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Lorelei Offline

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Beiträge: 7.270

21.10.2014 14:44
#1501 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Gefühlte zehn Stunden später - tatsächlich waren es nur zweieinhalb - hatte sich Dr. Marc Olivier Meier endlich aus den besitzergreifenden Klauen einer ihn furchtbar anhimmelnden Neunjährigen befreit, die zu seinem großen Glück ein ganz neues und überraschendes Anbetungsobjekt entdeckt und ihn prompt und ohne mit der Wimper zu zucken dadurch ersetzt hatte: Die Freundin seines besten Freundes nämlich, der Lilly Kaan während des ausgedehnten Frühstückes ab einem gewissen Zeitpunkt keine Sekunde mehr von der Seite gewichen war. Marc musste sich insgeheim eingestehen, dass er ob des Aufmerksamkeitsdefizits schon ein wenig eifersüchtig war, gleichzeitig war ihm aber auch vollkommen klar, dass er gegen einen dicken Babybauch, dem man minütlich beim Wachsen zugucken konnte, niemals ankommen würde, auch wenn er schon den einen oder anderen Trick in Form von lustigen Streichen und Spielen kannte, mit denen man die Lillys dieser Welt beeindrucken konnte. Also hatte er seinen zweitgrößten Fan schweren Herzens ziehen lassen und er und Gretchen hatten sich kurz darauf auch von dem jungen Familienglück verabschiedet, dem sie Zeit für sich allein gönnen wollten, um sich an die große Neuigkeit zu gewöhnen, die heute an diesem noch jungen Samstagvormittag öffentlich geworden war.

Nun schlenderte das verliebte Pärchen Hand in Hand auf verschlungenen Wegen nach Hause durch einen niedlichen kleinen versteckten Park, in den es Gretchen Haase wie magisch hineingezogen hatte. Warum, das hatte sich der angeschlagene Oberarzt, der immer noch schwer mit den Nachwirkungen von gestern kämpfte und dementsprechend kaum aufnahmefähig war, nicht wirklich erklären können. Aber für Widerstand jeglicher Art wäre es jetzt eh zu spät gewesen. Haasenzahn befand sich schon wieder in ihrer ganz eigenen Welt. Sie hatte sich richtig an Marcs Arm festgekrallt und schwebte mit einem breiten Grinsen auf den Lippen über die befestigten Kieswege zwischen den bereits in einem saftigen Grün erstrahlenden Wiesen, auf denen sich schon einige mutige Berliner mit Picknickdecken und Einweggrills zwischen den ersten Frühblühern häuslich eingerichtet hatten, um das warme Frühlingswetter in seiner Gänze auszukosten, welches die deutsche Hauptstadt von einem Tag auf den anderen aus einem langen tiefen Winterschlaf geweckt hatte. Auch wenn er eigentlich am liebsten fünfe gerade sein lassen wollte und nicht unbedingt von ihr durch einen doofen langweiligen Park gezogen werden wollte, kam der Dreiunddreißigjährige nicht umhin, dem kitschigen Frühlingsspaziergang mit seiner zuckersüßen Freundin, die mit jedem Sonnenstrahl mehr förmlich aufblühte und vor ansteckender Lebensfreude übersprudelte, ein paar schöne Seiten abzugewinnen. Die Schönste davon war natürlich die hübsche Blondine selbst, die ihn mit ihrer ganzen mitreißenden und zauberhaften Art mal wieder komplett entwaffnete.

Gretchen war noch völlig aufgedreht und high von Mehdis überraschender Neuigkeit und bekam ihr hinreißendes Strahlen gar nicht mehr aus dem Gesicht. Und Marc liebte es, sie anzusehen und ein heimliches gedankliches Selfie nach dem anderen von diesem besonderen Moment zu schießen. Beschwingt tänzelte sein Sonnenschein immer wieder um ihn herum und zog ihn zur nächsten idyllischen Stelle, bis sie sich schließlich seiner erbarmte und den katergeplagten Mann auf einer kleinen Anhöhe auf eine Parkbank zerrte, auf der sie sich laut seufzend niederließ, ehe sie ihr liebliches Gesicht in die Sonne reckte. Erschöpft aufschnaubend ließ sich Marc neben seine Liebste plumpsen. Er drehte sich auf seinem Hosenboden nach links, streckte seine Beine der Länge nach aus und bettete sein Haupt pappfrech auf dem gemütlichen Schoß seiner Süßen, die ihn erst mit hochgezogenen Augenbrauen studierte, um ihn dann mit ihrem bezaubernden Lächeln anzustecken, mit dem sie sich nun gegenseitig neckten. Verträumt streifte Gretchen mit ihren Fingerspitzen durch sein dunkles Haar und massierte anschließend sanft seine puckernden Schläfen, was eine wahre Wohltat war. Das Leben konnte so schön und entspannt sein, dachte der so von ihr Verwöhnte und schloss seine müden Augen, um ihre zarten Berührungen zu genießen und die herrliche Frühlingsluft einzuatmen, die doch tatsächlich eine heilsame Wirkung auf ihn hatte, denn der fiese Kater hatte sich nicht wieder zurückgemeldet, der ihn vorhin in Mehdis Wohnung noch malträtiert hatte und von Lillys eher durchschnittlichen Gitarrenkünsten noch zusätzlich gefüttert worden war. Eine Weile saßen sie einfach nur schweigend da und genossen die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer winterblassen Haut und die ungewöhnliche Stille des sonst so hektischen Berlins, bis irgendwann Gretchen, die in der Nähe Kinder beim Spielen beobachtete und dauerlächeln musste, ihr süßes Plappermäulchen nicht mehr zurückhalten konnte und mit ihrer grenzenlosen Freude herausplatzte...

Gretchen: Ich kann das immer noch kaum fassen. Ich hab nichts geahnt, obwohl ich schon gespürt habe, dass er sich in den vergangenen Wochen schon irgendwie sonderbar verhalten hat. Ich wusste, er hat ein Geheimnis. Aber er hat immer nur gelacht, als ich ihn darauf angesprochen habe. Er hat nichts verraten, dieser gemeine Kerl. Und ich hab mir schon Sorgen gemacht.
Marc (murmelt gähnend vor sich hin u. blinzelt gegen die Sonne an): Frag mich mal! Jetzt wird er unerträglich selbstgerecht werden, unser Überpapa.
Gretchen (strahlt ihren Grummel überglücklich an): Ach was! Er freut sich eben riesig und zeigt das eben, jetzt wo er es endlich auch offiziell darf. Ich gönne ihm das so sehr. Ich mag es, wenn Männer zu ihren Gefühlen stehen.
Marc (knipst ein Augenlid auf u. guckt seine Freundin leicht verstört an): Bitte?
Gretchen (grient ihn an, weil sie genau weiß, wie sie ihren Pappenheimer kriegt): Jaaha! Hast du Lillys Gesicht gesehen? Diese leuchtenden braunen Kulleraugen, die gar nicht mehr aufhören wollten zu strahlen? Es war so süß, als sie noch nicht gleich kapiert hat, was der Schriftzug auf ihrem neuen T-Shirt zu bedeuten hat.
Marc (verdreht die Augen, als er an diesen Augenblick zurückdenkt): Die beste große Schwester der Welt. Mehdi ist echt ne Frau. Sein Hang zu übertriebenem Kitsch spricht Bände. Anstatt so bescheuert rumzustammeln, hätte er es ihr auch gleich direkt sagen können. Das hätte uns dann nicht so viel Lebenszeit gekostet.
Gretchen (bekommt einen ganz verklärten Gesichtsausdruck, als sie sich in den Moment zurückträumt): Finde ich nicht, du grantiger Grummel. Ich hätte es genauso gemacht. Ich finde, er hat einen guten Weg gewählt. Das hatte einen ganz besonderen Zauber. Wie ihre Augen gestrahlt haben, als Mehdi sich dann zu ihr heruntergebeugt und es ihr noch mal ins Ohr geflüstert hat. Hach... wie schön!

Gretchens und Marcs Gedanken schwebten noch einmal zu eben jenem besonderen Moment zurück, als Mehdi beim gemeinsamen Frühstück all seinen Mut zusammengenommen hatte und sich seiner Tochter zugewandt hatte, die ihrem Papa erst gar nicht zuhören wollte, weil eine andere Person gerade ihr ganzes Interesse aufsaugte, ohne es wirklich zu wollen:


Mehdi: Lillymaus, lässt du den Marc bitte mal eine Sekunde zur Ruhe kommen. Ich möchte dir nämlich gerne etwas geben.
Marc (grinst den Mann an, der gerade zu einer besonderen Mission aufgestanden ist): Der Chirurg dankt.
Lilly: Aber Onkel Marc will mir noch zeigen, wie dieses eine Lied aus dem Radio geht. Ich will nicht bloß die ollen langweiligen Kinderlieder auf der Gitarre spielen können. Die sind doch voll für Babys, Papa.

...erklärte Lilly bockig und zog eine so hinreißende Schmollschnute, dass jeder am gedeckten Frühstückstisch sie am liebsten knuddeln wollte. Aber das sture Mädchen wich nicht von ihrem Platz an der Seite ihres großen Idols, das murrend lustlos auf seinen Teller starrte und weder das frischgeschmierte Brötchen, noch den seltsamen Antikatermix herunterbekam, den Gabi für die beiden Absturzopfer zubereitet hatte, weil dieser mit seiner komischen grünlichen Verfärbung echt widerlich aussah und auch von der Konsistenz her dem Inhalt nicht unähnlich war, welchen er vorhin erfolgreich in Mehdis Toilette versenkt hatte. Sprich ihm war immer noch furchtbar schlecht. Vom Alkohol versteht sich, nicht von Lillys Gitarrenkünsten, um die es hier im Gespräch gerade ging und die seiner Ansicht nach gar nicht mal so übel waren für eine Neunjährige, wenn sie nicht in Dauerschleife nervige Kindergartenlieder spielen würde, welche sich tief in seine Gehörgänge gemeißelt hatten. Da hatte er doch als verantwortungsvoller „Patenonkel“ eingreifen müssen. Wer cool sein wollte, musste auch coole Lieder spielen können, wenn er auf dem Schulhof nicht gehänselt werden wollte. Das war zumindest die offizielle Meier-Meinung. Marcs Freundin, die zu seiner Linken saß und ihm immer wieder etwas Essbares hinschob, allen voran etwas Gesundes in Form von frischem Obst, weil sie der Ansicht war, dass er unbedingt etwas im Magen haben musste, sah das jedoch anders, als sie sich zu ihm rüberbeugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte...

Gretchen: Ob Metallica und ACDC da die richtige Wahl sind?
Marc (guckt beleidigt zu ihr rüber u. verteidigt seinen unanfechtbaren Musikgeschmack): Ey, die sind immer die beste Wahl, Haasenzahn.
Gretchen (kann sich ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen, als sie geschickt kontert): Ich kann dir mindestens zehn OP-Schwestern nennen, die gegenteiliger Meinung sind.
Marc (bockt weiter u. versucht sich dann doch an einem Scheibchen Apfel): Papperlapapp! Olle Kulturbanausen!
Gretchen (lacht immer mehr, dass sie gar nicht mehr dazu kommt, von ihrem Nutellabrötchen abzubeißen): Was wieder zeigt, dass du eine ganze andere Auffassung von Kultur hast als ich.
Marc (grient sie nun ebenso herausfordernd an): Eben! Du hältst ja auch die neuste Staffel von „The Voice Kids“ und die Kaulitz-Brüder für das Nonplusultra der Musikunterhaltung, ne. Ich zeig Lilly da lieber, was richtig rockt und reinhaut. Wenn mich die Scheißkopfschmerzen schon dahinraffen, dann wenigstens mit einem ordentlichen Gitarrenriff im Ohr.
Gretchen (findet das unheimlich süß von Marc u. zeigt das auch ganz offen): Ich wusste gar nicht, dass du so gut Gitarre spielen kannst, Marc.
Marc (lehnt sich schmunzelnd zu ihr rüber u. genießt deren unverhohlene Anschmachtung): Tja, in unserem Alter kann es schon mal peinlich aussehen, wenn man zur Klampfe greift, aber früher war es eigentlich immer ein ganz probates Mittel, um auf Klassenfahrten ein paar heiße Mädels beim Lagerfeuerkonzert am Strand klar zu machen.
Gretchen (funkelt ihn gespielt schockiert an): Boah... Du blöder Idiot, du!
Marc: Du sprühst ja heute nur so vor Komplimenten über, Haasenzahn. I like.

...konterte Marc gekonnt augenzwinkernd und fühlte sich, obwohl er noch immer leicht geschwächt war, schon wieder fast in Topform. Das beeindruckte auch seine kleine Freundin, die rechts von ihm saß, ihn offenkundig mit leuchtenden Bambiaugen anhimmelte und ihren verdutzten Papa dabei konsequent ignorierte, der schon ein paar Mal verzweifelt versucht hatte, ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu erhaschen. Dabei hatte Mehdi vor fünf Minuten noch gedacht, dass genau jetzt in dieser vertrauten Runde der richtige Moment gekommen war. So ausgelassen wie sie alle gerade eben noch gewesen waren, nachdem Lilly und Marc ihr kleines Konzert zum Besten gegeben hatten.

Lilly (grinst vor sich hin): Gretchen hat Idiot gesagt. Hihi!
Gabi (schenkt sich gehässig grinsend eine weitere Tasse Tee nach u. plündert unbemerkt den Brötchenkorb, weil sie endlich wieder nebenwirkungslos ordentlich Appetit hat): Das würde ich genau so unterstreichen.
Mehdi (wird aus der Unruhe heraus immer ungeduldiger): Lillymaus, kommst du jetzt mal bitte zu mir! Der Papa hat dir was zu sagen.
Lilly (bleibt stur neben Marc sitzen u. umklammert ihn mit ihren kleinen Armen wie eine Krake, was von ihrem Opfer misstrauisch beäugt wird): Och Papa! Können wir nicht noch ein bisschen so sitzen bleiben. Onkel Marc war voll lange weg gewesen. Ich hab ihn soooo dolle vermisst.
Mehdi (tauscht einen hilfesuchenden Blick mit Gabi aus, die sich ihren marmeladeverschmierten Mund an einer Serviette abtupft u. ihn ermunternd anlächelt): Ich hab was für dich, Lillymaus. Ein Geschenk.
Lilly (plötzlich ganz Ohr u. Marc ist augenblicklich vergessen): Ein Geschenk?

Mehdi lächelte seiner neugierigen Tochter bestätigend zu und guckte kurz vergewissernd zu Marc rüber, der wiederum irritiert zu Gretchen schaute, die gebannt nach seiner Hand gegriffen hatte und diese etwas zu fest gegen ihr pochendes Herz drückte, dass seine kostbaren Chirurgenfinger schon fast Gefahr liefen, zerquetscht zu werden, aber wenigstens hatte Lilly, die von der anderen Seite nervig an ihm herumgezerrt hatte, endlich von ihm abgelassen. Mehdis beste Freundin ahnte nämlich, dass jetzt ein ganz besonderer Moment bevorstand, was ihr auch durch Gabis auffällige Reaktion bestätigt wurde, die plötzlich ihr viertes Brötchen links liegen ließ und unruhig auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen begann. Die Achtundzwanzigjährige traute sich kaum, Lilly anzuschauen, die in dem Moment von ihrem Platz heruntergerutscht war, und umklammerte mit beiden Händen ihre Herzchen-Teetasse, ohne von deren Inhalt zu kosten. Das aufgeweckte Mädchen lief flink um den Esstisch herum auf ihren Papa zu, der vor ihr in die Knie gegangen war, um mit ihr auf Augenhöhe zu kommen, und seiner kleinen Prinzessin nun mit einem breiten Strahlelächeln ein großes lilafarbenes Paket hinhielt, welches die aufgeregte Empfängerin vorsichtig entgegennahm, um es nicht kaputt zu machen. Sie schüttelte es einmal mit Bedacht, um herauszufinden, was es beinhaltete, aber sie konnte nichts hören. Nichts außer den Schluckauf hinter ihr, der plötzlich bei Gabi eingesetzt hatte, die mit ihrem rot angelaufenen Kopf verwunderte Blicke von Marc und Gretchen kassierte, die ihrer Kollegin direkt gegenübersaßen. Mehdi blieb jedoch unbeirrt und lächelte Lilly trotz großer Aufregung auffordernd an, die ihren Vater im Wechsel mit dem Geschenk mit großen Augen gespannt musterte.

Lilly: Aber es ist doch noch gar nicht Ostern?
Mehdi (lächelt unentwegt): Darf ein Papa seiner Tochter nicht was schenken, wann immer er mag?
Lilly: Ja, darf er!

...bestätigte sie ihm sofort begeistert mit eifrigem Kopfnicken und einem Lächeln zum Dahinschmelzen. Lilly setzte sich im Schneidersitz ihrem Papa gegenüber, das Päckchen thronte auf ihrem Schoß. Sie zubbelte bereits aufgeregt an der großen rosa Schleife, welche die beiden Pakethälften zusammenhielt, während Gretchen sich sichtlich gerührt an ihren verdutzten Partner schmiegte, der langsam unruhig wurde, weil er nicht verstand, was hier jetzt schon wieder Albernes gespielt wurde.

Gretchen: Gott, ist das süß!

Lilly: Darf ich’s aufmachen, Papa?
Mehdi: Natürlich, dazu ist es doch da, mein Mäuschen.

Alle, allen voran Gabi und Mehdi, hielten die Luft an, als Lilly vorfreudig die große Schleife von dem Paket herunterzog und gleich danach den lila Deckel abhob. Das knittrige rosa Geschenkpapier schob sie schnell beiseite und holte dann ein Stück Stoff heraus, welches dieselbe Farbe wie die Geschenkpackung aufwies, und hielt es verwundert hoch. Ein lilafarbenes Mädchen-T-Shirt, auf dem zwei süße kleine Mäuse aufgedruckt waren, eine ein bisschen größer als die andere und beide mit lustigen Grinsegesichtern. Verständnislos sah Marc Gretchen an, die ebenso wie Gabi den Tränen nah war. Ihm kam das alles hier sehr, sehr spanisch vor und er lenkte sich mit einem Bissen von seinem Brötchen von der eingetretenen Langeweile ab. Lilly ging es genauso. Auch sie schaute irritiert zu dem Halbperser, der sie unentwegt anlächelte und ihr mit seinem ganzen Verhalten irgendwie komisch vorkam. Ein kleines bisschen Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit, als sie ihren bärenstolzen Vater schließlich zur Rede stellte. Das neuste Barbiemodell hätte ihr nämlich besser gefallen.

Lilly: Ein T-Shirt?
Mehdi (muss sich sehr zusammenreißen, nicht gleich in Tränen auszubrechen): Ein ganz besonderes Shirt, mein Schatz.
Lilly (dreht es skeptisch in ihren Händen hin und her): Hä? Ein bisschen groß vielleicht.
Mehdi (lächelt verlegen): Damit du auch in einem halben Jahr und darüber hinaus noch hineinpasst und lange Freude daran hast.
Lilly: Wieso?
Mehdi: Maus, hast du denn schon gelesen, was da genau aufgedruckt ist?

...stellte Mehdi schließlich atemlos die Frage aller Fragen in den Raum und schaute dabei seine Freundin an, die es vor lauter Anspannung kaum mehr auf ihrem Stuhl aushielt. Lilly las sich unbedarft den kleinen Spruch durch, der mit schwarzen Buchstaben unter den beiden miteinander spielenden Mäusen aufgestickt war.

Lilly: Die beste große Schwester der Welt?
Mehdi: Ja!

...strahlte Mehdi seine süße Maus an, nachdem es endlich ausgesprochen war, und konnte sich nun doch nicht ein kleines Tränchen verdrücken, das sich aus seinen Augen stahl, welche unentwegt an Lilly klebten, um diesen besonderen Moment für die Ewigkeit festzuhalten. Aber seine Große schien immer noch nichts zu merken. Sie schaute sich um und fragte sich, warum die Erwachsenen sie alle so komisch anguckten. Auch ihr Lieblingsonkel blieb ungewohnt still, weil er mit einem dicken Kloß im Hals kämpfte, nachdem er mit Zeitverzögerung endlich verstanden hatte, in welches Familientheater er da gerade arglos hineingeraten war. Mehdi rutschte auf Knien noch näher an seine Tochter heran, die das Kleidungsstück zwischen ihren Händen hielt und nicht wusste, was sie davon halten sollte. Leise flüsterte er ihr etwas ins Ohr und plötzlich weiteten sich Lillys Kulleraugen vor lauter Überraschung und Sprachlosigkeit.

Mehdi: Was hat es wohl zu bedeuten, wenn darauf „Die beste große Schwester der Welt“ steht, Lillymaus, hmm? Vielleicht... dass du bald eine bist, meine Große.
Lilly (staunt Bauklötzchen u. sieht ihn mit offenem Mund an): Wirklich?
Mehdi (lässt seinen Glückstränen freien Lauf u. greift nach ihren kleinen Händen, die er an sein wild schlagendes Herz drückt): Ja! Wie findest du das?
Lilly (schaut ihren Papa lange an, wischt ihm dann vorsichtig mit den Daumen die Tränen weg u. fällt ihm schließlich strahlend in die Arme): ... Toll! ... Ganz, ganz toll, Papa! Das hab ich mir immer gewünscht.
Mehdi (sichtlich gerührt u. kaum fähig, noch etwas zu sagen, drückt er seine Maus überglücklich an sich): Wirklich?
Lilly (altklug blickt sie zu ihm auf): Ja, doch, Papa, aber du musst aufhören zu weinen! Männer weinen nicht. Weißt du das denn nicht?
Marc (kann sich einen amüsierten Zwischenruf nicht verdrücken): Nee, das weiß Misses Kaan nicht.
Gretchen (kneift ihn u. droht ihrem Sprücheklopfer mit unmissverständlichem bösen Blick): Marc, kannst du einmal still sein, ja! Danke!
Mehdi (unberührt von den Reaktionen der anderen klebt er mit seinen Augen am wunderhübschen Gesicht seiner vorlauten Tochter): Doch das tun sie manchmal, mein Schatz, gerade in so bedeutsamen Momenten wie diesen, vor Glück, weißt du.
Lilly: Ich bin auch glücklich, Papa.

Überglücklich drückte Mehdi seine ihn anstrahlende Tochter noch einmal an sich, während sich Gretchen heulend an ihren Marc schmiegte, dem das rührselige Theater allmählich zu viel wurde und der am liebsten zur Tür hinaus flüchten wollte, wenn man ihn denn endlich lassen würde, und Gabi ganz ihren Schluckauf vergaß und erleichtert ausatmete. Die aufgewühlte Krankenschwester hatte die Luft angehalten, weil ein Teil von ihr immer noch Angst hatte, Mehdis Tochter würde ganz anders reagieren, als wie sie es letztendlich getan hatte. Lilly hatte sich mittlerweile von ihrem gerührten Vater gelöst, der sie gar nicht mehr hatte loslassen wollen, und hatte sich schnell das süße T-Shirt über ihren Pulli gezogen, mit dem sie voller Stolz am Tisch vorbei auf Gabi zu tänzelte, vor der sie stehen blieb und sie nun eindringlich von Kopf bis Fuß musterte, sodass sie unter deren durchbohrenden Blicken ganz entgegen ihrer Art augenblicklich rot anlief.

Lilly: Und da ist wirklich mein Geschwisterchen drin, Gabi?

Lilly deutete mit zusammengepressten Lippen und zittrigem Zeigefinger schüchtern auf Gabis Bauch, den diese unter einer weiten blau gemusterten Tunika versteckt hielt, obwohl man eigentlich noch gar nichts sehen konnte, es sei denn man hatte einen Röntgenblick. Doch die Angesprochene konnte nichts sagen. Die Gefühle überwältigten sie gerade und sie konnte der neugierigen Neunjährigen, zu der sich nun auch Mehdi gesellt hatte, nur kurz durch einen dichten Tränenschleier zunicken, ehe sie damit begann, mit einer Großpackung Taschentücher diesen wegzutupfen. Ihr liebevoller Freund, der ihr vorsorglich sein Lieblingsmedikament gereicht hatte, setzte sich auf den freien Stuhl neben sie und zog seine Lillymaus zu sich auf den Schoß. Er hielt ihr nun einen kleinen quadratischen Fotoausdruck hin, das erste Ultraschallbild des Babys, und erklärte seiner wissbegierigen Tochter alles, was sie wissen wollte. Und Lilly wollte alles wissen. Übereifrig nahm sie das Foto entgegen, drückte es an ihr wild pochendes Herz und lief damit als nächstes zur anderen Seite des Tisches, um es stolz Marc und Gretchen zu zeigen, die es sich lächelnd anschauten und die aufgeregte Kleine in ihre Arme schlossen, um sie zu beglückwünschen.

Lilly: Guck mal, Onkel Marc, der Punkt da ist das Herz und das das Köpfchen und die kleinen Beinchen und Ärmchen...
Marc (rollt überfordert mit den Augen, weil Lillys Lautstärke seinen schlummernden Kopfschmerz wieder geweckt hat): Ja, ja, das ist nicht das erste Ultraschallfoto, das ich sehe. Ich bin Arzt, weißt du.
Lilly (quakt vorlaut dazwischen u. grient ihn an): Aber es ist das erste Bild, das du von meinem Brüderchen oder meiner Schwester siehst! Stimmt’s?
Gretchen (grinst ihren sprachlosen Schatz von der Seite an, der vor so viel Kaanscher Schlagfertigkeit kapitulieren muss): Genau, nicht, Marcilein?
Marc (grummelt in seinen Dreitagebart hinein u. fixiert auf der anderen Seite des Tisches mit finsterem Blick, der schnell einem erheiterten Lächeln weicht, seinen besten Freund, der ihn nervig daueranlächelt): Hmm!
Lilly (löst ihre Ärmchen wieder von Marc u. hüpft fröhlich zum Kopfende des Tisches zurück): Wisst ihr denn schon, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird? Mädchen wäre toll. Oder ein Junge. Oder lieber doch ein Mädchen. Ich weiß nicht.
Mehdi (lächelt seinen aufgeregten Goldschatz voller Liebe an u. legt eine Hand an ihre Wange): Noch nicht. Aber vielleicht schon beim nächsten Ultraschalltermin.
Lilly (schaut gespannt Gabi an): Toll! Darf ich dann mitgehen?
Gabi (blickt ratsuchend zur Seite u. lächelt zaghaft, als Mehdi ihr zunickt): Wenn du magst?
Lilly (klatscht begeistert in ihre Hände u. hat gleich tausend neue Ideen im Kopf): Au ja! Komm, Gabi, wir basteln jetzt dafür einen schönen Fotorahmen und den stellen wir dann zu unseren anderen Bildern auf den Kaminsims.

Ohne eine positive Antwort abzuwarten, zog Lilly die überrumpelte Freundin ihres Vaters von ihrem Stuhl und verschwand mit ihr an der Hand schnurstracks im Kinderzimmer, während Mehdi seinen beiden Herzdamen mit Herzchen in den Augen hinterher guckte und seine anwesenden Freunde, die sich gerade liebevoll ansahen, für den Moment gar nicht mehr wahrnahm. Auch nicht, als diese sich kurz darauf aufmachten zu gehen, nachdem Lilly mit Gabi im Schlepptau mit einem riesigen Karton Bastelmaterial ins Wohnzimmer zurückgekehrt war und alles auf dem Couchtisch ausgebreitet hatte, wo Marc auch endlich seinen verloren gegangenen schwarzen Schuh wiederfand, den er schon eine Weile vermisst hatte.



Marc: Huhu? Erde an Gretchen! Flennst du jetzt etwa schon wieder los?
Gretchen (abrupt aus ihren Gedanken gerissen wischt sie sich die kleine verräterische Träne aus dem Augenwinkel): Marc, das nennt sich Rührung. Und du musst gar nicht so unwissend tun. Ich hab deinen und Mehdis Blickwechsel ganz genau gesehen. Du warst auch gerührt.
Marc (leugnet vehement, verrät sich aber durch seine verdächtig zuckenden Mundwinkel): Pah! War ich nicht!
Gretchen (hat ihren Pappenheimer längst durchschaut u. grinst dementsprechend zu ihm runter): Warst du wohl!
Marc (gibt sich schließlich seufzend geschlagen): Ich war vielleicht überzuckert. Frag dich mal wieso!
Gretchen (strubbelt ihm lachend durchs Haar): Spinner!
Marc (fängt ihren schmunzelnden Blick ein u. schaut intensiv zurück): Also bist du nicht mehr böse? Wegen, du weißt schon, gestern Abend, also heute Nacht? Da war ja auch nichts weiter,... glaub ich.
Ich weiß nur nicht mehr, wie wir aus Mitte hierher gekommen sind.
Gretchen (sieht ruhig zu ihm runter auf die Parkbank u. streicht kontinuierlich durch seine weichen Haare): Ich war dir nie böse, Marc. Ich war nur enttäuscht, nein, ernüchtert, dass ihr euch so habt gehen lassen. Du weißt doch, dass ich es nicht mag, wenn du betrunken bist. Betrunken sind Männer immer so... so... Ich mag es einfach nicht, ok.
Gott, sie ist so süß, wenn sie schmollt.
Marc (hebt lächelnd seine rechte Hand u. legt sie an Gretchens Wange, die sie daraufhin zärtlich in seine Handinnenfläche schmiegt): Die einen verlieren kostbare Flüssigkeit durchs ständige unkontrollierte Heulen, wir fügen uns zusätzliche Flüssigkeit zu und zwar in kontrollierten Dosen. Für Notzeiten... wie diese. Und Mehdi kann man sich, wie du weißt, nun mal nur schön saufen. Der hat ja schon mehr zugelegt als seine Freundin, die ja eigentlich dazu prädestiniert ist. Aber interessant ist seine neue Methode zur Patientenakquise ja schon.
Gretchen (kann über diesen Idioten nur den Kopf schütteln): Haha! Sehr witzig, du Oberschlaumeier! Ich weiß aber, dass du dich für ihn freust.
Marc (grinst sie verschmitzt von unten herauf an, dass ihr Herz gleich doppelt u. dreifach höher schlägt): Finde ich auch.

Gretchen (genießt seine Berührung sehr u. verfällt ins Träumen): Weißt du, Marc, wir haben heute einen ganz besonderen Moment erlebt.
Marc (hat da so seine Zweifel): Na ja!?
Gretchen: Doch! Und du musst gar nicht so tun, als wäre es nicht so. Du hast es auch gespürt. Ich bin unheimlich glücklich, dass Mehdi uns daran hat teilhaben lassen. Ich werde das immer im Herzen behalten. Hach... Ich hab ihm das immer gewünscht.
Marc (schaut sie leicht verstört von der Parkbank an, auf der er der Länge nach liegt, mit dem Kopf sanft auf Gretchens Schoß gebettet): Was? Dass er ausgerechnet Gabi einen Braten in die Röhre schiebt?
Gretchen (öffnet resigniert ihre Augen u. sieht den Teilzeitskeptiker tadelnd an): Marc! Ich meine, ich hab ihm immer gewünscht, dass er das findet, was er gesucht hat, und wieder glücklich ist. Ich finde es toll, ihn so zu erleben, weil ich ihn so noch nicht kennengelernt habe. Er hatte immer dieses Traurige an sich. Dass irgendetwas nicht stimmt. Das hat mich auch immer traurig gemacht. Aber das ist jetzt komplett weg. Er ist wieder ganz er selbst und kostet das Leben in vollen Zügen aus. Das berührt mich eben.
Marc (seufzt nachdenklich auf, weil Gretchen genau das ausgesprochen hat, was er auch denkt, aber als Mann nie in Worte fassen würde): Okay, der Punkt geht an ihn. Aber muss ich mir Gedanken machen, weil du so von einem anderen Mann schwärmst?
Gretchen (schüttelt lachend den Kopf u. sieht Marc nach einer Weile mit stolzer Miene an): Quatsch! Ich weiß ganz genau, dass du weißt, was ich meine. Du hast heute sehr erwachsen reagiert.
Marc (hebt argwöhnisch eine Augenbraue, weil er nicht so recht weiß, worauf sie mit dieser Aussage hinaus will): Das klang vorhin noch ganz anders, als du mir vorgeworfen hast, Mehdi zum Komatrinken verleitet zu haben. Ich hab durch die Badtür ganz genau gehört, wie herrlich du ihn runtergeputzt hast.
Gretchen (rollt mit den Augen, weil es sie nervt, dass Marc immer alles, was ihr wichtig ist, ins Lächerliche dreht): Man, ich meine doch, wie du auf das alles reagiert hast. Ich weiß, dass das nach unserer Vergangenheit mit Gabi nicht selbstverständlich ist.
Marc (will lieber keinen Gedanken mehr an diese schreckliche Episode verschwenden): Na ja, mit Rückgängigmachen ist es jetzt ja etwas schwer, jetzt, wo sie schon auseinander geht wie ein Hefeteig. Hast du gesehen, was die vorhin alles in sich hineingeschaufelt hat.
Gretchen (kann es nicht lassen, ihn zurechtzuweisen): Die hat auch einen Namen! Und du passt lieber auf, was du in Zukunft zu ihr sagst! Sie hat mir von ihren Schwangerschaftsproblemen erzählt. Sie hat schon genug zu kämpfen.
Marc (wiegelt genervt ab u. konzentriert sich lieber auf das Wesentliche): Ja, ja, Thema durch! Wie lange willst du eigentlich noch hier in diesem doofen Park rumlungern? Die Position können wir so gerne beibehalten, ich würde aber trotzdem einen Locationwechsel vorschlagen. Ab in unsere vier Wände! Ins Bett!
Gretchen (lächelt verschmitzt mit der Sonne, die ihr Gesicht erstrahlen lässt, um die Wette): Es ist so ein schöner Tag, Marc. Lass uns doch noch ein bisschen hier bleiben. Nur ein bisschen.

...schlug Gretchen mit sehr überzeugendem Augenaufschlag vor, gegen den der katergeschwächte Chirurg nichts entgegensetzen konnte. Außer einen zärtlichen Kuss, zu dem er sich nun aus seiner bequemen Liegeposition mühsam aufgerichtet hatte und den seine Liebste mit einem breiten zufriedenen Grinsen erwiderte, ehe sie sich beide wieder auf der Parkbank aneinanderkuschelten und die schöne Umgebung und die friedliche Stimmung in sich aufsaugten. Es war schon verrückt, wie schnell sich doch die Welt drehte, dachte Gretchen dabei, während sie verträumt den Kopf ihres Liebsten kraulte, der entspannt die Augen geschlossen hatte. Vor ein paar Monaten waren sie und ihre Freunde alle noch furchtbar unglückliche Singles gewesen und jetzt fand sich jeder in einer ganz neuen aufregenden Situation wieder. Alles änderte sich und das in einer Geschwindigkeit, die man niemals für möglich gehalten hatte, nachdem man jahrelang darum gekämpft hatte, wenigstens ein kleines Stückchen aus dem Liebespotpourri abzubekommen. Das war doch fast schon guinnessbuchverdächtig. Erst die Überraschung durch Sabine, die schneller geheiratet hatte, als dass man „frisch verliebt“ aus ihrem Horoskop herauslesen konnte, und die fast noch viel schneller in freudige Umstände geraten war, wie sie und Marc sich überhaupt erst an dieses Projekt herangewagt hatten. Dann die noch viel größere Überraschung mit Maria und jetzt auch Mehdi, denen sie so viel Glück wie nur möglich wünschte, weil sie es einfach verdient hatten. Ja, sogar ihr kleiner Bruder, der in Beziehungsdingen noch nie ein glückliches Händchen bewiesen hatte, hatte nach einigen Turbulenzen das große Liebeslos gezogen und hatte sich sehr zum Positiven verändert. Das mitzuerleben, ja, ein Teil davon zu sein, das war alles so toll und aufregend, empfand die angehende Chirurgin und wurde auf einmal ganz melancholisch. Ihr eben noch strahlendes Lächeln wich plötzlich einem grüblerischen Gesichtsausdruck. Wie so oft in den letzten Tagen.

All ihre Gedanken fielen auf einmal zurück zu einer ganz bestimmten Person, die ihr Herz im Sturm erobert hatte und die auch viel mehr Glück verdient hatte, wie man es nur auf der Welt finden konnte. Sie würde so gerne helfen. Sie unterstützen. Ihr beistehen. Sie würde alles dafür geben. Seit Tagen hatte sie nur diesen einen Wunsch im Kopf, den sie gestern Abend auch sehr lange mit ihrer Freundin Sabine durchdiskutiert hatte, die genauso empfand wie sie. Spätestens jetzt war es bewiesen, sie waren durch ihre gleichen Blutgruppen nicht nur Quasi-Blutsschwestern im Geiste, sondern teilten auch die gleichen Ansichten und Empfindungen. Sabine hatte ihr gut zugesprochen, hatte auch die Karten befragt und die positiven Grundstimmungen in ihren Horoskopen analysiert. Alles deutete darauf hin, dass alles gut werden würde. Wichtige Entscheidungen würden getroffen werden. Überraschungen säumten ihre Wege. Die Zukunft war so nah. Solche Zeichen sollte man nicht ignorieren. Man musste sich ihnen stellen. Sie leben. Sie waren doch soweit. Vielleicht war jetzt ja der Moment gekommen, um Marc in ihr kleines Geheimnis einzuweihen, welches sie bislang nur Sabine und ihrem Tagebuch anvertraut hatte. Er hatte so erwachsen auf Mehdis Neuigkeit reagiert, war entspannt wie lange nicht und genauso auf die Gegenwart und die Zukunft fixiert wie sie selbst. Er würde es verstehen. Ganz bestimmt, da war sich Gretchen fast sicher. Also fasste die empathische Ärztin hier in diesem wunderschönen ruhigen Berliner Park all ihren Mut zusammen und machte ihrer großen Liebe einen gewagten Vorschlag, der Marc abrupt aus allen Wolken fallen ließ, in die er sich gerade gedanklich hineingekuschelt hatte.

Gretchen: Marc, was würdest du dazu sagen, wenn wir Anton zu uns nehmen?

Da waren sie also. Die Worte, die Marc zwar nach den zufälligen Entdeckungen des gestrigen Tages geahnt, aber trotzdem nicht für möglich gehalten hatte. Augenblicklich schoss sein Kopf nach oben, gefolgt von dem Rest seines Körpers, der sich abrupt auf der Parkbank aufgerichtet und seiner Freundin zugewandt hatte, die ihn erwartungsvoll mit ihren himmelblauen Augen ansah.

Marc: Was?

...war das Einzige, das der völlig überrumpelte Oberarzt im Moment fähig war zu sagen. Denn die Gedankenachterbahn in seinem Kopf drehte gerade unaufhörlich Loopings, dass ihm schon ganz schwindelig und schlecht von ihren ständigen Umdrehungen wurde. Gretchen, die an Marcs Gesicht, deutlich seine Zweifel und seine Verunsicherung ablesen konnte, blieb jedoch unbeirrt und begann schüchtern, ihrem Vorschlag einen Rahmen zu geben.

Gretchen: Marc, er ist ganz allein auf dieser Welt. Er braucht uns nach allem, was war. Er braucht ein Zuhause. Ein richtiges Zuhause. Und er kennt uns. Ich weiß, dass wir das schaffen könnten. Ich hab mir überlegt...
Marc: Du... hast dir... überlegt? ... Sag mal, bist du total bescheuert? Wie kommst du darauf, dass wir ein Kind zu uns nehmen könnten?

...platzte es plötzlich härter als gewollt aus dem überforderten Chirurgen heraus und er musste sich arg zusammenreißen, nicht noch mehr „Nettigkeiten“ in ihre Richtung zu werfen, so aufgebracht war er in diesem Moment. Gretchen war sichtlich enttäuscht und gekränkt wegen seines harschen Tonfalls, der sie zusammenzucken ließ. Tränen sammelten sich bereits in ihren Tränenkanälen und versuchten sich nach außen zu boxen. So kalt hatte sie sich Marcs Reaktion nicht vorgestellt. Klar war es gewagt, was sie vorhatte, aber es ging ihr doch um ein kleines Lebewesen, das Schutz und vor allem Liebe brauchte. Und sie hatte so viel Liebe zu geben. Warum konnte Marc das nicht verstehen? Er mochte den Kleinen doch auch. Sie hatten doch so viel Zeit bei ihm verbracht, seitdem man Anton Anfang der Woche vor den Kliniktüren gefunden hatte.

Gretchen: Marc...

...versuchte sie es mit eingezogenem Kopf erneut, aber der Angesprochene ließ Gretchen nicht einmal die Gelegenheit, sich zu erklären und sprang von der Parkbank auf. Wild gestikulierend lief er vor ihr hin und her, bis er plötzlich abrupt stehen blieb und seine den Tränen nahe Freundin nachdrücklich ansah.

Marc: Nein! Das ist vollkommener Schwachsinn. Ich weiß, wenn du könntest, würdest du gerne die ganze verschissene Welt retten, aber das ist nicht unsere Aufgabe, Haasenzahn. Du kannst nicht jeden Patienten retten. Das geht zu weit. Das hat mit medizinischem Ethos nichts mehr zu tun. Wenn du das nicht endlich kapierst, dann hast du in unserem Metier nichts zu suchen.
Gretchen (merklich geschockt von seiner harten Haltung versucht sie sich zu verteidigen): Aber... ich... ich red doch nicht von unserer Berufung, Marc. Es geht mir doch um den Jungen.
Marc: Mir auch. Und ich hab „nein“ gesagt. Operation beendet!

Gretchen war wie gelähmt. Sie konnte nicht glauben, was hier gerade passierte. Marc hatte mit ein paar Worten all ihre Hoffnungen kaputtgeschlagen. Dabei hatte sie gedacht, er würde sie verstehen. Schließlich wollten sie doch eine Familie. Wie hatte sie sich nur so in ihm täuschen können, fragte sie sich bitterenttäuscht und stand langsam von der Parkbank auf, auf der es ihr plötzlich unerträglich kalt vorgekommen war. Nun stand sie direkt vor Marc, der seinen ernsten Gesichtsausdruck ein wenig gelockert hatte und sie einfühlsam ansah. Es tat ihm ja leid, aber er hatte sich nicht anders zu helfen gewusst. Er trat einen Schritt auf seine Freundin zu. Aber seinem Annäherungsversuch wich sie aus. Sie musste jetzt allein sein.

Marc: Gretchen, das klang jetzt vielleicht hart, aber jemand muss dir doch die Augen öffnen. Du verrennst dich da in was.
Gretchen (dreht sich weg, weil sie keine Kraft mehr hat, ihm in die Augen zu sehen, u. will gehen): Wenn du das denkst?
Marc (verunsichert): Wo willst du denn jetzt hin? Komm, wir vergessen das und rufen uns an der Ecke ein Taxi!
Gretchen (dreht sich nicht einmal zu ihm um): Nein, ich will laufen.
Marc (blickt ihr irritiert nach, als sie sich immer weiter von ihm entfernt): Haasenzahn, es ist scheißeweit bis nach Hause. Jetzt komm schon!
Gretchen (bleibt doch noch mal stehen u. wendet sich ihm zu): Vielleicht will ich gar nicht nach Hause. Ich will jetzt einfach alleine sein, ok?
Marc: Aber...?

Aber Gretchen hatte sich bereits wieder umgedreht und viel zu weit von ihm entfernt, um sie noch erreichen zu können. Frustriert und hilflos schaute Marc ihr nach, bis sie hinter einer Baumreihe aus seinem Blickfeld verschwunden war. Ihr unfassbar enttäuschtes Gesicht machte ihn nachdenklich. Aber was hätte er denn machen sollen? Sie hatte ihn überrumpelt. Und er hatte sich nicht anders zu helfen gewusst. Nur weil gerade alle in der Klinik Babyalarm machten, hieß das doch nicht gleich, dass sie auch sofort auf diesen Zug aufspringen mussten, nur weil gerade zufällig ein elternloses Kind bereit stand. An und für sich hatte er doch auch nichts dagegen, Nachwuchs zu bekommen. Das hatten sie gemeinsam beschlossen und er stand immer noch dazu. Ein Baby mit Gretchen Haase, das war die größte Entscheidung, die er je getroffen hatte. Aber so? Nein, die Geschwindigkeit war ihm dann doch zu schnell, obwohl er eigentlich rasante Geschwindigkeiten liebte. Resignierend wich Marc ein paar Schritte auf dem Kiesweg zurück und ließ sich wieder auf die Parkbank fallen, auf der sie eben noch sorglos im Glück geschwelgt hatten. Er fragte sich, wie das so schnell hatte drehen können und was überhaupt in Haasenzahn gefahren war, dass sie auf so einen Gedanken kam, und vergrub seinen dröhnenden Kopf zwischen seinen Händen. Er ignorierte die interessierten Blicke, welche ihm von den Familien auf der Wiese zugeworfen wurden, die den kleinen Disput des Liebespaares verfolgt hatten und sich vermutlich gerade die irrwitzigsten Geschichten ausmalten, warum sie sich gestritten haben könnten. Dass er sich tatsächlich in einer irrwitzigen Geschichte wiederfand, ahnten sie ja nicht. Und auch er, der immer einen lustigen Spruch auf den Lippen hatte, konnte nicht darüber lachen. Stattdessen zog er jetzt sein Mobiltelefon aus der Tasche und drückte eine Nummer. Der ratlose Chirurg konnte und wollte jetzt nicht alleine sein.

Marc: Hey! Ich... stör euch in eurem Familienidyll wirklich nur ungern, aber... ich muss einfach was loswerden, sonst platze ich noch. ... Du hattest Unrecht! ... Sie plant wirklich etwas Haasemäßig Verrücktes. ... Jep, genau. ... Nope! Frag lieber nicht! ... Ja, aber was sollte ich denn machen? Sie war... Ja! Du kennst sie ja. ... Ich hab keine Ahnung, Mann, was da gerade bei ihr für ein Film abläuft. ... Du weißt, ich lieb sie, aber das... das ist mir echt ne Nummer zu groß. ... Nein, danke für das Angebot, ich bin zwar noch in der Nähe, aber ich lauf lieber auch noch ein paar Runden durch die Stadt. Ich brauch dringend neue Kippen. ... Ja, dir auch. Wir hören voneinander. Bis dann, Mehdi!

Lorelei Offline

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31.10.2014 16:44
#1502 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Einige Tage später im Elisabethkrankenhaus

Marc: So, jetzt hör mir mal zu, du... kleiner Giftzwerg! Kannst du mir mal verraten, was du da treibst? Ist das so ein Hypnoseding, einmal die Glubschaugen weit aufreißen, oder was machst du mit den Frauen, dass alle, und eine insbesondere, auf einmal total durchdrehen, wenn es um dich und deinen wunden Arsch geht? ... Ich weiß, deine Situation ist beschissen. Ich beneide dich da echt nicht, obwohl ich meine Mutter auch liebend gern mal ohne Rückfahrtticket auf den Mond schießen würde. Es geht mir hier ums Prinzip! Das grenzt ja schon fast an Gehirnwäsche, was du hier betreibst, mein Freund. Hast du da eine Mobilfunkleitung, die von deiner Nabelschnur direkt zu deren Eierstöcken geht, damit ordentlich Hormone und stumpfsinnige Ideen ausgeschüttet werden, oder wie funktioniert das? Ey, ich sag dir mal was, das ist echt kein Spaß mehr. Weißt du, was ich so langsam glaube, die haben dich hier runter auf die Erde geschickt, um die Menschen zu testen. Aber mein lieber ET vom Windelplaneten, ich mach da nicht mit. Kapiert?

Marc Meier hatte einen der wenigen ruhigen und unbeobachteten Momente seiner Arbeitszeit genutzt, um seinen ganzen angestaunten Frust der letzten Tage bei dem - seiner Meinung nach - Hauptverursacher seiner anhaltenden Beziehungsprobleme abzuladen, den er gerade behutsam mit beiden Armen in die Luft stemmte und mit einer sanfteren Version seines erbarmungslosen Ameisenblicks traktierte, während er irgendwie getrieben um dessen Bettchen herumtigerte. Mittlerweile brauchte der hier im Berliner Elisabethkrankenhaus gestrandete kleine Patient nämlich keinen Inkubator mehr und bewohnte seit zwei Tagen eins der liebevoll gestalteten Kinderbettchen im Säuglingszimmer im dritten Stock. Marc wusste selber nicht, warum es ihn ausgerechnet jetzt hierher zu Anton Doe, dem identitätslosen Findelkind und neuem Star der Station, gezogen hatte, aber er hatte irgendwann plötzlich vor dessen Tür gestanden, hatte ihn und seine schlafenden und schmatzenden Freunde eine Weile durch das große buntbemalte Glasfenster beobachtet und war schließlich demselben inneren Impuls gefolgt, der ihn überhaupt erst hierher geführt hatte. Obwohl er doch eigentlich überhaupt keine Zeit für solche albernen Sperenzchen hatte.

Heute stand schließlich ein großer Tag bevor. Ein Tag, an dem Medizingeschichte geschrieben werden würde. Und Dr. Marc Olivier Meier, seines Zeichens jüngster Oberarzt und chirurgischer Leiter Deutschlands, hatte eine Rolle in dem Spiel um Leben und Tod ergattert, wenn auch nur eine kleine unbedeutende Nebenrolle ohne direkte operative Beteiligung meilenweit vom Zentrum des Geschehens entfernt. Aber dennoch fühlte sich der begabte Berliner Chirurg als Teil des Teams, da sein alter Herr dieses anführte. Drüben am anderen Ende des Ozeans, welcher zwei große Kontinente voneinander trennte. Und dennoch war der bärenstolze Oberarzt mit seinen Gedanken ganz woanders als bei seinem Dad und dem siamesischen Zwillingspaar, das heute im Grey Sloan Memorial Hospital in Seattle zumindest körperlich voneinander getrennt werden würde, obwohl doch für die Live-Übertragung der Operation in den hiesigen Lehrsaal des EKH noch so viel vorzubereiten war. Der gestresste Organisator und Vortragsleiter schnaufte einmal kräftig durch, ignorierte dabei das ihn argwöhnisch beobachtende blaugraue Augenpaar und ließ sich mit Anton im Arm auf einen Stuhl in der hinteren Ecke des Zimmers plumpsen und betrachtete den kleinen Herzensbrecher nun ganz genau, genauso wie er selbst von ihm und seinen riesigen Glubschaugen inspiziert wurde, während sich klitzekleine zappelige Fingerchen an den Knöpfen seines Arztkittels und an seinem Stethoskop festzukrallen versuchten.

Marc: Was hat es nur mit dir auf sich? Du bist doch noch nicht einmal ein mittelmäßig attraktives Baby, wenn man dich mit der Konkurrenz hier vergleicht. Kannst du mir das erklären, hmm, Eierkopf? ... Natürlich kannst du das nicht! Es ist doch echt bescheuert, was ich hier mache. Ich quatsche tatsächlich mit dem Stinkbombenwerfer, der hier alle Welt verrückt macht. Ey, geht’s noch, Meier? Kriegst du jetzt auch noch nen Nervenzusammenbruch oder was? Na prima! Passt ja gerade super! Das Aushängeschild des EKH präsentiert sich heute gleich von seiner allerbesten Seite. Yeah! Die Bewerbungszahlen werden in die Höhe schießen und Franz wird dir nen Orden verleihen. ... Boah, du kannst mich doch eh nicht verstehen. Du kannst doch gar nicht mehr als nur pennen, essen und in die Windeln kacken. Aber ich warne dich, mein Freundchen, wehe du machst das gerade jetzt, während wir hier ein ernstes Wörtchen miteinander wechseln! ... Alter, du sollst mich nicht so angucken mit deinen hypnotischen Alienaugen! Was ham die überhaupt für eine bescheuerte Farbe? Das ist weder blau, noch grau, das ist Wischiwaschi. ... Mann, du weißt ganz genau, dass das nicht geht. Betteln is nicht! Und im Übrigen steht das Männern ganz und gar nicht! Sonst wird aus dir am Ende, wenn du irgendwann groß bist, noch ein Mehdi oder schlimmer noch ein Günni! Uaaah! Dann nehmen die dich da oben in eurem Raumschiff ganz bestimmt nicht mehr zurück. ... Scheiße, hör auf damit! Wir können dich nicht hier behalten, so gern wir das auch wollten. Also nicht ich, die anderen, du weißt schon, die mit den tickenden Uhren im schlaffen Gebärzentrum, aber... Anton, hey, wie stellst du dir das denn nur vor? Wir sind hier in einem Krankenhaus. In der wahren Welt. Hier geht’s nicht zu, wie bei „Wünsch dir was“.

Marcs muskulöse Arme hatten an Kraft verloren und sanken langsam mitsamt dem kleinen Menschen in seinen Händen herunter. Er drückte Anton an seinen Oberkörper und strich ihm sanft über seinen leicht behaarten Hinterkopf, wobei er tunlichst vermied, dem kleinen Hypnotiseur in die Augen zu schauen. Er war sich dessen Wirkung nämlich durchaus bewusst, aber ehe er länger darüber nachdenken konnte, wie er das mit Gretchen wieder geradebiegen konnte, die ihn seit Samstag mit einem unheimlichen Schweigen strafte und ihm hier auf Station bemüht aus dem Weg ging, schreckte ihn eine piepsige Stimme plötzlich auf. Seit wann stand Schwester Sabine denn hier im Raum, fragte sich der überraschte Chirurg, als er aufblickte und die tapsige Frau in Weiß vor sich erkannte.

Sabine: Dr. Meier? Ähm... Entschuldigung, ich möchte nicht stören, aber der erste Bus mit den Studenten wäre dann jetzt da.
Marc (schaut ertappt auf seine Armbanduhr, erstarrt resignierend, weil es schon so spät ist, u. richtet sich dann grummelnd mit Anton auf): Keine Studenten, alles Assistenzärzte im letzten Jahr. Die zukünftige medizinische Elite des Landes. Na ja, wer’s glaubt. Du nicht, ne, Anton? Recht so!
Sabine (lächelt, als sie sieht, wie liebevoll Marc den Kleinen behandelt): Soll ich die Assistenzärzte schon in die Aula bringen oder findet erst der Rundgang durch die chirurgischen Abteilungen mit der Oberschwester und dem Dr. Rössel statt? Es gibt da nämlich noch ein ähm... Problem mit der Videoübertragung, Herr Doktor.
Marc (horcht beunruhigt auf u. dreht langsam seinen Kopf in Richtung der herumdrucksenden Schwester): Sabine, dieses Wort existiert in meinem Wortschatz nicht.
Sabine (beißt sich auf die Unterlippe u. wippt nervös auf ihren Füßen hin und her): Oh? Ja, das ähm... Es ist aber so, der Projektor für die Übertragung der Operation aus Amerika funktioniert noch nicht. Die Technik ist dran, aber...
Marc (reißt genervt die Augen weit auf): Oh fuck! Das gibt’s doch gar nicht. Alles muss man selber... Sabine, übernehmen Sie!

Der eilige Oberarzt drückte der verdutzten Krankenschwester ungefragt den kleinen Patienten in die Arme und verließ im nächsten Moment auch schon wehenden Kittels das Säuglingszimmer, um selber nach dem Rechten zu schauen. Schließlich ging es hier nicht nur um eine großartige OP, die in die Lehrbücher kommen würde und die er selber gerne miterleben wollte, sondern vor allem auch um die Visitenkarte des Elisabethkrankenhauses, das dank der Bemühungen des Professors als Einziges direkt „live“ mit am OP-Tisch dabei sein durfte. Sabine schaute lächelnd auf den kleinen Fratz, der freudig mit seinen Armen und Beinchen ruderte, als er erkannte, wer sich seiner nun angenommen hatte.

Sabine: Gutzigutziguuu! Na hat der Dr. Meier wieder Selbstgespräche mit dir geführt? Weißt du, er hat nicht so viele Freunde. Er ist nämlich ein viel beschäftigter Mann und ein so toller Mediziner. Heute macht doch sein Vater diese große Operation und Dr. Meier ist so aufgeregt, als würde er selber mit am OP-Tisch stehen. Es ist nämlich eine große Ehre für das Elisabethkrankenhaus, dass wir als einziges Haus in Deutschland per Videokamera alles hautnah miterleben dürfen. Als zusätzliche Lehreinheit für die angehenden Ärzte. Der Professor Haase, der ist ja auch dort vor Ort, und hat sich stark dafür eingesetzt. Ich als kleine Krankenschwester hab ja keine Ahnung von diesen Dingen, aber ich glaube, das ist wirklich eine ganz, ganz große Sache. Und deshalb müssen wir jetzt auch unsere Däumchen drücken, damit alles auch so klappt, wie geplant.

Die hibbelige Krankenschwester konnte gar nicht mehr aufhören, zu erzählen und zu erzählen, bis sie merkte, dass ihr kleiner Schatz langsam unruhig und unaufmerksam wurde. Sabine, die Anton schon seit über einer Woche intensiv betreute, weil sie es als ihre Pflicht ansah, da sie selbst den Kleinen vor dem Hintereingang des EKH gefunden hatte, wusste ganz genau, was das zu bedeuten hatte, und legte den wild strampelnden und leise vor sich hin glucksenden Jungen behutsam auf dem Wickeltisch ab und bereitete alles für einen rasanten Windelwechsel vor. Um ungestört arbeiten zu können, lenkte sie ihn dabei mit ihrer monotonen Stimme ab.

Sabine: Oh, hat da jemand etwa kackakacka gemacht, hmm? Braver Junge! Wie du das immer schaffst, den Dr. Meier damit nicht zu behelligen. Du weißt sicherlich noch, wie ungeschickt er sich beim letzten Mal angestellt hat. Hihi! Es heißt ja eigentlich, Übung macht den Meister, aber bei ihm bin ich mir da nicht so sicher. Er wird immer so schnell grantig, wenn etwas nicht gleich nach seinem Willen geht. Ich glaube ja, aber das verrate ich nur dir, mein Schatz, er hat sich mit der Frau Doktor gestritten. Ich hab sie beobachtet, wie sie sich seit Tagen aus dem Weg gehen. Aber Gretchen will auch nicht mit mir darüber reden. Ich glaube ja, es geht um dich, aber ich will mich da auch nicht weiter einmischen. Ich hab sie doch erst noch dazu ermutigt. Und jetzt ist sie so furchtbar traurig, wenn sie den Dr. Meier sieht. Ach, was machen wir nur mit dir, hmm? Außer dir den Popo zu säubern. Hihi! ... Fertig! Du bist so ein lieber und braver Schatz. Wie kann man dich nicht sofort zu sich nehmen wollen?

Stolz begutachtete Sabine ihr Werk. Sie klebte behutsam Antons Windel fest und zog ihm schnell wieder seinen weißen Strampelanzug mit dem großen roten Krankenhauskreuzaufdruck an, damit ihm nicht kalt wurde. Der kleine Mann strahlte seine Lieblingskrankenschwester an, die Tränchen waren längst vergessen und er wurde noch aufgeregter, als er noch jemand Bekanntes hinter der blonden Frau in Weiß entdeckte. Erschrocken drehte sich Schwester Sabine mit Anton im Arm herum, nachdem sie ein Geräusch hinter sich bemerkt hatte. Sie lächelte, als sie erkannte, wer da hinter ihr auf leisen Sohlen ins Säuglingszimmer getreten war und ungeschickt gegen eins der zum Glück leeren Bettchen gestoßen war, und reichte ihm den kleinen Mann, der seine Ärmchen sofort nach dem groß gewachsenen Arzt mit dem schütteren Haar ausgestreckt hatte. Ohne Scheu und Angst vor Hygienenachteilen stupste Dr. Gummersbach liebevoll Antons kleines Näschen immer wieder an, versteckte es spielerisch zwischen seinen Fingern und schenkte es ihm wie von Zauberhand schnell wieder zurück mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht, das man so gar nicht von dem sonst so introvertierten Pathologen kannte. Dann sah er zu seiner Ehefrau auf, die ihn verliebt dabei beobachtet hatte.

Günni: Gutzigutziguuu! ... Na, das hätte ich mir ja denken können, dass ich dich ausgerechnet hier finde. Erzählst du ihm wieder Geschichten von deiner Lieblingsärztin?
Sabine (läuft ertappt rot an u. schüttelt kichernd den Kopf): Nein, heute nicht. Das hat schon der Dr. Meier übernommen.
Günni (schaut überrascht): Ach? Und hast du herausgefunden, was da los ist bei den beiden?
Sabine (lehnt sich seufzend an ihren Mann): Er war hier. Also, ich denke schon.
Günni (nickt verständnisvoll u. bespaßt weiterhin den zappeligen Kleinen): Und bist du soweit? Brauchen die dich unten im Lehrsaal noch? Der Termin bei Dr. Kaan ist doch gleich.
Sabine (streift lächelnd mit einer Hand seine Wange u. übernimmt dann Anton wieder): Gleich, Schnurzelchen! Ich hab mich schon bei der Oberschwester entschuldigt. Sie betreut doch die Studentengruppen zusammen mit Dr. Rössel und den hiesigen Assistenzärzten. Pfleger Jochen übernimmt dann die restlichen Vorbereitungen im Saal. Er kennt sich doch mit der neuen Technik viel besser aus. Ich will nur noch schnell Anton ein neues Fläschchen geben. Dann können wir los.

...antwortete Sabine lächelnd auf die Fragen ihres Mannes und drückte diesem spontan ein kleines Küsschen auf die gespitzten Lippen, bevor sie kichernd mit Anton auf dem Stuhl in der Ecke Platz nahm und begann, das sehr, sehr hungrige Mäulchen zu stopfen. Günni lehnte sich derweil mit dem Rücken an die Wand daneben und beobachtete die beiden mit einem sehr verliebten Ausdruck in den Augen.


Unten im Erdgeschoss des Elisabethkrankenhauses herrschte in der Zwischenzeit heilloses Durcheinander und das konnte eine ganz bestimmte Person ganz und gar nicht leiden, zumal dieses ungeordnete Chaos nicht durch einen Notfall verursacht wurde. Genervt kämpfte sich Dr. Meier durch die schwatzende Menge an Assistenzärzten, die ihm andauernd irgendwelche intellektuell anspruchslosen Fragen stellen wollten, nachdem sie den bekannten Chirurgen erkannt hatten. Er ließ die Flachpfeifen einfach grummelnd im Foyer stehen und knallte die große Tür zum Lehrsaal geräuschvoll hinter sich zu und marschierte dann laut fluchend auf den Techniker am Beamer in der Mitte des Raumes zu, den er erst in der Nähe als Gretchens Bruder identifizierte. Verdutzt hob sich sein Kopf, aus dem bereits diverse unsichtbare Rauchsalven aufstiegen, und er stellte den daddelnden Pfleger unverzüglich zur Rede.

Marc: Was hast du kaputtgemacht, Jo?
Jochen (getroffen schießt er herum u. schmollt seinen Schwager in spe kratzbürstig an): Bitte? Ey, jetzt mach mal halblang, Dr. Kotzbrocken! Was kann ich dafür, dass der Depp von der technischen Abteilung das falsche Kabel bestellt hat? Das hier ist viel zu kurz, wie du sehen kannst. Aber nein, nachmessen muss ja nicht sein. Pi mal Daumen, wird das schon gehen. Haha!
Marc (beugt sich bedrohlich nach vorn u. wedelt mit seinem Zeigefinger vor Jochens Nase herum): Hey, hey, hey, nicht so vorlaut, ja! Nur weil wir quasiverwandt sind, heißt das nicht, dass du dein Maul so weit aufreißen kannst, dass man dir bis zu den Mandeln gucken kann. Ich bin immer noch dein Boss und kann dich jeder Zeit vor die Tür setzen. Du weißt, ich brauche deinem Vater nur etwas von mangelndem Ehrgeiz erzählen und er wird meine Entscheidung nicht hinterfragen, wenn du angeheult kommst. Oder wie war das noch gleich? Urlaubssemester gleich „Ich hab keinen Bock mehr auf Medizinstudium“.
Jochen (seine Augen formen sich zu gefährlichen Schlitzen u. er bockt zurück): Boah, du musst es dir echt mit meiner Schwester verscherzt haben, wenn du zu so linken Methoden greifen musst, Marc. Und nur damit du’s weißt, Urlaubssemester heißt Urlaubssemester, weil’s eins ist. Nicht mehr und nicht weniger, ok? Ich bin immer noch immatrikuliert und das bleibe ich auch.
Marc (funkelt den Teilzeitstudenten stinksauer an u. klopft dann auf den Projektor): Ja, ja, red dir das nur ein, dann glaubst du’s irgendwann auch selbst. Du nutzt doch deinen Semesterausweis eh nur für die Vergünstigungen im städtischen Nahverkehr und wenn du deine Ische groß ins Kino ausführen willst. Aber um auf meine eigentliche Frage zurückzukommen, die durchaus deine kaum vorhandenen Kompetenzen betrifft, kriegst du den Scheißbeamer jetzt zum Laufen, oder nicht? Wenn nicht, dann kannst du den zweihundert Assis da draußen gleich mal schön erklären, dass sie postwendend in ihre Hinterwäldlerkrankenhäuser zurückgeschickt werden, ohne endlich mal wirklich was gelernt zu haben. Viel Spaß mit dem ehrgeizlosen Pack! Oh! Dann bist du ja genau in der richtigen Gesellschaft.
Jochen (baut sich extragroß vor seinem großkotzigen Vorgesetzten und Schwager in spe auf u. schießt mutig zurück): Tut mir leid, in meiner Jobbeschreibung stand nichts von „Arsch vom Dienst“ für Dr. Meier. Das ist Bines Job. Oder der von Gretchen. Ich bin lediglich als Pfleger in der Ausbildung angestellt und ich opfere hier gerade freiwillig meinen einzigen freien Tag in dieser Woche.
Marc (völlig unbeeindruckt kontert er gewohnt scharfzüngig): Ja, um deinem Vater schön in den Arsch zu kriechen, damit er denkt, du hättest die Medizin doch noch nicht ganz abgeschrieben. Aber dein alter Herr wird nichts von deinem aufopferungsvollen Freiwilligendienst mitbekommen, wenn wir hier nicht bald ein klares Bild auf dieser Scheißleinwand haben.
Jochen (trotzig): Ey, ich bin hier, um auch was zu lernen, ja? Was denkst du denn, weswegen ich mich sonst hierfür gemeldet habe, wenn hier eigentlich nur Assis Zugang haben dürfen? Und ich hab noch gar nichts abgeschrieben. Klar?
Marc (schnauft spöttisch in die Luft): Wer’s glaubt?

Gretchen: Was ist denn los? Wieso die Verzögerung? Unsere Gäste von außerhalb werden schon ganz unruhig und die Oberschwester biestig.

...unterbrach ein liebliches Stimmchen den so langsam eskalierenden Schwagerdisput um mangelnden Ehrgeiz im medizinischen Lehrbereich. Augenblicklich schoss Marcs Kopf herum und er erblickte seine Freundin, die schüchtern mit dem Rücken an der geschlossenen Saaltür lehnte und unsicher zwischen den beiden sich ankeifenden Männern in der Mitte des Raumes hin und herblickte.

Marc: Haasenzahn?

...brachte Marc nur überrascht über seine bebenden Lippen und er starrte Gretchen an, als wäre sie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Die hübsche Assistenzärztin wich überfordert Marcs Blicken aus, stieß sich von der Tür ab und schritt langsam die Treppe herunter, bis sie auf Höhe mit ihrem Bruder war, welcher bei der seltsamen Reaktion des Paares nur genervt die Augen verdrehen konnte und sich wieder auf die technischen Geräte und die verschiedenen Kabel konzentrierte, die es anzuschließen galt. Wie gut, dass der Hobbycomputernerd wusste, wo man Dinge herbekam, wenn man welche brauchte. Im Büro seines Vaters hatte nämlich noch zwischen verschiedenen unausgepackten Werbepaketen diverser Pharmaunternehmen ein Beamer in der Originalverpackung herumgelegen, den ihm ein Unikollege letztes Jahr zum fünfunddreißigsten Hochzeitstag geschenkt hatte. Darin hatte Jochen vorhin das passende Kabel für den hiesigen Projektor gefunden.

Marc: Hey!

...folgte der nächste hochintelligente Ausspruch des studierten Mediziners, über den dieser sich im selben Moment auch gleich schon wieder ärgerte und den seine liebreizende Kollegin nur kurz belächelte, ehe ihr schwankender Blick sich auf den schwarzen Computermonitor richtete, vor dem die beiden Männer standen. Sie zog ihren Bauch ein und schob sich erst an Jochen, dann an Marc vorbei und setzte sich etwas entfernt auf einen Platz in die mittlere Sitzreihe und fokussierte nun mit ihrem angespannten Blick die weiße Leinwand hinter dem Lehrpult. Nur ein Blinder hätte nicht registriert, wie aufgeregt auch die angehende Chirurgin vor der großen Operation war, die in wenigen Minuten beginnen würde.

Gretchen: Es ist gleich acht Uhr in Seattle. Geht es nicht pünktlich los? Papa wollte sich doch vorher noch melden, um sich mit dir abzusprechen.

...durchbrach Gretchens liebliche Stimme schließlich die peinliche Stille in dem großen Saal, welche nach ihrem Auftauchen eingetreten war. Marc, der mit der ungewohnten Distanz überhaupt nicht klar kam, räusperte sich nervös, blickte erst zu ihr, dann zur Leinwand, dann wieder zu Jochen, der immer noch am Projektor herumfriemelte und hoffentlich wusste, was er da tat. Der Technikmuffel Marc wusste es nämlich nicht und deshalb war es auch nicht besonders gut um seine Souveränität bestellt, die ihn doch sonst immer auszeichnete.

Marc: Äh... ja... Ich... weiß nicht, eigentlich schon, aber es kann sein, dass das mit der Übertragung nicht klappt.
Gretchen (schaut betroffen zu ihm rüber u. bleibt an seinem sie fixierenden Augenpaar hängen): Oh! Das wäre aber schade. Ich war schon so gespannt.
Marc (lächelt scheu zurück u. bleibt an ihren leuchtend blauen Augen kleben, die ihm zumindest ein bisschen Hoffnung schenken, dass das hier noch was wird): Ja, ich auch.
Gretchen (weicht seinem intensiven Blick dann doch aus u. deutet zur Tür): Was machen wir denn jetzt? Improvisieren? Die sind schon ziemlich unruhig da draußen. Wenn die Oberschwester nicht an ein paar kleine Snacks gedacht hätte, dann...
Marc (lächelt verschmitzt u. beendet ihren Satz): ...ja, dann wären die angehenden Fachärzte da draußen sicherlich nicht zu bändigen?
Gretchen (stimmt in sein ansteckendes Lächeln mit ein, bis sie es merkt u. sich schnell abwendet u. sich um ihre Unterlagen in ihrer Tasche kümmert, welche sie auf dem Klapptisch ausbreitet, den sie zuvor am Vordersitz hochgeklappt hat): Kann sein.
Marc (bemüht sich ungeschickt, um eine Fortsetzung des eher schleppenden Small Talks): Wir können ihnen immer noch Jochen zum Fraß vorwerfen. Als... Haasenbraten. Vor längeren Vorlesungssitzungen sollte der Zuckerspiegel immer möglichst hoch sein, sonst sinkt der Aufmerksamkeitspegel viel zu schnell wieder.

Alter, was machst du da? Der war so schlecht! Dass der dir nicht im Hals stecken geblieben ist. Der hat schon damals nicht funktioniert, wenn du dich in der Schulmensa über Haasenzahn und ihre Menüauswahl lustig gemacht hast.

Ach Marc! Was machst du denn? Ich glaube, ich pack das hier nicht. Aber ich darf die Operation nicht verpassen. Für mich. Für Olli. Die beiden Patienten. Und auch für Marc. Stark bleiben, Gretchen!


Jochen (guckt irritiert hoch u. fühlt sich beleidigt): Ey, ich bin immer noch anwesend, ja.
Marc (ignoriert Jochen u. beobachtet stattdessen Gretchen, die wiederum ihn ignoriert, aber trotzdem immer wieder verstohlen zu ihm rüber schielt): Warum setzt du dich nicht mit hier hin? Dann wärst du ähm... näher dran... am Geschehen und könntest auch noch mal mit meinem Vater reden oder mit deinem.
Gretchen (hadert mit sich u. malt weiter Blumen auf den karierten Schreibblock, der vor ihr auf dem kleinen Klapptisch liegt): Ich hab eben schon mit ihm telefoniert. Danke. Ich... denke, es ist besser, ich bleibe hier sitzen. Inmitten meiner Kommilitonen. Es kommt, glaube ich, nicht so gut, wenn man so eng mit dem Oberarzt und dem Chefarzt ist. Du prahlst ja auch nicht damit, dass dein Dad einer der operierenden Chirurgen ist.
Marc (versucht, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, u. konzentriert sich wieder auf die Technik): Verstehe.

Jochen (schaut nun auch interessiert auf u. zwischen den beiden sich anschweigenden Parteien hin und her, die doch sonst immer aneinander kleben wie Honig, bis er an Marcs unzufriedenem Gesicht hängen bleibt u. flüsternd nachhakt): Was hast du verbockt?
Marc (setzt als Verteidigung auf seinen bewährten Ameisenblick): Halt die Klappe, Jo, und mach endlich deinen Job!
Jochen (merkt, dass er ihn an den Eiern hat u. kostet das erst einmal genüsslich aus): Du weißt aber schon, dass es als ihr Bruder vor allem mein Job ist, sie zu verteidigen. Also wenn du was ausgefressen hast, dann solltest du die Zähne auseinander bekommen. Ich finde es eh heraus.
Marc (verschränkt amüsiert die Arme u. mustert Gretchens kleinen Bruder, der dadurch, dass er eine Stufe tiefer als Marc steht, noch kleiner wirkt, als er eh schon ist): Ah ja? Uuuhhh, jetzt krieg ich aber Angst. Jochen, ehrlich, das kam schon damals nicht gut, als ein ziemlich entschlossen wirkender Viertklässler, dessen Peter-Pan-Rucksack viel größer als sein schon recht schmächtiger Körper war, von der gegenüberliegenden Grundschule auf den Schulhof des Gymnasiums geschwankt kam, um einen Oberstufenschüler in der Raucherecke vermöbeln zu wollen, der fünf Köppe größer war als er selbst. Soll ich dich wieder ungestampft in den Boden rammen oder reicht in diesem Fall wieder nur ein „Puuuh“ und du pisst dir in die Hose und läufst ohne Rucksack weg?
Jochen (sieht ihn ziemlich beeindruckt an u. ist gar nicht eingeschüchtert): Das weißt du noch? Wow! Dir muss also doch damals schon was an ihr gelegen haben? Das wird ja immer interessanter hier.
Marc (kurz abgelenkt): Äh... War’s das dann? Können wir uns auch mal wieder auf das konzentrieren, wozu wir eigentlich hier sind?
Jochen (schaut ihn ernst an): Ich will nur, dass es ihr gut geht, ok. Ich seh doch, dass da was nicht stimmt, so wie ihr seit Tagen umeinander schleicht. Und wenn du sie scheiße behandelst, dann muss ich...
Marc (sieht kurz zu Gretchen rüber, die gedankenverloren in die Luft schaut u. von alldem nichts mitbekommt, u. flüstert weiter resignierend auf die Nervensäge ein): Ja, ja, dann kriegst du nen Freifahrtsschein für nen Kinnhaken. Aber nur damit du es weißt, ich hab sie nicht scheiße behandelt. Ich hab ihr nur meine Meinung gesagt. Und überhaupt geht dich das alles wirklich nichts an. Das ist unsere Sache, ok? Also bring den Beamer zum Laufen oder verschwinde! Ich schaffe das auch alleine.
Jochen: Okay!? Aber ich komm schon noch dahinter, was hier abgeht. Und im Übrigen, Beamer läuft bereits!

Selbstsicher richtete sich Jochen Haase von seinem Platz auf, streckte seine verspannten Arme hinter seinem Kopf aus und deutete dann verschmitzt grinsend auf die große Leinwand gegenüber, die nun in einem monotonen sterilen Stahlgrau erschien. Im Hintergrund konnte man bewegte Bilder von hektischem medizinischem Personal in Blau und Grün erkennen, welches in einem deutlich als OP zu identifizierenden Raum umherwuselte. Marcs Kopf schoss überrascht herum. Er wollte Jochen schon anerkennend zunicken, als plötzlich jemand in OP-Blau in sein Blickfeld wanderte, den er dort am anderen Ende der Internetleitung absolut nicht vermutet hatte. Auch Gretchens Blick pendelte irritiert zwischen dem absonderlichen Bild auf der Leinwand und Marcs und Jochens verdutztem Gesicht hin und her. Die Halsschlagader des verwirrten Chirurgen schwoll beträchtlich an, als er den ebenso perplexen Pfleger plötzlich am Kragen packte und einmal kräftig durchschüttelte.

Marc: Sag mal, bist du bescheuert? Warst du etwa an einem meiner Ordner dran, Jo? Wieso...? Ey, ich hab gar kein Bild von ihr auf meinem Rechner. Wie kann das... dann... sein?

Elke (krächzend): Marc Olivier, bist du das?

Marc (schluckt u. lässt Jochen abrupt los): Äh...?
Jochen (grinst): Also Ton stimmt schon mal.

Und tatsächlich, zu dem klaren HD-Bild, das auf die Großleinwand projiziert wurde und deutlich das hektische Treiben vor einer großen mehrstündigen Operation in einem amerikanischen Operationssaal illustrierte, gab es nun auch einen klaren, aber sehr überraschenden Ton. Denn seine Mutter wäre die Letzte auf der Welt gewesen, mit der er jetzt in diesem Moment in dieser Situation gerechnet hätte. Überfordert klappte sein Mund auf und Dr. Meier schnappte wie ein Fisch an Land nach Luft. Es dauerte, bis sich seine verhedderten Gehirnsynapsen wieder auseinandergefitzt hatten, aber dann polterte er auch schon in dem noch leeren Lehrsaal los, sodass sein zurückschallendes Echo sowohl die anwesenden Haase-Geschwister, als auch seine Mutter in Amerika erschaudern ließ, die sich nach ihrer übereilten Abreise in der vergangenen Woche bis jetzt noch nicht bei ihrem Sohn zurückgemeldet hatte.

Marc: Mutter, verdammt, kannst du mir verraten, was du in Dads OP zu suchen hast?

Lorelei Offline

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09.11.2014 10:07
#1503 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Nachdem das Meiersche Echo abgeebbt war, herrschte kurzzeitig Stille in dem zweihundertdreißig Personen fassenden Veranstaltungssaal des Elisabethkrankenhauses, in welchem man zu jenem Zeitpunkt sogar eine Stecknadel hätte fallen hören können. Gretchen, die den Atem angehalten hatte und ihre roséroten Lippen verkrampft zusammenpresste, und Jochen, der sich sicherheitshalber aus der Meier-Fisherschen Schusslinie verdünnisiert und mit deutlicher Fragezeichen-Miene neben seiner großen Schwester Platz genommen hatte, schauten gespannt zwischen dem allmählich signalrot anlaufenden Chirurgen einige Meter von ihnen entfernt und der brünetten Diva hin und her, die ihnen erschreckend überdimensional groß auf der Leinwand entgegenblinzelte, während das Mutter-Sohn-Gespann selbst sich via Computerbildschirmmonitor gegenseitig mit finsteren Blicken taxierte. Das verstörende Geräusch klirrender OP-Bestecke und -Gerätschaften, welche im Bildhintergrund für die aufwendige Operation bereit geschoben wurden, wurde ebenso zur Nebensache wie das nervöse Getuschel der wartenden Assistenzärzte vor dem noch verschlossenen Berliner Vorlesungssaal. Stattdessen wurden Waffen ganz anderer Art, nämlich scharfzüngige Mundwerke, zurechtgeölt und in Position gebracht, bevor sie auch schon kraftvoll loslegten...

Elke: Marc Olivier, zügele deinen Ton, wenn du mit mir redest!
Marc (genervt von der alten Leier verdreht er seine Augen): Dito! Deinen belehrenden Tonfall kannst du auch getrost wiedereinpacken, Mutter. Der hat, wie du weißt, bei mir noch nie was bewirkt. Ich will Antworten! Jetzt! Und zwar bevor die Patienten aus ihrer Narkose wiederaufwachen. Wobei diese bestimmt noch verstärkt werden müsste, wenn die wüssten, was sich gerade in ihrer unmittelbaren Umgebung abspielt. Also, was zum Teufel hast du dort zu suchen?
Elke (ihre Augen formen sich zu dunklen Schlitzen, mit denen sie ihrem anmaßenden Sohn entgegenblitzt): Hab ich dir das beigebracht? Begrüßt man so die Frau, die einen unter quälenden Schmerzen zur Welt gebracht hat? Gehst du so auch mit deinen Studenten um?
Herrgott, was hab ich bloß verbrochen, dass ich mir diese Scheiße hier antun muss? Wieso redet eigentlich keiner von meinen Schmerzen, hmm? Dafür interessiert sich mal wieder keiner.
Marc (kocht innerlich): Ich wüsste nicht, dass du neuerdings meine Lehrveranstaltungen besuchst, meine Vorträge schwänzt du doch auch ständig. Deine Studentenzeit ist doch eh schon Jahrzehnte her. So kurz nach dem Krieg, nicht, Mama?
Elke (läuft langsam rot an u. funkelt angesäuert in die Kamera): Also ich muss doch sehr bitten!
Marc (platzt gleich, versucht sich aber angesichts der Sachlage, in der er sich befindet, zusammenzureißen): Mutter, so langsam wird es echt albern hier. Du hast mir immer noch nicht meine Frage beantwortet. Was hast du in dem OP zu suchen und wo ist Dad, verdammt?
Elke (streicht sich bedächtig eine verirrte Strähne ihrer eleganten Dauerwelle aus dem Gesicht u. versucht ebenso, sich nicht weiter provozieren zu lassen): Ich bin doch nicht im OP, Marc Olivier. Was denkst du denn? Da haben doch nur die Profis zu suchen. Du weißt ja gar nicht, was hier alles los ist. Ein Menschenauflauf, kann ich dir sagen. Presse, Professoren, privilegierte Ärzte anderer renommierter Häuser und, und, und. Ich bin auf der Besuchertribüne oder wie man das hier nennt. Dort steht doch auch das Kamerateam, du Dummerchen. Schließlich wollen die im OP niemandem im Weg stehen. Es geht doch auch um die Sterilität, nicht wahr? So ein schwieriger Eingriff passiert ja nicht alle Tage.

Elke Fisher, verh. Meier, machte eine ausschweifende Armbewegung durch den kleinen Raum, in dem sie sich gerade befand und der mit mehreren noch leeren Stuhlreihen bestückt war, und gab nun den Blick frei auf die riesige Glaswand hinter ihr, welche direkt in den etwas tiefer gelegenen OP-Bereich des amerikanischen Krankenhauses zeigte, der sich in diesem Moment mit immer mehr medizinischem Personal füllte, während gleichzeitig in Berlin Jochen Haase ein paar Plätze neben Marc wegen des unkonventionellen Divenauftritts von Gretchens verrückter Schwiegermutter in spe spöttisch auflachte und von seiner genervten Schwester dafür den vorlauten Mund zugehalten bekam, die mit ihren Blicken beruhigend auf Marc einzuwirken versuchte. Denn Gretchen hatte Marcs innere Aufgewühltheit längst erkannt und ahnte, dass er jeder Zeit explodieren könnte, wenn noch mehr Unvorhergesehenes passieren würde. Doch der kurze Blickwechsel mit seiner mitfühlenden Freundin half dem aufgewühlten Oberarzt nur bedingt, seine Kontenance zu wahren. Seine wutaufblitzenden Augen sprachen Bände und waren stoisch auf seine Frau Mama gerichtet, die wie selbstverständlich vor der Kamera posierte, als stünde gleich eines der seltenen Interviews mit einem an ihr interessierten Literaturmagazin bevor. Nur die Krankenhauskleidung, die sie trug und die der sonst so elegant gekleideten Mittfünfzigerin überhaupt nicht stand, passte überhaupt nicht in das Bild von der stolzen Bestsellerautorin, die sich, warum auch immer, gerade in ganz neue Gefilde verirrt hatte und sich daran überhaupt nicht zu stören schien. Diese Selbstverständlichkeit, die Marcs Mutter an den Tag legte, rührte vermutlich von dem jahrelangen Training her, stets in den wohl unpassendsten Momenten und zu den unmöglichsten Zeiten meistens grundlos, aber mit der Energie von zehn Porzellan zertrampelnden Elefanten im Elisabethkrankenhaus bei ihrem Sohn aufzuschlagen, dachte selbiger gerade, bevor er die größte Nervensäge seines Lebens erneut klar und deutlich in ihre Schranken verwies...

Marc: Ey, so nennst du mich nicht noch mal, klar! Ich stehe hier in einer leitenden Position, Mama. Ich lasse mich hier heute garantiert nicht von dir blamieren.
Elke (reagiert gekränkt auf diesen in ihren Augen irrsinnigen Verdacht): Bin ich dir jetzt etwa peinlich, Marc Olivier?
Marc (würde sich am liebsten die Haare raufen): Eh, ja! Natürlich. Immer. Ich schnapp dir doch bei deinen Lesungen auch nicht den Roman aus der Hand und zerreiß ihn vor deinen Jüngerinnen in der Luft.
Elke: Jetzt werde nicht ungerecht, mein Junge.
Marc (wird fuchsteufelswild): Ungerecht? UNGERECHT ist genau das richtige Stichwort für diese bizarre Situation. Wir drehen uns hier langsam im Kreis. Kannst du mir nun eine plausible Erklärung dafür liefern, warum du dich, erstens, ganze sechs Tage lang nicht bei mir oder deinen behandelnden Ärzten gemeldet hast, und zweitens, wieso ich dich jetzt dort vor der wohl kompliziertesten Operation, die die Fachwelt je gesehen hat, auf dem Beobachtungsposten antreffe? Stalkst du Dad jetzt etwa? Bist du jetzt komplett durchgedreht? Lass ihn in Frieden! Du weißt ganz genau, dass er seine Gründe hat, warum er jetzt dort ist. Ich fasse es immer noch nicht, dass du einfach so ohne Absprache in die Staaten geflogen bist. Weißt du eigentlich, was du da riskierst, Mama? Hast du überhaupt deine Medikamente mit dabei? Und wie bist du überhaupt an der Security dort vorbeigekommen? Die lassen doch bestimmt nicht jeden da rein.

...sprudelten die verschiedensten Fragen, die bereits sein Unterbewusstsein okkupiert hatten, einfach so ungefiltert aus Elkes Sohn heraus, bis diesem wortwörtlich die Luft ausblieb und er sich am Pult, auf dem der Projektor für die Übertragung der Livebilder stand, festhalten musste, der daraufhin verdächtig zu wackeln begann, aber den Erdanziehungskräften zum Glück standhielt. Marcs Finger verkrampften sich und er musste sich stark zusammenreißen, die ganze Technikanlage nicht über die Stuhlreihen hinweg nach vorn zu werfen. Gretchen guckte besorgt zu ihrem Schatz rüber und haderte mit sich, ob sie sich nicht zu ihm setzen sollte, um ihm beizustehen und ihn zu unterstützen. Aber irgendetwas hinderte sie daran und das war unter anderem auch ihr kleiner Bruder, der platzeinnehmend neben ihr die Füße ausgestreckt hatte und lässig in seinem Sitz lümmelte und sich wünschte, er hätte eine Großpackung Popcorn für diese sehr spezielle Kinovorstellung dabei, die ihn noch mehr amüsierte als der amerikanische Blockbuster, den er neulich im Cinepalast gesehen hatte. Der Nebenschauplatz wurde allmählich zum Hauptschauplatz und der nächste interessante Part kündigte sich bereits an, wie der begeisterte Fünfundzwanzigjährige soeben feststellte.

Olivier: Indem ich sie mit reingenommen habe, mein Junge. Hallo Marc! Schön dich zu sehen!

...überraschte mit einem Mal eine bekannte samtigweiche einnehmende Stimme die Anwesenden, zu der nun auch im nächsten Moment deren charmanter graumelierter Besitzer im tiefblauen OP-Dress wie aus dem Nichts vor der Kamera erschien, in die er nun fröhlich hineinwinkte. Marcs Vater, Prof. Dr. Dr. Olivier Meier, war urplötzlich hinter Elkes Rücken aufgetaucht und der perplexe Oberarzt am anderen Ende der Internetverbindung konnte nur sprachlos beobachten, wie dieser jetzt die Hand locker auf die Schulter seiner Mutter legte und wie diese ihn dafür liebevoll entgegenlächelte, als wäre absolut nichts geschehen in der vergangenen Zeit. Das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen bei Gretchens leidgeprüftem Freund, der schon wieder lautstark lospolterte, anstatt seinen alten Herrn, der heute vor einer der wichtigsten Operationen seiner Karriere stand, gebührlich zu begrüßen und ihm alles Gute für den strapaziösen Eingriff zu wünschen.

Marc: Ääähh... Dad? Was... zum...? Ach, auf einmal sind wir wieder die besten Freunde, oder was? Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Wegen IHR hast du dir doch erst hinterrücks deine vorzeitige Entlassung erschlichen und bist trotz meines eindringlichen Vetos, schneller als du mit deinem Handicap im Entengang schleichen konntest, von meiner Station abgehauen und dann schwerverletzt in den nächsten Flieger über den Teich gestiegen.
Olivier (lacht schelmisch in die Kamera): Ich hab zwei gebrochene Rippen und ein paar Prellungen. Nichts, was ich, alter Haudegen, nicht überleben würde.
Marc (patzig): Bis sie dich das nächste Mal erfolgreich ne Treppe runtersegeln lässt. Ich hoffe, du bist da drüben noch gut versichert.
Elke (platzt empört dazwischen): Also, Marc Olivier, lass mich nicht wütend werden! Ich hab ihn nicht geschupst. Das war ein dummer Unfall.
Marc (kontert zynisch u. funkelt sie provozierend an): Wie deine übereilte Flucht und dein Abschied für immer in die Schweiz, Mutter?
Olivier (versucht, ruhig u. geduldig auf seinen patzigen Sohn einzuwirken): Marc, mein Junge, nun lass doch mal gut sein!
Marc (zeigt ihm empört den Vogel): Wie bitte? Gut sein lassen? Letzte Woche hörte sich das noch ganz anders an. Da konnte ein verbitterter alter Arzt gar nicht so viel Abstand wie möglich zwischen sich und einer ganz bestimmten Villa in Berlin-Wannsee bekommen. Und jetzt hast du deine Koffer schon wieder gepackt oder was? Ey, ihr verarscht mich doch!
Olivier: Entscheidungen können ins Wanken geraten, wenn man nur lange genug darüber nachdenkt. Und der lange Flug nach Seattle war sehr viel Zeit zum Nachdenken und Innehalten.
Marc (fährt sich fassungslos mit der rechten Hand übers Gesicht u. blickt dann hilfesuchend rüber zu Gretchen, die gebannt u. hoffnungsvoll zu ihm rüberschaut u. ihm damit Mut macht): Boah, du bist wankelmütiger als... Ach, was... Das... erklärt aber immer noch nicht, was SIE jetzt zu diesem Zeitpunkt genau dort bei euch zu suchen hat als die einzige Person ohne medizinischen Background, die ich kenne.
Und unsereiner versauert hier, muss sich mit lauter Dilettanten herumschlagen und darf nur aus der Ferne zugucken. Das ist doch scheißeungerecht, echt.
Olivier (lächelt): Deine Mutter kann sehr hartnäckig sein, wenn sie will.
Marc (schaut schockiert auf den Monitor vor sich): Bitte?

Die verarschen dich doch? Soll das etwa heißen, er hat nur darauf gewartet, dass sie einmal selbst ihren knochigen Arsch hochbekommt und ihm nachläuft, statt umgekehrt. Damals hat er das doch auch gehofft, aber nichts ist passiert. Sie hat ihn ziehen lassen und es immer bereut. Man ey, da soll man noch mitkommen. Die Zwei sind doch total irre.

Elke (guckt beleidigt zur Seite zu ihrem Mann): Also, was soll das denn bitteschön heißen?
Marc (ihm reißt nun endgültig der Geduldsfaden): Ihr wollt doch nicht ernsthaft JETZT eure komplizierte Beziehungsproblematik mit mir bequatschen, während draußen vor der Tür schon zig dilettantische Assistenten mit den Hufen scharren und an der Tür kratzen, die einen Medizinvortrag der Extraklasse erwarten, sprich eine noch nie dagewesene Operation sehen möchten? Aber wir können das Ganze auch gerne auf den Sanktnimmerleinstag verschieben, wenn es unbedingt erst um euch gehen muss. Erspart uns die Familientherapie und im Übrigen auch den beiden Brüdern in den Staaten, die seit ihrer Geburt mit ihren Hintern aneinanderkleben wie Dieter Bohlen an seinem Vertrag mit RTL. Da sage ich doch Dankeschön und gern geschehen.
Gretchen (meldet sich dann doch einlenkend zu Wort): Marc! Bitte!
Marc (schmollt zu seiner Freundin rüber, die ihn eindringlich ansieht u. erfolgreich zu erweichen versucht): Ja, ist doch wahr!
Die spinnen doch. Das Hin und Her hält doch wirklich keiner aus. Das ist doch nicht normal. Aber was ist in unserer Familie schon normal? Also guck lieber zweimal hin, Haasenzahn, ob es wirklich das ist, was du willst? Anstatt zu adoptieren, sollten wir lieber uns adoptieren lassen. Alles andere ist besser als das hier!
Olivier (kann sich mit seinen verliebten Blicken nur schwer von seiner Frau lösen, der es ähnlich geht): Du hast Recht, mein Junge. Ich sollte so langsam wieder runter zu meinen Kollegen gehen. Wir sollten pünktlich beginnen. Hast du noch irgendwelche Fragen?

Ob ich noch Fragen habe? Das ist nicht dein Ernst, Dad? Was zum Teufel ist da bloß vor knapp vierunddreißig Jahren in einem Westberliner Studentenschlafzimmer schief gelaufen? Als unschuldiges Spermium wäre mein Leben momentan wesentlich entspannter und vor allem friedvoller.

Der Angesprochene guckte bedröppelt zu seiner Freundin rüber, die ihn mit ihren telepathischen Kräften aufmunternd anlächelte, was auch ein bisschen funktionierte, bis er jedoch direkt daneben das feixende Gesicht ihres gehässigen kleinen Bruders entdeckte und daraufhin wieder grummelnd zu seinem Vater auf die Leinwand herumschwenkte, der überdimensional groß auf seine einnehmende und verschmitzte Art ansteckend zu ihm herunterlächelte, dass man ihm kaum noch länger böse sein konnte. Doch dann geschah etwas, dass Marcs bereits angeschlagene Haltung von seiner völlig durchgeknallten Familie einmal mehr erschütterte. Olivier zog nämlich vor allen Augen seine geliebte Ehefrau zu einem kurzen innigen Kuss auf die Lippenspitzen heran, was Marcs Kinnlade noch tiefer herunterfallen ließ, und winkte dann jemanden von der Seite näher heran, ehe er nach letzten abschließenden Worten die Besucherplattform schließlich verließ, von der man direkt in den OP schauen konnte, wo mittlerweile alles für den Eingriff bereitstand.

Marc: Negativ!
Olivier: Gut, dann überlasse ich jetzt dir und Franz das Feld. Meine Schöne, ich muss.
Elke (himmelt nach dem Kuss ihrem Mann hinterher u. vergisst ganz, wo sie gerade ist): Viel Glück, mí corazón.
Olivier (dreht sich noch einmal um, lächelt u. verschwindet dann hinter einer Tür): Das hab ich doch schon mit dir als Glücksbringer, mein Mokkapralinchen.
Marc (muss fassungslos bei den megapeinlichen Turteleien seiner Eltern zuschauen): Ich glaub, mir wird schlecht.
Wenn das gerade wirklich in echt passiert ist, dann haut mir bitte sofort eine rein, damit ich aufwache! Jochen, du hast doch noch eine bei mir frei, oder? Hilf mir!
Jochen (hat sich neben den konsternierten Oberarzt gestellt u. deutet drängelnd auf die Uhrzeit an seiner Armbanduhr, bis er plötzlich jemanden auf der Leinwand entdeckt u. diesen breit grinsend anlächelt): Geht mir genauso, aber wir... Oh, hey, Papa!
Franz (taucht breitlächelnd neben Elke Fisher auf u. winkt fröhlich in die Kamera): Marc! Jochen? Oh, wie schön, dass du auch mit dabei bist, mein Junge. Können wir dann loslegen? Warum sind die Assistenzärzte noch nicht im Saal? Gibt es etwa Probleme? Die Freistellung und der Transport war doch von der Universität zugesichert worden.
Marc (abrupt aus seinen abstrusen Gedanken gerissen starrt er auf den Monitor u. das strenge Gesicht seines Vorgesetzten, der ihn argwöhnisch in Augenschein genommen hat): Äh... ja, also, nein, das hier ähm... hat sich alles etwas verzögert. Wir können sofort loslegen. Eine Frage aber noch. Wieso noch mal ist SIE dort?
Franz (schmunzelt, als er zu Elke blickt, die sich etwas entfernt hat u. nun gebannt durch das Glasfenster beobachtet, wie ihr Mann den OP betritt u. die Kollegen begrüßt u. motiviert): Sie hat seit ihrer Ankunft in Seattle, über die du uns ja vorgewarnt hast, jeden Morgen vor den Türen des Krankenhauses gestanden und hat... naja... so was wie... Buße getan und heute hat Olivier, der stets sturen Blickes an ihr vorbeigelaufen ist, beschlossen, sie mit hereinzunehmen.
Marc (schaut verwirrt zu Gretchen, die ganz gerührt von der geglückten Versöhnung von Marcs Eltern ist u. ihre Hände an ihr puckerndes Herz drückt): Ah ja? Das... ist... alles?

Ich lebe in einem wahr gewordenen Albtraum. Das ist alles so surreal gerade. Ich glaub nicht mehr, dass heute noch operiert wird. Das da ist doch ein Irrenhaus! American Horror Story, Teil 2!

Jochen (steht ungeduldig vor der großen Saaltür und hält bereits die Klinke in der Hand, während er noch einmal vergewissernd zur Leinwand schaut, auf der sein vergnügter Vater in Übergröße in die Kamera zwinkert): Soll ich die Meute jetzt reinlassen oder wollt ihr auch noch besprechen, was unsere Mama gerade macht.
Marc (mit den Gedanken wieder ganz klar mault er seinen Schwager in spe an, der sich sein dreckiges Grinsen nicht verkneifen kann): Boah Jo, echt! Halt die Klappe und mach die verdammte Tür auf! Damit hier endlich mal Ernsthaftigkeit hereinkommt.
Franz (guckt vergnügt nach Berlin zu seinem Sohn): Eure Mutter hat die Anspannung hier im Haus nicht ausgehalten und ist einkaufen gegangen. Es könnte also ein teurer Tag für mich werden, zumal die OP ziemlich lange dauern wird.
Gretchen (schmunzelt in die Runde): Typisch Mama!
Franz (schaut sich suchend im Saal um, kann aber durch den kleinen Blickwinkel, den die Kamera zulässt, nur wenig erkennen): Oh, Kälbchen, dich sieht man ja gar nicht. Alles in Ordnung, Schatz?
Gretchen (schaut ertappt zu Marc rüber, der wiederum sie wie erstarrt ansieht): Ja, wieso nicht?
Franz (wiegelt beruhigt mit einer lockeren Armbewegung ab, klatscht in die Hände u. geht rasch zur Tagesordnung über): Gut dann, sollten wir jetzt wirklich loslegen. Die Patienten werden gerade in den OP geschoben, wie ich sehe. Dr. Meier, Dr. Haase, Jochen, dann auf in den Kampf!

Marc schaute auf die Leinwand, studierte eine Sekunde lang die Bilder, die hinter dem Rücken seines Chef abliefen, der sich gerade in die richtige Seitenposition vor der Kamera brachte, da doch die Operation die Hauptattraktion seines Vortrages sein sollte und nicht er selbst. Sein Oberarzt in Berlin nickte ihm schließlich bestätigend zu und gab dann Jochen ein Zeichen, die Türen zu öffnen. Schnell füllten sich die Ränge der Aula mit wissbegierigen Assistenzärzten, die ihre Laptops aufklappten und ihre Schreibutensilien bereitlegten. Der Lautstärkepegel war trotz mehrmaliger Ermahnung durch die gestrenge Oberschwester enorm hoch, verstummte aber sofort, nachdem Dr. Meier lässig an den Lehrerpult herangetreten war. Er blickte in gewohnter unmissverständlicher Oberlehrerpose grimmig ins Publikum und begrüßte dieses anschließend zusammen mit Prof. Haase, der aus Seattle zugeschaltet war. Es folgte eine kurze Einleitung, was in den nächsten Stunden genau passieren würde, während der Marc eine ganz bestimmte blond gelockte Assistenzärztin keine Sekunde aus den Augen ließ, deren bloße Anwesenheit unheimlich beruhigend auf ihn wirkte, obwohl sie eigentlich die ganze Zeit vor lauter Aufregung unruhig auf ihrem Sitzplatz hin und her rutschte und an ihrem Kuli herumknabberte, wie er schmunzelnd bemerkte. Dann überließ Dr. Meier auch schon das Feld seinem verehrten Professor am Seattle Grace, der den komplizierten zeitintensiven operativen Vorgang live fachmännisch für seine Schüler kommentieren würde.

Marc setzte sich zurück auf seinen Platz neben der Technik, welche Pfleger Jochen während des gesamten Vortrages auf seine Anweisung hin im Auge behalten sollte, zückte selber einen Block und einen Stift und schrieb nun all seine Eindrücke aufgeregt mit wie ein Student in seiner allerersten Vorlesung, denn genau als solcher fühlte er sich gerade. Ein ungewohntes, aber dennoch schönes Gefühl, das ihn von den strapaziösen Minuten zuvor ablenkte, die schnell vergessen waren, als das erste Skalpell auf dem Bildschirm gezückt wurde. Gretchen, die etwa acht Plätze von ihm entfernt in der gleichen Sitzreihe saß, kam nicht umhin, immer wieder verstohlen nach links zu ihrem aufmerksamen Freund zu schauen, während auch sie selbst gebannt jede Sekunde der äußerst spannenden Operation in den Staaten mitverfolgte.

Lorelei Offline

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13.11.2014 17:27
#1504 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Etwa siebzehneinhalb eindrucksvolle Stunden später erfüllte erlösendes Händeklatschen aus der Ferne den Raum 007 im Erdgeschoss des Berliner Elisabethkrankenhauses. Die Chirurgen des Grey Sloan Memorial Hospitals in Seattle beglückwünschten sich gerade gegenseitig für die gelungene Operation, welche zwei jungen Menschen, die fast achtundzwanzig Jahre untrennbar miteinander verbunden waren, ein nahezu eigenständiges und unkompliziertes Leben ermöglichen würde. Auch in der deutschen Hauptstadt war man schwer von dem beeindruckt, was dort im fernen Nordamerika gerade Historisches geleistet worden war. Natürlich mussten noch einige medizinische Details abgewartet werden, aber die Grundstimmung war positiv. Und das spürte man auch in Berlin. Müde Augenpaare starrten stolz auf die flimmernde Großleinwand und eine ganz bestimmte Ärztin im Vorlesungssaal, die noch immer hellwach und motiviert wie das nie müde werdende Duracell-Häschen aus der Werbung am Geschehen auf dem Bildschirm teilnahm, hätte am liebsten aus lauter Rührung und vor Begeisterung mit den amerikanischen Kollegen mitgeklatscht. Aber ein kurzer Blick in die illustre Runde an mehr oder weniger interessierten Kommilitonen, die sie umgaben und die sie ebenfalls dazu ermutigen wollte, ließ Dr. Margarethe Haase resigniert innehalten.

Die blonde Assistenzärztin aus der Chirurgie des hiesigen Elisabethkrankenhauses, in welchem sie sich gerade allesamt mit kurzen Pausen seit Stunden aufhielten, war eine der wenigen, die nicht zwischenzeitlich schlappgemacht hatte und nun der Länge nach auf einer der Sitzbänke lag und vor sich hin schlummerte oder sich bereits vor Ewigkeiten in aller Heimlichkeit davongestohlen hatte. Ihr Freund und Oberarzt würde wohl dazu sagen, dieser Jahrgang unqualifizierten Medizinstudentenpacks wäre nicht gerade mit Ehrgeiz gesegnet, welcher doch eigentlich für ihren Berufsstand enorm wichtig war, dachte Gretchen schmunzelnd und ein verstohlener Blick richtete sich schon fast automatisch zur Seite. Sie musste unweigerlich lächeln, während sie ihr Gesicht mit beiden Händen auf dem kleinen Klapptisch am Vordersitz abstützte und verträumt an dem attraktiven jungen Mann kleben blieb, der ihr Herz wie kein anderer höher schlagen ließ und gleichzeitig auch unbedarft darauf herumtrampeln konnte wie kein anderer. Aber das war eine andere Geschichte, an die sie jetzt nicht denken wollte. Es gab also doch noch jemanden, der unter Hochspannung keine Sekunde der komplizierten OP verpasst hatte und immer noch eine Seite nach der anderen seines Notizblockes mit seinen Eindrücken und Beobachtungen vollkritzelte und dabei vollends in seinem Element war. Es hatte für Gretchen richtig etwas Faszinierendes an sich, ihren direkten Vorgesetzten so zu sehen. Quasi als einen von ihnen. Jemand auf ihrem Level. Und mal ohne angeberischen Gottkomplex, mit dem er sich gerne vor seinen talentfreien Jüngern aufplusterte, weil es in seinen Augen nun mal keinen besseren Arzt in dieser Hemisphäre gab als ihn selbst. Doch von dieser beschränkten Sichtweise schien er gerade meilenweit entfernt zu sein.

Es schien fast so, als hätte Dr. Meier noch gar nicht mitbekommen, dass man in der Hauptstadt des Bundesstaates Washington mittlerweile dabei war, die Nähte der Patienten zu verschließen, und dass sich Gretchens Vater bereits von seinen Zuhörern in Deutschland verabschiedet hatte, weil die interessanten und lebensgefährlichen Sachverhalte, die er aufgeregt wie ein junger Medizinstudent ausführlich kommentiert hatte, bereits glückreich über die Bühne gegangen waren. Die stolze Tochter von Prof. Haase konnte gar nicht mehr aufhören, zu lächeln, je länger sie Marc zuguckte. Sie lehnte sich auf ihrem Sitzplatz zurück, streckte ihre verspannten Muskeln aus und beobachtete den Held ihrer Träume und Sehnsüchte eine ganze Weile verstohlen bei seinem Tun. Einem inneren Impuls folgend, packte Gretchen dann irgendwann ihre Sachen zusammen, rutschte die sieben bereits frei gewordenen Plätze neben sich nach links und stupste auf der Zielgeraden ihren Bruder mit dem Zeigefinger an, der neben Marc am Beamer kurz eingenickt war und nun ertappt seinen immer schwerer werdenden Schädel nach oben hievte. Er sah seine ihn von der Seite anflehende Schwester verwirrt aus müden Augen an, erkannte aber sofort, was ihr eindringlicher Blick zu bedeuten hatte, und hielt sie deshalb eine quälendlange halbe Minute hin. Nach einem intensiven non-verbalen Geschwisterdialog via stetem Augenkontakt ließ er die ungeduldige Zappeline schließlich triumphierend grinsend vorbei, damit sie sich endlich neben ihren Herzangebeteten setzen konnte, zu dem es die verliebte Frau unweigerlich hingezogen hatte. Jochen nutzte einstweilen die frei gewordenen Plätze neben sich, um es sich ebenfalls für ein paar entspannte Minuten bequem zu machen. Für einen kleinen, hoffentlich erfüllenden Sekundenschlaf, den er sich jetzt wirklich redlich verdient hatte. Schließlich hatte er bis zum finalen Moment, als die beiden Körper unwiderruflich voneinander getrennt worden waren, durchgehalten, im Gegensatz zu dem einen oder anderen unmotivierten Assistenzarzt hier im Saal, der sich bereits heimlich auf und davon gemacht hatte.

Marc hatte seine Herzdame noch gar nicht gleich neben sich bemerkt. So sehr war er noch immer in dem spannenden Thema drin und rekonstruierte die komplizierte OP noch einmal mit äußerster Präzision vor seinem inneren Auge. Aber irgendwann spürte er dann doch irritierende Blicke im Nacken, die sich in seine Muskeln bohrten und zu akuten Verspannungen führten. Er legte seinen Stift beiseite, schlug seinen Hefter zu und schaute vergewissernd zur Seite. Direkt in ein leuchtendes Paar stahlblaue Augen, welche ihn sofort packten und hypnotisierten. Damit hätte er jetzt nicht gerechnet, aber es war eine Ablenkung ganz nach seinem Geschmack, dachte der Angehimmelte und musste unweigerlich grinsen, als Gretchens Wangenknochen ein zartes Rosé annahmen, weil er sie doch tatsächlich beim ungenierten Anstarren ertappt hatte, womit er sie doch immer so gerne aufzog. Nervös strich sich die schöne Blonde mit einer Hand am Hals entlang, den eine ebenso verdächtige Röte zierte, biss sich verlegen auf ihre Unterlippe und versuchte, erfolglos Marcs intensivem Blick zu entkommen, der sie immer mehr gefangen nahm. Der verknallte Chirurg bekam Schmetterlinge im Bauch, als seine liebste Assistenzärztin unvermittelt drauflos quasselte, wie sie es immer schon gerne getan hatte. Ihre süße Stimme, die ihm so lange verwehrt geblieben war, klang wie Musik in seinen Ohren. Der schönste Ohrwurm, den er kannte. Und schon klebten seine Pupillen an Gretchens sinnlichen Lippen, die sich mit Bedacht bewegten und ihn sofort einlullten.

Gretchen: Weißt du, Marc, ich hab mir das immer genau so vorgestellt.
Marc (runzelt verwirrt die Stirn, bleibt aber an ihren einnehmenden blauen Augen kleben): Was? Den Eingriff? Es gibt leider nur wenige Analogien zu dem Thema, weil sich bislang wegen der hohen Risikoquote keiner getraut hat, das auch tatsächlich durchzuziehen, aber mein Dad hat ja im Voraus das Vorgehen seines Teams schon eingehend erklärt und es hat ja auch hingehauen. Jetzt heißt es erst mal abwarten.
Gretchen (jetzt ist sie kurzzeitig verwirrt u. starrt ihr Gegenüber an wie ein Postauto, bis ihr klar wird, was er meint, u. sie ihn verlegen anlächelt): Wie? Ach so, ja, das auch. Ich dachte eigentlich... Also, ich meine, ich hatte immer ein klares Bild von dir als Student.
Marc (lacht u. lässt für seine Süße seine Grübchen tanzen): Mehdi, die alte Tratschnase, ne? All seine ausschweifenden Geschichten stimmen zwar und sind auch überhaupt nicht übertrieben, aber es ist nicht so, dass ich immer nur Semesterpartys und Studentinnen im Kopf hatte. Die eine oder andere Vorlesung hab ich schon besucht und das nicht nur, um mich in die Anwesenheitsliste einzutragen, wie es dein kleiner Bruder zu tun gepflegt.
Gretchen (lächelt zum Dahinschmelzen): Das hab ich mir gedacht. Wenn es Dinge gibt, die dich wirklich interessieren und begeistern, dann bist du mit all deinen Sinnen mit Feuereifer dabei.
Marc (fühlt sich gebauchpinselt u. lächelt augenzwinkernd zurück): So wie bei dir.
Gretchen (lässt die Schmetterlinge in ihrem Bauch unkontrolliert aufflattern u. senkt ihren Lockenkopf auf seine Schulter, an die sie sich nun verschmust anlehnt): Das war aber ein schönes Kompliment, du Charmeur. Danke!
Marc (überrascht von ihrem plötzlichen Anlehnungsbedürfnis dreht er seinen Kopf so zu ihr, dass sie nur noch Millimeter trennen, u. sieht seiner Angebeteten tief in die Augen): Verdient.
Gretchen (bleibt an seinem intensiven Blick hängen u. genießt die Nähe zu ihm so sehr, dass sie auch noch seine rechte Hand mit ihrer Hand umschließt): Ich hätte wirklich gerne mit dir zusammen studiert.
Marc (kleinlaut): Ich nicht.
Gretchen (hebt ihren Kopf u. starrt Marc ganz bedröppelt an): Was? Wieso? Hast du Angst, ich hätte dem Ausnahmestudenten die Show gestohlen?
Marc (lacht u. stupst ihr süßes Stupsnäschen an): Überschätzen wir uns da nicht ein kleines Bisschen, Frau Doktor?
Gretchen (ganz von sich u. ihren Talenten überzeugt u. das zeigt sie auch selbstbewusst): Nein! Ich bin vollends überzeugt, dass wir uns super gut ergänzt hätten und so viel voneinander hätten lernen können, Herr Doktor.
Marc (lehnt sich mit ihr im Arm in seinen Sitz zurück u. guckt an die Saaldecke): Glaub mir, Haasenzahn, es ist schon besser so, dass wir nicht zur selben Zeit am selben Ort studiert haben. Es wäre ganz bestimmt nicht so gewesen, wie du dir das gerade in bunten Farben ausmalst.
Gretchen (lehnt sich seitlich an ihre Sitzlehne u. stützt ihr Gesicht auf ihren gefalteten Händen ab, während sie Marc keine Sekunde aus den Augen lässt): Warum?
Marc (sieht seufzend wieder zu ihr rüber u. streicht ihr eine verirre Locke aus dem Gesicht): Weil es besser ist, dass du mich nicht so erlebt hast, wie Mehdi mich erlebt hat, als wir uns damals kennengelernt haben. Das würde deine romantisch verklärte Sicht von mir ziemlich trüben und wir stünden jetzt ganz sicher nicht da, wo wir jetzt stehen.
Gretchen (nachdenklich guckt sie ihn an u. stimmt ihm schließlich kopfnickend bei): Vermutlich hast du Recht. Trotzdem, ich fand’s schön, dich heute so zu erleben.
Marc (senkt kurz geschmeichelt den Blick, ehe er wieder aufschaut u. sich in ihren vor Begeisterung strahlenden Augen verliert): Und ich find’s schön, dass wir wieder unverkrampft miteinander reden können. Ich dachte schon, nachdem was passiert ist, würdest du nie wieder ein Wort mit mir wechseln. Ich wusste gar nicht, wie ich wieder an dich herankomme, so wie du dich in den letzten Tagen zurückgezogen hast.

...erklärte Marc ehrlich und blickte seine Traumfrau nachdrücklich an, die in diesem Augenblick gar nicht mit einem solchen abrupten Themenwechsel gerechnet hatte und noch ganz in ihrer mädchenhaften Anhimmelei feststeckte. Das Leuchten in Gretchens Augen wich einem eher melancholischen Ausdruck. Langsam rückte die junge Ärztin etwas zurück, lehnte sich mit dem Rücken an die harte hölzerne Lehne ihres Sitzes und fixierte anstatt Marcs verspielten Grübchen, die sie so sehr liebte, wieder die große Leinwand im Saal, auf der man beobachteten konnte, wie zwei separate Liegen aus dem OP-Trakt geschoben wurden und wie danach das große Aufräumen im Seattle Grace begann. Gretchen zögerte, bevor sie Marc antwortete. Am liebsten würde sie alles, was war, ausblenden und unter einer Glaskuppel versiegeln, denn es tat einfach immer noch so weh, wie ihr Freund neulich auf ihr Anliegen reagiert hatte, das ihr so wichtig gewesen war und das er als lächerlichen Unsinn abgetan hatte, ohne ihr richtig zugehört zu haben. Sie war eben noch so glücklich gewesen, wieder unbefangen mit Marc umgehen zu können, aber der düstere Beigeschmack hing immer noch wie ein Nebelschleier über ihnen. Sie konnte das nicht so leicht vergessen, wie er vielleicht. Er war in solchen Dingen schon immer besser gewesen als sie, was vermutlich auch daran lag, dass er in die Geschichte mit Anton nicht so sehr emotional involviert war wie sie selbst und wie sie von ihm gedacht hatte.

Gretchen: Ich will jetzt nicht mit dir darüber reden.
Marc (lehnt sich ebenfalls seufzend zurück, schaut sie aber weiterhin intensiv von der Seite an): Aber irgendwann müssen wir darüber reden, Gretchen. Wir können das nicht so stehen lassen. Hey, ich wollte dir in keiner Weise wehtun. Ich war nur... ziemlich überrumpelt und ganz schön vor den Kopf gestoßen. Das musst du doch auch verstehen? So was bricht man doch auch nicht einfach so vom Zaun?

Gretchens beharrliches Schweigen auf seinen vorsichtigen Erklärungsversuch und ihr ihm nicht in die Augen sehen Können bedrückten Marc sehr. Er hatte keinen Schimmer, was er noch sagen konnte und es machte die angespannte Situation nicht besser, dass ausgerechnet jetzt in diesem Moment ihr Bruder aus seinem Power Nap hoch schreckte und das Reden für das Schmollhäschen übernahm...

Jochen: Was?
Gretchen/ Marc (im Einklang ihn schroff anfahrend): Nichts, Jochen!
Jochen (schaut misstrauisch zwischen den beiden sich anschweigenden Parteien hin und her u. streckt gleichzeitig seine eingeschlafenen Glieder, bevor er sich wieder bequem in seinen Sitz lümmelt): Darin seid ihr euch aber einig, hmm! Es gibt also noch Hoffnung.
Marc (schaut erst Gretchen intensiv an, dann fixiert er den vorlauten Hänfling mit seinem grimmigen Oberarztblick): Ja, vielleicht.
Wie meint Marc das denn jetzt?
Jochen (weicht Marcs ermahnendem Blick aus u. sieht sich gähnend im Saal um, dessen Ränge sich ein wenig geleert haben): Und passiert jetzt noch was oder kann ich jetzt abbauen und endlich nach Hause? Ich bin eigentlich noch mit Chantal verabredet.
Gretchen (ohne ihren Blick von Marc abzuwenden, murmelt sie vor sich hin): Der Eingriff ist beendet.
Marc (streicht sich, verwirrt durch Gretchens Blick, über seinen Dreitagebart): Jep! Das war’s. Na ja, bis auf die Auswertung mit meinem Dad. Wir skypen gleich oben in meinem Büro. Willst du mitkommen?
Jochen/ Gretchen (wie aus einem Mund): Ich?
Marc (rollt mit den Augen, während er seine Sachen zusammenpackt): Derjenige bzw. eigentlich diejenige, die ein amtlich geprüftes Doktorschild an ihrem eng anliegenden Kittel kleben hat. Wird bestimmt lehrreich und lustig. Dad war ja derbe gut drauf heute. Und du, Jo, mein Freund, du machst hier Klarschiff. Morgen haben die Dermatologen hier ihre Jahrestagung. Und dann ähm... transkribierst du mir das hier noch bis morgen in ein Worddokument. Den Ausdruck kannst du mir dann ins Fach legen.
Jochen (schaut entsetzt auf den vollgekritzelten u. kaum entzifferbaren Schreibblock, den Marc ihm auffordernd gegen den Brustkorb drückt): Was? Wieso ich? Hast du keine Sekretärin, die das übernehmen kann?
Gretchen (guckt ihren Bruder angesäuert an, der ihr gerade komisch zugezwinkert hat): Jochen, das gehört ganz bestimmt nicht zu meinen Fachaufgaben. Ich bin die mit dem Doktorschild. Siehst du! Ich darf auch delegieren.
Jochen (lässt resignierend die Schultern hängen, guckt auf den Papierberg u. setzt auf seinen bewährten Bettelblick, den er nun auf die beiden richtet): Boah, das ist nicht euer Ernst? Du hast so eine Sauklaue, Marc, echt. Das kann doch keiner entziffern.
Marc (genießt das Leiden von Franz’ Sohn): Soweit ich mitbekommen habe, hast du doch auch die ganze Zeit gebannt zugeguckt, oder? Dann wird das also nicht schwer werden. Außerdem wolltest du doch was lernen oder hab ich dich da vorhin falsch verstanden? Und hiermit gebe ich dir was zum Lernen, falls du dich denn doch noch für ein echtes Doktorschild interessierst? Ansonsten braucht Oberschwester Stefanie bestimmt noch fürs Bettpfannenentleeren einen Lakaien. Deine Entscheidung, Jo!
Jochen (gibt zähneknirschend klein bei u. schnappt sich Marcs Block): Du bist echt der schlimmste Chef, den ich kenne.
Marc (grient ihn zufrieden an): Danke fürs Kompliment. Das ist harte Arbeit. Ich trainiere jeden Tag hart dafür. Von nichts kommt schließlich nichts. Schau dir die Idioten hier an, Jo! Kein Durchhaltevermögen! Wenn es wirklich mal ernst wird, will ich nicht unter deren Skalpell landen.

Jochen ließ daraufhin seinen Blick über die Reihen müder Studenten schweifen, blickte Marc dann wieder an, der mit seiner Augenbraue verdächtig wackelte, und nickte diesem schließlich zu. Er hatte Recht. Außerdem sollte niemand mehr behaupten, er hätte keinen Ehrgeiz und würde sich motivationslos durchs Leben schlängeln. Er ging eben einen anderen Weg als sein zielstrebiger Schwager in spe und seine Schwester, der man den Doktortitel übrigens auch erst hatte hinterher tragen müssen, auch wenn sie immer schon ein klares Bild vor Augen hatte, was sie einmal mit sich und ihrem Leben anfangen wollte. Das hieß ja nicht, dass es ihm anders erging. Er verfolgte es eben auf seine unkonventionelle Art und Weise. Das Urlaubssemester, das er genommen hatte, um zu arbeiten, um möglichst viel Schotter zusammenzubekommen, könnte ihm doch auch noch auf andere Weise nützlich werden, weil er an dessen Ende den Ablauf auf den verschiedenen Stationen der Klinik aus dem FF kennen würde und hey, wenn er hier schon dieser sensationellen OP beiwohnen durfte, vielleicht durfte er ja auch mal bei der einen oder anderen spannenden Operation hautnah reinschnuppern, wenn er sich ein bisschen mehr bei seiner herzensguten Schwester und ihrem Anbetungsobjekt einschleimte. Auch wenn es ihm noch niemand abnahm, kribbelte es schon verdächtig in seinen Fingern und er fing tatsächlich immer mehr Feuer für diesen Beruf, der einem alles abverlangte, aber auf den man auch wirklich verdammt stolz sein konnte. Und Jochen wollte, dass sowohl seine Freundin Chantal und deren kleine Tochter, als auch sein Vater stolz auf ihn waren, den er mit seinen bisherigen Entscheidungen immer enttäuscht hatte. Noch einmal würde er nicht so versöhnlich auf ihn zukommen wie nach dem schlimmen Streit vor ein paar Wochen. Aber manchmal brauchte es eben seine Zeit, bis man seinen Weg gefunden hatte. Man probierte sich hier und da aus, bis man eben wusste, was man wollte. Und so langsam bekam er ein immer klareres Bild. Und um dahin zu gelangen, würde er auch jede Drecksarbeit machen, die ihm Großkotz Meier aufbürden würde. Dann hätte er diesen Spießrutenlauf, den jeder Frischling durchlaufen musste, schon mal absolviert, wenn es ihn irgendwann in der Zukunft als PJLer wieder hierher verschlagen würde. Mit sich im Reinen, gähnte Jochen einmal lautstark in die Runde und begann nun, die Technik abzubauen, während Marc immer noch ganz nah bei Gretchen stand, die sich ebenfalls von ihrem Platz erhoben hatte, um gehen zu wollen.

Marc: Also was ist nun? Kommst du mit ins Büro und wir quatschen noch ein bisschen mit Dad? Insiderfakten klären und so. Du weißt ja, so sicher ist der Ausgang der OP noch nicht. Es kann immer noch Unerwartetes passieren.
Gretchen (schultert ihre rosa Tasche u. wippt unsicher von einem Bein aufs andere): Ich weiß nicht. Eigentlich...
Marc (lässt sich seine Enttäuschung nicht anmerken u. lächelt sie ermutigend an): Alles klar. Es ist eh schon spät. Wir haben die ganze Nacht und den halben Tag hier verbracht. Du wirst müde sein und vor allem Hunger haben. Fahr nach Hause! Ich geb dir den Autoschlüssel. Ich komm dann später nach. Es wird bestimmt nicht spät. Ich bin auch schon ziemlich down.
Gretchen (lächelt zaghaft): Das ist lieb. Danke. Aber eigentlich bin ich gar nicht so müde. Ich bin noch ganz gepusht von dem eben Erlebten. Ich wollte auf der Station nur noch mal nach dem Rechten schauen und dann noch nach oben in die Kanine, bevor sie zumacht.
Was übersetzt heißt, sie will unbedingt noch zum Hosenscheißer. War ja klar.
Marc (zuckt unschlüssig mit den Schultern u. verdrängt den üblichen spöttischen Kommentar, der immer kommt, wenn es um Haasenzahn und Essen geht): Gut, dann... Wie gesagt, du kannst gerne noch zu uns stoßen und wir fahren danach dann zusammen nach Hause. Lange wird’s bestimmt nicht dauern. Dad wird völlig fertig sein. Das lange Stehen in seinem Zustand. Ich hoffe, Mutter macht sich wenigstens einmal nützlich und zwingt ihn zur Bettruhe. Sonst flieg ich selber noch höchstpersönlich rüber und übernehme das selbst.
Gretchen (lächelt aufrichtig u. nähert sich schüchtern Marc an, um seinen Arm zu streicheln): Ich finde es schön, dass sich deine Eltern wiederzusammengerauft haben.
Marc (verdreht leidend die Augen u. öffnet seiner Freundin gentlemanlike die schwere Saaltür): Wer weiß, für wie lange diesmal.
Gretchen (zwinkert ihm ermunternd zu, während sie in der Tür stehen bleibt): Ich bin da recht optimistisch.
Marc (nutzt die Gunst der Stunde u. pirscht mutig nach vorn): Auch was uns betrifft?
Gretchen (will jetzt nicht reden u. zeigt das auch): Marc! Bitte!
Marc (schwenkt sofort zurück): Okay, okay, ich hab nichts gesagt. Ich will nur, dass du weißt, dass meine Tür immer offen steht. Also symbolisch, wie auch wortwörtlich.
Gretchen (schenkt ihm ein scheues Lächeln, mit dem er sich zufrieden geben muss): Danke. Ich komm dann rüber, wenn ich fertig bin.
Marc: Gut! Bis dann!
Gretchen: Ja.

Marc schenkte seiner Freundin ein eher gezwungenes Lächeln, das aber liebevoll von ihr erwidert wurde und so Hoffnung machte, dass sich in Bälde doch wieder alles einrenken würde. Und dann war Gretchen auch schon durch die Tür verschwunden, die nach ihrem Durchschreiten geräuschvoll zufiel, was nun auch den letzten noch schlafenden Studenten aus seinen Träumen riss, die garantiert nichts mit komplizierten medizinischen Eingriffen zu tun hatten. Ein allgemeines Raunen ging durch den Saal, das auch den enttäuschten Oberarzt von dem seltsamen Grummeln in seinem Magen ablenkte, den Gretchens Abgang eben bewirkt hatte. Er drehte sich herum und verfolgte mit grimmiger Miene, wie ein Kopf nach dem anderen unter den Sitzbänken hervorkam. Ein kurzer vielsagender Blickwechsel mit Gretchens Bruder folgte, der gerade voll bepackt mit den Gerätschaften zu ihm aufgeschlossen hatte und sich von Marc die Tür aufhalten ließ, und dann erhob der ausgebuffte Chirurg auch schon sein spitzzüngiges Mundwerk, um sich wenigstens ein bisschen ein gutes Gefühl für sein angeschlagenes Selbstbewusstsein zurückzuholen...

Marc: Feierabend, Kollegen! Das war ein harter Ritt durch ein holpriges Gelände und deshalb sollte eine kleine Schonfrist schon drin sein, um zu verdauen, was war. Ich denke, nach den eindrucksvollen Bildern von heute werden Sie alle gut vorbereitet sein für den morgigen Test zu diesem Thema, der übrigens in Ihre Abschlussnote miteingehen wird. Viel Erfolg. Wir sehen uns.

Ohne eine Miene zu verziehen, schob sich Dr. Meier an seinem sprachlosen Schwager vorbei, dem die Kinnlade herunterklappte, als er die verdächtig zuckenden Mundwinkel des Oberarztes registrierte. Kaum aus der Tür heraus konnte Marc sein Feixen nicht mehr zurückhalten und lachte befreiend los, sodass der eine oder andere Patient und Klinikbesucher sich verwundert nach ihm umdrehen musste. Eine Wohltat nach dem ganzen Frust mit seinen Eltern und vor allem mit Gretchen, die sich immer noch seltsam distanziert verhielt, mal abgesehen von den wenigen aufhellenden Momenten wie vorhin. Da lag noch einiges im Argen, aber er würde es klären, sobald er die Möglichkeit dazu bekam. Es wäre doch gelacht, wenn er sein Mädchen nicht wieder zum Strahlen bringen würde. Jochen guckte dem Freund seiner Schwester kopfschüttelnd hinterher, bis dieser im Fahrstuhl verschwunden war, und schaute dann noch einmal zurück in den Lehrsaal in die zahllosen fragenden Gesichter, die ungeübt gegenüber dem sehr speziellen Meierschen Humor waren und dessen Ansage für voll genommen hatten. Der Meier war doch wirklich ein ausgebufftes Schlitzohr, dachte Jochen schwer beeindruckt. Kein Wunder, dass seine Schwester ihm seit Ewigkeiten verfallen war. Marc Meier hatte einfach eine ganz faszinierende Art an sich, die man einfach mögen musste, solange man nicht selbst zu seinem Opfer wurde.

Lorelei Offline

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22.11.2014 16:42
#1505 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Einen Abend später in einem Mehrfamilienhaus am Prenzlauer Berg

„Also, ich habe gerade zwanzig stinkenden Barbiepuppen einen Gute-Nacht-Kuss gegeben, habe eine Heerschar Kuscheltiere richtig positioniert, damit sie es im Prinzessinnenbettchen ganz besonders kuschelig haben, habe Prinzessin Lillifee liebevoll zugedeckt und habe ihr zum dreihundertsten Mal erklärt, warum man bei dir noch nichts sehen kann und wie lange es denn noch dauern wird, bis es soweit ist, und ich habe dann noch fast zweieinhalb Kapitel „Harry Potter“ vorgelesen, bis ihre Lider endlich immer schwerer wurden und sich schließlich heruntergeklappt haben und ich das Licht ausschalten konnte“, erklärte der glückliche Familienvater gähnend, während er durch die Nebentür ins Schlafzimmer schlurfte, seine bequemen Schlappen von seinen Füßen streifte und dann begann, sich ebenfalls bettfertig zu machen. Seine gemütliche graue Fleecejoggingjacke wanderte geradewegs auf den Deckel der Wäschetonne aus hellem Kork hinter der Tür, ebenso wie seine gleichfarbigen Socken, als er, durch die ungewöhnlichen Lichtverhältnisse irritiert, plötzlich innehielt und aufblickte und für eine Minute das Atmen einstellen musste. Mehdi Kaan traute seinen Augen kaum und konnte sich nicht mehr sattsehen. Lasziv räkelte sich im gemeinsamen Bett seine schwangere Freundin in einem Hauch von Nichts im flackernden Schein der lilafarbenen Stumpenkerzen, die seit einer von Gabis zahlreichen und die krankheitsbedingte Langeweile vertreibenden Umdekorierungsaktionen in den vergangenen Tagen aufgereiht auf dem Fenstersims standen und das Zimmer in ein wohligwarmes Licht versetzten, und lockte ihn mit ihren aufregenden Reizen zu sich an die Bettkante. Wie hypnotisiert schritt der schockverliebte Mann auf die sexy Lady zu, die ihn verheißungsvoll anlächelte und mit ihrer Hand einladend auf das dunkellila Laken klopfte.

Gabi: Mein Held! Ich wünschte, ich würde vorm Schlafengehen auch so verwöhnt werden.
Mehdi (hat seine kurzzeitig verloren gegangene Sprache wieder gefunden u. lächelt augenzwinkernd zurück): Tja, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich den Harry-Potter-Band nicht auf Lillys Nachtschränkchen liegen gelassen. Wir sind aber erst bei Band vier angekommen. Ich weiß ja nicht, wie weit du dich mit der Geschichte von J.K. Rowling auskennst, aber wir können auch gerne noch mal mit Band 1 von vorne anfangen. Ich lese ihn dir gerne vor.
Gabi (strahlt ihren Liebsten an u. reicht ihm die Hand): Spinner! Nun, komm endlich her!
Mehdi (lässt sich das nicht zweimal sagen u. lässt sich von ihr auf die Bettdecke ziehen): Nichts lieber als das! Wenn ich geahnt hätte, was mich hier Zauberhaftes erwartet, hätte ich Lilly gleich die Kurzversion erzählt, dass Lord Voldemord am Ende von Harry besiegt wird und dass der Zauberlehrling die kleine Schwester von Ron heiratet, während der Hermine abkriegt. Und alle lebten sie glücklich und die Zauberkräfte ließen nie nach.
Gabi (schlängelt sich auf den Mann ihrer Träume, dessen Gesicht sie nun liebevoll mit beiden Händen umfasst): Hättest du wohl besser, mein Lieber! Apropos zaubern, wie wäre es, wenn du hier ein bisschen zauberst, hmm? Ich warte schon so lange auf dich. Fast wäre ich rübergegangen und hätte dich hierher gelockt.
Mehdi (genießt die Zärtlichkeiten seiner Liebsten sehr u. strahlt ihr direkt ins Gesicht): Mhm! Womit hab ich das denn verdient?
Gabi (nestelt verführerisch an seinem dunkelblauen T-Shirt, das sie ihm aus dem Hosenbund herauszieht u. funkelt ihn verheißungsvoll an, während sie immer wieder mit ihren Lippen kurz seinen Mund streift): Mein Liebling, die Frage ist eine ganz andere. Ich hatte in den vergangenen Wochen mehr Kontakt mit dem Toilettenring, den ich umarmt habe, als mit dir. Ich konnte dich und dein ekeliges Moschusduschgel überhaupt nicht mehr riechen, geschweige denn deine super Kochkünste, was mich wahnsinnig gemacht hat, weil ich eigentlich ständig einen Mordshunger habe. Und das Verrückte ist, ich habe ganze drei Kilo ab- anstatt zugenommen, was mich richtig panisch hat werden lassen, was eigentlich total irre ist, wenn man nicht gerade schwanger wäre. Ich sah aus wie eine lebende Leiche, die, hätte man mich gefragt, sofort ohne Maske eine Rolle bei „The Walking Dead“ ergattert hätte, die ich wiederum gar nicht hätte annehmen können, weil ich so furchtbar emotional und schreckhaft bin, dass ich sogar ohne Mucken hinnehme, dass mich ausgerechnet Marc Meier aus einem stecken gebliebenen Fahrstuhl rettet. Ich bin immer noch bis Montag krankgeschrieben. Ich habe ganze vier Infusionen gebraucht, um mit meinen Werten wieder halbwegs auf den Damm zu kommen und dann hast du, während ich mich hier in der Wohnung, bis Lilly von der Schule nach Hause kam, zu Tode gelangweilt habe, auch noch eine Überstunde nach der anderen gemacht und warst sogar die letzten zwei Nächte unterwegs, weil offenbar alle Babys von Berlin unbedingt den Vollmond als Begrüßungskommando dabei haben wollten. Weißt du eigentlich, wie sehr du mir gefehlt hast und wie sehr ich mich hiernach gesehnt habe, jetzt wo ich dich wieder halbwegs riechen kann, seitdem du mit Lilly dieses blumige Duschgel teilst? Wenn hier jemand etwas verdient hat, dann ja wohl eindeutig ICH!
Mehdi (lacht über beide Backen zu ihr hoch): Natürlich hast du da vollkommen Recht.
Gabi (räkelt sich verführerisch auf ihm u. zeichnet mit dem Finger seine Lachfältchen im Gesicht nach): Eben! Also kannst du dir ja denken, was ich will. Ich will Sex! Jetzt und sofort! Bis wir nicht mehr können. Und den hole ich mir jetzt auch, komme, was wolle.

...gab Gabi Kragenow ihrem verdutzten Freund ungeniert preis und ließ ihren intimsten Wünschen sofort Taten folgen, indem sie ihre heißen Lippen inbrünstig auf die seinen presste und Mehdi damit den letzten Rest Sauerstoff klaute, der eben noch in seine Lungen aufgesogen worden war. Fordernd umschlängelte ihre Zungespitze die seine, die ihrerseits mit großer Leidenschaft in das aufregende Spiel miteinstieg, welches Gabi eindrucksvoll vorantrieb. Vier Hände gingen gleichzeitig unruhig auf Wanderschaft, während sich zwei Körper immer mehr ineinander verhakten und über die lilafarbene Bettdecke tollten, bis irgendwann Mehdi über seiner verspielten Freundin lag und sie mit heißen Küssen und feurigen Blicken neckte, bis es für beide kein Halten mehr gab. Forsch wanderten seine Lippen ihren grazilen Hals hinab, umschmeichelten ihr sich aufbäumendes Dekolletee und streiften die zarte Spitze ihres dunklen Negligés, das ihre von der Schwangerschaft noch eindrucksvoller hervorstechenden Rundungen perfekt zur Geltung brachte, an denen er ganz besonders viel Spielzeit verstreichen ließ, ehe sich sein Weg weiter gen Süden richtete. Mehdis Wuschelkopf verschwand komplett unter der weichen Bettdecke und widmete sich nun ganz Gabis Körpermitte und dem kleinen Schmetterling, der sich seit knapp drei Monaten darin versteckt hielt. Er schob den zarten Stoff von Gabis luftigem Kleidchen nach oben und bedeckte ihren noch flachen Bauch mit unzähligen Küsschen, die ihr Herz in ziemlichen Aufruhr versetzten. Die schöne Krankenschwester wand sich unter ihm und driftete ebenso wie ihr einfühlsamer Partner in eine ganz andere Welt ab, in der es nur sie beide gab.

Und so kam es, dass sowohl Gabis als auch Mehdis Sinne, die sich gerade auf ganz andere Dinge konzentrierten, nicht gleich auf das hartnäckige Klingeln reagierten, das im Abstand von wenigen Sekunden immer wieder deutlich in der Kaan-Kragenowschen Wohnung ertönte. Sie nahmen es beide als rauschende Liebesmusik wahr, die in ihren Ohren nachhallte. Erst als der Abstand zwischen den Klingeltönen immer kleiner und das Geräusch immer penetranter wurde, reagierte der liebestrunkene Halbperser dann doch irritiert und tauchte mit zerzauster Frisur unter der lila Bettdecke wieder auf. Fragend schaute er seiner Liebsten ins Gesicht, das ihn ganz verklärt von unten herauf anlächelte und nach noch mehr Küssen gierte.

Mehdi: War da was?
Gabi (zieht ihn gierig zu einem Kuss heran, als es erneut klingelt u. danach klopft): Nein!
Mehdi (hört es jetzt klar u. deutlich u. löst sich deshalb von seiner Freundin u. richtet sich ein wenig auf): Doch! Da ist jemand an der Tür, oder?
Gabi (schüttelt entschieden den Kopf, weil sie es nicht wahrhaben will, u. zerrt ihn am Stoff seines Shirts wieder zu sich herunter): Ignorieren, Mehdi! Wir sind nicht da. Ich will dich. So sehr.
Mehdi (kann sich nur schwer von ihren verführerischen Lippen trennen, zumal sich Gabis freche Hände auch noch in seine hinteren Hosentaschen geschoben haben u. unanständige Dinge mit ihm anstellen): Gabi, Maus, wenn jemand so hartnäckig ist, dann muss es wichtig sein.
Gabi (zwinkert ihm lasziv zu, dass ihm heiß und kalt zugleich wird): Ich kann auch sehr, sehr hartnäckig sein, Mehdilein.
Mehdi (lacht u. horcht auf, als es erneut an der Tür schellt): Ich weiß und ich liebe das an dir. Aber...
Gabi (kuschelt sich nölend immer enger an ihn): Kein Aber!
Mehdi: Ich schaue nur schnell nach, was los ist. Ich will nicht, dass Lilly durch das Klingeln wach wird. Sie schreibt doch morgen ihre Mathearbeit.

Das war ein Argument, gegen das Gabi natürlich nichts entgegensetzen konnte. Sie lockerte ihren Klammergriff und ließ Mehdi schweren Herzens aufstehen. Er beugte sich noch einmal zu ihr herunter und drückte seiner zuckersüß schmollenden Freundin einen dicken Schmatzer auf die verführerisch roten Lippen, mit dem sie sich erst einmal zufrieden geben musste. Mehdis Charme war einfach entwaffnend, das musste sie sich eingestehen, als sie sich seufzend zurück in ihre Kissen kuschelte und die Bettdecke über ihren gänsehautüberzogenen Körper zog.

Mehdi: Bleib genau so! Ich bin sofort zurück.

...zwinkerte Mehdi seiner Herzdame noch verliebt zu und schon war er beim erneuten Türklopfen aus der Schlafzimmertür hinaus. Dann doch neugierig geworden, was da los war, raffte sich auch Gabi nach einer Weile auf, warf sich ihren Satinkimono über und lauschte an der geschlossenen Tür dem Gemurmel im Flur. Mehdi hatte nämlich gerade schwungvoll die Wohnungstür aufgerissen und die hartnäckige Klingeldrückerin, die in dem Augenblick schon aufgeben wollte, wich erschrocken zurück. Verdutzt starrte Mehdi in ihr Gesicht und registrierte alarmiert, dass ihre wunderschönen blauen Augen rot untermalt und feucht waren. Instinktiv griff er nach ihrer kleinen Hand und zog sie in die Wohnung. Die zitternde Frau stolperte über die Türschwelle und als sie ihren engsten Freund im Tränenschleier vor sich sah, gab es kein Halten mehr. Sie stürzte sich regelrecht in seine Arme, presste sich mit ihren letzten Kräften an ihn und benetzte mit ihren heißen Tränen seine Schulter, an die sie ihren zerzausten Lockenkopf geschmiegt hatte. Überfordert von dem abrupten Gefühlsausbruch führte er die Heulsuse schließlich in den Wohnzimmerbereich. Im Augenwinkel bemerkte er noch, dass Gabi ihn von der Schlafzimmertür verunsichert beobachtete. Sie zuckte fragend mit den Schultern. Er tat es ihr gleich. Gabi verdrehte die Augen, wandte sich abrupt um und verschwand grummelnd wieder in ihrem Zimmer. In der Zwischenzeit hatte Mehdi das heulende Elend auf die rote Wohnzimmercouch bugsiert und hatte ihr den rosafarbenen Mantel von den Schultern gestreift. Mit der einen Hand reichte er ihr nun fürsorglich eine Tempobox und mit der anderen ein Glas Wasser zur Beruhigung. Aber Gretchen Haase war immer noch so aufgelöst, dass sie zu nichts anderem in der Lage war, als ihren Tränen und ihren herzerweichenden Schluchzern freien Lauf zu lassen. Also hockte sich der sichtlich besorgte Oberarzt vor seine liebste Kollegin hin, legte ihre beiden Hände in seine, die er auf ihren zusammengepressten Knien ruhen ließ, setzte seinen bewährten verständnisvollen Frauenversteherblick auf und sprach sie vorsichtig von unten herauf an.

Mehdi: Gretchen, was ist denn nur passiert? Schau mich mal an!

Es dauerte einen Moment, bis die Angesprochene es schaffte, ihren Blick ein wenig zu heben und sich ihrem Gegenüber zu stellen. Die treuen rehbraunen Augen des sanftmütigen Halbpersers halfen ihr, sich ein wenig zu beruhigen. Sie zog ein Tempo aus der Papierbox, die er neben ihr aufs Sofa gestellt hatte, schniefte kräftig hinein, ließ es zusammengeknüllt in ihrer rechten Hand und griff dann mit der anderen nach dem Wasserglas, das er ihr angeboten hatte. Sie trank einen erholsamen Schluck von dem Sprudelwasser, stellte das Glas dann auf dem Couchtisch ab und war nun, nachdem die Tränen ein wenig verebbt waren, bereit, sich Mehdi zu erklären. Ihre Antwort überraschte ihren besten Freund. Das merkte man ihm an.

Gretchen: Kann ich... Ich... Darf ich bitte heute Nacht bei euch bleiben? Nur diese Nacht.
Mehdi (leicht verunsichert forscht er nach): Natürlich, Gretchen! Immer! Wenn du mir verrätst, was los ist? Wo kommst du um die Zeit überhaupt her? Und wieso weinst du?
Gretchen (schnieft noch einmal in ihr Taschentuch, tupft ihr Näschen u. sieht Mehdi dann vorsichtig von unten herauf an): Ich... wollte nicht nach Hause. Ich hatte Spätschicht und bin nach diesem furchtbaren Tag, an dem wir zwei Patienten hintereinander auf dem OP-Tisch verloren haben, noch ein bisschen herumgelaufen. Irgendwann war ich dann hier und dachte, vielleicht...
Mehdi (sichtlich betroffen sieht er seine aufgelöste Freundin an u. streichelt ihr über die Hand): Du bist vom Elisabethkrankenhaus bis hierher gelaufen? Nach so einem Tag? Alleine? Ach, Gretchen!
Gretchen (kann es nicht aufhalten u. fängt wieder leise an zu wimmern): Wo... wo sollte ich denn hin?
Mehdi (tupft ihr die Tränchen mit einem Stofftaschentuch weg u. blickt ihr eindringlich in die feucht schimmernden Augen): Wo du hingehörst natürlich, zu Marc. Weiß er, wo du bist? Er wird sich sicherlich Sorgen machen.
Gretchen (senkt schuldbewusst ihren Blick u. flüstert nur noch): Ich weiß gar nicht, ob ich noch dahin gehöre.
Mehdi (sichtlich verstört nimmt er sich ihrer an): Gretchen, was redest du denn da? Natürlich gehörst du zu Marc. Ihr seid eine Einheit. Ihr könnt doch gar nicht mehr ohneeinander.
Gretchen (schüttelt betroffen den Kopf u. tupft mit dem zusammengeknüllten Tempo ihre aufkommenden Tränen weg): Zum ersten Mal fühle ich, dass wir in manchen Dingen doch kein Team sind, so wie ich immer gedacht habe.
Mehdi (setzt sich seufzend neben sie auf die Couch u. nimmt sie in den Arm): Wegen Anton, meinst du? Gretchen, das ist ein riesengroßer Schritt. So etwas entscheidet sich doch nicht von heute auf gleich.
Gretchen (schaut ihn überrascht von der Seite an): Er hat dir davon erzählt?
Mehdi (lächelt aufmunternd): Er ist verunsichert. Er ist mindestens genauso durcheinander wie du. Glaub mir!
Gretchen: Ich glaube ja, er war ganz klar und kompromisslos, als er „nein“ gesagt hat.
Mehdi: Und ich glaube, ihr habt momentan beide einfach nur den falschen Kommunikationskanal eingestellt.
Gretchen (blickt ihn mit großen Augen verständnislos an): Also findest du auch, dass ich verrückt geworden bin? Na vielen Dank aber auch!
Mehdi: Hat er das so gesagt?
Gretchen (zieht einen Schmollmund u. dreht sich von ihm weg): Indirekt.
Mehdi (beugt sich verständnisvoll zu ihr heran u. sucht ihren Blick): Gretchen, ich weiß, deine Bemühungen sind aller Ehren wert. Du bist unglaublich mutig. Das bewundere ich an dir. Aber für den Fall, dass man euch überhaupt in Betracht ziehen würde, hast du schon einmal darüber nachgedacht, was das dann für euch bedeuten würde, für ihn bedeuten würde? Von einen Tag auf den anderen würde sich euer gemeinsames Leben um hundertachtzig Grad drehen.
Gretchen (sieht ihn nachdrücklich an): Was denkst du denn, worüber ich die ganze Zeit nachdenke? Natürlich weiß ich das. Das ist keine fixe Idee, ich nehme das wirklich ernst.
Mehdi (trifft den Nagel auf den Kopf): Und warum beziehst du Marc dann nicht in deine Gedanken mit ein und gehst ihm stattdessen nur noch aus dem Weg?
Gretchen (senkt verunsichert den Blick): Weil... weil ich genau weiß, wie er reagiert.
Mehdi: Hast du dir mal überlegt, warum du so viel Angst vor seiner Reaktion hast? Vielleicht weil er damit Recht haben könnte?
Gretchen (gekränkt weicht sie seinem allwissenden Blick aus): Wieso bist du denn jetzt auf seiner Seite? Ich dachte, wenigstens du würdest mich verstehen. Ich hab mich nicht verrannt. Ich wünsche mir doch nur für Anton ein richtiges Zuhause. Was ist denn daran falsch?
Mehdi (sieht sie eindringlich an): Ich bin auf keiner Seite, Gretchen, aber ich kann beide eurer Standpunkte verstehen.
Gretchen (verschränkt bockig die Arme vor ihrer Brust): Marc hat gar keinen Standpunkt. Er sieht alles gleich immer so negativ.
Mehdi: Er ist Chirurg. Er ist Realist, ein Kopfmensch und denkt pragmatisch.
Gretchen: Ja, ja, alles, was ihm nicht in den Kram passt, wird gleich konsequent abgewürgt.
Mehdi (setzt ihr die Pistole auf die Brust): Gretchen, er ist komplett überfordert mit der Situation, einer Situation, mit der er sich in seinem bisherigen Leben noch nie auseinandergesetzt hat und wenn Anton nicht wäre, vermutlich nie auseinandergesetzt hätte. Er hat keine Ahnung von diesen Dingen. Verantwortung zu übernehmen, kennt er bislang nur von seinen Aufgaben in der Klinik. Und überfordert zu sein, ist nicht gerade eine Eigenschaft, die ihm liegt. Du kennst ihn doch. Was hast du denn erwartet, dass er sofort ja und amen sagt, nur weil er dich liebt und dich glücklich sehen will? Dann verkennst du unseren Sturkopf. Aber ich weiß auch von ihm, dass er gerne noch mal mit dir darüber reden möchte. Er geht einen Schritt auf dich zu. Warum nimmst du das nicht an? Wieso gehst du ihm dann trotzdem so konsequent aus dem Weg? Das ist doch gar nicht deine Art.
Gretchen (lässt sich seufzend an die Sofalehne fallen u. schaut abwesend an die Zimmerdecke, wo sie mit ihren Blicken das hübsche Stuckmuster nachfährt): Ich... Ich weiß doch auch nicht. Es ist so kompliziert.
Mehdi (lächelt sie ermutigend an): Weil du es kompliziert machst? Es ist kein Fehler, auch mal uneins zu sein. Gib ihm eine Chance und rede endlich mit ihm! Euch kann man doch gar nicht mehr zusehen, wie unglücklich ihr beide seid.
Gretchen (schaut ihn eingeschnappt von der Seite an): Ach, Mensch, Mehdi!
Mehdi (merkt erleichtert, dass die Botschaft angekommen ist u. tippt ihr lächelnd mit dem Finger an die Stirn): Woran liegt es wirklich? Was geht wirklich hier drin vor, Gretchen? Es ist doch nicht nur Antons Pflegschaft, oder?
Gretchen (blickt ihm lange in die treuen Augen, die so viel Zuversicht u. Freundschaft ausdrücken, dass sie sich schon fast wieder dafür schämt, ihn so bockig angefahren zu haben): Wenn Marc schon so wegen einem potentiellen Pflegekind reagiert, was ist, wenn... wenn er auch unsere Babypläne nicht mehr so ernst nimmt? Er denkt doch jetzt bestimmt, ich bin ein hysterisches Huhn.
Marc (streichelt ihr liebevoll über den Arm u. versucht, ihr die Unsicherheit zu nehmen): Ach, Gretchen, das ist doch Blödsinn. Nichts nimmt er ernster als das. Ich hab ihn noch nie so entschlossen gesehen. Eine Familie mit dir, das ist jetzt auch sein größter Traum, gegen den jede spektakuläre OP nur anstinken kann.
Gretchen (ihr Blick wird immer trauriger u. geht durch Mehdi durch): Ich bin mir da nur nicht mehr so sicher.

Gretchen versank geradewegs in eine ihrer zahlreichen Gedankenachterbahnen, in welche sie sich schon seit Tagen immer wieder hineingestürzt hatte und welche immer mehr Fahrt aufnahmen, je länger sie sich damit beschäftigte, und nahm Mehdis tröstende Worte und Gesten gar nicht mehr so richtig wahr. Erst als sie plötzlich von einem verschlafen klingenden Stimmchen angesprochen wurde, stellte sie ihre Grübeleien endlich ab und konzentrierte sich auf die kleine Person, die mit einem Plüschhasen im Arm vor ihr stand und sie glücklich anstrahlte wie der Sonnenschein, der soeben den Mann im Mond überlistet hatte.

Lilly: Gretchen ist da! Hab ich richtig gehört.
Mehdi (macht große Augen, als sich seine Kleine wie selbstverständlich auf Gretchen stürzt u. sie drückt): Lillymaus, ab ins Bett! Du hast morgen Schule.
Gretchen (nimmt die plötzliche Ablenkung dankbar an): Hey mein Engelchen! Du siehst aber hübsch aus in deinem Ich-werde-eine-supertolle-große-Schwester-T-Shirt. Hast du das jetzt immer zum Schlafen an?
Lilly (posiert stolz vor ihrer großen Freundin u. strahlt über das ganze Gesicht, während sie sich den Sandmännchenstaub aus ihren Augen wischt): Ja! Ich ziehe nie wieder etwas anderes an.
Mehdi (auch wenn er sauer ist, kann er sich ein Schmunzeln nicht verdrücken): Na, das will ich sehen.
Lilly (kuschelt sich mitsamt Plüschhasen von der Seite an Gretchen heran): Du besuchst uns aber spät, Gretchen.
Gretchen (weiß nicht so recht, wie sie ihr Auftauchen u. v.a. die verheulten Augen erklären soll): Ja, ich...
Mehdi (hilft seiner Freundin aus der Patsche): Ja, es ist spät geworden. Deshalb übernachtet Gretchen auch heute hier bei uns. Und das ist auch gleich das Stichwort.
Lilly (begeistert von diesen super Aussichten schnappt sie sich Gretchens Hand u. zerrt sie gleich mal mit sich mit): Au ja, wie toll! Kann Gretchen nicht bei mir schlafen? Bitte Papa! Ich gehe dann auch sofort artig ins Bett und quasseln tun wir auch nicht, also nur ein bisschen.
Mehdi (will streng sein, kann aber gegen Lillys Bettelblick nur schwer ankommen): Ach Lilly!
Gretchen (lächelt): Schon gut, Mehdi. Ich freue mich über Gesellschaft.
Mehdi (guckt sprachlos hinterher, wie beide im Kinderzimmer verschwinden): Aber wir waren hier doch noch gar nicht fertig?
Gretchen (bleibt in der Tür stehen): Ich bin müde, Mehdi, so müde.
Mehdi (nickt mit dem Kopf): Verstehe! Wenn du noch was brauchst, dann...
Lilly (quakt selbstbewusst dazwischen, schiebt ihre Freundin in ihr Zimmer u. schon ist die Tür zu): ICH kümmere ich mich darum. Nachti, Papa!
Mehdi (starrt ziemlich bedröppelt auf die geschlossene Tür, an der ein überdimensional großes rosafarbenes Barbieposter klebt): Na prima! Und jetzt?

Mehdi blieb noch einen Moment wie bestellt und nicht abgeholt im dunklen Flur seiner Wohnung stehen, dann drückte er kopfschüttelnd die Türklinke zum Schlafzimmer herunter und trat in selbiges ein. Gabi saß mit angezogenen Beinen, um die sie ihre Arme geschlungen hatte, am Kopfende des Bettes und guckte ihren bedröppelt dreinblickenden Freund mit ziemlich angesäuerter Miene an. Sie hatte nicht viel mitbekommen, aber Eines schon. Dementsprechend laut erhob sie nun auch ihr gewaltiges Stimmorgan...

Gabi: Ich fasse es nicht, dass du SIE hier schlafen lässt.
Mehdi (reumütig blickt er sie an u. setzt sich auf die Bettkante): Sie wusste nicht wohin.
Gabi (verdreht die Augen u. lässt so einige Flüche gen Zimmerdecke aufsteigen, da sie ahnt, was Sache ist u. Mehdi viel zu gutherzig ist): Was hat der Meier verkackt?
Mehdi (kleinlaut): Nichts.
Gabi (verschränkt eingeschnappt ihre Arme): Nichts? Ich bitte dich, Mehdi! Ich glaub dir kein Wort. Nichts heißt bei ihm immer was.
Mehdi (wendet sich ihr sanft lächelnd zu): Nein, diesmal nicht.
Gabi (runzelt verwundert die Stirn u. versucht angestrengt, etwas aus seinem Gesicht herauszulesen): Und das heißt? So lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen oder ist das wieder so eine Buddygeschichte von euch Dreien, die mich nichts angehen soll? Ich hasse es, wenn ich immer so ausgeschlossen werde.
Mehdi (streift lächelnd ihre Wange): Hey, Liebes, es geht doch nicht um dich.
Gabi (legt ihren Kopf leicht seitlich in seine Hand, die ihre Wange berührt, u. genießt die zarte Geste, auch wenn sie immer noch sauer ist): Sondern?
Mehdi (überlegt, wie er sich geschickt ausdrücken kann): Kommunikationsprobleme.
Gabi (will sich damit nicht zufrieden geben lassen u. hakt hartnäckig weiter nach): Was ist daran denn bitteschön neu? Bestehen die nicht grundsätzlich immer zwischen Männlein und Weiblein?
Mehdi (schmiegt sich lachend an ihre Seite, was Gabi trotz Schmollens zulässt): Nicht grundsätzlich. Oder siehst du die auch bei uns?
Gabi (spielt immer noch die beleidigte Leberwurst, kann sich aber seiner zarten Annäherungsversuche nicht erwehren): Du willst mir doch bloß nichts erzählen, das ist es doch! Da sitze ich schon direkt an der Quelle und krieg trotzdem keine News. Toll!
Mehdi (stupst lächelnd ihr neugieriges Näschen an): Ich wusste gar nicht, dass du so neugierig sein kannst, mein Schatz.
Gabi (dreht sich auf ihn u. drückt ihn forsch in die Kissen): Du bist Frauenarzt und wunderst dich über die grundsätzlichen Eigenschaften einer stinknormalen Frau?
Mehdi (fasziniert von ihrer Art schiebt er seine Hand in ihr langes Haar u. drückt ihren Kopf leicht zu sich herab, so dass sie nur noch Millimeter voneinander trennen): Du weißt schon, dass, was dich betrifft, immer ein rosaroter Schleier über mir liegt. Ich kann nichts dagegen tun, will ich auch gar nicht. Ich lieb dich einfach, so wie du bist
Gabi (haucht ihm mit Herzklopfen einen gefühlvollen Kuss entgegen u. verliert sich danach in seinen intensiven Blicken): Ich bin ja eigentlich dafür, dass gar nichts mehr zwischen uns liegt. Wenn du verstehst?

Gabi zwinkerte ihrem verschmitzt grinsenden Schatz frech zu und drückte im Anschluss ihre feurigen Lippen auf seine, um in einem langen leidenschaftlichen Kuss zu versinken, der nicht nur sie alles um sich herum vergessen ließ...

Lorelei Offline

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28.11.2014 16:48
#1506 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Fahrige Hände streiften einander umschlingende Körper und schlossen keinen Zentimeter aus, wobei sich Mehdi mit Bedacht und ganz viel Hingabe besonders Gabis Bauchregion widmete, was eine Gänsehautlawine nach der anderen bei der verliebten Schwangeren auslöste, die ihre Finger in seinem lockigen dunklen Haar vergraben hatte. Doch auch ihre Ungeduld wurde mit jeder einzelnen seiner hauchzarten Berührungen wieder geweckt. Hastig zerrte sie an seinem T-Shirt, bis es ihr endlich gelungen war, dieses störende und völlig nutzlose Kleidungsstück über seinen Kopf zu bekommen. Endlich konnte sie diesen athletisch gebauten Mann in seiner ganzen Schönheit betrachten. Sie biss sich erregt auf die Unterlippe, während ihre Hände und Blicke ruhelos über seinen muskulösen Oberkörper glitten, jede einzelne Linie seines leicht angehauchten Sixpacks nachzeichneten, einen Moment lang an der Stelle seines Brustkorbes verharrten, unter welcher sich deutlich sein Herzmuskel aufgeregt auf und ab bewegte, bis sie nach einem weiteren intensiven Blickwechsel mit ihrem Liebsten schließlich der Schalk packte. Mit einer lockeren Bewegung aus der Hüfte heraus hatte sie ihren Partner zur Seite gekickt und frech auf seinem Schoß Platz genommen, um selber zu bestimmen, wie es nun mit ihnen beiden weitergehen könnte, jetzt wo sie endlich ganz für sich waren.

Die stetig anwachsende Lust ließ Gabi so einige Ideen durch den Kopf spuken, die sich in lodernden Funken in ihren Augen widerspiegelten und so auch von Mehdi gelesen und übersetzt wurden, der sich gerade mit einem frechen Grinsen im Gesicht an ihrer Triumphposition ergötzte. Einmal mehr strichen ihre zärtlichen Hände über Mehdis eindrucksvollen athletischen Oberkörper. Ganz bedächtig, langsam, sinnlich, bis sie ihn mit einem Mal an den Schultern kraftvoll in die Kissen drückte. Sie beugte sich über ihn und benetzte seine warme, weiche Haut gierig mit zahllosen heißen Küssen, die sich regelrecht einbrannten und ihrem Geliebten restlos den Verstand raubten. Widerstandslos ließ sich Mehdi gefangen nehmen und genoss, wie seine sexy Freundin ihn verwöhnte und ganz gemächlich immer weiter küssend gen Süden abtauchte, wobei ihre feurig funkelnden Smaragdaugen immer wieder zu ihm hochblickten und ihn noch mehr hypnotisieren, als er es eh bereits war. Er war dieser aufregenden Frau mit Haut und Haaren verfallen. Das wusste er. Das wusste Gabi, der es mit ihm ähnlich erging. Denn wenn sich ihre Blicke auch nur eine Zehntelsekunde trafen, dann war das wie, wenn zig tausend gewaltige Explosionen sie bis in ihre kleinsten Zellen erschütterten.

Sie war abgelenkt, hatte ihr Ziel aber fast erreicht und zubbelte bereits nervös an seinem Hosenbund herum, als plötzlich ein altbekanntes Geräusch Gabi wie ein Déjà-Vu, das einem Knock-Out in der ersten Runde glich, aus ihrem intensiven Liebesrausch riss. Und mit ihr auch Mehdi, der ganz entspannt unter ihr lag und es gar nicht mitbekommen hätte, wenn seine atemberaubend schöne Freundin vor lauter Frustration nicht abrupt ihre Liebesbekundungen abgebrochen und sich stöhnend aufgerichtet hätte. Ihr bockiger Blick dazu passte so gar nicht in die Situation, in die sich eben erst ekstatisch hineingestürzt hatten.

Gabi: Boah, das glaube ich jetzt nicht! Sind wir hier bei uns Zuhause oder in der Notaufnahme vom EKH?

Jetzt vernahm auch Dr. Kaan das konstante Klingeln an der Haustür, das Gabis Wutkurve abrupt ansteigen ließ und sich tatsächlich wie ein Déjà-Vu anhörte. Ein Déjà-Vu, das gerade einmal eine Dreiviertelstunde her war und deshalb noch so präsent war, als wäre es eben erst passiert. Er erhob sich aus seiner bequemen Rückenlage und schob die Bettdecke beiseite, um aufstehen zu wollen, was wiederum seiner zickigen Geliebten überhaupt nicht in den Kram passte. Forsch drückte sie den muskulösen Mann zurück in die weichen Kissen und wollte ihre verführerische Massage genau da fortsetzen, wo sie eben aufgehört hatte, aber sie hatte ihren trotzigen Entschluss ohne ihren gutmütigen Freund gefasst, der ihre beiden Handgelenke packte und sie auf diese Weise innehalten ließ. Sein eindringlicher Gesichtsausdruck gefiel der eingeschnappten Krankenschwester gar nicht. Deshalb wollte sie auch gar nicht erst drauf eingehen.

Gabi: Egal! Noch mal lasse ich mir den Spaß nicht nehmen.
Mehdi: Maus!

Diesen Tonfall kannte Gabi nur allzu gut. Abrupt hörte sie mit ihrer wilden Kussattacke wieder auf und rollte sich schmollend zur Seite. Mehdi rutschte nach und umarmte sie erklärend, aber das Trotzköpfchen wollte davon nichts wissen und wich ihm auf ihre Bettseite aus, wo sie sich als Schutzwall in ihre warme Bettdecke einmummelte und bockte wie ein kleines Kind, dem man den Lolli weggerissen hatte.

Gabi: Ich weiß schon, was jetzt kommt. Lilly hat morgen Schule. Du Frühdienst. Unser Nachtgast hat ihre Tage. Was mit meinen Bedürfnissen ist, ist ja auch egal. Ich bin ja nur schwanger. Da muss sie eh geschont werden. Am besten fasse ich sie gar nicht erst wieder an, bis der Schreihals in sechs Monaten herausgeploppt ist.
Mehdi (gibt dem Trotzkopf einen kleinen Kuss auf die nackte Schulter, die ihm zugewandt ist): Du bist süß, wenn du schmollst.
Gabi (dreht sich mit wild funkelnden Augen zu ihm um u. zickt ihn an): Treib es nicht zu bunt, Mehdi! Wenn du den Idioten da draußen nicht abwimmelst, der uns hier mit Klingelstreiche terrorisiert, dann... dann...
Mehdi (schält sich lachend aus dem Bett u. geht vor ihrer Bettseite noch einmal in die Hocke u. schaut ihr intensiv ins Gesicht): Ja?
Gabi (blickt ihn grimmig an u. deutet mit einer ausladenden Geste noch einmal auf ihren Traumkörper unter der Bettdecke, wofür sie selbige kurz lupft): ... dann... dann schwöre ich dir, Bärchen, du bekommst das alles hier nicht mehr zu Gesicht bis zur Geburt. Oder nein, besser noch bis zur Schuleinführung oder nein, gleich bis zur Volljährigkeit und darüber hinaus! Jawohl!
Mehdi (kann sich sein vergnügtes Grinsen nicht verdrücken u. muss die süße Schmollmaus einfach küssen, obwohl sie sich gegen diesen Kuss mit Bissen wehrt): Schneidest du dir da nicht auch selber ins eigene Fleisch?
Gabi (schupst ihren Machomann empört von sich weg): Pass bloß auf, du! Du wirst dich noch wundern, wie sehr ich dir widerstehen kann, du... du Möchtegerncasanova. So toll ist dein Charme nämlich gar nicht. Den kannst du dir für deine Patientinnen aufheben. Ich bin dagegen immun!

...antwortete Gabi trotzig, schlug die Bettdecke demonstrativ wieder zu und drehte sich auf die andere Seite, um Mehdis immer breiter werdendes Grinsegesicht nicht mehr länger ansehen zu müssen, weil es sie nämlich ebenfalls zum Schmunzeln animierte, da sie genau wusste, wie albern und bescheuert ihre Argumente gerade gewesen waren. Sie wusste, da konnte sonst wer kommen und auf die Tür einhämmern, Räuber Hotzenplotz oder Lord Voldemord, sie würde trotzdem nicht die Finger von Dr. Kaan lassen können, vor allem nicht wenn er so verspielt, frech und voller Leben war wie gerade eben. „Immun, ja klar“, murmelte Mehdi derweil und schlurfte lachend zur Zimmertür, vor der er stehen blieb und sich noch einmal zu seiner süßen Schmollmaus umwandte. Ein einzelner Blick hatte genügt und er hatte ganz genau erkannte, dass seine Gabriella für eine Millisekunde seinem sexy nackten Rücken hinterher geschmachtet hatte. Als jedoch kurz darauf der Dauerklingelton wieder einsetzte, schreckte der verliebte Halbperser auf. Er drückte die Türklinke herunter und verschwand geschwind in der Diele. Er lauschte kurz an der Kinderzimmertür, hinter der alles ruhig zu sein schien, dann schlich er auf nackten Zehenspitzen zur Wohnungstür vor.

Als der friedliebende Frauenarzt diese stürmisch aufriss, um den nervtötenden Besucher zur Rede zu stellen, der zu vorgerückter Stunde schon wieder unnötig den Klingelknopf bis zum Anschlag gedrückt hielt, staunte er nicht schlecht, wer da im kalten dunklen Treppenhaus lässig an der Wand lehnte, eine unbenutzte Zigarette zwischen seinen Fingern balancieren ließ und schelmisch grinsend um Einlass drängelte. Mehdi konnte gar nicht so schnell gucken, da wurde ihm schon ein Sixpack Bier gegen den nackten Oberkörper gedrückt, der durch die eisgekühlten Flaschen zusammenzuckte. Anschließend wurde er nach eingehender Musterung seines Abendoutfits, das lediglich aus seiner Lieblingsjeans bestand, unsanft zur Seite geschupst. Völlig fassungslos folgte er dem unverschämten Eindringling, der in Sekundenschnelle seine Wohnung okkupiert hatte, mit seinen Blicken. Als dieser sich dann auch noch der Länge nach auf die Sofacouch schmiss, die Fernbedienung schnappte und die Füße auf den Modezeitschriften auf dem Couchtisch ausstreckte und dabei Lillys Malutensilien unachtsam heruntersegeln ließ, dann auch noch wie selbstverständlich den Fernseher einschaltete und sofort auf den Sportkanal umswitchte, konnte der unfreiwillige Gastgeber immer noch nicht glauben, was hier gerade passierte. Erst die bekannt gehässige Stimme riss den sprachlosen Halbperser aus seiner sekundenlangen Schockstarre und er schloss schließlich gezwungenermaßen die Wohnungstür hinter sich. Ihm war nämlich kalt geworden und der nächste Privatpatient verlangte offenkundig nach einer eingehenden Visite.

Marc: Na Specki, wo bleibst du denn? Deine Begrüßungen waren auch schon mal herzlicher und wortreicher. Nettes Outfit übrigens. Mutig wie du zu deinen Frühlingsrollen stehst. Da hilft Baucheinziehen auch nicht mehr. Ich störe doch nicht, oder? Hast du heute noch nichts zu essen bekommen oder wieso ziehst du so eine Fresse? Hallo! Erde an Mehdi! Lass uns endlich einen zischen! Wieso ist der Sportkanal bei dir eigentlich so weit hinten? Der gehört auf die Eins, Mann. Warte, ich programmiere das mal schnell um. Den Disney Channel braucht doch kein Mensch.
Mehdi (lässt die Beleidigungen an seinem gestählten Körper abprallen u. nähert sich misstrauisch der Couch u. der übertrieben fröhlichen Gestalt, die sich darauf breit gemacht hat): Ähm... Marc? Was genau wird das hier? Hast du mal auf die Uhr geschaut?
Marc (reißt ihm das Sixpack aus der Hand, ploppt eine der Flaschen auf, reicht diese Mehdi u. öffnet sich ebenfalls eine Flasche, die sofort an seinem Mund angedockt wird): Bist du taub? Das hab ich doch gerade gesagt. Ein Feierabendbierchen mit meinem Kumpel zischen und dabei die Wiederholung vom Boxkampf von letzter Woche gucken. Ich hatte leider am Wochenende Bereitschaft und konnte ihn noch nicht sehen. Also steh nicht so blöd rum wie ein dicker Felsklotz in der Landschaft und pflanz dich her, mein Freund!

Mehdi starrte seinen besten Freund mit offenem Mund an, als sei er ein Außerirdischer auf der Durchreise, und konnte nichts darauf erwidern. Im Augenwinkel bemerkte der sprachlose Halbperser, wie seine Freundin mit wütend aufblitzenden Augen ungläubig durch die Durchreiche von der Küche ins Wohnzimmer blickte und ihn mit ihren frostigen unmissverständlichen Blicken durchbohrte, die eindeutig zu interpretieren waren. Der Störfaktor da auf dem Sofa sollte schleunigst im hohen Bogen wieder zur Wohnungstür herauskompromittiert werden. Hilflos schaute er sie an und suchte vergeblich nach einer Erklärung. Gabis Blicke wurden noch einen Ton finsterer, als sie sich abrupt umdrehte, die Wasserflasche vom Esstisch schnappte und aus seinem Sichtfeld wieder verschwand. Er hörte nur noch, wie die Schlafzimmertür zuknallte. Das war’s dann wohl endgültig mit den Verwöhnmomenten für heute Abend. Seufzend ließ er sich neben Marc auf der Couch nieder, der daraufhin zufrieden grinsend mit dem Flaschenboden gegen Mehdis Bierflasche anstieß, aus welcher selbiger aus seiner Hilflosigkeit heraus auch erst einmal einen tiefen Schluck nahm. Einen Moment lang beobachtete Mehdi die Vorstellung der beiden Profiboxer im Fernseher, dann wandte er sich doch seinem besten Freund zu, der konzentriert auf die TV-Darbietung starrte und dabei immer wieder an seiner Flasche nippte. Er nahm die Fernbedienung in die Hand, die Marc achtlos neben sich gelegt hatte, und drückte auf Lautlos. Anschließend sprach er seinen Kumpel auf dessen Spontanbesuch an, der eigentlich nur Eines zu bedeuten hatte...

Mehdi: Marc, da ich weiß, dass du weißt, dass ich mir aus Sportarten wie diesen überhaupt nichts mache, können wir auch gleich Tacheles reden. Warum genau bist du hier?
Marc (nölt genervt, ohne seinen Blick vom Fernseher abzuwenden): Boah, Mehdi, echt, du nervst! Ich krieg ja gar nichts mit von dem Kampf. Mach den Ton wieder an, verdammt!
Mehdi (lässt nicht locker): Da Klitschko boxt, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie das Match ausgehen wird.
Marc (kleinlaut): Das ist ein Fight und kein Match, du Hohlbirne.
Mehdi (seine Augen formen sich zu kleinen Schlitzen, mit denen er seinen vorlauten Kumpel von der Seite fixiert): Also wenn du nur hier bist, um Beleidigungen austeilen zu wollen, bitte, tue dir keinen Zwang an, wenn’s dir danach besser geht. Aber dann setze ich dich schneller wieder vor die Tür, wie du hier unangemeldet hereingestürmt bist.
Marc (dreht ganz langsam seinen Kopf zu ihm herum u. mustert ihn argwöhnisch): Was bist du denn gleich so nachtragend? So spät ist es jetzt auch noch nicht. Du wirst ja wohl kaum schon in der Koje gelegen haben oder? Deinem Aufzug nach zu urteilen, zumindest nicht zum Schlafen. Hähä. Was macht eigentlich deine Perle? Umarmt die immer noch die Keramikschüssel anstatt dich?
Mehdi (lässt sich nicht provozieren u. funkelt ihn angesäuert an): Falls es dir entfallen ist, ich habe ein schulpflichtiges Kind, das morgen früh zeitig raus muss. Deine Klingelattacke war also wirklich nicht angebracht.
Marc (nuschelt ohne einen Hauch schlechten Gewissens in seinen Dreitagebart u. widmet sich wieder dem Kampf u. seinem Bier): Spießerdaddy!
Mehdi (ihm reicht es jetzt endgültig u. er deutet mit ausgestrecktem Arm zur Wohnungstür): Okay, da ist die Tür. Ich habe keine Lust auf ein solches Gesprächsniveau. Wenn du nicht reden willst, bitte, dann geh! Ich ruf dir auch ein Taxi, damit du sicher nach Hause kommst. Du hast schließlich getrunken.
Marc (gibt seinen Widerstand auf u. lehnt sich seufzend an die Sofalehne zurück, ohne dabei Mehdi anzusehen): Ich will jetzt noch nicht nach Hause.

Ich glaube, ich habe ein Déjà-Vu. Die Zwei sind mir vielleicht welche!

Mehdi (hebt eine Augenbraue an u. sieht Marc eindringlich von der Seite an): Ach? Das kommt mir irgendwie bekannt vor.
Marc (schaut ihn dann doch an u. wundert sich über Mehdis verdächtig zuckende Mundwinkel): Bitte?
Mehdi (räuspert sich, um das aufkommende Grinsen zu unterdrücken): Ich meine, damit kommen wir der Sache doch näher.
Marc (brummt gereizt): Boah, Mehdi, spar dir dein verständnisvolles Hausfrauengeschwafel für deine schwangere Freundin auf! Die hört dir bestimmt gerne zu, wenn sie sich die Seele aus dem Leib kotzt.
Mehdi (bleibt ruhig u. besonnen u. trifft den Nagel auf den Kopf): Du willst Gretchen aus dem Weg gehen. Deshalb willst du nicht nach Hause.
Marc (wendet ertappt seinen Blick ab u. nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Bierflasche): Ob ich hier bin oder da, was macht den Unterschied?
Mehdi (grinst wissend): Ich weiß nicht. Sag du’s mir!
Marc (rutscht immer tiefer in die Couch u. ins Selbstmitleid): War ja klar, dass du Spaß daran hast.
Mehdi (weist diesen Vorwurf mit ernster Miene weit von sich): So war das nicht gemeint.
Marc (sieht ihn schulterzuckend von der Seite an): Mann, ich kann jetzt einfach nicht nach Hause und so tun, als wäre nichts. Da ist die Stimmung momentan unterirdisch. Gretchen ist, ach, ich weiß nicht. Ich hab keine Ahnung, was ich noch machen soll. Sie ist so... so...
Mehdi (weiß, was er sagen will): Still, unnahbar, uneinsichtig.
Marc (stimmt ihm bei): Nicht sie selbst, wollte ich sagen, aber deine Auswahl trifft es auch nicht schlecht.
Mehdi (blickt ihn eindringlich an, um ihm Mut zu machen): Marc, jetzt einfach aufzugeben, ist der falsche Weg.
Marc (wirft seine Arme hilflos in die Luft u. guckt ihn dabei fragend an): Sag ihr das mal! Seit ich wieder aus der Schweiz zurück bin, hat sie sich völlig verändert. Ich erkenne sie gar nicht mehr wieder. Sonst hat sie immer für ihre Sachen gekämpft wie eine Löwin und du weißt, wie sie nerven kann. Jetzt ist sie nur noch dauertraurig und gibt mir die Schuld dafür. Soll ich etwa „ja“ sagen, nur damit sie glücklich ist? Ist das das Non-plus-Ultra-Beziehungsrezept? Also mir schmeckt das nicht.
Mehdi (ahnt halbwegs, in welchem Dilemma sein Freund steckt): Nein, natürlich nicht.
Marc (nickt zufrieden, weil ihm endlich mal jemand recht gibt): Siehst du! Und trotzdem fühle ich mich scheiße, jedes Mal, wenn ich sie sehe. Das ist doch schizophren, Mehdi.
Mehdi: Marc, das gibt sich wieder. Gib ihr Zeit!
Marc (starrt nachdenklich auf die Familienfotos auf Mehdis Kaminsims): Ich glaube nicht, dass das diesmal so einfach ist. Haasenzahn hat sich so sehr in die Sache verrannt.
Mehdi: Anton ist keine Sache, Marc.
Marc (seine Stimme wird lauter, als er sich verteidigt): Mann, das weiß ich doch auch. Ich verstehe sie ja auch, obwohl sie mir ständig vorwirft, ich würde es nicht tun. Klar verstehe ich, dass sie ihm einen guten Lebensstart ermöglichen möchte. Ich bin ja nicht herzlos. Aber würdest du an meiner Stelle gleich so weit gehen und ihn bei dir aufnehmen? Also ich verstehe unter medizinischem Ethos etwas anderes.
Mehdi (zuckt mit den Schultern, weil er es wirklich nicht weiß): Ich weiß nicht.
Marc: Also nur hypothetisch betrachtet, wenn euer Baby und Lilly nicht wären und Gabi dich, sagen wir mal so, anflehen würde?
Mehdi (kann nachvollziehen, was in Marc vorgeht): Das wäre eine große Entscheidung.
Marc (nickt ihm aufgewühlt zu): Eben! Schau, angenommen wir würden es doch tun und den Hosenscheißer zu uns nehmen. Wir würden rein hypothetisch unser Leben komplett auf ihn umstimmen, würden Job und Privates hinten anstellen, würden ihm alles in den Arsch schieben, worum er uns mit seinem Gekrähe nervt. Wir würden uns an ihn gewöhnen, würden uns wahrscheinlich immer mehr in ihn verknallen und würden vielleicht auch ganz gut damit klarkommen. Wer weiß das schon? Aber was ist, wenn sich die Mutter doch noch melden würde und ihn zurück will oder die Polizei einen konkreten Hinweis auf ihren Aufenthaltsort bekommt oder wenn die Spur mit den illegalen Asylanten, auf die du und deine Wohltäter von euer Hilfsorganisation „Ärzte für ein sozialeres Berlin“ die Kommissarin gestoßen habt, doch stimmt oder, weiß der Geier, wenn das Jugendamt irgendwelche Einwände feststellen würde, dass wir doch nicht die Richtigen wären, und ihn uns wieder wegnehmen würde? Das packt sie nicht! Das weiß ich. Gretchen wäre nie wieder dieselbe.

Nachdem er es endlich ausgesprochen hatte, was ihn die ganze Zeit fertig gemacht hatte, strich sich Marc aufgewühlt über seinen Dreitagebart, aus dem bereits einige graue Härchen mehr herausblitzten. Seine Hand zitterte merklich, was auch Mehdi auffiel, dessen verständnisvollen Blicken Marc jedoch überfordert auswich, indem er die Augen schloss und sich ganz auf den Geschmack seines Biers konzentrierte, das ihm heute einfach nicht schmecken wollte. Doch plötzlich schreckte ihn ein dünnes Stimmchen hinter sich auf...

Gretchen: Ist es das? Hast du deshalb „Nein“ gesagt, weil du Angst um mich hast, Marc?

Dem Angesprochenen fielen fast die Augen aus dem Kopf, als seine Freundin auf einmal wie aus dem Nichts vor ihm stand. Er rieb sich ungläubig über seine Lider, aber als er diese wieder öffnete, stand Gretchen immer noch in ihrem rosa Hausanzug vor ihm und schaute ihn ganz gerührt an. Sein Blick fiel zur Seite, zu Mehdi, der überhaupt nicht überrascht zu sein schien, dann wieder zu Haasenzahn, die ihn ganz anders ansah als noch in den vergangenen Tagen, und wechselte wieder zu Mehdi. Der überrumpelte Chirurg sprang von seinem Platz auf und setzte seine mittlerweile leere Bierflasche geräuschvoll auf dem Couchtisch ab, bevor er seinen Kumpel scharf anfuhr...

Marc: Ey, das glaube ich jetzt nicht. Sie ist hier und du erwähnst das mit keinem Ton, während wir hier ewiglang sinnlos herumdiskutieren. Was bist du denn für ein beschissener Freund?
Mehdi (steht ebenfalls auf u. will sich erklären): Marc, das...
Marc (zischt ihn beleidigt an): Du kannst mich mal!

Marc hatte genug gesehen und auch gehört und wollte sich eingeschnappt aus dem Staub machen. Doch Gretchen hinderte ihren aufbrausenden Freund daran. Sie wagte einen scheuen Schritt nach vorn und legte ihre Hand auf seinen Arm, um ihn zu beruhigen. Er hielt inne und folgte ihren Bewegungen mit seinen wild aufblitzenden Augen. Schließlich trafen sich ihre Blicke. Zum ersten Mal seit gefühlten Ewigkeiten. Marc wurde in der Tat ruhiger, konnte aber ihren eindringlichen Blicken, die ihm tief in die Seele schauten, nicht lange standhalten.

Gretchen: Marc, lass ihn bitte! Ich hab ihn doch auch überrumpelt. Bitte beantworte meine Frage! Ist es das? Warst du deshalb so ungehalten?

Mehdi beobachtete vorsichtig die jeweiligen Reaktionen seiner Freunde und entschied sich schließlich dafür, sich dezent zurückzuziehen. Seine Aufgabe hier war erfüllt. Jetzt lag es an ihnen, den Berg an Missverständnissen und unausgesprochenen Worten erfolgreich zu erklimmen.

Mehdi: Ich lass euch dann mal alleine.

Juliaaaa ( gelöscht )
Beiträge:

30.11.2014 19:32
#1507 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Die Geschichte ist super! Du kannst echt gut schreiben :) ich fiebere immer auf den nächsten Teil hin :)

Lorelei Offline

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Beiträge: 7.270

06.12.2014 13:58
#1508 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Im langsamen Rückwärtsgang war Dr. Kaan zuerst zurück in den Flur, an dessen Ende er kurz an der Kinderzimmertür gelauscht hatte, und danach zurück ins Schlafzimmer geschlichen. Er hatte die Türklinke noch in der Hand, als er sich zum Bett umdrehte und im milchigen Schein einer einzelnen Nachttischlampe verwundert beobachtete, wie seine Freundin, die immer noch ihren lilafarbenen Kimono über ihrem sexy Nachtgewand trug, das frech darunter hervorblitzte, eine Kerze nach der anderen auf dem Fenstersims auspustete. Ihren irritierten Beobachter, den sie längst hinter sich bemerkt hatte, dabei natürlich stoisch ignorierend.

Mehdi: Du hast die Kerzen ausgemacht.
Gabi (will ihm eigentlich die kalte Schulter zeigen, fährt aber trotzdem mit finsterer Miene zu ihm herum): Scharfer Beobachter! Ich hab keine Verwendung mehr für sie. Landen morgen in der Tonne.
Mehdi (lässt anhand dieser eindeutigen Kragenowschen Trotzreaktion die Türklinke los u. tritt fragend näher an das gemeinsame Bett heran): Maus?
Gabi (funkelt ihren Freund an, ja nicht näher zu kommen, lässt ihren Kimono vor seinen Füßen zu Boden segeln u. schlüpft schnell unter die Bettdecke): Aus die Maus, mein Lieber! Bleib bloß weg von mir und lass mich in Ruhe! Ich will jetzt schlafen.
Mehdi (kann sich das Schmunzeln nicht verkneifen u. will sich zu ihr auf die Bettkante setzen): Äh... Schatz?
Gabi (hindert ihren aufdringlichen Verehrer daran, indem sie ihn wütend mit ihren Beinen wegkickt): Findest du das etwa witzig? Ich meine das ernst, Mehdi.
Mehdi (bleibt wie gewünscht vor dem Bett stehen, legt seinen Kopf leicht schräg u. schaut sie nachdrücklich an): Aber sie reden doch nur.
Gabi (zickt ihn an u. dreht sich auf die andere Seite, um den sexy oberkörperfreien Mann nicht länger ansehen zu müssen): Pff! Wenn du in unserer Wohnung unbedingt deine neue Therapiepraxis für Beziehungslegastheniker einrichten möchtest, bitte, aber ohne mich.
Mehdi (blickt sprachlos auf Gabis hinreißende Rückenansicht, die unter der Decke hervorlugt): Und das heißt?
Gabi (guckt grimmig über ihre Schulter, ignoriert Mehdis treuherzigen Bambiblick u. schaltet das Nachtlicht aus, ehe sie sich wieder umdreht u. ihren Kopf auf das Kissen bettet): Dass du dir einen neuen Schlafplatz suchen kannst, mein Lieber. Knobele doch mit deinen Freunden darum. Nacht!
Mehdi (verdreht die Augen): Dramatisierst du da nicht ein bisschen?
Gabi (fährt abrupt wieder hoch u. drückt wütend den Lichtschalter, damit sie Mehdi besser ansehen kann, wenn sie sich aufregt): ICH dramatisiere? Bärchen, ich sehe nur nicht ein, dass sie ihre Probleme, oder was auch immer da schon wieder los ist, du verrätst ja nichts, ausgerechnet bei uns besprechen müssen. Dann kann ich mich ja gleich darauf einstellen, dass sie in Zukunft aller paar Tage hier unangemeldet aufschlagen werden. Getrennt, zusammen, unabhängig voneinander, aus irgendwelchen Launen heraus, was weiß ich. Dein Problem, nicht meins! Und jetzt sei leise, ich will schlafen.
Mehdi: Aber...

Ratlos strich sich Mehdi über seinen gepflegten Dreiwochenbart und blickte zwischen dem gemütlichen Bett, in dem sich sein süßes Zicklein vor lauter angestautem Frust hin und her wälzte und einfach keine bequeme Schlafposition fand, und der Tür hin und her. Er konnte ja jetzt schlecht wieder rausgehen und die Privatsphäre seiner Freunde stören, jetzt wo sie endlich miteinander redeten. Oder es zumindest versuchten.

Überfordert von Gretchens bohrenden Fragen, die den Nagel auf den Kopf getroffen hatten, wich Marc seiner hartnäckigen Freundin und ihren fesselnden Blicken aus und ließ sich zurück aufs Wohnzimmersofa fallen. Er griff sich eine neue Bierflasche vom Couchtisch, ploppte deren Verschluss auf und nahm einen großen beruhigenden Schluck des eisgekühlten Gerstensaftes, während er auf den lautlosen Fernsehmonitor starrte, auf dem er Klitschko in Siegerpose bewundern konnte. Na toll, jetzt hatte er den Knock-Out schon wieder verpasst, ärgerte er sich maßlos und nahm eingeschnappt einen weiteren Schluck aus der Flasche. Gretchen hatte sich derweil augenrollend neben ihren Schmollprinzen gesetzt, hatte ihre Beine angezogen und ihre kalten Füße unter eins der Sofakissen geschoben und hörte nicht auf, ihren störrischen Freund mit ihren blauen Augen zu hypnotisieren, damit er endlich nachgab und mit ihr redete. Er hatte ebenso wie sie Mehdis Rat gesucht. Das war offensichtlich. Das hatte sie aus dem zufällig belauschten Gespräch der Freunde deutlich herausgehört. Ja, sie hatte sogar gleich gespürt, dass Marc da war. Das hatte sie schon an seinem drängelnden Klingeln bemerkt. Aber sie hatte trotz wachsender Anspannung gezögert, hatte Lilly in den Schlaf gewiegt, die sich, von dem abendlichen Klingelterror irritiert, unruhig in ihren Armen hin und her gewälzt hatte, und war dann doch ihrer neugierigen Nase gefolgt und hatte zumindest den Rest der Männerunterhaltung noch mitbekommen. Marc war gar nicht gegen sie. Die ganze Zeit nicht. Er machte sich Sorgen um sie. Das war der springende Punkt. Seine Offenheit hatte sie tief berührt, auch wenn sie erst über einen Umweg davon erfahren musste.

Gretchen: Marc, ich bin stärker, als du denkst. Egal, was passiert, ich kann das aushalten.
Marc (setzt beim ersten Klang ihrer lieblichen Stimme seufzend die Bierflasche ab, von der er gerade das Etikett abgefriemelt hat, schließt kurz seine Augen u. schaut Gretchen dann eindringlich von der Seite an): Wirklich? So kindisch und stur wie du die letzten Tage reagiert hast, bin ich mir da nicht so sicher.
Gretchen (hat etwas anderes erwartet u. guckt ihn dementsprechend empört an): Du nennst mich kindisch? Und was machst du gerade? Das ist auch kindisch.
Marc (nimmt seine Bierflasche wieder in die Hand, hebt sie kurz zu einem Trinkgruß an u. zwinkert seinem Gegenüber dabei lässig zu): Ich trinke Alkohol. Das würde ich Kindern nicht empfehlen.
Gretchen (findet sein Verhalten überhaupt nicht lustig): Haha! Du Spaßvogel! Aber jetzt mal im Ernst. Wieso hast du mir nicht gesagt, was in dir vorgeht?
Marc (schaut sie an wie ein Alien): Äh... ja, wann denn? Du hast doch ständig abgeblockt und bist jedes Mal auf und davon, wenn wir aus dem OP gekommen sind und mal fünf Minuten frei hatten. Ich wollte reden.
Gretchen (senkt schuldbewusst ihren Kopf, weil ihr plötzlich bewusst wird, dass sie ihn unfair behandelt hat): Du hast mir wehgetan.
Marc (merkt die Veränderung in ihrer Stimmlage u. seufzt auf): Glaubst du, das war meine Absicht?
Gretchen (muss nicht lange überlegen): Nein.
Marc (lächelt erleichtert): Siehst du! War das jetzt so schwer?
Gretchen (schüttelt zerknirscht den Kopf, nimmt sich eins der Zierkissen vom Rand des Sofas u. umklammert dieses vor ihrem Bauch mit ihren Armen): Hab ich mich wirklich so schrecklich verhalten?
Marc (das zaghafte Lächeln geht in ein freches Meier-Grinsen über): Ich bin da voreingenommen. Frag lieber Mehdi! Wo ist der eigentlich abgeblieben?
Gretchen (schaut Richtung Flur, wo Mehdi zuletzt gestanden hat): Ich glaube, er ist schlafen gegangen. Meinst du, er ist genervt von uns?
Marc (lehnt sich lässig an die Sofalehne zurück): Er ist mit der Kratzbürste zusammen. Seine Schmerzgrenze liegt also bei weitem höher.
Gretchen (stupst ihn mit der Faust leicht in die Seite): Lass ihn das bloß nicht wissen!
Marc (lacht u. verfängt sich mit seinen Blicken in ihren blauen Augen): Eigentlich hätte ich mir ja denken können, dass ich dich hier finde.
Gretchen (bleibt ebenso an seinem intensiven Blick hängen): Das Universum hat uns hier zusammengeführt, weil wir’s sonst nicht auf die Reihe gekriegt hätten.
Marc (kann bei der gretchenhaften Denke nur schmunzeln): Wenn das Universum Klitschko heißt, dann wohl ja?
Gretchen (starrt ihn verwirrt an): Hä?
Marc (verleiert die Augen u. schaut sein Mädchen anschließend eindringlich an): Egal! Wolltest du dich auch vor Zuhause drücken?

Er auch? Er wollte meinetwegen nicht nach Hause! Was ist denn nur los mit uns?

Gretchen (senkt reumütig ihr Lockenköpfchen u. guckt auf ihre Finger, die das Sofakissen zerkneten): Wir sind schon bescheuert, oder?
Marc (beißt die Lippen zusammen, um nicht zu grinsen): Äh... ich sag mal lieber nichts, bevor es mir wieder vorgehalten wird.
Gretchen (erwidert sein ansteckendes Lächeln, das nun doch durchbricht, wird dann aber plötzlich wieder ganz traurig, als sie an den Grund ihrer Meinungsverschiedenheiten denkt): Ich wollte doch nur, dass es ihm gut geht, dass er ein schönes Zuhause bekommt.
Marc (rückt näher an sein Mädchen heran u. streicht ihr eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht): Dagegen spricht doch auch nichts.
Gretchen (leise Hoffnung keimt in ihr auf): Wie meinst du das, Marc?
Marc (nimmt ihr das Kissen weg, legt es auf den Boden u. greift dann nach ihren eiskalten Händen, die er zärtlich drückt): Haasenzahn, wir wissen doch beide, dass es nicht die Lösung sein kann, ihn ausgerechnet bei uns aufzunehmen. Darauf sind wir doch gar nicht vorbereitet. Weder mental, noch praktisch. Mal abgesehen von den bürokratischen Hürden, die da auf einen zukommen würden.
Gretchen (ihren Augen beginnen verdächtig zu schimmern): Warum denn nicht? Ich hab neulich erst gelesen, dass überall händeringend neue Pflegeeltern gesucht werden. Die Hürden sind gar nicht so hoch, wie man glaubt. Man wird intensiv geprüft und geschult, ja, und das Jugendamt steht einem auch hilfreich zur Seite. Und als gut verdienendes Ärztepaar wären unsere Chancen gar nicht so schlecht.
Marc (versucht, rational zu bleiben, was nicht ganz klappt): Ja, klar, weil Sieben-Tage-Wochen und Vierundzwanzig-Stunden-Dienste ja auch ganz besonders gut ankommen. Das bringt uns sicherlich weit nach vorn.
Gretchen (ignoriert seinen sarkastischen Unterton): Marc, das ließe sich doch alles regeln. Wir sind doch mittlerweile in einer Position, in der wir das gut aufteilen könnten.
Marc: Sagt die kleine Assistenzärztin, die mal eine große Chirurgin werden wollte und seit zwei Wochen ihre Prüfungsvorbereitungen für den Facharzt schleifen lässt. Der wann noch mal ansteht? Ach ja! Nächsten Freitag. Weiß eigentlich dein Vater schon, was du hier vorhast? Der wird sich freuen, wenn er den vakanten Posten der Stationsärztin extern besetzen muss.
Gretchen (zieht sich gekränkt zurück): Jetzt wirst du ungerecht, Marc.
Marc: Du zählst Fakten auf, ich zähl Fakten auf.
Gretchen (verschränkt eingeschnappt ihre Arme): Nur dass deine ziemlich...
Marc (plappert ihr ins Wort): Ja? Was? Realistisch sind?
Gretchen (echauffiert sich dermaßen, dass sie gar nicht merkt, wie eine Träne nach der anderen langsam ihre Wange herunterkullert): Und meine nicht, oder was? Das ist keiner meiner Tagträume, wenn du das denkst.
Marc (zieht seine Augenbrauen zusammen): Sicher?
Gretchen (wischt mit der flachen Hand ihre Tränen von der Wange): Wieso denkst du, dass ich es nicht packen könnte, falls etwas Unerwartetes passiert? Ich hab euch gehört. Marc, mir sind alle möglichen Konsequenzen durchaus bewusst. Das kannst du mir glauben.
Marc (hat genug gehört u. wirft kraftlos seine Hände in die Luft): Mann, ich verstehe nur nicht, warum du es auf einmal so eilig hast mit einem Kind. Wir hatten doch beschlossen, es einfach auf uns zukommen zu lassen. Wieso jetzt die Eile? Weil gerade zufällig eins verfügbar ist? Einfach den Bestellhaken drücken und fertig? Oder weil all unsere Freunde gerade in ganz anderen Sphären herumschweben? Was tangiert uns das? Mann, wir haben doch alle Zeit der Welt.
Gretchen (bleibt wie erstarrt auf ihrem Platz sitzen u. schaut Marc mit großen tränengefüllten Augen an): Du willst das immer noch?

Herrgott, Kruzifix noch mal! Will die dich verarschen?

Marc (blickt sie völlig konsterniert an): Äh... ja!? Wenn ich was sage, dann meine ich es in der Regel auch so. Moment! Warst du deshalb so eingeschnappt? Hast du etwa gedacht, dass ich einen Rückzieher mache, nur weil mir deine Überrumplungspläne zu schnell gehen? Haasenzahn, was geht denn nur in dir vor? Ich komm überhaupt nicht mehr mit.
Gretchen (kann ihre aufkommenden Tränen nun nicht mehr länger aufhalten u. stürzt schluchzend in Marcs Arme): Ich bin so ein dummes Schaf.
Marc (völlig überrumpelt plumpst er mit ihr vom Sofa u. hockt nun mit ihr im Arm davor auf dem Teppichboden): Bist du nicht. Also ein Schaf vielleicht schon, aber nicht dumm, höchstens verpeilt und vor allem bockig. Wobei, dann wärst du doch eher ein Esel.
Gretchen (klatscht ihm empört auf die Brust): Marc!
Marc (lacht, als sie sich wehrt, u. streicht ihr im Anschluss zärtlich über die feuchte Wange): Was ist nur mit dir los, hmm? Du bist ja völlig durch den Wind.
Gretchen (klammert sich an ihn u. heult hemmungslos gegen seine Schulter, bis sein blaues Hemd ganz durchnässt ist): Ich weiß doch auch nicht. Ich fand die Vorstellung nur so schön, mit dir eine richtige Familie zu haben.
Marc (nimmt ihr Gesicht lächelnd in beide Hände u. wischt ihre dicken Krokodilstränen mit den Daumen von der Wange): Weil du deiner verrückten Sippe entkommen möchtest und ich meiner? Haasenzahn, wir werden eine Familie haben. Irgendwann. Ganz bestimmt. Das ist so sicher wie mein großartiges Talent im OP und deine Sucht nach allem, was viel Zucker und Kakao enthält. Aber nicht so. Nicht so überstürzt. Die Natur hat das nicht ohne Grund so eingerichtet, dass das alles neun Monate Zeit braucht.
Gretchen (schluchzt herzerweichend): Magst du Anton denn nicht?
Marc (ihm bricht fast das Herz, seine Liebste so verzweifelt zu sehen): Natürlich mag ich ihn. Das ist keine Frage. Jeder mag Babys, obwohl sie stinken und keinen Aus-Knopf für ihr Gekrähe haben.
Gretchen (hat ihren Tränenfluss so langsam unter Kontrolle gebracht u. sieht Marc nun angespannt an): Aber?

https://www.youtube.com/watch?v=eWSyP4FfKQU

Marc (hadert mit sich, weil es nichts gibt, was er sagen kann, das ihr nicht wehtun wird): Haasenzahn, wenn ich könnte, würde ich dir jeden Wunsch der Welt erfüllen. Das weißt du. Ich würde alles für dich machen. Dir die Scheißsterne vom Himmel holen, dir meine wichtigsten OPs überlassen, mit dir zu Take That oder in die nächste scheußliche Hollywood-Schmonzette gehen oder nackt in den nächsten See hüpfen und noch viel mehr. Aber das, das ist mir eine Nummer zu groß. Ich kann das nicht. Du magst vielleicht soweit sein, aber ich bin es nicht.
Gretchen (nickt traurig mit dem Kopf, aber kann ihn verstehen): Okay.
Marc (zieht seinen enttäuschten Engel auf seinen Schoss und schlingt seine Arme um ihn): Hey, das geht doch nicht gegen dich oder das, was wir damals am See und im Heu für uns geschworen haben. Einer von uns sollte vernünftig bleiben und den Kopf eingeschaltet lassen und nicht ständig nur allein nach dem Herzen handeln. Du hast ja gesehen, dass uns das sonst in Teufels Küche bringt.
Gretchen (lässt nachdenklich seine Halskette mit dem auffälligen Ringanhänger durch ihre Finger gleiten): Das weiß ich doch, Marc. Ich hab dich mit meinem Vorschlag überrumpelt. Das tut mir leid. Ein Teil von mir weiß das auch.
Marc (guckt erst auf ihren Kaugummiautomatenring am Ringfinger, dann gespannt in ihre schimmernden blauen Augen): Und der andere, was sagt der?
Gretchen (schaut unsicher auf): Der wünscht sich immer noch, dass wir das Richtige für Anton tun werden.
Marc (legt seine Stirn an ihre u. schließt ebenso wie sie für einen kurzen Augenblick die Augen): Das werden wir auch, mein Engel. Ich meine, irgendein Mitspracherecht, wie es nun weitergeht, müssen wir doch auch haben. Das Elisabethkrankenhaus hat sich um ihn gekümmert, hat ihn aufgepäppelt und die aufdringliche Medienmeute in ihre Schranken verwiesen. Mehdi, der Gutmensch, hat sogar eine eigene Suchkampagne nach der Mutter durch die Berliner Ghettos gestartet. Und ich erwähne hier mal nicht, wie sehr Schwester Sabine und die Oberschwester durchgeknallt sind. Jeder einzelne unserer Kollegen fühlt sich verpflichtet. Vielleicht können wir ja beim Jugendamt etwas bewirken bei der Auswahl der perfekten Pflegeeltern?
Gretchen (sieht ihn ganz erstaunt an, die Tränen und der Kummer sind längst vergessen): Das würdest du wirklich tun?
Marc (plustert sich auf, als er merkt, wie er von den blauen Strahleaugen angehimmelt wird): Hey, ich bin ja schließlich nicht irgendwer. Ich bin momentan der stellvertretende Klinikchef, ich hab doch auch was zu sagen. Ich werde mal deinen Vater anrufen und mich mit ihm besprechen, ob wir da nicht was machen können. Vielleicht kann das Elisabethkrankenhaus ja auch als eine Art Pate auftreten? Ich meine, die riesige Spendensammlung, die Oberschwester Stefanie veranstaltet hat, muss doch auch zu was nütze sein. Nicht dass das alles sonst am Ende noch in einem Nilpferdrettungsfond landet. So könnten wir auch in Zukunft mit ihm in Kontakt bleiben und stehen nicht im Dunkeln, wenn es heißt, was aus ihm geworden ist. Und das ist es doch, was dich bei deinem grenzenlosen Engagement wirklich interessiert, oder?
Gretchen (sichtlich bewegt): Das hast du dir alles jetzt gerade überlegt?
Marc (zwinkert ihr kokett zu): Ich bin ein Naturtalent im Improvisieren. Weiß du das nicht?
Gretchen (lächelt glücklich): Marc, weißt du eigentlich, was für ein großartiger Mensch du bist?

Mit leuchtenden blauen Augen, die wieder voller Hoffnung und ganz viel Liebe schimmerten, schaute Gretchen ihren persönlichen Helden an, der sich verlegen über seinen Hals strich und ungewohnt scheu zurücklächelte, als sie seine Hände fest an sich drückte. Mit einem lockeren Schulterzucken wiegelte er ab. Eigentlich hatte er doch gar nichts weiter gemacht. Außer sich geschickt aus einer ausweglos scheinenden Lage herausgeschlängelt zu haben. Denn Gretchen Haase zufrieden zu stellen, war nun mal ein Studium für sich. Dagegen war es ein Klacks, mal eben schnell Deutschlands bester Chirurg zu werden.

Marc: Ach was, das... das alles muss eh der Professor entscheiden. Franz ist es doch auch gelegen, dass wir das gut über die Bühne bringen, ohne dass an uns und dem EKH was haften bleibt.
Gretchen (ist unheimlich stolz auf ihn, auch wenn ihr Herz immer noch schmerzt): Trotzdem, du hast die Idee geliefert. Du hast mit Kopf und Herz gedacht, während ich mich total von meinen Gefühlen und Träumen hab leiten lassen. Ich weiß doch auch nicht, warum ich mein Herzblut so sehr da reingesteckt habe.
Marc (strahlt sie einfach nur an): Aber das macht dich doch nun mal aus. Und dafür lieb ich dich.
Gretchen (lächelt u. fühlt sich unheimlich geschmeichelt): Wirklich? Auch wenn ich so ein Schaf, nein, ein Esel bin wie in den vergangenen Tagen?
Marc (lacht u. man spürt den Stein der Erleichterung, der von ihm abfällt): Ein Ha(a)se ist mir zwar lieber, aber du weißt doch, wie sehr ich Herausforderungen liebe.
Gretchen (streicht ihm verliebt über die stoppelige Wange): Und ich liebe dich dafür, dass du mein Gewissen bist, das mich stoppt, wenn ich über das Ziel hinausschieße, und mich immer wieder zurück auf die richtige Spur bringt, wenn ich mal wieder...
Marc (quatscht frech dazwischen): ... wenn du mal wieder komplett am Rad drehst, so wie eigentlich siebzig Prozent all deiner Zeit?

Gretchen nickte dem Quatschkopf verschmitzt lächelnd zu, legte noch ihre andere Hand an seine Wange und zog ihn zu einem innigen Kuss heran, der zwar salzig nach vielen, vielen sinnlos vergossenen Tränen schmeckte, aber auch nach tiefen Gefühlen und großem Vertrauen. Zwei Zimmer weiter war man mit den Friedensverhandlungen dagegen noch nicht ganz so weit. Mehdi lehnte noch immer unschlüssig mit dem Rücken an der Tür und starrte auf das mit lilafarbener Satinwäsche bezogene Bett vor sich. Die Person, die darin lag und sich eigentlich schlafend gestellt hatte, machte das schier wahnsinnig. Irgendwann riss dem Trotzköpfchen der Geduldsfaden und es richtete sich im Halbdunkeln auf und fuhr ihn an.

Gabi: Mehdi, wie lange willst du da noch rumstehen, wie bestellt und nicht abgeholt? Ich kann nicht schlafen, wenn du mir dabei zusiehst.
Mehdi (verschränkt schmunzelnd seine muskulösen Arme vor seiner nackten Brust): Ich wüsste eine Lösung für dein Problem.
Gabi (kocht innerlich): Diese Variante fällt weg.
Mehdi (versucht, sanftmütig einzulenken): Maus, jetzt komm schon! Ich kann auch nicht schlafen, wenn ich nicht bei dir sein kann.
Gabi (kann die widerspenstigen Schmetterlinge, die nach dieser charmanten Aussage wild aufflattern, kaum bändigen): Das hast du dir selber eingebrockt, mein Lieber. Und jetzt nerv mich nicht länger und leg dich irgendwohin schlafen!
Mehdi (lässt resignierend die Schultern hängen): Wird schwierig, solange die beiden da draußen sich aussprechen.
Gabi (gehässig zu ihm rüber grinsend): Das ist wiederum dein Problem.
Mehdi (linst vorsichtig durch den Türspalt u. beobachtet erfreut die neusten Entwicklungen im Wohnzimmer): Oh! Ich glaube, sie sind schon weiter. Sie küssen sich.
Gabi (lässt sich frustriert aufschnaubend in ihre Kissen zurückfallen): Och nee, wenn die unser Wohnzimmer entweihen, dann... dann zahlen die aber die Renovierungskosten. Sag das ihnen, wenn du sie jetzt aus der Wohnung schmeißt!
Mehdi (dreht sich grinsend zu ihr um u. sucht ihren Blick im schwachen Schein der Nachtleuchte neben dem Bett): Übertreibst du da nicht ein wenig?
Gabi (bockig): Nein, ich untertreibe noch.
Mehdi (guckt noch einmal durch den Türspalt, stutzt u. öffnet vergewissernd die Tür): Oh!
Gabi (nun doch neugieriger als gewollt krabbelt sie ans Fußende ihres Bettes, um auch etwas sehen zu können): Was denn noch? Die tun’s doch nicht wirklich? Diese Ferkel! Schmeiß sie endlich vor die Tür, Mehdi!
Mehdi (kommt fröhlich zurück ins Schlafzimmer marschiert u. schließt die Tür hinter sich): Nein, ich habe gerade geschaut. Sie sind gegangen.
Gabi (überrascht, aber immer noch unzufrieden rutscht sie auf ihre Ausgangsposition zurück u. schlägt die Bettdecke wieder zu): Wirklich? Na, dann hast du ja jetzt einen Schlafplatz. Nacht!
Mehdi (hakt mit charmanter Säuselstimme u. einem Lächeln zum Dahinschmelzen noch einmal nach): Findest du immer noch, dass ich im Wohnzimmer schlafen sollte?
Gabi (blitzt ihn mit funkelnden Augen an): Definitiv!
Mehdi (tritt aller Widerstände zum Trotz näher ans Bett heran): Und wenn ich mich hier nur auf meine Bettseite lege?
Gabi (betrachtet misstrauisch die leere Betthälfte neben sich u. wendet ihm nach langem Zögern den Rücken zu): Aber nur ganz außen am Rand. Und du behältst deine Hände bei dir.
Mehdi: Natürlich, das versteht sich doch von selbst.

Zufrieden grinsend nahm Dr. Kaan die trotzige Einladung seiner Lebensgefährtin an. Er entledigte sich seiner verwaschenen Bluejeans, die er zusammengefaltet auf dem daneben stehenden Korksessel ablegte, schlüpfte anschließend geschwind zu ihr ins warme Bett und deckte sich mit dem kläglichen Rest der Bettdecke zu, die ihm Gabi überlassen hatte. Um keinen weiteren Widerstand ihrerseits zu provozieren, vermied er jegliche Rangelei um das Stück Satinstoff. Eine Weile lagen die beiden mit Sicherheitsabstand Rücken an Rücken da, jeder mit wachem Auge und in Erwartung, was der andere jetzt wohl als nächstes tun würde. Es war schließlich Mehdi, der sich zuerst rührte und sich herumdrehte, um nun im Dunkeln der Nacht die entzückende Rückenansicht seiner schmollenden Freundin in Augenschein zu nehmen und dem nachzukommen, was sich Gabi insgeheim die ganze Zeit schon gewünscht hatte, seitdem er halbnackt im Schlafzimmer gestanden hatte. Vorsichtig und mit Bedacht, sie nicht zu berühren, robbte sich Mehdi langsam zu ihr heran. Und mit jedem Millimeter, den er näher kam, umso schneller pochte auch Gabis Herz in ihrer Brust. Verkrampft hielt sie die Bettdecke fest und provozierte damit, dass Mehdis Traumkörper schließlich sehr präsentabel neben ihr lag. Die Verlockung war groß, aber sie war stärker, glaubte die stolze Krankenschwester zumindest, bis ihr Herzbube anfing zu flüstern und sie seinen heißen Atem in ihrem Nacken spürte.

Mehdi: Meinst du, ich könnte vielleicht den Arm ein wenig um dich legen? Also nur, um eine bequemere Schlafposition zu finden, also, für uns beide, und auch um etwas mehr von der Bettdecke abzubekommen. Es ist ein bisschen frisch hier, weißt du.
Gabi (beißt sich erfreut auf die Unterlippe, zeigt ihm aber immer noch die kalte Schulter): Mach, was du nicht lassen kannst!
Mehdi (kommt dem natürlich sofort mit größtem Vergnügen nach): Und wenn ich den Kopf mit auf dein Kopfkissen legen würde? Meins ist irgendwie so unbequem.
Gabi (gibt sich unnahbar, obwohl ihr Herz ihr mittlerweile bis zum Hals klopft): Von mir aus, aber halt endlich die Klappe! Das nervt.
Mehdi (dockt nun zärtlich an seiner Liebsten an, die keinerlei Widerstand leistet, auch nicht als er ihr die langen Haare zur Seite streicht): Eins noch. Und wenn ich noch ein bisschen näher kommen würde, meine Beine um deine schlingen würde und meine Hand auf deinen Bauch legen würde? Also ich glaube, ich könnte so am besten schlafen. Was denkst du?
Dieser gemeine Schuft!
Gabi (grinst vorfreudig die gegenüberliegende Schrankwand an): Ist mir ziemlich egal.
Mehdi (spürt genau, wie sehr ihr seine Nähe gefällt, u. wagt sich deshalb noch weiter heran, indem er bedächtig einen der Spaghettiträger ihres Negligés beiseite schiebt und seine Lippen auf ihr nacktes Schulterblatt legt): Und was wäre, wenn ich dich hier küssen würde? Quasi als Gute-Nacht-Gruß.

Eine dicke Gänsehaut breitete sich von der Stelle an ihre Schulter aus, die der Charmeur mit seinen warmen weichen Lippen liebkoste, und verwandelte sich in rasender Schnelle in ein loderndes Feuer, das ihren gesamten Körper erfasste. Sie hielt das Prickeln nicht mehr länger aus und drehte sich ruckartig zu ihm herum. Mit beiden Armen stütze sie sich links und rechts von seinem Oberkörper ab und schaute ihrem Traummann funkelnd in die kastanienbraunen Augen, die sie zu hypnotisieren versuchten.

Gabi: Weißt du eigentlich, was ich am meisten an dir hasse?
Mehdi (lächelt vergnügt zu ihr hoch u. genießt den verführerischen Ausblick, den sie ihm gewährt): Meinen unverwechselbaren Charme? Meine Hartnäckigkeit und Gutherzigkeit? Meinen Klamottengeschmack?
Gabi: Das kann man nun wirklich nicht als Geschmack bezeichnen, Mehdi.
Mehdi (macht einen betroffenen Gesichtsausdruck): Autsch. Das saß.
Gabi (lacht u. fühlt sich wie befreit): Ich hasse dich dafür, dass man dir überhaupt nicht lange böse sein kann.
Mehdi: Was übersetzt heißt, ich liebe dich au...

Der Rest von Mehdis Liebeserklärung ging in einem leidenschaftlichen Kuss unter, als sich Gabi stürmisch auf ihn legte und ihn den Rest der Nacht nicht mehr losließ. Und auch in einem Schlafzimmer in Berlin-Mitte wurde innig gekuschelt und geschmust, nachdem man spätabends endlich nach Hause gekommen war. Fest zog Marc seinen Engel an sich, der sich so eng wie möglich an seinen gestählten Körper geschmiegt hatte. Auch Gretchen hatte die Nähe zu Marc in den vergangenen Tagen sehr gefehlt, die sie selbst aus Gründen, die sie sich heute nicht mehr erklären konnte, nicht zugelassen hatte.

Gretchen: Versprichst du mir was?
Marc (klappt ein müdes Auge auf u. mustert sie argwöhnisch): Was?
Gretchen (säuselt verliebt in sein Ohr): Hältst du mich?
Marc (macht sich einen Spaß daraus): Ob ich dich aushalte?
Gretchen (boxt ihn empört in die Seite): Boah Marc!
Marc (ignoriert den leichten Schmerz, der von seinen Rippen ausstrahlt, u. zieht sie lachend noch fester in seine Arme): Ja, ich lass dich nicht mehr los, darauf kannst du Gift nehmen, Haasenzahn. Wenn du mir auch was versprichst.
Gretchen (guckt ihn mit mädchenhaftem Blick neugierig an): Was denn?
Marc: Dass du nie wieder solche Dummheiten machst und mich außen vor lässt. Das steht so nicht in unserem Drehbuch. Klar?
Gretchen (strahlt ihn glücklich an u. schmiegt ihre Wange an seine): Versprochen!
Marc (schnuppert zufrieden an ihren goldenen Haaren, die er zärtlich mit einer Hand durchstreift): Gut! Das hab ich vermisst.
Gretchen (genießt seine Berührungen sehr u. dämmert fast schon weg): Aber ich war doch die ganze Zeit da.
Marc (schüttelt betroffen den Kopf, während er eine ihrer Locken um seinen Zeigefinger wickelt u. sie wieder losspringen lässt): Nee, irgendwie schienst du ganz weit weg zu sein. In deiner ganz eigenen dritten Dimension.
Gretchen (schaut ihm ernst ins Gesicht u. kann kaum glauben, dass sie sich tatsächlich so verhalten hat): So schlimm?
Marc (schiebt unter der Bettdecke seine Hand durch eine der Knopfleisten ihres rosagestreiften Pyjamas, die er unbemerkt aufgeknöpft hat, weil er zumindest ein bisschen warme Haut spüren will): Schlimmer.
Gretchen (zuckt unter seiner eiskalten Hand zusammen, die sie liebevoll streichelt): Du übertreibst?
Marc (stützt sich mit dem anderen Arm auf dem Kopfkissen ab u. sieht ungläubig zu seinem Mädchen herab): Du hast das wirklich nicht gemerkt oder?
Gretchen (gerät ins Grübeln u. wird unsicher): Mehdi hat auch so komische Anspielungen gemacht.
Marc: Na, der muss es ja wissen.
Gretchen (macht einen betroffenen Gesichtsausdruck, während sie sich verschmust an seine Brust schmiegt): Ich weiß auch nicht, was los war. Ich fühl mich so... ach ich weiß auch nicht.
Marc (seine Stirn legt sich in Falten, während er sie ganz genau betrachtet): Du warst ziemlich durch den Wind, bist es auch jetzt noch. Kollegen grundlos anpampen, meinen Anweisungen nicht Folge leisten, Termine verschwitzen und dein eigenes Ding drehen. Vielleicht sollte dich dein freundlicher Chef mal einen Tag freistellen, damit du wieder runterkommst, hmm?
Gretchen (bekommt ein furchtbar schlechtes Gewissen u. schüttelt entschieden den Kopf): Muss er nicht.
Marc: Macht er aber.
Gretchen: Marc! Das geht nicht. Morgen ist die Organentnahme bei den beiden Spendern, die heute im OP... (bricht ab u. schluckt betroffen) ... Zig Transplantationsteams kommen morgen zu uns.
Marc: Also genug Mitarbeiter vor Ort. Keine Widerrede! Ich kann das nämlich nicht verantworten, dass meine beste Kraft noch komplett durchdreht. Nächste Woche ist deine Abschlussprüfung und in diesem Zustand würde ich dich da niemals hinlassen.
Gretchen (blickt ihn bockig an): Meinst du nicht, ich kann das auch selber beurteilen?
Marc (setzt zur Denkerpose an u. muss gleich selber darüber lachen): Nein! Weil du dann nämlich schon aus purem Trotz niemals eine Pause nehmen würdest.
Gretchen (ist überhaupt nicht damit einverstanden u. zeigt ihm das auch deutlich): Ich schmolle gar nicht!
Marc (lacht): Sagte die Prinzessin auf der Erbse und zog so einen süßen Schmollmund, dass man diesen einfach küssen musste.

Und dieser offenkundigen Einladung konnte ein Marc Meier natürlich nicht widerstehen. Wie leicht man doch Widerstände wegküssen konnte, dachte der Schelm und dockte seine Lippen forsch an denen von Gretchen an. Verliebt schmiegte sich das glücklich vereinte Liebespaar nach ihren intensiven Zärtlichkeiten aneinander und schlief nach kurzer Zeit gemeinsam ein.


http://www.youtube.com/watch?v=kFfKb_WEkCE

Lorelei Offline

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16.12.2014 16:27
#1509 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Am nächsten Tag konnte man ein sehr seltsames Phänomen beobachten, welches man so eigentlich nur sehr selten im Berliner Elisabethkrankenhaus zu Gesicht bekam. Es sei denn jemand, oder in diesem besagten Fall der selbst ernannte „Gott“ persönlich, hatte gerade einen Witz auf Kosten anderer gerissen. Denn was lockerte die angespannte Atmosphäre in einem Krankenhaus, wo Tod und Leben so nah beieinander standen, besser auf als eine kleine amüsante Episode, die einen auch über den schlimmsten Tag bringen konnte. Doch weder hatte Schwester Sabine wieder einen Patienten vertauscht und damit für ordentlich Verwirrung auf der Station gesorgt oder hatte diesem ihre stinkende Tagespflegecreme aus ihrer Hexenküche angepriesen, noch hatte sie eine ihrer befremdlichen Anekdoten aus ihren Flitterwochen mit dem Alien Gummersbach zum Besten gegeben, noch war Dr. ‚Tollpatsch’ Haase über ihre beiden linken Füße gestolpert oder auf einen seiner üblichen Scherze hereingefallen. Nein, etwas ganz anderes verursachte das verschmitzte Dauergrinsen des beliebten Berliner Oberarztes, der heute trotz stressigem Tagesablauf mit ungewöhnlich guter Laune durch seine Station marschierte und seine Mitarbeiter, die ihren überheblichen Kollegen noch nie so freundlich und unzynisch erlebt hatten, damit ansteckte. Sogar für seinen grimmigen Widersacher Dr. Stier, der mal wieder vergeblich auf Post aus der Kur seiner beiden Mädels gewartet hatte und dessen Laune im Gegensatz zu der von Dr. Meier dementsprechend unterirdisch gewesen war, trug er einen freundlichen Gruß auf den Lippen, was sich sehr positiv auf das Arbeitsklima im EKH ausgewirkt hatte. Schließlich hatte man den ganzen Vormittag Seite an Seite im OP gestanden, was sich unter anderen Umständen für die beiden Alphamänner, die sich sonst nie etwas zu schenken hatten, meist als sehr prekär erwiesen hatte.

Und selbst jetzt noch, nachdem er soeben mit dem letzten aus dem fernen Rotterdam angereisten Chirurgenteam komplikationslos eine Organentnahme vorgenommen hatte und den Spender danach für die Pathologie freigegeben hatte, trug Dr. Meier ein zufriedenes Lächeln auf seinen geschwungenen Lippen, das einfach nicht weichen wollte. Trotz des Todes zweier seiner Patienten hatte heute vielen anderen Menschen geholfen werden können, weil die beiden Organspender gewesen waren, was in diesen Tagen keine Selbstverständlichkeit war. Natürlich taten ihm die Familien der beiden jungen Männer leid, die jetzt viel zu verarbeiten hatten, aber ihr Tod war jetzt nicht mehr ganz so sinnlos, wie es gestern nach dem tragischen Unglück auf der Avus noch den Anschein gehabt hatte, als selbst die besten Mediziner des EKH keine Wunder mehr hatten bewirken können. Ein schwacher Trost ja, aber aus seiner langjährigen Erfahrung als Arzt wusste Marc, dass dies irgendwann, wenn die Verzweifelung und die Trauer nachließen, eine tröstende Wirkung auf die Angehörigen haben konnte. Deshalb ließ sich der begnadete Chirurg auch nicht von diesem schrecklichen Schicksal und der damit einhergehenden Trübsalstimmung auf seiner Station herunterziehen. Er tat das, was er schon aus seinen ersten Medizinvorlesungen vor vielen Jahren für sich mitgenommen hatte, nämlich das Leid der Patienten nicht zu sehr an sich heranzulassen. Manch einer seiner Kollegen beneidete ihn darum, dass er so schnell umschalten konnte. Manch anderer kritisierte diese Kaltschnäuzigkeit, mit der er seit seinem erfolgreichen Studienabschluss als Jahrgangsbester stets durch sein Berufsleben schritt. Aber das tangierte Marc nicht. Er hatte das schon immer so gehandhabt und würde es auch immer so tun, weil er wusste, dass er damit am besten fuhr.

Er hatte sich andere Prioritäten gesteckt. Und diese ließen ihn heute ganz besonders von einer Backe zur anderen grinsen, sodass sich seine Grübchen ordentlich entfalten konnten, wodurch die eine oder andere Patientin und Kollegin jedes Mal akute Herzrhythmusstörungen und Schnappatmung bekam, wenn der unverschämt gutaussehende Oberarzt, der von seinen Fans überhaupt keine Notiz genommen hatte, gottesgleich an ihnen vorüber stolzierte. Er hatte SIE wieder, jubilierte Marc innerlich, was sich, wie gesagt, nach außen deutlich zeigte. Diese verrückte Frau, die ihn manchmal so sehr in den Wahnsinn treiben konnte, dass er oft genug schon an seinem Verstand gezweifelt hatte. Er musste schmunzeln, als er daran zurückdachte, wie sich Haasenzahn heute Morgen mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte, nicht mit ihm auf Arbeit gehen zu dürfen. Sie besaß einen schlimmeren Sturkopf als er selbst. Und sie war hinterhältig. Hinterhältiger als sich manch einer das dem Anschein nach naive Blondchen vorstellen konnte. Argumente zählten da nicht. Dabei hatte er sie doch, was er zu seinem eigenen Schutz vor ihr nicht preisgegeben hatte, nur schützen wollen. Nicht nur wegen dem kleinen Hosenscheißer, in den sie sich rettungslos verknallt hatte. In ihrem aktuellen labilen Zustand hätte sie den OP-Marathon heute nicht durchgestanden. Das wusste er. Und das wusste sie auch. So schnell wie die sonst so besonnene Assistenzärztin gestern zweimal den OP verlassen hatte, weil die Patienten es nicht geschafft hatten. Selbst die Tatsache, dass sie einen Organspenderausweis besaßen, hatte sie in dem Moment nicht trösten können. Haasenzahn war eben nicht so wie er, was ja im Prinzip auch gut war, schließlich mochte er die emotionale Seite an ihr sehr. Aber sie hatte eben noch viel zu lernen in ihrem Beruf, auch wenn ihre offizielle Ausbildung zur Chirurgin in einer Woche um genau diese Zeit beendet sein würde.

Trotzdem hatte Gretchen heute Morgen alles versucht, um ihren Oberarzt noch umzustimmen, sie doch mit ins Elisabethkrankenhaus zu nehmen. Als ob er sich durch ihre heißen Küsse und ihre provozierende Sitzposition auf seinem Schoß, von der Miss Sturkopf partout nicht weichen wollte, erweichen lassen würde. Pff! Wenn sie von sich behauptete, sie sei stark, dann war er stärker. War er ja auch. Er war ja schließlich auch der Mann. Und der wusste durch intensives Studium dieses zartbesaiteten Geschöpfs ganz genau, dass man bei ihr nur die richtigen Schalter drücken musste, um letztendlich am längeren Hebel zu bleiben, welchen der Trotzkopf einem ständig entreißen möchte. Eine kleine subtile Drohung, ihrem Vater von den Vorkommnissen der letzten Tage zu berichten, und sie hatte sich schmollend mit der Schokomüslischale und ihrem Kakao auf ihr Zimmer verzogen und er hatte ohne obligatorischen Abschiedskuss zu seinem Arbeitsplatz fahren müssen. Aber dieses schmerzhafte Manko nahm er ausnahmsweise mal hin. Sollte Haasenzahn doch ruhig schmollen, bis sie blau anlief. Er hatte schon einen Plan, wie er die süße Schlumpfine wieder zu ihrer alten Stärke bringen würde, damit sie über die Angelegenheit mit dem Findelbaby schnell hinwegkam, das heute Nachmittag noch seine unvorhergesehene Stippvisite im EKH beenden würde.

Und genau diesen Masterplan ging Marc Meier gerade en detail im Kopf durch, als er plötzlich Gesellschaft im Fahrstuhl bekam, welcher gerade, von der Pathologie im Keller aus kommend, im Erdgeschoss Halt machte. Ein ebenso schelmisch über beide Backen grinsender Kollege stupste ihn zur Begrüßung spielerisch mit der Faust an der Schulter an und lehnte sich anschließend ihm gegenüber an die Spiegelwand. Grinsend nickte Marc seinem besten Freund zu, der ihn in dem Moment auf seine besonders gute Laune ansprach, die ja nicht zu übersehen war. Der Halbperser konnte sich schon denken, was der Grund dafür war, aber mal ganz subtil nachzuhaken, schadete schließlich nicht und konnte vielleicht ganz witzig werden.

Mehdi: Na, so gut gelaunt heute?
Marc (gibt sich unbeeindruckt u. schlagfertig): Dito! Dabei hätte ich nach gestern Abend gedacht, dass Gabi mindestens für die nächsten fünfzig Tage stinksauer auf dich sein würde.
Mehdi (lacht u. schwelgt in Erinnerungen): Ja, fast. Eigentlich wollte sie ja... Egal. Jedenfalls hab ich das noch einmal abwenden können.
Marc (lehnt sich grinsend mit dem Rücken an die Wand, verschränkt selbstherrlich seine Arme vor seinem Körper u. mustert sein Gegenüber anerkennend): Verstehe! Einmal an den richtigen Knöpfen gedreht, hmm? Du Hengst!
Mehdi (schweigt u. genießt): Und bei euch ist wieder alles im Lot? Ihr ward so schnell weg. Wir konnten noch gar nicht reden.
Marc (grinst wissend zurück): Als ob du auf deiner Mäuschenbesänftigungsmission noch an irgendetwas wie reden gedacht hättest.
Mehdi (kann sich das Grinsen auch nicht verdrücken): Doch! Mir ist immer wichtig, dass es euch gut geht.
Marc (verleiert die Augen): Ach, komm schon! Du hörst dich an wie unser Erziehungsberechtigter. Das haben wir gar nicht nötig.
Mehdi (setzt einen gespielt ernsten Gesichtsausdruck auf u. zwinkert frech zu ihm rüber): Nicht?
Marc (reagiert zunehmend gereizt): Alter!
Mehdi (kann nicht anders, als vergnügt zu schmunzeln, als er an den Ausgang des gestrigen Abends denkt): Dann nehme ich hiermit euer Dankeschön gerne an.
Marc (genervt von Mehdis ungewöhnlicher Überheblichkeit): Boah! Mann, ey, die Nacht muss ja der Hammer gewesen sein, wenn du heute solche Sprüche klopfst.
Mehdi (betont lässig lehnt er sich zurück u. studiert dabei die Etagenanzeige des Lifts, der gemächlich die oberen Stockwerke des EKH anvisiert): Du weißt doch, der Gentleman schweigt und genießt.
Marc (zynisch): Is auch besser so. Sonst müsste ich jetzt deine schlechtere Hälfte von der nächsten Kloschüssel wegschupsen.
Mehdi: Also, wie ist nun der Stand, was unseren kleinen Gast betrifft?

...warf der freundliche Frauenarzt als nächstes ein, um von den üblichen Meierschen Sticheleien gegen seine schwangere Freundin abzulenken, als der Fahrstuhl im 7. Stock Halt machte. Die beiden Männer stießen sich synchron mit den Händen von der Wand ab und traten aus dem Stahlgefährt. Langsam trotteten die beiden nebeneinander zur Cafeteria vor, aus welcher man schon von weitem das laute Geschnatter und das Scheppern von Besteck und Geschirr hören konnte. Kurz vorm Schichtwechsel nutzten nämlich viele noch die Gelegenheit für ein verspätetes Mittagessen. Auf der Hälfte des Weges blieb Marc dann plötzlich stehen und sah seinen besten Freund und Ratgeber in allen Lebenslagen mit ernster und leicht unsicher wirkender Miene an.

Marc: Ich glaube, es ist angekommen.
Mehdi (nickt verständnisvoll mit dem Kopf): Gut. Das ist gut.
Marc (ein bisschen Unsicherheit schwingt in seiner Stimme u. in seinem Blick noch mit): Ja!?
Mehdi (fühlt mit seinem Freund mit): Und, ist sie sehr enttäuscht?
Marc (lehnt sich mit dem Rücken gegen eine der Marmorsäulen in einer Seitennische des langen Krankenhausflurs u. holt tief Luft): Naja, du kennst sie ja. Obwohl, sie hat weniger geflennt als befürchtet. Es ist nicht die reine Enttäuschung, sondern vielmehr eine tiefe Traurigkeit in ihren Augen, die sie nicht zeigen will, weil sie tapfer sein will, und naja, große Ernüchterung. Wir wissen ja alle nicht, was passieren wird, nachdem er uns verlassen hat.
Mehdi (fährt sich mit einem Finger über eine Stirnfalte, die sich gebildet hat): Aber Frau Klein vom Jugendamt holt ihn schon heute ab?
Marc (verhehlt seine gemischten Gefühle nicht): Jep! Sie haben wohl schon eine Pflegefamilie gefunden, die das Windelpaket zu sich nimmt. Die holen ihn hier gleich direkt ab. Auch damit sie gleich die Ansprechpartner kennenlernen, was die weitere medizinische Betreuung betrifft, die ja erst mal vorerst in unseren Händen bleibt. Ich gebe dir Bescheid, sobald sie da sind.
Mehdi (fährt sich nachdenklich über seinen Dreiwochenbart): Oh! Das ging aber wirklich fix.
Marc (nickt u. überspielt seine eigene Sentimentalität, die ihm nicht geheuer ist): Naja, nachdem deine Suchaktion nichts gebracht hat.
Mehdi (fährt zu ihm herum u. stützt sich mit einem Arm neben ihm an der Säule ab): Ich würde nicht behaupten, dass sie nichts gebracht hat. Schließlich gibt es jetzt diesen einen Hinweis auf diese junge Frau, die sich dort in der Aufnahmestelle vor knapp drei Wochen ziemlich sonderbar verhalten hat. Sie passt ins Profil, sagen die Experten.
Marc (bleibt skeptisch): Naja, das heißt ja nicht, dass sie es unbedingt sein muss. Oder was denkst du, wie viele schwangere Frauen da in den Assiwohnungen hausen und irgendwann von einen Tag auf den anderen abgeschoben werden oder sich von sich aus ins Nirgendwo absetzen, weil sie untertauchen müssen, was weiß ich?
Mehdi (kämpft energisch für seine Verdacht): Aber sie wusste von meiner Ansprechpartnerin im Kiez, wo sie unkompliziert Hilfe finden kann, wenn es soweit ist.
Marc (hebt schwerfällig die Arme u. wedelt damit vor Mehdis Nase kurz in der Luft herum): Du siehst ja, was es gebracht hat. Es gleich auszusetzen, hat sie bestimmt nicht damit gemeint.
Mehdi (seufzt resignierend auf, aber hält an seinem guter Riecher fest): Nein, das natürlich nicht. Aber es zeigt doch, dass sie sich etwas Besseres für ihren Jungen gewünscht hat. Ein Krankenhaus ist immer noch besser als irgendein öffentlicher Ort oder schlimmer noch. Du kennst doch die Nachrichten, die manchmal in der Zeitung stehen.
Marc: Das interpretieren wir jetzt da rein, weil wir in den vergangenen Tagen eine Beziehung zu dem Stöpsel aufgebaut haben. Eigentlich wissen wir gar nichts. Weder wer sie wirklich war und wo sie hin ist, noch ob sie jemals zurückkommt, geschweige denn ob sie ihn wiederhaben will. Da sie nicht mal einen Zettel oder sonst was in dem Körbchen dagelassen hat, tippe ich eher auf nicht.
Mehdi (will die Hoffnung nicht aufgeben, weil er immer an das Gute im Menschen glaubt): Aber die Kommissarin Böhme hat ein Amtshilfegesuch erwirkt.
Marc (setzt seinen belehrenden Oberarztblick auf): Seien wir doch mal ehrlich, Mehdi, was soll das noch bringen? Die kommen und gehen wie Fliegenschwärme, nicht einmal die Hälfte von denen, die es bis hierher schaffen, wird irgendwo registriert. In einer anonymen Großstadt wie Berlin fällt man nicht auf. Und die meisten sind sich selbst die Nächsten. Ich bin da nicht sehr optimistisch, ob die in Rumänien fündig werden, falls sie wirklich dahin zurück ist, wie die Bekannten der Bekannten deiner Ansprechpartnerin behaupten. Wenn sie’s überhaupt war. Das wissen wir nicht.
Mehdi: Aber es ist eine Spur.
Marc (zuckt unschlüssig mit den Schultern u. kramt einen Zettel aus der Kitteltasche, den er kurz überfliegt): Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls, egal, was da rauskommt, er kommt so oder so erst einmal in die Obhut einer Pflegefamilie. Wir können da nicht viel machen. Wir haben alles gegeben, was wir konnten.
Mehdi (guckt verwundert auf den Zettel in Marcs Händen, den dieser schnell wieder einsteckt): Weiß Gretchen Bescheid, dass er heute abgeholt wird? Wo steckt sie eigentlich? Ich hab sie heute noch gar nicht gesehen. Will sie bei deinem großen Auftritt nicht dabei sein?
Marc (seine Geduldskurve fällt abrupt ins Bodenlose): Pff! Großer Auftritt. Scheiß drauf! Wenn es nach mir ginge, hätte Franz dieses bescheuerte monatliche Familientreffen, auf das wirklich keiner Bock hat, ruhig auf nach seiner Rückkehr verschieben können. Das ist doch reine Schikane von ihm. Der denkt, ich merke es nicht, aber der testet mich, wo er nur kann. Als wäre ich ein Anfänger. Und Gretchen, die hat der freundliche Herr Doktor heute freigestellt. Sonst dreht sie noch komplett am Rad und wir können die Flure bald als Wasserbahnen für unsere Patienten anpreisen. Heute ist einfach kein guter Tag für sie. Erst die Organentnahmen, was echt kein Zuckerschlecken ist, und dann wird auch noch Anton abgeholt. Die letzten Tage wollte sie ihn noch verzweifelt zu uns nehmen.
Mehdi (stimmt seinem mitfühlenden Freund lächelnd zu): Nett von dir.
Marc (wiegelt mit einer lockeren Geste ab): Naja, du hättest dir mal anhören müssen, wie sie sich gegen den einen freien Tag heute gewehrt hat. Und dabei liegt sie mir doch ständig in den Ohren, sie würde als Assistenzärztin zu wenig Urlaubstage haben. Weiber! Denen kann man nie was recht machen. Aber weißt du was. Da stehe ich drüber. Die wird heute Abend aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.
Mehdi: Was hast du vor, Marc?

Neugierig geworden, spitzte Dr. Kaan seine Ohren und lehnte sich noch ein Stückchen näher an seinen besten Freund heran. Dieser setzte ein verräterisches schelmisches Gesicht auf, als er ihn in seine Wochenenderholungspläne für gestresste Freundinnen und babyverrückte Facharztanwärterinnen einweihen wollte. Aber die Antwort blieb dem listigen Chirurgen noch im Halse stecken. Denn in genau dem Moment, als Marc sein freches Mundwerk aufklappte, trat ein bekannter Blondschopf aus dem Fahrstuhl und kam wie selbstverständlich mit einem strahlenden Gretchen-Lächeln auf ihn und Mehdi zugelaufen.

Gretchen: Marc!
Marc (seine Halsschlagader schwillt in Sekundenschnelle beträchtlich an u. sein rechtes Auge beginnt, nervös zu zucken): Das glaub ich jetzt nicht.
Mehdi (reicht seiner besten Freundin die Hand, um sie freundlich zu begrüßen): Hallo Gretchen!
Gretchen (greift gleich nach der ganzen Hand, mit der sie ihren besten Freund zu sich heran zieht, um ihn liebevoll zur Begrüßung zu umarmen): Hallo Mehdi! Na!

Als Gretchen als nächstes auch ihren Marcischnuckiputzi gebührend mit einer innigen Umarmung begrüßen wollte, packte der sie mit beiden Händen an den Schultern und schob sie unsanft von sich weg. Dann plusterte er sich regelrecht vor der Dame im rosa Mantel auf und stellte die freigestellte Assistenzärztin erbost zur Rede.

Marc: Na? Sag mal, hast du den Arsch offen? Was ist daran nicht zu verstehen, dass ich dich heute hier auf Station nicht sehen möchte?
Gretchen (tut ganz unschuldig u. klimpert verdächtig mit ihren langen Wimpern, um ihren Grummel zu bezirzen): Erstens, bin ich gar nicht auf Station. Und zweitens, guck! Ich hab im Gegensatz zu den wartenden Kollegen in der Cafeteria keinen Kittel an.
Marc (verschränkt bockig die Arme): Das war nicht meine Frage, Haasenzahn.
Gretchen (zieht seine Arme wieder auseinander u. kuschelt sich selbstbewusst in selbige hinein, was er nur widerwillig zulässt): Mein lieber Marc, denkst du nicht, ich würde gerne dabei sein, wenn du unsere große „Familie“ über die neusten Neuigkeiten informierst? Du kannst mir nicht vorwerfen, dass ich mich für dich interessiere. Außerdem musste ich zuhause mal raus an die frische Luft. Mein Spaziergang hat mich eben hierher geführt. Also zwei Fliegen mit einer Klappe.
Marc (stöhnt entnervt auf u. lässt seine Arme tiefer sinken, sodass seine Hände nun direkt über ihrem Po liegen, den diese umschmeicheln): Boah, du hast vielleicht Nerven. Wenn’s nach mir ginge, könnten wir die Scheiße hier auch gerne ausfallen lassen.

Cedric: Meine Rede! Nur weil du dich hier künstlich aufspielen darfst, wird deine Kompetenz auch nicht größer.

Wie aus dem Nichts war plötzlich Dr. Stier neben seinen drei Kollegen aufgetaucht, nickte diesen kurz hämisch grinsend zu und schlenderte dann lässig, als wäre nichts gewesen, inmitten anderer Klinikmitarbeiter weiter zum Eingang der Cafeteria. Marc, der durch das Auftauchen seines verhassten ehemaligen Kommilitonen aus dem Konzept gebracht worden war, blickte diesem finster hinterher.

Marc: Ach, halt doch die Fresse, Stier! Du bist doch bloß neidisch, weil deine Karriereleiter im Gegensatz zu meiner keine Sprossen mehr hat. ... Arschloch!
Gretchen (rückt Marcs Kittelkragen zurecht u. streicht ihm beruhigend über den angespannten Brustkorb): Marc, das wäre sicherlich nicht in Papas Interesse, wenn du unser Beisammensein ausfallen lässt, nur weil es dir lästig ist.
Marc (schmollt immer noch): Pff! Das ist doch reine Schikane von ihm.
Mehdi (stellt sich auf Gretchens Seite): Ach Quatsch, das Treffen findet doch jedes Mal gegen Monatsende statt. Das ist Tradition. Ich kenn das gar nicht anders.
Gretchen (lächelt Mehdi an u. belehrt Marc auf charmante Gretchen-Art): Genau! Das unterscheidet uns doch von den anderen Kliniken, wo stoisch ein Patient nach dem anderen abgefertigt wird und keiner den anderen wirklich kennt, mit dem man zusammenarbeitet. Wir sind eine Familie und das leben wir auch so. Das ist Papas Leitspruch, seit er diesen Job vor vielen, vielen Jahren übernommen hat. Es festigt das Miteinander und den Respekt und das gegenseitige Vertrauen. Psychologische Studien haben bewiesen, dass ein freundlicheres Arbeitsumfeld, in dem ein jeder respektvoll mit dem anderen umgeht, gut für das Betriebsklima und auch für den Umgang mit den Patienten ist, die diese Symbiose spüren können, was wiederum den Heilungsprozess nachweislich beschleunigen kann.
Marc (genervt von dieser Verschwörung gegen ihn): Ach was interessiert mich das Gefasel von irgendwelchen Möchtegernärzten im Psychomantel? Aber wenn’s euch so wichtig ist, bitte, dann macht es doch selber. Da ist die Tür.
Gretchen (hält ihm den Spiegel vor): Du bist der Boss.
Mehdi (grinst amüsiert): Das wolltest du doch immer sein, nicht, Marc?
Marc (eingeschnappt): Na toll, jetzt legt ihr auch noch jedes Wort, das ich einmal ausgespuckt habe, auf die Goldwaage. Vielen Dank aber auch.
Gretchen (zieht ihn auf): Sag mal, bist du etwa nervös?
Marc: Pass bloß auf, du, duuu!

Dr. Meier wedelte bedrohlich mit seinem Zeigefinger vor den beiden Grinsegesichtern herum, die ihm mit ihrer anmaßenden Besserwisserei furchtbar auf die Nerven gingen, entschied sich dann jedoch dafür, den verpassten Kuss vom Morgen von seiner frechen Freundin einzufordern, die er nun vor den ungläubigen Augen seines Kumpels stürmisch niederknutschte, als ihn plötzlich eine wütende Stimme aus dem Hintergrund bei diesem sehr süßen Vergnügen unterbrach. Die forsche Oberschwester stand nämlich in der Tür zur Cafeteria und hatte einen Blick aufgesetzt, der definitiv töten konnte, wenn man als Arzt nicht aufpasste.

Stefanie: DOKTOR MEIER? Ey, die Leute warten! Ja, ich kann meinem Team nicht den ganzen Tag freigeben. Wie lang lässt Herr Doktor denn noch auf sich warten, hä?

Marc: Boah, die blöde Trulla hat mir gerade noch gefehlt. Seht ihr, genau deswegen sind Termine wie diese hier echt für’n Arsch.

...grummelte Dr. Meier nicht gerade leise vor sich hin, als er sich schweren Herzens von seiner Liebsten löste und Mehdi aus dem Weg schupste, und marschierte dann, mit Ameisenblick bewaffnet, auf die grimmige Oberschwester zu, die nicht finsterer hätte dreinblicken können, als er sich unsanft an ihr vorbei in die Cafeteria schob. Gretchen, die noch etwas benebelt von Marcs Kuss war, blickte ihm irritiert hinterher und dann Mehdi an. Der Halbperser schaute ebenso verdutzt zurück. Man verständigte sich ohne große Worte und eilte dem Meckerkönig und stellvertretenden Leiter des Elisabethkrankenhauses schnell hinterher. Da alle Tische in der Kantine bereits besetzt waren, blieben die beiden Nachzügler im Hintergrund in der Nähe des Schokoriegelregals stehen. Aber Marcs Freundin hatte auch so einen guten Blick auf ihren heißgeliebten Oberarzt, der sich noch kurz mit seinem Kollegen Dr. Rössel und der Oberschwester absprach, die sich mittlerweile ebenfalls wieder beruhigt hatte. Während sie auf den Beginn der Ansprache von Dr. Meier warteten, stupste Mehdi seine beste Freundin verspielt mit der Schulter an. Diese lächelte fröhlich zurück. Ja, sie fühlte sich gut. Besser als gedacht, nachdem sie sich endlich mit Marc ausgesprochen hatte, auch wenn sie immer noch traurig war, sich bald von ihrem Schützling Anton verabschieden zu müssen, den sie so gerne bei sich behalten hätte. Aber mittlerweile war selbst ihr klar, dass das nicht ging. Marc hatte Recht und sie würde sich schon damit abfinden können. Hauptsache der kleine Schatz fand eine tolle Familie, die sich gut um ihn kümmern würde.

Mehdi: Und ihr habt wirklich alles geklärt? Keine Missverständnisse und nichts Unausgesprochenes mehr, auf das ich mich einstellen muss?
Gretchen (nickt ihrem besten Freund u. Ratgeber in allen Lebenslagen erleichtert zu): Alles prima, ja. Mehdi, was ich noch sagen wollte. Ich wollte mich für gestern entschuldigen. Ich weiß selbst nicht mehr, was da mit mir los war.
Mehdi (tut gespielt unwissend): Gestern? War da was?
Gretchen (lacht gelöst auf u. schmiegt sich zufrieden seitlich an ihn): Danke. Ich sag das viel zu selten, aber du bist uns wirklich ein richtig, richtig toller Freund.
Mehdi (fühlt sich geschmeichelt u. lächelt zurück): Gern geschehen. Das gilt andersherum schließlich auch. Und ihr könnt wirklich immer zu uns kommen. Egal, was ist. Obwohl, eine kleine Vorwarnung kurz vorher wäre vielleicht nicht schlecht. Lilly hat gedacht, sie hätte nur geträumt, dass du gestern Abend bei ihr im Zimmer warst.
Gretchen (bekommt augenblicklich ein furchtbar schlechtes Gewissen): Gibst du ihr einen Kuss von mir?
Mehdi (zwinkert ihr zu): Gerne. Aber sie besteht darauf, dass ihr sie schnell wieder besucht, dann kann sie wieder mit Marc Gitarre spielen. Damit liegt sie mir schon ewig in den Ohren.
Gretchen (nickt zustimmend mit dem Kopf): Auf jeden Fall. Ich will das auch nicht missen. Die Zwei sind schließlich so süß zusammen. War Gabi eigentlich sehr sauer, als wir gestern unangemeldet bei euch aufgeschlagen sind? Ich weiß, sie ist schwanger und da kochen die Hormone gerne mal hoch. Also wir wollten da wirklich nicht in irgendwas hineinplatzen. Wir haben beide nicht nachgedacht.
Mehdi (wiegelt mit einem ansteckenden Lächeln ab): Tja, wie gut, dass ich von Berufswegen weiß, wie man mit solchen Situationen geschickt umgeht.
Gretchen (stimmt in sein ansteckendes Lachen mit ein u. stupst ihn spielerisch in die Seite): Stimmt! ... (horcht plötzlich auf, als ein Handy klingelt) ... Huch! Ist das meins oder deins?
Mehdi (wühlt hektisch in seinen Kitteltaschen auf der Suche nach seinem Telefon): Warte! Könnte meins sein. Lilly wollte anrufen, wie die Mathearbeit war. ... (schaut aufs schwarze Display, als er es gefunden hat u. schüttelt den Kopf) ... Nein, muss deins sein!
Gretchen (kramt in ihrer Tasche u. wird nicht gleich fündig, sodass sie den halben Inhalt ihrer rosa Stoffhandtasche unter den ungläubigen Blicken der Kantinenfrauen auf dem Essensausgabetresen ausbreiten muss): Oh! ... Entschuldige! ... Ja? Haase, Dr. Gretchen Haase. Hallo? ... Oh! Papa! Schön von dir zu hören. Wie spät ist es denn gerade bei euch? Frühstückt ihr gerade? Wolltet ihr heute nicht die Sightseeingtour in die Umgebung mit Oli machen? Wie geht’s ihm eigentlich? Hat er noch Beschwerden? Und was macht Mama? Ist sie bei dir? Grüßt du sie bitte von mir! ... Was...? ... (glaubt sich verhört zu haben u. zieht sich etwas in den Hintergrund zurück, um nicht zu laut zu werden) ... Papa, das ist nicht dein Ernst? ... Nein, ich mach das nicht.

...bockte Franz Tochter ungehalten in ihr Mobiltelefon und blickte kopfschüttelnd zu Mehdi, der das Telefongespräch seiner besten Freundin irritiert verfolgt hatte und sie nun fragend ansah, weil er gleich gemerkt hatte, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie verdrehte nur die Augen und machte eine „Verrückt“-Geste mit ihrer freien Hand, ehe sie ihre Sachen vom Tresen wieder in ihre Handtasche räumte und gleichzeitig ihrem Vater wieder lauschte, der sich von seinem Vorhaben nicht abbringen ließ, zu dem er Gretchen gerade überreden wollte.

Gretchen: Papa, wenn Marc das mitkriegt, dann... Aber du kannst ihn doch nicht... Papa, nur weil du gerade in den USA bist und weit weg von deinen Schalthebeln hier in der Klinik, heißt das nicht, dass du gleich zur Dauerüberwachung übergehen musst. Wir sind hier doch nicht bei der NSA. ... Sehr witzig! Ich finde das überhaupt nicht lustig. Anstatt ihn ständig zu kontrollieren und zu überprüfen, ob hier in deinem Familienunternehmen alles seinen geordneten Gang läuft, solltest du ihm ruhig mal vertrauen. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass er dich vertritt. ... Ja, aber das... das waren Dinge, die nicht vorhersehbar waren und selbst die hat er hervorragend bewältigt. Wenn du mir nicht glaubst, ich kann dir gerne einen der Kollegen ans Telefon holen, der dir das bestätigt. ... Ja, sind wir. Und... (abgelenkt schaut sie von ihrem Telefon auf u. bemerkt das Raunen der anwesenden Kollegen, die nach vorn zu Marc schauen) ... Warte, ich glaube, es geht los. Ich muss aufle... (ihr Gesprächspartner lässt sie nicht zu Wort kommen) ... Okay, ja, ich mach’s. Aber nur damit du’s weißt, ich finde das nicht ok. Und ich werde es Marc sagen. Papperlapapp!

Mit ordentlich Wut im Bauch blickte Gretchen kurz in Richtung Fensterfront, vor der sich Marc gerade vor seinem mehr oder weniger interessierten Publikum redebereit aufgebaut hatte, und dann zu Mehdi, der eine Augenbraue fragend nach oben wandern ließ. Seufzend und überfordert mit der Technik ihres Mobiltelefons fuhr sie mit dem Telefongespräch fort, ohne zu merken, wie sich jemand heimlich von hinten an sie heranschlich und ihr plötzlich mit den Fingern in die Seiten piekste, ehe er sich der erschrocken zusammenzuckenden Frau frech grinsend offenbarte.

Gretchen: Papa, ich muss nur kurz die Einstellung finden, wo ich die Kamera... Ey, was zum...
Jochen (lacht sich schlapp über seine gelungene Attacke): Na Schwesterherz, was geht ab? Läuft’s bei dir? Sieht nicht so aus.
Gretchen (könnte ihn gerade mit Blicken töten): Mann Jochen, du Blödi. Das ist echt nicht witzig.
Jochen (nickt Dr. Kaan zur Begrüßung kurz zu u. stibitzt dann seiner Schwester das Telefon aus der Hand, an dem sie bis eben verzweifelt herumgedallt hat): Doch ist es. Du bist echt zu blöd, um eine Sms einzutippen.
Gretchen (versucht ihm eingeschnappt das Telefon wieder zu entreißen, aber er hält es hoch): Gar nicht! Ich soll für Papa filmen.
Jochen: Für Papa, ja, klar! Dass deinem Macker deine Anhimmelei nicht langsam lästig wird?

Mit nur einem einzigen Handgriff hatte der technikversierte Krankenpfleger die Kamera eingestellt und seiner ungläubig dreinblickenden Schwester triumphierend zugezwinkert, ehe er ihr das Smartphone wieder in ihre Hände drückte, die ihm für seinen frechen Spruch am liebsten eine runtergehauen hätte. Und als wäre nichts gewesen, war Jochen im nächsten Moment auch schon in der Menge an Weißkittelträgern untergetaucht, unter denen er seine Freundin an einem Tisch sitzend entdeckt hatte. Mit wütenden Blicken funkelte Gretchen ihrem unmöglichen Bruder hinterher, bis er verschwunden war, und guckte anschließend auf den kleinen Bildschirm in ihren Händen, in dessen Mitte ein sehr attraktiver Arzt zu erkennen war, der ernst und auch ein bisschen leidend in sein Publikum blickte.

Gretchen: So ein Idiot!
Mehdi: Alles okay?
Gretchen (meckert still vor sich hin u. bewirkt damit, dass sich der eine oder andere Kollege irritiert zu ihr umdreht): Nichts ist okay, Mehdi. Ich sehe aus wie ein verrückter Groupie, der sein Idol filmt.
Mehdi (schmunzelt u. nickt den Kollegen zu, die sich daraufhin wieder nach vorn umdrehen): Dann sieh es doch mal so, wer von dir oder deinem Vater ist dann der größere Groupie, hmm?
Gretchen (lacht): Das verrate ich dann Marc, wenn er mitkriegt, dass Papa alles mitverfolgt hat. ... Hörst du, Papa?
Mehdi: Oh! Er guckt finster rüber. Es geht los.

Und in der Tat, Gretchen hatte sich gerade mit ihrer Smartphonekamera richtig positioniert, um für ihren Vater alles live aufzuzeichnen, als Dr. Meier sich verdächtig räusperte und sich mit einem eher gezwungenen Lächeln an seine Kollegen vor sich wandte. Man merkte dem Oberarzt an, dass dies eine der weniger reizvollen Aufgaben war, die er als offizielle Vertretung von Prof. Haase zu erfüllen hatte. Aber Haasenzahn schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln. Also war die peinliche Situation wenigstens halbwegs zu ertragen.

Marc: Lie... ääähhh... Kollegen, tja, wie ihr seht, ist es mal wieder soweit. Ein Monat ist wieder rum. Ein ziemlich aufreibender Monat muss man dazu sagen, in dem so einiges passiert ist. Aber nicht, dass ihr jetzt denkt, huch, der Professor ist auf Dienstreise und der Meier greift sich gleich das Zepter. Nein, so ist es nicht. Ich stehe hier lediglich als Stellvertreter unseres sehr geschätzten Prof. Haase und habe auf seine Bitte hin unser monatliches Beisammensein bei Käsekuchen und alkoholfreien Sekt natürlich gerne für ihn übernommen. Ich will euch auch nicht allzu viel von eurer kostbaren Zeit stehlen. Schließlich ist das hier immer noch ein Krankenhaus und da kann man sich keine langen Pausen erlauben. Wir stehen hier alle auf Abruf. Also will ich auch nur zügig die einzelnen Programmpunkte durchgehen, die Franz, äh... der Professor, mir aufgetragen hat.
Beginnen wir mit der Erweiterung der chirurgischen Abteilungen, die euch sicherlich nicht entgangen sein wird. Letzte Woche haben die Bauarbeiten am Ostflügel begonnen, die leider nicht ganz so problemfrei gestartet sind wie auf dem Reißbrett geplant. Ich musste das am eigenen Leib erfahren, als der Fahrstuhl für Stunden seinen Dienst aufgegeben hat. Ebenso wie die Stromversorgung. Das ist natürlich eine leidliche Angelegenheit gewesen, die fatal hätte ausgehen können und die wir daher so nicht hinnehmen konnten. Aber die Baufirma und die Stadt Berlin haben sich entschuldigt. Die Entschädigungsverhandlungen sind im Gange. Und in der Klinik läuft alles wieder seinen geordneten Gang. Und ein Gutes hatte der kurzzeitige Stromausfall auch. Wir konnten auf diese ungeplante Weise die Schwachstellen im EKH sondieren und auch gleich erfolgreich beheben. Die fehlerhaften Notstromaggregate sind ausgetauscht worden. Und wir sind für den Fall der Fälle, dass wieder einmal etwas Unvorhergesehenes passieren sollte, nun gut vorbereitet. Also müsst ihr euch noch nicht so schnell wieder auf eine Übung einstellen.

Marc wartete den Applaus ab, der eingesetzt hatte, um kurz Luft zu holen und seinen Notizzettel zu studieren. Und nach einem vergewissernden Blick zu Gretchen, die seltsamerweise ihr Smartphone auf ihn gerichtet hatte und dieses schnell herunter sinken ließ, als sie seine fragenden Blicke bemerkte, setzte er seine Ansprache mit derselben Konzentration fort, wie er sie begonnen hatte.

Marc: Zum nächsten Punkt, dem Krankenstand hier im Haus. Auch wenn es an der einen oder anderen Stelle noch Defizite gibt, so sind wir doch gut durch die Grippesaison gekommen. Die Überstunden konnten auf ein Minimum reduziert werden und dank der Neueinstellungen im nächsten Monat können die auch weiterhin kompensiert werden, sodass niemand Nachteile haben wird. Wir sind an allen Ecken und Kanten gut aufgestellt, auch wenn unser Kapitän gerade im Außeneinsatz in den Staaten weilt. Ich will euch nicht mit medizinischen Details langweilen, aber da der eine oder andere von euch nachgehakt hat, kann ich euch dazu zumindest soviel berichten, dass es den ehemaligen siamesischen Zwillingen den Umständen entsprechend gut geht. Sie sind auf einem guten Weg, auch wenn der immer noch ziemlich langwierig und beschwerlich sein wird. Und ich möchte mich an der Stelle auch noch einmal bei Prof. Meier und Prof. Haase dafür bedanken, dass wir unseren Nachwuchskräften eine wirklich ungewöhnliche und hoffentlich auch unvergessliche Lehrstunde geben konnten, die auch wir routinierten Mediziner nur sehr selten zu Gesicht bekommen, wenn überhaupt jemals. Das war ein großes Glück für uns. Wie auch der nächste Fall.
Ein weiterer Punkt auf meiner Liste interessiert euch alle sicherlich am meisten. Am vergangenen Montag wurde, wie ihr wisst, vor dem Hintereingang des EKH ein etwa eine Woche altes Neugeborenes gefunden. Die meisten von euch haben den Jungen bestimmt schon auf der Säuglingsstation besucht. Ich kann euch gute Neuigkeiten berichten. Er ist über den Berg. Eigentlich bestand ja nie Lebensgefahr, aber bei so kleinen Patienten gelten nun mal andere Maßstäbe. Anton, so wie er von den Schwestern getauft wurde, geht es gut und er kann heute noch entlassen werden.

Ein Raunen ging durch den Saal, welches von einem ungewöhnlich unsicheren Blick des Chirurgen begleitet wurde. „Heute?“ Auch Gretchen blickte überrascht von Marc zu Mehdi, der ihr bestätigend zunickte und ihr zum Trost einmal liebvoll über den Arm strich. So professionell wie möglich setzte Dr. Meier seine Rede fort, nachdem sich die Unruhe wieder etwas gelegt hatte.

Marc: Dr. Wischnowski und Dr. Kaan haben ihr Go geben. Und ich möchte an der Stelle dem gesamten Mitarbeiterteam im Namen der Klinikleitung meinen Dank aussprechen. Euer Bemühen ist beispielhaft. Danke. Ganz besonders gilt dieser Dank auch unserer sehr geschätzten Oberschwester Stefanie Brinkmann und ihren Lernschwestern, die für unseren kleinen Gast eine Spendensammlung organisiert haben. Die Summe beträgt mittlerweile über dreitausend Euro und wächst auch dank der medialen Berichterstattung stündlich an. Das Geld sowie die hier eingetroffenen Sachspenden werden natürlich dem Jungen überlassen. Das ist natürlich klar. Außerdem wird das Elisabethkrankenhaus als offizieller Pate des Kleinen einen Ausbildungsfond für ihn anlegen. Das ist sowohl mit dem Professor und der Verwaltung unseres Hauses als auch mit den Behörden abgesprochen worden, die sich ihrerseits auch für unser Engagement bedanken. Ihr wollt sicherlich wissen, wie es nun mit Anton weitergeht. Ich kann nur so viel sagen. Die polizeilichen Ermittlungen laufen noch. Der Junge wird heute vom Jugendamt abgeholt, das ihn in eine liebevolle Pflegefamilie in Obhut geben wird, solange der Sachverhalt nicht gänzlich geklärt ist, also, was nun mit der leiblichen Mutter ist. Das ist mein aktueller Wissensstand. Aber sobald wir mehr wissen, teilen wir euch das natürlich auch hier an der Stelle mit. Schließlich sind wir alle, wie der Professor immer gerne zu betonen mag, eine große Familie und achten auf das Wohl unserer uns anvertrauten Schützlinge.

Erneut setzte Applaus unter seiner Zuhörerschaft ein und verunsicherte Marc für eine klitzekleine Sekunde. Er blickte in die hinteren Reihen, wo er Gretchen neben Mehdi entdeckte. Ihr Gesicht sprach Bände und er hätte ihr jetzt gerne beigestanden und sie in den Arm genommen. Fragend blickte sie in seine Richtung. Er nickte lächelnd. Sie lächelte zurück und drückte Mehdi daraufhin etwas in die Hand und verließ im Anschluss die Mitarbeiterversammlung. Sicherlich weil sie sich auf den Weg zu Anton machen wollte, um sich zu verabschieden. Marc räusperte sich und wollte seine Rede nun zu einem Ende bringen, damit er Gretchen schnell folgen konnte.

Marc: Gut, ähm... das wären jetzt eigentlich die wichtigsten Punkte gewesen. Falls noch etwas sein sollte, meine Tür steht immer für Fragen und Anmerkungen offen. Ende nächster Woche ist der Professor dann auch wieder mit an Bord. Und noch ein Hinweis für die Abschlussprüfungen der angehenden Chirurgen, die am nächsten Freitag beginnen werden, die Zettel mit den genauen Terminen hängen seit gestern am schwarzen Brett aus. Ich bitte euch, euch etwa eine Stunde vor eurem Termin vor den Prüfungszimmern einzufinden. Danke. Und bevor wir uns jetzt auf unsere Getränke stürzen und uns danach wieder an die Arbeit machen, würde ich jetzt noch schnell das Wort an Dr. Gummersbach übergeben. Der Flitterwochenrückkehrer und seine Frau wollten euch noch etwas sagen. ... Wo ist er denn? ... (suchend schaut er sich in der Menge um, die es ihm nachmacht, aber von dem frisch gebackenen Ehepaar ist keine Spur) ... Ja, ähm...keine Ahnung, wo der jetzt steckt. Ich hoffe mal, ihm ist keine Leiche davon gelaufen.

Nach diesem Meierschen Witz zum Abschluss ging ein ansteckendes Lachen durch den Raum, ehe auch schon die ersten Gläser geschwungen wurden und die Gespräche wieder einsetzten. Dr. Meier verabschiedete sich kopfnickend von seinem Podest und schob die Oberschwester an seinen Platz, die ihm daraufhin irritiert hinterherblickte.

Marc: Schwester Stefanie, ich habe gehört, Sie haben ebenfalls geheiratet? Glückwunsch! Dann können Sie und der Fuchs ja den Part von den Gummersbachs übernehmen. Cheers!
Stefanie: Also, jetzt erlauben Sie mal! Erstens heißt das Oberschwester und nicht... Dr. Meier?

Aber der frech grinsende Oberarzt hatte sich schon eins der Sektgläser geschnappt, die herumgereicht wurden, und hatte sich zu seinem Kumpel am Ausgang begeben, der ihm für die gelungene Rede anerkennend auf die Schulter klopfte.

Marc: Ist sie runtergegangen?
Mehdi: Sie will sich verabschieden. Sie war ziemlich durcheinander, weil sie ganz vergessen hat, dass der Termin heute schon ist.
Marc (murmelt gedankenvoll vor sich hin): Scheiße.
Mehdi (will ihm Mut machen): Hey, wir machen das Richtige.
Marc: Das heißt ja nicht, dass es sich auch richtig anfühlen muss.

Nachdenklich hob Marc sein Glas und führte es an seinen Mund, als plötzlich sein Handy in seiner Kitteltasche zu klingeln begann. Er drückte Mehdi sein leeres Glas in die Hand und hielt sich im nächsten Moment das Telefon ans Ohr. Mehdi, der ebenfalls am alkoholfreien Sekt nippte, hörte aufmerksam mit. Schnell hatte Marc wieder aufgelegt und blickte seinen Freund und Kollegen nun angespannt an.

Marc: Es ist soweit. Die Tante vom Jugendamt ist da. Wir treffen uns bei mir im Büro.
Mehdi (stellt die beiden Gläser auf dem Essensausgabetresen ab u. nickt Marc zu, ehe er zu seinem eigenen Telefon greift): Ich sag schnell auf der Gyn Bescheid, dass solange jemand für mich übernimmt.
Marc (macht sich mit gemischten Gefühlen mit Mehdi auf den Weg): Danke, Mann! Dann bringen wir es mal über die Bühne.

Lorelei Offline

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24.12.2014 11:01
#1510 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Einige Minuten später saßen die beiden befreundeten Oberärzte zusammen mit der wortgewandten Frau vom Jugendamt und ihrer schweigsamen jüngeren Assistentin bei einer Tasse Kaffee in der kleinen Sitzecke im Büro von Dr. Meier und sprachen die letzten Formalitäten durch, welche die Übergabe des Findelkinds an die Behörden betrafen.

Marc: Gut, dann... meinerseits wäre das dann jetzt alles, Frau Klein. Die Entlassungspapiere sowie alle ärztlichen Unterlagen, inklusive Vorsorgeuntersuchungen, sind im Umschlag. Alles Weitere wird dann über Dr. Wischnowski, unseren Kinderarzt, laufen. Leider lässt der sich heute entschuldigen, weil er einen Außentermin hat, aber die Folgeuntersuchungen laufen dann wie gehabt über ihn in der Kinderstation. Hast du noch was, Mehdi?
Mehdi (stimmt seinem Kollegen kopfnickend zu): Nein, alles abgehakt, denke ich.
Marc (überreicht der Frau vom Amt die Unterlagen): Gut!

Mit leichtem Unbehagen blickte der stellvertretende Klinikleiter von seinem ermunternd lächelnden Kollegen wieder auf die kleine zierliche Frau mittleren Alters ihm gegenüber, die ihrem Nachnamen alle Ehre machte. Sie schien fast einem Puppenhaus entsprungen, auch dank ihrer ungewöhnlich farbenfrohen Kleiderwahl, und doch zeugte sie von einer Energie wie tausend Kraftwerke zusammen. Aber das brauchte man wohl auch bei diesem Job.

Klein: Dr. Kaan, Dr. Meier, ich danke Ihnen von ganzem, ganzem Herzen. Ich kann Ihnen sagen, so unkompliziert wie in diesem Fall läuft es nicht immer ab. Was wir schon alles erlebt haben! Erst letzte Woche hatten wir...

...setzte Frau Klein zu einem quälendlangen Monolog über ihren beruflichen Alltag und dessen schwierigen Herausforderungen an, der Mehdi und Marc quasi synchron die Augen verdrehen ließ, als sie sich kurz perplex anschauten und sich wortlos darüber verständigten, dass der ihnen innewohnende Anstand es leider nicht anders zuließ, als weiterhin der penetranten Quakstimme der engagierten Jugendamtsmitarbeiterin zu folgen, auch wenn Marc schon nach ihren ersten Worten aus einem angeborenen Reflex heraus seine Ohren abgeschaltet hatte. Deshalb war es für die beiden sich blind verstehenden Freunde auch eine sehr willkommene Abwechslung, als plötzlich unvermittelt die Tür aufgerissen wurde und Dr. Gretchen Haase ungehalten in das Büro hereinstürzte und damit der zwanglosen Unterhaltung ein abruptes Ende setzte. Vier verwirrte Augenpaare richteten sich auf die aufgeregte junge Frau im rosa Mantel, die erst vor dem Schreibtisch zum Halten gekommen war und sofort rot anlief, als sie bemerkte, dass sie offensichtlich gestört hatte. Doch im Gegensatz zu ihr blieb ihr direkter Vorgesetzter die Ruhe in Person. Er war schließlich abgehärtet, was sonderbare Haassche Auftritte betraf. Marc stand in einer einzigen geschwungenen Bewegung von seinem Platz auf und ging mit den fragenden Blicken der anderen im Rücken mit einem spitzbübischen Lächeln auf seine hektische Freundin zu, der er schon am Gesicht ablesen konnte, dass etwas Unvorhergesehenes passiert sein musste, was sie in kopflose Hektik versetzt hatte. Mit ihr im Arm wandte er sich schließlich seinen Besucherinnen und Mehdi wieder zu und machte gute Miene zum bösen Spiel, wie nur Marc Meier es am besten konnte.

Marc: Frau Klein, darf ich vorstellen, Dr. Margarethe Haase, Assistenzärztin und angehende Chirurgin hier im Hause und, nebenbei bemerkt, meine ähm..., ja, Lebensgefährtin und die Tochter von Prof. Haase, dem leitenden Chefarzt. Sie war in die Betreuung unseres kleinen Gastes mit am meisten involviert. Also, falls sie noch Fragen haben? Gretchen, das ist Frau Klein und ihre rechte Hand Frau..., wie war doch gleich der Name, ah ja, Vogelgesang vom Jugendamt.
Gretchen (macht ganz große Augen, als sie begreift, in was sie da hineingeplatzt ist, u. hält sich verkrampft an Marcs Hand fest): Oh! ... Oh?
Klein (steht auf u. reicht der jungen Ärztin mit einem freundlichen Lächeln die Hand): Ach wie schön, dann lernen wir uns auch endlich kennen. Bärbel hat mir schon so viel von ihrer begabten Tochter erzählt.
Gretchen (schaut erst Marc an, der ebenso perplex mit den Schultern zuckt, u. dann die ihr unbekannte Frau in dem schrillen Kostüm, die sie mit einem kraftvollen Händedruck begrüßt): Sie kennen meine Mutter, Frau... Klein?
Klein (versinkt sofort mit verzücktem Gesicht in ihren Anekdoten): Ja, ich war damals im selben Jahrgang wie Ihre Frau Mutter an der Schwesternschule. Wir haben immer noch ab und an Kontakt, obwohl unsere Lebenswege nach unserer Ausbildung in ganz andere Richtungen gegangen sind. Ich habe schnell gemerkt, dass die Arbeit im Krankenhaus doch nichts für mich ist. Das Leid, der Schmerz, das viele Blut. Die Arbeit mit hilfsbedürftigen Kindern dagegen umso mehr. Ich leite die Außenstelle unserer Behörde in Mitte. Bärbel hat uns schon oft beim jährlichen Wohltätigkeitsbasar unterstützt. Als ich von dem Fall hier im Elisabethkrankenhaus hörte, musste ich ihn sofort übernehmen. Wie klein doch die Welt ist, nicht?
Gretchen: Ja?

Überfordert von den vielen unterschiedlichen Eindrücken, die ihr entgegengebracht wurden, hielt sich Gretchen ungewohnt bedeckt, weil es ihr eigentlich nach etwas ganz anderem drängte, als alte Geschichten über ihre Mutter zu hören, was sowohl Marc als auch Mehdi mitbekamen, die den seltsamen Gesichtsausdruck ihrer Freundin und Kollegin zu deuten versuchten, die doch sonst einem Schwätzchen nie abgeneigt war. Aber Frau Klein registrierte davon nichts. Herzlich wie sie war, schloss sie die Tochter ihrer alten Freundin sofort ins Herz und begann wieder wie ein Wasserfall auf sie einzureden, den erst Dr. Kaan mit seinem charmanten Lächeln stoppen konnte.

Klein: Wie ich sehe, liegt die Wohltätigkeit wohl in der gesamten Familie Haase. Bemerkenswert. Ich kann mich nicht oft genug dafür bedanken, wie engagiert sie sich hier alle gekümmert haben.
Gretchen (stammelt unsicher herum u. sucht verzweifelt Marcs Blick, der wiederum argwöhnisch zu Mehdi guckt, der ebenso erkannt hat, das Gretchen unbedingt etwas loswerden möchte): Ach, das... das ist doch nicht...
Mehdi: Das ist doch eine Selbstverständlichkeit, Frau Klein. Noch ein Käffchen?
Klein (begeistert von der charmanten Art des attraktiven Frauenarztes): Aber gerne doch, Herr Doktor.

Mehdi zwinkerte Gretchen zu und führte die geschwätzige Dame und ihre wortkarge Assistentin zurück zu dem kleinen Beistelltischen vor der weißen Ledersofagarnitur und schenkte sich und jeder der Frauen noch eine Tasse Kaffee nach, während Marc und seine aufgewühlte Assistenzärztin diese Gelegenheit nutzten, um sich kurz zu besprechen. So hibbelig und unruhig, wie seine Freundin vor ihm von einem Bein auf das andere wippte, war ihm gleich klar, dass da was im Busch war. Und Gretchen konnte in der Tat nicht mehr länger an sich halten und platzte damit auch sofort ungehalten heraus, während sie sich hilfesuchend an Marcs Kittel festkrallte.

Marc: Was ist los, Haasenzahn? Du zuckst rum, als hättest du Schüttellähmung. Das wirkt nicht gerade attraktiv.
Gretchen: Marc, er ist weg!
Marc (steht auf dem Schlauch): Wer?
Gretchen (schiebt ihn in die hinterste Ecke seines Zimmers, damit niemand der Anwesenden mithören kann, u. sieht ihn nachdrücklich an, damit er versteht): Maaarc!
Marc (runzelt unbehaglich mit der Stirn): Wie weg?
Gretchen: Weg weg im Sinne von nicht mehr da, verschwunden, in Luft aufgelöst.
Marc (klappt ungläubig den Mund auf): Was?
Gretchen (klärt ihren Oberarzt aufgeregt auf u. überschlägt sich dabei fast mit ihren Worten): Ich bin von der Versammlung eher weg, weil ich noch ein bisschen Zeit mit ihm verbringen wollte, aber als ich ins Säuglingszimmer kam, war sein Bettchen leer. Ich hab mir nichts dabei gedacht und bin runter in die Pädiatrie, weil ich vermutet habe, dass er noch bei seiner Abschlussuntersuchung ist. Aber die Schwestern meinten, Dr. Wischnowski hätte das schon heute Morgen gemacht. Und als ich dann wieder hoch bin, war er immer noch weg. Marc, was ist, wenn er entführt wurde?
Marc (hält sich eine Hand vor den Mund u. guckt in leichter Panik in Richtung Sitzecke, wo Mehdi die beiden Frauen erfolgreich ablenkt, die gekommen sind, um den nun verschwundenen Jungen abzuholen): Ach du Scheiße!
Gretchen (folgt seinem Blick, krallt ängstlich ihre Finger in seinen Kittel u. flüstert ihm auffordernd etwas zu): Was machen wir denn jetzt?
Marc: Ja, was fragst du mich das?

...pampte Marc Gretchen ungehalten an, weil er in seiner Überforderung nicht anders zu reagieren wusste und nicht mehr klar denken konnte, und weckte damit die Aufmerksamkeit der Jugendamtsmitarbeiterinnen, die sich fragend zu den beiden Ärzten umwandten, die heimlich miteinander tuschelten.

Klein: Alles in Ordnung, Dr. Meier?
Marc (kramt verzweifelt in seiner leeren Ausredeschublade): Jep! Alles bestens. Nur was Internes, das... Egal!
Oh Mann, wieso zum Teufel hab ich mir nur diesen Job ausgesucht? Der macht in einer Tour nur Probleme.
Klein (wendet sich wieder ihrem charmanten Gegenüber zu, der zunehmend beunruhigt zu Gretchen und Marc blickt, deren Blicke Bände sprechen): Also ich muss schon sagen, Dr. Kaan, dieser Fall hier ist wirklich sehr besonders. Eine Geschichte, die ans Herz geht und die einen nicht mehr loslässt, wenn man die Einzelheiten erst einmal kennt. Nicht wahr, Renate? Eigentlich ist es ja nicht unsere Art, so spontan und unorthodox zu handeln. Aber diese Geschichte, die...

...lullte Frau Klein und ihre ihr zustimmende Kollegin den besorgten Gynäkologen immer mehr ein, so dass weder Mehdi, noch das diskutierende Paar in der Ecke gleich bemerkten, wie sich nach einem zaghaften Klopfen langsam die Tür öffnete und jemand schüchtern im Türrahmen stehen blieb und sich verzagt im Büro von Dr. Meier umblickte.

Marc (tuschelt mit Gretchen, die vor lauter Verzweifelung den Tränen nah ist u. sich kaum noch zurückhalten kann): Okay, wir müssen jetzt einen kühlen Kopf bewahren. Haasenzahn, du schnappst dir die Säuglingsschwestern und gehst noch mal en detail die letzte halbe Stunde durch. Irgendwo muss das doch protokolliert sein. Wer alles Zugang hatte und ob von jemandem etwas Ungewöhnliches beobachtet worden ist. Niemand verschwindet hier so einfach. Der Hausmeister soll die Kamerabilder checken. Und such... Sabine?

Marc, der in Chefmanier gerade verzweifelt darum bemüht war, die außer Kontrolle geratene Situation zu retten, hatte die Person in der Tür als Erster entdeckt, gefolgt von Gretchen und Mehdi, der überrascht von seinem Platz aufschaute, als er die eingeschüchtert wirkende Frau erkannte. Erleichtert entwich Gretchens Lippen ein leiser Seufzer, bevor sich die aufgewühlte Assistenzärztin von ihrem Partner löste und auf die überrumpelte Krankenschwester losstürzte und ihr behutsam den schlafenden Säugling aus den Armen nahm, um ihn mit Glückstränen in den Augen an sich zu drücken und zu busseln und zu herzen. Sie war so froh, dass sich ihre Panik in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Sabine, ihrer Heldin, sei dank!

Gretchen: Gott sei dank, Sabine! Und ich hab schon gedacht, ich spinne.
Marc (stellt sich sichtlich gelöst neben seine zu Übertreibungen neigende Freundin u. tätschelt dem Jungen grinsend kurz die Wange, ehe er sich wieder bei Gretchen einhakt, um deren Taille er seinen Arm gelegt hat): Äh... Dazu sag ich mal nichts.
Sabine (überfordert von der seltsamen Begrüßungsstimmung schaut sie von einem Gesicht zum anderen u. versteht mal wieder nur Bahnhof): Frau Doktor?

Nun wurde auch Frau Klein vom Jugendamt auf die kleine Menschenansammlung aufmerksam, welche, wie bestellt und nicht abgeholt, in der Tür stand, und kam mit einem breiten Strahlelächeln auf sie zu. Im Hintergrund konnte man auch Dr. Gummersbach im Flur erkennen, der mit einer riesigen Tasche und einem Maxicosi bewaffnet war und etwas unschlüssig hinter seiner Ehefrau zum Stehen gekommen war, die von den Kollegen seltsam beäugt wurde.

Klein: Ah, da sind sie ja endlich!
Sabine (vergewissert sich, dass Günni noch hinter ihr steht u. guckt ihn fragend an): Ja!?
Mehdi (nähert sich ebenfalls neugierig der Gruppe): Gut, das Baby ist da. Jetzt fehlt eigentlich nur noch die Familie.
Klein (wirft dem charmanten Arzt neben sich einen irritierten Blick zu, ebenso wie ihre verdutzte Kollegin): Wieso? Da ist sie doch.
Marc (schaut verwirrt von einer Partei zur anderen): Bitte?
Mehdi (macht es Marc gleich u. runzelt die Stirn): Ich verstehe nicht ganz.
Gretchen (blickt von dem kleinen Jungen in ihren Armen auf): Ich, ehrlich gesagt, auch nicht.
Günni (stupst seine Frau auffordernd an): Bienchen?
Sabine: Ja?

...konnte die überforderte Krankenschwester nur piepsen, die es ebenso wie ihr Mann nicht mochte, im Mittelpunkt zu stehen, und fixierte mit ihren hektisch hin und her huschenden blauen Augen das Kind in Gretchens Armen, das ganz friedlich schlief und von der Aufregung um ihn herum überhaupt nichts mitbekam, und plötzlich machte es bei einem nach dem anderen langsam „klick“. Dabei hilfreich waren auch die erklärenden Worte von Frau Klein, die das offensichtlich bestehende Missverständnis auf ihre unkonventionelle Art löste, als sie Sabines Hand nahm und dankbar drückte.

Klein: Also ich kann nicht aufhören, zu betonen, wie wahnsinnig glücklich wir über dieses doch recht ungewöhnliche Arrangement sind. Wir hatten mit Bewerbungen überhaupt nicht gerechnet, doch durch die mediale Berichterstattung lag der Fokus schnell auf unserer Behörde. Eigentlich ist dies ja nicht Usus, da wir mehrere erfahrene Notfallpflegefamilien haben, die kurzfristig einspringen können, wenn Fälle wie diese eintreten. Aber als wir Ihre Geschichte hörten und sie beide kennengelernt haben, konnten wir nicht anders, als Ihrer Bewerbung einstimmig zuzustimmen. So viel selbstloses Engagement ist beispielhaft. Wo, wenn nicht bei der Familie, die sich diesem süßen Fratz vom ersten Moment an angenommen hat, ist er besser aufgehoben? Man spürt sofort, dass da eine enge Verbindung besteht. Und darauf kommt es doch an, nicht wahr. Vielen, vielen Dank Herr Dr. Gummersbach, Frau Gummersbach. Unsere Behörde steht Ihnen natürlich in den ersten Tagen mit Rat und Tat zur Seite. Wir lassen niemanden allein, auch wenn uns das oft nachgesagt wird. Aber jetzt müssen wir weiter zum nächsten Termin. Ich hab mich leider verschwatzt, aber ich hatte ja auch nicht damit gerechnet, wie herzlich wir hier empfangen werden würden. Vielen, vielen Dank auch Ihnen Dr. Meier, Dr. Kaan, Dr. Haase. Ich melde mich noch einmal bei Ihnen. Auf Wiedersehen! Und Gretchen, ich darf doch Gretchens sagen, grüßen Sie Ihre Frau Mama ganz herzlich von Valerie.

...verabschiedete sich die freundliche Beamtin im nächsten Atemzug herzlich bei den anwesenden Ärzten, bei denen es ungewöhnlich lange dauerte, bis die Worte in eine brauchbare Information umgewandelt worden waren, und wandte sich anschließend ihrer Assistentin zu, die, bereit zu gehen, bereits die beiden Mäntel und Handtaschen in ihren Händen hielt.

Marc (sichtlich fassungslos, als er endlich begreift): Was?
Mehdi (auch erst irritiert, aber dann freut er sich aufrichtig) Oh! Das nenne ich dann mal eine echte Überraschung.

Und die Überraschung war in der Tat riesengroß und kaum begreifbar. Marc und Mehdi schauten sich an, als hätten sie soeben ein Ufo gesehen, das auf dem Dach des EKH gelandet war, und Gretchen war noch gar nicht fähig, irgendetwas dazu zu sagen. Sie verlor sich gerade in den schlafenden Gesichtszügen ihres einstigen Schützlings, den sie liebevoll in ihren Armen wiegte. Und Sabine war noch viel zu nervös und beeindruckt von dem, was gerade passierte. Günni war da der Fels in der Brandung, der fest hinter ihr stand und ihr beruhigend über die Schultern strich. Er entschied sich dafür, die beiden Mitarbeiterinnen des Jugendamts nach draußen zu begleiten, da er die mit den von den Mitarbeitern gesammelten Sachspenden gefüllten Taschen endlich in seinem Auto verstauen wollte.

Günni: Ich bringe Sie noch zum Ausgang, Frau Klein, Frau Vogelgesang.
Klein: Sehr freundlich, Herr Doktor. Ich bin mir sicher, Sie und Ihre Frau werden das hervorragend bewältigen. Man merkt, dass Anton sie beide sehr mag. Übrigens haben wir diesen Namen auch so in die Unterlagen vermerkt. Wie wir gehört haben, stammt er ja ebenfalls von Ihnen.
Günni (lächelt verlegen u. gibt seiner Frau ein Zeichen, dass er gleich wieder da ist): Ja.

Marc: Nee, oder? Das ist doch versteckte Kamera! Die geben doch nicht ernsthaft DENEN ein menschliches Wesen in Obhut? Sind die irre?
Mehdi (hält seinen frotzelnden Freund in Schach): Marc!

Der sprachlose Chirurg blickte noch einmal ungläubig in die ebenso verdutzten Gesichter seiner anwesenden Kollegen und schaute den dreien dann hinterher, wie sie auf dem Flur in Richtung Fahrstuhl verschwanden. Nur Gretchen hatte noch gar nicht reagiert, wie Marc irritiert feststellte, als er sie mit seinen fragenden Blicken taxierte. Sie und Sabine sahen sich einfach nur an. Dann ging ein Ruck durch die junge Ärztin, weil sie plötzlich die ganze Tragweite erkannt hatte. Sie blickte auf Anton in ihren Armen und reichte das schlafende Baby vorsichtig Sabine, die es lächelnd entgegennahm.

Gretchen: Bine? ... Du?

...flüsterte Gretchen bewegt und kämpfte mit ihren Tränen der Rührung, als sie zwischen den ebenso feucht schimmernden Augen ihrer besten Freundin hin und her schaute, die ihr stumm zunickte. Mehdi registrierte diesen bewegenden Moment und schaltete sofort, indem er Marc unsanft am Kragen seines Kittels packte und mit nach draußen auf den Gang zog, ehe er noch mit einer weiteren dummen Äußerung den Augenblick zerstörte. Die Tür schloss der Halbperser schnell hinter sich, damit die Freundinnen nun unter sich bleiben konnten.

Sabine (unsicher): Kann... Darf ich... Lass es mich dir erklären!
Gretchen (hat endlich ihre Stimme wieder gefunden): Bine, du musst mir doch nichts erklären. Ich finde das große, große Klasse von euch
Sabine (schaut aufgewühlt zwischen Gretchens Augen hin und her): Wirklich?
Gretchen (lächelt aufrichtig u. zieht Sabine mit Anton zur Sofaecke): Natürlich, was denkst du denn?
Sabine (setzt sich zu ihrer besten Freundin auf die weiße Couch u. drückt den Kleinen sanft an sich): Aber ihr... ihr wolltet doch auch? Und wenn wir neulich nicht zusammen so lange darüber geredet und Informationen über das Verfahren gesammelt hätten, wären Günni und ich doch gar nicht erst auf die Option gekommen, es ebenfalls zu versuchen. Gerade jetzt, wo wir... Dieser Wunsch entstand, wie soll ich es beschreiben, aus einem inneren Impuls heraus. Wir haben ihn doch so gern.
Gretchen (wischt sich eine Glücksträne von der Wange u. sieht Sabine mitfühlend an): Das kann ich nur zu gut verstehen.
Sabine (hat immer noch ein schlechtes Gewissen, das sie plagt): Und du bist uns wirklich nicht böse? Ich wollte ja mit dir reden, aber du... du warst in den vergangenen Tagen so... so verschlossen, da hab ich mich nicht mehr getraut. Aber wir haben ja auch nicht damit gerechnet, dass das jetzt so schnell passieren würde.
Gretchen (sieht sie eindringlich an): Sabine, wenn du nicht sofort damit aufhörst, dich zu erklären, dann werde ich es vielleicht noch!
Sabine (beißt sich ertappt auf die Unterlippe, kann aber immer noch nicht aus ihrer Haut): Wir hätten nie..., ich meine, wenn es sich bei euch nicht abgezeichnet hätte, dass ihr nicht... Habt ihr euch wieder vertragen, du und der Herr Doktor?
Gretchen (lächelt sanftmütig u. wird für einen kurzen Moment melancholisch): Ja, das haben wir, Bine. Zwischen uns ist alles in Ordnung. Wir sind darüber übereingekommen, dass dieser Schritt für uns zu früh gekommen wäre. Marc ist... Marc und ich... ich bin wohl ein bisschen ausgetickt, weil ich so Angst hatte, Anton zu verlieren. Ich hab mich kopflos auf diese Idee gestürzt, wahrscheinlich auch weil ich auf ihn meinen innigsten Wunsch projiziert habe, nämlich mit Marc endlich eine richtige Familie zu sein. Das war töricht, das weiß ich jetzt. Ich hab Marc damit ganz schön vor den Kopf gestoßen.
Sabine (will dazu noch etwas anmerken, wird aber von Gretchen unterbrochen): Aber dann...
Gretchen: Nein, nein, Sabine, du musst dich weder bei mir entschuldigen, noch irgendetwas erklären. Dieser süße Fratz hier spricht doch für sich. Und ich freue mich für euch. Wirklich. Von ganzem Herzen.

Um ihr Gesagtes zu untermauern, drückte Gretchen einmal fest Sabines Hand und sah ihr dabei nachdrücklich in die Augen, ehe sie sich wieder auf den kleinen Wonneproppen konzentrierte, der seine Hände müde in ihre Richtung ausgestreckt hatte. Anton war gerade dabei, aufzuwachen, und als er seine Äuglein schließlich öffnete und sie aufgeschlossen anblickte, waren die beiden Freundinnen einmal mehr verzaubert. Eine Weile spielten die beiden mit dem zappelnden Baby, bis Sabine plötzlich wieder von ihm aufsah und Gretchen unsicher anguckte.

Sabine: Denkst du, wir können das?
Gretchen (zögert eine kaum merkliche Millisekunde, dann lächelt sie): Nein, ich weiß es!
Sabine (sucht nach Bestätigung, weil sie noch immer viel zu aufgeregt ist): Wirklich?
Gretchen (macht ihr auf charmante Gretchen-Art Mut): Du bist so mutig, Bine. Mutiger, als du glaubst. Vertrau dir und deinen Instinkten. Die sind doch bei schwangeren Frauen ganz besonders ausgeprägt. ... Oh! ... (plötzlich wird ihr etwas bewusst u. sie sieht Sabine noch intensiver an) ... Jetzt sehe ich das erst. Ihr werdet ja bald sogar zu viert sein. Wow! Das ist so schön.

Gretchen geriet nahezu ins Schwärmen und bemerkte in ihrer Euphorie gar nicht den sich verändernden Gesichtsausdruck der frisch verheirateten Krankenschwester. Sabine räusperte sich nervös und wollte gerade etwas richtig stellen, als die Bürotür unvermittelt aufgerissen wurde.

Sabine: Nein, das wollte ich dir schon gestern sagen, wir werden...

Marc: Haasenzahn? ... Gut, du bist noch hier. Du, ähm... eigentlich hatte ich ja vorgehabt, dich gleich einzusacken, aber mir ist noch was dazwischen gekommen. Die Beerdigungsinstitute wollen die Leichen unserer Organspender abholen. Irgendein Vordruck fehlt noch. Ich brauch Günni. Hat der sich schon zurückgemeldet? Oder ist er mit den beiden alten Schachteln vor seiner Verantwortung durchgebrannt?

...platzte es ungestüm aus dem sehr beschäftigten Oberarzt heraus, der soeben ins Zimmer hereingepoltert gekommen war. Gretchen und Sabine standen vom Sofa auf und traten näher heran. Die blonde Krankenschwester hielt Anton im Arm und war immer noch durcheinander, weil sie ja eigentlich noch dringend etwas loswerden wollte. In dem Moment erschien auch wie aufs Stichwort Dr. Gummersbach, der seine kleine Familie abholen wollte.

Günni: Hier!
Marc (dreht sich zu seinem Kollegen um u. herrscht ihn in gewohnter Chefmanier gleich mal ordentlich an): Gut! Mitkommen! Zack, zack!
Günni: Aber...

...stammelte der eingeschüchterte Pathologe nur, der jetzt, nachdem er überraschend Pflegevater geworden war, eigentlich nur noch mit seiner Familie nach Hause wollte, und guckte verunsichert zu seiner Frau, die ihm aufmunternd zulächelte. Ebenso wie Dr. Haase, die Sabines Mann sogleich eine Sorge weniger abnahm.

Gretchen: Ich bringe die beiden sicher nach Hause, Günni, und helfe ein bisschen mit, damit sich der kleine Fratz hier gleich ganz wohl fühlt in seinem neuen Zuhause. Also nur wenn ihr wollt? Ich möchte mich nicht aufdrängen. Ich dachte nur, es gibt bestimmt noch viel zu erledigen.
Sabine (strahlt sie überglücklich an): Das würdest du tun?
Gretchen (zwinkert ihr u. Günni lächelnd zu): Gerne! Wenn Günni mir den Schlüssel gibt?
Günni (atmet erleichtert auf u. reicht seiner charmanten Kollegin den Autoschlüssel): Sicher!
Marc: Aber...

...wollte Marc schon sein ausdrückliches Veto anmelden. Schließlich hatte er einen Plan für den Ausgang des Abends, den er nicht gefährdet sehen wollte. Aber da Haasenzahn hier schon unangemeldet im EKH aufgetaucht war und er daher etwas in Verzug mit seinen geheimen Vorbereitungen war, kam ihm diese schicksalhafte Wendung dann doch ganz gelegen.

Marc: Okay, dann äh... nehme ich später Günni mit und hol dich dann bei Sabine ab. So in knapp zwei Stunden?
Günni (horcht irritiert auf): Zwei Stunden? Aber solange braucht es das doch ni...
Marc (funkelt ihn unmissverständlich mit Ameisenblick an): Klappe! Das dauert so lange.
Gretchen: Okay!? Dann... ja, bis später, Schatz! Kommst du, Bine? Warte, ich nehme dir die Tasche ab. Dann kannst du Anton besser halten.

Gretchen war zwar etwas verunsichert von Marcs sonderbarem Verhalten, das instinktiv irgendwo in den Weiten ihrer Gehirnwindungen ein kleines, kaum wahrnehmbares Alarmsignal auslöste, aber sie freute sich viel zu sehr darauf, noch ein bisschen ungezwungene Zeit mit Sabine und Anton verbringen zu können. Also gerieten ihre gemischten Gefühle ins Hintertreffen. Sie drückte ihrem Liebsten noch einen kleinen Kuss zum Abschied auf die Lippen, nahm ihre Tasche und die von Sabine und die zwei Freundinnen schlenderten schwatzend mit Anton in Richtung Fahrstuhl, während Günni pflichtbewusst Dr. Meier hinterher trabte, der ein beunruhigendes Lächeln aufgesetzt hatte, das bei dem eingeschüchterten Pathologen sofort ein nervöses Augenzucken bewirkte.


Eine Stunde und dreiundfünfzig Minuten später saßen Marc und Gretchen schließlich im Auto seiner Mutter, welches er immer noch als Ersatz für seinen kaputten Volvo nutzte, solange dessen nervige Besitzerin noch Versöhnung mit seinem alten Herrn in den Staaten zelebrierte, oder was auch immer seine Eltern da gerade machten, wovon er hoffentlich nichts erfahren würde. Die heiße Blondine, die hibbelig neben ihm auf dem Beifahrersitz saß und der er zur Beruhigung das eine oder andere Mal bereits mit seiner Hand genüsslich über den linken Schenkel gestrichen war, konnte gar nicht mehr aufhören, ausschweifend zu erzählen und von dem Nachmittag bei ihrer Freundin zu schwärmen. Es nervte den Oberarzt zwar tierisch, aber die Aussicht auf das verdutzte Gesicht seiner Herzdame, wenn sein Plan funktionierte, entschädigte ihn zumindest für die nervtötendsten Anekdoten über Sabine und ihre sonderbare Sippe, die, wenn man mal genauer darüber nachdachte, was er natürlich nicht im Traum vorhatte, tatsächlich zusammenpassen wie Arsch auf Eimer.

Gretchen: Du glaubst es kaum, Marc. Sabine hat mir die ganze Geschichte erzählt, während wir Antons Bettchen und die Wickelkommode zusammengebaut haben, die von den Kollegen aus der Pädiatrie gespendet worden ist. Ihre Begegnung mit unserem kleinen Freund war Vorsehung. Ich weiß, du glaubst nicht an diesen ganzen Quatsch, aber es ist so. Als Günni und sie ihre Flitterwochen in den nordamerikanischen Wäldern bei echten Indianern verbracht haben, hatten sie nämlich eine seltsame Begegnung mit einem echten Medizinmann. Richtig so einer, wie man ihn aus diesen alten Filmen und Dokumentationen kennt. Damals dachten sie ja noch, Sabine sei schwanger und das haben sie ihm auch mit großer Begeisterung mit Händen und Füßen mitzuteilen versucht. Aber der ungefähr neunzig Jahre alte Mann hat sie nur komisch angeguckt und hat die Hand auf Sabines Bauch gelegt, den Kopf geschüttelt und gemurmelt, er könne jetzt und in Zukunft nichts sehen, aber die Sterne über der Nordhalbkugel und die Stimmen seiner toten Urahnen verrieten ihm, dass sie schon sehr bald vor eine wichtige Entscheidung gestellt werden würden, da jemand, dem sie begegnen würden, ihre Hilfe benötigen würde. Gruselig, nicht? Die beiden haben sich nichts weiter dabei gedacht und sind von einem Übersetzungsfehler ausgegangen, weil er einen unverständlichen Mischmasch aus Englisch und einem uralten Indianerdialekt seiner Vorfahren gesprochen hat. Aber dann als sie wieder in Deutschland waren, ist das mit Anton passiert. Sie haben ihn vorm Krankenhaus gefunden und haben ihm Schutz geboten, so wie es vorhergesagt worden war. Die beiden waren sich der Tragweite noch nicht ganz bewusst, aber dann hat sich bei einer Vorsorgeuntersuchung bei Mehdi herausgestellt, dass Sabine gar nicht schwanger ist. Das war natürlich im ersten Moment ein Schock, weil sie sich schon so gefreut hatten, aber dann kam im gleichen Atemzug der Anruf vom Jugendamt, dass sie Anton zu sich nehmen dürfen. Damit hat sich alles plötzlich zusammengefügt. Also ich war ja immer skeptisch, wenn Bine mit ihren Tarotkarten gekommen ist oder sich auf unsere Horoskope gestürzt hat, als wären sie die wichtigste Mitteilung des Tages und nicht die Schlagzeilen auf der Titelseite der B.Z., aber jetzt mit dieser unglaublichen Geschichte im Hinterkopf, glaube ich, da hat das Universum wirklich drei Menschen zusammengeführt, die einfach zusammengehören. Findest du nicht auch, Marc?

Nachdem Marc auf ihre Frage nur ein unverständliches Grunzen von sich gegeben hatte, das irgendwie danach klang, ob sie denn sicher sei, dass es sich wirklich um Menschen handele und nicht um Aliens, die unabhängig voneinander auf der Erde abgesetzt worden waren, um gemeinsam selbige in den Wahnsinn zu stürzen, und sich auf den allabendlichen Berufsverkehr auf den Berliner Straßen konzentrierte, schwelgte Gretchen noch immer in den schönen Erinnerungen vom Nachmittag und beobachtete dabei verträumt den beginnenden Sonnenuntergang hinter den Häuserschluchten, die sie passierten, bis ihr plötzlich etwas auffiel.

Gretchen: Marc, hätten wir an der Kreuzung nicht abbiegen müssen?
Marc (gibt keinerlei brauchbare Reaktion von sich): Nope!
Gretchen (schaut sich vergewissernd in der Umgebung um): Doch! Wir nehmen doch immer die Abkürzung durch die Seitenstraßen, um den Staus in Mitte zu entgehen.
Marc (zuckt mit den Schultern): Echt? Is mir noch nie aufgefallen.
Gretchen (sieht ihren Pappenheimer argwöhnisch von der Seite an u. ahnt, dass hier etwas oberfaul sein muss): Marc, was soll das denn? Ich bin müde. Ich will nach Hause, auf unsere Couch, die Füße hochlegen und ein bisschen den Jauch gucken, bis ich eingeschlafen bin, und nicht noch ewiglang durch Berlin fahren. Moment! Du fährst ja in die Außenbezirke.
Marc (spielt den Unwissenden): Upps! Erwischt!
Gretchen (richtet sich nun entschieden auf u. taxiert ihn mit aufblitzenden Augen von der Seite): Marc Meier, du sagst mir jetzt sofort, was du vorhast und wo du hinwillst?
Marc (grinst vergnügt in sich hinein u. guckt stur nach vorn auf den Verkehr): Sonst was?
Gretchen (geht unvermittelt hoch wie eine Rakete): Halt sofort das Auto an! Ich will hier aussteigen.
Marc (bleibt cool u. beschleunigt nun auch noch das Fahrzeug): Willst du nicht! Würde ich dir auch von abraten.
Gretchen (aus dem Konzept gebracht, sieht sie ihn verdutzt an, bis sie realisiert, was los ist): Was? Wieso? ... Aber du... Du fährst ja auf die Autobahn?
Marc (kann sich sein freches Lachen nicht verkneifen): Blitzmerkerin! Kriegst auch einen Bienchenstempel in dein rosarotes Tagebuch.
Gretchen (regt sich gleich wieder künstlich auf): Marc, das... das ist... eine Entführung! Ich will das nicht. Mir ist überhaupt nicht nach Überraschungen. Ich will, dass du die nächste Ausfahrt nimmst und nach Berlin umkehrst.
Marc (schaut dann doch einmal verschmitzt grinsend zur Seite): Und wenn ich nicht will?
Gretchen: Dann... dann... hole ich mir jetzt eben Hilfe! Pah!

...konterte Gretchen trotzig und zückte sogleich ihr Smartphone aus ihrer rosafarbenen Stoffhandtasche, die sie auf ihrem Schoß umklammert hielt. Aber sie konnte gar nicht so schnell gucken, da hatte der dreiste Fahrer es ihr auch schon aus der Hand gerissen, es ausgeschaltet und zu seinem eigenen Telefon ins Armaturenfach geschmissen, welches er sofort wieder zuklatschte, als Gretchens Finger danach greifen wollten. Dann hob sich sein belehrender Oberarztzeigefinger.

Marc: Ja, dann ist das eben eine Entführung, Haasenzahn. Die Dinger bleiben aus und da drin. Das ganze Wochenende lang. Das wird nicht diskutiert. Es wird überhaupt nicht diskutiert. Basta!
Gretchen: Wir fahren weg?

...schlussfolgerte Gretchen nun völlig verwirrt und starrte ihren Liebsten mit großen himmelblau leuchtenden Augen an. Marc musste sich arg zusammenreißen, nicht doch noch auszurasten. Diese Frau konnte einen aber auch wahnsinnig machen.

Marc: Wie auf der Stelle Tretbootfahren sieht’s nicht aus.
Gretchen (verschränkt nach dieser patzigen Antwort eingeschnappt ihre Arme vor ihrer Brust): Hältst du das wirklich für richtig? Gerade jetzt, wo Sabine und Günni vielleicht unsere Hilfe benötigen. Und so kurz vor meiner Prüfung. Ich hab gar nichts dabei.
Marc: Gerade darum, Haasenzahn! Außerdem hast du ja mich, ein wandelndes medizinisches Lexikon, das du gerne ausziehen, äh... ausquetschen darfst. Ich würde mich sogar zu einer Belohnung überreden lassen. Aber eigentlich denke ich ja, hast du das gar nicht nötig. Ein guter Arzt handelt instinktiv. Darauf kommt es an. Und das hast du ja drauf. Also schalte ruhig mal einen Gang zurück. Das hast du nämlich wirklich mal nötig, ehe du noch komplett durchdrehst. Und die beiden Vollidioten in Berlin werden wohl schon mit dem Schreihals fertig werden. Sie haben sich das so ausgesucht und die drei sollten für den Anfang für sich sein, denke ich. So, und jetzt klappe deine Babbelschnute zu und guck dir den Scheißsonnenuntergang an. Den hab ich extra so bestellt. Kitschig genug für die Weiterfahrt?

Frech grinste Marc zu seinem verstummten Mädchen rüber, das seine Zickereien für den Moment eingestellt hatte und sich nun kopfschüttelnd an seine Schulter lehnte, um das orangerote Bild vor sich aufzusaugen. Marc konnte so ein Idiot sein, aber auch so lieb. Er bemühte sich, dass es ihr besser ging und sie auf andere Gedanken kam. Das war schon irgendwie süß. Trotzdem hatte sie immer noch keine Ahnung, was er eigentlich mit ihr vorhatte und sie starb schon fast vor Neugier, als sie seine Hand umklammerte, die ruhig auf dem Schalthebel des schwarzen Porsches wachte, der in rasender Geschwindigkeit gen Südwesten düste.


Nur Marcs bester Kumpel Mehdi war eingeweiht und dieser lümmelte gerade mit seiner Süßen im gemeinsamen Bett in der gemeinsamen Wohnung und war kurz vorm Einnicken. Kurz vor Schichtende, als er sein Tagwerk schon abgeschlossen und alles für die nächste Woche vorbereitet hatte, war nämlich noch eine Hochschwangere eingeliefert worden und die Geburt ihres Kindes war sehr anstrengend für alle Beteiligten verlaufen. Er war fix und alle und streckte nun alle Viere von sich. Gabi neben ihm ging es dagegen ganz anders. Sie war außer sich, nachdem sie beiläufig von dem neusten Tratsch aus dem Krankenhaus gehört hatte, der so unglaublich war, dass er erst einmal verdaut werden musste.

Gabi: Ich fasse es nicht. Wie macht die das bloß? Ist sie in einen Zaubertrank gefallen oder hat sie beim Nackttanz auf der Waldlichtung den Mond angebetet? Das gibt es doch nicht. Als ich damals in der Klinik angefangen habe, hat noch jeder einen hohen Bogen um diese schrullige Frau gemacht, weil sie mit ihrer schrecklichen Monotonie und ihrem Esoteriktick alle verrückt gemacht hat. Sie war ein Freak. Total sonderbar und komisch. Eine Einzelgängerin, mit der niemand etwas zu tun haben wollte. Mann, jeder hat gedacht, die alte Jungfer würde nie einen abkriegen. Und jetzt ist sie nicht nur als Erste von uns allen verheiratet, sondern hat gleich all inclusive das ganze Familienticket gebucht. Unfassbar!
Mehdi (dreht sich auf die Seite u. grinst sie augenzwinkernd an): Neidisch? Dagegen könnte man was tun.
Gabi (zynisch): Wenn das jetzt ein verkappter Heiratsantrag war, dann danke, nein.
Mehdi (hält sich mit gespielt schmerzverzerrter Miene eine Hand vor seine linke Brust): Oh, du brichst mir das Herz. Zum zweiten Mal.
Gabi (funkelt den Spaßvogel an): Beide Male waren ja auch nicht ernst gemeint. Oder hast du wie an Silvester, als wir Eislaufen wollten, schon wieder einen Ring, der eigentlich nicht dir gehört, in deiner Jackentasche versteckt?
Mehdi (deutet grinsend auf seinen halbnackten Astralkörper): Ich hab gar keine Jacke an.
Gabi (bleibt mit ihren Blicken an seinem sexy Körper kleben u. leckt sich unbedacht über ihre Lippen): Und du verdrehst mir jeden Satz.
Mehdi (zieht sie schmunzelnd in seine Arme): Was wiederum zeigt, wie gut wir uns doch ergänzen. Vielleicht sollte ich doch mal ernsthaft darüber nachdenken?
Gabi (sieht irritiert von seiner nackten Brust, auf der sie ihr Haupt gebettet hat, zu seinem Gesicht hoch): Mehdi, das ist nichts, worüber man Witze macht.
Mehdi (lächelt sie verliebt an): Okay, okay, aber, das verspreche ich dir hier und jetzt, das dritte Mal wird kommen, irgendwann und so unerwartet und überwältigend, dass du gar nicht mehr anders kannst, als „ja“ zu sagen. Man sagt doch immer, aller guten Dinge sind drei.
Er... er würde dich tatsächlich heiraten wollen!?
Gabi (ist merklich überfordert u. schaut ihm bewegt in die Augen): Du bist unglaublich, weißt du das?
Mehdi: Und du bist unglaublich süß, wenn du nervös wirst.

...zwinkerte Mehdi seiner süßen Freundin zu, die sich in seinen liebevollen Blicken verlor, und drückte ihr einen innigen Gute-Nacht-Kuss auf die gespitzten roten Lippen, ehe er sich zurück in sein Kissen kuschelte und die erschöpften Augen zuklappte, die er nicht länger hätte offen halten können. Gabi, die immer noch total verwirrt von der seltsamen Wendung ihrer Unterhaltung war, schmiegte sich verliebt an seine Seite und bettete ihr Haupt auf Mehdis nackter Brust, welche sie verträumt kraulte, während er immer weiter davon driftete und sie ihren Gedanken nachhing.

Gabi: Schon unfassbar. Sabine, die immer alleine war, hat plötzlich ein Kind. Ich würde ja sagen, das arme Ding, aber... Moment! Ach du Scheiße! Sie ist ja auch noch schwanger. Ich hatte die panische Hysterie vom Polterabend ganz vergessen. Mann, hat die uns damals aufm Klo wahnsinnig gemacht. Krass! Sie hat bald zwei Blagen an der Backe. Oh Gott! Aber sie muss sich nur für eins die Figur ruinieren. Ich sag’s ja nur ungern, aber sie macht’s wirklich richtig.

Es dauerte eine Weile, bis Gabis Worte auch Mehdis Gedankenwelt erreicht hatten, in welcher sich bereits Traum und Realität zu vermischen begannen. Er summte seiner Freundin im Halbschlaf beipflichtend zu, dann riss er plötzlich unvermittelt seine Augen weit auf und richtete sich kerzengerade im Bett auf, sodass Gabi von ihm herunterrutschte. Sie blickte ihn verwirrt von der Seite an, weil sie dem Frauenarzt überhaupt nicht folgen konnte, als eine unglaubliche und gerade erst eingetretene Eingebung spontan aus ihm herausplatzte...

Mehdi: Aber... Sabine ist doch gar nicht schwanger.
Gabi (sieht ihn mit offenem Mund an): Wie? Nicht?
Mehdi (nimmt Gabi neben sich gar nicht mehr wahr, weil er konzentriert die durcheinander geratenen Fakten in seinem Hirn sortiert u. schließlich sprachlos eins und eins zusammenzählt): Wenn Sabine nicht schwanger ist, der Test aber eindeutig war, dann... dann heißt das doch...? ... Oh!


https://www.youtube.com/watch?v=jvQgBrQnqzk


Fortsetzung folgt... im neuen Jahr!

Ich wünsche euch allen ein wunderschönes, besinnliches, geschenkereiches und hoffentlich doch noch ein bisschen weißes Weihnachtsfest im Kreise eurer Lieben und einen guten Rutsch ins Jahr 2015, in dem wir uns hoffentlich alle an dieser Stelle wiedersehen werden. Danke, dass ihr, ob laut oder leise, mir schon so lange die Treue haltet. Das bedeutet mir wirklich viel. Fühlt euch gedrückt!

Eure Lorelei.

Lorelei Offline

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03.01.2015 14:31
#1511 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

„Haaasenzaaahn? Aufwachen! Wir sind daaa“, säuselte eine liebliche Männerstimme sanft gegen Gretchens Ohr, bevor einmal frech zugebissen und am Ohrläppchen gezogen wurde, damit die süße Schlafmütze auf dem Beifahrersitz endlich wieder wach wurde und mit ihm kommunizierte, nachdem sie kilometerlang keinen Mucks mehr von sich gegeben hatte, was eigentlich erstaunlich war, denn während der ersten Kilometer Fahrtzeit hatte sie noch in Hochform gezickt und gezetert wie ein echtes altes Waschweib, das einen durch die Mangel ziehen wollte. Ganz langsam klappten die schweren Augenlider der Blondine auf, die sich aus ihrer unbequemen Sitzposition heraus reckte und streckte, und das wunderschöne Himmelblau, das man im Dunkeln der hereinbrechenden Nacht kaum erkennen konnte, funkelte dem sie erwartungsvoll anlächelnden Fahrer des schwarzen Porsches müde entgegen.

Gretchen: Was? Schon?
Marc (lacht): Murmelt das Zicklein, nachdem es mir kilometerlang mit seiner „Sind-wir-schon-da“-Schallplatte in den Ohren lag. Übrigens hatte die einen gewaltigen Sprung. Ein Wunder, dass wir überhaupt angekommen sind. Du musstest ja jede Raststätte mitnehmen, weil du deine Blase nicht unter Kontrolle hast.
Gretchen (plötzlich wieder hellwach verschränkt sie eingeschnappt ihre Arme vor ihrer Brust): Das ist doch gar nicht... Dann hättest du mir eben den Erdbeershake nicht noch spendieren sollen.
Marc (glaubt sich verhört zu haben u. zickt ungeniert zurück): Das war ein Friedensangebot von deinem, wie nennst du ihn noch gleich netterweise, Entführer. Du wolltest doch unbedingt zu McDoof, weil du sonst angeblich kläglich vor Hunger umgekommen wärest. Und das von einer staatlich geprüften Medizinerin.
Gretchen (funkelt ihm trotzig entgegen): Wäre ich ja auch. Ich hatte ja auch seit dem Mittag nichts mehr gegessen. Und woher hätte ich denn auch ahnen können, dass du mich ausgerechnet heute hinterhältig ins Nirgendwo entführst. Ich wusste ja nicht, wie lange wir noch fahren würden. Und... wo sind wir hier überhaupt? Hast du dich verfahren? Hier ist doch nichts!

...stellte Miss Schlaumeier kleinlaut fest, nachdem sie versucht hatte, in der absoluten Dunkelheit, die um das parkende Auto herum herrschte, etwas zu erkennen. Diese wiederholte Kritik an seinen so wohldurchdachten Überraschungsplänen brachte das Fass bei Dr. Meier nun endgültig zum Überlaufen.

Marc: Sag mal, wie lange hast du eigentlich noch vor, grundlos herumzuzicken? Also wenn du das jetzt das ganze Wochenende über vorhast, dann vergiss es, dann können wir auch gleich wieder umdrehen.
Gretchen (echauffiert sich u. bockt zurück): Ich zicke überhaupt nicht herum! Und das mit dem Umkehren hättest du auch schon viel eher haben können, Marc, als wir noch gar nicht aus Berlin heraus waren. Ich wollte nämlich nicht wegfahren.
Marc (möchte sich am liebsten die Haare raufen, aber versucht, ruhig zu bleiben): Hörst du dir eigentlich auch mal zu, wenn du deine Futterluke herunterklappst, Haasenzahn? Deinen Namen könnte man sofort ungeprüft als Synonym für Zickigkeit in der neusten Auflage des Dudens aufnehmen.
Gretchen (stockt u. sieht ihn völlig entgeistert an): Marc, wieso streiten wir schon wieder?
Marc: Äh... Weil du damit angefangen hast?

...platzte es ungehalten aus Marc heraus, der mit seinen Armen demonstrativ wild in der Luft herumgestikulierte, bevor er sie vor seinem Körper verschränkte und sich schmollend in seinen Sitz zurücklehnte, weil er mittlerweile mit seinem Latein völlig am Ende war. So hatte er sich seine Überraschung nun wirklich nicht vorgestellt. Da wollte er Madame nur einmal etwas Gutes tun und die Zimtzicke hatte an allem etwas auszusetzen. Jetzt reichte es ihm echt. Das war das allerletzte Mal, dass er sich etwas überlegt hatte, um ihr verloren gegangenes Lächeln zurückzuholen. Sollte die beleidigte Leberwurst doch schmollen, bis sie Schimmel ansetzte.

Gretchen (wendet sich bockig von ihm ab): Hab ich gar nicht!
Marc (kann ebenso gut bocken wie das Zicklein Haase): Hast du wohl! So viel zum Thema, sie hört sich selbst beim Reden zu.
Gretchen (guckt ihn beleidigt an): Marc, ich sitze immer noch neben dir. Also hör auf, von mir in der dritten Person zu reden!
Marc (dreht sich zur Seite, formt seine Augen zu gefährlichen Schlitzen u. sucht ihren wutgetränkten Blick): Ach wirklich? Ich sehe nur ein quengeliges Blag. Hätte ich es doch am besten gar nicht erst aufgeweckt.
Gretchen (sieht ihn mit immer größer werdenden Augen an, in denen es bereits verdächtig schimmert): Du hättest mich alleine im kalten Auto im Nirgendwo zurückgelassen?
Marc (gespielt überlegend): Mhm? Zu Therapiezwecken, vielleicht, käme auf den Versuch an.

...konterte Marc augenzwinkernd und konnte sich im nächsten Moment sein das Zwerchfell hoch kriechendes befreiendes Lachen nicht verkneifen. Gretchen schaute ihrem frechen Freund fassungslos bei seinem plötzlichen Lachflash zu, der ihn regelrecht auf seinem Sitz durchschüttelte, konnte sich dann aber auch nicht länger zurückhalten und zog automatisch ihre Mundwinkel nach oben. Nachdem sie sich nach einer Weile wieder etwas beruhigt hatte, schaute sie ihren Grinsekönig mit ernster Miene von der Seite an.

Gretchen: Marc, warum ist es gerade SO zwischen uns?
Marc (lehnt sich sanft lächelnd zu ihr rüber u. streicht ihr seufzend über die leicht gerötete Wange): Keine Ahnung! Aber lass es uns doch übers Wochenende herausfinden, hmm, jetzt, wo wir schon einmal hier sind?
Gretchen (bleibt an seinem intensiven Blick kleben u. nickt lächelnd): Einverstanden.
Marc (grinst zufrieden): Na, das klingt doch schon mal so, als seien wir auf einem guten Weg. Warte einen Moment hier und halt die Augen zu!
Gretchen (folgt ihm irritiert mit ihrem skeptischen Blick, als er seine Tür öffnet): Wieso das? Es ist doch eh zu finster, um überhaupt etwas zu erkennen.
Marc (mit einem Fuß schon zur Tür hinaus, als er sich noch einmal grimmig zu der widerspenstigen Blondine umdreht): Na, wer wird denn hier schon wieder widersprechen?
Gretchen (trotzig): Marc!
Marc (sieht seine Pappenheimerin unmissverständlich an): Haasenzahn, letzte Verwarnung!
Gretchen (beugt sich mit gespieltem Schlafzimmerblick herausfordernd zu ihm rüber): Sonst was?
Marc (trotzt ihrer Herausforderung auf seine charmante Weise): Kennst du dieses Buch, das alle Weiber weltweit gerade so schrecklich wuschig macht und über das sich meine Mutter so furchtbar ärgert, weil sie selber nicht auf diese Idee gekommen ist? Dieses, wie hieß es doch gleich, wird nächstes Jahr, glaub ich, verfilmt, „Shades of.... Dingsda... Black, White... äh... nee,... Grey“?

...funkelte Marc seine verführerische Freundin verheißungsvoll an und ließ seine frechen Grübchen den Rest erledigen, während er sich mit beiden Armen auf der Sitzfläche des Fahrersitzes abstützte, um sich noch einmal Haasenzahn gefährlich zu nähern, da er sofort erkannt hatte, dass sie ihn nur auf ihre hinreißend naive Art provozieren wollte. Gretchen riss entsetzt ihre Augen weit auf und wich instinktiv zurück auf ihren Sitz, als ihr Marc unmissverständlich zuzwinkerte, dass er durchaus mit diesem Gedanken spielte, den er angedeutet hatte, und dann verschmitzt grinste, als er anschließend doch aus dem Auto stieg. Sie klappte die Augen zu und wandte ihren hochrot angelaufenen Kopf schmollend dem Beifahrerfenster zu. Besser war, der Quatschkopf sah sie jetzt nicht an, denn viel zu seltsame Gedankenbilder tanzten gerade durch ihr durcheinander geratenes Hirn. Eins war sicher, sie würde sich nie wieder ein Buch von Frau Dr. Hassmann ausleihen und es erst recht nicht unachtsam auf ihrem Nachtschränkchen unter ihrem Tagebuch liegen lassen, damit jemand darin herumblättern und sich furchtbar darüber lustig machen konnte. Sie sollte sich besser an die harmlosen Lektüren von Schwester Sabine halten. Denn die Dr.-Rogelt-Werke seiner Mutter würde Marc nicht einmal mit der Kneifzange anfassen. Das war so sicher wie die Tatsache, dass sie hier gerade vor Neugier umkam, weil sie nicht im Geringsten ahnte, was dieser unmögliche Mann mit ihr wohl am Wochenende vorhatte.

Marc: Braves Mädchen! Vielleicht hast du dir ja doch noch eine Belohnung verdient.

...fügte der Frechdachs noch schmunzelnd hinzu, weil er sich denken konnte, was für ein rosaroter Film sich gerade in ihrem süßen Köpfchen abspielte, womit Haasenzahn sicherlich eine Weile beschäftigt sein würde, und war dann für einige Minuten verschwunden. Gretchen hörte nur noch die Schritte seiner Füße, die über Kies oder etwas Ähnlichem liefen, dann war es quälendlange ganz leise, bis sie in der Ferne einen Kauz rufen hörte. Verängstigt umklammerte das Angsthäschen ihrer Rückenlehne und drückte zur Sicherheit noch den Hebel ihrer Tür herunter. Sie wusste ja nicht, wer sonst noch so kurz vor zehn Uhr abends hier mitten im Nirgendwo, oder wo auch immer der gemeine Kerl sie hingebracht hatte, herumirrte. Nicht dass aus der romantischen Liebesentführung noch eine echte Entführung wurde! Durch ein heftiges Ruckeln an ihrer Tür wurde die schreckhafte Assistenzärztin aus ihren schrecklichen Gruselfantasien gerissen. Ein kurzer Angstschrei entwich unkontrolliert ihrer Kehle, der ihr aber im nächsten Augenblick schon wieder furchtbar peinlich war, als sie nämlich Marcs gehässige Stimme neben der Tür erkannte. Sie war ja schon immer so furchtbar hypochondrisch gewesen. Einfach so tun, als wäre nichts gewesen, redete sie sich tapfer ein und versuchte angestrengt ihren außer Kontrolle geratenen Herzschlag zu beruhigen, während Marc weiter vergeblich an der Tür rüttelte und ungläubig durch die Seitescheibe ins Innere des Wagens schaute.

Marc: Haasenzahn, was war das denn jetzt schon wieder?
Gretchen (dreht ihren hochroten Kopf demonstrativ in die andere Richtung): Nichts!
Marc (lacht wissend): Wenn ich jedes Mal einen Euro für deine Gedanken verlangen würde, wäre ich mittlerweile ein reicher Mann. Hey, dann könnte ich mir auch endlich ein neues Auto leisten und müsste nicht mehr wie der letzte peinliche Idiot mit der Karre von Mutti herumfahren. Naja, wenigstens teilt sie meinen Geschmack, was schnelle Sportwagen betrifft.
Gretchen (guckt ihn finster durch die Fensterscheibe an): Haha! Weißt du eigentlich, dass es überhaupt nicht witzig ist, eine Frau mitten in der Nacht im Nirgendwo allein in einem Auto zu lassen? Da braucht es gar kein Drehbuch, um zu wissen, wie dieser Thriller ausgehen wird.
Marc (amüsiert sich königlich über den süßen Trotzkopf u. dessen verrückte Hirngespinste): Doch ist es. Aber ich weiß ja, dass du dich für den Fall der Fälle zu verteidigen weißt. Totquatschen ist doch immer schon eine bewährte Methode von dir gewesen.
Gretchen (regt sich gleich wieder künstlich auf): Boah! Du bist so blöd, Marc Meier! Kann ich jetzt endlich raus oder muss ich doch noch die Nacht hier drin verbringen?
Marc (klatscht sich feixend auf seine Schenkel u. es gelingt ihm kaum noch, sich zu beruhigen): Haasenzahn, ich würde dir ja gerne helfen, aber das musst du schon selber machen.
Gretchen (schaut ihn bei seinen komischen Verrenkungen perplex durch die Fensterscheibe an): Hä? Wieso? Warum musst du denn ausgerechnet jetzt heraushängen lassen, dass du doch schon einmal etwas von der weiblichen Emanzipation gehört hast?
Marc (seine Liebste macht es ihm schwer, sich zusammenreißen zu können, deshalb gleicht sein betont ernstes Gesicht eher der Fratze eines Clowns): Gretchen, ich würde ja gerne den perfekten Rosenkavalier à la Mehdi für dich spielen, aber du hast die Tür von innen verriegelt und der Schlüssel steckt noch im Zündschloss.
Gretchen: Oh!

...stellte Gretchen nur verblüfft fest und wollte am liebsten sofort im Erdboden unter dem Auto versinken. Ohne dass Marc irgendetwas gemacht hatte, hatte er sie bloßgestellt. Mal wieder. Sie kniff vor lauter Scham die Augen zusammen, ein Instinkt aus ihrer Jugend, zum Selbstschutz vor dem Hohn und Spott ihrer Schulkameraden, und ärgerte sich maßlos über sich selbst. Sie schnallte sich ganz langsam ab, um Zeit zu schinden, dann zog sie betont unauffällig den kleinen Hebel unterhalb des Fensters wieder nach oben, so als ob nichts gewesen wäre. Marc verzog keine Miene und öffnete seiner verpeilten Herzdame nun gentlemanlike die Tür, nachdem sie endlich wieder entsperrt war. Er machte für Haasenzahn sogar eine kleine Verbeugung wie einer dieser unmännlichen Prinzen aus einem der kitschigen Märchen, die sie so sehr liebte, bevor er ihr seine Hand zum Aussteigen reichte. Aber seine bildschöne Märchenprinzessin bekam davon gar nichts mit, weil sie ihre Augen immer noch geschlossen hatte und sich einbildete, wie Marc sie gerade ungeniert wegen ihrer eigenen Blödheit auslachte, wie er es früher immer schon gerne auf dem Schulhof getan hatte. Trotzdem ließ sie sich von ihm an die Hand nehmen, als er ihr vorsichtig aus dem pechschwarzen Sportflitzer heraushalf. Schnell war er hinter die vor lauter Peinlichkeit glutrot angelaufene Frau geschlichen und hielt ihr nun mit beiden Händen die Augen zu, die sie gerade vorsichtig öffnen wollte, um doch einen Blick auf das zu riskieren, was er für sie denn nun geplant hatte. Und schon ging das Gemeckere auch schon wieder los, als hätte man auf die Wiederholtaste gedrückt.

Gretchen: Marc, was soll das denn jetzt? Soll ich mir noch den Knöchel brechen, weil ich hier blind über Stock und Stein stolpere?
Marc (merklich genervt u. mit seiner Geduld am Ende): Ja, genau, jetzt zeigt Marc Meier sein wahres Gesicht. Nach zwanzig Jahren hat er es endlich geschafft. Er hat Gretchen Haase endlich in die ultimative Falle gelockt. Aber mal ehrlich, das hätte ich auch einfacher haben können.
Gretchen (fühlt sich veräppelt): Maaarc!
Marc (verleiert die Augen u. versucht sich auf das zu konzentrieren, was er vorhat): Haasenzahn, seit wann hast du eigentlich so ein gestörtes Verhältnis zu Überraschungen, hmm? Das wird schon pathologisch.
Gretchen (trotzig stemmt sie sich ihm entgegen, aber der gemeine Kerl lässt sie nicht los): Seitdem ich mit dir zusammen zur Schule gegangen bin.
Marc (grinst vergnügt): Das wird immer deine erste Ausrede sein, wenn dir was nicht passt, oder?
Gretchen (kleinlaut): Blitzmerker!
Marc (nähert sich mit seinem Kopf ihrem rechten Ohr u. pustet ihr eine Haarsträhne ins Gesicht): Haasenzahn, wenn es einen Grund dafür geben würde, dich zu verarschen, dann hätte ich das schon längst getan und wir wären jetzt ganz bestimmt nicht hier.
Gretchen: Wo ist denn hier?

...kam prompt die neugierige Gegenfrage aus ihrer süßen Sabbelschnute geflüstert. Gretchens Argwohn wich langsam einer aufkommenden inneren Unruhe, die sie flutete und die sich zuerst in ihrem Magen bemerkbar machte, der ganz flau wurde, je näher ihr Traummann an sie heranrückte, seinen freien Arm um ihre Taille schlang und sie langsam ein Stückchen nach vorn bewegte. Als sein Mund und demnach auch sein heißer Atem ganz nah an ihrem Ohr waren, fing ihr Herz immer schneller an, unkontrolliert zu schlagen. Endlich ließ sie sich fallen, das spürte auch Marc erleichtert, der in den letzten zweieinhalb Stunden mehr als einmal bereut hatte, dass er dieses Projekt überhaupt erst gestartet hatte. Er grinste still vor sich hin, als er die aufmüpfige Zappeline noch zwei Schritte weiter führte, bis sie direkt am Ufer des Sees standen, in dem sich nicht nur die Sterne der Nacht spiegelten. Zärtlich säuselte er der gezähmten Widerspenstigen schließlich etwas ins Ohr, sodass sie unweigerlich eine gewaltige Gänsehaut bekam.

Marc: Finde es doch heraus! Augen auf, bevor du doch noch über deine beiden linken Füße fällst!

Gretchen folgte Marcs charmanter Einladung widerstandslos, nachdem er seine warme Hand endlich von ihren Augen genommen hatte und selbige nun ebenfalls auf ihren Bauch legte, wo bereits die andere sanft entlang strich, während sich sein dröhnender Kopf erschöpft auf ihrer Schulter niedergelassen hatte. Vorsichtig klappte sie erst ihr rechtes Lid auf und als sie registrierte, was ihr Auge da zu sehen bekam, folgte auch aufgeregt das andere. Gretchens Mund klappte auf und sie schnappte hörbar nach Luft, als sie sich ungläubig umblickte und die funkelnden Lichter entdeckte, die am langen Steg entlang bis zum hell erleuchteten gläsernen Haus reichten, das mitten auf dem ruhigen See zu schweben schien.

Gretchen: Marc?

...konnte Gretchen nur atemlos murmeln, während Marc mit stolzgeschwellter Brust hinter seiner sprachlosen Freundin stand und sich diebisch daran erfreute, dass sein Aufpäppelungsplan für durchdrehende Assistenzärztinnen offenbar doch noch aufgegangen war. Grinsend drückte er seine warmen Lippen an Gretchens weiche Halspartie, die er langsam empor wanderte, bis er ihr verführerisches Ohrläppchen erreicht hatte, an dem er dann zärtlich zu knabbern begann.

Marc: Und? Denkst du, du könntest hier ein bisschen entspannen? Chillen und einfach nur die Seele baumeln lassen?
Gretchen (dreht sich hastig zu ihm um, umklammert aufgeregt den Kragen seines dunkelblauen Kurzmantels u. strahlt ihn aus leuchtenden blauen Augen überglücklich an): Unbedingt!
Marc (kann es nicht lassen, sie noch mal zu necken): Also, kein Zickenterror mehr?
Gretchen (geht verträumt grinsend darauf ein): Dieses Wort existiert in meinem Wortschatz gar nicht.
Marc (nickt ihr wissend zu u. verliert sich eine Sekunde lang in ihrem herausfordernden Blick, ehe ihn der Schalk wieder packt): Türlich! Dann sollten wir dafür sorgen, dass es auch so bleibt.

Gretchen konnte gar nicht so schnell reagieren und losquieken, da hatte Marc sie auch schon gepackt und über seine rechte Schulter geworfen und zielte nun entschlossenen Schrittes den schmalen hölzernen Steg an, der zu dem „schwimmenden“ Ferienhaus mitten auf einem der Lausitzer Seen führte, welches das Berliner Liebespaar bereits nach Weihnachten für einige traumhaft schöne Tage beherbergt hatte. Gretchen zappelte wie wild und wehrte sich heftig gegen Marcs Neandertalerverhalten, hatte aber gegen den starken und sehr entschlossen wirkenden Mann überhaupt keine Chance und ließ sich schließlich doch fallen.

Gretchen: MAAARC!
Marc (dreht sie mit Schwung so zu sich herum, dass sie jetzt wie in einer Wiege in seinen Armen liegt u. er sie direkt ansehen kann): Eins noch, Haasenzahn, bevor wir da jetzt rübermarschieren, folgende Punkte bleiben hier auf dem Festland und falls du auch nur einmal darauf zu sprechen kommen solltest, landest du schneller wieder hier, wie du mich auf deine furchtbar nervige Art anmarcen kannst, und dann kannst du doch noch alleine in der sehr gemütlichen Karre von meiner Mutter nächtigen.
Gretchen (schmollt ihn zuckersüß genervt an): Die da wären, Herr Doktor?
Marc (grinst sie schelmisch an u. versucht sich nicht anmerken zu lassen, dass sie ihm in dieser schwebenden Position doch langsam zu schwer wird): Das ist doch schon genau das richtige Stichwort. Sabine und der Hosenscheißer, dann natürlich unser Job und damit auch deine Prüfungspanik, die du mal schön hier am Ufer vergräbst, weil du die nämlich gar nicht nötig hast. Das ist alles Einbildung, ok. Genauso wie die Schreckgespenster und Wölfe und wilden Tiere, die du hier im Nirgendwo vermutest. Und zu guter Letzt, nicht zu vergessen, unsere Alten. Wir sollten genießen, dass sie so weit weg sind und uns mal nicht nerven und ständig kontrollieren können. Also keinerlei Stress! Und vor allem kein Rumgezicke mehr! Denkst du, du kriegst das hin?
Gretchen (himmelt ihren herrschsüchtigen Oberarzt einfach nur an u. hört ihm schon längst nicht mehr zu): Du bist so süß, Marc.
Marc (guckt sie grimmig an, schüttelt den Kopf u. hievt das „Leichtgewicht“ mit den letzten Kraftreserven, die er bündeln kann, wieder unelegant über seine Schulter, so dass ihre blonde Mähne fast seine gelben Chucks streift): Das hab ich nicht gehört. Das kommt auch mit auf den Index. Verstanden? ... Ob du verstanden hast, Haasenzahn, hab ich gefragt?
Gretchen (nuschelt gegen seinen Rücken, gegen den sie immer wieder unsanft geditscht wird): Und du bist trotzdem süß und ich hab dich schrecklich lieb, Marcilein.

Herrgott, macht die einen fertig! Aber klein kriegt sie mich nicht. Niemals. So wahr ich Marc Meier heiße. Äh... Dr. Marc Meier natürlich, so viel Zeit muss sein. Boah, ist die schwer. Das macht sie doch extra so, dieses hinterhältige Biest. Ich hätte vorher noch eine Taschenkontrolle machen sollen. Haasenzahn hat doch irgendwo heimlich ne Ladung Steine oder einen Zentner Schokotafeln versteckt.

Augenrollend setzte der Grummel seine Füße in Bewegung und trabte mit seiner kostbaren und ziemlich schweren Fracht stöhnend über den Steg in Richtung Schwimmendes Haus. Eigentlich hatte Marc ja gedacht, dass jetzt endlich mal Ruhe einkehren würde, jetzt wo er seinen Standpunkt ordentlich klargemacht hatte. Aber falsch gedacht! Das Zicklein konnte es nicht lassen und muckte natürlich nur Sekunden später wieder auf und bockte, indem es ihm unsanft in den Hintern kniff und ihre Meckerschnute wieder hörbar aufklappte.

Gretchen: Marc, du Neandertaler, bitte, lass mich runter! Du ruckelst mir viel zu sehr. Alles schwankt und schaukelt.
Marc (denkt nicht im Traum daran, darauf einzugehen, weil er genau weiß, dass er sie ansonsten nicht noch einmal hochgestemmt bekommen würde): Was vielleicht daran liegen könnte, dass wir gerade übers Wasser laufen. Guck am besten woanders hin! Auf meinen knackigen Arsch, von mir aus. Darfst auch daran herumfummeln, wenn du magst.
Gretchen (anstatt mit ihm ins Lachen einzustimmen, gibt sie komische Laute von sich u. klopft weiterhin störrisch gegen seinen Rücken): Marc, das geht so nicht. Bitte, ich meine das ernst. Mir wird schlecht, wenn du so weitermachst.
Boah... Weiber ... echt!
Marc (gibt entnervt nach u. lässt die Nervensäge nun doch schnaufend herunter, um ihr im nächsten Moment ordentlich die Meinung zu geigen): Boah, du bist die schlimmste Spielverderberin, die ich kenne. Kein Wunder, dass dich damals niemand in seine Mannschaft wählen wollte.
Gretchen (muss sich an seinem Mantel festhalten, weil alles um sie herum, inklusive sie selbst, immer noch gefährlich schwankt): Danke.
Marc (runzelt misstrauisch seine Stirn, als er ihr blasses Gesicht betrachtet, das schüchtern zu ihm aufschaut): Äh... Haasenzahn, ich will ja nichts sagen, aber du bist grüner als der Grinch an einem schlechten Tag.

Und wie aufs Stichwort riss sich Grinchline plötzlich von dem frechen Sprücheklopfer los und schupste ihn unsanft zur Seite, sodass er beinahe über die Reling gepurzelt wäre, an der er sich nun mit beiden Händen verkrampft festhielt, während er der Flüchtenden beunruhigt nachblickte. Sie hielt sich den Mund und rannte, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her, auf das gläserne Haus zu, welches sie jedoch nicht mehr rechtzeitig erreichte, wie Dr. Meier schockiert beobachten musste.

Lorelei Offline

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10.01.2015 13:04
#1512 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Wenig später im Haus

Marc: Haasenzahn, jetzt komm schon!

Zum wiederholten Male hämmerte der nervlich deutlich derangiert aussehende Oberarzt auf die verschlossene Badezimmertür ein, ohne dass darauf eine befriedigende Reaktion der darin befindlichen unpässlichen jungen Dame erfolgte.

Gretchen: Nein!

Marc stöhnte entnervt auf, während er sich mit einer Hand über seinen angespannten Brustkorb fuhr und anschließend ein letztes Mal gegen die gläserne Tür klopfte, bevor er sich an selbiger zu Boden sinken ließ, wo er sich erst einmal seines Mantels entledigte, den er sich als weiche Stütze hinter den Kopf klemmte, als er sich mit dem Rücken an die abgeschlossene Tür lehnte, hinter der Gretchen exakt dieselbe Position eingenommen hatte. Er ahnte, dass diese Operation hier etwas länger dauern würde. Aber damit hätte er schon rechnen können, als sich seine Liebste vor wenigen Minuten auf eher unelegante Weise ihres ungesunden Abendessens entledigt hatte und danach heulend an ihm vorbei durch die offene Haustür in das Ferienhaus gerannt war und anschließend kommentarlos hier drin verschwunden und seitdem nicht wieder herausgekommen war, obwohl er ihr mehrfach seine Hilfe angeboten und auf seine ganz spezielle Meier-Art glaubhaft sein Mitgefühl dargelegt hatte.

Marc (wagt einen kurzen Kontrollblick über seine Schulter ins Badezimmer): Du weißt schon, dass ich dich sehen kann, oder?
Gretchen (dreht sich kurz zu ihm um, erschrickt u. krabbelt auf Knien murmelnd rüber hinter den Sichtschutz der Dusche): Menno! ... Lass mich in Ruhe!
Marc (kann sich angesichts dieser kopflosen Reaktion ein Schmunzeln nicht verkneifen): Hey, was ist denn schon dabei? Das muss dir doch nicht peinlich sein, Haasenzahn. Ich hab dich schon in viel schlimmeren Posen erlebt. Weißt du noch, wie Karsten und ich damals aus Versehen die Mädchenumkleide gesprengt haben?
Gretchen: Sehr witzig, Marc, angesichts der Tatsache, dass ich mich gerade ebenfalls in der Dusche befinde.
Marc (kleinlaut): Naja, diesmal hast du ja noch was an.
Gretchen (zischt beleidigt zurück): Wenn das jetzt eine Aufforderung gewesen sein soll, mich auszuziehen, dann vergiss es!
Marc (verdreht leidend die Augen): Mann, zum hundertsten Mal, jetzt mach doch kein Drama draus! Es ist doch nichts weiter passiert. Das ist ein natürlicher Reflex. Das weißt du doch als Ärztin. Und bei dem Mix, den du dir bei McDoof reingepfiffen hast, ist es vielleicht auch besser so, dass es raus ist, bevor du die ganze Nacht Magenschmerzen hast und es dich noch mal überkommt. Und hey, ein Gutes hatte das Ganze ja auch noch, die Fische im See, also falls jetzt noch welche drin sind, haben einen kleinen Mitternachtssnack bekommen. Fastfood kriegen die doch auch nur selten bis nie.

...versuchte Marc die peinliche Angelegenheit auf seine Art möglichst locker zu nehmen, aber seine Freundin war heute leider eine ganz harte Nuss, die nichts und niemand knacken konnte. Auch kein Verweis auf den Dienst an der Mutter Natur, die ihr doch sonst immer so sehr am Herzen lag, wenn sie beispielsweise durch den Bioladen in Mitte spazierte und nachhaltig produzierte Produkte besorgte, von freilaufenden Hühnern oder freischwimmenden Fischen, oder weiß der Geier von was noch, womit sie ihn immer für eine gesündere und ethisch vertretbare Ernährung begeistern wollte.

Gretchen: Marc, du bist so widerlich.
Marc (hebt seinen Vetozeigefinger): Entschuldigung, oder hing ich gerade über der Reling?
Gretchen: Ach, mit dir rede ich doch gar nicht mehr.

...kam es trotzig durch die Glaswand geschrien, hinter der sich Gretchen verbarrikadiert hatte und schon plante, den Rest des Wochenendes zu verbringen, wenn es denn sein musste. Marc raufte sich die Haare und hätte am liebsten zurück geschrien, weil sich dieser lieb von ihm gemeinte Kurztrip in ihr kleines gemeinsames Paradies, wo sie nach Weihnachten die wohl glücklichste Zeit ihrer noch jungen Beziehung verbracht hatten, so langsam in einen echten Albtraum verwandelte und er keine Ahnung hatte, warum alles so dermaßen schief lief, seitdem sie die Stadtgrenze von Berlin passiert hatten. Doch der taffe Chirurg, der schon mit sehr vielen komplizierten Patienten zu tun gehabt hatte, versuchte Ruhe zu bewahren, auch wenn Geduld nicht gerade eine seiner Lieblingseigenschaften war. Er drehte sich wieder zur Tür herum und rappelte sich auf. Dann klopfte er erneut an das widerspenstige Sicherheitsglas, jedoch wesentlich sanfter als zuvor. Denn was konnte Frauen am besten besänftigen? Wenn man(n) demütig zu Kreuze kroch und seine Prinzipien, hauptsächlich die männlichen, hinten anstellte. Des lieben Friedens und einer hoffentlich entspannten Nacht zu zweit willen.

Marc: Süße, das war doch nicht so gemeint.
Gretchen (schluchzt vorwurfsvoll): Du hast gelacht!
Marc: Jeder hätte in dem Moment gelacht, Haasenzahn.
Gretchen (wirkt merklich gekränkt): Du bist aber nicht jeder.
Marc (verleiert die Augen, aber versteht): Ja, sorry, mein Fehler. Kommt nicht wieder vor. Kommst du jetzt bitte da raus und lässt dir helfen! Ich bin Arzt, ich hab einen Eid geschworen und in meinem Medizinköfferchen, das ich immer bei mir führe, hab ich immer etwas gegen Reflux dabei. Also?
Gretchen (bleibt stur hinter der Duschwand sitzen u. trocknet mit der Toilettenrolle ihre aufkommenden Tränen): Ich kann nicht.
Marc (horcht nun doch alarmiert auf u. versucht vergeblich durch die Glastür etwas zu erkennen): Wieso? Ist dir immer noch schwindelig?
Gretchen (schluchzt in ihre Knie, die sie fest an ihren Körper gezogen hat u. mit ihren Armen umschlungen hält): Geht schon, Marc. Es ist nur...
Marc: Was?
Gretchen (murmelt verlegen): Ich sehe furchtbar aus.
Marc (versucht sie sanftmütig vom Gegenteil zu überzeugen): Tust du nicht.
Gretchen (blickt scheu um die Ecke u. versteckt sich gleich wieder, als sie seine Blicke bemerkt): Das kannst du gar nicht wissen.
Marc: Egal, in welch kompromittierender Situation du gerade steckst, ich finde dich trotzdem immer süß und hinreißend. Das gilt für jetzt und auch für damals mit der verunglückten Silvesterrakete. Weißt du eigentlich, dass ich danach tagelang nicht schlafen konnte wegen dir.
Gretchen (krabbelt nun doch vorsichtig aus der Dusche u. auf die Badezimmertür zu, wo sie schüchtern Blickkontakt aufnimmt): Echt?
Marc (lächelt sie durch die Scheibe an): So wahr ich Marc Meier heiße.
Gretchen (wischt sich das verschmierte Mascara mit Toilettenpapier ab, beißt sich zögernd auf die Unterlippe u. erwidert schließlich zaghaft sein ansteckendes Grübchenlächeln): Gut, dann... sperre ich jetzt auf.

Mit einem lauten Klacksen sprang das Türschloss auf und ein scheues Häschen mit verheulten rot umrahmten Augen blickte ihm durch den schmalen Türspalt entgegen. Marc legte seine Hand liebevoll an ihre glühende Wange und lächelte seine Dramaqueen einfach nur an.

Marc: War das jetzt so schwer?
Gretchen (schüttelt verlegen den Kopf u. schließt für ein paar Sekunden ihre schmerzenden Augen): Hast du meinen Kulturbeutel mit eingepackt, Marc?
Marc (deutet augenzwinkernd auf die zwei Taschen, die vor der gegenüberliegenden Schlafzimmertür stehen): Ich hab alles dabei, was du brauchst. Also, vor allem mich, natürlich.
Gretchen (lächelt den Charmeur wie verzaubert an): Spinner! Dann hätte ich jetzt gerne meine Zahnbürste.
Marc (grinst sie an u. spielt bereitwillig den Diener): Kommt sofort!

Marc lief zu den beiden Reisetaschen herüber, zog den Reißverschluss der einen auf, kramte einen kurzen Moment darin, wobei einige Kleidungstücke herauspurzelten, und kam dann mit einem rosafarbenen Kulturbeutel mit „Hello Kitty“-Aufdruck zurück, dessen Reißverschluss er nun ebenfalls öffnete, um ihr daraus mit großer Geste ihre pinke Zahnbürste hervorzuzaubern. Gretchen nahm das Täschchen mit strahlendem Lächeln dankbar entgegen, welches der verliebte Oberarzt sofort als Einladung verstand, seiner Süßen ein bisschen näher zu kommen. Aber das blonde Trotzköpfchen hatte natürlich wieder etwas anderes im Sinn, als wild und nicht jugendfrei zu knutschen, und schlug ihm die Tür vor der Nase wieder zu. Perplex taumelte der Abgewiesene zurück, schüttelte den Kopf und stapfte schließlich frustriert die schmale Wendeltreppe ins Erdgeschoss herunter.

Marc: Ich mach dir dann mal einen magenschonenden Tee. ... Und für mich einen Schnaps. Wo war hier noch gleich die Minibar?

...murmelte Marc noch hinterher und verschwand im nächsten Moment in der geräumigen amerikanischen Küche des gemütlichen Ferienhauses, wohin Gretchen ihm einige Minuten später ebenfalls folgte. Schüchtern blickte sie den erschöpft auf einem der bequemen Esszimmerstühle lümmelnden Mann an, der ihr daraufhin mit breitem Grübchenlächeln ihr dampfendes Teeglas hinschob. Sie setzte sich ihm gegenüber an den Glastisch, nahm dankbar das Heißgetränk an, nippte einmal vorsichtig daran und wärmte anschließend ihre eiskalten Hände an dem Glas. Einige Minuten saßen sie so still da und blickten sich immer wieder verliebt in die Augen, dann nahm sich Gretchen ein Herz und sprach ihren Schatz an, der gerade mit ihr unter dem Tisch zu füßeln begann.

Gretchen: Danke!
Marc (übt sich in meieruntypischer Bescheidenheit): Gar nichts für.
Gretchen (schnappt sich seine Hand, die locker neben seinem Glas und der Zigarettenschachtel auf dem Tisch ruht, u. drückt sie zärtlich): Doch Marc! Ich hab mich schrecklich aufgeführt und du bist trotzdem immer noch hier.
Marc (grient sie verschmitzt an u. spielt mit ihren Fingern): Naja, irgendwer muss ja auf dich aufpassen, dass du, so wie du gerade drauf bist, nicht aus Versehen in den See plumpst.
Gretchen (kichert u. verschränkt ihre Finger mit seinen): Pass du lieber auf, dass ich dich für deine Frechheiten nicht noch da reinschupse.
Marc (rückt lachend um den Tisch herum auf den Stuhl neben sie u. zieht sie zu sich auf den Schoß): Ich fürchte ja eher, dass deine unkontrollierte Tollpatschigkeit schon noch dafür sorgen wird. Das war vorhin schon ziemlich knapp.
Gretchen (schmunzelt bei der Vorstellung u. schmiegt sich in seine Umarmung): Ja, dann solltest du vielleicht doch besser aufpassen.
Marc (glücklich, dass Haasenzahn wieder einigermaßen ‚normal’ geworden ist, drückt er sie ganz nah an sich u. umtänzelt zärtlich ihre weichen Lippen mit seinem Mund): Mhm, mach ich doch schon die ganze Zeit.
Gretchen (genießt den zarten Kuss sehr, löst sich aber schnell wieder): Mwarc, wärst du sehr böse, wenn ich mich jetzt hinlegen würde? Ich bin wirklich furchtbar kaputt.
Marc (verliert sich in ihrem bezaubernden Bettelblick): Dann ab ins Bett mit uns! Das wollte ich schon den ganzen Tag sagen.

...fügte Marc noch augenbraunwackelnd hinzu, dem durchaus noch andere Entspannungsmöglichkeiten durch den Kopf gegangen waren, aber dem auch klar war, dass nach diesem ereignisreichen und aufwühlenden Tag mit nicht mehr viel zu rechnen war, und drückte seine Lippen ein letztes Mal auf die süße Babbelschnute seiner liebreizenden Freundin, ehe er sie unsanft von seinem Schoß herunterschupste und dann vor sich die Treppe hoch in den Schlafbereich schob. Der blonde Engel, dessen Hintern er gerade genüsslich mit seinen Blicken studierte, drehte sich auf der letzten Stufe noch einmal zu dem Pappenheimer um, um noch eine Sache unmissverständlich klarzustellen.

Gretchen: Marc, ich meine aber mit schlafen schon nur schlafen.
Marc (grient sie frech an): Du, ich auch. Was du schon wieder von mir denkst!
Gretchen (erkennt in seinem herausfordernden Blick sofort seine Hintergedanken): Klar!? Marc, wenn dieses Wochenende nur dazu dienen soll, deinen Trieben nachzugehen, weil wir schon eine Weile nicht mehr miteinander gepunktpunktpunkt haben, dann muss ich dich leider enttäu...
Marc (fällt ihr empört ins Wort): Woah, stopp, Haasenzahn! Wann kapierst du endlich, dass es mir hierbei nur um dich geht, verdammte Scheiße noch mal?
Gretchen (guckt ihn tadelnd an): Das kann man auch netter formulieren, Marc Meier, und vor allem LEISE.
Marc: Wenn die Botschaft auch tatsächlich ankommen soll, dann muss man auch deutlich werden. Oberste Chirurgenregel!

Eingeschnappt drehte sich Gretchen auf der Stelle um, griff sich wortlos eine der Taschen und stapfte damit ins Schlafzimmer. Frustriert aufstöhnend folgte Marc der beleidigten Leberwurst mit der anderen Tasche auf dem Fuße. Am Bett hatte er die Meckerliese eingeholt und zog sie mit seinen Armen, die er hastig um ihre Taille geschlungen hatte, mit einem Ruck zu sich heran. Gretchen war gerade dabei, auszupacken, und wollte ihn abwimmeln, aber gegen die muskulösen Arme ihres besitzergreifenden Freundes, der sie heimtückisch umkesselt hatte, hatte sie nicht den Hauch einer Chance.

Gretchen: Mann, Maaarc!
Marc (drückt verschmust seine Wange gegen ihre): Ja? Anwesend!
Gretchen (verdreht die Augen u. lässt den Widerstand, der eh zwecklos ist, sein): Das merke ich.
Marc (schließt die Augen u. wiegt einmal auf der Stelle mit ihr hin und her): Gut zu wissen.

Die verliebte Assistenzärztin wollte diesen nahen Moment mit Marc eigentlich ebenfalls genießen, aber dann fiel ihr etwas ins Auge, das sie sofort und auf der Stelle geklärt haben wollte. In akute und für Dr. Meier nicht nachvollziehbare Hektik verfallen, breitete sie den gesamten Inhalt ihrer Sporttasche auf dem Bett aus und wedelte anschließend mit einem der Kleidungsstücke demonstrativ vor Marcs Nase herum.

Gretchen: Marc, was ist das?
Marc (abrupt aus seinen Träumen gerissen): Hmm? Sieht nach einer Hose aus, würde ich sagen. Aber ich kann mich auch irren oder heiß ich Guido Maria Kretschmar?
Gretchen (guckt den Sprücheklopfer finster an u. zeigt ihm das nächste Stoffstück): Und das hier?
Marc (versteht absolut nicht, was sie von ihm will): Was soll das werden, Haasenzahn? Ich denke, du willst schlafen und nicht „Das Quizduell“ spielen? Also ich wüsste da eine weiß Gott bessere Beschäftigung, mit der wir uns den Abend versüßen könnten.
Gretchen (ist überhaupt nicht zum Spaßen aufgelegt): Sehr witzig! Was sind das für Sachen?
Marc (sieht sie schulterzuckend an): Na deine! Oder trage ich neuerdings geblümte rosa Blusen? Kommen sicher im Frühjahr wieder in Mode, aber ist nicht so mein Style.
Gretchen (ignoriert konsequent seine Witze u. forscht nachdrücklich nach): Wo hast du die her?
Marc (versteht nur noch Bahnhof): Aus deinem Schrank, woher sonst?
Gretchen (zählt so langsam eins und eins zusammen): Lagen die zufällig in genau dieser lila Sporttasche im untersten Fach?
Marc (guckt sie verständnislos an): Äh... ja? Na und? Ich fand es eigentlich ganz praktisch, dass du eine gepackte Tasche im Schrank stehen hattest. Hat mir ziemlich viel Zeit erspart, in der mich Günni hätte vollquasseln können. Seit der auf Vatermodus programmiert ist, quatscht der fast so viel sinnloses Zeug wie Mehdi.
Gretchen (fasst sich an den Kopf u. sieht Marc dann aufgebracht an): Die war nicht gepackt, Marc!
Marc: Hä? Was laberst du denn da für einen Müll? Natürlich war die gepackt. Ich musste nur noch deinen ganzen Make-up- und Hygienekram da rein tun und fertig. Dann hab ich Günni bei sich Zuhause abgesetzt und hab dich mitgenommen.
Gretchen (blickt hilfesuchend zur Decke u. hält sich dann zu Demonstrationszwecken die geblümte Bluse vor den Körper): Mann, Marc, das sind die Sachen, die ich letzte Woche aussortiert habe. Ich hab es nur noch nicht zur Kleiderspende geschafft, weil in der Klinik so viel los war.
Marc (hebt beide Arme u. lässt sie gleich darauf wieder lustlos fallen): Ja, woher soll ich das denn wissen?
Gretchen (taxiert ihn vorwurfsvoll mit ihren Blicken): Wenn du nur EINMAL zuhören würdest, dann wüsstest du, wie traurig ich darüber war, dass mir meine Lieblingsbluse nicht mehr gepasst hat.
Marc (verdreht genervt die Augen): Boah, willst du jetzt wieder eine Grundsatzdiskussion vom Zaun brechen? Ich dachte, wir wären uns einig darüber gewesen, dass wir uns nicht mehr streiten wollten? Kein Stress, chillen und so!
Gretchen (regt sich gleich wieder auf): Marc, ich hab hier nichts zum Anziehen, da darf ja wohl erlaubt sein, Kritik zu äußern, oder nicht?
Marc (zwinkert der aufgebrachten Blondine grinsend zu): Mein Gott, jetzt mach doch kein Drama da draus! Sieh es doch mal so, eigentlich brauchst du hier ja eh gar keine Klamotten.
Gretchen (erkennt sein verdächtiges Augenbraunwackeln sofort u. hält dagegen): Das hättest du wohl gerne.
Marc (nähert sich seiner erzürnten Freundin wieder auf sehr gefährliche Weise u. verschlingt sie schon fast mit seinen Blicken): Joah, also, wenn ich länger darüber nachdenke, dann, ja, gefällt mir dieser Gedanke immer mehr.
Gretchen (guckt ihren Pappenheimer gespielt verheißungsvoll an u. tritt dann unerwartet zu, um ihre ganze Wut u. Enttäuschung loszuwerden): So ist das also, mein Lieber? So viel also zum Thema, es geht dir nur um mich.
Marc (hält sich sein schmerzendes Schienbein u. guckt empört zu ihr hoch): Au, sag mal, spinnst du?
Gretchen (zischt ihn an): Du hast mir ein entspanntes Wochenende versprochen und jetzt geht alles schief.
Marc (tippt ihr mit dem Zeigefinger gegen die Stirn): Haasenzahn, dass du dich nicht entspannen kannst, liegt weniger an mir und meiner Unaufmerksamkeit, als an dem hier! Schalt endlich ab und nimm es mit Humor!
Gretchen (merkt, dass sie überreagiert hat, u. rudert zurück): Und was soll ich jetzt bitteschön anziehen?
Marc: Wenn du darauf bestehst, unbedingt Klamotten tragen zu müssen, dann bedien dich doch bei mir, hmm!

Gretchen guckte Marc mit immer größer werdenden Augen ungläubig an. Er ignorierte ihren misstrauischen Blick, hievte seine Tasche aufs Bett und wühlte kurz darin. Als er ihr als mögliches Schlafgewand eine seiner schwarzen Boxershorts und sein marineblaues M-Shirt hinhielt, zeichnete sich doch tatsächlich ein kleines verräterisches Lächeln auf dem Gesicht seines störrischen Haasenzahns ab, was auch ihm Hoffnung machte auf einen doch noch guten Ausgang ihres gemeinsamen Offline-Wochenendes.

Marc: Wie wäre es denn damit? Das hast du doch eh häufiger an als ich. Und, ich weiß auch nicht, irgendwie sieht der Fetzen schon ziemlich scharf an dir aus. Problem gelöst, aus die Maus!
Gretchen: Du bist ein Schatz, Marc.

...säuselte Gretchen ihrem Herzprinzen verliebt entgegen und drückte ihm einen spontanen Dankeskuss auf die gespitzten Lippen, ehe sie, mit den beiden Kleidungsstücken bewaffnet, für fünf Minuten im angrenzenden Badezimmer verschwand. Marc schüttelte nur den Kopf, als er ihr seufzend nachblickte.

Marc: Ach, auf einmal doch?

Gretchen: Es braucht nicht viel, um mich glücklich zu machen. Weißt du das nicht, Marcilein?

...antwortete Gretchen ihrem sprachlosen Freund kichernd, als sie umgezogen zu ihm zurück ins Schlafzimmer trat, ihn einmal frech antippte und dann geschwind unter die Bettdecke krabbelte. Marc konnte immer noch nur ungläubig mit dem Kopf schütteln. Er würde dieses verrückte Weib nie verstehen. Im einen Moment die schlimmste Zicke, die die Welt, nach Gabi Kragenow und seiner Mutter, je gesehen hatte, und dann mit einem Mal wieder handzahm wie ein süßes Kätzchen, das mit seinen großen Kulleraugen darum bettelte, aus dem Tierheim adoptiert zu werden. Schnell hatte auch er sich seiner Kleidung entledigt und nach einem kurzen Besuch im Bad kuschelte er sich zu seiner süßen Schmusekatze unter die Decke, die sich sofort besitzergreifend seinen Arm schnappte, um ihn für die perfekte Schlafposition um sich zu schlingen. Marc wollte noch etwas Geistreiches darauf erwidern, aber da war der Frechdachs auch schon ins Land der Träume entschwunden. Er beobachtete Gretchen noch eine Weile mit verliebten Blicken und genoss, dass sie endlich mal ihre Sabbelschnute geschlossen hielt, dann wurden auch seine Lider schwer und er fiel augenblicklich in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Lorelei Offline

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17.01.2015 16:07
#1513 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Am nächsten Morgen herrschte schon emsige Betriebsamkeit in der heimeligen Küche, die von der aufgehenden Sonne angestrahlt wurde, was den erwachenden Lebensgeistern noch zusätzlichen Antrieb gab. Nutellabrote wurden geschmiert und sofort gierig vertilgt, es wurde gekleckert und gekrümelt und heißer Kakao fand ebenso reißenden Absatz wie ein Schälchen Milch mit Vollkornmüsli. Es herrschte eine wunderbar gelöste Stimmung. Nicht nur dank des herrlichen Frühlingswetters, das sie heute so herzlich begrüßte. Es wurde gelacht, getuschelt und gekichert am gemeinsamen Frühstückstisch, der mit den Leckereien, welche reichlich aufgetischt worden waren, etwas unübersichtlich und daher durchaus chaotisch auf den Betrachter wirkte. Aber niemand störte sich wirklich daran. Chaos war schließlich schon immer Programm gewesen in diesen vier Wänden. Gerade zu dieser Uhrzeit. Kurz vor halb neun Uhr morgens. Nur eine Person schien noch leicht zerstreut zu sein an diesem noch recht jungen Tag, der gerade erst herangebrochen war. Immer wieder wurde nervös aufs Handy geguckt, das neben dem krümelübersäten Frühstücksbrettchen lag, und auch das Festnetztelefon hatte die ganze Zeit in Sichtweite gelegen, bis er es schließlich nicht mehr länger auf den heißen Kohlen ausgehalten hatte, auf denen er sich bereits seit gefühlten Ewigkeiten befunden hatte. Abrupt sprang er von seinem Platz auf und ließ das mit ganz viel Liebe geschmierte Brötchen links liegen und verschwand stattdessen unter den irritierten Blicken zweier aufgeweckter Augenpaare mit dem Telefon in der Hand nach nebenan ins Wohnzimmer.

Erneut wurde eine ganz bestimmte Kurzwahltaste gedrückt. Und wieder wurde sein Drängen von der nervigen Stimme auf der Mailbox abgeblockt, die seiner stetig steigenden Vermutung erneut Zunder gab. Sie wollten einfach nicht erreicht werden. Missmutig strich sich der hypernervöse Mann durch seine wild zerzausten Haare, die heute Morgen noch keiner Pflege zuteil geworden waren, schüttelte immer wieder den Kopf und starrte mit wild hin und her huschenden Pupillen auf das Festnetztelefon in seiner Hand, das er jetzt geradezu in die Station hineinpfefferte. Es war zum Verrücktwerden mit den beiden, dachte er aufgewühlt und begann nun doch seine wuscheligen Locken mit seinen Händen zu bändigen. Ausgerechnet an dem Wochenende, an dem er diese unglaubliche Entdeckung gemacht hatte, die noch lediglich eine vage Vermutung war und daher dringend verifiziert werden müsste, musste sein bester Freund seine nicht sonderlich ausgeprägte einfühlsame Seite entdecken. Gestern hatte er ihn noch dafür gelobt und ihm beigepflichtet, dass er seine Lebensgefährtin für einen spontanen Wochenendausflug aus dem ganzen Chaos, welches seit Tagen im Elisabethkrankenhaus herrschte, herausholen wollte, denn er teilte dessen Ansicht, dass die angeschlagene Assistenzärztin dringend Ruhe und Erholung verordnet bekommen sollte, aber jetzt verfluchte er ihn für seine kopflose Überrumplungstat. Er hatte die ganze Nacht nicht schlafen können, weil er einerseits wusste, dass er die beiden mitten in der Nacht besser nicht stören sollte und weil er andererseits noch einmal alle Fakten minutiös im Kopf durchgegangen war und immer wieder auf dieselbe Feststellung gekommen war, welche ihn in seiner aufkommenden Aufregung nicht hatte schlafen lassen. Er hatte mit seinem Riecher noch nie falsch gelegen. Warum sollte es ihm also ausgerechnet mit Gretchen Haase zum ersten Mal passiert sein?

Um halb sieben Uhr morgens hatte es ihn schließlich nicht mehr im Bett gehalten und er hatte zum ersten Mal versucht, Kontakt aufzunehmen, aber beide Handys waren ausgeschaltet gewesen, was, wenn man rational darüber nachdachte, an einem arbeitsfreien Samstagmorgen in einem gemütlichen Ferienhaus mitten in der Natur und von einem romantischen See umgeben nur allzu verständlich war. Aber momentan fiel es Mehdi schwer, rational zu bleiben. Zumal ihm, während er die Küche für ein gemütliches Familienfrühstück vorbereitet hatte, weil er unbedingt etwas hatte tun müssen, um nicht komplett durchzudrehen, immer mehr Details im Verhalten seiner besten Freundin in den vergangenen Tagen und Wochen aufgefallen waren, die ihm vor seiner Entdeckung in diesem ganz konkreten Zusammenhang überhaupt nicht in den Sinn gekommen waren. Natürlich, das alles war so offensichtlich! Warum hatte er die ganze Zeit nur so ein Brett vorm Kopf gehabt? Ausgerechnet er sah den Wald vor lauter Bäumen nicht! Für diese Ignoranz müsste man ihm eigentlich die Approbation als Gynäkologe entziehen. Mehdi hatte nicht mehr anders gekonnt und erneut Gretchens Nummer gewählt. Mehrmals hintereinander. Wieder ohne Erfolg, was vielleicht auch besser so war, wie er feststellte, als er langsam wieder klar denken konnte und sich nicht mehr nur von seiner Hysterie leiten ließ. Konnte er sie mit seinem Verdacht einfach so überfallen? Völlig unvorbereitet in ihrem Erholungsurlaub, den sie wirklich dringend nötig hatte? Marc würde ihm den Kopf abreißen, wenn er Gretchen jetzt wieder ins Gefühlschaos stürzen würde, so kurz nachdem sie das mit dem Findelkind hatte verwinden müssen. Anton, der kleine Liebling der Station, auch so ein Punkt auf Mehdis immer länger werdender Pro-Liste an Symptomen, die er im Kopf jeweils mit einem grünen Häkchen versah.

Nein, das wäre der völlig falsche Ansatz gewesen, hatte der sich langsam wieder beruhigende Halbperser geschlussfolgert, als er gerade auf Marcs Mailbox sprechen wollte. Also hatte er schnell wieder aufgelegt und sich erst einmal seinen beiden Schönheiten gewidmet, die gerade verschlafen aus ihren Zimmern geschlichen gekommen waren und überrascht registriert hatten, welche Hektik der Herr im Haus schon an einem Samstagmorgen verbreitet hatte. Während Gabi und Lilly, noch in ihren Schlafgewändern gekleidet, ordentlich beim reichlich aufgetischten Frühstücksbuffet reinhauten, hatte Dr. Kaan jedoch keinen Hunger verspürt. Ein Gedanke hatte sich in seine Hirnrinde festgenagt, nämlich dass er unbedingt plausible Fakten schaffen musste, welche einem überkritischen Oberarzt Meier standhalten würden, bevor er hier überhaupt erst unbedacht die Pferde scheu machte, nur weil Sabine Gummersbach nicht schwanger war. Ja, genau, das war es! Im Krankenhaus waren doch die Untersuchungsergebnisse abgespeichert worden. Nachdem Gretchen ihm neulich von den Vorkommnissen in der Nacht vor Sabines Hochzeit berichtet hatte, als sie beide, um die durchdrehende Braut zu beruhigen, jeweils einen Beta-hCG-Test bei sich veranlasst hatten, hatte er die Pseudonyme, welche ihre nächtliche Aktion vor neugierigen und tratschbereiten Kollegen im Labor vertuschen sollten, durch ihre wahren Identitäten korrigiert. Und er hatte Gretchens Akte noch von einem Vorfall, der lange zurücklag, noch aus der Zeit, als sie sich gerade erst kennengelernt hatten. Er müsste nur die Werte von damals mit denen von eben jener Februarnacht vergleichen, ob sie nun von wem auch immer oder durch ein dummes Missgeschick vertauscht worden waren oder eben nicht, und schon hätte er den ultimativen Beweis, welcher natürlich noch, wenn Gretchen wieder da war, mit einer aktuelleren Probe sichergestellt werden müsste, schoss es ihm augenblicklich durch den schon qualmenden Kopf und er applaudierte sich selbst für seinen genialen Einfall, was wiederum für Irritationen in der Küche sorgte. Lilly schmierte sich ihre Nutellafinger und ihre Schokoschnute an einer Serviette ab, kletterte auf ihren Stuhl und blickte neugierig durch die Durchreiche ins Wohnzimmer. Sie verfolgte von ihrem neuen Ausguck aus verunsichert, wie ihr zerstreuter Papa sich offenbar zum Gehen fertig machen wollte. Das bedurfte Klärungsbedarf. Das dachte sich auch Mehdis Freundin, die sich hinter Lilly gestellt hatte und nun ebenfalls verwirrt nach drüben schaute.

Lilly: Papa, was machst du da eigentlich die ganze Zeit?
Gabi (blickt ebenso verstört auf ihren Freund, der sich gerade seinen dunkelgrünen Parka überwirft u. nun in Zeitlupe ertappt zu den beiden Mädels herüberschaut): Genau das frage ich mich auch. Die ganze Nacht hast du dich im Bett herumgewälzt, bist heute Morgen zu einer wirklich unchristlichen Zeit aufgestanden und hast uns ein super Frühstück gemacht, von dem du selbst aber keinen Happen genossen hast. Obwohl wir ja wissen, was du dir sonst so morgens alles reinpfeifen kannst. Du bist die ganze Zeit mit deinen Gedanken in den Wolken und jetzt willst du auch noch ohne ein Wort aus der Wohnung schleichen. Was ist los und wo willst du überhaupt hin?
Mehdi (gerät in Erklärungsnot ins Stammeln): Äh... Nur... kurz in die Klinik. Ich bin nicht lange weg. Ich... muss nur... was klären, also... überprüfen.
Lilly (klingt enttäuscht, als sie mit Schmollmund zu ihm rüberschaut, sich dann eingeschnappt umdreht u. von ihrem Stuhl springt): Aber es ist doch Sonnabend. Du musst doch gar nicht arbeiten.
Gabi (kommt mit Lilly an der Hand aus der Küche u. stellt Mehdi neben der Garderobe im Flur erbost zur Rede): Eben! Was kann also so wichtig sein, dass du uns hier einfach ohne Erklärung stehen lässt?
Mehdi (sucht vergeblich nach einem plausiblen Grund, der nicht zu viel verrät): Äähhh...
Lilly (ehe sich Mehdi erklären kann, fällt sie ihm mit Bambiblick u. Schmollschnute ins Wort): Papa, du hast versprochen, dass wir heute alle mit den Rädern nach Tempelhof fahren und auf der Landewiese picknicken. Es ist so schönes Wetter. Fast schon Sommer. Wir haben doch gestern Nachmittag noch zusammen die Fahrräder frühjahrsfit gemacht. Hast du das etwa vergessen?
Gabi (stimmt der Mini-Mehdi-Version zu u. guckt ihren Freund herausfordernd an): Genau! Und wieso schmiere ich hier tausend Brote, hmm? Bestimmt nicht für meine kleine Untermieterin. So einen Hunger hat die in dem Stadium nämlich noch nicht. Außerdem hast du weder Bereitschaft, noch hast du irgendeinen Notruf gekriegt. Denkst du nicht, dass das, egal was es ist, auch noch bis Montag warten könnte?
Lilly (klammert sich mit ihren Fingern an Mehdis Parka u. bettelt ihn an): Ja, Papa! Ich hab mich doch schon so gefreut. Wir alle zusammen. Der Opa und die Oma kommen doch auch mit Kuchen und Cousine Aza, die nur an diesem Wochenende in Berlin ist, und Gabis Schwester mit ihrem neuen Freund. Der ist Millionär, weißt du. Voll spannend.

Gegen Lillys sehr überzeugende Schmollschnute und Gabis herausfordernden und unmissverständlichen Trotzblick hatte der überrumpelte Halbperser natürlich keine Chance. Und irgendwie hatten die beiden ja auch Recht. Natürlich konnte das noch warten. Marc und Gretchen hatten sich eine Auszeit genommen. Eine verdiente Auszeit wohlgemerkt. Vor Dienstantritt am Montag würde er das Paar eh nicht erreichen, denn so wie es aussah, wollte es ja anscheinend nicht erreicht werden. Also musste er sich bis dahin wohl oder übel in Geduld üben, auch wenn es ihm sicherlich schwer fallen würde, schließlich war die Neuigkeit, die er ihnen präsentieren würde, falls sie denn tatsächlich stimmen sollte, der absolute Oberhammer. Er war ja selber schon völlig aus dem Häuschen deswegen, wie sein sonderbares Verhalten am heutigen Morgen bereits deutlich gezeigt hatte. Aber Mehdi freute sich natürlich auch auf das ungezwungene familiäre Treffen. Bei dem schönen, fast schon sommerlichen Wetter bot sich ein Ausflug in die Natur ja schon regelrecht an. Er lächelte seine beiden Mädels also zustimmend an, zog Lilly liebevoll in eine überschwängliche Krakenumarmung, aus der es kein Entkommen gab, drückte der süßen Grinsefee einen Kuss aufs ungekämmte Haar, ehe er sie zum Umziehen ins Bad schickte, und widmete sich anschließend ausgiebig seiner liebreizenden Freundin, die ebenfalls mit einem zarten Kuss belohnt wurde, aber diesmal auf die sinnlich roten Lippen, die sie ihm versöhnlich entgegenstreckte und mit denen sie eine Weile nicht von seinen lassen konnte.

Sichtlich zufrieden widmeten sich Gabi und Lilly nach dem üblichen zeitintensiven Mädchenmorgenprogramm wieder den Vorbereitungen für die Radtour und Mehdi zeigte sich dabei von seiner ganz besonders hilfsbereiten Seite. Keine Stunde später machten sich die drei dann auch schon gut gelaunt mit ihren Fahrrädern auf den Weg. Zur selben Zeit war es gut 150 Kilometer entfernt, an einem traumhaft schönen Fleckchen Natur im Süden Brandenburgs an der Grenze zu Sachsen noch recht ruhig. Ein paar Vögel unterhielten sich fröhlich zwitschernd auf dem Dachsims. Die Frühlingssonne wanderte langsam über die Baumwipfel am Ufer des Sees und einige voreilige Strahlen trafen bereits auf das gläserne Haus, das darauf zu schweben schien, wenn man sich den langen hölzernen Steg wegdachte, und nun in ein sonderbares Glitzerlicht getaucht wurde. Sie drangen auch im oberen Geschoss ins Schlafzimmer ein und wagten es sogar, die junge Frau im Gesicht zu kitzeln, die immer noch tief und fest in ihrer rosafarbenen Traumwelt weilte, aber unbewusst den nervigen Morgenbegrüßern auswich und damit den Platz für Dr. Meier im Bett recht minimal werden ließ. Auch wenn er dadurch etwas unsanft geweckt worden war, brachte das seiner guten Laune keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Er lächelte verliebt, als er sein zusammengerolltes Dornröschen neben sich eine Weile beim Schlafen betrachtete. Er strich ihr den breiten Lockenteppich etwas aus ihrem hübschen Gesicht, damit er sie so besser anhimmeln konnte, lächelte noch mehr, als sie ihre süße Nasenspitze verdächtig kräuselte und ins Leere fasste, als sie sich selbst die widerspenstigen Haare wegstreichen wollte, und sprang dann aus dem Bett. Er schloss die Lamellen der Jalousien, um die Morgensonne auszusperren, damit seine Liebste noch weiter ausschlafen konnte, und schlich sich ganz leise auf Zehenspitzen aus dem Zimmer. Er tapste vorsichtig und darauf bedacht, dass die Stufen nicht knarrten, die Treppe hinunter, schnappte sich seine Zigarettenpackung aus der Innentasche seines Mantel, der in der Küche über einer Stuhllehne gehangen hatte, und trat so wie er war, nur in arztkittelweiße Boxershorts bekleidet, auf die schmale Terrasse, welche direkt auf den endlos weiten See zeigte und nun schon ganz von den übermächtigen Sonnenstrahlen eingenommen worden war. Auch wenn es jahreszeitenbedingt kurz nach zehn Uhr morgens noch recht frisch war, deutete sich doch bereits an, dass heute für Ende März ein ungewöhnlich warmer Tag werden würde. Perfekter hätte er es nicht bestellen können, dachte Marc selbstzufrieden und streckte seinen winterblassen muskulösen Körper einmal der Sonne entgegen, blinzelte gegen das grelle Licht, das seine müden Augen blendete, und zündete sich seine Morgenzigarette an, die er nun genüsslich inhalierte, bevor er erst eine ausgiebige Dusche nehmen würde und sich dann darum kümmern würde, dass Haasenzahn ein unaufgeregter Start ins Wochenende ermöglicht werden würde. Nach den anstrengenden Erlebnissen des gestrigen Abends würde er diesmal nichts dem Zufall überlassen. Schließlich wollte er die beiden freien Tage auch entspannen und nicht ständig ihretwegen kurz vorm Tobsuchtsanfall landen. Bei PMS-Kandidatinnen wie ihr musste man nämlich ein ganz besonders gutes Händchen an den Tag legen. Also machte er sich frohgemut an sein Werk.

Nur leider hatte der verständnisvolle Oberarzt nicht damit gerechnet, dass Gretchen Haase einen so ausgedehnten Schlafnachholbedarf hatte. Erst Stunden, nachdem er aufgestanden war, regte sich etwas neben ihm im Bett und er legte die Automagazine beiseite, die er zum Glück nicht nur zum Zeitvertreib mitgenommen hatte, weil es nämlich wirklich an der Zeit war, sich um einen neuen Wagen zu kümmern, nachdem sein alter Studenten-Volvo letzten Monat aufgrund widriger Wetterverhältnisse in die ewigen Jagdgründe eingegangen war. Er rappelte sich auf und hob das vorbereitete Tablett erneut aufs Bett. Genau in dem Moment öffnete die süße Schlafmütze ihre himmelblauen Augen und blinzelte ihn und das Frühstück mit ihren langen geschmeidigen Wimpern an. Es dauerte eine Weile, bis Gretchen realisiert hatte, wo sie sich gerade befand, und umso wacher wurde sie. Als sie neben sich blickte, entdeckte sie neben ihrem sie frech angrinsenden Freund ein reichlich gedecktes Frühstückstablett, das ihre Augen augenblicklich erstrahlen ließ. Sofort schnappte sie sich mit einem verlegenen Lächeln die Tasse Kakao, die ihr aufmerksamer Schatz ihr augenbrauenwackelnd hinhielt, und verzog im nächsten Moment den Mund, als sie die Tasse wieder abrupt absetzte.

Gretchen: Aber der ist ja kalt!
Marc (zuckt unbeeindruckt mit den Schultern u. grient sie herausfordernd an): Tja, dein Pech! Was krieg ich eigentlich dafür, dass du mir einen halben Tag gestohlen hast?
Gretchen (versteht nicht, was er von ihr will, wird aber von dem Frühstück abgelenkt, das förmlich nach ihr ruft): Wie bitte?
Marc (beobachtet grinsend, wie sie sich vor aufkommendem Heißhunger ein belegtes Käsebrötchen in den Mund schiebt): Naja, da wir morgen um die Zeit schon zurückmüssen, bleibt nicht mehr viel über.
Gretchen (quasselt mit vollem Mund): Wieso? Wie spät ist es denn?
Marc (hält ihr seine Designerarmbanduhr demonstrativ vor die neugierige Nase): Kurz nach vierzehn Uhr! Du hast fast sechzehn Stunden durchgeschlafen.
Gretchen (erstarrt u. verschluckt sich fast an ihrem nächsten Brötchen): Was?
Marc (kann sich sein vergnügtes Grübchengrinsen nicht verdrücken): Jep! War ganz schön langweilig ohne dich heute Morgen. Irgendwie ungewöhnlich ruhig, so ohne lästiges Fiepen im Ohr. Aber da der medizinische Faktor zählt, ist das schon okay so. Ich glaube, ich weiß jetzt, was für eine Karre wir uns zulegen werden. Und geht’s dir gut?
Gretchen (lächelt ihn an u. bleibt ein bisschen länger als nötig an seinem nackten Oberkörper kleben, der unter seinem geöffneten blauen Hemd hervorblitzt): Fantastisch!
Marc (bemerkt die Schmachtblicke sofort, die seinem Ego wahnsinnig gut tun): Prima! Dann darf ich mir doch jetzt sicherlich die Belohnung dafür abholen, dass ich so geduldig war. Und hey, ich hab extra Frühstück gemacht. Ist zwar schon drei Stunden her, aber wenn juckt’s.
Gretchen (nachdem sie von dem Schokocroissant abgebissen hat, das sie angelacht hat, stellt sie das schwankende Tablett vorsichtig neben das Bett u. rutscht näher an ihren Pappenheimer heran, der unverhohlen nach Schmuseeinheiten giert): Mein tapferer Held! Aber hattest du gestern nicht eigentlich MIR eine Belohnung versprochen?
Marc (grient sie verschmitzt an, packt ihren Kopf u. zieht ihn auffordernd mit beiden Händen zu sich heran): Ich weiß absolut nicht, wovon du redest. Musst du geträumt haben. Aber egal, es kommt eh aufs Selbe hinaus.

...nuschelte Marc noch in den beginnenden Kuss hinein, den er anschließend noch weiter intensivierte, was Gretchen auf jeden Fall besser schmeckte als der kalte Kakao, so wie sie sich an ihn schmiegte und begierig seine stürmischen Lippenbekenntnisse erwiderte. Sekunden wurden zu Minuten, Minuten zu einer Stunde, in der sie nicht aufhören konnten, sich zärtlich zu küssen und zu streicheln. Aber nachdem sich die Sonne endgültig vom Schlafzimmerfenster abgewandt hatte, weil sie weiter gen Westen gewandert war, und das Zimmer dadurch wieder im Halbdunkeln versank, wachte das innige Paar schließlich aus ihrem wunderschönen Traum auf. Gretchen schaute Marc verliebt in die Augen, die sie frech anfunkelten.

Gretchen: Damit ich nicht völlig das Zeitgefühl verliere, sollten wir jetzt wirklich mal aufstehen. Ich will an die frische Luft, den Tag genießen.
Marc (hat überhaupt keine Lust dazu u. lässt sich rücklings aufs Bett fallen): Der Tag ist doch eh schon fast gelaufen.
Gretchen (rappelt sich entschlossen auf): Aber nur fast! Ich verschwinde schnell im Bad und dann gehen wir spazieren, ja.
Marc (verdreht leidend die Augen u. will seine Liebste daran hindern, aufzustehen): Spazieren ist doch was für Rentner.
Gretchen (entwischt seinen Fangarmen nur fast u. springt vergnügt aus dem Bett): Nein, für Romantiker. Ich kenne die Gegend nur im Winter. Jetzt will ich sie in ihrer Frühlingspracht entdecken gehen. Komm!
Marc (lässt sich nur ungern aufraffen u. nölt weiter): Boah!
Gretchen (an der Tür dreht sie sich noch einmal zu ihrem Grummelkönig um u. zwinkert ihm frech zu): Du hast mich schließlich hierher gebracht.
Marc (funkelt zu ihr rüber): Du weißt ja, was für Mühen und vor allem Nerven mich das gekostet hat.
Gretchen: Deshalb bestimme ich ja jetzt auch das Programm. Ich nehme dir damit quasi etwas ab und du kannst dich nun auch ein wenig entspannen.

...säuselte das liebliche Stimmchen noch, ehe es lachend im angrenzenden Badezimmer verschwand. Grummelnd hievte Marc seine schwerfälligen Beine aus dem gemütlichen Bett und schlüpfte in seine Jeans und knöpfte anschließend sein Hemd zu. Er hätte sich weiß Gott eine bessere Freizeitbeschäftigung vorstellen können. Dementsprechend missmutig ließ er sich dann auch wenig später von seiner überschwänglichen Freundin mitreißen, die noch vor ihm das Seeufer erreicht hatte, weil er extra getrödelt hatte, um seinem schweren Schicksal vielleicht doch noch entkommen zu können. Doch Madame Haase war nicht zu halten. Deren Batterien liefen nach dem erholsamen Schlaf zu seinem Nachteil auf Hochtouren. Hunderte von aufregenden Eindrücken aufsaugend marschierte sie fröhlich und sich immer wieder begeistert umblickend voran den schmalen Holperpfad am Ufer entlang. Nach einer Weile, während der er sich frustriert seinem Schicksal ergeben hatte und mit eingeschlafener Miene und Händen in den Hosentaschen hinterhergedackelt war, hatte er sie schließlich eingeholt. Der Weg endete hier. Gretchen stand unter einer Trauerweide direkt am Ufer und blickte mit leuchtenden Augen über den ruhigen See, der durch die tiefstehende Nachmittagssonne wie magisch glitzerte und fast einem Gemälde entsprungen glich.

Marc: Boah, und wozu das Ganze hier? Was ist hier so Großartiges, dass man dafür bescheuert durch die Pampa latschen muss?

...gab Marc frei von der Leber weg seinen Unmut kund und schob seine Hände schmollend in seine Jackentaschen, nur um dabei festzustellen, dass er seine Zigaretten auf der Terrasse vergessen hatte. Gretchen drehte sich zu dem Grummel um, der eine Fresse zog wie sieben Tage Regenwetter, strahlte ihn nur an, beugte sich dann spontan vor und presste ihre weichen Lippen auf die seinen und hatte nicht vor, sie in nächster Zeit wieder loszulassen.

Lorelei Offline

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24.01.2015 14:17
#1514 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Marc: Ach, so ist das also? Mhm, joah, also so gefällt das dem Dr. Meier schon viel, viel besser.

...griente der selbstzufriedene Schelm von einer Backe zur anderen seine ihn verliebt anstrahlende Traumfrau an, nachdem irgendwann sämtliche Sauerstoffreserven der beiden aufgebraucht worden waren und sie sich nun, um ausreichend Luftzufuhr ringend, auf der kleinen Holzbank am Ende des Uferpfades unter den langen spindeldürren Ästen der Trauerweide niederließen und sich verschmust aneinander schmiegten. Abwesend blickte die junge Frau über den romantischen See, während Marc seine Finger mit ihren verschränkte und sie mit zarten Küssen im Nacken neckte, wofür er immer wieder ihren hauchdünnen rosafarbenen Seidenschal ein bisschen lupfte, den sich Gretchen um den Hals geschlungen hatte, weil sie doch immer so schnell fror.

Gretchen: So ist es schön. Findest du nicht auch?
Marc: Mhm!

...stimmte Marc seiner verträumt dreinblickenden Freundin bei und ließ sich von ihr sanft durch seine Haare kraulen, nachdem er seinen Kopf pappfrech auf ihren Schoß gebettet hatte, während sie weiterhin über den See schaute und nicht weit entfernt ihren gläsernen Märchenpalast in Augenschein nahm. Sie konnte es immer noch kaum fassen, dass Marc sie tatsächlich hierher gebracht hatte. An den Ort, wo sie vor drei Monaten eine so glückliche und unvergessliche Zeit zusammen verbracht hatten. Er konnte es nicht mehr länger leugnen, dachte sie bewegt mit wild aufflatterndem Herzen und ein breites Lächeln legte sich auf ihre geschwungenen Lippen, ihr ewiger Grummel hatte doch eine verkappte romantische Seite, welche die Träumerin immer mehr beeindruckte, je länger sie hier so eng umschlungen zusammen saßen und einfach nur die Stille der Natur genossen.

Gretchen: Wie bist du eigentlich darauf gekommen?
Marc (mit den Gedanken schon weit davon gedriftet): Dass du dringend deine Batterien mal rausnehmen müsstest, bevor das Duracell-Häschen ungebremst gegen die nächste Wand rennt? Du, ähm... deine Aktionen in den letzten Tagen sprachen für sich.
Gretchen (schüttelt entschieden ihr Trotzköpfchen, auch wenn Marc mit gewissen Dingen schon recht haben könnte, wie sie irritiert feststellt): Nein, ich meine, dass wir hierher gekommen sind. Und so schlimm war ich doch gar nicht. Oder doch?
Marc (klappt erst das eine Auge, dann das andere wieder auf u. guckt nun grinsend zu ihr hoch): Haasenzahn, auf die Frage willst du nicht wirklich eine ehrliche Antwort?

Okay!? Das war dann wohl die allerletzte Bestätigung dafür, was für eine bescheuerte Kuh ich doch war. Marc wird mich nie wieder ernst nehmen. Obwohl, dass wir jetzt hier sind, ist schon irgendwie süß von ihm. Er hat sich wirklich Gedanken gemacht. Mein Prinz! Hach...

Gretchen (verzieht ihren Mund zu einem Schmollmund, aber erspart sich jegliche zickige Gegenwehr, die in ihr bereits brodelt): Ja, ja, is ja gut! Aber auf die erste hätte ich sie schon gern.
Marc (lässt seinen Blick gen Himmel schweifen, wo die eine oder andere Schönwetterwolke gerade in einer bizarren Form vorbeizieht): Keine Ahnung, ich hab plötzlich an die Zeit gedacht, die wir hier verbracht haben, hab spontan Phillip angerufen, ob die Bude belegt ist, was sie zu unserem Glück nicht war, und hab den Schlüssel geholt, als du bei der Stasisabsi gehockt und Antons Windeln gewechselt hast. Hat mich nur drei Golfspiele gekostet, die ich in den nächsten Wochen gegen ihn verlieren muss. Idiot! Der Dilettant weiß ganz genau, dass er gegen mich ansonsten nie einen Stich gesetzt bekommen würde. Aber hey, ich kann ja noch nachverhandeln. Ich meine, der kann mir am Ende ey nicht nachweisen, dass der Ball aus Versehen doch im Loch gelandet ist. Hähä!
Gretchen (himmelt ihn unverhohlen an): Und da sagt mir einer noch, du wärst nicht romantisch veranlagt.
Marc: Bitte? Ey, keine Beleidigungen außerhalb meiner Betriebszeiten!

...funkelte Marc Gretchen gespielt beleidigt an und stahl sich im nächsten Moment ein kleines Küsschen, bevor er plötzlich abrupt mit Schwung von der Bank aufsprang und sich dahinter einmal ordentlich streckte. Seine überrumpelte Freundin blieb noch sitzen, stützte ihr Kinn auf ihren gefalteten Händen auf der Lehne der Bank ab und beobachtete ihn dabei mit großem Interesse. Sie war hingerissen, weil sich sein Hemd unter seiner Jacke etwas verschoben hatte und sie für eine Millisekunde seine nackte Haut bewundern durfte, die sie aus einem Impuls heraus gerne angefasst hätte.

Gretchen: Was genau hast du jetzt vor? Wenn du wieder deinen Neandertalerinstinkten folgen und mich über die Schulter schmeißen willst, dann schwöre ich dir, ich schreie den ganzen Wald zusammen, dass man es bis nach Berlin hören kann.

Marc, der immer noch sehr beeindruckt von ihrer neu gewonnenen Energie und der damit verbundenen großen Klappe war, drehte sich mit demselben Schwung, mit dem er eben aufgesprungen war, zu ihr herum, stützte sich mit beiden Armen hinter ihr an der Rückenlehne der Bank ab und kam der frechen Göre nun gefährlich nahe, die ihn mit ihren verführerischen Unschuldsblicken herausfordernd zu bezirzen versuchte. Er wäre nicht Marc Meier, wenn er damit nicht geschickt umzugehen wüsste.

Marc: Haasenzahn, nur weil du gestern Abend einen kleinen Aussetzer hattest, heißt das nicht, dass ich nicht wüsste, dass du ansonsten auf gewisse animalische Impulse immer sofort reagierst.
Gretchen (muss spontan auflachen): Pah! Das denken auch nur die größten Machos der Welt, die sich gerne alles herausnehmen. Aber auf solch urprimitive Zeichen wie Muskelspiele oder Angebereien, wer das größte Wildschwein erlegt hat, reagiert keine Frau mehr. Zumindest nicht die mit Niveau.
Marc (umklammert die Banklehne mit beiden Händen u. schwingt amüsiert zurück): Hoho! Das werden wir ja noch sehen. Oder will Madame gleich was zwischen die Zähne bekommen oder nicht? Dein kleiner Hunger, der in Wahrheit ein großer ist, brüllt ja schon die ganze Idylle hier zusammen.
Gretchen (geht liebend gern auf das Spielchen ein u. erhebt sich nun ebenfalls von ihrem Platz): Oho, der Stadtneandertaler schwingt die Keule und will damit auf die Jagd gehen. Ich mach dann mal vorsorglich die Chipstüten auf, die wir von der Tanke mitgenommen haben.
Marc (baut sich impulsiv vor ihr auf): Kann es sein, dass das naive Blondchen von nebenan ihren Ernährer etwas unterschätzt?
Gretchen (stemmt gespielt trotzig ihre Hände in die Hüften): Marc, in weniger als sieben Tagen bin ich Chirurgin. Ich bin emanzipiert. Ich kann mich schon gut selber versorgen.
Marc (reibt sich zufrieden die Hände, dreht sich um u. marschiert ohne Vorwarnung los): Gut, dann... bleibt eben mehr für mich. Dabei hab ich mir doch solche Mühe gegeben, dass diese beiden talentierten Hände, so wie es die Natur vor Jahrmillionen vorgesehen hat, ein paar saftige Steakproduzenten erlegen.
Gretchen (läuft stolpernd los u. versucht mit ihm Schritt zu halten): Ja, ja, Marc Meier als Jäger und Sammler. Wie beeindruckend!
Marc (riskiert einen amüsierten Blick über seine Schulter): Hey, nicht spotten, Fräulein! Das ist der pure Neid, der aus dir spricht.
Gretchen (bleibt stehen u. grient ihn wissend an): Nein, das ist die stolze Stimme deiner treu ergebenen Lebenspartnerin. Und die ist ziemlich froh, dass sie den Vormittag verschlafen hat. Sonst hätte sie vielleicht noch mit ins nächste Dorf joggen müssen.
Marc (ihm bleibt der nächste Spruch noch im Halse stecken, als er abrupt stehen bleibt u. sich überrascht zu ihr umdreht): Woher...?
Gretchen (lacht u. genießt sein verdutztes Gesicht): Marc, deine Joggingschuhe stehen zum Entlüften vor der Tür. Was denkst du denn? Dass sie von alleine dahin marschiert sind?
Marc (funkelt sie eingeschnappt an u. trabt wieder los): Ich hab vergessen, dass ich mit Miss Marple scheinverheiratet bin. Dann können wir ja jetzt hier abbrechen und endlich zurückgehen, um den Grill anzuwerfen. Ich hab nämlich auch echt Kohldampf. Ich hab ja heute im Gegensatz zu dir schon viel geleistet.
Gretchen (rennt ihm hinterher, bis sie auf seiner Höhe angelangt ist): Du willst wirklich grillen?
Marc (hat den seltsamen Unterton in ihrer Stimme bemerkt u. guckt genervt zur Seite): Was passt dir denn jetzt schon wieder nicht?
Gretchen (blickt betont woanders hin u. stolpert prompt über eine Baumwurzel): Nichts! Es ist nur, naja, ich hab ein Kindheitstrauma. ... Aua! Mist! Die war aber vorhin noch nicht da. ... Danke.
Marc (fängt die Tollpatschqueen gerade noch so auf u. schaut sie, während sie in seinen Armen liegt, ziemlich verwirrt an): Ein Kindheitstrauma?
Gretchen (hakt sich sicherheitshalber bei ihm ein u. so schlendern sie nun langsam den Weg zum Haus wieder vor): Schon das Wort „grillen“ weckt bei mir die schrecklichsten Assoziationen von meinem Papa mit peinlicher Schürze am Grill und Schinkenwürstchen im Übermaß.
Marc (lacht): Was?
Gretchen: Das ist überhaupt nicht witzig, Marc. Papa hat immer gedacht, Jochen und ich fahren voll darauf ab, deshalb hat er jedes Mal, wenn er mal Zeit für uns am Wochenende hatte, den Grill angeworfen. Schinkenwürste sind das einzige, was Papa kulinarisch drauf hat und er war dann immer voll in seinem Element. Nach solchen Wochenenden gab es dann tagelang nur Würstchen zum Essen, wenn wir aus der Schule kamen. Ich kann da heute echt nicht mehr dran. Da reicht schon der Geruch und ich drehe mich auf der Stelle um und laufe davon.
Marc (stupst sie frech mit der Schulter an): Na, wie gut, dass ich keine besorgt habe. Der Metzger im Dorf wollte mir schon welche anpreisen, aber ich hatte dann doch eher Bock auf so richtig blutige Steaks für echte Männer, weißte.
Gretchen (rollt theatralisch mit den Augen): Na prima! Dann bin ich ja mal wahnsinnig gespannt, was du so drauf hast. Kulinarisch bist du ja noch schlechter aufgestellt als mein Papa. Ich sage nur chronisch leerer Kühlschrank und nicht vorhandenes Geschirr in deiner alten Junggesellenbude. Dafür aber Berge an Pizzakartons, die schon Schimmel angesetzt haben, und eine Liste von sämtlichen Lieferservices in Berlin mit Bewertungspunkten.
Marc: Eh! Das werden wir ja noch sehen, du.

...kam trotzig die Antwort von dem in seiner Männerehre gekränkten Grillkönig Meier, der augenblicklich seine Schritte beschleunigte und auf diese Weise weit vor seiner kritikliebenden Freundin das Ferienhaus erreichte, um sich sofort ans Werk zu machen, um sie eines Besseren zu belehren. Gretchen folgte ihrem Pappenheimer schmunzelnd auf dem Fuße. Sie hatte beschlossen, als Beilage zu den Steaks einen leckeren Nudelsalat zu kredenzen. Marc hatte nämlich ziemlich gut für ihr gemeinsames Entspannungswochenende vorgesorgt und hatte einen ganzen Supermarkt geplündert, damit es ihnen auch an nichts fehlte. Also kümmerte sich in der nächsten Stunde jeder um seine Arbeitsschritte. Mit entsprechenden Pausen, wo jeder einmal einen längeren Blick riskierte, um zu schauen, was der andere denn gerade so machte. Und Gretchen musste sich eingestehen, dass Marc am Grill schon eine ziemlich gute Figur machte. Auf jeden Fall besser als ihr Vater, aber den himmelte sie ja auch nicht so an wie ihre Jugendliebe, die gerade mit dem Grillbesteck wahnsinnig männlich und erhaben auf sie wirkte. So viel also dazu, dass sie nicht auf gewisse animalische Reize reagierte.

Doch der Flirtmodus, in dem sich die beiden Verliebten gerade befanden, wenn sie sich durch das gekippte Küchenfenster unverhohlen anschmachteten, änderte sich rasch. Zumindest bei Gretchen. Nach einer Weile war ihr nämlich etwas aufgefallen, das sie bald nicht mehr ignorieren konnte. Also schloss sie schnell sämtliche Türen und Fenster. Aber zu spät, sie konnte gegen den penetranten Grillgeruch, der ihren Magen ungewöhnlich rebellieren ließ, nichts machen. Und so blieb ihr nur die Flucht. Die Flucht ans wortwörtlich rettende Ufer, was wiederum den verdutzten Grillmeister auf die Palme brachte, der sich doch solche Mühe mit der Nahrungsbeschaffung und -zubereitung gemacht hatte und nun schon wieder grundlos symbolisch eine gewatscht bekommen hatte. Diese Frau konnte einen aber auch wahnsinnig machen. Und so brüllte er auch ungehalten über den See, dass man es bestimmt bis zum nächsten Ort gehört hatte.

Marc: Haasenzahn, jetzt sei nicht albern und komm wieder rüber! Essen ist fertig.
Gretchen: Nein!

...trug der Wind Gretchens ausdrückliches und unwiderrufliches Veto herüber zum Glashaus, vor dem sich Marc mit in die Hüften gestemmten Armen aufgebaut hatte und von wo aus er kopfschüttelnd zu der mäkeligen Frau herüberblickte, die sich trotzig am Ende des Stegs auf dessen Planken gesetzt hatte und ihre Beine über dem Wasser baumeln ließ. Es hielt ihn nun nichts mehr an seiner Stelle und so kam er mit hoch erhobener Grillzange auf seine Lieblingszimtzicke zu, mit welcher er nun vor ihrer Nase wild herumwedelte.

Marc: Sag mal, spinnst du jetzt völlig? Beim Grillen entstehen nun mal Gerüche. Das lässt sich nicht vermeiden.
Gretchen: Marc, ich habe dir schon gesagt, das Fleisch ist verbrannt. Das werde ich ganz bestimmt nicht essen.
Marc: Du warst nicht am Grill. Du bist aus der Vordertür abgehauen. Du kannst gar nicht wissen, wie das Fleisch ist. Und es ist auf keinem Fall verbrannt. Ich hab’s gekostet. Es schmeckt scheißegeil, um genau zu sein. Also komm jetzt! Der Tisch ist schon gedeckt.
Gretchen: Marc, ich habe die Rauchsäule durch die Terrassentür gesehen, als du das Bier da drübergekippt hast. Ich werde das nicht essen.
Marc (es ist zum Haareraufen mit dieser Frau): Herrgott noch mal, dann eben nicht! Dein Pech! Dann esse ich die Dinger eben alleine und du rührst in deinem Salat herum. Ich weiß gar nicht, wo da das Problem ist. Und jetzt komm endlich wieder mit rüber! Das ist doch albern, wie du dich aufführst.
Gretchen (verschränkt trotzig ihre Arme vor ihrer Brust u. guckt demonstrativ von ihm weg): Nein! Alles riecht da furchtbar verbrannt. Das ist ekelig. Ich mag das nicht.
Marc (versucht es auf die geduldige Art): Tut es nicht! Das bildest du dir ein. Alles ist gut. Das ist über den See gezogen.
Gretchen (schaut dann doch wieder zu ihm hoch): Marc, ich kann es bis hierher riechen.
Marc (reagiert zunehmend gereizt): Vielleicht solltest du besser mal deine Nase untersuchen lassen, anstatt die ganze Zeit an meinem Essen herumzumäkeln. Das wird mir jetzt echt zu blöd hier. Das nächste Mal rufe ich den Pizzadienst an. Es kann ja keiner wissen, dass du schon ausflippst, nur wenn ich einmal den Löffel schwinge, oder in dem Fall die Grillzange. Aber es ist abgespeichert. Kommt also nie, nie wieder vor.
Gretchen (versucht, die aufkommenden Tränen herunterzuschlucken): Du bist echt so furchtbar unsensibel, Marc. Ich sage dir, ich mag es nicht und du meckerst nur an mir herum.
Marc (starrt sie sprachlos an): Äh... Und was machst du? Was denkst du, soll ich jetzt machen, hä?

Gretchen guckte ihren eingeschnappten Freund mit zusammengepressten Lippen unmissverständlich von unten herauf an. Marc ahnte, was dieser Blick zu bedeuten hatte und klappte ungläubig die Kinnlade herunter und blickte sehnsüchtig in Richtung Terrasse, wo sein Essen vermutlich in dem Moment tatsächlich verbrannte, weil er es schon viel zu lange unbeaufsichtigt auf dem Grill gelassen hatte.

Marc: Das ist nicht dein Ernst? Eh! Du kriegst jedes Mal einen Heulkrampf, wenn du hungernde Kinder aus Afrika im Fernsehen siehst und ich soll hier kostbare Lebensmittel wegwerfen? Weißt du eigentlich, wie teuer das war? Das kam direkt vom Hof. Bio pur. Darauf bestehst du doch immer. Und sonst isst du doch auch immer alles.
Gretchen (nuschelt verlegen): Nicht wegwerfen.
Marc: Sondern?
Gretchen (zuckt unschlüssig mit den Schultern u. schaut schüchtern zu dem grimmig dreinblickenden Mann hoch): Ich weiß nicht, luftdicht verpacken und soweit weg wie möglich stellen. Oder einfrieren für ein anderes Mal. Und dann... dann solltest du duschen.
Marc (glaubt, er hört nicht richtig): Bitte?
Gretchen: Du und deine Sachen riechen, naja, ziemlich penetrant.

Jetzt war die Kinnlade von Dr. Meier endgültig auf die Holzplanken des Stegs gekracht und er sah Gretchen an, als sei sie jetzt vollkommen verrückt geworden.

Marc: Du bist doch völlig...
Gretchen (fällt ihm abrupt ins Wort u. rappelt sich mühsam vom Boden auf): Sag jetzt nichts Gemeines!
Marc: Äh... Weißt du was, ich sag gar nichts mehr. Ich mache jetzt das, was ich die ganze Zeit schon hätte machen sollen.
Oje! Der Blick verheißt nichts Gutes.
Gretchen (bekommt ein ganz mulmiges Gefühl u. hakt vorsichtig nach): Was?
Marc (reicht Gretchen die Grillzange, dreht sich um u. nimmt Anlauf): Untertauchen!
Gretchen (als sie begreift, was er vorhat, hechtet sie ihm nach): Marc, nein, das ist verrückt. Das Wasser ist doch noch viel zu kalt. Keine acht Grad bestimmt.
Marc (bleibt kurz vorm Ende des Stegs noch einmal stehen u. dreht sich zu ihr um): Das nennst du verrückt? Dein und mein Verständnis von „verrückt sein“ geht vollkommen auseinander.
Gretchen (hat atemlos zu ihm aufgeschlossen): Maaarc!
Marc (grient sie plötzlich an u. will sie schnappen): Aber vielleicht brauchst du ja die Abkühlung noch mehr als ich? Also deinem Verhalten nach zu urteilen, dann...
Gretchen (quietscht panisch auf, als er sie hochzuheben versucht): Nein, Marc, NEIN!
Marc (lässt die schreiende Frau wie gewünscht los u. geht ein paar Schritte zurück): Nein? Gut, dann eben nicht.

Und ehe sich Gretchen versah, hatte Marc sich seiner Kleidung entledigt und hatte erneut Anlauf genommen. Er setzte zum Sprung an, zog die Knie fest an seinen Körper und sprang mit einer Arschbombe ins eiskalte Nass, das ihn mit fiesen spitzen Nadeln überall traktierte, sodass er beim Wiederauftauchen kaum noch Gefühl in seinen Extremitäten spürte. Geschockt blickte Gretchen auf den verrückten Mann herab, der sie mit einer Mischung aus Trotz und Panik aus dem Wasser anschaute.

Marc: Oah, scheiße ist das kalt. Verdammte Axt! Kruzifix noch mal!

Zehn Minuten später hockte der tollkühne Oberarzt in einen watteweichen Bademantel und eine dicke Fleecedecke gehüllt zitternd zwischen Gretchens Beinen auf einer der bequemen Sonnenliegen auf der Terrasse ihres schwimmenden Ferienhauses, welches gerade von der über dem Horizont untergehenden Sonne in ein wohligwarmes Orangerot getaucht wurde. Gretchen, die romantische Sonnenuntergänge eigentlich über alles liebte und nie genug davon bekommen konnte, bekam von dem faszinierenden Himmelsschauspiel über dem See überhaupt nichts mit. Sie hatte sich noch eine zweite Decke um ihren und Marcs Körper gelegt und hatte den pitschepatschenassen Mann, der plötzlich ziemlich kleinlaut geworden war, fest an sich gedrückt, um ihn wiederaufzuwärmen.

Gretchen: Marc, das war so dumm.
Marc (trotzig): War es ni... Hatschi!
Gretchen (schüttelt immer wieder fassungslos den Kopf, während sie seine Arme warm rubbelt): Ja, das sehe ich! Gesundheit!
Marc (genießt ihre Fürsorge sehr u. spielt immer noch den coolen Obermacker, obwohl er von der Haarspitze bis zu den Zehen schlottert u. sich am liebsten für diese bekloppte Idee selbst eine scheuern würde): Das kann ein echter Mann ab.
Gretchen (zieht eine Schnute u. nickt demonstrativ): Sicher, Marc!
Marc (hat den skeptischen Unterton in ihrer Stimme wahrgenommen u. guckt sie beleidigt an): Hey, ich meine das ernst. Du, in Russland da bohren die extra Löcher ins Eis im Winter und halten dann sogar ihre Säuglinge ins eiskalte Wasser. Dient nachweislich dem Aufbau des Immunsystems. Die werden ihr ganzes Leben lang nicht kra... Hatschi!
Gretchen: Gesundheit! Und im Übrigen ist das Quälerei und menschenverachtend.
Marc (zieht sie auf, damit sie endlich wieder locker wird, u. fängt sich dafür gleich eine): Och du, ich würde mit dir und deiner Nerverei nicht so hart ins Gericht gehen.
Gretchen (empört sich u. zwickt dem Sprücheklopfer in die Seite): Hey! Pass bloß auf! Ich schupse dich gleich noch mal da rein und dann werde ich dir ganz sicher nicht noch mal den Rettungsring hinterherwerfen.
Marc (gibt sich völlig unbeeindruckt u. zwinkert ihr frech zu): Dann ziehe ich dich mit, so wie wir gerade miteinander verwachsen sind. By the way, gefällt mir übrigens sehr.
Gretchen (versucht sich von seinem Charme nicht erweichen zu lassen): Super! Damit wir in drei Tagen beide flach liegen.
Marc (wieder in Bestform schmiegt er sich an ihren warmen weichen Körper, der so gut riecht u. sich so fantastisch anfühlt): Wir beide? Zusammen? ... Hatschi!
Gretchen (weist den frechen Kerl entschieden in seine Schranken): Marc! Gesundheit! Deinen Hirnzellen hat die Kälte wohl doch ganz schön zugesetzt, was?
Marc (grient sie verliebt unter der tief ins Gesicht gezogenen Bademantelkapuze an): Nein, hat sie nicht. Oder weißt du nicht mehr, dass ich dir versprochen habe, dass ich für dich alles auf der Welt machen würde, auch nackt in nen beschissenen See springen.

Ja, stimmt! Also wenn das nicht so verrückt wäre, dann wäre es schon irgendwie romantisch.

Gretchen (legt zärtlich ihre Hand an seine Wange u. schüttelt dabei immer wieder ungläubig den Kopf, während sie in seinen Augen hin und her schaut u. sich langsam darin verliert): Du bist so ein Spinner! Aber ich lieb dich trotzdem. Erschreckend, ich weiß.
Marc (lächelt u. will gerade zum verdienten Kuss ansetzen, als er noch einmal heftig niesen muss): Dito! Ich liebe dich au... Hatschi!
Gretchen (lacht aus lauter Schadenfreude): Gut, dass wir das geklärt hätten.
Marc (wischt sich seine Nase unelegant am Bademantelarm ab u. guckt dann wieder reumütig zu ihr hoch): Vielleicht sollten wir doch mal lieber reingehen, hmm?
Gretchen (schiebt sich mit ihm im Arm vom Liegestuhl hoch): Dann lass ich mal eben für dich eine warme Wanne ein, hmm?
Marc (lässt sich eingemummelt von ihr im Watschelschritt ins Haus führen): Schöne Idee! Badest du mit?
Gretchen (schließt die Terrassentür hinter sich u. lehnt sich mit dem Rücken dagegen, während sie den begossenen Pudel intensiv in Augenschein nimmt u. versucht als Strafmaßnahme hart zu bleiben): Muss ich mir noch überlegen. Ich mach hier noch Klarschiff und räume den Grill weg. Mittlerweile müsste das Fleisch wirklich zu Briketts verarbeitet sein. Zumindest riecht es nicht mehr.
Marc (schmiegt sich in eindeutiger Absicht an sie u. kesselt sie an der Tür ein): Wirklich schade!
Gretchen (verliert sich in seinem intensiven Blick): Ja, schade, nicht?
Marc: Schade! Schade! Schade!

...murmelte Marc nur abwesend, während er bedächtig mit seinem rechten Zeigefinger über Gretchens Unterlippe strich, die sie soeben benetzt hatte, und nicht merkte, wie ihm dabei die Fleecedecke langsam von der Schulter rutschte. Gretchen hing wie gefesselt an seinem intensiven Blick, mit dem er sie betrachtete und völlig wehrlos gegen die gläserne Tür stemmte, und verfolgte seinen Finger, wie er nun ihre gerötete Wange emporwanderte. Ihr Herz schlug ihr mittlerweile bis zum Hals. Wie hätte sie sich dagegen wehren können? Das Feuer, das seine Berührung entzündet hatte, breitete sich in rasender Geschwindigkeit in ihrem gesamten Körper aus. Sie konnte nicht mehr länger an sich halten. Ihre Arme schossen förmlich nach vorn, schoben sich begierig unter den weichen Bademantel, der von dem weißen Gürtel längst nicht mehr zusammengehalten wurde, und sie presste sich haltsuchend an ihn, um ihn leidenschaftlich zu küssen. Ihr loderndes Feuer strahlte sofort auf Marc und seinen Kälte geschüttelten Körper aus. Er taumelte rückwärts, als sich Gretchens Wärme auf seine Blutbahnen übertrug. Der glühende Lavastrom bahnte sich seinen Weg. Sein Sprung ins eiskalte Nass war längst vergessen. Denn etwas viel, viel Aufregenderes lähmte nun seinen Verstand. Ihre Küsse wurden immer intensiver und heißer, dass man schon beinahe Sorge haben musste, sie würden sich gegenseitig bei der nächsten Berührung die Fingerkuppen verbrennen. Die beiden hatten keine Ahnung, wie sie es, ohne zu stolpern, die Treppe empor bis ins Schlafzimmer geschafft hatten, wo sie nun eng umschlungen auf dem weichen Himmelbett landeten...

Lorelei Offline

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03.02.2015 14:16
#1515 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Ihr Lieben, dieses lang ersehnte Kapitel bitte nur auf eigene Gefahr lesen und ich empfehle dazu einen leckeren Schokosahnekuchen mit Schuss. Die Kinderriegel bleiben aber in der Schublade. Denn es herrscht FSK 18!!! Daran wird sich bitte aus Jugendschutzgründen auch gehalten. Liebe Grüße und ein dickes Bussi an alle meine Leser da draußen. Von eurer Lorelei



https://www.youtube.com/watch?v=e1jN_UPl-E4

...Sie befanden sich wie in einem tosenden Rausch, wurden mit Haut und Haar von der starken Strömung mitgerissen und unkontrolliert in einen gewaltigen Strudel gezogen, aus dem es kein Entkommen mehr gab. Aber sie wollten ja auch nicht dem mächtigen Wirbelsturm entkommen, der in ihrem Innersten zu toben begann, je länger sie sich berührten und leidenschaftlich küssten. Genauso wenig wie sie wussten, wie sie die schmale Wendeltreppe emporgeschwebt waren, genauso wenig hatten sie registriert, wie Gretchens Kleider, die aus Mangel an Alternativen aufgrund männlicher Desorganisation und Unaufmerksamkeit eigentlich aus Marcs grauer Jogginghose und seinem marineblauen M-Shirt bestanden, eins nach dem anderen neben seinem plüschigweißen Bademantel auf dem Fußboden des Schlafzimmers gelandet waren. Die beiden in einander Versunkenen nahmen nichts mehr um sich herum wahr. Außer sich selbst natürlich und den aufregenden Körper des anderen, der sich unenthemmt an einen presste, sodass bald nicht einmal mehr hauchdünnes Seidenpapier zwischen die beiden gepasst hätte. Sie hielten sich aneinander fest, so als könnten sie ohneeinander nicht existieren, und ließen die Leidenschaft über sich herein brechen wie tobende Meereswellen, die schäumend gegen steile Küstenklippen prallten und alles um sie herum erschüttern ließen. Begleitet von dem wohligen Summen zweier Kehlen im Einklang, die das Rauschen der wild gewordenen Brandung überstimmten. Vereint mit Körper und Geist schwebten die zwei Verliebten in rasender Geschwindigkeit dem sternenklaren Himmel entgegen, den sie schließlich fast zeitgleich erreichten und durch dessen Berührung sie einen Sternschnuppenregen über sich auslösten, bevor sie beide erschöpft, aber unglaublich beseelt wieder auf den Wellen eines zerwühlten Bettlakens landeten, sich vor überschäumendem Glück anstrahlten und kaum fassen konnten, in welche Welten ihre grenzenlose Liebe sie soeben geführt hatte. Die Sucht nach mehr, nach viel, viel mehr, lasen beide in den aufleuchtenden Augen des anderen ab und wussten dennoch nicht, das Erlebte in Worte zu fassen.

Gretchen: Das war...
Marc: Ja!

...bestätigte Marc seiner Traumfrau nur, der die Worte fehlten und die lieber mit ihrem wild für ihn schlagenden Herzen sprach, ehe er sich wieder an sie heranrobbte, sein linkes Bein zwischen ihre schlanken Schenkel schob und seine schwitzigen Hände unter ihren Armen hindurchschlängelte, um sie auf diese Weise mit Schwung wieder zu sich heranzuziehen. Er musste ihr jetzt nah sein. Das war unabdingbar. Gretchen Haase war schließlich sein Lebenselixier. Die Luft, die er zum Atmen brauchte, die seine Lungenflügel zu Höchstleistungen antrieb, die sein Herz erst zum Schlagen brachte und sein Blut zum Kochen. Er musste sie berühren. Jetzt. Immer. Überall. Und so strich Marc ihr gefühlvoll die zerzauste blonde Mähne aus dem Nacken und legte seine warmen weichen Lippen auf ihr nun freigelegtes linkes Schulterblatt, von dem aus er anschließend, während sich seine freie Hand, die sich nicht mit Gretchens Busen beschäftigte, in ihren Schoß schob, küssend ihren grazilen Hals empor bis zu ihrem Ohr wanderte, in das er nun in frecher Meier-Manier, welche Gretchen durch und durch ging, hineinraunte, bevor ihr süßes Ohrläppchen Bekanntschaft mit seinen Zähnen machte.

Marc: Das Speedboat wäre für eine zweite Runde startklar. Oder möchtest du lieber das Loveboat entern? Mir egal. Der Piratenkapitän ist auf jeden Fall zum Ablegen bereit.

Gretchen, die gar nicht mehr dazu kam, dem Frechdachs schlagfertig zu kontern, stöhnte lustvoll unter ihrem heißblütigen Verführer auf, als sie neben der Kenntnisnahme seiner tollkühnen Fingerfertigkeiten, mit denen er sie nahe an den Rand des Wahnsinns trieb, nun auch noch zusätzlich seinen Mund auf der empfindsamen Haut hinter ihrem linken Ohr spürte. Als hätte der Heißsporn Brandbeschleuniger benutzt, loderten die Flammen in ihrem Innersten erneut auf und rissen sie unkontrolliert mit sich. Mit einem schwungvollen Ruck, den Marc der passionierten Sportlegasthenikerin gar nicht zugetraut hätte, hatte sie ihren frechen Freund zur Seite geschupst, um nun selbst wortwörtlich das Kommando an Bord ihres gemeinsamen Liebesschiffes in die Hand zu nehmen. Mit einem herausfordernden Lächeln, das auf ihren sinnlichen Lippen aufblitzte, welche den rettungslos verliebten Mann so sehr anzogen wie das Licht einer Laterne im Mondlicht Mottenschwärme, thronte sie nun auf seinem Schoß, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Das war Kapitän Meier natürlich Antwort genug, der ihr bereitwillig das Ruder überließ und sich nun entspannt grinsend von ihren bestimmenden Händen, die über seinen gestählten Oberkörper strichen, zurück in die gemütlichen Kissen drücken ließ. Er verschränkte seine Arme unter seinem Hinterkopf und taxierte die sexy Wildkatze mit feurigen Augen, als diese sich langsam, aber kontinuierlich steigernd selbstbewusst auf ihm zu bewegen begann und dabei ihren brodelnden Gefühlen freien Lauf ließ, was nicht ungehört blieb. Je rasanter die schöne Piratenbraut die Fahrt aufnahm und sich dabei mit ihren Fingern durch ihre außer Rand und Band geratene Lockenmähne fuhr, umso intensiver wurde auch der Klang ihres sinnlichen Stöhnens, welches unbemerkt von ihr aus ihrem verlockenden roséroten Mund entwich und wie Musik in Marcs Ohren klang, wo es wohl bis in alle Ewigkeit nachhallen würde. Zumal er ja bereits von den rhythmisch auf und abwippenden Brüsten der zügellosen Sirene hypnotisiert worden war. Als der blonde Hurrikan schließlich zum Endspurt der Segelregatta ansetzen wollte, hielt es ihn nicht mehr in seiner Kajüte. Mit Schwung richtete sich Marc auf dem Bett auf und preschte mit seinen stürmischen Lippen nach vorn, um nun im Kanon ihre endlose Liebe zu besingen. Er umschmeichelte ihren zarten, weichen Körper mit seinen muskulösen Armen, welche die überrumpelte Frau in den Schraubstock nahmen, und krallte seine Finger in die weiche Haut ihres einladenden Hinterteils, um Gretchens wie von Sinnen erscheinendes Tempo von jetzt auf gleich zu drosseln, damit sie den erlösenden Moment noch so lange wie möglich hinauszögern konnten, was natürlich ganz nach Gretchens Geschmack war, die sich nun schweißgebadet mit ihren letzten Kraftreserven verheißungsvoll lächelnd an ihren impulsiven Traummann drückte, ihre Fingernägel tief in seinem Rücken bohrte, um sich nun ganz gemächlich seiner Geschwindigkeit anzupassen, mit der er sie immer wieder mit Hingabe und einer Mordsgeduld, die sie schier wahnsinnig machte, von seinen Hüften hob und, als würde sie so leicht wie eine Feder wiegen, wieder auf sich heruntersenkte, so dass sie ihn noch intensiver und tiefer in sich spüren konnte, bis der tosende Strudel sie beide dann doch erfasste und in endlose Tiefen zog.

In genau dieser Position verharrte das innige Liebespaar nun eine unmessbar lange Ewigkeit und genoss die Stille der hereingebrochenen Nacht und vor allem seine neu gewonnene Nähe. Marc strich Gretchen zärtlich einige verirrte klatschnasse Haarsträhnen aus der Stirn, an die er sich anschließend anlehnte, um in aller Ruhe seine Sauerstoffreserven wiederaufzufüllen. Die hübsche Blondine lächelte dabei und kraulte ihrem Schlawiner sanft über den muskulösen Rücken, der von ihren Fingernägeln leicht verunstaltet aussah. Aber das störte die beiden Verliebten nicht die Bohne. Sie konzentrierten sich nur auf den anderen und dessen wild flackernde dunkelgrüne und strahlendblaue Augen, die einander fixierten und sich nicht wieder losließen. Sie schauten sich einfach nur an, küssten sich hin und wieder hauchzart, als würden sie von einem Windhauch gestreift, und hielten sich unter der um ihre Schultern geschlungenen Bettdecke fest. Vereinnahmt von dem eben Erlebten und der großen Liebe, die sie zueinander hegten. Hätte Gretchen ihr Tagebuch dabei gehabt und nicht in ihrem Spind in der Umkleide des Elisabethkrankenhauses liegen gelassen, hätte sie diese unfassbare Nacht nur mit einem einzigen Wort beschrieben, nämlich magisch. Und diese Gefühle mussten, wie sollte es auch anders sein bei einer echten Haase, natürlich sofort raus.

Gretchen: Ich liebe dich so sehr, Marc.
Marc: Ich dich doch auch, Haasenzahn. Dass man dir das auch immer sagen muss!

...fügte der Schelm noch spaßeshalber hinzu, bevor er sich wieder zu seiner glücksbeseelten Grinsefee herabbeugte, die ihn verliebt anschaute. Und mit einem weiteren zärtlichen Kuss besiegelten die beiden diese letzte Konversation an diesem späten Abend, oder wohl besser gesagt, zu dieser bereits weit in die Nacht vorgerückten Stunde. Einer Nacht, in der sie einfach nicht mehr von einander lassen wollten und konnten. Denn auch, wenn es gerade windstill zu sein schien, eine Orkanböe nach der nächsten sollte noch über das schwimmende Glashaus hinwegfegen und Marc und Gretchen wieder und wieder in den gewaltigen Glücksstrudel hineinziehen, der nur für sie geschaffen worden war.


Am nächsten Morgen, der fast schon mit der Mittagsstunde zusammenfiel, weil sie dann doch irgendwann gegen fünf Uhr in einen tiefen zufriedenen Schlaf gefallen waren, war es diesmal nicht Marc Meier, dem zuerst die schweren Augenlider aufklappten, um noch ein wenig ungestört seine attraktive Bettgefährtin studieren zu können. Nein, dieses Mal war es Gretchen Haase, die von der Sonntagssonne geküsst worden war, die es doch tatsächlich gewagt hatte, pappfrech durch die schmalen Lamellen der Jalousien hindurchzulugen, um sich ungeniert an dem nackten Rücken und dem unter dem cremefarbenen Laken hervorblitzenden Poansatz des erfolgreichsten Jungchirurgen Deutschlands zu ergötzen, der nun auch wiederum Gretchens ungeteiltes Interesse weckte, die sich nun grinsend auf die Seite drehte und ihre gefalteten Hände unter ihre Wange schob, um den aufregenden Körper ihres sexy Freundes ordentlich anhimmeln zu können, der doch schon etwas ramponiert aussah, wie sie peinlich berührt feststellte, als sie die zahlreichen rosafarbenen Striemen auf der winterblassen Haut seines Rückens entdeckte und in der Luft nachzeichnete. Augenblicklich schoss Gretchen die Schamesröte ins Gesicht und jedes einzelne Bild der berauschenden vergangenen Nacht wurde von ihrem Erinnerungsspeicher wieder aufgerufen, was ihren Temperaturhaushalt komplett durcheinander brachte. Sie geriet sofort ins Schwitzen und strampelte sich die schon fast in Flammen stehende Bettdecke von ihrem Körper. Nur einen dünnen Streifen des Bettlakens hielt sie sich noch vor ihre entblößten Brüste, während sie hastig nach Luft schnappte und ihre durcheinander geratenen Gedanken zu sortieren versuchte.

Doch nicht nur Dr. Haase wirkte aufgewühlt. Auch ihr Oberarzt, der bäuchlings neben ihr lag und erschöpft alle Viere von sich streckte, wurde allmählich unruhig und wachte schließlich aus einem traumlosen Schlaf auf. Die Bilder der vergangenen Nacht, die sehr befriedigend geendet hatte, waren immer noch so präsent, als würde er auch jetzt noch Gretchens zarte Hände auf seiner nackten Haut spüren, wie sie gemächlich über seinen Körper strichen, ihn reizten und verwöhnten, bis er lichterloh in Flammen stand. Augenblicklich begann sein Blut wieder zu kochen und er musste seine Schlafposition wechseln, um nicht Gefahr zu laufen, einen qualvollen Feuertod zu sterben. Als er sich um Luft ringend hastig auf dem Bett umdrehte, bemerkte Marc sofort, was dazu geführt hatte, dass er so durcheinander war. Da lag schon wieder dieser Wahnsinnsblick in ihren funkelnden blauen Augen, mit dem sie ihn förmlich verhexte. Dieses unersättliche kleine Biest, das sonst immer so unschuldig und prüde tat, als würde es kein Wässerchen trügen können! Dabei wusste er es doch besser. Es bedurfte also äußerste Konzentration, um nicht sofort wieder komplett in Flammen aufzugehen und über sie herzufallen.

Marc: Na du?
Gretchen (zuckt erschrocken zusammen, weil er sich so plötzlich zu ihr umgedreht hat): Marc!?
Marc (verfolgt amüsiert, wie sie sich krampfhaft das Bettlaken vor ihren aufregenden nackten Körper hält, auf den er sich am liebsten sofort stürzen möchte, um sie zu küssen u. zu lieben): Jep! Oder hast du jemanden anders erwartet? Ähm... Was genau machst du da eigentlich?
Gretchen (läuft ertappt rot wie eine Tomate an): Ich?
Marc (schmunzelt): Ja! Oder siehst du hier noch jemanden, hmm?
Gretchen (merkt, dass er sie schon wieder veräppelt u. versucht, cool zu bleiben, was angesichts eines entblößten Marc Meiers neben ihr ein Ding der Unmöglichkeit ist): Ja, dich!
Marc (lächelt u. ist hingerissen von dem süßen Charme der Unschuld vom Lande): Na, dann ist ja gut. Und hast du gut geschlafen?
Gretchen (beißt sich auf ihre bebende Unterlippe u. streicht sich nervös eine Haarsträhne hinters Ohr): Äh... ja!? Wieso? Und... du?
Marc (wagt einen vorsichtigen Annäherungsversuch u. robbt sich zu ihr heran, um sie sanft zu küssen): Ja! Wobei, viel geschlafen haben wir ja nicht.
Gretchen (das Tomatenrot ihrer Wangen wird noch dunkler): Maaarc!
Marc (grinst vergnügt u. schlingt seine Arme um ihren nackten Körper, um sie forsch zu sich heranzuziehen): Was denn? Ich fand’s schön. Aufregend. Der absolute Oberhammer.
Gretchen (will eigentlich gegen seine plumpe Art protestieren u. sich aus seiner dreisten Umarmung herauswinden, aber wird bei seiner sanften Stimme sofort butterweich u. schmilzt dahin): Ich... auch.
Marc (küsst sie erneut zärtlich auf die Lippenspitzen, die ihm einladend entgegengereckt werden): Na, dann sind wir uns ja endlich mal einig, hmm. Sollten wir für die Nachwelt festhalten.
Gretchen (guckt auf diese spitze Bemerkung hin betont grimmig): Marc!
Marc (ignoriert den vorwurfvollen Tonfall ihrer sanften Stimme u. genießt ausgiebig ihre angenehme Nähe): Weißt du, Haasenzahn, das alles hättest du schon viel eher und ohne Nebenwirkungen haben können.
Gretchen (funkelt den Sprücheklopfer beleidigt an, lässt seine Umarmung aber immer noch zu, weil sie sich so gut anfühlt): Hör ich da etwa einen vorwurfsvollen Unterton heraus?
Marc (grinst): Das würde ich niemals wagen. War da was? Ich kann mich nicht erinnern. Mein Gedächtnis ist komplett leerge... gelöscht!

Er ist so lieb. Und ich mache ihm nur Vorwürfe und zicke ihn wegen Nichtigkeiten an. Wieso mache ich das eigentlich? Es gibt doch gar keinen Grund.

Gretchen (bleibt an seinem intensiven Blick hängen u. seufzt): Ach Marc!
Marc (legt seinen Zeigefinger auf ihren süßen Schmollmund): Stopp! Nicht wieder wegen irgendnem bescheuerten Scheiß diskutieren! Lass uns einfach die letzten Stunden hier noch genießen und chillen. Wir frühstücken schön. Oder, na ja, da es ja eigentlich schon Mittag ist, können wir auch unser Diner von gestern Abend nachholen. Fleisch ist leider aus, aber vielleicht noch als Kohle für den Kamin zu gebrauchen. Mir ist nämlich immer noch aus irgendeinem unerklärlichen Grund kalt. Und dann... ähm... ja, also ich würde mich sogar noch einmal von dir überreden lassen, bescheuert durch die Pampa zu latschen. Ich könnte dir beibringen, wie man Steine übers Wasser schnipst, hmm? Was denkst du, Haasenzahn?
Gretchen (ihre Mundwinkel ziehen sich mit jedem Vorschlag immer weiter nach oben): Nein!
Marc (guckt sie ganz verdutzt an u. verdreht dann die Augen): Wie nein? Boah, Gretchen, du bist nicht zu dick. Das kann ich dir nach meinen ausführlichen nächtlichen Untersuchungen bestätigen. Und von mir aus kannst du das auch schriftlich haben, du Nervensäge. Du fängst jetzt nicht noch mit einer bescheuerten Diät an, die du überhaupt nicht nötig hast. Es wird gegessen, was der Dr. Meier auf den Tisch setzt. Basta! Ohne Diskussion! Der Oberarzt hat gesprochen.
Gretchen (wuschelt ihrem empörten Schatz lachend durchs Haar): Ich will ja auch gar nicht diskutieren, Herr Oberarzt.
Marc (kleinlaut): Das wäre ja mal ganz was Neues.
Gretchen (stupst ihn an): Ey! Lässt du mich jetzt endlich mal ausreden, oder nicht?
Marc (hebt misstrauisch seine beiden Augenbrauen): Hängt davon ab, was du zu sagen hast.
Gretchen (zieht sich die Bettdecke zurecht u. guckt ihren Liebsten mit einnehmendem Schlafzimmerblick an): Spazierengehen und frühstücken am Küchentisch wird gestrichen. Ich würde vorschlagen, wir bewegen uns keinen Zentimeter von hier weg.
Marc (sichtlich beeindruckt wagt er einen erneuten unmissverständlichen Annäherungsversuch): Hmm... joah, das ist genau nach meinem Geschmack.
Gretchen (schiebt ihren hungrigen Oberarzt entschieden mit beiden Händen von sich weg): Ich weiß. Aber Hunger hab ich trotzdem.
Marc (zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu u. nähert sich ihr tigergleich): Ich auch. Ich hab wahnsinnigen Appetit.
Gretchen (flüchtet grinsend ans Bettende, gegen das sie sich nun mit dem Rücken lehnt, u. wirft ihm einen verführerischen Augenaufschlag zu): Erst das eine Vergnügen, dann... das andere.
Marc (stürzt sich trotzdem auf die sexy Verführerin, kitzelt sie, indem er sie im ganzen Gesicht küsst, u. verschwindet dann schnell, um das verspätete Frühstück vorzubereiten): Deal! Wie man doch mit nur wenigen Worten mache Dinge regeln kann. Faszinierend!

Und so wurde es doch noch ein sehr entspannter Tag im Bett für Dr. Meier und seine bildschöne Assistenzärztin. Voller Liebe. Hingabe. Leidenschaft. Zärtlichkeiten. Kleinen Kabbeleien. Und leckeren Naschereien. Darunter auch süße Erdbeeren und Schokopralinés, die der verhinderte Teilzeitkavalier von irgendwo hergezaubert hatte. Aber natürlich nur in Maßen. Denn eigentlich wollten weder Marc noch Gretchen von den Lippen des anderen lassen, die unbedingt geküsst werden mussten. Es war dann bereits später Sonntagnachmittag, als der bis über beide Ohren verknallte Oberarzt schließlich zum Aufbruch nach Hause drängte und die schöne Stimmung, die sie sich in ihrem eigenen kleinen Paradies fern der Hektik eines Klinikbetriebes geschaffen hatten, zu kippen drohte. Denn Madame Haase war einfach nicht aus den Federn zu kriegen. Mit einer Schmollschnute zum Verlieben und unter dem cremefarbenen Bettlaken auf dem Bauch liegend und mit den sexy Beinen in der Luft baumelnd guckte sie ihren abreisebereiten Traummann unwillig an, der alsbald die Schultern hängen ließ und vor seiner Trotzkönigin vor dem Himmelbett in die Knie ging.

Gretchen: Und wenn wir einfach hier bleiben?
Marc (sichtlich hingerissen von seiner Traumfrau): Für immer? Um nur noch von Luft und Liebe zu leben?
Gretchen (lächelt ihn himmelhoch jauchzend an): Hat doch bisher auch gut funktioniert, oder?
Marc (streicht der süßen Träumerin eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht u. belässt seine warme Hand an ihrer Wange, die sie ihm entgegenreckt): Ja, das hat es. Aber wir haben immer noch einen Eid geschworen.
Ich weiß. Aber manchmal kann der Hippokratische Eid schon ziemlich nerven. Vor allem weil er immer im unpassenden Moment zum Einsatz kommt.
Gretchen (versteht ihn absichtlich falsch, obwohl sie weiß, dass er natürlich Recht hat): Du meinst, als der Standesbeamte die Falschen verheiratet hat?
Marc (schmunzelt u. deutet Gänsefüßchen an): Er hat nicht die Falschen „verheiratet“. Wir haben morgen Dienst, Frau Doktor. Das können wir nicht ignorieren, so gerne ich auch wollte.
Gretchen (gibt seufzend nach): Aber erst Spätschicht.
Marc (stupst ihr an ihr Trotznäschen): Du vielleicht. Ich vertrete deinen Dad. Ich hab Verantwortung. Ich muss ansprechbar bleiben. Damit im EKH nicht noch mal Chaos ausbricht.
Gretchen (verschränkt schmollend ihre Arme): Ich dachte, das Thema EKH bleibt hier außen vor?
Marc (zieht ihre Arme wieder auseinander u. hält nun lächelnd ihre Hände): Nur solange wir in unserer kleinen Traumblase leben.
Gretchen (resigniert): Ach menno!
Marc (wirft sich schwungvoll neben dem Trotzkopf aufs Bett u. zieht ihn tröstend in seine starken Arme): Und was machen wir jetzt?
Gretchen (kuschelt sich in seine Armbeuge): Wir bleiben trotzdem hier und stehen morgen ganz früh auf und fahren dann direkt zur Klinik. So lange fährt man doch auch gar nicht bis Berlin. Bitte Marcilein! Es ist gerade soooo schöööön!
Hach... Was mache ich bloß mit dir, Haasenzahn?
Marc (sieht Gretchen lange an, während er ihre Wange liebkost, u. kann ihr schließlich den Wunsch nicht abschlagen): Du bist furchtbar, weißt du das? Auf deine Verantwortung, Haasenzahn! Wenn ich morgen von irgendwem blöd angemacht werde, dann schick ich dich vor. Darauf kannst du deinen sexy Arsch verwetten.
Gretchen (springt ihm kreischend an den Hals, salutiert ihm grinsend u. knutscht ihn anschließend nieder): Ai ai, Sir! Danke, Marc! Du bist ein Schatz.
Marc (ringt während ihrer wilden Kussattacke nach Luft, als er zu ihr hoch schaut): Wenn du auch mein Schatz bleibst?
Gretchen (sieht ihn mit leuchtenden Augen an u. küsst ihn erneut): Für immer!
Marc (genießt Gretchens Zärtlichkeiten sehr, die heftiges Herzklopfen bei ihm auslösen): Na das ist doch mal ein Wort.

Gretchen (hält inne u. schaut ihn plötzlich ganz seltsam an): Du, Marc, was ich dir schon das ganze Wochenende sagen wollte...
Oje! Was kommt jetzt?
Marc (blickt verwundert auf): Ja?
Gretchen (lehnt sich mit dem Rücken ans Bettende u. ringt nach den richtigen Worten): Ich... Also, ich wollte mich bedanken.
Marc (macht es ihr gleich u. schiebt sich ein Kissen hinter den Rücken, ehe er sie fragend von der Seite anschaut): Wofür?
Gretchen (lächelt verlegen u. senkt immer wieder ihren Kopf): Dafür, dass du mich hierher gebracht hast. Ich hab nicht gemerkt, dass ich dringend mal raus musste aus dem ganzen Trott und dem Durcheinander, das sich in den letzten Tagen angestaut hat. Um den Kopf wieder freizubekommen. Um durchzuschnaufen und neue Energie zu tanken.
Marc (lächelt): Nichts, wofür du dich bedanken musst.
Gretchen (blickt ihn entschieden an): Doch! Marc, ich hab das wirklich gebraucht. Ich weiß ja, dass ich manchmal übertreibe, wenn ich mich um alles und jeden gleichzeitig kümmern möchte und mich dabei ganz vergesse. Ich war schon immer so. Ich kann das nicht ändern.
Marc (dreht sich zur Seite u. streichelt ihre gerötete Wange): Musst du doch auch gar nicht. Solange du auch mal auf dich aufpasst, hmm?
Gretchen (lächelt schüchtern): Dafür hab ich ja jetzt dich, der rechtzeitig den Pausenknopf drückt.
Marc (grient sie schelmisch an): Der wo noch mal genau wäre?
Gretchen (klappst ihm gegen die Stirn, damit er nicht mehr länger ungeniert auf ihre Brüste starrt): Marc! Jedenfalls, was ich noch sagen wollte, falls ich mal wieder...
Marc (plappert ihr pappfrech dazwischen u. lässt dabei seine Grübchen tanzen): ...am Durchdrehen bist?
Gretchen (funkelt den vorlauten Kerl an): ...durcheinander bin, dann würde ich mich freuen, wieder mit dir eine Auszeit zu nehmen. Immer und überall. Und ich mache dann auch keinen Aufstand. Versprochen!
Das sollte ich mir wohl besser noch schriftlich geben lassen. Oder ich kopiere einfach ihr Tagebuch. Kommt aufs Selbe hinaus.
Marc (wackelt verdächtig mit den Augenbrauen): Gebongt! Und nun zum nächsten Punkt, wenn du schon hier bleiben willst über Nacht. Willst du noch ewig weiterquatschen? Ich würde nämlich die Zeit, bis wir wirklich losmüssen, noch gerne anderweitig nutzen. Gehört quasi mit zum Meierschen Therapieplan für gestresste Chirurgenanwärterinnen.
Gretchen (grinst): Wie charmant! Aber anders kenn ich dich ja auch gar nicht, mein Lieber. Na dann komm mal her! Ich will dich ja auch nicht am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Wäre sonst echt schade um einen talentierten und wirklich fürsorglichen...
Marc (fährt ihr ungeduldig über den Mund): Halt die Klappe!

Und so küssten sich Marc und Gretchen wieder ungestüm und würden damit auch nicht so schnell wieder aufhören. Zumindest nicht bis zum nächsten Morgen.

Lorelei Offline

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11.02.2015 16:10
#1516 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Und das taten die Schwerverliebten tatsächlich nicht. Auch am nächsten Tag konnten das verschmuste Pärchen nicht die Lippen voneinander lassen, die förmlich aneinander klebten wie zwei Magnete, die sich unaufhörlich anzogen. Gretchen und Marc waren schon vor einigen Minuten auf dem Stammparkplatz von Dr. Meier auf dem Gelände des Berliner Elisabethkrankenhauses eingetroffen, aber zum Aussteigen hatten es der sehr beschäftigte Chirurg und seine bildhübsche Kollegin noch immer nicht geschafft. Sehr zum Nachteil von Dr. Kaan, der zum wiederholten Male an diesem Vormittag unruhig über die Station seines besten Freundes getigert war, aber bislang weder vor Marcs verschlossener Bürotür, noch in der menschenleeren Umkleide, noch vor dem Schokoautomaten und auch nicht im Stationszimmer der Chirurgie fündig geworden war und nun frustriert aufseufzend mit einer heißen Tasse aufputschenden Kaffees vor seiner Nase, der man förmlich beim Kaltwerden zuschauen konnte, am runden Tisch saß, das knisternde Schokoriegelpapier beiseite schob und noch einmal akribisch durch seine Unterlagen blätterte, die er, nachdem er sie heute endlich hatte zusammenstellen können, noch keine Sekunde aus den Augen gelassen hatte. Auch nicht, als er plötzlich zwei zarte Hände hinter sich spürte, die sich gefühlvoll über seine verspannten Schultern schlängelten und nun über seinen heftig auf und ab bebenden Brustkorb strichen und dort schließlich verharrten, während sich ein bekannter brünetter Schopf sanft lächelnd gegen seine stoppelige Wange schmiegte und genüsslich an ihm zu schnuppern begann.

Gabi: Hey! Hier bist du! Ich hab dich schon gesucht. Die warten mit der Visite.
Mehdi (mit den Gedanken noch ganz woanders springt er plötzlich wie von der Tarantel gestochen auf u. dreht sich fragend zu seiner überraschten Stationsschwester um, die sicherheitshalber einen Schritt zurückgewichen ist): Marc?
Gabi (runzelt irritiert die Stirn, als sie seinen verwirrten Gesichtsausdruck studiert): Hä? Wieso sollte der bei uns die Visite übernehmen sollen? Der meidet doch unsere Station wie die Pest, obwohl er ja eigentlich mindestens genauso viele Unterröcke gesehen haben muss wie du, nur eben nicht im professionellen Sinne, wenn du verstehst.
Mehdi (lacht hysterisch auf u. klatscht sich die Akte, in der er eben noch geblättert hat, gegen die Stirn): Ja, natürlich, ich... war nur... in Gedanken.
Gabi (mustert ihren Oberarzt misstrauisch u. schlingt, nachdem ihre anfänglichen Zweifel ad acta gelegt sind, ihre Arme um seine Taille, um ihm vor dem endgültigen Dienstbeginn noch einmal ganz nah zu sein): Das bist du schon die ganze Zeit. Was bist du denn so nervös? So kenne ich dich gar nicht.
Mehdi (wiegelt mit einer lockeren Handbewegung ab u. legt nun ebenfalls einen Arm um ihre Taille): Ich? Ach, da ist nichts... Besonderes. Nur... der übliche Stress, wenn eine neue Arbeitswoche anfängt.

...und man seine beiden Pappnasenfreunde nicht findet. Ich werde noch wahnsinnig, wenn ich nicht endlich damit rausrücken kann. Marc vertritt doch den Chef. Also muss er hier irgendwo sein. Und wo er ist, kann auch Gretchen nicht weit sein. Das ist ungeschriebenes EKH-Gesetz!

Gabi (sieht ihrem zerstreuten Freund ganz tief in die Augen u. drückt ihm schließlich zur Beruhigung einen sanften Schmatzer auf die Lippen): Bärchen, ich weiß, wenn du mich anflunkerst. Du willst es mir eben nicht erzählen, was dich seit Freitagnacht so beschäftigt und weswegen du heute Morgen schon in aller Herrgottsfrühe in die Klinik gedüst bist. Das ist schon okay. Ich bin schließlich mit einem Mediziner zusammen und weiß, worauf ich mich eingelassen habe. Aber du solltest dich locker machen. Sonst denken deine Assis wieder sonst was, was unser harmonisches Miteinander betrifft. Ich hab nämlich keine Lust, wieder zum Gesprächsthema Nummer eins hier im Krankenhaus zu werden. Die werden schon genug tratschen, wenn unsere Bombe hochgeht, was auch wiederum nur eine Frage der Zeit sein wird. Schließlich hab ich dann den Termin, an den ich jetzt aber noch nicht denken möchte. ... Also, jetzt locker genug, Herr Doktor? Oder kann dir Schwester Gabi noch etwas Gutes tun? ... (pirscht mit ihrem Mund zu seinem verlockenden Ohr vor, in das sie nun verheißungsvoll hineinflüstert) ... So wie letzte Nacht zum Beispiel?
Mehdi (lacht u. drückt ihr etwas stürmischer als zuvor seine Lippen auf): Als du mich mitten in der Nacht geweckt hast?
Gabi (fixiert ihn mit glühenden Blicken u. beißt sich lasziv auf ihre eben noch geküsste Unterlippe, auf der sein Kuss noch nachvibriert): Ich hab inspirierend geträumt.
Mehdi (sein Lächeln wird immer breiter, je länger er seine verführerische Freundin ansieht u. sich in ihren funkelnden Augen verliert): Ja, in dem Fall lasse ich mich das nächste Mal doch gerne wieder um meinen wohlverdienten Schlaf bringen. Ich liebe nämlich deine unkonventionellen Ideen.
Gabi (presst sich ungestüm an ihn u. schlingt ihre Arme um seinen Hals, während sie in seinen lockigen Haaren krault u. einmal mit ihm verträumt um ihre eigene Achse tänzelt): Da du mir ja, weil ich schwanger bin, keinen Wunsch mehr abschlagen kannst, hast du eh keine andere Wahl, mein Schatz. Also mein Angebot steht. Ein bisschen Ablenkung können wir wohl beide heute gebrauchen.
Mehdi (lässt sie keine Sekunde aus den Augen u. lässt seine Hände wie selbstverständlich in Richtung ihres Pos gleiten, wo sie bis auf weiteres verharren): Vielleicht liegt es ja an dir, dass ich so durcheinander wirke?
Gabi (ihre Augen sprühen über vor glühenden Funken): Dr. Kaan, Sie können so charmant sein, aber ich weiß, dass es nicht nur das ist.
Mehdi (kann sich ein vergnügtes Schmunzeln nicht verkneifen): Ja?
Gabi (lässt ihre Hände unter seinen Kittel gleiten u. beugt sich zu einem Kuss heran): Du weißt ja, dass ich nicht gerade als Leseratte bekannt bin, aber in deinem Gesicht kann ich lesen wie in einem spannenden Buch.
Mehdi (lacht, nachdem seine Freundin ihre weichen Lippen erneut verführerisch über seinen Mund hat streifen lassen u. ihn nun verschmitzt anlächelt, ohne ihm seine alberne Geheimniskrämerei übel zu nehmen): Du bist süß. Irgendwann erkläre ich dir alles. Versprochen!
Gabi (strahlt ihn zufrieden an, während ihre Hände über seinen angespannten Brustkorb streichen): Schön! Dann bin ich schon mal gespannt, was du so Geheimnisvolles vor mir verbirgst. Mhm, Dr. Kaan hat ein dunkles Geheimnis. Das macht dich irgendwie unnahbar und wahnsinnig sexy. Da steh ich drauf. Aber jetzt sollten wir deine gebärfreudigen Patientinnen nicht mehr länger warten lassen. Du weißt ja, wie die sind. Ich bin ja im Vergleich zu denen noch handzahm, aber wenn die erst mal loslegen, dann erfährst du erst, was so richtig Stress bedeutet.

Gabi zwinkerte Mehdi frech zu, griff prompt nach seiner Hand, verschränkte ihre Finger mit seinen und forderte ihn auf diese zärtliche Weise auf, ihr aus dem Zimmer zu folgen. Der wieder ganz ruhig und gelassen wirkende Frauenarzt lachte nur und klemmte sich die Akte von Gretchen Haase locker unter den Arm und ließ sich anschließend bereitwillig von seiner gutgelaunten Stationsschwester mitziehen, die froh war, nach einer Woche Zwangsurlaub, während der sie sich fast zu Tode gelangweilt und zwei Kilo angefuttert hatte, wieder mit ihrer großen Liebe zusammenarbeiten zu können. Es war echt erstaunlich, was eine Schwangerschaft so alles bewirken konnte. Denn noch vor ein paar Monaten hätte niemand von Schwester Gabi behaupten können, dass sie gerne freiwillig, ohne andauernd zu nörgeln, und mit einer ansteckenden guten Laune auf der Station herumwuseln würde. Am Ende des Flurs konnte Dr. Kaan bereits seine Kollegen erkennen, die ungeduldig auf den Beginn der Visite warteten, welche auch sofort starten sollte. Vor dem Elisabethkrankenhaus hatten derweil zwei andere Mediziner jedoch noch die Ruhe weg, zumindest der weibliche Part der beiden.

Marc: Haasenzahn, du weißt schon, wo wir uns befinden, oder?
Gretchen (mit ihren Gedanken ganz woanders u. schwer beschäftigt): Mag sein.
Marc: Mag sein?

...äffte Marc sichtlich amüsiert die verträumte Blondine nach, die lammfromm in seinen Armen lag und nach einer kurzen Verschnaufpause, die hauptsächlich der dringend benötigten Sauerstoffaufnahme diente, verliebt zu ihm hochguckte, die Lippen bereits wieder willig zu einem Kuss gespitzt, den er ihr wie die anderen zuvor kaum verwehren wollte, wenn da nicht diese eine nichtige Sache wäre, weswegen sie hier vor einem stattlichen Krankenhausgebäude parkten: Hippokrates!

Marc: Du hast aber schon mitbekommen, dass gerade erst die morgenmufflige Oberschwester mit einer Fresse zum Abgewöhnen und kurz darauf der elende Drecksack mit seiner beschissenen Grinsevisage an uns vorbeimarschiert sind? Hast du gesehen, wie dreist der ist? Parkt der seine hässliche Spritschleuder doch tatsächlich direkt neben uns auf einem ausdrücklich für Oberärzte ausgewiesenen Parkplatz. Ey, der ist doch noch in der Probezeit. Das kann er doch nur, weil seine Alte gerade nicht da ist, weil sie direkt ne Therapie gebraucht hat, weil ihr Uterus mit dem Fremdkörper, der seine schlechten Gene trägt, nicht kompatibel ist.
Gretchen (schlägt abrupt ihre Augen auf, blinzelt zweimal u. verfolgt noch kurz durch die Frontscheibe, wie Dr. Stier der grimmigen Oberschwester freundlich die Tür aufhält u. nach ihr in der Klinik verschwindet u. schaut dann wimpernklimpernd herausfordernd ihr meckerndes Gegenüber an): Schämst du dich etwa für mich?
Marc (packt ihr Gesicht mit beiden Händen u. zieht es zu einem weiteren innigen Kuss heran, der das absolute Gegenteil beweist): Quatsch! Obwohl, dein Aufzug heute ist schon etwas gewöhnungsbedürftig, muss ich dazu sagen. Aber der Gedanke, dass du darunter komplett nackt bist, macht es wieder wett.

...zog der Frechdachs grinsend seine süße Freundin auf, die natürlich sofort wie erwartet empört hochging wie eine gerade erst gestartete Rakete, und fing sich dafür gleich einen kaum merklichen Hieb gegen seinen rechten Oberarm, ehe sie sich wieder verliebt an selbigen schmiegte und damit stoisch drauf beharrte, nicht aus dem parkenden Wagen aussteigen zu wollen.

Gretchen: Mein lieber Marc, das sind deine Klamotten, weil du meine...
Marc (unterbricht das Meckerlieschen mit einem zarten Kuss, der nachhaltig auf ihren Lippen prickelt): Ja, ja, Miss Schlaumeier, die alte Leier, aber du kannst hier ja immer noch in ein OP-Outfit schlüpfen, wenn dir meine Sachen nicht passen.
Gretchen (schürzt ihre Lippen u. verschränkt gespielt protestierend ihre Arme): Damit ich noch unförmiger aussehe?
Marc (geht darauf auf seine charmante Weise ein): Nein, im Gegenteil, irgendwie macht es mich immer scharf, wenn du dieses sexy Blau trägst.
Gretchen (läuft automatisch rot an): Marc!
Marc (genießt vergnügt ihren empörten Gesichtsausdruck): Was denn? Is so! Du weißt doch, dass ich auf scharfe, äh... emanzipierte, gebildete, sexy Chirurgengöttinnen stehe, die sich einfach nehmen, was sie wollen. Sogar meine Klamotten.
Gretchen (schmilzt in seinen Armen nur so dahin): Du bist so süß. Aber ich hab noch frisch gewaschene Wechselklamotten in meinem Spind.
Marc (ignoriert den Süß-Vorwurf wohlwissendlich u. funkelt sie mit glühendem Blick an): Du willst dich umziehen? Dann nichts wie rein! Ich darf doch zugucken?
Gretchen (klapst ihm gespielt empört auf die frechen Finger, als diese sich bereits an ihrem rosa Mantel zu schaffen machen): Du bist so unmöglich, Marc Meier.
Marc (grient sie verschmitzt an, als würde er kein Wässerchen trügen können, u. zieht sie zu einem erneuten innigen Kuss heran, den er bereitwillig noch ein wenig ausdehnt): Komm her! Noch ein Kuss, dann müssen wir aber wirklich da rein, Frau Dr. Haase.

Die verliebte Assistenzärztin nahm Marcs charmante Einladung natürlich liebend gerne an und zögerte nicht, sich ihm euphorisch entgegenzubeugen. Wild knutschend lag sie bald mit ihm halb über dem leicht nach hinten gekippten Fahrersitz des nicht gerade geräumigen schwarzen Sportwagens, an dessen Fensterscheiben sich allmählich Kondenswasser bildete, je mehr Sauerstoff im Innenraum verbraucht wurde. Heftig um Luft ringend griente die blonde Schönheit ihren überrumpelten Vorgesetzten schließlich an, als dieser sich ebenso außer Atem von ihr löste und nun zärtlich durch ihre goldig glänzende Lockenmähne streifte, die er hinter ihrem Rücken zu einem Zopf zusammengehalten hatte, weil ihre Haare ihn immer furchtbar im Gesicht kitzelten, wenn sie sich küssten. Richtig vernarrt schmachtete Gretchen ihre große Liebe an und kam Marcs Mund mit ihren suchenden Lippen bereits wieder verdächtig nahe.

Gretchen: Mehr!
Marc (schüttelt schmunzelnd den Kopf): Gretchen Haase, du Unersättliche! Was ist bloß los mit dir? Du bist ja wie ausgewechselt.
Gretchen (ohne ihren Blick von seinen funkelnden grünen Augen abzulassen, legt sie ihre Hände auf seinen Brustkorb, der sich aufgeregt hebt u. senkt, u. schmiegt sich zu einem Kuss heran): Dank dir!
Marc (packt eine ihrer Hände u. taxiert Gretchen gleichzeitig mit wild aufblitzenden Augen, die sich unübersehbar nach ihr sehnen): Ich dachte, du wolltest mein Ego nicht mehr füttern.
Gretchen (kuschelt sich lachend an ihn u. gibt ihm einen weiteren Kuss, der alles sagt): Dann mache ich eben heute eine Ausnahme. Quasi als Ration, damit du über den anstrengenden Tag kommst, Herr Chefdoktore.
Marc (legt seine Hand an ihre warme Wange u. zieht sie zu einem letzten ungezügelten Kuss heran): Gefällt mir, aber ich muss da jetzt wirklich rein. Du hast das Stichwort geliefert. Ich Chef. Ohne Chef nix funktionieren. Sprich Chaos.
Gretchen (hält ihn mit vollem Körpereinsatz fest u. lässt ihn nicht aus dem Auto aussteigen): Wieso denn? Schau, ich hab erst in zwei Stunden Dienst. Und du, du bist doch jetzt in Rufnähe, falls was sein sollte.
Marc (folgt fasziniert ihrer durchaus schlüssigen Schlussfolgerung): Sind das die Worte einer engagierten Ärztin, die stets überall für alles und jeden da sein möchte?
Gretchen (verhext ihn mit ihrem intensiven verliebten Blick u. ihrer ganzen verzaubernden Art): Das sind die Worte einer schwerverliebten und unendlich glücklichen Ärztin, die unbedingt noch ein bisschen rumknutschen möchte. Denn weißt du, wenn man glücklich ist, dann strahlt das auch auf die Patienten aus. Ein Lächeln ist manchmal wirkungsvoller als so manches Heilmittel.

Keck schenkte die schöne Assistenzärztin ihrem perplexen Oberarzt noch einen lasziven Augenaufschlag hinterher, der jeden vernunftsbedingten Widerstand ad absurdum führte, ehe sie ihren Worten Taten folgen ließ, die ihn wiederum komplett handlungsunfähig machten. Haasenzahn hatte ihn so was von in der Hand, dachte er nur völlig sprachlos und spürte dann auch schon ihren süßen Erdbeermund auf seinen Lippen, die sofort wieder Feuer fingen und sich hemmungslos über sie hermachten. Trotz der aufregenden Ablenkung, die Dr. Meier komplett gefangen nahm, hörte er das Alarmsignal jedoch sofort, welches keine fünf Sekunden später einsetzte. Und auch Gretchen richtete abrupt ihren Kopf auf, als sie erst das Martinshorn in ihren Ohren nachhallen hörte und in dessen Folge die drei Krankenwagen an ihrem Auto vorbeirasen sah. Sie blickten sich an. Ohne lange zu überlegen, schalteten die beiden Verliebten sofort in den Arztmodus um und sprangen fast zeitgleich aus dem schwarzen Sportwagen und rannten den drei RTWs in Richtung der angrenzenden Notaufnahme hinterher, wo diese in dem Moment zum Stehen kamen.

Marc: Tja,... dann...
Gretchen: ...eben nicht!

Lorelei Offline

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15.02.2015 10:33
#1517 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Marc: Haasenzahn, Stier ist schon beim ersten RTW, ich nehme den zweiten und du übernimmst die Drei. Wir treffen uns dann im Schockraum. Prozedere wie gehabt. Du kommst zurecht.
Gretchen: Ja, Dr. Meier.

...antwortete die sofort wieder in Routine verfallene Assistenzärztin pflichtbewusst ihrem Vorgesetzten, der von einer Sekunde zur anderen in den gewohnten planmäßigen Oberarztmodus geschaltet hatte, sich kontrolliert einen Überblick verschafft und die notwendigen Anweisungen gegeben hatte, bevor er auch schon im nächsten Augenblick mit seiner Patiententrage in Richtung des Eingangs der Notaufnahme unterwegs war. Gefolgt von Dr. Stier und der Oberschwester mit der zweiten Trageliege, die sie mit eiligen Schritten vor sich her schoben. Dr. Haase wandte sich einstweilen an die Besatzung des letzten RTWs, welche in dem Moment die beiden Hintertüren öffnete und mit angespannter Miene heraustrat.

Gretchen: Gordon, was haben wir?
Gordon (nickt seiner Kollegin mit einem schwachen Lächeln zur Begrüßung zu u. reicht ihr gleich das Übergabeprotokoll): Männlich, acht Jahre alt, Verbrennungen ersten und zweiten Grades am oberen rechten Thorax und den Extremitäten infolge eines Wohnungsbrandes, möglicherweise auch innere Verletzungen, da Passanten am Unglücksort beobachtet haben, wie der Vater zusammen mit dem Sohn aus Angst vor den Flammen aus dem dritten Stock gesprungen ist. Die Eltern sind bereits in den ersten beiden RTWs hierher gebracht worden. Momentan beide nicht ansprechbar, so viel ich weiß. Der Verdacht auf Rauchgasvergiftung hat sich bei dem Jungen nicht bestätigt. Er ist wahrscheinlich noch gerade rechtzeitig herausgekommen. Momentan aber ohne Bewusstsein. Schocktrauma vermutlich.

Gretchen ließ die schrecklichen Geschehnisse, soweit dies möglich war, nicht weiter an sich herankommen, nickte dem freundlichen Rettungsassistenten zu und begutachtete nun behutsam die Verletzungen des kleinen Patienten, der gerade aus dem Krankenwagen herausgeschoben worden war. Konzentriert führte sie die Übergabe durch und bemerkte dabei nicht gleich, wie sich ihnen ein Kollege aus der Notaufnahme mit großen Schritten näherte.

Gretchen: Gut, dann rein mit ihm! Welcher Schockraum ist frei?
Jochen (läuft den beiden aufgeregt entgegen, um zu helfen): Die zwei, Gretchen!
Gretchen (schaut überrascht auf, als plötzlich ihr kleiner Bruder mit einer Krankentrage neben ihr steht): Jochen?
Gordon (grient erst seinen neuen Mitbewohner an, mit dem er den bewusstlosen Patienten vorsichtig auf die bereitstehende Bahre hievt, dann im Wechsel die schöne Ärztin neben ihm): Hey Kumpel! Kriegt man dich auch mal wieder zu Gesicht? Irgendwo in den Untiefen meines Gedächtnisses war da doch was. Ach ja, warst du nicht bei mir eingezogen? Hab dich gar nicht bemerkt. Also mit Ausnahme des Eingangs deines Mietanteils auf meinem Konto.
Jochen (läuft ertappt rot an u. fährt sich mit seiner freien Hand schuldbewusst über den Hals, auf dem sich augenblicklich hektische rote Flecken bilden): Ja, äh... Gordon, das... bin ich doch auch, aber... na ja...
Gordon (grinst wissend, als er im nächsten Moment die verdutzte Assistenzärztin in Augenschein nimmt, die ungeduldig zwischen den beiden jungen Männer hin und her schaut): Ja, ja, verstehe, das schöne weibliche Geschlecht, das einen willenlos macht. Nicht? Ach, Frau Doktor, übrigens interessantes Outfit heute Morgen, aber steht Ihnen.

Der blonde Sanitäter zwinkerte seiner hübschen Kollegin verschmitzt grinsend zu und musterte sie noch einmal eingehend von Kopf bis Fuß. Diese schaute nur verdutzt an sich herunter auf die graue Männerjogginghose und das marineblaue T-Shirt, das sie von Marc bekommen hatte und das unter ihrem rosafarbenen Mantel hervorblitzte und wahrscheinlich modisch gesehen nicht gerade en vogue war und ihre medizinische Kompetenz unterstrich, aber Hauptsache es war praktisch und sie konnte sich gut darin bewegen, um hier jetzt helfen zu können. Darauf kam es doch an. Trotzdem strich sie sich verlegen eine Haarsträhne hinters Ohr und kramte, nachdem sie bemerkt hatte, dass ihre völlig zerzausten Haare noch offen waren, in ihren Jackentaschen hektisch nach einem Haarband, mit dem sie ihre wilde Lockenmähne bändigen konnte, die Marc ihr vor weniger als zehn Minuten noch mit seinen frechen Fingern, die sie immer noch auf ihrer Kopfhaut spürte, zerwühlt hatte. Als sie daran zurückdachte, stieg augenblicklich ihre Temperaturkurve wieder an, was sich in ihrem Gesicht und an ihrem Hals deutlich widerspiegelte. Gretchen versuchte angestrengt, sich nichts anmerken zu lassen und band ihre Haare schnell zu einem lockeren Knoten hoch.

Gretchen: Oh äh... danke, Gordon! Ich... ähm... Egal! Können wir dann?
Jochen (hat das Schauspiel amüsiert verfolgt u. lehnt sich nun mit beiden Händen ungeduldig hin und her wippend gegen die Patiententrage u. zieht mit großem Vergnügen seine knallrot angelaufene Schwester auf): Wenn du mal aufhörst, mit anderen Männern zu flirten, hätte wir ihn drinnen schon längst auf dem Tisch.

Völlig perplex wegen Jochens großer Klappe funkelte Gretchen ihren unverschämten kleinen Bruder nur mit bitterböser Miene an, da ihr im ersten Moment nichts Schlagfertiges eingefallen war, das sie ihm hätte erwidern können. Sie verabschiedete sich blitzschnell mit einer losen Handbewegung von dem charmanten Rettungsassistenten, der ihr zum Abschied schon wieder schöne Augen machte, denen sie jedoch keine weitere Beachtung schenkte, und schob dann die Trage eigenhändig in die Notaufnahme in den bereitstehenden Behandlungsraum, während Jochen seiner eiligen Schwester grinsend hinterher trottete. Sein vergnügtes Grinsen wurde noch breiter, als Gretchen endlich ihre Sprache wiederfand und ihn mit hoch erhobenem Zeigefinger scharf anfuhr, ohne dabei selbst zu bemerken, dass die Geschwister nicht unter sich waren. Denn im selben Augenblick, als sie ihre Stimme gegen ihn erhob, schob sich ein bekannter Kopf durch die Schiebetür zwischen den beiden aneinander grenzenden Notaufnahmerräumen.

Gretchen: Spinnst du! Hör auf, mich so vorzuführen, Jochen! Ich flirte mit niemandem.
Marc: Mit wem flirtest du?
Gretchen (schaut ertappt auf, als plötzlich Marc, der bereits einen weißen Kittel trägt, vom angrenzenden Behandlungsraum mit hochgezogenen Augenbrauen u. verschränkten Armen zu ihr herüberblickt): Marc?
Marc (wirft einen kurzen Blick auf den Patienten, nickt leicht mit dem Kopf u. stößt sich mit beiden Händen lässig vom Türrahmen ab, um schmunzelnd wieder im Nebenraum zu verschwinden): Richtige Antwort! Du kommst klar? Die Entscheidungsgewalt obliegt dir. Die Mutter des Jungen wird ambulant versorgt. Sie ist nicht direkt betroffen. War wohl außer Haus. Sie ist dazugekommen, als es die Verpuffung gab. Denen ist wohl die Heizungsanlage um die Ohren geflogen. Schwerer Schock. Die vom psychologischen Dienst sind schon informiert. Und auch die Angehörigen. Stier und ich müssen aber sofort mit dem Vater in den OP. Schweres Schädel-Hirntrauma und seine Hüfte hat den Sturz nicht gänzlich unbeschadet überstanden. Nicht zu vergessen die Brandwunden. Und Verdacht auf Rauchgasvergiftung. Wir machen das gleich alles in einem Rutsch, solange uns der Kreislauf nicht abkackt.
Gretchen (lässt sich von einer Schwester in den Kittel helfen u. blickt dabei lächelnd auf die sich langsam wieder schließende Tür): Geht klar! Ich komme schon zurecht, Dr. Meier.
Jochen (schiebt sich grinsend in Gretchens Sichtfeld, nachdem Marc wehenden Kittels im Nebenraum verschwunden ist): Sicher?
Gretchen (funkelt den dreisten Studenten mit zu Schlitzen geformten Augen bedrohlich an): Und du, du hast hier mal gar nichts zu sagen, ja. Wenn du das hier für eine Spaßveranstaltung hältst, dann hast du hier nichts zu suchen, Jochen.
Jochen (schaut sie mit schuldbewusstem Dackelblick an): Große, es tut mir leid. Ich wollte doch nur... Ich bin euch heute hier zugeteilt.
Na prima! Auch das noch! Ich darf die Kinderbetreuung machen.
Gretchen (akzeptiert stumm Jochens aufrichtige Entschuldigung u. schaltet sogleich in den professionellen Modus): Ich brauche Kühltücher und sterile Wundauflagen.

Der kleinlaute Krankenpfleger verstummte sofort, sich seiner Pflicht bewusst werdend, und ging der behandelnden Ärztin nun hilfsbereit zur Hand, während sie begann, vorsichtig die angekokelte Kleidung des Jungen zu zerschneiten und zu entfernen, um die oberflächlichen Brandwunden besser in Augenschein nehmen zu können und den Thorax auf mögliche innere Verletzungen zu untersuchen. Der kleine Patient unter ihr stöhnte vor Schmerzen auf, als er plötzlich wach wurde und anfing zu weinen. Die fürsorgliche Ärztin versuchte so gut es ging, ihn zu beruhigen, was nur dazu führte, dass er noch mehr weinte. Er stand unter Schock und wusste nicht, was passiert war. Mit sanfter Stimme redete Gretchen behutsam auf ihn ein.

Gretchen: Hey, Spatz! Nicht weinen! Du bist im Krankenhaus. Es hat ein Feuer gegeben und du bist mit deinen Eltern hierher gebracht worden. Ich bin deine Ärztin. Ich heiße Gretchen und ich versuche jetzt, deine Verletzungen zu versorgen. Ich weiß, das tut weh, aber das muss leider sein, damit du nicht noch eine Entzündung bekommst. Verstehst du? Ich bin auch ganz vorsichtig. Versprochen! Ich gebe dir gleich etwas, damit die Schmerzen nicht zu doll werden. Du wirst nichts merken. Einverstanden? Wie heißt du denn? Verrätst du mir auch deinen Namen?

Doch der überforderte Junge stand noch immer tief unter Schock. Er zitterte wie Espenlaub und blickte ganz verstört durch einen dicken Krokodilstränenschleier auf die in seinen Augen riesige Spritze, die Dr. Haase gerade von einer Krankenschwester gereicht bekam. Hilfesuchend wandte sich Gretchen ihrem Bruder zu, der die Kühltücher in seinen Händen hielt und nicht so recht wusste, was er jetzt machen sollte. Aber dafür wusste seine große Schwester umso mehr Rat.

Gretchen: Jochen, rede du mit ihm! Jungen in dem Alter können besser mit männlichen Bezugspersonen.
Jochen (blickt sie mit großen Augen an u. wirkt überhaupt nicht mehr so cool wie Minuten zuvor, als er noch seine Klappe weit aufgerissen hat): Ich? Aber... ich... weiß doch gar nicht, was ich...
Gretchen (lächelt ermutigend): Das kommt von ganz alleine. Vertrau mir und dir! Lenk ihn ab, damit wir hier unsere Arbeit machen können. Bitte! Du kannst das!

...redete Gretchen dem verunsicherten Medizinstudenten gut zu und nahm ihm die noch verpackten Tücher aus der Hand, mit denen sie nun begann, großflächig die Haut des Jungen zu kühlen. Jochen blieb mit seinen Blicken an den ihm wohlwollend zuzwinkernden blauen Augen seiner Schwester kleben, zuckte unschlüssig mit den Schultern und zog sich schließlich unwillig einen Stuhl zur Patientenliege heran, auf den er sich prompt setzte, bevor er die Aufmerksamkeit des aufgelösten Jungen suchte. Wobei er keine Ahnung hatte, wie er das anstellen sollte.

Jochen: Du ähm... Also ich... bin Jochen. Ich bin noch kein Arzt und Gott in Weiß, aber... Krankenpfleger in Ausbildung. Also ich kümmere mich um die Patienten und... Du ähm... musst keine Angst haben. Du bist hier in den besten Händen. Siehst du die dicke blonde Frau da, die gerade mit dir geredet hat? Das ist meine Schwester. ... Hast du auch Geschwister?

Der verängstigte Junge, der am liebsten von der Liege gesprungen wäre, wenn er gekonnt hätte, hörte dem fremden jungen Mann mit dem lustigen Gesicht aufmerksam zu und bestätigte ihm seine Frage nach einem scheuen Blick zur Seite schüchtern mit einem kaum merklichen Kopfnicken. Jochen wechselte daraufhin mit Gretchen, die seine versteckte Beleidigung wohlwissendlich ignoriert hatte, einen vielsagenden Blick, weil er endlich einen Ansatz gefunden hatte, um Zugang zu dem kleinen Patienten zu bekommen, und redete dann weiter mit ruhiger Stimme leise auf ihn ein, während Gretchen ihn ermutigend anlächelte und nun die Spritze am Arm ansetzte, um dem Jungen ein Anästhetikum zu geben, welches seine Schmerzen lindern würde.

Jochen: Siehst du, dann weißt du ja, wie das ist. Die meiste Zeit nerven sie wie wahnsinnig, aber wenn es darauf ankommt, sind sie für einen da. Gerade meine Schwester. Wenn sie könnte, würde sie die ganze Welt umarmen. Die körperlichen Ausmaße dafür hätte sie ja. ... (das spitzbübische Grinsen, das sich auf seine Mundwinkel legt, wirkt ansteckend, außer bei seiner für einen kurzen Moment beleidigten Schwester) ... Gretchen ist wirklich die allerbeste Ärztin, die ich kenne und die du kriegen konntest. Die macht dich so schnell wieder heile, dass du am Ende nur noch darüber lachen wirst, dass du überhaupt erst Angst gehabt hast. Das musst du nicht. Sie ist dein Schutzengel und wird dir helfen, so wie sie schon vielen kleinen Patienten wie dir geholfen hat. Indianerehrenwort! Magst du Indianer? Ab heute bist du einer, denn echte Indianer kennen keinen Schmerz.

Je mehr der Junge auf ihn reagierte, desto mehr legte sich auch Jochens Nervosität und er plapperte einfach drauflos, wie ihm sein Schnabel gewachsen war. Er blickte erneut zu seiner großen Schwester, um in Erfahrung zu bringen, wie es nun weitergehen würde. Gretchen war ganz gerührt von den liebevollen Worten, mit denen er sie mit Ausnahme des einen oder anderen Seitenhiebes bedacht hatte, und lächelte ihm anerkennend entgegen, nachdem sie, wie es der Zufall so wollte, gerade auf die Einstichstelle der Spritze am Arm des Jungens ein Pflaster mit Indianermotiv geklebt hatte. Dann begann sie wieder, sterile Wundtücher über die Brandwunden an den Händen und dem freigelegten Oberkörper zu legen, und ihn für den Weitertransport vorzubereiten. Jochen hielt weiterhin Blickkontakt mit dem Jungen, der das Tun der Ärztin immer noch misstrauisch verfolgte, dessen Augenlider jedoch bereits immer schwerer wurden, weil das Beruhigungsmittel zu wirken begann.

Jochen: Siehst du, den Pieks hast du gar nicht gemerkt, weil sie magische Hände hat. Zumindest, was ihren Beruf betrifft. Privat kann sie auch sehr tollpatschig sein. Aber psst, nicht weiter verraten!
Gretchen (trotz der weiteren kleinen Spitze von Jochen, der ihr frech in die Augen blinzelt, lächelt sie die beiden Jungs milde an): Du wirst gleich einschlafen, mein Schatz, und dann versorgen wir deine Verletzungen, damit sie ganz schnell wieder heilen und dann bringen wir dich zu deinen Eltern. Keine Sorge, um sie wird sich auch ganz liebevoll gekümmert. Versprochen!
Max (wechselt mit seinem ängstlichen Blick von seiner Ärztin, zu der er immer mehr Vertrauen gewinnt, zu Jochen u. beginnt zum ersten Mal leise zu sprechen): Bleibst du die ganze Zeit bei mir, Jochen?
Jochen (versucht sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen u. lächelt ihn nach einem vergewissernden Blickwechsel mit seiner Schwester aufmunternd an): Klar doch, mein Freund! Wir sind doch jetzt Freunde, oder? Verrätst du uns dann auch deinen Namen?
Max (nickt leicht mit dem Kopf, gähnt u. schon fallen ihm die Augen zu): Ma...ma...max. Ich bin...

Und bevor er noch etwas sagen konnte, war der kleine Mann vom Anästhetikum umnebelt eingeschlafen. Zufrieden beobachtete Dr. Haase den gleichmäßigen Atemrhythmus ihres Schützlings, ehe sich ihr Blick wohlwollend auf ihren kleinen Bruder richtete, den sie leicht mit der Schulter anstupste, ehe sie Max einen Zugang für die Infusion legte und seine Liege zum Weitertransport vorbereitete. Jochen hielt aus lauter Sorge immer noch Max’ Hand fest umschlossen, wie sie lächelnd bemerkte.

Gretchen: Das hast du gut gemacht.
Jochen (fühlt sich geschmeichelt, will sich das aber nicht anmerken lassen u. springt schnell u. betont unbeeindruckt von seinem Sitzplatz auf): Ähm... Und... was passiert jetzt?
Gretchen: Wir machen jetzt gleich noch ein CT vom Thorax, um zu schauen, ob er nicht doch innere Verletzungen davongetragen hat oder ob seine Lunge von den Rauchgasen angegriffen worden ist, die er eingeatmet hat, und sobald der OP frei ist, säubern wir dort die Brandwunden und entfernen das avitale Gewebe, um einer Sepsis vorzubeugen, und schauen, wie tief die Verletzungen wirklich sind, um den weiteren Behandlungsplan zu erstellen.
Jochen (ohne dass er groß darüber nachdenkt, platzt es schon aus ihm heraus): Kann ich mit?
Gretchen (will schon mit der Patientenliege aus dem Zimmer, als sie sich noch einmal verwundert zu ihrem Bruder umdreht): Du meinst in den OP? Jochen, du bist noch nicht...
Jochen (stellt sich ihr u. der Trage pappfrech in den Weg): Ich weiß, aber ich hab ihm doch versprochen, dass ich bei ihm bleibe. Ich meine, er hat doch gerade niemanden, weil seine Eltern ebenfalls ausgeknockt sind.
Gretchen (holt tief Luft u. schaut kurz vergewissernd in den angrenzenden Schockraum, der bereits für das Eintreffen des nächsten Notfallpatienten gereinigt wird, u. richtet ihren Blick nach kurzem Überlegen wieder auf Jochen, der seine Bitte ernst zu meinen scheint): Eigentlich hab ich das nicht zu entscheiden. Aber gut, dann komm eben mit. Es kann ja nicht schaden, wenn du während deines Urlaubssemesters etwas lernst. Vielleicht hilft es dir ja bei der Entscheidungsfindung.
Jochen (stolpert ihr konsterniert hinterher): Was soll das denn bitteschön heißen? Ich weiß sehr wohl, was ich will, also... meistens.

Lorelei Offline

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21.02.2015 16:25
#1518 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Nachdem auf den CT-Bildern ihres Patienten nichts Verdächtiges entdeckt werden konnte, fanden sich die beiden Haase-Geschwister kurz darauf im OP wieder, um die leichten bis mittelschweren Brandverletzungen des Jungen zu versorgen. Auch wenn Jochen zum allerersten Mal während seiner medizinischen Ausbildung in kompletter Montur im OP stand und nicht nur von draußen oder via Monitor lediglich als stiller Zuschauer hereinblickte, so war von Aufregung kaum eine Spur. Denn alles, was er wollte, war, dass seinem kleinen Schützling nichts passierte und dass ihm schnell geholfen wurde. Das erkannte auch Gretchen an, die richtig stolz auf ihren unbeholfenen kleinen Bruder war, weil dieser sich zum ersten Mal so sehr für jemanden engagierte, der nicht er selbst war, und nicht nur den liebenlangen Tag mit dem Kopf in den Wolken hing, wie ihr Vater immer gerne blumig umschrieb, wenn er sich mal wieder über ihn geärgert hatte. Auch wenn Jochen es dabei auf seinem Beobachtungsposten direkt am OP-Tisch auf der gegenüberliegenden Seite von Gretchen natürlich trotz alledem nicht lassen konnte, seine Lieblingsschwester geschwisterlich aufzuziehen, was aber auch nur dem Abbau seiner inneren Anspannung diente, die sekündlich anwuchs, je länger der unkomplizierte Eingriff dauerte. Denn er verfolgte trotz seiner hibbeligen und überdrehten Art, die ihn als passionierten Spaßvogel identifizierte, ganz genau, was seine große Schwester da gerade tat.

Jochen: Du, Gretchen...?
Gretchen (schaut verwundert vom OP-Tisch auf u. knipst ihre Augen unter der OP-Haube misstrauisch zusammen): Ja, Herr ... Haase?
Mhm? Dieser Blick, den kenn ich doch. Das verheißt nichts Gutes.
Jochen (grient seine skeptische Schwester unter seinem Mundschutz verdächtig an u. kommt unverblümt zum Thema seines drängenden Anliegens): Eine Frage? Wo habt ihr eigentlich das ganze Wochenende über gesteckt? Chantal, Celinchen und ich wollten gestern Mittag mal spontan bei euch reinschneien. Aber bei euch im Appartement war niemand. Und Mama und Papa haben auch ein paar Mal aus den Staaten angerufen und sich Sorgen gemacht, weil ihr die ganze Zeit nicht zu erreichen ward, was ziemlich untypisch, zumindest für dich, ist. Aber es scheint dir ja gut zu gehen, wie ich sehe. Du hast ja richtig rosige Wangen bekommen und bist nicht mehr so blass und aufgedunsen wie in den vergangenen Tagen, in denen du übrigens echt unausstehlich anstrengend warst. Wie kommt’s? Was hat er gemacht? Obwohl, so genau will ich das, glaub ich, gar nicht wissen.
Ich wusste es! Da bin ich einmal nett und er... GRRR! Ich hätte ihn nicht mit hierher nehmen dürfen! Später ist man immer schlauer.
Gretchen (versucht, das nervige Plappermaul mittels tödlichem Geschwisterblick vergeblich zu stoppen): Jochen!
Jochen (hat Mut gefasst u. hakt weiterhin neugierig nach): Hat er nach meiner Ansage neulich endlich mal den Arsch hochbekommen? Glückwunsch! Dabei kursierten hier ja schon die ersten Wetten über mögliche dunkle Wolken im Paradies, so wie ihr euch letzte Woche nicht mal mehr mit dem Hintern angesehen habt.

Wie auffällig wäre es eigentlich, wenn ich jetzt mit dem Skalpell abrutschen würde? ... Mist! Er steht zu weit weg, aber ich kann auch gut zielen. Bei Marcs Dartscheibe im Büro treffe ich immer in die Mitte, also wenn er mich nicht gerade fies mit Küssen ablenkt. ... Dr. Haase, konzentrieren, bitte! Du bist die leitende Operateurin! ... Jaaaha!

Gretchen (merkt, wie ihre Wangen verdächtig zu glühen beginnen, da nicht nur Jochen sie nun neugierig anschaut, sondern auch das gesamte OP-Team hält die Ohren gespitzt): Es gibt keine... Wir sind... überhaupt nicht... Und überhaupt... geht dich das gar nichts an. Ähm... (merkt noch rechtzeitig, dass sie die Kontenance zu verlieren droht u. versucht, professionell u. distanziert zu bleiben) ... Jochen, du weißt aber schon, wo wir uns gerade befinden, oder? Eigentlich dürfte ich dich gar nicht mit hierher nehmen. Du bist weder eine ausgebildete OP-Kraft, noch Assistenzarzt. Du bist stiller Beobachter, wobei die Betonung auf STILL liegt.
Jochen (grient die rote Tomate im blauen OP-Kostüm weiterhin ungeniert an u. hat seinen Spaß): Du lenkst ja ab, Schwesterherz!
Gretchen (verliert so langsam die Geduld mit ihrem aufmüpfigen kleinen Bruder, dem sie am liebsten den Hals umdrehen möchte, wenn sie die Hände freigehabt hätte): Ich tue gar nichts. Also doch, ich tue schon etwas, ich operiere, wie dir vielleicht aufgefallen sein könnte, wenn du dich einmal ordentlich konzentrieren würdest. Hier bin ich nicht deine Schwester, sondern allein die behandelnde Ärztin und damit für dich als immer noch NICHTmediziner höchstens deine Lehrerin, der übrigens das Recht zusteht, dich jederzeit hier hochkant rauszuschmeißen. Ich werde also ganz bestimmt nicht private Angelegenheiten im OP diskutieren und mit dir schon mal gar nicht, Freundchen. Und jetzt halt endlich den Mund!
Jochen (sein Grinsen wird immer breiter, je mehr sich seine Schwester über ihn echauffiert): Wieso? Das machst du doch hier ständig mit Marc. Hab ich zumindest gehört.

Wie bitte? Gott, wieso hast du vor fünfundzwanzig Jahren zugelassen, dass das hier auf die Welt kommt? Hättest du dich nicht auf Wichtigeres konzentrieren können? Zum Beispiel, dass Verhütungsmittel wirken und ein süßes blondes engagiertes Mädchen ein Einzelkind bleibt!

Gretchen (wirft einen ziemlich angesäuerten Blick auf Jochen und dann auf das Anästhesieteam u. die OP-Schwester, die leise unter ihrem Mundschutz kichern): Wenn du betont witzig sein möchtest, Jochen, dann solltest du dich vielleicht in einer Clownsschule anmelden, da du ja eh an einer Zukunft im medizinischen Bereich zweifelst.
Jochen (ihm vergeht abrupt das Lachen u. er verdreht genervt die Augen, weil Gretchen mal wieder die Spaßbremse spielt, u. guckt wieder auf Gretchens Hände, die einen großen verbrannten Hautlappen abziehen, was ihn ziemlich mulmig werden lässt): Ich zweifele überhaupt nicht. Du weißt, wieso ich... Mann, ich wollte doch bloß Konversation betreiben, um ähm... abzulenken, weil das hier wirklich ziemlich eklig ist. Wie hältst du das bloß aus?
Berechtigte Frage, wenn man bedenkt, dass ich gestern noch davongelaufen bin, nachdem Marc unser Abendessen auf dem Grill hat verbrennen lassen. Oh, Gretchen, ganz schlechter Vergleich!
Gretchen (schaut nicht von ihrem Patienten auf u. konzentriert sich voll und ganz auf die Entfernung des verbrannten Gewebes): Indem man sich allein darauf konzentriert, dass es Max nach dieser Behandlung besser gehen wird. Er hat wahnsinniges Glück gehabt, dass die Verbrennungen nicht zu tief gehen. Trotzdem müssen wir aufpassen. Solche Verletzungen können leicht zur Eintrittspforte für Mikroorganismen werden. Und du als Student im dritten Semester kannst sicherlich erahnen, was dann passieren könnte. So das hätten wir. Jetzt noch die kleinflächigen Verbrennungen an den Händen und dann können wir mit den Verbänden beginnen.
Jochen (ist nun auch wieder ganz bei der Sache): Aber der rechte Oberarm ist doch schon ziemlich na ja... hinüber. Er wird nie ein kurzärmeliges T-Shirt tragen können.
Gretchen (sichtlich gerührt, weil er sich solche ernsten Gedanken macht, schaut sie doch kurz von ihrem Patienten auf u. in Jochens besorgte Augen): Bei seinen leichten Verbrennungen an den Händen werden die Selbstheilungskräfte der Haut das schnell regulieren. Bei einer größeren Fläche wie hier am Oberarm und der Schulter, die tiefer geht, gibt es noch andere Möglichkeiten, um die Rekonvaleszenz zu fördern. Vor allem aus psychologischer und na ja ästhetischer Sicht, wenn du verstehst.
Jochen: Mit der Transplantation von Haut von einer anderen Körperstelle?
Gretchen (sichtlich beeindruckt von seinem Wissen): Möglich! Jemand hat sich vorbereitet.
Jochen (rollt genervt mit den Augen, weil seine Schwester ihm offenbar überhaupt nichts zutraut): Ich hatte im letzten Semester ein Seminar in Dermatologie.
Gretchen (nickt leicht mit dem Kopf in Jochens Richtung u. trägt dann vorsichtig eine Lotion auf Max’ rechte Hand auf): Wir können aber auch unter dem Mikroskop unterstützend eingreifen.
Jochen (verfolgt angespannt jede einzelne ihrer Bewegungen): Du meinst mit künstlicher Haut?
Gretchen (schaut kurz auf u. nimmt von der OP-Schwester, die neben ihr steht, das Verbandsmaterial entgegen): Nein, nicht direkt, sondern mit körpereigenen Hauttransplantaten, die wir mit einer dermalen kollagenen Matrix kombinieren, um die Neubildung körpereigenen Gewebes und damit die Ausbildung natürlicher Haut zu fördern. Mit diesen neuen Techniken der Hautrekonstruktion sind schon große Erfolge gemacht worden, weil sie kaum Narben hinterlässt. Und das ist für einen Jungen in dem Alter, der noch im Wachstum steckt, das Wichtigste. Die Zellheilungskräfte wirken nämlich bei jungen Menschen besonders unterstützend. Also, wenn alles gut klappt, dann wird man später überhaupt nichts mehr sehen können.
Jochen (schaut sichtlich beeindruckt auf den Jungen): Cool!
Gretchen (lächelt): Ja, nicht? Ich habe unseren Spezialisten schon angefordert. Oh! Da ist er ja auch schon. Wie aufs Stichwort hergebeamt. Hihi! Dr. Gummersbach, komm ruhig rein! Wir sind hier soweit fertig. Danke, dass du Zeit für uns hast.

Jochens Kopf, in dem es gerade gewaltig ratterte, folgte irritiert Gretchens Blick zur Schleuse, welche in dem Moment mit Schwung aufgeschoben wurde. Dr. Gummersbach nickte in ihre Richtung und ließ sich von einer Krankenschwester Mundschutz und OP-Handschuhe überstreifen. Dann näherte er sich dem OP-Tisch und nahm sogleich die große Fleischwunde am Oberarm des kleinen Patienten in Augenschein.

Günni: Kein Problem, Frau Kollegin. Sabine und ich haben heute sowieso noch in der Klinik zu tun. Du weißt schon, die ganzen Formalitäten, die eine plötzliche Elternschaft so mit sich bringt. Sie hat den Kleinen dabei, falls ihr euch später noch sehen möchtet.
Gretchen (strahlt ihn unter ihre OP-Haube mit aufleuchtenden Augen an): Unbedingt.
Günni (lächelt verlegen zurück u. wechselt dann in den professionellen Tonfall): Also, was haben wir, Frau Dr. Haase?
Gretchen (macht es ihm gleich u. konzentriert sich auf den Jungen): Du siehst es ja selbst. Meinst du, du kannst zaubern?
Günni (stellt sich neben Dr. Haase u. guckt sich das Ganze genauer an): Oh, das kriegen wir schon wieder hin. Ich nehme eine Probe und dann schauen wir mal, was sich entwickelt.
Jochen (schaut neugierig zwischen den beiden fachsimpelnden Ärzten hin und her): Wie?
Gretchen (blickt wieder auf u. Jochen direkt in die Augen): Weißt du was, wieso gehst du nicht mit Günni mit und schaust dir an, was er so macht, hmm?
Günni (guckt nun in dieselbe Richtung u. erkennt jetzt erst, wer ihm gegenübersteht): Ach, interessieren Sie sich für die Pathologie, Herr Haase?
Jochen (reißt seine Augen auf u. starrt erst Günni, dann seine schmunzelnde Schwester perplex an): Was? Ähm... Was? Aber... eigentlich wollte ich doch da sein, wenn Max wieder wach wird. Damit er gleich ein bekanntes Gesicht sieht.
Gretchen (tritt um den OP-Tisch herum u. kommt lächelnd auf ihn zu): Das kannst du doch auch. Er kommt jetzt eh erst einmal in den Aufwachraum. Bis das Anästhetikum abgebaut ist, dauert es ungefähr noch eine Stunde. Dann kannst du zu ihm und ihn auf sein Zimmer bringen. Bis dahin müssten auch seine Großeltern und seine Schwester hier sein.
Jochen (sichtlich überfordert schaut er von einer Partei zur anderen): Okay!?
Günni: Gut, dann mitkommen, junger Kollege! Dann zeige ich Ihnen mal, was die Haut doch für ein spannendes Organ ist. Das größte, das der Mensch zu bieten hat, übrigens.

Ohne Widerworte trottete Jochen dem seltsam vor sich hin strahlenden Pathologen hinterher. An der Schleuse zu den Waschräumen wandte er sich jedoch noch einmal zu seiner großen Schwester um, die gerade mit Hilfe der OP-Schwester konzentriert den letzten Verband um Max’ Arm legte und sich dann aufmachte, ihn in den Nebenraum zu schieben. Gretchen schien es wirklich ernst gemeint zu haben. Sie wollte ihn nicht mit einer Stippvisite in die Patho für seine große Klappe bestrafen, wie er im ersten Moment noch gedacht hatte. Wieder etwas beruhigt, zog er daher die schwere Stahltür hinter sich zu und folgte Dr. Gummersbach in sein Labor im Keller.

Kurz darauf fand sich auch Gretchen in den Waschräumlichkeiten außerhalb der OPs wieder, wo sie sich erst ihrer OP-Kleidung entledigte und sich nun die Hände wusch. Die sichtlich zufriedene Assistenzärztin war ganz in Gedanken, sodass sie nicht gleich bemerkte, wie sie vom anderen OP-Ausgang aus intensiv bei ihrem Tun beobachtet wurde. Der junge Mann, der dasselbe schicke OP-Blau trug wie seine jüngere Kollegin, hielt seinen Kopf leicht schräg und ließ seine Blicke ganz langsam über ihre attraktive Kehrseite wandern. Dann legte sich mit einem Mal ein verschlagenes Grinsen auf seine Lippen und er stieß sich mit Schwung von der Stahltür ab, die sich geräuschlos hinter ihm wieder geschlossen hatte, um sich nun auf leisen Sohlen an die aufregende Blondine heranzuschleichen, die ihn allein mit ihrer bloßen Anwesenheit so sehr innerlich aufwühlte, dass er gar nicht mehr anders konnte, als ihr unbedingt nah sein zu wollen. Unabdingbar jetzt und sofort.

Doch erst als der Schelm ihr eine verirrte Locke, die ihr aus dem Haarknoten herausgerutscht war, ins Gesicht pustete, nahm Dr. Haase Marcs Anwesenheit überhaupt erst wahr und lächelte, nachdem sie kurz erschrocken zusammengezuckt war, verliebt sein strahlendes Spiegelbild an, was der charmante Chirurg natürlich sofort als Einladung verstand. Er schmiss seine blutverschmierten Handschuhe, den Mundschutz und die OP-Haube mit einem gekonnten Wurf in die entsprechende Tonne, gefolgt von seinem zusammengeknüllten OP-Kittel, und blieb dann dicht hinter Gretchen stehen, die ihren charismatischen Oberarzt durch den Blick in den Spiegel über dem Waschbecken keine Sekunde aus den Augen gelassen hatte. Er platzierte sein Kinn auf ihrer rechten Schulter, schmiegte seine kitzlige Wange gegen ihre und stemmte seine muskulösen Arme rechts und links von ihrem Körper ans Waschbecken, sodass sie unwiderruflich von ihm eingekesselt war, was sie jedoch nicht im Geringsten zu stören schien. Ganz im Gegenteil, die verliebte Ärztin genoss es sogar richtig, ihrem Liebsten so schutzlos ausgeliefert zu sein, und schmiegte sich ihm sanft entgegen, während immer noch der kühlende Wasserstrahl über ihre Handgelenke lief und dabei ihren pulsierenden Puls beruhigte, den seine bloße Nähe beinahe zum Kochen gebracht hatte.

Gretchen (flüstert sehnsuchtsvoll): Marc!
Marc (genießt das Prickeln, das in der Luft liegt, u. lächelt seine Traumfrau im Spiegel an, während er sich verführerisch gegen ihren Rücken lehnt): Na! Wie ist es gelaufen?
Gretchen (erwidert via Spiegel seinen zufriedenen Gesichtsausdruck): Gut! Er ist zum Glück nur leicht verletzt gewesen. Seine Verbrennungen gehen nicht so tief. Günni arbeitet schon daran, dass wir in den nächsten Tagen die große Fleischwunde am Oberarm mit neu gewonnenen Hautzellen überdecken. Damit der kleine Schatz in Zukunft nicht unter seiner Brandnarbe leiden muss. Schließlich hat er schon genug gelitten. Wie geht es seinem Vater? Wenn du schon hier stehst, gehe ich mal davon aus, dass er es gut überstanden hat.
Marc (nickt ihr zu u. versteckt ausnahmsweise mal nicht, wie stolz er doch auf seine Lieblingskollegin ist): Was hab ich nur für eine talentierte Assistenzärztin!
Gretchen (fühlt sich unheimlich geschmeichelt u. läuft augenblicklich rot an): Du Schmeichler!
Marc (hält sie immer noch mit seinem ganzen Körper umschlossen u. desinfiziert nebenbei unter dem kühlen Wasserstrahl mit tatkräftiger Unterstützung der schönsten und sanftesten Frauenhände seine Hände, die mal wieder Glanztaten vollbracht haben): Nee, keine falsche Bescheidenheit, Haasenzahn! Du machst das richtig gut. Auch das mit dem Univerweigerer. Die Unmotiviertesten zu motivieren, das kann nicht jeder. Schon mal darüber nachgedacht, mich bei der Ausbildung der Studenten zu unterstützen?
Gretchen (dreht sich überrascht zu ihm herum u. blickt ihm nun direkt in die Augen, während sie ihre Hände an dem Handtuch abtrocknet, das er ihr soeben gereicht hat): Jochen ist nicht unmotiviert. Im Gegenteil. Ich habe immer mehr den Eindruck, dass er langsam Feuer fängt für diesen Beruf. Und das ist ganz bestimmt nicht mein Verdienst. Und auch nicht der von unserem Vater, der ihn immer triezt. Das kommt von ihm selbst. Muss es schließlich auch, wenn er es wirklich ernst meinen sollte. Und was die Ausbildung der Studenten betrifft, das obliegt nun mal den Oberärzten. Das hab ich nicht zu entscheiden.
Marc (stellt hinter ihr den Wasserhahn ab u. trocknet anschließend seine Hände an Gretchens Handtuch ab, das anschließend im hohen Bogen in der Wäschetonne hinter ihm landet): Jetzt sei mal nicht so bescheiden, Haasenzahn. Ich weiß, dass dir das liegen würde. So besserwisserisch wie du immer im OP bist.
Gretchen (schlängelt ihre Arme um seinen Hals u. guckt verliebt zu ihm hoch): Bin ich gar nicht!
Marc (lacht u. hält die stürmische junge Dame mit beiden Händen an der Hüfte fest): Klar, Miss Neunmalklug! Aber jetzt mal ehrlich, denk darüber nach! Es wäre mir echt gelegen, wenn mir jemand wenigstens die PJler abnehmen würde. Mit dem talentfreien Assihaufen, den man mit Ausnahme von dir und deinem Jahrgang keine Sekunde aus den Augen lassen kann, bin ich schon komplett ausgelastet und das noch neben meiner Habilitation, die ich endlich wieder angehen möchte, sobald Franz wieder hier aufschlägt und sich im Chefsessel breit macht. Obwohl, noch haben sich die Schweizer nicht gemeldet, was unsere Forschungszusammenarbeit betrifft. Die würde ich mir nämlich ungern für meine Arbeit entgehen lassen. Jedenfalls... Wo war ich? Ach ja! Wir können das gerne mit in deinen Vertrag aufnehmen, wenn du die freie Stelle als Stationsärztin übernimmst.
Gretchen (fühlt sich plötzlich ganz unwohl in ihrer Haut, löst sich von seinem Hals u. wiegelt mit einer lockeren Armbewegung schnell vom Thema ab): Marc, das ist doch noch gar nicht sicher.
Marc (schaut ihr eindringlich in die scheu hin u. her flackernden Augen): Apropos, ich hab zufällig die Bewerbungen auf Franz’ Schreibtisch gesehen. Eine Mappe hat gefehlt. Kannst du mir das erklären?
Gretchen (senkt verlegen den Blick, als sie nach einigem Zögern mit der Sprache rausrückt): Ich hab mich noch nicht beworben.
Marc (blickt sie mit immer größer werdenden Augen ungläubig an u. schüttelt schließlich den Kopf): Wieso denn nicht? Sag nicht, du hast das vergessen wegen dem ganzen Chaos in den letzten Wochen? Gretchen, die Stelle ist wie für dich gemacht. Dein Vater sieht das genauso. Das weißt du.
Gretchen (streicht sich nervös mit einer Hand über ihren zerknitterten blauen OP-Dress): Marc, ich rede nicht gern über ungelegte Eier. Ich bin abergläubisch. Ich will erst abwarten, wie die Facharztprüfung am Freitag läuft.
Marc (mustert ihr zerknirschtes Gesicht mit amüsiertem Blick u. verschränkt seine Arme hinter ihrem Rücken, sodass sie mit einem Ruck gegen seinen gestählten Oberkörper gepresst wird): Bitte? Ey, du denkst doch nicht ernsthaft, dass du nicht... Weißt du, du bist echt komisch, Haasenzahn. Im Privaten nimmst du dir einfach, was du willst, wofür ich im Übrigen sehr, sehr dankbar bin.
Gretchen (empört sich u. will sich aus seiner Krakenumarmung winden): Marc!
Marc (hält sie weiterhin gefangen, um ihr so besser ins Gewissen reden zu können): Aber beruflich zögerst du und stapelst tiefer als der Bagger, der hinten vorm Ostflügel die Grube ausgehoben hat. Ich meine, du hast es doch drauf. Daran gibt es doch keinen Zweifel. Die Ebersbusch hält dich auch für die Beste als ihre Nachfolgerin. Also sei taff und nimm dir, was dir zusteht, verdammt noch mal! In unserem Job kriegt man nichts geschenkt, das weißt du. Die Stelle wird intern besetzt und du bist nun mal die Einzige, die für den Posten in Frage kommt. Du hast sie dir verdient, nicht nur mit deinen ständigen Einmischungen und nervigen Klugscheißereien, sondern weil du sie dir wirklich erarbeitet hast. Punkt!
Gretchen (sichtlich gerührt schmiegt sie sich an ihn, weil er sich so leidenschaftlich für sie einsetzt): Du bist süß! Danke! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viel mir das bedeutet, Marc, dass du so denkst. Aber ich will trotzdem erst den Freitag abwarten. Bitte! Dann können wir gerne noch mal neu verhandeln.
Marc (zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu): Darauf kannst du so was von Gift nehmen, Haasenzahn.
Gretchen (grinst u. deutet dann mit dem Kopf in Richtung OP 1, um die Spannung rauszunehmen): Und wie ist es bei euch nun gelaufen? Wie geht’s Max’ Vater? War’s sehr schlimm?
Marc (ist mit seinen Gedanken schon ganz woanders, wie seine Hände an ihrem Po verraten): Ich bin der Beste. Was denkst du denn?
Gretchen (kann über sein riesiges Ego nur den Kopf schütteln): Angeber! Geht das auch mit Details, mit denen ich dann den Jungen beruhigen kann, wenn er aus der Narkose aufwacht?
Marc (fixiert mit seinen gierigen Blicken ihre verführerischen Lippen, die ihn wie magisch anziehen): Gleich! Vorher will ich noch was nachholen, wobei wir vorhin so abrupt unterbrochen...

...konnte Dr. Meier nur noch heiser flüstern, während er sich, ohne seinen Blick von ihrem magischen roséroten Mund abzuwenden, zu seiner attraktiven Assistenzärztin heranbeugte, die die deutliche Veränderung in seinem Gesichtsausdruck nervös verfolgt hatte und nun ebenfalls ganz kribbelig wurde, je länger er sie so intensiv ansah und auf seine typische Art völlig in Beschlag nahm. Ihre Lippen berührten sich schon fast, als man im Hintergrund plötzlich das Klacksen und das sonore Zurückschieben einer schweren Stahltür hören konnte. Dann ertönte auch schon eine laute Stimme direkt hinter ihnen, die ihrem kleinen Abstecher ins Paradies erbarmungslos einen Riegel vorschob...

Cedric: MEIER!?
Marc (nuschelt abwesend in Gretchens Kuss hinein): Jetzt nischt!
Gretchen (ist da aufmerksamer als ihr schwer beschäftigter Kusspartner u. will sich aus seiner fesselnden Umarmung lösen): Mwarc, bitte!
Cedric (verfolgt angenervt das Schauspiel der beiden schrecklich verliebten Ärzte): Ich will euch ja echt nicht bei was auch immer stören, aber...
Marc (löst sich nun doch schrecklich genervt von Gretchens Lippen u. fährt seinen Konkurrenten scharf von der Seite an): Dann tue’s nicht!
Cedric (hält seine sterilen Chirurgenhände empor u. verfolgt mit leicht amüsiertem Mienenspiel interessiert Marcs Reaktion): ...aber der Kerl kollabiert uns sonst noch aufm Tisch! Wir waren gerade mit seinem Kopf fertig, als er plötzlich und ohne Vorwarnung...

Marc blickte erst seinen verhassten Kollegen, dann Gretchen völlig konsterniert an, die wiederum Cedric und dann fiel ihr Blick durch die offen stehende Tür in den OP-Bereich, wo sämtliche medizinischen Apparate lautstark Alarm schlugen. Sofort ließen sich Dr. Haase und Dr. Meier von den OP-Schwestern neue Kittel geben und eilten ohne Umschweife Dr. Stier hinterher in den OP...

Marc: Mann, wieso sagst du das denn nicht gleich, du Hornochse?
Cedric (gibt sich völlig unbeeindruckt): Ich wollte nur sichergehen, dass du es auch tatsächlich da, wo du gerade dämlich grinsend herumgeschwebt bist, mitbekommst. Die Luft da oben schien ziemlich dünn zu sein, hmm?
Marc (schiebt seinen spottenden Konkurrenten angefressen aus dem Weg u. übernimmt das Kommando am OP-Tisch): Arsch!
Gretchen (macht die beiden Streithähne panisch auf etwas aufmerksam): Atelektase! Die Lunge kollabiert, Marc.
Marc: Scheiße, das hab ich befürchtet. ARDS. Toxisches Lungenödem. Richtet ihn auf! Sauerstoff! Los! Hopp!

Und während im OP hektisch alles dafür getan wurde, damit Max’ Vater gerettet wurde, war im dritten Stock des Elisabethkrankenhauses nach der Visite wieder etwas Ruhe auf der Station eingekehrt. Zumindest äußerlich, innerlich tobte in Dr. Kaan nämlich immer noch ein brodelnder Vulkan, der kurz vorm Ausbruch stand. Zumal er durch das Fenster im Stationszimmer der Chirurgie beobachten konnte, dass Marcs Parkplatz besetzt war. Das war eindeutig der Wagen von Frau Fisher. Marc und Gretchen mussten also im Haus sein, schaltete er richtig. Aber niemand, den er auf dem Weg hierher gefragt hatte, hatte die beiden gesehen.

Mehdi (dreht sich langsam wieder vom Fenster weg u. fixiert mit seinen nachdenklich dreinblickenden Augen die Süßigkeitenschale an der Anmeldung u. führt leise murmelnd ein Selbstgespräch): Komisch! Wo stecken die beiden denn? Die müssen doch irgendwann mal hier aufkreuzen.
Cedric: Na, eine Patientin verloren gegangen, Herr Kollege? Wundert mich nicht. Sie sehen ganz schön zerstreut aus. Da würde ich auch schreiend weglaufen.

...ertönte plötzlich eine hämische Stimme aus der Ecke des Schwesternzimmers, wo sich ein bestens aufgelegter Neurochirurg, der sich gerade erst mit seinem Lieblingsfeind Nummer eins einen sehr befriedigenden Schlagabtausch geliefert und für sich entschieden hatte, gerade an der Kaffeemaschine zu schaffen machte. Bewaffnet mit einer Tasse dampfenden Kaffee in der Hand rückte er eine Sekunde später in das Blickfeld des zerstreuten Frauenarztes, der für seinen dauerpöbelnden Kollegen lediglich ein genervtes Augenrollen übrig hatte. Er hatte ganz andere Dinge im Kopf, als sich jetzt unnötig mit Marias eifersüchtigen On-Off-Freund herumzuschlagen. Er musste Gretchen finden und für Marc ein geeignetes Beruhigungsmittel.

Mehdi: Sie haben nicht zufällig Gretchen, also Dr. Haase oder Dr. Meier irgendwo gesehen?
Cedric (kramt beschäftigt mit seiner freien Hand in seinem Postfach, holt die Post heraus u. setzt sich damit an den Tisch in der Mitte des Stationszimmers): Sehe ich etwa aus wie die Auskunft?
Mehdi (reagiert gereizt auf die patzige Antwort von Marias Freund): Und sehe ich wie jemand aus, der schnippische Antworten hören möchte, obwohl er ganz höflich gefragt hat?
Cedric (lehnt sich entspannt auf seinem Stuhl zurück u. guckt amüsiert über den Rand seiner Kaffeetasse, an der er gerade genippt hat, zu ihm herüber): Ehrlich gesagt sehen Sie eher aus wie jemand, der dringend...

Weiter kam Dr. Stier jedoch nicht mit seiner ausführlichen Analyse, denn eine aufgeregte Krankenschwester kam ihm zuvor, die sich ihm nun prompt mit ihrer sexy Kehrseite ins Sichtfeld stellte.

Gabi: MEHDI? Mensch, hast du mal auf die Uhr geschaut? Du hast gleich den Termin mit den Lehmanns wegen der In vitro Fertilisation. Was ist denn los mit dir? Ich kann dir heute nicht die ganze Zeit hinterher rennen und dich an alles erinnern. Ich muss gleich zur Pflegeleitung. Oder hast du das etwa auch vergessen?
Mehdi (schaut auf die Wanduhr über der Tür u. gerät in allgemeine Hektik): Nein, natürlich nicht. Tut mir leid, ich wollte nur... Ich bin sofort bei ihnen.
Gabi (guckt durch das große offene Fenster der Anmeldung auf den Gang der Station hinaus u. reagiert schnippisch): Das kannst du ihnen auch gleich selber sagen, Mehdi. Da, sie kommen gerade aus dem Fahrstuhl. Ich muss jetzt auch gleich los. Wünsch mir Glück!
Mehdi (sieht sie verdutzt an): Glück?
Gabi (schiebt Mehdi um die Ecke zur Tür, wo sie nicht von Dr. Stiers Argusaugen beobachtet werden können, legt ihre Hände an seine starken Schultern u. guckt ihm mit Unmutsmiene ins Gesicht): Ja, wenn ich Pech habe, sehen wir uns vielleicht nie wieder, Bärchen. Die Oberschwester filetiert mich, brät mich bei 200 Grad und wirft mich ganz bestimmt ihren Nilpferden zum Fraß vor, nachdem ich ihr gesagt habe, was Sache ist.
Mehdi (sieht seine aufgeregte Freundin mitfühlend an u. zieht sie in seine starken Arme, um ihr Mut zu machen): Hey, so schlimm wird es ganz bestimmt nicht werden. Sie wird sich ganz bestimmt für uns freuen.
Gabi (schüttelt zynisch den Kopf u. schmiegt diesen dann an seine linke Brustseite, um dem beruhigenden Klang seines Herzens lauschen zu können): Ja, klar, weil sie uns ja neuerdings auch so sehr schätzt. Dass sie uns seit damals, als du im Schwesternwohnheim gewohnt hast, auf dem Kieker hat, daran hat sich nichts geändert. Und du weißt doch, wie sie ist, wenn ihr minutiös durchstrukturierter Dienstplan über den Haufen geworfen wird. Sie wird mir die Schuld dafür geben.
Mehdi (drückt sie fest an sich u. guckt ihr aufmunternd in das skeptische Gesicht, das ratsuchend zu ihm hoch schaut): Ach Unsinn! Oder soll ich mitkommen und mit ihr reden? Ich kann die Lehmanns bestimmt noch für ein paar Minuten vertrösten.
Gabi (schlängelt ihre Arme um seinen Hals u. zieht ihn zu einem sanften Kuss heran): Nein, lieber nicht. Wie sieht das denn aus, wenn ich da mit meinem Freund aufschlage? Dann hat sie dich wieder monatelang auf dem Kieker. Und einer von uns muss schließlich überleben. Denk nur an Lilly!
Mehdi (lacht u. schenkt seiner Liebsten noch einen weiteren aufmunternden Kuss): Du bist süß. Du schaffst das schon.
Gabi (löst langsam ihre Hände aus seinem Nacken u. legt sie abwartend auf seinen Brustkorb): Ja, besser ich gehe jetzt. Stefanie hasst es, wenn man sie warten lässt. Bis dann!
Mehdi (streichelt ihr noch einmal liebevoll über die Wange): Ja, bis dann, meine Schöne! Alles wird gut!
Gabi (lächelt u. fühlt sich tatsächlich ein wenig erleichtert): Deinen Optimismus möchte ich haben.

Die wieder etwas beruhigte Krankenschwester drückte ihrem Liebling noch einen letzten innigen Kuss auf die weichen vollen Lippen und verließ dann eilig das Stationszimmer, gefolgt von Dr. Kaan, der seinem nächsten Termin direkt in die Arme lief. Dr. Stier, der nicht hatte verhindern können, dass er heimlich mitlauschen musste, blieb nun alleine zurück. Eigentlich hatte er gerade noch damit herausrücken wollen, dass er wusste, dass Marc und Gretchen noch im OP beschäftigt waren, bis sie ihren gemeinsamen Patienten stabil genug für den Weitertransport auf die Intensivstation hatten, aber da hatte er zwischenzeitlich in seiner Post eine buntbemalte Postkarte entdeckt, die seine ganze Aufmerksamkeit von jetzt auf gleich sofort darauf gerichtet hatte. Gott, er vermisste seine beiden Mädels so sehr und konnte es kaum noch erwarten, dass sie Ende der Woche endlich zu ihm und seiner Jüngsten zurückkehrten. Mit einem breiten Lächeln auf seinen schmalen Lippen lehnte er sich nun auf seinem Stuhl zurück und begann aufgeregt zu lesen, was Sarah Neues von sich und der Reha ihrer Mutter zu berichten hatte. Andere Informationen wurden ihm schließlich von dem sturen Biest seit über zwei Wochen stoisch vorenthalten. Aber na warte, Mary, er hatte schon so einiges im Kopf, womit er sich für ihr striktes Kontaktverbot schon noch gebührend revanchieren würde. Sie übers Knie zu legen, war dabei nur eine der möglichen Optionen, die seinen Puls gerade in abnorme Dimensionen lenkte.

Lorelei Offline

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27.02.2015 16:31
#1519 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Etwas später

Mittlerweile hatte Dr. Kaan es aufgegeben, die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen finden zu wollen, denn er steckte gerade mit beiden Händen in einem nicht enden wollenden Berg an Arbeit, welcher dem von der Berliner Frauenwelt sehr geschätzten Gynäkologen kaum Zeit zum Durchschnaufen, geschweige denn zum Nachdenken gab. Doch wenn er gewusst hätte, dass sich in genau diesem Moment ein positives Zeitfenster auftat, hätte er sich sicherlich darüber schwarz geärgert, dass er auch dieses leider versäumen würde. Aber was sollte er machen? Die Babys in der Hauptstadt kamen nun mal wie überall auf diesem Planeten nicht nach einem punktgenau strukturierten Zeitplan, sondern genau dann, wenn sie es für sich als richtig empfanden. Und so ließ er sich von der allgemeinen Aufregung der werdenden Eltern im Kreißsaal mitreißen, die er mit seiner eindringlichen sonoren Stimme beruhigte, ehe er sich ganz auf den neuen Erdenbürger konzentrierte, der es, obwohl die Zeit noch gar nicht dran war, nicht erwarten konnte, die bunte aufregende Welt da draußen kennenzulernen, welche ihn mit großen Freuden empfangen wollte. Das auf Mehdis Fahndungsliste dringend gesuchte Chirurgenpärchen stand derweil völlig seelenruhig und unbehelligt in eine innige Umarmung versunken in einer Ecke in nächster Nähe der Aufzüge, die immer mal wieder geräuschvoll ihre Türen öffneten, um Patienten und Kollegen ein- und aussteigen zu lassen, während sie selbst noch gar keinen Gedanken daran verschwendet hatten, dass sie eigentlich auch wieder Fahrt aufnehmen müssten. Aber einen kleinen Moment der Stille in der allgemeinen Hektik eines mittelständigen Klinikbetriebes konnte man sich schon noch gönnen, bevor man sich wieder ganz seinen Pflichten widmete, die natürlich auch bei Dr. Meier und seiner talentierten Assistenzärztin oberste Priorität hatten. Neben einer ordentlichen Dosis Zärtlichkeiten versteht sich, denen sie sich gerade unbeobachtet genüsslich hingaben.

Gretchen (schmiegt sich mit geschlossenen Augen an Marcs starken Brustkorb u. hält inne): Puh! Das war ganz schön knapp.
Marc (hält sie mit einer Hand an der Taille fest, mit der anderen streicht er ihr liebevoll über die vom Stress der letzten halben Stunde leicht gerötete Wange): Ach was, er hat Glück gehabt, dass er gerade bei uns aufm OP-Tisch lag. So konnten wir jeder Zeit eingreifen. Jetzt ist die Gefahr gebannt.
Gretchen (öffnet ihre Strahleaugen wieder u. blickt fragend zu ihm hoch): Meinst du, er ist über dem Berg?
Marc (schlingt nun auch seinen anderen Arm um ihre Taille u. lächelt sie zuversichtlich an): Was denkt die angehende Chirurgin?
Gretchen (runzelt misstrauisch die Stirn, als sie in seinem Grinsegesicht zu lesen beginnt): Wird das jetzt noch eine Lehrstunde, Herr Dr. Meier? Ich dachte, die hätte ich nicht mehr nötig?
Marc (grient ihr frech ins Gesicht): Nein, das ist lediglich ein Fachgespräch unter...
Gretchen (platzt ihm ebenso keck ins Wort): ...unter Gleichberechtigten?
Marc (kräuselt amüsiert seine Augenbrauen u. beugt sich zu ihrem linken Ohr heran): Na na na, Frau Assistenzärztin, wir wollen mal nicht gleich zu den Sternen greifen. Das behalten wir uns für unsere Nächte vor. Oder wer wollte bis Freitag warten, um seinen Status zu prüfen?
Gretchen (gespielt eingeschnappt wendet sie ihr Gesicht von ihm ab): Du verdrehst mir das Wort im Mund, Marc.
Marc (schiebt lachend seinen Zeigefinger unter ihr Kinn, damit sie ihn wieder ansehen muss, u. fährt dann mutig mit seinem Mund ihre mittlerweile glühendrote Wange empor, bis er ihr Ohr erreicht hat, in das er gefühlvoll hineinraunt, bevor er daran knabbert): Eigentlich würde ich bei dir noch viel mehr verdrehen wollen, Haasenzahn.
Gretchen (will den dreisten Sprücheklopfer von sich wegschieben, aber der hat sie schon mit Nachdruck einmal um ihre eigene Achse gewirbelt, sodass sie nun die Wand im Rücken hat): Marc!
Marc (funkelt sie verheißungsvoll an): Ja?
Gretchen (ihr wird ganz anders u. sie kann sich kaum noch auf ihre Gegenwehr konzentrieren): Marc, das ist jetzt wirklich nicht der passende Moment.
Marc (schiebt ihre Arme forsch über ihren Kopf u. drängt sie so gegen die Wand, während er sich seufzend an ihren aufregenden Körper schmiegt): Den gibt es nie.
Gretchen (völlig gefangen von seiner einnehmenden Art, die ihr heftiges Bauchkribbeln u. eine dicke Gänsehaut beschert, schenkt sie ihm ein verliebtes Lächeln): Stimmt! Aber der Junge wacht gleich auf, Marc. Da wollte ich dabei sein. Und Jochen hat gemeint, die Großeltern warten bereits seit über einer Stunde ungeduldig zusammen mit seiner großen Schwester im Foyer. Wir müssen mit ihnen reden. Übernimmst du das?
Marc (lässt Gretchens Arme wieder los, die langsam an ihren Seiten wieder herunter sinken): Du Sklaventreiberin!
Gretchen (streicht seinen blauen OP-Dress wieder glatt u. guckt dabei frech zu ihm hoch, während sie weiterhin mit dem Rücken an der Wand lehnt, weil sie wegen ihrer weichen Knie den Halt braucht): Komisch, sonst bist du doch immer derjenige welcher.
Marc (tippt mit ausgestrecktem Zeigefinger augenzwinkernd gegen ihre linke Schulter): Hey! Pass bloß auf, dass ich dich nicht gleich noch übers Knie lege, Fräulein, wenn du weiterhin so unverschämt frech und gleichzeitig so unwiderstehlich sexy bist.

Oh Gott, was macht er bloß mit dir, Gretchen? So schaffe ich es doch nie, mich wieder voll und ganz auf meine Berufung zu konzentrieren. Gerade in dieser für mich so wichtigen Woche. Ach was, egal, das kriege ich schon hin. Es gilt, Prioritäten zu setzen. Und die allererste heißt, dass ich unbedingt, und wenn es nur fünf Minuten sind, mit ihm alleine sein möchte.

Gretchen (streicht sich nervös über ihre glühendrote Wange): Wie wäre es denn damit, wir treffen uns, wenn nicht noch was dazwischenkommt, in einer halben Stunde an deinem Auto? Dann haben wir eh Mittagspause.
Marc (runzelt erst verwirrt die Stirn, dann erwidert er ihr liebreizendes Lächeln): Wieso denn da? Ich dachte, wir gehen hoch in unser kleines Versteck unter dem Dach? Ich würde mich sogar dazu breitschlagen lassen, auch was Essbares zu organisieren. Für den Nachtisch musst du dann aber sorgen. Hähä!
Gretchen (schlingt voller Begeisterung ihre Arme um seinen Hals u. säuselt verliebt in sein Ohr, dass ihm gleich ganz anders wird): Marcilein, das wäre natürlich auch eine Option,...
Marc (versucht angestrengt, die Gänsehaut auszublenden, die ausgehend von seinem linken Ohr seinen Körper hinabkrabbelt, u. streicht mit seinen Händen rastlos über ihren Rücken): Kein Konjunktiv, Haasenzahn! Lass uns in der Gegenwart und bei den Tatsachen bleiben.
Gretchen (genießt die Nähe zu ihm noch einmal ausgiebig, indem sie auch kurz an seinem Hals schnuppert, um die äußerst verlockende Kombination von purem Marc, fast erloschenem Aftershave u. OP-Desinfektionsmitteln für sich aufzusaugen): Okay, aber wir sind im Dienst, Marc. Du bist vorübergehend der oberste Chef und der kann sich nicht einfach so verdrücken und keiner weiß, wo er steckt.
Marc (presst seine schrecklich verantwortungsbewusste Freundin noch einmal energisch an seinen Körper, um seinerseits kurz an ihr schnuppern zu können): Lass das mal lieber den Chef persönlich entscheiden, hmm!
Gretchen (drückt ihm kichernd einen kleinen Kuss an den Hals u. schaut dann wieder hoch in sein verdutztes Gesicht): Außerdem liegt meine Handtasche noch im Auto, weil heute Vormittag alles so schnell ging. Und... unsere Handys, Mensch, die sind ja auch immer noch im Handschuhfach.
Marc: Stimmt! Jetzt, wo du’s sagst. Und ich hab meins schon gesucht.
Gretchen (grient ihn an): Siehst du! Wenn du mich nicht hättest.
Marc (funkelt zurück): Aber ein bisschen rumknutschen und fummeln in Moms Auto, das ist schon noch drin, oder?
Gretchen (schenkt ihm einen sehr überzeugenden Augenaufschlag u. schmiegt sich gefühlvoll an ihn): Unbedingt!

Marc wollte sich gerade einen Vorgeschmack auf das abholen, was ihn gleich Verlockendes in seiner Mittagspause erwarten würde, als er plötzlich unvermittelt von einer eilig aus dem Fahrstuhl stolpernden Krankenschwester unsanft angerempelt wurde, sodass er sich gezwungenermaßen von den süßesten Lippen, von denen er je gekostet hatte, lösen musste.

Marc (bläkt der lästigen Störenfriedin hinterher): Ey, pass doch auf, du hohle Nuss!
Gretchen (legt beruhigend ihre rechte Hand an seinen Brustkorb, der sich gerade unkontrolliert aufbläst): Marc!
Gabi (zischt, ohne sich umzudrehen, zurück): Lass mich bloß in Ruhe, du Hornochse!
Marc: Ey, ein bisschen mehr Respekt vor der Obrigkeit, ja!

...maulte Dr. Meier Schwester Gabi noch zornig hinterher, die darauf jedoch überhaupt nicht einging und in dem Moment auch schon mit riesigen Schritten hinter der nächsten Ecke verschwand, rieb sich den phantomschmerzengeplagten Arm, den diese unmögliche Person unsanft angerempelt hatte, und blickte nun in ein ähnlich angesäuertes Gesicht wie das seine. Nur dass seine friedliebende Freundin wegen etwas ganz anderem sauer war. Nämlich wegen seines unangemessenen Verhaltens.

Gretchen: Musste das sein, Marc?
Marc (zeigt mit seiner Hand trotzig in die Richtung, in welche die Zicke vom Dienst soeben verschwunden ist): Die fängt doch immer damit an, die blöde Kuh.
Gretchen (weist ihn unmissverständlich zurecht): Das heißt aber nicht, dass du gleich darauf eingehen und rumstänkern musst. Sehr erwachsen, echt, Marc!
Marc (verschränkt angefressen seine Arme): Was kann ich denn dafür, dass sie mit ihrem schwangerschaftsbedingten Hormonüberschuss nicht klarkommt?
Gretchen (verleiert die Augen u. versucht geduldig zu bleiben): Das Stichwort heißt Einfühlungsvermögen, Marc. Oder hast du nicht gesehen, dass sie geweint hat?
Marc (stöhnt entnervt auf, wendet sich ab u. hält seinen Arm in die Lichtschleuse des Aufzugs, der gerade zum wiederholten Male seine Türen schließen will): Boah! Nicht mein Job. Soll sich doch Mehdi um seine außer Rand und Band geratene Freundin kümmern. Der hat sich den Mist schließlich selber eingebrockt. Ich muss jetzt runter zu den Eltern des Patienten und sie auf den Stand der Dinge bringen. Willst du mit?
Gretchen (muss nicht lange überlegen u. folgt ihm mit immer noch leicht grimmiger Miene in den Fahrstuhl): Ja! Meinst du, wir könnten den Jungen mit zu seinem Vater aufs Zimmer legen?
Marc (beobachtet angespannt, wie sich die Aufzugstüren schließen, u. blickt dann wieder zu seiner fürsorglichen Kollegin): Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Max’ Vater sieht echt schlimm aus und dann die ganzen Apparate auf der Intensivstation, an denen er hängt. Das könnte eventuell kontraproduktiv für einen Jungen in dem Alter werden.
Gretchen (lehnt sich nachdenklich mit dem Rücken an die Spiegelwand): Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Ich dachte nur, es wäre vielleicht schön, wenn er seinen Vater sieht, wenn er aus der Narkose aufwacht, und er sich selber davon überzeugen kann, dass es ihm gut geht.
Marc (macht es ihr gleich u. greift gleichzeitig nach ihrer Hand, die er sanft mit seinem Daumen streichelt): Naja, der schläft jetzt erst einmal ne Weile. Lass uns mal lieber bis Morgen warten, vielleicht kann der Vater dann ja schon runter von der Intensiv. Hängt davon ab, wie sich seine Lunge erholt.
Gretchen (blickt lächelnd auf Marcs Hand, dann auf die Türen, die sich gerade öffnen, u. löst sich von ihm): Ich frag mal nach, wie es seiner Mutter geht. Vielleicht können wir die zwei ja zusammenlegen. Der Psychologe hat gemeint, sie hätte sich jetzt beruhigt. Du, ich muss jetzt hier raus.
Marc (greift noch einmal kurz nach ihrer Hand, zieht sie mit Schwung zu sich heran u. blickt ihr tief in die Augen): Bleibt es bei unserem Treffen gleich?
Gretchen: Ja, natürlich! Bis gleich, mein unmöglicher Prinz!

Gretchen konnte Marcs charmantem Welpenblick natürlich kaum widerstehen. Das hatte sie schließlich noch nie gekonnt, wenn er sie so eindringlich ansah, dass sie unter seinen Blicken förmlich dahin schmolz wie Eiscreme in der Mittagssonne. Sie erwiderte sein erleichtertes Lächeln, das sein ganzes Gesicht auf unnachahmliche Art und Weise erstrahlen ließ. Er zog daraufhin ihre zarte Hand zu seinem Mund heran, presste seine warmen Lippen auf ihren Handrücken, was seine Herzdame zu einem mädchenhaften Kichern verleitete, und ließ sie dann nach einer prinzengleichen Verbeugung schweren Herzens ziehen. Ihr verliebter Blick haftete noch solange aneinander, bis sich die Fahrstuhltüren endgültig mit einem lauten Pling geschlossen hatten. Seufzend lehnte sich der bis über beide Ohren verliebte Oberarzt an die Spiegelwand zurück und verließ den Aufzug wenige Sekunden später im Erdgeschoss des Hauses mit eiligen Schritten, da dort bereits angespannt auf ihn gewartet wurde.

Im dritten Stock des Elisabethkrankenhauses trat zur gleichen Zeit ein sichtlich erschöpft wirkender Gynäkologe auf den Flur seiner Station und verabschiedete sich von seinem letzten Termin, der glücklich mit dem neugeborenen Baby im Arm an ihm vorbei geschoben wurde. Dr. Kaan blickte noch wohlwollend hinterher, wie seine Patientin in eins der bereitstehenden Patientenzimmer geschoben wurde, nickte dem überglücklichen Neuvater zu, der gar nicht damit aufhören konnte, sich bei ihm zu bedanken, und schaute sich dann auf dem Gang um. Es war ungewöhnlich ruhig für diese Zeit, stellte er fest und strich sich über seine müden Augen, bevor er diese einmal fest zusammenkniff, um wieder wach zu werden. Als sich ein bestimmter Gedanke wieder in seinem Hirn fest nagte wie die spitzen Zähne eines hungrigen Nagetiers, beschloss er spontan noch einmal im Stationszimmer vorbeizuschauen. Es war gleich Mittag und diesen verbrachte seine verschollene Lieblingskollegin auch gerne im Beisein ihres Liebsten genau dort. Fast beiläufig erfasste sein Blick auf dem Weg ins Schwesternzimmer der Chirurgie den OP-Plan an der Wand, wo Mehdi an oberster Stelle deutlich die Namen von Dr. Meier und Dr. Haase lesen konnte. Ernüchterung machte sich in ihm breit. Sie waren also doch im Haus und offenbar genauso sehr eingespannt wie er an diesem Tag. Es war doch echt wie verhext heute. An manchen Tagen sah man sich überall im Haus, sogar an Orten, wo man den anderen überhaupt nicht vermutet hätte, wie Elektroräume, die Wäschekammer, den Ruheraum in der Pädiatrie oder in verlassenen Krankenhaustrakten, die mittlerweile eine Baustelle waren. Und heute, gerade heute, wo es so wichtig war, sich mit seinen beiden Pappenheimern zusammenzusetzen, wollte das überhaupt nicht klappen.

Mehdi wollte schon wieder umdrehen und sein Büro anvisieren, um sich mit liegen gebliebener Aktenarbeit von seiner inneren Anspannung abzulenken, die mittlerweile einen mehr als kritischen Bereich erreicht hatte, als er plötzlich abrupt mit Schwung herumgerissen wurde und sich im nächsten Moment an einen weichen Frauenkörper gepresst wiederfand, der sich herzzerreißend an seiner starken Brust auszuheulen begann. Alarmiert packte er die Übeltäterin an ihren Schultern und schob sie etwas von sich weg, um ihr besser ins Gesicht schauen zu können. Er war völlig bestürzt von Gabis aufgelösten Zustand, den er so gar nicht von der sonst so selbstbewussten Krankenschwester kannte und folgerichtig nur mit einer Sache in Verbindung bringen konnte. Sie hatte eine Begegnung der dritten Art hinter sich.

Mehdi: Schatz, mein Gott, was ist denn los? War es so schlimm?
Gabi (zieht ihn am Kittelkragen wieder forsch zu sich heran u. schnieft gegen die Innenseite seines weißen Kittels): Schlimmer!
Mehdi (streicht ihr beruhigend über den Rücken): Schlimmer?
Gabi (schaut aus verheulten Augen zu ihm hoch u. wird von einem erneuten heftigen Schluchzer durchgeschüttelt): Tausend... Millionenfach... schlimmer!
Mehdi (wischt ihr mit dem Daumen die dicken Krokodilstränen aus dem Gesicht): Und das heißt?
Gabi (nur mit großer Anstrengung schafft sie es, sich zumindest ein bisschen zu beruhigen): Sie... Sie lässt mich nicht mehr... bei dir arbeiten.
Mehdi (versucht angestrengt aus ihrem Gestammel etwas herauszubekommen): Was?
Gabi (ihr anfänglicher großer Kummer schlägt sich urplötzlich in Wut um, die ihre Tränen sofort versiegen lässt): Mir ist schon klar, dass ich in meinem Zustand etwas zurückstecken muss, aber das... das ist ihre fiese Rache. Das ist so gemein. Ich muss jetzt...
Mehdi (versucht die aufgebrachte Krankenschwester in Richtung Schwesternzimmer zu lotsen, weil sie bereits die Aufmerksamkeit von neugierigen Kollegen auf sich ziehen): Hey, ganz ruhig! Komm, lass uns ins Schwesternzimmer gehen! Was hat die Oberschwester denn genau gesagt, Gabi?
Gabi (hält ihn entschieden auf): Ich will da jetzt nicht rein, Mehdi. Ich werd in nächster Zeit schon genug Zeit dort verbringen müssen.
Mehdi (sieht sie mit großen verständnisvollen Augen an u. tupft ihr liebevoll mit einem Taschentuch, das er mit einem verschmitzten Lächeln aus seiner Kitteltasche gezaubert hat, den letzten Tränenrest aus dem hübschen Gesicht): Was willst du dann?
Gabi (beißt sich auf ihre immer noch bebende Unterlippe u. guckt unsicher in Richtung Fahrstuhl): Ich bin so wütend. Davon bekomme ich immer einen Mordshunger. Können wir nicht Mittag essen gehen? Deine Sprechstunde ist doch erst heute Nachmittag. Also hast du Zeit?
Mehdi (lächelt erleichtert auf, weil sie in Sekundenbruchteilen wieder ganz die Alte geworden ist): Alles, was du wünschst, Mylady!

Mehdi hakte sich bei seiner schwangeren Freundin unter, die sich und ihren Tränenvorrat wieder unter Kontrolle gebracht hatte und sich nun verliebt an seinen Arm kuschelte, und die beiden schlenderten langsam zum Aufzug vor. Hätte der feinfühlige Frauenarzt nur eine Minute länger vorm Stationszimmer gewartet und wäre nicht in den Fahrstuhl gestiegen, dessen Türen zufällig offen gestanden hatten, wäre Dr. Gretchen Haase, die er doch den ganzen Tag über schon fast verzweifelt gesucht hatte, ihm direkt in die Arme gelaufen. Die aufmerksame Assistenzärztin hatte nämlich soeben das Krankenzimmer von Max und dessen Mutter verlassen und wollte sich nach einem kurzen Abstecher an die Süßigkeitenschale im Schwesternzimmer auf den Weg zu ihrem heimlichen Rendezvous mit ihrem gutaussehenden Oberarzt machen. Dieser schien jedoch genauso ungeduldig gewesen zu sein wie sie selbst. Stand er doch nur wenige Sekunden nach ihr ebenfalls in der Tür des Aufenthaltsraumes und verfolgte amüsiert, wie seine schokosüchtige Freundin beherzt in die Schüssel an der Anmeldung griff und ihre reiche Beute anschließend in ihren beiden Kitteltaschen verschwinden ließ. Grinsend stellte er sich dicht hinter die süße Naschkatze, die den Schelm noch nicht bemerkt hatte, und pustete ihr frech gegen das rechte Ohr.

Marc: Erwischt!
Gretchen (zuckt erschrocken zusammen u. dreht sich sofort zu ihrem Grinsekönig um): Ich... Das... ist... für Max. Weil... weil er doch vorhin so tapfer war.
Marc (nickt wissend): Sicher!
Gretchen (beißt sich ertappt auf die Unterlippe u. wippt nervös auf einem Bein hin und her): Und? Wie geht’s Max’ Vater? Warst du mit seiner Familie bei ihm?
Marc (schlingt seine Arme besitzergreifend um ihre schmale Taille u. zieht sie mit einem Ruck zu sich heran): Ist auch gerade aufgewacht. Vitalzeichen stabil. Alles i. n. B. Er braucht aber Ruhe. Deshalb hab ich seine Eltern und die Tochter jetzt erst mal zum Jungen geschickt.
Gretchen (kann sich nun entspannt an ihn lehnen): Gut! Die Armen haben aber wirklich auch viel durchgemacht.
Marc (stimmt Gretchen nachdenklich bei u. wiegt langsam mit ihr im Arm unbemerkt auf der Stelle hin und her): Jep! Das Haus ist zwar hinüber, ich hab die Bilder im Netz gesehen, Jochen hat sie mir gezeigt, aber Hauptsache sie leben.
Gretchen (nickt u. verdrängt die aufkommenden Tränen): Nicht auszudenken, was noch passiert wäre, wenn die Mutter die Kleine nicht gerade zu ihren Großeltern gebracht hätte. Der Vater ist ein Held, aber ob er die beiden dann auch noch hätte retten können?
Marc (spürt, wie sie sich verkrampft, weil ihr die Geschichte wirklich zu schaffen macht, u. drückt sie zärtlich an sich, um sie zu beruhigen): Lass uns nicht mehr so viel darüber nachdenken. Ist der Bericht schon fertig?
Gretchen (entspannt sich sichtlich): Ich hab ihn in dein Fach gelegt. Du musst ihn nur noch unterschreiben.
Marc: Mhm, alles erledigt, dann können wir ja endlich da ansetzen, wo der verfluchte Notarztwagen uns heute Morgen unterbrochen hat. Du weißt ja, manche Dinge müssen immer einen guten Abschluss finden.

Nach einem vergewissernden Blick auf die Unterlagen in seinem Wandfach zwinkerte Marc seiner fleißigen Assistenzärztin eindeutig zweideutig zu. Diese senkte kichernd ihren Blick und legte ihren Kopf leicht schräg, um ihr Gegenüber eindringlich zu mustern. Haasenzahn sah so süß aus, wenn sie auf unschuldig machte und das absolut nicht war, dachte der verliebte Oberarzt nur und hielt es nicht mehr länger aus. Er schnappte sich Gretchens Hand und zog seine Liebste ruppig hinter sich her aus dem Zimmer, wobei sie beinahe Dr. Stier auf die Füße getreten wären, der bei ihrem Anblick nur genervt die Augen verdrehen konnte. Er wusste nicht wieso, aber verliebte Teenypärchen, die sich als Ärzte ausgaben, verursachten bei ihm zurzeit nur heftige Übelkeit.

Cedric: Boah, sucht euch gefälligst ein Zimmer. Das ist ja nicht auszuhalten mit euch.

...maulte der frustrierte Neurochirurg mit unverhohlenem Hauch von Neid dem kichernden Pärchen hinterher, das im Laufschritt den Fahrstuhl anvisierte und sofort heftig knutschend darin verschwand, während im selben Moment aus dem zweiten Aufzug Dr. Kaan mit entschlossenen Schritten heraustrat, der, zerstreut wie er heute war, doch tatsächlich sein Telefon im Kreißsaal liegen gelassen hatte und dieses schnell holen wollte, während seine hungrige Lebensgefährtin bereits mit einem großen Teller Pasta neben Schwester Sabine in der Cafeteria Platz genommen hatte, die ihre Kollegin sofort in ein Gespräch über Anton, der schlafend im Kinderwagen daneben lag, und die Freuden ihres neuen Mutterseins verwickelt hatte. Verwundert drehte sich Mehdi noch einmal zu dem Stahlgefährt um, weil er, beim Heraustreten etwas vernommen zu haben, glaubte. Er fixierte die geschlossenen Türen des anderen Lifts und verfolgte flüchtig dessen Etagenanzeige, die einen absteigenden Zahlenwert anzeigte. War das nicht gerade Gretchens Kichern gewesen, das er unter Hunderten sofort heraushören konnte, fragte er sich irritiert und fuhr sich mit einer Hand verwirrt über seinen angespannten Brustkorb und setzte im selben Moment auch schon seine Füße in Bewegung. Aber vielleicht hatte er sich auch geirrt. Hauptsache er hatte sein Handy wieder bei sich, falls endlich auf seine missglückten Anrufe vom Wochenende und heute Morgen reagiert werden würde. Wieso ignorierten die beiden ihn eigentlich so konsequent? Das machten sie doch sonst nie.

Eilig lief der grübelnde Oberarzt am Stationszimmer vorbei, von wo aus er von einem zusammengekniffenen blauen Augenpaar verwundert verfolgt wurde. Plötzlich blieb Mehdi jedoch mitten im Gang stehen, drehte sich abrupt einmal um seinen eigene Achse, so als hätte er soeben eine Eingebung gehabt, und rannte schnurstracks wieder auf Dr. Stier zu, der gerade noch so zur Seite springen konnte, als der zerstreute Gynäkologe mit sehr entschlossener Miene, die einem hätte Angst machen können, das Schwesternzimmer enterte und ungefragt die Telefonanlage in Beschlag nahm. Es war zwar nicht die feine englische Art, diese für private Gründe zweckzuentfremden, aber im Prinzip hatte es ja durchaus auch medizinische Motive, weswegen er jetzt zum allerletzten Mittel greifen musste, um letztendlich an sein Ziel zu gelangen. Sein Kardiologe würde sich freuen und noch jemand anders bestimmt auch, dachte der sehr entschlossene Halbperser schmunzelnd und schritt mutig zur Tat, die Cedric mit Kopfschütteln verfolgte. Er hatte es ja schon immer geahnt, aber dieser Typ war doch so was von irre. Maria konnte froh sein, dass sie den los war, schlussfolgerte der Neurologe nur, verdrängte die Eifersucht, die jedes Mal hoch kroch, wenn er daran zurückdachte, dass seine Frau noch bis vor einigen Monaten eine intensive Affäre mit diesem angeblichen Frauenversteher vom Dienst gehabt hatte, und stürzte sich schnell auf die Kaffeemaschine, um sich die dringend benötigte Dosis Koffein zuzufügen, bevor er gleich wieder in den OP zurückmusste, wo ein Routineeingriff auf ihn wartete.

Gretchen und Marc hatten indes schon Hand in Hand das Krankenhausgebäude verlassen und schlenderten, kribbelig vor Aufregung, was sie wohl gleich erwarten würde, auf den Parkplatz zu. Marc hatte gerade seiner zuckersüß kichernden Liebsten gentlemanlike die Beifahrertür geöffnet und war um den schwarzen Sportwagen herumgeflitzt, um nun auch in selbigen einzusteigen, wie es Gretchen ihm vorgemacht hatte. Er hielt die Fahrertür bereits in der Hand und seine Süße hatte gerade das Armaturenfach geöffnet, um die beiden verschollenen Handys herauszuholen, die dort seit Freitagabend sicher verwahrt waren. Doch dass plötzlich gleichzeitig ihre Pieper ansprangen, damit hatten die schrecklich verliebten Ärzte, die sich schon mit einem Fuß im Paradies wähnten, nun nicht gerechnet. Obwohl es eigentlich nur eine logische Schlussfolgerung sein konnte. Schließlich hatten beide den hippokratischen Eid abgelegt und der besagte nun mal, die anderen zuerst, die eigenen Bedürfnisse zuletzt. Es sei denn, man war plötzlich selber der Patient. Dann galten natürlich andere Regeln.

Marc: Tja,... dann...
Gretchen: ...eben nicht!

Einem schrecklichen Déjà-Vu erlegen, das ihnen noch allzu sehr im Gedächtnis geblieben war, schauten sie sich an und seufzten gleichzeitig frustriert auf, als sie den Wagen wieder verließen und als nächstes in ihre jeweiligen Kitteltaschen griffen, um den Störenfried herauszuziehen, der ihnen die wohlverdiente Mittagspause ordentlich vermiest hatte. Sie blickten angespannt auf das kleine Display und hoben in der nächsten Sekunde gleichzeitig ihren Kopf, um sich nun verwirrt in die Augen zu sehen. Was hatte das denn jetzt zu bedeuten, fragten sich beide zeitgleich und hielten dem anderen den Pieper vor die Nase.

Lorelei Offline

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07.03.2015 14:09
#1520 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Ohne vorher anzuklopfen, wurde fünf Minuten später von zwei kräftigen Chirurgenhänden schwungvoll eine der blauen Türen am Ende des Flurs auf der gynäkologischen Station im dritten Stockwerk des Elisabethkrankenhauses aufgeschoben. Dr. Meier ließ seiner hübschen Assistentin zwar gentlemanlike den Vortritt, schupste sie jedoch ungeduldig in den Raum hinein, nachdem es ihm mit ihrem vorsichtigen mädchenhaften Hereintasten dann doch nicht schnell genug gegangen war, und schloss schnell die Tür wieder hinter sich. Denn je eher er drin war, umso schneller konnte er auch wieder weg aus der Vorhölle, wie er diesen für ihn eher unbequemen Bereich seiner Arbeitsstätte gerne scherzhaft titulierte, um seinen Kumpel Mehdi, der, warum auch immer, ausgerechnet dieser Berufung gefolgt war, auf die Palme zu bringen. Apropos Palme und apropos Mehdi, wo steckte der eigentlich? Verwundert schaute sich das Ärztepärchen, das alles stehen und liegen gelassen hatte, als es per Pieper ausdrücklich hierher beordert worden war, nun in der ihnen bestens vertrauten Frauenarztpraxis um und verfolgte irritiert, wie sich ihr schmunzelnder Freund, der sich vorfreudig die Hände rieb, nachdem seine beiden Pappenheimer doch so plötzlich aus ihrer Versenkung aufgetaucht und seinem Lockruf gefolgt waren, mit einem kraftvollen Ruck an den Armlehnen seines Chefsessels hoch hievte, ehe er mit schnellen entschlossenen Schritten um seinen Schreibtisch herumtrat, um seine verschollen geglaubten Freunde freudig zur Begrüßung in die Arme zu schließen. Mehdi drückte zuerst Gretchen zwei Freundschaftsküsschen auf die Wange, die sie lächelnd, aber auch ein wenig verwirrt erwiderte, und deutete ihr anschließend, sich doch bitte auf einen der beiden Stühle vor seinem Schreibtisch zu setzen, dem sie auch sofort mit einem freundlichen Lächeln nachkam. Als der sichtlich vergnügte Halbperser als nächstes Marc mit einem kräftigen Händedruck begrüßte, verhielt dieser sich allerdings weiterhin eher skeptisch seinem dauerginsenden Kumpel gegenüber, dessen sonderbares Verhalten ihm irgendwie spanisch vorkam, und ließ sich nur widerwillig von ihm mit Nachdruck auf den freien Platz neben seiner Freundin herunterdrücken.

Mehdi: So setzt euch doch bitte! Ich freue mich, dass ihr meinem Appell endlich gefolgt seid. Euch dingfest zu kriegen, ist ja schwieriger, als eine Audienz beim Papst zu ergattern.
Hat der heute Morgen einen Clown gefrühstückt? Oder wieso hat der so eine beschissen ekelhafte gute Laune? Was grinst der denn die ganze Zeit so grenzdebil? (MM)
Gretchen (schaut ratlos zu Marc, dann wieder zu Mehdi, der sie mit einem belustigten Grinsen nicht aus den Augen lässt): Wieso? Wir hatten einen Notfall, gleich als wir hier ankamen.
Marc (mustert argwöhnisch seinen ungewohnt scharfsinnigen Kumpel): Was war das denn bitteschön für eine bescheuerte Ansage? Sag mal, kannst du uns verraten, was das hier soll? Zitierst uns per Pieper hierher, wo doch offenbar, wie ich sehe, kein Patient in der Nähe ist. Kannst froh sein, dass ich als dein Chef so kulant bin und großzügig darüber hinwegsehe, dass du hier Klinikmittel für deine bescheuerten Spielchen missbrauchst.
Mehdi: Na, das mit dem Patienten wird sich noch zeigen.

...murmelte ein sichtlich unbeeindruckter Oberarzt schmunzelnd in seinen dunklen Dreitagebart hinein, den er sich einmal kurz mit seiner rechten Hand kraulte, ehe er sich für einen Moment von seinen ihn skeptisch beobachtenden Freunden abwandte, um sich ebenfalls eine Sitzgelegenheit heranzuziehen. Er strich seinen weißen Kittel glatt, setzte sich, rollte mit dem Drehstuhl noch näher an Marc und Gretchen heran, die irritierte Blicke miteinander austauschten, schlug ein Bein über und verstellte anschließend noch die Sitzhöhe seines Sessels, um mit den beiden auf Augenhöhe zu gelangen, was ungläubig von einem ganz besonders misstrauischen dunkelgrünen Augenpaar verfolgt wurde, das sich nun ganz zur Seite umwandte, um sich die Bestätigung dafür zu holen, dass Mehdi offenbar nun völlig durchgeknallt war. Aber seine holde Herzdame war gerade mit ihrem Telefon abgelenkt, das sie eben erst aus ihrer Kitteltasche herausgezogen hatte. Gretchen schaltete es ein, was sie die ganze Zeit schon auf dem Weg hierher hatte tun wollen, wenn Marc nicht an ihrem Hals herumgeknabbert hätte wie ein hungriger Vampir auf Blutentzug, und stellte bestürzt mehrere Anrufe in Abwesenheit fest. Die letzten zwei waren von ihrer Mutter, einer davor von Jochen und noch einer davor stammte von ihrem Vater, die restlichen waren allesamt von der Person, die mit einem sehr erwartungsvollen Gesichtsausdruck vor ihr saß und sie anstarrte, als hätte sie etwas ausgefressen. Aber was nur? Fragend hob Gretchen ihren Lockenkopf und blickte Mehdi nun direkt in seine fesselnden samtig braunen Augen, die einerseits eine ansteckende Ruhe ausstrahlten, aber andererseits auch eine unausgesprochene Nervosität auf sie übertrugen. Denn je länger sie Blickkontakt miteinander hielten, umso hektischer wanderten Mehdis Pupillen hin und her, so als ob er irgendeine Reaktion von ihr erwarten würde, die sie sich nicht erklären konnte. Aber um nachzuhaken, war es schon zu spät. Marc, dem diese seltsame Stille, die sich in dem kleinen Zimmer eingestellt hatte, allmählich auf die Nerven ging, war ihr bereits in gewohnter Meier-Manier zuvorgekommen.

Marc: Ey, was wird das hier genau, Mehdi? Irgendein irres Laienschauspiel? Oder was soll das mit dem Stuhl? Für die Reise nach Jerusalem ist mir meine Zeit echt zu wertvoll. Der Professor hat mir einen Berg an Arbeit dagelassen, den ich noch abzuarbeiten habe, bis er nächste Woche aus den Staaten zurückkehrt.
Mehdi (will ihm gerade antworten, als er von einer hysterischen Stimme unterbrochen wird): Marc, ich...
Gretchen (hält Mehdi aufgeregt ihr Handy mit den Nachrichten vor die Nase): Ist etwas passiert? Oh Gott, ist etwas mit Lilly? Oder dem Baby? Du hast seit Freitag dreizehn Mal versucht, mich zu erreichen.
Marc (guckt ziemlich konsterniert zur Seite): Was?
Hat der den Arsch offen? Er wusste doch genau, wo wir warum sind und was wir da machen. (MM)
Mehdi (beugt sich leicht nach vorn u. tätschelt beruhigend über Gretchens Knie): Nein, mit meiner Familie ist alles in Ordnung. Wir haben sogar allesamt einen supertollen Frühlingsausflug gemacht. Aber was euch betrifft, da bleibt immer noch die Frage offen, warum ihr überhaupt nicht auf mich reagiert habt.
Gretchen (blickt ihr Gegenüber mit großen unschuldigen Augen an): Unsere Handys waren aus. Und wir haben sie im Auto vergessen, weil heute Morgen alles so schnell gehen musste. Wir waren gerade erst unten, um sie zu holen, als du uns angepiept hast. Was ist denn los?
Mehdi (schaut erstaunt von einer Partei zur anderen u. kann es kaum fassen): Ach?
Und ich hab mir die ganze Zeit einen Kopf gemacht, dass vielleicht etwas passiert sein könnte. Ich sollte mir echt ein stärkeres Nervenkostüm zulegen. (MK)
Marc (grinst augenzwinkernd zu seiner Freundin rüber u. schnappt sich ihre Hand, die er sanft auf der Armlehne ihres Stuhls gedrückt hält): Na ja, also eigentlich waren wir mit noch was ganz anderem beschäftigt.
Gretchen (läuft augenblicklich rot an u. zieht protestierend ihre Hand von ihm zurück): Marc!
Mehdi (lehnt sich zufrieden auf seinem Stuhl zurück): Verstehe! Also kann ich davon ausgehen, dass euer Kurztrip an den See ein voller Erfolg war?
Gretchen (lächelt u. blickt Marc verliebt in die Augen): Mehr oder weniger.
Marc (guckt seine Liebste mit hochgezogenen Augenbrauen ungläubig an): Was soll das denn bitteschön heißen?
Gretchen (lacht, stupst ihn mit ihrer Schulter an u. konzentriert sich wieder ganz auf Mehdi, der ihr schmunzelnd gegenübersitzt): Unsere kleine Auszeit war schön.
Marc (wirft nun auch einen Blick auf seinen neugierigen Freund, der den beiden ruhig, aber doch auch mit einem leichten Hauch von Anspannung zuhört, die sekündlich steigt): Chaotisch trifft es eher.
Gar nicht wahr! Nur weil ich vielleicht das eine oder andere Mal oder auch öfters ein wenig ausgeflippt bin? Frechheit! (GH)
Gretchen (knufft Marc mit ihrer Faust in die Seite u. guckt dann wieder selbstbewusst zu Mehdi, dessen Mundwinkel verdächtig zu zucken beginnen): Hey! Einigen wir uns doch auf chaotisch schön. Das trifft es am ehesten.
Mehdi (lacht): Ja, ich glaube, jetzt bin ich im Bilde.

Hach... meine beiden liebsten Pappenheimer, verliebt wie eh und je, wenn nicht sogar noch mehr! Was kann das noch toppen? Obwohl... ich weiß es! Dann sollten wir wohl mal endlich ans Eingemachte gehen. Die Stimmung passt. Beruhigungsmittel für Marc sind im Arzneischrank. Schokolade im Schieber. Taschentücher griffbereit. Alles da, was man(n) und Frau in dieser Situation gebrauchen kann. (MK)

Marc (mustert misstrauisch sein grinsendes Gegenüber, vor allem nachdem er ebenfalls auf seinem Handy gecheckt hat, wie oft Mehdi am Wochenende versucht hat, ihn zu erreichen): Boah! Das ist es aber nicht oder? Du hast uns doch nicht ernsthaft hierher bestellt, weil du vor Neugier fast geplatzt bist, ob mein mehr als ausgefeilter Plan geklappt hat? Alter, schon mal was von Privatsphäre gehört? Aber was rede ich davon. Die ist ja hier im EKH non-existent. Und außerdem müsstest du ja wohl wissen, dass all meine Pläne immer klappen.
Wenn du wüsstest, wie recht du diesmal damit hast, mein Freund. (MK)
Mehdi (lächelt u. wird von einer Sekunde zur anderen plötzlich ganz nervös, was sich darin äußert, dass er seine Hände immer wieder faltet u. unruhig auf seinem Stuhl hin u. her zu rutschen beginnt): Du hast mich durchschaut, Marc Meier. Es gibt in der Tat einen triftigen Grund, weshalb ich euch versucht habe zu erreichen. Etwas, das eigentlich nicht hätte warten dürfen, aber mir waren ja die Hände gebunden, solange ihr unterwegs ward.
Gretchen (stützt ihren Ellenbogen auf ihrer Armlehne ab u. blickt Mehdi neugierig ins angespannte Gesicht): Und das wäre, Mehdi?
Mehdi (seufzt verlegen auf u. ringt nach den richtigen Worten): Wenn das so einfach wäre, zu erklären, Gretchen.
Ich kann doch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, oder doch? Verkraften sie das? Und vor allem verkrafte ich das? Ganz ruhig atmen, ein, aus, ein, aus und auf geht’s! Alles wird gut! (MK)
Marc (stöhnt entnervt auf): Boah, Alter, zieh den Stock aus deinem fetten Arsch und mach kein großes Ding draus. Spuck es endlich aus! Wir sind Chirurgen. Wir haben nicht ewig Zeit zum doof Herumpalavern so wie ihr Mädchen hier auf der Gyn.

Mehdi rollte sicherheitshalber einen halben Meter mit seinem Stuhl zurück, als sich Dr. Meier angesäuert vor ihm aufplusterte. Er streckte seinen rechten Arm aus und fischte die oberste Akte von der Ablage auf seinem Schreibtisch. Er legte sich diese auf seinen Schoß, rollte mit dem Sessel wieder heran und schlug sie schließlich auf. Alles verfolgt von zwei neugierigen Augenpaaren, die erst sich fragend anschauten und dann wieder ihren gemeinsamen Freund in Augenschein nahmen, der sich heute ihnen gegenüber mehr als seltsam verhielt, worauf sich Gretchen und Marc überhaupt keinen Reim machen konnten. Der innerlich sehr aufgewühlte Halbperser lächelte ungewohnt schüchtern in Richtung seines besten Freundes, aus Angst, dieser würde gleich wieder überreagieren. Und das würde er definitiv. Schließlich kannte er Marc seit fünfzehn Jahren. Er würde ausflippen. Oder umkippen. Oder ihm eine reinhauen, weil er ihm nicht würde glauben wollen. Oh Mann, die Situation war aber auch so was von grotesk. So aufgeregt war er noch nie vor der Verkündung einer solchen Neuigkeit gewesen. Aber man überbrachte diese ja auch nur sehr, sehr selten an Menschen, die einem alles bedeuteten. Das war schon eine ganz andere Hausnummer als ein simples Gespräch mit seinen Patientinnen, die er lediglich aus seiner Sprechstunde kannte. Er musste professionell bleiben und gleichzeitig der Vertraute und Freund, der er schon immer für sie gewesen war.

Dr. Kaan holte tief Luft, um seine durcheinander wuselnden Gedanken zu sortieren, und konzentrierte sich nun auf die schöne Ärztin, die ganz ruhig neben dem zu aufbrausenden Verhalten neigenden Chirurgen saß, der sein allerbester Freund war. Mehdi hatte über zwei Tage Zeit gehabt, sich zu überlegen, wie er dieses schwierige Gespräch angehen sollte, aber jetzt, wo die liebenswürdige Frau, in die er einmal sehr verliebt gewesen war, so erwartungsvoll vor ihm saß, war sein Sprachspeicher wie leergefegt. All die tausend Gedanken in seinem Kopf konnten nur schwer zu einem festen und vor allem verständlichen Gefüge zusammengebastelt werden. Er versuchte dennoch etwas zu sagen, weil er merkte, wie unruhig Marc schon wieder neben Gretchen wurde. Und Mehdi war nun mal sehr gespannt, wie vor allem sein bester Freund auf diese schicksalhafte Neuigkeit reagieren würde und ob er noch zu dem stand, was er ihm auf dem Polterabend der Gummersbachs anvertraut hatte, jetzt, wo es doch schneller ernst werden würde, als es alle geahnt hätten. Wie verrückt das Ganze doch war, dachte der Halbperser nur und musste plötzlich schmunzeln. Zum Zeitpunkt dieser Unterhaltung waren die Weichen schon längst gestellt worden. Was hatte Marc sich einen Kopf gemacht. Dabei hätte er nur der Mutter Natur vertrauen sollen, die ihn und Gretchen doch tatsächlich bereits hinterrücks überrumpelt hatte. Ohne es zu wissen. Welch ein Timing! Perfekter konnte es doch eigentlich gar nicht sein? Und endlich war auch bei Mehdi der Knoten geplatzt. Die anfängliche Anspannung legte sich ein wenig und er fing einfach an zu reden und mit jedem Wort mehr fiel es ihm auch leichter, sein Anliegen darzulegen. Ja, wenn er nur nicht immer wieder von der grummligen Stimme eines Mannes unterbrochen worden wäre, der offensichtlich keine Lust hatte, ihm zuzuhören.

Mehdi: Also, ich weiß, ehrlich gesagt, gar nicht so richtig, wie und wo ich anfangen soll. Die Sache... ist... die... Also... *räusper* ... Die Sache ist die... Ich bin, kurz nachdem ihr am Freitag abgereist seid, zufällig auf etwas gestoßen, das mir seitdem keine Ruhe mehr gelassen hat.
Marc (schaut verwundert von seinem Handy auf, auf dem er gerade gelangweilt herumdaddelt): Und was hat das jetzt mit uns zu tun?
Gretchen (reißt ihm mäkelnd das Smartphone aus der Hand, damit er endlich zuhört): Marc, jetzt lass ihn doch erst mal ausreden! Er wird es uns schon sagen.
Wenn das so einfach wäre! (MK)
Marc (blitzt seine oberlehrerinnenhafte Freundin beleidigt an u. holt sich bei einer kleinen Kabbelei sein Telefon wieder zurück): Ey, wenn er die Zähne nicht auseinanderkriegt. Sonst plappert er doch auch ohne Punkt und Komma, wie es der Natur eines Mädchens entspricht.
Mehdi (versucht, die Ruhe selbst zu bleiben, auch während er unverschämt angepöbelt wird): Was vielleicht an dem liegen könnte, was ich herausgefunden habe, nachdem ich den Anfangsverdacht hatte und diesen verifiziert habe.
Oh, das klingt aber spannend. (GH)
Marc (runzelt die Stirn): Also geht es doch um einen Patienten, bei dem du nicht weiterkommst? Mann, sag das doch gleich! Damit kann man doch was anfangen. Aus deinem bescheuerten Herumgedruckse wird doch keiner schlau.
Gretchen (weist ihn wiederholt zurecht): Maaarc!
Mehdi (sieht den vorlauten Chirurgen eindringlich an): Es ist etwas komplizierter, als du denkst, Marc.
Marc (verleiert genervt die Augen): Weil du es kompliziert machst, Mann. Du verbringst eindeutig zu viel Zeit mit deinen Weibern hier, echt. Du solltest nicht deren schlechte Eigenschaften auf dich übertragen. Sonst bleibst du am Ende für immer am Eileiter hängen und erklimmst nie die Karriereleiter. Nimm dir ein Beispiel an mir!
Meier, wie er leibt und lebt. Ob er wohl je erwachsen wird? Spätestens jetzt solltest du, mein Freund! Tja, es könnte durchaus spannend werden, ihm dabei zuzuschauen. (MK)
Mehdi (lässt sich nicht provozieren): Darf ich dann endlich weiter sprechen, Herr Oberschlaumeier?
Oh Mann, wir sind aber heute auch oberwitzig, du Flachpfeife. (MM)
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme, wendet seinen Blick ab u. guckt sich lustlos die vielen Babybilder an Mehdis Wand an): Bitte! Je eher kommen wir hier wieder raus.
Mehdi (schmunzelt murmelnd in seinen Bauch hinein): Na, das werden wir ja noch sehen, mein Freund.
Ich gehe davon aus, dass du heute keinen geraden Schritt mehr hier raus tätigen können wirst. (MK)
Marc (richtet seinen Blick wieder irritiert auf seinen geheimniskrämerischen Freund): Bitte?

Mehdi (tut so, als hätte er nichts gesagt, u. konzentriert sich nun ganz auf Gretchen, die dem Plapperkönig neben sich auch stoisch die kalte Schulter zeigt): Nichts! Ähm... Gretchen, du erinnerst dich doch sicherlich noch an die Geschichte, die du mir neulich erzählt hast?
Gretchen (kann ihm nicht gleich folgen): Ähm... welche jetzt genau, Mehdi?
Marc (reagiert immer gereizter, solange hier niemand auf den Punkt kommen will): Boah, was soll das denn jetzt? Märchenstunde oder was? Ohne mich! Das ist doch Zeitverschwendung.
Mehdi (droht dem Sprücheklopfer mit unmissverständlichem Blick u. wendet sich wieder Gretchen zu): Du bleibst schön auf deinen vier Buchstaben sitzen, Marc! Verstanden? ... Ich meine die nächtlichen Abenteuer von einer gewissen Uschi und Susi, Gretchen.
Ey, wie redet der eigentlich mit mir? Geht’s noch, du Arsch! Und woher, ey, woher weiß er von Uschi? Das ist doch unser Geheimcode von der... Och nee, ich hab ihm doch nicht etwa von der versehentlichen Hochzeit erzählt, als wir uns wegen Gabis Schreihals betrunken haben? Aber wer zum Teufel ist Susi? Hab ich was verpasst? Also, außer der Zigarre, die mir verweigert wurde? (MM)
Gretchen (es macht pling u. ein kleines unscheinbares Lichtlein geht vor ihrem inneren Auge auf): Oh!
Marc (versteht nur noch Bahnhof u. guckt dementsprechend ratlos aus der Wäsche): Was?
Mehdi (lässt Gretchen nicht aus den Augen in der Hoffnung, sie kommt von selbst darauf): Ihr habt doch in jener Nacht beide einen Test gemacht, nicht?
Marc (wie ein Pingpongspielbeobachter huscht sein Blick von einer Seite zur anderen, ohne dass von ihm Notiz genommen wird): Was für ein Test?
Gretchen (versteht immer noch nicht, worauf Mehdi hinaus will): Ja, wieso?
Warum er wohl diese peinliche Geschichte noch einmal ausholt? Ich dachte, er hätte die Namen korrigiert, unsere Akten ergänzt und unsere Pseudonyme gelöscht. Seltsam! (GH)
Mehdi (ein erleichtertes Lächeln zaubert sich auf seine angespannten Mundwinkel): Und dir ist dabei nichts Besonderes aufgefallen?
Gretchen (bleibt arglos an seinem sonderbaren Blick hängen): Natürlich! Dass Sabine schwanger ist. Das weißt du doch?

Oh Gretchen, man kann schon fast nicht mehr von akuter Schwangerschaftsdemenz sprechen. Eigentlich müssten sämtliche Haushalte in Berlin/ Brandenburg ohne Strom dastehen, so wie du auf der Leitung stehst. Herrlich! Eigentlich müsste ich lachen, wenn es nicht so dringend wäre.(MK)

Marc (verdreht genervt die Augen u. konzentriert sich lieber auf den Terminplan in seinem Smartphone als auf seine in seinen Ohren Klingonisch sprechenden Freunde): Boah, nee, nicht die alte Leier wieder! Ich klink mich aus. Wann hab ich eigentlich meine nächste OP? Ich hab so Bock, Messer zu wetzen. Das ist schon nicht mehr christlich. Gallensteine. Schubert. Morgen früh. Wow wie spannend! Mir bleibt auch nichts erspart.
Mehdi (nimmt den Grummler vor sich gar nicht mehr wahr u. bleibt an Gretchens fragenden Augen kleben): Und nicht zufällig noch, dass ihr beide dieselbe Blutgruppe habt?
Gretchen (erinnert sich u. schmunzelt): Ja, doch, wir haben sogar darüber gelacht, weil wir jetzt quasi Blutsschwestern sind und falls mal etwas sein sollte, uns gegenseitig Blut spenden könnten.
Marc (schaut für einen Sekundenbruchteil von seinem Telefon auf): Oh Gott!
Und die Hölle hat doch einen Namen! (MM)
Mehdi (versucht weiterhin geschickt Gretchens Instinkte zu wecken): Und dir fällt nicht noch etwas anderes dazu ein, jetzt, wenn du noch einmal genauer darüber nachdenkst? Sabine hat doch mit dir geredet, oder?
Gretchen (völlig überfordert von der Kaanschen Quizstunde): Ähm... ja, also... äh... Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was du mit diesen ganzen Fragen bezweckst, Mehdi.
Marc (schiebt grinsend sein Handy wieder in seine Kitteltasche u. drängt zum Aufbruch): Da bist du nicht die Einzige, Haasenzahn. War’s das dann? Können wir? Eine Station wartet. Und wenn wir vorher noch Mittag essen wollen, müssen wir uns sputen. Wir können nicht ewig Pause machen. So wie unser Quizonkel hier, der augenscheinlich von seiner zweifelhaften Berufswahl gelangweilt ist.
Mehdi (ignoriert Marcs Spitzen, weil er sich bei Gretchen kurz vorm Ziel wähnt): Sabine war doch nach ihren Flitterwochen bei mir, weil sie das Gefühl hatte, dass etwas mit ihr nicht stimmt.
Marc (lacht): Und das fällt der Stasi-Sabsi jetzt erst auf. Ha! Die Frau ist schon so geboren worden.
Gretchen (jetzt platzt ihr dann doch die Hutschnur u. sie fährt Marc wütend über den Mund): Halt die Klappe, Marc! Ist etwas mit ihr? Willst du mir das sagen, Mehdi?
Oh nein, bitte nicht! (GH)
Mehdi (blickt Gretchen bedeutungsvoll in die Augen u. hofft, dass sie endlich versteht): Es geht eher darum, was nicht mit ihr ist, Gretchen.
Gretchen (schaut beunruhigt zwischen seinen Pupillen hin und her): Mehdi, so langsam machst du mir Angst. Muss ich mir Sorgen machen? Sie war doch am Freitag noch so glücklich, weil sie Anton zu sich nehmen durfte. Oh nein, sie nehmen ihn ihr doch nicht etwa schon wieder weg? Hat sich die Mutter etwa gemeldet und will ihn zurück? War Nadja da? Was hat Rumänien ergeben?

Oje, das läuft hier jetzt völlig in die falsche Richtung. Was mache ich denn jetzt bloß? Mit dem Rammbock durch die Tür? Bleibt mir eine andere Wahl? (MK)

Mehdi (rudert hektisch zurück u. versucht es jetzt anders): Tut mir leid, das war auch gar nicht meine Absicht, Gretchen. Ich hab nur nicht gedacht, dass du so sehr auf der Leitung stehen würdest. Hast du denn gar nichts gemerkt? Auch nicht an dir?
Gretchen (schaut nun fragend zu Marc, der auch nur mit den Schultern zucken kann): Was hat das denn jetzt mit mir zu tun? Fühlt Sabine sich von mir nicht unterstützt? Aber ich bin doch für sie da. Und ich bin ihr auch überhaupt nicht böse, dass es nun so gekommen ist, wie es eben gekommen ist. Es ist doch genau richtig so. Er ist besser bei ihr und Günni aufgehoben als bei uns. Das weiß sie doch. Wir haben doch lange geredet. Ich will mich später noch mit ihr treffen. Vielleicht sollte ich das noch einmal ansprechen? Was denkst du, Mehdi?
Mehdi (rauft sich frustriert die Haare): Gretchen, ich weiß echt nicht, was ich noch sagen soll. Darum geht es doch gar nicht. Es geht NICHT um Anton, sondern um jene Nacht vor Sabines Hochzeit, als ihr hier heimlich in meiner Praxis ward. Hallo, ihr habt ZWEI Tests gemacht, EINER war positiv. Was sagt dir das?
Gretchen (guckt aufgewühlt zwischen seinen eindringlichen Augen hin und her): Mehdi, ich verstehe nicht, wo das Problem liegt. Sabine hat mir vor dem Wochenende gesagt, dass sie gar nicht schwanger war. Dass du sie untersucht hast. Sie kommt damit klar. Sie hat doch jetzt den Kleinen. Alles ist gut.
Nur bei dir bin ich mir nicht so sicher. Warum guckt er denn jetzt so komisch? (GH)
Mehdi (stößt ein Dankesgebet gen Zimmerdecke aus): Halleluja, sie hat es erfasst.
Marc (zieht eine Kaugummipackung aus seiner Kitteltasche, friemelt das Papier ab u. schiebt sich den Kaugummi lässig in den Mund): Mehdi, ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber der neue Pilawa wirst du in diesem Leben nicht mehr. Den Vorabend wirst du so nicht mehr retten können, mein Freund. Also lass es lieber bleiben und guck weiter unter Röcke!
Gretchen (guckt Mehdi mit großen Augen an): Was hab ich erfasst?
Dass ich gleich qualvoll an einem Herzkasper sterben werde, wenn du nicht endlich das meterdicke Brett von deinem wunderhübschen Köpfchen nimmst! (MK)
Mehdi (klatscht sich die flache Hand gegen die Stirn, weil sie es einfach nicht verstehen will): Gretchen, Sabine ist NICHT schwanger!

Wie viele Andeutungen braucht sie denn noch? Subtiler geht es nun wirklich nicht. Das ist, glaub ich, das schwierigste Patientengespräch, das ich in meiner ganzen Laufbahn je geführt habe. Dabei ist sie doch diejenige, die sich nichts sehnlicher wünscht als genau das. Ich versteh das nicht mehr. Hab ich wirklich so meinen Beruf verfehlt? Oder sie ihren? In der Diagnostik bei ihren Patienten liegt sie doch immer ungeschlagen vorne. (MK)

Marc (fährt seinen Kumpel genervt an u. will aufstehen): Ja, das hat jetzt auch der letzte Depp auf Erden kapiert. Was tangiert uns das? Genau, nichts! Dafür hängt mein Magen schon in den Kniekehlen. Ich gehe jetzt essen und mir ist piepegal, ob mich jemand begleiten will. Tschüß! Viel Spaß noch bei eurem albernen Quizduell!
Sabine ist nicht schwanger. Was soll das bedeuten? Dass sie gar keine Kinder bekommen kann? Nein, dann hätte sie am Freitag ganz anders reagiert. Sie schien mir eher erleichtert zu sein, weil sie eine eigene Schwangerschaft für sich als noch zu früh empfunden hat. Ich hab doch gesehen, wie durcheinander sie gewesen war. Sie hätte fast die Hochzeit abgesagt deswegen. Und sie hat doch jetzt Anton, den kleinen Schatz. Warum ist Mehdi das so wichtig? Was will er mir damit sagen? Ich verstehe das nicht. ... Moment! ... Die Blutergebnisse! Der Test war positiv. Der Beta-HcG-Wert eindeutig. Eigentlich müsste sie doch schwanger sein! Ist da etwa was schief gelaufen? (GH)
Gretchen (erst eins, dann zwei, dann leuchten immer mehr Lämpchen vor ihrem inneren Auge auf u. sie starrt einen erleichterten Mehdi völlig perplex an): Sie ist nicht schwanger! Aber der Test, der besagt doch...?
Mehdi (ihm fällt ein gewaltiger Felsklotz vom Herzen): Tests lügen nicht, Gretchen. Aber die kleinen Schildchen am Röhrchen könnten das schon.
Gretchen (klappt staunend ihren Mund auf): Oh!
Nein, das kann nicht sein. Ich hab doch... (GH)
Mehdi (lächelt zufrieden u. fühlt sich wie befreit): Es ist nicht mehr nachvollziehbar, wo es passiert ist, ob direkt bei der Blutabnahme oder später im Labor oder bei der Übermittlung. Du weißt, so was kann passieren. Dadurch dass ihr dieselbe Blutgruppe teilt, könnte etwas durcheinander geraten sein. Ich kann mir das nicht anders erklären, Gretchen.

Durcheinander geraten? Ich hab bei ihr Blut abgenommen. Sie bei mir. Dann ist sie plötzlich in Tränen ausgebrochen, weil allein die Möglichkeit schon zu viel für sie war. Ich hab die Röhrchen hier auf den Tisch gelegt und hab versucht, sie zu trösten. Dann hab ich mich wieder umgedreht, hab gezögert und die Blutproben beschriftet und anschließend, nachdem ich sicher war, dass sich Bienchen beruhigt hatte, hab ich sie weggebracht. Was ist daran...? Oh! Ich hab gezögert. Dieses Zögern... Oh nein! Ich hab die Proben aus den Augen gelassen! Für eine Millisekunde! Ein dummer Anfängerfehler, der... OH... MEIN... GOTT!

Gretchen (wird plötzlich ganz blass u. fasst sich an ihr immer schneller schlagendes Herz): Ja.
Marc (verspürt plötzlich ein ganz seltsames Gefühl in seiner Bauchgegend u. bleibt doch noch auf seinem Platz sitzen, obwohl er gerade aufbrechen will, u. schaut verwundert zwischen seinen Freunden hin und her, die mit einem Mal verstummt sind): Äh... klärt mich mal jemand auf, worum es hier wirklich geht?
Mehdi (rollt zu Gretchens Stuhl heran, nimmt ihre eiskalten Hände, die auf ihren Knien ruhen, u. drückt diese sanft, bevor er wieder ihren Blick einzufangen versucht, in dem sich ihr ganzer Schock u. die Fassungslosigkeit widerspiegeln, die ihm verstehen geben, dass sie verstanden hat): Gretchen, ich weiß, ich hätte dich fragen müssen, aber ihr ward ja nicht zu erreichen. Ich habe die Testergebnisse, auf denen Sabines Pseudonym stand, mit deiner Akte verglichen. Ich habe sie damals angelegt. Du erinnerst dich bestimmt noch, als ich dir an deinem ersten Tag hier schon einmal Blut abgenommen habe, weil du dachtest...
Die gleiche Blutgruppe! Ich hab nur auf den Namen geachtet. Und dann... Nein, das ist doch nicht möglich? Das kann gar nicht sein. Wir haben doch gerade erst angefangen, es zu versuchen. Das würde ja bedeuten, dass ich zu dem Zeitpunkt, als Marc es von sich aus angesprochen hat, schon... NEIN! (GH)
Gretchen (versucht ihre Gedanken u. Gefühle zu ordnen, schafft es aber nicht): Ja.
Marc (sein Kopf schießt hin u. her, aber niemand reagiert auf ihn): Was?
Mehdi (lächelt u. schäumt bald immer mehr über vor Glück, weil es endlich raus ist): So hatte ich gleich gute Vergleichswerte, obwohl sie nicht gerade die aktuellsten sind, und naja, mein Verdacht hat sich bestätigt. Tja, und dann sind mir noch so einige Sachen eingefallen, die mir unbewusst in den letzten Wochen an dir aufgefallen sind. Ich hatte am Wochenende viel Zeit zum Nachdenken, wie du dir vorstellen kannst. Ich saß ja wie auf heißen Kohlen. Du hast dich verändert. Jetzt noch nicht unbedingt körperlich, aber mental warst du schon nicht wirklich auf der Höhe. Und das lag garantiert nicht nur an dem ganzen Stress hier in der Klinik, dass du auf alles und jeden emotionaler als sonst reagiert hast. Deine ständigen Stimmungsschwankungen, deine immerwährenden Zweifel und Unsicherheiten, die überhaupt nicht angebracht waren, deine Übellaunigkeit manchen Kollegen gegenüber, die so überhaupt nicht zu dir passt, dein Starrkopf und deine Uneinsichtigkeit bei der Geschichte mit Anton, in die du dich so sehr hineingesteigert hat, dass du keine andere Meinung an dich heran gelassen hast, und so weiter und so fort. Und hast du nicht mal gesagt, du fühlst dich irgendwie komisch? Irgendwie nicht mehr wie du selbst? Ich hab das immer im Zusammenhang mit Marc gesehen, weil du ihn so sehr vermisst hast, als er so lange bei seiner Mutter in der Schweiz war. Eigentlich müsste ich mir die Decke über den Kopf ziehen und mich in Grund und Boden schämen, weil ich all die Zeichen nicht sofort richtig zugeordnet habe. Gerade ich müsste es doch wissen, wo ich doch auch gerade in einer ähnlichen Situation stecke. Ja, das ist es wahrscheinlich, warum ich, was dich betrifft, ein bisschen abgelenkt und unaufmerksam war. Das tut mir leid. Dabei ist es doch so offensichtlich. Gretchen, ach, ich freue mich so.
Marc: Zeichen, was denn für Zeichen? Hey, redet ihr gefälligst mit mir! Was zum Geier ist hier los?

Marc Meier platzte nun endgültig die Hutschnur. Er hatte keine Ahnung, worum es hier eigentlich ging. Es schien fast so, als würde die ganze Zeit an ihm vorbeigeredet werden und so was hasste er wie die Pest. Und jetzt - er blickte zur Seite - jetzt hatte Mehdi Gretchen auch noch zum Weinen gebracht. Was sollte das denn alles? Es hatte ihn so viele Mühen gekostet, seine völlig überarbeitete und seelisch instabile Freundin an diesem Wochenende wieder aufzubauen. Und Mehdi, der unsensible Arsch, der ihm am Freitag noch deswegen gut zugeredet hatte, hatte mit seinen seltsamen Andeutungen gleich wieder alles für die Katz gemacht. Was sollte das denn, verdammt noch mal, fragte er sich und sprang sichtlich geladen von seinem Platz auf und lief nun fahrig hinter Mehdi und Gretchen hin und her, die ihm immer noch keinerlei Beachtung schenkten, was ihn gleich noch wütender machte. Doch plötzlich, als hätte sich in dem Moment ein Schalter umgelegt, schaute Gretchen auf. Mit glänzenden Augen blickte sie ihrem direkten Gegenüber ins Gesicht. Und ihr bester Freund erkannte sofort, dass sie endlich verstanden hatte, und ließ ihre Hände, die er die ganze Zeit unterstützend gehalten hatte, mit einem sehr glücklichen Lächeln wieder los. Dann wandte sich die ganz plötzlich in Tränen aufgelöste Blondine dem aufgeregten Zimmerläufer hinter sich zu, der abrupt stehen geblieben war, als er ihren seltsamen Blick auf sich gerichtet bemerkte. Er umklammerte mit seinen Händen unruhig die Rückenlehne ihres Stuhls und schaute Gretchen mit einem zunehmend mulmigen Gefühl im Bauch an. Und Marcs Bauchgefühl ließ ihn in diesem Fall nicht im Stich, wie er gleich noch fassungslos feststellen würde.

Gretchen: Marc, ich... Ich glaube... Nein, ich weiß... Was Mehdi uns sagen will, ist... Er... Ich weiß nicht, wie ich es nicht merken konnte. Dabei... hab ich immer gedacht, ich würde... Ich meine, ich hatte immer die romantische Vorstellung, es würde sich wie... wie... ein Schmetterlingsflügelschlag anfühlen, der einen sanft streift. Und ich wüsste dann sofort, was mit mir los ist. Aber ich... Marc, ich war so blind. Ich weiß nicht, wie mir das passieren konnte. Ich war so sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Dabei hab ich doch tief in mir drin geahnt, dass irgendetwas... anders ist als sonst. Ich... Es... Ach, es ist so... so... überwältigend. Ich weiß gar nicht, wie ich... Ich bekomme kaum noch Luft. ... Ja... es stimmt! Alles, was er gesagt hat und auch... wie ich auf manche Dinge am Wochenende reagiert und dich damit verrückt gemacht habe. Es gibt nur diese eine Erklärung und die... die ist so... unfassbar schön. Schöner als alles, was ich mir je in meinen Träumen zusammen gesponnen habe. Ich... ich... bin... schwanger, Marc.

...brachte Gretchen Haase nach tausend Gedankensprüngen, welche ihr mit ihrer rasanten Geschwindigkeit komplett den Atem geraubt hatten, zögerlich über ihre bebenden Lippen, weil sie viel zu aufgewühlt war und es selber noch kaum begreifen konnte, was Mehdi ihr und Marc die ganze Zeit mitzuteilen versucht hatte. Er hatte so Recht. Ihr ganzes Verhalten in letzter Zeit hatte Bände gesprochen. Nur wäre sie niemals auf den Gedanken gekommen, woher das alles wirklich gekommen war, wenn ihr bester Freund ihr nicht den Spiegel vorgehalten hätte und es ihr danach wie Schuppen von den Augen gefallen wäre. Es war tatsächlich wahr! Ihre feuchten Augen huschten aufgeregt hin und her und haschten nach Marcs Blick, der starr geradeaus gerichtet war. Der Mann mit der größten Klappe Berlins war zum ersten Mal in seinem Leben komplett sprachlos, das konnte sie in seinen Augen lesen. Sie fühlte genauso, hatte sie doch bis eben auch nach Worten gerungen, die das Unfassbare greifbar machten.

Unter dicken Glückstränen tastete Gretchen nach der eiskalten Hand ihres Liebsten, der wie erstarrt hinter ihrem Stuhl stehen geblieben war und ihr Gesagtes kaum zu deuten verstand. Es ging einfach nicht. Ihre Worte rauschten nur in seinen Ohren wider, ohne dass er ihre Bedeutung wirklich erfassen konnte. Liebevoll strich sie ihm über den Handrücken, löste damit eine Gänsehaut aus, die sich über seinen gesamten Körper legte, und Marc reagierte endlich. Er blickte der Frau seines Lebens direkt in die himmelblau leuchtenden Augen, in denen sich ihr Unglaube immer noch deutlich widerspiegelte und daneben auch noch etwas anderes. Augenblicklich begann Marcs Freundin mit der Frühlingssonne um die Wette zu strahlen, welche durch die Lamellen der Jalousien am Fenster schielte und die Glückstränen auf ihrer Wange wunderschön glitzern ließ, und beantwortete seine ungestellte Frage, die ihm deutlich in das leichenblasse Gesicht geschrieben stand, mit einem schüchternen Kopfnicken, welches auch in ihr ungeahnte Empfindungen weckte. Dann sah der sprachlose Chirurg plötzlich Mehdi an, der zwischenzeitlich aufgestanden und zu seinem besten Freund herangetreten war. Der stille Beobachter, der Gretchens Rede gerührt verfolgt hatte, klopfte wohlwollend mit seiner Hand auf Marcs Schulter.

Mehdi: Herzlichen Glückwunsch, mein Freund! Glaub mir, ich bin genauso baff wie ihr. Ich hab ein Wochenende hinter mir, kann ich euch sagen. Ich bin fast geplatzt vor Aufregung. Aber ich freu mich. Ich freue mich so für euch. Ich kann’s kaum in Worte fassen. Ach, komm her, Marc! Willkommen im Club! Jetzt bist du dran, einen auszugeben, aber vielleicht etwas gemächlicher als beim letzten Mal. Wir haben schließlich beide Verantwortung, hmm. ... Marc? Alles in Ordnung? Du sagst ja gar nichts. Atmen nicht vergessen! Äh... Marc?

Die unbändige Freude, welche das ganze Wochenende über in ihm immer weiter angewachsen war, übermannte den gefühlsduseligen Frauenarzt und er zog seinen langjährigen Freund in eine dicke fette Umarmung, die jedoch nicht erwidert wurde, was Mehdi in seinem Überschwang gar nicht gleich registrierte. Erst als Marc zwei Schritte von ihm wegtrat und sich auch von Gretchens Hand löste, bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. Aber da war es auch schon zu spät, um noch rechtzeitig zu intervenieren. Der überforderte Oberarzt, der vor lauter Schock seine vorlaute Stimme verloren hatte, hatte sich bereits umgedreht und war in Zeitlupe zur Tür gegangen. Er bekam keine Luft mehr. Er musste hier jetzt raus. Sofort. Apathisch drückte er die Klinke herunter und schritt anschließend über die Schwelle, während er von zwei ungläubigen Augenpaaren verfolgt wurde, die nicht verstanden, was ihr Freund da gerade im Begriff war zu tun.

Marc: Es... Ich... Ähm... Tut mir leid, ich... ich muss... Ich muss...

...stammelte Marc nur völlig durcheinander und zusammenhangslos und dann war er auch schon weg. Die Tür fiel langsam mit einem leisen Klickgeräusch wieder ins Schloss. Mehdi starrte seinem Freund völlig schockiert hinterher. Es dauerte einige Sekunden, bis er begriffen hatte und reagierte. Natürlich wollte er Marc sofort nach, um ihm ordentlich den Kopf zu waschen.

Mehdi: Marc, du kannst jetzt nicht... Das gibt’s doch nicht! Was macht er denn?

Doch Gretchen unterbrach Mehdis immer wütender klingenden Appell, der an den Wänden seiner Praxis ungehört verhallte, indem sie sanft nach seinem Arm griff und diesen nun festhielt. Sofort schaute Dr. Kaan zu der aufgelösten Frau herunter, die auf ihrem Stuhl immer kleiner zusammengeschrumpft war, und ihm brach fast das Herz, sie so zerbrechlich zu sehen. Der mitfühlende Arzt ging vor ihr in die Knie und drückte freundschaftlich ihre Hand, um ihr Halt und Hoffnung zu geben, wie nur er es auf seine liebevolle Art konnte.

Mehdi: Er kann dich doch nicht... Das ist nicht in Ordnung.
Gretchen (bleibt ganz ruhig, auch wenn immer noch ein paar Tränchen kullern): Das tut er doch auch gar nicht, Mehdi. Lass ihn bitte! Du hast ihn doch gesehen. Das ist auch für ihn ein Schock. Er muss das erst einmal sacken lassen, bevor er lernen kann, damit umzugehen.
Mehdi (schaut die tapfere Frau vor sich ungläubig an): Wie kannst du da so ruhig bleiben? Ich würde ihm am liebsten den Hintern verdreschen und ihn an seinen perfekt frisierten Haaren durch das gesamte Krankenhaus wieder hierher zerren, weil er dich jetzt in dieser Situation alleine lässt. Das geht doch so nicht. Egal, ob er verwirrt und durcheinander ist.
Gretchen (gerührt, dass er sich so für sie einsetzen würde): Weil ich ihm vertraue, Mehdi.

Gretchens strahlend blaue Augen leuchteten auf, als sie das sehr überzeugend sagte, und Mehdi, der immer noch völlig konsterniert vor ihr hockte und ihr die Hand tätschelte, raffte sich kopfschüttelnd vom Boden wieder auf und ließ sich kraftlos neben seine beste Freundin auf den Stuhl fallen, auf dem eben noch dieser Idiot ungeduldig herumgerutscht war und ihm nicht hatte zuhören wollen. Er würde Marc für seine unangemessene Reaktion definitiv noch zur Rechenschaft ziehen und dabei eventuell auch seine spärlich antrainierten und von Gretchen abgeguckten Kampfsporttechniken zur Anwendung bringen. So viel war sicher. Aber jetzt war erst einmal jemand anderes wichtig. Nämlich die wunderhübsche Neumami neben ihm, die, wie er sehen konnte, auch ziemlich durcheinander wirkte.

Mehdi: Gut, dann tue ich’s auch. Vorerst! Noch hat er Bewährung. Aber jetzt mal zu dir. Wie fühlst du dich? Tut mir leid, vielleicht hätte ich gleich die Katze aus dem Sack lassen sollen und nicht so ein Mysterium drumherum machen sollen? Aber ich wusste nicht, wie, weil mir, je länger ich darüber nachgedacht habe, immer klarer geworden ist, dass ihr tatsächlich keine Ahnung hattet.
Gretchen (schüttelt den Kopf u. guckt ihn mit glänzenden Augen ermutigend an): Nein, dann wäre vermutlich einer von uns umgekippt oder wir wären beide rausgerannt und würden nun kopflos durchs Krankenhaus irren, weil wir es nicht glauben würden. Ich weiß es nicht. Ich... ich kann es kaum beschreiben, wie ich mich fühle. Es ist... Ich weiß nicht. Ich weiß eigentlich momentan gar nichts mehr.
Mehdi (lächelt): Das ist ganz normal, Gretchen.
Gretchen (ihr wird plötzlich ganz anders u. sie schaut Mehdi unsicher von der Seite an): Aber ist es denn normal, dass man so gar nichts davon mitbekommt, dass man ein Baby unter dem Herzen trägt? Das ist doch verrückt. Seit ich mit Marc zusammen bin, hab ich mir das immer so sehr gewünscht und mir vorgestellt, wie es wäre. Vor allem auch nachdem er es dann auch von ganz alleine wollte. Und jetzt? Mehdi, ich bin Ärztin. Was sagt das denn dann über mich aus? Sollte mir da nicht von Anfang an ein Lichtlein aufgehen? Das ist doch völlig konfus.

Mehdi schmunzelte nur, lehnte sich freundschaftlich an ihre Seite und holte sogleich zu diversen illustren Patientengeschichten aus, die ihre eigene plötzlich in einem ganz anderen Licht erstrahlen ließen. Zunehmend legte sich der Aufruhr in ihrem Inneren. Irgendwann schaltete sie ab und ließ ihn einfach reden, weil Mehdis tiefe Stimme eine unheimlich beruhigende Wirkung auf sie hatte. Gretchen legte ihre Hände zögerlich an ihren Bauch, der plötzlich eine ganz besondere Anziehungskraft auf sie ausübte, und sie versuchte zu begreifen, was da gerade mit ihr passierte. Mit ihr, mit ihrem Körper und mit Marc. War das denn zu fassen, fragte sie sich dabei immer wieder. Marc Meier und Gretchen Haase bekamen tatsächlich ein Kind. Ein echtes, lebendiges, wunderschönes Kind. Kein Hirngespinst ihrer grenzenlosen blumigen Fantasie, wenn sie sich mal wieder in rosarote Welten wegträumte. Ein Kind, das sie sich aufrichtig gewünscht hatten und das noch nicht einmal vor allzu langer Zeit. Plötzlich war es da. Wie aus dem Nichts war es auf einmal aufgetaucht, ohne dass sie es gemerkt hatten. Ihr größter Wunsch, den sie insgeheim schon seit Teenyzeiten gehegt hatte, wie ihre Tagebücher belegten, schien plötzlich in Erfüllung zu gehen. Er hatte sie völlig überrumpelt. Oder überrannt, das traf wohl am ehesten darauf zu, wie sie sich jetzt gerade fühlte. So schnell hatten nämlich weder sie, noch Marc mit einem Resultat ihrer großen Liebe gerechnet. Und jetzt war es da. Es war da! Hier drin. In ihrem Bauch. Noch ganz klein und zart. Zerbrechlich wie eine Seifenblase und doch auch stark, weil sie beide mit ihrer Liebe dieses Wunder geschaffen hatten und es ganz bestimmt die besten von all ihren Eigenschaften in sich tragen würde. Es war da! Es war wirklich da. Gretchens Augen leuchteten mit einem Mal in einer nie gekannten Helligkeit auf und mitten während Mehdis Sammelsurium an skurrilen Patientenfällen, die im Gegensatz zu ihrem eigenen teilweise erst im Kreißsaal begonnen hatten, platzte es endlich aus ihr heraus, all die Freude und die Glücksgefühle, die ihren Körper, ihre Venen, ihr Herz, ihre Gedanken fluteten, und ihre bewegten Worte hallten in ihren Ohren immer und immer wieder wider wie das schönste Lied, das sie je gehört hatte.

Gretchen: Ich bekomme ein Baby! Ein Baby von Marc!
Mehdi: Ja, Gretchen! Du und Marc, ihr bekommt ein Baby. Und er bekommt von mir noch eine Kopfnuss dazu, wenn er nicht bald wieder hier aufschlägt und dich in den Arm nimmt.

Völlig überwältigt von dieser unfassbaren Erkenntnis ließ sich Gretchen unter Glückstränen, die unentwegt ihre gerötete Wange hinabkullerten, in Mehdis Umarmung fallen.


https://www.youtube.com/watch?v=nd6p1qCGkpQ

Lorelei Offline

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13.03.2015 16:47
#1521 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Währenddessen hüllte die bereits recht kräftige Frühlingssonne über Berlin die Dachterrasse des Elisabethkrankenhauses in ein warmes angenehmes Licht, welches nach den langen düsteren Wintermonaten von zwei befreundeten Krankenschwestern regelrecht aufgesogen wurde, die an die Panoramafensterscheibe gelehnt ihre winterblassen Gesichter gen azurblauen Himmel reckten, welcher am Mittelmeer nicht hätte schöner sein können. Ebenso wie der kleine Fratz auf Sabines Arm, der eben noch in der Cafeteria so ordentlich Rabatz gemacht hatte, dass die peinlich berührte Neupflegemutti, auf die plötzlich alle Augen gerichtet gewesen waren, keine andere Wahl mehr gesehen hatte, als ihr noch unangetastetes Essen stehen zu lassen und mit ihm nach draußen zu flüchten. Doch kaum war Schwester Sabine, die von ihrer Kollegin Gabi begleitet wurde, über die Schwelle auf den noch unmöblierten Terrassenanbau getreten, hatte der kleine Schreihals seine Schnute wieder geschlossen und tat nun so, als könnte er überhaupt kein Wässerchen trüben. Die verdutzten Frauen waren hin und weg und himmelten den süßen Miniherzensbrecher noch einen Moment lang ungeniert an, ehe sie ihre Unterhaltung ungestört von lautem Babygeschrei weiterführten, die sie während ihres gemeinsamen Mittagessens begonnen hatten. Wobei es sich unter genauer Betrachtung eher um einen sehr einseitigen Monolog handelte, welcher gerade von einer der beiden Damen wild gestikulierend geführt wurde, um ihren angestauten Frust loszuwerden, wo doch ihr charmanter Lebensgefährte, der sonst immer als Schalldämpfer herhalten musste, warum auch immer, noch nicht wieder zu ihr zurückgekehrt war, nachdem er vor fast einer Dreiviertelstunde nur noch einmal kurz weggemusst hatte. Aber das war nun mal der Nachteil, wenn man mit einem viel beschäftigten Oberarzt zusammen war, um den sich sämtliche in anderen Umständen befindlichen Frauen Berlins fast ein Bein ausrissen.

So vertieft in ihr Gespräch registrierten weder Gabi Kragenow noch Sabine Gummersbach, die ihrer meckernden Freundin mit einem Ohr zuhörte, während sie mit dem kleinen Zappelphilipp auf ihrem Arm spielte und ihm lustige Grimassen schnitt, wie neben ihnen erneut die Glastür mit Schwung aufgerissen wurde und ein Weißkittelträger ungesehen an ihnen vorbei zum Geländer der Dachterrasse eilte, vor dem er abrupt stehen blieb. Er stützte sich mit seinen Händen an der eiskalten Metallbrüstung ab und wippte mehrmals mit seinem stark angespannten Oberkörper vor und zurück, wobei er hastig immer wieder Luft aus seinen immer schwerer werdenden Lungen pumpte, um anschließend gierig nach einer neuen Dosis reinstem Sauerstoff zu schnappen wie ein asthmakranker Patient ohne Inhalator, der er jedoch nicht war. Nachdem er wieder einigermaßen beschwerdefrei atmen konnte, griff er hektisch in seine Kitteltaschen, um seine dringend benötigten Glimmstängel hervorzuholen, von denen er sogleich einen mit zittrigen Fingern anzuzünden versuchte, was beim ersten Versuch noch misslang, was ihn gleich noch fuchsiger machte, als er es eh bereits gewesen war. Der zweite Versuch sah dann zwar auch nicht sehr routiniert aus, wenn man bedachte, dass man schon als Teenager mit jenem leidigen Laster angefangen hatte, von dem man auch fast zwei Jahrzehnte später immer noch nicht hatte lassen können, obwohl man als versierter Mediziner ganz genau von den Nebenwirkungen wusste. Doch es gelang ihm schließlich, das widerspenstige Feuerzeug in Betrieb zu nehmen und damit seinen zylinderförmigen Rettungsanker anzuzünden, den er sich danach schnell zwischen seine Lippen klemmte. Aber der Geschmack des bitteren Nikotins blieb diesmal fahl. Von der erwarteten Entspannung, welche er sich so sehr erhofft hatte, dass er sogar in Betracht gezogen hätte, einen Tabakladen zu überfallen, wenn es nötig gewesen wäre, war keine Spur.

Gabi: ... Ja, und dann hat sie einfach gesagt, dass ich ab sofort an der Anmeldung sitzen werde, um mich um die Neuankünfte und Entlassungen zu kümmern. Du kennst den langweiligen Spaß ja, Sabine. Ich meine, das ist doch eine bodenlose Frechheit, dass sie einfach so über meinen Kopf entscheiden kann. Was fällt ihr eigentlich ein? Sie hat mir gar keine Gelegenheit gegeben, mein Veto anzuhören. Darf sie das arbeitsrechtlich überhaupt? Mensch, ich fühl mich wohl bei Mehdi. Ich arbeite gerne auf der Gyn. Und das nicht nur wegen ihm. Gut, ja, auch ein bisschen mehr deswegen. Ich meine, er ist toll. Lieb. Charmant. Zuvorkommend. Er kritisiert nicht ständig an mir herum, wenn ich mal was nicht gleich kapiere oder zu langsam bin. Aber wahrscheinlich ist es gerade das, was sie so stört. Wir stehen uns zu nah. Papperlapapp. Als ob das in diesem Laden hier von Bedeutung wäre. Hier macht doch ständig jeder mit jedem rum und keinen interessiert’s. Aber nein, andauernd muss sie an uns herummäkeln. Nur weil sie Frust mit ihrem Füchschen schiebt, muss sie das doch nicht an mir auslassen. Das kotzt mich an. Oh, entschuldige, Anton, hör einfach weg! Aber das muss einfach raus. Sonst platze ich noch, bevor ich bald wirklich auseinander gehe wie ein Hefeteig. Aber das hat man nun davon, wenn man einmal ehrlich ist.
Sabine (hört der Meckerliese geduldig zu u. tätschelt dabei Anton sanft über den Rücken, der sich glucksend an ihrer Blümchenbluse festgekrallt hat u. sie mit Strahleaugen anschaut u. verzaubert): Ach, ich glaube nicht, dass die Oberschwester das extra macht. Durch meinen Ausfall muss das Stationszimmer nun mal neu besetzt werden, Gabi. Das ist die wichtigste Anlaufstelle hier im Haus. Es ist eine Ehre, dort arbeiten zu dürfen. Sieh es doch mal so! Und du kennst nun mal die Abläufe. Du hast schon oft dort gearbeitet. Viel mehr wird da nicht dahinterstecken. Glaub mir! Stefanie macht doch auch nur ihren Job. Zu mir war sie vorhin jedenfalls ganz nett, als ich mit Anton bei ihr war, um mich für die nächste Zeit in den Pflegschaftsurlaub zu verabschieden.
Gabi (lässt gefrustet ihre Arme an ihren Seiten herunterfallen): Ja, aber wieso muss ich es denn ausgerechnet sein? Menno, ich hab keine Lust, jeden Morgen als erstes das Arschloch sehen zu müssen, das... Ja, gibt es das denn? Hat der sie noch alle? ... MAAARC!

Schwester Gabi wollte sich gerade weiter über die ungerechte Behandlung durch ihre Chefin und Sklaventreiberin Stefanie Brinkmann auslassen, als ihr sensibles Schwangerschaftsnäschen plötzlich einen ganz bestimmten Geruch wahrnahm, der manchmal noch Entzugserscheinungen bei ihr auslöste, der sie aber heute einfach nur ganz besonders sauer aufstoßen ließ. Und diese sehr markante Duftnote stieg eindeutig von dem schlanken Mann in Weiß an der Brüstung auf, der keine drei Meter von ihr, Sabine und Anton weg stand und geistesabwesend mit Fluppe im Mundwinkel über die noch kahlen Birken in die Ferne starrte, ohne auch nur irgendetwas anderes um sich herum wahrzunehmen. Marcs Gedanken kreisten unentwegt wie die kleinen Rauchkringel seiner mittlerweile dritten Zigarette um seinen Kopf, die er hastig inhaliert hatte, ohne auch nur irgendeine beruhigende Wirkung erzielt zu haben. Sein Herz und sein Puls rasten immer noch unkontrolliert. Sein Blut rauschte in seinen Ohren. Ebenso wie die Stimmen, die erst ganz leise und dann immer lauter durcheinander sprachen. Ein endloses Rauschen. Wie als wenn man eine ganz bestimmte Frequenz im Radio suchte und einfach nicht fündig wurde. Irgendwo aus der Ferne nahm es ihn immer mehr gefangen und er tauchte schließlich ab in den Strudel, der ihn mit aller Gewalt mitriss und seine empfindlichen Synapsen flutete.

https://www.youtube.com/watch?v=w1oM3kQpXRo

Ich... ich... bin... schwanger, Marc.

Herzlichen Glückwunsch, mein Freund!

Jetzt bist du dran.

Atmen nicht vergessen!

Du kriegst das ganze Programm. [...] Du weißt doch, was ich damit meine. Alles halt. Ich kann dir nur noch nicht versprechen, wann. Irgendwann eben. Kannst du damit leben?

Also ähm... das kommt jetzt vielleicht... überraschend... für dich und... ehrlich gesagt, ist es das auch... für mich. Ähm... Ich hab auch absolut keinen Schimmer, wieso ich gerade jetzt so... Ach, ich weiß doch auch nicht. Es ist nur... irgendwie... da und... Ähm... Was ich eigentlich sagen will,... ist Folgendes. Ich hab halt mal darüber nachgedacht... nur so... theoretisch ... und... naja ... wenn du... also wenn du magst, dann ... ich meine, wir könnten schon... also äh... einen Schritt weitergehen. Oder meinst du nicht?

Marc, du musst das nicht wegen mir machen. Wir haben doch alle Zeit der Welt. Wir können warten. - Ich will das nicht wegen dir. Sollte es nicht eher heißen, für uns?

Und falls du es dir doch wieder anders überlegen willst, dann... Ich kann das verstehen. Ich wäre dir auch nicht böse. Das... das kommt schließlich alles so plötzlich. Und ich... Also, nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich will das wirklich. Ich kann mir nichts Schöneres auf der Welt vorstellen. Ein Baby mit dir, das... das ist mein allergrößter Traum. Immer schon. Das weißt du. Aber... ich kenn dich. Du bist einfach nicht der Typ, der von einem Moment auf den anderen solche weit reichenden Entscheidungen trifft. Das ist keine OP, die nach fünfundvierzig Minuten mit einem stabilen Patienten vorbei ist, der dann nach drei Tagen entlassen werden kann. Wenn es erst einmal da ist, dann gibt es kein Zurück mehr, Marc. Dann haben wir Verantwortung. Unser ganzes Leben lang. Wenn wir uns endgültig dafür entscheiden, dann will ich, dass wir beide bereit sind und... - Stopp! Ich mache keinen Rückzieher, wenn du das denkst. Ich bin mir sicher. So sicher wie ich mir war, als ich diese blonde besserwisserische Nervensäge in meinen OP und in mein Haus ... unser Haus geholt habe. Glaub mir, ansonsten hätte ich sicherlich die Klappe gehalten.

Mann, das weiß ich doch alles selber. Das ist weder eine Laune, noch ein Unfall. Obwohl, das letztere vielleicht schon, keine Ahnung, aber das ist ja jetzt auch egal. Passieren wird’s eh auf kurz oder lang. Ich weiß sehr wohl, dass, wenn wir das erst einmal durchziehen, es kein Rückgaberecht mehr gibt so wie bei deiner Kröte, die ich sofort wieder bei dir abgebe, wenn sie mir zu viele neunmalkluge Fragen stellt, was nebenbei bemerkt manchmal wirklich schon nah an der Grenze ist. Schenke ihr mal ein Lexikon... oder so! Weißt du, ich bin mittlerweile einfach bei dem Punkt angekommen, dass ich das alles nicht mehr in Frage stelle. Mir war von Anfang an klar, dass das alles irgendwann auf mich zukommt. Wir wissen beide, wie sie tickt. Nur das ganze Programm oder gar nicht. Und solange es noch weit weg war, war es auch völlig okay für mich. Das war ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass die Schublade noch ein Weilchen geschlossen bleiben würde. Kein Druck von niemandem. Außer vielleicht von ihrer hysterischen Mutter, aber die ist ja auch irgendwie von einem anderen Stern. Egal, die kümmert sich eh grad anderweitig um Enkelkinder. Was ich eigentlich sagen will. Ich bin mir einfach mittlerweile sicher, dass ich... dass es sich vielleicht ganz gut anfühlen könnte, wenn da noch was wäre, was von uns beiden, was zu einem aufschaut und... Keine Ahnung, du hast doch auch so ein Ding. Du weißt schon, was ich meine. Wir wollen das. Das war eine gemeinsame Entscheidung und die ist noch ganz frisch. Also nerv uns bitte nicht mit deinen Fragen und dummen Ratschlägen. Wir müssen das selber erst einmal auf die Festplatte bekommen. Alles, was ich momentan weiß, ist, dass ich es will. Ob ich es dann am Ende auch kann, das ist eine andere Sache. Eigentlich ganz beruhigend zu wissen, dass die ganze Schose dann erst mal neun Monate dauert.

Hey, das ist doch nicht schlimm. Wir haben doch alle Zeit der Welt. Dann versuchen wir es eben wieder. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Bis ein Schwimmer das Ziel erreicht hat. - Wirklich? Du willst immer noch? Aber... - Kein Aber! Beschlossen ist beschlossen. Ein Meier hält seine Versprechen. Wir werden ein Baby haben. Früher oder später. Ganz bestimmt. Und es wird wunderschön aussehen. So schön wie du.

Hmm... Meine Frau! Was ist falsch daran, seine Frau glücklich zu machen, wenn es einen selbst auch glücklich macht? Dafür steht sowohl mein Versprechen am See, das nach wie vor seine Gültigkeit hat, als auch der Ring, der das alles symbolisiert. Gerade heute, wo alles irgendwie... du verstehst schon. ... Damit du immer weißt, wo du hingehörst und wohin unser Weg geht, der noch nicht vorgeschrieben ist. Und das ist auch gut so. Ich mag unser Tempo und mir ist scheißegal, was andere davon halten. Dafür brauche ich keinen Behördenwisch, der dann in irgendeiner Schublade mit den Jahren vergammelt. Das weiß ich auch so. Aber ich weiß auch, was du dir insgeheim seit unseren Spielplatzzeiten wünschst. Ich versperre mich davor ja auch gar nicht. Ich meine nur, alles hat seine Zeit und du kannst den Ring so interpretieren, wie du es dir gerade wünschst. Das ist alles. - Dann bin ich gerne mit dir „verheiratet“, Herr Dr. Meier. - Und ich mit Ihnen, Frau Dr. Meier.

Gretchen, ich meine damit, dass wir lange genug nur darüber gesprochen und die Für und Wider tausendmal abgewogen haben und es langsam mal an der Zeit wäre, Tatsachen zu schaffen. Findest du nicht? Egal, welche Störfeuer da gerade um uns herum brennen und alles niedermetzeln, das ist deren Problem und es ändert nichts an der Grundentscheidung. Die steht nämlich. Oder schon vergessen, was Dr. Meier sagt, ist Gesetz. Er meint nämlich im Gegensatz zu vielen anderen, die meist nur dummschwätzen, das, was er sagt. Schreib dir’s am besten als Merksatz in dein Poesiealbum! [...] Haasenzahn, das Denken für mich übernimmt mal lieber der, der sich am besten damit auskennt, hmm? Weißt du, Kleines, wenn wir weiter in dem Tempo so weitermachen, wie du mich immer zutexten willst, dann gehen wir am Krückstock, bis es passiert, und ich hab echt keinen Bock, im Kindergarten als Opa beschimpft zu werden. Es ist schlimm genug, dass die Mini-Hassi denkt, ich sei steinalt.

Mann, ich verstehe nur nicht, warum du es auf einmal so eilig hast mit einem Kind. Wir hatten doch beschlossen, es einfach auf uns zukommen zu lassen. Wieso jetzt die Eile? Weil gerade zufällig eins verfügbar ist? Einfach den Bestellhaken drücken und fertig? Oder weil all unsere Freunde gerade in ganz anderen Sphären herumschweben? Was tangiert uns das? Mann, wir haben doch alle Zeit der Welt. - Du willst das immer noch? - Äh... ja!? Wenn ich was sage, dann meine ich es in der Regel auch so. Moment! Warst du deshalb so eingeschnappt? Hast du etwa gedacht, dass ich einen Rückzieher mache, nur weil mir deine Überrumplungspläne zu schnell gehen? Haasenzahn, was geht denn nur in dir vor? Ich komm überhaupt nicht mehr mit.

Haasenzahn, wir werden eine Familie haben. Irgendwann. Ganz bestimmt. Das ist so sicher wie mein großartiges Talent im OP und deine Sucht nach allem, was viel Zucker und Kakao enthält. Aber nicht so. Nicht so überstürzt. Die Natur hat das nicht ohne Grund so eingerichtet, dass das alles neun Monate Zeit braucht. [...] Haasenzahn, wenn ich könnte, würde ich dir jeden Wunsch der Welt erfüllen. Das weißt du. Ich würde alles für dich machen. Dir die Scheißsterne vom Himmel holen, dir meine wichtigsten OPs überlassen, mit dir zu Take That oder in die nächste scheußliche Hollywood-Schmonzette gehen oder nackt in den nächsten See hüpfen und noch viel mehr. Aber das, das ist mir eine Nummer zu groß. Ich kann das nicht. Du magst vielleicht soweit sein, aber ich bin es nicht.

Ich liebe dich so sehr, Marc.

Ich dich doch auch, Haasenzahn. Dass man dir das auch immer sagen muss!

[...] Stimmungsschwankungen, deine immerwährenden Zweifel und Unsicherheiten, die überhaupt nicht angebracht waren, deine Übellaunigkeit manchen Kollegen gegenüber, die so überhaupt nicht zu dir passt, dein Starrkopf und deine Uneinsichtigkeit bei der Geschichte mit Anton [...].

Es gibt nur diese eine Erklärung und die... die ist so... unfassbar schön. Schöner als alles, was ich mir je in meinen Träumen zusammen gesponnen habe. Ich... ich... bin... schwanger, Marc.

Wir haben schließlich beide Verantwortung, hmm.

Ich... ich... bin... schwanger, Marc.

Schwanger!

Schwanger?

Schwanger!

Wie jetzt? Jetzt doch oder wie? Aber das ist doch...

Atmen nicht vergessen!

Haasenzahn ist schwanger!

Mein Haasenzahn!

Sie ist...

Das... das heißt... Wir... Ich und sie... Oh Mann!

Ich... ich... werde... Vater! Ein echter, leibhafter Vater wie Dad und wie Lillys Dad!

Willkommen im Club!

Vater!

Vater?

Ach, du liebe Güte!

Maaarc, du bist so ein riesiges Arschloch!

Was?


Gabi: Marc, du Arschloch! Hast du keine Augen im Kopf? Siehst du Hohlbirne nicht, dass wir hier mit einem Kleinkind stehen? Wie kannst du da deine Scheißzigaretten rauspacken und uns hier zuquarzen? Der Rauch zieht genau in unsere Richtung. Das ist doch Absicht, du Scheißkerl. Hast du überhaupt kein Verantwortungsgefühl?

Abrupt aus seinem tiefen Gedankenwirrwarr gerissen schaute Marc Meier plötzlich auf, wandte sich irritiert um und blickte der mittlerweile wutrot angelaufenen Krankenschwester, mit der ihn nichts mehr verband als sein bester Freund, den er, so wie es ausschaute, auf ewig mit ihr würde teilen müssen, direkt in die wild aufblitzenden grünen Augen, welche im Stande waren, ihn zu töten, wenn er nur lange genug hineinsah. Ohne auch nur eine Miene zu verziehen, schnipste der plötzlich ganz ruhig und gelassen wirkende Chirurg seine aufgerauchte Kippe über die Balustrade, drückte Mehdis perplexer Freundin seine halbleere Zigarettenpackung samt Feuerzeug in die Hand und lief anschließend eilig an ihr und Sabine vorbei, die ihren Vorgesetzten ebenfalls mit großen Augen verfolgte, zurück in die Cafeteria, wo bereits reges mittägliches Treiben herrschte.

Marc: Du hast Recht! Hier! Brauch ich nicht mehr. Kannste behalten!

Als hätte sich mit einem Mal ein innerer Schalter umgelegt, rannte Dr. Meier los, so schnell ihn seine noch wackeligen Beine trugen, und er durchquerte in Windeseile im Zickzackkurs, da er immer wieder jemandem ausweichen musste, den Essensbereich. Und Gabi, die mit so einer abrupten Reaktion überhaupt nicht gerechnet hatte, schaute erst verstört auf die zerknitterte rechteckige Verpackung in ihren Händen, dann sah sie durch die offene Tür in die Kantine, wo mindestens zwei Duzend Kollegen und Kolleginnen sich ihrem wohlverdienten Mittagessen widmeten, voll beladene Tabletts balancierten und sich angeregt miteinander unterhielten, ohne auf den eiligen Arzt zu reagieren, der gerade um die nächste Ecke verschwunden war. Denn das war in einem Krankenhaus schließlich keine Seltenheit. Zwei Krankenschwestern, die plötzlich außer Rand und Band gerieten, dagegen schon.

Gabi (bläkt dem unverschämten Oberarzt aufgebracht hinterher): Ey, hast du sie noch alle! Wie kannst du einer Schwangeren Zigaretten in die Hand drücken? Dir sollte man die Lizenz entziehen, also die Approbation, meine ich. Unverschämtheit!
Sabine (quietscht abrupt auf, sodass auch Anton kurz verwirrt zusammenzuckt u. sie nun mit immer größer werdenden Kulleraugen ansieht): Du bist SCHWANGER, GABI?

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, als Sabines hysterische Kreischstimme plötzlich verstummte. Sämtliches Geschirr- und Besteckgeklimper war mit einem Mal verklungen. Es war totenstill in der sonst so hektischen Cafeteria des Elisabethkrankenhauses. Alle Unterhaltungen waren eingestellt worden. Nur die Ohren waren gespitzt und sämtliche Köpfe der anwesenden Kantinengäste hatten sich schlagartig zur Dachterrasse umgewandt und hatten Gabi und Sabine neugierig ins Visier genommen, was diese erst nach und nach registrierten.

Gabi (zynisch): Danke Sabine, ich glaube, die da hinten in der Ecke haben’s noch nicht gehört.

Während Mehdis Lebensgefährtin am liebsten im Erdboden versunken wäre, starrte ihre Freundin Sabine sie immer noch ganz entgeistert an und dann platzte die Freude endlich aus ihr heraus. Schließlich hatte sie keine Ahnung gehabt. Mit Anton unter den einen Arm geklemmt, zog sie Gabi in eine innige Umarmung, die nur widerwillig von ihr erwidert wurde. Mehdi würde ihr den Kopf abreißen, wenn er erfuhr, wie das Lauffeuer, das sich garantiert in den nächsten Minuten in Windeseile im gesamten EKH verbreiten würde, entzündet worden war. Zumindest wäre damit jetzt das Problem gelöst, wie man die frohe Botschaft hätte mitteilen können, bevor die immer runder werdende Murmel für alle Welt sichtbar wurde und das damit einhergehende Getuschel erst recht losgetreten worden wäre. In diesem Sinne hatte es vielleicht doch sein Gutes, dass Sabine so verpeilt war.

Sabine (schaut sie ganz verklärt an): Gabi, aber das ist doch wunderbar.
Gabi (verdreht genervt die Augen u. lässt die unfreiwillige Nähe dann doch zu): Ja, erkläre das mal Oberschwester Stefanie, die guckt schon wieder ganz finster. Ein Glück, dass ich diese ganzen Mutterschaftsrechte habe. So kann sie mich wenigstens nicht rausschmeißen, wenn ich ihr noch lästiger werde.
Sabine (lässt ihre grummelige Freundin wieder los u. strahlt mit der Sonne, die sich im Fenster spiegelt, um die Wette): Ach, lass sie doch! Stefanie ist doch bloß neidisch und sauer, weil der Dr. Fuchs noch nicht soweit ist und ihre innere Uhr immer lauter tickt. Hab ich von Schwester Sigrun gehört.
Gabi (hebt abwehrend ihre beiden Hände u. dreht sich vom Präsentierteller, dem Fenster, das in die Cafeteria zeigt, weg): Ja, toll, das sind wiederum Infos, die ich nun wirklich nicht gebrauchen kann.
Sabine (gerät regelrecht ins Schwärmen u. wippt fröhlich von einem Bein zum anderen, was ganz besonders Anton gut gefällt, der quietschend vor sich hin gluckst): Hach... wie schön, so viel neue Energie für eine positive Zukunft. Ich hab’s gewusst. Die Sterne stehen gerade so günstig wie schon lange nicht mehr. Ich hab Anton. Du und Dr. Kaan, ihr werdet Eltern. Die Frau Dr. Hassmann ist auch schwanger, angeblich von Dr. Stier, mit dem sie schon einmal verheiratet war, hast du das gewusst, aber psst! Bei der Frau Dr. Ebersbusch ist es auch ganz bald soweit. Die geht ja Ende nächster Woche schon in den Mutterschutz. Ja, und die Frau Doktor, die... Für sie ist es... Oh! ... Oooohhh? ... Oh! Oh!

Mitten in ihrer überschwänglichen Rede über das ganz, ganz große Glück, welches sich gerade ganz besonders günstig an ihrer geliebten Arbeitsstätte versammelt hatte, verstummte Schwester Sabine plötzlich. Sie hatte auf einmal ein ganz genaues Bild im Kopf, das sie nicht wieder losließ. Ihre Augen wurden immer größer und größer und dann fiel plötzlich der Groschen. Er rollte noch einen Moment auf seinem dünnen Rand über den Terrakottaboden der Terrasse, drehte sich zweimal tanzend im Kreis, bis er langsam mit dem Kopf nach oben auf dem dunklen Rot liegen blieb. Die Hobbyesoterikerin schaltete sofort und drückte ihrer perplexen Freundin abrupt Anton in die Arme und schon war sie durch die Tür, ehe Gabi überhaupt darauf hätte reagieren können.

Sabine: Oh du meine Güte, wie konnte ich das nur übersehen? Wir sind Blutsschwestern! Das ist es, was in ihrem Horoskop gestanden hat. Plötzlich lüftet sich der Nebel. Aber klar doch! Das Ergebnis war für sie bestimmt. Ich muss Gretchen suchen. Passt du bitte einen Moment auf meinen Schatz auf! Danke!
Gabi: Äh... Was? ... Sabine? ... Was fährt sie denn jetzt für einen Film?

Gabi hielt den kleinen Zappelphilipp mit ausgestreckten Armen vor ihrem Körper fest und guckte der davoneilenden Krankenschwester mit heruntergeklappten Mundwinkeln ungläubig hinterher. Dann blickte sie Anton verstört ins Gesicht, der sie gerade aufmerksam studiert und für gut befunden hatte, seufzte und drückte ihn schließlich kopfschüttelnd an ihrer Brust. Zum Glück verhielt er sich ruhig, dachte Mehdis Freundin nur durcheinander, ehe sie dem Baby ganz ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit schenkte.

Gabi: Na, du... Pechvogel, bist du dir sicher, dass du die da wirklich als Mami willst? Noch würde sich bestimmt was regeln lassen. Ich sag dir das nur im Vertrauen, aber Bine ist komplett verrückt, na ja, aber zumindest nicht annähernd so durchgeknallt wie ihr Mann, also, dein neuer Papi. Ich hoffe, du weißt, worauf du dich da eingelassen hast, kleiner Freund.

Gabi schloss ihre Augen und schmunzelte über sich selbst. Was machte sie hier eigentlich? Der Kleine war doch noch lange nicht soweit, dass er Widerworte geben konnte. Obwohl, das hatte natürlich schon sein Gutes. So abgelenkt, bemerkte Antons neue große Freundin nicht gleich, wie sich ihr jemand von der Cafeteriatür aus näherte und sie belustigt von der Seite musterte.

Cedric: Na, Schwester Gabi, üben Sie schon?
Gabi (schlägt ertappt ihre Augen wieder auf u. blinzelt gegen die Sonne an, die ihr die Sicht auf den arroganten Arzt versperrt, der sich grinsend vor ihr aufgebaut hat): Was? Quatsch! Keine Ahnung, was da schon wieder mit Sabine los ist. Sie kennen sie ja mittlerweile auch. Wahrscheinlich hat jemand ihre Tarotkarten falsch gelegt, was weiß ich. Eigentlich müsste ich schon längst wieder auf Station sein und jetzt hab ich auch noch den Kleinen am Hals.
Cedric (lächelt den kleinen Mann auf ihrem Arm an u. dann Gabi): Steht Ihnen aber.
Gabi (mustert Dr. Stier misstrauisch, als er sich lässig mit der Schulter an der Fensterscheibe abstützt): Was schleimen Sie hier eigentlich so herum, Dr. Stier?
Cedric (tut so, als könnte er kein Wässerchen trüben): Ich? Ich wollte Ihnen nur gratulieren.
Gabi (der Groschen fällt u. sie verdreht die Augen): War ja klar. Sie haben Sabine gehört?
Cedric (lacht): Wer hat das nicht. Also, noch mal, Glückwunsch, Schwester Gabi!
Gabi (bleibt skeptisch u. lehnt sich nun ihrerseits gegen die Scheibe): Wieso sind Sie auf einmal so freundlich? Ach, warten Sie, jetzt verstehe ich. Sie checken die Lage aus.
Cedric (eine Augenbraue zuckt verdächtig u. verrät ihn unbewusst): Ich weiß nicht, was Sie meinen.
Gabi (ein triumphierendes Lächeln schleicht sich auf ihre Mundwinkel): Ach kommen Sie! Sie wollen doch bloß herausfinden, ob es tatsächlich stimmt. Da muss ich Sie aber leider enttäuschen.
Cedric (kann ihr nicht richtig folgen u. runzelt die Stirn): Wie bitte?
Gabi (klärt ihn mit herausforderndem Blick auf): Mehdi, also Dr. Kaan, ist und war nie eine Gefahr für Sie. Wann geht das eigentlich mal in ihren Dickschädel rein, hmm?
Cedric (guckt sie an wie ein Postauto): Bitte?
Gabi: Also lassen Sie endlich Ihren albernen und völlig grundlosen Hahnenkampf mit ihm sein. Er interessiert sich nicht für Ihre Frau, oh Entschuldigung, Ihre Exfrau. Glauben Sie mir, ich hab schon lange ein Auge darauf und das nicht erst, seitdem ich von ihm schwanger bin. Da ist nichts und wird auch nie wieder etwas sein. Also bitte werden Sie endlich erwachsen und... Oh nein! Riechen Sie das auch? Das ist ja widerlich. Was hat Sabine ihm denn zu essen gegeben? Igitt!

Schwester Gabi bekam plötzlich ein ganz flaues Gefühl im Bauch. Sie drückte dem perplexen Neurochirurgen, der ihre Ansprache noch gar nicht richtig hatte verdauen können, das Baby in die Arme und hielt sich selbst die Hand vor die Nase. Erst quälender Zigarettenrauch, dann diese schreckliche Stinkbombe, die ihre olfaktorischen Sinne wegätzte, das war eindeutig zu viel. Sie spürte es schon kommen und musste handeln. Schnell.

Gabi: Sie... Sie kennen sich doch bestens mit so was aus. Windeln und Babypuder sind in der Tasche im Kinderwagen. Ich... ich muss... Ich hätte vorhin nicht so viel essen sollen. Das rächt sich jetzt. Verdammt! Nicht schon wieder. Ich dachte, ich hätte das endlich hinter mir. Ich... bin dann mal weg.

Und schon hatte die schwangere Krankenschwester im Spurt die Kantine durchquert. Verfolgt von unzähligen neugierigen Augenpaaren. Unter ihnen auch die von Cedric und Anton, die Gabi verwirrt nachblickten, als sie um die nächste Ecke hetzte und schließlich ganz aus ihrem Blickfeld verschwand. Dann sahen sich die beiden Jungs, die nun alleine auf der Dachterrasse zurückgelassen worden waren, tief in die Augen.

Cedric: Tja, wieso bleibt das eigentlich immer an uns Männern haften, hmm? Genau, mein kleiner Freund, weil wir die Vernünftigeren der menschlichen Spezies sind. Gerade hier in diesem Irrenhaus ist das sehr von Vorteil, lass dir das gesagt sein, falls du es tatsächlich längerfristig hier aushalten möchtest. Puh! Was dünstest du hier eigentlich aus? Hilfe! Kein Wunder, dass die sexy Schwester ihre Beine in die Hand genommen hat. Okay, dann... ja, dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, hmm? Dann machen wir dir mal schön den Popo wieder sauber. Lindert vermutlich auch den nächsten drohenden Anschiss der verrückten Frauenschaft hier im Haus. Davor ist man offenbar nirgendwo gefeit. Als ob ich irgendetwas gegen Dr. Kaan hätte. Tzz... Wie kommt die denn da drauf?

Cedric legte den kleinen Mann, der ihm arglos zugehört hatte, behutsam zurück in den blümchenbestickten orangefarbenen Kinderwagen, löste dessen Bremse mit einem versierten Fußtritt, schob diesen im Anschluss mit dem Selbstbewusstsein eines Bald-Dreifachvaters durch die neugierigen Tischreihen in der Cafeteria, die sofort zu tuscheln begannen, nachdem er fröhlich pfeifend an ihnen vorbeimarschiert war, und machte sich flink auf den Weg zum nächsten Wickelraum, sprich der Damentoilette im siebten Stock, wo er auch wieder auf die Meckerschwester von eben traf, die sich kraftlos am Waschbecken abstützte und diesmal doch recht kleinlaut auf ihn wirkte, als sie ihm dann doch noch beim Wickeln von Sabines Pflegekind half.

Lorelei Offline

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21.03.2015 13:56
#1522 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Recht kleinlaut sollte zur selben Zeit auch noch jemand anderes agieren. Nämlich vier Stockwerke tiefer. In der Praxis von Dr. Mehdi Kaan, seines Zeichens passionierter Oberarzt der Frauenheilkunde und Ratgeber in allen Not- und Lebenslagen in Personalunion. In eben jener Doppelfunktion saß dieser nämlich immer noch neben seiner neuen Patientin, die gleichzeitig auch seine engste und beste Freundin war, hielt in der einen Hand eine Tempobox und zupfte mit der anderen immer wieder ein neues Taschentuch aus eben jener bunten Papierschachtel, welches dankbar seine entsprechende Verwendung fand. Gretchen schnäuzte noch einmal ausgiebig in das von ihm hingehaltene Taschentuch, tupfte sich noch damit das zart gerötete Näschen und lächelte anschließend, nachdem sie es zu den anderen Papierknäulen geworfen hatte, welche nicht den Papierkorb unter Mehdis Schreibtisch getroffen hatten, ihr charmantes und sehr aufmerksames Gegenüber verlegen an.

Mehdi: Geht’s wieder?
Gretchen (guckt betreten auf ihre ineinander gefalteten Hände auf ihrem Schoß): Tut mir leid! Mit mir sind nur gerade... irgendwie...
Mehdi (erwidert ihr verlegenes Lächeln): ...die Emotionen ein bisschen durchgegangen?
Gretchen (schaut schüchtern auf): Ist das so offensichtlich?
Mehdi: Gretchen, nun guck mal auf das Schild! Was steht denn da, hmm? Doktor der Gynäkologie steht da. Ich hätte meinen Job verfehlt, wenn ich nicht wüsste, was sich gerade hier drin und hier abspielt.

Mit einem verschmitzten Lächeln zum Dahinschmelzen deutete Mehdi auf das kleine Namensschildchen an der Brusttasche seines Kittels und tippte anschließend mit seinem Zeigefinger einmal vorsichtig gegen Gretchens Schläfe und zeigte danach auf ihr Herz, das tatsächlich gerade einen Purzelbaum nach dem anderen unter ihrer Brust schlug. Die aufgewühlte Assistenzärztin wischte sich mit einem neuen Taschentuch die letzten Tränenreste aus den Augenwinkeln und dann strahlte sie ihren besten Freund, der einfach immer genau wusste, was in ihr vorging, auch schon wieder an wie die Frühlingssonne, die gerade durch das Fenster schien.

Gretchen: Danke!
Mehdi (jetzt ist er derjenige, der verlegen wird): Gar nichts für, Gretchen. Das gehört alles zum Rundumsorglosprogramm, das dir ab sofort ohne Einschränkungen zur Verfügung steht. Als dein bester Freund natürlich und als dein Arzt. Wenn du denn überhaupt möchtest, dass ich diese Rolle übernehme?
Gretchen (blickt ihn ganz überrascht an, nimmt seine Hand u. drückt diese sanft zur Bestätigung): Das steht doch gar nicht zur Debatte, Mehdi. Und falls sich Marc querstellen sollte, dann weiß ich ihn schon zu handeln.
Mehdi (neckt sie mit einem frechen Grinsen): Nicht? Ich will nur nicht, dass es vielleicht komisch wird.
Gretchen (schaut ihn mit ihren großen leuchtend blauen Augen an): Weil wir uns mal näher standen, als es unter dicken besten Freunden eigentlich üblich ist?
Mehdi (sein Grinsen wird immer breiter): Vielleicht. Das dick will ich aber nicht gehört haben.
Gretchen (grinst auch, wird dann aber schnell wieder ernst): Findest du es denn komisch?
Mehdi (sieht ihr ehrlich in die unsicher hin und her huschenden Augen): Nein, ganz und gar nicht.
Gretchen (nimmt seine Hand zwischen ihren beiden Händen in ein Sandwich u. strahlt ihn an): Ich auch nicht. Mehdi, du hast mir die Augen geöffnet. Wie könnte ich dich nicht als Begleiter durch dieses riesige Abenteuer wollen. Ich vertraue dir. Und Marc wird dich auch brauchen. Das ist so sicher wie der Zustand, in dem ich mich gerade befinde. Wer weiß, wie lange ich ansonsten noch wie ein blindes Huhn hier über die Flure gerannt wäre, wenn du nicht gewesen wärst und eins und eins zusammengezählt hättest.
Mehdi (lacht): Nicht mehr lange, du blindes Huhn, du.
Gretchen (lässt seine Hand los u. guckt verdutzt an sich herunter): Meinst du? Sieht man etwa schon etwas?
Mehdi (schmunzelt): Ich glaube, der modische Vorteil, den ein Arztkittel mit sich bringt, ist dir bekannt, oder?
Gretchen (klatscht ihm kichernd auf den Arm): Spinner!
Aber wo er Recht hat, hat er Recht. ... Wow! Ich kann das immer noch kaum begreifen. Wenn nur Marc hier wäre!
Mehdi: Aber ich kann dich auch gerne untersuchen, wenn du magst? Und dann schauen wir uns das Wunder mal genauer an, hmm?
Gretchen (ihre Augen beginnen augenblicklich zu leuchten u. ihr Herz fängt wie wild zu klopfen an): Ja, bitte!
Mehdi (steht prompt von seinem Stuhl auf u. reicht Gretchen gentlemanlike seine Hand, um ihr ebenfalls aufzuhelfen): Gut, dann machen wir das so! Leg dich bitte schon einmal auf die Liege! Ich mache das Ultraschallgerät startklar.

Im selben Moment, wie es sich Gretchen mit klopfendem Herzen auf der Patientenliege bequem machte und Mehdi das Ultraschallgerät heranzog und einschaltete, wurde unvermittelt die Zimmertür aufgerissen. Der unangemeldete Besucher, der ganz außer Atem zu sein schien, blieb für eine kurze Minute am Türrahmen gestützt stehen und analysierte mit seinem messerscharfen Verstand die Situation, während Gretchen und Mehdi sich irritiert zu dem Störenfried umblickten. Als sie erkannten, wer sich hier so dreist Zugang zu dem Sprechzimmer von Dr. Kaan verschafft hatte, legte sich ein breites Strahlen sowohl auf Gretchens als auch auf Mehdis Gesicht. Er hatte sich also wieder eingekriegt. Halleluja! Es geschahen noch Zeichen und Wunder. Welch ein Zufall, dass dies gerade mehr als deutlich zutraf, dachte Mehdi nur schmunzelnd, während Gretchen ihren Liebsten überglücklich anhimmelte.

Gretchen: Marc!
Mehdi: Na, mein Freund, alles klar? Du kommst wie aufs Stichwort. Wir wollten gerade einen Ultraschall machen. Komm ruhig heran! Nicht so schüchtern!

Marc hatte die beiden ihm bestens vertrauten Stimmen zwar irgendwo in den Tiefen seines Unterbewusstseins vernommen, aber er stand immer noch wie angewurzelt in der Tür und rührte sich keinen Zentimeter. Wie hypnotisiert starrte er in Gretchens strahlende Kristalle, die ihn fröhlich anfunkelten und einluden, näher zu kommen. Erst als sie ihm ermutigend zuzwinkerte und sich wieder hinlegte, erfasste sein Hirn, um den unmittelbaren Augenkontakt beraubt, endlich die Situation, in die er wie der Elefant in den Porzellanladen hineingeplatzt war. Der leicht durcheinander wirkende Oberarzt schob die Tür hinter sich zu und marschierte schnurstracks auf seinen grinsenden Kollegen zu, schupste ihn ruppig zur Seite und entriss ihm so schnell die Untersuchungsgerätschaften, dass Mehdi gar nicht gleich reagieren konnte. Mit offenem Mund verfolgte der Halbperser seinen offenbar verrückt gewordenen Freund bei seinem seltsamen Treiben, das ihn für einen kurzen Augenblick sprachlos machte. Und nicht nur Mehdi ging es so.

Marc: Finger weg! Du behältst deine Drecksgriffel schön bei dir! Ich mach das!
Gretchen: Marc!

...wollte Gretchen ihren übergriffigen Lebensgefährten noch stoppen und zur Raison bringen, aber Mehdi war seiner besten Freundin bereits zuvorgekommen. Der sanftmütige Frauenarzt dachte nämlich nicht im Traum daran, sich so dreist aus seiner eigenen Praxis verdrängen zu lassen. Er wusste aus Erfahrung, welche Emotionen hier gerade wirklich zu Gange waren. Und das hatte rein gar nichts mit medizinischer Kompetenz oder ärztlichen Hierarchien zu tun. Und was der Meier konnte, das konnte er schon lange. Dr. Kaan baute sich also, groß gewachsen wie er war, vor dem unverschämten Chirurgen auf, der ihn, als er ihn nicht gleich zu Gretchen lassen wollte, mit giftgrünen Blitzen traktierte, nahm ihm selbstbewusst das entwendete Werkzeug wieder ab und erdreistete sich sogar, das blitzblank polierte Arztschild, welches Marcs Brusttasche zierte und ihn als Obergott der Götter in Weiß identifizierte, zu konfiszieren. Dr. Meier, äh... jetzt Herr Meier ohne entsprechenden Titel, konnte gar nicht so schnell gucken, wie er von seinem skrupellosen Kumpel vorgeführt, entwaffnet und komplett nackig gemacht worden war. Äh... rein symbolisch gesprochen, versteht sich.

Mehdi: Stopp, Marc! Mit dem Betreten dieser, meiner heiligen Hallen verliert das hier seine Gültigkeit. Zumindest vorübergehend. Du kriegst es eventuell wieder, wenn du mich ganz nett darum bittest oder wir uns ein Bierchen auf diesen so überraschend wundervollen Tag genehmigen. Der Oberarzt und Chirurg von Gottes Gnaden bleibt vor der Tür. Dein Job ist nämlich nicht hier am Ultraschallgerät. Kapiert? Dein Job ist folgender, Marc Meier. Du wirst dich jetzt schön hier hinsetzen und deine überdimensional große besserwisserische Klappe und maximal Gretchens Händchen halten. Mehr nicht! Meinst du, du kriegst das hin? Oder muss ich dich etwa noch sedieren, mein Freund? Glaub mir, ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt, ich würde es tun.
Marc: Ääähhh...

In einer Überrumplungsaktion sondergleichen hatte Mehdi seinen verdutzten Freund um Gretchens Liege herumbugsiert und ruppig auf einen Hocker herunter gedrückt. Marc, dessen Schultern durch Mehdis festen Griff immer noch ein leichtes Ziehen nachspüren ließen, war absolut sprachlos angesichts dieser unvermessenen Dreistigkeit, die er so noch nicht von seinem sonst so friedliebenden Langweilerkumpel erlebt hatte. Aber ein Blick in Gretchens leuchtende Augen, die ihn ganz genau beobachteten und auch neckten, ließ ihn alles um sich herum vergessen. Marc ließ jeglichen, ihm in die Wiege gelegten Widerstandwillen fallen und griff ganz automatisch nach Gretchens Hand, führte sie lächelnd an seinen Mund und drückte ein sanftes Küsschen auf ihren Handrücken, ehe er sich, ihre Hand immer noch fest im Griff, mit seinen Ellenbogen auf ihrer Liege abstützte und sein Mädchen keine Sekunde mehr aus den Augen lassen konnte. Gretchen ging es genauso. Verliebt schmachtete sie ihren verhinderten Helden an und konnte nicht anders, als sich noch einmal aufzurichten, um ihren Traumprinzen anständig zu küssen. Sie hatte ihm vertraut und sie hatte Recht behalten. Er würde zu ihr stehen. Immer. Sie würden dieses Abenteuer gemeinsam meistern. Jede einzelne Etappe, egal, wie sich diese letztendlich gestalten würde. Natürlich auch mit unterstützender Hilfe von Mehdi, der sie, falls nötig, immer wieder in die richtigen Bahnen lenken würde.

Gretchen: Hey?
Marc (lächelt verlegen, als er sich von ihren zarten Lippen löst): Hey!
Gretchen (genießt glücklich die Schmetterlinge in ihrem Bauch): Du bist da!
Marc (ärgert sich sichtlich über seine dumme Reaktion von vorhin): Sorry!
Gretchen (nimmt ihm überhaupt nichts übel, außer vielleicht eine Sache): Du schmeckst nach Schulhofraucherecke.
Marc (wird doch tatsächlich ein bisschen rot): Ekelt’s dich sehr?
Gretchen (schmachtet ihn trotz des widerlichen Nachgeschmacks einfach nur an): Es hält sich noch in Grenzen. Aber du kannst mir und dir ja später noch einen Kaugummi spendieren. Du kennst dich ja mit diesen Automaten ganz besonders gut aus.
Marc (spürt die Last auf seinen Schultern u. blickt ihr ernst ins Gesicht): Ich musste mal raus.
Gretchen (lächelt verständnisvoll): Ich weiß.
Marc (mustert sie ganz erstaunt): Alles gut?
Gretchen (verliert sich in seinem intensiven Blick): Verrat du’s mir!
Marc (reagiert merklich nervös): Äh... weiß nicht. Das alles ist... ähm... na ja...
Gretchen (spürt genau, wie er sich gerade fühlt, u. drückt zärtlich seine schweißige Hand, um ihm zu signalisieren, dass es ihr genauso geht): Ja! Das ist es! Ich bin auch ganz aufgeregt.
Marc (fährt sich aufgewühlt mit seiner freien Hand über sein Haar u. massiert sich dann seinen verspannten Nacken): Aufgeregt ist gar kein Ausdruck.
Gretchen (verliert gerührt ein kleines Tränchen, als sie ihm tief in die Augen blickt): Ehrlich?
Marc (packt mit beiden Händen ihren Kopf u. zieht diesen zu einem erneuten Kuss heran): Komm mal her! Das hätte ich Idiot vorhin schon machen sollen.

Die beiden waren so sehr mit sich beschäftigt, dass sie gar nicht mehr mitbekamen, dass sie eigentlich gar nicht alleine waren. Dr. Kaan hatte mittlerweile alles bereitgestellt für die Untersuchung und wippte leicht ungeduldig auf der Stelle hin und her und wusste nicht so recht, wo er jetzt hinblicken sollte. Aber er gönnte seinen Freunden natürlich diesen Moment. Er wurde selbst gerade Vater, da konnte er sich bestens in die beiden hineinfühlen. Dieses überwältigende Gefühl kannte nun mal keine Grenzen. Wohlwollend ruhten seine zufriedenen kastanienbraunen Augen auf dem sich innig küssenden Paar. Er dachte an Lilly, Gabi und das Kleine, das sie unter ihrem Herzen trug, und war einfach nur glücklich. So glücklich wie schon lange nicht mehr.

Mehdi: Stört euch bitte nicht an mir! Ich kann auch gerne noch einmal rausgehen und wir machen später erst eine Nahaufnahme von eurem Wunderstern?
Gretchen (löst sich endlich von Marcs weichen Lippen u. guckt verlegen zu Mehdi hoch; ihre Wangen glühen): Nein, nicht mehr länger warten! Ich hab schon viel zu viel verpasst.
Mehdi (schmunzelt über Gretchens niedliche Reaktion): Na, das werden wir ja noch sehen. Marc?
Marc (noch ganz durcheinander blickt er von seinem Platz auf): Hmm?
Mehdi: Ob du bereit bist, Marc?

Mehdis erwartungsvoller Blick machte dessen Freund zwar noch nervöser, als er eh schon war, aber Gretchens beruhigend auf ihm weilende Augen brachten ihn schnell wieder auf die richtige Spur. Marc lächelte sein Mädchen an. Gretchen erwiderte seine Geste und verstärkte den Druck ihrer Hand. Und gemeinsam blickten sie nun zu ihrem behandelnden Arzt und besten Freund hoch, dessen zuversichtliches Lächeln ansteckend wirkte, aber die beiderseitige Nervosität nicht wirklich lindern konnte. Die Schmetterlinge in ihren Bäuchen machten gerade Überstunden. Ebenso wie ihre im selben schnellen Rhythmus schlagenden Herzen, die, wenn es so weiterging, noch aus ihrem Brustkorb herausspringen könnten.

Mehdi: Gut! Gretchen, wenn du dann bitte dein OP-Shirt etwas hoch schieben würdest. Das könnte jetzt etwas kalt werden.

Die aufgeregte Assistenzärztin folgte brav Mehdis Anweisungen und wartete nun gespannt auf den Beginn ihrer Untersuchung. Dr. Meier ließ seinen befreundeten Kollegen dabei nicht eine Sekunde aus den Augen. Dass er bei seiner Beobachtungsstudie genauso zitterte wie seine Freundin auf der Liege, registrierten beide gar nicht. Mehdi entging das jedoch nicht. Wohlwollend ruhte sein Blick auf den beiden. Doch auch er war neugierig und gespannt, was er wohl gleich zu sehen bekommen würde. Also zog er sich seinen Hocker heran, setzte sich darauf und begann routiniert mit seiner Arbeit.

Mehdi: Na, dann schauen wir uns den Schmetterling mal an, der hier für so viel Durcheinander gesorgt hat.

Konzentriert studierte der empathische Gynäkologe das Bild, das auf dem Monitor erschien. Da dieser etwas von Gretchen und Marc weggedreht war, mussten sie sich erst einmal damit begnügen, dass sie nur sich anschauen konnten, was an und für sich natürlich absolut kein Nachteil war. Im Gegenteil. Immer wieder streichelten sie ihre ineinander verschlungenen Hände und schenkten sich gegenseitig ein aufmunterndes Lächeln, das sie beide zumindest bis zu einem gewissen Grad beruhigte. In ihrem Innern tobten gerade wahre Gefühlsstürme. Und das traf auch auf Mehdi zu, der seinen Blick gar nicht mehr von dem Bildschirm lösen konnte.

Mehdi: Oh!

Der überraschend klingende Ausruf des Frauenarztes ließ Gretchen und Marc dann doch schnell wieder aufblicken. Angespannt versuchte vor allem Gretchen etwas in Mehdis Gesicht zu lesen, welches sie im Seitenprofil direkt vor sich hatte.

Gretchen: Mehdi, jetzt sag doch endlich mal was! Was heißt „oh“? Ist es ein positives „Oh, das ist das schönste Baby, das du je gesehen hast“? Oder...? Oh, nein, es ist etwas nicht in Ordnung! Ich hab es gewusst. Ich hab die ganze Zeit nichts gemerkt. Das ist nicht normal. Oh Gott! Es hat bestimmt vier Arme, zwanzig Zehen und zwei Köpfe und wird...

...redete sich die völlig verunsicherte Frau immer mehr in akute Panik, je länger der verstummte Halbperser nicht auf sie reagierte. Marc hatte alle Mühe, seine durchdrehende Freundin wieder von ihrem hirnverbrannten Trip runter zu holen, der sehr stark dem Inhalt eines Horrorfilms ähnelte, den er mal spätnachts mit seiner Süßen geguckt hatte, und blickte Mehdi eindringlich an, endlich einzugreifen, wie es sich für einen anständigen Arzt und Freund gehörte.

Marc: Quatsch, Haasenzahn, das redest du dir nur ein. Es ist alles in Ordnung. Ich meine, hey, wir beide haben es gemacht und alles, was wir machen, zeugt immer von reinster Perfektion.
Gretchen (ein Blick in seine Augen genügt, um sich wieder zu beruhigen): Wirklich?
Marc (lächelt sie aufmunternd an): Hundert Pro! Mann, Alter, jetzt sag endlich was und red ihr diesen Unsinn aus, verdammt! Du machst einen ganz kirre mit deinem Schweigen.

...fuhr der werdende Vater den ungewohnt einsilbigen Gynäkologen an, der sich in dem Moment auch wieder zu dem verunsicherten Paar umwandte. Bestürzt stellte Marc fest, dass Mehdi Tränen in den Augen hatte. Das war auch für ihn ein akutes Alarmsignal. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen, der sich anfühlte, als hätte er sich einmal um neunzig Grad gedreht, stellte er Dr. Kaan zur Rede, der sich gerade die verstohlene Träne mit dem Daumen wegwischte und ihn und Gretchen danach verlegen anlächelte.

Marc: Was ist los?
Mehdi: Entschuldigt, das war unprofessionell von mir, aber ich... ich war gerade selber etwas... naja ähm... baff, muss ich zugeben.
Marc (fährt ihm barsch über den Mund, weil er es nicht mehr länger aushält): Und was heißt das in Nicht-Mehdisch? Jetzt spuck es endlich aus oder ich prügele es aus dir heraus!
Gretchen (schluckt u. ist den Tränen nahe): Was ist mit unserem Baby, Mehdi?
Mehdi (lächelt ganz verstrahlt): Schaut doch mal selbst, was ich soeben entdeckt habe!

...brachte Mehdi nur noch mit zittriger Stimme über seine bebenden Lippen und drehte den Monitor in die Richtung der werdenden Eltern, damit sie sich selber von dem Wunder ein Bild machen konnten. Mit Herzklopfen und ein paar neuen Glückstränen, die ganz still und heimlich in seine Augen schossen, verfolgte er neugierig, wie sich die angespannten Mienen seiner beiden besten Freunde ganz langsam veränderten. Der riesige Unglaube stand den beiden Ärzten deutlich in ihre Gesichter geschrieben. Es war derselbe Unglaube, der ihm vor einer Minute die Stimme geraubt hatte.

Gretchen: Aber das...
Marc (schaut verwirrt von dem einen zur anderen): Äh...
Gretchen (blickt Mehdi mit immer größer werdenden Augen an): ...das... sind... ja... zwei!
Marc (spürt nichts mehr außer die zunehmende Enge in seinem Brustkorb): Hä?
Mehdi (blinzelt seine beste Freundin mit Tränen in den Augen an): Ja, Gretchen, die Wundertüte ist eine ganz besondere, denn sie hält zwei wunderbare Überraschungen parat. Das hab ich auch nicht erwartet.
Gretchen (völlig baff starrt sie in den Monitor u. kann es kaum begreifen): Oh!
Marc (hat nun endgültig die Sprachfähigkeit verlernt): Oh?
Mehdi (versucht, seine völlig überraschten Freunde zu beruhigen): Es ist alles in Ordnung. Macht euch keinen Kopf! Die beiden sind prächtig entwickelt. Alles ist so, wie es in dem Stadium sein muss. Die Herzen schlagen kräftig.

Doch die überwältigte Haasentochter hörte ihrem behandelnden Gynäkologen nur noch mit halbem Ohr zu, weil ihre ganze Aufmerksamkeit von den winzigen puckernden Punkten auf dem Computermonitor gefangen genommen worden war.

Gretchen: Marc? Schau nur!

Gretchen wollte ihre ungläubige Begeisterung teilen und griff instinktiv hinter sich nach Marcs Hand. Als sie sich zu ihrem Lebensgefährten umdrehte, blickte sie in ein ganz blasses Gesicht, das mit seinem Blick ebenfalls völlig gefesselt an dem kleinen Bildschirm hing. Doch das hoch entwickelte Chirurgenhirn von Dr. Meier konnte noch nicht begreifen, was es dort sah.

Marc: Hmm?
Gretchen: Schatz, geht’s dir gut? Du bist ganz schweißig.

Marc zog seine eiskalte Hand zurück und wischte sie an seinem Arztkittel trocken, dann sah er abwechselnd zwischen Gretchen und Mehdi hin und her, bei dem sich ebenfalls eine deutliche Sorgenfalte auf der Stirn abzeichnete, je länger er Marcs Reaktion studierte und interpretierte. Er trat um die Patientenliege herum und kam auf seinen Freund zu, der inzwischen von seinem Hocker aufgestanden war und seltsam schwankte und sich deshalb an diesem festhalten musste.

Gretchen (die Glückstränen in ihren Augen glitzern): Hast du begriffen, was Mehdi uns gesagt hat, Marc? Wir... wir bekommen... Zwillinge. Stell dir das mal vor! Das ist der... Wow! Ich kann’s nicht glauben. Und du?
Marc (schluckt u. greift sich mit einer Hand an seine schwitzige Stirn): Zwi... Zwei? Wie... wie zwei?
Mehdi (schmunzelt über die wenig akademische Reaktion seines alten Studienkollegen): Ja, Marc, wer hätte das gedacht. Wenn du etwas machst, dann machst du’s wirklich richtig. Glückwunsch! Eigentlich wollte ich dich ja vorhin noch vermöbeln, aber jetzt... Alles richtig gemacht, mein Freund! Ich bin mächtig stolz auf dich.

...flüsterte Mehdi noch hinterher in Marcs Ohr, nachdem er ihm anerkennend auf die Schulter geklopft hatte. Doch der glückliche werdende Vater reagierte nicht auf den enthusiastischen Halbperser, der kaum verhehlen konnte, wie happy er gerade war. Weder auf seine liebevoll gemeinten Worte, noch auf die von ihm angebotene Buddyumarmung. Stattdessen taumelte er rückwärts, ihm wurde schwarz vor Augen, er stolperte und fiel unter den entsetzten Blicken seiner schwangeren Freundin dem verdutzten Gynäkologen wie ein gefällter Baum vor die Füße.

Gretchen (springt hastig von der Liege u. kniet sich neben ihn): MAAARC! Oh mein Gott, Mehdi, er blutet!
Mehdi (macht es ihr gleich): Scheiße, was machst du denn, Meier? Er hat mit seinem Kopf den Sockel vom Gynstuhl erwischt! Schnell, wir müssen die Blutung stoppen!

Lorelei Offline

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04.04.2015 12:42
#1523 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Eine gute Stunde später konnte man ein nicht ganz so angenehmes Erwachen innerhalb der vier Wände von Dr. Kaan beobachten, der wiederum leider bereits vor einigen Minuten zu einem weiteren Notfall gerufen worden war. An und für sich war das ja nichts Neues in einem Behandlungszimmer wie diesem. Doch wenn es nach Mehdi gegangen wäre, dann wäre er natürlich liebend gerne dabei gewesen, um das göttliche Bild in aller Ausführlichkeit zu genießen und zu verinnerlichen, wenn langsam wieder Leben in den unsanft ausgeknockten Körper seines sonst so großspurigen Lieblingskollegen schoss, der sich heute definitiv von seiner besten und auch durchaus komödiantischen Seite gezeigt hatte. Dr. Marc Olivier Meier, seines Zeichens hochgeschätzter jüngster Oberarzt Deutschlands und selbsternanntes Geschenk an die Menschheit, der so unfehlbare und unantastbare Chirurg und Frauenliebling, war aber auch so was von einem Klischee eines gestandenen werdenden Mehrlingsvaters. Das hätte wegen der Dramatik durchaus einen Orden verdient gehabt oder wenigstens, um sich ein bisschen besser und männlicher zu fühlen, die Rückgabe seines akademischen Titels in Form von dessen Doktorschild, welches sich immer noch in den Untiefen von Mehdis Kittel befand. Es würde dem fröhlichen Frauenarzt, der in diesen seinen Räumlichkeiten schon so Einiges in solch einem Zusammenhang erlebt hatte, auf jeden Fall einen Heidenspaß bereiten, seinen vorlauten Machokumpel in Zukunft bei passender Gelegenheit, zum Beispiel, wenn er mal wieder ganz besonders nervig gegen ihn und seine Angebetete stichelte, damit aufzuziehen, was sich vor ungefähr dreiundfünfzig Minuten hier im Raum 315 des Elisabethkrankenhauses abgespielt hatte. Denn das hatte durchaus Kinopotential.

Marc: Boah! Was..., verdammt? Oaaaahhh... Mein Schädel! Der fühlt sich an, als hätte mir einer mit der Schaufel eins übergebraten. ... Wer war das?

Mit diesen dahin gegrummelten Worten kam Mehdis unglücklich verunfallter Freund nämlich gerade stöhnend wieder zu sich. Der Gepeinigte, der langsam seine Augen öffnete und sich in dem über und über mit Babyfotos dekorierten Zimmer umblickte, konnte sich aber noch nicht wirklich orientieren, wo er sich warum gerade befand und wieso er sich gerade so dermaßen beschissen fühlte, als hätte er einen über zwölf Runden dauernden Boxkampf hinter sich, an den er sich überhaupt nicht erinnern konnte. Aber Marc hatte ja, so wie es ausschaute, jemanden ganz nah bei sich, der sich um ihn, seinen malträtierten Schädel und seine tausend Fragen kümmern konnte, welche erbarmungslos weiteres schmerzhaftes Kopfzerbrechen bei ihm auslösten, dass er am liebsten weitergejammert hätte, wenn er nicht Marc Meier, sondern eine Memme gewesen wäre. Und das tat die hyperbesorgte Frau, die seinen geschwächten Körper liebevoll umklammert hielt und ihm, als sie noch nicht gleich bemerkt hatte, dass der schlafende Prinz endlich seinen Schönheitsschlaf beendet hatte, zärtlich immer wieder gedankenverloren übers Haar streichelte, auch sofort und ohne Umschweife. Und das in einer Art und Weise und in einer Lautstärke, die definitiv nicht für seine wummernden Kopfschmerzen gemacht war. Aber er war ja, wie gesagt, keine wehleidige Memme, die sich gerne beklagte.

Gretchen: Oh, Maaarc, mein Schatz, da bist du ja wieder! Ich hab mir solche Sorgen gemacht, als du umgekippt bist. Geht’s dir gut, Liebling? Ich... hab... dich... ja... so... lieb. Jag... mir... bitte... nie wieder... so einen... Schrecken... ein! Versprichst... du... mir... das?

Gretchen erdrückte ihren perplexen Lebensgefährten fast mit ihren Küssen, mit denen sie sein Gesicht hingebungsvoll bearbeitete wie eine rotierende Küchenmaschine. Ihm wurde schwindlig davon, aber er konnte sie nicht bremsen. Seine Arme waren schwer wie Blei. Und die schöne Blondine busselte ihn ab, als gäbe es kein Morgen mehr, und er hatte keinen Schimmer, wieso sie sich so anstellte. Erst irgendwann zwischen seltsamem Nasenkuss und kitzligem Augengebussel, das ihm irgendwie unangenehm war, bemerkte sie Marcs verwirrten Gesichtsausdruck und sie zog sich einen Zentimeter von ihm zurück, um ihren offensichtlich wieder genesenen Traumprinzen nun voller Glück und Erleichterung anzustrahlen. Liebevoll tätschelte Gretchen die gerötete Wange ihres Angebeteten, der mit seinem Kopf auf ihrem Schoß gebettet auf der Patientenliege lag und angesichts ihrer übertriebenen Fürsorge sichtlich überfordert wirkte. Als er sich langsam aufrichten wollte, stöhnte er unter nadelstichartigen Schmerzen auf, die sich in einer aufrechten Sitzposition deutlich schlimmer anfühlten als liegend. Aber er konnte sich seinen schlechten Zustand immer noch nicht erklären. Vorsichtig tastete er sich an seinem Kopf entlang, den er definitiv als Ursprungsquelle seines schrecklichen Leidens diagnostiziert hatte, bis er plötzlich etwas erfühlte, das dort definitiv nicht hingehörte. Erschrocken sprang er auf, jedoch schneller, als es gut für ihn und seinen Kreislauf war. Dr. Meier verspürte einen plötzlichen Schwindel und musste sich am Waschbecken an der gegenüberliegenden Wand, zu dem er sich gerade noch so auf seinen puddingweichen Beinen hatte hinschleppen können, abstützen, während er seinen entstellten Schädel im Wandspiegel einer eingehenden Selbstuntersuchung unterzog. Er war sichtlich schockiert über die Person, die ihm ebenso konsterniert entgegenblickte. Denn sie war verletzt. Er war verletzt! Wie... zum Teufel...?

Marc: Boah ! Sag mal, was ist denn das hier? Wie viele Stiche sind das?

...fragte er verwirrt sein blasses Spiegelbild und die plötzlich hinter ihm auftauchende Blondine, die ihre Arme schwungvoll um seine Taille schlang, sich verschmust an seinen verspannten Rücken schmiegte und deren mitfühlender Blick, mit dem er nun im Spiegel konfrontiert wurde, ihm ziemlich auf die Nerven ging. Ebenso wie ihr übergriffiges Verhalten ihm gegenüber, als Gretchen ihm unvermittelt auf die Finger klatschte, als er gerade das alberne Elefantenmotivpflaster von seiner rechten Stirnseite abziehen wollte. Irgendwie hatte er gerade ein Déjà-Vu. Hatte er diese Szene nicht schon einmal erlebt? Was war nur heute los mit ihm?

Gretchen: Drei hätten gereicht, aber Mehdi war gerade so in Fahrt. Marc, lass das bitte! Wisch dir keinen Dreck in die Wunde!
Marc (klappt fassungslos die Kinnlade herunter): Wunde? Was für eine Wunde? Wo kommt die denn her? Und wieso Mehdi? Ist der verrückt geworden? Gott, und das bei seinem Talent. Das gibt doch einen Narbenhügel.

Gretchen verdrehte die Augen angesichts dieses völlig unnötigen Aufstands, den ihr Liebster gerade veranstaltete. Marc war so eine Mimose, wenn es um seinen Körper und sein perfektes Aussehen ging. Er war wieder ganz der Alte! Also konnte bei dem unglücklichen Sturz vorhin nicht viel passiert sein, auch wenn es anfangs mit dem vielen Blut wirklich schlimm ausgesehen hatte. Aber daran wollte die immer noch sehr aufgewühlte Assistenzärztin nicht mehr denken. Sie zog ihren verdutzten Freund am Ärmel seines blutverschmutzten Kittels zurück zur Patientenliege, auf die sie ihn sanft herunterdrückte, bevor sie sich dicht neben ihn setzte. Schließlich sollte sich der Geschwächte noch schonen und sich ausruhen und sich vor allem nicht aufregen. Aber der Grummelkönig ließ sich einfach nicht bremsen.

Gretchen: Marc, Mehdi hat dasselbe studiert wie du.
Marc (kann es nicht lassen, an dem peinlichen Kinderpflaster auf seiner Stirn herumzudrücken, mit dem Mehdi ihm ganz bestimmt etwas sagen will): Das wüsste ich aber. Boah, wenn der wieder ein Tauseil für die Naht verwendet hat, bring ich ihn um. Ach was, ich häng ihn damit kopfüber hier aus dem Fenster, wenn ich ihn erwische. Damit jeder sehen kann, wie unfähig er ist.
Gretchen (zieht seine Hand wieder von der Wunde weg u. hält sie fest umschlossen, damit er nicht noch mal in Versuchung gerät): Marc, jetzt halt mal die Luft an! Mehdi ist kein Anfänger. Er kann sehr gut nähen und das weißt du. Da wird nichts in deinem gottesgleichen Antlitz zurückbleiben. Außer vielleicht eine kleine, kaum sichtbare Schramme, wenn überhaupt. Aber kleine Makel machen ein Gesicht doch erst so richtig interessant. Deine Fans werden dir also treu bleiben. Ganz sicher. Das sagt dir nämlich dein Oberfan seit der fünften Klasse. Ich hätte das Nähen ja auch gerne übernommen, aber ich war viel zu aufgeregt dafür. Mensch, du bist einfach umgekippt.
Marc (bemerkt irritiert, wie sich ihre aufblitzenden Augen urplötzlich mit ein paar Tränchen füllen u. ihre Stimme zu zittern beginnt): Umgekippt? Ich? Du spinnst!

Obwohl... dann bleibt immer noch die Frage, wie ich überhaupt hierher gekommen bin. Das hier ist doch eindeutig Mehdis Mädchenabteilung, wenn ich nicht total spinne.

Gretchen (schluckt die hochgekommenen Tränen schnell wieder herunter u. beginnt überdreht zu erzählen, was passiert ist): Das sah alles so schlimm aus. Du hast so sehr geblutet und bist nicht wieder aufgewacht. Bis eben.
Marc (guckt sie mit offenem Mund ganz entgeistert an): Was?
Ach du Scheiße!
Gretchen (legt ihre zittrige Hand an seine rechte Wange u. sieht ihn intensiv an): Wie geht’s dir? Ist dir schlecht? Denkst du, du hast vielleicht eine Gehirnerschütterung? Wir wollten erst einmal abwarten, bis du aufwachst. Wir können gerne noch ein Schädel-CT machen. Nur um sicherzugehen.
Marc (kann ihren Worten kaum folgen, weil es gewaltig in seinen schmerzgeplagten Gehirnregionen zu rattern beginnt): Wer wir?
Gretchen: Na, Mehdi, ich und Sabine.
Marc (schaut sie ganz schockiert an): Die Stasi-Sabsi?
Gretchen: Ja, Sabine kam gerade ins Büro hereingestolpert, als du am Boden lagst und hat ganz lieb bei der Erstversorgung geholfen.
Marc (schluckt u. wird immer blasser): Oh Gott, das wird ja immer schlimmer.
Wenn die mich angetatscht hat, schmeiß ich sie raus. Endgültig!
Gretchen (mustert ihren Patienten sichtlich besorgt): Deine Kopfschmerzen? Soll ich Cedric doch Bescheid geben?
Marc (seine aufgekratzte Stimme überschlägt sich fast): Bist du verrückt! Ich brauche doch keinen Neurologen! Der behält doch sein Schandmaul nicht für sich. Es geht mir gut, ok. Ein bisschen Kopfschmerzen haben noch keinen umgebracht. Also kannst du auch wieder ausatmen. Dein Kopf hat schon eine ziemlich ungesunde Rotfärbung angenommen, Haasenzahn.

Wenn er wieder Witze machen kann, dann geht es ihm wirklich wieder gut. Dann bin ich ja beruhigt. Vorerst! Ich hatte so Angst um ihn.

Der überforderte Mediziner musste das alles erst einmal sacken lassen. Er streckte seine Beine auf der Liege aus und senkte seinen dröhnenden Kopf wieder sanft auf Gretchens Schoß. Seine besorgte Freundin versuchte derweil, so gut es ging, ruhig zu bleiben, obwohl alles in ihr noch stark unter einer Überdosis Adrenalin stand, die ihr Herz und ihren Puls auf Hochleistungsniveau arbeiten ließ, und begann wieder, liebevoll seine Kopfhaut zu massieren, was sich tatsächlich lindernd auf Marcs pochenden Kopfschmerz auswirkte.

Gretchen (in Gedanken): Wahrscheinlich lässt das lokale Anästhetikum bald nach. Ich kann dir aber gerne noch etwas für deine Kopfschmerzen verschreiben, Marc. Du bist schließlich ziemlich hart aufgeschlagen.
Marc (schließt die Augen, entspannt u. genießt leise schnurrend ihre sanften Streicheleinheiten): Ach, lass nur! Ich bin ja nicht aus Zucker.
Gretchen (ihre Mundwinkel zucken verdächtig): Das haben wir gesehen. Ich denke mal, dass das so gut ausgegangen ist, liegt vor allem an deinem starken Dickschädel.
Marc (spürt ihre Reaktion ganz deutlich, obwohl er nichts sieht): Lachst du mich etwa aus?
Gretchen (das Grinsen wird noch breiter): Nein!
Marc (kann sich sein Grinsen auch nicht verkneifen): Du bist eine schlechte Lügnerin, Gretchen Haase.
Gretchen (spürt, wie sie rot wird, u. kann es nicht verhindern): Na ja, ehrlich gesagt, weiß ich noch nicht so richtig, wie ich deine Reaktion interpretieren soll.
Meine Reaktion? Hä?
Marc (öffnet erst verwundert das eine Auge, dann das andere u. schaut fragend zu ihr hoch): Worauf?
Gretchen (blickt ihn ganz verwundert an u. untersucht noch einmal seine Stirn, ob er vielleicht Fieber haben könnte): Ich bin mir nicht sicher, was deine Blässe anbelangt. Du bist ganz schweißig und hast ein bisschen Fieber. Dein Blutdruck war ziemlich im Keller. Das kann auch die Ursache gewesen sein.
Auch?
Marc (versucht angestrengt, seine Denkerstirn zu kräuseln, was er aber unter Schmerzen gleich wieder aufgibt): Bestimmt die Nachwirkungen vom Sturz! Wahrscheinlich hat Mehdi wieder überall seinen Mädchenkram herumliegen lassen. Der soll mal schön aufpassen, dass ich ihn nicht wegen Fahrlässigkeit anzeige. Wieso sind wir eigentlich hier? Das ist doch seine Praxis.
Gretchen (mustert ihn skeptisch von der Seite): Marc, sag mal, wie viel weißt du eigentlich noch von vorhin?
Marc (schaut sie auch ganz verstört an): Von vorhin? Wieso?

Was guckt sie denn jetzt so komisch?

Oje, nicht gut, gar nicht gut!


Gretchen (schluckt die aufkommende Enttäuschung vorerst herunter): Och, nur so!
Marc (fährt sich mit einer Hand übers Gesicht u. reibt sich seine juckende Narbe an der Nase): Dem widerlichen Geschmack in meinem Mund nach zu urteilen, war ich wohl eine rauchen. Oder auch zwei oder drei.
Gretchen (bekommt zunehmend ein ungutes Gefühl im Bauch): Und davor und danach?
Marc (blickt sie leicht verunsichert an): Äh... wir hatten doch die Brandverletzten im OP. Alles roger, soweit ich weiß.
Gretchen (wird immer unruhiger u. hakt mit Nachdruck nach): Und?
Marc (sieht verwirrt zwischen ihren aufgeregt hin und her huschenden Pupillen hin und her): Äh... ja, wir... wir haben rumgemacht, vor und im Aufzug, im Waschraum und in Mums Auto. War ziemlich heiß und ist definitiv wiederholungswert. Jetzt Interesse, wo ich doch schon mal so wehrlos vor dir herumliege? Eigentlich gefällt mir der Gedanke mit den „Doktorspielchen“ immer mehr, Frau Dr. Haase.
Gretchen (hört gar nicht mehr richtig hin, was der grinsende Schelm von sich gibt, denn ihre Diagnose steht): Kurzzeitamnesie.
Marc (guckt sie an wie ein Postauto): Was? Du spinnst doch!
Gretchen: Wenn jemand spinnt, dann die Synapsen in deinem Hirn, die nicht richtig miteinander kommunizieren. Der Aufprall auf den Metallsockel war vielleicht doch heftiger, als wir dachten. Wir sollten doch zu Dr. Stier gehen und ein CT veranlassen.
Marc (will sich abrupt aufrappeln, wird aber von Dr. Haase wieder entschieden auf die Liege heruntergedrückt): Kommt überhaupt nicht in die Tüte, Haasenzahn! Nur weil ich ein bisschen durcheinander bin, lege ich mich garantiert nicht freiwillig bei Frankenstein auf den Tisch. Man weiß ja, was dann dabei herauskommt.
Gretchen (seufzt leicht gekränkt auf): Ein bisschen durcheinander ist gut.

Er hat alles vergessen!

Marc (registriert irritiert ihre sonderbar schnippische Reaktion): Na ja, gut, ich geb’s ja zu. Ich hab ziemlich seltsames Zeug geträumt, während ich ähm... weggetreten war.
Gretchen (die Neugier verdrängt die Zweifel): Was denn?
Marc (macht es sich auf Gretchens Schoß wieder gemütlich u. lässt sich von ihr den Kopf kraulen): Mehdi hat uns hierher bestellt, weil er uns was sagen wollte. War richtig hartnäckig, die olle Nervensäge.
Gretchen (beginnt hoffend zu lächeln): Richtig.
Marc (runzelt verwundert die Stirn, als er in Gretchens erwartungsvolles Strahlegesicht blickt): Aber irgendwie kam er nicht. Und dann, als ich mich umblickte, waren wir plötzlich nicht mehr im Büro, sondern unten im Krankenhauspark. Er stand mit ekelhaft nerviger Grinsevisage neben mir auf dem Gehweg, mit einem scheußlich mit bunten Blumenmotiven geschmückten Kinderwagen vor sich, um den er seine Drecksgriffel gelegt hatte. Aber ehe ich mich darüber wundern konnte, hatte ich auch so ein Monstrum vor mir, weißt du, so ein Riesenteil mit getunten Reifen und Ferrari-Aufdruck, wo gleich zwei Gören reinpassen. Irre, nicht? Dann hat Schwester Sabine mit einer Pfeife das Startkommando gegeben und wir sind wie bescheuert losgerannt und haben immer und immer wieder den Scheißpark umrundet. Du, Lilly und Mehdis nervige Olle, ihr standet am Wegesrand und habt uns zu Andreas-Bourani-Klängen hysterisch mit kleinen Deutschlandfähnchen wedelnd angefeuert. ... Bist du dir sicher, dass mir nicht doch jemand einen über die Rübe gezogen hat?
Gretchen (sprüht förmlich über vor lauter Freude): Und wer hat gewonnen?
Marc (zuckt verwirrt mit den Schultern u. grinst sie anschließend frech an): Du, ey, keine Ahnung. Ich hab plötzlich diesen fiesen Kopfschmerz verspürt. Mich hat’s rumgerissen, das orange-gelbe Laub auf dem Weg hat es aufgewirbelt und dann lag ich genauso wie jetzt mit dem Kopf auf deinem Schoß, wo es, muss ich zugeben, ziemlich gemütlich ist. Meinst du, du kannst noch mal nachgucken, ob das Pflaster noch richtig sitzt? Es zwickt irgendwie.
Gretchen (streicht sanft über die kleine Beule unter dem Pflaster an der Stirn u. wuschelt ihm anschließend keck durchs Haar): Du bist so ein Kindskopf, weißt du das?
Marc: Meinst du, das wird zum Problem? Ich meine, hierfür?

Marc drehte seinen wilden Wuschelkopf leicht in Richtung von Gretchens Bauch, der sehr greifbar vor ihm war, und legte intuitiv seine Hand darauf. Gretchen stockte der Atem, als sie in Marcs fragende dunkelgrüne Augen blickte, die sie plötzlich ganz klar und ernsthaft anschauten.

Gretchen: Du... du weißt es wieder? ... Du hast mich veräppelt? ... Oh, du bist so ein gemeiner Schuft...schuft, Marc Meier!
Marc (schaut grinsend zu der sich heftig echauffierenden Frau hoch u. streichelt unentwegt über ihren Bauch, wodurch sie so sehr abgelenkt wird, dass sie nicht mehr wütend auf ihn einschlagen kann, wie sie es im ersten Moment eigentlich gerne gewollt hat): Wenn, dann unbewusst. Als ich von dem Traum erzählt habe, war plötzlich wieder alles ziemlich klar.
Gretchen (hält inne u. blickt aufgewühlt zwischen seinen aufrichtigen Augen hin und her, die sie intensiv fixieren): Alles alles?
Marc (bleibt an ihrem nachdrücklichen Blick kleben u. spürt die Überschläge, die sein Herz gerade tätigt): Ich vermute mal schon.
Gretchen (ein kleiner Restzweifel bleibt): Vermuten ist nicht wissen, Marc.
Marc (grinst sie verschmitzt an u. versucht damit seinen eigenen inneren Aufruhr zu vertuschen): Wir sind heute aber ganz schön eine Besserwisserin.
Gretchen (schmollt): Einer von uns beiden sollte ja auch vernünftig bleiben.
Marc: Wer sagt denn, dass ich nicht vernünftig sein kann?

...fügte der ewige Grinsekönig noch spitz hinzu. Gretchen fühlte sich natürlich sofort herausgefordert von dem Schelm, der plötzlich eine sehr ernste Mimik aufgesetzt hatte, welcher man durchaus glauben konnte, und sie mit Blicken förmlich durchbohrte, und tippte leicht mit dem Zeigefinger an sein Elefant-im-Porzellanladen-Pflaster an der Stirn, woraufhin er vor Schmerz zusammenzuckte und ganz kleinlaut reagierte.

Marc: Hey! Ich liege hier schwer verletzt und du malträtierst mich. Das ist aber nicht gerade die nette Art, Frau Doktor.
Gretchen (trotzig): Schwer verletzt, ja klar! Schwanger zu sein, zählt aber doppelt!
Marc (legt nun wie aufs Stichwort beide Hände an ihren Bauch, den er danach zärtlich entlangfährt, u. guckt dabei eindringlich zu ihr hoch): Deine Doppeldeutigkeit heute ist sehr treffend gewählt, Haasenzahn. Woher du das wohl hast?
Gretchen (gerührt von seiner zärtlichen Geste vergisst sie alle Vorbehalte u. konzentriert sich ganz auf die aufflatternden Schmetterlinge in ihrem Bauch u. das Hochgefühl, das sie seit über einer Stunde wie auf Wolken schweben lässt): Ja! Willst du sie noch mal sehen? Mehdi hat das Bild ausgedruckt. Eins für mich und eins für dich.

Gretchen kramte in ihrer rosafarbenen Handtasche, die neben ihr gelegen hatte, und zog ihren frisch von Dr. Kaan ausgestellten Mutterpass hervor. Die Schwangere strich ganz verträumt über den verschnörkelten Schriftzug des kleinen hellblauen Heftchens und nahm anschließend eins der Ultraschallbilder heraus, das sie nun glücklich in feierlicher Pose dem werdenden Vater überreichte, der sich ganz langsam neben ihr aufgerichtet hatte und nun ebenso wie seine Partnerin mit dem Rücken an der in einem zarten Gelbton gestrichenen Wand lehnte und mit großen Augen auf das erste Foto seiner beiden ungeborenen Babys blickte. Völlig fasziniert von dem, was er darauf sah, hielt er es mit zittrigen Händen fest. Gretchen lehnte sich freudestrahlend an seine Seite und konnte ihre Blicke nicht von dem Bild und dessen Betrachter nehmen. Minuten verstrichen, in denen sie sich einfach nur im Arm hielten, ohne Worte, aber mit tränengespickten Augen. Auch Dr. Meier wirkte für seine Verhältnisse ziemlich gerührt. Der fette Kloß in seinem Hals wurde immer größer und größer, je länger er registrierte, wie real die Zwillinge in Gretchens Bauch tatsächlich waren und was diese Tatsache auch für ihn bedeutete. Er konnte kaum mit dem umgehen, was er gerade fühlte und dachte. Es war einfach zu viel für den sonst so messerscharfen Verstand des talentierten Chirurgen.

Marc (leise murmelnd): Es sind... tatsächlich... zwei.
Gretchen (lächelt ihn von der Seite an): Hast du geglaubt, Mehdi bindet uns einen Bären auf?
Marc (schüttelt schon fast apathisch den Kopf u. schenkt seiner schwangeren Freundin ein ungewohnt verlegenes Lächeln): Nein, im Witze machen, war er schon immer ne dicke Niete.
Gretchen (redet mehr mit sich selbst als mit Marc): Und dann bin ich die Niete, die gar nichts checkt. Aber ich war ja schon immer jemand, der alles erst ziemlich spät mitbekommt. Ich meine, die ganzen Vorzeichen, die so offensichtlich waren. Gut, mir war nicht übel, also, bis auf das eine Mal am Haus am See. Aber das muss man doch trotzdem merken?
Marc (versucht ihr auf charmante Marc-Weise ihr schlechtes Gewissen auszureden): Kann ja mal passieren. Oder?
Gretchen (verdreht die Augen u. muss dann doch über sich selbst schmunzeln): Den Kreißsaalgeschichten, die er mir erzählt hat, nach zu urteilen, liegen wir noch total im normalen Bereich. Wobei...
Marc (horcht auf u. sieht sie alarmiert an): Ist doch etwas nicht in Ordnung? Mehdi war doch so euphorisch vorhin.
Gretchen (lächelt verschämt u. streicht sich über ihre zart gerötete Wange): Mehdi war auch ziemlich überrascht, wie weit ich schon bin. Zwölfte Woche ungefähr. Spätestens in ein paar Tagen hätten wir es ganz bestimmt gemerkt, weil so blind nun wirklich niemand sein kann. Nicht mal ich! Er hat mich abgetastet. Man kann schon was erfühlen. Und ich hab mich vorhin im Waschraum ganze zwanzig Minuten im Seitenprofil angesehen, bis Gabi reingeplatzt kam, und ich glaube, er hat Recht. Und ich hab die ganze Zeit gedacht, dass ich nur ein bisschen zugenommen habe, weil ich es mit dem Essen in letzter Zeit etwas übertrieben habe. Ich meine, ich hatte ja auch ziemlich viel Stress um die Ohren. Du warst nicht da. Hier herrschte das absolute Chaos. Und meine Abschlussprüfung ist immer näher gerückt. Stress verursacht bei mir immer heftiges Frustfuttern. Das ist für mich nichts Ungewöhnliches. Und über die Wintermonate wird doch jeder ein bisschen barock. Also, außer du, natürlich.
Marc (von heftiger Neugier gepackt lupft er geschwind ihr blaues OP-Hemd u. deutet Gretchen, sich hinzulegen, damit er ebenfalls ihren wunderschönen Bauch ertasten kann): Wirklich?
Gretchen (versucht das Kribbeln und die Gänsehaut zu ignorieren, die seine zarte Berührung auf ihrem nackten Bauch bei ihr auslöst): Und?
Marc (geht augenzwinkernd in eine Ganzkörperuntersuchung über): Na ja, abgesehen davon, dass mir schon aufgefallen ist, dass deine Möpse enorm an Umfang zugenommen haben,...
Gretchen (echauffiert sich u. schiebt seine frechen Hände unsanft von sich weg): Maaarc!
Marc (lacht u. nimmt sie auf den Arm): Man kann ja auch nicht alles auf deinen mehr als gesunden Appetit schieben, ne.
Gretchen (funkelt ihn sauer an): Du bist ein echtes Ekel, Marc Meier! Mein Körper verändert sich in rasender Geschwindigkeit und du... du... GRRR!!! Ich hoffe, du reißt dich, bis es soweit ist, zusammen.
Marc (verzaubert sie sofort wieder mit seinem charmanten Grübchenlächeln): Ich kann nichts versprechen. Du kennst mich, Haasenzahn.
Gretchen (schmachtet ihn seufzend an): Ich weiß und ich will dich ja auch gar nicht ändern. Ich will doch nur, dass du verstehst, was mit mir passiert.
Marc (lächelnd schmiegt er seine eine Hand u. seine Wange an ihren Bauch): Das wird ein ziemliches Abenteuer.
Gretchen (wird ganz leise, während sie mit allen Sinnen seine Berührung genießt): Hast du Angst?
Marc (lächelt, um seine Unsicherheit zu kaschieren): Ich hab so was von die Buxe voll, echt.
Gretchen (schaut voller Liebe zu ihm herunter): Ich würde es zwar nicht ganz so drastisch formulieren, aber es geht mir genauso.
Marc (blickt ihr tief in die Augen): Echt?
Gretchen (erwidert seinen intensiven Blick): Meinst du, wir schaffen das? Ich meine, von null auf hundert haben wir uns plötzlich multipliziert. Das krempelt alles um. Alles, was uns ausmacht.
Marc (legt sich neben sie auf die schmale Patientenliege u. zieht sie sanft lächelnd in seine Arme, sodass ihr Lockenkopf nun auf seiner Brust ruht): Es haben schon viele andere geschafft. Warum sollten dann ausgerechnet wir die große Ausnahme sein?
Gretchen (schielt mit ihrem Gesicht zu ihm hoch): Weiß nicht.
Marc (schenkt ihr ein liebevolles Lächeln, das sie beruhigen soll): Alles gut?
Gretchen (kuschelt sich in seine starken Arme, schaut ihm lange u. intensiv in die Augen u. fühlt sich Marc so nah wie nie zuvor): Ja! Und wie! Ich liebe dich, Marc. So sehr! Wir kriegen ein Baby äh... zwei... Babys! Das ist der absolute Wahnsinn.
Marc (ebenso von seinen überschäumenden Gefühlen übermannt, nähert er sich zu einem sanften Kuss heran): Ich lieb dich doch auch wie verrückt, Haasenzahn. Weißt du eigentlich, dass du noch nie so schön ausgesehen hast wie heute.

Gretchen (löst sich wieder von seinen warmen Lippen, die sie wie magisch angezogen haben, u. himmelt ihn schwerverliebt an): Jetzt übertreibst du aber. Ich hab vorhin mein ganzes Make-up verheult und du weißt, wie furchtbar ich immer aussehe, nachdem ich geweint habe. Und da mir momentan immerzu zum Heulen zumute ist, kannst du dir ja denken, wie schlimm ich dann die ganze Zeit aussehen werde. Aber wehe, du machst dich darüber lustig, dass ich nur noch mit riesiger Sonnenbrille im Krankenhaus herumlaufen werde, um die Patienten nicht zu erschrecken.
Marc (legt lächelnd seine Hand an ihre weiche Wange u. massiert diese mit dem Daumen): Das ist Einbildung, Haasenzahn. Ich finde, du hast noch nie so gestrahlt und das sollte man sehen. Und wenn ich es mir so recht überlege, dann wusste mein Unterbewusstsein vielleicht doch schon Bescheid. Dieses besondere Leuchten ist mir nämlich schon aufgefallen, als ich aus der Schweiz zurückgekommen bin. Nur das Zuordnen hat noch gefehlt. Aber man(n) ist eben nicht perfekt.
Gretchen (fühlt sich unheimlich geschmeichelt u. schmiegt sich wieder dicht an ihren Traumprinzen): Und das aus dem Mund von Mr. Perfect persönlich? Du kannst so süß sein, Marc. Danke! Kannst du dir das vorstellen? Bald werde ich eine Mami sein.

Wird sich das mit dem ekelhaften „Süß“ denn nie legen? Was soll ich denn noch machen? Mit nacktem Oberkörper nen Baum pflanzen? Oder hätte man das noch vor der Familiengründung tun sollen? Scheiße, ich hab keinen Plan! Ich hab absolut keinen Schimmer, was jetzt passieren wird.

Marc (stupst sie verliebt an der Nasenspitze an): Nö.
Gretchen (guckt ihn ganz irritiert an): Was?
Marc (grient sie an): Weißt du, mein Vorstellungsvermögen beschränkt sich momentan nur auf die Tatsachen hier auf dem Foto. Weiter kann ich noch nicht denken.
Gretchen (guckt zusammen mit ihm auf das kleine Bild, das er in seinen Händen hält): Man kann schon richtig alles erkennen.
Marc (vorlaut): Na ja, noch nicht alles.
Gretchen (weiß genau, was er damit meint, u. nimmt ihm sofort den Wind aus den Segeln): Als ob das wichtig wäre, Marc.
Marc (grinst): Sagt die bald einunddreißigjährige Frau, die immer noch jeden Tag ihr Teeny-Tagebuch mit Hunderten von Seiten füllt, bei Märchenverfilmungen heult wie ein Schlosshund und ihr altes Kleinmädchenzimmer mit in unsere Erwachsenenwohnung genommen hat.
Gretchen (guckt ihn stolz u. selbstbewusst an): Na und? Ich weiß nämlich von einer sehr glaubwürdigen Quelle, dass du das mädchenhaft Verträumte an mir ganz besonders gerne magst.
Marc (schmunzelt): Glaubwürdige Quelle, ja?
Gretchen (hebt ihr Trotzköpfchen u. sieht ihren Machomann sehr überzeugend an): Ja, ich vertraue dir nämlich. Deshalb glaube ich dir ja auch alles, was du sagst und tust.
Marc (auch wenn er sich sehr geschmeichelt fühlt, kann er es trotzdem nicht lassen, sie ein wenig zu necken): Ohne zu hinterfragen? Du weißt schon, dass ich das gegen dich verwenden könnte.
Gretchen (streckt ihm frech die Zunge heraus u. kuschelt sich wieder an seinen warmen Körper, der sich so gut anfühlt): Meistens. Hihi! Und deshalb werde ich es auch absolut nicht hinnehmen, wenn du dich nur auf das richtige Kind konzentrieren würdest. Denn es gibt kein richtig oder falsch, Marc. Egal, was kommt, es wird richtig sein.
Marc (grient sie voller Überzeugung an): Ja, Hauptsache die Jungs sind gesund.
Gretchen (klatscht ihm auf den Arm): Mann, Marc! Ich dachte, wir wären schon weiter?
Marc (hebt seine Hände zum Waffenstillstand): Okay, aber du darfst mir nicht vorwerfen, wenn ich mich darauf freue, mit ihnen Fußball zu spielen.

Er freut sich wirklich! Hach... Ich könnte die ganze Welt umarmen. Und mit ihm fange ich an.

Gretchen (krault verträumt lächelnd mit ihrer Hand über seinen Oberkörper u. positioniert sie schließlich direkt über seinem Herzen, das merklich für sie schlägt): Das wirst du ja auch können, Marc. Weißt du, unsere Frauennationalmannschaft ist nämlich auch sehr gut. Ich glaube sogar besser als unsere WM-Jungs. Oder? Also musst du gar nicht so tun, als müsstest du dich einschränken, falls es Mädchen werden sollten.
Marc (grient sie meierlike an): Na ja, ich weiß nicht. Bei deinen Genen. Ich hab dich im Sportunterricht gesehen. Hast du dich nicht mal total im Netz des Fußballtors verheddert, dass du sogar herausgeschnitten werden musstest?
Gretchen (funkelt ihn gespielt empört an u. bohrt ihre Faust in seine linke Brustseite): Haha, du Spaßvogel! Es sieht wohl ganz so aus, als sollte ich mich darauf einstellen, dass ich es am Ende mit drei Kindern zu tun haben werde.
Was? Ich bin empört!
Marc (zieht sie mit einem Ruck noch näher zu sich heran u. legt liebevoll seine Hand an ihre gerötete Wange): Oh, du Arme! Was du alles auf dich nehmen musst.
Gretchen (lässt sich nicht von seinen Zärtlichkeiten ablenken u. guckt ihn herausfordernd an): Ich hab schließlich auch die Hauptlast zu tragen, mein Lieber, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Aber weißt du was, ich kann auch einfach herumerzählen, wie du auf die Neuigkeit, dass wir Zwillinge erwarten, reagiert hast.
Marc (lässt sie sofort los u. tut seine Empörung kund): Boah, untersteh dich!
Gretchen (lacht triumphierend u. krault nebenher ganz bedächtig seinen angespannten Oberkörper): Das muss ich mir erst noch überlegen, Marcilein. Kommt darauf an, ob du mir auch alle meine Wünsche in den nächsten Monaten erfüllst.
Marc (kann kaum glauben, was sich hier gerade abspielt): Das ist eine fiese Erpressung, Haasenzahn.
Gretchen (grient ihn selbstbewusst von unten herauf an): Anders kommt man bei dir ja auch nicht weiter.
Marc (funkelt sie gespielt empört an): Boah! Das ist ein Gerücht! Apropos, wie viel müssen wir Mehdi und Sabine eigentlich für ihr Schweigen zahlen?
Gretchen (fordert ihn unverblümt schon wieder heraus): Du meinst dafür, dass sie verschweigen, dass du wie ein morscher Baum umgekippt bist?
Marc (schlingt seine schwachen Arme um sie u. drückt sie forsch an seinen Körper): Ey, mir war schwummrig, ja. Mir geht’s nicht gut. Siehst du, ich bin ganz schwach. Du musst mich verarzten und nicht veräppeln.
Gretchen (lacht): Und das sagst ausgerechnet du? Du bist so ein Spinner, Marc Meier, aber ich lieb dich trotzdem ganz arg.
Marc (drückt ihr einen kleinen Kuss in den Nacken, ehe er wieder zu ihr aufsieht): Aber jetzt mal im Ernst, Gretchen, ich weiß nicht, ob ich schon damit klarkomme, wenn es schon jeder weiß.
Gretchen (nimmt seine Hand u. drückt diese sanft an sich): Mir geht’s doch genauso, Marc. Jetzt geht es erst einmal nur um uns und wie wir damit klarkommen. Ich hab mit Mehdi und auch mit Sabine erst einmal Stillschweigen vereinbart. Sie sind ganz verständnisvoll. Sie werden nichts sagen. Zumindest nicht solange, bis wir unseren Eltern die frohe Botschaft mitgeteilt haben.
Oh Gott, die werden ausflippen, wenn sie aus den Staaten zurück sind.
Marc (blickt sie ganz schockiert an): Du hast es Sabine erzählt?
Gretchen: Sie wusste es schon.
Marc (blickt sie ganz konsterniert an): Wie das?

Gretchen: Na ja, offenbar ist heute der Tag der Erkenntnis. Bei ihr ist heute auch der Groschen gefallen, dass das Testergebnis von damals auch auf mich zutreffen könnte, nachdem sie ja nachweislich nicht schwanger ist. Sie hat ein riesiges Theater gemacht, als sie hier hereingeplatzt ist. Sie hatte mich schon ganz verzweifelt im gesamten Krankenhaus gesucht. Aber dann lagst du hier am Boden und wir waren erst einmal anderweitig beschäftigt.
Marc (verdreht ungläubig die Augen): Und wie viel verlangen sie nun dafür, das auch für sich zu behalten?
Gretchen (grient ihn amüsiert an): Kann es sein, dass es dir doch peinlich ist, Herr Doktor?
Marc (setzt sein bedrohliches Oberarztgesicht auf): Haasenzahn! Ich kann auch anders. Ich würde es nicht herausfordern.
Gretchen (schnurrt ihn zuckersüß an): Ich weiß. Hmm, biete ihnen doch deine hervorragenden Babysitterdienste an? Sabine und Günni freuen sich bestimmt über ein bisschen Entlastung mit Anton. Und Mehdi, der möchte vielleicht auch mal wieder seine Gabi groß ausführen, während du auf Lilly aufpasst und mit ihr vielleicht wieder Gitarre übst. Die süße Maus hat schon so oft nachgefragt, wann du sie wieder besuchen kommst. Nimm es doch quasi als Übung für in sechs Monaten.
Marc (zieht empört seine Augenbrauen nach oben, während er mit beiden Händen auf ihren Bauch deutet, der heute eine ganz besonders starke Anziehungskraft auf ihn ausübt): Bitte? Sehe ich etwa so aus, als würde ich Übung benötigen? Ich bin schließlich ein Naturtalent. Das hab ich bewiesen. Ich hab dir nämlich gleich zwei auf einen Streich hier rein verfrachte.
Gretchen (kann über ihren Quatschkopf nur den Kopf schütteln u. wuschelt vergnügt durch seine Haare): Wow! Mein Held! Ich bin ja schließlich auch die erste Frau auf Erden, die Zwillinge bekommt.

Zwillinge! Gretchen, nicht durchdrehen! Oh mein Gott, wir bekommen Zwillinge! Da wachsen tatsächlich zwei kleine Menschen in mir heran. Wahnsinn! Ich dreh durch!

Marc (lacht u. stockt plötzlich, als ihm etwas Entscheidendes auffällt): Eben! Aber warte mal, hast du gerade in sechs Monaten gesagt? Das... das ist ja schon ziemlich bald.
Gretchen (beißt sich auf ihre Unterlippe u. läuft ertappt rot an): Ähm... ja! Der Termin liegt Ende September, aber da es Zwillinge sind, kann es wohl auch schon früher soweit sein. Also im Spätsommer. Bist du jetzt sehr sauer?
Marc (in seinen Gehirnwindungen rattert es gerade gewaltig): Wieso?
Gretchen: Na ja, ähm... So wie es ausschaut, war ich wohl schon in anderen Umständen, als du mit deinem Babywunsch zu mir kamst. Ich muss wohl doch nicht aufgepasst haben. Oder, ich weiß nicht. Tut mir leid.
Marc (sieht aufgewühlt zwischen ihren ihn fixierenden Pupillen hin und her): Oh!
Gretchen (traut sich kaum, ihm ins Gesicht zu schauen): Schlimm? Ich meine, bei Anton warst du so empört und hast gesagt, du fühlst dich noch nicht bereit für so eine Herausforderung. Und jetzt, jetzt geht das schon wieder so schnell.
Marc (streichelt sanft ihre Wange, um sie zu beruhigen, während sein Herz kurz vorm Kollaps steht): Hey! Nein, mach dir keinen Kopf, Gretchen! Das ist doch jetzt unwichtig.
Gretchen (lächelt ihren Herzprinzen überglücklich an u. wird ganz hibbelig): Ich hab mal nachgerechnet. Es muss während unserer Zeit am See nach Weihnachten passiert sein. Das würde zeitlich genau hinhauen.
Marc (seine Augen funkeln auf): Ehrlich? Wow! Damit schließt sich wohl der Kreis. Gestern waren wir erst wieder dort, weil ich dachte, es könnte uns gut tun.
Gretchen (schmiegt ihre Arme um ihn u. schwelgt in den schönen Erinnerungen): Ich weiß. Und das hat es auch. Dort haben wir zum ersten Mal über unsere gemeinsame Zukunft geredet und sofort hat das Universum zugeschlagen. Das ist... Wow! Magisch! Das ist ein magischer Ort.
Marc (verdreht die Augen u. neckt die ewige Träumerin): Du guckst zu viele Märchen!
Gretchen: Glaubst du nicht an Märchen?
Marc (tut ganz geheimnisvoll): Vielleicht.
Gretchen (sieht ihm tief bewegt in die Augen): Manche Märchen können wahr werden.
Marc (kommt nicht umhin zu lächeln): Unseres beginnt doch erst jetzt so richtig.
Gretchen (himmelt ihren Märchenprinzen unverhohlen an): Das hast du aber schön gesagt, Marc.
Marc (will seine Machoehre noch retten, aber da überkommt es ihn): Haaa...tschi! ... Und ich hab’s beniest.

Gretchen (reicht ihm Mehdis Tempobox): Gesundheit! Vielleicht sollten wir nach Hause fahren? Du siehst wirklich nicht gut aus, Marc.
Marc (schnäuzt sich kurz u. grient sie dann wieder verschmitzt von der Seite an): Du geizt heute wirklich nicht mit deinen Komplimenten, Haasenzahn.
Gretchen (richtet sich von der Liege auf, streicht ihren zerknitterten Kittel glatt u. packt ihre Sachen zusammen): Schatz, vielleicht hast du dir ja doch am See etwas eingefangen. Du bist mitten im tiefsten März in eiskaltes Wasser gesprungen.
Marc (steht ebenfalls auf u. merkt beunruhigt, dass er immer noch ziemlich wackelig auf den Beinen ist): Was an und für sich ja auch gleich tödliche Auswirkungen hat.
Gretchen (hakt sich bei ihm unter, damit er genügend Halt hat): Und denkst du jetzt immer noch, du fühlst dich in der Lage, die letzten Stunden deiner Schicht noch weiterzuarbeiten?
Marc (würde sich niemals eingestehen, dass es ihm nicht gut geht): Du bist schrecklich!
Gretchen (grient ihn wissend an u. geht mit ihm zur Tür): Ja, ich weiß, ich bin die beste Ärztin, die du kennst.
Marc (zieht sie in eine innige Umarmung u. drückt ihr einen intensiven Kuss nach dem anderen auf, um sie davon zu überzeugen, dass er keineswegs angeschlagen ist): Ich könnte nicht zufriedener sein, jetzt wo du auch endlich zu Größenwahn neigst. Jetzt kann ich dich guten Gewissens in die Prüfung schicken.
Gretchen (bekommt von seinen stürmischen Küssen fast so weiche Knie, wie er bereits hat, u. umklammert mit ihren Fingern seinen Kittelkragen, um sich daran festzuhalten): Die ist unwichtig im Moment. Ich will nur heute an diesem unfassbar schönen Tag mit dir alleine sein und, na ja, vielleicht noch feiern. Nur wir beide.
Marc (ist nun auch nicht mehr zu halten u. zwinkert ihr frech zu): Warum hast du das denn nicht gleich gesagt? Dann darf die Frau Doktor mir gerne eine offizielle Entschuldigung schreiben.
Gretchen (drückt ihm noch einen weiteren Kuss auf u. greift dann grinsend nach der Türklinke): Das hat sie schon getan. Dr. Rössel ist schon für den Rest unserer Schicht eingesprungen. Aber bevor wir fahren, holen wir noch die Ergebnisse von deinem Bluttest ab. Ich will nur sichergehen, dass da nicht doch mehr dahintersteckt. Schließlich fällt ein gestandener Mann wie du nicht einfach so um.
Marc (legt seine Hand auf die von Gretchen, die immer noch die Klinke gedrückt hält, ohne die Tür zu öffnen): Was? Wer hat an mir herumgedoktort, während ich außer Gefecht war?
Gretchen (kleinlaut platzt es aus ihr heraus): Sabine!
Marc (schockiert zieht er den Ärmel seines Kittels nach oben u. kontrolliert die Einstichstelle der Nadel, die zu seinem Unwillen leider tadellos aussieht): Du lässt ausgerechnet die an den Astralkörper des zukünftigen Vaters unserer Kinder?
Gretchen (verleiert die Augen): Sie hatte die ruhigere Hand, Marc, während Mehdi dich genäht hat.
Marc (plustert sich oberlehrerhaft vor seiner Assistenzärztin auf): Ich bin empört. Kaum ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf den Tischen, oder was?
Gretchen (kichert): Ich wusste nicht, dass du dich neuerdings als süßes Miezekätzchen siehst? Vielleicht sollten wir deine Kopfverletzung doch noch einmal eingehend untersuchen.
Marc (kesselt den Frechdachs an der Tür mit beiden Armen provozierend ein): Pass bloß auf, mein Fräulein Oberschlau, wenn wir erst Zuhause sind, dann zeigt der Tiger dir, was er noch so drauf hat, dass du dir noch wünschen wirst, er wäre tatsächlich nur ein gemächlicher Stubentiger mit leichtem Schnupfen.
Gretchen (blickt ihrem sexy Stubentiger tief in die Augen): Weißt du eigentlich, dass ich sehr, sehr glücklich bin, dass du dich so über unsere Wundersterne freust.
Marc: Ich hab ja auch allen Grund zur Freude, Haasenzahn. Und bevor Miss Unsicher gleich wieder nachhakt und mich zuquatscht, ich meine das ernst. So wie ich immer alles mit uns ernst meine. Darauf kannst du dich verlassen. Haaa...tschi!

Vom anfänglichen Schalk war plötzlich keine Spur mehr. Marc lächelte sein Mädchen nach dem letzten störenden Niesanfall sehr überzeugend an und reichte Gretchen seine Hand. Und der Goldengel erwiderte es gerührt mit einem strahlenden Lächeln, das ihr ganzes Gesicht hellauf leuchten ließ. Mehr gab es nun wirklich nicht zu sagen. Also hakte sich Gretchen bei Marc ein und öffnete die Tür. Und so verließen die werdenden Eltern überglücklich die Praxis von Dr. Kaan, wo ihr größter Traum tatsächlich Wirklichkeit geworden war. Das ganz große Programm, das Marc seiner großen Liebe einst am Haus am See versprochen hatte, hatte sein erstes Stadium erreicht. Eine Tatsache, die immer noch für beide kaum zu fassen war. Aber tief drin in ihren Herzen wusste das verliebte Paar, dass es alles meistern würde, so wie sie es sich gegenseitig versprochen hatten. Weil sie sich nun mal über alles liebten.

Lorelei Offline

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11.04.2015 20:02
#1524 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Und während Dr. Meier und Dr. Haase Arm in Arm verliebt in Richtung der angrenzenden chirurgischen Station schwebten, schwelgte auch ein anderes ungekröntes Traumpaar des Berliner Elisabethkrankenhauses im puren Liebesrausch. Schwester Gabi hatte sich gerade noch so an den Kittel ihres heißblütigen Oberarztes klammern können, nachdem dieser sie abrupt am Arm gepackt und so plötzlich herumgewirbelt hatte, dass sie unweigerlich das Gleichgewicht verloren hätte, wenn er sie nicht stürmisch gegen die nächste Wand gedrängt hätte. Ihre schlotternden Knie waren in Sekundenschnelle so weich geworden wie der Pudding, den sie vorhin erst zusammen mit ihrer Kollegin Sabine während ihrer Mittagspause in der Cafeteria gierig verputzt hatte, und ihr Herz hatte vor Schreck einmal kurz ausgesetzt und arbeitete nun umso stärker unter ihrer sich heftig auf- und absenkenden Brust, während sie ihrer Atemluft beraubt wurde. Dr. Kaan küsste seine überrumpelte Stationsschwester gerade so hingebungsvoll und voller Inbrunst, dass sie an nichts anderes mehr denken konnte, als diese umwerfende Leidenschaft mit Feuereifer zu erwidern. Erst als der Sauerstoff auf dem Gang der Gynäkologie immer knapper wurde und sie das Geräusch einer zufallenden Tür in der Nähe hörte, musste sie sich kurz von den wohl heißesten Lippen Berlins trennen, welche sich daraufhin anbetungswürdig zu einem breiten Strahlelächeln nach oben zogen. Gabi musste sich an seiner starken Brust festhalten, sonst wäre sie vermutlich schon wieder gefallen. Was machte Mehdi bloß mit ihr? Sie war völlig durcheinander und hatte keine Ahnung mehr, warum sie gerade hier gewesen war und was sie bis eben noch getan hatte. Sie hing wie hypnotisiert an den vor Begierde samtig schimmernden dunklen Augen ihres Lebensgefährten, der sie so intensiv in Augenschein nahm, dass sie jederzeit die Bodenhaftung wieder hätte verlieren können, wenn er sie nicht mit seinen starken muskulösen Armen festhalten würde. Nur im Augenwinkel nahm sie die beiden Weißkittelträger noch wahr, die soeben Mehdis Praxis verlassen hatten und nun kichernd an ihnen vorbei den langen Korridor zum Schwesternzimmer vorspazierten. Ebenso wenig achtete sie noch auf die fünf Frauen, die in Zeitschriften blätternd geduldig auf den Wartestühlen neben Mehdis Bürotür warteten. Ach ja, da war doch was, fiel der verwirrten Krankenschwester unvermittelt wieder ein. Genau deswegen hatte sie sich doch vorhin auf die Suche nach ihrem verschollenen Vorgesetzten gemacht. Aber der hatte sie ja dann eher gefunden als sie ihn und sein brodelndes Temperament. Völlig durcheinander schob sie ihre Hände seinen muskulösen Brustkorb empor, der sich unter ihren zarten Berührungen aufgeregt hob und senkte, und suchte dabei seinen Blick, der so fesselnd war, dass sie sich sofort wieder darin verlor und alles um sich herum vergaß.

Gabi: Huch... Mehdi? ... Was...? Ähm... Du...?
Mehdi (schmunzelt über die süße Reaktion seiner Angebeteten): Ja?
Gabi (hat den Faden schon wieder verloren): Äh... Hmm?
Mehdi (lächelt zum Dahinschmelzen): Sag du’s mir!
Gabi (sieht ihn aus ihren großen Kulleraugen irritiert an): Was? Du... du... Ähm...
Mehdi (sein Lächeln wird immer breiter u. seine Umarmung noch enger): Ja?
Gabi (schüttelt verwirrt ihren Kopf u. bemerkt plötzlich die neugierigen Blicke der leise tuschelnden Patientinnen, die auf ihr u. Dr. Kaan ruhen): Mensch, du... du kannst mich doch nicht so überfallen. Ich hab fast nen Herzinfarkt gekriegt.
Mehdi (grient sie mit hinreißendem Bambiblick an): Ich finde, dafür siehst du aber noch ganz gut aus. Und ich spüre doch, wie es eindeutig schlägt. Sehr intensiv ... für mich... schlägt.
Gabi (verstärkt den Druck ihrer Hände auf seinem Brustkorb): Machst du dich etwa über mich lustig? Boah, was für eine Frechheit! Du bist Oberarzt. Du hast Verantwortung. Du kannst nicht einfach so über wehrlose schwangere Frauen herfallen.
Mehdi (seine dunklen Augen funkeln vor Vergnügen): Nicht?
Gabi (mustert den Schelm ganz irritiert): Das entspricht ganz bestimmt nicht deinem hoch und heiligen Ärzteethos.
Mehdi (legt seine Hand an ihre glühende Wange u. lächelt verliebt): Und ich dachte, es hätte dir gefallen.
Und wie! Ich will mehr!
Gabi (dreht sich von den neugierigen Beobachterinnen weg, die ihr Grinsen nicht verbergen können, u. schiebt Mehdi in eine kleine Seitennische des Flurs): Hat es doch auch.
Mehdi (packt sie wieder an der Taille u. hält sie fest): Aber?
Gabi (kämpft mit sich, obwohl sie ihn eigentlich schon wieder gerne küssen würde): Kein Aber! Oder... vielleicht... ein kleines. Oder findest du es sehr professionell, deine Patientinnen noch länger warten zu lassen, weil du erst einmal deine Stationsschwester abknutschen musst?
Mehdi (schielt kurz um die Ecke, wo ihn freundliche Gesichter anlächeln, u. schmachtet seine Herzdame wieder unverhohlen an): Also ich finde ja, es schafft hier eine ganz wohlige Atmosphäre, wenn so viel Liebe und Glück in der Luft liegt.
Gabi (schaut ihm ganz verwundert in sein ansteckendes Strahlegesicht): Was ist denn mit dir passiert? Hast du in meiner Abwesenheit von einem Liebestrank gekostet oder was ist los?
Mehdi (grient sie unverblümt an u. beugt sich zu einem erneuten Kuss heran): Ja, hab ich. Von deinen verführerischen Lippen nämlich. Gerade eben. Ich kann nicht genug davon kriegen.
Gabi (kann selber kaum fassen, als sie plötzlich vor ihm rot wird): Mehdi!?
Mehdi (legt beide Hände an ihre geröteten Wangen u. stielt sich einen innigen Kuss, der ihr schon wieder den Boden unter den Füßen wegzieht): Ich liebe dich.
Gabi (schmiegt sich atem- u. willenlos an den Charmeur): Ich... dich... auch! Aber... wieso... jetzt?
Mehdi (seine rechte Hand ruht weiterhin an ihrer warmen Wange, während die andere ihren Weg zu Gabis Bauch sucht): Darf ein verliebter Mann seiner schwangeren Freundin nicht nah sein, wenn ihm danach ist?
Gabi (ihr stockt der Atem u. sie verliert sich in seinen aufrichtig schimmernden Augen): Dir war danach?
Mehdi (flüstert ihr ins Ohr, bevor er kurz einmal zärtlich daran knabbert): Ja! Und ist es immer noch!
Gabi (lässt sich von der Gänsehaut, die seine Berührung auslöst, fast ablenken): Mhm... Mehdi! Was machst du bloß mit mir?

Ich bin verrückt nach ihm! Wenn er so ist, dann... dann... Gott, ich will ihn so sehr.

Mehdi (lächelt spitzbübisch): Was mach ich denn?
Gabi (lehnt sich gegen seinen starken Körper, schmiegt ihre Arme um seinen Hals u. beginnt bedächtig seine Haare im Nacken zu kraulen): Das weißt du ganz genau. Du lenkst mich ab.
Mehdi (blickt ihr tief in die ihn feurig anfunkelnden Augen): Was ist daran falsch?
Gabi (schenkt ihm ein hinreißendes, leicht herausforderndes Lächeln): Das kannst du gerne meine Oberschwester fragen. Die klebt mir nämlich heute schon den ganzen Tag mit ihren fiesen Blicken an den Hacken.
Mehdi (gibt ihr einen kleinen süßen Kuss auf den gespitzten Schmollmund): Das tut mir leid.
Gabi (genießt sein zärtliches Mitgefühl sehr, bis ihr plötzlich etwas einfällt, das sie leicht panisch werden lässt): Seit sie weiß, dass wir... Oh Gott, das muss ich dir ja auch noch sagen. Oh nein!
Er reißt mir den Kopf ab und die schöne Stimmung ist dahin.
Mehdi (merkt ihre innere Anspannung u. blickt neugierig auf): Was denn?
Gabi (schaut unsicher in Mehdis erwartungsvolles Gesicht): Aber du darfst nicht böse sein.
Mehdi (runzelt verwundert die Stirn): Wieso sollte ich?
Gabi (senkt kurz ihren Blick u. kneift die Augen zusammen): Es ist raus!
Mehdi (steht erst einmal auf dem Schlauch): Was?
Gabi (blickt sich kurz vergewissernd auf dem Gang um u. deutet dann auf ihren Bauch): Eeesss, Mehdi!
Mehdi (folgt ruhig ihrem Blick): Oh!
Gabi (verdreht die Augen u. lehnt sich mit ihrer Stirn an seine Schulter): Tut mir leid. Es ist mir so rausgerutscht. Also nicht mir, sondern Sabine ähm... in der Folge. Mitten in der Kantine, als ungefähr zwei Drittel des Personals Mittagessen war. Das Timing hätte nicht besser sein können.
Mehdi (seine Mundwinkel ziehen sich zu einem frechen Grinsen nach oben): Das erklärt, warum ich mich eben im OP so beobachtet gefühlt habe.
Gabi (schaut ihm ungläubig ins Gesicht): Oh Gott, es hat schon so die Runde gemacht? Aber ich hätte es wissen müssen. Eben im Treppenhaus hat mich die Hebamme angesprochen und mir gratuliert. Weißt du die, deren Namen ich mir nicht merken kann. Die Verpeilte. Die einmal aller zwei Monate aus der tiefsten brandenburgischen Provinz zu uns kommt. Mann, die hat da nicht mal Handyempfang und selbst sie weiß es schon. Ich könnte Sabine den Hals umdrehen. Oder wohl eher mir, weil es mir ausgerechnet vor ihr rausgerutscht ist. Daran ist nur Marc Schuld! Weil der Arsch auf der Terrasse so unverschämt zu uns war.
Mehdi (streichelt beruhigend ihre Wange): Aber das ist doch nicht schlimm.
Gabi (sieht unsicher zu ihm auf): Wirklich nicht?
Mehdi (lächelt sie aufmunternd an): Wieso sollte es?
Gabi (klammert ihre zappeligen Finger um seinen Kittelkragen u. druckst ungewohnt herum): Na ja, wenn man ähm... von einem verheirateten Mann schwanger ist, dann... dann trägt das nicht gerade dazu bei, dass man für voll genommen wird.
Mehdi (widerspricht ihr sofort vehement): Aber das spielt doch keine Rolle. Das bin ich doch nur noch auf dem Papier. Nicht mehr lange.
Gabi (wird ihr mulmiges Gefühl einfach nicht los): Selbst Lilly bemüht sich, es noch nicht vor aller Welt auszuplappern, obwohl sie es vor lauter Aufregung kaum aushält. Stattdessen bin ich es, die ihre große Klappe nicht halten kann.
Mehdi: Aber das ist doch nur, weil ich sie darum gebeten habe. Lilly versteht, dass ich es ihrer Mutter gerne persönlich sagen möchte. Das bin ich Anna einfach schuldig.
Gabi (blickt geknickt zu ihm auf u. kuschelt sich in seine starken Arme, in denen sie sich unheimlich geborgen fühlt): Ich weiß. Ach, ich... Es... Vergiss einfach, was ich gesagt habe! Ich bin einfach nur total durch den Wind. Und daran bist du nicht gerade unschuldig.
Mehdi (strahlt sie verschmitzt an): Ich nehme gerne alle Schuld auf mich.
Gabi (mustert ihn argwöhnisch): Du meinst das wirklich ernst, oder?
Mehdi (zwinkert ihr frech zu u. zieht sie wieder fest in seine Arme): Immer! Ich bin einfach glücklich. Das darf jeder sehen. Egal, was die Tratschbasen hier im Haus oder sonst wo dazu sagen. Du... Ihr macht mich glücklich. Sehr, sehr, sehr glücklich sogar. Heute ganz besonders.
Gabi (schaut ihm lange u. intensiv in die Augen): Was ist los? Du bist auf einmal so... anders?
Mehdi: Anders?

Der bis über beide Ohren verliebte Halbperser tat so, als wüsste er nicht, was seine Liebste, die ihn nun mit Argusaugen misstrauisch von der Seite musterte, damit meinte. Doch ehe sie weitere Nachforschungen anstellen konnte, wurde sie kurz abgelenkt, weil ein blonder Wirbelwind an ihr und ihrem Freund vorbeigeschossen kam und unvermittelt Mehdis Bürotür aufriss, als wäre es ihr Zuhause, und zwei Sekunden später mit einer hässlichen blassrosafarbenen Tasche bewaffnet genauso schnell den Rückweg wieder antrat, ohne überhaupt auf die beiden reagiert zu haben. Die Krankenschwester blickte dem wilden Lockenschopf in dem figurbetonten lilafarbenen Wintermantel verdutzt hinterher und beobachtete, wie dieser schon ungeduldig am Fahrstuhl von einem gutaussehenden Oberarzt erwartet wurde, der hartnäckig an einem Pflaster an seiner Schläfe herumrubbelte. - „Haasenzahn, wird das heute noch was oder musst du auch noch beim Schokoautomaten stoppen, um Proviant für den Weg mitzunehmen?“ Doch ehe Dr. Haase auf die grummelige Frage des verschlagen grinsenden Chirurgen antworten konnte, schmiss sie sich auch schon in dessen Arme und knutschte ihn mindestens genauso inbrünstig ab, wie Mehdi es eben mit ihr getan hatte. Verwirrt schoss Gabis Kopf wieder zu ihrem Angebeteten herum, der ebenso abgelenkt den Fahrstuhl und das innig verschlungene Paar davor mit seinen Blicken anvisierte. Ein wissendes Lächeln lag auf seinen verführerischen Lippen, die seine Freundin schon wieder so magisch anzogen, dass sie gar nicht anders konnte, als immer wieder darauf zu starren und sich vorzustellen, wie sie sie berührten.

Gabi: Ähm... Was... wollte ich sagen? Ach so, ähm... du... du bist auf einmal so..., ich weiß nicht, locker und entspannt, oder anders gesagt, ziemlich beschwingt. Das komplette Gegenteil zu den vergangenen Tagen, als du ständig in Gedanken und kaum ansprechbar warst und gleichzeitig irgendwie immer unter Strom gestanden hast. Weißt du, was ich meine?
Mehdi (sieht ihr direkt in die Augen): Ja.
Gabi (versucht etwas aus seinem intensiven Pokerface herauszulesen): Also ist jetzt alles wieder gut? Ohne Erklärung?
Mehdi (lächelt sie verschmitzt an u. schielt hinter ihr noch einmal auf die Fahrstuhltüren, die sich gerade geschlossen haben): Ja! Manche Dinge brauchen keine Erklärung. Oder na ja, vielleicht doch, bei dem einen oder anderen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Gabi (wird ganz fuchsig bei seiner Geheimniskrämerei): Mehdi, jetzt machst du’s ja schon wieder.
Mehdi (spielt den Unschuldigen u. guckt sie mit seinen braunen Rehaugen spitzbübisch an): Upps!
Gabi (stupst ihn beleidigt mit beiden Händen an): Mann, du machst mich wahnsinnig damit.
Mehdi (nimmt lächelnd ihre zarte Hand, lässt seine überrumpelte Freundin einmal um ihre eigene Achse tanzen u. drängt sie anschließend küssend wieder gegen die Wand): Dann passen wir ja wunderbar zusammen. Schließlich bin ich auch wahnsinnig in dich verliebt, Gabriella Kragenow.
Gabi (gibt sich ihm mit allen Sinnen hin, bis der verliebten Frau plötzlich etwas auffällt u. sie sich abrupt von seinen heißen Lippen losreißt): Du bist echt... unverbesserlich, Mehdi Kaan. Ich mag das. Aber... Moment! Was wollte Dickie denn bei dir in der Praxis? Ein Rezept für ihre tausend Neurosen? Ich hab sie vorhin auf der Toilette getroffen, da war sie auch schon so schräg drauf. Irgendwie verstrahlt, nicht ganz bei Sinnen, aber auch irgendwie ertappt, so schnell wie die wieder zur Tür raus war, als sie mich gesehen hat. Und... ey, kam sie vorhin nicht zusammen mit dem Arschloch aus deinem Büro? Wieso sind die da drin, während du nicht da drin bist und mich... Ey, du lässt deine Patienten warten. Das machst du doch sonst nie. Deine Sprechstunde hätte schon vor fast einer Stunde beginnen sollen. Und da Marc sich eher seine goldprämierte Chirurgenhand abhacken würde, als deinen Job zu machen, wäre es... Ach... du... Scheiße! Nee, oder?

Das glaub ich jetzt nicht! Das kann doch gar nicht sein!

Mehdi (kann Gabis Gedankensprüngen nur bedingt folgen, weil seine Blicke immer noch ihre sinnlichen Lippen im Fokus haben): Hmm?
Gabi (fasst sich an den Kopf u. schaut wieder zum Aufzug, vor dem nun andere Personen warten als vor zwei Minuten): Das ist es! Deshalb hast du so eine Geheimnistuerei gemacht! Die Zwei... sind... es... auch. Deine Patienten, meine ich. Ach, du Scheiße! Er hat ihr ein Plundertörtchen in die Röhre geschoben!
Mehdi (als er endlich merkt, worauf sie hinaus will, hält er ihr ertappt den Mund zu u. schiebt sie in die Seitennische): Gabi!
Gabi (grient ihn triumphierend an): Ha! Jetzt hast du dich verraten! Ich wusste es! So wie Gretchen vorhin aufm Klo vorm Spiegel gestanden hat, hatte ich gleich so ein komisches Gefühl. Und er, er... So wie der auf dem Dach drauf war. Oder nicht drauf war. Er war ja komplett weggetreten. Wie auf einem anderen Planeten. Und er... Er... ist nicht schreiend und pöbelnd weggerannt.
Wie bei mir!
Mehdi (sieht sie an u. ahnt, was ihr gerade durchs Köpfchen geht): Nein, ist er nicht. Er ist... Gabi, bitte, er macht mich einen Kopf kleiner, wenn er mitbekommt, dass du es weißt. Sag bitte nichts! Die Schweigepflicht gilt auch für dich.
Gabi (schüttelt die Gedanken an damals schnell weg, schmiegt sich grinsend an ihn u. freut sich ein Loch in den Bauch): Haha! Oh ich wünsche ihm so sehr, dass es ein Schreibaby wird. Jeder soll das bekommen, was er verdient hat.
Mehdi (schaut ungläubig zu der hämisch grinsenden Frau in seinen Armen herunter): War das etwa ein kleiner fieser Seitenhieb?
Gabi (guckt selbstzufrieden zu ihm hoch): Ich darf das.
Nachdem Marc mich damals so scheiße behandelt hat. Gott, und ich hätte schwören können, der Mistkerl ist unfruchtbar. Weil es mit ihm einfach nie klappen wollte. Aber das ist auch besser so. So ist jetzt jeder dort, wo er hingehört.
Mehdi (streicht ihr zärtlich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem filigran geflochtenen Zopf gelöst hat): Wenn du meinst. Ruhig wird es bei den beiden sicherlich nicht zugehen, wenn dich das beruhigt.
Gabi (schaut ihn wissbegierig an): Wie meinst du das?
Mehdi (rudert ertappt zurück u. setzt seine freundliche Oberarztmiene auf): Ärztliche Schweigepflicht.
Gabi (betört ihn mit verführerischen Blicken u. Streicheleinheiten): Oh, bitte, Bärchen, versteck dich nicht immer hinter deinem hippokratischen Eid. Das sind deine Freunde. Ich sehe dir doch an der Nasenspitze an, dass da noch was ist.
Mehdi (schmunzelt über ihre Hartnäckigkeit): Ja, da ist in der Tat noch etwas.
Gabi (spitzt neugierig ihre Ohren u. lehnt sich auf Zehenspitzen noch enger an seinen Oberkörper): Was?
Mehdi (schielt hinter sie u. lässt sie plötzlich los): Fünf zauberhafte Ladys, die schon viel zu lange auf mich warten.
Gabi (blickt ihm verdutzt hinterher, als er sie mit einem Mal stehen lässt): Was?

Als Schwester Gabi dem vergnügt grinsenden Gynäkologen in schnellen Tippelschritten um die Ecke folgte, erkannte sie frustriert, was er mit seinen geheimnisvollen Andeutungen gemeint hatte. Er begrüßte gerade seine wartenden Patientinnen und entschuldigte sich höchstpersönlich bei jeder einzelnen von ihnen per Handschlag für die Verzögerung seiner nachmittäglichen Sprechstunde. Eine der sichtlich schwangeren Damen, die ihrem behandelnden Arzt sofort schmachtend an den Lippen gehangen hatten, führte er bereits, charmant wie er war, über die Türschwelle in seine Praxis, als Gabi noch einmal zu ihm aufschloss, ihre Hand auf seine Schulter legte und ihm, als er sich zu ihr umwandte, mit funkelnden Augen entgegenblitzte.

Gabi (flüsternd): Du bist so ein gemeiner Kerl!
Mehdi (zieht sie zu aller Überraschung noch einmal in eine zärtliche Umarmung u. küsst sie vor allen Augen direkt auf den Schmollmund): Und du liebst mich trotzdem.
Gabi (genießt die innige Berührung u. kann sich ein verräterisches Schmunzeln kaum verkneifen, als sie sich von seinen weichen Lippen löst): Und überheblich ist er auch noch.
Mehdi (flüstert ihr grinsend ins Ohr): Ich weiß doch, wie sehr du das magst. Ich hole dich dann nachher, wenn ich hier fertig bin, vorne ab. Ich hab noch eine Überraschung für dich. Eigentlich wollte ich damit ja noch bis zum Wochenende warten, aber nach den Erfahrungen der letzten Minuten denke ich, es wird höchste Zeit.
Gabi (will dem dreisten Kerl eigentlich noch widersprechen, aber beim Stichwort Überraschung leuchten ihre Augen sofort auf): Überraschung?
Mehdi (gibt seiner verdutzten Freundin noch einen kleinen Handkuss u. lässt sie dann ohne Erklärung los): Bis später. Ach und, Schwester Gabi?
Gabi (muss frustriert hinnehmen, dass der gemeine Kerl sie tatsächlich hinhalten will): Ja, Herr Doktor?
Mehdi: Ich liebe dich und unseren kleinen Schmetterling. Das darf ruhig jeder wissen.

Dr. Kaan schenkte seiner verdutzten Stationsschwester, die ihn mit großen Augen anschaute, noch ein hinreißendes Lächeln zum Dahinschmelzen und wandte sich dann seiner Patientin zu, die ganz gebannt die Szene zwischen dem charmanten Oberarzt und der kratzbürstigen Krankenschwester, die ihr bislang eher unsympathisch gewesen war, beobachtet hatte. Ebenso wie alle anderen Anwesenden auf dem Flur der Station. Schwester Gabi war noch völlig durcheinander von dem eben Erlebten und merkte so nicht, wie sich die Tür direkt vor ihrer Nase schloss. Erst eine laute kratzige Stimme, die ihr leider nur allzu vertraut war, riss sie aus ihrem Gedankenkarussell.

Stefanie: SCHWESTER GAAABIII?

...tönte es unüberhörbar von der Anmeldung der Chirurgie bis auf die gynäkologische Station des Elisabethkrankenhauses herüber. Verwirrt schaute Gabi auf und musste geknickt hinnehmen, dass der Drache, der sie aus der Ferne sehr grimmig anschaute, tatsächlich real war. Sie blickte noch einmal sehnsüchtig auf die himmelblaue Tür vor sich, die sie von ihrer großen Liebe trennte, seufzte frustriert auf und machte sich unter den mitleidigen Blicken von Mehdis Patientinnen langsam auf den Weg zur biestigen Oberschwester, die ungeduldig mit ihren Fingern auf dem Tresen der Anmeldung herumtippte. Je näher sie dem Stationszimmer kam, umso klarer wurde Schwester Gabi, dass sie gleich ein Donnerwetter der Extraklasse erwarten würde. Denn sie hatte sich heute während ihrer Dienstzeit wirklich nicht mit Ruhm bekleckert. Eher im Gegenteil. Wie ungerecht war das eigentlich? In diesem Krankenhaus durfte jeder auf den rosaroten Wolken herumschweben, selbst ein eingebildeter Machooberarsch, der eigentlich, so wie sie bis eben noch geglaubt hatte, nie Frau und Kinder gewollt hatte, aber sie wurde immer wieder mit Gewalt aus den paradiesischen Welten heruntergezerrt, in denen sie so gerne noch ein Weilchen fröhlich herumgetanzt wäre. Dabei hätte sie doch nur zu gerne gewusst, was Mehdi mit Überraschung gemeint hatte. Es war so ungerecht, dass sie ab sofort nicht mehr bei ihm auf Station arbeiten durfte. Sie hätte es mit ihren ganz besonderen Methoden bestimmt geschafft, die Antwort geschickt aus ihm herauszukitzeln. Aber leider stand sie jetzt nicht ihrem absoluten Traummann und zukünftigen Vater des Würmchens in ihrem Bauch gegenüber, sondern dem personifizierten Albtraum persönlich. Gabi war so entmutigt, dass sie nicht einmal die Kraft dazu aufbrachte, der Oberschwester zu widersprechen und gleich einmal alle Schuld auf sich nahm, obwohl sie sich eigentlich gar keiner Schuld bewusst war. Außer vielleicht zu sehr zu lieben.

Gabi: Ja, es tut mir leid, Oberschwester. Ich habe meine Pause etwas zu lange ausgedehnt. Das war mein Fehler. Aber nachdem alle Patienten mit ihrem Mittagessen versorgt waren und die im Labor wegen den Ergebnissen noch nicht soweit waren, weil sie auch die Kantine besucht haben, da habe ich gedacht, ich könnte...
Stefanie (fährt der Reumütigen sofort ruppig über den Mund): Ihre Antwort dauert ja länger als die Behandlung von so manchem Patienten, Schwester Gabi.
Gabi (will sich weiter erklären, kommt aber nicht dazu): Ja, ich...
Stefanie (unterbricht sie ungeduldig): Ja, ja, wir hatten ja soweit alles geklärt.
Gabi (blickt sie verwirrt an, weil sie nicht gleich versteht, was sie von ihr will): Hatten wir?
Stefanie: Die Änderungen in Ihrem Dienstplan, Schwester Gabi, gelten ab dem Monatsersten. Es sei denn, es gibt wieder Komplikationen? Dann ziehe ich sie sofort ohne Umschweife aus dem Verkehr.
Gabi (bemerkt verwundert den fragenden und auch irgendwie sanfteren Ausdruck der sonst so strengen Oberschwester): Nein, ähm... es geht mir gut.
Bis auf die Tatsache, dass mir Mehdi schon wieder so sehr fehlt. Dabei hab ich ihn doch gerade erst vor zwei Minuten gesehen und geküsst. Die Hormone machen mich noch ganz kirre.
Stefanie (muss sich sehr zusammenreißen, nicht zu lächeln): Gut, dann... Dr. Kaan erwartet Ihre Unterstützung sicherlich schon in der Sprechstunde? Ich hoffe, so eine Verzögerung kommt nicht wieder vor. Das Credo unseres Hauses lautet schließlich, dass kein Patient länger als nötig warten muss. Schreiben Sie sich das hinter die Ohren! Und tun Sie das bei Ihrem Freu... ähm... Oberarzt ebenfalls!
Gabi (guckt sie an wie ein Postauto): Äh...?
Stefanie (ungeduldig): Ja, worauf waren Sie denn noch? Für’s Rumstehen werden Sie hier ganz bestimmt nicht bezahlt. Mutterschutz hin oder her! Abmarsch, aber zackig!
Gabi (demütig): Ja, ähm... Danke, Oberschwester!

Nachdem Gabi endlich die freundlich gemeinte Geste der mürrischen Oberschwester verstanden hatte, hielt sie nichts mehr an ihrem Platz. Sie hatte sich schon umgedreht und wollte loslaufen, als sie sich noch einmal zu dem Drachen des Krankenhauses umblickte und diesen spontan in eine Umarmung zog. Aber ehe sie und auch Stefanie registrierten, was sich gerade abspielte, hatte sich die Krankenschwester auch schon wieder gelöst und hüpfte nun fröhlich in Richtung Gynäkologie. Die Oberschwester blickte ihrer schwangeren Kollegin noch kurz hinterher und schüttelte dann den Kopf. Das verräterische Lächeln auf ihren Lippen konnte sie nun kaum mehr verhehlen, als sie sich umdrehte und das Stationszimmer betrat. Das bemerkte auch Pfleger Jochen hinter der Anmeldung, der das seltsame Schauspiel irritiert von seinem Platz aus beobachtet hatte und sich so seine eigenen Gedanken machte.

Jochen: Wenn Schwester Gabi sich aussuchen darf, wo sie heute arbeiten will, dann darf ich das doch bestimmt auch, oder? Ich würde mich nämlich gerne intensiv um die Pflege des kleinen Max kümmern, Sie wissen schon der kleine Junge mit den Brandverletzungen, jetzt wo meine Schwester schon Feierabend...

Aber ehe der fleißige Student sich weiter erklären konnte, wurde er auch schon von dem grimmigen Oberdrachen heruntergeputzt, dass es ihm gehörig in seinen Ohren klingelte.

Stefanie: Nur weil Sie der Sohn vom Chef sind, heißt das nicht, dass Sie sich gleich alles herausnehmen können, so wie es Ihre Schwester gerne zu tun gepflegt. Sie befinden sich ganz unten auf der Stationshierarchie, Herr Haase. Sie sind weder einer dieser großspurigen Götter in Weiß, die denken, sie können sich alles erlauben, noch können Sie auch nur irgendein Ausbildungsdiplom vorweisen, das Ihnen hier irgendwelche Privilegien schenkt, die Ihnen eigentlich nicht zustehen. Also Schuster, bleib bei deinen Leisten! Apropos Schuster, Herr Schuster in der 4 wartet immer noch auf seinen Einlauf. Wenn Sie sich unbedingt beweisen wollen, bitte, nur zu! Und sammeln sie danach die Tabletts bei den Patienten ein! Das ist ab sofort Ihr Job, jetzt wo Schwester Gabi ähm... unpässlich ist. Und jetzt raus hier, zack, zack!

So unsanft vom Sockel gestoßen, sprich vom Schreibtischstuhl an der Anmeldung, auf dem er bis eben lässig gelümmelt und in diversen Fachmagazinen geblättert hatte, sah Pfleger Jochen schnell zu, dass er Land gewann. Mit der grimmigen Oberschwester wollte er sich nämlich nun wirklich nicht anlegen. Er hatte vorhin schon eine Breitseite vom Meier abbekommen, als er sich über das lächerliche Pflaster an seiner Stirn lustig gemacht hatte. Er und seine Schwester hatten sich ziemlich seltsam aufgeführt, aber Jochen hatte sich nichts weiter dabei gedacht. Seltsam traf schließlich auf viele Bereiche ihrer sonderbaren Beziehung zu und er sollte sich ja nicht mehr einmischen, wenn ihm sein Leben lieb war. Und das war es. Auch jetzt. Als der junge Mann wehenden Kittels das Stationszimmer verlassen hatte, nahm Stefanie auf seinem Sitz Platz. Sie streckte ihre schmerzenden Beine aus und machte es sich richtig gemütlich, nachdem sie noch einmal auf den Patientenmonitor geschaut hatte. Es war ruhig an diesem frühen Montagnachmittag. Bis zum Beginn der Besuchszeit war noch etwas Luft. Der Oberchef war nicht da. Und sein impertinenter Stellvertreter Dr. Meier hatte sich eben auch unter fadenscheinigen Gründen für heute verabschiedet. Es interessierte sie nicht, was da schon wieder im Busch war. Schwester Stefanie verabscheute Krankenhaustratsch. Ihr Interesse galt einzig und allein dem Fakt, dass das EKH nun für unbegrenzte Zeit ihr Reich war, in dem sie herrschen und walten konnte, wie sie wollte. Das und die Tatsache, dass sie ihren Dauerbeziehungsstreit mit Dr. Fuchs vorhin beigelegt hatte, ließ die Oberschwester entspannt mit einem zufriedenen Lächeln zurücklehnen. Sie entdeckte im Fach von Schwester Sabine einen ziemlich zerfleddert aussehenden Roman, zog diesen interessiert heraus, betrachtete den Titel, „Dr. Rogelt und das Liebeskarussell dreht sich weiter“, und begann schmunzelnd darin zu blättern, während sie die noch unberührte und verführerisch vor sich hin dampfende Kaffeetasse von Jochen Haase als die ihre konfiszierte.

Lorelei Offline

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19.04.2015 12:40
#1525 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Während im Elisabethkrankenhaus alles mehr oder weniger stressfrei seinen gewohnten Gang lief, sah es ein paar Kilometer weiter im Berliner Stadtzentrum in einem Mehrfamilienhaus direkt an der Spree ganz anders aus. Dieses verwandelte sich ebenfalls gerade mehr und mehr in eine akute Krankenstation, welche derjenigen im EKH trotz ihrer eindeutigen architektonischen Gegensätze unter gewissen Gesichtspunkten nicht unähnlich war. Dr. Margarethe Haase hatte es nämlich gerade so geschafft, ihren heiß und innig geliebten Patienten, äh... Oberarzt, ohne neuere Blessuren sicher nach Hause zu transportieren und das sogar obwohl der Platz auf dem Fahrersitz des spritzigen, schwarzen Sportwagens, der auf den hochgeschätzten Namen Elke Fisher zugelassen war, für sie bislang eigentlich strikt tabu gewesen war. Aber bestimmte Ausnahmesituationen verlangten eben auch ein Ausnahmeverhalten von der Assistenzärztin. Gut, ins heimische Parkhaus in den dunklen Katakomben unter dem überwiegend verglasten Backsteingebäude hatte sich Gretchen dann doch nicht getraut, weil ihr ein Zwischenfall mit Marcs altem Volvo und dessen Seitenspiegel, der die Wand in der ersten Kurve der steilen Einfahrt unglücklich touchiert hatte, noch allzu gut in Erinnerung war. Ebenso wie das heftige Meiersche Gemecker danach, das ihr jegliches Nutzungsrecht seines geliebten Oldtimers für die Zukunft abgesprochen hatte, welches sich übrigens wiederum nur wenige Wochen später durch Marcs witterungsbedingten Unfall während Günnis Junggesellennacht eh erledigt hatte. Aber die blonde Durchschnittsfahrerin hatte den schwarzen Porsche doch ganz passabel in die schmale Parkbucht vorm Haus manövriert und da stand Elkes kostbarer Wagen doch auch ganz gut. Und wenn deren Sohn wieder fit genug war, konnte der ihn ja immer noch in die Garage fahren, wenn er ihn dort sicherer aufgehoben empfand als direkt an der Hauptstraße, wo tagtäglich die Touristenbusse entlang tuckerten. Aber momentan war der passionierte Sportwagenfanatiker alles andere als topfit, um ein Rennen à la Vettel zu fahren. Dr. Marc Olivier Meier sah eher aus wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Abgekämpft. Müde. Völlig erschöpft. Und so blass wie die gerade frisch gestrichene, weiße Fassade des Nachbargebäudes.

Gut, dass es in ihrem Haus einen Aufzug gab. Denn bis in den siebten Stock hätte sie es nämlich nicht geschafft, den schwerfällig an ihrer rechten Schulter lehnenden Fünfundsiebzig-Kilo-Mann zu schleppen. Er behauptete zwar die ganze Zeit, dass er keinerlei Hilfe bedurfte und schon gar nicht von einer Frau, die von der fünften bis zur zwölften Klasse durchweg eine Vier minus in Sport auf dem Zeugnis aufzuweisen hatte, und dass er sich lediglich an ihr festhielt, weil er gerne an ihr und ihren aufregenden Rundungen herumschraubte. Aber an seinem matt glänzenden Gesicht, das nur ein schwach angedeutetes Lächeln zeigte, konnte Gretchen genau ablesen, wie schlapp sich der Held all ihrer Tag- und Nachtträume tatsächlich fühlte. Mit jedem schwankenden Schritt den kurzen Weg vom Fahrstuhl bis zur Wohnungstür ihres Penthauses war er immer kraftloser geworden. Der passionierte Macho versuchte zwar, diese unleidliche Schwäche zu vertuschen, indem er seine Arme krakenartig um ihre Taille schlang und seinen Kopf verschmust an ihre Schulter lehnte, während sie versuchte, mit dem Schlüssel das winzige Schlüsselloch in der Tür zu treffen. Aber ihr konnte der ewige Schelm nichts vormachen, egal wie weit er seine vorlaute Klappe immer noch aufriss, obwohl ihm überhaupt nicht danach war. Gretchen kannte ihren Pappenheimer schließlich gut genug. Als sich Marcs eiskalte Hände wieder selbständig machten und pappfrech unter ihrem Pullover andockten, klapste sie ihm entschieden auf die Finger, packte fordernd seine Hand und zog ihn hinter sich her durch die Tür, die sie endlich geschafft hatte zu öffnen. Marcs schelmisches Grinsen, das sich deutlich gegen ihren Hals schmiegte, ignorierte die fürsorgliche Ärztin wohlwissendlich, weil sie zuerst einmal heilfroh darüber war, den entkräfteten Mann überhaupt erst bis hierher in ihre vier Wände gebracht zu haben.

Marc: Wow! Da ist aber jemand ungeduldig. Sind das deine Hormone? Mhm... Aber du hast Recht. Diese Nacht wirst du nicht so schnell vergessen, Haasenzahn. Die wird spektakulär. Dem Anlass entsprechend.
Gretchen: Aber sicher, Marcilein! Süüücher!

...regierte Gretchen mit merklich sarkastischem Unterton in ihrer Stimme auf Marcs Anzüglichkeiten und zog den grinsenden Angeber weiter durch den Raum bis zur Couchlandschaft in der Mitte des geräumigen Wohnbereichs. Sie legte ihre Handtasche auf dem Sessel ab und schlüpfte geschwind aus ihrem Mantel. Ihr war heiß, sehr, sehr heiß sogar, und das lag diesmal nicht an der körperlich spürbaren Anwesenheit von Marc Meier allein, sondern kam vor allem von der Anstrengung, diesen Kindskopf die ganze Zeit wie ein störrisches Kleinkind, das nicht akzeptieren wollte, dass es krank war, hinter sich herzerren zu müssen. Doch auch das Kind im Manne war erleichtert, sich endlich hinsetzen zu können. Gerade noch rechtzeitig, bevor ihm seine schwankenden Wackelpuddingbeine endgültig den Dienst verweigerten, ließ sich Dr. Meier rücklings auf die gemütliche weiße Ledercouch fallen und streckte erschöpft alle Viere von sich. Gretchen bemühte sich, dass ihr Liebster es möglichst bequem hatte und schob ihm zwei Kissen unter seinen malträtierten Schädel, was er mit einem wohligen Seufzen dankbar annahm. Liebevoll sah sie zu ihrem müden Traummann herab und strich ihm ein paar verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht, die sich an dem Pflaster auf seiner glänzenden Stirn verfangen hatten. Marc griff instinktiv nach ihrer Hand und hielt diese fest umschlossen. Er sah sie an. Gretchen erwiderte seinen intensiven Blick, zuckte jedoch zusammen, weil seine Hand eiskalt war. Sie bemerkte, wie er leicht zu zittern begann, entzog sich ihm und nahm die dicke rosafarbene Fleecedecke von der angrenzenden zweiten Wohnzimmercouch und deckte ihren Schatz unter Widerstand fürsorglich damit zu.

Marc: Ähm... Was... wird... das, wenn es fertig ist?
Gretchen: Du solltest dich ausruhen, Schatz.
Marc (zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu): Ich entspann mich schon, wenn wir...
Gretchen (kann über diesen Kindskopf nur schmunzeln): Das Angebot ist sehr verlockend, Marc, aber... du hast Fieber. Du kannst dich kaum auf den Beinen halten. Du kriegst gerade eine dicke, fette Erkältung. Du solltest jetzt erst einmal schlafen und dich auskurieren.
Marc (die Diagnose ignorierend blickt er trotzig zu ihr hoch): Ach, papperlapapp, wenn mich was krank macht, dann diese quietschpinke Decke. Davon bekommt man ja Augenkrebs. Nimm die weg!
Gretchen (gibt sich völlig unbeeindruckt u. kichert leise in sich hinein): Dann hast du ja jetzt ein neues Forschungsobjekt, um das du dich kümmern kannst, während ich dir eine Brühe mache. Geheimrezept von meiner Urururomi. Das weckt sogar Tote wieder auf.
Marc: Oh Gott! Gretchen Haase will kochen. Dann kann ich mich ja gleich schon in der Patho bei Günni melden.
Gretchen: Ey!

Gretchen strich dem protestierenden Oberarzt noch einmal liebevoll über die schweißige Stirn und wollte sich dann aller spöttischen Meckerei zum Trotz in die Küche begeben, um ihren Worten Taten folgen zu lassen. Aber die Hand ihres schwierigen Patienten, die plötzlich ihre mit festem Griff umschloss, war schneller gewesen. Mit der letzten Kraft, die sein grippegeschwächter Körper aufbieten konnte, zog er die fürsorgliche Blondine zu sich. Der Schwung kam so überraschend und war so stark, dass Gretchen unwillentlich mit ihrem properen Hintern neben ihm aufs Sofa plumpste. Ihr beginnender Protest wurde sofort von einem sanften Kuss unterbunden, der nachhaltig auf ihren Lippen vibrierte, nachdem Marc sich gerade noch rechtzeitig vor dem nächsten Niesanfall wieder von ihr gelöst hatte.

Gretchen: Marc!
Marc: Vergiss die Hausfrauchenrezepte, Haasenzahn! Haaa...tschiii! Das einzige Wundermittel, was mir hilft, das... bist du... seid ihr.

...gestand der verliebte Mann mit einem so spitzbübischen Lächeln, dass Gretchen darauf gar nichts mehr erwidern konnte. Außer einem verliebten Lächeln, welches sich augenblicklich auf ihre Mundwinkel zauberte. Sie ließ zu, wie er sie mit sanftem Druck zur Lehne des Ecksofas schob, wie er anschließend seinen Kopf auf ihrem Schoß bettete, wie er den Saum ihres violetten Pullover vorsichtig nach oben zusammenrollte, um daraufhin seine kalte stoppelige Wange an ihren freigelegten Bauch zu legen, zu dem sich auch gleich noch seine beiden Eiszapfenhände gesellten. Gretchen war so gerührt von dieser süßen Geste, dass sich sofort die eine oder andere Glücksträne heimlich aus ihrem Augenwinkel stahl. Bedächtig strich sie dem werdenden Vater durch sein dunkelblondes Haar und hörte damit auch nicht auf, als sie merkte, dass er kurz darauf eingeschlafen war. Wieder einmal hatte der Frechdachs Recht behalten. Aber Marc Meier war ja auch im Gegenzug für Gretchen Haase die beste Medizin.

Die verliebte Assistenzärztin wusste nicht, wie lange sie so dagesessen hatte. Eingeklemmt zwischen der Ecksofalehne, einem Berg kuscheliger Kissen um sie herum und einem wunderschönen Wuschelkopf, in dessen Haaren man seine Fingerspitzen tief vergraben konnte. Die Nachmittagssonne war langsam weiter gen Westen gewandert und ließ nach und nach die deckenhohen Panoramafenster des Penthauses und auch die riesige, sich noch im Winterschlaf befindliche Dachterrasse hinter sich, während Gretchens Gedanken unentwegt um das kreisten, was heute geschehen war. Und da war ein kranker Marc, der sich verschmust und hilfsbedürftig an sie schmiegte und leise im Schlaf unverständlich vor sich hin murmelte, vorerst nur eine Randnotiz. Das Highlight des Tages war das, was Marc beschützend mit seinen geschmeidigen Chirurgenhänden im Schlaf festhielt wie eine kostbare Trophäe, sodass sie keine Chance mehr hatte, aufzustehen, ohne dass sie ihn wecken würde. Als sie das registrierte, sammelten sich schon wieder die Glückstränen in ihren leuchtend blauen Augen, die ihren absoluten Traummann und Bald-Papi unentwegt anstrahlten.

All die Träume, für die Gretchen so oft belächelt worden war, schienen mit einem Mal Wirklichkeit zu werden. Von einer Sekunde zur anderen war sie zum glücklichsten Menschen auf diesem Planeten gekürt worden. Dabei hatte sie sich doch so oft selbst gerügt, nicht immer ihren kleinmädchenhaften Wunschvorstellungen nachzuträumen und stattdessen wie jeder andere auch der Realität ins Auge zu blicken, welche nun mal nicht so rosarot war, wie sie sie sich gerne gewünscht hätte. Sie hatte manchmal selbst nicht mehr daran geglaubt, dass je etwas davon wahr werden würde, was sie in ihren unzähligen Tagebüchern seit ihrer Jugend allen Skeptikern zum Trotz festgehalten hatte. Doch alle, selbst sie selbst, hatten sich getäuscht und wurden nun Lügen gestraft. Märchen konnten wahr werden. Denn jetzt hielt sie tatsächlich den Mann in ihren Armen, der ihr schon bei ihrer ersten Begegnung vor über zwanzig Jahren auf einem unscheinbaren Spielplatz mitten in Berlin so sehr unter die Haut gegangen war, dass sie seitdem, bis auf die eine oder andere Ausnahme aus Trotz und Frustration, niemals damit aufgehört hatte, an ihn zu denken. Zu einer Zeit, als sie noch gar nicht wissen konnte, was Liebe eigentlich wirklich bedeutete. Als sie noch diese romantisch verklärte Sicht der Dinge hatte, die sich eigentlich bis heute nie wirklich gelegt hatte. Selbst nicht nach all den Missverständnissen und Enttäuschungen, die sie in ihrem Leben hatte erdulden müssen und die sie immer wieder erbarmungslos von der rosanen Wolke, auf der sie lediglich für eine winzige Millisekunde geweilt hatte, auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeholt hatten. Aber jetzt war er da. Bei ihr. Er lief nicht mehr davor weg, was sie beide seit jenem warmen Sommertag Ende der Achtziger Jahre verband. Mit jeder Faser seines Körpers und seines riesigen Herzens teilte er die Liebe, die sie füreinander empfanden und endlich auch lebten, so wie es das Schicksal, das sie nach so vielen Jahren wieder zueinander geführt hatte, für sie vorgesehen hatte. Eine Liebe, die jetzt mit einem riesengroßen Wunder gekrönt, endgültig real und echt wurde. Zwillinge! Das pure Glück! Zwei Miniaturversionen ihrer Selbst, welche garantiert nur die besten ihrer Eigenschaften in sich tragen würden. Dessen war sich Gretchen Haase so sicher, wie sie noch nie bei irgendetwas sicher gewesen war. Marc Meier und sie hatten das zustande gebracht. Dieses Wunder in ihrem Bauch, der an der Stelle, wo Marc seine Hände aufgelegt hatte, eine zarte Gänsehaut aufwies.

Ein breites, glückliches Lächeln schlich sich auf Gretchens geschwungene Lippen, die leise Marcs Namen formten, und sie wischte sich mit ihrer freien Hand die heißen Tränen von der Wange. Dann streckte sie sich kurz vorsichtig, um, ohne ihren Hauspatienten aufzuwecken, das kleine, rechteckige, rosagebundene Büchlein in die Hand zu nehmen, welches unter diversen Auto- und Frauenmagazinen auf dem unaufgeräumten Couchtisch hervorblitzte und welchem sie, inklusive seiner unzähligen Vorgänger, seit sie elf Jahre alt war, wie einer Freundin ihr ganzes Leben anvertraut hatte. Wie oft hatte sie Marcs Namen schon hier rein geschrieben oder sich vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn sie richtig zusammen wären und nicht nur in ihrer Fantasie, wenn sie sich liebten, irgendwann heirateten und eine kleine glückliche Familie gründeten. Vielleicht hunderte oder viel wahrscheinlicher hunderttausende Male. In zwanzig Jahren kamen schließlich viele Seiten Papier zusammen. Die ewige Träumerin schlug die Seite auf, zwischen welcher ihr rosafarbener Puschelstift klemmte, nahm diesen in die Hand, strich bedächtig die noch unbeschriebene Seite glatt und begann zu schreiben. Es gab nur drei Worte, die festgehalten werden mussten. Ihre Bedeutung für sie und Marc und ihre gemeinsame Zukunft sprach für sich...

ICH BIN SCHWANGER!

Schon wieder konnte die werdende Zwillingsmama ihre Tränen nicht zurückhalten. Die Vorstellung, dass da tatsächlich zwei Menschen in ihr heranwuchsen, die sie und Marc mit ihrer Liebe geschaffen hatten, war einfach zu schön, zu unfassbar, zu real. Ihr ganzer Körper bebete vor lauter Aufregung und Erfüllung. Das spürte auch der Mann, der für Gretchens grenzenlosen Glückszustand mit verantwortlich war und ungewohnt ruhig in ihren Armen lag, als könnte er kein Wässerchen trüben. Marc war unvermittelt aus seinem Fiebertraum erwacht, in dem sich alles, was mittags im EKH bei Mehdi passiert war, noch einmal in bizarren Bildern abgespielt hatte, und blickte fragend zu der schönen Heulsuse auf, die noch gar nicht bemerkt hatte, dass der Oberarzt wieder wach war und sie unverblümt anstarrte, wie er es immer gerne tat, wenn er allein anhand ihrer Gestik und Mimik herauszufinden versuchte, was gerade in ihr vorging. Würde er diese Frau je wirklich verstehen? Das war mal wirklich ein spannendes Forschungsprojekt. Eine Lebensaufgabe, die ihm mehr als alles andere Spaß machte.

Marc: Haasenzahn?
Gretchen: Marc?

Gretchen lächelte durch den Tränenschleier zu ihm herab und schämte sich ihres erneuten Tränenausbruchs nicht. Marc erwiderte ihr zartes Lächeln stirnrunzelnd und versuchte sich ein wenig aufzurichten, um die salzige Flüssigkeit mit seinem Daumen von ihrer erhitzten Wange zu fischen. Am liebsten hätte er sie dort geküsst, weil Gretchens Haut dann immer besonders weich und zart war. Eigentlich eine unscheinbare Eigenart, aber er liebte sie sehr.

Marc: Haasenzahn, ich fühl mich zwar echt scheiße erschlagen, als hätte man mich in mehrere Stücke zerlegt und unsachgemäß wieder zusammengesetzt, aber so schlimm steht es nun wirklich nicht um mich, dass du gleich eine Trauermiene aufsetzen musst. Hey, es ist nur ne Grippe, wenn überhaupt. Eigentlich nicht erwähnenswert. Also hör auf, zu flennen! Sonst fühl ich mich noch scheißiger. Äh... gibt’s das Wort überhaupt? Ach, ich erfinde es einfach. Trifft den momentanen Sachverhalt eigentlich ganz gut.
Gretchen (sieht ihren besorgten Schatz voller Liebe an): Ich traure nicht, Marc. Im Gegenteil! Ich freue mich nur so. Also, jetzt nicht weil du krank bist, sondern... du weißt schon.
Marc (bemerkt das Tagebuch, das sie sichtlich gerührt an ihr Herz drückt): Ach so!? Die Hormone tanzen Lambada, oder was?
Gretchen: So ungefähr, ja.
Marc: Aber nur damit du es weißt, ich bin nicht krank, ja! Die Passage kannst du also gleich wieder mit schwarzem Edding aus deinem Tagebuch streichen. Als Fehlmeldung.
Gretchen: Ach, Marc!

Gretchen griente ihren ganz und gar nicht lädierten Freund verschmitzt an und schmiegte sich wohlig seufzend an seine Seite, während sie ihr Tagebuch samt Stift unter die Sofakissen gleiten ließ. Er legte seinen Arm liebevoll um ihre Taille. Die rosa Fleecedecke rutschte dabei von seinem Körper und Marc fühlte sich schnell unwohl in seiner Haut. Obwohl er eben eigentlich Gegenteiliges behauptet hatte.

Marc: Ich würde ja ehrlich gesagt lieber dir beim verbotenen Tanz zugucken. Dann wäre es vermutlich schnell wärmer hier in dieser Gefriertruhe, die sich Luxuswohnung schimpft. Von wegen Luxus und Behaglichkeit. Was hast du gemacht? Hast du die Heizung runtergedreht? Es ist scheißekalt hier.
Gretchen (schmiegt die runtergerutschte Decke fürsorglich um seine Schultern): Die Heizung ist an, Marc. Sogar auf der höchsten Stufe. So hab ich sie eingestellt, als wir vorhin hereingekommen sind. Du hast Schüttelfrost. Du solltest ins Bett gehen. Wirklich!
Marc (fährt protestierend hoch u. fasst sich an seinen dröhnenden Kopf): Bitte? Ey, ich gehe doch nicht mitten am Nachmittag schon in die Koje. Bin ich zwei oder was?
Gretchen (sieht ihn eindringlich an): Marc, du solltest auf deine Ärztin hören.
Und die könnte momentan nur schwer zwischen einem maulenden Zweijährigen und dir unterscheiden. Hihi!
Marc (zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu): Kommt sie mit? Ins Bett, meine ich. Dann könnten wir vielleicht noch einmal darüber reden.
Gretchen (versucht nicht auf sein dreistes Angebot zu reagieren): Ich mache dir jetzt erst einmal etwas Warmes zu trinken und zu essen. Dann sehen wir weiter. Du brauchst jetzt viel Flüssigkeit. Und haben wir eigentlich irgendwo eine Wärmflasche im Haus?
Marc (kann es nicht lassen, seinen unverwechselbaren Charme auszuspielen, um seinen Willen zu bekommen): Ich nehme einfach dich!
Gretchen (bekommt unweigerlich Herzklopfen): Sehr charmant, Herr Doktor! Komm, ich bring dich hoch.

Gretchen wich gekonnt Marcs übergriffigen Händen aus, die sich schon wieder dreist unter ihr Oberteil schieben wollten, und sprang unvermittelt vom Sofa auf. Sie reichte ihrem grummeligen Patienten die Hand und half ihm auf. Er schwankte stark und spätestens jetzt, als sich seine Finger verkrampft um die Sessellehne klammerten, wurde auch dem unerschütterlichen Chirurgen klar, dass da tatsächlich eine Grippe gewaltig im Anmarsch war, die sich heimtückisch an seinen sonst so übermächtigen Kräften zu schaffen machte, ohne dass er dem noch großartig etwas entgegensetzen konnte. Er hasste das. Er hasste es, so die Kontrolle zu verlieren. Wegen so einer Lappalie, die er sich auch noch selbst zuzuschreiben hatte. Er hätte ja auch nicht in den See springen brauchen und Gretchens Hormoneskapaden stumm wie ein Mann ertragen können. Aber nein, das hatte er nicht getan. Weil er keine Ahnung gehabt hatte. Und weil er ein Idiot gewesen war. Er hasste es einfach. Er hasste es, krank zu sein. Deshalb hatte er sich auch immer bemüht, auf Arbeit nie krank zu werden. Damit niemand ihm eine mögliche Schwäche nachsagen konnte. Er war Oberarzt und demnach unantastbar. Er war kein Schwächling wie so mancher seiner PJLer und Assis, die schon beim ersten Pollenflug des Jahres mit Krankmeldungen sein Postfach zumüllten, weil sie angeblich kurz vorm Totenbett stünden. Pah! Solche Schwachmatten! Nein, so war er nicht. Dr. Meier war zu ehrgeizig, um wegen solcher Nichtigkeiten seinen Job zu vernachlässigen. Seine oberste Regel war, neben der, die besagte, unbedingt seine hochbegabte, blondgelockte Assistenzärztin flachzulegen, dass kein Arzt im Dienst krank werden durfte. Und er schon einmal gar nicht! Denn er hasste es, dann wie ein rohes Ei behandelt zu werden, aber seine Lieblingsassistenzärztin gab sich alle Mühe, dass er sich nicht so fühlte. Eigentlich war es ja auch ganz süß, wie sie sich um ihn bemühte. Das Strenge wirkte wahnsinnig sexy an ihr und die Aussicht, dass er Haasenzahn schon noch rumkriegen würde, ließ ihn alles ohne große Meckertiraden ertragen.

Und so ließ sich Marc von Gretchen die schmale Wendeltreppe nach oben ins Schlafzimmer schieben. Dort angekommen, platzierte sie ihren Lieblingspatienten auf der Bettkante. Dieser ließ sie kommentarlos gewähren. Weil er sich einfach nur noch matt und erschlagen fühlte und ihm irgendwie alles wehtat, nicht nur der Kopf, mit dem er heute unsanft den Fußboden von Mehdis Praxis geknutscht hatte. Gott sei dank konnte er sich an diese Peinlichkeit nicht mehr wirklich erinnern und er würde schon noch dafür sorgen, dass sich auch die drei Zeugen nicht mehr daran erinnern würden. Gretchen half ihrem erschöpften Freund aus seinen Straßenschuhen, die er immer noch an seinen Füßen trug, zog ihm behutsam den marineblauen Kurzmantel aus und auch das durchgeschwitzte hellblaue Hemd, unter dem sich ein dünner Schweißfilm auf seiner winterblassen Haut gebildet hatte, der ihn nun stark frösteln ließ. Er trocknete sich mit dem sandfarbenen Frotteehandtuch ab, das seine aufmerksame Freundin ihm gereicht hatte, bevor sie in seinem Kleiderschrank nach einem Pyjama suchte. Als sie einen gefunden hatte, reichte sie ihm diesen. Er zog ihn sich lustlos über und schlüpfte dann unter Gretchens gestrengem Ärztinnenblick brav unter die weiche Bettdecke. Trotz dass er immer noch furchtbar zitterte wie Espenlaub, hielt er die Decke hoch, um seine Süße damit einzuladen, ihm zu folgen und ebenfalls mit darunter zu schlüpfen. Doch seine liebreizende Pflegerin lehnte mit einem hinreißenden, schelmischen Lächeln dankend ab. Sie griff nach dem Ende der Bettdecke und zog ihm diese fürsorglich bis unter das Kinn. Dann legte sie unter Marcs ungläubigen Blicken noch die rosafarbene Fleecedecke darüber, die sie umsichtig von unten mit herauf ins Schlafzimmer gebracht hatte.

Marc: Haasenzahn, das wird jetzt echt albern.
Gretchen: Du bist selber Arzt, Marc. Du musst das Fieber herausschwitzen. Das weißt du. Dann geht’s dir auch schnell wieder besser.
Marc (zieht protestierend eine Schmollschnute wie ein kleiner trotziger Junge): Mir geht es gut.
Gretchen (kann sich bei seinem gequälten Anblick ein Lachen nicht verkneifen): Das sieht man.
Marc (reagiert eingeschnappt): Witzig!
Gretchen (setzt sich zu ihm an die Bettkante u. guckt ihn liebevoll an): Marc, jetzt sei bitte nicht albern!
Marc (dreht ihr trotzig seinen Kopf zu u. lässt seinen ganzen Unmut raus): Ich bin nicht albern, ich bin entt... Erst ist das mit dem Üben hinfällig geworden, auf das ich mich schon so gefreut habe, weil meine rekordverdächtigen Schwimmer wie Michael Phelps augenscheinlich keinerlei Übungseinheiten benötigen, um ans Ziel zu gelangen. Und jetzt verweigerst du dich ganz unserer kleinen Freudenfeier. Das ist unfair! Das alles hier ist unfair.
Ich weiß, mein Schatz! Ich hätte mir das auch ganz anders vorgestellt. Aber es ist nun mal so, wie es ist. Und ich pflege dich doch gerne gesund.
Gretchen (streicht ihm zärtlich über die Wange u. verharrt mit ihrer Hand dort): Mein armer, armer Schatz! Das können wir doch immer noch nachholen. Wir haben ganze sechs Monate noch dafür Zeit. Glaub mir, die Vorfreude wird mit jedem Tag mehr noch überwältigender werden.
Marc (schmollt weiter vor sich hin, während ihn die Müdigkeit umschlingt wie die mehreren Lagen Decken, unter denen er begraben ist): Du brauchst gar nicht so mitleidig zu tun.
Gretchen: Tue ich doch gar nicht, Liebling. Weißt du was, ich mache dir jetzt die Brühe von meiner Omi und wenn du die brav aufgegessen hast, dann lege ich mich zu dir.
Marc (ein Hoffnungsschimmer keimt auf, als er zum Kleiderschrank hinter ihr schielt): In dem rattenscharfen Negligé, das dir vorhin beim Suchen aus dem Schrank gefallen ist?
Gretchen (stupst den Quatschkopf empört an): Marc!
Marc (lacht zum Dahinschmelzen): Also das bringt mich ganz bestimmt zum Schwitzen.
Gretchen: Spinner!

Gretchen schüttelte lachend ihren Kopf und drückte ihrem heißblütigen Patienten einen sanften Kuss auf die Wange, mit dem er sich aber nicht zufrieden geben wollte, denn er zog ihren Kopf, gerade als der sich von ihm abwenden wollte, zu einem richtigen Kuss zu sich heran. Als er das bekommen hatte, was er gewollt hatte, ließ er seine hinreißende Pflegerin widerwillig ziehen. Marc merkte, wie seine Lider immer schwerer wurden und sich schließlich ganz schlossen. Nur noch gedämpft vernahm er die Geräusche aus dem Untergeschoss, wo Gretchen beschwingt mit einem sexy Hüftschwung, den er sich gerade auch in seiner beginnenden Traumfantasie ausmalte, in der Küche herumwuselte.

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