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Lorelei Offline

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Beiträge: 7.270

18.04.2014 13:22
#1476 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Die hübsche junge Frau wollte gerade ihre Augen schließen, um weiter in ihrem Selbstmitleid zu baden, nachdem alle Welt sie heute offensichtlich im Stich zu lassen schien, als sie plötzlich ein lautes Gekicher an der Seitentür bemerkte, die in jenem Moment auch aufgeschoben wurde. Sie klappte ihre müden Lider wieder auf und blickte über ihre Schulter zur Seite. Und da stand doch tatsächlich das verschollen geglaubte Paar wieder vor ihr, als wäre es nie weggewesen. Nur etwas war anders, fiel der aufmerksamen Assistenzärztin sofort auf, als sie sich den Sandmännchensand aus den Augenwinkeln wischte und ihre Kicherkollegen intensiv in Augenschein nahm, nachdem sie dicht hintereinander polternd wieder zur blau gestrichenen Tür des Stationszimmers hereingeschneit gekommen waren und ihre Finger immer noch nicht voneinander lassen konnten. Mehdis Krakenarme hielten Gabis schlanke Taille nämlich fest umschlossen und sein verliebtes Grinsegesicht klebte an ihrer hitzig geröteten Wange, als sie im Entengang das Zimmer betraten.

Gretchen: Da seid ihr ja! Wo wart ihr denn? Ich dachte, wir wollten... Was ist denn mit euren Haaren passiert?

...platzte es nun neugierig aus Gretchen ‚Marple’ Haase heraus, die sich über die verdächtig immer röter werdenden Wangenknochen ihres besten Freundes wunderte, der ertappt seine kichernde Lebensgefährtin losließ und in seine Haare griff, um seine außer Rand und Band geratene Frisur zu bändigen, während Gabi unbeirrt weiter vor sich hin lächelte und vor Charme nur so strotzte.

Gabi: Das... trägt man heute so. Der äh... Used-Look ist voll im Trend.

...antwortete Mehdis Freundin keck in Richtung der blonden Ärztin, die erstaunt ihre Augen weitete und nun auch mit einer Hand über ihre akkurat hochgesteckten Haare strich. Vielleicht sollte sie ja auch mal so eine lockere seitliche Flechtfrisur wie Schwester Gabi ausprobieren, aus der mehrere dicke Strähnen wild heraushingen, als hätte sie in eine Steckdose gefasst oder wäre gerade erst aus dem Bett geplumpst, dachte Gretchen nachdenklich, als sie langsam von ihrem Platz aufstand. Sie räusperte sich und deutete dann auf den Inhalt des Papierkartons, den sie vor einigen Minuten auf dem Tisch abgestellt hatte.

Gretchen: Ja, dann ähm... können wir dann endlich anfangen? Was denkt ihr, Girlanden oder Luftballons?

Noch verwirrt und erhitzt von dem eben Erlebten antworten Gabi und Mehdi beinahe aus einem Mund, während sie näher zur Überraschungsplanchefin herantraten.

Gabi: Girlanden! / Mehdi: Luftballons!

Irritiert blickten sich Mehdi und Gabi an und konnten sich das von ihrem Zwerchfell urplötzlich hoch kriechende Lachen nicht mehr verkneifen, ehe sie Gretchen erneut synchron glucksend antworteten, die verwundert von dem einen zur anderen und zurückguckte und nun ebenfalls lachen musste, weil die beiden so betröppelt dreinblickten und immer mehr in einen ansteckenden Lachflash verfielen.

Gabi: Luftballons! / Mehdi: Girlanden!
Gretchen: Äh... ja? Schön, dass ihr euch so einig seid.
Die zwei sind so süß zusammen.
Gabi (nachdem sich ihr Zwerchfell wieder beruhigt hat, himmelt sie Mehdi an u. lehnt sich an seine Seite): Ja, nicht?
Mehdi (legt einen Arm um sie u. lächelt seine Freundin verliebt an): Also dann, wo fangen wir an?
Gretchen (sichtlich berührt, weil die beiden ihr nun doch helfen wollen, obwohl sie offensichtlich ganz anders im Sinn haben): Marc, wird zwar ausflippen, wenn er das sieht, aber gut, dann eben beides. Bei Hochzeiten und Flitterwochenrückkehrern kann es nicht kitschig genug sein.
Das wird mein Marcischnuckiputzi schon verstehen. Wo er nur bleibt? Ich vermiss ihn schon wieder so schrecklich. Dabei ist er erst ein paar Minuten weg. Hoffentlich klappt das mit seiner Mama. Aber heute Morgen klang sie eigentlich ganz vernünftig. Na, mal sehen!
Mehdi (grient in Gretchens Richtung, während er Gabi weiterhin im Arm hält u. an sich drückt): Da stimme ich dir zu, Gretchen.
Gretchen (freut sich plötzlich riesig auf die Überraschung für Sabine u. wird ganz euphorisch u. überraschend übermütig): Prima! Dann, auf geht’s! Viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Und Mehdi, ähm... bis es soweit ist, würde ich noch mal in der Umkleide verschwinden. Du hast dein T-Shirt verkehrt herum an.

...zwinkerte Gretchen ihrem besten Freund frech zu und tippte mit ihrem ausgestreckten Zeigefinger auf das kleine Waschhinweisschildchen, welches den runden Ausschnitt seines weißen T-Shirts zierte und unter seinem Kittel verräterisch hervorlugte. Die sehr gesunde Färbung seines Gesichts verriet der vergnügt kichernden Assistenzärztin sofort, dass dem sonst so aufgeschlossenen Gynäkologen diese Tatsache wohl doch ein bisschen peinlich war. Dezent entfernte er sich von den beiden Damen und ging nach nebenan in die Umkleide, wo er sich, wie Gretchen und Gabi im Einklang lachend durch den Türspalt beobachten konnten, erst des Kittels entledigte und dann das weiße Shirt wieder auf rechts krempelte, ehe er es sich wieder über seinen muskulösen Körper streifte. Sein sexy Anblick brachte die schwangere Krankenschwester gleich wieder aus dem Gleichgewicht und um der nächsten Hitzewallung zu entgehen, die sich bereits körperlich ankündigte, suchte sie sich hektisch eine Ablenkung, die sie in dem Pappkarton auf dem Tisch auch sogleich fand. Sie schnappte sich eine der bunten Girlandenketten, wählte sich eine passende Stelle direkt über dem Arbeitsplatz von Schwester Sabine aus und kletterte auf einen Stuhl, um die Deko an dem Holzrahmen des Fensters anzubringen, das auf den Flur hinauszeigte. Gretchen nickte ihrer hilfsbereiten Kollegin dankbar zu und wollte sich auch gleich mit ans Werk machen. Aber vorher riskierte sie noch einen weiteren verstohlenen Blick in die Umkleide. Ihr war nämlich noch etwas eingefallen.

Gretchen: Ach, und Mehdi, wärst du bitte so lieb und bringst den zweiten Karton auch gleich mit. Da sind Pappteller, Plastikgläser, alkoholfreier Sekt und Knabberzeugs drin. Das können wir ja hier auf dem Tisch aufbauen. Um die Leckereien aus dem Schwesternwohnheim können wir uns ja nachher kümmern, wenn wir mit dem Dekorieren fertig sind. Ach, und hast du irgendwo die Tüte mit dem Babygeschenk, die ich dir heute Morgen zur Aufbewahrung gegeben habe? Die können wir hier oder auf Bines Schreibtisch drapieren. Was denkst du?
Mehdi: Ai, ai, Chefin!

...salutierte ihr der Angesprochene von der Tür aus vergnügt grinsend zu. Der hilfsbereite Halbperser hielt den besagten Karton nämlich bereits zwischen seinen Händen und auf diesem thronte sogar die rosafarbene Geschenktüte, als hätte er Gretchens Gedanken vorausgesehen. Mit einem verschmitzten Lächeln auf seinen Lippen kam er nun auf seine staunende Kollegin zu, die ihn immer noch frech angriente. Mehdi war so ein Schatz, dachte die schöne Blonde. Sie schämte sich jetzt richtig für ihre Gedanken von vorhin, als sie ihn vorverurteilt hatte, sie bewusst im Stich gelassen zu haben. Mehdi stellte die Kiste neben die andere auf dem Tisch ab, drehte sich um, um das Geschenk für Sabine auf dem richtigen Platz zu drapieren, und entdeckte dabei, wie Gabi mit der Girlande über dem Fensterbogen an der Anmeldung balancierte. Alarmiert setzten sich seine flinken Füße schon von alleine in Bewegung. Er legte das Geschenk auf der Arbeitsplatte ab und stellte sich direkt hinter den Stuhl, auf dem seine Freundin, seiner Meinung nach, ziemlich wackelig stand. Er packte sie besitzergreifend an ihren Hüften und hob sie vorsichtig von dem schaukeligen Ungetüm herunter, noch bevor sie die an einer Seite schon hängende Girlande am anderen Ende hatte befestigen können. Grimmig wegen seines unverschämten und völlig unnötigen Eingreifens blickte sie ihren persönlichen Gentleman an, während dieser sie ganz unschuldig und treudoof anlächelte, was sie gleich noch mehr auf die Palme brachte, weil er sie immer und überall wie ein rohes Ei behandelte, seitdem sie in anderen Umständen war. Und jetzt schnappte er sich auch noch das andere Ende der Girlandenkette, kletterte selber auf den Stuhl und befestigte das Dekoutensil gekonnt über der Tür. Wie dreist von ihm, empfand Schwester Gabi, blitzte den Charmeur der alten Schule böse an und gab ihm einen kleinen provozierenden Klaps auf das Hinterteil, welches gerade sexy vor ihrer Nase hin und herwackelte, ehe sie sich umdrehte und beleidigt zu Gretchen zurückging, die die Szene vergnügt verfolgt hatte.

Mehdi: Ich übernehme das.
Gabi (innerlich kochend): Macho!
Mehdi (bleibt cool, kann sich aber bei ihrem stürmischen Abgang ein Lachen nicht verkneifen): Reicht ihr mir bitte die anderen Girlanden? Wo wollt ihr sie hinhaben?
Gretchen (grinst Gabi an, die immer noch eine beleidigte Schnute zieht u. ihre Arme demonstrativ vor ihrem Körper verschränkt hält, weil Mehdi mal wieder ungefragt den Schwangerenbeschützer spielt): Dass ihr Männer auch immer denken müssen, wir würden das nicht alleine hinbekommen.
Gabi (zischt ihre Kollegin zickig an, stimmt ihr aber bei, nimmt sich eine weitere Girlande u. stöckelt zurück zu ihrem Machomann, der sie mit seinem verschmitzten Lachen, das sie sonst immer sanftmütig stimmt, gleich noch mehr provoziert): Genau! Dabei sind wir handwerklich gar nicht so unbegabt, wie ihr denkt. Gut, bei dir und deinem Talent für Katastrophen bin ich mir nicht ganz so sicher, Gretchen, aber den Großteil unserer Wohnungseinrichtung habe ich alleine bewerkstelligt, weil mein Mann abkömmlich war.
Hat sie mich etwa gerade beleidigt? So ungeschickt bin ich doch gar nicht. Obwohl, naja, vielleicht ein bisschen. Gut, dass das vorhin am Spind niemand gesehen hat. Die Dinger sind aber auch ziemlich blöd gebaut und viel zu klein, um alles unterzubringen, was man will.

Dein Mann also, hmm? Das sind ja ganz neue Töne, die ich von meiner Süßen höre. Gefällt mir!

Mehdi (grient zu seiner zuckersüß schmollenden Freundin herunter): Ich weiß, Liebling. So war das ja auch gar nicht gemeint.
Gabi (funkelt den Charmeur wissend an u. leistet ihm dennoch Hilfestellung, indem sie ihre Hände an seine Hüften legt, was ihren Freund dann doch kurzzeitig aus dem Konzept bringt u. den Stuhl wackeln lässt): Ich weiß ganz genau, wie das gemeint war, Mehdi.
Er übertreibt mal wieder maßlos. Ich stand nur auf einem verdammten Stuhl. Mehr nicht! Wird er mir jetzt jedes Mal überallhin hinterherlaufen, wenn ich irgendwo im Krankenhaus etwas zu tun, zu tragen oder zu befestigen habe? Wie unauffällig, Vati! ... Ha! Das geschieht ihm recht.
Mehdi (muss sich am Fenster abstützen, um sein Gleichgewicht zu halten): Uah! Vorsicht!
Gretchen (muss über das lustige Schauspiel der beiden schmunzeln, greift dann anschließend nach dem Beutel mit den Herzchenluftballons, die sie aufblasen möchte): So viel zum Thema, wer hier die linken Hände hat.
Oha! Sieh mal einer an, wer sich da plötzlich miteinander verbündet. Gefällt mir!
Gabi (dreht sich grinsend zu der Sprücheklopferin herum): Ach, sprichst du wieder über dich selbst?
Okay, zu früh gefreut! Meine Süße kann es nicht lassen, zu stänkern.
Gretchen (verdreht die Augen u. funkelt zurück): Sehr witzig! Aber wo wir gerade beim Thema „witzig sein“ sind, was hat es eigentlich mit dem seltsamen Aufzug von Oberschwester Stefanie auf sich? Wenn Papa merkt, dass sie keinen Kittel über ihrem... naja, was war es denn... äh... ja... sonnigen Gewand trägt, dann gibt es garantiert einen Professorenanschiss, der sich gewaschen hat. Ihr wisst ja, wie pingelig er immer wegen der Hygiene ist. Zu Recht!

...wechselte Gretchen gekonnt das Thema, während sie sich einen Stuhl zurechtzog und sich auf diesem niederließ. Gabi strich noch einmal über Mehdis Knackpo, zwinkerte dem verdutzten Mann frech zu, der daraufhin den Kopf schüttelte und grinste, und kam wieder zu der neugierigen Fragenstellerin zurück. Mehdi folgte seinem süßen Frechdachs auf dem Fuße, nachdem er mit dem Aufhängen der Girlanden und des Willkommenbanners fertig war, zu dem runden Tisch, an welchen sich beide nun ebenfalls setzten und zwar Gabi dreisterweise prompt auf Mehdis Schoß, was sich ihr überraschter Schatz liebend gern gefallen ließ.

Mehdi: Äh... Gabi?
Gabi (kuckt ihn unschuldig mit ihren langen klimpernden Wimpern an, während sie es sich merklich bequem macht): Is was?
Mehdi (ihm wird plötzlich ganz warm u. er kann sich sein verliebtes Lächeln nicht verdrücken, nachdem er sich mehrmals geräuspert hat): Nö, eigentlich nicht.
Gabi (grient ihn schelmisch an u. blickt dann zur Seite zu Gretchen, die das Schauspiel der beiden Schwerverliebten vergnügt verfolgt hat): Gut! Also, du wolltest etwas von unserer „Queen Africa“ wissen?
Gretchen (lässt ihre Hand mit dem halbaufgeblasenen Herzchenluftballon wieder sinken, der unbemerkt immer mehr an Luft verliert, u. starrt ihr Gegenüber mit großen Augen an): Queen Afrika?

Was hat denn das jetzt zu bedeuten?

Gabi (lacht, dreht sich zu Mehdis süßem Schmunzelgesicht um u. dann wieder zu der verdutzten Ärztin, deren Anblick einfach nur göttlich ist): Wie? Weißt du das etwa noch nicht, Frau Dr. Allwissend? Dabei hat sich das Abenteuer unserer Nilpferdbändigerin doch wie ein Lauffeuer verbreitet. Naja, gut, das Outfit von ihr ist auch nicht gerade dezent. Es gab schon Fragen von den Patienten, ob wir hier irgendeine seltsame Sonderaktion am Laufen haben, als sie verstanden haben, dass das tatsächlich unsere Oberschwester ist. Peinlich, peinlich, sag ich nur.
Gretchen (schaut fragend erst in Gabis dann in Mehdis Gesicht): Was denn? Mensch, ihr wisst doch, was hier auf Station manchmal los ist. Wir sind immer die letzten, die irgendetwas mitkriegen. Ich hab mich doch auch nur über Stefanies sonderbaren Aufzug gewundert. Sie wirkt so anders als sonst. Ich würde fast behaupten, nett.
Gabi (kann die Gehässigkeiten nicht sein lassen, auch wenn Mehdi sie daraufhin sanft in den Arm zwickt): Dafür sieht eure Station aber heute ziemlich leer aus. Hat sich Marc schon wieder verdrückt? Schön! Dann kann der Tag nur noch besser werden.

Wieso muss sie nur immer so gemein sein? Ich hab doch nur freundlich gefragt.

Gretchen (funkelt die Krankenhauszicke beleidigt an): Erstens, habe ich an einem schwierigen Fall gearbeitet und war die meiste Zeit hier am PC. Und zweitens, kommt Marc jeden Augenblick wieder. Er ist schließlich noch mit deinem Freund verabredet.
Gabi (blickt verwundert in Mehdis Augen, die Gretchens Aussage bestätigen): Ach?
Wieso werd ich das Gefühl nicht los, dass die zwei irgendetwas zu verbergen haben? Die waren heute Morgen schon so komisch.
Gretchen (lehnt sich zufrieden auf ihrem Stuhl zurück u. bemerkt den luftleeren Luftballon in ihren Händen, den sie seufzend zurück zu den anderen auf den Karton legt): Also was hat es jetzt genau mit „Queen Africa“ auf sich? Sind Frau Brinkmann und Dr. Fuchs etwa tatsächlich nach Afrika durchgebrannt, wie es laut den Gerüchten der letzten Tage hieß?
Mehdi (kann sich ein Schmunzeln nicht verdrücken, weil er sich das alles auch kaum vorstellen kann, wovon ihm Gabi vorhin während der Visite berichtet hat): Ja.
Gabi (schmiegt sich an ihren Schatz heran u. behält die verdutzte Assistenzärztin gegenüber genau im Blick): Tja, an manchen Gerüchten ist eben immer auch ein Fünkchen Wahrheit dran.

So wie damals, als alle behauptet haben, Marc wäre total in den dicken Haasen verschossen. Nur ich wollte es nicht sehen, weil es mir so unvorstellbar erschien.

Gretchen (klappt ungläubig ihren Mund auf u. blickt hastig zwischen Gabi u. Mehdi hin u. her, um weitere Infos zu erhaschen): Nein? Und deshalb das farbenfrohe Kostüm, das sie den ganzen Tag schon trägt?
Gabi (verleiert die Augen, weil sie sich auch noch nicht an den Anblick gewöhnt hat u. gewöhnen will): Das ist ein traditionelles Gewand vom Stamm der... ach, was weiß ich denn. Hab ich Afrikanistik studiert? Ich hab irgendwann aufgehört, ihrem aufdringlichen Reisevortrag mit Anwesenheitspflicht zu lauschen, weil wir alle, auch deine Mutter übrigens, Gretchen, erst einmal damit beschäftigt waren, die realen Bilder fern der Dias überhaupt zu verdauen. Ich meine, schaue sie dir doch mal an! Also wenn du mich fragst, hat die Oberschwester definitiv zu viel Sonne da unten abbekommen.
Mehdi (mahnend): Gabi!
Gabi (funkelt trotzig zurück): Nein, ehrlich! Schatz, du warst nicht dabei. Du hast sie nicht erlebt. Die Stimmung war gruselig und das ist noch untertrieben. Die Brinkmann hat sich aufgeführt wie Angelina Jolie im Einsatz für die UNO und hat mehr Engagement von uns allen gefordert. Wir sollen endlich aufwachen, unser dekadentes egoistisches Leben hinten anstellen und unsere soziale Ader entdecken, an die armen Menschen da unten denken und spenden, spenden, spenden. In Afrika sterben Kinder. Jedes Leben zählt. Blablabla! Die hat uns mit einem Buffet afrikanischer Köstlichkeiten geködert, traurige Kinderbilder gezeigt und gleich überall Spendendosen aufgestellt. Selbst auf dem Damenklo steht jetzt eine. Könnt ihr euch das vorstellen?

Gretchen (hört Gabi ungläubig zu u. bekommt sogar ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil sie schon lange nicht mehr für ein „Herz für Kinder“ gespendet oder Mehdi bei seinem Medical-Care-Projekt in Berliner Ghettos geholfen hat): Aber das ist doch toll, dass sie sich so engagiert.
Mehdi (stimmt seiner besten Freundin bei): Finde ich auch. Man sollte hier wirklich viel mehr machen. Einen Tag der offenen Tür vielleicht. Obdachlosenuntersuchungen. Oder eine kostenlose Betreuung der Asylanten. Wenn ich mehr Möglichkeiten hätte, dann...
Gabi (tätschelt liebevoll seine Wange u. himmelt ihren Helden an, während sie sich weiter ungehalten über Stefanies Ambitionen auslässt): Ja, weil du ja auch der Held der Armen bist, Mehdilein. Das ehrt dich wirklich. Aber sie... sie, die immer nur in ihren beschränkten vier Wänden mit ihren Nilpferdpostern gelebt hat und jeden getriezt hat, weil sie mit ihrem eigenen belanglosen Leben nicht zufrieden war und das an uns ausgelassen hat, zieht sich jetzt so einen Fummel an als stillen Protest, um auf das Elend der Welt aufmerksam zu machen. Ich will nicht wissen, was passiert, wenn sie auf den Professor trifft. Die will doch tatsächlich, dass er den Etat für soziale Projekte aufstockt, und hat sich tierisch darüber aufgeregt, ob wir alle überhaupt mit unserem Gewissen noch klarkommen. Die hat vielleicht Probleme! Mein Gott, dann soll sie doch für mehr frei lebende Nilpferde auf dem Ku’damm protestieren, aber uns kann sie damit echt in Ruhe lassen. Schließlich hat jeder sein eigenes Päckchen zu tragen.
Gretchen (bekommt immer mehr ein mulmiges Gefühl): Oh! Papa sollte man im Moment nicht auf finanzielle Mittel ansprechen, die nicht da sind. Der ist so im Stress wegen der Klinikerweiterung.
Gabi (stimmt ihr kopfnickend bei): Die schwebt so auf einem anderen Stern. Die würde Warnungen gar nicht hören, selbst wenn man die ihr entgegenbrüllen würde. Obwohl, naja, vielleicht wird sie dann wieder normal. Ich vermiss ihren Nazikommandoton schon ein bisschen. Ihr neues freundliches Lächeln ist mir echt unheimlich.
Gretchen: Und was sagt Dr. Fuchs dazu? Ist er auch so engagiert?
Mehdi (schmunzelt): Der braucht, glaube ich, Urlaub vom Urlaub.
Gretchen (lässt sich von seinem verschmitzten Grinsen anstecken): Echt? Na, so wie sich das alles angehört hat, scheint die Afrikareise der beiden wirklich anstrengend gewesen zu sein.
Gabi (zickt Mehdi an): Erzähle ich die Geschichte oder du?
Mehdi (völlig unbeeindruckt blickt er das süße Zicklein an): Warum bist du denn auf einmal so gereizt?
Gabi (funkelt ihn an): Weil die Verrückte mich so sehr genervt hat und ich noch nichts zu Mittag hatte.
Mehdi (seine fürsorgliche Ader wird geweckt): Wieso das denn nicht?
Gabi (ihr Blick wird noch grimmiger): Weil du nicht da warst!
Sind die zwei nicht total süß miteinander? Ein mehr oder weniger harmonisches Hin und Her. Fast wie bei einem alten Ehepaar! Süß!
Gretchen: Gibt es denn noch mehr zu erzählen?

...versuchte Gretchen vorsichtig Schwester Gabi von den aufkommenden Unstimmigkeiten mit Mehdi abzulenken. Diese kuckte sie nur kurz irritiert an, musste dann aber gleich wieder lachen, als sie an die filmreife Geschichte zurückdachte, die Dr. Fuchs und Oberschwester Stefanie neben ihrem hochtrabenden sozialen Engagement heute Morgen der versammelten Schwesternschaft zum Besten gegeben hatten.

Gabi (schaut ihr Gegenüber süffisant grinsend an): Willst du die Kurz- oder die Extended Version?
Gretchen (sichtlich überfordert starrt sie Gabi an): Du meine Güte, was ist denn noch alles passiert?
Mehdi (hat auch Lust, ungefragt seinen Senf dazuzugeben): Sagen wir mal so, neben der Begegnung mit echten lebenden Nilpferden in freier Natur, eine ganze Menge. Ich würde fast behaupten, die Reise, oder besser gesagt die Odyssee, hatte lebensverändernde Auswirkungen.
Gabi (eingeschnappt): Mehdi, jetzt quatschst du mir schon wieder rein. Du klaust mir die ganze Pointe, Mensch!
Mehdi (setzt seinen überzeugendsten Bambiblick auf): Entschuldige!
Gretchen (grinst zwischen den beiden hin und her): Jetzt macht ihr mich aber richtig neugierig.
Mehdi (sieht Gabi entschuldigend in die wild auffunkelnden Augen, die diese jedoch beleidigt abwendet): Ich bin vorhin Dr. Fuchs in der Radiologie begegnet und der hat mir so einiges von dem bestätigt, was du mir erzählt hast.
Gabi: Schön, dann erzähl du doch, wenn du alles besser weißt, Dr. Schlaumeier!

...bockte Schwester Gabi weiter, die plötzlich ein ganz dringendes Hungergefühl aufkommen verspürte und deshalb abrupt vom Schoß ihres vorlauten Freundes herunter sprang, schnurstracks zum Kühlschrank in der Ecke marschierte, dessen Tür ungestüm aufriss und die Salatplastikbox wieder herausholte, in der sie vor einer halben Stunde schon einmal lustlos herumgestochert hatte. Mit ihr, einem Glas Wasser und einer Gabel bewaffnet kam sie zurück zum Tisch und machte es sich entschlossen auf dem freien Stuhl neben Mehdi bequem, der gehofft hatte, sie würde ihren früheren Stammplatz wieder einnehmen. Aber eins lehrte ihn dies. Niemals schwangeren Frauen zu widersprechen! Die oberste Regel im Umgang mit solch komplizierten zarten Wesen, wie er eigentlich schon von Beruf wegen wusste. Also ließ er seine feurige Freundin sich beruhigen. Nachdem sie einige Happen von ihrem Salat gegessen hatte und der Vitaminspiegel nun wieder im normalen Bereich lag, erzählten Gabi und Mehdi schließlich in harmonischer Eintracht das äußerst unterhaltsame Abenteuer der „Queen Africa“ und ihres „Tarzans“ gemeinsam......................

Lorelei Offline

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Beiträge: 7.270

20.04.2014 16:02
#1477 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Vor drei Wochen, genauer gesagt in der Nacht des rauschenden Kostümfests beim Polterabend von Schwester Sabine und Dr. Gummersbach, welcher mit so einigen Turbulenzen in der Casa Meier-Haase recht feuchtfröhlich stattgefunden hatte, hatten sich Dr. Rüdiger Fuchs und Oberschwester Stefanie Brinkmann von der harmonischen Stimmung beschwingt als allerletzte Gäste auf den Nachhauseweg gemacht. Vor einem beeindruckenden Werbeplakat am Potsdamer Platz, das die wilde pure Seite der Natur Afrikas zeigte, waren die beiden Frischverliebten, die mit ihren Kostümen als „Tarzan“ und „Jane“ für einiges Aufsehen unter den nächtlichen Partyhoppern in der Berliner Innenstadt gesorgt hatten, stehen geblieben. Der Enddreißigerin war plötzlich ganz sentimental zumute gewesen, je länger sie das bildgewaltige Fotomotiv betrachtet hatte. Immer schon hatte sie davon geträumt, ihre Lieblingstiere, monumentale wohlgerundete Nilpferde, in der freien Wildbahn erleben zu dürfen. Aber sie hatte sich diesen Traum, bis auf die vielen, vielen kleinen und großen Happy-Hippo-Figuren, die in zahlreichen Schubladen zuhause und in ihrem Büro ein eher trostloses Leben führten, nie erfüllt. Immerzu hatte sie nur für ihre Arbeit gelebt und sich mühsam bis auf den Posten der Oberschwester hoch gekämpft, der ihr jedoch nur teilweise die Befriedigung brachte, die sie sich davon erhofft hatte. Dabei hatte sie doch als junges Mädchen immer davon geträumt, Forscherin zu werden, Jane Goodall nachzueifern und die Welt zu erkunden. Aber ohne Abitur und nur mit einem mittelmäßigen Realschulabschluss war ihr dieser Traum leider immer verwehrt geblieben. Dr. Fuchs hatte seiner immer melancholischer werdenden Freundin aufmerksam zugehört, der er seit einer gemeinsamen aufregenden Nachtschicht Anfang des Jahres immer mehr verfallen war. Auch er hatte immer davon geträumt, einmal ein großes Abenteuer zu erleben und aus den sterilen Katakomben des Elisabethkrankenhauses herauszukommen.

„Dann lass es uns doch einfach tun“, hatte der sonst so schüchterne und wortkarge Radiologe urplötzlich euphorisch vorgeschlagen und seine perplexe Geliebte damit vollkommen überrumpelt. Beschwingt von der Idee und der wild entbrannten Liebe, die sie seit jener Nacht im Januar in der Radiologie miteinander teilten, waren die zwei entschlossen zu ihren Wohnungen geeilt, hatten hastig ein paar Sachen zusammengepackt, ihre Pässe geschnappt und waren nach einem kurzen Abstecher zum EKH, wo sie ihre Urlaubsanträge in den Briefkasten geworfen hatten, spontan zum Flughafen aufgebrochen, wo sie den erstbesten Flug nach Afrika ergattern wollten. Und das Glück hatte tatsächlich auf ihrer Seite gestanden. Nur eine Stunde später sollte tatsächlich ein Flieger nach Burkina Faso im Westen Afrikas starten. In deren Hauptstadt, nach Wagadagadingsbums...,
Schwester Gabi hatte sich während der ausführlichen Reisereportage der verrückten Afrikaliebhaberin leider den Zielort nicht richtig merken können, weil er ihr zu exotisch geklungen hatte und sie und ihre dauerschnatternden und lästernden Kolleginnen erst einmal die Gesamtsituation zu verarbeiten hatte, erklärte sie der sprachlosen Gretchen, die ebenso wie Mehdi gebannt ihren Erzählungen lauschte.

Ein wahres Abenteuer begann für die Oberschwester und ihren Geliebten. Nach einem anstrengenden achtstündigen Flug fanden sich die beiden Abenteurer auf einem überfüllten Flughafen wieder, dessen Geräusch- und Bildkulisse sie maßlos überforderte. Mit der hektischen deutschen Metropole war dieser Ort absolut nicht zu vergleichen. Planlos wie sie waren, ließen sie sich schließlich auf den erstbesten vertrauensvollen Safariführer ein, der sich ihnen im Tourismusbüro vorgestellt hatte, wo sie Rat gesucht hatten. Mit einem verrosteten alten Jeep, der in Deutschland vermutlich schon vor zwanzig Jahren keinen TÜV mehr bekommen hätte, machten sie sich auf den Weg durch das weite Savannenhochland Burkina Fasos. Auf der Suche nach den berühmten Big Five, wobei es Stefanie natürlich hauptsächlich auf Nilpferde abgesehen hatte, für die sie, seit sie denken konnte, eine unerklärliche Leidenschaft empfand, und auf der Suche nach einer gemütlichen Lodge, wo sie nächtigen konnten. Leider machte das Gefährt, mit dem sie unterwegs waren, seinem Namen alle Ehre. Das Schrottmobil blieb gleich am ersten Tag nach nur wenigen Kilometern mitten in der Wüste mit einem fatalen Motorschaden liegen. Ihr Fahrer, der gleichzeitig auch ihr Guide war, versuchte die aufgeregten Deutschen zu beruhigen. Er würde sich in der Region auskennen. Gleich hinter dem nächsten Hügel würde eine kleine Ortschaft liegen, wo es sicherlich eine Autowerkstatt geben würde, die ihnen mit ihrem kleinen Mobilitätsproblem weiterhelfen könne. Mit einem kleinen großen Obolus, den er den beiden für die Anstellung eines Abschleppwagens aus den Rippen geleiert hatte, machte sich der hilfsbereite Mann sofort auf dem Weg und ließ die beiden allein am Wagen zurück. Er würde gleich zurück sein, teilte er ihnen in einem gebrochenem Französisch-Englisch-Mix mit und verschwand in der nächsten Sekunde im rötlichen Staub der Landstraße.

Nach den ersten zwei Stunden, die mittlerweile vergangen waren, machten sich die beiden entschlossenen Afrikaurlauber noch keine Gedanken und freuten sich immer noch auf ihren bevorstehenden Safaritrip. Aber als ihr freundlicher Tourismusführer, der sie mit seiner Gelassenheit und Fröhlichkeit gleich von der ersten Sekunde an eingenommen hatte, auch nach über fünf Stunden noch nicht zurückgekehrt war, es rasch zu dämmern begann und noch immer kein anderer Wagen die kaum als solche ausmachbare Staubstraße passiert hatte, wurde die innere Unruhe, gefolgt von der aufkommenden Panik, dann doch immer größer. Vor allem Rüdiger Fuchs bereute es mittlerweile bitterlich, sich auf diesen Irrsinn überhaupt eingelassen zu haben, der aus einer nächtlichen Sekt- und Sexlaune heraus entstanden war. Die engen beheizten sicheren Räumlichkeiten seiner geliebten Radiologie waren ihm da eindeutig lieber, als die kalte Rückbank jenes total verrosteten und offenbar fahruntüchtigen Jeeps, auf welcher sie sich nach einem heftigen Wortgefecht unter eine Decke eingemummelt hatten, um sich gegenseitig zu wärmen. Die Nacht war bitterbitterkalt, wie sie bald feststellen mussten, und sie froren so sehr, wie sie noch nie zuvor gefroren hatten. Selbst nicht am Vortag in ihren knappen Kostümen im Schnee unter den Blitzlichtern der Objektive der Touristen am Potsdamer Platz.

Auch am nächsten Morgen war von dem Safariführer keine Spur. Also beschlossen die beiden in ihrer Hilflosigkeit alleine loszumarschieren. Und wie sie es sich schon gedacht hatten, fanden sie hinter dem nächsten Hügel natürlich keine Ortschaft, wo man ihnen hätte weiterhelfen können. Nein, die Weite der Savanne breitete sich dort erst so richtig aus, von deren Schönheit im Morgenlicht sie in ihrer Verzweifelung nicht wirklich etwas registrierten. Die Sonne brannte bald auf ihre blassen Leiber und kein Baum war in Sicht, unter dem man hätte Schutz suchen können. Mit Regenschirmen bewaffnet, die sie dank der aktuellen Witterungssituation in der deutschen Hauptstadt zufällig in ihrem Handgepäck gefunden hatten, machten sie sich weiter auf den Weg. Und so irrten sie umher, bis sie doch tatsächlich gegen Mittag zu einem Wasserloch fanden, welches sich nicht als Fata Morgana herausgestellt hatte, wie die anderen zuvor. Dr. Fuchs litt nämlich bereits unter schweren Halluzinationen und kroch sprichwörtlich auf dem letzten Zahnfleisch, da die Wasservorräte (sie hatten leider nur jeweils zwei Wasserflaschen dabei gehabt) schon zur Neige gegangen waren. Dort im Schatten der riesigen Baobabbäume, wo sie sich erschöpft niedergelassen hatten, erlebte Oberschwester Stefanie nicht nur die Begegnung ihres Lebens. Ein echtes gewaltiges Nilpferd erhob sich majestätisch aus dem dunklen Tümpel vor ihnen. Fast zum Greifen nah. Nein, der Zufall führte sie doch direkt in die Arme zweier überraschter Stammesbewohner eines ganz in der Nähe gelegenen Dorfes, wo die fast Verdursteten von den Einwohnern freundlich aufgenommen und aufgepäppelt wurden, obwohl sie selbst kaum etwas besaßen, das sie hätten teilen können.

Fernab jeglicher moderner Zivilisation lebte das deutsche Paar dort einige Tage, ließ sich in deren Sitten und Gepflogenheiten einführen, wurde richtig Teil der Gemeinschaft, zumal recht schnell bekannt wurde, dass die beiden sonderbaren Fremden mit der ulkigen Sprache über medizinische Kenntnisse verfügten. Denn die nächste Arztstation war Hunderte von Kilometern entfernt. Sie folgten dem Hilferuf ihrer Helfer und kümmerten sich aufopfernd um die Kranken und Schwachen des Dorfes und der angrenzenden Dörfer. Die frohe Kunde, dass Mediziner zu ihnen gefunden hatten, hatte sich nämlich recht schnell in der Savanne herumgesprochen. So dass fast jeden Morgen Duzende von Menschen vor ihrer Hütte standen und ihre mehr oder weniger großen Leiden behandelt haben wollten. So beschäftigt, vergaßen Stefanie und Rüdiger recht schnell das eigentliche Ziel ihrer Reise. Das wahre Abenteuer lag doch direkt vor ihnen. Sie halfen Menschen. Darauf kam es doch an. Endlich bekam ihr Eid, den sie vor Jahren geleistet hatten, einen Sinn. Und zum ersten Mal in ihrer durchschnittlichen Karriere kam ihnen der Respekt entgegen, den ihnen ihre Mitarbeiter in Berlin nie zuteil werden ließen. Das machte die beiden sogar richtig glücklich, auch wenn sie wegen ihrer beschränkten Möglichkeiten in der Savanne nicht jedem helfen konnten.

Leider stellte sich recht schnell heraus, dass dem blassen Nordeuropäer Dr. Fuchs die vorherrschenden Temperaturen nicht so gut bekamen, weshalb sich das Paar nach etwa anderthalb Wochen intensiver medizinischer Betreuung entschloss, in die Zivilisation zurückkehren zu wollen. Doch wie, wenn weder sie noch die Dorfbewohner über einen fahrbaren Untersatz verfügten? Der Stammesführer, ein junger stattlicher Hüne, begleitete die beiden bis zum nächsten Ort, der knapp hundert Kilometer entfernt war und wo einmal in der Woche ein Bus Station machte, der auch die Hauptstadt ansteuerte. Die Hälfte des Weges mussten sie jedoch zu Fuß zurücklegen. Eine Erfahrung, die Stefanie sehr beeindruckt hat und sie zurück zur Natur gebracht hat, während Rüdiger der Marsch in der afrikanischen Hitze in seinem schon angeschlagenen Zustand nicht wirklich gut bekam. Doch die beiden Deutschen hatten mal wieder Glück im Unglück. Bei einer Rast an einer kleinen Oase mitten im Nirgendwo fielen sie doch tatsächlich einem Arzt ohne Grenzen, der zufälligerweise ebenfalls Berliner war, quasi vor die Füße. Er war gerade in seinem Anarchomobil, einem alten Bus mit einem Roten Kreuz drauf und einem Anarchozeichen in der Mitte, quer durch die Wüste unterwegs, um die umliegenden Dörfer mit Medizin und Verbandszeug zu versorgen. Der aufgeschlossene junge Mann mit den wilden roten Haaren, der seine eigene kleine Hilfsorganisation gegründet hatte, weil er den großen nicht traute, nahm sie mit in seine kleine Behelfskrankenstation, in der sich Rüdiger recht schnell von den Strapazen des Fußmarsches erholte, während die Oberschwester dem deutschen Arzt bei der Versorgung der kleinen Patienten half. Denn die Station lag mitten in einem Waisendorf, in dem die Lepra und eigentlich längst ausgerottet geglaubte Krankheiten wieder ausgebrochen waren, die es zu bekämpfen galt. Die vierzig Waisenkinder hatten doch sonst niemanden mehr, der sich um sie kümmerte.

Stefanie war tief berührt von dem bemerkenswerten Engagement des selbsternannten Facharztes für Solidarität und bemühte sich ebenfalls sehr um die kleinen Patienten, die die wohlgenährte Fremde, die in Berlin von sämtlichen Kollegen außer Dr. Meier und dem Professor gefürchtet war, schnell in ihr Herz schlossen. Dr. Fritz Falke überredete das Paar noch länger zu bleiben, als die Vorräte zur Neige gingen, um ihn kurzfristig zu vertreten, damit er zurück nach Berlin fliegen konnte, um neues Material und Spenden zu organisieren. Dass er ihnen dafür geschickt ihre Rückreisetickets abluchste, beunruhigte die beiden erst, als er und seine verplante Assistentin Frau Schwan nicht zum verabredeten Termin wieder zurückkehrten. Unruhe machte sich breit, nicht nur weil die Berliner für ihre Spontaneität nur zwei Wochen Urlaub im EKH genehmigt bekommen hatten und dementsprechend ziemlich viel Ärger wegen der zusätzlich drangehängten Woche erwarteten. Sondern auch unter den Patienten selbst wurde die Unruhe immer größer, da sie nicht verstanden, dass man ihnen ohne die entsprechenden Medikamente nicht weiterhelfen könne. Denn die Krankenstation war nicht allein für die Waisenkinder verantwortlich. Jeden Tag standen Hunderte von Afrikanern vor ihren Toren, die weite Wege auf sich genommen hatten, um sich behandeln zu lassen, was ihnen nun wegen fehlendem Material verwehrt wurde.

Stefanie und Rüdiger dachten schon fast, sie wären auf den nächsten zwielichtigen Typen hereingefallen wie zu Beginn ihrer Abenteuerreise, aber Rüdigers Vorwürfe lösten sich rasch in den Staubwolken auf, die ein Propellerflugzeug erzeugte, welches eben jener durchgeknallte Arzt mit einem äußerst gewagten Manöver sicher neben der Station landete. Mit ausreichend Material an Bord, welches für die nächsten Monate reichen würde. Dankbar dafür, dass er ihnen auch neue Rückreisetickets mitgebracht hatte, halfen sie ihm noch zwei weitere Tage bei der Versorgung der Schar an Patienten, die sich mittlerweile vor den Toren des Waisenheims versammelt hatten. Am Abend vor ihrer Abreise wurde das deutsche Paar von den dankbaren Heimbewohnern zu einem rauschenden Fest eingeladen, zu dem auch jene Stammesleute kamen, die ihnen in den ersten Tagen ihrer chaotischen Reise geholfen hatten. Das Wiedersehen wurde fröhlich gefeiert und man hatte die Oberschwester selten so ausgelassen erlebt wie an jenem Abend. Erst am nächsten Morgen, als Fritz die beiden mit seiner Maschine zum internationalen Flughafen brachte und ihnen dort das Versprechen abrang, in Berlin fleißig weiter für ihn und die Kinder in Afrika Spenden zu sammeln, erkannten sie verblüfft, was eigentlich dort wirklich gefeiert worden war. Fritz erzählte ihnen doch pappfrech, dass die beiden gestern Abend vom Stammesältesten nicht nur in den Stamm selbst aufgenommen worden waren, sondern dass sie auch noch vermählt worden waren, ohne es gemerkt zu haben. Eine Nachricht, welche die Oberschwester und der Radiologe auf dem Flug zurück in die Heimat erst einmal verdauen mussten.

Lorelei Offline

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21.04.2014 14:34
#1478 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Gretchen: Nein?

... stammelte Gretchen nur verblüfft und völlig sprachlos in Richtung der brünetten Erzählerin, die sich nach dem Ende der Geschichte entspannt auf ihrem Stuhl zurücklehnte und sich das Lachen nun auch nicht mehr länger verdrücken konnte und mit Mehdi in ein lautes kindhaftes Gekicher verfiel, welches schließlich auch die verdutzte Assistenzärztin ansteckte, die die verrückte Afrikaodyssee auch kaum glauben konnte und die verschiedenen Informationen erst einmal sortieren musste, und welches erst durch das monotone Piepen eines Monitors im Stationszimmer unterbrochen wurde. Erschrocken sprang Dr. Haase sofort von ihrem Platz auf, entschuldigte sich bei dem Paar, welches ihr daraufhin zunickte, und schaute schnell bei der Patientin nach dem Rechten, die nach ihr geklingelt hatte. Mehdi und Gabi erholten sich derweil von ihrem Lachflash und diskutierten noch ein paar weitere Details der Abenteuerreise von Oberschwester Stefanie durch, die just in dem Moment wild vor sich hin fluchend und mit gewohnt grimmiger Miene im Schwesternkittel am Stationszimmer vorbeigestampft kam, als wäre eine wild gewordene Horde Nilpferde hinter ihr her, deren Anführerin sie wäre, weswegen die beiden Tuschelnden abrupt jegliches Gerede über dieses Thema sofort einstellten und sich lieber schöneren Dingen, wie eifrigem Rumknutschen, widmeten, bis sich der in akute Atemnot geratene Oberarzt wieder dran erinnerte, warum er eigentlich hier war. Da Dr. Meier und dessen Mutter noch immer nicht zu dem Gespräch über die weitere Behandlung ihrer Krebserkrankung aufgetaucht waren, wandte sich Mehdi, nachdem sich seine Sauerstoffsättigung wieder normalisiert hatte, erst einmal den roten Luftballons zu, die es noch aufzublasen und zu Dekozwecken aufzuhängen galt. Seine Freundin Gabi machte sich währenddessen auf den Weg, etwas Essbares für das kleine Überraschungstreffen für Sabine und Günni zu besorgen.

Der charmante Frauenarzt war gerade dabei, zwei Herzchenballons links und rechts an Sabines Arbeits-PC anzubringen, und grübelte, ob man Entsprechendes vielleicht auch noch in der Pathologie für Dr. Gummersbach veranstalten könnte, entscheid sich aber im nächsten Moment diese Idee aus Pietätsgründen besser fallen zu lassen, als Dr. Haase von ihrer Patientin zurückkam. Die fleißige Assistenzärztin tätigte ein paar Eintragungen in der Computerdatei einer Patientenakte, legte anschließend eine Notiz in das Wandfach ihres Oberarztes, schnaufte dann einmal kräftig durch und wandte sich wieder freundlich lächelnd ihrem besten Freund und Kollegen zu...

Gretchen: Duuu, Mehdi? Wenn du später noch Zeit hast, kannst du dann bitte mal bei meiner Patientin in Raum 307 vorbeischauen. Sie liegt nach einem Autounfall heute Morgen hier, keine Bange nichts Gravierendes, nur ein paar Schürfwunden und eine leichte Gehirnerschütterung, die wir bis morgen überwachen wollen. Aber sie ist in der siebten Woche schwanger und klagt jetzt über ein leichtes Ziehen im Unterleib und im Rücken. Ich hab sie gründlich untersucht und sie beruhigt, dass das vermutlich noch vom Unfall und dem Schock herrührt, aber sie fühlt sich wohler, wenn sie noch einmal ein Gynäkologe anschauen würde.
Mehdi (nickt ihr pflichtbewusst zu): Kein Problem. Nach dem Treffen mit Frau Fisher schaue ich sie mir mal an.
Gretchen (strahlt ihren Kollegen dankbar an u. bewundert nun die Deko für Sabine, die sie vollends zufrieden stellt): Danke, du bist ein Schatz! Ist schön geworden.
Mehdi (erwidert ihr strahlendes Lächeln u. tritt neben seine beste Freundin): Ja, nicht?
Gretchen (schaut sich suchend um): Wo ist denn Gabi abgeblieben?
Mehdi: Ach, sie besorgt uns noch schnell etwas zu knabbern von dem Buffet im Schwesternwohnheim. Da war doch eine Menge liegen geblieben.
Gretchen: Das ist ja lieb, dass Gabi noch daran gedacht hat. Aber sie sollte aufpassen, dass sie der Oberschwester nicht über den Weg läuft. Die hat mich gerade angehalten und sich heftig über meinen unmöglichen Vater ausgelassen, der, O-Ton Stefanie Brinkmann, „mit seiner ewigen Erbsenzählerei wohl über überhaupt kein Gewissen mehr verfügt.“ Er hat ihr, charmant wie er sein kann, wenn man ihn unter Druck setzen will, die Gründung einer EKH-Spendenorganisation verwehrt und sie zurück in den Kittel gezwungen. „Schließlich sei das Krankenhaus kein Zirkustheater, wo man sich alles erlauben kann und als Kanarienvogel herumläuft. Wenn sie sich schon engagieren will, dann kann sie das gerne in ihrer Freizeit tun. Aber sie soll seinen Haushalt in Ruhe lassen. Der ist schon eng bemessen genug.“ Ich hatte richtig Angst, dass sie mich noch auffrisst. So nah und bedrohlich stand sie vor mir.
Mehdi (macht ein besorgtes Gesicht): Oh, oh! Das klingt nicht gut.
Gretchen (ebenso beunruhigt, kann aber auch darüber schmunzeln): Ja, mit ihr ist nicht gut Kirschen essen im Moment. Sie war schon fast wieder die Alte. Hihi! Naja, ich rede mal mit Papa, ob wir wenigstens die Spendendosen stehen lassen können. Soziales Engagement ist schließlich immer eine gute Werbung für die Klinik.
Mehdi (grinst): Du denkst schon fast so geschäftstüchtig wie dein Vater. Willst du Marc etwa noch den Chefarztposten abspenstig machen?
Gretchen (stupst ihn an u. geht lachend zum Tisch rüber, wo sie das restliche Dekomaterial, das sie nicht gebraucht haben, wieder in die Kartons packt): Hey, hey! Nicht so frech, mein Lieber! Aber ich muss zugeben, ich bin schon beeindruckt, was Schwester Stefanie und Dr. Fuchs da unten geleistet haben.
Mehdi (nachdenklich): Da stimme ich dir zu. Wenn man Erfahrungsberichte aus erster Hand hört, bewirkt das schon etwas bei einem.
Gretchen (sieht Mehdi bestätigend an u. müht sich nun mit den Papierkartons ab, die sie übereinander gestapelt ungeschickt hochzuheben versucht): Aber ich glaube, für mich wäre so ein Abenteuer in Afrika nichts. Jetzt nicht wegen den Kindern. Denen würde ich wirklich liebend gerne helfen, wenn ich könnte. Ich werde auch noch spenden. Ganz bestimmt. Aber das dort ist doch die Hölle für jeden Hauttyp eins. Ich hab ne Sonnenallergie, ich hasse wilde Tiere, dann das viele Elend. Ich weiß nicht, ob ich das ertragen könnte. Der Ausflug in die Berliner Außenbezirke vor zweieinhalb Jahren war mir schon Abenteuer genug. Muss ich deswegen jetzt ein schlechtes Gewissen haben?
Mehdi (schüttelt den Kopf, nimmt ihr die verdächtig wackelnden Kartons rechtzeitig ab u. bringt sie rüber in die Umkleide, in welche Gretchen ihm prompt folgt): Du kannst jederzeit wieder mitkommen. Jeden zweiten Freitag bin ich unterwegs, wenn nicht schon eher mal ein Notfall dazwischen kommt.
Gretchen: Ich überleg’s mir. Ach, weißt du was? Ich bin auf jeden Fall dabei.

Gretchen blickte ihren besten Freund, auf den sie mächtig stolz war, weil er mit seinem Engagement wirklich etwas bewirkte, einen Moment länger als nötig an, merkte dann aber recht schnell, dass sie so langsam ins Starren überging, wandte sich hastig von ihm ab, um ihren Spind zu öffnen, und stopfte die Kartons dann mit Mehdis tatkräftiger Hilfe hinein. Als das erledigt war, kehrten die beiden Ärzte schnell wieder ins Stationszimmer zurück. Gretchen schmückte den Tisch noch ein bisschen mit einem Frühlingsblumenstrauß, damit es so richtig schön gemütlich wurde, und blickte anschließend noch einmal auf die Liste der Patienten an ihrem Computermonitor, um zu überprüfen, ob sie noch einmal bei einem von ihnen vorbeischauen sollte. Mehdi, der derweil einen Blick aus dem Fenster riskierte, um zu kucken, wo Marc denn blieb, trat schließlich wieder näher an seine hübsche Kollegin heran...

Mehdi: Sehr gewissenhaft, Frau Doktor.
Gretchen (dreht sich grinsend zu ihm herum): Du kennst mich ja. Ich kann nicht anders.
Mehdi (grient zurück): Nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest, Gretchen. Das ist wohl eine Marotte, die wir beide miteinander teilen. Neulich erst hatte ich zwei Laborergebnisse auf dem Schirm, die ich aber keiner meiner Patientinnen zuordnen konnte. Das hat mich ganz fuchsig gemacht. Ich hab mein halbes Büro auf den Kopf gestellt und meine Leute ganz verrückt gemacht, weil ich dachte, irgendetwas wäre verloren gegangen. Aber ich konnte einfach nichts finden. Selbst im Labor konnte mir keiner weiterhelfen. Obwohl... doch, jetzt fällt es mir wieder ein. ... Warte mal! ... Das wollte ich dich schon vor Tagen fragen, hab’s aber immer wieder vergessen, weil jedes Mal etwas dazwischen gekommen ist. ... Moment! Ich hab’s gleich.

Mehdi nahm der perplexen Assistenzärztin die Computermaus aus der Hand, klickte einmal hier und einmal dort und schon hatte er die beiden mysteriösen Namen auf dem Schirm, welche er gesucht hatte und welche Gretchen plötzlich schwer schlucken ließen, als sie diese identifizierte.

Mehdi: Sagen dir vielleicht die Namen Susi Vogel und Uschi Meyer etwas? Eine von den beiden war zum Zeitpunkt der Untersuchung in der siebten Woche schwanger. Achim vom Labor, du weißt schon der mit den roten Haaren, meinte, du hättest die Aufträge für die Blutuntersuchungen gegeben, ich glaube in der Nacht vom 13. auf den 14., und du hättest es sehr dringlich gemeint, hast sie dann aber nicht abgeholt und er hat sie am nächsten Morgen deiner Mutter mitgegeben, die zu der Zeit bei mir auf der Gyn gearbeitet hat. Ich hab aber in meiner Aktenablage keine Papiere gefunden. Kannst du dir das erklären?

Dr. Kaan blickte seine beste Freundin erwartungsvoll an und wunderte sich, als sich ihre Gesichtsfarbe ganz plötzlich in ein tiefes Tomatenrot verwandelte. Hinzu kam, dass Gretchen jetzt auch noch verdächtig ins Schwitzen geriet, was eigentlich nur passierte, wenn Marc Meier in der Nähe war oder ihr etwas sehr unangenehm war. Und da sein Kumpel noch nicht zurückgekommen war, konnte das nur bedeuten, dass ihr tatsächlich etwas peinlich war. Aber was bitteschön? Er konnte es sich wirklich nicht erklären und hakte daher weiter nach.

Mehdi: Gretchen?
Gretchen (zuckt unter dem Klang seiner sanften Stimme zusammen u. versucht stotternd etwas zu erklären): Äh... Mehdi, das... das... ähm... ja, das waren ... wir.
Oh Gott, wie peinlich! Ich hab ganz vergessen, dass das alles auch digital weitergeleitet wird. Mist! Ich hätte es löschen können, bevor jemand etwas merkt. Ich bin wirklich eine schlechte Spionin.
Mehdi (blickt sie verdutzt an): Wer wir?
Gretchen (holt tief Luft u. zum Geständnis aus): Ich bin Uschi und Sabine Susi.
Mehdi (klappt ungläubig den Mund auf u. starrt sie fragend an): Hä? Wie meinst du das? Moment! War das nicht die Nacht vom Polterabend? Habt ihr getrunken und euch hier einen Junggesellinnenspaß erlaubt?
Gretchen (jetzt kuckt sie ungläubig u. schüttelt energisch den Kopf): Was? Nein! Ganz im Gegenteil! Die Situation war ernster, als du denkst, Mehdi. Das ist mir auch echt unangenehm. Tut mir leid, dass wir deine Räumlichkeiten missbraucht haben. Aber wir brauchten einfach Gewissheit. Sabine war so durcheinander, dass sie sogar... Äääh... nicht so wichtig. Wir wollten einfach nicht, dass es gleich die Runde im Haus macht. Deshalb unser Inkognito. Du kennst doch die Gossipklitsche hier. Es hätte doch gleich jeder gewusst, dass Sabine schwanger ist. Sie war so überfordert von dieser Neuigkeit. Um sie zu unterstützen und ihr die Scheu vor der Untersuchung zu nehmen, hab ich auch bei mir einen Bluttest veranlasst. Ich meine, Marc und ich wollen ja auch und da kann es doch nicht schaden, zu schauen, ob bei einem alles in Ordnung ist. Und das war es dann ja auch. ... Leider!

...klärte Gretchen Mehdi aufgeregt über den weiteren Verlauf des Abends vor Sabines Hochzeit auf und verhehlte die Enttäuschung über ihr eigenes negatives Ergebnis dabei nicht. Auch wenn sie es nicht offen aussprach, der vertrauensvolle Frauenarzt konnte es in ihren schimmernden blauen Augen lesen. Er hörte seiner besten Freundin aufmerksam zu und nickte schließlich verständnisvoll mit dem Kopf. Im Augenwinkel bemerkte er gleichzeitig, wie seine Stationsschwester mit einem großen Tablett afrikanischer Delikatessen hereinkam, welches sie sicher zum runden Tisch balancierte und darauf abstellte.

Mehdi: Verstehe!
Gabi: Was verstehst du?

...kam auch schon prompt die neugierige Nachfrage von Schwester Gabi, die wissbegierig zwischen den beiden Freunden, die sie verstört ansahen, hin und herblickte. Eindringlich schaute Gretchen Mehdi daraufhin in die Augen und er verstand sofort, dass er diese Episode besser für sich behalten und keine weiteren Fragen stellen sollte, um ihr und Schwester Sabine weitere Peinlichkeiten zu ersparen.

Mehdi (blickt erst zu Gabi, dann augenzwinkernd zu Gretchen): Es ging nur um zwei Patientinnen, die uns Rätsel aufgegeben haben. Ich lege die Laborergebnisse zurück in die jeweiligen Akten, damit nicht aus Versehen etwas durcheinander gerät, Dr. Haase.
Gabi (wie erwartet schwindet ihr Interesse sofort u. sie deutet auf das Buffet): Ach? Naja, ähm... Meint ihr, das wird reichen? Mehr konnte ich leider nicht retten. Die neuen Lernschwestern sind wie wild gewordene Löwinnen darüber hergefallen. Immer das Gleiche, wenn es etwas umsonst gibt.
Gretchen (nickt erst Mehdi wissend zu, dann Gabi): Danke! Ich denke schon. Nach der langen Reise wollen die beiden bestimmt nur einen kleinen Happen zu sich nehmen und dann gleich nach Hause.
Gabi: Wann landet ihr Flieger eigentlich? Das wollte ich dich vorhin schon fragen.

...stellte Gabi eine Frage in den Raum, die Gretchen augenblicklich aufhorchen ließ. Ein Blick auf die Wanduhr über der Tür ließ ihr Gesicht urplötzlich einfrieren. Und blitzartig fiel ihr wieder ein, was sie am Morgen vergessen hatte, zu notieren. Panisch blickte sie erst Schwester Gabi an, die sich gerade klammheimlich etwas von dem Buffet geschnappt hatte und nun genüsslich in ihren Mund schob, ohne weiter auf die Assistenzärztin zu achten, dann Mehdi, der sofort merkte, dass etwas nicht stimmte.

Mehdi: Was ist, Gretchen? Du bist plötzlich so blass?

Aus der Schockstarre erwacht, eilte die Angesprochene zum PC und rief dort die Internetseite von Berlin-Tegel auf, die sie in Windeseile studierte, bis sie an einer Uhrzeit hängen blieb, die rot aufleuchtete und ihr Herz gleich direkt bis runter in die Kniekehle rutschen ließ. In ihren Hirnwindungen begann es gewaltig zu rattern. Die Informationslawine überrollte die junge Ärztin förmlich, ehe sie überhaupt begreifen konnte, was passiert war.

Gretchen: Oh nein, oh nein, oh nein!

...stammelte Gretchen zunehmend verzweifelt, so dass nun auch Schwester Gabi auf die hektische Assistenzärztin aufmerksam wurde und näher trat, um die aufgerufene Internetseite selbst kurz zu überfliegen. Unwissend zuckte die Krankenschwester mit den Schultern und schaute Mehdi fragend an, der sich das sprunghafte Verhalten seiner besten Freundin auch nicht erklären konnte. Diesen Kurs im „Gretchen Haase verstehen“ musste er wohl versäumt haben und Marc Meier war gerade nicht in der Nähe, um ihn diesen näher zu erläutern.

Gabi: Was ist denn los? Was bist du denn so hysterisch auf einmal?
Gretchen (bekommt die Worte kaum über die Lippen, so aufgeregt ist sie): Ich... ich hatte doch Sabine und Günni versprochen, sie vom Flughafen abzuholen.
Gabi: Ja, und? Wo liegt das Problem? Es ist doch eh nichts los hier auf Station. Dann fahr doch schnell hin.
Gretchen (völlig durcheinander u. hysterisch): Das... Ich... Oh nein! Ich hab das in dem ganzen Trubel um Marcs frühzeitige Rückkehr ganz vergessen. Ich wollte gestern Abend noch einmal die Uhrzeit checken und mir heute früh extra Mamas Auto ausleihen. Mist! Mist! Mist! Der Flieger ist schon vor einer Dreiviertelstunde gelandet. Das schaffe ich nie. Was mache ich denn jetzt?
Gabi (auch wenn es unpassend ist, sie kann sich ein Schmunzeln nicht verdrücken): Oh! Das ist in der Tat echt blöd.
Gretchen: Ich muss sofort los.

...stieß Gretchen auf einmal hastig aus und rannte schnurstracks an dem perplexen Paar vorbei in die Umkleide, wo sie ihre Jacke ungestüm aus ihrem Spind zerrte und in ihrer Aufregung gleich noch verkehrt herum anzog und jetzt mit dem widerspenstigen Kleidungsstück einen wilden Tanz aufführte. Mehdi und Gabi schauten ihrer panischen Kollegin irritiert von der Tür aus zu und dann sich an. Noch in ihren Krankenhausschlappen wollte Dr. Haase auf den Gang hinausstürmen, hielt aber im Türrahmen plötzlich inne und drehte sich noch einmal zu ihren beiden irritierten Beobachtern um, während sie mehr mit sich selbst als mit ihnen sprach.

Gretchen: Oh nein, oh nein, oh nein!
Gabi (allmählich genervt): Was ist denn jetzt wieder?
Mehdi (legt beruhigend beide Hände auf Gretchens Schultern u. sieht ihr eindringlich in die Augen): Gretchen? Jetzt beruhige dich doch erst einmal! Einatmen, ausatmen, nachdenken, dann handeln! In dem Zustand lasse ich dich bestimmt nicht auf die Straße.
Gretchen (hört ihrem besten Freund gar nicht richtig zu u. schüttelt seine Hände ab): Marc ist doch mit dem Auto weg, Papa ist mit seinem über die Mittagsstunden an der Uni wegen eines Vortrages und ich... ich... Sabine wird so enttäuscht von mir sein.
Mehdi (bleibt die Ruhe selbst u. versucht das hektische Wesen einfühlsam zu beruhigen): Wird sie nicht! Schau doch mal, was du hier alles organisiert hast.
Gretchen (wird in der Tat etwas ruhiger u. schon schimmern ihre blauen Augen verdächtig wässerig): Aber... Das... das kriegen die beiden dann doch gar nicht zu Gesicht, wenn ich sie am Flughafen verpasse. Sie wissen doch gar nicht, dass ich mit ihnen zum Elisabethkrankenhaus wollte.
Mehdi (lächelt sie aufmunternd an u. zaubert plötzlich seinen Autoschlüssel aus seiner Kitteltasche): Vertrau mir! Alles wird gut, Gretchen! Der Fluglotsenstreik hält immer noch an. Außerdem dauert die Einreise nach Flugreisen in die Staaten eh immer etwas länger. Du weißt schon, Zoll und das ganze Brimborium. Wahrscheinlich stehen die beiden noch am Gepäckband und machen sich selber Sorgen, dass sie dich warten lassen, hmm? Hier! Nimm meinen Wagen! Aber fahr vorsichtig, ja!
Gabi (starrt ihren Freund verdattert an): Du gibst ihr deinen Schlüssel? Eh, weißt du, wie die Auto fährt?
Gretchen (sieht ihren besten Freund mit großen glasigen Augen an): Bist du sicher?
Mehdi (drückt ihr den Schlüssel lächelnd in die Hand, schließt diese zu einer Faust u. hält sie fest): Ich würde dich ja fahren, aber du weißt ja, dass ich noch den Termin mit Marc habe. Und ihn darf ich wirklich nicht stehen lassen. Sonst krieg ich einen auf die Mütze. Nicht nur von ihm.
Gretchen (schaut dem besten Freund der Welt gerührt in die Augen u. umarmt ihn schließlich im Übereifer): Danke! Du hast was gut bei mir. Ach was, du hast tausend Dinge bei mir gut.

Gabi: Ähm... Ich will euch ja nicht die Illusion nehmen, aber ich glaube, euer undurchdachter Plan erledigt sich gerade.

...meldete sich nun auch Schwester Gabi wieder zu Wort, der die innige Vertrautheit der einst miteinander Verbandelten überhaupt nicht gefiel, und deutete mit dem ausgestreckten Arm zur Tür hinaus zum Ende des Flurs, wo sie gerade etwas Situationsentscheidendes entdeckt hatte. Gretchen und Mehdi lösten ihre freundschaftliche Umarmung und schauten die Krankenschwester nun verwirrt an...

Gretchen: Wieso?
Gabi (rollt entnervt mit den Augen, bis ihr plötzlich etwas auffällt u. sie abrupt verstummt): Weil sie schon hier ist, Frau Blitzmerkerin, und... Was zum...? Was hat sie denn da auf dem Arm? Ist das etwa...
Mehdi (folgt Gabis schockiertem Blick u. stutzt nun ebenfalls völlig irritiert): ...ein Kind!
Gabi (sieht ihn mit heruntergeklappter Kinnlade vergewissernd an): Nee, oder?
Gretchen: Aber das kann doch gar nicht sein. Was redet ihr denn... da? Sie ist... Oh!

...wiegelte die angehende Chirurgin entschieden ab, die gerade in ihre Stiefel geschlüpft war und deshalb jetzt erst aufschaute und den fassungslosen Blicken ihrer Freunde nach draußen auf den Flur der Station folgte. Auch sie stutzte nun irritiert, als sie die Augen zusammenkniff und erkannte, dass ihre beste Freundin tatsächlich vor den geschlossenen Fahrstuhltüren am Ende des langen Gangs stand. Fast so wie ein Geist aus einer anderen Zeit in ihrem leuchtendgelben Wintermantel. Erfreut, sie zu sehen, wollte Gretchen schon auf sie zu laufen, um sie herzlich zu begrüßen und sich für die verpasste Abholung zu entschuldigen, aber nach nur wenigen Schritten blieb sie plötzlich abrupt stehen. Sabine Gummersbach blickte ihrer verehrten Frau Doktor aus der Ferne direkt in die Augen, bewegte sich jedoch nicht vom Fleck, und sie hielt ein kleines in weiße Tücher gewickeltes Bündel in ihren Armen, aus dem ein winziger zappelnder nackter Arm herauskuckte. Schwester Sabine hatte tatsächlich ein Baby, erfasste Gretchen Haase in Sekundenbruchteilen völlig entgeistert und verharrte in ihrer Sprachlosigkeit, ebenso wie Mehdi Kaan und Gabi Kragenow, die links und rechts von ihrer blonden Kollegin stehen geblieben waren und Bauklötze staunten.

Lorelei Offline

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27.04.2014 19:48
#1479 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

In der Zwischenzeit im Penthouse Meier-Haase

Ein lautes Telefonklingeln durchbrach die mittägliche Stille in dem großzügig geschnittenen Wohnbereich der Dachgeschosswohnung von Dr. Marc Meier und Dr. Margarethe Haase. Ein lautes Aufseufzen war daraufhin aus den oberen Räumlichkeiten zu hören, gefolgt vom monotonen Klappern der Absätze teurer Damenschuhe, die in eleganten Schritten vorsichtig die schmale Holzwendeltreppe hinunter schritten, da deren Trägerin dem Ursprung des nervigen Störgeräusches umgehend nachgehen wollte, dessen Verursacher sie definitiv die Ohren lang ziehen würde, sobald sie diese in ihre frisch manikürten Finger bekommen würde. Marcs Mutter, die gestern Abend unter Angabe fadenscheiniger Begründungen in das an und für sich doch recht gemütlich wirkende Luxusappartement ihres Sohnes zwangseinquartiert worden war und sich mittlerweile mit diesem unmöglichen Zustand schneller als gedacht abgefunden hatte, weil sie in den Tiefen ihres sonst so verschlossenen Herzens spürte, dass sie momentan nicht allein sein wollte und konnte und sie die ungewohnte Nähe, welche sich zwischen ihr und Marc seit ihrem Krankenhausaufenthalt in der Schweiz eingestellt hatte, nicht missen wollte, fuhr sich während ihres divenhaften Schreitens durch das lichtgeflutete Wohnzimmer mehrmals durch ihre frisch gefärbten und neu frisierten Haare, die aus der blassen kraftlosen Krebspatientin wieder die attraktive und schillernde Grande Dame machten, als die sie sich bis zu jener schrecklichen Diagnose empfunden hatte, welche sie komplett aus der Spur geworfen hatte, in die sie noch nicht wieder zurückgefunden hatte. Äußerlich schien sie wieder ganz die Alte zu sein, doch innerlich tobte noch immer ein gewaltiger Orkan der unterschiedlichsten Gefühlsregungen in Elke Fisher, welche sie kaum zu beherrschen schaffte. Suchend schaute sie sich in den ungewohnten Räumlichkeiten um, die sie vor dem Einzug ihres Sohnes und dessen Freundin erst einmal kurz besichtigt hatte, und entdeckte ihr Handtelefon schließlich auf der Theke der offenen Küche neben einer Schüssel Weintrauben, von denen sie vorhin nach ihrer Rückkehr von dem Berliner Starcoiffeur schon einige genascht hatte, um ihre wachsende Nervosität zu überspielen, die sie sich auch nicht erklären konnte, wie so vieles in ihrer aktuellen Zwangslage.

Noch jemand anderen hatte der monotone Dauerklingelton ebenfalls aus seinem Zimmer gelockt, in welches er sich nach einer ereignislosen stinklangweiligen Nachtschicht im Krankenhaus und einer Schockbegegnung am frühen Morgen, die ihn noch immer erschaudern ließ, verbarrikadiert hatte. Mit langsamen Schlurfischritten erreichte ein verschlafener Jochen Haase die Küche, gähnte dort einmal laut in alle Richtungen, strubbelte sich durch seine wirren Haare und begrüßte die elegante Dame in dem figurbetonten schwarzen Zweiteiler, die darin für ihr Alter nicht einmal so übel ausschaute, auf gewohnt lässige Art, was aber bei der stolzen Autorin keinerlei Beachtung fand. Denn diese hatte den nervigen Anrufer auf dem Display ihres Smartphones bereits identifiziert, was ihren schon recht angeschlagenen Gefühlshaushalt gleich noch ein bisschen mehr durcheinander brachte. Mit der Fassade einer vorwurfsvollen Mutter, die sich nicht alles von ihrem unbelehrbaren Sohnemann gefallen lassen wollte, ging sie schließlich ran und beendete damit das Klingelkonzert im Hause Meier-Haase. Auch für Jochen, der abrupt das Müdigkeitsgefühl abschüttelte und mit einem Ohr interessiert dem Telefongespräch lauschte, während er nebenbei in der Küche hantierte und nach etwas Essbaren suchte.

Elke: Marc Olivier, du unerzogener Bengel, was fällt dir ein, mich so lange warten zu lassen? Heute Morgen herrschst du mich noch an und es kann dir nicht schnell genug damit gehen, deine arme kummergeplagte Mutter wieder an diesen furchtbaren Ort des Leidens zu bringen. Ich habe extra meinen Termin bei Udo vorverlegt, um dann bei meiner Rückkehr feststellen zu müssen, dass mein eigen Fleisch und Blut mich offenbar vergessen hat. Gut, wenn das so ist, können wir das Gespräch mit deinen Kollegen auch gleich ganz canceln. Es ist mir recht.
Marc (zischt genervt durch den Hörer): Boah, Mutter, reg dich ab, ja! Ich hab gesagt um die Mittagszeit. Und da es gerade kurz nach eins ist, gilt das immer noch. Okay?
Elke (eingeschnappt dreht sie sich mit ihrem Telefon in der Hand zur Fensterfront u. schaut gedankenverloren hinaus auf die sonnenbestrahlten angrenzenden Dächer): Was immer noch nicht deine Verspätung erklärt, Marc Olivier. Du weißt ganz genau, dass ich so etwas nicht ausstehen kann.
Marc (ihm reißt bald die Hutschnur u. das hört man seiner gereizten Stimme auch an): Mann, nerv mich nicht! In der Innenstadt ist die Hölle los. Da, wo heute Morgen noch keine Baustelle war, ham sie plötzlich eine wie aus dem Nichts aus dem Boden gestampft. Nix geht mehr. Ich musste einen ellenlangen Umweg fahren, um hierher zu kommen, und bin dabei auch noch geblitzt worden. Scheiß-Bullen, echt! Und jetzt ist hier auch noch kein Parkplatz zu finden, weil so ein Scheißtouribus die ganze Spur blockiert. Verdammte Scheiße eh! Was macht der Volltrottel denn da? Hat der Tomaten auf den Augen?
Elke (versucht energisch sich Gehör zu verschaffen, während ihr Sohn weiter über den Verkehr schimpft): Marc Olivier?
Marc: Tunk dein Gesicht in Puder oder was auch immer du dir sonst über die Falten schmierst, zieh dein Designerkostüm und deine paillettenbesetzten Schühchen an und mach dich ausgehfertig! Hopp, hopp! Ich bin gleich da. Eigentlich bin ich es ja schon, wenn der Idiot vor mir nicht... Boah! Mir reicht’s jetzt echt! Eigentlich wollte ich nicht, aber dann fahr ich eben doch in die verdammte Tiefgarage rein. Da weiß ich wenigstens, dass ich einen Paaa...

Piep... Piep...Piep...

Elke: Marc? Jetzt hat der Junge einfach aufgelegt! Also... Unmöglich so was! Wer hat dieses Kind eigentlich erzogen?

...echauffierte sich Marcs Mutter ungehalten weiter am Telefon, obwohl die Verbindung mit ihrem pappfrechen Sohnemann durch ein Funkloch bereits längst abgebrochen war. Schließlich beruhigte sich die angespannte Frau Mama wieder. Sie legte das mit einem Goldrand verzierte Telefon in ihre schwarze paillettenbesetzte Guccihandtasche und schlüpfte in ihren bereits bereitgelegten Kaschmirmantel. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus, je länger Marc auf sich warten ließ. Seit der Erstuntersuchung vor wenigen Wochen spürte Frau Fisher dieses stets, wenn ein Arztbesuch unmittelbar bevorstand, auch wenn dieser heute lediglich der Kontrolle und der Weiterbehandlung im EKH diente, zu der sie sich Marc zuliebe aufgerafft hatte, und sie dank ihrer guten Werte, die man ihr noch vor zwei Tagen in der Schweizer Klinik bestätigt hatte, nichts zu erwarten hatte. Dennoch spielte ein gewisses Maß an Unsicherheit und Angst, welche eigentlich sonst Fremdwörter für die taffe Karrierefrau waren, immer noch eine tragende Rolle, was wohl auch noch davon geschuldet war, dass sie immer noch keine Ahnung hatte, wie sie diese schicksalsträchtige Episode in ihrem Lebens mit ihrem Mann bereinigen konnte, den sie momentan in den Staaten glaubte und den sie, und vor allem ihr puckerndes Herz, lieber heute als morgen zurückhaben wollte. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, Marc und ihn ziehen lassen zu wollen, nur damit sie ihre Mutter und Ehefrau nicht leiden sehen mussten? Wie töricht und dumm von ihr! Wer war sie denn schon ohne die beiden? Ihr Leben kam ihr jetzt, wo alles überwunden zu sein schien, so unendlich leer und nutzlos vor. Die Ablenkung in Form eines verdächtigen Raschelns und Polterns in der Küche nebenan kam ihr daher in dem Moment ganz recht. Verwundert schaute Elke auf und beobachtete, wie ein in Jeans und T-Shirt gekleideter junger Mann den randvoll mit Tupperdosen in den verschiedensten Farben und Formen beladenen Kühlschrank ihres Sohnes plünderte und dabei regelrecht ins Hamstern verfiel.

Elke: Können Sie mir verraten, was Sie da genau machen, junger Mann?

...sprach sie den jüngeren Bruder ihrer Schwiegertochter in spe direkt darauf an. Dieser wandte der älteren Dame den Kopf zu, die ihn mit musternden Blicken traktierte, und zuckte lediglich mit den Schultern, während er weiterhin eine Tupperdose nach der anderen in seinen Reiserucksack packte und offenbar nicht einmal ein schlechtes Gewissen deswegen besaß. Also die Jugend von heute gab der Mittfünfzigerin immer mehr Rätsel auf. Deshalb war sie auch heilfroh, dass sie sich nur um ein Exemplar dieser komplizierten Spezies Mensch hatte kümmern müssen und mit diesem hatte es dank seiner schon in jungen Jahren errungenen Selbständigkeit nie große Probleme gegeben. Außer vielleicht den einen oder anderen Besuch bei Marcs Direktor wegen - in ihren Augen - Nichtigkeiten wie unsozialem Verhalten seinen Mitschülern gegenüber. Mein Gott, diese Pädagogen von vorvorgestern, hatte die alleinerziehende Mutter damals gedacht und nur den Kopf geschüttelt über deren grenzenlose Inkompetenz. Pubertierende Jungs probierten sich nun mal aus in dem Alter. Marc war doch schon immer eine starke Persönlichkeit gewesen und kein Duckmäuser, der sich hinter den Meinungen anderer versteckte. Er hatte seinen ganz eigenen Kopf und das war gut so. Was hatte man denn an einem starken Charakter auszusetzen? Das hatte ihn doch erst zu dem gemacht, der er jetzt war und darauf war sie immer, mal mehr, mal weniger, stolz gewesen. Wenn man mal seine große Klappe, auch ihr gegenüber, außen vor ließ. Im Nachhinein betrachtet hätte sie ihm vielleicht nicht ganz so viele Freiheiten lassen sollen. Ihm hatte halt der Vater gefehlt und ihr schlechtes Gewissen deswegen war immer groß gewesen. Deshalb hatte sie Marc meistens machen lassen. Sie war froh gewesen, dass er sich selbst zu beschäftigen gewusst hatte. Auch wenn er in der Schule ab und an recht faul gewesen war, war er doch schließlich seinen ganz eigenen Weg gegangen. Das konnte man von anderen nicht unbedingt behaupten.

Jochen (kleinlaut): Ich packe.
Elke (schaut erst ihn u. dann die Taschen zu seinen Füßen misstrauisch an): Sie packen? Und dazu gehört, meinem Sohn sämtliche Lebensmittelvorräte zu entwenden?
Jochen (grient die misstrauische Frau rotzfrech an): Nö! Mitnichten! Da ich und mein liebes Schwesterherz die letzten Wochen hier alleine zusammengewohnt haben, während Ihr Sohn auf Reisen war, sind das immer noch meine Lebensmittel. Also zu Fünfzig Prozent zumindest. Die stehen mir also zu. Schließlich hat unsere Mutter sie uns extra vorbeigebracht. Sehen Sie, alles vorgekocht und nach Tagen sortiert. Damit es uns an nichts fehlt. Geil nicht? Das nehme ich gleich als Einstand für meinen WG-Kumpel mit.
Elke (sieht den jungen Mann ungläubig an u. liest sich den einen oder anderen Klebezettel durch, der die Dosen ziert): Soll das etwa heißen, dass Ihre Mutter hier für Ihren Haushalt sorgt? Mein Gott, diese Frau ist sich echt für nichts zu schade.
Jochen (verteidigt die Ehre seiner Mutter, aber vor allem die seine, u. schämt sich nicht einmal, dass er die Wahrheit ein bisschen beschönigt): Äh... Nicht ganz. Sie sorgt sich eben um uns. Also vor allem um Gretchen. Sie kennen sie ja. Marc war nicht da und da sie ungern über längere Zeit allein sein kann, haben wir gedacht, dass es vielleicht besser ist, wenn man, also in dem Fall ich, auf sie aufpasst und sich ein bisschen um sie kümmert, bevor sie noch komplett durchdreht, weil Ihr Sohn ihr nicht die Aufmerksamkeit schenkt, die sie gewohnt ist.
Elke (glaubt ihm kein Wort u. verhehlt dies auch nicht): Wie großmütig von Ihnen! Das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut. Dabei hat Marc mir doch erzählt, Sie seien zu Hause rausgeflogen und Gretchen wäre so gnädig gewesen, Ihnen für ein paar Tage Asyl zu gewähren?
Jochen (verschluckt sich fast an seinem Dauergrinsen, denn die Autorin hat ihn volle Breitseite erwischt): Äh... Ich... bin nicht rausgeflogen. Ich bin... freiwillig ausgezogen. Es war... einfach mal an der Zeit. Ich konnte nur leider noch nicht in die WG, weil mein Kollege verreist war. Deshalb bin ich hier gelandet. Aber Sie sind mich ja gleich los.
Elke (führt ihn immer weiter in die Enge u. genießt das richtig): Tatsächlich? Nun ja, es ziemt sich ja auch nicht, in Ihrem Alter - wie alt waren Sie noch einmal - noch im Hotel Mama zu wohnen. Mein Sohn ist ja gleich nach dem Abitur ausgezogen. Ihm konnte es damals nicht schnell genug gehen.
Jochen (schluckt u. versucht seine Unsicherheit hinter einem gezwungenen Lächeln zu verstecken): Genau!
Elke: Nur komisch, dass Sie, obwohl Sie doch offenbar die Freiheit suchen, sich selbst hier noch immer von ihr bevormunden lassen. Mich würde nicht wundern, wenn Bärbel Ihnen hier noch die Wäsche macht. Diese Frau ist einfach nur deprimierend altbacken und spießig.
Jochen (fühlt sich zunehmend unwohl in Gegenwart von Gretchens Schwiegerhexe): Also das ist ähm... jetzt... Gretchen und ich sind schon selbständig.
Elke (kommt nicht umhin, zu schmunzeln): Ja, natürlich. Was machen Sie noch gleich? Franz hat mal was von Jura erzählt. Obwohl, als Anwalt sehe ich Sie nicht gerade. Eher als Kandidat für die Anklagebank.
Jochen (fühlt sich immer mehr eingeschüchtert): Äh... Also... eigentlich bin ich schon vor einer Weile zur Medizin umgestiegen. Aber... ich... pausiere momentan mit dem Studium, um als Pfleger im Krankenhaus ein bisschen Schotter zu verdienen. Als Rücklagen für mich und meine...
Elke (lässt ihn nicht ausreden): Pausieren? Aha! Bis Sie in Rente gehen? Mein Sohn hatte in Ihrem Alter bereits seinen Studienabschluss und einen sicheren Arbeitsplatz in der Tasche gehabt. Aber nicht jeder ist so mit Ehrgeiz gesegnet, nicht wahr?

...stellte Frau Fisher Jochen Haase schonungslos bloß, bis er nur noch klein mit Hut vor ihr stand. Verunsichert packte er in Windgeschwindigkeit seine Sachen fertig, schulterte seine Taschen und stürzte damit, so schnell er konnte, zur rettenden Wohnungstür.

Jochen: Also... ich äääh... muss dann auch los. Ich äh... Ich ziehe doch heute in meine neue WG und muss schnell noch meine Sachen da verstauen, bevor mein Dienst im EKH losgeht. Also... war... nett, Frau... Fisher. Auf Wiedersehen,. ... Hoffentlich nicht bis zur Hochzeit meiner Schwester, die dank dem Meier vermutlich niemals stattfinden wird. Boah, man eh, und ich dachte schon, ich wäre mit meiner Mutter gestraft.

...murmelte Jochen noch nach der Verabschiedung von Marcs Mutter hinterher, während er die Tür hinter sich schloss, hinter der sich der Praktikant deutlich sicherer fühlte als in unmittelbarer Nähe der Inquisitorin persönlich, die ihm, warum auch immer, gehörig zu denken mitgegeben hatte. Jetzt wollte er nur noch weg von hier. Elke schaute dem planlos durchs Leben stolpernden jungen Mann kopfschüttelnd hinterher und war froh, dass Marc ihr in dieser Hinsicht Gott sei dank keine Sorgen bereitete. Ihr Sohn war stets zielstrebig die Karriereleiter nach oben geklettert, worauf sie mehr als stolz war. Irgendetwas musste sie ja dann doch richtig gemacht haben mit dem Bengel. Neu mit Selbstbewusstsein aufgetankt, tauchte sie in ihre Gedanken ab und wurde erst durch ein Türklopfen wieder aufgeschreckt. Sie wunderte sich zwar darüber, kam aber dem Schlüssel, der gerade in das Schloss geschoben wurde, zuvor und riss die Wohnungstür ungestüm auf. Mit wohlgemeinten mahnenden Worten auf ihren rot geschminkten Lippen, die an ihren unpünktlichen Sohn gerichtet waren, den sie davor vermutete.

Elke: Marc Olivier, erst lässt du deine arme alte Mutter stundenlang warten und dann tauchst du... du... Du? ... Oli...Olivier?

Erst jetzt schaute die Autorin auf. Sie hatte sich zwar über die unmodischen braunen Hausschuhe und die ockerfarbene Tweedhose gewundert, die definitiv nicht dem sonst so stilsicheren Modegeschmack ihres Sohnes entsprach, der doch, ihrem Erachten nach, die Wohnung heute Morgen in Arztkleidung verlassen hatte, aber hatte sich nichts weiter dabei gedacht, als sie langsam ihren Blick nach oben richtete. Der graue Kaschmirpullover, der dann doch von gutem Geschmack zeugte, kam ihr seltsam vertraut vor. Hatte sie diesen nicht selbst ausgesucht und sogar gekauft? In dieser schicken kleinen Boutique in der Rue St. Honoré in der Pariser Innenstadt Anfang des Jahres, als sie dort mit dem Mann, der ihr Leben zum zweiten Mal aufs Tiefste erschüttert hatte, unbeschwerte Tage verbracht hatte, nachdem sie an Silvester auf dem wohl berühmtesten Eisenturm der Welt zum zweiten Mal ihr Jawort gesprochen hatten. Diese wunderbaren Tage schienen auf einmal Jahrzehnte weit entfernt und waren doch so präsent. Aber wie war das möglich? Müsste er nicht tausende Kilometer, ja sogar einen ganzen Ozean und einen ganzen Kontinent, von ihr entfernt sein, schossen ihr die Gedanken nur so durch den Kopf, als sich ihre Blicke plötzlich trafen und voller Fassungslosigkeit ineinander verfingen.

Olivier: Mokkapralinchen?

...stieß nun auch Marcs Vater seine unverhohlene Verblüffung aus und ließ den Türschlüssel, ein Zweitschlüssel, den er von Marc für Notfälle bekommen hatte, und die Briefe fallen, die irrtümlich in seinem Briefkasten gelandet, aber an Gretchen und Marc adressiert gewesen waren, da die beiden noch vor wenigen Wochen das Domizil bewohnt hatten, in dem er nun heimisch werden musste, obwohl ihn alles zurück in eine Traumvilla im Grunewald zog, wo immer noch alles nach IHR roch. Wenn nur nicht der verdammte Schmerz wäre, der ihn jedes Mal aufs Neue lähmte, wenn er nur an sie dachte oder sie zu hören und zu sehen glaubte. War sie es wirklich? Oder war jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem ihn endgültig der Verstand verließ? Und das allein wegen ihr. Immer nur sie. Sie, die ihn bereits um zwanzig Jahre seines Lebens gebracht hatte, die man nicht mehr zurückholen konnte, auch wenn das Verhältnis zu seinem Sohn mittlerweile so intensiv und innig war, als wäre er nie weg gewesen. Diese unergründliche wunderschöne Frau machte ihn noch völlig verrückt. Auch jetzt noch.

Überfordert trat Prof. Dr. Dr. Olivier Meier einen Schritt zurück und betrachtete die so lebendig wirkende Fata Morgana vor sich mit sprachloser Bestürzung. Weder er noch sein ebenso fassungsloses Gegenüber registrierten das „Pling“ des Fahrstuhls in der anderen Ecke des schmalen Flurs im Obergeschoss des Mehrfamilienhauses. Gedankenverloren spielte Marc Meier mit seinem Autoschlüssel in der Hand, als er hastig einen Fuß auf die Schwelle des Aufzuges setzte, den er gerade im Begriff war zu verlassen, aber die beiden Schatten zu seiner Linken ließen ihn abrupt in seiner Bewegung innehalten. Die Überforderung stand dem Chirurgen deutlich ins Gesicht geschrieben, als er erkannte, dass sich seine Mutter und sein Vater tatsächlich unerwartet vor seiner Wohnungstür gegenüberstanden. Sein Herz hatte ausgesetzt und lediglich sein blitzgescheiter Verstand arbeitete noch an der Schadensbegrenzung. Er führte ihn nämlich umgehend rückwärts zurück in das stählerne Gefährt, das ihn vor Sekunden bereits nach oben gebracht hatte. Die Türen des Lifts schlossen sich wieder, ohne dass jemand etwas von seiner Anwesenheit bemerkt hätte.

Lorelei Offline

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04.05.2014 14:27
#1480 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Etwa zwanzig Minuten später öffneten sich erneut die schweren Stahltüren, jedoch an ganz anderer Stelle, nämlich im dritten Stockwerk des Elisabethkrankenhauses. Noch völlig durcheinander von dem eben Erlebten und den Konsequenzen, die sich möglicherweise daraus ergeben könnten und die er lieber nicht hautnah miterleben wollte, falls diese sich denn dramatisch auf den Gemütszustand eines armen unschuldigen Kindes auswirken würden, das er ja in diesem Zusammenhang schon noch irgendwie war, so oft wie er von ihnen immer wieder in ihr endloses Hin und Her hineingezogen wurde, betrat Dr. Marc Olivier Meier seine Station. Mit Händen in den Hosentaschen und gesenktem Haupt schlich der Chirurg über den Flur und hing seinen kreuz und quer durch seinen Kopf purzelnden Gedanken nach. Dabei achtete er nicht wirklich darauf, was um ihn herum gerade passierte.

Hatte er die Begegnung seiner Eltern vielleicht unbewusst heraufbeschworen, grübelte er. Schließlich hatte es keinen triftigen Grund dafür gegeben, warum er seine Mutter heute Morgen nicht vorgewarnt hatte, nachdem er nach seiner morgendlichen Joggingrunde überraschend seinem Vater über den Weg gelaufen war. Eigentlich hatte er doch vorgehabt, ihr beiläufig zu stecken, dass Olivier aufgrund der anhaltenden Fluglotsenstreiks an diversen deutschen Flughäfen seinen Flug nach Seattle um zwei Tage hatte verschieben müssen, wo er für eine wichtige wegweisende Operation erwartet wurde, die er dort zusammen mit seinen ehemaligen Kollegen nach jahrelanger Hinarbeit leiten würde. Wieso hatte er das gemacht? Warum hatte er nichts gesagt? Weil er verwirrt gewesen war, Gretchen und seine Mutter am Frühstückstisch so vertraut miteinander sprechen zu hören, und ihm diese bedeutsame Information deswegen kurzerhand entfleucht war? Oder weil er sich insgeheim gewünscht hatte, dass sich die beiden begegnen würden und damit gezwungen wären, endlich miteinander zu reden? Schließlich schlug sein Dad gerne mal unangemeldet bei ihm und Gretchen oben im Dachgeschoss auf. Und jetzt, wo er wusste, dass sein Sohn von seiner „Forschungsreise“ wieder zurückgekehrt war, war natürlich jederzeit damit zu rechnen gewesen. Oli hatte ihm doch heute Morgen auch schon ein Loch in den Bauch gefragt, als sie sich zufällig an der Haustür getroffen hatten.

Was wohl jetzt gerade vor seiner Wohnungstür passierte, fragte sich Marc als nächstes. Wie würden die beiden aufeinander reagieren, nachdem sie sich so lange Zeit nicht gesehen hatten? Würden sie aufeinander losgehen und sich Vorwürfe an den Kopf werfen? Er könnte es ihnen nicht verübeln. Olivier hatte so viel Wut im Bauch gehabt, welche sich in den vergangenen Wochen von Tag zu Tag, an dem sich Elke nicht gemeldet und alles erklärt hatte, immer mehr angestaut hatte, aber welche er gut vor anderen zu vertuschen verstand. Schließlich war er, was Elke betraf, mittlerweile hart im Nehmen. Doch jeder, auch der noch so Geduldigste und Verständnisvollste war irgendwann mit seiner Geduld am Ende. Und seine Mutter? Wenn sie unvorbereitet unter Druck gestellt wurde, neigte sie meist zu unüberlegten Handlungen, fiesen Gemeinheiten und undamenhaften Fluchttendenzen. Würde das nicht das genaue Gegenteil von dem bewirken, was er gewollt hatte? Würde sie den Mut aufbringen, ihrem Mann alles zu sagen? Dem Mann, der ihr noch so viel bedeutete. Das hatte Marc während ihrer gemeinsamen Zeit in der Schweiz ganz deutlich gespürt. Sie bereute aufrichtig. Am liebsten hätte sie doch alles rückgängig gemacht, hätte zugelassen, dass ihre Familie ihr in dieser schlimmen Zeit der Ungewissheit beistand. Stand sie noch dazu? Oder hatte sie Angst, dass man ihr unüberlegtes Verhalten gegen sie verwenden könnte? War sie überhaupt schon so weit, darüber zu sprechen? Marc wusste es nicht. Denn wer konnte schon wirklich in den wirren Kopf dieser verrückten egozentrischen Frau schauen? Er selbst hatte es in dreiunddreißig Jahren jedenfalls nicht ansatzweise geschafft.

Wie hatten die beiden eigentlich ausgesehen, rief sich Dr. Meier das Bild von vorhin wieder in den Kopf, um es ausführlich zu seiner eigenen Beruhigung zu analysieren. Soweit er sich zurückerinnern konnte, hatten sie auf ihn ganz friedlich, ja, fast schüchtern gewirkt. Oder war das noch der Schockmoment gewesen, in dem er die beiden angetroffen hatte? Wie lange hatten die beiden wohl schon so vor seiner Tür gestanden? In der Kürze der Zeit, die er die beiden hatte beobachten können, hatte er nicht viel mitbekommen. Außer dass sie sich mit fassungslosem Gesichtsausdruck stumm gegenübergestanden hatten. Hätte er vielleicht doch bleiben sollen? Als Schlichter oder was auch immer? Wieso war er überhaupt geflüchtet? Marc wusste es nicht. Er wusste nur, dass seine Eltern das selber klären mussten. Sie waren schließlich erwachsen genug. Und der Job als Weichensteller, den er indirekt getätigt hatte, müsste eigentlich genügt haben, um die beiden wieder zur Vernunft zu bringen. Wenn nur das Magendrücken und die innere Unruhe nicht wären, die sich während der kurzen Fahrt zurück zu seiner Arbeitsstätte immer mehr ausgebreitet hatten. Aber diese seltsamen Symptome lagen vermutlich nur daran, dass er heute noch nicht die Gelegenheit bekommen hatte, im OP Großartiges zu leisten, und er hatte wegen dieser endlosen Dramageschichte, in die er hineingezogen wurde, heute Mittag auch noch nichts zwischen die Zähne gekriegt. Genau, er würde sich jetzt Haasenzahn schnappen, die Kantine plündern und irgendwo im Krankenhaus ein ruhiges Plätzchen für sich und seine Süße suchen, ehe er den OP unsicher machen würde. Er brauchte jetzt dringend ein paar wohltuende Streicheleinheiten, dachte der Teil von Marc, den er gerne vor anderen und vor allem vor sich selbst verbarg, und schritt beherzt seines Weges.

Der so entschlossene Unfall- und Allgemeinchirurg achtete nicht auf die seltsam erstarrte Person im knallgelben Wintermantel mit dem gleichfarbigen Hut auf ihrem blonden Bubikopf, die seinen Weg kreuzte, ging gedankenverloren an der „Quietscheente“ vorbei und visierte das Stationszimmer am Ende des Flurs an, in dem er seine sexy Assistenzärztin bei ihren Fleißarbeiten vermutete, für welche sie noch den einen oder anderen Bienchenstempel in Form eines oder zwei, nein, mehreren, unzählbaren, unkonventionellen, intensiven Lippenbekenntnissen von ihrem Oberarzt verdient hatte. Auf halber Strecke blickte er dann doch einmal kurz auf, als er ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu seinem Ziel vor sich bemerkt hatte. Sein messerscharfer Verstand setzte wieder ein und Dr. Meier blieb verwundert vor den drei Weißkittelträgern stehen, die mitten auf dem Gang der chirurgischen Station zu Ölgötzen erstarrt schienen. Er musterte erst seine Freundin ganz genau, die durch ihn hindurchzuschauen schien und ihn gar nicht registrierte, was, seitdem sie sich kannten, eigentlich noch nie vorgekommen war. Schließlich hatte das Augenmerk von Haasenzahn schon seit Schulzeiten immer uneingeschränkt auf ihm gelegen, wenn er in ihrer Nähe war.

Dann wechselte Marcs Blick zur Seite und blieb an seinem besten Kumpel hängen, der rechts neben Gretchen stand und denselben undurchsichtigen starren Blick draufhatte wie dessen brünette Bettgespielin, die zur Linken von Gretchen stand und wie die anderen auch irgendetwas mit weit aufgeklapptem Mund anzustarren schien. Und diese verwirrenden Blicke galten eindeutig nicht ihm! Was war denn auf einmal los, dass sie dem Chef und Meister nicht die Begeisterung entgegenbrachten, die er verdient hatte, fragte sich Dr. Meier irritiert und zuckte mit den Schultern. Er überwand die letzten zwei Meter, die ihn noch von seinem blonden Engel trennten, und drückte diesem spontan seine Lippen auf. Das hatte er jetzt dringend gebraucht. Obwohl, ganz so befriedigend wie erhofft war dieser liebevoll gemeinte Kuss leider nicht, denn Gretchen Haase küsste ihn nicht zurück, was ebenfalls noch nicht vorgekommen war, seitdem sie regelmäßig dieses aufregende Vergnügen ausgiebig miteinander teilten. Seltsam! Sehr, sehr seltsam, schlussfolgerte der aufmerksame Mediziner, während er gewohnt lässig seine Kollegen begrüßte.

Marc: Boah, Haasenzahn, du wirst nicht glauben, was eben passiert ist und wer sich gerade vor unserer Haustür begegnet ist. Ich schwör’s, ich hab nichts damit zu tun, das ist alles von alleine passiert und das ist auch gut so. Die zwei würden doch sonst nie aus dem Knick kommen. Naja, hoffen wir mal, beide kommen lebend aus dieser, sagen wir mal, schicksalhaften Konfrontation heraus. Ach und, aus gegebenem Anlass ist auch unser Date geplatzt, Kaan. Kannst dich also getrost mit deiner Krankenschwester dahin verziehen, wo du hinwolltest. Ich hatte heute Morgen den Eindruck, dass ihr... Ääähhh... Hallo? Jemand zuhause?

...sprach der Sohn von Elke Fisher und Prof. Meier hastig aus und zog nach einem weiteren vergewissernden Blick zur Seite seine zur Salzsäule mutierte Freundin in seine starken Arme. Er musste ihr jetzt einfach nah sein, wo das Chaos in seinem Kopf immer größere Dimensionen annahm und er sich vor dem Resultat der unerwarteten Begegnung seiner Eltern mehr fürchtete, als er jemals irgendwem zugeben würde. Aber nichts passierte. Steif wie ein Brett lag der süße Haase in seinen Armen und von dem sonst so neugierigen Frauenarzt kam auch keine Nachfrage zu seinem ganz speziellen Notfall. Selbst auf seine kleine Spitze hin kam keinerlei Reaktion. Dabei war Mehdi doch noch vor einer Stunde beeindruckend schlagfertig gewesen und das im wahrsten Sinne des Wortes. Hatten sich in seiner Abwesenheit seine Mitarbeiter in Zombies verwandelt oder was war hier los? Das dem nicht so war, merkte der verwunderte Oberarzt, als sein Schwager in spe, Jochen Haase, hinter dem erstarrten Dreigestirn auftauchte und der schien quicklebendig und mitteilungsbedürftig wie immer zu sein.

Jochen: Was’n los?
Marc (zischt den Pfleger, der gerade seinen Kittel überzieht, gereizt an): Ja, was fragst du mich? Keine Ahnung, warum die drei neuerdings als Ölgötzen die Station verschandeln.

Und plötzlich, wie aus dem Nichts, kam die Erlösung in Form einer süßen hauchzarten Flüsterstimme, welche sofort Marcs Ohr und sein Herz durchdrang. Auch Jochen blickte sich nun verwundert zu der schönen Sprecherin um, die die beiden Männer immer noch nicht anschaute, sondern durch sie hindurch die Person in Gelb hinter ihnen anvisierte.

Gretchen: Sabine!
Marc (starrt das erwachende Dornröschen verständnislos an, dessen beide Hände er fest von seinen umschlossen hält ): Hä? Was hast du gesagt?
Jochen: Da! Tatsächlich! Da brat mir einer nen Storch. Das ist doch...

...tat nun auch Gretchens Bruder seine sprachlose Verblüffung kund, als er die beliebte und recht eigenwillige Krankenschwester entdeckte, die doch tatsächlich etwas in ihren Händen hielt, das aussah wie ein kleiner Mensch. Das Warum und Wieso erfasste der junge Pflegerschüler jedoch ebenfalls nicht. In Zeitlupe drehte sich nun auch Dr. Meier um und folgte Jochens konsterniertem Blick. Er erkannte seine verpeilte Stationsschwester tatsächlich am anderen Ende des Flurs, die er doch eigentlich weit, weit weg, auf Honeymoon in den Staaten und demnach so weit weg wie möglich vermutete, um ihn nicht zu nerven, und stutzte ebenso irritiert, als er registrierte, was sie da fest in ihren Armen hielt und beschützend an sich drückte. Wie ein Pingpongball wanderte sein fassungsloser Blick jetzt von Jochen zu Gretchen, dann zu Mehdi und wieder zu Gretchen und schließlich zu Gabi, deren Kinnlade immer noch in Fußbodennähe hing und ihr Gesicht zu einer sonderbaren Fratze werden ließ, über die er sich unter anderen Umständen sicherlich lustig gemacht hätte, wenn sein Hauptaugenmerk nicht gerade auf etwas ganz anderem liegen würde.

Marc: Äh... Ist das etwa...?
Gabi: ... ein... ein Baby!

...vervollständigte Schwester Gabi, die langsam zurück in die Realität fand, atemlos den Satz des Oberarztes der Chirurgie, welcher ihre grenzenlose Verblüffung nicht verhehlte. Und allmählich erwachten auch die anderen Salzsäulen aus ihrer Schockstarre, die das plötzliche Auftauchen der beliebten blonden Krankenschwester und ihrer winzigkleinen Begleitung erzeugt hatte.

Gretchen (schüttelt fassungslos immer wieder ihren Kopf u. hält sich eine Hand an ihre Wange): Ich kann mir das wirklich nicht erklären.
Mehdi (kann ebenso wie Gretchen den Blick nicht von Sabine lösen): Ich, ehrlich gesagt, auch nicht.

Marc: Bitte? Eh, wollt ihr mich verarschen?

...versuchte ein mehr als gereizter Dr. Meier wieder Verstand in die Kollegenrunde zu bringen, denn dieser schien während seiner Abwesenheit offenbar vollkommen abhanden gekommen zu sein, wurde aber gleich von der nächsten absurden Vorstellung unterbrochen, die bei ihm noch mehr Kopfschütteln bewirkte als die allgemein vorherrschende verwirrende Gesamtsituation.

Gabi: Das... das kann doch gar nicht sein. Ich war doch dabei, als Gretchen und ich ihr vor drei Wochen das Hochzeitskleid angezogen haben. Für ihre Verhältnisse war sie doch, naja, ähm... durchschnittlich, also... normal... schlank. Wo will sie das versteckt haben? Sie kann doch noch nicht schon so weit gewesen sein? Oder etwa doch?
Gretchen: Wir haben doch zusammen den Test erst gemacht. Ich hab doch vorhin erst noch mal draufgeguckt. Da stand doch eindeutig... Ich versteh das nicht.

...sprudelten die abstrusesten Gedanken nur so aus den Mündern der anwesenden Damen, die sich ratlos anschauten, und Dr. Meier konnte sich vor so viel versammelter Kompetenz nur an den Kopf fassen, während er den Experten auf diesem ganz speziellen Gebiet mit durchdringenden Blicken anstarrte, aber selbst Dr. Kaan konnte auch nur mit den Schultern zucken. Der Gynäkologe fand einfach keine medizinisch plausible Erklärung für das Bild, das sich ihm gerade bot. Obwohl sich noch ein Gedanke in sein Hirn nagte, an den er lieber nicht glauben wollte, weil er für den sensiblen Mediziner zu schrecklich erschien. Im Studium hatte er schon einmal einen solchen Fall erlebt, der ihn wochenlang nicht mehr losgelassen hatte. Marc platzte schließlich der Kragen. Er fuhr die drei mit seiner großen Klappe an und stapfte anschließend entschlossen auf Schwester Sabine zu, die zusammenzuckte, als sie ihren verehrten Herrn Doktor näher kommen bemerkte.

Marc: Und ihr wollt tatsächlich ne medizinische Ausbildung haben? Unfassbar! Wahrscheinlich sagt ihr mir im nächsten Moment noch, Außerirdische haben es ihr nach nem Kurzbesuch auf der Venus oder dem Pluto in die Arme gelegt. Wobei, so wie ich Günni kenne... Äh... Quatsch! Wir sind hier doch nicht bei „Predator“ oder „Aliens - Die Rückkehr“ und die Stasi-Sabsi ist definitiv nicht Sigourney Weaver. Nee, ganz bestimmt nicht! ... Schwester SABINE, aus welchem Wagen haben Sie dieses Dings ähm... den hier... Hosenscheißer geklaut? Antworten Sie, aber subito! Bevor hier noch alle vom Glauben abfallen und ich mir neues Personal suchen muss.

...sprach er die frischverheiratete Frau Gummersbach in gewohnter Oberarztmanier direkt an. Sabines starrer Blick klärte sich plötzlich auf und ihre Augen begannen auf einmal seltsam zu schimmern. Sie sah noch einmal vergewissernd auf das kleine Wesen in ihren Armen herab, das friedlich schlief, zog die weißen Tücher zurecht, die es umhüllten und warm hielten, und blickte dann ehrfürchtig in die stechendscharfen tiefgrünen Augen ihres angsteinflößenden Oberarztes, der sich bedrohlich vor ihr aufgebaut hatte und wie immer keine Widerworte würde gelten lassen.

Sabine: Kein Wagen, Dr. Meier.

...murmelte Sabine nur in ihrem gewohnt monotonen Tonfall und verwirrte damit alle auf dem Flur Anwesenden - zu denen mittlerweile auch Dr. Stier und Oberschwester Stefanie zählten, die verwundert auf den Menschenauflauf in der Chirurgie aufmerksam geworden waren - gleich noch mehr als zuvor, die ebenfalls zu Dr. Meier und ihrer blonden Kollegin aufgerückt waren. Wie aus dem Nichts tauchte im selben Moment nun auch Sabines Ehemann auf, der offenbar unbemerkt durch das Treppenhaus gekommen war. Abgehetzt stellte er das Reisegepäck neben dem Wartebereich der Patienten ab und holte hinter seinem Rücken ein kleines Weidenkörbchen hervor, das er auf einem der Wartestühle absetzte. Besorgt blickte er nun seine Liebste an und streichelte ihr liebevoll mit der Hand über die leicht gerötete Wange. Eine einzelne Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel, als sie ihn voller Sorge ansah, und sie begann unweigerlich zu zittern. Behutsam legte Günni seine Arme um Sabine und sah sie und das Kind fürsorglich an. Dann begann er aufgeregt zu sprechen.

Günni: Ich habe den gesamten Park minutiös von den Parkplätzen bis hin zum See abgesucht. Da war niemand. Im Foyer und an der Notaufnahme hat auch niemand jemanden bemerkt.
Sabine (schluchzend blickt sie auf das Kind in ihren Armen herab u. drückt es gleich noch fester an sich): Nein?
Marc (schaut ratlos zwischen den beiden auf ihn intergalaktisch Wirkenden hin und her): Äh... Mein letzter Klingonischkurs ist schon etwas länger her. Könnte mal jemand Klartext reden!
Gretchen (starrt Günni und Sabine ebenso wie Mehdi und Gabi rastlos an): Ja, bitte!
Mehdi (spürt bereits eine Vorahnung): Was hat das zu bedeuten?
Gabi (energisch fordert sie ihre Kollegin auf, die alle mit großen Augen ängstlich anblickt): Sabine!
Sabine: Jemand... hat... den... den... süßen... Fratz hier... in dem Körbchen... an der Hintertür... des Kranken...hauses... hingelegt... und... und... ganz alleine gelassen. Wenn wir nicht diesen Weg gewählt hätten, dann... dann...

...kam schließlich die Antwort auf all die über der chirurgischen Station schwirrenden Fragen schluchzend über die bebenden Lippen der aufgewühlten Krankenschwester, die von ihrem Mann gestützt werden musste, weil sie so sehr zitterte, und sie war auf einmal schockierend klar in ihren Gedanken. Auch für all die Anwesenden, die endlich verstanden. Ein Raunen ging über den gesamten Flur der Station, wo der Menschenauflauf mittlerweile auch unter dem einen oder anderen Patienten für Aufsehen gesorgt hatte, und Gabi, Stefanie und Gretchen hielten sich synchron eine Hand vor den Mund, während Mehdi, Jochen, Cedric und Marc sich sichtlich schockiert in die Augen blickten. Die Gedanken ratterten nur so durcheinander. Es war schließlich Dr. Kaan, der als Erster den Ernst der Lage erkannte und dementsprechend handelte. Er blickte erst Gabi, dann Gretchen und schließlich Marc eindringlich an. Dann nahm er der zitternden Sabine vorsichtig das kleine Bündel Mensch ab, das immer noch ganz ruhig vor sich hin schlummerte und noch nichts davon ahnte, was mit ihm in den ersten Tagen seines gerade erst begonnenen Lebens passiert war.

Mehdi: Sabine, wenn ich bitte... Danke! Sie haben das wirklich toll gemacht. ... Gabi, meld uns bitte sofort in der Pädiatrie an! Dr. Wischnowski soll sich bereithalten. Kann sein, dass das Neugeborene einen Brutkasten braucht. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Es fühlt sich zwar warm an, aber wer weiß, wie lange es schon vor dem Eingang gelegen hat, bis Sabine und Günni es bemerkt haben.
Gabi (erkennt ebenfalls den Ernst der Lage u. stürzt sofort ins Stationszimmer, gefolgt von der Oberschwester, die sie unterstützt): Ja, Mehdi!
Mehdi (untersucht das Baby kurz mit fachmännischem Blick u. eilt dann mit ihm im Arm zum Treppenhaus, dessen Tür ihm ein aufmerksamer Patient aufhält, wofür er sich gleich mit einem Kopfnicken bedankt): Ich nehme die Treppe. Das geht schneller. Jede Minute zählt. ... Danke.
Gretchen (vergewissert sich mit ihren einnehmenden blauen Augen bei Marc, der seiner aufgewühlten Freundin zunickt u. ihr liebevoll über den Arm streicht, u. schließt flink zu Mehdi auf): Ich komm mit, Mehdi.
Marc (bewahrt ebenfalls einen kühlen Kopf, fährt sich aber mit einer Hand über die Stirn, während er sich umsieht u. die nächsten Schritte überlegt): Scheiße eh, auch das noch. Okay... Jochen, schaff mir sofort deinen Vater her! Ihm obliegt in solchen Fällen die Entscheidungsgewalt. Wir werden die Bullerei und das Jugendamt informieren müssen. Das wird einiges Aufsehen erregen, falls das Scheißerchen tatsächlich ausgesetzt worden ist.
Jochen (schaltet sofort u. macht sich auf den Weg): Der ist noch in der Uni, so viel ich weiß, und hält dort einen Vortrag. Der wird sein Handy nicht anhaben. Aber ein Kommilitone von mir sitzt in der Vorlesung. Ich schreib ihn an. Oder besser noch, ich fahr gleich hin und hol ihn ab. Ich hab Mamas Orangenmobil auf dem Parkplatz gesehen. Ich hol die Schlüssel.
Marc (zückt ebenfalls schon sein Handy, fixiert aber vorher nach einem Rundumblick Dr. Stier, der ihn ganz genau beobachtet, was ihn misstrauisch macht): Ja, ja, mach das! Ich versuch’s trotzdem mit dem Telefon. Haben wir eigentlich Kameras am Hintereingang? Vielleicht ist etwas aufgezeichnet worden? Klär das auch mal ab, Jochen! Mist! Wieso geht der nicht ran? Alles muss man selber... Stier? Äh... Du... Ähm... Macht’s dir was aus, wenn du meine Station und die Notaufnahme im Blick behältst? Ich muss das hier klären. Da kommt einiger Ärger auf uns zu, wenn es wirklich stimmt, was wir hier alle glauben. Boah, ich hoffe nicht. Ich will echt keine Pferde scheu machen. Was sagt eigentlich das Protokoll in solchen Fällen? Ich hab keinen Schimmer.
Cedric (nickt seinem Kollegen beruhigend zu): Hau schon ab, Meier! Ich behalte hier alles im Auge. Kein Problem!
Marc: Äh... ja... Danke, ne!

In ungewohnter Eintracht verabschiedeten sich die beiden ehemals verfeindeten Studienkollegen und nun Arbeitskollegen voneinander. Marc wollte sich schon auf den Weg machen, als sein Blick auf die zitternde Stationsschwester und Dr. Gummersbach fiel, die als Einzige noch immer im Wartebereich der Station standen und sich nicht vom Fleck rührten. Unvermittelt blieb der Oberarzt neben ihnen stehen und senkte die Hand mit dem Handy von seinem Ohr, aus welchem man im Hintergrund noch die Mailboxansage von Prof. Haase hören konnte. Eindringlich starrte er das offenbar noch unter Schock stehende Ehepaar an.

Marc: Äh... Was? ... Gummersbach? Sie... also du..., du hast doch als Pathologe auch medizinische Vorkenntnisse, oder nicht? Gib ihr was zur Beruhigung, aber bloß nichts Homöopathisches oder Selbstzusammengebrautes, sondern was, wo ein Pharmaunternehmensstempel draufpappt, und park sie in einem der Zimmer. Die drei ist frei, so viel ich weiß. Nicht dass sie noch vor Schock zusammenklappt oder den Flur meiner Station voll kotzt. Das können wir jetzt echt nicht noch gebrauchen. Ach, und ähm... ja, willkommen zurück! Das Wiedersehen haben wir uns wahrscheinlich alle etwas anders ausgemalt.

Marc linste kurz in Richtung Stationszimmer, wo ihm direkt zwei rote Herzluftballons an der Anmeldung ins Auge fielen, die seine Süße wahrscheinlich zur Begrüßung der Flitterwochenrückkehrer aufgehängt hatte. Irgendwo im Hinterkopf wusste er noch, dass Gretchen etwas in dieser Richtung vorgehabt hatte. Ein mildes Lächeln schlich sich auf seine Lippen, als er sich wieder umdrehte und dem Ehepaar Gummersbach unbeholfen zunickte. Dann eilte er auch schon mit dem Handy am Ohr davon und schob die schwere Tür zum Treppenhaus auf, in dem er im nächsten Moment auch schon verschwand. Man hörte nur noch von weitem seine markante Stimme.

Marc: Franz! Endlich! Gott sei Dank! Du... ähm... wir haben ein Problem. ...

Lorelei Offline

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11.05.2014 12:24
#1481 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Kurz darauf auf der Säuglingsstation des Elisabethkrankenhauses

Franz: Also, Dr. Kaan, wie sieht’s aus? Was haben wir?

...erkundigte sich der eilig herbeigerufene Leiter des Elisabethkrankenhauses sichtlich betroffen beim anwesenden Oberarzt und schaute dabei interessiert auf den rechteckigen gläsernen Kasten herab, in welchen man den aufgefundenen Säugling nach ausführlichen Untersuchungen zum Aufwärmen und Aufpäppeln untergebracht hatte, der nach den ersten durch die Aufregung und die allgemeine Hektik hervorgerufenen Strapazen, die er lautstark protestierend kommentiert hatte, nun selig einzuschlafen schien. Den kleinen Finger von Dr. Kaan, den er mit festem Griff mit seiner kleinen Hand umschlossen hielt, wollte er dennoch nicht loslassen, was für große Entzückung bei der Vielzahl an Schaulustigen sorgte. Die Nachricht von dem Findelkind, das man vor einer Dreiviertelstunde am Hintereingang der Klinik entdeckt hatte, hatte sich nämlich wie ein Lauffeuer im gesamten Haus verbreitet und so drückten sich jetzt Duzende von Patienten und Klinikmitarbeitern, allen voran die weiblichen, ihre Nasen an der Fensterscheibe platt, die sie vom Säuglingszimmer und dem Flur trennte, den sie gerade zahlreich bevölkerten.

Um den Inkubator und den daran angeschlossenen Monitoren herum standen neben Dr. Kaan und Prof. Haase ein misstrauisch dreinblickender und leicht gelangweilter Dr. Meier, eine verzückt grinsende Dr. Gretchen Haase, die Mehdi am Brutkasten ablöste und nun selber ihren schlanken Arm durch das schmale Bullauge steckte, um die kleine Hand ihres gemeinsamen Schützlings beruhigend zu halten, der durch die vielen Beobachter um ihn herum wieder etwas unruhig zu werden schien und mit seinen Ärmchen und Beinchen kräftig hin und her strampelte, was vor den verschlossenen Türen des Zimmers erneut zu einem mehrstimmigen Chor an Seufzern führte. Außerdem waren noch ein Kinderarzt, Schwester Gabi und Dr. Gummersbach zugegen, die konzentriert den Ausführungen von Dr. Kaan lauschten, der sich jetzt dem Chefarzt und der daneben stehenden Polizeibeamtin zugewandt hatte, die in diesem Fall ermittelte und dafür bereits ihren Notizzettel gezückt hatte und fleißig mitschrieb, während sich alle Augen auf die Lippen des freundlich lächelnden Oberarztes gerichtet hatten...

Mehdi: Ihm geht es den Umständen entsprechend gut, Prof. Haase, da er trotz der vorherrschenden kühlen Wetterverhältnisse da draußen offenbar gleich gefunden worden ist. Er wird noch nicht lange dort gelegen haben.
Franz (linst seiner Tochter über die Schulter, die dem süßen Kind ein leises Schlaflied summt, u. hakt noch einmal bei Dr. Kaan nach): Er?
Marc (kann mal wieder seine große Klappe nicht halten): Na, wenigstens ist es ein richtiges Kind.
Gretchen (unterbricht ihr kleines Ständchen u. zischt ihren unmöglichen Freund auf der anderen Seite des Brutkastens tadelnd an): Marc!
Marc (grinst seine süße Meckerliese durch die Glasscheibe frech an, was sie noch grimmiger dreinblicken lässt): Ich hab nichts gesagt.
Gabi (steht direkt neben Marc u. kann sich einen hämischen Kommentar nicht verdrücken, weil sie nämlich auch viel lieber wissen will, was Mehdi wegen dem Kleinen zu sagen hat): Ja, genau!
Mehdi: Ja, unser kleiner Patient ist männlich, etwa zehn Tage alt und wie wir alle gerade eindrucksvoll vernehmen durften, verfügt er über sehr, sehr kräftige Stimmbänder.

...führte Mehdi ungeachtet der Hintergrundtuscheleien konzentriert das Gespräch mit seinem Vorgesetzten und der Kommissarin fort, welche zumindest für Marc, Gretchen und Franz keine Unbekannte war. Schließlich war Nadia Böhme schon einmal im Elisabethkrankenhaus im Einsatz gewesen und sie kannte auch die Rolle als Patientin recht gut, nachdem sie und die Frau Doktor in einen Medikamentenskandal sondergleichen verwickelt worden waren, der sie beinahe das Leben gekostet hätte, wenn das Ärztegespann nicht gerade noch rechtzeitig richtig geschaltet und den zwielichtigen Pharmavertreter aufgehalten hätte, bevor das nicht zugelassene Diätmittel mit gravierenden Nebenwirkungen in den Umlauf gekommen wäre. Aufmerksam lauschte sie den Worten des behandelnden Arztes über den Zustand des vor wenigen Minuten aufgefundenen Kleinkindes, während ihr Mann und ihre Kollegen den Fundort absicherten und mögliche Zeugen im Eingangsbereich, im angrenzenden Park und in der Nachbarschaft befragten sowie die Kamerabilder sichteten, um der Mutter des Kindes so schnell wie möglich auf die Spur zu kommen.

Nadia: Das heißt, der Kleine hat die ersten Tage seines Lebens in der Obhut der Mutter verbracht?
Gretchen (nachdem ihr kleiner Patient eingeschlafen ist, bringt sie sich auch in die Unterhaltung ein): Davon gehen wir stark aus, Nadia. Er ist wohlgenährt und gut gepflegt worden und er hat, wie wir alle gehört haben, kräftige Lungen, was positiv zu werten ist.
Marc (quatscht schon wieder kleinlaut dazwischen): Na ja, ob es positiv zu werten ist, dass er jetzt einen auf Schneewittchen im Glaskasten machen muss?
Bleib ruhig, Gretchen! Das ist nur seine Art, mit dem Thema umzugehen. Tief in seinem Herzen nimmt ihn das alles auch sehr mit.
Gretchen (entschuldigt sich mit Blicken bei Nadia u. Mehdi u. schiebt sich an den beiden vorbei, um zu ihrem vorlauten Machomann zu gelangen, den sie für seine blöden Kommentare ordentlich in die Seite zwickt): Marc, das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Dir als Oberarzt sollte das Prozedere also durchaus bekannt sein. Eigentlich ist der Junge stabil genug. Wir wollen nur sichergehen, bis wir alle Werte haben und ihn ein bisschen aufgepäppelt haben.
Mehdi (kann nur über seine beiden sich bekabbelnden Freunde schmunzeln, ehe er konzentriert weitere Anmerkungen macht): Genau! Bis auf die Entzündung am Nabel, was auf unsachgemäße Entfernung der Nabelschnur hindeutet, und eine leichte Unterkühlung ist er kerngesund. Wir warten aber noch die Blutuntersuchung ab. Er ist zwar etwas klein, aber sein Gewicht entspricht dem eines normalen Neugeborenen. Ich denke, wenn nichts weiter dazwischenkommt, kann er nach drei, vier Tagen zu unseren anderen Neuankömmlingen ins Zimmer nebenan verlegt werden.

Franz (schaut sichtlich zufrieden drein): Gott sei dank, das sind wirklich gute Nachrichten an diesem aufwühlenden Tag, die wir so auch an die Medien weitergeben können. Vielleicht bringt das die Mutter ja auch zur Räson?
Gretchen (nickt ihrem Vater zustimmend zu, dann wendet sie sich wieder dem kleinen schlafenden Fratz zu, den sie nachdenklich betrachtet): Ich finde auch, wir sollten sie direkt ansprechen. Vielleicht bereut sie ihren Schritt mittlerweile?
Gabi (ziemlich aufgewühlt löst sie ihren Blick von dem Kind u. wendet sich an die naive Blondine auf der anderen Seite des Inkubators): Glaubst du wirklich? Sie hat es sich zehn Tage lang überlegt und hat es dann doch getan. Das ist doch eindeutig. Sie will es so und das sollten wir respektieren, so schlimm es auch ist.
Mehdi (legt behutsam seinen Arm um seine Freundin, damit sie sich wieder beruhigt): Alles in Ordnung mit dir?
Gabi (sieht ihren Liebsten zaghaft lächelnd an u. löst sich dann plötzlich aus der Umarmung, weil sie gehen möchte): Ja, ich... Ähm... Ich sollte zurück auf Station, um nach dem Rechten zu sehen. Frau Neumann liegt seit einer Stunde in den Wehen. Die fragt sich vielleicht, wo wir alle abgeblieben sind.

Nachdenklich sah der Gynäkologe seiner Freundin hinterher, wie sie sich vor der Tür einen Weg durch die Meute an Schaulustigen suchte, diese heftig anzickte, als man sie nicht gleich durchlassen wollte und sie stattdessen mit endlosen Fragen löcherte, und dann mit tatkräftiger Unterstützung von ihrer Freundin Chantal und Jochen und Bärbel Haase von dem Gang verscheuchte, was ihr einen respektvollen Blick vom Professor und der Oberschwester einbrachte, die gerade selbiges vorgehabt hatte, bevor sie das Säuglingszimmer betreten wollte, was sie nun auch sofort nachholte.

Stefanie: Herr Professor, die Presse hat Wind von der Geschichte bekommen und baut gerade auf der Wiese vor dem Krankenhaus ihre Zelte auf. Ich hab den Sicherheitsdienst schon angewiesen, niemand durchzulassen, aber Sie wissen ja, wie die Aasgeier sind, wenn sie nichts zu fressen bekommen.
Franz (fährt sich stöhnend durch die Haare u. sieht dann erst die Polizistin an, die bereits die Hand gehoben hält, weil sie noch ein paar Fragen loswerden will, und dann die ungeduldig mit dem Fuß tippende Oberschwester): Auch das noch! Aber das war wohl zu erwarten. Versuchen Sie sie, wenn möglich, hinzuhalten. In Absprache mit den behandelnden Ärzten und den ermittelnden Kommissaren wird es später auf jeden Fall noch eine Pressemitteilung geben. Wir müssen auch erst einmal die Fakten zusammentragen, bevor wir überhaupt irgendetwas an die Öffentlichkeit weitergeben werden. Nicht dass wir hier umsonst die Pferde scheu machen und es am Ende gar nicht so aussieht, wie es sich momentan leider darstellt. Was wissen wir schon? Außer dass es dem Jungen gut geht.
Stefanie (überlegt kurz, guckt auf das Baby, hält einen Moment inne, nickt u. verlässt den Raum dann so schnell, wie sie ihn betreten hat): Sehr wohl, Herr Professor.
Marc (richtet sich an den Chefarzt zu seiner Rechten): Franz, ich kann das auch übernehmen, wenn du willst? Ich werde ja hier nicht weiter gebraucht, denke ich.
Franz (nickt seinem engagiertesten und besten Oberarzt wohlwollend zu): Danke, Marc, für deinen Einsatz, aber in solchen Fällen giert die Meute nach der lenkenden Hand. Die werden garantiert auch wieder die uralten Diskussionen ausgraben, warum gerade unsere Klinik nicht über eine Babyklappe verfügt. Aber selbst wenn wir die hätten, was sich bei unserem kleinen Haus gar nicht lohnen würde, dann würden sie nach diesen Neuigkeiten auch nicht die Füße stillhalten.
Marc: Verstehe.

...nuschelte Dr. Meier in seinen nicht vorhandenen Bart und löste den Blick von seinem Chef und richtete ihn nun auf den kleinen Hosenscheißer vor sich, über dessen Auftauchen sich seine Begeisterung eher in Grenzen hielt. Auch wenn es totaler Blödsinn und total fehl am Platz war, wurmte es ihn schon ein wenig, dass sein verehrter Mentor, der ihn doch schon so gut wie zu seinem Nachfolger auserkoren hatte, nicht noch mehr Verantwortung übertrug. Dabei würde er doch nur so gerne irgendetwas tun, um nicht weiter so dämlich, wie bestellt und nicht abgeholt, neben dem Glaskasten herumzustehen. Er konnte doch gut mit den Aasgeiern. Dank der jahrelangen Medienarbeit seiner Mutter, die er Haare raufend verfolgen musste. Apropos, was war eigentlich mit ihr und seinem Dad? In dem ganzen Chaos hier hatte er die beiden beinahe vergessen. Hoffentlich lief wenigstens dort alles glatt? Erst als Gretchen ihm ihre Hand sanft an den Arm legte, wachte Marc aus seinen Gedanken wieder auf. Diese aufmunternden Geste und das zauberhafte Lächeln auf ihren sinnlichen Lippen waren ihre Antwort auf seinen Einsatz bei ihrem Vater. Für die Polizeibeamtin war es auch schwierig, in diesem ganzen Durcheinander an Stimmen den Überblick zu behalten. Aber routiniert wie sie war, schaffte sie es schließlich, sich wieder Gehör zu verschaffen. Ein Gedanke, den Dr. Kaans Aussagen bewirkt hatten, ließ sie schon seit geraumen Minuten nicht mehr los. Also wandte sie sich noch einmal direkt an den attraktiven Oberarzt neben sich.

Nadia: Um noch einmal auf unser Findelkind und seinen körperlichen Zustand zurückzukommen, gehe ich recht in der Annahme, dass Sie davon ausgehen, dass es nicht in einer Klinik, sondern möglicherweise privat und ohne professionelle medizinische Hilfe entbunden worden ist, Dr. Kaan?
Mehdi (verhehlt seine Betroffenheit nicht, als er ihr vorsichtig zunickt): Ja, davon gehen ich und der Kinderarzt aus. Die Nabelschnur scheint nicht sachgemäß abgeklemmt worden zu sein, was sich aber jetzt nicht weiter auf seinen Gesundheitszustand auswirken wird. Viel mehr Sorgen mache ich mir um die Mutter, die eigentlich nachversorgt werden müsste. Eine Geburt ist nicht unkompliziert und es kann auch immer mal wieder zu Komplikationen kommen.
Nadia: Wir werden während unserer Ermittlungen, die natürlich erst am Anfang stehen, auch sämtliche Arztpraxen und Kliniken in Berlin und im Umland anfragen, ob eine Frau medizinisch versorgt worden ist, die offenkundig entbunden hat, ohne dass sie jetzt ein Kind dabei hat.
Gretchen (lehnt sich sichtlich betroffen noch fester an Marcs Arm, den sie jetzt mit beiden Händen fest umklammert hält): Wie verzweifelt muss sie gewesen sein, dass sie sich keine Hilfe gesucht hat?
Marc (versucht sie vergeblich zu beruhigen): Hey!?
Franz (legt seiner Tochter, die sich wieder von Marc gelöst hat u. sich nun um das Baby kümmert, behutsam eine Hand auf die Schulter u. sieht sie mitfühlend an): Kälbchen, das hat sie doch jetzt. Hier bei uns ist ihr Kind in guter Obhut.
Gretchen (ihre Stimme beginnt verdächtig zu zittern): Trotzdem, sie hat ihn weggeben. Einfach so. Diesen zauberhaften kleinen Jungen, der noch gar nicht weiß, was mit ihm passiert. Heutzutage gibt es doch überall Möglichkeiten der Unterstützung. Es muss doch nicht dieser Weg sein, der... der auch ganz anders hätte ausgehen können, wenn Sabine und Günni nicht...
Nadia (wendet sich ebenfalls mitfühlend an ihre gute Freundin u. Vertraute): Frau Doktor, wir haben jedes Jahr Duzende von Fällen dieser Art. Das hier ist noch einer von der glimpflichen Sorte. Man kann den Menschen nicht in die Köpfe schauen und man sollte sie nicht vorverurteilen. Dass sie sich ein Krankenhaus als Hort für ihr Kind ausgesucht hat, ist zumindest ein positives Zeichen.
Gretchen: Papa, übernimmst du bitte... Ich... Entschuldigt bitte!

...brachte Gretchen nach den eindringlichen Worten der Polizistin nur noch stockend hervor, ehe sie das Säuglingszimmer eiligen Schrittes verließ und sich einen Weg durch die neugierige Schwesternschaft bahnte, die sich erneut vor der Tür versammelt hatte und auf Informationen hoffte. Sie ignorierte die mitfühlenden Blicke ihrer Mutter, die neben der neuen alten Freundin ihres Sohnes eine der Schaulustigen war und sich ebenso Neuigkeiten erhofft hatte, und lief davon. Während Franz seiner Tochter seufzend nachblickte und sich etwas unbeholfen dem kleinen Menschen vor sich zuwandte, folgte Dr. Meier seiner Freundin auf dem Fuße. Auch er ließ sich nicht von einer aufgeregten Bärbel Haase aufhalten. Kurz vor dem Schwesternzimmer der Chirurgie hatte er die Flüchtige eingeholt, in welches er sie im nächsten Moment auch zupackend hineinzog.

Gretchen leistete keinen Widerstand. Denn in genau dem Moment sackten ihr die Knie weg und sie fiel ihrem Oberarzt direkt in die Arme. Behutsam ließ er sich mit ihr auf dem Schoß auf einem der Stühle am runden Tisch nieder und hielt das verdächtig zitternde Wesen mit seinen um ihren Körper geschlungenen Armen einfach nur fest. Die junge Frau schluchzte hemmungslos. Ihr ganzer Körper bebte und zitterte. Die Geschichte des kleinen Jungen hatte sie so sehr mitgenommen, dass sie den immer mehr aufkommenden Tränen einfach ihren Lauf lassen musste. Und ihr Held und Beschützer in allen Lebenslagen ließ sie gewähren. Denn er hatte schon die ganze Zeit geahnt, dass seine empathisch veranlagte Freundin nicht mehr länger durchhalten würde. Die grausamen Tatsachen der Realität hatten Gretchen Haase schon immer sehr bewegt, während er sie einfach hinnahm, wie sie waren. Wer, wenn nicht er, wusste, dass das Leben nicht immer rosarot und sonnig, sondern vor allem auch so richtig beschissen sein konnte? Trotzdem nahm auch ihn die Geschichte mit. Zumal er es noch nie lange hatte ertragen können, wenn Haasenzahn Rotz und Wasser heulte und seinen Kitteln eine zweite Spülung verpasste. Das einzig Positive war, dass er diesmal nicht für den emotionalen Ausnahmezustand seiner Assistenzärztin verantwortlich war. Sanft wiegte er seinen Engel hin und her, bis dieser sich langsam wieder beruhigt hatte.

Marc: Hey! Hey! Ist doch gut. Lass alles raus, dann geht’s dir gleich besser.
Gretchen (schluchzt gegen seinen Hals, löst sich langsam von diesem u. sieht hoch in Marcs Gesicht, das sie liebevoll anblickt): Wie... wie soll es mir besser gehen, wenn... wenn ich weiß, dass der... der Kleine von seiner Mutter im Stich gelassen worden ist. Wie... wie soll er das je verarbeiten? Er ist ganz allein auf der Welt.
Marc (hält mit beiden Daumen ihren kontinuierlichen Tränenfluss auf u. sucht auf seine Weise nach einer Erklärung u. scheitert kläglich, weil es für manche Dinge eben keine Erklärung gibt): Aber das wissen wir doch noch gar nicht. Die Polizei nimmt doch gerade erst die Ermittlungen auf. Vielleicht, naja, ist alles gar nicht so, wie es...
Gretchen (hört auf zu weinen u. klammert sich an Marcs Kittelkragen, während sie ihren Schatz nachdrücklich ansieht): Ich weiß, du willst mich nur beruhigen. Aber du hast doch Nadia gehört. Die Mutter hat sich gezielt unsere Klinik ausgesucht, hat bewusst den Zeitraum kurz vor dem Schichtwechsel und der Besuchszeit abgepasst und ihn direkt vor die Tür gelegt, weil sie gewusst haben muss, dass er so ganz schnell gefunden werden wird und in liebevolle Hände gerät. Ich versteh das nicht. Sie hat ihn neun Monate lang in ihrem Bauch getragen, hat ihn gespürt. Sie hat ihn geboren. Das... das verbindet doch... für immer.
Marc (blickt sein Mädchen zärtlich an u. streichelt mit dem Daumen über ihre Wange): Ach, Haasenzahn, du kannst nicht deine behütete Kindheit als Vorbild für den Rest der Welt nehmen. Du hast halt Glück gehabt. Bei mir war’s dagegen eher ein Griff ins... Naja, so arg war es jetzt doch nicht. Aber... Wer weiß, wie arm die Erzeugerin dran ist oder in welcher Scheiße sie steckt? Drogen, Kriminalität, Leben in Illegalität, verlorene Ehre, prügelnder Freund, was weiß ich. Du weißt doch, was hier in Berlin alles abgeht. Vielleicht denkt sie sich, bei jemand anderem ist er viel, viel besser dran. Sie scheint sich die Sache ja gut überlegt zu haben. Wenn sie’s ne Woche versucht hat. Du solltest sie nicht verurteilen, bevor du weißt, was wirklich los ist. Du kannst in die Köpfe der Menschen nicht immer reinschauen. Damit hat Nadia schon recht und die hat, genau wie wir hier in der Notaufnahme, schon viel gequirlte Scheiße gesehen. Die Hauptsache ist doch, dass es dem Scheißerchen gut geht. Hey, der ist doch gleich weggeratzt, während wir uns die ganze Zeit die Köpfe wegen seiner Lebensumstände zerbrechen. Obwohl, naja, kann auch daran gelegen haben, dass er Kaans Stimme gehört hat. Die kann schon sehr einschläfernd sein.
Gretchen (kann schon wieder lächeln u. strahlt ihren Liebsten an, der doch immer wieder ganz neue Seiten an sich zeigt, in die man sich sofort und auf der Stelle verlieben muss): Und das aus deinem Mund? So einfühlsam kenne ich dich ja gar nicht.
Marc: Und schon wird Madame wieder frech und beleidigend. Das hab ich am liebsten.

...lenkte der passionierte Macho sofort von seinen einfühlsamen Qualitäten ab, die ihm selbst so langsam ungeheuer wurden. Er stupste Gretchen an die Nase und schenkte ihr seine bezaubernsten Grübchen, die ihr sofort ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit gaben. Deshalb kuschelte sie sich gleich noch fester an den muskulösen Oberkörper ihres Freundes. Sie sah zu ihm hoch, verfing sich in seinen dunkelgrünen Augen, in denen so viel Ruhe und Ausgeglichenheit lag, und konnte gar nicht anders, als ihn jetzt liebevoll zu küssen. Minutenlang saßen sie einfach so da, bis Gretchen, die sich gerade die letzten Tränen aus den Augenwinkeln gewischt hatte, ihr Gedankenkarussell wieder anwarf und das drehte bekanntlich immer sehr, sehr viele Runden.

Gretchen: Wie unprofessionell das von mir war. Ich bin einfach heulend davongerannt. Was Nadia jetzt von mir hält?
Marc (schüttelt mal wieder den Kopf wegen Gretchens Gedanken u. legt eine Hand an ihre feuchtwarme Wange): Haasenzahn, wenn du bei Babys oder Tierkindern, die in Gullis geplumpst sind, nicht heulen würdest, dann wäre was nicht in Ordnung. Und hey, sie ist deine Freundin. Die versteht das. Wahrscheinlich heult sie ihrem Kollegen abends im Bett nach solchen Einsätzen auch die Hucke voll.
Gretchen (maßregelnd blickt sie in sein freches Grinsegesicht): Marc! Sie ist Polizistin. So was darfst du nicht sagen.
Marc (zuckt lachend mit den Schultern): Na und? Denkst du, ich werde jetzt dafür verhaftet? Für ne Beamtenbeleidigung bräuchte es mehr, damit kenne ich mich aus.
Kann er nicht einmal ernst bleiben? Nur einmal!
Gretchen (schaut ihn ernst an): Haha!
Marc (mit dem süßesten aller Meierschen Dackelblicke grient er sie an): Jedenfalls denke ich, es war eine gute Idee, dass du sie als Ansprechpartnerin angefordert hast. So bleibt das Ganze eher im Rahmen und artet nicht so aus wie der Polizeieinsatz vor drei Wochen, bei dem die sich ja kräftig blamiert haben. Welcher Idiot würde schon auf die Idee kommen, hier im Haus ein Hanfgeschäft aufzuziehen? So dämlich ist doch niemand.
Gretchen (lächelt): Stimmt.
Marc (sieht sie liebevoll wieder an): Alles wieder gut?
Gretchen (bleibt gebannt an seinen smaragdgrünen Augen hängen u. schmiegt sich an ihn): Jetzt, ja! Es ist so schön, dass du wieder da bist. Bei mir.
Tja, da gehöre ich ja wohl auch hin, ne.
Marc (grinst frech): Genau das wollte der Onkel Doktor hören.

Gretchen erwiderte Marcs schelmisches Lachen, schlängelte ihre Arme locker um seinen Nacken und beugte sich zu einem weiteren innigen Kuss heran, den Dr. Meier natürlich ausgiebig auskostete und der ihn alles um sich herum vergessen ließ. So bemerkte er auch anfangs nicht den Ruf, der aufdringlich vom Flur ins Stationszimmer hereingeweht kam.

„Marc?“

Der Angesprochene war so sehr mit seiner Liebsten beschäftigt, dass er auch weitere an ihn gerichtete Rufe konsequent ignorierte, bis die Stimme des Rufenden immer näher kam und dementsprechend lauter wurde, so dass Gretchen schließlich Marc anstupsen musste, der an ihren Lippen klebte wie Winnie Poo am Honigpot.

„Marc, bist du hier irgendwo? ... Haben Sie Dr. Meier gesehen? ... MARC!“

Marc (nuschelt in den Gretchen-Kuss hinein u. denkt nicht daran, sich davon abbringen zu lassen): Jetzt nicht!
Gretchen (kann sich nicht durchsetzen, da Marcs Küsse sie immer willenlos machen): Mwarc, aber... da... ruft... jemand... nach... dir.

Cedric: MEIER, verdammt! Ich schrei mir seit fünf Minuten die Seele aus dem Leib. Hast du mich nicht gehört?

Jetzt war die aufdringliche Männerstimme ganz nah, so dass man sie nicht mehr länger ignorieren konnte. Missmutig löste der verliebte Oberarzt seine Lippen von Gretchen, die ihn mit verklärtem Blick anstrahlte, und wandte sich herum. Dr. Stier stand mit verschränkten Armen im Türrahmen und schaute ihn breit grinsend an, was Dr. Meier gleich doppelt auf die Palme brachte.

Marc. Boah, WAS IST? Du hast vielleicht Nerven. Siehst du nicht, dass ich gerade beschäftigt bin.
Gretchen (springt ertappt von Marcs Schoß auf, streicht sich den Kittel und die Haare glatt u. lächelt verlegen in Cedrics Richtung, der amüsiert beobachtet, wie das hübsche Gesicht der Blondine immer röter wird): Marc!
Cedric (deutet grinsend auf die Honeymoon-Deko an der Anmeldung, wird dann aber schnell wieder ernst): Hmm, ich wusste ja noch gar nicht, dass hier neuerdings ein Lovezimmer eingerichtet worden ist. Nett!
Marc (springt genervt von seinem Platz auf u. grummelt Dr. Stier an, während er sich demonstrativ zu Gretchen stellt, die auf den Patientenmonitor schaut, um zu kontrollieren, ob während ihrer Abwesenheit etwas angefallen ist): Ich halte dir gerne nen Termin frei, falls das Hassmännchen irgendwann zurückkehren sollte, was ich eher nicht glaube. Jedem, den ich kenne, würde ich raten, möglichst weit, weit von dir weg zu rennen.
Cedric (ignoriert die Spitze gekonnt): Du bist so witzig, Meier, aber jetzt im Ernst. Du solltest mal bitte mitkommen.
Marc (schaut erst verwundert zu Cedric, dann zu Gretchen, die ihn für seine Spitzen in den Arm kneift): Sollen schon einmal gar nicht, mein Freund! Darauf reagiere ich ganz allergisch.
Cedric (reagiert jetzt doch langsam genervt): Boah, wie groß kann ein Ego sein, dass man ihm extra eine Einladung schicken muss.
Marc (grinst gleich noch mehr, während er sich weiter vor seinem Lieblingsfeind Nummer 1 aufplustert): Ich weiß ja, dass du nur mit Ach und Krach und viel Mogelei deinen Abschluss geschafft hast, aber für ne halbe Stunde Notaufnahme und Pflaster kleben wird es doch schon reichen, oder?
Cedric (verdreht die Augen u. hat gut Lust, Marc eins reinzuwürgen): Naja, ein Pflaster wird hier wohl nicht reichen.
Marc (guckt ihn an wie ein Postauto): Hä?
Cedric (grinst zufrieden, weil er merkt, wie Marc einknickt): Wenn du mitkommen würdest, dann könntest du dir selber ein Bild machen, warum ich ausnahmsweise gerade DEINE Hilfe benötige, Dr. Meier.
Gretchen: Geh nur, Marc! Ich wollte eh nach Sabine schauen. Die Ärmste war so durcheinander nach dem Auffinden des Kleinen. Sie freut sich bestimmt über die Neuigkeiten, dass es ihm gut geht.

...forderte Gretchen ihren Liebsten mit ihrem überzeugendsten Wimpern-klimpern-Blick auf, denn sie wusste ganz genau, wie wenig Marc an einer Zusammenarbeit mit Dr. Stier gelegen war. Aber offenbar schien es dem Neurologen ja äußerst wichtig zu sein. Also musste man, oder in dem Fall frau, dem störrischen Chirurgen einen sanften Fußtritt in die richtige Richtung geben. Das war schließlich ein Krankenhaus und kein Kindergarten. Außerdem wollte sie wirklich zu Schwester Sabine, die sie nach der ganzen Aufregung noch gar nicht richtig hatte begrüßen können. Marc grummelte noch ein wenig vor sich hin, gab dann aber schließlich nach. Bevor er das Stationszimmer mit Dr. ‚Stinkstiefel’ Stier verließ, ließ er es sich aber nicht nehmen, Gretchen noch eine kleine Spitze mit auf den Weg zu geben. So viel nämlich zum Thema, man schlägt sich nicht ungestraft auf die Seite des Feindes.

Marc: Haasenzahn, ich entscheide über meine Fälle immer noch gerne selber, ja. Und du, bevor du unser verschrecktes Bienchen aufscheuchst, sieh zu, dass du das Flitterwochenzeugs hier verschwinden lässt. Das ist immer noch ein Krankenhaus und kein Standesamt, ok? Wir haben die Polizei im Haus und die haben vorhin schon so komisch hier rübergekuckt. Wir sollten uns momentan wirklich von unserer professionellen Seite zeigen.
Cedric (grinst Marc provozierend an): Hört, hört!
Gretchen: Aber...
Marc (lässt keine Widerworte gelten): Kein Aber! Außerdem glaube ich, dass die Zwei und alle hier gerade weiß Gott anderes im Sinn haben, als über „Flittern extrem in der Wüste Nevadas“ zu quatschen.
Gretchen (geknickt nimmt sie einen der Luftballons runter): Na gut! Du hast ja Recht.
Menno, das wäre so eine schöne Überraschung geworden.
Marc: Gott hat immer Recht! Vergessen?

...konnte sich Marc seinen Lieblingsspruch nicht verkneifen, der sowohl bei Gretchen als auch bei Cedric zu einem synchronen genervten Aufseufzen führte. Grinsend schritt Marc dann voran und sein Kollege folgte ihm augenrollend hinaus auf den Gang.

Marc: Also, was ist so dringend, dass du es nicht selber klären kannst, Stier?
Cedric (druckst ungewohnt herum): Äh... naja, es ist so...
Marc: Mein Gott, spuck es endlich aus oder hast du einen Stock im Arsch? Es sind schon Leute gestorben, während Ärzte nicht auf den Punkt kamen.

...reagierte Dr. Meier immer gereizter auf das seltsame Rumgestammel seines immer noch Erzfeindes, während er auf den Knopf für den Fahrstuhl drückte. Cedric fuhr sich noch einmal durch seine Haare, schaute sich um, ob sie auch keine Zuhörer hatten, und setzte schließlich den Punkt, auf den es ankam.

Cedric: Deine Mutter!
Marc (dreht sich in Zeitlupe zu ihm um u. sieht ihn überrascht an): Och nee, was ist es diesmal? Ist es etwa wegen...? Äh... Was rede ich eigentlich mit dir darüber? Wo ist sie?
Cedric: Schockraum 2.
Marc: Was?

Und plötzlich gefroren die Grübchen im Meierschen Gesicht, während die von Dr. Stier eine neue Blüte erlebten. Zufrieden beobachtete der Neurochirurg, wie Marc erst auf die Tasten vom Fahrstuhl wild einhämmerte, welcher einfach nicht ihr Stockwerk erreichen wollte, und wie er dann einer seltsamen Vorahnung folgend auf einmal eilig ins Treppenhaus stürmte. Cedric überlegte nicht lange und rannte ihm hinterher. Schließlich wollte er das Bild nicht verpassen, wenn sein „Lieblingskollege“ die Tür des Behandlungszimmers aufreißen würde. Und das würde sich definitiv lohnen. Das hatte er einfach im Gespür.

Lorelei Offline

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17.05.2014 14:13
#1482 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Marc: Dad?

...brachte Dr. Meier nur völlig verblüfft über seine bebenden Lippen, nachdem er den Schockraum in der Notaufnahme des Elisabethkrankenhauses stürmisch geentert und dabei diverse Kollegen aus dem Weg geschupst hatte und nun vor der besetzten Patientenliege abrupt zum Stehen kam, welche von dem entzückenden schwarzen Blazer-Rücken seiner Mutter halb verdeckt wurde, da diese davor wie ein aufgescheuchtes Huhn hin und her wanderte und langsam Spurrillen in das durchgelatschte Laminat hineinlief. Der junge Arzt, der auf dem kurzen Weg hierher alles, nur nicht DAS erwartet hatte, traute seinen Augen kaum und brauchte erst einmal einen Moment, um die bizarre Situation richtig einzuordnen, die sich ihm gerade darbot, während Dr. Stier mit verschränkten Armen am Türrahmen lehnte und die skurrile Szenerie genüsslich in sich aufsaugte. Hach ja, an manchen Tagen liebte er seinen Job wirklich. Und das war gerade am heutigen Tag eher ungewöhnlich, da er doch die überwiegende Zeit mit den Gedanken ganz woanders gewesen war, nämlich bei einer ganz bestimmten Dame, die vermutlich gerade in diesen Minuten ihren Kurort erreichen würde.

Was würde er jetzt dafür geben, nur einmal ihre sexy Stimme zu hören und wenn sie ihn nur wegen irgendetwas herunterputzen würde, so wie es Frau Meier vorhin getan hatte, als er versucht hatte, deren verunfallten Mann zu untersuchen und dabei in ihren Augen offenbar alles falsch gemacht hatte, was wohl weniger an seinen nicht vorhandenen mangelnden Qualifikationen, sondern vor allem an dem fehlenden Schildchen, auf dem dick und breit Dr. Marc ‚Klugscheißer’ Meier stand, gelegen haben musste. Aber dieses ausgebuffte Biest hatte es doch tatsächlich sogar noch aus der Ferne geschafft, ihn geschickt zu überlisten. Damit er gar nicht erst die Möglichkeit bekam, sie während ihrer „Auszeit“ zu erreichen, wie er es eigentlich vorgehabt hatte, hatte seine Bloody Mary doch tatsächlich extra ihr Handy in ihrem Büro liegengelassen mit dem dezenten auf einen gelben Post-it geschriebenen Hinweis darunter, der da lautete, „Wage es ja nicht, mein Lieber!“ Mein Gott, wie sehr war er dieser Frau doch verfallen, sinnierte Cedric Stier mit einem deutlich sichtbaren verliebten Grinsen auf seinen schmalen Lippen, die noch immer nach ihren wilden Küssen und Bissen schmeckten, und achtete deshalb nur noch teilweise auf die lautstarke Unterhaltung der „harmonischen“ Familie Meier vor sich.

Marcs Mutter hatte nämlich ihren Filius auch endlich hinter sich bemerkt und klammerte sich nun aufgeregt an dessen Kittelärmel, während sie ihm eindringlich und um Hilfe bittend in die weit aufgerissenen Augen blickte. Denn sie würde es unter keinen Umständen hinnehmen, dass dieser zwielichtige, ihr unbekannte und offensichtlich völlig unfähige Kollege ihres Sohnes ihren Mann weiter behandelte und ihm noch mehr Schmerzen bereitete. Sie würde keine weitere Ausrede gelten lassen. Schließlich lag hier nicht irgendwer auf der Pritsche. Und was war schon wichtiger als das Wohl ihres heiß und innig geliebten Oliviers? Doch der sichtlich überrumpelte Oberarzt, den sie nun auch noch schütteln musste, damit er endlich reagierte, schaute konsterniert an seiner allmählich durchdrehenden Mutter vorbei auf die Liege, auf der sein augenscheinlich verletzter Vater lag, der vor Schmerzen immer wieder leise aufstöhnte. Obwohl ganz so schlimm konnten diese nicht gewesen sein, denn bei näherer Betrachtung schien es fast so, als wäre Prof. Meier ziemlich aufgebracht, nein, er kochte, und das sah man nicht nur seinem geröteten Gesicht deutlich an, sondern man hörte es auch aus seiner kräftigen Stimme heraus, nachdem sich diese endlich gegen die Hysterie einer Elke Fisher hatte durchsetzen können. Denn wenn ihn jemand vor dieser Furie retten konnte, dann war das doch wohl eindeutig sein Sohn, der hier im Haus leitender Oberarzt war und der dementsprechend über die Befugnisse verfügte, unliebsame Personen dezent aus dem Weg zu räumen. Wahlweise mit einem gekonnten Fußtritt direkt zu der Tür hinaus, durch die er vorhin unter Protest von Marcs aufmerksamem Kollegen hinein geschoben worden war, oder mit einer von Dr. Meier unterzeichneten Dauereinweisung in die Klapse. Diese Frau machte ihn noch wahnsinnig, wenn er ihr und ihrer Gänsehaut auslösenden Reibeisenstimme noch länger würde zuhören müssen.

Elke: Marc Olivier, endlich! Jetzt steh da nicht so rum, wie bestellt und nicht abgeholt! Tue doch endlich was für dein Geld! Dein Vater hat Schmerzen.
Marc (blickt irritiert von dem einen zur anderen u. wieder zurück u. wirkt ziemlich ratlos u. merklich überfordert): Ääähhh...
Olivier (sieht erst seine Frau, dann seinen Sohn unmissverständlich an): Dann frag dich mal, warum ich die habe. Junge, schaff mir diese Person aus dem Blickfeld oder ich vergesse mich! Sie dürfte doch hier eigentlich gar keinen Zutritt haben.
Elke (beugt sich getroffen zu ihrem Geliebten herab u. versucht ihn mit all ihren zur Verfügung stehenden Mitteln aufgeregt zu beruhigen): Oli, jetzt lass es mich doch erklären! Höre mir doch nur einmal zu! Ich bitte dich!
Ich brauch dringend ne Aspirin. Oder wahlweise auch ne Valium. Hmm, Ohropax würden es vielleicht für den Anfang auch tun. Hilfe!
Olivier (schiebt überfordert ihre Hände unsanft von sich weg u. dreht sich unter Schmerzen auf die Seite, damit er Elke nicht mehr länger ansehen muss): Ich hab es dir schon einmal gesagt. Ich will nichts hören. Geh endlich! Geh! Das kannst du doch am besten.
Elke (wendet sich mitgenommen an ihren Sohn, der sie mit offenem Mund anstarrt, aber immer noch nicht reagiert): Marc Olivier, dein Vater steht völlig neben sich. So hilf ihm doch endlich!
Und wer hilft mir in diesem Irrenhaus?
Olivier (zischt wütend zurück, während er sich erschöpft wieder auf den Rücken legt, weil diese Position für ihn u. sein Problem doch die angenehmere ist): Ja, hilf mir, Marc! Deine Mutter wollte mich umbringen.
Okay! Jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen, an dem der Wecker mal klingeln sollte. Das ist doch ein Albtraum! Oder? Wieso klingelt dieses Drecksteil nicht, verdammt Scheiße, eh?
Marc: Bitte?

...stieß der perplexe Oberarzt nur völlig entgeistert aus, während er seine Eltern mit einem schwachen Ameisenblick fixierte und das jeweils Gesagte in den richtigen Zusammenhang zu setzen versuchte und dabei nur kläglich scheitern konnte, weil das alles doch überhaupt keinen Sinn ergab, was sie ihm hysterisch mitzuteilen versuchten. So bemerkte Dr. Meier auch nicht, wie sein breit über beide Backen grinsender Kollege näher kam, ihm lässig auf die Schulter tippte und ihm dann zwei Röntgenbilder in die Hand drückte, die er gerade von einer Krankenschwester gereicht bekommen hatte, die es angesichts der im Zimmer vorherrschenden Anspannung lieber vorzog, ganz, ganz schnell wieder das Weite zu suchen. Ein Dr. Stier war dagegen aus eigenen leidvollen Erfahrungen heraus härter im Nehmen.

Cedric: Dein Fall, mein lieber Marc! ... Eine wirklich nette Familie hast du da. So harmonisch und irgendwie sehr, sehr aufbauend. Also ich muss zugeben, so langsam wird mir einiges über dich klar.

...konnte sich der feixende Neurochirurg einen Spruch nicht verkneifen, wurde dann aber von seinem Pieper abgelenkt, auf den er kurz schauen musste. Er ergötzte sich noch einen Moment lang an dem verdutzten Blick, den ihm sein Lieblingskollege schenkte. Als dieser sich jedoch immer mehr verfinsterte und sehr deutlich ausdrückte, dass er ihm jeden Moment ein Skalpell in die Rippen rammen könnte, wenn er noch einmal sein Schandmaul so weit aufreißen würde, zog er es dann doch lieber vor, den Behandlungsraum so schnell wie möglich wieder zu verlassen und sich seinen eigenen Patienten im sechsten Stock zu widmen, die dank ihrer komatösen Zustände wesentlich angenehmer und erholsamer waren als die Erzeuger dieses Angebers, der offenbar nur die besten Eigenschaften von ihnen geerbt hatte. Marc schaute seinem Lieblingsfeind noch hinterher, wie er grinsend die Tür hinter sich schloss, dann wandte er sich mit grimmiger Miene zu seinen keifenden Eltern herum. Was hatte er eigentlich verbrochen, dass er heute so sehr bestraft wurde, dachte er resignierend, während er einen nach dem anderen ausgiebig musterte, und keifte sie nun im Gegenzug selber an. Sein eigener Geduldsfaden hatte nämlich auch nur eine beschränkte Halbwertzeit.

Marc: Seid ihr völlig übergeschnappt? Was zum Teufel ist passiert? Was macht ihr hier?
Olivier: Was passiert ist? Deine Mutter ist passiert, Marc! Siehst du doch. ... Aaaaahhh... Verdammt! ... Das darf doch alles nicht wahr sein.

...stöhnte Prof. Meier mit schmerzverzerrtem Gesicht auf, als er sich auf der Liege aufrichten wollte, um mit seinem Filius auf Augenhöhe zu kommen, aber von einer entschlossenen Elke daran gehindert wurde, die ihn entschieden zurückdrückte, wogegen er sich wegen den anhaltenden Schmerzen kaum wehren konnte, was für den stolzen Mann furchtbar deprimierend war. Ebenso wie der sorgenvolle Blick, mit dem ihn diese Frau ansah, die in ihm immer noch die unterschiedlichsten Gefühle hervorrufen konnte, obwohl er ihr doch schon längst abgeschworen hatte. Das hatte er zumindest noch bis vor einer Stunde geglaubt. Dann hatte sie wie Phönix wieder vor ihm gestanden. So schön wie eine in Marmor gemeißelte griechische Göttin, die von den Strahlen der durch die Fenster flutenden Mittagssonne zum Leben erweckt wurde. Eine gleißende Fata Morgana mitten im noch winterlichen Berlin. Eine Begegnung, die ihn im wahrsten Sinne des Wortes tief erschüttert hatte und mit der er überhaupt nicht umzugehen wusste. Er war völlig unvorbereitet und absolut noch nicht bereit für sie und ihre ganze fürchterliche, faszinierende, nein, überfordernde, einnehmende Art, mit der sie ihn wie eine riesige Lawine überrollt und mit sich gerissen hatte. Mit dem schmerzhaften Resultat, dass er jetzt fast bewegungslos und schutzlos vor ihr lag. Ihr quasi ausgeliefert war, wenn Marc ihn nicht endlich vor ihr rettete.

Was hatte er Elke nicht alles an den Kopf werfen wollen, weil sie ihn feige während ihres gemeinsamen Zweiten Frühlings hatte sitzen lassen. Sie hatte sich verabschiedet, einfach so, grundlos, scheinbar für immer, und hatte ihn und ihr nach Jahrzehnten wieder gefundenes Glück mit Füßen getreten. Er bekam die unbegreiflichen Worthülsen, die sie ihm in ihrem kleinen Flitterwochenparadies auf einem winzigen Zettel hinterlassen hatte und die so im Kontrast zu dem standen, was sie nach ihrem ersten Wiedersehen seit dem Herbst erlebt hatten, einfach nicht aus dem Kopf: „Leb wohl, mi corazón. Ich werde die schöne Zeit mit dir niemals vergessen, aber es geht nicht mehr. Ich kann nicht. Es tut mir leid. Gib Marc einen Kuss von mir. Irgendwann werdet ihr mich verstehen. In Liebe. Dein Mokkapralinchen.“ Wie sollte man diese Person verstehen, wenn ihr dieses Glück, für das er hart hatte kämpfen müssen, offenbar überhaupt nichts bedeutet hatte? Wer war diese Frau überhaupt, in der er sich so sehr getäuscht hatte? Und wie konnte sie glauben, jetzt einfach so aus dem Nichts wieder aufzutauchen, als wäre nichts geschehen? Sie hatte ihn ohne Rettungsseil in den Abgrund gestürzt und jetzt wollte sie ihn doch mit aller Macht festhalten. Was sollte das alles? Wieso war sie wieder hier? So anders. So... so... Olivier konnte es nicht beschreiben. Er konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen, so durcheinander war er wegen ihrer alles beherrschenden Anwesenheit, die ihn einfach nur furchtbar aufwühlte und aufregte.

Und während Dr. Meier die wütenden Worte seines Vaters nachklingen ließ und ungläubig dessen Röntgenbilder studierte und schließlich den Kopf schüttelte, als er die ziemlich eindeutige Diagnose feststellte, begann seine Mutter neben ihm wild zu gestikulieren und aufgeregt zu berichten, was vorhin vor Marcs und Gretchens Wohnungstür passiert war, nachdem er sich feige in den Fahrstuhl verdrückt hatte, den er jetzt am liebsten auch wieder als Hort aufsuchen würde, um dem verrückten Familienchaos hier endgültig zu entkommen.

Elke: Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte, Marc Olivier. Er stand plötzlich vor der Tür und... und... ehe ich registrieren konnte, dass er...
Olivier (fährt seiner Frau aufgebracht ins Wort u. fixiert seinen Sohn mit grimmigem Blick): Ja, und ich... ich verstehe immer noch nicht, was sie überhaupt bei dir zu suchen hatte, Marc. Kannst du mir das erklären?
Sch...eiii...ßeee!
Marc (zuckt nur kurz mit einem Auge, dann konzentriert er sich schnell auf seine professionelle Diagnose, um von sich abzulenken): Erst die medizinisch relevanten Fakten, ja. Unfassbar, wenn ich nicht die verschiedenen Daten auf den Blättern hätte, könnte man fast meinen, es ist ein und dieselbe Rippenfraktur. Genau dieselbe Bruchlinie wie damals nach deinem Unfall im Herbst. Derselbe Winkel. Glatt durch. Du bist ein medizinisches Phänomen, Dad. Kommst in meine Sammlung, hähä.

...stellte Marc völlig verblüfft klar und klemmte die beiden Röntgenblätter demonstrativ an die beleuchtete Wandtafel. Er grinste seinen Vater an, der angesichts der sehr eindeutigen Diagnose nur die Augen verdrehen konnte und nun zwangsläufig zulassen musste, wie er von seinem vorlauten Sohn noch einmal abgetastet wurde. Er kniff die Zähne zusammen und atmete die Schmerzen weg, was ganz gut funktionierte, wenn man nebenher die eigene Frau weiter beleidigte, die sorgenvoll Marcs Untersuchung verfolgte und sich an ihr kleines schwarzes Handtäschchen klammerte, das sie vor ihren Bauch gedrückt hielt.

Olivier: Ich sagte ja bereits, deine Mutter wollte mich umbringen. Hier hast du den eindeutigen Beweis, mein Junge. ... Aaahh... Geht das vielleicht auch etwas sanfter, Herr Doktor? So grobmotorisch kenne ich dich ja gar nicht.
Ich wusste ja immer, die beiden würden sich irgendwann die Köppe einschlagen. Aber so? Hmm... Es läuft also ganz gut!
Elke (empört sich über diesen völlig unbegründeten Verdacht): Das ist doch gar nicht wahr.
Marc (kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als er nach seiner eingehenden Untersuchung den grauen Kaschmirpullover seines Vaters wieder herunterzieht u. ihm nun frech ins wutrote Gesicht blickt): Für die Theatralik in euren Geschichten ist doch sonst immer sie zuständig. Hab ich noch was verpasst? Also nur fürs Protokoll!
Elke (regt sich gleich noch mehr auf): Also wirklich, ich muss doch sehr bitten, Marc Olivier!
Marc (weicht gekonnt einen Schritt vor ihr zurück): Mann, jetzt komm endlich auf den Punkt, Mutter! Ich hab heute hier schon weiß Gott genug Ärger am Hals.
Olivier (horcht auf): Ist deshalb die Polizei im Haus?
Marc (hebt seine Arme lässig in Unschuld u. grient seinen Dad an): Ich hab nichts verbrochen, falls du das denkst.

Olivier (genau diese Steilvorlage hat er gebraucht, um zurückzuschlagen): Ach, und dann sagst du mir nicht, dass du die ganze Zeit wusstest, wo sie steckt? Das ist doch kein Zufall, dass deine Mutter genau in dem Moment wieder aus der Versenkung auftaucht, als du von deinen angeblichen Forschungen in der Schweiz zurückkehrst, von denen du mir überhaupt nichts erzählen wolltest. Du warst gar nicht auf einer Studienreise für deine Habilitation, stimmt’s?
Verdammt! Ich hätte mich freiwillig zum Windeldienst bei dem Hosenscheißer melden sollen! Das hätte mir wenigstens die Scheiße hier erspart.
Marc (versucht gezielt abzulenken, wird aber sofort durchschaut): Das... das spielt doch jetzt überhaupt keine Rolle. Hast du noch Schmerzen? Soll dir die Schwester was bringen?
Olivier (richtet sich mühsam auf u. schwingt seine Beine von der Liege): Also doch! Ich hatte die ganze Zeit schon so ein komisches Gefühl.
Marc (muss seine ganze Kraft aufwenden, um ihn am Aufstehen zu hindern): Äh... was genau wird das jetzt, wenn ich fragen darf?
Olivier (lässig u. völlig von sich überzeugt): Ich gehe!
Marc (sichtlich geschockt hält er seinen Patienten fest): Wie bitte?
Olivier: Schon vergessen? Morgen geht mein Ersatzflieger ab Frankfurt. Ich muss.
Elke (will ihn ebenfalls aufhalten): Oli, jetzt sei doch bitte vernünftig! Du darfst dich doch nicht bewegen. Du hast einen schlimmen Sturz hinter dir.
Marc (schiebt seinen Vater unter Protest zurück auf die Liege): Woah, woah, woah! Stopp! Du fliegst nirgendwohin, Dad. Du hast zwei gebrochene Rippen und ein Hämatom am Hinterkopf. Und ihr habt mir immer noch nicht beantwortet, wie es eigentlich dazu gekommen ist.
Olivier (zynisch blitzt er seinen verräterischen Sohn an): Das spielt auch überhaupt keine Rolle.

Na toll, jetzt ist er beleidigt. Was kann ich denn dafür, dass sie so dämlich reagiert hat? Jetzt bin ich Schuld oder was? Danke Mama, echt!

Elke (nimmt das Kommando nun selbst in die Hand, während sich ihre Jungs misstrauisch beäugen): Er hat mich gesehen, ist von mir zurückgewichen, bevor ich überhaupt etwas sagen konnte, hat den Treppenabsatz hinter sich nicht bemerkt und ist dann ins Straucheln geraten. Das alles passierte so schnell.
Marc (drückt sprachlos Olis Patientenmappe an seinen Bauch u. klappt den Mund auf): Nee, oder?
Na super! Also ist noch gar nichts geklärt! Mir wachsen noch graue Haare, wenn das so weitergeht.
Olivier (ist von beiden maßlos enttäuscht u. wünscht sich eigentlich nur noch, endlich von hier verschwinden zu dürfen): Es tut mir leid um Gretchens Orchideen an der Fensterbank. Die hat mich nämlich erst gestoppt. Aber das tut hier nichts zur Sache. Ich habe Termine, wie du weißt, und die werde ich sicherlich nicht platzen lassen, nur weil diese Irre auf mich losgegangen ist.
Elke (echauffiert sich gleich wieder königlich): Also das ist ja wohl...
Marc (zischt sie an, die Klappe zu halten, u. wendet sich entschieden an die beleidigte Leberwurst auf der Pritsche): Darüber sprechen wir noch. Du wirst erst einmal stationär aufgenommen und bevor du gleich explodierst, Dad, dagegen gibt es nichts zu diskutieren. Ich stehe hier nicht als dein Sohn, sondern als dein behandelnder Arzt. Und da du selber einer bist, kennst du ja das Prozedere bei Fällen wie diesen. Du kannst froh sein, dass wir dich nicht fixieren müssen. Aber ich ziehe das durchaus noch in Betracht, wenn ich dich auch nur einmal dabei erwischen sollte, wie du auch nur mit dem kleinen Finger zuckst. Verstanden? So, ich werde jetzt veranlassen, dass du nach oben auf die drei gebracht wirst. Bis dahin beruhigt ihr euch erst einmal wieder, ja? Vielleicht ist das ja auch die passende Gelegenheit, um mal über ein paar Dinge zu quatschen und Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, hmm?

...sprach Marc ganz subtil seine Mutter an, die echauffiert die Nase kräuselte und ihn nun wegen seiner erneuten Einmischung böse anfunkelte.

Elke: Marc Olivier, ich bin nicht dumm. Du hast das doch alles initiiert?
Marc: Ja, sicher. Ich hab die Treppe bei uns zuhause extra so anlegen lassen für den Fall, dass du Dad da runterschupsen kannst, wenn du mal wieder keinen anderen Ausweg siehst.

...konterte Marc spitzzüngig auf die irren Verdächtigungen seiner aufgebrachten Mutter und griente diese dabei frech an. Dann nickte er seinem Vater zu, der ihn ebenso eingeschnappt anguckte, drehte sich lässig herum und verließ eilig das Behandlungszimmer, aber nicht ohne vorher ungesehen den Schlüssel aus dem Schloss zu ziehen. Vorsichtig schloss er die Tür und drehte dann von außen leise den Schlüssel herum in der Hoffnung, es würde nicht gleich bemerkt werden. Anschließend wandte er sich einer der Krankenschwestern zu, die er zufällig auf dem Flur der Notaufnahme antraf.

Marc: Schwester, bereiten Sie bitte das Zimmer direkt neben meinem Büro für meinen Vater vor! Er ist Privatpatient. Sonderstatus. Also das ganz große Brimborium, ja. Aber Sie können sich damit ruhig Zeit lassen. Hier drin müssen vorher noch ein paar Häupter gekühlt werden. Falls ich es in den nächsten zwei Stunden nicht wieder hierher geschafft haben sollte, Sie wissen ja, was hier sonst noch los ist, dann können Sie damit wieder aufschließen. Aber vorher besser Ohrenstöpsel in die Lauscher, es könnte eventuell laut werden. Eltern eben. Hähä!

...erklärte Dr. Meier ganz ruhig und abgeklärt der ihn ungläubig anschauenden Krankenschwester, reichte ihr den besagten Schlüssel und ließ sie einfach stehen. Zufrieden grinsend machte er sich dann auf den Weg und schloss alsbald zu dem kleinen Grüppchen um Prof. Haase und der Polizistin auf, die gerade zusammen den Hinterausgang der Klinik inspizierten, wo Dr. Gummersbach die Auffindesituation des Babys noch einmal in aller Ausführlichkeit schilderte. Tja, dachte Marc derweil, ohne dem aufgeregten Pathologen bei seinem monotonen Monolog zuzuhören, zur Lösung von schwierigen Problemfällen musste man eben manchmal zu ungewöhnlichen Mitteln greifen.

Lorelei Offline

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28.05.2014 16:57
#1483 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Mehdi: Du hast bitte was gemacht? Du hast sie eingesperrt? Marc!

...hakte ein ungläubig dreinblickender Oberarzt mit leicht vorwurfsvollem Tonfall in seiner sonst so samtigweich klingenden Stimme noch einmal fassungslos bei seinem neben ihm stehenden und selbstgefällig vor sich hin grinsenden besten Freund nach, für den Fall, dass er sich doch verhört hatte, und verschluckte sich dabei fast an dem Schokoriegel, den er gerade dabei war genüsslich zu verspeisen. Marc nickte dem selbsternannten Moralapostel der Station ungerührt zu, ignorierte gekonnt Mehdis schrecklich missbilligende Blicke und lehnte sich lässig mit einem halb angebissenen Apfel in der Hand seitlich an die Wand neben dem großen bunt bemalten und beklebten Glasfenster auf der Säuglingsstation, hinter welchem man die Konturen von Gretchen und Schwester Sabine erkennen konnte, die um den in der Mitte des Raumes stehenden gläsernen Kasten herumwuselten, in dem sich der kleine Mensch häuslich eingerichtet hatte, der heute für reichliche Turbulenzen im Elisabethkrankenhaus gesorgt und den gewohnten Tagesablauf der Mitarbeiter bis eben gehörig durcheinander gewirbelt hatte.

Marc: Jep! Aber eingesperrt klingt so verdammt negativ, sagen wir mal so, ich habe ihnen eine Auszeit mit... Denkpause gegönnt. Quasi als... psycho...dings...bums- äh... medizinisch-therapeutischer Ansatz ... oder so ähnlich.
Mehdi (beißt kopfschüttelnd von seinem Schokoriegel ab u. nimmt dieselbe Position wie Marc ein, nur auf der anderen Seite des großen Fensters, das sie vom anhaltenden Babygeschrei trennt): Also ich weiß nicht...
Marc (zuckt mit den Schultern u. knabbert weiter unberührt an seinem giftgrünen Apfel): Wieso? Du sagst doch auch immer, dass man dem Glück ein bisschen nachhelfen sollte. Nichts anderes hab ich getan. Und wer behauptet denn ständig, wenn er besoffen ist, sein Arschtritt hätte mir erst ein entspanntes und mehr oder weniger ausgeglichenes Leben mit meiner Traum... ääähhh... Haasenzahn verschafft, hmm, was ja wohl so überhaupt nicht der Wahrheit entspricht, also nur so nebenbei bemerkt, aber das ist hier jetzt auch nicht der Punkt.

Das hab ich schon selber nach jahrelanger exorbitanter Hinarbeit und Aufopferung meiner selbst vortrefflich hinbekommen. Tzz... als ob ich auf sein Hausfrauengeschwätz hören würde.

Es ist echt faszinierend, wie man(n) sich Wahrheiten so schön zurechtbiegen kann, damit sie letztendlich in sein Weltbild passen. Marc ist eben auch nur ein großer Träumer, so wie Gretchen. Das sollte ich ihr vielleicht bei Gelegenheit mal sagen.


Mehdi (steckt das leere Schokoladenpapier, inklusive des Fußballstickers, den er eigentlich dem Hobbysammler hatte geben wollen, seufzend in seine Kitteltasche u. sieht diesen nun mit ernster Miene an): Ja, nachhelfen, schön und gut, aber doch nicht gleich mit dem Hammer drauflos kloppen, wenn man noch gar nicht weiß, wo der Nagel hingehört. Marc, das ist ein gravierender Eingriff in die Privatsphäre von Patienten und das sind sie ja beide, also gewissermaßen. Du blockierst einen ganzen Behandlungsraum für deine Zwecke. Wenn der Professor das mitkriegt, dann...
Marc (lässt sich von nix und niemandem ein schlechtes Gewissen einreden, wedelt kurz mit seinen Händen in der Luft herum u. vergewissert sich mittels Schulterblick, ob sie auch ja keine Zuhörer auf dem Flur haben, die sein Handeln gegen ihn verwenden könnten): Uuuhhh, wenn der Professor bloß nichts mitkriegt! Jetzt mach dir nicht gleich ins Hemd, Mehdi. Erstens, ist Franz nach der Pressekonferenz und dem Abzug der Bullen schon längst nach Hause gefahren, um sich von seinem Butterböhnchen falschen Hasen servieren zu lassen. Und zweitens, hast du die beiden nicht erlebt. Ich war... quasi... in dem Moment... dazu gezwungen, zu handeln. Aus... äh... rein... medizinischen Gründen.
Mehdi (hebt ungläubig eine Augenbraue): Aus medizinischen Gründen? Ah, ja?

Wird der Moralapostel jetzt etwa ironisch? Eh! Geht’s noch? Ich hab die zwei doch nur vor sich selbst schützen und mir einen ruhigen Nachmittag im OP verschaffen wollen, was nebenbei bemerkt auch für die Katz war, weil heute echt nichts los war, mal abgesehen von den Ermittlungen der Kommissare und einer furchtbar dreisten Journalistin, die sich heimlich auf die Gyn geschlichen hat und von mir eigenhändig im hohen Bogen zur Hintertür wieder hinaus kompromittiert wurde. Da konnte sie noch so provokativ mit ihren angeklebten Wimpern klimpern oder noch mehr Knöpfe ihrer Bluse öffnen, um über Mehdi an Exklusivinfos vom Hosenscheißer zu kommen. Der sieht doch jeden Tag genug Titten, auch schlecht gemachte aufgetunte, und ist blind für so was. Kann er jetzt nicht auch mal einen auf Blindschleiche machen, anstatt mich zuzuquatschen?

Eigentlich ist es ja rührend, wie sehr er sich bemüht. So viel Familiensinn hätte ich Marc gar nicht zugetraut. Aber trotzdem, es gibt Grenzen.


Marc (zunehmend genervt): Was hättest du denn gemacht, wenn deine Eltern an deinem Arbeitsplatz, wo du Chef bist, vor allen Leuten Gift und Galle spucken? Und jetzt sag mir nicht, die streiten sich nie. Ich kenne deine Mutter, seit sie mir vor dreizehn Jahren in unserer Studentenbude einen moralischen Vortrag der Sonderklasse gehalten hat, weil ich angeblich mit meinen wechselnden Frauengeschichten und den ständigen Partys ihren ach so tugendhaften Sohn verderben würde. Dein Vater stand daneben und hat sich nicht mal getraut, den Mund aufzumachen, dabei war der doch insgeheim froh gewesen, dass ich aus dem dicken Nerd mit Hornbrille und Kleidungsgeschmack à la Gildo Horn einen einigermaßen passablen vorzeigbaren Kerl gemacht habe, dem die eine oder andere Frau auch mal hinterher geguckt hat. Sonst wärst du doch jetzt noch Jungfrau und hättest nicht so ein anregendes Sexualleben mit deiner äh... Dings ähm... Neuen, hmm.
Okay, du könntest ihm jetzt eine reinballern, damit er ein für allemal seine überdimensional große Klappe hält, aber ich hab mich heute schon einmal nicht zusammenreißen können und mich zwickt die Hand immer noch ein bisschen. Also der friedliche Weg. Wie immer Ohren auf Durchzug, wenn Meiersche Sprüche im Anmarsch sind.
Mehdi (verdreht die Augen u. bemüht sich tunlichst, sich nicht gegen die gegen ihn gerichteten Sticheleinen zu wehren): Ich würde es mal mit reden probieren, Marc. Ganz simpel und effektiv.
Ach Mann, früher hat es echt viel mehr Spaß gemacht. Da hat er wenigstens noch auf meine Foppereien reagiert.
Marc (klatscht spielerisch Beifall u. dreht mal wieder alles ins Lächerliche): Uuuhhh, der Kandidat kriegt hundert Punkte. Wo ist dein Bienchenstempelheft? Oder ist das gerade von Gabi in Benutzung, die darin lauter Knutschflecke hinterlässt, hmm?

Ich geb’s auf! Bei Marc ist echt Hopfen und Malz verloren. Kann mir jemand verraten, warum ich ihn trotz alledem mag?
Mehdi (ihm ist überhaupt nicht nach Witzen zumute u. das sieht man ihm auch an): Marc! Ich weiß ja, dass du mit deinen Sprüchen auch nur deine eigene Unsicherheit kaschieren möchtest. Aber können wir auch einmal ernst bleiben? Geht das? Nur für einen kurzen Moment, in dem du mal darüber nachdenkst, dass das sowohl für deine Mutter als auch für deinen Vater keine leichte Angelegenheit ist. Du weißt, wie sie in den letzten Wochen beide gekämpft haben.
Marc (genervt von der ewigen moralischen Integrität eines Dr. Kaan wirft er seinen Apfelgriebs gekonnt in den fünf Meter entfernten Papierkorb vor den Wartestühlen der Patienten u. schaut Mehdi danach nachdrücklich an): Ich bin überhaupt nicht unsicher, ich bin entt... einfach nur tierisch genervt, weil die so ein großes Ding draus machen. Ja, mein Gott, Dr. Mehdi Freud, es ist doch gut, dass sie jetzt einmal nicht abhauen können und gezwungen sind, sich miteinander auseinanderzusetzen, um Klarheiten zu bekommen, die sie doch die ganze Zeit schon gesucht haben. Mutter würde doch sonst ewig herumdrucksen, Ausreden suchen und irgendwann doch die Biege machen, weil sie keine Eier in der Hose hat, um diesen einen beschissenen Satz zu sagen. Und Dad, ich kann ihn nicht ewig festhalten. So schlimm sind seine Verletzungen vom Treppensturz nämlich jetzt auch wieder nicht. Der wäre weg und das für ganze sechs Wochen in den Staaten, ohne dass er weiß, was wirklich los ist und dass er gar nicht abgeschossen worden ist, wie er denkt. Meine hysterische Mutter würde durchdrehen und ich würde irgendwann bei mir zuhause von der Terrasse springen, weil sie mich endgültig wahnsinnig machen würde.

Mehdi (kann sich trotz der angespannten Situation einen kleinen Seitenhieb dann doch nicht verkneifen): Dann hättest du sie vielleicht nicht unbedingt bei dir und Gretchen zuhause einquartieren dürfen.
Wie wahr, wie wahr! Aber... Eh, grinst der mich etwa an? Der grinst mich an! Arsch!
Marc (merklich eingeschnappt): Sehr witzig! Heute Morgen einen Clown anstatt Gabi geknutscht? Als ob gerade du deine Mutter vor der Tür stehen lassen würdest, wenn sie in dieser bescheidenen Situation stecken würde, in der meine steckt, äh... steckte.
Mehdi (zieht tief Luft zwischen seine Nasenflügel ein u. sieht Marc mitfühlend an): Touché! Ich wollte dir auch niemals zu nahe treten, Marc. Ich wollte nur, dass du auch siehst, dass es zwei Seiten der Medaille gibt.
Marc: Mann, ich will die beiden ja auch nicht ewig zappeln lassen. Nur so ein bisschen. Schocktherapie eben. Meiner Mutter hat das in der Schweiz nämlich ziemlich gut getan, nachdem ich da spontan aufgekreuzt bin, sie aufgemischt und aus ihrem Kokon gewickelt habe. Also sinnbildlich gesprochen, versteht sich. Du kennst ja ihre Akte. Noch einen Tag länger allein mit ihren Gedanken auf ihrem Zimmer und sie wäre uneinholbar tief in der nächsten Depression versunken, was fatal für ihre Genesung und ihre sonstigen Neurosen gewesen wäre.

...erklärte Marc bedeutend entspannter als noch eine Minute zuvor erneut seinen nicht ganz so ausgefeilten, dem Zufallsmoment entsprungenen Versöhnungsplan für seine sich dauerangiftenden, aber sich offensichtlich noch immer abgöttisch liebenden Eltern. Denn sein unvoreingenommen lauschender Zuhörer schien zumindest einen Hauch von Verständnis für den als Einzelkind aufgewachsenen Mann aufzuzeigen, bevor er sich ebenso wie dieser dem Bild im Inneren des Zimmers zuwandte, vor welchem sich die beiden Oberärzte am späten Nachmittag positioniert hatten und in welchem Gretchen gerade das dauerquietschende Baby aus seinem unbequemen Bettchen herausgeholt hatte, vorsichtig an ihre Brust drückte, sanft über den Rücken streichelnd und summend beruhigte und dann ihrer Freundin Sabine überreichte, die es ihr mit leuchtenden Augen und vor Aufregung zitternden Händen gleich nachmachte, bis der eine Woche alte Junge sich hörbar entspannt hatte. Fast so wie die beiden mittlerweile verstummten und ihren Gedanken nachhängenden Männer draußen auf dem Flur der Gynäkologie.


Zur gleichen Zeit ließ sich drei Stockwerke tiefer eine eher unentspannt wirkende Besucherin des Elisabethkrankenhauses erschöpft und sich mit ihrer schwarzen Clutch Luft zu fächelnd auf dem freien Stuhl neben einer Patientenliege fallen und warf anschließend, ihre ausweglose Lage immer mehr bewusst werdend, resignierend ihre Hände in die Luft, beobachtet von dem ungläubig und leicht eingeschüchtert wirkenden Patienten neben sich, der die unberechenbare attraktive Dame im dunklen Designerblazer keine Sekunde aus den Augen gelassen hatte, nachdem sie einem Tobsuchtsanfall folgend durch das Behandlungszimmer gewuselt war, in dem er und sie dank ihres einzigen Kindes eine Zwangsgemeinschaft bilden mussten, und der trotz der verqueren Situation, in der er gerade steckte, vor ihr ein Schmunzeln nicht mehr länger hatte verbergen können. Sein Sohn war doch wirklich ein ausgebufftes Schlitzohr, dachte Olivier Meier, während er zu der abgeschlossenen blauen Zimmertür und den daran befestigten und heruntergelassenen Jalousien blickte. Das konnte Marc doch nur von ihm haben? Hatte er sich und Elke kurz nach seiner Rückkehr nach Berlin und einer stürmischen und alles erschütternden Begegnung in Marcs ehemaliger Wohnung nicht auch hier in einem der Zimmer einsperren lassen, damit sie ihm endlich nur einmal richtig zuhörte?

Als er sich daran zurückerinnerte, wie Elkes anfänglicher Widerstand immer mehr zerbröselt war und sie ihm und seinem Drängen nach einer zweiten Chance nicht mehr länger hatte widerstehen können, verschwand das verschmitzte Grinsen wieder aus seinem Gesicht und der attraktive Mittfünfziger wurde nachdenklich, sentimental, unsicher. Er fühlte sich merklich unwohl, jetzt allein mit der Person sein zu müssen, die für seinen seit Wochen angeschlagenen Gemütszustand verantwortlich war und die er doch deswegen eigentlich hassen müsste. Doch trotz dessen, was in der Vergangenheit und im Hier und Jetzt passiert war, konnte er es einfach nicht. Es ging einfach nicht. Warum nur war er so verdammt schwach in ihrer unmittelbaren Gegenwart? Was hatte diese Frau nur an sich, dass er ihr einfach nicht widerstehen konnte? Aber das hatte er sich auch jeden Tag in den vergangenen einundzwanzig Jahren gefragt, in denen er sie nicht hatte vergessen können. Trotz all ihrer Fehler war sie stets sein Mokkapralinchen geblieben, das einfach nur hinreißend und auf erschreckende Weise verführerisch war, wenn sie sich vor ihm aufregte und echauffierte.

Elke (theatralisch gestikulierend u. sich echauffierend): Ich kann es noch immer nicht fassen. Er hat uns tatsächlich eingeschlossen. Dieser unmögliche Bengel! Was denkt er sich dabei? Er ist doch Oberarzt. Eigentlich müsste er es doch besser wissen. Unfassbar! Irgendwann muss doch auch mal jemand vorbeikommen. Wir sind doch hier nicht irgendwo.
Olivier (nimmt es trotz seiner melancholischen Stimmung mit Meierschem Humor): So langsam verstehe ich, woher er das Hinterhältige und Unüberlegte hat.
Elke (schaut irritiert auf u. den Mann ihres Lebens an): Wie bitte? Du nennst mich hinterhältig?
Olivier (trotz der vorherrschenden Anspannung im Raum ungewohnt entspannt dank der Schmerzmittel, die durch seine Venen fließen u. endlich auch wirken): In Anbetracht der Tatsachen der vergangenen Wochen und der Tatsache, dass ich hier jetzt wieder mit zwei gebrochenen Rippen liege, ist das noch gänzlich untertrieben, meine liebe Elke.
Elke (resignierend u. ungewohnt zurückhaltend u. beherrscht im Umgang mit ihrem geliebten Mann): Es tut mir leid, Olivier. Es tut mir so schrecklich leid.
Olivier (spürt trotz der schmerzlindernden Mittel einen stechenden Schmerz in der Brust u. wendet sich mitgenommen zum Fenster herum, um ihrem glaubhaft reuigen Blick zu entkommen, der sich jedoch in der Scheibe spiegelt): Was? Dass ich deinetwegen wahrscheinlich die wichtigste OP meiner Karriere absagen muss und damit das Leben zweier Menschen, die nach Jahren endlich ein eigenständiges frei bestimmtes Leben führen wollen, gefährde, oder dass du mich verlassen hast in unseren zweiten Flitterwochen wohlgemerkt, der eigentlich glücklichsten und schönsten Zeit unseres Lebens? Bis zu dem Tag hab ich das zumindest noch geglaubt.
Elke (rückt mit ihrem Stuhl noch näher an die Liege heran u. sieht die ihr abgewandte Person nachdrücklich an): Es ist nicht so, wie du denkst, Olivier.
Olivier (dreht sich dann doch wieder auf den Rücken u. sieht sie vorwurfsvoll von der Seite an): Ach? Und ich dachte, dein Post-it und das Vorwort in deinem letzten Roman wären ziemlich eindeutig gewesen? Das war ein Abschied. Vielleicht sollten wir es auch als solchen belassen. Dann wird weder unseres, noch Marcs Leben weiter durcheinander gewirbelt. Seine Reaktion hier spricht doch wohl auch Bände.

...reagierte Olivier ziemlich gefasst und rief sich gleichzeitig Elkes an ihn gerichtete Abschiedsworte in ihrem letzten Dr.-Rogelt-Roman noch einmal in den Sinn, auf den er am Abend vor der Hochzeit von Elkes leidenschaftlichstem Fan zufällig in der gemeinsamen Villa gestoßen war: „Por mi corazón, der mir gezeigt hat, dass die wahre Liebe wirklich alles überwinden kann. Ich werde dich immer lieben. Vergiss das bitte nie! Ich habe dir das in der Vergangenheit viel zu wenig gesagt. Aber du warst und wirst immer meine ewige Muse bleiben, auch wenn Monique und René jetzt allein ihre Wege gehen werden. In Liebe, dein MP.“ Sätze, die ihm in den letzten Tagen und Wochen einfach nicht aus dem Kopf gegangen waren und ihn hatten glauben lassen, dass es noch nicht vorbei sein konnte, dass es immer noch eine Chance gab, warum auch immer sie sich davongestohlen hatte. Denn seine Frau schien ihn doch laut diesen Zeilen immer noch zu lieben. Das war doch ein öffentliches Bekenntnis zu ihm und ihrer Liebe. Aber warum konnte und wollte sie diese Liebe dann nicht ausleben? Sie hatten doch alles geklärt und sich zum Jahreswechsel erneut ewige Treue geschworen und zwar diesmal auch wirklich für immer und in alle Ewigkeit. Wie konnte man dann einfach verschwinden und das nur wenige Tage danach? Olivier konnte sich Elkes widersprüchliches Verhalten einfach nicht erklären. Und solange, wie er es nicht verstehen konnte, hatte er sein Mokkapralinchen trotz des schlimmen Herzschmerzes, der ihn jeden Tag hatte schwermütiger werden lassen, nicht aufgeben können.

Jetzt war er der Antwort auf all die bangen Fragen, die ihn in den vergangenen Wochen gequält hatten, so nah, aber dennoch hemmte ihn irgendetwas in ihm, es auch tatsächlich hören zu wollen. Vielleicht weil die Angst zu groß war, dass es danach tatsächlich für immer vorbei sein könnte, dass es doch keine zweite, oder in dem Fall dritte Chance geben würde. Denn Elke wirkte so anders auf ihn. So ernst und entschlossen. Irgendwie gefasst, aber auch ungewohnt unsicher, fast schüchtern, wenn man mal von ihrem lauten Organ absah, mit dem sie gegen ihren missratenen Sohn gewettert hatte. Eigenschaften, die der sonst so selbstbewussten Femme fatale eigentlich fremd waren, weil sie kaum jemanden je hinter ihre schillernde Starautorinnenfassade hatte blicken lassen. Jetzt wirkte sie schwach, ja fast ängstlich. Ihr Anblick verwirrte Olivier noch mehr als ihre in ihre Handtasche gemurmelten Worte, in welcher sie irgendetwas zu suchen schien, aber nicht gleich finden konnte. Was war das nur mit ihr, fragte er sich zum wiederholten Mal. Warum konnte sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen?

Elke (abwesend): Ich muss den Vordruck stoppen lassen.
Olivier (ungewohnt ungehalten): Elke, jetzt sei einmal ehrlich zu dir und zu mir, verdammt noch mal!
Elke (zuckt zusammen, legt ihre Tasche beiseite u. sieht ihren unbeherrschten Geliebten nun aufgewühlt an): Mi corazón, du musst mir glauben, ich stand neben mir, als ich diese Zeilen geschrieben habe. Wenn ich könnte, würde ich am liebsten alles anders machen. Aber das wahre Leben spielt nun mal nicht in einem großen Roman wie diesem. Es war dumm von mir, zu glauben, dass es euch damit besser gehen würde. Es tut mir leid, Oli. Bitte verzeih mir! Wenn du mir doch nur verzeihen könntest!
Olivier (runzelt die Stirn u. mustert seine flehende Frau irritiert u. eingehend): Ach ja? Wenn ich eins gelernt habe in der Zeit, die wir damals und heute zusammen verbracht haben, dann, dass eine Grande Dame wie Elke Fisher immer das meint, was sie schreibt und sagt. Wort für Wort. Mehr muss ich, glaube ich, nicht wissen. Und jetzt, lass mich bitte alleine!
Elke (getroffen blickt sie ihrem geliebten Mann direkt in die dunkelgrün u. verletzlich schimmernden Augen, die er schnell abwendet, um ihr nicht zu nahe zu kommen u. doch noch schwach zu werden): Das kann ich nicht.
Olivier (schaut sich hektisch um u. fixiert die verschlossene Tür mit seinem verzweifelten Blick): Es wird doch wohl möglich sein, jemanden zu organisieren, der uns die Tür wieder aufsperrt. Das ist ein verdammtes Krankenhaus. Da wird kein Patient vergessen, selbst wenn Marc das so gewollt hat. Ruf ihn an! Bestelle ihn her! So kann er nicht mit seinen Eltern umspringen. Er ist derjenige, der dafür Hausarrest verdient hätte und zwar für den Rest des Jahres.
Elke (rührt sich nicht vom Fleck u. ergreift sogar mutig Oliviers Hand): Nein, das meine ich nicht, Olivier. Ich... Es... Eigentlich ist es gut, dass er uns eingesperrt und zusammengebracht hat.

Olivier (will überfordert die Hand wegziehen, kann es aber nicht, denn sein Blick hängt, durch die Berührung elektrisiert, wie gebannt an Elkes zierlicher Hand, die warm auf seiner ruht): Das war doch auch nur wieder eine Verzweifelungstat von ihm. Einer seiner dummen Streiche, nur dass er diesmal keinen Feuerwerkskörper und keinen Ameisenhügel zur Hand hatte. Nur die Sprengkraft ist die gleiche.
Elke (nachdenklich blickt sie dem aufgewühlten Mann ins Gesicht, das Bände spricht, u. fasst einen Entschluss): Ja, das mag sein. Ich hab dem armen Jungen viel zu viel zugemutet. Ich hab doch gewusst, dass er nur schwer damit umgehen kann. Trotz seiner Ausbildung ist er doch immer noch mehr Kind als...
Olivier (fällt ihr verwirrt ins Wort): Womit umgehen?
Elke (zögert u. löst ihre Hand von seiner, um nervös durch ihre frisierten Haare zu streichen): Ich... Ich...
Olivier (immer mehr verunsichert, je länger er seine Frau betrachtet, die vor lauter Nervosität ihre Handtasche knetet u. wie ein Handtuch auswringt): Warum hat er mich angelogen? Er hat doch gewusst, wo du warst? Wo warst du die ganze Zeit, Elke?
Elke (verteidigt ihren Jungen mit mütterlicher Entschlossenheit): Er hat nicht gelogen, also zumindest nicht bis zu einem gewissen Grad. Eigentlich wusste er genauso wenig wie du.
Olivier (sieht ihr aufgewühlt zwischen den dunkel schimmernden Pupillen hin und her u. versucht zu ergründen, was sie ihm unbeholfen mitzuteilen versucht): Wie meinst du das? Was hat das alles zu bedeuten? ... Du bist gar nicht wegen mir gegangen, oder?
Elke (sieht kurz auf, senkt ihren Blick wieder, um kurz darauf wieder in ein dunkelgrünes Augenpaar zu blicken, dem sie bestätigend zunickt): Ich hätte von Anfang an mit euch sprechen sollen. Nur... ich konnte nicht. Es ging nicht. Er hat so viel auf sich genommen, um mir auf die Spur zu kommen. Eine Spur, die ich nicht wirklich vertuscht habe. Marc hat vollkommen recht mit seinem Verdacht, insgeheim wollte ich, dass ihr mich findet und zurückholt. Wie konnte ich nur denken, dass ich es ohne euch schaffen könnte? Nein, im Gegenteil, ich hab nicht gedacht, dass ich es schaffen werde, ich hatte von Anfang an aufgegeben. Ich war wie gelähmt.
Olivier (komplett verwirrt u. von einer unerklärlichen inneren Unruhe erfasst): Ich verstehe nicht ganz.
Elke (blickt ihrem geliebten Mann eindringlich in die Augen, welche sie ebenso stechend fixieren): Sei ihm bitte nicht böse, Oli! Er weiß es doch auch erst seit ein paar Tagen und er hat mir auf seine Weise sehr geholfen, unbeholfen wie er manchmal sein kann, mein kleiner Junge.
Olivier (hängt gebannt an ihren Lippen, seine innere Unruhe unterdrückend): Wobei?
Elke (schließt die Augen, holt tief Luft, öffnet die Augen wieder u. spricht es zum ersten Mal laut aus): Ich... habe Krebs. Brustkrebs.

https://www.youtube.com/watch?v=yVUWd4XDwuQ

Schweigen füllte den kleinen desinfektionsmittelgetränkten Raum im Erdgeschoss des Elisabethkrankenhauses, in dem sich Olivier und Elke Meier seit geraumer Zeit in einer sonderlichen Zwangsgemeinschaft befanden, nachdem die Worte endlich ausgesprochen waren. Sichtlich schockiert und betroffen blickte der Mann seine Frau an, richtete sich in Zeitlupentempo auf, ohne an seine Rippenfraktur zu denken, und hielt sich eine Hand vor den offenen Mund. Sie wich bewusst seinen angsterfüllten Blicken nicht aus, beugte sich sogar näher zu ihm heran, als sie ihm mit Tränen in den Augen und dickem Kloß im Hals vorsichtig zunickte. Dabei konnte sie selbst kaum fassen, dass sie es tatsächlich endlich ausgesprochen hatte. Zum allerersten Mal. Selbst vor ihrem Sohn hatte sie die alles zerschmetternde Diagnose nicht aussprechen können. Aber Marc war es genauso gegangen. Er hatte immer alles gegeben, mit Sprüchen und seinem unverwechselbaren Charme, um die Krankheit wohlwissendlich zu umschiffen, weil es ihn ansonsten vermutlich wie sie selbst von den Planken gerissen hätte. Aber irgendwann konnte man die Augen vor den schrecklichen Tatsachen nicht mehr verschließen und musste ihnen mutig entgegentreten, um wieder voranzukommen und endlich das rettende Ufer zu erreichen. Und während für ihren Sohn Gretchen Haase sein fester Lebensanker war, wie sie gestern Abend und heute Morgen wieder eindrucksvoll hatte beobachten dürfen, war es für sie Olivier. Er war es immer gewesen, selbst wenn sie die Gedanken an ihn jahrelang in den Tiefen ihres Herzens vergraben hatte. Sie hoffte so sehr, dass er sie verstehen und ihr schließlich ihre Torheit verzeihen würde. Sie hatte in der Schweiz viel Zeit zum Nachdenken gehabt und war sich mittlerweile sicher, dass sie nur mit ihm den Rest ihres wie auch immer gearteten Lebens verbringen wollte. Sie zeigte fast dieselbe Entschlossenheit, mit der er sie im letzten Herbst gegen ihren ausdrücklichen Willen zurückerobert hatte. Jetzt war sie sich wirklich sicher. Und deshalb galt es ab jetzt, stets mit offenen Karten zu spielen, um sein verloren gegangenes Vertrauen zurückzubekommen. Mutig durchbrach Elke Fisher die eingetretene bedrückende Stille.

Elke: Und ich nutze bewusst das Präsens, weil... weil er jederzeit wieder zurückkehren könnte, auch wenn ich momentan den Ärzten nach befundfrei bin. Ich will nichts beschreien, aber auch nicht wieder hypochondrisch werden. Es ist, wie es ist. Dr. Kaan wird mich hier im Elisabethkrankenhaus weiter betreuen.
Olivier: Mokkapralinchen, ich... ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wieso hast du denn nichts gesagt? Ich... wir... Wir wären doch für dich da gewesen. Und du... du rennst einfach, ohne nachzudenken, auf und davon. Was machst du nur?

...stellte der sichtlich betroffene Chirurg die Frau, die er immer noch über alles liebte, mitfühlend zur Rede und legte dabei eine Zärtlichkeit in seiner Stimme an den Tag, die Elke zutiefst beschämte. Sie senkte ihren Blick und seufzte, als sie wieder aufschaute und sofort wieder den Kontakt zu seinen sanftmütigen grünen Augen suchte, die ihre nicht loslassen wollten.

Elke: Du kennst mich, Oli. Ich konnte nicht anders.


Und wieder umhüllte Schweigen den abgedunkelten Raum im Erdgeschoss des Elisabethkrankenhauses, während drei Stockwerke über ihnen Kindergeschrei zwei nachdenklich wirkende Männer in weiß wachrüttelte, die nun gemeinsam an die große bunt bemalte und beklebte Scheibe herantraten und ins Innere des Säuglingszimmers blickten, wo Gretchen gerade den kleinen Schützling von Schwester Sabine wieder überreicht bekam. Marc lächelte unbewusst, als er seine Freundin dabei beobachtete, wie sie einfühlsam mit dem kleinen Schreihals sprach und langsam mit ihm durch den Raum tänzelte. Und auch Mehdi registrierte dies mit einem sanften Lächeln.

Mehdi: Und? Gewöhnst du dich schon an den Gedanken?
Marc (fühlt sich ertappt u. herrscht seinen Freund dementsprechend an): Bitte? Jetzt mach dich nicht lächerlich, Mann! Dieser kleine Hosenscheißer hat für das größte Chaos im Elisabethkrankenhaus gesorgt, das wir je hatten. Diese Geschichte werden wir nie los.
Mehdi (schmunzelt): Und warum lächelst du dann trotzdem die ganze Zeit so?
Marc (stichelt abwehrend zurück): Ich? Was? Das... das hat ganz andere Gründe. Und überhaupt... Warst du nicht auf der Suche nach deiner abhanden gekommenen Bettgespielin, als du mich hier ohne meine Erlaubnis angequatscht hast?
Mehdi (verdreht die Augen angesichts der heutigen Meierschen Zickigkeit): Was dann ja wohl die Frage erübrigt, ob du nun meine Freundin gesehen hast oder nicht?
Marc (grient seinen Kumpel hämisch an u. konzentriert sich wieder ganz auf Gretchen): Schlaues Kerlchen!
Mehdi (sieht sich immer nachdenklicher werdend um): Ich mache mir doch so langsam Sorgen, wo sie abgeblieben ist. Seit dem Gespräch mit der Polizistin vorhin hab ich sie nicht mehr gesehen. Ich hätte ihr gleich nachgehen sollen. Die Geschichte mit dem Kleinen hat Gabi auch ziemlich mitgenommen.
Marc (winkt genervt ab, während er Gretchen nicht aus den Augen lässt, die ihn mit dem Baby auf dem Arm glücklich durch die Scheibe anlächelt u. ihm mit dessen kleiner Hand zuwinkt): Ja, quatsch mich nicht voll! Dann such sie halt, wenn du’s vor lauter Druck und Dings...ähm... Sehnsucht nicht mehr aushältst! Und tschüss, du Nervensäge!
Mehdi (tippt Marc leicht auf die Schulter, dann winkt er Gretchen u. Sabine u. dem Kleinen durch die Scheibe zu): Und schon ist er wieder ganz der alte Charmebolzen! Hmm... Jetzt weiß ich, was ich in den letzten Tagen so vermisst habe. Schönen Tag noch, mein Freund, und denk daran, deine Eltern wieder rauszulassen! Die Notaufnahme ist zwar tatsächlich ein Therapieort, aber keine dauerhafte Herberge bei komplizierten Familienverhältnissen. Ich halte deiner Mutter übrigens immer einen Termin frei. Sie kann jederzeit vorbeikommen.

Und bevor sein bester Freund auf diese wohlgemeinten Kaanschen Weisheiten reagieren konnte, hatte sich der vorwitzige Halbperser auch schon umgedreht und ging schmunzelnd seines Weges, während neben Marc eine Tür geöffnet wurde. Ohne es zu merken, stand nämlich plötzlich Gretchen vor dem perplexen Oberarzt und hielt ihm freudig lächelnd den kleinen Jungen entgegen, der ihn mit großen glasigen Augen anstarrte wie ET den Himmel, als er nach Hause telefonieren wollte.

Gretchen: Alles ok bei dir, Schatz? Willst du eine Runde Babys gucken? Du weißt gar nicht, wie beruhigend kleine Kinder sein können. Und er hier, ist er nicht süß? Ich könnte ihn auf der Stelle auffressen, so süß ist er. Willst du ihn auch mal halten, Marc?

Lorelei Offline

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05.06.2014 15:09
#1484 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Marc: Ääähhh... Ich weiß ja, dass du immer einen gesunden Appetit hast, gerade auf Süßstoff aller Art und vor allem auf Schokolade, aber dass du dafür sogar so weit gehen würdest, Haasenzahn? Ist das noch ethisch vertretbar, gerade als Ärztin?

...konterte Dr. Meier auf seine bekannt liebenswürdige Art keck seiner von einer Backe zur anderen strahlenden Assistenzärztin im Windelfieber, auch um damit ein wenig von seiner eigenen Verunsicherung abzulenken, das ihm Unbehagen bereitende „Alien“ des EKH ungewollt übernehmen zu müssen, und grinste sie und den kleinen Mann mit den großen Kulleraugen frech an, den sie zärtlich an ihren weißen Kittel gedrückt hielt. Gretchen rollte nach diesem unnötigen Meierschen Spruch nur entnervt mit den Augen und drückte ihrem perplexen Oberarzt das Kind einfach ungefragt in die Hände und wollte sich schon aufmachen zu gehen. Sie hatte dabei jedoch nicht mit dem hartnäckigen Widerstand des Obermachos der Station gerechnet, bei dem der Umgang mit einem noch nicht die Fähigkeit anspruchsvoller verbaler Kommunikation innehabenden Kleinkind etwa so beliebt war wie ein nachmittäglicher Häkelkurs bei seiner Schwiegermutti in spe.

Gretchen: Spinner! Jetzt nimm ihn bitte, Marc! Sei so lieb!
Marc (völlig überrumpelt starrt er das zappelnde Windelpaket in seinen Händen an): Wieso das denn? Eh, das Ding stinkt... und schreit und... kann um sich spuken.
Gretchen (sieht den sichtlich überforderten u. theatralisch werdenden Mann belehrend an u. wendet sich dann eilig zum Gehen um): Uuuhhh! Wie gefährlich! Ruf die 110 an! Marc, erstens, ist das kein Ding und auch kein spuckendes Lama, sondern ein kleines menschliches Wesen mit Gefühlen und guten Ohren. Also pass auf, was du sagst! Und zweitens, ist er ein ganz braver und lieber Junge, du wirst schon sehen. Jetzt lamentiere bitte nicht! Ich muss ganz dringend auf Toilette.
Marc (guckt seiner furchtbar besserwisserischen Freundin entgeistert hinterher, wie sie sich davonmachen will, u. hält den Jungen auf Armlänge von sich weg): Bitte? Was... was soll ich denn mit dem Hosenscheißer? Der sabbert mir noch den Kittel voll.
Gretchen (dreht sich auf halbem Wege noch einmal zu ihrem geliebten Oberarzt um u. ist mehr als entzückt von dem süßen Anblick der beiden): Dafür sind Kittel doch da, Marc. Sonst stört es dich doch auch nicht, wenn er über und über mit Blut oder Knochenmarksflüssigkeit bedeckt ist.
Marc (blickt abwechselnd ungläubig zwischen dem kleinen Mann, der ihn mit großen Augen anstarrt, u. seiner spöttisch grinsenden Freundin hin und her): Ja, das zeugt wenigstens davon, dass wir was geleistet haben und jetzt komm verdammt noch mal wieder her und nimm das Alienbaby!
Gretchen (kommt nach dieser charmanten Bitte doch noch einmal zurück, streichelt dem süßen Jungen sanft über seine dunklen Haare u. schiebt ihn dann fordernd in Richtung ihres verdutzten Oberarztes, der daraufhin die Arme doch beugen u. ihn an sich drücken muss): Du leistest doch auch etwas, wenn du jetzt ein paar Minuten auf ihn aufpasst, hmm. Und hüte deine Zunge! Er ist zwar klein, aber kriegt auch schon viel von seiner Umgebung mit. Ja, mein Schätzchen, der Dr. Meier passt jetzt kurz auf dich auf. Du musst auch keine Angst haben. Er hat viel mehr Angst vor dir.
Wie bitte? Ich hab bitte was? Ich höre wohl nicht richtig! Das ist doch eindeutig als Provokation zu deuten. Na die kriegt was zu hören! Aber so richtig!
Marc (funkelt die dreiste Sprücheklopferin böse an, die augenzwinkernd zu ihm hoch blickt u. ganz unschuldig tut): Ich hab keine Angst. Ich hab nur... keine Zeit. Ich bin Oberarzt, Chirurg wohlgemerkt, und muss jetzt was Richtiges... Wo ist denn die Stasi-Sabsi abgeblieben? Die war doch eben auch noch hier und wie du nicht von dem Scheißerchen zu trennen?
Gretchen (schaut vergewissernd zur Tür auf der anderen Seite des kleinen Zimmers): Sabine holt ihm gerade ein neues Fläschchen. Lass uns später weiterreden. Ich muss jetzt wirklich... ganz... ganz dringend...

...machte Gretchen ihrem überrumpelten Freund jetzt unmissverständlich klar, drückte ihm noch einen mehr als überzeugenden Schmatzer auf seine angespannten Lippen und zog sich dann im eiligen Tippelschritt in Richtung Damentoilette am anderen Ende des Flurs zurück. Ihre Blase drückte nämlich mittlerweile gewaltig und drohte jeden Moment zu explodieren, wenn sie nicht endlich den rettenden Schutzraum erreichte. Marc, den Gretchen Kuss noch zusätzlich durcheinander gebracht hatte, blickte der Flüchtenden hilflos hinterher und hielt das ihm unheimlich wirkende Baby wieder auf Sicherheitsabstand von sich weg, als hätte dieses irgendetwas tödlich Ansteckendes oder sonst Gefährliches an sich.

Marc: Aber... Aber das heißt doch, dass der Schreihals gleich wieder Terror macht und die Hütte zusammenbrüllt. Haasenzahn? Was soll ich denn dann machen?
Schon süß, wie verzweifelt und hilflos der große allwissende Dr. Meier doch sein kann. Hach... zum Knutschen! Aber das hole ich dann zur Belohnung auch gleich noch nach.
Gretchen: Dann redest du ihm eben gut zu, massierst ihm das Bäuchlein oder singst ihm ein Lied, hmm. Machst du das bitte, Marcilein? Danke! Ich bin gleich zurück

...reagierte Gretchen, die mittlerweile an der Tür am Ende des Flurs angelangt war, übertrieben lehrerinnenhaft auf das verzweifelte Flehen ihres geliebten Oberarztes und verschwand im nächsten Moment mit einem breiten Lächeln auf den Lippen eilig im Waschraum der Gynäkologie. Marc, dessen Halsschlagader nach dem provozierenden Spruch seiner nicht gerade hilfsbereiten Freundin bedrohlich angeschwollen war, ließ angesichts der Ausweglosigkeit seiner Situation frustriert seine Schultern hängen. Er schob die schwere Glastür mit seiner rechten Hüfte auf und schlurfte in den nach Babypuder und vollen Windeln duftenden Raum, wo er sich erst einmal misstrauisch umblickte und angewidert die Nase rümpfte, während er den kleinen Jungen immer noch auf Sicherheitsabstand mit ausgestreckten Armen von sich weg hielt, was diesen jedoch offenbar nicht zu stören schien. Ganz im Gegenteil. Obwohl er in der Luft schwebte, blieb er in Gegenwart von Dr. Meier ganz ruhig. Im Gegensatz zu diesem selbst, denn der merklich genervte Chirurg meckerte still vor sich hin und verfluchte die respektlose ungerechte Welt, die ihn umgab und es heute offenbar ordentlich auf ihn abgesehen hatte, obwohl er doch gar nichts verbrochen hatte. Naja, außer einen Schlüssel umgedreht zu haben.

Marc: Na super, den ganzen Tag lang scharen sich sämtliche Weiber des Hauses um den Schneewittchenkasten herum und wenn’s drauf ankommt, bekommt man(n) den Stinker selber aufgehalst. Boah, echt eh, heute bleibt mir auch nichts erspart. Weißt du eigentlich, was hier los ist, seitdem du deinen kleinen dicken Hintern durch die schmale Hintertür gezwängt hast? Keiner scheint mehr Respekt vor seinen Vorgesetzten zu haben, die, weiß Gott, wichtigere Dinge zu erledigen haben, die richtig arbeiten und ranklotzen. Aber das interessiert hier ja offenbar keinen mehr, seitdem du... Sag mal, glotzt du mich an? ... Der glotzt mich an! ... Jetzt guck nicht so, du... du Alien, du!

...forderte er den Säugling unmissverständlich auf, der ihn in der Haltung, wie er von seinem zwangsverpflichteten Babysitter auf Abstand gehalten wurde, nahezu hypnotisch direkt ins Gesicht starrte, was Marc Meier zunehmend auf den Senkel ging.

Marc: Was ist das nur mit euch Scheißerchen, hmm? Könnt weder sprechen, noch laufen oder sonst was Sinnvolles tun. Verschlaft drei Viertel des Tages, den Rest brüllt ihr zusammen, dass sämtliche Dezibelmessgeräte gleich in Schall und Rauch aufgehen, weil ihr entweder Stinkbomben geworfen habt oder ständig futtern wollt, was wiederum den Stinkbombenkreislauf wieder anwirft. Und selbst wenn sie euch den vollgeschissenen Hintern abwischen müssen, funkeln kleine Sternchen in ihren Augen auf, als hätten sie gerade im Lotto gewonnen, als wären sie von George Clooney, oder wie die Schwuchtel heißt, zum Diner eingeladen worden, oder als würden sie endlich von ihren Mackern zum Traualtar geschleift. Versteh einer die Weiber, echt! Da pochen die seit Jahrhunderten auf Emanzipation und den ganzen psychedelischen Kram und folgen dann doch stets wieder nur den alten vorbestimmten Mustern.

...sinnierte der Oberarzt weiter vor sich hin, während er eine Runde nach der anderen um den Inkubator lief, der in der Mitte des Säuglingszimmers stand, und mit dem kleinen Mann vor sich ein Selbstgespräch führte, von dem er nicht einmal selbst mitbekam, dass er es überhaupt führte. Ansonsten hätte er vermutlich schon längst für sich die Überweisung in die Klapse unterschrieben. Aber nein, stattdessen blieb Marc plötzlich stehen und grinste das Bündel Mensch vor sich verschwörerisch an.

Marc: Ja, ja, du machst das schon genau richtig, mein Freund. Um die Ladys abzuchecken, schön auf bedürftig und hilflos tun und die drehen komplett durch und tun alles für einen. Geile Masche! Respekt, echt!

Und um sich seine gewagte Theorie über die ach so durchschaubare Frauenwelt bestätigen zu lassen, hob er die winzigkleine Hand des Babys in die Höhe und klatschte diese sanft mit zwei seiner Finger ab, wie bei einem High-Five unter Bros, wie man es jeden Mittwoch von Barney Stinson und seinem Wingman Teddy Westside kannte. Dabei merkte Marc nicht, dass er schon längst nicht mehr alleine im Raum war.

Sabine: Dr. Meier, Sie müssen seinen Kopf stützen und ihn fest an sich drücken. Dann hat er’s bequemer.

...schreckte eine nur allzu vertraute Piepsstimme Dr. Meier plötzlich aus seinem Gespräch unter Männern auf. Blitzschnell wandte er sich herum und blickte nun ertappt und gleichzeitig irritiert zu seiner Stationsschwester, die mit einem Fläschchen in der Hand in der Tür stand und ihn irgendwie verstrahlt anschaute, was ihm noch unheimlicher erschien als die Tatsache, dass er soeben mit jemandem gesprochen hatte, der sich ihm noch auf keinerlei Weise mitteilen konnte. Außer vielleicht ihm ein Ohr abzuschreien, was er zum Glück noch nicht getan hatte. Die Demütigung, den Hilfeknopf drücken zu müssen, weil er nicht weitergewusst hätte, hatte sich der stolze Chirurg nämlich nicht geben wollen. Als ob man(n) mit so einem kleinen eine Woche alten Windelpaket nicht allein fertig werden würde. Er war schließlich Dr. Marc Olivier Meier. Er konnte mit nur zwei Fingern einer Hand blind einen entzündeten Appendix rausschneiden. Dagegen war das doch hier ein Klacks. Eine Spieleinheit am Simulator. Und deshalb versuchte er im Angesicht von Sabine Gummersbach ehemals Vögler betont cool zu bleiben, was ihm jedoch nur ansatzweise gelang. Aber das lag nicht an ihm, sondern am forschen Vorgehen eben jener sonst so unscheinbar und schüchtern wirkenden Krankenschwester, die sich nach ihrer Heirat auf in seinen Augen erschreckende Weise verändert zu haben schien.

Marc: Bitte?
Sabine: Am besten ist, Sie ziehen Ihren Kittel und Ihr Hemd aus.
Marc: Was?

...brachte der konsternierte Chirurg nur völlig verwirrt als Reaktion auf ihre unbegreifliche Bitte über seine Lippen und starrte die blonde Frau in dem Fünfziger-Jahre-Gedächtniskleid schockiert an und wich sicherheitshalber noch ein paar Schritte zurück, als sie selbstsicherer als gewohnt auf ihn zuschritt und ihn zunehmend bedrängte.

Sabine: Sie haben mich schon richtig verstanden, Dr. Meier.
Oh Gott! Der Tag entwickelt sich immer mehr zum schlimmsten Albtraum seit der Nacht, in der ich mit sieben die komplette Freddy-Krüger-Reihe geguckt habe und danach wochenlang nur in der Besucherritze im Bett meine Eltern einschlafen konnte.
Marc: Ääähhh... Ich... wusste ja, dass frisch geschlossene Ehen irgendwas mit euch Dings ähm... Frauen machen, aber dass Sie... ausgerechnet Sie... mir jetzt offenkundig an die Wäsche wollen, dass ist mir dann doch zu hoch. Bleiben Sie bloß weg von mir äh... uns!

...versuchte Marc die bizarre Situation, in die er unvorbereitet hineingeraten war, mit überhaupt nicht locker klingenden Sprüchen zu überspielen, aber dass Schwester Sabine darauf plötzlich so seltsam zu lachen begann, machte die Angelegenheit für ihn auch nicht leichter. Dann wollte er doch lieber auf der Stelle von der Hand Freddy Krügers zerfleischt werden. Hilflos wechselte sein Blick zwischen der rettenden Tür hinter Sabine, durch die er vor der offenbar Schockverknallten würde flüchten können, und dem unschuldigen kleinen Jungen, den er vor sich hielt und nur ungern mit dieser Verrückten alleine lassen wollte, hin und her.

Sabine: Aber Dr. Meier, Sie haben doch sicherlich schon von der Känguru-Methode gehört?

Entsetzt weiteten sich die Augen des Oberarztes, dessen Gehirnwindungen gehörig ratterten und seltsame Bilder produzierten, die bei ihm eine Schockgänsehaut nach der anderen erzeugten, und er wich der irgendwie psychopatisch lächelnden und auf ihn zukommenden Krankenschwester gekonnt aus, indem er sich und den Neugeborenen hinter dem Brutkasten in Sicherheit brachte, der sie nun von Sabine und ihren sonderbaren Gelüsten trennte, die die beiden mit leuchtenden Augen unvoreingenommen ansah.

Marc: Woah, stopp, Schwester Sabine, das geht jetzt aber echt zu weit! Ich weiß ja nicht, was Sie heute Morgen im Flieger in ihrem Kaffee hatten oder was für seltsame Praktiken Sie mit Ihrem Mann ausleben, aber das sollten Sie besser ihm überlassen.
Sabine (kuckt ihren Vorgesetzten an wie ein Fahrrad): Aber, ich verstehe nicht. Günni ist doch eben nach Hause gefahren, um unser Reisegepäck dorthin zu bringen.
Herrje, die hat ja wirklich nur darauf gewartet, mit mir allein sein zu können. Ich wusste es, ich bin in der Vergangenheit viel zu nett zu ihr gewesen, aber damit ist jetzt Schluss.
Marc: Ach ja? Dann...ähm... sollten Sie ihm vielleicht dahin folgen, Schwester Sabine. Ich weiß, Männer mit kleinen Kindern auf dem Arm bewirken irgendetwas bei euch ähm... Frauen, was man(n) nicht wirklich erklären kann. Irgendwas Hormonelles, was weiß ich, und in Ihrem Zustand kann man das schon nachvollziehen, dass man da Dinge sieht und fühlt und hineininterpretiert, die... Ähm... Herrje, wie soll ich das sagen? Sie... Sie haben doch jetzt einen einigermaßen anständigen, wenn auch recht merkwürdigen Kerl zuhause, der sich tatsächlich getraut hat, sich auf Sie und Ihre schräge Art einzulassen, und wenn Ihr Kind erst einmal da ist, dann ähm... Wie auch immer Ihre Gefühle für mich sein sollten, das hört auf der Stelle auf! Haben wir uns verstanden? Ich bin Ihr Vorgesetzter verdammt noch mal! Mehr nicht! Das gilt für heute und für alle Zeit, bis Sie den Sargdeckel zuklappen. Okay?

...redete sich der immer mehr in Rage geratende Chirurg um Kopf und Kragen, während Sabines Blick immer verwirrter wurde und schließlich verlegen auf ihren weißen Krankenhausschlappen landete, mit denen sie Löcher in das Laminat des Zimmers bohrte. Wie sie es immer tat, wenn Dr. Meier ihr eine Ansage verpasste, die sich gewaschen hatte. Auch wenn sie diesmal überhaupt nicht nachvollziehen konnte, warum er sich ihr gegenüber so cholerisch benahm. Sie hatte ihm doch lediglich einen Tipp für den Umgang mit Säuglingen gegeben. Sie wusste doch, dass er dahingehend nur wenig Erfahrungen hatte. Schließlich waren er und die Frau Doktor erst in der Planungsphase für ihre zukünftige Familie, wie sie von Gretchen erfahren hatte, und hatten noch viel zu lernen. Sie hatte doch nur nett sein wollen. Aber wann hatte sie ihrem Chef schon jemals etwas recht machen können. Sie wollte nicht wieder in alte Muster zurückfallen, hatte sie sich doch in einem Tranceseminar bei den amerikanischen Ureinwohnern in der Wüste Nevadas, bei denen sie die letzten Tage ihrer Flitterwochen verbracht hatte, in einen Zustand stärkeren Selbstbewusstseins versetzen lassen, so wie Günni sich von seinen Phobien und Waschzwängen hatte befreien wollen. Aber jetzt, wo sie als komplett neuer Mensch direkt vor Dr. Meier stand und ihm eigentlich trotzen sollte, fühlte sie sich wieder wie ein Kleinkind, das schlimme Dinge verbrochen hatte, für die sie sich rechtfertigen sollte, auch wenn sie nicht einmal die Hälfte von dem verstanden hatte, was er ihr auf seine markant einschüchternde Art mitzuteilen versucht hatte.

Sabine (demütig nickt sie Dr. Meier zu): Jawohl, Herr Doktor. Aber der Junge, er...
Marc (reagiert gereizt, weil sie ihn immer noch nicht in Ruhe lassen will, u. wird dementsprechend wieder oberarztmäßig laut): Was soll mit ihm sein, Schwester Sabine?
Sabine (beißt sich auf die Lippen u. schaut mutig wieder hoch): Ich bin dennoch der Meinung, dass die Känguru-Methode die richtige für ihn wäre. Er ist zwar kein Frühchen und seine Vitalzeichen sind gut ausgeprägt, aber in seiner Situation, da...
Marc (fällt ihr verstört ins Wort): Für ihn? Hä? Hören Sie mit Ihrem Indianerkauderwelsch auf, das Sie sich in der amerikanischen Prärie angeeignet haben, und reden Sie Klartext, Himmel, Arsch und Zwirn!
Sabine (zuckt aufgrund der Lautstärke kurz zusammen, aber stellt sich mutig ihrem verbal um sich schlagenden Oberarzt, wie sie es im Rollenspiel im Reservat gelernt hat): Na der direkte Kontakt mit der warmen Haut eines Menschen, die Nähe, das schlagende Herz, das er spüren kann, das... das schenkt Vertrauen und Sicherheit und er, naja, vielleicht vergisst er dann für einen Moment, was ihm Schreckliches widerfahren ist.

...schilderte Sabine eindringlich ihre Intension. Und so langsam ratterte es in den Gehirnwindungen von Dr. Meier, bis es plötzlich klick machte und er verstand, was die Verrückte eigentlich die ganze Zeit von ihm gewollt hatte. Augenrollend nahm er die eingeschüchterte Person ihm gegenüber ins Visier.

Marc: Sie wollen gar nicht, dass ich mich aus... Ääähhh... Egal! Sie meinen diesen Therapieansatz, der bei Frühchen angewendet wird, um sie aufzupäppeln? Richtig?
Sabine (sieht ihn entgeistert an): Ja, was sonst?
Marc (schließt kurz die Augen u. schüttelt den Kopf, um auch den letzten Gedanken an die dämlichen Bilder auszumerzen, die er sich eingebildet hatte): Das wollen Sie nicht wissen.
Sabine: Oh!

Ratlos wie er war, schaute Marc noch einmal auf das Kind, das er mit beiden Händen fest vor sich hielt, und wandte sich dann zu der Tür und dem großen Glasfenster um, vor dem momentan zum Glück kein Beobachter stand. Er wusste nicht, warum er das tat, aber er drückte Sabine spontan den Kleinen in die Arme, zog sich einen Stuhl in die hinterste Ecke des Raumes, ließ sich schwermütig stöhnend darauf nieder und knöpfte sich die drei obersten Knöpfe seines hellblauen Hemdes unter seinem Kittel auf, den er beiseite geschoben hatte, und blickte dann in gewohnt gestrenger Oberarztmanier zu seiner getreuen Stationsschwester, die bei seinem ungewohnten Anblick verlegen ihren Blick gesenkt hatte und nicht einmal wagte, zu atmen. Mit hochrotem Kopf reichte sie ihrem Vorgesetzten schließlich das Baby, nachdem er sie unmissverständlich dazu aufgefordert hatte...

Marc: Dann her mit dem Hosenscheißer! Ehe er von Ihrem Anblick noch traumatisiert wird, macht das der Chef lieber selber. Worauf warten Sie, Sabine? Brauchen Sie noch eine schriftliche Einladung, oder was?
Sabine (atmet die aufkommenden Hitzewallungen weg u. räuspert sich mehrmals nervös): Jawohl, Herr Do...Doktor!
Marc: Geht doch! Und wehe! Ich warne Sie! Ein Wort zu irgendjemanden und Sie sind Ihren Job endgültig los, Mutterschutz hin oder her. Und ziehen Sie, verdammt noch mal, die Jalousien runter, damit hier keiner reinspannert und von meinem Anblick geblendet wird!

...konterte Dr. Meier betont cool, wobei ihm innerlich alles andere als wohl zumute war, als er den Kleinen schließlich von der zittrigen Krankenschwester übernahm. Er fühlte sich komisch, als er das Baby auf der nackten Haut seines Oberkörpers spürte, das sich ruhig mit seinen kleinen Ärmchen und Beinchen an ihn schmiegte, leise vor sich hin gähnte und schmatzte und sofort beim ersten Kontakt mit ihm die Augen schloss. Irgendwie unheimlich, empfand der kinderunerprobte Chirurg, als er unbeholfen einen Arm um den einschlafenden Jungen legte und sich betont nicht darauf konzentrierte, was er da gerade im Begriff war zu tun. Sabine schaute ihren Vorgesetzten nur irritiert an, ohne das niedliche Bild, das die beiden abgaben, sonderlich zu beachten. Unter anderen Umständen wäre sie vermutlich wie so viele andere auch vor Entzückung dahingeschmolzen. Stattdessen fragte sie sich etwas ganz Anderes.

Sabine: Mutterschutz? Welcher Mutterschutz?

...murmelte die verwirrte Stationsschwester, während ihre wachen blauen Augen plötzlich eine Person hinter der anderen Tür des Säuglingszimmers erfassten. Mit dem Gesicht auf der flachen Hand am Fensterrahmen lehnend, blickte die hübsche blondgelockte Frau in dem weißen Arztkittel wie verzaubert durch die Scheibe und konnte das heftige Herzklopfen in ihrer Brust kaum mehr unterdrücken, als sie ihre große Liebe und seinen Schützling keine Sekunde mehr aus den Augen ließ. Zumindest so lange, wie man sie dies tun ließ und sich Sabine nicht an ihre Pflichten erinnerte und kurz darauf doch noch die Jalousien blickdicht machte.

Lorelei Offline

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15.06.2014 14:00
#1485 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Abrupt aus ihren Tagträumereien aufgeschreckt und des wunderbaren und doch so ungewöhnlichen Bildes beraubt, ihren heißgeliebten Oberarzt mit einem zuckersüßen schlafenden Baby auf seiner nackten Brust anschmachten zu dürfen, das sich wie ein Polaroid in ihr Hirn gebrannt hatte, beschloss die schockverliebte Assistenzärztin schnell, auf ihre dringend benötigte Dosis Marc Meier nicht länger verzichten zu wollen, und stürmte unverzüglich das blickdichte Säuglingszimmer und rannte dabei fast die erschrockene Sabine Gummersbach über den Haufen, die direkt hinter der Tür, die ihr schwungvoll entgegen schwang, noch eine Hand an der Plastikstange der Jalousien hielt, welche die tollpatschige Krankenschwester beinahe mitsamt denselbigen aus der Verankerung gerissen hätte, wenn Gretchen Haase ihren Fauxpas nicht noch rechtzeitig bemerkt hätte. Keine fünf Meter weiter enterte zur gleichen Zeit ein anderer Arzt ebenso eilig eines der Zimmer auf der gynäkologischen Station des Berliner Elisabethkrankenhauses und zwar das mit seinem Namensschild an der Tür und sprach dabei, seine Umgebung komplett ausblendend, aufgeregt in ein Handy, welches er angestrengt an sein rechtes Ohr gedrückt hielt, während er mit der anderen Hand die azurblaue Tür hinter sich schloss.

Mehdi: Maus, wo steckst du nur? Ich habe jetzt das gesamte Krankenhaus einmal komplett abgeklappert und bin sogar unter den Absperrbändern vorm Ostflügel durchgeklettert, aber auch dort war von dir keine Spur, wie ich dem Hausmeister, der mich beim Einbruch in die zukünftige Baustelle inflagranti erwischt hat, erklären musste. Jetzt mache ich mir doch ernstlich Sorgen. Wir wollten doch heute eher Schluss machen und einen schönen Nachmittag zu zweit genießen und der ist jetzt zur Hälfte schon vorbei. Bist du etwa schon nach Hause gegangen? Melde dich doch bitte, damit ich weiß, dass es dir gut geht! ... Ach, und falls du dich fragst, wer dir hier gerade die gefühlt tausendste Nachricht hinterlässt, ich bin’s. Mehdi!

...redete der merklich besorgte Gynäkologe atemlos auf Gabis Mailbox ein, bis diese laut piepte und die Verbindung abbrach. Das war mittlerweile die fünfte Nachricht in der letzten halben Stunde, die er seiner verschollenen Freundin auf die Mailbox gequatscht hatte, aber sie hatte weder eine davon beantwortet, noch war sie wieder aufgetaucht, was die Sorge in seinen ausdrucksstarken dunkelbraunen Augen nur noch größer werden ließ. Irgendetwas stimmte hier doch nicht? Das sagte ihm sein Bauchgefühl und auf seinen Bauch war immer Verlass. Er hätte ihr gleich hinterhergehen sollen, als Gabi während der Befragung durch die ermittelnde Kommissarin abrupt das Säuglingszimmer verlassen hatte, nagte zunehmend das schlechte Gewissen an ihm. Er hatte doch gespürt, wie aufgewühlt sie gewesen war, nachdem man den Jungen gefunden hatte. Aber bevor die Angelegenheit mit dem Professor, der Polizei und der wartenden Journalistenmeute nicht geklärt gewesen war, hatte er sie nicht suchen gehen können. Schließlich lag der Fall auch in seinem Verantwortungsbereich.

Seufzend sank seine Hand wieder herunter und er legte sein Handy in die Mitte seines Schreibtisches, auf dem er rasch noch für den nächsten Arbeitstag Ordnung schaffte, bevor er gehen wollte, um zuhause nach dem Rechten zu sehen. Anschließend zog er seinen Kittel aus und hing diesen über die Rückenlehne seines Bürosessels. Nachdenklich blickte er sich noch einmal um und fuhr sich über seinen dunklen Dreitagebart. Dann nahm er sein Smartphone wieder in die Hand und wischte, an der Schreibtischkante lehnend, rastlos mit seinem Daumen über das Display, bis er das strahlende Gesicht seiner bildhübschen Freundin wieder vor sich hatte, es verliebt anlächelte und schließlich erneut auf den grünen Hörer am Bildrand tippte, um Gabis Nummer zum wiederholten Male an diesem Tag zu wählen, um ihr mitzuteilen, dass er jetzt nach Hause aufbrechen würde. Entweder mit ihr oder ohne sie, falls sie nicht doch schon in ihrer gemeinsamen Wohnung auf ihn wartete und nur vergessen hatte, ihr Telefon wieder aufzuladen.

Mit deutlicher Verwunderung vernahm der gedankenverlorene Halbperser jedoch, wie es plötzlich in einer Ecke seines Sprechzimmers zu klingeln begann. Die Melodie kannte er doch. Eindeutig Britney Spears! Gabis großes Idol aus Jugendzeiten. Verdattert schaute er erst auf das Telefon in seiner rechten Hand, das immer noch die richtige Nummer wählte, dann zu dem Pavillon zu seiner Linken hinüber, hinter welchem sich sonst seine Patientinnen vor und nach der Untersuchung umziehen konnten. Doch Britney hörte nicht auf zu singen. Wie auch. Dazu hätte Mehdi selber die Verbindung beenden müssen. Aber dieser konnte nur auf den gelben Vorhang in der Ecke starren und schritt schließlich nach kurzem Zögern mit angehaltenem Atem darauf zu. Er hob seine freie Hand, die nicht am Handy klebte, und zog diesen mit Schwung zur Seite, während am anderen Ende der Leitung plötzlich Gabis Mailbox ansprang, auf die er ungeachtet der Tatsachen, die sich ihm gerade offen legten, eine Nachricht sprach, die seine ganze Verwirrung deutlich machte...

Mehdi: Gabi... Maus, eigentlich wollte ich jetzt los, aber... irgendetwas... ist gerade... ziemlich... seltsam. Ich hab dich gesucht... und... ich... glaube... ich hab dich... gerade gefunden. Meld mich später wieder.

Und noch während der perplexe Mann seinen Satz zu Ende sprach, sah er SIE tatsächlich wie von Zauberhand direkt vor sich: Die Frau, die er eben noch mit Feuereifer überall gesucht hatte. In Embryohaltung, mit den Armen um ihre schlanken Beine geschlungen, thronte Gabi Kragenow zusammengekauert in der hintersten Ecke auf der Patientenliege und wimmerte herzerweichend vor sich hin. Als er dieses Bild erfasst hatte, sank Mehdis Hand mit dem Telefon herunter, das er nun in die hintere Tasche seiner weißen Arzthose schob, und er trat alarmiert näher an seine weinende Traumfrau heran, die weder auf das Klingeln ihres Handys in ihrer Handtasche vorhin reagiert hatte, die unachtsam unter die Liege gerutscht war, noch auf ihn selbst. Erst als er direkt vor ihr stehen geblieben war, bemerkte auch die abwesend wirkende Krankenschwester den Schatten vor sich, der von der untergehenden Nachmittagssonne wie ein Heilsbringer angestrahlt wurde. Atemlos starrte sie dem Mann in weiß in seine braunen treuherzigen Augen, die sie voller Sorge betrachteten, und sofort löste sie ihre Arme von ihren aneinander gepressten Knien, richtete sich auf der unbequemen und quietschenden Barre etwas auf und warf sich schluchzend in die Arme ihres überrumpelten Oberarztes, der gar nicht so schnell gucken konnte und schließlich die Balance verlor und mit seiner kostbaren Fracht wie ein gefällter Baum in die Knie gehen musste.

Herzzerreißend schluchzte das Überfallkommando nun gegen seinen Hals und schon bald spürte Mehdi auch, wie der Kragen seines weißen Hemdes von ihren heißen Tränen immer mehr durchtränkt wurde. Überrumpelt und durcheinander wie er war, ließ der einfühlsame Mann seine Liebste gewähren, bis sie sich ein wenig beruhigt hatte. Dann schob er sie sanft, aber bestimmt etwas von sich weg, um seiner aufgelösten Freundin besser in ihr hübsches Gesicht blicken zu können, an welchem so gut wie nichts mehr von ihrem aufwendigen Make-up von heute Morgen übrig geblieben war, für das Gabi fast eine ganze Stunde aufgewendet und dementsprechend das Badezimmer okkupiert hatte, weswegen sie fast zu spät aufgebrochen wären und den Schulbeginn von Lilly verpasst hätten. Dicke Mascarastreifen zierten ihre leicht geröteten Wangen, die er jetzt liebevoll mit seinem wichtigsten medizinischen Werkzeug, einem blütenweißen Taschentuch, das er auf seine bekannt charmante Art aus seiner Hosentasche gezaubert hatte, abtupfte, während er sie endlich auch auf ihren labilen Zustand ansprach, den er sich überhaupt nicht erklären konnte und der ihn tief im Innersten getroffen hatte.

Mehdi: Was ist denn nur passiert, meine Schöne? Wieso bist du nur so aufgelöst und warum versteckst du dich hier? Hast du denn dein Handy nicht gehört? Ich hab zig Mal versucht, dich zu erreichen. Ich hab dich gesucht.

...versuchte der sanftmütige Frauenarzt mit seiner markanten tiefen Stimme behutsam Antworten auf die vielen Fragen zu bekommen, die, seitdem er Gabi hier im Büro entdeckt hatte, die Räderwerke in seinem Kopf auf Höchstleistung laufen ließen. Aber offenbar hatte er damit noch einmal fest auf das Ventil für ihre Tränendrüsen gedrückt. Denn augenblicklich setzte der Wasserfall, der sein Hemd nun bis auf die Haut durchtränkte, wieder ein. Liebevoll drückte er seine völlig aufgelöste Freundin an sich und strich ihr immer wieder behutsam über den Rücken. Aber seine Herzdame, die sich schutzsuchend an ihn klammerte, konnte oder wollte sich einfach nicht beruhigen lassen. Was war da nur los, fragte sich der ratlose Mann zunehmend besorgt.

Mehdi: Hey! Maus, was kann denn so schlimm sein, dass es solch einen Ozean an Tränen verdient hat, hmm? ... Ist etwas mit unserem Baby? Hast du wieder Beschwerden? Soll ich dir etwas gegen die Übelkeit geben? Bitte, sag doch was! Du machst mir Angst.

...tat Mehdi nun seine eigene Besorgnis auf eindrucksvolle Weise kund, atmete aber schnell erleichtert aus, als die aus ihrer Lethargie erwachte Frau ihn eindringlich anschaute und energisch mit ihrem Kopf schüttelte, womit sie seinen Anfangsverdacht sofort revidierte. Gabis Blick klärte sich, als die Tränen, die unentwegt aus ihren wunderschönen dunkelgrünen Augen kullerten, allmählich versiegten. Aber ihr ganzer Körper bebte und zitterte noch immer unter Mehdis Händen, weswegen er seinen kostbaren Schatz nicht eine Sekunde loslassen wollte.

Mehdi: Alles ist gut. Ich bin ja da. Du kannst mit mir über alles reden. Das weißt du doch hoffentlich, oder?

...stellte Mehdi noch einmal nachdrücklich klar und küsste seiner großen Liebe die letzte Träne weg, die verstohlen über ihre glitzernde Wange gekullert war, nachdem sie ihrem fürsorglichen Freund erneut zugenickt und ihm sogar ein kleines zaghaftes Lächeln geschenkt hatte, was den großen Steinblock, der sein Herz schwermachte, lockerte und letztendlich in seine Einzelteile zerbersten ließ. Der Oberarzt merkte instinktiv, dass Gabi nun bereit war, mit ihm über ihren Kummer zu sprechen, er behielt aber die Position bei, mit ihr in den Armen auf dem Fußboden seines Sprechzimmers zu sitzen, auch wenn es unbequem war und sein rechter Fuß, auf dem sie sich platziert hatte, gerade dabei war einzuschlafen, was ein nerviges Dauerkribbeln erzeugte, das man nur schwer ignorieren konnte. Doch der tapfere Halbperser konzentrierte sich. Seine leise Vorahnung, warum seine Freundin so heftig emotional reagiert hatte, konnte er jetzt nicht mehr länger für sich behalten.

Mehdi: Es ist wegen ihm, oder? Anton?
Gabi (starrt ihren Schatz verwirrt an u. alle Tränen sind augenblicklich vergessen): Anton?
Mehdi (lächelt, als Gabi endlich wieder mit ihm spricht, u. wird vor lauter ausbrechenden Glücksgefühlen richtig euphorisch): Ach, das weißt du ja noch gar nicht. Sabine hat ihn Anton getauft, damit der süße Wonneproppen nicht auch noch ohne Namen dasteht. Schließlich hat er es schon schlimm genug. Und da der Junge das erste Findelkind ist, das unser sehr geschätztes Elisabethkrankenhaus als neues Zuhause ausgewählt hat, fand sie, es müsse unbedingt der Reihe nach gehen und ein Vorname mit A sein. Und siehe da, ihr platzte sofort Anton heraus. Ich finde, das passt super zu dem aufgeweckten kleinen Kerlchen. Der Professor und die Schwestern, die darüber abgestimmt haben, waren sofort hellauf begeistert und der Name wurde auch so an die Medien weitergeleitet. Nicht dass du dich wunderst, wenn plötzlich über einen Anton berichtet wird, aber du nur mich, Marc, Günni und den Professor im Fernsehen siehst.
Gabi: Wie... wie geht es ihm, also... Anton?

...fragte Gabi schüchtern nach, nachdem sie Mehdis Worten gebannt gelauscht hatte und noch einmal ordentlich in sein von ihm hingehaltenes Taschentuch geschnäuzt hatte. Glücklich, dass es ihr offenkundig wieder besser ging, was wohl auch an den positiven Nachrichten gelegen haben könnte, die er zu berichten hatte, antwortete er ihr mit einem hinreißenden Mehdi-Lächeln, das auch die schöne Krankenschwester nicht kalt ließ und das sie kurz erwiderte, ehe sie sich wieder verschloss und in ihre düstere Gedankenwelt abtauchte.

Mehdi: Super! Er genießt das Rundumsorglospaket. Gretchen und Sabine weichen ihm nicht von der Seite. Die Oberschwester hat eine Sammelaktion ins Leben gerufen und ihre Lernschwestern und die Pfleger haben schon so einiges bei den Kollegen und Patienten für ihn zusammengetragen. Er hat schon zwei ganze Fläschchen verdrückt, sein Stuhlgang ist regelmäßig und die ganze Aufregung, die um ihn gemacht wird, scheint ihm nichts auszumachen. Auch wenn er ab und an Sperenzien macht, so lässt er sich doch blitzschnell beruhigen. Ein ganz normaler gesunder Junge eben.
Gabi: Schön, ...schön...

...gab Schwester Gabi nur nachdenklich von sich, während ihr Blick zu den kahlen Birken vorm Fenster herüberschweifte, die von einem sanften Windhauch erfasst hin und her schwankten, was Mehdi wieder eine Sorgenfalte mehr auf die Stirn trieb. So durcheinander und völlig neben der Spur hatte er Gabi das letzte Mal erlebt, als sie ihm auch die letzten unklaren Umstände des Unfalls mit dem toten Radfahrer gestanden hatte, den Marc und sie damals vertuscht hatten. Liebevoll streichelte er seiner abwesend wirkenden Freundin über die Wange, die daraufhin wieder zu ihm hochblickte. Irgendetwas lag verschleiert in ihrem Blick, das er sich nicht erklären konnte.

Mehdi: Was ist?
Gabi (abwiegelnd senkt sie ihren Blick): Nichts!
Mehdi (glaubt ihr kein Wort u. hakt nachdrücklich nach): Gabi, ich kenn dich. Ich merke doch, wenn dich etwas beschäftigt. Nimmt dich die Geschichte so sehr mit?
Gabi (Tränen sammeln sich wieder ungewollt in ihren Augen, die sie schließt, um sich selbst für ihren nervigen Gefühlsausbruch zu verfluchen): Ich...
Mehdi (merkt, dass er genau ins Schwarze getroffen hat u. bohrt behutsam nach): Ja?
Gabi (findet kaum Worte, da sie von den aufkommenden Tränen wieder verschluckt werden): Ich... Ach, ich weiß doch auch nicht, warum ich ständig... Wahrscheinlich liegt das an den ganzen Hormonen, dass ich andauernd wegen jedem Pippifax heulen muss wie eine Robbe, die allein auf einer Sandbank mitten im Ozean gestrandet ist. Es kam einfach über mich. Tut mir leid, dass du immer solchen Ärger mit mir hast.
Mehdi (zieht sie noch fester in seine Arme u. sieht sie stirnrunzelnd an): Hey! Das stimmt doch gar nicht. Das muss dir doch nicht peinlich sein, Maus. Die Sache mit Anton lässt niemanden kalt. Selbst der Professor war alles andere als so souverän wie sonst. Und die Oberschwester erst. Ich glaube, sie hat auch geweint, bevor sie sich zu Aktionismus aufgerafft hat. Und ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass sämtliche Mitarbeiterinnen, ohne Ausnahme, in den Kleinen verknallt sind und ihn sofort zu sich nehmen würden.
Gabi (blickt ihn durch einen dichten Tränenschleier aufgewühlt an): Ach, das ist es nicht nur, Mehdi.
Mehdi (legt beide Hände an ihre Wangen u. fängt ihre salzigen Tränen mit seinen Daumen auf): Sondern?
Gabi: Ich... kann sie verstehen.

...brachte die sichtlich bewegte Krankenschwester nur mühsam über ihre bebenden Lippen, während sie konzentriert versuchte, die aufkommenden Tränen zu unterdrücken und gleichzeitig Mehdis liebevollem Blick standzuhalten, in dem sie zu ertrinken drohte, weil sie immer noch kaum fassen konnte, wie verständnisvoll und lieb er stets sein konnte, während sie emotional überhaupt nicht mehr mit sich, ihrem Körper und allem Drum und Dran klarkam. Dr. Kaan verstand jedoch nicht, was seine Freundin ihm damit mitzuteilen versuchte.

Mehdi: Wen kannst du verstehen, Gabi?
Gabi (sieht ihm aufgewühlt in die Augen u. antwortet nach langem Zögern): Die Mutter!
Mehdi (irritiert sucht er in ihren wässrig schimmernden Augen nach Antworten u. glaubt, etwas zu erkennen): Wie meinst du das? ... Hast du sie gesehen? Weißt du, wer es ist? Ich hab in unseren Akten nämlich keinen Hinweis gefunden, wer es vielleicht sein könnte. Alle Patientinnen, auf die der Zeitraum passen könnte, haben entweder schon entbunden oder stehen kurz davor. Das hat mir auch Frau Böhme bestätigt, die einige von ihnen aufgesucht hat. Es fällt niemand aus der Reihe. Wenn du etwas weißt, dann sollten wir die Kommissarin sofort informieren. Jeder Hinweis ist wichtig.

...teilte Mehdi Gabi aufgeregt mit, doch diese schüttelte nur entschieden mit dem Kopf, weil Sherlock Kaan sie komplett missverstanden hatte. Sie nahm ihm das Taschentuch aus der Hand, das er immer noch zusammengeknüllt gehalten hatte, und tippte damit die letzten Tränchen aus ihren Augenwinkeln. Sie brauchte diese ablenkende Aufgabe, um sich auf das zu konzentrieren, was sie Mehdi gleich gestehen würde. Es kostete ihr sehr viel Überwindung. Das spürte auch der Gynäkologe, der sie intensiv dabei beobachtete. Aber wenn sie ihm das nicht endlich gestand, würde sie vermutlich niemals darüber hinwegkommen und ewig mit diesem Makel leben müssen und sie wusste nicht, ob sie das könnte. Sie schämte sich. Sie schämte sich so sehr, dass sie selbst manchmal nicht in den Spiegel blicken konnte. Und die Geschichte mit dem ausgesetzten Baby hatte heute alles wieder aufgewühlt. Alles war so präsent gewesen, dass sie gar nicht mehr anders gekonnt hatte. Sie war noch während der Unterhaltung mit dem Professor und der Kommissarin blind aus dem Zimmer gestürmt, war planlos durch das Krankenhaus geirrt und hatte sich, ohne dass sie wirklich mitbekommen hatte, wie sie überhaupt dorthin gefunden hatte, hier in ihrem Schutzraum vergraben, hier, wo sie sich immer am wohlsten fühlte, und hatte hemmungslos losgeheult, was ihre Tränendrüsen zu bieten hatten. Aber besser ging es ihr trotzdem nicht, obwohl man doch immer sagte, dass ausgiebiges Weinen eine wohltuende Wirkung für Seele und Geist haben würde. Aber das hatte es nicht. Nicht für sie. Sie fühlte sich immer noch schlecht. Schuldig. Denn der Gedanke daran, was vor vielen, vielen Monaten passiert war, war immer da und würde wohl auch immer als dunkle Erinnerung bleiben. Als schwarzer Fleck in ihrem Herzen. Also nahm Schwester Gabi schließlich ihren ganzen Mut zusammen und sprach es gerade heraus...

Gabi: Ich... weiß, wie das ist, Mehdi. Ich weiß, was in ihr vorgeht, also in der Mutter von Anton, weil... weil ich ähnlich empfunden habe. Damals, als klar wurde, dass sich Marc unbeschadet aus meiner Schlinge herauswinden würde und gerade wegen dem, was ich ihm angetan habe, niemals dieses Kind, das ich ihm aufdrängen wollte, akzeptieren würde und ich plötzlich ganz allein auf der Welt dastand. Ohne Hochzeit, ohne Mann, ohne Perspektive, noch nicht einmal mit einer richtigen Bleibe für mich und das Ungeborene. Da war ich verzweifelt. Ich konnte mich nämlich im Gegensatz zu ihm nicht mehr aus der Situation herausmogeln. Dazu war es bereits zu spät. Mein Bauch wurde immer größer und mit ihm meine Panik, wie es danach weitergehen sollte. Du weißt, wie ich damals war, Mehdi. Ich konnte noch nicht einmal alleine eine Kaffeemaschine bedienen, wie sollte ich dann ein Kind großziehen. Ausgerechnet ich! Ein Kind, das niemand wirklich wollte. Und wenn ich ehrlich bin, nicht einmal ich selber. Anders als jetzt mit unserem wunderbaren Marienkäferchen, habe ich keine wirkliche Verbindung zu ihm gespürt, wahrscheinlich weil ich zu dem Zeitpunkt, als das eigentlich natürlicherweise passiert, viel zu sehr auf meinen irrwitzigen Plan fixiert war, unbedingt Frau Dr. Meier werden zu wollen und Marc damit an mich zu binden. Ich weiß, das hört sich gerade furchtbar an. Aber es war so. Da war nichts, keine Gefühlsregung, außer diese große Angst. Dieses schwarze Loch, das mich immer mehr hineinzog. Ich konnte es nicht behalten. Welche Alternativen gab es denn schon für mich? Ich weiß, du hast mir immer gut zugesprochen und mir Mut gemacht in unserer damaligen kleinen Zwangs-WG im Schwesternwohnheim, hast sogar die harte Stefanie mit deinem Charme weichgekocht, damit ich auch nach der Geburt mit dem Baby dort bleiben darf. Aber ich, ich hab mir insgeheim gewünscht, es würde einfach verschwinden und mit ihm meine Zukunftssorgen. Ich hatte auch das Bild im Kopf, dass es ihm woanders vermutlich viel, viel besser gehen würde als bei mir.

Mehdi hatte seiner aufgewühlten Lebensgefährtin mitfühlend zugehört und hielt ihre zitternden Hände fest in seinen, während sie eine kurze Atempause benötigte, weil ihr schon wieder ein mächtiger Kloß im Hals gewachsen war, der ihr das Sprechen schwer machte. Und Mehdis gut gemeinter Zuspruch half ihr in dem Moment auch nicht wirklich weiter. Denn hätte sie es sich damals nicht gewünscht, vielleicht wäre er dann ja noch da und der schlimme Unfall wäre nie passiert, der ihn ihr genommen hatte. Diese Erkenntnis huschte Gabi seit Stunden durch den Kopf und machte ihr Herz unerträglich schwer.

Mehdi: Du hättest es nicht getan.
Gabi (gerührt, dass er so viel Vertrauen in sie legt, kann jedoch überhaupt nicht damit umgehen): Doch, Mehdi! Und du brauchst mich gar nicht so mit deinem Dackelblick durch deine rosarote Brille angucken! Ich bin ein furchtbar schlechter Mensch und wäre die wohl schlechteste Mutter der Welt gewesen in meiner damaligen Verfassung. Alles andere wäre besser gewesen. Aber dass es so enden musste, das... das hab ich nicht gewollt.
Mehdi (drückt ihre Hände fester u. sieht ihr eindringlich in die Augen, damit sie ihm endlich glaubt): Hey! Ich will nicht, dass du je wieder so über dich sprichst, mein Schatz. Du bist kein schlechter Mensch. Du hättest den Jungen niemals weggegeben. Das weiß ich.
Gabi (lässt sich für einen Moment von seinem einnehmenden Blick einfangen): Warum bist du dir da so sicher?
Mehdi (lächelt u. zieht seinen Kittel vom Stuhl, um ihr etwas darauf zu zeigen): Guck mal! Was steht denn hier auf diesem Schild, hmm? Doktor der Gynäkologie. Frauen sind mein Job. Und ich habe schon viele werdende Mütter erlebt. Komplett hysterische, ängstliche, übertrieben fürsorgliche, überforderte, nervöse, furchtbar panische, in sich ruhende, und viele, viele unsichere. Das Erlebnis einer Geburt macht viel aus. Es verändert alles. Auch den Blickwinkel. Egal, wie verzweifelt man ist, wenn Frauen zum ersten Mal ihre gerade geborenen Babys sehen, dann geschieht etwas mit ihnen. Und das, das kann ich dir nach meinen langjährigen Erfahrungen als Geburtshelfer sagen, ohne Ausnahme. Alle Ängste und Sorgen sind dann meist vergessen, weil ein Kind einem so viel zurückgibt, dass man glaubt, alles schaffen zu können, egal wie beschwerlich der Weg sein wird. Das ist ein natürlicher Instinkt.
Gabi (merklich bewegt von seinen Worten, aber immer noch an sich zweifelnd): Und du glaubst wirklich, ich hätte den auch gehabt?
Mehdi (strahlt sie mit seinen dunklen Augen sehr überzeugend an): Du ganz bestimmt. Ich weiß das. Du bist so eine starke Frau. Und, das kann ich dir auch sagen, du wärst nicht alleine gewesen.
Gabi (verdreht die Augen): Wenn du jetzt auf diesen Schwachmaten anspielst, der sich mir angebiedert hat, dann kann ich dir sagen, dass das nie und nimmer mit uns gut ausgegangen wäre. Ja, er wäre vielleicht ein toller Vater geworden, weil er im Gegensatz zu mir so was wie Familiensinn besaß, aber Kalle hatte nun mal genauso viel Sexappeal wie die ollen Schrottkarren, die er da auf seinem dreckigen und lebensgefährlichen Schrottplatz zerlegt hat.
Mehdi (schmunzelt kurz, dann wird er wieder ernst): Nein, eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus. Es gibt hier im Haus den einen oder anderen, der dich unterstützt hätte.
Gabi (zynisch): Weil ich ja auch ach so viele Freundschaften hier habe. Mehdi, sieh es ein! Damals, das... das war eine ganz andere Situation, als jetzt. Ich war eine Andere.
Mehdi: Ich weiß, Liebling! Und dennoch bin ich überzeugt, du hättest genau das Richtige getan.

Der feinfühlige Frauenarzt sah seine Liebste mit Nachdruck an und stupste sie zaghaft lächelnd mit seiner Nasenspitze, was Gabi auch tatsächlich erwiderte. Sie fühlte sich, als wäre ihr gerade eine zentnerschwere Last von den Schultern genommen worden, auch wenn es an der Gesamtsituation nichts würde ändern können. Paul war nicht mehr da. Er hatte nie die Chance bekommen, die Welt mit seinen Augen sehen zu dürfen. Er würde niemals der große Bruder für das Würmchen in ihrem Bauch sein können. Und er würde nie miterleben, dass seine Mama endlich richtig glücklich und mit sich zufrieden war, weil sie einen wunderbaren Mann an ihrer Seite hatte, der wundersamerweise tatsächlich verstand, was in ihr vorging, der an sie glaubte und sie so nahm, wie sie nun mal war. Zickig, unberechenbar und eine furchtbare Heulsuse, seitdem sie von ihm schwanger war.

Als Mehdi die tiefe Traurigkeit in Gabis Augen erkannte, zog er sie zurück in seine Arme, die er fest vor ihrem Bauch verschränkte, und wog sie sanft hin und her, während hinter ihnen am Fenster die Sonne langsam als glutroter Ball hinter den Wipfeln des kleinen Birkenwäldchen unterging, das das Elisabethkrankenhaus im Westen umrahmte. Gabi fühlte sich unheimlich geborgen in seinen starken Armen und kuschelte sich verschmust an ihren Partner, der hinter ihr plötzlich seltsam hin und her ruckelte, weil ihm nun sein ganzes rechtes Bein eingeschlafen war. Sie hockten schließlich immer noch auf dem unbequemen Fußboden zwischen Pavillon und Behandlungsstuhl. Aber der tapfere Mann ließ sich seine Unpässlichkeit nicht anmerken, lehnte stattdessen seinen Kopf an Gabis Schulter und schmiegte seine Wange gegen ihre und hielt seine Traumfrau einfach nur fest. Und es gelang ihm tatsächlich, ihr auch noch die letzten Unsicherheiten zu nehmen und ein erneutes Tränenmeer zu verhindern, das seine Arztpraxis zu überfluten drohte.

Mehdi (pustet eine verirrte Haarsträhne weg, die ihn ständig an der Nasenspitze kitzelt u. flüstert Gabi ins Ohr): Maus, was hältst du davon, wenn wir die Zelte hier jetzt abbrechen und nach Hause fahren, hmm? Ich hab dir doch einen romantischen Tag versprochen. Ich könnte uns was kochen. Und danach, vielleicht willst du ja tanzen gehen. Das haben wir schon lange nicht mehr gemacht. Und ich hab dir doch noch gar nicht meine neuen Moves gezeigt, die ich neulich von Brad gelörnt habe, als Gretchen dich bei unserem Tanzkurs vertreten hat.
Gabi (legt gerührt eine Hand an seine Wange u. sieht ihm verliebt in die Augen): Du bist süß.
Mehdi (spürt immer noch eine merkwürdige Melancholie in ihrer Stimme, die er auch noch überwinden will, weil er sie nun mal einfach nur glücklich sehen will): Wir könnten natürlich auch zuhause bleiben, uns in unsere hässlichsten und schlabberigsten Klamotten werfen und es uns einfach nur mit Popcorn und Limo auf dem Sofa gemütlich machen mit der DVD der neuen Staffel unserer Lieblingsarztserie, hmm?
Gabi (küsst diesen unfassbar wunderbaren Mann zur Bestätigung zärtlich auf den Mund): Klingt wie das perfekte Date.
Mehdi (lächelt zufrieden u. rappelt sich auf): Na dann, auf, mein Herz!

Mehdi reichte seiner Liebsten galant die Hand, um ihr vom Fußboden aufzuhelfen. Lächelnd standen sie sich nun in seiner Arztpraxis gegenüber, bis Gabi plötzlich nachdenklich ihren Blick erneut zum Fenster herüberschweifen ließ. Es dämmerte immer mehr, als sie sich wieder zu ihrem Lebensgefährten umdrehte, der sie angespannt beobachtet hatte. Er spürte gleich, dass sie doch noch etwas auf dem Herzen hatte. Und in dem Moment begann sie auch schon zögerlich zu sprechen...

Gabi: Du, Mehdi, würde es dir etwas ausmachen, wenn wir auf dem Nachhauseweg kurz halt am Waldfriedhof machen würden? Ich würde so gerne noch auf die Wiese der Schmetterlingskinder gehen.
Mehdi (kurz wieder alarmiert): Bist du sicher?
Gabi (hat neuen Mut gewonnen u. versucht ihm die Sorge zu nehmen): Es ist bald ein Jahr her, Mehdi, ich denke, es wird allerhöchste Zeit, dass ich mich da blicken lasse. Nicht dass er denkt, er sei ganz allein auf der Welt.
Mehdi (zieht seine Freundin, die schon wieder mit den Tränen kämpft, rasch in seine Arme u. drückt sie, so fest er kann, an sich u. versucht dabei auch seiner eigenen aufkommenden Tränen Herr zu werden): Hey! Dass ist er nicht. Er ist ein Teil von dir. Das wird er immer bleiben.
Gabi (sieht ihn durchdringend an): Aber ich war noch nicht einmal auf seiner Beerdigung. Kalle hat sich damals allein um alles gekümmert, während ich sofort in die Reha geflüchtet bin, weil ich von allem nur noch weg wollte.
Mehdi: Hast du noch mal von ihm gehört?
Gabi (blickt Mehdi zaghaft in die Augen): Ich war nicht gerade nett zu ihm, als ich aus diesem nicht enden wollenden Albtraum aufgewacht bin. Ich hab ihm ziemlich viele unschöne Dinge an den Kopf geworfen und ihn für alles verantwortlich gemacht. Gott, ich wollte ihn und seine Firma sogar verklagen, wenn ich die Kohle für einen Anwalt gehabt hätte. Ich weiß, das war dumm. Niemand hatte Schuld, sonst könnte ich dich ja auch anklagen, weil du mich unbedingt zu ihm schicken musstest. Es war ein schrecklicher Unfall. Punkt. Kalle hat noch ein paar Mal versucht, mich anzurufen, hat es dann aber irgendwann aufgegeben, als ich nicht reagiert habe. Ist vielleicht auch besser so.
Mehdi (nickt verständnisvoll): Jeder geht mit Schmerz anders um.
Gabi (nachdenklich): Ich weiß. Aber man darf ihn auch nicht alles beherrschen lassen.
Mehdi (lächelnd lehnt er seine Stirn gegen ihre): Na, dann komm! Lass uns gehen, bevor es richtig dunkel wird!

Mehdi hakte sich entschlossen bei seiner Freundin ein und die beiden verließen schweigend sein Sprechzimmer. Die geschlossenen Jalousien am Babyzimmer ein paar Türen weiter zogen sie jedoch noch einmal wie magisch an. Doch kurz bevor sie die bunt beklebte Tür erreicht hatten, um noch einmal nach ihrem Schützling zu schauen, ehe sie ihren anstrengenden Arbeitstag für heute endgültig ad acta legen würden, bemerkte die schwangere Krankenschwester, wie jemand mit eiligen Schritten den langen Gang der Chirurgie entlang schritt und mit unverkennbarem Stöckelschuhklappern direkt auf sie zuzusteuern schien. Panik beschlich sie unvermittelt, als sie die Frau erkannte, und sie drehte sich eilig um, um nach einem rettenden Ausweg zu suchen. Mehdi konnte nur sprachlos dabei zuschauen, als er plötzlich unsanft mitgerissen wurde.

Gabi: Oje, das ist Marcs Mutter! Die muss ich jetzt echt nicht haben. Vergangenheitsbewältigung hin oder her.
Mehdi (lässt sich belustigt von ihr um die Ecke ziehen, wo sie in geduckter Haltung vor der Damentoilette stehen bleiben): Hast du was gegen deine ehemalige Beinahe-Schwiegermutter?
Gabi (zickt den Spaßvogel beleidigt an): Dein schadenfrohes Grinsen kannst du dir gleich mal von der Backe putzen, mein Lieber. Sie hat mich mal als „personifizierte Boshaftigkeit“ bezeichnet. Kannst du dir das vorstellen?
Mehdi (zieht sie vergnügt zu sich hoch u. macht sich mit ihr an sich gepresst extra schlank, um nicht gesehen zu werden): Du, was den Fall Elke Fisher betrifft, kann ich mir so einiges vorstellen. Ich und Marc, wir sind seit über dreizehn Jahren eng befreundet, aber sie konnte sich noch nie merken, wer ich eigentlich bin. Und das hat sich auch nicht geändert, als Marc sie letztes Jahr als Patientin angeschleppt hat.
Gabi: Hmm, dabei weiß sie ja gar nicht, was ihr entgeht.

...griente Gabi ihren leidend guckenden Liebsten mit Schalk in den Augen an, lehnte sich noch näher an seinen sich unheimlich gut anfühlenden Oberkörper heran, den ihre zarten Hände nun zu erkunden begannen, und presste ihm ihre roten Lippen für einen zarten Kuss auf, den sie jedoch nach nur fünf Sekunden wieder abbrechen musste, weil sich ein anderes Gefühl plötzlich drängend nach oben bohrte, das sie in den letzten zwei Tagen fast schon vergessen geglaubt hatte. Und so konnte der verträumt lächelnde Oberarzt, nachdem er seine Augen wieder geöffnet hatte, nur noch der ihm entgegen schwenkenden Tür ausweichen, hinter der Gabi abrupt verschwunden war. Seufzend folgte er ihr in die Damentoilette, wo er schon von sehr verdächtigen Geräuschen begrüßt wurde. Tja, er hätte seine Gabriella vielleicht vorwarnen sollen, dass er vorhin während seiner Suche nach ihr kurz an dem für Günni und Sabine vorgesehenen Buffet im Stationszimmer Halt gemacht hatte, wo ihn das leckere Knoblauchbrot so verführerisch angelacht hatte, dass er einfach nicht hatte widerstehen können.

Einige Meter von den Waschräumen der Station entfernt hatte die Person, über die eben noch gesprochen worden war, ebenfalls ihr Ziel erreicht. Sie hatte Marcs unverschämte Exverlobte und ihren behandelnden Arzt auf ihrem Weg über die Krankenhausflure überhaupt nicht registriert, weil ihre Gedanken auf etwas ganz Anderes konzentriert waren. Nämlich auf die blaue Tür, vor der sie gerade in dem Moment zum Stehen kam. Die elegant gekleidete Dame atmete noch einmal tief durch, klopfte dann zaghaft an das Holz und trat ohne Aufforderung mit dem gewünschten Glas Wasser in der Hand, das sie soeben von einer Schwester besorgt hatte, wieder in das Krankenzimmer, welches ihr Mann soeben unwillig bezogen hatte, nachdem sich ein hilfsbereiter junger Krankenpfleger, der ihr auch als gemeiner Kühlschrankinhaltdieb bekannt war, endlich ihrer erbarmt hatte und sie nach dreieinhalb Stunden Zwangsinhaftierung in einem Schockraum der Notaufnahme wieder freigelassen hatte. Aber das ahnte der Verursacher ihrer Pein zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ebenso wenig wie das Gespräch seiner Eltern dort letztendlich ausgegangen war. Marc Meier hatte nämlich gerade ein ganz anderes Problem, das ihn ablenkte, und das hatte lange blonde seidige Locken und einen niedlichen weißen mit Schocksprenkeln verzierten Kittel über ihrem verführerischen Traumkörper und hatte wohl ebenso missverstanden, was es mit der Kängurumethode eigentlich auf sich hatte.

Lorelei Offline

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21.06.2014 14:15
#1486 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Marc: Ähm... Haasenzahn? Du weißt ja, dass ich an und für sich nichts dagegen habe, wenn du öfters mal die Initiative ergreifst, aber findest du nicht, dass das jetzt vielleicht etwas über das Ziel hinausschießt?

...kommentierte ein augenzwinkernder Dr. Meier trocken den plötzlichen Haasschen Angriff auf seinen gestählten Astralkörper, der von der übereifrigen Assistenzärztin, ohne Rücksicht auf Verluste, in Beschlag genommen wurde und zwar mit allen ihren reizvollen Vorzügen, die ihm gerade förmlich entgegen sprangen und ihm dadurch die Luft zum Atmen nahmen. Denn Dr. Haase war ihm nah gekommen. Sehr, sehr nah sogar. Gefährlich nah für seinen ungetrübten Geschmack, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass er immer noch in Begleitung war und auf einem winzigen unbequemen Stuhl in der hintersten Ecke des Säuglingszimmers saß, in das es ihn ungewollt ihretwegen verschlagen hatte. Aber die Miniaturausgabe von einem Menschen, die er vorsichtig in seinen Armen hielt, schien die ihm immer näher auf die Pelle rückende Blondine nicht sonderlich zu beeindrucken, im Gegensatz zu ihm selbst, der scharf Luft zwischen seinen blitzblanken Zahnreihen einsaugte, und schlief friedlich weiter den Schlaf der Gerechten an seiner babypopoglatten Brust, die nur spärlich von seinem halbaufgeknöpften Hemd und seinem Kittel bedeckt war, an dessen Kragen sich die überdrehte Angreiferin mit ihren zarten Chirurginnenhänden so fest klammerte wie an eine preisreduzierte Prada-Handtasche, die sie im Schlussverkauf einer anderen Interessentin vor der Nase wegschnappen möchte. Verdutzt blickte die etwas in Schieflage geratene Dame auf, die sich dreisterweise nach einem kängurugleichen Hechtsprung mit auf seinen Stuhl gequetscht hatte und nun seinen Schoß als mehr oder weniger bequemen Sitzplatz besetzt hielt, und fixierte das Objekt ihrer Teeny- und Erwachsenenträume mit ihren stahlblauen Augen und machte dabei eine Feststellung, die nicht gerade positiv für ihr schon angeschlagenes Selbstbewusstsein war, das sie sich erst vor wenigen Tagen mit dem Kauf eines sexy Kleides und nach Zuspruch ihres sehr überzeugend klingenden besten Freundes wieder mit Müh und Not aufgebaut hatte, obwohl sie sich selbst gerade in ihrem seltsamen Körper ziemlich komisch vorkam.

Gretchen: Bin ich dir etwa zu schwer?
Marc (kann nicht anders, als diese Steilvorlage gleich mal schamlos für eine kleine Neckerei auszunutzen u. ignoriert dabei die Tatsache, dass ihr Einwand durchaus zum Teil Berechtigungscharakter haben könnte): Ist das jetzt eine Fangfrage? Denn die Schwerkraft, die uns gen Boden drückt, ist immer noch relativ.
Gretchen (zieht eine beleidigte Schnute, rührt sich aber nicht vom Fleck u. streichelt dem kleinen Jungen, den Marc an sich gedrückt hält, zärtlich über den Rücken): Sagt wer?
Marc (der Schalk springt ihm förmlich aus den Augen, während er mit Bedacht seine Sitzposition verlagert u. seine freie Hand, die nicht das Baby hält, an Gretchens properen Hintern positioniert, damit Madame Neunmalklug nicht ungeschickt nach hinten über kippt u. er folgerichtig mit ihr): Unser alter Physikpauker, Herr Eisenschmied, und meine Kniescheiben, die gerade ziemlich ungünstig belastet werden.
Gretchen (versucht schmollend seine freche Hand wegzuschlagen u. vergeblich aufzustehen): Dann sag doch gleich, dass du mich zu schwer findest, Marc, bevor du noch einen Termin beim Orthopäden benötigst. Dabei hatte ich mich gerade so gefreut, dich... Ach, auch egal. Lass mich! Menno!
Is sie nicht süß, wenn sie rumzickt wie JLo, deren Po übrigens nichts ist im Vergleich zu diesem Gotteswerk hier zwischen meinen Händen. Wahnsinn!
Marc (amüsiert sich königlich über den Schmollhasen, der auf seinem Schoß herumzappelt u. den er jetzt erst recht nicht aufstehen lässt): Herr Gott noch mal, bleibst du gefälligst da sitzen, wo du hingehörst, Frau! Und ruckel nicht so rum! Nicht dass das Alien noch zu quaken anfängt. Du quakst ja schon für zwei.

Augenblicklich verharrte das zappelnde Meckerlieschen in absoluter Bewegungslosigkeit, guckte noch einmal verträumt auf das schlafende Baby an Marcs anbetungswürdigem Oberkörper und schlängelte ihre Arme dann vorsichtig an diesem vorbei, um selbige hinter Marcs Nacken zu verschränken. Zufrieden blickte der Oberarzt in Gretchens leuchtendblauen Augen, die ihn nun nicht mehr mit wilden Blitzen trafen, sondern verliebt anstrahlten. Marc konnte bei diesem süßen Anblick gar nicht anders, als seinen Kopf leicht herunterzubeugen und der gezähmten Widerspenstigen einen zarten Kuss auf die roséroten Lippen zu drücken, der auch sogleich zärtlich von Mademoiselle Haase erwidert wurde. Zumindest eine Sache funktionierte noch bravourös in diesem chaotischen Krankenhaus, das er nach seiner Rückkehr von seiner „Dienstreise“ aufgrund der diversen stürmischen Turbulenzen, die ihm hier heute begegnet waren, kaum wiedererkannt hatte. Er hatte es immer noch drauf. Aber er war ja schließlich auch der Beste. Nachdem sie ihre Lippen wieder voneinander gelöst hatten, griente der schwer von sich selbst überzeugte Mann seine Herzdame bis über beide Ohren verknallt an...

Marc: Braves Mädchen! Wenn du schon so einen Aufriss machst und die Känguru-Methode ganz neu und in deinem Sinne interpretierst, dann will der Onkel Doktor auch etwas dafür haben.
Gretchen (streckt ihm frech die Zunge heraus): Angeber!
Marc (funkelt sie gespielt beleidigt an): Hey! Was heißt hier Angeber? Meister, Gott, oder Oberchecker wäre mir lieber. Schließlich hab ich das Beste aus der Situation gemacht, die du hinterlistiges kleines Biest mir unverschämterweise aufgedrängt hast.
Hab ich gar nicht! Aber wenn er schon mal da war, da konnte er doch ruhig auch zeigen, was er draufhat, außer die Klappe weit aufzureißen und lauter heiße Luft rauszulassen.
Gretchen (kuckt ihm sichtlich amüsiert in die Augen): Ich musste dir gar nichts aufdrängen, mein Lieber. Offenbar scheint ihr euch ja blendend verstanden zu haben.
Marc (fixiert sie mit seinem durchdringenden Blick, dem sie mutig standhält): Pff! Glaub ja nicht, dass ich nicht wüsste, dass du hier extra was gedeichselt hast.
Gretchen (tut ganz unschuldig u. krault ihm dabei zärtlich den Hinterkopf): Wie kommst du nur auf diesen völlig abwegigen Gedanken?
Treffer! Du bist so unfassbar durchschaubar, Haasenzahn. Aber ich lass dich mal in dem Glauben. Als selbstbewusstseinsbildende Maßnahme.
Marc (nickt ihr wissend zu u. genießt die kleine Kopfmassage sichtlich): Türlich! Und? Test bestanden?
Gretchen (kann ihre stille Begeisterung kaum verhehlen, macht aber einen auf cooles Mädchen): Eins mit Sternchen! Vielleicht sollte ich für dich auch noch ein Bienchenstempelheft anlegen, hmm?
Marc (funkelt bedrohlich mit seinem Zeigefinger vor ihrem süßen Näschen herum): Untersteh dich!
Hihi! Ich liebe unsere kleinen Scharmützel. Die hab ich fast noch mehr vermisst als ihn selbst.
Gretchen (lächelt glücklich): Nein, ehrlich, Marc, ich bin dir unendlich dankbar, dass du das gemacht hast und kurz für mich eingesprungen bist. Nicht jeder Oberarzt würde sich dazu herablassen. Ich bin ehrlich gesagt sogar überrascht, dass du ihn auch noch kängurust.
Marc (grient sie selbstzufrieden an): Tja, der Dr. Meier ist eben immer für eine Überraschung gut, ne. Ich hab die Gynkurse an der Uni zwar damals geschwänzt, aber ein paar Dinge weiß ich auch als Chirurg.
Gretchen (gibt dem Angeber die Bestätigung, die er sucht): Wie beeindruckend!
Wenn ich gewusst hätte, dass es nicht mehr braucht, um bei ihr zu punkten, dann hätte ich mir schon eher so ein Ding bei Mehdi ausgeliehen. Das hier scheint ja zum Glück ganz unkompliziert und einigermaßen handhabbar zu sein.
Marc (guckt noch einmal misstrauisch auf seinen kleinen Schützling, der friedlich vor sich hin ratzt, u. dann Beifall haschend in die Augen seiner ihn offenkundig anhimmelnden Freundin): Ja, ne? Aber weißt du, in der beschissenen Lage, in der er steckt, kann das hier ja nicht schaden, oder? Es sei denn, er kriegt Minderwertigkeitskomplexe, weil ich so hammergeil aussehe und er vermutlich sein ganzes Leben damit zubringen wird, nur annähernd so einen Body zu kriegen. Jedenfalls... der direkte Kontakt mit der Haut eines Menschen, die Nähe, das schlagende Herz, das er spüren kann, das schenkt Dings ähm... Vertrauen und... Sicherheit und er, naja, vielleicht vergisst er dann für einen Moment auch, was ihm Beschissenes widerfahren ist. Und seien wir doch mal ehrlich, welcher echte Kerl will schon den ganzen Tag in so einen Kack-Kasten hocken, wo er ausgestellt und begafft wird wie ein antikes Museumsstück. Obwohl, wenn er schlau ist, dann sollte er Eintritt nehmen. Er wird die Scheine brauchen, jetzt, wo er offenbar nichts mehr hat.

Mit jedem Wort mehr, das aus Marcs frechem Mundwerk herausgeschossen kam, geriet Gretchens Herz mehr aus dem Takt und sie konnte ihren Lieblingsoberarzt, Machophilosophen und Chef einfach nur noch mit verklärtem Blick anhimmeln, obwohl sie ganz genau wusste, dass sicherlich Schwester Sabine den Floh mit dem Hautkontakt und der körperlichen Nähe in sein Ohr verpflanzt haben musste. Denn als ob ein begnadeter Chirurg wie Dr. Marc Olivier Meier, der nur von den größten und spektakulärsten Operationen träumte, wüsste, was man unter „Känguruen“ verstand? Eher wüsste sie, wie man ein liegengebliebenes Auto reparierte. Trotzdem war Gretchen einfach nur noch hin und weg von seiner unbeholfenen Fürsorge dem Kleinen gegenüber und das zeigte sie ihrem Liebsten auch gleich auf sehr beeindruckende Weise. Schließlich hatte er das mehr als verdient.

Völlig außer Atem lösten die beiden ihre Lippen voneinander, als sie spürten, dass einerseits der Sauerstoff im Raum immer knapper wurde, andererseits weil der kleine Mensch zwischen ihnen sich plötzlich verdächtig zu rühren begann, was besonders Marc gleich wieder in leichte Panik versetzte. Sollte es tatsächlich möglich sein, dass der Junge ihre eben geschlossene Freundschaft schon wieder so leichtfertig aufs Spiel setzte? Dr. Meier machte es in seiner Hilflosigkeit einfach seiner Kollegin nach und kraulte ihm ein bisschen über den Rücken und siehe da, der klein Fratz streckte wieder alle Viere von sich und sabberte leise vor sich hin. Den Ekel ignorierend, der in ihm hoch kroch, als er sah, was da alles Flüssiges aus so einer kleinen Schnute herauskommen konnte, nahm Marc nun Gretchen ins Visier, die ihn immer noch auf diese ganz besondere Weise anschaute, welche ihn heiß und kalt zugleich werden ließ. Haasenzahn hatte definitiv das Babyfieber gepackt, nicht zuletzt durch das, was er eben durch Aufopferung all seiner Talente geleistet hatte, aber er selbst wusste noch nicht so recht, was er davon halten sollte.

Marc: Also wenn du mich fragst, dann wäre mir lieber, die kommen gleich komplett fertig und betriebsbereit auf die Welt. Ich meine, man kauft ja auch kein Auto und muss dann erstmal Jahre warten, bis man was damit anfangen kann, die Karosserie ans Laufen kommt, der Motor schnurrt und die Scheinwerfer strahlen.
Gott, ich könnte ihn auffressen, wenn er so etwas sagt. Süüüsss! Hoffentlich bekommt er jetzt keine kalten Füße und überdenkt seinen Spontanentschluss von vor ein paar Wochen. Er macht das hier doch so toll.
Gretchen (grient vergnügt in sich hinein u. tupft dem unbeholfenen Mann mit einem Taschentuch vorsichtig die Brust von dem Babysabber trocken): Das war ja mal wieder ein typischer Meier-Vergleich. Aber seien wir doch mal ehrlich, das Schönste ist doch, wenn man einem Kind beim Aufwachsen zusieht, welche Entwicklungen es macht. Sieh dich an!
Marc (guckt sie empört an): Bitte? Ich höre wohl nicht richtig! Ich bin ja wohl von Geburt an gleich perfekt gewesen.
In deinen Träumen, mein lieber Schatz, in deinen Träumen!
Gretchen (kann sich das Lachen kaum verkneifen, bemüht sich aber wegen dem Kleinen es zurückzuhalten): Ich werde mal bei Gelegenheit deine Mama danach fragen.
Boah, so eine unverschämte Frechheit! Reich ihr den kleinen Finger und sie schnappt sich gleich den ganzen Arm und denjenigen, der dranhängt.
Marc: Hey! Pass bloß auf, du! Heimliche Verschwesterungsaktionen mit meiner Mutter sind und bleiben tabu. Ich verbrüdere mich ja auch nicht mit deinem Vater, außer auf fachlicher Ebene. Ich hab nämlich sehr wohl mitgekriegt, dass ihr beiden heute Morgen über mich hergezogen seid, als ich joggen war.

...blitzte der Verballhornte seine unverschämt freche Freundin an, doch diese hielt seinem angedeuteten Ameisenblick mutig stand, wechselte dann aber plötzlich von einer Sekunde zur anderen ihren Gesichtsausdruck und sah ihn jetzt so komisch an, dass er gleich wieder ein seltsames Magendrücken verspürte.

Gretchen: Ich hab das von deinem Vater gehört, Marc.
Marc (verdreht leidend die Augen): War ja klar, dass das gleich die Runde macht. Blöde Schwatzbirnen! Wer war’s? Der Drecksack Stier oder Schwester Greta? Boah, was drück ich der auch den blöden Schlüssel in die Hand! Komm mir jetzt bloß nicht mit irgendwelchen Vorhaltungen, Haasenzahn! Das hat Mehdi schon erfolglos für dich übernommen.
Gretchen (ignoriert seine verwirrenden Kommentare u. schaut ihren sich sichtlich unwohl fühlenden Freund mit mitfühlender Miene an): Wie geht es dir damit?
Marc (wenn ihm etwas wichtig ist, dann wird Marc Meier bekanntlich sarkastisch): Wie soll es mir schon damit gehen oder bin ich derjenige, der von Mutter die Treppe runtergeschupst worden ist?
Gretchen (kuckt ihn ziemlich verdattert an): Was?
Das glaube ich jetzt nicht! Dass sie so verzweifelt ist? Heute Morgen schien sie mir noch so vernünftig und durchaus entschlossen, das mit Olivier endlich zu klären. Für ihrer beiden Seelenfrieden.
Marc (rudert gleich wieder augenrollend zurück): Nicht so, wie du denkst, Haasenzahn. Dad hat eben ein ähnliches Gefühl für dämliche Missgeschicke wie du, nur dass du dabei meist Glück im Unglück hast, weil dich wer... also in dem Fall ich dich auffange, während er Unglück im Unglück hat. Er hat ein paar Treppenstufen zu viel und deine Orchideensammlung mitgenommen, als er bei uns vor der Tür da runtergesegelt ist. Das Resultat: exakt dieselbe Rippenfraktur wie letzten Herbst. Also Sonderurlaub im wunderschönen Elisabethkrankenhaus mit persönlicher Betreuung von Schwester Elke Fisher.
Gretchen (staunt Bauklötzchen): Sie ist auch hier? Die beiden? Zusammen?
Marc (flüstert in seinen Eintagesbart, den er sich gerade krault, während er gen sternchenverzierter Zimmerdecke guckt): Na, wenigstens hat sich das noch nicht rumgesprochen. Halleluja, hab ich ein Glück heute.
Gretchen (atemlos stupst sie ihn an, weil sie alles wissen will): Hat sie...?
Marc (beendet ihren Gedanken gleich selbst, während sein Blick wieder auf Gretchen ruht): Na, für unser aller Seelenheil hoffe ich doch.

Ansonsten muss ich mir noch was Besseres überlegen, wie... sie auch noch stationär aufzunehmen und da alle Betten belegt sein werden, muss sie gleich mal das Zimmer mit ihm teilen. Nur diesmal behalte ich den Schlüssel in Verwahrung, den ich wahlweise nutzen werde, falls sie sich wieder die Köpfe einschlagen. So kann ich mich wenigstens auch mal für die vielen, vielen Hausarreste revanchieren, die ich wegen Nichtigkeiten erleiden musste. Was die Elternfraktion kann, kann ich schon lange. Ha! Und ob ihr reden werdet!

Mitfühlend streichelte Gretchen ihrem gedankenverlorenen Freund über den Arm, da sie gleich spürte, wie durcheinander er wegen den Missverständnissen war, die zwischen seinen Eltern herrschten, doch er wiegelte nur schulterzuckend ab und konzentrierte seinen Blick wieder auf das schlafende Windelpaket in seinen Armen, das er jetzt endlich mal loswerden wollte, bevor noch Stinkbombenalarm drohte, den er definitiv nicht miterleben wollte. In seiner Arbeitsbeschreibung stand schließlich Oberarzt der Chirurgie und Leiter der Ambulanz und nicht Notfallbabysitter. Deshalb deutete er der Dame auf seinem Schoß auch unmissverständlich, ihr sexy Hinterteil endlich von ihm hochzuwuchten, die dieser sehr charmanten Bitte unverzüglich nachkam. Marc tat es ihr gleich. Er wusste nur noch nicht gleich, wohin mit dem Jungen, als er seine müden Glieder strecken wollte, die nach dem langen Sitzen auf dem unbequemen Stuhl leicht eingerostet schienen.

Marc: Schwamm drüber! Du, ähm..., auf Station ist ansonsten tote Hose. Die Visite kann auch die Ablösung machen. Lass uns hier endlich verschwinden und nach Hause fahren, hmm? Bevor noch mal was Unerwartetes passiert, wie das hier.

...schlug Marc gähnend vor. Er hatte jedoch nicht mit einem Haasschen Einwand gerechnet. Nachdem Gretchen den ihr mit ausgestreckten Armen hin gereckten Neugeborenen von ihm übernommen hatte und ihn vorsichtig zurück in den Brutkasten gelegt hatte, konnte sie ihren Blick nicht mehr von ihm lösen, weil der Kleine im Schlaf auch noch nach ihrem Finger gegriffen hatte. Das war so süß, dass ihr gleich ganz warm ums Herz wurde. Erst als Marc sie ungeduldig an der Schulter anstupste, reagierte die junge Ärztin auf seine Frage. Mit merklich schlechtem Gewissen sah sie ihn nun an und druckste ungewohnt herum, sodass es ihren Oberarzt ziemlich schnell auf die Palme brachte, weil er bereits ahnte, dass sein Abend gleich gelaufen sein würde, den er sich nämlich definitiv ganz anders vorgestellt hatte, als seine Freundin, die er drei Wochen lang nicht für sich alleine hatte, mit einem Hosenscheißer teilen zu müssen.

Gretchen: Maaarc, wärst du sehr böse, wenn ich...
Marc: Ja!

...zischte ein angesäuerter Dr. Meier auch sofort zurück, der richtig vermutet hatte, worauf ihre scheue Bitte letztendlich hinauslaufen würde, und ihm taten seine ehrlichen Worte nicht einmal leid, wie Gretchen mit mulmigem Gefühl registrierte, als sie dann doch einmal seinem strengen Blick standhielt. Trotzdem konnte sie nun mal nicht aus ihrer Haut und begann aufgeregt zu argumentieren, was bei ihrem Gegenüber nur ein genervtes Aufstöhnen und ein Augenrollen hervorrief. Der gemeinsame Abend war definitiv gelaufen! Das wusste er jetzt.

Gretchen: Marc, es ist seine erste Nacht hier, in ungewohnter Umgebung, er ist ganz allein, er braucht mich.
Marc (beleidigt): Ach, und ich nicht, oder was?
Gretchen (versucht es mit dem Welpenblick): Marc, bitte!
Marc: Haasenzahn, das ist eine Klinik. Hier gibt es entsprechend ausgebildetes Personal, das sich rund um die Uhr um ihn kümmert. Er ist also keineswegs allein. Außerdem pennt er doch eh die ganze Zeit. Was willst du also hier?
Gretchen (geknickt senkt sie ihren Blick): Du verstehst es einfach nicht.
Marc: Nein, ehrlich gesagt ist es schon etwas befremdlich, dass du, nachdem ich noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden wieder da bin, lieber die Gesellschaft eines anderen Mannes mir vorziehst. Außerdem selbst wenn deine Schicht noch andauern würde, was sie seit zwanzig Minuten nicht mehr tut, dann wärst du immer noch nicht für die Gyn eingeteilt. Auf meiner Station warten auch Patienten, falls du das vergessen haben solltest, wenn du dich unbedingt beweisen musst.

Gretchen kam nicht umhin, zu schmunzeln, als sie Marcs anklagenden Worten ganz genau lauschte und daraus nur heraushörte, wie sehr er sich nach ihr sehnte und sie vermisst hatte. Ihr ging richtig das Herz auf, als sie das registrierte. Die beleidigte Leberwurst hatte derweil die Arme vor seinem Körper verschränkt und bockte still vor sich hin. Es war echt ein Los mit diesem sturen Weibsbild, dachte er und bemühte sich, sie keines weiteren Blickes zu würdigen. Erst als Gretchen näher kam, sanft seine verschränkten Arme auseinander zog und ihm, ihn liebevoll anblickend, die offenen Knöpfe seines Hemdes zuknöpfte und den Kittel zurechtrückte, guckte Dr. Meier wieder etwas versöhnlicher drein. Das war auch der Moment, als sich aus der anderen Ecke des Raumes unbemerkt eine leise Stimme erhob...

Sabine: Ich kann das doch übernehmen, Frau Doktor?

Marc: Wie bitte? ... War die etwa die ganze Zeit schon hier?

Irritiert schnellte Marcs Kopf herum und er erkannte tatsächlich die treudoofe Krankenschwester, die sich soeben von einem Stuhl erhoben hatte und nun mit Häkelwerkzeug in der Hand näher an das Paar am Inkubator herantrat. Auch Gretchen schaute ihre Freundin und Kollegin mit großen Augen an, die nun mit Bedacht leise weiter sprach...

Sabine: Ja! Günni hat gerade eine Nachricht geschrieben, dass er gleich zurück ist. Wir können bei Anton bleiben. Wir stecken doch nach unserer Reise eh noch mitten im Jetlag. Es ist also kein Problem, die Nacht bei ihm zu verbringen. Er ist bei uns in guten Händen.
Gretchen (sichtlich überrumpelt): Danke, Bine! Aber...
Marc: Ja, ähm... das... das ist doch mal ein Wort, ne?

...wandte sich Marc nun zu Gretchen herum, die ihre Augen wieder auf den schlafenden Jungen im Glaskasten gerichtet hatte und unschlüssig vor sich hinseufzte. Sie schaffte es einfach nicht, sich von dem süßen Fratz zu lösen, den sie schon fest in ihr Herz geschlossen hatte. Das bemerkte auch Dr. Meier, der sich kurz die Haare raufte und dann auf seine Armbanduhr schaute.

Marc: Okay, Vorschlag. Da du dich ja offenbar noch nicht von ihm trennen kannst. Dann ähm... In den Tagen meiner Abwesenheit hat sich so einiges auf meinem Schreibtisch angesammelt. Ich gehe eben noch die Post durch, beantworte die Anfragen von zwei Fachmagazinen, die einen Artikel von mir wollen und check den Dienstplan für die Tage bis zu deiner Prüfung. Aber glaube ja nicht, dass ich deswegen extra ein Auge zudrücken werde. Heute ist und bleibt die Ausnahme, die du nur ihm zu verdanken hast. Ist das klar?
Gretchen (sichtlich gerührt fällt sie ihrem Oberarzt spontan um den Hals): Du bist ein Schatz, Marc!
Gott wäre mir immer noch lieber! Boah, Meier, du bist echt ein Weichei geworden. Überlässt ET die ganzen Lorbeeren, während du schon längst mit ihr im Bett liegen könntest.
Marc (schiebt sie von sich weg u. hebt drohend seinen Zeigefinger): Übertreibe es nicht, Haasenzahn! Ich bin immer noch dein Oberarzt und dessen Wort ist Gesetz. Wenn ich also wieder an der Tür stehe, dann wird nicht rumgezickt oder getrödelt, sondern sofort die sieben Sachen gepackt. Haben wir uns verstanden?
Gretchen (salutiert ihm fröhlich zu): Ei, ei, Chef!
Marc (guckt sie gespielt finster an, obwohl ihm eigentlich zum Schmunzeln ist): Na, wenigstens das weißt du noch, Frau Doktor. Ich war mir da nämlich nicht mehr so sicher. ... By the way, Haasenzahn, wer ist noch mal Anton?

...wollte Marc noch eine Frage loswerden, wurde aber von seiner augenrollenden Assistenzärztin prompt vor die Tür verbannt, ehe er es sich noch einmal anders überlegte. Grinsend vernahm er noch, wie Gretchen jetzt Schwester Sabine ein Ohr abschwatzte und auf ihre Hochzeitsreise ansprach, ein Thema, das ihn annähernd so sehr interessierte wie ein langweiliges Schachturnier zwischen Grundschülern in Aserbaidschan, und machte sich pfeifend auf den Weg zu seinem Büro, in dessen Nähe er plötzlich vertraute Stimmen vernahm. Er verlangsamte seine Schritte und blieb vor dem Zimmer, das direkt an seine Praxis grenzte, stehen. Vorsichtig linste er durch das schmale Fenster, das in der Tür eingelassen war, und konnte im dunklen Hintergrund ein blasses Gesicht erkennen, das dem seiner Mutter nicht unähnlich war. Sie lehnte mit dem Oberkörper lässig über dem Bettende und unterhielt sich angeregt mit jemandem, der ihm auch nicht unbekannt vorkam. Die tiefe einnehmende Stimme, die gehörte doch eindeutig seinem Vater, stellte er verblüfft fest und ein zufriedenes Grinsen schlich sich auf seine Mundwinkel. Na, das sah doch schon einmal recht positiv aus, dachte er. Vielleicht würde der Tag doch nicht so scheiße enden, wie er begonnen hatte. Beschwingt nahm Dr. Meier nun die Klinke in die Hand, die zur Tür seines eigenen Büros gehörte, und verschwand schließlich für die nächste halbe Stunde im selbigen. So bekam er auch nicht mehr mit, wie kurz darauf die Nebentür geöffnet wurde und eine elegant gekleidete Dame das soeben beobachtete Zimmer verließ und kurz darauf auch seine Station und schließlich das Elisabethkrankenhaus.

Lorelei Offline

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02.07.2014 17:21
#1487 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Später am Abend bei Meier-Haases zuhause

Marc (schmunzelnd): Sag mal, träumst du? Mit offenen Augen?
Gretchen (abwesend): Hmm? ... Ich? ... Äh... Ich... bin voll da.

...begann Gretchen unwirsch ihrem heißgeliebten Freund zu erklären, der gerade kurz durch den schmalen Spalt der angelehnten Zimmertür geguckt hatte, während sie mühsam an der dunkellilafarbenen Satinbettdecke herumzubbelte, bis sie sich diese zu ihrer Zufriedenheit zurechtgelegt hatte, um sich gemütlich hineinzukuscheln. Aber so ganz glücklich war die leise vor sich hin seufzende Frau im blassrosagestreiften Pyjama immer noch nicht, denn sie richtete ihren Oberkörper noch einmal angestrengt auf, um ihre drei übereinander geschichteten Kopfkissen zu sortieren und aufzuschütteln, bis sie die ihrer Meinung nach richtige watteweiche Konsistenz aufwiesen, um ihre frisch gewaschene und gefönte Mähne darauf zu betten, die sich nun wie ein goldglänzender Lockenteppich über beide Betthälften ausbreitete, wovon eine jedoch noch immer leer geblieben war. Mademoiselle Haase ruckelte noch ein bisschen mit ihrem properen Hintern die Matratze weich, die leicht quietschend zurückfederte, dann zog sie sich zufrieden die Bettdecke wieder über ihren gesamten Körper. Nur noch ihre Füße guckten neckisch am Fußende des Bettes hervor, aber wahrscheinlich auch nur, weil das so beschäftigte Betthäschen ganz vergessen hatte, ihre rosaplüschigen Snoopy-Hausschuhe auszuziehen, die nicht mehr unter das lila Laken gepasst hatten. Aber das störte deren Trägerin nicht sonderlich, als sie ihre Augen schloss und in Erwartung himmlischschöner Träume lächelnd vor sich hin döste und ab und an leise gegen ihre stetig steigende Müdigkeit angähnte.

Dieses ganze Hin und Her im heimischen Bett beobachtete unbemerkt von der Zimmertür aus ein sichtlich amüsierter attraktiver junger Mann, der im Gegensatz zu der zappeligen Dame ganz in Rosa nach dem gemeinsamen Duschen eben lediglich eine enganliegende schwarze Designer-Boxershorts übergestreift hatte und dessen muskulöser Oberkörper noch leicht von den immer weniger werdenden Wassertröpfchen glitzerte. Wie konnte jemand nur so eine verrückte Aktion jedes Mal beim Zubettgehen abziehen, das war für den völlig faszinierten Beobachter einfach nur unbegreiflich, der nun ungläubig mit dem Kopf schüttelte und stark mit sich kämpfte, nicht gleich laut loszuprusten. Denn Haasenzahn war in dem Moment einfach nur zum Brüllen komisch und unfassbar süß. Trotzdem liebte Marc Meier es, sie heimlich zu beobachten, gerade dann, wenn sie sich unbeobachtet fühlte oder gar nicht mitbekam, was für einen sonderbaren Aufstand sie da eigentlich gerade fabrizierte, während andere vermutlich schon längst im Land der Träume angekommen waren und ganze Nadelwälder abholzten. Verliebt lächelnd lehnte er noch einen Moment mit der Schulter am Türrahmen, dann drehte er sich noch einmal um und löschte das Licht im gegenüberliegenden Badezimmer, fuhr sich mit beiden Händen durch seine noch leicht feuchten Haare und schloss dann nicht gerade leise die Zimmertür, um anschließend gepardengleich auf das Bett zuzuschreiten, in welchem sich seine Prinzessin auf der Erbse nach einigen seltsamen akrobatischen Gute-Nacht-Übungen zur Ruhe gebettet hatte.

Die hübsche Assistenzärztin stellte sich zwar schlafend, aber Dr. Meier wusste natürlich aus langwierigen Beobachtungsstudien seines Zielobjektes, dass er längst ihre ungeteilte Aufmerksamkeit innehatte. Dazu genügte es nur, sie sekundenlang intensiv anzusehen, und schon verfärbten sich ihre Wangenknochen in einem ebenso intensiven Farbton. Und immer wieder schielte mal das rechte, mal das linke Auge in Richtung Bettende, vor dem Gretchens ungekrönter Traummann stehengeblieben war. Sensibilisiert von dem verführerischen männlich herben Duschgelgeruch, der von jeder seiner Poren auf sie ausstrahlte, und nicht zuletzt durch seine alles beherrschende Präsenz in dem winzigen Zimmer pochte ihr Herz aufgeregt unter der plötzlich immer wärmer werdenden Bettdecke, die sie sich bis unter das Kinn gezogen hatte, was eigentlich vollends irrsinnig war, schließlich erlebte sie diese Szene bereits zum gefühlt hundertmillionsten Mal - Tagträume eingeschlossen -, seitdem sie zusammen waren und ein und dasselbe Bett miteinander teilten, auch wenn dieses hier ihr ehemaliges Jugendprinzessinnenbett im Gästezimmer war, weil ihr rechtmäßiges Schlafzimmer momentan auf unbestimmte Zeit von Marcs Mutter besetzt gehalten wurde, die sie, wie Gretchen gerade feststellte, seit heute Morgen noch nicht wieder zu Gesicht bekommen hatte. Aber vielleicht lag ihre ungewöhnliche Nervosität auch daran, dass Marc erst seit sechsundzwanzig Stunden, vierzehn Minuten und zweieinhalb Sekunden wieder bei ihr war, nachdem sie drei unendlich lange Wochen lediglich über das Internet hatten miteinander kommunizieren können, was das täglich wachsende Sehnsuchtsgefühl nur noch mehr verstärkt hatte. Und das galt nicht nur für sie. Auch Marc Meier war in dieser Hinsicht recht kribbelig zumute.

Sie hatten vorhin, nachdem sie sich endlich von dem süßen kleinen Anton und dem Elisabethkrankenhaus hatten losreißen können, kaum ihre gemeinsame Wohnung betreten und sie den Kühlschrank geöffnet, um etwas leckeres, von Mamas Starkochpotentialhänden Gezaubertes zum Abendbrot aufzuwärmen, da war Marc auch schon hungrig über einen anderen Leckerbissen hergefallen, der es ihm sichtlich angetan hatte. Auf dem Küchenfußboden vor dem die ganze Zeit geöffneten Kühlschrank, den sie danach, nachdem auch die letzten noch energiebringenden Kalorien verbrannt worden waren, doch noch vor lauter Heißhunger geplündert hatten und aus dessen reichhaltigem Angebot sie sich kichernd gegenseitig gefüttert hatten. Das war so unfassbar schön gewesen. So unbeschwert und glücklich hatte sie Marc selten erlebt und Gretchen fragte sich immer noch, was eigentlich zu seiner besonders guten Laune beigetragen haben könnte, war er doch bis zu seiner unfreiwilligen Begegnung mit ihrem neuen Schützling eher stinkstiefelig unterwegs gewesen. Und auch gerade eben unter der Dusche, wo sie das Küchenchaos, das sich auf ihrer Haut, in ihren Haaren und überall auf ihren Sachen widergespiegelt hatte, beseitigen wollten, hatten sie wunderbare Momente miteinander geteilt, die sie nie wieder würde vergessen können.

Augenblicklich lief Gretchens Kopf in einem noch dunkleren Rotton an, der dem Lila der Bettdecke und dem Rosa ihres Schlafanzuges einen Farbkontrast der extremen Sorte verpasste, was auch den Argusaugen von Dr. Meier nicht entging, der sich just in jenem Moment auf ihrem Bett niederließ, das unter seinem zusätzlichen Gewicht leicht knarzte. Unweigerlich bekam Gretchen eine Gänsehaut. Denn Marcs kaum zu ignorierende Präsenz war mittlerweile unmittelbar. Seine Hände stützte der gewiefte Verführer links und rechts von ihrem zugedeckten Körper ab und er bewegte sich katzengleich zu der überreifen Tomate am Kopfende des Bettes zu. Dicht über ihrem goldenen Haarmeer, das ihr bildschönes Gesicht wie ein Gemälde umrahmte, hielt er schließlich inne und blickte seiner zuckersüßen Beute direkt in die funkelnden Augen, die sie nun doch alle beide aufgeklappt hatte und die nahezu hypnotisch an den faszinierenden Grübchen um Marcs Mundwinkel kleben blieben, die verdächtig zuckten, weil deren Besitzer schon wieder zu einem schelmischen Grinsegesicht ansetzte, das ihrer Erfahrung nach nichts Gutes vermuten ließ.

Marc: Jetzt hab ich die Aufmerksamkeit, die ich wollte. Aber eine Sache gilt es da noch zu klären, Haasenzahn. Ähm... Seit wann gehst du mit Hausschuhen ins Bett? Ist das ein neuer Tick von dir? Also unter einem Schuhfetisch verstehe ich was anderes.
Ups! Wo bist du nur schon wieder mit deinen Gedanken abgeblieben, Gretchen?
Gretchen (registriert es jetzt selber erst, wackelt demonstrativ mit ihren rosa Puschen unter der Decke u. schluckt peinlich berührt auf, als sie Marcs amüsierten Gesichtsausdruck bemerkt): Seitdem... ähm... Es ist ja auch verdammt kalt hier in dem Zimmer.
Oh Gott, du bist mal wieder so schlagfertig, Gretchen, echt. Jetzt wird er sich ewig über dich lustig machen, so wie damals in der Schule, als ich auch mal vor lauter Tagträumerei mit meinen König-der-Löwen-Kopf-Hausschuhen zur Schulversammlung in die Aula spaziert bin.
Marc (schmunzelt über ihren verlegenen Blick, den sie nicht weiß, wohin sie ihn richten soll, u. über ihre ruckartigen Bewegungen unter sich, als sie mal wieder komplizierter als gedacht, aus ihren Hausschuhen herauskommen möchte): Hmm... mag sein. Ich hab heute Morgen die Heizung extra runtergedreht, weil ich’s hier verdammt warm empfand, so heiß, wie es zwischen uns beiden bis in die frühen Morgenstunden hergegangen ist. Das schreit nach Wiederholung, findest du nicht?
Hilfe! Raubtierangriff aus dem Hinterhalt und ich bin ihm schutzlos ausgeliefert!
Gretchen (schluckt noch mehr u. beißt sich vor lauter Verlegenheit auf die Unterlippe): Marc!
Marc (lacht): Is so! Hast du dich deshalb mit so vielen Lagen so unter der Decke verbarrikadiert, weil dir kalt ist, oder willst du mir damit irgendetwas sagen? Also ich wüsste da ja was, womit ich deinen Aggregatzustand sofort wieder in den Normalbereich bekomme.

...zwinkerte Marc seiner perplexen Freundin frech zu und ehe sie darauf mit einstudierter Haasscher Schlagfertigkeit reagieren konnte, machte er sich auch schon sofort ans Werk, sie zunächst aus der völlig überflüssigen Bettdecke zu schälen, die ihm den Weg ins Paradies versperrte. Als er dann auch noch begann, hochkonzentriert die winzigen Knöpfe ihres Pyjamaoberteils aufzufriemeln, einen nach dem anderen, konnte Gretchen nicht anders, als ihrem ungestümen Machomann bestimmt Einhalt zu gebieten, indem sie ihm hart auf die frechen Chirurgenfinger klopfte und dann zur Seite schupste. Aber Dr. Meier, der sein Oberstübchen bereits auf etwas ganz anderes konzentriert hatte, dachte nicht im Traum daran, sich von dem widerspenstigen Häschen bei seinen Eroberungsplänen stören zu lassen. Der Weg war schließlich immer das Ziel und er stand nun mal tierisch drauf, sich dabei auch des Öfteren die Finger zu verbrennen. Es hatte schließlich auch niemand behauptet, dass das Zusammenleben mit Dr. Margarethe Haase einfach werden würde. Ihre komplizierten Denkweisen, ihre schüchterne Naivität, ihre versteckte Power und vor allem ihr Um-sich-Schlagen, wenn sie nicht mehr weiter wusste, waren doch genau das, was sie für ihn so verdammt anziehend machte, dass er wohl niemals würde die Finger von ihr lassen können.

Gretchen (vor Nervosität schon fast hyperventilierend): Scho...schon wieder?
Marc (positioniert sich mit Bedacht wieder über sie u. funkelt sie mit entschlossenem Raubtierblick an): Immer und immer wieder, Haasenzahn. Wir haben schließlich noch etwas nachzuholen, ne.
Oh Gott! Was machst du bloß mit mir, Marc?
Gretchen (ihr wird heiß und kalt zugleich u. ihre Gegenwehr schwindet immer mehr): Und das müssen wir alles gleich an einem Tag erledigen?
Marc (schmunzelt, weil sie gerade wieder mal unfassbar süß ist): Nö! Aber wenn wir gerade dabei sind...
Boah... dieser unersättliche Macho! Ich könnte ihm...... Nein, kann ich nicht!
Gretchen (guckt den heißblütigen Verführer missmutig von unten herauf an): Marc, ich bin müde. Wirklich. Können wir nicht ein verpasstes Mal der letzten Wochen auf ähm... morgen verschieben?
Oder wahlweise auch übermorgen oder überübermorgen? Ich bin völlig kaputt. Und irgendwie hab ich mir vorhin auf dem Fußboden den Rücken verrenkt. Oder hab ich Zug bekommen von dem geöffneten Kühlschrank? Gibt’s das? Das wäre doch mal ein interessantes Thema für eine Doktorarbeit. Dann hätten nicht so viele Mäuse sterben müssen.
Marc (knabbert verheißungsvoll an ihrem Ohrläppchen herum, dass ihr gleich ganz anders wird, bis er seinen Mund aufmacht): Du bist doch bloß müde, weil du den ganzen Tag nichts anderes gemacht hast, als das Alien beim Schlafen anzustarren. Das kommt nun davon.
Gretchen (verdreht die Augen im Kopf u. versucht sich nicht auf das zu konzentrieren, was Marc gerade Verheißungsvolles mit ihr anstellt): Gaaar niiiicht! ... Macht es dir denn gar nichts aus?
Oh nein! Nein, nein, nein! Nicht die Stelle! Da werd ich immer...
Marc (nuschelt gegen ihren verführerisch duftenden Hals, an dem er gerade mit seinen heißen Lippen angedockt hat, während seine Hände unsicherer als sonst weiter an den Knöpfen ihres Pyjamas herumfuchteln): Was?
Konzentration, Gretchen, Konzentration!
Gretchen (hat sich wieder gefangen u. blickt Marc ernst an): Was mit ihm passiert ist, Marc, und wie es nun weitergeht?
Marc (richtet sich dann doch stöhnend wieder auf): Haasenzahn, was willst du eigentlich genau? Willst du Sex, Schlafen oder Reden? Alles auf einmal geht nicht, auch wenn du immer behauptest, die Königin des Multitasking zu sein.
Gretchen (guckt ihn aus ihren treuherzigen Augen intensiv an): Also wenn du mich so fragst...
Na super! Ich hätte es gleich wissen müssen. Vermerk fürs nächste Mal: Bloß nicht ansprechen, sondern gleich das diskussionslustige Plappermäulchen stopfen!
Marc (resigniert u. fällt schwerfällig zur Seite auf seine viel zu kalte Betthälfte): Boah, manchmal ist es echt frustrierend mit dir, weißt du das eigentlich?
Hä? Wieso?
Gretchen (lächelt kurz auf u. wird dann wieder nachdenklich): Ich frag mich halt nur... Ach, nichts!

...setzte Gretchen vorsichtig zu einer Rede an, während sie sich ebenso zur Seite drehte und ihren Lockenkopf mit ihrem Ellenbogen abstütze. Als sie Marc so beobachtete, wie er die Arme unter seinem Kopf verschränkt hielt und seufzend gen Zimmerdecke starrte, verließ sie jedoch wieder der Mut und sie ließ es bleiben, noch einmal mit ihm darüber zu reden, was sie den ganzen Tag schon beschäftigt hatte. Als nichts weiter von seiner süßen Bettgefährtin kam, senkte Marc doch noch mal seinen Blick und guckte die verstummte Dauerquasslerin mit runzelnder Stirn verwundert von der Seite an.

Marc: Jetzt doch nicht, oder wie? Boah! Du bist echt die widersprüchlichste Person, die ich kenne. Das ist um die Stunde echt anstrengend für einen viel beschäftigten Chirurgen wie mich, der schon wenig Freizeit und Entspannungszeit genug hat.

...lamentierte Dr. Meier sichtlich angefressen. Er rutschte aber dennoch wieder zu seinem ungewohnt schweigsamen Häschen heran, das sich auch zu diesem Tatsachenbefund nicht äußern wollte, öffnete einladend seinen linken Arm und ließ Gretchen sich gemütlich hineinkuscheln. Für Minuten verharrten sie so in dieser Position, bis die junge Ärztin doch noch einmal ihre engelsgleiche Stimme gegen die Dunkelheit erhob, die in dem Zimmer herrschte, nachdem Marc die Nachtischlampe ausgeschaltet hatte...

Gretchen: Marc?
Oje! Was kommt jetzt noch? Dieser Tonfall verheißt nichts Gutes. Will sie das Alien adoptieren? Hat sie ne Lösung für das Ukraine-Problem, die wir dringend Merkel mailen müssen? Oder hat sie nen Plan, wie wir Klinsmann umgehen können und einfach locker bis zum Finale durchmarschieren? Äh... wohl eher nicht!
Marc (stöhnt entnervt auf): Haasenzahn?
Gretchen (beißt sich auf ihre Lippen u. druckst herum): Ich meine ja nur...
Marc (zunehmend gereizt, weil Haasenzahn einfach nicht die Zähne auseinander bekommt): Was? Oder willst du das hier nicht auch endlich zu Ende bekommen?
Gretchen (richtet sich am Kopfende auf u. hält demonstrativ ihr halb aufgeknöpftes Oberteil zu, damit Marc nicht auf falsche Gedanken kommt): Ich will doch nur sagen, dass... also... nachdem, was alles passiert ist, ähm... dass ich es verstehen könnte, wenn du... noch Zeit brauchst. Die Sache mit deiner Mutter beschäftigt dich doch. Und jetzt noch der Unfall mit deinem Vater. Die ganzen Unstimmigkeiten der beiden.
Hä? Wie kommt sie denn jetzt auf die? Also ich geb’s ungern zu, aber bei den Gedankenachterbahnen komm selbst ich nicht mehr mit.
Marc (lehnt sich genervt neben sie): Sag mal, kann es sein, dass es eher du bist, die Ausflüchte sucht?
Gretchen (guckt ihn konsterniert an): Ich?
Marc (rutscht zu ihr ans Kopfende des Bettes hoch u. sieht ihr direkt in die Augen, die ihn unsicher anschauen): Ich hatte zwar heute Nachmittag den Eindruck, dass du es gar nicht mehr länger abwarten könntest, auch eins zu bekommen, so wie du dich auf den kleinen Hosenscheißer gestürzt hast, aber wenn ich dir jetzt so zuhöre, klingt das eher danach, als ob du diejenige bist, die auf einmal kalte Füße bekommt, jetzt wo es konkret werden könnte.
Gretchen (guckt ihn ziemlich entgeistert an): Nein, das siehst du völlig falsch. Es geht mir doch um dich, Marc.
Marc (verständnislos zuckt er mit den Schultern): Und mir nicht, oder was? Haasenzahn, mit mir ist alles in Ordnung, ganz besonders körperlich, aber ich glaube, das hast du bereits festgestellt, als wir vorhin die Möglichkeiten ausgelotet haben.
Boah, dieser Idiot! Wie kann er in dieser wichtigen Angelegenheit nur so kindisch sein?
Gretchen (verdreht die Augen angesichts seiner offenkundigen Zweideutigkeiten): Marc, musst du immer alles gleich ins Sexuelle deuten? Ich möchte mit dir ein ernsthaftes Gespräch führen.
Marc (grient sie frech an): Na, und? Es dreht sich doch im Großen und Ganzen genau darum. Oder etwa nicht? Wir können es natürlich auch mit den Bienchen und Blümchen erklären, falls dir das FSK zu hoch ist?
Gretchen (regt sich gleich wieder tierisch auf, weil er sie nicht ernst nimmt): Es ist wirklich furchtbar. Man kann mit dir einfach nicht reden.

Marc (lehnt sich sanft zu der Motzkönigin heran, die abweisend die Arme verschränkt hält u. Richtung Fenster schmollt): Haasenzahn, wenn du wirklich meine Meinung zu diesem Thema hören willst, dann kann ich dir nur sagen, dass ich dazu nichts mehr zu sagen habe. Punkt.
Oh nein, ich wusste es! Das ist ihm alles zu viel. Wir dürfen nichts überstürzen. Gerade jetzt nicht.
Gretchen (versteht ihn sofort wieder falsch u. man merkt ihr ihre Enttäuschung an, als sie vorsichtig ihren Kopf wieder in seine Richtung dreht): Aber...?
Och nee? Sie fängt doch deswegen jetzt nicht an zu heulen? Herrgott noch mal, dass das so kompliziert wird, hätte man mich wirklich mal vorwarnen können. Und da sagt man immer, die ersten Monate wären die schlimmsten. Nee, die davor sind es noch viel, viel mehr.
Marc (legt seine Hand unter ihr Kinn u. schiebt es leicht hoch, damit sie ihm in die Augen schauen kann): Gretchen, ich frage mich manchmal echt, wo du immer die ganze Energie hernimmst, alles und jeden unbedingt analysieren zu müssen. Konzentriere dich doch mal auf dich ganz alleine und auf eine gewisse chirurgische Grundkompetenz. Sonst wird das mit dem Facharzt nämlich nie was, weil du die eh schon knapp bemessene Zeit ständig dafür aufwendest, ein Meisterhirn wie meines durchschauen zu wollen, was allein schon durch den schweren Dickschädel ein unmögliches Unterfangen ist.
Gretchen (fällt ihm beleidigt ins Wort): Marc!
Hähä! Ist sie nicht süß, wenn sie schmollt, weil sie weiß, dass ich recht habe.
Marc (hebt belehrend seinen Arm, denn wenn der Meister spricht, soll man u. v.a. Frau gefälligst die Klappe halten): Gretchen, ich meine damit, dass wir lange genug nur darüber gesprochen und die Für und Wider tausendmal abgewogen haben und es langsam mal an der Zeit wäre, Tatsachen zu schaffen. Findest du nicht? Egal, welche Störfeuer da gerade um uns herum brennen und alles niedermetzeln, das ist deren Problem und es ändert nichts an der Grundentscheidung. Die steht nämlich. Oder schon vergessen, was Dr. Meier sagt, ist Gesetz. Er meint nämlich im Gegensatz zu vielen anderen, die meist nur dummschwätzen, das, was er sagt. Schreib dir’s am besten als Merksatz in dein Poesiealbum!
Hat er gerade gesagt, dass er es nicht nur so dahergesagt hat? ... Oh mein Gott!
Gretchen (hängt gebannt an seinen dunkel leuchtenden Augen, die genau das ausdrücken, was er gerade gesagt hat, u. kann es kaum glauben): Wirklich? Ich könnte verstehen, wenn du...
Herrgott noch mal, ich leg sie gleich übers Knie, wenn sie’s nicht bald checkt!
Marc (grient sie schelmisch an u. legt sich wieder mit seinem ganzen Körpergewicht über sie): Haasenzahn, das Denken für mich übernimmt mal lieber der, der sich am besten damit auskennt, hmm? Weißt du, Kleines, wenn wir weiter in dem Tempo so weitermachen, wie du mich immer zutexten willst, dann gehen wir am Krückstock, bis es passiert, und ich hab echt keinen Bock, im Kindergarten als Opa beschimpft zu werden. Es ist schlimm genug, dass die Mini-Hassi denkt, ich sei steinalt.
Ich... Wir... Also wir... Das... Oh!
Gretchen (kann an nichts mehr denken u. schaut wie gebannt zu ihrem Traummann hoch): Marc...
Marc: Mhm... Das ist genau der Tonfall, den ich hören wollte.

...flüsterte Marc, der eindeutig genug von dem ewigen Bettgeflüster hatte, nur atemlos, ehe er seine gierigen Lippen endlich auf Gretchens’ legte und in einem intensiven minutenlangen Kuss mit ihr versank, der die Welt um sie herum plötzlich viel, viel schneller drehen ließ. Zielstrebig wanderte sein verführerischer Mund anschließend weiter nach unten in Richtung Paradies, knabberte ihren grazilen Hals hinab, bis er endlich wieder Gretchens atemberaubendes Dekolletee erreichte, das sich unter seinen heißen Küssen aufgeregt hob und senkte, während seine Liebste unter ihm endlich merklich entspannte und seine zärtlich fordernden Berührungen genüsslich auskostete. Mit Bedacht versuchte er nun auch noch das letzte störende Knöpfchen ihres Satinoberteils zu lösen, das ihn von ihrer sinnlichen nackten Haut trennte, deren betörenden Duft er bereits tief in sich aufgesaugt hatte und der seine Sinne zunehmend umnebelte. Es machte ihn schier wahnsinnig, dass seine sonst so konzentrierten Chirurgenhände sogar zu zittern begannen und er diesen verdammten lästigen Knopf einfach nicht los bekam. Der ungeduldige Oberarzt konnte nicht mehr länger warten. Unbeherrscht schob er die beiden Kleidungshälften so weit auseinander wie möglich und stürzte sich förmlich auf die pralle Pracht, die sich ihm nun offenbarte. Er küsste, leckte, saugte und nahm auch mit seinen beiden Händen von Gretchens wohl hervorstechendsten Merkmalen Besitz, zwischen denen er schließlich seinen Kopf versank und gegen ihre erhitzte Haut seufzte...

Marc: Wahnsinn! ... Ich... weiß... gar nicht, was du ... ständig hast. Manche Frau würde dafür töten, wenn sich vier Kilo Körpermasse zu viel so vorteilhaft genau hier anlegen würden. ... Mhm...

Marc war so sehr mit seinen allerliebsten Spielzeugen beschäftigt und darin mit all seinen Sinnen vertieft, dass ihm erst recht spät etwas Entscheidendes auffiel. Nämlich als sein zufriedenes Grinsegesicht küssend wieder nach oben wanderte und an Gretchens heißen leicht geöffneten Lippen andocken wollte. Mit halb zusammengekniffenen Augen registrierte der erregte Mann, dass sein Häschen bereits ohne ihn in andere Sphären gehoppelt war. Aber nicht in die, wonach ihm gerade der Sinn war, sondern in die, die auch als Welt der Träume und Schäume bekannt war. Und einer dieser kalten Schauer traf ihn nun völlig unvorbereitet. Völlig aus dem Konzept gebracht stützte er sich wackelig mit beiden Armen neben ihrem wunderschönen Gesicht ab und richtete sich etwas auf, um sein Mädchen genauer ins Visier zu nehmen. Und tatsächlich, das sanfte Zucken ihrer lächelnden Mundwinkel, die unter den Lidern hin und her huschenden Pupillen ließen nur einen Schluss zu. Haasenzahn war tatsächlich eingeschlafen. Sie hatte ihn nicht angeflunkert, weil sie unbedingt mit ihm über ihre Babypläne reden wollte, nein, sie war tatsächlich hundemüde gewesen und war ihrem natürlichen Reflex schließlich doch gefolgt. Zum Nachteil von ihm und eben jenen Plänen, für die gewisse Tätigkeiten durchaus von Nutzen gewesen wären.

Frustriert aufseufzend drehte sich der verhinderte Liebhaber auf die Seite und blieb erschöpft auf dem Rücken liegen. Nachdenklich schaute er an die Zimmerdecke, die wie in Gretchens altem Kinderzimmer in der Haase-Villa mit einem im Dunkeln leuchtenden Sternenbild verziert war, das irgendwas mit ihrem Geburtshoroskop zu tun hatte, wie sie ihm mal beiläufig erzählt hatte, als er ihr nicht wirklich zugehört hatte, weil gerade die Champions League im Fernsehen lief. Er schmunzelte über sich und die skurrile Situation und wandte sich schnell wieder zu der Pappenheimerin herum, die ihn um seine bewährte Einschlafmedizin gebracht hatte. Marc betrachtete die Schlafende lange und intensiv und war sich sicherer denn je, dass es genau das war, was er wollte. Dann langte er mit seinen Armen über ihren friedlich daliegenden Körper, schnappte sich die beiden geöffneten Pyjamahälften, die mehr zeigten, als ihm und dem kleinen Meier lieb war, und friemelte sie, um nicht in Versuchung zu geraten, vorsichtig wieder zu, zumindest so weit, bis er in den besonders gefährlichen Bereich geriet. Scharf zog er Luft ein, knipste die Augen zu und versuchte sich blind, aber gab schließlich schon nach kurzer Zeit auf. Diese Operation war dem begabten Chirurgen dann doch eindeutig zu schwierig. Dennoch robbte er sich nun ganz nah zu der Schlafenden heran, zog die Bettdecke über ihre beiden ineinander verschlungenen Körper und bettete sein Haupt, in dem nur noch ein Gedanke herumspukte, neben dem wohlig nach einer Meeresbrise duftenden Lockenkopf seiner Süßen. Und schwuppdiwupp, hast du nicht gesehen, fuhr eine Hand doch noch unter ihren seidigglatten Pyjama und legte sich pappfrech direkt auf eine der Brüste, die er nun sanft umklammert hielt. Gretchen zuckte zwar auf, was den Schelm kurz alarmierte, schlief aber ruhig weiter. So wie auch Dr. Meier, der seiner Herzdame kurz darauf ebenfalls ins Reich der Träume folgte, wo sich die Liebenden schließlich doch noch trafen und Erfüllung fanden.

Lorelei Offline

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14.07.2014 14:16
#1488 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Am nächsten Morgen wachte ein unruhig schlafender Oberarzt von einem hartnäckigen Kitzelgefühl auf, das ihn zunehmend plagte und unsanft aus seinen süßen Träumen schupste. Immer wieder strich ihm etwas nervig über das Gesicht, das der ungekrönte König sämtlicher Morgenmuffel der Welt in seinem Dämmerschlafzustand nicht wirklich zuzuordnen wusste. Alles, was er wusste, war, dass das sofort zu unterbinden war, wenn es ihn nicht komplett wahnsinnig machen sollte um diese unmenschlich frühe Zeit. Schließlich brauchte ein gottbegnadeter Chirurg wie er einen ausreichend tiefen Schlaf, um am nächsten Tag im OP Glanztaten zu vollbringen. Als würde er mit dem Handballen eine lästige Stubenfliege wegwedeln, die summend ihre Kreise durch das nächtliche Schlafzimmer zog und ihn piesackte, wischte er sich also immer wieder über die allmählich wutrot anlaufenden Backen, die von dem Insekt, oder was auch immer es war, gestreift wurden, bis er es schließlich nicht mehr länger aushielt und dem Nervviech, das ihn um seine erholsame REM-Phase brachte, ausweichen wollte, indem er sich auf die Seite drehte, um dessen Flugwinkel zu entkommen. Doch das gelang dem austrainierten Golfsportler und talentiertesten Jungmediziner Berlins nicht, wie er ungläubig feststellen musste, denn er konnte sich nicht mehr bewegen, weil etwas großes Schweres auf ihm zu liegen schien und ihn schraubstockgleich nahezu zu erdrücken drohte. Und als sein Unterbewusstsein realisierte, um was es sich dabei genau handelte, war der gepiesackte Mann plötzlich hellwach und mit ihm sämtliche seiner Sinne, die die Sachlage sofort in den richtigen Zusammenhang deuteten.

Die süße Schnarchnase vom Kissen nebenan, die doch sonst einen ähnlich tiefen und ausufernden Schlaf frönte wie dieses possierliche Tierchen namens Siebenschläfer aus den Tierdokus, die Gretchen so sehr liebte, dass er regelmäßig spannende Nachmittagskrimis und sogar Regionalliga-Fußballspiele opfern musste, und die ihn doch gestern Abend pappfrech allein auf weiter Flur stehen gelassen hatte und ohne ihn davongehoppelt war, wagte es doch tatsächlich, einen nächtlichen Überfall auf Gottes Geschenk an die Menschheit auszuüben. Für diese unverschämte Frechheit gehörte ihr so was von der süße Hintern versohlt, dachte Marc Meier aufgebracht und er wäre auch sofort verbal entgleist wie ein überregionaler D-Zug, ja, wenn das Opfer dieses frevelhaften Vergehens nicht gerade ziemlich abgelenkt gewesen wäre. Küssend wanderte nämlich der wilde Lockenkopf, dessen samtigweiche Strähnen ihn die ganze Zeit nervig im Gesicht gekitzelt hatten, in immer südlichere Gefilde vor und war sich seines Zieles ziemlich bewusst. Obwohl Madame doch sonst noch nicht einmal einen Berliner Stadtplan richtig lesen konnte und beinahe täglich daran scheiterte, das Navi in seinem Auto zu bedienen, um den kürzesten und blitzerfreisten Weg zum Krankenhaus berechnen zu lassen. Ja, Dr. Meier war höchst alarmiert und nicht nur er. In eben jener südlichen Region tat sich nämlich bereits Ungeheuerliches, ehe der blitzgescheite Oberarzt richtig realisieren konnte, was da eigentlich gerade genau mit ihm passierte.

Stöhnend wand sich der sichtlich erregte junge Mann unter dem Zauberwesen, das ihn mit ihrem aufregenden, und wie er gerade fassungslos feststellen musste, splitterfasernackten weichen Körper entschieden in die lila Laken drückte und so himmlisch verwöhnte, wie er es sich gestern Abend noch in seiner Fantasie ausgemalt hatte, während seine Partnerin wahrscheinlich schon längst im Schlaraffenland den Schokoladenbrunnen leer geschlürft hatte. Doch Gretchen Haase dachte nicht im Traum daran, ihre ungestümen „Ich-bereite-meinem-Marcischnuckiputzi-einen-ganz-besonders-schönen-Guten-Morgen“-Pläne zu unterbinden. Sie hatte keine Angst vor einer Meierschen Reaktion, die doch in diesem Stadium recht ausartend ausfallen könnte. Eigentlich zielte sie nämlich genau darauf ab. Aufreizend strichen ihre filigranen Hände weiter seinen erhitzten nackten Oberkörper hinab. Ihre Fingernägel zeichneten tiefe kunstvolle Linien, die sich hellrot auf seiner winterlich blassen Haut abzeichneten und die sie anschließend mit brennend heißen Küssen verfolgte, die ihn schier wahnsinnig machten.

Längst war sein anfänglicher Widerstand gebrochen. Sein brillanter Verstand, der sich eigentlich noch im Aufwachmodus befand, hatte längst kapituliert. Marc war aufs äußerste erregt und er konnte für nichts mehr garantieren. Die Rakete würde unkontrolliert hochgehen, wenn das sexy Traumwesen so planvoll weitermachte. Ihre geschickten Hände waren bereits unbemerkt in seine Unterhose geschlüpft und legten sich jetzt fordernd um seine beiden Pobacken, während sie sich noch mehr an ihn schmiegte und ihn ihre Wahnsinnskurven hautnah spüren ließ. Atemnot beschlich ihn. Gefolgt von unkontrolliertem Herzrasen. Feurig wild funkelten Gretchens Augen auf, als der Frechdachs doch einmal kurz zu ihrem wehrlosen Opfer aufschaute und ihre Forderungen nach mehr mit einer nie gekannten Offenheit kundtat. Entschlossenheit packte nun auch den so von ihr Bedrängten, nachdem er stoßweise wieder Luft in seine Lungen bekommen hatte, und er griff beherzt nach den Zügeln, die das sonst so zurückhaltende Häschen in ihren Händen hielt. Kraftvoll packte er Gretchen, mit der er an diesem noch frühen Dienstagmorgen noch kein einziges Wort gewechselt hatte, schließlich doch an ihren schlanken Armen, nachdem sie kurz zuvor seine Boxershorts ungewohnt wild nach unten gezerrt hatte, um so die Oberhand zurückzubekommen und wollte sich mit der sinnlichsten Versuchung seit der Erfindung von Zartbitterschokolade auf die Seite drehen.

Er wusste nicht, was dann genau geschah und ob er vielleicht etwas zu enthusiastisch seinen männlichen Urtrieben gefolgt war, nachdem er sich hungrig auf seine sinnlich aufseufzende Freundin gestürzt hatte. Marc spürte jedenfalls nur noch einen dumpfen Aufprall, als die Schwerkraft ihn unvermittelt aus dem Bett herauskatapultierte und er bäuchlings auf dem flauschigen Teppich daneben aufwachte. Der Verunfallte brauchte einen Moment, um sich zu sammeln und die Orientierung wieder zu finden. Langsam knipste er seine Augen wieder auf und versuchte seine schmerzenden Knochen zu sortieren, aber vor allem sorgte er sich um seine Liebste, die er wahrscheinlich mit seinem Gewicht... die... die... Hä? Völlig irritiert richtete er sich etwas auf und blickte auf die völlig zusammengeknüllte Bettdecke, die er mit seinen langen Beinen und Armen wie in einem Schraubstock umklammert hielt, und auf seine fast bis in die Kniekehlen heruntergerutschte Unterhose, die seinen knackigen nackten Hintern nicht im Zaum gehalten hatte.

Marc: What... the... fuck...?

...stieß Marc völlig perplex aus und versuchte seine Gedanken zu ordnen, die wilden Samba tanzten. Aber es gelang ihm nur schwer zu begreifen, was doch eigentlich ganz offensichtlich war. Schwerfällig tastete er nach der Nachttischlampe an Gretchens Bettseite, von der er im Eifer des Gefechts heruntergepurzelt war, und schaltete das Licht ein. Er befreite sich strampelnd aus dem blöden Betttuch, das ihn gefangen hielt, und robbte sich unelegant wieder auf das knarrende metallene Bettgestell. Als das erledigt war, stöhnte er erschöpft auf, blickte auf die überraschend leere Bettseite, wo sich eigentlich die sexy Hexy, die ihn gerade hatte verführen wollen, lasziv räkeln sollte und blieb resignierend auf dem Bauch liegen, streckte alle Viere von sich und schmiegte seinen dröhnenden Kopf in den Berg aus rosa Kissen, den sein Goldengel immer aufschichtete und der noch so verdammt aufregend nach ihr duftete, als würde sie immer noch neben ihm liegen und mit ihm kuscheln. Was würde er jetzt genau dafür geben?

Marc: Haasenzahn, was machst du bloß mit mir?

...seufzte der alleingelassene Mann wehleidig und harrte regungslos in dem zerwühlten Bett aus, in dem es sich momentan so verdammt einsam und kalt anfühlte, obwohl er doch eben noch unter Hitzewallungen der extremen Sorte gelitten hatte. Seine Gedanken spielten immer noch Pingpong mit ihm, aber sein Blick wurde langsam klarer. Haasenzahn hatte sich verdrückt! Angesäuert blitzten Marcs dunkelgrüne Augen auf, als er Richtung Tür spannerte, die lediglich angelehnt war. Einer Eingebung folgend sprang er schließlich aus dem Bett, zog sich seine verrutschte schwarze Boxershorts wieder zurecht und stampfte zielsicher ins gegenüberliegende Badezimmer, wo er seine Pappenheimerin vermutete, die jetzt definitiv einen gehörigen Anschiss für ihre nächtlichen Schandtaten abbekommen würde. Ließ einen armen schmerzgepeinigten Mann einfach so mutterseelenallein in der Koje zurück. Das machte man doch nicht! Aber als Dr. Meier dort mit dem wohl fiesesten Ameisenblick, den er in seinem Repertoire aufzubieten wusste, jedoch angekommen war und die Nasszelle im Dunkeln vorfand, kratzte er sich verwirrt am Hinterkopf.

Marc: Das gibt’s doch nicht! Wo steckt die denn um die unchristliche Zeit? ... Ach, was frag ich denn? Wo wird sie um halb fünf Uhr morgens wohl sein, wenn nicht im Bett mit einem hammergeilen Typen wie mich? ... An der Futtertheke! ... Na warte, Fräulein! Jetzt setzt es Saures anstatt Süßes!

Wieder stapfte der entschlossene Oberarzt zielbewusst mit einem breiten fiesen Grinsen im Gesicht davon, musste jedoch vor dem Kühlschrank schon kapitulieren, der ebenso im Dunkeln lag wie der Rest der Meier-Haasschen Penthauswohnung in Berlin-Mitte. Auch in der Küche fand sich kein Schokolade mümmelnder Haase so wie sonst, wenn ihm Gretchen nachts abhanden gekommen war und er sie stets mit dem Löffel im Nutellaglas erwischt hatte. Jetzt hörte der Spaß auch für den Jungmediziner auf. Resignierend setzte er sich auf einen Barhocker. Er ließ seine muskulösen Schultern hängen und nahm dann einen großen Schluck aus der Wasserflasche, die sich auf dem Küchentresen befand, der den Raum vom Wohnzimmer trennte, und trank diese, nachdem er sie kurz abgesetzt hatte, um wenig kunstvoll zu rülpsen, in einem Schwung aus. Als er plötzlich ein Geräusch aus der Nische neben der Wohnungstür vernahm und dort einen schwachen Lichtschein durch die hölzernen Treppenstufen bemerkte, die sie umrahmten und hoch ins Schlafzimmer führten, horchte er jedoch auf. Er stellte die Glasflasche wieder ab, schlich sich auf leisen Sohlen heran, legte beide Hände an die kalte weiße Wand und guckte erwartungsvoll grinsend um die Ecke. Marc stutzte, als er dort nicht wie erwartet das verschollene Häschen mit dem Nussnugatcremeglas entdeckte, das für seinen nächtlichen Ausflug eine Abreibung der Sonderklasse verdient hätte, sondern seine Frau Mama, die nachdenklich in Gretchens Lesesessel neben dem Bücherregal und dem Goldfischaquarium hockte und ihren Sohn erst entdeckte, als dieser sie überraschend ansprach.

Marc: Äh... Mama, was machst du denn hier? Um die unbarmherzliche Zeit? Kannst du etwa auch nicht schlafen? Soll ich dir was geben? Oder hast du noch gar nicht geschlafen? Die Sachen hattest du doch gestern schon an oder irre ich mich?

...stellte Marc verwundert fest und deutete auf Elkes edlen Designerblazer und den farblich dazu passenden dunklen knielangen Rock, den sie sich glatt strich, nachdem sie sich fürchterlich über sein plötzliches Auftauchen erschrocken hatte und nun zu ihrem Jungen aufschaute und sich über dessen zerknautschtes Gesicht und seine in ihren mütterlichen Augen doch recht knappe Bekleidung wunderte.

Elke: Wenn du deine Lebensgefährtin suchst, Marc Olivier, die ist vor ungefähr zwanzig Minuten zur Tür hinausgeschwebt.

...lenkte die für diese Uhrzeit sichtlich angeschlagen wirkende Starautorin bewusst und sehr erfolgreich von sich selbst und dem Grund für ihre Tristesse ab. Augenblicklich wanderte Marcs irritierter Blick von ihr weg und richtete sich erst in Richtung Tür, dann auf den Garderobenständer, wo Gretchens Fahrradhelm fehlte, und schließlich auf seine teure Designerarmbanduhr, die gerade einmal 4.38 Uhr anzeigte. Verwirrt kratzte er sich an seinem Schädel und konnte sich Gretchens nächtlichen Aufbruch überhaupt nicht erklären.

Marc: Hä? Was haut die denn um halb Fünf schon ab? Selbst um die Zeit haben die frühsten Berliner Bäckereien noch nicht auf, wenn sie auf dringendem Schokocroisssantentzug sein sollte.
Außerdem hätte ich ihr doch welche morgen früh äh... heute früh besorgt, wenn ich vom Joggen zurück bin. Was ist hier los? Hier stimmt doch was nicht! Das riech ich doch.
Elke: Als sie mich hier gesehen hat, hat sie nur kurz etwas von einem wichtigen Patienten gemurmelt, hat wild gewinkt und dann war sie auch schon zur Tür hinaus.

...antwortete Marcs Mutter pflichtbewusst auf die Frage ihres Sohnes, welche dieser eigentlich sich selbst gestellt hatte und immer noch stellte. Denn das alles passte so überhaupt nicht zusammen.

Marc: Bitte? Was denn für ein Patient? Also ich weiß von nix. Den Pieper hätte ich doch gehört. Außerdem haben wir nicht mal Bereitschaft. Was soll das also schon wieder, Mutter Theresa Haase?

...stöhnte der unausgeschlafene Chirurg in seinen Eintagesbart und ließ sich schwerfällig auf die helle Couch neben Elke plumpsen, die auch nur unwissend mit den Schultern zucken konnte und mit ihren Gedanken schon längst wieder ganz woanders herumschwebte. Seinen verwuschelten Kopf bettete Marc auf einem der hässlichen bestickten Zierkissen, die Gretchen zum Einzug angeschleppt hatte, weil sie sich hier in der Diele eine Wohlfühloase für nach der Arbeit schaffen wollte, und in das er nun genervt hineinmurmelte, als sein Verstand die Fakten ganz gemächlich zusammengetragen hatte und die rote Lampe endlich leuchtete.

Marc: Boah, ich hätte es wissen müssen, Alf verdirbt einem auch echt alles. Nicht mal mehr ausschlafen kann man(n) mehr, weil Madame an eingebildetem Milchstau oder was auch immer leidet.
Hey, ich leide auch! Haut die einfach zu einem anderen Kerl ab, ohne mir was zu sagen. Na warte, Frau Dr. Theresa, dein Punktekonto bei mir wächst sekündlich und du kannst sicher sein, dass du das unter strengster oberärztlicher Beobachtung abarbeiten wirst.
Elke: Wie bitte?

...blickte Elke ihren sonderbare Hieroglyphen sprechenden Sohnemann verwundert von der Seite an, dem sie - sie wusste auch nicht, warum - kurz über die braunen morgendlich zerzausten Haare strich. Sie zog ihre Hand jedoch sofort wieder zurück, als Marc sich plötzlich wieder aufrichtete und sie mit seinem stechendscharfen Chirurgenblick fixierte, dass sie drohte, sofort und auf der Stelle von ihm durchschaut zu werden.

Marc: Und was ist überhaupt mit dir? Du hast noch immer nicht auf meine Fragen geantwortet. Bist du jetzt erst von Dad nach Hause gekommen? Hat dich die Nachtschwester etwa bei ihm erwischt? Oh là là! Ein neuer Skandal im EKH. Das ist ja mit den Meiers nichts Neues. Hähä! Oder recherchierst du schon wieder für deine alberne Vampirtrilogie? Ich will dich ja nicht enttäuschen, aber der Hype ist, glaube ich, schon lange durch. Bleib doch deinem Motto treu! Kranke Geschichten äh... hähä... Krankengeschichten ziehen immer. Was ist denn mit der Idee von einem Erfahrungsbericht für Frauen in deinem Alter, hmm? So übel ist die doch nicht. Ein Bericht aus erster Hand, das ist nichts, wofür du dich schämen müsstest. Was man von einigen anderen deiner Werke nicht unbedingt behaupten kann. Äh... Hat’s dir jetzt die Sprache verschlagen? Hallo? Erde an Mutterplaneten!

...versuchte ein wieder etwas besser aufgelegter Dr. Meier grinsend aus seiner Mutter herauszukitzeln. Dass Elke jedoch nicht gleich auf seine mehr oder weniger ernst gemeinten Fragen antwortete und stattdessen schweigend zum Goldfisch schaute, der in seinem Glas ruhig seine Bahnen zog, hätte dem jungen Mann zu denken geben können. Kurz bevor er erneut nachhaken wollte, erhob die Mittfünfzigerin dann doch noch ihre tiefe Reibeisenstimme, von der er auch nach über dreiunddreißig Jahren immer noch eine Gänsehaut bekam, weswegen er sich jetzt kurz über seine nackten Oberarme strich.

Elke: Das ist kompliziert, mein Sohn. Ich will dir nicht die Illusionen nehmen.
Marc (runzelt die Stirn u. reibt sich mit dem Finger über die Narbe auf seiner Nase): Hä? Was faselst du denn da? Sprich Klartext, Mutter! Es ist mitten in der Nacht, ich hatte noch keinen Kaffee und mein Hirn ist um die Zeit nur beschränkt aufnahmefähig für dein Pseudointellektuellengequake. Also!

...herrschte Marc sein Gegenüber charmant wie eh und je an. Was blieb Elke Fisher also großartig übrig, nachdem ihr Sohn sie unvermittelt ins Kreuzverhör gezogen hatte? Er würde es eh früher oder später erfahren. Also zog sie tief Luft in ihre Lungen auf und blickte Marc schließlich ungewohnt ernst von der Seite an.

Elke: Dein Vater... er...
Marc: Hast du es ihm gesagt?

...unterbrach der ungeduldig auf dem Sofa herumzappelnde junge Mann mit belegter Stimme ihren Gesprächsanfang. Elke nickte nur und versuchte sich an einem schmalen Lächeln, das aber sofort wieder im Keim erstarb, als sie an die Momente im Krankenzimmer vor wenigen Stunden zurückdachte. War die Stimmung zwischen ihr und ihrem geliebten Olivier trotz ihrer Zwangslage in der Notaufnahme nach ihrem Geständnis noch überraschend entspannt und sogar recht innig und fürsorglich gewesen, als er spontan nach ihrer Hand gegriffen und diese nicht mehr losgelassen hatte, um ihr Beistand und Hoffnung zu geben, hatte sich dies schlagartig verändert, nachdem sie von Haase Junior aus dem Schockraum entlassen worden waren und Olivier auf sein Zimmer gebracht worden war. Sie war nur kurz weg gewesen, um ihrem Mann etwas zu trinken zu holen. Und dann als sie zurückkehrte, da... Elke musste schwer schlucken und sie kämpfte damit, vor ihrem Jungen ihre aufkommenden Tränen geheim zu halten, der sie so voller Erwartung anschaute, dass ihr gleich ganz anders ums Herz wurde. Er würde es nicht zugeben, aber sie konnte es deutlich in seinen Augen lesen. Marc sehnte sich so sehr nach einer stabilen Familie, die sie ihm fast sein ganzes Leben nicht hatten geben können und die sie ihm jetzt so gern schenken würde, wenn es in ihren Händen läge.

Marc (mustert seine Mutter misstrauisch von der Seite): Dann ist doch alles prima. Oder ist noch was? Du bist so komisch.
Elke (blickt ihren Jungen ungewohnt gefühlsduselig an): Ach Marc, mein Junge, ich kann gar nicht in Worte fassen, wie viel es mir bedeutet, dass du dich so für uns ins Zeug legst. Eigentlich sollten das Kinder für ihre Eltern nicht tun müssen.
Marc: Mama, jetzt sei nicht albern! Das Emotionale steht dir überhaupt nicht gut zu Gesicht.

...wiegelte der sichtlich überforderte Dreiunddreißigjährige augenrollend ab und guckte beschämt zum Goldfischglas herüber, wo er jetzt auch noch von diesem dämlichen Fisch mit seinen riesigen Glubschaugen beäugt und in die Enge getrieben wurde. Solche Gespräche waren einfach nicht sein Ding, dann doch lieber stundenlange Diskussionen über den literarischen Wert ihrer Trilliarden an Schmonzettenromanen, und er ärgerte sich tierisch, dass er überhaupt nachgefragt hatte. Wieso hatte er das überhaupt getan? Am liebsten würde er jetzt Gretchen hinterher. Er wollte auch schon aufstehen und das sofort nachholen, aber da spürte er plötzlich Elkes Hand auf seiner. Langsam drehte er sich wieder zu seiner Mutter herum, die ihn immer noch mit starrer ernster Miene ansah. Irgendetwas war komisch an ihrem Blick.

Elke: Es ist vorbei.
Marc: Äh...ja? Das hat jetzt auch der Letzte kapiert. Endlich! Natürlich ist es vorbei. Du hast doch die Ärzte gehört und wenn Mehdi dich noch mal ordentlich durchgecheckt hat, dann... By the way, er wartet noch sehnsüchtig auf den Besuch seiner Lieblingspatientin. Kann es kaum erwarten.

...griente Marc mit gewohntem Meier-Charme, der die sonderbare Stimmung zwischen ihnen beiden auflockern sollte, Elke an, die ihn nur unwirsch anblickte und dann hektisch mit dem Kopf schüttelte. Wie sollte sie ihrem Sohn das nur beibringen, fragte sie sich verzweifelt. Sie hatte es doch selbst noch nicht begreifen können und war stundenlang durch fast ganz Berlin spaziert, bis sie irgendwo im Nirgendwo ein Taxi hierher genommen hatte. Das war jetzt vielleicht zweieinhalb Stunden her. So lange saß sie jetzt bereits schon hier im Halbdunkeln.

Elke: Marc, dein Vater und ich!
Marc (guckt sie unverständlich an u. gähnt einmal laut u. ausdauernd): Ja, was ist mit euch?
Elke (verzweifelt beinahe an ihrem Wortfindungsprozess): Deine Bemühungen, die...
Marc (wundert sich über den stockenden Redefluss der studierten Germanistin u. ahnt etwas): Ist er sehr sauer? Ich weiß, das war nicht die feine englische Art, euch da quasi einzusperren, aber ich hab mir einfach nicht anders zu helfen gewusst. So wie ihr euch verbal die Augen ausgekratzt habt.
Elke (lächelt gerührt wegen seiner Fürsorge): Das weiß ich doch, mein Liebling.
Marc (irritiert von ihrer liebevollen Art): Ja, und? Wie hat er es aufgefasst? Das war sicherlich ein Schock, aber... Er unterstützt dich doch?

...hakte Marc nachdrücklich nach, während er unruhig auf dem kleinen Sofa hin und her rutschte. Elke nickte lächelnd, konnte sich aber eine verirrte Träne nicht mehr verdrücken, die auch von den dunkelgrünen Argusaugen ihres Sohnes verwundert registriert wurde. Auf einmal hatte er ein ganz komisches flaues Gefühl im Bauch, als müsste er sich jeden Moment übergeben. Gespannt blickte er seine zögerliche Mutter an und hoffte endlich auf Antworten.

Elke: Du weißt doch, dass dein Vater der liebevollste und großzügigste Mann ist, den ich kenne. Also neben dir natürlich. Aber...
Marc: Nee, nee, nee, das Aber sparst du dir! Du willst mir jetzt nicht sagen, dass er dich in der Situation alleine lassen will?

...bohrte Marc wütend nach, denn er hatte längst erkannt, was das Zaudern seiner Mutter zu bedeuten hatte. Niemals würde er das akzeptieren und das machte er auch deutlich klar, während die niedergeschlagene Autorin schon längst resigniert hatte. Unglücklich wich sie seinem steten Blick aus.

Elke: Ich hab durch mein Handeln viel zu viel kaputtgemacht. Ich hab jede Chance verspielt.
Marc (aufbrausend wirft er seine Arme in die Luft): Ach, erzähl doch keinen Scheiß! Dad kennt dich. Außerdem ist er Arzt. Er weiß ganz genau, wie Patienten überreagieren können. Und gerade du bist das Sinnbild für diese medizinisch belegte Nebenwirkung, die in jeder Medizinfibel steht. Das weiß er. Gib ihm etwas Zeit, das sacken zu lassen! Ich meine, er hat mit allem gerechnet, sogar mit einem jungen südländischen Hengst, mit dem du ihn ersetzt hast, nur nicht mit dieser Scheißkrebsgrütze. Das wird schon wieder.
Elke (würde seine Hoffnung gerne teilen): Das ist es doch nicht nur. Dein Vater vertraut mir nicht mehr. Ich hab ihn einfach stehen gelassen. Ohne jede Erklärung und Hoffnung auf Zukunft.
Marc: Pff! Denkst du, ich trau dir noch über den Rand eines Wasserglases hinaus? Was denkst du, wieso ich dich bis auf weiteres hier behalte? Ich red mit ihm!
Elke: NEIN, tue das bitte nicht! Ich will dich da nicht noch mehr mit reinziehen. Du hast dein eigenes Leben, das dich... Marc! .... MARC OLIVIER?

Aber zu spät. Ehe sie ihren Widerspruch geltend machen konnte, war ihr Sohn längst aufgesprungen, war entschlossen in sein Notquartier im Gästezimmer gestapft, hatte sich in Windeseile in seine Arztklamotten geschmissen und war schneller an der Tür gewesen, als Elke ihn mit Worten und Taten hätte aufhalten können. Die Wohnungstür fiel scheppernd ins Schloss und Marcs Mutter ließ sich seufzend auf eine Treppenstufe fallen. Was hatte sie da nur schon wieder angerichtet? Schweratmend hielt sie sich ihre Hand an ihr heftig puckerndes Herz. So entschlossen und hitzköpfig wie ihr Marc Olivier sein konnte, vielleicht hörte ihr Corazón ja doch auf ihn. Dieses Mal würde sie ihren Mann nicht so leichtfertig aufgeben wie vor über zwanzig Jahren. Sie würde Olivier Meier beweisen, dass er ihr noch vertrauen konnte und dass sie immer noch eine Chance hatten, auch wenn dies ein schwerer Weg werden würde. Ihr alter Kampfgeist, den sie eben noch verloren geglaubt hatte, war wiedererwacht.

Lorelei Offline

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27.07.2014 10:14
#1489 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Knapp fünfzehn Minuten und diverse Geschwindigkeitsüberschreitungen später hatte Dr. Marc ‚Rosberg’ Meier das Elisabethkrankenhaus erreicht und hatte eben jenes im Eilschritt geentert, nachdem er den schwarzen Porsche seiner Mutter mit quietschenden Reifen in seine Parklücke gelenkt hatte. Dass er dabei am Eingang fast den Nachtwächter, der gerade seinen letzten Kontrollgang vor der morgendlichen Ablösung tätigte, über den Haufen gerannt hätte, hatte der rasante junge Arzt ebenso wenig registriert wie das monotone Kopfschütteln des alten Herrn Schröder, der ihm, seine Uniform wieder zurechtrückend, seufzend nachblickte und in seiner fast vierzigjährigen Dienstzeit hier an diesem wunderbaren kleinen übersichtlichen Berliner Klinikum schon so einige Flegeleien der ach so hochwohlgeborenen Götter in Weiß hautnah miterlebt hatte. Marc Meier blieb da keine Ausnahme. Der war mindestens genauso ein Pappenheimer wie einst Franz Haase, als dieser hier in den frühen Siebzigern seinen Dienst als engagierter und oftmals sehr übermütiger Jungmediziner aufgenommen hatte, wenn nicht sogar ein noch viel größerer.

Zielsicher steuerte Marc den Fahrstuhl an. Als dieser jedoch nicht gleich kommen wollte, obwohl er robotermäßig immer wieder auf den Rufknopf einhämmerte wie auf den Punchingball, der in seinem Arbeitszimmer zuhause stand und den er gerade jetzt gerne ein bisschen bearbeitet hätte, sprintete der ungeduldige Mann eben ins Treppenhaus und rannte, zwei Stufen auf einmal nehmend, in den dritten Stock, den er auch sogleich mit einem noch nie erzielten krankenhausinternen Spitzenwert erreichte, den nicht einmal ein Usaint Bolt bei Olympia geschafft hätte. Mit entschlossenem Blick und zunehmend wutrot anlaufendem Gesicht, das sogar die sonst so taffe und unnachgiebige Nachtschwester und ihre Kollegen dazu verleitete, sich verängstigt ins Stationszimmer zurückzuziehen, dessen Tür sie schnell hinter sich schlossen, bevor sie noch einen verbalen Faustschlag abbekamen, marschierte Dr. Meier den langen Korridor vor und hatte sein Ziel bereits fast im Visier, als er wie zufällig zur Seite blickte und abrupt an einer großen buntbemalten und beklebten Fensterscheibe zum Stehen kam wie ein schwer beladener PKW nach einer Vollbremsung an einer roten Ampel.

Eigentlich hatte Elke Fishers Sohn gar nicht vorgehabt, auf seinem Weg quer durch die Gynäkologie zur angrenzenden chirurgischen Abteilung Halt zu machen, aber dieses Bild, das sich hinter der Scheibe verbarg, fesselte ihn sofort und auf der Stelle. Und zum ersten Mal an diesem noch recht frühen Dienstagmorgen, an dem er so unsanft geweckt worden war, kam er kurzzeitig zur Ruhe und konnte durchatmen. Sogar ein kleines Lächeln legte sich auf seine Mundwinkel, die eben noch weiter heruntergezogen waren als die der Chefin seines Heimatlandes, als er langsam näher trat und durch das leicht milchige Glas in das Innere des Raumes blickte. Und da saß sie also in der Ecke, im schwachen Schein eines Märchenmotivnachtlichtes, bildschön und engelsgleich wie eh und je selbst zu dieser frühen Stunde, und trübte überhaupt kein Wässerchen. Dabei hatte er mit seinem fahnenflüchtigen Haasen doch auch noch eine Rechnung offen, wenn auch diese bei weitem nicht so hoch ausfiel wie die mit seinem alten Herrn, zu dem er gerade auf dem Weg gewesen war.

Aber das zählte nun nicht mehr. Allein ihr Anblick entschädigte Marc Meier für all die Strapazen und unerwarteten Turbulenzen, die er in der vergangenen Dreiviertelstunde hatte erleiden müssen. Gretchen saß auf ebenjenem Stuhl, auf den ihn gestern Schwester Sabine gedrängt hatte, und hielt beschützend ebenjenen kleinen Chaosstifter im Arm, den er gestern vor der verrückten, Mond anbetenden Krankenschwester in Schutz genommen hatte, und schien ebenso wie dieser eingenickt zu sein. Denn ihr süßer blonder Lockenschopf hatte leichte Schieflage bekommen und konnte nur durch die angrenzende Wand auf Schulterhöhe gehalten werden. Die beiden sahen einfach hinreißend zusammen aus, irgendwie befremdlich, aber doch auch sonderbar vertraut, und Marc konnte gar nicht mehr aufhören, verliebt vor sich hin zu lächeln.

So bemerkte er auch nicht gleich, wie sich eine ihm sehr vertraute Person langsam von hinten an ihn heranschlich, erst zögerte und ihm dann doch neugierig über die Schulter linste, wobei sie überrascht den verträumten Blick einfing, welcher sich in der Fensterscheibe spiegelte. Auch dieser Mann im unmodischen OP-Grün bekam ein verräterisches Leuchten in seine dunklen Augen, als er seine beste Freundin mit dem schlafenden Baby im Arm etwas länger als nötig in dem Zimmer betrachtete und sich in Gedanken ausmalte, wie es wohl wäre, wenn auch sie und der einstige Misanthrop und Kinderschreck so großes Glück zuteil bekommen würden, wie es ihm und Gabi gerade geschenkt wurde und er stellte sich sogar vor, wie Marc und er sich Wettrennen mit den Kinderwagen im Park des Elisabethkrankenhauses liefern würden. Der Halbperser musste selber über seine Gedanken schmunzeln, guckte seinen abwesend wirkenden Kumpel mit leicht zur Seite geneigtem Kopf an und stupste, als er immer noch nicht auf ihn reagierte, den Chirurgen schließlich mit dem Ellenbogen leicht an, der daraufhin erschrocken zusammenzuckte, was Mehdi gleich noch mehr amüsierte.

Mehdi: Na, mein Freund, probt ihr schon für den Ernstfall?
Marc: Was? ... Boah, Kaan, musst du dich so anschleichen wie eine hinterlistige Schlange? Du musst echt nicht jede Eigenart deiner äh... Dings... ähm... Freundin zu deiner eigenen machen. Das steht dir nämlich genauso wenig wie dieser alberne Wildwuchs, mit dem du neuerdings dein eh schon hässliches Gesicht verschandelst und die Neugeborenen zurück in den Uterus ihrer Mütter verschreckst.

...traf den gutmütigen Gynäkologen die volle Breitseite der ganz besonders „guten“ Laune von Dr. Marc Olivier Meier, der sich, nachdem er unverhofft angesprochen worden war, verwirrt mit dem Handballen über die Stirn fuhr und daran rieb. Sichtlich angenervt fixierte er seinen Kollegen und besten Freund, der sich grinsend und völlig unbeeindruckt von der Meierschen Wortgewalt mit seiner linken Schulter gegen die Wand neben ihm lehnte, mit einem finsteren Blick, welcher schon so manchen, der die morgendliche Laune des äußerst „beliebten“ Oberarztes schmerzlich kennengelernt hatten, in die Flucht getrieben hatte. Aber nicht so Dr. Kaan. Nach jahrelangen Studien am lebenden Objekt, das gerade in seiner ganzen Selbstgefälligkeit wie ein offenes Bilderbuch sehr ertappt vor ihm stand, konnte er die wahre Stimmungslage des Morgenmuffels richtig deuten und so auch ziemlich locker damit umgehen, dass dieser schon wieder eine wenig schmeichelhafte verbale Spitze gegen die Frau, die er liebte, geschossen hatte und auch gegen ihn selbst als attraktiven und beliebten Frauenarzt, der schon das eine oder andere Kompliment von seinen Patientinnen für seinen neuen Gesichtsschmuck bekommen hatte, der auch Gabi mehr als gefiel, wie sie ihm immer wieder mit schmachtenden Blicken bestätigte. Mehdi Kaan war komplett im Einklang mit sich selbst, seinem Äußeren, seinem ganzen Leben, da konnte Marc auch noch so grummelig sein und seine unmittelbare Umgebung mit in sein Stimmungstief ziehen, was auch immer der Grund dafür war.

Mehdi: Ich wünsche dir auch einen wunderschönen guten Morgen, Marc.
Marc: Ach, leck mich doch, du!

...grummelte Marc angefressen in seinen Eintagesbart, während er noch einmal auf Gretchen blickte, die immer noch ruhig mit Anton im Arm auf dem schmalen Hocker schlief und dabei einfach nur anbettungswürdig süß aussah, weil sich ihre Schräglage noch einmal um zwanzig Grad nach links verschoben hatte und sie damit ihrem großartigen Talent für Missgeschicke und sonstige Tollpatschigkeiten aller Art einen gewaltigen Schritt näher gekommen war. Er lehnte sich ebenfalls auf der anderen Seite des Fensters lässig an die Wand, ohne sein dauergrinsendes dickes Gegenüber mit dem gepflegten Dreitagebart, der ihm doch schon irgendwas Verwegenes und Cooles wie bei einem dieser unkonventionellen TV-Ermittler gab, auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen. Für einen kleinen freundschaftlichen Smalltalk mit Mehdi war er dann aber doch zu haben.

Marc: Was treibst du dich eigentlich auch schon um die Zeit hier herum, Kaan? Hat Gabi dich rausgeschmissen? Oder bist du geflüchtet? Weise Entscheidung, Alter!
Mehdi: Tja, die kleinen Racker kommen leider nicht nach durchstrukturiertem Zeitplan, wie du dir vielleicht denken kannst, mein Freund.

...konterte Mehdi fröhlich und ignorierte schon wieder die nächste gegen seine Traumfrau gerichtete Meiersche Gehässigkeit, weswegen er einen ungläubigen Blick von Marc kassierte, der nicht verstehen konnte, wie man kurz nach halb sechs Uhr morgens schon so ekelhaft gutgelaunt sein konnte, und blickte unruhig den Flur hinunter. Und wie aufs Stichwort kam in diesem Moment das Unheil in personifizierter Form von Schwester Gabi um die Ecke gehastet. Sie blieb vor Mehdis Bürotür stehen, da sie ihren Chef darin vermutet hatte, und sah mit verschränkten Armen und wippendem rechten Fuß angesäuert auf die beiden Männer vor dem Säuglingszimmer.

Gabi: Meeehdiii, verdammt, wo bleibst du denn? Erst schmeißt du mich zur unchristlichen Zeit aus dem Bett, weil es angeblich so sehr eilt, und dann schwatzt du hier stundenlang mit dem da. Vielen Dank auch! Die Hebamme ist übrigens auch schon da und WARTET. Das Kind in Steißlage wird das sicherlich nicht tun. Trotz zunehmendem Platzproblem.

Marc: Uuuhhh...da scheint aber jemand mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden zu sein. Schlechten Sex gehabt? Oder eine Dosis zu viel, um am nächsten Tag fit im Kreißsaal stehen zu können, hmm?

...konnte sich Marc eine weitere Spitze nicht verkneifen, die bereits startbereit auf seiner Zunge gelegen hatte, und griente seinen augenrollenden Freund wieder um Weiten besser gelaunt an, der Gabi hektisch zuwinkte und sich nun, sich jeden Kommentar aussparend, aufmachte zu gehen.

Mehdi: Komme sofort, Schwester Gaaabiii!
Marc: Sagst du das auch jedes Mal, wenn ihr im Bett oder hier in der Wäschekammer...?

...kam Dr. Meier immer mehr auf Touren, um seinen Kumpel erfolgreich zu ärgern, und hatte sichtlich einen Heidenspaß dabei. Dr. Kaan dagegen nicht. Tief Meier hatte es dann doch noch geschafft, seine von Glücksendorphinen getränkte Laune zu verhageln. Zähneknirschend wandte er sich dem Spaßvogel vom Dienst wieder zu, der eigentlich gar keiner war. Aber je mehr man diesen dafür kritisierte, umso mehr schoss er sich dann auf einen ein. Ein nerviger Teufelskreis, den man nur mit sehr, sehr viel Geduld durchstehen konnte.

Mehdi: Du bist ein echtes Ekel, Marc. Ich weiß wirklich nicht, warum ich mich trotzdem mit dir abgeben möchte. Hast du am Wochenende Zeit? Oder am Freitagabend?

...bemühte sich Mehdi um diplomatische Zurückhaltung, während er sowohl Marcs Spitzen als auch Gabis ungeduldige Blicke ausblendete. Er hatte nämlich mit Einverständnis seiner schwangeren Freundin beschlossen, endlich die frohe Botschaft zu verkünden. Länger könnte er es nämlich nicht mehr für sich behalten. So sehr platzte er schon vor lauter Stolz und Vorfreude und das musste endlich raus, bevor er sich noch mit seinem Dauergrinsen wie vor seiner Mutter und seinem Vater verriet, die bislang neben Gabis bester Freundin Chantal die einzigen waren, die bereits eingeweiht waren. Und mit dem schwierigsten aller Patienten wollte er beginnen, weil ihm einfach wichtig war, dass er Marc auf seiner Seite wusste und dass dieser verstand, wie ernst es ihm tatsächlich mit seiner neuen großen Liebe war. Das Vergangene sollte dabei keinen Schatten mehr auf ihr hart errungenes Glück werfen.

Überrascht von dem abrupten Themenumschwung blickte Marc den Halbperser von der Seite an, der ihm wohlwollend in die Augen sah, musterte noch einmal argwöhnisch dessen biestiges Anhängsel im Hintergrund, das ungeduldig mit ihren manikürten Fingernägeln gegen den Türrahmen der Praxis ihres Chefs trommelte, und griente ihn schließlich zustimmend an, wobei er sich natürlich einen weiteren Spruch nicht verkneifen konnte. Aber das war nun mal einfach sein Naturell und gegen das war kein Kraut gewachsen.

Marc: Du meinst für eine richtig geile Sauftour unter echten Männern? Hmm... Immer! Wird auch Zeit, dass du mal von ihrem kurzen Rockzipfel wegkommst. So fixiert wie du auf sie bist.

Gabi: DOOOOKTOOOR KAAAAAN!!!!

...schallte es wieder unüberhörbar über den Flur der Gynäkologie und der Angesprochene reagierte auch prompt. Mehdis Füße setzten sich schon von ganz allein in Bewegung, nachdem er Marc widerwillig zugenickt hatte. Eigentlich hatte er sich ein anderes Ambiente für dieses Gespräch der Gespräche vorgestellt, aber wenn sein kritischer Freund ein bisschen angeschäkert war, könnte er ihm sein Anliegen vielleicht besser vermitteln. Auf den Versuch kam es an. Und wenn das nicht funktionierte, könnte er sich immer noch Gretchen anvertrauen. Das war sein Plan B.

Mehdi: Lass uns später noch mal reden, ja? Ich muss. Aber ich freu mich. Wirklich.

Marc blickte seinem Kumpel, der ihn bei dieser Aussage so komisch aus glasigen Augen angeschaut hatte, mit hochgezogener Augenbraue misstrauisch hinterher, wie er am Ende des Flurs von der Zicke der Station in Beschlag genommen wurde, die ihn mit irgendetwas zutextete, was Mehdi wiederum lediglich mit einem Lächeln abtat. Und als dieser sie dann auch noch unvermittelt stürmisch abknutschte, weil sie nicht aufhören wollte, ihm ihren Unmut oder was auch immer entgegenzuschmettern, musste er sich angewidert wegdrehen. Diesen Anblick würde er vermutlich auch in vierzig Jahren noch nicht ertragen können. Das war das gleiche wie mit Frauenfußball oder wenn Haasenzahn ihre dämliche Nutella auf ein bereits mit Butter bestrichenes Brot schmierte und dann gierig hinter schlang.

Dennoch freute er sich auf den Abend mit seinem alten Freund. Das hatten sie schon so lange nicht mehr gemacht. Eigentlich seit Jahren nicht mehr, wenn er mal genauer darüber nachdachte. Erst war die ganze Scheiße mit Anna gewesen. Die Verzweifelung. Das Unverständnis. Der Selbstmordversuch. Der harte Weg zurück. Dann, als er endlich wieder unbekümmert mit ihm umgehen konnte, kam ihm die dämliche Notlüge in die Quere, er hätte vor dem Unfall was mit seiner Frau gehabt, nur um von ihrer eigentlichen Vergangenheit abzulenken, welche dem labilen Frauenarzt vermutlich noch den Rest gegeben hätte, was aber trotzdem fast ihre Freundschaft kaputtgemacht hätte. Die längste und tiefreichendste Freundschaft, die er je mit einem anderen Wesen seiner eigenen Spezies oder überhaupt mit einem anderen Menschen geteilt hatte.

Und dann war da ja auch noch die kurze, aber offenbar doch recht intensive Affäre mit Gretchen gewesen. Seinem Gretchen wohlgemerkt! Ein Kapitel, das Marc gerne aus seinem Gedächtnis streichen wollen würde und das ihn immer daran erinnerte, was für ein bescheuerter Idiot er doch gewesen war, weil ihm damals noch nicht bewusst gewesen war, was das flaue Gefühl im Magen bedeutet hatte, wenn er die beiden so glücklich und vertraut zusammen gesehen hatte. Nicht auszudenken, wenn die beiden es hinbekommen hätten. Doch dann war doch alles ganz anders gekommen. Anna wachte auf. Gretchen war zwar wieder frei, aber Gabi drängte sich mit Allmacht in seine Leben, so wie sie es jetzt auch mit Mehdis Leben tat. Und so wie es augenscheinlich aussah, hatte sie diesmal sogar Erfolg damit. Dem verknallten Dorfdepp schien es tatsächlich ernst mit ihr zu sein. So ernst, dass er nicht nur zusammen mit ihr arbeitete und stoisch ihre verrückten Launen ertrug, sondern sogar mit ihr ein und dieselbe Wohnung teilte und, wie man gerade wieder eindrucksvoll erlebt hatte, rundum glücklich und zufrieden damit war. Vielleicht war es doch endlich mal an der Zeit, einen Schlussstrich darunter zu ziehen und es zu akzeptieren, was nicht hieß, dass er sich ab sofort zusammenreißen und nicht mehr seinem Naturell für kleine spezielle Scherze folgen würde. Dazu machten die einfach viel zu viel Spaß.

Ja, er freute sich richtig auf ein paar entspannte Stunden in bierseliger Runde mit seinem liebeskranken Kumpel, den er mal wieder von seiner Wolke in die Realität zurückholen würde. Das lenkte ihn selbst vielleicht auch von dem ganzen obermegapeinlichen Chaos ab, das seine Eltern gerade fabrizierten und mit dem sie ihm den letzten Nerv raubten. Apropos, da war doch noch was, was er noch dringend erledigen wollte, bevor der richtige Dienst in anderthalb Stunden losging. War es zu vermessen, einen Patienten mit Rippenfraktur und leichten Prellungen schon kurz nach sechs Uhr morgens aus seinem Bett zu schmeißen, um ihm die Ohren lang zu ziehen oder ihn für therapeutische Zwecke ordentlich durchzuschütteln? Nö, dachte Marc entschieden und musste plötzlich breit grinsen. Das hatte Dad sich jetzt selbst zuzuschreiben, murmelte er, während er sich in Gedanken bereits vorfreudig die Hände rieb. Es wäre doch gelacht, wenn er nicht ein bisschen Ordnung in das Familienchaos Meier bringen könnte, um morgen wieder beruhigt ausschlafen zu können.

Mit Schwung drehte sich der entschlossene Chirurg herum, um sich auf den Weg zu dieser äußerst komplizierten Operation zu machen, für welche er hoffentlich keine Skalpelle benötigen würde, und wäre beinahe mit Schwester Sabine zusammengeprallt, die wie aus dem Nichts mit zwei Plastikbechern dampfenden Tees in ihren Händen hinter ihm erschienen war und gerade noch rechtzeitig zurückspringen konnte, bevor das Heißgetränk überschwäppern konnte. Irritiert starrte Marc die kleine blonde Krankenschwester an, die mal wieder dem gestrengen Blick ihres Oberarztes nicht standhalten konnte und ihre ängstlich zusammengekniffenen Augen stattdessen auf ihre Birkenstocksandalen lenkte.

Marc: Überraschend gute Reflexe, Schwester Sabine.
Sabine: Oh... oooh, danke, Herr Doktor Meier.

...stammelte Sabine nervös und machte sich extra klein, so wie sie es immer tat, wenn sie ehrfürchtig ihrem Chef gegenüberstand und nicht wusste, was sie erwidern sollte. All ihre guten Vorsätze, sich auch einmal selbstbewusst gegen Dr. Meier zu behaupten, die sie während ihrer Hochzeitsreise geschlossen hatte, waren vergessen. Scheu blickte sie zu dem Fenster neben sich und deutete mit einem der braunen Becher auf die blaue Tür, hinter der sich ihre beste Freundin befand.

Sabine: Die... die Frau Doktor... also Gretchen hat mich und Günni gerade abgelöst und ich... ich wollte ihr mit dem Tee etwas Gutes tun, bevor wir nach Hause fahren und uns von unserem Jetlag erholen.
Marc: Ah ja!?

Verwirrt blickte Dr. Meier noch einmal in das Zimmer, in welchem Gretchen und der kleine Anton friedlich schliefen. Er seufzte und nahm Sabine einen der Becher pappfrech aus der Hand. Er wollte gerade daran nippen, aber allein schon der sonderbare Geruch des Getränks verleidete ihm dies. Und mit seiner Meinung hielt er natürlich auch diesmal nicht vor dem Tor.

Marc: Danke, das übernehme ich. Lassen wir sie noch ne Runde pennen, bevor ihr eigentlicher Dienst losgeht. War ne kurze Nacht. ... Nicht nur für sie. ... Bäh! Was ist das denn für eine widerliche Plörre? Obwohl... Will ich das wirklich wissen? ... Nope! ... Ab nach Hause mit Ihnen, Schwester Sabine! Den einen Tag kriegen Sie zum Wiedereingewöhnen als Kulanz. Aber morgen sind Sie pünktlich wieder zur Stelle. Ohne Ausflüchte oder Ablenkungen wie dieser hier. Ich hoffe, Sie haben während Ihres Flitterdingens nicht vergessen, wie ich meinen Kaffee mag.

...motzte Marc in gewohnt strenger Oberarztmanier, während er seine perplexe Stationsschwester im nächsten Moment einfach stehen ließ und sich mit einem verräterischen Grinsen auf den Lippen auf den Weg in die Chirurgie machte. An einem Papierkorb machte er kurz Halt und warf den stinkenden Becher samt Inhalt hinein. Sabine blickte ihrem Vorgesetzten irritiert hinterher und merkte dabei nicht gleich, wie aus der anderen Richtung ihr Mann näher kam und sie plötzlich von hinten mit seinen Krakenarmen umschlang und an sich zog, was sie kurz zusammenschrecken ließ. Dieses Mal schwäpperte der Teebecher dann aber doch über und befeuchtete das Laminat und ihre Birkenstocksandalen.

Sabine (noch auf Dr. Meier gepolt murmelt sie vor sich hin): Vor der Visite einen extrastarken doppelten Espresso. Eine Stunde später stark und ohne Milch und Zucker. Mittags der nächste und dann... Ups! Herrje!
Günni (tritt mit fragender Miene vor seine vor sich hin murmelnde Ehefrau): Was meinst du, Purzelchen?
Sabine (wiegelt verwirrt ab, als sie merkt, dass Dr. Meier schon weg ist, u. wischt den teegetränkten Fußboden schnell mit zwei Tempotaschentüchern trocken, die sie aus ihrer grauen Juteumhängetasche hervorgeholt hat): Ach nichts, Schnurzelchen! Wir können. Anton ist endlich rundum zufrieden eingeschlafen. Und die Frau Doktor ruht sich auch noch ein bisschen aus. Willst du ihren Fencheltee mit doppeltem Schuss Honig und einem Spritzer Milch? Ist aber leider nicht mehr viel davon in ihrem Becher und den anderen hat Dr. Meier ähm... mitgenommen.
Günni: Gerne, mein Liebling.

...lächelte Dr. Gummersbach seine Frau auf seine unnachahmliche Art an, die ihr Herz gleich doppelt und dreifach höher schlagen ließ. Er gab ihr ein schüchternes Eskimoküsschen mit der Nasenspitze, sodass sie verlegen kichern musste, und übernahm anschließend ihren Teebecher, den er rasch austrank und dann den Hygienevorschriften entsprechend fachgerecht entsorgte. Langsam schlenderte das frischverheiratete Ehepaar Gummersbach Arm in Arm den Gang in Richtung Fahrstühle vor. Dr. Meier war derweil in die genau entgegengesetzte Richtung unterwegs. Er verschwand kurz in seinem Büro, kam aber nur eine Minute später wieder heraus. Noch während er in schnellen Schritten über den Flur lief, warf er sich in einer geschwungenen eleganten Bewegung den Kittel über sein hellblaues Polohemd. Vor der Tür neben seinem Sprechzimmer blieb er kurz stehen, haderte einen Moment, ob er das jetzt wirklich tun sollte, weil er sich auch noch nicht wirklich zurechtgelegt hatte, was er seinem alten Herrn nun entgegenschleudern sollte. Er schüttelte aber den Kopf und stürmte im nächsten Moment ohne Anzuklopfen das Patientenzimmer, das noch im Dunkeln lag. Er schaltete das Licht ein, das dank der Neonröhren etwas brauchte, um die richtige Helligkeit zu erreichen. Aber das störte Marc nicht, als er bestens gelaunt mit den Händen in den Kitteltaschen durch den Vorraum spazierte und sich anschließend lässig vor dem Patientenbett positionierte, an dessen Fußende er das Klemmbrett mit den Werten herauszog, welches er kurz überflog, als stünde gerade tatsächlich die Visite an, und dann gegen seinen gespannten Brustkorb drückte, als er mit seinem typischen Meier-Grinsen aufschaute.

Marc: So, Herr Professor Meier, ausgeschlafen? Als Spezialpatient der Chefleitung dieser Station kommst du in den wunderbaren Genuss, ganz allein vom Oberarzt höchstpersönlich versorgt zu werden. Die Visite findet daher auch etwas eher und in vertrauter Runde unter vier Augen statt und geht auch ganz zügig vonstatten, wenn du dich brav verhältst, Dad. Also...

Marc nahm erst recht spät zur Kenntnis, dass etwas nicht stimmte. Denn trotz des Krawalls, den er kurz nach sechs Uhr morgens hier in dem Privatpatientenzimmer veranstaltete, blieb es doch ungewöhnlich ruhig im Bett, vor dem er stand. Keinerlei Protest von seinem Vater, der doch sonst ein ähnliches Temperament an den Tag legte, wenn ihm etwas gewaltig gegen den Strich ging, wie sein Herr Sohn, das war schon sonderbar. Als dieser dann die gelb-weiß gestreifte Bettdecke langsam etwas nach unten zog, registrierte der verdutzte Oberarzt auch, woran das lag. Das Patientenbett war nämlich leer! Fassungslos starrte er darauf und ließ Oliviers Akte auf das zusammengerollte Betttuch sinken.

Marc: Das glaub ich jetzt nicht. Der wird doch nicht etwa... Papa?

Lorelei Offline

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31.07.2014 10:49
#1490 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Und während der völlig geschockte Oberarzt noch damit haderte, ob er sich nicht doch noch in einem nicht enden wollenden Albtraum befand, in den man ihn ohne Vorwarnung hineingeschmissen hatte, um ihn mal so richtig zu quälen und zu drangsalieren, und sich deshalb einmal kräftig in den Unterarm zwickte, woraufhin sich schnell ein dunkelrotes Hämatom auf seiner winterblassen Haut abzeichnete, hörte er ein verdächtiges Geräusch aus dem angrenzenden Badezimmer und atmete erleichtert auf. Doch nicht ausgebüxt, der alte Schlawiner! Die Tür wurde aufgesperrt und in dem schmalen Lichtschein, der aus dem Raum heraustrat, erkannte er seinen angeschlagenen Vater, der sich humpelnd an der Wand entlang zurück in sein Zimmer hangelte und der komischerweise das äußerst vorteilhaft geschnittene schicke Krankenhaushemd gegen normale Freizeitklamotten gewechselt hatte. Marc kam ihm sofort zur Hilfe und wollte den alten Herrn stützen, doch Olivier, der überrascht auf seinen Sohn blickte, mit dem er um die Uhrzeit noch nicht gerechnet hatte, hielt ihn armwedelnd davon ab. Das konnte er noch alleine. Schließlich hatte man ihm nicht die Extremitäten amputiert. Auch wenn es sich anfühlte, als hätte man ihm das Herz bei lebendigem Leibe herausgerissen. Aber daran wollte Elkes Mann im Augenblick nicht denken. Erst einmal ein Schritt nach dem anderen. Und das hieß, erst einmal die Rippenschmerzen wegzuatmen und dann den tobenden Sohnemann zu besänftigen, der, wie zu erwarten war, offenbar aus nur einem ganz bestimmten Grund hier vor seinem Dienst erschienen war.

Marc: Sag mal, bist du noch bei Trost, Dad? Du sollst liegen und nicht durch die Weltgeschichte spazieren in deinem Zustand. Du hast zwei gebrochene Rippen, verdammt.
Olivier (unbeeindruckt von der Meierschen Schimpftirade schiebt er sich lässig an dem jungen Mann in Weiß vorbei): Mein Sohn, das musst du mir nicht extra sagen, das spüre ich auch so mit jeder einzelnen Bewegung. Aber andere Notwendigkeiten lassen sich leider nicht auf Dauer aufhalten.
Das glaube ich jetzt nicht! Findet der das etwa noch witzig, oder was?
Marc (verdreht die Augen): Boah, wenn du schiffen musst, warum klingelst du nicht nach der Schwester, die dich ins Bad bringt? Was denkst du, wozu wir die sonst eingestellt haben? Zum Däumchendrehen und furchtbar kitschige Neunziger-Jahre-Arztserien-Gucken?
Olivier (lächelt seinen Jungen verschmitzt von der Seite an, während er sich mit einer Hand an einer der Schranktüren abstützt u. mit der anderen eine davon öffnet): Ihr habt wirklich sehr, sehr reizendes und aufmerksames Personal hier, aber es gibt einfach Dinge im Leben eines Mannes, die übernimmt er lieber in Eigenregie. Wenn du verstehst?

Marc schüttelte nur ungläubig mit dem Kopf. Er hatte ganz vergessen, wie speziell der Humor seines alten Herrn sein konnte und dieser war trotz der angespannten Situation, in der sich seine Familie gerade befand, wenn man diese überhaupt noch als solche bezeichnen konnte, recht ansteckend. Lässig lehnte sich der grinsende Chirurg mit dem Oberkörper über das metallene Fußende von Oliviers Patientenbett und bemerkte nicht gleich, wie sein Dad eine kleine Tasche aus dem Schrank holte, diese auf das Bett stellte und anfing, seine wenigen Habseligkeiten darin zu verstauen.

Marc: Du bist echt unverbesserlich, Dad. Aber... Ähm... Können wir reden?
Olivier: Tun wir das nicht schon gerade?

...konterte Olivier keck und griente über seine Schulter hinweg zu Marc, der das ansteckende Grinsen seines Vaters, das sich in seinem Gesicht eins zu eins spiegelte, gleich mit übernahm. Aber dann kam ihm plötzlich das Gespräch mit seiner Mutter von vorhin wieder in den Sinn und Marcs Blick verlor die Leichtigkeit, die er eben noch gezeigt hatte, und wich einer beklommenen Traurigkeit, die eigentlich für einen Mann seines Alters peinlich sein müsste. Ernst richtete er sich wieder auf, trat um das Krankenbett herum und setzte sich darauf, während er seinen Dad vor den Schränken mit zusammengekniffenen Augen ins Visier nahm.

Marc: Was hast du Mum genau gesagt? Die ist voll fertig, Mann.

Überrascht von dem abrupten Themenwechsel drehte sich Olivier nun ganz zu seinem Sohn herum und blickte ihn schwer aufseufzend an. Er wusste nicht, was er sagen sollte, so traurig und enttäuscht schaute ihn sein kleiner Junge mit seinen dunkelgrün schimmernden hoffenden Augen an. Wenn der weiße Arztkittel nicht gewesen wäre, der sein wahres Alter und seinen Status verriet, würde Marc fast schon wie damals aussehen, in Momenten, in denen er schweren Herzens gezwungen gewesen war, seinem elfjährigen Sohn den einen oder anderen Wunsch abzuschlagen, wie mehr Zeit mit ihm zu verbringen anstatt ständig nur im Krankenhaus zu sein, wo er sich vor den nächsten Streitigkeiten mit Marcs Mutter versteckt gehalten hatte, bis diese letztendlich zwei Jahre später komplett eskaliert waren. Mit dem Ausgang, an dem alle drei noch immer zu knabbern hatten. So schlimm war es zum Glück heute nicht mehr. Er und Elke hatten sich nicht gestritten. Im Gegenteil. Sie hätten sich gestern beinahe noch geküsst, wenn Olivier nicht noch rechtzeitig zur Besinnung gekommen wäre.

Olivier: Marc...
Marc: Dir ist aber schon die Tragweite bewusst, oder?

Die unverhohlene Sorge und Verletzlichkeit, die in Marcs Stimme mitschwangen, trafen Olivier mitten ins Herz. Langsam schritt er auf ihn zu und setzte sich neben ihn auf das Bett. Die Sachen, die er aus dem Schrank geholt hatte, legte er sorgsam auf das Kopfkissen neben die Reisetasche, die er dort abgestellt hatte. Beklommen blickte er geradeaus auf die schmalen Holzfächer des Schrankes, weil er nicht den Mut hatte, Marc direkt in die Augen zu blicken.

Olivier: Natürlich tut es mir leid, dass gerade ihr dies widerfahren musste und ich werde sie auch bei jedem weiteren Schritt unterstützen, der sein muss, falls erneut etwas auftreten sollte, was ich nicht hoffe.
Marc: Das hört sich aber immer noch nach einem gewaltigen Aber an.

...scheute sich sein dreiunddreißigjähriges Ebenbild nicht zu fragen und sah dabei direkt in Oliviers Gesicht, das dieser bedrückt gen Zimmerdecke gerichtet hatte. Man merkte dem weißgraumelierten Mittfünfziger deutlich an, dass er schwer mit sich kämpfte und wie unsicher er doch mit seinen Entscheidungen war, die doch eigentlich unabänderlich sein sollten.

Olivier: Marc, ich liebe deine Mutter. Ich habe sie immer geliebt und werde sie auch immer lieben. Daran wird sich niemals etwas ändern. Das steht fest, seitdem ich ihr in der Schule zum ersten Mal in ihre aufmüpfig aufblitzenden dunklen Augen geblickt habe, als sie sich als Einzige gegen die ungerechte Notenvergabe unseres alten Deutschlehrers aufgelehnt hatte und beinahe eine Schülerrevolte angezettelt hätte, wofür sie sicherlich von der Schule geflogen wäre, wenn ich mich nicht für die schöne Dunkelhaarige mit der rauchigen Samtstimme eingesetzt hätte.
Marc (fühlt sich merklich unwohl in seiner Haut u. rutscht unruhig etwas zur Seite): Und warum hockt sie dann beinahe heulend mitten in der Nacht bei uns im Dunkeln in der Diele, wenn doch alles ähm... okay ist?

Und da sagt einer noch, die Figuren in ihren Romanen wären an triefendem Pathos und furchtbarem emotionalen Was-auch-immer unübertroffen. Hätte ich bloß nichts gesagt! Wäre ich doch bloß liegen geblieben heute Morgen.

Olivier (sichtlich mitgenommen, als er hört, wie es um seine Frau steht, was er so nicht gewollt hat): Marc, weißt du, ich habe all die Jahre immer in dieser Illusion gelebt, irgendwann findest du den Mut, nach Berlin zurückzukehren. Deinen Sohn zu sehen. Mitzuerleben, was aus ihm geworden ist. Stolz auf ihn zu sein. Und das bin ich wahrlich. Zu sehen, wie nah ihr beide euch mittlerweile seid, gerade jetzt in dieser Situation, wo du für sie kämpfst wie ein Tigerjunges, obwohl ich weiß, wie schwierig euer Verhältnis immer war, seitdem ich gegangen bin. Das rührt mich zutiefst. Und das gibt mir so viel Kraft. Das kannst du dir gar nicht vorstellen. Ich habe immer davon geträumt, euch wiederzusehen, habe unnötig viel Zeit verstreichen lassen. Zeit, die man nicht zurückholen kann, so gern ich es auch will. Dass mich und deine Mutter dann so sehr der Blitz treffen würde, wenn wir uns zum ersten Mal wiederbegegnen, das... das...
Marc (wendet sich angeekelt ab, weil gerade wieder Bilder in seinem Kopf erscheinen, die ihn letztes Jahr schwer traumatisiert haben): Oh, bitte, spar dir die Details, Dad! Du schuldest mir immer noch eine neue Sofadecke und einen neuen Teppich oder gleich ein ganzes neues Sofa, egal, ob wir jetzt die Wohnungen gewechselt haben und du jetzt in meiner alten Butze wohnst.
Olivier (muss dann auch kurz schmunzeln, als er an diese unglaubliche Begegnung zurückdenkt, die sein Leben komplett auf den Kopf gestellt hat u. die er sich jede Sekunde in Erinnerung ruft, wenn Elke nicht bei ihm ist): Deine Mutter und ich, wir sind wie zwei ungleiche Pole, Plus und Minus, die sich mit gewaltigen Kräften immer wieder gegenseitig anziehen. Wenn sie aufeinander treffen, dann explodiert die Welt, alles gerät aus den Fugen und wird auf den Kopf gestellt.

Oh Gott! Ich hätte definitiv weiterschlafen sollen!

Marc (rollt mit den Augen, denn es gibt Dinge im Leben, die man von seinen Eltern nicht wissen sollte): Jep, das hab ich auch gesehen.
Olivier (ganz in seinen Gedanken versunken): Die letzten Monate waren wie ein Rausch. Kaum fassbar und doch so einprägsam, dass man ein ganzes Leben davon zehren kann. Ein Auf und Ab der Gefühle. Das war schon immer so gewesen mit uns. Selbst als wir noch zusammen zur Schule gingen. Später zusammen nach Frankreich durchgebrannt sind. Oder dann als junge Familie noch mitten im Studium. Diese Impulsivität war immer da. Sie ist erregend, aber sie kann auch unglaublich zerstörerisch sein.
Marc (weiß nicht, was er darauf erwidern, geschweige denn wohin er gucken soll, so peinlich ist ihm das alles): Dad, du... du weißt, dass sie das so nie gewollt hat. Weder das heute, noch das damals. Obwohl das damals, das... Naja...
Olivier (lächelt seinen unsicheren Sohn liebevoll an, als er das Wort übernimmt): Ich kenne deine Mutter schon fast mein ganzes Leben lang, Marc. Natürlich weiß ich, dass sie kopflos überreagiert hat. Aus blinder Angst vor dem, was da auf sie zukommt, und weil sie nun mal nicht anders konnte. Sie kann zwar für ihre Leserinnen Gefühle in wunderbare Worthülsen prägen, aber was ihre eigene Gefühlswelt betrifft, litt sie schon immer an Alexie. Ihr Abtauchen war ihre Art, uns und sich zu schützen. Das verstehe ich.
Marc (sieht ihm zögerlich in die Augen, weil er instinktiv merkt, dass da noch mehr kommt): Bist du sauer auf mich, weil Mehdi und ich nicht gleich etwas gesagt haben, als wir es herausgefunden haben?
Olivier (nachdenklich verharrt er einen Moment): Nein, natürlich nicht. Sie wäre nie zurückgekommen, wenn du nicht eingeschritten wärst.
Marc (schüttelt entschieden den Kopf): Das glaube ich nicht.

Olivier (bleibt ernst u. gefasst): Weißt du, mein Junge, der Punkt ist nicht der, dass sie so gehandelt hat, wie sie es eben getan hat, weil sie was auch immer geglaubt hat, sondern dass sie es so konsequent durchgezogen hat, ohne auch nur einmal ernsthaft daran zu denken, was sie uns damit antut. Wenn sie nicht einmal in einer solch schwierigen Situation zu mir kommt, sich anvertraut, sich öffnet, ihren Kummer und ihre Ängste teilt, wie soll das dann auf Dauer funktionieren? Keine Beziehung der Welt kann auf so einem schmalen Gerüst wiederaufgebaut werden, auf dem wir schon immer nur mit einem Fuß auf Zehenspitzen balanciert sind, egal ob man sich nun abgöttisch liebt. Liebe allein reicht eben manchmal nicht. Wir sind auch nicht mehr die Jüngsten, Marc. Unseren gemeinsamen Lebensabend habe ich mir einfach ganz anders vorgestellt, als jede Zeit befürchten zu müssen, dass sie mir wieder aus nicht nachvollziehbaren Gründen davonläuft und ich vom Balken herunterstolpere. Vielleicht habe ich auch endgültig ausgeträumt und die Seifenblase, in der wir in den vergangenen Monaten gelebt haben, ist zerplatzt, so oft wie ich dank ihr mit dem Gesicht zuerst wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet bin.
Marc (kann ihn verstehen, versteht aber auch Elkes Sichtweise): Dad, sie hat daraus ihre Lehren gezogen. Ich hab die letzten drei Wochen zusammen mit ihr verbracht und verbringe immer noch viel zu viel Zeit mit ihr, seit sie bei uns wohnt. Sie ist nicht mehr die Gleiche wie früher. Gut, die üblichen nervigen Neurosen sind geblieben, aber... Das alles hat sie verändert.
Olivier (schaut schwermütig gen Decke u. hadert immer noch): Das glaub ich dir, Marc, aber ich... ich kann im Moment nicht mehr. Das... Es geht einfach nicht. Meine Kräfte sind auch nur begrenzt.
Marc: Was soll das heißen?

...hakte Marc stirnrunzelnd nach und folgte dabei dem komischen Gefühl, das sich seit Minuten in seinem Magen ausgebreitet hatte. Er traute sich dabei kaum, seinem Vater und den offenkundigen Tatsachen ins Gesicht zu blicken. Olivier stand jedoch entschlossen von seinem Bett auf und packte seine wenigen Sachen in die kleine Tasche, die ihm Pfleger Jochen auf seine Bitte hin gestern Abend noch mit Wechselkleidung und Kulturbeutel vorbeigebracht hatte.

Olivier: Ich werde morgen in die Staaten fliegen. Die Luftveränderung wird mir und meinen angeschlagenen Knochen gut tun.
Marc: Wie bitte?

...starrte Marc, der gerade aus allen Wolken fiel, seinen Vater völlig geschockt an und sprang nun ebenfalls auf und zerrte Oliviers Kleidung wieder aus der schwarzen Tasche, um sie zurück in den offenstehenden Schrank zu schmeißen, wobei die Hälfte davon jedoch auf dem Boden neben dem Bett landete und nicht in den dafür vorgesehenen Fächern. Olivier schaute seinem aufgebrachten Sohn kopfschüttelnd dabei zu. Irgendwie hatte er schon mit so einer Reaktion von Marc gerechnet. Ihn dann tatsächlich so zu sehen, tat trotzdem weh. Mehr, als dass er es sich eingestehen wollte. Aber für den Moment gab es für ihn kein Zurück mehr.

Olivier: Marc, man erwartet mich.
Marc (zieht scharf Luft in seine Lungen ein u. lässt im Gegenzug seinen ganzen Unmut heraus): Das ist mir scheißegal! Du kannst nicht fliegen! Du bist gestern erst mit Karacho die Treppe runtergesegelt. Wohlgemerkt ohne Surfbrett oder Knieschützer. Du kannst kaum stehen, geschweige denn mit deiner Fraktur einen unbequemen Zwölfstundenflug überstehen. Das werden deine alten Kollegen in Seattle auch verstehen, wenn sie hören, was mit dir los ist. Hast du die überhaupt schon informiert? Ich glaube nämlich nicht, dass die dich in deinem Zustand überhaupt eine Minimum zweiunddreißig Stunden dauernde OP leiten lassen. Also vergiss es und pack dich wieder zurück in die Koje! Aber zz! Ziemlich zügig!
Olivier (auch wenn es unpassend ist, ist er doch amüsiert von Marcs konsequentem Widerstand): Die OP ist erst Ende nächster Woche, die Vorbereitungen dazu kann ich auch so überwachen. Ich bin selber Arzt und weiß, was ich mir zumuten kann und was nicht.
Marc (echauffiert sich regelrecht): Ach, Papperlapapp! Das kommt überhaupt nicht in die Tüte! Und ich bin immer noch dein Oberarzt. Du kannst nicht einfach so hier herausspazieren, wie’s dir passt. Doktortitel hin oder her. Der ist überhaupt nichts wert, wenn man selbst Patient ist und du bist MEIN Patient!
Olivier (bleibt ganz ruhig): War! Ich war dein Patient. Ich habe mich vorhin selbst entlassen.
Marc (seine Stimme wandert ungläubig drei Oktaven nach oben u. er starrt sein Gegenüber mit offenem Mund an): Bitte?

Und wie aufs Stichwort ging in diesem Moment die Tür auf und ein blondes Wesen im weißen Kittel kam mit einem wedelnden Papier in der Hand aus dem Vorraum hereingeschwebt und blieb lächelnd direkt neben dem tobenden dunkelhaarigen Mann, den es noch gar nicht gleich registrierte, vor dem Patientenbett stehen.

Gretchen: Oli, tut mir leid, es hat etwas länger gedauert. Ich war kurz bei meinem kleinen Patienten und bin... naja, nachdem er endlich eingeschlafen war, auch etwas weggenickt. Hier hast du deine Entlassungspapiere. Du solltest dich dort aber auch noch mal...
Marc (fährt seiner Freundin wütend in die Parade): Woah, STOPP! Was läuft denn hier für ein Film ab? Haasenzahn, auch wenn du in zweieinhalb Wochen hier auch was zu melden haben wirst, bin ICH hier immer noch der oberste Entscheidungsträger auf dieser Station. Du hast das nicht ohne Absprache zu entscheiden.
Gretchen (überrascht davon, Marc hier zu sehen, starrt sie ihn mit großen leuchtendblauen Augen an): Marc, ich hab dich gar nicht...
Marc (wenig charmant): Schnauze! Dad wird nicht entlassen! Nicht heute! Nicht morgen! Und wenn ich ganz nett bin, auch nicht Ende der Woche! Basta! Operation beendet!

Marc wollte seiner bei diesem harten Tonfall zusammenzuckenden Assistenzärztin gerade den Wisch aus der Hand reißen und postwendend in den Papierkorb katapultieren, als noch jemand hinter der eingeschüchterten Blondine erschien, die angesichts der katastrophalen Laune von Dr. Meier entschieden hatte, lieber nicht weiter aufzumucken, und entschuldigend zu Olivier blickte, der, ihr kurz wissend zunickend, schon wieder dabei war, seine Tasche fertig zu packen. Seine Mitfahrgelegenheit war schließlich gerade eingetroffen.

Franz (mit strengem, auf Marc gerichteten, unmissverständlichen Professorenblick nimmt er die Papiere an sich): Doktor Meier! Ich habe Oliviers Entlassungspapiere unterzeichnet.
Marc: Was?

...stammelte Marc sichtlich schockiert und wich ein paar Schritte vor dem grimmig dreinblickenden Professor zurück, der sich väterlich beschützend zu seiner Tochter gesellt hatte, die ängstlich die Augen zusammengekniffen hatte, da sie bereits ahnte, dass Oliviers Sohn damit überhaupt nicht einverstanden sein würde. Wie recht sie doch damit behielt! Marc sah seinen Vater schwer beleidigt an, als er diesem wütend etwas zuflüsterte, das nur für ihre beiden Ohren bestimmt war...

Marc: Boah, Dad, echt, das untergräbt meine Autorität, wenn du einfach die Hierarchien überspringst und direkt zu meinem Vorgesetzten marschierst, um deinen Willen durchzudrücken. Das ist nicht fair.
Olivier (versucht seinen schmollenden Sohn mit sanften Worten zu beruhigen): Marc, das geht doch überhaupt nicht gegen dich. Gretchens Vater hat mich gestern Abend noch besucht, nachdem er von meinem ähm... Unfall gehört hatte. Wir haben uns lange unterhalten und sind zu dem Schluss gekommen, dass es kein Risiko darstellt.
Marc (hebt ungläubig seine Stimme): Kein Risiko? Das sagen Mediziner mit ernsthaften Verletzungen immer. Wenn du könntest, würdest du dich auch selber operieren, hmm?
Olivier (versucht geduldig zu bleiben, was bei einem tobenden uneinsichtigen Marc ein schier unmögliches Unterfangen ist): Marc!
Marc (geht gar nicht darauf ein u. kommt noch näher an ihn heran): Hast du ihm gesagt, was das wirkliche Problem ist?
Olivier (schließt kurz seine Augen u. schaut dann zu ihm auf): Ich respektiere den Wunsch deiner Mutter.
Marc (zynisch blitzt er ihn aus dunklen Augenschlitzen an): Ach, diesen schon? Und dass sie bereut und dich um jeden Preis zurück will, das interessiert dich einen Scheiß, oder was?
Olivier (gerührt, wie energisch Marc seine Mutter verteidigt): Marc, so weit waren wir doch schon. Es ist einfach besser, wenn deine Mutter und ich uns eine Weile nicht sehen. Ich brauche den Abstand. Versteh doch bitte!
Marc: Aber...?

Verzweifelt blickte Marc seinen Vater an und konnte die Entschlossenheit deutlich aus seinen Augen herauslesen. Der sture alte Mann ließ sich nicht umstimmen. Seufzend ließ er daraufhin seine Schultern hängen und drehte sich zu den beiden Haases um, die unruhig am Fußende des Patientenbettes herumtippelten und das Gespräch der beiden mitverfolgt hatten, welches eigentlich nicht für sie bestimmt gewesen war. Gretchen lächelte Marc aufmunternd aus ihren Strahleaugen an, aber ihr Freund erwiderte ihr Lächeln nicht wie sonst, sondern schien geradewegs durch sie hindurchzublicken und das Feldblumenbild an der Wand hinter ihr zu studieren. Erst als der Professor nach einem vergewissernden Kontrollblick auf Gretchen und dann auf Olivier vorsichtig sein Wort erhob, schaute der niedergeschlagene Chirurg wieder kurz auf.

Franz: Marc, wenn du dir Sorgen um den Genesungszustand deines Vaters machst, ich werde gut auf ihn aufpassen. Das verspreche ich dir. Großes Medizinerehrenwort.
Marc (starrt erst seinen Chef konsterniert an, dann seinen Dad, der ertappt seinen Blick senkt u. schwer beschäftigt in seiner Tasche herumwühlt): Was soll das denn bitteschön heißen?
Franz: Ich werde Olivier in die Staaten begleiten, nicht zuletzt auch, um die spektakuläre Operation ausführlich für unsere Lehranstalt zu dokumentieren.
Marc: Bitte? ... Du fragst ihn und nicht mich?

...stellte er seinen Vater mit finsterem Ameisenblick aufgebracht zur Rede, der verlegen mit den Schultern zuckte, was er bei seinen Rückenproblemen besser gelassen hätte. Der Stich, den seine Rippen ihn spüren ließen, ließ ihn sich stöhnend wieder auf das Bett setzen, wo er verschnaufte und sich sammelte.

Olivier: Marc, bitte, verkompliziere es doch nicht noch mehr? Das ist doch keine große Sache.
Marc (echauffiert sich gleich noch mehr u. gestikuliert wild in der Luft herum): Keine große Sache? KEINE GROSSE SACHE? Ach, und dass ich die OP, mit der du dir ein Denkmal setzt, vielleicht auch gerne begleitet hätte, darauf ist der Herr Doktor mit der doppelten Rippenfraktur nicht gekommen, hä?
Das ist so fies und gemein und verdammt ungerecht. Wie kann er das mit mir machen?
Gretchen (schluchzt schockiert auf u. hält sich dann schnell die Hand vor den Mund, als sie peinlich berührt merkt, dass sie es laut ausgerufen hat): Du willst wieder weg?
Ach Haasenzahn! Nicht du auch noch?
Franz (guckt kurz irritiert auf seine Tochter, die verlegen lächelt u. ihre weißen Schlappen an den Füßen anstarrt, dann auf deren Lebensgefährten, der traurig die Schultern hängen lässt u. vor sich hin schmollt): Marc, es ist nicht so, dass wir dich übergangen hätten, nein, ehrlich gesagt war es sogar unser beider Wunsch, aber nachdem dein gesamtes Urlaubs- und Überstundenkontingent bereits für deine Studienfahrt in die Schweiz aufgebraucht worden ist, hätte ich das nie und nimmer der Personalverwaltung verständigt bekommen. Es ist immer noch Grippesaison. Frau Dr. Hassmann fällt auch längere Zeit aus. Und außerdem...
Marc (geknickt lässt er sich von Gretchen umarmen, die sich vorsichtig an ihn herangerobbt hat, um ihn zu beruhigen): Ja, ja, schon klar.
Danke Mutter, dass du mir jetzt auch noch die Karriere versaust. Ich bin so stolz, dein Sohn sein zu müssen.
Franz (versucht erneut zu Wort zu kommen): Außerdem, wann bekommt ein alter Ha(a)se ... (grinst stolz vor sich hin) ... wie ich noch die Gelegenheit, an einer so wegweisenden Operation teilnehmen zu dürfen. Die Trennung von siamesischen Zwillingen im Erwachsenenalter. Das ist auch für mich noch ein Meilenstein. Und sieh doch mal, was unsere Studenten davon noch alles lernen können, Marc. Wir könnten die Operation per Live-Kamera hierher übertragen lassen. Das obliegt in deiner Verantwortung. Schließlich wirst du mich hier würdig vertreten. Und sieh doch mal, deine Karriere ist noch so lang und gespickt mit vielen medizinischen Sensationen, an denen du beteiligt sein wirst. Für mich, der bald in Rente geht, ist das auch eine Art Abschluss.
Gott, wie Haasenzahn weiß der alte Haase auch, welche Knöpfe er drücken muss. Ich hasse es!
Marc: Schon verstanden.

...grummelte Dr. Meier durch seine zusammengepressten Lippen, die verdächtig bebten, wie Gretchen beunruhigt beobachtete, aus deren Umarmung er sich nun ruckartig löste. Selbst die Tatsache, dass er mal wieder mit offizieller Erlaubnis Chef spielen durfte, was eigentlich ein gutes Zeichen für seine berufliche Zukunft am Elisabethkrankenhaus darstellte, konnte ihn nicht besänftigen. Der engagierte Oberarzt war auf ganzer Linie enttäuscht von jedem hier im Raum. Nichts hielt ihn daher mehr hier. Er guckte noch einmal auf seinen Vater, der ihn mit Meierschem Dackelblick um Verzeihung bat, und stürmte dann ohne ein weiteres Wort an Gretchen und Franz vorbei nach draußen auf den Flur. Gretchen, der Marcs geknickter Anblick tief in der Seele wehtat, blickte mitfühlend zu Olivier, drückte ihn kurz fest an sich und beruhigte ihn auf liebevolle Art, ehe sie dann, so schnell sie ihre Krankenhausschlappen tragen konnten, Marc hinterher flitzte.

Gretchen: Ich kümmere mich um ihn.

Lorelei Offline

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07.08.2014 17:30
#1491 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Es war für Dr. Haase, für die Kondition bekanntlich ein Fremdwort war, gar nicht so einfach, mit dem athletischen Oberarzt mitzuhalten. Denn er war mit einer Geschwindigkeit unterwegs, als würde er gerade seine verpasste morgendliche Joggingrunde nachholen wollen. Nur diesmal nicht entlang der Spree, so wie er es fast jeden zweiten Morgen vor seinem Dienst machte, sondern im Zickzackkurs quer über die Flure des Elisabethkrankenhauses, die zum Glück noch genauso menschenleer waren wie die Gehwege am Ufer der Spree zu dieser frühen Tageszeit. Aber Gretchen kannte Marc gut genug, um genau zu wissen, wohin er jetzt wollte. Auch wenn er schon längst aus ihrem Blickfeld verschwunden war, nachdem sie kurz nach ihm eilig Oliviers Patientenzimmer verlassen hatte, und sie irritierte Blicke von ihren Kollegen der Frühschicht kassierte, die sich wunderten, warum die allseits bekannte „Sportskanone“ über den Gang der Chirurgie hetzte, als würde sie für die Olympiade der unsportlichsten Ärzte Berlins trainieren. Aber vermutlich war die engagierte Ärztin mal wieder dem üblichen Notfallpatienten hinterher, der auf den klangvollen Nachnamen Meier hörte, dachten sie schmunzelnd und widmeten sich schnell wieder ihren anstehenden Aufgaben. Und damit hatten die Lästerschwestern nicht einmal Unrecht. Denn viel zu oft hatten sie Dr. Haase in der Vergangenheit dem „Charmebolzen“ der Station hinterher flitzen sehen, dass es für sie schon fast gar keine Neuigkeit mehr wert war. Egal, warum es jetzt schon wieder zwischen dem Chaospaar gekracht hatte, das bereits länger zusammen war, als man es ihnen überhaupt zugetraut hätte.

Gretchen wusste, Marc brauchte einen Rückzugsort, sein Refugium, wo er einzig und allein Herr der Dinge war und es auch ungeniert sein durfte. Sie blieb schließlich völlig außer Atem vor einer der himmelblauen Türen stehen, die in den Korridor der chirurgischen Abteilung mündeten, atmete noch einmal tief Luft in ihre ermatteten Lungen ein und drückte dann vorsichtig, ohne anzuklopfen, mit zittrigen Fingern die Türklinke herunter. Gleichzeitig knipste sie ihre Augen zusammen und steckte im nächsten Moment in banger Erwartung, in welchem Zustand sie ihren Schatz wohl in seinem Büro antreffen würde, ihren Lockenkopf durch den schmalen Türspalt. Natürlich hatte Dr. Meier die sich langsam öffnende, leicht knarzende Tür gehört, ebenso wie er das laute Schnaufen seiner Assistenzärztin bereits vor der Tür vernommen hatte, und er war alles andere als einverstanden damit, dass man ihn ausgerechnet jetzt in seiner Konzentration störte. Seine Gedanken kreisten unentwegt, nachdem was er eben hatte erleben müssen, und er war sauer. Richtig, richtig sauer sogar. Auf alles und jeden. Auch auf sich selbst, weil er sich überhaupt, warum auch immer, in dieses ganze Schmierentheater eingemischt hatte, aus dem alle, vor allem er selbst, nur als Verlierer hervorgingen. Obwohl, sein Dad durfte sich wenigstens mit einer richtig geilen Operation trösten, während er weiterhin seine durchgeknallte Mutter und diesen Chaosladen hier, der sich Elisabethkrankenhaus schimpfte, an der Backe kleben hatte. Das Leben war so verdammt scheiße ungerecht, dachte ein sichtlich angefressen wirkender Marc Meier. Und er hätte momentan verdammt große Lust, sein gut organisiertes Arbeitszimmer kurz und klein zu schlagen, wenn man ihm die Gelegenheit dazu gegeben hätte. Aber nicht mal das war ihm gegönnt. Er wollte jetzt niemanden, auch nicht Haasenzahn, um sich haben, der hilflos seiner nervlichen Anspannung ausgeliefert sein würde. Denn er konnte wahrlich für nichts mehr garantieren.

Marc: JETZT NICHT, VERDAMMT! Hat man denn nirgends seine Ruhe?

Trotz des bedrohlichen Tonfalls, den Marcs Stimme angenommen hatte, ließ sich Gretchen nicht verschrecken. Sie knipste ihre Augen wieder auf, erfasste die Situation, verkniff sich dabei ein mitfühlendes Aufseufzen, inklusive dicker Krokodilstränen, die bereits in Lauerstellung in ihren reichlich gefüllten Tränendrüsen bereitstanden, und schloss rasch die Tür hinter sich, ehe sie mutig langsam quer durch das Büro schritt und dicht hinter Marc stehen blieb, der mit dem Rücken zu ihr merklich angespannt vor der Fensterfront stand und mit leeren ausdruckslosen Augen auf die spätwinterlich grauen Birken im Park blickte, welche noch von der Dunkelheit der bald endenden Nacht und vom Frühnebel umhüllt waren, der in düstergrauen Schwaden vom See herüberzog. Sie wusste nicht, ob Marc ihre Anwesenheit registriert hatte und wie er überhaupt darüber dachte, aber sie konnte einfach nicht anders, als sie sich vorsichtig von hinten an den groß gewachsenen Mann heranschmiegte, mit ihren Armen seine Taille umschlang und ihren Kopf sanft an seine Schulter legte, um ihrem Schatz möglichst nah zu sein und ihm Halt und Geborgenheit zu geben und ihm ihre immer währende Unterstützung zu zeigen. Schließlich würde sie immer auf seiner Seite sein, auch wenn sie Olivier und Franz durchaus verstehen konnte. Aber das tat hier nicht zur Sache. Gretchen wollte jetzt einzig und allein für ihre große Liebe da sein, die dringend ihrer Streicheleinheiten bedurfte.

Anfangs war Marc irritiert und sauer, weil er einfach nur seine verdammte Ruhe haben wollte, nachdem man ihn von allen Seiten so sehr hintergangen und vor vollendete Tatsachen gestellt hatte, und wollte seine schrecklich mitfühlende Freundin barsch von sich stoßen, weil ihr Mitleid das Letzte war, was er jetzt gebrauchen konnte. Aber er ließ es nach einem kurzen, aber heftigen Zusammenzucken, das seine inneren brodelnden Gefühlsstürme reflektierte, doch bleiben und genoss einfach nur die Nähe der Frau, die er liebte und die ihn liebte, trotz seines manchmal doch recht aufbrausenden Charakters, der ihm heute mehr denn je zustand und den er jetzt am liebsten ausgelebt hätte. Doch er kostete diesen diesmal nicht mit seinen hässlichen gemeinen Seiten aus. Marc blieb nach außen hin ungewöhnlich ruhig und konzentrierte sich stattdessen auf Gretchens warmen Atem auf seiner Haut am Hals, ihren pochenden Herzschlag im Rücken, ihren süßlichen Duft, der um seine Nase wehte und ihn merklich entspannte. Seine verhärteten Muskeln im Schulterbereich lösten ihre Verspannung, ebenso wie sich seine zu Fäusten geballten Hände lockerten, deren Finger er jetzt ausstreckte und dehnte, ehe er nach einem kurzen zögernden Moment nach Gretchens zarten Hände schnappte, die auf seinem Bauch ruhten, und er seine bewundernswert geduldige Freundin auf diese Weise noch näher an sich herandrückte, als es überhaupt möglich war. Weil er sie jetzt unbedingt spüren musste. So verharrten sie beide. Eng umschlungen. Im vertrauten Einklang schweigend. Gleichmäßig ein- und ausatmend. Minutenlang. Während sich vor ihrer Tür die Welt, die für sie einen Augenblick stehen geblieben war, weiterdrehte.

Marc: Ich wollte doch nur einmal mit ihm zusammen so richtig operieren oder wenigstens dabei zuschauen.

...löste sich unbemerkt ein geheimer Gedanke von Marcs zusammengepressten Lippen und fand den Weg in die Stille dieses noch frühen Dienstagmorgens. Er bemerkte nicht einmal, dass er ihn laut ausgesprochen hatte. Der gedankenversunkene Oberarzt hielt seine Augen nämlich immer noch geschlossen und stand Wange an Wange mit Gretchen am Fenster, die jede Gefühlsregung ihres Liebsten mitfühlte, als hätte sie sie selbst durchlebt und wäre nicht nur Beobachterin seines stillen Leidens gewesen. Das alles nahm sie so sehr mit, dass sie am liebsten weinen wollte, aber damit hätte sie Marc sicherlich nicht geholfen und ihn nur noch tiefer in das dunkle Tal des Trübsals gezogen. Das wollte sie auf gar keinem Fall. Schließlich musste das Gesicht dieses stolzen Mannes gewahrt bleiben, der in manchen Situationen noch immer mehr Kind war, als man es glauben würde. Also riss sich die empathische Ärztin zusammen und war einfach nur für ihren leidgeplagten Freund da, der überraschend ihre Nähe suchte, anstatt alles verbal, als auch real kurz und klein zu hauen, wie er es sonst immer tat, wenn ihm etwas gewaltig nicht passte. Wie viele Minuten tatsächlich vergangen waren, seitdem sie so eng umschlungen beieinander standen, merkte das innige Paar gar nicht. Es war schließlich Marc selbst, der als Erster wieder einigermaßen klar sah und leise etwas in die Stille murmelte, nachdem seine Liebste offenbar gar nicht auf ihn reagiert hatte, was er so auch noch nicht von der Quasselstrippe kannte, die ihre Gefühle doch stets auf der Zunge trug.

Marc: Du sagst ja gar nichts?
Gretchen (abwesend u. den innigen Moment genießend): Hmm?
Marc: Na so was wie, „nimm dir das nicht so sehr zu Herzen, die meinen das nicht so, du bist immer noch der Boss, alles wird gut, blabla trallala“. Der übliche Psychoaufmunterungsscheiß, der sonst immer aus deinem süßen Erdbeerschnäbelchen kommt.
Gretchen (schmiegt ihr verträumtes Gesicht an seine starke Schulter, schnuppert leicht an seinem Hals, um sein betörendes Aftershave zu inhalieren, u. lässt dabei die ganze Zeit ihre Augen geschlossen): Würde dir das denn helfen?
Marc (muss nicht lange darüber nachdenken): Nope!
Gretchen (stützt ihr Kinn nun auf seiner Schulter ab u. lächelt Marcs Spiegelbild in der Fensterscheibe an): Siehst du, auch ich bin lernfähig.

Gretchen wartete einen langen Moment ab und da war es endlich. Ein kleines scheues Lächeln zeichnete sich auf den Mundwinkeln von Marc ab, der ihren Spiegelbildblick erwiderte und immer noch ihre Hände fest mit seinen verschlungen hielt und nicht daran dachte, sie je wieder loszulassen. Erneut hüllte Schweigen das Arbeitszimmer des Chirurgen, welches bis auf die eingeschaltete Schreibtischlampe noch wesentlich im Dunkeln lag. Aber vor dem Fenster erklomm langsam die Morgensonne den Horizont und vertrieb den düsteren Frühnebel aus dem Park des Elisabethkrankenhauses. Das Paar beobachtete die große orange-rote Kugel, bis sie es ganz geschafft und den neuen Tag begrüßt hatte, der mittlerweile schon fast sieben Stunden alt war.

Marc (setzt nachdenklich zu einem Satz an, hält aber gleich wieder inne u. überlegt): Eigentlich...
Gretchen (fühlt sich sehr behaglich, Marc in ihren Armen halten zu dürfen, u. genießt den wahnsinnig romantischen Moment, der wie für sie geschaffen scheint, in vollen Zügen): Ja?
Marc (schließt die Augen, um zumindest auf diese Weise seinen peinlichen Gefühlsduseleien zu entkommen, die er sich auch nicht erklären kann, wo die schon wieder herkommen): ...solange du da bist, fühlt sich auch der beschissenste Tag noch einigermaßen erträglich an.
Gretchen: Geht mir genauso.

...erwiderte Gretchen sichtlich gerührt darüber, dass Marc sich ihr ein Stückchen öffnete und seinen Kummer nicht sofort in blinde Wut und Aktionismus wandelte, wie er es früher immer getan hatte, wenn er nicht mehr weitergewusst hatte und ihm alles zu viel geworden war, und hielt es nicht mehr länger aus. Langsam löste sie ihre Arme aus seiner festen Umklammerung und drehte ihren Liebsten zu sich herum, damit sie ihm endlich richtig in die Augen sehen konnte, die immer noch voller Zorn und Enttäuschung schimmerten, aber genauso sehr auch von Liebe gespickt waren. Als sie sich anblickten und sich im Blick des anderen verloren, schmiegte Marc seine rechte Hand zärtlich an Gretchens leicht gerötete Wange, die sie ihm sanft entgegenneigte. Seine linke Hand folgte sogleich auf der anderen Seite ihres engelsgleichen Gesichtes. Und so zog er seine schöne Freundin, der er dankbar war, dass sie keine große Sache aus diesem ganzen Familienscheiß gemacht hatte, spontan zu einem zarten Kuss heran, der auch sofort liebevoll erwidert wurde. Schließlich hatten sie sich heute Morgen noch nicht auf diese wunderbare Weise begrüßt. Umso gefühlvoller wurde nun diese innige Begegnung.

Nach einer Weile lösten sich die beiden wieder voneinander. Marcs Arme hielten mittlerweile Gretchens Taille umschlossen, während ihre Arme locker um seinen Nacken lagen und ihre Finger zärtlich seine Haare kraulten. Verliebt blickten sie sich fortdauernd in die Augen und lächelten wie ein schüchternes Teenypaar, das gerade seinen ersten Kuss miteinander geteilt hatte. Ein Kuss, der es definitiv in sich hatte. Denn er wischte auf magische Weise die Enttäuschungen der Stunde hinweg und machte einfach nur glücklich und süchtig nach mehr.

Marc: Hey?
Gretchen: Hallo?

Über ihr sonderbares Verhalten albern kichernd schmiegten sie sich noch fester aneinander, bis wirklich kein Blatt Papier mehr zwischen sie beide gepasst hätte, und legten jeweils die Stirn aneinander. So verharrten sie wieder in der morgendlichen Stille des Krankenhauses, das noch nicht in alltäglicher Hektik erwacht war. Doch diesmal war es Gretchen, die unbedarft die wunderbare Stille des Augenblicks durchbrach. Ganz getreu ihrer herzlich naiven und vor allem tiefehrlichen Art.

Gretchen: Gib ihm die Zeit, das alles setzen zu lassen! Du wirst sehen, wenn er zurück ist, dann wird sich das alles zwischen den beiden in Nullkommanichts richten. Die zwei können doch gar nicht mehr ohneeinander sein.

Der unbeschwerte Moment zwischen den beiden Liebenden war somit dahin. Marc löste stöhnend die innige Verbindung und drehte sich wieder zum Fenster um. Seine Finger krallten sich förmlich in das Fensterbrett und ließen seine Knöchel weiß hervortreten, als er die Vermutung aussprach, die ihn seit dem unbefriedigenden Gespräch mit seinem Vater nicht mehr losgelassen hatte und seitdem auf den Magen drückte.

Marc: Ich glaube nicht, dass er zurückkommt.
Gretchen (legt behutsam ihre Hand an seine Schulter): Sag doch so etwas nicht!
Marc (dreht sich wieder zu ihr herum u. sieht sie mit traurigen Augen sehr überzeugt an): Doch! Du hast ihn nicht gehört, also, bevor du und dein Dad in sein Zimmer geplatzt seid, die Art, wie er von zerplatzten Träumen und Seifenblasen geredet hat, das klang alles nach einem Abschied. Im Gegensatz zu damals ist es wenigstens ein Abschied auf Ansage.
Gretchen (schüttelt entschieden den Kopf): Ein Abschied auf Zeit vielleicht, Marc. Das ist ein großes Projekt, das er vorhat und an dem er schon so lange gearbeitet hat. Das ist seine Art, sich abzulenken. Und wo könnt ihr Chirurgen das besser tun als in einem OP mit einem klar strukturierten Ablaufplan, der jedwede Eventualität beinhaltet, außer Gefühle zu sehr zuzulassen. Die sieht man aber dafür danach umso klarer. Oli liebt deine Mutter. Und er würde dich niemals wieder im Stich lassen, das weiß ich. Und das weißt du auch tief hier drin.
Marc (folgt irritiert Gretchens Finger, der sich in seine linke Brustseite bohrt): Ach, und weiß Miss Oberschlau auch, wie ich meiner Mutter beibringen soll, dass er sich nur einen Tag, nachdem sie die Bombe hat platzen lassen, aus dem Staub macht? Du hast sie doch heute Morgen auch gesehen.
Gretchen (lächelt ihren niedergeschlagenen Freund aufmunternd an, während sie sich wieder mit beiden Händen an seine Brust schmiegt u. an seinem Kittelkragen herumzubelt): Ich denke, sie weiß, dass ihre Meier-Männer immer erst Zeit brauchen, um Dinge, die ihnen wichtig sind, sacken zu lassen.
Marc: Ach, ist das so?

...stellte Marc mit hochgezogenen Augenbrauen eine provozierende Frage in den Raum, während seine Arme wieder Gretchens Taille umschlangen und er seine Hände pappfrech auf ihrem properen Hintern platzierte, was Gretchen wiederum ein belustigtes Lächeln abrang. Schließlich bedeutete dieses Manöver, dass es ihm nichtsdestotrotz gut ging. Besser, als er es nach außen vielleicht zeigen wollte.

Gretchen: Ich bin eine Frau, Marc. Wir wissen in der Regel immer, wie unser direktes Umfeld wirklich tickt.
Marc (kann schon wieder unbeschwert auflachen): Du schuldest mir übrigens einmal aufwachen!

...platzte es plötzlich unbedarft aus Marc heraus und verwirrte Gretchen für den ersten Moment, dann sah sie jedoch in die schelmisch auffunkelnden grünen Augen ihres Freundes und musste plötzlich wieder lachen. Es ging ihm wirklich gut. Sie musste sich keine Sorgen machen, dass er doch noch ausrastete und ihre beiden Väter wegen akuter familiärer und beruflicher Gemeinheit vor den Kadi zog.

Gretchen: Ja, ich weiß, meine Punkteliste wird immer länger und länger. Ich gelobe auch Besserung. Aber ich bin heute Morgen aufgewacht und konnte partout nicht mehr einschlafen. Du weißt, wie sehr mich so was nervt. Und ehe ich dich mit meinem Hin- und Herwälzen aufwecke und du muffelig wirst, da hab ich gedacht, ich fahre schon einmal ins Krankenhaus vor, um nach Anton zu schauen. Hast du meinen Zettel auf dem Nachtschränkchen denn nicht gesehen?
Hä? Was’n für ein Zettel? Ich hab nur Sterne gesehen, als ich auf diesem beschissenen Bettvorleger gelandet bin, nachdem sie mich... Oh Mann! Was für ein Traum! Als würde ich muffelig werden, wenn ich wüsste, sie ist wach und langweilt sich.
Marc (zuckt erst mit den Schultern u. grinst dann plötzlich dreckig, als ihm blitzartig die Details seines Traumes wieder in Erinnerung kommen): Nö! Aber ich...
Gretchen (fällt ihm prompt ins Wort, weil ihr plötzlich etwas Wesentliches auffällt): Aber, mein lieber Marcilein, wenn man es genau betrachtet, dann schuldest DU mir viele, viele Aufwachmomente mehr.
Also echt eh, alle hintergehen einen heute Morgen hinterrücks und jetzt noch aus schlechtem Gewissen dreiste Forderungen stellen. Unfassbar!
Marc (runzelt misstrauisch die Stirn, kann sich aber sein Grinsen nicht verdrücken): Ach?
Gretchen (grient ihn ebenso frech an u. beginnt genüsslich aufzuzählen): Jaaa! Da wären zum einen die vergangenen drei Wochen, als du bei deiner Mama warst, das wären schon einmal einundzwanzigmal Aufwachen.
Marc (klappt ungläubig den Mund auf u. kontert versiert): Das zählt nicht, Haasenzahn. Ich kann ja nichts dafür, dass dein oller Hello-Kitty-Laptop schon nach der Hälfte der Nacht schlapp macht. Ich war immer online am nächsten Morgen. Also schuldest du MIR die einundzwanzig Mal!
Boah Frechheit! Gar nicht!
Gretchen (funkelt ihn an): Das ist trotzdem nicht das Gleiche.
Marc (grinst den Schmollhaasen augenzwinkernd an): Interpretationssache! Aber ich will mal nicht so sein. Vielleicht schenke ich dir ja einen leistungsstärkeren Computer zum Geburtstag, damit es beim nächsten Mal besser klappt. Einen mit richtig guter Kamera, damit ich dich besser sehen kann, wenn du das nächste Mal nackt und sexy vor der Linse davon hüpfst, wie an unserem ersten Abend in Zwangsverbannung. Das Bild verfolgt mich immer noch bis in meine Träume.
Gretchen (ihre Augen leuchten prompt auf): Echt?
Er denkt jetzt schon an meinen Geburtstag? Dabei dachte ich immer, er weiß gar nicht, wann der ist. Ich bin im Himmel! Er ist so ein lieber und aufmerksamer Schatz!

Marc schaute Gretchen auf seine markant provozierende Art intensiv in die Augen, bis es bei der schönen Blondine klick machte und sie merkte, dass der Idiot sie mal wieder nur auf den Arm genommen hatte. Beleidigt machte sie sich nun an die Fortsetzung ihrer Aufzählrechnung.

Gretchen: Sehr witzig, Marc! Ich weiß, dass du nur ablenken willst. Vielleicht sollte ich dir dafür auch noch einen weiteren Schuldschein ausfüllen? Hmm, mal sehen. Jedenfalls kommen zu den einundzwanzig Tagen noch die zwei Jahre hinzu, in denen du es vorgezogen hast, deine Assistenzärztin kontinuierlich fertigzumachen, anstatt dazu zu stehen, was da wirklich zwischen uns vorgeht.
Marc (merklich beeindruckt): Hoho!
Gretchen (nickt dem coolen Macho triumphierend grinsend zu): Jaaa! Dann die lange Zeit nach unserem Abitur, in der wir uns überhaupt nicht gesehen haben. Und natürlich die sechs Jahre, die du mich um eine entspannte Schulzeit gebracht hast. Macht summa summarum...
Oh Gott, das macht jetzt wie viel? Ich muss die Jahre in Monate und dann die Monate... Hilfe! Merke, wie ich zunehmend an Lässigkeit verliere und Marc mit nur einem Lächeln die Oberhand zurückerobert.
Marc: Haasenzahn? Halt die Klappe! In Mathe warst du damals schon ne Niete.

Und ohne die heftige Haassche Gegenwehr abzuwarten, die garantiert darauf hinausgelaufen wäre, ihm explizit die Zeit vorzurechnen, die sie als Unterstufenschülerin damit verbracht hatte, für ihren ewigen Schwarm die Mathehausaufgaben der elften und zwölften Klasse zu erledigen, dockte Marc Meier seine Lippen pappfrech an denen seines Meckerlieschens an, die daraufhin frustriert aufseufzte, aber dann doch schnell Feuer fing und mit ganz viel Leidenschaft mitknutschte, bis ihre beiden Sauerstoffreserven komplett aufgebraucht waren. Sie hielten sich noch einen Moment lang eng umschlungen fest und tauschten schmunzelnd verliebte Blicke aus, dann wurden beide des immer lauter werdenden Gewusels auf den Fluren gewahr. Der Schichtwechsel stand an und damit auch ihr Dienstbeginn und demnach unmittelbar die Visite.

Gretchen: Kann ich dir noch was Gutes tun, mein Schatz, bevor wir hier losmüssen?
Marc (nimmt sie bei der Steilvorlage sofort auf den Arm): Ist das ein Angebot?
Gretchen (funkelt den Blödmann an, der ihr frech zugezwinkert hat): Nicht so, wie du denkst, Marc! Außerdem weißt du ganz genau, dass der Ostflügel wegen der anstehenden Bauarbeiten nicht mehr betreten werden darf. Unser kleines Geheimnis existiert nicht mehr.
Leider!
Marc (seufzt gespielt enttäuscht auf u. kuckt Gretchen dann provozierend an): Schade! Aber ich kenn da noch ne schöne versteckte Ecke, von der keine Sau weiß, wo wir...
Echt? Wo? ... Gretchen! Nicht schwach werden! Er provoziert nur. Stark bleiben! Und professionell! Die Arbeit ruft nämlich.
Gretchen (horcht erst interessiert auf, hört dann aber lieber doch auf ihre Vernunft): Marc!
Marc (grient die rote Tomate immer noch unverschämt an, dann wird sein Blick ernster u. entschlossener): Okay, dann... ähm... wenn du schon so fragst, sieh zu, dass du mir SOFORT was zum Operieren organisierst! Ich dreh sonst noch durch und schlag hier alles kurz und klein, wenn ich nicht bald was unters Messer bekomme.
Oh, mein armer Marc! ... Nein! Kein Mitleid, Gretchen! Mitleid ist nicht gut für eine gut funktionierende Beziehung. Du musst ihm immer zeigen, dass du auf seiner Seite bist und du ihn verstehst, dass drei Wochen ohne OP-Luft für einen Chirurgen lebensbedrohlich werden kann.
Gretchen (kurz irritiert blickt sie sich in Marcs Büro um): Das wäre aber schade um deine schöne Einrichtung.
Marc (lehnt sich grinsend mit Gretchen im Arm gegen seinen Schreibtisch u. fährt mit dem kleinen Modellauto, das neben der Ablage steht, hinter ihrem Rücken eine Runde über die Schreibtischplatte): Eben!
Gretchen (löst sich von ihrem Liebsten u. überlegt angestrengt, während sie die Fahrlinien des kleinen Autos verfolgt): Naja, kurz nachdem ich heute Morgen ins Krankenhaus gekommen bin, kam ein schweres Schädel-Hirn-Trauma rein. Autounfall. Der Hirndruck war zu groß, um sofort operieren zu können. Die Knochenbrüche in den äußeren Extremitäten sollen erst später gerichtet werden, da Dr. Rössel auch noch mit einem anderen Unfallopfer im OP 1 zu tun hat, aber wenn... Soweit ich weiß, laufen die letzten Untersuchungen noch. Du müsstest allerdings dann mit Dr. Stier zusammen operieren.
Marc: Doktor Stier, hmm?

...sinnierte Dr. Meier kryptisch vor sich hin, bis sich seine Mundwinkel urplötzlich verdächtig nach oben zogen und er zielstrebig an Gretchen vorbei nach draußen in den Flur stapfte. Seine perplexe Assistenzärztin konnte gar nicht so schnell reagieren. Sie richtete ihren zerknitterten Kittel und flitzte ihrem Oberarzt flink hinterher, aber Marc war so schnell unterwegs, dass sie kaum hinterherkam. Auf halber Strecke hielt sie inne und sich an der Lehne eines der Wartestühle fest, um auszuatmen und wieder Luft in ihre Lungen zu bekommen. Sie blickte Marc mit einem mulmigen Gefühl hinterher...

Gretchen: Lass ihn aber bitte leben, Marc!

Marc, der bereits die Fahrstühle erreicht hatte und hastig auf den Rufknopf einhämmerte, drehte sich noch einmal zu seiner fußlahmen Assistenzärztin herum, die sich daraufhin ertappt wieder in Bewegung setzte, um zu dem feixenden Chirurgen aufzuschließen.

Marc: Bei mir hat noch jeder, also, fast jeder, eine OP überlebt. Bin schließlich der Beste, ne.
Gretchen: Äh... ja? Ich hab ja auch nicht den Patienten gemeint.

...murmelte Gretchen augenrollend und bereute sofort, überhaupt etwas gesagt zu haben. Sie trat neben ihren selbstverliebten Oberarzt in den bereitstehenden Aufzug, der gerade seine Stahltüren geöffnet hatte. Marcs verdächtiges Grinsen, mit dem er sie die kurze Fahrt bis hinunter in den OP-Trakt anschaute, ließ jedoch entgegen seiner Aussage nichts Gutes vermuten.

Lorelei Offline

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14.08.2014 17:19
#1492 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Dreieinhalb Stunden später

Cedric: Ist der immer so im OP?

Dr. Cedric Stier schlurfte nach der erfolgreichen Operation müde, aber zufrieden ins Stationszimmer, gefolgt von der hübschen blonden Chirurgin, die ihm soeben tatkräftig bei dem komplizierten Eingriff assistiert hatte und zu der er sich jetzt, lässig am Tresen der Anmeldung lehnend, kurz interessiert herüberbeugte. Doch Dr. Gretchen Haase war bereits von der Süßigkeitenschale auf dem Arbeitsplatz von Schwester Sabine hypnotisiert, welche sie gezielt als Erstes anvisiert hatte und nach zwei verifizierenden Kontrollblicken in alle Richtungen sofort hemmungslos plünderte, während sich der ermattete Neurochirurg in Ermangelung einer befriedigenden Antwort wieder aufrichtete und sich mehr für den Inhalt der wohlige Düfte versprühenden Kaffeekanne interessierte, die noch in der Kaffeemaschine auf der Anrichte stand, und sich gleich einmal eine Tasse davon einschenkte und für seine erschöpft wirkende Kollegin auch noch eine bereithielt, die er ihr dann auch gentlemanlike mit einem breiten Cedric-Lächeln hinhielt, bevor er sich mit seinem eigenen aufputschenden Heißgetränk an den Tisch in der Mitte des Aufenthaltsraumes der Chirurgie setzte und seine schmerzenden Glieder ausstreckte, die von der langen OP noch ganz eingerostet und ungelenk waren. Gretchen nahm den Kaffeepot dankbar lächelnd entgegen und ließ sich Cedric gegenüber auf einen der Stühle plumpsen. Als Gegenleistung für seine charmante Geste hielt sie ihrem Kollegen freudig einen der eroberten Schokoriegel entgegen, den er auch sofort breit grinsend von der knisternden Papierhülle befreite und sich dann gierig in den Mund schob. So eine Operation am offenen Schädel unterzuckerte schnell, stellte er fachkundig fest und arbeitete dem zunehmenden Hungergefühl entgegen, das sich pünktlich zur Mittagszeit nicht nur bei ihm eingestellt hatte.

Gretchen: Marc meint das nicht so. Du hast nur keinen guten Tag von ihm erwischt. Momentan ist alles etwas... naja... kompliziert.

...antwortete Gretchen, die gerade misstrauisch ihre gelbe Kaffeetasse mit dem breiten Smile-Gesicht-Aufdruck beäugte und deren Inhalt beschnupperte, nun auch endlich auf Cedrics eingangs gestellte Frage. Vorsichtig nippte sie dann am Kaffee und verzog sofort ihr Gesicht, als die warme Flüssigkeit mit ihrem Geschmacksnerv anbändeln wollte.

Cedric: Gibt es überhaupt gute Tage bei diesem nachtragenden Miesepeter?

Doch Dr. Haase hatte ihrem schalkhaften Kollegen gar nicht richtig zugehört, der zumindest noch einen Hauch von Humor besaß nach den dreieinhalb albtraumhaften Stunden des Grauens, welche er soeben hatte erleiden müssen und während welcher er beinahe schon freiwillig mit dem Patienten getauscht hätte, an dessen Gehirn er soeben herumoperiert hatte, um den Schaden, den der schwere Aufprallunfall an eine Brückenunterführung verursacht hatte, möglicht minimal zu halten. Da dieser wenigstens sediert gewesen war und die leidigen Besserwissereien, schlechten Witze und peinlichen Uni-Anekdoten von Oberarsch Meier nicht hatte ertragen müssen, so wie er und der Rest des OP-Teams, das sich peinlich berührt um Schweigen und Blickkontaktvermeidung bemüht hatte, was bei schallender Metallica-Musik, die einem um die Ohren tönte, gar nicht so einfach gewesen war. Die schöne Assistenzärztin war vielmehr mit einer ganz anderen Frage beschäftigt, als sie weiter argwöhnisch mit dem Löffel in ihrem Getränk herumrührte, Milch und ordentlich Süßstoff hinzufügte, noch einmal an dem Gebräu schnupperte und es dann nach einem erneuten Annäherungsversuch angewidert weit von sich weg schob, während sie sich mit ihrer freien Hand ihren die Koffeinaufnahme verweigernden Bauch hielt.

Gretchen: Findest du auch, dass der Kaffee heute komisch schmeckt?
Cedric (hat schon zum nächsten Satz angesetzt, nachdem Gretchen nicht gleich auf ihn und seine Meinung über Dr. Meier reagiert hat, u. versprüht seinen üblichen Charme): Also ich bewundere dich echt, wie du es überhaupt länger als nötig mit diesem sozial unkompatiblen Kerl aushältst, den man eigentlich gar nicht erst auf Patienten loslassen dürfte, wenn er in seinem Job nicht so verdammt kompetent wäre. Da braucht man starke Nerven und eine Engelsgeduld. Oh! Jetzt verstehe ich auch, warum er sich einen Engel wie dich ausgesucht hat. Gute Stra... (wundert sich über Gretchens seltsame Anmerkung, trinkt aber seinen wohltuenden Kaffee unbeirrt weiter) ... Nö, du, der ist doch völlig in Ordnung. Eigentlich sogar der Beste, den ich in den letzten drei Wochen hier getrunken habe. Hat den nicht noch Schwester Sabine gemacht, bevor sie nach Hause gefahren ist?
Gretchen (schaut erst ihr Gegenüber mit großen Augen an, dann ihren gelben Kaffeepot neben der Blumenvase, in der ein wunderschöner bunter Tulpenstrauß steckt): Echt? Aber Sabines Kaffee schmeckt doch sonst anders? Hmm, vielleicht ne neue Sorte, die sie aus ihren Flitterwochen mitgebracht hat? Irgend so ein Indianergebräu oder so? Was hast du noch mal gefragt?

Apropos Sabine, jetzt hab ich doch schon wieder vergessen, ihr das Geschenk zur Schwangerschaft zu geben. Gott, was bin ich nur für eine furchtbare Freundin, ich hab ja nicht mal gefragt, wie’s ihr damit überhaupt geht. Weil ich nur Augen für den kleinen Anton hatte und nicht einmal ein Drittel ihres Reiseberichts mitbekommen habe, als wir bei ihm gewacht haben. Schäm dich, Gretchen, echt! Bäh! Jetzt riecht das Zeug auch noch bis hierher. Was ist das nur und wie kann er das überhaupt trinken?

Cedric (mustert seine Kollegin kurz verwundert u. klemmt dann wieder beide Hände um seine heiße Kaffeetasse): Ach nichts! Es ist dieselbe Sorte wie immer. Das angerissene Kaffeepäckchen steht doch dort auch noch neben der Spüle.
Gretchen (folgt seinem Blick u. wundert sich jetzt gleich noch mehr): Komisch! Den trinken wir zuhause doch auch immer. Oder hebt er etwa die Wirkung des Schokoriegels auf und schmeckt in Kombination mit diesem deshalb so scheus... äh... anders? ... Ach, auch egal. Wo waren wir? Was war mit Marc?

Muss mir dringend noch überlegen, wie ich Marc wieder aufgepäppelt bekomme. Er war schon unverschämt im OP. Also mehr als gewöhnlich, wenn er mich und Sabine triezt und nicht ihn. Vielleicht hätte ich mich doch mehr gegen Papa und Schwiegerpapi wehren sollen. Aber die beiden stehen nun mal Hierarchien über der kleinen Assistenzärztin, die ich immer noch bin und vermutlich immer bleiben werde, und ich kann sie ja auch verstehen. Für Papa ist das eine riesige Sache und Oli, naja, jeder geht eben anders mit so einer Situation um. Ob ich noch mal mit ihm sprechen sollte? Damit er noch mal mit Marc redet. Die können doch nicht so auseinander gehen. Oder sollte ich mich besser gleich an Elke wenden? ... Oh Gott, emotionaler Stress im Doppelpack, nein, gleich in der XXXL-Familien-Packung! Kein Wunder, dass meine Sinne völlig verrückt spielen und mir weder die Schokolade, noch Sabines Kaffee schmeckt, der doch sonst immer der Allerbeste der Welt ist.

Cedric: Äh... Alles okay mit dir, Gretchen?

...forschte Dr. Stier vorsichtig bei seiner Kollegin nach, die im OP noch wunderbar konzentriert gewesen war, aber ihm jetzt sonderbar zerstreut vorkam. Nun war es Dr. Haase, die ihr Gegenüber verwirrt aus ihren faszinierend blauen Augen anschaute.

Gretchen: Wieso?
Cedric: Och, nur so!

Noch irritierter als zuvor, beschloss Dr. Stier, es lieber sein zu lassen. Diese Frau, die ihm jetzt gerade gegenübersaß, mit wirren Blicken immer wieder um sich schaute und um ihren Zeigefinger abwesend eine ihrer blonden Haarlocken wickelte und mit der anderen Hand ein Schokobon nach dem anderen in ihren süßen Mund schob, war wahrlich die komplizierteste Version dieser faszinierenden Spezies Mensch, die es ihm, seit er ungefähr zwölf Jahre alt war, angetan hatte, und sein Kopf war momentan einfach voll mit anderen Dingen, als ausgerechnet die Freundin seines Lieblingserzfeindes verstehen zu wollen, die ihm im Gegensatz zu Marc ‚Arschloch’ Meier sogar recht sympathisch war. Er hatte schließlich ein ähnlich kompliziertes Exemplar zu Hause, oder wohl eher gerade nicht zu Hause. Denn Madame weigerte sich ja stoisch, mit ihm Haus und Hof oder überhaupt auch nur irgendetwas zu teilen. Eigentlich schlug ihm getreu ihres Familiennamens immer nur Ablehnung entgegen, seit sie sich Ende letzten Jahres zufällig wieder begegnet waren und er trotz ihrer dauerhaften Zickigkeiten nicht mehr von ihr lassen konnte und wollte. Mit einer Ausnahme. Oder wohl besser gesagt zwei Ausnahmen, wenn man das kleine Wunder dazurechnete, das schon fast schicksalhaft in der stürmischen Nacht ihres Wiedersehens gezeugt worden war und sie unwiederbringlich für immer aneinanderschweißen würde. So wie es Sarah auch schon auf ihre ganz bezaubernd natürliche und aufgeschlossene Art tat. Der bald Dreifachvater hoffte so sehr, dass es den beiden in ihrer Mutter-Kind-Kur an der Ostsee gut ging und Maria endlich zur Ruhe kam und ihre Vorbehalte ihm und ihrer wie auch immer gearteten Beziehung gegenüber vom Meereswind davontragen ließ. Wenn sich die zwei doch nur mal melden würden! Seit ihrer Abreise herrschte Funkstille und das machte ihn schier wahnsinnig.

Und wo wir gerade bei Wahnsinn auf zwei Beinen waren, in exakt diesem Moment, als Cedrics Gedanken in die Ferne abdrifteten, wurde die vertraute Zweierrunde im Schwesternzimmer um eine Person erweitert, die mindestens genauso anstrengend und kompliziert war wie der überwiegende Teil des weiblichen Personals in diesem Krankenhaus, das er sich ja aus Mangel an Alternativen ausgerechnet für seine zweite Karriereetappe ausgewählt hatte, nachdem die erste in der Chirurgie der Charité so abrupt und desaströs hatte enden müssen. Die Frau seines neuen Arbeitgebers kam aufgeregt hereingestolpert und nahm ihre Tochter sofort überschwänglich in Beschlag, die gar nicht so schnell reagieren konnte, bevor sie stürmisch gedrückt und ihr ein Ohr abgekaut wurde.

Bärbel: MARGARETHE, Kind, da bist du ja! Du glaubst ja nicht, was passiert ist.
Oh Gott, Mama! Will ich wirklich wissen, was passiert ist? Hmm, Sarkasmuslevel nähert sich kontinuierlich dem von Marc. Jetzt müsste ich nur noch so toll Leute abwimmeln können, wie er es kann, nur ein bisschen netter und subtiler.
Gretchen (zubbelt sich am Ohr u. dreht sich langsam zu ihrer hysterischen Mutter um, die sie mit einem sonderbaren Strahleblick anguckt, als hätte sie Drogen genommen oder zu viel Waschmittel inhaliert): Dir auch einen wunderschönen Guten Morgen, Mama. Du wirst es mir sicherlich gleich verraten, so wie ich dich kenne.

Bärbel Haase guckte ihre Tochter kurz verwirrt an, schaute dann auf den ihr unbekannten Arzt auf der anderen Seite des Tisches, der desinteressiert seine Kaffeetasse hypnotisierte und mit seinem Zeigefinger abwesend die geriffelten Linien des Massenwareporzellans entlangfuhr, und setzte sich schließlich unaufgefordert auf den freien Stuhl zwischen den beiden Ärzten. Sie nahm Gretchens Hand in ihre, welche locker auf der Tischplatte geruht hatte, drückte diese einen Tick zu fest und begann dabei schon, aufgeregt zu berichten, was ihr heute Vormittag Schönes widerfahren war. Gretchens Begeisterung hielt sich anfangs in Grenzen, wusste sie doch um die ausschweifenden Ausschmückungen ihrer Mutter, die recht langatmig werden konnten. Dabei hatte sie doch viel zu viele andere Dinge im Kopf und noch kein leistungssteigerndes Koffein in ihren Adern, mit dem sie über den noch langen Arbeitstag kommen wollte.

Bärbel: Ach so? Ja, dir auch, meine Liebe. Was ich sagen wollte, dein Vater... er... du glaubst es nicht...
Gretchen (zunehmend genervt, weil Bärbel mal wieder nicht auf den Punkt kommt u. sie eigentlich noch woanders erwartet wird): Ja, so weit waren wir bereits.
Bärbel (beugt sich verschwörerisch zu ihr rüber, damit der Kollege neben ihr nicht mithören kann, der ihr irgendwie unheimlich vorkommt): Dass Franz mich in unserem Alter noch einmal so überraschen kann. Wow! Wie damals, nachdem er die ausgeschriebene Stelle als Oberarzt am Elisabethkrankenhaus doch noch bekommen hat, obwohl sein Mentor und Vorgänger sich ausdrücklich gegen ihn ausgesprochen hatte, und er spontan mit mir nach Mallorca geflogen ist, um seinen beruflichen Triumph mit mir dort zu feiern. Und ja, hihi, wir sind eine ganze Woche lang nicht aus dem Zimmer gekommen. Dabei soll die Insel doch im Frühjahr am schönsten sein. Weißt du eigentlich, dass wir dich dort gezeu...
HIIILFE!!!! Brauche kein Koffein, brauche dringend einen Zauberdrank, der peinliche Elternanekdoten vergessen macht! Und für Dr. Stier bitte auch eine Tasse. Ich kann nicht glauben, dass sie mich vor ihm so bloßstellt.
Gretchen (reißt panisch die Augen auf u. wimmelt heftig Arm wedelnd ab): MAMA! Komm bitte zum Punkt! Ich muss noch die Visite vorbereiten. Die Patienten warten.
Bärbel (streicht ihrer zickigen Tochter eine aus dem Zopf geschlüpfte Strähne hinter das Ohr): Ja doch, was bist du denn heute so gereizt, Margarethe?
Gretchen (schiebt die Hand ihrer Mutter unsanft weg, weil ihre Haare ziepen): Mama, das tut weh. Und... ich bin überhaupt nicht gereizt.

Ich hatte nur noch keinen Kaffee! Mist, und der Automat auf unserer Station ist immer noch kaputt. Hätte Mama ruhig mal eine Thermoskanne von zuhause mitbringen können. Menno! Wobei, nein, lieber doch nicht, sie schiebt Papa doch immer den Entkoffeinierten unter und der ist definitiv noch ungenießbarer als dieser hier. Hab Papa erst gestern wieder dabei erwischt, wie er damit den Ficus in seinem Büro gewässert hat. Der wird wahrscheinlich die Nacht nicht überlebt haben.

Bärbel (strahlt ihre meckernde Tochter immer noch an wie ein Honigkuchenpferd): Also... Stell dir vor, Gretchen, dein Vater hat mich mit einer spontanen Reise in die Vereinigten Staaten von Amerika überrascht. Morgen geht’s schon los. Ich bin schon so aufgeregt. Amerika! Davon hab ich immer schon geträumt. Hach... Was ich alles noch erledigen muss? Was nimmt man da denn alles mit? Oje! Ich muss dringend eine Liste machen. Wie soll ich das bloß alles in der kurzen Zeit schaffen?
Gretchen (sieht ihre Mutter völlig unbeeindruckt an): Er nimmt dich mit? Aber du weißt schon, dass das eine reine Dienstreise ist? Papa fährt nur mit, weil er Marcs angeschlagenen Vater unterstützt. Du weißt doch, mit seinen gebrochenen Rippen braucht er eine, oder in dem Fall zwei helfende Hände mehr.
Bärbel (schiebt sich bedächtig eine Haarsträhne hinter ihr Ohr): Das weiß ich doch, Margarethe. Aber ich kann mir doch, während die beiden großartige Taten vollbringen, Stadt und Leute einmal genauer anschauen. Chinatown, Manhattan, die Filmstudios. Das kennt man doch sonst nur aus dem Fernsehen.
Mama!
Gretchen (stöhnt entnervt auf): Mama, ihr fahrt nicht nach New York oder Los Angeles, sondern nach Seattle. Das liegt ganz im Nordwesten dieses riesigen Landes, in das Deutschland mehrmals reinpasst, und es ist meilenweit von diesen Orten entfernt, die du mit den USA assoziierst. Für eine Rundreise wird kaum Zeit sein, weil die Operation, inklusive Vor- und Nachbereitung, wirklich eine Mammutaufgabe werden wird. Und in Seattle ist es um diese Jahreszeit sogar noch recht kalt und es regnet eigentlich ständig, hat Oli gesagt. Wenn du also unbedingt...
Bärbel (zieht eine beleidigte Schnute u. mustert kopfschüttelnd den Schokoriegelpapierberg, der sich vor Gretchen angestapelt hat): Musst du immer alles gleich schlecht reden, Margarethe, nur weil du schlechte Laune hast? Dein Vater arbeitet an unserer Beziehung und lässt mich teilhaben an dem, was ihm wichtig ist, so wie er auch mich und meine Bedürfnisse respektiert. Dafür solltest du dich eigentlich für uns freuen.

Ich habe keine schlechte Laune! Aber wenn du so weitermachst, dann stellt die sich schon von alleine ein. GRRR!!! Ganz ruhig, Gretchen! Denk an die Zeit, die sie ganz weit weg sein wird!

Gretchen (setzt ihr überzeugendstes künstliches Lächeln ein): Ich freue mich doch für euch, dass ihr wieder so glücklich seid, Mama, ich bin nur im Dienst und mit wahnsinnig vielen anderen Dingen beschäftigt.
Bärbel (sieht ihre Älteste mit sorgenvollem Gesicht an): Kind, du solltest nicht so viel arbeiten. Der Doktor Meier will doch auch etwas von dir haben.
Gretchen (glaubt sich verhört zu haben u. schnappt wie ein Fisch an Land nach Luft): Ähm... Mama, ich weiß, es ist schwer vorzustellen, aber es ist so. Wir arbeiten zusammen. Wir sind eigentlich immer zusammen. Wir haben also sehr, sehr viel voneinander.

Wo er wohl gerade steckt? Er wollte doch nachkommen, wenn er von der Intensiv zurück ist. Oh, hoffentlich gab es bei dem Patienten keine Komplikationen. Ich hoffe, er vergräbt sich nicht wieder mit seinem ganzen Ärger. Wir waren doch vorhin schon so viel weiter, also bevor er beschlossen hat, Cedric zu Tode zu nerven. Obwohl, eigentlich müsste er sich ja jetzt abgeregt haben, oder nicht?

Bärbel (bleibt misstrauisch, hat aber schon den nächsten Gedanken im Kopf, als sie abrupt von ihrem Platz aufspringt): Gut. Ich hab dir und deinem Vater ja versprochen, ich misch mich nicht mehr in deine... eure Angelegenheiten ein. Hast du deinen kleinen Bruder vielleicht irgendwo gesehen? Jemand muss doch auf die Villa aufpassen, solange wir weg sind. Und du bist ja ständig am Arbeiten. Ausgerechnet jetzt muss er sich emanzipieren. Damit hätte der Junge doch noch gut einen Monat warten können oder bis er mit seinem Studium fertig ist. Sag mal, weißt du eigentlich, wie es um ihn und diese Kleine bestellt ist? Sind die beiden wieder zusammen? Gestern im Widerstand gegen die babyverrückte Schwesternschaft wirkten sie so vertraut miteinander.
Also ich frag mich echt, wie sie das macht. Tausend Dinge auf einmal im Kopf und bringt sie auch immer gleich auf den entscheidenden Punkt, der sich wie eine Pfeilspitze in das Gewissen desjenigen bohrt, auf den sie es als nächstes abgesehen hat.
Gretchen (steht ebenfalls auf u. schiebt Bärbel mit Bedacht in Richtung Ausgang): Warum fragst du ihn das nicht, wenn du ihn gefunden hast, hmm? Ich hab ihn vorhin mit einem Fläschchen für Anton auf die Babystation geschickt, weil ich doch in den OP musste.
Bärbel (ein schelmisches Lächeln ziert ihre Mundwinkel, als sie sich noch einmal verschwörerisch zu ihrer Tochter heranbeugt): Meinst du, die beiden denken schon über eigenen Nachwuchs nach?
Oh Gott! Jetzt ist es offiziell: Mama macht mich wahnsinnig!
Gretchen (es fällt ihr sichtlich schwer, sich zusammenzureißen): Mama, bitte, halt dich bitte zurück! Sonst ist Chantal gleich wieder über alle Berge, so wie nach Jochens Vorschlag, unbedingt mit ihr zusammenziehen und für sie und Celinchen sorgen zu wollen. Du weißt, wie katastrophal dieses Familienessen geendet ist. Und ich mag sie echt und das ist nach den Erfahrungen mit Jochens früheren Freundinnen schon ein wahnsinniger Fortschritt. Lass sie bitte! Wenn sie sich finden wollen, dann finden sie sich schon. Jochen bemüht sich wirklich.
Bärbel (schwingt theatralisch ihre Hände in die Luft): Ich frag ja nur, da bei dir und dem Dr. Meier bei diesem Thema offenbar noch nicht mit...
Memo an mich und Kopie davon an Marc: Unter keinen Umständen, nicht einmal unter Folter- und Todesandrohungen, Mama in unsere Pläne einweihen! Erhöhte Herzinfarktgefahr bei uns allen, Nervenzusammenbrüche inklusive.
Gretchen: Tschüss, Mama! Wir telefonieren heute Abend noch mal, bevor ihr fahrt, ja.

Mit viel Durchsetzungskraft gelang es der genervten Tochter Haase schließlich, ihre überfürsorgliche Mutter aus dem Schwesternzimmer zu schieben und die Tür hinter ihr zu schließen. Erleichtert aufseufzend setzte sie sich wieder zu Dr. Stier an den Tisch und streckte alle Viere von sich. Eine Begegnung mit ihrer Mutter war definitiv tausendmal anstrengender als eine vierstündige Operation bei einem schwer verletzten Autounfallopfer, das sich nahezu alles, was geht, gebrochen hatte. Ihr Nervensystem brauchte jetzt dringend eine doppelte Portion süßester Schokoladenheilkräfte und so machte sie sich auch sogleich über ihre eroberten Vorräte her.

Gretchen: Mütter, echt! Man liebt sie, aber manchmal könnte man sie am liebsten erwürgen.
Cedric: Bitte?

Verwirrt schaute der gedankenversunkene Neurochirurg von seinem Platz auf und Gretchen registrierte erst jetzt, dass ihr geschätzter Kollege offenbar gar nicht mitbekommen hatte, dass ihre Frau Mama gerade mal wieder einen ihrer üblichen peinlichen Glanzauftritte hingelegt hatte. Ob sie Jochen vielleicht vor einem solchen auch noch vorwarnen sollte? Nö! Der kam schon allein zurecht. Schließlich war er jetzt ein emanzipierter junger Mann, der sein Kinderzimmer hinter sich gelassen hatte und endlich sein eigenes Leben in Angriff genommen hatte. Hier gab es nämlich erst einmal einen anderen Patienten, den sie verarzten musste. Cedric schien ja völlig neben der Spur zu sein. Vielleicht munterte ihn ja ein freundschaftliches Gespräch auf, dachte Gretchen, und mit ihrer Themenauswahl traf sie den Nagel auch gleich direkt auf den Kopf. Dass ein einziger Name so eine große Wirkung haben könnte, das hätte sich Gretchen eigentlich denken können. Prompt verschluckte sich der Mediziner nämlich an seinem mittlerweile kalt gewordenen Kaffee und verschüttete den kläglichen Rest davon, der noch in seiner Tasse gewesen war, auch gleich noch über den Tisch, was Sabines Horoskopzeitschriften, die sich während ihrer Abwesenheit dort angesammelt hatten, nicht überlebten.

Gretchen: Ist Maria eigentlich gut auf Rügen angekommen, Cedric? Da muss es ja echt schön sein um diese Jahreszeit.
Cedric (wischt sich mit einer Serviette über den Mund, dann über den Tisch, u. murmelt dabei): Usedom!
Gretchen (kann ihm nicht gleich folgen): Was?
Cedric (schaut sie nun auch wieder an u. erkennt die Unkenntnis in ihrem Blick): Die Kurklinik ist auf Usedom, Frau Dr. Haase.
Gretchen (schüttelt unwirsch mit dem Kopf): Ach ja, stimmt ja! Und? Hat sie sich gemeldet? Haben sich die zwei schon gut eingelebt? Oder meckert sie immer noch über das Erholungsprogramm für überarbeitete schwangere Ärztinnen?

...begann Gretchen unbedarft eine lockere Fragerunde, während sie sich gleichzeitig um die Reste ihrer Schokivorräte kümmerte, die sie vor der umstürzenden Kaffeetasse noch todesmutig in Sicherheit gebracht hatte. Cedric holte derweil tief Luft und zückte dann etwas aus seiner linken Kitteltasche, das er prompt auf den Tisch vor Gretchens Nase legte. Interessiert guckte die Assistenzärztin auf das Smartphone, das ihr sonderbar vertraut vorkam. Fragend schaute sie ihrem Gegenüber ins Gesicht, das plötzlich müde und erschöpft aussah. Da litt aber jemand furchtbar unter Trennungsschmerz, stellte Gretchen wissend fest und schämte sich im nächsten Moment dafür, dass sie überhaupt gefragt hatte. Warum musste sie auch immer so unsensibel sein?

Cedric: Nein! Weder, noch! Das ist alles, was ich an aktuellen Informationen habe.
Gretchen: Ist das... Das ist doch... Marias Handy? Damit hat sie doch neulich erst angegeben. Sie hat es HIER gelassen!

...ermittelte Miss Marple Haase blitzschnell und verschluckte sich dabei fast an ihrem Duplo, den sie hastig hinunterschluckte, bevor sie Cedric mitfühlend aus ihren großen blauen Augen anschaute. Der Mittdreißiger lächelte nur gequält und Wehmut schwang in seiner Stimme mit, als er ihre Vermutung mit einem leichten Kopfnicken bestätigte.

Cedric: Jep! So sieht’s aus, Frau Kommissar.
Unfassbar! Aber wenigstens hat er noch was. Von mir hat sie sich ja nicht einmal verabschiedet.
Gretchen: Frau Dr. Hassmann ist wirklich konsequent in ihren Entscheidungen.
Cedric (lacht verbittert auf u. lehnt sich auf seinem Stuhl zurück, der leicht nach hinten kippt und von den Medizinschränken gehalten wird): Wem sagst du das! Wenn sie sich wenigstens privat einmal so schnell entscheiden würde, wie sie’s täglich im Operationssaal tut. Aber das ist einfach sie, Bloody Mary, wie sei leibt und lebt.
Bloody Mary? Oje, und ich beklag mich über meine bescheuerten Spitznamen. Das ist wirklich fies. Er leidet!
Gretchen: Du liebst sie sehr, oder?

...platzte es impulsiv aus Gretchen heraus, die ihren Kopf mit ihren Armen auf der Tischplatte abgestützt hatte, als sie sich näher zu ihrem Kollegen herangebeugt hatte, bis sie plötzlich merkte, was sie da eigentlich gerade gefragt hatte. In Gedanken gab sie sich eine Ohrfeige und ruderte hastig zurück, als sie in Cedrics seltsam verzogenes Gesicht blickte. Warum war ihr Mund eigentlich immer schneller, als dass in ihrem Schädel ihre Gedanken sortiert wurden, fragte sie sich und guckte peinlich berührt zu ihrem Gegenüber, das weiterhin ruhig auf seinem Stuhl saß und ihr offenbar nichts nachtrug. Denn Cedric lächelte sie an, sobald sie den Mund aufmachte. Eine gewisse Wehmut und Frust schwangen trotzdem in seiner Stimme mit. Das erkannte die Expertin in Liebesdramen aller Art sofort und diese Eigenart, wenn auch verschlüsselt zu seinen Gefühlen zu stehen, schätzte sie nun mal an Männern sehr.

Gretchen: Oh, tut mir leid. Manchmal plappere ich einfach drauflos und das aus, was mir gerade auf der Zunge liegt, ohne darüber nachzudenken. Das geht mich ja auch eigentlich gar nichts weiter an.
Gut, ich geb’s zu, interessieren würde es mich schon. Schließlich beobachte ich das Theater der beiden seit dem Ärzteball.
Cedric: Schon ok, ich bin schon von meiner Schwester gewohnt, dass man ständig mit dem Finger auf mich zeigt und mich auslacht, was für ein bescheuerter Depp ich doch bin.
Gretchen (wechselt den Stuhl u. rückt somit noch näher an ihren Kollegen heran): Du hast eine Schwester?

Doch ehe sie auf ihre neugierige Frage eine Antwort bekommen konnte, betrat eine Krankenschwester das Stationszimmer, oder besser gesagt, sie kam eiligen Schrittes hereingestürzt mit einem riesigen Stapel Papieren, Zeitschriften, Briefen und Umschlägen in ihren Händen, die sie rasch in die einzelnen Fächer der Ärzte und Kollegen einsortierte. Als sie spürte, dass zwei Augenpaare auf sie gerichtet waren, schaute sie sich kurz um, zuckte ertappt zusammen, als sie Dr. Stier am Tisch erkannte, lächelte verschämt in seine und Gretchens Richtung und versuchte nicht, rot zu werden, als sie näher trat und dem charismatischen Chirurgen mit zittrigen Fingern eine Karte reichte.

Schwester Greta: Es steht kein explizierter Adressat drauf, aber ich glaube, die gehört Ihnen, Do... Doktor Stier.

Und ehe der verdutzte Neurologe reagieren konnte, war seine hochrot angelaufene Mitarbeiterin auch schon wieder stolpernd zur Tür hinausgestürzt, als hätte man sie soeben zu einem Notfall gerufen. Misstrauisch blickte er auf die unscheinbare Postkarte in seinen Händen und auch Gretchen reckte neugierig ihr Lockenköpfchen, um einen Blick darauf zu erhaschen. Das Fotomotiv auf der Karte zeigte zwei Kinderfüße, die sich tief in den weißen Ostseesand eingegraben hatten, so dass zwischen einzelnen Muscheln nur noch die niedlichen kleinen Zehen herauslugten, die leicht von Wasserwellen umspült wurden. Cedric stand völlig auf dem Schlauch und wusste überhaupt nicht, was er davon halten sollte. Seine wissende Kollegin dagegen schon. Ihr war richtig das Herz aufgegangen, als sie eins und eins zusammengezählt hatte. Gretchen lächelte verschmitzt, als sie von ihrem Platz aufstand, um ihrem Taktgefühl zu folgen und ihren perplexen Arbeitskollegen jetzt allein zu lassen. Denn sie hatte die schwer entzifferbaren verkrakelten Zeilen auf der Rückseite der Postkarte ebenfalls gelesen, welche unverkennbar von Kindeshand geschrieben worden waren und ihn sicherlich noch eine Weile beschäftigen würden:

Ich hab dich liiieb, Papili! Noch 18 Tage, hat die Mami gesagt. Ich schrieb dich wider. Jeden Tag. Ich darf nämiglich. Ich hab die ganze Fahrt gebädelt, bis sie nicht mehr nein sagen wollte. Aber ich will e vor der Schuleinfuhrdingsda ganz viel Schreiben üben. Das Wasser ist noch voll kalt hier. Siehst du die Füsse? Sind nicht meine. Hihi! Aber ich fand die Karte sooo witzich. Mach ich noch nach! Hier ist kein Platz mehr drauf. Also schüssi und bis babaaaald, deine SARAH.

Gretchen: Tja, wie es ausschaut, ist sie vielleicht doch nicht so konsequent, wie du denkst. Den Faktor Sarahmaus sollte man, oder in dem Fall Maria, niemals unterschätzen. Ich glaube ja, sie hat sich schon längst entschieden. Oder hättest du dann die hier überhaupt erhalten, hmm? Denk mal darüber nach, Papili!

...flüsterte die freche Assistenzärztin Cedric noch geheimnisvoll zu, an dessen Stuhllehne sie sich mit ihren beiden Händen festhielt. Mit großen Augen sah Sarahs Vater die jüngere Kollegin an und entdeckte dann ebenfalls die unförmige riesige Kinderhandschrift auf der Rückseite der Postkarte, die beinahe über beide Seiten ging, wodurch man fast nicht mehr die Anschrift des Elisabethkrankenhauses erkennen konnte, welche definitiv durch Marias Finger ergänzt worden war. Lächelnd erhob sich Gretchen wieder und drehte sich beschwingt herum. Prompt stand sie Marc Meier gegenüber, der unbemerkt durch die Hintertür hereingekommen war und seine Freundin nun argwöhnisch mit hochgezogenen Augenbrauen musterte. Auch Dr. Stier hinter ihr, der so ein seltsam verklärtes Grinsen aufgelegt hatte, behielt er kontinuierlich im Blick. Irgendwas war hier doch oberfaul, schoss es ihm durch den Kopf, während er gleichzeitig seinen Mund öffnete.

Marc: Was ist denn mit dem los?
Gretchen (strahlt ihren Freund mit leuchtenden Augen an, lehnt sich ihm entgegen u. versucht, ihn zu umarmen, um mit ihm ihre Glücksgefühle zu teilen): Das ist die Liebe, Marc, die überwindet einfach jede Distanz. Hach...
Marc (weicht irritiert von der Grinsefee zurück u. guckt von der Tür des Stationszimmers aus immer wieder zwischen den beiden hin und her, die ihm einen Tick zu vertraut miteinander wirken): Hä? Aber der ist jetzt nicht schockverknallt in dich, weil du das Ödem so toll verlötet hast?
Gretchen: War das etwa ein Kompliment, Dr. Meier?

...säuselte Gretchen mit Engelszunge Dr. Meier ins Ohr, als sie einen erneuten und diesmal erfolgreichen Annäherungsversuch bei ihrem eifersüchtigen Oberarzt probierte und ihre Arme um Marcs Nacken tänzeln ließ und ihm dabei verliebt in die verwirrten grünen Augen blickte, welche die sonderbar gut aufgelegte Blondine taxierten.

Marc: Negativ! Ich schmeiß doch nicht für jeden Pippifax Lobeshymnen raus. Soweit kommt’s noch. Tzz... Sonst nimmt mich doch hier keiner mehr ernst. Was ist jetzt? Wir wollten doch bei mir Kaffeepause machen, hmm?

Gretchen verzog bei dem Gedanken an das koffeinhaltige Getränk erneut ihr Gesicht, löste ihre Arme von Marcs Hals und hakte sich stattdessen bei ihm am Kittelarm unter, wofür sie wieder einen irritierten Blick von Dr. Meier kassierte, der sie daraufhin nicht mehr aus den Augen ließ. Dann verließen sie zusammen das Stationszimmer. Gemächlich schritt das verliebte Ärztepaar den Flur der Chirurgie vor, wo hektisches mittägliches Treiben herrschte, welches sie jedoch nicht weiter beachteten, weil sie mal wieder nur Augen für sich hatten.

Gretchen: Lass uns lieber in die Cafeteria gehen und gleich zu Mittag essen. Der Kaffee hier schmeckt irgendwie wie eingeschlafene Füße. Und ich hab jetzt Lust auf was Deftiges.
Marc (mustert seine Freundin, die sich heute irgendwie komisch verhält, argwöhnisch von Kopf bis Fuß): Okay!? Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?
Gretchen (bleibt abrupt stehen u. lehnt sich ihm anhimmelnd entgegen): Jetzt ja! Und bei dir? Endlich abgeregt, Herr Doktor?
Marc (genießt die plötzliche Nähe sehr, guckt, ob sie beide vielleicht beobachtet werden, u. als das nicht der Fall ist, drängt er sie augenzwinkernd hinter dem Essensausgabewagen mit seinen ausgestreckten Armen gegen die nächste Wand): Was heißt denn hier abgeregt? Für ein bisschen Erregung ist der Herr Doktor immer zu haben. Also Planänderung: Vergiss die Futteraufnahme! Du hast eh schon Schokosplitter am Mundwinkel. Du wolltest doch unbedingt wissen, wo wir ab sofort ein bisschen ungestört sein könnten, wenn unser Zeitplan das hergibt, also, so wie jetzt? Hab ich vorhin jedenfalls ganz genau in deinen neugierigen Augen gesehen, als ich die Andeutung gemacht habe. Und außerdem hab ich mir doch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit von dir verdient, hmm? Kaum guckt man mal ne Minute nicht hin, flirtet sie hier heimlich fremd mit diesem Drecksack. Das findet der Dr. Meier aber gar nicht nett. Naja, die Alternative wäre noch, ich könnte ihn auch vermöbeln. Also?
Ach Marc! Er ist so ein Kindskopf. Dabei weiß ich doch, dass er wieder nur ablenkt.
Gretchen (verdreht die Augen u. versucht trotz seiner körperlichen Nähe u. seines verlockenden Angebots konzentriert zu bleiben): Marc!
Marc (stöhnt entnervt auf, da er diese wenig sinnliche Stimmlage an seiner Freundin ganz genau kennt, hält sie aber immer noch mit seinen Armen eingekesselt): Es ist okay, ja! Ich leide unter keinem Familientrauma, nur weil hier gerade alle durchdrehen, falls du das denkst. Ich bin nämlich schon erwachsen, weißte! Und weißt du noch was? Ich hab beschlossen, mich ab sofort und bis in alle Ewigkeit nicht mehr in die Angelegenheiten anderer einzumischen. Ich hab die Faxen nämlich echt dicke. Außerdem bin ich in der Vergangenheit mit der Tour immer gut gefahren. Ich wüsste nicht, wieso ich das jetzt ändern sollte. Man hat ja gesehen, worauf das hinausläuft.
Alle drei Meiers sind solche Sturköpfe!
Gretchen (sieht ihn mit berechtigter Skepsis an): Rede doch noch mal mit ihm, bevor er morgen abreist. Das vorhin ist alles so unglücklich gelaufen.

Marc (hebt eine Hand, um ihrer Belehrstunde gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen): Stopp! Spar’s dir, Haasenzahn! Ich hab nämlich weiß Gott anderes zu tun, als ständig für meine Alten den Babysitter zu spielen. Sollen sie doch ihren Dreck alleine machen. Sie sind alt genug. Ich bin raus. Das hat Dad mir mit seiner Selbstentlassung deutlich gezeigt. Ich hab eine Station zu leiten, nein, ein ganzes Krankenhaus dank deines Vaters, der sich neuerdings beruflich noch mal ausleben will, und ich habe dafür Sorge zu tragen, dass hier nicht gleich das Chaos ausbricht, nur weil jemand das EKH mit nem Kinderheim verwechselt und wir die Bullerei im Haus haben. Außerdem muss ich dafür sorgen, dass aus meiner durchaus nicht unbegabten Assistenzärztin was Gescheites wird und sie neben den berechtigten Gedanken an mich auch mal an ihre Abschlussprüfung denkt, die wann genau noch mal ansteht? Nicht zu vergessen, meine Habilitation und unser anderes Projekt, das oberste Priorität hat. Aber wag es nicht, irgendwen einzuweihen! Ich bin eben gerade noch so deiner Mutter entkommen. Die hatte so einen irren Blick drauf, als die mir auf dem Flur entgegenkam und ich mal eben schnell aufm Klo verschwunden bin. Da hab ich übrigens deinen Bruder mit dieser Kleinen beim Knutschen erwischt. Das hat mir den Appetit auf ein leckeres Mittagessen verdorben. Ach ja, und am Freitag gehe ich mit Mehdi einen saufen. Der muss mal wieder dringend unter echte Menschen. Du siehst, mein Terminplan ist pickepackevoll.
Gott, ich liebe diesen Mann so wahnsinnig.
Gretchen (kann nicht anders, als ihren Schatz mit leuchtenden Augen anzuhimmeln u. sich in seine Arme zu werfen): Du bist echt unverbesserlich.
Marc (grient sie schelmisch an): Dito! Also Thema Eltern endgültig abgehakt, also was unsere nervigen Erzeuger betrifft, nicht uns selbst als Erzeuger, weil das eindeutig mehr Spaß macht. Wobei wir auch schon wieder beim Thema wären.

Aber zu früh gefreut. Marc kesselte Gretchen an der Wand, an der sie mit dem Rücken lehnte, immer mehr ein und wollte ihr gerade einen gierigen Kuss stibitzen, um seine Süße von einem kleinen Abstecher in ihr neues geheimes Versteck zu überzeugen, das er aufgetan hatte, als ihn eine ziemlich vertraute Stimme aufschreckte, die über den gesamten Flur der Chirurgie tönte und dementsprechend auch für sein empfindliches Gehör unüberhörbar war.

Elke: MARC OLIVIER!

Das ist nicht wahr, oder? Jetzt? Wieso muss sie ausgerechnet jetzt hier aufkreuzen? Kann sie nicht einfach weiter Trübsal blasen und mich einmal nicht nerven?

Marc schloss leidend seine Augen und hoffte noch insgeheim auf einen weiteren Alptraum, der ja heute nichts Neues für den leidgeprüften Oberarzt gewesen wäre, als er seine Stirn gegen die von Gretchen lehnte, aber seine Freundin hatte ihre Schwiegermutter in spe bereits im Augenwinkel aus dem Büro von Dr. Kaan herauskommen sehen. Und mit jedem Schritt, den Marcs Mutter näher kam, wurde auch er ihrer tatsächlichen allmächtigen Anwesenheit immer mehr gewahr, aus der es mal wieder kein Entkommen gab. Man blieb schließlich immer das Kind seiner Eltern, so nervig sie auch manchmal sein konnten, wenn sie gerade im unpassendsten Moment vor einem auftauchten.

Elke (ihre rauchige Stimme überschlägt sich regelrecht während ihres aufgeregten Monologs): Wieso ist dein Vater nicht auf seinem Zimmer? Kurz bevor ich zu dem Termin bei Dr. Kaan gehen wollte, du weißt schon warum, wollte ich bei ihm schnell noch vorbeischauen, um noch einmal mit ihm über alles zu reden. Ich kann und will das so nicht stehen lassen. Du hast vollkommen recht mit dem, was du heute Morgen gesagt hast. Ich werde um ihn kämpfen, wie es nur eine Löwin tun kann. Aber wie soll ich das bewerkstelligen, wenn er nicht da ist? Ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen, als ich in Olis Bett einen nackten, über und über tätowierten und bewusstlosen Mann gefunden habe. Was hat das zu bedeuten? Wo ist mein Mann, Marc Olivier? Sag es mir! Und schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede! Dieses Quäntchen Höflichkeit hab ich dir doch wenigstens beigebracht, oder etwa nicht? MARC OLIVIER! GRETCHEN? Antworten, jetzt!

Lorelei Offline

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21.08.2014 16:22
#1493 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Drei Tage später, während der Frühschicht im EKH


Liebes Tagebuch,

endlich schaffe ich es mal wieder, dir den aktuellen Wetterbericht für Berlin-Wannsee und Umgebung zu liefern. Eine plötzliche Gewitterfront ist mit Hagel, Starkregen, Sturmböen und abkühlenden Temperaturen mit noch unvorhersehbaren Folgeschäden über den See und das angrenzende Klinikgelände gefegt und hat für heftige Turbulenzen und ordentliches Gefühlschaos gesorgt. Okay, du denkst jetzt sicherlich, was ist denn auf einmal mit deinem lieben Gretchen los. Ist sie jetzt vollkommen durchgedreht und hat ihren Kittel an den Nagel gehängt, weil es mit dem Facharzt für Chirurgie eh nichts mehr wird, und hat zur Wetterfee bei Sat1 und Konsorten umgeschult? Nein, natürlich nicht! Ich wollte dir nur die Dimensionen anschaulich darstellen, wie in den vergangenen vier Tagen ein Tief Meier nach dem anderen die Hochs Marc und Gretchen in den Hinterhalt verdrängt hat. Fast so wie in einem dieser furchtbar schlechten Sommer, in denen man stets schnell sein muss, wenn man tatsächlich etwas Farbe abbekommen möchte, weil man nur einen Tag Sonne zur Verfügung hat, bevor das nächste Gewitter kommt und mit Sintfluten alles niederwalzt, was ihm vor die Nase kommt. Das wiederholt sich dann in einem Dreitagesrhythmus, bis man plötzlich merkt, dass bereits Herbst ist. Aber wir haben natürlich weder Herbst, noch Sommer, sondern gerade mal Frühling. Einen ungewöhnlich warmen, muss ich dazu sagen, wenn man bedenkt, dass vor ein paar Tagen noch alles weiß gewesen ist und ich panisch war, dass Marc nicht heil mit dem Auto aus der Schweiz nach Hause kommt.

Aber von den aufkommenden Frühlingsgefühlen, dem fröhlichen Vögleingezwitscher und der erwachenden Natur konnten wir noch nicht viel genießen. Neben dem ganzen Olke-Drama - du weißt schon, was ich damit meine - waren wir bis heute Morgen fast rund um die Uhr damit beschäftigt, die Opfer eines schlimmen Busunglücks zu versorgen, welches sich vor den Toren Berlins ereignet hat. Wir haben bis zur Erschöpfung gekämpft und können stolz sagen, dass alle Patienten überlebt haben, auch die, um die es bis gestern Abend noch kritisch gestanden hat. So ein Einsatz, in dem es um Leben und Tod geht, nimmt einen wirklich mit, das Adrenalin wirkt immer noch nach, man ist ganz aufgeputscht und spürt die Erschöpfung gar nicht, obwohl man längst im Bett liegen sollte. Aber da uns durch das Fehlen von Dr. Hassmann und meinem Papa wichtige Fachkräfte fehlen, müssen wir immer noch ran. Ich hab die Stunden gar nicht gezählt, die wir jetzt schon hier im EKH verbracht haben. Gefühlt sind es Tage. Marc hat mich irgendwann gegen halb zwei, als sicher war, dass auch der kleine Junge überlebt, der unter den völlig zusammengequetschten Bussitzen herausgeschnitten worden war, ins Bereitschaftszimmer verfrachtet, wo ich dann doch ein paar Stunden schlafen konnte, wenn auch unruhig, weil Marc nicht neben mir lag und mich gewärmt hat.

Ich glaube, er ist noch irgendwo unterwegs und schaltet und waltet als stolzer Interimschef. Meinem Marcischnuckiputzi konnte eigentlich nichts Besseres passieren, als vorübergehend Papas Platz einzunehmen. Es bedeutet nicht nur einen weiteren wichtigen Schritt auf seiner Karriereleiter nach oben und zeugt von dem Vertrauen, das der Professor in seinen Vielleicht-Bald-Nachfolger setzt, sondern es lenkt ihn auch ganz gut von den Beziehungsproblemen seiner Eltern ab. Ja, ich nenne es Beziehungsprobleme, denn im Gegensatz zu meinem skeptischen, ewig schwarz sehenden Freund bin ich mir sicher, dass Elke und Olivier das wieder kitten können. Die beiden lieben sich doch, das sieht sogar ein Blinder mit Krückstock. Beide haben in der Vergangenheit so gekämpft. Warum sollte man so eine große Liebe jetzt einfach wegwerfen, nur weil es ein paar mittelschwere bis gigantische Probleme und zehntausend Missverständnisse gibt? Hab ich je aufgegeben? Nein! An der einzig wahren Liebe muss man festhalten, denn sie ist es wert, um sie zu kämpfen. Man muss ihnen einfach nur die nötige Zeit geben. Liebe braucht immer Zeit, ganz viel Geduld und Ausdauer. Gerade bei so unterschiedlichen Menschen, wie die beiden es sind. Und ja, wie du richtig aus den Zeilen herausliest, Oli ist tatsächlich geflogen. Vorgestern. Zusammen mit meinem Papa, der ihm in seiner alten Klinik unter die Hände greifen wird, und meiner Mama, die sich um seinen Haushalt und alles andere kümmern wird, solange er noch gehandicapt ist. Schließlich ist Marcs Vater nach dem Treppensturz immer noch verletzt und braucht die Unterstützung. Das hat letztendlich auch mein Motzkönig verstanden, der erst strikt gegen die Reise gewesen ist und ihn am liebsten in eins unserer Patientenzimmer eingesperrt und den Schlüssel weggeschmissen hätte, wenn man ihn gelassen hätte.

Marc und sein Dad haben auch noch mal intensiv miteinander geredet und alles, was sie bedrückt, soweit geklärt. Dank meiner Intervention, muss ich dazu sagen, hat er die drei sogar ohne Murren zum Flughafen gebracht und Oli und er sind im Frieden auseinander gegangen. Aber ein kleiner Restzweifel nagt eben immer noch an meinem Schatzi, dass Oli nicht zurückkommen könnte. Die Bilder und Gefühle von damals, als er schon einmal als kleiner dreizehnjähriger Junge verlassen worden ist, sind eben immer noch fest in Marcs Kopf verankert. Und es tut mir auch wahnsinnig weh, dass er momentan immer daran denken muss. Ich halt das kaum aus, wenn er in unbeobachteten Momenten immer so traurig guckt. Ich hab mein Bestes versucht, ihm das auszureden, und ich denke, die Botschaft ist tatsächlich angekommen. Denn durch ein aufschlussreiches Gespräch mit Oli weiß ich auch, dass diese Dienstreise tatsächlich die letzte Reise zurück in sein altes Leben sein wird und dass er sich mit dieser großen Operation, auf die er fast sein halbes Chirurgenleben hingearbeitet hat, von seinem alten Team dort verabschieden möchte. Er will tatsächlich die Brücken abreißen und endgültig nach Berlin zurückkehren. Zurück zu Marc. Von Elke hat er nicht gesprochen, aber wahrscheinlich waren die Verletzungen, dass sie ihm nichts von ihrer Krankheit erzählt hat, noch zu frisch. Oli kann auch recht stur sein, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. Da ist er wie Marc. Es ist unfassbar, wie ähnlich sich die beiden doch sind. Ich hab sie beobachtet. Heimlich. Das gleiche entwaffnende Lächeln, der gleiche bissige Humor, der gleiche Charme zum Dahinschmelzen, der gleiche bockige Blick, sie rühren sogar synchron ihren Kaffee um. Oder die süßen Grübchen erst und die hoch gezogenen Augenbrauen, wenn ihnen was suspekt ist. Wirklich faszinierend! Marc sieht das zwar nicht so, denn er hat so komisch geguckt, als er gemerkt hat, wie sehr ich die beiden während ihres Gesprächs angestarrt habe. Für mich ist es aber Fakt!

Was Elke Fisher äh... Meier betrifft - wir wollen ja bei der Namensgebung der zerstörerischen Tiefs über Berlin korrekt bleiben -, das ist ein Drama für sich. Dass Oli frühzeitig das Krankenhaus verlassen hatte, hat sie nicht gut aufgenommen. Erst recht nicht, als sie von seinen weiteren Plänen erfahren hat, die wir ihr möglichst schonend beigebracht haben. Mehdi musste ihr etwas zur Beruhigung geben und sie für einen Tag bei uns stationär aufnehmen. Nur zur Sicherheit. Schließlich ist ihre Krebsbehandlung noch nicht so lange her und wir wollen nichts riskieren. Marc hat das Ganze ziemlich aufgewühlt, aber er hat es vor mir und Elke nicht zeigen wollen. Er ist lieber in Aktionismus verfallen und hat zweieinhalb Tage durchoperiert. Ich weiß nicht, ob man das als gutes oder schlechtes Omen werten sollte, dass ausgerechnet er als Ersthelfer an der Autobahn war, als kurz nach dem Flughafen, wo er gerade unsere Eltern abgeliefert hatte, dieses schwere Busunglück passiert ist. Wie gesagt, es hat ihn abgelenkt, er konnte zeigen, was er als Topchirurg draufhat und er musste nicht über dieses ganze Chaos nachdenken, das seine Familie ihm aufbürdet. Ich hab ihn auch nicht weiter darauf angesprochen, wofür er mir auch sehr dankbar ist. Ich weiß doch, dass Marc ungern über solche Dinge redet und sie am liebsten weit von sich wegschieben würde. Wir kommunizieren mit tiefen Blicken und verstohlenen Gesten und es ist gut.

Wir haben mittlerweile diese Ebene des Vertrauens erreicht und es ist einfach schön zu wissen, dass ein Blick über seinen Mundschutz hinweg in seine schönen smaragdgrünen Augen genügt, um zu sehen, dass er weiß, dass ich ihn verstehe und bedingungslos zu ihm halte, egal was kommen mag. Das ist andersrum ja auch genauso. Es ist unfassbar, wie nah wir uns mittlerweile sind und damit meine ich nicht das Körperliche. Wobei das natürlich auch eine wichtige Rolle spielt. Gerade bei Dr. Meier, wenn er emotional überlastet ist und nicht weiß, wohin mit sich und seinen brodelnden Gefühlen. Ich will ja nicht meckern, aber ein bisschen unheimlich ist mir sein Engagement, was unsere Babyplanung betrifft, ja schon. Gleichzeitig ist die Vorfreude aber immer noch riesengroß und überwiegt die kleinen Zweifelchen, ob er vielleicht nicht doch noch einen Rückzieher machen könnte. Nein, ich weiß es! Marc will es wirklich genauso sehr wie ich. Ich könnte jedes Mal weinen, wenn ich daran denke.

Ich reagiere im Moment eh auf alles und jeden sehr emotional. Ob es wegen Marc, Elkes Erkrankung und dem Abschied von Oli und meinen Eltern, wegen dem süßen kleinen Anton und seinem schweren Schicksal oder wegen Sabines Eheglück ist und weil sie überhaupt endlich wieder da ist und wir wieder über alles, was uns bewegt, ratschen können. Oder wenn ich Mehdi so unübersehbar glücklich und unbeschwert mit Gabi zusammen sehe oder wenn Lilly auf Station vorbeischaut und uns schief und schräg Gitarre vorspielt, weswegen Dr. Meier fiese Lachflashs bekommt und dann mit ihr kabbelt, bis beide herzhaft auflachen. Oder wenn Cedric Post von seiner süßen Sarahmaus bekommt und Jochen seine Wiederfreundin umarmt, ja sogar schon, wenn Patienten entlassen werden, die mir ans Herz gewachsen sind. Sehr peinlich übrigens! Ich hab das Gefühl, ich trete momentan in jedes Fettnäpfchen, das sich mir bietet. Muss an dem ganzen Stress liegen. Ich stehe so unter Strom im Moment. Eigentlich bräuchte ich auch so eine Auszeit, wie Maria Hassmann sie gerade genießt, wenn sie sie denn genießt. Hmm... zusammen mit Marc, das wäre schon schön. Ich muss in letzter Zeit so oft an unseren Kurztrip an den See in der Lausitz denken. Da waren wir so richtig unbeschwert und glücklich, was nicht heißt, dass wir das nicht immer noch wären.

Weißt du eigentlich schon, was Marc gemacht hat? Halt dich fest! Er hat die Märchenschublade aufgeklappt und uns wieder ein kleines traumhaftes Liebesnest geschaffen, wo wir fern von allem sein können, von unseren Eltern, den Patienten, unseren Sorgen und Pflichten, wo wir einfach nur wir sein können. Marc und Gretchen. Gretchen und Marc. Über den Wolken schwebend. Okay, jetzt werde ich vielleicht etwas zu pathetisch, aber es ist schon witzig, dass wir wie bei uns zuhause auch wieder im 7. Himmel, äh... im 7. Stockwerk gelandet sind. Ob das Absicht war? Hmm, das weiß man bei Marc Meier nie. Eigentlich hasst er ja jeden Romantikkitsch, auf den ich stehe, aber dann macht er trotzdem so etwas. Seine Überraschung kam so unerwartet und sie war so unfassbar romantisch, dass ich es immer noch kaum glauben kann. Sie war fast noch schöner als die damals, als er mich an unserem ersten Arbeitstag im EKH nach unserem offiziellen Beziehungsstart auf Rügen in den ungenutzten Ostflügel des Krankenhauses geführt hat. Gut, das ist und bleibt unübertroffen und ich bekomme jetzt noch weiche Knie, wenn ich daran zurückdenke. Diesmal mussten wir uns jedoch zurückhalten. Wenn mich Marc mit einem Tuch vor meinen Augen über den Flur geschoben hätte, hätten sicherlich alle doof geguckt und unser heimliches Versteck bliebe nicht lange unentdeckt. Im Nachhinein hab ich jetzt von mehreren Seiten, unter anderem von Schwester Gabi, erfahren, dass unsere Ostflügelbesuche ein offenes Geheimnis im EKH waren. Wie peinlich ist das denn bitteschön? Jetzt denkt doch jeder... Nein, ich will gar nicht wissen, was die anderen denken. Das ist mir eigentlich egal. Das Einzige, was zählt, ist, dass ich mit meinem Traummann zusammen sein kann, in den ich schon fast mein ganzes Leben lang verliebt bin und der einen, auch wenn man sich mittlerweile seit über zwanzig Jahren in und auswendig zu kennen glaubt, immer noch wahnsinnig überraschen kann.

Diesmal hat mein Romantikmuffel eine Art Schnitzeljagd für mich organisiert. Eigentlich dachte ich ja, er will mit seiner Mutter alleine sein. Es passierte nämlich an dem Abend, als wir Elke nach ihrem hysterischen Zusammenbruch hier behalten mussten. Ich hatte, so wie jetzt auch, im Stationszimmer noch zu tun, denn es waren noch einige Akten liegen geblieben. Plötzlich bekam ich aber eine Sms. Von Marc! Ich sollte dorthin gehen, wo wir uns zum ersten Mal im EKH begegnet waren. Ich war vollkommen perplex und wunderte mich, was er denn jetzt von mir wollte, denn er hatte seit dem Ärger mit seinen Eltern noch kein nicht medizinisches Wort mit mir gewechselt, und bin also zum Aufzug gegangen. Die Türen standen bereits offen, aber Marc war nicht drin. Neben der Tastenanzeige klebte jedoch ein kleiner rosa Zettel, auf dem in seiner krakeligen Oberarzthandschrift stand, „Weißt du noch, Haasenzahn? Hier bist du zum ersten Mal über mich hergefallen und wir haben uns zum ersten Mal richtig geküsst. Also nicht so teenymäßig wie damals bei dir im Garten, sondern nicht jugendfreie Erwachsenenküsse. Wenn du noch mehr Küsse dieser Art haben willst, fahr in den Siebten! Jetzt! M.“

Das fand ich voll süß von ihm. Ich hatte richtig weiche Knie, Herzklopfen und zittrige Finger, als ich seiner Anweisung brav gefolgt bin. Tausend Dinge schossen mir durch den Kopf. Hatte ich etwa unseren Jahrestag vergessen? Das konnte eigentlich gar nicht sein. Es gibt so viele Momente, die ich allein mit Marc verbinde, da könnte man ganze Wochen und Monate durchfeiern. Unseren ersten Kuss. Unseren zweiten ersten Kuss. Unseren dritten ersten Kuss, diesmal als wirklich richtiges Paar an der Strandpromenade auf Rügen. Das Datum unserer ersten Begegnung hier im Krankenhaus. Oder als wir schon einmal beinahe für zwölf Stunden ein Paar waren, als meine Eltern uns zumindest durch diverse Missverständnisse für ein solches gehalten haben. Aber der wichtigste Tag ist und bleibt für mich der 3. August 1989, als wir uns an der Schaukel auf dem Spielplatz zum ersten Mal begegnet sind und das Schicksal uns für immer miteinander verbunden hat, obwohl wir das damals noch nicht einmal ansatzweise geahnt haben. Aber wir haben ja immer noch Mitte März und keinen August. Deshalb war ich etwas durch den Wind, als ich nach oben fuhr. Hatte er vielleicht in der Cafeteria ein romantisches Abendessen für uns organisiert? Das war zumindest meine erste Vermutung, die ich mir während der quälend langen Fahrt nach oben aufgeregt zusammen gesponnen habe. Ich hab sogar mein überraschtes Gesicht vor der Spiegelwand geprobt, um auf die Begegnung mit Marc richtig vorbereitet zu sein. Bescheuert, ich weiß! Und vollkommen unnötig. Denn es kam natürlich alles ganz anders.

Als ich kurz darauf aus dem Fahrstuhl stieg und Richtung Cafeteria guckte, war dort alles finster, abgeschlossen und von Marc war keine Spur. Doch kein romantisches Date bei Kerzenschein mit wilden Marc-Küssen zum Nachtisch. Ich wollte ja auch keins. Gut, vielleicht hätte ich doch gerne eins gewollt, denn ich hatte schon Hunger. Marc hatte mir schließlich Erwartungen auf etwas Süßes entlockt. Die Seifenblase begann langsam zu verblassen und meine anfängliche Aufregung kam mir plötzlich total blöd vor. Ich dachte schon, der gemeine Kerl will mich doch bloß wieder verarschen, einfach nur weil er Spaß daran hatte. Und ich doofe Kuh bin auch noch darauf hereingefallen so wie das dumme Schulmädchen, das ich mal war und das ihm ständig hinterhergelaufen ist. Diesmal nicht, mein Freund! Ich wollte mich schon umdrehen und wieder im Aufzug verschwinden, als ich an der gegenüberliegenden Wand einen komischen, mit rosa Edding auf ein weißes Papier gezeichneten Pfeil entdeckte, der von der Cafeteria wegführte. Vielleicht stand ich dort auch etwas zu lange, wie bestellt und nicht abgeholt, denn plötzlich vibrierte mein Handy in der Kitteltasche und ich bekam noch eine „charmante“ Sms von Marc Meier: „Äh... Haasenzahn, was ist so schwer daran, dem bescheuerten Pfeil zu folgen? Oder soll ich dir noch ein Navi schicken, das du auch nicht bedienen kannst.“ War natürlich sofort sauer, weil das doch schon wieder nach einem versteckten Hinweis auf meine Inkompetenz klang. Also drückte ich sofort die Eins auf den kleinen Tasten meines Telefons und rief den Blödmann an. Das Gespräch verlief wie folgt:

Gretchen: Marc, ich bin nicht blöd, ja!
Marc (für den ersten Moment etwas sprachlos, dann gewohnt „charmant“): Aber ganz schön lahmarschig, wenn du mich fragst. Oder hast du noch am Schokoautomaten Halt gemacht?
Gretchen (funkelt wütend in die Dunkelheit): Gar nicht!

Obwohl ich dazu sagen muss, dass ich in dem Moment schon gerne einen Schokoriegel verdrückt hätte. Frustbewältigung, weißte ja. Zumal ich durch den Telefonhörer deutlich heraushören konnte, dass sich Marc kaum noch sein schadenfrohes Lachen verdrücken konnte. Dieser gemeine und unmögliche Mann! Ich wusste doch, dass er irgendetwas ausheckte. Aber nicht mit mir! Nicht mit Gretchen Haase!

Marc: Doch! Meine letzte Sms ist schon fast ne halbe Stunde her. Ergo warte ich auch schon genauso lange auf dich und deine Schokoküsse.
Gretchen (völlig perplex u. nicht so souverän wie gewollt): Wo?
Marc: Äh... Dort, wo der Pfeil hinzeigt, Haasenzahn.

...antwortete Marc kleinlaut am Telefon und ich guckte mit selbigem am Ohr in die genannte Richtung. Alles, was ich in der nächtlichen Notbeleuchtung erkennen konnte, war ein langer dunkler Flur, der im Nichts endete und durch das immer mal wieder flackernde Deckenlicht ziemlich gruselig wirkte. Nicht gut, dachte ich. Das kannte man ja aus Horrorfilmen und Marc liebte diese furchtbaren Splattermovies, in welchen hinter jeder dunklen Ecke immer jemand lauerte, der es auf unschuldige Blondinen mit großen Brüsten abgesehen hatte. Er will dich doch reinlegen, konnte ich nur folgerichtig schlussfolgern und bewegte mich schon automatisch rückwärts wieder zum Aufzug hin, der aber in genau diesem Moment mit einem lauten Pling seine Türen schloss. Schöner Mist auch! In was hatte ich mich da bloß wieder hineinmanövriert?

Gretchen (mit nicht vorhandener Souveränität in der Stimme): Marc, du willst mich doch nur wieder veräppeln? Ich kenn dich doch.
Marc (stöhnt entnervt auf): Wie kommst du denn bitte auf diesen völlig schwachsinnigen Gedanken?
Gretchen (mit wieder gefundenem Selbstbewusstsein): Ich bin sechs Jahre lang mit dir zusammen zur Schule gegangen. Seitdem bin ich wachsamer geworden. Dort gab es nämlich auch jede Menge dunkler Gänge. In einen davon hast du mich auch mal gelockt, weißt du noch, weil du ja angeblich unbedingt mit mir reden wolltest, was mich allein schon hätte skeptisch werden lassen, weil du sonst nie freiwillig ein Wort mit dem dicken bebrillten Mädchen im rosa Tutu gewechselt hast, und am Ende saß ich eine ganze Nacht und ein halbes Wochenende lang eingeschlossen in der Schule fest, während du und deine Clique euch zuhause vermutlich schlapp gelacht habt über meine dumme Naivität. Wenn Herr Schneidewind nicht seinen samstäglichen Kontrollgang gemacht hätte, hätte ich vermutlich bis Montag da festgesessen.
Marc (lacht herzhaft auf, als die Erinnerungen an die gute alte Zeit zurückkommen): Na wenigstens, war die Schulküche in der Nähe. Verhungert wärst du wohl nicht.
Gretchen (verschränkt bockig ihre Arme): Das ist nicht witzig, Marc!
Marc (seine Stimme wird sanfter u. schmeichelnder): Doch ist es! Aber lassen wir die Vorspiele! Komm jetzt endlich her! Ich hab nicht foppen, sondern küssen auf den Zettel geschrieben, oder nicht?
Gretchen (zerfließt beim Klang seiner Stimme u. muss nun doch lächeln, ist aber immer noch unsicher): Ja! Aber ich finde es wirklich unheimlich hier oben. Können wir nicht den Dienst beenden und nach Hause fahren?
Marc (man hört ihn durch den Telefonhörer seufzen): Wir haben Bereitschaft.
Gretchen (lässt geknickt den Kopf hängen): Menno!
Marc: Okay, ich geb dir noch nen Tipp, aber den wirst du brav befolgen, ja?
Gretchen (nicht sehr überzeugt): Wenn du meinst? Aber ich komm mir total idiotisch vor.
Marc (schmunzelt): Was soll ich da sagen? Da gibt man(n) sich einmal Mühe, der Frau mit den hohen Ansprüchen mal eine kleine Flucht aus dem beschissenen Alltag zu ermöglichen, und sie ist trotzdem nicht zufrieden. Also bald ist der Dr. Meier mit seinem Medizinerlatein echt am Ende und das muss schon was heißen.
Gretchen (plappert aufgeregt in den Hörer u. wird immer hibbeliger): Doch, das werde ich sein! Versprochen! Also wo bist du, Marc?
Marc: Guck mal den Gang runter! Siehst du die Tür da auf der rechten Seite kurz vor dem zugemauerten Giebelfenster?

Ich tat, wie mir aufgetragen wurde, und beobachtete mit angehaltenem Atem, wie sich ganz am Ende des düsteren Korridors wie von Geisterhand eine unscheinbare Tür öffnete, die in denselben Farben gestrichen war wie die Wände um sie herum und mir daher noch nie richtig aufgefallen war. Aber wie auch? Jedes Mal, wenn ich hier oben war, führte mein erster Weg ja meistens direkt in die Kantine zum Schokoautomaten oder zum Puddingregal.

Gretchen (flüstert ins Telefon): Ja!
Marc (im üblichen Oberarzttonfall): Dann rein da, Haasenzahn, zack, zack! Aber nimm vorher den bescheuerten Pfeil mit oder vernichte das Beweisstück! Nicht dass noch jemand darauf hereinfällt und die Tür zu unserem neuen Versteck entdeckt. Ich ziehe es nämlich vor, ungestört zu bleiben. Du doch auch, oder?
Gretchen: Okay! Bis glei... Marc?

Aber da merkte ich, dass mein charmanter Traumprinz bereits aufgelegt hatte. Ich atmete noch einmal tief durch und sammelte mich und meine diversen Ängste vor der Dunkelheit, dann riss ich den Zettel mit dem Pfeil von der Wand, faltete ihn sorgsam zusammen und steckte ihn, genauso wie das Post-it aus dem Aufzug, in meine Kitteltasche. Bekommt beides dann hier bei dir noch einen Ehrenplatz. Wenn man schon einmal so etwas wie einen Liebesbeweis von Marc Meier bekommt, musste der auch gut aufbewahrt werden. Hihi! Und mit dem Handy in der Hand, welches mir als einzige Lichtquelle diente, schritt ich mit Mäuseschritten auf die geöffnete Tür zu, die sich durch einen Windzug immer wieder knarrend vor und zurückbewegte. Ich muss dir, liebes Tagebuch, nicht sagen, dass ich immer noch ein mulmiges Gefühl bei der Sache hatte. Als ich dann einen vorsichtigen Blick in das Zimmer, oder was auch immer sich hinter der Tür verbarg, warf, bemerkte ich beunruhigt, dass auch dieser Raum stockduster war. Marc konnte so gemein sein, dachte ich angesäuert und zögerte noch einen Moment, in dem ich sehnsüchtig zurück zu den Fahrstühlen blickte, die mir immer noch verlockender erschienen als diese Geschichte hier, und trat schließlich doch ein. Ich war schließlich kein Angsthase, sondern eine echte Haase, die sich vor nichts und niemanden fürchtete, außer vor Spinnen vielleicht, aber ganz bestimmt nicht vor den Torheiten eines Marc Meiers, der seine Spiellaune wiederentdeckt hatte.

Mit dem Handylicht bewaffnet setzte ich also vorsichtig einen Schritt vor den anderen, bis ich plötzlich etwas sonderbares Weiches vor meinem Gesicht spürte, das mir den Weg versperrte. Doch Spinnen! Ich war wie gelähmt. Ein Spinnennetz, überall, dachte ich panisch und kreischte so laut auf, dass ich mich gleichzeitig auch noch vor meinem eigenen Echo erschreckte, das in einer ähnlichen Lautstärke zurückhallte. Wild wedelte ich mit meinen Armen in der Luft herum, bis ich mich noch mehr in dem Netz verfing, das tatsächlich überall zu sein schien, wodurch mir zu meinem Unglück auch noch das Telefon aus der Hand flutschte, das scheppernd auf die Holzdielen krachte, bevor die Taschenlampenfunktion ausging und ich plötzlich gänzlich allein im Dunkeln dastand.

Gretchen: MAAARC!

Lorelei Offline

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31.08.2014 12:43
#1494 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten


Liebes Tagebuch!

Warum bin ich auch immer so kindisch ängstlich und unfassbar paranoid, wenn es um die kleinsten Lebewesen unserer Erde geht? Haben die denn keine Daseinsberechtigung? Wenn ich im Labor Bakterienkulturen studiere, um Krankheitsbildern nachzugehen, flippe ich doch auch nicht gleich aus. Oder wenn ich Marienkäfer sehe. Ja, genau! Die finde ich nämlich so richtig putzig und süß. Die lasse ich sogar gerne über meinen Handrücken krabbeln, um ihre Pünktchen auf dem Rücken zu zählen. Oder Glühwürmchen in einer lauen Sommernacht. Gibt es etwas Romantischeres? Nein! Aber bei Spinnen setzt es bei mir immer, ohne Ausnahme, aus. Die können noch so klein und angeblich harmlos sein und ich veranstalte trotzdem ein Schreikonzert der Sonderklasse, das die altehrwürdigen Mauern des Mommsengymnasiums erzittern lässt, wie mitten während meiner Abschlussfeier, als sich eines dieser fiesen Viecher in der riesigen Aula ausgerechnet über meinem Sitzplatz von der Decke hangeln musste. Ich glaube, Susanne Leibfried ist heute noch sauer auf mich, weil ich ihren großen Auftritt vermasselt habe, als sie in ihrem goldenen Designerpaillettenkleid die Abschlussrede unseres Abijahrgangs halten wollte und ich unbeabsichtigt eine kleine mittelschwere Massenpanik verursacht habe. Ja, ich gebe es ja zu, ich fürchte mich schrecklich vor Spinnen (da reicht schon die simple Erwähnung des Wortes) und ich bräuchte dringend eine Therapie dagegen. Das meinte Marc übrigens auch, nachdem ich ihm bei einem unserer gemütlichen DVD-Abende den „Herrn der Ringe“ versaut habe, weil ich mich nicht mehr eingekriegt habe, als das arme kleine Männchen mit den behaarten Füße und der hübschen Ringkette von diesem Monstrum... Aaaahhhh!!! Ich bekomme schon Komplexe, wenn ich nur an diese schreckliche Szene denke. Ich weiß bis heute nicht, wie diese Filmreihe überhaupt ausgeht, aber ich kann mir das einfach nicht angucken. Ich hab drei Wochen am Stück nicht richtig schlafen können, weil ich ständig diese riesige widerliche Tarantula vor mir gesehen habe, was natürlich eine Steilvorlage für den albersten Freund der Welt ist, mich ständig und überall aufzuziehen, kann ich dir sagen. Und jetzt plötzlich wird der Horror auch noch Realität. Ich befinde mich in meinem eigenen Alptraum. Und Marc ist an allem Schuld! Er hat mich doch unter fadenscheinigen Gründen hierher gelockt. Der kann was erleben, wenn ich das hier überlebe!

Gretchen: MAAARC!

Völlig hysterisch begann ich wie von Sinnen zu schreien. Ich dachte wirklich, mein letztes Stündlein hätte geschlagen und ich würde mich tatsächlich in einem Horrorfilm befinden. „Die Haasenjagd, directed by MM“ mal ganz anders interpretiert, oder so. Gott, ich bin ja auch manchmal echt überempfindlich und megadramatisch, aber solche Sachen mag ich nun mal ganz und gar nicht. Marc weiß das doch. Und trotzdem hatte er mich genau hierher gelotst. Wie kann er das mir, SEINER FREUNDIN, antun? Ich dachte, jetzt wo wir richtig zusammen sind, hört das mit den Gemeinheiten mal auf. Von wegen „Addiere meine Gemeinheiten, du schaffst es“. Die Angst und der Ekel vor dem Spinnennetz, das ich verheddert in meinen Haaren und überall an meinem Körper glaubte, fühlten sich so echt und pur an, dass ich mich wirklich nicht mehr vom Fleck rühren konnte, was doch eigentlich genau der falsche Reflex in so einer Gefahrensituation ist. Auf mich trifft aber auch wirklich jedes Klischee eines naiven Horrorfilmopfers zu, außer der Wespentaille, den kilometerlangen Beinen und dem kurzen Rock, der knapp unter dem perfekt gerundeten Po endet. Ich danke der Modeindustrie, dass sie den so vorteilhaft geschnittenen Arztkittel erfunden hat. Ich werde ihn trotzdem verbrennen, falls ich das hier heil überstehen sollte. Oje, ich bin schon wieder so drin in der Situation, als würde ich sie genau in diesem Moment erneut erleben. HILFE! Ich wollte sofort weg, aber ich konnte mich ja, wie gesagt, nicht mehr bewegen. Ich klebte richtig am Boden fest. Würde ich jetzt wirklich sterben? Gerade mal dreißig, nur knapp über meinem Idealgewicht, endlich fest liiert mit dem sexiest man alive, der sogar ein Baby mit mir will und auf dem Standesamt spontan „ja“ zu mir gesagt hat, auch wenn der Standesbeamte nicht uns mit der Frage aller Fragen gemeint hat. Bis auf die amtliche Unterschrift und meinen Facharzt war ich doch endlich auf einem guten Weg, den auch meine Mutter akzeptieren würde.

Anfangs war in dem Raum, in dem ich mich mit gefühlten drei Millionen fiesen Spinnen und anderem widerlichen Insektengetier, das ich mir sehr bildhaft vorstellte, befand, kein Geräusch zu hören, bis auf mein hysterisches Ausgeflippe, welches aus lähmender Angst allmählich verebbte, das eingebildete Zähnefletschen der hungrigen Monsterspinne aus dem Film (Haben Spinnen eigentlich Zähne und will ich das in ihrem Angesicht wirklich wissen?), mein eigenes aufgeregtes Ein- und Ausatmen und das laute Pochen meines Herzens, das fast aus meiner Brust zu springen schien. So viel Panik hatte ich, die sich noch verhundertfachte, als ich plötzlich hinter mir in der Nähe das Knarren der Holzdielen hörte. Aber das war kein heranschleichendes Getippel von kleinen, behaarten Spinnenfüßchen, sondern das waren echte menschliche Schritte! Gefolgt von einer genervten tiefen Männerstimme, die allein mit ein paar wohlklingenden Silben das hysterische Huhn, das ich war, wieder beruhigen konnte. Er ist und bleibt einfach MEIN HELD! Mein Lichtbringer, der das Böse mit Sarkasmus und Ameisenblick dahin vertrieb, wo es hergekommen war, in meine blühende Fantasie nämlich.

Marc: Boah, Haasenzahn, echt! Übst du schon wieder das Mordopfer im Tatort, oder was? Sterben für Anfänger? Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber diese Schauspielleistung, die den Namen nicht mal ansatzweise wert ist, reicht nicht einmal für eine Statistenrolle als Topfpflanze im Big-Brother-Container. Man, eh, alles muss man(n) selber machen!

...raunte die Person, die zu der arroganten sexy Stimme hinter mir gehörte, mir heiser ins Ohr und pustete mir anschließend eine meiner in Panik aus meinem Pferdeschwanz herausgerutschten Haarsträhnen vors Gesicht. Fast hätte ich wieder erschrocken aufgekreischt, weil ich damit nicht gerechnet hatte, aber da fand ich mich auch schon sicher in Marcs starken Armen wieder, die von hinten um meine Taille gegriffen hatten und mich besitzergreifend an sich zogen. Wie einem Automatismus folgend schmiegte ich mich an ihn, schloss meine Augen und schüttelte meine Anspannung ab. Gott, er fühlte sich so gut an. So stark. So heldenhaft. So marcig. Mit sanftem, aber bestimmenden Druck schob er mich langsam ein Stückchen nach vorn, bis ich in der Ferne am anderen Ende des riesigen Raumes, der von seiner Größe her schon fast einem Saal glich, eine Lichtquelle entdeckte und damit auch die nähere Umgebung besser studieren konnte. Das waren gar keine Spinnennetze gewesen, in denen ich mich verfangen hatte, stellte ich voller erlösender Erleichterung fest, sondern lauter weiße Bettlaken, Kissenbezüge und Kittel aus längst vergangenen Zeiten, die hier auf unzähligen Wäscheleinen aufgereiht hingen.

Mit großen Augen sog ich die sonderbare Stimmung in mich auf, die sich mir überraschend offenbarte, breitete meine Arme aus und drehte mich, sehr zu Marcs Belustigung, mehrmals im Kreis und streifte die weichen Tücher mit meinen Fingerspitzen. Ich fühlte mich wie in einem Traum, nur dass dieser hier keine albtraumhaften Züge mehr hatte wie noch wenige Sekunden zuvor. Ganz im Gegenteil. Er war wunderschön. Ich fühlte mich schon fast wie ein Starlet in einem Hollywoodblockbuster, wie diese Kate Irgendwie in diesem einen Film, die sich mit ihrem wahnsinnig gutaussehenden Geliebten zwischen lauter Fallschirmschirmen wieder gefunden hat und dort mit ihm ähm.... gepunktpunktpunkt hat, bis er im Bombenhagel umgekommen ist. Okay, nein, das wäre die falsche Grundstimmung (Marc besitzt aber auch komische Filme in seiner DVD-Sammlung, die ich während seiner Abwesenheit vor lauter Einsamkeit und furchtbarem Liebeskummer durchgeackert habe, äh... bis auf die zig langweiligen Fußballendspiele der letzten Jahrzehnte, die er aufgenommen hat, und die ekelhaften Schmuddelstreifen versteht sich, die ich dezent entsorgt und mit meinen Lieblings-Schweiger- und Schweighöfer-Streifen ersetzt habe. Hihi! Selber Schuld, die hätte er schon längst wegschmeißen können und nicht mit in unsere neue Wohnung nehmen sollen.), aber ich denke, du hast schon verstanden, was ich damit ausdrücken wollte.

Ich staunte jedenfalls nicht schlecht, als wir schließlich unser Ziel erreichten und der durchaus etwas nervös wirkende und dabei so süß wie ein Hundewelpe aus der Wäsche guckende Dr. Meier mich losließ und erwartungsvoll meine Reaktion abwartete. Dieser Mann ist einfach nur unfassbar. Erst schon dieser wunderbare geheimnisvolle Ort voller Magie und dann das alles hier. Marc hatte doch tatsächlich die orientalische Kissenlandschaft aus unserem alten Liebesversteck wieder neu für uns arrangiert. Fast detaillgetreu, bis auf ein paar klitzekleine Ausnahmen, die nicht sonderlich ins Gewicht fallen. Der Gedanke allein zählte doch. Gerade bei diesem Romantikmuffel der allerschlimmsten Sorte, der mit Händen in den Kitteltaschen unschlüssig vor mir stand und auf obercool und unbeeindruckt machte. Auf alten ausrangierten Nachtschränkchen, die er als Sichtschutz zusammengeschoben hatte, waren große rote und orangefarbene Stumpenkerzen aufgestellt, die diesen Raumabschnitt in einem warmen wohligen Licht erscheinen ließen, welches von den weißen Krankenhausbettlaken reflektiert wurde. Das schuf einen ganz besonderen Zauber, der Herzklopfen ohne Ende verursachte. Selbst der Sternenhimmel fehlte nicht, denn durch die großen Fenster an der Dachschräge konnte man direkt in den Himmel gucken. Es war zwar bewölkt in jener Nacht und die Fenster waren bestimmt seit dreißig Jahren nicht mehr geputzt worden, aber ab und an guckte doch ein kleiner gelber verschleierter Punkt vom Firmament zu uns herab. Oder waren es gar Glühwürmchen? Der siebte Himmel war so nah. Marc hatte wirklich an alles gedacht. Alles war, wie wir zwei, perfekt unperfekt. Mein Schatzilein hatte sogar Süßigkeiten besorgt. Nur dass es diesmal nicht die teuren Schweizer Edelpralinen aus meinem Lieblingsgeschäft um die Ecke waren, wie bei unserem ersten Date damals im Ostflügel, mit denen er mich hatte verführen wollen, bevor ich ihn verführte, hihi, sondern meine allseits beliebte Ersatzdroge aus dem Automaten an der Kasse in der Cafeteria. Zartbitter natürlich, wie mein Marcischnuckiputzi! Gott, dieser Mann ist einfach nur unbeschreiblich toll, so aufmerksam und lieb. Dabei wäre es doch eigentlich meine Aufgabe gewesen, ihn ein bisschen von seinem großen Elternkummer abzulenken, den ich trotz der spärlichen Lichtverhältnisse immer noch schwach in seinen dunkelgrünen Augen erkennen konnte, die mich fixierten.

Gretchen (sichtlich sprachlos u. gerührt): Marc, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das ist... wunderschön. Du bist...
Marc (lächelt verschmitzt, weil sein Manöver mit Zeitverzögerung doch noch gefruchtet hat): Dann sag doch einfach mal nichts, ich hab eh schon Tinnitus von deinem furchtbaren Gekreische, und hol dir endlich das ab, was ich dir wirklich versprochen habe.

...schlug Marc augenzwinkernd in seinem unverwechselbaren Charme vor, dem ich noch nie hatte widerstehen können, weil er sofort ins Blut überging und gleich pfeilschnell direkt in mein Herz strömte und dieses schließlich komplett ausfüllte. Nichts hielt mich mehr auf meinen eh schon wackelpuddingweichen Beinen und ich stürzte mich regelrecht in seine Arme, um ihn wild und nicht jugendfrei (hihi!) abzuknutschen und ihm so dafür zu danken, dass er einfach so ist, wie er eben ist. Unberechenbar. Unmöglich. Unwiderstehlich. Immer ganz nah bei mir. Es kam natürlich, wie es kommen musste, wenn wir beide auf diese Weise aufeinander treffen. Wir stolperten über meine ungeschickten Füße, die ich nicht ruhig nebeneinander halten konnte, verhedderten uns im Fall in einem der aufgehängten Laken, das wir mitsamt der Leine und dem Rest der Wäsche, die darauf hing, herunterissen, und plumpsten lauthals lachend in die weiche Kissenlandschaft, durch die wir im nächsten Moment küssend und schmusend tobten und uns einfach nur treiben ließen, bis wir, naja, du weißt schon, uns nicht mehr länger zurückhalten konnten.

Wie auch. Marc muss mich nur berühren und sämtliche Hirnsynapsen schalten sich aus und das Herz übernimmt komplett die Führung über meinen Körper. Oder in dem Fall Marc ‚the body’ Meier persönlich. Ich weiß nicht, wie er das immer macht, auch nach knapp sieben Monaten Beziehung und unzähligen romantischen Dates nicht. Plötzlich sind wir beide entkleidet, ich spüre ihn so nah bei mir, bin wie Wachs unter seinen Händen und lasse mich komplett gehen. Ich weiß, das klingt jetzt wieder furchtbar pathetisch und einem Kitschroman entsprungen (aber einem anspruchsvollen und keinem mit Fisher-Siegel drunter, weil das schon irgendwie seltsam wäre, sie ist schließlich meine Schwiegermami in spe), aber es ist einfach so, es scheint wirklich so, als wären wir beide nur füreinander gemacht worden. Wie wir harmonieren, uns blind und ohne viele Worte verstehen, uns auf einer Ebene vertrauen, die eigentlich unfassbar ist. Das ist einfach magisch. Wahrscheinlich empfinde ich deshalb auch so viel. Es ist jedes Mal neu und aufregend, Marc so nah sein zu dürfen, ihn zu berühren und zu küssen. Hingebungsvoll, scheu, aber auch zügellos. Ich hätte nie gedacht, dass ich so sein könnte. Aber er macht das mit mir. Ich weiß, dass ich mich vor ihm nicht genieren muss, weil er mich so liebt, wie ich eben bin. Das allein ist schon ein berauschendes Gefühl.

Marc war so unfassbar zärtlich und einfühlsam, zurückhaltend, aber auch männlich fordernd, so wie ich es ganz besonders an ihm mag, während wir uns... ähm... (Ich werde schon wieder rot! Hilfe!) ... ja... liebten. Immer und immer wieder. Fast die ganze Nacht. Mein Schatz wollte mich gar nicht mehr loslassen. Und ich klammerte mich ebenfalls an ihn wie an eine Rettungsboje im Meer, weil ich so unendlich glücklich darüber war, und es immer noch wahnsinnig bin, dass er endlich wieder bei mir ist und wir nicht Hunderte von Kilometern und Landesgrenzen entfernt voneinander getrennt sind. Wir waren wie in einem Strudel gefangen, der uns immer tiefer in seine Gewalt zog. Wir konnten uns nicht lösen. Es ging einfach nicht. Keiner von uns beiden wollte, dass dieser wunderschöne Moment aufhörte, obwohl wir ja eigentlich auf Abruf waren und jederzeit hätten unterbrochen werden können. Oh, und wie er mich berührt hat! Ich war so elektrisiert. Es war der pure Wahnsinn. Wirklich keinen Zentimeter hat er ausgelassen und er hat mich gewärmt, wenn ich anfing zu zittern, weil es doch recht frisch in der Dachkammer war. Ich spüre seine Küsse, seine Lippen, seine Hände überall und nirgends. Ich bekomme jetzt noch Atemnot, wenn ich nur daran zurückdenke, wie er mich... Mein Gott ist mir warm! Hoffentlich kommt jetzt keiner hier rein ins Stationszimmer. Mein Gesicht glüht ja richtig, ich schwitze wie in einer Sauna und ständig sehe ich die Bilder vor mir. Wir beide, wie wir... Hilfe! Was macht dieser Mann nur mit mir? Ist das noch normal, was mit uns passiert? Wird das immer so sein? Oh bitte ja! Wenn wir beide zusammen sind, dann ist es wie übersprühende Magie. Blitze und Funken überall. Explosionen. Feuer. Feuerwerk. Pure Elektrizität. Spannung. Spannend. Pulsierend. Intensiv. Alles erschütternd. Atemberaubende Leidenschaft und überwältigende Lust, die mich schon wieder pa...

Puh! Jetzt wäre ich fast von meinem Stuhl geplumpst. Ich glaube, ich höre an der Stelle mal auf. Wenn das hier mal jemand liest oder Marc mein Tagebuch in die Hände bekommt, fühlt er sich doch gleich wieder sonst wie bestätigt, was definitiv nicht gut für sein Machoego ist. Trotzdem, er ist wirklich unglaublich. Ich weiß, das habe ich dir schon hunderte Male geschrieben und dir müssten meine ewigen Schwärmereien bestimmt schon zum Hals heraushängen. Aber Marc ist so anders, wenn wir alleine sind. Ein komplett anderer Mensch als im OP und ich liebe diese Seite an ihm so sehr. Wir haben uns danach noch ewig lange in den Armen gehalten, haben uns die ganze Zeit verliebt in die Augen geschaut und immer wieder zärtlich geküsst und gekuschelt. Ganz entspannt und gelöst hat er mir mit seinem strahlenden Grübchenlächeln erzählt, wie er überhaupt erst auf diesen Ort gekommen ist, der eigentlich so unscheinbar wirkt, dass, glaube ich, niemand von ihm weiß. Marc hat ihn während seiner PJler-Zeit entdeckt, als er nach einem ruhigen Platz gesucht hat, wo er in seinen wenigen Pausen lernen konnte und nicht gleich von der nächstbesten Krankenschwester, die auf ihn stand, belästigt werden konnte. Dieses Detail hätte der Blödmann ruhig weglassen können. Dafür hat er auch zu Recht eine Kopfschelle kassiert, wofür ich wiederum mit einer fiesen Kitzelattacke bestraft wurde, bis wir in einen regelrechten Lachflash verfallen sind und wir erst einmal unsere Zwerchfelle beruhigen mussten, die so wehtaten, dass ich schon fast Muskelkater davon bekommen habe, der übrigens komischerweise immer noch anhält. Hab ich dir schon geschrieben, wie sehr ich solche Momente zwischen uns liebe? Nein? Dann weißt du es jetzt.

Marc war selber überrascht gewesen, dass es diesen Raum, der früher zum Wäschetrocknen genutzt worden ist, überhaupt noch gab, als er ihn während eines nächtlichen Streifzugs durch die Stationen wiederentdeckt hat. Hier konnte man sich wirklich wunderbar vor der Welt und der Klinikhektik, die sich mit Krakenarmen nach einem ausstreckte, verstecken. Und da fiel mir plötzlich wieder ein, dass ich doch auch schon einmal hier gewesen bin. Als ich noch ein kleines Mädchen war und wir auf Papa warten mussten, weil der noch im OP Glanztaten vollbracht hat, haben Klein-Jochen und ich im Krankenhaus Verstecken gespielt und da bin ich durch Zufall genau dort an jenem Ort gelandet. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich natürlich wie immer, wenn ich mit meinem Brüderchen spielte, und das lag ganz bestimmt nicht an unserem Altersunterschied von sechs Jahren, als Siegerin hervorgegangen bin. Naja, mit dem klitzekleinen Manko, dass auch meine Eltern mich nicht mehr finden konnten, als es Zeit war, zu gehen. Ich war hier zwischen den Laken einfach eingeschlafen, wahrscheinlich hat mich damals schon der besondere Zauber gepackt, und als ich irgendwann abends aus meinem Versteck gekrochen gekommen bin, da hat es ein ziemliches Donnerwetter gegeben, weil mein Verschwinden wohl für ziemliches Aufsehen im EKH gesorgt hatte und Jochen nicht mehr aufhören wollte zu weinen. Danach ist der Raum, glaube ich, versiegelt worden, bis ein attraktiver Jungarzt namens Marc Meier ihn Jahrzehnte später für sich in Besitz genommen hatte. Es ist schon faszinierend, auf welche Weise sich unsere Wege immer wieder gekreuzt haben, ohne dass wir es wirklich gemerkt haben. Ich sag doch immer, das mit uns ist einfach Schicksal. Kismet, würde Schwester Sabine sagen.

Marc, der mit diesem, wie sagt er doch immer so schön, „Hokuspokus“ absolut nichts anfangen kann, hat nur gemeint, ich sei eine furchtbare Träumerin und eine noch schlimmere Angsthäsin, deren Phobien man unbedingt therapieren müsste, bevor ich noch einmal das gesamte Krankenhaus zusammenschreie. (Natürlich hat mein Spinnengekreische niemand gehört. Genau unter uns liegen nämlich die Wachkomaabteilung und Marias Büroräume und die ist ja bekanntlich gerade nicht da!) Dieser Idiot meinte das wirklich ernst und hat doch dann tatsächlich eine Spinne angeschleppt und hat mit seiner Hand provozierend vor meinem Gesicht herumgefuchtelt. Ich bin natürlich vor lauter Panik aufgesprungen und kreischend weggerannt und wir haben uns ein heißes Rennen zwischen den aufgehängten Tüchern geliefert. Wie Kinder haben wir uns gehascht und gejagt, bis ich nach zweieinhalb Runden völlig erschöpft wieder in Marcs Armen gelandet bin. Ich kann ja nichts dafür, dass er immer so anziehend ist. Das ist auch so ein Automatismus von mir. Genauso wie immer und immer wieder auf diesen Knallkopf hereinzufallen. Diesmal hatte Marc mich wirklich tierisch gefoppt. Er hatte nämlich nur so getan, als hätte er eine Spinne in der Hand. Ich hab trotzdem wild um mich geschlagen und hab seine starke, nackte, mhm... männliche Männerbrust traktiert, bis daraus ein ganz anderes heißes Spiel wurde, das den Rest der sehr kurzen Nacht angedauert hat, in der wir trotz Bereitschaftsdienst zum Glück in Ruhe gelassen worden sind. Doch Schicksal! Hihi!

Lorelei Offline

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05.09.2014 22:41
#1495 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Hach... liebes Tagebuch,

ich schwebe immer noch und es könnte durchaus sein, dass ich wie auf Wattewolken gebettet über die Krankenhausflure taumle. Aber mir ist egal, ob ich deswegen blöd angeguckt werde oder die Patienten irritiert sind. (Das sind sie wirklich, wenn man minutenlang nur den wahnsinnig gutaussehenden Oberarzt anstarrt und an seinen Lippen klebt, die irgendetwas erzählen, dem man aber nicht zuhört, anstatt endlich ihre blutenden Wunden zu versorgen! Ich bin echt ein hoffnungsloser Fall!) Es war einfach nur so schön, mit Marc so fern von allem sein zu dürfen. Solche Fluchten braucht der Mensch doch. Gerade in Tagen wie diesen, wo die Welt komplett verrückt spielt, überall Kriege und Epidemien ausbrechen, Katastrophen und Unglücke passieren oder man einfach nur seinen Kummer für einen Moment vergessen möchte. So wie Marc, den man aber unter gar keinen Umständen darauf ansprechen sollte. Wie er Mehdi angeschnauzt hat, als der genau das auf seine liebevolle Art gewagt hat, das war noch Angst einflößender als meine eingebildeten Spinnenbegegnungen. Denn so ein Topchirurg wie Dr. Meier hat natürlich nicht so etwas lächerlich Mädchenhaftes wie Sorgen! Seine einzige Sorge gilt allein, einen guten Job zu machen, mehr nicht. Und das hat er ja dann auch. Aber ich habe trotzdem das ungute Gefühl, er könnte jeden Moment explodieren. Gerade jetzt, wo wir zur Ruhe kommen. Die Zündschnur flackert schon verdächtig. Ein weiterer Funke und BOOOM... Unsere Frühlingsgefühle hielten nämlich nur eine Nacht lang an. Leider! Denn das „Beste“, weißt du ja noch gar nicht.

Während wir also am nächsten Morgen glücklich und völlig beseelt aufgewacht sind (Wir waren in unserer kleinen Traumwelt doch irgendwann erschöpft eingeschlafen und haben die ganze Nacht Arm in Arm oben in unserem niedlichen Versteck verbracht, bis uns die Frühstückgerüche aus der Kantine geweckt haben. Mhm, ein Schokohörnchen und ein Scheibchen Leberwurst wären jetzt auch nicht schlecht!) und anschließend beschwingt nach Hause gefahren sind, um uns für die Tagesschicht umzuziehen, Marc sich einigermaßen gutgelaunt mit seinem Vater ausgesprochen hat, diesen zum Flughafen gebracht hat und dann an der Unfallstelle des polnischen Reisebusses konzentriert Erste Hilfe geleistet hat, hat sich seine Mutti still und heimlich aus dem Staub gemacht, ohne dass es jemand im EKH gemerkt hat. Wir waren mit den Notfällen so sehr beschäftigt gewesen, dass uns das erst ziemlich spät aufgefallen ist. Nämlich erst, als kurz nach der letzten Not-OP gestern Nachmittag Marcs Handy geklingelt hat und eine sonderbar entschlossen wirkende Frau Mama an der anderen Leitung dran war. Mein überrumpelter Schatz ist aus allen Wolken gefallen. Elke war tatsächlich schon am Flughafen in Amsterdam (Keine Ahnung, wie sie dahingekommen ist!) kurz vorm Einchecken in die nächste Maschine nach Washington, wo sie dann noch einmal umsteigen wird, ehe sie, du vermutest es bestimmt schon, nach Seattle an die Westküste weiterreist. Diese Frau ist doch völlig verrückt!

Sie ist Oli nachgereist! Stell dir das doch mal vor! Marc war außer sich und hat in seinem Büro ziemlich randaliert, was Mehdi, der ihn unglücklich abgepasst hat, alles abbekommen hat. Weißt du, da denkst du, alles kommt langsam zur Ruhe und was passiert? Frau Fisher haut den nächsten Hammer raus und schlägt ihn ihrem Sohn unbedacht volle Pulle an den schon Kopfschmerzen geplagten Kopf. Ich war auch geschockt im ersten Moment, das gebe ich zu. So eine lange und anstrengende Reise in ihrem labilen Zustand. Aber wenn ich ehrlich bin, dann finde ich es schon sehr süß und hochromantisch, dass sie ihrem Mann unbedingt nach will. Sie kämpft um ihre große Liebe. Das ist... Hach... Wie in einem ihrer Romane, die ich nicht gelesen habe, aber vom Hörensagen von Schwester Sabine kenne. Nur eben viel, viel realer und ohne amputierte Gliedmaßen am Kilimandscharo! Aber Marc ist da ganz anderer Meinung. Er ist eben der Pragmatiker von uns. Er platzt fast vor lauter Sorge, dass sie sich nicht zu viel zumutet mit dieser langen Reise ins Ungewisse. Mein Grummel gibt es zwar nicht offen zu, aber sein Tobsuchtsanfall hat Bände gesprochen. Schließlich hat er in den letzten Wochen nichts anderes gemacht, als sich um seine Mama zu kümmern. Und wie dankt sie es ihm? Mehdi und ich haben ewig gebraucht, um ihn runter zu kochen. Er hat ja gewollt, dass Elke und Oli ihre Probleme klären und sich wieder zusammenraufen. Gut, ob es jetzt der richtige Zeitpunkt ist, ausgerechnet kurz vor Olis wichtiger OP dort unangemeldet aufzutauchen, um ihn zur Rede zu stellen, mag zweifelhaft sein, aber sie hat doch erkannt, was sie wirklich will und dass man darum kämpfen muss. Und das ist alles, was zählt. Ich hätte an ihrer Stelle genauso gehandelt. Mehdi übrigens auch. (Wir haben uns leise mit Blicken verständigt, während Marc sich ausgetobt hat, bis seine Stimme weg war.) Und zur Not sind ja immer noch meine Eltern da, die als Schiedsrichter auftreten könnten. Oh Gott, ob sie schon von ihrem Glück wissen?

Ich hoffe jedenfalls inständig, dass der Abend mit Mehdi Marc heute ein bisschen ablenkt. Mehdi hat einfach diesen besonderen Draht zu ihm. Ich glaube, das liegt an seiner einfühlsamen Stimme. Die hat so eine tiefe sonore Tonlage, die einen sofort... Ach, auch egal. Der Abend wird meinem Marcilein schon gut tun. Die beiden wollen heute einen drauf machen. Jetzt erst recht, hat Marc geknurrt, als Mehdi noch einmal vorsichtig nachgefragt hat, ob ihr geplantes Männertreffen denn noch steht oder nicht. Naja, ich weiß nicht, ob das so ein gutes Zeichen ist. Marc will sich offensichtlich betrinken! Aber Mehdi hat mir versichert, dass er schon mit ihm klarkommen wird, schließlich hat er schon so einige komplizierte Situationen mit seinem Pappenheimer ausgestanden, und dass er ihn ganz bestimmt auf andere Gedanken bringen wird. Also ich weiß echt nicht, woher er immer diese positive Einstellung nimmt. Ehrlich bewundernswert! Und bei Mehdi weiß ich auch, dass ich mir keine Sorgen machen muss, dass die zwei irgendwo abstürzen könnten. Mehdi ist schließlich äußerst verantwortungsbewusst, anständig, lieb, übermäßigem Alkoholkonsum eher abgeneigt und garantiert nicht an einem Aufenthalt in einem Strippclub oder Ähnlichem interessiert. Gabi hatte gestern auch schon so ein mulmiges Gefühl, als es um den Männerabend der beiden ging, und hat ihrem Freund gedroht, falls er sich vom Meier zu so etwas überreden lassen sollte, bräuchte er gar nicht erst wieder nach Hause zu kommen. Süß, sie ist ja richtig eifersüchtig und so verliebt in ihren Mehdi. Da könnte man fast neidisch werden, wenn ich nicht selber auch gerade so glücklich mit meinem Marc wäre. Ich hab das verschmuste Pärchen beobachtet, als ich ein Weilchen bei Anton gesessen habe und Gabi nicht gemerkt hat, dass ich auch anwesend war und alles mithören konnte. Ich weiß, das gehört sich nicht. Aber wo hätte ich denn auf die Schnelle hin sollen? Ich hab mich auf Anton konzentriert, als die beiden intimer wurden und immer mehr ins verliebte Tuscheln gerieten. Ich werde übrigens das Gefühl immer noch nicht los, dass die zwei irgendein Geheimnis teilen, sie benehmen sich schon manchmal recht komisch. Komisch ist vielleicht das falsche Wort dafür, aber ich weiß es nicht anders zu deuten. Aber darum kümmere ich mich ein anderes Mal. Jetzt ist jemand anders wichtig.

Ach ja, mein süßer kleiner Anton. Ich hab den Kleinen so sehr in mein Herz geschlossen. Ich mag noch gar nicht daran denken, wenn er uns irgendwann verlässt. Dann muss ich sofort losheulen. Oh, nein, ich heule ja bereits! Mehdi hat gestern vorsichtig angedeutet, dass man ihn wohl nächste Woche aus dem Krankenhaus entlassen wird. Er ist gesund und soweit aufgepäppelt, dass man ihn guten Gewissens an das Jugendamt übergeben kann und die stecken ihn dann höchstwahrscheinlich in eine Pflegefamilie. Die suchen ja auch schon, so viel ich mitbekommen habe. Ich will aber nicht, dass er geht. Ich weiß, dass ist egoistisch von mir, aber was soll ich denn machen, ich hab ihn doch so schrecklich lieb. Natürlich weiß ich, dass er in einem stabilen Familienumfeld viel, viel besser aufgehoben ist als in einer Klinik, wo ständig seine Bezugspersonen wechseln. Ich will einfach die Hoffnung noch nicht aufgeben, dass die Mutter sich nicht doch noch bei uns meldet. Nadja macht mir dahingehend aber nicht viel Hoffnung. Es gibt keine Hinweise, sagt sie, wie leider so oft in solchen Fällen. Niemand hat etwas bemerkt oder gesehen, als sie den Kleinen an der Hintertür abgelegt hat. Es ist, als hätte es sie nie gegeben, wenn wir nicht den ultimativen Beweis dafür hätten, dass es sie geben muss: Anton selbst!

Mehdi geht aber noch einer Spur nach, in die wir jetzt alle Hoffnung legen, und hört sich im Umfeld seiner anderen gemeinnützigen Tätigkeit um. Er hat schließlich die Kontakte und das müssen wir ausnutzen, solange noch die Chance besteht, die Mutter oder sonstige Angehörige zu finden. Du weißt schon, er hilft doch den Armen und unterstützt tatkräftig die medizinische Versorgung derjenigen, die über keine Krankenversicherung verfügen oder sich illegal in Berlin und Deutschland aufhalten. Gabi hat ihn darauf gebracht, als sie, Mehdi, Sabine, Günni und ich am Bettchen unseres Schützlings gebrainstormt haben, nachdem Nadja, deren Polizeikollegen wir leider wegen der Not der anderen nicht einweihen können, mit keinen neuen Nachrichten wieder gegangen war. Du siehst, es zieht uns alle zu dem kleinen Mann. Sogar Jochen (Um bei Chantal zu punkten! Der verknallte Dorfdepp ist so durchschaubar! Niedlich!) und Marc manchmal, nachdem er einmal so behutsam auf ihn aufgepasst hat und sogar ein bisschen Spaß dabei hatte, was er natürlich stoisch dementiert. (Ist er nicht süß, wenn er glaubt, ich würde es nicht merken?) Anton muss doch denken, wir seien seine richtige Familie, so oft wie wir uns bei ihm versammeln, ihn bespaßen, knuddeln, füttern, die Windeln wechseln oder ihm einfach nur beim Schlafen zuschauen, weil er so ein süßer und lieber Fratz ist. Ja, wir sind wirklich seine Familie! Und das sollten wir... Ob es zu weit gedacht ist, wenn wir...


Nachdenklich hob Gretchen Haase ihren Stift von dem rosagefärbten Papier und schob sich das hintere Ende ihres Schreibutensils zwischen die Lippen, während sie von ihrem Schreibtischplatz aus dem Fenster schaute. Die hübsche Ärztin war so in ihren Gedanken versunken, dass sie gar nicht merkte, wie sich jemand auf leisen Sohlen langsam von hinten an sie heranschlich, schelmisch grinsend über ihre Schulter schielte und dann stirnrunzelnd das aufgeschlagene Tagebuch entdeckte, in dem er nur kurz den letzten Absatz überflog, weil ihm darin sein Name sofort ins Auge gefallen war. Tja, das hätte er sich ja denken könnten, dass Haasenzahn nicht lange im Bereitschaftszimmer liegen bleiben würde. Zumal ohne ihn als Wärmespender für ihre zarten Eisklumpenfüße, die sie immer fieserweise zwischen seine Waden klemmte, welche bestimmt irgendwann einmal einen schlimmen Erfrierungstod erleiden werden, und lieber erst einmal die tausend Gedanken loswerden musste, die sich in den vergangenen Tagen in ihrem vollbepackten Lockenköpfchen angesammelt hatten. Ja, das war sein Gretchen! Jeder verfolgte eben eine andere Methode, Stress abzubauen.

Während sein Mädchen lieber alles ihrem Tagebuch anvertraute und dabei auf Erleuchtung hoffte, zog er es vor, einen befriedigenden OP-Marathon hinzulegen. Deshalb hatte er ja auch, nachdem er gemerkt hatte, dass nach den chaotischen Stunden der letzten Tage endlich Ruhe auf Station eingekehrt war, die Laparoskopie von Frau Schuster vorgezogen, um wenigstens etwas zu tun zu haben und nicht doch noch dem stetig steigenden Drang zu erliegen, seinen Dad vorzuwarnen, dass heute im Laufe des späten Abends oder der Nacht ein zerstörerischer Tsunami nie gekannten Ausmaßes auf die Hauptstadt des Bundesstaates Washington zusteuerte. Aber nein, er widerstand diesem Mitteilungsdrang, der sich durch seine Eingeweide fraß und ihm ein wohlverdientes Frühstück verleidete. Schließlich hatte er sich fest vorgenommen, sich nicht mehr einzumischen und seine Eltern ihre Angelegenheiten selber klären zu lassen. Schließlich war er das Kind, um das man sich kümmern musste, und nicht umgekehrt, was jetzt nicht hieß, dass Marc sich wünschte, dass man sich mehr um ihn kümmerte. Nein, er war einfach nur tierisch genervt von dem ganzen Theater, das seine Nerven strapazierte, und wollte endlich seine Ruhe haben.

Wäre er doch nur zehn Minuten eher so schlau gewesen, als er noch oben auf der Dachterrasse der Cafeteria im Morgennebel gestanden hatte und entgegen all seiner Vorsätze, seinen Konsum endlich auf ein Mindestmaß zu reduzieren, eine Zigarette nach der anderen geraucht hatte, um sein angeschlagenes Nervenkostüm möglichst in Balance zu halten. Konnte man Smsen eigentlich noch zurückholen, nachdem man sie abgeschickt hatte? Gott, er war auf dem technischen Wissensstand eines Siebenjährigen, schalt er sich, aber bei manchen Entwicklungen des einundzwanzigsten Jahrhunderts, welche nicht den medizinischen Fachbereich betrafen, in welchem er sich wie kein anderer bestens auskannte, kam er einfach nicht mehr mit. Marc hoffte so sehr, dass das Handy von Franz, den er als möglichen Schlichter vor einer knappen Viertelstunde doch noch eingeweiht hatte, um Schlimmeres zu verhindern, in den Staaten nicht funktionierte. Und jetzt stand er hier im Schwesternzimmer der Chirurgie, mit furchtbar schlechtem Gewissen und schlechtem Raucheratem und dem dringenden Bedürfnis, seiner Freundin unbedingt ein bisschen näher kommen zu wollen, die so süß aussah mit ihrem morgendlich zerzausten Pferdeschwanz, dem sehr vorteilhaft eng anliegenden Arztkittel, dem verträumten Gretchen-Blick, der sich in der Fensterscheibe spiegelte, und dem rosa Stift zwischen ihren sinnlichen Lippen, die förmlich danach schrieen, geküsst zu werden.

Dachte es und wollte es im nächsten Augenblick auch sofort und auf der Stelle in die Tat umsetzen. Marc drehte ruppig den Stuhl seiner Angebeteten zu sich herum, die ihn noch nicht hinter sich bemerkt hatte, stützte sich mit beiden Händen links und rechts von ihr an den Armlehnen ab und beugte sich mit unübersehbarer Absicht zu der erschrockenen Frau vor, die gerade vor lauter Schreck ihren rosa Puschelstift ausgespuckt hatte, welcher unelegant über den Schreibtisch segelte, ihr Tagebuch als Sprungschanze benutzte und dann direkt auf der Computertastatur landete, und den Verursacher ihres Beinaheherzinfarktes nun mit ihren großen blauen wässrig schimmernden Augen fragend ansah, in denen man so wunderbar eintauchen und sich darin verlieren konnte. War es eigentlich normal, dass man sich in ihrer Gegenwart sofort besser fühlte, obwohl einem eben noch hundsmiserabel zumute gewesen war, fragte sich der zerstreute Chirurg, während er die hübsche Blondine mit seinen hungrigen Blicken förmlich verschlang.

Gretchen (kreischt einen Ton zu laut auf u. versucht ihre durcheinander geratenen Gedanken zu sortieren): Maaarc! Willst du mich zu Tode erschrecken? Was machst du denn? Menno!
Marc (amüsiert sich königlich über Gretchens verdutztes Gesicht, das verstört zu ihm hochblickt, u. krabbelt mit seinen Fingerspitzen ihren Kittelärmel entlang): Nö! Das war eigentlich nicht meine Hauptintention. Außerdem hab ich gerade keine Spinne parat, du weißt schon, Hygiene und so, aber ich denke, meine Anwesenheit allein genügt, um in Ohnmacht zu fallen, nicht, Haasenzahn?
Gretchen (springt panisch von ihrem Stuhl auf u. landet direkt in den Armen ihres Oberarztes, dem sie nur zum Teil zugehört hat u. der sie nun überrumpelt auffängt): Spinnen? Wo? Verdammt, Marc, du sollst das doch nicht machen!
Marc (verschränkt lachend seine Arme hinter ihrem Rücken u. zieht das Meckerlieschen ganz nah zu sich heran, bevor er genüsslich an ihren lieblich duftenden Haaren schnuppert): Sorry, aber was kann ich denn dafür, dass du so eine schreckhafte Diva bist. Aber trotzdem danke, dass du dich einem gleich direkt in die Arme schmeißt. Mhm, das gefällt dem Dr. Meier sehr!
Gretchen (versucht sich vergeblich aus dem Meierschen Klammergriff zu befreien): Ich bin überhaupt nicht schreckhaft und überhaupt...
Marc (nickt seinem Zappelinchen wissend zu u. lehnt sich zu einem diebischen Kuss heran): Türlich! Aber ich stehe drauf, wenn du dich der Natur entsprechend verhältst und dich so an den Mann krallst. Nimmt mir einigen Bemühungen ab.
Boah! Dieser... dieser...
Gretchen (kann sich seines Charmes kaum erwehren, obwohl ihr eigentlich ganz anders zumute ist): Blöder Macho!
Marc (grient vergnüglich vor sich hin, während sich ihre Lippen kurz schon streifen): Nanana! Ist das der Ton, den man seinem obersten Boss gegenüber annimmt, hmm?
Gretchen (kann angesichts der Meierschen Albernheiten nur noch die Augen verdrehen, kommt aber nicht umhin, leise aufzuseufzen, als sie seine Lippen kurz auf ihren spürt u. sich sofort nach mehr sehnt): Bild dir mal bloß nichts darauf ein, Dr. Meier! Papa übernimmt schneller wieder das Regiment, als du „ab in den OP“ sagen kannst.
Marc (zieht das widerspenstige Zicklein forsch an sich u. lässt seine Hände geschickt über Rücken u. Po gleiten): Oh du, Haasenzahn, ich bild mir sehr viel ein. Weißt du doch! Du glaubst ja gar nicht, was für Bilder mir gerade so durch den Kopf gehen.
Mir auch! ... Was? ... Was hab ich da gerade gedacht? ... Gar nichts! Gretchen, lass dich bloß nicht von ihm einwickeln!
Gretchen (schluckt u. bemüht sich um Konzentration, scheitert aber, da allein schon seine körperliche Nähe eine Hitzewelle nach der andern auslöst): Marc!
Marc (genießt die eindeutigen körperlichen Reaktionen seiner Freundin u. prescht charmant nach vorn): Krieg ich jetzt endlich den verdienten Guten-Morgen-Kuss, oder willst du noch länger rumzicken, Haasenzahn? Wir können die Visite gerne nach hinten verschieben, bis du dich wieder eingekriegt hast. Der Chef drückt doch gerne ein Auge zu.

Die so „charmant“ angesprochene Dreißigjährige sah den attraktiven Mann, der ihr gerade seinen unwiderstehlichsten Dackelblick schenkte, schmunzelnd an und verschränkte prompt ihre Arme hinter seinem Nacken, während sie sich auf Zehenspitzen verführerisch an seinen muskulösen Körper lehnte, was dieser wiederum eindeutig als „ja“ auf sein verlockendes Angebot interpretierte. Um es sich und seiner anschmiegsamen Freundin bequemer zu machen, setzte Marc sich mit ihr auf eben jenen Bürostuhl, auf dem sein Zicklein eben schon gesessen und Tagebuchromane verfasst hatte, und bot ihr seine heißen Lippen auffordernd an. Doch die Widerspenstige dachte nicht im Traum daran, es ihrem Machomann so leicht zu machen. Nicht nachdem er so plump mit ihr umgegangen war, wo er doch hätte merken müssen, wie durcheinander sie gerade eben noch gewesen war.

Gretchen: Ich weiß nicht, ob du den verdient hast, Marc.
Marc (gespielt beleidigt guckt er sein Gegenüber mit hinreißendem Schmollmund an, der Gretchen sofort überzeugt): Was? Boah! Wie fies! Dabei müsste ich doch eigentlich die „Du schuldest mir schon wieder ein Aufwachen“-Schublade aufziehen. Du warst schließlich nicht dort, wo ich dich vermutet habe. Tja, Pech gehabt. Jetzt haste was verpasst.
Gretchen (tätschelt ihm provokant über die Wange): Mein armer, armer Schatz, was hast du nur für eine unaufmerksame Freundin.
Marc (sieht sie mit aufblitzenden Augen intensiv an u. merkt genau, worauf sie mit dieser Provokation hinaus will): Eben!
So ein unmöglicher Schlawiner! Trotzdem schafft er es immer wieder. Ich bin einfach zu nachgiebig. Ich bin einfach Frau. Wir können nicht anders. Nicht bei diesem Mann.
Gretchen (zögert erst einen Moment, um ihn noch ein bisschen zu quälen, dann packt sie seinen Kopf mit beiden Händen u. zieht ihn zu einem gefühlvollen Kuss heran): Na, dann komm mal her, mein Held!

Grinsend trafen Gretchens und Marcs Lippen aufeinander, die alsbald in ein sehr sinnliches Spiel verwickelt waren, welches gar kein Ende finden wollte. Aber wie das nun mal bei menschlichen Wesen so war, musste man auch irgendwann einmal wieder an die dringend benötigte Sauerstoffaufnahme denken. Und so löste sich das verliebte Paar schweren Herzens wieder voneinander und sah sich nun mit verklärtem Blick lächelnd in die Augen, während es immer noch innig aneinandergeschmiegt auf seinem schmalen Sitzplatz verharrte, wo Gretchen erst einmal den von Marc stibitzten Spearmint-Kaugummi entsorgte, der seinen Raucheratem hatte kaschieren sollen, den die aufmerksame Assistenzärztin natürlich trotzdem mitbekommen hatte. Aber sie beließ es an diesem Morgen mit der Kritik an seinem Laster und studierte stattdessen lieber Marcs Gesichtszüge ganz genau und strich ihm dabei liebevoll über die Wange und die sich deutlich abzeichnenden Augenringe unter seinen müde schimmernden Augen, die von dem Schlafmangel der letzten Tage zeugten. Die ebenso erschöpft wirkende angehende Chirurgin seufzte nachdenklich auf...

Gretchen: Du siehst müde aus.
Marc (mustert die schöne Frau in seinen Armen ebenfalls ganz akribisch u. kann sich ein freches Machogrinsen nicht verkneifen): Du siehst auch nicht gerade wie das blühende Leben aus, Haasenzahn.
Gretchen (grummelt beleidigt, muss aber ebenfalls grinsen): Sehr charmant, Dr. Meier! Nie um ein Kompliment verlegen.
Marc (grient die beleidigte Leberwurst schelmisch an): Immer wieder gern, Frau Dr. Haase. Ich weiß doch, wie sehr du nach so was gierst.
Gretchen (stimmt erst in sein Lachen mit ein, wird dann aber wieder schnell ernster): Vielleicht solltest du dich auch mal ein Weilchen hinlegen, Marc. Du bist seit Mittwoch fast ununterbrochen auf den Beinen.
Marc (wiegelt locker ab u. spielt vor Gretchen den coolen und überlegenen Oberarzt, während er in die andere Richtung einmal kurz unter vorgehaltener Hand leise gähnt): Geht schon. Ich bin ja nicht aus Zucker. Das bringt der Job nun mal mit sich. Ich komme mit wenig Schlaf ganz gut aus. Powernap sei dank. Einmal kurz die Augen zu oder mit meiner Assistentin rumgemacht und schon sind die Batterien wieder voll aufgeladen.
Gretchen: Spinner!

Gretchen kam nicht umhin, Marc ein strahlendes Lächeln zu schenken, weil sie sich unheimlich geschmeichelt fühlte, und kuschelte sich gleich noch mehr in die starken warmen Arme ihres tapferen Oberarztes, der trotz Abwesenheit des penibel um Ordnung und strukturierte Arbeitsabläufe bemühten Professors tatsächlich alles im Griff zu haben schien. Auf den einzelnen Stationen verlief alles reibungslos seine geordneten Bahnen. Also mal abgesehen von Marcs davongelaufener Frau Mama, aber die sollte ja auch nur eine Nacht zur Beobachtung dabehalten werden, woran sich die stolze Autorin sogar bis zu einem gewissen Zeitpunkt gehalten hatte. Die restlichen Entwicklungen, die Marc sauer aufstoßen ließen, waren allein auf ihren Mist gewachsen. Elkes Sohn guckte sich einmal im Stationszimmer um und als immer noch niemand die traute Eintracht mit seiner Freundin störte, festigte er seine Umarmung noch ein Stückchen mehr und presste seine stoppelige Wange an die von Gretchen, während sie sich gleichzeitig mit dem Schreibtischstuhl langsam hin und her drehten und träumerisch die morgendliche Stille im Elisabethkrankenhaus genossen. Marcs Blick schweifte irgendwann über Gretchens Schreibtisch, blieb kurz irritiert an dem sonderbaren Artikel hängen, der am Computermonitor erschien, nachdem er aus Versehen mit seiner Hand die Maus gestreift hatte, und wanderte dann weiter zu dem aufgeschlagenen Tagebuch, welches nun sein Interesse weckte und auch dessen Besitzerin gerade wieder ins Blickfeld fiel. Sie wollte das Corpus Delicti eben noch schnell zuklappen und in ihrer Handtasche verschwinden lassen. Aber zu spät! Dr. Meier hielt es bereits grinsend in seinen Händen. Er nahm noch kurz verwundert den letzten unvollendeten Satz zur Kenntnis, den Gretchen aufgeschrieben hatte, ehe er es mit ausgestreckten Armen von seiner Süßen fern hielt, die hektisch nach dem rosa eingebundenen A5-großen Buch zu schnappen versuchte und dabei kläglich scheiterte.

Marc: Was machst du eigentlich hier? Hast du wieder alle Gemeinheiten deines fiesen Oberarztes akribisch aufgelistet und Minuspunkte verteilt oder nur die schmutzigen Details nicht ganz jugendfreier nächtlicher Tätigkeiten in Berliner Krankenhäusern notiert? Mhm, dazu würde mich deine Meinung übrigens sehr interessieren, Frau Doktor.
Gretchen (streckt ihre Arme aus, aber kommt einfach nicht an das Buch heran, das Marc konfisziert hat): Marc, gib es mir, bitte! Außerdem, als ob ich jemals etwas über dich da reinschreiben würde.
Als ob er dir das abnehmen würde, Gretchen! Es ist so offensichtlich.
Marc (hält das Tagebuch seiner Freundin grinsend noch höher, weil er es genießt, wie Gretchens Oberkörper sich an seinen schmiegt): Lügnerin! Vor Gericht würdest du damit nicht standhalten können.
Gretchen (lässt schmollend ihre Hände wieder fallen u. sieht ihren gemeinen Freund aus traurigen Augen an): Wir sind hier auch nicht bei Gericht, Marc, und falls doch, würde es hier eindeutig um Diebstahl gehen und du stündest auf der Anklagebank.
Marc (lacht u. ist beeindruckt von Gretchens Plädoyer): Hoho!
Gretchen (zunehmend verzweifelt): Marc, bitte! Das ist vertraulich. Mit Gedanken spielt man nicht. Das ist wirklich nicht mehr witzig.
Marc (merkt, dass es ihr ernst ist u. gibt nach): Wie wäre es denn mit einem Kuss als Ausleihgebühr? Oder gleich mehreren Küssen? Proportional zu all den Gedanken, die du hier drin verschriftlicht hast.
Gretchen (kontert trotzig u. versucht die aufkommenden Tränen wieder herunterzuschlucken, die sich unbeabsichtigt u. unerklärlicherweise gebildet haben): Ich muss dir gar nichts ausleihen, Marc. Das ist mein Tagebuch. Meine Gedanken. Mein Eigentum.
Marc (fühlt sich herausgefordert): Also ich finde schon, dass es auch Teil meines Eigentums ist. Schließlich kommt mein Name in hundertfacher Ausführung darin vor. Hmm...ja, das ist es doch! Wie wäre es denn damit? Jedes Mal, wenn mein Name auftaucht, kriegt der Namensträger einen heißen Kuss von dir serviert, hmm?
Ich geb’s auf. Der Kindskopf wird es nie verstehen.
Gretchen (ihr gelingt es schließlich doch, ihm das Tagebuch zu entreißen u. an ihre Brust zu drücken): Eingebildeter Gockel!
Marc (lacht): Bitte? Na, warte, Fräulein, ich glaube, ich muss dir noch ein paar Manieren beibringen. Beleidigungen des stellvertretenden Chefarztes des EKH können schnell in einer Abmahnung enden.
Gretchen (schiebt das Tagebuch schmollend in ihre Tasche, die sie unter ihren Schreibtisch stellt, u. dreht sich völlig unbeeindruckt wieder zu ihrem überheblichen Oberarzt um, auf dessen Schoß sie immer noch thront): Das würdest du dich eh nicht trauen.
Marc (zwinkert ihr frech zu u. merkt dabei, wie sein Mädchen langsam aber sicher weich wird): Ich würde mich da nicht so sicher fühlen, Frau Dr. Haase.
Gretchen (schaut den Schelm provozierend u. mit wildem Herzklopfen an): Ach ja?
Marc (sieht aufgewühlt zwischen ihren aufblitzenden Augen hin und her u. beugt sich gefährlich zu seiner aufmüpfigen Assistenzärztin heran): Haasenzahn, wenn du wüsstest, was ich mich alles trauen würde. Du würdest Tage, nein, Wochen, Jahre, damit zubringen, das alles aufzuschreiben, was wiederum, was uns und unsere unverwechselbare Beziehung betrifft, doch eher kontraproduktiv wäre.
Wo er Recht hat, hat er Recht!

Gretchen, die sich eigentlich noch im Widerstandsmodus befand, aber dem einnehmenden Meier-Charme einfach nichts entgegenzusetzen hatte, weil sie schon längst ganz umnebelt von seinen Worten war, hielt den Atem an, als sich ihre Nasenspitzen kurz berührten und Marc zielsicher ihre verführerische Mundregion anvisierte. Doch kurz bevor seine heißen Lippen an ihren andocken konnten, um wer weiß was, mit ihnen anzustellen, überkam die junge Frau ein seltsames Gefühl und sie musste ihren Kopf abwehrend zur Seite drehen, weswegen ihr bedröppelter Kusspartner nur unbeholfen ihre gerötete Wange streifen konnte. Überfordert sprang die Ärztin von seinem Schoß auf und wich auf den daneben stehenden Stuhl aus, auf den sie sich peinlich berührt plumpsen ließ. Marc schaute Gretchen irritiert dabei zu und kam sich dabei wie ein begossener Pudel vor. Manchmal waren ihm Frauen echt ein Rätsel und dieses Exemplar hier, das er eigentlich ganz gut zu verstehen glaubte, ganz besonders.

Marc: Äh... was war das jetzt, bitteschön? Du kannst doch jetzt nicht ernsthaft sauer sein, nur weil wir ein bisschen gescherzt haben. Man, ich guck schon nicht rein in dein doofes Tagebuch. Oder hab ich je darin geblättert, obwohl ich deine Verstecke allesamt kenne? Ich weiß doch, wie wichtig dir das ist. Ich respektiere das, auch wenn ich es manchmal nicht nachvollziehen kann.

...

Lorelei Offline

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11.09.2014 16:58
#1496 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Nachdem sich Marc seinen Frust von der Seele gemeckert hatte, guckte Gretchen ziemlich verdattert aus der Wäsche und starrte stoisch auf die weißen Krankenhauslatschen an ihren Füßen, die sie von ihrer neuen Sitzgelegenheit herunterbaumeln ließ. Sie wusste ja selber nicht, wie ihr geschehen war. Plötzlich war ihr dieser unangenehme Geruch in die Nase gestiegen, den sie sonst immer bemüht ignorierte, weil sie Marc damit nicht nerven wollte, da er ihrer Meinung nach selber darauf kommen sollte, wie schädlich diese lästige Angewohnheit für ihn und seine Umgebung doch war, und sie musste sich anstrengen, sich ihr aufkommendes Unwohlsein nicht anmerken zu lassen. Sie konnte wirklich nichts dafür, dass sie so reagiert hatte. Ebenso wenig, dass sich auf einmal völlig grundlos ein Tränenschleier über ihre Augen zog, welcher auch ihren perplexen Oberarzt verunsicherte, der seine Freundin immer noch mit ungläubigen Blicken taxierte und jetzt nur noch Bahnhof verstand. Hilflos machte er seinem Unmut Luft.

Marc: Das glaub ich jetzt nicht. Heulst du etwa?
Gretchen: Nein!

...brachte Gretchen nur mühsam über ihre bebenden Lippen, während sie ertappt ihren Blick wieder auf ihre Füße lenkte. Marc schüttelte überfordert den Kopf, fuhr sich mit einer Hand über seine Haare und starrte sein eingeschüchtertes Gegenüber, zu dem er sich nun seufzend heruntergebeugt hatte, aus zusammengekniffenen Augen durchdringend an.

Marc: Hat es was mit mir zu tun?

Gretchen schüttelte entschieden mit ihrem Lockenköpfchen und biss sich auf ihre immer noch zitternde Unterlippe, um ein weiteres Schluchzen zu vermeiden. Auf einmal wurde sie von den Gefühlen nur so überschüttet, die sie doch gerade erst in ihrem Tagebuch verschlossen hatte, und konnte es nicht mehr kontrollieren. Was war nur los mit ihr, fragte sie sich völlig durcheinander und strich sich eine verirrte Träne aus dem Augenwinkel. Marc kam damit natürlich auch nicht mehr mit.

Marc: Äh... ja? Das wäre ja mal ganz was Neues.

Aber insgeheim ahnte Gretchens Freund, wohin ihre Gedanken gerade gingen. Er brauchte nur die Fakten zusammenzählen. Schließlich hatte er den letzten Absatz in ihrem Tagebuch gelesen und der Internetartikel, den sie aufgerufen hatte, war auch ein deutliches Zeichen dafür, was sie so sehr beschäftigte, dass die Wasserversorgung an ihrem gemeinsamen Arbeitsplatz wohl für die nächsten Jahre gesichert sein würde. Dr. Haase ließ sich mal wieder viel zu sehr von dem Schicksal ihrer Patienten einnehmen. Ob er ihr jemals noch beibringen würde, dass ein gesunder Abstand nötig war, um im Krankenhausbetrieb überleben zu können? Er hoffte es.

Marc: Hey! Das... wird schon... irgendwie. Er ist doch ein taffes Kerlchen. ... Ganz schön viel in letzter Zeit, hmm? Wenn du ne Auszeit brauchst, wir kommen heute Vormittag auch mal ein paar Stunden ohne dich klar. Fahr nach Hause, nimm ein Bad, plündere den Kühlschrank!
Gretchen: Geht schon! Ich brauche keine Extrawurst, Marc. Ich... ich hab nur gerade meine fünf Minuten. Gleich vorbei.

Behutsam zog Marc das Häuflein Elend zurück in seine Arme, wo es hingehörte, und als Gretchen sich dankbar an seine starke Schulter schmiegte, spürte er, wie die Anspannung langsam von ihr abfiel. Ein tiefer Schluchzer folgte noch, der von seinem Kittel gedämpft wurde, und dann hatte sich die empathische Assistenzärztin auch schon wieder beruhigt. Es dauerte jedoch, bis sich auf ihrem hübschen Gesicht auch wieder jenes zauberhafte Lächeln abzeichnete, dass er so sehr an ihr liebte. Doch als Marc erneut einen Kussversuch starten wollte, weil Küsse bekanntlich am besten gegen Kummer jeglicher Art halfen, wandte sich seine Freundin wieder überfordert von ihm ab. Erneut wie vor den Kopf gestoßen starrte der irritierte Chirurg das scheue Häschen an, das unter seinen intensiven Blicken schamhaft errötete, als es ihm gestand, was das eigentliche Problem war, welches es hemmte.

Gretchen: Du riechst nach voll gerauchter Dorfkaschemme.
Marc (im ersten Moment völlig konsterniert, dann kontrolliert er seinen Mundgeruch, indem er kurz in seine Hand pustet, u. verdreht schließlich die Augen): Nein, so rieche ich erst heute Nacht, nachdem ich den besoffenen Kaan bei seinem zickigen Liebchen abgegeben habe.
Gretchen (wieder Herr ihrer Sinne sieht sie Marc belehrend an): Marc, du sollst nicht so abfällig über Gabi reden! Außerdem will ich nicht, dass ihr euch volllaufen lasst. Trinkt doch in Maßen! Oder geht in eine Saftbar? Bei Mehdi um die Ecke hat gerade erst eine Neue aufgemacht.
Marc (lehnt sich schmunzelnd auf seinem Stuhl zurück u. verschränkt seine Arme lässig hinter seinem Kopf): Negativ! Wenn schon gepresstes Obst, dann mit ordentlichen Umdrehungen im Obstler und nicht in so einer ekelhaft süßen kariesverursachenden Plörre. Außerdem lassen sich echte Männer von ihren Frauen nichts vorschreiben und schon einmal gar nicht für ihren längst überfälligen Männerabend und der folgt bekanntlich einem seit Jahrhunderten bewährten Ritual. Einträchtiges Schweigen möglichst nah am Zapfhahn und mit Blick auf den Großraumfernseher, auf dem Fußball oder Boxen läuft.
Gretchen (in ihrer Frauenehre gekränkt funkelt sie ihren Macho böse an): Ach ja?
Marc (völlig unbeeindruckt guckt er den Schmollhaasen vor sich an): Du brauchst gar nicht so vorwurfsvoll zu gucken, Haasenzahn! Der Vorschlag kam von ihm, nicht von mir. Quasi ein leiser Hilferuf, endlich mal aus der Frauenhölle rauszukommen, die ihn umgibt. Mach doch Mehdi Vorhaltungen, wenn dir nicht passt, wie wir unsere Freizeit gestalten. Dann könnt ihr euch wenigstens ein Taschentuch teilen, wenn er enttäuscht ist, weil du ihn um einen geilen Abend gebracht hast.
Gretchen (eingeschnappt): Marc!
Marc (sieht dem Meckerlieschen intensiv in die Augen): Außerdem bin ich echt froh, wenn ich das alles hier auch mal hinter mir lassen kann. Ich hab das Gefühl, wir wohnen schon hier.
Gretchen (wieder ein bisschen besänftigt lächelt sie ihn an): Stimmt! Ich muss auch dringend Klamotten wechseln. Das ist mein letztes sauberes T-Shirt, das ich noch im Spind hatte.
Marc (grient sie an u. mustert interessiert den aufreizenden Inhalt ihres Kittels): Na siehste, schon ist die Hierarchie wiederhergestellt. Du gehst heute Abend deinen häuslichen Pflichten nach, so wie es die Evolution vor Jahrmillionen vorgesehen hat, und Mehdi und ich machen einen drauf wie in guten alten Zeiten.
Gretchen (funkelt ihr Gegenüber beleidigt an): Vergiss es! Du wirst deine verrauchte Wäsche schon selber waschen müssen, Mister! Schließlich hast du sie auch selber eingestinkert. Ich bin nämlich nicht deine Putzfrau. Ich mache mir heute einen schönen Wellnessabend und entspanne in der Wanne.
Marc (gespielt entsetzt guckt er sie mit offenem Sabbermund an): Was? Ohne mich?
Gretchen (grient triumphierend zurück, weil sie genau weiß, dass sie ihren Schlawiner am Haken hat): Marcilein, ich wusste ja gar nicht, dass deine schönen Haare eine Haarkur benötigen und du deine Beine waxen möchtest. Soll ich dir vielleicht auch noch die Fußnägel lackieren? Ich hab da so einen süßen Roséton in der Drogerie entdeckt. Ich glaube, der passt sogar super zu deinem rosa Hemd, das du heute trägst. Du könntest Sabine damit richtig beeindrucken. Die kommt nämlich heute auch noch mit den Hochzeits- und Flitterwochenfotos zu uns ins Penthaus. Wir wollen ein Erinnerungsalbum basteln und die Motive für die Dankeskarten aussuchen. Interesse an einem entspannten Dia-Abend zu Dritt?
Marc (verzieht angewidert sein Gesicht u. beugt sich bedrohlich heran): Witzig, Haasenzahn! Aber das mit der Ironie üben wir noch, hmm. Was die Sache mit der Entspannung betrifft, da wüsste ich schon noch was. Womit wir auch schon wieder beim Grund meiner Stippvisite hier sind.
Gretchen (hält ihren liebeshungrigen Oberarzt auf Sicherheitsabstand): Marc, nicht bevor du dir deine Zähne geputzt hast. Außerdem steht gleich die Visite an. Wir...
Marc (guckt sie mit Welpenblick sehr überzeugend an): Wir könnten nach oben ins Dachgeschoss gehen, bevor der Frühstückswahnsinn da losbricht? Noch ist Zeit.
Gretchen (spielt durchaus mit dem Gedanken, wenn da nicht die Vernunft u. ihr Zigarettenekel wären): Klingt verlockend, aber...
Marc (fällt der Widerspenstigen schnell ins Wort): Ein ganz, ganz blödes Wort, Haasenzahn! Das sollte verboten werden.
Gretchen: Ja, nicht?

...flüsterte Gretchen leise und schürzte ihre Lippen. Sie hatte sich schon fast von ihrem Liebsten überreden lassen, wenn nicht in genau dem Moment der Lautsprecher über der Tür des Stationszimmers mit einem knacksenden Geräusch angesprungen wäre, gefolgt von einer eindeutigen Nachricht für einen von beiden:

„Dr. Meier, dringend in die Notaufnahme, bitte! Dr. Meier in die Notaufnahme!“

Marc (lässt den Kopf hängen u. stützt seine Stirn an die von Gretchen): Scheiße! Immer im wirklich ungünstigsten Moment.
Gretchen (schiebt ihren Zeigefinger unter sein Kinn, damit er seinen Kopf hebt u. sie ihn anlächeln kann): Das bringt unser Beruf nun mal auch mit sich, mein Lieber.
Marc (stöhnt entnervt auf): Manchmal hasse ich unseren Job echt.
Gretchen: Nein, du liebst deinen Beruf, Marc.
Marc (nuschelt unbewusst in seinen Dreitagebart hinein): Nicht so sehr, wie mit dir abzuhängen.
Gretchen (ihr geht das Herz auf, als sie diese mehr als eindeutige Liebesbekundung hört): Das hast du aber lieb gesagt. Trotzdem, Dr. Meier, wir haben einen Eid geschworen.

Dr. Haase, die nach den wunderschönen Momenten mit Marc wieder ganz bei sich war, sprang entschlossen von ihrem Platz auf, taumelte kurz, weil sie dies zu schnell getätigt hatte, sammelte sich wieder und umarmte dann stürmisch den brummenden Dr. Meier, der sich widerwillig von ihr mitreißen ließ. Er guckte noch einmal auf den Lautsprecher, dann auf die Wanduhr, die 7.38 Uhr anzeigte. Er hatte keine andere Wahl. Leider. Solange er hier das Sagen hatte, musste er wohl oder übel in den sauren Apfel beißen. Ausnahmen gab es in seinem Job nun mal leider nicht. Auch nicht für ambitionierte Chirurgengötter. Grummelnd raffte er sich schließlich auf und ließ sofort in gewohnter Manier den Oberarzt wieder heraushängen...

Marc: Okay, ich schaue mal, was die Idioten da unten schon wieder verkackt haben. Die Visite kriegst du schon alleine hin. Schnapp dir einfach ein paar Anfänger, lass das unfähige Pack aber nicht herumdoktern, sondern zeig ihnen, wie’s richtig gemacht wird. Zimmer neun kann entlassen werden. In der Zehn brauch ich noch mal ein CT, die motorischen Ausfälle geben mir nämlich zu denken, und für die Dreizehn ein komplettes Blutbild und Drogenscreening. Der Kerl wirkt mir etwas zu sehr neben der Spur. Und falls was sein sollte, wo du nicht weiterweißt, was ich nicht glaube, der Rössel stiefelt hier auch noch irgendwo über die Gänge. Seine OP ist laut Plan erst in anderthalb Stunden. Du assistierst wie geplant. Wo ist eigentlich die Stasi-Sabsi abgeblieben? Die soll mir gefälligst nen starken Kaffee runter in die Ambulanz bringen, aber zz, ziemlich zügig!
Gretchen (salutiert ihrem charmanten Oberarzt grinsend zu): Ai, ai, Chef! ... Sabine frühstückt noch mit Günni, glaube ich. Aber ich pieps sie an.
Marc (kommt seiner frechen Assistenz noch einmal gefährlich nahe): Übertreib’s nicht, Haasenzahn, ja! Ein bisschen Respekt vor Gott sollte schon noch drin sein, auch wenn du schon im Besitz ganz anderer Privilegien bist, wie zum Beispiel eines privaten Erholungsraumes direkt unter dem Dach. Ich erwarte dich da, wenn wir hier mit allem durch sind. Dann können wir auch gerne noch mal darüber reden, was dich wirklich beschäftigt, ok? Glaub nicht, ich hätte es nicht mitbekommen.
Schei...benkleister! Ich wollte ihn doch noch nicht darauf ansprechen. Das ist doch erst nur so ein Gedanke. Eine wage Idee. Mehr nicht. Ach, ich weiß doch auch nicht.
Gretchen (läuft ertappt rot an u. weiß nicht, was sie darauf erwidern soll): Marc, ich...
Marc (nickt dem Rotköpfchen wissend zu u. wendet sich schwungvoll dem Ausgang zu): Schon klar. Bis später, Süße!

Cedric: Süße?

Marc schreckte ertappt auf, als er die amüsierte Echo-Stimme seines Erzfeindes um die Ecke auf dem Korridor der Chirurgie erkannte. Sein Verliebter-Gockel-Blick wechselte sofort in Sekundenschnelle in den tödlichen Ameisenblick, mit dem er den dreisten Kerl nun traktierte, der sich seiner Meinung nach provokativ vor ihm in der Tür des Stationszimmers breitmachte und dachte, er könnte sich über ihn lustig machen. Aber nicht mit Dr. Marc Olivier Meier, seines Zeichens Stellvertreter von Prof. Haase und demnach ihm gegenüber weisungsbefugt. Wenn er wollte, könnte er das Sackgesicht sogar problemlos vor die Tür setzen. Lediglich der akute Personalmangel in der Neurologie und eine für den Professor plausible Begründung hinderten ihn daran.

Marc: Fresse, Stier! Hast du nicht in anderen Gehirnen herumzustochern, wenn du schon selber keins dein Eigen nennen darfst? An die Arbeit, zack, zack! Du wirst hier nicht fürs Dumm-Rumstehen bezahlt und fürs Quatschen erst gar nicht.

...konterte der eingeschnappte Mann in bekannter überheblicher Oberarztlautstärke. Er schupste den sich bestens unterhalten fühlenden Neurochirurgen unsanft zur Seite und lief dann eilig den Flur der Chirurgie vor und blieb wutstampfend vor den Aufzügen stehen, die mal wieder nicht auf seine Anwesenheit reagierten und nicht sofort auf sein Gemecker hin ihre Türen öffneten. Gretchen und Cedric schauten Marc verdutzt hinterher, dann blickte der charmante Neurologe seiner hübschen Kollegin ins Gesicht, welches eine leichte Rötung zierte, die ihr einen hinreißend natürlichen Teint gab, ehe er lässig ins Stationszimmer trabte, um flugs die Kaffeemaschine anzusteuern. In seinen Händen hielt Dr. Stier wie eine kostbare Trophäe die neuste Postkarte, die er gestern von seinem Töchterlein zugeschickt bekommen hatte, und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, als er Dr. Haase schließlich direkt ansprach.

Cedric: Lass mich raten, heute hat er einen guten Tag, stimmt’s?
Gretchen (abwesend): Hmm? Oh! Du bist’s? Ich... ich muss die Visite vorbereiten. Wo war nur die eine Mappe, die ich vorhin...

...gab Gretchen nur beiläufig als Antwort auf Cedrics Schmunzelfrage und suchte, ohne ihren Kollegen weiterhin zu beachten, betriebsam an ihrem Arbeitsplatz die Unterlagen für die Visite zusammen, welche sie sich vorhin schon zurechtgelegt hatte, bevor sie ihr Tagebuch zur Hand genommen hatte und nebenbei im Internet gesurft hatte, um ihre Gedanken zu sortieren und alle notwendigen Informationen zu sammeln, die sie benötigte, um das Gedankenspiel in ihrem Kopf, das immer buntere Farben annahm, zu vervollständigen. Ob Marc sie verstehen würde? Hatte sie sich nicht vielleicht doch ein bisschen in die Sache verrannt? Ein bisschen war sogar noch weit untertrieben. Das war doch eine total verrückte Idee, oder? Marc würde ausflippen, so viel war klar. Obwohl, gerade eben schien er doch ganz verständnisvoll gewesen zu sein. Das hatte doch durchaus positiv geklungen, oder nicht? Aber vielleicht sollte sie auch erst einen günstigen Moment abwarten. Denn im Augenblick hatte ihr Schatz so viel anderes um die Ohren, das ihn belastete, und sie wusste ja selbst nicht, ob sie schon soweit war. Vielleicht sollte sie noch einmal eine Nacht darüber schlafen oder sich heute Abend mit Sabine beraten? Ihre beste Freundin wusste schließlich immer Rat. Wenn nur die Zeit nicht gegen sie laufen würde. Es war einfach verzwickt. Furchtbar verzwickt.

Die gedankenversunkene Ärztin hatte sich gerade umgedreht und Cedric zugewandt, der mit der Kaffeekanne in der einen und zwei Tassen in der anderen Hand von der Anrichte herüberkam, als Marc plötzlich noch einmal hinter ihr auftauchte, sie stürmisch herumwirbelte und gegen den Türrahmen drängte. Unter den ungläubigen Blicken seines verhassten Kollegen aus der Neurologie, der beinahe den Inhalt der sich immer mehr in Schräglage befindlichen Kaffeekanne daneben geschüttet hätte, umfasste der wild entschlossene Oberarzt mit beiden Händen das überraschte Gesicht seiner bezaubernden Assistenzärztin und küsste sie voller Inbrunst gegen die Wand. Ehe die überrumpelte Dame jedoch realisieren konnte, was mit ihr gerade passierte, hatte der zufrieden grinsende Mann sie auch schon wieder losgelassen und war wehenden Kittels wieder Richtung Fahrstuhl unterwegs, der diesmal prompt seine Türen für ihn öffnete und ihn im nächsten Moment darin verschluckte.

Marc: Das hätte ich fast vergessen und ich lasse es mir ganz bestimmt nicht noch mal nehmen, Haasenzahn.

...hallten Marcs Worte noch Sekunden später in ihren Ohren nach, so wie sie seine rauen Lippen immer noch schmeckte und seinen unnachahmlichen herben Aftershave-Zigaretten-Marc-Geruch um ihre Nase wehen spürte. Aus dem Gleichgewicht gebracht klammerte sich Gretchen zitternd am Türrahmen fest, konnte aber die Papiere nicht mehr halten, die ihr langsam mitsamt den Klemmbrettern aus den Händen flutschten und gen Boden segelten. Cedric, der seine Kaffeeutensilien sicherheitshalber auf dem Tisch abgestellt hatte, sprang ihr sofort zu Hilfe und sammelte die Unterlagen schnell wieder zusammen. Seine dankbare Kollegin brauchte derweil noch einen Moment, um ihre Fassung wiederzugewinnen. Sie strich sich über ihre eben umfassten Wangen, die mittlerweile glutrot glühten, und wandte sich dann den Patientenmappen an der Anmeldung zu, die Dr. Stier dort für sie abgelegt hatte und die sie sich nun unter die Arme klemmte, ehe sie ebenfalls das Zimmer verlassen wollte und dabei beinahe über die Füße von Dr. Kaan gestolpert wäre, der im selben Augenblick schwungvoll den Aufenthaltsraum betreten wollte. Gretchen stützte sich mit ihrer freien Hand an Mehdis Brust ab, guckte verwirrt zu dem hochgewachsenen Mann empor und ließ sich dann von seinem strahlenden Lächeln einnehmen, das sich augenblicklich auf seine Mundwinkel zauberte, als er erkannte, wer da gerade stürmisch in ihn hineingerannt war.

Mehdi: Guten Morgen, Gretchen! Alles in Ordnung mit dir?
Gretchen: Ähm... ja? Wieso? Du... Hast du... Ist Sabine noch mit Günni oben beim Frühstücken? Wir müssten jetzt dringend die Visite angehen. Marc ist ja... ähm... ja.

...stammelte das immer noch ziemlich durcheinander wirkende Persönchen vor sich hin, sodass Mehdi erst einmal einen Moment brauchte, um alle Bruchstücke an Informationen in den richtigen Zusammenhang zu setzen, die ihm dargeboten worden waren. Ein kurzer Blickwechsel mit Dr. Stier, der mit einer dampfenden Kaffeetasse am Tisch in der Mitte des Stationszimmers Platz genommen hatte und gerade die Tageszeitung aufschlagen wollte, verriet ihm, was hier wirklich Sache war. Wissend grinsend wandte er sich wieder seiner besten Freundin zu, die ihn völlig durch den Wind anguckte, ja fast durch ihn durch zu blicken schien, was bei seiner stattlichen Figur eigentlich ein Unding war.

Mehdi: Sabine und Günni wollten gleich nachkommen. Wir hatten noch was wegen einem Arzttermin nächste Woche zu besprechen. Zur Zeit ist bei mir drüben die Hölle los. Ich will ja keine Zusammenhänge ziehen, aber ein Zusammenhang mit dem sechsundzwanzig Stunden dauernden Stromausfall im Berliner Stadtzentrum vor neun Monaten ist definitiv nicht zu leugnen.
Gretchen (hat Mehdi nur mit halbem Ohr zugehört): Gut dann, ja, schaue ich mal schnell, ob Anton schon wach ist und ein Fläschchen braucht, bis Schwester Sabine eingetrudelt ist. Sie soll auch an den Kaffee für Dr. Meier denken. Sonst wird der wieder so unerträglich mäkelig. Obwohl, eben das war... Ja, was war das eigentlich? Äh... Ich muss. Bis später. Mehdi. Cedric.

Gretchen, die zwei fragende Augenpaare auf sich gerichtet spürte, rückte ihre verrutschten Aktenmappen zurecht und platzierte diese abholbereit für die Visite auf der Durchreiche des Stationszimmers, lächelte Mehdi und Cedric kurz noch freundlich zu und verließ dann flinken Fußes den Raum. Auf dem Flur wusste die zerstreute Frau im ersten Moment nicht, wohin sie eigentlich gehen wollte und schlug erst die falsche Richtung ein, machte aber beim nächsten Schritt gleich wieder kehrt und trabte dann kopfschüttelnd langsam in die gynäkologische Abteilung nebenan. Dr. Kaan schaute seiner besten Freundin mit offenem Mund hinterher, kratzte sich irritiert am Kopf und wandte sich dann wieder der Person im Schwesternzimmer zu, die heute ungewohnt redselig ihm gegenüber war.

Cedric: Also ich muss schon sagen, hier auf Station wird immer beste Unterhaltung geboten. Die sollten mal ein Team von RTL hierher schicken. Dann wäre ihr Programm nicht mehr ganz so stumpfsinnig und langweilig.
Mehdi (kommt lachend näher und nimmt sich ebenfalls eine Kaffeetasse aus dem Schränkchen u. füllt diese mit dem Koffeinspender, nach dem es ihn dürstet): Ja! Du hättest die Zwei mal erleben sollen, als sie noch nicht zusammen waren und trotzdem ständig umeinander geschlichen sind. Abendfüllende Dramenkomödien, kann ich nur sagen.
Cedric: Ich kann’s mir bildlich vorstellen. Und wie ich gehört habe, hattest du da ja auch eine tragende Hauptrolle in ihrem Spiel, nicht wahr?

Dr. Stier stimmte in das ansteckende Lachen seines sonst so unliebsamen Kollegen aus der Gynäkologie mit ein, bis er plötzlich merkte, was er da eigentlich gerade tat. Er verriet sich doch nicht etwa gerade selbst? Garantiert nicht in diesem Leben! Mit grimmiger Miene sprang der ertappte Neurologe von seinem Platz auf, ließ seine halbleere Kaffeetasse stehen und guckte in sein Fach, ob vielleicht noch mehr Post für ihn gekommen war, was leider nicht der Fall war, was den abrupten Stimmungsumschwung des Mittdreißigers noch zusätzlich verstärkte. Dann schob er sich knurrend an Marias Ex vorbei, der lässig an der Anrichte lehnte und gerade an seinem Kaffee nippen wollte.

Cedric: Ich wüsste nicht, dass wir plötzlich beim „Du“ gelandet wären, Dr. Kaan.

...sagte es mit eisiger Stimme und war auch schon im nächsten Moment aus der Nebentür hinaus, in der, kurz bevor sie zuknallen wollte, als nächstes Schwester Gabi in Straßenkleidung erschien, die, als sie ihren Freund entdeckte, lächelnd auf ihn zuschritt und sich an ihn schmiegte.

Gabi: Hat der gerade mit dir zusammen gelacht? Ist der etwa auf den Kopf gefallen? Oder was ist hier los?
Mehdi (guckt noch einmal völlig perplex zur Tür, die gerade leise zufällt, u. stellt seine Kaffeetasse auf die Anrichte, um seine Hände frei zu bekommen, die er nun hinter Gabis Rücken ineinander verschränkt): Wenn du’s auch gehört hast, dann war es wohl doch keine Fata Morgana. ... Was machst du eigentlich noch hier? Hab ich dich nicht vor einer Viertelstunde nach Hause geschickt?

Skeptisch musterte Mehdi das blasse Gesicht seiner schwangeren Freundin, die in dem Moment ihre Arme hinter seinem Nacken verschränkte und sich einen süßen Kuss von ihm stibitzte, um schnell von sich abzulenken.

Gabi: Vielleicht wollte ich mir genau das als Nachschlag zum Frühstück noch abholen.
Mehdi (lächelt verliebt, aber auch eine kleine Sorgenfalte ziert seine Stirn, die nicht unbemerkt bleibt): Ach?
Gabi (in Meckerlaune): Jetzt guck nicht so, Mehdi! Mir geht’s gut. Dass ich aus dem Kreißsaal gerannt bin, war nur wegen der schlechten Luft und ich hab das Gejammer von Frau Hammerschmidt nicht mehr ausgehalten. Mir klingeln jetzt noch die Ohren.
Mehdi: Du hättest auch im Bett bleiben können, als der Anruf kam.
Gabi (kontert geschickt u. krault nebenbei Mehdis Nackenhaare): Das hätte sich nur kalt und leer ohne dich angefühlt. Außerdem hab ich so auf einen früheren Dienstschluss gehofft.
Mehdi (muss dann doch kurz schmunzeln, bevor er wieder ernst wird): Listig! Ich kenn deine Tricks, Gabi. Trotzdem, ich hab kein gutes Gefühl dabei, wenn du ständig meine Bereitschaftsdienste und Nachtschichten mitmachst.
Gabi (schmiegt sich mit Säuselstimme an ihn heran): Willst du mich etwas loswerden, Herr Doktor?
Mehdi (kann sich ihres Charmes kaum erwehren u. seufzt leise auf): Nein, aber du weißt, wieso. Ihr beide braucht einen geregelten Tagesablauf und einen ruhigen und ausreichenden Schlaf und nicht ständig diese Wechsel, die sich auf deinen eh schon wankelmütigen Hormonspiegel übertragen. Das steht dir zu. Du musst mir wirklich nichts beweisen.
Gabi (lächelt verliebt): Das weiß ich doch, Liebling. Aber mir scheint, dass dir in deinem ganzen Fürsorgeprogramm für uneinsichtige Schwangere ganz entgangen ist, dass ich vielleicht gerne mit dir zusammen bin. Auch hier. Dann geht es mir nämlich immer am besten.
Mehdi (erwidert ihr Lächeln u. wird sanftmütiger): Ehrlich?
Gabi (verliert sich einen Moment in seinen aufleuchtenden Augen): Ehrlich! Ich weiß, was ich mir... uns zumuten kann und dir auch. Und jetzt ab auf Station, Mister! Frau Hammerschmidt ist bestimmt schon wach und wartet meckernd auf ihren Schreihals. Ihrem Mann geht’s übrigens auch besser. Auch ein Grund, warum es gut war, dass ich außerhalb des Kreißsaales war. Ich kenne mich mit grüngelblich werdenden Gesichtern nämlich aus und kann die Folgen recht gut abwägen. Nur, was die Schnelligkeit betrifft, das... Naja, die Platzwunde wurde genäht. Er liegt jetzt in einem der Behandlungszimmer von Marc.

Um ihren Liebsten endgültig von ihrem Wohlgehen zu überzeugen, schenkte Gabi ihm noch einen langen innigen Kuss, inklusive sanfter Rückenmassage. Dann löste sie sich von ihm, reichte ihm seine dampfende Kaffeetasse und schob ihn Richtung Tür. Als sie Mehdi noch einmal in seine treuen Rehaugen blickte, stellte sie fest, dass er immer noch nicht richtig überzeugt war. Also schmiegte sie sich noch einmal mit vollem Körpereinsatz an ihn. Das wirkte schließlich immer. Auch bei überfürsorglichen werdenden Vätern, die doch eigentlich angesichts ihres Berufsstandes wissen wüssten, wie man die Sachlage richtig einschätzte, ohne die werdenden Mütter, die schon allein wegen den Tatsachen nervös genug waren, in den Wahnsinn zu treiben. Sie hielt sich doch schließlich an die meisten von Mehdis Ratschlägen.

Gabi: Ich kann dir das wohl nicht mehr austreiben, oder?
Mehdi (guckt sie mit Bambiblick lächelnd an): Das ist ein Automatismus, gegen den ich nichts machen kann. Diplom hin oder her. Genieß es doch einfach!
Gabi (verdreht die Augen): Naja, ich hab’s versucht. Vielleicht lockert dich dein Date mit Marc ja doch ein bisschen, hmm.
Mehdi (zieht sie schmunzelnd noch einmal in die Arme): Ach, auf einmal kein Widerstand mehr dagegen?
Gabi (grient ihn frech an): Schon mal was von ausgleichender Gerechtigkeit gehört?
Mehdi (guckt sie fragend an): Hmm?
Gabi: Meine Schwester kommt doch heute vorbei, um die neue Wohnung zu inspizieren. Du weißt, wie anstrengend sie werden kann, wenn sie einmal den Mund aufmacht. Sie hat am Telefon ja schon angedeutet, sie hätte Wahnsinnsnews für mich, was meist nichts Gutes bedeutet. Da gönne ich dir doch gerne ein entspanntes Aufeinandertreffen mit dem Machoarsch, der die letzten Tage so eine Superlaune hatte, dass es sich auf das ganze Krankenhaus übertragen hat.
Mehdi: Oh ha, der war jetzt fies.
Gabi (lacht u. streift säuselnd über seinen angespannten Oberkörper): Es soll ja keiner behaupten, dass wir es einfach haben werden.
Mehdi (sieht ihr intensiv in die Augen): Immer noch dafür?
Gabi (lächelt scheu): Da mein Auftritt eben sicherlich die eine oder andere Frage aufgeworfen hat und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn einer erst einmal Lunte gerochen hat, siehe deine werte Frau Mama, die sich vor Lilly schon einmal fast verplappert hätte, bleibt uns wohl keine andere Wahl. Und du wolltest doch unbedingt, dass der Arsch es zuerst erfährt. Also musst du da auch, wohl oder übel, durch. Der schwere Brocken zuerst, ne? Du könntest es auch einfacher haben. Das Wochenende steht vor der Tür. Gretchen könnte ihn sicherlich bis zu eurer nächsten Schicht bearbeiten.
Mehdi (nachdenklich): Ja, könnte ich, aber er ist mein bester Freund. Es ist mir wichtig, dass er versteht.
Gabi (legt seufzend ihre Hand an seine Wange): Ich weiß und ich pflege morgen gerne deine Schürfwunden, mein tapferer Schatz, der sich mutig dem Drachen zum Fraß vorwirft.
Mehdi (lacht): Ich hoffe, es kommt nicht soweit. Und du? Willst du’s Tina auch sagen?
Gabi (stöhnt theatralisch auf): Da sie immer im Monatsturnus mal bei mir aufkreuzt, wäre es vielleicht angebracht. Nicht dass sie aus allen Wolken fällt, wenn sie in ein paar Wochen anstatt mir ein fettes Walross antrifft.
Mehdi: Du bist wunderhübsch.
Gabi (streckt dem Charmeur die Zunge raus): Schleimer! Aber genau diese Eigenart mag ich so an dir. Vielleicht solltest du dich in deiner Fürsorge mehr darauf konzentrieren, hmm?
Mehdi (schmunzelt): Gerne.
Gabi: Weißt du, Mehdi, ich glaube, ich bin jetzt wirklich soweit, dass es jeder wissen darf.

...gab Gabi immer noch leicht verunsichert zu. Aber Mehdis aufrichtiges Lächeln nahm ihr jegliche Scheu vor den Konsequenzen ihres Geständnisses. Es war einfach an der Zeit, ihr großes Geheimnis jetzt endlich zu lüften und ihr Glück mit aller Welt zu teilen, egal wie sie auch darauf reagieren würde. Die schwierigste Aufgabe hatte ja nicht sie zu bewältigen, sondern Marcs bester Freund. Wenn sie sich da mal nicht geirrt hatte.

Lorelei Offline

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18.09.2014 17:04
#1497 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Nach seiner Stippvisite in der Ambulanz, die ihn doch mehr Zeit als erwartet gekostet hatte, stand Dr. Meier nun angespannt vor den Fahrstühlen im Erdgeschoss des Elisabethkrankenhauses, welche mal wieder nicht direkt auf Kommando reagieren wollten. Da er noch nie ein geduldiger Mensch gewesen war und zudem noch unter Koffein- und Nikotinmangel litt, wandte er sich frustriert herum, um als nächstes das Treppenhaus anzuvisieren. Als er gerade seine Füße in Bewegung setzen wollte, kam ihm jedoch aus eben jenem Schwester Sabine entgegen gerannt, die abgehetzt direkt vor seiner Nase stehen blieb. Mit einer Kaffeetasse in der Hand, die der Oberarzt schon vor Urzeiten bestellt hatte. Ihren Blick demütig gesenkt haltend reichte sie ihm diese und wartete nervös die nächsten Anweisungen ihres mürrischen Chefs ab und fürchtete bereits ein Donnerwetter, welches aber überraschend ausblieb. Marc zog lediglich seine Augenbrauen nach oben, als er seine schusselige Stationsschwester mit kritischem Blick musterte und mit eher wenig Begeisterung das dringend benötigte Heißgetränk entgegennahm, das jedoch absolut nicht seinem Namen entsprach. Er nippte vorsichtig an der gelben „Chef“-Tasse. Aber das hätte er mal besser bleiben lassen sollen, dachte der schockierte Oberarzt auch schon im nächsten Moment und ging dann doch erwartungsgemäß hoch.

Marc: Das wurde ja auch mal Zeit. Mussten die Kaffeebohnen erst noch geerntet und verschifft werden, oder wieso hat das so lange gedauert? ... Bäh! Was ist das denn? Der ist ja kalt, Sabine!
Sabine (läuft ertappt rot an, weicht seinen bohrenden Blicken aus u. bohrt ihre Fußspitze vor lauter Nervosität in das Laminat): Oh! Entschuldigung, Dr. Meier! Ich... ich wollte ihn Ihnen gerade bringen, als die Visite bei Anton begann. Und da... da wollte ich doch schon gerne dabei sein.
Boah! So langsam nervt der Hosenscheißer echt! Kann sich denn niemand mehr auf seine eigentlichen Pflichten konzentrieren? Saftladen! Ich muss härter durchgreifen. Der Schludrian muss endlich ein Ende haben.
Marc (drückt der verlegen lächelnden Krankenschwester die Tasse wieder in die Hand u. setzt seinen Oberarztblick auf, mit dem er sie taxiert): Ah ja? Sie wissen aber schon, dass wir uns hier in einem Krankenhaus befinden, oder? Hier geht es nicht darum, was man gerne machen will, sondern wo zuerst echte Hilfe gebraucht wird. Also was stehen Sie hier noch rum, Schwester Sabine? Ab! Kaffeebohnen pflücken! Wenn ich oben ankomme, will ich eine wohltemperierte Tasse auf meinem Schreibtisch stehen haben. Und das nicht erst gestern.
Sabine (zuckt angesichts der bedrohlichen Lautstärke zusammen u. will sich sofort pflichtbewusst auf den Weg machen): Ja...jawohl, Herr Doktor! Und... Entschuldigung noch mal.
Marc (macht eine abweisende Handbewegung in ihre Richtung u. guckt wieder ungeduldig auf die Fahrstuhlanzeige, an der sich immer noch nichts getan hat, bis ihm noch etwas einfällt): Ja, ja, papperlapapp! ... Ach, Schwester Sabine? Wo steckt Haasenzahn... also Dr. Haase im Moment?
Sabine (bleibt noch einmal vorm Eingang zum Treppenhaus stehen u. lässt sich mutig zu einem kleinen Lächeln hinreißen): Laut Plan operiert sie gerade das Hüftgelenk mit Dr. Rössel. Der Eingriff verläuft ohne Komplikationen und müsste in einer halben Stunde beendet sein, Dr. Meier. Ich gebe der Frau Doktor Bescheid, dass Sie sie erwarten.
Marc (ein kaum wahrnehmbares Lächeln schleicht sich auf seine herunterhängenden Mundwinkel): Gut! Dann.... Abmarsch! Zack, zack!

Mit einer locker aus der Hüfte getätigten Handbewegung schickte der selbstherrliche Oberarzt die nervige Krankenschwester davon, die sich auch gleich sputete, schnell aus dem Foyer und demnach aus der Schusslinie zu verschwinden, bevor er doch wieder schlechte Laune bekam und alles an ihr ausließ. Sie hatte ja Verständnis für seine familiäre Situation, aber seine Stimmungsschwankungen waren im Moment nur schwer zu ertragen und so hatte sie es wie der Rest der Belegschaft in den vergangenen Tagen vorgezogen, ihm solange besser aus dem Weg zu gehen. Nur noch zwei Tage, dann war wieder abnehmender Mond. Dann war Dr. Meier sicherlich wieder besser aufgelegt, dachte die passionierte Mondkalenderleserin und hüpfte fröhlich die Treppenstufen empor und grüßte freundlich die Kollegen und Patienten, die ihr im Treppenhaus begegneten. Schenke einem Menschen ein Lächeln und du wirst selber beschenkt. Diesen Kalenderspruch hatte Sabine Gummersbach zu ihrer neuen Lebensweisheit auserkoren.

Dr. Meier war dagegen alles andere als zum Dauerlächeln zumute. Als Schwester Sonnenschein endlich hinter der Glastür verschwunden war, drehte er sich unschlüssig zum Aufzug um, der in exakt diesem Moment seine Türen wieder geschlossen hatte. Der perplexe Chirurg ließ frustriert seinen Kopf hängen. Das Gespräch mit der verpeilten Stationsnervensäge hatte ihm also wieder mehr Zeit gekostet, als er eigentlich zur Verfügung gehabt hatte, und er hatte den Augenblick verpasst, rechtzeitig in den Fahrstuhl nach oben zu steigen. Momentan war aber auch echt der Wurm drin, schimpfte Marc still vor sich hin und stampfte mit seinem rechten Fuß einmal gegen eine der verschlossenen grauen Stahltüren. Und heute Nachmittag erwartete ihn auch noch eine stinklangweilige Sitzung mit den Bauleuten und der Verwaltung wegen der Klinikerweiterung, welche seit der Grundsteinlegung am vergangenen Montag, die Prof. Haase noch vor seiner Abreise mit stolz geschwellter Chefarztbrust höchstpersönlich vor der Berliner Regionalpresse getätigt hatte, immer mehr Formen annahm, Staub und Lärm im Außengelände inklusive. Eine lästige Aufgabe, die der Professor nicht ohne Grund seiner fähigsten Kraft aufgeladen hatte.

Der hatte ihn einfach eiskalt ins Wasser geschmissen und machte sich anstatt seiner nun in den Staaten ein geiles Leben bei einer Wahnsinns-OP, die auch noch sein eigener Vater leitete! Die Haases waren aber auch solche ausgebufften Schlitzohren. Wenn Franz ihn unbedingt auf seine Führungsqualitäten testen musste, warum gab er ihm nicht einen spannenden medizinischen Fall, in den er sich hineinfitzen konnte? Stattdessen musste er sich jetzt mit selbstgerechten Architekten und knauserigen Verwaltungsbeamten herumschlagen. Nicht zu vergessen die leidige Geschichte mit dem ausgesetzten Kind, das immer noch ein großes Thema war, nicht nur für Polizei und Stadtpresse. Er hätte es wissen müssen. Die Haases taten doch nie etwas ohne Grund. Franz’ freches Grinsen beim Abschied hatte ihn verraten. Und da fiel Marc plötzlich noch etwas ein. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Wand neben dem Aufzugsknopf, den er weiterhin gedrückt hielt, zückte mit seiner freien Hand sein Handy aus der Kitteltasche und wählte sogleich eine Nummer. Es dauerte eine Weile, bis er das vertraute Knacksen hörte und jemand murmelnd an der anderen Leitung dranging.

Marc: Kaan, altes Haus, wo steckst du gerade?
Mehdi (klingt etwas überfordert u. gehetzt): Äh... mitten im Uterus einer Frau.
Marc (lacht dreckig auf): Boah, du Ferkel, kannst du nicht einmal die Finger von deinem...
Mehdi (fällt ihm angesäuert ins Wort): Marc, wo denkst du hin? Ich führe gerade einen Kaiserschnitt durch. Die Schwester hält mir das Telefon ans Ohr. Was willst du? Halt dich bitte kurz!
Marc (kurz irritiert, weil Mehdi so patzig reagiert): Äh ja, sorry, woher hätte ich auch... Ach egal! Es ist eigentlich auch nichts weiter.
Mehdi (wundert sich u. guckt in die Gesichter um ihn herum, die interessiert heimlich mithören): Du rufst an, weil nichts ist? Äh... Marc, du rufst mich nie an, wenn’s dir nicht wichtig wäre. Also?
Marc (fühlt sich ertappt): Es ist auch nur eine kleine Frage. Eher mehr eine Auskunft.
Mehdi (noch verwunderter als zuvor): Kann das bis heute Abend warten?
Marc (klingt nicht gerade begeistert): Naja...
Mehdi (seufzt leise auf, weil er merkt, dass etwas ist, u. nimmt das Handy nun selber in die Hand): Schieß los, Marc!
Marc (überrascht, dass Mehdi so schnell einlenkt, u. sucht etwas ratlos nach den passenden Worten für sein „Problem“): Okay, ähm... Stell dir vor, du hättest eine Freundin.
Mehdi (kleinlaut): Ich habe eine Freundin, Marc.
Marc (verdreht leidend die Augen): Nicht so eine.
Mehdi (beleidigt schießt sein Kopf hoch): Was soll das denn bitte heißen?
Marc (gereizt): Hörst du mir jetzt zu oder willst du dich erst wieder für Gabi rechtfertigen? Dann ist unser Gespräch hiermit beendet.
Mehdi (grummelt in den Hörer): Du hast eine Minute, Marc.
Marc (sammelt sich): Also... stell dir vor, du hast eine Freundin, die ähm... sehr empathisch auf andere oder bestimmte Situationen reagiert und sich vor allem von ihren Gefühlen und Traumvorstellungen leiten lässt, die mit der Realität manchmal nicht ganz kompatibel sind.
Mehdi (durchschaut Marc jetzt endlich u. wird hellhöriger): Was ist mit Gretchen?
Marc (reißt ertappt die Augen auf, dreht sich zur Wand u. rudert zurück): Äh... Hab ich mit einem Wort Haasenzahn erwähnt? Ich meine das rein... theoretisch. Quasi.
Mehdi (kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen): Türlich! Also was ist mit ihr... also mit dieser imaginären sehr emotionalen Freundin?
Marc (ärgert sich mittlerweile, dass er überhaupt angerufen hat u. antwortet nur zögerlich): Was würdest du denken, wenn sich eben jene besagte Freundin über ähm... Adoptionen und Pflegschaftsanträge informieren würde und das hinter deinem Rücken?

Mehdi (horcht auf, gibt Abweisungen an seine Mitarbeiter, verlässt den Kreißsaal u. ist nun ganz für Marc da): Frau Dr. Marple, übernehmen Sie bitte! Ich müsste mal eben vor die Tür. Danke! ... Marc? Ich bin jetzt im Waschraum und ganz Ohr.
Marc (runzelt die Stirn): Würdest du dir Gedanken machen oder das als Hirngespinst abtun?
Mehdi (lehnt sich gegen eins der Waschbecken u. denkt nach): Hör mal, Marc, für Frauen, die gerade selber mit dem Gedanken spielen, eine Familie zu gründen, ist das... Ihr wollt doch noch eine Familie gründen, oder?
Marc (irritiert starrt er die Wand an): Äh... Müssen wir das jetzt bequatschen?
Mehdi: Du hast mit dem Thema angefangen, Marc.
Marc (fühlt sich gleich wieder in die Enge gedrängt u. wird patzig): Ich? Ich hab... Okay, ja. Das ist der Plan. Aber darum geht es jetzt auch nicht.
Mehdi (lächelt, weil sein Freund ein offenes Buch für ihn ist): Doch! Indirekt schon. Du weißt, wie sensibel sie auf Anton und sein Schicksal reagiert hat. Dass er höchstwahrscheinlich in eine fremde Pflegefamilie kommt, das nimmt sie sehr mit. Sie hat den Kleinen, wie wir alle, ins Herz geschlossen. Sie wird alles aufs Genauste prüfen wollen, bevor sie ihn wirklich gehen lassen kann.
Marc (lehnt sich mit dem Rücken wieder an die Wand u. fährt sich nachdenklich mit seiner freien Hand über sein stoppeliges Kinn): Das ist alles? Du meinst, sie hat sich lediglich informiert und plant nicht etwas Haasemäßig Verrücktes?
Mehdi: Marc, ich kenne Gretchen mindestens genauso gut wie du,...
Marc (geht sofort hoch): Eh!
Mehdi (versucht, ihn zu beruhigen): Alles andere, was über ihre empathische mitfühlende Ader hinausgehen würde, würde auch ich ihr nicht zutrauen. Und selbst wenn, also rein hypothetisch gedacht, dann wäre das unmöglich so schnell und unkompliziert zu handhaben. An der Bürokratie scheitern die meisten. Das Jugendamt hat geprüfte Familien, die sich der Kinder annehmen und meist schon langjährige Erfahrungen mit Inobhutnahmen haben. Gretchen muss sich wirklich keine Sorgen machen. Anton kommt in die allerbesten Hände. Sag ihr das oder schick sie zu mir, ich kann gerne noch mal mit ihr reden und ihr alles erklären. Unterstütze sie mit Anton und bereite sie auf seinen Abschied nächste Woche vor! Der passiert so oder so, selbst wenn wir die Mutter noch ausfindig machen oder nicht. Mehr können wir im Moment nicht tun.
Marc (nuschelt unverständig in seinen Dreitagebart u. grübelt über Mehdis Worte nach, die durchaus plausibel klingen): Hmm!?
Mehdi (forscht vorsichtig nach): Etwas beruhigt? Ich müsste jetzt wieder rein zu meiner Patientin. Wir können ja heute Abend noch mal ausführlich reden. Soll ich dich zuhause abholen? Du bist ja gerade ohne fahrbaren Untersatz.
Marc (hat sich wieder gefangen): Nope! Wir treffen uns direkt im „Mauerwerk“. 20.30 Uhr. Und lass die Karre stehen! Nimm auch die U-Bahn! Ohne ausreichenden Promille-Pegel kommst du mir heute nicht nach Hause. Ich spendiere dir auch das Taxi.
Mehdi (das mulmige Gefühl in seinem Bauch wird stärker, schließlich ist sein Plan ein anderer): Eigentlich hab ich mir das ganz anders ausgemalt.
Marc (wieder bestens aufgelegt): Tja, Pech gehabt, mein Freund. Der Chef bestimmt. Ich Chef, du Lakai. Und der Chef sagt, wir machen heute einen drauf. Keine Widerrede.
Mehdi (Begeisterung klingt anders): Wie ich mich freue!
Marc (ebenso ironisch): Gut, das ist die richtige Einstellung. Dann... bis später! Ach und... danke, ne!

Ohne dass Mehdi noch auf seinen aufrichtig gemeinten Dank reagieren konnte, hatte Marc aufgelegt und sein Handy wieder eingesteckt. Er fühlte sich in der Tat besser. Den ganzen Vormittag war er mit so einem komischen Gefühl im Bauch herumgelaufen, das er sich nicht hatte erklären können. Jetzt war er beruhigt. Er hatte überreagiert. Er hatte ihre Signale falsch interpretiert. Als ob Haasenzahn so etwas Großes, Unüberlegtes hinter seinem Rücken planen würde! Das wäre selbst für ihre Verhältnisse zu verrückt gewesen. Wieder beruhigt schloss der Chirurg seine Augen und fuhr sich mit der Hand einmal über seine müden Lider, bis ihn plötzlich ein vertrautes Geräusch aus seinem Erholungsmoment herausholte. Der Fahrstuhl! Nicht schon wieder! Fast hätte er erneut verpennt, dass die Türen eben noch offen gestanden hatten. Gerade noch rechtzeitig konnte Marc seine Hand in die Lichtschranke halten. Die Stahltüren öffneten sich erneut und er sprang schnell hindurch. Er hatte gerade den ersten Fuß über die Schwelle gesetzt, als er frustriert feststellen musste, dass er nicht der einzige Fahrgast war. In der hinteren Ecke des kleinen Raumes stand eine junge Frau, in eine schwarze Lederjacke gehüllt und mit einem kurzen dunkelblauen Rock über ihren schwarzen Leggins, die sich im Wandspiegel gerade konzentriert ihre Lippen rot nachzog. Er hatte heute definitiv kein Glück.

Marc: Och nee, die schlechtere Hälfte, na prima!

...stieß Marc entnervt aus und wandte sich der Fahrstuhlanzeige zu. Er drückte hastig die Drei, dann den Schließknopf der Türen, die seiner unmissverständlichen Aufforderung prompt folgten und mit einem lauten Pling zufielen, und ignorierte stoisch den sich anbahnenden Wutausbruch der langbeinigen Brünetten, die sich von ihrer Ex-Affäre mal wieder ungerecht behandelt fühlte.

Gabi: Hör auf, mich ständig so zu nennen, Marc!
Marc (lacht spöttisch auf): Wieso? Mehdi ist doch eindeutig schlechter dran, seitdem er mit dir... naja...
Gabi (funkelt ihn wütend an): Ja? Kommt da noch eine Beleidigung hinterher?
Marc (lehnt sich grinsend an die Spiegelwand u. guckt einmal kurz zu der Furie rüber): Nö! Keinen Bock. Ich bin heute mal großzügig, weil dein Macker mir weiterhelfen konnte. Kannst dich also glücklich schätzen.
Gabi (wendet sich zickig wieder dem Spiegel zu u. kontrolliert ihr Make-up u. ihre Haare, die für ihre Mittagsüberraschung perfekt sitzen): Wir sind eh glücklich.
Marc (verdreht genervt die Augen): Ja, die Schallplatte bekommt so langsam einen Sprung.
Gabi (steckt ihren Lippenstift wieder in ihre Handtasche u. guckt demonstrativ an Marc vorbei auf die Liftanzeige, die das erste Stockwerk anzeigt): Du kannst mich mal!
Marc (grient sie gehässig an, streckt die Arme hinter seinem Kopf aus u. verschränkt sie dann lässig vor seinem Körper): Ja, long time ago war da mal was, aber ich verzichte dankend.

Die beiden einst in einer unheilvollen Beziehung miteinander verstrickten Kollegen hätten sich vermutlich noch den Rest der Fahrstuhlfahrt kindisch angezickt, wenn diese nicht abrupt unterbrochen worden wäre. Es gab plötzlich einen kräftigen Ruck, der beide beinahe von ihren Füßen gerissen hätte, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Quietschen der Stahlseile, die ihre Arbeit eingestellt hatten. Ebenso wie das Licht im Inneren des Lifts, das erst verdächtig zu flackern begann, bis es für wenige Sekunden ganz ausging. Die unheilvolle Stille, die danach in der Dunkelheit eintrat, war verstörend. Sie wurde von dem schrillen Schrei der verängstigten Krankenschwester unterbunden, die sich hilfesuchend an den Oberarzt herangetastet und panisch seine linke Hand ergriffen hatte.

Gabi: MAAARC, was war das?
Marc (knallt seinen Kopf frustriert gegen die Fahrstuhlanzeige): Boah! Scheiße! Das Ding ist schon wieder stecken geblieben. Bleibt mir denn nichts erspart?
Gabi (geschockt klammert sie sich an ihren Mitfahrer): WAS?
Marc (schaut im Notstromlicht, das gerade angesprungen ist, irritiert auf seine umklammerte Hand): Eh! Du drückst mir maximal die Finger ab. Die sind mein Kapital.
Gabi (starr vor Schreck lässt sie immer noch nicht los): Marc, jetzt tue was! WIR STÜRZEN AB!
Marc (drückt jeden von Gabis Grabschfingern einzeln weg u. wendet sich nun konzentriert der Aufzuganzeige zu): Mann, von deinem Kreischen kriegt man Tinnitus. Hier ist doch der Notrufknopf. Da geht gleich jemand ran und befreit mich von dir. Als ob wir abstürzen würden! Tzz...

Marc schob Gabi unsanft zur Seite und betätigte ruhig und besonnen den Notrufknopf, aber es tat sich nichts. Wiederholt hämmerte der eingeschlossene Mann darauf ein. Und dann geschah doch etwas. Das Licht ging nun endgültig aus. Panisch klammerte sich die verängstigte Krankenschwester erneut an den perplexen Oberarzt, der vergeblich versuchte, die Klette abzuschütteln, die ihm mit ihrer krankhaften Hysterie tierisch auf den Sack ging. Wenn er schon in dem engen Ding eingesperrt sein musste, dann doch bitte nicht ausgerechnet mit der da!

Gabi: Jetzt hast du’s kaputt gemacht.
Marc: Ich hab gar nichts! Aber ohne Notstrom funktioniert der nun mal auch nicht. Das muss was Größeres sein. Was ist da draußen los, verdammt?
Gabi (stemmt sich verzweifelt gegen die Stahltüren u. klopft wie wild darauf ein): Ich will hier raus. LASST MICH RAUS! HILFE!!!

Ist die irre? Ach, was frag ich das? Natürlich ist sie das! Gott, warum tust du mir das an? Kannst du mich nicht einmal mit den Irren dieser Welt in Ruhe lassen? Meine Mutter hast du doch auch meinem Dad auf die Backe gedrückt. Also warum kann Mehdi nicht mal da sein, wo er hingehört? Ich tausche das hysterische Huhn gerne gegen Haasenzahn ein. Mit ihr wüsste ich wenigstens die Zeit sinnvoll zu nutzen. Mann, scheiße eh! Ich will auch hier raus, ich hab Termine, verdammt! Wenn das so weitergeht, komme ich heute gar nicht mehr in den OP.

Augenrollend entfernte sich Dr. Meier von der hysterischen Frau an der Tür und zog sein Handy aus der Kitteltasche, dessen Licht zumindest einen winzigkleinen Bereich des Aufzuges erhellte. Er schaute noch einmal vor zur Anzeigentafel. Sie mussten irgendwo zwischen dem ersten und dem zweiten Stock hängen geblieben sein. So viel hatte er noch mitbekommen, bevor das Licht ausgegangen war und Gabi den Panikschalter umgelegt hatte. Aber als er gerade beim Haustechniker anrufen wollte, um ihm seine Notsituation zu verklickern, verabschiedete sich auch noch sein Telefon. Das Pech klebte wie Hundescheiße an seiner Fußsohle, dachte er desillusioniert und ließ den Kopf hängen.

Marc: Scheiße! Der Akku ist alle. Ich hab zu lange mit Mehdi, der Quatschbirne, gelabert. ... Gib mir dein Handy! ... Gabi? Jetzt mach hinne!

Doch die Angesprochene reagierte nicht auf die forsche Ansage des Chirurgen. Dieser kniff die Augen zusammen und versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Irritiert stellte er fest, dass Mehdis Freundin an der Stahltür zu Boden gesackt war und nur noch mit einer Faust schwach gegen das Metall schlug. Und was war das? War das etwa...? Heulte die etwa? Das konnte doch nicht wahr sein! Brummend trat Marc näher heran und hockte sich vor die leise wimmernde Sirene hin.

Marc: Gabi? Dein Telefon! Du wirst hier jetzt nicht durchdrehen, verstanden?
Gabi (zitternd öffnet sie ihre Clutch u. zieht ihr Smartphone heraus): Ich muss hier raus, Marc, wir müssen hier raus.
Marc: Ja, ja, ich kümmere mich darum.

Marc riss Gabi das Handy aus der Hand und sprang damit auf. Hastig tippte er aus dem Kopf die Nummer des Hausmeisters ein, während er anschließend mit dem Telefon am Ohr immer wieder in dem kleinen Raum im Kreis umherlief. Es klingelte einmal, dann war die Verbindung auch schon wieder weg. Er versuchte es noch einmal. Und ein drittes und viertes Mal. Erst dann registrierte Marc fassungslos den Grund, warum Hausmeister Lampe nicht auf seine Anrufe reagierte. Hier schien doch eine Verschwörung im Gang zu sein, vermutete er und ließ langsam seine Hand mit dem Handy herunter sinken.

Marc: Scheiße, kein Netz! Auch das noch! Und jetzt? Irgendwelche Vorschläge, Frau Kragenow?

Doch Gabi reagierte nicht. Verwundert trat er wieder näher an sie heran, stupste sie mit dem Fuß an ihren grauen Stiefeletten an und ging dann vor denen in die Hocke. Erst jetzt erkannte er, dass sie ihre Knie an den Körper gezogen hatte, wie Espenlaub zitterte und mit weit aufgerissenen Augen durch ihn hindurch blickte. Leise murmelte sie immer wieder diesen einen Satz vor sich hin, der sich in seine Gehörgänge einbrannte wie ein fieser Ohrwurm aus dem Radio.

Gabi: Ich muss hier raus. ... Ich muss hier raus. ... Ich muss hier raus.
Marc (mehr als genervt stöhnt er auf): Ja, ich hab’s kapiert. Ich bin auch nicht sonderlich scharf darauf, ausgerechnet mit dir hier festzusitzen, aber ändern kann ich’s auch nicht. Also komm mal wieder runter von deinem Trip und drück die Pausentaste! Oder... Sag nicht, du bist neuerdings klaustrophobisch? Du tust doch nur so!

Doch er hatte sich getäuscht. Gabi simulierte nicht. Denn als er sie erneut anstupste, diesmal unsanfter als zuvor, weil er so langsam seine Geduld mit ihr verlor, reagierte sie immer noch nicht auf ihn. Sie war völlig apathisch. Katatonisch. Er war mit einem Zombie gefangen! Konnte es noch schlimmer kommen, als überhaupt mit der ehemaligen personifizierten Boshaftigkeit in einem winzigkleinen Raum festzusitzen, ohne ihr ausweichen zu können? Seufzend erinnerte sich Dr. Meier an seine Profession, das Einzige, an das er sich klammern konnte, um hier nicht auch noch verrückt zu werden. Er kniete sich vor die zitternde Frau hin, legte seine Hände auf ihre Knie und redete leise auf sie ein...

Marc: Gabi, hey! Schließ die Augen und konzentrier dich auf einen Punkt hier im Raum. Von mir aus auch auf mich. Meine Stimme. Vergiss die Umgebung hier! Die Wände bewegen sich ganz bestimmt nicht auf dich zu. Das bildest du dir ein. Du bist gar nicht im Krankenhaus. Du... hast frei. Bist in der Natur. Es ist Frühling. Die Sonne scheint. Es ist zum ersten Mal in diesem Jahr richtig warm und du kannst deinen kürzesten Rock ausführen. Du bist... ähm... mit deiner besseren Hälfte unterwegs. Unten am See. Ihr guckt aufs Wasser. Es ist ganz ruhig und glasklar. Man kann bis auf den Grund sehen. Mehdi schnappt sich einen von diesen glatten Steinen und versucht ihn übers Wasser gleiten zu lassen und stellt sich dabei ziemlich dämlich an. Du kennst ihn ja. Du zeigst ihm, wie es richtig geht. Dann knutscht ihr, von mir aus, rum. ... Wird das funktionieren, Gabi?
Gabi: Ja!

...war die kaum hörbare geflüsterte Antwort von Mehdis Freundin. Endlich reagierte sie. Es funktionierte also doch, obwohl er nicht daran geglaubt hatte. Erleichtert lehnte sich Marc an die Seitenwand neben sie und streckte seine Beine aus. Er musste nachdenken. Wenn nicht einmal der Notstrom funktionierte, dann war es wirklich schwierig, hier wieder herauszukommen. Obwohl, irgendwer auf den Stationen musste doch mal merken, dass der Aufzug nicht mehr kam oder der Chef nicht mehr zu erreichen war. Es galt also geduldig zu bleiben. Nicht gerade seine Lieblingsaufgabe. Plötzlich lenkte ihn eine leise krächzende Stimme in der Dunkelheit ab, welche die beiden Pechvögel umrahmte.

Gabi: Marc?
Marc: Es lebt!
Gabi: Was machen wir jetzt?
Marc (nimmt die Situation mit Humor): Äh... naja, was wohl? Warten! Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig. Einen Tunnel zu graben, fällt als Option ja wohl weg. Es geht da nämlich doch ein paar Meter weiter runter, als man denkt. Das gäbe kein schönes Bild ab, wenn wir da unten aufklatschen.
Gabi (flüstert): Ich kann nicht
Marc (guckt sie mit hochgezogener Augenbraue von der Seite an): Funktioniert das autogene Training nicht? Ich kenn mich da auch nicht weiter aus. Meine Mutter macht das immer, kurz bevor sie merkt, dass sie gleich durchdrehen wird. Alles Einbildungssache.
Gabi (klammert ihre Arme noch fester um ihre Knie, die sie an ihren Körper gezogen hat): Doch! Ich bin dir auch dankbar, aber...
Marc: Aber?
Gabi (zögerlich flüstert sie in die Dunkelheit): Ich fühl mich nicht wohl.
Marc (stöhnt entnervt auf): Frag mich mal! Ich hänge hier ausgerechnet mit dir fest. Ich könnte mir weiß Gott bessere Situationen vorstellen. Eine zahnärztliche Untersuchung zum Beispiel.
Gabi (die Verzweifelung bricht aus ihr heraus): Du verstehst das nicht.
Marc (resignierend): Doch, ich verstehe schon, dass ihr Weiber, wenn ihr nicht mehr weiterwisst, in sinnlose Hysterie verfallt. Also spar’s dir! Das kostet nur unnütz Sauerstoff und Energie.
Gabi: Kannst du mir aufhelfen?
Marc (guckt verwundert zur Seite): Kannst du das nicht selber?
Gabi (reagiert nun auch patzig): Und ich dachte, als Leiter einer Klinik, wenn auch nur stellvertretungsweise, Gott sei dank, verstünde man zumindest ein bisschen was von Höflichkeit einer Dame gegenüber.
Marc (sarkastisch): Dame? Welche Dame? Ich seh hier leider keine.
Gabi (genervt von seinen dummen Sprüchen): Marc!
Marc: Boah, eh! Dann komm!

Mühsam richtete sich Marc vom Boden auf und hielt Gabi nun seine rechte Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Mit etwas zu viel Schwung als nötig zog er das Leichtgewicht hoch. Um Gabi drehte sich plötzlich alles. Mit beiden Händen musste sie sich an Marcs Oberkörper festhalten, um nicht umzufallen. Irritiert blickte Marc auf Gabis Finger, die seinen Körper betatschten. Sämtliche Alarmsignale sprangen an, jedoch nicht die, welche den stecken gebliebenen Fahrstuhl betrafen.

Marc: Äh... Wenn ich nicht wüsste, dass du scheißglücklich mit deinem Gynäkologen bist, würde ich fast meinen, du baggerst mich gerade an.

Dass dem absolut nicht so war, registrierte der selbstverliebte Machoarzt im nächsten Augenblick, als seine Ex-Verlobte nämlich ihr Frühstück wiederhervorholte, das direkt auf Marcs Krankenhausschlappen landete und in diesem Zustand wesentlich unappetitlicher aussah als noch vor in paar Stunden am Büffet in der Cafeteria des EKH.

Marc: Boah, bist du scheiße? Dass du mich zum Kotzen findest, hättest du mir auch anders zeigen können. Boah, das ist ja widerlich.

Angeekelt verzog Dr. Meier sein Gesicht und er ließ seine weißen Pantoletten auf der Stelle stehen. Zum Glück hatte seine Arzthose nichts weiter abbekommen. Seine Socken dagegen schon. Er zog sie sofort aus und ließ sie ebenfalls an Ort und Stelle zurück, während er barfuss vor dem widerlichen Bild und dem strengen Geruch in die andere Ecke des Aufzuges flüchtete. Doch die Übeltäterin blieb ihm dicht auf den Fersen und hörte nicht auf, ihn zu nerven. Gabi schluchzte herzerweichend, als sie näher kam und in ihrer kleinen Handtasche nach etwas kramte, das sie ihm geben wollte.

Gabi: Es tut mir leid. Ich... Ich hab irgendwo Feuchttücher. Mit denen kannst du dich.... Mist, jetzt sind sie auch noch runterfallen. Ich sehe in der Dunkelheit gleich gar nichts. Ich bin so unfähig.
Marc: Ja, ja, hör auf mit den Schmeicheleien, sonst wird’s noch peinlicher, als es eh schon ist.

Gabi wollte noch etwas darauf erwidern, weil ihr die Situation schon peinlich genug war, aber da merkte sie bereits, wie es ihr die Beine wegzog. Marc konnte Mehdis Freundin gerade noch so auffangen und setzte sie vorsichtig auf dem Fußboden ab. Ihren Rücken lehnte er gegen die hintere Aufzugswand und ihre schlanken Beine versuchte er hochzulegen, indem er sie auf ihre Tasche und seinen zusammengeknüllten Kittel bettete, den er aus Mangel an Hilfsmitteln widerwillig ausgezogen hatte. Der Chirurg beugte sich über seine neue Patientin, kontrollierte ihre Pupillen und ihren schwachen Puls. Er konnte nicht fassen, dass sie jetzt auch noch tatsächlich ohnmächtig geworden war. Was war denn hier los? Das konnte doch nur ein schlechter Scherz sein oder versteckte Kamera. Mehdi wollte ihn hereinlegen! Genauso musste es sein. Er hatte ihn am Telefon abgelenkt, um sie rechtzeitig in Position bringen zu können. Wahrscheinlich saß gerade die halbe Station im Videoraum und lachte sich schlapp über ihn. Diese Schwachmaten!

Aber als der wütenden Oberarzt hochblickte und den Raum scannte, konnte er nirgendwo etwas Verdächtiges wie eine rot aufblinkende Cam entdecken, welche die skurrile Situation aufzeichnete, in welcher er gefangen war. Also konzentrierte er sich lieber wieder auf das, was er am besten konnte, seinen Job, und tat das, was er schon lange einmal hatte machen wollen, aber noch nie die Gelegenheit dazu bekommen hatte. Er gab einem der schlimmsten Kapitel seines Lebens links und rechts eine Ohrfeige, aber mit weniger Schmackes, als er es noch vor einem Jahr gerne getan hätte. Langsam klappten ihre Lider wieder auf und die Krankenschwester starrte den Arzt verwirrt aus ihren großen grünen Kulleraugen an. Marc grinste zufrieden, aber nur solange, bis Gabi urplötzlich in ein wasserfallartiges Weinen verfiel. Jetzt war definitiv der Moment gekommen, an dem auch er unbedingt aus dem Fahrstuhl herauskommen wollte. Aber wo sollte er jetzt und vor allem hier auf die Schnelle einen Bulldozer auftreiben, der die Stahltüren aufstemmen konnte?

Marc: Sorry, das musste jetzt sein. Aber du heulst jetzt nicht deswegen? Oder muss ich mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde rechnen? Dann verweise ich auf den hippokratischen Eid. Ich hätte dich auch liegen lassen können. Direkt neben deiner stinkenden Kotze.
Gabi (sieht aus verheulten Augen zu ihm auf u. flüstert mit ihren letzten Kräften): Marc, ich kann nicht mehr.
Marc: Jep, das war mir schon klar, bevor du einen auf Dornröschen machen musstest. Die Rolle steht dir nicht. Bleib lieber in dem Zuckerbäckerhaus im dunklen Wald.
Gabi (ihr ist das alles furchtbar peinlich u. das verhehlt sie nicht): Es ist nicht nur die Panik, Marc. Seit der Sache in der von-Buren-Villa kann ich mich nicht lange in engen, dunklen, verschlossenen Räumen aufhalten. Es ist einfach alles. Ich kann’s nicht kontrollieren.
Marc (versteht nur Bahnhof u. betet die Tür an, damit sie sich endlich wie von Zauberhand öffnet): Äh... das Heulen oder das Kotzen?
Gabi (schließt vor Scham die Augen): Beides. Mann, ich hab Angst, Marc. Ich muss es doch beschützen. Wie kann ich das tun, wenn ich bei so etwas schon völlig durchdrehe und hyperventiliere. Ich darf mich doch nicht aufregen.
Marc (starrt sie an wie ein Postauto): Wen es?
Gabi (sieht ihn entschieden von der Seite an, bis sie plötzlich merkt, was sie gerade im Begriff ist zu tun): Es! ... Oh nein, jetzt hab ich es auch noch verraten. Ich bin so eine blöde Kuh. Mehdi war doch so aufgeregt, es dir heute endlich erzählen zu können und ich mache ihm alles kaputt. Ich kann hier nie wieder raus.

Als sich Gabi immer mehr ihre Tränen ergab und ihr Gesicht in ihren Knien vergrub, fiel es Marc plötzlich wie Schuppen von den Augen. Das Grinse-Gesicht, das man Mehdi seit Tagen nicht von der Backe putzen konnte, obwohl man ihn ständig beleidigte und hochnahm. Gabis seltsamer Auftritt eben. Hormonüberschuss! Seine versauten Schlappen. Augenblicklich weiteten sich seine Pupillen und sein Mund klappte auf, als sein Kopf zu Gabi herum schoss, deren Blicke Bände sprachen. Auch im Dunkeln.

Marc: Soll das etwa heißen, ihr...?
Quatsch! Oder?
Gabi (traut sich dann doch, vorsichtig wieder aufzusehen): Es ist nicht so, wie du denkst, Marc.
Marc (glaubt ihr kein Wort, denn er hat verstanden): Ach? Du hast es mir gerade bestätigt, Gabi!
Gabi (versucht angestrengt, keine Missverständnisse aufkommen zu lassen): Nein, das meine ich nicht. Bitte, glaub nicht, ich hätte es darauf angelegt! Das ist alles ganz anders. Es war nicht geplant, ja, aber es ist einfach passiert. Wir waren beide überrascht. Nein, überrascht ist das falsche Wort. Wir sind überwältigt.
Oh Mann, Mehdi! Warum immer gleich der ICE und nicht der Bummelzug durch die Vororte?
Marc (versucht, seine unterschiedlichen Gedanken zu sortieren, u. reagiert daher ziemlich kühl): Verstehe!
Gabi (richtet sich etwas auf, legt ihre Hand an seinen Arm u. sieht Mehdis Freund Verständnis suchend an): Nein, du verstehst nicht, Marc. Ich weiß, das passiert alles rasend schnell. Aber das muss doch nicht falsch sein? Das Baby ist ein Segen in jeglicher Bedeutung für uns. Wir sind glücklich. Wir freuen uns riesig. Mehdi ist gar nicht mehr einzukriegen.
Marc: Ach, ist er das?
Gabi: Es weiß noch niemand. Wir haben nur noch nichts gesagt, weil ich erst sichergehen wollte, dass nichts passiert. Die kritische Phase ist vorbei und jetzt...
Marc (kann sich eine zynische Anmerkung nicht verkneifen): Das hat man ja eben eindrucksvoll gesehen. Ein Abbild des blühenden Lebens.
Gabi (verdreht die Augen u. wird schnell wieder ernster): Sie ist fast vorbei, hoffe ich. Deshalb will Mehdi ja jetzt auch mit dir reden. Bitte lass ihn nicht auflaufen! Es ist ihm wirklich wichtig, was du denkst.
Und wenn ich nicht weiß, was ich denken soll?

Nachdem Gabi ihre Bitte offen angesprochen hatte und jetzt noch einmal laut in ein Taschentuch schnäuzte und ihr von den Tränen verwischtes Augenmake-up beseitigte, um nicht mehr ganz wie der lebende Tod auszusehen, hing Marc seinen Gedanken nach. Er wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er fühlte sich regelrecht überrollt von den Neuigkeiten, mit denen er absolut nicht gerechnet hatte und die definitiv so einiges ändern würden. Die beiden schwiegen sich eine Weile an, bis plötzlich aus dem Luftschacht über ihnen eine Stimme die quälende Stille durchbrach, die sie mitsamt der Dunkelheit umhüllt hatte. - „Hallo? Ist da unten wer drin?“

Marc (guckt erst Gabi irritiert an, die auch sichtlich überrascht ist, u. schaut dann synchron mit ihr nach oben u. entdeckt den Strahl einer hin und herschwenkenden Taschenlampe an der Decke): Jochen? Bist du das?
Jochen (grölt von der aufgestemmten Tür im zweiten Stock in den Fahrstuhlschacht hinein): Jep! ... Leute, der Meier steckt hier drin. Deshalb konnten wir ihn nicht erreichen.
Marc (versucht die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken): Jochen, was ist los? Wieso dauert das so lange?
Jochen: Sitzt du? Setz dich besser, mein lieber Schwager! Die Baufirma hat Scheiße gebaut und mit dem Bagger die Hauptstromleitung erwischt. Nichts ging mehr. Das halbe Stadtviertel war tot. Selbst die Notstromaggregate funktionierten anfangs nicht mehr. Die von der Technik mussten sich erst um die OP-Säle kümmern und die Intensiv, damit alles weiterläuft. Stier und Kaan haben sich da echt reingehangen.
Marc (fasst sich fassungslos an den Kopf): Okay, okay, gut gemacht. Wie lange wird’s noch dauern?
Jochen: Das EKH steht wieder komplett unter Strom. Nur eben die Fahrstühle noch nicht. Vielleicht zehn Minuten, Marc.
Marc (nickt einigermaßen zufrieden gestellt mit dem Kopf u. schaut wieder zur Seite, wo ihn Gabi unschlüssig ansieht): Gut! Aber beeilt euch! ... Kannst du aufstehen?

Gabi: Ich weiß nicht. Mir ist immer noch total schwindelig und ich fühle mich ziemlich matt.
Marc (eine seltsame Unruhe befällt ihn, als er sie mustert): Bist du dehydriert? Dein schwacher Blutdruck deutet darauf hin. Weiß Mehdi, dass du diese Probleme hast? Das ist doch keine normale Morgenübelkeit.
Gabi (zögerlich): Ja, aber das... Müssen wir das jetzt besprechen?
Marc (guckt die blasse Frau mit gestrenger Oberarztmiene an): Äh... ja, ich bin Arzt. Das ist meine Pflicht. ... Auch als sein Freund.

Jochen (bringt sich dann auch noch mal interessiert ein): Ey Meier, hast du etwa eine Frau bei dir? Weiß meine Schwester das?
Marc (guckt fluchend zur Decke hoch): Nicht wie du denkst, Jochen! Zieh Leine! Hol mir den Haustechniker her, damit wir hier endlich raus können! Ich hab ne Patientin. Und besorg nen Rollstuhl! Sabine soll ein Behandlungszimmer freihalten. Und gib dem Kaan auch Bescheid, egal ob er gerade zwischen irgendwelchen Schenkeln im Kreißsaal festsitzt! Ach, Wischzeug und Eimer wären auch ganz nett. Hier drin müsste dringend mal feucht durchgewischt werden. Außerdem bräuchte ich aus dem Materiallager neue Schlappen. ZZ... Ziemlich zügig! Ach, und der Bauleiter soll sich bei mir im Büro einfinden, wenn er nicht will, dass dein Vater von der ganzen Scheiße hier erfährt.
Jochen (kapiert nur die Hälfte von dem, das Marc ihm aufgetragen hat): Okay!?

Gabi (fleht Marc von der Seite an): Marc, nicht! Lass Mehdi da raus!
Marc (deutet auf ihren Bauch, den sie hinter ihre Handtasche versteckt hält): Bin ich Arzt für das da? Nö! Also... Ich lasse mir bestimmt nicht von Mehdi Vorhaltungen machen, dass ich mich unter den Umständen hier nicht richtig um dich gekümmert habe.
Gabi: Aber ich will nicht, dass er weiß, dass du’s weißt.
Marc (verleiert die Augen, ehe er Gabi plötzlich angrient): Dann hättest du mir nicht die Schuhe voll reihern sollen. Ich hab übrigens Schuhgröße 44. Ich will genau die Gleichen. Designerware. Die sind die Bequemsten.

Und während Marc vergnügt die schwangere Freundin seines besten Freundes anpflaumte, die eingeschnappt ihre Arme verschränkt und sich von ihm abgewandt hatte, ging plötzlich das Licht im Fahrstuhl wieder an, dann gab es einen Ruck und selbiger bewegte sich wieder, als hätte er nie etwas anderes getan. Eineinhalb Sekunden später öffneten sich auch die Türen wieder.


Kurz darauf wurde im dritten Stock stürmisch die blaue Tür zu einem der Zimmer aufgerissen. Dr. Meier hatte Schwester Gabi soeben auf die Behandlungsliege verfrachtet und ihr eine Infusion verpasst. Und die störrische Patientin ließ das ganze Prozedere nur widerwillig über sich ergehen. Mehdi kam mit sorgenvoller Miene herangeeilt und setzte sich zu seiner Freundin und griff nach ihrer Hand. Sofort füllten sich ihre Augen wieder schuldbewusst mit dicken Kullertränen.

Mehdi: Maus, was machst du denn für Sachen?
Gabi (schluchzt): Ich... ich wollte dich doch nur überraschen und zum Mittagessen abholen.
Mehdi (streichelt ihr zärtlich über die Wange u. fängt ihren Tränenschleier mit seinem Daumen auf): Hey, nicht weinen! Ich bin ja jetzt da.
Gabi: Es tut mir leid.
Mehdi: Muss es doch nicht.

Marc beobachtete die Szene aus dem Hintergrund und hielt sich ungewohnt zurück. Er wollte es sich nicht eingestehen, aber er war doch gerührt von dem Bild, das er sah. Zum ersten Mal schaute er die beiden richtig an und es kam ihm nicht mehr komisch vor, sie so innig und vertraut miteinander zu sehen. Als er bemerkte, wie Mehdi sich zu ihm umwandte und ihn dankbar anlächelte, reagierte auch er endlich auf seine bekannt liebenswürdige Art.

Mehdi: Danke, Mann!
Marc (schiebt den Tropf in die Ecke neben die Liege u. kontrolliert noch mal die Kanüle): Gar nichts für! Wenn die durchgelaufen ist, hängen wir noch eine zweite dran. Dann kann sie nach Hause. Ich schreib sie für eine Woche krank. So wie’s jetzt ist, wäre sie eh auf Station nicht zu gebrauchen und es würde die Patienten nur irritieren, wenn sie ständig in deren Papierkörbe kotzen würde. Die würden doch dann den Krankenhausfraß hier nie mehr anrühren.
Gabi (funkelt ihn beleidigt an): Witzig, Marc!
Marc (zwinkert ihr fröhlich zu u. sieht dann Mehdi direkt in die Augen, die ihn ungläubig verfolgen): Doch, dich so zu sehen, hat schon was sehr Befriedigendes. Trotzdem, das nächste Mal etwas mutiger, was die Diagnose betrifft, Kollege. Hyperemesis Gravidarum. Nur so als Tipp. Von mir erfährt keiner was. Ich hab alle rausgehalten. Die sind eh noch alle bei den Folgen des Stromausfalls und das ist auch mein Stichwort. Ich hab noch einiges zu tun. Den Papierkram übernimmst du. Sie ist schließlich deine... Freundin.
Mehdi (schaut seinem Freund mit großen Augen hinterher u. will noch etwas fragen): Marc...?
Marc (bleibt in der Tür stehen u. sieht den bedröpelten Gynäkologen grinsend an): Glaub nicht, dass du dich deswegen deiner Verantwortung heute Abend entziehen kannst, Kaan. Wenn die durchgelaufen sind, schläft sie eh bis Sonntag durch. Also 20.30 ist fix. Und bring ein reichlich gefülltes Portemonnaie mit. Du hast heute einen auszugeben. Nicht nur einen.

Marc zwinkerte seinem besten Freund zu, dem gerade die Kinnlade in Zeitlupe herunterklappte, und schaute noch einmal feixend zu Gabi, die sich die Decke über den Kopf gezogen hatte, um sich weiter in Grund und Boden zu schämen, und war im nächsten Moment auch schon zur Tür hinaus. Zurück blieb ein ratloser Gynäkologe, der jetzt erst recht nicht wusste, wie er seinem Freund heute Abend begegnen sollte. Marc hatte viel zu ruhig auf die Neuigkeit reagiert. Aber darum würde er sich später kümmern. Jetzt war erst einmal seine Liebste wichtig, zu der er sich jetzt auf die Liege kuschelte, um sie in den Armen zu wiegen, bis sie erschöpft eingeschlafen war.

Lorelei Offline

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26.09.2014 14:12
#1498 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Mittlerweile war Abend geworden. Ein ungewöhnlich warmer Märzabend verwöhnte Berlin und seine Bewohner. Verlockender Frühlingsduft lag in der Luft und zog die Menschen in Scharen aus ihren beheizten Häusern und Wohnungen, um dem langen Winter endgültig Adieu zu sagen, von dem lediglich ein paar vereinzelte matschige Schneehaufen in dunklen Ecken übrig geblieben waren, neben denen bereits die ersten Frühblüher ihre Köpfchen mutig gen Himmel reckten und Lebensgeister weckten. Doch im Inneren eines der Berliner In-Clubs in Mitte bekam man davon nicht viel mit. Zwei attraktive, leger gekleidete Männer, Anfang bis Mitte Dreißig, jeder mit einer Bierflasche bewaffnet, saßen nebeneinander an der Bar und starrten schweigsam auf den Fernsehmonitor, der im Hintergrund irgendein Drittliga-Fußballspiel übertrug. Sie saßen schon eine ganze Weile so da, ohne auch nur ein Wort miteinander gewechselt zu haben. Man hatte sich lediglich mit einem saloppen Kopfnicken begrüßt. Der eine von ihnen war überpünktlich, der andere etwas verspätet in der bässevibrierenden urigen Keller-Atmosphäre aufgetaucht. Im Restaurantbereich in der Nähe wurde noch gegessen und angeregt diskutiert und auf der Tanzfläche in der anderen Ecke des Kellerclubs tanzten bereits ein paar Mutige zu den eingängigen Klängen, die zum Mitzappeln und Mitsummen einluden. An den beiden Freunden an der Bar ging das Ganze jedoch vorüber. Marc hatte schon sein zweites Bier per Handzeichen beim Barkeeper bestellt, was Mehdi beunruhigt aus dem Augenwinkel heraus beobachtet hatte, während er unruhig und unschlüssig auf dem unbequemen Holzhocker hin und herrutschte und überlegte, wie er denn nun vorgehen sollte. Es war doch echt albern, was sie hier machten, dachte er resignierend, schüttelte leicht den Kopf und sprach sich innerlich Mut zu. Der Frauenarzt nahm selber noch einen kräftigen Schluck aus seiner dunkelgrünen Flasche, die er bislang noch kaum angerührt hatte, stellte diese dann auf dem Tresen ab und drehte sich wild entschlossen zu seinem mundfaulen Freund herum, der gerade eine verpasste Torchance stöhnend kommentiert hatte und darauf noch einmal seine Bierflasche angesetzt hatte. Jetzt oder nie!

Mehdi: Also, wenn du nicht bald was sagst, platze ich.
Marc (schaut vom Flaschenhals auf, senkt die Flasche ein wenig u. dreht seinen Kopf langsam zu seinem fahrigen Freund herum, den er nun mit hochgezogenen Augenbrauen und einem hinhaltenden Schmunzeln mustert): Dann rate ich dir, nicht mehr so viel zu fressen. Du hast ganz schön zugelegt, Dickie. Ist das so eine Solidaritätssache, damit Gabi sich besser fühlt? Macht man(n) das so? Ich will dir da ja nicht reinreden, aber das könnte nach hinten losgehen, wenn du weiter so ausschweifend bist.
Mehdi (verdreht die Augen, ist aber erleichtert, endlich Marcs konzentrierte Aufmerksamkeit zu haben): Marc!
Marc (dreht sich mit zusammengepressten Lippen wieder herum, hält seine halbvolle Bierflasche umklammert u. lehnt seine Ellenbogen lässig auf den Tresen der Bar): Okay!? Ich soll also was sagen? Ich glaube, an dem Punkt steht es mir (noch) nicht zu, irgendetwas zu sagen. Oder? Du wolltest doch unbedingt, dass ich herkomme? Also, lass die bescheuerte Anspannung fallen! Du sitzt da, als hättest du einen Stock im Arsch. Das sieht echt behindert aus. Zieh ihn raus und spuck es endlich aus, bevor du wirklich noch platzt und jemand das ganze triefende Fett hier wegschrubben muss. Ich hab heute schon genug Körperflüssigkeiten da gesehen, wo sie nicht hingehören, und ich spreche nicht vom OP-Tisch.

Mit einem sonderbaren Funkenspiel, das seine dunkelgrünen Augen aufblitzen ließ, wandte sich Marc wieder Mehdi zu, der seinen besten Freund immer noch beunruhigt beäugte und nicht sicher war, was er von Marcs Lässigkeit halten sollte, die entweder ernst gemeint war oder wieder irgendeinen veralbernden Spruch oder eine Gemeinheit nach sich zog, welche die Bedeutsamkeit seiner wichtigen Neuigkeit heruntersetzen würde, die er ihm doch so gerne persönlich mitteilen wollte. Dabei wusste Mehdi doch, dass Marc schon längst Bescheid wusste. Warum ließ er ihn dann so zappeln? Das machte ihn wahnsinnig. Die Anspannung war kaum noch auszuhalten. Er beobachtete ihn, versuchte sein Verhalten zu deuten, aber er konnte aus seinem Pokerface einfach nichts herauslesen. Marc setzte seine Bierflasche noch einmal an seinen Mund an, schürzte dann seine Lippen, ein verräterisches Grinsen tunlichst vermeiden wollend, und sah seinen nervösen Kumpel erwartungsvoll an, der sich nach endlosen erfolglosen Gedankenspielen endlich ein Herz fasste. Was hatte er schon zu verlieren? Marc hielt ihn doch eh schon für den größten Depp auf Erden. Also blickte Mehdi den Chirurgen zaghaft lächelnd an und rieb gleichzeitig seine vor Nervosität feuchten Hände an seinen dunklen Jeanshosen ab. Er wusste ja selber nicht, wieso sich das hier wie die schwerste Geburt anfühlte, bei der er je beigewohnt hatte. Er sollte cool bleiben und Marc einfach von seinem großen Glück berichten. Daran würde sich schließlich nichts ändern, egal wie sein ältester und bester Freund darauf reagieren würde. Gut, eine ordentliche Männerumarmung und ein beglückwünschender kräftiger Handschlag würden das Ganze bestimmt erleichtern. Aber Marc war eben Marc.

Mehdi: Okay, ja, es gibt einen Grund, warum ich dich hierher eingeladen habe. Einen ganz besonderen Anlass sozusagen. Ein unglaublich toller, fantastischer, wunderbarer Anlass, Marc. Gabi und ich... Wir... Stell dir vor, ich werde noch mal Papa.

Und mit dem ganzen unbändigen Stolz eines überglücklichen werdenden Vaters suchte Mehdi Kaan gespannt Marcs Blick, der immer noch unergründlich schien, aber bei der Reaktion seines Freundes plötzlich erneut dieses seltsame Aufblitzen zeigte, das er immer noch nicht richtig einzuordnen wusste. Freute er sich ehrlich oder verarschte er ihn gerade?

Marc: Ach, tatsächlich? Wow! War das jetzt so schwer, Mehdi?
Mehdi (mustert seinen Freund ungläubig u. völlig perplex): Du wolltest die ganze Zeit nur diesen einen Satz sagen?
Marc (versucht das Grinsen, das seit Minuten ungeduldig an seinen Mundwinkeln zerrt, zu unterdrücken, schafft es aber nicht ganz u. nippt deshalb schnell ablenkend an seinem Bier): Ich weiß nicht, was du meinst.
Dieser Hornochse! Und ich sterbe hier tausend Tode.
Mehdi (sitzt immer noch wie auf heißen Kohlen): Jetzt sag schon was, Marc!
Marc (macht auf unwissend u. genießt es, ihn noch ein bisschen weiter zu quälen): Was?
Mehdi (weil Marc nicht reagiert, platzt es eben aus ihm heraus): Mann, ich kenn dich doch. Du bist beleidigt, weil du’s so erfahren musstest und ich nicht gleich etwas gesagt habe. Und du denkst, dass ich ein Idiot bin. Dass ich mich viel zu schnell und kopflos in diese neue Beziehung gestürzt habe. Dass ich aufpassen soll. Dass du mich mal wieder vor Gabi warnen musst. Aber ich kann dir das alles mit einem lauten und klaren Nein beantworten. Es ist passiert und wir sind wahnsinnig glücklich darüber. Klar, der Zeitpunkt ist vielleicht etwas früh, weil wir gerade erst zusammengezogen sind und wir es eigentlich langsamer angehen wollten. Für Lilly, für uns, für uns alle. Wir haben es nicht darauf angelegt, wenn du das denkst. Aber ich kann dir sagen, es fühlt sich so gut an. Es ist ein Geschenk. Ein Zeichen, dass wir alles richtig machen.

Marc (hat ihm ruhig zugehört u. bleibt cool u. unnahbar): Hab ich was Gegenteiliges behauptet?
Mehdi (sieht ihn unsicher an u. kann immer noch nicht glauben, dass Marc es so locker nimmt): Nein, aber...
Marc (grient den erfolgreich verunsicherten Mann amüsiert an): Eigentlich ist es ja herrlich, dass du so viel Schiss vor meiner Reaktion hast und Absolution bei Gott suchst. Ich fühl mich geschmeichelt, echt.
Mehdi (guckt den feixenden Kerl ihm gegenüber bedröppelt an): Ich hab keinen Schiss.
Marc (sein Grinsen wird immer breiter, je länger Mehdi genauso reagiert wie vorhergesehen): Doch, ich seh doch, dass du die Hosen bis Oberkante voll hast.
Hach... Was ein Spaß! Ich könnte ewig so weitermachen.
Mehdi (schmollt): Marc, können wir einmal ernst bleiben und nicht alles ins Lächerliche ziehen. Ist das möglich? Mir ist das wirklich wichtig.
Marc (kann das Feixen nicht lassen u. lässt seinen Kumpel noch etwas zappeln): Es ist aber komisch, Mehdi. Wenn man bedenkt, auf welche Weise ich es erfahren habe. Oder wenn ich daran zurückdenke, wie du aussahst, als du damals völlig fertig mit der Welt nach Hause gekommen bist und nicht glauben konntest, dass die sexy Krankenschwester, die du jeden Tag in deiner Praxis vor der Nase hattest und noch nicht mal mit dem Arsch angeguckt hast, heimtückisch über dich hergefallen ist. Einer der witzigsten und erfüllendsten Momente meines Lebens, muss ich gestehen.
Mann, was für ein Idiot!
Mehdi (obwohl er will, kann er Marc nicht mehr länger böse sein u. muss nun auch schmunzeln): Darf ich dir auch was gestehen?

Marc (setzt ein gespielt entsetztes Gesicht auf u. klammert sich an seine Bierflasche): Oh, oh, was kommt jetzt?
Mehdi (lächelt verträumt): Die Initiative ging damals von mir aus. Sie hat mich zwar unter einem fadenscheinigen Vorwand zu sich gelockt, wie ich im Nachhinein erfahren habe, aber ich hab sie zuerst geküsst.
Marc (nickt erstaunt u. auch anerkennend u. nimmt dann einen kräftigen Schluck aus seiner Flasche): Ach? Respekt! Dann ist bei dir ja doch noch nicht Hopfen und Malz verloren. Dann hast du ja doch alles richtig gemacht.
Mehdi (spürt den ernsten Tonfall, der in Marcs Stimme neben der amüsanten Note auch mitschwingt): Meinst du das ernst?
Marc (setzt seine leere Bierflasche wieder ab u. guckt ihn an): Mehdi, der Zeitpunkt, an dem ich dir Ratschläge gebe oder dich vor ihr warne, der ist längst überschritten. Ich hab damals alles gegeben und du hast trotzdem nicht auf mich gehört. Ich red dir da sicher nicht mehr rein. Es ist alles gesagt.
Mehdi (sieht ihn an): Marc...?
Marc (hebt seinen Arm, um Mehdi zu unterbrechen): Nee, lass mich ausreden, Mehdi! Ich gebe zu, ich weiß nicht, wie ich angemessen auf deine Neuigkeit reagieren soll. Das war damals bei Lilly auch nicht viel geschickter. Da hab ich, glaube ich, nur gehmmt und dann gleich wieder aufgelegt. Ich bin nicht schockiert, wenn du das denkst, eher etwas überfahren und auch irgendwie leicht unter Druck gesetzt, weil ich bei Gretchen jetzt auch nachlegen muss. Aber du musst nicht denken, dass ich nicht gemerkt hätte, dass Gabi sich in den letzten Monaten verändert hat. Sie hat nicht mehr das Verrückte im Blick, was ich bei ihr erst viel zu spät registriert habe. Eigentlich hatte sie das bei dir nie. Auch wenn es heute im Fahrstuhl noch mal kurz durchgesickert ist, aber das wohl eher aus reinem äh... Urmutterinstinkt, was weiß ich. Ich glaube, ich hab meinen Frieden mit ihr geschlossen. Und wenn das mit ihr das ist, was du willst, dann ist es okay für mich. Solange du mich nicht zwingst, stinkende Windeln zu wechseln. Die schmeiß ich dir um die Ohren. Da kannst du sicher sein.

Mehdi (lächelt glücklich vor sich hin): Du weißt ja gar nicht, was mir das bedeutet.
Marc (mustert Mehdis strahlendes Gesicht argwöhnisch von der Seite u. bestellt gleichzeitig per Handzeichen zwei neue Bierflaschen beim Barmann): Wenn du jetzt auch noch anfängst zu heulen, hau ich dir eine rein und revidiere gleich alles, was ich eben gesagt habe, was übrigens unter uns bleiben wird. Alles, was beim Männerabend gesagt oder getan wird, bleibt auch da. Verstanden?
Mehdi (grinst): Alles gut.
Marc (schiebt ihm augenzwinkernd die neue Bierflasche hin u. lugt dann hin zum großen Plasma-TV): Gut! Dann jetzt, wo die Mädchenthemen durch sind, können wir ja auch endlich anstoßen. Prost,... Papa! ... Wie findste das Spiel?
Mehdi (stößt mit seinem Flaschenboden an den von Marc an u. grinst dabei über beide Backen): Ich hab nicht hingeguckt. Wer spielt überhaupt? ... Prost... Onkel Marc!
Marc (funkelt über den Flaschenrand zu ihm rüber): Eh! Übertreib’s nicht gleich mit meiner guten Laune! Die ist zeitlich begrenzt und für die wirst du heute noch tief in die Tasche greifen müssen. Außerdem ist der Spruch für Lilly reserviert und das Resultat, das dann in... Wann ist es soweit?
Mehdi (seine Augen leuchten verträumt auf): In knapp sechs Monaten.
Marc (verzieht sein Gesicht, weil das Bild, das sich jetzt in seinem Kopf bildet, doch recht plastisch ist): Äh... ja... das dann in nem halben Jahr aus Gabis Schoss rausflutscht. Du weißt aber schon, dass ich dich dann gar nicht mehr ernst nehmen werde, wenn du nicht endlich mal einen richtigen Treffer gelandet hast.
Mehdi: Wenn du damit auf einen Jungen anspielst, wir wissen noch nicht, was es wird. Gabi wünscht sich ein Mädchen.
Oh Gott, bitte nicht! Die Welt hat in diesen Zeiten schon genug zu ertragen.
Marc (verdreht die Augen u. hat schon wieder ein schreckliches Bild im Kopf): Klar, was sonst!? Aber noch ein Barbiedouble braucht doch kein Mensch. Also ich hoffe, du hast dich angestrengt. Wie geht’s eigentlich deiner schlechteren äh... besseren Hälfte? Ihr wart schon weg, als ich nach diesem bescheuerten Meeting noch mal auf Station vorbeigucken wollte.
Mehdi (freut sich, dass Marc ehrliches Interesse zeigt): Gabi geht’s schon wieder viel, viel besser. Danke noch mal. Das heute war einfach zu viel für sie. Sie lässt sich immer schwer bremsen, weil sie sich nichts anmerken lassen will. Dass das erste Trimester für sie so unbequem verläuft, nimmt sie sehr mit, aber sie gibt sich tapfer. Und Lilly kümmert sich rührend. Sie hat ihre sämtlichen Kuscheltiere und Barbies und ihre Schmusedecke mit zu ihr ins Bett geschleppt und hat ihren Kinderarztkoffer aufgeklappt. Total süß. Ich denke, die Mädels machen sich einen schönen Abend. Gabis Schwester ist auch da.
Marc (guckt ihn mit großen Augen an): Gabi hat eine Schwester?
Mehdi (zwinkert ihm frech zu): So viel dazu, wie gut kennt der Ex die Ex.
Marc (muckt beleidigt auf): Eh! Von Ex kann ja mal gar keine Rede sein, denn wo nichts war, kann auch nichts ex sein. Capice? Wollten wir das Thema nicht nie wieder anschneiden?
Mehdi (grient ihn an): Unterschreib ich dir sofort.

Marc (nickt zufrieden u. nuckelt an seiner Bierflasche): Gut! Was sagt eigentlich Lilly zu den Neuigkeiten?
Mehdi (ein Hauch von Unsicherheit schleicht sich in seinen Blick): Ich warte noch den perfekten Moment ab, aber ich hab schon eine Idee, wie ich es ihr sage.
Marc (kann einen hämischen Kommentar nicht unterdrücken): So wie bei mir? Bis Gabi ihr die rosa Prinzessinnenballerinas voll reihert? Die Chancen stehen, glaub ich, achtzig zu zwanzig. Nicht zwanzig zu achtzig wie bei mir. Ich hab ihre Werte gesehen.
Mehdi: Ich will Lilly nach den ganzen Veränderungen der letzten Zeit nicht überrumpeln. Das bedarf Feingefühl.
Oh Mann, Mary Poppins!
Marc: Alter, hör auf, sie zu pampern! Sie ist wie alt? Neun? Zehn? Sie ist taffer, als du denkst. Und sie ist schlau. Sie braucht Gabi nur anzuschauen, so scheiße wie die aussieht, und dann schaltet sie irgendwann. Niemand hat wochenlang Magen-Darm. Außerdem haben wir das Thema schon bequatscht. Kannst die Erziehungsratgeber von der von der Leyen also getrost wegpacken und chillen!
Mehdi (guckt ihn an wie ein Postauto): Was? Wann?
Marc (zuckt mit den Schultern u. widmet sich wieder seiner Bierflasche): Keine Ahnung, als sie mal bei uns war, neulich, da hat sie alleine davon angefangen.
Mehdi (gespannt wie ein Flitzebogen beugt er sich zu ihm vor): Und, was hat sie gesagt?
Marc (grient ihn triumphierend an, weil er mal mehr weiß als der Mädchenflüsterer): Du kennst deine Tochter schlecht, wenn du nicht wüsstest, dass sie sich schon immer was Kleines zum Umsorgen gewünscht hat. Das typische Einzelkindsyndrom, wobei ich das gar nicht mal als Nachteil empfinde. Aber mich fragt ja keiner.
Mehdi (lächelt u. wird melancholisch): Ja, das weiß ich doch, nur die Umstände waren halt immer anders. Anna wollte nie ein zweites Kind. Ich glaube aus Angst vor den Schatten ihrer Vergangenheit.
Marc (nickt wissend u. versteht so langsam, was sein Freund u. dessen kleine Tochter alles hinter sich haben): Lilly ist realistisch genug, um zu wissen, dass aus dir und ihrer Mutter nichts mehr wird. Und wenn sie Gabi nicht leiden könnte, hätte sie sie schon längst bei euch rausgeekelt. Kinder können da sehr direkt werden. Eigentlich eine ganz nützliche Eigenschaft, äh... wenn sie einen selbst nicht betrifft.
Mehdi (lehnt sich zurück u. mustert Marc anerkennend mit einem breiten Grinsen): Ich bin erstaunt über deinen neuen Sachverstand. Hab ich was verpasst?
Boah, da macht man sich einmal Gedanken und kriegt es gleich als Vorwurf aufs Butterbrot geschmiert. Dann lasse ich es in Zukunft eben.
Marc (wendet seinen Blick ertappt ab u. konzentriert sich auf den Inhalt seiner halbvollen Bierflasche): Auf manche Dinge muss man(n) sich eben mental einstellen. Kann ja nicht jeder so formvollendet geboren sein wie Mädchen wie du.

Mehdi (grient ihn weiter vergnügt an): Gretchen muss sehr angetan sein von deinen neuen Fähigkeiten.
Marc (guckt den frechen Sprücheklopfer bedröppelt an): Ey, jetzt mach mal halblang, Dr. Freud. Die Gretchenanalyse ist immer noch mein Metier. Klar?
Mehdi (lacht u. wird für einen kurzen Moment noch mal ernst): Hast du mit ihr noch mal wegen dem geredet, über das wir heute Mittag am Telefon gesprochen haben?
Marc (schüttelt den Kopf u. guckt nachdenklich auf die Bierflasche in seinen Händen, von der er gerade das Etikett abfriemelt): Du hast ja gesehen, was für Chaos im EKH los war, nachdem die Deppen mit ihrem „Sachverstand“ die Klinik fast lahm gelegt hätten. Haasenzahn hat den ganzen Nachmittag damit zugebracht, die Patienten zu beruhigen und die OP-Pläne umzumodeln, weil wir einiges auf nächste Woche verschieben mussten, während ich die Baufirma ordentlich zusammengeschissen habe. Deren Versicherung kommt zum Glück für den Schaden auf. Der Professor hätte mir sonst den Kopf abgerissen. Weißt du, was nur eine verschobene OP und ein verlängerter Klinikaufenthalt kosten? Und multipliziere das mal, wenn du den voll gestopften OP-Plan von heute noch im Kopf hast. Ich hab sie erst zu Hause kurz gesehen. Kurz bevor ich aufgebrochen bin. Sabine stand auch schon dämlich grinsend in der Tür. Das musste ich mir wirklich nicht länger als nötig antun. Seitdem sie die große weite Welt gesehen hat, ist sie noch komischer als früher. Unaufmerksam, patzig und gibt Widerworte. Kannst du dir das vorstellen? Kaum verheiratet, muckt die Stasi-Sabsi auf.
Mehdi: Du hast ihr aber nichts von mir und Gabi erzählt, oder?
Marc (grinst): Sabine?
Mehdi (verleiert die Augen): Gretchen!
Marc (lacht): Das, mein Freund, ist immer noch dein Job. Ich bin dann für den Trostsex zuständig.
Mehdi (regt sich gleich wieder künstlich auf): Boah Marc, echt!
Marc (lacht gleich noch mehr, als er sich verschwörerisch zu ihm rüberbeugt u. sich dabei an seiner Bierflasche abstützt): Is so! Jetzt ist mit dir nach Hassi und der Sabsi in kürzester Zeit die dritte Freundin von ihr in anderen Umständen. Also mit Ausnahme von ihr selbst, was definitiv zu einem hysterischen Anfall führen wird. Dir ist hoffentlich klar, in was für eine Situation du mich damit bringst.
Mehdi (kann bei der Schlussfolgerung nur ungläubig die Kinnlade herunterklappen): Kriegst du kalte Füße?
Marc (grient ihn selbstzufrieden an): Du zweifelst mich immer noch an, oder? Aber nein, kalte Füße hatte ich heute schon. Ich musste den halben Tag wegen deiner speifreudigen Freundin barfuss herumlatschen!
Mehdi (grinst): Dann wäre ja jetzt alles geklärt, nicht?
Marc (reibt freudig die Hände u. studiert nebenher das Spirituosenregal sowie den Fernsehmonitor hinter der Bar): Genau, jetzt können wir endlich mal zum angenehmeren Teil unseres Männerabends übergehen. Herausfinden, wer zum Teufel heute Abend spielt.

Mehdi konnte dem nichts mehr hinzufügen und hob grinsend seine Bierflasche und stieß mit Marc, der sein verschmitztes Grinsen auch nicht verbergen konnte, noch einmal auf den gelungenen Start in den Abend und seine Vaterschaft an. Die Stimmung war locker und gelöst und die Freunde freuten sich wirklich, endlich mal wieder Zeit außerhalb der Klinik miteinander verbringen zu können, was definitiv schon seit langem überfällig gewesen war. Die beiden Ärzte waren so sehr in ihr Gespräch vertieft, dass sie gar nicht mitbekamen, dass sie vom anderen Ende der Bar aus schon eine ganze Weile interessiert beobachtet und besprochen wurden. Eine der beiden attraktiven jungen Damen mit den kunstvoll gelockten platinblonden schulterlangen Haaren, die ein Auge auf den gutaussehenden Dunkelhaarigen im dunkelblauen Designerpullover geworfen hatte, fasste sich schließlich ein Herz, zog ihre etwas zurückhaltendere Freundin mit sich, die ihren Blick nicht mehr von dem Muskulöseren der beiden mit den einnehmenden Rehaugen und dem südländischen Teint abwenden konnte, und sprach die zwei Sahneschnittchen mit quietschender Säuselstimme an. - „Hey, ihr Zwei! Meine Freundin und ich haben gesehen, dass ihr auch alleine hier seid und haben uns gedacht, ob ihr euch nicht vielleicht zu uns setzen wollt? Auf einen oder zwei Drinks?“ Irritiert schaute der sich gestört fühlende Oberarzt von seiner Bierflasche auf, drehte sich langsam auf seinem Barhocker herum und musterte die beiden gutaussehenden Mädels vor sich, die beide sehr kurze Röcke und eng anliegende, farblich auffallende Tops trugen, die ihre Vorzüge noch deutlicher hervorhoben, mit hochgezogener Augenbraue akribisch von Kopf bis Fuß, bis er mit Mehdi einen vielsagenden Schulterblick wechselte. Verschwörerisch grinsend wandte sich Dr. Meier schließlich den beiden sexy Ladys zu, die nicht annähernd ahnten, was jetzt auf sie zukommen würde, und sofort von seinen smaragdgrün schimmernden Augen und seinen süßen Grübchen hypnotisiert waren und an seinen Lippen klebten wie am Honigpot, als er anfing, mit seiner coolen bestechenden Marc-Meier-Attitüde auf ihre Offerte zu antworten...

Marc: Das Denken solltet ihr zwei Hübschen mal lieber denjenigen überlassen, die sich damit wirklich auskennen. Dann wäre euch vielleicht in euren beschränkten Sichtverhältnissen aufgefallen, dass wir hier in einem sehr intensiven Erwachsenengespräch vertieft sind und an Gesellschaft, mag sie auch noch so willig und nicht trinkfest sein, nicht im Geringsten interessiert sind. Seine Freundin ist schwanger und meine Frau hat sich offensichtlich in den Kopf gesetzt, ein alleingelassenes Kind zu adoptieren. Wir haben also einiges zu betrinken und zu bequatschen. Ohne lästiges Publikum, das nicht mehr als Nagellack und Cellulitecreme im Kopf hat. Also zieht Leine und lasst die Erwachsenen unter sich! Geht nach Hause, zieht euch was Ordentliches an und tut was Sinnvolles wie Lernen und Schulabschlussmachen, damit ihr euch später auch mal selber versorgen könnt. Barbies haben nämlich nur eine beschränkte Halbwertzeit, müsst ihr wissen, und mit den Fummeln und der Kriegsbemalung lockt ihr eh nur Kerle unter dem Barhocker hervor, die euch am nächsten Tag im hohen Bogen zur Tür rausschmeißen. Und wenn ihr denkt, die rufen euch schon noch an, obwohl sie euch so scheiße abgekanzelt haben, nein, das werden sie nicht tun, auch wenn ihr vier Wochen lang versucht, die falsche Nummer, die er euch gegeben hat, zu erreichen. Alles klar? Dann Abmarsch! Der Kindergarten ist nebenan. Wo waren wir, Kumpel? Ah ja, Dynamo...

Völlig perplex und unfähig, auch nur irgendetwas auf das zu erwidern, was der gemeine Mann ihnen gerade mitzuteilen versucht hatte, drehten sich die beiden Blondinen um und zielten die schmale Wendeltreppe zum Ausgang an, die sie ungeschickt nebeneinander empor stolperten. Marc guckte noch interessiert ihren langen Beinen hinterher, ebenso wie Mehdi, der wohlwollend mit dem Kopf nickte, dann wandte er sich wieder dem Barkeeper zu, dem fassungslos der Mund offen stand und der den beiden heißen Mädels nachtrauerte, die eben noch aufreizend vor ihm gestanden hatten und denen er heute Abend sicherlich noch den einen oder anderen Drink spendiert hätte, und bestellte in der selben monotonen trockenen Tonlage ein paar Shots Tecilla bei ihm.

Mehdi: Ich bin beeindruckt, Marc. Die wären früher genau deine Zielgruppe gewesen.
Marc: Du meinst anbiedernd, devot, willig, austauschbar?
Mehdi: Das hast du jetzt gesagt.
Marc (macht eine abweisende Handbewegung u. zieht die Gläserreihe zu sich, die der Barmann auf den Tresen gestellt hat): Ach was früher! Welcher Idiot trauert denn noch Vergangenem hinterher? Das Hier und Jetzt zählt. Und wir sind jetzt hier! Erfolgreich, attraktiv, potent, in unseren besten Jahren. Das zieht zwar die Motten an, aber egal, dann haben die eben Pech gehabt und sich an unserem schillernden Licht die Flügel verbrannt. Also wo bleiben die Zitronen und das Salz?
Mehdi (schüttelt lachend den Kopf): Das Wort zum Sonntag.
Marc (schiebt ihm auffordernd eins der kleinen Gläser hin): Noch ist Freitagabend, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wir haben lange nicht deine Standfestigkeit getestet. Wie war das noch? War das nicht im vierten Semester, als wir fast anderthalb Wochen in dem Kellerloch von diesem Verbindungshaus durchgemacht haben? Boah, war das ne geile Party und du warst so dicht.
Mehdi (verzieht sein Gesicht): Ich erinnere mich dunkel.
Marc (hebt grinsend sein Glas): Na dann komm, runter mit dem Zeug! Und dann spendierst du uns ne Zigarre, wie es sich für einen anständigen werdenden Vater gehört! Hey, haste gesehen? Ich hab dich gerade verteidigt.
Mehdi (macht es ihm gleich u. nimmt sein Glas in die Hand): Äh... Das mit der Zigarre macht man eigentlich erst nach der Geburt, Marc. Und ist hier nicht Rauchverbot?
Marc (kippt gleich das nächste Glas hinter die Binde u. haut es dann geräuschvoll auf die Theke): Alter Spießer! Scheiß doch auf die verdammten Konventionen! Die interessiert keine Sau. Wer hat die überhaupt aufgestellt und wieso? Hauptsache ist doch, du weisscht, wasch du tuscht. Du hascht deine männlische Männerpflischt getan und deine wertvollen Gene weitergegeben. Dasch musch gebührend gefeiert werden, Mehdilein.

Mehdi spürte, dass Marc schon leicht angetrunken wirkte und ihn während seiner lallenden Männerrede mit glasigen Augen ansah, und konnte nur darüber witzeln, was für Weisheiten da gerade locker flockig aus seinem Mund heraussprudelten. Er hatte seinen besten Freund lange nicht so entspannt und gelöst erlebt und fand es immer noch erstaunlich, dass ausgerechnet die Schwangerschaft seiner Freundin, die Marc eigentlich aus gutem Grund nicht leiden konnte, der Auslöser dafür war. Doch Mehdi genoss die angenehme Stimmung sehr und kippte zum Wohlgefallen seines Freundes, der ihn wild gestikulierend anfeuerte, ebenfalls ein weiteres Glas Tecilla hinunter und biss anschließend in die Zitrone. Auch er merkte, wie der Alkohol so langsam seine Wirkung entfaltete und lehnte sich betont lässig mit dem Ellenbogen an den Tresen und wippte mit einem Fuß leicht zu den Bässen der Musik mit. Mittlerweile legte ein stadtbekannter DJ auf und die Stimmung im Club war am Hochkochen. Auch die von Marc Meier, der, vom Alkohol angetrieben, gar nicht mehr aufhören konnte zu feixen und damit Mehdi immer wieder ansteckte, der schon fast Bauchschmerzen von dem vielen Lachen hatte. Eine Sache war dem wachsamen Auge des Gynäkologen jedoch nicht entgangen und so hakte er noch einmal neugierig bei Gretchens Freund nach...

Mehdi: Ist dir eigentlich bewusst, Marc, dass du Gretchen vorhin als deine Frau bezeichnet hast?
Marc (guckt ihn an, als wäre es eine Selbstverständlichkeit): Wasch’n dasch für ne bescheuerte Frage? Dasch isch Haaschenschahn doch auch, du Hohlkopf.
Mehdi (kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen u. hätte gut und gerne Lust, Gretchen anzurufen, um ihr Marcs Worte noch einmal vorzuspielen): Sehr besitzergreifend, Herr Doktor.
Marc: Gar nisch, Mädi! Tatsache! Guckscht du hier! Dasch isch mein Ring, sie zu knechten und ewig zu binden und umgekehrt oder so ähnlich. Haha!

...konterte ein immer betrunkener werdender Marc Meier aus stolzer Überzeugung, dessen Zunge sich mit jedem Glas mehr immer mehr lockerte. Irritiert beobachtete Marcs Freund nun, wie dieser unter seinem Designerpullover ein Lederkettchen hervorholte, an dem ein auffälliger Ringanhänger baumelte. Mehdi griff danach und zog Marc damit unsanft ganz nah zu sich heran, um das seltsame Objekt aus nächster Nähe in Augenschein zu nehmen. Schlau wurde der angetrunkene Frauenarzt aber nicht daraus und so guckte er den Ringträger aus glasigen kastanienbraunen Augen fragend an.

Mehdi: Dasch isch ein Schmetterdingdingling ausch Kunschtschtoff, Marc. Dasch schält nisch.
Marc: Und ob dasch schält, du Ekspärde! Nur weil du deine Gabriella Bella nisch schum Schandesamt mitnehmen kannscht, weil du schon verschandelt äh... verheidingst... also beschätzt bischt, heischt dasch nisch, dassch Haaschenschahn und isch dasch nisch könnten. Ham wir nämlisch! Ja, da guckscht du, wasch, Blitzmerker?
Mehdi (versteht nur Bahnhof u. nippt deshalb am nächsten Glas): Hä?
Marc (schiebt den Anhänger wieder unter den Pulli u. deutet nach vergewissernden Blicken nach links und nach rechts auf seinen Bauch): Wehe du lascht misch ausch, dann hau isch disch! Dasch isch ein Schimbol für die ganzen Schmetterdingdingdingelingelingelinge hier drin. Verschehscht du?
Mehdi (grinst ihn aus glasigen Augen an): Du bischt so ein Verliebter!
Marc (streckt ihm die Zunge raus): Selber!
Mehdi (nimmt noch einen Tecilla u. grinst weiter vergnügt vor sich hin): Aber nisch in Grätschn!
Marc (hebt bedrohlich seine Hand u. sucht dann auf der Theke nach dem nächsten vollen Gläschen zum Anstoßen): Dasch sei dir auch geraten, du Frauenverschlepper! Schonscht müsschte isch dir die Friedenspfeife verwehren. Wo isch die eigentlisch? Hatte isch nisch schwei beschellt?
Mehdi (boxt ihn in den Arm): Du kriegscht keine Schigarre, Marc! Isch weissch, dir isch dasch noch nie aufgefallen, weil dir alles ausscherhalb deines Kosmos nisch auffällt, aber isch bin seit fünfidreißisch Jahren Nischraucher. Und duuuhu musscht auch mal damit aufhören, wenn du willscht, dassch Grätschn disch noch mag, wenn sie schwanger isch. Verschprischt du mir dasch? Oder nein, lassch uns wetten? Jaaa! Wenn mein Kind wirklisch ein Junge wird, dann hörscht du auf. Ja oder ja?
Marc (runzelt erst seine Denkerstirn u. schlägt dann doch ein): Deal!
Mehdi (verhakt seinen kleinen Finger ungeschickt mit dem von Marc): Deal! Und wasch maschen wir, wenn’s ein Mädschn wird?
Marc (denkt angestrengt lange nach, dann hebt sich sein verschlagener Marc-Meier-Blick zu einem zufriedenen Grinsen): Na nüscht! Dann, mein Freund, fängscht du eh schwangsläufisch selber damit an. Haha!

Und mit einem jaulenden Lachen, das mehr wie ein aufgeregtes wieherndes Pferd klang, fielen sich die beiden Männer an der Bar in die Arme, klopften sich auf die Schultern, wischten sich dann die Lachtränen aus den Augen und bestellten noch eine weitere Runde Spaßmacher beim Barkeeper, der skeptisch die Entwicklung der beiden im Auge behielt. Und so verlief der Männerabend von Dr. Meier und Dr. Kaan noch feuchtfröhlich weiter, während ihre beiden Frauen jeweils einen eher ruhigen Abend und eine ruhige Nacht zu Hause verlebten. Zumindest noch!

Lorelei Offline

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05.10.2014 13:44
#1499 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=84Cy0PQ7BbM


Ein wunderschöner sonnigwarmer Frühlingstag lockte Gretchen Haase schon zeitig aus den Federn ins Freie. Es hatte sie so sehr an der Nasenspitze gekribbelt, dass sie es zuhause nicht mehr länger ausgehalten hatte und fröhlich Ausflugspläne in die Natur geschmiedet wurden. Der Lenz war schon immer ihre Zeit gewesen, denn wenn alles aus einem langen tiefen Winterschlaf erwachte, immer mehr leuchtende Farben das winterliche Grau verdrängten, alles nach Blüten und Frühling duftete, dann wirkte das auch auf sie richtig belebend. Die hübsche Ärztin hatte ihr schönstes Sommerkleidchen angezogen, welches luftigweich wie ein Windhauch ihren wohlgeformten Körper zierte, einen zarten Rosaton aufwies und mit filigranen Blumenornamenten bestickt war. Dazu trug sie ihre gleichfarbigen Riemchensandalen mit dem süßen kleinen lila Schmetterling an der Schnalle an der Seite. Ihr lockiges goldenes Haar, das ein rosafarbenes Haarband mit einer Schleife in der Mitte schmückte, wurde vom lauen Frühlingswind regelrecht aufgeplustert und bekam dadurch ein tolles Volumen, als sie beschwingt summend den kleinen Hügel empor hüpfte. Oben angekommen machte sie eine kleine Verschnaufpause und schaute auf die Stadt, die sie liebte und die in ungewohnter Ruhe friedlich vor ihr lag. Sie lächelte, nein, Gretchen strahlte mit der Sonne richtig um die Wette. Wenn man Glück beschreiben sollte, hätte man genau jetzt auf den Auslöser einer Kamera drücken müssen, um ihr leuchtendes Gesicht festzuhalten. Gretchen tänzelte mit Schwung einmal um ihre eigene Achse herum, stolperte dabei zwar über ihre beiden Füße, aber fing sich schnell wieder. Und da sah sie sie endlich. Ihr Herz sprudelte förmlich über vor Endorphinen und Glücksgefühlen, die mit jedem Schmetterlingsflügelschlag in ihrer Bauchgegend nur noch mehr wurden und sie fast schon von der Erde abheben ließen.

Marc hatte eine rotkarierte Decke im Schatten einer großen jahrhundertealten Linde ausgebreitet, rote und orangefarbene Kissen darauf drapiert, auf denen er es sich gemütlich gemacht hatte, nachdem er den reichlich gefüllten Picknickkorb ausgepackt hatte, den ihre Mutter liebevoll für sie vorbereitet hatte, da sie bekanntlich die weltbeste Picknickkorbpackerin in der westlichen Hemisphäre war. Unzählige Leckereien und süße Naschereien fanden sich auf den mit Goldrand verzierten Porzellantellern wieder. Und in der Mitte der Decke standen eine Flasche eisgekühlter Champagner und zwei Gläser, die nur darauf warteten, dass man mit ihnen anstieß. Auf das Glück, Berlin, die Liebe, den Frühling. Marc konnte so aufmerksam sein, wenn er wollte, dachte Gretchen gerührt und fasste sich an ihr immer schneller schlagendes Herz. Eine kleine Träne kullerte ihre gerötete Wange hinab, getränkt mit purem Glück. Und schon setzten sich ihre zierlichen Füße ganz von alleine in Bewegung. Gretchen hatte ihre Riemchensandalen ausgezogen, die sie an der linken Hand herunterbaumeln ließ, und lief jauchzend barfuß über die weite blühende Frühlingswiese auf ihren größten Schatz zu.

Er sah hinreißend aus, wie er so dalag. Ihr Marcischnuckiputzi, in knackig enge Bluejeans gekleidet und mit blütenweißem halb aufgeknöpften Hemd. Der süße Schmetterlinganhänger an seiner Lederkette, ein Andenken an ihre Beinahehochzeit am Vortag vom Valentinstag, schimmerte unter dem edlen Designerstoff hervor und glitzerte im Sonnenlicht. Es war ungewöhnlich warm für einen Märztag. Er hatte die Ärmel hochgekrempelt und hielt ihn hoch in Richtung Sonne, die ihn wie ein Lichtkranz umschloss. Er kicherte. Marc tat so, als würde er ihn hochwerfen wollen. Aber natürlich hielt er ihn beschützend fest. Er würde niemals wagen, dass ihm etwas passierte. Dafür hatte er den Kleinen viel zu gern. Sein fröhliches Quieken jedes Mal, wenn er ihn empor hob, war wie Musik in seinen Ohren. Gretchen ging richtig das Herz auf, je länger sie ihre beiden Jungs beobachtete, und die Glückstränchen kullerten nur so. Mittlerweile war sie unter der Linde angekommen. Marc lächelte sie verliebt an, als sie sich zu ihnen auf die Picknickdecke setzte und sich verschmust in seine Armbeuge kuschelte. Er legte den Wonneproppen, der zu ihr rüber lächelte, bäuchlings auf seinem Bauch ab und beugte sich zu einem zarten Kuss heran, den Gretchen liebevoll erwiderte, während sie mit ihrer freien Hand nach den kleinen Kinderhänden griff, die aufgeregt zu ihr rüber ruderten. Nachdem sie sich liebevoll begrüßt und ein bisschen miteinander geschmust hatten, hielt sie einen kleinen lindgrünen Plastikbeutel wie eine Trophäe empor, den sie nun auf einem der Teller absetzte und langsam auszupacken begann. Entschuldigend lächelnd guckte sie über ihre Schulter zu ihrem Mann, der mit seinen Fingern verträumt in ihren von der Sonne golden schimmernden Locken spielte, während Anton glucksend an seiner Halskette zerrte, die es ihm durch ihr Glitzern angetan hatte.

Gretchen: Sie hatten keine Gürkchen mehr, Marc. Aber ich hab Erdbeeren mitgebracht. Ganz frisch vom Markt. Schau mal!

Verheißungsvoll zwinkerte Marc seiner süßen Naschkatze zu, dass sie förmlich unter seinen intensiven Blicken dahinschmolz. Doch in dem Moment, als sie ihm eine der köstlichen Erdbeeren mit Kussmund reichen wollte, lenkte sie ein verstörendes Geräusch ab, welches so gar nicht zu dem Gezwitscher der Vögel im Geäst der Linde passte oder zu Marcs schalkhaftem Lachen und Antons zufriedenem Gequietsche. Es war ein seltsam vertrautes Geräusch. Melodisch ja, aber auch irgendwie technisch verzerrt, je länger es sich wiederholte. Es lockte sie von der Picknickdecke im Grünen weg. Erst verschwand Anton direkt vor ihren Augen, dann Marc, dann der Picknickkorb, die Decke, das Erdbeerschälchen in ihren Händen und schließlich der Baum, unter dem sie gelegen hatten, ja, sogar das riesige Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof, auf dem sie sich mit zahlreichen anderen Familien befunden hatten. Bis es nur noch finster um sie herum wurde. Wo war die Sonne auf einmal hin, fragte sich Gretchen verstört und rieb sich über ihre Augen, die nicht glauben wollten, dass sie nichts mehr sahen. Sie stützte sich mit einem Arm ab und richtete sich auf. Und als sie sich in der Dunkelheit umschaute, erkannte sie es endlich. Sie lag nicht mit ihrer Familie unter warmen Frühlingssonnenstrahlen auf einer Wiese mitten in Berlin. Sie lag noch immer in ihrem kuscheligweichen Bett, in das sie spätabends todmüde gefallen war, nachdem Sabine mit drei riesigen Alben voller Hochzeits- und Flitterwochenfotos, einem Berg an Anekdoten und einem Stapel selbstgebastelter Dankesbriefe mit Horoskopwidmung für ihre Hochzeitsgäste gegangen war. Enttäuschung machte sich in Gretchen breit, die noch größer wurde, als sie merkte, dass sie sich alleine auf ihrer gemütlichen Liegewiese aus lilafarbigen Satinlaken befand.

Gretchen: Marc?

...flüsterte sie verschlafen in die Dunkelheit hinein, während sie mit einer Hand über die kalte Bettseite neben sich streifte, um sich noch einmal zu vergewissern, dass ihr Schatz tatsächlich nicht da war. Doch ehe sich Gretchen weiter fragen konnte, was passiert sein könnte, ertönte neben ihrem Ohr erneut dieser schreckliche Ton, der sie Sekunden zuvor aus ihren wunderschönen Träumen gerissen hatte, und aus der anfänglichen Vermutung wurde letztendlich Gewissheit. Sie griff nach rechts und suchte auf dem Nachtschränkchen nach ihrem klingelnden Mobiltelefon, das ihr, gerade als sie es erwischt hatte, zu ihrem Glück auch noch aus der Hand flutschte und zu Boden krachte. Immer noch im Halbschlafmodus tastete sie fluchend auf dem Bettvorleger danach, wurde aber nicht gleich fündig. Also schaltete sie gezwungenermaßen das Nachtlicht an, gewöhnte sich nur ungern an das empfindlich helle Licht, das in ihren müden Augen brannte, und schob sich schließlich mit ihrem Körper über die Kante des Bettes, um darunter nachzuschauen. Das Klingeln hatte immer noch nicht aufgehört. Es schien wichtig zu sein, schlussfolgerte sie und wurde dadurch hektisch.

Schräg unter dem großen Kingsizebett, fast schon unter Marcs Betthälfte, sah sie es immer wieder aufleuchten und durch den Vibrationsalarm immer weiter wegrutschen. Gretchen, die ihren rosa-gestreiften Lieblingspyjama trug, machte sich extralang und tastete danach, bis sie, wie sollte es auch anders sein, natürlich von der Schwerkraft überrumpelt wurde und mit einem lauten Plumps der Länge nach aus dem Bett fiel. Aber trotz des schmerzhaften Abflugs waren die ungewöhnlichen Morgengymnastikübungen unserer Tollpatschqueen von Erfolg gekrönt, denn sie hatte genau in dem Moment ihr Handy geschnappt. Jetzt krabbelte sie mühsam wieder unter dem Bett hervor und stieß sich dabei auch noch ihr zartes Köpfchen an, was sie gleich noch mehr fluchen ließ. Frustriert aufseufzend setzte sie sich nun im Schneidersitz auf den flauschigen Bettvorleger und lehnte sich mit dem Rücken erschöpft gegen das Bett. Sie schob ihre wuschelige Haarmähne aus dem Gesicht, rieb sich mit einem Finger die schmerzende Stelle an ihrer Stirn und drückte mit der anderen Hand auf den grünen Hörer auf dem Display ihres Telefons, ohne darauf zu achten, wer sie überhaupt um sechs Uhr morgens an einem ihrer wenigen arbeitsfreien Samstage unsanft aus dem Bett geworfen hatte. Aufgrund der Tatsache, dass sie sich alleine im Schlafzimmer befand und aus den unteren Zimmern nichts zu hören war, konnte es eigentlich nur Einer gewesen sein. Na der würde jetzt etwas zu hören kriegen, wenn er wirklich irgendwo versackt war, dieser Idiot!

Gretchen: Marc? Wo steckst du denn?

...hauchte Gretchen hörbar müde in ihr Smartphone, welches sie eine Sekunde später wiederum hellwach möglichst weit weg von ihrem Ohr hielt. Denn mit so einem lauten Stimmorgan am anderen Ende der Leitung hatte sie nicht gerechnet, welches sie zu so früher Stunde unverschämt anmotzte und dermaßen runterputzte, dass sie gar nicht wusste, wie ihr gerade geschah. - „NEIN! ICH BIN’S! Und DU, du schiebst jetzt deine rosa Schmusedecke beiseite und bequemst deinen dicken Hintern aus deinem flauschigen Bett und schaffst mir gefälligst die stinkende Schnapsleiche hier weg, bevor sie noch weiter MEIN Sofa und MEINEN Mann voll sabbert.“

Gretchen: Wie bitte? ... Gabi? Bist du das?

Doch ehe die verdutzte Ärztin registrieren konnte, wer da am anderen Ende der Leitung unverständige Anweisungen austeilte und was die Worte eigentlich zu bedeuten hatten, hatte die aufgeregte Furie auch schon wieder aufgelegt. Zurück blieb im schwachen Schein einer Nachttischlampe eine ziemlich verstört dreinblickende Gretchen Haase, die erst irritiert ihr Handydisplay anstarrte, das mittlerweile dunkel geworden war, und dann ungläubig das leere Bett neben sich in Augenschein nahm. Es dauerte einige Momente, bis sie schaltete, den Kopf schüttelte und sich dann langsam vom Fußboden aufraffte. Dieser Hirni, murmelte sie nur, als sie im Anschluss ihr Schlafzimmer verließ.

Lorelei Offline

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10.10.2014 16:41
#1500 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Eine kurze Katzenwäsche, fünfeinhalb schokoladenüberzogene Kekse als Frühstücksersatz und aufbauende Nervennahrung und eine Taxifahrt später sah die blonde Chirurgin schließlich mit eigenen Augen, was Schwester Gabi am Telefon gemeint hatte. Mit ungläubiger Miene stand sie jetzt unter der hell leuchtenden Wohnzimmerdeckenlampe und blickte fassungslos auf die beiden zusammengerollten Männerkörper auf dem roten Sofa herab, die noch in ihrer Straßenkleidung eng aneinander gekuschelt wie leblos vor ihr lagen und diverse alkoholische und sonstige undefinierbare Dünste absonderten, die man sonst nur aus einer illegalen Schnapsbrennerei oder von einer nahe gelegenen Müllkippe kannte und die Gretchen und Gabi, die mit verschränkten Armen und finsterem Gesichtsausdruck hinter ihrer Arbeitskollegin stand, übel aufstoßen ließen. Ratlos und auch etwas überfordert schaute sie Mehdis Freundin an, die nur abwertend mit den Schultern zuckte und wieder einen etwa fünf Meter breiten Sicherheitsabstand zur Wohnzimmercouch einnahm, welcher verhindern sollte, dass ihr täglicher Begleiter, die Morgenübelkeit, augenblicklich über sie hereinbrach. Denn das hätte der stinksauren Krankenschwester an diesem Morgen noch gefehlt, an welchem erst ihre schwache Blase und dann, als sie gerade wieder kurz vorm Einschlafen gewesen war, der unsynchrone zweistimmige Holzfällerchor, der zum Glück seit ein paar Minuten wieder verstummt war, sie viel zu früh an einem Samstag aus dem Bett geworfen hatte. Dabei hatte sie nach dem Zusammenbruch gestern doch nur ihre Ruhe und ein entspanntes morgendliches Herankuscheln an einen sexy muskulösen Männerkörper gewollt. Aber Mehdi sah im Moment alles andere als sexy aus, was auf seinen Kompagnon übrigens ebenfalls zutraf.

Gabi: Frag nicht, was ich schon alles mit diesen zwei Hornochsen versucht habe. Die sind mit lautem Gepolter und Gelächter gegen halb drei hier aufgeschlagen und ehe ich sie wegen der Lautstärke zurechtweisen konnte, waren sie schon genau so eingenickt und haben sich seitdem nicht einen Zentimeter bewegt, geschweige denn auch nur irgendein anderes Lebenszeichen von sich gegeben. Also mal abgesehen von dem schrecklichen Geschnarche, das man garantiert bis Potsdam gehört hat. Nasezuhalten half nur bedingt. Wundere dich also nicht, wenn sie gleich wieder mit ihrem Konzert loslegen. Boah, ich hoffe so, dass Lilly nichts mitkriegt. Das hier soll Mehdi ihr schon mal schön selber erklären. Ich fasse es nicht, dass er da mitgemacht hat. Und du sagst noch, wenn er dabei ist, würde Marc sich zurückhalten. Ha! Dann schau mal, wie zurückhaltend dein Marc war, diese... Torfnase!

...lud Gabi ihren gesammelten Frust an Marcs perplexer Freundin ab und schnaufte dann erschöpft aus. Sprachlos schaute diese wieder auf die beiden betrunkenen Pappenheimer vor sich, die sich wie ein inniges Liebespaar umschlungen hielten und denen sie jetzt am liebsten genauso gern die Ohren langziehen wollte wie Gabi. Nein, wenn sie die Kraft dazu aufgebracht hätte, würde Gretchen sie beide jetzt hochkant an den Ohren von der Couch runter zerren und ihnen ordentlich den Marsch blasen. Schließlich erlebte sie tagtäglich in der Notaufnahme, was unter viel Alkoholkonsum so alles passieren konnte. Doch plötzlich registrierte die wütende Ärztin, die sich gerade die allermöglichsten Schreckensszenarien ausmalte, wie einer von beiden verdächtig zuckte, die Umarmung beim Umdrehen noch mehr festigte, so dass die beiden Herren nun Wange an Wange auf dem Sofa lagen, und unverständig im Schlaf vor sich hin nuschelte. - „Haschenschahn, nisch so laut schimpfen, du weckscht noch dasch Baby. Und rasiere disch mal! Du bischt ganz schtoppelisch.“ Auch Gabi horchte auf und guckte nun verstört zu Gretchen, deren Augen sich ebenfalls ungläubig weiteten, als sie beobachtete, wie Marc mit seinen tatschenden Fingern Mehdis Gesicht bearbeitete, ohne dass dieser etwas davon bemerkte.

Gabi: Baby?
Gretchen: Wohl eher Plural, Riesenbabys!

Gretchen konnte sich ein Schmunzeln nicht mehr länger verdrücken und deutete auf das innige Paar auf der Couch. Die beiden gaben aber wirklich auch ein Bild zum Schießen ab, sagte ihr Blick. Sie schaute Gabi an, deren Mundwinkel ebenfalls verdächtig zu zucken begannen, und dann lachten die beiden auch schon los, dass es kein Halten mehr gab. Ein richtiger Lachflash erwischte die beiden Frauen, sodass bald aller Ärger vergessen war. Tränen stiegen ihnen unaufhörlich in die Augen und sie mussten sich ihre Bäuche halten, so sehr wurden sie gerade mitgerissen. Ihre beiden Männer sahen aber auch so ulkig süß miteinander aus. Das musste für die Ewigkeit festgehalten werden, war die einteilige Meinung. Und nachdem das eine oder andere Beweisfoto mit dem Handy geschossen worden war, das sicherlich irgendwann noch mal nützlich werden würde, setzten sich die beiden Damen jeweils auf eine der Seitenlehnen des gemütlichen roten Sessels gegenüber vom Sofa.

Gabi: Und was machen wir jetzt? Ich glaube nicht, dass es pädagogisch wertvoll wäre, wenn Lilly die beiden so findet.

Als hätte es Mehdis Lebensgefährtin vorhergeahnt, stand eben jene plötzlich tatsächlich im rosa Prinzessin-Lillifee-Schlafanzug neben dem gläsernen Couchtisch, auf welchem neben einem Stapel Frauenzeitschriften, einem mit Glitzersteinen verzierten Malbuch, einer Stiftedose, einer Loombändertüte und der Fernbedienung zwei braune und ein schwarzer Schuh standen, und starrte mit immer größer werdenden staunenden Augen, aus denen sie mit beiden Händen gähnend den Sandmännchenstaub wischte, auf die beiden schlafenden Männer auf der Wohnzimmercouch. Ihr süßes Wuschelköpfchen fuhr sofort zu Gretchen herum, die sie jetzt erst entdeckt hatte.

Lilly: Gretchen, was machen der Papa und Onkel Marc denn da?
Gretchen (guckt ertappt u. hilfesuchend zu Gabi, weil ihr auf die Schnelle nichts Passendes einfällt): Ääähhh...
Oh Gretchen, du bist mal wieder so einfallsreich. Wahnsinn!
Gabi: Die schlafen beide ihren Rausch aus.

...kam Gabi schließlich Gretchen nach einer kurzen Denkpause, die allen Beteiligten wie eine Ewigkeit vorkam, zu Hilfe und beschönte die seltsame Situation nicht im Geringsten. Warum auch? Das Bild, das die beiden Deppen abgaben, sprach schließlich Bände. Beunruhigt beobachteten die beiden nun, wie Mehdis Tochter auf Zehenspitzen um das rote Sofa herumschlich und am Kopfende stehen blieb. Dort ging sie in die Hocke, verschränkte ihre Arme auf der Sofalehne und stützte ihr Kinn darauf ab. Mit neugieriger Miene studierte sie jetzt die beiden Herren ausgiebig aus nächster Nähe.

Lilly: Warum?
Gretchen (hat sich nach dem ersten Schreckmoment wieder gefangen u. druckst nun herum): Weißt du, Lillymaus, manchmal müssen echte Männer eben mal ein bisschen über die Strenge schlagen, um sich äh... ja... wieder gut zu fühlen.
Was zumindest auf Marc zutrifft. Er guckt schon zufrieden, oder?
Gabi (schaut Gretchen irritiert an): Das nennst du ein bisschen? Die sind hackedi...
Gretchen (fährt Gabi schnell über den Mund, bevor sie zu viel sagt): Gabi!
Lilly (schiebt sich an der Sofalehne mit beiden Armen wieder hoch u. guckt neugierig zu den beiden Frauen am Sessel rüber): Und? Wachen die zwei auch mal wieder auf? Die müffeln komisch.
Gretchen: Der große Kater wird sie sicherlich bald mit dem kleinen fiesen Holzhämmerchen kitzeln. Pass nur auf!

Gretchen und Gabi tauschten vielsagende Blicke miteinander aus und stellten sich schmunzelnd schon in Gedanken vor, wie sehr die beiden wohl heute noch den Rest des Tages leiden würden. Eine Genugtuung für die leidgeprüften Damen am frühen Samstagmorgen, den sie beide jede für sich viel lieber mit Ausschlafen verbracht hätten. Lilly verstand zwar nur die Hälfte von dem, was ihre großen Freundinnen ihr erklärten, grinste die zwei jedoch fröhlich an und lehnte sich nun mit ihrem ganzen Körpergewicht über die Sofarückenlehne, so dass ihre Füße etwas vom Boden abhoben. Die Nasenhaare ihres Papas, die ihr direkt entgegengereckt wurden, waren eher uninteressant für die kleine Wissenschaftlerin. Marcs markante Narbe auf dem Nasenrücken hatte es ihr da schon viel mehr angetan. Die wollte sie schon immer mal näher untersuchen. Die Neunjährige nahm die Gelegenheit also beim Schopfe und fuhr mit dem Zeigefinger die auffällige Linie entlang, als eine kräftige Männerpranke sie plötzlich packte und zu sich herunterzog. Lautes Quieken erfasste das geräumige Zimmer, das mittlerweile von der über den Horizont kriechenden Morgensonne orangegelb angestrahlt wurde, und holte auch den anderen alkoholtrunkenen Mann sofort aus dem Reich der Untoten zurück.

Lilly: Aaaaaahhhhhh!!!!! Niiiiicht, Onkel Maaaaaaaarc! Bitte, biiiitteeee!
Mehdi (versucht sich die Ohren zuzuhalten, aber Lilly zappelt direkt über ihm): Oaaahhhh!!! Geht das vielleicht auch bitte etwas leiser, Schatz? Mein Trommelfell platzt gleich.
Marc: Frag mich mal, Alter! Sabbelschnute zu, Lillylein, aber zackig!

...stöhnten Marc und Mehdi gleichzeitig aus und rangen dabei, sofern sie es in ihrer misslichen Lage überhaupt konnten, mit dem frechen Mädchen, das wild auf ihnen herumturnte, bis sie den kitzelnden Fingern ihres Lieblingsonkels entkommen konnte und sich quiekend zu den beiden Frauen in den Sessel flüchtete, die beide synchron ihre Arme vor ihrem Körper verschränkt hielten und mit beängstigend entwaffnenden tadelnden Blicken zu ihren Männern rüberschauten, welche erst nach wenigen Minuten irritiert feststellten, wo sie eigentlich waren und wie eng beieinander sie doch in der letzten Nacht geschlafen hatten. Marc sprang entsetzt auf und flüchtete sich ans andere Ende der Couch, während Mehdi seinen dröhnenden Kopf wieder erschöpft auf eins der Zierkissen bettete, die bei Lillys Hopserei verrutscht waren.

Marc: Boah, Alter, echt! Wehe, du hast mich heute Nacht betatscht!

...warf Dr. Meier seinem Freund missfällig vor, der auf dem weichen Kopfkissen schon wieder leicht in die Traumwelt wegdämmerte, und registrierte daher noch nicht gleich die bösen Blicke, die seit geraumer Zeit auf ihn und Mehdi gerichtet waren und sie mit der Eiseskälte einer Schneekönigin durchbohrten. Erst als seine Freundin ihn direkt mit scharfem Ton ansprach, schaute er auf und mit Unschuldsmiene zu ihr rüber. Aber den entschuldigenden Dackelblick nahm Gretchen Marc natürlich nicht ab. Heute nicht!

Gretchen: Marc!
Marc (knipst geblendet die Augen zusammen): Äh... Haasenzahn? Was... was machst du denn hier?
Wir... sind... doch... bei... Mehdi, oder? ... Positiv! Die hässliche Einrichtung ist definitiv nicht mein Style. Die blendet einen ja fast noch schlimmer als die Scheißsonne, die einer mal dringend ausknipsen sollte. Boah, mein Schädel! Was geht hier ab, ey?
Gretchen: Falsche Frage, Marc!

...kam es frostig zurück und Marc fröstelte es in der Tat, als er Gretchens wütend aufblitzende Kristallaugen bemerkte, die ihn traktierten. Was hatte er denn jetzt wieder falsch gemacht, fragte er sich und wechselte einen schuldbewussten Blick mit Mehdi, der seine müde verklebten Augen wieder geöffnet hatte, aber von Gabi abgewandt hielt, die nicht minder sauer dreinblickte. Nur Lilly machte die sonderbare Stimmung im heimischen Wohnzimmer nichts aus. Aufgeweckt und froh und munter tänzelte sie im Morgensonnenlicht, das von der Balkontür hereinstrahlte, um Couch und Sessel herum und versprühte ihren entwaffnenden Charme.

Lilly: Nahaaa, endlich ausgeschlafen? Es ist soooo schön, dass ihr beide da seid. Ich hab dich sooooo vermisst, Onkel Marc, als du weg warst. Frühstücken wir alle zusammen? Au ja, das wäre sooooo toll. Bitte Papa!

Beim Stichwort baldig bevorstehende Essensaufnahme verknotete sich jedoch bei beiden Ärzten urplötzlich der Magen, in welchem noch diverse inkompatible alkoholische Flüssigkeiten und darin versenkte Erdnüsse und Salzstangen gegen die Magenwände schwappten und sich wellenartig auftürmten. Die beiden sprangen fast zeitgleich vom Sofa auf und rannten an ihren sie ungläubig mit Blicken verfolgenden Freundinnen vorbei ins Badezimmer, wo sie sich gegenseitig den Weg versperrten, bis sie es doch irgendwie Schulter an Schulter durch die Tür schafften, welche anschließend mit einem lauten Rumms ins Schloss fiel. Lilly schaute die beiden Frauen fragend mit ihren rehbraunen Kulleraugen an. Gabi reagierte als Erste und verdrehte nur die Pupillen, während sie sich mühsam von ihrem Platz aufraffte und sich gleichzeitig überlegte, wo sie beim Einzug in die Wohnung die Kopfschmerztabletten verstaut hatte.

Gabi: Geschieht ihnen Recht.
Gretchen (zieht Lilly zu sich u. streichelt ihr liebevoll über die morgendlich zerzausten Haare): Ich bleibe gerne noch zum Frühstück, Lilly, Schatz, wenn du das magst.
Lilly (strahlt ihre große Freundin glücklich an, knuddelt sie ordentlich u. stürmt dann in ihr Zimmer, um sich umzuziehen): Supi! Darf ich Brötchen holen gehen, so wie jeden Sonnabend?
Gretchen (sieht Gabi augenzwinkernd an, die ihrer Kollegin durch die Küchendurchreiche wissend zunickt): Ich bin viel zu sehr auf ihre Erklärungen gespannt.
Gabi (schenkt in der Küche zwei Gläser Wasser ein, gibt jeweils eine Schmerztablette hinein, stellt die Gläser auf dem Esszimmertisch ab, geht wieder zu Gretchen rüber u. guckt dann mit ihr den Flur zum Kinderzimmer hinter): Frag mich mal! Da müssen Baron Münchhausen und Pinocchio schon einiges auffahren, wenn wir darüber hinwegsehen sollen, was für Doofköppe sie doch sind. ... Komm, Lilly, wir gehen zusammen. Ich muss eh mal an die frische Luft. Riecht mir zu sehr nach stinkender Dorfkneipe hier.

Fertig angezogen kam Lilly wie aufs Stichwort aus ihrem Zimmer gehüpft, tänzelte fröhlich zur Garderobe und zog sich rasch ihren Anorak und ihre Schuhe über. Gabi tat es ihr gleich, schnappte sich dann ihren Geldbeutel und die Türschlüssel und schon waren die beiden winkend zur Tür hinaus. Zurück in der Kaan-Kragenowschen Wohnung blieb Gretchen Haase, die sich nun unschlüssig umschaute, dann, einer Eingebung folgend, zum Balkon rüberging und die Tür öffnete, um frische Luft in das stickige Wohnzimmer hereinzulassen. Nachdem sie einen tiefen belebenden Luftzug genommen hatte, drehte sie sich wieder herum und ging langsam zur Badezimmertür, vor der sie kopfschüttelnd stehen blieb und angespannt auf ein Lebenszeichen ihrer beiden Pappenheimer hoffte, das nicht lange auf sich warten ließ. Als Erster traute sich nach etwa fünf Minuten Mehdi wieder heraus, der mit eingezogenem Kopf wie ein Schuljunge, der etwas ausgefressen hatte, vor seiner besten Freundin stehen blieb, während hinter ihm auf einmal Duschgeräusche zu hören waren. Gretchen reckte ihr neugieriges Köpfchen, während Mehdi sein schlechtes Gewissen pflegte.

Mehdi: Ich hab Marc den Vortritt gelassen. Ganz so vorzeigbar sind wir wohl beide nicht mehr. Entschuldige!
Gott, ich hab keine Ahnung, wie wir eigentlich hierher gekommen sind.
Gretchen: Schön... schön...

...murmelte Gretchen nur leise gedankenvoll vor sich hin und der Halbperser, der sich krampfhaft an den vergangenen Abend zu erinnern versuchte, atmete erleichtert aus, weil seine liebe Freundin so ruhig und entspannt reagierte. Aber da irrte sich Mehdi gewaltig, denn kaum hatte er seinen müden Augenlidern eine kurze Verschnaufpause gegönnt, da platzte es auch schon wie eine Lawine aus der angespannten Blondine heraus. Sie kam mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Mann mit den hängenden Schultern zu und drängte diesen forsch gegen die Badezimmertür, die daraufhin zuknallte.

Gretchen: Duuu.... Duuuu....!!! Ich fasse es nicht. Du hast mir versprochen, dass ihr es nicht so ausufern lasst. Dass du auf ihn aufpasst. Er sollte seinen Kummer nicht ertränken. Es gibt, weiß Gott, genug andere Möglichkeiten, Stress abzubauen. Ihr hättet auch mal wieder squashen gehen können oder was weiß ich. Aber nein, ihr... Mensch, ihr hättet ruhig anrufen können und sagen, wo ihr steckt. Ich hab mir Sorgen gemacht, als Marc heute Morgen nicht da war.
Mehdi (schaut seine Freundin mit furchtbar schlechten Gewissen an): Gretchen,...
Gretchen (lässt den reumütigen Kerl gar nicht erst ausreden u. bohrt ihren Finger wieder tief in seinen Pullover): Ich hab dir vertraut, Mehdi, und du lässt dich von ihm grundlos mitreinziehen. Ehrlich das... Ich bin richtig sauer.
Mehdi (schielt mit Bambiblick schuldbewusst zu ihr rüber): Und wenn es einen guten Grund gegeben hätte?
Gretchen (echauffiert sich gleich noch mehr u. wirbelt wild mit ihren Armen in der Luft herum, dass Mehdi aufpassen muss, nicht von ihr geschlagen zu werden): Oh, ich bitte dich, jetzt fang du nicht auch noch mit irgendwelchen bescheuerten archaischen Männerritualen an. Dann schrei ich, damit der Kater bei dir so richtig was zu tun bekommt, du... du Idiot, du.

Auch wenn es absolut unpassend war, Mehdi musste nach der gepfefferten Haasschen Ansage plötzlich lachen, weil Gretchen so unglaublich süß aussah, wenn sie wütend war und nicht gleich die richtigen Argumente fand. Aber seine Reaktion machte seine Freundin nur noch rasender. Mit wild auffunkelnden Augen blitzte sie den Spaßvogel an, der plötzlich einen seltsam verklärten und ernsten Gesichtsausdruck annahm und nach ihren Händen griff, die er nun sanft drückte. Irritiert blickte die schöne Blonde darauf und dann wieder in seine kastanienbraunen Augen, die sie eindringlich anschauten.

Gretchen: Mehdi, egal was du jetzt sagst, es gibt nichts, aber auch gar nichts, was das hier wiedergutmachen könnte.
Mehdi (lächelt sie ruhig an): Und wenn doch? Unser Treffen hatte einen einzigen Grund. Ich hab Marc eingeladen, weil ich ihm etwas unter vier Augen sagen wollte. Etwas, das ich auch dir gerne sagen möchte, Gretchen.
Gretchen (sieht Mehdi irritiert an): Und was, wenn ich fragen darf?
Ich will es gar nicht wissen. Ich will gar nicht wissen, was ihr gestern alles angestellt habt.
Mehdi (drückt Gretchens Hände fest u. strahlt seine beste Freundin aus leuchtenden Augen an): Gretchen, Marc und ich, wir haben gestern auf meine Vaterschaft angestoßen und ja, vielleicht auch ein bisschen zu viel gefeiert. Das tut mir leid, aber nicht, warum wir uns getroffen haben. Ich war nur so heilfroh, dass er mir nicht gleich den Kopf abgerissen hat. Verstehst du?

Es dauerte einen Moment, bis Gretchen verstand, was Mehdi ihr gerade ungeschickt mitzuteilen versucht hatte. Ihre himmelblauen Augen weiteten sich ungläubig, als sie den strahlenden Mann ganz genau anschaute, der ihr jetzt, als sie zu begreifen begann, bestätigend zunickte und nicht mehr aufhören konnte zu lächeln. Und dann, wie aus dem Nichts rüttelte ein greller Schrei Marc unter der Dusche auf. Er hatte gerade seine schweren Augenlider geschlossen und genoss das kühlende prickelnde Gefühl, dass das kalte Wasser auf seiner Haut erzeugte. Der gestrige Abend schien auf einmal meilenweit entfernt zu sein. Ebenso wie Mehdis Worte und die wahren Alkoholdimensionen, denen er und sein Kumpel gestern noch gefrönt hatten, und auch der puckernde Kopfschmerz, der ihn bis eben noch malträtiert hatte und jegliche Erinnerung an den Ausgang des Männerabends blockierte. Doch plötzlich folgte ein weiterer kreischender Aufschrei seiner Freundin. Und noch einer hinterher, der von einem Beben des Fußbodens begleitete wurde. Marc musste einfach lächeln, weil er genau wusste, was das zu bedeuten hatte. Er stellte das Wasser ab, nahm sich schnell eins der Handtücher, trocknete sich notdürftig damit ab und wickelte es sich anschließend um seine Hüften und öffnete die Tür. Der Anblick, er sich ihm nun bot, wunderte ihn nicht im Geringsten. Sein Gretchen lag in den Armen seines Freundes und weinte diesem den hässlichen grauen H&M-Pullover voll. Und es störte ihn nicht. Er klopfte Mehdi nur freundschaftlich auf die Schulter. Auch der Halbperser hatte dicke Tränen in den Augen, als er sich zu Marc umdrehte und diesen verschämt anlächelte. Die beiden Freunde lösten sich voneinander. Ein strahlendes Häschenlächeln streifte nun den nackten Oberarzt, der seine verheulte Freundin intensiv in Augenschein genommen hatte. Mehdi räusperte sich verlegen, verschwand kurz in einem der angrenzenden Zimmer, kam postwendend zurück und gab seinem breit grinsenden Kumpel etwas Neues zum Anziehen, bevor er sich selber kurz bei seinen Freunden entschuldigte, um sich nun ebenfalls frisch zu machen. Gretchen sank derweil in die Arme ihres Liebsten und schaute stolz und glücklich zu ihm hoch.

Gretchen: Wie schön!
Marc: Ich weiß.

Marc stupste lächelnd mit dem Zeigefinger Gretchens Nasenspitze an, senkte dann seinen Kopf ein wenig und gab seiner hinreißenden Flenntüte einen zärtlichen Kuss auf den Mund, ehe er widerwillig das modisch fragwürdige Kleidungsdesaster seines Freundes überzog, weil er schon den Schlüssel im Türschloss vernahm und weitere Peinlichkeiten, insbesondere vor seinem kleinen Fan, vermeiden wollte. Gabi und Lilly waren mit reichlich gefüllten Brötchentüten zurück und die Nettere der beiden nahm ihn gleich wieder voll in Beschlag und zerrte den protestierenden Arzt in ihr Kinderzimmer, wo sie ihm jetzt vorspielen wollte, was sie schon alles Tolles im Gitarrenunterricht gelernt hatte. Das kleine Männlein mit dem Schlagbohrer in seinem Kopf würde sich freuen. Und nicht nur er. Vergnügt lächelnd half Gretchen Mehdis Freundin in der Küche bei der Vorbereitung eines ausgedehnten Katerfrühstücks und beglückwünschte sie dabei auch gleich mit einer spontanen herzlichen Umarmung zu deren Schwangerschaft.

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