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Lorelei Offline

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Beiträge: 7.270

29.04.2015 16:33
#1526 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Eineinhalb Tage später im Elisabethkrankenhaus

Liebes Tagebuch,
kennst du solche Tage, an denen einfach alles schön ist? Weißt du, schön in seiner puren Bedeutung. Die Haare sind schön. Deine Kleidung sitzt perfekt. Nichts zwickt und zwackt. Du fühlst dich total weiblich und schön. Du hast deine Lieblingsschuhe an, obwohl es für die eigentlich noch zu kalt und nass ist. Es ist dir egal. Sie passen einfach zu dem Moment. Du genießt das Blumenmeer in den Parks und Gärten, welches sich während der ersten Frühlingstage immer mehr entfaltet und erste bunte Farbtupfer in die noch graue Welt gesetzt hat. Du hast ein Gänseblümchen gepflückt und es dir ins Haar gesteckt, weil dir danach war. Nichts kann dir etwas anhaben. Alles prallt an dir, wie von einem Schutzzauber umgeben, ab. Selbst der Regen ist schön, der von den Sturmböen gegen die Scheiben gepresst wird und nun in schlangenförmigen Rinnsalen das Fenster hinabgleitet und die wenigen glitzernden Sonnenstrahlen, die es doch ab und an durch die graue Wolkenwand schaffen, welche Berlin seit gestern Abend gefangen hält, in seinen winzigkleinen Tropfen regenbogenfarbenschimmernd absorbiert. Man spürt so eine ansteckende, unbeschwerte Leichtigkeit. Irgendwie scheint jeder einen anzulächeln. Von der netten Angestellten in der Bäckerei um die Ecke, die dir ein Schokocroissant mehr in die Tüte packt, weil du es bist. Bis hin zu den anderen Fahrgästen in der überfüllten U-Bahn, denen das Regenwetter auch nichts ausmacht, welches ihre Sachen durchnässt hat, weil sie den Regenschirm zu Hause vergessen haben. Man überlässt ihnen einfach den eigenen pinken Schirm mit lila Punkten. Denn es stört einen nicht, ebenfalls nass zu werden. Man könnte momentan Bäume ausreißen, durch Pfützen springen, tanzen, singen, lachen, blind Operationen durchführen. Gut, diesen letzten Punkt würde ich, verantwortungsbewusst wie ich bin, natürlich nicht machen. Meine Patienten sind mir schließlich heilig. Aber ich will es dir ja nur bildlich verdeutlichen. Alles ist schön! Selbst die unmöglichen Meckertiraden, mit denen einen die unausgeschlafene Oberschwester begrüßt hat, können einem nichts anhaben. Man fühlt sich bärenstark. Unangreifbar. Man umarmt Freunde, die einmal der Feind waren. Selbst wenn die einen danach angucken, als sei man komplett verrückt geworden. Aber man ist einfach nur glücklich und könnte die ganze Welt umarmen und macht es auch.

Genauso fühl ich mich, seitdem mir Mehdi am Montag meine Brille abgenommen hat, mit der ich wie ein blindes Huhn durch die Welt gestolpert bin, dass es ein Wunder ist, dass ich dabei niemanden verletzt habe. Es ist ein tolles Gefühl. Wie dauerverliebt zu sein. Nur das noch mal hoch zwei. Man hat ja schon oft beschrieben, wie sich Schwangere fühlen, aber es trifft die wahre Situation nicht einmal im Ansatz. Ob es daran liegt, dass ich gleich zwei Wunder in mir trage? Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte ich Gabi fragen, wie es ihr in ihrer Schwangerschaft ergeht? Aber die hat gleich das Weite gesucht, als ich sie vorhin so euphorisch begrüßt habe. Ich glaube, sie weiß es! Und Jochen hat auch so komisch geguckt, als er uns so vertraut miteinander beobachtet hat. Memo an mich selbst: Ich sollte es nicht so übertreiben! Aber es fühlt sich nun mal einfach nur unbeschreiblich an. Ich kann nicht anders. Das passiert von ganz alleine. Die Gefühle müssen raus. Das ist gesund. Und trotz der ganzen Euphorie, die ich kaum verbergen kann, spüre ich auch eine gewisse innere Ruhe, die in sämtliche Venen ausstrahlt. Ich bin total ruhig, fühl mich ausgeglichen, irgendwie angekommen, im Hier und Jetzt. Ich weiß auch nicht. Wenn man meinen Zustand vor Mehdis „Diagnose“ betrachtet, dann ist das ein Weltenunterschied. Vermutlich liegt es daran, dass ich endlich weiß, was mit mir los ist. Meine Synapsen funktionieren wieder tadellos, nachdem die richtigen Weichen wieder ineinander greifen. Diese Klarheit lässt mich meinen Tagesablauf und meine Arbeit ganz gelassen angehen. Komisch, ich bin nicht mal mehr aufgeregt, weil ich in zwei Tagen die Prüfung bestehen muss, die über meine berufliche Zukunft entscheiden wird. Obwohl ich meine tausend Lernzettel schon seit Tagen nicht mehr angeguckt habe und meine Facharztlerngruppe schon gar nicht mehr weiß, wer ich bin, weil ich so oft gefehlt habe. Ich fühl mich trotzdem sicher. Weil ich ganz genau weiß, dass ich mit der Power, die jetzt in mir steckt, alles schaffen kann. Ich werde eine Superprüfung hinlegen. Marc und Papa werden noch Augen machen. Von der anderen Tatsache mal abgesehen.

Ich fühle mich wirklich gut. Wie Superwoman persönlich! Hihi! Ich gerate nicht mal in Panik, weil mein Schatz immer noch das leidende Elend spielt. Letzte Woche, als ich so kurz vorm finalen Nervenzusammenbruch gestanden habe, hätte mir das ganz bestimmt noch den Rest gegeben. Mein armer, armer Liebling! Er braucht mich. Die Grippe hat ihn vollends erwischt, obwohl er hart gegen diese bittere Tatsache angekämpft hat. Nach der ersten unruhigen Nacht, in der ich dreimal aufstehen und Marcs Bettwäsche und seinen Pyjama wechseln musste, weil er die komplett durchgeschwitzt hatte, ist er mittlerweile in eine Art Dämmerzustand verfallen. Er wälzt sich zum Glück nicht mehr ständig hin und her und stupst mich fast aus dem Bett. Er schläft jetzt seit fast vierundzwanzig Stunden durch. Ohne Fieber- und Schüttelfrostanfälle, die sich anfangs immer wieder abgewechselt haben, sodass ich nur noch am Rotieren war, was ich aber wirklich gerne getan habe. Du weißt ja, wie sehr ich es liebe, wenn ich mich kümmern kann. Er hat wieder Farbe bekommen. Das ist eigentlich ein positives Zeichen. Damit er nicht dehydriert, hab ich ihn an den Tropf gehangen. Marc hatte in einem seiner klaren Momente, in denen er nicht auf hohem künstlerischen Niveau den sterbenden Schwan gegeben hat und schon wieder an mir herumschrauben wollte, obwohl er kaum die Arme heben konnte, darauf bestanden. Du glaubst nicht, was für ein medizinisches Arsenal er bei uns in der Wohnung bunkert. Ich hab das gar nicht gewusst, bis ich den Stahlschrank in seinem Bürozimmer aufgemacht habe. Es könnte eine Epidemie in Berlin ausbrechen und wir und die Nachbarn wären für Wochen versorgt. Arzt eben. Hihi! Mein Papa ist da genauso. Im Keller unserer Familienvilla könnte man ein Notlazarett aufbauen, falls es mal nötig werden sollte. Da fällt mir ein, ich hab schon wieder vergessen, dort vorbeizuschauen, um die Blumen zu gießen. Mama wird mich umbringen, wenn das ihre geliebten Orchideen nicht überlebt haben. Vielleicht schicke ich mein Bruderherz in der Mittagspause mal rüber. Jochen ist momentan so ehrgeizig, dass er alles macht, was ich ihm auftrage. Hab ich schon erwähnt, dass ich es liebe, wenn ich auf Station etwas zu sagen habe? Hihi! Trotzdem fehlt mir mein Oberarzt. Ich wünsche mir, dass Marc endlich wieder bei mir ist. Ich würde meine Freude so gerne mit ihm teilen. Ich will wissen, wie er sich fühlt, was er denkt und wie wir nun mit der neuen Situation umgehen werden. Das ist so eine Wahnsinnsherausforderung, die vor uns liegt. Ich wünschte...

Oh, du, ich muss Schluss machen. Mehdi kommt gerade fröhlich pfeifend ins Stationszimmer spaziert und hat die Croissants entdeckt. Und ich sollte eh auch mal wieder an die Arbeit denken, bevor mir Oberschwester Stefanie wieder in den Ohren liegt. Kaum sind Papa und Dr. Meier außer Haus, denkt sie, sie wäre der Chef, nach dessen Pfeife alle tanzen sollen. Pff! Merkst du, wie ich die Augen verdrehe? Gut! Okay, Mehdi guckt schon ganz ungeduldig und bevor er spickt, was ich dir gerade geschrieben habe, packe ich dich lieber wieder schnell in meinen Spind.
Bis später! Dein Gretchen.



Mehdi: Na, Frau Dr. Haase?
Gretchen: Na, Herr Dr. Kaan!

...erwiderte Gretchen kichernd Mehdis beschwingte morgendliche Begrüßung, bevor sie unvermittelt von ihrem Platz am runden Tisch im Stationszimmer aufsprang, ihr Tagebuch fest an sich drückte und auf dem Weg in die angrenzende Umkleide ihrem besten Freund, der sie immer noch verschmitzt anlächelte, während er lässig mit der rechten Schulter am Türrahmen lehnte, ein kleines Begrüßungsküsschen auf die Wange gab. Der charmante Halbperser blieb in der Tür stehen und verfolgte die geheimniskrämerische Tagebuchschreiberin mit seinen wissenden Blicken.

Mehdi: Verfolgst du immer noch die Leidensstudie des jungen Meiers oder ist das dein persönlicher Glücksbericht?
Gretchen: Was denkst du denn?

...antwortete die schlagfertige Assistenzärztin spitzzüngig aus dem Nebenzimmer, nachdem sie ihr Tagebuch sicher in ihrem Spind verstaut hatte und ihren Arztkittel vom Kleiderbügel genommen hatte. Sie drehte sich grinsend zu ihrem neugierigen Kollegen um, der ihr in die Umkleide gefolgt war, und schlüpfte dabei in ihren weißen Kittel, strich diesen glatt, nahm das Stethoskop aus der Seitentasche und legte es sich um den Hals. Dann schloss sie die Spindtür auch schon wieder, steckte den Schlüssel ein und blickte ihren gespannten Gesprächspartner direkt an, der bereits in kompletter Arztmontur adrett wie immer vor ihr stand und sie frech angrinste.

Mehdi: Beides!
Gretchen: Du kennst mich einfach zu gut, Mehdi.

Beschwingt hakte sich Dr. Haase bei ihrem besten Freund ein und die beiden schlenderten zurück ins Schwesternzimmer, wo die junge Ärztin eine der oberen Schranktüren öffnete und zwei Tassen herausholte. Anschließend klappte sie das Holzkästchen mit den Teebeuteln auf und konnte sich mal wieder nicht entscheiden, welche Sorte sie nehmen wollte. Sie entschied sich schließlich nach einem Tippspiel aus ihrer Kindheit, das sie leise vor sich hin murmelte, für „Heiße Liebe“ für sich und „Lilalaune Wolken“ für den charmanten Oberarzt. Dr. Kaan lachte nur, als seine kesse Kollegin ihm den Teebeutel hinhielt, und machte den Wasserkocher startklar.

Mehdi: Und was macht dein Hauspatient wirklich, Frau Doktor?
Gretchen (träumt sich zu ihrem Traumprinzen zurück, seufzt u. kann die verliebten Schmachtblicke nicht verbergen): Er schläft wie ein Baby mit einem breiten zufriedenen Lächeln auf den Lippen.
Mehdi (lehnt lachend an der Anrichte, während er auf das kochende Wasser wartet): Das klingt doch gut. Und du hast einmal deine Ruhe.
Gretchen (zieht eine hinreißende Schmollschnute, die sich schnell in ein ansteckendes Lächeln wandelt): Sehr witzig! Er hat wirklich gelitten.
Mehdi (sieht sie mitfühlend an): Ich weiß. Du hättest ihn jetzt gerne bei dir, um über alles zu reden, oder? Meier schafft es auch immer wieder, sich aus der Affäre zu ziehen, wenn es ernst wird.

Mehdi nahm den Wasserkocher, der sich gerade ausgeschaltet hatte, mit zum Tisch, an den sich Gretchen bereits mit den beiden Tassen gesetzt hatte. Er schenkte das heiße Wasser ein, stellte den Behälter ab und setzte sich neben seine beste Freundin, die ihm natürlich nichts vormachen konnte. Ihr sentimentaler Blick in die Ferne zu den Fenstern, an denen die Regentropfen langsam hinabglitten, sagte bereits alles. Der einfühlsame Oberarzt sah Gretchen mitfühlend an und griff spontan nach ihrer Hand, die gedankenverloren mit dem vom Tassenrand herabbaumelnden Bändchen des Teebeutels gespielt hatte und die er nun liebevoll drückte, während er sich sanft an ihre Seite lehnte. Marcs Lebensgefährtin hatte diesen Trost wirklich bitter nötig. Das spürten beide, als sie sich nach einem Moment in die Augen blickten. Eine kleine Träne huschte dabei unbemerkt Gretchens Wange hinab.

Gretchen: Er hat das doch nicht mit Absicht gemacht. Ich weiß, dass er sich auch freut. Er ist überfordert, ja, das sind wir wohl beide, bei der Nachricht, aber seine kleinen Gesten, bevor er ins Delirium gefallen ist, waren eindeutig.
Wie er meinen Bauch gehalten hat. Hach... Ich kriege jetzt noch eine kribbelige Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ich vermiss ihn so! Am besten ich fahre in meiner Pause noch einmal zu ihm.
Mehdi (schenkt der sentimentalen Ärztin ein ansteckendes Lächeln): Also denkst du immer noch, sein kleiner, sagen wir mal so, „Aussetzer“ bei mir in der Praxis war eher grippebedingt?
Gretchen (löst sich aus Mehdis Hand u. greift mit beiden Händen um ihre heiße Teetasse, um sich zu wärmen): Wenn dir dein Leben lieb ist, dann wirst du Marc deswegen nicht widersprechen.
Mehdi (lacht u. testet kurz seinen Tee): Ich hab seine Worte schon im Ohr.
‚Ich bin weder krank, noch aus irgendwelchen fadenscheinigen medizinischen Erwägbarkeiten umgekippt. Ich bin gestolpert, weil du deinen Scheiß überall hast rumliegen lassen, du Mädchen, du.’ Oh, Meierlein, wenn du wüsstest, wie oft sich so eine Situation in meiner Praxis schon wiederholt hat. Der Klassiker!
Gretchen (nippt auch vorsichtig an ihrer Tasse): Ich auch. Hihi! Aber er war wirklich angeschlagen. Das hat sich erst bemerkbar gemacht, als Marc zur Ruhe gekommen ist. Es war vielleicht nur ein etwas unglücklicher Moment, um sich zum Schönheitsschlaf zurückzuziehen.
Mehdi (stimmt ihr nachdenklich bei, während er sich wieder an ihre Seite lehnt): Hey, du musst dir wirklich keine Sorgen machen, Gretchen. Der zähe Kerl ist schneller wieder auf dem Damm, bis du äh... Enzephalitis sagen kannst.
Gretchen (schaut hoffend zu ihm rüber): Meinst du?
Mehdi (nickt ihr verschmitzt lächelnd zu u. kann nicht mehr länger widerstehen u. greift beherzt in die Brötchentüte, die so verführerisch duftet): Nein, ich weiß es! Marc hatte während unserer gemeinsamen Unizeit auch schon mal so einen heftigen Grippeanfall, der ihn von einem Moment auf den anderen umgehauen hat. Aber genauso schnell ist er auch wieder obenauf. Marc Meier ist ein medizinisches Phänomen. Das solltest du mal untersuchen! Nach exakt vierundzwanzig Stunden, plus oder minus, ist er wieder fit, als wäre nie etwas gewesen. Am Abend zuvor hat er noch wie ein Stein geschlafen. Man bekam ihn nicht mehr wach. Da hätte eine Blaskapelle direkt neben seinem Bett spielen können. Und am nächsten Morgen hat er grinsend sein Attest zerrissen und hat eine vierstündige Anatomieklausur mit 1,0 geschrieben. Danach hat er zwei Tage Party bei uns in der WG gemacht. Liegt vermutlich an seinem inneren Sturkopf, der mit der Machete bewaffnet die Grippeviren abschlachtet. Weißt du, so Sylvester Stallone mäßig.
Gretchen (kichert vergnügt in ihren Tee hinein u. nimmt sich auch ein Schokocroissant aus der Tüte): Wenn Marc dich hören könnte.
Mehdi (lacht): Na ja, das war jetzt vielleicht doch ein bisschen martialisch gesprochen, aber du wirst sehen, in ein bis zwei Stunden schlägt er hier auf. Hundert Prozent!
Gretchen (schüttelt entschieden den Kopf): Nein, das glaube ich nicht. Du hast ihn heute Morgen nicht gesehen, als ich die Wohnung verlassen habe.
Mehdi (zwinkert ihr zu): Ja, dieses spezielle Vergnügen steht nur dir zu, Gretchen. Aber ehrlich, ich wette mit dir, dass er innerhalb der nächsten neunzig Minuten putzmunter auf der Station auftaucht und der Oberschwester pöbelnd das Zepter aus der Hand reißt.
Gretchen (überlegt einen Moment u. fährt dabei langsam mit ihrem Zeigefinger den Tassenrand entlang, dann nimmt sie die Herausforderung schmunzelnd an): Okay, um was wetten wir?
Mehdi (stellt seine Teetasse ab u. lehnt sich vergnügt auf seinem Stuhl zurück, die Hände hinter seinem Kopf verschränkt): Hmm... Um den Nachtisch heute Mittag. Wir gehen doch wie immer zusammen essen, oder? Es gibt wieder den leckeren Pudding mit Kirschen in der Cafeteria.
Gretchen (in Gedanken schon Kirschen essend tippt sie mit ihrem Finger an ihre Lippen): Den liebe ich.
Mehdi (grinst): Ich auch. Den gebe ich nur ungern her.
Gretchen (schielt erneut auf die Brötchentüte u. kann nicht widerstehen, noch eins der leckeren Croissants herauszunehmen u. dieses in kleinen, auseinander gepulten Stückchen in ihren Mund zu schieben): Also, ich hätte schon Hunger genug, um zwei Portionen zu verputzen.
Mehdi (blickt sich kurz um, ob sie keine Zuschauer haben, u. streicht, nachdem er sich das ausdrückliche kopfnickende Einverständnis seiner schokocroissantverschlingenden Freundin eingeholt hat, einmal über Gretchens Bauch): Na, das hab ich mir schon gedacht. Schön zu hören, dass ihr Drei so einen gesunden Appetit habt. Aber ich werde trotzdem nicht kampflos auf mein Dessert verzichten. Übrigens, das wollte ich dir vorhin schon sagen. Ich freue mich, dich so strahlen zu sehen. Genauso sehe ich dich am liebsten, Gretchen.
Gretchen (lächelt ihn gretchenlike an u. wird auch ein bisschen rot im Gesicht): Alter Charmeur! Du versuchst auch alles, um abzulenken, was, Mister?
Mehdi (versteckt sich schmunzelnd hinter seiner halbleeren Teetasse): Ich weiß nicht, was du meinst.
Gretchen (beobachtet ihn wissend über den Rand ihrer Tasse hinweg): Sicher! Gut, dann... top, die Wette gilt, Mehdi!

Gretchen und Mehdi besiegelte ihre kleine Marc-Wette gerade kichernd per Handschlag, aus dem sich schnell eine kindische Rangelei entwickelte, weil die eine die Hand des anderen nicht mehr loslassen wollte und sie sich gegenseitig hin und her zogen, als eine sehr vertraute Stimme hinter ihnen sie überraschend aufschrecken ließ...

Marc: Kaum ist der Chef außer Haus, zeigen sich hier gleich ganz neue Seiten. Die Oberschwester spielt sich auf, als wäre sie die Kanzlerin unseres schönen kleinen Landes. Und ihr wettet? Was ist der Einsatz? Haasenzahn, du weißt aber schon, was beim letzten Mal passiert ist, als du dich dem Glücksspiel zugewandt hast, oder? Ich sage nur Strippoker und Blackout, ne!

Mit einem spitzbübischen Lächeln, das seine Grübchen tanzen ließ, lehnte plötzlich ein putzmunterer Dr. Meier an der Wand neben den Postfächern der Ärzte und ergötzte sich an den verdatterten Gesichtern seiner beiden Freunde. Gretchen starrte ihn an, als wäre er ein Alien aus einer anderen Galaxie, und Mehdi lehnte sich zufrieden auf seinem Stuhl zurück und genoss den letzten Schluck seines mittlerweile lauwarmen Getränks, ohne seinen wissenden Grinseblick von Marc abzuwenden. Im Gegensatz zu dem feixenden Frauenarzt brauchte die perplexe Assistenzärztin noch einen Moment, um die Situation zu erfassen.

Gretchen: Ma... Marc? Was... was machst du denn hier?
Marc (gibt sich völlig unbeeindruckt u. schlendert lässig am Tisch vorbei zur Umkleide): Das ist ein Krankenhaus, was denkst du denn?
Gretchen (klappt ungläubig den Mund auf u. nicht wieder zu): Aber... Du... du gehörst doch ins Bett!
Marc (dreht sich an der Tür zur Umkleide noch einmal zu seiner verdutzen Süßen herum, die gerade so hinreißend verpeilt aussieht, dass er sie am liebsten küssen würde, u. zwinkert ihr zu): Was soll ich denn da? Ohne dich! Hmm?
Gretchen (blickt verwirrt zwischen den beiden schmunzelnden Oberärzten hin und her): Aber... Das glaube ich jetzt nicht.
Woher hat Mehdi das gewusst? Und wie kann Marc nach anderthalb Tagen Bettruhe und dramatischem Leiden so unverschämt gut aussehen?
Mehdi: Ich kann dir versichern, Gretchen, er ist keine Fata Morgana. Ich sehe ihn auch. Siehste, ich hab es dir doch gesagt. Er ist ein untersuchungswertes Phänomen.

...zog Mehdi die verdatterte Blondine mit sichtlichem Vergnügen auf, die soeben ungelenk von ihrem Platz aufgesprungen war und Marc nun flink in die Umkleide hinterher stolperte, in welcher er gerade verschwunden war. Sie hörte nicht mehr, wie sich der charmante Gynäkologe zur Visite verabschiedete. Schwester Gabi wartete nämlich bereits ungeduldig mit den Patientenmappen unter dem Arm geklemmt am Tresen der Anmeldung. Er begrüßte seine Freundin mit einem liebevollen Kuss auf den Mund, nahm ihr gentlemanlike die Papiere ab und drückte ihr das letzte Croissant aus Gretchens Brötchentüte entgegen, welches die hungrige Krankenschwester sofort dankbar annahm, bevor sie gutgelaunt mit Mehdi im Arm Croissant mampfend das Schwesternzimmer wieder verließ.

Mehdi: Ich bin dann mal weg, ihr Zwei. Visite! Bis später. Wir sehen uns. ... Hey, Gabimaus! Kann sofort losgehen, mein Schatz.

Gretchen stand derweil noch immer völlig regungslos im Türrahmen und beobachtete mit heruntergeklapptem Mund, wie sich Marc in der Umkleide vor ihren immer größer werdenden Augen bis auf die Unterhose auszog, dann seinen Spind öffnete und seine Arztklamotten herausholte, welche er anschließend achtlos auf die Holzbank in der Mitte des kleinen Raumes schmiss. Als er bemerkte, wie intensiv er in Augenschein genommen wurde, konnte er nicht anders. Er musste Haasenzahn einfach aufziehen. Das lag einfach in seiner Natur. Und in seiner ganzen Pracht, wie Gott ihn geschaffen hatte, posierte Dr. Meier nun lässig, nur in weiße Boxershorts gekleidet, vor seiner perplexen Zuschauerin und zwinkerte ihr pappfrech zu, wie es der Schelm immer gerne tat, um seine große Liebe herauszufordern.

Marc: Auch wenn es mir durchaus gefallen würde, wenn du mich ankrabbelst, du musst mir diesmal nicht beim Anziehen helfen, Haasenzahn. Das schaff ich schon alleine.
Gretchen: Findest du das etwa lustig, Marc?

...wachte die verdutzte Assistenzärztin mit einem Mal aus ihrer anhaltenden Lethargie auf und blitzte ihr sprücheklopfendes Gegenüber mit Funken sprühenden Blicken an. Marc lachte daraufhin nur. Der selbstbewusste Verführer wollte schon zur nächsten Runde seines beliebten Häschenspiels ansetzen, welche auch eine körperliche Annäherung beinhaltete, als plötzlich unvermittelt die Tür vom Flur aus geöffnet wurde und ein gehetzter Dr. Stier auf einmal vor dem Paar stand und mit hochgezogenen Augenbrauen und Kopfschütteln das Bild, das sich ihm überraschend in der Umkleide des Elisabethkrankenhauses bot, kommentieren musste.

Cedric: Oje, er ist wieder da und schon in...
Gretchen (fühlt sich unheimlich gestört u. provoziert u. zeigt das auch, indem sie sich bedrohlich vor dem dreisten Störenfried aufbaut u. ihn anfunkelt): Ja, Dr. Stier?
Cedric (da er diesen Blick seiner beliebten Kollegin nicht wirklich deuten kann u. er Marcs spöttisches Gepose nicht länger als nötig ertragen will, zieht er sich wieder bis zur Türschwelle zurück): Ja, ähm... nichts! Ich... bin nur... spät dran. Ich musste noch einen Babysitter organisieren. In der Kita wird schon wieder gestreikt.
Gretchen (löst ihre Arme wieder aus der Verschränkung u. sieht ihren Kollegen nicht mehr ganz so böse an wie noch zwei Sekunden zuvor): Oh, das tut mir leid.
Cedric (zwinkert Gretchen freundlich zu u. widmet sich wieder seinem Lieblingskollegen, der ihn grimmig observiert): Ach egal! Die Erzieherinnen tun’s ja nicht, um uns Eltern zu ärgern. Es steht ihnen ja zu für das, was sie jeden Tag leisten. Und ihr ähm... Ihr... Ich sehe schon, ich bin hier überflüssig. Aber... kleiner Tipp fürs nächste Mal, zieht doch eine Socke über die Türklinke, damit man weiß, dass die Umkleide momentan belegt ist, ja. So, Kollegen, ich muss dann auch wieder. Die Arbeit ruft, falls euch das was sagt.
Marc (kann sich gerade noch so beherrschen u. wendet seinen finsteren Blick grummelnd von ihm ab): Gut! ... Drecksack!
Cedric (blickt nach dieser Meierschen Beleidigung noch einmal grinsend durch die Tür, aus der er schon fast hinaus ist): Ach, und Gretchen?
Gretchen (sieht verwirrt zu ihm rüber): Ja?
Cedric (grinst über das ganze Gesicht, als er die verdutzten Blicke der beiden in sich aufsaugt): Wir haben eine Neuaufnahme. Verdacht auf Parkinson. Ich will dich beim Screening dabei haben. Ich weiß, dass dir so ein Fall in deiner Vita noch fehlt. Aber du kannst dir ruhig Zeit lassen, falls es hier doch länger dauern sollte. Ich bin die nächste Stunde erst einmal im OP. Aber ehrlich gesagt, glaube ich ja nicht, dass es noch lange dauern wird. Marc ist ja nicht für seine Ausdauer bekannt, ne.
Marc (läuft wutrot an u. fährt den dreisten Provokateur an): Ey!
Cedric (genießt es sichtlich, seinem Lieblingsfeind Nummer 1 noch eins reinzuwürgen): Bist du nicht krank? Siehst ziemlich blass und mitgenommen aus.
Marc (hat für seinen anmaßenden Erzfeind nur einen bitterbösen Ameisenblick übrig): Nein, bin ich nicht! Ich war... Home Office!
Cedric (amüsiert sich weiterhin königlich, weil er Marc kein Wort glaubt): Ach?
Marc (hat endgültig genug von dem Schmierentheater): Und jetzt raus hier, Stier!
Cedric (traut sich noch schnell seinen Kittel aus seinem Spind zu angeln u. zieht sich dann doch sicherheitshalber mit einem zufriedenen Grinsen auf seinen Lippen dezent zurück): Ach, bevor ich gehe, soll ich das mit der Socke noch...?
Marc (schreit seinen ganzen Ärger heraus): RAUS!
Cedric: Gut, dann... eben nicht. Auf eure Gefahr! Hach, irgendwie stimmt die Harmonie wieder, jetzt wo du wieder da bist, Meierlein.

Und mit diesen spitzen Worten auf der Zunge verabschiedete sich ein sichtlich zufriedener Dr. Stier, der insgeheim schon die Tage zählte, bis eine weitere medizinische Koryphäe des Elisabethkrankenhauses in diese heiligen Hallen zurückkehren würde, und ließ das konsternierte Ärztepärchen wieder allein in der Umkleide zurück. Gretchen kam auf den mittlerweile nicht mehr ganz so blassen, sondern wutrot angelaufenen Chirurgen zu, dessen Halsschlagader bedrohlich angeschwollen war, und legte beruhigend ihre Hand an seinen Arm. Seine zu Fäusten geballten Hände lösten sich wieder und auch Marcs Puls beruhigte sich schnell wieder, als er in Gretchens eindringliche blaue Augen blickte, die ihn von weiteren sprunghaften Reaktionen, welche Fesseln, Knebeln, Zweckendfremdung von OP-Materialien oder Ähnliches beinhalteten, abhalten wollten und ihn zur Raison drängten.

Gretchen: Marc, du darfst dich nicht aufregen.
Marc (meckert immer noch still vor sich hin, weil er sich tierisch darüber ärgert, dass er nicht richtig gekontert hat): Er ist so ein Arsch.
Gretchen (legt auch die andere Hand an seinen Arm u. streichelt ihn liebevoll): Ich weiß. Er will doch nur provozieren. So wie du es auch gerne bei ihm tust.
Marc (weist jeglichen Verdacht entschieden von sich): Was?
Gretchen (geht nicht weiter darauf ein u. lächelt ihren Schatz sanft an): Komm, du solltest dich jetzt wirklich anziehen! Zug ist nicht gut, nachdem du...
Marc (schlüpft grummelnd in Hose u. Polohemd, die sie ihm freundlicherweise hinhält): Es geht mir gut.
Und zwar so gut, dass ich das Arschloch mit nur einer Hand mit einem stumpfen Skalpell filetieren und dreiteilen könnte. Wichser!
Gretchen (kann ihre Skepsis nicht verbergen): Wirklich?
Marc (weicht ihrem durchdringenden Blick aus, setzt sich seufzend auf die Holzbank u. schlüpft in seine weißen Arztschlappen): So ein kleiner Schnupfen haut doch niemanden um. Pipikram!
Schnupfen! Soso! Es ist so süß, wie er leugnet. Hihi!
Gretchen (ihre Mundwinkel zucken verdächtig): Kann es sein, dass dein Erinnerungsvermögen in den letzten beiden Tagen ein bisschen in Mitleidenschaft geraten ist?
Marc: Ist es nicht, Fräulein Oberschlau!

...knurrte Dr. Meier mit tiefer, dunkler, einnehmender Stimme und griff unvermittelt nach Gretchens zarter kleiner Hand und zog seine freche Freundin mit einem kräftigen Ruck zu sich heran. Immer noch auf der schmalen Holzbank sitzend schlang er seine beiden Arme um ihre Hüfte und legte seinen Kopf an ihren Bauch, so als ob er lauschen wollte, was darin gerade vor sich ging. Gretchen wusste im ersten Moment gar nicht, wie ihr geschah. Ihr Herz stolperte, ebenso wie sie selbst, als sie sich plötzlich in seinen Armen wiederfand, die sich wie ein Schraubstock um sie schlossen. Doch als sie Marcs entwaffnendes Lächeln bemerkte, mit dem er zu ihr hoch schielte, war es ganz um die schwangere Ärztin geschehen. Sie ergab sich der Gänsehaut, die ihren ganzen Körper, von der Körpermitte ausgehend, eroberte und ließ sich schließlich auf Marcs Schoß plumpsen. Sofort gingen seine Hände unter ihrem Kittel auf Wanderschaft, um zu erfassen, ob sich schon wieder etwas verändert hatte, seitdem er sie zum letzten Mal berührt hatte. Wie hätte die verliebte Frau diesem forschen Drängen widerstehen können?

Gretchen: Marc!
Marc (konzentriert sich ganz auf seine ausgiebige Erkundungstour): Was ist das eigentlich für eine sparsame Begrüßung hier? Die männlichen Ärzte spotten über einen und die weibliche Spezies schenkt einem nicht die Aufmerksamkeit, die man verdient hat. Nach so langer äh... Abstinenz.
Mein Schatz ist definitiv verrückt und so süß, wenn er abzulenken versucht.
Gretchen (grinst über das ganze Gesicht): Abstinenz? Nennt man das heutzutage so?
Marc (zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu): Das nennt man schon immer so, Haasenzahn.
Gretchen (schmiegt sich verliebt in seine Umarmung u. streicht ihm über die Wange): Du bist so ein Spinner.
Ein ganz, ganz liebenswerter Spinner!
Marc (versucht, in bekannter Meier-Manier zu kontern): Und du, du bist...
Gretchen (fällt ihm prompt ins Wort): Sag jetzt ja nichts Falsches!
Marc (kann es nicht lassen, sie zu necken): Wann hab ich das je getan?
Gretchen (stupst ihm keck mit dem Finger an die Nasenspitze): Vielleicht sollte ich dir doch mal mein Gesamtwerk an Tagebüchern zum Lesen geben. Die regen bestimmt die Erinnerungsbildung an.
Hoho! Heute ist aber jemand ja mal so gar nicht auf den Mund gefallen. Scharf!
Marc (zwinkert ihr schon wieder frech zu, während seine eine Hand etwas höhere Gefilde anvisiert als nur den Bauch der Schwangeren): Nicht nur die.
Gretchen (empört sich u. klopft ihm auf die frechen Finger): Boah Maaarc!

Marc (stellt die kreisenden Fingerbewegungen auf ihrem Bauch sowie sein freches Grinsen ein u. schaut ihr mit einem Mal so intensiv in die Augen, dass sie alles um sich herum vergisst): Hey! Alles okay bei dir? Ich hab dir... euch... ziemlich viel zugemutet. Das war nicht so geplant. Glaub mir, ich hab mir das auch ganz anders vorgestellt.
Gretchen (lächelt ihn verliebt an u. kann die aufkommenden Glückstränen kaum verhindern): Uns geht’s super. Superkalifragilistischexpialigetisch, um genau zu sein.
Marc (streicht ihr schmunzelnd die Tränchen von der Backe u. behält seine warme Hand an Ort u. Stelle): Das ist nicht zu übersehen. Und was ist mit denen hier?
Gretchen (schmiegt ihre Wange in seine Hand): Das sind nur Glückstränchen. Die kullern ganz automatisch jedes Mal, wenn ich daran denke, was mit mir ist.
Eigentlich ganz beruhigend zu wissen, dass ich einmal nicht daran schuld bin, also, wenn auch nur indirekt, dass sie den ganzen Tag flennt.
Marc (sichtlich hingerissen von ihrem Strahlen): Und das, was mit dir ist, macht dir hier auf Station auch keine Probleme? Hat Mehdi was gesagt? Musst du dich irgendwie zurücknehmen?
Gretchen (sichtlich gerührt, weil er sich solche Gedanken macht): Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Ich passe schon auf mich auf. Ich kenne die Bestimmungen. Ich weiß, was ich mir zumuten kann und was nicht.
Marc (streichelt ihren Bauch, der seine Hände wie magisch anzieht, u. grient ihr ins Gesicht): Und das sagst ausgerechnet du?
Gretchen (geht natürlich wie erwartet sofort hoch wie eine Rakete u. stupst ihn empört an): Ey, was soll das denn bitteschön heißen?
Marc (tut ganz unschuldig u. guckt sich die Deckenverkleidung der Umkleide an): Och, du, nichts!
Gretchen (glaubt ihm kein Wort u. legt ihre beiden Hände drängend an seinen Brustkorb): Boah, pass bloß auf, du!
Marc (dreht ihr vergnügt das Wort ihm Mund herum): Was denkst du, weswegen ich hier bin, hmm? Natürlich passe ich auf.
Gretchen (verdrückt vor lauter Rührung gleich noch ein Tränchen): Ach, Marc, das musst du nicht. Uns geht’s prima. Wir könnten ganze Bäume ausreißen.
Marc (lacht): Das würde ich wirklich liebend gerne mal sehen, Haasenzahn, wie du das anstellst. Obwohl, du im OP, das ist dann doch das packendere und viel, viel schärfere Bild. Also Frau Doktor, was liegt an?

Gretchen (guckt ihn an wie ein Postauto): Marc, ich kann dich nicht auf die Patienten loslassen.
Marc (streicht ihr weiterhin liebevoll über den Bauch, während er gleichzeitig den verführerischen Duft ihrer Haare einatmet): Seit wann entscheidest du das?
Gretchen (mit stolzem Blick sieht sie ihn an): Ich bin heute die leitende Ärztin.
Marc (schaut ihr direkt in die Augen): So viel zum Thema, die Mäuse tanzen auf den Tischen.
Gretchen (kann anfangs ein Kichern nicht verbergen, ihr Blick wird aber schnell eindringlicher): Marc, ich meine das wirklich ernst. Du gehörst nicht in den OP! Ich werde das nicht diskutieren.
Marc (verdreht seufzend die Augen): Gretchen, ich bin nicht bescheuert. Ich weiß, dass ich für Patientenkontakt noch nicht wieder steril genug bin. Aber dein Vater hat mir fünf Nachrichten auf dem AB hinterlassen mit einem Berg von Anweisungen, die ich bis zu seiner Rückkehr durchackern soll. Hat er irgendwie Wind von der Sache gekriegt?
Gretchen (lächelt ihn an): Weder von der einen, noch von der anderen.
Marc (seine Hände umkreisen unter ihrem Kittel immer noch Gretchens Bauch): Ach so?
Gretchen (genießt seine zarten Berührungen u. schmiegt sich an ihn): Papa wäre ansonsten sofort ins nächste Flugzeug gesprungen und Mama wäre jetzt untröstlich. Weißt du, wie lange sie ihm schon mit der Reise entlang der Westküste der USA in den Ohren gelegen hat? Und jetzt sind sie dank deines Vaters einmal dort und...
Marc (quatscht ihr frech dazwischen): ...und wir haben unsere Ruhe.
Gretchen (sieht ihn mit aufleuchtenden Augen an): So ungefähr. Ich hab dich vermisst.
Marc (lächelt sie an u. legt seine Hand an ihre Wange): Na, siehste, geht doch!
Gretchen (kann nicht anders, als ihm einen hauchzarten Kuss auf die Lippenspitzen zu setzen): Und du bist dir wirklich sicher, dass du das schaffst? Bleib doch wenigstens noch einen Tag zu Hause, hmm?
Marc (steht auf u. zieht sie mit sich hoch): Hey! Wer steht denn hier vor dir, hmm?
Gretchen (schmiegt sich schwerverliebt an ihn): Ein Narr?
Marc (seine Augen verdunkeln sich, während er sie anschaut u. mit ihren Händen spielt): Hey, das könnte unter anderen Umständen durchaus als Beamtenbeleidigung gelten, Haasenzahn.
Gretchen (grient ihn keck an): Tja, wie gut, dass du kein Beamter bist, Marc.
Marc (stöhnt gequält auf): Mit dem Berg an Aktenkram und Verwaltungsangelegenheiten auf meinem Schreibtisch könnte man mich fast mit einem verwechseln. So hab ich mir den Job echt nicht vorgestellt.
Gretchen (streicht ihm liebevoll durchs Haar, das ihm lässig über die Stirn hängt, um das winzige weiße Pflaster zu verdecken): Och, du Armer!
Marc (um jeglichem weiteren Mitleid zu entgehen, presst er sie wegen eines erneuten Kussversuchs fest an sich): Na, komm endlich her! Ansteckungsgefahr ist doch gebannt.
Der Meiervirus wird nie gebannt sein, mein Lieber! Ich bin diesem rettungslos ergeben. Für immer.
Gretchen (zieht sich kurz vor dem Kuss noch einmal zurück u. sieht ihn verschmitzt an): Sicher? Ich kann auch noch mal Fieber messen. Ich war gestern viel auf der Kinderstation unterwegs. Ich hab das Thermometer noch in meiner Kitteltasche. Warte!
Marc (hält sie auf, indem er ihre Handgelenke fest umfasst, u. funkelt sie gespielt bedrohlich an): Du kleines Biest, wir kümmern uns jetzt erst einmal um ein ganz anderes Fieber.

Und diese verheißungsvollen Worte besiegelte Marc mit einem Kuss, der Gretchen sprichwörtlich die Bodenhaftung verlieren ließ. Die verliebte Ärztin klammerte sich an ihren ungestümen Traumprinzen, schwebte einen Millimeter über dem Boden und fühlte sich einmal mehr wie im siebten Himmel. Der Moment wäre fast perfekt gewesen, wenn sie nicht im selben Augenblick ihr Pieper daran erinnert hätte, weswegen sie eigentlich im Krankenhaus war.

Gretchen (hält den Pieper vor Marcs Nase): Tut mir leid! Notaufnahme.
Marc (lässt sie lächelnd los): Muss es nicht. Hau schon ab! Ich komm zurecht.
Gretchen (ein kleiner Hauch von Skepsis bleibt): Sicher?
Marc (kann gegen diese Haassche Vehemenz nur den Oberarzt raushängen lassen): Ich bin erst sicher, wenn du mir die Patientenberichte der letzten Tage, inklusive heute, auf den Schreibtisch legst, Frau Dr. Haase.
Gretchen (verdreht die Augen): Mein Oberarzt muss es auch immer gleich übertreiben.
Marc (packt sie noch einmal an der Taille u. zieht sie zu sich heran): Und meine Assistenzärztin kann es nicht lassen, mir immer zu widersprechen.
Gretchen (kichert vergnügt u. küsst ihn noch einmal ungestüm auf den Mund): Ich muss jetzt wirklich gehen, Marc. Wir sehen uns später, ja?
Marc (lächelt): Unbedingt! Und jetzt schieb deinen sexy Hintern endlich hier raus, Haasenzahn! Mach mich stolz! Das ist ein wunderbarer Tag, um Leben zu retten.

Dr. Haase verabschiedete sich mit einem kleinen sanften Kuss von ihrem Vorgesetzten und folgte brav seiner Anweisung und war flink zur Tür hinaus. Dr. Meier blickte seiner Assistenz noch verliebt hinterher, als die Tür der Umkleide bereits längst wieder zugefallen war, und wurde erst aus seinen Gedanken gerissen, als nebenan im Stationszimmer Gretchens Bruder und die Oberschwester auftauchten, die dem jungen Pfleger gerade in gewohnt scharfem Ton die Anweisungen des Tages einbläute. Marc straffte seine Schultern, holte tief Luft und marschierte ebenfalls nach nebenan, wo er die beiden emsigen Kollegen kurz flüchtig begrüßte, die ihn wiederum, bis auf Jochen, der ungläubig eine Augenbraue hochzog, nicht weiter beachteten. Er checkte sein Fach auf wichtige Unterlagen, schaute einen der Briefumschläge etwas länger an und warf sich dann im Gehen seinen Arztkittel über. Hier auf Station fühlte er sich eben immer noch am wohlsten. Und mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht machte auch er sich schließlich auf den Weg. Heute war zwar Haasenzahn diejenige, die sich um das Thema „Leben retten“ kümmern würde, aber Hauptsache er konnte ebenfalls Klinkluft schnuppern. Diese war schließlich sein Zweitlieblingsmedikament neben den heißen Küssen seiner schwangeren Freundin, die immer noch nachhaltig auf seinen Lippen brannten. Ja, heute war wirklich ein schöner Tag.

Lorelei Offline

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09.05.2015 20:42
#1527 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Kurz vor Mittag hatte der so schön begonnene Tag erste Risse bekommen und das lag nicht nur daran, dass es in Berlin immer noch in Strömen regnete, was sich auch auf das Gemüt so manch eines Mitarbeiters niederschlug. Dr. Marc Olivier Meier, heute out of order, was den OP-Bereich betraf, kam nicht mehr ganz so enthusiastisch wie noch ein paar Stunden zuvor aus seinem Büro zurück ins Stationszimmer der Chirurgie geschlichen. Zerstreut wie er war, versuchte er einhändig die Kaffeemaschine in Gang zu setzen. Aber leider vergeblich. Denn ohne Kaffeepulver und entsprechende Wasserzugabe konnte die gute alte Filtertechnik nicht funktionieren, was dem sichtlich durchhängenden Oberarzt jedoch erst auf den zweiten verzweifelten Blick auffiel. Seinem verwunderten Beobachter dagegen schon. Aber bevor dieser seine hilfreichen Ratschläge anbringen konnte, war der Meiersche Meckerimpuls bereits hörbar eingerastet.

Marc: Ach, verflucht, wo ist Sabine, wenn man die mal braucht?
Mehdi: Unsere liebe Stationsschwester ist gerade Pflegemutter eines süßen, kleinen, drei Wochen alten Säuglings geworden und dementsprechend bei ihm zu Hause. Vergessen?

Marc hatte in seinem ungeschickten Übereifer gar nicht bemerkt, dass er nicht alleine in dem mehr oder weniger gemütlichen Aufenthaltsraum der Station war. Sein Kumpel Mehdi saß mit hoch gezogenen Augenbrauen fröhlich grinsend am runden Tisch, einen Löffel schon griffbereit und vor sich zwei Schüsselchen mit Kirschpudding, die er sich dank Marcs überraschend rascher Genesung sehr gewieft als kühnen Wetteinsatz verdient gemacht hatte. Gretchen hatte sie ihm gerade eben vorbeigebracht, hatte kichernd eine der Kirschen stibitzt, die zu Dekozwecken auf dem Dessert gethront hatte, und war dann zusammen mit Dr. Stier und einem Patienten schnell wieder in den Katakomben dieses weitläufigen Klinikgebäudes verschwunden, um emsig ihrer geliebten Arbeit nachzugehen. Eigentlich müsste der Halbperser ja ein furchtbar schlechtes Gewissen haben, einer werdenden Zwillingsmutter durch Witz und Tollerei ihre wohl verdiente Tagesdosis Zucker abgeluchst zu haben, und irgendwo tief in ihm drin nagte dieses auch sehr. Aber wie es so war mit Süßspeisen aller Art, da wurde auch er schwach und kannte keine Kompromisse. Er konnte nichts dagegen machen. Umgekehrt wäre es vermutlich ebenso verlaufen.

Aber falls Gretchen in den nächsten Minuten wider Erwarten doch wieder hier auftauchen würde, dann würde er ihr natürlich großherzig das zweite Schälchen überlassen. Dr. Mehdi Kaan war eben nicht nur ein passionierter Süßigkeitenjunkie, sondern auch ein Gentleman der alten Schule. Und er war ein Freund, der die Signale anderer Mitmenschen sehr schnell richtig deuten konnte. Und so wie sein Kumpel Marc gerade wie ein Schluck Wasser in der Kurve an der Anrichte durchhing und die Kaffeemaschine verfluchte und diese am liebsten wegen Befehlsverweigerung aus dem nächsten Fenster geworfen hätte, erwachte sein natürlicher Beschützerinstinkt. Der hilfsbereite Frauenarzt stand von seinem Platz auf, nahm die zwei Glasschüsselchen vom Tisch und reichte Marc eines davon. Der befreundete Oberarzt guckte ihn deswegen zwar erst irritiert an, dann griff er doch beherzt zu. Wenn bei Haasenzahn Zucker half, um den Kreislauf wieder in Schwung zu bringen, dann konnte es ihm ja auch nicht schaden. Koffein wurde eh überschätzt, dachte der verstimmte Chirurg missmutig und schaufelte sich eine große Ladung Pudding auf seinen Löffel und schob sich diesen in den Mund, der sich gleich darauf schief verzog.

Mehdi: Ist eh deins, also, quasi.
Marc (mit vollem Mund): Wasch?
Mehdi (grinst gespielt unwissend): Nichts!

Marcs bester Freund und ungefragter Ratgeber in allen Lebenslagen sowie neuerdings Gretchens Wettpate wandte seinen ertappten Schmunzelblick schnell von ihm ab, lehnte sich neben ihm mit dem Rücken gegen den Schrank und begann ebenfalls, gierig die leckere Süßspeise zu verschlingen und vor allem mit allen Sinnen zu genießen. Marc hatte derweil schon nach dem ersten Löffel genug davon und schob die Glasschale grummelnd weit von sich weg.

Marc: Bäh! Ist das ekelhaft süß. Wie kriegst du das bloß runter, Mann? Da fallen einem ja gleich alle Zähne aus.
Mehdi (gibt sich völlig unbeeindruckt, kann sich aber eine kleine Neckerei nicht verdrücken): Indem man es einfach genießt, lieber Marc. Aber wie es scheint, ist es für dich nicht das Richtige. Nach deiner Erkrankung wäre vielleicht Schonkost angebrachter. Hast du heute überhaupt schon was gegessen? Soll ich dir eine Suppe bringen lassen?
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme): Sehr witzig! Ist unter dem Zuckerberg noch irgendwo ein hässlicher, dicker Clown versteckt?
Mehdi (kratzt schmunzelnd mit dem kleinen Löffel die Puddingreste aus seiner Schale): Nicht dass ich wüsste. Ich berufe mich da eher auf meine medizinische Fachkompetenz.
Marc (lacht spöttisch auf): Deine was? Ich sehe hier aber keine. Denn, um das mal klar zu stellen, ich bin nicht krank, du Wahnsinnsdiagnostiker!
Mehdi (stellt die leere Schüssel in die Spüle, dreht den Wasserhahn auf, spült sie rasch ab u. stellt sie zum Trocknen daneben ab, nachdem er den Wasserhahn wieder zugedreht hat; danach trocknet er sich grinsend die Hände ab): Nein, natürlich nicht. Du bist nur... schwanger! Die Symptome sind eindeutig.
Marc (schaut sich hektisch in dem kleinen Raum um u. kickt mit seinem Fuß die Nebentür zu, ehe er sich angesäuert seinem besten Freund wieder zuwendet): Eh, hältst du gefällig deine Klappe! Wenn das jemand mitkriegt, bevor der Professor es weiß, dann ist die Kacke ordentlich am Dampfen, mein Freund. Und außerdem ist das anatomisch gar nicht möglich. Wer hat dir eigentlich deine Zulassung ausgestellt, hmm? Hast du die in der Lotterie gewonnen oder auf Ebay ersteigert? Die ist ja nicht mal das Papier wert, auf dem sie abgedruckt ist.
Mehdi (lacht u. klopft ungefragt zweimal flapsig gegen Marcs Herzgegend): Anatomisch gesehen vielleicht nicht, aber hier drin schon. Jede Pore von dir strahlt aus, was mit euch los ist, und das ist auch gut so.
Marc (schlägt Mehdis dreiste Hand weg, lenkt geschickt ab u. sucht in den Schränken verzweifelt nach einem Kaffeepäckchen, das sein angeschlagenes Nervenkostüm beruhigen könnte): Boah, verschone mich bloß mit deinen Mädchenweisheiten! Heb sie dir, von mir aus, für Gretchen auf. Die hört dir bestimmt gerne dabei zu. Mann, wieso gibt es hier eigentlich keinen Kaffee? Was ist das denn für ein Saftladen? Wird Zeit, dass hier mal wieder jemand ordentlich durchgreift. Kaum ist man mal einen Tag weg, lasst ihr hier alles schleifen.
Mehdi (ignoriert die gewohnten Meckertiraden des Koffeinsüchtigen wohlwissendlich u. konzentriert sich auf das Wesentliche): Tut sie ja auch. Und obwohl große Veränderungen vor ihr stehen, ist sie wesentlich entspannter, als du es gerade bist.
Marc (schaut kurz zum Frauenversteher auf u. kann sich ein wissendes Grinsen nicht verkneifen): Klar! Alles andere hätte mich auch gewundert. Scheiße, wo, verdammt noch mal, ist Sabsis Kaffeeversteck? Das muss doch hier irgendwo sein. Jetzt hilf mir endlich mal suchen und stehe nicht so bescheuert in der Gegend rum! Ein schöner Freund bist du, echt!
Mehdi (beobachtet ihn argwöhnisch bei seiner verzweifelten Suche quer durch das gesamte Stationszimmer): Du bist ja völlig durch den Wind, Marc.

Marc (gibt frustriert die Suche auf, lässt sich auf Sabines Schreibtischstuhl plumpsen u. durchwühlt ihr Fach, wo er lediglich auf einen alten zerfledderten Dr. Rogelt Band u. einen mit Herzchen geschmückten Liebesbrief von Günni stößt, den er gleich wieder angewidert wegschiebt): War ja klar, dass du das witzig findest. Bitte, dann koste es ruhig aus! Es wird das einzige Mal sein.
Mehdi (bleibt ernst an der Tür neben der Anmeldung stehen): Siehst du mich etwa lachen?
Marc (dreht sich einmal seufzend mit dem Stuhl um die eigene Achse, springt dann abrupt wieder auf u. läuft zum runden Tisch rüber, an dem er nun Platz nimmt, u. schnappt sich einen giftgrünen Apfel aus der Obstschale): Alter, kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen!
Mehdi (folgt ihm u. setzt sich ihm gegenüber): Was ist los? Wolltest du heute nicht viel schaffen? Oder hast du doch zu früh wieder angefangen? Es ist kein Problem. Ich kann dir noch ein Attest ausstellen. Und bevor du wieder meckerst, ‚von dir als Möchtegernmediziner nehme ich keins an.’ Ich bin auch Arzt. Promoviert sogar. Ich darf das.
Marc (ignoriert Mehdis Belehrstunde, beißt einmal kräftig vom Apfel ab u. spricht nach einigem Zögern mit vollem Mund das aus, was ihn bedrückt): Mann, ich krieg heute auch echt gar nichts gebacken. Es geht gar nichts. Ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren. Das macht mich wahnsinnig.
Mehdi (wackelt wissend mit seinen Augenbrauen): Weil du ständig daran denken musst?
Marc (schaut genervt auf u. zu ihm rüber): Was wird das jetzt? Ein Psychogespräch für Anfänger? Spar’s dir, falls du’s abrechnen möchtest! Du kriegst keinen Cent von mir.
Mehdi (versucht es ruhig anzugehen): Marc, lass es doch einfach zu! Das ist nichts, was du verstecken musst. Ich weiß, du willst immer cool und unnahbar wirken, Respekt und Kompetenz ausstrahlen, alles kontrollieren, aber es gibt eine einzige Sache auf der Welt, bei der das absolut keine Rolle spielt.
Marc (nuschelt augenrollend kleinlaut in seinen Dreitagebart, nachdem er noch einmal von seinem giftgrünen Apfel abgebissen hat): Zwei Sachen! Obwohl, Sachen ist vielleicht die falsche Umschreibung.
Mehdi (schmunzelt, weil er ihn endlich da hat, wo er ihn haben möchte): In diesem ganz speziellen Fall, ja. Jeder ist schwach, wenn es um den eigenen Nachwuchs geht, Marc. Keiner verlangt von dir, dass du gleich wieder zur Tagesordnung übergehen musst. Niemand könnte das in so einer Situation. Und wenn der Professor wüsste, was los ist, würde er dir alle Freiheiten lassen. Glaub mir! Er hat doch auch nur darauf gewartet, dass es endlich passiert.
Marc (blickt dann doch kurz leicht verschämt in Mehdis treue braune Rehaugen, die ihn über die Obstschale hinweg fixieren): Irgendwie ist das alles bei mir noch gar nicht richtig angekommen.
Mehdi (lächelt mitfühlend): Du bist ja jetzt auch erst seit wie vielen Stunden wieder auf Sendeaufnahme eingestellt?
Marc (knabbert beleidigt an seinem Apfel): Haha! Wer schreibt dir eigentlich deine schlechten Witze?
Mehdi (wird wieder etwas ernster, als er merkt, dass Marc überhaupt nicht nach Witzen zumute ist): Hey! Das ist ganz normal, Marc. Weißt du noch, was ich für ein Nervenbündel war, als Anna mit Lilly schwanger war? Ich hab gar nichts mehr auf die Kette bekommen. Und jetzt mit Gabi ist es auch nicht anders. Ich war die ersten Tage, nachdem wir es wussten, komplett auf einem anderen Planeten und kaum ansprechbar. Ich hab nichts mehr um mich herum mitbekommen. Inklusive, was bei euch los war. Sorry noch mal! Aber jetzt bin ich voll und ganz für euch da.
Marc (fährt sich mit seiner freien Hand übers Kinn u. weiß nicht, was er sagen soll): Oh Mann!
Mehdi (lehnt sich auch nachdenklich auf seinem Stuhl zurück): Du sagst es, mein Freund! Weißt du, du musst auch nichts sagen, wenn du nicht magst. Wir können auch einfach nur hier schweigend sitzen und uns unseren Vorstellungen hingeben oder irgendwann einen zusammen trinken gehen. Jetzt bist du am Zug, Marc! Du kannst immer zu mir kommen, wenn dir danach ist. Ich weiß, du hast es reichlich verdient, aber diesmal sollten wir vielleicht nicht ganz so über die Strenge schlagen wie beim letzten Mal. Den Mädels zuliebe! Zu viel Aufregung ist eher kontraproduktiv, wenn du verstehst.
Marc (schmunzelt, als er sich an den Männerabend neulich zurückerinnert, der in einem kompletten Blackout und kuschelnd auf Mehdis Couch geendet hat, von den Vorwürfen ihrer wütenden Freundinnen am nächsten Morgen mal ganz abgesehen): Aber dafür paffen wir dann wirklich die Zigarren. Jeder drei Stück.
Mehdi (verzieht seinen Mund): Äh... ich denke, eine würde als Symbolik schon reichen, Marc. Die Wirkung ist die gleiche. Dann blockieren wir nämlich die Kloschüssel.
Marc (lacht erst u. taucht dann plötzlich in seine Gedanken ab): Hast du gesehen, wie glücklich sie ist? Sie wirkt so... klar und ruhig und ich, ich... Ach, vergiss es einfach! Ich bin grad echt... durch.
Mehdi (lächelt, weil er ganz genau versteht, was er meint, u. wird auch ganz sentimental): Wie kann man das nicht sehen? Bei dir übrigens auch.

Marc (stellt das verträumte Lächeln sofort ab, das er noch gar nicht an sich bemerkt hat): Bitte? Hast du zu viel Zucker intus oder deine Kontaktlinsen noch nicht drin? Das ist echt verantwortungslos deinen Patienten gegenüber. Lass dir das als dein Chef gesagt sein.
Mehdi (lacht, weil Marc schon wieder geschickt auszuweichen versucht): Mein lieber Freund, erstens, bist du nur der Interims-Stellvertreter vom Chef und ich bin mein eigener Herr auf meiner Station, auf der mir niemand reinreden kann, auch nicht der Professor, und zweitens, das würde mir auch ohne Kontaktlinsen auffallen. Du magst es vielleicht noch nicht merken, aber dein verträumter Blick und deine nach oben gezogenen Mundwinkel verraten dich. Du bist glücklich und genau da, wo du hinwillst.
Marc (steht abrupt auf u. wirft seinen angebissenen Apfel mit einem gekonnten Wurf in den Mülleimer an der Tür): Boah, das wird mir jetzt echt zu schwülstig hier. Hast du keine anderen Elternpaare, die du nerven kannst?
Mehdi (grient ihn verschmitzt an u. stützt sich am Tisch ab, als er ebenfalls aufsteht, dann läuft er zur Anrichte, nimmt Marcs fast unbenutztes Puddingschälchen u. stellte es in Gretchens Fach im Kühlschrank): Nein, heute seid ihr beide meine einzigen Patienten. Die anstrengendsten zwar, aber doch auch meine liebsten.
Marc (verdreht genervt die Augen): Na prima, das heißt, wir werden dich gar nicht mehr los, was?
Mehdi (lacht u. streicht sich zufrieden über den Brustkorb): Nö! In diesem Leben bestimmt nicht mehr. Und du weißt, ihr könnt immer zu mir kommen, wenn ihr Fragen habt, und die werden garantiert kommen. Ich kenn euch doch.
Marc (macht eine abweisende Handbewegung in Mehdis Richtung u. checkt dann betont aufmerksam den Patientenmonitor auf dem Computer): Ja, ja.
Mehdi (stellt sich zu ihm): Außerdem ist es doch ein schöner Gedanke, dass unsere Kinder gemeinsam aufwachsen werden. Hast du dir das denn noch nicht vorgestellt?
Marc (zieht skeptisch eine Augenbraue hoch, als er sich wieder zu ihm umwendet): Aber nicht dass du jetzt auf die dämliche Idee kommst, mit mir Kinderwagenwettrennen im Park zu veranstalten? Vergiss es! Ich werde so ein hässliches buntes Teil garantiert nicht wie der letzte Trottel vor mir herschieben.
Mehdi (schaut ihn ganz verwundert an): Ich wusste gar nicht, dass ich dir von dem Traum erzählt hätte.
Marc (guckt ihn ebenfalls an wie ein Postauto u. kratzt sich an der Beule an seiner Stirn, die immer noch von einem weißen Pflaster geziert wird u. ziemlich nervig juckt): Du hast das auch geträumt?
Mehdi: Was heißt hier auch?
Marc (räuspert sich, wiegelt hastig ab u. geht zum Waschbecken in der Umkleide, über dem ein Spiegel hängt, u. zieht sich davor mit Schmackes das lästige Pflaster ab, das ihn schon die ganze Zeit genervt hat): Äh... nix!
Mehdi (folgt ihm mit schnellen Schritten in die Umkleide u. beobachtet entgeistert, wie Marc sich dort selbst mit einer Pinzette die Fäden ziehen will): Was machst du denn da? Lass mich mal! Sonst wird das doch noch ein Narbenhügel. Du zitterst ja total.
Marc (zuckt zusammen, als Mehdi ihm auf die Finger klopft u. ihm die Pinzette entreißt): Ich zittere gar nicht! Eh! Geht’s noch! Schlimm genug, dass du mich schon so verunstaltet hast und jetzt...
Mehdi (fährt ihm ruppig über den Mund, desinfiziert sich in aller Seelenruhe seine Hände u. streift sich anschließend Behandlungshandschuhe über, die er aus dem Spender neben dem Waschbecken gezogen hat): Halt still, verdammt! Du bist ja schlimmer als ein quengelndes Kind.
Marc (zieht beleidigt eine Schnute wie ein kleiner trotziger Junge): Hast du dich mit Haasenzahn abgesprochen?
Mehdi (lacht u. konzentriert sich wieder ganz auf seine Aufgabe): Negativ! Ich glaube aber, dass es Zeit wird, dass du dich mal zusammenreißt.
Marc (ergibt sich missmutig seinem Schicksal u. Dr. Kaans geschickten Händen): Hat sie sich bei dir beschwert?
Mehdi (kontrolliert noch einmal fachmännisch den kleinen Kratzer auf Marcs Stirn, nachdem er mit dem Fäden ziehen fertig ist): Marc, Gretchen schwebt momentan im siebten Himmel. Da reicht es schon, wenn du sie einfach nur in den Arm nimmst und ihr sagst, dass du sie liebst. Mehr Glück geht nicht. Der Umgang mit einer Schwangeren ist gar nicht so kompliziert, wenn du es geschickt anstellst.
Marc: Ja, ja, Domian, bist du dann auch mal fertig mit deiner Quacksalberei? Und hör auf, da so drauf herumzudrücken! Das tut scheiße weh, verdammt!

Mehdis wehleidiger Patient löste sich genervt von seinem behandelnden Arzt, schupste diesen ruppig beiseite und verifizierte im Spiegel noch schnell, ob Dr. Kaan ihn nicht doch noch aus Rache für den millionsten dummen Spruch entstellt hatte, was zu Mehdis großem Glück nicht der Fall war, und ließ diesen dann ohne Dank naserümpfend in der Umkleide stehen. Mehdi lachte nur über seinen grummelnden Freund, der so leicht zu durchschauen war wie die frisch geputzten Scheiben des Aquariums im Wartebereich des EKH. Er entsorgte seine Behandlungsutensilien sowie die Schutzhandschuhe im nächsten Mülleimer, desinfizierte noch einmal seine Hände unter dem Wasserstrahl und folgte anschließend dem Meckerkönig auf den Gang der Station, wo Marc sich eigentlich vor weiteren weisen Ratschlägen des Frauenverstehers verstecken wollte. Aber zu früh gefreut. Die Kaansche Therapiestunde ging ungefragt weiter. Ihm wurde heute aber auch nichts erspart. Womit hatte er das eigentlich verdient? Hatte er nicht schon genug gelitten in den letzten Tagen, als er wegen diesem Scheißvirus flachgelegen hatte?

Mehdi: Jetzt mach dich doch mal locker, Marc! Was bist du denn gleich so gereizt? Du weißt doch, dass ich immer auf deiner Seite bin.
Marc (studiert interessiert die OP-Tafel, um ja nicht weiter von Mehdi ins Kreuzverhör genommen zu werden): Ich bin nicht... Ich bin... locker! Ich bin sogar so locker, dass ich...
Mehdi (lehnt sich schmunzelnd neben ihn an die Wand): Ja?
Marc (versucht genervt abzulenken u. kramt in den Taschen seines Kittels, in denen er tatsächlich fündig wird): Boah, du nervst! ... Hier! Vielleicht gibst du damit endlich Ruhe und kümmerst dich um deinen eigenen Kram!
Mehdi (guckt verwirrt auf den kleinen silbernen Schlüssel, mit dem Marc triumphierend vor seiner Nase herumbaumelt): Äh... was ist das?
Marc (schaut ihn an, als würde er Suaheli sprechen): Bist du doof? Hast du mich nicht neulich noch darum angebettelt, als du die Idee der Ideen gesucht hast, um deine holde Nervensäge zu überraschen? Wobei ich immer noch nicht verstehen kann, warum du ausgerechnet der was Gutes tun willst. Die umarmt doch eh die meiste Zeit die Kloschüssel, wenn sie mir nicht gerade auf die Schuhe kotzt.
Mehdi (der Groschen fällt u. er ist komplett baff): Du hast daran gedacht? Trotz all des Chaos um dich herum?
Marc (lehnt sich lässig an die Wand zurück u. tut es als Belanglosigkeit ab): Äh... natürlich oder hältst du mich etwa für einen kompletten Arsch? Sorry, Fangfrage! Also, was ist? Ich kann ihn auch wieder zurückgeben. Mir doch egal!
Mehdi (nimmt den Schlüssel dankbar entgegen, den Marc extra weit hochgehalten hat): Nein, nein, nein! Ich... Danke! Und das geht wirklich klar? Wir müssen nicht...? Du weißt, unsere Finanzen sind...
Marc (plappert ihm frech dazwischen, weil er es einfach nicht lassen kann, zu sticheln): Ja, ja, die liegen etwa auf dem Niveau des griechischen Staates. Alter, wenn ich was sage, dann halte ich es auch. Ihr könnt dort machen, was ihr wollt und wie lange ihr wollt. Freunde können da immer unterkommen. Ansonsten steht es doch eh das ganze Jahr über leer, es sei denn Phillip hat gerade eine neue Ische am Start, die er beeindrucken will, was aber nicht der Fall ist, weil die letzte ihm auch gerade versucht Ketten anzulegen. Irgendwo muss da gerade ein Nest sein. Anders ist es ja nicht mehr zu erklären, was hier gerade abgeht. Ich muss mir, glaub ich, einen neuen Golfkumpel suchen. Interesse? Obwohl, dein Handicap ist nicht gerade der Oberburner. Hat man ja gerade gesehen. Äh... Wo war ich? Ach ja! Ihr seid aber Selbstversorger und um einen Babysitter für Lilly musst du dich schon selber kümmern, wenn du Gabi unbedingt rund um die Uhr flachlegen willst. Und bevor du fragst, ich springe nicht ein, also, als Kinderbetreuer, meine ich. Das werde ich in Zukunft schon oft genug machen müssen.
Heilige Scheiße! Zwei Stück auf einen Streich! Das ist doch der Wahnsinn! Wie kann Haasenzahn da so ruhig bleiben! Wo hat die die Arschruhe her? Aus der Therapiestunde mit ihm hier? Wohl nicht! Und was grinst der jetzt schon wieder so blöde?
Mehdi (grinst vorfreudig): Ich hab schon einen Plan, der alle meine Mädels glücklich macht.
Marc (in Gedanken schon ganz woanders, hebt er abwehrend die Arme): Too much information, mein Freund!
Mehdi (kann nicht anders, als Marc spontan an sich zu drücken): Danke, Mann! Gabi wird Augen machen. Sie hat sich das so gewünscht, vor allem nachdem es ihr in den letzten Wochen so schlecht ging. Jetzt will ich sie verwöhnen.
Marc (schiebt seinen rührseligen Freund schnell wieder von sich weg, bevor sie beide noch gesehen werden u. Fragen aufkommen): Immer noch zu viele intime Details, Alter!
Mehdi (kann nicht anders, denn er freut sich wie ein kleines Kind an Weihnachten): Seit ich neulich die Andeutung gemacht habe, versucht Gabi mich schon die ganze Zeit geschickt auszuquetschen, was ich vorhabe. Wir müssen einfach mal alle raus hier aus Berlin. Zeit nur für uns haben.
Marc (verdreht genervt die Augen, bis selbige etwas Auffälliges am Fahrstuhl entdecken, das seine Aufmerksamkeit weckt): Ja, ja! Vögeln bis zum Umfallen und das in einer High Class Umgebung. Damit kriegst du sie immer. ... Apropos High Class. Ey, was wird das denn? Wer zum Teufel... ist das?

Mehdi wollte gerade wortgewandt auf Marcs gehässige Spitze reagieren, als auch er auf die Person aufmerksam wurde, die in langsamen eleganten Schritten, in einem eng geschnittenen, sexy Business-Kostüm und mit einem provozierenden Lächeln auf ihren dunkelrot geschminkten Lippen, direkt auf sie zukam. Dem perplexen Oberarzt fiel fast die Kinnlade herunter, als er erkannte, um wen es sich dabei genau handelte. Mehdi musste sich die Augen reiben und konnte es immer noch nicht verstehen.

Mehdi: Das glaub ich jetzt nicht.
Marc (legt den Kopf leicht schräg, um sie so noch besser in Augenschein nehmen zu können): Ist das nicht... Scheiße, ich hätte sie fast nicht erkannt. Das ist doch... Meine Fresse, was ist denn mit der passiert? Die hat ja... hmm... richtig... Konturen bekommen. An genau den richtigen Stellen. Tja, ähm... nett!

Die attraktive Lady, die es den beiden Ärzten und anderen ebenso auf dem Flur befindlichen Kollegen sowie Patienten sichtlich angetan hatte und die von ihnen ungeniert von Kopf bis Fuß ausgiebig gescannt wurde, hatte diese fast erreicht und ihr herausforderndes Lächeln wurde immer prägnanter, je näher sie kam und die Bestätigung bekam, die sie mit diesem auffallenden Auftritt hatte provozieren wollen. Dr. Kaan fasste sich an seinen Hals, der plötzlich ganz trocken geworden war, und schüttelte ungläubig den Kopf, als er hörbar ihren Namen ausschnaufte, der ebenso auch schon auf Marcs Zunge gelegen hatte.

Mehdi: Maria!?
Marc: Frau Dr. Hassmann!

Maria: Kollegen!

... nickte die attraktive Neurochirurgin, die eigentlich krankgeschrieben war und zur Entspannungsfindung ganz woanders weilen sollte, ihren beiden sprachlosen Kollegen nur knapp zur Begrüßung zu und spazierte dann, als wäre es das Normalste der Welt, selbstbewusst mit sexy Hüftschwung an ihnen vorbei. Noch immer zierte ein zufriedenes Lächeln ihre geschminkten Lippen. So stolzierte sie auch an Schwester Gabi vorbei, die gerade mit mehreren Labormappen bewaffnet aus der anderen Richtung gekommen war und diese fast fallen gelassen hätte, als sie plötzlich vor Mehdis Ex-Affäre gestanden hatte, die zu ihrem großen Ärgernis auch noch unverschämt gut und erholt aussah. Auch ihr nickte Maria nur kurz zu und verschwand dann im angrenzenden Stationszimmer. Dr. Meier ließ es sich derweil natürlich nicht nehmen, auch die Kehrseite von Dr. Hassmann ausgiebig in professionellen Augenschein zu nehmen und nach einem vergewissernden Blickwechsel mit Dr. Kaan für gut zu befinden, was jedoch nicht unbeobachtet blieb. Denn im selben Augenblick trat Gretchen aus dem Treppenhaus und blieb abrupt stehen, als sie die Blicke der beiden Männer registrierte und auf wen diese konsequent gerichtet waren.

Mehdi: Ich fasse es nicht. Diese sture Frau! Sie hat die Kur frühzeitig abgebrochen. Wie hat sie denn das schon wieder hinbekommen? Muss sie denn immer ihren eigenen Kopf durchsetzen? Weiß sie denn nicht mehr, wo der sie das letzte Mal fast hingebracht hat?
Marc (hört ihm nur mit halbem Ohr zu u. grinst frech über das ganze Gesicht): Also, wenn man nicht wüsste, was wirklich mit ihr los ist, man könnte fast meinen, sie käme direkt vom Schönheitsdoc, der ihre entscheidenden Stellen mal ordentlich aufgetunt hat. Respekt!

Gretchen: Maaarc!

...tönte es plötzlich scharf über den Flur der Chirurgie, sodass Marcs Aufmerksamkeit sofort von dem Objekt seiner interessierten Studien abgelenkt wurde. Nur der finstere Blick, mit dem Gretchen ihn nun bedachte, passte irgendwie nicht ins Bild. Dasselbe empfand auch Mehdi, als er in der anderen Richtung in das gerötete Gesicht seiner Lebensgefährtin blickte, die ihn kühl fixiert hatte. Eindeutig ein Blick, der töten konnte, wenn man nicht sofort in entsprechender Weise darauf reagierte.

Gabi: Kommst du dann bitte mal, MEHDI! Die Laborergebnisse von den Abstrichen sind da. Die wolltest du doch so dringend. Ich will auch endlich Mittag machen.
Mehdi: Schatz?
Gabi (drückt ihm die Akten entgegen u. lässt ihn einfach kommentarlos stehen): Nichts, Schatz! Lass mich!
Mehdi (läuft ihr irritiert hinterher): Äh... Gabi?

Während sich sein Kumpel in schnellen Schritten in die andere Richtung aufmachte und schon bald mit Schwester Gabi hinter der nächsten Ecke verschwunden war, hatte Marc sich mittlerweile zu seiner Freundin begeben, die sich in Abwehrpose an die geschlossene Tür zum Treppenhaus gelehnt hatte. Sie kochte innerlich. Das konnte er deutlich in ihren wild funkelnden blauen Augen erkennen, die irgendwie eine sehr aufreizende Wirkung auf ihn ausübten. Vorsichtig forschte er nach...

Marc: Haasenzahn? Is was?
Gretchen (auf 180 platzt es aus ihr heraus): Ob etwas ist? Das fragst du ernsthaft?
Marc (hat überhaupt keine Ahnung, was plötzlich in die sonst so ruhige Natur gefahren ist): Äh... ja!?
Gretchen (stößt sich von der Glastür ab u. will den unverschämten Kerl stehen lassen): Du... du... Ach, vergiss es einfach! Ich hab im Gegensatz zu dir noch etwas zu tun. Dr. Stier wartet.
Marc (packt sie am Arm u. wirbelt sie forsch wieder zu sich herum): Äh... Hallo? Redest du gefälligst mit mir! Wieso bist du auf einmal so zickig? Ich dachte, wir wollten zusammen Pause machen?
Gretchen (zeigt eingeschnappt auf das Stationszimmer): Ich bin überhaupt nicht zickig! Aber wenn du unbedingt reden willst, bitte, dann rede doch mit ihr! Dich interessiert doch eh nicht, was mit mir ist, sondern nur ihr viel zu enger Rock.
Marc (lacht, als der Groschen endlich fällt): Du bist eifersüchtig!
Gretchen (versucht sich vergeblich von dem Grinsekönig loszureißen): Ich bin überhaupt nicht...
Marc (hält sie fest u. sieht ihr eindringlich ins Gesicht, das sie von ihm abzuwenden versucht): Hey! Was regst du dich denn gleich so auf? Ich hab doch bloß geguckt.
Gretchen (schmollt vor sich hin u. weicht stur seinem liebevollen Blick aus): Es ist eine Sache, ob man nur guckt oder... eben guckt!
Marc (sein verschmitztes Grinsen wird immer breiter): Das ist jetzt wieder Gretchen-Logik, oder?
Gretchen (versucht, den dreisten Kerl abzuschütteln u. es gelingt ihr fast): Ach, lass mich doch einfach! Ich muss noch die Werte von Herrn Schmidtbauer abholen. Er muss schnellstmöglich auf seine Parkinsonmedikamente eingestellt werden, damit es ihm endlich besser geht.
Marc (lässt sie nicht gehen u. drängt die Widerspenstige mit beiden Händen gegen die nächste Wand u. hält sie zwischen seinen Armen gefangen): Okay, ich bekenne mich schuldig. Ich hab geguckt, ja, aber nicht weil ich plötzlich auf sie abfahren würde. Ey, das ist die Hassmann! Niemand Besonderes.
Gretchen (bockig): Ach ja? Und was war dann damals auf der Weihnachtsfeier?
Marc (lacht): Haasenzahn, das ist Jahre her. Außerdem warst du da gar nicht dabei. Und ich war hackedicht. Diese Frau ist mir eindeutig zu anstrengend.
Gretchen (schaut unsicher zu ihm hoch): Und ich? Mir sagst du auch immer, ich sei zu anstrengend.
Marc: Och Süße, das ist doch was ganz anderes.
Gretchen (wird unter seinen durchdringenden Blicken langsam weich, obwohl sie es nicht will): Wirklich?
Marc (lächelt sie auf hinreißende Weise an): Hundert Pro! Ich fopp dich doch nur. Genascht wird immer noch zuhause. Das weißt du doch.
Gretchen (schmollt immer noch ein bisschen): Das will ich ja wohl auch hoffen.
Marc (lässt langsam ihre Hände wieder los, die er über ihrem Kopf zusammengehalten hat, u. schlingt seine Arme nun um ihre Taille): Ich hab wirklich nur geguckt, weil ich ähm... überrascht war, sie zu sehen. Ich meine, guck sie dir doch mal an! Sie hat sich, sagen wir mal so, zu ihrem Positiven verändert.
Gretchen: Du findest sie also doch scharf?
Marc (presst sich aufreizend an ihren Körper): Du bist viel, viel schärfer! Und wenn du heute nicht ständig mit dem Drecksack Stier abhängen würdest, hätte ich dich schon längst in unser Versteck geschleift und hätte dich dort nach allen Regeln der Kunst vernascht, damit dein Trotzköpfchen endlich mal rafft, wie ernst ich es meine. Wir haben schließlich immer noch was nachzuholen.
Gretchen (wird augenblicklich knallrot im Gesicht u. windet sich in seinen Armen): Maaarc!
Marc (knabbert verheißungsvoll an ihrem Ohr): Angebot steht. Ich kann mich heute eh nicht auf den Scheißpapierkram konzentrieren, den dein Vater mir aufgebrummt hat.
Gretchen (schmilzt unter seinen lüsternen Blicken nur so dahin): Wieso?

Marc wollte seiner Liebsten gerade auf seine ganz besondere Weise die Antwort auf ihre Frage geben, als eine tiefe, Gänsehaut auslösende Stimme über den gesamten Flur vom Aufzug aus zu ihm herübertönte und ihn ordentlich durchschüttelte. Aber im negativen Sinne.

Stefanie: DOKTOR MEIER?
Marc (schreit zurück, während er sich immer noch voll u. ganz seiner schwangeren Freundin widmet, die verführerisch die Lippen gespitzt hält): Scheiße! ... JETZT NICHT!
Stefanie (lässt diese patzige Antwort nicht für sich gelten): WANN DENN DANN? Wann gedenkt der werte Herr Oberarzt mir denn dann einen Platz in seinem ach so wichtigen Terminplan freizuhalten? Heute Nachmittag? Morgen? Nächste Woche? Oder nächstes Jahr? Die Personalplanung muss JETZT gemacht werden! Oder Sie stehen bald alleine im OP da! Wollen Sie das?
Marc (lehnt seine plötzlich ganz heftig pochende Stirn gegen die von Gretchen u. stöhnt gequält auf): Boah! Die hat mich heute echt gefressen, die blöde Kuh. Ich hätte doch im Bett liegen bleiben sollen. Lieber Influenza als die Pest da!
Gretchen (lächelt ihn verliebt an u. streicht ihm sanft über den kleinen roten Kratzer an seiner Stirn): Siehst du! Hab ich doch gesagt. Geh lieber! Ich will dich in ganzen Stücken zurückhaben, wenn ich dich nachher, wenn wir mit der Parkinsonstudie durch sind, im Dachzimmer treffe.
Marc (erwidert verheißungsvoll ihr verführerisches Lächeln u. lässt seine Hand über ihrem Po kreisen): Na, das ist doch mal ein Wort! So lässt sich alles irgendwie viel, viel besser ertragen. Selbst die biestige Oberschwester, die angepisst ist, weil Gott ihr das Zepter entrissen hat. Apropos nervig, Mehdi macht heute einen auf extrem mitfühlend und hat dir seinen Nachtisch in dein Kühlschrankfach gestellt. Falls ihr Drei was Süßes braucht. Ich hab ja schon an was Süßem geknabbert.
Gretchen (strahlt über das ganze Gesicht): Och das ist aber lieb.
Marc (wackelt grinsend mit seinen Augenbrauen): Wie man’s nimmt. Bis gleich!
Gretchen (himmelt den Charmeur an): Ja!

Marc drückte seiner Süßen noch einen letzten hauchzarten Kuss auf die gespitzten Lippen, setzte dann sein falschestes Lächeln auf und wandte sich der zickigen Oberschwester zu, die ungeduldig mit ihren Fingern gegen die Stahltüren des Fahrstuhls tippte und den überheblichen Oberarzt mit Giftpfeilblicken bewarf, denen er auf dem kurzen Weg zu ihr geschickt auswich.

Marc: Meine sehr verehrte, liebe, gute, fleißige Oberschwester, wo liegt denn das Problem?
Stefanie (kurz irritiert wegen der ungewohnten Bauchpinselei des Angebers): Sparen Sie sich das Geschleime für denjenigen auf, den es interessiert! Ich hab nicht ewig Zeit. Wir müssen neu planen, nachdem nun schon die zweite Krankenschwester bald aus Mutterschaftsgründen ausfallen wird. Wir kommen um Neueinstellungen nicht drumherum, egal ob die Verwaltung mauert. Was sagt denn eigentlich der Professor zu diesem Problem und wann gedenkt er, endlich von seiner „Studienreise“ wiederzukommen? Eigentlich unverantwortlich, dass hier jeder macht, wonach ihm der Sinn ist.

... redete Schwester Stefanie spitzzüngig auf den armen Chirurgen ein, der am liebsten auf der Stelle wieder kehrtgemacht hätte. Gretchen sah den beiden noch lächelnd hinterher, bis sie diskutierend im Aufzug verschwunden waren. Dann drehte sie sich um, ging beschwingt auf die Tür der Umkleide zu und drückte diese auf. Doch ihr Strahlelächeln verschwand sofort wieder, als sie erkannte, wer sich noch in dem kleinen Raum befand. Sie stockte kurz, entschloss sich dann aber doch, allem Unmut zum Trotz zu bleiben und ging, ohne ihr einen freundlichen Blick zu schenken, an der Oberärztin vorbei, die gerade ihre Handtasche und ihren Mantel in ihrem Spind verstaute und interessiert aufblickte, als sie die Tür neben sich hörte.

Gretchen (kühl): Hallo!
Maria: Oh, Frau Doktor Haase? Na?

Irritiert von der wenig enthusiastischen Begrüßung ihrer sonst so euphorischen Kollegin, die ihr in der Vergangenheit schon so manches Mal den letzten Nerv geraubt hatte, drehte sie sich dann doch ganz zu ihr um und beobachtete argwöhnisch, wie diese leise ihren Spind öffnete und unentschlossen in diesen hineinblickte.

Maria: Gretchen, du weißt, eigentlich bin ich keine Befürworterin allzu überschwänglicher Vertraulichkeiten, aber ein bisschen mehr Begeisterung über meine Rückkehr hätte ich dann doch erwartet. Müsste es nicht eher heißen, ‚oh, Maria, wie schön, dass du wieder da bist, wir haben dich so vermisst, ohne dich ist hier alles im Chaos versunken, wie geht es dir, wie geht es deinem Magen, bist du gut erholt, was macht Sarah, hat die Kur denn was gebracht, wie geht es dem Baby und so weiter und sofort.’ Und dann würde ich dich genervt abschütteln und sagen, alles bestens, Frau Kollegin. Und jetzt an die Arbeit! Was liegt denn an?

Gretchen hielt noch immer mit einer Hand die Tür ihres Spinds fest. Sie wusste gar nicht mehr, wieso sie ihn überhaupt geöffnet hatte. Sie schloss ihn wieder und wandte sich, nachdem sie einmal tief Luft geholt hatte, schlussendlich doch zu der ungewohnt redseligen Oberärztin um, die sie immer noch gespannt musterte und zu Gretchens Verärgerung nach fast drei Wochen Erholungszeit wirklich fantastisch aussah. Die Schwangerschaft stand ihr wirklich gut. Das musste sie insgeheim zugeben.

Gretchen: Ja, ähm... schön zu hören, Maria.
Maria (runzelt verwundert die Stirn): Ist irgendwas?
Gretchen (tut unwissend): Was sollte denn sein?
Maria: Ich weiß nicht. Dein Blick wirkt irgendwie, ich weiß, das passt eigentlich nicht zu dir, etwas feindselig.
Gretchen (hat gerade ihr Aussehen im Wandspiegel über dem Waschbecken noch einmal gecheckt u. fährt plötzlich zu ihr herum): Ja, dann frag dich mal warum!
Sehr erwachsen, Gretchen, echt!
Maria (der Groschen fällt u. sie lacht): Ach so, jetzt verstehe ich. Du bist eifersüchtig! Gut!
Gretchen (geht empört hoch wie eine Rakete): Bin ich gar nicht! Und selbst wenn, wieso sollte das dann gut sein?
Maria (streicht sich zufrieden ihr enges Kostüm glatt u. kontrolliert ihr Make-up und ihre Frisur in dem kleinem Spiegel an ihrer Spindtür): Weil ich’s immer noch kann.
Gretchen (lehnt sich mit ausgestrecktem Arm an den Spind neben Dr. Hassmann, der sie wütend in die Augen schaut): Jetzt hör auf, dich hier so provokant aufzuhübschen! Was meinst du damit? Was willst du von Marc?
Maria (schließt den Spind u. sieht ihre angesäuerte Kollegin ganz ruhig u. überzeugt an): Nichts! Gretchen, mittlerweile müsstest du doch aus Erfahrung wissen, wie schwer es ist, sich als Frau hier auf den oberen Hierarchieebenen durchzusetzen, oder? Gerade vor den Augen dieses Angebers, der keine Götter neben sich sehen will. Weißt du, wie schwer es ist, sich damit abfinden zu müssen, dass man auf kurz oder lang fett werden wird und bald nur noch Zuschauer hier in diesem Stadion sein darf, obwohl man, weiß Gott, doppelt so viel drauf hat als die Schwachmaten, die dann für unbestimmte Zeit deinen Job übernehmen werden. Ich werde mir bestimmt nicht irgendetwas nachsagen lassen, nur weil ich schwanger bin und kurz vorm Burnout gestanden habe.
Gretchen (klappt ungläubig den Mund auf): Du verschaffst dir Respekt, indem du hier als sexy, unnahbare, dominante Oberärztin aufkreuzt?
Maria: Ja, so hätte ich es auch nicht besser umschreiben können, Frau Doktor. Du hast ja gesehen, dass das Experiment funktioniert. Ich bleibe lieber so in Erinnerung als als fettes Wallross, das nicht mehr von seinem Schreibtischsessel hochkommt und für den andere die Drecksarbeit machen müssen. Dafür hab ich mir nicht jahrelang den Arsch aufgerissen.
Gretchen (verdreht fassungslos die Augen): Hättest du dir dann nicht andere Versuchskaninchen aussuchen können?
Maria (lässig u. von sich selbst überzeugt): Wieso? Die Zwei sind doch wohl die besten Probanten, die es hier im Haus gibt. Eindeutig die Zielgruppe.
Gretchen (schüttelt schmunzelnd den Kopf u. schenkt ihrer Freundin endlich die Begrüßung, die sie verdient hat): Haha! Du bist verrückt, Maria. Und ich freue mich wie verrückt, dass du wieder da bist. Du hast wirklich gefehlt. Du siehst richtig gut aus. Erholt. Fit. Munter. Die Seeluft hat dir... euch... gut getan.
Maria (entzieht sich geschickt der Klammerumarmung ihrer guten Freundin): Was man von dem Müttergefängnis nicht unbedingt sagen kann.
Gretchen: So schlimm? Aber das sah doch in den Prospekten, die Mehdi mir gezeigt hat, ganz gut aus.
Maria: An dem Wellness-Angebot hab ich auch gar nichts auszusetzen. Aber sitz du erst mal mit hundert anderen Frauen und deren unerzogenen Quengelkindern in einem Haus fest. Bei Dauerregen und Schonkost.
Gretchen (lächelt fröhlich): Okay, das ist ein Punkt. Ach, ich freue mich, dass du wieder da bist. Ich hab dir so viel zu erzählen. Weißt du, was das Verrückteste ist? Ich bin auch...
Maria (hebt abwehrend die Arme): Stopp! Gretchen, erinnerst du dich vielleicht noch daran, was ich dir mal über Mädchenfreundschaften erzählt habe? Gut! An der Ostsee konnte ich dem noch entkommen, indem ich mir Sarah geschnappt habe, um am Strand entlang zu wandern und Bernstein zu sammeln. Hier ist das was anderes. Ich schätze unser freundschaftliches Verhältnis wirklich sehr. Es ist gar nicht so nervig, wie ich gedacht habe. Aber es gibt auch Grenzen zwischen privat und professionell und die muss ich in diesen Tagen wahren. Ich bin deine Oberärztin und eine deiner Prüferinnen am Freitag. Ich gehe solche Sachen immer objektiv an. Wenn du an dem Tag nicht dein Bestes bringst, dann werde ich das auch entsprechend bewerten. Egal, wie nah oder nicht nah wir uns stehen.
Gretchen (schluckt, weil sie ihre Prüfung in der ganzen Euphorie um ihre Schwangerschaft schon fast wieder vergessen hat): Das ist schon klar, Frau Dr. Hassmann. Alles andere will ich doch auch gar nicht.
Maria: Gut, dann... sind wir uns ja einig. Behalte deine Vertraulichkeiten also bitte für dich und ich...

Die selbstbewusste Neurochirurgin wollte noch etwas anführen, wurde aber plötzlich von einer Stimme aus dem Nebenzimmer aus dem Konzept gebracht. Die Tür zum Schwesternzimmer war nämlich nur angelehnt und sie konnte die dazugehörende Person deutlich hören, was ihren Gefühlshaushalt, den sie eben vor ihrer nervigen Kollegin noch perfekt kontrolliert hatte, ungewollt gefährlich durcheinander brachte...

Cedric: Liebste Schwester Gabi, ich will Sie gar nicht aufscheuchen, aber Sie haben nicht zufällig irgendwo noch ein Kännchen Kaffee versteckt. Der aus dem Automaten ist ungenießbar und ich brauche dringend irgendetwas Starkes, um in diesem Irrenhaus noch über den Tag zu kommen. Wenn Sie verstehen?
Gabi (schiebt ihr Mittagessen beiseite u. rutscht genervt von ihrem Stuhl, auf dem sie sich gerade erst erschöpft niedergelassen hat, nachdem sie ihre Eifersuchtsattacke mit einer wilden Knutscherei mit Mehdi ad acta gelegt hat): Sie brauchen gar nicht so schwülstig daherzureden, Dr. Stier, ich hätte Ihnen auch so einen gemacht. Sie haben nämlich Glück. Ich war vorhin in der Pädiatrie und hab in deren Aufenthaltsraum noch ein Päckchen der Spezialmischung entdeckt, die Sabine hier auch immer benutzt, und hab dieses dezent unter meinem Kittel mitgehen lassen. Aber verraten Sie’s nicht dem Meier!
Cedric (lacht): Bei meinem Leben nicht!

Während im Schwesternzimmer noch geschäkert und um den perfekten Kaffee gefeilscht wurde, beobachtete Gretchen fasziniert die Veränderung, die sich von einer Sekunde zur anderen im Mienenspiel von Dr. Hassmann abspielte. Plötzlich wirkte die stolze Oberärztin gar nicht mehr so souverän und kontrolliert wie eben noch. Hektisch überprüfte sie gerade noch einmal ihr Aussehen im Spiegel. Gretchen ging auf ihre fahrige Freundin zu, zog Marias Hand weg und schloss die Spindtür und sah sie dann eindringlich an.

Gretchen: Es ist seinetwegen, oder?
Maria (noch in Gedanken): Was?
Gretchen: Diese „Ich-bin-die-taffe-Karrierefrau-die-auch-mit-Wundertüte-im-Bauch-niemandem-das-Wasser-reichen-kann-Nummer, mit der du vorhin schon Marc und Mehdi beeindrucken wolltest.
Maria (blickt sie finster an): Ich glaube, du hast es nicht richtig verstanden, Gretchen.
Gretchen: Oh, doch, das habe ich, besser als du denkst, wenn du mir zugehört hättest.
Maria (versucht die Nervensäge abzuschütteln, die ihr ständig ungefragt Ratschläge geben will): Ach, denk doch, was du willst!
Gretchen (schaut der Widerspenstigen direkt in die Augen): Du bist hier. Eher als wir alle dich erwartet haben. Du hast dich entschieden. Du willst nicht mehr zögern. Du willst ihn. Denk nicht mehr so viel darüber nach! Folge deinem Gefühl! Er ist dir mit Haut und Haar verfallen. Das kannst du mir glauben. Ich habe heute schon den ganzen Tag mit ihm zu tun. Mit deiner „Ruf-mich-bloß-nicht-an“-Nummer hast du ihn komplett mürbe gemacht. Er versucht, es zu überspielen, aber er kriecht nur noch auf dem Zahnfleisch, ist kurz vorm Implodieren. Er wird über dich herfallen, wenn er dich sieht. Und in dem Outfit erst recht! Du siehst gut aus. Hol ihn dir!

...gab Gretchen der verdutzten Oberärztin noch mit auf den Weg, die gar nicht so schnell reagieren konnte, als die vorlaute Assistenzärztin sich plötzlich von ihr verabschiedete und dann nebenan im Stationszimmer verschwand. Dort entschuldigte sie sich bei ihrem Kollegen, der endlich seine rettende Koffein-Dosis in den Händen hielt, öffnete den kleinen Kühlschrank in der Ecke und holte den Kirschpudding heraus, den ihr bester Freund für sie dort hinterlassen hatte, und verließ damit den Raum und ließ dem Schicksal seinen Lauf. Es wunderte sie eh, wie manche sich ihr Leben so unnötig schwer machen konnten. Dass sie selbst bis letzten Sommer dies bis zur absoluten Schmerzgrenze jahrelang genauso gehandhabt hatte, hatte die verliebte Blondine längst vergessen und verdrängt.

Gretchen: Ich mache dann erst mal Mittag, Dr. Stier. Dir auch... einen schönen Appetit. Und... lass dir ruhig Zeit. Du hast sie dir verdient.
Cedric (blickt der blonden Kollegin verwirrt nach u. sieht dann zu Schwester Gabi an der Anmeldung rüber, die auch nur verwundert mit den Schultern zuckt u. dann mit ihrem Salatschälchen bewaffnet ebenfalls das Zimmer verlässt): Ääähhh...

Dr. Hassmann sammelte sich derweil nur eine schützende Wandmauer entfernt. Sie schüttelte immer wieder den Kopf, als sie noch einmal Gretchens Worte überdachte, und stieß dann, ohne noch einmal zu hadern, ebenfalls die nur angelehnte Zwischentür zum Schwesternzimmer auf. Der Mann, der ihre Gedanken seit Monaten schmerzlich in Beschlag genommen hatte, obwohl sie das nie gewollt hatte, saß alleine am runden Tisch mit Blick zur Fensterreihe, an der sich immer noch die Regentropfen spiegelten. In der einen Hand hielt er eine dampfende Kaffeetasse, an der er von Zeit zu Zeit immer wieder nippte. Mit der anderen blätterte er interessiert in einer Fachzeitschrift. Und vor ihm stand noch ein Teller mit einem bereits angebissenen Sandwich, das er sich für eine kurze Mittagspause gegönnt hatte. Er bemerkte nicht, wie die Frau, die sein Herz bewusst und unbewusst besetzt hielt, mit leisen Schritten den Raum betrat und diesen aufmerksam nach möglichen Zuschauern scannte. Cedric zuckte nur kurz zusammen, als mit einem Mal eine bekannte Parfumnote seine Nasenflügel erreichte. Er schüttelte geistesabwesend den Kopf, weil er diese als Hirngespinst abgetan hatte, und konzentrierte sich wieder ganz auf den spannenden Artikel, den er gerade begonnen hatte zu lesen. Im gleichen Moment blieb die ungewohnt aufgeregte Ärztin direkt hinter seinem Stuhl stehen, zögerte eine Sekunde, die gut und gerne für einen möglichen Fluchtversucht ausgereicht hätte, und öffnete dann doch ihren in einem verführerischen Rotton geschminkten Mund, um etwas betont belanglos in seine Richtung zu sagen.

Maria: Dr. Stier!

Beim Klang ihrer vertrauten Stimme durchzog ein mächtiger Schauer seinen gesamten Körper. Cedric fühlte sich wie elektrisiert. Er fuhr abrupt herum und erschrak fast, als er plötzlich seiner schönen Exfrau direkt in ihre funkelnden, dunklen Augen blickte, die ihn intensiv fixiert hatten. Noch glaubte der paralysierte Mann nur an eine Fata Morgana, die sein gefühlsverwirrtes Herz als Trugbild erzeugt hatte. Wie schon so oft in den vergangenen Tagen, als er ihre Anwesenheit schon fast körperlich gespürt hatte, welche sich jedoch zu seinem Verdruss immer wieder schnell als bunte Seifenblase entpuppt hatte. Jetzt war endgültig der Punkt erreicht, an dem er durchzudrehen begann, dachte er bestürzt. Was machte diese Frau nur mit ihm? Er war ja kaum noch Herr seiner Sinne. Er war doch früher nicht so gewesen. So schwach und süchtig nach ihr. Die sexy Ärztin lächelte ihn nicht an, drehte sich wortlos wieder um und schien beschäftigt in ihrem Postfach zu kramen. Der konsternierte Neurochirurg schluckte schwer. Seine Blicke wanderten ihren aufreizenden Körper empor. Von den spitzen Absätzen ihrer dunkelroten Pumps ausgehend, über ihre sexy, durch die schwarze Nylonnaht ihrer Strümpfe besonders eindrucksvoll hervorgehobenen, schlanken Beine, ihren kurzen enganliegenden Rock, der ihre aufregenden Rundungen betonte, bis hin zu dem gleichfarbigen, eng geschnittenen Blazer, ihren grazilen Hals, dessen pulsierende Halsschlagader seine Aufmerksamkeit aufsog und ihrem frechen Kurzhaarschnitt, den er, wenn er sich hätte bewegen können, am liebsten durchgewuschelt hätte, bevor er sich jener hervorgetretenen Schlagader gewidmet hätte, an der er sich genüsslich festgesaugt hätte. Gott, was würde er dafür geben, sie jetzt berühren zu dürfen. Dr. Stier brauchte einen Moment, bis sein Verstand begriffen hatte, was hier gerade passierte. Dieselbe Zeit benötigte die selbstbewusste Oberärztin ebenfalls, um ihren Plan weiterzuverfolgen und ihre Post zu schnappen und mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht und einem sexy Hüftschwung das Stationszimmer wieder genauso schnell zu verlassen, wie sie als scheinbarer Geist hereingekommen war. Der Wirkung ihres sonderbaren Auftritts war sie sich schließlich ziemlich sicher.

Cedric: Mary?

Als der fast einer Ohnmacht erlegene Mediziner wieder zu sich kam und begriff, dass diese aufregende Frau keine Fantasie seines liebesverwirrten Hirns war, rückte er hastig seinen Stuhl zurück, sprang auf und hastete mit wehendem Kittel an der verdutzten Schwester Gabi, die auf dem Weg zu Mehdis Büro ihren Nachtisch auf ihrem Schreibtisch vergessen hatte, vorbei auf den Gang, wo er sich irritiert nach allen Seiten umdrehte und seiner Herzdame kopflos hinterher sprintete, die bereits mit einem Fuß über die Schwelle des Aufzugs getreten war, der natürlich ausgerechnet direkt vor seiner Nase seine Türen schließen musste, als er diesen nicht mehr rechtzeitig erreichte. Cedric ließ frustriert seinen Kopf gegen die geschlossene Stahltür prallen. Als er den Schmerz registrierte, zog er seinen Schädel zurück, blickte auf die Fahrstuhlanzeige, die eine aufsteigende Nummerierung aufzeigte, und wandte sich hektisch um. Sein Blick traf auf das grüne Fluchtwegschild am Eingang der chirurgischen Station. Er wusste, was zu tun war. Er rannte los und riss mit Schwung die schwere Glastür auf, die ins Treppenhaus führte. Dr. Meier konnte gerade noch so zur Seite springen, als er wie ein Verrückter an ihm vorbeihechtete. Kopfschüttelnd blickte er seinem verhassten Konkurrenten hinterher, wie dieser gleich zwei Stufen auf einmal nehmend nach oben hetzte.

Marc: Der ist doch definitiv komplett durchgeknallt! Also noch so ein Ding und ich schmeiß ihn raus. Den kann man doch nicht auf echte Patienten loslassen. Da wird auch Franz mir zustimmen. Wäre doch gelacht, wenn ich den nicht endlich loswerde.

Das Piepen seines Handys lenkte den Grübler jedoch schnell von seinen finsteren Plänen ab. Marc grinste, als er die kleine Nachricht las, die er in seinem Postfach vorgefunden hatte. Er steckte sein Mobiltelefon wieder in seine Kitteltasche, rückte seine weiße Hose zurecht, die plötzlich etwas eng geworden war, und drehte sich auf der Schwelle des Treppenhauses wieder um, um nun ebenfalls im selben Tempo in die oberen Etagen hinterherzuhetzen.


https://www.youtube.com/watch?v=iMa1MlWxMe8

Lorelei Offline

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20.05.2015 16:43
#1528 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Keine zwei Minuten später kam der Mittdreißiger vor einer der blau gestrichenen Türen im sechsten Stock des Elisabethkrankenhauses zum Stehen. Völlig außer Atem von dem ungeplanten Treppenlauf, den er in seiner verzweifelten Ausweglosigkeit über drei Etagen hinweg hatte absolvieren müssen, blickte er nun auf das kleine Namensschild an der Wand, strich, während er noch einmal kräftig Sauerstoff in seine Lungen nachpumpte, mit dem Zeigefinger einmal gedankenvoll darüber und riss im nächsten Moment, ohne noch einmal darüber nachzudenken, mit Schwung die dazugehörige Tür auf, welche, wie er es erwartet hatte, nachdem er endgültig begriffen hatte, was sich eben in einem Bruchteil von Sekunden im Stationszimmer der Chirurgie abgespielt hatte, nicht verschlossen war. Mitten im Raum, in welchen er wie ein wild umher trampelnder Elefant hineingepoltert gekommen war, blieb der außer Rand und Band geratene Mediziner schließlich stehen, während hinter ihm die blaue Tür geräuschvoll wieder ins Schloss einrastete. Als er aufschaute und seine durcheinander geratene Frisur sowie seinen leicht derangiert aussehenden Arztkittel gerade rückte, erblickte er dieses Mal aber keine verschwommene Fata Morgana vor sich, die sein verräterisches, vor Sehnsucht fast zerfließendes Herz erzeugt hatte, um ihn noch zusätzlich zu ärgern. Nein, jetzt war das Bild ganz klar und voller Pixel.

Hinter dem Schreibtisch, auf welchem sich die aus einer dreiwöchigen Zwangspause resultierende Post stapelte, stand SIE tatsächlich. Sie war real. Und umwerfend schön und sexy und sich ihrer Selbst sehr sicher wie eh und je. Natürlich war er ihr sofort wieder mit Haut und Haar verfallen. Dazu genügte ein einzelner Blick. Sie hatte eine Aura an sich, die ihn sofort und unwiederbringlich um den Verstand brachte. Und dieser war bekanntlich bereits schwer angeschlagen, was kaum noch zu verbergen war. Er hatte ihm in den vergangenen Tagen schon in den unmöglichsten Situationen gemeine Streiche gespielt. Dass er gestern mitten im OP Dr. Haase unbedacht mit Maria angesprochen hatte, weil er wie selbstverständlich davon ausgegangen war, dass sie neben ihm stand, war einer davon gewesen, den die reizende Kollegin jedoch wohlwissendlich kommentarlos unter eben jenen OP-Tisch gekehrt hatte, um ihm wenigstens die nächste Peinlichkeit zu ersparen. Spätestens in dem Moment war dem stolzen Neurochirurgen klar geworden, dass er ein liebeskranker Trottel war. Nur noch ein Abklatsch seiner selbst. Und das alles nur, weil SIE ihm fehlte. Er könnte sich mittlerweile selbst dafür ohrfeigen, dass er sie schon einmal hatte ziehen lassen. Dieser schwere Fehler würde ihm nicht zweimal passieren. Und kaum hatte er sich wieder gefangen und seine Gedanken sortiert, war sie plötzlich tatsächlich wieder da und raubte ihm mit ihrer raumfüllenden Präsenz jede Fähigkeit zum klaren Denken, Handeln, einfach alles. Er war geblendet von ihr und war sich mittlerweile nicht mehr ganz so sicher, ob er nicht doch schon wieder nur von ihr fantasierte.

Die täuschend echte Neurochirurgin, die Cedrics gestochen scharfe blaue Augen erblickten und nicht mehr losließen, hatte gerade ihren anthrazitfarbenen Blazer über die Stuhllehne gehängt und hielt sich mit beiden Händen noch an eben jenem gemütlichen Chefsessel fest, nachdem der erste Sturmangriff eher unspektakulär überwunden worden war. Sie blickte ganz ruhig auf den verstörten Eindringling, der, ohne vorher anzuklopfen oder überhaupt irgendetwas zu erklären, einfach so ihr Büro gekapert hatte und es nun mit seiner ganzen eindrucksvollen Aura ausfüllte, als gehörte er genau hierher an jenen Ort. Dabei war Dr. Stier doch alles andere als für diesen Chefsessel prädestiniert, sondern eigentlich immer noch in der Probezeit, die man jederzeit für beendet erklären könnte. Es wäre eine Leichtigkeit für sie gewesen, den Professor davon zu überzeugen, dass dieser arrogante Egomane, der ihr seit Monaten unverschämt nachstellte und ihr die Fälle abspenstig machte, nicht hierher in ihr Reich passte. Es gab eine Zeit, da hätte sie das auch, ohne mit der Wimper zu zucken, getan, um ihn endgültig und für immer loszuwerden. Dieser Gedanke hatte auch jetzt noch durchaus etwas Erleichterndes an sich. Ihr Leben, das schon kompliziert genug war, wäre so viel einfacher. Ohne Ihn! Wie sich das Leben ohne ihn wohl anfühlen würde? Sie hatte diese Gedankenspiele, die sie in den vergangenen Wochen so oft durchgespielt hatte, so satt. Ein weiterer Nachteil, wenn man, gewollt oder ungewollt, in Kur geschickt wurde, war, dass man dort sehr viel Zeit zum Nachdenken bekam. Und sie hatte viel nachgedacht. Abends, wenn Sarah im Bett neben ihr selig schlummerte und nur noch die Stimme in ihrem Kopf zu hören war, welche, wenn sie erst einmal zur Ruhe gekommen war, sich erschreckend klar und deutlich ausdrückte. Die aktuelle Sachlage, in die sie, ohne es zu wollen, hineingeraten war, ließ nun mal nur wenige Optionen zu. Sie hatte sich verändert. Gravierend. Für alle! Sie standen an einem Wendepunkt. Ohne jegliche Sicherheiten.

Deshalb war Dr. Hassmann auch keineswegs überrascht über Cedrics plötzliche, so omnipräsente Anwesenheit in ihrem ach so heiligen Reich. Wenn man ihre Position, an ihren Arbeitsthron gelehnt, richtig deutete, schien sie ihren verstummten Kollegen, dessen Brustkorb sich unter seinem weißen Arztkittel deutlich hob und senkte, bereits erwartet zu haben. Vielleicht hatte sie es auch genau auf diese Reaktion abgezielt, als sie ihn vorhin im Schwesternzimmer angestachelt hatte? Wer konnte diese unnahbare, eigensinnige Frau schon genau durchschauen? Cedric würde sich liebend gerne auf Platz eins der Siegerliste setzen lassen, wenn er es denn tatsächlich zu bewerkstelligen wüsste. Er kannte die Frau, die selbstbewusst mit ausdrucksloser Miene vor ihm stand, zwar in und auswendig, schließlich waren sie schon einmal miteinander verheiratet gewesen und hatten ihre Kämpfe ausgetragen, und doch war sie für ihn immer wieder auch ein Mysterium. Rätselhafter und spannender als die legendäre Suche nach dem ominösen Bernsteinzimmer, das wohl nie gefunden werden würde. Hoffentlich war das kein schlechtes Omen, dachte er nur geistesabwesend und nahm im gleichen Moment das kaum merkliche Aufblitzen ihrer dunkel funkelnden Augen wahr, die starr und unbeeindruckt auf ihn gerichtet waren. Angriffslustig, abwartend, abwägend. Ihr Kopf siegte immer noch über ihr Herz. Das sah er ihr sofort an und es hätte ihn auch gewundert, wenn es nicht so wäre. Seine Mary war und blieb ein Kopfmensch. Und dennoch lag auch der zarte Hauch von einem erwartungsvollen Lächeln auf ihren dunkelrot geschminkten Lippen, die sie gerade unbewusst mit ihrer Zungenspitze benetzte. Er sah sie an. Fixierte sie mit seinen immer dunkler schimmernden Pupillen. Sie beobachtete ihn. Schmiedete ein unsichtbares Band zwischen ihren wechselseitigen Blicken. Keiner ließ den anderen auch nur eine Sekunde aus den Augen. Sie schienen jede noch so kleine Regung des anderen zu registrieren und interpretieren zu wollen. Sie belauerten sich. Der Tiger und die Gazelle. Jäger und Beute. Und man konnte nicht genau sagen, wer welche der beiden Rollen eingenommen hatte. Sie waren sich ebenbürtig. Eine Tatsache, die immer schon einen gewissen Reiz auf das einstige Paar ausgeübt hatte.

Die Luft flimmerte. Trotz der Kühle dieses verregneten Märztages. Die Spannung, die plötzlich über dem kleinen, unscheinbaren Büroraum im sechsten Stock des EKH hing, als Cedric Maria intensiv mit seinen Blicken studierte und schließlich doch als reale, äußerst reizvolle Persönlichkeit identifizierte, war schon fast körperlich greifbar. Ebenso der Aufruhr, der spürbar jede einzelne Pore seines angespannten Körpers erfasst hatte, sodass es den gefühlsgetriebenen Arzt einiges an Überwindung kostete, noch die Kontenance zu wahren, welche eine Begegnung mit dieser einzigartigen Frau aber nun mal stets mit sich brachte, wenn man sich nicht komplett verlieren wollte. Doch auch wenn man es ihr nicht direkt ansah, Maria ging es ähnlich. Innerlich tobte ein Vulkan, doch äußerlich verharrte sie ruhig und mit Bedacht auf ihrem sicheren Beobachtungsposten hinter ihrem Schreibtisch, an dem sie Halt gesucht hatte. Hinter ihr wurde der immer heftiger werdende Regen gegen die Fensterscheiben gepresst. In der Ferne blitzte es. Sturm kam auf. Doch das alles war fern der Welt, in der sie beide gerade weilten und sich gegenseitig belauerten. Wer würde den ersten Schritt wagen? Wer abwarten und weiter hadern? Dem Spiel noch mehr Zunder geben? Obwohl, war noch mehr überhaupt möglich nach dem erbitterten Hin und Her der letzten Monate? Oder sprengte das nun endgültig alle Gesetze des Universums, das sich doch eigentlich auf die Stirn geschrieben hatte, die zwei Sturköpfe, ob sie wollten oder nicht, endlich zusammenzubringen?

Dr. Stier verschränkte seine muskulösen Arme vor seinem Oberkörper. Sein Kittel spannte sichtlich. In jener Schutzpose verharrte auch er an der Stelle, an welcher er nach der unüberlegten Eroberung von Marias Büroräumen stehen geblieben war. Seine Mimik spiegelte sich in ihrem Gesicht, war betont undurchsichtig ebenso wie die ihre, kaschierte gekonnt das wahre Gefühlsdurcheinander, welches sie beide unbewusst miteinander teilten. Es war mucksmäuschenstill in dem kühl und pragmatisch eingerichteten Sprechzimmer. Nur das leise Rauschen des Windes in den Birken gegenüber des Elisabethkrankenhauses und das Prasseln des Regens gegen die Fensterscheiben waren zu hören. Und ein Stockwerk über ihnen eine Tür, die scheppernd ins Schloss fiel, sowie das laute, kichernde Aufkreischen einer weiblichen Person kurz darauf, die jedoch schnell wieder verstummte. Ansonsten herrschte gerade erholsame Mittagsruhe auf sämtlichen Stationen der Berliner Klinik wie auch hier in der neurologischen Abteilung. Doch in ihren sich gegenüberstehenden Körpern herrschte alles andere als geruhsame Entspannung. Im Gegenteil. Das Prickeln, welches sich bis in ihre Fingerspitzen ausbreitete, wurde immer stärker. Die Funken zwischen ihren Blicken sprühten nur so hin und her wie das unkontrollierte Flackern der Blitze in der Ferne über dem See, sodass es fast einem Wunder gleichkam, dass das gesamte Stockwerk nicht sofort in lodernden Flammen aufging und komplett bis auf seine Grundmauern niederbrannte.

Unverändert standen sie sich gegenüber. Sekundenlang. Die Sekunden wurden gefühlt zu quälendlangen Minuten, in denen das gegenseitige Schweigen immer unerträglicher wurde, sodass es fast schon körperlich schmerzte. Eine innere Unruhe baute sich auf. Sie gärte. Bis es schließlich einem der beiden Protagonisten zu bunt wurde. Er hatte schon genug zurückgesteckt in letzter Zeit, in welcher er immer und immer wieder angezogen worden war, wie die sprichwörtliche Motte vom Licht, und sich dann immer wieder seine talentierten Chirurgenfinger verbrannt hatte. Selbst als eigentlich längst alles klar zwischen ihnen gewesen war, weil das Schicksal die Kontrolle über sie beide übernommen hatte, hatte sie ihm eine Auszeit aufgedrängt, die für ihn, der sich längst sicher war, beinahe kaum auszuhalten gewesen war. Er war in den vergangenen Tagen, in denen Maria mit ihrer gemeinsamen Tochter fern von Berlin geweilt hatte, um sich endlich die Ruhe zu gönnen, die ihr völlig ausgelaugter Körper, der die Warnsignale nicht mehr länger hätte verbergen können, dringend benötigt hatte, nur noch ein Schatten seiner Selbst gewesen. Er war rastlos umhergetigert. Er hatte kaum geschlafen und das nicht nur, weil seine Jüngste seit jeher einen eher unruhigen Schlaf hatte, weil auch ihr jemand Entscheidendes fehlte. Er hatte sich sogar einen Dreitagebart wachsen lassen. Er hatte sämtliche Einladungen verliebter Lernschwestern charmant abgewehrt. Er hatte nicht einmal Spaß daran gehabt, auf Dr. Kaan herumzuhacken oder gegen den Meier zu sticheln. Er hatte routiniert wie immer seine Pflichten im OP und auf Station erfüllt und war doch mit seinen Gedanken unterschwellig immer ganz woanders gewesen. Er hatte während dieser Zeit der auferzwungenen Trennung endgültig begriffen, was ihm bislang zu einem wirklich glücklichen und erfüllten Leben gefehlt hatte. Er wollte wissen, ob es ihr genauso ging. Ob sie endlich wusste, was sie wollte. Ob sie diesen unhaltbaren Schwebezustand zwischen ihnen beenden wollte. Ob sie „ja“ zu ihrer, um es milde auszudrücken, etwas komplizierten Familienkonstellation sagen würde, die überraschend in nur wenigen Monaten um ein weiteres Mitglied größer werden würde. Er war schon ganz kribbelig deswegen. Er wollte endlich klären, was noch zwischen ihnen lag. Und das war mit Sicherheit nicht der Schreibtisch aus Buchenholz, der sie noch körperlich voneinander trennte. Cedric Stier räusperte sich also merklich. Er löste die vor seinem Körper verschränkten Arme, stemmte seine Hände in seine Hüften und beendete schließlich die Stille, welche in Marias Büro seit sechs Minuten herrschte und ihnen beiden, wenn auch nicht offensichtlich, schwer aufs Gemüt drückte.

Cedric: Du... bist hier!
Maria (gibt sich völlig unbeeindruckt, auch wenn ihre Mundwinkel kurz verdächtig zucken): Fantastische Auffassungsgabe, Herr Doktor. Dafür hast du aber ziemlich lange gebraucht. Bist du in deinen Diagnosen auch immer so... schlagfertig?
Cedric (ist immer noch so baff, dass er kaum reagieren kann): Was machst du hier?
Maria (genießt seine Sprachlosigkeit sehr u. fasst diese als weiteren Triumph auf, den ihr geschundenes Herz benötigt hat): Das ist ein Krankenhaus. Ich stehe an meinem Arbeitsplatz. Ich bin Oberärztin. Also, was werde ich hier wohl zu tun gedenken, hmm?
Cedric (merkt noch nicht sofort, auf welches Spiel die wortwitzige Ärztin aus ist): Wieso?
Maria (steht kurz davor, laut aufzulachen): Wieso? Was ist das denn für eine sinnarme Frage? Ist das nicht offensichtlich? Damit hier auf MEINER Station nicht alles in Chaos ausartet.
Cedric (klappt die Kinnlade herunter u. mustert sie argwöhnisch): Du bist zurück, weil du denkst, wir kämen hier ohne dich nicht zurecht?
Maria (funkelt ihn herausfordernd an): Du weißt ja, ich richte mich immer nach Tatsachen. Außerdem haben am Freitag meine Studenten ihre Prüfungen.
Cedric (ein wissendes Grinsen schleicht sich auf seine Mundwinkel, als er langsam kapiert, was sich hier gerade abspielt): Ach komm! Deine Assistenten sind vielleicht auf dein Wohlwollen, aber ansonsten auf ihr eigenes Geschick und Wissen angewiesen. Es ist meinetwegen, oder? Ich hab dir gefehlt! Gib’s zu! Du hast es nicht mehr länger ausgehalten da oben. Ohne mich!
Maria (verkneift sich ein spöttisches Lachen u. macht eine abwertende Handbewegung): Ich glaube, dein Ego bräuchte auch mal eine Auszeit.
Cedric (lacht): Weil deins für zwei reicht?
Maria (kommt nicht umhin, in sein ansteckendes Lachen miteinzusteigen): Das behauptest du jetzt aber.
Cedric (der süße Klang ihres so selten vernehmbaren Lachens ist wie Musik in seinen Ohren u. beflügelt ihn regelrecht, ohne es zu merken): Warum hast du nicht Bescheid gegeben, dass ihr eher zurückkommt? Ich hätte euch doch abgeholt. Wir... wir hätten alle zusammen noch eine schöne Zeit auf Usedom verbringen können. Spaß haben.
Maria (ein Teil von ihr ist durchaus gerührt von diesem Vorschlag, der andere wehrt sich noch vehement dagegen): Und MEINE Station wäre tatsächlich im Chaos versunken.
Cedric (der verträumte Blick weicht einem eher entnervten): Jetzt lass doch mal deine Station deine Station sein! Wir haben hier genug fähige Mitarbeiter, die du zum Teil ausgebildet hast.
Maria (zickt zurück): Fähig reicht aber nicht immer.
Cedric (funkelt sie an u. versucht, ruhig zu bleiben): Kann es sein, dass du es darauf anlegst, dass wir wieder streiten? Hat das denn nie ein Ende?
Maria (kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen): Streiten wir?
Cedric (stöhnt genervt auf u. lässt den Kopf kurzzeitig hängen): Das ist immer Interpretationssache.
Maria (spöttisch): Eben!
Cedric (wieder obenauf): So wie das hier, Maria? Darauf hast du es doch auch angelegt, oder?

Cedrics Füße bewegten sich schon fast automatisch auf ihren Schreibtisch zu, den er im nächsten Augenblick flink umrundete. Seine plötzliche Offensive kam viel zu überraschend für Marias Geschmack. Die Überrumpelte, die keine Ahnung hatte, was ihr hartnäckiger Verehrer jetzt vorhatte, wich diesem schnell aus und argwöhnte. Doch diesmal täuschte sie sich mit ihrer Vorverurteilung. Er hatte es nicht auf sie abgesehen. Zumindest noch nicht, schmunzelte der verschlagene Neurologe, als er im Augenwinkel die verhaltene Reaktion der sonst so taffen und souveränen Oberärztin registrierte. Er ließ sie einstweilen links liegen und zog stattdessen die oberste Schreibtischschublade auf. Er holte ein Smartphone heraus und legte dieses präsentabel auf die Arbeitsplatte. Maria blieb auf Sicherheitsabstand hinter ihrem Sessel stehen, der ihr als willkommenes Bollwerk diente. Mit hochgezogener Augenbraue blickte sie recht überrascht auf ihr Handy. Cedric lehnte sich derweil, seines Triumphes bewusst, lässig an die Schreibtischkante und studierte aufmerksam die Reaktion seiner Herzangebeteten. Doch Maria Hassmann blieb wie immer cool. Das sture Biest schien doch auf alles eine passende Antwort zu haben. Sie lehnte sich mit ihren Armen über die Sessellehne, schob den Stuhl mit ihrem Körpergewicht etwas nach vorne, dann beugte sie sich verführerisch an diesem und dem Angeber vorbei, der kurz irritiert Luft aufschnaubte, weil der Sauerstoff plötzlich recht knapp geworden war. Sie ignorierte seine betörende Aftershavenote, welche ihre Nasenflügel und so manch andere Körperregion stimulierte, und schnappte sich schnell ihr Mobiltelefon. Dann wich sie hastig wieder zurück und fuhr mitsamt dem Ledersessel zurück zur Fensterbank, auf welcher sie anschließend Platz nahm. Sie schlug ihre langen, schlanken Beine sexy übereinander, war sich deren Wirkung auf ihn durchaus bewusst und wischte dann betont geschäftig auf dem Display ihres Handys herum, auf welchem sich in den vergangenen Tagen so einige Nachrichten angesammelt hatten, die sie jedoch momentan nicht wirklich interessierten. Dabei gab sie sich vor Cedric, dessen Blicke wie erwartet an ihren sexy positionierten Beinen klebten, immer noch betont überrascht.

Maria: Ach, da war es! Ich hatte es schon vermisst. Hab ich wohl vergessen, weil neulich alles so schnell gehen musste. Hmm, wieso hat Haase eigentlich so oft angerufen?
Cedric (verschränkt seine Arme vor seinem Körper u. blickt ihr wissend in ihr verschlagenes Gesicht, das sie ihm nun, da sie das Telefon neben sich gelegt hat, entgegen reckt): Ach, komm schon! Ich weiß, dass du es mit Absicht hier liegen gelassen hast.
Maria (weicht seinem intensiven Kontrollblick nicht aus u. genießt das Spiel): Warum sollte ich?
Cedric (merkt, was sie vorhat, u. spielt amüsiert mit): Damit mir jegliche Möglichkeit verwehrt bleibt, dich zu erreichen, vielleicht?
Maria (beißt sich auf die Unterlippe, um ein verräterisches Grinsen zu unterdrücken): Ich kann mich dunkel an eine Abmachung erinnern, ja. Aber auch im Handyzeitalter gibt es immer noch das Festnetz. Die Nummer der Kurklinik wäre schnell herauszufinden gewesen. Und Mehdi hätte sie dir sicherlich auch gerne gegeben, wenn du ihn danach gefragt hättest.
Cedric (funkelt sie an): Sicher! Als ob du dich nicht mit ihm abgesprochen hättest.
Maria (genießt den Funken Eifersucht, der sich in seinen blauen Augen widerspiegelt): Hab ich nicht.
Cedric (glaubt ihr kein Wort, weil er weiß, dass sie ihn nur noch mehr provozieren will): Klar! Und selbst wenn, als ob du mit mir hättest reden wollen.
Maria (zwinkert ihm geheimnisvoll zu): Wer weiß?
Cedric (lächelt nur): Ach, auf einmal doch? Aber hey, ich hab dich durchschaut.
Maria (lehnt sich verführerisch gegen den Chefsessel, der vor ihr steht): Hast du? Jetzt wird es aber interessant.
Cedric (wird immer kribbeliger, je länger sie sich so distanziert u. überlegen gibt): Du wolltest in Ruhe gelassen werden. Das hab ich akzeptiert. Vor allem nach deinem Zusammenbruch und der Not-OP und der Überraschung, die dabei die Untersuchungen hervorgebracht haben. Ich habe dich... euch in Ruhe gelassen. Kein Druck. Keine Forderungen. Du siehst, ich bin lernfähig.
Maria (schließt bedächtig ihre Augen u. öffnet sie ganz langsam wieder, um ihn nun unter ihren langen getuschten Wimpern noch intensiver in Augenschein zu nehmen): Wirklich?
Cedric: Und... ich hatte ja immer noch die hier.

Cedric lächelte, als er in seine linke Kitteltasche griff und ein Bündel bunter Postkarten hervorholte und ihr zeigte. Maria kam nicht umhin, zu lächeln, als sie diese erkannte. Der verliebte Mann genoss diese sehr ehrliche Reaktion sehr, zeigte sie ihm doch so viel. Nämlich das, was Sarahs Mutter wirklich hinter ihrer taffen Fassade verborgen hielt.

Cedric: So viel zum Thema ‚strikte Kontaktsperre’. Du konntest auch nicht ohne mich.
Maria (schnauft verächtlich auf u. wirft den Spielball zurück): Ach? Was heißt hier ‚auch’? Außerdem hat Sarah dir geschrieben, nicht ich.
Cedric (blickt sie mit einem wissenden Lächeln an): Als ob du nicht gewusst hättest, was sie da macht. Ich wusste gar nicht, dass sie schon so der Schriftsprache mächtig ist. Sie ist erst sechs und schreibt richtig witzig darüber, was ihr den liebenlangen Tag gemacht habt.
Maria (gibt sich unbeeindruckt u. cool, was sie jedoch, was ihre süße Tochter betrifft, längst nicht ist): Dann musst du wohl noch viel über deine Tochter lernen, Cedric. Sie ist weiter, als du denkst. Sie schreibt schon, seit sie fünfeinhalb Jahre alt ist, weil sie nicht mehr länger abwarten konnte, es zu lernen. Und sie liebt es nun mal, sich mitzuteilen. Leider.
Cedric (sichtlich beeindruckt u. stolz): Ach? Das muss sie von mir haben.
Maria (registriert aufmerksam seine Reaktion u. macht sich so ihre eigenen Gedanken): Haha! Und was die albernen Karten betrifft, die sie dir unbedingt schicken wollte, das ist lediglich das Ergebnis einer übereifrigen Erzieherin, die unbedingt ständig basteln, fotografieren und sich kreativ verausgaben musste. Verhinderte Kunststudentin oder so. Du weißt ja, wie leicht Sarah zu begeistern ist. Sollte ich ihr das verwehren? Ich war froh, dass sie da oben gut beschäftigt war. So konnte ich mich mehr auf die nicht vorhandenen Kurschatten konzentrieren. Weißt du, der größte Nachteil an dem Kurhotel war, dass es voller hysterischer Frauen und ihrer unerzogenen Rotzgören war. Also noch mal mache ich so was nicht mit. Danach braucht doch jeder erst recht eine Therapie. Ein Wunder, dass sich mein Magengeschwür nicht noch mal gemeldet hat.
Cedric (hält Sarahs Postkarten wie Spielkarten zwischen seinen Fingern u. schaut immer wieder mit einem verträumten Lächeln darauf): Hast du die Adresse der Betreuerin? Ich sollte ihr Blumen schicken. Dafür, dass sie so eine positiven Einfluss auf euch... auf Motte hat.
Maria (verschränkt amüsiert ihre Arme vor ihrer Brust): Du willst anderen Frauen Blumen schicken? Soso!
Cedric (riskiert einen etwas ausgiebigeren Blick auf ihr äußerst vorteilhaftes Dekolletee): Du kannst ja bekanntlich mit solch einem Gestrüpp nichts anfangen. Deshalb hast du ja auch keine Pflanzen hier in deinem Büro.
Maria (funkelt ihn an): Da hat jemand aber aufgepasst.
Cedric (erwidert ihren feurigen Blick): Ich weiß eben, was du magst und vor allem nicht magst.
Maria (bleibt an seinen immer dunkler schimmernden Augen kleben, die sie zu verschlingen drohen): Ach?
Cedric (riskiert eine weitere Intensivierung ihres kleinen heißen Flirts): Du siehst übrigens fantastisch aus.
Maria (hat sehr wohl registriert, wohin seine unverschämten Blicke immer wieder wandern): Schleimer!
Cedric (stellt sich grinsend der Herausforderung u. prescht nach vorn): Das hat mir gefehlt.
Maria (lehnt sich völlig unbeeindruckt mit beiden Händen gegen die Fensterbank hinter sich): Was? Dass ich dir sage, was ich von dir halte? Was ist daran denn bitteschön neu?
Cedric (seine Augen werden immer dunkler, je länger er Maria u. ihre mehr als eindeutigen Reaktionen beobachtet): Unter anderem. Bei dir angefangen. Dein Auftritt eben war...
Maria (funkelt ihn herausfordernd an): Ja?
Cedric (benetzt seine trockenen Lippen u. lässt sie mit seinen begehrlichen Blicken nicht mehr los): Heiß! Glaub nicht, ich wüsste nicht, was du mit diesem Spiel bezweckst, Mary.
Maria (gibt sich betont undurchsichtig u. hat ihren Spaß daran): Ich bezwecke etwas? Das wäre mir aber neu. Und was für ein Spiel meinst du, Rick?

Nach dieser weiteren provozierenden Aussage seitens seiner widerspenstigen Exfrau hielt Dr. Cedric Stier nichts mehr an seinem Platz. Ein Mann musste schließlich tun, was ein Mann tun musste. Mit Schwung stieß er sich vom Schreibtisch ab und kam tigergleich auf die sexy, unnahbare Diva am Fenster zu, die ihm geschickt auszuweichen verstand und nun auf der anderen Seite des Schreibtisches vor den Patientensesseln verharrte. Natürlich folgte er ihr grinsend auf dem Fuße. Er hatte schließlich Witterung aufgenommen und würde sich nicht mehr davon abbringen lassen, sie weiter zu jagen. Egal, was passieren würde, Cedric würde ihr immer hinterher hecheln, selbst wenn es ihn den letzten Rest seiner Männlichkeit kosten würde. Er wollte sie und er würde sie haben! Das war ein Naturgesetz. Das Objekt seiner stetig steigenden Begierde versuchte noch, sich ihm zu entwinden und wieder auf die andere Seite des Schreibtisches zu flüchten, aber da hatte er es bereits am Handgelenk gepackt und mit einem kräftigen Ruck an sich gezogen. Überrumpelt von seinem übergriffigen Frontalangriff stützte sich Maria mit ihrer freien Hand an seinem gestählten Oberkörper ab, der merklich angespannt unter seinem Kittel war, wie sie mit sichtlichem Vergnügen ertasten konnte. Die Funken, die zwischen ihren sich belauernden Augen hin und her sprangen, sprühten förmlich über. Die heiße Atemluft des anderen, die stoßweise aus ihren Lungen herausgepresst wurde, prickelte auf ihrer Haut. Und es würde nur noch Sekunden dauern, bis sich die Spannung endgültig entladen würde. Noch einmal zog Cedric forsch an ihrer Hand, hielt sie vor seinem bebenden Brustkorb fest umschlungen und blickte ihr dabei tief und unmissverständlich in die Augen. Seine schöne Gefangene versuchte noch, sich zur Wehr zu setzen. Aber es glich lediglich einem letzten Aufbäumen ihrer kopfgelenkten, inneren Widerstandstruppen. Jetzt, wo Maria Cedric da hatte, wo sie ihn haben wollte, konnte auch sie nicht anders, als seinen fesselnden Blick mit unverhohlener Leidenschaft zu erwidern. Anhand seiner auffallend brüchigen Stimme, die er nun noch einmal erhob, konnte sie nämlich ablesen, dass auch er schwächer wurde. Das spielte ihr natürlich in die Karten. Das war auch ihm bewusst. Und es war ihm egal. Denn er wusste, dass sie wusste, was in ihm vorging. Und umgekehrt.

Cedric: Für mich ist es kein Spiel.
Maria (kann es nicht lassen, auch in seinen Armen liegend, ihn erneut zu provozieren): Okay? Dann... beenden wir das Ganze eben.
Cedric: Du...

Die unterschwellige Botschaft, die in ihren dahin gehauchten Worten mitschwang, war das letzte, was sein geübter Verstand noch mitbekam, bevor er in den Ruhemodus versetzt wurde, weil andere Regionen seines Körpers die Kontrolle über ihn und die unberechenbare Frau in seinen Armen übernommen hatten. Cedric schnappte sich auch noch die andere Hand von Maria, presste sie zusammen gegen seinen heftig bebenden Oberkörper und war seiner widerspenstigen Herzdame plötzlich so nah, wie schon lange nicht mehr. Diese erschütternde Tatsache beflügelte ihn regelrecht. Er konnte nicht mehr länger widerstehen und drückte Maria forsch seine rauen Lippen auf, bevor sie erneut zur Gegenwehr ansetzen konnte. Und sie spielte tatsächlich mit dieser Möglichkeit. Die taffe Karrierefrau wollte sich dieser unverschämten Dreistigkeit noch entziehen und sich aus seiner Umklammerung winden, aber der Funke war längst übergesprungen. Auch ihr Handeln wurde plötzlich von einer anderen Macht gesteuert. Wild und ungezügelt erwiderte sie seinen ungestümen Kuss, umschlängelte ihn, biss ihm in die Unterlippe, zog daran, frohlockte ihn. Cedric grinste nur jovial. Er genoss diese Befriedigung sehr und drängte die Wildkatze gegen die Tischkante und beugte sich schließlich über sie, um sie nun gänzlich mit seinen gierigen Küssen zu verschlingen, wonach ihm schon lange der Sinn gestanden hatte. Längst waren die obersten Knöpfe ihrer mokkafarbenen Bluse aufgesprungen. Er benetzte ihren verführerischen Hals, knabberte an ihrer pulsierenden Halsschlagader entlang, befriedigte seine ungestillten Fantasien, bis er sein Gesicht in ihrem nun halb offen gelegten, bebenden Dekolletee vergrub. Von aufbäumender Lust getrieben entwich ihrer Kehle immer wieder ein befreiendes Stöhnen. Sie gab sich ihm hin, dachte nicht mehr nach, schaltete ihren Kopf endgültig ab. Für weiteren Widerstand war schließlich auch später noch Zeit. Sie wollte ihn und sie würde ihn haben! Mit diesem Ziel hatte Maria ihn schließlich auch hierher gelockt. Der durchtriebene Mistkerl hatte ihr länger standgehalten, als sie vorhergeahnt hatte. Das hatte sie ungemein gereizt. Der Reiz des Verbotenen war ja schon immer einer der Antriebsmotoren ihres sonderbaren Beziehungsgeflechts gewesen.

Maria genoss Cedrics unberechenbare Leidenschaft. Sie verhehlte ihre Zufriedenheit nicht, kostete seine urmännliche Nähe aus, ließ den Macho erst mal machen, bevor sie selbst mit ihren Waffen zurückschlagen würde. Sie lag mit dem Rücken bereits halb auf ihrem Schreibtisch. Die noch ungeöffneten Briefe waren heruntergeweht. Sie hielt ihre Beine angewinkelt hinter seinem Rücken verschränkt. Ihr eng anliegender Businessrock war den Erdanziehungskräften entsprechend immer weiter nach oben gerutscht, dadurch dass Cedric sich drängend zwischen ihre Beine geschoben und Halt an ihrer Hüfte gesucht hatte. Gierig strich seine eine Hand ihre halterlosen schwarzen Nylonstrümpfe empor, während die andere interessiert ihre durch die Schwangerschaft üppig veränderte Oberweite untersuchte. Er konnte einfach nicht von diesem faszinierenden Wesen lassen. Gleichzeitig versuchten Marias flinke Chirurginnenhände, den gutaussehenden Mediziner aus seinem lästigen Kittel zu schälen, der sich widerspenstig in seiner Armbeuge verhakt hatte. Sie musste ihn berühren, wollte ihn endlich spüren. Tief, animalisch, schnell. Seine Erregung drückte verheißungsvoll gegen ihren Oberschenkel. Maria musste ihren Hunger stillen, der ihr schon auf Usedom so manche qualvolle Nacht eingebracht hatte. Für sie gab es deshalb kein Halten mehr. Die liebeshungrige Oberärztin ließ Kittel Kittel sein und widmete ihre Aufmerksamkeit nun ganz seiner weißen Arzthose, deren Knopf und Reißverschluss sie geschickt öffnete. Auch Dr. Stier konnte nun nicht mehr länger an sich halten und packte grob zu. Die explosionsgeladene Leidenschaft bahnte sich immer weiter ihren ungestümen Weg, was schließlich dazu führte, dass Dr. Hassmanns wohl sortierte Ablage samt Inhalt und Schreibtischlampe scheppernd in einem unübersichtlichen Durcheinander auf dem Fußboden ihres Büros landeten.


https://www.youtube.com/watch?v=RF0HhrwIwp0

Lorelei Offline

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31.05.2015 12:49
#1529 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Diese Erschütterung wurde auch ein Stockwerk über dem mittlerweile sehr miteinander beschäftigt wirkenden Neurochirurgenpaar vernommen, auch wenn sie hier noch weich abgefedert wurde durch die behagliche Kissenliegewiese, auf der man es sich zwischen alten, mit aus der Mode geratenen Arztkitteln und anderer Klinikwäsche behängten Wäscheleinen seit ungefähr einer halben Stunde gemütlich gemacht hatte. Ruckartig schoss Gretchens zerwuschelter Lockenkopf nach oben und prallte schmerzhaft mit dem Meierschen Dickschädel zusammen, der vor der unkontrollierten Haasschen Impulsivität und wegen anderer vor ihm befindlicher, reizvoller Ablenkungen nicht mehr rechtzeitig hatte reagieren können. Vom gellenden Schmerz seines bereits angeschlagenen Frontallappens wie gelähmt ließ der zu allem bereite Oberarzt abrupt von seiner ungestümen Partnerin ab, fasste sich schnaubend an die malträtierte Stirn, tastete diese vorsichtig fachmännisch ab und rappelte sich gleichzeitig mühsam wieder aus seiner unbequemen Lage auf. Zum Glück war seine verheilte Platzwunde nicht wiederaufgeplatzt, stellte Marc beruhigt fest. Nichtsdestoweniger war er sauer. Sehr sauer sogar. Man fiel schließlich nicht jeden Tag ohne Vorwarnung und doppeltem Boden von Wolke sieben herunter, auf welcher man sich eigentlich recht wohl gefühlt hatte. Zumindest bis jetzt. Aber nicht nur er war ins Straucheln geraten. Gretchen, die den mittlerweile wutrot angelaufenen Mann wie ein bedröppelter Tollpatsch ansah, hielt sich ebenfalls den touchierten Schädel und war stöhnend auf die bunte weiche Kissenlandschaft zurückgefallen, welche den Boden des Dachzimmers, ihrem neuen Geheimversteck, zierte, während sie nun einen Meierschen Wortschwall der Sonderklasse über sich ergehen lassen musste.

Marc: Boah Haasenzahn, echt, bist du Panne? Irgendwann killst du mich noch mit deiner Unvorhersehbarkeit. Ist das dein heimtückischer Plan? Na, dann, Gratulation, ist dir prima gelungen!
Gretchen (vom schlechten Gewissen überhaupt keine Spur platzt es aufgeregt aus ihr heraus): Ich hab was gehört! Was war das?
Marc (schaut sie an, als wäre sie ein Alien aus einer anderen Galaxie): Ich hab auch was gehört, Haasenzahn. So ein leichtes bis mittelschweres nerviges Klingeln, das sich durch meinen gesamten Gehörgang zieht und sich nun in die Hirnrinde frisst. Boah, verdammt! Du hast mich fast ausgeknockt. An und für sich war das ja mein Plan, als ich hierhergekommen bin, aber definitiv nicht auf diese Weise.

Matt und erschöpft ließ sich der gepeinigte Mann wieder neben seine Tollpatschqueen in die orange-roten Kissen fallen. Er hatte die Augen geschlossen und hielt nun auch mit der anderen Hand seinen dröhnenden Schädel und wartete entnervt ab, dass die gelben Sternchen endlich aufhörten, so dämlich zu leuchten wie die blinkende Straßenbeleuchtung auf der Hamburger Reeperbahn. Von den nervenden Straßentrommlern mal abgesehen, die auf seinen Kopf einhämmerten wie auf ihre schlecht eingestimmten Percussion-Instrumente. Gretchen, die plötzlich doch von einem furchtbar schlechten Gewissen angestupst worden war, robbte zu ihrem grummelnden Meckerkönig heran, schob ihre linke Hand unter sein hellblaues Hemd, welches sie ihm erst vor wenigen Minuten gefühlvoll aufgeknöpft hatte, und begann sanft über seine nackte Brust zu kraulen, während sie ihr Gesicht zärtlich gegen seinen Hals schmiegte, um ihn von seinem unnötigen Groll wieder abzubringen. Auch wenn ihre langen, lockigen Haare, welche er vorhin erst verspielt von diversen Blumenmotivspangen befreit hatte, um seine Hände tief darin vergraben zu können, ihn furchtbar kitzelten, konnte sich Marc mit jeder ihrer zarten Berührungen ein zufriedenes Schnurren nicht verkneifen. Haasenzahn war aber auch echt eine Marke. Ohne Worte! Obwohl, was hieß hier eigentlich ‚ohne Worte’? Sein Mädchen war schließlich dafür bekannt, seine süße Quasselschnute niemals zu halten. Auch jetzt nicht. In der Stunde seiner größten Pein. Wobei, was das betraf, da hatte der gewiefte Chirurg vielleicht ein wenig überspielt reagiert. Jetzt, wo er so gemütlich da lag und von Gretchen liebevoll bearbeitet wurde, waren die Kopfschmerzen gar nicht mehr so schlimm. Eigentlich waren diese schon längst wieder verblasst. Dank dieser göttlichen Chirurginnenfingerchen, die genau die richtigen Knöpfe bei ihm drückten. Und er würde einen Teufel tun und das zugeben. Er war verletzt worden. Also musste Haasenzahn das auch wiedergutmachen. Ihr schlechtes Gewissen war dabei schon einmal ein guter Anfang.

Gretchen: Es tut mir leid, Marc. Ich war nur so furchtbar erschrocken.
Marc (schiebt seine Hände von seinen Augen u. grinst das Lockenmeer amüsiert an, das sein halbes Gesicht verdeckt): Das hat mir beim Vorspiel auch noch keine gesagt.
Gretchen (aus dem anfänglichen zärtlichen Kraulen wird ein handfester Fausthieb): Ey! Sag mal, kann es sein, dass du ein bisschen übertrieben hast?
Marc (reibt sich stöhnend über seine schmerzende Rippe u. spielt das Unschuldslamm): Und sie tut es schon wieder! Irgendwann wird die Krankenkasse Fragen stellen, Haasenzahn, wegen der hohen Behandlungskosten.
Gretchen (schmollt vor sich hin, weil er sie mal wieder aufzieht): Marc!
Marc (lacht so locker und gelöst, dass es ansteckend wirkt): Spaß! Na, komm schon her! Es wäre einfach nicht dasselbe, wenn ich nicht täglich meine wohl verdiente Haue von dir abbekommen würde.

Mit einer einladenden Armbewegung und einem verschmitzten Grinsen zum Dahinschmelzen blickte Dr. Meier dem vor sich hin schmollenden Trotzköpfchen in die himmelblauen Augen, die erst skeptisch guckten, dann aber schnell hell aufleuchteten, und schon war Gretchen ‚Rocky’ Haase wieder das verspielte Schmusekätzchen, das ihn hier vor wenigen Minuten mit einem mittäglichen Picknick in ihrem kleinen, aber feinem Versteck unter dem Dach des Elisabethkrankenhauses erwartet hatte. Verschmust kuschelte sich die blondgelockte Dame an seinen muskulösen Oberkörper, kraulte hin und wieder seinen Bauch und die malträtierte Stelle an seiner Stirn und genoss einfach nur die vertraute Zweisamkeit, welche ihr in den letzten beiden Tagen, als ihr unantastbarer Traumprinz tatsächlich ausgeknockt gewesen war, gefehlt hatte. Und in diese einvernehmliche, harmonische Stille purzelte erneut ein heftiges Poltern aus dem darunterliegenden Geschoss. Dieses Mal hatte auch der verständnislose Oberarzt die verdächtigen Geräusche vernommen und lauschte Augenbrauen hochziehend auf. Sie klangen wie ein stetes Möbelrücken, welches auch Dr. Haase, die von Natur aus etwas ängstlicher als der Rest der Welt war, zunehmend verunsicherte.

Gretchen: Siehst du, ich hab es dir doch gesagt. Hier spukt’s!
Marc (grient den Angstha(a)sen sichtlich vergnügt an): Wegen der vielen weißen Laken, die hier herumhängen und sich in die Geister verstorbener Patienten verwandeln könnten?
Gretchen (ihr wird immer mulmiger zumute): Maaarc! Sag nicht so etwas!
Marc (lacht): Haasenzahn, ich glaube, mit dir geht gerade die Fantasie ganz schön durch. Aber wenn das heißt, dass du dich noch viel, viel näher an mich heranrobben musst, hmm..., joah, dagegen hätte der Dr. Meier aber rein gar nichts auszusetzen.
Gretchen (verdreht die Augen, weil Marc sie mal wieder nicht ernst nimmt): War ja so klar.
Marc (stupst sie gespielt empört an, bevor er sie noch fester in seine Arme zieht): Hey, nicht frech werden, Fräulein!
Gretchen (sieht ihn Wimpern klimpernd an): Das sagt genau der Richtige.
Marc (zieht sie unverhohlen auf): Jep! Das will ich wohl behaupten, dass ich der Richtige für dich bin.
So ein Spinner! Und trotzdem lieb ich ihn wie verrückt.
Gretchen (lehnt sich verführerisch über ihn, streicht ihm ein paar störrische Strähnen aus dem Gesicht u. schaut ihm anschließend intensiv in die vor Verlangen glühenden dunkelgrünen Augen): Eingebildet sind wir wohl gar nicht, was?
Marc (lässt seine Hände elegant über ihren knackigen Po streichen): Wie man’s nimmt! Aber ich bild mir schon etwas darauf ein, dass du heute die Initiative ergreifst und oben liegen willst. Ist gebongt! Ich bin ja auch noch ziemlich angeschlagen und bedarf intensivster Pflege. Ich glaube, jetzt verstehe ich auch endlich, warum du mich ständig haust. Damit du mich anschließend ordentlich betüddeln kannst. Jetzt hab ich deinen fiesen Plan endgültig durchschaut, Haasenzahn.
Gretchen (empört sich u. boxt ihn erneut in die Brust): Boah Marc! Das ist... Du machst die ganze schöne Stimmung kaputt. Wir wollten doch romantisch picknicken.
Marc (guckt kurz auf das leckere Mittagsmenü, das Gretchen aufgetischt hat u. dann frech zu der beleidigten Trotzkönigin, die er noch viel, viel leckerer findet als sein Lieblingssandwich aus der angrenzenden Cafeteria): Du hast mir geschrieben, O-Ton, ob ich nicht endlich naschen kommen will. Diese Botschaft ist unmissverständlich, Haasenzahn. Und da sagt ihr Frauen immer, wir würden euch nicht verstehen. Ha! Und ob ich dich vernaschen will! Jetzt und auf der Stelle! Komm her!

Noch ehe die empörte Assistenzärztin etwas Gegenteiliges auf dieses dreiste Missverständnis erwidern und den Macho in seine Schranken verweisen konnte, ließ Dr. Meier seinen pappfrechen Worten überzeugende Taten folgen und stürzte sich wild knutschend auf seine leckere Süßspeise, die er jederzeit und überall jedem anderen Menüvorschlag vorziehen würde. Sein Hunger, der nach zwei Tagen Abstinenz wirklich riesengroß war, wurde schließlich auf ganz andere Art und Weise gestillt. Das wusste insgeheim auch Gretchen, die zwar eine tatsächliche Nahrungsaufnahme durchaus auf ihrem Menüplan aufzuweisen hatte, schließlich hatte sie jetzt für drei zu essen, aber an einem vorgezogenen Dessert auch nichts auszusetzen hatte. Denn dieses wies sogar weniger Kalorien auf und es setzte dabei eine noch viel, viel höhere Endorphindosis frei. Genau die richtige Glücksmedizin, die auch den beiden Wundersternen unter ihrem Herzen zugute kommen würde. Also ließ sich Gretchen kichernd widerstandslos auf Marcs hartnäckiges Drängen ein. Man merkte schnell, dass auch sie sehr großen Appetit hatte. Ihre weichen Hände strichen gefühlvoll über Marcs nackte Brust, stützten sich ab, während ihre Lippen mit seinen intensiv verschmolzen. Marcs Hände wiederum schoben fordernd Gretchens Arztkittel und ihre darunter befindliche Blümchenbluse von ihrer rechten Schulter, damit auch er endlich ihre erhitzte Haut ertasten konnte. Jede Berührung machte ihn nur noch rastloser. Er wollte sie so sehr. Alles, jede noch so kleine Faser seines Körpers verzehrte sich nach ihr. Und so wie sie sich gerade an ihn schmiegte, ihn ungestüm mit ihren Armen und Beinen umschlang, ging es ihr auch nicht anders. Marcs Kopf hatte sich längst abgeschaltet, während der von Gretchen immer noch jede noch so kleine Sinneswahrnehmung zu deuten versuchte. So auch die Geräusche aus dem Stockwerk unter ihnen, die noch nicht verklungen waren und immer seltsamere Züge annahmen. Während Marcs Mund sich von ihrem löste, um gierig weiter südlichere Gefilde anzusteuern, die ihn mit ihren verlockenden Reizen geködert hatten, suchte das verunsicherte Plappermäulchen noch einmal das Wort. Dabei bewies es natürlich wie immer das perfekte Haase-Timing.

Gretchen: Marc, vielleicht sollten wir nachschauen, was da los ist?
Marc (nuschelt in ihr verlockendes Dekolletee hinein, das er gerade genüsslich mit unzähligen Küssen benetzt): Ich konzentriere mich lieber auf das, was hier los ist und da ist gerade eine Menge los. Der Wahnsinn!
Gretchen (versucht, sich vergeblich von dem Verführungskünstler los zu winden): Marc, bitte, das... Oh Gott, was machst... du... denn... da? ... (stöhnt unkontrolliert auf u. kann sich nur noch schwer konzentrieren) ... Das... hört sich nicht gut an. Was ist, wenn jemand verletzt ist?
Marc (hebt dann doch entnervt seinen Kopf u. guckt zu ihr hoch): Haasenzahn, was siehst du hier eigentlich?
Gretchen (blickt ihn an wie ein Postauto): Wie meinst du das?
Marc (deutet auf seinen nur noch spärlich bekleideten Oberkörper): Ich hab keinen Kittel an. Den hast du mir vorhin vom Körper gerissen. Das heißt, Dr. Meier ist momentan out of order. Sollen sich doch andere darum kümmern, was sich gerade in den Räumlichkeiten deiner sehr geschätzten Kollegin Hassmann abspielt. Hmm... könnte vielleicht sogar ganz witzig sein. Hähä! Aber ich hab momentan ganz anderes im Sinn. ... Nämlich dich!
Gretchen (deutet sein vergnügtes Augenbrauenwackeln richtig u. macht große Augen): Oh! Du meinst...?
Diese Frau ist echt unglaublich. Wie kann man sich um hunderttausend andere Dinge gleichzeitig kümmern, wenn man das hier haben könnte? Ich glaube, es wird Zeit für eine Meiersche Lehrstunde. Damit sie auch mal nur sich im Fokus behält und ganz bei mir ist.
Marc (hat genug diskutiert u. stürzt sich wieder voller Inbrunst auf seinen blonden Leckerbissen, der überrumpelt aufkreischt): Scheiß drauf, Haasenzahn! Denen ist eh nicht zu helfen. Ich will...
Gretchen (lässt sich von seinen wilden Küssen widerstandslos mitreißen): Ich... auch. Maaarc!
Marc (genießt den Klang seines Namens, der verheißungsvoll aus ihrem Mund entweicht, u. grinst in den Kuss hinein): Endlich verstehen wir uns! Hat ja echt lange gedauert. Mhm, du schmeckst nach Kirschjoghurt.
Gretchen (löst sich kurz von seinen aufregenden Lippen u. wird frech): Ich dachte, den magst du nicht.
Marc (streift weiterhin hauchzart über ihre süß schmeckenden Lippen): Es kommt auf die Art an, wie man ihn serviert.
Gretchen (drückt ihren Mund mädchenhaft kichernd noch einmal intensiver auf den ihres Liebsten): Ach? So besser?
Marc (dreht sich mit ihr einmal um die Achse, sodass er nun über ihr liegt u. sie besser anschauen u. küssen kann): Mhm! Mehr!

Gretchen (folgt schmunzelnd seiner charmanten Aufforderung, kuschelt sich in die Kissen hinein, streckt ihren Arm aus u. streicht ihm liebevoll die wilden Strähnen aus dem Gesicht): Meine Pause ist eigentlich schon längst vorbei, Marc. Wenn ich gewusst hätte, dass wir... Ich meine, ich sollte...
Marc (blickt ihr grinsend in die hell aufleuchtenden Augen u. lässt sie nicht zu Wort kommen): Ja, du solltest dich unbedingt noch weiter intensiv um deinen Lieblingspatienten kümmern. Das find ich wohl.
Gretchen (erwidert sein spitzbübisches Grinsen u. legt auch die andere Hand an seine Wange): Was ist passiert, dass sich der Herr Oberarzt freiwillig und ohne Widerworte als Patient in meine Hände begibt? Das sind ja ganz neue Töne.
Marc (guckt sie gespielt unschuldig an): Weiß nicht.
Gretchen (spielt das Spiel vergnügt mit): Was denn, der allwissende Dr. Meier weiß einmal nicht auf alles gleich eine passende schlaue Antwort? Das ist gut!
Marc (horcht empört auf): Was?
Gretchen (kichert sichtlich vergnügt): Nichts!
Marc (packt ihre Hände u. drückt sie in die Kissen, dann beugt er sich bedrohlich über den Frechdachs, der ihn unverschämterweise veräppeln will): So nicht, mein Fräulein! Ich gebe dir gleich dein Nichts. Soll das etwa heißen, ich habe die potentielle Erlaubnis für diverse Übersprungshandlungen in nächster Zeit?
Gretchen (der vergnügte Ausdruck in ihrem Gesicht weicht einem ernsteren): Marc, es würde mich wundern, wenn du’s nicht tun würdest. Es ist okay. Du darfst durchdrehen. Was uns passiert, das ist verrückt. Verrückt, aber so schön.
Zwei wunderhübsche Babys mit Marc! Hach... Könnte ich noch glücklicher sein?
Marc (löst seine Hände von ihren Handgelenken u. konzentriert sich nun ganz auf Gretchens Bauch, der unter ihrer aufgeknöpften Bluse hervorblitzt, robbt etwas zurück u. legt seine Wange darauf): Okay, dann... nehme ich dich beim Wort. Die Zwei können schließlich noch nichts dazu beitragen. Oder merkst du schon etwas?
Gretchen (ihr stockt der Atem vor lauter Rührung u. sie muss sich stark beherrschen, nicht gleich wieder in Tränen auszubrechen): Marc, das ist doch noch viel zu früh.
Marc (lauscht Gretchens ruhigem Atem u. merkt, wie er selber auch wieder ruhiger wird): Wie kommt’s eigentlich, dass du noch nicht ausgeflippt bist? Du bist doch sonst prädestiniert dafür. Aber stattdessen bist du so... ich weiß nicht... ruhig. Erschreckend ruhig sogar. Eigentlich ungewöhnlich für einen echten Haasen.
Gretchen (stupst ihn in die Seite, dann genießt sie wieder Marcs gefühlvolle Streicheleinheiten u. horcht in sich hinein): Blödmann! Ich weiß eigentlich gar nicht so richtig, wie ich es beschreiben soll. Es ist... überwältigend. Ich fühl mich toll. Unbesiegbar. Stark. So voll von Energie. Eigentlich müsste in meinem Kopf ein riesiges Durcheinander herrschen. Aber ich sehe alles ganz klar. Ich hab keine Ahnung, was passieren wird und wie es sein wird, ja, aber alles, was ich weiß, ist, dass da ganz viel Liebe ist. Und Liebe schafft Vertrauen. In dich. In mich. Dass wir alles schaffen werden.
Marc (lächelt leicht verträumt, auch wenn er immer noch mit sich selbst hadert): Hört sich schön an. Bei mir ist... Ich weiß nicht. Vertauschte Rollen vielleicht. Keine Ahnung. Da herrscht schon Chaos hier drin, aber nicht so schlimm, wie ich gedacht habe. In Anbetracht der Tatsache, dass wir uns das alles völlig anders vorgestellt haben, als wir uns vor ein paar Wochen dazu entschlossen haben, ist das schon erstaunlich. Ich dachte, wir fangen erst einmal mit einem an und sehen dann, wenn es gut läuft, ob wir uns noch ein zweites basteln. Und jetzt gibt es gleich ein Full House, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.
Gretchen (erwidert sein ehrliches Lächeln u. freut sich, dass er so offen mit ihr darüber reden kann): Nur damit du es weißt, du bist nicht allein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich bestimmt auch noch irgendwann durchdrehen und dich unendlich damit nerven werde. Das ist so sicher wie die Tatsache, dass ich kugelrund werden werde. Stell dich also schon einmal darauf ein, mich und meinen Tatendrang auszubremsen. Aber momentan fühlt sich einfach alles richtig an. Als wäre plötzlich alles so, wie es schon immer hätte sein sollen.
Marc (schaut ungläubig zu ihr hoch): Du hast die Zwillinge vorausgesehen?

Gretchen (grinst): Nein, quatsch, natürlich nicht. Dann hätte es mich wohl auch schon längst umgehauen. So wie dich.
Marc (empört sich gleich wieder wild gestikulierend): Ey, das hatte rein gar nichts damit zu tun, ja! Ich bin Arzt. Ich kann mit den medizinischen Fakten umgehen. Nicht so wie die Waschlappen, mit denen es Mehdi immer zu tun hat, die nicht mal einen Tropfen Blut und Schlabberschleimzeug angucken können, ohne den sterilen Krankenhausboden zu verunreinigen.
Gretchen (glaubt ihm natürlich jedes Wort u. grient ihn an): Klar! Aber was ich damit eigentlich sagen will, ist, dass ich glaube, dass das alles nicht ohne Grund passiert.
Marc (verdreht die Augen): Weil der da oben einen echt schrägen Humor besitzt?
Gretchen (dreht den Spieß gleich mal um): Damit passt er sich nur den Gegebenheiten an, mein lieber Marc.
Marc (zieht eine beleidigte Schnute): Haha! Denselben Clown gefrühstückt wie Mehdi? Dann geh doch das nächste Mal mit ihm essen! Aber pass auf, dass er dir nicht alles wegfuttert!
Gretchen (dreht sich mit Marc auf die Seite, sodass sie sich nun besser in die Augen blicken können): Marc, ich meine damit, dass das etwas über uns aussagt. Über das, was uns verbindet. Eigentlich immer schon, seit wir uns kennen, ob jetzt bewusst oder, wie die meiste Zeit, unbewusst. Über unser Glück und wie wir damit umgehen. Egal, wer oder was da oben ist, es hält uns bereit dafür. Weil es eben so sein soll. Wir haben uns ein Leben lang immer alles furchtbar schwergemacht. Dabei hätte es immer so einfach sein können. Das weißt du und das weiß ich. Umso schöner ist es doch jetzt, dass es einfach so passiert ist. Das ist doch erst das wahre Wunder.
Marc (das ist zu viel Gretchen-Logik für den scharfen Meierschen Logikverstand): Gretchen,...
Gretchen (legt ihren Zeigefinger an seinen Mund): Nein, warte! Lass mich bitte ausreden! Das will ich noch sagen. Keiner verlangt von dir, dass du sofort damit klarkommst und voll bei der Sache bist. Es ist okay für mich, wenn du dich auch mal zurückziehen möchtest. Das ist schließlich ein ziemlicher Hammer. Wir stehen vor weit reichenden Veränderungen, die unser ganzes Leben bis weit in Zukunft bestimmen werden. Alles nimmt von jetzt an eine ganz andere Richtung ein. Ich kann verstehen, dass du dich damit schwer tust. Das ist ein ganz natürlicher Prozess. Aber wenn du darüber reden möchtest, was in dir vorgeht, was dich bedrückt, vor was du Angst hast, dann bin ich immer für dich da.
Marc (die bedrückende Rührseligkeit, die plötzlich eingetreten ist, wird ihm zu viel u. er lenkt schnell geschickt ab): Du meinst hier? Mit Ausblick auf das Großpanorama?
Da ist er wieder, mein Marc, der auch immer ein kleiner Junge bleiben wird.
Gretchen (verdreht die Augen, als sie seine ungenierten Blicke auf ihre Brüste bemerkt): Wenn dir das hilft? War ja irgendwie klar, dass dir das am meisten Spaß machen wird. Aber wehe, dir rutscht irgendwann ein gemeiner Spruch raus, weil ich jetzt wirklich dick werden werde! Dann passiert was, aber so richtig!
Marc (zwinkert ihr frech zu): Joah, da stimme ich dir voll und ganz zu.
Gretchen (zeigt, dass auch in ihr der Hang zum Sarkasmus steckt): Dass ich das mal aus dem Mund von Marc Meier hören würde. Wahnsinn! Dafür musste ich erst schwanger werden.
Marc (schiebt seine Hand unter sein Kinn, stützt sich mit dem Ellenbogen auf einem der Kissen ab u. guckt Gretchen Augenbrauen wackelnd an): Es sagt einem ja auch keiner vorher, was passiert, wenn’s passiert. Aber es ist spannend.
Ist es seltsam, wenn man sich immer wieder vorsagen muss, dass sie tatsächlich deine Kinder bekommt? Kinder! Im Plural! Das ist doch der Wahnsinn.
Gretchen (lächelt ihren Traumprinzen verliebt an u. kuschelt sich zurück in seine starken beschützenden Arme): Ja, das ist es!
Marc (blickt ihr bewegt in die Augen, weil dann doch die Emotionen mit ihm durchgehen): Weißt du, dich so zu sehen, das...
Gretchen (schaut ihn gespannt aus ihren leuchtenden blauen Augen an): Ja?
Marc (räuspert sich verlegen u. rudert hastig zurück, weil ihm seine Gefühlsduseligkeit dann doch zu peinlich wird): Du bist... Ähm... Musst du nicht wieder zurück auf Station? Ich will mir nicht nachsagen lassen, dass ich dich von deiner Arbeit abhalte. Weißt du, du hast einen ziemlich strengen Chef. Der wird dir nichts durchgehen lassen.
Gretchen (lächelt ihn wissend an, weil sie genau verstanden hat, was er ihr unterschwellig mitteilen möchte): Du lenkst ab! Aber es ist okay. Ich gebe dir alle Freiheiten, die du brauchst.
Marc (grinst meierlike): Die nehme ich mir auch so.
Gretchen (überrumpelt von seinem festen Griff, mit dem er sie plötzlich packt u. zu sich zieht): Huch! Maaarc! Ich... ich denke, ich habe noch eine Minute. Maria hat mit Cedric ja noch etwas zu klären.

Marc hörte seiner Liebsten schon gar nicht mehr richtig zu, denn er hatte sich längst wieder in ihren himmelblauen Augen verloren, die so viel Überzeugung und Stärke ausdrückten, wie er es noch nie zuvor an ihr gesehen hatte. Oder vielleicht doch! Als sie ihm damals auf dem Schulhof mutig das Leben gerettet hatte. Dieser intensive Blick packte ihn regelrecht und er beugte sich zu Gretchen herüber und schenkte ihr spontan einen zarten, alles sagenden Kuss auf die Lippenspitzen, während sich sein rechter Arm unter ihrer Taille hindurchschlängelte, um sie noch näher an sich heranzuziehen. Er musste sie jetzt festhalten, sie spüren, ihr nah sein. Er folgte dabei einem inneren Impuls, der nicht zu bremsen war. Er konnte sich selbst nicht erklären, was gerade mit ihm los war. Marc kam zwar immer noch nicht wirklich damit klar, dass er jetzt tatsächlich Vater wurde und wusste noch nicht einzuordnen, was das jetzt zu bedeuten hatte, aber Gretchen so natürlich und glücklich zu sehen, schenkte ihm unendlich viel Kraft, sich mit ihr in dieses unglaubliche und so unvorhersehbare Abenteuer zu stürzen, das alles, was ihm bislang wichtig war, für immer verändern würde. Seine Sicht von den Dingen bekam plötzlich eine ganz neue Zeichnung. Und Gretchen war der Fixpunkt, der alles erklärte. Sie war etwas Besonderes und das wurde ihm in diesem Moment einmal mehr bewusst. Er hatte alles richtig gemacht, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlte und er sich unheimlich albern vorkam. Gerade auch, weil Gretchen immer alles bis zur Schmerzgrenze durchanalysieren musste, was in diesem speziellen Fall natürlich auch unabdingbar war. Sie würden schließlich die Eltern sein. Sie allein würden die Verantwortung tragen. Eine Verantwortung, die umfassender und größer war als alles, was er bislang gekannt hatte. Umso mehr schätzte er jetzt, dass sie sich zurückhielt und ihm den Raum gab, den er brauchte, um das alles zu verarbeiten. Das Chaos in seinem Kopf war schließlich riesengroß und das nicht nur, weil er ständig eins auf die Rübe bekam. Bei seinen Patientenfällen war alles immer ganz logisch, egal wie kompliziert sie waren. Es konnte immer nur eine klare Lösung geben, wenn er ihnen helfen wollte. Meist kam er recht schnell auf die richtige Diagnose. Darin war er ein Perfektionist. Er war der Beste. Lag nie falsch. Und das war jetzt nicht Ausdruck seines riesigen Egos, nein, Dr. Meier war einfach gut in dem, was er tat. Aber in diesem speziellen Fall schien ihm alles irgendwie total unlogisch. Die verschiedensten Bilder und Vorstellungen schwirrten durch seinen Kopf. Keins der Puzzlestücke konnte er richtig zusammenlegen und das machte ihn wahnsinnig. Nur eins wusste der verwirrte Oberarzt dennoch. Er wusste, dass er mit dieser besonderen Frau an seiner Seite alles meistern würde. Weil sich mit ihr irgendwie alles ultraleicht anfühlte. Wenn er sich doch nur auch so leicht fallen lassen könnte wie sie. Er würde sein Bestes versuchen. Denn der Beste zu sein, war schließlich schon immer Marcs Ansporn gewesen.


https://www.youtube.com/watch?v=pqkLSrh7JGE

Lorelei Offline

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13.06.2015 14:12
#1530 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Ultraleicht beschrieb auch wunderbar den Zustand, in welchem andere Mitarbeiter des beliebten Berliner Elisabethkrankenhauses gerade schwebten, wenn auch auf einer ganz anderen Stufe dieses allumfassenden Schwebezustandes, den man am liebsten ewig beibehalten würde. Während im Dachgeschoss noch eine Minute länger die Liebe die eigentlichen Pflichten ihres sehr geschätzten Arztberufes dominierte und nach der Mittagspause auf den anderen Stationen wieder der allgemeine Trubel einkehrte, erreichte der Sturm der Gefühle in der Neurologie im sechsten Stock nämlich gerade seinen letzten atemraubenden Höhepunkt, bevor er langsam wieder abflachte und der Sonne Raum schaffte, welche wie zufällig über dem angrenzenden See punktgenau die graue Wolkendecke beiseite schob und durch die Jalousien des Büros der leitenden Oberärztin blinzelte und die darin befindlichen Personen kurz streifte, die jedoch von dem faszinierenden Himmelsschauspiel kaum etwas mitbekamen. Zu sehr waren sie noch in dem gefangen, was gerade über sie hereingebrochen war. Die Luft flimmerte noch. Absolute Stille war eingetreten, nachdem es eben noch recht turbulent zugegangen war, wie man an dem Chaos aus zerstreuten Papieren, einzelnen Kleidungsstücken, umgefallener Schreibtischlampe und Kinderzeichnungen um den Schreibtisch herum ablesen konnte.

Dr. Stier sank erschöpft, aber glücklich in den ledernen Chefsessel vor dem Fenster zurück, nachdem er sich noch ein letztes Mal aufgebäumt und mit seiner Geliebten die Himmelsleiter erklommen hatte, und Dr. Hassmann blieb, um Sauerstoff ringend, weiterhin auf seinem Schoß sitzen und umklammerte mit ihren zittrigen Fingern die Armlehnen, um nicht doch noch ins Bodenlose zu stürzen. Ihr stolperndes Herz befand sich aber immer noch im Nachhall dieses wunderbaren Gefühls des freien Falls, während dem man alles loslassen konnte und das nur mit der rasanten Fahrt in einer Achterbahn durch unendlich viele Loopings vergleichbar war. Dieses anhaltende Bauchkribbeln konnte einen wahnsinnig machen. Gleichzeitig war es aber auch so unfassbar schön und aufregend. Belebend. Erschüttert von der Intensität der Ereignisse tanzten Marias Gedanken in ihrem Kopf dementsprechend wild umher, während sie gar nicht mitbekam, wie sie ihre erhitzte Wange immer noch gegen die von Cedric gedrückt hielt, der genießerisch die Augen geschlossen hatte. Befriedigt fuhren seine Hände filigrane Bahnen über ihren mit Gänsehaut überzogenen Rücken. Auch er war gebannt von dem Moment. Er hatte die Wildkatze eingefangen. Endlich! Und er würde sie nicht so schnell wieder loslassen. Nie wieder! Das war der einzige Gedanke, den sein gerade erst wieder in den Betriebsmodus schaltendes Hirn momentan zusammenfassen konnte, während er unbedacht die Lippen öffnete und etwas sagte...

Cedric: Wahnsinn!
Maria (versucht vergeblich ihrer Gedanken u. Gefühle wieder Herr zu werden u. blickt dementsprechend unruhig hin und her, während sie sich betont unbeeindruckt gibt): Ja, das... würde ich... unter Umständen... genauso... unterstreichen.
Cedric (genießt ihre unverhohlene Offenheit, die eigentlich ganz anders gemeint ist, u. reibt, immer noch mit geschlossenen Augen, seine stoppelige Wange gefühlvoll an ihrer): Schön, dass wir uns auch einmal einig sind, Frau Oberärztin.
Maria (gefühlsüberfordert weist sie den liebeskranken Macho in seine Schranken): Aber nicht, dass du jetzt denkst, dass das zur Gewohnheit wird.
Cedric (öffnet seine Augen u. beobachtet schmunzelnd, wie sich die Widerspenstige vergeblich von ihm loszueisen versucht, aber er hält sie weiterhin gefangen): Och, du, es wäre aber eine Überlegung Wert, meine Liebe. Hey! Jetzt warte doch mal! Was ist los? Wo willst du denn hin? Bleib doch noch! So ist es doch ganz angenehm. Hier. Wir beide. Unter uns.
Maria (lässt frustriert zu, dass er seine Arme wie ein Schraubstock um sie schließt, sodass sie nicht flüchten kann): Rick, ich... Sieh mich nicht so an!
Cedric (grinst spitzbübisch u. versucht sie zu küssen): Wie guck ich denn?
Maria (verdreht angesichts seines übermächtigen Egos die Augen u. windet sich aus dem angedeuteten Kuss): Postkoital. Grenzdebil. Such dir was aus! Jedenfalls steht es dir nicht.
Cedric (vergräbt seine Hände lachend in ihren kurzen Haaren u. zieht sie erneut fordernd zu einem spontanen prickelnden Kuss heran): So schlimm? Dann danke ich für das Kompliment.
Maria (versucht genervt, ihn abzuschütteln): Du bist echt unmöglich. Jetzt lass mich endlich! Ich... muss! Die Mittagspause ist gleich um. Riiick! Jetzt hör auf damit! Es kann jederzeit jemand hier hereinkommen. Und hier sieht es aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen.
Cedric (löst seine Lippen von ihren, um sie nun augenzwinkernd anzugrinsen): Das ist sie ja auch.

Er ist so ein selbstgefälliger, blasierter, blöder Hornochse! Was mache ich eigentlich hier? Wieso zum Teufel lasse ich mich darauf ein? Ich muss verrückt sein! Definitiv!

Maria (leiert entnervt mit den Augen): Sehr witzig! Dir ist klar, dass du das aufräumen wirst, oder?
Cedric (denkt nicht im Traum daran, sie jetzt gehen zu lassen u. fährt mit seinen rauen Lippen verführerisch ihren Hals empor, was dementsprechend seine Wirkung zeigt): Mach ich. Später! Jetzt will ich... Mhm... Es weiß doch niemand, dass du wieder da bist. Du stehst nicht vor nächster Woche wieder auf dem Plan. Du hast also keinerlei Verpflichtungen. Wir könnten da ansetzen, wo wir gerade... Mhm...
Maria (ärgert sich, dass er sie nicht ernst nimmt, auch wenn ein verräterischer Teil von ihr seine Liebkosungen durchaus genießt): Und ob ich die habe! Ich habe eine ganze Station zu leiten und ich muss in meiner Führungsposition, die ich mir hart erarbeitet habe, meinen männlichen Konkurrenten die Schranken aufzeigen. Sonst machen die hier, was sie wollen.
Cedric (hat seine Spaß daran, das störrische Weibsbild aufzuziehen, u. knabbert verheißungsvoll an Marias linkem Ohrläppchen): So wie ich? Also eigentlich hab ich hier alles im Griff. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Maria (windet sich mit all ihrer Kraft aus seiner Umarmung u. giftet ihn an): Ich habe von Führungspositionen geredet. Auf die hast du hier keinerlei Anspruch. Und auf mich erst recht nicht. Also, lass mich endlich! Es war schön... und gut.
Cedric (verfolgt frustriert, wie seine zickige Kollegin schon wieder dicht macht u. ihn auflaufen lässt): Maria, hör mal, ich...

Oh Gott, bitte nicht! Warum muss er es ausgerechnet jetzt ernst werden lassen? Es war doch gut so, wie es war. Die Seifenblase, in die man sich hineinschmiegen und über den Dingen schweben konnte.

Maria (versucht ihn überfordert abzuwehren): Rick, bitte! Das... Nicht... Nicht jetzt! Mach’s bitte nicht kaputt! Okay?
Cedric (hält kurz inne u. sieht sie an, aber da er es nicht mehr länger aushalten kann, prescht er trotz ihrer offensichtlichen Vorbehalte wild entschlossen nach vorn): Wieso nicht jetzt? Warum noch zögern? Ich weiß, du willst es nicht hören. Aber es ist nun mal so. Dagegen sind wir wohl beide machtlos. Das haben die letzten Wochen und Monate doch gezeigt. Und das eben, das... war auch ähm... eindrucksvoll. Ich will auch gar nicht in ein sentimentales, furchtbar kitschiges Liebesgeständnis übergehen, sondern...
Maria (fällt ihm schnippisch ins Wort, bevor er es noch peinlicher werden lässt): Na Gott sei Dank! Ansonsten müssten wir das, was wir eben gemacht haben, auf ein absolutes Minimum reduzieren, wenn am Ende so was dabei herauskommt.
Cedric (kann nicht anders als schelmisch zu grinsen, obwohl ihm eigentlich ganz anders zumute ist): Du bist echt einmalig, Maria Hassmann. Jede Frau auf dieser Welt würde den Inhalt ihres Schuhschranks an den Höchstbietenden verkaufen, wenn sie nur einmal diese Worte hören könnte, aber du... du...
Maria (zickt dazwischen): Komm jetzt bloß nicht auf die Idee, mich vergleichen zu wollen. Dann kannst du gleich die Tür von außen wieder zumachen.
Cedric (lacht, weil sie immer mehr aufmacht): Aber ich mag das an dir. Eben weil du anders reagierst, als man(n) es erwarten würde. Das ist zwar wahnsinnig anstrengend und hat mich schon eine Menge grauer Haare und sehr, sehr viel Schlaf gekostet, aber...
Maria (zunehmend genervt macht sie ihrem Unmut Luft, schafft es aber immer noch nicht, sich aus seinem Klammergriff zu winden, denn er hält sie entschieden fest): Boah, Rick, jetzt komm endlich auf den Punkt! Das ist ja nicht auszuhalten, was du hier veranstaltest.

Meine Worte! Aber wer will denn partout nicht zuhören, obwohl sie’s schon längst weiß?

Cedric (lässt sich nicht aus der Ruhe bringen u. hält nun mit beiden Händen ihr zerknirschtes Gesicht fest, um ihr direkt in die wild funkelnden dunklen Augen blicken zu können): Alles, was ich sagen wollte, wenn du mich einmal ausreden lassen würdest, ist, dass es schön ist, dass du wieder da bist. Du... Das hier... hat mir gefehlt. Und dass ich das hier tun darf, nach allem was war, das...
Maria (fährt ihm zynisch über den Mund): Bist du dann auch mal fertig mit deinen Rührseligkeiten? Haase hat zwar schon angedeutet, dass du etwas neben der Spur bist, aber dass es schon so schlimme Züge angenommen hat, hätte ich nicht erwartet. Also krieg dich wieder ein! Was ist denn schon passiert? Wir hatten eine Stunde lang wilden Sex in jedem Winkel von diesem verdammten Zimmer.
Cedric (eigentlich müsste er gekränkt reagieren, weil sie es so abwertet, aber er kann nicht anders, als sie weiterhin amüsiert anzuschauen): Du kannst es einfach nicht lassen, oder? Du hast schon immer ein Talent dafür gehabt, dir das schlecht zu reden, was dir eigentlich wichtig ist.
Maria (gibt für den Moment ihren Widerstand auf u. schlingt verführerisch ihre Arme um seinen Hals, nachdem auch sie ihr Lachen nicht verbergen kann): Ich bin schwanger. Mir bleibt nun mal nur Galgenhumor und...
Cedric (genießt die abrupte Zutraulichkeit sehr, weiß aber insgeheim, dass da noch was hinterher kommt, was ihn wieder unsanft von der Wolke schupsen wird): Und?
Maria (schlängelt ein letztes Mal lasziv ihren aufreizenden Körper um seinen, sodass ihm gleich ganz anders wird, dann stützt sie sich plötzlich ziemlich grob an seinem Oberkörper ab u. schiebt sich aus ihrer Sitzposition hoch): Raus aus meinem Sessel! Und wenn du dich auf den Kopf stellst, den werde ich dir niemals überlassen!
Cedric (lehnt lachend seinen Hinterkopf gegen die Lederlehne ihres sehr gemütlichen Chefsessels u. betrachtet bewundernd ihren Körper, der bereits deutliche Zeichen der Schwangerschaft aufweist): Ich weiß. Aber er fühlt sich ziemlich bequem an. Hier lässt es sich sehr gut schalten und walten. Vor allem, wenn wir beide ihn gleichzeitig benutzen. Also komm wieder her! Du willst es doch auch.

Wie werde ich den bloß wieder los? Es ist echt aussichtslos. Motte 2, ich muss dich vorwarnen, dein Vater ist die Pest! Sei stark und lass dich niemals von ihm um den Finger wickeln. Anders herum wird ein Schuh draus!

Maria (sammelt ihre Kleider vom Boden auf u. lehnt sich damit an die Schreibtischkante, um ihn ein letztes Mal amüsiert von oben herab anzuschauen): Du bist ein Träumer, Cedric Stier.
Cedric (sieht dies als Einladung an u. springt ebenfalls auf, um sie sich erneut zu schnappen): Es ist ja auch ein ziemlich aufregender Traum. Voller widersprüchlicher Facetten, die es noch zu erkunden gilt. Wie wär’s mit jetzt?
Maria (windet sich geschickt aus seinen Armen, als er einen dreisten Annäherungsversuch startet, u. zieht sich nun auf der anderen Seite des Schreibtisches schnell wieder an): Ausgeträumt! Es wird Zeit, dass wir aus unserer Seifenblase wieder in die Realität zurückkehren.
Cedric (merkt, dass das reizvolle Spiel sich seinem Ende neigt u. folgt mit einem Hauch von Melancholie ihrem Beispiel u. kleidet sich ebenfalls wieder an, wobei er sich ausdrücklich viel Zeit nimmt, um sie so wieder auf andere Gedanken zu bringen): Und wie sieht die aus, wenn man fragen darf?
Maria (rückt ihren engen Rock u. die Bluse zurecht, bis alles ordentlich wieder da sitzt, wo es hingehört, u. blickt ihn nachdrücklich an): Müssen wir das unbedingt jetzt besprechen? Du weißt doch, dass...
Cedric (hält inne u. beugt sich mit freiem Oberkörper über den leer gefegten Schreibtisch zu ihr rüber): Ja!
Maria (lässt sich entnervt in einen der Patientensessel fallen): Mann, Rick, es war gerade so...

Warum muss sie schon wieder dicht machen? Kann sie nicht einmal loslassen? Vermutlich bin ich daran schuld, dass sie so reagiert. Sie braucht Sicherheiten. Ich hab aber keine. Außer mich!

Cedric (überwindet tigergleich den Schreibtisch u. setzt sich ihr zugewandt in den anderen Sessel): Ich weiß. Aber wir können auch nicht länger die Augen verschließen vor dem, was vor uns liegt. Das Kleine, Sarah, Sissi, das ist unserer Realität und unsere Zukunft. Ich kann an nichts anderes mehr denken.
Maria (versucht die Anspannung zu reduzieren, indem sie ihn erneut hochnimmt): Zukunft, was für ein bedeutungsschwangeres Wort! Woher willst du wissen, dass ich meine Zukunft ausgerechnet mit dir plane? Vielleicht hab ich mir ja etwas ganz anderes vorgenommen? Ich hatte schließlich, wie du weißt, viel Zeit zum Nachdenken.
Cedric (lehnt sich grinsend über die Armlehne seines Sessels zu ihr rüber, bis sich ihre Nasenspitzen fast berühren): Wir haben uns eben bis zum Geht-nicht-mehr aufgeheizt und angestachelt, sind wie die Tiere übereinander hergefallen und haben im Rausch dein halbes Büro zerlegt. Also schalt mich nicht lügen, aber wie viele Beweise mehr brauchst du denn noch?
Maria (übt sich in bescheidener Zurückhaltung u. berührt für den Hauch einer Sekunde seine Nasenspitze, bevor sie sich wieder selbstbewusst zurückzieht): Wir hatten Spaß, ja, in diesem Punkt gibt es auch nichts zu diskutieren. Dahingehend haben wir uns schon immer gut verstanden.
Cedric (lehnt sich frustriert zurück, weil er ahnt, was jetzt kommt): Oje, jetzt kommt das große Aber! Ich hätte es wissen müssen. Nein, ich habe es gewusst.

Warum kann einen dieser Mann nicht ernst nehmen? Wer, wenn nicht er, müsste doch wissen, wie viele Haken dieses „Zukunftsprojekt“ hat. Ich kann nicht einfach so mein Leben und das von Sarah um hundertachtzig Grad drehen und einfach so zur Tagesordnung übergehen. Wobei ich das vielleicht hätte tun sollen, als wir noch da drüben in meinem Chefsessel saßen. So krieg ich ihn immer zum Schweigen. Der Nachteil ist nur, dass sein Ego dabei aufs Unendliche anschwillt und ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Aber ich muss nun mal einen kühlen Kopf bewahren, wenn das funktionieren soll, was schon einmal nicht funktioniert hat. Verdammt, ich drehe mich schon wieder im Kreis. Das wollte ich doch vermeiden. Hätte er nicht einfach warten können und mich ankommen lassen? Dieser verfluchte Idiot!

Maria: Klang das für dich wie ein Aber? Rick, ich hab nicht vor zu planen. Ich hab von je her mein ganzes Leben durchgetaktet, hab alles geplant, vom Studium im Schnelldurchlauf bis hin zu meinem Oberarztposten. Weitere Karrieremöglichkeiten nicht ausgeschlossen. Denn darauf werde ich garantiert nicht verzichten. Schwanger hin oder her. Zeitgleich hab ich Motte großgezogen und ihr ein geregeltes, sorgenfreies Leben geschaffen, was weiß Gott nicht einfach war. Wir sind ein eingespieltes Team, haben unsere Routinen, ohne die es nicht funktionieren würde. Ich hab sogar geplant, was sie in den nächsten drei Wochen morgens auf dem Frühstückstisch vor die Nase gestellt bekommt, um ja nicht zu viel unnötige Zeit zu vergeuden, weil dieser Vierundzwanzigstundenjob nun mal keine Pause duldet. Und was hat mir all das gebracht? All das Schuften, Strukturieren und Multitasking? Ein Magengeschwür so groß wie Brasilien! Du bist sicherlich nicht schuld daran, dass es so gekommen ist, auch wenn ich dir das gerne vorwerfe. Das ist der einfachere Weg. Und ja, ich genieße es, wenn ich dir eins reinwürgen kann. Aber das ist es nicht, worum es mir geht. Das, was ich eigentlich sagen will, ist, ich hab es nicht kommen sehen. Weil Abweichungen in meinem Lebensplan nicht vorhergesehen waren. Ich habe so weit meine Ziele gesteckt, dass ich das Eigentliche aus den Augen verloren habe. Ich musste feststellen, dass ich feststeckte. Absoluter Stillstand. Aber ich will das nicht mehr. Ich kann nicht planen, was passieren wird. Das Leben ist nicht planbar und voraussehbar wie eine OP an der offenen Schädeldecke, wo man genau weiß, dass man diesen Nervenstrang besser nicht beschädigen sollte, wenn der Patient nicht an der Schnabeltasse enden soll. Es funktioniert nicht. Ich hab einfach gemerkt, dass ich, wenn ich nicht mehr darüber nachdenke, am Besten fahre.
Cedric (hat ihr ruhig u. mit Bedacht zugehört u. lehnt sich nun mit einem mulmigen Gefühl im Bauch auf seinem Stuhl zurück): Und das heißt für uns? Dass du doch nicht bereit bist?
Maria (tut es ihm gleich u. lehnt sich mit nachdenklicher Miene zurück): Uns? Warum muss man eigentlich immer allem einen bestimmten Namen aufdrücken? Lebt es sich nicht viel befreiter, wenn man nicht gleich alles festlegt?
Cedric (will ihr widersprechen, kommt aber nicht zu Wort): Ich meine doch nur...
Maria: Und ich meine auch! Ich hab nicht ‚nein’ gesagt, Cedric. Ich weiß, was du willst und ich weiß, was ich will. Lass es uns doch einfach ganz locker angehen. Ohne Druck und Konventionen! Und ohne diese endlosen stimmungskillenden Diskussionen, was wäre, wenn. Das bringt doch nichts. Außer dass wir uns gleich wieder in die Haare kriegen. Lieber ein Schritt nach dem anderen. Nichts überstürzen. Jeder geht seinen Weg und an den Kreuzungen begegnen wir uns.

Und wenn an jeder Kreuzung die Ampel auf rot steht? Die Frau macht mich wahnsinnig! Kann sie nicht einfach sagen, ja, ich bin glücklich, ich fühle mich endlich wieder lebendig, seitdem wir uns wieder begegnet sind? Nein, kann sie nicht! Naja, zumindest hat sie nicht ‚nein’ gesagt. Ist zumindest schon einmal ein Anfang, wenn auch ein frustrierender. Diese Frau ist einfach die frustrierendste Person, die ich kenne. Aber ich wusste ja von Anfang an, dass es schwierig werden könnte. Aber man(n) wächst schließlich mit seinen Aufgaben.

Cedric (blickt nachdenklich auf): Machen wir es uns damit nicht noch komplizierter, als es eh schon ist?
Maria (lächelt, weil er es offenbar endlich verstanden hat): Was ist daran denn bitteschön kompliziert, wenn jeder sich weiterhin so gibt, wie er ist? Ich sehe da kein Problem.
Cedric (beugt sich nach vorn, um ihr bei den nächsten Worten besser in die Augen blicken zu könne): Du weißt, dass ich mit dir... mit euch zusammen sein möchte. Nicht nur sporadisch, hier oder bei dir vor der Haustür, die du mir dann wieder an die Nase knallst, sondern...
Maria (weicht aus): Rick! Ich bin vor fünf Minuten hier angekommen. Hätten wir uns nicht einfach nur nett begrüßen können, anstatt jetzt diese Diskussion zu führen? Das hat doch alles Zeit.
Cedric (bleibt trotz ihrer Zurückhaltung beharrlich): Zeit ist ein kostbares Gut. Ich will keine davon mehr unnütz vergeuden. Ich hab schon viel zu viel verpasst von eurem Leben. Ich will dir nichts vormachen, Maria. Das ist es, was ich will. Ohne Punkt und Komma! Ich will nicht nur mit euch zusammen sein, wenn es dir gerade in dein Wohlbefinden passt. Ich weiß, es ist schwer, mir wieder zu vertrauen. Ich hab so viel Scheiße gebaut, dass es für neun Leben reicht. Ich weiß, dass ich mir euer Vertrauen erst erarbeiten muss. Ich verlange auch nichts. Außer dass ich vielleicht nicht gleich wieder die Tür an die Nase geknallt bekomme, wenn ich das Falsche sage oder mich falsch verhalten habe. Und ich kann auch nicht versprechen, dass ich mich nicht wieder wie der letzte Idiot verhalten werde. Ich hab das, was passiert ist, auch nicht geplant. Für mich ist das auch eine Wahnsinnsüberraschung, dass es so gekommen ist. Noch vor einem halben Jahr hätte ich jedem den Vogel gezeigt, der behauptet hätte, dass wir jemals wieder an diesem Punkt stehen würden. Aber für mich ist es das größte Glück, das mir je zuteil geworden ist. Deshalb kann ich auch nicht damit aufhören. Ich will nicht mehr nur ständig um den heißen Brei herumreden müssen. Das tun wir schon viel zu lange. Ich will einfach nur, dass wir eine Familie sind. Punkt! Wir Vier ein Viertel.
Maria (durchaus beeindruckt blickt sie ihm direkt in die sehr überzeugenden blauen Augen): Du stellst dir das einfacher vor, als es ist, Rick.
Cedric (lächelt, weil auch sie ihn endlich versteht, u. zieht sie spontan zu sich auf den Schoß): Weil... Wenn du mal genauer überlegst, dann merkst auch du schnell, dass es eigentlich ganz einfach ist.
Maria (zieht skeptisch eine Augenbraue hoch, während sie ihre Arme locker auf seine Schultern legt): Eigentlich?
Cedric (folgt ihrem Blick augenzwinkernd u. hält ihre Taille umschlungen): Eigentlich! Das lässt so einige Möglichkeiten offen.
Maria (schüttelt schmunzelnd ihren Kopf): Du klingst ziemlich überzeugt. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob ich den Mann kenne, der hier vor mir sitzt und mich förmlich anbettelt, ihn nicht vor die Tür zu setzen.
Cedric (grinst erst, wird dann aber schnell wieder ernst): Glaub nicht, dass du die Einzige bist, die sich Gedanken gemacht hat, Mary. Ohne unsere täglichen Kämpfe blieb mir auch nicht viel anderes übrig. Hör mal! Du musst nicht alles alleine stemmen. Ich hab mir auch so einiges überlegt. Aber wir müssen das nicht jetzt bereden, wenn dir das zu schnell geht. Ich will dich weder unter Druck setzen, noch irgendwelche Fo...

Cedric wollte gerade zur weiteren Argumentation übergehen, um endlich einen Fuß in Marias Tür zu bekommen, als es hörbar an einer anderen Tür klopfte und zwar an der, die zurück in die geschäftige Realität dieses Klinkbetriebes führte, zu deren eifrigen Mitstreitern sie ebenfalls gehörten, wenn sie nicht gerade ihre gegenseitigen Kämpfe austrugen. Während der Mediziner frustriert die Schultern sinken ließ, weil er wieder einmal auf der Zielgeraden nicht zum Zug gekommen war, war seine Partnerin sichtlich erleichtert über dieses perfekt gewählte Timing. Das Gespräch mit ihrem Wie-auch-immer-Mann hatte sich rasendschnell in eine Ernsthaftigkeit gewandelt, zu der Maria eigentlich noch nicht bereit gewesen war. Zumindest noch nicht gleich. Die Kurrückkehrerin war schließlich noch gar nicht wieder richtig in Berlin angekommen. Ihre Koffer standen noch unausgepackt am Empfang der Klinik und warteten darauf, abgeholt zu werden. Sie hatte sie dort nur kurze Zeit zwischenlagern wollen, aber dann hatte sie die Aura des Elisabethkrankenhauses voll erwischt. Sie hatte sich ausleben wollen, beruflich, wie privat, aber ganz sicher nicht über ihren verwirrenden Gefühlszustand reden wollen. Das war einfach nicht ihre Art.

Sie wollte Cedric, ja, das stand außer Frage. Dafür hätte es Usedom nicht gebraucht. Aber sie wollte die Zeit und den Weg immer noch selbst bestimmen und nicht gleich Nägel mit Köpfen machen. Was dann passieren würde, war unkalkulierbar und davor hatte sie eine Heidenangst, auch wenn sie diese niemals offen zugeben würde. Schließlich war sie eine starke, taffe Frau, die stets entschlossen ihren vorbestimmten Weg ging. Obwohl, ganz so stark, wie sie geglaubt hatte, war sie dann wohl doch nicht. Nach ihrer ernsthaften Erkrankung, die wirklich schlimm hätte ausgehen können, wenn man sie nicht rechtzeitig gefunden hätte, war ihr klar geworden, dass sie es ab sofort ruhiger angehen musste. In allen Belangen. Und vor allem was diesen dreisten Kerl betraf, der sich hartnäckig in ihrer Gedankenwelt eingenistet hatte wie ein inoperabler Gehirntumor, was sie monatelang genauso hartnäckig ignoriert hatte, bis sie es fast selbst geglaubt hatte, dass da eigentlich gar nichts war zwischen ihnen beiden. Sie war zwar wirklich gerührt von Ricks Hartnäckigkeit und der Aufrichtigkeit seiner Gefühle, die sie ihm wirklich abnahm, aber alles nach seiner Zeit. Piano war immer noch besser, als sich gleich ins nächste Chaos zu stürzen. Denn sie hatte keine Ahnung, wohin ihr Weg sie letztendlich führen würde, wenn sie ihn diesmal gemeinsam beschreiten würden. Steinig war er so oder so. Und sie musste erst einmal zu sich kommen und alles in Einklang bringen, um ihn wohlbehalten beschreiten zu können. Maria Hassmann war niemand, der leichtfertig mit dem Kopf durch die nächste Wand ging, so wie er es gerne zu tun gepflegte, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Aber nichts an dem, was hier passierte und passieren würde, war selbstverständlich. Also würde sie ihn zappeln lassen. Das hatte letztendlich auch einen gewissen Bildungsauftrag. Dass Cedric Stier durchaus lernfähig war, hatte sie ja schon an seinem Verhalten in letzter Zeit gemerkt. Es hatte etwas Faszinierendes an sich, dem sie sich nicht entziehen konnte und wollte.


https://www.youtube.com/watch?v=cOLEFMh_7n0

Lorelei Offline

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19.06.2015 17:19
#1531 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Nachdem es erneut zaghaft an der Bürotür geklopft hatte, sprang Dr. Hassmann schließlich beherzt auf, schob ihren verdutzten Partner grob aus seinem Sessel hoch und bedeutete ihm energisch, sich gefälligst weiter anzuziehen. Auf einen weiteren Skandal nach ihrem Zusammenbruch auf der Hochzeitsfeier von Schwester Sabine, der Not-OP und ihrer überraschenden Schwangerschaft konnte die selbstbewusste Oberärztin nämlich gut und gerne verzichten. Rick war da zwar anderer Meinung, schließlich wollte er ja auch unbedingt noch etwas loswerden, um das Zicklein endgültig einzufangen, aber Marys Reaktion sprach Bände. Für sie war die Diskussion, die eigentlich keine war, beendet. Der nervige Alltag rief oder in diesem speziellen Fall klopfte er beharrlich an die blau gestrichene Tür. Hier würde er vorerst nicht weiterkommen. Also schnaufte er unter Marias unmissverständlichen Blicken verächtlich auf, tat aber, wie sie es ihm aufgetragen hatte und begann, sich lässig sein weißes Hemd zuzuknöpfen. Die taffe Neurochirurgin riskierte dabei noch einen schnellen, verstohlenen Blick auf seinen durchtrainierten Oberkörper, der lauter rote Striemen aufwies, die von ihren Fingernägeln und der Leidenschaft des Moments herrührten, lächelte selbstzufrieden vor sich hin und kontrollierte, als er sie amüsiert beim offensichtlichen Anstarren erwischte, noch einmal schnell ihr eigenes Outfit und ihre Frisur. Sie schlüpfte in ihren weißen Arztkittel, den sie vom Kleiderständer in der Ecke gezogen hatte, und machte sich dann unter Cedrics kopfschüttelnden Blicken schleunigst auf den Weg zur Tür und öffnete diese sofort, ohne noch einmal zu zögern.

Maria war überrascht, als sich ausgerechnet Gretchen Haase als ihre Retterin in der Not herausstellte. Verlegen lächelte die blonde Assistenzärztin ihrer Vorgesetzten entgegen und als sie mit immer größer werdenden Augen Dr. Stier im Hintergrund bemerkte, wie dieser gerade die letzten Knöpfe seines Hemdes zuknöpfte und sich anschließend anmutig in seinen weißen Arztkittel warf, wäre sie am liebsten mit hochrotem Kopf auf der Schwelle wieder umgekehrt. Sie hätte doch noch eine Minute länger warten und innig knutschend mit Marc verbringen sollen. Er hatte es ihr ja gleich gesagt. Der Kindskopf hatte sie beharrlich dazu verleiten wollen und hatte sie jedes Mal, als sie entschlossen auf den Flur hinaustreten wollte, energisch zurück in das Dachzimmer gezogen und hatte seine übergriffige Attacke mit fadenscheinigen Ausreden begründet. Tzz, als ob irgendjemand auf die unscheinbare Tür im hintersten Winkel eines dunklen Korridors fernab des mittäglichen Trubels in der angrenzenden Cafeteria geachtet hätte. Jedes Mal war da niemand gewesen. Das hatte sie ganz genau gesehen. Sie hatte sich aber jedes Mal von seinem unwiderstehlichen Charme mitreißen lassen. Marc Meier konnte aber auch so ein Schelm sein. Dass sie bald zu viert sein würden, rief ganz neue ungeahnte Energien in ihm hervor. Marc war sprunghaft, unüberlegt und er wurde richtig anhänglich, was überhaupt nicht typisch für den egomanischen Machomann war, der sein halbes Leben lang immer seine uneingeschränkte Unabhängigkeit hochgehalten hatte. Sie war doch sonst immer die Klette in ihrer Beziehung gewesen. Aber es war auch ein schönes Gefühl, ihn so zu erleben. So herzlich und voller kindischer Lebensfreude, aber auch erwachsener Ernsthaftigkeit, welche ab und an durchblitzte, wenn ihm schlagartig bewusst wurde, was da alles auf ihn zukommen würde. Gretchen war richtig ins Schmachten geraten und hätte dabei fast die Zeit vergessen, was eigentlich fatal für eine Ärztin ihres Kalibers war. Und so hatte schließlich die Vernunft doch noch gegen den unbekümmerten Oberarzt gesiegt und sie beide hatten ihre Pflichten wieder aufgenommen. Wenn auch nur widerwillig und nach einem langen ausgiebigen Abschiedskuss, der immer noch heiß auf ihren Lippen nachhallte und Sehnsucht nach mehr schürte.

Aus diesem Grund stand Dr. Haase jetzt auch hier mit puddingweichen Beinen auf der Schwelle des Büros ihrer Oberärztin, auch wenn sie stattdessen am liebsten mit dem nächsten Mäuseloch vorlieb genommen hätte, wenn sie gewusst hätte, was hier vor sich ging. Was aber nicht hieß, dass es überhaupt irgendwo hier im Hause Mäuselöcher gab, in denen man sich hätte verstecken können. Die Hygiene im Elisabethkrankenhaus war immer tiptop und in der Vergangenheit noch nie zu beanstanden gewesen. Auch wenn die eine oder andere Versuchsmaus im Labor schon einmal vergeblich versucht hatte, ihrem tragischen Schicksal, welches doch der Wissenschaft und der Zukunft der Medizin dienen sollte, noch zu entkommen. Aber darum ging es ja jetzt auch nicht. Kaum wollte sich Gretchen bei ihren ertappten Kollegen für die unangemessene Störung entschuldigen und sich wieder schleunigst verdünnisieren, da hatte Maria sie auch schon am Arm gepackt und ruppig ins Zimmer gezerrt. Die perplexe Assistenzärztin fühlte sich merklich unwohl dabei, weil sie genau gesehen hatte, dass es Dr. Stier eigentlich nicht recht war, dass sie jetzt hier war. Die Zwickmühle, in die sie gerade unbedacht hineingeraten war, war riesig. Was hatten die beiden eigentlich schon wieder für ein Problem miteinander? Verwirrt blickte sie von dem einen zur anderen und wieder zurück und suchte nach entsprechenden Antworten, die ihr jedoch verwehrt blieben.

Gretchen: Entschuldigt! Ich dachte, ...
Maria (fährt ihrer Untergebenen im gewohnten Oberarztton über den Mund): Ja, ja, ist doch schön, dass die Assistenzärzte auch mal mitdenken. Gibt Pluspunkte für die Vita, Haase.
Oh Gott, wo bin ich da bloß hineingeraten? Warum muss ich eigentlich immer zur falschen Zeit am falschen Ort sein? Das passiert mir immer wieder. Hilfe!
Gretchen (merklich irritiert von Marias sonderbarer Reaktion weicht sie einen Schritt zurück): Ähm... Ich... Ja, ich dachte, ich bringe dich schnell auf den neusten Stand mit den Patienten, bevor ich hier fertig bin und zurück in die Chirurgie muss. Ich hab dann noch eine Hauttransplantation bei einem kleinen Patienten und seinem Vater vor mir. Wir machen das gleich parallel, damit sie zusammen... Ach, ich hole schon wieder zu weit aus. Ich kann auch später noch einmal vorbeikommen, wenn ihr noch... ähm... na ja...
Maria: Nein, nein! Alles gut! ... Wir... wären dann ja auch soweit zu weiteren Gesprächen, Kollege?

...wandte sich die undurchsichtige Oberärztin hastig ihrem verdutzten Kollegen zu, der sich mit merklich angefressener Miene und verschränkten Armen zu den beiden attraktiven Ärztinnen an die Tür gesellt hatte. Mit einem Blick, der alles sagte, bedeutete er Dr. Haase, sich doch bitte für einen kurzen Moment zurückzuziehen. Sie registrierte die seltsame Stimmung, die zwischen den beiden herrschte, natürlich sofort, nickte Cedric verunsichert zu und ging mit hochrotem Kopf und dickem Kloß im Hals zum Schreibtisch hinter, auf welchem sie die mitgebrachten Patientenunterlagen ablegte, nach Dringlichkeit sortierte und sich anschließend dem Fenster zuwandte, um in der Ferne das Spiel zwischen Sonne und Wolken über dem See zu beobachten. Gretchens Lauscher blieben natürlich weiterhin gespitzt. Zu sehr interessierte sie der Stand der Dinge zwischen ihrer befreundeten Oberärztin und deren Ex oder vielleicht Nicht-mehr-Ex. Wer wusste das schon so genau? Die Zwei wohl am wenigsten. Warum konnte Maria nicht einmal zu sich stehen und auf ihr Herz hören? Stattdessen schien hier schon wieder dicke Luft zu herrschen. Dabei war die Frau erst wie lange wieder da? Keine zwei Stunden! Wie schaffte sie das bloß? Wieso musste sie es sich immer so schwer machen? Ihr sexy Auftritt vorhin schön und gut. Männer mussten schließlich ab und an an der kurzen Leine gehalten werden. Diese Bestätigung genoss jede Frau, aber irgendwann war auch mal gut mit den ständigen Provokationen. Warum musste Maria sich immer beweisen, dass sie alles im Griff hatte, dass sie die Stärkere war, fragte sich Gretchen. Auf ihrem Oberarztposten war das ja noch zu verstehen. Aber in der Liebe? Da war man doch immer schwach. Wieso konnte sie das nicht akzeptieren? Weil er sie in der Vergangenheit so tief verletzt hatte? Cedric hatte doch mittlerweile bewiesen, dass er es ehrlich mit ihr und der kleinen Sarahmaus meinte. Maria musste das doch nur zulassen. Sie konnte doch auch endlich einfach nur ihr Glück leben. Gretchen wusste, dass das Maria und ihrem angeschlagenen Gemütszustand gut tun würde. Zu lieben und wieder geliebt zu werden, war doch das schönste Gefühl auf der Welt. Man bekam so viel zurück. Aber sie wurde ja nicht danach gefragt, was sie darüber dachte. Und während sich Marias Freundin einen Kopf über deren wackeligen Beziehungsstatus machte und dabei mit großen erstaunten Augen registrierte, was hier eigentlich für ein Chaos im Büro herrschte, preschte Dr. Stier noch einmal nach vorn, schnappte sich Marias Hand und zog das störrische Weibsstück mit vor die Tür, die nur angelehnt blieb.

https://www.youtube.com/watch?v=oq0rrYrufYU

Cedric: Was soll das, Maria?
Maria (reagiert schnippisch auf sein übergriffiges Verhalten): Im Volksmund sagt man arbeiten dazu. Aber dass du dich damit nicht sonderlich auskennst, ist ja allgemein bekannt.
Cedric (für einen kurzen Moment verwirrt): Aber... wir waren hier noch nicht fertig.
Maria (blickt sich nach allen Seiten um, ob sie auch ja keine Zuschauer haben, u. nimmt augenzwinkernd einen Flüsterton an): Doch mit der einen Sache schon. Kein Aber! Es ist alles gesagt und getan. Du kannst Schluss machen. Ich übernehme deine Fälle. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie man diesen furchtbaren Laden hier vermisst, wenn man mit Hunderten von hysterischen Frauen drei Wochen lang eingesperrt ist und Yoga- und Finde-deine-innere-Mitte-Übungen machen muss. Ich will endlich wieder operieren. Liegt was an? Ach, Haase wird mich schon darüber unterrichten. Was ist? Bist du hier festgewachsen? Nun geh endlich, bevor es noch peinlich wird!
Cedric (schaut sie an, als hätte er sich verhört, u. rührt sich keinen Zentimeter vom Fleck): Bitte, was? Du schmeißt mich raus?
Maria (ergötzt sich an seinem verdutzten Anblick): Och du, soweit wollte ich eigentlich nicht gehen, aber wenn du’s von dir selbst vorschlägst. Deine Probezeit läuft ja eh in den nächsten Tagen aus, nicht?
Cedric (hat seine Fassung wieder gefunden u. bohrt seine Zeigefinger nun bedrohlich gegen ihr linkes Schulterblatt, sodass sie zwischen der Bürotür an den Holzrahmen gedrängt wird): Maria, ich warne dich! Treib’s nicht zu bunt mit mir!
Maria (lacht u. kann sich eine kleine spitze Anmerkung nicht verkneifen): Ich dachte, das magst du ganz besonders an unserem speziellen ähm... Arrangement, Herr Doktor.
Cedric (spürt plötzlich anhand des verräterischen Ausdrucks ihrer dunkel schimmernden Augen, dass sich der Wind überraschend gedreht hat u. bleibt dicht vor ihr stehen, wodurch sie sich fast schon berühren): Du genießt das richtig, mich ständig auflaufen zu lassen, oder? Von wegen du hast keinen Plan! Das kannst du deinem Therapeuten erzählen.
Maria (benetzt ihre Lippen u. schaut ihn intensiv an): An irgendetwas muss ich mich doch festhalten, wenn du mich schon nicht in Ruhe lassen kannst.
Cedric (seine Blicken kleben förmlich an ihren roten sinnlichen Lippen, die er noch Minuten danach auf seinem Mund brennen spürt): Um das zu erreichen, hätte es nur eine Antwort bedurft.
Maria (lehnt sich ihm verheißungsvoll entgegen): Auf welche Frage?
Cedric (stemmt sich mit einer Hand über ihrem Kopf an den Türrahmen u. ist ihr dadurch ganz nah): Als ob du das nicht wüsstest. Da gäbe es mehrere, aber ich will dich ja auch nicht überfordern.
Maria (blitzt ihn an u. deutet auf ihre Körpermitte): Um mich zu überfordern, bedarf es viel, viel mehr. Warum muss das eigentlich jeder denken, nur weil ich in diesem Zustand bin?
Cedric (linst grinsend zu ihrem Bauch herunter, der sich leicht unter ihrer mokkafarbenen Bluse u. dem offenen Kittel wölbt): Okay, eine konkrete hätte ich dann doch. Wenn du hier dann fertig bist mit deiner Therapie gegen den Kurkoller oder was auch immer deine Hormone dir gerade einzureden versuchen, zu mir oder zu dir?
Maria (kann sich ein spöttisches Grinsen nicht verkneifen, als sie sich mit ihrem Hinterkopf gegen den Türrahmen lehnt): Du bist so ein Klischeeschwein, Cedric Stier!
Cedric (zwinkert ihr herausfordernd zu): Man(n) tut, was man(n) kann.
Maria (streift mit Bedacht einmal mit ihren ausgestreckten Fingern über seinen angespannten Oberkörper u. kommt seinem Grinsemund gleichzeitig verdächtig nahe): Ach, ehrlich? Damit kann Frau doch arbeiten!
Cedric (wackelt schmunzelnd mit den Augenbrauen): Nicht nur damit!
Maria (zieht ihr Gesicht einen halben Millimeter zurück): Boah, du bist so ein widerlicher Mistkerl!
Cedric (packt sie an der Taille u. zieht sie mit Schwung zu sich heran): Und trotzdem kannst du deine Finger nicht von mir lassen.
Maria (legt beide Hände an seinen Brustkorb, tätschelt ihn kurz u. schiebt ihn dann abrupt weg): Das denkst auch nur du! Das vorhin war vielleicht doch zu krass für dich. Ist registriert. Ich werde mich in Zukunft zurückhalten
Cedric (lacht beherzt auf): Untersteh dich! Also, was ist jetzt? Zu mir oder zu dir? Eine einfache Frage, eine einfache Antwort.
Maria (lehnt sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen): Weder noch!

Cedric (reagiert gereizt): Mann, Maria, du kannst verlangen, dass ich drei Wochen die Füße stillhalte, okay, das hab ich verdient, aber nicht, dass ich so weitermache wie bisher, wenn ich weiß, wo du steckst und was du machst. Spiel nicht mit mir! Ich hab da keinen Bock mehr drauf.
Maria (genießt seine Reaktion u. kann sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen): Ich spiel nicht mit dir, denn du hast schon ein anderes Spieldate. Und gegen die Konkurrenz bin ich leider machtlos. Sie ist hübsch, hat lange, braune, seidige Haare, eine riesige Zahnlücke, durch die man bis zu ihren Mandeln gucken kann, blaue Kulleraugen, die einen überall hin verfolgen, und einen Wissensdrang, der einen manchmal erschrecken lässt.
Cedric (macht große Augen, als er endlich versteht): Wo ist sie? Ist sie hier?
Maria (zynisch): Ja, klar, ich hab sie irgendwo zwischen Patho und Schokoautomaten stehen lassen, damit ich erst einmal für eine Stunde mit ihrem Vater eine wilde Nummer schieben kann. Für wen hältst du mich eigentlich?
Cedric (ignoriert den sarkastischen Unterton komplett u. wirkt plötzlich ganz hibbelig): Also? Wo steckt sie?
Maria (blickt schmunzelnd auf ihre Armbanduhr): Motte erwartet dich in einer halben Stunde.
Cedric (ungeduldig bohrt er nach): Wo? Im Kindergarten?
Maria: Kindergeburtstag!
Cedric (überrascht): Von wem?
Maria: Finn-Kevin!
Cedric (merklich schockiert starrt er sein belustigtes Gegenüber an): Was? Dieses kleine, fiese Scheißerchen, das sie immer ärgert? Wie kannst du sie da hinlassen?
Maria (beobachtet seine Reaktion ganz genau u. ist durchaus fasziniert): Du weißt ja, was man über Jungs sagt, die kleine Mädchen ärgern.
Cedric (guckt sie an wie ein Postauto): Was?
Maria (lacht): Zumindest ist Sarah dieser Meinung, seitdem unser lieber Dr. Meier sie darüber aufgeklärt hat, was es damit auf sich hat.
Cedric (seine Halsschlagader schwillt bedrohlich an u. er droht zu kollabieren, wenn er sich nicht mit einer Hand am Türrahmen abstürzen würde): Das wird ja immer schlimmer. Was hat Motte eigentlich für einen Umgang? Und was geht den das an?
Maria (gibt sich völlig unbeeindruckt u. zuckt mit den Schultern): Erfahrungsberichte teilen? Aber ich würde dafür auch nicht meine Hand in eine Petrischale mit Mers-Kulturen legen.
Cedric (sieht ungläubig zwischen ihren funkelnden Pupillen hin und her): Soll das etwa heißen, dieser kleine Hosenpuper und meine Tochter...?
Maria (hat genug gespielt u. drängt zum Aufbruch): Finde es doch heraus! Treffpunkt Affengehege.
Cedric (versteht mittlerweile nur noch Bahnhof): Hä? Willst du mich verarschen?
Maria (lacht beherzt auf, weil Sarahs Vater so betröppelt und hilflos guckt, u. klärt ihn schließlich auf): Finns Vater ist Tierarzt im Berliner Zoo. Der Kindergeburtstag findet dort statt. Meiner Meinung nach völlig überzogen, aber die Kids stehen drauf. Je imposanter die Location und das Drumherum, umso besser. Vermutlich müssen wir für Sarahs Geburtstag dann die Olympiahalle buchen. Aber ohne Helene, sondern mit Bibi Blocksberg oder diesem Wissenstypen vom Ersten. Also vermassele es nicht! Sie besteht darauf, dass du hinkommst. Sie hat im Gegensatz zu mir einen Plan. Sie will mit dir angeben. Ich weiß zwar nicht wieso, weil es da ja überhaupt nichts anzugeben gibt. Aber es gibt da noch den einen oder anderen Zweifler, der nicht glaubt, dass du tatsächlich existierst.
Cedric (sichtlich überfordert fährt er sich mit einer Hand durchs Haar): Wieso?
Maria (ihr Lächeln schwindet für eine Sekunde): Muss ich dir das wirklich erklären?
Cedric (schaut ihr in die Augen, die seinem Blick ausweichen, u. versteht): Nein! Ich... Ich bin da.
Maria (nickt zufrieden): Gut! Dann... Worauf wartest du noch? Abmarsch! Zack, zack!
Cedric (bleibt noch stehen): Und danach? Kommst du noch mit dazu oder treffen wir uns bei euch zu Hause? Oder doch besser hier? Sissis Kita streikt, musst du wissen. Die Babysitterin, oder besser gesagt meine ebenso leidgeprüfte Kollegin Chantal aus der Orthopädie, die zum Glück heute frei hat und ihre und meine Tochter übernommen hat, bringt mir die Kleine später hierher in die Klinik. Geteiltes Leid ist halbes Leid, wie man in diesen Chaostagen sagen muss. Es ging nicht anders zu organisieren. Morgen sieht es auch nicht besser aus. Da muss ihr Freund übernehmen, weil sie Berufsschule hat. Ich bin mir nicht so sicher, ob das funktionieren wird. Wie hieß der noch gleich? Ach ja, Jochen, der Bruder von...
Maria (ehe er noch weiter ausholt, stoppt sie ihn lieber): Nein, weder noch!

Cedric (stöhnt frustriert auf): Die Antwort kommt mir wieder sehr bekannt vor. Kann es sein, dass du mich gar nicht noch mal sehen willst? Dann sag das doch gleich, verdammt noch mal!
Maria (geht nicht näher darauf ein u. kommt gleich zum Punkt): Ich treffe mich später noch mit den anderen Prüfern in der HU, um die Facharztprüfungen am Freitag abzusprechen.
Cedric (seine Mundwinkel ziehen sich immer tiefer herunter): Jetzt nimmst du mir auch den letzten Wind aus den Segeln, dass du vielleicht doch meinetwegen früher zurückgekommen bist.
Maria (blickt ihn vergnügt an): Siehst du, ich mache dir nichts vor. Ich hab’s dir doch von Anfang an gesagt und du denkst immer nur das Schlechteste von mir.
Cedric (zuckt völlig planlos mit den Schultern): Du ja auch von mir! Und nun? Doch zu mir, oder wie?
Maria (schüttelt grinsend den Kopf): Nein! Aber du darfst dich freuen, denn du bekommst das großartige Vergnügen, Sarah bei ihren Großeltern abliefern zu dürfen.
Cedric (reißt schockiert seine Augen weit auf): Wie bitte? Bist du verrückt? Die killen mich doch. Deine Mutter war Chefin bei der Kripo. Sie ist im Schützenverein, gewinnt regelmäßig Wettbewerbe. Die knallt mich doch ab, wenn ich ihre Grundstücksgrenze auch nur schief angucke. Und dein Vater hilft ihr dann, meine Leiche verschwinden zu lassen. Hannelore hat Erfahrungen mit so was.
Maria (lacht u. genießt seine Panik): Dann siehst du mal, was für tolle Eltern ich doch habe. Und ich habe ein Problem weniger.
Cedric (verschränkt angefressen seine Arme): Sehr witzig!
Maria (grient ihr niedergeschlagenes Gegenüber vergnügt an): Doch, ja, finde ich schon!
Cedric (löst sich aus seiner versteiften Haltung u. kommt mit ausgestrecktem Zeigefinger auf sie zu): Das machst du doch mit Absicht. Du willst mich testen, wie weit ich für das alles gehen würde. Bitte! Dann mach das doch! Ich hab kein Problem damit.
Maria (weicht ihm nicht aus, als er seinen Finger in ihre Schulter bohrt): Du unterstellst mir also Hintergedanken? Soso!
Cedric (wirbelt wild gestikulierend mit seinen Armen in der Luft herum): Äh..., ja, das ist ja wohl offensichtlich. Sonst würdest du doch nicht ernsthaft denken, dass das mit deinen Eltern eine gute Idee wäre. Das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, wollten sie mich noch in eine Zelle sperren und den Schlüssel wegwerfen.
Maria (bemüht sich sehr, nicht laut loszulachen): Also gut, ja, ich geb’s zu. Ich habe Hintergedanken. Aber die gehen weder in die Richtung, dass ich deine Beerdigung vorbereiten möchte, noch in die Richtung, die auf eine sturmfreie Wohnung hinausläuft, wenn ich Motte bei ihnen lassen würde. Ich kriege sie eh nicht von dir und der Kleinen weg, wenn sie euch erst einmal gesehen hat. Aber ihr habt keine andere Wahl. Ihr müsst Fridolin abholen. Den hat sie nämlich noch mehr vermisst als ihren Vater.
Cedric (glaubt, er hört nicht richtig): Bitte was? Du schickst mich wegen eines stinkenden Karnickels in die Höhle des Löwen?
Maria (tut völlig unschuldig u. schabt mit ihrem Finger einen Fleck am Türrahmen weg): Sarah würde das Gleiche von dir verlangen. Ich dachte, es wäre vielleicht angebracht, wenn du vorher schon Bescheid weißt, was dir blüht.
Cedric (zieht sich angefressen auf seine Seite des Türrahmens zurück u. wird zynisch): Dann sage ich doch mal herzlichen Dank für das Vertrauen.
Maria (blickt ihn augenzwinkernd an): Es sagt ja keiner, dass es einfach wäre, eine Familie zu führen.
Cedric (schaut verwundert auf u. zählt so langsam eins und eins zusammen): Okay, du legst meine Worte neu aus. Gratulation! Botschaft angekommen!
Maria (zeigt ihre blütenweißen Zähne): Gern geschehen! Und jetzt zisch endlich ab! Sarah kann es nämlich überhaupt nicht leiden, wenn man sie ewig warten lässt.
Cedric (schnauft lachend auf): Das muss sie von mir haben.

Maria (wirft ihm einen misstrauischen Blick zu u. dreht sich um, um zurück in ihr Büro zu gehen, wo Gretchen immer noch wie auf Kohlen sitzt u. die Unterlagen ein drittes Mal komplett durchblättert, nachdem sie um den Schreibtisch herum schon aufgeräumt hat, weil sie das Chaos nicht mehr länger mitansehen konnte): Ich komm dann später nach, sobald ich mit meinen Kollegen fertig bin. Die Assistenten sollen es am Freitag schließlich richtig schwer bekommen. Damit sie endgültig kapieren, worauf ihr Job hinauslaufen wird. Und ich will nun mal meine Quote halten.
Cedric (fasst sie an der Schulter an u. wirbelt sie zu sich herum): Das heißt, ich werde tatsächlich mit deinen Eltern alleine sein?
Maria (ihre Mundwinkel ziehen sich vergnügt nach oben): Schiss? Motte wird schon auf dich aufpassen. Sie ist gut in so was. Und das Kampfkaninchen erst.
Cedric (funkelt sie an u. kommt ihr wieder verdächtig nahe): Du genießt das richtig, oder, du Biest? Dabei hätte ich nicht gedacht, dass du’s ihnen schon gesagt hast. Ich dachte, wir behalten das für uns bis mindestens, ich weiß nicht, bis unser Nachzügler Abitur macht.
Maria (weicht ihm nicht aus u. hält seinem eindringlichen Blick stand): Sagen wir mal so, ich hätte auf dieses sehr spezielle Vergnügen auch gerne verzichtet, aber es ließ sich leider nicht vermeiden. Sie haben eh immer vorausgesehen, dass ich mich irgendwann mit Karriere und Kind übernehmen werde. Meine Mutter hat sich das natürlich nicht nehmen lassen, mir das auch direkt aufs Butterbrot zu schmieren. Du kennst sie ja. Sie lebt dabei richtig auf. Dabei hat sie bis zu ihrer Pensionierung im letzten Jahr in ihrem Job dasselbe komplizierte Zeitpensum gehabt wie ich hier in der Klinik. Aber sie guckt ja ungern in den Spiegel, wenn man ihn ihr vorhält. Ich konnte nicht verhindern, dass sie uns während der Kur besuchen kommen. Und dann hat unsere Quasselschnute die Bombe platzen lassen. Gleich am ersten Abend. Na ja, es war schon sehr auffällig, dass sie unbedingt immer an meinem Bauch kuscheln wollte. Lauschangriff, du verstehst? Neuerdings ihre Lieblingsbeschäftigung neben Kinderratgeberbücher studieren und immer das letzte Wort haben. Tja, es war jedenfalls mucksmäuschenstill, als meine Eltern dann aus allen Wolken gefallen sind. Sie wussten ja nicht einmal annähernd, dass überhaupt irgendein Mann in Sicht wäre. Und dann gleich schwanger. Motte sieht darin natürlich überhaupt kein Problem. Sie ist in ihrer Euphorie überhaupt nicht mehr zu bremsen. Und so kamen die verhängnisvollen Worte auch sofort hinterher. Ihr Papa ist auch der Papa des neuen Babys. Der Schlag ins Gesicht hatte gesessen.
Cedric (schluckt u. schaut sie ehrlich berührt an): Oh Gott, du Arme! Da flüchtest du da hoch, um zur Ruhe zu kommen und dir wird gleich der Kopf gewaschen.
Maria (verdreht die Augen, als sie sich an jenen verhängnisvollen Abend zurückerinnert): Wie gut, dass an dem Tag Sturm auf der Ostsee herrschte. Die meisten Vorwürfe hab ich also gar nicht mitgeschnitten. Am nächsten Tag haben sie ihre Koffer wieder gepackt und sind zurückgefahren. Seitdem Funkstille. Zwei beleidigte Leberwürste der allerschlimmsten Sorte. Aber das war bei Motte damals ja auch nicht anders.
Cedric (ist ehrlich betroffen): Und da willst du ausgerechnet mich jetzt da hinschicken? Du legst es wirklich darauf an, dass aus uns nichts wird.
Maria (kann es nur mit Humor nehmen): Tja, die Hoffnung stirbt zuletzt, wie man so schön sagt.
Cedric (ihm ist wirklich nicht zum Spaßen zumute): Witzig! Aber jetzt mal im Ernst...
Maria (sieht ihn eindringlich an, als sie ihn unterbricht): Ich bin für klare Verhältnisse.
Cedric (zieht skeptisch eine Augenbraue hoch): Bist du das wirklich? Auf einmal? Vorhin warst du noch...
Maria (spürt noch immer ein mulmiges Gefühl, aber hat keine andere Wahl): So weiß jeder, was Sache ist. Um den heißen Brei herumzureden, bringt jetzt eh nichts mehr, wo die Fakten nun mal greifbar da sind. Die kriegen sich schon wieder ein. Ein Lächeln von Motte reicht da meist und sie kann nun mal sehr überzeugend sein. Aber ich würde mich an deiner Stelle im Hintergrund halten. Sie werden sich nur schwer an die neue Situation gewöhnen wollen. Ich kann sie verstehen. Mir geht es ja auch nicht anders.
Cedric (streift mit seiner Hand spontan ihren Bauch): Okay, dann... Frieden! Für den Käfer!

Maria lächelte Cedric zuversichtlich an. Er erwiderte die zarte Geste, auf die er so lange gewartet hatte, und die Zeit schien für einen Moment tatsächlich still zu stehen. Alle Konflikte und Grabenkämpfe waren vorerst abgeklungen und es herrschte eine gewisse unausgesprochene Eintracht zwischen den einstigen Eheleuten, die auf komplizierten Wegen wieder zueinander gefunden hatten. Als sie jedoch Gretchen hinter sich räuspern hörten, die sich aus der Bonbonschüssel vorm Bücherregal bedient hatte und sich fast an einer der bunten Kugeln verschluckt hätte, löste Maria abrupt den intensiven Augenkontakt und deutete Cedric, endlich zu verschwinden. Ihn kümmerte diese barsche Reaktion jedoch nicht. Er war nun mal nichts anderes von seinem Zicklein gewohnt. Und je biestiger sie wurde, umso lieber trat Rick seiner Bloody Mary entgegen. Er beugte sich vor, drückte seiner störrischen Herzdame einen spontanen Kuss auf die Lippen, dem sie sich jedoch hastig entzog, weil sie im Rücken spürte, wie sie beobachtet wurden. Sie schob ihn mit einem Blick, der hätte töten können, von sich weg und schlüpfte rückwärts durch die Tür, die sie anschließend direkt vor seiner Nase schloss. Dann atmete sie mit klopfendem Herzen aus.

Ihn wieder loszuwerden, war ja fast noch schwieriger, als ihn überhaupt erst hierher zubekommen, dachte die gefühlsverwirrte Ärztin nur kopfschüttelnd und drehte sich im nächsten Moment um. Sie lehnte mit dem Rücken an der geschlossenen Tür und versuchte, das Kribbeln in ihrer Magengegend zu ignorieren und diese furchtbar emotionale Reaktion mit dem Bild zu ersetzen, wie ihr ekelhaft penetranter Exmann vor ihren wütenden und vorwurfsgeladenen Eltern stehen würde und einen Kopf kürzer gemacht werden würde. Ein verräterisches Lächeln schlich sich auf ihre geschwungenen Lippen, welches durchaus eine beschwingende Wirkung auf sie ausübte. Sie schaute auf und entdeckte die blondgelockte Assistenzärztin, die es sich in einem der Patientensessel vor dem Schreibtisch bequem gemacht hatte und sie unverhohlen angrinste, während sie das nächste Bonbonpapier auspackte. Dr. Hassmann räusperte sich ertappt und stieß sich mit beiden Händen von der himmelblauen Tür ab. Konzentriert nahm sie auf ihrem Chefsessel Platz, verstellte die Sitzhöhe, um wieder über den Dingen zu sitzen, und blickte ihre jüngere Kollegin herausfordernd von oben herab an...

Maria: Nur ein Wort und du kannst noch ein Jahr Facharzt dranhängen, Haase!
Oje! So schlimm ist es schon um sie bestellt? Und fast hätte ich noch gedacht, sie vermasselt es wieder. Süß!
Gretchen: Ich hab schon verstanden, Frau Doktor. Also, können wir anfangen? Ich hab auch noch mal deine alten Fälle mitgebracht, denn es hat einige Entwicklungen geben. Frau Schröder zum Beispiel ist endlich aus dem Koma aufgewacht. Alles o. B. Keine motorischen wie sprachlichen Ausfälle. Die kurze Verwirrtheit hat sich schnell gelegt. Wir konnten sie am Freitag in die Reha verabschieden. Bei Herrn Engel sehen die Prognosen dagegen leider unverändert aus...

Um ihre Vorgesetzte nicht weiter zu diskreditieren, ließ Gretchen die Kommentare, die schon ungeduldig auf ihrer Zunge lagen und unbedingt herauswollten, vorerst für sich und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Insgeheim ahnte sie nämlich, was gerade in ihrem direkten Gegenüber vorging. Und so wie Marias Augen gerade funkelten und blitzten, mussten es wirklich sehr schöne Gedanken sein.


https://www.youtube.com/watch?v=nSDgHBxUbVQ

Lorelei Offline

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28.06.2015 10:20
#1532 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Eine gute halbe Stunde später

„Und dann wäre da noch der Neuzugang von gestern Abend. Dr. Stier hat ihn aufgenommen. Ich habe mit ihm zusammen heute Vormittag die Untersuchungen begonnen. Der Parkinsonverdacht hat sich schon während der ersten Tests bestätigt. Herr Hahn hat in den letzten Monaten rapide abgebaut, sagt die Krankengeschichte und seine Tochter, die ihn betreut, seitdem der Hausarzt den ersten Verdacht gehegt hatte und sie danach einen Neurologen nach dem anderen abgeklappert haben, die ihrem Vater, bis auf die unterschiedlichen Medikationen, welche ihm nicht gut bekommen sind, nicht wirklich weiterhelfen konnten. A-typischer Verlauf. Cedric, also Dr. Stier meinte, das könnte vielleicht etwas für dich und deine Studie sein. Du forschst doch noch auf diesem Gebiet, oder?“ Dr. Margarethe Haase hatte die letzte Patientenakte von dem kleinen Stapel genommen, welcher vor ihr auf dem Schreibtisch lag, hatte diese aufgeschlagen, kurz noch einmal die wichtigsten Fakten überfolgen, und dann zu ihrer Kollegin geschoben. Doch Dr. Hassmann wirkte, nachdem sie von Gretchen wieder auf den neusten Stand auf ihrer Station gebracht worden war, seltsam abwesend. Das spürte auch die aufmerksame Assistenzärztin, die ihre Oberärztin von der anderen Seite des Schreibtisches aus intensiv beobachtete und einen mitfühlenden Blick aufsetzte, welcher sich schnell in ein erwartungsvolles Lächeln wandelte...

Gretchen: Maria?
Maria (schaut verwirrt auf): Was?
Gretchen (lässt sie nicht aus den Augen, während sie ihr vorsichtig auf die Sprünge hilft): Der Patient? Deine Forschung? Hirnschrittmacher! Wir haben doch mal darüber gefachsimpelt, weißt du noch?
Maria (blättert, nachdem sie sich wieder gefasst u. ihre verschwundene Lesebrille gefunden hat, die sie vor einer Weile in ihr Haar geschoben hat, doch kurz durch die Akte u. ist schnell wieder im Bilde): Ja, ähm... könnte passen. Stell ihn mir morgen bei der Visite vor!
Gretchen (nickt zufrieden, als sie Marias ungeteilte Aufmerksamkeit wieder auf sich gerichtet spürt u. legt die Aktenmappe zu den anderen auf den Stapel): Mach ich! Gut, dann wären wir ja jetzt durch. Zeit für eine Pause!
Maria (blickt ihrem hibbeligen Gegenüber, das sie mit seinen funkelnden blauen Augen nahezu hypnotisch anstarrt, über das Designergestell ihrer Brille hinweg verwundert ins Gesicht): Pause? Nehmen wir da das Zeitpensum nicht etwas zu locker, Frau Dr. Haase? Ich will ja nicht belehrend wirken. Ist nicht meine Art und außerdem ist es dafür nach zwei Jahren Ausbildung eh zu spät. Und du machst ja stets nie das, was man dir sagt. Aber als Assistenzärztin, die du ja immer noch bist, gibt es keine Pausen. Streich den Begriff also aus deinem Wortschatz! Daran wird sich nämlich auch bis zu deiner Pensionierung nichts ändern.
Gretchen (lässt die üblichen Hassmannschen Spitzen unbeeindruckt an sich abprallen u. lehnt sich fröhlich grinsend auf ihrem Sessel zurück): Das weiß ich doch, Maria, und so war das ja auch gar nicht gemeint. Ich meinte das eher symbolischer Natur.
Maria (schaut noch verwunderter drein als zuvor, während sie langsam ihre Brille abnimmt u. diese zurück in das Designeretui legt): Symbolischer Natur?
Gretchen (sieht sie mit einem bezaubernden Gretchen-Lächeln ganz ruhig an): Ja! Pause im Sinne von, wir machen jetzt einen Break zwischen Beruf und Privat.

Oh, nein, Haase, das kannst du gleich knicken. Was denkt die sich eigentlich? Dass ich ihr gleich meinen ganzen Seelenmüll aufdrücke? Kennt sie mich so schlecht? Dazu gibt es überhaupt keinen Grund. Es existiert nämlich keiner, in dem sie herumstochern kann. Basta!

Maria (riecht sofort Lunte u. nimmt misstrauisch ihre bekannte Abwehrhaltung an): Was willst du, Gretchen?
Gretchen (strahlt vorfreudig über das ganze Gesicht u. rutscht hibbelig auf ihrem Sessel hin und her): Das ist der richtige Tonfall, den ich hören wollte. Also...
Maria (fällt ihr sofort genervt ins Wort u. sinkt dabei einige Zentimeter tiefer in ihrem Chefsessel zusammen): Stopp, stopp, stopp, Haase! Ich weiß, worauf du hinaus willst. Vergiss es!
Gretchen (lässt sich nicht beirren u. schaut die ewige Skeptikerin eindringlich an): Nur eine Minute, bitte! Dann lasse ich dich auch wirklich in Ruhe.
Maria (stöhnt frustriert auf u. gibt schließlich widerwillig kleinbei): Das wäre ja mal ganz was Neues. Aber okay, da du ja eh vorher keine Ruhe geben wirst, weil dir dieses Freundschaftsdingens zwischen uns, warum auch immer, so furchtbar wichtig ist, dann kannst du von mir aus auf den Pausenknopf drücken. Aber nur eine Frage und dann sprichst du mich auch nie wieder darauf an. Verstanden?
Gretchen (grinst wie ein Honigkuchenpferd, weil sie sich so sehr über Marias Entgegenkommen freut): Verstanden! Und eins vorweg, Maria, du hast ein vollkommen falsches Bild von mir. Es geht mir nämlich gar nicht um Cedric.
Maria (zieht eine Augenbraue nach oben u. versucht skeptisch etwas aus Gretchens Gesicht herauszulesen): Ach? Tatsächlich?

Das wäre ja mal ganz was Neues? So wie sie vorhin geguckt hat. Haase saß doch die ganze Zeit wie auf heißen Kohlen und brennt immer noch darauf, mehr zu erfahren. Wobei wir uns sicherlich niemals auf eine Definition von „mehr“ einigen werden können. Wie sehr ich diese Mädchengespräche doch hasse! Was bringt einen so was eigentlich? Außer nervigen Kopfschmerzen und Situationen wie diesen.

Gretchen (ihr Lächeln weicht plötzlich einem eher ernsteren Gesichtsausdruck): Es geht mir doch um dich, Maria.
Maria (auch ihre andere Augenbraue wandert nach oben u. umrahmt nun mit der anderen die tiefe Furche, die sich augenblicklich auf ihrer Stirn gebildet hat): Ach, komm, Gretchen, das kannst du vielleicht deinem Macker erzählen. Was soll das?
Gretchen (stört sich nicht an Marias ewigem Misstrauen u. platzt mit ihrer ehrlich gemeinten Frage einfach so heraus): Alles, was ich wissen will, Maria, ist, ob es dir wieder gut geht. Vor mir musst du dich nicht verstellen. Also, wie geht es dir wirklich?
Maria (mustert ihr Gegenüber eindringlich u. die Sorgenfalte weicht einem überraschten u. leicht verunsicherten Gesichtsausdruck): Gut!
Gretchen (lächelt zufrieden u. überzeugt u. wischt sich eine kleine verstohlene Glücksträne aus dem Augenwinkel): Das ist doch schön. Wie man doch kurz und präzise antworten kann, ohne gleich beleidigend zu werden.
Maria (fühlt sich merklich unbehaglich in der seltsamen Stimmung, die gerade entsteht): War’s das dann? Oder bestehst du noch auf einen ausführlichen Gesundheitscheck? Ich bin auch Ärztin. Ich kann mich selber gesundschreiben und das hab ich getan. Also lass stecken und kümmere dich um wirkliche Patienten.
Gretchen (fängt sich schnell wieder): Eine Sache noch.
Maria (stöhnt frustriert auf u. schickt ein Stoßgebet gen Zimmerdecke, weil sie die ewige Nervensäge endlich loswerden möchte): Warum hab ich das gewusst? Ich hab eine Frage gesagt, Frau Dr. Haase, eine und die ist beantwortet. Also danke der Nachfrage! Pause beendet! Da ist die Tür. Hast du nicht gesagt, du hast noch einen Eingriff?
Gretchen (lässt sich nicht so leicht abwimmeln u. beugt sich über die Aktenmappen, auf denen sie sich mit ihren Ellenbogen abstützt, aufgeregt nach vorn in Richtung Marias Schreibtischseite): Erst in anderthalb Stunden. Warte bitte! Es ist auch keine Frage in dem Sinne. Ich will nur... Also, ich muss dir noch unbedingt etwas sagen. Etwas, das erklärt, wieso ich in letzter Zeit sowie auch in Zukunft vielleicht etwas überreagiere oder na ja durch den Wind wirke, oder anders ausgedrückt, allgemein etwas drüber bin. Emotional wie physisch.
Maria (reagiert schnippisch sowie auch leicht amüsiert auf Gretchens Anmerkung): Ich merke da ehrlich gesagt keinen Unterschied. Du nervst genauso wie immer.

Toll, Gretchen, jetzt hast du es gleich wieder übertrieben. Ein Wunder, dass sie es nicht gleich gemerkt hat. Wieso merkt sie es eigentlich nicht? Gibt es nicht so etwas wie ein geheimes Radar, welches andere Schwangere sofort über hundert Meter und gegen den Wind wittert? Das wäre mal ein interessantes Forschungsprojekt. Hihi! Okay, Gretchen jetzt drehst du wirklich am Rad. Du bist so schwanger! Schwangerer geht gar nicht! Also sag’s! Sie wird dich verstehen.

Gretchen (ist trotz des Hassmannschen Sarkasmus in ihrer Euphorie nicht zu bremsen): Danke. Aber das hat einen ganz bestimmten Grund und du bist eine der Ersten, die es erfährt. Weil du eine meiner besten Freundinnen bist und es einfach...
Maria (versucht das Energiebündel zu bremsen, bevor es noch unangenehmer wird, als es eh schon ist): Boah, Gretchen, jetzt übertreibst du aber. Lass es gut sein, okay? Mir geht’s gut. Allen geht’s gut. Alles prima!
Gretchen (bekommt plötzlich ganz feuchte Augen, womit Maria überhaupt nicht umzugehen weiß): Ich weiß. Es ist nur... Nein, nicht nur! Ich meine das ernst. Und du sollst das wissen.
Maria (schaut die emotionale Ärztin mit mulmigem Gefühl an u. schiebt ihr den Aktenstapel entgegen, um ihr zu signalisieren, dass sie gehen soll): Heulst du jetzt etwa? Gretchen, bitte, das..., ich glaube, du solltest jetzt gehen.
Gretchen: Ich...

Das überemotionale Gretchen, deren Herz mittlerweile bis zum Hals schlug, versuchte angestrengt, sich zu beruhigen, aber eine Gefühlslawine brach plötzlich mit so einer Urmacht über sie herein, wie es die echte winterliche Naturgewalt nicht hätte bewerkstelligen können. Sie fühlte sich mit Maria verbunden, nicht nur weil sie zusammen arbeiteten und ein richtig gutes Team bildeten und dabei auch immer engere freundschaftliche Bande geknüpft hatten, sondern auch weil sie gerade jetzt dieselben Erfahrungen teilten. Und deshalb spürte sie auch dieses grenzenlose Bedürfnis, es ihrer Freundin unbedingt erzählen zu wollen. Auch wenn Marias offensichtliche Skepsis und ihre anhaltende Abwehrhaltung sie leicht verunsicherten. Es musste einfach raus. Gretchen konnte es nicht kontrollieren. Der Drang war einfach da, ihr Glück mit der Welt zu teilen. Und da Dr. Hassmann Teil dieser ihrer Welt war, war sie für Gretchen auch die erste Ansprechpartnerin.

Die schwangere Assistenzärztin wollte gerade mit ihrer wunderschönen Wahrheit herausrücken, die ihr so sehr auf dem Herzen lag, dass es wild in ihrer Brust zu pochen begann, als sie jedoch von ihrem klingelnden Handy überrumpelt wurde. Sie blickte Maria entschuldigend an, die nur genervt die Augen verdrehte und sich Haare raufend wieder einer der Akten auf ihrem Schreibtisch zuwandte, um sich von der wohl seltsamsten Unterhaltung, die sie je mit ihrer durchgedrehten Kollegin geführt hatte, abzulenken, und zog dann mit hochrotem Kopf ihr pink umrahmtes Mobiltelefon aus ihrer Kitteltasche. Gretchen war überrascht, als sie entdeckte, wer da auf der anderen Seite der Leitung dran war. Ermutigt nahm sie sofort mit ihrem typischen Gretchen-Lächeln ab, das man selbst dann sehen konnte, wenn der Gesprächspartner nicht direkt vor einem stand.

Gretchen: Bienchen, wie schön! Du, ich bin gerade in einer Besprechung. Können wir später... Oh! ... Na klar! Ich hab’s nicht vergessen, Sabine. Günni hat mich schon instruiert, bevor er mit seinen Kollegen zu der Tagung gefahren ist. Ich hab die Pakete bereits in der Umkleide liegen. Ich bring die Windeln mit. ... Ja, mach ich doch gerne. Und versprochen ist schließlich versprochen. ... Gib deinem kleinen Schatz einen Kuss von mir. Bis dann, Bine. Ich freue mich.

Und schon hatte die fröhliche Assistenzärztin auch schon wieder aufgelegt und sich mit strahlenden Augen ihrer verdutzten Vorgesetzten zugewandt, die ihr Gegenüber nun mit großen fragenden Blicken traktierte. Kam es nur ihr so vor oder hatte sie irgendetwas nicht mitgeschnitten?

Maria: Windeln? Muss ich das versehen?
Gretchen (es dauert einen Moment, bis Gretchen schaltet): Oh, das weißt du ja noch gar nicht. Schwester Sabine und Dr. Gummersbach sind überraschend Eltern eines süßen kleinen Jungen geworden.
Maria (will sich gerade ein Glas Wasser einschenken u. schüttet einen Teil daneben, als sie mitbekommt, was Gretchen da genau gesagt hat): Wie bitte? Wie lange war ich noch mal weg? Neun Monate oder drei Wochen? Die war doch nicht mal schwanger! Oder gilt hier jetzt die unbefleckte Empfängnis? Also bei dem, was ich über Schwester Sabine weiß, würde ich es ihr zutrauen. Oder ist Dr. Gummersbach doch mehr Mr. Spock, als wir alle geahnt haben?
Gretchen (hilft ihr lachend beim hektischen Aufwischen des Wassers, das die Akten zum Glück nicht erwischt hat, weil sie sie gerade noch so vom Tisch gehoben hat): Nein, natürlich nicht. Obwohl ich zugeben muss, es kam tatsächlich für uns alle ziemlich überraschend. Anton ist ihr Pflegekind. Der Kleine ist ihnen quasi in den Schoß gefallen. Er... ist bei uns vor der Klinik... ausgesetzt worden.

Gretchen musste heftig schlucken und kämpfte mit den Tränen, als sie sich an jenen schlimmen Tag vor fast drei Wochen zurückerinnerte, und auch Maria wirkte sichtlich betroffen von der Geschichte, die ihre Freundin ihr gerade erzählte. Einen Moment lang schwiegen sich die beiden werdenden Mütter in stiller Eintracht über den Schreibtisch und den Aktenstapel hinweg an, dann hatte die empathische Assistenzärztin ihre Stimme wieder gefunden und schenkte ihrer nicht minder mitfühlenden Kollegin ein schwaches aufmunterndes Lächeln, das seine Wirkung nicht verfehlte.

Gretchen: Ja, das ist eine ziemlich schlimme Geschichte. Aber sie hat sich zum Guten gewendet. Nenn es Schicksal oder Fügung oder einfach nur einen Zufall, weil die Gummersbachs zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Sie haben ihn nämlich nicht nur bei sich aufgenommen, musst du wissen, sie waren es auch, die ihn nach ihrer Rückkehr aus den Flitterwochen vor unseren Türen entdeckt haben. Der Junge hat sich schnell erholt und fühlt sich mittlerweile richtig wohl bei den beiden. Die Drei sind so schnell so vertraut miteinander gewesen, dass sie gar nicht anders handeln konnten, als ihn zu sich zu nehmen. Ich hab ja auch anfangs mit dem Gedanken gespielt, aber, na ja, du kennst Marc, und das Schicksal hat mit uns allen etwas ganz anderes vor, wie sich herausgestellt hat.
Maria (verfolgt verwundert das seltsame verträumte Lächeln, das sich augenblicklich auf Gretchens Lippen gelegt hat, u. gerät auch ins Nachdenken): Na ja, ich hab ja immer noch den Eindruck, es lacht uns eher aus.
Gretchen (schaltet sofort u. guckt sie nachdrücklich an): Wegen dir und Cedric?
Maria (fühlt sich ertappt u. wendet ihren Blick schnell wieder ab): Kein Kommentar!
Hihi! Erwischt! Jetzt weiß ich alles, was ich wissen wollte und sie hat’s mir freiwillig gegeben. Hihi!
Gretchen (beißt die Lippen zusammen, um nicht zu schmunzeln u. sie damit weiter zu provozieren): Den musst du mir auch nicht geben, Maria. Ich seh’s dir nämlich an der Nasenspitze an.
Wie bitte? Unerhört!
Maria (blickt sie empört an u. weist sie endgültig ab): So, damit erkläre ich das Gespräch jetzt endgültig für beendet. Wolltest du nicht gehen? Auf Wiedersehen, Frau Dr. ‚Neunmalklug’ Haase!

Marc: Gut, dann kann ich dich ja gleich mitnehmen, Haasenzahn. Das nenn ich Timing.

...platzte eine allseits bekannte Stimme ohne Vorwarnung über die beiden Damen herein, die sich immer noch mit finsteren auf der einen sowie leicht amüsierten Blicken auf der anderen Seite belauerten. Gretchen zuckte erschrocken zusammen, als ihr Lieblingsoberarzt wie aus dem Nichts plötzlich hinter ihr auftauchte und sein Hand locker auf ihre Schulter legte. Dr. Hassmann schüttelte nur genervt mit dem Kopf, als sie in die Grinsevisage ihres Hauptkonkurrenten um den Chefarztposten blickte, der dreist, wie er war, einfach so ihr Büro geentert hatte. Ihr wurde am Tag ihrer Rückkehr aber auch wirklich nichts erspart. Sie hätte gleich nach Hause fahren sollen. Aber nein, irgendein bescheuerter innerer Impuls musste sie ja ausgerechnet hierhin führen. Mittlerweile war sie schlauer.

Maria: Noch nie etwas von Anklopfen gehört, Kollege?
Marc (grient seine zickige Konkurrentin selbstherrlich an): Ich bin Oberarzt und noch dazu Chef des Ganzen hier. Ich darf das. Ich darf überall hin. Ist Teil des hippokratischen Eids.
Maria (verdreht vor lauter Machogepose genervt die Augen u. setzt ihr falschestes Lächeln auf, als sie ihm die Worte im Mund umdreht): Ach, entnehme ich deinen Worten etwa, dass du dir Sorgen um mich gemacht hast, Meier? Der Professor hatte zwar keine andere Wahl, weil ich als Vertretung leider unpässlich war, aber mich überrascht deine Sorgfalt, mit der du dich um die Belegschaft bemühst. Nett!
Marc (kann über Marias sarkastische Anmerkung nur lachen): Träum weiter, Hassmann! Ich will nur den OP-Plan abgleichen. Kann ich ab sofort mit dir rechnen, oder muss ich dir eine separate Toilette zuweisen, wo du dich weiter auskotzen kannst, während andere deine Arbeit machen?
Gretchen (blickt abwechselnd zwischen den sich belauernden Oberärzten hin und her): Marc, jetzt lass sie doch erst einmal ankommen!
Maria (fühlt sich gleich wieder angegriffen): Hab ich dir nicht eben gesagt, dass es mir gut geht, Haase? Natürlich kann mein Name wieder auf den Plan. Ich bestehe sogar darauf.
Marc (macht sich einige Notizen auf dem Klemmbrett, das er in seinen Händen hält, u. schaut dann grinsend wieder auf): Gut! Das nenne ich mal die richtige Einstellung, Frau Kollegin.
Maria (reagiert genervt auf das schmierige Lächeln des Angebers): War’s das dann? Ich würde hier nämlich gerne weiterarbeiten. Alleine!
Marc (drückt das Klemmbrett gegen seinen angespannten Brustkorb u. blickt Gretchen neben sich auffordernd an): Das ist doch mal ein Wort. Bin schon weg. Kommst du?
Gretchen (schaut hilflos zwischen den beiden Oberärzten hin und her u. zögert, was beiderseits Misstrauen schürt): Warte! Geh schon vor, ich... wollte hier noch was klären.
Maria (hebt irritiert ihren Blick, nachdem sie sich gerade erst wieder in ihren Sessel gesetzt hat u. entspannen wollte): Was?
Marc (zieht argwöhnisch eine Augenbraue nach oben u. fixiert seine Lebensgefährtin mit eindringlichem Blick, bis er kapiert, was Sache ist): Aha! Ok? Frauengespräch! Ich bin weg. Aber übertreib’s nicht! Nicht, dass du danach wieder heulend zu mir kommst.
Gretchen (funkelt ihn an): Marc!
Marc (lacht u. reicht ihr nach kurzem Überlegen flüsternd etwas, das er aus seiner Kitteltasche gezaubert hat): Ich wollte es nur gesagt haben, Haasenzahn. Deine Flennattacken kann man eh nicht mehr unterdrücken. Hier! Als vorbeugende Maßnahme, Nervennahrung für euch. Den hattest du oben auf unserem „Büffet“ vergessen. Ist aber etwas matschig geworden. War zwischen die Kissen gerutscht.
Gretchen (blickt den Charmeur ganz verklärt an u. nimmt den Schokoriegel ihrer Lieblingsmarke mit wildem Herzklopfen an sich): Danke!
Marc (ohne auf Maria zu achten, packt er spontan Gretchens Gesicht, streichelt mit den Daumen sanft ihre Wangen u. gibt ihr einen langen Kuss auf den Mund, weil ihm einfach danach ist): Wir sehen uns.
Gretchen (schwebt in ganz anderen Sphären): Ja!

Gretchen spürte Marcs warme Hände an ihrer Wange und seine glühenden Lippen noch lange, nachdem er mit Grinsemiene zufrieden aus dem Zimmer seiner Kollegin getrottet war. Sehr zum Ärger von Dr. Hassmann, die ihre verknallte Kollegin auch gerne losgeworden wäre. Aber die verstrahlte Blondine lehnte immer noch wie festgewachsen am Schreibtisch und hypnotisierte den Schokoriegel in ihrer Hand.

Maria: Was hast du denn mit dem gemacht? Der wirkt ja richtig zahm und anhänglich.
Gretchen (grinst glücklich vor sich hin u. steckt die Schokolade als Proviant für die OP nachher ein): Ja.
Maria (kann nur mit den Augen rollen angesichts von Gretchens unerklärlicher Vernarrtheit): Also, was wolltest du mir so dringend erzählen, dass es nicht mehr warten kann und du sogar deinen Macho dafür versetzt? Ich hab nicht ewig Zeit.
Gretchen: Ich bin auch schwanger.

...platzte es plötzlich ohne Vorwarnung aus der glücksgeladenen Ärztin heraus, als hätte sich mit Marcs Auftauchen der Knoten in ihrer Zunge mit einem Mal gelöst. Ihr verdutztes Gegenüber starrte sie daraufhin ziemlich bedröppelt an. Sie musste sich verhört haben. War die verträumte Blondine mit der rosaroten Brille jetzt endgültig durchgedreht? Das war ja abzusehen gewesen. Aber musste sie ausgerechnet sie damit behelligen?

Maria: Bitte?
Gretchen: Mit Zwillingen. Ich kann es immer noch kaum fassen, dass das tatsächlich mit uns passiert.

Die Wahrheit sprudelte förmlich auf die überforderte Oberärztin ein, als wäre Gretchen vor ihren Augen in einen Trank mit Wahrheitselixier geplumpst und könnte nun nicht mehr anders reagieren, als nur noch das zu sagen, was sie bewegte. Dr. Hassmann versuchte angestrengt, die unterschiedlichen Gedanken und Gefühle zu sortieren, die gerade auf sie hereinprasselten. Und dass sie dabei das Bedürfnis verspürte, zu lächeln, war eines der Empfindungen, die Maria noch am wenigsten fassen konnte.

Maria: Wieso erzählst du mir das?
Gretchen (schaut sie mit glückseligen Augen an): Weil ich es auch endlich jemandem sagen möchte. Du bist meine Freundin. Ich vertraue dir. Und ich weiß, dass du es für dich behalten wirst. Bis auf Mehdi und Sabine weiß es nämlich noch keiner. Gut, Gabi ahnt etwas, aber...
Maria (schüttelt immer wieder den Kopf, bis es aus ihr herausplatzt): Gretchen, das ist nicht dein Ernst? Hast du denn gar nichts von mir gelernt?
Gretchen: Doch, wie man einen gescheiten Schnitt mit dem Skalpell macht, damit keinerlei Narbe zurückbleibt. Dass man als Ärztin immer seinem Standpunkt treu bleiben muss, egal was andere sagen. Und dass man Männer stets an der längeren Leine lassen sollte, um sie so in Sicherheit zu wiegen.
Maria (lehnt sich sichtlich beeindruckt auf ihrem Sitzplatz zurück u. lässt ihren Gedanken freien Lauf): Eben! ... Zwillinge? Du bist wahnsinnig!
Gretchen (schmilzt bei dem Gedanken einmal mehr dahin): Ja.
Maria: Und... weiß er’s?
Gretchen (augenblicklich legt sich ein strahlendes Lächeln auf ihre Lippen u. ihre blauen Augen beginnen zu leuchten): Du hast ihn doch eben erlebt, oder?
Maria (kann es immer noch nicht fassen u. schüttelt den Kopf): Beeindruckend! Du hast etwas geschafft, was niemand dir zugetraut hätte. Aber lass dir eins gesagt sein, Haase, wenn du jetzt, so kurz vorm nächsten Karriereschritt, das Skalpell an den Nagel hängst und zum Hausmütterchen mutierst, dann verlierst du auch noch den letzten Rest von meinem Respekt.

Dr. Hassmann respektiert mich! Juhu! Und Trommelwirbel! Hätte nicht gedacht, dass das jemals passieren würde. Eigentlich wäre das ein guter Grund für ein Freudentänzchen. Äh... Lieber nicht! Dann endet die Euphorie schneller, als sie gekommen ist.

Gretchen: Ich weiß, was du meinst. Aber ich hab nicht vor, das alles aufzugeben. Das würde Marc auch niemals von mir verlangen. Wir wissen zwar noch nicht wie, aber wir schaffen das. Auch mit zwei Babys!
Großer Gott, zwei von der Sorte! Na, das kann ja heiter werden.
Maria (blickt nachdenklich zu ihr rüber, steht schließlich auf u. umrundet den Tisch, um ihr die Hand zu reichen): Gut, dann... liegt es jetzt wohl an mir, dir zu gratulieren, was? Aber bild dir bloß nichts darauf ein! Dass ich das jetzt weiß, verschafft dir keinen Vorteil für die Prüfung.
Gretchen (kommt ihr lächelnd entgegen u. kann nicht anders, als ihre Freundin in eine innige Glücksumarmung zu ziehen): Danke!
Oh Gott, ich wusste, das war ein Fehler. Verdammte Hormone! Ich reagiere viel zu emotional. Schluss damit!
Maria: Aber wenn du jetzt denkst, wir als quasi Leidensgenossinnen müssen irgendwie zusammenhalten, dann muss ich dich enttäuschen. So eine Art von Freundschaftsbeziehung ist nicht mein Ding.

Gretchen löste sich langsam wieder von ihrer grummeligen Oberärztin, die daraufhin erleichtert ihren Platz hinter dem Schreibtisch wieder einnahm, und nickte ihr verständnisvoll zu. Mehr hatte sie auch gar nicht erwartet. Sie wollte doch nur die Freude mit jemandem teilen, den sie gern hatte, wenn sie schon damit warten musste, ihre Familie einweihen zu können, die immer noch zu großen Teilen in den Staaten weilte. Das wollte sie Maria auch noch erklären, aber sie kam nicht mehr dazu, denn das Mobiltelefon in ihrer Kitteltasche begann erneut zu klingeln.

Gretchen: Keine Bange. Marc und ich sind noch nicht soweit. Wir müssen das selber erst einmal begreifen und was dann passiert, das wollen wir alles alleine herausfinden. Das ist alles so spannend und so verr... Oh! Entschuldige. Ich bin heute offenbar die Anlaufstelle für jeden. ... Sabine? Bist du’s noch mal? Wenn ich auch noch Milchpulver mitbringen soll, das war in der Lieferung nicht dabei, die heute für die Pädi... Oh! Jochen, was...? Ich verstehe dich nicht. Kannst du das bitte noch einmal wiederholen? ... Bitte was? Jochen, ich weiß, du willst das, was wir hier machen, immer möglichst locker nehmen, aber das ist nicht der Ort und der Zeitpunkt für deine bescheuerten Scherze! Und das ist das letzte Mal, dass ich dir das sage. Ansonsten muss ich Papa... Was? Du veralberst mich nicht? Aber... Oh! ... Ooohhh!?! Okay, ich... ich komme sofort. ... Nein, behellige ihn bitte nicht. Er lag bis heute Morgen noch im Bett. Er darf doch noch nicht. Aber ich bringe Maria, also Dr. Hassmann, gleich mit. Sie ist wieder da. ... Was? ... Oh! ... Ja, ja! Bis gleich! Und sag den anderen Assistenzärzten Bescheid!

Verwundert hob Dr. Hassmann ihren Blick, als ihre medizinisch geprägten Sinne den Ernst der Lage registrierten, und sie bekam auch ohne Umschweife die Bestätigung dafür präsentiert, als Dr. Haase, noch mit dem Handy in der Hand, sie mit großen besorgten Augen anstarrte. Ein seltsames mulmiges Gefühl in ihrer Magengegend stellte sich plötzlich ein, das sich Maria nicht erklären konnte. Gretchen kam derweil gleich auf den Punkt, nachdem sie sich wieder einigermaßen gefasst hatte.

Gretchen: Krähen!
Maria (versteht nicht, worauf sie hinaus will): Was?
Gretchen (versucht sich zu sortieren u. einen klaren Kopf zu behalten): Bitte, reg dich jetzt nicht auf, aber...
Maria (rutscht immer unruhiger auf ihrem Stuhl herum): Was ist los, Haase? Herumzudrucksen ist nicht Sinn unseres Berufes.
Gretchen: Die Notaufnahme quillt über vor Patienten mit Platzwunden am Schädel und an den Händen. Durch die Abwehrhaltung. Im Park des Zoos ist ein Krähenpaar immer wieder auf Passanten losgegangen. Sie haben wohl ihr Nest verteidigt. Mehr weiß ich auch nicht.
Maria (schiebt sich langsam aus ihrem Sessel hoch): Im Zoo sagst du? Aber... meine Sarah ist gerade dort. Sie feiert Kindergeburtstag mit ihren Freunden.
Gretchen (blickt sie betroffen an u. kann ihre Klappe nicht halten): Jetzt nicht mehr.
Maria (eine schreckliche Vorahnung bahnt sich ihren Weg u. greift nach ihrem Herz): Wie meinst du das?
Gretchen (schluckt ihre eigene Besorgnis herunter u. versucht professionell zu agieren): Sie und ihr Vater sind unter den eingelieferten Patienten, Maria.

Lorelei Offline

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12.07.2015 14:00
#1533 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Kurz darauf in der Notaufnahme des EKH

„Maaamiii, das ziiiept voll. Kannst du das biiiitte lassen? Das tut weeeh! Auaaa!“, gab die quirlige Sechsjährige vollmundig kund, die ziemlich wackelig auf der Kante einer unbequemen Patientenliege hin und her wippte, und versuchte dabei, sich aus der festen Krokodilsumarmung ihrer hypersensibilisierten Mutter zu befreien, die sich, nachdem sie gehört hatte, was passiert war, aufgewühlt direkt hinter sie gesetzt hatte und sie mit Armen und Beinen fest umschlossen hielt, sodass die behandelnde Ärztin, die auf einem Rollhocker vor den beiden Platz genommen hatte und eine kleine Schramme oberhalb der rechten Augenbraue von Sarah Hassmann verarzten wollte, immer wieder neu ansetzen musste und allmählich die Geduld zu verlieren drohte. Gleichzeitig herrschte in der Notaufnahme des Elisabethkrankenhauses ein ziemlich nervenaufreibendes Stimmenwirrwarr dank all der eintreffenden Eltern und Angehörigen, die auf der Suche nach ihren Schützlingen aufgeregt mit dem Krankenhauspersonal diskutierten, welches von Oberschwester Stefanie besonnen gelenkt wurde. Doch Sarahs Mutter konnte und wollte sich nicht beruhigen und untersuchte weiter akribisch Strähne für Strähne der langen brauen Haare ihrer widerspenstigen Tochter, um zu verifizieren, ob sich darunter nicht doch noch eine unentdeckte Verletzung befinden könnte, welche von einem heimtückischen Krähenangriff mitten in Berlin herrührte. Anscheinend war man in der deutschen Hauptstadt vor nichts mehr gefeit, schoss es Dr. Maria Hassmann durch den gedankengefluteten Kopf, während sie ihren Liebling weiter beschützend an sich drückte und vermutlich für den Rest des Tages auch nicht mehr wieder loslassen würde.

Maria: Schatz, ich versuche doch nur, zu schauen, ob du nicht noch mehr verletzt bist, als es den Anschein hat. Wer weiß, wo diese Mistviecher überall ihre Schnäbel drinstecken gehabt hatten. Wenn sich da was entzündet, dann...
Sarah: Aber da ist nichts, Mami. Hab ich doch gesagt. Hörst du mir nicht zu? Papa hat uns weggezogen, bevor die Vögelein noch mal angeflattert gekommen sind, um uns zu pieken. Wieso haben die das eigentlich gemacht?

...plapperte die Mini-Hassmännin die Sorgen ihrer ungewohnt emotionalen Mutter einfach pappfrech weg und schaffte es tatsächlich, sich mit einer geschickten Schlängelbewegung zumindest ein bisschen von ihr zu lösen, um sich nun mit gespannter Fragemiene ihrer behandelnden Ärztin zuzuwenden, die jedoch, als sie die neugierigen Blicke auf sich gerichtet spürte, nur unwissend mit den Schultern zucken konnte und dann hilfesuchend zur Seite schaute, wo sich ein schwer angeschlagener Neurochirurg gerade erschöpft auf einem der bereitgestellten Stühle niedergelassen hatte und alle Viere von sich streckte. Sofort erhellte sich Cedrics Gesicht, als er Sarahs quietschfidele Stimme neben sich vernahm. Ein Ruck ging durch seinen angeschlagenen Körper und er schenkte seiner wissbegierigen Tochter nun seine ganze Aufmerksamkeit, wobei er natürlich auch deren Mutter nicht aus den Augen ließ, die sichtlich aufgewühlt auf ihn wirkte. Aber wenn er sie jetzt vor allen Augen beruhigend in die Arme geschlossen hätte, hätte sie das nur noch mehr provoziert. Mary bemühte sich zwar, ihre Fassung zu wahren, aber ihr stand deutlich ins Gesicht geschrieben, dass sie kurz vorm Implodieren stand.

Cedric: Das hab ich dir doch auf der Fahrt hierher erklärt, Motte. Sie wollten ihr Junges beschützen, das aus dem Nest gepurzelt ist.
Sarah (sieht ihn mit großen Augen an): Aber wir haben doch gar nichts gemacht.
Cedric (lächelt, weil seine kleine Prinzessin so süß guckt): Vielleicht nicht durch Taten, mein Schatz. Da reicht schon, dass wir überhaupt da waren. Das können die Tiere leider nicht einschätzen. Für sie stellt der Mensch ebenso eine Gefahr dar wie Raubtiere, die ihr Nest plündern wollen. Dementsprechend handeln sie. Zum Nachteil von uns. In diesem speziellen Fall. Aber es ist ja noch mal alles soweit gut gegangen.

Sarah, die der beruhigenden Stimme ihres Papas aufmerksam zugehört hatte, nickte mit dem Kopf und signalisierte dem stolzen Chirurgen so, dass sie verstanden hatte. Da Cedrics Tochter jedoch einfach nicht stillsitzen konnte und immer wieder herumzappelte und ihr neugieriges Näschen in alle möglichen Richtungen streckte, nur nicht in ihre, bekam Dr. Margarethe Haase immer mehr Probleme, ihre geschickten Chirurginnenfinger oben zu behalten. Und dass Maria auch noch ständig an dem quirligen Mädchen herumzupfte, tat sein Übriges. Es wurde immer schwieriger, die Konzentration zu behalten.

Gretchen: Könntet ihr bitte aufhören, so rumzuruckeln. Ich will nicht daneben stechen. Das ist doch sicherlich auch in eurem Sinne.
Maria (greift nach Gretchens Hand u. will ihr dreist das Besteck abnehmen): Ich kann das doch machen.
Gretchen (rollt sicherheitshalber mit ihrem Hocker etwas zurück u. weist Maria, ohne auf deren Status als ihre Vorgesetzte zu achten, mit sanfter Stimme zurecht): Das haben wir doch schon ausreichend diskutiert, als wir hier hereingekommen sind, oder? Du bist viel zu aufgewühlt, Maria. Aber wenn du dich unbedingt beschäftigen möchtest, dann kümmere dich doch um deinen... äh... um Dr. Stier. Der hat ja wohl am meisten von allen abgekriegt, so wie es ausschaut. ... (blickt ungläubig auf das blutbespritzte u. zerschlissene Hemd, welches er trägt, u. in das leidende Männergesicht, das dazugehört und von blutverkrusteten Schrammen geziert wird, u. muss kurz schlucken, dann wendet sie sich wieder ganz ihrer aufgeweckten Patientin zu, der das alles überhaupt nichts auszumachen scheint) ... Wir Zwei kommen schon zurecht, nicht wahr, Sarahmaus? Merkst du noch was? Ich hab die Stelle mit dem Spray leicht betäubt. Zwei Minuten und dann ist es auch schon vorbei. Versprochen!
Sarah (schüttelt den Kopf u. dreht selbigen in Richtung ihrer zweifelnden Mutter): Tut gar nicht weh, Mami.
Maria (ringt mit sich u. findet es furchtbar, nichts für sie tun zu können): Na gut, wenn ihr euch unbedingt gegen mich verschwören wollt. Bitte! Tut euch keinen Zwang an!

...gab die frustrierte Oberärztin schließlich missmutig klein bei und verfluchte gleichzeitig ihre schwindende Standhaftigkeit und die verdammte hormonverursachte Gefühlsduselei, welche ihr keine andere Wahl mehr ließ, als ihre süße, unschuldige, kleine Tochter endlich loszulassen. Und bevor sie hier noch vor allen Kollegen unkontrolliert in Tränen ausbrechen und für eine schreckliche Glucke und Helikoptermutter gehalten werden würde, zog die schwangere Neurochirurgin lieber ihre Beine zurück und rutschte von der Behandlungsliege. Sarah behielt sie dabei weiterhin fest im Blick, als sie sich langsam von ihr und der anmaßenden Assistenzärztin entfernte, die später, wenn diese Geschichte hier vorbei war, noch ordentlich etwas von ihr zu hören bekommen würde. Aber Motte bemerkte sie schon gar nicht mehr. Sie war schon längst darauf konzentriert, was ihre große Freundin Gretchen mit ihr vorhatte und himmelte diese ungeniert mit Strahlelächeln an. Die kleine Maus zuckte nicht einmal zusammen, als die einfühlsame Ärztin vorsichtig das erste Patch setzte, nachdem sie die unscheinbare Wunde vorher ausgiebig desinfiziert hatte. Im Gegensatz zu ihrer Mutter. Maria spürte den Stich tief in ihrer Haut und auch in ihrem bangen Herzen, welches, seitdem sie von dem skurrilen Vorfall im Berliner Tierpark gehört hatte, unaufhörlich unter ihrer Brust vibrierte. Das spürte auch ihr Exmann instinktiv, der auf dem Stuhl direkt gegenüber von Sarahs Behandlungsliege saß und der Frau seines Herzens trotz verschrammtem Gesicht ein aufmunterndes Lächeln schenkte, welches sie wiederum, kontrolliert und unnahbar wie die taffe Oberärztin nun mal in aller Öffentlichkeit auftrat, unkommentiert ließ, als sie sich schließlich augenrollend zu ihm setzte und sich von einer der anwesenden Krankenschwestern Behandlungshandschuhe und -utensilien reichen ließ, um sich nun an ihm abreagieren zu können.

Cedric: Alles in Ordnung?
Maria (kontert schnippisch, weil sie sich auf seine Verarztung konzentrieren will, anstatt endlos mit ihm zu diskutieren): Müsste ich das nicht eher dich fragen?

Gretchen: Und, erzählst du mir jetzt, was genau mit euch passiert ist, Sarahmaus, jetzt wo wir endlich unter uns sind, hmm?

...versuchte Gretchen derweil ihre kleine Patientin von der ärztlichen Behandlung abzulenken. Genauso wie es ihr Bruder Jochen in der anderen Ecke des Zimmers veranstaltete, der die Kindergartenkinder um sich herum scharrte, die unverletzt geblieben waren bzw. bereits verarztet worden waren und darauf warteten, von ihren Eltern abgeholt zu werden. Aufgeregt schnatterte ein jeder durcheinander und versuchte, seine Sicht der Dinge in möglichst bunten Bildern darzulegen. Inklusive der aufgeweckten Mini-Hassmännin, die nun ganz in ihrem Element war und bald nicht mehr merkte, was Dr. Haase gerade mit ihr machte, und drauflos quasselte, wie ihr ihre süße Sabbelschnute gewachsen war. Kopfschüttelnd hörten ihr auch ihrer Eltern in der Nähe bei ihrem aufgeregten Bericht zu, welcher die Gefühlsachterbahn, zumindest bei Maria, nicht wirklich linderte.

Sarah: Das war voll cool, Gretchen.
Gretchen (muss sich sehr zusammenreißen, nicht zu kichern): Das kann ich mir vorstellen.
Sarah: Wir haben gespielt. Finn-Kevin hat doch heute Geburtstag, weißt du. Er ist jetzt schon sieben. Das ist total ungerecht. Ich hab doch erst im Herbst Geburtstag. Aber egal, er benimmt sich eh immer wie ein Vierjähriger. Hihi! Hab ich schon gesagt, dass wir im Zoo waren? Wir haben uns die Tiere angeschaut und dann Spiele gemacht, wofür es lustige Gewinne gab. Ich hatte schon dreimal gewonnen, als auch mein Papa dazukam. Er war aber viel zu langsam und hat die Regeln nicht verstanden. Hihi! Also hat er bei den alten Leuten gestanden und mit denen geredet, während wir machen konnten, was wir wollten. Es ist so schön im Tierpark. Warst du schon mal da, Gretchen? Ich könnte da den ganzen Tag lang sein. Wir wollten dann noch zum Elefantengehege gehen. Weil die doch Nachwuchs haben. Babyelefanten! Total süß! Aber wir haben es nicht mehr geschafft. Plötzlich hüpfte nämlich dieser kleine schwarze Vogel über die Wiese, wo wir alle unsere Picknickdecken ausgebreitet hatten. Er war ganz alleine. Und er hat so laut gepiepst. Lauter als das Gebrüll im Löwengehege nebenan. Wir sind ihm neugierig nachgegangen, weil es schon seltsam war, dass er nicht auch wie die anderen Tiere hinter Gittern war. Finn-Kevin wollte ihn mit Kekskrümeln füttern. Weißt du, so wie man es mit Tauben macht, um sie anzulocken. Aber der Babyvogel hat nicht reagiert und ist immer weitergehüpft. Er war ja keine Taube, sondern ganz schwarz. Also sind wir alle hinterher, weil wir wissen wollten, was mit ihm ist. Bis plötzlich hinter uns die ersten angefangen haben laut zu quieken und weggelaufen sind. Da waren auf einmal noch zwei Vögel. Voll riesig und total aggressiv und böse. Das ging alles so schnell, Gretchen. Wie die auf uns losgegangen sind. Plötzlich war der Cederederick auch da und hat vier von uns unter den Arm geklemmt und hat die anderen Kinder vor sich her ins Affenhaus gedrängelt. Aber Finn-Kevin war nicht dabei. Der ist auch immer so lahm, diese Watschelente. Also ist der Papa noch mal raus, um ihn zu suchen. Die Elternkrähen sind dann auch auf ihn los und haben nach seinen Haare gezwickt. Sah voll lustig aus. Hihi! Aber das war nicht lustig. Ich glaube, es tat auch weh. Und er hat so geschimpft mit ihnen. Weißt du, so böse Worte, die ich nicht sagen darf. Aber psst! Nicht dass Mami das mitkriegt. Sonst wird sie wieder sauer auf Cederederick, weil er mir nur Blödsinn beibringt. Hihi! Papa hat Finn-Kevin dann weinend hinter einem Strauch gefunden. Er war hingefallen und hat sich das Knie aufgeschlagen. Er hat ihn zu uns getragen, verarztet und dann zusammen mit seinem Vater noch zwei Frauen mit Kinderwagen zu uns in Sicherheit gebracht. Da war die Polizei auch schon da. Andere aufgeregte Omis, die total hysterisch zu uns hereingestürmt gekommen waren, hatten die gerufen. Aber die Polizei hat sich voll bescheuert angestellt, weil sich die Tiere nicht haben einfangen lassen. Die haben am Ende genauso doll am Kopf geblutet wie der Papa. Ich glaube, ich hab sie gesehen. Die sind da drüben in dem anderen Zimmer, wo auch Onkel Marc ist. Die haben den Zoo dann, glaub ich, geschlossen, weil alle Besucher so furchtbar aufgeregt waren und durcheinander gelaufen sind. Meinst du, sie konnten dem kleinen Vogel und seinen Elternkrähen helfen? Die wollten doch nur ihrem Baby helfen. Das ist doch eigentlich nicht schlimm. Das würde ich für meine kleine Schwester und das neue Baby auch machen.
Gretchen (muss selber erst einmal tief nach Luft schnappen nach dem, was Sarah ihr gerade berichtet hat, u. ist ganz gerührt von der tapferen Sechsjährigen): Ganz bestimmt, mein Schatz. Wer, wenn nicht Mitarbeiter vom Zoo, hmm? Die regeln das schon.
Sarah (kichert fröhlich): Stimmt.
Gretchen (legt die Behandlungsutensilien beiseite u. hält ihr die Pflasterdose vor die Nase): So, mein Schatz, das war’s auch schon. Das hast du ganz toll gemacht. Jetzt kleben wir nur noch ein Pflaster drauf und dann kannst du wieder zu deinen Freunden. Der Finn-Kevin guckt schon ganz ungeduldig zu dir rüber. Was hättest du denn gerne? Maus oder Elefant?
Sarah (ihre Augen leuchten auf, als sie auf eines der Pflaster deutet): Elefant! Weil wir es ja in echt nicht mehr zu ihnen geschafft haben, aber so fühlt es sich an, als wären wir doch da gewesen.
Gretchen (streicht ihr lächelnd vorsichtig das Pflaster über die Augenbraue): Tapferes Mädchen!

Während sich Gretchen und Sarah fröhlich anlächelten und miteinander scherzen, war deren Mutter alles andere als zum Scherzen aufgelegt. Das registrierte auch ihr Patient beunruhigt, dem sie erst unsanft eine Tetanusspritze in den Arm gerammt hatte und danach mit ziemlich groben Handbewegungen, welche nur wenig Aufschluss darüber gaben, was für eine begnadete und feinfühlige Chirurgin sie eigentlich normalerweise war, die Wunden und Kratzer behandelte, die sein angespanntes Gesicht und seine Arme zierten. Aber er versuchte, sich tapfer nichts anmerken zu lassen, während bei der schwangeren Oberärztin allmählich die Wut die anfängliche Sorge überwog.

Maria: Musstest du unbedingt den Helden spielen?
Cedric (grient sie vergnügt an, weil er hinter den Vorwürfen deutlich ihre Sorge heraushört): Obliegt das nicht in der Natur des Mannes?
Maria (greift nach Nadel u. Faden, desinfiziert die Stelle an der Stirn kurz unterhalb des Haaransatzes u. sticht gleich einmal gefühlsgeladen zu): Witzig!
Cedric (zuckt vor Schmerz zusammen u. wird kleinlaut): Au! Kannst du nicht ein bisschen feinfühliger vorgehen, Frau Doktor? Dass du das kannst, haben deine zarten Hände doch vor zwei Stunden noch eindrucksvoll bewiesen.
Maria (kocht innerlich u. faucht den unverschämten Sprücheklopfer an): Soll ich noch mal? Tue nicht so wehleidig, du Held, du! Deine Tochter hat doch auch nicht so herumgezickt wie du. Oder soll ich dich narkotisieren? Dann wärst du der Einzige und der Älteste hier im Raum, der davon Gebrauch macht.
Cedric (wackelt verdächtig mit seinen Augenbrauen): Das mit dem Narkotisieren können wir uns ja noch für später aufheben.
Maria (setzt den nächsten schmerzhaften Stich, um den dreisten Kerl endgültig ruhig zu stellen): Unverbesserlich! Man könnte dich mit dem Bulldozer überrollen und du hast immer noch die größte Klappe von Berlin.
Cedric (grinst schelmisch u. zuckt dann erneut zusammen): Anders findet man bei dir ja nicht Gehör. Außerdem weiß ich ja, wie gerne du diese große Klappe trotzdem küsst. ... Au!
Ich könnte ihn erwürgen. Was heißt hier ‚könnte’? Ich mach’s!
Maria (zickt ihn gleich noch weiter an, weil er vor den Kollegen anzüglich wird): Geschieht dir recht!
Cedric (zunehmend beleidigt funkelt er sie an): Ich dachte, du reagierst wenigstens ein bisschen netter oder schenkst mir zumindest ein kleines Dankeschön, wenn ich schon unsere Tochter und deren Freunde vor der großen, bösen, unberechenbaren Natur rette.
Maria (setzt die Nadel ab u. blickt über ihren Brillenrand angespannt in sein überhebliches Grinsegesicht, das sie nur noch mehr auf die Palme bringt): Okay,... danke!
Cedric (schaut sie verdutzt an): Was, das war’s schon?
Maria (reagiert gereizt u. klapst ihm als Antwort ruppig ein Pflaster auf die eben getätigte Naht): Was willst du denn noch?
Cedric (nachdem der erste Schmerzreiz verschwunden ist, grient er sie anzüglich an): Oh! Ich wüsste da so einiges, Mary.
Wieso zum Teufel kann der das nicht endlich lassen? Er macht mich wahnsinnig!
Maria (lässt sich nicht provozieren u. setzt zum Gegenschlag an): Klar! Ich glaube, die Viecher haben doch etwas stärker zugepickt, als es scheint. Halt mal still! Ich will schauen, ob am Hinterkopf unter deinen Haaren noch was ist. Wäre doch schade, wenn wir den Rasierer ansetzen müssten. Oder, Rick?
Cedric (sein Grinsen verschwindet abrupt u. er legt seine Hände schützend auf sein volles Haupthaar): Untersteh dich! Da ist nichts. Ich hab mich geduckt und die Mistviecher mit den Armen abgewehrt.
Maria (blickt auf seine ramponierten Arme u. beginnt diese mit einem Spray und einem Wattepad zu desinfizieren): Netter Anblick! Gibt dir was Verwegenes. Ich will ja nicht sagen, du hättest es verdient, aber irgendwie...
Cedric (reagiert gereizt u. versucht nicht, zusammenzuzucken): Haha! Witzig!

Marc: Jep! Das ist es in der Tat! Habt ihr das Video von Stiers Aktion schon gesehen? Hat irgend so ein Spacko ins Netz gestellt, der aus der Ferne draufgehalten hat, anstatt Erste Hilfe zu leisten. Geil! Hitchcock ist nichts dagegen. Es wurde ja auch mal Zeit für ein Remake, ne. Nur die Wahl des Hauptdarstellers würde ich noch mal überdenken. Er macht keine gute Figur. Aber das tut er ja eh nie.

...musste nun auch ein sichtlich amüsierter Dr. Meier seinen Senf dazugeben, der gerade lässig mit dem Smartphone in der Hand aus dem Nebenraum hereingetrottet gekommen war, um einen non-virtuellen Blick auf seinen verhassten Erzfeind zu werfen. Das reale Bild übertraf das auf Youtube noch um Weiten. Er konnte sich sein schadenfrohes Lachen einfach nicht verkneifen, als er ihn ausführlich unter die Lupe nahm. Sehr zum Unwillen von Dr. Stier, der immer noch von seiner emotionsgeladenen Exfrau malträtiert wurde, die gerade seine Schrammen mit einer Lösung säuberte, welche ihn immer wieder heftig zusammenzucken ließ. Er zog instinktiv seinen Arm weg, als Maria nachlegen wollte und funkelte Marc, der belustigt dahinter stand und zuguckte, beleidigt an.

Cedric: Au, verflucht! Hast du nichts Besseres zu tun, Meier, als hier so blöd dummzuschwatzen? Dein Helfersyndrom ist ja überhaupt nicht ausgeprägt. Die Notaufnahme ist voller Leute, wie du sehen kannst.
Marc (gibt sich völlig unbeeindruckt u. grinst ihn nach einem wohlwollenden Blick in die Runde, welcher ihm zeigt, dass alles seinen geordneten Gang geht, selbstherrlich an): Och du, unsere fähige Oberschwester und das einigermaßen motivierte Assiteam machen das schon. Ist schließlich ein Lehrkrankenhaus. Das ist doch eine gute Übung. Und das Zauberwort heißt delegieren, schon mal gehört? Ach, nein, dein Vertrag läuft ja immer noch auf Probezeit. Du musst also machen, was man, in dem Fall ich dir sage. Hast du nicht noch Dienst? Was läufst du dann da draußen rum und lässt dich von wütenden Piepmätzen jagen? Wobei ich nicht unbedingt behaupten würde, du hättest es nicht verdient, wenn mal jemand ordentlich auf dir herumhackt, der in seinem Namen nicht gleich den direkten Verweis auf eine offensichtliche Antipathie gegen alles Maskuline mit sich schleppt. Hähä!
Gretchen (geht sicherheitshalber dazwischen, bevor ihr Liebster sein Sprüchearsenal noch weiter leert): Jetzt lass gut sein, Marc! Das hätte auch ganz anders ausgehen können.
Marc (lacht): Jep! Ich kenne die Handlung von den „Vögeln“. Wobei er hier sicherlich eine andere Definition im Kopf hatte, als er sich vom Dienst verabschiedet hat, ne, Frau Dr. Hassmann?
Maria (funkelt ihn wütend an): Halt die Klappe, Meier!
Cedric (tut es ihr gleich): Oh bitte! Deine Witze werden auch immer schlechter, Marc. Also lass es lieber, bevor dein nicht vorhandenes Publikum noch ganz einschläft.

...konterte ein schlechtgelaunter Dr. Stier und auch Dr. Hassmann konnte nur genervt die Augen verdrehen, während sich Dr. Meier, sehr zum Ärger von Dr. Haase, für seine Sprüche ohne Ende abfeierte. Zum Glück lockerte eine süße junge Dame die angespannte Stimmung zwischen den beiden nicht befreundeten Männern wieder auf, indem sie erst heftig an Marcs Arztkittel zupfte und dann, als sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit gewonnen hatte, auf ihr Pflaster deutete, auf welchem ein großer, dicker, rosa Elefant abgebildet war und welches ihrem Gesicht eine noch niedlichere Note gab, als sie eh schon von Natur aus besaß. Marc war sichtlich hingerissen und konnte sich sein Grinsen nicht verkneifen, als er vor der Sechsjährigen ehrfürchtig in die Hocke ging.

Sarah: Onkel Maaarc, da bist du ja endlich! Guck mal, was ich da habe! Da ist ein Elefant drauf.
Marc (nickt gespielt beeindruckt, während er einmal kurz hinter sich schielt u. Gretchens Blick auffängt, der sich rasant von angesäuert in anhimmelnd wandelt): Na, das passt ja. Der Elefant im Porzellanladen. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Cedric (fühlt sich gleich wieder angegriffen u. funkelt ihn an): Eh!
Sarah (versteht nur Bahnhof): Hä?
Marc (lacht): Nichts!
Sarah (steigt schnell in sein ansteckendes Lachen mit ein u. streckt nun ihre Arme in die Höhe, weil sie von ihm hochgehoben werden möchte): Hast du mich vermisst, Onkel Marc? Ich war ja voll lange weg mit der Mami.
Marc (steckt das Handy mit dem Beweisvideo wieder in seine Kitteltasche u. ergibt sich stöhnend seinem Schicksal): Sollte ich etwa? Und hör auf, mich ständig Onkel zu nennen! Wir sind weder verwandt, noch verschwippschwägert. ... Zum Glück! ... (setzt er noch flüsternd nach, was sowohl von Gretchen, als auch Sarahs Eltern gehört wird)
Sarah (schlingt ihre kleinen Arme um seinen Hals u. guckt ihn mit großen blauen Augen hoffnungsvoll an): Hä? Hast du mich etwa nicht vermisst, Marc?
Marc (versucht sich erst nichts anmerken zu lassen, kann sich aber sein Grinsen nicht verkneifen u. schmilzt in ihrer Gegenwart einfach nur dahin): Klar, aber psst, sag’s nicht weiter, ja! Das bleibt unser kleines Geheimnis.
Sarah (presst ihre Lippen zusammen u. schielt über Marcs Schulter zu ihrem Vater, der ganz verkniffen guckt u. das nicht, weil Maria ihm mit Schmackes ein Pflaster auf den linken Handrücken pappt): Mach ich.
Marc (setzt die süße Prinzessin vorsichtig wieder ab): Gut! Weißt du, deine Auftritte hier sind eh immer von einer sehr speziellen Art. Man wartet immer gespannt darauf, was beim nächsten Mal passiert.
Sarah (grient ihren großen Freund an u. rennt dann vergnügt zu ihrem Papa rüber, der mittlerweile vor Eifersucht kocht, u. springt ihm auf den Schoß): Hihi! ... Papa, jetzt siehst du aus wie ich, aber das ist das Falsche. Du solltest auch eins mit Tiermotiv nehmen. Warte! Gretchen, hast du die Dose noch?
Gretchen (ist ebenso hin und weg von der Kleinen, die alle Herzen im Sturm erobert, u. reicht ihr die Tupperbox mit den Kinderpflastern): Hier, Prinzessin!
Sarah (wühlt sich durch die Auslage, bis sie gefunden hat, was sie gesucht hat): Danke! Hier, das passt doch! Das ist schön.

Und ohne noch einmal darüber nachzudenken, zog die Sechsjährige ihrem Papa das sterile weiße Pflaster mit Schmackes wieder ab und drückte ihm stattdessen das neue auf. Cedric zuckte unter den ungläubigen Blicken seiner Kollegen vor Schmerz zusammen, biss aber die Zähne zusammen, weil er vor ihnen und vor allem vor ihr keine Schwäche zeigen wollte. Zufrieden betrachtete Sarah anschließend ihr Werk. Ebenso wie die umstehende Belegschaft, die sich ein breites Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Insbesondere Dr. Meier war kaum noch zu halten, als er das sehr treffende Motiv, das nun Cedrics Dickschädel schmückte, betrachtete und nicht unkommentiert ließ.

Marc: Steht dir! Auch wenn der Hornochse vielleicht treffender gewesen wäre als die dicke gefleckte Kuh, die ihren hässlichen Zungenlappen rausstreckt.
Cedric (schenkt ihm einen Giftpfeilblick, der töten könnte, u. springt dann ohne Umschweife mit Sarah auf, weil er jemanden hinter Marc bemerkt hat, der seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht): Halt die Klappe, Marc! Wir reden wieder, wenn du erwachsen bist und dir auch das Vergnügen zuteil wird, zu verstehen, was es heißt, Vater zu sein. Mit all den Sorgen und Nöten, die damit zusammenhängen. Dann wirst du hoffentlich nicht mehr alles gleich ins Lächerliche ziehen, was einem dabei Schönes passiert. ... Kommt, lasst uns gehen! Frau Kunze steht schon die ganze Zeit mit Sissi an der Tür und deine Eltern warten sicherlich auch schon auf uns, Maria.
Maria (folgt Cedrics Blick, der auf der hübschen lächelnden Babysitterin seiner jüngsten Tochter ruht): Tun sie nicht.
Cedric (dreht sich überrascht noch einmal zu ihr herum): Das heißt?
Maria (genießt seinen verdutzten Anblick u. wirft die Einwegbehandlungshandschuhe in die entsprechende Tonne): Deine Aktion heute erspart dir den Gang nach Canossa, mein Lieber.
Cedric (versteht nicht gleich u. schaut verwundert an sich herunter): Ich bin fit.
Maria (blickt auf sein blutverschmiertes Hemd u. die Schrammen in seinem Gesicht): Sieht man dir auch sofort an.
Cedric: Wirklich! Und falls es dich beruhigt, ich hab auch noch Wechselklamotten im Spind. Sind zwar eher für die Sprechstunde gedacht, aber mir steht ja auch quasi eine Fragestunde bevor.
Maria (muss dann doch schmunzeln): Geschenkt! Jetzt mach dich mal locker, Rick! Wir fahren nicht mehr raus zu ihnen. Hast du mal auf die Uhr geschaut?
Sarah (schaut verwirrt von dem einen zum anderen): Ich bin auch fit, Mami.
Maria (streicht ihr liebevoll über das lange Haar u. kann ihren Blick nicht mehr von ihr abwenden): Das weiß ich doch, Schatz. Oma und Opa haben euren Auftritt im Fernsehen gesehen. Ich habe gerade mit ihnen telefoniert. Sie halten es für besser, wenn du heute nicht noch zu ihnen raus fährst. Damit du dich von dem Schreck erholen kannst. Sie bringen Hase Fridolin morgen Nachmittag bei uns vorbei.
Sarah (schmiegt sich an sie): Okidoki, Mami! Auch wenn ich ihn ganz doll vermisst habe und ihn so gerne knuddeln möchte.
Cedric (sieht ungläubig zwischen seinen Mädels hin und her): Wie? Das lief schon über die Mattscheibe? Ach, du sch... liebe Güte.
Maria (grinst ihn schadenfroh an): Was denn? Ich dachte, du stehst darauf, im Mittelpunkt zu stehen. Du gierst doch ständig nach Aufmerksamkeit.
Cedric (liest die Doppeldeutigkeit ihrer Worte klar und deutlich heraus): Haha!
Maria (lässt ihre amüsierten Blicke nicht von ihm ab): Und ich glaube, meine Eltern finden, dass ein Mann, der selbstlos eine Scharr Kinder aus einer Gefahrenzone rettet, vielleicht doch nicht ganz so ein schlechter Mensch sein kann, auch wenn die Vergangenheit noch an ihnen nagt und weiter nagen wird.
Cedric (kommt auf sie zu u. blickt sie mit glühenden Augen an): Ach? Heißt das etwa, ich bin rehabilitiert?
Maria (lässt sich nicht in die Karten gucken, rückt ihren Arztkittel zurecht, schnappt sich Sarahs Hand u. zieht an ihm vorbei): Denkst du, dass sie so schnell vergessen können und dir den roten Teppich ausrollen? Von den zehntausend Minuspunkten, die du im Laufe deines Lebens angesammelt hast, fällt vielleicht einer weg. Wenn überhaupt. Oder auch zwei oder drei, wenn man Sarahs Freunde dazurechnet.
Cedric: Was?

...setzte Dr. Stier noch verwirrt nach und kratzte sich dabei an dem Kuhmotiv-Pflaster an seiner Stirn, welches furchtbar zu jucken begonnen hatte, aber Maria hatte beschlossen, nichts weiter dazu zu sagen. Sollte er ruhig noch etwas in seinem eigenen Saft schmoren. Wenn auch nicht die Verletzungen, das hatte er verdient. Er war zwar heute durch verrückte Umstände einem ersten familiären Aufeinandertreffen nur um Haaresbreite entgangen, aber früher oder später - wohl eher früher als später - würde er ihren Eltern nicht entkommen können und sich ihnen stellen müssen. Das war so sicher wie der tägliche Wetterbericht. Grinsend marschierte sie daher mit Sarah an der Hand zur Tür und der Gescholtene trottete ihr mit hängenden Schultern langsam hinterher. Diese Frau konnte einen aber auch wahnsinnig machen und demotivieren, dachte er nur, während er sich von Jochens Freundin seine jüngste Tochter reichen ließ, die von seiner Ältesten gleich mit großem Überschwang begrüßt und abgebusselt wurde. Dann nahm er das Energiebündel an die Hand, bevor es noch Sissi verunsicherte, die leise auf seinem Arm gähnte und nicht wirklich verstand, wo sie sich gerade befand und wer mit ihr neckte. Zufrieden registrierte Cedric noch, wie Maria sich auf der anderen Seite leicht an ihn lehnte. Ein Zeichen, das vielleicht unbemerkt von ihr ausgegangen war, ihn aber unheimlich glücklich machte und den Schreck des Tages schnell vergessen ließ. Und so ließ die neu zusammengefundene Familie Hassmann-Stier schließlich die Notaufnahme des Elisabethkrankenhauses hinter sich und bemerkte nicht mehr die nachdenklichen Blicke, die Dr. Meier ihnen nachwarf, dem dieser ungewohnt friedfertige Anblick etwas suspekt vorkam. Aber er war ja auch mit den Gedanken längst woanders. Ihm ging ein Satz seines nervigen Kontrahenten nämlich nicht mehr aus dem Kopf und dieser beschäftigte ihn mehr, als er für möglich gehalten hätte. Erst als Gretchen von hinten ihre Arme um ihn schlang und ihr Gesicht sanft gegen seine stoppelige Wange schmiegte, wandte er sich ihr wieder zu und lächelte sie verliebt an.

Gretchen: Alles in Ordnung, Marc?
Marc (verliert sich in ihren fragenden Augen): Was soll sein?
Gretchen (ihre Wangen verfärben sich leicht rosa, weil er sie so intensiv anschaut): Weiß nicht. Du... wirkst auf einmal so... nachdenklich. Wie so ein zerstreuter Professor.
Marc (funkelt sie gespielt empört an): Was? Wirst du etwa frech, Fräulein?
Gretchen (schmiegt sich lächelnd an ihn u. zupft ihm die zerzausten Haare zurecht): Nein, das war lediglich eine Feststellung.
Marc (greift nach ihren Händen u. wirbelt sein Mädchen lächelnd zu sich herum, damit er ihr besser in ihr wunderhübsches Gesicht blicken kann): Ich glaube, du brauchst stärkere Kontaktlinsen. Du verlierst den Durchblick, Haasenzahn.
Gretchen (hat durchschaut, dass er geschickt abzulenken versucht): Tue ich nicht! Es ist ganz schön viel passiert und du bist noch angeschlagen. Vielleicht solltest du es doch langsamer angehen. Du bist erst seit ein paar Stunden wieder fit. Oder tust du nur so?
Marc (nimmt seine besorgte Freundin eindringlich ins Visier): Ach, was, da ist nichts.
Gretchen (bleibt skeptisch u. mustert ihn nachdrücklich): Wirklich?
Marc (genervt): Haasenzahn!
Gretchen (ahnt instinktiv, was ihn bewegt): Marc, ich wäre eine schlechte Freundin, wenn ich nicht merken würde, was mit dir los ist. Mach dir nicht so viele Gedanken, Schatz. Alles ist gut. Ich weiß, dass du genauso gehandelt hättest.
Marc (guckt sie verwundert an, weil sie erschreckend genau ins Schwarze getroffen hat): Wie kommst du denn jetzt darauf?
Gretchen (schlängelt ihre Arme um seinen Hals u. sieht ihn besonnen an): Weil ich es eben weiß und ich dich besser kenne als mich selbst. Du würdest unsere Wundersterne auch beschützen, egal was kommt.
Marc (lächelt abwesend u. kann selbst nicht verstehen, was auf einmal mit ihm los ist): Weißt du eigentlich, was da alles passieren kann?
Gretchen (legt ihre Hände um seine Wangen, um ihn zu beruhigen): Millionen Dinge und die wenigsten werden wir beeinflussen können.
Marc (fühlt sich plötzlich seltsam unwohl): Was?
Gretchen (blickt ihm nachdrücklich in die Augen, die aufgewühlt hin u. her huschen): So ist das Leben, Marc, gerade mit Kindern. Unberechenbar, aber auch so schön.
Marc (gerät ins Grübeln): Hmm!?
Gretchen (versucht, ihm etwas von ihrem Urvertrauen abzugeben): Hey, mach dir nicht so einen Kopf! Wir haben noch so viel Zeit. Alles wird und ist gut. Wir meistern das. Zusammen!
Marc (ist zwar noch nicht ganz überzeugt, aber lächelt sie an): Wenn du das sagst? Ich war eben nur... Keine Ahnung. Das Wetter?
Gretchen (lässt ihn nicht ausreden, weil sie merkt, wie schwer er sich damit tut): Ich weiß.

Marc (überlegt nicht lange u. zieht sie zu einem innigen Kuss zu sich heran, weil das die Medizin ist, die er jetzt braucht, um wieder runterzukommen): Komm her!
Gretchen (schwebt einen Moment lang auf Zehenspitzen wie auf Wolken, bis sie wieder merkt, wo sie sich gerade befinden): Was... war... das? Das... Marc, es sind noch Patienten hier in der Notaufnahme. Wir sollten...
Marc (zuckt unbeeindruckt mit den Schultern u. sieht sie mit dem typischen Meier-Blick an, der ihr weiche Knie beschert): Genau, wir sollten hier abhauen. Wann machst du hier Schluss? Haben wir nicht noch was nachzuholen?
Gretchen (schmiegt sich glücklich an ihn, bis sie sich abrupt wieder losreißt, weil ihr siedendheiß etwas eingefallen ist): Unverbesserlich, der Herr, aber so lieb ich dich. Ich hab noch eine OP, die in... oh... vor drei Minuten hätte losgehen sollen. Wir kümmern uns doch heute um die Brandwunden von Max und seinem Vater. Die Hauttransplantate, weißt du noch. Dr. Rössel übernimmt den Vater und ich den Jungen. Und im Anschluss wollte ich noch zu Sabine und Anton. Die warten auf mich.
Marc (blickt sie gespielt schockiert an): Was? Du ziehst ein Date mit dem Hosenscheißer mir vor?
Gretchen (klimpert verführerisch mit ihren Wimpern, während sie sich noch einmal an ihn lehnt): Da ich davon ausgegangen bin, dass du heute noch krank im Bett liegen wirst, ja. Ich bin doch extra heute mit Mamas Wagen da. Der Lieferant vom EKH sponsert doch die Windelpakete für die junge Familie. Ich bring sie ihnen vorbei, weil Günni heute nicht da ist. Und ich freue mich doch schon so, den Kleinen wiederzusehen.
Marc (sprachlos starrt er sie an, bis er sich wieder gefangen hat): Wie fies! Du bist Ärztin. Meine Ärztin wohlgemerkt! Es wäre also deine hippokratische Pflicht gewesen, dich anständig um mich zu kümmern. Mhm, oder auch unanständig. Ich bin für unanständig!
Gretchen (windet sich aus seinem dreisten Kussversuch, mit dem er sie plötzlich attackiert, u. klappst ihm auf die Hand, die frech in ihren Po gekniffen hat): Maaarc!
Marc (grinst sie meierlike an): Anwesend und zu allen Schandtaten bereit!
Gretchen (schüttelt sprachlos den Kopf): Spinner! Was das Kümmern betrifft, du ahnst ja gar nicht, wie ich die letzten Tage wegen dir rotiert habe, während du entspannt deine Kissen voll geniest hast und in deinem Delirium nicht mal gemerkt hast, dass ich überhaupt da war.
Marc (spielt die beleidigte Leberwurst): Eh! Gar nicht wahr! Ich hab das gemerkt. Also, meistens.
Gretchen (funkelt ihn an): Und wo bleibt dann das Dankeschön?
Marc (verdreht die Augen): Als ob sich jeder Patient bei dir extra dafür bedankt, was in deinem Jobprofil steht.
Gretchen (grient ihn an): Och, ich freue mich schon, wenn es nur einer macht und wenn du derjenige welche wärst, noch umso mehr.
Marc (fühlt sich herausgefordert): Ich war zwar nicht krank, aber gut, wenn’s der Motivation der Frau Doktor dient, dann... danke!
Gretchen (tut so, als hätte sie nichts gehört): Was?
Marc (blitzt sie an): Boah, Haasenzahn, reiz mich nicht! Sag mir lieber, wann ich jetzt mit dir rechnen kann.
Gretchen (drückt ihm einen süßen Abschiedskuss auf die Lippenspitzen): Ich versuche mich zu beeilen. Versprochen! Aber ich muss jetzt wirklich los. Ich will Max nicht warten lassen und Jochen guckt auch schon ganz ungeduldig.
Marc (bemerkt den Haasschen Grinseblick, der auf ihm ruht, dreht Jochen den Rücken zu u. streicht möglichst unauffällig über Gretchens Bauch): Immer noch auf Bildungsmission? Ist bei dem nicht Hopfen und Malz verloren? Du musst dich auch mal um dich kümmern. Die Welt kommt auch ohne dich zurecht. Die Zwei hier aber nicht. Ich bin dafür, dass wir Vier uns bald möglich hinlegen.
Gretchen (schaut ihn ganz gerührt an u. windet sich dann aus seiner Umarmung, weil sie noch nicht will, dass jemand merkt, was mit ihr los ist): Du bist süß. Wir passen auf uns auf. Und Jochen, er hat sich das gewünscht. Und wenn er einmal aufmerksam ist, dann muss ich das auch ausnutzen. Das ist quasi meine Pflicht als große Schwester, als seine Vertraute und als Vielleicht-bald-Ausbilderin. Bis später, Schatz! Warte nicht auf mich! Ich bin ja mit Mamas Wagen unterwegs. ... Jochen, kommst du? Du wolltest doch mit zu Max’ Eingriff.
Jochen: Super, danke! Ich dachte schon, du würdest dich gar nicht mehr von ihm loseisen können. Was ist denn mit dem heute los? Der Meier ist ja total durch den Wind. Habt ihr wieder Zoff?

Doch Gretchen beließ es dabei, darüber zu schweigen, was Jochen nur noch misstrauischer machte als zuvor, der beim Blick über seine rechte Schulter einen seltsamen Gesichtsausdruck bei Dr. Meier ausmachen konnte, der einfach nicht zu knacken war. Marc war nach Gretchens Verabschiedung in der Tat gerade mit seinen Gedanken woandershin davon geschwebt und blickte nachdenklich auf die noch anwesenden Kinder, die soeben von ihren besorgten Eltern abgeholt wurden. Würde er auch damit umzugehen wissen? Würde er seine Kinder auch vor der großen, bösen Welt da draußen beschützen können? Diese Frage setzte ihm so sehr zu, dass er gar nicht gleich mitbekam, wie er von der Seite von einer genervten Krankenschwester angesprochen wurde...

Gabi: Marc? ... Marc! ... DR. MEIER!
Marc (sieht verwirrt auf): Was?
Gabi (verdreht genervt die Augen): Ich hab jetzt alle Patienten erfasst. Die Eltern haben unterschrieben. Brauchst du mich noch? Ich würde dann die Daten noch ins System eintragen und dann für heute Schluss machen. Der kleine Haase ersetzt mich dann an der Anmeldung, wenn die OP durch ist. Die geht doch nicht so lange, oder?
Marc (nickt): Okay!
Gabi (verunsichert, weil der Meckerkönig vom Dienst so ungewöhnlich wortkarg reagiert): Okay? Ähm... alles ok mit dir?
Marc (lässt sich nichts anmerken): Klar! Was soll sein?
Gabi (klemmt sich die Aktenmappen vor die Brust u. mustert ihn eindringlich): Keine Ahnung? Die Schockräume sind jetzt alle leer. Das Hygieneteam will rein und sie für die nächsten Notfälle fertig machen. Du stehst ihnen im Weg, falls dir das noch nicht aufgefallen ist.
Marc (blickt sich irritiert um u. setzt sich schnell in Bewegung, als der Putztrupp in den Raum vorrückt): Oh! Ja! Ihr könnt rein, Leute!
Gabi (folgt dem zerstreuten Oberarzt mit den Aktenmappen auf dem Arm aus der Notaufnahme): Du, Marc, hast du noch einen Moment?
Marc (bleibt verwundert mitten auf dem Flur stehen): Was ist, Gabi? Ich hab noch zu tun. Also halt dich kurz und quatsch mich nicht voll!
Gabi (druckst ungewohnt herum u. weiß selber nicht, wieso sie jetzt damit anfängt): Ich wollte nur... Also... ich wollte, dass du weißt, dass ich... Also, ich finde es gut, wie du das jetzt machst.
Marc (versteht nur Bahnhof u. guckt auch dementsprechend aus der Wäsche): Äh... was genau jetzt? Dass ich gut bin, weiß ich schon selber. Auf deine fachferne Einschätzung kann ich also gut und gerne verzichten. Also, zieh Leine und nerv Mehdi!
Gabi (schaut sich um, ob auch keiner zuhört): Na, das, was... noch keiner wissen darf. Du und Gretchen...
Marc (seine Alarmsensoren springen an): Was? Sag nicht, er hat gequatscht! Boah, dieses alte Tratschweib! Ist denn auf ihn gar kein Verlass mehr!
Gabi (versucht ihn in seiner aufsteigenden Wut zu bremsen): Doch, du kannst Mehdi vertrauen. Er hat nichts gesagt, zumindest nicht direkt. Aber seine Euphorie und euer Verhalten sind ja nicht zu übersehen. Also ist es nicht schwer, eins und eins zusammenzuzählen.
Marc (guckt sie schockiert an): Bitte? Boah, Gabi, was soll das denn jetzt? Das geht dich nichts an und andere übrigens auch nicht. Also, wehe, du hältst nicht deine Klappe!
Gabi (muss das loswerden, was sie unbedingt loswerden möchte): Nachdem, was war, da wollte ich...
Marc (lässt sie nicht ausreden, weil es ihm immer unangenehmer wird): Oh, bitte, waren wir uns nicht einig, das Thema ein für alle Mal zu begraben?
Gabi (schluckt u. versucht, die aufkommenden Tränen zu unterdrücken): Okay!?
Marc (merkt, dass er sich falsch ausgedrückt hat, u. klappst sich in Gedanken gegen die Stirn): Sorry, so war das nicht gemeint, Gabi.
Gabi (fängt sich schnell wieder): Schon gut, Marc. Jeder hat sein Päckchen zu tragen und das ist nun mal meines. Ich... wollte dir jedenfalls nur sagen, dass ich es gut finde. Das war’s auch schon.
Marc: Gut!?

Was war das denn eben, fragte sich Dr. Meier noch verwirrt, als er der schwangeren Krankenschwester überfordert nachblickte, nachdem diese sich plötzlich einfach umgedreht hatte und gegangen war. ... Hormone! Ich muss aufpassen, dass die nicht noch völlig die Kontrolle des EKH übernehmen. Nicht auszudenken, was dann hier los ist! Da war die Ebola-Epidemie im letzten Jahr ein Klacks dagegen. ... Dann setzte auch er sich in Bewegung. Er hatte noch einiges auf seinem Schreibtisch liegen, was der Professor ihm aus der Ferne aufgetragen hatte. Und wenn er das schnell abgearbeitet hatte, würde er vielleicht noch die Chance bekommen, Haasenzahn im OP zu beobachten. Mit diesem wunderbaren Gedanken im Kopf machte sich der durcheinander wirkende Chirurg und Interimschef des Elisabethkrankenhauses frohgemut auf den Weg in sein Büro, wo er schließlich auch den Rest dieses Mittwochnachmittags verbrachte.

Lorelei Offline

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21.07.2015 13:46
#1534 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Es war schon eine Weile her, dass die Abenddämmerung über die deutsche Hauptstadt hereingebrochen war und jegliches Licht, welches die ersten Frühlingstage des Jahres in bunten schillernden Farben erstrahlen ließ, mit seinem düsteren Schleier ummantelt hatte. Mal abgesehen von den flackernden Reklametafeln und den hellbeleuchteten mehrstöckigen Bürogebäuden in der pulsierenden Innenstadt der Metropole, wo manch einer erst jetzt auf seine Tageshöchstleistungsform hinsteuerte, weil er die Nacht zum Tag zu machen gedachte. Doch es gab auch die eine oder andere versteckte ruhige Ecke in Berlin, wo sich auch die Dunkelheit heimisch fühlte, aber nicht im gruseligen und gefährlichen Sinne eines mitternächtlichen Fernsehkrimis, sondern eher auf eine gemütliche und heimelige Art und Weise, die Zuhause bedeutete. An diesem späten Abend waren jedenfalls keine Sterne am wolkenverhangenen Firmament zu sehen und so blieb auch das teure Teleskop auf dem mit Frühlingsblühertöpfen übersäten Balkon eines Mehrfamilienhauses am Prenzlauer Berg heute ausnahmsweise unangetastet und das obwohl es dem glücklichen Familienvater, der hier seit zwei Monaten mit seiner Tochter und seiner Freundin lebte, vor einiger Zeit geglückt war, die sehr wissbegierige Neunjährige endlich von der faszinierenden Schönheit des Kosmos und des nächtlichen Berlins zu begeistern. Doch Lilly Kaan, die die Geschichten und Erklärungen ihres Papas über alles liebte, war schon vor zwei Stunden ins Bett gegangen, weil sie am nächsten Tag Schule hatte, und sie träumte vermutlich schon längst von glitzernden Feen und magischen Welten oder vielleicht auch von ihrem kleinen Geschwisterchen, das in knapp sieben Monaten auf die Welt kommen würde. Darauf war die süße Maus nämlich so stolz, dass sie ein T-Shirt mit der Aufschrift „Die beste große Schwester der Welt“, ein Geschenk ihres Vaters, mit welchem er ihr die wunderbare Neuigkeit freudestrahlend überbracht hatte, zu ihrem neuen Lieblingskleidungsstück auserkoren hatte, das sie auch zum Schlafen nicht mehr ablegen wollte.

Im Schlafzimmer nebenan war man dagegen trotz vorgerückter Stunde noch nicht ins Reich der Träume abgetaucht. Die Freundin von Lillys Vater hatte nach einem aufregenden Arbeitstag in der Klinik die letzten anderthalb Stunden damit verbracht, sich im Bad ihrem alltäglichen Schönheits- und Entspannungsprogramm zu widmen. Die schwangere Krankenschwester hatte ein langes Entspannungsbad mit himmlisch duftenden ätherischen Ölen genossen, nachdem sie endlich herausgefunden hatte, gegen welche Duftstoffe ihr sensibles Riechorgan und ihr empfindlicher Magen nicht rebellierten. Sie hatte die Augen geschlossen, war in das wohligwarme Badewasser eingetaucht und hatte versucht, die Bilder aus der Notaufnahme zu verdrängen, welche heute von einer überdrehten Kindergeburtstagstruppe aufgemischt worden war, die unbedacht in eine gefährliche Situation hineingeraten war, die jedem hätte passieren können, aber zum Glück glimpflich ausgegangen war. Durch die aufkommenden Muttergefühle hatte diese skurrile Geschichte Schwester Gabi ziemlich mitgenommen. Aber nachdem schnell klar geworden war, dass bis auf einen sehr ramponiert aussehenden Dr. Stier, der durch sein beherztes Handeln unfreiwillig zum neuen Medienhelden Berlins gekürt worden war, nichts weiter geschehen war, konnte sich auch die aufgewühlte Krankenschwester wieder beruhigen und sich entspannt in der gemütlichen Badewanne zurücklehnen. Sie hatte eine Haarkur gemacht, hatte ihre langen Haare seidig glatt gekämmt, sich dann Lockenwickler eingedreht, um wieder ein bisschen Volumen in ihr sprödes Haar zu bekommen, hatte anschließend ihre Beine rasiert und sich mit einer sehr sinnlich duftenden Bodylotion aus Sheabutter und Kokos eingecremt. Danach hatte sie verschiedene Nagellacke ausprobiert, bis sie den richtigen Farbton für ihre Fußnägel gefunden hatte, welcher ihrem kritischen Auge gefallen hatte, und hatte ihre Haare anschließend trocken gefönt und kunstvoll frisiert, wie sie es immer gerne tat, um besonders hübsch und verführerisch auszusehen. Und sie hatte ein bisschen Lipgloss und Rouge auf ihrem makellosen Gesicht aufgetragen. Die einzige Neuerung in ihrem alltäglichen Zu-Bett-geh-Programm. Denn Gabriella Kragenow verfolgte einen Plan.

Tagelang hatte sich ihr Freund geschickt herausgewunden, wenn sie ihn mal mehr, mal weniger dezent danach gefragt hatte, was er denn mit ihr vorhatte. Seitdem er auf dem Krankenhausflur die vage Andeutung gemacht hatte, dass er eine Überraschung für sie vorbereitete, fand sie keine ruhige Minute mehr. Ihre Fantasie lief auf Hochtouren. Ebenso wie ihr hartnäckiges Verlangen, herauszufinden, um was es sich dabei genau handelte. Und sie hegte da auch bereits einen Verdacht. Mehdi war zwar nicht darauf eingegangen, aber die verdächtig zuckende Augenbraue hatte ihn verraten, während der Rest seines unnachgiebigen Pokerface keine weitere Miene verzogen hatte. Dazu noch das amüsierte Dauergrinsen, welches er an den Tag legte, jedes Mal, wenn sie ihn bezirzte, um ihm auf die Schliche zu kommen. Das machte sie ganz kirre. Aber sie wusste es. Er wollte mit ihr wegfahren. Dessen war sich Gabi mittlerweile sehr sicher und sie freute sich schon riesig darauf. Endlich! Sie wünschte sich schon lange, mit ihrem Liebsten den schnöden Alltag und das nervige Krankenhaus hinter sich zu lassen, einfach wegzufahren und die Seele baumeln zu lassen. Das hatten sie sich nach den stressigen Monaten verdient, in welchen sie nach langem Hin und Her endlich zusammengefunden hatten, dann recht schnell in eine gemeinsame Wohnung gezogen waren und unerwartet schwanger geworden waren, was ihr Leben ziemlich auf den Kopf gestellt hatte, aber sie gleichzeitig auch noch enger zusammengeschweißt hatte. Aber wo wollte der gemeine Kerl nur mit ihr hin? Und warum machte er so ein großes Geheimnis daraus? Weil er sie necken wollte? Vermutlich! Aber heute Abend würde sie den Spieß umdrehen. Heute würde er ihr nicht entkommen. Heute würde sie es aus ihm herauskitzeln und das im wahrsten Sinne des Wortes. Deshalb hatte sie auch das schärfste Teil aus ihrem Kleiderschrank herausgesucht, in das sie noch, ohne den Bauch einziehen zu müssen, hineinpasste. Er würde keine Chance haben und unter ihren Händen dahinschmelzen wie Eiscreme in der Sonne. Und dann hatte sie ihn!

Mit dem Wissen, dass sie gerade unwiderstehlich gut aussah, und der Selbstsicherheit, dass ihr Schatz ihr demzufolge niemals würde widerstehen können, stolzierte die schöne Krankenschwester auf nackten Zehenspitzen zurück ins gemeinsame Schlafzimmer. Nur um dort irritiert festzustellen, dass das Zielobjekt ihres raffinierten Plans noch nicht im Bett lag, wie sonst stets, wenn sie mal wieder im Bad etwas länger als der Rest der Menschheit gebraucht hatte. Stattdessen hörte sie Mehdi immer noch im Nebenzimmer rascheln und werkeln, welches, als die Drei hier eingezogen waren, eigentlich als begehbarer Kleiderschrank für die Damenfraktion des Hauses geplant war, aber nun in wenigen Wochen zu einem zweiten Kinderzimmer umgebaut werden würde. Der Gedanke daran ließ Gabi unweigerlich aufseufzen und ein verträumtes Dauerlächeln schlich sich auf ihre leicht geröteten Wangen, welches Dr. Kaan sicherlich sämtliche Geheimniskrämerei vergessen gemacht hätte, wenn er denn dessen Zeuge gewesen wäre. Aber nein, er schien ja immer noch mit was auch immer schwer beschäftigt zu sein, wie Gabi frustriert feststellen musste. Aber sie ließ sich davon nicht entmutigen. Im Gegenteil.

Langsam ließ sie sich auf dem gemütlichen Boxspringbett nieder. Sie robbte bis zum Kopfende vor und positionierte die Kopfkissen so in ihrem Rücken, dass sie es besonders bequem hatte. Dann lehnte sie sich zurück und legte ganz automatisch ihre Hand auf ihren Bauch und streichelte selbigen durch den hauchdünnen Stoff ihres sexy Nachtgewands. Dabei versank sie so tief in ihren Gedanken, dass sie ihren eigentlichen Plan fast vergessen hätte, wenn ihr für seine Tollpatschigkeit bekannter Freund nicht in dem Moment im Nebenzimmer einen Karton polternd zu Boden gestoßen hätte. Schnell fasste sich die schwangere Frau wieder. Sie legte sich auf die Seite, winkelte ihre langen schlanken Beine sexy an, rückte ihre prallen Brüste in dem halbdurchsichtigen Negligé zurecht, damit sie besonders gut zur Geltung kamen, was sie durch ihre voranschreitende Schwangerschaft ohne Zweifel taten, und ließ einen der dünnen Spaghetti-Träger von ihrer Schulter gleiten. Ihre langen leicht gewellten brünetten Haare drapierte sie wie ein kostbares Seidentuch über ihrem Kopfkissen, wusste sie doch von deren Wirkung. Mehdi liebte es nämlich, seine Hände tief darin zu vergraben und sie bekam allein schon beim Gedanken daran eine Gänsehaut, die sich wie eine Decke auf ihren halb entblößten Körper legte. Gabi benetzte ihre geglossten Lippen und versuchte, möglichst entspannt zu wirken. Obwohl sie alles andere als das war. Es war total verrückt. Sie kannte Mehdi schon so lange und sie waren jetzt auch schon ein Vierteljahr zusammen und trotzdem war sie gerade aufgeregt wie ein Teenager, der kurz vor seinem ersten richtigen Rendezvous stand. Die Schwangerschaftshormone machten sie total kirre. Und sie hatte so eine Lust auf den gutaussehenden Halbperser, dass ihre Mission schon wieder in den Hintergrund rückte, ihm endlich sein Überraschungsgeheimnis zu entlocken. Schwester Gabi holte mehrmals tief Luft und versuchte den Hitzeschub, den ihr schneller Herzschlag verursachte, zu ignorieren und sich zu konzentrieren. Sie wurde in der Tat ruhiger. Sie verlagerte ihr Gewicht leicht auf die Seite und stützte sich mit ihrem rechten Ellenbogen auf einem der Kissen ab. Jetzt sah sie perfekt drapiert aus. Was jetzt noch fehlte, war das Objekt ihrer Begierde. Aber das wusste sie schon geschickt zu sich zu locken.

Gabi (verführerisch säuselnd): Mehdi?
Mehdi (klingt beschäftigt): Ja?
Gabi: Oh, Mehdilein!
Mehdi: Ich bin gleich fertig. Nur noch diese eine Kiste. Dann bin ich durch.

...antwortete der gutmütige Gynäkologe und schob im Nebenzimmer, in dem er schon seit Stunden beschäftigt war, eine weitere unausgepackte Umzugskiste vor sich her und entdeckte gleichzeitig in einer anderen unscheinbaren Kiste in der Ecke noch etwas Neues, was ihn erneut ablenkte. Allmählich wurde Gabi ungeduldig, weil Mehdi nicht so reagierte, wie sie es sich gewünscht hatte. Ihre Stimme klang deshalb gereizt und nicht mehr so sexy säuselnd wie noch eine Minute zuvor, als sie ihn erneut ansprach.

Gabi: Was machst du da eigentlich die ganze Zeit, Mehdi?
Mehdi: Ich versuche, Ordnung in das Chaos zu bringen und miste aus.
Gabi: Musst du das ausgerechnet heute Abend machen? Das hat doch Zeit, bis wir eh alles umräumen. Komm doch endlich her! Mir ist so kalt im Bett ohne dich.
Mehdi: Gleich, mein Schatz! Ich will nur noch diese eine Kiste durchschauen, ob ich nicht darin noch ein paar Kleidungsstücke finde, die ich nicht mehr brauche. Ich mache doch morgen Nachmittag wieder meine Tour durch den Kiez. Die Flüchtlinge brauchen nicht nur ärztliche Versorgung, Medikamente und Lebensmittel, Gabi, sondern auch dringend Kleider- und Sachspenden. Teilweise haben sie auf ihrer Flucht nach Deutschland alles verloren, was sie besessen haben. Deshalb habe ich gedacht, ich schaue noch mal durch die Kartons, die ich noch nicht ausgepackt habe, ob ich was finde.
Gabi (lehnt sich seufzend zurück, weil ihre verführerische Position langsam unbequem wird): Verstehe! Aber du weißt schon, dass du nicht die ganze Welt retten kannst, Mehdi?
Mehdi (lacht u. wird im nächsten Moment ganz wehmütig und traurig): Nein, das nicht, aber wenn ich nur einem Menschen in Not helfen kann und dann in sein glückliches, dankbares, angstfreies Gesicht blicken kann und er sieht, dass sie hier nicht nur Hass und Abneigung begegnen, dann ist schon viel erreicht. Es werden täglich mehr, Gabi. Ich kann da nicht einfach nur still rumsitzen und zuschauen. Ich muss was machen. Gerade jetzt.
Gabi (blickt gerührt zu der Tür, die ins Nebenzimmer führt): Ich weiß. Du bist mein Held! Aber du verlangst jetzt nicht auch noch, dass ich meine Designerfummel durchgucke, oder? Ich werde zwar in nächster Zeit nicht mehr hineinpassen und ich weiß, dass sie Unmengen an Platz wegnehmen, den wir nicht haben, aber ich kann mich nicht von ihnen trennen.
Mehdi: Nein, das muss du nicht, Liebling. Aber der Gedanke zählt. Danke!
Gabi: Jetzt machst du mir aber echt ein schlechtes Gewissen. Ich kann morgen helfen, die abgelaufenen Medikamente im Elisabethkrankenhaus unauffällig einzusammeln. Die Oberschwester ist auf Fortbildung und guckt mir also nicht ständig auf die Finger.
Mehdi (fischt lächelnd zwei Pullover u. eine Jacke aus der Kiste, betrachtet sie eingehend u. wirft sie dann zu den anderen aussortierten Sachen auf den Stapel): Danke! Jetzt bist du meine Heldin!
Gabi (verzieht ihr Gesicht zu einer Schmollschnute): Haha! Mach dich nur lustig. Da will ich mich einmal einbringen. Kommt nicht wieder vor.
Mehdi (besänftigend aus dem Nebenraum raunend): Tue ich nicht. Ich nehme dich immer ernst und beim Wort, Gabi. Das weißt du doch.
Gabi (fühlt sich herausgefordert u. positioniert sich erneut sexy auf dem Bett): Ach ja? Und warum kommst du dann nicht endlich her zu mir, wenn ich dich darum bitte?
Mehdi: Bin schon fertig, Maus.

Mehdi schob die letzte der noch unausgepackten Umzugskisten zurück in die Ecke neben dem geräumigen Kleiderschrank und stopfte die letzte Hose, die ihm nicht mehr passte, mit den anderen aussortierten Kleidungsstücken in die schwarze Reisetasche, welche er morgen für die Tour durch die Berliner Problemviertel mitnehmen würde. Dann sprang er auf und schlüpfte schnell in sein bequemes Outfit für die Nacht und lehnte sich anschließend lässig an den Türrahmen des Schlafzimmers, wo er bereits ungeduldig erwartet wurde. Ihm verschlug es für den Moment die Sprache, als er entdeckte, wie sich seine Freundin lasziv auf dem Bett räkelte und was sie da genau trug bzw. nicht trug. Unweigerlich fing sein Herz unter seiner Brust wild an zu schlagen und das Blut schoss pulsierend durch seine Adern, was man an der anschwellenden Schlagader an seinem Hals deutlich ablesen konnte. Plötzlich wurde der Sauerstoff in diesem Raum gefährlich knapp. Die sexy Sirene registrierte natürlich die begierigen Blicke, mit denen der sprachlose Mann sie bedachte und sie spürte dabei eine tiefe Befriedigung, welche die Gier nach mehr mit sich brachte. Sie wollte ihn so sehr. Doch als Gabi sah, was ihr Traummann anhatte, verschlug es ihr kurz den Atem und sie wurde aus dem Konzept gebracht.

Gabi: Äh... was genau hast du da an?
Mehdi (schaut verwundert an sich herunter, als er langsam auf das Bett zugeht): Wieso? Das ist mein Pyjama. Den trag ich doch immer. Also meistens.
Gabi (lächelt süffisant): Mein Tipp an dich, Bärchen, falls du noch Platz in der Tasche für die Asylanten hast, dann...
Mehdi (stoppt sie protestierend): Das ist mein Lieblingspyjama.
Gabi (kann nicht anders, als ihn spottend anzuschauen u. auf den Arm zu nehmen): Als du noch der uncoole, unglückliche Nerd und spätere Frauenarzt warst, der keine Frau abgekriegt hat. Hat dir das nicht zu denken gegeben?
Mehdi (funkelt die Grinsefee erst eingeschnappt an u. muss dann selber lachen): Eh! Das war ganz schön frech.
Gabi (herausfordernd blitzt sie ihn an, um ihn endlich zu sich zu locken): Raus aus den Klamotten, Mehdi! Ich will dich hier in meinem Bett. Nackt! Das ist nämlich immer noch mein Lieblingsoutfit an dir.
Mehdi (lächelt belustigt, während er sich, wie gewünscht, sein Oberteil über den Kopf streift u. achtlos zur Seite wirft): Was hast du vor?
Gabi (schüttelt ungläubig den Kopf, ehe sie den muskulösen Halbperser mit wild aufflackernden Augen ansieht): Mir ist echt unbegreiflich, wie dich manch einer als Frauenversteher bezeichnen kann. Was werde ich wohl vorhaben, Herr Doktor, hmm? Neben der Tatsache, dass ich endlich wissen will, wohin du mit mir und Lilly in den Kurzurlaub fahren willst, über den ich übrigens Bescheid weiß, du Geheimniskrämer. Ich will natürlich mit dir heute Nacht Sex haben. Wilden, heißen, ungezügelten, schmutzigen, detailverliebten Sex. Also komm endlich her! Verliebte schwangere Frauen sollte man(n) niemals warten lassen. Lernt man das nicht bei euch auf der Uni in euren Frauenversteherkursen?
Mehdi (grinst über das ganze Gesicht, während er ihr mit feurigen Blicken das dünne Negligé vom Leib reißt): Vielleicht sollte ich das für die Ausbildung unserer Nachwuchskräfte mal vorschlagen.
Gabi (spürt seine Blicke wie brennende Pfeile auf der Haut u. flirtet ungeniert mit ihm): Mach das! Aber nicht jetzt!
Mehdi (nimmt sie aufs Korn, um sie noch ein bisschen mehr zu provozieren): Nicht?
Gabi (verbrennt allmählich unter seinen intensiven Blicken u. sehnt sich ungeduldig danach, dass er endlich etwas macht): Mehdi!
Mehdi (ihr flehender Wunsch ist ihm Befehl): Und weißt du was? Verliebte werdende Väter lesen ihren Frauen jeden Wunsch von den Augen ab und setzen ihn unverzüglich in die Tat um.
Gabi (klimpert verheißungsvoll mit ihren Wimpern u. lehnt sich erwartungsvoll in ihre Kissen zurück): Na, dann? Das wollte ich hören.
Mehdi (folgt ihr atemlos mit seinen aufgewühlt hin und her flackernden Pupillen): Du...
Gabi (verliert sich ebenfalls in seinen dunklen Augen): Ja?
Mehdi: ...bist so... wunderschön.

Wie hätte der bis über beide Ohren verliebte Oberarzt dieses verlockende Angebot seiner liebreizenden Freundin jemals ablehnen können? Er war ihr doch mit Haut und Haar verfallen und er hätte ihr niemals auch nur irgendeinen Wunsch abschlagen können und schon gar nicht einen solch verheißungsvollen wie diesen hier, welcher ihr funkelnd in den dunkelgrün schimmernden Augen stand, die ihn unweigerlich in ihren magischen Bann zogen. Und so folgte Mehdi mit einem amüsierten Grinsen im Gesicht der unmissverständlichen Einladung seiner verführerischen Lebensgefährtin und schlüpfte geschwind aus seiner Pyjamahose, welche er achtlos zu dem dazugehörenden Oberteil neben das Bett kickte, bevor er tigergleich auf selbiges zuschritt und in betont langsamen Bewegungen über sie glitt. Das Bett gab unter seinem zusätzlichen Gewicht quietschend nach und Gabi hielt den Atem an, als er sich links und rechts von ihrem erhitzt glühenden Gesicht mit seinen muskulösen Armen auf dem Kopfkissen abstützte und nun atemlos auf seine große Liebe herabblickte, die Mehdis intensiven Blick ebenso begierig erwiderte. Ihr Herz klopfte wild unter ihrer sich auf und absenkenden Brust, als er sich, nachdem er sie ausgiebig betrachtet hatte, schließlich langsam zu ihr herabbeugte. Sie spürte seinen heißen Atem auf ihrer Haut prickelnd kitzeln, noch bevor sie seine heißen Lippen schmecken konnte, und erschauderte. Ein heißer Kuss ihres Lebensgefährten genügte und Gabi vergaß gänzlich ihren eigentlichen Plan. Dieser hier schien doch für den Moment viel, viel berauschender und befriedigender zu sein und so gab sie sich Mehdi, der sie nun endlich packte und ungestüm an sich zog, mit großer Leidenschaft hin.


Es waren ungefähr drei Stunden vergangen, nachdem sich Dr. Kaan und Schwester Gabi liebeshungrig in die Arme gefallen waren und sich einfach haben treiben lassen. Jetzt lag das innige Paar eng umschlungen und zugedeckt in ihrem gemütlichen Bett und setzte ihr aufregendes Abenteuer in wilden Träumen fort, die jedoch abrupt ein jähes Ende fanden. Denn Mehdis Handy auf dem Nachtschränkchen hatte hartnäckig angefangen zu klingeln und robbte nun durch die Vibration verstärkt nervtötend über das harte Holz von einer Seite zur anderen. Gabi drehte sich unruhig auf die Seite und zog Mehdi, der hinter ihr lag und durch das Handyklingeln ebenfalls leise stöhnend aus der Traumwelt ins Hier und Jetzt zurückkehrte, besitzergreifend mit sich. Sie wollte es ignorieren, hatte aber nicht mit dem hartnäckigen Pflichtbewusstsein eines Mediziners gerechnet, der sich nun leicht aus ihrem Klammeraffengriff löste, um mit seiner freien Hand blind nach dem Nachttisch zu tasten.

Gabi: Nicht!
Mehdi: Ich muss.
Gabi (stürzt sich schlaftrunken auf ihn, bettet ihren Kopf auf seinem Bauch u. schnappt sich seinen Arm, den sie wieder um sich legt u. stur festhält): Hast du Bereitschaft?
Mehdi (streicht seiner besitzergreifenden Freundin leicht über die Wange): Nein,...
Gabi (öffnet ihre müden Augen, sieht Mehdi direkt an u. fällt ihm schnell ins Wort, bevor er zum ärztlichen Ethos übergeht, gegen den sie keine Chance hätte): Dann musst du gar nichts, Bärchen. Es ist mitten in der Nacht. Lass es klingeln! Oder schalt es am besten ganz aus!
Mehdi (mittlerweile hellwach schält er sich behutsam aus Gabis Umarmung u. schaltet das Nachtlicht an, um sein Telefon besser finden zu können, was ihm zum Ärger von Gabi schließlich auch gelingt): Du weißt, dass das nicht geht.
Gabi: Mhmpf!?!

Scheißhypo-happy-hippi-tokrates! Ach, was weiß ich! Ich will schlafen, verdammt!

...murmelte die eingeschnappte Krankenschwester schlaftrunken und drehte sich schmollend auf die Seite, sodass Mehdi nun mit ihrer nackten Kehrseite Vorlieb nehmen musste. Ein verlockender Anblick, der ihm sehr gefiel, aber erst einmal musste er herausfinden, wer ihn mitten in der Nacht anrief. Sein ungutes Gefühl trog nämlich nie. Ein Anruf in der Nacht hatte immer etwas zu bedeuten. Also drückte er geschwind auf die grüne Hörertaste und hielt sich das Telefon mit seiner rechten Hand ans Ohr, während er mit der anderen liebevoll seine Freundin wieder zudeckte, die ihm dafür lediglich ein frustriertes Aufstöhnen schenkte und ihm weiterhin beleidigt die kalte, äußerst reizvolle Schulter zeigte.

Mehdi: Kaan! Was kann ich... Wie bitte? ... Marc? Hey, bitte, beruhige dich! Ich verstehe kein Wort. ... Kannst du das auch in klaren, verständlichen Sätzen sagen? ... (übt sich in Geduld u. wirkt immer verwirrter, je länger er dem aufgeregten Anrufer zuhört) ... Was? ... Verstehe! Bin sofort bei dir. ... Schatz, ich muss noch mal los.

Schlagartig war Dr. Kaan hellwach und sprang eilig aus dem Bett. Gabi, die mittlerweile ihre Schmollpose gelockert hatte, blickte ihm verwundert hinterher, als er im Halbdunkeln seine Sachen zusammensammelte. Sie konnte sich allem Ärger zum Trotz einen anzüglichen Kommentar nicht verkneifen, als sie ungeniert seine attraktive nackte Kehrseite bewunderte.

Gabi: Gut, ich gebe zu, dieser Anblick versöhnt mich für den Moment, auch wenn ich dem Meier am liebsten eine scheuern würde. Mit dem Bild vor Augen schaffe ich es vielleicht schnell wieder einzuschlafen. Die Fantasiemaschinerie arbeitet auf Hochtouren. Mhm!

Anzüglich zwinkerte die sexy Verführerin ihrem Liebsten zu und war tatsächlich wieder versöhnt. Mit seinem Kleiderbündel in der Hand schritt der amüsierte Gynäkologe noch einmal zu seiner neckischen Freundin heran und beugte sich zu ihr herunter, um ihr einen kleinen Abschiedskuss zu geben.

Mehdi: Na, dann!? Ich hab doch gesagt, ich erfülle dir jeden Wunsch.
Gabi (verdreht die Augen): Ja, wenn der Idiot dir nicht ein Bein stellt. Was ist es diesmal?
Mehdi (seufzt u. zuckt mit den Schultern): Ich weiß es nicht. Irgendwas mit Gretchen. So hab ich es zumindest verstanden. Marc klang total aufgeregt und wirr.
Gabi (spürt die deutliche Sorge, die ihm ins Gesicht geschrieben steht, u. streichelt behutsam seine Wange): Nicht gut.
Mehdi: Ich melde mich, wenn ich mehr weiß. Und jetzt schlafe, du! Ich hab dir heute schon genug Stunden von deinem wohlverdienten Schönheitsschlaf geraubt.
Gabi (grinst): Umgekehrt wird ein Schuh draus, mein Lieber. Was ich brauche, weiß ich schon selber und nehme es mir auch. Und jetzt hau ab, sonst zerre ich dich nämlich wieder zurück ins Bett und zeige dir, von was ich bis eben geträumt habe.
Mehdi (fasst sich an seine immer engere werdende Brust u. versucht den aufkommenden Hitzeschub mittels Ablenkmanöver zu unterbinden): Verschoben ist ja nicht aufgehoben. Das können wir uns vielleicht dafür aufheben, was ich schon sehr, sehr bald mit dir vorhabe. Du bist gut, aber alles weißt du noch nicht. Aber netter Versuch, du Spürnase. Ich bin dann mal weg. Bis später!

Das glaube ich jetzt nicht. Dieser Schuft! Und ich war schon so nah dran, dass er mir alles gesteht.

Mit einem Ruck war Mehdi wieder aufgesprungen. Er schlüpfte in seine Kleidung, schnappte sich seinen Arztkoffer, der allseits griffbereit hinter der Tür gestanden hatte, und drehte sich auf der Türschwelle noch einmal zu seiner Liebsten um, deren ungläubige Blicke er im Rücken deutlich gespürt hatte. Er schenkte der verdutzten Frau eines seiner unwiderstehlichen Lächeln, das sie schließlich auch erwiderte, und war im nächsten Moment auch schon eilig zur Tür hinaus, während Gabi das Nachtlicht löschte und sich seufzend zurück in Mehdis Kissen kuschelte, das noch aufregend nach ihm duftete.


https://www.youtube.com/watch?v=4BAKb2p450Q

Lorelei Offline

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29.07.2015 16:41
#1535 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Ungefähr fünfundzwanzig Minuten später klingelte es Sturm in einem beschaulichen Mehrfamilienhaus mit attraktiver Spreelage, genauer gesagt an der in einem dezenten Blassgelb gestrichenen Tür der darin befindlichen Dachgeschosswohnung, welche auf die illustren Namen Dr. Marc Olivier Meier und Dr. Margarethe Haase im Meldeamtsregister der Stadt Berlin eingetragen war. Ebenso ungestüm, wie der unscheinbare Klingelknopf auf sein Durchhaltevermögen und seine Klangfarbe getestet wurde, wurde die dazugehörige Tür schließlich auch wenige Sekunden später mit Schwung aufgerissen. Der nächtliche Besucher konnte gar nicht so schnell reagieren, da wurde er schon am Ärmel seines dunkelgrünen Parkas gepackt und schroff in das gemütliche Heim seiner beiden besten Freunde gezerrt.

Marc: Endlich! Bist du mit dem Tretauto deiner Tochter hergekommen oder warum hat das denn so lange gedauert? Also, die Sache ist die, Mehdi,...

...motzte der „charmante“ Eigentumswohnungsbesitzer gleich schon zur Begrüßung los, ohne eine Antwort seines verdutzten Kumpels abzuwarten, der sich, den Griff seines Arztkoffers immer noch fest umschlossen haltend, verunsichert in den hell beleuchteten Räumlichkeiten umblickte, in die er soeben hineingestolpert war, und flitzte im nächsten Moment auch schon wie ein Derwisch von der Wohnungstür, die er hinter seinem perplexen Gast zugeknallt hatte, zu der versteckten Nische unter der geschwungenen Holztreppe, welche hoch ins Schlafzimmer führte. Dr. Kaan folgte dem sichtlich aufgeregten Chirurgen verwirrt auf vorsichtigem Fuße und stellte ihn gleichzeitig zur Rede. Denn Marcs Verhalten kam ihm irgendwie spanisch vor. Das mulmige Gefühl in seinem Bauch, welches seit Marcs überstürztem Anruf vor einer halben Stunde eingetreten war, wurde von Minute zu Minute stärker und er musste dem unbedingt auf den Grund gehen. Zumal er Gretchen nirgendwo entdecken konnte. Und um die ging es doch hier, oder etwa nicht?

Mehdi: Äh... Marc? Was ist passiert? Was ist mit Gretchen?

Beim Stichwort ‚Gretchen’ hielt der sehr beschäftigt wirkende Oberarzt, der gerade aus seiner hinteren Jeanshosentasche eine Schmiege gezogen, deren Schenkel auseinander geklappt hatte und nun das Messgerät konzentriert an die Seitenwand vor sich gedrückt hielt, für einen kurzen Moment inne und blickte Mehdi ganz verdattert an. Erst jetzt hatte er entdeckt, was der begriffsstutzige Halbperser die ganze Zeit in seinen Händen gehalten hatte, und seine Verwirrung und sein Ärger wuchsen in Sekundenschnelle zu einem Tornado heran, den man nicht mehr bremsen konnte. Er klappte die Schmiege ungelenk wieder zusammen, legte sie mit Bedacht auf der großen Truhe aus dunklem edlen Holz ab, welche vor eben jener Wand stand und lauter Krimskrams von Gretchen enthielt, und kam wild gestikulierend auf den wohl unzuverlässigsten Frauenarzt zu, den er kannte. Wobei das lediglich der subjektive Eindruck von Dr. Marc Olivier Meier war und für diesen galten bekanntermaßen ganz andere, eigene Maßstäbe. Schließlich hatte Marc gerufen und Mehdi war trotz später, oder wohl eher früher, sehr, sehr früher Stunde sofort herbeigeeilt. Umso verwirrender waren nun auch die grundlosen Vorwürfe, die unvermittelt auf Dr. Kaan einprasselten, der sich dagegen nicht mehr rechtzeitig schützen konnte.

Marc: Wieso Haasenzahn? Was soll mit ihr sein? Ey, hast du den Arsch offen, Kaan? Hat Gabi dir das Hirn rausgevögelt oder wieso kreuzt du hier mit deinem bescheuerten Medizinerkoffer auf? Was soll ich denn mit den ganzen weibischen Utensilien, die du da mit dir rumschleppst? Ich hab gesagt, klemm dir deinen verdammten Werkzeugkoffer unter den Arm und sieh zu, dass du Land gewinnst. Hast du Ohropax in den Ohren? Hey, ich rede mit dir! Was soll das, du... Hohlpfosten?

Marc wurde immer ungehaltener und kam dem beunruhigten Gynäkologen jetzt gefährlich nahe. Mehdi, der sicherheitshalber einen Schritt zurückgewichen war, guckte seinen unverständlich wütenden Freund an wie ein Postauto und ließ seinen Arztkoffer zu Boden sinken. Ebenso wie seine Jacke, die ihm in der aufgeheizten Stimmung in der Meier-Haasschen Wohnung zu warm geworden war und die er nun über die Lehne eines Sessels legte, welcher zufällig neben ihm stand. Er verstand jetzt überhaupt nichts mehr und wurde nun auch allmählich ungehalten. Dass er hier grundlos angemotzt und zusammengestaucht wurde, ließ der sonst so sanftmütige Halbperser natürlich nicht auf sich sitzen und erhob ebenfalls seine tiefe Stimme gegen seinen grummelnden Kumpel, der nun seinerseits einen Schritt zurückwich, weil ihm Mehdis grimmig dreinblickendes Gesicht leicht verunsicherte.

Mehdi: Werkzeugkoffer? Wieso Werkzeugkoffer? Du hast doch gemeint... Verdammt, Marc, wo ist Gretchen? Ich hab mir Sorgen gemacht. Um sie und die Babys. Deshalb bin ich doch hier?
Marc (schaut ihn verständnislos an): Hä? Sorgen? Wieso das denn? Hast du sie noch alle? Haasenzahn pennt doch seelenruhig und in aller Unschuld bei der Stasi-Sabsi zu Hause. Günni hat vorhin angerufen. Er kam gerade zurück von seiner Tagung mit seinen Leichenkumpels in Köln und hat sie mit dem Hosenpuper im Arm schlafend auf seiner Star-Trek-Couch vorgefunden. Seine holde Angetraute lehnte in ähnlicher Pose daneben und war auch nicht mehr ansprechbar. Wir haben uns darauf verständigt, dass er sie schlafen lassen soll. Ich lass doch Haasenzahn nicht noch mitten in der Nacht in ihrem Zustand durch halb Berlin cruisen. Das Orangenvehikel ihrer Mutter übersieht man zwar nicht, denn es leuchtet selbst im Dunkeln, aber sicher ist sicher. Ich brauche schließlich ausgeschlafene Mitarbeiter morgen früh in der Klinik.
Mehdi (seufzt erleichtert auf, als der Stein auf seinem Herzen polternd herunterkullert, u. lehnt sich gegen die Sessellehne): Ach? Und was ist mit mir? Ich hab auch Frühschicht, Mann. Du klingelst mich mitten in der Nacht aus dem Bett und bestellst mich hierher, weil sonst was passiert ist. Was denkst du, was ich da zuerst denke, hmm?
Marc (zuckt unbeeindruckt mit seinen Schultern u. wendet sich wieder seinem Projekt zu): Drauf geschissen, Kaan! Ich komme alleine nicht durch diese verdammte Wand und jetzt hast du Idiot nicht mal den Schlagbohrer dabei. Verdammte Scheiße, eh! Wenn man sich auf dich verlässt, ist man echt verlassen.

Lautstark fluchend wanderte der Meckerkönig durch die kleine Nische unter der Treppe, von einer Ecke zur anderen, immer verfolgt von dem kleinen glänzenden Goldfisch, der es seinem Besitzer unbemerkt hinter dessen Rücken im Aquarium nachmachte, und blieb immer wieder vor der in Pastellgelb gestrichenen Wand stehen, an der Gretchen gegenüber von ihrem Wohlfühlsessel ein großes Panoramafoto des Ausblicks vom Haus am See in Schwarz-Weiß aufgehängt hatte. Marc legte beide Hände an das Bild, fuhr mit seinen filigranen Fingern über den geschwungenen dunklen Holzrahmen und ließ es schließlich wieder los, um sich fahrig durch seine widerspenstigen Haare zu fahren, die nun in alle Richtungen abstanden und ihm eine sehr jugendliche Note gaben. Mehdi irritierte Marcs innere Aufgewühltheit sehr. Denn diese war nicht zu übersehen. Gleichzeitig war sie jedoch auch überhaupt nicht zu erklären. Ebenso wie die Worte, die unverständlicher Weise aus seinem Mund kamen. Mehdis Freund war sichtlich am Durchdrehen und dafür gab es doch eigentlich überhaupt keinen Grund. Es sei denn... Mehdi fasste sich an sein Kinn, strich über seinen dunklen Dreitagebart und begann zu grübeln. Nein, Übersprungshandlungen waren nicht Marcs Art. Eher die von Gretchen, aber die schwebte ja gerade in ganz anderen Sphären und sah alles, was passierte, locker und durch ihre rosarote Brille. Was war es dann? Oder gab es hierbei vielleicht einen Zusammenhang? Das hektische, marathonmäßige Hin-und-Her-Laufen, welches Dr. Meier hier an den Tag legte und auch Mehdi zunehmend nervös machte, kannte er eigentlich nur aus dem Kreißsaal und soweit war man in diesem speziellen Fall bekanntlich noch lange nicht. Mit Bedacht versuchte der einfühlsame Frauenarzt nun bei seinem zerstreuten Kumpel nachzuhaken, um dessen sonderbarem Verhalten auf den Grund zu gehen...

Mehdi: Hab ich das jetzt richtig verstanden, du bestellst mich mitten in der Nacht hierher, erzählst etwas von einem dringenden Notfall, der nicht warten kann, nur weil du mit meiner tatkräftigen Unterstützung diese Wand hier dem Erdboden gleichmachen willst? Wobei wir vom Erdboden im siebten Stock eines Gebäudes wie diesem eigentlich etwas entfernt sein dürften.
Marc (sieht ihn aus seinen dunkelgrünen hin und her schwenkenden Augen unverdrossen an, als würde sein Vorhaben reinster Logik entsprechen): Jep! Aber scheiß auf deine blöde Bohrmaschine, die eh nicht funktioniert hätte, dann nehme ich eben den Schlaghammer. Den hab ich damals bei Haasenzahns Umzug mitgehen lassen, nachdem sich ihr dämlicher kleiner Bruder damit seinen großen Onkel platt gemacht hat, anstatt die Wand, die seins von Gretchens Zimmer getrennt hat, einzureißen.
Mehdi (entdeckt entsetzt das Werkzeug in Marcs Hand, entreißt es ihm sicherheitshalber u. lehnt es hinter seinem Arztkoffer an die Treppe): Moment mal, Marc, ich bremse deinen Ideeneifer nur ungern, aber ich muss dich leider auf etwas Entscheidendes hinweisen, das eventuell noch ein paar negative Nebenwirkungen haben könnte als nur einen gequetschten großen Zeh wie bei deinem Schwager in spe.
Marc (verschränkt grinsend seine Arme): Oh, da spricht der Experte. Ich hab doch gewusst, du bist mein Mann.
Mehdi (verdreht die Augen u. deutet mit dem Zeigefinger auf die Zeitanzeige an der Musikanlage auf dem Regal an der Wand): Äh... ja, danke, Komplimente aus deinem Mund sind immer etwas Besonderes und ich schwimme viel zu selten darin. Ich hoffe deine positive Haltung zu mir hält auch in Zukunft an. Aber mein Freund, hast du mal auf die Uhr geschaut? Ich weiß, du hast nette und verständnisvolle Nachbarn. Ich hab schließlich auch einmal hier gewohnt. Aber ich denke, deren großes Verständnis hört abrupt auf, wenn du hier um drei Uhr morgens Umbaumaßnahmen in einer Größenordnung vornimmst, die du noch nicht wirklich einzuschätzen vermagst.
Marc (lässt sich frustriert aufstöhnend in den Rattansessel zu seiner Linken fallen): Mann, dir kann man es auch gar nicht recht machen. Alter Spielverderber!
Mehdi (setzt sich zufrieden schmunzelnd auf die gemütliche Rattancouch daneben, blickt kurz zu dem Goldfischglas auf dem antiken Sekretär dahinter u. sieht dann ruhig zu seinem eingeschnappten Motzfreund herüber, der in seinem Sessel lümmelt, als hätte er etwas ausgefressen): Marc, kannst du mir mal bitte erklären, was das hier überhaupt soll? Wieso willst du die Wand weghaben? Geht das statisch gesehen überhaupt? Ist das nicht eine tragende Wand? Ich kenn mich ja mit dem Grundriss eurer Wohnung nicht aus, aber liegt dahinter nicht euer Badezimmer? Wo liegt also der Sinn, außer dass man dann von diesem Blickwinkel hier aus gesehen besonders gut zur Badewanne spannern könnte?

Kaan, dieser verdammte, blöde, besserwisserische, schulmädchenhafte Klugscheißer! Mann, was ist eigentlich los mit mir? Du drehst ja völlig am Rad, Meier. Werd endlich wieder normal!

Oje! Marc ist ja völlig durch den Wind. Diagnose eindeutig. Das alte Spiel. Mann erfährt, er wird zum ersten Mal Vater. Mann steht kurzzeitig unter Schock oder er kollabiert. Mann begreift, rafft sich auf und gerät zunehmend in Panik. Mann rennt gegen die nächste Wand. Aber so wortwörtlich hätte ich das nun bei ihm nicht erwartet. Ich bin ja da, mein Freund. Wir kriegen das schon wieder hin.


Marc (sinkt immer tiefer in seinen Sessel u. stöhnt genervt auf, als hätte er es jetzt ebenfalls erst begriffen): Ach, Mann, ey! Du kannst mich mal!
Mehdi (beobachtet den zusammengesunkenen Mann misstrauisch): Okay!? Darüber hat der Hobbyhandwerker also noch nicht nachgedacht. Was hat dein Übereifer dann zu bedeuten?
Marc (lässt sich nur mühsam die Worte aus der Nase ziehen): Mann, und ich dachte, gerade du würdest mich verstehen?
Mehdi (versteht im Moment gar nichts mehr, aber verhält sich zurückhaltend, weil er merkt, wie durcheinander sein Freund ist): Ehrlich? Angesichts der Sachlage lässt sich die Logik nur schwer erfassen. Aber ich kann mich auch eines Besseren belehren lassen.
Marc (regt sich gleich wieder künstlich auf, weil Mehdi sich unverschämterweise über ihn lustig macht): Ja, du hast gut reden, Kaan. Dir ist ja das Talent dafür schon in die Wiege gelegt worden. Dabei wollte ich doch nur... Ich dachte,... Ach, vergiss es!
Mehdi (denkt, er hat ihn endlich da, wo er ihn haben will): Ja?
Marc (nuschelt in seinen Dreitagebart hinein, dann platzt es schließlich aus ihm heraus): Mann, zusätzlicher Platz. Ich weiß doch auch nicht. Ich dachte... Ich meine, ich kann Haasenzahn doch nicht bei jedem Furz ständig die beschissene Holzwendeltreppe rauf und runter rennen lassen. Zumal bei ihrem Geschick, wenn sie hier ständig wieder nur auf Socken rumlatscht. Weißt du, wie oft sie sich schon fast lang gelegt hätte, wenn ich nicht zufällig gerade in der Nähe gewesen wäre, um sie abzufedern. Wenn die Kids erst da sind, kann ich das echt nicht verantworten. Würdest du auch nicht.
Mehdi (grinst ihn wissend an): Na, damit kommen wir dem Ganzen doch langsam näher, mein Freund.
Marc (zieht eine beleidigte Schnute wie ein kleiner trotzköpfiger Schuljunge): Ja, ja, mach dich nur lustig. Ich meine das ernst, Mehdi.
Mehdi (sieht ihn mitfühlend an): Das ist mir durchaus bewusst, Marc.
Marc: Ich dachte, wenn wir die Zwei in der ersten Zeit hier unten unterbringen, dann würde uns das ungemein helfen. Gretchen liebt diese Ecke. Sie hockt hier ständig, träumt und schwelgt in Erinnerungen und kritzelt die tausend Seiten ihres Tagebuchs voll. Hier ist es ruhig, bis auf die Scheißschwimmgeräusche von dem Guppy.
Mehdi (vorlaut): Goldfisch!
Marc (rollt mit den Augen): Ja, wie auch immer. Das war eine bescheuerte Idee, das weiß ich selber. Ich weiß eigentlich schon gar nicht mehr, wie ich überhaupt darauf gekommen bin. Ich stand oben im Schlafzimmer, hab mich umgeblickt, Haasenzahn war nicht da und plötzlich lief da so ein beknackter Film ab. Ach, keine Ahnung. Ich hab so viel Zeugs in meiner Rübe, alles non-medizinisch und völlig bizarr. Ich weiß gar nicht mehr, wo mir überhaupt der Kopf steht. Und die verschiedensten Bilder hören gar nicht mehr auf. Das macht mich wahnsinnig.

Ich drehe hier noch durch, echt. Und jetzt guckt er auch noch so blöd und verständnisvoll. Ey, pass bloß auf, dass ich dir dein Scheißgrinsen nicht noch von der Backe putze!

Kenn ich! Alles im grünen Bereich, mein Freund. Komm wieder runter! Alles ist gut!


Mehdi (nickt verständnisvoll): Finde ich nicht. Ist doch süß, was für Gedanken du dir machst. Das ist doch völlig normal in der Phase.
Marc (zieht eine Augenbraue ungläubig nach oben): Normal? Willst du mich verarschen? Ey, jetzt tust du’s ja doch. Das ist nicht fair, Mann. Nur weil du diese ganze Chose schon einmal durchgemacht hast, dafür tausende goldene Bienchenstempel in deinem rosa Poesiealbum kassiert hast und beruflich alles besser weißt. Und nenn mich nie wieder „süß“, sonst fängst du dir nämlich eine!
Mehdi (lässt die Meckertiraden der beleidigten Leberwurst unbeeindruckt über sich hinweg wehen u. konzentriert sich auf das Wesentliche): Weiß Gretchen davon?
Marc (reißt seine Augen auf u. wirft seine Arme demonstrativ in die Höhe): Bist du irre? Ich bin froh, dass sie das hier nicht miterleben musste. Dann hätte sie ja endlich was gegen mich in der Hand. Never ever! Boah, ich hab keine Ahnung, woher Haasenzahn ihre Lockerheit und ihr Gottvertrauen nimmt. Das ist unheimlich.
Mehdi (lächelt): Angeborener Mutterinstinkt.
Marc (zeigt ihm den Vogel u. flätzt sich wieder an die Rückenlehne seines gemütlichen Sessels): Ach, was, du Schlaumeier? Kriegst du für deine Klugscheißereien auch noch Trinkgeld? Von mir bestimmt nicht. Eh, wieso gibt’s das nicht auch in der Ausführung für den männlichen Part, hä? Schließlich hat er einen genauso großen Anteil dazu beigetragen, dass die Winzlinge jetzt da sind, wo sie hingehören.
Mehdi (lehnt sich schmunzelnd zurück): Wie kommst du darauf, dass es keinen angeborenen Vaterinstinkt gibt? Du schlägst dich doch schon ganz wacker. Auch wenn du dafür nicht unbedingt gleich eine Wand einschlagen müsstest. Der Nestbautrieb ist doch bei euch schon abgeschlossen. Sieh dich doch hier einmal um! Ist doch alles da, was ihr braucht.
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme): Haha! Verarschen kann ich mich auch selber, Mehdi.
Mehdi: Nein, ich meine das wirklich ernst, Marc, und ich weiß, was ich sage. Ich erlebe tagtäglich auf meiner Station auch die Vaterfraktion vom Anfangstadium bis zum Endpunkt, wenn wir gemeinsam vor dem Bettchen der Neugeborenen stehen und sie ihr Glück ungeniert beweinen. Du gehörst zu den Spitzenreitern. Glaub mir!
Marc (glaubt ihm kein Wort): Zählst du dich auch dazu?
Mehdi (lässt sich nichts anmerken): Ich übe mich in Bescheidenheit.
Marc (zwinkert ihm wissend zu): Klar!
Mehdi (wird ein bisschen rot unter der düsteren Beleuchtung in der Diele): Lilly hat sich jedenfalls bisher noch nie beschwert.
Marc (grient ihn herausfordernd an): Sie steckt ja auch noch nicht in der Pubertät. Aber so lange ist das gar nicht mehr hin, oder?
Mehdi (verzieht seine Schmunzelmiene zu einem bedröppelten Gesichtsausdruck, der für einen kurzen Moment Marc Genugtuung macht): Es ist nicht fair, dass du den Spieß jetzt umdrehst, Marc. Ich wollte dir nur helfen. Schon vergessen? Du hast mich darum gebeten.

Marc (lässt seinen ganzen Gefühlstohuwabohu unvermittelt auf Mehdi los): Ja, und warum merke ich dann nichts davon? Du mit deinen ach so tollen Ratschlägen, die mir momentan so gar nichts bringen. Hast du dir überhaupt schon einmal überlegt, was da alles auf uns zukommt, Mehdi? Es sind zwei, verdammt noch mal! Zwei kleine Menschen! Das heißt alles doppelt. Doppelt Verantwortung, doppelt voll geschissene Windeln, doppelt Hunger, doppelt voll gekotzte Designerhemden, doppelt Geschrei, doppelt weniger Schlaf, doppelte Anschaffungskosten und weiß der Kuckuck. Das fängt doch schon mit den PS unter ihren wunden Popos an. Hast du mal gegoogelt, was so ein Monsterzwillingskinderwagen kostet? Hier schau, ich hab’s getan. ... (springt plötzlich vom Sessel auf, läuft gefolgt von Mehdi mit großen Schritten ins Wohnzimmer nach nebenan u. lässt sich dort auf die weiße Ledercouch fallen, vor der auf dem gläsernen Beistelltischchen unzählige Papierausdrucke liegen u. dazwischen sein aufgeklappter Laptop, den er sich nun auf seinen Schoß zieht) ... Für den Schotter, den die hier verlangen, würdest du bei meinem Autohändler des Vertrauens schon einen gebrauchten Kleinwagen bekommen. Apropos fahrbarer Untersatz, wir brauchen endlich wieder einen, nachdem wir den Volvo letzten Monat gecrasht haben. Wir können ja nicht ewig mit Mutters Auto rumgurken, egal wie lange ihre dritten Flitterwochen, oder was auch immer die da treiben, dauern werden. Gott, weißt du, wie viele Magazine ich in den letzten Wochen durchgeblättert habe? Alles Zeitverschwendung. Dabei hatte ich das perfekte Modell schon gefunden. Ich hab die Probefahrt im Porschehaus schon abgesagt. Scheiße, ich glaube, ich brauche Valium, bevor ich mich über die Schwelle von Mercedes trauen werde. Kannst du dir mich in so einem furchtbaren Familienungetüm vorstellen, wie du ihn fährst? Dann schon eher einen SUV, aber den kriegt Haasenzahn ja niemals in die Parkbucht vorm EKH bugsiert, vor allem nicht wenn sie dann die riesige Murmel vor sich her schiebt. Ey, wie groß wird die eigentlich werden?
Mehdi (versucht vergeblich zu Wort zu kommen, um den aufgeregten werdenden Vater zu stoppen, der sich gerade in einen Ausnahmezustand redet): Marc?
Marc: Wir brauchen was richtig Großes, damit auch dieser Scheißriesenmonsterkinderwagen da mit reinpasst. Eigentlich totaler Kokolores. Denn Gretchen und große Autos, das ist wie wenn sich ein Elefant auf einen Wassereimer setzen würde. Das sprengt unsere Haftpflicht. Und was wir alles noch brauchen werden. Hier... (schiebt Mehdi den Laptop rüber u. deutet auf eine kunterbunte Internetseite)... gibt’s Tonnen an Seiten mit Tipps für die Erstausstattung. Das ist doch der totale Wahnsinn! Gibt’s da eigentlich Rabatt, wenn man alles doppelt nimmt? Oder besser noch, wir packen dich auch gleich noch mit rein. Ihr braucht den ganzen Scheiß doch auch? Alles dreimal, das macht summa summarum...
Mehdi (weicht überfordert zurück): Äh... Eigentlich wollen wir Lillys Babyausstattung nehmen. Die hab ich doch damals als Einzige nicht verkaufen können, als ich Annas Schulden begleichen musste. Bunkert alles noch bei dir im Keller. Ich hole die Sachen ab, wenn wir...
Marc (wiegelt mit einer lockerer Handbewegung ab u. taucht wieder in seiner Gedankenchaoswelt ab): Ach egal, der Punkt ist doch der, es hört damit ja noch nicht mal auf. Tonnen an Windeln, Babynahrung, Babykurse, Kindersitze, Kitagebühren, Essensgeld, Sportverein, Schulgebühren, Klamottenberge, die man alle paar Monate austauschen kann, weil sie dann schon wieder herausgewachsen sind, doppelte Geburtstagsgeschenke, Weihnachten, Ostern, Führerschein, Studium,... Das hört niemals auf. Und immer alles doppelt! So viele Überstunden können Haasenzahn und ich gar nicht machen, um das wieder reinzubekommen.
Mehdi: Marc, jetzt höre mir doch bitte mal zu!

...versuchte sich Mehdi händewedelnd endlich Gehör zu verschaffen, bevor Marc noch völlig durchdrehte und hyperventilierte und er ihn wiederbeleben müsste. Der mitfühlende Halbperser wusste in seiner Ausweglosigkeit keinen anderen Rat mehr, als seinen rasenden Freund zu bremsen, indem er ihm eine schallende Ohrfeige auf die linke Backe gab. Das zeigte offenbar endlich Wirkung, denn Marc sprang plötzlich, wie von der Tarantel gestochen, von seinem Platz auf und wirbelte die Papierausdrucke noch mehr durcheinander, als sie es eh schon waren, als er sich auf seinen übergriffigen Kumpel stürzte, um ihm ebenfalls ordentlich eine zu pfeffern. Die Revanche kam so schnell und treffgenau, dass auch Mehdi nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte. Schwitzend und heftig nach Sauerstoff ringend fanden sich die beiden Freunde schließlich nach einer kleinen, aber heftigen Kabbelei nebeneinander auf dem Sofa wieder.

Marc (starrt ihn fassungslos an): Ey, spinnst du?
Mehdi (tastet vorsichtig sein Gesicht auf Verletzungen ab, die er zu seiner Erleichterung nicht findet): Ich wusste mir nicht anders zu helfen. Du steigerst dich da gerade gewaltig in etwas hinein, Marc. Du steckst offenbar im Panikmodus fest, Phase drei nach dem Unglauben und dem Begreifen. Aber das ist ganz normal. Ich hatte nur Sorge um deinen Blutdruck. Nicht dass du schon wieder kollabierst wie am Montag.
Marc (reibt sich seine schmerzende Backe u. funkelt ihn stinksauer an): Ach ja? Und was folgt da sonst noch so alles, wenn ich den Experten der Experten fragen darf? Lass dich ruhig aus, aber haust du mir noch mal eine runter, dann bekommst du das doppelt zurück, mein Freund. Von mir kriegst du ab sofort alles in doppelter Ausführung. Doppelte Keile inklusive.
Mehdi (grinst völlig unbeeindruckt): Ich will dich nicht überfordern, aber da kommt noch so einiges. Das lässt sich bis an dein Lebensende ohne Ende in Etappen fortsetzen.
Marc (lässt sich schwerfällig an die Sofalehne fallen u. fährt sich mit der Hand übers Gesicht): Ach du scheiße! Es wird nie wieder so sein wie vorher, oder?
Mehdi (ist zwischenzeitlich aufgestanden u. in die Küche gegangen; mit zwei Bierflaschen bewaffnet kommt er zurück): Es gibt keine Rückspultaste, Marc, so gerne man sich die manchmal herbeiwünscht. Man ist ständig in Sorge und in Panik, was alles passieren könnte, aber man lernt damit zu leben. ... Hier für dich! Zum Runterkommen!
Marc (nimmt die Flasche mit einem dankbaren Kopfnicken an, setzt sie an seinen Mund u. nimmt einen raschen langen Schluck, um sich zu beruhigen): Ich weiß nicht, ob ich das kann, Mann? Das heute mit der kleinen Hassmann, das... Ich glaube, ich wäre ausgeflippt und hätte den Viechern jede Feder einzeln rausgerupft und dann den Grill geholt.
Mehdi (setzt sich wieder zu Marc u. nimmt ebenfalls einen kurzen Schluck, dann hält er sich die kühle Flasche an seine Wange): Die Frage stellt sich gar nicht, Marc. Das denkt jeder am Anfang, aber glaub mir, wenn ich in Lillys Strahleaugen blicke, dann ist alles, egal was es ist, plötzlich unwichtig. Alles, was zählt, ist ihr Lächeln und dass es ihr gut geht und sie glücklich ist. Das ist der Sinn unseres Daseins. So einfach ist das.
Marc (rubbelt nachdenklich mit seinem Zeigefinger am Flaschenhals entlang u. spürt zum ersten Mal, dass seine Anspannung langsam nachlässt): Wie poetisch! Ich muss zugeben, von ihrem Lächeln geht eine gewisse Faszination aus. Trotzdem kann sie manchmal eine echte Rotzgöre sein.
Mehdi (lächelt, nimmt noch einen Schluck aus seiner Bierflasche, stellt sie dann auf den Tisch u. gibt Marc einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter): Dann verstehst du ja, was ich meine. Du bist auf einem guten Weg. Alles wird gut. Glaub mir! Und das ist nicht so dahergesagt.
Marc (blickt nachdenklich auf das Chaos auf dem Couchtisch u. klappt den Laptop zu, dabei entdeckt er darunter eins der Matchboxautos, die er vor Tagen dort liegengelassen hat, u. fährt nun damit gedankenverloren über die gläserne Tischplatte): Aber es gibt noch so viel zu organisieren und zu planen? Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Wie sollen wir das mit unseren Jobs regeln? Du weißt doch auch, wie eingespannt wir alle dort sind. Gretchen ist gerade fertig mit ihrer Facharztausbildung und Franz spannt mich auch immer mehr ein.
Mehdi: Aber das hat doch noch Zeit. Wenn man noch nicht bereit dazu ist, dann sollte man es lassen. Der liebe Gott hat das schon ganz gut eingerichtet, dass das alles neun Monate dauert.
Marc (seufzt): Vor allem, wenn man ein Viertel davon verpennt hat.
Mehdi (grinst): Okay, touché!? Das ist der Marc- und Gretchen-Faktor. Eine gefährliche Konstellation. Aber das wart ihr ja auch schon, bevor ihr beschlossen habt, euch zu verdoppeln.
Marc (blitzt den Spaßvogel an u. wird schnell wieder ernst): Haha! Und was mache ich jetzt?
Mehdi (beugt sich vor u. sieht seinen Kumpel eindringlich an): Erst einmal ausatmen!
Marc: Und dann?
Mehdi: Einatmen! ... Marc, du kennst deine Freundin so gut wie ich.
Marc (hebt drohend seinen Zeigefinger): Eh!
Mehdi (lächelt u. setzt seinen Vortrag unbeeindruckt fort): Gretchen verlangt von dir bestimmt nicht, dass du gleich mit 180 kmh loslegst und in einer Nacht das perfekte Familienidyll für euch schaffst. Erstens, bist das nicht du. Und zweitens, würdest du dich damit auch nicht wohl fühlen. Und Gretchen sicherlich auch nicht. Denn ich gehe davon aus, dass sie alles mit dir gemeinsam erleben möchte. Ich weiß, du musst immer und überall der Beste sein. Das darfst du auch. In deinem Job ganz besonders. Aber du musst für Gretchen nicht perfekt sein. Du stehst doch auch so schon auf ihrem höchsten Sockel, auf den sie dich gehoben hat, seitdem sie zum ersten Mal deine tanzenden Grübchen gesehen hat. Du musst nicht perfekt sein, Marc. Bleib einfach du! Alles andere stellt sich schon von alleine ein. Mehr will sie doch auch gar nicht. Und bevor du dich für deinen Ausbruch eben grämst, Gretchen hat dir doch die Lizenz zum Durchdrehen gegeben.
Marc (klappt vollkommen baff die Kinnlade herunter): Das hat sie dir erzählt?

Wenn ich diese Quasselschnute in die Finger kriege, dann setzt es aber... ein paar heiße Küsse, die sie nicht vergessen wird. Unfassbar diese Frau!

Mehdi (hält sich mit seinem amüsierten Grinsen zurück, um Marc nicht noch zusätzlich zu provozieren): Du bist durchgedreht, Marc. Ich bin dein Zeuge. Und als dein einziger Zeuge habe ich eine Verschwiegenheitserklärung zu befolgen. Darunter können wir also jetzt einen Haken setzen. Alles gut! Genieße das Gefühl, was es bedeutet, Vater zu werden! Es gibt nichts Schöneres. Bis die Kinder dann auf die Welt kommen. Aber das wirst du ja dann sehen. Mehr will doch Gretchen auch nicht. Außer vielleicht, dass du sie ab sofort überall auf Händen trägst und ihr jeden Wunsch, ohne Ausnahme, von ihren strahlend blauen Augen abliest, und wenn du nachts zur nächsten Tanke geschickt wirst, weil sie Heißhunger auf Pistazie-Mango-Eis hat oder einfach nur auf eine oder zwei Tafeln Zartbitterschokolade. Aber wehe du sagst etwas zu ihrer Figur! Dann kann ich leider nicht mehr für deine Sicherheit garantieren. Also halte dich mit deinen Sprüchen zurück, Marc! Schwangere Frauen verstehen schnell etwas falsch und sie werden ewig lang nachtragend sein. Glaub mir! Das willst du nicht erleben.
Marc (schüttelt ungläubig den Kopf): Du klapperst für Gabi die Berliner Tanken ab, wenn sie Heißhunger auf ekelhafte Absurditäten bekommt?
Mehdi (grinst verschwörerisch): Das ist ungeschriebenes Gesetz, Marc. Gerade gestern war ich unterwegs.
Marc (spöttisch): Du Weichei!
Mehdi: Man wird nicht gleich weich, nur weil man sich freut, Vater zu werden. Darauf ist man stolz. Nichts anderes.
Marc (nickt ihm mit dem typischen Meier-Grinsen zu u. stößt mit seiner Bierflasche gegen seine): Darauf trinken wir noch einen!
Mehdi (Marcs Grinsen wirkt ansteckend u. er freut sich, dass er seinen Freund erfolgreich wieder von seinem Trip kuriert hat): Na dann, Papa Marc, auf euch!
Marc (wird ungewohnt rührselig u. plappert vor sich hin, ehe er sich wieder fängt u. er selbst wird): Papa Marc? Ich... Ähm... Schade eigentlich, dass wir neulich die Zigarren in der Kneipe vergessen haben. Ich könnte jetzt echt eine gebrauchen, um den Kopf frei zu pusten.
Mehdi (denkt schmunzelnd darüber nach, wie er die ekelhaft stinkenden Zigarren absichtlich liegen gelassen hat): Ja, wirklich schade.
Marc (fängt plötzlich an zu lachen): Und weißt du, was das Bescheuerte ist?
Mehdi (blickt ihn misstrauisch an u. nimmt ihm vorsichtig die Bierflasche aus der Hand): Du wirst es mir bestimmt gleich verraten.
Marc (lehnt sich mit hinter seinem Nacken verschränkten Händen auf dem Sofa zurück): Ich hab nicht mal mehr Kippen, um das auszugleichen. Ich müsste den Inhalt vom Aktenschredder in meinem Büro inhalieren, um an Nikotin zu kommen.
Mehdi (starrt ihn fassungslos an u. muss nun auch lachen): Wieso? ... Nee, oder? Du hast aufgehört? Einfach so? Weil...? Babynachricht, OP-Verbot und Nikotinmangel, das erklärt die Aussetzer von eben.
Marc (löst seine Hände u. stemmt seine Faust in Mehdis muskulösen Oberarm): Eh!
Mehdi (zuckt nicht einmal zusammen u. grinst ihn fröhlich an): Wer bist du und was hast du mit meinem Freund gemacht? Ich erkenn dich ja gar nicht mehr wieder.
Marc (setzt einen verschlagenen Gesichtsausdruck auf, ehe er sich die Bierflasche wieder schnappt u. genüsslich den letzten Schluck nimmt): Soll ich dir was verraten, Mann? Ich mich auch nicht.

Lorelei Offline

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08.08.2015 10:08
#1536 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Am nächsten Tag gegen Mittag in der Cafeteria des Berliner Elisabethkrankenhauses

„Ich hasse ihn!“ „Tust du nicht! Du hast ihn unheimlich gern und du musst mir deswegen jetzt auch gar nicht widersprechen und so finster gucken. Das weiß ich. Weil ich es dir nämlich an der Nasenspitze ablesen kann. Du bist gestresst. Das Adrenalin und das Dopamin lassen nach. Dein Blutzuckerspiegel sinkt. Du musst etwas essen. Die OP war eine ziemlich verzwickte Angelegenheit und vielleicht eine Nummer zu groß für den ersten Tag nach deiner ähm... ja schwierigen Zeit. Aber du wolltest ja unbedingt gleich von null auf hundert loslegen und ich hab auch gar nichts dagegen gesagt. Das steht mir auch gar nicht zu und ich würde es genauso machen an deiner Stelle. Nur eins möchte ich noch loswerden, Maria, Hass und Liebe, diese beiden Gefühle, die wohl stärksten und widersprüchlichsten, die es hier auf Erden gibt, pulverisieren sich nämlich gegenseitig und das Positive, was sie umschließen, siegt immer, egal was ist“, konterte die blonde Ärztin mit der hübschen Hochsteckfrisur überzeugt und wortgewandt auf die scharfzüngig zwischen zwei Happen dahergesagte Anmerkung ihrer brünetten Vorgesetzten, die an einem reichlich gedeckten Mittagstisch in der Cafeteria des Elisabethkrankenhauses direkt neben ihr saß und einen weiteren Tisch in der anderen Ecke des anhand der Lautstärke einem Bienenstock gleichenden Raumes mit wild auffunkelnden Augen fixiert hielt, und schob sich im nächsten Moment eine gewaltige Ladung Pasta in den Mund, welche ihre treffgenaue psychologische Analyse vorerst stoppte und welche sie mit einem wohligen Aufseufzen als das wohl leckerste, was sie in den letzten Tagen verspeist hatte, kommentierte, während zwei weitere Frauenköpfe an der anderen Tischseite ungläubig verfolgten, was Dr. Margarethe Haase bereits in den vergangenen zehn Minuten alles in ihren kurzen Redepausen verschnabuliert hatte. Schwester Gabi konnte nur angewidert die Augen verdrehen, bevor sich auch ihr kleiner Hunger bei ihr lautstark zurückmeldete und sie nicht länger widerstehen konnte. Sie schob den gesunden Salatteller beiseite, den sie sich für ihr gutes Gewissen bereitgehalten hatte, und stibitze heimlich eine Gabel voll dampfender und verführerisch duftender Nudeln von dem bunten italienischen Teller ihrer Kollegin Sabine, die diesen gemeinen Mundraub gar nicht mitbekam und zur Anzeige bringen konnte, weil sie mit ihrem kleinen Schützling Anton beschäftigt war, der plötzlich so heftig in ihren Armen strampelte, dass sie fast vom Stuhl geplumpst wäre, weil er ahnte, was gleich auch auf ihn zukommen würde. Denn es war allerhöchste Zeit für die Raubtierfütterung, welche nicht nur von den vier Augenpaaren an diesem Tisch in der Mitte der Klinikkantine interessiert verfolgt wurde.

Gabi: Aus welchem Lila-Laune-Ratgeber für verzweifelte Beziehungsgestörte hast du denn den Spruch abkopiert?
Maria (richtet ihren gestochen scharfen Blick von ihrem einen Hassobjekt auf dasjenige, das mit ekelhafter Unschuldsstrahlemiene direkt vor ihrer Nase sitzt u. gerade seine Heißhungerattacke stillt): Ja, das wollte ich auch gerade fragen.
Gabi (blickt irritiert von Sabines Teller auf u. wiegelt die ungewohnte Hassmannsche Zustimmung entschieden ab): Dann nehme ich die Frage wieder zurück.
Gretchen (kaut schnell herunter u. schaut dann von der einen zickigen Kollegin zur nächsten, bis sich ihr Blick wieder an Klein-Anton hängt, der mit einem kräftigen Zug das Fläschchen leert, welches seine Pflegemutter ihm gerade hinhält): Ich weiß gar nicht, was du schon wieder hast, Maria. Er bemüht sich doch redlich. Nicht nur um dich. Gestern noch hat er sich todesmutig vor die Kinder geworfen. Also ich finde, das hat schon starke Züge eines Hel... Och, Gott, ist das süß! Guckt euch den süßen Fratz an! Was der für einen Zug hat. Da hat aber jemand gewaltigen Hunger. Na, Anton, mein Schatz! Gutschigutschiguuu! Er ist so süß. Am liebsten möchte man ihn anknabbern. Nein, das mache ich natürlich nicht, Liebling.
Maria (nachdem sie beleidigt registriert, dass Gretchens Aufmerksamkeitskurve schwindet, fixiert sie mit wütend aufflackernden Augen wieder Dr. Stier am anderen Ende des Raumes, der ihrem Blick mit der üblichen Arroganz u. Selbstherrlichkeit standhält, u. zerlegt gleichzeitig das große Schnitzel, das zwischen einem bunten Mix aus Kartoffeln und anderem Gemüse auf ihrem Teller liegt): Ja, er bemüht sich, Haase, und wie er sich bemüht. Vor allem wenn er hinter meinem Rücken mit deinem Vater irgendeinen Deal aushandelt. Dieses miese Schlitzohr! Ich hab’s immer gewusst.
Gretchen (lässt sofort ihren Teller links liegen u. blickt erstaunt zur Seite): Er hat bitte was?
Gabi (schaut ebenfalls interessiert auf, während sie die nächsten Nudeln unbemerkt von Sabines Teller stibitzt u. damit nicht mehr aufhören kann, weil sie so gut schmecken): Was für ein Deal?
Gretchen (denkt angestrengt nach, was das zu bedeuten hat, kann sich aber nur schwer von Antons süßem Anblick trennen): Das weißt du doch gar nicht, Maria.
Maria (fühlt sich durch Cedrics selbstherrliche Darstellung bestätigt, mit der er sie aus der Ferne provoziert): Die beiden haben miteinander telefoniert. Ich hab’s gehört. Vorhin im Stationszimmer, als ich den OP-Bericht in mein Fach gelegt habe.
Gretchen (verdreht die Augen, blickt kurz zu Dr. Stier, der ihrem Urteil nach ziemlich verliebt aus der Wäsche guckt, dann wieder zu Dr. Hassmann u. versucht, die Vernunft walten zu lassen): Und was glaubst du genau gehört zu haben? Nichts Konkretes, vermute ich mal, so wie du gerade reagierst. Oder hast du Cedric zur Rede gestellt? Papa... also der Professor, hat doch nur angerufen. Mehr nicht. Er würde niemals irgendetwas hinter dem Rücken von jemandem machen und schon gar nicht hinter dem seiner fähigsten und zuverlässigsten Oberärzte. Wer weiß, worum es wirklich ging? Seitdem er Prof. Meier begleitet, hat er schon fast jeden hier im Haus angerufen, weil er eben nur schwer loslassen kann und immer alles kontrollieren möchte. Obwohl er weiß, dass Marc nach den ganzen unvorhergesehenen Anfangsschwierigkeiten alles im Griff hat. Aber so ist mein Vater nun mal. Pedantisch, streng und vor allem kollegial und ehrlich.
Maria (kocht innerlich immer mehr, zumal Dr. Stier sein nerviges Dauergrinsen in ihre Richtung nicht abstellen kann, mit dem er sie aus der Ferne terrorisiert): Und warum ruft er dann nicht bei mir an? Ich bin ja wohl die leitende Oberärztin der Neurochirurgie und nicht der da, auch wenn er es gerne wäre, so wie er sich immer aufspielt. Ich weiß, er dreht hier irgendetwas und nutzt schamlos meine Lage aus. Dieser miese, hinterhältige...
Gretchen (bevor Maria noch mehr über ihren geliebten Lebensgefährten wettert u. ihre rationale Position als Oberärztin vergisst, stoppt sie sie lieber behutsam): Das kannst du doch gar nicht wissen. Genauso wenig, wie Papa wissen kann, dass du schon eine Woche früher als geplant, deinen Dienst wieder aufgenommen hast. Warum fragst du Cedric nicht einfach danach, anstatt hier die wildesten Theorien aufzustellen, die dich total verrückt machen?
Maria (zeigt ihr den Vogel): Bist du verrückt? Damit er denkt, ich spioniere ihm hinterher?
Gabi (sieht spöttisch von Sabines Teller auf, den sie mittlerweile fast leer geputzt hat u. schnell hinter dem Brötchenkorb versteckt, ehe jemand etwas bemerkt): Tun Sie das nicht?
Maria (zischt ihr hämisch grinsendes Gegenüber finster an): Was geht Sie das eigentlich an, Schwester Gabi? Hab ich Sie um Ihre nichtige Meinung gebeten?
Gabi (setzt ihre Unschuldsmiene auf u. spielt unbeeindruckt mit dem Ende ihres geflochtenen Haarzopfs): Entschuldigung, was kann ich dafür, dass ihr euch ausgerechnet zu mir und Sabine an den Tisch setzen musstet? Wir haben uns entspannt unterhalten, bis Sie angefangen haben, vor uns Ihren gesammelten Mitlife-Crisis-Frust auszubreiten, der mich übrigens genauso wenig interessiert wie die aktuellen griechischen Börsendaten. Weghören fällt da etwas schwer, nicht wahr, Sabine?

Sabine (schaut verwirrt auf, stellt das leere Milchfläschchen auf den Tisch u. registriert perplex, dass ihr eigener Teller auf unerklärliche Weise leer ist, aber ehe sie sich darüber den Kopf zerbrechen kann, muss sie sich wieder auf Anton konzentrieren, den sie sich nun mitsamt Spucktuch an die Schulter legt, um ihm ein Bäuerchen zu entlocken): Wie bitte?
Gabi (rollt angesichts Sabines Teilnahmslosigkeit mit den Augen u. schnappt sich wieder ihren Salat, in dem sie nun lustlos herumstochert, während sie den Raum nach dem Mann scannt, nach dem sie sich zunehmend verzehrt): Nichts, Sabine! Pass lieber auf, dass er nicht bis zu mir rübersabbert.
Gretchen (beobachtet ganz fasziniert, wie liebevoll Sabine mit ihrem Pflegekind umgeht, seufzt u. konzentriert sich wieder auf die Unterhaltung mit ihrer rasenden Vorgesetzten): Wenn du meine ehrliche Meinung hören willst, Maria, dann...
Maria (kontert schnippisch u. schiebt sich nun eine Ladung nach der anderen ihres mikroskopisch klein geschnittenen Fleisches in den Mund): Will ich nicht!
Gretchen (versucht nicht die Nerven zu verlieren angesichts dieser offenkundigen Schwangerenhysterie u. lacht auf, als Anton ein lautes zufriedenes Bäuerchen von sich gibt): Gut, ich verrate es dir trotzdem. Ich glaube nicht, dass Cedric dir den Posten abspenstig machen will. Es war vielleicht kein Zufall, dass er ausgerechnet hier an unserem Klinikum angefangen hat, einen Neustart zu wagen, nachdem sein Abgang aus der Charité so, na ja, eher unglücklich abgelaufen ist. Aber was ich beobachtet habe, seitdem er hier ist, wenn ich bei euch auf Station war, ist, dass er sich nicht einmal in deine Angelegenheiten eingemischt hat, er hat während deiner Abwesenheit stets in deinem Sinne gehandelt und das zeugt doch davon, dass er dich und deine Arbeit respektiert. Warum sollte er das also riskieren, wo er doch jetzt das hat, was er immer wollte, nämlich dich und deine Sarahmaus und das, was deinen Hormonhaushalt gerade ganz schön durcheinander purzeln lässt. Ich würde mir da keine Sorgen machen. Außerdem hat das letzte Wort immer noch mein Vater und der hat seine Schäfchen, vor allem die schwarzen, immer gut im Griff, egal ob er vor Ort ist oder wie zurzeit nicht. ... Och, war das niedlich! Darf ich ihn jetzt halten, Bienchen?
Sabine (strahlt mit ihrer besten Freundin um die Wette, wischt Anton mit dem Spucktuch die Sabberschnute ab u. reicht ihn dann über Gabi hinweg, die dem süßen Säugling kurz grinsend an das Stupsnäschen stupst, an Gretchen weiter): Aber selbstverständlich, Frau Doktor. Anton war ganz aufgekratzt, als du heute Morgen so zeitig gegangen bist. Und da haben wir gedacht, machen wir doch unseren alltäglichen Vormittagsspaziergang heute zum Elisabethkrankenhaus.
Gretchen (nimmt Anton vorsichtig von Sabine entgegen u. drückt ihn liebevoll an sich): Eine wunderbare Idee von euch. Hallo kleiner Mann! Na, hast du fein Bäuerchen gemacht? Braver Bursche! Genau richtig, wenn man groß und stark werden möchte.
Maria (rollt nur genervt mit ihren Augen, als sie das Schauspiel auf der anderen Seite des Tisches beobachtet, u. richtet ihren Blick wieder auf den Mann, der auf unerklärliche Weise ihre Gedanken dauerdominiert): Du hast die Weisheit auch mit Löffeln gefressen, was, Haase?
Gabi (blickt amüsiert auf Gretchens leeren Teller u. die beiden leeren Puddingschälchen daneben u. kann sich eine Spitze nicht verkneifen): Nicht nur das. Aber das sind wir ja auch nicht anders gewohnt von unserer Frau Doktor.
Gretchen (hört den Meckerliesen gar nicht mehr richtig zu u. konzentriert sich ganz auf den kleinen Mann, der sie mit großen müden Augen anguckt u. das Händchen nach ihrer Halskette ausgestreckt hat, die unter ihrem Kittelkragen hervorblitzt u. an der ein Plastikring mit einem großen rosafarbenen Stein in der Mitte leuchtend baumelt): Weißt du, was, Anton, wir lassen die beiden einfach meckern. Das hören wir gar nicht. Die wissen ja gar nicht, was sie hier verpassen.
Maria (schaufelt unbeeindruckt ihren Teller leer): Darauf kann ich auch gut und gerne verzichten.
Gretchen (blickt vergnügt auf u. kann sich einen kleinen Seitenhieb auf die werdende Mutter dann doch nicht verkneifen): Könnte sich schwierig gestalten.
Maria (zickt eingeschnappt zurück): Das hab ich gehört!
Gretchen (kichert): Das solltest du auch hören.

Seit wann haben meine Assistenzärzte eigentlich keinen Respekt mehr vor mir? Ich weiß, wer an allem Schuld hat. Er! Er hat immer Schuld!

Sabine (nachdem die Raubtierfütterung erfolgreich beendet ist, will sie sich fröhlich ins Gespräch miteinbringen): Freuen Sie sich denn nicht auf Ihren Nachwuchs, Frau Dr. Hassmann?
Maria (verschluckt sich fast an ihrem letzten Happen u. blickt unmissverständlich zu der neugierigen Krankenschwester auf der anderen Seite des Tisches herüber): Hören Sie sofort auf, mir persönliche Fragen zu stellen, Schwester Sabine, und kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten. Damit haben Sie sicherlich schon genug zu tun.
Sabine (zuckt angesichts des barschen Tons zusammen u. blickt verunsichert zu Gretchen, die beruhigend die Augen senkt u. mit dem Kopf schüttelt): Oh, Entschuldigung! Ich dachte nur... Ich... Entschuldigung!
Gretchen (krabbelt Anton am Fuß u. dieser quietscht vergnügt auf, was auch Sabine wieder lächeln lässt): Oh, oh, Anton, da ist wohl heute jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden.
Maria (blitzt die aufmüpfige Assistenzärztin eingeschnappt an): Haase, du kannst froh sein, dass du gerade ein Baby in den Händen hältst, ansonsten würdest du jetzt unter dem Tisch meinen Fuß spüren. An deinem Schienbein.
Gabi (lehnt sich vergnügt auf ihrem Stuhl zurück u. genießt das spannende Mittagsunterhaltungsprogramm in der Kantine): Na, das hat gesessen.
Maria (merkt erst im letzten Moment, wie freundlich sie auf einmal mit ihrer Erzfeindin umgeht, u. funkelt sie schließlich an, um ihr Verhältnis zu wahren): Hätte es vermutlich. Ich hab früher recht erfolgreich Fußball gespielt.
Sabine (hört begeistert zu u. will mehr wissen): Ach?
Gretchen (hebt ebenfalls interessiert ihren Kopf, während sie mit den kleinen Jungenhänden spielt): Das wusste ich gar nicht. Marc hat früher in der Schulmannschaft auch Fußball gespielt.
Maria (sucht ein neues Stichelobjekt, um von sich abzulenken, u. wird schnell fündig): Okay, wenn wir hier unbedingt Freundlichkeiten austauschen müssen, dann erzähle uns doch mal, wie dein holdes Anbetungsobjekt auf die Neuigkeiten reagiert hat, Gretchen? Du warst recht einsilbig, nachdem du mich gestern nach meiner Rückkehr ausgepresst hast wie eine Zitrone.
Gretchen (reißt ihre Augen weit auf u. schaut sich hastig um, ob auch ja niemand zuhört, der nicht zuhören sollte): Maria, das ist kein Thema, das wir unbedingt hier in aller Öffentlichkeit besprechen sollten.
Maria (genießt, dass sie Gretchen dahat, wo sie sie haben will): Ach, so schlimm?
Gabi (stichelt amüsiert mit, während ihr Blick durch den Raum schweift u. an Dr. Kaan u. seinem besten Freund hängen bleibt, die beide gerade die Köpfe zusammenstecken): Schlimmer!
Maria (schaut ebenfalls zu dem attraktiven Mediziner ein paar Tische weiter rüber, der, seinem überladenen Mittagsteller nach zu urteilen, ordentlich was nachzuholen hat ): Hmm, war zu erwarten.
Gretchen (folgt ihrem Blick u. läuft rot an): Ey, das... ihr wisst gar nichts und ich werde auch nichts sagen. Und hiermit drücke ich den Schalter von privat wieder auf beruflich. Wir sollten hier mal fertig werden. Der Patient wacht bald aus der Narkose auf.
Maria (lacht angesichts des recht schwachen Ablenkungsmanövers ihrer Assistenzärztin u. blickt von einer Dame zur anderen u. bleibt schließlich an der grinsenden brünetten Krankenschwester hängen, die ihr gegenübersitzt): Trotzdem obsiegt der Eindruck, dass dieser Tisch hier offensichtlich Bescheid weiß. Ich meine, wenn du es selbst ihr erzählt hast. Bei eurer ähm... ja recht komplizierten Vergangenheit hätte ich zumindest das nicht erwartet.
Gretchen (fühlt sich zunehmend in die Enge gedrängt): Ich hab ihr doch gar nichts erzählt.
Gabi (grinst): Musstest du auch gar nicht. Euer Verhalten in den letzten Tagen spricht für sich. Und mich wundert echt, warum noch nicht mehr auf den Trichter gekommen sind.
Gretchen (blickt schockiert von einer Dame zur anderen, die bestätigend nicken): Was? Ist es so offensichtlich?

Oh nein! Wenn das bis Papa über den großen Teich durchsickert, dann bin ich geliefert.

Sabine (schüttelt entschieden den Kopf, um ihrer besten Freundin zu zeigen, dass sie auf ihrer Seite ist): Nein!
Gretchen (lächelt erleichtert u. streicht gleichzeitig Anton, dem immer wieder die Äuglein zufallen, liebevoll über den Kopf): Danke, Bine!
Maria (lacht u. fühlt sich wieder obenauf): Also, Gretchen, wir sind hier doch unter uns. Uns kannst du’s doch sagen. Wir behalten es auch für uns. Wenn der größte Macho unter der Sonne seine fragwürdigen Gene weitergibt, welche, muss ich zugeben, zumindest oberflächlich betrachtet nicht ganz unpassabel sind, dann erwarten wir auch eine entsprechende Reaktion.
Gabi: Genau!
Gretchen (schmollt u. starrt ihren leeren Mittagsteller an): Ihr seid furchtbar, wisst ihr das? Dann will ich einmal etwas mit meinen Freundinnen teilen und ihr, ihr...macht euch nur darüber lustig. Findet ihr das fair? Oder hab ich mich bei euch eingemischt? Aber ich stehe da drüber. Nur damit ihr es wisst.
Gabi (zwinkert ihr lachend zu u. blickt ungeniert zum Männertisch rüber): Wir sind Frauen. Wir sind von Natur aus neugierig. Und du kannst nicht leugnen, dass er ziemlich durch den Wind ist.
Maria (folgt interessiert Gabis Blick): Das ist mir auch schon aufgefallen. Der steht ja nicht mal auf dem OP-Plan. Das erklärt einiges.
Gretchen (funkelt zu den Lästerschwestern rüber): Das hat damit rein gar nichts zu tun.
Sabine (gibt ihrer Freundin Schützenhilfe): Der Dr. Meier war krank und Sie wissen ja, was die Hygieneschutzregeln besagen.
Maria (schmunzelt u. widmet sich wieder ihrem Essen, das mittlerweile kalt geworden ist): Auch ne Ausrede.
Wieso glaubt ihm das keiner? Menno!
Gretchen (verteidigt ihren Liebsten mit dem Herz einer Löwin): Gar nicht wahr! Marc freut sich und zwar richtig. Genauso wie ich. Das könnt ihr nicht kaputt reden. Pah!
Gabi (kann das Sticheln nicht lassen): Ja, klar! Und deshalb klingelt er meinen Mann auch mitten in der Nacht aus dem Bett?
Gretchen (schaut verwirrt von einer Dame zur anderen u. dann zu Marc in der anderen Ecke der Cafeteria, der sich gerade hungrig auf sein Mittagessen stürzt): Was?
Maria (verschränkt grinsend ihre Arme u. starrt den perplexen Haasen an): Oh, jetzt wird es aber interessant.
Gabi: Tja, ganz so locker nimmt er es anscheinend doch nicht. Hätte mich auch gewundert. Er ist schließlich immer noch Marc Meier. Aber fürs nächste Mal, sag ihm das, soll er sich gefälligst einen anderen Seelenklempner für seine Panikattacken suchen! Ich schlafe ungern alleine. Aber egal, ich hab zum Glück keine Probleme mit panischen Männern in dem Zustand. Meiner ist ganz entspannt und das hat eine echt beruhigende Wirkung. Nur zu empfehlen! Und deshalb schnappe ich ihn mir jetzt auch gleich. ... Man sieht sich!

Mit diesen abschließenden Worten erhob sich die schwangere Krankenschwester amüsiert von ihrem Platz. Sie schaffte ihr Tablett mit dem halb aufgegessenem Salat schnell weg und wagte sich danach vor an den Männertisch, welcher an der Wand in direkter Nähe des Ausgangs der Kantine stand und an welchem in ungewohnter Eintracht Dr. Gummersbach, Dr. Kaan, Dr. Stier und Dr. Meier beisammen saßen, und legte ihre Arme locker um die Schultern ihres überraschten Lebensgefährten, der, in eine Unterhaltung mit dem schrulligen Pathologen vertieft, sie nicht hatte kommen sehen, um diesem etwas verheißungsvoll ins rechte Ohr zu flüstern. So schnell, wie sie sich herangeschlichen hatte, ließ sie ihn auch wieder los und stolzierte mit einem sexy Hüftschwung, der so manchen Mann schwach gemacht hätte, zum Ausgang der Cafeteria. Es dauerte keine zehn Sekunden und der verliebte Frauenarzt folgte unter den ungläubigen Blicken seiner drei Kollegen seiner aufreizenden Freundin, die ihn vor der Glastür, welche langsam zurück schwang, nachdem er hinausgeeilt war, mit wilden Küssen begrüßte und anschließend besitzergreifend mit sich zog. Auch die Damenrunde blickte dem Paar erstaunt hinterher.

Maria: Äh... Was hatte das denn zu bedeuten?
Sabine (ohne groß darüber nachzudenken, was sie sagt, platzt es aus ihr heraus): Oh, Gabi ist doch auch schwanger, Frau Dr. Hassmann.
Maria (verschluckt sich fast an ihrem Glas Wasser, welches sie soeben an ihre Lippen geführt hat, u. spuckt die Flüssigkeit quer über den halben Tisch): Was? ... Er hat sie... Das... ging aber schnell.
Gretchen (tupft sich u. Anton mit einer Serviette trocken u. blickt mitfühlend zu ihrer murmelnden Freundin rüber, der alle Farbe aus dem Gesicht gewichen ist): Ich dachte, Mehdi hätte mit dir gesprochen?
Maria (fängt sich schnell wieder u. sieht ihre furchtbar mitfühlende Kollegin mit aufgesetztem Lächeln an): Nein, diese Info ist noch nicht bis Usedom vorgedrungen. Ich war noch nicht bei ihm. Wüste Krähen sind gestern einer gynäkologischen Untersuchung zuvorgekommen. Aber ich hab ja dann noch Zeit, ihn mir vorzuknöpfen.
Dieser Idiot! Ausgerechnet mit der da! Ich hätte ihm echt mehr Geschmack und vor allem Verstand zugetraut.
Sabine (strahlt über das ganze Gesicht): Ist das nicht ein wahnsinnig toller Zufall, dass ihr Drei dieses große Glück gemeinsam erleben dürft.
Maria (verdreht frustriert die Augen): Ja, Wahnsinn!
Gretchen (schielt unsicher zu ihrer besten Freundin rüber): Und wie geht es dir damit, Sabine? Bist du noch enttäuscht, dass es bei dir und Günni nicht geklappt hat?
Sabine (rückt auf Gabis freigewordenen Stuhl rüber u. streichelt Anton liebevoll über den Rücken, der immer noch in Gretchens Armen liegt u. langsam eindöst): Nein, überhaupt nicht, Gretchen. Die Wege Gottes sind unergründlich, wie man so schön sagt, und für uns hat er eben einen ganz besonderen Weg vorgesehen. Wir sind so glücklich mit Anton, unserem Sonnenschein.
Gretchen (schluckt u. verdrückt gerührt ein Tränchen): Dann freue ich mich für euch.
Maria (schaut ernst zu der Krankenschwester rüber, die einen merklich veränderten Eindruck auf sie macht, der einen gewissen Respekt bei ihr auslöst): Ein mutiger Schritt, Schwester Sabine. Ich hoffe, Sie sind sich dessen bewusst.
Sabine (nickt der Oberärztin mit leuchtenden Augen zu): Ich weiß. Aber es hätte uns nichts Besseres passieren können.
Maria: Na ja!?

...schweifte Dr. Hassmann mit einem Mal mit ihren Gedanken ab und fixierte wieder den Mann in weiß, der ihr gegenüber an einem Tisch in der anderen Ecke des Saales saß und seinen steten Blick ebenfalls nicht von ihr abwenden konnte. Ebenso wie Dr. Meier seine aufleuchtenden dunkelgrünen Augen nicht von dem faszinierenden Anblick lösen konnte, welchen Gretchen mit dem süßen Baby in ihren Armen ihm bot, während Dr. Gummersbach weiter aufgeregt von seiner Tagung berichtete, die er gestern besucht hatte. Aber keiner der beiden anwesenden Herren an seinem Tisch hörte ihm zu. Es war schließlich Dr. Stier, der als Erster nach einer Weile intensivster, hypnotisch wirkender Beobachtungen wieder Worte fand...

Cedric: Euch ist schon klar, dass die Mädels sich gerade ausgiebig über uns auslassen?
Marc: Das liegt doch in der Natur des weiblichen Geschöpfs. Es geht immer ohne Ausnahme um uns.

...breitete Marc Meier mit seinem typischen amüsierten Grinsen sein weit umfächertes Wissen vor seinen beiden Tischgenossen aus, nachdem er sich endlich von Gretchen und dem kleinen Hosenscheißer losgeeist hatte und nun verwirrt registrierte, dass sein Mittagsessen bereits kalt geworden war und er ausgerechnet seinem verhassten Erzfeind in seine ekelhafte Grinsevisage blicken musste.

Cedric (stimmt ihm schmunzelnd bei u. genießt den letzten Happen von seinem Mittagessen): Das erklärt natürlich alles.
Marc (sein Blick verfinstert sich augenblicklich): Eines erklärt es aber nicht. Nämlich was du an MEINEM Tisch zu suchen hast, Stier. Also schleich dich! Hier unterhalten sich die Erwachsenen.
Cedric (gibt sich unbeeindruckt u. lehnt sich auf seinem Stuhl zurück): Ach, ehrlich? Und ich dachte, ich wäre am Kindertisch gelandet.
Marc (funkelt den Spaßvogel finster an): Pass bloß auf, du, du Rindvieh!
Cedric (dreht den Spieß einfach um): Entschuldige, erstens, kann ich hier nirgendwo ein Schild mit deinem Namen entdecken, das die Zugehörigkeitsverhältnisse aufklärt und zweitens, saß ich zuerst hier, falls dein Spatzenhirn sich zurückerinnern kann. Dr. Gummersbach hat freundlich gefragt, ob er einen der freien Plätze haben könnte und du und dein Spezi habt euch einfach die restlichen Stühle gekrallt, als ich mein Mittagessen geholt habe.

Verräter! Haut der einfach ab, nur weil die blöde Ziege einmal mit ihren manikürten Krallen geschnipst hat. Das kriegst du wieder, Kaan! Aber so was von! Lässt mich einfach mit diesem selbstgerechten Vollidioten zurück.

Marc (lehnt sich ebenso gleichgültig auf seinem Platz zurück u. lässt sich bewusst von Gretchen in der anderen Ecke des Saals ablenken): Ach ja? Seh ich so aus, als würde mich das interessieren?
Cedric (grient ihn herausfordernd an): Nee, ehrlich gesagt, siehst du ziemlich scheiße aus. Du hättest dich ruhig noch ein paar Tage länger krankschreiben können. Nur zu deinem Besten! Ich hätte deinen Job gerne übernommen.
Marc (beugt sich augenfunkelnd vor): Klar! Hinterrücks in die Firmenetage einzecken. Das passt zu dir, genauso wie die Männerhasserin, die ähnliche Methoden pflegt, wenn die Karriere mal wieder ins Stocken gerät. Aber vergiss es! Mit deinen Schrammen im Gesicht siehst du nicht gerade vertrauenswürdig aus. Weder was deine schon oft bewiesenen, nicht vorhandenen Führungsqualitäten betrifft, noch die Fachreife für deine Sprechstunde. Deshalb hast du wohl gerade auch keine Patienten und lungerst hier gelangweilt herum. Die haben vor dir die Flucht ergriffen, als sie dich gesehen. Kann ich ihnen nicht verübeln.
Cedric (lässt sich von ihm nicht provozieren u. kontert selbstbewusst): Die Schrammen hab ich im Kampf errungen, mein Freund, und wenn du heute mal durch die Zeitungen geblättert hättest, wüsstest du, dass der eine oder andere Bewohner Berlins ziemlich stolz auf mich ist. Und hey, das bringt auch positive News und zusätzliches Renommee für die Klinik. Hat sich sogar bis zum Chef durchgesprochen.
Marc (lacht spöttisch auf): Ja, ja, geb nur damit an. Einen Tag lang sei es dir gegönnt. Du hast ja sonst nichts, woran du dich erfolgstechnisch festhalten kannst. Morgen wickeln die mit den alten Zeitungsfetzen stinkenden Fisch ein. Apropos stinkig, so wie deine bessere Hälfte gerade guckt, würde ich es deinen Patienten nachmachen und schleunigst das Weite suchen. Was hast du diesmal ausgefressen? Ist der Honeymoon von gestern schon verflogen? Schade! Fast hätte ich mich für euch gefreut, weil ihr endlich die Kurve gekriegt habt und die Hassmann sich nicht mehr ständig bei Haasenzahn auskotzen muss. Haha, im wahrsten Sinne des Wortes.
Cedric (schaut leicht irritiert zu seiner Freundin rüber, die ertappt den Blick abwendet u. dann, ohne abzuräumen u. sich bei ihren Freundinnen zu verabschieden, ihren Platz u. anschließend die Cafeteria verlässt): Äh... Als ob ich ausgerechnet mit dir darüber reden würde. Du bist ja auch neuerdings der Beziehungsexperte schlechthin.
Marc (lehnt sich zufrieden zurück u. streicht sich über seine stolze Brust): Oh, ja, und wie ich der bin. Wenn du wüsstest, wie sehr.

Nachdem Dr. Hassmann völlig überstürzt die Cafeteria verlassen hatte, hielt auch Dr. Stier nichts mehr an seinem Platz. Von einem unguten Gefühl gedrängt, ließ er seinen ehemaligen Studienkollegen und dessen seltsame Anmerkung einfach links liegen, sprang auf, nahm sich sein Tablett und schaffte es weg. Dann verließ auch er mit schnellen Schritten den Aufenthaltsraum im siebten Stock. Sichtlich zufrieden darüber, seinen alten Erzfeind mit subtilen Mittelchen erfolgreich vergrault zu haben, widmete sich Marc wieder seinem Essen, welches er nun genüsslich in sich hineinschaufelte, während Günni sich verdutzt umschaute, weil er, ohne es zu merken, einen weiteren Zuhörer verloren hatte, und nicht wusste, was er jetzt noch sagen wollte. Als Marc seinen Teller leer geputzt hatte, verfing sich sein Blick, der gekonnt an Dr. Gummersbach vorbeischwenkte, wieder an dem Tisch von Gretchen und Schwester Sabine, die gerade von ihrer Freundin den schlafenden Kleinen wieder in Empfang genommen hatte und ihn jetzt behutsam in den Schmetterlingsmotiv-Kinderwagen legte. Gretchen strich Anton noch einmal zärtlich über die Wange und rückte seine Biene-Maja-Decke zurecht, dann schaute sie auf und bemerkte Marcs intensive Blicke, die ihr eine Gänsehaut sondergleichen bescherten. Sie lächelte über den ganzen Saal hinweg zu ihm rüber, als wären sie hier die einzigen Besucher. Das Stichwort für Dr. Meier aufzustehen. Schließlich hatte er heute noch nicht viel von seiner Süßen gehabt, die in der vergangenen Nacht ihrer gemeinsamen Wohnung ferngeblieben war und die er zur Visite auch nur kurz gesehen hatte, bevor sie mit einem Notfall im OP verschwunden war und erst vorhin im Schlepptau von Dr. Hassmann hier wiederaufgetaucht war.

Auch Gretchen spürte die Sehnsuchtswelle, die durch den überfüllten Kantinensaal schwappte und sie unweigerlich mit sich riss. Die verliebte Assistenzärztin verabschiedete sich schnell von ihrer Freundin Sabine, die die Schmachtblicke ihrer beiden Vorgesetzen natürlich ebenfalls bemerkt und mit einem wissenden Lächeln kommentiert hatte, und lief ihrem Schatz freudig entgegen, nachdem sie ihres und Marias Tablett abgeräumt hatte. Noch ehe sie etwas sagen konnte, hatte der Charmeur sich grinsend ihre zarte kleine Hand geschnappt und zog sein Mädchen hinter sich her aus der Kantine. Langsam schlängelte sich Schwester Sabine derweil mit dem Kinderwagen durch die Tischreihen. Sie musste hier und da anhalten, weil die Kollegen den süßen Fratz bestaunen wollten, der durch seine traurige Geschichte mittlerweile zum Maskottchen des Elisabethkrankenhauses geworden war. Schließlich fand sie jedoch den Weg zu ihrem geliebten Gatten, der sie mit großen Augen fragend anblickte, nachdem sie den Kinderwagen neben seinem Stuhl abgestellt und sich zu ihm gesetzt hatte.

Günni: Hab ich irgendetwas an mir, weshalb die Kollegen so schnell das Weite suchen?
Sabine (lacht u. ist so hingerissen von dem verdutzten Gesichtsausdruck ihres Liebsten, dass sie ihm gleich einen schüchternen Kuss auf die Wange geben muss): Ach, Schnurzelchen, du Dummerchen, das sind doch die Hormone.
Günni (macht große Augen, als er zu ihr aufblickt): Was denn, auch beim Dr. Meier?
Sabine (verschwörerisch sieht sie zum Ausgang der Cafeteria, vor dem sich Dr. Meier u. Dr. Haase gerade in die Arme gefallen sind): Ja, bei ihm und der Frau Doktor quasi in doppelter Weise! Hihi! Aber psst!

Lorelei Offline

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15.08.2015 19:59
#1537 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Gretchen war völlig überrumpelt von Marcs plötzlicher Liebesattacke in aller Öffentlichkeit. Sie wand sich in seinen starken Armen hin und her, die sich hinter ihrem Rücken wie ein Schraubstock geschlossen hatten, konnte aber nichts gegen den eigenen Impuls ausrichten, seine impulsive Gefühlsbekundung mit noch mehr heißen Küssen zu erwidern. Also schlang die verliebte Assistenzärztin ihre Arme fester um seinen Nacken und ließ sich von ihm gegen die nächste Wand etwas abseits der Eingangstür der Cafeteria drängen. Marcs Küsse machten einfach süchtig. Dagegen konnte frau nichts machen. Außer sich ihm widerstandslos hinzugeben. Doch der kleine Vernunftsengel, der sich in seinem bodenlangen weißen Kleid gerade wackelig auf ihrer rechten Schulter hinzusetzen versuchte und sich, als er dies endlich, ohne hinunterzupurzeln, geschafft hatte, verspielt mit einer Hand durch seine gold glänzenden Löckchen fuhr und dann seine Streberbrille zurechtrückte, sprach leider eine ganz andere Sprache als die des liebeshungrigen Teufelchens, das seine wohlgeformten Rundungen in einem eng anliegenden kurzen roten Kleid gerade in sexy Position brachte, um sie anschließend bei ihrem Tun leidenschaftlich von ihrer linken Schulter aus anzufeuern. Nämlich die von Hippokrates. Und der hatte bekanntlich anderes im Sinn. Nämlich Leben zu retten. Aber dass Marcs impulsives Gehabe ebenfalls einer Art Lebensrettungsmaßnahme glich, ahnten weder das hochrot angelaufene Engelchen, das sich mit einer OP-Mappe Luft zufächeln musste, noch das Teufelchen, das sich triumphierend grinsend ihre verführerischen roten Lippen nachzog, noch Haasenzahn selbst, die sich gerade angestrengt von den glühend heißen Lippen ihres heißblütigen Oberarztes zu lösen versuchte, nur um im nächsten Moment wieder stürmisch von ihm geküsst zu werden. Denn Marc Meier hatte längst noch nicht genug von seiner Lieblingsmedikation. Jeglicher noch so schwach geäußerte Widerstand war folglich zwecklos.

Gretchen: Mwaaarc, isch... ich... ich hab dich auch furchtbar lieb, aber ich muss wieder zurück auf Station. Bitte!
Marc (denkt nicht daran, sie auch nur eine Sekunde loszulassen, u. verführt sie mit einem weiteren atemberaubenden, Wackelpuddingknie erzeugenden Kuss): Gleich! Ich... Du... Ach, komm her!
Huch! Was machst du nur mit mir, Marc?
Gretchen (spürt nur noch Pudding in ihren Beinen u. muss sich an dem starken Mann festkrallen, der sie ungeniert niederknutscht): Was ist denn los mit dir auf einmal? Du bist doch sonst nicht so. Also schon, aber nicht in... Was sollen denn die Patienten denken, Marc?
Marc (grient sie mit seinem hinreißenden spitzbübischen Meier-Lächeln an, als er seine Lippen für einen kurzen Moment zur Sauerstoffaufnahme löst): Na, was schon? Dass du eine ziemlich heiße Ärztin bist, gerade in diesem engen Kittel, der so viel Verheißungsvolles darunter vermuten lässt, und man(n) gar nicht anders könnte, wenn man mit mir tauschen würde.
Gretchen (schmilzt beim Anblick seines süßen Lächelns einfach nur dahin u. himmelt ihren charmanten Traumprinzen mit leuchtend blau auffunkelnden Augen an): Als ob du das zulassen würdest.
Marc (legt beide Hände an ihr wunderhübsches lächelndes Gesicht, grübelt gespielt eine Sekunde lang u. küsst sie dann wieder sehr zart u. innig): Mhm, wohl wahr!
Gretchen (zerfließt beinahe unter seinen zärtlichen Berührungen u. fährt mit ihren kribbeligen Fingerspitzen seinen Hals hinab): Dein Herz schlägt.
Marc (sieht ihr einen langen Moment in die Augen, lächelt u. zieht sie wieder zu einem Kuss heran, der ihre Sinne nun endgültig völlig durcheinander bringt): Ja, ich weiß. ... Du schmeckst gut. Wie viele Schoko-Vanille-Puddings waren es diesmal, Miss Nimmersatt?
Gretchen (kichert verlegen u. schmiegt ihr Gesicht an seine starke Schulter, um einen kleinen Augenblick innezuhalten): Zwei! Aber das auch nur weil Anton Hunger hatte und Sabine deshalb nicht mehr dazu gekommen ist, ihren zu essen. Frisch zubereitet und warm schmeckt er schließlich am besten. Auch wenn er nicht gegen den meiner Mama ankommt.
Marc (schiebt grinsend seinen Zeigefinger unter ihr Kinn, damit sie wieder zu ihm aufsieht): Gretchen Haase und ihr Kampf gegen die Wegwerfgesellschaft. Überhaupt nicht eigennützig.
Gretchen (stupst ihn mit schwacher Faust gespielt empört in die andere Schulter): Gar nicht! Und wogegen kämpfst du?
Marc (markiert erst gespielt angestrengt eine Denkerpose, dann schmiegt er sich immer drängender an seine charmante Freundin heran, sodass kein Blatt Papier mehr zwischen sie passt): Das Übliche, biestige Oberschwestern, unfähige Verwaltungsheinis, stinkige Möchtegernmediziner und Karriereloser und einen seltsamen Drang, dich unbedingt jetzt da rüber ins Dachzimmer zu zerren, um eine Menge unanständiger Dinge mit dir anzustellen.
Oh Gott! Hilfe! Da ist er wieder. Mein Marc! Hach...
Gretchen (ihr Herz klopft ihr mittlerweile bis zum Hals, als sie ihn behutsam in seine Schranken verweist): Marc, wenn dich jemand hört.
Marc (zuckt lässig mit den Schultern u. blickt der schüchternen Ärztin einfach nur in ihre faszinierenden himmelblauen Augen, die ihn zunehmend gefangen nehmen): Ist doch egal. Sollen die frustrierten Vollpfosten doch denken, was sie wollen. Ich bin einfach glücklich und Punkt.
Gretchen (horcht vollkommen perplex auf u. strahlt ihn an): Wirklich?
Marc (sieht ihr direkt in die Augen u. kann sich unerklärlicherweise nicht mehr von ihnen lösen): Mhm! Liegt vielleicht daran, dass das Essen heute wenigstens einmal einigermaßen genießbar war.

Klar!? Als ob ihn das irgendwas bedeuten würde. Hihi! Was immer heute Nacht war, es scheint ihm geholfen zu haben. So entspannt hab ich ihn die ganze Woche noch nicht erlebt. Mal abgesehen von dem komatösen Schlaf, in den ihn die fiese Grippe versetzt hat.

Gretchen (lächelt ihn schmachtend an): Du hast mir heute Morgen gefehlt.
Marc (versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass es ihm genauso geht): Geschieht dir recht, Haasenzahn. Schließlich hast du mich gestern einfach alleine sitzen gelassen.
Gretchen (kichert über sein Ablenkungsmanöver): So alleine warst du doch gar nicht. Ich hab gehört, dass Mehdi bei dir war.
Marc (verdreht seufzend die Augen): War ja klar! Dieses alte Tratschweib! Hat er was gesagt?
Gretchen (blickt ihn forschend an): Ich habe ihn heute noch nicht gesprochen. Er war ja vorhin beim Mittagessen so schnell weg. Gabi meinte, dass er heute Nacht bei dir war. Was war denn?
Marc (räuspert sich ertappt u. wischt betont auffällig einen unsichtbaren Fussel von Gretchens Arztkittel): Nichts!
Gretchen (sieht ihm an der Nasenspitze an, dass das nicht stimmt): Ich weiß, dass es etwas bedeutet, wenn du ‚nichts’ sagst, Marc.
Marc (wird so in die Enge gedrängt etwas patzig): Haasenzahn, wann hörst du endlich auf, alles gleich auf die Waagschale zu werfen, hmm? Wenn ich ‚nichts’ sage, dann meine ich auch ‚nichts’. Da ist nichts... mehr. Alles ist gut. Jetzt.
Gretchen (mustert eindringlich sein Gesicht u. versucht herauszufinden, was in ihm vorgeht): Wirklich?
Marc (lehnt seufzend seine Stirn gegen ihre u. spielt unbemerkt mit dem Matchboxauto, das in seiner rechten Kitteltasche steckt u. das er aus ihm unerklärlichen Gründen von zu Hause mitgebracht hat): Mhm! Ich glaube, ich freue mich, oder wie auch immer man dieses Tohuwabohu-Gefühl beschreiben soll, das einen nicht loslässt und das..., na ja,... Ich bin vielleicht etwas ausgeflippt, würde Mehdi sagen, wenn er unter Eid stehen würde, aber jetzt geht’s wieder. Nicht der Rede wert.

Oh! Ich hab mir schon so was gedacht. Wie gut, dass Mehdi bei ihm war. Er ist ein Schatz. Ich muss mich unbedingt bei ihm dafür bedanken. Und Marc, es ist vielleicht besser, wenn ich nicht genau nachhake, was er damit meint. Sein Puls rast nicht mehr so doll wie vorhin, als er sich auf mich gestürzt hat. Er wirkt ruhiger, aber ist immer noch ein bisschen durcheinander. Verständlich. Das bin ich ja auch. Er freut sich! Juhu! Wenn Maria und Gabi ihn jetzt so erlebt hätten, würden sie bestimmt nicht mehr lästern. Aber egal, ich hab meinen Marc wieder und ich lasse ihn nie wieder los.

Gretchen (muss heftig schlucken u. kann nur schwer ihre Glückstränen verbergen): Ich freue mich auch, Marc.
Marc (lächelt u. wird unsicher, je länger Gretchen ihn so tief gerührt anblickt): Hey? Guck nicht so!
Gretchen (schaut ihn verwundert an): Wie guck ich denn?
Marc (zuckt mit den Schultern): Alles ergründen wollend.
Gretchen (schüttelt den Kopf u. schmiegt selbigen gegen seine starke Brust, an der sie seinen Herzschlag verfolgen kann): Nein, wenn du dich gut fühlst, dann geht’s mir genauso. Ich glaube dir.
Marc: Tatsächlich?
Gretchen (nickt u. sieht lächelnd wieder zu ihm hoch): Sehen wir uns später? Ich hab heute nicht so lange Dienst. Wegen morgen.

Schon komisch, dass ich überhaupt nicht aufgeregt bin, obwohl morgen eine wichtige Phase meines Lebens zu Ende geht. Ich hab noch gar nicht darüber nachgedacht, was wird, wenn ich keine Assistenzärztin mehr bin. Aber wer weiß, vielleicht bleibe ich es ja auch. Dazu reicht nur ein Blackout und eine Frau Dr. Hassmann in einem Zustand wie vorhin. Oje! Jetzt werde ich doch etwas nervös.

Marc (grinst sie verschmitzt an): Nope! Bin schon verabredet.
Gretchen (schaut ihn ganz verdattert an): Was? Mit wem? Du hast gar nichts gesagt.
Marc (lacht, weil sie so süß verpeilt aus der Wäsche schaut, u. schlingt seine Arme locker um ihre Taille, sodass seine Hände unmittelbar über ihrem hinreißenden Hinterteil liegen): Na, wenn du dich mit jungen knackigen Kerlen in sexy Strampelanzügen treffen kannst, dann kann ich das schon lange. Äh... Also, jetzt nicht mit Typen, sondern mit süßen kleinen Ladys mit Ringellöckchen und lila Kleidchen.
Gretchen (ahnt, wohin die Reise geht, u. grinst ihn an): Ach?
Marc (merkt, dass sie verstanden hat u. verdreht nun die Augen, um seinen nicht vorhandenen Unwillen zu zeigen): Mehdi, die olle Nervensäge, hat mich therapeutisch dazu verdonnert, Lilly von der Musikschule abzuholen. Ich werde mal schauen, ob sie ihr da auch ordentliche Mucke beibringen und nicht so einen Kindergartenkram, mit dem sie höchstens ihre Großeltern hinterm Ofen hervorholen kann. Mehdi muss ja heute wieder unbedingt den Sozialarbeiter und Gutmenschen geben. Aber ist schon ok. Ist ja für eine gute Sache.
Gretchen (denkt nach): Ach, ist schon wieder der letzte Donnerstag des Monats?
Marc (horcht auf u. hebt den Oberlehrerzeigefinger, weil er ahnt, was sie vorhat): Denk nicht mal da dran, Haasenzahn!
Gretchen (versucht ihn mit hinreißendem Augenaufschlag zu überzeugen): Aber die brauchen doch unsere medizinische Hilfe, Marc. Gerade jetzt.
Marc (will das gar nicht gelten lassen): Ja, und du vielleicht auch, wenn du in deinem Zustand so eine Tour durch die Viertel machst. Deine Hilfsbereitschaft in allen Ehren, aber Mehdi ist schon kompetent genug und er hat doch seine Leute. Die sind gut aufgestellt. Da muss also nicht noch zusätzlich eine schwangere Blondine durch die Prärie stolpern und für Chaos stiften.
Gretchen (muss einsehen, dass er recht hat): Na, gut, du hast ja recht. Aber dann schaue ich wenigstens noch in unserem Materiallager nach, ob wir etwas entbehren können, bevor er heute Nachmittag aufbricht. Kommst du mit?
Marc (lehnt sich verheißungsvoll grinsend gegen ihren aufreizenden Körper u. wird meierlike anzüglich): Mhm, allein mit dir auf engstem Raum? Warum hast du das nicht gleich vorgeschlagen?
Boah, dieser Idiot! Aber ich lieb ihn trotzdem wie verrückt.
Gretchen (protestiert erst u. lässt sich dann kichernd von ihm mitreißen): Maaarc! Du bist unmöglich.

Und während Dr. Haase und Dr. Meier mehr oder weniger pflichtbewusst im Glücksrausch der Hormone ihre medizinische Arbeit wiederaufnahmen, ging es ein Stockwerk tiefer in der neurochirurgischen Abteilung des Elisabethkrankenhauses trotz der noch bestehenden Mittagsruhe etwas lautstärker und weniger kompromissbereit vonstatten. Denn Dr. Stier hatte seine Wieder-Freundin, die offensichtlich aus ihm unerklärlichen Gründen vor ihm aus der Cafeteria geflüchtet war und über diverse Umwege auf ihre Station zurückgelangt war, nach einem halbstündigen Zickzackkurs durch das halbe Krankenhaus vor ihrem Sprechzimmer endlich eingeholt und konnte sie atemlos zur Rede stellen, was der stolzen Oberärztin wiederum überhaupt nicht passte, als sie von ihm grob am Arm gepackt und zu sich herumgewirbelt wurde.

Cedric: Jetzt bleib doch mal stehen! Kannst du mir bitte verraten, was auf einmal mit dir los ist, Maria? Heute Morgen herrschte noch eitel Sonnenschein, wenn man das so bezeichnen darf, wenn man engumschlungen in einer winzigkleinen glitschigen Duschkabine steht. Du hast dich nicht einmal aus der Ruhe bringen lassen, als Sarah zehn Minuten lang gegen die Badezimmertür gehämmert hat, um zu fragen, was wir so lange da drin machen würden, weil sie uns mitteilen wollte, dass ihre Großeltern unangekündigt zum Frühstück auf der Matte gestanden haben. Hey, ich hab die finsteren Drohblicke deiner Mutter überlebt und auch das tödliche Schweigen deines Vaters hat meinem und deinem Hunger keinen Abbruch getan. Du warst so selbstbeherrscht und souverän. Richtig heiß und sexy. Aber kaum treten wir über die Schwelle dieses Krankenhauses, da bist du plötzlich wie ausgewechselt. Ich kann ja verstehen, dass du Berufliches und Privates strikt voneinander trennen möchtest, aber man kann es auch übertreiben. Nach der Visite warst du für Stunden im OP verschwunden. Wir waren zum Mittagessen verabredet, schon vergessen, aber anstatt dich zu mir zu setzen, gehst du stur an mir vorbei und setzt dich woanders hin. Ausgerechnet an den Tisch deiner Lieblingsfeindin und äh... -freundin, wie auch immer. Du ignorierst mich komplett oder starrst mich an, als hätte ich einen Mord begangen. Kannst du mir das erklären? Jetzt sieh mich gefälligst an, Herr Gott noch mal! Was stellst du dich denn auf einmal so an? Sind das die Hormone?
Maria (nach langem Zögern zischt sie ihn an u. windet sich aus seinem festen Armgriff): Du hältst dich wohl für das Nonplusultra, um das sich die ganze Welt dreht, was? Du brauchst gar nicht so unschuldig zu tun. Ich weiß, was du vorhast.
Cedric (lehnt sich nach diesem seltsamen Ausbruch mit irritiertem Lachen an die Wand zurück): Ach, tust du das? Tja, wenn das so ist, hättest du dann vielleicht die Güte, mir zu verraten, was du damit genau meinst? Dass ich eigentlich vorhatte, dich in der Mittagspause zu vernaschen, ja, schuldig im Sinne der Anklage, was jedoch angesichts der vorgerückten Stunde und deines seltsamen Katz-und-Maus-Spiels leider für den Moment ausfallen muss. Ich hab gleich noch einen OP-Termin und den muss ich einhalten, wenn ich es nachher rechtzeitig bis zur Kita-Schließung schaffen will.
Maria (kocht innerlich immer mehr, weil er sie nicht ernst nimmt): Reiz mich nicht, Rick!
Cedric (wagt sich panthergleich vor u. streicht mit Bedacht mit seinem Daumen ihre Wange hinab, bis sie seine Hand wütend wegschlägt): Doch, würde ich gerne, aber wie gesagt, aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Wir quartieren uns einfach heute Nacht wieder bei euch ein.
Maria (funkelt ihn mit wütend aufblitzenden Augen an u. bohrt ihren Zeigefinger tief in seine Brust): Untersteh dich! Unter diesen Umständen lasse ich dich ganz bestimmt nicht wieder herein.
Cedric (zieht verdutzt eine Augenbraue hoch): Unter welchen Umständen?
Maria (faucht ihn an, weil er nicht kapiert, wie ernst es ihr damit ist): Das weißt du genau. Ich hab euch gehört. Du brauchst also nicht um den heißen Brei herumreden. Reden wir Tacheles!
Cedric (lacht u. stützt sich mit einer Hand an der Wand neben ihrem Kopf ab): Wen hast du wobei gehört? Mich und Frau Schubert? Nun ja, als ihr behandelnder Arzt lässt es sich leider nicht vermeiden, dass ich sie ab und an bei aufgeknöpftem Nachthemd abhören muss. Ich gebe zu, ich erliege jedes Mal ihrem Charme. Aber weißt du, ich erinnere sie an ihren ersten Mann, einen äußerst attraktiven und wortgewandten Lazarettarzt während des Zweiten Weltkrieges, dem sie als blutjunge und unschuldige Lernschwester sofort mit Haut und Haar verfallen war. Leider werde ich wohl nie erfahren, was aus diesem heißen Typ geworden ist, der mein Ebenbild sein soll. Hilde ist neunzig Jahre alt und hat Alzheimer im Endstadium.
Maria (schaut ihn an, als hätte er den Verstand verloren): Findest du das etwa auch noch lustig?
Cedric (sein verschmitztes Grinsegesicht wird plötzlich ganz ernst): Nein, Patienten, die einem ans Herz gewachsen sind, gehen lassen zu müssen, ist nie einfach. Ihre Organe beginnen zu versagen, Maria. Du hast die Akte doch studiert.
Maria (schüttelt verwirrt den Kopf u. versucht den verlorenen Faden wiederzufinden): Das meine ich doch auch nicht. Ich habe gehört, wie du mit dem Professor telefoniert hast. Was hast du vor?
Cedric (zieht überrascht eine Augenbraue nach oben, kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen u. beugt sich, nachdem er sich wieder gefangen hat, leicht nach vorn, um mit dem Ungeborenen, das Maria unter ihrem Herzen trägt, zu kommunizieren): Ach? Daher weht also der Wind? Mein Filius, hat die Mami da etwa etwas in den falschen Hals bekommen? Das kommt davon, wenn man heimlich lauscht, nur die Hälfte mitbekommt und diese in den falschen Zusammenhang setzt und einen dann im Regen stehen lässt. Das macht man nämlich nicht.
Maria (weicht stinksauer von ihm zurück u. funkelt ihn an): Du gibst es also zu?
Cedric (hebt seine Hände in Unschuld): Ich hab nichts zu verbergen.
Maria (glaubt ihm kein Wort): Sicher!?
Cedric (kann sich sein amüsiertes Grinsen nicht länger verkneifen): Also, so langsam wird das echt pathologisch mit dir, wenn du tatsächlich glaubst, ich würde dir den Job abspenstig machen wollen.
Maria (blickt ihn mit finsterer Miene an): Ach, komm schon, ich hab euch doch gehört.
Cedric (verschränkt grinsend seine Arme u. lehnt sich mit der Schulter lässig an die Wand): Was hast du gehört? Dass ich alleine im Stationszimmer war und meine OP-Vorbereitung getätigt habe, als das Telefon hartnäckig geklingelt hat, weil Schwester Gabi gerade nicht an ihrem Platz gesessen hat und nach einem Notfall in einem der Patientenzimmer geschaut hat? Wie ich rangegangen bin, weil es ja wichtig hätte sein können? Und wie ich zufällig festgestellt habe, dass am anderen Ende der Leitung der Professor dran war? Wie wir ins Plaudern geraten sind, er mir für mein beherztes Eingreifen gestern gratuliert hat und wie wir uns anschließend noch über den spannenden Fall unterhalten haben, den er in den Staaten mitverfolgt hat, wo es so ausschaut, als würde einer der beiden siamesischen Zwillinge minimale neurologische Schädigungen zurückbehalten, und wie wir kurz darüber debattiert haben? Und wie wir dann zufällig auch noch auf meine Probezeit zu sprechen gekommen sind? Die läuft bekanntlich zum Monatsende ab, sprich morgen. Bist du jetzt weitreichend informiert, Frau Dr. Hassmann, oder will die werte Frau Oberärztin sonst noch was wissen?
Maria (reagiert eingeschnappt u. überhaupt nicht einsichtig): Und dabei hast du natürlich deinen neuen Vertrag zu deinem Vorteil ausgehandelt?
Cedric (platzt fast vor lauter gewohnter Stierscher Selbstgerechtigkeit): Selbstverständlich. Das hättest du an meiner Stelle genauso getan und deshalb hab ich mich auch gleich darum gekümmert.

Maria (geht dementsprechend hoch wie eine Rakete): Wie bitte? Was fällt dir ein, dich in meine Angelegenheiten einzumischen, Cedric Stier? Du machst das sofort rückgängig oder ich vergess mich!
Cedric (seine Mundwinkel zucken verdächtig, weil sie genauso reagiert, wie er es erwartet hat): Jetzt reg dich ab, Mary! Denk an unser Kind!
Maria (jetzt platzt die Hutschnur endgültig): Ich denke ständig an das Kind, du verdammter Hund.
Cedric (das verschmitzte Grinsen wandelt sich in ein sehr verliebtes Lächeln, das seine Wirkung nicht verfehlt): Gut! Dann wird dir sicherlich auch klar sein, dass deine Angelegenheiten in diesem speziellen Fall auch meine Angelegenheiten sind. Ich will uns doch nur absichern. Das ist doch auch in deinem Interesse. Und bevor du gleich wieder austickst und behauptest, ich würde dich bevormunden. Das tue ich nicht. Erstens, haben der Professor und ich wirklich nur geplaudert. Völlig zwanglos. Er hat sich nach dir erkundigt. Und er hat gefragt, wie es nun mit uns auf der Station weitergehen soll. Er hat in seinem Interesse Vorschläge geäußert. Ich habe das gleiche getan. Auch völlig unverbindlich. Du kannst dich also abregen, Mary! Solange er noch in den Staaten ist, wird überhaupt nichts fest gemacht, außer meine Festanstellung versteht sich, und die haben wir schon vor seiner Abreise vertraglich geklärt. Alle anderen Details, die deinen Mutterschutz und deine Vertretung in der Neurologie betreffen, besprechen wir dann, wenn er zurückgekehrt ist. Das hat doch auch noch Zeit. Ich weiß doch, dass du dich im OP noch ordentlich austoben möchtest, bevor die Schutzbestimmungen zu gelten beginnen.
Maria (wirkt merklich ruhiger, ist aber immer noch recht angespannt): Und was für Vorschläge habt ihr gemacht, nur damit ich weiß, was ich vertraglich alles anders machen werde?
Cedric (lacht u. wird im gleichen Moment wieder ernst): Dass wir beide uns deine Stelle teilen könnten, solange du...
Maria (hebt sofort ihren Vetofinger u. fällt ihm aufgebracht ins Wort): Nur über meine Leiche! Ich hab dich gewarnt, Cedric, wenn du mir in meinem Job in die Quere kommst, dann war’s das gewesen.
Cedric (nimmt ihren Ausbruch mit der nötigen Lockerheit, die man in Verhandlungen mit ehrgeizigen Kolleginnen u. vor allem mit schwangeren Partnerinnen braucht): Ich schiebe diese Reaktion mal auf deinen beruflichen Ehrgeiz, Frau Dr. Hassmann. Dagegen spricht doch auch nichts. Außer die Vernunft vielleicht. Sieh doch mal die Vorteile, die so ein Arrangement bringen könnten. Momentan mag es ja noch gehen. Auch dass du für Stunden im OP verschwindest. Aber du bist als Risikoschwangere eingestuft, irgendwann wirst du kürzer treten müssen. Das könnte schneller passieren, als du dir momentan vorstellen kannst, oder auch erst viel später. Das kannst du nicht beeinflussen. Das musst selbst du einsehen.
Maria (hasst es, dass er recht hat): Aber...
Cedric (hebt seinen Zeigefinger, um dem nächsten Hassmannschen Ausbruch zuvorzukommen): Keine Widerrede, Maria! Der Professor und ich, wir haben uns doch nur Gedanken gemacht, wie wir deine Station im besten Gewissen in gewohnter Manier am Laufen halten können. Alles ganz in deinem Sinne. Ich will dir nichts wegnehmen. Ich will dich unterstützen. In jeder Hinsicht.
Maria (weiß nicht so recht, was sie davon halten soll, da ein irrationaler Teil von ihr überhaupt keine Lust darauf hat, kürzer treten zu müssen): Rick,...
Cedric (sieht sie eindringlich an): Das ist mein voller Ernst, Maria. Du siehst, ich habe die Zeit deiner Abwesenheit genutzt, um über vieles nachzudenken. Ich vertrete dich im besten Gewissen, bis unser Baby da ist und auch darüber hinaus. Außerdem haben wir fähiges Personal. Die Assistenten, die morgen ihre Prüfung schaffen, werden alle übernommen. Das hat mir Prof. Haase bestätigt und wer weiß, mit viel Fingerspitzengefühl schaffen wir es vielleicht auch, seine Tochter auf unsere Station zu holen. Sie ist gut. Richtig gut. Wenn du mir schon nicht vertraust, dann doch wohl ihr. Ihr seid ein tolles Team. Sie weiß genauso gut wie ich, worauf du Wert legst.
Klar! Möglichst im unpassendsten Moment an die Windelfront zu wechseln!
Maria (merklich überfordert lehnt sie sich gegen die Wand hinter sich u. starrt vor sich hin murmelnd die Deckenverkleidung an): Das könnte sich schwierig gestalten.
Cedric (hebt verwundert eine Augenbraue): Wegen Marc? Ach komm, ein bisschen Abstand hat noch niemandem geschadet.
Maria (kann ein kurzes spöttisches Auflachen nicht verhindern): Das sagt der Experte.
Cedric (grinst): Eben! Und was deinen Mutterschutz betrifft, du kannst nach der Geburt jeder Zeit wieder einsteigen, wenn dir zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Das hat mir Prof. Haase zugesichert. Und dann springe ich an der Elternfront ein.
Maria (starrt ihn ungläubig an): Du würdest Elternzeit nehmen wollen?
Cedric (gibt sich völlig unbeeindruckt): Was heißt hier Konjunktiv, natürlich nehme ich mir die Zeit und zwar alles, was ich kriegen kann, und noch darüber hinaus. Das steht gar nicht zur Debatte, Maria. Je mehr, umso besser.
Maria (starrt ihn mit offenem Mund an): Du meinst das ernst, oder?
Cedric (sieht ihr tief in die zweifelnden braunen Augen): So wahr ich hier stehe und den Boden anbete, über den du in deinem sexy Businesskostüm schwebst.
Maria (verdreht die Augen u. blickt ihn spottend an): Oh Rick, weniger Pathos ist oft mehr. Sonst nimmt dich niemand mehr hier ernst.
Wer zum Teufel ist dieser Kerl hier vor mir? Ich glaub das alles nicht. Er kann das doch nicht tatsächlich ernst meinen?
Cedric (zögert nicht u. nutzt die günstige Gelegenheit, um die ewig Widerspenstige in seine Arme zu ziehen): So lange du mich ernst nimmst? Hey, hör mal, Mary! Ich hab so viel verpasst mit Sarah. Das allein werde ich mir nie verzeihen können. Ich will diesmal von Anfang an dabei sein. Bei jedem noch so kleinen Entwicklungsschritt. Mir ist das erst so richtig klar geworden, was das mit einem macht, als Sissi zum ersten Mal auf ihrem Popes durch mein Arbeitszimmer gerobbt ist und meinen Fachlektürehaufen durcheinander gebracht hat oder wie sie zum ersten Mal so was wie ‚Papa’ gemurmelt hat. Ich hab geheult wie ein Schlosshund an dem Tag. Auch weil mir bewusst geworden ist, was ich alles nie mehr zurückholen kann bei unsrer Motte. Ich will für alle Drei da sein. Immer. Für Sarah steht doch auch ein großer Schritt bevor. Alles ändert sich sowieso. Unser ganzer Rhythmus. Sie wird eingeschult. Ich will da sein, wenn sie aus der Schule kommt, mit ihr Hausaufgaben machen und kleine Jungs verarschen, dir ihr blöd kommen. Und ich will bei dir sein und dir so viel abnehmen wie nur möglich. Nicht weil ich irgendetwas wieder gutzumachen glaube, sondern einfach weil ich es will. Und falls du doch wieder Sehnsucht bekommst nach blutigen Handschuhen und glitschiger Hirnmasse, die dir auf den OP-Kittel spritzt, dann spring ich eben ein. Wir können uns im EKH abwechseln. Je nachdem, wie’s dir passt. Du kannst auch in deiner op-freien Zeit an deiner Habilitation weiterarbeiten, um Oberarschloch Meier zuvorzukommen. Mach, wie du denkst! Der Professor gibt uns da freie Hand. Aber Genaueres können wir ja dann klären, wenn er wieder da ist. ... Was ist? Du sagst ja gar nichts.

Maria (fühlt sich ziemlich überfahren von seinen gut gemeinten Vorschlägen): Und was ist mit deiner Karriere? Jetzt einen solchen Break zu machen, das wirft dich um Jahre zurück. Mit Windelnwechseln, Flirts auf dem Spielplatz und Hausaufgabenbetreuung ist es nicht getan, Rick.
Cedric (starrt seufzend die Deckenbeleuchtung des Flurs an u. dann wieder in das ernste Gesicht seiner Lebensgefährtin, die sich endlich beruhigt hat): Welche Karriere? Mein Name ist verbrannt nach der ganzen Scheiße, die in der Charité schiefgelaufen ist. Ich könnte mich hier noch so sehr abrackern und spannende Ergebnisse liefern, man würde mich trotzdem aburteilen. Und ehrlich gesagt, ist mir das momentan auch schnurzpiepegal. Ihr seid mir wichtig und nichts anderes. Und wenn ich ab und an mal operieren darf, dann reicht mir das schon als Goody. Ich kann mir auch in ein paar Jahren wieder einen Namen machen, falls ich das dann noch will, wenn genügend Gras über die Sache gewachsen ist. Ich fühl mich wohl so, wie es momentan ist. Ich genieße das Vertrauen vom Professor und das ist mehr, als ich erwartet habe, als ich hier bei euch angefangen habe. Und ich hab dich und die Kinder. Was will ich mehr? Außer vielleicht die ein oder andere heiße Begegnung mit dir an aufregenden Orten.
Maria (wahre Gefühlsstürme durchfluten sie gerade, was sie sich nicht ansehen lassen will): So bescheiden?
Cedric (legt eine Hand an ihre Wange u. streicht mit dem Daumen ihren Pony aus dem Gesicht): Ich tue alles, um dem Klischee eines egomanischen Chirurgen nicht zu entsprechen. Weißt du, erstens, sind die out und zweitens, gibt es hier doch schon so einen Platzhirsch.
Maria (kann sich eines Lächelns nicht erwehren): Okay!
Cedric (blickt ihr verunsichert in die Augen): Okay?
Maria (leicht genervt von seiner Begriffsstutzigkeit): Ja, doch! Belassen wir es vorerst bei unverbindlich. Aber die Details mache ich mit dem Professor alleine aus. Damit das mal klar ist. Meine Station, meine Entscheidung.
Cedric (setzt sein typisches verschmitztes Grinsen auf): Natürlich, ich hab doch gesagt, es gibt nur einen Platzhirsch hier im Haus.
Maria (boxt ihm kraftvoll in den Oberarm): Ey!
Cedric (aus dem anfänglichen Grinsen wird ein betont ernster Gesichtsausdruck): Wenn ich dir jetzt ein Liebesgeständnis machen würde, das wäre zu viel Pathos, oder?
Maria (schüttelt grinsend den Kopf): Definitiv! Aber eine Frage hätte ich dann doch noch.
Cedric (mit leichtem Magengrummeln blickt er sie an): Schieß los!
Maria (legt ihre beiden Arme locker um seine Schultern u. sieht ihn nachdrücklich an): Wie kommst du darauf, dass wir einen Filius erwarten würden?
Cedric (grinst anfangs, doch plötzlich verliert sein Gesicht alle Farbe, je länger er ihr ernstes Gesicht betrachtet, das keine Miene verzieht): Weiß nicht, männliches Wunschdenken, wenn man frühmorgens halbverschlafen überall über euren Mädchenkram stolpert. Aber... Moment, heißt das...? Warst du etwa bei dem Idioten und er hat...? Nein!?
Maria (verschränkt ihre Hände hinter seinem Nacken, krault bedächtig seinen Haaransatz u. schmiegt sich mit geheimnisvollem Gesichtsausdruck an ihn): Ich könnte ja sagen, wir lassen uns überraschen. Aber du weißt ja, wie ich zu unerwarteten Überraschungen stehe. Und Mehdi stand vorhin ziemlich ungünstig und man ist nun mal selber Arzt. Also, sagen wir mal so, der Schock wirkt noch nach.
Cedric (starrt sie mit immer größer werdenden glänzenden Augen an u. weiß für den Moment nicht, was er sagen soll): Ach, du liebe Güte!
Maria (sieht den verstummten Macho schmunzelnd an, schüttelt den Kopf u. zieht Cedric im nächsten Moment hinter sich her in ihr Büro, weil der Verkehr auf dem Flur zunimmt): Jep! Ausgerechnet ich, wo ich doch mit Mädchen überhaupt nichts am Hut habe. Womit hab ich das nur verdient?

Derjenige, der im Gegensatz zu ihr am besten wusste, wie man mit Mädchen in allen Altersklassen und Lebenslagen umging und der Dr. Hassmann vorhin mit einem hinreißenden verschmitzten Lächeln die frohe Botschaft bestätigt hatte, nachdem er erst einmal ordentlich von der schwangeren Neurologin heruntergeputzt worden war, befand sich zur Stunde im Kreißsaal, wo gerade eine Geburt im vollen Gange war. Es hatte alles recht schnell gehen müssen. Schwester Gabi hatte gerade nach mehreren unfreiwilligen Unterbrechungen, welche die Arbeit in einem Krankenhaus nun mal mit sich brachte, eng umschlungen mit ihrem geliebten Oberarzt in dessen Sprechzimmer verschwinden wollen, als plötzlich vor ihren Augen eine seiner Patientinnen auf ihrem Spaziergang, um die Geburt zu beschleunigen, in den Armen ihres Mannes in die Knie gesunken war. Routiniert und eingespielt wie Dr. Kaan und die Krankenschwester waren, hatten sie beherzt eingegriffen und jetzt standen sie Seite an Seite im Kreißsaal am unteren Ende der Liege, auf welcher die Schwangere die immer heftiger werdenden Wehen angestrengt weghechelte. Wie immer war das eingespielte Paar die Ruhe selbst und unterhielt sich währenddessen.

Gabi: Was wollte denn die Hassmann vorhin von dir?
Mehdi (grinst über das ganze Gesicht, als er kurz zu ihr rüberschaut): Berufsgeheimnis.
Gabi (rollt mit den Augen u. denkt sich ihren Teil): So geladen, wie die war, als sie dich gepackt und dein Sprechzimmer gestürmt hat, und kurz danach ist sie leichenblass wieder gegangen. Aber mich anranzen, das konnte sie noch. Ich will ja nicht behaupten, dass sie dir noch hinterher trauert, aber dass wir auch Nachwuchs erwarten, passt ihr wohl gar nicht. Die will doch auch nur immer im Mittelpunkt stehen, die Frau Doktor. Das nervt. Du hättest sie vorhin in der Kantine an unserem Tisch mal erleben sollen. Da vergeht einem das Mittagessen.
Mehdi (abgelenkt von der voranschreitenden Geburt): Ach, das würde ich nicht so ernst nehmen, Gabi. Maria hat gerade viel zu viele andere Dinge im Kopf, als über uns nachzudenken. So Frau Fink, noch einmal kräftig pressen und dann... Ja, da ist er ja, der kleine Herr Fink. Schwester Gabi, würdest du ihn bitte den glücklichen Eltern reichen. Sie haben das beide prima gemacht. Herzlichen Glückwunsch!
Gabi (wickelt den Neugeborenen behutsam in das von einer anderen Schwester bereitgelegte Tuch u. reicht ihn mit Tränchen in den Augen dem stolzen Vater in die Arme, der sich weinend der strahlenden Mama nähert): Ja, Dr. Kaan. Frau Fink, Herr Fink, hier ist ihr gesunder kleiner Junge. Alles Gute!

Dr. Kaan und Schwester Gabi blickten noch einmal lächelnd auf das glückliche Elternpaar herab und dann sich an. Sie nickten sich zu und verließen hintereinander den Kreißsaal, um den Eltern den ersten Moment mit ihrem ersten Kind alleine zu gönnen. Am Waschbecken im Vorraum hatte die gerührte Krankenschwester endlich wieder Worte gefunden und fiel dem überrumpelten Oberarzt, beeindruckt von dem eben Erlebten, glücklich in die Arme, der selbige jedoch ungelenk in die Luft streckte.

Gabi: Weißt du, was, Mehdi?
Mehdi (fühlt sich merklich unwohl eingeklemmt zwischen Gabi u. dem Waschbecken, das er eigentlich anvisieren will, um sich zu säubern): Ähm... ja? Also, nein?
Gabi (knutscht ihn im Überschwang nieder u. schmiegt sich dann an seine Brust): Ich bin so froh, dass ich dich hab.
Mehdi (kann sich ein verliebtes Lächeln nicht verdrücken, auch wenn er nicht ganz nachvollziehen kann, was auf einmal in seine Süße gefahren ist): Ja?
Gabi (kuschelt sich in seine Arme, die er immer noch angestrengt hoch hält): Ja, eine ganz normale Beziehung, ohne Kleinkrieg und tägliche Kämpfe. Einfach nur du, ich, Lilly und das Kleine.
Mehdi (blickt ihr fasziniert in die dunkelgrün schimmernden Augen, als sie zu ihm aufschaut): Ja! Und das ist dir nicht zu langweilig?
Gabi (will ihn wieder stürmisch niederknutschen, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen): Bärchen, wie könnte es je langweilig mit dir werden? Ich kann nie genug davon kriegen. Weißt du das denn nicht?
Mehdi (entwindet sich ihr geschickt mit breitem Lächeln, um sich endlich die Einweghandschuhe abzustreifen u. sich zu waschen): Da stimme ich dir voll und ganz zu, Maus. Aber würdest du mich bitte erst die OP-Kleidung entledigen lassen. Dann könnte ich dich auch besser halten.
Gabi (streicht verführerisch durch sein wuscheliges Haar u. lehnt sich von hinten verschmust an seinen Rücken, während er sich die Hände wäscht): Mhm, noch besser würde es mir gefallen, wenn du dich noch mehr entledigen würdest, Herr Doktor.
Mehdi (stellt den Wasserhahn ab u. dreht sich schmunzelnd in ihre Richtung): Bella, Bella, was ist eigentlich mit dir heute los?
Gabi (greift nach seiner Hand u. zieht ihn hinter sich her aus dem Waschraum): Na, wenn du mich nachts einfach alleine mit meinen Fantasien zurücklässt, dann spielt mein schwangerer Körper eben total verrückt, sobald er in deine Nähe kommt.
Mehdi (grinst über das ganze Gesicht u. folgt ihr hinaus): Soso! Das hört sich schwer nach einem medizinischen Problem an, um das ich mich kümmern sollte.
Gabi (drängt ihn neben der Tür an die Wand): Unbedingt, Dr. Kaan.
Mehdi (wirft ihr einen verschlagenen Blick zu u. löst sich dann abrupt von ihr): Gut! Meine Nachmittagssprechstunde fängt erst in einer Dreiviertelstunde an. Vorher muss ich mich aber noch um Frau Fink kümmern. Begleitest du den Vater mit dem Baby auf die Kinderstation zu den Untersuchungen? Wir treffen uns dann bei mir im Büro.
Gabi (sieht dem attraktiven Arzt sehnsuchtsvoll hinterher): Du weißt, wie man ein Mädchen heiß macht, Mehdi. Beeil dich! Ich tue’s auch.

Und mit einem Augenzwinkern war Dr. Kaan im nächsten Zimmer verschwunden, während sich Schwester Gabi voller Vorfreude noch einmal wohlig aufseufzend die Wand entlang räkelte, bis sie die Augen wieder aufschlug und direkt vor sich Pfleger Jochen sah, der mit einem breiten Haase-Grinsen mit mehreren Laborproben bewaffnet an ihr vorbeimarschierte und ihr amüsiert zuzwinkerte. Die ertappte Krankenschwester drehte sich sofort um und verschwand hinter der nächsten Tür, wo sie bereits erwartet wurde.

Lorelei Offline

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26.08.2015 09:56
#1538 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Ach, ja, das mit der Sehnsucht und ihren unberechenbaren, ausschweifenden Folgen war so eine Sache, die auch Dr. Marc Meier und Dr. Margarethe Haase über einen langen Arbeitstag hinweg begleitet hatte und sich letztlich endgültig Bahn brach, als die beiden Ärzte nahezu zeitgleich am späten Nachmittag in der Tiefgarage ihres Zuhauses eintrafen. Ein sehnsuchtsvoller Blick aus den Seitenfenstern ihrer nebeneinander geparkten Wagen hatte genügt, um die Anspannungen und Unsicherheiten der letzten Tage vergessen zu machen. Für die glücklichen werdenden Eltern, für die es immer noch kaum zu begreifen war, was da gerade mit ihnen passierte, gab es nun kein Halten mehr. Äh... na ja, nicht ganz! Mit der einen oder anderen ungeschicksbedingten Zeitverzögerung versteht sich! Denn die schwer verliebte Assistenzärztin, die für ihre Missgeschicke und Tollpatschigkeiten außerhalb des OPs bekannt war, schaffte es nur mit einiger Mühe, ihren Sicherheitsgurt zu lösen, der sich ausgerechnet heute nicht wie sonst lockerleicht öffnen lassen wollte, weil ihre kribbeligen Finger viel zu ungeduldig daran herumzerrten und sie dadurch nur noch mehr einzurrten. Nachdem sie sich endlich ungelenk von dem Ungetüm befreit hatte, schulterte die schwer atmende Frau ihre rosa Umhängetasche, zog den Zündschlüssel ab, kontrollierte noch einmal im Rückspiegel ihr hochrot angelaufenes Gesicht, gegen das sie jetzt auf die Schnelle in ihrer hektischen Aufregung auch nichts weiter ausrichten konnte, außer zweimal meditationsgleich ein- und auszuatmen, und griff dann beherzt mit ihrer linken Hand nach der Tür des orangefarbenen „Schuhkartons“, wie Marc Meier immer spaßeshalber das etwas sonderbar aussehende Vehikel von Gretchens Mutter verspottete, als eben jener Witzbold vom Dienst seiner angebeteten Herzdame gentlemanlike eben jene Autotür öffnete und ihr damit zuvorkam, um sie im nächsten Augenblick besitzergreifend in seine starken Arme zu ziehen. Sofort versanken die Zwei in einem nicht enden wollenden Begrüßungskuss, welcher erst durch das nervige Gebell des Nachbarhundes einen kurzen unschönen Abbruch fand, der es doch tatsächlich gewagt hatte, mit seinen Dreckpfoten der dunkelgrauen Designerhose des gutaussehenden Oberarztes ein interessantes neues Muster zu geben, jedoch während der Fahrt im Fahrstuhl nach oben in ihre Penthauswohnung eine vielversprechende Fortsetzung fand, die bei ihrem Nachbarn Horst Lowinski und dessen quirligen Hundedame Shakira aber keine sonderlichen Begeisterungstürme auslöste. Eher im Gegenteil, denn der Sauerstoff in dem kleinen stählernen Raum wurde immer knapper, je länger dieser für den eigentlich recht kurzen Weg nach oben benötigte. Der grummelige Rentner flüchtete regelrecht aus dem Aufzug, als sich dessen Türen endlich auf seinem Stockwerk wieder geöffnet hatten, während sich Shakira von dem sich innig umarmenden Liebespaar, welches ihr ab und an heimlich ein paar Leckerlis spendierte, fröhlich bellend und schwanzwedelnd verabschiedete.

Endlich waren die beiden Verliebten wieder alleine. Kichernd lagen sie sich in den Armen, neckten sich mit zarten Küssen und kleinen Berührungen und torkelten schließlich liebestrunken auf ihre Wohnungstür zu, nachdem sie oben in der siebten Etage ihres Hauses angekommen waren. Problemlos öffnete Dr. Meier die Eingangstür, schupste seine Grinsefee unsanft hinein und knallte die Tür schnell hinter sich wieder zu, nur um im nächsten Moment seine Arme wieder um die Schultern seiner liebreizenden Freundin zu legen, die er nun von ihrem roséfarbenen Mantel befreite, der ebenso wie ihr rosa Schal elegant zu ihren Füßen sank, welche sie gerade ungeschickt von ihren dunkelroten Stiefeletten zu befreien versuchte. Mit einer Hand hielt sich Gretchen an Marc fest, der ihr amüsiert grinsend einen weiteren aufregenden Kuss stahl und einfach nicht von ihr lassen wollte. So abgelenkt geriet die ewige Tollpatschqueen natürlich unweigerlich ins Straucheln. Sie stolperte über irgendetwas, das im Weg gelegen hatte, und konnte sich gerade noch so mit Hilfe ihres aufmerksamen Freundes halten, ehe sie sich der Schwerkraft doch geschlagen geben musste und mit ihrem properen Hinterteil auf den Schuhschrank plumpste, welcher ihren Stolperer einigermaßen sanft abgefedert hatte. Marc konnte sich natürlich sein schadenfrohes Lachen nicht verkneifen, während Gretchen nur verdattert aus der Wäsche schauen konnte, sich ihren ramponierten Hintern massierte und sich dann umblickte und das sperrige längliche Objekt zu sich heranzog, welches ihren kleinen Tollpatschunfall verursacht hatte. Sofort verstummte Marcs Lachanfall, als er bemerkte, was seine Süße da gerade ungläubig zwischen ihren Händen balancierte.

Gretchen: Marc, was hat das denn zu bedeuten? Ist das nicht der von Papa? Er hat genau so einen. Moment, ja, da sind ja auch seine Initialen eingeschnitzt. Was hat das Hammerdingsda hier zu suchen?
Marc (für eine Millisekunde sprachlos): Äh...
Gretchen (durchbohrt ihn mit ihrem Inquisitionsblick): Wolltest du etwas zerschlagen? Aber warum?
Scheiße! Ich hätte aufräumen sollen, bevor wir heute Morgen los sind. Aber Mehdi, die alte Trantüte, hatte verschlafen und wir mussten... Egal! Er ist Schuld! Soll er sich doch verantworten. Ich hab nichts gemacht. Zum Glück nicht! Haasenzahn wäre ausgerastet.
Marc (sichtlich in Erklärungsnot nimmt er ihr schnell den Schlaghammer ab u. verstaut ihn sicherheitshalber in der hintersten Ecke der Garderobe, wo er auch gleich seine Straßenschuhe hinkickt): Äh... nein!? Ich... Ähm... Ach, egal! Lass uns lieber da weitermachen, wo wir gerade von diesem blöden Kläffer unterbrochen worden sind. Halt still! Nicht, dass du hier auch noch runterstürzt. Bei dir muss man immer mit so was rechnen.
Gretchen (verfolgt irritiert, wie Marc ihr konzentriert die Stiefel von den Füßen zieht u. selbige dann kurz zärtlich massiert): Aber...
Marc (lächelt sie verschmitzt von unten herauf an, während er weiter liebevoll ihre Füße bearbeitet u. sie dadurch geschickt abzulenken versucht): Nix aber, Haasenzahn! Das... hast du dir nach diesem stressigen Tag verdient. Du sollst morgen schließlich entspannt in deine Abschlussprüfung gehen. Rezept von deinem Oberarzt! Und dem wird gefälligst Folge geleistet!
Er ist so lieb, aber irgendwas ist komisch. Seit wann ist er so nett, ohne dass man ihn darum gebeten hat? Hmm?
Gretchen (vergisst ihre anfängliche Skepsis schnell wieder u. seufzt genießerisch auf): Mhmmm! Das tut wirklich gut.
Marc (grinst sie verheißungsvoll an u. lässt den einen oder anderen Hintergedanken aufblitzen): Ich weiß.
Gretchen (schließt lächelnd die Augen u. schwebt mit ihren Gedanken davon): Danke! Du warst ja nicht mehr dabei, aber mit einem Mal haben die uns heute Nachmittag sämtliche Notfälle auf einmal ins EKH geschickt. Ach, wie war’s eigentlich bei Lilly?
Marc (stöhnt gespielt leidend auf u. zwickt Gretchen einmal in den kleinen Zeh): Witzig und nervig wie immer. Man mag’s ihr nicht zutrauen, aber sie wird besser. Es klingt nicht mehr nach Katzengejaule. Sie hat schon ein paar passable Riffs drauf. Aber die hat sie ja auch von mir.
Angeber! Dass er nie zugeben kann, dass er Spaß mit der süßen Maus hatte.
Gretchen (schlägt ihre Augen wieder auf u. schaut ihn schmunzelnd durch ihren langen Wimpernschleier an): Klar, du Gitarrengott! Wieso spielst du mir eigentlich nie was vor? Ich fände das total romantisch.
Oje, immer diese Haasschen Ansprüche! Aber das mit dem Gott gefällt mir. Damit hat sie so recht!
Marc (gibt sich gespielt unbeeindruckt): Wieso sollte ich? Oder sind wir auf der Abschlussfahrt beim Lagerfeuer am Strand von Rimini? Und ich hab dich ja schon aufgerissen. Das wäre also nicht der Mühe wert. Außerdem jeder Mann über dreißig mit Gitarre in der Hand kommt mir ziemlich suspekt vor. Es sei denn, er gibt gerade im Olympiastadion ein ausverkauftes Konzert.
Gretchen (stupst ihn empört mit ihrem Fuß an, den er gerade massiert hat): Boah, Blödmann! Aber wer nicht will, der hat schon. Was habt ihr dann nach der Musikschule noch gemacht? Ward ihr in der neuen Eisdiele, die bei Mehdi um die Ecke aufgemacht hat? Da müssen wir unbedingt auch mal hin. Ich hätte so Lust auf das erste Eis des Jahres.
Marc: Ehrlich gesagt, Haasenzahn, ist mir jetzt nicht nach reden, Eis essen oder sich mit der Gitarre zum Affen machen. Ich hab mehr Lust auf dich. Wir haben schließlich noch was nachzuholen, ne?

...machte Marc mit hinreißendem Augenbrauenwackeln und charmantem Grübchenlächeln unverblümt deutlich, als er sich mit Schwung aus seiner Hocke erhob, nach Gretchens zartem Händchen griff und sie abrupt von ihrem Platz hochriss, um sie jetzt stürmisch an sich zu drücken. Ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus, was dazu führt, dass sie ganz und gar vergaß, was sie alles von ihrem Liebsten noch wissen wollte. Ein bezauberndes Lächeln, das ihr ganzes Gesicht hell erstrahlen ließ, war die einzige Ausdrucksform, zu welcher sie noch im Stande war. Und auch Marc konnte bei diesem zauberhaften Anblick kaum noch widerstehen. Er musste sie jetzt haben. Ganz und gar. Mit Haut und Haar. Für die ganzen Gefühlstürme, die in seinem Innersten tobten, seitdem er wusste und endgültig begriffen hatte, dass sein Gretchen tatsächlich schwanger war, er Vater von Zwillingen werden würde und sie bald eine richtige Familie sein würden, gab es für ihn nur eine Ausdrucksmöglichkeit, welche ihr zu zeigen vermochte, wie schwerelos er sich gerade fühlte. Seine Überforderung, die dank Mehdis nächtlicher Intervention schon kleiner und unbedeutender geworden war, rückte in den Hintergrund und ließ nun etwas ganz anderem Platz. Sein erster Kuss prickelte angenehm auf ihrem lächelnden Mund, er versprach viel, machte eindeutig Lust auf mehr. Und der nächste brannte dann auch schon nachhaltig auf ihren roséroten Lippen, welche sofort Feuer fingen. Ein Feuer, das sich in rasender Geschwindigkeit in ihrem gesamten Körper ausbreitete und sie in Aufruhr versetzte. Das Verlangen puckerte nur so in ihren Adern und so konnte die bis über beide Ohren verliebte Frau gar nicht anders, als sich von Marcs ansteigender Leidenschaft mitreißen zu lassen. Sie wollte ihn auch so sehr! Sie musste ihre Glücksgefühle einfach mit ihm teilen. Nur so würde er verstehen, was gerade für Schmetterlingsschwärme durch ihren Körper flatterten und sie unentwegt in einen Dauerschwebezustand versetzten.

Die beiden tanzten nahezu durch den Raum, als sie sich eng umschlungen Richtung Wohnzimmer vor bewegten. Marcs fahrige Hände waren überall und nirgends, während er seine weichen Lippen nicht einmal von ihren löste. Gretchen bemerkte gar nicht, wie sie von unsichtbaren Fäden gelenkt durch das geräumige Zimmer schwebten. An den Sitzmöbeln vorbei. Bis sie vor dem Kamin auf dem plüschigweißen Flokati niedersanken und ein weiches Lager fanden. Marcs heiße Küsse benetzten ihre glühendrote Wange, die kitzlige Stelle hinter ihrem linken Ohr, ihren sensiblen Hals, ihr Schlüsselbein und ihr atemberaubendes Dekolletee, nachdem er flink die obersten Knöpfe ihrer lila-roten Blümchenbluse geöffnet hatte. Gleichzeitig strichen seine Hände unruhige Bahnen ihre grazilen Seiten entlang. Er hatte Gretchens linkes Knie etwas angezogen, drückte es hoch, während er seinen aufregenden Körper gepardengleich zwischen ihre Beine schob, um ihr möglichst nah zu sein. Während die eine Hand an ihrem properen Hintern ruhte, strich die andere ihre Jeansaußenseite empor. Die hochsensibilisierte Ärztin stöhnte lustvoll auf, als Marcs freche Finger den Bund erreichten und plötzlich unter ihrer Bluse auf ihrem nackten Bauch landeten, der eingehend auf mögliche Veränderungen untersucht wurde, ehe sie langsam weiter nach oben wanderten und über ihrem rosafarbenen Spitzen-BH ihre linke Brust umfassten und zu kneten begannen. Marc seufzte wohlig auf, nachdem er die Blusenhälften weiter auseinander geschoben hatte und nun sein Gesicht in ihrem aufregenden Dekolletee versinken konnte. Gretchen kam ihm entgegen, machte ein Hohlkreuz und presste sich immer drängender an ihn. Ihr Partner spürte ihre ansteigende Lust, so wie sie fühlte, wie sich in südlicheren Gefilden etwas verheißungsvoll erhob. Sanft rieb die Schönheit ihr Becken gegen seines, sodass ihrem Liebhaber fast der Sauerstoff ausging und er stoßweise nach Luft schnappen musste, was auf ihrer empfindsamen Haut verheißungsvoll prickelte. Marc schob die Träger von Gretchens BH über ihre Schultern, küsste abwechselnd die freigewordenen Stellen, strich dann ihre Arme hinab und bekam schließlich die Körbchen zu fassen und zerrte sie nach unten, sodass ihm Gretchens Schwangerschaftsbrüste förmlich entgegen sprangen. Der Grinsekönig zögerte nicht und stürzte sich mit großer Hingabe auf sie, wobei Gretchen ihr Kicherlachen nicht zurückhalten konnte. Marc Meier war und blieb eben Marc Meier. Immer auf das Wesentliche fokussiert. Genießend ließ sie ihn einfach machen und lehnte sich gestützt auf ihren Unterarmen zurück. Während er die eine Brust mit seiner linken Hand zärtlich knetete und ihre Brustwarze zwirbelte, verwöhnte er die andere genüsslich mit seinem geschickten Mund. Seine Zunge umkreiste in quälend langsamen Bewegungen den Warzenhof und Gretchen starb jedes Mal einen kleinen Tod, wenn er eine weitere Runde vollendet hatte und dann mit seiner Zungespitze gegen die sensible Brustwarze stupste. Seine erregte Partnerin hielt es kaum noch aus und wand sich heftig unter seinem drängenden Körper. Gretchens Hände glitten unruhig Marcs Rücken hinab, griffen in sein blaues Designerhemd, zerrten daran, zerknitterten es, bis es endlich aus seiner Hose glitt. Sie zog den teuren Stoff etwas nach oben, damit sie endlich seine erhitzte Haut unter ihren Fingerspitzen spüren konnte. Dann stöhnte sie abrupt auf und ihre Fingernägel vergruben sich tief in seinem Rücken, als der freche Kerl plötzlich unvermittelt zubiss. Angenehme Schauerwellen durchzuckten ihren Körper und bündelten sich in ihrer Körpermitte, die berauschend zu puckern begann.

Jetzt gab es auch für Gretchen, die dem Orgasmus fast schon näher war als Marc selbst, kein Halten mehr. Mit einem Ruck hatte sie ihren verspielten Geliebten auf den Rücken gedreht und sich keck auf seine Beine gesetzt, um nun selber selbstbewusst die Initiative ergreifen zu können. Das stand ihr schließlich nach seinen ganzen Frechheiten, mit denen er sie geärgert hatte, zu. Mit weit aufgerissenen Augen und einem spitzbübischen Grinsen auf seinen kussbereiten Lippen genoss Dr. Meier die Vorteile dieser neuen, äußerst verlockenden Perspektive, während Dr. Haase ungeduldig an seiner Gürtelschnalle herumdokterte. Als sie vor lauter Anspannung nicht gleich ans Ziel gelangte, konzentrierte sie sich lieber erst einmal auf sein störendes Hemd, dessen Knöpfe sie geschwind mit geschickten Chirurginnenfingern öffnete. Sie schob die beiden Stoffhälften auseinander und stich nun bedächtig mit ihren zarten Händen über seinen glatten, gestählten Bauch und seinen muskulösen Oberkörper, bevor sie sich zu ihm herabsenkte und küssend denselben Weg gemächlich wieder hinabwanderte. Marc genoss jede einzelne ihrer zärtlichen Berührungen sehr, die sich wie Feuerabdrücke auf seiner Haut einbrannten, und schob sich seinen rechten Arm unter seinen Kopf, damit er sie besser bei ihrem Tun beobachten konnte. Als seine bildhübsche Freundin plötzlich mit intensivem, sehnsuchtsgeladenen Blick zu ihm emporblickte, war es schließlich gänzlich um ihn geschehen. Er richtete sich auf und kam ihrem hauchzarten Kuss bereitwillig entgegen. Dabei zog er sie auf seinen Schoß und fuhr anschließend mit seinen Händen durch ihre langen lockigen Haare, die er vorher von dem Haarknoten befreit hatte, welchen sie während ihrer Arbeit im Krankenhaus getragen hatte. Dann ließ er sie in Wellen über ihre Schulter gleiten. Ein Anblick, der ihm jedes Mal den Atem raubte. Marc war völlig benebelt. Der Kuss, der darauf folgte, wurde dementsprechend immer intensiver und fordernder. Gretchen umklammerte ihren Freund mit ihren schlanken Beinen und presste sich ganz fest an ihn, weil es für sie lebensnotwendig war, ihm jetzt so nah wie möglich zu sein. Marc zog scharf Luft ein, als er die Reibung ihrer weichen Rundungen auf seiner nackten Haut spürte, um gleich darauf wieder in dem heißen Kuss zu versinken und sich darin zu verlieren. Ihre geschmeidigen Hände strichen sein hellblaues Hemd nun endgültig von seinen Schultern und seine frechen Finger taten es mit ihrer Blümchenbluse gleich, welche geräuschlos auf den Teppich segelte. Gefolgt von ihrem modischen Spitzen-BH, den Marc mit nur einem geübten Fingerkniff von ihrem aufregenden Körper geschnipst hatte. Seine filigranen Chirurgenhände fuhren anschließend gemächlich ihren nackten geschwungenen Rücken empor, drückten Gretchen noch enger an sich, sodass sie beide fast zu einer Einheit verschmolzen, die unabdingbar zusammengehörte.

Im wilden Zungespiel vereint zog er die sexy Blondine auf sich, rollte mit ihr lachend über den weichen Flokatiteppich, bis er wieder über ihr lag und das aufregend sinnliche Spiel dominieren konnte, welches immer mehr Fahrt aufnahm. Gretchens Küsse, die alles andere als schüchtern waren, und ihr unfassbar weiblicher Körper machten ihn schier wahnsinnig. Erneut zog sich eine prickelnde Kussspur von ihrem Brustbein ausgehend über ihren sich unter ihm windenden Oberkörper. Unterstützt von einer frechen Hand, die sich erfolgreich an dem Stoffgürtel ihrer Jeanshose zu schaffen machte. Er richtete sich auf und Gretchen verfolgte ihn mit verschleiertem Blick dabei, wie er ihr wie von Zauberhand geführt Hose und Slip auszog. Er schnappte sich dann erst ihr linkes Bein, fuhr mit äußerster Konzentration die schlanke Wade hinab und zog ihr vorsichtig das rosa Söckchen von ihrem ausgestreckten Bein. Auf der anderen Seite machte er dasselbe. Gefolgt jeweils von einem neckischen Kuss auf ihre Fußspitze. Gretchen zitterte vor lauter Gänsehaut und voller prickelnder Erwartung. Gestützt auf ihren Ellenbogen erwartete sie ungeduldig das, was da noch kommen würde. Begierde, Sehnsucht, Verlangen, Liebe standen deutlich in ihren auf ihn gerichteten himmelblauen, hypnotischen Augen geschrieben, stellte Marc zufrieden fest, der sich nun ganz aufrichtete und die abgelegten Kleidungsstücke unachtsam beiseite kickte, zu denen nun auch seine dunkle Designerhose, seine Boxershorts und seine Socken hinzukamen. Gretchen konnte ihren begehrlichen Blick nicht von dem attraktiven Mann abwenden, der nun in seiner ganzen Pracht vor ihr stand und mit wild auffunkelnden dunkelgrünen Augen voller Verlangen und unendlicher Liebe zu ihr herabblickte und sich an ihrem sich räkelnden Anblick nicht sattsehen konnte. Sein Hunger war längst noch nicht gestillt. Es war doch gerade erst angerichtet worden.

Marc: Du bist so schön.

...konnte Marc nur mit leicht belegter Stimme flüstern, welche in diesem magischen Moment so anders klang als der sonst so barsche Oberarztton, den er immer und überall an den Tag legte. Zutiefst geschmeichelt schaute Gretchen mit wild klopfendem Herzen zu ihrem Traummann hoch und streckte ihm einladend ihre zarte kleine Hand entgegen. Er nahm sie lächelnd an, küsste ihren Handrücken und verschränkte dann seine Finger mit ihren und legte sich vorsichtig über sie. Marcs Kuss schmeckte süß, wie süße Verheißung, und erzeugte Schauerwellen in Gretchens Körper, die sich in schnellem Rhythmus mit anhaltenden Hitzewallungen abwechselten. Sie konnte nicht mehr an sich halten, wollte ihn endlich spüren. Ganz und gar. Mit Haut und Haar. Wollte eins mit ihm sein. Sich ganz in ihm verlieren. Seine grenzenlose Liebe spüren. Ihr großes Glück auf ihre ganz eigene Art zelebrieren. Weil es die schönste Sprache war, die sie miteinander teilten. Und so verschränkte die verliebte Ärztin ihre Arme hinter seinem muskulösen Rücken und winkelte ihre Beine um seinen knackigen Po. Ihr Herzangebeteter stöhnte lustvoll auf, als er Gretchens Einladung dankbar annahm. Länger hätte auch er sich nicht mehr zurückhalten können. Er musste ihr jetzt ganz nah sein, so nah wie sich nur zwei Liebende sein konnten, die ihr ganzes Leben miteinander verbringen wollten, sonst würde er auf der Stelle verbrennen.

Gretchen: Ich liebe dich, Marc.

Gretchens sanfte engelsgleiche Stimme umnebelte seinen Verstand, als er langsam gefühlvoll in sie eintauchte. Er wollte das Engegefühl auskosten und sich nur behutsam fortbewegen, wollte ihre Nähe gänzlich mit allen Sinnen erfühlen, sich vorsichtig vortasten, so lange wie möglich bei ihr sein. Marc so tief in sich zu spüren, war auch für Gretchen ein Wahnsinnsgefühl, welches ihre Sinne gänzlich durcheinander brachte. Die kribbelige Anspannung wuchs mit jeder Sekunde an, die Marc sich nicht bewegte und mit äußerster Konzentration über ihr verharrte. Sie blickten sich an, verloren sich in den Augen des anderen, küssten sich immer wieder, bis seine Lippen gänzlich auf ihren verharrten. Und dann bewegte er sich endlich. Gretchen seufzte wohlig auf. Ihr Atem vibrierte auf seinen Lippen, erzeugte eine Gänsehaut, die sich Zentimeter für Zentimeter auf seiner Haut ausbreitete, genauso langsam wie er sich zurückzog und immer tiefer in sie vordrang. Vor und zurück. Eine nahezu hypnotische, exstatische Bewegung, an die sich Gretchen schnell anpasste. Ihre Finger vergruben sich tief in Marcs vollem Haar, zogen daran, hielten sich fest, während sie ihre angewinkelten Beine gegen ihren Körper gepresst hielt, damit er möglichst tief in sie vorstoßen konnte. Es war ein herrliches, berauschendes Gefühl. Für beide. Sein Atem wurde schneller, stoßweise blies er prickelnden Sauerstoff gegen ihr gerötetes Gesicht, bis ihn der Rausch der Empfindungen vollends übermannte, er sein Gesicht an ihrem Hals vergrub und die Geschwindigkeit auf Sportwagenniveau steigerte. Gretchen liebte es, so von ihm geliebt zu werden. Mal sanft wie auf einer Feder durch die Luft schwebend und dann wieder so urmännlich dem Trieb erlegen. Sie stöhnte ihre stetig steigende Lust ungeniert heraus, trieb ihren Partner damit nur noch mehr in den Wahnsinn, bis er plötzlich die rosarote Wolkendecke erreicht hatte und seine Liebste leidenschaftlich mit sich riss, der der gemeinsame Orgasmus wie eine gigantische Explosion vorkam, die ihre ganze Welt erschütterte.

Noch Minuten danach zitterte sie am ganzen Körper. Ihm ging es ähnlich. Tief befriedigt sanken die beiden wieder nebeneinander und schauten sich erschöpft und überglücklich in die flackernden Augen. Sie hatten sich eine Decke vom Sofa heruntergezogen und über sich ausgebreitet. Marcs Hand ruhte auf Gretchens erhitzter Wange. Sein Daumen strich bedächtig über ihre warme weiche Haut. Sie lächelte glücklich und beseelt in seine Richtung. Er erwiderte es und küsste sie federleicht auf die Lippenspitzen. Sie kuschelte sich danach wohlig aufseufzend in seine starken Arme und verfolgte die immer länger werdenden Schatten in ihrer gemeinsamen Wohnung, da es allmählich über den Dächern Berlins zu dämmern begann. Marc schloss seine immer schwerer werdenden Lider und vergrub sein Gesicht in ihrer üppigen Lockenpracht, sog deren verführerischen Duft ein und sinnierte über die letzte halbe Stunde, die der absolute Wahnsinn gewesen war. Es war Wahnsinn, was gerade mit ihnen passierte. Aber es wäre genauso Wahnsinn, es nicht zu genießen und auszuleben. Das waren schließlich die letzten Monate, die sie nur zu zweit verbringen würden.

Marc (mit sich selbst im Einklang murmelt er vor sich hin): Das hab ich gebraucht.
Gretchen (neckt ihn für seine unverblümten Worte): Charmant!
Marc (öffnet seine schweren Lider wieder u. schaut die süße Grinsefee verschmitzt an): So hab ich das nicht gemeint, Haasenzahn.
Gretchen (strahlt ihn wissend an, als sie sich zu ihm umdreht u. sich an seine starke Brust schmiegt): Ich weiß, wie du es gemeint hast, Marc.
Marc (genießt es sehr, sie so locker u. entspannt im Arm zu halten u. ein bisschen mit ihr zu albern): Gut! Aber Bodenturnen ist in deinem Zustand vielleicht nicht gerade die beste Idee, die wir hatten. Geht’s dir gut? Sollen wir rüber zum Sofa wandern? Oder in die Küche? Hast du Hunger? Ich kann mal schauen, was der Kühlschrank so hergibt.
Ist er nicht süß? Auf einmal total entspannt und fürsorglich. Der perfekte Papa! Hach...
Gretchen (streicht ihm lächelnd über die Wange): Lieb, dass du dir Gedanken machst, Schatz, aber ich bin in keinem Zustand. Ich finde das Wort furchtbar. Dabei gibt es doch viel schönere Umschreibungen für unsere Wundersterne. Ich bin doch bloß schwanger. Und ich mag das, was wir gerade gemacht haben. Sehr sogar!
Marc (lacht u. kann nicht widerstehen, das Zauberwesen noch einmal zu küssen): Ohne rot zu werden?
Gretchen (trumpft selbstbewusst auf): Vielleicht musst du dich ein bisschen mehr anstrengen, damit das passiert. Hitzewellen gehören nämlich auch zu den Nebenwirkungen dieser wunderbaren Geschichte. Unserer Geschichte.
Marc (amüsiert sich gerade königlich): Hoho! Haasenzahn, was sind das denn neuerdings für Töne?
Gretchen (vergräbt kichernd ihr Gesicht an Marcs Halsbeuge): Ich weiß auch nicht. Muss an den ganzen Glückshormonen liegen, mit denen ich gerade überschüttet werde. Die machen mich redselig.
Marc (mustert sie schmunzelnd u. legt seine Hand auf ihren Bauch, um diesen liebevoll zu streicheln): Soso? Auch nicht mehr als sonst! Aber... ich weiß, wie das ist.
Gretchen (legt gerührt ihre Hand auf seine u. himmelt ihren Märchenprinzen an): Tatsächlich? Dabei werde ich doch die Hauptlast mit mir rumschleppen. Da werden zwei Menschlein in mir heranwachsen. Allein das ist schon kaum zu begreifen. Ich werde aufpassen müssen, dass ich auf der Baustelle auf unserem Klinikgelände nicht mit der Abrissbirne verwechselt werde.
Marc (grinst vergnügt über beide Backen): Nanu? Seit wann verfügt Madame denn über so was wie Humor? Bin ich nicht sonst für die Witze zuständig?
Gretchen (setzt die süßeste Schmollschnute auf, die sie in ihrem Repertoire hat): Schön, dass du mich nicht mal korrigierst, du Witzbold.
Marc (hält sich gespielt ertappt eine Hand vor den Mund): Upps! Hey! Mach dir mal deswegen keinen Kopf! Erstens, sind die mit den Umbauarbeiten schon viel weiter, um noch eine Abrissbirne zu gebrauchen.
Gretchen (trotzig boxt sie ihm in die Seite): Haha!
Marc (grinst u. wird plötzlich wieder sehr ernst): Is so! Und zweitens, wirst du die hinreißendste und süßeste Abrissbirne der Welt sein, die durch unser Krankenhaus schwingt und den Schokoautomaten plündert. Ach was, der wird vor dir kapitulieren müssen.
Gretchen (wieder versöhnt schmiegt sie sich in seine Arme): Netter Versuch, mein Schatz! Entschuldigung akzeptiert. Denn mit einer Sache hast du den Kern ganz gut erfasst. Ich werde ständig und überall Hunger haben. So wie jetzt! Gehst du bitte doch zum Kühlschrank, Marc! Haben wir Eis da?
Diese Frau ist echt unfassbar! Wie kann sie jetzt ans Essen denken? Ach so, ja, klar, sie muss ja jetzt für drei futtern. Krass! Den Supermärkten der Umgebung und unserer Cafeteria werden die Lebensmittel ausgehen.
Marc (streichelt ihr unter der Decke liebevoll über den noch flachen Bauch): Ich werde jeden Zentimeter lieben. Nur damit du’s weißt.
Gretchen (schaut ihn erstaunt an u. wickelt sich die Decke noch fester um ihren Körper, weil sie eine Gänsehaut bekommt): Was? Keine weiteren Dickenwitze?
Marc (blickt gespielt empört zu ihr herab, nachdem er aufgestanden ist u. sich gestreckt hat): Hey, da sind fünfzig Prozent von mir drin, verteilt auf zwei, das ist ja wohl ein meilenweiter Unterschied im Vergleich zu unseren Adipositas-Patienten, die schon auf dem Gang zum Klo erschöpft zusammenklappen.
Gretchen (rollt mit den Augen u. lässt sich von ihm aufhelfen): Ich werde dich daran erinnern, Marcilein.
Marc (grinst sie schelmisch an): Musst du nicht. Du wirst ja so oder so nicht zu übersehen sein. Ich würde mich mal in der Kleiderkammer melden, damit genügend Kittel in XXL vorbestellt werden. Eine große Bestellung kommt der Klinik günstiger, weißt du.
Gretchen: Ey!

Gretchen griff nach dem Spruch empört nach einem der Sofakissen und schmetterte es in Richtung des unverschämten Sprücheklopfers. Doch dieser hatte ihre Absicht schnell durchschaut und duckte sich gerade noch rechtzeitig, während das Kissen über seinen Kopf hinweg zum Küchentresen rüber segelte und die beiden dort abgestellten Bierflaschen traf, welche daraufhin scheppernd zu Boden gingen. Die perplexe Ärztin zuckte vor Schreck zusammen. Ihr Oberarzt lachte nur amüsiert und zog sie in seine muskulösen Arme, um sie anschließend vor in Richtung Küchentresen zu dirigieren. Dort setzte er sie auf einem der Barhocker ab, zog ihre Decke wieder zurecht, damit er nicht abgelenkt wurde, und ging dann auf die andere Seite, um Kehrschaufel und Handbesen zu suchen. Schnell waren die Scherben beseitigt und der über beide Backen grinsende Mann lehnte sich Gretchen gegenüber an die Theke.

Marc: Spaß! Mach dich doch mal locker, Haasenzahn!
Gretchen (schmollt): Ich bin locker, Marc!
Marc (lacht): Ja, das bist du. Ich muss sagen, du hast dich deutlich verbessert. Du wirfst zielsicherer als damals beim Sportfest in der Schule. Obwohl, es schafft nicht jeder, einen Volleyball so formvollendet über seinen eigenen Kopf hinweg direkt durchs geschlossene Fenster des Lehrerzimmers zu schmettern. Ich bin ja immer noch davon überzeugt, dass das Absicht war, so wie die Menge gegrölt hat.
Gretchen (ignoriert ihn trotzig u. zeigt ihm die äußerst verlockende, nackte, kalte Schulter): Haha!
Marc (greift nach ihrer Hand, die auf dem Küchentresen ruht, u. streichelt diese sanft, was ihre Aufmerksamkeit dann doch weckt): Hey, mach dir wegen solcher Unnichtigkeiten keinen Kopf! Ich kann manchmal meine große Klappe nicht kontrollieren und du weißt doch, wie es gemeint ist. Ich lieb dich und alles, was an dir dran ist. Du hast ja gesehen, was für eine Wirkung das auf mich hat. Ich weiß gar nicht, wie ich mich zurückhalten soll, die Finger von dir zu lassen.
Gretchen (lächelt wieder versöhnt): Musst du nicht! Genauso mag ich dich nämlich auch am liebsten.
Marc (flirtet mit ihr): Ja?
Gretchen (schmachtet ihn an u. wechselt geschickt das Thema): Also, was sagt unser Eisvorrat?
Marc (zwinkert der Nachkatze amüsiert zu u. zeigt ihr seine attraktive Kehrseite, als er die Kühlschranktür u. dann das Eisfach öffnet): Gut, zu wissen! ... Mhm, mal schauen! Erdbeere oder Schoko? Ach, was frag ich überhaupt. Schoko!
Gretchen (stützt vorfreudig ihre Arme auf dem Tresen ab u. genießt die verlockende Aussicht): Bringst du bitte auch die Schokoraspel mit?
Marc (knallt die Kühlkombination wieder zu, öffnet den Hängeschrank u. hält sich an dessen Tür fest, als er sich verdutzt noch mal zu ihr umdreht): Äh... Wozu? Das ekelige Zeugs besteht doch schon zu neunzig Prozent aus denselben Zutaten.
Gretchen (grient ihn mit hinreißender Zuckerschnute an): Eben drum! Also, her damit! Die Schokosoße bitte auch noch.
Marc (verzieht angewidert das Gesicht u. kommt ihrem Wunsch trotzdem nach): Verstehe einer euch Frauen, echt! Du wirst noch einen Zuckerschock bekommen, Haasenzahn. Dabei dachte ich eher an einen ganz anderen noch viel süßeren Schockzustand, in den ich dich versetzen könnte.
Gretchen (genießt kichernd den Kuss, den er ihr in den Nacken haucht, u. reißt ihm gierig die Schüssel aus der Hand, schüttet die Schokosplitter über das Eis, dann die Schokosoße u. nimmt sich anschließend eine große Portion auf den Löffel, der sofort in ihren Mund wandert): Erst das Eis! Dann das andere Vergnügen!

Boah! Unfassbar diese Frau! Aber ich sag ja nichts. Ich bin froh, dass sich die Naschkatze damit zufrieden gibt und ich nicht wie der persische Depp noch raus zur nächsten Tanke geschickt werde, weil ihr diese Sorte nicht passt. Memo an mich selbst: Sorge stets dafür, dass genügend Schokokram in allen Variationen im Haus ist. Das erspart dir einen Heidenärger. Und wenn es sie glücklich macht. Das ist ja jetzt, O-Ton Frauenflüsterer, mein Hauptjob. Wobei, was die Beschaffung von Glücksmomenten betrifft, wüsste ich ja da eine ganz andere Methode, die mir noch mehr Spaß bereiten würde, als ihr beim Eisessen zuzugucken und dem Drang zu widerstehen, sie abzuschlecken.

...sinnierte Marc auf seinem Beobachtungsposten so vor sich hin und konnte sich ein verknalltes Lächeln nicht verkneifen. Er stand dicht hinter Gretchens Barhocker, auf dem sie es sich mit ihrem Traum von einem Schokoeisbecher gemütlich gemacht hatte, und hatte seine Arme um ihre Taille geschlungen und hielt seinen Kopf an ihre rechte Schulter gedrückt. Hastig verschlang seine Süße die eisgekühlte Süßspeise, stöhnte immer wieder wohlig seufzend auf und hielt Marc, der davon eine Gänsehaut bekam, auch mehrmals den Löffel hin, aber er verweigerte die Annahme und vergrub sein Gesicht lieber in ihren dichten Locken, mit denen er jetzt spielte. Umso mehr blieb für sie übrig, dachte die heißhungrige Blondine dabei nur und schleckte die letzten Eisreste mit ihrer Zunge aus der Schüssel, was dazu führte, dass ihr Gesicht ganz klebrig wurde. Aber auch dagegen wusste der allwissende Oberarzt eine bewährte Abhilfe. Er opferte sich heldenhaft und kam nun doch noch in den Genuss eines Desserts, das verheißungsvoll auf seiner Zunge prickelte und Gretchen in einen Lachflash versetzte, weil seine Neckereien sie furchtbar kitzelten. Sie entwand sich ihm immer wieder und wäre dabei fast von ihrem Sitzplatz geplumpst, wenn Marc sie nicht sicher von hinten festgehalten hätte.

Gretchen: Maaarc!
Marc (zwinkert ihr frech zu u. wischt sich die klebrigen Reste von seinem Mundwinkel): Anwesend!
Gretchen (greift nach seinen Händen, die über ihrem Bauch ruhen, u. zieht ihn noch näher zu sich heran): Als ob ich das nicht merken würde. Du bist lieb. Danke!
Marc (grient sie von der Seite an): Sonst noch irgendwelche Sonderwünsche, Miss Nimmersatt? Gürkchen gefällig?
Gretchen (verzieht ihr Gesicht u. schüttelt den Kopf): Igitt! Doch nicht auf Eis. Und überhaupt mag ich die gar nicht.
Marc (zieht überrascht eine Augenbraue hoch): Ach? Und ich dachte...
Gretchen (vollendet flink seinen Satz): ...dass alle Schwangeren ganz automatisch darauf abfahren? Das ist ein Klischee. Glaub ich. Also ich verspüre noch nicht den Drang.
Marc (zuckt mit den Schultern): Das ist auch für mich Neuland.
Gretchen (stimmt ihm bei): Für mich doch auch, Marc.
Marc (lächelt zaghaft): Dann sind wir wohl beide Anfänger. Ein komisches Gefühl.
Gretchen (dreht sich auf dem Barhocker zu ihm um, um ihm besser in die Augen sehen zu können, wenn sie seinen Gedanken fortsetzt): Man fühlt sich irgendwie wie ein Außerirdischer. Ich meine, da wachsen zwei kleine Menschen in mir heran. Das ist total irre. Ja, man ist Arzt und man weiß ganz genau, was da mit einem passiert, aber trotzdem fühlt sich das alles total irrational an. Man denkt, die anderen gehen viel, viel lockerer damit um. So wie Maria oder Gabi. Sie haben zwar auch ihre Probleme, aber was das betrifft, sind sie ganz cool. Ich möchte das auch sein.
Marc (spielt mit den Enden der Decke, in die Gretchen eingehüllt ist): Na ja, frag mich mal! Ich find’s furchtbar, so total ahnungslos zu sein. Das ist wie ins kalte Wasser geworfen zu werden. Im OP kickt einen das total. Weißt du, das Unmögliche möglich zu machen. Aber hier geht einem so viel durch den Kopf. Man hat die verrücktesten Ideen und dreht total am Rad.
Gretchen (schaut rüber zur Garderobe): Deshalb das Werkzeug? Haben Mehdi und du versucht, die Wohnung umzugestalten?
Marc (rollt mit den Augen u. schämt sich ein bisschen für sein kopfloses Verhalten): So was in der Art. Schwamm drüber!
Gretchen: Wieso?
Marc (wirbelt seine Arme in die Luft): Weil... Mann, Gretchen, mein Ausraster war echt peinlich. Mehdi wird da ewig drauf herumreiten.
Gretchen (beruhigt ihn mit sanfter Stimme u. forscht vorsichtig nach): Wird er nicht! Und das meine ich doch auch gar nicht. Wieso wolltest du etwas anders haben? Gefällt dir unsere Wohnung nicht mehr? Und warum gleich mit so brachialer Gewalt? Obwohl... wenn ich mich so umschaue, ich kann keine Veränderung feststellen. Und ich sehe, ehrlich gesagt, auch keinen Nutzen.
Marc (kleinlaut): Jetzt noch nicht! Ich war irgendwie schon weiter, als es gesund wäre in dem Stadium. Keine Ahnung, was da mit mir los war. Aber es ist vorbei.
Gretchen (mustert ihn eindringlich): Das heißt? Wolltest du die Wohnung etwa schon babysicher machen? Das tut doch erst Not, wenn die Zwei zu krabbeln beginnen und das passiert erst in ungefähr anderthalb Jahren.

Na toll, du bist so ein Vollhonk, Marc Meier! Und so was will Kinder in die Welt setzen?

Marc (blickt ihr ziemlich verdattert in die Augen u. sieht sich dann in den Räumlichkeiten um u. scannt jeden möglichen Zentimeter davon auf potentielle Risiken): Babysicherungsmaßnahmen, äh... ja, die kommen mit auf die Liste.
Gretchen (horcht auf u. beginnt plötzlich zu strahlen): Liste, welche Liste? Oh, nein, du bist ja süß! Du hast dir ja wirklich schon richtig Gedanken gemacht. Och!
Marc (verzieht leidend seine Miene, als er die Veränderung in Gretchens Gesicht bemerkt): Das ist genau der Grund, weswegen Mehdi nichts sagen sollte. Verdammt! Nenn mich ja nie wieder süß! Das hier ist schon alles peinlich genug. Wieso warnt einen eigentlich niemand davor, wie bescheuert man(n) wird, wenn man Vater wird?
Gretchen (sieht ihn völlig gerührt an): Nein, das ist alles andere als peinlich, Marc.
Marc (hebt misstrauisch seine Augenbrauen): Och, nee, du fängst jetzt aber nicht gleich wieder an zu heulen, Haasenzahn? Ey, das ist das Letzte, was ein Mann nach dem geilsten Sex des Jahrhunderts sehen möchte.
Gretchen (bemüht sich um ein Lächeln u. streicht sich die kleinen Tränen der Rührung schnell aus dem Augenwinkel): Ich... Ich fühl mich nur gerade so unheimlich geborgen, Marc.
Marc (kann mit dieser Aussage nichts anfangen): Äh...ja? Ich... ich hab doch gar nichts gemacht.
Gretchen (schmachtet ihn an): Doch! Du tust so viel, Marc! Dich so zu sehen. Was es mit dir macht, das...
Marc (fährt ihr prompt ins Wort, bevor es noch rührseliger wird): Äh... Es macht mit mir gar nichts. Ich bin doch so wie immer.
Gretchen (schenkt ihm ein Lächeln als Antwort): Ja! Zeigst du mir die Liste irgendwann?
Marc (reibt sich überfordert über seinen Brustkorb, um das Engegefühl in der Herzgegend wegzubekommen): Vielleicht!? Sie ist noch nicht so richtig ausgefeilt, weil ich ehrlich gesagt absolut keinen Plan habe, worauf es ankommt. Und ich hasse diese Planlosigkeit. Das macht mich total kirre und ich will gleich ganze Wände einschlagen.
Gretchen (schmiegt sich verliebt an ihn): Dann finden wir eben gemeinsam heraus, was wichtig ist, mein Schatz. Zerbrich dir nicht so viel den Kopf! Momentan genügt mir, dass du da bist und mit mir deine Gedanken teilst. Du bist nicht der Einzige, der verunsichert ist.
Marc (lächelt): Ja?

Gretchen (nickt u. bekommt einen ganz verschleierten Gesichtsausdruck): Weißt du, dass ich mich schon dort in der Nische sitzen sehe. In einem gemütlichen Schaukelstuhl, mit den schlafenden Babys im Arm, und du lehnst hinter uns an der Lehne und lächelst stolz zu uns herab. Das Bild beruhigt mich, wenn die Panik hochkommt.
Marc (kann nicht anders, als weiter mit ihr um die Wette zu strahlen): Echt? Du hast eine ziemlich kitschige Fantasie. Aber ich gebe zu, das Bild hat was. Um den Raum kam es mir nämlich auch an. Aber eher aus dem Sicherheitsaspekt.
Gretchen (blickt erstaunt auf): Du meinst, du wolltest uns eine schöne Wohlfühloase schaffen? Och! Wie süß!
Nicht schon wieder!
Marc (verleiert die Augen, greift nach den Enden von Gretchens Decke, öffnet sie kurz, bewundert die schlanke Figur, die darunter steckt, u. schiebt sich prompt auch mit unter die Decke): Gretchen, jetzt guck nicht immer so! Du solltest deine Erwartungen mal ein bisschen herunterschrauben. Das lindert den Druck. Und hör auf, mich ständig mit Zucker zu übergießen! Das ruiniert mein Image.
Gretchen (grinst ihn frech an u. genießt seine verlockende körperliche Nähe): Ai, ai, Papa Marc! Und bevor du mir wieder widersprichst, ich finde trotzdem, du bist der beste, tollste, verantwortungsvollste, mitdenkendste Papa, den es geben kann. So viel zur Verbesserung deines Images, mein Lieber!
Marc (klappt ungläubig die Kinnlade herunter): Hast du gerade ‚Papa Marc’ gesagt?
Gretchen (verliebt säuselnd streicht sie ihm mit ihren Fingern über den angespannten Oberkörper): Ja, das bist du doch auch. Papa Marc! Das ist doch erst der Zuckerguss über unserer Beziehung.
Marc: Du!

Aber ehe Marc noch einen weiteren Protest einlegen konnte, weil er hier unverschämterweise immer mehr verniedlicht und seiner urmännlichen Selbstherrlichkeit beraubt wurde, hatte Gretchen ihren Helden schon stumm geküsst, um ihn von ihren Argumenten zu überzeugen. Ein verheißungsvoller Kuss, aus dem schnell mehr wurde. Die schwangere Assistenzärztin wollte ihrem verunsicherten Partner zeigen, wie viel ihr sein vorsichtiges Einbringen bedeutete, für welches er sich, ob ausgefeilt oder nicht, wirklich nicht verstecken musste. Sie waren schließlich beide erst in der Lernphase. Die Neuigkeit war gerade einmal vier Tage alt und sie hatten noch ihr ganzes Leben als Familie vor sich. Ein wundervoller Gedanke, der ihr überstürztes Tun nur noch mehr bestätigte. Die Gefühle mussten einfach raus. Die Luft brannte mit einem Mal wieder und das Paar ließ der Leidenschaft einfach freien Lauf. In Speed-boat-Manier fiel Gretchen über ihren verdutzten Oberarzt her, der natürlich, wie sollte es auch anders sein, keinerlei Widerstand leistete. Sie klammerte sich wie eine Krake an ihn. Er taumelte mit ihr rückwärts, bis er an die Sofalehne stieß und sich davor geschlagen geben musste. Von der Schwerkraft angezogen, sanken sie zu Boden. Gretchen, die unterwegs ihre Decke verloren hatte, stürzte sich mit heißen Küssen auf ihn, sodass er bald nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Sie hatte ihn völlig verhext und in ihren Bann gezogen. Er war völlig geblendet von der selbstbewussten sexy Sirene, die sich auf seinem Schoß erhob und ihn mit ihren Reizen und ihrem wilden Temperament völlig um den Verstand brachte. Erst kurz vor dem Höhepunkt hatte er durch eine leichte Unachtsamkeit ihrerseits die Zügel wieder in die Hand bekommen und gemeinsam flogen sie dem Sonnenuntergang über Berlin entgegen, der die Umgebung in ein herrliches Dunkelorange tauchte, welches sich auf ihren erhitzten ineinander verschlungenen Leibern widerspiegelte. Als die Leidenschaft wieder etwas abgeflaut war, blickte Marc in die immer noch vor Begierde glühenden frechen Haase-Augen, die ihn sinnlich anfunkelten und in ihrem hintersten Winkel unglaublicherweise auf eine weitere Fortsetzung drängten. Er musste hörbar nach Luft schnappen, als er ihre Botschaft richtig interpretierte.

Marc: Wow! Haasenzahn! Mehdi erzählt zwar viel über seinen bescheuerten Job, wenn der Tag lang ist, aber das mit dem Sexhunger schwangerer Frauen, da hat er echt untertrieben. Dieser hinterhältige Hund hält einfach das wichtigste Fachwissen zurück. Reiner Eigennutz, wenn du mich fragst. Ich sag doch, der hat’s faustdick hinter den Ohren.
Gretchen (verhext ihn mit ihrer sanften Säuselstimme): Marc?
Marc (klebt an ihren aufblitzenden Augen): Ja?
Gretchen (senkt ihren fordernden Blick auf seine Lippen): Halt die Klappe und küss mich!
Marc (kommt dem natürlich liebend gern nach): Woah, Haasenzahn! Immer noch nicht genug? Ich komm ja kaum noch zum Luftholen. Herrlich!
Gretchen (grient ihn frech an): Mein lieber Marc, wie könnte man bei deinem Charme von dir je genug kriegen? Das wäre ja wie, wenn man heißen, verführerisch duftenden Pudding vor die Nase gesetzt bekommen würde, ihn aber nicht naschen dürfte.
Marc (lacht): Äh... so ein Vergleich kann echt nur von dir kommen. Mitkommen! Ach was, ich nehme dich gleich so. So lange ich dich noch tragen kann. Auf zu Runde drei! Hopp! Festhalten!

Gesagt, getan! Marc war so schnell vom Boden aufgesprungen, so schnell hatte Gretchen gar nicht reagieren können. Aber da hatte er schon unter ihre Knie gegriffen und sie hochgehoben. Und wie sollte es auch anders sein bei einem Vollzeitmacho wie ihm, er ließ natürlich den angeborenen Neandertaler heraushängen und warf sie sogleich über seine Schulter, um sie die Holzstufen der Treppe ins Schlafzimmer hoch zu schleppen. Dem Sturkopf heftig auf den Rücken zu trommeln, half leider nicht dagegen. Aber zumindest kam sie auf diese Weise in den Genuss, seine attraktive Kehrseite noch einmal ausführlich in Augenschein nehmen zu dürfen, was deutlich Wirkung auf ihren Hormonhaushalt zeigte. Denn sie bekam wieder Hunger. Großen Hunger sogar! Wer wollte schon eine viel zu schnell schmelzende Eisbombe, wenn man die Sahneschnitte Marc Meier haben konnte, wann immer man wollte. Und jetzt wollte sie ihn unbedingt.

Gretchen: Maaarc!? Hattest du nicht versprochen, keine blöden Witze mehr über mein Gewicht zu machen? Das ist nicht gerade nett der Mutter deiner Kinder gegenüber.
Marc: Upps! Aber du weißt ja, Versprechen sind da, um gebrochen zu werden.
Gretchen (gespielt empört): Boah, du bist so ein Blödmann!
Marc: Nanana! Beleidigt man so den Vater deiner Kinder? Es ist zwar nicht erwiesen, aber die bekommen sicherlich auch in dem Stadium schon viel mit. Also, Jungs, entschuldigt die nächtliche Ruhestörung, aber es könnte jetzt noch einmal recht holprig werden. Aber man soll ja bekanntlich schon recht früh mit Sport anfangen, ne.
Gretchen: Ey! ... Hast du gerade ‚Jungs’ gesagt? Na, das werden wir ja noch sehen. Nicht, Mädels?

Der Grinsekönig legte seine kostbare Fracht behutsam auf dem Kingsizebett ab, schaltete das Nachtlicht auf Gretchens Seite ein und blickte seiner liebreizenden Freundin verschmitzt in ihr glühendes Gesicht, als er gepardengleich über sie glitt und über ihr kurz verharrte. Gretchen kicherte seine dreisten Machosprüche einfach frech weg. Unverschämtheit, dachte Marc nur beleidigt und stürzte sich auf sie, um den Frechdachs auf seine Weise zum Schweigen zu bringen. Und somit erreichte die Babyparty der besonderen Art ihr nächstes aufregendes Stadium, das bis weit in die Nacht andauern sollte.

Lorelei Offline

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06.09.2015 09:53
#1539 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

„Aufstehen, Traumfrau, aufstehen! Aufstehen, Traumfrau, aufstehen!“

...tönte es zum wiederholten Male im monoton vorprogrammierten Rhythmus unüberhörbar laut durch das heimelige Schlafzimmer von Dr. Margarethe Haase und Dr. Marc Meier, welches bereits in den warmen orangegelben Schleier des hereinbrechenden Freitagmorgens gehüllt war, der angesichts der gemächlich über die Dächer Berlins kriechenden Strahlesonne ein wunderschöner Frühlingstag zu werden versprach. Ein Tag wie im Bilderbuch. Ein Tag wie gemacht für die Herausforderungen des Lebens. Ein Tag der Veränderung. Ein Tag mit großer Bedeutung. Zumindest für eine Hauptstadtbewohnerin. Und damit war nicht die Kanzlerin gemeint, für die schließlich jeder Tag von staatstragender Bedeutung war.

Das schlummernde Liebespärchen unter der cremefarbenen Satinbettdecke bekam von dem morgendlichen Naturschauspiel vor ihrem deckenhohen Fenster jedoch noch nicht sehr viel mit. Auch wenn die Helligkeit in diesem Dachgeschosszimmer ein eindeutiges Zeichen dafür war, dass es langsam Zeit wurde, aufzustehen. Doch das Lummerland wollte die beiden ineinander verschlungenen Ärzte noch nicht wieder freigeben, die vor ihrer nächtlichen Reise in eben jene kunterbunte Traumwelt eine aufregende und sehr berauschende Liebesnacht verlebt hatten, was sich noch immer in ihren schwerfälligen Gliedern bemerkbar machte, als sich zumindest die bildhübsche Blondine langsam unter der Decke räkelte, um das nervige Etwas, das sich Wecker schimpfte und ihr positive Energien am Morgen vermitteln sollte, indem es sie in Dauerschleife als Traumfrau titulierte, verstummen zu lassen.

Geübt tastete Gretchen mit ihrem rechten Arm blind zur Seite und erwischte den Traumfrauenbeschwörer tatsächlich auch prompt. Und sofort war es wieder leise im Meier-Haasschen Schlafgemach. Lediglich das wohlig zufriedene Aufseufzen ihres schlafenden Partners war noch zu hören. Ebenso wie das leise Knarzen der Matratzenfedern unter ihr, als sich die noch im Dämmerschlaf befindliche junge Dame schnell wieder an ihren splitterfasernackten Traumprinzen heranrobbte und sich anschmiegsam in seine Arme kuschelte. Genauso wie sie schon die ganze Nacht über in seinen starken, beschützenden, muskulösen Armen verbracht hatte. Nirgendwo konnte sie besser schlafen. Und auch Marcs Schlaf wurde unruhiger, wenn er seinen Haasenzahn nicht Haut an Haut bei sich hatte. Deshalb nahm eben jener charmante Märchenkönig sein schlaftrunkenes Dornröschen auch sofort wieder mit festem Griff in Empfang und zog die Bettdecke wieder über deren Schultern und genoss den warmen, weichen Frauenkörper, der sich perfekt an seinen schmiegen konnte. Nasenspitze an Nasenspitze lagen die beiden nun da. Mit geschlossenen Augen. Aber im Gleichtakt pochenden Herzen. Und dösten, den verführerischen Duft des anderen in der Nase, an diesem wunderschönen Morgen noch ein bisschen vor sich hin.

Gretchen: Nur fünf Minuten, Marc!

...murmelte die vor sich hin Dösende mit sanfter Engelsstimme, deren warmer Atem an seinem Ohr wohlig prickelte. Und Marc erwiderte darauf nur ein leises Grunzen, das sie als Zustimmung wertete, bevor er mit seinem einen Arm unter der Bettdecke um ihre Taille fasste und sie besitzergreifend zu sich hin zog, die andere Hand auf ihrem properen Po positionierte und seine Beine mit ihren verhedderte. So eng umschlungen und verliebt lagen die beiden dann da und die Zeit plätscherte nur so dahin.

Und es war wieder Gretchen ‚Haasenzahn’ Haase die als Erste ihre langen sandmännchenstaubverklebten Wimpern hob, dreimal gegen die Helligkeit des Frühlingstages anblinzelte und dann direkt auf Marcs geschlossene Lider blickte. Augenblicklich musste sie lächeln. Das war doch wohl der schönste, beste, tollste und aufregendste Anblick, den man, in dem Fall Frau, beim Aufwachen haben konnte. Und täglich grüßte das Murmeltier.

Völlig fasziniert betrachtete sie die geschwungenen Wimpern des Schlafenden, seine wohlgeformten Augenbrauen, den kleinen Kratzer darüber, der noch von seinem grippegeschwächten Sturz nach der Babynachricht herrührte, dann sein Markenzeichen, die markante Narbe auf seinem Nasenrücken, die von einer unrühmlichen Rangelei unter ehrgeizigen Unikonkurrenten stammte und Marc Meier einfach nur noch sexier und interessanter machte, als er es eh schon für sie seit ihrer gemeinsamen Schulzeit war, und natürlich die niedlichen Grübchen um seinen verführerischen Mund, den sie so gerne küsste. Kaum zu fassen, dass ihr zuckersüßer Marcilein sogar im Schlaf nicht aufhören konnte, frech vor sich hin zu grinsen. Man musste ihn einfach lieben!

Marc: Haasenzahn, starrst du mich etwa schon wieder wach?

...schreckte plötzlich eine sehr vertraute Männerstimme Gretchen aus ihren morgendlichen Schmachtversuchen. Und prompt öffneten sich direkt vor ihrer Nase Marcs smaragdgrün funkelnde Augen, die sie mit ihrem Schalk förmlich anzuspringen versuchten. Er war wach! Etwa die ganze Zeit schon? Natürlich konnte die ertappte Träumerin nicht anders, als in Sekundenschnelle knallrot wie eine überreife Tomate anzulaufen, was das freche Grinsen im Gesicht von Dr. Meier nur noch mehr verstärkte. Sie war so was von geliefert, dachte sie nur...

Gretchen: Guten Morgen, Marc!

...und versuchte, schnell peinlich berührt von dem Offensichtlichen abzulenken, aber sie kam gegen den üblichen Meierschen Charme, den jede Pore seines an sie gepressten Körpers ausdrückte, natürlich überhaupt nicht an. Sie schmolz förmlich dahin, als er seine geschwungenen Grinselippen öffnete und so nah kam, dass sie seinen heißen Atem auf ihrer Haut spüren konnte. Selber bemerkte sie gar nicht, wie sie die Luft angehalten hatte.

Marc: Der kann nur gut werden, wenn du so niedlich verpeilt und mit derselben Gesichtsverfärbung wie heute Nacht neben mir liegst.
Gretchen (streicht sich verlegen über die glutrote Wange): Maaarc!?
Marc (zieht sie grinsend ganz eng zu sich heran): Ja, was? Ist so! Du bist doch diejenige, die nicht von mir lassen wollte. Du Unersättliche! Und so wie du gerade schon wieder guckst und Sabberfädchen hinterlässt, kann ich das auch völlig verstehen. Ich bin einfach der Beste.
Gretchen (funkelt ihn empört an, lässt sich aber gerne ohne Gegenwehr umarmen): Du bist so ein Idiot! Wie kann man um die Zeit schon so arrogant sein?
Marc (spitzt seine Lippen, wackelt mit den Augenbrauen u. guckt sie herausfordernd an): Morgens bin ich immer in Topform. In jeglicher Hinsicht! Regeration in der REM-Phase, weißt du? Auch wenn die letzte Nacht etwas zu kurz geraten ist. Aber ich bin Arzt, ich brauch nicht viel Schlaf, um hellwach und bereit zu sein. Kriegt der Idiot denn auch einen anständigen Kuss zum Guten Morgen?
Gretchen: Das... muss ich mir erst überlegen.

... gab sich die kecke junge Ärztin gespielt grübelnd, aber sie war schon längst so von Marcs unwiderstehlichem Charme eingenommen und völlig vernebelt, dass sie gar nicht anders konnte, als ihre weichen Lippen prompt auf seine zu betten, wo sie bereitwillig begrüßt wurden. Verliebt knutschten die beiden eine Weile miteinander und tollten dabei über das Bett, bis Marc irgendwann über seiner hinreißenden Freundin lag. Mit einer Hand hielt er ihre Handgelenke über ihrem Kopf fest umschlossen und mit der anderen strich er ihr liebevoll die langen, im Sonnenlicht goldig schimmernden, blonden Locken aus dem Gesicht, um ihr nun atemlos in die hellleuchtenden blauen Augen blicken und darin eintauchen zu können wie in das azurfarbene Wasser des Mittelmeers. Die Luft knisterte bereits wieder verheißungsvoll in dem sonnegefluteten Raum. Gretchen musste deswegen blinzeln und schaute aus irgendeinem Grund zur Seite. Ihr Blick blieb an etwas haften, nachdem sie sich kurz über die Augen gerieben hatte. Sie stutzte erst. Dann schaute sie Marc an, der ihre Mimik verwundert verfolgte und nicht deuten konnte, und wieder zurück. Sie vergewisserte sich und schreckte plötzlich auf und schubste ihren heißblütigen Verführer dabei unsanft von sich herunter, der wiederum nun die Welt nicht mehr verstand. Aber Dr. Haase war schon in einem Zustand höchster Panik angelangt, was auch Dr. Meier schmerzhaft feststellen musste, als er durch Gretchens unangekündigten Schubs auf der anderen Seite vom Bett purzelte und unelegant auf seinem gestählten Hinterteil landete.

Gretchen (alarmiert aufkreischend): Maaarc!!!
Marc (rappelt sich mühsam wieder auf, stützt sich mit Unterarmen u. Kinn an der Bettkante ab u. funkelt die Übeltäterin sauer an): Sag mal, geht’s noch, Haasenzahn!? Einmal Himmel und Hölle in einem Atemzug, oder was? Womit hab ich das denn schon wieder verdient?
Gretchen: Oh nein, oh nein, das schaff ich nie! Was mach ich denn jetzt?

Gretchen hörte den harschen Worten des Meckerkönigs gar nicht richtig zu und war schon ganz in ihre eigene Chaoswelt abgedriftet, als sie im nächsten Moment vom Bett hüpfte und sich dann planlos im Zimmer umblickte und hektisch nach ein paar herumliegenden Klamotten griff. Marc hatte sich derweil ebenfalls aufgerichtet und verfolgte sprachlos das seltsame Herumgehampel seiner offenkundig durchdrehenden Freundin, die gerade wenig damenhaft in ihre Unterhose stieg und dabei so gefährlich wankte, dass es eine helfende Hand benötigte, damit sie nicht wie ein Baumsetzling im stürmischen Wind nach hinten umkippte.

Marc: Ähm... was wird das, wenn ich fragen darf? Ich wollte ja noch nichts dazu sagen, dass du mir heute Nacht ein Hemd aus dem Schrank geklaut hast, aber...
Gretchen (lässt ihn nicht ausreden, zickt ihn gereizt an u. deutet dabei auf den Wecker): Marc, es ist fünf vor zehn!
Marc (zuckt unbeeindruckt mit den Schultern): Na, und? Besser als fünf vor zwölf! Wobei... Guck dir die Lage in Europa zurzeit doch mal an, da wirst du schon von alleine... Egal! Mehdi hat mich gestern noch so zugequatscht mit seinen Erlebnissen im Kiez, als ich die Kurze wieder bei ihm abgegeben hab. Ich bin mir nicht sicher, aber es kann sein, dass ich mich verpflichtet habe, nächste Woche mit ihm mitzulaufen. Das hat mir echt noch gefehlt.
Gretchen (wedelt wild mit den Armen in der Luft herum, um die Aufmerksamkeit von Monsieur wiederzuerlangen): Marc, FÜNF vor zehn, nein, DREI vor zehn, um genau zu sein! Der Wecker hat vor zwei Stunden geklingelt und ich blöde Kuh hab ihn wieder ausgestellt. Es ist MEINE Schuld! Wir sind wieder eingeschlafen! Verstehst du denn nicht? Heute ist Freitag! Um zehn Uhr fünfundzwanzig bin ich dran! Dann habe ich meine Facharztprüfung! In nicht einmal einer halben Stunde! Wie soll ich das denn schaffen?
Marc (reißt fassungslos die Augen auf u. starrt sie an, als er begreift): Was?

Gretchen (verliert sich in ihrer Panik u. wird immer hysterischer, während sie kopflos von einer Ecke zur anderen durchs Schlafzimmer marschiert): Ich werde zu spät kommen. Und ob ich das werde! Die Prüfer werden mich gar nicht erst reinlassen. Maria würde vielleicht noch ein Auge zudrücken, auch wenn sie immer behauptet, sie würde unsere Freundschaft dabei außen vor lassen. Aber mit meinem ehemaligen Professor wird nicht zu reden sein. Er ist noch einer von der Sorte, der keine Schludrigkeiten akzeptiert. Weder am OP-Tisch, noch bei sonst irgendwas. Zu spät zu kommen, das ist für ihn eine Todsünde. Der hat damals, als ich in Köln studiert habe, immer punktgenau den Vorlesungssaal von innen abgeschlossen und wer nicht rechtzeitig auf seinem Platz war, der konnte den Kurs vergessen und im nächsten Jahr wiederholen, wenn er Glück hatte. Ich hatte erst beim dritten Mal Glück. Und wie will er mich jetzt ernst nehmen, wenn er es damals beim Physikum schon nicht getan hat, wenn ich es jetzt nicht mal hinbekomme, einen simplen Prüfungstermin einzuhalten, der schon seit Wochen am Schwarzen Brett bekannt ist. Das schaffen wir nie. Ich werd noch ein halbes Jahr dranhängen müssen. Papa wird so enttäuscht sein. Und ich erst. Von mir selbst. Ich hab’s vermasselt! Wie immer! Im letzten Moment geht bei mir immer alles schief. Wie konnte ich nur so unaufmerksam sein? Ist das schon die Schwangerschaftsdemenz?
Marc (je hysterischer sie wird, umso ruhiger wird er u. stellt sich ihr in den Weg, um ihr eindringlich in die Augen zu schauen): Das werden wir ja noch sehen. In der Hauptstadt regeln wir das anders als in so nem Provinznest am Rhein.
Gretchen (blickt den plötzlich sehr entschlossen dreinblickenden Mann mit großen Augen an): Was?
Marc (die Lässigkeit in Person): Na, was wohl? Abmarsch, aber zack, zack! Der Countdown läuft. Schnapp dir deine Sachen, fertig Anziehen und Wimperntusche auftragen, kannst du auch im Auto! Wozu haben wir denn einen Sportwagen in der Garage, hmm?
Gretchen (schaut verdattert an sich herunter u. schlüpft in die Turnschuhe, die Marc ihr vor die Füße gestellt hat): Aber ich kann doch nicht... so...?
Marc (lässt keine Widerworte gelten, drückt ihr Klamotten in die Hände u. schiebt sie anschließend vor sich her): Und ob du kannst! Nicht nur in der Hinsicht! Ich hab doch nicht Monate meine Nerven und einen Haufen graue Haare riskiert, nur damit du jetzt keinen gescheiten Abschluss bekommst! Los! Komm in die Hufen, Haasenzahn, und schieb endlich deinen Knackarsch da runter!

Gretchen war völlig sprachlos und konnte nicht wirklich begreifen, was da gerade mit ihr passierte. Erst als Marc, der in weniger als fünfzehn Sekunden komplett angezogen war und total makellos und sexy wie immer aussah, sie anschubste und vor sich die Treppe hinunterbugsierte, setzte ihr vor Panik kurzzeitig gelähmter Verstand wieder ein und die nur in eins von Marcs hellblauen Designerhemden Gehüllte machte einmal ihrem Nachnamen alle Ehre und war flink wie ein flüchtender Feldhase mit ihm in die hauseigene Tiefgarage geeilt, wo sie ohne Umschweife in den schwarzen Porsche von Marcs Mutter sprangen, der keine Sekunde später mit quietschenden Reifen aus der Ausfahrt fuhr.

Jetzt saß sie, immer noch hypernervös und in adrenalingetränkter Panik, neben ihrem Oberarzt, der abgebrüht und die Ruhe selbst cool durch die Straßen Berlins lenkte und dabei die Schleichwege bevorzugte, die in Richtung des am Wannsee gelegenen Elisabethkrankenhauses führten, um den Freitagsverkehr in der Innenstadt zu umfahren, und verrenkte sich unelegant auf dem Beifahrersitz beim Versuch, sich fertig anzuziehen. Sie versuchte, die Zeitanzeige am Armaturenbrett zu ignorieren, ebenso wie sie nicht darauf reagierte, dass Marc die ganze Zeit ein schelmisches Grinsen auf der Backe trug, wenn er immer wieder verstohlen zu ihr rüberlinste, um sie bei ihren interessanten Verrenkungen zu beobachten.

Gretchen: Marc, guck nach vorne!
Marc (grinst vergnügt vor sich hin): Ich hab alles im Blick.
Gretchen (schließt schmollend den Knopf ihrer Skinnyjeans, in die sie gerade mit Mühe u. Not hineingeschlüpft ist, nimmt den Gürtel, überlegt kurz u. legt ihn schließlich in Taillenhöhe über ihrem blauen Oberteil an, dann zieht sie ihre Turnschuhe wieder an u. lehnt sich auf ihrem Sitz zurück, schnallt sich wieder an u. atmet tief durch): Ja, das merke ich.
Marc (zwinkert ihr an einer roten Ampel von der Seite frech zu): Interessantes Oberteil übrigens! Steht dir aber!

Boah, ich könnte ihm den Hals umdrehen, wenn ich nicht gerade etwas ganz anderes im Sinn hätte. Ich glaube, alles ist weg. Alles, was ich je über die Medizin gelernt habe. Das ist die Panik, oder? Gretchen... DOKTOR Margarethe Haase, beruhige dich! Du schaffst das! Wie du immer alles in deinem Leben geschafft hast. Dem Blödmann eine klatschen, das kannst du auch später noch. Dann hat es nämlich keine Konsequenzen mehr, weil er mein Oberarzt ist. Dann hab ich nämlich auch was zu sagen. Hoffentlich! Tschakka, Gretchen, du schaffst das!

Gretchen (funkelt den Schelm böse an): Haha! Witzbold! Du hast mir einfach Sachen in die Hand gedrückt, ohne zu schauen, was es überhaupt ist. Jetzt muss ich dein Hemd anbehalten.
Marc (gibt wieder Gas, als die Ampel auf Grün schaltet, u. lacht): Machst du doch nach dem Sex auch immer.
Gretchen (piekst ihm mit dem Zeigefinger wütend in den Oberarm u. kontrolliert dann ihre zerzausten Haare in dem kleinen Spiegel unter dem Sonnenschutz u. versucht sie verzweifelt zu bändigen): Eh, übertreib es ja nicht, mein Freundchen! Das ist meine Prüfung! Wie sieht das denn aus, wenn ich da so aufkreuze, wie ich jetzt bin? Das sieht doch nicht aus! Überhaupt nicht souverän und kompetent.
Marc (biegt sicher in die nächste Seitenstraße ein u. legt dann seine Hand auf ihre, die auf ihrem linken Oberschenkel ruht): Falsch gedacht! Lass das mit der Souveränität und der Kompetenz mal deinen Oberarzt beurteilen, hmm. Du siehst gut aus und du weißt, dass es darauf auch gar nicht ankommt.
Gretchen (steht kurz davor, loszuheulen): Ja, weil wir eh zu spät sein werden und ich frühestens erst in einem halben Jahr wieder antreten kann. Toll! Die Hassmann wird mich nie wieder ernst nehmen und du mich auch nicht, von Papa ganz zu schweigen.
Marc (schaltet einen Gang runter u. greift dann wieder nach Gretchens Zitterhändchen u. drückt es aufmunternd): Papperlapapp! Jetzt dreh nicht durch! Wir schaffen das. Vertrau mir!

Gretchen (vertraut ihm u. lächelt sogar für den Hauch einer Sekunde, dann sieht sie die nächste rote Ampel u. verzweifelt wieder): Mist! Schon wieder eine rote Ampel! Marc, das ist kein guter Tag, um eine Prüfung abzulegen. Alles scheint sich gegen mich verschworen zu haben. Selbst die Sonne lacht mich aus. Lass uns umkehren! Das bringt doch eh nichts mehr!
Marc (tritt aufs Gaspedal, als die Ampel wie aufs Stichwort auf Grün schaltet, u. prescht über die Kreuzung): Quatsch! Das ist ein sensationeller Tag. Der beste Tag, um endlich ein richtiger Arzt zu werden und im Haifischbecken mitzuschwimmen. Mit der Power für drei kannst du alles schaffen, Frau Chirurgin Haase.
Gretchen (ein kleines Tränchen kullert dann doch über ihre Wange, als sie ihn hoffend von der Seite ansieht): Glaubst du wirklich?
Marc (lächelt sie aufmunternd an, lässt den Fahrradkurier am Auto vorbeifahren u. nimmt dann das nächste Häusereck, als er abbiegt): Ich glaube nicht, ich weiß das! Und jetzt Schluss mit den Selbstzweifeln! Ein echter Chirurg kennt so was nicht! Schreib dir das hinter deine süßen Ohren, die mir nie zuhören wollen!
Gretchen (beruhigt sich ein bisschen, als sie die ersten vertrauten Straßen bemerkt): Wie kannst du nur so ruhig bleiben?
Marc (zuckt mit den Schultern u. nimmt geschwind die nächste Linkskurve): Ich bin dein Oberarzt. Ich hab dich fast zwei Jahre lang ausgehalten und ausgebildet, hab deine ständigen Einmischungen und Klugscheißereien ertragen. Deine Heulattacken wie deine Erfolge. Ich bin immer die Ruhe selbst.
Gretchen (legt ihr Gesicht auf ihre an den Sitz gedrückten Hände u. lächelt Marc an): Sicher!?! Trotzdem, du steckst nicht in meiner Situation, Marc. Ich hab geschuftet und gekämpft, um mich hier durchzusetzen, um nicht mehr nur als Professorentöchterchen und die Freundin des Oberarztes angesehen zu werden. Ich hab mir das alles selbst erarbeitet, ich bin stolz darauf, dass ich das in so kurzer Zeit geschafft habe, und ich wünsche mir einfach, dass ich dafür auch meine verdienten Lorbeeren abholen kann.

Marc (konzentriert sich auf den zunehmenden Verkehr, lauscht aber genauso aufmerksam Gretchens Worten): War ich aber mal, in exakt deiner Situation, meine ich. Vor fünfeinhalb Jahren. Ich bin denselben Weg gegangen wie du, nur ohne unnötige Umwege und familiäre Ablenkungen. Wobei, abgelenkt war ich vielleicht schon das ein oder andere Mal, aber eher aus anderen Gründen. Hähä!
Gretchen (stutzt): Willst du mir damit etwa sagen, dass du deine Facharztprüfung auch verpasst hast? Soll mich das beruhigen?
Marc (lässig): Was heißt hier auch? Noch haben wir zwölf Minuten und zehn Sekunden. Und ja, ist die Antwort auf deine neugierige Frage, ich hab sie verpasst. Um ganze dreiundneunzig Minuten! Da ist das hier doch ein Pipifax dagegen.
Gretchen (sichtlich schockiert starrt sie ihn von der Seite an): Was? Das hast du mir nie erzählt. Was ist damals passiert, Marc?
Marc (wiegelt ab u. überholt das schleichende Auto vor sich): Das willst du nicht wissen.
Gretchen (kleinlaut): Hätte ich sonst gefragt?
Marc (grinst kurz zur Seite u. überfährt dann die nächste Ampelkreuzung geschwind bei Gelb-Rot): Vermutlich nicht. Oder doch schon! Du willst ja immer alles ganz genau wissen. Aber eigentlich wollte ich dich ja abregen und nicht aufregen.
Gretchen (runzelt die Stirn): Wieso? Weil du an dem Tag auch verschlafen hast? Das kann doch jedem mal passieren.
Marc (lacht vergnügt auf, weil Gretchen so verpeilt u. ahnungslos dreinblickt): Verschlafen ist vielleicht das falsche Stichwort, wobei einen Stich gesetzt, das hab ich schon.
Gretchen (läuft augenblicklich rot an, als sie kapiert, u. empört sich lautstark): Also, Marc, echt jetzt! Das ist wirklich nicht die Motivation, die ich jetzt gebrauchen kann.
Marc (grinst immer mehr): Du wolltest es ja unbedingt wissen.
Gretchen (schmollt auf ihrem Sitz u. schaut angestrengt aus dem Seitenfenster): Ja, aber nicht die Vorgeschichte, sondern eher wie du dich aus der Misere gezogen hast. Oder hat der große Gott der Chirurgen etwa geflunkert und die Prüfung sogar wiederholen müssen? Von wegen jüngster und bester Jungmediziner aller Zeiten.
Marc (kontert geschickt auf ihre Provokation): Ich musste sie gar nicht ablegen, wenn du’s genau wissen willst, Miss Neunmalklug.
Gretchen (glaubt ihm kein Wort u. dreht sich wieder zu ihm herum): Ja, klar, man hat dir die Approbation gleich auf dem Silbertablett serviert.
Marc (an der nächsten roten Ampel nutzt er die Gelegenheit, die Zweiflerin noch einmal eindringlich anzusehen): Nicht direkt, aber irgendwie schon, oder weißt du in deiner Allwissenheit über mich etwa nicht, dass ich ein Glückskind bin, das immer kriegt, was es will. Inklusive einer vorlauten und vorwitzigen Assistenzärztin.
Gretchen (kontert eingeschnappt): Ich werd bei Gelegenheit mal deine Mutter fragen, ob das stimmt. Das wird bestimmt ein interessantes Gespräch werden.
Marc (hebt seine Hand u. schaltet wieder einen Gang höher, als er weiterfährt): Hey! Jetzt wirst du unfair.
Gretchen (wirft den Spielball gekonnt zurück): Du bist unfair! Du wirfst mir einen Schnipsel hin und erklärst nichts dazu. Was soll ich denn dann glauben?

Marc (gibt genervt kleinbei): Okay, du wolltest es ja unbedingt hören. Also beschwere dich nicht! Ich war am Vorabend meiner Abschlussprüfung bei zwei Mädels versackt, die zum Anspannungsabbau ne kleine Privatparty gegeben haben.
Gretchen (sichtlich empört): Maaarc!
Marc (konzentriert sich neben dem Straßenverkehr auf eine entschärftere Version seiner Geschichte): Ich war daher ziemlich spät dran. Hab mir für die Profs schon eine möglichst plausible Ausrede zurechtgelegt, dass ich bei einem Notfall helfen musste und ich meine hippokratischen Pflichten sehr ernst nehme.
Gretchen (kann nicht anders, als schnippisch ihren Senf beizusteuern): Das ist so typisch für dich.
Marc (grinst während seiner Verteidigungsrede weiter vergnügt vor sich hin): Eben! Ich musste schließlich einen schlimmen Kater bei den beiden Ladys bekämpfen, die mich am Vorabend nicht hatten gehen lassen wollen und mir freundlicherweise ihr Bett als Nachtquartier offeriert hatten. Für die Eifersuchtsattacke der einen auf die andere am nächsten Morgen konnte ich nichts. Aber dann kam mir der Zufall zu Hilfe, nachdem ich endlich viel zu spät da weggekommen war. Du würdest vielleicht sagen, es wäre göttliche Fügung gewesen.
Gretchen (kann nicht so recht folgen, weil sie noch an dem Bild mit den beiden Damen festklebt): Was?
Marc: Es gab einen Unfall. Direkt vorm Krankenhaus, wo ich seit vierzig Minuten bei meiner Facharztprüfung erwartet wurde. Ein Motorradfahrer hat den auf das Gelände abbiegenden RTW übersehen. Es sah echt übel aus. Nicht nur für den eingeklemmten Zweiradfahrer, sondern auch für die Kollegen im Inneren des umgekippten Krankenwagens, die gerade einen Notfall an Bord versorgten. Ehe die vom EKH gemerkt haben, was sich vor ihren Toren abspielte, hatte ich den Notfallpatienten schon stabilisiert, hatte die verletzten Sanis getapted und hielt zusammen mit dem Notarzt, der selber eine komplizierte Schienbeinfraktur davongetragen hatte, den Kopf des Motorradfahrers fest, während die Feuerwehrleute ihn aus seiner misslichen Lage geschnitten haben. So haben wir gerade noch so einen Querschnitt verhindert. Ich kann dir sagen, die Prüfer, die als Ersthelfer hinzugeeilt gekommen waren, waren echt baff gewesen, als sie mich in Aktion gesehen haben. Da blieben keine Fragen mehr übrig. Ich war eh schon weg, weil ich denen in den OP hinterher bin. Was denkst du, wieso ich als Frischling so schnell bei deinem Vater Karriere machen konnte? Bestimmt nicht weil ich so hammergeil im Kittel aussehe und wegen meinem losen Mundwerk.

Gretchen (himmelt ihn ziemlich beeindruckt von der Seite an): Weil er dein Potential gleich erkannt hat.
Marc (zwickt ihr verspielt in die Nase): So wie du! Alle wollten mich haben, aber ich weiß auch nicht, irgendetwas hat mich am Elisabethkrankenhaus gehalten.
Gretchen (wehrt sich, bis sie abrupt innehält): Hey! ... Nanu? Du hast aufgehört zu fahren!
Marc (stellt den Motor ab, schnallt sich ab u. dreht sich nun ganz zur Seite, um ihr pappfrech in ihr verdutztes Gesicht blicken zu können): Weil wir da sind, du Blitzmerkerin!
Gretchen (schaut sich irritiert um u. merkt, dass sie direkt vorm Eingang der Notaufnahme des EKH halten): Was? Aber...
Marc (zieht ihren Gurt aus der Halterung u. gibt ihr einen kleinen Schubs): Fünf Minuten, Haasenzahn! Das wirst du doch hinkriegen, oder? Weißt du, wo du hinmusst?
Gretchen (noch sichtlich verwirrt öffnet sie langsam die Autotür u. blickt Marc noch einmal über ihre Schulter an): Ja! Danke, Marc! Ohne dich...
Marc (grient sie frech an, als er ihren Satz formvollendet beendet): ...hättest du hyperventiliert und wärst komplett durchgedreht, ich wäre zwar in den Genuss einer aufregenden Mund-zu-Mund-Beatmung gekommen, aber das hätte dir am Ende vermutlich nicht genügt. Nicht, Miss Nimmersatt?
Gretchen (will noch etwas Schlaues erwidern, aber ihr fehlen die Worte): Marc,...
Marc (lässt sie nicht ausreden u. schiebt sie auffordernd vom Sitz aus dem Auto): Jetzt hau endlich ab, Haasenzahn! Ich hab gerade für dich meinen Lappen riskiert. Bestimmt nicht, um dann auf den letzten Metern auf der Strecke zu bleiben. Und hey, wir sind gerade dabei, uns zu verdoppeln. Wir brauchen deine höhere Gehaltsstufe. Weißt du, was so ein Minivan für die Zwerge kostet? Also, sieh zu, dass du Land gewinnst und dir Respekt verschaffst!
Gretchen (kann nicht anders, als noch einmal zurück in den Wagen zu krabbeln, um ihren Helden innig zu küssen): Ich liebe dich.
Marc (verleiert die Augen, erwidert aber den Kuss mit großer Hingabe): Ja, ja! Und ich lieb dich erst wieder, wenn du mir einen gescheiten Doktortitel präsentierst. Ist das klar?

Gretchen kicherte nur, zog sich zurück und winkte Marc von außen noch mal zu. Dann nahm sie, wie gefordert, die Beine in die Hand und rannte durch die Tür der Notaufnahme ins Innere des Krankenhauses, die freundlicherweise von einem netten Kollegen aufgehalten worden war, der jedoch im Anschluss nicht mehr ganz so freundlich auf den schwarzen Sportflitzer zulief, der die Zufahrt blockierte.

Gordon: Dr. Meier, ich weiß, Sie spielen sich gerne hier als Gott und Lenker auf, der sich alles erlaubt, was geht, aber das hier ist schon noch die Einfahrt der Notaufnahme. Hier kann jeder Zeit...
Marc (lässt genervt die heruntergelassene Seitenscheibe wieder hochfahren): Ja, ja, nerv mich nicht, Tolkin! Und spiel dich nicht so auf! Du pfeifst doch eh auf Prinzipien, wenn du dir gerade einen durchpfeifst.
Gordon: Äh...

Merklich ertappt zog sich der blonde Rettungsassistent mit dem Hang für heimliche Gartentätigkeiten schnell wieder von dem schwarzen Sportwagen zurück. Und ehe Gordon sich fragen konnte, woher der Meier von seinen kleinen privaten Vergnügungen wusste, war dieser auch schon mit quietschenden Reifen davongebraust und statt dem schnittigen Porsche bog nun ein Krankenwagen mit Blaulicht in die Einfahrt der Notaufnahme ein.

Lorelei Offline

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13.09.2015 16:23
#1540 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Die letzten Meter waren dann tatsächlich ein Klacks, denn die angehende Fachärztin musste nicht noch das halbe Krankenhaus durchqueren und bis ins letzte Stockwerk hoch hetzen, um dann dort festzustellen, dass sie hier völlig falsch am Platz war, wodurch sie dann doch noch zu spät zu dem Termin der Termine gekommen wäre. Die Prüfungen der Abschlussjahrgänge der Assistenzärzte fanden nämlich im Erdgeschoss des EKH statt. Gar nicht weit von der Notaufnahme entfernt. In der Aula des Hauses, wo an anderen Tagen in der Regel Vorlesungen, Vorträge und Weiterbildungen für die Studenten, angehenden Ärzte und das Stammpersonal stattfanden. Der Raum war also nicht schwer zu finden. Auch nicht für jemanden, dessen Orientierungssinn nicht ganz so ausgeprägt war wie beim Durchschnittsbürger, der sich nicht regelmäßig während des Wocheneinkaufs in einer der zahlreichen, gleich aussehenden Nebenstraßen verirrte und komplett verhedderte, obwohl man, mit Ausnahme von achteinhalb Jahren Medizinstudium in Köln, schon sein ganzes Leben in Berlin verbracht hatte. Trotzdem war Dr. Gretchen Haase etwas außer Atem, als sie gerade noch rechtzeitig, um 10.22 Uhr, mit Schwung die gläsernen Zwischentüren aufstieß und auf den Korridor trat. Vor ein paar Wartestühlen, die zum Teil nicht unbesetzt waren, kam sie schließlich zum Stehen, schmiss ihre rosa Stoffhandtasche auf den einzigen freien Platz und atmete noch einmal tief durch, um ihre Nervosität zu überspielen, die mit jedem Fußschritt mehr durch das ihr so vertraute Krankenhaus ihres Vaters immer größer geworden war. Es dauerte einen Moment, in dem sie ihre zerzausten Haare zurecht strich und vergeblich zusammenzubinden versuchte, bis sie feststellte, wer sich mit ziemlich verdatterten Gesichtern nun vor ihr von den Sitzplätzen erhob.

Mehdi: Gretchen? Da bist du ja endlich! Ich hab mir schon Sorgen gemacht, wo du bleibst. Du bist doch gleich dran, oder?
Gretchen (blickt überrascht von dem einen zur anderen): Mehdi, Sabine, Anton, was macht ihr denn hier?
Sabine (steht lächelnd von ihrem Platz auf, hält mit einer Hand den Maxi-Cosi mit ihrem Pflegekind fest, mit der anderen reicht sie Gretchen einen Haargummi, den sie aus der Seitentasche ihres quietschgelben Mantels hervorgezaubert hat): Anton und ich sind als deine moralische Unterstützung hier, Frau Doktor. Und der Herr Dr. Kaan hatte wohl die gleiche Idee wie wir. Er saß schon hier, als wir kamen.
Mehdi (schaut Gretchen mit breitem Grinsen dabei zu, wie sie sich dank Sabines pfiffiger Hilfe erfolgreich die Haare zu einem Knoten zusammenbindet): So ist es, Schwester Sabine. Alles in Ordnung bei dir, Gretchen? Was ist passiert? Du achtest doch sonst immer auf deine Termine.
Gretchen (atmet erleichtert aus, als ihre Frisur endlich einigermaßen passabel sitzt, dann kommt wie aufs Stichwort die Unruhe aber auch schon wieder in ihr hoch): Ja, ich... Ach, ich weiß doch auch nicht. Heute geht irgendwie alles schief. Wir haben verschlafen. Ausgerechnet heute! Marc hat noch versucht, es wieder wettzumachen, indem wir so, wie wir waren, durch die Stadt geheizt sind und jede gelb-rote Ampel links liegen gelassen haben, aber... Hat man schon nach mir gefragt? Oh Gott, was sag ich denen da drin denn jetzt? Ich fühle mich wie zurückkatapultiert in meine Schulzeit. Als stünde ich vor dem Büro des Direx und müsste mich jetzt gleich dafür verantworten, dass ich mit meinem Zuspätkommen die Bioklausur gesprengt habe. Bis heute glaubt mir niemand, dass ich in der Zwölften auf meinem Schulweg nur einer älteren Dame über die Straße hab helfen wollen, die dann in meinen Armen zusammengeklappt ist, weil sie vergessen hatte, sich ihre tägliche Insulindosis zu spritzen. Bis auf fünf Tage Nachsitzen und der schlechtesten Bio-Note meiner ganzen Schullaufbahn ist zum Glück nichts weiter passiert, aber trotzdem.
Sabine (achtet mit einem Auge auf den Zappelphilipp im Maxi-Cosi u. schüttelt den Kopf): Nein, du bist noch nicht aufgerufen worden, Gretchen. Dein Vorgänger ist noch gar nicht so lange drin. Ich denke, du hast noch einen Moment.
Gretchen (wird immer nervöser u. läuft hibbelig vor der Prüfungszimmertür auf und ab): Gut! Wenigstens etwas. Ich weiß auch nicht, wie das ausgerechnet heute passieren konnte. Ich hab noch nicht einmal etwas gefrühstückt. Ach, ich bin doch selbst Schuld! Ich hab den Wecker ausgemacht. Ich hab Marc die ganze Naaa... Ääähhh... (räuspert sich peinlich berührt) ... Was hab ich mir nur dabei gedacht? Wenn ich das jetzt auch noch vermassele, dann...
Mehdi (stoppt das Nervenbündel u. zieht es aufmunternd in seine Arme): Hey! Damit fangen wir gar nicht erst an, Frau Doktor Haase! Du zweifelst nicht an dir! Du bist gut und das weißt du. Die letzte Etappe schaffst du auch noch. Du hast doch vom Besten gelernt. Wo steckt der eigentlich? Hast du nicht eben gesagt, er hat dich hergebracht?

Sabine (legt ihre Hand ermutigend auf Gretchens Schulter, nachdem Mehdi lächelnd die Umarmung mit seiner besten Freundin gelöst hat u. nun aufmunternd ihre Hände drückt): Genau! Ich kann mich noch ganz genau an deinen ersten Tag hier erinnern. Weißt du noch, der Gefäßverschluss bei Frau Schmitz? Ich hab mich total blöd angestellt und hab alles nur noch schlimmer gemacht, aber du bist ganz ruhig und souverän geblieben. Ich war so beeindruckt und bin es noch. So eine Ärztin wie dich hatten wir hier noch nie. Mit so viel Herz und Leidenschaft. Wie du für deine Patienten kämpfst. Für mich gibt es da gar keinen Zweifel, dass du deinen Facharzt großartig meistern wirst. Glaub an dich, Gretchen! In deinem Horoskop für heute steht auch, dass du, auch wenn es anfangs nicht so auszuschauen scheint, heute ganze Berge versetzen kannst. Die Sterne stehen so günstig wie nie für berufliche wie private Veränderungen. Deine Stärke liegt in dir selbst. Trau dich! Wir bleiben die ganze Zeit hier und warten auf dich. Nicht, Herr Doktor?
Mehdi (lächelt erst Sabine, dann Gretchen auf seine typisch charmante Weise an): Aber selbstverständlich!
Gretchen (kann vor ihren beiden besten Freunden ein kleines Tränchen nicht verdrücken): Ach, ihr seid so lieb. Danke! Das hab ich gebraucht, nachdem der Tag so überstürzt begonnen hat, dass ich noch gar keinen klaren Gedanken fassen konnte.
Mehdi (zieht lächelnd ein Taschentuch aus seiner Kitteltaschenwundertüte u. tupft damit vorsichtig das Tränchen aus Gretchens Augenwinkel): Ist vielleicht auch besser so, Gretchen. So machst du dich nicht noch zusätzlich verrückt, wie es deine Assikollegen vorgemacht haben. Ich hab heute nicht zum ersten Mal hier vorbeigeschaut und Händchen gehalten. Darf ich?
Gretchen (nickt lächelnd u. schaut dann plötzlich an sich herunter): Danke! Ich bin noch viel zu aufgewühlt, um überhaupt aufgeregt zu sein. Mein Gott, meine Ausbildung endet heute. Ich kann das noch gar nicht richtig glauben. Dann bin ich eine richtige Chirurgin. Meint ihr, ich kann so da reingehen? Auf die Schnelle hatte ich nur das zur Auswahl.
Sabine (setzt sich wieder zu Anton, hält den Maxi-Cosi fest, in dem er wild strampelt, u. blickt bewundernd zu der schwangeren Ärztin hoch): Du siehst heute ganz besonders schön aus, Frau Doktor. Der neue Stil gefällt mir sehr gut. So natürlich und frisch. Und Anton gefällt er auch. Guck mal, wie er lacht!
Mehdi (mustert seine beste Freundin ebenso bewundernd von der Seite): Ich kann Sabine und Anton da nur unterstreichen. Sehr, sehr hübsch und modern. Dem Anlass entsprechend. Obwohl... Ist das nicht Marcs Hemd? Hatte er das nicht gestern an?
Gretchen (ist vor Antons Maxi-Cosi in die Knie gegangen u. busselt seine kleinen Strampelfüßchen ab, dann schaut sie verlegen lächelnd wieder zu Mehdi hoch): Wir... waren in Eile.
Mehdi (bemerkt die zarte Röte auf Gretchens Wangen u. zwinkert ihr wissend zu): Verstehe!

Er hat also endlich seine große Klappe aufgemacht und sie haben geredet und die sensationelle Neuigkeit naja ähm... entsprechend gefeiert. Ich sollte mich vielleicht als Psychologe und Lebenscoach niederlassen. Marc Meier hört endlich auf mich und nimmt meine Ratschläge an. Halleluja! Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Dann war die verlorene Nacht gestern doch nicht ganz vergeudet, auch wenn meine Gabriella immer noch das Gegenteil behauptet. Sie ist so süß, wenn sie schmollt. Mal sehen, wie lange noch, wenn sie erst sieht, was ich mit ihr vorhabe. Hach... ich freue mich so.

Gretchen (richtet sich wieder auf u. betrachtet skeptisch ihr Spiegelbild in dem Glaskasten des Schwarzen Bretts gegenüber der Wartestühle): Ich fühle mich trotzdem irgendwie unwohl. Nicht weil es seine Sachen sind, sondern allgemein. Das passt doch gar nicht. So leger und zusammengewürfelt zu meiner letzten Prüfung. Wie sieht das denn aus? Das sieht doch überhaupt nicht aus! Aber in die Umkleide hoch schaffe ich es nicht mehr rechtzeitig. Da hätte ich noch was zum Wechseln in meinem Spind hängen. Von meinem Kittel und meinem Glücksstethoskop ganz zu schweigen. Menno! Ich bin doch überhaupt nicht vorbereitet. Ich hab in den letzten Tagen keinen einzigen Gedanken an meinen Facharzt verschwendet.
Mehdi (stellt sich grinsend hinter sie u. guckt ebenso auf ihr wunderhübsches Spiegelbild): Du hattest einen guten Grund.
Gretchen (muss unweigerlich lächeln, als sie daran denkt, was passiert ist, u. legt ihre Hand an ihren Bauch, was eine unheimlich beruhigende Wirkung auf sie hat): Ja!
Mehdi (motivierend flüstert er mit tiefer Samtstimme in ihr rechtes Ohr): Na, siehst du! Alles wird gut! Deine Glücksbringer hast du doch schon dabei. Und was den Rest betrifft, hier, nimm meinen Kittel! Er ist frisch gewaschen. Er ist zwar etwas groß, aber das Größestreben steckt ja eh in euch Chirurgen, nicht? Dann passt es ja!

Ohne dass er abwartete, was Gretchen davon hielt, hatte der charmante Gynäkologe, der auf alles eine passende Antwort wusste, ihr schon schmunzelnd seinen Arztkittel um die Schultern gelegt und sie schlüpfte kopfschüttelnd in die weißen Ärmel, die ihr ebenso wie der ganze Kittel ein bisschen zu weit waren. Also schlug sie die Ärmel zweimal um und versank, während sie sich kichernd wieder zu ihren beiden grinsenden Kollegen umdrehte, mit ihren Händen in den großen Seitentaschen, die darin interessante Dinge zu greifen bekamen. Verwundert schaute sie dem Halbperser in seine fesselnden kastanienbraunen Augen, die sie mit so einer Ruhe und Gelassenheit anstrahlten, dass es ansteckend wirkte.

Gretchen: Danke! Du bist einfach...
Mehdi (stachelt sie grinsend zu noch mehr Komplimenten an): Ja?
Gretchen: Huch! Was... was ist das denn? Ich bin ja immer wieder mächtig erstaunt, was du so alles in deinen Taschen mit dir herumschleppst, Mehdi. Das sind ja wahre Wundertüten.

Mehdi lachte nur, nahm das kleine Männchen entgegen, das Gretchen ihm fragend hinhielt, zog es an dem Schmetterlingsdrehschalter auf und ließ den Mini-Rollstuhl samt darin sitzendem rüstigen Rentner über die Stuhlfläche flitzen, was Klein-Anton in seinem Maxi-Cosi auf dem Stuhl daneben ebenso wie die erwachsenden Mädels mit großen Augen verfolgten.

Mehdi (mit tiefer Samtstimme beugt er sich zu Gretchen heran): Ich bin eben ein Mann voller Geheimnisse. Frag mal Gabi! Sie versucht schon seit Tagen, mich auszuquetschen, wo wir hinfahren werden. Eigentlich müsste ich ja eingeschnappt sein, weil ich mich so schlecht verstellen konnte, als sie zumindest das mit dem Kurzurlaub sofort erraten hat. Aber zumindest ahnt sie noch nicht, dass es morgen schon losgehen wird. Und das... das ist ein Gimmick von einem meiner wartenden werdenden Väter. Er war schon dreimal mit seiner Frau hier in den vergangenen Tagen, jedes Mal, außer heute, war falscher Alarm. Er hat eine ganze Armada von den Dingern immer dabei. Verkauft die, glaub ich, oder braucht sie als Ablenkung gegen die Aufregung. Er wird nämlich zum ersten Mal Vater. Ich weiß es nicht. Ich hatte Lilly letztens eins von den Minispielzeugen mitgebracht. Eine rüstige Oma mit Rollator. Die passt wunderbar zu dem hier. Lilly war ganz begeistert davon. Das hab ich Achmed, so heißt mein „Patient“, erzählt und heute, wo es wirklich loszugehen scheint mit dem Baby, hat er mir eine ganze Tüte davon mitgebracht. Und ich hab ab sofort mein persönliches Taxi, das ich jederzeit rufen und kostenlos benutzen kann. Er ist Taxifahrer, weißt du, zwar in Bochum, aber falls es mich je dorthin verschlagen sollte, dann gilt der Deal. Oder findest du das ethisch nicht vertretbar, dass ich als Arzt Vaterfreuden so ausnutze? Also bei Marc würde ich natürlich eine Ausnahme machen und umgekehrt natürlich auch.
Gretchen (lacht gelöst auf): Du bist so ein Spinner, Mehdi! Aber danke für die Ablenkung! Jetzt könnte es aber ruhig langsam losgehen. Ich will es endlich hinter mir haben.
Mehdi (entwendet ihr noch schnell grinsend sein Namensschild vom Kittel): Immer wieder gern! Dafür bin ich doch da. Oder was steht hier auf meinem Schild? Frauen sind mein Job! Aber das nehme ich mal besser an mich. Nicht dass noch Missverständnisse auftreten.

Gretchen lächelte nur, stupste Mehdi freundschaftlich mit der Schulter an und nahm dann das Minispielzeug in die Hand, als es stehen geblieben war, betrachtete es einen kurzen Moment schmunzelnd von allen Seiten und drehte es dann noch einmal auf. So abgelenkt bemerkte sie auch nicht gleich, wie hinter ihr plötzlich die Tür aufsprang und jemand mit geknickten Schultern herauskam, der kurz dem freundlich lächelnden Oberarzt und der blonden Stationsschwester zunickte, die ihn mitfühlend ansahen, und dann schnell das Weite suchte. Und direkt dahinter tauchte noch jemand im Türrahmen auf. Mit gestrenger Miene blickte sich die Frau in dem weißen Kittel um und blieb dann verdutzt an dem ungewöhnlichen Kleidungsstil ihrer blonden Kollegin hängen, die ihr den Rücken zugewandt hatte und in dem etwas zu groß geratenem weißen Kittel wie ein Schulmädchen aussah, das sich als Ärztin verkleidet hatte. Kurz zuckten ihre Mundwinkel, dann besann sich die Chirurgin wieder auf ihre eigentliche Aufgabe, ignorierte die gespannten Gesichter des befreundeten Frauenarztes und der hibbeligen Krankenschwester, die offenbar neuerdings nur noch in Begleitung eines Hosenscheißers unterwegs war, und erhob im gewohnt gereizten Ton ihre Angst einflößende Oberärztinnenstimme...

Maria: Frau Dr. Haase? Sie sind die nächste.
Gretchen: Oh! Schon?

Erschrocken zuckte die angesprochene Assistenzärztin zusammen, ließ den Miniaturrollstuhl los, den sie kurz zuvor erneut aufgezogen hatte und der nun prompt über die Stuhlfläche hinausflitzte und klappernd zu Boden purzelte, und drehte sich um. Im Augenwinkel bemerkte sie noch, wie im gleichen Moment die gläserne Zwischentür am Ende des Gangs geöffnet wurde. Ihr Blick blieb für den Hauch einer Sekunde an der Person in dem marineblauen Kurzmantel hängen, die nun unschlüssig auf den Flur trat und, einer Eingebung folgend, sofort in ihre Richtung schaute. Gretchen lächelte. Marc nickte ihr ermutigend zu, blieb aber an Ort und Stelle stehen, als sich sein heiß und innig geliebter Schützling ganz der strengen Prüferin zuwandte, die sie immer noch kritisch beäugte, und auf einmal, als hätte man ihr einen letzten Schubs gegeben, sehr zur Überraschung von Dr. Hassmann selbstbewusst und sehr entschlossen an ihr vorbei in den Vorlesungssaal marschierte, wo sie bereits von der restlichen Prüfungskommission erwartet wurde.

Gretchen: Frag nicht, Maria!
Maria (blickt noch einmal irritiert an ihrer Noch-Assistenzärztin herunter u. versagt sich ihr spöttisches Grinsen, das unweigerlich in ihr aufsteigt): Entschuldige, dich enttäuschen zu müssen, Haase. Aber ich bin hier, um dir Fragen zu stellen. Eigentlich hab ich vor, dich so richtig in die Mangel zu nehmen. Ich hab meine Quote nämlich noch nicht erfüllt. Also, auf geht’s! Endspurt! Ich will hier endlich fertig werden. Ich hab so einen Hunger. Das ist schon nicht mehr biblisch.

Sabine (ruft ihrer besten Freundin mit bekannt monotoner Stimme noch schnell hinterher): Toi, toi, toi, Frau Doktor! Anton und ich drücken dir die Daumen! Also, ich drücke seine Däumchen für dich, nicht, mein Schatz?

Sabines unterstützende Worte bekam die Adressatin jedoch nicht mehr mit, denn Dr. Hassmann hatte ohne Umschweife die schwere Holztür hinter sich und ihrem Prüfling wieder geschlossen. Die aufgeregte Krankenschwester setzte sich wieder hibbelig auf den freien Platz neben Antons Maxi-Cosi, fuhr sich mit einer Hand über ihr heftig puckerndes Herz und griff dann unter ihren Stuhl, um die Spielfigur von Dr. Kaan darunter wieder hervorzuholen, mit welcher sie anschließend vor den fröhlichen Kinderaugen hin und her wackelte, bis sie immer schläfriger wurden. Und auch der ebenso flatterige Oberarzt wandte sich nun von der geschlossenen Tür mit der Aufschrift „Prüfung! Bitte nicht stören!“ wieder ab. Er bemerkte im Augenwinkel seinen Kumpel Marc, der offensichtlich keine Anstalten zu machen schien, näher zu kommen. Er hob seinen Arm, um ihn zu sich zu winken, aber der sture Chirurg wiegelte nur abweisend mit einer lockeren Handbewegung ab. Das war das Stichwort für Mehdi, zu seinem besten Freund zu gehen, bevor dieser im Fahrstuhl verschwinden konnte.

Mehdi: Marc! Was ist? Willst du dich nicht zu uns setzen und auf Gretchen warten?
Marc (sieht unschlüssig zwischen dem Fahrstuhl, Mehdi u. der nervigen Krankenschwester vor dem Prüfungssaal hin u. her, die seltsame Spielchen mit ihrem Pflegesohn macht): Wieso sollte ich? Ich hab noch einen Berg Arbeit auf meinem Schreibtisch. Das will ich fertig kriegen, bevor ich nächste Woche wieder offiziell den OP entern darf.
Mehdi (runzelt merklich verdattert die Stirn): Das kann doch warten, Marc. Gretchen braucht unsere moralische Unterstützung.
Marc (schnieft verächtlich auf): Pff! Haasenzahn braucht gar nichts mehr. Und was soll das bringen, wenn ich da mit bescheuert rumhocke und Däumchen drehe? Die Zeit kann ich auch sinnvoll nutzen. Außerdem bringt sie das da drin auch nicht weiter. Ich hab ihr alles beigebracht, was geht. Jetzt ist sie auf sich gestellt. Wie wir alle hier im Haus. So, das ist mein Stichwort. Ich muss.

Das „Pling“ des sich öffnenden Aufzuges rettete Marc aus der ihm unangenehmen Situation. Er nickte Mehdi noch kurz zu, der ihm augenrollend hinterher blickte, und verschwand dann schnell in dem Stahlgefährt, bevor sein nerviger Freund noch weiter nachhaken konnte. Schnell schlossen sich die Fahrstuhltüren wieder. Der Halbperser seufzte nur kopfschüttelnd auf, verfolgte einen Moment die Liftanzeige, welche kurz darauf im dritten Stockwerk verharrte, und schlenderte dann langsam wieder zurück zu Schwester Sabine, die fragend aufblickte, als sich Dr. Kaan wieder zu ihr und Anton setzte.

Sabine: Was ist denn mit dem Dr. Meier, Dr. Kaan?
Mehdi: Er ist auch nervös und will es nicht zugeben.
Sabine (lächelt wissend): Das hab ich mir schon gedacht. Aber in Gedanken ist er bestimmt bei der Frau Doktor.
Mehdi (schmunzelt): Sowieso!
Sabine: In seinem Tageshoroskop von heute steht nämlich auch, dass er ruhig mutiger sein darf und sich trauen kann. Er wird dafür belohnt werden. Nicht mit Gold und Silber, aber mit etwas, das so viel mehr wert sein wird. Und das mit dem aufkommenden Sturm, vor dem er sich laut Horoskop in Acht nehmen sollte, das hat bestimmt nichts weiter zu bedeuten. ... Oh! Ich wusste es! Da ist er ja schon wieder! Ich... ähm... ich hol dann mal Kaffee. Kann ich Anton so lange bei euch beiden lassen? Er ist auch ganz brav und schläft bestimmt gleich ein.

Die Hobbyastrologin und Neupflegemutti hatte Dr. Meier als Erste entdeckt, der, jetzt adrett im weißen Arztkittel, mit großen Schritten aus dem Aufzug trat und nun entschlossen auf die beiden Wartenden zugeschritten kam, und klatschte frohlockend in ihre Hände. Sie stand auf, rückte den Maxi-Cosi mit dem mittlerweile vor sich hindösenden Säugling zu dem charmanten Oberarzt heran, der mit ihr einen wissenden Blick gewechselt hatte, und lief dann in die andere Richtung davon. Marc setzte sich prompt auf den freigewordenen Platz, als wäre es die natürlichste Reaktion der Welt, und schenkte weder seinem Kumpel, der sich stark darum bemühte, nicht herzhaft loszulachen, noch dem Baby einen Blick und starrte stattdessen stoisch auf das Prüfungsschild an der Tür gegenüber.

Marc (mit zusammengebissenen Zähnen grummelnd): Sag jetzt nichts, Mehdi! Sonst fängst du dir eine! Egal, ob wir einen Zeugen haben oder nicht. Der kann eh nicht petzen.

Und dann legte sich Schweigen über den ansonsten menschenleeren Flur, das durch die sich immer weiter Richtung elf bewegenden Zeiger der großen Wanduhr über dem Durchgang zur nächsten Station nahezu hörbar wurde. Mehdis Hand ruhte über dem Griff mit dem Schmetterlingsmobile und wiegte den kleinen Mann in dem gelben Strampelanzug in dem Maxi-Cosi sanft hin und her. Marc schien das anfangs nicht zu kümmern. Viel zu sehr war er damit beschäftigt, sich auf die Saaltüren gegenüber und das Gedankenkarussell in seinem Kopf zu konzentrieren, das ihm widersprüchliche Signale sendete. Aber irgendwann hielt er die bedrückende Stille nicht mehr länger aus und er blickte grimmig nach links. Mehdi, der auf der anderen Seite von Anton saß, hatte die Bewegung bemerkt und schaute dementsprechend auf. Marc starrte den verstummten Halbperser, dem offenbar die Sonne aus dem Arsch schien, mit seinen funkelnden grünen Augen angesäuert an und ihm platzte schließlich der Kragen...

Marc: Ja, was? Wieso zum Henker sagst du nichts? Das nervt tierisch.
Mehdi (gespielt unbeeindruckt lehnt er sich auf seinem Sitz zurück u. legt seinen rechten Arm locker über die Lehne des Nachbarstuhls): Hast du mir eben nicht ausdrücklich jegliches Wortrecht abgesprochen?
Marc (spielt die beleidigte Leberwurst): Und seit wann hörst du auf mich, du Arsch?
Mehdi (unterdrückt das aufkommende Grinsen, weil er Marcs Antwort bereits kennt): Willst du reden?
Marc (blitzt ihn entschieden an u. wendet sich dann mit verschränkten Armen wieder abweisend ab): Nein!
Mehdi (verfolgt amüsiert die so vorhersehbare Reaktion des schmollenden Chirurgen): Das hab ich mir gedacht.
Marc (explodiert gleich u. sieht wieder scharf zu seinem Besserwisserfreund rüber): Boah, du nervst, echt! Und hör auf, den armen Kerl so durchzuschütteln! Der wird sonst noch seekrank. Wenn er kotzen muss, dann halt ich ihn in deine Richtung. Damit das mal klar ist!
Mehdi (reagiert ziemlich relaxed auf Marcs Ausbruch u. lässt den Maxi-Cosi tatsächlich los, um sich nun ganz den Sorgen u. Nöten seines besten Freundes zuzuwenden): Deine Laune ist heute wirklich ansteckend, Marc. Zu wenig geschlafen? Es ist doch keine Schande, dass du aufgeregt bist und mit ihr mitfühlst. Das ist ein großer Tag für Gretchen.
Marc (glaubt, sich verhört zu haben u. regt sich gleich wieder künstlich auf): Wie bitte? Du hast sie ja echt nicht mehr alle, Mehdi! Dass du mitfühlen kannst, wenn Frauen ihre Tage kriegen, ist mir klar. Aber ich fühl hier rein gar nichts! Außer dass mir langweilig ist, du nervst und ich einen Mordshunger habe.
Mehdi (nutzt diese Steilvorlage, um es noch auf die Spitze zu treiben): Nicht zu vergessen, dass du nicht noch eine rauchen kannst.
Marc (will gerade wieder loswettern, als er Mehdi ertappt anguckt): Was? Wie kommst du da drauf? Ich hab Schluss gemacht.
Mehdi (greift kopfnickend in seine Hosentasche u. zieht eine Kaugummipackung heraus, die er dem Nervenbündel im Anschluss freundlich lächelnd reicht): Ich will ja nichts sagen, aber du riechst und ähm... die Schachtel fällt gleich aus deiner Kitteltasche.
Marc (stöhnt genervt auf, schiebt das Corpus delicti zurück in seine Kitteltasche u. nimmt sich einen der Kaugummis, die Mehdi ihm anbietet, reißt das Papier ab, drückt es seinem grinsenden Freund wieder in die Hand u. schiebt sich den Kaugummi lässig in den Mund): Das war ne Ausnahme. Nur damit du’s weißt! Ich meine es wirklich ernst.
Mehdi (nickt wissend u. blickt kurz auf das leise glucksende Baby, streichelt diesem kurz über den Bauch u. sieht dann wieder zu Marc rüber): Was sonst?

Marc (wirkt mit einem Mal merklich ruhiger u. auch überraschend gesprächsbereit): Und? Wie war sie drauf?
Mehdi (spielt den Unwissenden, um Marc weiter herauszufordern): Wer? Gretchen oder Maria?
Marc (fährt ihn gereizt an, wird aber von dem Maxi-Cosi, der zwischen ihnen steht, abgelenkt): Boah, Alter!
Mehdi (lacht u. antwortet wahrheitsgetreu): Ich glaube, dass euer überstürzter Morgen sie von jeglicher Prüfungspanik abgelenkt hat. Sie ist ziemlich entschlossen da rein gegangen. Maria wirkte richtig beeindruckt. Gretchen wird es denen da drin schon ordentlich zeigen.
Marc (wirkt noch nicht wirklich beruhigt u. fährt sich mit einer Hand über seinen Dreitagebart u. lümmelt sich dann auf seinem Stuhl zurück): Hoffentlich! Wenn Haasenzahn das vermasselt, dann ist das meine Schuld.
Mehdi (guckt gespannt über den Maxi-Cosi zwischen ihnen hinweg): Wieso?
Marc: Weil ich ein egoistischer Vollpfosten bin!
Mehdi (zieht ihn amüsiert auf): So viel Selbstkritik hätte ich dir gar nicht zugetraut, Meierlein.
Marc (funkelt den unverschämten Provokateur beleidigt an): Haha! Heute schon nen Clown gefrühstückt?
Mehdi: Nein, Frühstück musste heute Morgen ausfallen. Notfall, der eigentlich keiner war, denn das Kind ist immer noch nicht da! Bin quasi auf Abruf hier.
Marc (schweift mit seinen Gedanken schon wieder davon): Wieso hab ich nur nicht die Finger von ihr lassen können?
Mehdi (grinst): Das steht mir nicht zu, zu beantworten, mein Freund.
Marc: Ich hätte sie schlafen lassen müssen, anstatt über sie herzufallen wie...
Mehdi (hebt abwehrend seinen Arm): Stopp! Too much information!
Marc (zickt ihn an): Seit wann müssen unsere Gespräche eigentlich FSK 0 haben? Du bist doch sonst nicht so prüde. Mann, ich schütte dir hier gerade mein Herz aus. Und was ist? Du hörst mir nicht zu. Aber ich muss mir ständig deine Sexgeschichten mit Gabi anhören. Findest du das gerecht?
Mehdi (deutet schmunzelnd auf das Baby zwischen ihnen, das abwechselnd das eine und dann das andere Auge öffnet u. vor Müdigkeit gleich wieder schließt): Seitdem wir jemanden in unsere Mitte haben, der unter diese Kategorie fällt. Außerdem halte ich es immer noch damit, dass ein Gentleman schweigt und genießt.
Marc (kann auch nicht anders, als breit zu grinsen): Boah, du bist so ein Vollpfosten, Kaan!
Mehdi (sieht ihn eindringlich an): Dann sind wir ja schon zwei. Alles wieder gut?
Marc (grient ihn an): Es war nie besser.
Mehdi: Also habt ihr geredet? Über vorletzte Nacht?
Marc (zwinkert ihm zu u. kann die Andeutungen nicht lassen): Auch, aber überwiegend musste ich Schwangerschaftsgelüste...
Mehdi (hebt wieder seine Vetohände): Ja, ich hab verstanden, Meier! Schön zu hören, dass die Freude eine geteilte Freude ist. Und das vorgestern Nacht, das... War da was?
Marc (grinst anerkennend): Ich weiß, ich sag das viel zu selten, aber du bist als Freund eigentlich gar nicht so zu verachten.
Mehdi (kostet die seltene Honig-ums-Maul-Schmiererei genüsslich aus): Was ist das heute eigentlich für ein wunderbarer Tag? Man wird ja richtig mit Komplimenten zugeschüttet. Fehlt eigentlich nur noch...

Sabine: Herr Doktor, Herr Doktor!

...tönte es plötzlich wieder schrill über den Flur des Elisabethkrankenhauses und weckte damit unweigerlich die Aufmerksamkeit der beiden mehr oder weniger begeisterten Oberärzte, die sich nach dieser unerwarteten Unterbrechung einen Blick schenkten, der alles sagte. Nämlich wo man sich noch rechtzeitig vor der verrückten aufdringlichen Krankenschwester verstecken könnte, die mit einer Hand wild winkend und mit der anderen Hand gefährlich ein Tablett balancierend auf sie zu wankte und schließlich direkt vor ihren ausgestreckten Füßen zum Stehen kam und ihre misstrauischen Chefs auf ihre bekannt liebenswürdige Art anlächelte. Jeder Fluchtversuch zwecklos!

Sabine: Ich hab Ihnen Kaffee mitgebracht, Herr Doktor. Für den Herrn Meier wie immer um diese Zeit einen doppelten Espresso als Stärkung für einen langen Arbeitstag. Für den Doktor Kaan vormittags immer schwarz ohne Milch und Zucker. Und für die Frau Doktor hab ich schon einen heißen Kakao mitgebracht, so wie sie ihn am liebsten mag, mit einem Extralöffel mehr Kakaopulver drin. Ja, und für meinen Anton hab ich auch ein neues Fläschchen dabei, wo ich doch schon einmal unterwegs war.

Etwas irritiert von der monotonen Sprechweise seiner nervigen Stationsschwester riss Dr. Meier ihr dann doch schnell den Pappbecher mit dem Koffeinspender aus der Hand, den sie ihm mit einem freundlichen Zahnpastalächeln anbot und den er tatsächlich in dieser angespannten Wartesituation gebrauchen konnte, und wollte diesen gerade an seine Lippen setzen, als er schockiert noch einmal aufblickte, nachdem er Sabines letzten Satz nur halbherzig mitgeschnitten hatte...

Marc: Was? Auch mit Kaffee? Sind sie verrückt geworden?
Sabine (lacht hysterisch auf u. streicht sich mit ihrer freien Hand über ihre glühende Wange): Nein, natürlich nicht, Herr Doktor. Wo denken Sie hin? Ich habe, während der Kaffee in der Maschine durchlief, gleich noch schnell ein neues Milchfläschchen für meinen Schatz vorbereitet. Um exakt drei nach elf will er nämlich seine nächste Flasche.
Marc (während er seinen Espresso genießt, lässt er sich nur beiläufig in ein Gespräch verwickeln): Und woher wissen Sie das so genau, Schwester Sabine? Oder sind Sie doch eine Hellseherin?
Sabine (lächelt glücklich, weil sich Dr. Meier für sie und ihre Familie interessiert): Oh, Herr Doktor, das lernen Sie auch noch. Das spielt sich schon in den ersten Tagen ein. Glauben Sie mir. Man lernt schnell die Bedürfnisse der Kleinen kennen. Anton, Günni und ich sind da schon ein eingespieltes Team.
Marc (kann seinen verwirrten Gesichtsausdruck nicht verbergen, als er mit Mehdi, der Sabine nickend zustimmt, einen kurzen Blick wechselt): Ah, ja? Und wieso glauben Sie, dass mich Ihr nichtiges Geplänkel interessieren würde? Hören Sie sofort auf, mir persönliche Ratschläge zu geben! Haben wir uns verstanden? Erstens, sind wir noch nicht so weit und zweitens, wenn das die Runde macht, dann nehme ich Sie in die Verantwortung. Und Sie wissen, was das heißt.
Mehdi: Marc, sie hat es doch nur gut gemeint.
Marc: Ja, das mag ja sein. Das kann sie von mir aus mit ihrer Busenfreundin Gretchen bequatschen, aber ich bin verdammt noch mal froh, dass wir den Zirkus, der definitiv eintreten wird, sobald wir hier wieder vollständig sind, noch zurückhalten können.
Sabine (macht sich wieder ganz klein, als der Oberarzt wieder gewohntes Oberwasser bekommt): Ich dachte nur...
Marc (selbstherrlich wie immer blickt er zu ihr hoch u. drückt ihr den leeren Kaffeebecher in die Hand): Das Denken überlassen wir mal lieber denen, die sich damit auskennen, ja! Sie können abräumen! Oder sind die beiden Tassen da auch für uns? So viel Aufmerksamkeit hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut.
Sabine (blickt auf ihr Tablett herab, auf dem neben dem Milchfläschchen für Anton noch zwei weitere dampfende Becher stehen): Oh, das hier ist mein Lavendel-Mandel-Tee. Aber Sie können gerne probieren, wenn Sie mögen? Der hat eine stark beruhigende Wirkung. Ein Rezept Ihrer werten Frau Ma...
Marc (lehnt sich angewidert auf seinem Sitz zurück u. fällt ihr ins Wort): Äh... nein, oder sehe ich aus, als hätte ich Beruhigung nötig?
Sabine (blickt verunsichert zur Seite, wo Dr. Kaan sie mitfühlend ansieht): Nein, ich... Ähm... Entschuldigung! Mein Fehler!
Marc (grinst sie wieder obenauf frech an u. deutet auf die andere Tasse): Endlich erkennen Sie Ihre Grundkompetenz, Schwester Sabine. Herzlichen Glückwunsch! Und was ist mit der Tasse hier? Kann ich die nehmen?
Sabine (tritt mit dem Tablett einen Schritt zurück): Oh, nein, das ist doch der entkoffeinierte Kaffee für den Professor.
Marc (glaubt sich verhört zu haben u. starrt sie an, als sei sie verrückt geworden, was ein Blickwechsel mit dem verdutzten Gynäkologen bestätigt): Für den Professor? Und der gelangt dann mit der Luftpost nach Seattle, oder wie? Wie wollen Sie garantieren, dass er heiß bleibt? Oder nein, warten Sie! Stellt Günni den in seinen geheimen Luftfrachtbeamer, den er in einer der Leichenkammern in der Patho versteckt hält, und beamt ihn rüber? Hähä!
Mehdi (versucht vergeblich den Spaßmeister vom Dienst zu bremsen): Marc, jetzt wirst du albern.
Sabine (da ihr jegliche Ironie fremd ist, schaut sie dementsprechend verwirrt von dem einen Arzt zum anderen): Nein? Aber die Frau Professor hat mich darum gebeten, als wir uns im Stationszimmer begegnet sind. Sie kommen auch gleich... hierher, um die Frau Doktor zu überraschen.
Marc: Was?

Und genau in dem Moment, als Schwester Sabine von den beiden sprach und damit unfreiwillig die Überraschungsbombe vorzeitig platzen ließ, wurde das Ehepaar Haase auch tatsächlich schon auf die Bildfläche des Elisabethkrankenhauses gebeamt und dem perplexen Dr. Meier entglitten sämtliche Gesichtszüge, als er Gretchens Mutter, gefolgt von ihrem spitzbübisch lächelnden Gatten und ihrem missmutig hinterher schlurfenden Sohnemann, winkend auf sich zu laufen sah, die in ihrem Überschwang nicht einmal Luft holte, während sie auf drei Wartenden vor dem Prüfungssaal drauflos quasselte, wie ihr der Haassche Schnabel gewachsen war...

Bärbel: Franz, schau! Da sind sie ja! Hab ich es dir nicht gesagt? Franz?
Franz (stöhnt leicht genervt auf, kann sich aber sein vorfreudiges Lächeln nicht verkneifen, als er vor seinen beiden besten Oberärzten stehen bleibt, denen die Kinnlade herunterklappt): Hast du, Butterböhnchen!
Bärbel: Sind wir zu spät? Ist sie da drin? Verflixt, jetzt hab ich ihr nicht mal Glück wünschen können. Da hab ich den Jungen extra eine Stunde früher zum Flughafen bestellt und es hat trotzdem nicht geklappt, dass wir rechtzeitig hier sind. Dieses verflixte Kofferband. Es ist doch jedes Mal das Gleiche. Unser Koffer ist immer der Letzte, der kommt. Warum ist das so? Und dann dieser Verkehr, Himmel, fast hätten wir es nicht geschafft. Dr. Meier? Wo ist denn jetzt unser Kind?
Marc (kriegt die Zähne nicht auseinander u. starrt sichtlich überfordert in die gespannten Gesichter der versammelten Haase-Familie): Ääähhh...

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Lorelei Offline

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23.09.2015 14:32
#1541 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Da der überrumpelte Chirurg und Schwiegersohn in spe offenbar seine spitze Zunge verschluckt hatte und nach dem plötzlichen Auftauchen der Haases ziemlich überfordert in die Runde blickte, übernahm ein anderer Oberarzt für ihn das Kommando. Er klemmte sich den verstummten Dr. Meier unter den einen Arm und begrüßte mit der anderen Hand Gretchens Familie auf seine bekannt liebenswürdige Art, die bei allen Anwesenden, bis auf den übermüdeten Haase-Sprössling, der Dr. Kaan lediglich mit einem lauten Gähnen begegnete, gut ankam.

Mehdi: Herr Professor! Frau Haase! Was für eine Überraschung! Wir haben noch gar nicht mit Ihnen gerechnet, nicht, Marc? Herzlich Willkommen zurück! Ich hoffe, Sie beide hatten ansonsten eine angenehme Reise.
Franz (begrüßt den charmanten Kollegen von der Gyn mit festem Händedruck u. wendet sich dann mit derselben Begrüßungsgeste Dr. Meier zu, den er mit seinen fragenden Blicken förmlich durchbohrt): Wie man’s nimmt nach fast elf Stunden Flug! Dr. Kaan! Marc! Und hier, wie ist der Stand der Dinge?
Marc (blickt leicht panisch von einem Gesicht zum anderen): Ähm... Na ja... so weit... ganz gut, denke ich.
Bärbel (drängt sich zwischen die Ärzte u. unterbricht Gretchens Lebensgefährten ganz aufgeregt): Ja, ja, natürlich wissen wir, dass du hier alles gut im Griff hast. Aber was ist denn jetzt mit Margarethe?
Marc (bekommt schon fast Schnappatmung, so sehr lasten die drängenden Blicke von Gretchens Eltern auf ihm, denn es steht schließlich noch eine weitere wichtige Neuigkeit aus, die ihn mit einem Mal unter seinem Kittel stark transpirieren lässt): Äh...
Mehdi (hilft dem schwitzenden werdenden Vater aus der Bredouille u. lächelt erst den Professor, dann dessen Gattin freundlich an): Die Prüfung Ihrer Tochter läuft noch nicht so lange, Frau Haase. Sie sind also noch genau rechtzeitig angekommen. Zum Daumendrücken. Wobei ich denke, dass das bei Ihrer talentierten Tochter gar nicht nötig ist.
Bärbel (fühlt sich sichtlich geschmeichelt u. lächelt den charmanten Halbperser ganz verklärt an, der kurz nach ihrer Hand gegriffen u. ihr einen formvollendeten Handkuss gegeben hat): Oh, Dr. Kaan!
Jochen (nur genervt von der Honig-ums-Maul-Schmiererei kann er sich einen spöttischen Kommentar nicht verkneifen): Ja, klar!
Franz (gibt seinem frechen Sohnemann einen Klaps auf den Hinterkopf): Jochen! Ein bisschen mehr Vertrauen in deine Schwester!
Jochen (reibt sich verärgert den Hinterkopf u. schmollt): Jaaha!
Bärbel (fasst sich an ihr aufgeregt schlagendes Herz u. wuselt überdreht auf dem Gang vor der Aula herum): Oh, Gott sei dank! Und ich dachte schon, wir kommen hier gar nicht mehr an, nachdem sich Jochen so langsam durch den Verkehr gequält hat.
Jochen (spielt die beleidigte Leberwurst): Mama! Was kann ich denn dafür? Das ist verdammt noch mal Berlin!
Franz (lächelt milde u. klopft seinem Sohn auf die Schulter): Danke, mein Junge!
Bärbel (geht auf Jochens Bemerkung gar nicht weiter ein u. redet weiter, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, bis sie jemanden bemerkt, der sofort ihre ganze Aufmerksamkeit erhascht): Das Mädchen braucht uns doch jetzt. ... Oh! ... Ja, wen haben wir denn da? Ist das...? Nein! Der kleine Mann ist ja schon richtig groß geworden.

Schwester Sabine, die das Begrüßungsszenario schüchtern aus sicherer Entfernung von den Wartestühlen aus beobachtet hatte, fühlte sich von der Frau des Professors angesprochen, und lächelte stolz wie Oskar, als sie von ihrem Platz aufstand, den kleinen Mann anschließend aus seinem Maxi-Cosi nahm und mit ihm auf dem Arm zu Bärbel Haase trat, deren Augen vor Entzücken aufleuchteten. Sabine nickte ihr zu und die Mittfünfzigerin, deren Omauhr seit geraumer Zeit unaufhörlich lautstark tickte, nahm den Kleinen strahlend in ihre Arme. Anton gab keinen Mucks von sich und schaute die ältere Dame mit großen Augen an. Er schien sich sichtlich wohl zu fühlen, was Bärbels Glücksgefühle nur noch mehr verstärkte. Von Jetlag oder sonstigen Reisestrapazen war nichts mehr zu spüren.

Sabine: Ja, Frau Professor! Und er ist ein richtiger Sonnenschein.
Bärbel (himmelt das Baby an, während sie mit seinen kleinen Händen spielt): Sieht man. Er fühlt sich wohl bei seiner neuen Familie. Nicht, das tust du doch, mein Schatz? Also, ich muss schon sagen, dass ich es anfangs nicht glauben konnte, als mein Mann mir erzählt hat, dass du und Dr. Gummersbach die Pflegschaft des armen Jungen übernehmen werdet, der in seinen ersten Lebenstagen schon so ein schlimmes Schicksal hinter sich hat. Aber wenn ich euch jetzt so zusammen sehe, dann muss ich sagen, dass ich dich zu dieser mutigen Entscheidung nur beglückwünschen kann. Ich finde das ganz, ganz, ganz toll, Sabine.
Sabine (fühlt sich sehr geschmeichelt u. muss fast schon weinen): Danke, Frau Professor, das bedeutet mir so viel.
Bärbel (reicht der gerührten Pflegemutter ihr Kind wieder): Ach, lass doch bitte die Förmlichkeiten, Sabine. Wir sind doch schon lange beim Du.
Sabine (lächelt): Ja.

Und während sich die beiden Frauen weiter über Kinderfreuden austauschten, Jochen darüber nur genervt die Augen verdrehen konnte und sich weit, weit weg wünschte und der Professor von Dr. Kaan auf den neusten Stand der Dinge gebracht wurde, was die Facharztprüfungen der Assistenzärzte, und in diesem Fall besonders die von Gretchen, betrafen, wachte Dr. Meier so langsam aus seiner anfänglichen Schockstarre wieder auf. Er sammelte seine Kräfte, scannte dabei jede einzelne Person und rückte schließlich dem dauergähnenden Pfleger außer Dienst auf die Pelle, der etwas abseits von seinen Eltern stand und verstohlen Richtung Ausgang linste, um den günstigen Moment der Unaufmerksamkeit aller Anwesender zu nutzen, um schleunigst das Weite suchen zu können. Er brauchte dringend ein Bett und am liebsten noch sein Mädchen daneben. Aber leider waren ihm heute jegliche Vergnügungen nicht vergönnt. Chantal war noch bis in den späten Nachmittag in der Berufsschule und wenn sie, nachdem sie ihre kleine Tochter von der Krippe abgeholt hatte, nach Hause kam, war er längst wieder auf dem Weg hierher ins Hamsterrad, weil er mal wieder die Arschkarte gezogen hatte und Spätschicht schieben musste. Der Gedanke daran verhagelte ihm gleich noch mehr die Stimmung. Aber da ahnte er ja auch noch nicht, dass er gleich grob am Arm gepackt und zur Seite gezerrt werden würde. Denn nicht alle waren so unaufmerksam, wie Jochen gedacht hatte. Dr. Meier wollte nämlich endlich Antworten und stellte Gretchens Bruder deshalb ruppig zur Rede.

Marc: Sag mal, kannst du mir verraten, was das soll, Jo? Hättest du uns nicht ne kleine Vorwarnung schicken können? Ist dir das deine große Schwester nicht wert? Du betonst doch sonst immer euren geschwisterlichen Beschützerpakt. Haasenzahn tickt aus, wenn sie euch alle hier sieht, wenn sie da rauskommt.
Jochen (fühlt sich zu Unrecht in die Enge getrieben u. schmollt dementsprechend, als er Marc, immer die anderen im Blick, leise von der Seite anzischt): Ja, tut mir leid, aber ich hatte auch keinen Vorlauf. Ich hatte gestern Spätschicht. Ich hatte mich gerade hingelegt, da klingelte das Telefon und Mama verkündete fröhlich, dass sie gerade am JFK umsteigen und knapp sieben Stunden später in Tegel landen würden. Ich wollte protestieren. Sie hat mich nicht mal ausreden lassen. Ich solle ja pünktlich sein, wenn ich sie abhole. Ich dachte erst, ich hätte einen schrecklichen Albtraum gehabt, aus dem ich hoch geschreckt bin, aber dann hat Celinchen die ganze Nacht durchgeschrien, weil sie durch das Telefonklingeln auch aufgewacht war. Also motz mich bloß nicht an, Meier! Ich hab echt ne beschissene Nacht hinter mir. Und, nur damit du es weißt, du willst es nicht erleben, wenn ich wirklich mit meinem Beschützerkräften loslege.
Marc (lehnt sich stöhnend an die Wand neben dem Mecker-Haasen u. starrt gen Decke): Ja, ja, reg dich ab, Jo! Ich hab’s kapiert. Mann, Haasenzahn, kriegt nen Herzinfarkt, wenn sie das hier sieht. Geht’s noch peinlicher, als wenn die versammelte Family parat steht und auch noch Konfetti wirft, wenn man seine letzte Abiprüfung vermasselt? Zum Glück hast du nicht auch noch meine Ellis rangekarrt. Das hätte mir jetzt echt noch zu meinem Glück gefehlt.
Jochen: Ääähhh... na ja... du... ähm... Marc?

Jochen wollte gerade noch etwas auf Marcs unheilvolle Vorahnung erwidern, was seine Laune definitiv aufgehellt hätte, da folgte die Antwort bereits auf dem Fuße. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Prof. Dr. Dr. Olivier Meier entstieg gerade dem Fahrstuhl, gefolgt von einer aufgetakelten, schlanken, brünetten Dame mit dekorativem weißen Hut zum gleichfarbigen Designerkostüm, die ihm die wenigen Schritte bis zu der Menschentraube vor dem Veranstaltungssaal im gewohnt einprägsamen Meckerton in den Ohren lag. Marc fielen fast die Augen aus dem Kopf und er musste sich mit seiner goldprämierten Chirurgenhand an Gretchens Grinsebruder festhalten, als er die beiden Diskutierenden am Ende des Flurs entdeckte, und Jochen Haase bekam endlich die Genugtuung, die er gesucht hatte, und lächelte dementsprechend amüsiert in die Runde, während er gespannt darauf wartete, dass seine große Schwester endlich aus der Aula kam. Wenn er sein Handy dabei gehabt hätte, das er heute Morgen in der Aufbruchshektik auf dem Nachtschränkchen in Chantals Wohnung liegen gelassen hatte, hätte er ein echt geiles Foto von ihrem verdutzten Gesicht schießen können. Oh, damit hätte er sie die nächsten Wochen aufziehen können. Ach, was heißt hier Konjunktiv, er würde es auch ohne Bildbeweis tun. Das Schauspiel hier war schließlich auch alleine einprägsam genug.

Elke: Oli, ich verstehe überhaupt nicht, was wir hier sollen. Der Junge hätte uns am Taxistand rauslassen können, aber nein, er musste ja unbedingt auf seine hysterische Mutter hören. Wir hätten auf der Avus fast einen Unfall gebaut, wenn sie ihn nicht die ganze Zeit mit ihren schlecht gemeinten Ratschlägen palavert hätte. Das hat ihn ganz durcheinander gebracht. Wie er gerade noch im letzten Moment die Ausfahrt genommen hat, ich dachte schon, unser letztes Stündlein hätte geschlagen. Ich habe immer noch diesen schrecklichen Hupton des Riesentonners im Ohr. Und dass unsere Koffer im Gegensatz zu uns noch nicht in Berlin gelandet sind, das ist wirklich unerhört. Ich werde die Fluggesellschaft verklagen. Und wenn es sein muss, Bärbel Haase gleich mit!
Olivier (zieht die sich echauffierende Diva in seine Arme u. deutet lächelnd auf die Menschen vor den Wartestühlen): Nun beruhige dich doch endlich, Mokkapralinchen! Das ist doch nicht so schlimm. Das lässt sich doch bestimmt regeln. Jetzt unterstützen wir erst einmal unsere Schwiegertochter.
Elke (bleibt abrupt mitten auf dem Gang stehen u. starrt ihren Mann entsetzt an): Was soll das denn bitteschön heißen? Die Kinder sind nicht verheiratet. Das wäre ja noch schöner.
Olivier (gibt der Xanthippe lächelnd einen kleinen Kuss auf die Wange): In der Tat! Das wäre es!
Elke (sieht ihn irritiert an, dann entdeckt sie ihren geliebten Sohn, der genauso verwirrt aus der Wäsche schaut, als sie im nächsten Moment wild gestikulierend auf ihn zustürmt): Also wirklich, mí corrazón, deinen Humor versteht auch nicht jeder. ... Marc Olivier! Junge, du glaubst es nicht, was deine arme Mutter alles durchstehen musste. Der Flug war die reinste Katastrophe.

Der Angesprochene sah sich um und suchte verzweifelt nach der versteckten Kamera, die auf ihn gerichtet war, um ihn erfolgreich zu verarschen. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, besonders zynisch auf den Divenauftritt seiner nervigen Mutter zu reagieren, die ihn mit einer halbherzigen Umarmung überraschte und damit noch mehr durcheinander brachte, als er es eh schon allein durch ihr unerwartetes Auftauchen war.

Marc: Wie ein Tsunami oder gekenterte Boote im Mittelmeer? Ihr seid nicht abgestürzt, also kann es so schlimm nicht gewesen sein. Und Mutter, nenn mich nicht so! Was zum Teufel macht ihr hier? Ich dachte, ihr zelebriert zum hundertmillionsten Mal Honeymoon oder was auch immer, was Kinder von ihren Eltern besser nicht wissen sollten.
Olivier (zieht seinen vorlauten Sohn ohne Vorwarnung am Ohr in eine dicke Umarmung, die schließlich auch erwidert wird): Na, euch unterstützen, was sonst? Honeymoon können wir immer haben, nicht, Darling? Außerdem waren meine Termine in Seattle beendet. Die Operation ist gut gelaufen, bis auf die eine oder andere Komplikation, aber meine Kollegen schaffen das auch ohne mich. Irgendwann muss ich schließlich dort einen Schlussstrich ziehen und meine Zelte abbrechen. Es wird Zeit. Zeit für uns. Meine alte Wohnung ist verkauft. Meine Habseligkeiten verschifft. Tja, und deine Mutter hatte eben Sehnsucht.
Marc (kann es immer noch nicht begreifen u. schüttelt fassungslos den Kopf, als sein Dad ihn endlich wieder loslässt): Auf was? Laufen ihre Kritiken so schlecht? Du bist doch schon seit Wochen nicht mehr in den Top100 der Belletristikcharts, Mutter. Außerdem laufen deine Werke eh unter anderen Kriterien, nämlich als nicht besonders wertvoll.
Elke (geht sofort hoch wie eine Rakete): Marc Olivier, begrüßt man so die Frau, die einen unter stundenlangen Schmerzen zur Welt gebracht hat, die einem alles ermöglicht hat und die in den vergangenen Monaten so viel hat durchstehen müssen?
Marc (will nicht zugeben, dass er insgeheim froh darüber ist, dass es ihr augenscheinlich besser geht): Ich hatte dich ja gewarnt, dass die Reise zu viel für dich werden könnte. Aber wann hast du je auf mich gehört? Man muss dir ja selbst hinterher fahren, um dich zur Vernunft zu bringen. Ist ähm... alles okay? Fühlst du dich gut? Nimmst du regelmäßig deine Medikamente? Wir sollten noch mal ein Screening machen. Ich gebe der Steigerle Bescheid.
Elke (spielt die beleidigte Diva): Ach, auf einmal interessiert es dich doch? Du hättest dich ja auch mal melden können.
Marc (geht sofort hoch wie eine Rakete, beruhigt sich aber wieder, als er die neugierigen Blicke der anderen im Rücken spürt): Boah, Mutter, reiz mich nicht! Ich hab hier schon genug am Hut. Ich hab ein Krankenhaus zu führen. Also, vertretungsweise, weil mein Chef... ähm... Mann, du weißt schon, was ich meine. Und nach deinem blamablen Auftritt während der OP-Übertragung neulich war mit klar, dass du zurechtkommst. Außerdem hättet ihr auch anrufen können.
Olivier (grinst verliebt vor sich hin u. kommt seiner Frau zuvor, die schon auf Kontra eingestellt ist): Wir waren beschäftigt, mein Sohn.
Marc (verzieht angewidert sein Gesicht): Boah, bitte, Dad, erspar mir die Details! Es hat eh schon jeder angehende Chirurg hier in Berlin gesehen, wie gern ihr euch habt.
Oliver (schaut seine Frau voller Liebe an): Ja, das haben wir. Nicht, Mokkapralinchen?
Elke (lehnt sich an seine Seite u. himmelt ihn versöhnlich an): Ja, mi corrazón!
Marc (dreht sich hilfesuchend um): Boah, ich werd hier noch verrückt. Das kann doch alles nicht wahr sein. Wer zum Teufel schreibt eigentlich dieses beschissene Drehbuch?

Marc fuhr sich mit einer Hand verzweifelt über sein Gesicht und hoffte immer noch, dass er lediglich einen schlimmen Albtraum durchzustehen hatte. Aber er wachte einfach nicht auf. Auch nicht als Mehdi ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfte und Franz, der das turtelnde Paar schon ein paar Stunden und Tage länger hatte ertragen müssen, ihm mitfühlend in die Augen sah. Und dann machte eine lieblich klingende, überraschte Stimme aus dem Hintergrund Marc ein für allemal klar, dass der Chaoszirkus, der sich familiärer Anhang schimpfte, tatsächlich real war. Genauso real wie die zierliche Person in dem viel zu weiten Arztkittel, die zusammen mit der Kollegin Hassmann plötzlich im Türrahmen der Aula auftauchte und nun mit leichenblassem Gesicht völlig fassungslos das Durcheinander auf dem Krankenhausflur anstarrte, das sie nicht begreifen konnte und wollte. Gretchen fühlte sich regelrecht überfahren, während Maria nur ungläubig den Kopf schütteln konnte.

Gretchen: Was zum...? Mama? Papa? Olivier? Elke? Was macht ihr denn alle hier?
Maria: Tja, für nennenswerte Ratschläge ist es an dem Punkt wohl jetzt zu spät, aber es hat durchaus seine Vorteile, nicht im Krankenhaus der lieben Verwandtschaft zu arbeiten und unter Dauerbeobachtung zu stehen, Haase.

Die Köpfe sämtlicher Anwesender auf dem Korridor schossen wie auf Kommando zu der geöffneten Saaltür herum und der inoffizielle „Gretchen-Fanclub“ erhoffte sich eine Antwort auf die eine Frage, die alle gemein hatten, aber das Objekt ihrer Begierde blieb wie ein verschrecktes Häschen stumm in der Tür stehen und wäre am liebsten, wenn es gekonnt hätte, zurück in den Vorlesungssaal gehoppelt, um hinter dem Lehrpult den Notausgang zu nehmen, aber leider stand Maria Hassmann genau hinter ihr und die konnte sich zu Gretchens Unmut nur schwer ihr spöttisches Grinsen verdrücken, das die Jungärztin fast noch mehr aufregte als ihre versammelte Chaosfamilie. Ja, dieser späte Freitagvormittag entwickelte sich immer mehr in einen wahr gewordenen Albtraum. Auch ein suchender Blick in Marcs hoffnungslos überforderte grüne Augen half da nicht mehr weiter. Ihr Prinz in weißer Rüstung hatte seine Schutzausrüstung verloren. Gretchen Haase stand nicht mehr vor der Prüfungskommission, sondern wurde nun von der leibhaftigen Inquisition in die Mangel genommen. Jeder Ausweg zwecklos. Sie konnte die erwartungsvollen Blicke ihrer Familie und Freunde kaum ertragen. Deshalb richtete sie ihre fragenden Augen stattdessen auf die erfahrene Kollegin hinter sich, mit der sie sich ohne Worte auf etwas verständigte.

Bärbel: Margarethe!
Franz: Kälbchen!
Sabine: Frau Doktor?
Mehdi: Und?

Während die drängenden Fragen nur so auf Gretchen einprasselten, blieben Marc und Jochen ungewohnt verhalten, ebenso wie das Ehepaar Meier, das sich etwas abseits vom Szenario positioniert hatte, und musterten die blonde Ärztin nur eingehend. Jede Reaktion ihres bleichen Gesichts wurde genau studiert. Aber im Gegensatz zu sonst immer, als man darin lesen konnte wie in einem offenen Buch, blieb ihre Mimik eher erstarrt. Und sie wich den auf sie einprasselnden Augenkontakten ungewohnt aus, das merkten auch bald die anderen Anwesenden, deren erfreutes Lächeln nach und nach versiegte. Zumal in der Mimik der Prüferin Hassmann mit einem Mal ein ungewöhnlicher Ausdruck von Mitgefühl lag, der auf ihrer jüngeren Kollegin ruhte, die ihren Blick wiederum nun zu Boden senkte. Jemand, der sie noch nicht so lange kannte und dementsprechend einzuschätzen verstand, interpretierte das auf seine Weise und steckte damit wie bei einer Kettenreaktion die anderen, die die offensichtlichen Tatsachen noch nicht begreifen wollten und konnten, unweigerlich mit an.

Olivier (blickt mitfühlend durch die Reihen der Anwesenden): Oh Gretchen!
Bärbel (lenkt ihren Blick verunsichert zur Seite): Franz?
Franz (atmet einmal mit geschlossenen Augen tief ein und aus, dann blickt er väterlich zu seiner Tochter, die merklich eingeschüchtert vor ihm steht, u. greift nach ihrer Hand): Kälbchen, das... das ist doch kein Beinbruch. Sag doch bitte was!
Sabine (tritt mit Anton auf dem Arm, dem sie gerade ein Fläschchen reicht, an das Ehepaar Haase heran, das ihr die Sicht auf ihre beste Freundin u. liebste Chefin u. Kollegin versperrt): Wir sind für dich da, Gretchen.
Mehdi (verspürt zwar ein seltsames Gefühl, als er seine beste Freundin nachdenklich von der Seite mustert u. Marcs merkwürdig distanzierten Blick registriert, zieht sie dann aber spontan in eine tröstende Umarmung): Ja! Wir schaffen das. Mach dir keine Gedanken! Hey? Das ist doch jedem schon mal passiert.
Gretchen (schluckt u. versucht sich zusammenzureißen, nicht zu weinen, als sie ihre Freunde u. Familie endlich wieder ansieht): Danke! Es... es ist gut.
Sabine (versucht sie auf ihre Weise zu trösten): Willst du Kakao? Ich hab dir Kakao mitgebracht.
Bärbel (reißt das Kind förmlich aus Mehdis Armen u. drückt es an ihre mütterliche Brust, als sie endlich versteht, u. sofort geht ihr vorwurfsvoller Blick in Richtung ihres ungewohnt unsicher wirkenden Mannes): Franz, hab ich es nicht immer gesagt. Du hättest das Kind nicht so unter Druck setzen sollen. Immer die Beste sein zu müssen. Weil sie deine Hände geerbt hat. Ein Facharzt macht sich ja auch so schnell. Nein, das tut er nicht. Sieh das arme Kind doch mal an, wie es leidet.
Gretchen (versucht sich vergeblich loszureißen, aber Bärbel hält sie weiter mütterlich fest): Mama! Lass gut sein! Bitte! Das ist doch nicht...
Franz: Bärbel! Lass sie doch erst einmal durchatmen! Dann sehen wir weiter.

Franz zog seine Frau von seiner sichtlich überforderten Tochter weg und blickte dieser nun entschuldigend in die Augen, die verunsichert hin und her flackerten und seinem mitfühlenden Blick nicht lange standhalten konnten. Gretchen dankte ihrem Vater mit einem scheuen Lächeln und lehnte sich seitlich an ihn. Er legte liebevoll seinen Arm um ihre Schulter und zog sie an sich. Auch Marc war in Gretchens Nähe, hielt sich aber immer noch ungewohnt zurück und beobachtete nur. Dafür trat nun seine werte Frau Mama aus seinem Schatten. Natürlich ließ sie es sich nicht nehmen und musste ihren Senf dazu geben, auch wenn den niemand hören wollte. Am allerwenigsten ihr Marc Olivier, dem sämtliche Gesichtszüge entglitten, als sie ihren dunkelrot geschminkten Mund öffnete.

Elke: Tja, Kindchen, Erfolg ist noch nie vom Himmel gefallen. Aber mach dir nichts draus. Jeder Künstler, egal auf welchem Gebiet, ist schon einmal gefallen. Die Kunst ist es, danach wiederaufzustehen.
Marc (die Stimme seiner überkandidelten Mutter reißt ihn aus seiner Starre u. er fährt sie scharf an, um seine Liebste zu verteidigen, die gerade in die Mangel genommen wird u. sich nicht wehrt): Mutter!
Elke (ist sich keines Fehlers bewusst u. sieht ihren empörten Sohn dementsprechend an, der sich wütend vor ihr aufgebaut hat): Ja, was? Ist so! Dir ist doch sicherlich auch schon mal eine OP nicht so geglückt, wie du’s dir vorgestellt hast.
Olivier (hält seine Frau sicherheitshalber zurück, bevor sie noch in ein weiteres Fettnäpfchen tritt): Elke, bitte!
Marc: Mutter, rede nicht von Dingen, von denen du keine Ahnung hast! Schreib lieber deine seichten Romane! Dafür findest du bestimmt einen Abnehmer. Aber nicht hier!

...machte Marc noch einmal ausdrücklich seinen Unmut deutlich und fixierte dabei seine unsensible Mutter mit angesäuertem Blick. Sein letzter Satz löste sich jedoch sofort wieder in seine Bestandteile auf, als er neben Elke, die eingeschnappt ihre Arme verschränkte und ihren Sohn keines Blickes mehr würdigte, die aufleuchtenden Augen von Schwester Sabine entdeckte. Augenrollend wandte er sich schnell von dem verrückten Fan und ihrem Anhimmelungsobjekt ab und schaute lieber in die scheu hin und her flatternden blauen Augen seiner verstummten Freundin, die das alles, was um sie herum passierte, ungewohnt an sich abprallen ließ, als ginge sie dies überhaupt nichts an. Dabei war sein blonder Engel doch immer auf Harmonie bedacht. Das wunderte auch Gretchens Bruder, der nun auf den Plan trat. Jochen stieß sich von der Wand ab, an der er die ganze Zeit gelangweilt gelümmelt hatte, und baute sich mit aufgeplusterter Brust als Beschützer vor seiner großen Schwester auf, die ohne ihr sonstiges Strahlen durch ihre Freunde und Familie hinweg ins Leere schaute.

Jochen: Könnt ihr euch nicht endlich einkriegen! Ihr macht Gretchen ganz kirre damit. Damit ist ihr bestimmt nicht geholfen. Ist das ein Schmierentheater oder ein Krankenhaus?
Marc (tritt neben ihn u. kann sich einen Spruch nicht verkneifen): Das sagt gerade der Richtige. Du hättest den Zirkus ja auch nicht mit hierher in die Manege bringen brauchen. Dann könnten wir alle wieder zu einem normalen Tagesablauf übergehen. Aber nein, du wolltest ja unbedingt die große Show.
Jochen: Sehr witzig! Das hatte ich nicht zu entscheiden. Mama wollte das so.
Bärbel (in ihrer Sorge um ihre Tochter nicht ganz bei der Sache): Was wollte ich?
Jochen (verdreht die Augen): Nichts, Mama!
Gretchen: Danke, Jochen! Marc!

...meldete sich Gretchen nach den diversen Verbalattacken doch wieder mutig zu Wort. Denn so hatte sie sich das Wiedersehen nämlich nicht vorgestellt. Sie wollte nicht, dass um sie gestritten wurde. Das hier lief gerade völlig aus dem Ruder. Das hatte sie so nicht gewollt. Eigentlich hatte sie etwas ganz anderes im Sinn gehabt. Und plötzlich blitzte etwas in ihren hin und her huschenden Pupillen auf, das Marc und Jochen sofort ins Auge fiel und sie verstummen ließ. Die jungen Männer schauten sich an, blickten wieder zu Gretchen, die sich ertappt schnell wieder verstellte, dann zu Dr. Hassmann, die lässig mit verschränkten Armen hinter ihr am Türrahmen lehnte und das Haasen-Theater mit ausdrucksloser Miene interessiert aus sicherer Entfernung verfolgte. Und plötzlich machte es klick. Das, was die beiden von Anfang an gespürt hatten, als Gretchen aus der Tür getreten war, bestätigte sich mit einem Mal, ohne dass etwas gesagt werden musste. Der fassungslos begeisterte Oberarzt reagierte sofort. Er schupste seinen verdutzt dreinblickenden Schwager in spe zur Seite und schnappte sich Gretchens kleine Hand und zog sein Mädchen dicht zu sich heran, um ihm etwas ins Ohr zu raunen, ehe er es ungestüm einmal vor allen überraschten Augen direkt auf den Mund küsste.

Marc: Haasenzahn, hat dir das noch niemand gesagt? Du warst schon in der Schule die beschissenste Schauspielerin, die die Theater-AG je mit einer nichts sagenden Nebenrolle besetzt hat. Um Aufmerksamkeit zu erhaschen, musst du nicht noch mal den Leuchter runterlassen. Bei den Leuchten da drüben bestimmt nicht. Da musst du schon deutlicher werden, mein Schatz.

Und schon ging die Sonne auf, fast zeitgleich mit der echten Sonne, die gerade um die Gebäudeecke kroch und nun durch die breiten Flurfenster in das Innere des Gangwirrwarrs des Elisabethkrankenhauses blinzelte. Gretchen lächelte mit ihr um die Wette, nachdem sie sich von dem ungestümen Chirurgen gelöst hatte, der sie, nachdem er begriffen hatte, nur kopfschüttelnd voller Liebe und Bewunderung ansehen konnte, während sie erst ihn und dann ihre schmunzelnde Mitwisserin hinter ihm angriente. Dr. Hassmann sah diese Haasetypische Reaktion als Einladung an und trat nun doch näher ans Geschehen heran, als sich Dr. Haase wieder mit der nötigen Ernsthaftigkeit ihrem restlichen Publikum zuwandte, das sie immer noch fragend anstarrte und überhaupt nicht verstand, was hier gerade gespielt wurde. Das rosarote Märchen der wunderschönen und superschlauen Ärzteprinzessin ging nun in den finalen Akt über.

Lorelei Offline

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23.09.2015 14:34
#1542 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Gretchen: Sabine, gibst du mir bitte meine Tasche!
Sabine (sieht sich verwundert um, entdeckt Gretchens rosa Stoffhandtasche auf einem der Wartestühle u. reicht sie ihrer Freundin): Bitte, Frau Doktor!
Gretchen (nimmt die Tasche lächelnd entgegen u. zieht einen hellbraunen Din-A4-Umschlag heraus, den sie nun ihrem Vater hinhält): Danke, Sabine! Papa, äh... Herr Professor, da du ja jetzt wieder hier und im Amt bist, möchte ich dir den hier gerne persönlich überreichen.
Franz (blickt irritiert auf den Umschlag, auf dem lediglich seine Büroadresse steht): Was ist das?
Gretchen (dreht sich noch einmal lächelnd zu ihrem heiß und innig geliebten Oberarzt u. ihrer wissend lächelnden Oberärztin um, dann schaut sie ihrem Vater direkt in die blauen fragenden Augen): Mach ihn ruhig auf! Das ist meine offizielle Bewerbung für den Posten der Stationsärztin. Es sei denn, du hast dich schon anderweitig entschieden?
Franz (merklich überrumpelt sieht er seine lächelnde Tochter an, der er noch nie etwas hat abschlagen können): Nein, aber...
Marc (tritt ganz dicht hinter Gretchen, sodass nur sie hören kann, was er ihr ins Ohr haucht): Du Sau! Du Sau! Du hast den schon die ganze Zeit dabei gehabt? Von wegen du wartest erst mal ab, was passiert. Du hintertriebenes Biest, das macht mich jetzt echt scharf.
Gretchen (läuft augenblicklich rot an u. versucht sich aus Marcs aufregender Aura herauszuwinden, aber ihr Liebster, der seine freche Hand an ihre Hüfte gelegt hat, weicht ihr nicht von der Pelle): Maaarc!?!
Mehdi (kann sich ebenfalls einen hocherfreuten Kommentar nicht verkneifen): Ich wusste es!
Marc (stupst ihn mit der Schulter von der Seite an): Ja, klar! Du hast ja auch immer den Durchblick, du Mitläufer.
Sabine (drückt ihr Pflegekind ganz fest an sich, das gar nicht versteht, warum seine Mami plötzlich so komisch guckt u. ihm das leckere Fläschchen wegzieht): Oh Frau Doktor! Wie wunderbar! Siehst du, deine Stärke liegt in dir selbst.
Mehdi (grinst wissend): Wie wahr!
Franz (starrt seine strahlende Tochter verunsichert an, weil er noch nicht gleich begreift): Margarethe, ich kann die nicht annehmen ohne dein Abschlusszeugnis. Du weißt, dass eine der Hauptvoraussetzungen eine abgeschlossene Facharztausbildung ist.
Gretchen (kann sich nicht mehr zurückhalten u. grient ihn an): Ich weiß.
Maria (bringt sich nun auch mit ein, weil ihr das Haasen-Theater allmählich zu lange dauert): Das wird nachgereicht, wenn wir hier mit den anderen durch sind.
Bärbel: Was hat das zu bedeuten? Franz? Margarethe? Nun redet doch endlich mit mir!

...schaute Gretchens Mutter völlig durcheinander von einer Partei zur nächsten und verstand nun gar nichts mehr. Das konnte sich ihr Sohn nicht mehr länger mitansehen. Er spazierte grinsend an ihr vorbei und stellte sich neben seine große Schwester, der er einmal frech in die Seite zwickte und dann, als sie sich dagegen wehrte, etwas zuflüsterte, das Gretchen noch mehr erheiterte als das Spiel, das ihr gerade mehr als gelungen war.

Jochen: Kein schlechtes Spiel, Gretchen. Wirklich geil! Ich hätte es genauso gemacht. Na ja, vielleicht noch ein bisschen professioneller.
Gretchen (kann diese Steilvorlage nicht so stehen lassen, wuschelt ihm durchs Haar u. zieht ihn dabei auf): Komm erst mal so weit, Bruderherz!
Jochen (stupst sie beleidigt von der Seite an u. richtet danach seine zerzauste Frisur): Ey! Lass das! Menno! Aber wir können gerne wetten.
Gretchen (grient ihn vergnügt an): So entschlossen? Gut! Ich nehme dich beim Wort, Jochen.
Olivier (wird nun auch so langsam hibbelig vom lediglich Zuschauen): Können wir dem Kind denn endlich gratulieren?
Marc (kleinlaut grinst er seinen Dad an, der sich mittlerweile mit Elke zu ihm gesellt hat): Ja, nur zu, wenn ihr so begriffsstutzig seid.
Elke (mütterlich tadelnd): Marc Olivier!
Franz (das Lämpchen leuchtet endlich hellauf blinkend auf u. er schaut seine älteste Tochter mit großen wässrigen Augen an): Soll das etwa heißen...?
Gretchen (ihre Augen werden ebenfalls feucht, als sie den Stolz u. die Freude im Gesicht ihres Vaters sieht): Ja, Papa! Vor dir steht eine amtlich geprüfte Chirurgin auf der Suche nach einer weiteren Herausforderung. Wie lange soll ich eigentlich noch warten, bis ihr mich endlich in den Arm nehmt?
Bärbel (schluchzt auf, als sie sich in die Arme ihrer Tochter stürzt): Kind, das kannst du doch nicht mit uns machen. Uns so zu veräppeln.
Gretchen (schmiegt sich glücklich an ihre Wange): Ein bisschen Strafe für eure Invasion hier musste einfach sein. Tut mir leid! Ihr habt mich ziemlich überrumpelt. Niemand erwartet gleich die gesamte Familie während seiner Abschlussprüfung. Wenn das jeder so machen würde, wo kämen wir denn da hin. Ich will nicht von den anderen Assistenten für was Besseres gehalten werden. Ich bin ich. Eine von ihnen.

Bärbel (strahlt ihr Kind mit dicken Tränen in den Augen an u. drückt es wieder fest an sich): Och, komm her, mein Schatz! Du fühlst dich immer so gut an, wenn man dich knuddelt. Sag mal, du, du fällst mir ja völlig vom Fleische. Isst du denn auch richtig? Du verschwindest ja schon fast in deinem Kittel.
Gretchen (kann nicht anders, als noch fester zuzudrücken u. mit ihrer geliebten Mama hin und her zu wippen): Och komm, jetzt hab ich dich noch viel lieber, Mama.
Franz (schlingt strahlend seine Arme um Bärbel u. Gretchen): Hättest du gedacht, dass aus unserer Tochter mal so eine Ärztin wird?
Bärbel (wie aus der Pistole geschossen): Nein!
Gretchen (schaut kurz irritiert aus der Klammeraffenumarmung auf): Was? Mama!
Bärbel (lächelt sie frech an u. stupst mit dem Zeigefinger an ihr empörtes Näschen): Nein, das wusste ich immer. Seitdem du eines Tages mit einem so stolzen Grinsegesicht aus der Schule heim gekommen bist und ohne Luft zu holen, erzählt hast, wie du einen deiner Mitschüler reanimiert hast. Was hatte er verschluckt? Einen Schokoriegel, nicht?
Marc (gluckst vergnüglich auf u. lässt seine Lebensretterin, die fast unter ihrer Familie verschwindet, nicht aus den Augen): Ach?
Franz (animiert seinen Sohn, ihrem Beispiel zu folgen, dem dieser widerwillig aufstöhnend auch nachkommt, indem er sich lustlos an den Rücken seine Schwester schmiegt): Ach, wir sind so stolz auf dich, mein Mädchen. Mein großes Mädchen!
Gretchen (fühlt sich sichtlich wohl im Kreise ihrer Lieben u. verplappert sich fast in ihrer hormongetränkten Euphorie): Och Papa! Jetzt muss ich doch weinen. Ich wollte doch nicht weinen. Ich hab mir doch nur meinen Traum erfüllt. Also, den einen... großen. Der andere, der ist ja schon... ääähhh... Ach, ich hab euch so lieb. Ihr habt mir gefehlt.
Bärbel (merkt nicht, was Gretchen noch zusätzlich bewegt): Du uns doch auch, mein Schatz.

Und während die große Familienumarmung die nächste Stufe erreichte und die eine und andere Glücksträne getrocknet werden musste, trat Dr. Meier, dem eben noch fast das Herz stehen geblieben war, weil sich seine Süße fast zu einer Verkündung hätte hinreißen lassen, etwas überfordert von der Emotionalität der Situation zur Seite zu Dr. Kaan und Dr. Hassmann, die ebenso irritiert auf das große Familienglück der Haases schauten.

Marc: Oh Mann! Wenn ich nicht im Dienst wäre, würde ich mir jetzt nen Schnaps genehmigen.
Maria (seufzt frustriert auf): Wem sagst du das!
Marc (runzelt die Stirn): Bist du nicht schwanger?
Maria (kontert zynisch): Danke, ohne deine Erinnerung würde ich das glatt vergessen.
Marc (grient sie spöttisch an): Immer wieder gern. Du hast ja meine Nummer. Einfach durchklingeln, wenn mal wieder eine von Nöten ist.
Maria (verschränkt eingeschnappt ihre Arme vor ihrer Brust): Haha! Sehr witzig, Meier! Dabei brauchst du die wahrscheinlich eher als ich.
Marc (lehnt sich lässig an die Wand zurück): Och, du, ich hab kein Problem damit.
Maria (wieder obenauf): Wirklich? Dabei hab ich den Eindruck, dass wir die einzigen sind, die Bescheid wissen. Was wohl der Professor dazu sagen würde? Ob er dann noch so entspannt wäre wie jetzt? Zumal er sich in ein paar Wochen schon wieder Gedanken um den Stationsarztposten machen muss, den er gerade abgesichert glaubt.
Marc (stellt sich mit erhobener Hand vor die Meckerziege): Ey, unterstehe dich, ja!
Mehdi (versucht die Revierpisserei seiner Freunde mittels geschickter Ablenkungstaktik zu verhindern u. zu entspannen): Wie sind denn die Prüfungen allgemein gelaufen, Maria?
Maria (stöhnt genervt auf u. schaut kurz zu der Uhr über dem Durchgang zur nächsten Station): Frag mich das noch mal heute Nachmittag. Nach der Mittagspause sind noch drei Kandidaten dran. Genau so viele, wie bislang durchgefallen sind.
Marc (horcht interessiert auf): Bloß?
Mehdi (nickt Maria anerkennend zu): Ist doch ein ziemlich guter Schnitt?
Marc (fällt seiner Kollegin ins Wort, die gerade auf Mehdis Frage antworten will): Na ja, wie man’s nimmt, aber zumindest fällt so nichts auf uns als Lehrer zurück.
Maria (abgelenkt von ihrem Magenknurren, das sie mittels Handauflegen zu unterdrücken versucht): Eben! Ich brauch ne Pause von diesen ganzen furchtbaren Glückshormonen. Kommt jemand mit zum Mittagessen?
Marc (blickt zu den versammelten Haasen u. bemerkt Gretchens verliebten Blick auf sich ruhen): Nee, ein Andermal, ich glaube, mein Typ wird hier noch gefragt sein.
Maria (lacht spöttisch auf u. wendet sich dem nächsten Kollegen zu): Schleimer! Und was ist mit dir, Mehdi?
Mehdi (grinst sie an): Und was ist mit deinem Göttergatten?
Marc (zieht ihn auf): Schiss vor Stress? Wie fühlt es sich eigentlich an, für jemanden stets der Buhmann zu sein, obwohl man gar nichts gemacht hat, also, nicht mehr? Ne ganz neue Erfahrung, was?
Mehdi (lässt den Meierschen Spott lässig an sich abprallen): Haha!
Maria (verdreht die Augen): Ach, hör mir auf mit dem! Wegen der unfähigen Studenten hier, die ich mir den ganzen Tag bei ihrem Versuch, ärztliches Know-how auszustrahlen, das sie nicht haben, antun muss, kriegt der ne geile OP ab, die ihn den halben Tag beschäftigen wird.
Marc (lässt es sich natürlich nicht nehmen, die frustrierte Kollegin auf den Arm zu nehmen): Augen auf bei der Berufs- und Partnerwahl!
Maria (zischt ihn böse von der Seite an u. konzentriert sich lieber auf den charmanten Halbperser zu ihrer Linken): Witzig! Also, was ist, Mehdi? Kommst du jetzt mit oder kommst du mit?
Mehdi (guckt auf seinen piependen Pager, den er gerade aus seiner Hosentasche gezogen hat, u. beginnt, sich schnell von seinen Freunden zu verabschieden): Tut mir leid, Maria, ich muss. Meine Patientin ist endlich soweit. Das Baby kommt. Marc, drückst du bitte Gretchen für mich und richtest ihr noch mal meine Glückwünsche aus! Falls ihr später feiern wollt, gebt mir bitte rechtzeitig Bescheid, wo und wann. Du weißt, morgen früh starten Gabi, Lilly und ich unseren Kurztrip.
Marc (wiegelt mit einer lockeren Handbewegung genervt ab): Ja, ja, zisch schon ab, Kaan!
Mehdi (winkt Gretchen zu, die, immer noch in der Familienumarmung gefangen, ihm lächelnd zunickt): Bis dann!
Maria (läuft nach Mehdis Abfuhr mit ihrem Handy am Ohr schon los, ohne sich vom Meier zu verabschieden): Stier? Bist du mit der OP durch? ... Gut! Cafeteria! ... Jetzt! ... Und bring den OP-Bericht mit! ... Das ist eine dienstliche Anweisung! Was sonst?

Und während Dr. Kaan und Dr. Hassmann die feierliche Runde vor dem Prüfungssaal mit eiligen Schritten in entgegengesetzte Richtungen verließen, blieb ihr sehr geschätzter Kollege Meier allein mit dem Familienglück der Haases zurück, auf das er nun unschlüssig blickte. Seine Eltern, die das ganze Schauspiel mal mehr, mal weniger begeistert verfolgt hatten, stellten sich neben ihren Jungen und nahmen ihn in ihre Mitte, was von einem irritierten Blick ihres Sohnes kommentiert wurde, dem so viel Familiennähe bekanntlich unheimlich war. Schwester Sabine tat es ihnen gleich. Noch immer hielt sie Anton im Arm, der mit einem kräftigen Zug an seinem Fläschchen nuckelte, während seine Pflegemutter ehrfürchtig ihrem großen Idol in ihr unzufriedenes Gesicht starrte. Frau Fisher war sich der Blicke ihres größten und schlimmsten Fans durchaus bewusst. Nur das Baby störte ein wenig das Gesamtbild. Die Autorin musste dem nachgehen. Das verlangten schon ihr Berufsethos und ihr auf der Reise wiedergewonnene Spürsinn.

Elke: Frau Vögler, Sie haben ein Baby? Wie konnte das denn passieren?
Marc (amüsiert sich gerade königlich über den verdutzten Gesichtsausdruck seiner Frau Mama): Ha! Das fragst ausgerechnet du?
Sabine (strahlt ihr großes Idol wie ein Atomkraftwerk an, während sie behutsam dem Jungen das leere Fläschchen wegnimmt u. ihm, um ein Bäuerchen zu entlocken, sanft auf den Rücken klopft): Ja, das ist mein ganzer Schatz. Er heißt Anton und ist mein Pflegekind.
Großer Gott!
Elke (hebt erstaunt eine Augenbraue, blickt zu Olivier, der Sabine anerkennend zunickt, u. verzieht das Gesicht, als das Kind einen lauten Rülpser loslässt, den der gesamte Flur mitbekommt): Ach? Das... überrascht?
Marc (verdreht die Augen u. wartet ungeduldig darauf, dass Gretchen endlich von ihrer Familie freigelassen wird): Wen nicht?
Sabine (wischt ihrem Liebling mit dem Sabbertuch den Mund sauber u. blickt die Autorin dann voller Stolz an): Ja! Und übrigens, ähm... also, ich heiße jetzt Gummersbach. Ich hab doch im Februar geheiratet, wissen Sie.
Großer Gott! Ich muss in einem Paralleluniversum gelandet sein. Mhm...? Wo ist mein Diktiergerät? Mysteriöse Weltraumgeschichten sind doch momentan auch im Trend.
Elke (sieht fragend zu ihrem Sohn, der synchron mit seinem Dad die Augen verleiert): Ah ja? Natürlich! Herzlichen Glückwunsch!
Sabine (fasst sich ehrfürchtig an ihr heftig puckerndes Herz): Oh, vielen Dank, Frau Fisher! Ich würde Ihnen ja gerne meinen Mann vorstellen, aber er nimmt gerade bei einem Patienten eine Biopsie vor und wenn er erst einmal im Labor ist, dann vergisst er schnell die Zeit. Dabei wollten wir uns doch zum Mittagessen treffen. Ähm... Jedenfalls, Frau Fisher, wir, also mein Mann und ich, wollen uns bei Ihnen noch einmal ausdrücklich für das wunderbare Hochzeitsgeschenk bedanken. Es bedeutet uns so viel, dass Sie an uns gedacht haben. Es hat bei uns einen Ehrenplatz bekommen. Jeden Abend liest Günni mir einen besonders schönen Abschnitt daraus vor.
Elke (überspielt ihre Unwissenheit mit einem gekünstelten Lächeln, das ihrem Mann u. ihrem Sohn sofort ins Auge fällt): Hochzeitsgeschenk?
Olivier (versucht sie mit subtilen Blicken in die richtige Richtung zu lenken): Elke!
Marc (reagiert gereizt): Boah Mutter, und du wunderst dich, wenn du mir Unsensibilität vorwirfst.
Der Junge kann manchmal echt unmöglich sein. Also, von mir hat er das nicht!
Elke (ihre Augen funkeln auf, als sie sich von ihm wegdreht u. sich Sabine zuwendet): Ah ja, die kleine Kurzgeschichte über Ihre Liebe, die Gretchen bei mir bestellt hat? Gern geschehen, Frau Vögel... äh... Gummers...tal... bach! Wissen Sie, ich habe so viele Ideen im Kopf, da entgleitet mir schnell die eine oder andere Geschichte, die ich mit großer Hingabe verfasst habe.
Marc (poltert kleinlaut dazwischen): Sücher!?
Sabine (horcht interessiert auf u. traut sich etwas, das sie sich früher nicht getraut hätte): Selbstverständlich! Darf ich... Also, nur wenn Sie mögen... ähm... Woran arbeiten Sie denn gerade, Frau Fisher? Der Fanclub war schon ganz nervös, als wir so lange nichts von Ihnen gehört haben.
Marc (klapst sich seine Hand gegen die Stirn): Och nee, bitte nicht! Bitte kein literarisches Quartett! Hilfe! Wer erlöst mich endlich von diesen Qualen?
Olivier (drückt seinen vorwitzigen Sohn tadelnd an sich): Marc Olivier! Behandele die Gabe deiner Mutter bitte nicht immer so abfällig.
Marc (lacht spöttisch auf): Ihre Gabe? Mein Gott, ihr habt eure ständigen Streitigkeiten tatsächlich ad acta gelegt. Na, wenigstens was! Aber ich will bitte nicht wissen wie und wie oft.

Gretchen: Worüber redet ihr gerade?

...trat die gesuchte Erlösung mit einem strahlenden Lächeln auch prompt an die Seite der Meier-Männer, die gerade miteinander alberten und nun die Schönheit in ihre Mitte nahmen, während der weibliche Part der Familie sich zurück in ihr Element katapultierte und Schwester Sabine die Befriedigung gab, nach der sie sich schon seit Wochen verzehrt hatte: Insider, die ihr die Augen aufleuchten ließen! Marc lächelte nur und wollte gerade Gretchen den Arm um die Taille legen, um seinem aufdringlichen Vater zuvorzukommen, als es plötzlich in seiner Kitteltasche und in der von seiner heiß und innig geliebten Kollegin verdächtig zu piepen begann. Gefolgt von einem hartnäckig klingelnden Handy, das der allgemeinen Harmonie endgültig ein Ende setzte. Der Alltag drängte sich erbarmungslos auf, auch wenn er noch nicht bei jedem angekommen war.

Franz: Was haltet ihr denn davon, wenn wir Gretchens Erfolg feiern gehen?
Bärbel (klatscht jubilierend in ihre Hände): Oh! Das ist eine fantastische Idee, Franz.
Gretchen (hebt ihre Hand, um ihre enthusiastischen Eltern zu stoppen, u. horcht angespannt ihrem Telefonpartner): Wartet bitte! ... Ja? Dr. Haase! ... Okay! ... Hmm! ... Ja! Dr. Meier steht bei mir. Wir kommen sofort. ... Bringen Sie den Patienten, sobald der RTW da ist, gleich hoch in die Radiologie. Wir treffen uns dort. ... Bereiten Sie alles vor! Und piepen Sie Dr. Stier an! Er soll sich um die Kopfverletzung kümmern. ... Danke!
Marc (blickt sie ebenso wie der Professor beunruhigt an, nachdem sie aufgelegt hat u. heftig ausatmet): Was ist passiert?
Gretchen (sprudelt die Fakten konzentriert herunter): Segelunfall auf dem Wannsee. Ein außer Kontrolle geratenes Motorboot hat erst einen Paddler übersehen und dann den Anleger gerammt. Es kommen gleich mehrere Verletzte rein.
Franz (sein Chirurgenherz gerät sofort in Wallung): Verstehe!
Bärbel (resigniert u. blickt traurig zu ihrer geschäftigen Tochter): Aber deine Feier, Margarethe?
Franz: Die verschieben wir auf ein anderes Mal, Butterböhnchen. Das läuft uns doch nicht weg.
Bärbel: Aber...
Gretchen (stimmt ihrem Vater zu, streicht tröstend einmal über den Rücken ihrer gekränkten Mutter u. fängt dann flink ihren Bruder ab, der sich gerade durch ein Hintertürchen verdrücken will): Jochen! Du hilfst bitte die Schockräume in der Notaufnahme vorzubereiten. Die Oberschwester wartet auf dich. Alle heute noch anstehenden Routine-Eingriffe sollen bitte verschoben werden. Mindestens zwei OP-Säle sollen freigehalten werden. Sag ihr das, bitte!
Jochen (sieht seine Schwester protestierend an): Aber ich hab doch gar keinen Dienst.
Gretchen (beharrt entschieden darauf, dass er bleibt, u. beweist Führungsqualitäten, die nicht bei jedem gut ankommen): Ab jetzt hast du ihn aber. Marc, kommst du bitte!
Jochen (trottet schmollend in Richtung Notaufnahme): Na toll! Kaum bestanden, da spielst du dich schon als Chef auf. Du hast den Job echt verdient, Gretchen.
Marc (grinst seine Freundin begeistert an u. ist heilfroh, der Familienhölle endlich entkommen zu können): Ich dachte, du fragst nie.

Franz (stellt sich ihnen in den Weg): Kinder, braucht ihr Hilfe?
Olivier (tritt, seinem Berufsethos folgend, an die Seite seines sehr geschätzten Kollegen u. Freundes): Ich wollte gerade das Gleiche fragen.
Gretchen (blickt unsicher von dem einen zum anderen): Das wissen wir noch nicht. Die Charité ist auch informiert worden.
Olivier (nickt u. zückt wie auf Kommando sein Handy): Gut, dann... ruf ich da mal schnell an und meld mich zurück.
Elke (will ihren Mann nicht gehen lassen u. hält ihn entschieden zurück): Olivier, das ist doch nicht dein Ernst? Und wer bringt mich dann nach Hause?
Marc (bevor sich Sabine freiwillig melden kann, kommt ihr Marc zuvor): Dein Autoschlüssel liegt in meinem Fach im Stationszimmer.
Elke (schaut alarmiert auf): Und wieso, wenn ich fragen darf? Du bist doch nicht etwa die ganze Zeit...?
Olivier (lächelt u. gibt seiner empörten Frau einen Kuss auf die Wange, ehe er eine Telefonnummer wählt u. mit dem Handy am Ohr losmarschiert): Na dann, haben wir ja eine passende Lösung gefunden. Ich meld mich, Mokkapralinchen. Fahr doch zu mir, wenn du magst. Wir treffen uns da. Den Wohnungsschlüssel hast du ja.
Elke (sieht dem grinsenden Chirurgen sprachlos u. sauer hinterher): Aber...
Sabine (hat gerade behutsam Anton in seinen Maxi-Cosi gesetzt u. kommt damit hilfsbereit auf die eingeschnappte Autorin zu): Ich kann den Schlüssel für Sie holen, wenn Sie möchten, Frau Fisher.
Marc (drängt oberarztmäßig zur Eile): Das ist doch mal ein Wort. Los, Abmarsch! Oder wie lange wollen wir hier noch wie bestellt und nicht abgeholt herumstehen?
Elke (fühlt sich überstimmt u. das passt ihr gar nicht): Ojemine! Womit hab ich das nur verdient?

Franz (hält Sabine auf u. drückt ihr etwas in ihre freie Hand): Stopp, Schwester Sabine! Auf dem Weg dorthin können Sie gleich die Bewerbung meiner Tochter in der Verwaltung abgeben. Sie sollen einen Vertrag aufsetzen. Zu den üblichen Konditionen. Er gilt ab kommenden Montag.
Gretchen (fühlt sich überrumpelt): Papa? Du hast doch noch gar nicht die anderen Bewerbungen durchgesehen. Ich will das nicht so. Bitte!
Sabine (meldet sich leise zu Wort u. sieht ängstlich zu dem strengen Chefarzt hoch): Aber ich bin doch gar nicht im Dienst. Ich bin eigentlich nur auf Stippvisite hier. Wegen der Frau Doktor. Ich bin doch im Mutterschutz, Herr Professor.
Franz (im strengen Chefarztton wendet er sich den beiden Frauen zu): Keine Widerrede! Beschlossen ist beschlossen! Ich werde ja wohl wissen, wer die Beste für diesen Job ist. Wen hat wohl deine Vorgängerin als ihre Nachfolgerin vorgeschlagen, hmm, Gretchen?
Gretchen (sichtlich überrascht): Oh!
Franz: Ich will den Vertrag heute noch unterschriftsreif auf meinem Schreibtisch haben. Haben Sie verstanden, Schwester Sabine? Den Gefallen werden Sie mir doch trotz des Mutterschutzes, den ich natürlich ebenso respektiere wie Ihre mutige Entscheidung, den Jungen zu sich zu nehmen, tun können oder leiden Sie plötzlich unter eingeschränkter Motorik?
Sabine (nickt demütig u. drückt die Bewerbung ehrfürchtig gegen ihre Brust): Jawohl, Herr Professor, wird erledigt.
Franz (schaut zufrieden in die Runde u. drängt mit seinem Oberarzt zum Aufbruch): Sehr gut! Na, dann?
Bärbel (legt ihre Hand an seine Brust, um ihn aufzuhalten): Franz, sag mir nicht, dass du jetzt hier in der Klinik bleiben willst? Du änderst dich wohl nie, was? Wir haben einen so langen Flug hinter uns. Ich will doch nur...
Franz (unterbricht sie mit einem zarten Kuss auf die Lippenspitzen): Ich bin ausgeruht. Ich hab den ganzen Flug über den Atlantik geschlafen. Mach dir keine Sorgen! Meinem Herz geht es gut. Sehr gut sogar. Nach den Neuigkeiten. Ich will doch nur nach dem Rechten schauen, Butterböhnchen. Und wenn die Kinder zurechtkommen, dann...
Bärbel (streichelt milde lächelnd über seine stoppelige Wange u. wendet sich schließlich Sabine zu): Ja, ja, schon verstanden! Ich begleite dann Schwester Sabine und den kleinen Anton. Aber ich warte auf dich. Übertreib es nicht gleich wieder! ... Sabine, wir können!
Sabine (etwas überrumpelt): Ja!?

Und während sich Bärbel Haase bei Schwester Sabine unterhakte und von ihr den Maxi-Cosi übernahm, um mit dem kleinen aufmerksamen Mann darin ein bisschen herumzualbern, als sie, gefolgt von einer frustriert aufseufzenden Frau Fisher, die sich ihnen schließlich mangels Alternativen angeschlossen hatte, in Richtung Treppenhaus schlenderten, lief Prof. Franz Haase schon schnellen Schrittes in Richtung Notaufnahme, wo er sich einen Überblick verschaffen wollte. Marc und Gretchen warteten derweil bereits angespannt auf den Fahrstuhl, der sie in die Radiologie bringen sollte, und nickten dem fröhlich grinsenden Professor zu, als dieser gut gelaunt an ihnen vorbeimarschierte und die Zwischentür, die in die Notaufnahme führte, mit dem Schwung eines ehrgeizigen Jungmediziners aufstieß. Der Aufzug ließ nicht lange auf sich warten. Das Ärztepaar trat, ohne zu zögern, hinein. Gretchen drückte das Stockwerk. Die Stahltüren schlossen sich ohne Umschweife wieder. Und die Neuchirurgin war in Gedanken bereits bei der anstehenden Untersuchung und dem, was sie gleich erwarten würde, als sie plötzlich einen Ruck unter sich verspürte, der sie kurz schwanken ließ. An die Glaswand gestützt schaute sie alarmiert auf. Der Fahrstuhl war stehen geblieben! Und Marc hielt seinen Finger noch über dem roten Stoppknopf, den er soeben ohne Vorwarnung gedrückt hatte. Empört stellte die Chirurgin den Oberarzt zur Rede, der lässig wie immer vor ihr stand und sich keiner Schuld bewusst war.

Gretchen: Marc, was machst du denn da? Es eilt doch! Wieso hältst du den Fahrstuhl an?
Marc: Die RTWs sind noch nicht da und ich wollte vorher noch...
Gretchen (zischt ihn an, weil ihr die unnötige Unterbrechung so gar nicht passt): Was, Marc, was?
Marc (schlendert lässig auf seine grimmig dreinblickende Freundin zu, nimmt ihre kleine Hand u. sieht ihr tief in die Augen): Ich... ähm... wollte dir vorher noch was geben. Vorhin war irgendwie nicht die Gelegenheit, zu dir durchzudringen und... ähm... na ja... Es wirkt ziemlich unprofessionell, wenn du dich gleich nicht als richtige Ärztin ausgeben kannst, Haasenzahn. Was ist das überhaupt für ein dämlicher Kittel? Der wäre ja sogar einem Elefantenbaby zu groß.
Gretchen: Marc, mir ist jetzt echt nicht zum Scherzen. Drück bitte den Schalter wieder herunter! Wir haben einen Notfall! Man wartet auf uns.

...machte Gretchen ihrem Grinsefreund unmissverständlich klar. Doch dieser lächelte nur auf seine typische Weise darüber hinweg, trat noch etwas näher heran, griff nach dem Kragen ihres Kittels und fuhr bedächtig mit seinen Fingerkuppen die Knopfleiste entlang, bis er gefunden hatte, was er gesucht hatte. Seine überrumpelte Lebensgefährtin sah ihm verständnislos dabei zu. Marcs Nähe verwirrte sie zunehmend. Und dann fummelte er auch noch an dem Kittel herum, den sie nur geliehen hatte. Das war völlig unangebracht in dieser Situation, wo anderswo ihre Hilfe vonnöten war.

Gretchen: Marc, lass das! Das ist jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um...
Marc (grient sie frech an u. schreitet ungefragt zur Tat): Doch ist er! Du hast seit exakt dreizehn Minuten und zweiundzwanzig Sekunden einen anständigen Beruf. Und das soll jeder sehen.
Gretchen: Was?

Jetzt erst bemerkte die junge Chirurgin, was der freche Oberarzt mit ihr angestellt hatte. Sie blickte ungläubig auf das kleine rechteckige Schildchen mit der goldverzierten Schrift herab, das nun die Brusttasche ihres blütenweißen Arztkittels zierte. Vor lauter Rührung versagte ihr fast die Stimme.

Gretchen: Marc? ... Was steht da drauf, Marc?
Marc (befingert noch einmal ausgiebig mit großem Vergnügen ihren Kittel u. lächelt auf Meiertypische Art): Dr. Margarethe Haase. Fachärztin für Allgemein- und Unfallchirurgie. Und Nervensäge, Heulsuse, Klugscheißerin und echt scharfes Luder, wenn sie mal wieder gar nichts rafft. Dabei war deine Show vorhin ziemlich beeindruckend und fast glaubwürdig, wenn man dich nicht durchschauen würde.
Gretchen (ist vollkommen baff u. nicht fähig, keck darauf zu kontern, dass das alles gar nicht auf das weiße Schild passen kann): Oh Marc! Danke! Du hast an mich geglaubt! Wann hast du das denn fertigen lassen?
Marc (räuspert sich u. will keine große Sache daraus machen): Als du dich bei Mehdi in seinem XXL-Kleiderschrank bedient hast. ... Nein, Spaß! ... Als ich bei Mutter in der Schweiz war. Die ging mir manchmal so aufs Schwein. Man sollte zwei Menschen nicht auf engstem Raum einpferchen. Da hab ich mich eben umgeschaut in dem Saftladen, wo gar nichts funktioniert, außer der Geldfluss der Privatpatienten in die Portmonees der ach so tollen Ärzte. Kein Wunder, dass die sich nicht zurückmelden, wenn man wirklich was von denen will. Aber da scheiß ich drauf. Eigentlich wollte ich mich ja da hinter die Kulissen schmuggeln, um wenigstens was Sinnvolles zu tun, während Mutter endlich wieder Verstand in ihren Sturschädel eingetrichtert bekommt. Und dazu wäre ein passendes Namensschild angebracht gewesen. Aber dann stand ich in dem Laden und dachte mir, nee, lass lieber das hier herstellen. Damit kann man vielleicht mehr anstellen. Zum Glück war die Kohle kein rausgeschmissenes Geld. Weißt du, wie hoch der Wechselkurs zwischen Euro und Franken zurzeit ist? Sei froh, dass du jetzt nen gescheiten Vertrag kriegst. Ich will die Scheine wiederhaben. Du bist jetzt Chirurgin. Und Chirurgen schenken sich nichts. Lektion eins auf der ersten Sprosse deiner Karriereleiter.

Gretchen (den Tränen nahe sieht sie ihrem persönlichen Helden verliebt in die Augen): Es ist wunderschön, Marc. Du bist wunderbar!
Marc (kann sich eines verräterischen Lächelns nicht erwehren): Negativ! Du bist wunderbar! Aber wenn du jetzt hier losflennst und einen auf Niagarafälle machst, dann lass ich dich hier drin schmoren, bis du schwarz wirst. Chirurgin hin, Chirurgin her! So gehst du mir nämlich nicht zu den Patienten, Frau Dr. Haase.
Gretchen (schmachtet ihn an u. legt ihre Arme um seine Schultern): Marc, ich liebe dich.
Marc (will es eigentlich nicht zulassen, aber wird unweigerlich weich): Und ich dich erst! Aber das tut hier jetzt nichts zur Sache. Du bekommst keinen Freifahrtsschein, nur weil du heute schon ein bisschen was geleistet hast, was mich bei der Zicke Hassmann auch nicht sonderlich verwundert. Komm, jetzt sollten wir wirklich los! Bevor die uns noch ausrufen und dein Vater Fragen stellt, die für uns kompromittierend enden könnten.
Gretchen (legt ihre Hand über die von Marc, die schon über dem Schalter liegt): Warte, bitte!
Marc (dreht seinen Kopf verdutzt in ihre Richtung): Was denn noch? Ich mein’s ernst!
Gretchen (sieht ihm eindringlich in die Augen): Bist du stolz auf mich?
Marc (schaut sie an, als hätte sie nicht mehr alle rosaroten Tassen im Schrank): Äh... Was ist das denn für eine völlig unnötige Frage? Das tut doch nichts zur Sache.
Gretchen (lässt nicht locker u. greift nach seinen beiden Händen): Doch, Marc! Für mich schon. Bitte!
Marc (verdreht stöhnend die Augen u. zieht sein sich nach Anerkennung u. Liebe verzehrendes Mädchen noch einmal in seine starken Arme): Herrgott noch mal! So viel zum Thema erfolgsgeile und sich alles nehmende Chirurginnen. Aber gut, bitte, zumindest eines hat die ganze Chose, ich hab nicht mehr die Arschkarte, wenn du wieder Mist baust. Denn ab sofort bin ich fein raus und du bist für alles, was du tust, allein verantwortlich.
Gretchen (weiß seine Worte richtig zu deuten u. lächelt ihn überglücklich an, bevor sie ihn spontan küsst): Bis auf unsere Wundersterne.

Marc (kann nicht anders, als in ihr Strahlelächeln miteinzustimmen u. seine Hände auf ihren Bauch zu legen): Jep! Korrekt! Apropos, was machen wir jetzt eigentlich mit der Großelternfraktion? Das war vorhin schon ganz schön knapp. Aber ich glaube, sie haben nichts gecheckt.
Gretchen (sieht ihn bittend aus ihren tiefblauen Augen an): Weißt du, Marc, ich denke nicht, dass ich mich bei unserem nächsten Aufeinandertreffen zurückhalten werden kann.
Marc (schaut verunsichert zwischen ihren Pupillen hin u. her u. seine Stimme geht entsprechend eine Oktave nach oben): Das heißt, du willst die Bombe platzen lassen? Heute noch? Hältst du das für eine gute Idee, nachdem was eben los war? Ich glaube, du bist dir der Tragweite dieser Information und ihrer Folgen noch nicht richtig bewusst. Die werden uns keine ruhige Minute mehr lassen.
Gretchen (hält ihren leicht panisch wirkenden Mann hin, zückt ihr Handy aus ihrer Stofftasche u. drückt eine Nummer): Warte! ... Mama? Du, ich bin’s noch mal. Wegen der Feier. ... Ja! Aber... nichts Großes. ... Was haltet ihr davon, wenn ihr morgen Abend zu uns zum Essen ins Penthaus kommt? ... Prima! Ich freu mich. Tschüß! ... Jaaaha!
Marc (starrt sein Grinsemädchen ungläubig an): Äh... Was war das?
Gretchen (steckt ihr Handy wieder weg u. baut sich triumphierend lächelnd vor ihrem verunsicherten Freund auf): Die Lösung all unserer Probleme. Wobei, eigentlich sind es ja keine Probleme. Im Gegenteil! Deine Eltern rufst du aber an.
Marc (hat wohl keine andere Wahl, als missmutig zuzustimmen): Okay, was hast du genau vor? Weißt du, ich wäre ja eher dafür, uns zu verstecken oder gleich ganz auszuwandern. Aus dem Weg gehen, wäre doch ne gute und vor allem stressfreie Option?
Gretchen (legt ihre Hände an seine Schultern, streicht seinen Kittel glatt u. sieht ihn ziemlich entschlossen an): Ist sie nicht! Ich weiß, du bist geübt darin, aber ich denke, wenn wir es allen zugleich sagen, dann erspart uns das den einen oder anderen Nervenzusammenbruch.
Marc (hat da so seine Zweifel): Bist du sicher? Du kennst meine Mutter.
Gretchen (nickt u. strahlt nur so vor sich hin): Außerdem möchte ich den heutigen Abend, den vermutlich letzten gemeinsamen Abend für eine sehr, sehr lange Zeit, gerne alleine mit dir verbringen, was, wenn sie es schon wüssten, schwierig werden könnte, da hast du recht, weil wir ab da an nie wieder alleine sein werden. Ich muss mich ja noch für das hier bedanken.
Marc (grient vorfreudig, auch wenn es ihn vor der Neuigkeitsverkündung graut): Das nenne ich doch mal eine gute Entscheidung. Aber dass du den Titel verdient hast, das kannst du jetzt auch im OP beweisen.
Gretchen (sieht ihn überrascht an): Kommst du mit? Du solltest doch noch bis Montag warten, bis deine Grippe endgültig abgeklungen ist.
Marc (macht einen auf Obermacker u. plustert sich vor seiner immer besorgten Lieblingsärztin auf): Papperlapapp! Ich bin wieder gesund, also kann ich auch Menschen aufschlitzen.
Gretchen (verdreht die Augen u. lacht schließlich): Sehr charmant ausgedrückt, Herr Oberarzt.

Und wie ernst Dr. Meier seine Ansage meinte, zeigte er dann auch, nachdem er seiner Liebsten noch schnell einen dicken atemraubenden Schmatzer auf die gespitzten rosaroten Lippen gedrückt hatte. Er löste den roten Stoppknopf des Fahrstuhls wieder und schritt anschließend selbstbewusst auf die Liege mit dem schwerverletzten Patienten zu, welche nahezu zeitgleich aus dem zweiten Aufzug geschoben wurde. Dr. Haase folgte ihm artig, konnte sich aber ein breites Schmunzeln nicht verkneifen.

Lorelei Offline

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04.10.2015 13:59
#1543 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Und genauso erging es zur gleichen Zeit auch Dr. Mehdi Kaan, der es sich nach dem erneuten Fehlalarm bei seiner bereits lieb gewonnenen Patientin und deren hypernervösen Gatten, dem er immer wieder gut hatte zureden müssen, erschöpft in dem gemütlichen Chefsessel in seinem Büro bequem gemacht hatte und nun schmunzelnd auf den Bildschirm seines PCs blickte. Die Sessellehne schwankte durch sein Gewicht leicht zurück, als er sich behaglich zurücklehnte, seine in weiße Arzthosen gehüllten Beine ausstreckte und seine Füße keck auf der Tischkante seines akkurat aufgeräumten Schreibtisches abstützte. Mit einer Gabel stocherte er heißhungrig in der Plastikschüssel mit Salat herum, die er sich vorhin schnell noch frisch zubereitet aus der Cafeteria geholt hatte, und versuchte angestrengt zuallererst die leckeren Putenbruststreifen herauszufischen, die sich unter den bunten Salatblättern versteckt hielten. Das hieß aber nicht, dass der hungrige Oberarzt abgelenkt war, nein, sein Hauptfokus lag natürlich, wie sollte es auch anders sein, auf seiner bildhübschen Freundin, die ihn missmutig von der anderen Seite des Bildschirms entgegenschmollte. Schwester Gabi hatte heute nämlich frei und müsste demnach eigentlich momentan bester Laune sein. Aber so wie Mehdis Angebetete gerade missmutig in die Kamera guckte, als sie sich, mit einer angerissenen Großpackung Prinzenrollen und ihrem Tablet-PC bewaffnet, den sie so sehr hin und her schwenkte, dass er auf der anderen Seite der Internetverbindung fast seekrank davon wurde, rückwärts auf die Kaan-Kragenowsche rote Couch zu Hause niedersinken ließ, sich immer wieder stöhnend hin und her drehte, bis sie sich die orangefarbene Wolldecke, die sie sich über ihre schlanken Leggingsbeine geworfen hatte, so zurechtgestrampelt hatte, dass es behaglich genug war, war dem offenbar nicht so. Schon von Berufswegen und vor allem aus reiner Neugier musste Mr. Mehdi Marple dem natürlich sofort nachgehen. Nachdem er seinen letzten Happen Putenbruststreifen hastig heruntergeschluckt hatte, hakte er mit sanfter Stimme vorsichtig bei seinem süßen Morgenmuffelinchen nach, die alles andere als kommunikationslustig darauf reagierte.

Mehdi: Maus, was ist eigentlich los mit dir?
Gabi (abweisend zupft sie an der Kekspackung herum): Nichts!
Mehdi (schmunzelt): Nichts? Das sieht aber anders aus.
Gabi (zickig): Das kannst du gar nicht wissen.
Mehdi (beißt sich auf seine Lippen, um nicht laut loszulachen): Dir ist schon klar, dass ich dich die ganze Zeit sehen kann, oder? Wir skypen, Bella. Ich bin seit sieben Minuten online und du hast noch nichts gesagt, obwohl ich eben gemeint habe, dass du heute ganz besonders süß aussiehst.
Gabi (seufzt auf u. fährt sich mit einer Hand durch ihr langes, ungekämmtes, widerspenstiges Haar): Du bist ein charmanter Lügner, Mehdi Kaan, weißt du das? Ich kenne deine Tricks. Aber ich bin nicht so blöd wie deine Patientinnen, um darauf hereinzufallen.
Mehdi (lächelt hinreißend): Ich meine immer alles ernst, was ich sage, Liebling. Das ist kein Geheimnis. Und dir steht mein dunkler Jogging-Kaputzenpulli wirklich gut. Obwohl du immer das Gegenteil behauptest, wenn ich ihn anhabe. Wolltest du den vorgestern nicht noch in die Spendensammlung geben?
Gabi (blickt ertappt an sich herunter u. verdreht die Augen): Haha! Was ist das für ein Dressing in deinem Salat? Sind das die Reste der schlechten Witze, die dein ach so toller bester Freund immer vom Stapel lässt?
Mehdi (hebt für diese Retourkutsche anerkennend sein Kinn): Nein, das kann eigentlich nicht sein, denn Marc hatte heute noch nicht so viel zu lachen.
Gabi (friemelt gerade konzentriert einen der Kekse auseinander, schleckt den Schokobelag ab, legt die Kekshälften danach wieder aufeinander u. beißt genussvoll davon ab): Wieso?
Mehdi (ist völlig hingerissen von Gabis Art der Nahrungsaufnahme): Der Professor ist wieder da.
Gabi (schlingt den Keks hastig herunter, als sie merkt, dass sie beobachtet wird): Prima! Dann kann sich das Arschloch nicht mehr so penetrant als Chef aufspielen. Der war doch die reinste Nervensäge in den letzten Tagen, als er nicht in den OP durfte. Und wer hat das alles abbekommen? Die Person am Empfang. Also ich! Der undankbarste Job, den man in diesem beschissenen Krankenhaus kriegen kann. Ich mache drei Kreuze, dass mir das heute erspart bleibt.
Mehdi: Uuuhhh! Da ist aber heute jemand ganz besonders kratzbürstig.
Gabi (blickt ihren vorlauten Freund grimmig durch die Kamera an): Ich bin nicht kratzbürstig. Ich bin nur...
Mehdi (ahnt, dass er endlich nah dran ist u. hakt weiter subtil nach): Ja?
Gabi (nuschelt kekskrümelnd): ...entt... sauer!
Mehdi (hebt fragend eine Augenbraue): Auf Marc?
Gabi (seufzt): Nein!
Mehdi (seine Stimme geht irritiert eine Oktave nach oben): Auf mich?
Gabi (seufzt erneut auf u. sinkt kraftlos gegen die Sofaarmlehne; das Tablet lehnt sie gegen ihre angezogenen Knie): Nein! Ja! Nein, ach, ich weiß doch auch nicht.
Mehdi (blickt etwas überfragt in die Kamera u. stellt seine Salatschale neben den PC auf seinen Schreibtisch, um nicht mehr weiter abgelenkt zu werden): Okay!? Ärgert dich der Zwerg wieder?
Gabi (zieht ihre Decke höher u. legt die Hand, mit der sie nicht das Tablet hält, auf ihren Bauch u. streichelt diesen sanft): Nein, sie ist ganz brav.
Mehdi (kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen): Sie? Du versuchst es auch immer wieder, mein Schatz. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass sich etwas einzureden, nicht immer von Erfolg gekrönt sein muss. Es sieht aber süß aus, das muss ich zugeben.
Gabi (fühlt sich veralbert u. schmollt dementsprechend vor sich hin, während sie einen weiteren Keks aus der Verpackung zieht u. so genüsslich daran herumknabbert, dass Mehdi fast schon neidisch wird): Na und? Ich pfeife auf jede Expertenmeinung, Herr Doktor Oberschlau. Ich vertraue da auf mein Gefühl. Eine Frau spürt so was. Lilly ist auch auf meiner Seite. Oder soll ich dir noch mal die Liste mit süßen Mädchennamen zeigen, die sie in ihrem Zimmer an ihre Pinnwand getackert hat?

Mehdi (ist völlig hingerissen u. grinst schwerverliebt in die Minikamera am PC): Touché, mein Schatz! Aber was kann ich tun, damit du wieder lächelst und nicht mehr so grimmig guckst, hmm?
Gabi (schaut wenig begeistert auf das Tablet in ihrer Hand): Gar nichts!
Mehdi (schenkt ihr sein zauberhaftestes Lächeln, um sie zu erweichen): Nicht ein bisschen?
Gabi (zeigt äußerlich keinerlei Rührung, aber ihr Herz klopft schon ein paar Takte schneller, als er sie so intensiv anschaut): Vielleicht? Können wir nicht einfach wegfahren und alles hinter uns lassen?
Mehdi (lächelt, macht sich so seine eigenen Gedanken u. zwinkert ihr zu): Vielleicht!
Gabi (versucht, ihn mit ihrem süßesten Schmollmundgesicht zu überzeugen): Ach, komm, Bärchen, verrat mir endlich, wo du mit uns hin willst und vor allem wann! Ich könnte in fünf Minuten fertig sein, wir packen uns Lilly an der Schule und fahren einfach los.
Mehdi (stützt sich mit seinen Ellenbogen vor dem PC-Bildschirm auf der Tischplatte ab u. blickt seine sichtlich unzufriedene Freundin nachdenklich an): Wenn du mir verrätst, was dich wirklich bedrückt und wovor du davonlaufen willst?
Gabi (schmollt): Das ist Erpressung.
Mehdi (lächelt liebevoll): Das nennt sich Fürsorge.
Gabi (kontert schnippisch): Nur dass wir Kragenow-Mädchen nichts davon verstehen.
Mehdi (horcht verwundert auf): Wie meinst du das?
Gabi (seufzt laut aus, schmiegt ihr Gesicht mit geschlossenen Augen an die Sofalehne u. öffnet sie schließlich wieder, um Mehdi ins Gesicht zu sehen): Tina hat heute Morgen angerufen.
Mehdi: Deine Schwester?
Gabi: Ja! Sie hat mich quasi aus dem Bett geworfen. Da hab ich einmal die Möglichkeit auszuschlafen und dann...
Mehdi (besorgt): Ist etwas mit deiner Mutter? Wollte Tina sie nicht an diesem Wochenende in die Entziehungskur bringen?
Gabi (wirkt immer mitgenommener): Ja, deshalb hat sie ja auch angerufen. Sie wollte sich verabschieden und na ja, sie hat noch mal nachgehakt und genervt...
Mehdi (vervollständigt wissend ihren Satz): Ob du dich mit eurer Mutter treffen möchtest?
Gabi (schließt die Augen u. drückt die aufkommenden Tränen angestrengt herunter): Sie weiß, dass ich noch nicht so weit bin und dass ich nicht weiß, ob ich es je sein werde. Aber sie lässt mich einfach nicht in Ruhe damit. Sie hält unser Baby für den Heilsbringer, der uns alle wieder einander näher bringen wird. Sie guckt eindeutig zu viele kitschige Vorabendserien. Meine kleine naive Schwester hält immer noch an ihrem Traum fest, dass wir uns alle irgendwann wieder zusammenraufen und glücklich gen Sonnenuntergang schauen werden. Aber das wird nicht passieren. Ich hab nämlich schon vor langer Zeit mit der Vorstellung abgeschlossen, dass unsere Erzeugerin es je packen wird, von dieser Scheißteufelsdroge loszukommen, die bei uns alles kaputt gemacht hat. Ich will nicht, dass unser Kind je erleben muss, was wir tagein, tagaus erleben mussten. Ständig war sie sturzbetrunken, hat nichts mehr um sich herum mitbekommen, ob wir in die Schule gegangen sind oder geschwänzt haben. Außer ihre Männergeschichten, mit denen sie ihre Flaschen geteilt hat. Denen hat sie sich an den Hals geworfen für ein bisschen Liebe, die sie von uns hätte kriegen können, wenn wir sie noch respektiert hätten. Sie war diejenige, die mich damals rausgeschmissen hat. Für Dinge, die ich nicht mal getan habe. Weil sie mir nicht glauben wollte. Blind vom Alkohol und den Ausreden dieses Mistkerls, der mir an die Wäsche wollte. Ich war damals noch ein Kind, verdammt noch mal, auch wenn ich vielleicht schon wie Anfang zwanzig ausgesehen habe. Wenn Tina das kann, bitte, aber ich kann ihr das nicht verzeihen. Es geht einfach nicht.

Mehdi (nickt verständnisvoll u. hält sich mit seiner Vorahnung nicht zurück): Habt ihr euch gestritten?
Gabi (das schlechte Gewissen ist ihr deutlich anzusehen, aber da ist auch noch etwas anderes, das Mehdi in ihrem traurigen Gesicht liest): Wir haben uns hochgeschaukelt, wie immer, aber es ging nicht hauptsächlich um unsere Mutter und ihren dritten Entziehungskurversuch.
Mehdi (hakt behutsam nach, weil er merkt, wie aufgewühlt seine Freundin ist): Sondern?
Gabi (legt ihren Kopf auf die Kissen am Sofaende, zieht die Decke bis unter ihr Kinn u. hält das Tablet mit beiden Armen hoch, um Mehdi besser ansehen zu können): Weißt du, sie gibt mir ständig ungefragt Ratschläge, will mich partout zu etwas drängen, das ich nicht will, aber wenn ich einmal auf ihr Leben zu sprechen komme, da gehen gleich die Scheuklappen wieder herunter und sie stellt sich auf stur und will nichts hören. Dabei war ich so glücklich, dass sie endlich die Kurve gekriegt hat. Dass sie endlich aus diesem Drecksladen rausgekommen ist. Dass wir wieder gut miteinander ausgekommen sind. Ihr neuer Freund hat ihr gut getan. Du hast ihn ja kennengelernt neulich beim Picknick in Tempelhof. Lilly hat ihn ja auch gleich ins Herz geschlossen.
Mehdi (hört aufmerksam zu): Er ist nett.
Gabi (seufzt): Ja, nett, charmant, zuvorkommend, bodenständig, obwohl er reich ist. Aber das ist ja im Prinzip auch egal. Er ist einfach ein guter Kerl. Sie war glücklich, hatte keine Flausen mehr im Kopf. Tina hat endlich diesen beschissenen, schlecht bezahlten Sängerinnen-Tabledance-Bardamen-Job aufgegeben. Sie wollte endlich durchstarten und ihre abgebrochene Lehre zu Ende machen. Tayfun hätte ihr sogar den Kosmetikladen finanziert. Mann, sie hätte alles haben können.
Mehdi (ahnt, wohin die Reise gehen wird): Das klingt alles sehr nach Vergangenheit?
Gabi (nickt u. dreht sich zur Seite, sodass ihr Tablet jetzt an der Sofalehne anliegt): Aber die dumme Kuh tritt ihn mit Füßen. Und für was? Für nichts und wieder nichts! Für so einen zwielichtigen Typen, den sie gerade erst kennengelernt hat. Jedes Mal dieselbe Scheiße! Immer die gleichen Geschichten, die ich mir dann anhören muss. Aber wehe ich gebe meinen Senf dazu! Sie ist wieder auf denselben Typ Arschloch hereingefallen, der sie nur verarscht und ihr das Blaue vom Himmel verspricht. Von wegen Glamourgirl, das er groß herausbringen will. Als richtige Sängerin, Model, was weiß ich. Der hat ihr komplett das Hirn vernebelt mit seinen hohlen Versprechungen, nur um sie rumzukriegen. Und sie will nicht hören, dass das ein riesiger Fehler war.
Mehdi (betroffen): Und was ist mit Tayfun?
Gabi (schüttelt mitgenommen den Kopf): Frag lieber nicht! Er hat sie natürlich inflagranti erwischt, weil sie so blöd war, sich bei ihren Lügen und Ausreden erwischen zu lassen. Er ist am Boden zerstört, will nichts mehr von ihr wissen. Wer soll es ihm verübeln? Und Tina merkt nicht mal, was sie da alles angerichtet hat. Stattdessen flüchtet sie sich in Aktionismus. Will mich mit Mutter versöhnen. Nur damit sie nicht über sich nachdenken muss. Insgeheim weiß sie nämlich ganz genau, dass es ihr wahnsinnig leidtut, sie ihn liebt und zurückhaben will. Aber dafür ist es jetzt zu spät. Er ist weg und sie ist wieder ganz unten angekommen. Dieser undurchsichtige Kerl, dem sie verfallen war, hat sie nämlich auch stehen gelassen, nachdem er sie benutzt und beklaut hat. Ja, du hörst richtig, beklaut! Eigentlich wollte er nämlich nur an die Scheine vom Lottomillionär herankommen. Das scheint ihm auch gelungen zu sein. Wie blöd kann Frau eigentlich nur sein?

Mehdi (schüttelt fassungslos den Kopf): Und das hast du ihr alles an den Kopf geworfen?
Gabi (funkelt ihn stinksauer an u. versinkt im nächsten Moment schon wieder in Selbstmitleid): Natürlich! Was hättest du denn getan? Ich bin die ältere von uns beiden. Ich muss doch auf sie aufpassen. Und ich hab genug Scheiße gefressen, um zu wissen, was richtig ist und was nicht. Sie hat eingeschnappt aufgelegt und ich bin seitdem nur noch am futtern. Du musst neue Kekse mitbringen, wenn du nach Hause kommst. Ich hab dein Versteck geplündert.
Mehdi (mitfühlend): Schatz, das tut mir leid.
Gabi (schnieft einmal tief durch u. richtet sich dann aus ihrer Liegeposition wieder auf): Muss es nicht, Mehdi! Für die Blödheit der Kragenows kannst du ja nichts. Unser Stumpfsinn ist angeboren.
Mehdi (lacht): Jetzt gehst du aber ziemlich hart mit dir ins Gericht, Gabi.
Gabi (ihr ist überhaupt nicht zum Lachen zumute): Aber es stimmt. Ich bin ja auch auf Marc Meier reingefallen. Das sagt doch schon alles.
Mehdi (schüttelt amüsiert den Kopf): Er ist aber ein ganz anderes Kaliber als dieser miese Typ von Tina, den sie hoffentlich angezeigt hat. Marc ist im Grunde seines Herzens ein ganz lieber.
Gabi (verdreht die Augen): Das denkst aber auch nur du und das blonde Häschen mit ihrer rosaroten Brille, die ständig beschlagen ist. Mann, ich bin schwanger. Ich werde fett. Ich bin emotional total aufgeladen. Da kann Tinchen doch nicht mit so einem Mist kommen. Ich musste das rauslassen. Sonst wäre ich vermutlich geplatzt. Vielleicht bewirkt es ja was und sie lässt ihren Sturkopf an der Ostsee mal ordentlich durchpusten. Viel Freiraum ist ja in ihrem Schädel.
Mehdi (umschmeichelt sie sanftmütig mit seiner tiefen Stimme): Das hilft bestimmt.
Gabi (unsicher): Meinst du?
Mehdi (aufmunternd schaut er sie an): Ja! Denn weißt du, Liebes, eines hab ich von den Kragenow-Mädels gelernt. Hinter ihrem Starrsinn und ihrer unverblümten Klappe steckt auch ein großes Herz.
Gabi (lächelt zaghaft u. spürt einmal mehr, warum sie diesen Mann abgöttisch liebt): Lieb gesagt, Mehdi. Wie kommt das bloß, dass du einfach immer die richtigen Worte weißt, damit man sich besser fühlt?
Mehdi (erwidert ihr Lächeln u. strahlt sie via Monitor an): Das ist mein Job. Und... hey, war das etwa ein Lächeln?
Gabi (ihre Augen funkeln verräterisch u. sie verzieht keine Schnute): Vielleicht! Wann kommst du nach Hause? Ein freier Tag ist viel schöner, wenn du auch hier bei mir bist. Dann macht man nämlich keine Dummheiten und zofft sich mit seiner kleinen Schwester.
Mehdi (seufzt lächelnd): Hey, das mit euch renkt sich schon wieder ein. Eigentlich wäre ich auch schon längst wieder bei dir, aber die Geburt zieht sich. Achmed ist schon ein völliges Nervenbündel. Er leidet noch mehr als seine Frau. Wenn es in den nächsten dreißig Minuten keine Fortschritte gibt, dann muss ich wohl oder übel einen Kaiserschnitt machen.
Gabi: Die Armen!
Mehdi (kurz abgelenkt von einem Geräusch an der Tür): Du, Gabimaus, ich muss. Die Hebamme war gerade hier. Es tut sich was. Der Muttermund ist jetzt vollständig offen. Sie kriegen doch noch ihre natürliche Geburt.
Gabi: Ist doch gut?
Mehdi (springt von seinem Platz auf u. beugt sich noch einmal schnell zu dem Computermonitor herunter, aus dem ihm Gabi lächelnd entgegenblickt): Ja! Du, denkst du bitte dran, dass Lilly heute schon früher aus der Schule kommt. Ihre letzte Stunde fällt aus. Machst du ihr bitte etwas zu Mittag. Ich weiß noch nicht, wie lange ich hier noch brauchen werde. Aber ich komme dann auch sofort nach Hause. Danke! Bis dann, meine Schöne! Und grübele nicht mehr so viel! Alles wird gut! Bestimmt!

Und mit einem lauten Plopp-Geräusch verschwand der attraktive Frauenarzt von Gabis Tablet-Bildschirm, sodass die verliebte Frau keine Gelegenheit mehr bekam, ihren fürsorglichen Schatz noch ein bisschen länger anzuschmachten und ihm für seine aufmunternden Worte zu danken. Seufzend lehnte sich die junge Krankenschwester auf dem roten Sofa zurück und drückte ihr Tablet gegen ihre heftig puckernde Brust. Warum konnte das Leben ihrer kleinen Schwester nicht auch so geradlinig verlaufen wie ihr eigenes gerade? Mit einem Mann, der einem zuhörte, dem man vertraute und dem man alles anvertrauen konnte, was man verbockt oder nicht verbockt hatte. Das war doch so viel mehr wert als ein schnödes, kurzweiliges Abenteuer und die Gefahr, die von so einem mysteriösen Kerl ausging, bei dem man von Anfang an wusste, dass das nie und nimmer gut gehen konnte. Aber wem sagte sie das? Das war genau die Art von Mann, dem sie früher auch schon zahlreich verfallen war. Weil sie auch immer mehr gewollt hatte. Wahrscheinlich war es doch etwas Genetisches, das die Kragenow-Frauen immer an solche Typen band. Obwohl, die Ausnahme in persona eines sexy Oberarztes widerlegte doch die Regel, oder? Deshalb wäre es vermutlich das Beste, wenn sie beim nächsten Mal einen Arzt ihres Vertrauens an ihrer Seite wusste, wenn sie mit Tina sprach. Falls ihre halsstarrige Schwester je wieder mit ihr reden würde? Gabi legte ihr Tablet beiseite und nahm stattdessen ihr mit Glitzersteinchen verziertes Smartphone in die Hand. Die Sms war schnell verfasst und ohne zu zögern abgeschickt:

Tinchen, es tut mir leid. Ok? Ich bin eine Kuh, eine schwangere noch dazu. Du bist eine Kuh. Können wir uns wieder vertragen? Ich will das so nicht stehen lassen. Bitte! Und fahrt vorsichtig! Und meld dich, wenn ihr gut da oben angekommen seid! Ich hab dich lieb. Deine Püppi.

Zufrieden schaute die Siebenundzwanzigjährige auf und erschrak im nächsten Moment, als sie die Zeitanzeige an der Wanduhr gegenüber entdeckte. Gleich zwölf Uhr! Lilly würde jeden Moment hier aufkreuzen und da die süße Maus in speziellen Dingen ganz nach ihrem Vater kam, würde sie auch einen riesigen Hunger mitbringen. Gabi legte ihr Handy neben das Tablet auf den Couchtisch, strampelte die orangefarbene Kuscheldecke von ihren Beinen und sprang mit Schwung vom Sofa auf, um nach nebenan zu flitzen. Völlig planlos schaute sie sich dort in der geräumigen Küche um. So richtig wusste sie nicht, wie sie jetzt anfangen sollte. Sie sollte kochen. Ausgerechnet sie, die früher immer vom Vierundzwanzigstundenlieferdienst, der Krankenhauscafeteria und der Großzügigkeit ihrer Liebhaber gelebt hatte, sollte tatsächlich etwas Nahrhaftes für ein noch im Wachstum befindliches Kind zubereiten. Wie hatte Mehdi sich das denn vorgestellt, fragte sich Gabi mit zunehmender Panik. Seitdem sie zusammenwohnten, hatte sie noch nicht einmal den Kochlöffel geschwungen. Nicht aus Bequemlichkeit, und wenn dann allenfalls ein bisschen, sondern weil sie es schlichtweg nicht gemusst hatte, denn Mehdi war der Kochprofi hier im Haus. Das hatte sie ganz eigennützig akzeptiert. Denn welche Frau liebte es nicht, bekocht zu werden? Eben! Das Höchste, was sie je in dieser wunderschönen, neuen, praktisch eingerichteten Küche geleistet hatte, war die Frühstücksvorbereitung und sie hatte schon das eine oder andere Mal die Schulbrote für Lilly geschmiert, wenn ihr Papa schon früher in die Klinik gemusst hatte. Ansonsten lagen Gabis Haushaltspflichten eher in ganz anderen Bereichen, die mehr ihren Talenten und Vorlieben entsprachen. Wie sollte sie das also auf die Schnelle hinbekommen, wenn sie nach über zwei Monaten familiären Zusammenlebens noch nicht mal mitgeschnitten hatte, in welchem Schrank Mehdi die Kochtöpfe verstaut hatte? Vom Rest ganz zu schweigen! Und was wollte sie überhaupt kochen? Es galt zu improvisieren, sprach Gabi sich Mut zu. Sie war gut im Improvisieren. Das kannte die Krankenschwester aus dem EKH. Da machte sie das auch immer, wenn sie mal nicht weiterwusste. Und Spaghetti mit irgendeiner Soße, das würde sie doch schon alleine hinbekommen, oder? Das konnte doch jeder!

Nein, das konnte nicht jeder, wie Gabi nach einer Weile ernüchtert feststellen musste. Denn es fehlten ihr nicht nur die Grundkompetenzen, die man zum Kochen benötigte, sondern auch das entsprechende Equipment, die Zutaten. Zumal der werte Herr Gesundheitsfanatiker Kaan alles ablehnte, was künstliche Zusatzstoffe beinhaltete. Denn seiner fachkundigen Meinung nach waren diese die Hauptverursacher der neu um sich schlagenden Zivilisationskrankheiten, was auch immer er damit meinte. Es gab also dementsprechend keinerlei Fertigsoßen, noch sonstige künstlich hergestellte Tütenprodukte zur Unterstützung mangelhafter Kochkünste hier in der Küche. Nicht einmal Tomaten aus der Konserve. Die verhinderte Hausfrau musste ihre Finger also selber schmutzig machen und selber schnippeln, was das Zeug hielt, dem Gabi auch mit mangelnder Begeisterung nachkam. Weil sie nur Bioprodukte vom Wochenmarkt in der Nähe im Haus hatten. Mehdi war doch echt verrückt mit seinem Gesundheitsfimmel. Welcher Normalsterbliche mit einem Knochenjob wie ihrem machte denn so was? Wer hatte denn schon Zeit für so was? Es war frustrierend. Auf ganzer Linie. Den freien Vormittag hatte sich die schwangere Krankenschwester ganz anders vorgestellt. Lange ausschlafen, gemütlich frühstücken, ausgiebig baden, Schönheitspflege zum allgemeinen Wohlbefinden, vielleicht eine Stippvisite beim Friseur oder Shoppen im Babyladen mit ihrer Schwester, aber mit der hatte sie sich ja gerade erst zerstritten. Nein, das war jetzt in dieser Situation wirklich ein ganz falscher Gedanke, der sie noch weiter runtergezogen hätte.

Der Elan, mit dem sich Gabi noch vor Minuten ans Werk gemacht hatte, löste sich mit dem Dampf über dem kochenden Spaghettiwasser bald wieder in Luft auf. Ein Profi war eben doch nicht vom Himmel gefallen. Während die verhinderte Hobbyköchin das mit der Pasta noch ganz gut hinbekommen hatte, denn die Nudeln kochten schon von alleine ganz gut vor sich hin, war das mit der improvisierten Tomatensoße à la Kragenow so eine Wissenschaft für sich. Denn sie schmeckte genauso, wie sie sich gerade fühlte, nämlich furchtbar, wie sie sich schockiert eingestehen musste, und Gabi wusste nicht, wie sie sie noch verbessern konnte, damit sie doch noch genießbar wurde. Beim Blick auf das umfangreiche Regal mit Gewürzen über der Anrichte, von denen sie die Hälfte nicht einmal beim Namen kannte, verlor sie gänzlich die Lust an dem Ganzen. Und dann klingelte es auch noch ausgerechnet jetzt an der Wohnungstür. Na toll, jetzt würde sie sich noch völlig vor Mehdis Tochter blamieren. Gabi wusste nicht, was sie zuerst tun sollte. Das überkochende Nudelwasser vom Herd ziehen, ohne sich dabei die Finger zu verbrennen, oder die Tür öffnen und sich ihre Niederlage eingestehen. Sie entschied sich dafür, erst einmal den Temperaturregler am Herd herunterzudrehen, einen Deckel auf die blubbernde Soße zu setzen, damit die Wand kein neues Farbmuster bekam, und eilte dann mit dem karierten Wischtuch in der Hand, an dem sie sich ihre klebrigen Finger abwischte, geschwind zur Wohnungstür, die sie, ohne nachzuschauen, wer davor stand, mit Schwung aufriss, um gleich darauf zurück in die Küche zu flitzen, um die Nudeln umzurühren, die schon ekelig aneinander pappten.

Gabi: Lillyfee, hast du schon wieder deinen Schlüssel vergessen? Komm rein, Süße! Dein Papa ist noch nicht da. Und das mit dem Mittagessen äh... na ja... dauert noch... einen Moment. Ich hab da einen äh... kleinen... Küchennotfall. Aber ich krieg das hin.

Hoffentlich! Ich brauche ein Wunder! Hilfe!

Die schwer beschäftigte Freundin von Lillys Vater stand schneller wieder am Herd, als ihr lieb war, und rührte mit einem großen Holzlöffel die Nudeln, die noch nicht ganz al dente waren, in dem labberigen, bleichen Wasser um, drehte noch einmal am Herdregler herum, der definitiv auf Kriegsfuß mit ihr stand, und schaute dann auf die tiefrote Soße in dem Topf daneben, die immer noch ruhig und unappetitlich vor sich hin blubberte und die sie sich schon gar nicht mehr traute, zu kosten, weil ihr der Appetit schon beim ersten Testversuch vergangen war. Ein Glück, dass sich ihr ständiger Begleiter, die Morgenübelkeit, noch nicht gemeldet hatte. Also konnte es vielleicht doch nicht ganz so schlimm sein? Vielleicht war ja was mit ihrem Geschmackssinn nicht in Ordnung? Eine Schwangerschaft trieb ja bekanntlich viele Blüten. Mit ihrem Riechsinn war das ja auch so eine merkwürdige Sache. Auf jede Form von gebratenem Fleisch reagierte sie momentan ganz besonders allergisch. Und nachdem sie Mehdis ekelhafte Aftershaves, Duschgele und Shampoodöschen entsorgt und mit neutralen Mittelchen ausgetauscht hatte, ging es ihr eigentlich wieder ganz gut. Trotzdem, konnte sie das, was sie hier in dem Topf zusammengemantscht hatte, wirklich Lilly auftischen? Aber trockene Nudeln ohne alles waren auch nicht sonderlich der Burner. Punkten würde sie damit bestimmt nicht bei der anspruchsvollen Neunjährigen.

Gabi war beim monotonen Umrühren so sehr mit ihren Gedanken beschäftigt, dass sie die langsamen Schritte hinter sich überhaupt nicht wahrnahm. Erst als es an der Küchentür plötzlich leise klopfte, ließ sie den Löffel los und drehte sich verwundert um. Seit wann war Lilly denn so höflich und klopfte an Zimmertüren an, anstatt sie nicht wie sonst immer frech aufzureißen und zu jeder Tages- und Nachtzeit einfach hineinzuplatzen? Aber im Türrahmen stand nicht die kleine Lilly Kaan mit ihrem Schulranzen und strahlte sie mit ihrem kessen Mädchenlächeln so hinreißend an, dass man ihr selbst in den peinlichsten Momenten überhaupt nicht böse sein konnte. Nein, vor der völlig verdatterten Krankenschwester stand deren ältere Version, die sich scheu wie ein Reh in der Küche umblickte und sie dann nach kurzem Zögern unsicher begrüßte...

Anna: Hallo!
Gabi (traut ihren Augen kaum u. ist im ersten Moment sprachlos): Frau... Kaan?
Anna (lächelt zaghaft u. tritt einen Schritt auf ihr völlig verdutztes Gegenüber zu): Anna. Sagen Sie doch bitte Anna zu mir! Ich ähm... Ich wusste nicht, ob ich... Entschuldigen Sie die Störung und dass ich hier einfach so hereingeplatzt bin, aber Sie haben die Tür aufgelassen und waren so schnell wieder weg, da bin ich Ihnen einfach hinterher.
Gabi (braucht einen Moment, um ihre Fassung wiederzufinden): Ähm... ja, natürlich. In Ordnung! Ich... ich war nur gerade... Sie sehen ja, was los ist. Ähm... Kommen Sie ruhig herein! Setzen Sie sich doch! Wollen Sie etwas trinken? Mein Freund ist noch auf Arbeit, aber Lilly müsste jeden Moment von der Schule nach Hause kommen. Wenn Sie warten möchten?

Oh Gott, was mache ich hier eigentlich? Bist du total bescheuert?

...versuchte Gabi, die Ruhe zu bewahren, obwohl das unerwartete Auftauchen von Mehdis Immer-noch-Ehefrau einen gewaltigen Gefühlstornado in ihr losgetreten hatte. Sie wusste überhaupt nicht, was sie denken, geschweige denn fühlen sollte. Sie reichte Anna Kaan überfordert die Hand und lächelte die zierliche Person kurz an, bevor sie sich langsam wieder dem Herd zuwandte. Gerade noch rechtzeitig, bevor ein Malheur mit dem Nudelwasser passiert wäre. Sie stellte die Herdplatte aus und guckte unschlüssig auf die blubbernde Soße in dem kleineren Stahltopf daneben. Sie kam sich plötzlich total bescheuert vor. Mitten in einer Situation, die überhaupt nicht zu ihr passte. Mit einer Person, mit der sie überhaupt nicht umzugehen wusste. Und sie war unvorbereitet. Unfrisiert, ungeschminkt, trug ausgerechnet heute ihr Auf-der-Couch-Lümmel-Outfit, schwarze Leggings, knallig orange Wollsocken und Mehdis altes ausgeleiertes XXL-Sweatshirt. Sie fühlte sich merklich unwohl in ihrer Haut. Zumal Mehdis Ex atemberaubend gut aussah, wie sie bei einem weiteren verstohlenen Seitenblick frustriert feststellen musste. Gertenschlank, ohne Spliss und Hautunreinheiten, adrett angezogen, natürlich, einfach sexy, wie die perfekte Frau, die Gabi ganz und gar nicht war, was der Kochversuch gerade eben wieder eindrucksvoll bewiesen hatte. Sie wusste überhaupt nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte, und ahnte dabei nicht, dass es Anna Kaan genauso ging, die verunsichert mit ihren Fingern ihre Handtasche umklammert hielt und nicht wusste, was sie Mehdis neuer Freundin sagen sollte. Welcher Teufel hatte sie eigentlich geritten, ausgerechnet heute hierher zu kommen? Sie hätte wenigstens anrufen und sich vorher anmelden können. Dann hätte sie jedem diese Peinlichkeit hier erspart. Aber sie hatte nun mal nicht anders gekonnt. Lilly wegen.

Anna: Nur keine Umstände, Frau...?
Na toll, jetzt hab ich ihren Namen vergessen. Kommt bestimmt gut an als Einstieg? Ach, ich hätte doch weiter unten vorm Haus warten sollen, bis meine Prinzessin und Mehdi auftauchen. Aber im Nachhinein warst du ja schon immer schlauer, Anna!
Gabi (rührt dankbar für die Ablenkung mit dem Löffel in der Soße herum u. schaut kopfschüttelnd auf): Kragenow. Nein, ähm... Sie können mich gerne auch Gabi nennen. Alles andere wäre irgendwie... albern.
Anna (lächelt erleichtert auf u. tritt noch einen Schritt näher; ihre Tasche u. ihre Jacke legt sie auf einen der Stühle am gedeckten Küchentisch): Gerne! Lilly erzählt immer so viel von Ihnen.
Gabi (dreht sich nun doch verunsichert ganz herum u. zubbelt dabei nervös an dem viel zu großen Pullover herum, in dem sie sich plötzlich seltsam albern vorkommt): Ach? Echt?
Na toll, wenn nicht schon wegen dem hier, hält sie dich jetzt erst recht für eine komplette Niete.
Anna (ihre Augen leuchten auf, wenn sie an ihre Tochter denkt): Ja, wenn sie abends anruft, dann ist das immer mein Highlight des Tages. Beziehungsweise war es. In einer Rehaklinik kann es sehr langweilig werden, wenn man gerade nicht von den Physios getriezt wird.
Gabi (horcht auf): War?
Oh nein! Nein? Nein! Nein? Nein!
Anna: Ja, ich... Ich wollte hier wirklich nicht so unangemeldet hereinplatzen, aber...
Gabi (flucht auf, als sie das Zischen hinter sich bemerkt, denn die Soße beginnt, überzulaufen): Ach, Mist, verfluchter! Was haben Sie gesagt?
Anna (ebenso abgelenkt): Kann ich irgendwie helfen?
Gabi (rührt mit der einen Hand weiter mit dem Löffel die Soße, mit der anderen wischt sie mit einem Lappen das Malheur weg): Nein, ich, ach, ich glaube nicht, dass die noch zu retten ist. Die war vorher schon nicht wirklich das, was man Haute Cuisine nennt.
Anna (lächelt geheimnisvoll, als sie näher kommt): Ach, das muss nichts heißen. Darf ich?
Gabi: Äh...? Nur zu!
Bitte! Sie hält dich ja eh schon für die letzte Flachpfeife.

Gabi war das alles mehr als unangenehm, aber sie würde sich das niemals anmerken lassen. Also ließ sie Mehdis Ex den Vortritt. Anna schaute auf die Töpfe auf dem Herd, blickte sich in den Regalen um, bis sie gefunden hatte, was sie gesucht hatte, und schritt selbstsicher zur Tat. Mehdis Freundin schaute ihr dabei misstrauisch zu, wie sie flink noch einmal die verhunzte Soße nachwürzte, abschmeckte und wie sie dann zufrieden nickte und sich ihr wieder zuwandte. Gabi zögerte, als Anna ihr den Kochlöffel zum Probieren hinhielt, wollte sich aber vor ihr nicht die Blöße geben lassen und kostete schließlich. Zu ihrem großen Unmut musste Gabi feststellen, dass Lillys Mutter das verkorkste Mittagessen tatsächlich gerettet hatte. Die Soße schmeckte großartig. Ein weltenweiter Unterschied! Genauso wie Mehdi sie immer zubereitet hatte. Jetzt fühlte sie sich erst recht unwohl und völlig fehl am Platz. Anna Kaan war nicht nur nett und hilfsbereit, nein, sie war tatsächlich genauso perfekt, wie Gabi sie eingeschätzt hatte. Wenn man mal von Annas Nuttenvergangenheit und der Kindesentziehung absah, welche Gabis wackelige Minusliste weiterhin dick rot aufleuchtend anführten.

Anna: Geheimrezept von Mehdis Mutter. Eine selbst zusammengestellte Gewürzmischung. Hilft eigentlich bei allem. Selbst wenn Fleisch schon fast zu Kohle verbrannt ist.
Gabi: Aha! Gut zu wissen.

...verhehlte Gabi ihre Begeisterung nicht. Anna, die die Reaktion von Mehdis Lebensgefährtin nicht einzuschätzen wusste, zog sich lächelnd zurück und setzte sich an den Küchentisch, um auf ihren liebsten Schatz zu warten. Die innere Unruhe, die sie schon auf dem Weg hierher begleitet hatte, stieg wieder an. Wie Lilly wohl auf ihr Auftauchen reagieren würde? Würde sie überhaupt wollen, dass sie wieder hier war? Annas unsicher umherschweifender Blick heftete sich an die Kühlschranktür, an der unzählige selbstgemalte Kunstwerke ihrer Tochter prangten. Sie musste unweigerlich lächeln und konnte sich nicht mehr von den farbenfrohen, lebenslustigen Bildern trennen, die ihr so viel über ihre Kleine erzählten. Ein Hauch von Melancholie lag in der Luft. Hoffnungen stiegen in ihr auf. Sehnsüchte, die ihr während der langen Zeit der räumlichen Trennung ein einsamer Freund in der Fremde gewesen waren. Nur wegen ihr hatte sie all die Monate wie eine Verbissene gekämpft, um wieder auf die Beine zu kommen. War einem Leben im Rollstuhl gerade noch so entkommen. Sie hatte ihre Kleine so sehr vermisst. Natürlich musste ihr erster Weg in Berlin hierher zu ihr führen. Nirgendwo anders hatte sie hingewollt. Sie hatte ja schließlich sonst niemanden mehr.

Die verunsicherte Freundin ihres zukünftigen Exmannes kümmerte sich derweil missmutig um die Nudeln, die sie unter dem kalten Wasserstrahl abschreckte. Gabi, deren Appetit sich mittlerweile in Grenzen hielt, hatte den Topf gerade zurück auf den ausgeschalteten Herd gestellt, als sie plötzlich zwei kräftige Männerhände auf ihrem Bauch spürte, die frech in die Bauchtasche ihres Kapuzenpullovers gekrabbelt waren, gefolgt von zwei heißen weichen Lippen, die sich sanft in ihren Nacken legten und sie kitzelten. Sie zuckte erschrocken zusammen, was den grinsenden Mann nur noch mehr animierte. Geschwind hatte Mehdi seine Liebste zu sich herumgewirbelt und küsste sie nun sehr inbrünstig und zärtlich zur Begrüßung. Dass sich Gabi in seinen sie umschlingenden Armen verkrampfte, registrierte er noch nicht gleich. Ebenso wenig wie eine andere wichtige Tatsache, die ihm beim lautlosen Hereinschleichen in die Küche völlig entgangen war, weil die rosarote Brille auf seiner Nase nur eine wunderschöne Dame im Fokus hatte.

Mehdi (flüstert ihr verheißungsvoll ins Ohr): Mhm! Das riecht gut. Ob es auch so gut schmeckt... wie du? Ich hab einen Bärenhunger mitgebracht.
Gabi (versucht ihren charmanten Verehrer vergeblich auf etwas hinzuweisen): Mehdi!
Mehdi (lächelt sie verliebt an u. hält ihr perplexes Gesicht mit beiden Händen gefühlvoll fest): In der Klinik ging es dann doch schneller, als gedacht. Wenn man von den vier Tagen Vorlauf und den nervenaufreibenden sechs Stunden seit heute Morgen mal absieht. Ein gesunder Junge. Alle sind happy. Du hättest die Eltern mal sehen sollen. Fast hätten sie mich nicht gehen lassen, wenn ich ihnen nicht von dir und Lilly erzählt hätte.
Gabi (blickt verzweifelt an Mehdi vorbei zu Anna am Tisch rüber, die ungerührt, aber doch mit einem Hauch Sentimentalität das Schauspiel der Liebenden verfolgt): Meeehdiii!
Mehdi (umfasst seine Liebste noch enger u. hebt sie fast schon hoch beim nächsten Kuss): Und rat mal, wen ich unten im Hof beim Herumtrödeln erwischt habe! Mein kleines Trödelinchen schmückt mit ihrer neuen Freundin aus dem dritten Stock gerade die Gehwegplatten mit ihren Kreidekünsten. Immer das Gleiche. Sie kommt aber gleich hoch. Also haben wir noch zwei Minuten für uns, meine Schöne. Alles wieder gut? Nach unserem Gespräch vorhin hab ich nur noch an dich denken können. Ich hab dich vermisst.

Gabi versuchte sich verzweifelt aus Mehdis Umklammerung zu winden und auf die Besucherin hinter seinem Rücken hinzuweisen, aber Mehdi war heute ganz besonders anhänglich und ließ sie einfach nicht los und stahl sich erneut einen zarten Kuss, der nachhaltig auf ihren Lippen vibrierte und doch unerwidert blieb, was den bis über beide Ohren verliebten Oberarzt dann doch endlich verwundert aufschauen ließ. Gabi atmete erleichtert aus. Ihre Verunsicherung blieb jedoch, als sich die einstigen Eheleute endlich in die Augen blickten.

Mehdi: Was ist?

Anna: Hallo Mehdi!

Lorelei Offline

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13.10.2015 16:51
#1544 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Mehdi: Anna?

Nachdem ein kurzer Moment überraschter Sprachlosigkeit entstanden war, der das warme Raumklima in der Kaan-Kragenowschen Küche ummantelt hatte, in der einen ähnlich wie in einer italienischen Gaststube zur Mittagszeit verführerische Gerüche lockten, ging ein Ruck durch alle Beteiligten. Mit seinem unwiderstehlichen Charmelächeln schritt der perplexe Halbperser auf Lillys Mutter zu, die mittlerweile vom gedeckten Küchentisch aufgestanden war und ihren Noch-Ehemann unsicher anlächelte, blieb vor ihr stehen, betrachtete die groß gewachsene, schlanke Persönlichkeit einen Augenblick lang und zog sie schließlich zur Begrüßung in seine Arme. Gabi, die unbeholfen vor dem Küchenherd stehen geblieben war, beobachtete diese liebevolle Willkommensgeste mit eifersüchtigem Argwohn. Sie versuchte, sich nichts einzureden, konnte dann aber doch nicht mehr länger zuschauen und drehte sich überfordert weg. Die stille, einvernehmliche Vertrautheit, die Nähe, die trotz all der schlimmen Dinge, die zwischen den beiden vorgefallen waren, noch immer zwischen den einstigen Eheleuten bestand, machte ihr merklich zu schaffen und so lenkte sie sich lieber damit ab, das Vakuum aus hitzigen Kochdämpfe zu vertreiben, welches sie leicht schwindelig werden ließ, indem sie die Balkontür einen Spalt breit öffnete, tief durchatmete und anschließend das Mittagessen auf den bereitstehenden Tellern anrichtete. Die sich Umarmenden bekamen davon gar nichts mit. Es dauerte einen für Gabi viel zu langen Moment, bis Mehdi endlich seine Noch-Ehefrau wieder losgelassen hatte. Nun sah er sie einfach nur an, was die Verlegenheit in Annas Gesicht nur noch größer werden ließ.

Mehdi: Das gibt es ja nicht! Was machst du denn hier, Anna?
Anna (lächelt verlegen u. wedelt unbeholfen mit ihren Händen in der Luft herum): Tja, Überraschung! Ich bin wohl nicht so gut darin.
Mehdi (freut sich ehrlich): Ach, Quatsch! Ich bin nur ziemlich baff. Wir haben gar nicht mit dir gerechnet. Du hast beim letzten Mal, als wir telefoniert haben, gar nichts erzählt.
Anna: Zu dem Zeitpunkt wusste ich ja auch noch nicht, ob ich sie rumkriegen würde.
Mehdi (verwundert): Wen?
Anna (lacht kurz auf): Meine Ärzte und Therapeuten. Ich hab sie so lange genervt und bekniet, bis sie gestern endlich eingeknickt sind und mir das offizielle Go gegeben haben, die Rehaklinik schon zweieinhalb Wochen früher zu verlassen. Man hätte eh nicht mehr viel mehr mit mir machen können.
Mehdi (tritt einen Schritt zurück u. mustert sie bewundernd): Wow! Das ist doch super. Du siehst richtig gut und erholt aus.
Anna (schaut peinlich berührt zu Gabi rüber, die sich zu ihr umgedreht u. unmerklich die Nase gerümpft hat): Danke! Wie man’s nimmt nach fast drei Monaten Dauerschufterei, in denen an mir herumgezerrt und herumgedoktert wurde. Ich musste ihnen aber versprechen, es nicht gleich zu übertreiben und weiterhin regelmäßig meine Übungen zu machen. Der Berlin-Marathon ist noch nicht drin.
Mehdi (lacht): Der ist ja auch erst im Oktober, kann aber als zusätzliche Motivation dienen, wenn du’s versuchen willst. Ich würde es tun.
Anna (je ungezwungener Mehdi mit ihr umgeht, umso wohler fühlt sie sich in seiner Nähe): Meinst du, ich bräuchte die? Lieber nicht. Laufen war noch nie so mein Ding. Dann bleibe ich lieber bei den Übungen zur Stärkung meiner Rückenmuskulatur.
Mehdi (nickt verständnisvoll): Wenn du magst, ich kann dir gerne eine gute Physiotherapie bei uns im EKH vermitteln. Gabis Freundin Chantal lernt Physiotherapeutin, bald beginnt ihr letztes Ausbildungsjahr und sie braucht noch Praxis und dein Fall, der...
Anna (verdreht seufzend die Augen u. betet die Worte, die sie in den letzten Wochen und Monaten schon so oft gehört hat, herunter): ...ist speziell, ich weiß. Du redest schon wie Marc Meier. Der wird mir wahrscheinlich die Hölle heiß machen, weil ich die Therapie frühzeitig abgebrochen habe und damit wohlmöglich seine tolle Studie kaputtmache.
Mehdi (schüttelt grinsend den Kopf): Ach, was, Marc ist doch genauso stolz wie wir darauf, dass du in so kurzer Zeit so weit gekommen bist. Das alles hätte auch ganz anders ausgehen können, wenn Marc die Splitter nicht rechtzeitig entdeckt und dich zusammen mit Dr. Hassmann operiert hätte.
Anna (spürt den leichten Stimmungsumschwung u. die Woge aus Sentimentalität, die mit der kühlen Brise, die durch die offene Balkontür hereinkommt, zu ihr herüberweht): Ich weiß. Und ich wüsste nicht, was ich machen würde, wenn...
Mehdi (tritt wieder näher zu ihr heran u. legt ihr seine Hand mitfühlend an die Schulter): Hey, denk bitte nicht an so was! Auch dann hätten wir dir geholfen.
Anna (weicht sichtlich bewegt einen Schritt zurück u. muss sich an einem der Stühle festhalten): Danke! Ich weiß echt nicht, was ich sagen soll. Dass du nach all dem, was war, noch auf meiner Seite stehst, das...
Mehdi (mit ruhiger Samtstimme überzeugt er sie): Hey! Lass uns nicht mehr darüber sprechen! Das ist Vergangenheit. Alles ist gut. Lilly wird ausflippen, wenn sie dich hier sieht. Und sie ist alles, was zählt, hmm.

Lilly: Paaapaaa?

...kam es dann auch prompt wie aufs Stichwort aus dem Flur der Wohnung gerufen, wo Mehdis und Annas Tochter gerade ihren Schulranzen neben der Garderobe abgestellt hatte. Überdreht wippte sie von einem Fuß auf den anderen, blieb aber noch an der offenen Wohnungstür stehen, weil sie noch ein für sie sehr wichtiges Anliegen hatte. Auf die große Reisetasche, die in Sichtweite hinter eben jener Tür stand, achtete das quirlige Mädchen nicht, als sie nach einmal tief Luftholen erneut ihre Zuckerschnute aufmachte und Richtung Küche quakte.

Lilly: Kommst du bitte noch mal gucken, ob wir die Violetta gut getroffen haben? Franzi meint, da fehlt noch Glitzer und... Haben wir noch irgendwo lila Kreide?

Mehdi konnte sich ein breites schelmisches Grinsen nicht verkneifen, als er die fröhliche Stimme seiner aufgeweckten Tochter vernahm, während Anna vor aufsteigender Aufregung verkrampfte und Gabi neugierig mit zwei Nudeltellern in der Hand herumwirbelte, die sie auf dem Küchentisch abstellte. Mit beiden Händen umfasste sie die Lehne eines der Stühle und wartete ab, was gleich passieren würde, wenn die Kleine hier hereinpoltern würde. Mehdi versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, und sprach mit dem üblichen gelassenen Ton eines liebenden Vaters, als er Lilly in die Küche zu locken versuchte.

Mehdi: Lillymaus, kommst du bitte mal!
Lilly (nölend): Och Papa, dann muss ich ja Schuhe ausziehen. Können wir nicht erst noch gucken gehen und dann reden. Wenn es regnet, ist das Bild weg und dann ist es zu spät. Wir haben uns solche Mühe gemacht.
Mehdi (grinst vergnügt zwischen den beiden gespannt dreinblickenden Frauen in der Küche hin u. her u. geht langsam auf die angelehnte Küchentür zu, um nach Lilly zu schauen): Laut Wetterfrosch soll es heute nicht regnen. Und Mäusezähnchen, ich glaube, du willst lieber hier bleiben, wenn du erst einmal hereingeschaut hast. Hier wartet eine Überraschung auf dich.
Lilly: Ach menno!

...meckerte die Neunjährige schmollend, ohne die Überraschungsankündigung überhaupt zu registrieren, und klatschte demonstrativ lautstark die Wohnungstür hinter sich zu. Lustlos strampelte sie ihre pinken Turnschuhe von ihren Füßen, stellte sie artig auf ihren Platz im Schuhregal und warf ihre gleichfarbige Jacke an den Haken der Garderobe. Dann kam sie mit hängender Schnute in die Küche geschlurft, blieb aber sofort wie angewurzelt auf der Schwelle stehen, als sie mit immer größer werdenden Strahleaugen entdeckte, wer da mit ebenso großen braunen Augen hinter ihrem lachenden Papa auftauchte, mit den Tränen kämpfte und vor ihr in die Knie ging und die Arme einladend ausstreckte.

Lilly (ungläubig): Mama!?!

Jetzt gab es für Lilly kein Halten mehr und sie stürmte lachend auf ihre freudestrahlende Mutter zu und warf sich glücklich in ihre Arme. Anna presste ihre Tochter fest an sich und richtete sich mit ihr im Arm langsam wieder auf, sodass das überraschte Mädchen kurz die Bodenhaftung verlor. Überglücklich hielten sich Mutter und Kind fest und selbst die misstrauische Gabi musste bei dem Anblick kurz schlucken. Mehdi zog seine Freundin seitlich in seinen Arm und strich ihr sanft über die Hüfte, während er die beiden weiter zufrieden beobachtete. Lilly konnte sich kaum von ihrer Mama lösen, die sie wie wahnsinnig vermisst hatte, bis ihr plötzlich etwas siedendheiß einfiel. Abrupt riss sie sich von ihr los und wich vor Schreck zwei Schritte zurück, wodurch die Küchentür hinter ihr zuknallte. Ihre perplexe Mutter blickte verwundert zu ihr herab, während die wissbegierige Viertklässlerin argwöhnisch jeden Zentimeter der ein Meter siebzig großen Frau scannte.

Anna (verunsichert hakt sie nach): Lillybärchen?
Lilly (deutet mit dem Finger auf sie): Dein... Rücken?
Anna: Ja?
Lilly (ihre Augen werden immer größer, als sie langsam begreift): Ist der wieder heile? Darfst du mich überhaupt...? Du... du stehst ja! Deine... Beine?
Anna (lächelt bestätigend): Ja!
Lilly (versucht ihre Unsicherheit wegzuschütteln): Kannst du auch laufen, Mama?
Anna (strahlt sie stolz an, kommt auf sie zu u. dreht sich zu Demonstrationszwecken einmal im Kreis): Ja! Soll ich es dir zeigen? Ich könnte auch für dich Pirouetten tanzen, obwohl meine Ärzte ja sagen, ich sollte mich noch ein bisschen zurückhalten. Aber eigentlich kann ich wieder alles machen.
Lilly (versucht das alles für sich in Einklang zu bringen u. schaut fragend zu ihrem Papa, der ihr zuversichtlich zunickt): Aber... aber... das heißt...? Also bist du wieder ganz gesund?
Anna (geht vor ihr in die Hocke, um mit dem verunsicherten Mädchen auf Augenhöhe zu sprechen, u. umschließt ihre zittrigen Hände): So gut wie wiederhergestellt, ja, mein Schatz.
Lilly (ihre Augen beginnen verdächtig zu schimmern u. auch Mehdi muss sich schwer zusammenreißen, aber der feste Händedruck von Gabi, die an seiner Seite lehnt, hilft ihm dabei): Musst du wirklich nie wieder in den Rollstuhl, Mama?
Anna (umschließt mit ihren Händen das Gesicht der Neunjährigen u. lehnt ihre Stirn gegen ihre): Nein, Prinzessin, den packen wir ganz, ganz weit weg. Alles ist wieder gut. Wirklich. Du musst dir keine Sorgen mehr machen.
Lilly: Das ist toll, Mama!

...brach es schließlich überglücklich aus Lilly heraus und schwupdiwupp hatte sich die Neunjährige wieder an den Hals ihrer Mutter geworfen, die sie ebenso glücklich mit Tränen in den Augen in ihre Arme schloss und so fest an sich drückte, dass sie sie nie wieder loslassen wollte. Mehdi schaute ebenso gerührt dabei zu, während ihm Gabi zur Seite stand und ihn zufrieden von der Seite anlächelte. Anna flüsterte ihrer vor Freude schluchzenden Tochter derweil noch etwas ins Ohr, das Lillys Glücksgefühle gleich noch mehr durcheinander brachte.

Anna: Und weißt du, was das Tollste ist, mein Schatz? Ich gehe nicht mehr weg.
Lilly (löst sich etwas von ihr u. sieht mit großen Augen zu ihr auf): Bleibst du bei mir?
Anna (streicht ihr lächelnd über die geröteten Wangen): In Berlin, ja. Meine Reha ist vorbei. Ich muss nicht mehr zurück.
Lilly (strahlt wie ein Honigkuchenpferd): Das hab ich mir gewünscht, Mama.
Anna: Ich weiß, Liebling.

Langsam richteten sich die beiden wieder auf, hielten sich aber immer noch bei den Händen, als sie sich zu Mehdi und Gabi am Küchentisch umdrehten. Lillys Vater guckte auf den gedeckten Tisch, dann zu Gabi, die seinen Blick richtig deutete und sich in Richtung Nudeltopf in Bewegung setzte, und schließlich zu den beiden Kaan-Mädels, die mit der Sonne um die Wette strahlten.

Mehdi: Was haltet ihr davon, wenn wir erst einmal Mittag essen, hmm, bevor es noch ganz kalt wird? Du bleibst doch zum Essen? Sieh es quasi als Begrüßungsmenü. Gabi hat sich solche Mühe gegeben.
Gabi (räuspert sich peinlich berührt u. schaut kurz zu Anna rüber, die mit Lilly an der Hand auf einer Seite des Tisches Platz nimmt u. ihr wissend zuzwinkert): Äh... ja!?
Okay? Wie viel peinlicher geht es noch?
Anna (nachdem sie Gabis Blick bemerkt hat, sieht sie unsicher zu Mehdi rüber): Nur keine Umstände. Ich wollte doch nur nach Lilly schauen und na ja, den Wohnungsschlüssel deiner alten Wohnung abholen. Dein Angebot, dass ich dort wohnen kann, das gilt doch noch, oder, Mehdi? Wir haben nicht noch mal darüber gesprochen.
Mehdi (lächelt beipflichtend): Aber natürlich! Ich hab auch schon den Mietvertrag auf deinen Namen ändern lassen. Es ist nur noch nichts vorbereitet. Seit unserem Umzug war ich nicht wieder dort. Wir haben ja noch nicht mit dir gerechnet.
Lilly (klatscht begeistert in ihre Hände): Au ja! Lasst uns in die Wohnung fahren! Dann kann ich dir alles zeigen, Mama. Da ist es auch voll schön. Wie hier. Weißt du schon, dass ich hier im Haus schon zwei neue Freundinnen habe? Die Anni und die Franzi.
Anna (freut sich mit ihr u. streicht ihr lächelnd über ihr langes hellbraunes Haar, das zwei hübsche geflochtene Zöpfe zieren): Schön, mein Schatz!
Mehdi (hilft Gabi mit den beiden noch fehlenden Tellern Spaghetti u. setzt sich mit ihr Anna und Lilly gegenüber an den Tisch, der er sich nun augenzwinkernd zuwendet): Einen Schritt nach dem anderen, Lilly. Jetzt essen wir erst einmal. Ich kann deinen knurrenden Magen nämlich bis hier rüber hören. Das klingt ja fast schon wie ein riesiger hungriger Bär.
Lilly (streckt ihrem lustigen Papa frech die Zunge raus u. schlingt im nächsten Moment gierig eine große Portion Nudeln hinunter, sodass ihr Mund ringsum ganz rot verfärbt wird): Gar nicht! Das warst du! Dein dicker Bauch! Hihi!
Mehdi (schaut misstrauisch an sich herunter, dann zu den anderen Damen an dem Tisch, die sich ein leises Kichern nicht verkneifen können): Ach, tatsächlich? Ich glaube, du hast recht. Jetzt höre ich es auch. Aber das mit dem „Dick“, das will ich nicht gehört haben, Fräulein!

Lilly kicherte nur vergnügt und widmete sich nun ganz den leckeren Spaghetti mit Tomatensoße, ihrem liebsten Essen auf der ganzen Welt. Es herrschte eine angenehme, heitere Stimmung, auch wenn der Nachschlag etwas sparsam ausfiel, weil Gabi dann doch nur für drei und nicht für vier gekocht hatte. Aber das war nicht so schlimm, wenn man sich viel zu erzählen hatte. Hauptsächlich führte Lilly die Unterhaltung und unterhielt mit ihrer ansteckenden Fröhlichkeit alle Anwesenden am Tisch. Nachdem sie mit dem Essen fertig war, hielt sie jedoch nichts mehr auf ihren vier Buchstaben und sie musste ihrer Mama unbedingt ihr neues Zimmer zeigen. Mehdi ließ die beiden gewähren und freute sich aufrichtig darüber, wie unaufgeregt seine kleine Maus mit dem Wiedersehen mit ihrer Mutter umgegangen war. Er kümmerte sich in der Zwischenzeit um den Abwasch. Gabi blieb seltsam still am Küchentisch sitzen und rührte mit einem Löffel gedankenverloren in ihrem Joghurt herum, den sie sich als Nachtisch aus dem Kühlschrank stibitzt hatte. Mehdi wollte gerade nachfragen, was mit seiner ungewohnt ruhigen Freundin los war, da wurde er in Lillys Zimmer gerufen. Er warf Gabi einen vielsagenden Blick zu, trocknete seine Hände am Wischtuch ab und marschierte schnurstracks hinter ins Kinderzimmer, aus dem lautes Lachen herausdrang. Auch Mehdis Freundin riskierte einen kurzen Blick hinein, entschied sich dann aber dafür, sich lieber für den Moment zurückzuziehen. Das war schließlich Lillys Familie. Was hatte sie da schon groß zu suchen, dachte sie nur und schloss die Tür des Schlafzimmers hinter sich, nachdem sie lautlos hinein getreten war.

Genau dort fand der glückliche Familienvater sie dann auch, nachdem er sich nach einer Weile von Lillys Kinderzimmer hatte loseisen können, wo eifrig Pläne über das zukünftige Hin und Her geschmiedet worden waren. Langsam taperte Mehdi durch das halb abgedunkelte Schlafzimmer. Er runzelte die Stirn, als er Gabi nicht gleich entdeckte und vernahm dann ein leises Wimmern von nebenan. Vorsichtig schob er die nur angelehnte Tür zum „begehbaren Kleiderschrank“ auf, der bald in ein zweites Kinderzimmer verwandelt werden würde. Und dort am Boden vor dem wuchtigen dreitürigen Kleiderschrank hockte sie schließlich. Gabi hatte die Knie angezogen und ihre Arme darum geschlungen. Ihr Gesicht wandte sie schnell ab, als sie ihren Schatz hereinkommen bemerkte, damit er nicht sehen konnte, dass sie geweint hatte. Hatte er aber. Behutsam trat Mehdi näher und ging schließlich vor dem Häufchen Elend, das passend zu Gabis aktueller Stimmungslage immer noch seinen hässlichen dunklen Kapuzenpulli trug, in die Knie.

Mehdi: Hier bist du! Versteckst du dich? Du musst dich nicht verstecken, Gabi.
Gabi (schnieft einmal laut auf u. versucht es zu überspielen): Ich versteck mich nicht. Ich...
Mehdi (legt seine Hände auf ihre vor den Knien gefalteten Hände u. sieht sie an): Maus?
Gabi (blickt stur auf ihre orangefarbenen Socken u. wackelt unmerklich mit den großen Zehen): Ich hab nur... Ich wollte nur... mir etwas anderes anziehen, aber...
Mehdi (hält seinen Kopf leicht schräg u. versucht, ihr ins Gesicht zu blicken, das sie immer noch abgewandt hält, u. beendet für sie den Satz): ...du hast nichts Passendes gefunden?
Gabi (kann die wieder hochkommenden Tränen kaum verhindern u. ärgert sich wahnsinnig darüber): Nein!
Mann, wieso reagiere ich denn jetzt so scheiße emotional? Ich mach mich hier noch zum Vollhonk. Wegen nichts und wieder nichts. Wieso passiert mir das? Ich will nicht, dass er mich so sieht.
Mehdi (zieht das vor Schluchzern bebende Mädchen in seine starken Arme): Hey! Das ist doch nicht schlimm. Ich sagte doch, du siehst schön aus in meinem hässlichen Pulli.
Gabi (vergräbt ihr tränenüberströmtes Gesicht an seinem dunkelgrünen T-Shirt u. schnuppert seinen herben Männergeruch tief ein): Ich sehe aus, wie frisch aus der letzten Mülltonne gekrochen.
Mehdi (versucht es mit Humor zu nehmen): Na, vielen Dank auch für das Kompliment. Ich werde das beim nächsten Mal meinem Kleidungsausstatter weiterleiten.
Gabi (sieht kurz verwirrt auf, kneift die schmerzenden Augen zusammen u. schüttelt den Kopf): Nein, ich meine doch nur... Was denkt sie denn jetzt von mir?
Mehdi (ahnt, was wirklich hinter Gabis abrupten Gefühlsausbruch steckt u. versucht, sie liebevoll zu beruhigen): Wer? Anna? Bella, Anna ist kein Mensch, der jemanden in Schubladen steckt und nach irgendwelchen oberflächlichen Kriterien beurteilt. Du musst dich nicht vergleichen.
Na toll, jetzt schwärmt er mir auch noch vor, wie gut er seine Frau kennt. Oh Gott, sie ist seine Frau! Sie ist immer noch seine Frau. Das hört sich furchtbar an.
Gabi (jetzt bricht der ganze Kummer erst recht ungefiltert aus ihr heraus): Mehdi, ich bin eine Frau. Wir vergleichen uns ständig und überall. Das liegt tief in unseren Genen. Und ich hab das Gefühl, dass ich komplett durchgefallen bin. Ich kann nicht kochen. Deine Frau hat mir mit dem Mittagessen geholfen, wenn du’s genau wissen willst. Sonst hätte ich vermutlich den Pizzadienst gerufen, was auch kein gutes Bild abgegeben hätte. Wegen gesunder und ausgewogener Ernährung und so. Ich bin die schlechteste Hausfrau der Welt und ich hab keine Ahnung, was in einer Neunjährigen vorgeht. Ich kann mich ja noch nicht mal richtig anziehen. Und geduscht hab ich heute auch noch nicht. Ich müffle. Und ich glaube, ich hab sogar irgendwo Tomatensoße in den Haaren.
Mehdi (zieht sein Meckerlieschen noch fester in seine Arme u. versucht, ihr so die unbegründeten Sorgen zu nehmen): Babyblues, hmm?
Gabi: Nein! Ja? Ich weiß nicht.
Mehdi (streichelt sie liebevoll): Hey? Das ist kein Test, Bella. Anna ist bestimmt nicht hier, um dich im Umgang mit Lilly zu kontrollieren. Sie will sie nur sehen. Das ist alles. Das ist ihr gutes Recht.
Gabi (vergräbt sich in seinen starken Armen u. will nie wieder daraus auftauchen): Mehdi, du musst mir nichts erklären. Ich weiß das ja auch alles. Und ich kann sie auch verstehen. Ich hab gespürt, wie nervös sie die ganze Zeit war. Ich freue mich ja auch für Lilly, dass sie ihre Mutter wieder hat.
Mehdi (legt seinen Kopf leicht schräg, um sie besser ansehen zu können): Aber? Das ist alles ein bisschen viel auf einmal heute, hmm?
Erst der Ärger mit meiner dummen, kleinen Schwester und dann taucht ausgerechnet SIE hier auf. Kein Wunder, dass Frau da durchdreht.
Gabi (ringt wieder mit den Tränen u. schluchzt herzerweichend als Bestätigung): Ja!
Mehdi (schiebt sich zwischen sie u. Schranktür u. umschließt sie nun ganz fest mit Armen u. Beinen): Darf ich?
Gabi (schmiegt sich in seine Krakenumarmung u. lässt sich von der Woge aus Geborgenheit, die ihn umgibt, einlullen): Ich bestehe sogar darauf.
Mehdi (lächelt Wange an Wange): Das ist gut.

Einen Augenblick lang saß das Paar so eng umschlungen in stiller Eintracht da, bis sich Gabis Schluchzer und ihr Herzschlag einigermaßen beruhigt hatten und sie wieder normal sprechen konnte. Mehdi, der sie zum Takt eines Ohrwurms, den er vorhin auf der Fahrt nach Hause im Autoradio gehört hatte, leicht hin und her wiegte, hörte seiner Liebsten aufmerksam zu, als sie mit Bedacht ihre unkontrollierbaren Stimmungsschwankungen zu erklären versuchte. Eine ziemlich anstrengende Angelegenheit.

Gabi: Weißt du, ich will mich so nicht fühlen. Ich erkenne mich ja selbst kaum wieder. Ich war immer stolz, dass ich diese Macht über Männer hatte. Ein kesser Blick hier. Eine gezielt gesetzte Berührung da. Ein flotter Spruch dazu. Ich bin gut im Flirten und Verführen. Ich hab mich immer sexy und dadurch selbstbewusst gefühlt. Und jetzt bin ich nur noch diese Heulsuse, die im hässlichen Schlabberlook zu Hause herumhockt und beim kleinsten Problem in akute Panik verfällt. Wenn du immer noch einen Beweis brauchst, dass wir ein Mädchen bekommen, dann musst du mich nur mal genau anschauen. Mehr Mädchen geht gar nicht. Ich bin die reinste weibliche Hormonbombe. Ich find das furchtbar.
Mehdi (lehnt schmunzelnd sein Kinn auf ihre Schulter): Das ist nicht furchtbar. Nur süß.
Gabi (zickt beleidigt): Das ist deine Antwort auf alles, was? Soll ich mich damit besser fühlen? Süß ist nicht das, was ich sein will, Bärchen. Lilly ist süß. Ich nicht!
Mehdi (dreht sich so zu ihr herum, dass er ihr besser ins gerötete Gesicht sehen kann): Maus, jede Schwangere macht diese Entwicklungen durch. Ich weiß, du hältst das für unnötiges Medizinerlatein, das dir nicht weiterhilft und das dir schon zu den Ohren heraushängt. Und ich würde dir gerne etwas davon abnehmen, wenn es möglich wäre. Und wahrscheinlich hätte ich den Medizinnobelpreis verdient, wenn ich wirklich dahinter käme, was da alles bei euch in dem Stadium vorgeht.
Gabi (sieht ihn ungläubig an u. bricht unvermittelt in Lachen aus): Oh, ich wusste gar nicht, dass du so hochtrabende Ziele hast, Herr Doktor.
Mehdi (steigt in ihr hinreißendes Lächeln mit ein, das ihr ganzes Gesicht erstrahlen lässt, weil er glücklich ist, sie aus ihrem Kummer herausgelockt zu haben): Fast! Mein Hauptziel ist allerdings, dass du glücklich bist. Dafür würde ich, nein, werde ich alles geben. Dich so bedrückt wie eben zu sehen, das tut mir genauso weh, glaub mir.
Gabi (will stark sein): Ich bin glücklich.
Mehdi (spürt, dass da noch mehr ist): Aber?
Gabi (schüttelt den Kopf): Nichts! Es ist eigentlich im Grunde albern. Nicht der Rede wert.
Mehdi (schaut ihr eindringlich in die Augen, die seinem steten Blick kaum standhalten können): Schatz, vor mir muss dir überhaupt nichts peinlich sein. Ich hoffe, das weißt du. Wir können über alles reden und wenn du nicht willst, dann ist das auch völlig okay für mich. Nur versteck dich nicht vor mir. Das musst du nicht.

Gabi nickte ihrem einfühlsamen Partner zustimmend zu und vergrub ihr Gesicht an seinem Hals, den sie bereits mit einer Hand umfasst hielt und bedächtig streichelte. Sie zögerte, begann dann aber doch leise zu erzählen, was sie gerade aus unerfindlichen Gründen am meisten bedrückte.

Gabi: Weißt du, ich will mich wirklich nicht so fühlen, aber dass sie jetzt da ist und bleibt, das...
Mehdi (ahnt instinktiv, was in ihr vorgeht): Du fühlst dich bedroht?
Gabi (schließt die Augen u. sortiert ihre widersprüchlichen Gedanken): Jede Frau würde das. Obwohl „bedroht“ vielleicht das falsche Wort ist. Das klingt zu hart. Aber ich will auch nicht eifersüchtig sein. Ich meine, ich sehe doch, dass sie im Grunde genommen ein guter Mensch ist, der halt die eine oder andere dumme Idee zu viel hatte und die völlig falsche Abbiegung genommen hat. Wer wäre ich, wenn ich das nicht verstehen würde? Du hast ihr verziehen. Ich weiß nicht, ob es irgendjemanden auf der Welt gibt, der das geschafft hätte, und ich finde das bewundernswert. Ich jedenfalls hätte das nicht gekonnt. Ihr bedeutet euch was.
Mehdi (hört ihr verständnisvoll zu): Es bleibt immer etwas zurück, wenn man mal verheiratet war.
Gabi (sieht ihn direkt an): Ich verstehe das oder zumindest der überwiegende Teil von mir versteht das. Das klitzekleine Prozent weiblicher Hormone zu viel, die in meinem Körper herumwirbeln und alles auf den Kopf stellen, stellt sich aber die abstrusesten Bilder vor und ich kann’s nicht stoppen. Es ist erklärungsresistent.
Mehdi (erwidert ihren ernsten Blick): Du weißt, dass da nichts mehr ist. Anna und ich haben alles geklärt. Schon vor der Reha. Und jetzt auch wieder, was den Umgang mit Lilly betrifft. Wir wollen beide, dass es unkompliziert bleibt. Lillys Wohl steht an erster Stelle. Wir teilen uns das Sorgerecht. Wir sind uns einig. Und nächsten Monat werden wir endgültig geschieden.
Gabi (schließt die Augen u. atmet tief durch): Ich kenne die Fakten, Mehdi. Das kommt auch alles bei mir an.
Mehdi (weiß nicht richtig, wie er es ihr noch begreiflich machen soll): Sie ist Lillys Mutter. Ich kann und werde sie nicht ausschließen. Sie ist und bleibt ein Teil dieser Familie.
Gabi (öffnet ihre Augen wieder u. lächelt ihn zaghaft an): Das sollst du ja auch gar nicht, Mehdi. Das sind dumme Gedanken, mehr nicht. Dumme Gedanken von jemandem, der es nicht besser weiß. Du weißt, wie es bei mir, was Familienangelegenheiten betrifft, gelaufen ist. Ich hab keine Vorstellung davon, wie es sein wird, wenn sie erst einmal hier in Berlin lebt und Lilly zwischen ihr und uns pendeln wird. Ich hab mich gerade erst daran gewöhnt, wie ein geregeltes stinknormales Familienleben funktioniert und ich fand es toll, wenn auch manchmal nervig, weil Lilly grundsätzlich immer die Türen öffnet, ohne vorher anzuklopfen. Ich hab Lillys Schulbrote gerne geschmiert und sie zur Schule gebracht.
Mehdi (ist hingerissen von ihr u. ihrer Offenheit): Das kannst du doch auch weiterhin tun. Viel wird sich nicht ändern. Außer dass wir ab und an mehr Zeit für uns haben werden. Das alles muss sich doch erst einmal einspielen. Wir werden eine Regelung finden, die allen angenehm sein wird. Anna ist doch gerade erst angekommen.

...versuchte Mehdi Gabi erneut die Sorgen und Zweifel zu nehmen, aber da ahnte er ja auch noch nicht, was noch an seiner schwangeren Freundin nagte. Ein Gedanke, der sich durch ihre Eingeweide fraß, seitdem sie seine Frau vorhin bildschön und anmutig über die Türschwelle hat treten sehen.

Gabi: Und was ist, wenn sie noch...?
Mehdi (blickt sie arglos an): Was?
Gabi (will es eigentlich nicht, aber dann platzt es doch unvermittelt aus ihr heraus): Ich hab doch Augen im Kopf, Mehdi. Wie sie dich ansieht, wenn sie denkt, es merkt niemand.
Mehdi (staunt nicht schlecht, als er begreift): Du denkst, sie ist noch in mich verliebt? Gabi, das ist Blödsinn.
Gabi (kann nicht von dem Gedanken ablassen): Liebe ist nie Blödsinn, Mehdi. Liebe ist ernst. Blöd benehmen sich dabei nur die Beteiligten. Es kann doch sein, dass sie noch hofft. Du bist der tollste Mensch, den ich kenne. Ihr ward so lange verheiratet. Und die Vertrautheit zwischen euch, die spürt man immer noch. Gesten, Blicke, Insiderwitze, über die nur ihr lachen könnt. Ihr habt eine gemeinsame Vergangenheit und damit meine ich nicht nur Lilly. Und du kannst nicht leugnen, dass sie vor der Reha, als sie noch bei uns im Krankenhaus auf der Intensiv gelegen hat, alles dafür gegeben hätte, dich zurückzubekommen. Das hab ich ihr an den Augen abgelesen. Sie hat sich nicht verstellt.
Mehdi (lächelt verliebt): Ich wusste gar nicht, wie sehr du mir vertraust.
Gabi (verdreht die Augen, weil er sich so naiv gibt): Ich bin eine Frau, eine schwangere noch dazu, ich darf, nein, ich muss mir Gedanken machen. Das ist evolutionsbedingt so vorgesehen, weil man das Kind und sich in Sicherheit wiegen möchte.
Mehdi (ist völlig hingerissen): Du bist süß.
Gabi (lässt sich wieder in seine Arme fallen u. gibt entnervt auf): Manchmal denke ich, ich kann überhaupt nicht verstehen, wieso du mich magst. Vor allem wenn ich gerade so bin wie jetzt. Hysterisch, eifersüchtig, total daneben.

Mehdi schmunzelte nur. Er löste sich von der Schranktür, an welcher er mit seiner Freundin die ganze Zeit gelehnt hatte, und drehte sich so weit zu ihr herum, bis er sie direkt ansehen konnte. Tief vergrub er seinen Blick in ihren selbstzweifelnden, dunkelgrünen Augen, die, je länger er hineinsah, immer weicher wurden. Schließlich belächelte auch Gabi ihr alberndes Verhalten. Auch weil sie ahnte, dass er ihre Frage mit einem zärtlichen Kuss beantworten würde, der auch prompt folgte und ihr Herz ein paar Takte höher schlagen ließ. Genau das hatte sie gebraucht, dachte die verliebte Krankenschwester, bevor sie ihren dauerratternden Kopf endlich abschaltete und sich ihrem liebevollen Partner inniglich hingab.

Mehdi: Beweis genug?
Gabi (will eigentlich immer noch über sich selbst schmollen, wird aber bei seinem intensiven Grinseblick sofort weich): Ja! Nein?
Mehdi (gespielt verwundert hebt er eine Augenbraue): Nein? Na dann!

Also küsste Mehdi sie noch einmal und legte dabei alles, was er an Empfindungen für sie übrig hatte, in diesen einen leidenschaftlichen Kuss, der alle je entstandenen Zweifel von Gabi endgültig ad absurdum stellte. Voller Hingabe erwiderte sie seine ehrliche Liebesbekundung. Und was der charmante Oberarzt dann noch sagte, nachdem er sich atemlos von ihr wieder gelöst hatte, berührte ihr Herz im tiefsten Inneren.

Mehdi: Maus, jetzt sag ich dir mal was. Warum ich dich so mag? Das ist ganz einfach zu beantworten. Ich bin hoffnungslos, nein, das ist das falsche Wort, denn ich bin ja voller Hoffnung, also genau das Gegenteil, also anders, ich bin rettungslos, bis über beide Ohren in dich verliebt, Bella. Ich liebe dich von ganzem Herzen. Mir kommt es auch manchmal wie ein Traum vor, wie schnell sich das mit uns entwickelt hat. Dass ich mich manchmal sogar selbst zwicken muss, ob das alles wirklich passiert. Hey, wir bekommen ein Baby. Das ist so ein unfassbarer Gedanke, dass ich mich auch manchmal zurückziehen muss, um zu weinen. Vor Glück. Ich fühl mich dir so nah. Ich kann nachts nicht schlafen, weil ich mich schon so sehr darauf freue, wenn ich dir am nächsten Morgen in deine wunderschönen, großen, dunkelgrünen Augen schauen darf, die mich mit voller Intensität jedes Mal aufs Neue packen und in ihren Bann ziehen. Du bist meine Sonne, die mich aus einem gefühlt hundertjährigen Schlaf wieder geweckt hat. Du hast mir wieder Hoffnung gegeben. Ich lebe diese Hoffnung und bin wahnsinnig glücklich dabei. Jeder Zweifel von dir ist also völlig grundlos. Du wirst mich nicht mehr los. Da kann kommen, wer will. Ich freu mich so auf unsere gemeinsame Zukunft, dieses Abenteuer, dass ich es am liebsten in alle Welt hinausschreien möchte.
Gabi (stoppt ihn u. hält ihm hastig den Mund zu, weil es den Anschein hat, er würde das gleich tatsächlich tun wollen): Findest du das nicht ein bisschen theatralisch?
Mehdi (zuckt lässig mit den Schultern u. grient sie verschmitzt an): War das zu viel? Ich fand mich eigentlich ganz gut.
Oh Gott, ich lieb ihn so! Wenn er so ist, dann fühlt sich alles so leicht an.
Gabi (stupst den frechen Charmeur von der Seite an u. umschließt ihn dann mit ihren Armen u. schmiegt ihren Kopf an seine Schulter): Angeber! Aber die Botschaft ist angekommen. Ich fasse sie mal auf meine Weise in vier Worten zusammen: Ich lieb dich auch.
Mehdi (legt seine Hand an ihren Hinterkopf, streicht ihr sanft übers Haar u. lächelt verliebt, bis ihm plötzlich etwas einfällt): Gut! Und wenn du mir immer noch nicht glaubst, dass das alles, was mit uns passiert, wahr ist, dann muss ich dir wohl den hier geben.
Gabi (vor lauter Rührung versteht sie nicht gleich, was er ihr mit dem Schlüssel, den er aus seiner Hosentasche zieht u. mit dem er vor ihren Augen hin u. her wackelt, sagen will): Ach, Mehdi, du guckst eindeutig viel zu viele kitschige Filme. Du bist wie eins dieser Singlemädchen in ihren besten Zwanzigern, die noch daran glauben, das... Was ist das?
Mehdi (überreicht ihr den unscheinbaren silbernen Schlüssel mit ehrfürchtigem Blick): Wonach sieht es denn aus? ... Der Schlüssel zu meinem Herzen!
Gabi (im ersten Moment perplex, dann muss sie plötzlich lachen, als sie den Schlüssel hin u. her dreht): Den hab ich doch schon längst.
Mehdi (schaut sich gespielt verdutzt in dem kleinen dunklen Raum um): Ach, ja? Nun, dann... ähm... ist es eben mein Schlüssel zu deinem Herzen.
So ein Spinner! Aber was soll das? Unser Wohnungsschlüssel sieht doch ganz anders aus. Der hier ist doch viel zu klein.
Gabi (schüttelt ungläubig den Kopf): Du denkst also, dass er passt?
Mehdi (wirkt überzeugt): Ich weiß es.
Gabi: Und was soll ich jetzt damit?

...fragte Gabi schließlich arglos, die nicht so richtig wusste, wie sie die Symbolik des Schlüssels richtig zu deuten hatte. Mehdi wollte seine süß verpeilt dreinblickende Freundin eigentlich noch ein bisschen zappeln lassen, aber angesichts der aktuellen Entwicklungen und Gabis sichtlich mitgenommenen Zustandes in den vergangenen Minuten konnte er nicht mehr länger damit warten und verriet ihr zumindest einen kleinen Teil seiner geplanten Überraschung. Ihre Reaktion folgte prompt, wenn auch etwas zeitverzögert.

Mehdi: Sagen wir mal so, der Schlüssel ist mein Pfand zu meinem Versprechen.
Gabi (verwirrt): Dein Versprechen?
Mehdi: Ich hätte schon viel früher davon Gebrauch machen sollen. Dann hätte ich uns und vor allem dir vermutlich die eine oder andere unangenehme Situation erspart. Das tut mir leid. Ich habe auf den perfekten Moment gewartet und hab ihn dabei womöglich verpasst. Und jetzt ist Anna hier und ähm... Annas Auftauchen hat mir gewissermaßen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber dann ändern wir eben die Pläne. Auch gut. Spontanität ist immer gut. Mir wird ja immer vorgeworfen, ich sei unspontan und unoriginell.
Gabi (schaut ihrem Freund völlig überfragt in die hin und her huschenden kastanienbraunen Augen): Mehdi, wovon redest du?
Mehdi (lächelt sie geheimnisvoll an u. zieht sie eine Melodie summend mit hoch, als er vom Boden aufsteht): Lass dich überraschen!
Gabi (hebt argwöhnisch ihre gezupften Augenbrauen): Du bist der schlechteste Rudi-Carell-Imitator, den ich kenne. Jetzt sag mir endlich, was los ist und was deine Ex damit zu tun hat!
Mehdi (deutet auf den Schrank, vor dem sie eng umschlungen stehen): Pack ein paar Sachen zusammen! Ich fahr Anna und Lilly schnell rüber in die Wohnung, zeig ihr alles und stell sie den Nachbarn vor. Und dann hol ich dich hier wieder ab und wir fahren los.
Gabi (starrt ihn völlig konsterniert an): Was?
Mehdi (strahlt sie mit verliebtem Charmeurblick an u. hilft ihr ein letztes Mal auf die Sprünge): Heute Vormittag hat mich eine sehr, sehr hübsche und unglückliche junge Dame am Videotelefon darum gebeten, sie von hier weg zu beamen. Ihr Wunsch ist mir Befehl.
Das heißt...? Oh... mein... Gott! Ich liebe diesen Mann!
Gabi (muss sich ein kleines Tränchen aus dem Augenwinkel wischen, als sie endlich versteht u. aufgeregte Freude das Kommando über sie übernimmt): Ehrlich? Du willst wirklich mit mir wegfahren? Einfach so? Also hatte ich doch recht mit meiner Vermutung? Moment mal! Heute? Ein Kurztrip? Wohin? Oh, lass mich raten! In die Toskana, richtig? Ich wollte schon immer mal nach Italien.
Oh, oh, ich glaube, irgendwas ist da falsch rübergekommen. Aber Geheimniskrämerei hat ja immer auch seine Tücken. Dann halt anders!
Mehdi (kann das aufgeregte Energiebündel kaum bremsen): Äh... Nicht ganz. Dafür hätte ich mehr Tage aus dem Ärmel der Oberschwester schütteln müssen. Mein natürlicher Charme hat zumindest bei ihr auch Grenzen. Angesichts der Personallage. Aber bis Mittwoch könnte ich so was wie italienisches Feeling schon vermitteln. Mein südländischer Teint hilft mir vielleicht dabei. Und so weit ist die deutsche Version von Florenz ja auch nicht entfernt. Wenn du da hin willst, dann machen wir das auch?
Gabi (sieht ihn an, als wäre er jetzt komplett verrückt geworden): Hä? Wenn es nicht Italien ist, dann... Aber du willst mich nicht auf nen Campingplatz entführen, oder? Mehdi, bei aller Liebe, aber campen geht gar nicht. Dann bleibe ich lieber für immer hier.
Mehdi (grinst sie an): Hältst du mich für so einfallslos, mein Schatz?
Gabi (schaut ihn lange gespielt überlegend an, dann kann sie sich auch nicht mehr zurückhalten, schlingt ihre Arme um seinen Hals u. grient ihn vorfreudig an): Nein!
Mehdi (drückt ihr einen innigen Kuss auf die gespitzten Lippen): Gut! Dann wäre das ja geklärt. Ich denke, ich bin in ein bis zwei Stunden wieder hier. Dann hab ich Anna alles gezeigt und erklärt. Den Rest wird Lilly schon übernehmen. Sie ist schließlich schon groß, O-Ton meine Maus vor wenigen Minuten.
Gabi (versucht, das alles zu verarbeiten u. erstellt beim Anblick des überquellenden Kleiderschranks schon einmal eine Liste mit Sachen, die sie mitnehmen möchte): Du willst sie wirklich bei ihr lassen? Alleine? So lange?
Mehdi (streicht ihr die zerzausten Strähnen aus dem Gesicht u. sieht sie lächelnd an): Hey, es ist lieb, dass du dir Sorgen machst, aber die sind vollkommen unbegründet. Niemand will hier irgendwem etwas wegnehmen. Warum auch, wir haben doch alles geklärt. Und Lilly freut sich so auf die gemeinsame Zeit mit ihrer Mutter. Sie haben sich so lange nicht gesehen. Du weißt, wie sehr sie ihr gefehlt hat und wie oft ich ihre Tränen trocknen musste, nachdem sie vor dem Zubettgehen den Telefonhörer nicht wiederauflegen wollte.
Gabi (sieht ihn beklommen an): Ich weiß.
Mehdi: Und ursprünglich war ja auch mein Plan, zuerst die Rehaklinik anzusteuern, die genau auf dem Weg zu unserem Reiseziel liegt, mit Anna über alles, was es bei uns Neues gibt, zu reden und Lilly über die ersten Ferientage bei ihr zu lassen. Dann wären alle meine Mädels glücklich gewesen. Aber das sind sie so ja jetzt auch. Also hab ich das ja doch ganz gut hingekriegt?
Gabi (schmiegt sich verliebt an ihren Helden): Du bist echt unglaublich, aber genau dafür lieb ich dich.
Mehdi (küsst sie erneut zärtlich auf die Lippenspitzen): Ich dich auch. Und? Alles wieder gut? Sind die dunklen Wolken abgezogen? Das war heute wirklich ganz schön viel für dich, aber dann komme ich mit dem Timing für unseren Kurzurlaub doch genau richtig.
Gabi (erst aufgeregt, dann abgelenkt von einem piependen Handy im Schlafzimmer): Ja! Du bist der Beste! Und ich freue mich. Was soll ich eigentlich mitnehmen? Und wo fahren wir jetzt genau hin? Das hast du immer noch nicht verraten. ... Oh mein Handy! Warte!
Mehdi (folgt ihr grinsend ins Schlafzimmer u. umschlingt sie von hinten, während sie auf dem Display ihres Glitzersmartphones die neu eingegangene Nachricht anklickt): Mhm, vielleicht brauchst du ja auch gar keine Klamotten. Nur so als Anreiz! Dann können wir das mit den kessen Blicken und den zufällig gesetzten Berührungen noch mal aufgreifen.
Gabi (kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen u. will gerade keck kontern, als sie die neue Nachricht zum zweiten Mal ungläubig überfliegt): Das hättest du wohl gerne, du Macho, aber der Gedanke gefällt mir... auch. Tina hat geantwortet!
Mehdi (freut sich mit ihr, während er seine Wange gegen ihre schmiegt): Und?
Gabi (seufzt, aber die Freude überwiegt u. setzt sie unter Strom): Sie ist mir noch böse, aber sie kann mich verstehen. Selbsterkenntnis war schon immer so eine Sache bei ihr. Ich schreib ihr schnell zurück.
Mehdi: Mach das, mein Schatz, und grüß sie lieb von mir! Ich bin gleich wieder da und dann kann’s losgehen. Für den Proviant hab ich schon gesorgt. Das Wochenende wird toll.

...verabschiedete sich der charmante Halbperser mit einem kitzelnden Kuss in Gabis Nacken. Seine überdrehte Freundin zuckte bei seiner Berührung leicht zusammen und winkte dem Frechdachs nur kurz hinterher, denn sie war schon davon abgelenkt, ihrer kleinen Schwester eine weitere Sms zukommen zu lassen. Hatte Gabi eben noch total in ihrem Kummer gebadet, strotzte sie plötzlich wieder vor Energie und Lebensfreude. Und ihre gute Laune wirkte ansteckend.


https://www.youtube.com/watch?v=3ryohiCVq3M

Lorelei Offline

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20.10.2015 14:31
#1545 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Zufrieden vor sich hin grinsend stolperte Dr. Kaan aus dem heimischen Schlafzimmer und stieß davor prompt mit Lillys Mutter zusammen, die gerade vor dem Garderobenspiegel stand und sich ihren dunkelblauen Parka über die gestrafften Schultern warf. Entschuldigend blickte sie ihren Exmann an und deutete mit dem Kinn in Richtung des Zimmers, das er soeben verlassen hatte, und wickelte sich anschließend ihr blau gepunktetes Tuch locker um den Hals. Mehdi griff ebenfalls nach seiner Jacke und schlüpfte in seine Schuhe, während er Annas anhaltend schlechtes Gewissen mit seinem einnehmenden Kaanschen Charme sofort auszuräumen versuchte. Denn für irgendwelche Vorbehalte gab es hier nun wirklich keinen Grund.

Mehdi: Oh? Schon bereit?
Anna (lächelt unsicher): Ich... Ähm... ich wollte sie nicht verkraulen. Ich hätte hier nicht einfach so unangemeldet hereinplatzen sollen. Und dann war ich auch noch so übergriffig und hab ihr mit dem Essen geholfen. Das tut mir leid. Also, nein, das nicht, das hab ich gerne gemacht. Aber beim nächsten Mal melde ich mich einfach vorher an oder wir treffen uns gleich in meiner neuen Wohnung, wenn du Lilly vorbeibringst. Oder ich komme ins Elisabethkrankenhaus.
Mehdi (richtet sich vom Schuhe zubinden auf u. schaut sie freundlich lächelnd an): Quatsch! Du hast niemanden verkrault. Im Moment ist alles ähm... nur etwas durcheinander bei uns. Aber das hat nichts mit dir zu tun. Du kannst jeder Zeit vorbei kommen, wenn du Lilly sehen möchtest. Du bist hier immer willkommen und wir fangen gar nicht erst damit an, das diskutieren zu müssen. Wo steckt unsere Prinzessin überhaupt?
Anna (atmet erleichtert aus u. deutet mit dem Kopf in Richtung Wohnungstür, die nur angelehnt ist): Sie ist schon unten und packt dein Auto.
Mehdi (schmunzelt vergnügt, während er sich einen dünnen dunkelgrünen Schal um seinen Hals wickelt): Oje, aber sie zieht nicht gleich aus, oder?
Anna (schluckt getroffen): Mehdi, ich... Wenn dir nicht recht ist, dass sie bei mir ist, dann... Ich... will sie dir nicht wegnehmen. Wenn ihr Pläne fürs Wochenende habt, dann ist das kein Problem für mich. Ich muss eh erst einmal hier ankommen. Es war Lillys Vorschlag und sie war gleich so enthusiastisch und hat Nägel mit Köpfen gemacht. Sie war kaum zu bremsen.
Mehdi (verzieht erst keine Miene, dann lächelt er): Das war ein Scherz, Anna. Natürlich darf sie bei dir bleiben. Und wenn du es genau wissen willst, war das genau unser Plan fürs Wochenende. Morgen Mittag hätten wir bei dir in der Reha vor dem vermutlich schon wieder neu besetzten Zimmer gestanden und ziemlich dumm aus der Wäsche geschaut. Lilly hat nichts davon gewusst. Es sollte eine Überraschung werden. Für euch alle. Gabi und ich wären dann weiter ins Lausitzer Seenland gefahren. Ein Freund von Marc hat da ein Ferienhaus.
Anna (staunt nicht schlecht): Tatsächlich?
Mehdi (muss selber darüber lachen): Ich glaube, es hätte ein ziemliches Durcheinader gegeben, wenn wir alle uns verpasst hätten.
Anna (versucht, das beklommene Gefühl, das in ihr hochsteigt, von sich weg zu schieben): Dann war es wohl doch gut, dass ich heute schon hier vorbeigeschneit bin. Ich hab lange überlegt und zweimal wollte ich schon umdrehen und wieder weggehen. Aber dann hat so ein nettes kleines Mädchen die Tür aufgemacht und ich dachte, das ist der Schups, den ich noch gebraucht habe.
Mehdi (lächelt milde): Na, siehst du! Wir beißen nicht. Für Lilly, wenn sie Hunger hat, kann ich aber nicht garantieren.
Anna (ihr Gesichtsausdruck bleibt trotz Mehdis aufmunterndem Scherz ernst): Danke!
Mehdi (schaut ihr verwundert in die Augen): Wofür?
Anna (weicht unsicher seinen Blicken aus u. schaut zur geöffneten Wohnungstür, als würde sie jemanden erwarten): Dafür, dass du... ihr so unkompliziert seid. Dass du das möglich machst. Dass ich hier sein darf, obwohl...
Mehdi (ebenso ernst): Anna, das ist doch selbstverständlich.
Anna (sieht ihn wieder an u. schüttelt den Kopf; Tränen schießen ihr unweigerlich in die Augen, als sie an das vergangene Jahr denkt): Du weißt ganz genau, dass es nicht so ist, Mehdi. Jeder andere würde ganz anders reagieren, nachdem was ich alles verbockt habe. Ich kann das nie wieder gutmachen. Und dass Lilly keinen Knacks davongetragen hat, weil ich so bescheuert und selbstsüchtig war, das... das ist alles dein Verdienst. Du gibst ihr ein richtiges Zuhause, Stabilität, Sicherheit. Das, was sie gerade jetzt am meisten braucht.
Mehdi (sieht sie mitfühlend an u. will noch etwas darauf erwidern): Anna...

Gabi: Stör ich?

...platzte dann jedoch Mehdis Freundin plötzlich unvermittelt in die seltsam angespannte Stille im Flur, welche die Geister der Vergangenheit heraufbeschworen hatten, als sie fröhlich vor sich hin summend aus dem Schlafzimmer hüpfte und auf nackten Fußsohlen das Bad gegenüber ansteuerte. Die beiden schauten peinlich berührt auf. Gabi blickte irritiert von dem einem zur anderen und spürte instinktiv, dass sie hier gerade fehl am Platz war. Aber sie fühlte sich nach dem Gespräch mit Mehdi nicht mehr ganz so unwohl in ihrer Haut wie noch zu Beginn der Begegnung mit dessen Exfrau, der sie sich nun wiederum kurz zum Abschied zuwandte.

Gabi: Ich ähm... Tut mir übrigens leid, falls ich irgendwie komisch reagiert habe. Das war der völlig falsche Eindruck, den ich erzeugen wollte. Eigentlich bin ich eine gute Gastgeberin. Ich bin nur heute allgemein irgendwie neben der Spur. So Tage kennt wohl jeder. Das hat nichts mit Ihnen zu tun. Wirklich nicht. Ich freue mich ehrlich, dass Sie... Ich meine für Lilly. Und ich ähm... ich müsste da jetzt mal dringend rein. Danke! Bis ... ja... ähm... zum nächsten Mal! Und du, klingelst du kurz durch, bevor du wieder losfährst, Mehdi? Damit ich bereit bin. Bis dann!

Gabi deutete auf die Badezimmertür, wartete noch Mehdis Kopfnicken ab und schritt dann beschwingt an Anna vorbei, die zur Seite getreten war und Mehdis neuer Lebensgefährtin perplex hinterher schaute, nachdem diese die Tür hinter sich geschlossen hatte. Gabi hatte es tatsächlich geschafft, dass Anna für einen Moment den Faden verloren hatte. Verwirrt schaute sie zu ihrem Noch-Ehemann, um dessen Lippen ein verliebtes Lächeln spielte.

Anna: Sie ähm... ist ziemlich cool. Lilly hat mir ja schon einiges erzählt. Aber das ähm... Ich weiß nicht, ob ich so locker reagiert hätte, wenn plötzlich die Vergangenheit so unvermittelt in mein Reich hineingeplatzt wäre. Ich hätte vermutlich sämtliche Krallen ausgefahren und einiges an Porzellan zerschlagen.
Mehdi (grinst unverhohlen verliebt vor sich hin): Tja, das ist Gabi. Gabriella.
Anna (fühlt sich für eine kurze Sekunde unbehaglich, fängt sich aber wieder): Ihr passt gut zusammen.
Mehdi (wird tatsächlich für eine Sekunde rot u. streicht sich ertappt über seine Wange): Was?
Anna (lächelt aufrichtig, schaut dann aber schnell wieder weg zur Wohnungstür): Ihr ergänzt euch auf eine Art und Weise, die wirklich selten geworden ist.
Mehdi (räuspert sich verlegen u. folgt ihr zur Tür): Ähm... Danke! Das ist nett, dass du das sagst. Und du bist vermutlich auch die Einzige, die das denkt. Der überwiegende Teil meines Bekanntenkreises war ehrlich gesagt ziemlich schockiert, als er von uns erfahren hat. Außer Marc. Der hat nur gelacht.
Anna (greift nach ihrer Tasche, die hinter der Tür gestanden hat): Ich kenn dich eben. Sie tut dir gut.
Mehdi (lächelt): Wir tun uns beiden gut. Und mittlerweile haben sich die Gemüter auch wieder beruhigt, weil sie gemerkt haben, dass wir ein stinknormales, langweiliges Paar wie alle anderen auch sind.
Anna (schaut wieder auf u. guckt noch einmal zurück in den Flur): Das würde ich nicht behaupten. Zumindest nicht vor ihr.
Mehdi (schmunzelt): Na ja, vielleicht war das Findelkind im EKH dann doch die größere Attraktion als Gabi und ich.
Anna (horcht interessiert auf): Ach?
Mehdi (wackelt mit den Augenbrauen): Lange Geschichte.

Anna (guckt zur Badezimmertür u. überlegt, ob sie das jetzt sagen soll, was bei ihr schon eine Weile Magengrummeln verursacht): Ich ähm... ich hab euch noch gar nicht...
Mehdi (stützt sich mit einer Hand an der geöffneten Tür ab): Was?
Anna: ...gratuliert.
Mehdi (schaut Anna verwundert an, die wissend lächelnd mit dem Kopf auf die geschlossene Badezimmertür deutet): Wofür? ... Oh! Woher... weißt du...?
Anna (versucht, es möglichst locker zu nehmen u. lächelt ihn tapfer an): Ich bin eine Kaan, schon vergessen. Also noch. Wir haben da spezielle Antennen dafür. Und na ja, eure Gesichter verraten viel.
Mehdi (fühlt sich überrumpelt): Echt?
Anna (nickt): Und na ja, ich hab den Zettel an Lillys Pinnwand gesehen. Der mit den Namen unter ihrem Stundenplan. Ich glaube, Serafina, Violetta und Estefania sind ihre Favoriten.
Mein Mädchen!
Mehdi (sprachlos): Wir wissen noch nicht, was es wird, aber Lilly und Gabi sind sich ziemlich einig in der Hinsicht.
Anna (wird für einen Moment melancholisch): Lilly hat sich immer ein Geschwisterchen gewünscht. Ich hätte ihr diesen Wunsch wirklich gerne erfüllt, wenn ich nicht so feige gewesen wäre. Weißt du, ich hab dir das nie gesagt, obwohl ich auch bei dir immer diesen Wunsch gespürt habe, ich hätte gern noch ein Kind mit dir gehabt, aber die Angst, entdeckt zu werden und euch dadurch in Gefahr zu bringen, war einfach größer. Und im Nachhinein war diese alberne Furcht ja auch nicht unbegründet.
Mehdi (sieht sie mitfühlend an): Ich wollte es dir sagen. Morgen, persönlich, in der Reha. Bevor Lilly damit herausplatzt und dich damit vielleicht vor den Kopf stößt. Aber das hat sich ja wohl jetzt erübrigt.
Anna (lächelt eher gequält u. schüttelt den Kopf): Das hättest du nicht gemusst, Mehdi. Das ist euer Leben. Das geht mich nichts an. Ich gehöre da nicht mehr dazu und das ist auch okay so.
Mehdi (ernst): Doch! Das gebietet einfach der Anstand.
Anna (wird wieder sentimental, als sie ihrem zukünftigen Exmann lange in die Augen sieht, die ihr einmal alles bedeutet haben): Ach, Mehdi, du bist einfach unverwechselbar anständig. Man müsste dich klonen und die wichtigsten Positionen dieses Landes mit dir besetzen. Dann wäre der aktuelle Ausnahmezustand nicht mehr so gravierend. Diese Eigenschaft hab ich immer mit am meisten an dir gemocht.
Mehdi (hebt seine Mundwinkel zu einem verlegenen Lächeln): Manch einer würde behaupten, ich sei schrecklich spießig, naiv und langweilig wie eine Scheibe trockener Toast.
Anna (lacht): Ach was, Marc Meier hat doch keine Ahnung.

https://www.youtube.com/watch?v=m5vfng33SVE

Mehdi (zwinkert ihr geheimnisvoll zu): Mehr als du denkst, Anna. Gretchen ist nämlich auch schwanger. Er ist wie ausgewechselt, seit er begriffen hat, dass er Vater wird. Ich glaube, du würdest ihn nicht wiedererkennen, höchstens an seinem vorlauten Mundwerk. Das wird sich nie ändern. Ich werde immer mein Fett wegkriegen.
Anna (lässt sich immer mehr in die Woge aus Melancholie fallen, die sie zunehmend umhüllt): Wow! Der Kreislauf des Lebens dreht sich ja wahnsinnig schnell hier in Berlin. Wie eine Achterbahn. Davon bekommt man in dem Kokon, in dem ich die letzten Monate vegetiert habe, gar nichts mit. Ich hab das Gefühl, ich hab Jahrhunderte geschlafen. Und so richtig wach bin ich auch noch nicht, auch wenn Lilly mich ziemlich auf Trapp hält.
Mehdi (lächelt ermutigend): Ein Neustart kann wirklich etwas Befreiendes sein, Anna.
Anna (hat da so ihre Zweifel u. hadert mit sich): Ich weiß nicht. Ich hab die ganze Zeit in dieser Blase gelebt, hab mein Schicksal bedauert, hab mit der Vergangenheit gekämpft und mir eingeredet, was für ein Glück ich doch habe, dass ich das überlebt habe. Zum zweiten Mal. Ich habe mir unzählige Vorstellungen gemacht, wie mein Leben in Zukunft aussehen könnte. Aber jetzt, wo ich tatsächlich wieder hier in Berlin bin, Lilly vor mir sehe, ihre ansteckende Fröhlichkeit, ihren unverwechselbaren Tatendrang spüre und es angehen soll, da fühle ich mich wie gelähmt. Als ob die Beine, die ich wieder bewegen kann, plötzlich ihre Fähigkeiten erneut verloren haben. Nur auf eine ganz andere Art und Weise. Ich stehe hier, unbeweglich, aber die Zeit dreht sich trotzdem rasend schnell weiter um mich herum. Alle entwickeln sich weiter. Gehen mutig und zuversichtlich ihren Weg. Lilly ist gewachsen.
Mehdi (legt verständnisvoll seine Hand auf ihre Schulter, weil er genau weiß, wie sie sich fühlt): Dreieinhalb Zentimeter, auf die sie wahnsinnig stolz ist, weil sie jetzt die Größte in ihrer Klasse ist. Anna, du hast Angst. Das kann jeder verstehen. Für mich war es auch ein großer Schritt, die Schwelle zu überspringen und neu anzufangen. Glaub nicht, dass die letzten Monate einfach für mich waren. Du hättest den Menschen nicht gekannt, in den ich mich verwandelt habe. Und es hat lange gedauert, die Last abzuwerfen. Aber jetzt fühle ich mich frei, voller Energie. Ich blicke optimistisch in die Zukunft. Weil das Positive doch das ist, was einen antreibt.
Anna (umschließt mit beiden Armen ihre Reisetasche vor ihrer Brust u. suhlt sich wie so oft in letzter Zeit im Selbstmitleid): Du bekommst ja auch wieder ein Baby, Mehdi, Lilly ist überglücklich, sie liebt dich, ihr habt ein tolles Zuhause, das sich wirklich auch wie ein Zuhause anfühlt. Das hab ich gleich im ersten Moment gespürt, als ich hier hereingekommen bin. Und was hab ich? Nur die paar Sachen in der Tasche hier.
Mehdi (blickt kurz auf die Reisetasche u. dann wieder in Annas trauriges Gesicht): Du wirst auch irgendwann wieder ein Leben haben, Anna. Lass dir Zeit! Vertrau dir! Alles wird gut werden.
Anna (seufzt): Manchmal glaube ich deinem Wahlspruch schon fast.
Mehdi (lächelt): Das ist schon der erste Schritt über die Schwelle. Und schau doch mal, was für einen Kampf du schon gewonnen hast, Anna. Du bist ein zweites Mal dem Rollstuhl entkommen. Du solltest jeden Tag feiern, weil er ein Geschenk ist.
Anna: Ach, Mehdi...

Mehdis Motivationsrede blieb nicht ohne Wirkung bei seiner mit sich hadernden Noch-Ehefrau. Ein Ruck ging plötzlich durch ihren Körper, der vielleicht auch auf den Schreck zurückzuführen war, den Lillys quietschende Stimme erzeugt hatte, die lautstark durch den gesamten Hausflur zu ihr und Mehdi empor tönte...

Lilly: Maaamaaa! Paaapaaa! Kommt ihr endlich? Ich will Mama doch alles zeigen! Und ich will bei Sarah vorbei und ihr Mama vorstellen. Ich will ihr das Zwergkaninchen zeigen. Meinst du, das bekommt mal Junge? Dann kann ich die doch adoptieren, oder, Papa?

Mehdi (verdreht die Augen u. sieht Anna schmunzelnd an, die nur mit dem Kopf schütteln kann, ehe sie auch anfängt zu lachen): Jaaahaaa, Schatz, wir kommen gleich. ... Du wirst sehen, Lilly bringt dich schneller wieder in die richtige Spur, als du ihren Namen rückwärts buchstabieren kannst. Sie ist die beste Medizin der Welt.
Anna (lächelt): Ich spüre die Wirkung schon.

Lilly (ruft erneut lautstark, unterstützt von ihrem Echo, die Treppe hoch): Bringt ihr bitte noch die Eselsfamilie mit! Die hab ich oben vergessen. Ohne die kann ich nicht schlafen.

Mehdi (kommt Lillys Bitte sofort nach u. sucht die Stofftiere in ihrem Zimmer): Jaaahaa! ... Ich will aber auch nicht behaupten, dass diese Medizin keine Nebenwirkungen haben könnte.
Anna (folgt ihm gelöst lachend durchs Kinderzimmer zurück in den Flur der Wohnung): Ich kann gar nicht in Worte ausdrücken, wie stolz ich auf unser Mädchen bin.
Mehdi (drückt ihr grinsend die Eselsfamilie in die Hand u. nimmt ihr gentlemanlike die Reisetasche ab u. trägt sie aus der Wohnung): Da geht’s dir wie mir. Aber ich hoffe für dich und meine alten Nachbarn, dass sie ihre Gitarre nicht mitgenommen hat.
Anna (schaut ihm vom Treppenhaus aus dabei zu, wie er die Wohnungstür hinter sich zumacht): Ich glaube, das war das erste, was sie aus der Wohnung zum Auto geschleppt hat.
Mehdi (kann sich ein vergnügliches Grinsen nicht verkneifen): Oje, Frau Dr. Hassmann wird mir nächste Woche damit sicher in den Ohren liegen. Dabei hab ich schon so einen schweren Stand bei ihr.
Seitdem ich ihr zum dritten Mal erklärt habe, dass ich mich nicht bei der Diagnose geirrt habe und sie tatsächlich ein Mädchen erwartet. Dr. Stier war dabei, obwohl er mich nicht leiden mag, leidlicher.
Anna (schaut ihn verwundert an): Meine behandelnde Neurologin?
Mehdi (fasst sich an sein Kinn u. streicht über seinen Dreitagebart): Ach, das weißt du ja noch nicht. Sie wohnt bei dir mit im Haus. Im dritten Stock. Falls irgendetwas sein sollte, kannst du dich auch an sie wenden. Maria Hassmann ist die Mutter von Lillys bester Freundin. Sarah und Lilly sind wie siamesische Zwillinge, wenn sie zusammen allen möglichen Blödsinn aushecken. Also Obacht! Nicht dass sie wieder auf die Idee kommen, Jungs für ihren Forschungsdrang einzuwickeln. Ich könnte dir da Geschichten erzählen. Und sie ist ein bisschen in Marc vernarrt. Kann also sein, dass du dich einer Begegnung mit ihm nicht entziehen kannst. Sie liebt es, mit ihm Gitarre zu üben. Im Duett sind sie richtig gut. Falls wir einen super Sommer kriegen, dann müssen wir uns alle mal zu einem kleinen Konzert hier bei uns im Hinterhof treffen. Oder bei euch. Die Hausgemeinschaft ist dort auch sehr nett.
Anna (schaut mit einem mulmigen Gefühl die fünf Treppenstufen bis zum offenstehenden Hausausgang hinunter): Verstehe!
Mehdi (aufmunternd): Hey! Du packst das schon! Irgendwann wirst du darüber lachen, wie einfach es doch war, über die Schwelle zu treten.
Anna (an sich selbst zweifelnd): Ich weiß nicht. Noch einmal ganz allein von vorn anzufangen, ich weiß nicht, ob ich das kann.
Mehdi: Du bist nicht allein, Anna. Lilly ist da. Du hast ein Dach über dem Kopf, einen festen Job. Du bist jung, stehst wieder mit beiden Beinen im Leben. Irgendwann klopft auch das Glück wieder an deine Haustür. Glaub mir!
Anna (kann dank ihm schon wieder lächeln): Du bist ein ewiger Optimist, Mehdi.
Mehdi (mustert sie mit schelmischem Blick): War das etwa die Andeutung eines Lächelns? Wenn du das nach außen trägst, dann werden die Männer reihenweise in Ohnmacht fallen, wenn sie dich sehen.
Anna (räuspert sich peinlich berührt u. fährt sich mit ihrer freien Hand über ihre gerötete Wange): Sehr witzig! Ein Mann ist das letzte, was ich jetzt in dieser Situation gebrauchen könnte.
Mehdi (sieht ihr verwundert hinterher, wie sie hastig die erste Treppenstufe nach unten nimmt): Du wirst ja rot, Anna. Das kenne ich gar nicht von dir.
Anna (marschiert trotzig die wenigen Treppenstufen hinunter u. blickt von der Haustür zu Mehdis Auto rüber, von dem aus Lilly eifrig zu ihr rüberwinkt): Thema beendet. Ich weiß nicht, ob wir schon so weit sind, um über solche Dinge zu reden.

Mehdi (bleibt abrupt auf der letzten Treppenstufe stehen u. mustert seine sichtlich nervöse Exfrau argwöhnisch, weil sein Verdacht so offensichtlich ist): Du hast schon jemanden kennengelernt? Stimmt’s?
Anna (sieht ihn ertappt an u. wiegelt hastig ab): Blödsinn! Das... Wie kommst du denn darauf?
Mehdi (folgt ihr grinsend mit seiner Spürnase die Treppe hinunter): Ich kenne dich und ich arbeite täglich mit Frauen. Ich habe da auch so eine gewisse Gabe. Wer ist er? Hast du ihn in der Reha kennengelernt? Nein! Du hast einen Kurschatten? Das ist doch gut.
Anna (beobachtet Lilly in der Ferne, die ungeduldig auf der Rückbank des Autos ihres Vaters herumturnt, u. kommt dann plötzlich mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den neugierigen Frauenarzt zu): Okay, jetzt wird es richtig albern. Wir lassen uns scheiden, Mehdi. Wir müssten uns eigentlich über banale Dinge streiten, anstatt jetzt so eine intime Diskussion zu führen.
Mehdi (schaut sie herausfordernd an): Intim? Soso! Dann gib mir ein paar Fakten! Du musst dich nicht schämen. Vor mir schon einmal gar nicht. Ich freu mich doch, dass du weitermachst.
Anna (wehrt sich zickig): Damit sich deine Freundin endlich entspannen kann und nicht mehr wie auf Glasperlen um mich herum tanzen muss, weil sie befürchtet, ich sei noch in dich verliebt?
Mehdi (kontert kleinlaut): Bist du’s denn?
Anna (schließt empört die Augen): Oh, Mehdi, ich bitte dich!
Mehdi (rudert schnell zurück): Entschuldige! Aber es ist nicht zu übersehen, dass es dich sehr beschäftigt.
Anna (lehnt sich seufzend mit dem Rücken an die geöffnete Tür): Es gibt da eigentlich gar nichts zu erzählen, Mehdi. Wie gesagt, ich bin momentan an keiner Beziehung interessiert. Ich muss erst einmal mein eigenes Leben wieder auf die Reihe kriegen.
Mehdi (stellt die Reisetasche auf den Boden, verschränkt die Arme vor seiner Brust u. lehnt sich seitlich an die Wand): Und uneigentlich? Er scheint es ja ernst zu meinen, wenn du schon von Beziehung sprichst.
Anna (schließt kurz die Augen u. ärgert sich, dass sie sich verraten hat): Du drehst mir das Wort im Munde um, Mister. Es ist kompliziert.
Mehdi: Welche Beziehung ist das nicht?
Anna (öffnet ihre Augen wieder u. sieht ihn ernst an): Mehdi, jetzt einmal ernsthaft. Ich habe drei Monate in dieser Blase gelebt. Fern vom wirklichen Leben mit all seinen Problemen und Schwierigkeiten. Natürlich fühlt man sich da geschmeichelt, wenn jemand mit Interesse meine Fortschritte kommentiert.
Mehdi (kann es nicht lassen, weiter nachzuhaken): Ist er auch ein Patient oder einer der Physiotherapeuten, die dich betreut haben?
Anna (hadert mit sich, wie viel sie ihm erzählen kann, aber ist gleichzeitig auch froh, mit jemanden darüber reden zu können): Nein, eigentlich Besucher. Aber sein Bruder lag mit einer schweren Sportverletzung auf meiner Station. Er hat ihn betreut. Wir haben uns beim täglichen Lauftraining kennengelernt.
Mehdi (freut sich ehrlich für sie): Ist er nett?
Anna (versucht, ihren neugierigen Ex genervt wieder auf etwas Abstand zu kriegen): Ich weiß nicht, ob ausgerechnet du der Richtige bist, mit dem ich das bereden sollte.
Mehdi (grinst): Wieso? Ich höre nur zu.
Anna (verdreht die Augen u. packt dann doch aus, damit er Ruhe gibt): Das hat er auch getan. Ich weiß auch nicht warum, ich hab ihm irgendwann dann alles erzählt. Die ganze beschissene Geschichte, mit der ich uns, dich, Lilly und mich ins Unglück gestürzt habe. Ich weiß auch nicht, was ich mir daraus versprochen habe. Vielleicht musste das alles mal raus. Mein Therapeut hat das auch immer gemeint. Weil da immer noch diese gewisse Hemmschwelle war, mich wirklich aufzuraffen und mich nicht mehr mit den Folgen meines Unfalls selbst zu geißeln. Unbeteiligte sehen die Dinge immer aus ganz anderen Blickwinkeln. Aber ehrlich gesagt wollte ich ihn auch schocken und abschrecken. Damit er mich endlich in Ruhe lässt.
Mehdi (ahnt etwas): Und? Hat er das getan?
Anna (das Handyklingeln in ihrer Handtasche lenkt sie ab; sie sieht nur kurz auf die Nachricht u. schüttelt dann seufzend den Kopf): Leider nicht.
Mehdi (reckt neugierig seine Nase): War er das etwa? Warum gehst du nicht ran?
Anna (nickt verlegen mit dem Kopf, nachdem sie ihr Handy zurück in ihre Tasche gesteckt hat): Ich weiß nicht, was ich noch machen soll, damit er endlich kapiert, dass ich kein Interesse habe.
Mehdi (hält mit seiner Weisheit nicht vor dem Tor): Dass er nicht nachgibt, spricht doch für ihn. Und du hast Interesse, das lese ich dir an der Nasenspitze ab.

Ehe Anna erneut vehement Mehdis Verdacht ausräumen konnte, ertönte schon wieder eine bekannte ungeduldige Kinderstimme aus der Ferne, die sie davon abhielt. Lilly guckte mit verschränkten Armen aus dem Autofenster und schmollte zu ihren diskutierenden Eltern rüber...

Lilly: Maaamaaa! Paaapaaa! Kommt ihr, biiiitteee? Es ist kalt und ich hab schon wieder Hunger.

Mehdi (winkt seinem ungeduldigen Töchterchen vom Türrahmen aus zu): Gleich, Schatz!
Anna (schlängelt sich geschickt an dem abgelenkten Mann vorbei): Ich hab ja geahnt, dass jagende Männer anstrengend sein können, aber dass viel zu neugierige Exehemänner noch schlimmer sind, das hab ich nicht gewusst. Wir sollten Lilly nicht länger warten lassen, sonst kommt sie auch noch auf die Idee peinliche Fragen zu stellen.
Mehdi (guckt sie amüsiert an): Peinlich? Findest du mich etwa peinlich?
Anna (nimmt ihm grimmig die Reisetasche ab, drückt die Stofftierfamilie an ihre Brust u. läuft mit eiligen Schritten aus dem Mehrfamilienhaus): Das, mein Lieber, willst du nicht wissen. Kümmere dich lieber um das Riesenbaby, das sich dein bester Freund nennt, und halt ihn mir vom Leib! Wenn das, was du mir gesagt hast, wirklich stimmt und Marc Vater wird.
Lilly (macht große Augen, als ihre diskutierenden Eltern am Auto ankommen, u. lehnt sich aufgekratzt aus dem hinteren Fenster): Wie? Onkel Marc wird Papa? Das ist ja toll. Dann kann mein Geschwisterchen ja mit seinem Baby und mir spielen. Cool! ... Oh! Jetzt hab ich es der Mama verraten. Tschuldigung!
Anna (stellt ihre Tasche zu Lilly auf die Rückbank, die ertappt darauf zusammengesunken ist, u. drückt ihr augenzwinkernd die Eselsfamilie in die Hand, die sie frech grinsend mit ihren Armen umschlingt, als sie sich wieder aufrichtet, um sich anzuschnallen): Schon gut, Kleines!
Mehdi (reißt augenrollend die Fahrertür auf u. setzt sich ans Steuer seines Mercedes): Ich hab’s der Mama schon gesagt, Lillymaus. Und was Marc und Gretchen betrifft, die beiden kriegen sogar zwei Babys, aber psst! Das ist noch top secret.

Mehdi hatte sich auf seinem Sitz herumgedreht und Lilly frech zugezwinkert. Die Art, wie die Neunjährige darauf ihre samtigbraunen Kulleraugen immer weiter aufriss, als sie ganz langsam eins und eins zusammenzählte, und immer hibbeliger auf der Rückbank wurde, war ein Anblick für die Götter. Und auch Anna musste bei dem Gedanken schmunzeln, als sie sich neben ihren grinsenden Exmann auf den Beifahrersitz setzte und sich anschnallte. Irgendwie war alles noch ganz unwirklich jetzt, wo sie zurück in Berlin war, aber so großherzig wie sie aufgenommen worden war und mit den verschiedensten Neuigkeiten im Hinterkopf würde es vielleicht doch nicht so schwierig werden, ihren Neuanfang mutig anzugehen, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Wenn selbst ein egomanischer Großkotz wie Marc Meier eine neue, verantwortungsvolle Lebensphase einleiten konnte, dann konnte sie das schon längst. Nur das mit den Männern, diesen Gedanken, schob sie erst einmal weit von sich, auch wenn ihr Telefon in der Handtasche, die sie verkrampft auf ihrem Schoß hielt, schon wieder eindeutig vibrierte. Anna riskierte diesmal keinen Blick, weil sie der nur noch mehr durcheinander bringen würde. Jetzt würde sie sich erst einmal ganz auf ihre kleine Tochter konzentrieren, die über das ganze Wochenende bei ihr bleiben würde. Ja, Mehdi hatte recht. Lilly und ihr zauberhaftes Lächeln war wirklich die beste Medizin der Welt.

Lorelei Offline

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28.10.2015 13:27
#1546 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Am nächsten Tag

Während das Wochenende für die einen mit einem echten Abenteuer begann, wahlweise ganz allein im allerersten Pärchenurlaub an einem wunderschönen, naturbelassenen See oder in Begleitung großer strahlender Kinderaugen im Großstadtdschungel Berlin, artete es für die anderen eher in akuten Stress aus. In positiven Stress wohlgemerkt. Gretchen Haase hatte nämlich schon den halben Tag damit zugebracht, ein Wahnsinnsabendessen für ihre versammelte Familie auf die Beine zu stellen. Unter dem wunderbaren Deckmantel ihrer bestandenen Facharztprüfung, die es mit ihren Lieben zu feiern galt. Jedoch auch mit einem kleinen, süßen, versteckten Dessert zum Nachtisch, mit dem wohl keiner der geladenen Gäste gerechnet haben würde. Die grenzenlose Vorfreude auf deren überraschte Gesichter überwog die nervigen Anstrengungen der Vorbereitungen in der Meier-Haasschen Küche, in der Gretchen hüftewackelnd und summend seit Stunden hin und her wuselte, auch wenn die Zeit zum letzten Drittel hin ganz schön knapp geworden war.

Zum wiederholten Male an diesem frühen Samstagabend blickte die schwangere Neuchirurgin auf die Uhr am Herd, schaute dann durch das kleine Guckfenster in den Backofen hinein auf den vor sich hin brutzelnden und wohlig duftenden Braten und seufzte zufrieden auf, als sie sich wieder aufrichtete und ihre Schürze glatt strich. Es würde perfekt werden. Das perfekte Dinner! Zum perfekten Tag! Genauso wie sie es sich in ihren Träumen schon in den buntesten Farben ausgemalt und am nächsten Morgen in ihrem Tagebuch bis ins kleinste Detail seziert hatte, sodass der übermüdete, nackte Oberarzt neben ihr im Bett nur fassungslos die Augen verdrehen und sich Decke klauend auf die andere Seite hatte drehen können, um weiterzudösen. Das mediterrane Rezept, welches Frau Dr. Steigerle Gretchen als Geschenk für die bestandene Facharztprüfung aufgedrängt hatte, war tatsächlich Gold wert gewesen. Kochen war zwar etwas für Profis und damit noch weiter weg von Gretchens Top-10-Fähigkeiten als handwerkliche Arbeiten oder ein grüner Daumen, aber das hier hatte sie dann doch ganz gut hinbekommen. Sie müsste Marc, der immer mal wieder skeptisch kopfschüttelnd aus seinem Home Office herausgelinst hatte, in das er sich grummelnd verkrochen hatte, weil sich seine Vorfreude auf das gemeinsame Familienessen mit Überraschungswundertüte eher in Grenzen hielt, ja nicht unbedingt sagen, dass sie heimlich mit Mehdi sms-gechatted hatte, als dann doch die eine oder andere Zubereitungsfrage aufgekommen war, die sie dank ihres besten Freundes und passionierten Hobbykochs schließlich mit Bravour gelöst hatte.

Jetzt war alles perfekt angerichtet. Der Tisch im Wohnzimmer war festlich gedeckt. Eher dezent als aufdringlich. Nur nicht zu viel, bevor es noch auffiel, hatte sich Gretchen als oberste Regel auferlegt. Frische bunte Frühlingsblumen zierten die Vasen in jeder Ecke der großräumigen Penthouse-Wohnung. Sie hatte staubgewischt, die Sofakissen aufgeschüttelt und den Boden und die Teppiche darauf noch einer Grundreinigung unterzogen. Vor dem Putzen der riesigen Panoramafensterfront hatte sie schließlich kapituliert. Erstens, weil Marc sie dabei damit geneckt hatte, sie wäre schon fast die perfekte Kopie ihrer Mutter und dass ihr doch so ein knappes sexy Hausmädchenoutfit ganz gut stehen würde. Unverschämter Kerl! Und zweitens, weil sie Fensterputzen viel zu sehr hasste. Außerdem war sie schwanger und sollte sich demnach nicht zu viel zumuten. Vor allem keine Dinge, die sie nur wieder aufregten. Wenn es Bärbel Haase also nicht passen würde, wie es hier aussah, dann könnte sie ruhig selber Hand anlegen. Das hatte schließlich schon zweimal ganz gut funktioniert. Aber zurück zu den Vorbereitungen, hakte das Grinsehäschen noch einmal gedanklich die Fakten ab. Der bunte Frühlingssalat als Vorspeise war vorbereitet. Die mediterranen Beilagen für den Hauptgang waren vorgekocht und mussten nur noch aufgewärmt werden. Der Hasenbraten brauchte noch einen Moment und den Schokopudding hatte sie auch bereits gestürzt und mit süßen Erdbeeren und einem Spritzer Sahne dekoriert. Jetzt war es zehn vor sechs. Es konnte also losgehen, flüsterte sich Gretchen stolz selbst zu und legte die Schürze ab. Sie hatte sich bereits umgezogen und geschminkt und die Haare gemacht. Jetzt galt es nur noch die wachsende Anspannung abzulegen, die in ihrem Bauch rumorte, damit ihre Eltern nicht gleich Lunte rochen, was hier wirklich gespielt wurde. Aber wie, wenn einen das Herz bereits bis zum Hals klopfte vor lauter Aufregung?

Abhilfe schafften zwei lange, in ein teures blaues Hemd gehüllte Männerarme, die sich plötzlich von hinten um ihren hibbeligen Körper schlängelten. Eine dicke Gänsehaut bildete sich augenblicklich überall, als dann auch noch zwei warme weiche Männerlippen hinzukamen, die sich pappfrech auf der freien Hautstelle ihres Halses niederließen und sich genüsslich daran festsaugten, während eine Hand ihre wilde Lockenmähne zärtlich aus dem Nacken strich. Automatisch schlossen sich Gretchens Lider und sie lehnte sich dem starken Mann wohlig aufseufzend entgegen, der sie so zärtlich umfasst hielt und ungeniert an ihr zu knabbern versuchte, wogegen sich die schöne blonde Ärztin zumindest anfangs nicht gleich wehrte. Wozu auch, wenn er sich so gut anfühlte und sein warmer Atem auf ihrer Haut angenehm prickelte wie eine laue Frühlingsbrise während des Sonnenuntergangs über Berlin, der über den angrenzenden Häuserdächern tatsächlich gerade als orangerote Linie zu erkennen war. Magie lag nicht nur dort in der Luft, dachte die verliebte Frau nur und lächelte.

Gretchen: Marc!?!
Marc (beißt in ihr Ohrläppchen u. zieht keck daran, bevor er verheißungsvoll in ihr rechtes Ohr raunt): Willst du das wirklich durchziehen, Haasenzahn? Wir könnten unsere freie Zeit auch anderweitig nutzen?
Gretchen (zuckt seufzend zusammen, als sich seine frechen Finger dreist an dem Rückenreißverschluss ihres geblümten Kleides zu schaffen machen): Du meinst so wie die kleine private Absolventenfeier, die wir gestern Abend nur zu zweit zelebriert haben?
Marc (legt seinen Mund auf die freigewordenen Hautstellen an Gretchens Rücken u. wandert langsam tiefer): Mein Mädchen versteht mich. Was man so alles nur mit einem neuen weißen Arztkittel anstellen kann. Faszinierend!
Gretchen (genießt für einen Moment Marcs verlockende Liebkosungen, bis sie schockiert bemerkt, dass der Frechdachs noch etwas anderes geöffnet hat): Maaarc, bitte! Das... Unsere Eltern können jeden Moment hier sein und überhaupt... Hey! Hast du etwa gerade meinen BH aufgemacht? MAAARC!!!
Marc (grinst schelmisch über ihre Schulter): Upps! Wie konnte das denn passieren? Muss ein Reflex gewesen sein.
Gretchen (dreht sich empört herum, packt seine frechen Finger, bevor sie noch mehr Ungemach stiften können u. funkelt ihn an): Du bist unmöglich, Marc Meier!
Marc (ergreift mit beiden Händen ihr zorngerötetes Gesicht u. zieht sie zu einem innigen Kuss heran, der ihren Ärger gleich wieder vergessen macht): Und du bist... hinreißend. Zum Anbeißen. Wie soll ich mich denn da zurückhalten können? Ach, was soll’s? Komm her!

Eine wilde Knutscherei entbrannte, aus der sich das überrumpelte Gretchen nur schwer wieder herauswinden konnte. Atemlos blickte sie Marc in die feurig funkelnden Augen, als dieser als Erster seine Sauerstoffvorräte wieder auffrischen musste. Als er danach einen weiteren Angriff versuchte, konnte ihn seine verführerische Kusspartnerin nur mit Mühe davon anhalten. Ihre Knie fühlten sich wie Wackelpudding an, als sie sich mit einer Hand an ihm abstützte, um den liebeshungrigen Mann auf Sicherheitsabstand zu halten. Ihre Widerstandskräfte waren schwach. Weil ihr Oberarzt mal wieder umwerfend gut in dem enganliegenden blauen Designerhemd und der dunkelgrauen Anzughose aussah. Wie machte er das nur immer wieder? Dass man ihm weder widerstehen, noch böse auf ihn sein konnte, weil er einfach so war, wie er eben war.

Gretchen: Marc, stopp, bitte! Du weißt, wie wichtig mir der Abend heute ist.
Marc (verdreht trotzig die Augen, als er merkt, dass er nicht mehr weiter kommen wird): Ja!
Gretchen (schaut ihn energisch an): Hast du gerade die Augen verdreht?
Marc (reagiert leicht gereizt): Nö! Boah, Haasenzahn, jetzt mach dich doch mal locker! Du bist total verkrampft. So checken die doch gleich, was Sache ist. Obwohl, umso eher checken sie auch wieder aus. Akzeptiert!
Gretchen (blickt verwundert an sich herunter): Meinst du? Denkst du, man kann es mir schon ansehen? Ich dachte, es wäre nur Einbildung, aber seit ich das von unseren Wundersternen weiß, kann ich meinem Bauch förmlich dabei zusehen, wie er wächst.
Marc (ist völlig hingerissen von ihrer niedlich verpeilten Art u. blickt konzentriert auf ihre Körpermitte, der er gleich mal eine eingehende Untersuchung widmet): Du bist süß. Aber dass du jetzt schon den Röntgenblick hast, ist mir neu. Wenn du’s dir patentieren lässt, Haasenzahn, dann könnten wir in der Klinik einen Haufen Schotter sparen.
Gretchen (schiebt seine Hände weg u. verschränkt schmollend ihre Arme vor ihrer Brust): Haha, du Spaßvogel! Mach dich nur lustig. Ich meine das ernst. Du hast ja keine Ahnung, was für Prozesse da gerade in mir vorgehen. Das ist verwirrend. Aber auch irgendwie schön.
Marc (legt seinen Kopf leicht schräg u. sieht seinen Schmollhaasen intensiv an): Hey! Alles ist gut. Du siehst gut aus. Wie immer.
Gretchen (wagt einen scheuen Blick in seine leuchtendgrünen Augen, die sie mal ohne Schelm ansehen): Echt?
Marc (legt seine Arme locker um ihre Schultern u. zieht sie so zu sich heran): Echt!
Gretchen: Also sehe ich nicht dick aus in dem Kleid? Ich war mir nicht sicher, was ich anziehen soll. Nicht zu eng, weil ich nicht wie eine Presswurst aussehen wollte, aber auch nicht zu weit, damit es nicht verdächtig wird. Ich dachte mit dem roten Gürtel könnte ich ein bisschen kaschieren. Ich orientiere mich da ein bisschen an der schwangeren schwedischen Prinzessin. Weißt du, die mit dem tollen Haar und dem hübschen Gesicht. Die ihren Fitnesstrainer geheiratet hat. Die hat am Anfang auch weitere Klamotten getragen und hat die aufgepeppt. Das ist doch auch gerade Mode. Das hab ich neulich erst in einer dieser Frauenzeitschriften gelesen, die bei uns im Wartebereich der Klinik herumliegen.
Marc (widmet ihrem knielangen, geblümten, bordeauxroten, hemdähnlichen Kleid einen eingehenden Augencheck): Ihr Frauen und eure Komplexe. Es ist doch scheißegal, was ihr am Ende anzieht. Und wenn’s ein Kartoffelsack ist. Wir achten eh nur auf die entscheidenden Details, die uns förmlich entgegen springen.
Gretchen (trotzig): Ich hab gar keine Komplexe.
Marc (grinst schelmisch): Türlich!
Gretchen (blinzelt ihm stolz entgegen): Ich bin nur schwanger!
Marc (zwinkert ihr frech zu): Da hast du ja jetzt deine perfekte Ausrede.
Gretchen (streicht ihm mit einer Hand durchs Haar, bis sie ihrer Meinung nach richtig sitzen): Spinner! Also, was ist jetzt? Bereit?
Marc (mit verkniffenem Gesichtsausdruck starrt er seine hibbelige Freundin an): Können wir nicht einfach so tun, als wären wir nicht da?

Er versucht es schon wieder. Ist es nicht süß, wie er Fracksausen bekommt? Marc Meier ist also doch nicht so souverän, wie er immer allen weiszumachen versucht. Komm, mein Held, zusammen schaffen wir das!

Gretchen (genießt seinen angespannten Gesichtsausdruck): Können wir nicht! Der Braten würde uns verraten. Ich war vorhin kurz draußen vor der Tür. Das ganze Treppenhaus riecht schon danach.
Marc (dreht sich kurz zum Ofen um u. seufzt): Mist! Mann, ich hätte Mehdi nicht den Scheißschlüssel geben sollen, dann könnten wir uns jetzt im Glashaus verstecken.
Gretchen (knufft ihn vergnügt in die Seite u. hält sich anschließend mit beiden Armen an ihm fest): Angsthase! Wir können uns nicht neun Monate lang verstecken, Marc, weil das dann auch bedeuten würde, du müsstest neun Monate op-abstinent bleiben. Willst du das?
Marc (funkelt sein Grinsemädchen grummelnd an): Ey! Ich bin kein Schisser, klar! Ich meine ja nur, wir könnten noch ein bisschen die Ruhe auskosten. Die Ruhe vor dem Sturm, der definitiv aufkommen wird. Deine Mutter und meine in einem Raum, das geht nicht gut.
Gretchen (grient ihn überzeugt an, nimmt ihr Handy von der Theke u. zeigt ihm ein Foto): Ach, mein armer, armer Marc! Wir packen das schon. Wir vier. Hihi! Apropos Glashaus, guck mal! Mehdi hat mir ein Foto geschickt. Darunter steht, warum wir nicht verraten haben, dass dort das Paradies ist.
Marc (blickt skeptisch auf das verwackelte Selfie, auf dem Mehdi engumschlungen mit der ihn glasig anhimmelnden Gabi auf der Veranda des schwimmenden Hause zu sehen ist): Der soll mal lieber aufpassen mit der Schlange und den verbotenen Früchten und so.
Gretchen (stupst ihn mit dem Handy an u. legt es dann wieder weg auf den Küchentresen): Marc! Lass deine schlechte Laune bitte nicht an jemandem aus, der sich nicht wehren kann!
Marc (zuckt mit den Schultern u. grummelt weiter): Ja, was? Du weißt doch auch ganz genau, warum er dort ist. Bestimmt nicht für romantische Spaziergänge um den See. Das Zicklein bricht sich doch dabei gleich den Absatz ihrer hohen Hacken ab. Die bumsen sich durchs ganze Haus. So sieht’s aus!
Gretchen (empört sich augenblicklich): Boah Marc, du machst die ganze Romantik des Ortes kaputt.
Marc (grient spitzbübisch u. legt noch einen obendrauf): Dann verrate ich dir mal lieber nicht, wozu mein Golfkumpel Phillip das Musterhaus in der Vergangenheit benutzt hat, bevor eines seiner Mädels ihn an die Ketten gelegt hat.
Gretchen (eingeschnappt): Danke, ich bin schon bedient.
Marc (zieht die Schmollliese in seine Arme, zwinkert ihr zu u. streicht ihr über den immer noch nackten Rücken): Och Süße, jetzt zieh doch nicht gleich so ein Gesicht! Es reicht doch, wenn wir über die Magie dieses Ortes Bescheid wissen, hmm. Was Mehdi daraus macht, ist seine Sache. Schwanger ist Gabi ja schon.
Gretchen (himmelt den Charmeur verliebt an): Die Magie dieses Ortes, mhm, das hast du aber schön gesagt, Marc. Weil daraus etwas so Schönes entstanden ist?
Marc (lächelt mit ihr um die Wette u. guckt gebannt auf Gretchens Bauch, den sie gerade gedankenverloren streichelt): Die Zwerge, jep! Obwohl ich ja immer noch davon ausgehe, dass unser Abenteuer im Spaßbad von Erfolg gekrönt war.
Gretchen (errötet augenblicklich, als die Erinnerungsfetzen in Wellen zurückkehren): Marc! Können wir uns nicht endlich auf das Wesentliche konzentrieren?
Marc (genießt ihren verlegenen Anblick sehr): Wieso? Genau da drum geht es doch heute Abend, oder etwa nicht? Aber ich würde mal sagen, die Details, die lassen wir besser weg. Unsere Eltern werden auch so schon geschockt genug sein.
Gretchen (kleinlaut): Ja.

Oh Mann, worauf hab ich mich da bloß eingelassen? Ich hoffe, du weißt, dass ich das nur deinetwegen mache, Haasenzahn. Meiner Meinung nach hätte eine kurze Sms auch gereicht.

Marc (streicht ihr zärtlich eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht): Na siehst du! Mach dir nicht so einen Kopf! Ich verstehe eh nicht, warum du hier so einen riesigen Zirkus veranstaltest. Einfach raus damit und fertig. Das macht man doch beim Pflasterabreißen auch so.
Gretchen (sieht ihn ernst an): Weil... Marc, ich will doch nur, dass der Abend perfekt wird.
Marc: Perfekt ist relativ, Gretchen. Perfekt ist ein Ausdruck, der außerhalb des OPs völlig überschätzt wird.
Gretchen (seufzt u. blickt zum gedeckten Esstisch rüber): Du verstehst es nicht, Marc. Ich will, dass es perfekt ist, weil wir uns alle immer an diesen Abend hier zurückerinnern werden. Weil er bedeutet, dass wir ab sofort wirklich eine richtige Familie sein werden. Für immer!
Marc (folgt ihrem Blick u. schmiegt seine Wange an ihre, während er ihr liebevoll den Bauch hält): Sind wir das nicht schon seit der Zeugung, bei der ich mich echt wirklich verdammt ins Zeug gelegt habe?
Gretchen (kann sich ein Schmunzeln nicht verdrücken): Angeber!
Marc (zwickt ihr in die Seite): Hey! Don’t hassle the hoff! Mir sind die Tage am See nun mal echt ins Gehirn gebrannt. Und wenn ich mir vorstelle, dass es dort tatsächlich passiert ist, dann...
Gretchen (umarmt ihn voller Liebe): Geht mir genauso, Marc.
Marc (sieht ihr noch einmal tief in ihre faszinierenden himmelblauen Augen, die ihn unentwegt anhimmeln, u. gibt sich einen Ruck): Okay, dann lass es uns angehen, wenn du es unbedingt so haben willst. Aber du weißt, ich mach das nur wegen dir. Damit das klar ist! Ich erwarte definitiv dein Entgegenkommen. Also eine kleine, große Erkenntlichkeit würde mir schon gefallen. Du darfst auch auswählen. Arztkittel oder Hausmädchenoutfit?
Gretchen (gibt dem spitzbübisch grinsenden Kerl erst einen Knuff in die Seite, dann einen liebevollen Kuss auf die Wange u. wendet ihm anschließend ihre entzückende Kehrseite zu): Maaarc! Du... Aber danke! Machst du mir dann bitte wieder den BH und das Kleid zu! Ich will mich nicht noch zusätzlich vor meinen Eltern erklären müssen.
Marc (zieht sich gespielt enttäuscht einen Schritt zurück u. genießt noch einmal ausgiebig den verlockenden Rückenausschnitt seiner bezaubernden Freundin): Mhm, schade!
Gretchen (zuckt zusammen, als er mit dem Zeigefinger noch einmal gemächlich ihre Wirbelsäule hinab fährt): Marc, bitte!
Marc (küsst noch einmal ihren Rücken, den eine leichte Gänsehaut ziert, u. schließt dann die beiden Verschlüsse): War einen Versuch wert. Ausziehen mag ich lieber.
Gretchen (wirbelt kichernd zu ihm herum): Natürlich!
Marc (genießt Gretchens strahlendes Gesicht in vollen Zügen): Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Meinst du, ich kann unsere Ellis dann rauswerfen, wenn sie zu nervig werden?
Gretchen: Marc!

...wollte die liebreizende Ärztin ihren Schatz schon vorsorglich zurechtweisen, aber im selben Moment klingelte es auch schon an der Tür. Gretchen schaute auf ihre Armbanduhr. Pünktlich auf die Minute. Das konnten nur ihre Eltern sein, schlussfolgerte die Gastgeberin schmunzelnd und ergötzte sich an Marcs verzweifeltem Gesichtsausdruck. Bis zur letzten Minute hatte er noch gehofft, diesem Abend entkommen zu können. Aber jetzt, wo ihre Gäste tatsächlich vor der Tür standen und um Einlass baten, war es zu spät für einen Rückzieher und seine Schultern sowie seine Mundwinkel knickten dementsprechend nach unten. Tröstend strich Gretchen dem großen kleinen Jungen über den Arm und lächelte ihn aufmunternd an. Das half nur bedingt dabei, Marcs inneren Aufruhr im Zaum zu halten. Er hasste dieses Gefühl und die Aussicht, ab jetzt die Kontrolle abgeben zu müssen. Ab diesem Tag an würde sich wirklich alles unwiderruflich verändern. Der werdende Vater und stolze Oberarzt war sich dieser Tragweite durchaus bewusst. Aber das hieß ja nicht, dass man sie schon akzeptieren musste, bevor man davon eingeholt wurde.

Gretchen: Ich mach auf. Passt du bitte hier auf! Wenn die Eieruhr klingelt, schalte bitte den Herd aus! Der Braten kann dann noch eine Viertelstunde im ausgeschalteten Ofen bleiben. Dann ist er perfekt.
Marc (blickt skeptisch auf das Ungetüm hinter sich): Äh...
Gretchen (klopft ihm motivierend auf die Schulter): Du schaffst das schon!

Marc war sich dessen nicht ganz so sicher wie sein blonder Wirbelwind, der nun ballerinagleich zur Tür tänzelte, aber er interpretierte Gretchens Ermutigung ja auch auf zweierlei Weise. Ein Abend mit den versammelten Haases und seiner Mutter, das war schließlich so eine Sache für sich und wenn alle erst den wahren Grund erfahren würden, weswegen sie eigentlich eingeladen waren, dann war jede Reaktion vorstellbar. Von Explosion bis Ohnmacht und Herzstillstand. Vorsichtshalber hatte der weitsichtige Chirurg seinen Arztkoffer unter dem Küchentresen gebunkert. Direkt neben dem Alkohol. Sicher war sicher! Und so mit sich selbst beschäftigt, bekam Dr. Meier nur verschleiert mit, wie Gretchen schwungvoll die Wohnungstür öffnete und ihre Familie überschwänglich begrüßte......

Lorelei Offline

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02.11.2015 16:47
#1547 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Gretchen: Hey, da seid ihr ja schon! Kommt doch bitte rein!
Franz (stolziert fröhlich herein u. lässt sich von seiner Tochter herzlich drücken): Hallo Kälbchen! Danke für die Einladung! Hübsch siehst du aus.
Gretchen (freut sich riesig u. zeigt das auch, indem sie ihren überrumpelten Vater ein bisschen länger als nötig an sich drückt): Ach Papa! Du hast mir so gefehlt.
Bärbel (löst Franz ungeduldig ab u. ist mal wieder die Hektik in Person): Margarethe, tut mir leid, dass wir zu spät sind.
Gretchen (runzelt verwirrt die Stirn u. schaut ihren Vater an, der nur schmunzelnd mit den Schultern zuckt u. dann zur Begrüßung auf Marc in der Küche zuschreitet, der seine Hände tief in seinen Hosentaschen vergraben hat): Zu spät? Mama, es ist drei nach sechs. Das ist doch nicht der Rede wert.
Bärbel (drückt sie überschwänglich an ihre mütterliche Brust): Ach, Gretchen, mein Mädchen! Es ist so schön, wieder bei euch zu sein. Wir waren viel zu lange weg. Wir können euch Kinder doch nicht so lange alleine lassen.
Gretchen (verschwindet fast in dem weiten Mantel ihrer Mutter, die sie krakengleich an sich gedrückt hält u. mit ihr hin u. her wippt): Ich freu mich auch, dass ihr wieder da seid, Mama!
Bärbel (lockert die Umarmung ein bisschen, mustert sie eingehend u. drückt ihrer überraschten Tochter einen üppigen, kunstvoll drapierten Blumenstrauß in die Hand): Hübsches Kleid! Das steht dir aber richtig gut. Da kann der Dr. Meier aber mit dir angeben.
Gretchen (fühlt sich sichtlich geschmeichelt u. schnuppert lächelnd an dem wunderschönen Blumenstrauß): Danke Mama!
Bärbel (blickt sich suchend um): Dein Bruder, du kennst ihn ja, musste mal wieder trödeln. Weißt du, wie lange wir im Auto warten mussten? In dieser furchtbaren Gegend. Die Jugend sammelte sich schon auf dem Parkplatz. Und ich hatte mein Pfefferspray nicht dabei.
Jochen (taucht eingeschnappt hinter seiner Mutter in der Tür auf u. begrüßt Gretchen mit rollenden, leidenden Augen): Mama! Marzahn ist nicht die Bronx. Und wir haben nicht getrödelt, ja. Vielleicht ist es dir noch nicht aufgefallen, aber mit einem Kleinkind laufen die Uhren eben anders. Celinchen bekommt ihren ersten Zahn. Sie hat erst spät Mittagsschlaf gemacht. Und wir konnten nicht eher los, bis sie gegessen hatte. ... Hey, Große! Da hast du mir ja mal wieder was eingebrockt mit deiner bestandenen Prüfung. Sind wir jetzt quitt? Ich hoffe, wir müssen morgen nicht noch mal zum traditionellen Sonntagsessen ran. Ich war so froh, dass wir mal drei Wochen Ruhe davor hatten.
Gretchen (löst sich kichernd von ihrer Mutter, die Jochen gerade einen tadelnden Blick zuwirft, drapiert die Blumen in einer freistehende Vase in der Nische unter der Treppe u. zieht ihren eingeschnappten Bruder anschließend in eine dicke, geschwisterliche Knuddelumarmung): Schon gut, Jochen! Ich freue mich, dass ihr alle gekommen seid. Wir kommen viel zu selten alle zusammen.
Jochen (sieht seine Schwester verwundert an, nachdem er sich endlich von dem emotionalen Energiebündel losreißen kann): Was ist denn mit dir heute los?
Gretchen (spielt es ertappt herunter u. wird plötzlich von ihrer Mutter angetippt): Nichts!
Bärbel (flüstert Gretchen kichernd etwas zu u. reicht ihr dann ihren Mantel): Siehst du, wie dein Bruder in seiner neuen Aufgabe aufgeht, Gretchen. Hach, das Kind wird endlich erwachsen.
Jochen (drückt Gretchen genervt seine Jacke entgegen u. entfernt sich schnell von den beiden einträchtig tratschenden Frauen): Boah Mama! Du bist peinlich.
Bärbel (sieht dem vorlauten Bengel entrüstet nach u. sucht dann bei ihrer Tochter für Verständnis, die jedoch nur die Augen verdreht, als sie zufällig zu ihrem leidenden Freund rüber sieht, dessen Blick eindeutig sagt, ‚ich hab’s dir doch gesagt’): Na, sag mal, ich darf mich doch wohl als Mutter freuen, wenn ihr Kind angemessen seinen familiären Verpflichtungen nachgeht.

Oh, oh, wenn du wüsstest, wie doppeldeutig das jetzt war, Mama. Hihi! Okay, konzentriere dich, Gretchen, lass dich nicht ertappen! Noch nicht!

Franz (nimmt seinen beleidigten Sohn in Schutz u. Bärbel den Wind aus den Segeln): Bärbel, jetzt lass den Jungen doch erst einmal ankommen, hmm? Du bist hier hoch geeilt, als würdest du für den Treppenlauf im Fernsehturm trainieren. Die Kinder sind gar nicht hinterhergekommen. Zumal mit ihrer kostbaren Begleitung.
Chantal (hat aus der Ferne schmunzelnd das Familienschauspiel verfolgt u. tritt nun mit ihrem Baby im Tragetuch fröhlich um die Ecke): Hallo alle zusammen! Beachtet uns nicht! Wir kommen zurecht.
Gretchen (versucht sich angesichts der üblichen familiären Spannungen zusammenzureißen u. begrüßt die junge Dame auf ihre bekannt liebenswürdige Art u. nimmt auch ihr vorsichtig die Jacke ab u. hängt sie an einen Kleiderhaken der Garderobe): Chantal! Hallo! Wie schön, dass ihr auch mitgekommen seid. Kommt schnell rein! Hey, Celinchen! Oh! Schläft sie?
Chantal (begrüßt die junge Ärztin überschwänglich mit einer kurzen, aber innigen Umarmung samt dickem Schmatzer auf die Wange): Ja! Du, Gretchen, wo kann ich denn die Kleine parken? Sie ist während der Autofahrt endlich eingeschlafen und ich möchte ungern, dass sie durch unsere Gespräche wieder wach wird. Deine Mutter hat ein ziemlich lautes Organ und Celine wird so schnell quengelig, wenn ihr was nicht passt. Da ist sie wie Jochen, obwohl das ja gar nicht sein kann. Irgendwie total skurril, aber auch süß.
Gretchen (macht hinter ihrer Schwägerin in spe die Tür zu u. blickt hingerissen auf das süße schlafende Mädchen, das sich im Tragetuch an die Brust ihrer Mutter schmiegt): Klar doch! Kommt mit, ihr Zwei! Wir können die süße Maus in einem der Gästezimmer ausschlafen lassen. Gleich hier vorne. Und wenn sie wach wird, hat sie Sterne an der Decke zum Angucken.
Chantal (folgt ihr flink mit Baby u. voll gepacktem Rucksack an den anderen vorbei zum Zimmer): Klingt prima! Ich hab alles dabei. Also, Babyphone und so, falls doch was sein sollte. Aber Autofahren beruhigt sie meistens. Also wird sie jetzt schon ne Weile pennen, denke ich. Ach, das hätte ich jetzt in der Hektik fast vergessen, Glückwunsch noch zur Prüfung, Gretchen! Das war bestimmt eine ziemliche Mount-Everest-Besteigung?
Gretchen (schaltet das Licht in dem kleinen Zimmer an u. deutet zum Prinzessinnenbett): Wem sagst du das! Das waren mehrere Achttausender. Aber ich war gut ausgerüstet.
Chantal (grient sie keck an): Klar! Wenn man mit so ner Sahneschnitte wie dem Meier trainieren kann.

Und während die Mädchen kichernd in dem Gästezimmer verschwanden und Chantal sich angetan in dem rosaroten Mädchenparadies umblickte, das einmal Gretchens Jugendzimmer in der Villa Haase gewesen war, von dem sie sich in weiser Voraussicht nicht hatte trennen wollen, und Gretchens Mutter derweil ihren kritischen Hausfrauen-Rundum-Blick durch die Dachgeschosswohnung des Paares schweifen ließ, gesellte sich Jochen zu den beiden Ärzten in der Küche, die schon angeregt in ein Gespräch über die Klinik vertieft waren, wo während der Abwesenheit des Professors einiges liegen geblieben war, wie Prof. Haase am Vortag hatte feststellen müssen. Aber Dr. Meier vermied tunlichst jegliche Rechtfertigung, warum er sein Pensum trotz aller Voraussicht nicht ganz geschafft hatte. Es war halt viel los gewesen in der Notaufnahme, nannte er als einen der Gründe, was ja im Prinzip auch stimmte. Hinter die wahre Ursache seiner ablenkungsbedingten Unachtsamkeiten würde Franz sicherlich am Ende dieses Tages schon noch steigen und jeglicher Ärger des gestrengen Chefarztes wäre dann vermutlich schnell wieder vergessen. Schließlich wurde einem nicht an jedem Tag gesagt, dass man zum ersten Mal Großvater wurde und dann gleich zweifacher.

Jochen: Boah, was für ein Aufriss! Wenn ich den Abend überleben will, werde ich viel Alkohol brauchen.
Franz (gibt seinem vorlauten Sohn einen Denkanstoß auf den Hinterkopf): Jochen!
Jochen (reibt sich schmollend die Rübe u. fühlt sich mal wieder benachteiligt): Au! Mann, Papa! Dankst du es mir so, dass ich mich hab überreden lassen, mitzukommen? Ich verstehe überhaupt nicht, warum ihr hier so ein Theater macht, als hätte sie den Medizinnobelpreis gewonnen, und dann wollt ihr Gretchen auch noch ein Auto schenken. Das ist doch voll unfair.
Franz (sein Blick verfinstert sich u. er hebt seinen väterlichen Vetofinger): Psst! Bist du ruhig! Noch ist es nicht soweit für die Überraschung. Und was deine letzte Frage betrifft, mach einen anständigen Abschluss und dann können wir auch eventuell verhandeln.
Marc (horcht interessiert auf u. stößt seinen bockigen Schwager in spe, den es tatsächlich für einen Moment die Sprache verschlagen hat, freundschaftlich mit der Schulter an): Meine Rede! Das Notfall-Kit findest du übrigens hier unter dem Tresen, Jo. Bierchen gefällig?

Die beiden Haase-Männer, die sich eben noch finster angeblickt hatten, grinsten mit einem Mal synchron, als sie Marcs Vorratslager unter dem Küchentresen entdeckten, wurden aber abgelenkt, als sich ihre Herzdamen wieder zu ihnen gesellten.

Gretchen: Ma...ma...Marc, warte mal! Wollen wir nicht erst einmal mit Sekt anstoßen? Zur Begrüßung und... naja... ich will mich ja nicht selbst loben.
Jochen (zwinkert ihr frech zu): Klar!?
Franz (legt glücklich seinen Arm um Gretchens Schulter u. zieht sein kleines Mädchen zu sich heran): Dafür sind wir doch heute zuständig, Kälbchen. Oh, entschuldige, Frau Doktor Haase!
Gretchen (schmiegt sich überglücklich an ihren geliebten Vater u. schließt genießend die Augen): Hach... Papa! Du bist der Beste!
Franz (lächelt sie stolz an): Und für deinen alten Herrn bist du die Beste, Gretchen.
Gretchen: Ach, du bist doch nicht alt, Papa.
Bärbel (löst sich von dem Blick aus dem Fenster auf die riesige leere Dachterrassenfläche u. tritt ebenfalls an die offene Wohnküche heran): Eine wunderbare Idee, Margarethe! Auf deinen erfolgreichen Werdegang! Jetzt bist du tatsächlich Chirurgin. Wie dein Vater. Wer hätte das gedacht?
Marc (flüstert Gretchen kleinlaut ins Ohr): Also ich nicht.
Gretchen (reißt abrupt die Augen wieder auf, löst sich von ihrem Vater u. stupst Marc empört von der Seite an): Ey!
Marc (grinst sie spitzbübisch an u. greift unbemerkt von den anderen - bis auf Bärbel - nach ihrer Hand): Spaß!
Bärbel (strahlt ihre erfolgreiche Tochter u. deren attraktiven Freund zufrieden an): Wir sind so stolz auf dich, mein Mädchen. Aber sag mal, was wollt ihr eigentlich mit der Terrasse machen? Hier oben fehlt es eindeutig an Grün. Ich meine, der Ausblick allein ist schon fantastisch, daran muss man nun wirklich nichts ändern, aber hier muss man doch schon noch was machen. Das viele Beton und Glas, das ist es doch noch nicht gewesen? Ich hab da mal eine Dokumentation gesehen, da hat man auch eine Dachterrasse in eine traumhafte grüne Oase verwandelt, da hat man am Ende gar nicht mehr gemerkt, wie weit oben über den Wolken man eigentlich war. Das hat nicht einmal einen halben Tag gedauert.
Gretchen (etwas verwirrt von den Gedankensprünge ihrer Mutter schaut sie den ebenso verdutzten Marc an): Mama, du weißt aber schon, welche Jahreszeit wir haben, oder? Das hat doch alles noch Zeit, bis wir uns dort richtig einrichten. Und ich war nun mal anderweitig beschäftigt. Mit Lernen! Vergessen?
Bärbel (kichert auf ihre bekannt nervige Art u. nimmt mit ihren fordernden Blicken Dr. Meier in die Pflicht, der etwas überfordert wirkt u. Gretchens Hand gleich noch fester drückt): Oh, schon gut, ich habe schon verstanden. Aber mit dem Pflanzen sollte man jetzt schon beginnen, wenn ihr später ein Blütenmeer hier oben haben wollt. Hach... ich stelle mir das schon wunderbar vor. Wenn der Flieder erst einmal blüht. Geranien. Hortensien. Oleander. Vielleicht ein paar Palmen oder Bambus. Mehrere Rosenbäumchen. Alles duftet. Blumen sind doch etwas für die Seele, Margarethe. Und jetzt als große Ärztin mit Verantwortung brauchst du doch den Ausgleich.
Gretchen (denkt an ihren nicht vorhandenen grünen Daumen u. lehnt sich an ihren überforderten Freund, der leidend die Augen verdreht; sie kann förmlich seine Gedanken lesen): Äh... ja? Schauen wir mal!
Bärbel (nähert sich ihrer Tochter u. flüstert ihr noch etwas zu): Ihr solltet übrigens mal die Fenster putzen. Da bilden sich schon Schlieren. Ein Wunder, dass ihr da hinten den Fernsehturm noch sehen könnt.

Mama! (GH)

Oh Gott, ich bin echt in der Vorhölle gelandet! (MM)


Jochen (blickt genauso genervt aus der Wäsche wie seine Schwester): Äh... Sollte es nicht etwas zu trinken geben?
Chantal (lehnt sich fröhlich lächelnd an ihren Schatz u. hält das eingeschaltete Babyphone an ihre Brust): Da bin ich dabei.
Gretchen (wird hektisch): Ja, ähm... Setzt euch doch bitte schon mal! Wir kümmern uns darum. Marc?
Marc (flüstert ihr zu, als er sich neben sie hinter die Theke stellt): Du weißt aber schon, dass du nicht...
Gretchen (deutet auf die hinter den beiden übereinander gestapelten Bierkästen versteckte Kindersektflasche): Ich habe an alle Eventualitäten gedacht, Marc. Meinst du, du kriegst das hin, ohne dass jemand etwas merkt?
Marc (fühlt sich in seiner Ehre gekränkt u. plustert sich vor seiner Freundin auf): Also ich bitte dich! Das ist doch wohl meine leichteste Aufgabe. Glas her, zack, zack!
Gretchen (reicht ihm als erstes das Sektglas, das für sie bestimmt ist, u. beobachtet ihn grinsend beim Öffnen der Flaschen): Wo bleiben eigentlich deine Eltern? Hast du ihnen die richtige Uhrzeit gesagt?
Marc (öffnet gekonnt die falsche Sektflasche u. anschließend die richtige u. schenkt in die Gläser ein, die Gretchen ihm abwechselnd reicht u. dann auf ein Tablett stellt): Äh... ja? Keine Ahnung! Du kennst doch meine Mutter. Wenn sie nicht ihren großen Auftritt bekommt, dann stimmt etwas nicht.
Bärbel (hat sich gerade neben ihre Familie an den gedeckten Esstisch gesetzt, faltet ihre Serviette neu u. beginnt das gleiche Spiel mit den anderen Servietten, die wenig kunstvoll auf den Tellern drapiert liegen, während sie ihre Ohren in Richtung Küche gespitzt hält): Oh! Das Auto von Frau Fisher stand doch in einer Parkbucht vor dem Haus. Nicht, Franz? Du hast doch dahinter geparkt.
Franz (kratzt sich an der Stirn u. blickt fragend zu seinem Sohn, der mit seiner Freundin gegenüber Platz genommen hat u. mit ihr verliebt schäkert): Ja, hab ich.
Marc (balanciert ungelenkt das Tablett zum Tisch, nachdem er es seiner schwangeren Freundin entrissen hat, u. reicht als erstes Gretchen ihr Glas, dann ist Chantal an der Reihe, dann die anderen am Tisch): Da steht der Porsche schon seit gestern. Ich glaube, die sind noch gar nicht raus zur Villa gefahren. Mutter hat gestern nur ihre restlichen Sachen bei mir abgeholt und hat sich dann bei Dad unten in der Einliegerwohnung eingenistet, um... Egal!
Gretchen (strahlt ihren grummelnden Schatz an): Och, ist doch schön, dass sich die beiden wieder verstehen.
Bärbel (blickt kichernd zu Franz, der nur kurz vielsagend die Augenbrauen anhebt): Oh! Dann habt ihr das Paar noch nicht so erlebt wie wir während unseres USA-Aufenthaltes. Dass sich der arme Olivier überhaupt auf seine Arbeit konzentrieren konnte?
Franz (hält seine Frau rechtzeitig vor neuen Anekdoten zurück): Bärbel!
Marc (starrt erst Gretchens Familie, dann Gretchen unwirsch an u. verleiert die Augen): Na ja? Darauf verzichte ich dankend. Jedenfalls typisch Mutter, hat den kürzesten Weg und den geringsten Zeitaufwand, aber kann es nicht lassen, auf große Diva zu machen. Dasselbe Spiel wie auf der Buchmesse.

Olivier: Sprichst du etwa von deiner liebreizenden Frau Mama, mein Sohn? Hallo ihr Lieben und entschuldigt bitte die kleine Verspätung! Wir sind etwas durcheinander gekommen mit den Zeiten. Aber der Bratengeruch hat uns hergelockt.

...hörte man plötzlich die tiefe, sonore Stimme eines Mannes von der Wohnungstür aus. Sämtliche Köpfe drehten sich augenblicklich in seine Richtung und entdeckten erst Marcs Vater, der schelmisch grinsend seinen schlohweißen Wuschelkopf durch die Tür steckte, gefolgt von dessen grimmig dreinblickender Gattin im edlem lindgrünen Zwirn, die stolz an ihm vorbei in die Wohnung schritt und ihrem verdutzten Sohn einen Schlüsselbund in die Hand drückte, den dieser schnell in seine Hosentasche steckte, bevor er noch einmal zweckentfremdet wurde.

Elke: Den hatte ich gestern vergessen, wieder abzugeben.
Marc (versucht sich nicht aufzuregen u. es mit Humor zu nehmen): Ist das schon beginnende Demenz? Ihr seid zu spät!
Elke (begrüßt ihren unverschämten Sohnemann mit drei angedeuteten Küsschen auf die Wange, was dieser sich nur widerwillig gefallen lässt, weil Gretchen ihn in Elkes Richtung drängt): Zeit ist relativ, mein Junge. Wer achtet denn schon auf solche Nichtigkeiten?
Marc (reißt sich schnell überfordert los u. lässt die Diva stehen): Pff! Der Rest der Welt? Aber du drehst dich ja in deinem eigenen Kosmos, ne.
Elke (funkelt ihn tadelnd an): Marc Olivier!
Marc (kontert mit einem scheinheiligen Lächeln): Mutter!
Olivier (begrüßt seinen frechen Sohn mit einem kräftigen Händedruck u. zieht ihn anschließend kurz in seine Arme): Siehst du, und ich habe dir noch gesagt, er hat achtzehn Uhr gesagt, Elke. Hallo, mein Junge!
Marc (fährt sich unbequem übers Kinn, nachdem er sich wieder von seinem Dad gelöst hat): Geschenkt!
Elke (holt hinter ihrem Rücken eine Tüte mit einer teuren Rotweinflasche als Inhalt hervor u. drückt sie der perplexen Ärztin in die Hände, die stumm beobachtend neben Marc steht): Papperlapapp! Wo ist denn jetzt die Gastgeberin? Wir sind doch schließlich zum Gratulieren hier oder hat sich das Motto des Abends mittlerweile geändert?

Was? Oh Gott! Ahnt sie etwa etwas? Das kann nicht sein!

Gretchen (gibt sich einen Ruck, nachdem die erste Welle der Aufregung abgeklungen ist, u. kommt freudestrahlend auf die Meiers zu u. nimmt einen nach dem anderen in den Arm, ehe sie wieder zu ihrem wenig begeisterten Freund tritt, ihm die Geschenktüte reicht u. anschließend seine freie Hand ergreift): Äh... nein!? Hallo Elke! Oli! Danke! Ich freu mich... Wir freuen uns, dass ihr da seid.
Marc (kleinlaut meckernd): Na ja?
Gretchen (drückt fester zu u. zischt ihm leise zu): Psst! Marc!
Olivier (lächelt herzlich die charmante Freundin seines Sohnes an u. überreicht ihr noch ein weiteres Geschenk): Danke für die Einladung, Gretchen! Und noch einmal herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Facharztprüfung!
Gretchen (schaut ihren Schwiegervater in spe ganz verlegen an u. packt gleich den dicken Wälzer aus, der unter dem edlen roséfarbenen Geschenkpapier versteckt ist): Olivier, das wäre doch nicht nötig gewesen.
Olivier (lächelt sie mit demselben spitzbübischen Grinsen an, mit dem Marc sie immer verzaubert): Eine kleine Geste und eine Investition in deine Zukunft. Ich weiß, im 2.0-Zeitalter habt ihr ganz andere Möglichkeiten, euch zu informieren und weiterzubilden. Aber mir war dieser Band hier über die Jahre immer ein großer Helfer, wenn es um ganz spezielle medizinische Fälle geht, bei denen man nicht gleich weiterweiß. Es ist die allerneuste Ausgabe von „Grey’s Anatomy“. Unsere aktuelle Siamesische-Zwillings-OP ist zwar nicht drin, aber eine ähnliche, sowie die seltensten medizinischen Phänomene, die bislang weltweit entdeckt worden sind. Ich hoffe, es stört dich nicht, dass es auf Englisch ist?
Gretchen (lächelt ihn begeistert an): Nein, natürlich nicht. Es klingt auf jeden Fall spannend. Danke, Oli!
Marc: Boah, krass! Dr. House lässt grüßen.

In Marc fand Gretchen gleich einen interessierten Abnehmer des mehrere hundert Seiten dicken Nachschlagewerkes, in dem schon fleißig geblättert und gestöbert wurde. Vom Esstisch aus wurde es jedoch allmählich unruhig, je länger lediglich Liebenswürdigkeiten ausgetauscht wurden und man selbst nicht beachtet wurde. Außerdem hatte Jochen Haase den ganzen Tag noch nichts gegessen.

Jochen: Ich will euch ja nicht in eure euphorische Begrüßung reinquatschen und ich will mich auch nicht dafür entschuldigen, dass ich leider kein Geschenk dabei habe, weil mir niemand etwas davon gesagt hat, dass wir was schenken müssen, aber irgendwas riecht hier komisch.
Chantal (stimmt ihrem Freund kopfnickend bei): Das kommt aus der Küche.
Gretchen (schreckt alarmiert auf u. starrt Marc an): Was? Hast du den Herd etwa nicht ausgemacht? Maaarc!
Marc (lugt kleinlaut hinter dem Buchumschlag hervor): Upps!
Gretchen (flitzt schnell los, aber ihre Mutter ist ihr schon zuvorgekommen u. macht sich fachmännisch am Herd zu schaffen): Ach, Marc! Du hattest nur eine einzige Aufgabe.
Bärbel (hat den Bräter herausgeholt u. auf den ausgeschalteten Herd gestellt): Alles in Ordnung, Margarethe. Der Braten sieht gut aus. Und wie er schmeckt. Mhm! Ein Gedicht! Er hätte von mir sein können. Wer hat ihn dir vorbereitet? Ist er aus diesem charmanten kleinen französischen Restaurant um die Ecke? Meinst du, ich kann das Rezept haben?
Gretchen (hebt mit einem rosafarbenen Topflappen vorsichtig den Deckel des Bräters an u. atmet erleichtert aus, reagiert aber trotzdem ein wenig verschnupft): Bitte? Mama! Den hab ich selber gemacht.
Bärbel (streicht sich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr u. schaut ihre Tochter verdattert an): Ach, tatsächlich? Na, dann ist ja doch noch etwas von meiner guten Erziehung bei dir hängen geblieben.
Nein, Gretchen, du regst dich jetzt nicht auf! Du lässt dir die Vorfreude nicht durch irgendwelche Vorhaltungen und angebliche hausfrauliche Defizite nehmen. Du hast immer noch einen, nein, zwei Trümpfe in der Hand. Ja, das hab ich in der Tat! Hihi!
Gretchen: Mama!

...sah Gretchen ihrer mäkelnden Mutter genervt hinterher, als diese sich wieder an den Tisch setzte und die Meiers höflich begrüßte, und bemerkte dabei im Augenwinkel Marcs auf sie gerichteten schadenfrohen Blick. Scharf blickte sie mit zusammengekniffenen Augen zu ihm zurück, erzielte damit jedoch keinerlei Wirkung, weil der dreiste Kerl einfach nur weiter vor sich hin grinste, wie er es seit jeher tat, wenn die Witze auf ihre Kosten gingen. So hatte sich die schwangere Chirurgin den Abend nun wirklich nicht vorgestellt, dass jeder auf ihr herumhackte oder sie auslachte. Aber zum Glück wusste sie ja ihren Vater auf ihrer Seite, der nun schwungvoll von seinem Platz aufstand und sein Sektglas in die Höhe reckte, woraufhin die anderen seinem Bespiel folgten und sich ebenfalls erhoben.

Franz: Kinder, jetzt, wo wir endlich vollzählig sind, lasst uns doch erst einmal anstoßen, hmm! Erst einmal vielen, vielen Dank für die Einladung, Kälbchen! Wir sind so stolz auf dich. Wie du selbstbewusst und entschlossen deinen Weg gegangen bist, das ist wirklich bewundernswert. Und jetzt bist du tatsächlich in meine Fußstapfen getreten, die doch ziemlich groß waren, aber du hast die Herausforderungen eines Klinikbetriebes mit Bravour gemeistert und ich bin mir sicher, nein, ich weiß, dass du auch deine neuen Aufgaben mit ebenso großem Elan, Hingabe und Enthusiasmus bewältigen wirst. Auf unsere wunderbare Tochter! Auf Dr. Margarethe Haase, Chirurgin mit Herz und Leidenschaft und ab Montag neue Stationsärztin an meinem geliebten Elisabethkrankenhaus.
Olivier (nickt seinem Kollegen u. Freund anerkennend zu u. richtet seinen Blick nun auch wie alle anderen auf die sichtlich verlegene Ärztin): Hört, hört!
Gretchen (blickt gerührt in die Runde u. nur der dicke Kloß in ihrem Hals hindert sie daran, etwas wenig Schlaues zu erwidern): Ach Papa! Du...
Marc (lehnt sich seitlich an sein sprachloses Mädchen u. reicht ihr mit unverhohlenem Stolz ihr „Sekt“-Glas): Ausnahmsweise hast du dir mal Lob verdient, Haasenzahn! Aber du weißt, dass der Kükenbonus nun endgültig wegfällt. Also koste den Abend ruhig aus, solange er dauert! Danach schenkt dir niemand mehr was. Also fachmedizinisch gesehen.
Gretchen (schaut ihren Liebsten mit großen, tränengefüllten Augen an): Marc, ich...
Marc (zieht sie in eine starke Umarmung u. wischt mit seinem Finger eine Träne von ihrer glühendroten Wange): Schon gut, du Heulboje! Aber kipp mir nicht um, wenn’s dir hier doch zu viel wird. Die Luft da oben auf der mittleren Stufe der Karriereleiter kann ziemlich schnell dünn werden.
Gretchen (fängt sich wieder u. schmachtet ihn keck an): Damit kennst du dich ja aus.
Marc (kneift dem Frechdachs in die Seite): Hey!
Bärbel (kann ihre Tränen ebenso kaum verbergen u. erhebt ebenfalls stolz ihr Glas auf ihre talentierte Tochter): Auf die Frau Doktor! Und auf einen hoffentlich wunderbaren Abend!
Jochen (hat schon vor allen anderen heimlich von seinem Glas genippt u. wirkt etwas genervt von der Theatralik um seine große Schwester): Jep! Auf dich, Große!
Elke (rückt sich nun auch wieder in den Vordergrund): Dann muss ich mich wohl auch den Glückwünschen anschließen.
Marc (zwinkert seiner Mutter frech zu, die ihn u. seine Lebensgefährtin die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hat): Hundert Punkte, Mum!
Olivier (lehnt sich lächelnd an seine Frau u. stößt mit ihr an): Ein Hoch auf Gretchen!
Gretchen (ihr wird der Wirbel um ihre Person dann doch etwas zu viel, weil die Emotionen immer mehr hochkommen u. sie zu überrumpeln drohen): Danke! Ihr seid so lieb und ich freu mich so, dass wir hier heute alle zusammengefunden haben. Ich würde vor dem Essen gerne noch etwas sagen.
Marc (verschluckt sich fast an seinem Sekt u. flüstert Gretchen hastig von der Seite etwas zu): Was? Jetzt schon? Können wir nicht noch...
Gretchen (streicht ihm beruhigend über die Wange, denn so weit vor traut sie sich dann auch noch nicht): Warte, ich...
Bärbel (geht flink dazwischen u. übernimmt das Kommando, damit alles in geordneten Bahnen verläuft): Jetzt stoßen wir erst einmal an, Kinder, ja?

Und das taten sie dann auch. Jeder blickte seinem Gegenüber in die Augen. Es wurde gelacht, gescherzt und Gläser klirrten. Gedanken kreisten. Erinnerungen kamen hoch. An die eigenen aufregenden Anfänge im Medizinbetrieb. Und auch an ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen, Zahnspange und großen blauen Augen hinter einer riesigen Brille, die ihr immer von der Nase rutschte, das aufgeregt im eigenen Büro herumhüpfte und das menschliche Skelett in der Ecke intensiv betrachtete, ehe es unendlich viele Fragen an ihren stolzen Papa loswerden wollte. Liebevolle Blicke wurden ausgetauscht, als man merkte, dass man gerade an dasselbe gedacht hatte. Ein wohliges Seufzen begleitete die familiäre Runde, als die ersten kühlen Tropfen des edlen Getränks die Kehlen hinabglitten. Gretchen hielt währenddessen ihr Glas immer noch verkrampft fest, ohne daran zu denken, daran zu nippen, und schaute Marc an, der nur unschlüssig die Schultern zucken konnte und dann sein Glas auf ex hinunterkippte, um seine Anspannung zu lindern, was jedoch nur bedingt Wirkung zeigte. Denn plötzlich unterbrach ein heftiger Hustenanfall die einträchtige Stille im Meier-Haasschen Loft. Jochens Freundin hatte sich verschluckt und blickte nun, nachdem Jochen ihr besorgt den Rücken massiert hatte, verlegen in die Runde, die ihre Augen auf sie gerichtet hatte.

Chantal: Entschuldigung! Ich war nur überrascht. Kann es sein, dass in meinem Glas Kinderbrause drin ist? Ich will ja nichts sagen und auch nicht ständig wie ein Kleinkind darauf herumbohren, dass ich jetzt achtzehn bin und machen kann, was ich will. Aber meine Stillzeit ist auch schon rum. Celine ist jetzt ein großes Mädchen. Und ich darf Alkohol trinken. Ihr könnt gerne auch meinen Frauenarzt fragen. Der ist zwar gerade im Urlaub, aber wenn ich seine Freundin anklingele, dann kann sie euch das auch gerne bestätigen.
Marc (schaut alarmiert zur Seite u. greift spontan nach dem Glas seiner perplexen Freundin, die dieses gerade an ihre Lippen setzen will, u. reicht es der beleidigten Achtzehnjährigen): Upps, da ist wohl was durcheinander geraten. Ist ja jetzt auch nicht so meine Materie, sondern die von... Ähm... Egal! Nimm das hier! Das ist noch unbenutzt. Ich hole ein Neues.
Gretchen (läuft sofort ertappt rot an u. leuchtet in die Runde): Ja?!?

Oh Gott! Sind wir jetzt aufgeflogen? Nein!

Elke (greift nach dem Glas von Jochens Freundin u. reicht ihres weiter an ihren Sohn): Das wird dann wohl meins gewesen sein.
Marc (starrt sie verwirrt an): Bitte? Seit wann verzichtest du freiwillig auf Alkohol, Mutter?
Olivier (zischt ihn scharf von der Seite an): Marc!
Marc (bemerkt seinen Fehler sofort u. schüttelt den Kopf): Oh? Klar!
Scheiße!
Jochen (stellt sein leeres Glas ab u. blickt unwissend von dem einen zur anderen): Was ist denn?
Marc (lenkt ab u. springt von seinem Platz auf): Nichts! Ich hole neue Gläser.
Elke (hält ihn auf): Du musst dich nicht für mich verstellen, Marc Olivier.
Marc (dreht sich noch einmal in Zeitlupe zu ihr herum): Wieso?
Franz (lächelt mitfühlend): Wir wissen Bescheid, Marc.
Bärbel (schaut betroffen zu dem armen Jungen hoch, der gerade ganz verloren auf sie wirkt): Ja!
Marc (starrt seine Mutter mit offenem Mund an): Du... du hast es erzählt?
Jochen (versteht nur Bahnhof u. sein Kopf wackelt pingpongmäßig hin u. her): Was?
Elke (bleibt ganz ruhig u. souverän, als sie zu ihrem konsternierten Jungen hochsieht): Wenn ich eins gelernt habe in den vergangenen Monaten, mein Junge, dann dass ich offen damit umgehen muss. Sich zurückzuziehen und sich einzukapseln, bringt einem gar nichts. Man fällt nur noch tiefer in dieses Loch, das einen von innen aufzufressen droht. Diesen Fehler begehen viele. Deshalb möchte ich aufklären. Ich werde ein Buch schreiben.

Marc starrte seine Mutter an, als würde er sie gerade zum ersten Mal sehen. Sie blickte eindringlich zurück und wartete auf eine Reaktion seinerseits, doch ihr Junge blieb stumm. Er wollte es nicht wahrhaben und nicht an sich heranlassen. Das spürte auch Gretchen, die instinktiv nach Marcs Hand griff und ihn zurück auf seinen Stuhl herunterzog. Das ließ Elkes Sohn wieder aufwachen und er überspielte seine innere Aufgewühltheit mit seinem üblichen Zynismus, nur um nicht weiter darüber nachdenken zu müssen, wie krank seine Mutter tatsächlich vor kurzer Zeit noch gewesen war.

Marc: Das ist ja mal ganz was Neues.
Olivier (beobachtet ihn mit unverhohlener Sorge): Marc!
Elke (lässt sich nicht von Marc Olivier einschüchtern u. bleibt sich treu): Und der Titel meines Erfahrungsberichts wird lauten, „Krebs, na und? Wie man trotz Diagnose, OP, Chemo & Co. seine Lebensfreude behält und teilt“.
Jochen (kleinlaut platzt es aus ihm heraus, sodass alle sich zu ihm herumdrehen): Sie hat Krebs?
Chantal (klopft ihrem vorlauten Freund auf die Finger u. zischt ihn mit Flüsterstimme von der Seite scharf an): Jochen! Psst! Halt einmal deine Klappe, ja! Kriegst du das hin oder muss ich dich erst stumm küssen?
Bärbel (nickt ihrer Schwiegertochter in spe dankbar zu, weil sie ihren vorlauten Jungen zurückhält, bevor er noch ins nächste Fettnäpfchen plumpst): Danke, Chantal!
Gretchen (schaut vorsichtig fragend zu Marc, der gequält auf seinem Stuhl zusammensinkt): Äh... Das ähm... klingt doch... gut?
Elke (nickt zufrieden, als sie Anerkennung findet, greift nach ihrer Handtasche u. holt ein zusammengebundenes Bündel Zettel heraus, die sie anschließend über den Tisch reicht): Das finde ich auch. Ich möchte, dass du dir das Manuskript durchliest und Anmerkungen machst, vor allem, was die medizinische Genauigkeit betrifft, Marc Olivier. Ich will nichts auslassen, auch die unangenehmen Dinge müssen angesprochen werden.
Marc (schaut empört auf, als Gretchen ihm vorsichtig das Manuskript weiterreicht): Boah, Mutter, das ist doch nicht dein Ernst? Du bringst ein Manuskript zu Gretchens Feier mit? Ausgerechnet mit dem Thema? Willst du uns alle runterziehen?
Elke (ist sich keiner Schuld bewusst): Ja, warum denn nicht? Die langen Flüge hin und zurück nach Deutschland waren sehr inspirierend für mich. Und deine Worte übrigens auch. Ich habe diese nicht vergessen. Du hast mir sehr geholfen, mein Junge, und es tut mir leid, falls ich das nicht deutlich genug gemacht habe, bevor ich in den Flieger zu deinem Vater gestiegen bin.
Marc (fühlt sich merklich unwohl in seiner Haut u. springt abrupt vom Tisch auf): Trotzdem, das heute... das... ist einfach nicht der richtige Moment, um über so was zu reden.
Elke (blickt arglos in die Runde, die sie auf ihrer Seite glaubt): Warum denn nicht?
Marc (wiegelt hastig ab u. rennt fast aus Überforderung in die Küche): Egal! Ich hole neue Gläser.
Gretchen (steht ebenfalls vom Tisch auf): Warte, ich komme mit, Marc! Wir fangen dann gleich mit dem Essen an. Ja, ähm... fühlt euch wie zuhause. Wir sind gleich zurück.

Gretchen entschuldigte sich mit einem milden Lächeln bei ihren verständnisvollen Gästen und folgte Marc in die Küche, der sich dort extralange unter dem Tresen beschäftigt hielt. Die besorgte Ärztin legte Elkes Manuskript zur Seite und hockte sich neben den sichtlich aufgewühlten Mann und schaute ihm mitfühlend in die hektisch hin und her huschenden Augen, die sich nicht beruhigen wollten. Der alte Kummer stand unverhohlen darin geschrieben und bewegte auch ihr Herz, das die ganzen Wochen schon mit Marc mitgelitten hatte.

Gretchen (spricht ihn leise an): Alles in Ordnung?
Marc (weiß nicht, wie er damit umgehen soll, u. reagiert gereizt): Was soll in Ordnung sein? Ich hab dir gleich gesagt, dass dieser Abend ein Fehler ist.
Gretchen (schnappt sich seine Hand, die ungeschickt an einer Sektflasche herumruckelt, u. legt sie spontan an ihren Bauch): Ist er nicht und das weißt du.
Marc (beruhigt sich ein bisschen u. lässt sich von Gretchens glasklaren Augen u. dem Gefühl, das die Berührung ihres Bauches auslöst, gefangen nehmen): Ja! Aber trotzdem, es nervt einfach, wie sehr sie sich schon wieder aufspielt. Das heute ist dein Tag und ich will einfach nicht darüber nachdenken, dass sie...
Gretchen (lächelt ihn wissend an u. erhebt sich ein Stückchen, um über den Küchentresen hinweg zum Esstisch zu blicken, wo sich alle angeregt unterhalten u. keine sonderliche Notiz von ihnen nehmen): Sssht! Unser Tag! Aber hast du dir deine Mutter mal etwas genauer angesehen?
Marc (zynisch): Sie hat Dad ein Heidengeld aus der Tasche gezogen und sich in den Staaten mit teuren Fummeln ausstatten lassen, um ihn und ihre Lektoren im Verlag zu bezirzen.
Gretchen (sucht seinen Blick): Marc! Ist dir nicht aufgefallen, dass sie wieder aufrecht geht? Also, metaphorisch gesprochen. Und wie sie strahlt! Voller Leben! Sie ist glücklich mit deinem Vater. Und sie hat ihre Krankheit akzeptiert und geht offen damit um. Das wolltest du doch.
Marc (kleinlaut): Sie ist nicht krank.
Gretchen (hält seine Hand mit ihren Händen fest umschlossen u. drückt sie an ihre Brust): Sie ist befundfrei und das werden die Nachuntersuchungen in ein paar Monaten auch bestätigen. Deine Mutter ist eine starke Frau und wie sie jetzt im Vergleich mit vor ein paar Wochen damit umgeht, finde ich großartig. Du solltest sie unterstützen. Das Projekt ist gut und wird nicht nur ihr helfen.
Marc (sieht sie mit gemischten Gefühlen an): Findest du?
Gretchen (lächelt erleichtert, weil er es verstanden hat): Es geht einmal nicht um Dr. Rogelt.
Marc (kann nicht anders, als ihr Lächeln zu erwidern): Das ist ja das Erschreckende dabei.
Gretchen (kichert u. zieht ihn wieder mit sich hoch auf die Beine): Alles wieder gut? Meinst du, du schaffst es, den Rest des Abends nicht genervt zu reagieren und anstatt deines Dauergrummelgesichts den Glücklicher-Werdender-Papa-Blick aufzulegen? Den mag ich an dir nämlich am liebsten.
Marc (legt seine Arme um ihre Schultern u. sieht ihr verliebt in die Augen): Das hängt davon ab, was ich dafür kriege.
Gretchen (säuselt verliebt): Das nennt man Erpressung.
Marc (zwinkert ihr zu): Du hast damit angefangen.
Gretchen (grient ihn an): Sagen wir mal so, ich hoffe, dass am Ende dieses Abends alle happy sein werden.
Marc (blickt kurz über seine Schulter u. bemerkt irritiert, wie er und Gretchen von der Haasen-Mutti angehimmelt werden): Optimistin! Also, wie ist der Plan? Wann willst du damit herausrücken?
Gretchen (schaut ebenfalls rüber zum Esstisch, wo sich ihre Mutter ertappt wegdreht u. mit Chantal u. Jochen ein Gespräch beginnt): Wir sagen es ihnen zusammen. Zum Nachtisch.
Marc (grinst amüsiert): Zum Nachtisch? Aber du hast nicht heimlich, das Ultraschallbild im Schokopudding versteckt.
Gretchen (stützt sich kichernd an ihn): Quatsch! Das geht doch gar nicht. Bringst du jetzt bitte die neuen Gläser rüber und verhältst dich unauffällig! Ich komme gleich mit der Vorspeise. Warte erst einmal ab! Wenn sie erst einmal etwas gegessen und getrunken haben, sind sie alle viel entspannter. Dann können wir zum Angriff übergehen.
Marc: Dein Wort in Gottes Gehörgang! Also in meinen!

Und mit einem kurzen, aber innigen und von der verzückten Bärbel Haase am Tisch kommentierten Kuss auf Gretchens süße Lippenspitzen spazierte der wieder merklich entspannter wirkende Chirurg zurück ins Wohnzimmer und verteilte neue Gläser mit Prickelwasser an die Damen und Bierflaschen an die anwesenden Herren der Runde und genehmigte sich anschließend selber ein kühles Blondes. Gretchen folgte kurz darauf mit einem ebenso verräterischen Dauerlächeln, welches zumindest bis auf einen skeptischen Beobachter unbemerkt blieb, weil das leckere Essen, das die charmante Gastgeberin nun mit Gang eins auftischte, sie vorerst von allen möglichen Offensichtlichkeiten ablenkte.

...

Lorelei Offline

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13.11.2015 13:43
#1548 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Nachdem die Holprigkeiten zu Beginn des Familiendinners allseits soweit abgeklungen waren, entwickelte sich der Abend mit ihren Lieben ganz nach dem Geschmack der harmoniesüchtigen Gretchen Haase, die alle im Raum mit ihrem ansteckenden Strahlen verzauberte und auch ein bisschen verwunderte. Man genoss ein äußerst gelungenes Menü, das von allen Seiten gelobt wurde, ganz besonders von Gretchens Mama, die nur warme Worte für ihre Älteste übrig hatte. Auch wenn Marcs Mutter im Gegensatz zu der stolzen Glucke in unbemerkten Momenten die Nase rümpfte angesichts der Kalorienzahl, die hier auf dem Tisch gelandet war, aber sie hielt sich zurück, um bloß keinen erneuten Eklat mit ihrem leicht reizbaren Sohn heraufzubeschwören, der mittlerweile etwas angeschäkert und dementsprechend weniger angriffslustig war als noch vor ein paar Minuten, weil er eh nur Augen für seine bezaubernde Freundin hatte, was selbst der skeptischen Elke Fisher einmal mehr aufzeigte, wie vernarrt ihr Junge in die blonde Ärztin war, die ihm total den Kopf verdreht hatte, sodass er nur noch vor sich hin grinste wie ein Honigkuchenpferd. Ein ungewohnter Anblick für die einst alleinerziehende Autorin, der ihr Herz berührte. Aber auch ein bisschen anstrengend. Denn dieses Mädchen mit dem Dauerlächeln schien Hummeln im Hintern zu haben, so oft wie sie aufsprang und jeden umsorgte, als würde es an dem reichlich gedeckten Tisch an etwas mangeln. Sie stellte ihre auffällige Überschwänglichkeit erst ab, als ihr Vater um Aufmerksamkeit ringend mit seiner Gabel sanft gegen sein Sektglas klopfte und anschließend seiner erfolgreichen Tochter feierlich einen großen, mit einem knallroten Band verzierten Umschlag mit einem Gutschein überreichte.

Im ersten Moment war Gretchen völlig sprachlos gewesen und hatte wie ein Fisch an Land nach Luft geschnappt, was die angeheiterten Jungs zu ihrer Linken und zu ihrer Rechten amüsiert kommentiert hatten, bis auch Marc und Jochen die Kinnladen herunterklappten, als sie die Überschrift des rosa umrahmten Gutscheins zu lesen bekamen. Im zweiten Moment hatte die herzensgute junge Frau ihren stolzen Eltern vor lauter Bescheidenheit die Überraschung ausreden wollen, mit der sie ihre bestandene Chirurgenprüfung gebührend würdigen wollten. Aber gegen einen sehr entschlossenen Chefarzt und vor lauter Stolz überschäumenden Vater hatte die Haase-Tochter natürlich überhaupt keine Chance gehabt. Widerrede zwecklos. Mit Tränen in den Augen hatte die überrumpelte Chirurgin schließlich das großzügige Geschenk ihrer Eltern angenommen und der Professor und auch sein Lieblingsoberarzt hatten sich zufrieden auf ihren Stühlen zurückgelehnt und den Moment genossen, als das sonst immer auf Dauerbetrieb eingestellte Plappermäulchen der süßen Blondine einmal ausnahmsweise verstummt war.

Dr. Meier kam es nämlich auch ganz gelegen, dass sich Gretchens Eltern so gebefreudig zeigten und ihrer Tochter zur bestandenen Facharztprüfung einen fahrbaren Untersatz mit vier anstatt lediglich zwei Rädern sponsern wollten. Nicht nur er hatte Bedenken, dass sein Mädchen bei jedem Wind und Wetter und zu jeder Uhrzeit mit dem Fahrrad zur Klinik fuhr. Und das nicht nur wegen ihres momentanen Zustandes. Nein, der verantwortungsbewusste Mediziner und lernbereite Bald-Papa war ja ebenfalls momentan fahrtechnisch etwas eingeschränkt, seitdem er seinen heißgeliebten Volvo, der den harten Winter leider nicht überstanden hatte, in einer wehmütigen Zeremonie vor einigen Tagen auf Kalles Schrottplatz den ewigen Jagdgründen übergeben hatte. Und da Marc sich eher seinen linken Fuß abhacken würde, als freiwillig ebenfalls einen Drahtesel zu besteigen so wie seine tollpatschig veranlagte Freundin, die schon einmal während des gleichzeitigen Radelns und Diskutierens von einer Kastanie geknutscht worden war, würde er dieses Geschenk auch für seine nicht ganz uneigennützigen Zwecke zu nutzen wissen. Zum Glück hatten der Professor und seine noch euphorischere Gattin nicht die Idee gehabt, ihrer Margarethe gleich ein rosa Ungetüm im Autokostüm vor die Tür zu setzen, und hatten in weiser Voraussicht lediglich einen symbolischen Gutschein besorgt. So konnte sich die Frau Doktor selbst ein Modell ihrer Wahl aussuchen und er würde seine technisch völlig unversierte Partnerin natürlich bei der Auswahl fachmännisch beraten und auch noch den einen oder anderen Cent mehr für die Ausstattung drauflegen, bevor sie sich von den geldgierigen Abzockern in den Berliner Autohäusern irgendeinen Scheiß andrehen lassen würde, der garantiert weit unter den Ansprüchen eines renommierten Chirurgen wie ihm liegen würde. Außerdem war ein hübsches Cabrio in knalligen Farben jetzt eh nicht mehr drin, wo sie doch bald zu viert unterwegs sein würden. Es galt schließlich ganz neue Ansprüche zu befriedigen.

Aber so weit war das glückliche werdende Elternpaar im Entscheidungsprozess ja noch nicht. Noch begnügten sich die in stiller Eintracht Versunkenen damit, ihre eigene Überraschung bis zum perfekten Moment zurückzuhalten. Noch war ihnen auch noch niemand auf die Schliche gekommen. Noch war die Anspannung im Zaum zu halten, auch wenn während der innigen Umarmung mit ihren Eltern mal wieder Zentnerliter Tränen geflossen waren. Dr. Margarethe Haase war eben nicht nur Chirurgin, sondern vor allem Frau. Eine schwangere noch dazu, was zwar, bis auf Marc, noch niemand hier im Raum wusste. Aber diese starken Emotionen konnten nun mal nur schwer zurückgehalten werden und suchten sich eben ihren eigenen Weg nach außen. Ein suchender Blick in Marcs dunkelgrüne Smaragde genügte jedoch, um sich wieder ein wenig zu beruhigen und zu sammeln. Und ein großer Nachschlag von dem leckeren Braten und dem mediterranen Gemüse verstärkte diese Wirkung natürlich auch noch zusätzlich. In emotionalen Ausnahmesituationen war Essen immer schon die perfekte Therapie für Gretchen Haase gewesen. Jetzt fühlte sie sich rundum wohl. Mit all ihren Lieben an ihrer Seite, die genauso Gefallen an diesem wunderbaren entspannten Abend gefunden hatten und zufrieden vor sich hin schmatzten und auch noch mal kräftig nachlangten.

Eine rege Unterhaltung war nach der sehr emotionalen Überraschungszeremonie mittlerweile auch wieder im Gange. Bärbel Haase konnte gar nicht damit aufhören, zu erzählen, wie wahnsinnig aufregend die Stippvisite in die Staaten für die - bis auf den indischen Subkontinent - noch nicht so weit Gereiste gewesen war. Auch wenn sie die medizinische Komponente außen vor ließ, die für ihren Mann ein, zwei Pünktchen mehr zählte als die zahlreichen Unternehmungen, die er ihr zuliebe in den Klinikpausen organisiert hatte. Franz hatte nach den ganzen Strapazen der Vergangenheit - den Affären und der Trennung, der dramatischen Ebola-Epidemie im EKH, die ihm und seiner Tochter fast das Leben gekostet hatte, aber die Familie wieder fest zusammengeschweißt hatte, was ihnen nach dem Auffliegen des falschen Millionärs und der versuchten Geiselnahme durch dessen verrückt gewordene „Mutter“ sehr zugute gekommen war, um schnell darüber hinwegzukommen - eben auch nur gewollt, seine Liebste wieder rundum glücklich und unbeschwert zu sehen, und dass sie dies war, war unübersehbar und auch unüberhörbar. Sehr zum Leidwesen des einen oder anderen leicht genervt Wirkenden hier am Tisch.

Bärbel: ... Ich meine, man ahnt ja nicht, wie man die Entfernungen unterschätzen kann. Die Weite dieses Landes ist wirklich unglaublich. Man fühlt sich gleich ganz klein und nichtig auf dieser Welt.
Gretchen (stützt ihr Kinn mit beiden Händen ab u. schaut kichernd zum Tischende): Ach Mama, dafür bist du hier in Berlin doch umso präsenter.
Jochen (stupst sie grinsend mit vollem Mund von der Seite an): Der hätte auch von mir sein können, Schwesterherz.
Elke (blickt ihr direktes Gegenüber augenrollend an): Wem sagst du das, Gretchen. Diese Frau hat ein Redebedürfnis wie eine Praktikantenreporterin von RTL am roten Teppich.
Bärbel (schaut eingeschnappt zum anderen Ende des Tisches): Bitte? Also wirklich! Nur weil Sie... du... nicht einmal aus diesem riesigen Krankenhaus herausgekommen bist, das so groß wie eine Kleinstadt in der brandenburgischen Provinz ist, weil du vor Oliviers Büro einen Sitzstreik veranstaltet hast, der fast eine Woche lang gedauert hat, musst du mir nicht meine Eindrücke schlecht reden. Ihr hättet ja auch die Westküste herunterreisen können so wie wir. Ich meine, deine Ausdauer ist natürlich bewundernswert. Hut ab! Ich hab ja damals in den Siebzigern auch demonstriert. Aber so...
Franz (legt seine Hand auf die seiner Frau u. sieht sie warnend von der Seite an, bevor sie noch weiter ausholt): Bärbel!
Marc (verfolgt an der Stirnseite des Tisches schmunzelnd den Zickenkrieg der alten Damen u. zupft sich ein Stück Brot zu recht, tupft es in die Soße u. schiebt es sich lässig in seinen Mund): Ach? Gab’s da schon den Hausfrauenaufstand?
Gretchen (funkelt den frechen Sprücheklopfer scharf von der Seite an u. nimmt ihm die halbleere Bierflasche ab, die er sich gerade genehmigen will): Marc! Bitte, keine Provokationen! Du hast es mir versprochen. Und für dich kein Bier mehr. Ich will, dass du nüchtern bleibst. Für... du weißt schon was.
Jochen (blickt seine flüsternde Schwester neugierig von der anderen Seite an): Für was?
Gretchen (sieht ertappt nach rechts u. schüttelt den Kopf, den nun eine leichte Röte ziert): Nichts, Jochen!
Jochen (glaubt ihr kein Wort u. schaut schmunzelnd zu seiner Freundin, die auch die Mundwinkel verdächtig nach oben zieht, als sie Gretchen kurz ansieht): Ach, tatsächlich?
Marc (sieht sein Mädchen mit dem typischen Meier-Charmeblick von der Seite an u. holt sich im Moment ihrer Ablenkung seine Flasche zurück, die er, nachdem er kurz daran genippt hat, neben seinen noch randvollen Teller stellt): Haasenzahn, jetzt reg dich ab! Ist doch ganz witzig gerade.

Witzig? Was ist daran denn bitteschön witzig, wenn sich die werdenden Omis gleich in die Haare kriegen? Was macht das denn für einen Eindruck auf die Zwerge? Keine Angst, ihr Zwei, die sind nicht immer so. Man sollte sie nur nicht zu lange zusammen in einem Raum lassen. Mein Fehler!

Bärbel (echauffiert sich wegen Marcs Herabsetzung als Nur-Hausfrau): Also bitte, wir haben damals noch für die gerechte Sache demonstriert und haben uns nicht von zwielichtigen, respektlosen, menschenverachtenden Personen instrumentalisieren lassen, so wie es heute offenbar an der Tagesordnung zu sein scheint. Schrecklich das alles.
Olivier (schaut verliebt lächelnd zur Seite u. drückt die Hand seiner geliebten Ehefrau): Also mich hat dein Durchhaltevermögen imponiert, Mokkapralinchen.
Elke (will eigentlich noch verbal mit der Haasen-Mutter fighten, aber lässt sich vom Meierschen Charme erweichen, der wie eine warme Welle durch ihren Körper flutet): Ich weiß, aber ich bin dir immer noch böse, weil du mich noch zwei Tage länger dort hast sitzen lassen, obwohl du mir schon längst verziehen hast, wie du mir im Nachhinein gestanden hast.
Olivier (drückt ihr schmunzelnd einen kleinen Kuss auf den Mund): Eine kleine Strafe dafür, dass du am Grey-Sloane-Memorial für Chaos gestiftet hast, musste dann schon sein, meine Schöne. Außerdem war es echt eng mit den Siamesischen Zwillingen. Ich konnte nicht eher aus der Intensiv weg, bis sicher war, dass beide durchkommen.
Elke (zieht sich empört zurück u. funkelt ihn an): Ich hab bitte was? Also, Olivier!
Olivier (legt lachend seinen Arm um ihre Schulter u. zieht die Xanthippe wieder zu sich heran, um ihr tief in die Augen zu blicken): Aber dafür hat nun jeder Verständnis, wieso es mich wieder so stark nach Berlin zieht. Bei einer so temperamentvollen Frau wie dir kann doch keiner „nein“ sagen.
Marc (verdreht leidend die Augen u. will am liebsten nur noch wegrennen): Och nee, jetzt wird’s echt peinlich. Könnt ihr euch nicht... *räusper* ... Egal! Ich verzieh mich lieber in die Küche und checke die Alkoholreserven,...

...die ich mir dann intravenös einflößen werde. Das Süßholzgeraspel der Zwei ist ja sonst nicht mehr zu ertragen. Womit hab ich das eigentlich verdient? Hey, ich hab mich echt angestrengt und ins Zeug gelegt, die beiden zu Großeltern zu machen. Und so wird es einem gedankt? Danke, echt!

Etwas schwerfällig geworden schob sich der grummelnde Oberarzt von seinem Stuhl hoch, sammelte die leeren Bierflaschen und Gläser vom Tisch ein und machte sich auf, Nachschub zu holen. Gretchen folgte dem Flüchtenden prompt in die offene Wohnküche nach nebenan, wo sie sich zu ihm gesellte und unsicher Däumchen drehte, während ihre Blicke immer wieder verstohlen zurück ins Wohnzimmer wanderten, um die dortige Lage auf mögliche Schwachstellen zu analysieren, die glücklicherweise nirgendwo zu entdecken waren, weil alle sich wieder angeregt miteinander unterhielten, ohne sonderlich auf die Gastgeber zu achten.

Gretchen: Warte! Ich komm mit. ... Es läuft doch prima jetzt oder findest du nicht?
Marc (blickt verschmitzt grinsend vom Bierkasten unter dem Küchentresen hoch): Zwischen Vorhölle und echter Hölle gibt es, glaub ich, keinen Unterschied.
Gretchen (im belehrenden Tonfall): Maaarc, du übertreibst.
Marc (äfft ihren kritisierenden Tonfall nach u. greift spontan nach ihrem kleinen zarten Händchen u. zieht die süße Meckerliese grinsend zu sich herunter): Haasenzaaahn! Vielleicht solltest du deine rosarote Brille mal von deiner süßen Nase herunterschieben. Hm?
Gretchen (rollt mit den Augen, als sie unelegant auf seinem Schoß landet u. sie nun zusammen eng umschlungen auf einem der Bierkästen sitzen): Ich glaube, nein, ich denke...
Marc (zieht sie amüsiert auf): Ja, was denn jetzt?
Gretchen (stützt sich mit einer Hand an seinem Oberkörper ab u. sieht ihn wimpernklimpernd an, um es ihm verständlich zu machen): Na ja, vielleicht, jetzt?
Marc (verliert sich einen Moment in ihren wunderschönen blauen Augen, die ihn zu hypnotisieren versuchen, u. steht auf dem Schlauch): Jetzt was?
Gretchen (wird deutlicher u. senkt ihren Blick zu ihrer Körpermitte): Mann, Marc! Jetzt... jetzt! Hm?
Marc (folgt arglos ihrem Blick u. bleibt auf halber Höhe an der schönen Aussicht hängen): Bitte?
Gretchen (starrt ihn ungehalten an u. will wieder aufstehen): So begriffsstutzig kann man doch nicht sein als Chirurg? Du machst das doch absichtlich? Du solltest wirklich nicht mehr so viel trinken heute.
Marc (greift nach ihren beiden Handgelenken u. hält sie fest, während er sein Meckerlieschen unmissverständlich ansieht): Haasenzahn, was ich mache und was nicht, das entscheide immer noch ich. Und dank dieser kleinen Freunde deutscher Braukunst hier bin ich in der heiteren Stimmung, die du für deinen Showhöhepunkt doch haben wolltest. In Wahrheit zickst du doch nur rum, weil dir, erstens, wegen deinem ähm... Ausnahmezustand ein paar Umdrehungen fehlen und du, zweitens, ziemlich die Hosen voll hast.
Gretchen (verschränkt trotzig ihre Arme vor ihrer Brust): Ich hab ein Kleid an.
Marc (fokussiert seinen Grinseblick auf ihre Brüste): Das sehe ich.
Gretchen (zupft hibbelig an ihrem Kleid herum, weil sein Blick sie nervös macht): Marc, musst du ständig da hinschauen?
Marc (zwinkert ihr frech zu): Sorry, die beiden Hübschen hier sind leider nicht zu übersehen.
Gretchen (schmollt): Ja, leider, im Gegensatz zu deinen Manieren.
Marc (lässt sich nichts vorwerfen u. bleibt Mr. Cool): Bitte? Ich höre wohl nicht richtig. Ich war ja wohl die ganze Zeit die Höflichkeit in Person. Oder wer hat dir den ganzen Essenskram da rüber gekarrt, hm?
Gretchen (gespielt überlegend): Dein Vater und meine Mutter und Chantal, nachdem sie kurz nach der schlafenden Kleinen geguckt hat.
Marc (reagiert kleinlaut auf die Tatsachen): Der Braten ging aber auf meine Kappe.
Gretchen (wieder sichtlich guter Laune): Meinst du, weil er dank dir ganz besonders kross geworden ist?
Marc (stupst sie mit dem Zeigefinger an): Ey! Ich bin eben ein geborenes Naturtalent in jeder Hinsicht.
Gretchen (lehnt sich lächelnd an ihren beleidigten Grummelkönig, den sie erfolgreich aufgezogen hat): Okay, danke, dass du mir eine so große Hilfe heute Abend warst, Marc.
Marc (grinst zufrieden): Na, geht doch! Also, was ist jetzt?
Gretchen (sieht ihren Herzprinzen mit großen Augen an): Was meinst du?

Herrje, die Frau hat eine Aufmerksamkeitsspanne wie die Leser der Bildzeitung. Scheiß drauf, dann muss der Oberarzt eben ran, sonst wird das mit der Operation ja nie was.

Marc (legt seine beiden Hände an Gretchens propere Pobacken u. schiebt sie von ihrem Sitzplatz hoch): Ich hatte den Eindruck, du wolltest jetzt für das süße Dessert mit dem Extraschuss Sahne sorgen.
Gretchen (stolpert überrumpelt, als sie wieder auf beiden Beinen steht, u. macht extra große Augen): Du hast dich doch extra blöd gestellt?
Marc (zieht sie lässig an ihrer Halskette, deren glitzernder rosa Kaugummiautomatenringanhänger unter dem Kragen ihres Kleides hervorblinzelt, zu sich heran, bis sich ihre Nasenspitzen berühren): Nenn mich noch einmal blöd und ich zeig deinen beiden heimlichen Mitbewohnern mal, wie man sich für solche Unverschämtheiten revanchiert. Sie sollten sich schon einmal darauf einstellen, sich festzuhalten.
Gretchen (zuckt zusammen u. schaut peinlich berührt zum Wohnzimmer rüber, als sie Marcs Hand an ihrem Hinterteil spürt): Maaarc!
Marc (bewegt seine Hand nicht vom Fleck u. fährt mit seiner Nasenspitze gemächlich bis zu ihrem Ohr, in das er nun mit heiserer Stimme hineinraunt): Wenn du vor was Schiss haben solltest, Haasenzahn, dann nicht vor der Reaktion unserer Ellis, sondern vor dem, was ich später noch mit dir anstellen werde, nachdem ich die quasselnde Horde da hochkant zur Tür rausgeschmissen habe.
Gretchen (erleidet einen wohligen Gänsehautschock, verstärkt durch seinen heißen Atem an ihrem Ohr, der sie sensibilisiert): Du bist ein gemeiner Mistkerl, Marc Meier.
Marc (bewegt sich grinsend mit seinem Kopf zurück u. sieht der empörten jungen Dame in seinen Armen nun tief in die auffunkelnden Augen): Jetzt haben wir doch das Niveau erreicht, mit dem es sich aushalten lässt.
Gretchen (versucht sich kichernd aus seinen Armen zu winden): Marc, hör auf! Wie soll ich mich denn auf das Wesentliche konzentrieren, wenn du so bist?
Marc (fühlt sich herausgefordert u. stachelt sie weiter an): Wie bin ich denn? Charmant, clever, witzig, megagutaussehend.
Gretchen (vervollständigt schmunzelnd seine Aufzählung): Und so was von eingebildet.
Marc (drängt sie mit seinem Körper zur Kühlschranktür rüber u. kesselt den Frechdachs davor ein): Hey, hey! Was sollen die Zwerge denn von mir denken, wenn du so mit mir redest?
Gretchen (von einer Glückswelle erfüllt sieht sie ihm tief in die Augen): Sie werden dich genauso lieben, wie ich es tue.
Marc (spürt sein Herz ein paar Umdrehungen schneller schlagen u. legt lächelnd seine Hände an ihre Wangen): Denkst du?
Gretchen: Ich weiß es.

... war Gretchen überzeugt und blickte bewegt in seinen dunkelgrünen Funkelaugen hin und her, die sie zunehmend in ihren Bann zogen und nicht mehr losließen. Doch der intime Moment, der fast in einem innigen Kuss geendet hätte, hielt nur solange an, bis sie eine vertraute nervige Stimme hinter sich hörten, die sie vom Esstisch aus unvermittelt ansprach...

Bärbel: Kinder, was tuschelt ihr denn da die ganze Zeit? Kommt doch wieder zu uns! Dein Vater will noch etwas loswerden.

Gretchen (schaut an Marcs Schulter vorbei in Richtung ihrer hyperneugierigen Mutter, lächelte ihr übertrieben freundlich zu u. lehnt dann ihre Stirn seufzend gegen die von Marc, der seinen Kopf genervt gesenkt hat): Nichts, Mama! Wir kommen gleich.
Marc (gibt Gretchen einen kleinen Kuss auf die zuckenden Mundwinkel u. sich einen Ruck): Tja, das war’s dann wohl mit dem Time-out? Funktioniert auf dem Sportplatz irgendwie besser. Okay! Ähm... Packen wir’s an? Dann lass es uns endlich durchziehen!
Gretchen (sichtlich überrumpelt hakt sie noch einmal vorsichtig nach): Jetzt?
Marc (entschlossen nickt er ihr zu u. lässt keine Widerrede mehr gelten): Ja, oder wie lange willst du noch warten? Bis Ostern? Oder bis zu deinem Geburtstag? Oder bis nächstes Jahr um die Zeit? Dann könnte es eventuell etwas auffällig werden, wenn die Krümel hier um den Küchentresen herumkrabbeln. Auf die Erklärung wäre ich echt gespannt. Natürlich jetzt! Wenn wir noch länger warten, umso mehr laufen wir Gefahr, wirklich noch durchzudrehen. Ich kann dem Gezicke da drüben nämlich nicht mehr länger zuhören. Und ich weiß nicht, wie lange ich mich noch zurückhalten kann, nicht meinen Notfallkoffer zu öffnen und ein Skalpell herauszuholen. Ich bin ziemlich gut im Dartswerfen, weißt du.
Gretchen (fällt ihm hastig ins Wort, bevor er es doch noch in die Tat umsetzt): Okay!
Marc (wartet leicht verunsichert auf ein bestätigendes Kopfnicken seiner Süßen): Okay? ... Leute, es wird Zeit für den Nachtisch. ... Hau rein, Haasenzahn!

Marc ließ seinen Worten dann tatsächlich auch gleich Taten folgen. Schwungvoll schmiss er die Kühlschranktür auf und griff beherzt nach dem Inhalt. Er drückte seiner perplexen Freundin, die noch ein bisschen mit sich und ihrer eigenen Courage haderte und immer wieder vorsichtig zu ihrer Familie rüberlinste, das erste Tablett mit den Schokopuddings in die Hand und schupste sie mit einem Klaps auf ihren Hintern auffordernd zurück ins Wohnzimmer. Mit ziemlichem Elan folgte er dem nervösen Häschen dann mit dem zweiten Tablett zurück an den Tisch, wo von den beiden anfangs gar nicht richtig Notiz genommen wurde. Die Meiers waren in eine intensive Unterhaltung mit Prof. Haase vertieft, dessen allseits bereite Gattin kümmerte sich derweil gerade um das Abräumen des Hauptgangs, um Platz für den leckeren Nachtisch zu schaffen, während Jochen und Chantal kichernd ihre Köpfe zusammengesteckt hielten und leise miteinander tuschelten...

Jochen: Psst! Ich hab dich ja gewarnt, dass unsere Familie ziemlich außer der Norm ist, Chanti.
Chantal (blickt ihren Schatz mit großen Augen an u. schüttelt schmunzelnd ihren Rotschopf): Ziemlich ist die Untertreibung des Jahrhunderts, Jojo. Da sind die Kardashians eine furzlangweilige Provinzfamilie dagegen. Ich meine, schau dir das an, die sitzen jetzt hier zusammen, als wäre nie etwas gewesen. Als hätte dein Dad nie etwas mit seiner Mutter gehabt. Weil sie ihre Kinder schätzen und lieben, reißen sie sich zusammen. Toll!
Jochen (rollt demonstrativ mit den Augen): Besser ist, Sweety, sonst würde meine Schwester nur noch rund um die Uhr Wasserfälle heulen und ich müsste den Mist wieder aufwischen.
Chantal (grient ihn an u. ihre Augen beginnen zu leuchten): Und das bei deinem Talent für hauswirtschaftliche Sklavendienste, mein Lieber. Hach, das hat ja fast schon was von Romeo und Julia. Verfeindete Familien. Verwicklungen und Missverständnisse, wohin man nur sieht. Aber die Kinder verlieben sich trotzdem ineinander.
Jochen (zynisch): Und schippern erst mal gemütlich über den Jordan.
Chantal (lehnt sich verschmust an ihren Freund): Sehr charmant ausgedrückt, Honey. Aber ich mag solche Geschichten. Die sind so echt und total aus dem Leben gegriffen. Und ein bisschen sind Celinchen und ich ja jetzt auch Teil des Ganzen.
Jochen (bemerkt im Augenwinkel, wie sich seine Schwester wieder neben ihn an den Tisch setzt, u. rückt näher zu Chantal, um ihr noch etwas leise zuzuflüstern): Bring Gretchen bloß nicht auf eine blöde Idee! Dann macht sie hier drei Stunden lang eine Bühnenshow und rezitiert Shakespeare. Sie glaubt, sie sei gut, dabei war sie die schlechteste Julia, die es je bei uns in der Schule auf die Bühne geschafft hat. Wenn Karsten äh... Romeo nicht schon längst abgenippelt wäre, hätte er ihrem furchtbaren, ewig langen Todeskampf viel, viel eher ein Ende gesetzt.
Gretchen (hat mit halben Ohr zugehört u. verteidigt ihr Talent vehement): Gar nicht wahr. Alle haben mich geliebt. Laut Frau Behrenbusch und Frau Schneider war ich die Idealbesetzung.
Marc (gibt ihr feixend einen Seitenhieb): Na ja!? Warst du nicht nur die Drittbesetzung und weil Susanne Krupp Magen-Darm hatte und sie ihre Vertretung auch gleich noch mit angesteckt hatte, hatte man keine andere Wahl gehabt, als auf dich zurückzugreifen?
Gretchen (zieht einen Schmollmund): Das halte ich für ein Gerücht.
Marc (grinst wissend): Ein Wunder, dass der Balkon gehalten hat.
Jochen (lacht herzhaft auf): Ja, das hab ich damals auch gedacht. Ich hab immer auf das Knirschgeräusch gewartet. Also, an sich war es dann doch eine recht spannende Veranstaltung.
Gretchen (richtet ihren grimmigen Funkelblick von ihrem frechen Bruder rechts neben sich, dem sie einen kräftigen Hieb mit dem Ellenbogen gegeben hat, zu ihrem feixenden Freund links neben sich): Aber Marc hatte ja schon immer eine sehr, sehr lange Leitung.
Chantal (fasziniert von dem Hin und Her der Drei): Na, dann ist es doch ein Glück, dass er das Ende der Leitung doch noch gefunden hat, Gretchen. Sonst säßen wir jetzt alle nicht hier.
Jochen (kleinlaut): Ja, und ich könnte jetzt Bundesliga gucken.
Marc (springt grinsend auf den Spielball an, den Jochen ihm zugeworfen hat): Da wäre ich dabei. Der Recorder ist programmiert.
Gretchen (schaut fassungslos von dem einen zum anderen): Eh! Das finde ich jetzt echt unfair, dass du dich mit ihm verbrüderst, Marc, wo wir doch eigentlich...
Jochen (horcht neugierig auf): Ja?
Marc (lehnt sich augenzwinkernd zu der Meckerliese rüber, die abrupt verstummt ist): Hey, entspann dich! Das war ein Scherz. Hallo? Hertha spielt eh erst morgen. Tabellenplatz vier ist drin.
Gretchen (pocht entschieden auf die Einhaltung ihres Plans u. schaut demonstrativ zur anderen Seite, wo sie das nächste Grinsegesicht schon erwartet, das jedoch nicht lange anhält): Toll!? Der Fernseher bleibt trotzdem aus. Und überhaupt... Jochen, wenn du dann bitte aufhören würdest, alte Anekdoten über mich auszugraben, die eh niemanden interessieren, dann erzähle ich Chantal auch nicht, wie du in der ersten Klasse bei der Schulaufführung meine alten dunkelgrünen Wollstrumpfhosen aufgetragen hast, als du sehr talentfrei „Robin Hood“ zu spielen versucht hast.
Chantal (grinst ihren Liebsten vergnügt an): Das hast du echt? Süß!
Jochen (wird augenblicklich rot im Gesicht u. funkelt seine Schwester beleidigt an): Ey, das war echt fies.
Gretchen (genießt es, den ewigen Spaßvogel auch mal hochnehmen zu dürfen): Du meinst, weil du kein Wort über die Lippen gebracht hast und damit all deine Schulkameraden mit angesteckt hast, die mit dir auf der Bühne waren und nicht mehr auf die verzweifelten Anweisungen eurer Lehrerin reagiert haben?
Jochen (sein Blick verfinstert sich immer mehr, während Marc u. Chantal sich scheckig lachen): Ey! Das war so geplant, dass das mehr so ne Art Stummfilm wird.
Gretchen (nickt triumphierend): Sücher?

Bärbel (bringt die Streitenden mit ihrer liebevollen mütterlichen Art zur Räson): Kinder, nun ist aber mal gut!

Gretchen (stupst ihren bockigen Bruder versöhnlich an u. hält ihm dann mit ansteckendem Lächeln das Tablett mit den Puddings vor die Nase): War nicht so gemeint, Bruderherz. Ich fand dich auch süß. Und deinen Improtanz à la Rumpelstilzchen erst! Hihi! Würdest du dann bitte die Puddingschälchen weiterreichen? Danke!
Jochen (wieder ein wenig versöhnt folgt er brav ihrer Anweisung, kann sich aber einen spöttischen Kommentar nicht verkneifen, als er die Glasschälchen weiterverteilt): Yeah, die Leibspeise des Hauses Haase.
Gretchen (leicht beleidigt schaut sie ihren grinsenden Bruder an): Sehr witzig! Kann denn keiner heute ernst bleiben?
Jochen (hat seinen Puddinglöffel schon fast im Mund stecken, als er noch einmal angestachelt zu ihr rüber blickt): Du hast doch damit angefangen.
Bärbel (springt für ihre Tochter in die Presche): Ach, Kind, lass dir nichts einreden. Dein Menü ist sehr gelungen. Wirklich!
Gretchen (lässt sich erschöpft auf ihren Stuhl zurücksinken u. schnappt sich ihr eigenes Schälchen u. beginnt eifrig zu löffeln): Danke, Mama!
Marc (beugt sich dann doch noch mal vergewissernd zu seinem hibbeligen Mädchen rüber): Alles okay? Schmollst du etwa? Deswegen?
Gretchen (schaut flüsternd von ihrer Puddingschüssel auf u. schüttelt den Kopf): Mir ist so schlecht vor Aufregung.
Marc (beobachtet irritiert, wie sie gierig ihr Schälchen weiter auslöffelt): Äh... Dafür hast du aber immer noch einen recht gesunden Appetit.
Gretchen (schmollt zuckersüß zur Seite): Das bin nicht ich.
Marc (grinst vergnügt): Ach, nicht?
Gretchen (kann nicht verhindern, dass ihre Mundwinkel auch verdächtig zucken): Marc, lach nicht!
Marc (drückt ihr ein Küsschen auf ihre schokoverschmierten Lippen): Ich kann nicht anders.

Und während die beiden Verliebten leise miteinander schäkerten und Gretchens Mutter ganz verzückt dabei zuschaute und ihren Mann immer wieder anstupste, auch einmal hinzusehen, wanderten die Tabletts mit den Puddingschälchen reihum, bis die letzte Schüssel vor Frau Fisher landete, die argwöhnisch ihre Augenbraue hob und die Glasschale dann schnell zurück auf das Servierbrett stellte. Stattdessen gönnte sich die gesundheitsbewusste Autorin noch ein weiteres Glas des alkoholfreien Sekts.

Elke: Für mich bitte keinen Nachtisch. Danke!
Marc (spürt die Blicke, die auf ihm u. Gretchen ruhen, schaut irritiert auf u. lässt sich nur zu gern ablenken): Boah, Mutter, jetzt mach keinen Aufstand, ja! Iss! Du kannst es vertragen.
Elke (blickt zickig zur Seite zu ihrem Sohn, den Gretchen gerade mit ihrem Finger von den Schokokussspuren am Mund befreit): Meine Kalorienobergrenze ist schon vor einer Stunde überschritten worden.
Marc (schnappt sich Gretchens Hand u. drückt sie weg, während er grimmig weiterhin seine meckernde Mutter fixiert): Ja, und die Obergrenze für mein Nervenkostüm ist schon seit zwei Stunden drüber.
Gretchen: Marc!
Olivier (übernimmt mit ruhiger Stimme das Ruder): Marc! Deine Mutter und ich teilen uns ein Schälchen. Okay? Elke, du musst dich nun wirklich nicht zurückhalten bei deiner Figur.
Franz: Stimmt!
Bärbel (eifersüchtig): Franz!
Jochen: Oh, jetzt wird es doch noch lustig.

...kommentierte Haase-Junior frech die angespannte Szenerie und blickte erwartungsfroh zu seiner Freundin, deren Blicke jedoch eindeutig sagten, dass er sich bitte zurückhalten sollte. Zu recht! Denn auch die Reaktion seiner eingeschnappten Schwester folgte prompt. Kurz vorm finalen Nervenzusammenbruch stellte diese lautstark ihr leeres Schälchen auf den Tisch und griff beherzt nach der übrig gebliebenen und von Marcs Mutter verschmähten Glasschüssel, um mit ihrem Löffel langsam darin herumzurühren, bis die Dekoerdbeere ganz mit dem süßen Schokomousse bedeckt war. Genüsslich schob sie sich anschließend die Schokofrucht in den Mund und versuchte, ruhig zu bleiben. Innerlich rumorte es nämlich schon gewaltig, was auch Marc neben ihr mit Sorge beobachtete, der unter dem Tisch immer wieder zärtlich ihr Knie tätschelte. Jetzt wurde es wirklich so langsam höchste Eisenbahn, dachte er, bevor der Zug mit ihrem süßen Geständnis noch ohne sie abfuhr.

Gretchen: Können wir bitte das Thema wechseln!
Marc (gespielt flehend): Oh, ja, bitte!
Gretchen (wieder etwas ruhiger, nachdem sie sich mit Blicken mit Marc verständigt hat u. die Wirkungskräfte des Schokopuddings eingesetzt haben): Ich wollte nämlich noch was sagen.
Bärbel (fällt ihrer Tochter prompt ins Wort, die daraufhin eingeschnappt ihre halbvolle Puddingschale vor sich stehen lässt): Oh, warte, Gretchen, ich zuerst. Ich hab auch etwas zu verkünden. Wo wir doch heute deinen beruflichen Erfolg feiern, passt das ganz gut.
Gretchen (blickt überfordert nach rechts zu Jochen, der schulterzuckend von seinem Puddingschälchen aufsieht u. zwischen ihr, Bärbel u. Franz hin u. herblickt): Oje, was kommt jetzt? Kann das nicht noch warten, Mama? Ich hab wirklich etwas Wichtiges zu sagen.
Bärbel (lässt sich nicht aus dem Konzept bringen): Nein, erst ich, Margarethe, bitte! Ich habe nämlich lange nachgedacht.
Marc (blickt leidend zu Gretchen u. hält ihre verschwitzte Hand, die sich vor Anspannung um seine krallt): Das kommt nicht so häufig vor, was?
Jochen (stimmt seinem Schwager in spe grinsend bei): Stimmt!

Bärbel (lässt sich auch nicht durch die frechen Zwischenkommentare den Wind aus den Segeln nehmen): Also, ich weiß ja, dass ihr alle eure Bedenken hattet, als ich letztes Jahr zurück in meinen alten Beruf gefunden habe.
Elke (grätscht kleinlaut dazwischen): Ach? Du hast tatsächlich gearbeitet? Ich dachte, das bezog sich alles auf deinen Vierundzwanzigstundenhausfrauenjob, den du mit Leib und Leben und List verteidigt hast.
Franz (zischt scharf zur Seite): Elke! Bitte!
Olivier (warnt seine Frau ebenfalls): Lasst Bärbel doch erst einmal ausreden, was sie zu sagen hat, hm.
Marc (sinkt ebenso wie Gretchen auf seinem Stuhl immer mehr zusammen): Oje, das kann dauern. Und ich hab mein Bier drüben stehen lassen. Verdammt!
Gretchen: Marc!
Bärbel (nickt anerkennend den beiden Männern zu ihrer Rechten zu u. sucht ihren verloren gegangenen Faden, den sie auch prompt wiederfindet): Auch wenn ihr das vielleicht nicht so seht, weil ich meine Berufung lange Zeit auf ganz anderen Ebenen ausgelebt habe und damit auch immer mehr als zufrieden war, aber ich bin durchaus eine aufgeschlossene und moderne Frau...
Jochen (kleinlaut): Ja, klar!? Deshalb benutzt du ja auch immer noch dein Klapphandy aus den späten Neunzigern.
Bärbel (maßregelt ihren frechen Sohn mit einem finsteren Blick): ... die sehr wohl versteht, wie man Haushalt, Familie und Beruf unter einen Hut bringt. Ich bin Krankenschwester aus Leidenschaft geworden, die sich für ihre Patienten und deren Angehörige einsetzt.
Olivier: Hört, hört!
Bärbel (lächelt dankbar zu Marcs charmanten Vater rüber): Aber ich habe in den vergangenen Monaten auch gemerkt, dass man nicht einfach so von null auf hundert wieder da ansetzen kann, wo man in den Siebzigern mit Enthusiasmus begonnen hat. Ich weiß, dass ich noch viel, sehr, sehr viel zu lernen hätte und ich bin realistisch genug, um einschätzen zu können, dass mir das auf die Dauer zu viel werden wird. Die Oberschwester legt ihre Maßstäbe sehr hoch an. Und man ist schließlich keine zwanzig mehr.
Gretchen (blickt beunruhigt auf): Mama, alles in Ordnung?
Bärbel (schaut sichtlich bewegt zu ihrer besorgten Tochter rüber): Ja, es ist alles in bester Ordnung, mein Schatz. Ich habe nur spätestens mit der traurigen Geschichte mit unserem Findelbaby Anton gemerkt, dass ich viel zu emotional für diesen Beruf bin.
Jochen (blickt arglos zwischen seiner ebenso verunsicherten Schwester u. seinem verdächtig entspannt wirkenden Vater hin u. her): Und das heißt, Mama?
Bärbel (lächelt ihren Jungen zuversichtlich an): Das heißt, dass ich entdeckt habe, dass meine Talente ganz woanders liegen, wo ich mich viel, viel besser einbringen kann, als den Ärzten ständig nur ungeschickt im Weg zu stehen.
Franz (drückt unterstützend die Hand seiner Frau): Was eure Mutter euch sagen will, ist, dass sie dem Elisabethkrankenhaus zukünftig nicht mehr als Lernschwester zur Verfügung stehen wird.
Marc (flüstert Gretchen erleichtert zu): Na, Gott sei dank! Ich wollte ja nie was sagen, um bei deinem Dad nicht anzustinken, aber sie war echt ein ziemlicher Klotz am Bein. Und dabei hab ich meine Erwartungen schon relativ herabgeschraubt, seitdem Gabi Sabine an der Anmeldung vertritt.
Gretchen (schüttelt ihn abgelenkt ab): Marc! Sondern?
Bärbel (fühlt sich stolz u. befreit u. ist voller neuer Energie u. Ideen): Ich werde mich ehrenamtlich betätigen.
Olivier (nickt anerkennend, während seine Frau nur die Augen verdreht u. sich nun doch wünscht, Alkohol in ihrem Sektglas zu haben): Hut ab!
Chantal (stimmt Marcs Vater bei): Etwa in diesem Flüchtlingsprojekt von Dr. Kaan? Das finde ich ganz, ganz große Klasse. Echt, Bärbel! Da bin ich dabei.
Bärbel (streicht sich überlegend eine Haarsträhne hinters Ohr): Mhm? Möglich? Aber zuallererst möchte ich mich um die Jüngsten kümmern.

Jochen (schaut angespannt zwischen seiner Freundin u. seiner Mutter hin und her): Das trifft sich gut. Ich wollte nämlich auch noch was in der Hinsicht verkünden.
Bärbel (kichert auf die haase-übliche Art): Jochen, mein Schatz, so war das aber nicht gemeint. Es geht um die Kinder unserer Mitarbeiter.
Jochen (stockt irritiert): Äh... hallo? Dazu zählen Gretchen und ich ja auch!
Gretchen (auch etwas überfordert von dem, was sich gerade abspielt): Genau! Also, ich möchte dazu auch noch was sagen.
Bärbel (wimmelt sie mit einer lockeren Handbewegung ab): Gleich, gleich, Margarethe! Die Idee kam mir, als ich mich gestern lange mit Schwester Sabine unterhalten habe.
Marc (guckt leidend zu seiner mitgenommen wirkenden Freundin, die immer mehr der Mut für ihr Geständnis verlässt): Oh Mann! Wir hätten doch ne Sms schicken sollen.
Bärbel (ihr begeisterter Blick geht in die Ferne): Eigentlich spukte der Gedanke ja auch schon etwas länger in meinem Kopf herum. Es geht doch darum, wie man Beruf und Familie perfekt unter einen Hut bekommen kann. Gerade was die wechselnden Schichtdienste und den allgemein stressigen Alltag in unserer Klinik betrifft. Und wer weiß das besser als ich.
Franz (ist davon nicht ganz so überzeugt): Ääähhh...
Bärbel (nimmt ihrem skeptischen Mann sofort den Wind aus den Segeln): Ja, ja, ich weiß schon, was du sagen willst, Franz. Der Kostenpunkt. Das haben wir ja schon ausführlich besprochen. Dafür findet sich bestimmt eine Lösung. Und denk doch mal darüber nach, wie viel weniger deine Leute ausfallen würden, wenn sie ihre Kinder direkt bei uns im Haus untergebracht wüssten. Angesichts der Vielzahl an Mitarbeitern, die sich momentan in anderen Umständen befinden, ist der Plan doch gut. Er wäre das I-Tüpfchen auf deiner familienfreundlichen Politik, Franz.
Gretchen (schaut alarmiert zu Marc, der nun auch aufhorcht): Äh... Moment, soll das etwa heißen...?

Sie weiß es! Woher? Und vor allem wieso spricht sie uns nicht direkt darauf an?

Bärbel (schaut ihre irritierte Tochter überzeugt an): Genau! Ich werde mich dafür einsetzen, dass neben dem Umbau der chirurgischen Abteilungen auch die Einplanung einer Rund-um-die-Uhr-Kindertagesstätte für die Mitarbeiter hinzukommt. Schwester Sabine hat das angeregt. Noch betreut sie den Jungen zuhause, aber mit der Suche nach einer geeigneten Betreuung kann man nicht früh genug beginnen. Die fehlen bekanntermaßen in Berlin. Und da könnten wir ins Spiel kommen. Dass dies funktionieren kann, hat doch die kurzfristige Unterbringung der Kita von Frau Schnippel im Ostflügel des Elisabethkrankenhauses gezeigt. Und sie ist gar nicht mal so abgeneigt, sich von uns abwerben zu lassen. Nach dem Wasserschaden in ihrer Einrichtung hat sich gezeigt, dass dort noch viel mehr neu gemacht werden müsste. Ich habe da mal nachgehakt und sie würde...
Franz (fällt ihr abrupt ins Wort): Stopp! Bärbel, du gehst schon viel zu weit. Dein Enthusiasmus in allen Ehren, aber, erstens, habe ich noch gar nicht mit der Verwaltung gesprochen, was sie von einer betriebsinternen Kinderbetreuung halten würden, und zweitens, lassen sich die Baupläne für den Anbau nicht so leicht ändern, wenn der Bau schon längst im Gang ist.
Marc (gibt spontan auch seinen Senf dazu): Och, meine Erfahrungen der letzten Zeit haben gezeigt, dass vieles möglich ist, wenn man sich erst mal reinhängt und ordentlich auf die Kacke haut. Ich sage nur, durchtrennte Stromleitung und Fahrstuhl.
Bärbel (schaut entschlossen zwischen ihrem Mann u. Dr. Meier hin u. her): Siehst du, den Dr. Meier haben wir schon auf unserer Seite. Den Rest kriegen wir auch noch gewuppt, Franz. Ich meine, beim Flughafen ist ja auch noch vieles im Gange, obwohl er schon steht.
Franz (ärgert sich darüber, wie leicht er sich von seiner Frau einwickeln lässt): Bärbel, ich werde mir ganz sicher nicht Schönefeld als Vorbild für meine schöne Chirurgie nehmen. Und wenn ich selber meinen Werkzeugkoffer mitnehmen muss, wir halten unseren Zeitplan. Dein Engagement in allen Ehren, aber über ungelegte Eier sollte man noch nicht sprechen, bevor die Fakten richtig geklärt sind. Und mache bitte niemandem voreilig Versprechungen! Danke! Operation vorerst beendet!

Nachdem der Professor seine enthusiastische Frau erfolgreich ausgebremst hatte, köchelte am anderen Ende des Tisches schon der nächste familiäre Zwist hoch, weil offenbar jeder heute etwas zu verkünden hatte, was nicht gut war für das schon reichlich angeknackste Selbstbewusstsein der schwangeren Chirurgin, die schon wieder unsanft mundtot gemacht wurde. Der Abend würde noch völlig im Desaster enden, war Gretchen bald schon überzeugt und sie konnte sich auch nicht von Marcs anhaltendem Optimismus aufheitern lassen.

Jochen: Prima! Themenwechsel. Dann kann ich ja auch endlich was loswerden. Also, Folgendes...
Gretchen (versucht ihn vergeblich zu stoppen): Erst ich.
Jochen (pocht entschieden auf seine geschwisterlichen Rechte): Schwesterherz, es geht schon den ganzen Abend lang nur um dich, was du dir auch verdient hast. Aber jetzt bin ich auch mal an der Reihe. Klar?

Marc (beugt sich zu Gretchen rüber, die enttäuscht auf ihrem Stuhl zusammengesunken ist): Jetzt weiß ich, warum ich Einzelkind geblieben bin.
Gretchen (fast schon den Tränen nahe lehnt sie sich ihm flüsternd entgegen): Ich habe das Gefühl, niemand will es hören. Immer sind die anderen wichtiger als ich... als wir.
Marc (mit sanfter Stimme): Hey! Das stimmt doch nicht. Dann spuck es doch einfach aus! Wie war das noch mit dem Pflasterabreißen, hm? Dann wären sie erst einmal mundtot und würden nur noch an deinen Lippen kleben. So wie ich.
Gretchen (zögert): Ich... ich kann nicht. Es fühlt sich nicht mehr perfekt an.
Marc: Haasenzahn, mit dieser Familie hier wird alles, was perfekt sein soll, ad absurdum gestellt. Ist dir das immer noch nicht klar?

Mit dem Zeigefinger wischte Marc Gretchen zärtlich ein verirrtes Tränchen aus dem Augenwinkel und schaute sie aufmunternd von der Seite an. Scheu und verunsichert blickte sie ihm in die treuen dunkelgrünen Augen, die dem verschreckten Häschen Zuversicht schenken wollten. Aber all der Mut, den Gretchen in den letzten Minuten zusammengenommen hatte, hatte sich mittlerweile verflüchtigt und sie ahnte noch nicht einmal ansatzweise, dass es gleich noch schlimmer kommen würde. Wobei das, was Jochen bekannt geben wollte, an sich nicht als schlimm bezeichnet werden konnte. Die Folgen würden sich erst in ferner Zukunft zeigen. Andere Dinge dagegen schon recht zeitnah.

Jochen: Also, es ist so..., eigentlich ja ganz ähnlich wie bei Mama.
Franz (schaut alarmiert vom Tischende auf): Jochen, sag jetzt bitte nicht, dass du endgültig dein Studium hinschmeißen willst? Die letzten beiden Male habe ich noch beide Augen zugedrückt, aber irgendwann ist das Maß endgültig voll.
Jochen (reagiert schnippisch): Bist du dann fertig mit meckern, Papa, und hörst mir einmal zu? Danke! Ich höre nicht auf. Im Gegenteil. Ich weiß jetzt, was ich will.
Marc (gequält aufstöhnend): Oh Gott!
Olivier (tadelnd): Marc!
Elke (auch immer mehr genervt): Ist das jetzt die Stunde der Offenbarungen? Dass ich vorhin damit angefangen habe, lasse ich mir jetzt nicht vorwerfen.
Marc (schaut sie mit Schmunzelblick von der Seite an): Hab ich irgendwas gesagt, Mutter?
Elke (funkelt ihn an): Nein, aber eine Mutter kann auch die unausgesprochenen Gedanken ihres Kindes lesen.
Marc (blickt grinsend zu seiner schmollenden Freundin, die alles nur noch an sich abprallen lässt): Ach, tatsächlich? Ich glaube, dann wären wir schon längst viel, viel weiter. Nicht, Haasenzahn?
Jochen (blickt zickig zu Gretchens Freund): Darf ich dann auch mal was sagen?
Bärbel (schaut ihn ganz gespannt von der anderen Seite an): Bitte, nur zu, mein Junge! Was ist denn los?
Jochen (schaut noch einmal neben sich zu seiner Freundin, die ihn zuversichtlich anlächelt, dann zu seiner Schwester, die mit gesenktem Blick den Tisch anstarrt): Danke! Also, wie gesagt, ich weiß jetzt, was ich wirklich will und das hab ich dir zu verdanken, Gretchen.
Gretchen (ist eigentlich in ihren Gedanken versunken u. schaut jetzt doch verwundert auf): Was?
Jochen (lächelt sie an): Gut, vielleicht übertreibe ich damit auch ein bisschen, aber der Grundtenor stimmt. Ich hab nun mal viel gelernt in den letzten Tagen, als ich mit dir mitlaufen durfte und da ist mir so einiges klar geworden.
Franz (schaut seine Kinder wohl wollend an): Du hast ihn mitlaufen lassen, Kälbchen?
Gretchen (räuspert sich verlegen): Ja, aber nur bei kleineren Eingriffen. Er hat gefragt. Die Oberschwester hatte nichts dagegen. Und er ist nicht umgekippt, als er das viele Blut gesehen hat, und war mir tatsächlich eine Stütze. Vor allem als das Chaos mit den Kindern aus dem Zoo war.
Jochen: Danke! Ich hab dabei einfach gemerkt, was mir liegen könnte.
Franz (platzt schon fast vor Stolz u. Erleichterung): Du willst nun doch Chirurg werden, Jochen?
Jochen (fährt ihm schnell in die Parade): Äh... na ja, nicht ganz.
Franz (verunsichert): Was soll das heißen?
Jochen: Ich werde während meines Urlaubssemesters meine Pflegerausbildung fertigmachen und dann im Herbst mein Grundstudium wiederaufnehmen, denke ich.
Bärbel: Das ist gut, mein Junge.
Jochen (man merkt ihm seine Entschlossenheit an, als er erwartungsvoll von einem zum anderen schaut): Ja, und je nachdem wie es läuft, werde ich mich dann in Richtung Kinderarzt bewegen.
Gretchen (sichtlich überrascht starrt sie zur Seite): Oh!
Marc (flüstert ihr kichernd zu): Passt! Er wäre dann ja auch nicht viel reifer als seine Patienten in der Pädiatrie.
Bärbel (fasst sich bewegt an ihr Herz): Ach Jochen, das ist doch wunderbar. Kinderarzt, wie sich das anhört?
Gretchen (schaut sie sprachlos an): Und Chirurgin etwa nicht?
Franz (bleibt skeptisch, als er Jochen mit seinen strengen Chefarztblicken fixiert): Normalerweise legen sich die Studenten noch nicht so früh fest, in welche Richtung sie sich schlagen möchten.
Marc (kleinlaut) Also ich wusste schon vor Studienbeginn, was ich will. Eigentlich schon immer.
Olivier (lächelt glücklich vor väterlichem Stolz u. merkt gar nicht, wie ihn seine Frau bewegt von der Seite ansieht): Ehrlich?
Gretchen (lehnt sich lächelnd gegen die Schulter ihres Bruders, der gerade von hinten von seiner Mutter in eine spontane Knuddelumarmung gezerrt wird): Ich auch.
Franz (etwas überfordert von der neuen Entschlossenheit seines sonst so entscheidungsunfreudigen Sohnemanns): Aber ich hoffe, du weißt, dass ich dich daran immer und überall erinnern werde. Kein Rückzieher mehr! Keine Vorzugsbehandlung!
Jochen (wirkt dann doch etwas eingeschüchtert u. versucht sich loszureißen): Versprochen! Mama, jetzt lass mich endlich los! Ich bekomm ja gar keine Luft mehr.
Bärbel (lässt ihn los u. kneift ihm fröhlich in die Wange, bevor sie sich wieder hinsetzt): Och, mein Junge, wir sind so stolz auf dich.
Gretchen: Dann... ähm... wäre ja jetzt alles geklärt und ich kann...

Gretchen hatte durch die wilde Entschlossenheit ihres kleinen Bruders wieder neuen Mut gewonnen und wagte einen erneuten Versuch, die Offenbarungsstunde auch für ihre und Marcs große Überraschung zu nutzen, aber schon wieder wurde sie von überraschender Stelle unsanft zur Seite gekickt. Aber wie damals im Sportunterricht war sich durchzusetzen noch nie so wirklich ihre Stärke gewesen.

Franz: Nein, nicht ganz, Kälbchen! Wenn es schon um die Zukunft unseres wunderbaren Berufsstandes geht, dann habe ich auch noch ein mittelgroßes Attentat auf euch vor.
Gretchen (blickt ihn ganz verdattert an): Was?
Franz (reibt sich zufrieden die Hände u. tauscht mit Olivier verdächtige Blicke aus): Ja, auch ich habe die letzten Tage genutzt, um mir Gedanken um die Zukunft zu machen. Und es ist ein wahrer Glücksgriff, dass ich dank Olivier die Chance nutzen konnte, mich in einer so großen und modernen Klinik wie der in Seattle umschauen zu dürfen, neue Entwicklungen zu testen und Abläufe zu überdenken und neu zu strukturieren.
Bärbel (merkt am erstarrten Gesicht ihrer Tochter, dass jetzt ein ungünstiger Moment ist, u. will ihn bremsen): Och Franz, du hast mir versprochen, dass das heute kein Ärztestammtisch wird. Schau doch, das Kind ist schon ganz unglücklich.
Gretchen (blickt geknickt auf u. lässt sich von Marc in den Arm ziehen, der sie ebenfalls aufmuntern will): Danke Mama!
Franz (hebt seine Hand): Nur ganz kurz, versprochen! Ich will nur, dass ihr euch das über das Wochenende mal durch den Kopf gehen lasst.
Marc (starrt ihn gebannt an): Äh... Was genau jetzt?
Franz (lächelt ganz verklärt): Ich habe mit Oliviers ehemaligem Chef und Freund einen Austausch unserer Kliniken aushandeln können.
Gretchen (verwirrt): Einen Austausch?
Franz (ist völlig begeistert u. eingenommen von seinen Plänen): Ja, ist das nicht wunderbar, Kälbchen? Diese unerwartete Chance ist das Beste, was uns passieren konnte. Kleine mittelständige Unternehmen wie unseres hinken ja dem Fortschritt meist hinterher und können mit den großen Kliniken hier in der Hauptstadt nur schwer mithalten. Den Etat haben wir einfach nicht. Umso größer ist doch das Glück, dass wir unsere Ärzte nun mit den Besten der Besten zusammenbringen können. Der Lernfortschritt wird enorm sein und wird uns ganz nach vorne bringen, wenn wir unsere neu erweiterte Chirurgie erst einmal an den Start stellen.
Marc (sein Chirurgenherz klopft immer höher): Mit Austausch meinst du...?
Franz (nickt u. kommt der Frage seines besten Oberarztes zuvor): Synergieeffekte auf beiden Seiten. Sowohl in Seattle als auch hier im Elisabethkrankenhaus. Und damit kommst du ins Spiel, Marc. Modernste Technik, die neusten Verfahren, die wiederum in die Ausbildung unserer Assistenzärzte reinvestiert werden.
Olivier (auch seine Augen leuchten auf vor Begeisterung): Ja, Marc, stell dir das doch mal vor! Du an meiner alten Wirkungsstätte. Es gab Zeiten, da hätte ich mir das nie erträumen können.
Elke (drückt liebevoll die Hand ihres gerührten Mannes): Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie er dich dort vor den Kollegen über den grünen Klee gelobt hat, Marc Olivier.
Marc (seine Kinnlade klappt immer tiefer herunter): Verstehe ich das richtig, Franz, du willst mich in die Staaten schicken?
Franz: Oh, das betrifft nicht nur dich. Das Programm betrifft auch...
Gretchen (schreit plötzlich hysterisch auf u. hat alle Blicke auf ihrer Seite): NEIN!
Franz (irritiert): Was?
Marc (platzt schon fast vor Ungeduld): Gretchen, jetzt warte doch erst mal ab, was dein Vater zu sagen hat. Dann können wir...
Gretchen (lässt sich nicht noch mal ausbremsen u. setzt sich verbal endlich durch): Ich... Ich will das nicht. Ihr... ihr denkt immer nur an euch oder an die Klinik. Nur immer weiter vorankommen, aber keiner fragt, wie ich mich dabei fühle und was mit mir ist. Ich... ich kann das nicht mehr. Ich will das nicht mehr.
Bärbel (hakt beunruhigt nach): Margarethe? Ja, was hat sie denn jetzt auf einmal?
Jochen (schaut mit mulmigem Gefühl zu seiner Freundin, die ihn ermutigt): Gute Frage?
Franz: Kälbchen? Aber... es geht doch auch um dich. Meine führenden Mitarbeiter und du...

...blickte der verwirrte Professor vorsichtig erklärend seiner aufgelösten Tochter hinterher, die plötzlich, wie von der Tarantel gestochen, vom Tisch aufgesprungen und unter Tränen in Richtung Badezimmer davongelaufen war. Alle blickten ihr verdutzt hinterher und starrten dann auf Marc, der sich mit mulmigem Gefühl langsam von seinem Platz erhob, um seiner emotionalen Freundin hinterher zu stürmen. Aber Gretchens Bruder legte ihm behutsam eine Hand auf die Schulter und schob ihn zurück auf seinen Stuhl. Dann trottete er unter den irritierten Blicken seiner Familie Gretchen hinterher.

Jochen: Mein Job! Lass mich das mal machen! Ich hab Erfahrung darin und du, du klärst das hier erstmal, ja?

...

Lorelei Offline

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29.11.2015 12:43
#1549 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

https://www.youtube.com/watch?v=wqzlJb7hTsc


Mit einem verschmitzten Grinsen auf seinen schmalen Lippen hatte sich Gretchens Bruder inzwischen vor der Badezimmertür im Meier-Haasschen Heim platziert. Während nebenan irritiert Erklärungen für Gretchens sprunghaftes Verhalten gesucht wurden und Dr. Meier zunehmend ins Schwitzen geriet, schien er wiederum die Ruhe weg zu haben. Er krempelte bedächtig seine Hemdärmel hoch, hob dann langsam seinen rechten Arm, während er mit einem Ohr noch die verwunderten Diskussionen im Wohnzimmer verfolgte, die ihn fast noch mehr schmunzeln ließen als Gretchens abruptes und durchaus nachvollziehbares Abtauchen in der Nasszelle, bis er endlich an die geschlossene Zimmertür klopfte. Die Gegenreaktion aus dem Inneren des Badezimmers folgte natürlich prompt und genauso auch von Jochen erwartet. Gretchen war aber auch immer so leicht zu durchschauen.

Jochen: Gretchen, ich bin’s! Jetzt komm schon, mach auf! Das ist doch albern.
Gretchen (schniefend u. bockig): Nein!?!

Aber von der trotzigen Gegenwehr seiner launigen Schwester hatte sich ein Jochen Haase noch nie ableiten lassen. Er hatte schon viel schlimmere Aussetzer von ihr erlebt und erfolgreich therapiert. Denn wer hatte sich immer die nervigen Geschichten über ihren Jugendschwarm und dessen fiese und manchmal recht eigenwillige Streiche anhören müssen? Genau! Er! Der kleine Junge mit dem viel zu weichen Herzen, der schon beim geringsten Anzeichen einer außer Kontrolle geratenen Gefühlsreaktion seiner großen Schwester in akuten Alarmzustand versetzt worden war. Er hatte also Erfahrungen mit Haasschen Ausnahmezuständen. Mehr als ihm lieb war. Und so startete er auch ganz locker und entspannt einen erneuten Versuch, an das Schmollhäschen heranzukommen, das sich nach einem seiner typischen hysterischen Anfälle im Bad verkrochen hatte, und drückte dabei langsam die Türklinke herunter. Wie erwartet hatte Gretchen nicht abgeschlossen. Es war jedes Mal so leicht, dachte Jochen nur und folgte grinsend ihrer Tränenspur.

Jochen: Ich komme trotzdem rein. Also falls du gerade auf dem Pott sitzt, dein Pech! Ich hab dich eh schon in viel kompromittierenderen Situationen erlebt. Aber weil du’s bist, halte ich mir die Augen zu. Okay?

Und ohne eine garantiert heftig negativ ausfallende Antwort abzuwarten, stieß Gretchens Bruder die Tür noch weiter auf, schlüpfte mit zusammengekniffenen Augen in das in warmen Erdtönen geflieste Zimmer hinein und schloss die Tür prompt wieder hinter sich, ohne dabei zu vergessen, auch den Schlüssel herumzudrehen. Er wollte Gretchen nicht noch zusätzlich in eine kompromittierende Situation bringen, falls ihre Eltern hier auch noch aufmarschieren würden. Dass die Fragen stellen würden, war sowieso klar wie Kloßbrühe. Aber für den Moment sollten die Geschwister lieber unter sich bleiben. Vorsichtig klappte Jochen seine Augenlider wieder auf und sah sich suchend in der Nasszelle um. Er fand das verschreckte Häschen nicht auf Anhieb, aber das unüberhörbare Schniefen zeigte ihm den Weg. Er konnte sich ein vergnügtes Lachen nicht verkneifen, als er näher herantrat und zu der verhuschten Heulsuse herabblickte. Jedes Mal das gleiche Bild!

Jochen: Nein, du sitzt nicht auf dem Pott. Glück gehabt! Aber... die Badewanne? Ich glaube, ich hab ein Déjà-vu. Schwesterherz, findest du das nicht ein bisschen übertrieben als Versteck? Ich weiß, wenn man im obersten Stockwerk wohnt, hat man nicht so viele Ausweichmöglichkeiten. Aber so?
Gretchen: Ach, lass mich in Frieden! Geh weg! Ich hab dich nicht hereingebeten.

...machte Gretchen ihren Unmut schniefend unmissverständlich deutlich und vergrub ihr verheultes Gesicht sofort wieder in ihren angezogenen Knien, die sie mit ihren Armen fest umschlungen hielt. Aber ihr ungebetener Gast zeigte sich demgegenüber völlig unbeeindruckt. Er trat lässig an die wasserfreie Badewanne heran, in welcher sich seine kindische, wohlgemerkt, ältere, Schwester wie ein Häuflein Elend zusammengerollt hatte, stützte sich einen Moment lang mit beiden Armen am Wannenrand ab und stieg dann nach kurzer Überlegung einfach mit zu ihr hinein. Ganz langsam hob sich ihr gerötetes Köpfchen und Gretchen verfolgte mit immer größer werdenden tränengefüllten Augen, wie sich der dreiste Kerl ungefragt ihr gegenüber setzte und ihr seine langen schlaksigen Beine, inklusive seiner dreckigen Sneaker, entgegenstreckte, sodass sie unweigerlich auf dem unbequemen und kalten Untergrund etwas zur Seite weichen musste.

Jochen: Ich lad mich trotzdem ein. Krass, wie breit die Wanne ist. Ist mir gar nicht so aufgefallen, als ich hier gewohnt habe. Hey, hätten wir damals auch schon so eine gehabt, dann hätte uns das einige Rückenleiden weniger beschert. Das war der einzige Nachteil, als wir uns immer bei uns zu Hause stundenlang vor unseren Eltern im Bad verbarrikadiert haben. Weißt du noch? Fehlen eigentlich nur noch ein paar große Badetücher, die wir über eine Leine über die Wanne spannen, und unser Fort 2.0 wäre perfekt. Soll ich welche holen? Aber wie damals gilt die Devise, deine schweinchenrosafarbene Barbiekollektion ist tabu. Superhelden sind erlaubt. Marc hat nicht zufällig ein Batman-Handtuch im Schrank?

Mit seiner kindlich herzlichen Art blickte Jochen seine große Schwester anstachelnd an und nun brachen erst recht sämtliche Dämme bei der schwangeren Chirurgin. Schluchzend und wie Espenlaub zitternd warf sich Gretchen in die schlaksigen Arme ihres überrumpelten Bruders, der sie nun liebvoll an sich drückte und immer wieder zart über ihren Rücken tätschelte, um sie zu beruhigen und aufzumuntern. Der Bann war gebrochen. Auch wenn sich im Vergleich zu damals an der unbequemen Sitzposition auf kalter Keramik nichts geändert hatte. Aber er wollte sich auch nicht rühren und sich beschweren, um sie noch mehr durcheinander zu bringen. Gretchen stand ja völlig neben sich. Also versuchte er es auf die Art, die ihm am besten gemein war. Er gab den Spaßvogel, um der aufgelösten Frau ein Lächeln zu entlocken.

Jochen: Hey!?! Ssshhh! Jetzt verstehe ich auch, warum ihr so eine riesige Wanne braucht. Also mal abgesehen von den anderen Vorzügen, auf die ich lieber nicht näher eingehen möchte, um mich nicht auch noch zu traumatisieren. Damit all die Tränen ihren Platz finden. Eigentlich ziemlich praktisch, wenn man es so nimmt, angesichts der weltweiten Wasserknappheit.

Und tatsächlich, Jochens spitzbübisches Grinsen und sein lockerer Umgang mit ihr wirkten belebend auf die emotional angeschlagene junge Dame, die sich wie ein Krake an ihn geklammert hielt und ihm dadurch fast die Sauerstoffzufuhr abklemmte. Langsam hob Gretchen ihren mittlerweile blass gewordenen Kopf von Jochens Brust und schaute verlegen zu ihm hoch und strich sich dabei hastig einige heiße Tränen von der Wange, die unaufhörlich weiter kullerten.

Gretchen: Tschuldigung! Ich...
Jochen (streicht ihr behutsam über ihre langen gewellten Haare): Ssshh! Du musst dich doch nicht für deinen Normalzustand entschuldigen, Schwesterherz. Wenn du mal nicht flennst, dann müsste ich mir Sorgen machen.
Gretchen (piekst ihm protestierend in die Seite, muss dann aber doch lächeln, weil er Recht hat): Ey!
Jochen (lacht u. gibt sich von dem laschen Schlag unbeeindruckt): Oh! Da ist ja wieder die alte Schlagkraft. Schön! Dann können wir ja wieder raus an die Front gehen. Hm?
Gretchen (schon wieder fließen die Tränen u. sie legt beide Hände an seinen Brustkorb, um ihn am Aufstehen zu hindern): Nein! Bitte! Ich... ich kann nicht. Ich will da nicht mehr raus.

...versuchte Gretchen ihrem kleinen Bruder verzweifelt verständlich zu machen, der daraufhin mitfühlend lächelnd mit dem Kopf nickte. Dann legte er einladend seinen Arm um den Wannenrand und Gretchen kuschelte sich dankbar an seine Schulter, wie sie es schon zu Kinderzeiten gerne getan hatte. Beide streckten sie gleichzeitig ihre Beine aus und schauten sich anschließend leicht belustigt an. Ihre geschwisterliche Kommunikation bedurfte nicht vieler Worte.

Jochen: Verständlich! Ich hab auch genug von den Verrückten da draußen. Meine Freundin ausgenommen. Weißt du, für den Moment, da hat man gedacht, man hat sie doch schon ein klitzekleines bisschen vermisst, aber dann machen sie den Mund auf, verlieren sich in ihren Ideen oder beginnen an allem, was man sagt und tut, herumzunörgeln und bähm... man sucht die Rückspultaste oder besser noch den Pausenknopf. Also bauen wir doch ein Fort?
Gretchen (wischt sich mit dem Handrücken die Tränen aus den schmerzenden Augen, die immer noch unaufhörlich fließen, u. schmunzelt sogar kurz): Spinner!
Jochen (streckt seinen Arm aus u. angelt eine Klopapierrolle vom angrenzenden Wasserkasten der Toilette): Hier! Sonst siehst du wirklich bald aus wie Puck, die Stubenfliege, und das ohne Nasenfahrrad. Dann könnte ich verstehen, falls der Meier das Weite suchen will.

Aber mit dem Spruch, der die angespannte Stimmung im Badezimmer auflockern sollte, bewirkte Jochen nur das Gegenteil. Denn Gretchen fing wieder fürchterlich zu weinen an und versteckte ihr Gesicht schnell hinter ihren angezogenen Beinen, weil sie sich gleichzeitig auch für ihre unkontrollierten Gefühlsausbrüche schämte, die sie wie eine Lawine überrumpelten und sehr viel Kraft kosteten.

Jochen (spürt ein furchtbar schlechtes Gewissen u. will es wieder wettmachen): Sorry, das war nicht so gemeint. Hey, Große, du weißt doch, dass er ohne dich nirgendwohin gehen würde. Ihr habt es doch schon nicht ausgehalten, als er die paar Tage weg war, als er seine Mutter bei ihrer Therapie in der Schweiz unterstützt hat. Papa weiß das auch. Der hält bestimmt für dich auch ein zweites Ticket bereit. Hm? Komm, wir gehen zusammen raus und klären das jetzt!
Gretchen (braucht einen Moment, um sich wieder zu sammeln, u. sieht Jochen danach direkt in die mitfühlenden graublauen Augen): Darum geht es doch gar nicht, Jochen.
Jochen (verwundert): Nicht? Aber du bist abgehauen, nachdem Papa überschwänglich sein Angebot ausgebreitet hat. Du, wenn es nach ihm ginge, würde er es am liebsten gleich selber machen.

Ich bin so doof. Emotional. Sentimental. So schwanger! Was hab ich da bloß gemacht? Ich kann da nie wieder raus gehen. Ich und die Zwerge und ihr Onkel werden hier leben müssen.

Gretchen (tupft sich immer wieder mit einem Stück Klopapier über die Augen u. versucht, ihre durcheinander geratenen Gedanken zu sortieren): Das war dumm, ich weiß, aber wenn ich dort jetzt vor ihnen in Tränen ausgebrochen wäre, wäre es auch nicht besser gewesen.
Jochen (sieht sie mit einem breiten augenzwinkernden Lächeln an): Vielleicht? Aber vielleicht hätten sie dann auch die richtigen Fragen gestellt.
Gretchen (blickt ihn irritiert an): Was meinst du?
Jochen (richtet sich etwas auf u. versucht, Ernsthaftigkeit auszustrahlen): Gretchen, ich bin nicht blöd. Chantal und ich sitzen schon den ganzen Abend wie auf heißen Kohlen und warten darauf, dass du endlich mit der Sprache herausrückst. Wieso sagst du es ihnen nicht endlich?
Gretchen (steht für den ersten Moment auf dem Schlauch): Was?
Jochen (seine Mundwinkel zucken verdächtig, als er seinen Blick abwechselnd auf ihre Körpermitte u. ihre Augen lenkt): Das fragst du jetzt nicht ernsthaft, oder? So einen Aufriss, den du hier veranstaltest, machst du doch nicht ohne Grund. Und sag jetzt nicht, du willst auf deine Prüfung anstoßen! Damit willst du doch nur ablenken. Genauso wie mit der Kinderbrause, die doch für dich bestimmt war und nicht für mein Baby oder Frau Fisher.

Er... weiß... es! ... Wie...?

Gretchen (ihre Augen weiten sich ungläubig u. ihr Tränenfluss verdunstet abrupt): Woher...?
Jochen (lehnt sich entspannt zurück u. verschränkt seine Hände hinter seinem Nacken, als er merkt, dass seine verpeilte Schwester endlich versteht): Woher ich das weiß? Äh... hallo? Ich bin dein Bruder. Und ich wäre ja wohl der schlechteste Bruder der Welt, wenn ich nicht merken würde, dass da was im Busch ist. Oder in dem Fall in deinem immer dicker werdenden Bauch, den du unter diesem blumigen Blusenkleid versteckt hältst. Damit kannst du auch nur Papa und Mama täuschen. Hey! Ich hab diese Gabe, dich zu durchschauen, im Laufe der Jahre nahezu perfektioniert. Oder hast du schon vergessen, dass ich jedes Mal mit einer Tonne Schokolade oder einem Löffel und einem Nutellaglas nach der Schule in unserem Fort auf dich gewartet habe? Ich konnte hundert Meter gegen den Wind riechen, wenn der Meier dich wieder mal verarscht hatte und du dringend Trost und Ablenkung gebraucht hast. Und da hattest du noch nicht mal unser Gartentor passiert.
Gretchen (starrt ihn völlig perplex an u. weiß nicht, was sie sagen soll): Aber...
Jochen (blickt einen Moment länger als nötig auf ihren Bauch, den sie nun unbemerkt mit einer Hand hält, u. wirkt wie gebannt): Hey, kein Aber in diesem ganz speziellen und besonderen Fall, ja? Das ist ein Haassches Naturgesetz. Obwohl... Dass Mama nichts gemerkt hat, ist zwar etwas verwunderlich, weil sie dich ja schon seit zehn Jahren genau in diese Richtung drängen will, aber sie war jetzt ne Weile nicht da und ich glaube, sie hat noch deine Ansage während der Hochzeit der Gummersbachs im Ohr, dass sie sich nicht mehr in eure Angelegenheiten einmischen soll. Den Zahn hast du ihr erfolgreich gezogen, Schwesterherz. Glückwunsch! Das rächt sich jetzt witzigerweise. Sie hält sich erstaunlicherweise daran und nervt mich jetzt im Gegenzug mit ihren gut gemeinten Beziehungsratschlägen aus dem letzten Jahrhundert. Aber ich halte das aus, weil ich die ganze Zeit daran denken und schmunzeln muss, dass gerade sie als selbsternannte Mutter der Nation überhaupt nichts checkt und jetzt auch noch für andere Mitarbeiter nen Kindergarten plant, anstatt hier mal genauer über den Tischrand zu schauen.

Ich kann nicht fassen, dass er es weiß und die ganze Zeit nichts gesagt hat. Stattdessen macht er sich einen Spaß daraus. Typisch! Trotzdem hab ich ihn wahnsinnig lieb. Jochen war immer für mich da. Und das wird er auch für unsere Wundersterne sein.

Gretchen (schüttelt sprachlos den Kopf): Jochen,...
Jochen (merkt, dass sie nach Worten u. mit den Tränen ringt, u. übernimmt weiter das Kommando): Hey, und schon vergessen, ich hab schon vor Wochen meine Diagnose gestellt.
Gretchen (verwirrt): Wann?
Jochen (grinst spitzbübisch u. genießt den Triumph sowie ihr perplexes Gesicht): Als ich bei dir gewohnt habe und für das Unterhaltungsprogramm gesorgt habe, damit du nicht ständig vor Sehnsucht zerfließt, als dein Macker in der Schweiz weilte. Hey, die Zeichen waren ziemlich eindeutig. Ich studiere Medizin und hab Fakten gesammelt und bin zu einer schlüssigen Diagnose gekommen. Nur, dass du nicht darauf reagiert hast, hat mich etwas stutzig gemacht. Also hab ich das gemacht, was alle Ärzte machen, die etwas auf sich halten, ich hab beobachtet und die gesammelten Daten noch einmal ausführlich verifiziert. Mit demselben Endergebnis.
Gretchen (staunt nicht schlecht): Du hast mich beobachtet und nichts gesagt?
Jochen (lehnt sich lässig zurück): Ja, nur eins hab ich jedoch nicht als zusätzlichen Faktor X bedacht, nämlich dass du völlig verpeilt durch die Gegend gelatscht bist. Ich muss Dr. Kaan mal fragen, ob man das schon zur Schwangerschaftsdemenz zählen kann.
Gretchen (sieht ihn empört an): Ey!
Jochen (grient sie amüsiert an u. zieht sie weiter auf): Was denn? So falsch ist das doch nicht, oder? Du hast nichts gemerkt, obwohl du dich seit Wochen ziemlich auffällig verhältst. Also über der Norm deines sonst schon durchgeknallten Verhaltens, nebenbei bemerkt.
Gretchen (fühlt sich veräppelt u. schmollt): Mann, Jochen! Bleib doch mal ernst!
Jochen: Es ist ernst! Im wahrsten Sinne des Wortes. Jetzt lass mich doch mal ausreden! Schließlich bist du mein allererster Fall. Auf jeden Fall einer, den ich nie vergessen werde.
Gretchen (verschränkt eingeschnappt ihre Arme): Haha! Selten so gelacht. Nur weil du deine Medizinfibel auswendig gelernt hast.
Jochen (fühlt sich angestachelt u. legt überraschend schlüssig nach): Negativ! Um das zu checken, braucht es nun wirklich kein Nachschlagewerk, Schwesterherz. Nur weil ich erst vier Semester studiert habe, heißt das nicht, dass ich noch nichts kann. Das ist echt beleidigend, dass du das so siehst.
Gretchen (leicht genervt): Jochen!

Jochen (grinst u. Gretchen merkt, dass er nur einen Scherz gemacht hat): Okay, du willst wissen, wie? Das war in der Tat ziemlich lustig zu beobachten. Vor allem wie du deine Kollegen terrorisiert hast, als der Meier nicht da war. Obwohl, dass er abwesend war, hat keiner gemerkt. Du hast ihn würdig vertreten. Du hast nämlich rumgemotzt und herumdelegiert wie er in seinen besten Zeiten. Ich kenne Schwestern, die jetzt noch zusammenzucken, wenn sie dich auf dem Flur sehen. Da hab ich meinen ersten Verdacht gehabt. Abgesehen davon, dass du ziemlich viel reingehauen hast in der Zeit, was du übrigens jetzt immer noch machst. Ich sage nur zwei Schokopuddings mit Sahne.
Gretchen (streckt ihm die Zunge raus): Haha!
Jochen (gibt sich unbeeindruckt): Als Marc dann wieder zurück war, warst du wieder etwas ausgeglichener. Ich frag mal nicht, warum, ich kann’s mir denken. Aber dann nach ein paar Tagen hast du ihn ziemlich fertig gemacht und ihn entweder nur noch kritisiert und an ihm herumgenörgelt, oder du hast gar nicht mehr mit ihm gesprochen. Das war echt gruselig. Man hat schon auf euer Ende gewettet und wartete auf den großen Knall. Aber der ist ausgeblieben. Das war zu der Zeit, als das Findelbaby vorm EKH gefunden worden war und du kaum von dessen Seite gewichen bist. Noch so ein Zeichen übrigens. Die Reaktion auf andere stinkende Schreihälse. Aber Marc und du, ihr habt euch wieder zusammengerauft. Und dann von einem Tag auf den anderen wart ihr wie ausgewechselt. Ich glaube, seitdem hast du nicht wieder aufgehört, vor dich hin zu strahlen und alle Welt ohne Grund anzuleuchten. Äh...ja, bis auf jetzt eben, als du uns wie Idioten stehen gelassen hast. Tja, und dann war der Meier zwei Tage lang wie vom Erdboden verschluckt, was ein völliges Novum im EKH war, weil er nie krank gemacht hat, seitdem er für Papa schuftet und sich einschleimt. Und als er dann wieder da war, wirkte er völlig verändert. Stand irgendwie die ganze Zeit total neben sich. Er hat nicht zugehört, niemanden angeschrieen und runtergemacht und wirkte allgemein ziemlich verplant, was man auch an dem Chaos auf seinem Schreibtisch ablesen kann. Eigentlich war er so wie du, wenn du mal wieder von Tagträumen überfallen wirst. Und er ist dir nicht mehr von der Seite gewichen. Obwohl er nicht operieren durfte, stand er die ganze Zeit vorm OP und hat dich heimlich durchs Türfenster mit so einem irren verklärten Blick angehimmelt. Auch gruselig, wenn du mich fragst. Total verweichlicht. Aber wer’s mag.
Gretchen (starrt ihn ganz erstaunt an): Marc hat mich beobachtet?
Jochen (grinst): Nee, beobachten ist, glaube ich, das falsche Wort. Da ich ja dein Oberbeschützer bin, seitdem ich fünf Jahre alt war, weil seitdem kennst du ja diesen Idioten, wegen dem ich ständig deine Tränen bekämpfen musste und meine halbe Kindheit in unserem Fort in der Badewanne verbracht habe, kenne ich mich mit Beschützerreflexen bestens aus. Das war schon sehr eindeutig und sehr ausgeprägt. Obwohl ich ehrlich gesagt nie erwartet hätte, dass er nach so einer Nachricht so reagieren würde. Tja, und neben der Tatsache, dass Chantal neulich zufällig in ein Gespräch zwischen ihrer besten Freundin und Dr. Kaan geplatzt ist, in dem ihr beide und ein kleines großes Geheimnis die Hauptrolle gespielt habt, spricht eure Reaktion, wie ihr den Abend hier aufgezogen habt und wie du vorhin zumindest für unsere Eltern völlig grundlos durchgedreht bist, eigentlich auch Bände. Siehst du, ich musste nur eins und eins zusammenzählen. Was ich jedoch nicht verstehe, ist, wieso du nicht schon längst deine Schnute aufgemacht hast, hm? Denn das hätte uns heute einiges erspart. Vor allem dass ich jetzt ein Déjà-vu erlebe und wieder in einer arschkalten Badewanne hocken muss.

Gretchen (muss sein Wissen erst einmal verarbeiten): Das ist nicht so einfach, Jochen.
Jochen (blickt sie ermutigend an): Wieso? Marc freut sich doch offensichtlich, so wie er um dich herumscharwenzelt und dich in Watte packt, wenn er nicht gerade von einem Top-Angebot für einen Trip in die Staaten abgelenkt wird. Oder ist es das? Soll ich ihn vermöbeln, damit er es sausen lässt oder dich mit ins Handgepäck packt? Obwohl er dafür sicherlich einiges an Übergepäck in Kauf nehmen müsste. Aber als Arzt, oh sorry, Chirurg, wird er das schon verkraften.
Gretchen (ihr ist überhaupt nicht zum Spaßen zumute): Ach Jochen!?!
Jochen (zieht sie tröstend in seine Arme): Sorry! Aber ernsthaft, sag es doch endlich! Euch ist doch anzusehen, dass ihr es endlich loswerden wollt. Also, die Botschaft, nicht das Baby. Das ist ähm... Mensch, ich hab noch gar nicht gratuliert. Glückwunsch! Ich freue mich. Echt!
Gretchen (sichtlich gerührt, aber auch ein wenig nachtragend): Und du? Du hättest doch auch mal andeuten können, dass du was weißt. Stattdessen fällst du mir ins Wort und verkündest deine Neuigkeiten.
Jochen (schnippisch): Hey, jetzt schieb nicht mir den Schuh zu, nur weil du dich nicht getraut hast!
Gretchen (schmollt): Ich hätte mich getraut. Aber ihr habt mich ja nicht zu Wort kommen lassen mit euren Plänen. Dabei hatte ich mir das schon so perfekt vorgestellt, wie wir es euch sagen und ihr dann reagiert. Wie wir uns dann alle halten und umarmen. Alle glücklich sind.
Jochen (rollt mit den Augen): Für Mama kann ich nichts. Du kennst sie ja, wenn sie sich erst mal in eine Idee verrannt hat, dann ist sie nicht mehr zu bremsen. Und ich, ich wollte meins nur schnell loswerden, bevor der Fokus wieder ganz auf dich fällt und ich völlig abgeschrieben bin. Papa sollte einmal stolz auf mich sein. Und er hat ja ganz entspannt reagiert, also, für seine Verhältnisse. Also hab ich jetzt erst einmal Ruhe und stehe nicht unter Dauerbeobachtung, wenn ich weiterstudiere. Weil alle auf dich und das Kind schauen werden.

Gretchen (schaut ihn ganz bewegt an): Du willst das wirklich, oder? Du hast das nicht nur so dahingesagt?
Jochen (wirkt etwas verlegen): Na ja, ähm... vielleicht ist es doch nicht ganz so schlecht, einen Plan zu haben. Ich bin jetzt fünfundzwanzig und ich hab Verantwortung.
Gretchen (ist stolz auf ihn u. zeigt das auch): Du machst das auch ganz, ganz toll, Jochen. Nicht nur als mein persönlicher Sklave auf Station, sondern allgemein mit Chantal und dem Baby.
Jochen (streicht sich verlegen über sein Kinn): Findest du? Ich finde es nur gerade so krass, wie schnell das auf einmal alles geht. Du erfüllst dir gerade deinen größten Traum von allen. Du hast Marc tatsächlich rumgekriegt, ohne dass er davonläuft. Und ich hab plötzlich auch ein Kind. Dabei hab ich mir früher nie Gedanken um Kinder gemacht und auf einmal kann ich mir so viel vorstellen.
Gretchen (lächelt): Das nennt sich erwachsen werden.
Jochen (verzieht sein Gesicht): Ach, hör auf! Jetzt hörst du dich an wie Mama und mit ihr willst du bestimmt nicht verglichen werden. Oder Margarethe?
Gretchen (lacht u. schüttelt den Kopf): Nein! Ich weiß zwar nicht, wie es sein wird, aber ich gehe meinen eigenen Weg. Also Marc und ich. Er steht mir so toll zur Seite.
Jochen (nickt leicht mit dem Kopf): Das rate ich ihm auch, wenn ihm sein Leben lieb ist. Aber du würdest Mama eine große Freude machen, wenn du da jetzt wieder rausgehst. Und Papa wird’s genauso gehen. Glaub mir, das mit Seattle wird schneller vergessen sein, wie du die drei Worte endlich herausbringst. Auf die ich übrigens auch noch warte. Eigentlich müsste ich ja schwer beleidigt sein, weil du mich nicht gleich in euer Geheimnis eingeweiht hast.

Jochen wackelte verdächtig mit seinen Augenbrauen und Gretchen konnte nur schmunzeln angesichts dieser mehr als offensichtlichen Andeutung. Und irgendwie hatte er ja auch recht. Ihr Bruder war immer schon zur Stelle gewesen, wenn sie ihn am meisten gebraucht hatte. Auch wenn er stets betonte, sie sei die nervigste Schwester der Welt, war er immer da gewesen. Nach der schlimmen Trennung von Peter und ihrem Neuanfang in Berlin, während ihrer Ebola-Erkrankung, nach der Geschichte mit Alexis von Buren und eigentlich immer, wenn Marc Meier in ihrem chaotischen Leben eine Hauptrolle gespielt hatte. Langsam richtete sie sich in der Badewanne auf und blickte Jochen direkt in die Augen, welche dieselbe Färbung und auch dasselbe Funkeln aufwiesen wie ihre eigenen, die längst wieder genauso strahlten wie seit dem Moment, als Mehdi ihr und Marc zum ersten Mal das Ultraschallbild der Zwillinge gezeigt hatte.

Gretchen: Ich bin schwanger!

Und plötzlich war es raus und Gretchen spürte eine unendliche Erleichterung in sich aufsteigen. Zumal es ihr nicht entging, wie bewegt Jochen auf ihre Worte reagierte. Der sonst so lässige junge Mann hatte doch tatsächlich ein bisschen Pipi in den Augen, was er jedoch geschickt zu vertuschen versuchte, indem er seine große Schwester spontan in eine Umarmung zog und sofort wieder den Spaßvogel gab.

Jochen: Na, geht doch! Ich bin so gut. Ich sollte ernsthaft Arzt werden.
Gretchen (gibt ihm einen kleinen Klaps auf den Hinterkopf, woraufhin er sich von ihr löst u. ihr grinsend in die Augen blickt): Spinner! Aber in dem Punkt werde ich dir ausnahmsweise nicht widersprechen. Ich glaube nämlich, deine zukünftigen kleinen Patienten werden dich lieben.
Jochen (kratzt sich verlegen am Kinn u. richtet sich langsam in der Wanne auf u. streckt sich): Meinst du? Ich hab nur gedacht, dass... Na ja... Ich weiß auch nicht, wieso ich auf einmal dieses Bedürfnis verspüre. Die Idee hat sich einfach festgesetzt, seitdem ich ständig zwischen Chirurgie und Kinderstation unterwegs bin. Ich kann mir das echt vorstellen, Gretchen. Ich hab das Gefühl, dass sie mich wenigstens ernst nehmen würden. Im Gegensatz zu den erwachsenen Patienten, die mich nicht einmal als Pfleger wirklich für voll nehmen. Max war dagegen ganz ruhig, als ich seine Hand gehalten habe und du an ihm herumgedoktert hast.
Gretchen (lässt sich lächelnd von ihm aus der Wanne helfen): Und die kleine Hassmännin hat auch einmal ihre Zuckerschnute gehalten, als du ihr erklärt hast, was wir als nächstes mit Finn-Kevin anstellen, der doch ziemlich ramponiert aussah nach der Attacke im Zoo. Du hast ein tolles Händchen mit Kindern, wirklich. Du wirst ein toller Kinderarzt sein und der beste Onkel der Welt.
Jochen (lässt sich mit ihr auf dem Wannenrand nieder u. wird sentimental): Schleimerin!
Gretchen (greift nach seiner Hand u. sieht ihn ernst an): Nein, ich meine das ernst, Jochen.
Jochen (wird aus Verlegenheit wieder zum Spaßvogel): Ach, komm, das sagst du doch nur so. Eigentlich ist es ja ziemlich fies von euch, dass die ganze Verantwortung am Ende auf mir lasten wird. Weil ich der einzige Onkel bin weit und breit.
Jochen (gespielt tröstend streicht sie ihm über den Arm): Armer Onkel Jochen! Und das nur, weil Marc lieber Einzelkind bleiben wollte und seine Eltern ihm prompt diesen Gefallen getan haben. Was da alles auf dich zukommen wird. Nee, nee, nee! Ich glaube, du wirst dich beeilen müssen, deine Ausbildung fertig zu bekommen.
Jochen (leicht verunsichert): Wieso?
Gretchen (macht sich einen Spaß daraus, Jochen zu foppen u. zu überraschen): Na ja, die vielen Geschenke, für die der Lieblingsonkel sorgen muss. An den Wochenenden, wenn er zu Besuch kommt. Dann zu Weihnachten, an Ostern, zum Geburtstag, zur Taufe, zum Schulanfang, dann der Namenstag und der Kindertag. Und dann auch noch alles doppelt. Da kommt wirklich so einiges auf dich zu. Finanziell und emotional.
Jochen: Zum Namenstag? Nicht dein Ernst? Bei dir piept’s wohl! Wenn überhaupt, dann bestehe ich aber darauf, dass ihr es Jochen nennt. Aber Moment... wieso... alles doppelt?

Jochen starrte seine geheimnisvoll vor sich hin grinsende Schwester an, als sei sie plötzlich verrückt geworden und zeigte ihr demonstrativ den Vogel, bis er mit einem Mal stutzig wurde. Er hob sein Gesicht und blickte verwirrt in Gretchens verdächtig ruhigen Pupillen hin und her und versuchte, ihren sonderbaren Blick zu deuten, der sich langsam senkte. Auch er schaute nun unverhohlen auf ihren Bauch, den sie bedächtig streichelte. Und da machte es mit einem Mal „klick“. Jochens Kinnlade krachte mit Karacho auf die harten Fliesen am Badezimmerboden.

Jochen: Nee, oder? Du verarschst mich doch!
Gretchen (den Tränen nahe): Diesmal nicht!
Jochen (kann es nicht glauben): Das... Nee? Das... nehme ich dir nicht ab.
Gretchen (nickt ihm zu, um es ihm irgendwie begreiflich zu machen): Doch!
Jochen (stottert sprachlos, nachdem er langsam die ganze Tragweite begreift): Du... du... du meinst nicht das... das... das, was ich jetzt denke? Also, du denkst nicht, dass ich... ich denke, dass du... du... Nein?
Gretchen (lächelt bezaubernd u. greift nach seiner zitternden Hand, die sie nun zaghaft an ihren Bauch legt u. mit ihrer Hand umschließt): Doch, Jochen! Es stimmt.
Jochen (schluckt schwer u. weiß nicht, was er sagen, geschweige denn denken soll): Aber... das... das... ist krass! Mensch... Gretchen! Das... Boah... Abgefahren!
Gretchen (lehnt sich gegen seine Schulter u. sieht ihm bewegt in die Augen): Ja! Das unterstreicht so ziemlich alles, was ich gerade fühle.
Jochen (steht kurz davor, peinlich loszuheulen, rappelt sich aber rechtzeitig u. rafft sich auf): Ja, was... worauf wartest du denn dann noch? Geh da raus und sag es ihnen endlich! Ich will unbedingt ihre dummen Gesichter sehen und für die Nachwelt festhalten. Kann ich deine Kamera haben? Hab mein Handy nicht dabei. Ich filme mit.
Gretchen: Jochen, kannst du nicht...

...wollte Gretchen gerade ansetzen, um den hyperaktiven jungen Mann zu stoppen, der gerade vor aufsteigender Freude überzuschäumen und sie damit anzustecken drohte, wurde aber durch ein stetes Klopfen an der Tür davon abgehalten. Synchron drehten sich die Köpfe der beiden Haase-Kinder zur Tür um, an der jetzt jemand nervös herumruckelte. Die Stimme, die sich nach dem vergeblichen Versuch meldete, klang leicht beunruhigt und nicht mehr ganz so souverän wie von dem stolzen Chirurgen sonst gewohnt.

Marc: Haasenzahn, wie lange willst du dich noch da drin verstecken, hm? Das ist echt unfair, dass du mich auf dem Schlachtfeld ohne Waffen und Verteidigungsstrategie allein gelassen hast. Mir gehen bald die Ausreden aus. Dein Vater gibt mir die Schuld und sein Blick ist echt angsteinflößend. Von deiner Mutter ganz zu schweigen. Meine ist übrigens fast schon auf dem Sprung, wenn Dad nicht hartnäckig auf seinem Stuhl festkleben würde. Hey, wir überlegen uns einen neuen Plan, ja? Aber komm bitte da raus! Oder lass mich zu euch rein! Dann können wir das auch zusammen aussitzen. Siehst du, mein Erstvorschlag wäre immer noch die bessere Alternative gewesen.

Nachdem Gretchen Marcs leise flehende Stimme vor der Tür gehört hatte, rappelte sie sich langsam vom Wannenrand hoch und sah Jochen fragend an, der nur unschlüssig mit den Schultern zucken konnte und es ihr nachmachte. Sie ging an ihm vorbei und trat an den Spiegel über dem Waschbecken heran. Sie betrachtete ihr Spiegelbild, seufzte wegen der tränengeröteten Augen und ihren rosa Hamsterbäckchen und wischte sich dann schnell mit ein paar Spritzern Wasser die verwischten Make-up-Reste aus dem Gesicht und stellte sich anschließend zufrieden mit ihrer angeborenen Natürlichkeit vor die Tür, deren Klinke sie zur Überraschung von Jochen und Marc entschlossen herunterdrückte, nachdem sie den Schlüssel herumgedreht hatte. Ihr überrumpelter Freund wollte gerade einen Schritt von der sich öffnenden Tür zurückweichen, aber da klebte auch schon ein temperamentvolles Lockenbündel an seinem Gesicht und kitzelte ihn. Gretchen klammerte sich regelrecht an Marc, der Schwierigkeiten hatte, die Balance zu halten. Er hatte mit allem gerechnet, aber bestimmt nicht mit einem Kuschelangriff à la Haasenzahn. Nicht nachdem, was er verbockt hatte, weil er einen kurzen Moment von anderen Prioritäten abgelenkt gewesen war.

Gretchen: Nicht nötig, Marc. Wir brauchen keinen neuen Plan. Und ich will mich auch nicht mehr länger verstecken.
Marc (sieht sie zweifelnd von der Seite an, nachdem er ihr ihre wilden Locken aus dem Gesicht gestreift hat): Aber... Hey, tut mir leid, falls du das vorhin in den falschen Hals gekriegt hast. Ich war nur so überrumpelt von seinem Angebot, das einfach nur der Oberhammer ist und übrigens auch für dich gilt, wenn du Franz nur zehn Sekunden länger zugehört hättest. Aber wenn du das nicht willst, dann ist das auch ok. Wir müssen das nicht machen. Mir fällt nur keine plausible Ausrede mehr ein, warum wir nicht sofort abheben.
Jochen (tritt breit grinsend an das eng umschlungene Paar heran u. klopft Marc wohlwollend auf die Schulter, ehe er augenzwinkernd weiterschlurft u. sich sein lautes Lachen nicht mehr länger verkneifen kann): Och du, ich wüsste da eine. Die ist ziemlich perfekt. Dass ihr da nicht selber draufgekommen seid? Faszinierend! Ich glaube, ich muss noch mal über den einen oder anderen Faktor nachdenken, der selbst die cleversten Chirurgen so dermaßen verpeilt aussehen lässt. Haha! Aber eins will ich noch loswerden. Gut gemacht, Mann! Du machst sie damit echt verdammt glücklich. Aber wenn ich noch einmal mitbekommen sollte, dass du meine Schwester zum Weinen bringst, oder du doch noch Fracksausen bekommen solltest, dann kriegen wir ein echtes Problem miteinander. Trotz alledem! Nicht vergessen, ich bin nicht mehr der milchgesichtige Erstklässler, der sich rotzfrech in die Raucherecke der Oberstufe traut und sich dann vom Platz jagen lässt. Meine Mutter hat bis heute keine Ahnung, wo mein neu gekaufter Schultornister damals abgeblieben ist, den ihr mir abgezogen habt, nachdem ihr mich an den Zaunspfahl gehängt habt und dann zum Unterricht gegangen seid. So, jetzt aber genug Geschichten aus der Vergangenheit. Die Zukunft wartet. Und ich brauche erst einmal dringend einen Schnaps. Das ist so krass. Wahnsinn! Ich werde noch verrückt in dieser Familie. Haha! Ich schmeiß mich weg. Das ist so geil.

Sichtlich verwirrt blickte Marc seinem grinsenden Schwager in spe hinterher, wie dieser gemächlich an ihm und Gretchen vorbei in die Küche schlurfte und sich dort unter dem Tresen beherzt eine Flasche mit klarflüssigem Inhalt schnappte und anschließend mit Victoryzeichen, das er lässig in ihre Richtung zeigte, zurück an den Esstisch trat, wo Gretchens Gäste ihn fragend anblickten, als er sich feixend wieder neben seine Freundin setzte und ihr spontan erst einmal einen kleinen, feuchten Schmatzer auf die Wange drückte, bevor er wieder von einem Lachanfall durchgeschüttelt wurde, der noch mehr Rätsel erzeugte, als eh bereits bestanden. Anstatt auf ihre fragenden Gesichter zu antworten, verteilte der vergnügte Haase-Sprößling erst einmal reihum kleine Gläschen und schenkte sich natürlich zuerst ein. Marc und Gretchen waren dem Grinse-Haasen gefolgt und guckten etwas verstört um die Ecke ins Wohnzimmer und dann sich wieder an. So bemerkte das Paar auch nicht gleich, dass es längst von einer anderen Person ins Visier genommen worden war, die nun nicht mehr zögerte, die Kinder zur Rede zu stellen.

Marc: Ach, er darf es wissen?
Gretchen: Ma...
Franz (unterbricht seine Tochter forsch, als er langsam um die Ecke tritt u. sich ihnen entgegenstellt): Was? Und was soll das heißen, ihr wollt nicht in die Staaten fliegen? Seid ihr euch überhaupt bewusst, was für Möglichkeiten Olivier und ich euch bieten? Möglichkeiten, die mir in eurem Alter und in eurer Position verwehrt geblieben sind. Damals waren das noch andere Zeiten, aber jetzt liegt euch doch die ganze Welt zu Füßen. Ihr müsst nur zugreifen.
Marc (versucht vorsichtig, sich Gehör zu verschaffen): Herr Professor, Franz, ich... wir... Ähm... Also...
Franz (sein Blick wird immer finsterer u. sein Ton schärfer): Das ist keine Walldorfschule. Hier wird nicht widersprochen! Ich hoffe, euch ist bewusst, dass das kein Angebot war. Das ist eine dienstliche Anweisung. Und ich habe mich sehr weit aus dem Fenster gelehnt, auch deinen Namen ins Spiel zu bringen, Kälbchen, obwohl die Weiterbildung eigentlich nur für unsere besten Oberärzte angedacht ist. Aber ich kenne dein Potential. Ich weiß, was du kannst und was du in deiner neuen Position erreichen willst. Das ist eine große Chance, die man eigentlich würdigen sollte.
Gretchen (zuckt bei der Chefarztlautstärke ängstlich zusammen u. will sich rechtfertigen): Papa?
Franz (lässt auch bei seiner Tochter keine Widerworte gelten): Nein, jetzt rede ich und ihr hört mir zu! Ich habe genug von euren ständigen Sperenzien. Heute hü, morgen hott. Ständig muss ich mich für euch rechtfertigen und mir von den Kollegen eure Geschichten anhören. Damit ist jetzt Schluss! Zwei Jahre lang habe ich zugeschaut, wie ihr euch im Wochenrhythmus angenähert und wieder aneinander geraten seid, wie ihr wie Königskinder umeinander scharwenzelt seid und entweder nicht genug Mumm hattet oder nicht die richtige Gelegenheit bekommen habt, euch richtig zusammenzuraufen. Und ich fange gar nicht erst damit an, dass das zu euren Schulzeiten auch nicht anders vonstatten gegangen ist. Ich habe einfach nicht die Nerven und die Geduld dafür. Ihr seid zusammen. Ihr respektiert euch und euren Beruf, in dem ihr übrigens zusammen am besten funktioniert. Also, ich sehe da nirgendwo ein Problem. Und ich werde keine Ausrede akzeptieren. Keine! Ihr werdet das Elisabethkrankenhaus würdig repräsentieren und mir in Seattle keine Schande machen. Habt ihr verstanden? Operation beendet!
Bärbel (schleicht sich vorsichtig heran u. legt ihre Hand auf seine Schulter, damit er sich beruhigt): Franz, jetzt sei doch nicht so hart zu den Kindern. Sie werden schon verstanden haben. Kommt, lasst uns doch den Abend ruhig ausklingen, hm?
Franz (fährt sie gereizt an, weil sie sich in Dinge einmischt, die sie nichts angehen): Ich bin nicht zu hart, Bärbel. Ich muss so sein, gerade weil die Kinder und ich uns nahe stehen.
Gretchen: STOPP!

...unterbrach Gretchen plötzlich unwirsch die so langsam außer Kontrolle geratene Diskussion, sodass selbst Marc neben ihr kurz zusammenzucken musste. Ihr Unmut hatte sich langsam, aber stetig aufgebaut und musste jetzt endlich explosionsartig raus, sonst würden sie sich vermutlich noch ewig im Kreis drehen und das Wichtigste aus dem Blick verlieren. Das war so typisch für ihre Familie. Aber sie wollte das nicht mehr. Sie wollte doch nur, dass alle glücklich waren. Und das größte Glück, welches Marc und sie bis zu einem gewissen Punkt so einiges an diesem Abend hatte aushalten lassen, war ihnen noch gar nicht bewusst. Weil ihre Eltern sie nie ausreden ließen. Damit war jetzt ein für allemal Schluss.

Bärbel und Franz wechselten einen entgeisterten Blick miteinander und ließen sich dann von ihrer forschen Tochter zurück ins Wohnzimmer schieben, wo die schwangere Ärztin erst einmal tief durchatmete, bevor sie ihren hochroten Kopf wieder erhob und einen unausgesprochenen Blick mit Marc austauschte, der spontan nach ihrer Hand gegriffen hatte, weil er instinktiv gespürt hatte, dass sie endlich soweit war, die Bombe platzen zu lassen. Dessen war sich auch Gretchens Bruder ziemlich sicher, der sich hinter seinen perplexen Eltern mit einer Kamera am Esstisch positioniert hatte und immer wieder zwischen Marcs sichtlich verwirrt wirkenden Eltern und seinen eigenen hin und her wechselte. Auch Gretchens warnender Blick, sich doch bitte zurückzuhalten, ließ Jochen nicht davon abhalten, dieses geschichtsträchtige Ereignis für die Nachwelt festzuhalten. Denn sein angeborener sechster Sinn, mit dem er bereits Gretchens Geheimnis auf die Spur gekommen war, sagte ihm eindeutig, dass jetzt endlich die Stunde der Stunden angebrochen war. Auch Chantal ruckelte nervös mit ihrem Kind auf dem Arm, das mittlerweile sein Nachmittagsschläfchen beendet hatte und an den familiären Vergnügungen der Familien Meier und Haase unbedingt teilnehmen wollte, auf ihrem Stuhl hin und her und konnte ihren Blick nicht von der aufgewühlten Chirurgin lösen. Diese drückte noch einmal fest Marcs Hand und nahm dann all ihren Mut zusammen, um dem Chaos in ihrem Leben endlich ein Ende zu setzen.

Gretchen: Ihr wollt eine gute Ausrede? Gut, bitte, die kann ich euch liefern. Ich... Wir... versuchen euch schon den ganzen Abend lang etwas zu sagen.
Bärbel (fasst sich mit einer Hand an ihr Herz, als ihr plötzlich ein Gedanke ins Hirn schießt): Oh mein Gott, ihr habt geheiratet!
Elke/ Franz/ Marc (gleichzeitig u. eine Oktave höher als gewöhnlich): Was?
Olivier (richtet sich ungläubig auf u. stützt sich mit beiden Händen an der Tischkante ab): Nein?
Jochen (flüstert Chantal feixend etwas zu u. verwackelt dabei das Kamerabild): Haha! Meine Family wie sie leibt und lebt. Ich schmeiß mich weg. Der Abend wird immer besser und besser. I like.
Gretchen (greift spontan mit ihrer freien Hand an den Ring-Anhänger an ihrer Kette u. versucht dadurch ruhig zu bleiben u. nicht durchzudrehen): Mama! Ich weiß, du hast gewisse Vorstellungen, wie man sein Erwachsenenleben gestalten soll, aber so einen Schritt, den entscheiden wir schon noch selber und wir würden euch sogar auch rechtzeitig darüber in Kenntnis setzen, falls es so wäre, auch wenn wir es am liebsten nicht täten, um Situationen wie diese zu vermeiden, weil wir genau wüssten, wie ihr reagieren würdet.
Marc: Das heißt für dich übersetzt, Mutter, bevor du dich noch weiter aufregst und mich in deinem Übereifer enterbst, auf nicht-haasisch, wir haben nicht geheiratet. ... Also, zumindest nicht im üblichen Sinne.

...fügte Marc noch leise hinzu und lehnte sich dabei in Richtung Gretchen, die ihr leicht gerötetes Gesicht verliebt ihm zugewandt hatte und nun verträumt lächelte, weil sie gerade an den Moment in der Scheune zurückdachte, als er ihr den Kaugummiautomatenring übergestreift hatte und sie ihr Glück auf ungewöhnliche Art und Weise besiegelt hatten. Auch Marc dachte gerade an diesen verrückten Tag während der Gummersbach-Hochzeit zurück und konnte sich sein breites Lächeln nicht mehr verkneifen. Doch auch andere hatten gute Ohren und konnten sich keinen Reim auf das sonderbare Verhalten ihrer Kinder machen, die sich gerade unverhohlen anhimmelten und alles um sie herum auszublenden schienen.

Franz: Was soll das heißen?
Jochen (springt für seine Schwester in die Presche): Nichts, Papa! Würdest du bitte Gretchen einmal zuhören, was sie zu sagen hat!
Gretchen (wacht aus ihren träumerischen Gedanken auf u. lächelt, auch wenn es sie stört, dass Jochen alles filmt): Danke Jochen! Also... Spulen wir noch mal zurück. Es ist so, ich habe euch nicht ohne Grund eingeladen.
Olivier (hat sich mittlerweile wieder auf seinen Stuhl gesetzt u. hält seine Frau im Arm, die immer noch misstrauisch mit ihren Blicken ihren Sohn fixiert hält): Ja, weil wir deinen Facharzt feiern wollen.
Marc (genervt von der erneuten Unterbrechung): Klappe, Dad!
Elke (schaut mütterlich empört zu ihrem vorlauten Jungen): Marc Olivier!
Marc (verliert die Nerven): Mann, rafft ihr’s nicht? Gretchens Facharzt war nur ein Vorwand.
Franz (richtet sich alarmiert von seinem Sessel auf, in dem er mittlerweile Platz genommen hat): Was?
Gretchen (zieht ihren aufgebrachten Freund zu sich heran, damit er keine weiteren Dummheiten macht): Was nicht heißt, dass mein Facharzt mir nicht wichtig wäre. Das ist das eine große Glück, das mir dieser Tage zuteil wird.
Bärbel (schaut erst verwundert Franz an, dann Gretchen): Und das andere?
Gretchen (blickt gebannt in Marcs Augen, die ihr die Bestätigung geben, die sie sucht, dann richtet sie ihren Blick wieder auf ihre Eltern, die direkt vor ihr stehen): Dass du dir das nicht denken kannst, Mama?
Jochen (kann sich einen frechen Zwischenkommentar nicht verkneifen): Ja, das ist der eigentliche Knüller.
Chantal (versucht ihn ruhig zu halten u. guckt entschuldigend zu Gretchen): Jojo!
Jochen (gehorcht ihr aufs Wort, grient sie u. das glucksende Baby auf ihrem Arm an u. hält die Kamera dann wieder auf seine Familie gerichtet): Na ja, fast.
Franz (wechselt mit seinen fragenden Blicken zwischen seinen Kindern hin u. her u. riecht so langsam den Braten u. muss spontan nach Bärbels Hand greifen, um sich daran festzuhalten, weil er leicht schwankt): Nein?
Gretchen (sieht ihrem Vater bewegt in die Augen u. lässt sich von ihren Gefühlen lenken): Doch Papa! ... Ich bin schwanger!

Lorelei Offline

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06.12.2015 12:49
#1550 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Und damit war sie endlich ausgesprochen. Die wohl schönste Nachricht seit dem endgültigen Zusammenkommen mit Marc Meier, die Gretchen Haase je rosarot und mit Herzchen verziert in ihr Tagebuch geschrieben hatte. Die Nachricht, die Marcs und Gretchens Leben seit einigen Tagen komplett auf den Kopf gestellt hatte. Und Ähnliches tat sie nun auch mit den abrupt verstummten Anwesenden hier in der Berliner Dachgeschosswohnung des bis über beide Ohren verliebten Paares. Wenn auch etwas zeitverzögert und unterschiedlich ausgeprägt. Während Elke Fisher sämtliche Gesichtszüge entglitten und sie heftig nach Sauerstoff schnappen musste, weil sie plötzlich ein starkes Engegefühl in der Brust verspürte, das sie sich nicht erklären konnte, war Olivier Meier einfach nur völlig sprachlos und starrte sichtlich bewegt über den Esstisch hinweg auf das glückliche werdende Elternpaar in der Mitte des Raumes, das sich nervös an den Händen hielt und erwartungsvoll von einem zum anderen schaute. Chantal, die mit Jochen bereits heimlich eine gewisse Vorahnung geteilt hatte, drückte ihrem filmenden Freund freudestrahlend einen dicken fetten Knutscher auf, wodurch sie fast vergaß, dass sie ja noch ihre zappelnde Kleine auf dem Schoß sitzen hatte, die sich jetzt unüberhörbar bemerkbar machte. Grummelnd wischte sich Gretchens grinsender Bruder die Kussspuren von der Backe und richtete die verwackelte Kamera wieder nach vorn auf seine Eltern, die regungslos mit offenen Mündern an Ort und Stelle stehen geblieben waren und offensichtlich noch nicht begriffen hatten, was ihre Tochter ihnen und den anderen soeben sichtlich bewegt mit Unterstützung ihres Liebsten mitgeteilt hatte, der sie ungewohnt aufgeregt in den Armen hielt.

Erst nach einigen Sekunden tat sich etwas und es trat wieder Leben ein in die rüstigen Glieder. Franz musste sich jedoch auf einen Sofahocker fallen lassen, weil er ganz plötzlich weiche Knie bekommen hatte. Daraufhin reagierte auch endlich seine zur Wachsfigur mutierte Gattin, die abrupt seine Hand losließ und sich nun, nachdem sie begriffen hatte, quiekend auf ihr schwangeres Mädchen stürzte. „Juhuuu!!!“ In geschickter Matrix-Bewegung flüchtete Marc sicherheitshalber vor der drohenden Krokodilsumarmung der Übermutter, die ihr Kind endlich freudestrahlend in die Arme schloss und es überschwänglich beglückwünschte. Ein Bildmotiv, das sogar Jochen ein klitzekleines bisschen rührte, aber nur so lange, bis ihm einfiel, dass Gretchen einen Teil der Bombe ja noch nicht gezündet hatte. Er freute sich schon diebisch darauf, wie die Großelternfraktion wohl darauf reagieren würde, und teilte seine schadenfrohe Vorfreude flüsternd mit seiner kichernden Freundin, die ihre Tochter gerade vor lauter Freudentaumel herzte und busselte und von ihr quietschende Antworten und ein süßes Strahlelächeln zurückbekam. Bärbel und Gretchen waren derweil auch ein Herz und eine Seele, wie sie sich so auf der Stelle Arm in Arm, Wange an Wange, hin und her wogen. Zumindest täuschte der äußere Eindruck. Innerlich brodelte nämlich noch so einiges, das auch noch raus wollte. Wie es für die weiblichen Mitglieder der Haase-Familie nun mal typisch war.

Bärbel: Kind, aber das ist doch wunderbar! Wieso hast du denn nicht gleich etwas gesagt? Lässt uns hier so lange im Regen stehen. Also wirklich, Margarethe!
Gretchen (genießt einerseits die Gluckenumarmung, andererseits würde sie lieber wieder Marc im Arm halten): Äh... Vielleicht weil ihr mich die ganze Zeit nicht habt ausreden lassen.
Bärbel (schaut ihr sichtlich bewegt ins Gesicht u. lässt ihren Glückstränen freien Lauf): Ach Gretchen, das ist doch wirklich dumm. So dumm. Wenn wir gewusst hätten,...
Gretchen (fällt ihr abrupt ins Wort, schlingt dabei ihre Arme um ihren Hals u. sucht hinter Bärbels Rücken Marcs Grinseblick, der sie auch prompt trifft): Und warum tust du’s dann schon wieder?
Bärbel (lässt irritiert etwas locker): Was denn?
Gretchen (grinst plötzlich wie ein Honigkuchenpferd): Mich nicht ausreden lassen, Mama. Es gibt da nämlich noch etwas, das wir euch sagen wollten.
Bärbel (augenblicklich alarmiert u. höchst besorgt): Ist etwa etwas mit dem Baby nicht in Ordnung? Geht es dir nicht gut, Kind? Hast du Beschwerden? So setz dich doch! Hetzt heute Abend hin und her und sagt kein Wort, das Mädchen. Wir hätten dir doch helfen können.
Gretchen (stoppt Bärbels übertriebene Besorgnis, bevor sie noch weiter ausholt): Es ist alles in Ordnung, Mama. Wirklich! Eine Schwangerschaft wie aus dem Bilderbuch.
Marc (tritt zu seiner bedrängten Freundin heran u. zieht sie liebevoll in seine Arme, um ihr Schützenhilfe zu leisten): Es ist auch nur noch ne Kleinigkeit.
Jochen (lacht laut auf): Ja, klar! Das trifft’s genau.
Franz (hat sich wieder erholt u. richtet sich zu ganzer Großvatergröße auf): Jochen, mach dich nicht über deine Schwester lustig! Schongang ist angesagt. Verstanden?
Gretchen (legt ihre Hand an seine Schulter, damit er sich zu ihr umdreht, u. lächelt ihn herzlich an): Papa, er hat doch recht.
Bärbel (blickt verwirrt zwischen den einzelnen Parteien hin u. her u. versteht nun gar nichts mehr): Aber...
Herr Gott noch mal, wird das denn nie was? Wir hätten doch ne Sms nachschicken sollen!
Marc (hat genug von dem ewigen Hin u. Her u. schreitet meierlike zur Tat): Okay, bevor ihr noch völlig vom Glauben abfallt,...
Gretchen (hoppelt flink an seine Seite u. sieht ihn eindringlich an, bevor er noch weiter ohne sie vorprescht): Marc!?!
Marc (versteht, hält inne u. sieht ihr tief in die Augen): Zusammen?
Gretchen (nickt aufgeregt mit ihrem Lockenköpfchen u. schmiegt sich lächelnd in seine starken Arme, die sie von hinten fest umschließen): Ja! Jetzt!
Lass uns Träume wahr werden!
Marc (nicht ganz synchron platzt es schließlich aus ihm heraus): Es sind genau genommen zwei... zum Preis von einem.
Gretchen (hinkt eine Millisekunde hinterher): Wir bekommen Zwillinge.
Marc: Ihr dürft euch also doppelt freuen.

Elke: Großer Gott, Marc Olivier! Willst du mich endgültig ins Grab bringen?

...war noch krächzend aus dem Hintergrund zu hören, dann trat plötzlich Stille im Meier-Haasschen Penthouse ein. Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Fünf Sekunden. Zehneinhalb Sekunden, in denen man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Und plötzlich kreischte Bärbel Haase ohrenbetäubend auf und fing an, auf der Stelle zu hüpfen wie ein junges Häschen, das zum ersten Mal mit seinen samtigen Pfoten frisches Gras berührte. „Juhuuuu! Greeetchen, mein Määädchen!“ Franz, bei dem das alles noch nicht wirklich angekommen war und der wieder etwas verloren auf seinen Sofahocker zurückgesunken war, zuckte bei dem Getöse zusammen und schaute irritiert auf, als sich seine völlig überdrehte Frau jauchzend auf ihre gemeinsame Tochter stürzte, die dabei fast das Gleichgewicht verloren hätte, wenn Marc nicht immer noch als Stütze hinter ihr gestanden hätte. Olivier hielt es dagegen nicht mehr auf seinem Platz. Er stupste seine Gattin an, die plötzlich ganz blass im Gesicht geworden war, ihm zu folgen, worauf die sichtlich geschockte Autorin jedoch nicht gleich reagierte, ebenso wenig wie auf den Kuss, den er ihr noch in seiner Euphorie auf die Lippen gedrückt hatte, und ging freudestrahlend um den Tisch herum, um seinen Sohn in seine Arme zu schließen. Auch Bärbel herzte ihr großes Mädchen immer wieder und wieder und die beiden heulten im Chor wie Schlosshunde, als die große Freude sie immer mehr übermannte. Gretchens Vater konnte sich dem aufkommenden Hochgefühl auch nicht länger erwehren, das sich wie eine warme Welle von seinem kurzzeitig ausgesetzten Herzen aus in seinem gesamten Körper ausbreitete und sehr belebend auf ihn wirkte. Er stand auf und zog seine beiden Frauen glücklich in seine Arme. Für seine Glückstränen, die urplötzlich unkontrolliert in seine Augen schossen, schämte sich der stolze Chefarzt nicht. Im Gegenteil. So emotional wie jetzt hatte man den Professor selten erlebt.

Franz: Wir werden Großeltern, Butterböhnchen! Stell dir das doch bloß mal vor! Großeltern! Von Zwillingen! Unfassbar! Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit dafür? Kälbchen, was machst du bloß mit uns? Du machst uns unheimlich stolz.
Bärbel (lässt sich von Franz die Glückstränchen von der Wange streichen u. blickt anschließend in das strahlende Gesicht ihrer schwangeren Tochter): Ja, das tust du. Ach, wir freuen uns so, Gretchen. Da wartet man so viele Jahre, dass es endlich passiert, und dann...
Gretchen (verzieht ihr strahlendes Lächeln zu einer Schnute): Mama!
Bärbel (kichert wie ein kleines Mädchen u. zieht die Nörglerin wieder herzlich zu sich): ...und dann wird man plötzlich gleich doppelt reich beschenkt. Wobei ich natürlich Chantal und die Kleine nicht übergehen möchte. Die beiden gehören natürlich auch dazu. Aber das hier ist trotzdem etwas ganz anderes. Hach... zwei Enkelchen auf einmal! Jochen, jetzt freue dich doch auch mal für deine Schwester und lege die blöde Kamera weg!
Jochen (stöhnt genervt auf u. lässt sich nur widerwillig zu einer Familienumarmung überreden): Mama, ich hab mich schon lange genug für meine Schwester gefreut.
Chantal (stupst ihren nörgelnden Freund auffordernd mit der Schulter an u. übernimmt die Kamera, die reges Interesse bei ihrer Kleinen verursacht, deren kleine Händchen immer wieder nach dem Objektiv greifen wollen): Nun geh schon hin! Wir zwei übernehmen. Nicht Celinchen? Hast du mitbekommen, dass du gleich zwei neue Spielgefährten oder -gefährtinnen bekommst? Ist das toll oder ist das toll?
Bärbel (schaut entgeistert zwischen Gretchen u. Jochen hin u. her, der sich nun doch hat erweichen lassen u. sich hinter seine Schwester stellt u. sie grob an den Schultern packt): Soll das etwa heißen...? Margarethe, ich verstehe einfach nicht, wie du uns nichts sagen konntest.
Gretchen (die vier Haases fassen sich an den Händen an u. bilden einen Kreis): Erstens, weil wir es noch nicht so lange wissen, auch wenn Jochen, unser Oberschlaumeier, mit seinem medizinischen Halbwissen es schon länger geahnt zu haben glaubt, und zweitens, wäre es am Telefon einfach nicht dasselbe gewesen. Ihr ward so weit weg und wir mussten das erst einmal nur für uns begreifen.
Franz (schaut sein Kind mit tränenfeuchten leuchtenden Augen an): Stimmt! Hach, guck dir deinen alten Herren an, Kälbchen. Jetzt wird er tatsächlich Opa. Die nächste Generation klopft an die Tür.
Gretchen (schmiegt sich an ihren sentimentalen Vater): Ach, du bist doch nicht alt, Papa. Die Kids werden dich auf jeden Fall auf Trapp halten. So viel ist sicher.
Franz (funkelt erst Gretchen, dann Marc fröhlich an, der hinter ihr von Olivier in Beschlag genommen wird): Bei eurem Temperament gewiss. Ich freu mich so.
Bärbel (genießt das schöne Bild, dass die beiden abgeben): Hach, ich kann das noch gar nicht richtig glauben, dass hier bald kleine Kinderfüße herumtrappeln werden und überall ihre Fingerabdrücke hinterlassen werden.
Gretchen (wendet sich nun ihr wieder zu u. kann ihre Glückstränchen nicht zurückhalten): Ich auch nicht.
Jochen (verdreht genervt von so vielen sentimentalen Gefühlen die Augen u. steckt seine Hände tief in seine Hosentaschen, wo er fündig wird u. Gretchen eine Packung Tempos reicht, die dankbar nicht nur sie als Abnehmerin finden): Frag mich erst.
Bärbel (tupft sich mit einem Papiertaschentuch über die Augen, bevor sie Gretchen wieder aufgeregt ansieht): Wie weit bist du denn eigentlich, Gretchen? Man sieht ja noch gar nichts. Wisst ihr schon, was es wird? Verläuft alles normal? Musst du dich schonen? Was sagt denn dein Frauenarzt? Bei Zwillingen verhält sich das doch schon etwas anders. Oder?

Und während bei Gretchen die Ausfragestunde begonnen hatte, lagen sich Marc und Olivier etwas abseits immer noch in den Armen. Leicht überfordert von der Rührseligkeit des Moments rang sich der jüngere Chirurg endlich aus der Klammerumarmung und blickte seinem sichtlich bewegten Vater anschließend peinlich berührt ins Gesicht. Dieser klopfte seinem verunsicherten Sohnemann jedoch ermutigend auf die Schulter und strahlte weiter wie ein Honigkuchenpferd vor sich hin.

Marc: Tja, Überraschung!
Olivier (wirkt sehr bewegt): Das ist es in der Tat, mein Sohn. Ich hab mir all die Jahre so sehr mein Kind zurückgewünscht und hab jetzt mit ihm gleich zwei Enkel und eine wunderschöne Schwiegertochter hinzubekommen. Was will ein Opa mehr?
Marc (ihm ist die Gefühlsduselei etwas zu viel, die durch seine eigenen vier Wände weht): Ach, Dad, jetzt werde nicht sentimental. Eine Heulboje zuhause reicht mir schon. Und wenn es nach der gegangen wäre, hätte sie noch Konfetti geworfen und ne Leuchtanzeige am Nachthimmel über Berlin wäre vielleicht auch angebracht gewesen, damit ihr’s endlich rafft.
Olivier (schmunzelt): So ist es doch auch ganz schön geworden.
Marc (schaut skeptisch zwischen seinem Vater u. der Haasschen Gruppenumarmung hin u. her, zu der mittlerweile auch Chantal u. Celine gestoßen sind): Findest du? Du hast Haasenzahn nicht den ganzen Tag erlebt, Dad. Ein Wunder, dass bei ihr nicht frühzeitig die Wehen eingesetzt haben, so aufgeregt wie sie war. Vor allem, nachdem alles überhaupt nicht nach Plan gelaufen ist. Fast hätten wir alles hingeworfen und euch für eure Ignoranz hochkant rausgeschmissen.
Olivier (nickt verständnisvoll u. klopft ihm dann wohlwollend auf die Schulter): Und wie geht’s dir damit?
Marc (arglos): Womit?
Olivier (lächelt wissend): Marc, du wirst zum ersten Mal Vater und das gleich zweifach.
Scheiße, ja! Werd jetzt bloß nicht auch noch sentimental, Meier! Überlass das Haasenzahn und den Verrückten da drüben! Die übernehmen die Dosis hoch sechs.
Marc (versucht, sich nichts anmerken zu lassen, obwohl ein Schmetterlingsschwarm gerade wieder seinen Bauch traktiert): Läuft bei mir! Wenn die Meiers was machen, dann richtig.
Olivier (grinst u. hakt subtil nach): Deine Coolness nehme ich dir nicht ab. Wie geht’s dir wirklich?
Marc (windet sich, weil’s ihm unangenehm ist): Dad! Es ist okay, ok?
Olivier (lehnt sich mit Marc an die Sofarückenlehne u. blickt auf den Nachthimmel über der unbeleuchteten Dachterrasse): Aus Erfahrung weiß ich, was das mit einem macht. Ich glaube, als deine Mutter mir gesagt hat, dass sie mit dir schwanger ist, hab ich zwei Wochen lang nicht geschlafen. Ich stand komplett neben mir und bin völlig in Aktionismus ausgebrochen. Ich hab die Uni schleifen lassen und mich stattdessen sofort in ein Kinderzimmerprojekt vertieft. Mit allem Pipapo. Chaos inklusive. In unserer kleinen Zweizimmerbude, die wir damals noch in Neukölln hatten. Deine Mutter war überhaupt nicht begeistert. Also, von dir schon. Der Rest, na ja, du kennst sie ja, wenn sie in ihrem kreativen Prozess gestört wird. Deine Wiege müsste übrigens bei uns in der Villa noch auf dem Speicher stehen. Ich kann sie herbringen, wenn deine Mutter und ich morgen rüber nach Grunewald fahren. Ich glaube, die ist noch intakt, obwohl ich sie selbst zusammengezimmert habe und du ein ziemlich launisches Baby gewesen bist.
Launisch? Definiere ‚launisch’!
Marc (versucht Oliviers Enthusiasmus auszubremsen): Dad! Das... hat doch alles noch Zeit. Spätestens bis in den Spätsommer. Wir sind gerade erst angekommen und haben uns doch noch gar nichts überlegt. Also, nicht richtig. Aber ich weiß, was du meinst. Ich bin die letzten Tage auch schon durchgedreht und wollte die Wand zur Nische unter der Treppe einreißen. Bescheuert!
Olivier (folgt Marcs Blick zur Holztreppe, unter der als einzige Lichtquelle das Goldfischaquarium leuchtet): Ist es nicht. Du denkst genauso praktisch wie ich, Marc. Damit Gretchen nicht ständig die schmale Treppe hoch und runter rennen muss.
Gretchen (wird aufmerksam u. dreht sich zur Couch um, hinter der die beiden Meier-Männer in stiller Eintracht stehen): Was muss ich?
Marc (wiegelt mit einer lockeren Handbewegung ab u. lächelt sie meierlike an): Nichts, Haasenzahn. Lass dich weiter hochleben, solange sie dich noch hochgestemmt bekommen.
Olivier (merkt, wie die Blicke der beiden aneinander kleben bleiben u. verabschiedet sich kurz im Flüsterton): Entschuldigst du mich, Marc! Ich möchte der werdenden Mama auch ganz gerne gratulieren. Du kriegst sie und ihre kostbare Fracht sofort wieder. Versprochen! Falls ich mich je wieder von ihr lösen kann. Ich glaube nicht.

Marc nickte seinem bärenstolzen Vater grinsend zu, der vor lauter Freude und neu entdecktem großväterlichen Charme überzuschäumen drohte, und beobachtete bewegt, wie er in die Gruppenumarmung mit den Haases aufgenommen wurde, die alle durcheinander auf ihn einquasselten, bis er sich schließlich zu Gretchen durchgeschlagen hatte und das verheulte Wuschelköpfchen liebevoll gegen seine Brust drückte und tatsächlich nicht mehr losließ. Ein seltsames warmes Gefühl machte sich in ihm breit, das jedoch nur so lange anhielt, bis seine Mutter in sein Blickfeld rückte. Stimmt! Wieso hatte die sich eigentlich noch nicht wieder gemeldet? Irgendwas war komisch, das spürte Marc sofort, als er sie näher in Augenschein nahm. Sie saß immer noch an ihrem Platz am Tisch und rührte sich nicht vom Fleck. Sie wirkte seltsam hypnotisiert. Tief in Gedanken versunken. Doch als Elke bemerkte, dass ihr Sohn sie ansah, schaute sie kurz auf und dann demonstrativ wieder weg. Na toll, das war ja zu erwarten gewesen, dachte Marc und fühlte eine Welle der Frustration in sich aufsteigen. Die ewige Diva konnte nicht anders, als sich anzustellen. Das war so typisch für sie. Dabei hatte er doch gehofft, sie würde sich ebenso freuen wie sein Vater, der sein Glück nicht verhehlte. Ein bisschen Mitgefühl zeigen. Wenn nur ein bisschen. Sie wusste doch, wie wichtig ihm das war. Aber nein, Frau Fisher hatte ihren Panzer angelegt. Misses Rühr-mich-nicht-an! Marc rollte mit den Augen und gab sich schließlich doch einen Ruck. Obwohl er eigentlich nicht wollte, setzte er sich zu ihr an den Tisch.

Marc: Boah Mutter, jetzt mach keinen Aufstand und reiß dich zusammen! Kannst du dich nicht einmal für mich freuen? Geht das? Bitte! Und wenn nicht für mich, dann wenigstens für meine Freundin und für Dad.
Elke (ihr Kopf schießt empört hoch): Ich soll keinen Aufstand machen? Hör ich richtig? Dabei steht der mir doch zu.
Marc (starrt sie völlig entgeistert an): Was? Spinnst du jetzt?
Elke (ihre dunklen Augen funkeln auf, als das, was sich in den letzten Minuten in ihr angestaut hat, aus ihr herausplatzt): Du spinnst, Marc Olivier! Mir so in den Rücken zu fallen.
Marc (glaubt, sich verhört zu haben, u. schaut vorsichtig zu Gretchen u. ihrer Familie rüber, die den leise geführten Disput zum Glück nicht mitbekommen, weil sie mit sich beschäftigt sind): Mann, dir ist schon klar, dass das absolut nicht dieselbe Situation ist wie mit Gabi damals. Die hab ich nie geliebt.
Elke (gestikuliert wild mit ihren Händen vor ihrem Gesicht herum u. kann sich kaum beherrschen): Erinnere mich bloß nicht an dieses erpresserische Miststück, das mir meine hart erarbeiteten Tantiemen klauen wollte! ... Und dich!
Und mich? Äh... wie bitte? Die spinnt doch! Die hat doch ihre Medikamente falsch eingenommen.
Marc (die Enttäuschung schwingt in seiner Stimme mit): Was ist eigentlich dein Problem? Fühlst du dich zu jung dafür oder bist du dem nicht gewachsen? Du wusstest doch, dass Gretchen und ich Pläne in der Hinsicht hatten.
Elke (hält kurz inne u. schaut ihn dann scharf von der Seite an): Pläne! Ha! Dass ich nicht lache. Und ob ich das gewusst habe. Ich wusste alles. Du hast mich mit diesem Wissen, das mich nicht mehr losgelassen hat, aus meinem Tief herausgeholt. Ist das jetzt der Dank? Dass du mir nach meiner Erkrankung auf der Nase herumtanzt.
Marc (glaubt sich gerade im falschen Film): Bitte? Mama, ich hab keine Ahnung, was du meinst und wieso du dich jetzt so anstellst.
Elke (bohrt ihren Zeigefinger tief in seine Brust, bis es wehtut u. er ihre Hand wegschlägt): Du hast behauptet, dass sie es nicht wäre, als ich es euch neulich direkt ins Gesicht gesagt habe. Und jetzt das! Womit habe ich dieses Hin und Her, diese Lügenmär eigentlich verdient? Kannst du mir das verraten? Ich war immer fair zu dir.
Marc (klappt sprachlos die Kinnlade herunter): Das? Das ist dein Problem? Gott Mutter, deine Theatralik kennt echt keine Grenzen. Weder auf der literarischen Bühne, noch im realen Leben. Das war ein Missverständnis, verdammte Scheiße noch mal.
Elke (zischt aufgebracht): Nicht in diesem Ton, Marc Olivier!
Marc (wirft verzweifelt seine Arme in die Luft): Ich geb’s auf! Ist dir nicht einmal in den Sinn gekommen, dass wir keine Ahnung hatten? Vermutlich hätten wir’s erst im Kreißsaal gecheckt, wenn Mehdi nicht den richtigen Riecher gehabt hätte. Mann, mit deinem Verdacht oder deiner Vorahnung, oder was auch immer, neulich hast du Gretchen ziemlich gekränkt. Sie hat deine Worte ganz anders in den Hals gekriegt. Sie ist empfindlich bei so was. Und wag es nicht noch mal, sie mit deinen oberflächlichen Blicken vorzuverurteilen! Dazu kennst du sie noch nicht gut genug. Und dick darf sie nur einer nennen oder es auch nur denken, nämlich ich.
Elke (versucht, den Faden wieder zu finden): Gott, Marc Olivier, wir drehen uns im Kreis. Was soll das heißen, ihr habt nichts geahnt? Die Zeichen waren doch offensichtlich. Ihr zwei seid doch Mediziner.
Marc (ihm platzt gleich der Kragen): Herr Gott noch mal, jetzt fang du nicht auch noch mit diesen verdammten Zeichen an. Mehdi hat uns auch schon ordentlich den Kopf gewaschen und in seiner stillen Hütte lacht er sich vermutlich gerade mit seiner Freundin wieder schlapp, wie blind und bescheuert wir doch die ganze Zeit waren. Du willst es genau wissen? Bitte! Wir wissen es erst seit Montag. Seit fünf Tagen, von denen ich die Hälfte aus Gründen, die ich nicht näher erläutern möchte, außer Gefecht gesetzt war. Das heißt, ich bin erst seit ungefähr achtundvierzig Stunden dabei, das, was hier drin ... (deutet auf sein Herz) ... mit dem hier ... (fasst sich an seinen Kopf) ... zu vereinbaren. Tut mir leid, falls ich dabei ganz vergessen habe, dass es euch auch noch gibt. Mein Speicher war voll. Weil, als ich endlich wieder einigermaßen klar im Kopf war, das letzte, woran ich gedacht habe, war, euch Bescheid zu geben. Ich hätte euch eh nicht erreicht, weil ihr da vermutlich schon im Flieger gesessen habt. Auch egal. Ich musste auch erst einmal damit klarkommen, dass ich ab sofort zwei Menschen mehr zu beschützen habe. Seit achtundvierzig Stunden läuft da dieser Film in meinem Kopf ab und da kann ich echt keine Vorwürfe mehr gebrauchen. Und von dir schon mal gar nicht. Im Gegenteil! Kannst du dich nicht einfach für uns freuen und das auch zeigen, wie das jede stinknormale Mutter machen würde, die keine verflixten romantischen Fantasien, die zum Teil in ähnliche Richtungen gehen, in Schundromanformat verfasst, wenn sie zum ersten Mal hört, dass sie Oma wird.
Elke: Wenn du mich noch einmal Oma nennst, Marc Olivier, dann überlege ich mir das noch mal. Ich bin zu jung, um so betitelt zu werden.

...stieß Elke Fisher mit einem Mal bewegt aus, ehe sie abrupt von ihrem Platz aufstand und ihren überrumpelten Sohn unbeholfen in ihre knochigen Arme zog. Reichlich überfordert ließ sich Marc die ungewohnte Gefühlsbekundung seiner sonst so unnahbaren Mutter gefallen, bis es ihm dann doch zu unheimlich wurde, wie schnell sich die Stimmungslage der divengleichen Autorin ins absolute Gegenteil verwandelt hatte. Danach sahen sich die beiden verlegen an und fuhren sich mit der gleichen Geste der Unbeholfenheit über den Oberkörper. Schließlich gab sich Elke einen Ruck und ging auf Gretchen zu, die im Augenwinkel gerührt verfolgt hatte, was passiert war, und reichte ihr die Hand, was dem energiegeladenen Engel wiederum natürlich nicht genügte. Gefühle mussten schließlich raus. Das würde sie Marcs Mutter schon noch beibringen, bis die Kinder auf der Welt waren. Und so fand sich die perplexe Romanautorin schon wieder in einer ungewohnten Umarmung wieder, die ihr jedoch immer leichterer fiel, nachdem der Gedanke, dass sie tatsächlich auf einen Schlag gleich zwei Enkelkinder bekommen würde, ihre Herzgegend erreicht hatte und dort für ein ungewohntes Hitzegewitter sorgte. Gleichzeitig verspürte sie auch einen enormen inspirativen Schub und wollte unbedingt wieder schreiben. Vielleicht eine fiktive Geschichte über junge Ärzte, die ihren Weg gingen. Neue Zielgruppen erschließen. Jenseits der altbackenen Dr.-Rogelt-Fans. Jüngere Zielgruppen. Ja, genau, das war es doch, schoss es Frau Fisher, eigentlich Meier, spontan durch den Kopf. Junge Menschen um sich herum hielten doch jung. Sie würde die jüngste, fitteste und kreativste Oma werden, die Berlin und ihr Junge je gesehen hatten. Aber für den Moment blieb ihr Diktiergerät noch in der Handtasche. Marc zuliebe. Und dessen Lebensgefährtin ließ in ihrer anstrengenden Überschwänglichkeit auch nicht locker.

Elke: Gretchen, sei bitte nachsichtig mit ihm. Er wird vieles erst lernen müssen. Ich hab ihn um viele Jahre mit seinem Vater gebracht. Es kann sein, dass er denkt, dass er manches nicht kann oder sich nicht zutraut, was er natürlich niemals zugeben würde. Du musst Geduld haben. Sehr viel Geduld.
Gretchen (verständnisvoll): Ach, Elke, wir wuppen das schon zusammen. Als Familie.
Elke (nachdenklich): Als Familie? So weit ist es also schon? Aber ihr habt nicht doch heimlich geheiratet, oder? Muss ich noch etwas wissen, was er mir nicht traut zu sagen?
Gretchen (lehnt sich ihr kichernd entgegen): Nein, keine Bange, du würdest als Erste die Einladung dafür bekommen.
Elke (ihre dunklen Augen blitzen funkelnd auf, als sie hinter Gretchen Bärbel fixiert, die gerade das Kind von Jochens Freundin auf dem Arm hält u. betüddelt): Ich bestehe darauf!
Gretchen (lächelt verträumt, bis sie der Schalk packt, als sie Marcs verdattertes Gesicht im Hintergrund bemerkt): Im Moment konzentrieren wir uns nur auf uns und die Kleinen. Noch mehr Druck und er würde wieder für zwei Tage ins Delirium fallen. Oder länger. Und ich bin mir nicht so sicher, ob er dann noch einmal so glimpflich davonkommen würde.
Elke (sichtlich beeindruckt): Ich sehe, du hast ihn gut im Griff. Das habe ich unterschätzt. Aber ich hoffe, er vergisst mich darüber nicht.
Gretchen (kichert u. wird plötzlich ernst): Nein, das wird nicht passieren. Nicht solange du ihn regelmäßig um Rat für deine Bücher bittest. Du bist immer willkommen. Egal, was ist. Und Olli ist ja auch noch da. Wohnst du jetzt eigentlich bei ihm unten im Parterre oder zieht er jetzt wieder ganz mit zu dir raus in die Villa?

Wohlwollend schauten die beiden Meier-Männer dabei zu, wie sich Elke und Gretchen immer mehr verstanden, während die Haases wiederum die teuere Flasche köpften, die Elke ihrer Tochter als Geschenk für die bestandene Facharztprüfung mitgebracht hatte. Und so wurde es doch noch der harmonische Abend, den sich Gretchen in ihren Träumen vorgestellt hatte. Nur schwer konnten sich die Familien am Ende trennen, die sich heute allesamt einen Schritt näher gekommen waren. Aber Jochen hatte ja noch den Trumpf in Form eines kleinen schlummernden Mädchens in der Hand, das an seinem Hals klebte und ihn voll sabberte und dringend ins Bettchen gehörte. Und so brachen die Haases, gefolgt von den Meiers, schließlich auch ohne große Widerworte auf. Jochen zwinkerte seiner Schwester noch frech zu, was so viel bedeutete wie, dass sie ihm jetzt etwas schuldig sei. Sie winkte ihm übertrieben freundlich hinterher und schloss schließlich nach einer unendlich langen Abschiedszeremonie die Tür. Erschöpft, aber zufrieden ließ sie sich dann auf dem Schoß ihres Freundes nieder, der müde, aber glücklich auf dem Sofa gelümmelt hatte, und schlang ihre Arme um seinen Hals. Er lächelte sie an und griff nach ihrer Hand, mit der er nun verträumt spielte, während er das Chaos um sich herum betrachtete. Sie erwiderte seinen verliebten Blick und kuschelte sich an ihn, nicht ohne ihn vorher noch einmal innig geküsst zu haben.

Gretchen: Aufräumen können wir auch morgen noch. Ich hab das Mama als Ausrede genannt, damit wir morgen Mittag nicht noch zum obligatorischen Sonntagsessen gehen müssen. Chantal, Celine und Jochen werden uns vertreten. Jochen weiß nur noch nichts von seinem Glück. Ich kann immer noch nicht fassen, dass der Schlingel es die ganze Zeit schon gewusst hat.
Marc (hat ihr gar nicht richtig zugehört u. schwelgt in Gedanken): Lief doch eigentlich ganz prima.
Gretchen (stupst ihn schmunzelnd an die Nase): Ach? Marc Meier, kann es etwa sein, dass wir ein bisschen Spaß hatten heute Abend?
Marc (rappelt sich ertappt auf u. sieht sie herausfordernd an): Nee, ich fand’s scheiße.
Gretchen (grinst immer mehr): Sücher! Ich glaube dir kein Wort. Aber ehrlich, ich fand’s auch unperfekt perfekt. Fast hätte ich nicht mehr dran geglaubt.
Marc (streicht ihr grinsend ein paar verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht u. sieht sie verliebt an): Dann hätten wir vielleicht noch ne Mail nachschicken müssen. Aber du weißt schon, dass sie uns jetzt, wo es raus ist, nicht wieder in Ruhe lassen werden.
Gretchen (schmiegt sich glücklich an seine starke Schulter): Ich weiß. Papa bringt morgen Nachmittag meine und Jochens alte Wiege vorbei. Ich konnte ihn nicht davon abhalten. Der ist so aus dem Häuschen. Ich hab ihn so noch nie erlebt. Ich glaube, der hat prompt vergessen, dass er uns noch vor ein paar Stunden in die Staaten schicken wollte.
Marc (sieht sie ganz verdattert an): Was? Nicht dein Ernst? Mein Dad hat auch schon so was angedeutet.
Gretchen (klatscht begeistert in die Hände): Supi! Dann können die beiden sich ja zusammentun. Wir brauchen eh zwei.
Marc (funkelt sie gespielt bedrohlich an): Untersteh dich! Wenn sich jemand zusammentut, dann sind das wir beide. Und zwar jetzt! Ich will mir meine verdiente Belohnung abholen. Dafür, dass ich im Gegensatz zu dir, ohne zu murren, durchgehalten habe.
Gretchen: Gar nicht... Maaarc!?!

...quietschte Gretchen protestierend auf, als Marc unvermittelt vom Sofa aufsprang und andeutete, sie hochheben zu wollen. Aber diesmal war sie schneller als der freche Obermacho, der doch tatsächlich aus jeder Situation, und mochte sie noch so unangenehm für ihn sein, seine Vorteile herauszuholen wusste. Sie flitzte vor ihm die hölzerne Wendeltreppe ins Schlafzimmer hoch. Sie wollte schließlich nicht, dass er sich schon vorher verausgabte, während er das Schwergewicht, nämlich sie, nach oben trug. Anmutig wie ein jagender Tiger rannte er dem kichernden Frechdachs hinterher und stellte ihn schließlich vor dem Bett, in das sie sich nun wild knutschend fallen ließen und den Abend auf ihre ganz eigene Weise ausklingen ließen.

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