Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Willkommen im Doctor´s Diary Fan-Forum!
Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 1.606 Antworten
und wurde 489.897 mal aufgerufen
 Erfindet eure eigene Fortsetzung!
Seiten 1 | ... 54 | 55 | 56 | 57 | 58 | 59 | 60 | 61 | 62 | 63 | ... 65
Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

09.11.2013 14:25
#1451 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Eine Woche später

Mein liebes, allerliebstes Tagebuch,

kennst du mich noch? Ich bin das kleine dicke Mädchen in dem rosafarbenen Hausanzug, das dir seit über zwanzig Jahren treu zur Seite steht und dir regelmäßig über den alltäglichen Wahnsinn berichtet, der ihr Tag ein Tag aus widerfährt. Ich weiß, es ist ruhig um mich geworden und ich hab dich schon so lange nicht mehr zur Hand genommen. Das tut mir auch wirklich wahnsinnig leid. Aber ich finde einfach keine Zeit mehr für dich, seitdem ich alles, was mich bewegt, mit Marc bespreche. Ja, Marc ist schuld! Hihi! Diesen Satz hast du bestimmt schon an die hunderttausend Mal von mir gehört, aber nie in diesem überraschend positiven Sinne, in dem ich ihn jetzt benutze. Marc kann so ein guter Zuhörer sein, also, wenn er will und einmal ernsthaft bleibt, was ziemlich selten vorkommt, aber das stört mich nicht. Du weißt ja, wie sehr ich diesen Quatschkopf liebe, gerade weil er so ist, wie er ist. Einfach Marc pur. Hach... Leider ist er momentan auf wichtiger Familienmission unterwegs. Was heißt hier „leider“, natürlich meine ich dies auch wieder nur rein positiv. Er versucht seine Mama wieder zur Vernunft zu bringen und will ihr beistehen. Und das rechne ich ihm hoch an. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie stolz ich auf ihn bin. Wenn nur die Sache mit dem Vermissen nicht wäre, die von Tag zu Tag schlimmer wird und die ich ihm nur ungern zeigen möchte, weil es wirklich wichtig ist, was er macht. Ich muss für ihn stark bleiben. Marc ist jetzt schon eine ganze Woche weg. Gefühlt seit Wochen! Ich mag gar nicht daran denken, dass es vermutlich tatsächlich noch Wochen dauern wird, bis er wieder zu mir zurückkehrt. Und das ist auch der Grund, warum ich dich aus dem Bettkastenversteck wieder hervorgeholt habe. Es gibt einfach Dinge, die ich unbedingt loswerden möchte. Sonst platze ich noch. Also fange ich einfach mal damit an. Es kann ja nicht so schwer sein. Tagebuch zu schreiben, das verlernt man doch nicht so leicht, oder? Blöde Frage, natürlich nicht.

Kennst du das, wenn du denkst, alles, was schief gehen kann, geht mit einem Mal schief und man kann gar nichts dagegen tun, um das drohende Unheil noch aufzuhalten? Obwohl man doch eigentlich geglaubt hat, das Gute im Menschen würde endlich siegen. Aber das passiert wahrscheinlich nur im Märchen oder in Heile-Welt-Serien im Fernsehen. Die Realität lebt doch davon, dass einer nach dem anderen mal so richtig auf die Nase fällt, um dann mühsam wieder aufstehen zu müssen. Das Leben nennt das Erfahrungen, aus denen man für die Zukunft etwas lernen soll. Pff! Als ob ich nicht schon genug Lebenserfahrungen gesammelt hätte. Wenn ich jetzt anfangen würde, alles aufzuzählen, was meinen Weg zugepflastert hat, dann würde ich vermutlich noch die nächsten vier Jahre damit zubringen. Warum muss es immer auf mich zurückgreifen? Das ist echt unfair. Aber wahrscheinlich liegt es daran, dass Marc unser Glücksband mit in sein Gepäck gepackt hat. Er braucht es jetzt mehr denn je und das ist auch okay so. Aber es ist doch kein Zufall, dass es eine Katastrophe nach der anderen regnet, seitdem er weg ist. Ich hab das Gefühl, die ganze Welt hat sich gegen mich verschworen und ich weiß überhaupt nicht, warum. Wieso muss das Universum immer mich als Fußabtreter benutzen? Weil ich ja so ein dickes Fell habe? Wobei die Betonung „dick“ dabei ganz besonders hervorzustechen scheint, würde Marc wohl darauf erwidern, wenn er jetzt hier bei mir wäre. Es fängt ja schon mit ganz banalen Dingen an, über die man sich ärgert, wie zum Beispiel diesen hier:

Wochenlang hat man auf die Zalando-Bestellung gewartet, um sich schick mit den neusten Trends für den Frühling einzudecken, um dann aber enttäuscht feststellen zu müssen, wenn man das riesige Paket hastig aufgerissen hat, dass alles eine Nummer zu klein geliefert worden ist, als es eigentlich auf den Etiketten steht. Als Verbraucherin fühlt man sich dann schon ein kleinwenig verarscht. Gibt es denn gar keine Normgrößen mehr? Egal, wohin man auch geht, ob in Geschäfte in Berlin oder in Onlineshops, überall ist die eigene Kleidergröße entweder viel zu eng geschnitten oder fällt zu groß aus oder passt gleich gar nicht zu seinem komischen Körper. Und ich habe einen ganz besonders komischen Körper, habe ich zunehmend das Gefühl. Ich muss nicht erwähnen, wie demütigend es war, mich vorgestern im Lager mit einem neuen Kittel, und dann auch noch eine Größe größer als sonst, eindecken zu müssen, weil bei einer Wiederbelebung die Schwerkraft die schlecht angenähten Knöpfe gesprengt hat, und dass man dort auch noch ausgerechnet auf Schwester Gabi treffen musste, die sich warum auch immer gerade ebenfalls neu eingekleidet hat und einem beim zufälligen Blick auf das Größenetikett gleich noch einen Spruch reingedrückt hat, nach dem man sich dann noch fieser fühlt, als man sich eh schon gefühlt hat. Man steigert sich hinein - natürlich, du kennst mich ja - und eine Diskussion entbrennt ganz automatisch, die man sich eigentlich schon von Beginn an hätte sparen können, um nicht in selbst aufgemachte Fettnäpfchen zu purzeln. Ich hätte mich nicht mit Marc über diese Unsitte der Modefirmen unterhalten sollen. Gerade er, der sogar in einem Kartoffelsack noch rattenscharf aussehen würde und der es sich nie nehmen lassen kann, mich wegen meiner angeblich so sexy Rundungen aufzuziehen. Der Blödmann hat sich gestern Abend gar nicht mehr eingekriegt vor Lachen. Dabei ist das so ein wichtiges Thema, mit dem sich Modezeitschriften mal befassen sollten. Also hab ich meine Drohung von neulich diesmal wahr gemacht. Ich hab den Stecker gezogen.

Gut, es war kein Stecker im Sinne von einem Stecker in der Steckdose. Ich hab nur den Deckel von meinem Klappcomputer zugeklappt, aber symbolisch kann man das doch schon durchaus so bezeichnen. Außerdem war ich im Recht. Was kommt der mir auch mit der ollen Vorgeschichte von Bines Kostümfest. GRRR!!! Barocke Kleider tragen eben auf und das „Bezaubernde Jeanny“-Outfit nicht. Daraufhin hatte der Macho natürlich Blut geleckt und wollte unbedingt Beweise sehen. GRRR!!! Manchmal macht der Kerl mich echt wahnsinnig. Aber nicht mit mir! Er will doch nur wieder, dass ich mich vor seiner Kamera ausziehe. Das versucht er schon die ganze Woche. Aber nicht in tausend Jahren und nicht solange solche seltsamen Gebilde auf den Dächern der Botschaften in Berlin stehen! Und da ich mir nicht schon wieder nachsagen lassen wollte, dass ich viel zu leicht zu schmollen anfange, hab ich mein Handy gleich auch noch ausgeschaltet und das Festnetztelefon ignoriert. Püh! Mit ignoranten Männern rede ich nämlich nicht. Und das habe ich auch meinem doofen Bruder gesagt, als er gestern Abend zum sechsten Mal genervt die Treppe erklommen hat, um mir mein klingelndes Telefon zu reichen. Schon süß, dass Marc keine Ruhe geben kann, bis wir wieder gut miteinander sind. Hach... Marc! Wie oft ich seinen Namen wohl schon hier rein geschrieben habe? Nicht schwach werden, Gretchen! Ja, doch! Ich habe nämlich auch Werte und Prinzipien. Und das habe ich auch einem verständnislosen Jochen zu verklickern versucht, mit dem ich übrigens auch jegliche Kontaktaufnahme strikt abgelehnt habe. Wenn er sich schon so bescheuert benimmt, dann hat er es auch gar nicht anders verdient. So ein Vollpfosten! Also ich glaube mittlerweile, er ist als Kind einmal zu viel vom Wickeltisch gepurzelt. Wie kann man nur so blöd sein? Tja, und schon wäre ich bei den wahren Katastrophen dieser Woche angelangt. Dem Grund für meine äußerst „gute“ Laune, die ich heute mit dir teile.

Aber bevor ich dazu komme, fange ich erst einmal der Reihe nach an. Ich bin eigentlich ganz gut in die Woche gestartet. Ich war noch total beflügelt von meinem Abend mit Marc, der so schön geendet hat. Dass man sich mit ihm so toll unterhalten kann - den einen oder anderen Meierschen Aussetzer lasse ich mal weg -, ist echt faszinierend. Ich hab auch direkt von ihm geträumt. Wir waren wieder in diesem tollen Haus am See. Diesmal nicht im Winter, sondern im Sommer. Aber es war mindestens genauso schön wie in der Weihnachtszeit. Die Sonne glitzerte im Wasser, in das ich vom Steg aus immer meinen großen Zeh eingetunkt habe. Für meine Verhältnisse war das Wasser noch zu kalt, aber Marc schien das nicht sonderlich etwas auszumachen. Er tobte wie ein kleines Kind in dem See herum und versuchte mich zu ärgern, indem er immer wieder mit Wasser spritzte. Ich bin dann kreischend von meinem Liegestuhl aufgesprungen und kichernd weggelaufen. Den wackeligen Steg entlang bis zum rettenden Ufer, von wo aus ich die Wasserratte genüsslich dabei beobachten konnte, wie sie wie ein wahr gewordener Gott aus den Fluten emporgestiegen ist. Ich muss dir nicht verraten, wie umwerfend dieser Anblick gewesen ist. Die kleinen glitzernden Wasserperlen auf seiner gutgebräunten von der Sonne angestrahlten Haut, die langsam sein gestähltes Sixpack hinabkullerten. Sein knackiger Po in der engen Badeshorts. RRR!!! Ich war so mit Sabbern beschäftigt, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie er plötzlich direkt vor mir stand. Ich spürte nur die kalten Wassertropfen, die von seinen nassen Haaren auf mich herabrieselten und mein Gesicht benetzten, welches ich ihm daraufhin ungläubig entgegengereckt habe. Ich blickte direkt in das stechende Paar grüner Smaragde, die mich fesselnd studierten. Sein „Na zufrieden mit dem, was du siehst“ ließ mir einen Schauer nach dem anderen den Rücken hinunterlaufen. Ich schluckte schwer und bekam kein gescheites Wort heraus. Ich schaute einfach nur gespannt dabei zu, wie sein selbstzufriedenes Grinsegesicht immer näher kam und ich dadurch immer nasser wurde, wodurch ich noch mehr zitterte als allein schon durch seine bloße Anwesenheit. Bis sich unsere Lippen schließlich fast berührten....

Es war echt frustrierend, dass ich genau in dem Moment durch ein seltsames Piepsen abrupt aus meinem REM-Schlaf gerissen worden bin. Ich hab erst am Morgen festgestellt, dass das wohl am Akku meines Laptops gelegen hat, der sich ausgerechnet in dem Augenblick verabschiedet hatte. Blödes Teil! Leider fand ich danach nicht mehr in meinen Traum zurück. So sehr ich es auch versucht habe. Aber man kennt das ja, wenn man sich zwingt, unbedingt einschlafen zu wollen, klappt das nie gleich und man wälzt sich ewig unruhig hin und her. Gefühlte Stunden und zig gegen Holzlattenzäune rennende Schafe später fand ich mich statt an unserem Haus am See auf dieser wunderschönen blühenden Kornblumenwiese wieder, auf der ich mich neulich schon in eine romantische Hochzeitszeremonie geträumt hatte. Diesmal war ich alleine dort. Von dem weißen Pavillon und meinen Freunden war keine Spur. Ich trug eines dieser luftigen roséfarbenen Sommerkleidchen, die ich mir im Internet bestellt hatte. Im Traum passte es natürlich wie angegossen. Ich fühlte mich pudelwohl in meiner Haut und bin fröhlich wie ein kleines Mädchen mit wehendem Haar über das weite Feld getobt, blieb immer wieder stehen und genoss mit ausgebreiteten Armen die warmen Sonnenstrahlen und das atemberaubende Blumenmeer, in das ich eintauchen wollte. Ich pflückte Blumen, als ich im Augenwinkel bemerkte, dass ich doch nicht so allein war, wie ich anfangs gedacht hatte. Auf dem kleinen Hügel in der Nähe tauchte plötzlich Marc auf. Natürlich anbetungswürdig wie ein junger Gott in dem engen weißen leicht aufgeknöpften Hemd, das er zu seiner Jeans trug. Er lehnte lässig an der großen Weide, deren lange dünne Äste bis zum Boden reichten. Er kaute an einem Grashalm und als er mich entdeckte, stützte er sich vom Stamm ab und schritt langsam barfuss auf mich zu. Ich lächelte ihn verliebt an und winkte ihm heftig mit meinem wunderschönen Blumenstrauß zu. Natürlich konnte ich es bei dem sexy Anblick nicht mehr länger erwarten und rannte stürmisch auf ihn zu und just in dem Moment, als ich ihn umrannte und wir laut lachend butterweich aufeinander im Gras landeten, klingelte mein Handy. Wieder nix mit einem Marc-Kuss, aber dafür hatte ich jetzt selbigen in echt an der Strippe. Hihi! Das tröstete mich dann doch über das erneute abrupte Aufwachen hinweg.

Marc war so ein Morgenmuffel! Anstatt mir einen schönen guten Morgen zu wünschen und mir, wie es sich gehört, Komplimente zu schenken, musste er sich natürlich erst einmal lautstark darüber beschweren, dass ich einfach so ohne seine Erlaubnis während seiner Gute-Nacht-Geschichte eingeschlafen bin und dann auch noch dreisterweise die Verbindung gekappt habe, was ich, wie bereits erwähnt, natürlich nicht getan habe. Denn als er am Morgen aufgewacht war, war ich nicht mehr da. Er hörte gar nicht mehr auf zu meckern und zu nölen wie ein trotziger kleiner Junge. Ich würde ihm jetzt einmal Aufwachen schulden, hat er gesagt. So ein Spinner! Aber süß ist es ja schon, dass er die ganze Zeit die Internetverbindung offen gehalten hat. Nur damit ich bei ihm bin und er über mich wachen konnte. Fast so als hätten wir tatsächlich nebeneinander geschlafen. Hach... Hab ich schon erwähnt, wie süß er ist? Nein? Marc Meier ist soooooo süüüüüüss! Der süßeste Mann auf der ganzen weiten Welt! Hihi! Leider darf man ihm das nicht vor dem ersten Kaffee des Morgens sagen, aber ich hab’s trotzdem getan. Mit der entsprechenden Meier-Reaktion natürlich. Hihi! Kein Wunder, dass ich am Dienstag wie ein Honigkuchenpferd durch die Gänge des EKHs geschwebt bin. Gabi hat dazu nur sichtlich genervt gemeint, ob ich neuerdings für Zahnpastawerbung posieren würde. Denn mein Dauergrinsen kann ja nicht gesund sein. Da war wohl jemand mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden. Ich weiß auch nicht, was mit der momentan los ist. In einem Moment ist sie nur fies und kratzbürstig zu einem und kaum steht Mehdi in der Tür wird sie ganz handzahm und liebenswürdig und ist selber das Model für die Zahnpastawerbung. Schon erstaunlich, wie gut er sie im Griff hat und damit meine ich nicht, dass Mehdi es keine Minute aushält, sie nicht anzufassen und in den Arm zu ziehen und mit ihr zu turteln wie ein verknallter Teeny. Süß! Die zwei sind einfach nur süß.

Was man von einem anderen ungekrönten Traumpärchen im EKH leider nicht behaupten kann. Das Sprichwort, was sich neckt, das liebt sich, sollte noch einmal überarbeitet werden. Denn die beiden überstrapazieren es schon ein wenig. Und das ist noch die Untertreibung! Ich weiß auch nicht, wie die das immer anstellen. Irgendwann muss doch auch mal gut sein. Also mir wäre das auf die Dauer echt zu stressig. Maria und Cedric waren nämlich schon wieder im Clinch, als ich meiner guten Freundin mit Blümchen und magenschonendem Muffin (nach einem Spezialrezept meiner Mutter!) einen Genesungsbesuch abstatten wollte. Ich habe mich gleich wieder dezent zurückgezogen, als ich vorsichtig an der Tür gelauscht habe, ehe ich noch in ihren Dauerdisput hineingezogen werde. Dr. Hassmann macht jeden damit verrückt, frühzeitig entlassen werden zu wollen, was in ihrem aktuellen Zustand natürlich absolut indiskutabel ist. Das Fieber war im Laufe der Woche noch einmal hochgegangen und Mehdi hat nach der Umstellung der Antibiotikabehandlung ihren Aufenthalt bei uns noch einmal um eine Woche verlängert. Sicher ist sicher. Man muss diese sture Person einfach im Auge behalten, wenn man bedenkt, was alles passiert ist. Schließlich trägt sie jetzt Verantwortung für zwei. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass die Frau Oberärztin damit natürlich absolut nicht einverstanden war und es regelrecht als Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte gedeutet hat. Aber eine Drohung, meinen Vater mit in die Behandlung seiner besten Neurochirurgin einzubeziehen, hat schließlich gefruchtet. Jetzt schmollt sie nur noch mit mir und Mehdi.

Naja, wir werden es schon überleben. Und was mit Cedric ist, ich glaube, er tut Maria trotz alledem ganz gut. Auch wenn sie dies vor anderen, also vor allem vor mir, konsequent leugnet und es sie sichtlich nervt, dass er jede freie Minute seiner viel beschäftigten Dienstzeit in ihrem Zimmer verbringt, das man schon fast als neue Zentrale der Neurologie bezeichnen kann. Er hat halt viel nachzuholen. Ich kann ihn da voll und ganz verstehen. Ich würde es genauso handhaben an seiner Stelle. Dr. Stier ist das zweite Honigkuchenpferd bei uns im EKH, das sich auch nicht scheut, dies offen zur Schau zu tragen. Ich finde das so toll, wenn Männer zu ihren Gefühlen stehen. Davon sollten sich andere, und einer ganz speziell, mal eine große Scheibe abschneiden. Die Gerüchteküche brodelt jedenfalls gewaltig. Dass die beiden zusammen sind, hat sich nämlich wie ein Lauffeuer verbreitet und hat Dr. Fuchs und Oberschwester Stefanie auf Safari von Platz eins der Klatschblätter verdrängt. Ich will nicht wissen, was passiert, wenn erst die Runde macht, dass auch schon Nachwuchs unterwegs ist. Ich glaube, an diesem Trauertag für die weibliche Belegschaft nehme ich mir frei. Hihi!

Zum Glück hat ihr gemeinsames Baby die Strapazen ganz gut überstanden. Nachdem sich Maria endlich abgeregt und die Situation murrend akzeptiert hat und ich sie wieder beim heimlichen Knutschen mit ihrem Freund (Hihi!!!) erwischt habe, durfte ich sogar einmal kurz auf das Ultraschallbild gucken. Das Kleine ist so süß, also das, was man auf dem Foto jetzt schon erkennen kann. Erstaunlich, wie weit es schon ist, was ja bedeuten würde, dass die beiden schon viel länger... Hmm... interessant! Jedenfalls war das so aufregend. Am liebsten würde ich mit ihr tauschen wollen. Ja, ich geb’s zu, ich wünsche mir auch mehr denn je so ein kleines Wunder der Natur. Obwohl ich mir schon ausmalen kann, wie es Maria erst damit gehen muss. Das bedeutet schon eine riesige Umstellung. Gerade für eine emanzipierte Karrierefrau wie sie, die ganz genaue Vorstellungen und Pläne für ihr Leben hat. Aber manchmal hat das Leben eben andere Dinge mit einem vor. Das macht es doch gerade erst so spannend. Ich hab ihr gesagt, dass ich sie auf jeden Fall unterstützen werde, egal, was sie braucht oder wenn sie Entlastung will, dann bin ich für sie da. Aber ich denke, es ist noch zu früh, sich darüber Gedanken zu machen. Jetzt ist erst einmal wichtig, dass sie wieder richtig gesund wird und zu Kräften kommt und sie sich an die neue Situation mit Cedric und den Kindern gewöhnt. Sie hat es nicht offen zugegeben, aber ihr ist wohl doch noch etwas mulmig zumute, Sarah bei ihm zu wissen, ohne direkt eingreifen zu können. Aber ich habe den Eindruck, er meistert das ganz gut. Und Sarah, wie sollte es auch anders sein, ist natürlich begeistert von ihrem Papa und ihrer kleinen Halbschwester.

Nur leider hat sich das Problem mit dem Kindergarten noch nicht klären können, die auf die Schnelle noch keine Ersatzlocation gefunden haben, so dass Sarah die ganze Woche unsere Station auf den Kopf gestellt hat, während Cedric arbeiten musste. Aber nach einem Machtwort von meinem Vater, dass seine Klinik kein Spielplatz sei und Mamas Entschlossenheit, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, war der Spuk auch schon wieder beendet. Sarah bekam die offizielle Erlaubnis, im Spielzimmer der Pädiatrie bleiben zu dürfen, und sie hat sich rührend um die kleinen Patientinnen gekümmert, mit denen sie gleich eine Reihe von neuen Freundschaftsbanden geknüpft hat. Sie will jetzt übrigens Kinderärztin werden. Süüüüß! Ich könnte die süße Knutschkugel stundenlang abknutschen, wenn so etwas aus ihrer Zuckerschnute herauskommt. Meine Mama hatte die ganze Zeit ein Auge auf den süßen Spatz. Kinderbetreuung liegt Mama eh besser als die eigentliche Arbeit im Krankenhaus, mit der sie, seien wir doch mal ehrlich, noch nie wirklich warm geworden ist. Jedenfalls lenkt die Beschäftigung sie von ihrem eigenen Sorgenkind ab. Ja, und ich kann es nur noch einmal ausdrücklich betonen, das bin diesmal nicht ich! Ich bin nicht mehr das schwarze Schaf der Familie. Yeah! Diesen erfolgreichen Job hat jetzt mein dämlicher Bruder übernommen. Und zwar mit aller Konsequenz und Ignoranz! Und da wären wir auch schon beim eigentlichen Thema angelangt, an dem die anfänglich so tolle harmonische Woche langsam eine gefährliche Kurve genommen hat und letztendlich nur noch in Turbogeschwindigkeit den Berg runtergehen konnte. Bis zum Knall. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich war so zuversichtlich gewesen, dass Jochen den Konflikt mit seiner Freundin beilegen würde. Er war auch so glücklich, als er mir am Frühstückstisch erzählt hat, dass er ihr eine Sms geschrieben hat, in der er vorsichtig um ein Treffen gebeten hat, um noch einmal über alles zu reden, was er verbockt hat. Mein kleiner Bruder zeigt Reue und Schneid! Wahnsinn! Es geschehen noch Zeichen und Wunder, hab ich gedacht und ihm ordentlich Mut zugesprochen. Ich weiß ja, dass er das braucht, um überhaupt in die Pötte zu kommen. Ich habe jedenfalls die Daumen gedrückt, während Jochen still weiter vor sich hin gelitten und Mamas Vorräte geplündert hat. Chantal hatte sich nämlich sehr viel Zeit mit ihrer wohl überlegten Antwort gelassen. Ich hätte es genauso gemacht. Frauen können so herrlich verschlagen sein. Hihi! Du hättest Jochen mal erleben sollen, als er am Donnerstagabend endlich eine Reaktion von ihr zurückbekommen hat. Ich habe glatt mein Video-Date mit Marc deswegen vergessen. Wir haben uns in unserer Euphorie nämlich eine ausgeklügelte Strategie ausgedacht und als moralische Unterstützung habe ich am Freitag extra meine Mittagspause nach hinten ausgedehnt. Sie wollten sich zum Mittagessen in der Cafeteria treffen. Mehdi und Gabi, die bekanntlich auf Chantals Seite stehen, hatten dieselbe Idee und so saßen wir drei Tische hinter dem Pärchen und haben alles intensiv beobachtet.

Die Verhandlungen fingen auch recht gut an. Jochen trug mit jugendlichem Dackelblick seinen Monolog vor, den wir ewig geprobt hatten, bis alle entscheidenden Punkte richtig gesessen hatten, und bewies dabei auch glaubhaft Reue für seine Fehler. Das ist doch genau das, was Frauen hören wollen. Er hatte sich wahrlich einen Schnellschuss geleistet, der ihm irgendwie aus dem Ruder gelaufen war, je länger er darüber nachgedacht und ihm sein Entschluss, mit ihr zu leben und für die kleine Familie zu sorgen, immer mehr gefallen hatte. Mein kleiner Bruder wird tatsächlich erwachsen und verhält sich sogar richtig verantwortungsbewusst. Mein Stolz hätte nicht größer sein können. Man muss ja dazu sagen, dass er vorher noch nie eine ernsthafte Beziehung geführt hat, die länger als zwei Monate gedauert hat. Mit Ausnahme von Susi, über die er ewig nicht hinweggekommen ist, nachdem sie ihn für jemand anderen sitzengelassen hat, weil er angeblich den Arsch nicht hochkriegen würde mit seiner ewigen In-den-Tag-hin-Leberei. Ich konnte diese furchtbare Person noch nie sonderlich leiden. Das ist mit Chantal ganz anders. Ich mochte sie vom ersten Moment an. Wie sie Mehdis Geburtstagsparty aufgemischt hat, herrlich. Sie ist sehr sympathisch, überhaupt nicht auf den Mund gefallen und ein bisschen verrückt. Sie sagt offen, was sie denkt. Das mag ich sehr. Sie ist wirklich eine ganz Liebe, die durch ihr Schicksal manchmal viel erwachsener wirkt, als sie mit ihren achtzehn Jahren erst ist. Ich finde, die beiden passen gut zusammen. Ich würde fast behaupten, sie ist die perfekte Ergänzung für unseren ewigen Tagträumer. Schließlich weckt sie in ihm Dinge, die ich und Mama nie für möglich gehalten hätten. Und Papa wird das auch noch sehen, wenn er endlich mal seine Augen richtig aufmacht. Chantal hat Jochen jedenfalls ganz genau zugehört, hat hier und da genickt und seine gute Motivation erkannt. Dann war sie an der Reihe, ihm ihre Sicht der Dinge zu erläutern. Es schien mir auch so, als hätte er verstanden, dass sie sich von seinen eigenmächtigen Plänen völlig überrollt gefühlt hat, wie mir Gabi im Vertrauen am Tisch bestätigt hat. Sie ist noch so jung, bringt aber schon einen Berg an Erfahrungen mit sich. Natürlich ist man dann vorsichtig, wenn jemand plötzlich ihr Leben, das sie sich mühsam aufgebaut und erkämpft hat, in die Hand nimmt und es völlig auf den Kopf stellen will, ohne auch nur einmal zu fragen, was sie eigentlich will. Ich glaube, es hat auch endlich bei meinem Brüderchen klick gemacht. An dem Punkt schien es fast so, als wären die Wogen geglättet und ich hab innerlich schon Purzelbäume geschlagen, als Jochen sogar mutig nach Chantals Hand gegriffen hat und sie diese nicht gleich weggestoßen hat.

So saßen sie dann eine ganze Weile schweigend da, lächelten sich immer wieder scheu an und widmeten sich ihrem Essen. Das Happy-End war schon in Sichtweite. Mehdi und ich wollten schon beruhigt wieder unseren Dienst aufnehmen. Gabi war bereits eher gegangen. Ihr ging es nicht so gut an dem Tag. Sie sah auch ganz käsig aus und hat keinen Happen herunterbekommen. Obwohl es ihr Lieblingsessen gab und ich sie neulich erst mehdilike wie ein Scheunendrescher hab futtern sehen. Naja, momentan geht ja auch was rum im Klinikum. Ein Wunder, dass ich mich nach dem Abend mit Marc in der Scheune nicht noch erkältet habe. Das hätte mir zu meinem Glück noch gefehlt. Aber zurück zum Thema. Mehdi und ich standen gerade von unserem Tisch auf und brachten unsere Tabletts weg. Wir waren gar nicht weit von Jochens Tisch entfernt, als plötzlich alles unerwartet eine ganz, ganz andere Richtung nahm. Wie bei einem schweren Unfall. Man sieht noch die Bahnschranken heruntergehen, bleibt aber trotzdem wie angewurzelt auf den Schienen stehen, obwohl der heranrasende Zug immer näher kommt. Man kneift die Augen zusammen, spürt die Lichter und rumms...

Ich bin jetzt noch stinksauer und ich will nicht wissen, wie es Chantal damit wohl erst gehen muss. Ein einzelner unüberlegter Satz, der so überhaupt nicht in unserem Drehbuch gestanden hat, hatte eine unheilvolle Wirkung wie ein Schlag mitten ins Gesicht. Folgendes ist passiert und ich schwöre es, es passierte wirklich in Zeitlupe. Dr. Stier saß auch an einem der Tische in der Cafeteria. Er hatte Sarah und seine andere Tochter bei sich, die er gerade liebevoll aus einem Gläschen fütterte. Angehimmelt von der anwesenden Schwesternschaft versteht sich. Jochen muss echt blind gewesen sein, dass er das nicht mitbekommen hat. Chantal hatte den Familienvater jedenfalls zuerst entdeckt und ihm und den Kindern zugewunken, die gerade schwer mit ihrem Essen beschäftigt waren. Cedric nickte freundlich zurück und versuchte gleichzeitig die kleine Zappelphilippine mit dem großen Heißhunger auf seinem Schoss zu halten. Es war also eigentlich auf den ersten Blick eine ganz harmlose Situation. Eigentlich! Chantal lächelte augenzwinkernd zurück und deutete auf die Kiddies. Cedric erwiderte es mit dem breiten Grinsen eines stolzen Familienvaters, der endlich wieder all seine Lieben um sich hatte. Irgendetwas muss in dem Augenblick, als die beiden so harmlos miteinander kommunizierten, bei meinem selten dämlichen Bruder ausgesetzt haben, denn er warf seiner unschuldig dreinblickenden Freundin plötzlich vor, dass er jetzt endlich gerafft hätte, worin ihr eigentliches Problem bestanden hätte, sich nicht ganz zu ihm bekennen zu wollen. Er wäre doch bloß der Platzhalter, bis sich was Richtiges ergeben würde. Und dann setzte der Idiot noch nach, dass sie doch schon die ganze Zeit scharf auf den Stier gewesen sei und ständig dessen Nähe suchen würde. Mehdi und mir sind echt die Gesichter eingeschlafen und wir dachten, wir befinden uns im falschen Film. Ich hab immer nach Kameras Ausschau gehalten, aber da war nichts. Der Zug kam lautlos auf uns zu und fuhr uns um. Es war mucksmäuschenstill in der Cafeteria. Zumindest war das mein subjektiver Eindruck. Nur Chantal blieb cool. Mit eisigem Blick stand sie von ihrem Platz auf und man hörte nur noch das Echo des lauten Klatschens einer fest zuschlagenden flachen Hand. Im nächsten Moment war sie auch schon aus der Cafeteria verschwunden und die Tür krachte ins Schloss.

Ich hab ganz deutlich gesehen, als sie an uns vorbeigehuscht ist, dass sie Tränen in den Augen hatte und unendlich enttäuscht von Jochen gewesen war. Und ich war es auch. Wie kann man(n) nur so bescheuert sein, hab ich gedacht. Sie gibt ihm eine zweite Chance und reicht ihm die Hand und er verhält sich wie der letzte Depp. Meine Füße haben sich wie von selbst in Bewegung gesetzt und im nächsten Augenblick stand ich vor Jochen, der sich noch immer entsetzt eine Wange hielt und mich mit großen ratlosen Augen anstarrte, weil er vermutlich gerade erst in seinem hirnlosen Schädel realisierte, was für einen Bockmist er da eben geleistet hatte. Er konnte dementsprechend gar nicht reagieren. Da hatte ich ihm nämlich schon auf die andere Wange eine schallende Ohrfeige gepfeffert und bin dann auf schnellstem Wege mit einem perplexen Mehdi Chantal hinterher. Aber sie wollte in Ruhe gelassen werden. Das konnten wir verstehen. Also ließen wir sie alleine in den Fahrstuhl steigen. Jedenfalls war das der letzte Beweis gewesen, dass Jochen diese Frau absolut nicht verdient hat. Wieso zum Teufel vertraut er ihr nicht? Wie kommt er denn auf diesen hirnverbrannten Mist? Es ist doch allgemein bekannt, dass die beiden Alleinerziehenden sich ab und an bei der Kinderbetreuung unterstützen, wenn es der eine wegen eines Notfalls nicht rechtzeitig in die Kinderkrippe schafft, um seine Tochter abzuholen. Ich verstehe das alles nicht. Also manchmal habe ich echt den Eindruck, er schmiert sich frühmorgens Marmelade auf sein Stammhirn und isst es dann auf. Hat Jochen denn gar nichts von mir gelernt?

Mein Klatscher hatte jedenfalls mindestens genauso laut geschallt wie der von Chantal und die beiden Handabdrücke waren sogar noch am Abend deutlich auf seinem Gesicht zu erkennen, als er nach dem Spießrutenlauf, den sein Dienst an dem Tag nach seinem peinlichen Aussetzer dargestellt hat, reumütig bei mir zuhause angekrochen kam. Alles andere hatte er auch nicht verdient gehabt. Das hab ich ihm auch deutlich zu verstehen gegeben. Wie kann man(n) sich nur so selbst ein Bein stellen, das ist mir unbegreiflich. Also ich werde ihm in solchen Angelegenheiten sicherlich nicht noch einmal helfen. Das ist doch wirklich vergebene Liebesmüh. Aus dem Schlamassel muss er sich schon alleine wieder herauswinden. Ich stehe ihm nicht mehr zur Verfügung, zumal der liebeskranke Kerl mir auch noch Vorwürfe gemacht hat, ich hätte ja mal was sagen und ihn stoppen können. Pff! Ich bin mittlerweile der festen Überzeugung, er wurde nach seiner Geburt vertauscht. Oder er ist adoptiert worden. Ich weiß es nicht. Aber für so viel Blödheit in einer Person muss es doch eine plausible Erklärung geben. Jedenfalls ist jetzt zwischen mir und Jochen Funkstille. Zumal unser Vater auch noch auf den Plan gekommen war und uns in seinem Büro eine Ansage gemacht hat, die sich gewaschen hatte. Das „Klatschgate“, wie es offiziell auf den Gängen des EKH lautet, hatte sich nämlich ausgebreitet wie ein Lauffeuer und war schneller bei ihm angekommen, als sein Pieper hätte anspringen können. Papa hat es so satt mit unseren ständigen Rangeleien und Beziehungsproblemen, die wir in seinem Haus öffentlich zur Schau tragen. Wenn er je wieder auch nur ein klitzekleines Wort über uns hört, das nicht in den medizinischen Sektor einzuordnen ist, dann würde eine sehr lange Zeit kommen, in der ich nicht mehr in den OP dürfte, Facharztprüfung hin oder her.

Ja, ist das denn zu fassen! Klein-Jochen hat sich einen groben unverzeihlichen Schnitzer geleistet und wer wird ebenfalls bestraft? Ich! Dabei hab ich doch damit gar nichts zu tun. Er ist der Chaosstifter und nicht ich! Aber das ist mal wieder so typisch für unsere Familie. GRRR!!! Aber das Allerschlimmste war, dass Marc Papa auch noch Recht gegeben hat, als ich ihm heulend davon berichtet habe. Er behauptet, ich würde mich ständig mit anderen Dingen auseinandersetzen, anstatt meinen Job zu machen und endlich für die Prüfungen zu lernen, die bald anstehen. Toll! Spielverderber! Deshalb sieht unser Chatabend neuerdings folgendermaßen aus: Er stellt einen Haufen komplizierter Fachfragen und ich muss antworten. Sein ständiges „Nöööt“, wenn ich etwas Falsches sage oder meine an und für sich richtige Antwort in die falsche Richtung geht, geht mir so etwas von auf den Senkel. Aber ich werd's ihm schon noch zeigen. Ich habe so viel Wut im Bauch. Das reicht für hunderte Fallstudien. Und ich habe das ganze Wochenende, an dem er mit seiner Mutter einen erholsamen Ausflug in den Süden gemacht hat, durchgelernt. Mir kam auch zugute, dass Jochen mit mir schmollt. So hatte ich meine Ruhe. Ich glaube, ich bin bestens vorbereitet auf unser Date gleich. Marc meinte, dass er sich als Belohnung für jeden geretteten Patienten bzw. Bestrafung für jeden getöteten Patienten etwas ganz Besonderes ausgedacht habe. Ich habe kein gutes Gefühl dabei. Er hat viel zu viel Zeit, um sich irgendeinen Blödsinn auszudenken.

Wo wir gerade dabei sind, an der Elkefront gibt es nichts Neues. Gesundheitlich ist sie recht stabil. Natürlich ist so eine Strahlenbehandlung kein Zuckerschlecken. Deshalb ist Marcs Idee, sie mit einem Kurztrip in den Süden abzulenken und wenigstens einmal für ein paar Stunden aus der Klinik herauszukommen, auch wunderbar angekommen. Die im Krankenhaus waren sicherlich auch mal ganz froh, die beiden Stressfaktoren für eine Weile los zu sein. Hihi! Die Missverständnisse haben sich übrigens auch in Wohlgefallen aufgelöst. Olivier weiß allem Anschein nach nicht Bescheid und ich denke auch nicht, dass er etwas ahnt, auch wenn er bei unserem Treffen neulich beharrlich nachgefragt hat, wie es eigentlich Marc geht. Das war schon komisch. Als würde er sich ernsthaft Sorgen machen. Ich hab mich aber gut herauswinden können, auch wenn ich mich ziemlich unwohl dabei gefühlt habe. Dass ich keinen Bissen herunterbekommen habe, obwohl es Schokoladencremetorte gab, hat ihn zwar verwundert, aber nicht sonderlich gestört. Er hat mir von seinen Plänen erzählt. Er verfolgt da nämlich so ein Projekt mit seinem amerikanischen Kollegen, der ihn gerade besucht, an dem die beiden wohl schon länger arbeiten und es lenkt ihn offenbar ganz gut von seinem Kummer ab. Ich hab es jedenfalls tunlichst vermieden, ihn auf Elke anzusprechen.

Und selbige weiß mittlerweile ebenfalls Bescheid. Also, was meine angebliche Schwangerschaft betrifft. Ich kann immer noch nicht begreifen, was sich Marc dabei gedacht hat. Ich habe jedenfalls darauf bestanden, selbst mit ihr darüber zu sprechen. Und im Gegensatz zu Marcs Vermutung hat sie es ganz gut aufgenommen, auch wenn sie ewig darauf bestehen wollte, weil ich angeblich neuerdings so „füllig“ aussehen würde. Also wirklich! An die Offenheit der Meier-Fishers will und kann ich mich nicht gewöhnen. Kein Wunder, dass mich das Kleidungsthema momentan fast so sehr aufregt wie Geschwister, die man gerne zur Adoption freigeben würde. Ich liege zwar zwei bis drei Kilo über meiner selbstgewählten Wohlfühlnorm, aber das heißt noch lange nicht, dass ich dick bin. GRRR!!! Das alte Gretchen hätte das sicherlich tierisch gefuchst und sie hätte ihre nur einmal benutzten Joggingschuhe wieder herausgeholt, aber das neue Gretchen steht zu ihren Rundungen. Denn sie weiß ja, wie gut diese bei einer ganz bestimmten Person ankommen. Deshalb ziehe ich den Reißverschluss von meinem Oberteil auch jeden Tag einen Millimeter weiter hinunter. Hihi! Jedenfalls konnte ich meiner „Schwiegermutter“ glaubhaft versichern, dass wir nur darüber nachdenken und unsere Pläne noch nicht in die Tat umgesetzt haben. Also das zwar schon, nur eben noch nicht erfolgreich. Sie hat nur wehmütig genickt, aber ich glaube, sie hat mich endlich an der Seite ihres Sohnes akzeptiert, was wahrlich schon eine schwierige Geburt war. Sie hat mir durch die Blume zu verstehen gegeben, dass sie sich freut, dass sich ihr Marc Olivier ernsthaft Gedanken macht und dass sie erstaunt ist, welchen positiven Einfluss ich auf ihn habe. Ihre Andeutung, dass der Junge umkommt vor Sehnsucht und sie mit seinem hibbeligen Verhalten wahnsinnig macht, hat mir echt den Tag, nein, die ganze Woche, gerettet. Hihi! Sie konnte mich aber nicht davon überzeugen, ihn wieder von ihr abzuziehen. Auch wenn sie alle Register gezogen hat. Aber nicht mit mir! Dahingehend ziehen Marc und ich an einem Strang. Wir würden sie niemals alleine lassen. Zumal sie Olivier immer noch nicht mit einbeziehen will. Jetzt weiß ich, woher Marc seinen Starrsinn hat. Er ist übrigens immer noch ein kleinwenig beleidigt, weil wir den ganzen Nachmittag miteinander telefoniert und uns überraschenderweise auch ganz gut verstanden haben. Hihi! So ein Muttersöhnchen! Ich glaube, ich denke mir auch noch eine fiese Strafe aus, wenn ich ihn gleich mit meinem Fachwissen und meinem grenzenlosen Talent umwerfen werde. Yeah! Ich freu mich schon so. Oh! Ich höre ein vertrautes Geräusch. Marc ist online. Ich bin dann mal weg.........

Bis ganz bald,

dein Gretchen

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

17.11.2013 10:30
#1452 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Eine weitere Woche später

Hey mein liebes Tagebuch,

kann sich bitte, bitte irgendwo ein tiefes Loch auftun und die dicke Frau verschlucken? Ich würde mich am liebsten eingraben und nie, nie mehr hervorkommen. Ich bin so schlecht, schlecht, langsam und schlecht. Ich werde mein Examen nie schaffen. So viel ist sicher. Ich brauche da nächsten Monat gar nicht erst auftauchen. Ich weiß doch genau, wie es ausgehen wird. Ich bin für solche Prüfungssituationen einfach nicht geschaffen. Man kann Nächte lang vorher nicht schlafen, geht dann übermüdet und unkonzentriert da hin, schwitzt vor lauter Angst ganze Liter Wasser aus und wenn man dann zitternd und schlecht frisiert vor der Kommission steht, die über deine Zukunft entscheiden soll, bekommt man vor lauter trockenem Mund kein Wort heraus. Resultat, der Patient ist tot! Die werden mich für vollkommen unfähig und bescheuert halten, dass ich überhaupt auf die irrsinnige Idee gekommen bin, mich als Chirurgin in einer reinen Männerdomäne profilieren zu wollen, und mir versichern, dass ich ganz bestimmt nicht in den OP gehöre. Das Professorentöchterchen mit der Profilneurose wird nie eine richtige Ärztin sein. Vermutlich ende ich so wie Jochen und muss Krankenschwester werden. Da weiß ich wenigstens, dass ich nichts falsch machen kann. Obwohl, naja, Jochen als Beispiel auch nicht unbedingt der hellste Stern unter den Sternen ist. Aber ich will hier auch nichts gegen Krankenschwestern und -pfleger sagen. Die machen einen tollen Job und sind meistens noch näher am Patienten dran als wir studierten Mediziner, die einen nach dem anderen rasch abfertigen und sich nur auf ihr eigenes Ego und nicht auf Sorgen und Nöte ihrer Patienten konzentrieren. Vielleicht finde ich ja da doch meine Berufung? Genau!

Ach menno! Ich weiß ja, dass ich mich ganz unnötig völlig verrückt mache. Ganz so schlecht bin ich dann doch nicht. Sonst hätte Dr. Meier mich doch schon längst unsanft aus seinem Tanzbereich entfernt und mich nur noch niedere Arbeiten machen lassen. Und Papa wäre gar nicht erst auf die fatale Idee gekommen, dass seine Tochter unbedingt als Erste mit der Assistenzzeit fertig werden muss. Als Vorbild für all diejenigen, die noch folgen werden. Was hat er sich nur dabei gedacht? Er weiß doch, dass ich unter Druck vollkommen blockiere. Meine Doktorarbeit hätte ich deswegen auch schon fast versemmelt, wenn mich die olle Frau Behrenbusch bei den „Bundesjugendspielen“ nicht so sehr herausgefordert hätte. Genau so eine Herausforderung bräuchte ich jetzt auch. Kann man so ein Abzeichen eigentlich wiederholen? Hmm... Aber würde es mir damit dann wirklich besser gehen? Vertreibt es die bösen Geister oder muss ich mir doch einen anderen Talisman suchen? Ich habe ständig dieses schreckliche Bild meines Versagens vor Augen. Wenn ich aus dem Zimmer mit den großen sieben Buchstaben komme und in Marcs und Papas erwartungsvolle Gesichter blicke und dann am liebsten nur noch losheulen möchte. Oder ich renne weg und verstecke mich. Wieso denn nicht gleich ein paar Symptome erfinden, um sich gleich ganz vor der Prüfung zu drücken? Ich hätte da schon so ein paar parat. Das hat früher in der Schule doch auch immer mal mehr, mal weniger durchschlagend funktioniert. Sehr erwachsen, Gretchen! Wirklich sehr erwachsen! Der Termin steht fest und klebt für alle sichtbar seit Montag am Schwarzen Brett. Für einen Rückzieher ist es jetzt echt zu spät. Sei nicht so eine Memme und zeig es den ganzen Skeptikerinnen, die dir, weil du ihnen Marc weggeschnappt hast, jeden Ehrgeiz absprechen und dir überhaupt nichts zutrauen!

Aber ganz ehrlich, ich will das doch gar nicht für sie, weder um der neidischen Tratschfraktion ihre Schandmäulchen zu stopfen, noch um Papa und Marc etwas zu beweisen, sondern ich will das ganz für mich alleine. Ich finde es nur so wahnsinnig ungerecht, dass mir schon wieder nur Steine in den Weg gerollt werden, wo ich mich doch gerade erst erfolgreich freigeschaufelt habe. Warum muss denn ausgerechnet Prof. Strubanski die Prüfungskommission leiten? Da studiert man schon in Köln, damit man die Leute später nie wieder sehen muss, die einen einst so ungerecht gequält haben, dass man sich gleich wie Jeanne d’Arc im brennenden Feuer gefühlt hat, und dann begegnet man sich doch wieder in der alles entscheidenden Prüfung seines Lebens. Ich will da nicht hingehen. Nein, nein, nein! Eigentlich will ich den Facharzt doch gar nicht. Ich bin auch so eine gute Allgemeinärztin. Und Allgemeinärztinnen werden schließlich immer gebraucht. Dann ziehe ich eben aufs Land und mache eine Hausarztpraxis auf. Die suchen doch dort händeringend Fachkräfte. In Brandenburg ist es doch auch schön.

Gretchen, wem willst du eigentlich was vormachen? Natürlich will ich das nicht. Ich will Chirurgin sein. Seitdem ich im Studium zum ersten Mal im OP gestanden habe, habe ich diesen Traum. Und seit ich Marc assistieren darf, umso mehr. Das ist genau mein Ding. Mein Lebensinhalt. Meine Mission, die mir das Schicksal und das Universum zugewiesen haben, würde mir vermutlich Schwester Sabine in ihrer ganz beschwörerischen Art aufmunternd sagen, wenn sie jetzt hier wäre. Ja, ich will Leben retten. Mehr als alles andere auf der Welt. Ich weiß trotzdem nicht, ob ich das auch schaffen kann. Ich weiß nicht, was ich machen soll, wenn ich es nicht packe. Papa vertraut mir so und setzt so viel in mich. Er gibt mir jetzt neben Marcs recht eigenwilligen Prüfungsmethoden auch eine kleine wöchentliche Lerneinheit, wenn es sein eng bemessener Zeitplan zulässt. Quasi als Entschuldigung für seinen dämlichen Ausbruch letzte Woche, von dem mir jetzt noch die Knie schlottern. Ich wusste ja gar nicht unter welchem Stress Papa gestanden hat, seitdem nach dem falschen Polizeieinsatz bei uns in der Klinik einer der Sponsoren für die Klinikerweiterung abgesprungen ist und sich die Verwaltung mal wieder querstellt, obwohl in vier Wochen schon Grundsteinlegung sein sollte. Die Probleme konnten zwar mittlerweile geklärt werden, aber trotzdem ist etwas hängen geblieben, was Papas Laune auf den absoluten Gefrierpunkt gebracht hat.

Hatte ich dir überhaupt schon von der Razzia letzte Woche erzählt? Ich glaube nicht. Bei der Polizei war nämlich ein anonymer Hinweis eingegangen, dass bei uns im EKH ein reger Drogenhandel stattfinden würde. Hat man da noch Töne? Wie kommt man denn auf so einen Unsinn? Die sollten mal lieber im Görlitzer Park aufräumen, anstatt unbescholtene Leute anzuschwärzen. Papa meint, dass das wahrscheinlich irgendein Rachakt gewesen sei, um seine Klinik in Verruf zu bringen, was Gott sei dank nicht gefruchtet hat. Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat, aber er konnte die Medien komplett raushalten. Wenn die rausbekommen hätten, was sich bei uns abgespielt hat, dann würden wir jetzt vor leeren Betten stehen und würden einer nach dem anderen bald unseren Job verlieren. Ja, dann hätte ich auch gut und gerne auf meinen Facharzt verzichten können. Ich weiß, darüber macht man keine Scherze und schon mal gar nicht, wenn Papa gerade auf 180 ist und löwenhaft sein „Baby“ verteidigend die Polizei anblafft, die für das größte Chaos in der Geschichte des Elisabethkrankenhauses gesorgt hat.

Mama war auch ganz außer sich wegen dieser falschen Verdächtigungen gegen unseren renommierten Familienbetrieb, dass ich sie hab krankschreiben müssen. Sie war plötzlich ganz blass geworden, hat irgendeinen unverständlichen hysterischen Quatsch zusammengemurmelt und ist dann in Jochens Arme zusammengesackt. Gut, dass er da war. Aber alle waren total aufgewühlt. Denn es kommt ja selten genug vor, dass Drogenspürhunde durch die Flure stromern. Zum Glück haben die Patienten nichts davon mitbekommen. Dank des leitenden Kommissars, der so wenig Unruhe wie möglich verursachen wollte. Ich kannte ihn noch von meinem grandiosen „Melrose-Place“-Auftritt mit Gabi im letzten Frühjahr und ich hab gut auf ihn einreden können. Diesmal musste ich nicht einmal notlügen. Es ist schließlich auch die reine Wahrheit, dass bei uns niemand eine Marihuanaplantage betreibt und die Ernte als schmerzlinderndes Mittel an die Patienten vertreibt. Wir sind schließlich in Berlin und nicht in Kolumbien. Bei uns ist alles legal von der Kopfschmerztablette bis zum Sedativum. Der Herr Kommissar war auch sehr entgegenkommend, obwohl Papa ihn in einer Tour beleidigt hat. Er hielt das Ganze nämlich auch für einen schlechten Scherz ohne jede Grundlage, aber er war trotzdem verpflichtet, der Sache nachzugehen. Das ist nun mal sein Job, so wie das Leben retten und der Schutz der Patienten unser Job ist.

Du hättest mal Schwester Gabi erleben müssen. Sie ist richtig über sich hinausgewachsen und hat wie eine Löwenmama ein Loblied nach dem anderen auf das Elisabethkrankenhaus gesprochen. Er war richtig beeindruckt, dass sie sich nach ihren ganzen psychischen Problemen im letzten Jahr offensichtlich wieder gefangen hat. Hihi! Wenn der wüsste! Jedenfalls haben Mehdi, Jochen und ich sie redlich dabei unterstützt, den Einsatzleiter davon zu überzeugen, dass an der Geschichte wirklich absolut nichts dran ist. Auch damit die Kollegen beruhigt wurden. Gordon hat ja fast einen Herzinfarkt bekommen, als, nachdem er gerade einen Patienten in der Notaufnahme abgeliefert hatte, plötzlich einer der Hunde an seinem RTW geschnüffelt hat und dann wild bellend an der offenen Heckklappe hochgesprungen ist, die er gerade noch so schließen konnte, bevor noch mehr passiert wäre. Der Arme hat sich vor lauter Angst gar nicht mehr aus dem KW herausgetraut. Er hat sich jetzt erst einmal eine Woche frei genommen und ist zu Knechtelsdorfer nach Wien gefahren, um sich von dem Schock zu erholen. Ich wünschte, ich könnte das auch. Also, ich meine, frei zu machen, um Marc zu besuchen und nicht meinen ehemaligen Kollegen. Aber du weißt ja, Personalmangel in der Chirurgie. Und ich kann Papa jetzt auf keinen Fall derart in den Rücken fallen. Sein armes Herz!

Natürlich wurde nichts gefunden. Wie auch? Wo nichts ist, kann man auch nichts finden. Die Polizisten haben jede Ecke abgegrast, auch den leeren Ostflügel, wo Marc und ich unsere Liebeshöhle haben. Im hinteren Bereich des Gebäudes haben die Hunde auch noch mal kurz angeschlagen. Aber bei all den Desinfektionsmittelgerüchen überall bei uns im Haus ist das ja auch nur allzu verständlich, dass deren Riechsinne völlig durcheinander geraten. Ein Fehlalarm wie der gesamte megadämliche Polizeieinsatz. Einen Rat sollte man bei all dem aber dennoch beherzigen. Es ist nicht zu empfehlen, so einen Spürhund streicheln zu wollen und wenn es nur als Ablenkungsmanöver dienen soll, damit Marcs und mein Liebesnest nicht entdeckt und man vor peinliche Fragen gestellt wird. Ich bekomme jetzt noch Panik, wenn ich einem Hund auf dem Gehweg begegne. Es ist jedenfalls alles noch einmal gut ausgegangen, auch wenn Papa getobt hat wie selten zuvor und für das ganze Chaos und den Umsturz der OP- und Dienstpläne eine Entschädigung von der Berliner Polizeibehörde fordert, wo er auch kein Unbekannter ist, seitdem er, Marc und Olivier neulich beim „Einbruch“ in Elkes Villa verhaftet worden sind. Kein Wunder, dass sich Mama Sorgen macht, dass sich Papa zu sehr verausgabt. Es ist schließlich noch nicht so lange her, als er seine Angina Pectoris hatte. Und ich will auch nicht, dass sein Herz zu sehr belastet wird. Ich hab ihn doch so lieb.

Kein Wunder, dass Papa nach diesem ganzen Stress wegen seiner aufmüpfigen Kinder so übermütig reagiert und ungerecht wird. Ich will ihn nicht enttäuschen. Er hält so große Stücke auf mich und ich weiß, dass ich dem niemals gerecht werden kann. Ich verrate ihm lieber nicht, dass ich damals wegen dem ollen Strubanski und nur einem fehlenden Pünktchen, das meiner Meinung nach sehr umstritten gewesen war, meine Zwischenprüfung wiederholen musste. Ich hab immer noch ein Trauma deswegen und deshalb nützt es mir auch nur wenig, dass als Vertreter unserer Klinik ausgerechnet Maria mit in der Jury sitzt. Die Frau ist momentan echt unberechenbar. Hormone halt. Ich kann nur hoffen, sie kommt gut erholt aus der Kur zurück. Ansonsten muss ich wirklich weiter schwarz malen. Dabei mag ich doch eher bunte Farben. Marc wäre mir daher echt lieber. Aber du weißt ja, dass das wegen unserer, sagen wir mal so, Familienbande nicht geht. Das ist mit Papa ja genauso. Und ehrlich gesagt, will ich auch nicht bevorzugt werden, nur weil wir uns alle ganz doll lieb haben. Wobei ein bisschen Liebe sicherlich nicht schaden würde so als zusätzliche Motivation, kurz bevor man wieder emotional durchzudrehen droht. Aber ich muss das selber schaffen. Ja, und ich werde das auch schaffen. Man wächst schließlich mit seinen Aufgaben. Und ich bin ja auch nicht mehr die kleine verunsicherte Studentin, die ich damals war, die sich nicht traut, etwas gegen die großen engstirnigen Professoren der alten Schule zu sagen, obwohl die Forschung mittlerweile auch meinen innovativen Ansatz schon längst als die wesentlich bessere Methode akzeptiert hat. Ich habe überreagiert. So viel ist klar. Und da der Termin immer näher rückt, ist ein kleiner hysterischer Zusammenbruch doch auch vertretbar oder findest du nicht? Na gut, vielleicht nicht unbedingt in der Klinik, wo man aus jedem Pieps gleich ein riesiges Theater macht. Siehe mein Brüderchen und sein grandioser Auftritt in der Cafeteria, der ein Hit in den sozialen Netzwerken der medizinischen Fakultät ist. Wenn Jochen mich nicht gefunden hätte...

Ich war bei Marc im Büro, weil ich mir bei unserem letzten Lernchat neulich doch seine alten Lernkarten verdient hatte, auf denen erfolgsprämiert mit kurzen einprägsamen Stichworten sämtliche Fälle aufgelistet sind, die je in Prüfungen weltweit drangekommen sind, und beim Stöbern darüber, bin ich einfach so in Tränen ausgebrochen, weil mir plötzlich klar geworden ist, was ich alles noch nicht weiß und vermutlich auch in den fünf verbleibenden Wochen nicht mehr aufholen werden kann. Ich werde nie so gut werden wie Dr. Meier. Ihn werde ich auch enttäuschen, obwohl er sich so große Mühe mit mir gibt, damit seine beste Assistenz auch möglichst super abschneidet. Schließlich fällt mein Ergebnis auch auf ihn als Lehrer zurück. Dieser Gedanke hat mir dann den Rest gegeben. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen und hab mich in Marcs Kittel eingewickelt. Jochen muss das irgendwie mitbekommen haben und er hat mich dann in seiner männlichen Hilflosigkeit zu Papa gebracht. Mein kleiner gefühlsverkrüppelter Bruder ist tatsächlich über seinen Schatten gesprungen, hat seinen Zoff mit Papa hintenangestellt und hat sich mit mir in die Höhle des Löwen gewagt. Ich war so gerührt deswegen, dass ich gleich noch mehr weinen musste, womit ich meine beiden Männer ziemlich überfordert habe. Ich weiß doch auch nicht, warum ich momentan so emotional auf alles reagiere. Ob ich mich jetzt über einen Patienten wie Herrn Lafer freue, der keine Folgeschäden zurückbehalten hat und mich in seiner grenzenlosen Erleichterung gleich richtig rechtskräftig verheiraten wollte (ja, er hat mich und Marc nicht vergessen und bietet sich uns jetzt als Standesbeamter an, um die Zeremonie von neulich, von der wir so abrupt verschwunden waren, zu beglaubigen ), oder über Marias überraschende Schwangerschaft oder Elkes Genesung. Oder ob ich maßlos über unseren Familienzwist enttäuscht bin. Die Worte sprudelten einfach schluchzend aus mir heraus, während ich Papas Ledergarnitur ruiniert habe.

Ich wollte doch nur, dass sie endlich mit ihren albernen Differenzen aufhören, einander ehrlich zuhören und sich wieder versöhnen. Es ist doch keine Schande, wenn man zu seinen Gefühlen steht. Nichts anderes hat Jochen doch getan. Als Arzt bzw. angehender Arzt ist man doch kein Roboter. Ich hab mich so sehr in Rage geredet, dass ich sogar vergessen habe, weiter zu weinen. Und das Ende vom Lied war, dass sich Papa erst bei mir entschuldigt hat und dann bei Jochen, bei dem er eindeutig überreagiert hatte. Er hat ihm sogar versprochen, dass wir zusammen eine Lösung für seine Probleme finden würden, in die er sich heillos hineinmanövriert hat. Ein Urlaubssemester hat er ihm jetzt erst einmal gestattet, während dem er sich im EKH ordentlich ins Zeug legen und die Pflegerausbildung auch tatsächlich abschließen soll. Danach würden sie weitersehen. Das fand ich so lieb. Papa ist eben doch der Beste, also in seinen wenigen lichten Momenten. Um eine Frau zurückzuerobern, braucht es sehr viel Mut und Geduld, hat er dann auch noch gesagt und dabei auf Mama verwiesen, um die er auch lange hatte kämpfen müssen, nachdem er sie so tief verletzt hatte. Ich hab mal vorsorglich meine Klappe gehalten und nicht darauf verwiesen, dass Chantal Kunze ein ähnlich hartes Kaliber wie Bärbel Haase ist. Mein Versuch, mit ihr noch einmal über Jochens dämliche Eifersucht zu reden, ist nämlich gründlich daneben gegangen. Ja, ich weiß, ich wollte mich nicht mehr einmischen. Aber manchmal kann man eben nicht aus seiner Haut, vor allem nicht, wenn mein sonst so sprücheklopfender Bruder nur noch wie ein Geist neben einem her lebt. Das kann ich einfach nicht ertragen. Ich brauche einfach Harmonie und Liebe um mich herum. Sonst fühle ich mich nicht wohl. Und woher sonst soll ich mir jetzt während Marcs Abwesenheit Liebe und Geborgenheit holen, wenn nicht von meiner eigenen Familie?

Mama hat dann vielleicht Augen gemacht, als sie uns alle in einer Gruppenumarmung vorgefunden hat, als sie Papa von der Arbeit abholen wollte. Sie war so überwältigt, dass sie gleich mit mir mitgeheult hat und wir das Büro schließlich gänzlich unter Wasser gesetzt haben. Tja, es wurde ein echt feuchtfröhlicher Abend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wir haben dann allesamt bei meinen Eltern zu Abend gegessen. Wie in guten alten Zeiten. Mama hat sich mal wieder selbst übertroffen in ihrer Freude, all ihre Lieben wieder beisammen zu haben. Wir haben ganz viel miteinander geredet, auch über wirklich ernste Angelegenheiten. Sie haben versucht, mir meine Furcht vor der Prüfung zu nehmen und es hat wirklich gut getan, mich ihnen anzuvertrauen, nachdem ich die Anspannung so sehr in mich rein gefressen hatte, dass sie irgendwann mit einem großen Knall raus gemusst hatte. Dabei muss man doch positiv an diese wichtige Sache herangehen. Als Chirurgin darf man schließlich keine Angst zeigen. Sonst ist man nämlich wirklich fehl am Platz. Wann hab ich denn je einen Fehler gemacht? Ich habe immer einen guten Job geleistet und bin manchmal auf Dinge gestoßen, die andere vielleicht nicht entdeckt hätten. Die Patienten lieben mich und vertrauen mir. Ich hab das Herz am rechten Fleck. Eine Eigenschaft, die so manchem Kollegen noch zur Perfektion fehlt. Wer, wenn nicht ich, hat es also verdient, eine richtig gute Ärztin zu sein? Papas Worte gingen mir runter wie Öl. Und es tat so gut, auch mal aus seinem Mund zu hören, dass er früher auch unsicher war und eben solches Fracksausen vor der Abschlussprüfung gehabt hatte. Und dass der Professor sie geschafft hat, muss wohl nicht noch zusätzlich erwähnt werden. Ein echter Haase steckt schließlich in jedem von uns. Das war dann der Moment, wo wir zum lustigen Teil des Abends übergegangen sind. Es war ein wirklich schöner Tagesabschluss. Zum Fallenlassen und Sorgen, Sorgen sein lassen. Das haben wir wohl alle vier gebraucht. Jochen und ich haben dann auch dort übernachtet, was besonders Mama sehr, sehr glücklich gemacht hat, die in den letzten Tagen nach der Polizeirazzia doch recht durcheinander gewirkt hat.

Ich bin so froh, dass wir alle wieder gut miteinander sind. Mit einer Sorge weniger lässt es sich doch auch gleich viel angenehmer in den Tag starten. Trotzdem bleibt immer noch ein kleines Stückchen mulmigen Gefühls übrig. Dieses gewisse flaue Gefühl im Magen, wenn man nur daran denkt, dass mit jedem Tag mehr ein Tag weniger bis Tag X ist. Da können Papa und Marc auch noch so viel dagegen argumentieren, das Gefühl ist einfach da und es ist ein echt blödes Gefühl, das einen da begleitet. Mal sehen, was sich Marc heute überlegt hat, um mich von meinen Albernheiten, wie er sagt, abzulenken. Er kann so süß sein, wenn er will, und ich liebe ihn dafür. Er meint ja, mit Speck fängt man Mäuse und deshalb hat er mich nach langem Überlegen und einem quälenden Frage-Antwort-Spiel, während welchem sich der Verlierer hätte ausziehen müssen (Er wieder! GRRR!!!), in seine todsichere Meier-Lernmethode eingeweiht, mit der er selbst unaufgeregt mit Leichtigkeit seinen Abschluss vor fünf Jahren gemacht hat. Nur merke ich leider immer noch nichts von dieser Leichtigkeit und der Unaufgeregtheit, was wahrscheinlich daran liegen mag, dass ich mich viel zu schnell von diesem Schuft ablenken lasse. Das Internet ist Segen und Fluch zugleich. Wirklich! Weil ich ihn anschauen kann. Und wenn ich ihn anschaue, setzt bei mir im Oberstübchen immer etwas aus und zwar der Teil, der eigentlich für die Wissensaufnahme zuständig ist. Ein gefährlicher Teufelskreis!

Dabei gibt sich Marc auch wirklich Mühe und das nicht nur im besonders heiß auszusehen. Ich habe zunehmend das Gefühl, er langweilt sich in der Schweiz. Ich meine, ich rechne es ihm wirklich hoch an, dass er seiner Mama beisteht, die die zweite Phase in dieser Woche nicht so gut überstanden hat. Aber nur für jemanden da zu sein und Händchen zu halten, unterfordert ihn schon sehr. Marc braucht den Ehrgeiz und die Herausforderung. Er muss immer unbedingt etwas tun. Sonst dreht er auf Kurz oder Lang durch. Seit zweieinhalb Wochen hat er nicht mehr im OP gestanden, was nach eigener Aussage die längste Durststrecke seit dem Studium ist. Wahrscheinlich sucht er sich deshalb immer die kompliziertesten und skurrilsten Fälle für seine Lieblingsschülerin raus. Ich weiß auch nicht, wo er die immer findet. Leute, die ihre Arme aus Versehen ins Sägewerk ihrer Kreissäge gesteckt haben, weil eine Schraube locker war. Schrotflintenunfälle, nach denen man ganze Gesichter wieder rekonstruieren muss. Verbrennungen, die beim falschen Umgang mit Grillwerkzeugen verursacht wurden. Dumme Jungs, die sich bei einer Mutprobe in frischen Zement gelegt haben und die man dann nicht einfach so wieder herausmeißeln kann. Oder der Fall, wo ein Mädchen nach einem schweren Autounfall plötzlich eine riesige Metallstange im Körper stecken hatte. Wenn man die einfach so wieder herausgezogen hätte, wäre sie auf der Stelle innerlich verblutet. Unfassbar, was es alles gibt und ich finde es auch wahnsinnig spannend, einen Plan zu entwickeln, um den Patienten das Leben zu retten, wenn nicht ein Blick in die leuchtenden Augen meines ebenso begeisterungsfähigen Oberlehrers genügt und meine Gedanken augenblicklich davon schwirren wie aufgescheuchte Marienkäfer. So viel zum Thema „Professionalität am Arbeitsplatz“. Zumindest hält er sich jetzt während des Unterrichtes immer den Oberkörper bedeckt. Sonst wäre es vermutlich ganz aus mit mir. So wie letzte Woche, als er mich damit mit voller Absicht zum zweiten Mal total aus dem Konzept gebracht hat. Er macht mich völlig wuschig damit. Alles, was ich fleißig gelernt hatte, war mit einem Mal wie weggeblasen und ich hab nur noch sabbernd auf seine Muskeln gestarrt, die noch nass vom Duschen waren, und hab an den Traum aus der vorangegangenen Nacht gedacht, in dem mein Marc wie Marc Darcy im Roman aus dem See herausgekommen ist. Also natürlich in der Colin-Firth-Version, versteht sich, welche die einzig Wahre ist. Mein Marc würde auch einen tollen Schauspieler oder Romanhelden abgeben. Wie er sexy auf mich zuschreitet und mich dann...

Aaaahhhh.... Es passiert schon wieder! Mein Herz klopft schon wieder wie verrückt und ich bin völlig durchgeschwitzt, nur weil ich an ihn denke. Das muss aufhören! Vor allem in kompromittierenden Situationen in der Klinik, wenn ich mir einbilde, ihn zu sehen, wenn ich an Orten vorbeikomme, wo wir uns immer begegnet sind. Im OP ist das wirklich unpassend und obermegapeinlich. Cedric hat mich jetzt schon zwei Mal bei Tagträumen erwischt und zieht mich jetzt jedes Mal auf, wenn ich für sein Team eingeteilt bin. Das macht mich noch völlig verrückt. Marc macht mich verrückt! Ich hätte nicht gedacht, dass es das wirklich gibt, also, dass man jemanden tatsächlich auch so sehr körperlich vermissen kann. Ich träume mittlerweile nachts nur noch solche verwirrenden Sachen von ihm. Also, du weißt schon. Sachen, die im wahren Leben dringend eine FSK-Beschränkung bedürfen würden. Und wenn ich ihn dann am nächsten Tag live auf dem Monitor vor mir sehe, kriege ich kein Wort mehr raus und laufe sofort rot an, worüber er sich natürlich gleich wieder lustig macht und mir mangelnde Professionalität vorwirft. GRRR!!! Als würde er meine Gedanken mitlesen können. Blöder Kerl! Das macht er doch mit Absicht. Er schleicht sich mit voller Absicht in meine Träume, vermeiert sie und verwirrt mich damit total. Nur damit er am Ende als Sieger dasteht und ich mich ausziehen muss. Püh! Das hätte er wohl gerne. Er kann es doch bloß nicht ertragen, dass ich doch mehr Wissen aufweise, als er denkt. Er muss sich nackig machen! Jawohl! Äh... Das hätte dann bloß den gravierenden Nachteil, dass ich mich wieder nicht konzentrieren kann. Menno!

Aber von Mehdi weiß ich, dass es ihm genauso geht wie mir. Hihi! Er vermisst mich auch wie wahnsinnig. Und es macht Marc verrückt, nicht eher aufbrechen zu können, um sich dann eine Woche lang mit mir im Penthouse einzuschließen. Das hat er wirklich gesagt. Oje, mir wird schon wieder ganz warm. Hilfe! Ich muss dringend einen klaren Kopf behalten, sonst bin ich gleich wieder nur Wachs in Marcs virtuellen Händen. Nicht dass ich wieder nicht mitkriege, was er anstellt. Er hat nur Schweinereien im Kopf, dieser Blödi. Hach... Ich wünschte, er wäre jetzt hier, um ihm mal ordentlich die Meinung zu geigen. Aber ich weiß ja, dass das nicht geht. Man kann die Dinge nun mal nicht beschleunigen. Das wäre eine medizinische Revolution, wenn das ginge. Alles braucht nun mal seine Zeit. Am Donnerstag steht die nächste Strahlensitzung an, die letzte übrigens. Ich hoffe nur, dass alles gut geht. Es muss einfach. Die beiden müssen endlich zurückkommen und das meine ich nicht nur aus rein eigennützigen Gründen, weil ich Marc jetzt gerne bei mir im Bett hätte, um mich an ihn heranzukuscheln. Nein, da ist nämlich noch eine Sache, die ich mich noch nicht getraut habe, den beiden zu verraten. Nämlich dass Olivier für eine längere Zeit zurück in die Staaten fliegen wird, weil er dort in seiner alten Klinik seine ehemaligen Kollegen bei einer großen Operation unterstützen wird. Die Trennung von erwachsenen siamesischen Zwillingen, auf die er und seine Mitarbeiter jahrelang hingearbeitet haben. Er leitet das Ganze. Das ist echt der Wahnsinn. Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, ich wäre nicht daran interessiert, dem Ganzen beizuwohnen und das nicht nur per Internetschaltung in die medizinischen Lehrzentren dieser Welt. Wie kann ich ihm jetzt noch sagen, was mit seiner Frau ist und wo sein Sohn wirklich steckt. Er hat so etwas Wichtiges vor. Ich komme mit solchen Gewissenskonflikten wirklich nur schwer zurecht. Aber was soll ich denn machen? Es ist alles so verdammt verzwickt. Kein Wunder, dass man dann kurz die Nerven verliert. So wie neulich in Marcs Büro.

Zumindest einen Lichtblick gibt es. Oder nein, eigentlich zwei, wenn ich die Postkarte von Sabine mit dazurechne, die gestern bei uns reingeflattert gekommen ist. Zu wissen, dass das frischgebackene Ehepaar glücklich ist, macht mich auch glücklich und weniger wehmütig. Ich glaube, ich habe Günni zum ersten Mal richtig lachen gesehen. Also mal abgesehen von den Momenten auf der Hochzeit. Seit dem Überfall im Beichtstuhl hat er sein verklärtes Grinsen nämlich gar nicht mehr ablegen können. Hihi! Und jetzt scheint er richtig in seinem Element zu sein. Von Bine weiß ich ja, dass es immer schon ein großer Traum von ihm gewesen war, da hin zu kommen. Die süße Postkarte zeigt ein Foto von den beiden, nämlich im Star-Trek-Kostüm mitten in der amerikanischen Steppe neben einem Straßenschild, das nach Rosswell zeigt. War das nicht dort, wo es die ganzen Ufosichtungen gab? Das muss ich die beiden unbedingt fragen, wenn sie wiederkommen. Die beiden leben wirklich ihr Abenteuer. Toll!

Das tun Maria und Cedric übrigens auch. Also irgendwie zumindest. Hihi! Mehdi hatte schließlich doch Erbarmen mit der Nervensäge auf seiner Station und die Ärztin im Patientenkostüm durfte heute doch schon ausnahmsweise eher nach Hause entlassen werden. Die Werte waren gut. Sie verträgt wieder feste Nahrung. Dem Baby geht es auch gut. Alles bestens, also, medizinisch gesehen. So viel wie ich auf dem Weg in den OP mitbekommen habe, hat Cedric sie gepackt, als sie heimlich verduften wollte, und hat sie mit zu sich nach Hause entführt. Gegen ihren Willen, versteht sich. Aber ich find’s gut so. Das hatte schon fast etwas Romantisches. Maria ist noch ziemlich kraftlos. Sie sollte jetzt nicht alleine sein. Die Mutter-Kind-Kur fängt schließlich erst in einer Woche an. Bis dahin sollte sich jemand um sie kümmern und ihr die angehende Minikinderärztin abnehmen, die übrigens todtraurig war, dass ihr Kindergarten nun doch in ein neues Notquartier ausweichen konnte und sie somit nicht mehr täglich in der Pädiatrie ihr Unwesen treiben konnte. Mama hat sich da echt reingehangen. Im Organisieren ist sie wirklich Spitze. Papa sollte sich wirklich mal überlegen, ob es nicht doch gut wäre, eine Betriebskita einzurichten. Gerade jetzt, wo so viele neue „Familien“-Mitglieder unterwegs sind. Hihi! Den Floh sollte ich Mama mal ins Ohr flüstern. Der Rest erledigt sich bestimmt von selbst.

Klar ist der Ostflügel des EKH nicht unbedingt der geeignete Ort für eine wilde Kinderhorde, aber die Bauarbeiten für die Klinikerweiterung fangen durch die Finanzierungsverzögerungen eh erst frühestens im Frühjahr an und dank fleißiger Helfershelfer ist in den oberen Etagen des leerstehenden Klinikgebäudes ein kleines Kinderparadies entstanden, wo sie bis zur Trockenlegung und der Renovierung der alten Kita bleiben dürfen. Ich muss dir nicht sagen, wie flink ich war, um Marcs und mein kleines Geheimnis verschwinden zu lassen. Das hätte peinlich werden können, wenn Papa und die Verwaltungsleute, die noch ihren Segen hatten geben müssen, auf unser Liebesnest gestoßen wären. Das wäre innerhalb von zwei Wochen schon das zweite Mal gewesen, dass wir fast aufgeflogen wären. Das war mir dann doch zu heiß. Ich hab die Sachen erst einmal im Wäschelager versteckt, bevor ich mich auf die Suche nach einem neuen Objekt für unsere gemeinsamen Freistunden mache. Hihi! Wahrscheinlich war das auch noch ein weiterer Grund dafür, warum ich neulich so traurig gewesen bin. Ich verbinde so viel mit diesem Ort. Wie Marc mich nach unserer Rückkehr aus Rügen dort überrascht hat und wir..., naja, du weißt schon. All unsere wunderschönen Mittagspausen und Bereitschaftsnächte. Er fehlt mir so. Mir fehlt das alles. Ohne ihn bin ich einfach nicht komplett.

Vielleicht fühle ich mich auch deshalb so niedergeschlagen und motivationslos? Ich fühle mich allgemein irgendwie, ach, ich weiß auch nicht. Ich kann es nicht beschreiben. Ich hab gestern meine gesamten Schokovorräte geplündert, bevor Jochen sie mir vor der Nase weggeschnappt hätte, weil ich mich eben so... so... komisch gefühlt habe. So wie zweimal gekaut und wieder ausgespuckt. Ja, ich weiß, das war jetzt ein echt bescheidener Vergleich, aber ich kann es eben nicht anders deuten. Deshalb war ich auch nicht gerade eine gute Unterhaltung für meinen Schatz, der sich immer so eine Mühe mit seiner neurotischen Freundin macht. Es ist nicht selbstverständlich, dass er freiwillig jeden Abend mit mir am Videotelefon verbringt und sich mein grenzenloses Selbstmitleid anhören muss. Ich hab fast schon ein schlechtes Gewissen deswegen. Vielleicht sollte ich ihm auch mal entgegenkommen? Nicht dass er irgendwann total genervt ist und gar nichts mehr mit mir zu tun haben will, wenn er wiederkommt. Ach ich wünsche mir so, dass er jetzt da wäre. Und wenn’s nur für fünf Minuten wäre. Ich will doch nur ein bisschen kuscheln und schmusen. Ein bisschen Wärme und Geborgenheit. Ich glaube, ich ziehe mir jetzt sein M-Shirt an und lege mich auf seine Bettseite. Sein Geruch ist zwar schon etwas verblasst, weil ich zu oft an seinem Kissen geschnüffelt habe, aber noch ist er da. Dann fühlt es sich wenigstens so an, als wäre er jetzt wirklich bei mir, wenn wir reden, scherzen, lernen und wild flirten. Das ist schön. So schön. Ich glaube, ich mache jetzt erst mal Schluss. Mein Marcilein meldet sich bestimmt gleich und ich muss noch den Akku laden. Nicht dass wir wieder aus Versehen voneinander getrennt werden.

Also bis dahin, liebes Tagebuch. Ich verspreche dir, beim nächsten Mal bin ich auch wesentlich besser drauf.

Dein Gretchen

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

28.11.2013 14:45
#1453 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Und noch eine Woche später

Hallihallo mein liebes Tagebuch,

ich habe gelogen. Ich weiß. Es tut mir so leid. Dabei hasse ich es doch zu lügen. Ich hätte dir nichts versprechen sollen, was ich nicht einhalten kann. Meine allgemeine Stimmungslage hat sich nämlich im Vergleich zu den diversen hysterischen Ausfällen (O-Ton mein blöder, blöder Bruder) in der letzten Woche leider nicht verbessert und ist mit Woche drei ohne meinen herzallerliebsten Marcischnuckiputzi endgültig am absoluten Tiefpunkt angelangt. Wirklich! Ich habe zu nichts mehr Lust, außer mir die Decke über den Kopf zu ziehen und mich so lange zu verkriechen, bis der Held meiner Träume und geheimsten Sehnsüchte mich wach küsst und aus dem Aschenputtel (genauso fühle ich mich im Moment tatsächlich ) wieder eine Cinderella macht. Der Spruch auf Jochens Lieblingstasse, „Ohne dich ist alles doof. Baum doof. Märchen doof. Mama doof. Arbeit doof“, passt auf mich momentan wie die Faust aufs Auge, mehr sogar noch als auf mein Brüderchen, dessen aktuelle Laune meiner auch in nichts nachsteht. Wir sind schon zwei Helden. Pantoffelhelden um genau zu sein. Vereint im schlimmsten Liebeskummer aller Zeiten. Ich mag frühs noch nicht einmal mehr aufstehen und auf Arbeit gehen, weil ich weiß, dass mein Oberarzt und Cheftyrann nicht da ist und alle, insbesondere mich, angrummelt und lautstark zur Schnecke macht, und der Tag daher nur langweilig und unbedeutend werden kann. Ich halte das nicht mehr länger aus.

Ich will Marc! Ich will Marc! ICH... WILL... MARC!!!

Oh Gott, ich höre mich schon wie mein dreizehnjähriges Alter Ego an, das mich manchmal in meinen (Alb-)Träumen heimsucht und sich zickig über meinen Umgang mit Marc Meier beschwert. Dabei sollte die kleine Rotzgöre doch zufrieden damit sein, dass sich ihre geheimsten Sehnsüchte letztendlich erfüllen werden. In ihrer präpubertären Naivität wird sie sich gar nicht vorstellen können, wie sehr sich diese Sehnsüchte noch erfüllen werden. Das sprengt schließlich jegliche Vorstellungskraft. Und aus Jugendschutzgründen werde ich auch auf keine weitere nächtliche neugierige Teenyfrage antworten, die sie mir ständig zu stellen versucht und mich damit wahnsinnig macht. Ich konnte mich schließlich auch nie auf das vorbereiten, was mit ihm auf mich zukommen würde. Oje! Jetzt spreche ich schon mit meinem kindlichen Ich. Es steht echt schlimm um mich. Ich drehe langsam durch. Die Schwestern, die heimlich hinter meinem Rücken lästern, haben vollkommen Recht. Ich bin völlig durch den Wind und so gar nicht mehr ich selbst. Man sollte mich im Krankenhaus gar nicht mehr auf jemanden loslassen. Die Vertretung in der Radiologie zittert jetzt noch wegen meiner Galadarbietung gestern. Und die Patientin erst, die durch den Lautsprecher im MRT-Raum alles mitbekommen hat, die muss doch denken, im EKH sind nur Verrückte unterwegs. Nur weil es mir nicht schnell genug gehen konnte mit den Bildern, die während meines selten dämlichen Auftritts schon längst auf dem Monitor erschienen waren und somit meine groteske Showeinlage als völlig unnötig erklärt hatten. Megapeinlich war das! Und unprofessionell! Ohne Marc geht einfach alles schief. Ich will ihn zurück. Ich will meinen Dr. Meier wieder bei mir haben. Jetzt und sofort!

Okaaay, nicht unbedingt jetzt und sofort, weil mir das dann doch extrem unangenehm werden würde, weil wir beide ja wissen, was dann passieren würde, weil ich wirklich kurz davor stehe, die Kontrolle zu verlieren. Und wenn ich erst einmal die Kontrolle verliere und das in Kombination mit einem unkontrollierbaren Marc Meier, der mich drei lange Wochen lang nicht anfassen durfte... Äh... Ja, das wäre dann echt unpassend, vor allem weil ich nämlich gerade bei Mehdi zuhause bin, der sich meine Trauermiene, mit der ich im EKH alle runtergezogen habe, nicht mehr länger mit ansehen wollte. Da tauscht der einfach so, ohne zu fragen, meinen Dienst und verordnet mir mit seinem blöden Rezeptblock einen Nachmittag mit meinem besten Freund. Widerrede zwecklos. Wie unverfroren von ihm! Was fällt dem überhaupt ein? Dieser ... GRRR... Voll...pfosten! Ich konnte gar nicht so schnell gucken und ich saß schon festgeschnallt bei ihm im Auto, das Richtung Prenzlau aufbrach. Was soll ich denn da? Das ist eine ganz gemeine und hinterlistige und fiese Entführung, für die er sich noch verantworten wird, dieser dreister Kerl. Sein Job als bester Freund könnte also noch vakant werden. Jawohl! Ab sofort nehme ich Bewerbungen für diese Stelle entgegen.

Und dann lädt der mich hier in seiner neuen Wohnung ab und verschwindet im nächsten Moment auch gleich schon wieder, weil er mit Gabi noch schnell Lilly von der Musikschule abholen muss. Die süße Maus lernt nämlich seit einer Woche ein Musikinstrument. Ich glaube, Flöte oder Kontrabass oder war es doch die Gitarre? Ich hab Mehdi nicht zugehört, weil ich, seit wir vom Parkplatz des EKHs gefahren sind, kein Wort mehr mit ihm wechseln wollte. Das hat er sich jetzt ganz von selbst eingebrockt mit seiner unüberlegten Aktion. Pah! Ich mache da nämlich nicht mit, egal, was er vorhat. Was er wohl vorhat? Püh! Das interessiert mich nicht. Nicht die Bohne! Ich will nicht und das werde ich ihm auch später genauso eintrichtern. GRRR!!! Es ist zum Verrücktwerden. Was mache ich denn jetzt? Eigentlich könnte ich auch einfach zur Tür hinausspazieren. Es ist ja keiner da, der auf mich aufpasst und mich aufhalten würde. Also von dem her... Andererseits ist es gerade auch so wahnsinnig gemütlich hier auf dem Sofa zwischen den ganzen weichen Kissen und der kuscheligen Decke, in die ich mich eingewickelt habe. Mehdis Wohnung ist so schön geworden. Ich hatte noch gar nicht richtig die Gelegenheit, sie mir genauer anzusehen. Man fühlt sich richtig heimelig hier. Vielleicht ist es gerade das, was mir gefehlt hat. Im Penthouse ist es so einsam, leer und kalt ohne Marc und Jochen ist nicht wirklich ein Ersatz für meinen Schatzi, auch wenn er gerade sehr anlehnungsbedürftig ist. Es ist trotzdem nicht dasselbe.

Ja, du hörst richtig. Mein Bruderherz wohnt immer noch bei mir, auch wenn er sich nach den endlosen Diskussionen und unschönen Wortgefechten mit Papa wieder vertragen hat und Mama sich nichts sehnlicher wünscht, als dass er endlich wieder mit seinen sieben Sachen nach Hause kommt, damit sie ihn wieder pampern kann, wie sie es gewohnt ist. Mama kann nun mal nicht so gut mit Veränderungen. Wahrscheinlich bringt sie auch deshalb jeden Freitag neue Tupperdosen mit Leckereien vorbei, weil sie denkt, ihre Kinder würden sonst vom Fleisch fallen. Mama! Hat sie mich überhaupt richtig angeschaut? Als ob gerade ich vom Fleisch fallen würde. Tzz... Jedenfalls meint Jochen, dass er den Abstand braucht, um nicht wieder in alte Muster zurückzufallen. Nicht dass er so endet wie ich und mit dreißig immer noch bei seinen Eltern wohnt. So ein Blödi! Hat er etwa schon vergessen, dass das bei mir im Gegensatz zu ihm, der doch schon aus reiner Bequemlichkeit die Vorzüge des All-inclusive-Familienpakets bis zur Schmerzgrenze ausnutzt, ohne dass es Mama auch nur auffällt, nur vorübergehend war und ich mit dreißig auch schon wieder ausgezogen bin und jetzt mein eigenes Reich mit dem Mann meiner Träume bewohne? Aber bei Argumenten dieser Art stellte der Ignorant sein Hörgerät immer auf Durchzug.

Naja, jedenfalls will er das mit dem Selbständigsein und dem Erwachsenwerden jetzt wirklich durchziehen. Das macht mich schon auch auf eine gewisse Weise stolz. Also mal abgesehen von seinem dämlichen Verhalten Chantal gegenüber, die ihm noch immer konsequent aus dem Weg geht und ihn mit fiesen Giftpfeilen piesackt. Chapeau für ihr Durchhaltevermögen! Ich glaube, ich wäre schon längst weich geworden, was wohl eher daran liegt, dass ich trotz alledem, was Marc Meier sich bislang mir gegenüber geleistet hat, nie wirklich konsequent sein konnte. Tja, es stimmt wohl, was man immer sagt. Liebe macht blind, dumm und unzurechnungsfähig und benachteiligt komplett das Urteilsvermögen. Gleichzeitig macht Liebe aber auch mutiger, willensstärker und risikobereiter. Und Jochen schlägt sich wirklich wacker, wenn auch mit eher durchwachsenem Erfolg, obwohl er schon auf Knien angekrochen gekommen ist und sich vor den versammelten albern kichernden Praktikantinnen und Schwesternschülerinnen bei ihr für seinen dämlichen Eifersuchtsanfall entschuldigt hat. Natürlich zweifelt er nicht an der Ernsthaftigkeit ihrer Verbindung. Das betont er immer wieder aufs Neue und ich glaube ihm. Er hat sich nämlich noch nie für eine Frau so sehr ins Zeug gelegt. Ja, gut, gleichzeitig hat er auch noch nie bei einer Frau solch einen Bockmist gebaut. Außer bei mir vielleicht.

Der Gang nach Canossa ist eben beschwerlich und äußerst mühsam zu bewältigen. Ich finde ja, er übertreibt es mittlerweile ein kleinwenig. Aber wenn ich bedenke, was ich damals alles Peinliches getan habe, um Marc Meier in der Schule nur ein bisschen nah zu sein, kann ich ihn schon verstehen. Wenn ein echter Haase etwas will, dann versucht er eben alles, was für ihn menschenmöglich ist, um an das ersehnte Ziel zu gelangen. Man muss nur die Fettnäpfchen gut umschiffen, die einem von dem oder der Herzangebeteten in den Weg gestellt werden. Aber Chantal ist ja nicht Marc. In diesem Sinne kann man also nicht viel mehr falsch machen, als er bereits getan hat. Außerdem sind wir ja auch nicht mehr auf dem Schulhof, wo man mit oberpeinlichen Bravo-Artikeln oder geheimen Liebesbotschaften, die aus Versehen in die für ihn gemachten Hausaufgaben gerutscht sind, bloßgestellt werden kann. Und mich zu demütigen und bloßzustellen, das hat Marc sehr, sehr oft, viel zu oft getan, bis ich nach fünf erfolglosen Jahren, zehn Monaten und acht Tagen schließlich völlig deprimiert und enttäuscht aufgegeben habe, weil sich bis auf ein paar wenige intensive magische Momente und tiefe, ja fast sehnsuchtsvolle Blicke sowie zwei Küssen, wovon einer lediglich der Sicherung seiner Vitalzeichen diente, und einem letzten Tanz leider nichts ergeben hat, was die großen Hoffnungen, die man bis zuletzt gehegt hat, erfüllt hätte. Aber das habe ich Jochen lieber nicht verraten, um ihn nicht noch mehr zu demotivieren. Zum Glück konnte ich ihm ausreden, sich in die Orthopädie versetzen zu lassen. Wenn er Erfolg haben will, muss er auch die Distanz zu schätzen lernen. Unter Druck reagiert Frau nämlich meistens über und alles wäre für die Katz gewesen. Er muss ihr auf jeden Fall Zeit lassen. Dass er ihr nicht so egal ist, wie sie immer tut, merkt man, wenn man sie längere Zeit beobachtet. Sie sieht ihm länger nach, als es nötig wäre. Das bedeutet doch was. Und ein paar kleine Aufmerksamkeiten, die den guten Willen zeigen, sind natürlich auch nicht zu unterschätzen. Dass er jeden Tag eine Marzipanrose an Chantals Spind klemmt, die sie ganz besonders liebt, wie er noch von ihrem Kennenlernen her weiß, ist doch auch irgendwie süß. So naiv und unschuldig. Wobei wir ja beide wissen, dass ein Jochen Haase alles andere als unschuldig sein kann. Und eine Margarethe Haase erst recht nicht. Hihi!

Wie gut, dass er mich nicht dabei erwischt hat, als ich vorgestern das Corpus Delicti vor seiner Entdeckung durch Chantal habe verschwinden lassen. Ja, ich weiß, das war nicht gerade die feine englische Art, aber ich war so unterzuckert, als ich nach der anstrengenden Lebertransplantation ins Stationszimmer gekommen bin. Mehdi hatte nämlich schon die Süßigkeitenschüssel geplündert, die seit Sabines Abreise eh nur unregelmäßig und dann auch nur recht spärlich aufgefüllt wird. Ich hab ganz genau gesehen, wie er seine Beute mit Gabi geteilt hat. Ich konnte also gar nicht anders, wenn die Rose so verführerisch duftend und verlockend an der Tür in der Umkleide hängt. Außerdem hatte sie in den letzten Tagen schon sechs Stück, die sie anfangs ignoriert, aber am Ende ihrer Schicht dann doch mit einem zaghaften Lächeln auf den Lippen genüsslich verspeist hat. Da tut eins weniger doch sicherlich nicht weh. Wann hat Marc mir eigentlich zum letzten Mal etwas Süßes oder Blumen mitgebracht? Hat er das überhaupt schon jemals? Hmm... Naja, es ist trotzdem schön, dass mein Lieblingsbruder, so blöd und gleichzeitig charmant wie er auch manchmal sein kann, noch bei mir geblieben ist. Dann ist mein Zuhause wenigstens nicht ganz so leer, wie es sich in einsamen Stunden anfühlt, wenn mein Klappcomputer aus ist.

Und nachdem Jochen Mama möglichst schonend, aber mit Nachdruck seine Abnabelungspläne verständlich gemacht hat, erklärte sie daraufhin auf ihre unverblümte Haasen Art, sie würde mich auch nur ungern momentan alleine lassen wollen. Die wieder! Ich habe zunehmend das Gefühl, Mama denkt, Marc würde nicht mehr wiederkommen. Dass sie auch immer auf das blöde Geschwätz in der Klinik hören muss. GRRR!!! Nur weil er einmal drei Wochen am Stück nicht da ist und auf Station alles zusammenscheißt, das keinen echten Doktortitel besitzt, was intern von manchem seiner Untergebenen regelrecht gefeiert wird. GRRR!!! Ich kann ihr und den Klatschbasen ja schlecht sagen, was er wirklich gerade in der Schweiz macht, wobei ein Teil davon noch nicht einmal gelogen wäre. Denn mein gelangweilter Freund weiß sich mittlerweile durchaus zu beschäftigen, ohne dass ich dabei zum Opfer seiner äußerst fragwürdigen Lehrmethoden werden muss. Ich habe vorgestern erst wieder mit Talent, Wissen und grenzenloser Schlagfertigkeit geglänzt, so dass er nur noch kleinlaut grummelnd oben ohne (ich hatte ja gewonnen und alles gewusst, was er wissen wollte! ) ins Bett gehen konnte. Hihi! Wir lassen ja die Computer immer noch an, bis wir eingeschlafen sind. Das hat sich zu einem kleinen unausgesprochenen Ritual zwischen uns entwickelt. Hach... Er hat mindestens noch eine Stunde lang in seinen sexy Dreitagebart hinein gemurmelt und gemeckert, während er sein Kopfkissen immer wieder zerknetet hat. Im Glauben, ich würde schon längst schlafen. Wie süß! Image and video hosting by TinyPic Ich kann nicht oft genug schreiben, wie süß ich ihn finde, wenn er schmollt, wenn er mich erfolglos zu foppen und hereinzulegen versucht oder wenn er mich mit seinen süßen Grübchen einfach nur anlächelt, wenn er so niedlich die Nase kräuselt, wenn er schläft, wenn er so ulkige Grunzgeräusche macht oder im Schlaf unverständlich spricht und besonders wenn er schnarcht. Mir ist das jetzt erst so richtig aufgefallen, dass er zum Schnarchen neigt, wenn er alleine im Bett liegt. Wenn er mich in seinen festen Klammeraffengriff zieht, in dem man sich kaum mehr bewegen kann, was gar nicht weiter unangenehm ist, weil man eh sofort von seinem verführerischen Marc-Duft umnebelt selig wegschlummert, macht er das nie. Faszinierend! Wirklich faszinierend! Ich glaube, ich werde, wenn er wieder da ist, eine Studie darüber anfertigen. Für den Fall, dass ich mal wieder etwas brauche, das ich gegen ihn verwenden kann. Hihi!

Jedenfalls... Wie hatte ich noch mal angefangen, bevor ich mich wieder in Schwärmereien über Marc Meier verloren habe? Ach so! Die Notlüge für Papa, für die wir uns in Ermangelung plausibler Alternativen entschieden hatten, ist keine Notlüge geblieben. Marc arbeitet nämlich wieder. Aber nicht, dass du jetzt denkst, er hätte das Zepter in der Privatklinik übernommen. So übergriffig ist er dann doch nicht, auch wenn er aus Gründen, die ich nie verstehen werde, mit Elkes behandelndem Arzt so überhaupt nicht klarkommt und dem armen Professor und seinem Personal unnötig das Leben schwermacht. Nein, das meine ich nicht, obwohl ich ihm deswegen auch schon mehrfach meine Meinung gesagt habe, die er stumm ignoriert hat, weil er ja immer Recht haben will. Dieser sture Kerl! GRRR!!! Die ganzen Recherchen, die er für mich und meine Prüfungsvorbereitung getätigt hat, wofür ich ihm übrigens sehr, sehr dankbar bin und mich noch erkenntlich zeigen werde, weil sich mein kleiner Panikanflug von neulich wieder gelegt hat, haben seinen Ehrgeiz geweckt und er hat sein Forschungsprojekt wieder in Augenschein genommen, welches er während der ganzen Sorge um seine Mama ein bisschen aus den Augen verloren hatte. Er ist vor ein paar Tagen dem Rat seines Vaters gefolgt, den dieser Marc kurz vor dessen „Forschungsreise“ mit auf den Weg gegeben hatte, und hat sich tatsächlich mit ein paar Experten getroffen, die sich ebenfalls aktiv mit dem Thema seiner Habilitationsschrift befassen, also den neuen Behandlungs- und Rehabilitationsmethoden zur besseren Lebensqualität von Querschnittsgelähmten, denen er im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf die Beine helfen will. Marcs Augen haben richtig vor Begeisterung aufgeblitzt, als er mir von deren bahnbrechenden Forschungserfolgen auf dem Gebiet der Stammzellentherapie erzählt hat, bei welcher menschliche Stammzellen des Nervensystems ins Rückenmark der Patienten injiziert werden, wodurch sich neue Nervenzellen entwickeln könnten, die dann, so noch die graue Theorie, durchtrennte Nervenbahnen überbrücken könnten. Das könnte ein Weg für die Zukunft sein. Und ich liebe es, wenn mein Oberarzt so in seiner Arbeit aufgeht. Das Thema ist ja auch wahnsinnig spannend. Wir haben die ganze Nacht durchdiskutiert. Heute besucht er noch einmal die Forschungseinrichtung, trifft sich mit Professoren und Probanten und versucht sich an einer möglichen Kooperation mit dem EKH. Deutschland ist nämlich dahingehend noch etwas hinterher. Und ehe ein anderer ihm die Lorbeeren klaut, will Dr. Meier lieber gleich die Krallen ausfahren und zuschlagen. Seine wissenschaftliche wie praktische Arbeit ist ja allein schon Bewerbung genug. Papa würde ausflippen, wenn das klappen würde. Mit Forschungsaufträgen würde auch der ewige Krampf mit der Verwaltung aufhören, die jeden Cent dreimal umdreht, um ihm am Aufbau seines Lehrzentrums zu hindern.

Das ist so toll. Ich glaube, das ist genau das, was Marc gebraucht hat, um wieder aus dem Loch herauszukommen, in dem er die letzten Tage wie in einem Kokon mit seiner Mutter gelebt hat, der es, nebenbei bemerkt, nach ein paar Aufs und Abs wieder erstaunlich gut geht. Sie hat nicht nur ihren Lebensmut wieder gefunden, sondern hat auf Marcs Rat hin nun sogar beschlossen, ihre Erlebnisse schriftlich festzuhalten. Vielleicht wird daraus ja noch ein Buch? Das würde vielleicht sogar ich lesen. Erfahrungsberichte sind eh viel interessanter und authentischer als die graue Theorie oder fiktive Heile-Welt-Schriften wie „Dr. Rogelt und der Kampf ums ewige Leben“. Den Titel habe ich mir jetzt selbst ausgedacht. Ich darf meiner Schwiegermutter in spe gar nicht verraten, dass ich noch nie eins ihrer Werke gelesen habe, also mit Ausnahme von dem, das sie für die Hochzeit ihres größten Fans geschrieben hat, aber das war ja auch eine Lebensgeschichte, die auf wahren Ereignissen basiert, dessen Zeugin ich selbst sogar gewesen bin. Ich werde nie vergessen, wie Sabine an Günnis erstem Arbeitstag an mir vorbei in seine Arme gestolpert ist. Wie sie ihn anfangs gar nicht wahrgenommen hat, weil sie in ihrer ganz eigenen Welt gelebt hat. Und wie sie sich an ihrem Geburtstag auf dem wohl schrägsten Speed-Dating-Abend, zu dem Maria uns hingeschleppt hat, ineinander verliebt haben, nachdem mein Marc gekuppelt und die beiden einander vorgestellt hat. Hach... Ich glaube, ich schweife schon wieder ab. Aber du weißt ja, dass das Schreiben schon immer meine Anspannung gelindert hat. Für mich ist das auch irgendwie eine Therapie.

Jedenfalls wollte ich noch sagen, wenn Elke Fisher wieder zur sprichwörtlichen Feder greift, dann ist das wirklich ein sehr, sehr positives Zeichen. So kann Marc sich auch wieder mehr um sich und seine Ziele kümmern. Wenn er schon einmal dort im Mekka der Forschung ist, dann sollte er sich auf jeden Fall um seine Habilitation kümmern, damit er bald der jüngste Professor Deutschlands wird, mit dem ich dann angeben kann. Hihi! Und so wie ich das verstanden habe, hat er den Schweizer Spezialisten auch sein bisheriges Manuskript zum Lesen mitgegeben. Vielleicht ergibt sich ja dadurch wirklich noch etwas. Das wäre so toll. Marc hat sich in diesem Bereich schließlich auch schon einen Namen gemacht. Erst letzte Woche hat wieder ein Fachmagazin im EKH angerufen, das über seine Operationsmethoden berichten wollte. Ich erinnere nur an die komplizierte Operation von Anna Kaan, deren Reha mittlerweile wirklich gut läuft, wie sie im Übrigen auch. Obwohl noch vor Wochen niemand daran geglaubt hat und sie nach der Odyssee, die sie hinter sich hatte, wirklich jegliche Hoffnungen verloren hatte. Ich hab heute erst mit Mehdi wieder darüber gesprochen, welche Fortschritte sie macht. Lilly will ihre Mutter übrigens überraschen, wenn sie in ein paar Wochen nach Berlin zurückkehrt. Sie will ihr ein selbstverfasstes Musikstück vorführen. Süß nicht? Und ich soll heute das Versuchskaninchen sein. Oh je! Ich bin schon wahnsinnig gespannt, was das wohl wird. Merkt man oder? Hihi! Oh! Ich glaube, ich höre den Schlüssel im Türschloss. Mein Entführer kommt mit seinen Komplizinnen zurück. Ich muss Schluss machen.

Bye, bye, dein Gretchen

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

03.12.2013 14:47
#1454 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Kaum hatte Gretchen Haase den letzten Satz in ihr in pinkfarbenes Samt eingebundenes Tagebuch geschrieben und selbiges flink in ihrer rosa Umhängetasche versteckt, stürzte auch schon wie aufs Stichwort Lilly Kaan zur Tür herein und rannte noch in Winterstiefeln bekleidet auf die hübsche Besucherin mit dem ansteckenden Strahlelächeln zu und sprang ihr direkt ungebremst an den Hals, um den sie jetzt ihre nassen Anorakärmchen wickelte und sich fest, kalte Wange an warme Wange, an sie drückte. Die überrumpelte Assistenzärztin konnte die stürmische Neunjährige kaum bremsen und verlor dementsprechend auch sofort das Gleichgewicht, so dass sie nun beide der Länge nach kichernd auf der roten Couch landeten. Nach dieser Luft raubenden Begrüßungskuschelattacke richteten sich Gretchen und Lilly schließlich wieder auf und schauten sich grinsend und immer noch Händchen haltend und Arme hin und her schlenkernd an. Die junge Dame war richtig aufgeregt, ihre große Freundin hier bei sich zuhause zu sehen und machte daraus auch keinen Hehl.

Lilly: Gretchen! Ich freue mich so, dass du da bist. Ich muss dir unbedingt etwas zeigen. Pass auf, was ich für Mama eingeübt habe!

...kam es, ohne Luft zu holen, enthusiastisch aus Lillys Plappermäulchen gesprochen. Und bevor Gretchen auch nur darauf reagieren konnte, hatte Mehdis Tochter sie auch schon wieder losgelassen und war vom Sofa aufgesprungen und zurück zur Tür gerannt, die Mehdi und Gabi, beide jeweils mit einer Einkaufstüte bewaffnet, gerade hinter sich geschlossen hatten. Das aufgekratzte Mädchen riss ihrem perplexen Papa den Gitarrenkoffer aus der rechten Hand und wollte schon zurückstürmen, als sie aber von Mehdi daran gehindert wurde, der sie pappfrech an der Kapuze ihres rosa Anoraks festhielt, so dass sie abrupt wieder nach hinten gerissen wurde und gegen seinen starken Körper gedrückt schließlich unfreiwillig stehen bleiben musste. Jeglichem Widerstand in Form einer ihn anbettelnden zuckersüßen Schmollschnute zum Trotz festigte er seine Krakenumarmung um die Zappelphilippine und ermahnte selbige erst einmal für ihr forsches Auftreten.

Mehdi: Lillymaus, so lass uns doch erst einmal ankommen. Dein Auftritt kann noch warten. Deine nassen Schuhe jedoch nicht.
Lilly: Oh! Ja, entschuldige, Papa!

...nuschelte Lilly verlegen in ihren pinkfarbenen Schal hinein, aus dem sie sich gerade mühsam befreit hatte, nachdem ihr Vater sie wieder freigegeben hatte, und schaute prompt auf ihre beiden Füße, um die herum sich bereits zwei große dreckige Pfützen gebildet hatten. Rasch zog sie die Übeltäter aus, stellte diese auf ihren angestammten Platz auf die Matte neben der Wohnungstür, warf ihre dicke Jacke und ihren Schal an den entsprechenden Haken der Garderobe und holte im nächsten Moment, um ihre verräterischen Spuren zu verwischen, einen Lappen aus dem Badzimmer, in das sich eine unbeobachtete Gabi gerade mit flinken Sockenfüßen verdrücken wollte, die natürlich zu ihrem großen Glück auch noch prompt in die Schneewasserlache tappen mussten, was deren Trägerin genervt fluchend kommentierte. Stolz schaute Mehdi seiner wohlerzogenen Tochter beim Aufwischen zu und zog selber seinen dunklen Parka und seine nassen Winterschuhe aus. Nur aus dem Augenwinkel heraus bemerkte er, wie seine Freundin die Lebensmitteltüten stehen ließ und nun doch eilig auf Zehenspitzen im Bad verschwand und die Tür hinter sich schloss. Er wollte ihr noch hinterher, aber da stand bereits seine Geisel vor ihm und lenkte ihn mit grimmigem meierähnlichem Ameisenblick und in die Hüften gestemmten Händen von seinem fürsorglichen Vorhaben ab.

Gretchen: Und wie stellst du dir jetzt den Nachmittag so vor, du... du Schuft, du? Was stand denn jetzt genau auf dem Rezeptblock?

...stellte Gretchen Haase sichtlich weniger aufgebracht als noch vor einer Dreiviertelstunde ihren fiesen Entführer nun direkt zur Rede. Lässig lehnte er sich mit dem Rücken an die Wand neben der Wohnungstür zurück und schmunzelte über den nicht verhehlten Unwillen in den aufblitzenden blauen Augen seiner besten Freundin, die daraufhin noch grimmiger dreinzublicken versuchte, aber dafür überhaupt kein Talent besaß und sich bald selber ihr breites Grinsen nicht mehr verdrücken konnte. Sie konnte dem charmanten Kerl einfach nicht böse sein, wenn er sich so gab, wie er es jetzt tat. Seine treuherzigen Mandelaugen hatten einfach diesen ganz bestimmten Effekt, ihm immer und überall vertrauen zu können. Selbst wenn er einem gerade pappfrech an der Nase herumzuführen versuchte.

Mehdi: Dass der liebe und sehr mitfühlende Onkel Doktor dir einen Tag mit mir verschrieben hat.
Lilly: Und mit mir!

...plapperte nun auch noch ungefragt Mehdis vorlautes Töchterlein unterstützend dazwischen, das wie aus dem Nichts wieder neben den beiden Erwachsenen aufgetaucht war und nun ungeduldig an Gretchens Hand zerrte, um sie zurück ins Wohnzimmer zu locken. Gretchen hatte also gar keine andere Wahl, als sich kampflos den sich gegen sie verschworenen Kaans zu ergeben und der frechen Maus zu folgen, der sie vorher noch an ihr süßes Stupsnäschen gestupst und ihr mit stetem Blick auf ihren Lausbuben-Papa gerichtet etwas geheimnisvoll zugeflüstert hatte.

Gretchen: Natürlich! Auf dich hab ich mich auch am allermeisten gefreut.
Lilly (kichernd schleppt sie den Gitarrenkoffer hinter ihrer grinsenden Freundin her u. setzt ihn auf dem Sessel ab, um das Musikinstrument vorsichtig herauszuholen, das fast so groß ist wie sie selbst): Hihi!
Mehdi (macht extra ein sichtlich betroffenes Gesicht, nachdem er das gehört hat): Du weißt immer noch, mir den Pfeil tief ins Herz zu rammen, Gretchen.
Gretchen (streckt ihm grinsend die Zunge heraus u. lässt sich zurück aufs rote Sofa fallen): Irgendwie muss ich mich ja wehren, wenn ich hier hinterrücks entführt und festgehalten werde.

Mehdi, der gerade die beiden Papiereinkaufstüten mit dem Bio-Siegel in die Küche geschafft hatte und angefangen hatte, diese auszupacken, brach nach dem Haasschen Spruch in schallendes Gelächter aus. Mit den Daumen wischte er sich die Lachtränen aus dem Gesicht und versuchte nun durch die Durchreiche der Küche besonders ernst in Richtung der beiden Mädels im Wohnzimmer zu schauen, konnte sich das Lachen aber einfach nicht verkneifen. Er hatte doch gewusst, dass seine Mission auf kurz oder lang von Erfolg gekrönt sein würde. Zum Glück, vor allem für ihn selbst, hatte er die Liebeskummerausnahmezuständlerin viel schneller wieder zum Lachen gebracht als gedacht. Marc wäre stolz auf ihn, wenn er das wüsste.

Mehdi: Tee oder Kakao?
Lilly/ Gretchen (wie aus einem Mund): Kakao!
Mehdi (verdreht die Augen): Warum frag ich überhaupt?

...murmelte der Halbperser nur kopfschüttelnd und ließ die beiden miteinander beschäftigten Damen erst einmal alleine. Er wollte sich erst noch um jemand anderen kümmern, der seine Liebe und Fürsorge noch dringender benötigte. Mehdi war gerade an der Tür vom Badezimmer angekommen, als auch schon im Hintergrund die ersten vertrauten Gitarrenklänge erklangen, die, wie vorhin bei der Musiklehrerin, als er schon einmal Zeuge der vielen Talente seiner Ältesten geworden ist, noch mehr einem katzenquälenden Schrammeln als echter künstlerisch wertvoller Musik ähnelten. Aber jeder fing nun mal klein an und seine Lilly-Maus sah so süß aus mit der riesigen mit bunten Blumen bemalten Gitarre, die sie nur unter großer Anstrengung halten und bespielen konnte. Er musste kurz darüber lachen, strich sich dann über den Mund, um sich zu beruhigen und wieder ernst zu werden, und klopfte leise an die geschlossene Tür und drückte, ohne eine positive Antwort abwarten, die Klinke herunter. Seine Lebensgefährtin hatte nicht abgeschlossen. Es hatte also mal wieder schnell gehen müssen, dachte er besorgt und spürte gleich wieder sein völlig unbegründetes schlechte Gewissen aufkommen, weil er seiner Herzdame in dieser frühen Phase ihrer Schwangerschaft nicht wirklich helfen konnte, was er so gerne tun würde, weil er es kaum ertragen konnte, sie so leiden zu sehen. Käseweiß saß Gabi an die Badewanne gelehnt mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden und schaute noch mit der Toilettenrolle in der Hand müde zu ihrem Schatz hoch, als er auf leisen Sohlen eintrat.

Mehdi: Alles ok, mein Schatz?
Gabi (blickt ihn mit gequältem Gesichtsausdruck an): Ich hätte den Burrito nicht noch essen sollen.
Mehdi (kann sich trotz seines ehrlichen Mitgefühls eine kleine Spitze nicht verkneifen): Meine Rede!
Gabi (schon ist die Übelkeit vergessen u. sie blitzt Mehdi zickig an): Klugscheißer!
Mehdi (verzieht seine zuckenden Mundwinkel zu einem Lächeln): Hey! Komm mal her, Maus!

Sanft zog Mehdi seine Liebste von den dank der Fußbodenheizung warmen Fliesen hoch und schlang seine Arme um die Taille der wackeligen Widerspenstigen, die ihr angesäuertes Gesicht extra von dem belehrenden Sprücheklopfer weggedreht hatte. Sie gab ihrem Widerstand jedoch schnell auf, als sie die Wärme und die Geborgenheit ihres um sie bemühten Freundes spürte, der sie und ihre wackelpuddingweichen Knie, die sie beinahe wieder zusammensacken ließen, mit seinem starken Körper stützte, an den sie sich nun widerstandslos mit geschlossenen Augen heranschmiegte und dessen aufregenden Duft inhalierte, wodurch es ihr gleich viel besser ging als noch während der ruckeligen Stop-and-Go-Autofahrt durch diverse Berliner Baustellen. Einen Moment lang hielten sie sich so fest, dann schaute die erschöpfte Krankenschwester wieder zu ihrem Liebsten hoch, der sie mit seinen Mandelaugen liebevoll anlächelte.

Gabi: Bis heute Abend bin ich wieder fit. Versprochen!
Mehdi (sein ansteckendes Lächeln weicht einem eher skeptischen Blick): Bist du sicher? Es ist doch kein Problem, wenn wir das absagen. Das läuft uns doch nicht weg. Es gibt noch so viele Termine.
Gabi (das Trotzköpfchen meldet sich, das sich wegen einer läppischen Schwangerschaftsübelkeit nicht den Spaß am Leben nehmen lassen will): Ich will aber hingehen. Ich freue mich schon so lange darauf, dass der neue Kurs endlich beginnt.
Mehdi (kann ihrem Charme kaum widerstehen): Du bist also scharf darauf, dass ich dir wieder auf die Füße trete, hmm?
Gabi (legt ihre Arme schlängelnd um seine Schultern, krault ein paar zu lang gewordene Haare am Hinterkopf u. sieht ihm augendzwinkernd tief in die Augen): Nein, ich bin scharf auf dich und die Wirkung, die dein sexy Hüftschwung immer auf mich hat. Außerdem bin ich immer diejenige, die dir auf die Füße tritt, was wohl daran liegt, dass ich mich kaum noch konzentrieren kann, wenn du mir so nah bist wie jetzt.
Mehdi (hingerissen von ihrer Flirtoffensive erliegt er dieser): Okay!? Wie kann ich da noch „nein“ sagen?
Gabi (grient ihn zufrieden an u. lockert ihren Klammergriff, um ihre Handinnenflächen nun sanft auf seinen puckernden Brustkorb zu legen): Eben! Ich leg mich ein Stündchen hin. Dann geht’s auch schon wieder. Ganz bestimmt. Es sei denn, Lilly hat vor, den ganzen Tag die Leihgitarre in ihre Einzelteile zu zerlegen. Darf ich ehrlich sein? Das klingt, als würde sie einem armen Kätzchen die ganze Zeit auf dem Schwänzchen herumlatschen.
Mehdi (beißt sich auf die Lippen, um nicht laut loszulachen): Wäre dir eine Flöte lieber gewesen?
Gabi (klopft ihm gegen die Brust u. lässt ihn schließlich los): Bloß nicht! Dann hätte ich jetzt noch ständig dieses Pfeifen im Ohr. Hast du den kleinen Jungen gehört, der nach Lillyfee dran war? Die armen Eltern! Ich glaube, das würde mich später aus dem Takt bringen.
Mehdi (zwinkert ihr zu): Das sollten wir lieber nicht riskieren. Ich kann ihr sagen, dass sie für heute aufhören soll. Sie hat für ihre erste Stunde doch genug geübt. Sie hat Gretchen bestimmt schon von ihrem Talent überzeugt.
Gabi (putzt sich flink die Zähne u. schaut nach dem Ausspülen wieder zu ihm hoch): Naja, was Supertalente betrifft, die werden heutzutage eh überbewertet.
Mehdi (lachend zieht er seine Freundin wieder in die Arme u. blickt ihr mittels Spiegel in die aufblitzenden Augen): Und dir macht es wirklich nichts aus, dass ich Gretchen eingeladen habe? Gerade heute, wo es dir nicht so gut geht.
Gabi (verdreht die Augen): Solange sie selbst nicht zur Gitarre greift oder wie in der Klinik jeden anpampt, wenn es nicht schnell genug nach ihrem Willen geht, dann von mir aus. Ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals sagen würde, aber wir können nur hoffen, dass Marc bald wieder von seinem Forschungstrip zurück ist. Ihre unterirdische Laune ist ja nicht mehr auszuhalten. Dabei dachte ich immer, ich wäre die Zickige von uns.
Mehdi (schmunzelnd schmiegt er seine Wange gegen ihre u. schiebt die junge Dame Richtung Tür): Und bevor die nächsten Stimmungsschwankungen auftreten, bringe ich das Zicklein jetzt besser ins Bett.
Gabi (funkelt ihn sauer an): Hast du gerade Zicklein zu mir gesagt?
Mehdi: Äh... Nein, das würde ich doch niemals wagen.

...flunkerte der Halbperser seiner ihn argwöhnisch anfunkelnden Freundin breit grinsend vor und schob sie, bevor sie Widerstand leisten konnte, vom Badezimmer ins Schlafzimmer gegenüber, wo sie sich, ohne den dreisten Kerl noch einmal eines Blickes zu würdigen, ins Bett fallen ließ, die puddingweichen schlanken Beine ausstreckte und sofort ihre verquollenen müden Augen schloss. Obwohl sie sich immer noch über seine große Klappe ärgerte, genoss sie es, wie Mehdi sie liebevoll zudeckte, ihr sanft über die leicht gerötete Wange streichelte und ihr anschließend einen zärtlichen Kuss auf die Stirn hauchte.

Mehdi: Schlaf schön, meine Schöne! Wir versuchen leise zu sein. Willst du noch die Wärmflasche oder soll ich dir als Einschlafhilfe noch meinen Spezialkakao machen? Ich wollte für die Mädels auch gerade welchen zubereiten.
Gabi: Nein danke! Bloß nix Süßes trinken oder essen. Sonst muss ich gleich wieder rüber.

...verzog Gabi angewidert ihre Lippen, die sich momentan nicht wirklich vorstellen konnte, je wieder irgendetwas Essbares zu sich zu nehmen, um dem täglichen Ritual endlich zu entkommen, und schaute noch einmal kurz zu ihrem charmanten Freund hoch, der schon wieder seine Betroffenheitsmiene aufgesetzt hatte, die sie absolut nicht leiden konnte, weil ihr Mehdis Mitgefühl wegen der ständigen Kotzerei wirklich nicht weiter half. Die Natur hatte es nun mal so eingerichtet, dass sie da alleine durchmusste. Die paar Tage würde sie auch noch schaffen. Dann würde sie sich endlich ganz auf die Vorfreude konzentrieren können und durch sämtliche Babyläden Berlins schlendern und das Kaansche Wohlfühlprogramm richtig genießen, ohne gleich mittendrin wieder wegen Unpässlichkeit ins gegenüberliegende Zimmer oder die OP-Waschräume flüchten zu müssen.

Mehdi (zärtlich streichelt er ihr unter der Decke über den Bauch): In vier bis fünf Wochen ist es vorbei. Dann beginnt die schönste Zeit.
Gabi (reagiert zickiger als sie eigentlich will): Oh ja, yippie, Sodbrennen, schmerzende Brüste, geschwollene Füße, Hitzewallungen, Rückenschmerzen, ständige Pippipausen. Nicht zu vergessen die Heißhungerattacken. Und wie ich mich freue, Mehdi! Ich werd immer fetter und unansehnlicher werden. Dann willst du bestimmt nicht mehr mit mir tanzen gehen oder dich überhaupt irgendwo mit mir blicken lassen. Brad wird sicherlich auch heilfroh sein, dass ich ihm nicht sein teures neues Parkett zerstampfe. Weißt du was? Ich komme doch nicht mit. Du kannst den Kurs stornieren.
Mehdi (setzt sich seufzend zu ihr auf die Bettkante u. hält seine warme Hand an ihre Wange): Maus, ich werde immer und überall mit dir tanzen wollen. Mit der schönsten, sexiesten und tollsten Schwangeren, die ich kenne, und ich kenne eine Menge Schwangere. Du wirst wunderschön aussehen und von innen strahlen. Das tust du doch jetzt bereits. Ich kann mich gar nicht an dir satt sehen, so hübsch und anziehend bist du. Ich bin derjenige, dem die Konzentration für die Tanzschritte fehlen wird. Glaub mit! Dank dir hab ich so viele Glückshormone in mir drin, dass ich kaum weiß, wohin damit. Du wirst mich aufhalten müssen, dass ich nicht vor aller Welt vor überschäumender Freude so einen seltsamen Improtanz aufführe. Verstehst du? Ich könnte die ganze Welt umarmen, weil wir uns so ein unglaublich tolles Geschenk gemacht haben.
Gabi (schaut gerührt in seinen leuchtenden Augen hin und her u. legt ihre Hand auf seine, die immer noch an ihrer Wange ruht): Wirklich?
Mehdi (beugt sich langsam zu einem sanften Kuss herunter): Wirklich!

Gabi (genießt den zärtlichen Kuss sehr u. als sie langsam die Augen wieder öffnet, ärgert sie sich sehr über sich selbst, weil sie mal wieder unnötig überreagiert hat): Tut mir leid, dass ich momentan so unausstehlich bin. Das war einfach zu viel in letzter Zeit. Die Schwangerschaft. Die unkontrollierbaren Hormonanfälle zu unmöglichen Zeiten und in unmöglichen Situationen. Deine Mutter und ihr drittes Auge. Und dann noch der Stress in der Klinik, der Ärger mit der Polizei, Gordon,...
Mehdi (versucht sie zu beruhigen): Hey! Ich hab doch gesagt, ich will gar nicht wissen, was da genau gelaufen ist. Hauptsache ist doch, dass es vorbei ist und du mehr auf dich und deinen Körper achtest. Gerade jetzt in deinem Zustand.
Gabi (kann kaum glauben, dass er ihr das alles wirklich verzeiht u. nicht nachtragend ist): Mehdi, ich...
Mehdi (legt seinen Finger auf ihre Lippen, um die Reumütige zu stoppen): Sssht! Ich bin dir nicht böse, Gabi. Wir haben schließlich alle unsere dunklen Geheimnisse. Ich war nur im ersten Moment so enttäuscht, dass du nicht gleich zu mir gekommen bist. Wir hätten doch eine gemeinsame Lösung gefunden, um die Therapie deiner Mutter zu finanzieren. Du weißt ganz genau, was ich von Rauschmitteln aller Art halte. Für mich als ehemaligen Abhängigen zählt auch nicht die Motivation, die hinter eurem, sagen wir mal so, unkonventionellem Plan gesteckt hat. Das Ganze ist nicht ohne Grund in Deutschland verboten. Ich hab Angst um dich und will nicht, dass du da in etwas hineingezogen wirst, was am Ende vielleicht nicht mehr kontrollierbar ist. Du hast doch gesehen, in welchem Chaos es hätte enden können, wenn ihr nicht rechtzeitig alles beiseite geschafft hättet. Wir haben das lange genug ausdiskutiert. Ich will nicht, dass du dich deswegen unnötig stresst. Es ist vorbei. Das ist alles, was ich wissen muss. Und um Gordon kümmere ich mich noch. Du ruhst dich jetzt erst einmal aus, ja! Ich schaue später noch mal nach dir und dann entscheidet der Onkel Doktor, ob wir zum Tanzkurs gehen oder nicht. Und wenn nicht, dann ist das auch kein Weltuntergang. Dann tanze ich dir eben nachher meinen Improtanz im Schlafzimmer vor.
Gabi (zieht eine Schmollschnute, ist aber innerlich überglücklich, dass er wegen ihrer Dummheit nicht mit ihr Schluss gemacht hat, wie sie sich in einem hormonell bedingten Aussetzmoment eingeredet hat): Haha!
Mehdi (der ernste Gesichtsausdruck weicht wieder einem ansteckendem Grinsen): Wenn du was brauchst, ich bin drüben. Die Mädels warten bestimmt schon auf ihre Kakaos. Bis später!
Gabi (sieht ihrem wahnsinnig tollen Freund bewegt hinterher, als er aufsteht u. zur Tür geht): Hab ich dir heute schon gesagt, wie glücklich du mich machst?
Mehdi (bleibt irritiert an der Tür stehen, dessen Klinke er bereits in der Hand hält, u. schaut mit verklärtem Blick zu seiner Traumfrau rüber): Nein, heute noch nicht. Ich lieb dich auch. Sehr sogar.

Mit einer Kusshand in ihre Richtung verabschiedete sich Mehdi vorerst von seiner schwangeren Freundin, die sich daraufhin glücklich lächelnd in ihr Bett zurückkuschelte, ein Kissen als Mehdi-Ersatz fest umarmte und noch etwas über die chaotischen vergangenen Tage nachdachte, in denen sie ihrem fassungslosem Freund unter einem Tränenmeer verzweifelt ihre letzte große Dummheit gebeichtet hatte, weil sie es nach der ganzen Aufregung durch die „irrtümliche“ Razzia der Polizei einfach nicht mehr ausgehalten hatte und ihr Gewissen unbedingt von dieser schweren Last befreien wollte. Was hatte sie sich nicht alles eingeredet? Dass er nach ihrem Geständnis ganz bestimmt mit ihr Schluss machen und niemals wieder mit ihr reden würde. Aber er war ganz ruhig geblieben, hatte ihr aufmerksam zugehört, hatte ihre Tränen getrocknet und hatte sie nicht gehen lassen, was sie, um ihm zuvorzukommen, beinahe in Erwägung gezogen hätte, weil sie sich so sehr geschämt hatte. Sie war so dumm gewesen. Das war doch ganz eindeutig ein erstes Anzeichen von Schwangerschaftsdemenz gewesen, dass sie so überreagiert hatte. Wieso hatte sie denn überhaupt bei Gordons „Geschäften“ mitgemacht? Sie kannte den dummen Jungen doch schon ewig und hätte wissen müssen, dass dabei nichts Gutes herauskommen würde. Sie war so blöd gewesen. Sie hatte die ganze Nacht an Mehdis Schulter geweint, bis er am nächsten Morgen diese wirklich dumme Episode für beendet erklärt hatte und nichts mehr dazu hören wollte. Und sie hatte nicht nur ihm, sondern vor allem sich selbst feierlich geschworen, nie wieder irgendeinen Blödsinn hinter seinem Rücken auszuhecken. Das Risiko, ihn zu verlieren, war ihr einfach zu groß. Ein Leben ohne diesen unglaublich tollen, verständnisvollen, einfühlsamen Mann, der sie einfach so nahm, wie sie war - so unperfekt und unreif in mancherlei Entscheidung -, konnte sie sich nämlich absolut nicht mehr vorstellen.

Nach einer Weile aufwühlender Gedankenarbeit schlummerte Mehdis Freundin schließlich erschöpft ein, während draußen Lilly immer noch Gretchen etwas vorzuspielen versuchte, die sich stark darum bemühte, sich keinerlei Kritik an ihrem Gesicht anmerken zu lassen. Aber ein zufällig mit Mehdi gewechselter Blick, der gerade von der Durchreiche der Küche zu ihr herüberzwinkerte, ließ ihr breites Grinsen schließlich nicht mehr aufhalten.

Gretchen: Schön Lilly, du machst das wirklich toll.
Mehdi (stimmt ihr bei): Aber für heute ist erst einmal genug, ja, Lilly-Schatz?
Lilly: Och bitte Papa!

...nölte Lilly, als ihr Vater mit zwei Kakaobechern bewaffnet ins Wohnzimmer zurückkam und diese vorsichtig auf dem Couchtisch absetzte, auf dem es sich sein Töchterlein mit der viel zu großen Gitarre bequem gemacht hatte. Aber jeder Widerstand war zwecklos. Dafür genügte der eifrigen Gitarrenschülerin nur ein Blick in die haselnussbraunen Augen ihres sehr entschlossenen Herrn Papas und so reichte sie ihm doch das Instrument, auch wenn sie dabei eine ziemlich enttäuschte Schnute zog. Der warme Kakao, den er ihr jetzt reichte, wirkte jedoch schnell als Stimmungsaufheller. Bei allen drei Personen, die es sich nun nebeneinander auf der bequemen Wohnzimmercouch gemütlich gemacht hatten. Mit einem Sahneschnäuzer über ihren roten Lippen wandte sich die hierhin Entführte nach einer Weile an ihren Geiselnehmer, der sein Heißgetränk auch gerade sichtlich genoss...

Gretchen: Und was machen wir jetzt?
Mehdi: Naja, wir... wir könnten vielleicht einen Film schauen?

...schlug der ertappte Halbperser wenig einfallsreich vor und wischte sich seinen eigenen Sahneschnäuzer von der Oberlippe. Sein Plan, Gretchen wenigstens ein Lächeln zu entlocken, warf doch noch deutliche Lücken auf. Das merkte er auch an den recht skeptischen Blicken, die ihm nun von Seiten seiner liebeskummergeplagten besten Freundin und seiner Tochter zugeworfen wurden.

Lilly: Langweilig!
Gretchen (grient erst die vorlaute Zuckerschnute an u. zieht sie in eine innige Schmuseumarmung, dann den perplexen Mann zu ihrer Linken): Genau meine Rede! Mich deucht, dass die Behandlungsmethoden des werten Herrn Doktors doch recht unzureichend sind.
Mehdi (in die Enge gedrängt versucht er irgendwie wieder Oberwasser gegenüber den beiden Verschwörerinnen zu bekommen): Oha! Erst nicht mitkommen wollen und jetzt hohe Ansprüche an das Unterhaltungsprogramm stellen. Und worauf hätte Mademoiselle denn jetzt Lust?
Lilly (plappert sofort dazwischen): Uuunooo! Ich kenne ganz neue tolle Tricks.
Gretchen: Ach?
Mehdi: Lillymaus, eigentlich hatte ich Gretchen gefragt. Heute ist Gretchen-Tag. Vergessen? Sie entscheidet.

Gretchen-Tag? Ist er nicht süß? Hihi! Wie er sich ins Zeug legt. Marc hat noch nie einen Gretchen-Tag für mich gemacht, wenn ich traurig bin.

Gretchen (kommt Lillys Antwort zuvor u. grinst ihren besten Freund an): Wenn sie das unbedingt spielen will, können wir das doch gerne tun.
Lilly (aufgeregt fällt sie den beiden Erwachsenen wieder ins Wort): Nein, ich hab eine viiiel, viel bessere Idee. Das hab ich neulich bei Claras Kindergeburtstag gesehen und mir gleich ausgeliehen. Das macht so viel Spaß.
Mehdi (seine „Begeisterung“ ist ihm deutlich anzusehen, als er ahnt, woher Lillys plötzlicher Eifer kommt): Oh Lilly, bitte, nicht!
Lilly (grient ihren Papa schadenfroh an): Oh doch! Keine Widerrede! Du hast doch bloß Angst, zu verlieren. Papa ist nämlich ganz, ganz schlecht in dem Spiel. Der hat sich voll mit Gabi verknotet, als wir das neulich gespielt haben. Und dann sind beide kichernd umgekippt wie zwei Schildkröten, die dann ihre Beine in der Luft baumeln, und haben geknutscht.

...versuchte Lilly noch weiter Überzeugungsarbeit bei ihrer großen Freundin zu leisten und sprang auch schon im nächsten Moment von ihrem Platz auf, um den Spielteppich und die Drehscheibe aus ihrem Zimmer zu holen. Ratlos und überfordert blickte Gretchen nun Mehdi an, der auf die Frechheiten seiner Tochter erst einmal einen kräftigen Schluck Kakao nehmen musste. Aber aus Erfahrung wusste er, dass er keine andere Wahl haben würde, als sich auf das Spiel einzulassen, das nur dazu da war, seine Defizite ungeschönt aufzudecken. Und so fanden sich Gretchen und er auch schon kurz darauf in ihrem persönlichen Albtraum wieder, als Hände und Füße nicht dahin wollten, wo sie auf Lillys Geheiß hin sollten. Also zog der Familienvater nach einer halben Stunde konditioneller Verausgabung die Auszeitkarte, als er bemerkte, dass Gabi schon wieder über den Flur ins Badezimmer flitzte, und ließ Lilly und Gretchen die Runde „Twister“ allein zu Ende spielen. Verwundert sah Gretchen ihrem besten Freund hinterher, wie er im Bad verschwand, und schaffte es doch irgendwie mit ihrem rechten Bein über das linke gekreuzt den gelben Punkt zu erreichen. Rühren konnte sie sich danach nicht mehr. Aber für neugierige Zwischenfragen reichten ihre Geschicklichkeit und ihre Kondition dann doch noch aus.

Gretchen: Was ist denn mit Gabi? Mich wundert schon die ganze Zeit, warum sie nicht mit uns mitspielt. Ich dachte schon, es läge an mir.
Hmm... Wir werden wohl nie Freundinnen werden. Aber wenn sie nicht will, man kann niemanden zu seinem Glück zwingen.
Lilly (zuckt mit den Schultern u. setzt mit Leichtigkeit ihre rechte Hand auf den roten Punkt neben Gretchens ausgestrecktem Bein): Grippe. Das geht schon voll lange so. Erst wollte ich mich auch anstecken lassen, weil wir in Deutsch ein Diktat schreiben sollten, aber dann hab ich Gabi morgens brechen hören und bin dann doch zur Schule gegangen.
Sie hat Grippe und geht dennoch zur Arbeit? Seltsam!
Gretchen (verrenkt sich fast, als sie Lilly ins Gesicht schauen will): Ach?
Lilly (nickt eifrig mit ihrem Köpfchen): Ja, und ich hab eine Eins bekommen. Null Fehler.
Gretchen (muss schmunzeln u. verliert durch die Bewegung ihres Zwerchfells fast das Gleichgewicht): Toll. Schööön.... für.... diiich.
Lilly (lächelt stolz zurück u. deutet ungeduldig auf die Drehscheibe): Gretchen, du musst auf grün gehen.
Gretchen (sichtlich überfordert): Oh! Wie soll das denn gehen, ohne dass ich mir den Arm auskugele.
Lilly (fällt fast um vor Lachen): Hihi! Du bist lustig.
Gretchen (die Schweißperlen stehen schon auf ihrer Stirn, als sie schließlich erschöpft aufgibt u. ihren hochgereckten Po direkt auf das geforderte grüne Feld platziert u. dort sitzen bleibt): Und du... du hast gewonnen. Ich kann nicht mehr
Lilly (streckt triumphierend ihre Arme empor u. lässt sich auch auf die Spieldecke fallen): Spielen wir noch eine Runde, wenn Papa wieder dazukommt?
Oh Gott! Hilfe! Mehdi, hol mich hier raus! Als Entführer obliegt es schließlich deiner Verantwortung, dass es der Geisel gut geht und sie nicht noch mehr gequält wird.
Gretchen (leichte Panik spiegelt sich in ihren himmelblauen Augen wieder): Süße, können wir nicht auch erst einmal auf den Pausenknopf drücken? Das war doch ganz schön anstrengend für mich als Neueinsteigerin. Ich würde gerne erst einmal etwas trinken.
Lilly: Okidoki! Wasser ist in der Küche. Ich gehe in mein Zimmer mit meinen Barbies spielen. Kommst du dann dazu? Wir können Modenschau machen. Du darfst auch die Heidi spielen.
Gretchen: Gerne!

Lächelnd schaute Gretchen dem fröhlichen Frechdachs hinterher, der den Flur hinter flitzte und dann im Kinderzimmer verschwand. Mühsam stand nun auch die junge Ärztin vom Teppich auf und spürte dabei Muskeln und Gelenke, die sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Sie sollte schleunigst wieder etwas für ihre Fitness tun, dachte sie mit gequältem Gesichtsausdruck, aber das hatte auch morgen oder übermorgen oder nächste Woche noch Zeit. Jetzt wollte sie sich einfach nur ausruhen und durchatmen und sich an der Hoffnung laben, dass Lilly in der Zwischenzeit etwas von ihrer Energie verlieren würde, damit sie nicht noch mal zurück auf die Matte der Qualen musste. Mit ihren letzten Kräften schleppte sich die untrainierte Blondine zum Sessel und ließ sich hineinfallen. Viel zu spät fiel ihr wieder ein, was sie eigentlich gewollt hatte, und richtete sich nach einer kurzen Verschnaufpause wieder auf und begab sich in die Küche nebenan. Gretchen hatte sich gerade ein Glas Wasser eingeschenkt, als sie erst eine Tür, dann eine weitere schließen hörte und im Anschluss Mehdis Stimme vernahm, die offenbar nicht ihr oder Lilly zugewandt war. Er schien allem Anschein nach zu telefonieren. Denn seine Stimmlage wurde mal lauter, mal wieder leiser. Da die Küchentür offen stand, konnte sie gar nicht anders, als ein paar Häppchen des abgehackten Gesprächs mit aufzuschnappen.

Mehdi: ... Was? Morgen schon? ... Warum denn auf einmal so plötzlich? Ich dachte... Und was sagt sie dazu? ... Bist du sicher? ... Na, wenn das mal gut geht! ... Haha! ... Wieso meldest du dich eigentlich erst jetzt, wenn der Termin schon die ganze Zeit feststand? Du hättest doch... Spontan? Du und spontan? ... Ich hab nichts gesagt. ... Nein, da war kein Hinterton in meiner Stimme. Du kennst mich doch. Ich wollte nur... Ja klar! Also was ist jetzt? ... Ja, doch! Aber warum willst du nicht...? Willst du sie etwa überra...? ... Alter, ich hab doch nur gemeint, dass du... Jaaahaaa! ... Ich wollte nur sagen, dass du dir keinen perfekteren Zeitpunkt hättest auswählen können. ... Wieso? Weil sie... Naja, du... du wirst es ja bald selbst erleben. ... Nein! Mehr sage ich nicht dazu. Ich rede nämlich nur ungern hinter dem Rücken anderer. Und dass du vor Sehnsucht fast umkommst, das hab ich auch nicht... Geht das auch einen Ton leiser? ... Okay! Ich habe verstanden. Morgen gegen... Gut...

Da Mehdi nicht gemerkt hatte, dass die Wände von seiner und Gabis Wohnung mittlerweile Ohren bekommen hatten, sprach er ungehindert weiter in sein Handy, zumindest solange, bis er in die Küche trat und dort am Esstisch eine unschuldig dreinblickende Gretchen Haase entdeckte, die neugierig ihr Näschen in seine Richtung reckte. Augenblicklich wich jegliche Farbe aus seinem Gesicht und er wurde plötzlich ganz hektisch.

Mehdi: Gut, gut, ich... ich... muss Schluss machen. ... Ich will dich doch nicht abwimmeln. Es ist nur... Nein! Und ihr Name ist Gabi. Merk dir das endlich mal! ... Du... Mein Besuch wartet. Ich muss... Ähm... Eine... eine Freundin. ... Boah! Du bist unverschämt. ... Neiiin! Siiie! ... Jep! Erfasst! ... Jetzt warte! Nein, natürlich nicht, ich werde nicht... Ja, mach’s gut. Bis... äh... ja? Ciao!

...beendete der ertappte Halbperser schnell flüsternd sein Gespräch. Sichtlich nervös steckte Mehdi sein Handy wieder in die Hosentasche und wich Gretchens fordernden Blicken aus, die nach Informationen haschend seinen Körper hoch und runter scannten. Er schnappte sich ebenfalls ein Glas und schenkte sich Mineralwasser ein, während sich Gretchens Blicke immer tiefer in ihn hineinbohrten. Er war so was von am Arsch! Ja, das war er definitiv, spürte Mehdi instinktiv. Sie hatte Lunte gerochen. Nicht gut! Das war ganz und gar nicht gut.

Gretchen: Wer war denn dran?
Mehdi (verschluckt sich fast an seinem Wasser): Äh... ein... ein Kollege.
Gretchen (von der Neugier gepackt): Wer denn?
Mehdi (spürt so langsam wie die rote Farbe sein eben noch bleiches Gesicht erobert): Ach... Niemand weiter.

Anhand von Mehdis nicht gerade überzeugender Schauspielkunst merkte die wissbegierige Assistenzärztin recht schnell, dass hier etwas gehörig nicht stimmte. Ein paar Wortfetzen des mitgehörten Telefonats kamen ihr wieder in den Sinn und Mehdi, der nicht gerade locker am Fensterbrett lehnte, konnte deutlich beobachten, wie es in Gretchens Kopf zu arbeiten begann. Schnell versuchte er sie abzulenken, aber sein Vorschlag kam zu spät. Sie hatte ihn schon längst durchschaut und legte ihm die Pistole jetzt direkt auf seine puckernde Brust.

Mehdi: Du, Gretchen, was hältst du davon, wenn du mich heute zum Tanzkurs begleitest. Gabi fühlt sich nicht so wohl und kann nicht mitkommen. Die Stunde ist schon bezahlt und wir könnten...
Gretchen: War das eben Marc? Das war doch Marc!
Schei...benkleister!
Mehdi (kneift kurz die Augen zusammen u. verrät sich damit erst recht): Äh... was? Nein, wie... wie kommst du denn darauf?
Es war Marc!
Gretchen (richtet sich auf u. fixiert den nervösen Mann mit ihrem wissenden Blick): Weil du ein noch schlechterer Lügner bist als ich. Was wollte denn Marc von dir? Er war heute so komisch zu mir am Telefon. So wortkarg und ungewohnt kurz angebunden. Du weißt doch was. Ist irgendetwas passiert? So sag schon!
Mehdi (ringt mit sich): Gretchen...
Gretchen (steht entschlossen vom Tisch auf u. kommt ihm näher, als ihm lieb ist u. bohrt ihren Zeigefinger in seinen Oberkörper): Mehdi Kaan, du verrätst mir jetzt auf der Stelle, was Marc von dir wollte!

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

08.12.2013 14:41
#1455 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Marcs bester Freund saß wie die sprichwörtliche Maus in der Falle. Eingekesselt von einer nach wochenlanger Meier-Abstinenz zu allem entschlossenen Frau und der Balkontür im Rücken. Ihm bliebe folglich nur dieser eine Fluchtweg, um dem drohenden Haasschen Verhör noch zu entkommen. Aber aus Erfahrung als Arzt wusste er, dass auch ein Sprung aus dem ersten Stock schon gefährlich enden konnte. Und er trug nun mal Verantwortung hoch drei. Er konnte sich jetzt nicht verdrücken, selbst wenn er gewollt hätte. Mehdi hatte keine andere Wahl, als sich der Situation zu stellen, in die ihn ein liebeskranker Marc Meier unbedarft hineingestoßen hatte. Warum musste eigentlich immer er dessen spontane Ideen ausbaden, fragte sich der Halbperser verzweifelt und schloss für einen Moment seine Augen. Es war eine kurze Verschnaufpause, denn schon ließen ihn das lautes Räuspern der nach Antworten jagenden Göttin Diana und der zunehmende Druck, der auf seinem Brustkorb lastete, wieder daran erinnern, in welcher Misere er gerade ungewollt steckte. Gretchens forsches Auftreten und ihre eisigen Blicke ließen keine Widerrede gelten und so langsam tat ihm die Stelle auch weh, an der sie ihren Zeigefinger so tief in seine Brust bohrte, dass er vermutlich noch tagelang mit einem blauen Fleck würde herumlaufen müssen, den er dann auch noch seiner Freundin würde erklären müssen. Das war heute eindeutig nicht sein Tag. Wie auch? Schließlich war heute von ihm selbst der erste offizielle Gretchen-Tag eingeführt worden. Ein Argument, das vielleicht auch dem Verursacher dieses ganzen emotionalen Chaos gefallen würde. Aber der ließ ja noch auf sich warten. Dessen Herzblatt jedoch nicht. Diese stand wie eine wütende griechische Göttin gerade vor ihm. Ein letzter Versuch, die sehr entschlossene junge Dame mit seinem Bambiblick zu besänftigen, scheiterte bereits, bevor Mehdi seinen Mund überhaupt aufgemacht hatte, um sich zu verteidigen...

Mehdi: Gretchen, bitte!
Gretchen (funkelt ihn unmissverständlich von unten herauf an u. bohrt ihren Zeigefinger noch einmal extratief in seinen Pullover, der schon Druckstellen aufweist): Du weißt, dass ich sehr, sehr hartnäckig sein kann, Mehdi.
Mehdi (seufzt resignierend): Ich weiß.

Mit beiden befreundet zu sein, ist anstrengender als eine Zwillingsgeburt, bei der ich jetzt gerne assistieren würde. Aber wie das so mit Wünschen ist, sie werden einem nicht einfach so mit einem Fingerschnipsen erfüllt.

Gretchen (setzt ihren Finger ab u. verschränkt nun herausfordernd ihre Arme vor ihrem Körper): Also, ich höre!
Mehdi (bleibt standhaft, scheut aber den direkten Blickkontakt): Ich kann nicht.
Gretchen (ärgert sich immer mehr über den Sturkopf, den sie eigentlich nicht für einen solchen gehalten hat): Was heißt hier, du kannst nicht? Du darfst nicht! Hat Marc das gesagt? Was heckt der schon wieder hinter meinem Rücken aus, Mehdi?

Wie gesagt, es ist schwierig, beide Interessen zu wahren. Was mache ich denn jetzt bloß? Marc macht mich doch sonst einen Kopf kürzer, wenn ich Gretchen etwas erzähle.

Mehdi (verteidigt den guten Willen seines besten Freundes): Nichts.
Gretchen (mustert misstrauisch Mehdis Gesicht, das ihrem durchdringendem Blick nicht standhält, was ihn noch verdächtiger macht): Und warum kann ich dir das nicht glauben? Aus langjähriger Erfahrung weiß ich, dass Marc immer irgendetwas ausheckt.
Mehdi (traut sich dann doch, ihr eindringlich in die Augen zu schauen, um ihr zumindest ein bisschen Verständnis abzuringen): Er reißt mir den Kopf ab, wenn er mitbekommt, dass du überhaupt etwas mitbekommen hast.
Gretchen (trotzköpfig): Äh... wie bitte? Was habe ich denn bitteschön genau mitbekommen? Nur so interessehalber, weil das hast du mir nämlich immer noch nicht beantwortet. Dann kann ich selbst entscheiden, ob ich mich verraten werde oder nicht.
Mehdi (kleinlaut): Du wirst dich verraten!
Gretchen (eingeschnappt funkeln ihre Augen auf): Woher willst du das denn so genau wissen?
Mehdi (kommt nicht umhin, ein kleines Lächeln zu riskieren): Weil ich dich kenne. Und Marc kennt dich und mich. Da haben wir von vornherein beide keinerlei Chance.

Menno, was hat das denn schon wieder zu bedeuten? Was hat er vor und wieso zieht er Mehdi da mit rein? Wieso macht der da überhaupt mit? Ich dachte, ich bekomme zumindest ein bisschen Solidarität von ihm vermittelt. Er weiß doch, wie durcheinander ich bin, seitdem Marc bei seiner Mama ist. Deswegen hat er mich doch heute überhaupt erst hierher gebracht und sich einen Gretchen-Tag ausgedacht. Und jetzt fällt er mir in den Rücken? Das ist gemein! Dabei will ich doch nur wissen, was Sache ist. Das hat rein gar nichts mit Neugier zu tun.

Gretchen (würde sich am liebsten die Haare raufen, so frustrierend ist Mehdis Geheimniskrämerei): Mehdi, du machst mich ganz verrückt mit deinen Verschleierungsversuchen.
Mehdi (setzt sich zusammen mit Gretchen wieder an den Küchentisch u. wird nachgiebiger, als er ihr enttäuschtes Gesicht bemerkt): Das war nicht meine Absicht.
Gretchen (reagiert zickig auf sein Versöhnungsangebot): Dann hättest du nicht absichtlich die Küchentür aufstehen lassen sollen.
Mehdi (kann nach dem ungerechtfertigten Vorwurf sein Grinsen nicht verkneifen): War ich in der Küche oder du, als ich hereingekommen bin?

GRRR! Jetzt dreht der mir auch noch jedes Wort im Mund herum. Er ist schlimmer als Marc! So genau hätte er Marcs Betreuungsprogramm für mich nun wirklich nicht nehmen sollen.

Gretchen (schiebt frustriert ihr halbleeres Wasserglas auf der Tischplatte hin u. her u. sieht Mehdi schließlich inständig an): Mehdi, bitte! Lass die Doppeldeutigkeiten! Jetzt sag endlich, was los ist! Was ist so wichtig, dass Marc es mir verschweigen muss? Was ist morgen? Wieso ruft er dich an und nicht mich? Ist etwas mit Elke? Geht es ihr schlechter? Will er, dass ich mir keine Sorgen mache? Rede mit mir, Mehdi! Die Ungewissheit macht mich noch wahnsinnig.

Ach Marc, hättest du mich mal lieber nicht angerufen. Das Überraschungsmoment hätte klappen können, wenn du nur einmal über die Dinge nachdenken würdest, die du ausheckst. Den Faktor F wie Fisher oder Folgen hast du nämlich auch noch nicht bedacht. Das kann folglich nur in einem Theaterdrama enden. Ich werde mir wohl Oropax besorgen müssen und schon einmal den Chirurgen meines Vertrauens informieren. Ach Mist, das wäre ja auch er. Ich hab aber heute ein Glück. Wahnsinn!

Mehdi (fühlt sich merklich unwohl in der Zwickmühle, in die ihn Marc unbedarft hineingestoßen hat): Gretchen...
Gretchen (grübelt über ihre Fragen nach, als es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen fällt): Hör auf, mich zu gretchen. Ich... Moment mal! Morgen? Morgen, heißt das etwa...? Oh mein Gott!

Oh, oh! Wie war das noch einmal mit dem Glück? Aber ich kann mich immer noch damit verteidigen, dass ich nichts gesagt habe. Das waren seine Worte. O-Ton Marc Meier: „Und wenn du petzt, dann zeig ich der Petze mal, was ich wirklich mit einem Skalpell so alles anstellen kann. Ich war drei Wochen nicht im OP, du weißt also, wie scharf ich darauf bin, wieder Messer zu wetzen.“ Hilfe!

Mehdi (kann bei dem verzweifelt bettelnden Ausdruck in Gretchens Augen nicht anders, als ihr ein vielsagendes Lächeln zu schenken, mehr aber nicht): Aber das hast du nicht von mir.
Gretchen (euphorisch): AAAAHHHH!!!! Natürlich nicht! Ich kann schweigen wie ein Grab. AAAAHHHH!!!!

Und plötzlich ging die Sonne auf. Außer sich vor Freude über die wahnsinnig tollen neuen Nachrichten, die sie ihm endlich aus den Rippen geleiert hatte, fiel Gretchen Marcs und ihrem besten Freund quietschend um den Hals und drückte dem überrumpelten Mann zwei fette Knutscher auf jede Backe, ehe sie ihn wieder losließ, auf ihren Stuhl zurücksank und den Tränen freien Lauf ließ, die urplötzlich unaufhaltsam ihre aufleuchtenden Augen füllten. Der unangenehm berührte Frauenarzt, der für das Wohl seiner Patienten auch mal todesmutig über Widerstände anderer hinwegging, reichte seiner Privatpatientin gerade ihr Lieblingsmedikament, mit dem sie ihre Glückstränen trocknen konnte, als die kleine Lillyfee, die nach den zwei seltsamen Schreien herangeflitzt gekommen war, neugierig ihren Wuschelkopf zur Küchentür hereinreckte. Beim Anblick der vielen Tränen ihrer großen Freundin hielt sie nichts mehr am Fleck und sie hastete schnell heran und schob sich zwischen Gretchens und Mehdis Stuhl, um ebenfalls erste Hilfe zu leisten...

Lilly (legt ihre Hände auf Gretchens Knie u. reckt ihr Kinn nach oben): Bist du traurig, Gretchen?
Gretchen (tupft die letzten Tränen mit Mehdis Taschentuch weg u. schaut die kleine Prinzessin, die sie beim Anblick ihres besorgten Gesichtes spontan auf ihren Schoss zieht, kopfschüttelnd und zart lächelnd an): Nein, im Gegenteil, Lillymaus, ich bin gerade sehr, sehr glücklich.
Lilly (unsicher mustert sie jeden Zentimeter von Gretchens Gesicht): Aber du weinst. Warum weinst du, wenn du glücklich bist?
Mehdi (bewegt von dem Anblick der beiden klärt er sein Töchterchen auf): Das sind Glückstränen, Lillyschatz. Weißt du noch, wie ich dir den Unterschied erklärt habe, als du und ich..., als wir uns... nach so langer Zeit an Heiligabend wieder gesehen haben und ich auch nicht aufhören konnte zu weinen, weil ich dich wiederhatte?
Gretchen (drückt den süßen Spatz, der seinem Papa ganz genau zugehört hat, ganz fest an sich u. zerdrückt ihn fast, weil sie gerade so viel Liebe zu geben hat): Genau! Ich weine Glückstränchen, weil ich gerade eine ganz geheime wundertolle Nachricht von deinem Onkel Marc entziffert habe.

Dabei müsste ich ihm eigentlich gehörig den Kopf waschen, weil er so ein Geheimnis um seine Rückkehr macht. Aber ich kann nicht. Ich freue mich so. Ich könnte die ganze Welt umarmen. Aber weil das ja bekanntlich nicht geht, schnappe ich mir einfach die süße Maus hier.

Lilly (schaut Gretchen mit großen Augen an u. versucht sich aus dem Krakengriff herauszuzappeln): Wann kommt er denn wieder? Ich vermiss ihn nämlich ganz dolle.
Gretchen (strahlt sie überglücklich an, als sie sich erneut herannähert u. Lilly etwas geheimnisvoll ins Ohr flüstert): Ich hab ihn auch wahnsinnig vermisst. Aber ich darf dir verraten, er ist schon ganz, ganz bald zurück.
Lilly (strahlt mit ihr mit u. blickt vergewissernd zu ihrem Papa rüber, der dazu gar nichts mehr zu sagen hat, weil man das vielleicht gegen ihn verwenden könnte): Wirklich?
Gretchen (bemerkt den verzweifelten Ausdruck im Gesicht des Halbpersers, grient ihn aufmunternd an u. rudert etwas zurück): Ja, einmal die Augen schließen und ganz fest an ihn denken. Aber das bleibt bitte unter uns. Das bleibt unser Geheimnis. Nur zwischen uns drei.
Lilly (ihre Augen leuchten wie funkelnde Sterne auf): Ich liebe Geheimnisse.
Gretchen (stupst der Grinsefee an die Nase u. drückt sie wieder fest an sich): Ich auch. Und einem anderen Geheimnis werde ich heute auch noch auf die Schliche kommen.
Lilly (guckt neugierig zu ihr hoch u. kann es gar nicht erwarten, mehr zu erfahren): Noch eins?

Gretchen (blickt Mehdi direkt in die Augen, der etwas mitgenommen aus der Wäsche schaut): Ja, und zwar, wie es kommt, dass dein Papa so toll tanzen kann. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen, wo doch alle Männer bekanntlich zwei linke Füße haben.
Lilly (kuckt zweifelnd auf Mehdis Füße): Echt?
Mehdi (erstaunt sieht er Gretchen an): Du willst doch mitkommen?
Gretchen (grient ihn augenzwinkernd an): Soweit ich mich erinnern kann, hast du mich doch vorhin zum Tanzen eingeladen. Das war doch nicht bloß als Ablenkungsmanöver für Marc gemeint oder?
Mehdi (sprachlos über die plötzliche Wandlung vom Trauerkloß zur Glücksfee): Äh...
Gretchen (ist in ihrer ansteckenden Euphorie gar nicht zu bremsen): Und da heute Gretchen-Tag ist, wie du gesagt hast, bestimme ich jetzt den weiteren Verlauf des Nachmittags. Ich habe so große Lust zu tanzen und die Freude rauszulassen.
Mehdi (schmunzelt): Na dann?
Gretchen (klatscht begeistert in ihre Hände u. grinst mit ihm mit, wobei ihre Gedanken natürlich die ganze Zeit bei Marc sind): Prima!
Lilly (schaut argwöhnisch zwischen den beiden Erwachsenen hin und her): Und ich? Ich will auch tanzen. Darf ich auch mit, Papili?
Mehdi (mit schlechtem Gewissen sieht er das kleine Fräulein mit dem unwiderstehlichen Bambiblick an): Lillymaus, der Kurs ist leider nur für Erwachsene. Und das wird viel zu spät für Tanzmäuse wie dich.
Lilly (folgt ihren ganz eigenen Argumenten): Aber es ist Wochenende. Da darf ich immer länger aufbleiben. Ich will auch tanzen lernen. Bitte, Papa!

Oje! Jetzt kommt sie wohl in das Alter, in dem sie sofort alles auf einmal ausprobieren möchte. Erst will sie reiten und Ponys adoptieren, dann Gretchens Goldfisch samt Aquarium, dann basteln, malen und Mode für ihre Puppen kreieren, jetzt Gitarre und Tanzen lernen. Von dem „Experiment“, das sie neulich mit Sarah auf Günnis Hochzeit durchführen wolle, mal ganz zu schweigen. Äh... das war jetzt der ganz, ganz falsche Gedanke.

Gretchen (springt für den verzweifelten Familienvater in die Presche): Aber du lernst doch schon ein Musikinstrument, Lilly?
Lilly (hat es sich nun mal in den Kopf gesetzt): Ja, ich will aber beides lernen.
Mehdi (wird schließlich zum Diplomaten, um den Lerneifer seiner Ältesten zumindest vorerst etwas einzubremsen): Vorschlag, meine Liebe, wenn ich gegen acht nach Hause komme, zeige ich dir dann ein paar Schritte, bis du hundemüde ins Bettchen fällst. Ja oder ja?
Lilly (ist anfangs noch skeptisch, grinst aber dann doch zufrieden): Na gut! Ausnahmsweise.
Mehdi (atmet erleichtert aus, weil diese Krise überwunden ist u. widmet sich sogleich dem nächsten Krisengebiet): Und weißt du, du würdest mir auch einen ganz, ganz großen Gefallen tun, wenn du dich ein bisschen um Gabi kümmerst, solange ich weg bin. Ihr geht’s heute wieder nicht so gut. Passt du auf, dass sie auch genug trinkt? Ich hab ihr schon eine Kanne Tee vorbereitet.
Lilly (sofort mit Feuereifer dabei springt sie von Gretchens Stuhl u. will sich schon auf den Weg machen): Ich bringe sie ihr und die Wärmflasche auch und ich erzähle ihr eine Geschichte. So wie du immer, wenn ich krank bin.

Ach Mensch, sie ist so lieb. Ich kann’s bald nicht mehr länger für mich behalten. Sie würde sich so freuen, wenn sie wüsste, was wirklich los ist.

Mehdi (zieht sein Mädchen glücklich lächelnd in die Arme): Mach das! Da freut sie sich bestimmt. Aber nicht übertreiben, ja. Es wird nicht getobt oder noch mal zur Gitarre gegriffen. Sonst überlege ich mir das mit dem Minitanzkurs nämlich noch mal.
Lilly (stellt sich keck auf seine wippenden Füße u. lehnt sich ihrem Papa entgegen): Darf ich mich dann auch wieder auf deine Füße stellen und mit dir mittanzen, wie auf Bines Hochzeit? Das war so toll.
Mehdi (zwinkert ihr zu): Na, ich bin davon ausgegangen, mein Schatz.

Lilly griente ihren Papa glückstrahlend an. Dieser zog die Grinsemaus noch einmal in eine dicke fette Umarmung, der sie rasch entschlüpfte, um sich jetzt ausgiebig von ihrer großen Freundin Gretchen zu verabschieden, die geherzt und gebusselt wurde. Dann stürmte sie auch schon los, blieb vor der Schlafzimmertür stehen, biss sich auf die Lippen, wartete eine Sekunde und klopfte zaghaft an und verschwand in dem abgedunkelten Raum und somit aus dem Blickfeld von Gretchen und Mehdi, die ihr lächelnd hinterher schauten, während sie sich im Flur ihre Winterjacken von der Garderobe nahmen. Die schöne Ärztin nutzte den Moment, um noch einmal genauer nachzuhaken.

Gretchen: Gabis Influenza geht schon ziemlich lange, hmm? Hast du sie untersuchen lassen? Das hört sich nicht gut an. Nicht dass sie noch was verschleppt.
Oh, oh!
Mehdi (leicht ertappt versucht er sich schnell herauszuwinden): Es geht schon. Du musst dir keine Sorgen machen.
Gretchen (es lässt ihr keine Ruhe): Es ist nur, nach der Sache mit Maria bin ich bei jeder Krankengeschichte, die länger als normal geht, übervorsichtig. Soll ich sie mir mal anschauen?

Ich muss es ihr endlich sagen. Die Geheimniskrämerei wird immer schwieriger und ehrlich gesagt, will ich auch nicht mehr länger schweigen. Ich will unsere Freude mit aller Welt teilen. Meine Mutter hat es doch auch sofort mit einem Blick auf mich und Gabi gemerkt. Sobald Marc wieder da ist, schnapp ich ihn mir, lad ihn zu nem entspannten Bierchen ein und dann sage ich es auch Gretchen. Sie wird ihn wieder runterkochen. Hoffentlich.

Mehdi (bekommt zunehmend ein schlechtes Gewissen, weil er „es“ noch nicht verraten darf, u. lenkt das Thema schnell auf eine ganz andere Patientin): Nein, nein, es ist alles soweit ok. Sie wird schon wieder. Sie ist nur etwas ähm... angeschlagen. Ein bisschen Schlaf und Fürsorge und sie ist bald ganz die Alte. Ich pass schon auf. Wo wir gerade beim Thema sind, hast du eigentlich noch mal mit Maria geredet? Sie ist gestern Nachmittag nicht zu ihrer Abschlussuntersuchung erschienen und am Montag geht es schon in die Kur. Sie hat noch nicht mal die Unterlagen abgeholt, die ich ihr für die Kollegen vor Ort mitgeben wollte. Wenn sie das abbläst, dann...
Gretchen (Mantel u. Schal sitzen u. so kann sie sich jetzt ganz ihrem zweitliebsten Thema widmen, den Beziehungsgeflechten im EKH): Keine Bange, sie kneift nicht. Es gab gestern einen komplizierten Notfall in der Neuro und Dr. Stier stand den ganzen Tag bis spät in die Nacht im OP. Sie konnte wegen der Kinder nicht weg.
Mehdi (legt sich nun ebenfalls seinen dunkelblauen Schal um den Hals u. widmet sich dann Jacke und Schuhen): Sie hätte doch wenigstens anrufen können. Wie lange will sie denn noch schmollen? Das ist doch albern. Ich hab doch nur meinen Job gemacht. Das kann sie mir doch nicht ewig vorwerfen.
Gretchen: Du kennst doch die Haltung von Chirurgen, Mehdi. Sie sehen sich nicht als Patienten, selbst wenn man ihnen die Bilder des riesigen Magengeschwürs auf dem Silbertablett präsentiert, und sie wissen alles besser. Marc und Cedric sind genauso.

Mehdi (verdreht die Augen): Und sie wohnt jetzt tatsächlich bei ihm und der Kleinen und das funktioniert?
Gretchen (kämpft sich in ihre kniehohen Stiefel u. schaut kurz schmunzelnd zu Mehdi hoch): Nur vorübergehend, wie sie immer wieder ohne Unterlass betont, damit ja keine Missverständnisse aufkommen. Wenn du mich fragst, völlig überzogen. Eigentlich genießt sie es, dass er springt, wenn sie es sagt. Aber so wie ich das mitbekommen habe - ich war ja gestern Abend kurz bei ihr, um nach ihr zu schauen und weil ich Sarah von der Kita mitgenommen habe -, will sie heute zurück in ihre Wohnung. Sie muss ja auch irgendwann packen. Und Gepäck für sich und ihre Kichererbse für drei Wochen zu organisieren, braucht auch seine Zeit. Echter Enthusiasmus sieht zwar anders aus, aber sie weiß, dass sie die Ruhe und die Erholung braucht, um wieder komplett zu genesen. Sie will ja so schnell wie möglich zurück in den OP, wohl auch weil sie glaubt, man würde ihr den Job streitig machen, jetzt wo sie schwanger ist. Dabei hat Papa ihr doch ausdrücklich zugesichert, dass ihre Position unangetastet bleibt. Sobald sie ihm die Bescheinigung bringt, dass sie wieder fit ist, lässt er sie auch wieder auf die Patienten los, zumindest solange wie das Kleine sie lässt.
Mehdi (hat immer noch ein mulmiges Gefühl, weil er der Patientin Hassmann nicht traut, der Ärztin dagegen schon): Sie soll sich bloß nicht zu viel Stress zumuten.
Gretchen: Ach, Cedric passt schon gut auf sie auf und weiß sie zu bremsen.
Mehdi (muss auch lachen): Dass die zwei sich noch nicht an die Gurgel gesprungen sind?
Gretchen (grinst): Das gehört bei den beiden zum Vorspiel.
Mehdi (klappt die Kinnlade herunter u. sieht sie fassungslos an): Das kam jetzt nicht wirklich aus deinem zarten Mund, Gretchen? Du scheinst ja bestens informiert zu sein?
Gretchen (greift sich eine von Mehdis Mützen von der Garderobe u. zieht sie ihm tief ins Gesicht u. flitzt dann kichernd zur Tür): Hihi! Kommst du jetzt endlich! Wann fängt der Kurs denn eigentlich genau an?
Mehdi (richtet seine Kopfbedeckung u. funkelt sein freches Gegenüber an, dann dreht er sich um, um sich noch schnell von seiner Liebsten zu verabschieden): Um fünf.
Gretchen (blickt auf ihre Armbanduhr u. wird hektisch, als er jetzt auch noch im Schlafzimmer verschwindet): Das ist in zwanzig Minuten, Mehdi. Also beeil dich mal! Auf dem Weg dahin kannst du mir ja endlich erzählen, was Marc genau gesagt hat. Was plant er? Was hat er genau vor? Wann kommt er überhaupt an? Muss ich etwas vorbereiten? Meinst du, ich sollte mir für unser Wiedersehen noch neue Klamotten besorgen? Ich weiß gar nicht, was ich anziehen soll. Soll ich was kochen? Obwohl, der Kühlschrank ist ja dank Mama voll. Das wäre demnach kein Problem.

Mit diesen Wortsalven bewaffnet öffnete Gretchen Haase schwungvoll die Haustür und tänzelte fröhlich hinaus ins kalte Treppenhaus. Die Kälte störte sie nicht sonderlich. Vielmehr war ihr ganz warm ums Herz bei dem Gedanken, dass sie morgen schon ihren Schatz wieder in die Arme schließen und nie wieder loslassen würde. Diese Aussicht wirkte richtig belebend auf die junge Assistenzärztin, die sich noch vor zwei Stunden für immer unter einer Decke vergraben und ihren Entführer meucheln wollte, weil er ihr die Rettungsdecke weggezogen hatte, an die sie sich festgeklammert hatte, um darunter Schutz für ihr kummergeplagtes Herz zu finden, weil sie es nicht mehr länger ausgehalten hatte ohne Marc, dem sie in Anbetracht der wichtigen Angelegenheiten, um die er sich gerade kümmerte, nicht sagen konnte, wie sehr sie ihn hier in Berlin schmerzlich vermisste. Sie stand wie unter Strom. Ihre grenzenlose Freude musste jetzt einfach raus. Deshalb stützte sie sich vom Treppengeländer wieder ab, von dem aus sie glückstrahlend in die untere Etage geblickt hatte, und drehte noch eine kleine improvisierte Tanzrunde im Halbdunkeln vor der Wohnungstür. Doch so langsam wurde sie ungeduldig, weil ihr charmanter Tanzpartner, der die hibbelige Frau heute Abend von unüberlegten Handlungen abhalten sollte, immer noch auf sich warten ließ. Sie klopfte ungeduldig mit den Fingern gegen den Türrahmen und wurde prompt erhört. Mehdi, der sich einfach nicht von seinen beiden Mädels hatte lösen können, ließ nicht mehr länger auf sich warten und tapste dem Goldengel, der stolz grinsend vorangeschritten war, augenrollend hinterher und zog die Wohnungstür hinter sich zu. Worauf hatte er sich hier nur eingelassen? Eine Trauer-Gretchen war zwar anstrengend, aber eine Glücks-Gretchen konnte noch viel, viel nervenaufreibender werden. Er ahnte noch nicht, wie sehr sich diese Vermutung noch bewahrheiten würde.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

15.12.2013 13:46
#1456 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Kurze Zeit später

„So, my dear darlings, jetzt we are lörnen how to... Hey? What are you doing? Are you sleeping mit die offene Auge oder what soll dat? When you nix kannst dir merken die Choreographie, dann bitte melden und stelle Frage. You sonst aufhalten die gesamte Vörköhr. Der Kai ist schon wieder mit die Diana zusammengerömpelt, weil du nix kommst hinterher mit deine zwei linke Fuße. Dat hat nix die Hauch von die Nuance of professional dancing. You thought you look like him, but you are NOT John Travolta and Uma Thurman and this is NOT Pulp Fiction. You look like two young Erdmannchen auf die Sandhugel, who are looking where they can find the next place where they can make kaka. You have to move your ass and your legs and your arms. Oder hast du keine Gelenke? Brauxst du Ölung oder what? Nix so steif! Not! Jetzt... GRRR!!! You are rauben meine letzte Nörv, weißt ihr? Ist das die Anfangerkurs oder doch for die Fortgeschrittene? Ok, let’s do it again für die Schnarchnasen unter euch. Ja, wenn du dix angesprochen fühlst, dann meine ix dix auch. Hopp, hopp, die Galopp...

Oh my goodness, Mäddi, you are rötten meine ganze Leben. I thought you vergessen die ganze Schritte, but you’re doing quite well. But I miss die Hüftschwung von your sexy Freundin. Das next time you sie wieder mitbrünge. I need both of your talent, um zu zeigen die Idioten die Choreographie. Die checken nix if you not vorführen the right moves. I really don’t want to kritisieren you but please bring Gabi back. It’s essential for the Gelingen of the whole Kurs. Ix glaube, die Frau Doktor hat keine Konzentration für die Tanze heute. Is she ok? I mean, she looks a little bit traurig and confuse. ... Oh, sorry, Mäddi, let’s quatschen later on, I have to look für Claus before he zertreten die Fuß von his wife. Thank god that we have two doctors in the house. ... Claus? What are you doing? Warum nix sagen, when du nix kannst dir merken die einfache Schritte. Look! First links, dann rex...“

...denglischte der Berliner In-Tanz- und Fitnessguru Brad Darnell beinahe hyperventilierend seinem Lieblingsschüler ununterbrochen ins Ohr, das so langsam aus Überforderung den Geist aufgeben wollte und sich zum Schutz seiner wichtigsten Funktionen auf den Taubheitsmodus umprogrammiert hatte, um den Sprachenmischmasch gedrosselt an sich vorbei rieseln zu lassen, bis dieser irgendwann von einem ungelenken Paar in der hinteren Ecke des Saals abgelenkt wurde. Er rückte dem attraktiven Gynäkologen endlich von der Pelle, konnte es aber wiederholt nicht lassen, diesem vor seinem theatralischen Abgang noch einmal in den knackigen Hintern zu kneifen, und schwebte dann am Rande eines Nervenzusammenbruchs leidend stöhnend über das Parkett, um sich der beiden Tanzlegastheniker anzunehmen, die sich in den Fortgeschrittenentanzkurs verirrt hatten, den Dr. Kaan heute Abend zusammen mit seiner besten Freundin besuchte. Der bedrängte Halbperser atmete erleichtert aus, Brads Fängen noch einmal entkommen zu sein, bevor er wieder ungefragt als Übungsobjekt missbraucht worden wäre, und blickte ihm mit einem Hauch von Skepsis hinterher. Man konnte schließlich nie unvorsichtig genug sein, weil Brad sehr geübt darin war, immer in den unpassendsten Momenten das Gespräch mit seinen Schülern zu suchen. Grinsend registrierte Mehdi jedoch, wie der Engländer ein neues Opfer gefunden hatte, dem er seine Hände an die Hüften legen konnte, um auch bei der unrhythmischsten Person noch so etwas wie Rhythmusgefühl herauszukitzeln. Als er merkte, dass keine Gefahr mehr von ihm ausging, schaute er sich nun nach seiner verschollenen Tanzpartnerin um, die von ihrem Toilettengang noch nicht wieder zurückgekehrt war und die ihn vorhin mit Brad allein unter fünfzehn anderen Tanzfreudigen gelassen hatte, wofür sie sich noch verantworten werden würde, wenn er sie erst einmal wieder zwischen die Finger bekommen hatte. Schließlich hatte sie eindeutig gelacht, als sie ihn unverhofft mitten auf dem Parkett hatte stehen lassen. Mehdi entdeckte Gretchen an der Saftbar im angrenzenden Fitnessstudio und machte sich an den anderen Tanzübungswilligen vorbei auf den Weg zu ihr. Nachdenklich rührte die hübsche Blonde gerade mit einem langstieligen Löffel in ihrem Vitamincocktail herum. Sie merkte gar nicht, dass Mehdi sich mittlerweile zu ihr gesetzt hatte. Erst als er ihr das orange-rosafarbene Getränk wegschnappte, um selber einmal davon zu probieren, schaute sie auf, reagierte jedoch nicht wie von ihm erhofft. Das machte den Frauenversteher dann doch stutzig und er hakte nach, nachdem er sich noch einmal einen kräftigen Zug mit dem Trinkhalm gegönnt hatte.

Mehdi: Mhm, der ist gut. Was ist da alles drin? Birne, Ananas,...
Gretchen: Weiß nicht.

...kam es nur leise von Gretchen als Antwort zurück, die nachdenklich die einzelnen Etiketten der verschiedenen Saftflaschen studierte, die vor ihr in dem Glasregal der Bar aufgereiht nebeneinander standen. Verwundert wegen ihres plötzlichen Stimmungsumschwungs von einer euphorischen Improvisationstänzerin, die jeden, insbesondere einen überkritischen Brad, mitreißen konnte, zum trübsalblasenden Trauerkloß im Gretchen-Kostüm nahm er die junge Dame jetzt etwas genauer ins Visier und schob ihr aufmunternd lächelnd den leckeren Cocktail wieder vor die Nase. Mit einem Kopfschütteln lehnte Gretchen jedoch ab, was den aufmerksamen Halbperser gleich noch mehr irritierte. Hier war definitiv mehr Feingefühl von Nöten, dachte er und schritt sofort mit einfühlsamem Bambiblick zur Tat.

Mehdi: Was ist los? Du warst doch eben noch so gut drauf. Macht es dir keinen Spaß mehr?
Gretchen (nuschelt so vor sich hin u. rührt die letzten Vitamine in ihrem Glas tot): Doch, doch.
Mehdi (hakt argwöhnisch nach): Aber?
Gretchen (hebt u. senkt seufzend die Schultern u. nippt dann doch kurz am Cocktail, bevor sie Mehdi wieder ansieht): Ach, ich weiß nicht, mir fehlt einfach die nötige Konzentration für die Schrittkombinationen. Brad macht so ein Tempo und ich war noch nie gut in der Kopf-Fuß-Koordination. Da kann mein Tanzpartner noch so gut sein.
Mehdi (schenkt ihr ein Lächeln): Danke für die Blumen. Wenn du keine Lust mehr hast, wir können auch gerne etwas anderes machen. Worauf hast du denn Lust? Hier laufen noch unzählige andere Kurse. Yoga, Tai-Chi oder wir können auch eine Runde squashen gehen? Schläger können wir ausleihen.
Gretchen (zieht eine eher wenig begeisterte Schnute): Kopf-Arm-Koordination ist das gleiche.
Mehdi (so langsam mit seinem Latein am Ende): Verstehe! Kann ich dir sonst noch etwas Gutes tun? Willst du noch so einen leckeren Cocktail? Oder willst du nach Hause?
Gretchen (schüttelt den Kopf u. wagt dann ein zaghaftes Lächeln): Du bist lieb.
Mehdi (liest genau richtig zwischen den Zeilen): Hey! Was ist wirklich los? ... Marc?

Gretchen blickte überrascht auf und ihrem Gegenüber direkt ins Gesicht. Das Glitzern in ihren himmelblauen Augen sprach Bände. Er hatte direkt ins Schwarze getroffen. Mehdi rückte also näher heran und nahm Gretchens Hand, um sie liebevoll zu trösten. Verwundert bemerkte er wieder den Plastikring mit dem großen rosa Stein in der Mitte an ihrem Finger, der schon während des Tanzens sein Interesse geweckt hatte, sprach sie aber nicht näher darauf an, weil jetzt erst einmal andere Dinge wichtig waren. Nämlich ein Lächeln auf dem hübschen Gesicht ihm gegenüber zu erzeugen, das länger hielt als nur für zwei Sekunden.

Mehdi: Das ist doch kein Grund traurig zu sein. Gut, Marc ist prädestiniert dafür, Gründe aller Art zu liefern, weswegen man traurig sein könnte, aber doch heute nicht. Im Gegenteil.
Gretchen (schnieft undamenhaft auf): Ich weiß. Es ist nur...
Mehdi (sieht ihr fragend in die feuchten Augen): Was?
Gretchen (nach kurzem Zögern antwortet sie ihm doch): Findest du, ich hab mich verändert?
Mehdi (verwirrt): Inwiefern? Weil du in letzter Zeit etwas durch den Wind warst? Das sind wir doch alle manchmal.
Gretchen (blickt ihn ungläubig an): War das so offensichtlich?
Mehdi (lächelt): Ein bisschen.
Gretchen (sieht ihn augenfunkelnd an): Mehdi!
Mehdi (verdreht die Augen): Gut, ein bisschen mehr als ein bisschen. Du hast Marc vermisst. Das ist doch nichts, wofür du dich schämen müsstest.
Gretchen (senkt ihren Blick u. druckst ungewohnt herum): Tue ich auch nicht. Es ist nur, ich hätte nicht gedacht, dass es mir so viel ausmachen würde, wenn er nicht bei mir ist.
Mehdi (drückt ihre Hände etwas fester u. schaut sie verständnisvoll an): Hey! Das ist doch normal, wenn man verliebt ist. Da reicht manchmal schon ein halber Tag oder eine Stunde aus und das altbekannte Gefühl stellt sich ein.
Gretchen (blickt unsicher auf): Denkst du, ich mache mich zu sehr von ihm abhängig?
Mehdi (weiß nicht so recht, damit umzugehen): Äh... Wie kommst du denn auf den Blödsinn?
Gretchen (meint es ernst u. das zeigt sie ihm auch deutlich, weil plötzlich alles aus ihr heraussprudelt): Das ist kein Blödsinn, Mehdi. Meine ganze Welt dreht sich nur um Marc. Kaum ist er weg, haken die Häkchen nicht mehr richtig und ich bekomme gar nichts mehr auf die Reihe. Also, zumindest fühlt es sich so an. Was ist, wenn ihm das irgendwann zu viel wird? Ich weiß ja, dass ich extrem zum Kletten neige, aber...
Mehdi (versucht die verunsicherte Frau zu bremsen u. reagiert sehr einfühlsam): Hey! Jetzt rede dir bitte nichts ein! Wenn Marc etwas zu viel wäre, glaube mir, dann hätte er schon längst seine große Klappe aufgemacht und hätte herumgepoltert, dass einem die Ohren nur so schlackern. Hat er aber nicht, was dafür spricht, dass du so einiges richtig machst und er vollends zufrieden mit eurem gemeinsamen Leben ist. Hey! Ihr habt abends stundenlang miteinander telefoniert und Marc ist eigentlich nicht der Typ für lange und geistreiche Gespräche. Ich hab auch mit ihm zusammengewohnt und es gab Zeiten, da haben wir monatelang nicht mehr als nur ein „Tach“ miteinander gewechselt und das hat uns gereicht. Das ist allein die Sehnsucht, die aus dir spricht und dich unsicher werden lässt. Mit etwas Abstand sieht man einige Dinge vielleicht in einem anderen Licht, aber das heißt doch nicht, dass du dich auf einmal komplett verstellen sollst. Bleib so wie du bist! Genauso liebt er dich doch. Vergeude nicht deine Energie! Freue dich lieber, dass wir bald wieder sein freches Mundwerk über uns ergehen lassen müssen. Es wird bestimmt nicht lange dauern und du wirst ihn wieder auf den Mond wünschen. Dann kommt dir dieser Moment hier sicherlich nur noch albern vor.
Gretchen (strahlt schon wieder zaghaft u. schüttelt den Kopf wegen ihrer dummen Gedankenspiele): Ja! Du hast ja Recht. Tut mir leid, ich weiß auch nicht, was das gerade war. Ich bin einfach... durcheinander... und aufgeregt wegen morgen.
Mehdi (nickt ihr aufmunternd zu): Kein Grund, sich entschuldigen zu müssen. Wir haben doch alle mal solche Tage. Und was machen wir jetzt, um dich auf andere Gedanken zu bringen? Hast du noch auf irgendetwas Lust? Willst du wieder rein und dich von Brad anschnauzen lassen oder wollen wir gehen?
Gretchen (schaut noch einmal zum Tanzsaal rüber, zutscht mit dem rosa Trinkhalm ihr Glas leer u. springt dann wesentlich enthusiastischer als noch zuvor von ihrem Barhocker herunter, wobei sie beinahe über ihre Füße gestolpert wäre, wenn Mehdi sie nicht rechtzeitig festgehalten hätte): Der will doch eh nur mit dir alleine tanzen. Demnach wäre ich dort doch nur fehl am Platz. Lass uns lieber in das Shoppingcenter gegenüber gehen.
Mehdi (verwundert folgt er ihrem Blick zur Ausgangstür u. sieht sie dann wieder unschlüssig an): Okay? Ich soll dir also den Guido Maria Kretschmar machen, hmm? Wäre Brad da nicht die bessere Wahl?
Gretchen (grinsend stupst sie mit ihrer Faust in Mehdis Schulter): Haha, Quatschvogel! Für dich vielleicht. Nein, ich bevorzuge den charmanten jungen Mann mir gegenüber, der immer genau weiß, wie sich Frau wieder besser fühlt. Außerdem würde mich Brads Drillton etwas beim Kauf irritieren.
Mehdi (grinst spitzbübisch): Na dann, darf ich bitten, junge Dame?
Gretchen: Gerne.

Galant bot Dr. Kaan seiner Kollegin und besten Freundin seinen rechten Arm an, den diese lächelnd annahm und sich bei ihm einhakte. Gemeinsam schlenderten die beiden zur Garderobe und bevor Brad ihre Abwesenheit beim Tanzkurs bemerkten konnte, hatten sie auch schon die Straße gekreuzt und waren im gegenüberliegenden Einkaufstempel verschwunden. Nach etwa einer Stunde Schaufensterbummel und unzähliger Diskussionen hatte Dr. Haase endlich das gefunden, was sie gesucht hatte, um eine ganz bestimmte Person zu beeindrucken, die eigentlich nichts davon bemerken sollte, dass sie beeindruckt werden sollte, weil es nichts zu beeindrucken gab, wenn man nicht verraten durfte, dass man über den Rückkehrer schon längst Bescheid wusste. Aber diese durchaus plausible Anmerkung war der verliebten Frau ziemlich schnuppe. Schließlich ging es ihr ums Prinzip. Und das Prinzip war, dass sie hübsch für Marc sein wollte, wenn sie ihm morgen gespielt überrascht gegenübertreten würde. Sie war eine so gute Schauspielerin, was sie bei diversen Schulaufführungen schon eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte, Marc würde bei ihrem Anblick gar nicht erst merken, dass sie über seine Rückkehr schon längst im Bilde war. Mit diesen in ihren Augen sehr überzeugenden Worten hatte sie ihren skeptischen Einkaufsberater einfach mitten im Laden stehen gelassen, um sich nun umzuziehen. Geduldig wartete Mehdi vor den Umkleidekabinen, aus denen unzählige Damen mal mehr, mal weniger glücklich herein- und wieder herausspazierten, aber Gretchen war nicht darunter. Nach weiteren zehn Minuten Warterei hatte der Frauenarzt schließlich genug und trat an den Vorhang von Gretchens Kabine heran. Leise räusperte er sich, um die anderen Damen nicht bei ihrer Kleiderwahl zu stören...

Mehdi: Alles in Ordnung, Gretchen? Du bist schon ziemlich lange da drin und wie du weißt, bin ich gleich mit einer süßen Neunjährigen verabredet, die ziemlich schnell quengelig wird, wenn man sie zu lange warten lässt. Soll ich anrufen, dass es später wird?
Gretchen: Ich hab’s gleich, Mehdi.

Mit dieser eher genervt klingenden Antwort rappelte sich die ertappte Blondine wieder von dem kleinen Hocker hoch, auf dem sie die letzten Minuten gefrustet gesessen und sich in Selbstmitleid gebadet hatte. Misstrauisch betrachtete sie sich erneut von allen Seiten in den verschiedenen Spiegeln. Ihr Spiegelbild unter dem gedämmten Licht in der Kabine verriet ihr immer das Gleiche. Die Not-Care-Pakete ihrer Mutter bekamen ihr definitiv nicht. Brad hatte vollkommen recht, sie hatte überall Schwabbel. Sogar am kleinen Finger. Vielleicht sollte sie sich doch in dem Fitnessstudio anmelden und einen Kurs bei ihm machen? Mama hatte er ja auch wieder fit bekommen. Wobei, gut, das war jetzt vielleicht nicht gerade das beste Beispiel. Trotzdem fühlte sie sich zunehmend unwohl in ihrer Haut. Zweifelnd stellte sich Gretchen vor dem Spiegel erneut eine Frage, von der sie gar nicht mitbekam, dass sie sie diesmal laut gestellt hatte...

Gretchen: Findest du, ich sehe dick aus?

Mehdi, der mit einer Hand am Rahmen der Kabine lehnte und mit der anderen gerade ein Gähnen unterdrücken wollte, fiel nach der unbegründeten Aussage fast aus allen Wolken. Vorsichtig näherte er sich einen weiteren Schritt heran und tapste mit den Fingern gegen den hölzernen Rahmen der Damenumkleide...

Mehdi: Darf ich reinkommen? Bist du angezogen?
Gretchen: Ja.

Einen kurzen Moment zögerte der Frauenarzt noch und schaute sich noch einmal vergewissernd nach allen Seiten um. Der Kabinengang hatte sich zum Glück etwas geleert. Schließlich schob er den grauen Vorhang etwas zur Seite, knipste die Augen wieder auf, die er aus Respekt vor seiner besten Freundin eine Sekunde geschlossen hatte, und staunte nicht schlecht, als er die Person vor sich sah, die von sich behauptete, sie sei dick, was sie definitiv nicht war.

Gretchens Kleid




Quelle: Google Pics


Gretchen sah wunderschön aus in dem dunkelblauen Satinkleid, das wie ihr lockiges goldenes Haar leichte Wellen schlug und ihr bis zu ihren Knien reichte und einfach wunderbar mit ihren himmelblauen Augen harmonierte. Im ersten Moment blieb ihm wahrlich die Spucke weg, weil das Kleid ihr wie auf den Leib geschneidert wirkte, dann blickte er aber eine Etage weiter nach oben und blieb an dem zweifelnden Ausdruck ihrer Augen hängen. Mehdi schüttelte ungläubig den Kopf. So unsicher und überhaupt nicht von sich überzeugt hatte er Gretchen das letzte Mal erlebt, als sie sich vor zweieinhalb Jahren kennen gelernt hatten. Also so langsam wurden ihm ihre ständigen Stimmungsschwankungen in letzter Zeit wirklich unheimlich. Ein Notfallkit zum Selbstbewusstseinaufbauen musste her.

Mehdi: Du siehst wunderhübsch aus, Gretchen.
Gretchen (glaubt ihm kein Wort u. schmollt dementsprechend): Du bist nicht objektiv.
Mehdi: Doch das bin ich. Als dein Exfreund und Marcs bester Freund muss ich das sogar sein.
Gretchen (faucht ihn zickig an): Und als mein bester Freund möchte ich deine ehrliche Meinung hören.
Mehdi (es ist zum Haare raufen mit dieser Frau, denkt er stöhnend): Das ist und bleibt meine ehrliche Meinung, Gretchen. Du bist wunderschön. Das Kleid steht dir außerordentlich gut. Und wenn du mir nicht glauben willst, dann mache ich jetzt ein Foto und schicke es Marc. Ihn wird es definitiv umhauen. Das weiß ich.
Gretchen (versucht ihn zu bremsen, als er zu seiner Jackentasche greift): Nein, dann wäre die ganze Überraschung hin, Mehdi.
Mehdi (grient sie an, nachdem er sie aus der Reserve gelockt hat): Dann wärt ihr zumindest quitt.
Gretchen (beleidigt streckt sie ihm die Zunge raus, dreht sich auf dem Fuß um u. sieht sich noch einmal argwöhnisch im Spiegel an, während sie immer wieder an ihrem Kleid herumzupft): Haha, du Schlaumeier! Also findest du nicht, dass ich darin dick aussehe?
Mehdi (sieht ihr mittels Spiegel in die Augen): Nein, und ehrlich gesagt weiß ich auch gar nicht, wie du darauf kommst.
Gretchen (ganz langsam dreht sie sich wieder zu ihm herum u. beginnt herumzudrucksen, weil es ihr selbst peinlich ist, schon wieder so unnötig durchgedreht zu sein): Ich... Naja, ich... Eigentlich kann ich ja nichts dafür, dass die Frauen in unserer Familie, mit Ausnahme meiner Mutter, zum Barock tendieren. Obwohl doch, ich kann doch was dafür. Ich hätte nicht zulassen sollen, dass Mama neuerdings einen Lieferservice für ihre Kinder eingeführt hat. Als wären wir noch in der Pubertät und bräuchten Ballaststoffe für unser Wachstum. Kein Wunder, dass man da... (bemerkt die irritierten Blicke ihres besten Freundes u. verdreht selber die Augen) ... Man, ich hab ganze vier Kilo zugenommen, seit Marc in der Schweiz ist. Was ist, wenn er das merkt und wieder seine Sprüche reißt?
Mehdi (klappt im ersten Moment den Mund auf, sagt aber nichts, dann kann er sich aber einen Spruch doch nicht verdrücken): Gretchen, du denkst schon wieder viel zu viel nach. Was hab ich vorhin über Marc gesagt?
Gretchen (zickig verschränkt sie ihre Arme u. funkelt ihn an): Ich bin eine Frau. Das ist mir in die Wiege gelegt.
Mehdi (gegen diese weibliche Logik kann auch ein Frauenversteher wie er nichts mehr argumentieren, stattdessen ist Handeln gefragt): Ich verrate dir jetzt mal was, ich habe über die Wintermonate auch ein bisschen zugelegt. Guck!

Und ehe er es ausgesprochen hatte, schob Mehdi auch schon seinen Pulli hoch und zeigte Gretchen sein nicht mehr ganz so akkurates Sixpack in der Winteredition. Es zeigte sofort Wirkung, denn augenblicklich fing Gretchen lauthals an zu lachen und musste sich die Lachtränen aus den Augen wischen.

Gretchen: Ein bisschen?
Mehdi: Hey!

Sichtlich empört blickte Mehdi die grinsende Frau an, konnte aber auch nicht anders, als mit ihr mitzulachen, während er seine Kleidung wieder zurechtrückte. Die Wogen waren geglättet. Die Zweifel hatten sich gelegt. Gretchens Kleid war nach eingehender Expertenprüfung für gut befunden und gekauft worden. Fünf Minuten später schlenderten die beiden Freunde wieder Arm in Arm durch die abendlich beleuchteten Shoppingpromenaden. Gretchen wirkte viel entspannter als noch eben im Laden und Mehdi war glücklich, dass Marcs Freundin nicht mehr ganz so durch den Wind wirkte wie noch den Rest des Tages. Man merkte ihr die Vorfreude immer mehr an, denn das Strahlen in ihrem Gesicht wollte einfach nicht mehr weichen. Genauso sollte es sein. Er hatte einen wirklich guten Job gemacht. Beruhigt erfreute sich der Halbperser der Dinge und war in Gedanken bereits bei seinen beiden Mädels zuhause. Doch plötzlich riss ihn ein an ihm zerrender Arm wieder aus den Plänen für den Rest des Abends. Die bis über beide Ohren verliebte Frau hatte nämlich noch eine Idee bekommen, die mit jedem Gedanken mehr immer mehr Formen annahm, und so blieben die beiden nun vor einem weiteren Laden stehen. Diesmal musste Mehdi jedoch passen. Ein Blick auf die Auslagen hatte ihm genügt. Er gab sich zwar Mühe, Marc während dessen Abwesenheit würdig als Unterhalter zu ersetzen, aber jetzt war ein Bereich erreicht, der definitiv nicht von ihm als Gretchens Exfreund bedient werden sollte. Also ließ er die zu allem entschlossene Frau alleine in den Unterwäscheladen gehen und bummelte währenddessen ein Stück weiter den endlosen Gang des Shoppingcenters vor, bis auch er selbst von einem Schaufenster wie magisch angezogen wurde. Er konnte nicht anders und trat mit immer größer werdenden Strahleaugen ein. Fünfzehn Minuten später kam er mit einer Tüte bewaffnet wieder heraus. Er wollte sie gerade noch unter seinem Mantel verstecken, damit Gretchen nicht anhand des Labels Verdacht schöpfen konnte, aber da hatte sie ihn schon entdeckt und sich neugierig den Beutel geschnappt, in den sie jetzt zu seinem großen Schrecken neugierig hineinlinste.

Gretchen: Was hast du denn da?
Mehdi (vom ersten Schock wie gelähmt): Gretchen, ich... ich wollte schon so lange mit dir reden, aber es ist so...

...versuchte sich der glückliche werdende Papa mehr schlecht als recht gegen die Tatsachen zu verteidigen, als Gretchen mit immer größer werdenden Augen den Inhalt, einen gelben Mäuschen-Aufdruck-Strampler, den er passend zu den gelbgestreiften Babysöckchen gekauft hatte, mit denen Gabi ihn neulich auf Sabines Hochzeit mit der frohen Botschaft überrascht hatte, aus der rosa Tasche hervorholte. Ungläubig starrte sie den Familienvater an, dem das Geständnis bereits auf den bebenden Lippen lag, bis Gretchen plötzlich anfing zu strahlen und spontan seine freie Hand ergriff und diese drückte...

Gretchen: Mehdi, aber das ist ja wunderbar.
Mehdi (schaut sie mit großen Augen unsicher an): Wirklich? Ich dachte, du... wir... also...
Gretchen (ist in ihrer neu gewonnenen Energie gar nicht zu bremsen): Wieso bin ich eigentlich nicht auf die Idee gekommen?
Mehdi (sieht nur Fragezeichen vor seinem inneren Auge aufsteigen): Hä? Du meinst, weil ihr auch...?
Gretchen (hilft ihm ratzfatz auf die Sprünge): Na mit dem Geschenk für Maria!
Mehdi (jetzt versteht er gar nichts mehr): Für... Maria?
Gretchen (plappert munter weiter drauflos u. immer mehr Ideen schießen ihr in den Sinn): Kann ich mit einsteigen? Ich wette, sie freut sich, wenn wir ihr ein bisschen unter die Arme greifen. Aber wir müssen auch an Sabine denken.
Mehdi (sieht Gretchen an wie ein Alien): An Sabine denken?
Gretchen: Na, findest du nicht, es wäre gerechter, wenn beide dasselbe Geschenk bekommen würden?
Mehdi: Äh...?
Gretchen (hält den Babybody skeptisch hoch): Gut, dass du an die neutrale Farbe gedacht hast. Aber was haben die denn noch so für Auswahl in dem Laden? Witzig wäre doch, wenn als Aufdruck so ein Sanitätskreuz oder ein Krankenwagen drauf wäre. Du weißt schon, damit die Kiddies gleich wissen, wo sie hingehören. Hihi! Vielleicht kann man das ja organisieren? Ich frag gleich mal. ... Mehdi, kommst du mit?
Mehdi (überfordert lehnt er ab u. setzt sich auf den Rand des Shoppingcenterspringbrunnens): Schau du nur! Ich... ich wollte eh noch mal eben zuhause anrufen.

Gretchen nickte dem perplexen Mann zu, der einen Moment brauchte, um seine durcheinander wirbelnden Gedanken zu sortieren, und verschwand in Windeseile in dem Babyladen, wo ihr schon beim Eintreten das Herzchen aufging. Mehdi schaute der begeisterten Frau verwirrt hinterher, legte den Babybody zurück in die Tüte und zog noch etwas anderes heraus, was zum Glück Gretchens Spürnase verborgen geblieben war. Wenn sie das entdeckt hätte, dann hätte es definitiv „klick“ gemacht und er wäre um Erklärungen nicht mehr herumgekommen, die eigentlich noch vier Wochen hatten warten sollen, bis die kritischste Phase nämlich vorbei war. In seinen zittrigen Händen hielt er nun ein lilafarbenes Mädchen-T-Shirt, auf dem neben zwei süßen kleinen Mäusen der Aufdruck „Die beste große Schwester der Welt“ stand. Lillys Präsent würde er wohl auch gut verstecken müssen. Beim Gedanken an das überraschte Gesicht seiner Tochter stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen und er entschloss sich, sie doch noch kurz anzurufen. Rasch zückte er sein Handy und wählte die Nummer von Zuhause...

Mehdi: Lillybärchen, hier ist der Papa! Alles gut bei euch? ... Schön! ... Gleich. Gleich. Ich bringe Gretchen noch sicher nach Hause und dann bin ich gleich bei euch. ... Hast du auch gut auf Gabi aufgepasst oder war es eher umgekehrt? ... (lacht) ... Ich hab nichts gesagt. Gibst du sie mir bitte mal! ... Danke! Bis gleich! ... Hey mein Schatz, wie fühlst du dich? ... Ich kann’s einfach nicht lassen, aber ich will einfach sicher sein, dass es dir an nichts fehlt. ... (lächelt verträumt) ... Du mir auch. ... In etwa einer halben Stunde bin ich da. Und ich hab auch etwas für dich. ... Verrate ich nicht. ... (schmunzelt) ... Nein, ich bin nicht gemein, du bist neugierig. ... Was macht ihr gerade? ... (erstaunt schaut er auf) ... Bei uns im Bett? Lasst ihr mir denn auch ein Plätzchen frei? ... Hoho! Wie fies! Dann werde ich dich wohl doch bestechen müssen. ... Nein, sie muss noch nicht ins Bett. Ich hab ihr was versprochen, das ich noch einlösen muss. ... Du bist einfach viel zu neugierig, weißt du das? ... Ich freue mich, dass es dir wieder besser geht. Bis gleich. ... Ja! Ich lieb dich. Kuss.

Lächelnd legte Mehdi wieder auf und auch Gabis Gesicht zierte ein breites glückliches Strahlelächeln, als sie sich im Bett zurücklehnte, mit dem Hörer noch über ihre Lippen fuhr und das Telefon schließlich auf dem Nachtschränkchen ablegte. Wie so ein paar wenige Worte ihres Liebsten doch Wunder bewirken konnten. Sie fühlte sich tatsächlich wieder besser und freute sich auf den restlichen Abend mit ihrer kleinen Familie. Schnell war auch Lilly wieder zu ihr herangerobbt, die während Gabis Telefongesprächs mit Mehdi die ganze Zeit kichernd zu ihr rübergelinst hatte, und zog ihre Barbiebettwäsche wieder hoch, um sich vorsichtig an ihre Patientin heranzukuscheln, die sich die vielen bunten Kissen, welche die Neunjährige vorhin angeschleppt hatte, damit sie es noch gemütlicher hatte, zurechtrückte. Ein Blick in das verräterische Grinsegesicht des Mädchens, das ihrem Papa so ähnlich sah, genügte und sie wusste ganz genau, was der Frechdachs damit bezweckte. Lilly wollte ihr nämlich die Fernbedienung stibitzen, die sie, nachdem sie den Pausenknopf gedrückt hatte, um zu telefonieren, unters Kopfkissen gelegt hatte, und sie hatte Erfolg mit ihrem geschickten Manöver. Schon lief der Disneyfilm nämlich wieder im Fernsehen und Mädchen küssten Frösche und wurden danach selbst zum Frosch. Gabi würde wohl nie verstehen, warum manch einer oder besser gesagt manch eine so sehr auf langweilige Märchen abfuhr. Trotzdem ließ sie sich gerne davon berieseln, bis ihre Augen immer schwerer wurden.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

19.12.2013 16:46
#1457 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Auch am anderen Ende der Stadt lag eine attraktive Frau friedlich in ihrem Bett und auch diese wurde trotz ausdrücklichem Wunsch nicht in Ruhe gelassen, auch wenn es sich beim Störenfried hierbei nicht um ein braungelocktes junges Mädchen handelte, das im Auftrag ihres Papas gerne Krankenschwester spielte und der Hauspatientin Bettdecke und Kissen aufschütteln wollte, um sich dann selber pappfrech daneben zu legen, um mit ihr gemeinsam einen Märchenfilm nach dem anderen zu gucken. Sondern ein muskelbepackter sinnlich duftender heißer Männerkörper störte die Konzentration auf ihre innere Mitte und den Ruhepol, den sie so dringend benötigte, um nicht gleich wieder wahnsinnig auszuflippen, weil sie momentan sowohl auf Arbeit, als auch an ihrer unfreiwillig gewählten Schlafstätte fremdbestimmt wurde, was ihr ziemlich gegen den Strich ging. Sie hasste es nämlich abgrundtief, wenn sie Kontrolle abgeben musste und andere über ihren Kopf hinweg entschieden, was angeblich gut für sie war. Als ob sie das nach ihrem Zusammenbruch und der Notoperation nicht selber wissen würde. Sie hasste diese Bevormundung. Sie war schließlich eine eigenständige Frau und war die letzten vier Jahre auch ganz gut ohne die Hilfe gewisser männlicher Personen mit Hang zur Selbstüberschätzung zurechtgekommen. Und das würde sie jetzt auch wieder, wenn man sie denn wenigstens lassen würde.

Sie hasste es, dass sie übermorgen für drei sinnlos lange Wochen irgendwo ins Nirgendwo zur Kur musste und ihr wurde beim Gedanken an den anstehenden Therapieplan schon regelrecht schlecht. Da konnte es sie auch nicht darüber hinwegtrösten, dass sie das alles nicht alleine ertragen musste und sie in Begleitung ihrer neunmalklugen Motte in eins der schönsten Naturparadiese Deutschlands eintauchen würde. Für einen reinen Stadtmenschen wie sie war ein längerer Aufenthalt in der Natur fast so schlimm wie eine Zwangsversetzung vom OP an einen Schreibtisch in der Klinikverwaltung. Am allerschlimmsten waren das strikte OP-Verbot und überhaupt der Verzicht auf die wohlige Klinikluft, die ihr garantiert besser bekommen würde als stürmische salzwassergetränkte Böen, die vom Baltikum über die Ostsee getragen wurden. Wer außer ekelhaft gefühlsduselige und übertrieben besorgte Gynäkologen fand so etwas denn heilsam für Seele und Körper? Sie hasste es, dass sie von unfähigen Kollegen, und von einem ganz besonders, ersetzt werden würde und mochte sich die Konsequenzen ihrer schon viel zu lange dauernden Abwesenheit noch nicht einmal in ihren schlimmsten Albträumen ausmalen. Und sie hasste den Gedanken, dass sie nach ihrer Rückkehr, die sie definitiv unter allen Umständen beschleunigen würde, vermutlich auch nicht mehr lange in den OP durfte, um ihrem Traumberuf nachzugehen und komplexe menschliche Gehirne zu analysieren. Ein untragbarer Zustand, den sie nur einer Person zu verdanken hatte. Gut, und auch ein bisschen sich selbst und ihrer eigenen Blödheit. Aber in schwachen Momenten, wie wiederholt auf Ärztebällen allein stehen gelassen zu werden, war sie immer schon zu allem fähig gewesen und man wusste ja von den Gefahren von zu viel Tequila und fiesen Typen bei Nacht. Jetzt durfte sie diese Folgen wahrlich ausbaden. Und es gab definitiv kein Zurück mehr.

Am allermeisten hasste sie aber, dass sie jetzt hier war, hier an diesem unsäglichen Ort, wo sie nach den Erfahrungen der Vergangenheit nie wieder hingewollt hatte, und sie hasste es, dass sie offenbar überhaupt kein Durchsetzungsvermögen mehr besaß. Obwohl sie dem unverschämten Kerl, der sie hier gegen ihren Willen schon viel zu lange festhielt und der sich gerade unter der Decke forsch küssend über ihren geschundenen Körper hermachte, tausendmal gesagt hatte, dass sie spätestens heute Nachmittag zurück in ihre eigene Wohnung wollte, um für ihre und Sarahs Zwangsreise in den Wilden Osten zu packen. Sie kam mit seiner unverhofften Fürsorge und dem ständigen Betüddeln, oder was er zumindest in seiner beschränkten Sichtweise darunter verstand, überhaupt nicht klar. Als ob sie nicht in der Lage wäre, sich selber ein Butterbrot zu schmieren oder Sarahs dreckige Klamotten in die Waschmaschine zu schmeißen. Sie war schwanger und man hatte ihr weder die Extremitäten, noch den Hirnstamm amputiert. Sie reagierte nämlich noch sehr gut auf seine Massagen und seine Küsse und seine... Was machten eigentlich seine Finger da gerade? War er denn des Waaahnsinns? ... Ihr... ging... es... gut. Besser. Bestens. Sie brauchte eigentlich keine alberne Mutter-Kind-Kur mehr und sei es nur zur Entspannung. Ihr Magen war auch wieder ok. Sie konnte schmerzfrei wieder feste Nahrung zu sich nehmen. Sie musste dementsprechend auch nicht mehr vierundzwanzig Stunden am Tag ans Bett gefesselt bleiben und sich bei dem lächerlichen Fernsehprogramm zu Tode langweilen, während er ihren Job erledigte und die geilsten Operationen abbekam, sodass sie vor Neid jedes Mal ins Kopfkissen beißen könnte. So wie jetzt auch wieder. Wobei diese Reaktion diesmal nicht aus Neid, sondern aus ganz anderen intensiven Gefühlslagen herrührte, die sie auch nicht kontrollieren konnte. Aber wir wollen mal lieber beim Ernsthaften bleiben.

Was musste der Mistkerl auch ihrer Tochter eintrichtern, dass sie ganz behutsam mit ihr umgehen sollte. Ja, nicht zu doll drücken oder auf dem Bett herumspringen. Sie würde dem Arsch von einem Mann schon noch zeigen, dass sie sehr wohl in der Lage war, wieder auf Betten herum zu springen. Von wegen jegliche Stressvermeidung. Blablabla! Sie hatte es so satt. War er neuerdings zu einem neuen Mehdi mutiert? Der Alte ging ihr nämlich auch schon mit seinen ständigen gut gemeinten Ratschlägen tierisch aufs Schwein. Offenbar hatte sich die ganze Welt gegen sie verschworen. Wenn es nach ihr gegangen wäre, dann hätte sie nämlich gestern Abend einer Gretchen Haase in Plauderlaune auch nicht die Tür aufgemacht. Aber Sarah war leider schneller gewesen und die ließ sich nun mal sehr zu ihrem Ärger viel zu leicht von Goldlöckchen beeinflussen. Diese ganze Situation war wirklich zum Haare raufen. Von wegen sie solle sich nicht aufregen und sich entspannen. Das alles hier war doch nur noch zum aus der Haut fahren. Wie sollte sie da zur Ruhe kommen? Schon wenn sie seine belehrende tiefe sexy Stimme hörte, die jetzt zum Glück endlich mal verstummt war, weil seine rauen Lippen gerade mit anderen Dingen beschäftigt waren, ging ihr Blutdruck augenblicklich nach oben. „Bleib doch noch den einen Tag! Schon dich!“ Sich schonen? GRRR! So ein bisschen Kofferpacken hatte schließlich noch nie einen umgebracht. Mottes Genöle, weil sie etwas vergessen haben könnten, dagegen schon. Dieses Theater würde sie sich gerne ersparen wollen. Spätestens morgen früh war sie weg. Darauf konnte der Stier Gift nehmen. Jawohl!

Sie wollte doch nur endlich wieder hier raus. Nur einmal raus. Einmal durchatmen. Alles für einen Augenblick hinter sich lassen. Das ausblenden, was eh nicht mehr zu ändern war und das sie auch gar nicht mehr ändern wollte, seit sie ihn im Umgang mit Sarah und der Kleinen hautnah erlebt hatte. Hatte sie schon erwähnt, wie sehr sie es hasste, dass sie immer mehr schrecklich emotional wurde, je größer das Krümelmonster in ihrem Bauch wurde? Drei kleine Kinder und ein Großes, das musste man doch erst einmal sacken lassen, bevor man wieder komplett durchdrehte. Das alles hier war viel zu schnell gekommen. Nach ihrer frühzeitigen Entlassung aus dem Krankenhaus vor einer Woche, zu der sie Mehdi Gott sei Dank endlich überredet bekommen hatte, hatte sie kaum Zeit für sich gehabt. Zeit zum Nachdenken. Cedric war ihr für ihren Geschmack eindeutig zu nah. Viel, viel, viel zu nah. Wobei die Nähe, die er ihr jetzt gerade bescheren wollte, gar nicht mal so zu verachten war. Einmal riskierte die von allem genervte Neurochirurgin dann doch die Augen zu schließen, loszulassen und sein freches Zungenspiel zu genießen. Nur einen klitzekleinen Moment. Eine Minute. Vielleicht auch zwei. Oder drei. Oder sieben. Zehn. Zwölf. Aber jetzt war definitiv Schluss! Sie würde jetzt nicht schwach werden und gegen ihre eigenen Prinzipien handeln, die sie sich für ihren Zwangsaufenthalt in der Casa Stier selbst auferlegt hatte. Wer nicht hören wollte, musste eben fühlen. Und so schupste Dr. Maria Hassmann den aufdringlichen Verführer unter der Satinbettdecke mit einem gekonnten Hüftschlenkerer aus dem Bett. Sie hatte die letzten Tage schließlich schon genügend Übung darin gehabt, den immer zudringlicher werdenden Kerl in seine Schranken zu verweisen. Mit einem lauten Plumps und einem gestöhnten Aufschrei, der wie Musik in ihren Ohren klang, landete Dr. Cedric Stier nun auf dem durchgelatschten Bettvorleger. Der Überrumpelte brauchte einen Moment, um sich von dem Schreck wieder zu erholen. Dann rappelte er sich langsam auf und stützte sich mit seinen Händen und seinem Kinn auf der Bettkante ab, um von dort aus die Widerspenstige in seinem Bett finster anzufunkeln...

Cedric: Boah! So langsam muss ich Schmerzensgeld verlangen. Echt!
Maria (zickig dreht sie sich von ihm weg): Und was soll ich da sagen?
Cedric: Ein sinnlich gestöhntes „Danke, Rick“ wäre nett gewesen. So wie ich mich hier immer abmühe, hätte ich schon ein bisschen Entgegenkommen verdient.

...kam es hinter ihrem Rücken von dem unglücklich Verunfallten keck zurück und ehe sie sich versah, war der athletische halbnackte Mann wieder aufgesprungen und hatte sich auf die freie Betthälfte neben sie geschmissen. Grinsend musterte er die ihn entsetzt anstarrende Frau und kroch wieder zu ihr unter die Decke. Obwohl sie sich noch wehrte, zappelte und um sich schlug, hatte er sein Terrain schnell zurückerobert. Schwuppdiwupp war seine Hand wieder unter ihr Pyjamaoberteil geflitzt und massierte nun sanft die Stelle an ihrem Bauch, an welcher vor drei Wochen ein minimalversiver Eingriff stattgefunden hatte. Sofort gab Maria ihren Widerstand auf und ließ ihren Kopf genervt aufstöhnend zurück aufs Kissen fallen. Dieser Kerl war mal wieder so etwas von dreist. Seine Dreistigkeit kannte noch nicht einmal Grenzen. Er war die Dreistigkeit in Person. Grinsend registrierte Cedric den abnehmenden Widerstand seiner hauseigenen Privatpatientin, schob sein rechtes Bein über ihre und überwand flink die letzten Zentimeter, die ihre Lippen noch von seinen trennten. Auch wenn die schöne Ärztin ihren Kopf abweisend zur Seite gedreht hatte, schaffte er es dennoch, ihr einen kleinen Kuss zu stehlen, der zwar nicht ganz so befriedigend war, wie er sich ihn vorgestellt hatte, aber Hauptsache er bekam überhaupt einen Kuss von seiner zickigen alten neuen Freundin. Und der Abend war schließlich noch jung. So schnell würde sie ihm nämlich nicht wieder entwischen. Schließlich musste er sie schon ab Montag für die nächsten unendlich langen drei Wochen entbehren. Ein albtraumhafter Gedanke, den er gar nicht erst aufkommen lassen wollte, und so suchte er einen anderen Weg, um sein Zicklein zum Bleiben zu überreden. Mit beiden Händen stützte er sich neben ihrem Kopf ab, schlängelte seinen Körper über ihren und wartete geduldig ab, bis Marias giftgetränkte Blicke wieder auf ihn gerichtete waren und nicht mehr auf die Anzeige des Radioweckers, die gerade 20.30 Uhr anzeigte.

Maria: Ich hab dich nicht darum gebeten, dich um mich zu bemühen, Rick.
Cedric (lässt jegliche Widerworte genüsslich an sich abprallen u. nähert sich zu einem richtigen Kuss heran): Ich tue’s trotzdem gerne. Sehr, sehr gerne sogar! So lass dich doch mal gehen!
Maria (will den dreisten Kerl von sich runterschupsen, aber diesmal ist er stärker, also bleibt ihr als Waffe lediglich ihr Zynismus): Was dabei herauskommt, wenn ich mich gehen lasse, haben wir ja gesehen.
Cedric (der Schalk springt ihm aus den Augen): Hmm... Ich glaube, ich schaue noch mal nach.

...antwortete der glückliche werdende Vater mit merklich belegter Stimme und schon verschwand sein Grinsegesicht wieder unter der Bettdecke. Vorsichtig rutschte er im Bett etwas tiefer, bis seine Füße wieder unten herauslinsten und dementsprechend Bodenkontakt verloren, und schob Marias Oberteil ein Stück höher. Dann hob er noch einmal die Decke an und blickte kurz in ihre ihn warnenden Augen, bevor er seine Lippen auf ihren Bauch absetzte, um dem kleinen Wunderwesen, das sich darin befand, „Hallo“ zu sagen. Es war genau diese eine, eigentlich ganz unscheinbare Geste, die der taffen Neurochirurgin jedes Mal aufs Neue eine Gänsehaut bescherte. Obwohl sie das gar nicht wollte. Cedric war schon viel zu sehr auf Babymodus gepolt, während sie immer noch mit der Gesamtsituation haderte und insgeheim doch ganz froh war, den seligen Papa erst einmal ein paar Tage nicht sehen zu müssen. Cedric setzte sie mit seiner offen zur Schau getragenen Vorfreude zunehmend unter Druck und mit Druck kam die krankgeschriebene Oberärztin momentan nun wirklich nicht klar. Deshalb zählte ein wesentlicher Teil von ihr schon die Stunden, bis sie sich endlich aus seinen Klauen befreien konnte. Aber dieser verdammte sture Kerl tat alles, um sie nicht gehen zu lassen. Deshalb lag sie immer noch in seinem Bett und nicht neben gepackten Reisetaschen in ihrem eigenen, so wie es eigentlich geplant war, wenn man sie denn gelassen hätte. Sie hasste es. Sie hasste es, wie er sie mittlerweile schon wieder mit einer angsteinflößenden Leichtigkeit um den Finger wickelte. Aber sie konnte das auch. Sie konnte auch sehr hartnäckig sein. Das hatte sie ihm in den letzten Tagen, die sie nun schon hier gefangen war, mehr als deutlich gemacht. Obwohl Enthaltsamkeit eigentlich nicht so ihr Ding war. Zumal die Hormone in ihrem Körper gerade mit ihr Pingpong spielten und absolut nicht auf Keuschheitsgelübde aus waren. Im Gegenteil! Die Verräter versuchten sie schon wieder zu überlisten. Aber nicht mit ihr!

Maria (weist ihn entschieden in seine Schranken): Riiick!
Cedric (lässt von ihrem Bauch ab u. linst vorsichtig nach oben, weil er schon ahnt, was jetzt wieder kommt): Baby, jetzt lass mich doch mal machen! Du weißt genauso gut wie ich, dass du wieder fit bist. Deine Operation und die anstehende Erholungskur als Ausrede zu benutzen, kannst du dir also schenken. Deine Narben sind gut verheilt. Man muss sie schon mit der Lupe suchen, wenn man sie finden will. Wobei ich ja deinen Körper ausführlich studiert habe.
Maria (fühlt sich nach dem Spruch dazu animiert, ihn herauszufordern): Ach ja?
Cedric: Deine Spielchen wirken bei mir nicht, Mary. Das ist heute unser vorletzter Abend, bevor du für drei Wochen die Biege machst. Denkst du nicht, wir könnten den nicht ein bisschen nach unserem Geschmack gestalten, hmm?

...säuselte der verliebte Neurochirurg auf bekannt charmante Art seiner renitenten Partnerin ins Ohr und blickte sie anschließend vielsagend mit wackelnden Augenbrauen an. Marias aufblitzende braune Augen verrieten ihm doch schon die ganze Zeit, dass sie gar nicht so abgeneigt von dem war, was er vorhatte, wie sie sich immer darstellte. Und ihr süßes genervtes Augenrollen sprach auch Bände. War das etwa ein kleines Lächeln, das sich da für den Hauch von einer Sekunde auf ihre zuckenden Mundwinkel geschlichen hatte? Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass er seine Chancen einfach nutzen musste, solange sie ihm geboten wurden, und so legte er augenblicklich wieder Hand an, die streichelnd immer höher über ihre weiche leicht gebräunte Haut wanderte, während er Maria auf seine Weise auch verbal zu überzeugen versuchte...

Cedric: Baby, dir geht’s gut. Mir geht’s gut. Ich hab die ganze Woche trainiert, hab Kinder gestemmt, bin Kilometer gejoggt und könnte mittlerweile bei jedem Marathon mithalten. Ich hab die kalten Duschen so satt. Und das Schmerzgel für die vielen blauen Flecken, die ich mir bei diversen Sturzflügen aus Betten zugezogen habe, ist auch alle. Wir haben freie Bahn. Die Kids liegen selig in ihren Bettchen, nachdem ich ihnen anderthalb Stunden lang Märchen vorgelesen habe und mir auch noch eine eigene Gespenstergeschichte ausgedacht habe, weil sich Sarah mit dem Vorlesen nicht begnügen wollte. Ich hab ihr erklärt, warum es im Winter schneit und warum die Bäume keine Blätter tragen und wo das Grün herkommt, wenn im Frühling alles wieder blüht und wann der denn endlich kommt und es wieder wärmer wird, damit sie endlich ihr neues Fahrrad ausprobieren kann. Ich hab ihr im Atlas dreimal gezeigt, wo ihr am Montag hinfahrt und ihr erklärt, warum ich und der Stöpsel nicht mitfahren können und dass sie noch nicht in der kalten Ostsee baden gehen kann, aber dass ein Strand im Spätwinter auch aufregend sein kann. Dann hab ich ihr den Hasen noch mal aus dem Käfig geholt, damit sie mit ihm kuscheln konnte und hab ihn durch das Stofftierexemplar ersetzt, als sie langsam eingeschlafen ist. Ich hab alles gemacht, was du wolltest. Ich hab sogar noch ne Maschine angeschmissen, damit ihr eure paar Sachen, die ihr hier habt, frischgewaschen mit auf Reisen nehmen könnt. Was willst du denn noch? Ich hab mich doch reichlich bemüht, euch zufrieden zu stellen. Von mir aus fahre ich euch auch morgen zurück nach Hause, wenn wir dann die letzte Nacht bei euch bleiben dürfen. Also...?

Maria war seiner immer verzweifelter klingenden Ansprache geduldig gefolgt. Sie hatte sogar ignoriert, dass der verschlagene Kerl, als ob sie es nicht merken würde, seine Hand gezielt auf ihre linke Brust gelegt hatte und mit seinem heißen Atem ihren Hals kitzelte, den er sanft drängelnd mit seiner Nasenspitze entlangfuhr. Trotzdem konnte sie ihr aufkommendes Grinsen nicht verkneifen, weil er mit seinem verkniffenen Gesichtsausdruck ein ziemlich erbärmliches Bild abgab, als er zu ihr hochblickte und sie beinahe um eine Erlaubnis anbettelte, heute endlich mal weitergehen zu dürfen als nur züchtiges Petting mit Klamotten. Ihr schadenfrohes Schmunzeln war nicht gerade das, was der verzweifelte Verführungskünstler erwartet hatte, nachdem er sprichwörtlich die Hosen runtergelassen hatte. Beleidigt zog er daraufhin seinen Kopf wieder ein und verzog sich unter die Bettdecke, wo er von Hassmannschen Spott und Häme verschont bleiben würde. Maria hätte durchaus in Betracht gezogen, dem armen Tor endlich das erlösende Startzeichen zu geben, wenn er sich nicht so albern verhalten hätte. Ein bisschen Zappeln lassen, wollte sie ihn dann doch schon noch. Auch wenn es der dreiste Macho ihr schwermachte, weil er wieder gezielt Gegenden ansteuerte, die definitiv das Arzt-Patienten-Verhältnis überschritten. Er war schon ein Kindskopf sondergleichen. Und sie hasste es, es sagen zu müssen, aber gerade deswegen mochte sie ihn von Tag zu Tag mehr. Ja, sie gab es ja zu. Sie hatte ihn erschreckend gern und das konnte sie nur unter einem dicken Mantel von Ironie und Zynismus verbergen, um sich nicht selber bloßzustellen.

Maria: Hab ich was gesagt? Ich wollte nur anmerken, dass du vielleicht etwas übereilt davon ausgegangen bist, dass wir alle zufrieden wären.
Cedric (will die Herausforderung annehmen, die er genau richtig als solche verstanden hat): Soll ich dir zeigen, wie sehr ich dich zufrieden stellen kann? Nichts leichter als das!
Maria (kann bei der großen Klappe nur die Augen verleiern): Ich hab eigentlich nicht mich damit gemeint, Rick.
Cedric (sein Kopf schießt samt Bettdecke ein Stück nach oben u. er schaut die grinsende Frau verwirt an): Bitte?
Maria (genießt das perplexe Gesicht sehr): Na, ich kenne meine... unsere Tochter schon ein Stück weit länger als du. Sie ist bei weitem noch nicht zufrieden gestellt. Glaub mir! Nicht samstags und schon einmal gar nicht um die frühe Zeit.

Und als hätte sie es geahnt, flog genau in dem Moment die Schlafzimmertür auf und eine Lila-Glücksbärchen-Schlafanzugträgerin stürzte laut quakend herein und warf sich sofort in bester Skisprungmanier aufs Bett. Und zwar direkt auf Cedric drauf, den sie noch nicht bemerkt hatte, weil sie unbedingt mit ihrer Mami reden musste, die wegen ihrer magischen Vorahnung nur noch mehr grinsen konnte. Ihre Kleine war einfach eine Wucht.

Sarah: MAMI, MAMI, mein Zahn wackelt.

...quäkte Sarah Hassmann ihrer grinsenden Mutter aufgeregt entgegen, die sehr gespannt darauf war, wie Cedric auf diese Situation reagieren würde. Erst einmal tat er gar nichts. Rein gar nichts rührte sich unter der kleinen Bettdeckenreiterin, die zu Demonstrationszwecken wild an ihrem Schneidezahn herumwackelte, bis Maria ihr auf die Finger klopfte, um sie zu stoppen.

Maria: So plötzlich? Und da hast du nicht ein bisschen nachgeholfen, mein Schatz?
Sarah (schüttelt aufgeregt den Kopf u. reißt ihre Schnute gleich noch einen Zentimeter weiter auf): Nein! Ich hab nur mit der Zunge dran getippt und gemerkt, dass da was nicht stimmt. Das fühlt sich ganz komisch an, Mami.
Maria (zieht sie zu sich hoch in ihre Arme): Hey! Das ist ganz natürlich. Du musst keine Angst haben. Alle Kinder verlieren irgendwann ihre Milchzähne. Die Zähne wachsen ganz schnell nach. Genauso wie du langsam in die Höhe schießt.
Sarah (sieht sie mit großen Augen an): Wirklich? Beim Finn-Kevin fehlen schon seit zwei Wochen oben und unten drei Zähne. Er sieht aus wie ein Pirat. Oder wie der Obdachlose, der immer vorm Krankenhaus schnorrt. Dem die Tante Bärbel und der Onkel Franz immer einen Euroschein geben.

Cedric: Wie die Mama schon gesagt hat, das ist ganz normal. Und es zeigt, dass mein kleines Mädchen so langsam eine Große wird. Wir sollten an die Zahnfee denken. Weißt du noch, was ich dir über sie erzählt habe?

...meldete sich nun auch der Mann unter der Decke zu Wort. Erschrocken rückte Sarah zur Seite, blickte erst ihre Mama fragend an, dann linste sie vorsichtig unter die schwarze Bettdecke. Wie kam denn ihr Papa da hin, fragte sie sich verwirrt und klappte ihre Zuckerschnute auf.

Sarah: Papi, was machst du denn bei der Mami unter der Decke?

...starrte die Sechsjährige Cedric verdutzt an, der mit hochrotem Gesicht aus seinem Versteck auftauchte und nun ertappt zu seinen beiden Frauen hoch blickte. Maria konnte kaum an sich halten und presste ihre zuckenden Lippen aufeinander. So herrlich war der Anblick des bedröppelten Tölpels. Neugierig forschte die Neunmalkluge sofort nach....

Sarah: War dir kalt, Papi? Dann musst du dir etwas anziehen. Oder pustest du Mamis Bauch gesund?
Cedric (in Erklärungsnot wird die Tomate immer röter): Äh...?
Sarah: Warte, ich mach mit!

Und ehe der Familienvater auf die drängenden Forschungsfragen seiner ältesten Tochter antworten konnte, hatte Sarah die Decke bereits beiseite geschoben, war auf Knien rückwärts zu ihm nach unten gerobbt, knöpfte den untersten Knopf von Marias Pyjama auf und begann eifrig zu pusten, bis sich eine fette Gänsehaut auf dem (noch) flachen Bauch ihrer Mutter abzeichnete. Eigentlich war Maria niemand, der schnell kitzlig wurde, aber das forsche Vorgehen der beiden zeigte dann doch Wirkung und sie beendete die Drangselei schnell.

Maria: Jetzt lasst mich doch endlich mal in Ruhe! Du solltest doch schon längst im Bett sein, du Quälgeist.
Sarah (lässt von ihr ab u. legt ihren überzeugendsten Bettelblick auf): Kann ich bei dir schlafen, Mami?
Cedric (spürt seine Felle davon schwimmen): Wieso das denn? Ich dachte, du schläfst gerne bei deiner Halbschwester?
Sarah (platziert sich im Schneidersitz auf Cedrics Kopfkissen u. sieht ihn an): Tue ich doch auch. Nur der Fridolin mag die neue Umgebung nicht so. Der hat so rumgeraschelt in seinem Käfig und da hab ich ihn rausgenommen.
Cedric (klappt die Kinnlade nach unten): Warte mal! Du hast das Zwergkaninchen schon wieder rausgenommen?
Maria (ebenso entsetzt): Sarah, hat er etwa in dein Bett gemacht? Ich hab dir schon tausendmal gesagt, das Tier gehört in seinen Käfig. Es ist kein Kuscheltier.
Sarah (mürrisch): Jaha!?
Maria (spürt instinktiv, dass da noch etwas ist): Und? Ich höre!
Sarah (druckst herum u. fixiert anstatt ihrer Mami ihren Papi): Er ist ausgerissen.
Cedric (kommt geschockt unter der Bettdecke hervor): Was?
Sarah: Ich hab ihn im Dunkeln nicht gefunden. Und ich wollte kein Licht anmachen, weil dann Sissi aufgeweckt wäre und die doch dann immer so lange schreit.
Maria (zieht das aufgelöste Mädchen in ihre Arme): Na komm mal her!
Sarah (traut sich kaum, sie anzusehen): Bist du jetzt böse, Mami?
Maria (wie kann sie bei dem Bambiblick lange böse sein): Nein, natürlich nicht.
Sarah (beißt auf ihre Lippen u. linst vorsichtig zur Seite): Und du, Papi?
Cedric (streichelt ihr liebevoll über das Haar): Ich doch auch nicht.
Maria: Der Papa wird’s schon richten. Ne, Papa?

...forderte die grinsende Mutter ihr verdutztes Gegenüber unmissverständlich auf. Dieser verstand erst nicht, rollte dann aber, als es mit Verzögerung „klick“ machte, nur mit den Augen und quälte sich stöhnend aus dem gemütlichen Bett. Dabei stolperte er natürlich erst einmal über Sarahs Hausschuhe, die kreuz und quer im Zimmer verteilt lagen, so dass er mit seinem nackten Zeh erst gegen die Schlafzimmerkommode und dann gegen die Zimmertür rempelte. Fluchend hüpfte er auf und traf mit seinem Schädel die zurückschwingenden Tür. Er hatte heute eindeutig kein Glück. Zumal er jetzt auch noch von seinen Mädels schadenfroh ausgelacht wurde.

Sarah: Papiii, nicht so laut! Wir wollen doch Sissi nicht wecken.
Cedric (klingt etwas genervt): Ja, doch.
Sarah (mustert den Schmerz weghüpfenden Mann argwöhnisch von Kopf bis Fuß): Wieso hast du eigentlich keinen Schlafanzug an so wie ich, Papi?
Cedric (bleibt stehen u. sieht verwirrt an sich herunter): Äh... Weil... weil Männer eben keinen brauchen.
Maria (amüsiert sich königlich): Haha! Ja, klar.
Cedric (funkelt sie sauer an): Ja, Männer frieren nämlich nicht so leicht wie Frostbeulen wie deine Mutter. Hast du mal gefühlt? Ihre Füße sind wahre Eisklumpen.
Maria (ihr Lachen verstummt abrupt): Eh!
Sarah (blickt ihrem Papa misstrauisch hinterher, als er die Tür öffnet u. langsam hinausschlurft): Es wäre aber besser gewesen, du hättest einen an, weil der Fridolin nämlich gerne zubeißt, wenn er nachts Angst bekommt.

Cedric: Autsch! ... Verdammtes Viech!

Die Warnung seiner Tochter kam zu spät. In dem Moment hatte Sarahs Zwergkaninchen nämlich schon heimtückisch im dunklen Flur zugeschlagen und hatte seine spitzen Zähnchen in Ermangelung einer Möhre in Cedrics großen Zeh gerammt, der eben schon mit der Tür Bekanntschaft geschlossen hatte. Ein Schmerzensschrei hallte durch das gesamte Haus. Gefolgt von einem lauten Gepolter, welches das verängstigte Häschen schnell zurück ins Kinderzimmer trieb, als Cedric nämlich die Garderobe, an der er sich instinktiv festhalten wollte, aus der Verankerung riss, die er erst vor einem Monat neu an die Wand genagelt hatte, nachdem sie schon einmal Opfer seiner unbändigen Gefühle geworden war. Es folgte das schallende Gelächter einer älteren und einer jüngeren Dame aus dem Schlafzimmer, die sich im Bett kugelten, und dann das laut quäkende Babygeschrei der jüngsten Hausbewohnerin, um die sich ihre große Halbschwester jetzt ganz schnell kümmerte und sie auch ziemlich rasch singend beruhigt bekam. Während sich der verunfallte Familienvater darum bemühte, wieder unter den Jackenbergen aufzutauchen, unter denen er versunken war, vermeldete seine älteste Tochter aus dem Kinderzimmer eine Erfolgsmeldung...

Sarah: Hab ihn! Fridolin hatte sich unter dem Babybett zwischen den Kuscheltieren versteckt. Braver Fridolin, jetzt aber ab ins Heubettchen!

Glücklich darüber, ihren treuen Gefährten gefunden zu haben, legte sich Sarah wieder zu ihrer Schwester ins Bett, bis deren Tränchen getrocknet waren und sie wieder eingeschlafen war. In der Zwischenzeit hatte sich Cedric wieder aufgerappelt, der sich sein neu zurück gewonnenes Familienleben etwas anders vorgestellt hatte, als es sich ihm nun bot. Nach einem Kontrollgang ins Kinderzimmer, wo zu seiner großen Erleichterung mittlerweile alles wieder ruhig war, bis auf das an einer Möhre mümmelnde Kampfkaninchen, humpelte der Unglücksrabe zurück ins Schlafzimmer, das nur durch den dumpfen Schein der Nachttischlampe etwas erhellt wurde. Vorsichtig näherte er sich dem Bett und traute sich erst kaum aufzuschauen, weil er den Hohn und den Spott in Marias Gesicht schon regelrecht vor sich sehen konnte. Aber ein sinnlich räkelndes nacktes Frauenbein weckte dann doch schnell seine Aufmerksamkeit und seine Lebensgeister. Ungläubig wanderten seine Blicke über den nur von einem schwarzen Satinlaken bedeckten Körper, bis sich seine und ihre Augen trafen und sich ineinander verhakten. Maria unterdrückte ihre Schadenfreude und bemühte sich ernst zu bleiben. Augenzwinkernd lockte sie den Pantoffelhelden zu sich, der ihrer charmanten Aufforderung natürlich in Windeseile nachkam...

Maria: Na komm her, du Bruchpilot! Heute bist wohl du derjenige, der verarztet werden muss. Schwester Mary meldet sich hiermit zur Nachtschicht.


Und auch in einer anderen Ecke von Berlin freute sich jemand sehr über sein Heimkommen. Auf Zehenspitzen schlich sich der attraktive Mittdreißiger heran. Er drückte die Türklinke vorsichtig herunter und wagte einen scheuen Blick ins Zimmer. Er kniff die Augen zusammen, um in der Dunkelheit etwas erkennen zu können. Verblüfft registrierte er das Flackern des Fernsehers, auf dem noch der Abspann eines Märchenfilmes lief, aber ansonsten war es recht ruhig im Schlafzimmer, wo er eigentlich für eine Tanzstunde erwartet werden sollte. Verwundert trat der tanzbegeisterte Familienvater auf leisen Sohlen näher heran und musste schmunzeln, als er seine beiden Süßen schließlich entdeckte. Beide schlummerten selig in einem Berg von bunten Kissen versunken vor sich hin. Mehdi Kaan verinnerlichte das schöne Bild für einen Moment, dann schaltete er den Fernseher aus und tapste nach Nebenan in das provisorische Ankleidezimmer, das bald in ein weiteres Kinderzimmer umgewandelt werden würde. Dort versteckte er seine Errungenschaften des Tages in der hintersten Ecke des Kleiderschrankes. Dann entledigte er sich seiner Sachen und schlüpfte in eine bequeme Pyjamahose und ein Schlabber-T-Shirt. Anschließend schlich er leise zurück, schob Lillys Barbiebettdecke etwas zur Seite und schlüpfte selber mit darunter. Die süße Maus murmelte nur im Schlaf, dass sie niemals einen Frosch küssen würde, leistete aber keinen weiteren Widerstand, als ihr Papa schmunzelnd seinen Arm um sie und um Gabi legte, die auf der anderen Seite tief und fest im Land der Träume versunken war. Es dauerte nicht lange, dann war auch der glückliche Gynäkologe ins Lummerland eingetaucht.


In einem Penthouse hoch über den Dächern Berlins ging es derweil noch nicht ganz so ruhig zu wie in den beiden anderen Haushalten. Sehr zum Leidwesen eines überarbeiteten Krankenpflegers, der alle Viere weit von sich streckte, wuselte Gretchen Haase noch lange mit Staubsauger, Putzwedel und Abwaschtuch bewaffnet in ihrer Wohnung herum, bis alles aufgeräumt und für ein überkritisches Chirurgenauge wieder vorzeigbar war. Erst das Summen eines Handys bescherte dem vor dem Fernseher lümmelnden Fünfundzwanzigjährigen wieder so etwas wie Feierabendruhe. Rasant wie ein Wirbelwind war seine große Schwester nach oben geeilt und hatte ihre rosa Handtasche auf dem frisch neu bezogenen Bett ausgekippt, um ihr Telefon zu finden. Rasch hatte sie die richtige Taste getippt und sank selig lächelnd rückwärts auf ihr Bett zurück, hielt ihr Handy hoch und las immer wieder die kleine Liebesbotschaft ihres herzallerliebsten Schatzileins.

Schlaf schön, meine Schöne! Bis morgen! Kuss! Marc.

Gretchen bekam ihr verschmitztes Glücksgrinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht. Wenn Marc nur wüsste, dass sie schon längst über ihn und seine Überraschungsrückkehr im Bilde war. Aber spätestens jetzt mit diesen wenigen gut gewählten Worten hätte er sich eh verraten. Schließlich war es in den letzten drei Wochen seiner Abwesenheit nur einmal vorgekommen, dass sie abends nicht noch stundenlang miteinander videogechattet hatten und da hatte ihr Vater sie für einen interessanten Eingriff als Assistenzärztin gebraucht. Die einzige Ausrede übrigens, die ein Marc Meier widerstandslos akzeptierte. War er nicht süß, fragte sich die verliebte Ärztin und knutschte den Bildschirm ihres Smartphones wie wild ab. Tja, da wollte sich wohl jemand nicht selber verraten und hielt sich deshalb heute mit Worten bedeckt. Dann würde sie Marc die Illusion auch lassen. Sie schickte ihm noch schnell einen Gute-Nacht-Kuss per Sms zurück, dann schlüpfte sie, noch mit dem Handy in der Hand, das Marcs Konterfei zierte, unter die kuschelweiche Bettdecke. Nur noch einmal schlafen und dann war er endlich wieder bei ihr. Hach... das war ja fast wie Weihnachten. Natürlich konnte Gretchen in dieser Nacht vor lauter Aufregung kein Auge zumachen. Einem jungen Mann in einem Schweizer Hotel ging es da auch nicht viel anders.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

27.12.2013 16:21
#1458 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=As0YdCKP_Ro


Und ehe man sich versah, war der Tag der Tage auch schon gekommen, was die Aufregung einer ganz bestimmten klugen hübschen jungen Dame natürlich nicht minder bremste. Im Gegenteil, sie steigerte sich allmählich ins Grenzenlose. Die wild herumflatternden Schmetterlinge in ihrem Bauch machten Überstunden und hoben Gretchen in nie gekannte Höhen. Noch bevor die Sonntagssonne den Horizont erklommen hatte, war das erwartungsvolle Häschen bereits aus seinen Federn gehüpft und versprühte allübergreifende Hektik. Müde und genervt, aber dennoch amüsiert von dem Haasschen Spektakel verfolgte Jochen Haase vom Frühstückstisch aus das Sonderschauspiel, das ihm kostenlos und ungefragt von seiner definitiv komplett durchgedrehten Schwester im Meierschen Theater geboten wurde. Man könnte es fast als eine anthropologische Feldstudie über eine ganz besondere Spezies von Mensch deuten. Eine noch nicht von der Fachwelt erforschte menschliche Art, die in einen Liebestranktopf gefallen zu sein schien und deren biochemische Prozesse äußerst aufschlussreich sein konnten. Zumindest sah es für ihn so aus. Denn was außer halluzinogene Drogen verursachte solch ein Dauergrinsen, Soprangesänge und sternchenfunkelnde Augen, die durch einen hindurchzuschauen schienen? Dieses unnatürliche Phänomen an einem viel zu frühen Sonntagmorgen, dem Tag der Ruhe wohlgemerkt, galt es wirklich näher auf den Grund zu gehen, um bei Wiederauftreten dieser Symptomatik entsprechende Vorkehrungen treffen zu können.

Das paarungsbereite Weibchen der so genannten Liebesha(a)sen, auch unter dem schillernden Oberbegriff „Haasenzahn“ bekannt, verfiel in ganz bizarre Balzrituale, sobald das männliche Exemplar dieser ungewöhnlichen Spezies, das so genannte „Meierlein“, das sich wochenlang auf der testosterongeladenen Jagd nach Ruhm und Ehre sowie auf der Suche nach Nahrung in reinster Schweizer Zartbitterschokoladenform für die unstillbaren Gelüste seiner Liebsten begeben hatte, dem gemeinsamen Liebesnest näher kam. Zunächst versuchte es mittels in einem rechteckigen flachen Kasten gezeigter Bilder ähnlich schonungslos verzweifelter Exemplare der Gattung Mensch seinen angefutterten Winterspeck loszuwerden, um später für das recht eitle Männchen als besonders attraktiv und fruchtbar aufzufallen. Dabei wurde besonders den ausgeprägten Rundungen der Körpermitte sehr viel Aufmerksamkeit und Energie geschenkt, die jedoch mit jeder Minute ungewohnter und ungelenker Übungen mehr doch recht schnell wieder abnahm. Manch ein Experte würde diese Art der Darbietung von Körperkunst durchaus als sonderbaren Fruchtbarkeitstanz auffassen. Jedoch fehlen entsprechende Studien, die dieses Thema belegen könnten. Man könnte es daher auch viel treffender als vergebliche Liebesmüh bezeichnen, denn sichtbare Erfolge wären bis zur kurz bevorstehenden Rückkehr des paarungswilligen Meierleins sicherlich nicht zu erreichen gewesen. Also gab das desillusionierte Liebeshäschen schließlich auf, um zumindest von Tollpatschigkeiten aller Art gefeit zu bleiben, die in diesem Stadium weiblicher Aufregung und sonstiger komplexgeladener Neurosen sicherlich durchaus auftreten konnten und eine große Gefahr darstellten. Gerade bei diesem dafür prädestinierten Exemplar der Gattung Haase, das nie auch nur ein Fettnäpfchen ausließ und diese sogar wie schon oftmals eindrucksvoll zum Amüsement seines Partners bewiesen wie magisch anzog.

Den wegen allgemeinem Bewegungsmangel im Winter noch etwas eingerosteten Gelenken fehlte es offenbar an der richtigen Ölung, um überhaupt eine entsprechende Reaktion an den in manchen Augen doch recht gesunden Rundungen des Weibchens zu zeigen. Für diesen Zweck hatte die dunkle Kakaobohne bereits durchschlagende Erfolge erzielt und zwar ganz besonders die flüssige Variante, welche vor allem der Erweckung eingeschlafener Lebensgeister diente. Außerdem sorgte sie für eine gesunde Haut- und Fellfärbung und war dem allgemeinen seelischen Befinden sehr dienlich, was meist recht schnell Wirkung zeigte. Denn der Haasenzahn wirkte nach dem Genuss dieses magischen wohlduftenden Getränks sehr ausgeglichen und friedvoll, auch im Umgang mit eher weniger munteren Artgenossen, die einem morgendlichen Straffungsprogramm in Form einer kompletten Nestreinigung eher zwiespältig gegenüberstanden und diese doch recht eigenwillige Form der Leibesertüchtigung, wie es die Evolution vor Jahrmillionen vorgesehen hatte, lieber den übereifrigen Weibchen seiner Art überließ, die nun in jeder Ecke ihres bescheidenen Lebensraums ihre Duftnote in Form eines anregenden Hauchs von Vanille und Jasmin hinterließen, die in den Augen manch eines argwöhnischen Männchens aber das genaue Gegenteil bewirken konnte, als von dem sinnlichen Frauchen erhofft, was diese jedoch, des guten Friedens willen, meist für sich behielten, um den erhofften Streicheleinheiten nicht gegenzuarbeiten.

Der liebeshungrige Haase war ein recht reinliches Tier, das in die eigene Körperpflege im Gegensatz zu den männlichen Exemplaren seiner Art fast einen halben Tag investieren konnte. Vor allem der Pflege des Schopfes gehörte äußerste Priorität. Mittels verschieden gemixter Tinkturen wurde aus dem zerzausten strähnigen Haar eine goldene verlockende Mähne, die ihresgleichen suchte. Anderen Körperhärchen wurde dagegen nicht so viel Liebe zuteil. Nach gründlicher Reinigung mit natürlichem Wasser, Kakaobutter und anderen exotischen Pflanzenextrakten wurde mit ihnen kurzer, aber schmerzhafter Prozess gemacht. Die glatte alabasterfarbene Haut des Häschens wurde anschließend noch mit anderen wohlduftenden Lotionen eingerieben, die aphrodisierend auf das Männchen wirken sollten. Der Haasenzahn war nämlich sehr trickreich, wenn es darum ging, einen paarungsbereiten Artgenossen zu verführen, indem es seine Sinne vernebelte, bis er ihm komplett mit Haut und Haar verfallen war. Da die männlichen Wesen, mit Ausnahme von Blutsverwandten, sehr einfältig sein konnten und die Anzeichen eines liebesbereiten Weibchens nicht immer richtig deuteten, kam auch Farbe als zusätzliches Lockmittel ins Spiel. Auf Nägeln und Lippen wurden leuchtende Rosatöne verwendet, während die Augenpartie mit einem leichten Graublauschimmer und einem schwarzen Lidstrich auskam, der dem Gesicht des Haasenzahns eine sehr sinnliche und natürliche Note gab, die dem liebeshungrigen Meierlein immer ganz besonders gefiel.

Nach fast fünfstündiger Verwandlung vom blassen Entlein zum schillernden Schwan erstrahlte das Liebeshäschen schließlich in ganz neuem Glanz und in einem edlen dunkelblauen Satingewand und präsentierte sich seinem nächsten Artgenossen, um ein letztes ehrliches Urteil zu ergattern, ob es denn bereit für das Treffen mit seinem Liebesspielgefährten sei, was dieser mit wenigen unmissverständlichen Gesten und Lauten bejahte und sich dann wieder dem drängenden Bedürfnis der Nahrungsaufnahme widmete, wofür der Haasenzahn natürlich überhaupt keinen Gedanken verschwendete. Denn in froher Erwartung seines geliebten Partners hätte er nicht einen Bissen herunterbekommen. Das Häschen neigte nämlich dazu, in eine heftige Unruhe zu verfallen, wenn es in Lauerstellung lag und Dinge, auf welche es sich zeitlebens hingesehnt hatte, viel zu lange auf sich warten ließen. Mit festem Blick auf den Eingang seines Liebesnestes, das es, um dem siebten Himmel noch näher zu sein, in die Höhe verlegt hatte, rutschte und hüpfte es immer wieder nervös hin und her, neigte zu hektischen Aufsprüngen, Hakenschlagen und sinnloser Plauderei, gegen die man am besten die Lauscher abstellte, um nicht in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Immer wieder wurde das gesamte Liebesnest in Augenschein genommen und explizit das lauschige Eckchen in luftiger Höhe, wo es zum rauschenden Paarungsakt der beiden Liebeshaasen kommen sollte, die viel zu lange voneinander getrennt gewesen waren. Mittels in Feuer getränkter Wachserzeugnisse sollte eine wohlige Atmosphäre geschaffen werden und extraweiche Seiden- und Baumwollstoffe sollten als Untergrund für ausgiebige Spiele dienen, für welche die Liebeshaasen unter ihren Artgenossen sehr bekannt und von manch einem, dem nicht so viel Glück beschert wurde, beneidet wurden.

Doch ganz zufrieden stellen konnte sich das liebesbereite Häschen nicht. In unsicheren und hypernervösen Situationen neigte es nämlich zu weit schweifenden Traummalereien. Aber selbst in der Tierwelt wusste man, dass solch ein Ideal niemals erreicht werden konnte. Doch gerade diese Illusionen machten die Paarbeziehung der beiden Liebeshaasen aus. Denn das Besondere, ja schon fast Traumhafte, an dieser besonderen Verbindung war, dass, wenn ein Liebeshaase erst einmal einen anderen seiner Art gefunden hatte, den Einen, der für einen bestimmt war, man für immer einander treu blieb. Ein Sinnbild der ewigen wahren Liebe, das so manch anderen ungläubigen Artgenossen neidisch stimmen konnte, zumal nicht jedem Haasen unter den Liebeshaasen solch ein goldenes Händchen beschert war, wie es eben jenen ganz besondere Wesen zuteil wurde. Deshalb schaute der eine Haase nun gar nicht mehr so vergnügt von seiner Futterschüssel auf wie noch in den frühen Morgenstunden, in denen laute unmusische Stimmen ihn aus dem gemütlichen Nest geworfen hatten, in dem er Unterschlupf gefunden hatte, nachdem seine eigenen Bemühungen um eine Lebenspartnerin nicht so erfolgreich verlaufen waren wie bei seinem heimlichen Vorbild, das er trotz der Liebe, die er für es empfand, immer gerne wegen seiner rosaroten Brille aufzog, mit der es die Welt und insbesondere eine ganz bestimmte Person sah. Er müsste lügen, wenn er behaupten würde, dass er sich nicht darüber freuen würde, wenn sich seine Auserwählte auch so sehr für ihn ins Zeug legen würde, wie es seine Schwester für ihre Pappnase von Freund tat. So in Gedanken an seine Liebste versunken, die ihn immer noch zappeln ließ, obwohl er nichts unterließ, um sie von seiner ehrlichen Reue und seinen tiefen Gefühlen zu überzeugen, merkte er gar nicht, wie plötzlich jenes reizende Wesen, über das er soeben philosophiert hatte, mit sauer auffunkelnden Augen und in die Hüften gestemmten Händen vor seinem Brüderchen auftauchte, das schon die Hälfte des Tages an der Küchenzeile hing und es bei den Vorbereitungen für das Wiedersehen mit seinem herzallerliebsten Schatzilein mit spöttischen Blicken belästigte.

Gretchen (angespannt u. quengelig): Jochen Haase, wie lange willst du denn noch hier herumlümmeln und Löcher in die Wand starren? Du hast mir versprochen, du gehst zu dem Sonntagsessen bei unseren Eltern. Die warten auf dich. Ich bin entschuldigt, wie du weißt.
Jochen (stöhnt genervt auf u. dreht sich auf dem Barhocker zu seiner Motzschwester um): Jetzt halt mal die Luft an, Gretchen! Mama hat vorhin erst angerufen, dass es einen kleinen Küchenunfall gab und dass alles heute etwas später stattfindet als sonst. Aber bei deiner bekloppten Herumwuselei hier checkst du ja gar nichts mehr. Dein Macker ist doch noch gar nicht da. Also kann ich mich auch noch rechtzeitig verdrücken, bevor ihr übereinander herfallt wie die Karnickel.
Gretchen (klappt vor Empörung die Kinnlade herunter u. schlägt Jochen wiederholt mit dem Wischtuch, das sie in ihrer Hand gehalten hat): Boah, du bist so... so blöd! Ich hätte dich schon längst rausschmeißen sollen.
Jochen (springt geschickt vor ihr weg u. schnappt sich lachend ihr Schlagutensil, das im hohen Bogen zur Spüle fliegt u. sanft darin landet): Hast du aber nicht, weil du deinen allerliebsten Lieblingsbruder eben ganz doll lieb hast.

Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich ihn doch nach seiner Geburt zur Adoption freigeben sollen. Ich hätte so oft die Gelegenheit dazu gehabt, so oft, wie ich ihn babysitten musste. Was mir dann alles hätte erspart bleiben können? Zum Beispiel fünfundzwanzig Jahre später immer noch seine Babysitterin spielen zu müssen. Schade, dass man ihn als Erwachsenen nicht mehr vermitteln kann. Wobei, wo ist der denn bitteschön erwachsen? Er trägt Superheldenunterwäsche.

Gretchen (schupst ihn weg, nachdem Jochen ihr einen fetten Knutscher auf die Wange gedrückt hat): Das denkst du vielleicht, du unmöglicher Kerl, du.
Jochen (grient sie vergnügt an u. tänzelt langsam rückwärts zur Garderobe im Flur, wo er sich seine Jacke schnappt): Das weiß ich. Genau deswegen hab ich die letzten drei Wochen ja auch hier verweilen dürfen und nicht unter ner Spreebrücke. Danke noch mal, falls ich es noch nicht erwähnt habe, Schwesterherz.

Schleimer! Jetzt bedankt er sich auch noch scheinheilig dafür, dass er mich drei Wochen lang ohne Ende genervt hat. GRRR! Ich hab ein viel zu weiches Herz. Hmm... Das passiert mir nicht noch mal.

Gretchen (mit Schmollschnute sieht sie dem Knallkopf hinterher): Du weißt aber schon, dass damit ab heute Schluss ist, mein Lieber. Marc ist nicht so für Untermieter.
Jochen (schlüpft in seine Jacke u. sieht grinsend zu ihr rüber): Nicht? Und warum darfst du dann schon so lange hier wohnen?
Gretchen (wie eine wilde Furie kommt sie auf ihn zu u. ist im Begriff, ihn erneut wegen seiner großen Klappe zu hauen, doch er weicht ihr geschickt aus u. gewinnt nun selber die Oberhand): Boah Jochen! Du...
Jochen (zieht das schlagfertige Mädchen in seine Arme u. verpasst ihr eine Kopfwäsche der Sonderklasse): Ich weiß. Wobei mir der Gedanke, was der alles mit meinem Schwesterherz anstellt, echt zuwider ist.
Gretchen (befreit sich mühsam aus seinem festen Griff u. zupft ihre zerzauste Frisur zurecht): Man, meine Haare! Pass doch auf, du Blödi!
Jochen (ergötzt sich an dem angesäuerten Gesicht seiner Schwester u. setzt noch einen obendrauf): Was? Schon wieder so empfindlich? Hmm... Noch ein Anzeichen für eine...
Gretchen (bevor er feixend seine Fachdiagnostik beenden kann, schupst sie den Medizinstudiumsunterbrecher zur Tür): Man, lass das endlich! Raus! Verschwinde! Probier dich mit deinen Medizinfibeldiagnosen an einem anderen aus!

Und du brauchst auch gar nicht erst wiederkommen. GRR! Am besten ich wechsele die Türschlösser aus. Ach Mist, dann könnte Marc nicht rein. Menno!

Jochen (kann es einfach nicht lassen, sie zu provozieren, weil seine Schwester auch jedes Mal darauf hereinfällt): Hähä! Bitte, nenn es Jochen!
Gretchen (klopft dem Quatschkopf mehrmals gegen den Brustkorb, bis er zur Tür raus ist): Boah, du... GRRR! Sieh zu, dass du Land gewinnst! Am besten ganz woanders.
Jochen (im Flur dreht er sich noch einmal zu der wutroten Tomate um): Apropos, nach dem Essen bei unseren Elis fahr ich gleich in die Klinik. Ich hab Nachtschicht. Also könnt ihr euch genügend austoben. Morgen hol ich meine Sachen.

...zwinkerte Jochen seiner perplexen Schwester noch zu und schlurfte feixend zum Aufzug. Stinksauer schlug Gretchen die Tür hinter ihm zu und stampfte fluchend zurück ins Wohnzimmer. Kleine Geschwister waren echt die Pest. Marc konnte sich glücklich schätzen, als Einzelkind aufgewachsen zu sein. Hmm... Vielleicht sollten sie es ja auch bei einem Kind belassen, wenn sie denn irgendwann in ferner Zukunft endlich auch...? Bis die Träumerin die Küchenzeile erreichte, hatte sie sich auch schon wieder abgeregt. Gretchen stellte Jochens Geschirr in die Spülmaschine und stellte diese an. Als sie sich wieder aufrichtete, wurde ihr kurz schwummerig. Sie dachte sich aber nichts weiter dabei, öffnete den Kühlschrank und nahm sich eine Milchschnitte heraus, weil sich der kleine Hunger, den sie den ganzen Tag nicht vermisst hatte, doch noch lautstark angemeldet hatte. Nachdem sie die Hälfte davon gegessen hatte, fiel ihr wieder siedendheiß ein, dass ihr doofer Bruder vorhin ihre Frisur zerstört hatte, für die sie vorher ganze drei Stunden investiert hatte. Also flitze sie in Windgeschwindigkeit ins Bad, wo sie jede einzelne Korkenzieherlocke noch einmal nachzog, ebenso wie sie den von Wuttränen verwischten Lidstrich korrigierte. Ansonsten saß ihr Make-up perfekt. Dezent. Natürlich. Hübsch. Dank Jochen hatte sie jetzt sogar ganz rosige Wangen bekommen, ohne dass sie noch mal zum Rouge greifen musste. Genauso mochte Marc sie doch am liebsten. Wo er wohl blieb? Nervös schaute Gretchen auf ihre Armbanduhr. Sie hätte Mehdi fragen sollen, wann genau er ankommen wollte. Warum eigentlich nicht? Gesagt, getan.

Nur leider hatte sie der Anruf bei ihrem besten Freund nicht wirklich viel weitergebracht, außer dass sie jetzt Lillys Gitarrengeschrammel wieder im Ohr hatte. Ein hartnäckiger Ohrwurm, den sie noch eine dreiviertel Stunde später im Ohr hatte und mittlerweile sogar unbewusst mitsummte. Mehdi hatte zu seinem Bedauern leider nicht gewusst, wann genau Marc in Berlin eintreffen würde, nur dass er wohl vorhatte, ziemlich zeitig aufzubrechen. Dafür hatte sie sich aber noch einige genauso blöde Sprüche anhören müssen, wie Jochen ihr schon den ganzen Morgen vorgetragen hatte. Alles Idioten! Deshalb hatte sie auch gleich wieder aufgelegt, ohne noch einmal mit Mehdi zu besprechen, wie sie das morgen trotz voll gepacktem Dienstplan mit der Geschenkübergabe für Maria und Sabine organisieren wollten. Gretchen hatte nämlich in dem Babyladen tatsächlich noch die süßen Strampelanzüge gefunden, die sie sich in ihrer Traumvorstellung ausgemalt hatte, und die Zeit drängte. Denn die eine würde nach ihrer Abschlussuntersuchung morgen Mittag zu ihrer Kur an die Ostsee aufbrechen und die andere würde aus ihren Flitterwochen heimkehren, wofür Gretchen auch noch eine kleine Begrüßungsüberraschung mit den Kollegen eingeplant hatte. Aber anstatt bei diesen beiden Überraschungen waren Gretchens Gedanken ganz woanders. Vielmehr zählte sie wieder die Zeit, die man für eine Reise von der Schweiz bis in den Nordosten Deutschlands brauchte und addierte diese mit den Geschwindigkeiten eines Porscheautos, das von Marc sicherlich mehr rangenommen wurde, als es seine eigentliche Besitzerin sonst immer tat. Ja, was war eigentlich mit der, fragte sich die hibbelige Ärztin als nächstes, als sie sich frustriert zurück auf die Couch im Wohnzimmer fallen ließ. Aber auch der Gedanke war schnell wieder der Vorfreude und dem Bauchkribbeln gewichen.

Stunden konnten so quälend langsam vergehen, musste Gretchen nach einer Weile unruhigen Hin-und-Her-Rutschens feststellen. Sie konnte ja schlecht bei Marc nachhaken, wann er denn nun genau bei ihr auftauchen würde. Dann könnte sie sich ja gleich verraten. Apropos verraten. Gretchen blickte sich um. War es vielleicht nicht doch etwas auffällig, wie sauber und ordentlich es hier aussah, wo Marc doch ganz genau wusste, dass Jochen immer noch Asyl bei ihnen innehatte? Dann das neue Kleid und die sexy kniehohen Stiefel, die sie nur zu besonderen Anlässen anzog, weil sie nur schlecht darin laufen konnte. Und waren die Kerzen im Schlafzimmer nicht auch einen Tick zu viel? ... Definitiv! Sofort sprang Gretchen auf, sprintete ungewohnt untollpatschig auf ihren hohen Hacken die schmale Holztreppe hoch ins Schlafzimmer und machte die verräterischen Spuren aus. Dann schlug sie noch die Decke des neubezogenen Bettes zurück und stellte ihren rosa Laptop aufs Kopfkissen, damit es so aussah, als würde sie jederzeit Marcs Rückruf erwarten, was sie ja auch irgendwie tatsächlich tat. Nachdem sich Gretchen wesentlich zufriedener als zuvor noch einmal umgeschaut hatte, schnappte sie sich den Karton mit Marcs Lernkarten, der neben dem Bett stand und den sie unter Aufbietung all ihres Fachwissens in unfairen nächtlichen Wettbewerben vom Meister seines Fachs errungen hatte, und ging damit zurück ins Wohnzimmer. Sie hatte nicht wirklich Lust darin herumzustöbern, aber wenn sie schon warten musste, was sie schon allein total verrückt machte, dann konnte sie die Zeit auch sinnvoll nutzen.

Vier Stunden später schreckte die lern- und liebeshungrige Assistenzärztin plötzlich von einem Geräusch auf. Verwirrt stellte sie fest, dass sie offenbar eingeschlafen war. Denn draußen war es bereits dunkel geworden und der zunehmende Mond guckte durchs Fenster und schien sie fast auszulachen wegen ihres schlimmen Fauxpas. Die Ertappte rappelte sich mühsam auf und schaltete die Leselampe neben dem Sessel ein, in dem sie offenbar eingenickt war. Vor ihr auf dem Couchtisch lagen neben ihrer Teetasse, deren Inhalt mittlerweile kalt geworden war, wie sie beim daran Nippen bemerkte, mehrere Lernkarteikarten verteilt. So sah es zumindest nicht mehr ganz so verräterisch aus, wenn Marc endlich nach Hause kam. .... Marc? Gretchens Kopf schoss augenblicklich hoch und sie schaute sich suchend um. Von ihm war immer noch keine Spur. Enttäuscht stand sie auf und wollte zum Kühlschrank gehen, um sich eine Tafel Schokolade herauszuholen, um damit ihren Frust zu kompensieren, als sie plötzlich erneut ein seltsames Geräusch von draußen hörte. Das war doch eindeutig... ein Schlüssel, der von außen ins Türschloss geschoben wurde. Aufgeregt drehte sich die junge Frau herum, hielt sich ihre kribbeligen Finger vor den halboffenen Mund, um zu verhindern, dass sie gleich loskreischte und sich damit frühzeitig verriet, und starrte mit großen funkelnden Augen gebannt zur Tür, die sich tatsächlich in dem Moment in Zeitlupe öffnete. Das war ihr Startsignal. Allen guten Vorsätzen zum Trotz hielt sie nichts mehr an ihrem Platz und sie stürmte absatzklappernd geradewegs auf die Tür zu und stolperte dem Mann direkt in die Arme, der gerade im Halbdunkeln durch den schmalen Türspalt schlüpfen wollte und nun ungestüm von einer Blondine außer Rand und Band umgerannt und sogleich wild nieder geknutscht wurde.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

01.01.2014 13:01
#1459 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Mit einem lauten Rumps sank Gretchens Objekt der Begierde wie ein gefällter Baum zu Boden und die Attentäterin selbst wurde von ihm gleich mitgerissen und landete unsanft, aber weich direkt auf dem gestählten Männerkörper, dessen überrumpelter Besitzer laut aufstöhnte, als er unfreiwillig und sehr schmerzhaft mit dem teuer verlegten Laminat Kontakt aufnahm. Die Wohnungstür, durch die er soeben hindurchgeschlüpft war, war durch den Ruck seines beim stürmischen Überfall nach hinten ditschenden Kopfes gleich wieder zugeschnappt. Das Resultat des Ganzen spürte der unglücklich Verunfallte nun umso schwerer. Sein Kopf dröhnte. War er überhaupt noch dran? Ächzend fasste er sich an seine Mütze und zog diese herunter, um seinen brillanten Kopf auf Platzwunden und Hämatome zu untersuchen, die er zum Glück nicht finden konnte. Daher konnte er sich zunächst auch nicht wirklich auf die zuckersüßen Lippen konzentrieren, die gerade seinen Mund platt drückten und ihn offenbar mit Haut und Haar schmatzend verschlingen wollten. Er war hauptsächlich damit beschäftigt, überhaupt wieder Luft zu bekommen und sich zu orientieren, wo er eigentlich war und was gerade passiert war. Denn irgendwie hatte er das Gefühl, dass ihm gerade eine halbe Minute seiner Erinnerung abhanden gekommen war. Er konnte dadurch auch nur schemenhaft das aufreizende Wesen mit den sinnlichen Goldlocken durch seine flackernden Lider wahrnehmen, das der Länge nach auf seinem malträtierten Körper lag und auf diesem herumrobbte wie eine verloren gegangene Robbe auf einem Felsen am Meer. War er im Himmel? Er musste im Himmel sein! Schließlich wollte ihn ein Engel gerade zu sich holen.

Marc: Aaahhh...wwaaa...Haahaaa...sen...zaaahhhnnn, isch... wuschte ja, dassch... duuu... auf misch... fliiiescht,... aaaber... musscht... duuu... dasch... immer... gleich... sooo... wööörtlisch... nehmen? Ooohhh...aaahhh...Aua!

...versuchte sich Dr. Marc Meier während der wilden Kussattacke seiner unersättlichen Assistenzärztin mehr schlecht als recht bemerkbar zu machen, aber anstatt die notwendige Erstversorgung zu tätigen, die er nach dem Sturz auf seinen Podex und seinen Schädel dringend benötigte, knutschte sie weiterhin ungestüm jeden einzelnen Zentimeter von seinem Gesicht ab, nur nicht denjenigen, der gerade dringendster weiblicher Fürsorge bedurfte. Jetzt machte sie sich an seinem linken Auge zu schaffen, das von dem Schock nach dem Fall zu Boden immer noch leicht zuckte, was die Grundsituation nur noch skurriler werden ließ, als sie eh bereits war. Es war ja nicht so, dass Marc Gretchens überraschenden Überfall nicht genießen wollen würde, nur war es so, dass sie ihm gerade entscheidende Lebensorgane abdrückte, so unvorteilhaft wie sie gerade auf ihm lag und sich gefährlich an ihn presste.

Gretchen: Mwaaarc, isch... hab... disch... sooo...doll... vermisscht.

...reagierte Gretchen nun doch auf ihren Freund, als sie mit zärtlich gehauchten Küssen dessen linkes Ohr bearbeitete und sehnsuchtsvoll hineinsäuselte. Noch etwas benebelt von den ihm offen zugetragenen Gefühlsbekundungen seiner absoluten Traumfrau richtete er seinen Oberkörper auf und versuchte so Blickkontakt mit der süßen Verrückten zu bekommen, die davon nicht wirklich Notiz nahm und sich immer noch fest an ihn klammerte und ihn wild abbusselte. Mit einer Hand stützte er sich am Boden ab, um nicht erneut abrupt von dieser Naturgewalt niedergerissen zu werden, und die andere positionierte er an Gretchens Po. Auch wenn es ihm Schmerzen bereitete, konnte er sich ein breites Grinsen nicht mehr verkneifen. Schnupperte sie da etwa gerade am Kragen seines Poloshirts? Diese Frau war wirklich so was von verrückt und sie ließ sein Herz gerade wie wild Purzelbäume schlagen.

Marc: Merkt man.

Auf dem Weg quer über Marcs Gesicht zu seinem rechtem Ohrläppchen schaute Gretchen dann doch kurz auf. Hatte sie da etwa gerade so etwas wie Ironie aus seiner Stimme herausgehört? Machte er sich etwa über sie lustig? War es etwa lächerlich, sich über sein Wiedersehen aufrichtig zu freuen? Wie konnte er nur so ignorant sein? Schließlich hatte sie sich so große Mühe gegeben, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Obwohl, naja, sie musste sich dann doch eingestehen, dass die Pferde ein klitzekleines bisschen mit ihr durchgegangen waren. Aber sie war nun mal noch nie jemand gewesen, der seine Gefühle im Zaum halten konnte, wenn sie gerade überzuschäumen drohten. Deshalb wusste damals ja auch die gesamte Schule, inklusive der Direktorin Frau Schnabelstedt und Marc Meier, darüber Bescheid, wie verliebt sie in ihn gewesen war. Und sie war es heute umso mehr. Daraus hatte sie nie einen Hehl gemacht. Im Gegensatz zu ihm!

Gretchen: Du mich etwa nicht?

Die Enttäuschung stand Gretchen sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben und es glitzerte bereits verdächtig in dem Meer aus Himmelblau, in das Marc blickte und gerade dabei war, hineinzutauchen. Er konnte bei dem Anblick natürlich nur ungläubig die Augen verdrehen und platzierte nun auch seine andere Hand demonstrativ auf Gretchens rechter Pobacke, um sie so besser im Griff zu haben, während er eine betont ernste Meiermiene aufsetzte, um das eingeschnappten Häschen von seiner Aufrichtigkeit zu überzeugen. Naja, fast. In Marc Meier steckte schließlich immer schon ein charmanter Schelm, was Gretchen schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit sehr, sehr reizvoll an ihm gefunden hatte. Und heute in ihrer gemeinsamen Gegenwart noch umso mehr.

Marc: Ich glaube, ich bin etwas gehandicapt seit dem Sturz. Ich sehe schon kleine Engelchen mit blonden Löckchen vor meinem Auge tanzen. Jetzt hast du endgültig geschafft, was du schon zu deinen rosa Tutuzeiten versucht hast.
Gretchen (hängt gebannt an seinen kussbereiten Lippen): Was?
Marc (legt eine Hand an ihren Nacken u. zieht sie so wieder zu sich heran): Mich endgültig in den siebten Himmel zu verfrachten. Das hattest du heimtückisches Luder doch schon die ganze Zeit vor.

Gretchen kicherte nur mädchenhaft über ihren Quatschkopf, während dieser nun zu einem sehr sinnlichen Kuss ansetzte, den er nahezu tänzelnd auf ihre weichen Lippen setzte. Ihren Kopf hielt er dabei sanft zwischen seinen beiden Händen und kraulte dabei leicht mit den Daumen die zarte Haut ihrer Wangen. Ein angenehmes Kribbeln durchzog Gretchens Körper, aber bevor Marc seine Gefühlsbekundung vertiefen konnte, löste seine Herzangebetete sich abrupt wieder von seinem Mund, nachdem sie sich seine Worte noch einmal genauer durch den Kopf hatte gehen lassen. Je klarer die Bilder wurden, umso mehr wurde ihr nämlich bewusst, was sie gerade getan hatte. Sie hatte sich auf Marc gestürzt, ohne an die Folgen zu denken. Hektisch robbte Dr. Haase von seinem Schoss herunter und untersuchte nun aufmerksam Marcs Hinterkopf, mit dem er unsanft gegen die Tür geknallt war, auf Hämatome, und ging dabei geübt liebevoll vor. Fast hätte man den Kater schnurren gehört. Aber das ging unter dem aufgeregten Geschnatter von Haasenzahn leider unter.

Gretchen: Hab ich dir wehgetan? Oh, das tut mir so leid. Ich weiß auch nicht, was da gerade mit mir durchgegangen ist. Aber ich fühle nichts, das wird höchstens eine kleine Beule werden. Wenn überhaupt. Soll ich dir ein Kühlpad holen oder eine Packung Erbsen? Kotelett ist leider aus, aber du willst bestimmt auch nicht, dass deine schönen Haare nach Fleisch duften, oder?
Haasenzahn ist echt ne Marke! Da bietet man ihr bereitwillig seine heißen Lippen an und sie denkt wieder nur ans Essen. Gott, wie hat mir diese Frau gefehlt.
Marc (grient die süße „Krankenschwester“ spitzbübisch an, als sie von seinem Haar ablässt, das sie gerade Strähne für Strähne durchgezupft hat, u. ihn verschämt anblickt): Ich hab deine Misshandlungen vermisst, Haasenzahn.
Gretchen (hört nur das Wesentliche heraus u. strahlt den Charmeur mit großen Augen an): Du hast mich doch vermisst?
Dass man das auch immer sagen muss! Weiber!
Marc (blickt aufgewühlt zwischen ihren leuchtenden Augen hin und her): Halt deine Klappe und komm her! Dann zeig ich dir endlich, wie sehr.

Marc wartete eine positive Antwort von Haasenzahn gar nicht erst ab und handelte wie ein Mann. Ruckartig zog er ihren Kopf heran und presste seine glühenden Lippen verlangend gegen ihren süßen sinnlichen Mund, der aufregend nach Vanille und Himbeere schmeckte, ihrer Lieblingsteesorte, von der auch er diesmal nicht genug bekommen konnte. Gretchen war sichtlich überrascht von dieser plötzlichen Attacke, die ihren Herzschlag für einen kurzen Augenblick außer Kraft gesetzt hatte, konnte aber nichts dagegen tun. Das wollte sie auch gar nicht. Sie war wie Wachs unter Marcs Händen und sank in seine starken Arme, die sie fest umschlossen. Zärtlich umtänzelten ihre beiden Zungespitzen einander, während zittrige Hände unruhig über den Körper des anderen strichen. Immer mehr verschmolzen sie zu eins und gaben sich dem Moment hin. Dem süßen Moment des Wiedersehens, den beide so sehr herbeigesehnt hatten und jetzt nicht missen wollten, obwohl sie sich gleichzeitig wünschten, nie wieder so lange voneinander getrennt sein zu müssen. Die Sehnsucht übermannte sie einfach. Ihre Küsse wurden immer leidenschaftlicher. Gretchen küsste Marc regelrecht um alle Sinne. Er wusste gar nicht, wie ihm geschah, als sie wieder die Initiative übernahm, aber da er ein Mann mit gewissen Bedürfnissen war, die ihn doch geradewegs hierher geführt hatten, ließ er diese Art von Begrüßung natürlich gerne über sich ergehen. Nein, er intensivierte diese sogar noch, als er seine Arme wieder freibekommen hatte, die erneut zu Boden gedrückt worden waren, und sie nun um die Taille seiner stürmischen Freundin legte und diese so fest an sich presste. Er wollte sie spüren. Ganz nah. Um zu verstehen, dass er sie tatsächlich endlich wiederhatte. In echt und nicht mehr nur virtuell durch einen Computermonitor.

Jetzt erst merkte Marc so richtig, wie sehr er diese Wahnsinnsfrau eigentlich vermisst hatte. Ihr ging es da nicht viel anders. Wild küsste und streichelte sie jeden Zentimeter seines rauen Gesichts, den mittlerweile ein dichter Dreitagebart zierte, der sie in dem Moment nicht sonderlich störte, und drückte sich an ihn, als hätten sie sich ein ganzes Leben lang nicht gesehen und müssten die verpasste Zeit jetzt gleich auf einmal nachholen, wogegen ihr Lebenspartner sicherlich nichts dagegen hätte, wenn er nicht so unbequem zwischen Tür und Treppe eingeklemmt gewesen wäre. Marc verlagerte seine Position ein wenig und lehnte jetzt mit dem Rücken an der geschlossenen Tür. Gretchen saß an ihn gekuschelt auf seinem Schoss. Ihr verliebtes Lächeln verzauberte ihn regelrecht und so konnte er gar nicht anders, als sie wieder zärtlich zu küssen. Diesmal weniger drängend und verlangend, sondern ganz sanft, fast schüchtern, sinnlich. Und Gretchen gab sich ihm und der Gefühlsexplosion hin, die ihren ganzen Körper erfasste. Sie waren so viele Tage voneinander getrennt gewesen, da bedeutete ihr dieses Wiedersehen unendlich viel. Sie wollte jede Sekunde davon genießen und für die Ewigkeit abspeichern. Und die Zeit schien für den Moment tatsächlich still zu stehen, als sie sich ihrer brennenden Sehnsucht hingaben und sich ihre Liebe auf unendlich zärtliche Weise schenkten. Erst nach und nach schaltete sich Marcs Denkapparat wieder ein und er löste seine Lippen schließlich von seinem liebeshungrigen Gegenüber, das er nun atemlos von Kopf bis Fuß mit seinen funkelnden smaragdgrünen Augen beäugte, als es ihn schwerverliebt und mit leicht verschämten Blick anlächelte.

Marc: Du siehst hübsch aus. Ist das neu? Das hab ich noch nie an dir gesehen?
Gretchen (ringt um Atem u. um Erklärungen, als der Verstand so langsam zurückkehrt): Danke! Ähm... ja, äh... Also...
Marc (merkt nichts von ihrer plötzlichen Unsicherheit u. vergräbt seine beiden Hände in dem Meer goldener Locken, das er so sehr liebt): Mhm... Das hab ich vermisst.
Gretchen (genießt den Moment sehr u. hält ihren Kopf leicht schräg, sodass er auf Marcs Handkuhle liegt u. schließt verträumt die Augen): Ich... ich auch.

Ich bin so glücklich. Ich könnte die ganze Welt umarmen.

Marc (mit verklärtem Blick streift er ihr wunderschönes Gesicht u. pustet eine verirrte Wimper weg): Du hast dich ja richtig zurechtgemacht. Wieso eigentlich?
Gretchen (schlagartig gehen die Augen wieder auf u. ihre Pupillen huschen unsicher hin und her): Ääähhh...
Marc (hegt immer noch keinen Verdacht u. sieht die Frau seines Herzens verliebt an, während er mit einem Finger den weichen Stoff ihres Kleides hinab fährt): Hast du noch was vor? Ich kann mir nämlich kaum vorstellen, dass du so aufgedonnert bei deinen Eltern aufgeschlagen bist.
Gretchen (gerät zunehmend in Erklärungsnot u. bekommt hektische rote Flecken an ihrem Hals): Nein, ich ähm...

Mist! Mist! Mist! Ich will nicht auffliegen. Aber mein Kopf ist total leer.

Marc (festigt seine Umarmung u. schließt seine Augen, während er selbst ein Geständnis macht): Ehrlich gesagt, hab ich gar nicht mit dir hier gerechnet. Versteh mich nicht falsch, dein Überfall war umwerfend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Hähä! Aber ich war eigentlich davon ausgegangen, dass du noch bei deinen Elis bist.
Gretchen (verlagert ihre Position, um Marc besser anzusehen): Wolltest du mich überraschen?
Marc (fasst sich nervös an den Hals u. blickt seiner Süßen wieder ins Gesicht): Naja, Überraschung ist jetzt... ähm... naja, zu viel gesagt. Oder heiße ich neuerdings Hugh Grant oder wie dieser Weichspüler jetzt heißt, der diese schwulen Filme dreht? Egal. Ich hab mich jedenfalls verschätzt. Wenn der blöde Stau auf der Autobahn kurz vor Berlin nicht so lange gedauert hätte und ich nicht als Notarzt hätte einspringen müssen, weil die Deppen wieder alle Spuren blockiert hatten, sodass der KW nicht durchkam, wäre ich schon längst hier gewesen und hätte noch was Vorlauf gehabt, um... Moment mal! ... (so langsam dämmert es ihm, er streckt seinen Arm aus, um an den Lichtschalter zu kommen, schaltet diesen ein u. schaut sich misstrauisch um u. dann seine Liebste wieder an) ... Du bist hier? Die Wohnung ist pikobello. Sogar die Fenster sind geputzt. Weiberbrause und Gläser stehen bereit. Kein Jochen. Kein Sonntagszwangsessen bei deinen Eltern, das gewöhnlich bis weit nach Sonnenuntergang geht. Und du bist zurechtgemacht, als wolltest du heute Abend unbedingt flachgelegt werden. Wenn ich nicht besser wüsste, dass ich der Einzige bin, der dich begrabbeln darf, dann...
Gretchen (versucht sich vergeblich zu erklären): Marc?
Marc (erst lacht er, dann wird er schlagartig wieder ernst): Hey! Ich bin ja nicht bescheuert. Natürlich fällt dieser Punkt flach. Schließlich würde niemand sein Leben riskieren, wo jeder doch weiß, wie gut ich mit Skalpellen umgehen kann. Ich treffe damit sogar mit verbundenen Augen ne Dartscheibe. Unser Lieblingssport während der PJLer-Zeit. Ich war Champion. Also, Haasenzahn, woher wusstest du, dass ich gerade heute hier aufschlagen werde? ... Nee oder?

Es brauchte keine langen Überlegungen, bis es Marc wie Schuppen von den Augen fiel. Die Verwandlung von einem zarten Rosa auf Gretchens Wangen in ein dunkles Ferrarirot, sagte bereits alles. Stöhnend klapste er sich gegen die Stirn, was seinem Brummschädel nicht sonderlich gut bekam, ebenso wenig wie sein kontinuierliches Kopfschütteln, und blickte Gretchen schließlich mit bedrohlich funkelnden Augen an.

Marc: Boah, das war ja so was von klar, dass die Klatschbase vom Dienst ihr olles Schandmaul nicht halten kann. Na, der kann was von mir zu hören bekommen, wenn ich den zu fassen bekomme. Es ist echt auf niemanden mehr Verlass. Dabei hab ich ihm noch eingetrichtert, was passiert, wenn er nicht...

Bevor Dr. Meier noch wütender werden konnte, robbte das ertappte Häschen zu ihrem grummelnden Schatz heran, parkte sich wieder auf seinem Schoss und schlang ihre Ärmchen um seinen Nacken, kraulte diesen zärtlich und sah Marc mit zuckersüßer Unschuldsmiene an, so dass er die Rachepläne an seinen verräterischen Freund schneller wieder vergaß, als sie aufgekommen waren.

Gretchen: Mehdi trägt keine Schuld, Marc. Ich war gestern bei ihm in der Wohnung, als du angerufen hast und hab zufällig ein paar Brocken von eurem Gespräch mitbekommen und sie, naja, richtig gedeutet.
Das wäre ja mal was ganz Neues. Seit wann ist Haasenzahn denn eine Blitzmerkerin? Das war sie die ganze Schulzeit über nicht. Von der Assizeit mal ganz zu schweigen.
Marc (kann sein Schmunzeln nicht zurückhalten): Verstehe! Zufällig also, hmm?
Glaubt er mir etwa nicht? Als ob ich Mehdi hinterher spionieren würde. Wieso sollte ich? Er hat keine Geheimnisse vor mir.
Gretchen (boxt dem Lachsack in die Seite): Manno! Du weißt schon, wie ich das meine. Aber ich hab mich riesig gefreut. Also ich freue mich riesig.
Verpackung und Inhalt sind also für mich. Das hab ich mir gedacht. Hähä!
Marc (streichelt zärtlich ihre glutrote Wange entlang u. kann immer noch kaum fassen, dass er Haasenzahn tatsächlich wieder im Arm hält): Freuen ist noch untertrieben, Haasenzahn, so was von untertrieben.

...raunte Marc, der von einem Moment auf den anderen wieder ganz handzahm geworden war, schwerverliebt in ihr Ohr und senkte seine Lippen zu einem weiteren zärtlichen Begrüßungskuss heran. Langsam verschmolzen ihre Münder miteinander und die beiden sanken wieder auf den Boden zurück. Diesmal weniger abrupt und schmerzhaft wie Minuten zuvor. Und es hätte auch noch ewig so weitergehen können, wenn es nicht plötzlich an der Tür, vor der sie innig umarmt lagen, gerumpelt hätte und die beiden abrupt aus ihrer gemeinsamen Traumwelt gerissen worden wären. Gretchen sah ihren Schatz verwundert an und fuhr ihm mit beiden Händen über den angespannten Brustkorb, den sie soeben von dem störenden Wintermantel befreit hatte.

Gretchen: Dein Herz klopft aber heute laut.
Marc (ebenso irritiert senkt er seinen Mund wieder zu ihrem herab): Meins? Deins! Jeden Kardiologen würden diese Auffälligkeiten sofort in Alarmbereitschaft versetzen und ich hatte eigentlich nicht vor, dich heute noch in Narkose versetzen zu müssen. Also zumindest nicht auf diese Weise. Narkotisieren würde ich dich schon gerne, aber auf meine ganz spezielle Meier-Art.

...zwinkerte Marc pappfrech seiner Liebsten zu, die nach dem Chauvispruch empört ihre Kinnlade herunterklappte, und dockte seine Lippen sofort wieder an ihren an, die erst noch etwas widerspenstig auf sein frohlockendes Angebot reagierten, aber schnell wieder im Einklang mit seinen mitarbeiten. Doch diese intensive Zuneigungsbekundung währte nicht lange, denn erneut wurde das Liebespaar abrupt auseinander gerissen. Und zwar erst durch ein hartnäckiges lautes Klopfen an der Tür, das sie nun auch als solches interpretierten, gefolgt von einer echauffierten Frauenstimme, deren hohe Oktaven selbst meterdicke Wände durchdrangen...

Elke: MARC OLIVIER, DU UNERZOGENER BENGEL, was fällt dir ein, deiner armen Mutter die Tür vor der Nase zuzuschlagen? Hab ICH das verdient, nach allem, was ich durchmachen musste? Erst entführst du mich unter Angabe falscher Tatsachen bei Nacht und Nebel und kutschierst mich in einem Affenzahn quer durch Deutschland, als würdest du neuerdings bei der Formel1 anheuern wollen, lässt mich mitten auf der Autobahn in der Kälte alleine stehen, kehrst erst nach Stunden wieder zurück und drückst ohne Erklärung wieder auf die Tube, als hättest du einen Notfall bei dir. Und dann muss ich auch noch feststellen, als ich hier oben ankomme, dass der Fahrstuhl gar nicht kaputt ist, so wie du behauptet hast. Ich musste in meinem Zustand sieben Stockwerke hoch laufen, um jetzt vor verschlossener Tür zu stehen. Ist das jetzt der Dank dafür, dass ich vor über dreiunddreißig Jahren fast neunundzwanzig Stunden lang unter schlimmsten Folterschmerzen im Kreißsaal gelegen habe, um dich aus mir herauszupressen? Mach SOFORT die Tür auf oder ich steige in den nächsten Flieger zurück in die Schweiz! Du weißt genau, dass ich das tun würde. Die Stornierung der Reservierung des Spas kann jederzeit rückgängig gemacht werden. MARC OLIVIER? Ich kann dich hinter der Tür atmen hören. Und wage es nicht, genervt aufzustöhnen! Dann bin ich weg. Du kennst unsere Absprache.

Scheiße! Ich hab Mutter vergessen. Das gibt Ärger.

Nachdem er diese unverkennbare Stimme erkannt hatte, ließ Marc frustriert seinen Kopf hängen, der nun an Gretchens Schulter ruhte, ehe er sich langsam wieder aufrichtete. Weit aufgerissene hellblaue Augen guckten ihm fragend entgegen. Er war so was von am Arsch. Gretchen hatte ihn ganz vergessen gemacht, dass er hier noch etwas vorzubereiten hatte.

Gretchen: Das ist deine Mutter, Marc?

...stellte Gretchen verblüfft fest und schaute Marc erwartungsvoll an, aber er reagierte zunächst nicht. An seinem ertappten Schuljungenblick erkannte sie aber sofort, dass hier etwas nicht stimmte und das war nicht nur die Tatsache, dass seine Mutter bei ihnen vor der Tür stand und ihn ausschimpfte. Sie war in Berlin. Das war doch eigentlich eine positive Nachricht, wenn man bedachte, was alles passiert war und wie sehr sich Elke Fisher wegen ihrer Krankheit bislang vor aller Welt verschlossen hatte. Warum wurde sie dann aber das Gefühl nicht los, dass da noch mehr kommen würde. Wie Recht sie doch mit ihrer stillen Vorahnung hatte, musste Gretchen feststellen, als der eingeschüchterte Schuljunge nach einem kurzen Moment des Schockschweigens endlich stockend seine Klappe aufmachte...

Marc (fährt sich nervös über den Nacken u. traut sich kaum in Gretchens Augen zu blicken): Jep! Das Organ ist unverkennbar. Leider! Ähm... Ich wollte dich eigentlich noch sanft darauf vorbereiten, aber dann ist alles... irgendwie... aus dem Ruder... Naja, du weißt schon... Äh... Was soll ich sagen? ... Du wolltest eine Überraschung, hier ist sie! ... Mutter wohnt ab heute bei uns.

Marc hatte die Zündschnur weggelassen und die Bombe gleich so platzen lassen. Mit aufgesetztem Dackelblick richtete er sich nun mühsam vom Boden auf und half einem perplexen Gretchen hoch, das Marcs Worte noch nicht wirklich einzuordnen verstand und demzufolge mit offenem Mund sprachlos zur Tür blickte, die von Marc jetzt ganz langsam geöffnet wurde. Tatsächlich stand eine bedröppelte Starautorin, elegant angezogen, aber mit wirrem ergrautem Haar und fuchsrotem leicht schweißigem Gesicht, verloren zwischen mehreren Gepäckstücken vor der Meier-Haasschen Wohnungstür und drängte unmissverständlich auf Einlass, der ihr auch von ihrem reumütigen Sohnemann gewährt wurde.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

07.01.2014 14:51
#1460 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Wenig später

Marc (genervt): Haasenzahn, jetzt komm da raus, verdammt! Das ist doch albern.
Gretchen: Nein!

...kam es von dem blonden Trotzköpfchen mit brüchiger, aber entschiedener Stimme zurück, nachdem Marc wiederholt lautstark an der Badezimmertür geklopft hatte, hinter der sich Gretchen seit nunmehr zwanzig Minuten versteckt hielt und ihn damit ziemlich auflaufen ließ, was dem stolzen Macho zunehmend gegen den Strich ging. Sein Geduldsfaden war dementsprechend dünn gespannt. Sehr, sehr dünn gespannt. Worunter vor allem die geschlossene Tür aus Massivholz zu leiden hatte, gegen die der zunehmend unbeherrschter werdende Oberarzt erneut einhämmerte wie Klitschko in einer Trainingseinheit gegen einen Sandsack. Aber sein Engagement für Widerständige war leider weniger erfolgversprechend. Das sture Weibsbild, das sich nach der Begrüßung seiner Mutter aus einer Überreaktion heraus ins Bad geflüchtet hatte, ließ einfach nicht mit sich reden. Dabei hatte Marc noch bis vor wenigen Minuten gehofft, sie würde es verstehen. Gerade sie, die Mutter Theresa der Station, die doch sonst immer für alles und jeden aufopferungsvoll Verständnis entgegenbrachte. Warum musste er dann immer der Buhmann sein? Was hatte er denn schon großartig getan? Gut, bis auf die Tatsache, dass ein sehr, sehr prickelnder Moment zwischen ihnen beiden, aus dem noch sehr viel mehr hätte werden können, wenn es das Schicksal wenigstens einmal mit ihm gut meinen würde, unglücklich zunichte gemacht worden war. Aber daran war er ja nicht hauptsächlich schuld.

Marc (ungehalten): Jetzt mach die verdammte Tür auf, Haasenzahn!
Gretchen (trotzig): Neiiin!

Es war wirklich zum Haare raufen mit dieser Frau, dachte Marc verzweifelt und fuhr sich nun tatsächlich durch seine Haare, die mittlerweile wild von seinem Kopf abstanden und vermutlich sekündlich grauer wurden, je länger er wie der letzte Depp von Haasenzahn vorgeführt wurde. Erst als er seine schweren Lider wieder öffnete, die er für einen kurzen Moment hatte ausruhen lassen, registrierte er die Person im eleganten hellen Damen-Zweiteiler, die ihm gegenüber an der Wand lehnte und ihn mit verschränkten Armen und wütend aufblitzenden Augen streng musterte. Das hatte ihm zu seinem Glück gerade noch gefehlt. Er war zu alt für mütterliche Anschisse oder was auch immer gerade dieser Blick von ihr zu bedeuten hatte. Ihn interessierte vielmehr, wie er Haasenzahn da wieder herausbekam, und nicht, was seine Mutter von seinem übergriffigen Verhalten hielt.

Elke: Marc Olivier, hab ich es dir nicht gesagt?
Marc (gereizt von ihrer Besserwisserei): Mama, halt den Rand, bitte, ja! Ich muss überlegen.
Haasenzahn hat doch überall diese Haarnadeldinger rumliegen. Wenn ich die ins Schloss schiebe, müsste es doch...
Elke (gibt sich unbeeindruckt u. geigt dem Sturkopf erst einmal ihre Meinung): Ich hab dir doch gesagt, dass das eine Schnapsidee ist. Was soll ich denn hier? Hast du denn die letzten Tage gar nichts gelernt? Wir beide zusammen auf engstem Raum, das geht nicht lange gut. Außerdem solltest du nicht über die Köpfe derjenigen hinweg entscheiden, die dir lieb und teuer sind, mein Junge.
Marc (seine Augen formen sich zu kleinen Schlitzen u. er funkelt beleidigt zurück): Das sagt gerade die Richtige.
Elke (ihre Miene verfinstert sich): Marc Olivier, mache mich nicht wütend!

Ich dich? Du mich! Was hab ich mir eigentlich dabei gedacht, dich hierher zu kutschieren? Ach ja, wie meint Haasenzahn immer so schön? Ich hab’s doch nur gut gemeint. Pah! So was geht nie gut aus. Wusste ich’s doch! Und wer darf’s ausbaden? Ich! Warum immer ich?

Marc (hämisch zurücklächelnd): Dito! Und jetzt ist Schluss mit der Endlosdiskussion! Wolltest du dich nicht frisch machen? Es bleibt wie beschlossen.
Elke (kleinlaut): Wie du beschlossen hast, Marc Olivier! Mich fragt ja hier offenbar keiner mehr.
Marc (zynisch): Ach, ist dir immer noch nicht klar, warum das so ist?
Elke (eingeschnappt wendet sie ihr Gesicht von ihm ab): Marc!
Marc (ihm platzt nun endgültig der Kragen): Hör auf, mich ständig zu marcen! Es kommt überhaupt nicht in die Tüte, dass ich dich alleine in der Villa lasse. Basta! Ende Gelände! Du bleibst hier in der Wohnung!
Elke (trotzig sieht sie den Sturkopf wieder an): Ich bin kein Kleinkind, Marc Olivier. Ich bin deine Mutter! Außerdem bin ich nicht allein.
Marc (verschränkt seine Arme, lehnt sich gegen die Tür u. blitzt spöttisch zurück): Ach, meinst du deine Assistentin oder den Verlag, die alle glauben, du lässt dir unter Verschwendung all deiner Tantiemen irgendwo im Süden die Sonne auf deinen faltigen Bauch scheinen, der von einem eingeölten muskulösen Toyboy massiert wird?
Elke (echauffiert sich): Mein Bauch ist nicht faltig. Ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio.
Marc (vorlaut antwortet er ihr u. wendet sich grinsend wieder der geschlossenen Badezimmertür zu): Ansichtssache!
Elke (tritt einen Schritt heran u. tippt ihrem Sohn wütend gegen die Schulter): Also wirklich. Nicht in diesem Ton, mein Junge! Ich kann jederzeit wieder zur Tür herausspazieren. Ich lasse mich nicht einsperren.

Na, dann geh doch und nerv mich nicht! Ich hab ganz andere Probleme.

Marc (stöhnt entnervt auf u. wendet sich in Zeitlupe wieder ihr zu): Man, das hat doch auch niemand behauptet. Ich will dich doch nur im Auge behalten. Hier kann ich mich viel besser um dich kümmern. Du bist zwar jetzt befundfrei, aber so eine Behandlung steckt man nicht so leicht weg. Außerdem sind wir hier näher an der Klinik und ich muss nicht erst raus in den Grunewald fahren, um dich zur Therapie abzuholen. Capice? Du kannst nach alldem nicht gleich wieder von 0 auf 100 hochfahren. Wann kapierst du das endlich, Mama?
Elke (mit deutlicher Rührung in der Stimme gibt sie sich ihm und seinen Argumenten geschlagen): Marc...
Marc (wiegelt überfordert ab, als er ihren seltsam rührigen Blick bemerkt): Schluss jetzt! Du wolltest dich doch ausruhen? Das war ne verdammt anstrengende Fahrt und dann noch der Mist mit dem Geisterfahrer auf der Autobahn. Geh die Treppe hoch! Du kannst oben schlafen. Da bist du mehr für dich. Das wolltest du doch? Unterhalb der Treppe ist auch ein kleines Gästebad, wenn du dich frisch machen willst. Ich muss mich hier erst noch um eine andere Patientin kümmern. Nacht!
Elke (kommt lächelnd auf ihn zu u. drückt ihn zu seiner Überraschung kurz an sich): Danke! Und sei nett zu ihr! Nicht gleich wieder mit der Tür durchs Haus. Nur so als Tipp von Mutter zu Sohn.
Boah nee! Jetzt reicht’s echt!
Marc: Haha! Wolltest du dich nicht aufs Ohr hauen? Frauen in deinem Alter brauchen doch ihren Schönheitsschlaf, ne. Wobei, bei dir...

...zwinkerte Marc seiner Mutter als Retourkutsche noch frech zu. Elke ignorierte diese kleine Spitze jedoch wohlwissendlich, dass er es nicht so gemeint hatte. Sie hielt seinem stechenden Blick noch eine Minute lang stand, ohne dass sie beide blinzelten, dann drehte sie sich um und war schon auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer, als sie sich doch noch einmal zu ihrem ungehobelten Kind umwandte, das ihr eingeschnappt und kopfschüttelnd hinterher geblickt hatte.

Elke: Und dein Vater ist wirklich nicht da?

...machte sie sich ihrer Sorge endlich Luft. Denn Elke wusste mittlerweile, dass ihr Mann nach ihrem Verschwinden in Marcs alte Junggesellenwohnung im Erdgeschoss gezogen war. Wenn sie nun hier bleiben würde, dann wäre die Gefahr natürlich groß, ihm zwangsläufig auch irgendwann über den Weg zu laufen. Sie wusste nicht, ob sie dem schon gewachsen war. Marcs Kopf schoss augenblicklich nach oben und er rollte mit den Augen, als er Elkes ängstlichen Blick bemerkte. Es wurde ja auch mal Zeit, dass die Frau ein schlechtes Gewissen bekam, dachte er zufrieden. Darunter sollte sie ruhig noch eine Weile leiden. Also antwortete er ihr gewohnt schnippisch, um noch ein bisschen mehr Gefühle aus der spröden Diva herauszukitzeln, die schon viel zu lange unter dem Deckmantel der armen Leidenden tief verborgen geblieben waren...

Marc: Du kannst dein Paniklevel gleich wieder runterschrauben, Mutter. Und atmen nicht vergessen! Er ist heute zu einer wichtigen OP in die Staaten geflogen, die mit Vor- und Nachbereitung sicherlich ein Weilchen dauern kann. Du hast also noch ein bisschen Schonfrist, um deinen kreativen Kopf anzuwerfen, um den Schlamassel, den du angerichtet hast, wieder gerade zu biegen. Viel Glück dabei!

Jetzt war Elke Fisher diejenige, die eingeschnappt reagierte. Noch ehe ihr vorlauter Sohn seinen Satz beendet hatte, war sie auch schon im schnellen Stöckelschritt um die Ecke verschwunden und er konnte sich triumphierend über den Bauch streichen. Grinsend drehte er sich wieder zu der Tür um und ward gleich des nächsten Problems gewahr. Stöhnend sammelte sich Dr. Meier wieder und klopfte schließlich erneut gegen das harte Holz der Badezimmertür, hinter der das beleidigte Häschen das Gespräch von Marc und seiner Mutter, das nicht gerade leise verlaufen war, interessiert verfolgt hatte, ohne sich bemerkbar zu machen.

Marc: Haasenzahn, wie lange soll ich denn noch den Hampelmann spielen? Bitte, mach doch die Scheißtür auf! Dann können wir reden.

Reden war zwar noch nie seine erste Devise gewesen, wenn es um schwierige Verhandlungen ging. Schließlich war Dr. med. Marc Meier ein Mann der Tat, der andere Wege und Möglichkeiten besaß, um an sein gewünschtes Ziel zu gelangen. Und es hatte ihn auch reichlich Überwindung gekostet, ausgerechnet eine Frau, noch dazu solch ein kompliziertes Exemplar dieser Spezies, auf diese unmännliche Art und Weise regelrecht anzuflehen, ihm endlich entgegenzukommen. Aber was hätte er denn sonst tun sollen? Die Tür einrennen wie Jackie Chan in seinen Filmen? Das Teil war teuer genug gewesen und er hatte es mit seinen eigenen beiden Händen eingebaut. Um es jetzt nach nur wenigen Monaten schon wieder einzureißen? Nee! Marc ließ zwar vor Haasenzahn gerne die Hosen runter und spielte den romantischen Hampelmann, aber das wäre dann echt zu viel gewesen. Zu seiner eigenen Überraschung brauchte sich Gretchens persönlicher Traumheld darüber aber keine weiteren Gedanken machen, denn er bekam diesmal sogar prompt eine Antwort und diese überraschte ihn gleich noch mehr.

Gretchen: Die ist doch auf!

...hörte Marc ein dünnes Stimmchen kleinlaut sagen, das deutlich tränenerstickt klang. Vorsichtig drückte er daraufhin die Türklinke herunter und musste fassungslos feststellen, dass Gretchens Aussage tatsächlich stimmte. Wieso hatte er denn nicht gleich die Klinke in die Hand genommen? Das hätte ihm zumindest ein nerviges Gespräch mit seiner Mutter erspart, die sich ihre gut gemeinten Ratschläge sonst wohin stecken konnte. Die sollte sich erst einmal um ihr eigenes selbstverschuldetes Gefühlschaos kümmern und nicht altklug von Dingen daherquatschen, von denen sie offenbar überhaupt keine Ahnung hatte. Ansonsten wäre sie mit ihrer Familie sicherlich ganz anders umgegangen, als sie es in ihrer geistigen Umnachtung in den vergangenen Wochen getan hatte. Aber der Ärger mit seiner Frau Mama, der er kontinuierlich auf den Wecker gegangen war, um sie letztendlich mit einer kleinen List nach drei quälendlangen Wochen endlich dazuzubringen, in ihr Auto zu steigen, war sofort verflogen, als Marc durch den Türspalt linsend das heulende Elend auf der Treppenstufe zur Badewanne hockend entdeckte.

Sein Herz zog sich bei dem Anblick merklich zusammen und mit zunehmend schlechtem Gewissen trat er schließlich ein, ließ die Tür jedoch unbemerkt einen Spalt breit offen stehen und näherte sich der Heulsuse mit langsamen schlurfenden Schritten, bis er vor ihr in die Knie ging, seine Hand auf ihre legte, die ihre Knie fest umschlungen hielt, und die andere an ihr Kinn schob, um selbiges etwas anzuheben, damit er besser in ihre vom Weinen stark geröteten Augen blicken konnte. Ein Anblick, der sein schlechtes Gewissen gleich noch größer werden ließ. Ebenso wie sein heftiges Magendrücken, das er jedes Mal bekam, wenn seine Süße seinetwegen unnötig Tränen vergoss. Er war echt ein Arsch. Kein Wunder, dass sie es manchmal in seiner plumpen Gegenwart nicht mehr aushielt und polternd das Weite suchte. Ungewohnt zurückhaltend erhob Marc schließlich das Wort, als er merkte, dass er Gretchens Aufmerksamkeit hatte...

Marc: Gretchen, es tut mir leid, ok? Ich hätte nicht so mit der Tür ins Haus fallen sollen. Wobei ich das ja tatsächlich bin, als du über mich...
Gretchen (schniefend unterbricht sie seine Entschuldigung): Marc, du musst mir nichts erklären.
Hä? Echt nicht? Jetzt kapiere ich gar nichts mehr. Warum heult sie denn dann so rum? Wenn nicht wegen mir?
Marc (verunsichert huscht sein Blick zwischen ihren vor Tränen glitzernden Augen hin und her): Aber...?
Gretchen (platzt ihm erneut ins Wort): Ich war so euphorisch, als ich gehört habe, dass du nach Hause kommen wirst, dass ich alles andere total ausgeblendet habe. Auch, was mit deiner Mutter wird, wenn du wieder hier bist. Ich schäme mich so.
Marc (reißt ungläubig die Augen weit auf, während Gretchen schluchzend in seine Arme fällt u. ein heftiger Heulkrampf sie wieder überfällt): Was? Aber... wieso? Bist du deshalb weggerannt?
Gretchen (drückt ihr Gesicht schniefend gegen sein rosa Polohemd, damit sie ihm nicht in die Augen schauen muss): Auch.
Marc (sichtlich überfordert hält er sie fest u. streicht ihr immer wieder über den Rücken, damit sie sich beruhigt): Auch?
Gretchen (schluchzt gleich noch mehr los): Jaaa, ich bin eine totaaal schlechte Freundin.

Okaaay? Jetzt dreht sie komplett durch. Was labert sie denn da für eine gequirlte Scheiße?

Marc (glaubt sich verhört zu haben u. schiebt sie etwas von sich weg, um sie besser ansehen zu können, aber Gretchen scheut seinen Blick): Bullshit, Haasenzahn!
Gretchen (schämt sich gleich noch mehr, als sie den Abdruck ihrer Schminke auf seinem Shirt entdeckt, den sie gleich darauf wegwischen will, aber es damit nur noch verschlimmert): Doch!
Marc (packt ihr mascaraverschmiertes Gesicht mit beiden Händen, sodass sie gezwungen ist, ihn anzusehen): Das ist doch totaler Quatsch. Du warst mir eine tolle Stütze in den vergangenen Wochen. Die hätte ich gar nicht durchgehalten ohne dich.
Gretchen (ihre Augen werden immer größer, verlieren aber immer noch unaufhaltsam heiße Tränen): Ehrlich?
Marc (lächelt sie aufmunternd an): Jep! Vielleicht ist es ganz gut, dass sich die Welt mal nicht mehr nur um Elke Meier dreht. Sondern auch mal um dich.
Gretchen (hört augenblicklich auf zu weinen u. legt eine Hand an Marcs warme Wange): Marc, das... das musst du nicht. Wichtig ist,...
Marc (hält seinen Finger vor ihren süßen Mund, um sie sanft zu stoppen): Was jetzt wichtig ist, Haasenzahn, das bist du. Es wird höchste Zeit, dass sich mal jemand anständig um dich kümmert. So langsam verstehe ich nämlich Mehdis kryptische Worte am Telefon.
Gretchen (sofort hellwach): Was hat Mehdi dir gesagt?

Oh nein, wie peinlich! Wenn er hört, wie ich mich im Krankenhaus aufgeführt habe, dann... Ich war schlimmer als er an seinen guten Tagen.

Marc (lacht, als das Trotzköpfchen wieder da ist): Nicht viel. Das waren eher so subtile unterschwellige Botschaften.
Gretchen (klammert sich an seinen Polokragen u. blickt ihn ernst an): Glaub ihm kein Wort! Mir geht’s nämlich super ... gut. Jaaa!
Marc (lacht): Merkt man. Zickig, total widersprüchlich, trotzig, tränenreich, beinahe hysterisch. Damit komm ich klar. Ich bin gerade durch eine harte Schule gegangen. Weißt du?
Gretchen (die Tränen sind endgültig vergessen): Ich bin nicht hysterisch! Ein bisschen verplant und durcheinander, ja, aber nicht hysterisch!
Hach... da ist sie wieder! So lieb ich sie am liebsten. Ich hab kratzbürstig vergessen.
Marc (grinst sich eins): Ich hab ja auch nur „beinahe“ gesagt.
Gretchen (will sich eigentlich aus seiner Umarmung befreien, wenn sie sich nur nicht so gemütlich anfühlen würde): Du bist blöd.
Marc (streicht ihr liebevoll über die immer noch feuchte Wange): Das wäre wiederum ein guter Grund für Tränen. Aber eigentlich, eigentlich will ich dich gar nicht weinen sehen.
Gretchen (die Schleusen öffnen sich unweigerlich wieder): Ich hab unser Wiedersehen total kaputt gemacht.

Oh Mann! Diese Frau ist tatsächlich komplizierter als die Millionenfrage bei „Wer wird Millionär“.

Marc (seine Daumen fangen die dicken Tränen auf): Nein! Wenn, dann war ich das, weil ich dir vorher nicht Bescheid gegeben habe, wen ich als Überraschungsgast in den Kofferraum gesperrt habe. Asche auf mein Haupt!
Gretchen (sieht bewegt in seinen Augen hin und her): Dann sind wir wohl beide ziemlich...
Marc (seine Pupillen folgen aufgeregt ihrem Blick): ...ziemlich, ja.
Ich bin wirklich eine blöde Kuh. Und Marc, er... er ist ein Held. Mein Held!
Gretchen (krallt sich mit ihren Fingern in sein Poloshirt u. kuschelt sich an ihn u. verliert sich dabei immer mehr in seinem Blick): Ich kann dir gar nicht sagen, wie stolz ich auf dich bin.
Marc (ihm ist das deutlich unangenehm u. er wiegelt sofort ab): Ach was, das... das hätte doch jeder getan. Da ist doch nichts dabei.
Gretchen (strahlt ihn mit ihren himmelblauen Augen an): Doch Marc! Du bist schließlich nicht jedermann.
Marc (drückt lächelnd seine Stirn gegen ihre): Stimmt! Ich bin Arzt. Aber wenn dir das mit Mutter zu viel wird, dann... dann musst du das sagen. Mir ist das doch auch nicht geheuer. Wir finden auch eine andere Lösung. Ich wäre nur so gerne bei ihr, bis sie wieder hundertprozentig sie ist. Weißt du?
Gretchen (gerührt blickt sie ihn an u. schenkt ihm einen spontanen Kuss): Ich weiß. Mir ist das nicht zu viel, Marc. Im Gegenteil. Sie ist wirklich herzlich Willkommen bei uns und das sollte ich ihr auch sagen. Sie muss doch denken, ich bin völlig durchgeknallt, so wie ich mich vorhin aufgeführt habe. Ich hab euch einfach kommentarlos stehen gelassen.

Gretchen wollte aufstehen und ihren Worten sogleich Taten folgen lassen, aber Marc ließ seinen Goldengel nicht fort. Er hielt sie mit aller Kraft fest und umschloss mit seinen starken Armen ihre Taille, sodass sie ihm nicht mehr entkommen konnte. Für Entschuldigungen, Begrüßungen und was auch immer war noch so viel Zeit. Für sie beide dagegen nicht, sobald der Alltag sie wiederhaben würde. Und so hielten sie sich fest, mit Blicken, Händen und zärtlichen Gesten, und gaben sich gegenseitig Halt. Schweigend. Im Einklang. Minutenlang. So miteinander vertieft hatte das glückliche Paar auch gar nicht bemerkt, wie es eine Weile beobachtet wurde. Aber als der innige Moment der beiden wiedervereinten Verliebten immer zärtlicher wurde, zog sich Marcs Mutter schnell dezent zurück und schloss leise die Tür. Mit pochendem Herzen lehnte sie nun neben dem Badezimmer an der Wand. Ihr Blick wanderte unweigerlich zur Decke. So versuchte sie, ihren Tränen der Rührung Herr zu werden, die sich immer mehr gesammelt hatten, je länger sie mehr oder weniger zufällig dem Gespräch ihres Sohnes mit ihrer Schwiegertochter in spe gelauscht hatte. Ihr war das ja selber unangenehm. Aber irgendetwas hatten Marcs Worte bei ihr ausgelöst. Elke wusste nicht genau, was es war, und beschreiben konnte sie es noch weniger.

War es, weil sie und Marc sich mittlerweile so nah waren wie selten zuvor und die gemeinsame Zeit in der Schweiz sie unbemerkt auf eine gewisse Weise enger zusammengeschweißt hatte? Oder war es, weil sie Zeugin dieser innigen Liebe geworden war, an die sie bis vor ein paar Wochen nie zu glauben gewagt hatte? Vielleicht war es aber auch, weil sie in Marcs liebevollem Umgang mit seiner durchaus nicht unkomplizierten Freundin bei ihm Züge seines Vaters wiedererkannt hatte? Er hatte sie jedenfalls mit seiner versteckten Fürsorge tief im Herzen berührt. Und je länger sie mit ihrem Jungen zusammen war, umso mehr brach ihr Schutzpanzer auf. Das war auch ein Grund dafür, warum sie sich letztendlich nicht gegen ihren forschen Sohnemann gewehrt hatte, als der sie heute Morgen nach ihrer Entlassung aus der Schweizer Privatklinik einfach pappfrech überrumpelt hatte und damit ihre Pläne, sich in einen Spa in Südtirol von den Strapazen der letzten Wochen zu erholen, zunichte gemacht hatte. Ein Teil von ihr war sogar dankbar, dass er sie zurück nach Berlin gebracht hatte. Ihren inneren Schweinehund hätte sie ansonsten vermutlich niemals überwunden.

Es war richtig, dass sie jetzt hier war. So gab es keinen Ausweg mehr, einer dringend benötigten Aussprache doch noch entkommen zu können. Elke war zwar noch nicht wirklich bereit dafür, IHN zu treffen, aber Oliviers aktuelle Abwesenheit gab ihr zumindest zusätzlich noch die Möglichkeit, sich rechtzeitig die richtigen Worte zurechtlegen zu können. Sie wollte um den Mann ihres Lebens kämpfen, der schon viel zu viel wegen ihr und ihres verdammten Stolzes hatte durchmachen müssen, und sie hoffte inniglich, am Ende zu siegen. So wie sie über den vermaledeiten Teufel Krebs gesiegt hatte, der sie in die schlimmste Seelenkrise ihres Lebens getrieben hatte. Elke ahnte ja nicht, wie nah sie ihrem Ziel bereits war und dass ein kurzfristig anberaumter Fluglotsenstreik an den Berliner Flughäfen ihren Geliebten dran gehindert hatte, wegzufliegen, und dass in genau diesem Moment nur wenige Meter unter ihr im Erdgeschoss dieses siebenstöckigen Mehrfamilienhauses eine Wohnungstür geöffnet und wieder geschlossen wurde.


http://www.youtube.com/watch?v=WJTXDCh2YiA

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

14.01.2014 16:40
#1461 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Marc: Alles wieder gut?

...flüsterte Marc zärtlich in Gretchens rechtes Ohr, dessen Muschel er eben mit seiner Nasenspitze sanft entlang gestreift war, ehe er weiter Richtung verführerischer Nackenpartie wanderte, die er sogleich von ihren wilden watteweichen Locken befreien wollte, um so Zugang zu ihrer verlockenden makellosen elfenbeinfarbenen Haut zu bekommen. Strähne für Strähne dieser wunderschönen goldenen Pracht ließ der verliebte Oberarzt durch seine Finger gleiten, als wäre es zarteste Seide, die man eigentlich gar nicht berühren durfte, weil sie viel zu kostbar war. Vor allem für ungeschickte Männerhände. Wobei das jedoch für ihn als besten Chirurgen Deutschlands natürlich nicht galt. Er konnte nicht genug davon bekommen und so ließ Dr. Meier seine Hände weiter durch das seidene Haar seiner wunderschönen Assistenzärztin gleiten. Es duftete einfach viel zu gut, vernebelte regelrecht seine olfaktorischen Sinne. Mhmmm... Kakao! Wie konnte nur jemand so nach etwas riechen, was der Schokoladenverweigerer sonst überhaupt nicht leiden konnte? Es stimmte wohl tatsächlich, was die Werbeindustrie immer zur Verführung selbst seiner skeptischsten Kunden behauptete. Sie war tatsächlich die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gab. Und so verdammt süß.

Mit jeder von Marcs zärtlichen Berührungen durchzuckte ein wohliger Schauer nach dem anderen Gretchens Körper und sie schmiegte als Antwort auf seine Frage seufzend lächelnd ihre warme Wange gegen seine, während eine Hand von ihr ungeschickt nach hinten tastete, um nun auch seine Haare zu greifen zu bekommen, die sie dann liebevoll mit ihren Fingerspitzen bearbeitete, nachdem sie fast sein linkes Auge ausgestochen hatten. Nach der Beinaheverschandelung seines makellosen Gesichts lächelte Marc zufrieden vor sich hin und genoss Gretchens zärtliche Liebkosung sehr, die auch sämtliche Fasern seines Körpers erreichte und entspannte. Leise vor sich hin schnurrend und weiterhin verträumt an ihren Goldlocken schnuppernd festigte er seine Krakenumarmung um die Taille seiner Freundin, die zwischen seinen Beinen vor ihm auf den Fliesen saß, während er sich gleichzeitig langsam mit ihr von eben jenem Badezimmerfußboden erhob, auf dem sie beide eine ganze Weile schweigend gesessen und sich im Arm gehalten hatten.

Mürrisch zog Gretchen eine Schnute, als ihre wankenden Füße wieder richtig Bodenkontakt bekamen und sie lehnte sich extraschwer gegen Marcs Oberkörper, um ihren Unwillen zu demonstrieren und ihren starken Mann als Stütze zu missbrauchen, was dieser augenrollend kommentierte. Diese Frau konnte aber auch hinterhältig hilfsbedürftig sein! Unfassbar! Aber was sollte er machen? Er liebte dieses verrückte Wesen mit seinen irren Einfällen und explosiven Aussetzern nun mal. Mehr als alles andere auf der Welt. Gerade weil Haasenzahn nun mal so war, wie sie eben war. Süß. Vorhersehbar. Neurotisch. Naiv. Tollpatschig. Schlau. Vorlaut. Und unheimlich verführerisch. Und das auf eine ganz eigene Art, von der sie vermutlich selbst nicht einmal wusste, dass sie sie überhaupt besaß. Das machte sie ja auch gerade so gefährlich für die Männerwelt. Deshalb musste man(n), und Marc Meier im Besonderen, auch immer besonders auf der Hut sein.

Gretchen: Trägst du mich?

...nuschelte Gretchen unschuldig bettelnd durch den langen Lockenvorhang, der ihr den Blick auf das perplexe Antlitz ihres Freundes versperrte und den sie deshalb gerade mühselig Locke für Locke mit ihren Fingern aus ihrem Gesicht schob und hinter ihre Ohren klemmte, und bestätigte damit einmal mehr Marcs Vermutung, wie viel mehr doch hinter der süßen Fassade der Unschuld vom Lande stecken konnte. War er irre oder empfand er diese gegen ihn gerichtete Dreistigkeit gerade als extrem heiß? Ein Blick in die verräterisch auffunkelnden stahlblauen Augen seiner Liebsten, die sich ganz langsam zu ihm umgedreht hatte und sich Halt suchend an seinen Brustmuskeln abstützte, genügte, um sich seine Frage gleich selbst zu beantworten. Ihre gespielt naive Unschuldigkeit war heiß! So was von heiß, dass sein Blut schon von allein zu kochen begann, ohne dass sie noch viel mehr dazu beitragen musste, was sich der Meister der Gefühlstarnung natürlich vor ihr nicht anmerken lassen wollte. Deshalb blickte Marc auch mit einem gewissen Hauch von Arroganz und Meierschem Misstrauen zu dem süßen Schelm im Haasenkostüm herunter, der scheu auf seiner Unterlippe herumknabberte und immer wieder verstohlen blinzelnd seinen Lockenkopf zu ihm emporreckte.

Marc: Aber sonst geht’s uns noch gut, oder?
Gretchen: Jaaa! ... Fast! ... Trag mich! Bütte, bütte, Marcilein!

...unterstrich ein ungewohnt provozierendes Gretchen mit einem süßen durch ihre langen Wimpern blinzelnden Augenaufschlag ihren innigen Wunsch nach Halt und Geborgenheit und lehnte sich Marc fordernd entgegen, während sie ihre Finger hinter seinem Nacken ineinander verhakte, um sich schon einmal vorsorglich an diesem Prachtexemplar von einem Mann festzuhalten, dessen Aftershave so gut duftete, dass es ihre Sinne ganz durcheinander brachte und sie schon fast automatisch den Halt in den fünfzehn Zentimeter hohen Absätzen ihrer schwarzen knielangen Lederstiefel verlor. Die verliebte Ärztin merkte jetzt erst, wie sehr sie diesen einzigartigen Duft vermisst hatte, der nach Marcs dreiwöchiger Abwesenheit schon fast vollständig in ihrer gemeinsamen Wohnung absorbiert worden war, auch dank Jochen und dessen miserablen Kochkünste, die regelmäßig die Luft in sämtlichen Räumen mit der Duftmarke „angebranntes Spiegelei“ verpestet hatten. Und so nutzte Gretchen natürlich die Gunst der Stunde, diese betörende Note Eau de Marc noch einmal ausgiebig aus nächster Nähe mit ihrem hochsensiblen Riechorgan zu erkunden, das sie jetzt gegen seinen Hals drückte und diesen hoch und runter schnüffelte wie ein kleiner Welpe auf verspielter Erkundungstour in seiner neuen Umgebung.

Das Objekt ihrer Begierde blickte daraufhin nur noch misstrauischer zu der unverschämt dreisten Schnüfflerin herunter. Er konnte sich weiß Gott nicht erklären, was während seiner Abwesenheit mit dieser Frau passiert war, die ihn schon immer mit ihren Eigenarten den Kopf verdreht hatte, aber irgendwie machte es ihn auch ziemlich an, wie sehr die dilettantischste Hobbyschauspielerin, die er kannte, ihn offenkundig anhimmelte und damit zunehmend unbemerkt um den kleinen Finger wickelte. Das war doch auch irgendwie Balsam für seine Seele, die in den vergangenen Wochen viel zu viel hatte ertragen müssen, was bisher nur in Ansätzen verarbeitet worden war. Dann spielte er eben Haasenzahns Spiel mit, aber natürlich nach seinen eigenen Regeln. Wenn einer gut gewesen war in der Laienschultheater-AG, in die ihn seine fiese Deutschlehrerin Frau Schneider aus bescheuerten sozialtherapeutischen Gründen gezwungen hatte, weil er eine Schülerin in der Hofpause wiederholt mit Wasserbomben beworfen hatte, dann er. Wobei Haasenzahn in ihrem bemühten Spiel natürlich auch nicht ganz so schlecht gewesen war, wie er immer behauptete, um sie zu ärgern.

Ihr perplexes pitschnasses Gesicht mit der windschiefen Nerdbrille nach der Wasserattacke war nämlich sämtliche Strafarbeiten auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuteten, wert gewesen. Mal abgesehen davon, dass es seine Deutschnote gerettet hatte und dass er während seiner Teilnahme an seltenpeinlichen Märchenneuinterpretationen, welche die Welt nun wirklich nicht mehr gebraucht hätte, ungestraft und völlig ungeniert vor wachsamen Lehreraugen eine hübsche Schülerin nach der anderen auf und hinter der Bühne abknutschen durfte, die nach seinem unfreiwilligen Eintritt in die Theater-AG plötzlich alle eine Schauspielkarriere neben dem coolsten Hecht der Schule angestrebt hatten. Und wenn man es recht betrachtete, dann hatte sich Haasenzahn doch vorher auch nie sonderlich für die Schauspielerei, oder was auch immer man an ihrem Gymnasium darunter verstand, interessiert. Aber im Unterschied zu Susanne Leibfried, die in verschiedenerlei Hinsicht durchaus Potential besessen hatte und deren stinkreiche Eltern damals die Kohle für die hässlichen Kulissen springen gelassen hatten, hatte die blonde Streberin aus der Siebten leider nie das nötige Talent in den verschiedenen Castingdurchläufen bewiesen, um eine der begehrten Hauptrollen neben ihm zu ergattern. Diese Hauptrolle sollte Gretchen Haase erst jetzt siebzehn Jahre später erobern. Aber im Gegensatz zu den sechzig Minuten Peinlichkeit damals in der Schulaula war diese Hauptrolle eine auf Lebenszeit.

Marc: Und wie kennzeichnen wir das jetzt? Akuter Muskelschwund in den äußeren unteren Extremitäten aufgrund hoher Flüssigkeitsverluste in Folge eines Defekts deiner daueranfälligen Tränendrüsen, die du wirklich mal dringend untersuchen lassen solltest?
Gretchen (unsanft von der rosa Wolke geschupst blickt sie beleidigt zu dem Spaßvogel hoch u. nörgelt sofort an ihm herum): Haha! Du machst den Moment kaputt, Marc!
Marc (stöhnt erst entnervt auf, dann grinst er sich plötzlich wieder eins): Soll das jetzt so eine bescheuerte Schneewittchennummer werden, oder was? Na gut, dann will der Onkel Doktor mal nicht so sein und schleppt den akuten Fall von Märchenitis in die wohl verdiente Koje, wo er zu der späten Stunde eigentlich schon längst komplett entkleidet und auf den extrem heißen und gutaussehenden Märchenprinzen wartend liegen sollte.

Und ehe Gretchen es sich versah und gegen den dreisten Sprücheklopfer hätte protestieren können, hatte selbiger sie auch schon mit beiden Händen kraftvoll am Hinterteil gepackt und unter Zuhilfenahme all seiner fitnessstudioerprobten Kräfte über seine rechte Schulter geworfen, sodass Gretchens goldene Haarpracht jetzt wie ein dichter Schleier knapp über den Fliesen des Badezimmerfußbodens schwebte. So hatte sich die ewige Träumerin ihre Entführung in den siebten Himmel, in welchen sie sich in den vergangenen Tagen nach jedem Videochatabend mit Marc so oft hingesehnt hatte, aber nicht vorgestellt und deshalb machte sie ihren Unmut ihrem verständnislosen Neandertalerfreund auch sofort lautstark und wild zappelnd Luft.

Gretchen: Maaarc! Lass... mich... runter! Du sollst mich richtig tragen und nicht wie einen Sack Kartoffeln, den du gerade auf dem Feld bestellt hast.
Marc (feixt): Gibt es für so schwere Kartoffeln überhaupt passende Netze? Boah, sag mal, hast du schon wieder mehr Zeit vorm Schokoautomaten als im OP verbracht? Das ging beim letzten Mal aber noch wesentlich leichter vonstatten.

...stöhnte Dr. Meier mit schmerzverzerrtem und verschwitztem Gesicht auf und versuchte irgendwie mit seiner freien Hand, die eben noch fröhlich Gretchens Hintern begrabbelt hatte, die Tür aufzubekommen und gleichzeitig die über seiner Schulter hängende Blondine sicher über die Schwelle zu balancieren, die unruhig hin und her zappelte, aber der ebenso wie ihm schon nach wenigen Metern die Puste ausging. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wieso reagierte Haasenzahn denn nicht wie sonst immer auf seine kleinen Witzchen, fragte sich der selbsternannte King of Comedy vom EKH verwundert und drehte seine kostbare Fracht mit einer ruckartigen Bewegung zu sich herum, so dass Prinzessin Gretchen nun tatsächlich sanft wie eine Feder in seinen Armen gebettet nur wenige Zentimeter über dem Boden schwebte.

Marc: Ha...haasenzahn, noch jemand da?

Doch Marcs Freundin antwortete ihm nicht. Sie hatte jeglichen Widerstand aus Mangel an Bewegungsfreiheit zwar aufgegeben, aber ihr ihm abgewandter Lockenkopf sprach deutlich Bände. Madame schmollte also. Aber wieso eigentlich? Weil er die neurotischste Person, die er kannte, spaßeshalber hochgenommen hatte und das auf zweierlei Art und Weise? Was war denn daran bitteschön neu? Er tat seit über zwanzig Jahren nichts anderes, als sie hin und wieder zu foppen. Dass das nie so gemeint war, wie es vielleicht im ersten Moment klang, wusste sie doch. Oder? Das war doch nicht mehr der Schulhof, auf dem er sie unentwegt geärgert hatte, um die kleine dicke Nervensäge mit den blonden Zöpfchen endlich von der Backe zu bekommen, sondern ihr gemeinsames Zuhause. Provozierende Späße und flotte Sprüche waren hier doch immer Programm. Vor allem im Vorprogramm zu anderen lockeren Tätigkeiten, die noch viel mehr Vergnügen breiteten als seine ewigen Frotzeleien. Wie konnte sie das also missverstehen? Und wieso machte sich Haasenzahn jetzt extraschwer? Er bekam ja kaum noch seine Arme hoch, um das „Leichtgewicht“ wieder in die Ausgangsposition zu bekommen. Nur mit Müh und Not erreichte der schnaufende Chirurg das Gästezimmer gegenüber vom Bad und setzte den Schmollhaasen dort vorsichtig vor ihrem alten Prinzessinnenbett ab, das die Märchenanhängerin und Tagebuchschreiberin unbedingt mit in ihrer gemeinsamen Wohnung haben wollte, so wie auch den Rest ihrer rosaroten Kindheitserinnerungen, die in gewisser Weise ja auch Teil seiner eigenen Vergangenheit waren, auch wenn er nicht wie von ihr sechs Schuljahre lang inniglich gewünscht schon als heimlich verliebter Teeny, sondern erst als bis über beide Ohren verknallter Erwachsener dieses sonderbare verspielte Reich der Gretchen Haase betreten hatte.

Jetzt erst bemerkte Marc den ernsthaft beleidigten Gesichtsausdruck seiner Freundin. Er verdrehte sofort die Augen, gab sich aber keineswegs reumütig, wie Gretchen gehofft hatte. Sein plumper Spruch hatte sie nämlich wirklich verletzt. Ihr machten die vier Kilo, die sie während seiner Abwesenheit unbemerkt zugenommen hatte, obwohl sie nicht viel mehr als sonst gegessen hatte, tatsächlich schwer zu schaffen. Schließlich wechselte man nicht jeden Tag die Kittelgröße und wurde dabei auch noch von der Person erwischt, die sich garantiert einen Spaß daraus machen würde, es jedem in der Klinik auf die Nase zu binden. Warum musste er denn immer so unsensibel reagieren? Konnte er nicht einmal auf sie eingehen und Verständnis zeigen oder wenigstens heucheln? War das zu viel verlangt? Er musste ja nicht gleich wie ihr bester Freund vor der Damenumkleide seinen Bauch zeigen. Wobei... ein... nackter... Marc-Bauch, sein süßer Bauchnabel, seine... RRRrrr... Muskeln, die kleinen Härchen, die... Nein, jetzt bloß nicht ablenken lassen, Gretchen Haase, trichterte sich die kurzzeitig verwirrte und nach Luft schnappende Assistenzärztin wie ein Mantra ein und schloss gleichzeitig ihre Augen, um ihre durcheinander purzelnden Gedanken wieder zu sortieren. In dem Moment hatte sich Marc aber schon patzig geäußert und ihr jegliche Illusion auf den einfühlsamsten Freund, den es gab, geraubt.

Marc: Verstehst du jetzt gar keinen Scherz mehr, Haasenzahn?
Gretchen (öffnet ihre Augen u. sieht ihn gekränkt an): Mir tut das weh, wenn du so was sagst.
Marc (guckt sie verdutzt an u. versteht wirklich nicht, wo das Problem schon wieder liegt): Äh... Das mit der Kartoffel? Aber ich hab das doch gar nicht ernst gemeint. Du weißt doch, wie sehr ich auf deine sexy Rundungen abfahre. Und genau das hab ich jetzt auch vor, wenn du mich endlich mal lassen würdest.
Gretchen (verschränkt die Arme vor ihrem Körper, um eine mögliche Annäherung von Marc schon vorher abzuwehren): Ich meine es aber ernst.
Marc (bleibt irritiert stehen): Weil?
Gretchen (druckst herum u. läuft dabei rot an): Weil... weil... Eben darum.

Ist sie nicht süß, wenn sie nicht weiterweiß? Gott, ich könnt sie auf der Stelle auffressen. Das mache ich auch noch. Wenn sie endlich aufhören würde, grundlos rumzuzicken.

Schlagfertig, Gretchen, echt schlagfertig! Menno! Warum guckt er auch die ganze Zeit so niedlich verpeilt? Versteht er es wirklich nicht? Bin ich etwa gar nicht so dick, wie ich es mir einbilde? Manno, Marc verwirrt mich total. Diese Grübchen sind total kontraproduktiv.


Marc (sichtlich verwirrt stellt er etwas klar u. lächelt sie dabei verliebt an): Okaaay!? Du weißt aber schon, dass mir scheißegal ist, was auf irgendeiner bescheuerten digitalen Anzeige steht, die euch Weibern noch mehr Komplexe einredet, als ihr eh schon habt. Ich mag dich nämlich so, wie du bist. Nicht verstellt, sondern Gretchen pur. Also wirf das Teil endlich weg, verschrotte es oder zerleg es mit nem Hammer, oder so!
Gretchen (sieht ihn mit großen glasigen Augen an): Ehrlich?
Marc (schüttelt ungläubig den Kopf, ehe er sie wieder verschmitzt angrinst): Oh man, dass man das euch ach so Emanzipierten auch immer noch sagen muss. Ich bin da ja eher fürs Zeigen. Weißt du? Das wollte ich schon, als ich dich an der Tür über mir liegend in dem sexy Fummel und den geilen Stiefeln gesehen habe. Willst du die eigentlich anbehalten?

...zwinkerte Marc Gretchen frech zu. Und nachdem er den heißen Feger noch einmal einer ausgiebigen visuellen Musterung unterzogen hatte, die seine bereits brodelnden Gefühle nur noch mehr bestätigte, packte er sein immer noch skeptisch dreinblickendes Mädchen an der Hand, zog es ruckartig zu sich heran, sodass es atemlos gegen seinen gestählten Oberkörper prallte, und setzte ihm einen Kuss auf die Lippen, der sofort auch jeden letzten unnötigen Mädchenkomplex sofort in Schall und Rauch verpuffen ließ. Das Feuer war entzündet und loderte bereits nach nur wenigen Sekunden mit riesigen allübergreifenden Flammen...



http://www.youtube.com/watch?v=9Sd6gtR9-3Q

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

19.01.2014 13:50
#1462 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Gretchen: Mhmmm... mehr!

...flüsterte Gretchen verführerisch säuselnd in Marcs Ohr und glitt mit ihren Fingerkuppen gleichzeitig über seinen angespannten nackten Oberkörper, um sich letztendlich an ihn heranzukuscheln wie ein schnurrendes Kätzchen auf der Suche nach einem warmen Plätzchen. Das weinrote Bettlaken, unter dem sie beide eng umschlungen lagen, wurde daraufhin herumgewirbelt und alsbald befand sich Marc über der süßen Flüsterkatze, die ihn verliebt aus ihren glasklaren blauen Augen anlächelte. Ganz nah vor ihrem wunderschönen Gesicht pustete er ihr eine verirrte Strähne aus der Stirn, die widerspenstig daran kleben geblieben war, und griente zu der verführerischen Aphrodite unter sich herab, die ihn nun mit animalischen Blicken fixierte, dass es ihm schon wieder total den Kopf verdrehte. Was hatte diese Frau nur an sich, dass er nie genug von ihr bekommen konnte, dachte er mit klopfenden Herzen und stützte sich mit beiden Händen links und rechts von dem Meer aus goldenem Haar ab, welches das gesamte Kopfkissen eingenommen hatte, und presste seinen noch immer erhitzten Körper sanft gegen ihren, der sich ihm sinnlich entgegenreckte.

Marc: Du bist einfach unersättlich. Weißt du das, Haasenzahn? Hat dir deine Mutter denn nicht beigebracht, dass man im Bett nicht naschen darf? Außer man knabbert...
Gretchen (fährt ihrem Sprücheklopfer sofort über den Mund, bevor noch mehr Unanständigkeiten herauskommen): Doch! Aber wenn man so eine Übermutter hat wie ich, dann nimmt man sich eben gerne heimlich die eine oder andere Provokation heraus. Außerdem ist das mein Bett. Und da mache ich, was ich will.
Marc (verschlingt die Aufmüpfige regelrecht mit seinen Blicken): Hört, hört! So ist das also? Das Kälbchen kann also auch aufmucken? Hmm... Das ist ja mal so was von sexy. Darf ich auch mal knabbern?

...raunte Marc der sinnlichen Frau unter sich mit heiserer Stimme zu und senkte sich zu einem gierigen Kuss herab, in welchen Gretchen mit ebensolcher Inbrunst sofort miteinstieg. Wieder und wieder tollten die eng umschlungenen Körper über das Laken, bis Gretchen endlich das erreicht hatte, was sie mit ihrer gesäuselten Bitte eigentlich gewollt hatte. Sie thronte in ihrer ganzen Schönheit über ihrem Partner, der ihr zärtlich die wilden Locken aus ihrem hübschen Gesicht strich und aus der vorzüglichen Perspektive heraus, in der er sich gerade befand, noch den einen oder anderen Blick mehr auf ihre atemberaubenden weiblichen Vorzüge riskierte, und erreichte endlich mit ihrem ausgestreckten Arm die rosafarbene Schachtel mit den leckeren Pralinen, die sie vorhin von ihrem aufmerksamen und supertollen Freund geschenkt bekommen hatte und die offen auf dem Pferdekopfnachttisch direkt neben ihrem Bett lag. Sichtlich vergnügt wickelte die Schokoholikerin das raschelnde Papier auseinander und schob sich diesen sündhaft süßen Traum aus Schweizer Schokolade in den Mund und ließ das zart schmelzende Nougat ganz langsam auf ihre Zunge zergehen. Was für ein Erlebnis!

Marc Meier hatte schon viele erotische Momente in seinem Leben erlebt, aber dieser Anblick jetzt übertraf alles bisher Gesehenes, als sich Gretchen Haase leise aufstöhnend mit geschlossenen Augen der zarten Versuchung hingab, auf die er eigentlich hätte eifersüchtig reagieren müssen. Schließlich rief etwas ganz Anderes als er selbst diese süßen Töne hervor, die wie Musik in seinen Ohren klangen. Dass ihm erst kurz nach dem Grenzübertritt eingefallen war, dass er besser nicht mit leeren Händen bei seiner Schokoqueen in Berlin aufkreuzen sollte, und dies an einer deutschen Raststätte noch fix nachgeholt hatte, das würde er wohl für immer für sich behalten. Beziehungsweise hatte er diesen Vorfall eh schon längst wieder vergessen, weil seine Synapsen gerade anderweitig schwer beschäftigt waren. Der hochkonzentrierte Starchirurg musste sich nämlich sehr bemühen, sich zu beherrschen. Hätte er den süßen Schokohaasen doch am liebsten jetzt und auf der Stelle mit Haut und Haaren verschlungen. Stattdessen klebten seine Pupillen an Gretchens schokoverschmierten Lippen und der Zungenspitze, die gerade langsam darüber fuhr, um die letzten verräterischen Spuren ihrer Nascherei zu vertuschen. Diese Frau konnte einen aber auch fertig machen. Wahnsinn!

Marc: Weißt du, Haasenzahn, dass du einen Mann töten kannst, wenn du so weitermachst.
Gretchen (öffnet abrupt ihre Augen u. formt sie zu kleinen Schlitzen, weil sie mal wieder alles, was Marc sagt, falsch interpretiert): Nörgelst du schon wieder an meinem Gewicht herum? Dann hättest du mir eben keine Pralinen mitbringen sollen. Du hast mich in Versuchung geführt!
Och nö! Jetzt ist sie doch nicht etwa schon wieder eingeschnappt, oder? Versteh einer diese Frau!

Blöder Kerl! Wie kann er jetzt so gemein sein, wenn er doch gerade eben noch so zärtlich gewesen war?

Marc (verteidigt sich sofort mit seiner großen Klappe): Wann hab ich das je getan? Außerdem hättest du kein Wort mehr mit mir gewechselt, wenn ich dir nichts mitgebracht hätte. Wenn, dann hast du mich in Versuchung geführt, dich in Versuchung zu führen.
Was ist das denn für eine bescheuerte Logik? Das können auch nur Männer, oder?
Gretchen (kurzzeitig verwirrt schmollt sie weiter u. zieht dementsprechend eine Schnute): Hätte ich wohl!
Marc (grient sie wissend an, weil er sie längst durchschaut hat): Du hättest gemeckert. Ich kenn dich doch.
Gretchen (zickt weiter, obwohl sie genau weiß, dass Marc recht hat): Hätte ich nicht!

Hätte ich wohl! Aber er war gemein. Schon wieder! Deshalb beharre ich darauf, dass er schuld ist. Jawohl! Marc ist eh immer schuld. Aber er hat echt leckere Schokolade ausgesucht. Das muss man ihm schon anrechnen. Das mache ich vielleicht später noch. Wenn er sich gut benimmt.

Marc (augenzwinkernd nähert er sich dem Schmollhaasen u. ihren Schokolippen): Doch! Aber ich find’s echt heiß, wenn du mir ständig widersprichst.
Jetzt dreht er den Spieß schon wieder um. Menno! Wie macht der das nur immer wieder?
Gretchen (blitzt ihn augenfunkelnd an): Du findest doch nur heiß, dass du mich doch noch rumgekriegt hast, obwohl ich berechtigte Vorbehalte wegen deiner Mutter hatte.
Haasenzahn quatscht mir eindeutig zu viel rum. Das sollte man vor, während und nach dem Sex eindeutig unterbinden. Und da nach dem Sex immer vor dem Sex ist, sollte ich sofort damit anfangen. Provozieren funktioniert immer.
Marc: Also ich weiß ja nicht so recht. Meine Erinnerung ist irgendwann abhanden gekommen. Aber ich glaube, mich noch zu erinnern, dass du mir zuerst die Klamotten vom Körper gezerrt hast. Was so drei Wochen Abstinenz bewirken können? Faszinierend! Ich hab ja eine richtige Tigerin im Bett. Ich bin ja dafür, dass wir die noch einmal wecken, hmm? Findest du nicht?

...raunte Marc Gretchen verheißungsvoll provozierend zu und ohne eine Entscheidung ihrerseits abzuwarten, die seiner Meinung nach eh positiv ausgefallen wäre, drückte er ihre Hände ins Laken, als er sich nun über sie beugte und gleichzeitig fordernd sein Becken gegen ihres drängte. Dr. Love wusste schließlich um seine überzeugende Wirkung und die ließ keine Sekunde auf sich warten. Die Überrumpelte stöhnte nach diesem hinterhältigen Meierschen Manöver natürlich lustvoll auf und wusste überhaupt nicht, wie ihr geschah, als ihr anfänglicher Widerstand stürmisch von ihm weggeküsst wurde. Sie war einfach zu schwach, um sich gegen Marcs Drängen zu wehren. Wann hatte sie das je gekonnt? Marc Meier zu widerstehen, war fast so unmöglich, wie die täglich abnehmenden Schokovorräte im Schieber in der Küche zu ignorieren. Sie wollte ihn spüren. Jetzt, da er so leidenschaftlich über sie hergefallen war, noch umso mehr. Sein trainierter Körper, seine zupackenden Hände, seine animalischen Bewegungen, seine verspielte Zunge, sein betörender Duft, all das vernebelte ihre Sinne. Ihr Kopf schaltete schon automatisch auf Lovemodus. Lasziv reckte sich Gretchen Marc entgegen und krallte ihre Fingernägel tief in seinen Rücken, als sie ihn plötzlich auch schon spürte. Überwältigend. Intensiv. Wild. Zügellos bewegte er sich auf ihr und riss sie mit in einen Strudel der Leidenschaft. Schon wieder taumelte Gretchen weg in einen Traum. In den schönsten und aufregendsten all ihrer Träume, den sie aus Pietätsgründen nicht einmal ihrem Tagebuch anvertrauen würde. Weil ihr einfach die Worte fehlen würden, für etwas, das man mit Worten kaum beschreiben konnte. Man musste es erleben.

Gretchen vergaß alles um sich herum und presste ihre heiße Atemluft gegen Marcs Hals, rutschte mit ihren Händen unkontrolliert seinen muskulösen Rücken hinab, drückte ihre Handflächen gegen seinen knackigen Hintern, um sich irgendwie daran festzuhalten, als die Wogen immer gewaltiger wurden, die sie mitgestalten wollte, um Marcs ungezügelten Rhythmus etwas zu bremsen, weil sie kaum noch Luft bekam und die leuchtenden Sternchen um sie herum schon zu tanzen anfingen. Ihr leidenschaftlicher Partner kam ihrem Wunsch gerne entgegen und verlangsamte seine Bewegungen, nur um sich nun ganz ihren sinnlichen Lippen hinzugeben, die ihn sanft umschmeichelten. Immer noch schmeckte er die feine Schokonote darauf heraus, fand sogar immer mehr Gefallen daran und ließ seine Zungenspitze ihre spielerisch umtänzeln. Auch Gretchen konnte nicht genug von seinen heißen Küssen bekommen, die das Kribbeln überall in ihrem Körper nur noch mehr vertieften. Sie verschlang Marc regelrecht und ihre an seinem Po reibenden Hände taten ihr übriges, dass er sich bald kaum noch zurückhalten konnte. Synchron zu den Auf-und-Ab-Bewegungen seines Zungenmuskels begann sich auch sein Becken wieder zu bewegen. Langsam erhöhte er mit Einverständnis seiner Freundin das Tempo, während seine flackernden Lider den Hochs und Abs von Gretchens Brüsten folgten, die beinahe eine hypnotisierende Wirkung auf ihn hatten. Er musste sie einfach berühren, kneten und schließlich die zarten Knospen kosten, die sich ihm frohlockend entgegenreckten.

Marcs Liebesduettpartnerin konnte ihr sinnliches Aufstöhnen nun wirklich nicht mehr verhindern. Obwohl irgendwo in Gretchens Unterbewusstsein noch der Gedanke vergraben war, dass sie sich nicht alleine im Penthouse befanden. Ein Argument, welches Elkes Sohn vorhin schon während ihres ersten leidenschaftlichen Liebesreigens mit einem sie verstummen lassenden wilden Kuss zu entkräften wusste. So auch diesmal wieder. Leidenschaftlich presste der verliebte Mann seine glühenden Lippen auf Gretchens’, ließ ihr ihn anregendes Stöhnen so verklingen und genoss die zarten Vibrationen ihres sündhaftsüßen Mundes. Gleichzeitig umschlang er Gretchens aufregenden Körper mit seinen kräftigen Armen, mit denen er sie fest an sich drückte, und bewegte sich immer heftiger in ihr vor und zurück, bis sie schließlich im Kuss vereint einen gewaltigen gemeinsamen Höhepunkt erklimmend ihre Erlösung fanden und erschöpft Arm in Arm aufs Bett zurücksanken, das sie sanft wieder auffing.

Gretchen: Das war schön.

...flüsterte Gretchen irgendwann verträumt in die Dunkelheit der Nacht, nachdem sich Puls und Atem wieder etwas beruhigt hatten, und vergrub ihr Gesicht in Marcs Armbeuge, während ihre freie Hand die zerwühlte Bettdecke hochzog, um ihre beiden verschwitzten zitternden Körper zu verdecken. Marc murmelte nur dösend vor sich und drehte sich so zu Gretchen herum, dass sie nun in der Löffelchen-Position hintereinander lagen und er ihr so immer noch so nah wie möglich sein konnte.

Marc: Mmmhhh...
Gretchen (beißt sich schüchtern auf die Unterlippe u. stellt eine Frage in den dunklen Raum, die ihr schon seit einer Weile auf der Seele brennt): Würdest du es anmaßend von mir empfinden, wenn ich sagen würde, dass ich nie, nie mehr so lange von dir getrennt sein möchte so wie in den vergangenen einundzwanzigeinhalb Tagen?
Marc (öffnet eins seiner müden Augen u. beäugt misstrauisch Gretchens Hinterkopf): Wie kommst du darauf, dass ich das als anmaßend empfinden würde?
Ich hätte auf Mehdi hören sollen! Wieso fange ich jetzt doch damit an?
Gretchen (kneift die Augen zusammen u. schüttelt wegen ihrer bescheuerten Gedankengänge gleich wieder den Kopf): Ach, ich weiß auch nicht. Ich weiß ja, dass du auch manchmal deine Freiräume brauchst und ich, ich kann manchmal eine echte Klette sein. Also wenn ich dich bedrängen sollte, dann...
Hä? Was läuft denn jetzt für ein bescheuerter Film ab? Will sie mich etwa schon wieder loswerden? Ich bin doch gerade erst gekommen.
Marc (dreht sein zweifelndes Mädchen zu sich herum u. sieht sie verwundert an): Haasenzahn, nach den vergangenen dreieinhalb Stunden müsste doch selbst dir klar sein, dass ich mich gerne von dir bedrängen lasse. Auf jedwede Art und Weise.
Gretchen (verdreht die Augen angesichts dieses doofen Meierschen Spruchs, bleibt aber ernst): Marc, ich meine ja nur, seitdem wir ein Paar sind, waren wir fast ausschließlich immer zusammen. Sowohl im Job, als auch privat. Mit Ausnahme der letzten Tage.
Wow! Dafür, dass ich mir das niemals so hätte vorstellen können, hab ich mir doch jetzt echt was für mein Durchhaltevermögen verdient, oder?
Marc (runzelt verwirrt die Stirn, als er sich ihre Worte noch einmal durch den Kopf gehen lässt, u. blickt sie schließlich aufrichtig an): Was ja auch genau richtig so ist, Haasenzahn. Ich weiß ja selber, dass ich mir das so, wie es sich bis jetzt entwickelt hat, nie hätte vorstellen können und dass ich immer gedacht hab, dass du mich irgendwann zu Tode nerven würdest. Aber ehrlich gesagt lieb ich es, wenn du mich nervst und mit deinen Verrücktheiten und unerklärlichen Gedankensprüngen zur Weißglut treibst. Ich will jede freie Minute, jede Sekunde bei dir sein. Wir haben schon so viel Zeit verschwendet. Wann geht das endlich in deinen voll gestopften rosaroten Schädel rein, hä? Eigentlich erstaunlich, dass der nach unseren sportlichen Aktivitäten der letzten Stunden immer noch so unter Strom steht. Das sollten wir sofort unterbinden und Runde drei unserer Entspannungsübungen einleiten. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mir Entspannung verdient habe.
Gretchen: MAAARC...

Und unter dem nicht sehr lang andauernden und wenig überzeugenden Protest seiner widerspenstigen Freundin, ließ Marc seinen Worten auch sofort Taten folgen und bis in die frühen Morgenstunden hinein ließen die beiden Verliebten nicht mehr voneinander ab, um sich wieder und wieder gegenseitig zu beweisen, dass sie tatsächlich nicht mehr ohneeinander sein konnten und nie wieder sein wollten.



http://www.youtube.com/watch?v=SMznNlfLXP4

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

29.01.2014 16:05
#1463 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

„Aufstehen, Traumfrau, aufstehen! Aufstehen, Traumfrau, aufstehen!“

...schallte es unüberhörbar durch den kleinen in dezentem Rosa gestrichenen Raum, der letzte Nacht dank des unerwarteten Überraschungsgastes vorübergehend zu ihrem neuen Liebesnest geworden war, und ließ ein gegrummeltes Stöhnen unter der kuscheligwarmen Bettdecke nachfolgen, welche sich ein blonder Lockenschopf sofort über seine wilde Mähne zog, um so dem erbarmungslosen Morgenruf entkommen zu können, welcher ihn so unsanft aus den süßen Träumen von Prinzen, Schlössern und Schokolade gerissen hatte. Doch dieses Ausweichmanöver blieb leider chancenlos. „Aufstehen, Traumfrau, aufstehen“, erklang der furchtbare Ohrwurm deutlich lauter, aber dafür wesentlich sanftstimmiger als zuvor direkt neben dem süßen kleinen Ohr der holden Blonden, das plötzlich seltsam zu kitzeln begann. Als würde sie ein lästiges Insekt wegschnipsen wollen, schoss eine zierliche kleine Hand unter der Bettdecke hervor und wedelte nun wild vor der Ohrmuschel hin und her, traf aber stattdessen eine Nasenspitze, die daraufhin ruckartig zurückgezogen wurde, bevor zu der Narbe an der Oberkante der markanten Männernase noch eine weitere hinzukommen konnte. Und wieder einmal wurde dem charmanten Chirurgen bewusst, dass er mit dieser unberechenbaren Frau definitiv gefährlich lebte und er sich besser zweimal überlegen sollte, wie er sich ihr sicher nähern konnte, ohne schlimmste Verletzungen davonzutragen. Dabei hatte es Dr. Meier doch nur nicht mehr länger ausgehalten, die schlafende Schönheit lediglich zu beobachten, und hatte sie mit sanfter Stimme vorsichtig pustend wecken wollen, um da fortzufahren, wo sie vor einer gefühlten Ewigkeit, die eigentlich gar keine war, aufgehört hatten. Jetzt hatte er die Quittung für seine Ungeduld bekommen. Aber dafür war der Haase jetzt wenigstens wach. Es hatte also doch etwas Gutes. Marc Meier hatte sein Ziel erreicht. Aber wen wunderte das? Also ihn nicht. Er war schließlich der Beste!

Gretchen: Du bist das!

...murmelte ein dünnes Stimmchen leise gähnend unter der lilafarbenen Satindecke, die nun langsam wie von Zauberhand ein paar Zentimeter nach unten geschoben wurde und erst die wild nach allen Richtungen stehenden Locken, dann zwei bildschöne ozeanblaue Augen und eine süße Nasenspitze hervorlugen ließ. Anschließend räkelte sich deren Besitzerin wohlig aufseufzend im Himmelbett und drehte sich zu dem Schelm um, der sie geweckt hatte und sie nun verschmitzt wie immer angriente, dass ihr Herz gleich wieder Purzelbäume schlagen musste. Gab es eine schönere Art, geweckt zu werden, als diese? Wenn man dem Mann, den man über alles liebte, in die funkelnden smaragdgrünen Augen schauen konnte und darin sofort versank wie in einem tiefen geheimnisvollen Dschungel, den man immer und immer wieder erkunden wollte und dabei auch immer wieder etwas neues Spannendes entdeckte. Nein, das gab es nicht! Sichtlich vernarrt lächelte Gretchen ihren Herzprinzen an und kuschelte sich an seinen warmen Körper. Und wieder konnte sie ein leises Gähnen nicht unterdrücken, was Marc, der seine beiden starken Arme um sie gelegt hatte, gleich noch breiter grinsen ließ, und versteckte ihren rot anlaufenden Kopf deshalb für einen kurzen Moment in seiner Armbeuge, ehe sie ihren Schatz wieder anstrahlte, als wäre die Sonne, die noch tief und fest hinter dem Horizont schlief, bereits aufgegangen. Gott, fühlte er sich gut an, dachte die schöne Träumerin schmachtend und positionierte ihren Kopf besitzergreifend auf Marcs nackter Brust, um so dem Klang seines Herzens folgen zu können, das sie sich einbildete, mindestens genauso heftig pochen zu hören wie ihr eigenes, worin sie sich im Übrigen nicht täuschte. Verträumt malte die bis über beide Ohren verliebte Frau mit dem Zeigefinger Kreise um Marcs süßen Bauchnabel, als sie leise ihre Stimme wieder an ihn richtete und schließlich auf ihn losplapperte, wie ihr der Schnabel gewachsen war...

Gretchen: Und ich hab mich schon gewundert, wo so plötzlich mein alter Prinzessin-auf-der-Erbse-Wecker herkam. Den hast du doch bei unserem Umzug extra bei meinen Eltern die Treppe runterfallen lassen. Er ist in tausend Stücke zerborsten und war leider nicht mehr zu retten gewesen. Dabei hab ich ihn doch so gemocht. Er war ein Einzelstück und das erste und einzige aufrichtig gemeinte Geschenk, das ich je von meinem Brüderchen geschenkt bekommen habe. Da war ich vierzehn und hatte gerade zum wiederholten Male schmerzlich feststellen müssen, dass der Junge, in den ich schon ewig und drei Tage verliebt gewesen bin, tatsächlich meine Gefühle nicht erwiderte, obwohl er mich Tage zuvor noch im Garten geküsst hatte.
Das wird sie dir wohl auf ewig nachtragen.
Marc (verleiert stöhnend die Augen u. lenkt von seiner Schuld ab): Hab ich nicht. Das war keine Absicht. Zumindest nicht in dem Sinne. Dein Bruder hat mich geschupst.
Pah! Der stand in dem Moment doch gar nicht mit an der Treppe, als das Ding scheppernd eine Stufe nach der anderen nach unten gerasselt ist und beinahe Mama getroffen hätte, die gerade ihre gehegte und gepflegte Orchideensammlung gießen wollte. Jochen war doch gerade dabei, ein großes Loch in meine Zimmerwand zu hämmern, um sein Zimmer zu vergrößern, wobei er sich, nebenbei bemerkt, ziemlich dämlich angestellt hat und letztendlich mit Marc in der Notaufnahme gelandet ist. Von dem her...
Gretchen (nimmt „Baron Mönchhausen“ ganz genau ins Visier): Klar! Schuld sind immer die anderen, hmm? Pass bloß auf, dass du nicht noch eine Pinocchionase bekommst, Marc Meier!
Wie war das noch mit der Nase und dem Großen Meier?
Marc (wackelt mit seinen beiden Augenbrauen u. grient Gretchen schelmisch an): Gott hat sich noch nie etwas zu schulden kommen lassen. Zumindest nichts, was man ihm hätte nachweisen können. Hähä! Außerdem kennst du doch das Sprichwort, an der Nase eines Mannes, erkennst du seinen...

Er schafft es auch immer wieder, eine anspruchsvolle Unterhaltung dermaßen im Niveau zu senken. Dabei ist der Morgen noch nicht einmal angebrochen. Wahrscheinlich ist sein Hirn noch nicht gänzlich wach und läuft wie in den meisten Fällen, wenn er seine Klappe ganz besonders weit aufreißt, noch im Sparmodus.

Gretchen (fährt dem unverschämten Sprücheklopfer sofort über den Mund): Wenn du dich schon auf den da oben berufst, mein Lieber, dann solltest du eigentlich wissen, dass man nicht lügen darf.
Marc (gerät immer mehr in Fahrt, je mehr Gretchen ‚mitspielt’): Ich berufe mich lieber auf meine eigenen Gebote, Haasenzahn.
Gretchen (genießt auch die albernste Unterhaltung mit ihrem Liebsten u. spielt munter weiter mit, während sie sich an ihn kuschelt): Die da lauten?
Marc (sieht mit funkelnden Augen zu dem süßen Naseweiß herab, der immer noch seinen Bauch als Kopfkissen missbraucht): Das oberste Gebot lautet, wenn du mich nicht sofort küsst, muss ich mir doch noch eine Strafe der besonderen Art überlegen. Du weißt ja, wie lang die Liste mit den Dingen ist, die du dir während meiner Abwesenheit zu schulden kommen lassen hast, Miss Neunmalklug. Da werden wir noch lange, laaange, lange daran arbeiten müssen, bis die abgearbeitet ist. Mhmmm.... was ein Spaß!
Gretchen (schüttelt lachend den Kopf, richtet sich etwas auf u. stützt sich nun mit ihren Ellenbogen auf seinem Brustkorb ab, während sie Marc mit einem verführerischen Augenaufschlag anvisiert): Spinner! Und ich dachte, die hätte sich erledigt, als ich die Wette gewonnen habe.
Hohoho! Da ist aber heute jemand auf Ärger aus. Geil!
Marc (runzelt die Stirn, spielt aber weiter mit): Da ging es nur um meine erfolgsprämierten Lernkarteikarten für den Facharzt, die ich dir als guter Lehrmeister, der ich nun mal bin, bereitwillig angeboten habe, obwohl ich es nicht tun müsste. Die zählen nicht.
Gretchen (kleinlaut): Für mich schon.
Marc: Hat’s denn was gebracht?
Gretchen (riskiert immer mehr eine kesse Lippe): Dass ich schlauer bin als du? Ja, natürlich!
Dünnes Eis, Haasenzahn, sehr, sehr dünnes Eis!
Marc (fixiert sie mit seinem gefährlichen Ameisenblick): Boah, na, warte, Fräulein, das lässt Dr. Meier aber nicht auf sich sitzen. Wobei... (hält kurz inne u. überlegt u. fängt dann an, breit zu grinsen) ... ich dich eigentlich schon gerne auf mir sitzen habe. Wie zum Beispiel jetzt! Sieh es einfach als Nachsitzen wegen Fehlverhaltens deines Vorgesetzten gegenüber an.

...setzte der vorlaute Sprücheklopfer noch einen obendrauf und hatte seine ungewohnt aufmüpfige Freundin auch schon auf sich gezogen, ehe sie hätte reagieren können, um endlich seinen Preis für all die Qualen abzuholen, die er in den vergangenen Wochen am Bildschirm seines Laptops hatte erleiden müssen, als dieser noch die einzige Möglichkeit gewesen war, einen Blick auf seine ihn zappeln und ständig auflaufen lassende Traumfrau riskieren zu können. Schnell versanken die beiden in einem nicht enden wollenden innigen Kuss, den erst die aufkommende Atemnot der beiden einen abrupten Abbruch bereitete. Nachdem sich die Schnappatmung wieder etwas gelegt hatte, robbte sich die verliebt lächelnde Assistenzärztin wieder an ihren „charmanten“ Oberarzt heran und kuschelte sich an seinen wohligwarmen muskulösen Körper, den sie immer wieder zärtlich und gedankenverloren kraulte, während Marc vor sich hin schnurrte wie ein zufriedener Kater, der nach einer schlaflosen Nacht endlich das bekommen hatte, was er gewollt hatte.

Gretchen: Hast du überhaupt nicht geschlafen, Marc? Bis zum Aufstehen wäre doch noch Zeit gewesen. Du hättest mich nicht extra wecken müssen. Wir müssen erst um acht in der Klinik sein.
Marc (fängt ihre ihn kraulende Hand ein u. verschränkt seine Finger mit ihren, während er Gretchen verheißungsvoll anlächelt): Eben! Aber neben einer Frau wie dir zu liegen, lässt an Schlaf gar nicht erst denken.
Gretchen (erliegt seinem Gänsehaut auslösenden Charme sofort): Maaarc!?

Marcs ungewohnte Schmeicheleien trieben sofort wieder die Farbepigmente in Gretchens morgenblasses Gesicht. Verlegen strich sie sich über die knallrote Wange und vergrub ihr Gesicht gleich wieder tarnend an Marcs Arm. Fasziniert und berührt zugleich beobachtete er die haasetypische Reaktion, die das Kribbeln in seinem Bauch gleich noch verstärkte. Wie sehr hatte er all das doch vermisst. Um neben Haasenzahn aufwachen zu können, würde er auf die spektakulärsten und prestigeträchtigsten OPs verzichten, und mittlerweile schockten ihn diese Gedanken nicht einmal mehr. Zufrieden und ausgeglichen war er stets mehr, wenn er in ihrer direkten Nähe war. Da konnte jede Herz-OP, die er noch nicht durchgeführt hatte, noch so sehr dagegen anstinken. Es war einfach so.

Marc: Was?
Gretchen: Nichts!
Marc (skeptisch hebt sich eine seiner Augenbrauen): Nichts? So ein Nichts wie deine spontane Heuleinlage von vorhin, die mich, nebenbei bemerkt, immer noch ähm... sprachlos macht? Ich meine, ich hab schon viele Frauen zum Heulen gebracht, dich inklusive und vor allem exklusive, das ist schon wahr, aber direkt währenddessen hab ich es auch noch nicht erlebt. Das kann einen Mann schon aus dem Konzept bringen, auch wenn ein Teil von ihm zum Glück immer noch weiß, wie man es zu Ende bringt.

Oh Gott, wie peinlich? Ich weiß doch auch nicht, warum ich plötzlich weinen musste. Die Tränen kullerten einfach los. Das konnte ich genauso wenig kontrollieren wie die Gefühle, die Marc während des Punkt-Punkt-Punkts in mir ausgelöst hat.

Gretchen (versteckt ihr Gesicht immer noch, während sie in seine Armbeuge nuschelt): Das war... Morgentau.
Marc (klappt vor Verblüffung wegen ihrer ungewöhnlich poetischen Antwort die Kinnlade herunter): Halb vier? Drinnen im Haus? In der siebten Etage über den Dächern Berlins? Wenn wir an der Spree entlang spaziert wären, ja, dann hätte das fast poetisch geklungen. Aber wir waren im Bett und ham gevögelt.
Gretchen (jeder Illusion beraubt empört sie sich über seine vulgäre Ausdrucksweise): Maaarc!
Marc (nimmt sich zurück): Ja, sorry, is so. Also was ist los, Haasenzahn?
Gretchen (scheu reckte sie ihr hochrotes Köpfchen, um ihm nun direkt in die Augen sehen zu können): Nichts! Das hab ich doch gesagt. Es ist nur. Es fühlt sich immer noch wie ein Traum an.
Ich weiß, was du meinst. Nur würde mir nicht im Traum einfallen, deswegen zu heulen wie Mehdi, wenn man ihm in der Cafeteria den Pudding vor der Nase weggeschnappt hat.
Marc (streicht Gretchen zärtlich die Haare aus dem Gesicht, hält mit einer Hand ihrer Wange u. lächelt sie an): Du meinst, wenn du mich antippst, verwandele ich mich wieder in eine Seifenblase?
Gretchen (lächelt zurück): So ungefähr, ja.
Marc: Dann... versuch’s doch mal! Als Akademikerin mit Karriereambitionen solltest du jede Möglichkeit nutzen, Testreihen aller Art durchzuführen.

...provozierte Marc Gretchen mit einem süffisanten Grinsen, das sich alsbald auch auf ihren Lippen widerspiegelte. Prompt folgte die hübsche Ärztin seiner äußerst charmanten Aufforderung und kniff ihrem Probanden wenig sanft in die Seite. Selbstverständlich zuckte dieser daraufhin jaulend zusammen und blickte seinem dreisten Mädchen grimmig in die aufblitzenden Augen. Wie konnte er ihr da noch länger böse sein? Das Feuer loderte bereits herausfordernd in ihren hin und her huschenden Pupillen, die ihn regelrecht zu verhexen versuchten. Weil er ab dem Moment an nichts anderes mehr denken konnte, als ihr nah zu sein, um ihr zu zeigen, wer hier wirklich das letzte Wort hatte. Also stürzte er sich auf den Frechdachs, der nun selber laut aufkreischte, aber gleich wieder von ihm stumm geküsst wurde. Der Schauer, den dieser leidenschaftliche Kuss auslöste, dem noch zahllose andere folgen würden, wurde sofort von einer heftigen Hitzewallung abgelöst, die in jede Faser ihres Körpers eindrang und sämtliche Schaltfunktionen übernahm. Rastlos strichen Gretchens Hände über Marcs wohltrainierten Körper, der sich fordernd über ihren gelegt hatte und sie mit seinen animalischen Bewegungen beinahe um den Verstand brachte.

Es hätte fast so schön wie in den vergangenen Stunden werden können, in denen sich Marc und Gretchen leidenschaftlich immer wieder einander hingegeben hatten, wenn das Liebespaar nicht urplötzlich durch einen weiteren kreischenden Schrei aufgeschreckt worden wäre. Dieser kam jedoch diesmal nicht aus Gretchens Kehle und war weniger melodisch als ihre sanfte unverwechselbare Stimme. Dieser Urschrei klang tiefer, hysterischer und war nicht aus Leidenschaft erwachsen. Im Gegenteil! Panik schwang in ihm mit.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

02.02.2014 14:38
#1464 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

„Mama!“, flüsterte Marc mit einer um einige Oktaven gewachsenen Stimme und starrte Gretchen sekundenlang entgeistert an, dann sprang er plötzlich wie von der Tarantel gestochen auf und aus dem Bett, schnappte sich seine schwarze Boxershorts, schlüpfte in einer eleganten Bewegung hinein und stürmte anschließend in Windeseile aus dem Zimmer. Seine perplexe Freundin, die ebenso erschrocken seinem Vorbild gefolgt war, aber dabei leider nicht so flink und geschickt gewesen war, tippelte ihm ungelenk stolpernd, mit dem Bettlaken als Morgenrobe umwickelt, hinterher. Aber der besorgte junge Mann hatte da bereits die Tür zum Badezimmer aufgerissen, in welchem er den Aufschrei lokalisiert hatte, und war ohne Umschweife hineingestürmt. Mit dem Resultat einer weiteren Überraschung, mit der er weder gerechnet hatte, noch konfrontiert werden wollte. Nämlich seiner hysterisch aufkreischenden Mutter, die sich durch das Geräusch der plötzlich aufspringenden Tür vor Schreck an ihr kurzzeitig ausgesetztes Herz gefasst hatte.

Elke: MARC OLIVIER!
Marc: Mutter?

Irritiert blieb Elke Fishers Sohn mitten im Raum stehen und blickte sich um und versuchte angestrengt, die bizarre Situation zu erfassen, die ihn an diesem frühen Montagmorgen, an dem er zwar aus diversen mehr als berechtigten Gründen bereits wach war, aber in Gedanken noch in ganz anderen Sphären schwebte, hier in seinen eigenen vier Wänden erwartete. Seine Mutter. Unbekleidet. Faltig und blass. Wie Gott oder wie derjenige, der da oben die Fäden in der Hand hielt und mit denen da unten seine wirren Späße trieb, sie geschaffen hatte. Was allein schon einen Sohn an den Rand der Verzweiflung bringen konnte. Doch schlimmer noch. Sie war nicht alleine in dieser unmissverständlich kompromittierenden Situation. Auch Gretchen schaute ungläubig auf das Bild, das sich ihr im Badezimmer bot und wischte sich immer wieder über die noch müden Augen, die leider nicht wie erhofft ein Trugbild erblickten. Ihre Schwiegermutter in spe hielt sich zitternd in der vor Schaum überlaufenden Badewanne hockend ein schmales Handtuch vor ihren Körper, das nur das Nötigste bedeckt hielt, und schlug wie vom Teufel besessen immer wieder mit der Toilettenbürste auf ihren kleinen Bruder ein, der sich vor lauter Schreck krampfhaft am Duschvorhang festhielt, der bereits halb abgerissen war und mit dem er sich mehr schlecht als recht vor den unbeholfenen Schlägen der hysterischen alten Frau versteckt hielt. Wenn die ganze Situation nicht an sich schon so bizarr gewesen wäre und es nicht halb sechs Uhr morgens gewesen wäre, dann hätte sie durchaus etwas Komödiantisches gehabt. Das hysterische Gekreische von Marcs Mutter ließ aber jeden Gedanken, vor ihr in einen ausschweifenden Lachanfall zu verfallen, sofort wie eine Seifenblase verpuffen. Marc, der einen Moment gebraucht hatte, um wieder Luft zu bekommen, hielt sich mit dem Unterarm die Augen zu, um nicht zu viel zu sehen zu bekommen, was einen Jungen ein Leben lang traumatisieren konnte, und schnappte sich zum einen Elkes Schlagutensil und zum anderen Jochens Arm, um diesen aus seiner misslichen Lage zu befreien, in welche er sich, weiß Gott warum, ausweglos hineinmanövriert hatte. Doch Elkes hysterisches Gestammel verhinderte zunächst jeden Gedanken an ein Warum und Wieso, welches zunehmend einen wummernden Kopfschmerz im Chirurgenhirn erzeugte.

Elke: Marc, Olivier, ruf die Polizei! Jetzt schickt die Boulevardpresse schon unfähige Praktikanten, um an kompromittierende Fotos von mir zu kommen.
Bleib ruhig! Das hier ist ein Traum. Ein Alptraum der allerschlimmsten Sorte. Gleich wach ich auf. Und ich liege wieder neben einem nackten Haasen im Bett. Der einzige Anblick, den ich am frühen Morgen noch ohne Kaffee ertragen kann.
Marc (schupst „den Praktikanten“ unsanft zur Seite, drückt ihm die Toilettenbürste in die Hand, die dieser gleich wieder zu Boden fallen lässt, u. schnappt erst einmal hörbar nach Luft u. hält sich dabei am Waschbecken fest, weil er nicht glauben kann und will, was hier gerade passiert): Mutter, kann es nicht einen Tag mal ohne großes Divendrama gehen? Bitte! Wäre das zu viel verlangt? Man, das ist Jochen. Gretchens Bruder. Du kennst ihn. Wir haben alle zusammen Weihnachten gefeiert. Das kannst du doch nicht vergessen haben oder leidest du neuerdings auch noch an Altersdemenz? Außerdem glaube ich nicht, dass die mit den vier Buchstaben ausgerechnet an nackten Tatsachen gerade von dir interessiert sind. Für das Seite-Eins-Mädchen bist du dann doch ein paar Jahrzehnte zu alt.
Elke (geht hoch wie eine Rakete u. merkt dabei gar nicht, dass sie mittlerweile in der Badewanne aufgestanden ist u. schonungslos ihren Astralkörper im Schaummantel präsentiert): Marc Olivier, ich muss doch sehr bitten!
Ich bin blind! Ich brauche ne Augen-OP! Ich brauche sofort eine neue Hornhaut. Die alte wurde nämlich soeben weggebrannt. Hilfe!
Marc (dreht sich sofort weg u. sucht hilflosen Augenkontakt mit Gretchen, um diesen Anblick sofort wieder von seiner Festplatte löschen zu können): Ja, und da wären wir auch schon beim Stichwort, Mutter. Bitte, bitte, hör auf, hier so laut herumzukeifen wie ein altes Waschweib, das die Wäsche zu heiß gewaschen hat! Du weckst noch die Nachbarn. Ich hab keinen Bock, schon wieder Ärger mit der Hausverwaltung zu kriegen. Was machst du überhaupt um die Zeit schon hier? Und dann in dem... *schluck* ... Aufzug?
Jochen (lehnt grinsend an der Wand neben der Tür, in der seine Schwester steht, die immer noch keine Worte für das Ganze gefunden hat): Ja, das frag ich mich auch.
Marc (sein Kopf schießt sofort herum u. er zeigt bedrohlich mit dem Zeigefinger auf den vorlauten Bengel): Du hältst mal schön die Klappe, Jo! Sonst stopf ich sie dir noch mit der Bürste, die du gerade eben schon so hautnah kennen gelernt hast. Wieso ist der überhaupt noch hier? Hast du nicht gesagt, der hätte seine sieben Sachen gepackt, Haasenzahn?
Gretchen (überfordert von der Gesamtsituation versucht sie erst einmal gar nichts zu sagen u. klammert sich an ihr Laken, damit es nicht verrutscht u. sie nicht auch noch nackt dasteht): Ääähhh...

Peiiinlich!

Jochen (übernimmt das Sprechen für sein verstummtes Schwesterherz, was er wohl besser bleiben gelassen hätte): Kein Drama, Marc! Ich komm gerade von der Nachtschicht und hab da viel schlimmere Dinge gesehen als deine...
Marc (setzt den Ameisenblick auf u. kommt Jochen gefährlich nah): Wenn ich du wäre, was ich mir, nebenbei bemerkt, nicht einmal unter Folter aussuchen würde, würde ich jetzt keinen Ton mehr sagen und endlich die Füße in die Hand nehmen. Aber zz! Ziemlich zügig, mein Freund!
Jochen (hebt seine Hände in Unschuldspose u. rutscht an den Fliesen entlang zur rettenden Tür, die nur vom Hintern seiner Schwester versperrt ist): Bin schon weg. Ich hau mich jetzt aufs Ohr. Wenn ihr von eurer Schicht kommt, hab ich die Wohnung so hinterlassen, wie ich sie vorgefunden habe. Versprochen!
Elender Schleimer!
Marc (drückt ihm bedrohlich den Zeigefinger in die Brust): Das will ich ja wohl sehr hoffen. Haasenzahn war viel zu gnädig mit dir, aber jetzt bleibt das Hintertürchen verschlossen. Der Hausschlüssel bleibt hier. Den kriegt meine Mutter. Ham wir uns verstanden, Jochen?
Jochen (deutet hämisch glucksend mit dem Kopf zu der Frau, die gerade aus den Fluten gestiegen ist u. sich ihren Morgenmantel übergeworfen hat): Wohnt die jetzt hier?
Marc (schaut ihn noch bedrohlicher an als zuvor): Was hab ich gesagt, Freundchen?
Jochen (hat die Botschaft endlich gehört u. zieht sich sicherheitshalber zurück): Mein herzliches Beileid, Schwesterchen! Mit dem Schwiegermonster im selben Haus, das ist echt ein harter Brocken. Ein Glück, dass Gordon endlich aus dem Ösiland zurück ist und ich in das freie Zimmer in seiner WG ziehen kann. Wobei ich zugeben muss, dass ich schon noch gerne einen weiteren Akt des Meierschen Schmierentheaters gesehen hätte. Na, vielleicht ein anderes Mal.

...flüsterte Jochen noch schelmisch grinsend seiner an der Tür lehnenden Schwester zu, die mindestens einen ähnlich bösen Blick wie der Meier draufhatte, und verzog sich schnell in sein Zimmer, wo er sich laut feixend vornüber in sein Bett schmiss und keine fünf Minuten später noch in seinen Straßenklamotten bekleidet auch schon weggeratzt war. Elke verfolgte das Geschehen im Bad misstrauisch von der Badewanne aus, auf deren Rand sie nach dem Schock von eben mit übereinander geschlagenen Beinen Platz genommen hatte. Die Reise zurück in die Heimat, Marcs unbeholfene Art, sich um sie zu sorgen und einfach über sie hinweg zu entscheiden, als wäre er der Erziehungsberechtigte und nicht sie, die ständigen kreisenden Gedanken an Olivier hatten sie so sehr aufgewühlt, dass sie kaum ein Auge hatte zumachen können. Und da sie eh eine Frühaufsteherin war, weil sie morgens immer die besten Ideen zu Papier bringen konnte, hatte sie nicht mehr länger liegen bleiben können und hatte sich ein entspannendes Schaumbad gönnen wollen. Aber sie hatte nicht einmal zehn Minuten entspannen und sich Gedanken um ihre nächsten Schritte machen können, da war die Badezimmertür auch schon aufgerissen worden und dieser schlecht gekleidete Lümmel war hereingeschlurft und hatte sich dreist neben ihr vor der Toilette aufgebaut und hatte ohne Vorwarnung seine schlecht sitzenden Hosen herunterfallen lassen. Wie hätte sie da nicht anders reagieren können, als sich die Klobürste zur Verteidigung ihrer Ehre zu schnappen? Und sie konnte gut mit Schlägern aller Art. Sie war schließlich lange genug regelmäßig mit Franz zum Tennis und zum Golfen gegangen. Kleinlaut wie der Junge gewesen war, der, ehe er sich bei ihr entschuldigen konnte, sie hämisch angegrinst hatte, hatte sie nichts anderes tun können, als blind zuzuschlagen. Immer und immer wieder. Bis Marc und dessen Freundin aufgetaucht waren, die sie beide immer noch mit großen Augen anstarrten, als wäre sie ein seltenes vom Aussterben bedrohtes Tier im Berliner Zoo.

Elke: Wenn ihr dann bitte auch die Güte hättet, Kinder?

...wandte sich die Starautorin schließlich an ihren Sohn und ihre Schwiegertochter in spe, deren Aufzug als Kleopatra im violetten Bettlakengewand ihr sofort verraten hatte, dass die beiden auch nicht hatten gestört werden wollen. Mit hochrotem Kopf wandte sich die Angesprochene ab. Nur Elkes Sohn riskierte noch einen letzten schadenfrohen Blick auf seine Mutter.

Marc: Ach, und einen wunderschönen guten Morgen, Mutter, ne. Hätte ich beinahe vergessen.

Und nach dieser ironisch gemeinten herzlichen Begrüßung, fiel die Tür auch schon ins Schloss, vor der Elke ihren ungezogenen Jungen noch lange lachen hören konnte. Dass Gretchen diesem wiederholt auf den Arm haute, um ihn zu stoppen, bemerkte die stolze Frau nicht, als sie sich stöhnend langsam vom Rand der Badewanne erhob, um sich nun ihrem restlichen Schönheitsprogramm zu widmen, welches sie möglichst so lange hinauszögern würde, bis die peinlichen Gedanken endgültig vergessen waren.

Gretchen (tadelnd schiebt sie Marc von der Badezimmertür weg): Marc, jetzt hör auf! Das war gerade peinlich genug für alle Beteiligten.
Marc (schlurft glucksend in Richtung Küche): Nö! Also ich fand’s hauptsächlich lustig.
Gretchen (ihr ist überhaupt nicht zum Lachen zumute): Haha! Was haben wir alle gelacht.
Marc: Eben!

...zwinkerte Marc seiner Liebsten frech zu, die mit vorwurfsvollem Gesicht am Esszimmertisch lehnte und kopfschüttelnd zu dem Schelm rüberschaute, der sich ihr Freund und Oberarzt nannte, aber gerade mehr den Eindruck eines kleinen Schuljungen machte, der soeben den Joke seines Lebens erlebt hatte. Dieser öffnete nun den Kühlschrank, nahm sich eine Milchpackung aus dem Seitenfach heraus, kickte die Tür mit seinem Hintern wieder zu und drehte den Schraubverschluss ab, schnupperte kurz am Inhalt, dann setzte er die Milchtüte an seine Lippen. Gretchen konnte nur ungläubig dabei zugucken. Doch viel zu schnell sank ihr Blick wieder auf den muskulösen Oberkörper ihres Freundes, der sich im morgendlichen Schimmerlicht gerade in aller Schönheit vor ihr breitmachte. Wie so eine kleine nichtige Tätigkeit so viel Sexappeal erzeugen konnte? Faszinierend! Marc sollte wirklich Werbung für Milchprodukte machen. Kalzium war eh gut für die Knochen. Und Dr. Meier hatte einen echt tollen Knochenbau, also... Körper, insgesamt gesehen, dachte Gretchen verwirrt und wurde immer unkonzentrierter. Süffisant grinsend verfolgte der gutaussehende Milchtrinker die eindeutigen Blicke seiner Freundin, die auf seinem Astralkörper klebten wie Honig an einer Bienenwabe, und nutzte die Gunst der Stunde natürlich sofort für einen seiner typischen Sprüche aus.

Marc: Sabberst du etwa schon wieder, Haasenzahn? Danke für das Kompliment! Es ist auch immer wieder schön, zu erfahren, wie hammergeil man wirklich aussieht.

Ertappt wandte Gretchen ihren Blick sofort von dem Macho ab, raffte ihr um ihren Körper geschlungenes Bettlaken und stolzierte mit stolz geschwellter Brust an dem selbstverliebten Knallkopf vorbei, um sich in ihrem Zimmer etwas Anständiges anzuziehen, bevor er noch auf die Idee kam, darüber auch noch in seiner gewohnten Art herzuziehen. Doch im Vorbeigehen schaute sie ihn dann doch noch einmal kurz an...

Gretchen: Ich kann’s übrigens gar nicht leiden, wenn du aus der Tüte trinkst.
Marc (wischt sich mit dem Handrücken lässig den Milchschaum von der Oberlippe): Und doch hat’s dafür gereicht, dass du Stielaugen bekommen hast.

...griente Marc die perplexe Ärztin an, schüttelte die Milchtüte noch mal und trank den restlichen Inhalt in einem Zug aus, während Gretchen noch für eine Millisekunde an seinem gestreckten Hals und den Bewegungen seines Adamsapfels kleben blieb und anschließend wütend den Gang hinter stapfte. Warum konnte sie nur nie so schlagfertig sein wie er, ärgerte sie sich über sich selbst.

Gretchen: Du bist so blöd, Marc.
Marc (ruft ihr noch hinterher): Ich lieb dich auch, Haasenzahn. Ich verschwinde jetzt ne Runde Joggen. Ich bring Brötchen mit.

Und damit hatte Marc auch sofort die uneingeschränkte Aufmerksamkeit seiner Schokoqueen wiedererlangt, die ihren Lockenkopf aus der Tür streckte und ihn nun verblüfft anblickte...

Gretchen: Echt? Das ist aber lieb.
Marc (streift sich zufrieden über seinen nackten Oberkörper): Schokohörnchen?

Gretchen überlegte angestrengt und an ihrem Gesicht konnte Marc genau erkennen, was sie gerade dachte. Ein Grund mehr, sie noch ein bisschen mehr zu necken.

Marc: Oder doch eher Vollkornbrötchen?

Dass im nächsten Moment die Tür in Schloss knallte, war dem lässigen Sprücheklopfer Antwort genug. Doch Schokohörnchen! Er kannte doch seine Pappenheimerin. Zufrieden grinsend erklomm Marc als nächstes die schmale Wendeltreppe zum gemeinsamen Schlafzimmer, um sich aus seinem Kleiderschrank seine Joggingsachen herauszusuchen. Natürlich fiel ihm beim kurzen Rundumblick in den Räumlichkeiten sofort auf, dass sich Gretchen im Gegensatz zu ihren Behauptungen bestens auf seine Rückkehr vorbereitet hatte. Die Anzahl der aufgestellten Kerzen übertraf nämlich deutlich die Anzahl der Kitschigkeiten, die sonst immer hier als Staubfänger herumstanden und die er immer unbemerkt dezimierte. Deshalb konnte er sich ein verträumtes Lächeln nicht verkneifen, als er sich in seine Sportkleidung warf. Diese Frau war einfach nur verrückt süß. Marc war so mit sich und seinen Gedanken an letzte Nacht beschäftigt, dass er nicht gleich registrierte, dass er längst nicht mehr alleine im Schlafzimmer war. Hinter dem verliebten jungen Mann in Designersportklamotten war wie aus dem Nichts seine Mutter aufgetaucht und diese hielt etwas hoch, was ihn deutlich in Erklärungsnot bringen sollte.

Elke: Eigentlich müsste ich dich dafür enterben, dass du mich ständig an der Nase herumführst, Marc Olivier. Aber du bist nun mal mein einziges Kind. Was soll ich machen?
Marc (überrascht u. irritiert von ihrem plötzlichen Auftauchen starrt er sie an): Hä? Wovon redest du?
Elke (hält das Corpus Delicti Beweis fordernd hoch): Na, davon! Kannst du mir das bitte erklären, Marc Olivier?
Marc (zuckt unwissend mit den Schultern u. wendet sich desinteressiert wieder der Schranktür zu, die er nun schließt; bevor er gehen will, stellt er noch schnell seine Armbanduhr auf seinen Laufmodus um): Was soll das sein? Das hab ich noch nie zuvor gesehen. Lässt du mich dann bitte mal vorbei? Ich will noch eine Runde laufen, bevor ich zur Arbeit fahre, um Leben zu retten.
Elke (lässt ihn nicht vorbei u. sieht ihn mit mütterlicher Strenge u. einem Hauch von Enttäuschung an): Erst wenn du mir das hier bitteschön erklärst! Wieso behauptest du es erst, bis ich mich endgültig damit abgefunden, ja, mich sogar ein kleinwenig gefreut habe, weil es mir Hoffnung gegeben hat, ziehst es dann aber überraschenderweise wieder zurück, was ich dir im Übrigen nicht wirklich abgenommen habe, und leugnest es immer noch, obwohl ich die eindeutigen Tatsachen in den Händen halte, Marc? Ich meine, es ist doch nicht einmal mehr zu übersehen. Findest du das fair deiner armen alten Mutter gegenüber, die so viel hat durchstehen müssen in den vergangenen Wochen? Ich dachte, wir wären mittlerweile aufrichtig miteinander. Schade, dass ich mich so in dir getäuscht habe, mein Junge.

Was zum Teufel labert die denn da? Die Medikamente haben doch Nebenwirkungen! Ich muss mir sofort Mehdi schnappen und das abklären, bevor sie noch komplett durchdreht. Aber bis zum Prenzlberg joggen, hatte ich eigentlich nicht vor.

Marc (zunehmend gereizt, weil er, was seine Frau Mama betrifft, mittlerweile gar nichts mehr kapiert): Mutter, ich weiß echt nicht, was du von mir willst?
Elke (kann nicht fassen, dass sie das nun tatsächlich in Worte packen muss, u. holt einmal tief Luft u. atmet diese langsam wieder aus): Werde ich nun... Großmutter - oh Gott, was für ein furchtbares Wort, falls du mich jemals als solche bezeichnen solltest, enterbe ich euch wirklich - oder nicht?
WAS? Ich wähl den Notruf. Das sind doch erste Anzeichen eines Nervenzusammenbruchs.
Marc (schaut sich die beiden Strampler mit dem Sanitätskreuzaufdruck und dem kleinen Krankenwagenmotiv amüsiert an, die Elke samt Einkaufstüte wedelnd vor ihm hochhält, u. richtet seinen Blick dann zur Treppe, an der seine Freundin gerade erscheint, die ebenso sparsam aus der Wäsche schaut wie er selbst): Du hast heute echt komödiantisches Talent, Mutter. Also wenn du mit der Schreiberei nicht weitermachen willst, bewirb dich doch beim Fernsehen. Fürs Dschungelcamp reicht es bestimmt.
Elke (bekommt endlich wieder Farbe ins Gesicht u. läuft rot an): Marc Olivier, du weißt, dass du mich nicht wütend machen sollst.
Marc: Eh, ich hab überhaupt nichts gemacht. Damit hab ich nun wirklich nichts zu tun, nicht wahr, Haasenzahn? Hierfür gibt es bestimmt eine logische Erklärung, Mutter. Also schalte bitte wieder nen Gang runter! Oder ich muss dich gleich mitnehmen und du verbringst den Rest des Tages am EKG-Gerät.
Elke (lässt sich nicht davon abbringen, denn eine Elke Fisher hat nie Unrecht): Aber ich bin doch nicht blind, mein Junge. Ein Blick auf deine Freundin hat doch schon genügt. Und dann noch die Strampelanzüge und die anderen Kitschigkeiten hier im Schlafzimmer. Jetzt hört endlich damit auf, mir etwas vorzumachen, warum auch immer ihr das tut. Ich muss nun wirklich nicht geschont werden. Ich hab doch längst damit gerechnet, dass das auf kurz oder lang passieren würde, hätte jedoch eher auf lang als auf kurz getippt.
Gretchen (starrt ihre Schwiegermutter in spe mit großen Augen sprachlos an): Was?
Hat die gerade gesagt, ich wäre dick und würde schwanger aussehen?
Marc (versucht noch einen letzten Rest an Vernunft aufzubringen, bevor hier noch alle Amok laufen): Haasenzahn, erklärst du bitte meiner Mutter, dass du nicht schwanger bist. Sonst müssen wir sie noch mit Nervenzusammenbruch mit in die Klinik nehmen. Dabei wollte sie doch gar kein Aufsehen erregen, wird sie aber, wenn Schwester Sabine sie erst auf der Pritsche entdeckt.
Gretchen: Die beiden Babybodies sind nicht für uns, Elke. Ich bin wirklich nicht schwanger. Also... noch... nicht. Denke... ich. Wir wollen es aber bald werden, falls es klappt und wir... naja... Tut mir leid, falls es da Missverständnisse gab. Das hier sind Geschenke für zwei schwangere Kolleginnen und die wollte ich eigentlich noch hübsch einpacken. Danke, dass du mich daran erinnert hast.

...redete sich Gretchen erfolgreich vor ihrer sprachlosen Schwiegermutter in spe heraus, die sie immer noch mit misstrauischen Blicken von Kopf bis Fuß musterte, schnappte sich die beiden Strampelanzüge aus deren Hand, öffnete eine Schublade ihrer Kommode und zauberte zwei rosafarbene Geschenkkartons heraus, in die sie jeweils eins der Geschenke einpackte und danach liebevoll mit einer roten Schleife umwickelte. Marc schaute ihr grinsend dabei zu, während Elke schnaubte und hocherhobenen Hauptes die Treppe hinunter stolzierte, um sich zu beruhigen. Sie glaubte den beiden nämlich immer noch kein Wort. Marc war jedenfalls froh, dass sich das peinliche Missverständnis geklärt hatte und schaute Gretchen nun neugierig über die Schulter.

Marc: Wer ist eigentlich auf die Idee mit dem Medizinthema gekommen? Du oder Mehdi?
Gretchen (sieht kurz grinsend zu ihm auf): Ich hab nur an die nachfolgenden Generationen gedacht. Eigentlich wollte ich ja noch ein EKH einsticken, aber das ist zeitlich jetzt leider nicht mehr machbar. Sie sind auch so süß. Findest du nicht?
Marc (stellt sich hinter sie u. umschlingt ihre Taille mit beiden Armen): Verstehe! Du akquirierst also schon Personal, das in dreißig Jahren zum Einsatz kommen kann? Das ist wirklich schlau gedacht. Du weißt aber schon, dass bei den beiden Genpools eigentlich nur Murks rauskommen kann.
Gretchen (zieht die Schleifen fest um die Geschenke, dann wendet sie sich ihrem skeptischen Freund zu, der zärtlich an ihrem Ohr knabbert): Und wenn doch zwei Nobelpreisträger herauskommen?
Marc (kann darüber nur lachen): Ja, gut, bei den beiden Außerirdischen kann es durchaus sein, dass da oben jemand mitreinmurkst, aber der Stier sollte sich dann doch fragen, mit wem die Hassmann noch so durch die Betten gerutscht ist.
Gretchen (klopft ihm unsanft gegen die Brust u. schiebt ihn von sich): Du bist unmöglich. Das sind Kinder der Liebe.
Marc (kleinlaut): Wohl eher Kinder des Zorns! Äh... zumindest im letzteren Fall.
Gretchen (blitzt ihn sauer an u. drückt die Geschenke gegen ihre Brust): Wolltest du nicht laufen gehen?
Marc: Wenn du sauer bist, siehst du immer total niedlich aus. Weißt du das?

War sie eben noch sauer gewesen, genügte ein Satz, um Gretchen sofort wieder in den Schmachtmodus zu versetzen. Was äußerst gefährlich war, wenn man in Socken auf einer rutschigen Holztreppe balancierte, um dem Liebsten vor lauter Glückseuphorie um den Hals zu springen. Aber Marc wäre nicht Marc, wenn der Held seine Prinzessin nicht sicher wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringen würde. Und dort angekommen bot sich dem sich umklammert haltenden und turtelnden Paar jedoch ein seltsames Bild. Elke Fisher hatte beschlossen, als Stressabbau ihre morgendlichen Yogaübungen durchzuführen und der fliegende Kranich kam nicht sonderlich gut an. Zumindest nicht bei ihrem Sohn, der sich schnell wieder seiner Freundin zuwandte, die das Schauspiel interessiert verfolgte.

Marc: Äh... Bist du eigentlich noch sicher mit dem, was wir vorhaben? Du weißt schon, dass ein Viertel davon auch in den Genpool gelangen könnte, den wir in fleißigem Hochleistungsolympiatraining produzieren wollen. Wiederholte Verrücktheiten zeigen sich meist erst in der dritten Generation und da wären wir, wenn wir deine Erzeugerin mit dazu nehmen, schon bei zwei Viertel angelangt. Wir können also nur auf den männlich dominanten Part hoffen und der hat zum Glück echt doppelt viel Potential. Meine Schwimmmannschaft wird’s schon richten. Vielleicht solltest du doch mitmachen. Der abgestürzte Adler bringt meine Schwimmer bestimmt schneller ans Ziel.

Gretchen, die sich eigentlich darüber gefreut hätte, dass ihr störrischer Freund tatsächlich an ihren Geheimplänen festhielt, wenn er nicht immer so eine große Klappe riskieren würde, rollte nur mit den Augen. Marc griente sie an und gab ihr zur Bestätigung, dass sie immer noch dieselben Ziele verfolgten, auch wenn es mit dem Familienbackground schwer werden könnte, einen zarten Kuss auf die Lippenspitzen. Dann verschwand er, als wäre nichts gewesen, zur Wohnungstür hinaus und Gretchen war alleine mit ihrer Schwiegermutter in spe, mit der sie nach den letzten Ereignissen und Vorkommnissen noch nicht wirklich umzugehen wusste. Sie versuchte sie daher, bei ihrem Entspannungsprogramm nicht zu stören, und bereitete unter deren akribischen Argusaugen den gemeinsamen Frühstückstisch vor und machte sich anschließend für Marc und den ersten gemeinsamen Arbeitstag mit ihm fertig.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

09.02.2014 14:17
#1465 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=hze9Wf2HN_g



Nach einigen unbehaglichen Minuten, in denen sich die beiden Frauen im Leben von Dr. Marc Olivier Meier gegenseitig betreten angeschwiegen hatten und jede ihren eigenen Gedankenspielen nachgehangen war, tauten die beiden mit dem beginnenden Sonnenaufgang, der die Dachgeschosswohnung in einem hellen Licht erstrahlen ließ, allmählich immer mehr auf und wirkten zunehmend entspannter im Umgang miteinander, welcher seit ihrer allerersten eher unglücklichen Begegnung bislang stets recht kompliziert verlaufen war. Sie saßen sich am reichlich gedeckten Frühstückstisch gegenüber und nippten jeweils an ihren mit Lavendel-Mandel-Tee gefüllten Blumenmotivtassen, hinter denen man sich auch ab und an recht gut verstecken konnte, wenn die Redepause mal wieder länger andauerte als nötig, weil ein bisschen Unbehagen nach den Erfahrungen der Vergangenheit immer noch mitschwang. Dennoch hatten sie inzwischen ein gemeinsames Thema gefunden, über das sich erst sehr ausschweifend Elke Fisher und nun auch Gretchen Haase in einem aber weniger kritischen und genervten, dafür aber sehr verträumten Tonfall in aller Herzensbreite ausließen.

Sehr zum Ärgernis ihres heißgeliebten Themensujets, Marc Meier, der mittlerweile schon wieder unbemerkt im Türrahmen der Penthousewohnung stand, nachdem er nach einer erfrischenden und den Kopf frei pustenden Joggingrunde entlang der Spree und einer anschließenden sehr verwirrenden Begegnung mit seinem Herrn Papa am Briefkasten argwöhnisch an der Tür gelauscht und irritiert das gemeinsame Lachen der einst spinnefeinden Frauen vernommen hatte, das ihm gleich noch mehr Magenschmerzen bereitet hatte als die Tatsache, dass sein Vater seine Dienstreise in die Staaten streikbedingt um zwei Tage verschoben hatte und demnach jeden Moment hier oben aufkreuzen könnte, wovon er ihn jedoch mit Händen und Füßen vorerst hatte abhalten können, weil er ihm überzeugend darlegen konnte, dass er gleich seine Tagesschicht im Krankenhaus antreten würde und demnach keine Zeit für einen zünftigen Fachplausch unter Kollegen und Vorbildern am gemeinsamen Frühstückstisch haben würde, an dem sich gerade ein ganz anderer Hintern ziemlich breitmachte und seine Freundin in Beschlag nahm, die dagegen anscheinend nicht einmal etwas einzuwenden hatte.

Und jetzt musste er auch noch schockierenderweise feststellen, dass Haasenzahn und seine Mutter in seiner fünfundzwanzigminütigen Abwesenheit auf einmal ein Herz und eine Seele geworden waren und offenbar, zumindest wie es für seine ungläubigen Ohren klang, über ihn herzogen wie zwei Waschweiber, denen vor lauter Langeweile nichts Besseres eingefallen war, als ihn in alle Einzelheiten zu zerlegen und neu zusammenzusetzen. Na bravo, dachte Marc resignierend und ditschte seinen Kopf geräuschvoll gegen den Holzrahmen der Wohnungstür. Er wusste doch, dass es gravierende Nachteile haben würde, seine erkrankte Mutter ausgerechnet bei sich zu Hause einzuquartieren. Und damit meinte er nicht nur die Eventualität, dass sein Vater, dem er nur ungern weiter etwas vormachen wollte, auf kurz oder lang auf das Familiengeheimnis stoßen könnte, welches er hier mehr schlecht als recht vor ihm verbarg. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Er musste einen kompletten Aussetzer oder einen Schlaganfall gehabt haben, als er anstatt der Ausfahrt in Richtung Grunewald die in die Innenstadt genommen hatte. Anders konnte er sich diesen nicht enden wollenden Alptraum hier nämlich wirklich nicht erklären.

Gretchen (in fröhlicher Kicherplauderlaune): ... Na, du kennst ihn ja. Es gab, glaub ich, niemanden, der ihn je richtig durchschaut hat. Er hat ja auch selten hinter seine Fassade blicken lassen. Doch ich, ich hab schon immer mehr gesehen. Schon damals auf dem Spielplatz, als wir uns zum ersten Mal begegnet waren. Und später dann auf dem Schulhof. Ich hab mich immer an diesen ganz besonderen Momenten festgehalten. Ein einzelner Blick, eine Geste, einfach irgendwas, was nur ich sehen konnte, was nur für mich eine Bedeutung hatte. Wahrscheinlich hab ich deshalb auch so schnell reagiert. Ich hab nicht viel darüber nachgedacht, was ich da überhaupt mache, sondern hab einfach auf mein Gefühl gehört und so gehandelt, wie es uns unser Vater ein Leben lang eingetrichtert hat, dass es mittlerweile richtig in Fleisch und Blut übergegangen ist. Also zumindest bei mir, Jochens Reaktionsvermögen ist da ja eher das einer Weinbergschnecke. Aber... Was wollte ich sagen? ... Ach so! In solchen Momenten läuft so viel Adrenalin durch einen durch, da kann man gar nicht anders. Man muss einfach was tun. Zumal nicht einmal die Pausenaufsicht reagiert hat, als er plötzlich wie ein gefällter Baum umgekippt ist. Ich bin ja schon immer dafür gewesen, dass Erste Hilfe unbedingt in den Lehrplan aufgenommen werden sollte. Man weiß ja nie, was mal passieren kann. Die Lehrer haben die Tragweite gar nicht erkannt. Und da in mir schon lange der Traum gereift war, unbedingt Ärztin werden zu wollen, hab ich es einfach getan. Ich hab ihm geholfen. Du kannst dir sicherlich vorstellen, wie stolz ich war, als er wieder einen Sinusrhythmus bekam und seine Pupillen wieder isochor waren. Naja, ich glaube ja, er war noch etwas benommen, als er aufgestanden und einfach gegangen ist. Ansonsten hätte er sich bestimmt bedankt, dass ich ihn vorm Erstickungstod bewahrt habe. An einem blöden Raiders zu ersticken, wäre bestimmt kein schöner Tod gewesen. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich ihm damals oft schlimme Dinge an den Kopf gewünscht habe.
Elke (hat anfangs interessiert den gemeinsamen Jugendgeschichten von Gretchen und Marc zugehört, klammert sich jetzt aber verkrampft an ihre Teetasse fest u. schüttelt immer wieder fassungslos den Kopf): Ich kann nicht glauben, dass ich das erst achtzehn Jahre später erfahren muss. Der Junge war schon immer alles andere als verantwortungsbewusst.
Bitte? (MM)
Gretchen (legt ihre Hand an Elkes u. sieht sie mitfühlend an): Ach, was, er war einfach durcheinander und viel zu cool, um zuzugeben, dass er doch ziemlich Schiss hatte, nicht mehr aufzuwachen, um mich dann wieder unentwegt auf dem Schulhof ärgern zu können. Wer hätte diesen Job denn sonst übernehmen sollen? Karsten oder Susanne? Ja, ich gebe ja zu, dass ich viel hab mit mir machen lassen, aber es hat sich ja letztendlich gelohnt, durchzuhalten. Sonst würden wir jetzt beide nicht hier sitzen und uns endlich richtig kennenlernen, nachdem wir so einen schlechten Start miteinander hatten.

Und schon wieder verfielen die beiden Frauen in ein ansteckendes gemeinsames Lachen, ehe sie anschließend synchron ihre Teetassen wieder erhoben und an ihre Lippen führten, um sich danach freundlich gestimmt anzulächeln. Marc, bei dem sämtliche Alarmsignale schrillten wie die Sirene einer Feuerwehr im Einsatz, hatte genug gehört. Genug war einfach genug! Wo kam man denn hin, wenn sich Schwiegertöchter plötzlich mit den Müttern ihrer Partner anfreundeten? Das hatte ja schon fast apokalyptische Züge. Jede einzelne von ihnen hatte schließlich schon alleine genug Sprengkraft, ihn in den Wahnsinn zu treiben.

Marc: Ääähhhh...

...meldete sich das Objekt der innigen Unterhaltung der beiden Damen daher zu Wort, nur leider recht wenig einfallsreich und eher holprig, bevor seine dreiste Freundin noch mehr Geheimnisse, die sehr wohl Geheimnisse bleiben sollten, vor seiner Mutter kundtat, schmiss seine Joggingschuhe im hohen Bogen in die Ecke unter die Treppe und die Brötchentüte, die er schon in Ansätzen vor aufkommender Wut zerdrückt hatte, in einem gezielten Wurf in Richtung Esstisch, wo sie tatsächlich in dem dafür vorgesehenen Korb landete und zu seiner eigenen Aufmunterung zu einem hysterischen Aufkreischen der beiden Ladys führte, die gerade noch rechtzeitig ihre Teetassen in Sicherheit bringen konnten.

Marc: Genug schwadroniert, Essen fassen! Zack, zack! In fünfzehn Minuten ist Abfahrt.
Gretchen (starrt ungläubig zur Wohnungstür): Maaarc, musst du uns so erschrecken?
Elke (schaut grimmig in dieselbe Richtung): Das wollte ich auch gerade fragen.
Marc: Äh... Ist das eine Fangfrage?

...fügte der Angesprochene mit wieder gewonnenem Selbstvertrauen schlagfertig hinzu und entledigte sich gleichzeitig seines verschwitzten Joggingoberteils, sodass Gretchen gleich wieder große Augen bekam und seine Mutter nur noch mit dem Kopf schütteln konnte. Was hatte sie in der Vergangenheit nur alles falsch gemacht, dass Marc Olivier so geworden war, wie er nun mal war? Zumindest war Elke in den letzten Stunden und Minuten bewusst geworden, dass sie nun nicht mehr die Einzige war, die von ihm so behandelt wurde. Das schweißte doch schon irgendwie zusammen. Auch wenn sie insgeheim zugeben musste, dass ein Teil von ihr immer noch in gewisser Weise eifersüchtig auf Marcs Freundin war, der ihr Junge schon sein halbes Leben lang so viel Aufmerksamkeit schenkte, wie er noch nie zuvor einer Frau geschenkt hatte. Aber das würde sich bei einer liebenden Mutter wohl nie ganz legen. Ihr Blick schweifte abwesend über das reichhaltige Angebot auf dem Frühstückstisch, als sie leise das Wort erhob und damit die Aufmerksamkeit auf sich lenkte.

Elke: Für mich bitte nichts.
Marc: Wenn du jetzt wieder deine alberne Weizenantipathie anführen möchtest, dann vergiss es, Mutter. Erstens, ist die wissenschaftlich überhaupt nicht bewiesen. Und zweitens, wird in diesem Haushalt gegessen, was auf den Tisch kommt. Du brauchst die Kohlenhydrate, um nach der ganzen Scheiße wieder zu Kräften zu kommen. Also, keine Widerrede und Futterklappe auf!

...konterte der für seine Verhältnisse doch recht überfürsorgliche Sohn von Elke Fisher wenig charmant und verschwand, noch bevor sie ihm darauf antworten konnte, im nächsten Moment im Badezimmer, um zu duschen und sich für die Arbeit fertig zu machen. Elke und Gretchen schauten dem vorlauten jungen Mann nur kopfschüttelnd hinterher und dann sich wieder an.

Gretchen: Er meint das nicht so.
Elke: Kindchen, ich kenne meinen Sohn schon ein bisschen länger als du, auch wenn du meinst, ihn mittlerweile durchschaut zu haben. Er meint immer alles so, wie er es sagt. Frag nicht, wie oft ich das schon leidlich erfahren musste.

Bestätigend nickte Gretchen ihrer Schwiegermutter in spe zu, in deren Gesicht neben dem Funken Liebe, den sie für ihr Kind empfand, deutlich die Antipathie zu Marcs besserwisserischem Verhalten geschrieben stand, und widmete sich erst einmal ausgiebig der Brötchentüte, die er mitgebracht hatte. Sie zog ein Schokohörnchen heraus, über das Marcs Freundin gleich wieder schmunzeln musste und deshalb verliebt in Richtung Flur schaute, aus dem ihr Held leider schon längst verschwunden war, und reichte die Tüte dann an Elke weiter, die sich auch mürrisch ihrem Schicksal ergab und sich eins der Vollkornbrötchen schnappte, um es mit fettarmen Käse zu belegen. Schließlich verspürte sie doch in den Tiefen ihres yogaentspannten Körpers ein kleines drängendes Hungergefühl, das befriedigt werden sollte, was natürlich nicht bedeutete, dass ihr Junge Recht hatte.

Zufrieden registrierte Marc, der nach nur wenigen Minuten sein Morgenprogramm bereits wieder beendet hatte und nun in voller Oberarztmontur ganz in Weiß an der Ecke zur Küche stand, dass seine beiden Herzdamen seiner „charmanten“ Aufforderung mittlerweile brav gefolgt waren. Er begnügte sich aber im Gegensatz zu den beiden beherzt zugreifenden Damen lediglich mit einer Tasse frisch aufgebrühten Kaffees, den seine aufmerksame Süße bereits wohlwissendlich für ihn bereitgestellt hatte und den er nun am Kühlschrank lehnend genüsslich zu sich nahm, während er verliebt die attraktive Rückenansicht seiner Liebsten studierte, die ihre Haare schon für die Arbeit in einer aufwendigen Frisur hochgesteckt hatte, aus der ein paar verspielte Strähnchen hervorblitzten, die immer wieder lustig auf dem Kragen ihrer geblümten Bluse tanzten, wenn Gretchen herzhaft von ihrem mittlerweile dritten oder vierten Brötchen abbiss. Dass seine verliebten Blicke das Interesse einer anderen Dame geweckt hatten, die dem Objekt seiner unverhohlenen Schwärmereien gegenübersaß, registrierte Marc jedoch nicht. Stattdessen genoss der Chirurg noch ein bisschen die schöne Aussicht und goss sich noch eine zweite Tasse aufputschender Flüssigkeit nach, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Frisch mit Koffein aufgepumpt begab er sich fünf Minuten später gutgelaunt und voll motiviert auf den Weg zur Garderobe, wo er, nachdem er lässig in seine Schuhe und seine Winterjacke geschlüpft war, gleich ordentlich Terror machte und in gewohnter Manier unmissverständlich zum Aufbruch drängte.

Marc: Haasenzahn, genug gefrühstückt für drei! Dein Zuckerlevel reicht jetzt definitiv bis zum Dienstende. Also hopp, hopp, komm in die Puschen! Ich will Messer wetzen.

Augenrollend stand Gretchen nach dieser urmeierischen Ansage von ihrem Platz auf und verabschiedete sich von Elke, der sie einen vielsagenden Blick zuwarf, ehe sie zu Marc aufschloss, den sie nun extragrimmig anschaute, um ihn für sein unmögliches Verhalten zurechtzuweisen, das er heute mal wieder bravourös an den Tag legte, um sie und seine Mutter zu ärgern.

Gretchen: Was machst du denn schon wieder so eine Hektik, Marc? Wir haben doch noch bärig viel Zeit. Und du könntest ruhig ein bisschen netter zu deiner Mutter sein, wenn du sie schon hier einquartierst.
Marc (wackelt verdächtig mit seinen beiden Augenbrauen u. beugt sich grinsend ein Stück weit zu ihr vor): Haasenzahn, mein zweiter Vorname ist nett.
Gretchen (kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als sie kontert): Oh, und ich dachte, der wäre Olivier?
Marc (blitzt sie an u. kommt ihr gefährlich nahe): Und wenn wir schon dabei sind, nett, meine Liebe, bin ich am allerliebsten zu dir.

...raunte Marc seiner vorlauten Herzdame verheißungsvoll ins Ohr, sodass ihr gleich ganz anders wurde und eine Gänsehaut ihren gesamten Körper überzog. An den Kragen seines dunkelblauen Mantels geklammert, blickte sie sich kurz noch einmal um. Natürlich wurden die beiden intensiv beobachtet. Deshalb konnte Gretchen Marcs Nähe und seine Andeutungen nicht ganz so genießen, wie sie es gerne gewollt hätte.

Gretchen (flüstert): Maaarc, bitte, deine Mutter.
Marc: Ich bin mir ihrer Anwesenheit durchaus bewusst. Was denkst du denn, warum ich sonst eher los möchte? Ganz bestimmt nicht, weil jetzt schon in der Notaufnahme der Teufel los ist. Sprechstunde ist erst später und das gilt auch für sie.

...fügte Marc noch augenzwinkernd hinzu, damit es auch endlich bei der Blitzmerkerin vom Dienst ankam. Ihr strahlendes Lächeln war ihm Antwort genug. Und so genoss er weiterhin den Anblick seiner überaus „geschickten“ Freundin, die mühsam in ihre Wildlederstiefel schlüpfte und um dabei nicht umzufallen, ihn als Stütze missbrauchte, was er sich gerne gefallen ließ, weil er sie so ungeniert anfassen durfte, ohne gleich eine gewischt zu bekommen. Endlich hatte es Gretchen geschafft und er konnte ihr gentlemanlike in ihre Jacke helfen, was sie mit einem zauberhaften Lächeln quittierte, das die Armada an Schmetterlingen in seinem Bauch ungeplant in Flugbereitschaft versetzte. Mit beiden Händen hielt Marc sich nun an den Enden von Gretchens Häkelschal fest, den sie gerade um ihren grazilen Hals wickeln wollte, und blickte sie verliebt an. Als er aber im Augenwinkel registrierte, dass sie immer noch von seiner Mutter observiert wurden, die ganz gerührt und fasziniert von dem liebevollen Umgang der beiden war, drängte er seine Liebste mit einem Klaps auf den Po dann doch schnell zur Tür. Aber auf Gretchen war mal wieder Verlass. Hätte sie doch beinahe die beiden Geschenkpakete für Dr. Hassmann und Schwester Sabine und ihre Handtasche vergessen. Augenrollend folgte er mit seinen Blicken dem süßen Hinterteil, welches nun sexy wackelnd die Holztreppe emporhetzte. Er nutzte diesen Moment, um noch einmal das Wort an seine Frau Mama zu richten, die ihn mit einem seltsam verklärten Blick anstarrte, den er so gar nicht von ihr kannte und der ihn etwas verwirrte.

Marc: Wir haben bis in den späten Nachmittag Dienst. Fühl dich wie zu Hause, Mutter, aber komm bloß nicht auf die dämliche Idee, deinen Esoterikhang an unserer Wohnung auszuprobieren, falls dir langweilig werden sollte. Ying und Yang sind hier nämlich in Kombination mit der nötigen Portion Haasschen Chaos genau richtig so. Hast du gesehen, wir haben jetzt sogar einen Fisch?
Elke (verleiert die Augen, als sie etwas antworten will): Marc Olivier...
Marc (lässt sie gar nicht erst zu Wort kommen): Ja, ja, und bevor du’s vorschlägst, abhauen is nicht. Einsame Luxushütten im Wald sind tabu. Und Finger weg von ner Standleitung ins Lektorat. Die müssen nicht wissen, dass du wieder im Lande bist. Du ruhst dich aus und pennst von mir aus noch ne Runde. Gestern war ein scheißlanger Tag und du solltest ruhig noch was chillen. Das war jetzt ne ärztliche Anweisung. Verstanden? Ich nehme deinen Wagen, bis sich das mit meinem geklärt hat und ich nen neuen hab. Ach Scheiße, darum muss ich mich ja auch noch kümmern. Mist, verdammter! Es fällt auch echt alles zusammen.
Elke (fixiert ihren Sohn mit strengem Blick, protestiert aber nicht gegen seine dreiste Bevormundung): Hast du nicht behauptet, als du mich hierher gebracht hast, du würdest mich nicht einsperren wollen?
Marc (gespielt unschuldig guckt er in die Luft u. dann sie wieder an): Wann hab ich das je behauptet, Mutter, hmm?

...stellte Marc eine rhetorische Frage in den Raum, auf deren Beantwortung er wohlmöglich noch ewig würde warten müssen, denn im gleichen Moment kam seine süße Prinzessin wieder die Treppe heruntergepoltert und stolperte mit ihren hohen Haken natürlich gleich über ihre auf der Treppe liegende Handtasche direkt in seine Arme.

Gretchen: Ich hab alles. Wir könn... Huuuch!
Marc (sieht den Tollpatsch, der sichtlich bequem in seinen Armen liegt, amüsiert an, richtet ihn langsam wieder auf u. blickt dann noch mal zu Elke rüber, die bei dem Stunt ihrer Schwiegertochter in spe den Atem angehalten hat): Wirklich? Auch an Kopf und Füße ist gedacht?
Gretchen (beleidigt befreit sie sich aus seinem Klammergriff, schnappt sich ihre Tasche u. die Geschenktüten, reißt die Tür auf u. verschwindet schmollend im Hausflur): Haha! Tschüss Elke! Bis später! ... Kommst du jetzt endlich, Marc! So ewig haben wir dann doch nicht Zeit.
Marc (grient in Richtung Elke, die das Schauspiel sprachlos verfolgt hat): Den Tonfall kenn ich irgendwoher. Hähä! Ach und Mutter, gegen Mittag hol ich dich ab. Dann checken wir dich in der Klinik noch mal ordentlich durch und besprechen mit dem Kaan und der Steigerle den Regenerationsplan für die nächsten Wochen und Monate.

Ohne eine Antwort abzuwarten, die definitiv in einem lautstarken mütterlichen Protest geendet hätte, ließ Marc seine Mutter im heimischen Wohnzimmer stehen und war aus der Tür verschwunden, die hinter ihm mit einem lauten Knall ins Schloss fiel. Der Junge konnte aber auch unmöglich sein, dachte die Mittfünfzigerin fassungslos und ließ sich zurück auf ihren Stuhl fallen. Was sollte sie machen? Sich noch mehr aufzuregen, brachte doch eh nichts, außer einen hohen Blutdruck, der momentan Gift für sie war. Sie hatte sich nun mal für seinen Weg entschieden und dieser war, auch wenn sie es nur ungern zugeben wollte, der einzig wahre, um aus dem ganzen Schlamassel wieder herauszukommen, in das sie sich in ihrer Panik und der anschließenden Resignation hineinmanövriert hatte. Sie brauchte diesen Fußtritt. Und sie würde das jetzt auch durchziehen, bis sie vollends genesen sein würde. Auch wenn ihr das sehr viel Nervenstärke abgewinnen würde. Gerade, wenn sie diese Rehastätte, die weder über Ying noch über Yang verfügte, wie ihr ihre Feng-Sui-Nase schon längst verraten hatte, mit diesen beiden Chaoten teilen musste, die über so viel Sprengkraft verfügten, wie eine Atombombe Schaden anrichten konnte.

Und diese Haltung, mit Ausnahme der bescheuerten Feng-Sui-Note, teilte Elke Fisher auch mit ihrem Sohn, der immer noch mit einem schmollenden Haasen konfrontiert war, der seit der Fahrt aus dem hauseigenen Parkhaus noch immer kein Wort mit ihm gewechselt hatte und ihn ignorierend stur aus dem Beifahrerfenster starrte. Dabei hatte er doch gar nichts weiter gemacht, außer Gretchen mal wieder auf zweierlei Art und Weise hochgenommen zu haben. Aber der Prinzessin auf der Erbse konnte man es offenbar gar nicht Recht machen. Das war nun wirklich nichts Neues für ihn. Außer vielleicht das Durchhaltevermögen, welches Haasenzahn heute an den Tag legte. Es kam schließlich selten genug vor, dass sie mal länger als eine Viertelstunde ihre dauerunsinnquasselnde Zuckerschnute hielt. Vielleicht sollte er diesen Moment der wohltuenden Stille genießen, solange er anhielt, anstatt sich darüber aufzuregen und damit noch die letzten Reserven zu verschwenden, die er gerade erst beim Joggen aufgefüllt hatte. Schließlich stand ihnen ein langer und anstrengender Arbeitstag bevor. Nur noch drei Straßen und sie würden am Elisabethkrankenhaus eintreffen. Eigentlich hatte er da noch auf ein paar stressfreie Minuten gehofft, ehe der Alltag sie wiederhaben würde, aber die würde er sich schon noch holen. Darauf konnte Haasenzahn so was von Gift nehmen, beschloss Dr. Meier hämisch grinsend und ließ seine Grübchen tanzen, die nun auch tatsächlich als Spiegelbild an der Beifahrerscheibe von Gretchen verwundert registriert wurden, die daraufhin langsam ihren Kopf in seine Richtung drehte, während er ganz gebannt auf die Ampel schaute, die gerade auf Grün schaltete. Er konnte also wieder Gas geben und fuhr mit quietschenden Reifen seinem Ziel entgegen.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

14.02.2014 14:19
#1466 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Diese „Auszeit“ der besonderen Art, die im Kopf von Marc Meier immer mehr Formen und Farben annahm, je näher er seiner geliebten Arbeitsstätte kam und je länger seine bockige Assistenzärztin eine hinreißend süße Schmollschnute zog, die man einfach nur wegküssen wollte, nutzte im selben Moment gerade auch ein ganz anderes Pärchen, das ebenfalls aussichtsreich den jährlich nicht verliehenen Preis des goldenen Skalpells für das Traumpaars des Berliner Elisabethkrankenhaus anvisierte. Und zwar ausgiebig und so innig und sauerstoffsparend, dass man mittlerweile von außen gar nichts mehr im Innenraum des geparkten dunkelgrünen Mercedes erkennen konnte. Mal abgesehen von dem kleinen Herzchen, das ein Männerfinger gerade stilvoll an die beschlagene Beifahrerscheibe kritzelte.

Mehdi: Wollen wir... nicht langsam reingehen?
Gabi: Nö! Mir ist noch nicht nach Desinfektionsmittelgeruch, kreischenden Müttern und neidischen Schwestern.

...antwortete Schwester Gabi keck auf die Frage ihres geliebten Oberarztes, der sich immer noch ganz nah vor ihrem Gesicht über ihren Sitz gebeugt befand und sie mit seinem ansteckenden Strahlelächeln, das sich in dem Augenblick auf seine Mundwinkel legte, schon wieder in Versuchung führte. Sie konnte gar nicht anders, als ihn erneut so heiß und innig zu küssen, bis sämtliche medizinischen Gerätschaften angeschlagen wären, wenn sie denn welche dabeigehabt hätten, weil die Sauerstoffsättigung rapide nachließ, während das seltsame Flattern in der Magengegend allmählich gefährliche Züge annahm. Atemlos sank der Halbperser auf seinen Sitz zurück und blickte verklärt zur Seite, wo der Grund für seine anhaltenden Herzrhythmusstörungen saß. Seine Gabriella Bella, wie er seine Freundin neuerdings neckisch nannte, die ihr bildhübsches Gesicht auf ihren gefalteten Hände gebettet gegen die Rücklehne ihres Sitzes gedrückt hielt und ihn so hinreißend aus ihren funkelnden dunkelgrünen Augen anlächelte, dass er sich auf der Stelle zum einhundertmillionsten Mal in sie verliebte. Das Gefühl, welches Gabis zauberhaft verträumter Anblick in ihm auslöste, war wie eine Droge für ihn, von der er nicht genug bekommen konnte. Es machte definitiv süchtig.

Mehdi: Du strahlst heute so. Hat das einen bestimmten Grund?
Gabi (ihr Strahlelächeln wird noch einen Ton heller): Ja, so ein Wochenende nur im Bett hat tatsächlich heilsame Wirkung, auch wenn es mit der Zeit doch etwas eng geworden ist und ich mittlerweile sämtliche Disneystreifen auswendig kenne.
Mehdi (strahlt ebenfalls über beide Backen): Und trotzdem gibt es für mich nichts Schöneres auf der Welt, als neben meinen beiden Herzdamen aufzuwachen.
Gabi (streicht sich verschwörerisch über den Bauch unter ihrer Jacke, während sie Mehdi mit ihren Funkelblicken fixiert): Hast du nicht eine vergessen?
Mehdi (legt lachend seine Hand auf ihre an den Bauch u. sieht Gabi schwerverliebt an): Du bist dir ziemlich sicher, dass es ein Mädchen wird?
Gabi (blickt ihn sehr von sich selbst überzeugt an u. lässt keine Zweifel gelten): Als Frau und werdende Mutter weiß ich das einfach. Ich spüre das.
Mehdi (beißt sich auf die Lippen, um nicht laut loszuschmunzeln): Soso! Und was dein Gynäkologe des Vertrauens dazu zu sagen hat, das interessiert dich gar nicht, hmm?
Gabi (streckt ihm kurz frech die Zunge heraus u. lacht): Der Herr Doktor hat es erfasst. Es sei denn, er hat neuerdings einen Test entwickelt, der jetzt schon verrät, was es wird.
Mehdi (beugt sich grinsend zu ihr heran u. stupst ihr mit dem Zeigefinger an die Nasenspitze): Die Patientin muss sich wohl oder übel noch gedulden. Meinst du, sie schafft das?

Leider nein! Ich bin die ungeduldigste Person, die ich kenne.

Gabi (zieht eine Schnute u. lehnt sich wieder in ihren Sitz zurück): Ihr Götter in Weiß seid auch nicht mehr das, was ihr mal ward.
Mehdi (lehnt sich lachend mit seinem auf seinen Händen gebetteten Kopf seitlich gegen den Sitz u. sieht sie voller Liebe an): Die Morgenmuffeline ist heute Morgen ja wirklich ziemlich gut drauf. Das gefällt mir.
Gabi (rutscht wieder heran u. nimmt dieselbe Sitzposition ein, bis sich ihre Nasenspitzen fast berühren): Ich hab mir ja auch anderthalb Tage lang nicht mehr die Seele aus dem Hals gekotzt. Das macht schon viel aus. Und weißt du, was total verrückt ist? Ich hab sogar richtig Bock auf die Arbeit heute. Ich könnte Bäume ausreißen, wenn die alle nicht gerade mit einer fetten Eisschicht überzogen wären.
Mehdi (schmunzelnd): Tja, was so ein bisschen Ernährungsumstellung doch bewirken kann.
Gabi (zieht ihre grinsenden Mundwinkel zu einer wenig überzeugenden Schmollschnute zusammen): Oller Besserwisser!
Mehdi (lacht u. gibt seiner Freundin einen kurzen Kuss auf den süßen Schmollmund): Selber! Und? Gehen wir nun rein oder nicht? Es wird langsam kalt hier draußen.
Gabi (beugt sich zu ihm rüber u. legt ihre warme Hand an seine kalte stoppelige Wange, die sie so gerne mit ihren Fingern entlangfährt): Also mir ist noch total warm. Ich dachte eigentlich, dass das an deiner Anwesenheit liegen würde. Ich sollte noch mal austesten, ob das stimmt.
Mehdi (sieht aufgewühlt in ihren auffunkelnden Augen hin und her): Unbedingt!

Gabi (kurz vor der zarten Lippenberührung zieht sie ihren Mund jedoch noch mal zurück): Man lässt mich ja neuerdings nicht mehr, seitdem deine Tochter jeden Morgen mit ihrer Barbiedecke zu uns ins Bett krabbelt.
Mehdi (denkt mit verklärtem Blick an seine süße kleine Tochter u. ihr Grinsegesicht, wenn er neben ihr die Augen aufschlägt): Ja, das ist so ein Ritual zwischen uns. Gerade an Wochenenden, wenn sie eigentlich ausschlafen darf. Aber dass sie das macht, zeigt auch, wie sehr sie dich mittlerweile mag.
Gabi (sieht ihn unsicher an): Meinst du?
Mehdi (nickt zustimmend, um Gabi die Unsicherheit zu nehmen, die sie immer noch im Umgang mit seiner Kleinen hat): Ich weiß es. Lilly ist ein sehr empathisches Kind. Wenn sie die Nähe zu jemandem sucht, dann zeigt das, wie sehr sie jemanden schon in ihr Herz gelassen hat. Und ist man erst mal da drin, lässt sie einen nicht mehr so leicht wieder los. Oder warum sonst hat sie sich am Wochenende so aufopferungsvoll um dich gekümmert, hat dir vorgelesen, dir deinen Tee gebracht und mit dir ihre gesamte Disney-Kollektion durchgeguckt, bis auch du mitsprechen konntest, und hat dich mit ihrem Bibi-Blocksberg-Zauberstab „gesund“ gezaubert?

Ja, das war schon süß.

Gabi (lächelt, als sie daran zurückdenkt, u. blickt Mehdi direkt in die Augen): Darin ist sie wie du. Also im Kümmern und so.
Mehdi (ein verlegenes Lächeln huscht über seine Lippen): Du musst nur „stopp“ sagen, falls ich zu sehr in den Beschützermodus fallen sollte. Ich nehme mich ja schon mehr zurück, als ich eigentlich möchte. Nennen wir es Berufskrankheit gepaart mit einer Überdosis an Vaterhormonen, die mich etwas übereifrig werden lassen.
Gabi (augenzwinkernd grient sie ihn an): Nur etwas?
Mehdi (gespielt schockiert guckt er sie an): Hey! Ich hab mich im Griff.
Gabi (zieht ihn auf): Ja, so im Griff wie neulich bei deinen Eltern. Deine Mutter musste mich an der Haustür nur einmal anschauen und wusste sofort, dass da was im Busch ist. Dein Stottern war da wirklich sehr hilfreich.
Mehdi (streicht sich verlegen über seinen Dreitagebart, muss dann aber auch schon wieder darüber lachen): Oh, das... das liegt bei uns in der Familie. Also zumindest im persischen Teil davon. Meine Mutter braucht eine Frau nur anzusehen und sie weiß, ob sie schwanger ist. Das war schon bei ihrer Schwester so und bei ihren Nichten auch. Und erst bei meiner Großmutter, Gott hab sie selig. Die hat ganze Dörfer aufgemischt mit ihren Vorhersagungen.
Gabi (zieht die Augenbrauen nach oben): Das ist ja richtig unheimlich.
Mehdi (lacht): Nein, das ist eine Gabe. Aber wie gesagt, falls es dir mal zu viel werden sollte, dann...
Gabi (lächelt den charmanten Mann verliebt an u. schmiegt sich an seine Brust): Nein, ich... ich fühl mich grad sehr wohl so. Wirklich.
Mehdi (streicht ihr verliebt über die Wange): Das macht mich sehr glücklich, zu hören.

Gabi (genießt Mehdis Nähe sehr u. schaut nachdenklich wieder zu ihrem Schatz empor, der sie in seinen starken Armen hin und her wiegt): Weißt du, was du über Lilly gesagt hast, das bedeutet mir wirklich viel. Und ich denke, ich... ich hab sie mittlerweile auch sehr lieb gewonnen und eigentlich nervt es mich auch gar nicht so sehr, wenn sie morgens zu uns ins Bett krabbelt, um zu kuscheln oder Trickserien zu gucken. Es ist nur manchmal... ein klitzekleines bisschen peinlich, wenn ich dabei unter der Decke gar nichts anhabe. Und naja, ich hab jetzt diese Hormonbombe hier drin, die mich immer unberechenbarer macht, und ständig muss ich daran denken... Also, das klingt jetzt vielleicht etwas egoistisch von mir, aber ich hab momentan sehr, sehr, sehr viel Lust auf di...ähm... auf mehr... Zweisamkeit. Wenn du verstehst? Ich hab mich noch gar nicht richtig für dein Geschenk bedanken können, weil du's gleich wieder verstecken musstest, weil Lillyfee mal wieder reinmarschiert gekommen ist.
Mehdi (kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, weil seine Freundin sich sehr bemüht, die Direktheit, die sie sonst immer an den Tag legt, zu umschreiben): Na, wenn das so ist, dann kommt es uns wohl gelegen, dass mein Augenstern heute den Nachmittag bei seinen Großeltern verbringen wird. Falls hier nichts Gravierendes dazwischenkommen sollte, vielleicht kann dein Chef dir ja heute eher freigeben. Ach, wie gut, dass ich dein Chef bin.
Gabi (grient ihn an u. bohrt ihren Zeigefinger immer wieder gegen die Brusttasche seines dunklen Parkas): Ich nagele dich daran fest, mein Lieber. Der olle Knausel gibt mir eh viel zu selten frei.
Mehdi (klappt die Mundwinkel auf): Hohoho! Das sind ja ganz neue Töne für jemanden, der auf Teufel komm raus nicht schwanger behandelt werden möchte.
Gabi (funkelt ihn an): Ja, das gilt für den Bereich ab da vorne, wenn wir den Klinikeingang betreten haben. Zuhause darfst du mich gerne von Kopf bis Fuß verwöhnen. Ich bestehe sogar darauf.
Mehdi (blickt sie verheißungsvoll an): Das Versprechen kann ich dir geben.
Gabi (ein kurzer Blick auf das Klinikgebäude genügt u. ihr strahlendes Lächeln verschwindet): Nee, lieber nichts versprechen, Mehdi, dann kommt garantiert was dazwischen. Du kennst den Laden doch. Man hat den Kittel schon ausgezogen und sich umgezogen und die Apokalypse bricht los.
Mehdi: So schlimm?
Gabi (zieht eine Schnute): Schlimmer!
Mehdi (lächelt verklärt u. zieht sie wieder zurück in seine Arme): Na, komm her, Maus! Ein paar Minuten haben wir noch. Hab ich dir heute eigentlich schon gesagt, wie sehr ich dich dafür liebe, dass du bist, wie du bist.
Gabi (ihr Herz springt über vor Glück, als sie seine aufrichtigen Worte auch in seinen Augen liest): Küss mich lieber und zeig es mir!

Wie hätte Mehdi dieser charmanten Aufforderung widerstehen können? Zärtlich umfassten seine Hände Gabis Gesicht und schon versank das Liebespaar wieder in einem innigen, nicht enden wollenden Kuss, der ihre beiden Herzen höher schlagen ließ. Nur ein Geräusch war lauter als das gleichmäßige Wummern des Herzmuskels in ihrer Brust. Nämlich das sonore Hupen eines Autos hinter dem Mercedes, das Gabi Kragenow und Mehdi Kaan abrupt aus ihrer „Auszeit“ vor der Dienstzeit riss.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

19.02.2014 14:11
#1467 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Gabi: Was ist das denn für ein bekloppter Idiot?

...stöhnte die schöne Krankenschwester entnervt auf, als sie missmutig ihre Lippen und Hände von ihrem Freund löste, der gerade ebenso sparsam aus der Wäsche schaute wie sie selbst, und auf ihren Sitz zurückrutschte. Da Mehdi wegen der angelaufenen Autoscheiben nichts im Rückspiegel erkennen konnte, ließ er die Seitenscheibe herunter, um auf diese Weise herauszufinden, wer hier gerade ein Terrorhupkonzert der Sonderklasse vor dem Krankenhaus veranstaltete, welches vermutlich sämtliche Patienten, die noch nicht wach waren, auch die noch im Koma liegenden, aus ihrem Gesundheitsschlaf gerissen hatte. Den schwarzen Sportwagen, der sich quer hinter seinen Mercedes gestellt hatte, identifizierte Mehdi recht schnell. Ebenso die hübsche Begleiterin des nervenden Autofahrers, die vor lauter Peinlichkeit immer mehr auf ihrem Sitz zusammensank, bis man nur noch ihre blonden hochgesteckten Locken erkennen konnte, sowie den Fahrer selbst, der ihn erst mit einem finsteren, dann zunehmend mit seinem üblichen grinsenden Blick fixierte und der offenbar gar nicht daran dachte, seine Chirurgengriffel wieder von der Hupe zu nehmen, welche allmählich immer mehr Mitarbeiter des EKHs aufschreckte, die gerade ebenfalls ihren Frühdienst antreten wollten und nun vorm Eingang stehen geblieben waren, um in die Richtung der reservierten Oberarztparkplätze zu gaffen.

Mehdi: Marc!

...entfuhr es Mehdi murmelnd und er kam nicht umhin, die Augen zu verdrehen, weil sein bester Freund mal wieder einen Glanzauftritt hingelegt hatte. Für öffentlichkeitswirksame große Auftritte war Dr. Meier ja schon immer bekannt gewesen. Und nach diesem Manöver wusste wahrscheinlich jetzt auch der letzte Angestellte im EKH, dass der große Gott in Weiß wieder seine Aufwartung machte und man sich ab sofort wieder in Acht nehmen musste, von ihm schikaniert und diszipliniert zu werden. Kaum hatte Dr. Kaan diesen Namen ausgesprochen, vernahm auch Schwester Gabi die unverkennbare Stimme ihres verhassten Ex-Verlobten, die sie nach den angenehmen letzten drei meierfreien Wochen gehofft hatte, nie wieder hören zu müssen, in bekannter Manier über den Parkplatz motzen.

Marc (lehnt lässig aus dem Fenster u. gestikuliert mit seinem Arm in Richtung Mehdi): Sag mal, KAAN, hast du während deiner neuen Lieblingsfreizeitbeschäftigung das ABC verlernt, womit ich übrigens NICHT Abschleppen, Bumsen und Chillen gemeint habe, sondern das echte ABC, also aneinander gereihte Buchstaben, die EINEN Namen ergeben, oder wieso blockierst DU mit deiner Schrottkarre MEINEN Parkplatz? Lesen ist deutlich von Vorteil, du BLINDSCHLEICHE. Auf dem Schild steht eindeutig MEIN Name und ich wüsste nicht, dass meine Mutter dich neuerdings adoptiert hätte. Unsere Blutsbrüderschaft, seitdem ich dir in der Uni Blut gespendet habe, reicht mir nämlich völlig. Also fahr deinen fetten Arsch da weg, aber subito! Die FRAUENPARKPLÄTZE sind übrigens da hinten, Kumpel.
Gretchen (versucht vergeblich das Schlimmste zu verhindern u. redet mit Händen und Füßen auf den wüsten Sprücheklopfer ein): Marc, bitte, muss das jetzt sein? Alle gucken schon.
Marc (drückt noch einmal extra auf die Hupe, so dass die eine oder andere verschreckte Lernschwester, die gerade über den Parkplatz schwebt, schnell das Weite sucht, u. richtet seine Grinsemiene nun wieder auf das zarte Persönchen neben sich im Auto): Oh, es spricht! Wie schön! Und ich dachte schon, du hättest dein gewaltiges Stimmorgan mit Nutella zugekleistert und aufgefuttert.
Gretchen (wird immer wütender u. läuft dementsprechend rot an): Maaarc!
Marc (rollt mit den Augen u. deutet beleidigt in Richtung Mercedes vor ihm): Boah... Wenn der unbedingt mit seinem fetten Hintern MEINEN Stammplatz blockieren muss. Eh, ich hab drei Jahre gebraucht, bis ich den bewilligt bekommen habe, und der krallt sich einfach alles, während ich weg bin.
Gretchen (stöhnt entnervt auf u. blickt entschuldigend in Richtung Mehdi, der sich stark bemüht, sein Grinsen zu unterdrücken): Das hat er doch sicherlich nicht mit Absicht gemacht.
Marc kann so ein Kleinkind sein! GRRR!!! Ich verrate ihm lieber nicht, dass Mehdi die gesamten drei Wochen da geparkt hat. Auf meine Erlaubnis hin. Schließlich hat er mich freundlicherweise jeden Tag mitgenommen, wenn wir gemeinsam Dienst hatten.
Marc: Und ob! Die Hexe, die ihn total verhext und versext hat, sitzt doch neben ihm.

Nachdem er sich sehr zum Ärger von Gretchen, deren Wunsch nach einer doppelten Dosis Nervennahrung in Form zartester Zartbitterschokoladenform mit jedem Schimpfwort mehr immer größer wurde, erst einmal ordentlich darüber ausgelassen hatte, dass das nun mal sein hauseigener Parkplatz war, der weder von einem Skateboard noch von einer schrottreifen Familienkarre blockiert werden durfte, registrierte Dr. Meier zufrieden, dass sein bester Freund endlich die Handbremse gefunden hatte, diese gelöst und seinen Wagen langsam zurückgefahren hatte und damit endlich das Schild mit seinem Namen wieder freigegeben hatte, das mit Schneematsch bedeckt war und dringend von einem seiner Anfänger auf Hochglanz poliert werden sollte. Mit immer noch heruntergelassener Seitenscheibe blieb der Frauenarzt neben dem Porsche stehen und sprach Marc prompt frech an, der damit gar nicht gerechnet hatte, weil er noch genüsslich in seiner Selbstgefälligkeit badete...

Mehdi: Tut mir leid mit deinem Parkplatz, war heute Morgen knapp dran. Aber ich freu mich auch sehr, dich zu sehen, Marc.
Marc (mustert misstrauisch die Person neben Mehdi, die ihn mit finsteren Blicken traktiert): Ja, ja, papperlapapp! Wohl eher zu früh, wenn du mich fragen willst? Hähä!

Diese Spitze konnte Marc sich einfach nicht entgehen lassen. Denn es kribbelte viel zu sehr in seinen Fingerspitzen. Zumal seine verhasste Ex-Verlobte auch sofort darauf ansprang und nun mit Giftpfeilen um sich warf, welche, da sie ja eine Frau war, die vom Biathlonsport und Zielen auf Scheiben noch weniger verstand als ein Pinguin vom Fliegen, natürlich nicht trafen. Er griente noch einmal hämisch in den Mercedes hinein, legte dann lässig den ersten Gang ein und bog schnell mit quietschenden Reifen in seine Parklücke ein, während ein kopfschüttelnder Gynäkologe seinen eigenen Wagen etwas weiter hinten auf dem hauseigenen Parkplatz des Elisabethkrankenhauses abstellte. Dem vergnügten Oberarzt störte es eigentlich nicht sehr, dass die Hierarchien hier im Krankenhaus etwas ungerecht verteilt waren, seine Freundin dagegen umso mehr, denn diese ließ ihrem Ärger nun freien Lauf und polterte ungehalten über den Machoarsch vom Dienst, der ihr die gute Laune verhagelt hatte.

Gabi: So ein blöder Idiot! Ich wusste doch, dass heute noch was dazwischenkommen würde. Ausgerechnet der! Hätte er nicht bleiben können, wo der Pfeffer wächst. Es war so angenehm ohne ihn. Kein Rumgenöle und Geschrei auf der Station. Keine verängstigten Gesichter der Schwestern und Anfänger. Keine doofen Sprüche unter der Gürtellinie. Und wir konnten gleich da vorne am Eingang parken, was bei schlechtem Wetter echt von Vorteil gewesen ist. Na toll, schlechtes Wetter haben wir jetzt trotzdem. Das Tief Meier ist wieder aufgezogen und sorgt gleich mal wieder für schlechte Stimmung. Du hättest ihm ruhig etwas mehr Kontra geben können, Mehdi. Du lässt dir viel zu viel von dem Arsch gefallen.
Mehdi (von nichts und niemanden aus der Ruhe zu bringen): Ach was, das war doch nur der übliche Meiersche Humor, den ich echt vermisst habe. Und je gemeiner Marc ist, desto mehr zeigt er doch, wie gerne er einen hat.
Gabi: Ja, ja, sicher, dann muss er mich damals ja wirklich sehr geliebt haben, als wir mehr oder weniger zusammen waren.

...erwiderte Gabi zynisch auf Mehdis „Liebeserklärung“ an seinen besten Freund, die sie absolut nicht nachvollziehen konnte. Sie schulterte ihre stylische Handtasche und sprang motzend aus dem Wagen, noch bevor Mehdi aussteigen konnte, um um das Auto herumzulaufen, um gentlemanlike wie immer ihre Tür zu öffnen. Seufzend folgte der Halbperser seiner süßen Motzqueen quer über den Parkplatz und hatte sie schnell auf halber Strecke wiedereingeholt, am Unterarm gepackt und zu sich herumgewirbelt, so dass sie direkt in seine Arme stolperte, in denen sie sanft, aber ungewollt landete. So hielt er die widerspenstige Frau mit hinter ihrem Rücken verschränkten Armen fest und schaute ihr dabei ganz besonders intensiv in ihre wutaufblitzenden Augen. Ein herausfordernder Dackelblick, den er besonders gut zu seinem Vorteil einzusetzen wusste und der ihre Knie gleich wieder butterweich werden ließ und sämtlichen Ärger auf der Stelle verpuffen ließ. Die verliebte Krankenschwester konnte gar nicht anders, als sich wieder an ihn heranzuschmiegen wie ein Kätzchen auf Schmusekurs. Mehdi küsste seine Liebste zärtlich auf die ihm bereitwillig entgegen gereckten Lippenspitzen, legte dann seinen Arm um ihre Taille und so schlenderte das Paar schließlich lächelnd in Richtung Haupteingang des Klinikums, wo kurz vorm Schichtwechsel bereits reges Treiben herrschte. Vor dem schwarzen Sportflitzer, der sich dreist in ihre Parklücke gedrängt hatte, blieben die beiden jedoch stehen, auch wenn Gabi im Gegensatz zu Mehdi nicht sehr viel Lust auf eine weitere Konfrontation mit dem Oberarsch der Station hatte.


Dieser war jedoch gerade viel zu beschäftigt, um seine heimlich herannahenden Beobachter überhaupt zu registrieren. Und seiner zickigen Begleitung, die ihm gerade stoisch die kalte Schulter zeigte, ging es da auch nicht viel anders. Sie war sauer, richtig stinksauer, um genau zu sein, weil Marc den Morgen, der so schön begonnen hatte, wiederholt kaputtgemacht hatte mit seinem gehässigen aufmüpfigen Verhalten seinen Mitmenschen gegenüber. Dabei hatte Gretchen ganz vergessen, dass ihr Traumprinz in der weißen Ritterrüstung auch diese dunkle Seite eines schwarzen Raubritters besaß, die er es liebte, immer wieder überzustreifen, wenn ihm der Sinn danach war. Seiner Meinung nach hatte Spaß nämlich überhaupt keine Grenzen. Und dieser kleine Zwist mit seinem liebsten Kumpel und dessen nervendem Anhängsel hatte definitiv so was von Spaß gemacht. Fast so viel wie die kleinen alltäglichen Kabbeleien mit der süßen Zimtzicke neben sich, die nun doch aufbegehrte.

Gretchen: Marc, du hast dich unmöglich aufgeführt. Weißt du das?
Marc (setzt seine coole Unschuldsmiene auf): Ach was, das waren doch Peanuts. Ich hab Mehdi doch bloß ein bisschen gefoppt. So zur Begrüßung. Damit er sich gleich wieder an mich gewöhnt. Da steht er doch drüber. Er weiß, wie es gemeint war.
Gretchen (ihr Kopf schießt wütend herum u. sie guckt den Sprücheklopfer augenfunkelnd an): Das nennst du ein bisschen? Du hast das gesamte Krankenhaus wach gemacht mit deinem blöden Theater.
Er kann froh sein, dass Papa das nicht mitgekriegt hat. Der hätte mit ihm kurzen Prozess gemacht. Und das hätte er wirklich verdient. Das war so albern und peinlich eben.
Marc (zuckt mit den Schultern): Na und? Es ist eh gleich Visite. Der Frühstücksservice müsste doch auch schon durch sein. Die sind schon wach. Und wenn wir gerade beim Thema „unmögliches Verhalten“ sind, Haasenzahn. Wer hat denn hinter meinem Rücken mit meiner Mutter über mich gelästert? Das nenn ich mal Hochverrat.
Was? Der spinnt doch! Ich hab doch gar nichts gemacht.
Gretchen (klappt ungläubig den Mund auf, weil Marc plötzlich den Spieß umdrehen will): Wir haben uns unterhalten, Marc, mehr nicht. Das tun zivilisierte Menschen gelegentlich. Ach, ich vergaß, dir ist das ja fremd, du bist ja in einer Höhle unter Wölfen aufgewachsen.
Marc (funkelt die vorlaute Göre sauer an): Du hast mich bloßgestellt!
Gretchen (kann darüber nur den Kopf schütteln u. schlägt den Spielball zurück): Jetzt übertreibst du aber, Marc. Außerdem, wer wen bloßgestellt hat, das ist hier noch die Frage. Ich stehe vor deiner Mutter auch nicht glücklich da nach deinen ganzen Anspielungen und dummen Sprüchen.

Boah, jetzt übertreibt sie aber. Sie ist mir doch in die Arme geplumpst und nicht umgekehrt. Das war doch quasi eine Einladung, um was zu sagen.

Marc (sieht sein zickiges Mädchen eindringlich an): Haasenzahn, es geht hier ums Prinzip. Unsere Geschichten gehen niemanden was an.
Gretchen (hält seinem Blick eisern stand): Elke ist nicht niemand, Marc, sie ist deine Mutter und sie interessiert sich für dich.
Marc (seine Stimme rutscht eine Oktave nach oben): Ach? Auf einmal?
Gretchen: Das hat sie schon immer getan. Sie hat es nur nie richtig zeigen können.
Och nee, das wird mir jetzt echt zu viel Hausfrauenpsychologie am frühen Morgen.
Marc (bockig starrt er stur geradeaus): Trotzdem...
Wieso will er das nicht verstehen? Aber das tun Männer wohl gewöhnlich nie. Wir wissen ja alle, dass sie gefühlstechnisch evolutionär total hinterherhinken.
Gretchen (dreht sich zur Seite u. legt ihre Hand auf Marcs Schulter, damit er sie wieder ansieht): Marc, bitte, ich will unseren ersten gemeinsamen Morgen nicht mit noch mehr Streit verbringen. Ich hab mich so auf unseren ersten gemeinsamen Dienst gefreut.
Marc (wendet sich ihr auch wieder zu u. blickt in ihren himmelblauen Augen hin und her, die ihn auch sofort wie magisch wieder beruhigen können): Dito! Was denkst du denn, was ich die ganze Zeit schon versuche?
Gretchen (kleinlaut): Äh... Auf deine Hupe zu drücken?
Marc (lacht u. zwinkert ihr rotzfrech zu): Also wenn schon, dann würde ich jetzt gerne ganz andere Hup...
Oh nein, mein Lieber, nach dem ganzen Theater so nicht!
Gretchen (fällt ihm schnell ins Wort, bevor er noch auf dumme Gedanken kommt): Hüte deine Zunge, Marc Meier! Oder ich steige sofort und auf der Stelle hier aus und lasse mich bei Dr. Stier für die Tagesschicht eintragen.
Marc (lässt diesen verhassten Namen gekonnt an sich abprallen u. beugt sich verheißungsvoll zu Gretchen rüber): Stopp! Ich wüsste da was Besseres, was wir mit unseren Zungen anstellen könnten.
Er ist so ein Idiot. Blöd und liebenswürdig und total Marc eben. Das hab ich vermisst.
Gretchen (so nah, wie er ihr ist, kann sie kaum noch widerstehen): Ach, Marc!
Marc (merkt zufrieden, dass er den richtigen Ton getroffen hat, u. nähert sich lächelnd ihrem süßen Schmollmund, den sie als letztes Widerstandsmanöver aufgelegt hat): Zum Beispiel das hier.


Einstweilen ließ ein einziger Blick in das Innere des dunklen Porsches von Marcs Mutter, neben dem sie gerade standen, Dr. Kaan schmunzeln. Das hatte schon fast etwas von einem Déjà-Vu, welches er gerade durchlebte. Marc war es nämlich mittlerweile tatsächlich gelungen, seinen ewigen Schmollhaasen auf besonders sanfte Weise zu zähmen, und er hatte seinen ursprünglichen Plan, noch ein paar stressfreie Minuten zu genießen, sofort in die Tat umgesetzt. Er hatte Gretchens wohlbegründeten Protest einfach stumm geküsst und wie so oft hatte sich die Dreißigjährige nicht dagegen wehren können. Schließlich hatte es schon die ganze Zeit während der Schweigefahrt zur Klinik in seinen Fingern gekribbelt. Wie ein ungeduldiger Teenager hatte er gar nicht anders gekonnt und ihr wunderschönes Gesicht zwischen seine beiden Hände genommen, hatte ihr sekundenlang tief in die funkelnden ozeanblauen Augen geblickt und hatte seinen Mund dann vielleicht etwas zu ungestüm auf ihre himbeerroten Lippen gepresst.

Gretchen hatte kurz aufgestöhnt und hatte sich eigentlich nach dem ganzen Theater von eben nicht darauf einlassen wollen. Aber wie das nun mal so war, wenn sie Marcs heißen Zungenmuskel spürte, der ihren zum Tanz aufforderte, hatten ihre Synapsen sofort auf Durchzug geschaltet und sie hatte sich ihm mit Haut und Haaren hingegeben. Aller Ärger, jeder dumme Spruch und jeder Bloßstellungsversuch war sofort wieder verziehen und sie küsste ihren unverbesserlichen Machomann hingebungsvoll und so voller Liebe, dass selbst er alles um sich herum in Sekundenschnelle vergaß. Fast tat es Mehdi ein bisschen leid, diesen intimen Moment seiner beiden Freunde zu unterbinden, vor allem wegen Gretchen, deren mehr oder weniger stilles Leiden er die vergangenen drei marcfreien Wochen mitfühlend hatte beobachten müssen, ohne sie wirklich hatte aufmuntern zu können, aber Marc hatte ja vorhin mit ihm dasselbe getan und der hatte garantiert kein schlechtes Gewissen dabei gehabt. Ein Marc Meier kannte dieses Gefühl nämlich nicht. Also zückte der verschmitzt grinsende Halbperser seine Faust und klopfte unter den ungläubigen Blicken seiner Freundin, die ihn nicht mehr davon abhalten konnte und nun resignierend den Kopf senkte, gegen die halbbeschlagene Fahrerscheibe, um den Rückkehrer gebührend begrüßen zu können.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

23.02.2014 16:56
#1468 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Die Gegenreaktion des bei seiner wilden Knutscherei Gestörten erfolgte natürlich prompt. Sofort schoss Marcs Kopf hoch wie eine Rakete, während der von Gretchen ertappt tomatenrot anlief. Betreten wich sie auf ihren Sitz zurück und wischte sich über ihre glühendheiße Wange, um sich zu beruhigen, strich dann ihren knielangen Rock glatt und rückte ihren rosaroten Schal und ihren Mantel zurecht und lächelte Mehdi und Gabi dabei peinlich berührt an, die mit leicht zur Seite geneigten Köpfen neugierig zum hinteren Seitenfenster in den geparkten Wagen hineinlinsten und sich des Bildes erfreuten, das ihnen am frühen Morgen geboten wurde. Natürlich hielt den bei seinem Lieblingshobby ertappten Chirurgen nun nichts mehr auf seinem Sitz und er riss unmittelbar die Autotür auf, sprang leichtfüßig heraus und setzte sofort mit ausgestrecktem Zeigefinger und Ameisenblick zum Motzangriff auf seinen besten Freund an, der es doch tatsächlich gewagt hatte, sein nichtiges kleines Frauenärztinnenleben derart zu riskieren, indem er ein breites Grinsegesicht aufgesetzt hatte, mit welchem er ihn nun mit seinen ekelhaft zahnpastawerbungsweißen Beißerchen in ähnlich dämlicher Manier angrinste wie diese komische dicke Grinsekatze aus dem Märchen, das er neulich gezwungen war mit der wesentlich netteren Miniversion dieses Vollidioten zu gucken, als er sich mal wieder unfreiwillig zum Babysitterdienst gemeldet hatte.

Na, der hatte vielleicht Nerven, dachte Marc angefressen, als er zähneknirschend auf Lillys Vater zustürmte, der sicherheitshalber mit Gabi an seiner Hand einen Schritt zurückgewichen war, die ihren Liebsten durchaus für seine Chuzpe und Courage heimliche Bewunderung zusprach. Dem Meier die Tour zu vermasseln, machte den sexy Arzt noch sexier, als er es eh schon war, dachte die verliebte Krankenschwester schwärmerisch und bekam beim Anhimmeln ihres heißgeliebten Oberarztes, an dessen Arm sie sich festgeklammert hatte, Marcs wenig einfallsreichen Wortschwall gar nicht richtig mit. Aber es dauerte nun mal etwas, bis das Chirurgenhirn, das sich gerade noch eine Auszeit hatte gönnen wollen, wieder hochgefahren und mit ausreichend Sauerstoff angereichert war, um die üblichen Meierfließbandsprüche produzieren zu können.

Marc: Aber sonst geht’s dir noch gut, Kaan, oder? Du verspielst leichtfertig dein Leben, Mann.
Mehdi (sein zufriedenes Grinsen wird noch breiter, als er in die wutauffunkelnden Augen seines Freundes blickt, die ihn zu verfluchen versuchen): Bestens! Danke der Nachfrage, Marc! Und wie sieht’s bei dir aus?
Äh... Hat der zum Frühstück ne Schüssel „blöde Sprüche“ gefrühstückt oder was soll das aufmüpfige Verhalten hier, das ja wohl eindeutig mir zusteht?
Marc (hat mit einem ihm widersprechenden Mehdi so gar nicht gerechnet u. guckt dementsprechend sehr perplex aus der Wäsche): Äh... Bei dir ist doch da oben echt was durchgebrannt, oder? Was fällt dir, äh... Voll...pfosten, ein, hier so bekloppt gegen die Scheibe zu hämmern?
Mehdi (grient seinen grummelnden Freund weiterhin vergnügt an, während dieser im Augenwinkel mitbekommt, wie Gretchen auf der anderen Seite aus dem Wagen steigt): Äh... Nö! Alles bestens! Aber falls ich euch gestört haben sollte, dann tut mir das ehrlich leid. Ich wollte dich eigentlich nur richtig begrüßen. Wir sind ja eben noch nicht dazu gekommen. Ich musste ja noch einparken, ne. Also, hallo erst mal und willkommen zurück!
Boah, wie ich es hasse, wenn ihm die Sonne so aus seinem fetten Arsch scheint! Hat der auf einmal das letzte Wort. Ich glaub es ja nicht! Da ist man mal ein paar Tage nicht da und er hat ne komplette Gehirnwäsche bekommen. Da ist doch einzig und allein die blöde Ziege dran schuld.
Marc (bleibt direkt vor seiner Nase stehen u. mustert Mehdi argwöhnisch mit hochgezogenen Augenbrauen, bis er sich plötzlich ein verschmitztes Meierlachen nicht verkneifen kann): Du riskierst eine ganz schön kesse Lippe, mein Freund. Hast du in deinem Weiberzirkus neuerdings Eier gekriegt? Gratulation! Dabei hatte ich schon fast die Hoffnung aufgegeben.
Mehdi: Ja, ich freue mich auch, dich zu sehen, Marc.

...frotzelte Mehdi locker weiter mit seinem besten Kumpel, den er im Übereifer seiner aufrichtigen Wiedersehensfreude gleich einmal in eine dicke, fette Begrüßungsumarmung zog, die dem daran Beteiligten natürlich absolut nicht gut bekam, was der Überrumpelte auch sofort verbal unmissverständlich deutlich machte, um das „Mädchen“ wieder loszuwerden, das sich ihm gerade ungeniert an den Hals geworfen hatte. Eigentlich hatte Dr. Meier ja nichts dagegen, von Mädchen so umschwärmt zu werden, aber dieses hier hatte dann doch eindeutig zu viele Haare im Gesicht.

Marc: Nee, hab mich getäuscht. Weibisch wie immer. Ich muss sie dir doch absprechen. Tut mir leid. Jetzt lass mich endlich los, du unmögliches Weibsstück, bevor es noch peinlicher wird, als es eh schon ist. Echt jetzt!
Mehdi (denkt nicht im Traum daran, seinen widerspenstigen Freund loszulassen, u. zieht ihn noch mal zurück u. klopft ihm nun aufmunternd auf den Rücken): Ich bin so froh, dass es euch gut geht. Ich hab mir wirklich Sorgen gemacht.

...flüsterte Mehdi noch hinterher, dann ließ er den Zappelphilipp endlich los, der die Anspielung auf seine Mutter natürlich sofort verstanden hatte, aber weder darüber reden, noch Mehdis Mitgefühl und Hilfsangebote hören wollte, und nun erst einmal sehr zum Amüsement von Gabi und Gretchen mehrere Meter auf Sicherheitsabstand ging und den fiesesten seiner Ameisenblicke aufsetzte, der aber gleich wieder in ein mildes Lächeln überging, als er in Mehdis Augen dessen aufrichtige Anteilnahme und Freude las, weil alles zum Glück noch einmal glimpflich ausgegangen war. Mal abgesehen von dem Problem, wie er seine beiden getrennten Elternteile wieder zusammenbringen konnte, ohne dass es doch noch Mord und Totschlag gab. Aber darüber wollte sich Marc jetzt noch nicht den Kopf zerbrechen. Das hatte noch Zeit. Erst einmal musste er seinen besten Freund wieder normal werden lassen, sonst könnte der erste Arbeitstag recht peinlich ausfallen, wenn Gretchen und ihre dicke „Busenfreundin“ ständig und überall wegen ihm in Tränen ausbrechen würden.

Gott, wie sehr er diesen Bambiblick von Mehdi hasste. Man war ihm stets schutzlos ausgeliefert, da er einen sofort im tiefsten Inneren ergründen konnte. Wehrlos nickte Marc seinem Kumpel schließlich doch zu und widmete sich anschließend seinem bewährtesten Ablenkungsmanöver, nämlich das gefühlsduselige Verhalten anderer ins Lächerliche zu ziehen, bevor es ihm hier noch zu rührselig wurde. Aber diese Spielchen kannte Mehdi aus jahrelanger Erfahrung nur zu gut. Er ließ ihn gewähren. Schließlich hatte sein Freund in den vergangenen Wochen genug durchgemacht, das selbst den stärksten Mann mitnehmen konnte. Er würde ihn später noch in ein Vertrauensgespräch ziehen und für ihn da sein, ob er nun wollte oder nicht. Das nahm sich der Halbperser in diesem Augenblick fest vor. Und vielleicht war dann ja auch der Moment günstig für eine weitere frohe Botschaft?

Marc: Ja, ja, lass endlich gut sein, Frau Doktor! Nutz deine Energie lieber für die kreischenden Gebärenden, die gerade auf dich warten. Wie viele Kinder kriegst du heute noch?
Mehdi (lässt seinen üblichen Antwortspruch in Gegenwart von Gretchen lieber weg, aber spielt trotzdem liebend gern Marcs Spiel mit): Große Klappe wie immer, der Herr Doktor! Schön, zu wissen, dass es dir doch gut geht. Ich freue mich halt wirklich, dich wohlbehalten hier zu sehen. Du weißt, wieso. Und wenn du re...
Boah, wenn der jetzt auch noch anfängt zu heulen wie ein stinkendes Robbenbaby, dann hau ich ihm eine runter, Mädchen hin oder her.
Marc (verdreht wegen so viel Rührseligkeit die Augen u. fährt dem sensiblen Arzt schnell über den Mund): Wenn du jetzt auch noch anfängst zu heulen wie ein Seehund, dem man auf die Flosse gelatscht ist, dann kannst du mit Haasenzahn gleich ne Clubmannschaft gründen. Für die Wasserversorgung des Hauses wäre dann wohl gesorgt. Franz sagt ja ständig, wir müssen an allen Ecken und Enden sparen. Also nur zu, Wasser Marsch! Und dann lass endlich gut sein!

Wie kann ein einzelner Mann nur so unsensibel sein? Unfassbar! Mehdi hat es doch nur lieb gemeint, so wie wir alle hier es lieb mit ihm meinen. Äh... mit Ausnahme von Gabi. Aber die weiß ja nicht, was wirklich los ist. Und selbst wenn...

Gretchen (schiebt sich zwischen Marc und Mehdi u. funkelt den Sprücheklopfer böse an): Marc, hör auf, so einen Blödsinn von dir zu geben und reiche Mehdi endlich die Hand!
Gabi (lehnt lässig am Sportwagen u. blickt abfällig zwischen den einzelnen Parteien hin u. her, die sich, warum auch immer, schon wieder bekabbeln wie Kindergartenkinder): Na, das nenne ich doch mal ein Wort, Frau Doktor.
Marc (zynisch): Ho! Noch ne Verschwörerin! Hier muss irgendwo ein Nest sein. Hab ich ganz vergessen.
Gabi (stößt sich elegant vom Wagen ab u. geht augenfunkelnd an ihrem Ex vorbei direkt zu Mehdi, den sie zum Gehen drängeln will): Und ich hatte auch total vergessen, dass du hier zum Müllinventar gehörst.
Marc (blickt der Zicke gehässig grinsend hinterher, bevor er sich wieder ganz seiner eigenen Freundin zuwendet, die es doch tatsächlich gewagt hat, bei Gabis Spruch aufzulachen): Tja, Pech gehabt, jetzt weht hier wieder ein ganz anderer Wind als die rosarote Brise, die euch die ganze Zeit die Sinne vernebelt hat. Jetzt wird hier wieder anständig gearbeitet.

Er denkt auch immer noch, die ganze Welt dreht sich nur um ihn. Dabei haben die letzten Tage doch gezeigt, wie gut es auch ohne ihn geht. Die Welt dreht sich sogar noch schneller, wenn er nicht da ist. Also könnte er uns doch gleich den Gefallen tun und wieder Leine ziehen?

Gabi (richtet ihren Blick kurz auf Gretchen u. kann sich ein spöttisches Lachen nicht verkneifen, wenn sie an die letzten Tage mit einer allmählich durchdrehenden Assistenzärztin zurückdenkt): Och du, du bist eigentlich ganz gut vertreten worden. Man hat gar nicht gemerkt, dass du überhaupt weg warst, Marc. Kannst also wieder fahren und dich für immer dorthin verpissen, wo du gerade herkommst.
Marc (folgt ihrem Blick u. sieht erst Mehdi, dann Gretchen fragend an, die gleich peinlich berührt einen Kopf kleiner wird): Ach, wirklich?
Und ich muss immer ewig an ihr herumschrauben, bis ich die sexy Oberlehrerin herausgekitzelt hab. Da muss ich dringend noch mal nachhaken.
Gretchen (versucht schnell von ihren Aussetzern von letzter Woche abzulenken, indem sie sich wegen einer anderen Sache freundlich lächelnd Gabi u. Mehdi zuwendet): Dir auch einen wunderschönen Guten Morgen, Gabi. Duuu, Meeehdiii, kannst du bitte die Geschenktüten für Maria und Sabine mit hochnehmen. Mein Spind ist schon voll mit dem Dekokram für die kleine Feier heute Nachmittag.
Mehdi (nimmt die beiden Tüten entgegen, kuckt kurz hinein u. lächelt): Klar! Das mache ich doch gerne. Brauchst du sonst noch Hilfe, Gretchen, oder belassen wir es bei einem spontanen Beisammensein?
Marc (stöhnt entnervt auf u. will sein Mädchen gen Eingang ziehen, ehe hier noch ein Weiberklatsch ausbricht, in den er ungern verwickelt werden möchte): Boah nee! Das ist mir jetzt echt zu viel. Haase, mitkommen, zack, zack! Die Chirurgie ist unterqualifiziert besetzt.
Gabi (linst neugierig über Mehdis Schulter, aber der hält die Tüten schon wieder zu): Hab ich nen Geburtstag vergessen?
Mehdi (grient seine neugierige Freundin verschwörerisch an u. drückt die Geschenktüten an seine Brust): Das Leben dreht sich nicht immer nur um dich, Gabriella.
Marc (lacht spöttisch auf): Gabriella?
Oh Gott, ich bin echt im falschen Film.
Gabi (blitzt Mehdi herausfordernd an u. lehnt sich ihm entgegen, um so doch noch die Antwort zu kriegen, die sie will): Doch! Solange wir das Gebäude da drüben noch nicht betreten haben, dann schon.
Mehdi (geht nur allzu gern darauf ein u. stupst sie lächelnd mit seiner Nasenspitze an): Soso!?
Gretchen (lächelt Gabi entschuldigend an u. lässt sich von Marc widerwillig von dem sich gerade anflirtenden Paar wegziehen): Nein, nein, kein Geburtstag, Gabi. Also, naja, noch nicht. Erst in... sieben, acht Monaten. Also, was ich eigentlich sagen will, die Geschenke sind für die beiden ungeborenen Babys. Frau Dr. Hassmann fährt doch heute in die Kur und Sabine kommt aus den Flitterwochen wieder. Da haben wir was Kleines vorbereitet. Naja, eher improvisiert. Apropos, da müssen wir unbedingt noch mal darüber reden. Irgendwie hab ich die ganze Zeit das Gefühl, dass ich noch was vergessen habe. Ich komm später noch mal zu dir rüber, Mehdi. Ja? Erst muss ich die Visi.... Maaarc! Jetzt warte doch mal! Du kannst mich doch nicht mitten im Gespräch wegzerren.
Mehdi (sieht seiner besten Freundin lächelnd hinterher, die unsanft von ihrem Partner über den Parkplatz geschleppt wird, ehe er sich ebenfalls mit Gabi auf den Weg zum Eingang macht): In Ordnung! Bis gleich!

Gretchen (kommt mit Marcs Tempo kaum mit u. macht sich nun extraschwer, um nicht weitergehen zu müssen): Marc, jetzt hetz doch nicht so! Wir haben immer noch Zeit bis um acht.
Marc (bleibt mit ihr kurz vorm Eingang stehen u. kuckt genervt über ihre Schulter zu dem Paar rüber, das schon fast wieder zu ihnen aufgeschlossen hat): Ich hetz hier gar nicht. Ich hab nur keinen Bock auf Endlossmalltalk, wenn man die zehn Minuten bis Dienstbeginn wesentlich sinnvoller nutzen könnte.
Och, ist er süß heute! Er mag nicht zugeben, wie doll Sehnsucht er nach mir hat. Hach...
Gretchen (legt ihre beiden Hände an Marcs Oberkörper u. grient ihn schmachtend an): Du bist unmöglich, Marc. Wie kannst du jetzt an so was denken?
Marc (grinst spitzbübisch zurück u. zieht seinen Engel ruckartig in eine Herzklopfen auslösende Umarmung): Ich bin ein Mann, Haasenzahn. Zwei Drittel all meiner Gedanken dreht sich nur darum. Außerdem habe ich die letzten drei Wochen an nichts anderes gedacht. Und weil ich ansonsten nur daran denken würde, wen ich als nächstes aufschlitzen könnte. Ich hab so Bock zu operieren. Das kannst du dir gar nicht vorstellen. Hoffentlich kommt heute was Spannendes rein. Ich bin es so leid, nur Zuschauer sein zu müssen. Weißt du, wie langweilig das ist, wenn du in so einem Schweizer Spitzenforschungszentrum bist und du nicht in den OP-Trakt vorgelassen wirst?
Gretchen (von der rosa Wolke purzelnd sieht ihren Machooberarzt tadelnd an): Marc, man wünscht sich nicht, dass was Schlimmes passiert, nur damit der Chirurgengott wieder ein Skalpell in die Hände bekommst.
Marc (zwinkert ihr frech zu): Mit Gott liegst du vollkommen richtig, Haasenzahn.
Gretchen (verdreht die Augen): Marc!
Marc: Och du, so was richtig Spektakuläres und Blutiges wäre schon schön. Kannst du dich noch an den Fall erinnern, über den wir neulich gechattet haben? Das war vielleicht krass.
Gretchen (vergräbt resignierend ihren Kopf in Marcs Jacke): Ich geb’s auf.
Er ist und bleibt unverbesserlich.
Marc (lacht u. zieht sie zu einem kleinen Kuss hoch): Richtige Antwort, Frau Doktor! Mit der Einstellung schaffst du jede Prüfung.
Gretchen (genießt den Kuss sehr, auch wenn sie sich schon wieder maßlos über Marcs große Klappe aufregen könnte): Haha!

Marc (bemerkt im Augenwinkel seinen Kumpel näher kommen u. ruft ihn doch noch mal kurz zu sich): Ach, Kaan, warte mal! Ehe ich es vergesse...
Mehdi (dreht sich überrascht um, während Gabi, die ebenfalls neugierig die Nase gerümpft hat, von ihrem klingelnden Handy abgelenkt wird, das kurz alle irritiert u. nach dem eigenen Telefon schauen lässt): Ja?
Gabi (winkt mit dem Telefon u. zieht sich einige Meter zum Telefonieren zurück): Das ist meins! ... Ja? Kragenow! ... Oh! Ähm... Hallo? Was...?
Marc (wartet kurz ab, bis Gabi weit genug weg ist u. setzt dann zum Flüstermodus an): Lass dein Mittagsgelage in der Kantine heute mal ausfallen, Kumpel, was deiner Figur übrigens sehr gut tun würde, bist ein bisschen fett geworden, wenn ich dich mir so anschaue, und halt mir nen Termin in der Praxis frei. Also nicht mir, sondern... Ich denke, du weißt, wen ich meine. Der Dings hier ähm... von der Onko kannst du übrigens auch gleich noch Bescheid geben. Mutter macht zwar bestimmt Sperenzien, aber ich schleif sie her, um alles Weitere zu bequatschen. Denkt an die Samthandschuhe!
Das sagt der Richtige! (GH/MK)
Mehdi (nickt seinem Freund wissend zu, klopft ihm noch einmal auf die Schulter, woraufhin dieser sich augenrollend abwendet, u. legt seinen Arm dann wieder um die Taille seiner Freundin, die ihr Telefongespräch bereits wieder beendet hat u. nun ziemlich genervt dreinschaut, was sofort sein Interesse weckt): Geht klar, Marc! ... Hey?

Gabi (lässt ihren Kopf resignierend an Mehdis Schulter fallen u. schlängelt ihre Arme um Mehdis Körper, um sich an ihn heranzukuscheln): Och nö! Ich nehme alles wieder zurück, was ich vorhin gesagt habe.
Mehdi (schiebt sie verunsichert etwas von sich weg, um ihr direkt ins Gesicht schauen zu können): Alles alles?
Gabi (schüttelt den Kopf u. kuschelt sich noch einmal intensiv an Mehdi, was ziemlich verwundert von Marc beobachtet wird, der irritierte Blicke mit Gretchen austauscht, die die Szenerie gerührt verfolgt): Nein, natürlich nicht, nur alles, was das da drin betrifft. Ich hätte heute Morgen erst gar nicht aufstehen sollen.
Mehdi (macht sich dann doch allmählich ernsthaft Sorgen um seine sprunghafte Freundin): Das hörte sich vorhin aber noch ganz anders an. Was ist denn los? Wer war das am Telefon?
Gabi (hat sich wieder einigermaßen gefangen u. sieht ihren Freund mit gequältem Gesichtsausdruck an): Geh du schon mal vor, mein Schatz! Ich muss noch woanders hin. Der zweite Oberdrache vom Dienst ist auch wieder da und hat soeben sein ganzes Gefolge ins Schwesternwohnheim beordert. Was die Brinkmann wohl will? Ich ahne das Schlimmste. Ich wusste doch, dass dieser Tag nicht gut enden würde und dabei hat er noch nicht mal richtig angefangen.

...nörgelte Gabi in einer Tour in den Kragen von Mehdis Outdoorjacke, in die sie sich eingekuschelt hatte und die sie ihm jetzt zurechtrückte, damit sie nicht zu sehr zerknitterte, und erweckte damit sowohl Gretchens als auch Mehdis ehrliches Mitgefühl, der sie noch einmal fest in seine Arme schloss, was die Nörgelqueen ausgiebig genoss, ehe sie sich schwerfällig von ihrem Schatz löste. Mit einem knappen Kuss auf Mehdis Lippenspitzen verabschiedete sich die Krankenschwester dann von ihrem Freund und Oberarzt und schlug die entgegengesetzte Richtung ein, während Mehdi zusammen mit Marc und Gretchen, die sich an dessen Arm regelrecht festgetackert hatte und ihren Lockenkopf an seine Schulter gelehnt hatte und total verliebt vor sich hingrinste, das Hauptgebäude des Elisabethkrankenhauses betraten. Noch im Eingangsbereich, wo das Auftauchen von Dr. med. Marc Olivier Meier zumindest beim Pförtner ein tiefes Raunen hervorrief, blieb dieser jedoch stehen und blickte sich mit erhabenem Gesichtsausdruck um.

Marc: Hach, ja, home sweet home.

...flüsterte der Oberarzt der chirurgischen Station des Elisabethkrankenhauses wohlig vor sich hin, während er sich mit seiner freien Hand zufrieden über seinen gestreckten Oberkörper strich und die Klinikluft einsaugte, als wäre sie ein Allheilmittel gegen alle schlechten Gedanken der Welt. Mehdi und Gretchen konnten sich ein amüsiertes Schmunzeln nicht verdrücken angesichts der offen zur Schau getragenen kindlichen Vorfreude ihres Freundes.

Mehdi (beugt sich zu Gretchen rüber, während er das kleine Kind, das sich im großen Krankenhaus umschaut, nicht aus den Augen lässt): Na, das nenne ich mal unbändige Vorfreude. War das gestern genauso?
Gretchen (gibt sich vor dem neugierigen Mann geheimnisvoll, kann aber nicht aufhören, Marc anzuhimmeln, als wäre er ein leckeres Sahnepraliné, u. verrät sich damit vor Mehdi): Auch wenn die Überraschung lange auf sich warten lassen hat, ist sie doch am Ende sehr, sehr gelungen gewesen. Also... bis auf einen Punkt, aber der... der zählt nicht. Der ist quasi außer Konkurrenz. Ähm... Aus... gutem Grund.
Mehdi (runzelt verwundert die Stirn, muss aber gleich wieder lächeln, als er Gretchens unverhohlene verliebte Blicke bemerkt, die unentwegt auf Marc gerichtet sind): Und? Glücklich?

Glück kann gar nicht ausdrücken, was ich gerade empfinde. Dafür müsste noch ein neues Wort erfunden werden. So was, wie... Marück, oder so ähnlich. Hihi! Gretchen, du bist so albern.

Gretchen (überrumpelt den kindlich staunenden Marc, indem sie sich noch fester in seinen Arm krallt, u. strahlt Mehdi überglücklich an, was allein schon Antwort genug ist): Mehr als das, Mehdi.
Mehdi (schmunzelt über Marcs leicht verzweifelte Blicke, die erst auf seinen schmerzenden Arm, dann auf das Grinsegesicht seines Freund gerichtet sind): Merkt man gar nicht, Gretchen.
Marc: Haasenzahn, du drückst die Blutzufuhr von meinem Arm ab. Ich brauch den noch später im OP, wo ich wie immer Höchstleistungen vollbringen will, und durch Fleisch und Knochen zu schneiden geht nicht mit einem abgequetschten Arm.
Gretchen (löst sich peinlich berührt von seinem Arm u. sieht Marc mit zusammengepressten Lippen entschuldigend an, dass es schon fast wieder total süß ist): Oh, entschuldige. Ich war mit meinen Gedanken... irgendwie...
Marc (lächelt seine Süße verliebt an u. zieht sie jetzt in eine anständige Umarmung, bei der er die Kontrolle behält): Akzeptiert!
Mehdi (verfolgt glücklich das Liebesgeplänkel der glücklich Wiedervereinten): Wollen wir noch...

...setzte Mehdi zu einer Frühstückseinladung in die Cafeteria an, aber ein klingelndes Handy durchkreuzte leider seine spontanen Pläne. Diesmal war es sein eigenes Telefon gewesen, das sich gemeldet hatte. Er zog es aus seiner Jackentasche, trat entschuldigend ein paar Schritte zur Seite und hielt es sich ans Ohr. Am sekündlich wechselnden Gesichtsausdruck des sonst so ruhigen und entspannten Frauenarztes konnten Marc und Gretchen ablesen, dass es sich wohl um einen sehr ungeduldigen Gesprächspartner handeln musste. Und damit hatten die beiden nicht Unrecht, wie sie aus verschiedenen Gesprächsfetzen heraushören konnten.

Mehdi: Dr. Kaan, Elisa... beth... (klingt sehr überrascht) Oh, du bist das? Einen wunderschönen guten Morgen... (schaut perplex in Richtung seiner Freunde, die ihn gespannt beobachten) Äh... Was daran bitte schön sein soll? Ich ähm... Was...? ... Wo drückt denn der Schuh, wenn ich fragen darf? ... Wie bitte? (sein freundliches aufgeschlossenes Lächeln weicht einem eher verwirrten Gesichtsausdruck) ... Äh... Jaaa? Wir sind verabredet, aber doch erst in... Neiiin!? ... Äh... Noch im Foyer. Wieso? ... Wir hatten doch... Nein, ich halte dich doch nicht hin. Wie kommst du denn auf diesen völlig abwegigen Gedanken? ... Hör mal! ... (zunehmend verzweifelt versucht er zu Wort zu kommen) Jetzt lass mich doch endlich ausreden, Maria! ... Halb neun war ausgemacht und wenn ich so auf die Uhr schaue, ist es erst... Ja, das steht dick und fett so in meinem Kalender. ... (verdreht die Augen) ... Das war doch keine Anspielung. Du verstehst auch nur das, was du willst, oder, Maria? ... (merklich genervt, aber immer noch geduldig genug) Warte doch mal! Ich bin gerade erst angekommen, stehe quasi mit dem Fuß in der Tür. Ich ziehe mich noch schnell um und dann bin ich sofort und auf der Stelle bei meiner Lieblingspatientin. ... Nein, das war jetzt wirklich nicht ironisch gemeint. Mir sind alle meine Patientinnen wichtig. ... Nein, ich habe heute keinen Clown gefrühstückt. Ich bin nur gut drauf. Aber wenn ich dir weiter so zuhöre, würde ich dir einen Clown empfehlen. ... (lacht, aber das Lachen vergeht ihm gleich wieder u. er muss den Telefonhörer etwas weiter weg von seinem Ohr halten) ... Wieso bist du denn heute so gereizt? Ich hab doch nur gesagt... (der Geduldsfaden reißt so langsam u. auch er wird immer dünnhäutiger) ... Wenn du den Termin am Freitag nicht geschwänzt hättest, dann würden wir jetzt nicht diese völlig unnötige Diskussion hier führen. ... Nein, ich bin nicht besserwisserisch. Das erlaubt mir mein angeborener Menschenverstand.

Marc: Ha! Der war gut!

...konnte Marc dazu nur beiläufig sagen, wofür er einen schmerzhaften Klatscher auf den Arm von seiner Freundin kassierte, die ihn nun finster anfunkelte, was sein schadenfrohes Grinsen nur noch breiter werden ließ, was wiederum Mehdi zunächst irritierte, aber nicht wirklich weiterhalf, weil seine gute Freundin und Neupatientin, Dr. med. Maria Hassmann, die neurochirurgische Spezialistin des Elisabethkrankenhauses, alles andere als gutgelaunt war und das an den erstbesten Personen, die ihr an diesem Morgen in die Quere kamen, gehörig ausließ. Aber es half ja nichts, da musste er nun wohl oder übel als ihr behandelnder Arzt durch. Er hatte während seiner langjährigen Erfahrung als Frauenarzt und Ratgeber in allen Lebenslagen in seiner Praxis schon viel schwierigere Fälle bewältigt. Also setzte er seinen bewährten Bambiblick auf und säuselte mit seiner tiefen eindringlichen Stimme wieder besänftigend in sein Telefon, das er jetzt an sein linkes Ohr hielt, weil das andere schon halb taub war und schmerzte.

Mehdi: Liebe Maria, fünf Minuten, ok? ... Ich bin gleich ganz für dich da. ... (jetzt reißt der Geduldfaden dann doch u. er wird ungewollt lauter) Boah, jetzt hör doch mal mit dem Gekeife auf! Das steht dir als Neurospezialistin nämlich gar nicht gut zu Gesicht. Sprichst du mit deinen Patienten auch so? ... Ich weiß sehr wohl, wie es um den Alltag mit Kindern und sonstigen Anhang bestellt ist, Frau Besserwisserin. Diese Argumentation zählt nicht. ... (hört Marias Worten immer noch ungläubig zu u. lässt seinen Kopf schließlich gen Wand sinken, die er nun sanft anditscht) ... Maria, das Taxi, das euch an die Ostsee bringt, ist erst für mittags bestellt. Ihr habt noch bärig viel Zeit. Auch du und Dr. Stier. Übrigens haben wir, also ich und Gret... (wird überhaupt nicht zu Wort gelassen u. klappt nun verblüfft seine grinsenden Mundwinkel herunter) ... Was soll das heißen, du willst so schnell wie möglich weg aus diesem Drecksladen hier? ... (fährt sich erschöpft mit dem Handballen über die Stirn, wo die kleine Narbe, die er sich vor drei Wochen bei dem kleinen Auffahrunfall zugezogen hat, zu zwicken beginnt) ... Sag nicht, ihr habt schon wieder Stress und das an eurem letzten gemeinsamen Tag? Maria Hassmann, ich verstehe echt nicht, wie ihr das schon wieder...

Mehdi, dem die Verzweifelung deutlich anzusehen war, winkte Marc und Gretchen erneut entschuldigend zu und sprintete dann flink in den Aufzug, der gerade mit zwei weiteren Passagieren nach oben fahren wollte. Per Handbewegung, die ein Telefon darstellen sollte, deutete Gretchen ihrem besten Freund noch zwischen den sich schließenden Türen an, dass sie ihm, sobald es möglich sei, folgen würde. Schließlich wollte sie sich auch noch von ihrer Lieblingspatientin und Freundin verabschieden, die heute noch mit ihrer sechsjährigen Tochter zu einer hoffentlich erholsamen Mutter-Kind-Kur an die Ostsee aufbrechen würde, was sicherlich neben den Schwangerschaftshormonen auch ein Grund für deren ganz besonders „gute“ Laune am heutigen Montagmorgen war. Sie hatte ehrlich Mitleid mit Mehdi und auch Marc spürte so etwas wie Mitgefühl für seinen Freund, der mit dieser schwierigen Patientin echt arm dran war. Er würde für nichts auf der Welt mit ihm tauschen wollen. Denn schon ohne Magengeschwür und Baby on board war die zickige Klugscheißerin aus dem sechsten im OP-Kittel kaum zu ertragen.

Marc: Ich dachte, ich wäre schon beschissen dran, aber er hat echt den beschissendsten Job von allen. Jetzt verstehe ich auch, wieso er ständig und überall jeden umarmen muss. Bei der Kundschaft!
Gretchen (lacht u. krallt sich an Marcs Mantelkragen fest): Dafür ist er aber auch der geduldigste Mensch, den ich kenne.
Wenn ich er wäre, was ich mir natürlich niemals aussuchen würde, würde ich es mal mit ner Ohrfeige als Therapie versuchen. Ist zwar sehr unkonventionell, gerade bei kalbenden Kühen, aber bei der Stasi-Sabsi war das immer sehr bewährt.
Marc (grinst u. rutscht unbemerkt mit seinen Händen in Richtung Haasenpo): Wie wahr! Ich hätte der Hassmann schon längst den Kopf abgerissen, wenn die so mit mir reden würde.
Gretchen (merkt sehr wohl, was Marc vorhat, hindert ihn aber nicht daran, als er kraftvoll zupackt u. sie so noch näher an sich drückt): Das sind die Hormone. Das ist alles zu viel für sie. Sie braucht den Urlaub, also die Kur, dringend, auch um sich über ihre Gefühle sicher zu werden.
Marc (genießt Gretchens Nähe sehr u. merkt eigentlich nicht mehr viel von der Unterhaltung, die sie gerade führen): Ja, Hexenhormone im Übermaß. Wenn ich dem Stier nicht schon alles Böse der Welt an den Kopf wünschen würde, würde ich fast schon behaupten, das arme Schwein tut mir echt leid.
Gretchen (grinst): Das war das Netteste, was du je über ihn gesagt hast.
Marc (schlängelt seine Arme geschickt um ihre Taille u. drängt sie so noch näher an sich heran): Ja, und dabei bleibt es aber auch, sonst wird das Arbeitsklima hier noch mehr verfälscht. Und jetzt zu dir, meine Liebe. Zickenkrieg endlich beigelegt? Ich halt mich auch in Zukunft vor meiner Mutter zurück, also wenn sie nicht gerade nervt, was sie eigentlich immer tut. Aber ich wollte es nur mal erwähnt haben.
Gretchen (versucht sich vergeblich aus seiner Umklammerung zu befreien u. schmollt dementsprechend): Ich war überhaupt nicht zickig.
Marc: Ja, hab ich von Mitte bis Wannsee gemerkt, aber Schwamm drüber. Hier weht zum Glück jetzt ein ganz anderes Windchen.

...griente Marc seinen süßen Schmollhaasen augenzwinkernd an und zog diesen vor den immer noch geschlossenen Fahrstuhltüren in eine Klammerumarmung, die Gretchen mehr gefiel, als sie vor dem Macho jemals zugegeben würde. Kurz bevor dieser sie stürmisch küssen konnte, fiel ihm jedoch im Augenwinkel auf, dass es seltsam still im sonst so lauten Foyer geworden war und sie von diversen Seiten beobachtet zu werden schienen, was Dr. Meier ungewollt unlocker werden ließ.

Marc: Was gucken die denn alle so komisch? Habt ihr nichts zu tun? An die Arbeit, aber zack, zack! Hier wird nicht getrödelt und blöd rumgestanden. Sucht euch gefälligst Patienten zum Angaffen!

Wie aufgescheuchte Hühner sprangen die Lernschwestern und Assistenzärzte in alle Richtungen auseinander, die eben noch gedacht hatten, einen Geist gesehen zu haben, der sich dann jedoch leider nicht als böser Alptraum, sondern als bittere Realität herausgestellt hatte. Gretchen folgte ihnen mit ihren Blicken, bis sie um die Ecken verschwunden waren. Dann sah sie ihren Liebsten wieder in die wunderschönen fesselnden dunkelgrünen Augen, die immer noch fragend auf sie gerichtet waren.

Gretchen: Ich glaube, sie haben gerade gemerkt, dass du doch keine Fata Morgana bist.
Marc (streichelt zufrieden sein Ego): So einen hammergeilen Typen wie mich gibt es ja auch nur einmal auf Erden. Da sollte man schon zweimal hingucken, ne.
Gretchen (verdreht die Augen u. stupst dem selbstgefälligen Oberarzt gegen den Brustkorb, an dem sie sich nun mit beiden Händen festhält): Egomane!
Marc: Hey! Das ist nur Teil der hierarchischen Rangordnung hier. Was glotzen die auch so blöd?
Gretchen (ihr Blick schweift in die Ferne u. ihr anfängliches Lächeln schwindet, was Marc alarmiert registriert): Es ist nur so. Ich hab dir doch von den Gerüchten erzählt, die hier im Umlauf waren, während du weg warst.
Marc (eine Augenbraue wandert gen Haaransatz, als er Gretchen misstrauisch mustert): Ich dachte, das wäre ein Scherz gewesen. Die Idioten haben echt geglaubt, ich hätte dich und die Klinik im Stich gelassen? Sind die scheiße? Das würde ich niemals tun.
Gretchen (senkt betreten ihren Blick auf ihre Lederstiefel): Naja, du warst von einem Tag auf den anderen fort und da ist mit dem einen oder anderen eben die Fantasie durchgegangen. Sogar meine Mutter hat sich von denen anstecken lassen. Du weißt ja, wie leichtgläubig sie sein kann, obwohl Papa unentwegt über deine Forschungen und deren Möglichkeiten für unsere Klink geschwärmt hat. Was denkst du, warum unser Kühlschrank vor lauter Carepaketen nur so aus allen Nähten platzt? Garantiert nicht weil Jochen Bockmist gebaut hat. Das war nur zweitrangig. Selbst als Papa und mein Bruder sich wieder versöhnt haben.
Marc (regt sich gleich wieder künstlich auf): Boah, solche Penner!
Gretchen (beruhigt ihn, indem sie sanft mit ihren Händen über seinen Oberkörper streift): Hey! Keine Bange, ich hab Mama längst wieder auf unsere Seite geholt. Du bist und bleibst ihr Lieblingsschwiegersohn, mit dem sie angeben kann.
Marc (kann sich ein breites Grinsen nicht verdrücken): Na, das will ich auch schwer hoffen. Aber du, du hättest mir ruhig sagen können, wenn du hier schlecht behandelt wirst. Dafür bin doch schließlich einzig und allein ich zuständig.
Gretchen (lächelt): Ach, was, ich weiß mich zu verteidigen, auch wenn das manchmal etwas unglücklich gelaufen ist. Das war doch alles nur Gerede. Morgen gibt es neues. Vorgestern waren wir es, gestern Maria und Cedric, heute ist es deine und Sabines Rückkehr und wer weiß, was Oberschwester Stefanie zu erzählen hat, wenn sie die Schwestern schon so früh am Morgen aufscheucht. Das ist die Langeweile, wenn auf Station nicht viel los ist und es war wirklich ungewöhnlich ruhig in den letzten Tagen.
Marc: Es wird wirklich höchste Zeit, dass hier wieder Respekt und Ordnung einkehrt.
Gretchen (grinst ihn amüsiert an): Wofür natürlich nur du sorgen kannst, hmm?
Marc: Jep! Und mit meiner aufmüpfigen Assistenz fange ich auch gleich schon mal als erstes an.

...griente Marc seine freche Assistenzärztin augenzwinkernd an und schob sie drängelnd in den Fahrstuhl, der soeben seine Türen geöffnet hatte. Zum Glück war dieser leer gewesen und damit dies auch weiterhin so blieb, drückte er auch wie wild auf den Schalter, damit sich die Stahltüren auch sofort wieder schlossen. Und diese gehorchten ihm diesmal auch sofort wie aufs Wort, denn im Augenwinkel hatte er im Eingangsbereich schon den Professor und dessen Frau nach Gretchen und ihm winken gesehen. Und den beiden wollte er in seinen letzten fünf Minuten Freizeitspaß nun wirklich nicht begegnen. Stattdessen drängte er lieber seine hinreißende Freundin gegen die Spiegelwand im Inneren des Aufzugs, platzierte links und rechts von ihrem leicht geröteten Gesicht seine Hände, funkelte die zarte Schönheit mit verheißungsvoll herausfordernden Blicken an und kam ihr prompt entgegen, als sie sich freudig zu ihm vorbeugte, um ihm einen sehr sinnlichen Kuss aufzudrücken. Mhmmmm... Das war doch eindeutig die bessere Variante, in den Tag zu starten, als ein Fachgespräch mit seinem Chef und Schwiegervater in spe.

Das dachte sich auch seine zauberhafte Kusspartnerin, als sie nach gefühlt endlosen Minuten ihre Augen wieder öffnete und noch im Schwebezustand befindlich in das Gesicht ihres heißgeliebten Oberarztes blickte, dessen dunkel funkelnde Augen schon wieder vor lauter Schalk aufblitzten wie die von Peter Pan, der etwas Verbotenes getan oder im Sinn hatte. Am liebsten hätte sie ihren Traumprinzen dafür noch weiter geküsst, wenn nicht in genau diesem Moment die Fahrstuhltüren im dritten Stock aufgegangen wären und Marc ohne Umschweife ausgestiegen wäre. Verträumt grinsend und in der Hoffnung auf eine Fortsetzung der gerade erst begonnenen Kussolympiade folgte sie ihrem Schatz bis zur Umkleide, vor deren Tür er abrupt stehen geblieben war. Gretchen netzte ihre Lippen bereits, um ihm noch einen weiteren Kuss zu stehlen, hatte aber nicht mit Marc gerechnet, der von einer Sekunde auf die andere plötzlich den Schalter umgelegt hatte und nun den Oberarzt raushängen ließ, den sie zwar ebenso sehr wie er vermisst hatte, aber auf den sie gerne noch ein Weilchen gewartet hätte. Die verträumte Assistenzärztin hatte gar nicht gemerkt, dass es mittlerweile acht geschlagen hatte und sie eigentlich bereits seit zehn Sekunden Dienst hatte. Und für Bummeleien, egal welcher Art, hatte ihr direkter Vorgesetzter nun mal absolut kein Verständnis und das stellte er der verblüfften Blonden auch sofort unmissverständlich klar.

Marc: Frau Dr. Haase, zack, zack, Kittel an und dann Visite vorbereiten! Trommele die faule Meute zusammen und verkünde die frohe Botschaft, dass sie ab heute endlich wieder von einem kompetenten Arzt etwas zu lernen bekommen. Den Anfang machst aber du. Ich hab noch zu tun. Ich flitze mal eben runter ins Büro vom Professor. Bevor er selbst hier oben aufschlägt, um mich über die Schweiz und die Möglichkeit einer Forschungskooperation auszuquetschen, komme ich ihm lieber gleich zuvor. Der hält mir hier sonst nur den Verkehr auf. Ich schließe dann später zu euch auf. OK? Außerdem will ich den aktuellen OP-Plan für diese Woche auf dem Tisch haben sowie alle Fälle der letzten drei Wochen. Ich will wissen, ob hier alles seinen richtigen Gang gegangen ist und der Rössel und die Assis nicht irgendwelchen Bockmist verzapft haben. Die interessanten Fälle natürlich zuerst. Langweilige Blinddärme und Gastroskopien kannst du aber gleich raussortieren. Und bring mir einen gescheiten Kaffee mit. Den werde ich nach dem Gespräch mit deinem Vater sicherlich brauchen. Für heute Mittag solltest du mir ein bis zwei Stunden freischaufeln. Dann hol ich persönlich meine Privatpatientin von zuhause ab. Kaan und Steigerle sollten also zu mir ins Büro beordert werden. Ach und lass ihnen zuvor die gesamte Akte zukommen, damit sie sich einlesen können. Ich hasse es auf unvorbereitete Leute zu treffen. Ich denke, wenn wir das bei mir im Büro machen, fällt es nicht so auf, wenn meine Mutter plötzlich dort aufschlägt. Ach, weißt du was, der Kaan soll sich schon mal vorab mit der Spätzle besprechen. Die muss ich nicht unbedingt hier bei uns haben. Die Nervensäge wird man immer so schwer los und wenn die mich oder Mutter über unser Familienverhältnis ausfragen will oder Backrezepte tauschen will, dann schwöre ich, ich laufe Amok. So, Haasenzahn, das wäre es vorerst, denke ich. Ach ja, falls OPs anstehen sollten, ich bin zwar heiß drauf, aber schieb sie bitte auf heute Nachmittag. Nach drei Wochen „Urlaub“ ist immer scheißviel Organisatorisches zu klären. Du kennst die Sesselpuper ja. Ausnahme sind natürlich Notfälle. Falls was Supergeiles reinkommt, piep mich sofort an und schleif schon mal die Messer! So, jetzt kannst du deine Schnute wieder schließen. Hopp, an die Arbeit und nicht so viel träumen! Dafür ist später noch Zeit, Kleines.

...ließ ein hochmotivierter Dr. Meier nach seiner herrschaftlichen Ansprache doch noch mal kurz den liebevollen Freund aufblitzen, der seiner Liebsten zärtlich über die Wange strich und seine Hand dort für jemanden, der eigentlich Privates und Berufliches strikt voneinander trennen wollte, etwas länger als nötig hielt. Aber dieser kleine magische Moment war viel zu schnell wieder vorbei. Noch bevor Dr. Haase überhaupt auf irgendetwas reagieren konnte, war ihr heißgeliebter Oberarzt auch schon wieder im Fahrstuhl verschwunden, dem sie gerade erst entstiegen waren. Noch etwas benommen von seiner unerwarteten Dienstansage drückte sie die Türklinke herunter und betrat kopfschüttelnd die Umkleide. Ihr Marcischnuckiputzi schaffte es auch immer wieder wie kein anderer, Seifenblasen zum Platzen zu bringen. Wie gut, dass im angrenzenden Stationszimmer, dessen Tür angelbreit offen stand, gerade jemand zusammen mit ihrem Papa am Tisch saß und echte Seifenblasen gen Decke steigen ließ. Zwei verirrte Seifenblasen fanden sogar den Weg zu ihr in die Umkleide. So hatte der abrupte Schupser zurück ins Arbeitsleben doch noch etwas Gutes abzugewinnen gehabt. Gretchen ließ die eine Seifenblase auf ihrem Handballen tanzen, bis sie schließlich auch zerplatzte, und machte sich anschließend auch endlich frohgemut ans Tageswerk.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

02.03.2014 16:35
#1469 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Indessen im Stationszimmer nebenan

Sarah (quengelig): Paaapaaa? Wann kommt denn die Mami endlich wieder? Wir wollten doch noch auf den Spielplatz gehen, bevor wir losmüssen.
Cedric: Ich hab dir doch erklärt, dass sie noch bei ihrer Abschlussuntersuchung ist, mein Schatz. Das kann ähm... ja... dauern. ... Leider! ... Lass dein Frühstück nicht so lange stehen und iss endlich, damit du groß und stark wirst!

...erwiderte Sarahs Vater leicht genervt zum wiederholten Male auf die ungeduldige Frage seiner ältesten Tochter, die neben ihm am runden Tisch im Stationszimmer der Chirurgie saß, füßebaumelnd auf ihrem unbequemen Stuhl herumrutschte und immer wieder mal eine kleine, mal eine große Seifenblasenkette in die Luft pustete und dieser dann vergnügt kichernd hinterher guckte, anstatt sich ihrem Frühstück, einer reichlich gefüllten Schokomüslischale mit Bananenstückchen, zu widmen, welches die neu gefundene und neu zusammengewürfelte Familie Hassmann-Stier hierher verlegen musste, weil Madame Oberschlau, sprich Sarahs liebreizende Mutter, unbedingt zum Aufbruch gedrängt hatte, obwohl noch reichlich Zeit bis zum Arzttermin gewesen wäre, was sie natürlich absolut nicht gelten lassen wollte und weswegen sie sich beinahe ohne Kind und Kegel, aber dafür mit reichlich Wut im Bauch, oder besser gesagt mit einem unkontrollierbaren leicht entzündlichen Hormoncocktail, gegen den nicht einmal der beste Chirurg und Neurospezialist der Welt mit seinem Medizinerlatein ankommen könnte, mit seinem Auto auf und davon gemacht hätte. Das hatte er zum Glück mittels Einlenktaktik, die sich vor allem dadurch auszeichnete, seiner schwangeren Freundin unter gar keinen Umständen zu widersprechen und das morgenmufflige Zicklein in eine ablenkende Knutscherei vor Zeugen zu verwickeln, verhindern können. Schließlich hatte er Angst um den Zustand seines Jaguars gehabt, wenn sie ihn tatsächlich zwischen ihre zarten Chirurginnenfingerchen gekriegt hätte. Alles andere hatte er dagegen nicht verhindern können, was seine herunterhängenden Mundwinkel und seinen allgemein recht leidenden Gesichtsausdruck erklärte.

Dr. med. Cedric Stier war sein Unbehagen deutlich anzusehen. Das Unterbewusstsein spielte nämlich gerade mit dem sonst so souveränen Neurochirurgen verrückt und er malte sich schon seit geraumer Zeit diverse unschöne Szenarien aus, die sich, während er und seine Älteste seelenruhig im Pausenraum der Station auf Sarahs Mutter warteten, in einer gynäkologischen Praxis am Ende dieses Flurs abspielen könnten. Und diese Bilder waren allesamt nicht gerade stimmungsaufhellend für einen eigentlich glücklich werdenden Vater, so wie es zum Beispiel bei anderen Personen dieser ganz speziellen männlichen Gattung der Fall wäre. Warum musste auch ausgerechnet dieser blöde, blöde, ganz, ganz blöde Idiot Marias behandelnder Arzt sein? Müsste in dem schweren Fall nicht auch der Befangenheitsfall gelten? Schließlich hatte dieser weichgespülte Frauenarzt und Möchtegernfrauenversteher nicht nur beruflich mehr von SEINER Frau gesehen, als es Marias neuem alten Lebensgefährten lieb war. Cedrics Nerven waren daher an diesem noch recht frühen Montagmorgen berechtigterweise zum Zerreißen gespannt und es kostete ihm einiges ab, jetzt nicht sofort aufzuspringen und wie der letzte eifersüchtige Depp die Praxis von Dr. ‚Ich bin ja so verständnisvoll und töpfere in meiner Freizeit Blumenmotivkaffeetassen’ Kaan zu stürmen. Wieso wollte Maria nicht, dass er bei der Untersuchung dabei war? Was hatten die beiden noch in aller Heimlichkeit miteinander zu bequatschen? Es machte ihn schier wahnsinnig, dies nicht zu wissen. Dennoch durfte er sich nichts anmerken lassen. Schließlich saß sein kleiner Sonnenschein neben ihm und... Moment! ... Nein! ... Sarah saß ja gar nicht mehr neben ihm, wie Cedric jetzt verdutzt feststellen musste, als er aufschaute, sondern war der hübschen blonden Frau im blütenweißen Kittel um den Hals gefallen, die gerade fröhlich summend das Stationszimmer von der Umkleide aus kommend betreten hatte und selber überrascht war von dem nicht zu überhörenden Überfall seiner Tochter.

Sarah (quietscht vergnügt auf): Greeetcheeen!
Gretchen: Na, Prinzessin, du siehst aber heute hübsch aus. Wartest du auf deine Mami? Die kommt bestimmt gleich.

Äh...Falls Mehdi mit ihr fertig geworden ist, so übellaunig wie die eben am Telefon war, und sie nicht gerade dabei ist, seine Leiche beiseite zu schaffen.

Gretchen wirbelte die süße Maus in dem niedlichen lila Strickkleidchen einmal um ihre eigene Achse und setzte sie anschließend wieder sicher auf ihre beiden Füße, die in farbenfrohen dick gefütterten Winterstiefeln steckten, weil Sarah doch schwerer war, als sie es noch in Erinnerung hatte. Außer Atem blickte die schöne Assistenzärztin zu dem Frechdachs herunter und ließ sich schließlich von dem Grinselachen anstecken. Sekundenlang hielt Cedrics Tochter sich an Gretchens Kittel gedrückt fest, dann ließ auch sie kopfnickend wieder von ihrer großen Freundin ab, über deren Auftauchen sie sich wie Bolle freute und dies auch deutlich mit ihrer großen Zahnlücke aufzeigte, welche sie heute schon mit Stolz jeder Schwester, der sie im Gebäude begegnet war, präsentiert hatte, und setzte sich wieder brav auf ihren Platz neben ihren Herrn Papa, der der charmanten Kollegin aus der Chirurgie ebenfalls freundlich zugenickt hatte, die sich nach der gegenseitigen Guten-Morgen-Begrüßung nun ihrer Arbeit zuwendete, die ihr ihr liebreizender Oberarzt vor wenigen Minuten so charmant aufgedrückt hatte, dass sie immer noch kaum fassen konnte, wie schnell dieser sich vom liebevollen Lebensgefährten in den selbstherrlichen Chirurgen zurückverwandelt hatte.

Sanft strich Cedric dem ihn anhimmelnden Mädchen über die langen braunen Haare, die es heute offen trug, und verfiel schnell wieder in das Gedankenwirrwarr, welches ihm, seitdem er heute Morgen aufgewacht war, unentwegt im Kopf herumspukte. Viel würde er nicht mehr von dem süßen Wirbelwind und ihrer großen Kopie haben, die in den vergangenen Tagen sein Leben komplett einmal über den Haufen gewirbelt hatten, wenn Sarah und ihre Mutter in wenigen Stunden zu ihrer ärztlich verordneten Kur an die Ostsee aufbrechen würden. Drei verdammt lange Wochen ohne die beiden, wie sollte er das bloß überleben? Dr. Stier konnte sich das absolut nicht vorstellen, obwohl sie erst seit kurzer Zeit wieder so etwas wie eine Familie waren, oder treffender formuliert, das chaotische Gerüst von so etwas, das zumindest in Ansätzen Ähnlichkeit mit einem annähernd normalen Familienleben hatte. Chaos beschrieb die aktuelle Situation wohl am besten. Aber es war das schönste Chaos, das er sich vorstellen konnte und das er gegen nichts auf der Welt eintauschen würde.

Die letzten gemeinsamen Tage, welche die beiden Hassmänninnen auf seinen ausdrücklichen ärztlichen Rat hin bei ihm Zuhause verbracht hatten, waren einfach wie im Fluge vergangen. Fast fühlten sie sich an wie der Inhalt dieser Seifenblasen, die Sarah schon wieder glucksend in die desinfektionsmittelgetränkte Atmosphäre des Stationszimmers blies. Manchmal dachte Cedric immer noch, dass alles, was sich so plötzlich doch noch fast schicksalhaft ergeben hatte, nachdem er ewig lang erfolglos an allen Fronten gekämpft und fast schon vor lauter Frust und Verzweifelung aufgegeben hatte, doch nur ein Wunschtraum wäre. Eine wunderschöne Illusion. Dass er sich lediglich einbildete, seine verlorene Familie zurückgewonnen zu haben, die nun sogar noch unerwartet Zuwachs bekam, was sein Glück gleich noch perfekter machte. So viel Glück auf einmal konnte doch gar nicht wahr sein. Nach der schlimmsten Zeit seines Lebens, die von so vielen Pleiten, Pech und Pannen gekennzeichnet gewesen war.

Erst Frau Nr. 2 und seine finanziellen Rücklagen weg, dann auch noch sein hochdotierter Traumjob, zu dem er sich ohne Rücksicht auf Verluste hoch gebuckelt hatte, was nebenbei bemerkt sicherlich jeder Arzt mit Ambitionen getan hätte, und der ihm mittlerweile mit etwas Abstand absolut egal war, weil dieser ihn überhaupt nicht erfüllt hatte, wie er in der Rückbetrachtung während seiner dunklen depressiven Phasen überrascht hatte feststellen müssen, die ihn, wenn er nicht doch noch einen Rest Selbstachtung und die Fußtritte seiner Schwester gehabt hätte, fast in den Alkoholismus gestürzt hätten. Sein ganzes Leben, das er sich um Karriere und Status herum aufgebaut hatte, hatte sich von einem Tag auf den anderen komplett in Luft aufgelöst. Ihm war lediglich die Gewissheit geblieben, es selbst gegen die Wand gefahren zu haben, was ihn gleich noch tiefer in das selbstgeschaufelte Loch sinken gelassen hatte. Aber Patienten auf solch tragische Weise zu verlieren, konnte auch den härtesten Karrieristen brechen und an seiner Bestimmung zweifeln lassen. Vielleicht musste ihm das alles erst passieren, bis ihm endlich die Augen geöffnet wurden? Für das, was wirklich zählte.

Sein einziger Hoffnungsschimmer, seine Sonne, die ihn vom kompletten Absturz in die Dunkelheit schützte, obwohl sie nach dem Verschwinden ihrer Mutter nicht viel besser dran war, war sein kleiner Goldschatz, seine einjährige Tochter, gewesen, die ihm mit nur einem einzigen Lächeln wieder Mut machen konnte. Auf einen Neubeginn. Ob nun als einfacher Stationsarzt, der sich in einem neuen Klinikbetrieb erst einmal neu behaupten und Ellenbogen aufschürfen musste, oder einfach nur als stinknormaler Mensch mit den alltäglichen Sorgen und Nöten, die jeder miteinander teilte. Seine Hoffnung, dass doch irgendwann alles wieder gut werden würde. Egal wie. Es musste ja noch nicht einmal perfekt werden. Denn seien wir doch mal ehrlich, ein perfektes Leben, das gibt es nicht. Dass sich dieser Wunschtraum dann so schnell erfüllen würde, hätte er allerdings niemals auf dem Schirm gehabt. Und schon einmal gar nicht in dem Ausmaß. Vielleicht, wenn er an den Hokuspokus dieser verrückten kleinen blonden Krankenschwester glauben würde, die gerade irgendwo in der Weltgeschichte herumflitterte und Zeichen oder was auch immer suchte. Plötzlich hatte seine Mary wieder vor ihm gestanden, schöner und bissiger denn je, und das Feuer, das ihn immer angetrieben hatte, war wieder entfacht. Alles entwickelte sich dann wie von selbst, wenn man mal die anfänglichen Startschwierigkeiten ausblendete, die jedoch nicht auf seine Kappe gingen. Und plötzlich standen sie hier an der Schwelle zu einem ganz neuen aufregenden Leben, nicht mehr nur jeweils allein zu zweit, sondern sogar zu fünft. Das war doch verrückt, wenn man mal genauer darüber nachdachte. Irgendwann würde er sicherlich aufwachen und die schönste aller Seifenblasen würde zerplatzen wie die Seifenblase eben, welche sehr zum Vergnügen von Sarah direkt über dem Kopf seiner zerstreuten Kollegin zerplatzt war, die erschrocken zusammengezuckt war, als sie über dem Schieber mit den Patientenakten gebeugt war, die sie gerade für die anstehende Visite herausgesucht hatte.

Cedric war so sehr in seine Gedankenwelten abgetaucht, dass er gar nicht mitbekam, wie Dr. Haase freundlich lächelnd eine Tasse heißdampfenden Kaffees direkt vor seiner Nase auf den Tisch abstellte. Es war wohl offensichtlich, dass er heute Morgen etwas durcheinander auf sein Umfeld wirken musste. Seine heißgeliebte Frau, die ihn vorhin unsanft aus dem gemeinsamen Bett geschmissen und völlig unbegründet wegen Kleinigkeiten wie einem noch ungepackten Kinderkoffer dermaßen zusammengeschissen hatte, dass ihm jetzt noch heißkalte Schauer über den Rücken liefen, würde wohl sagen, er würde ein ziemlich erbärmliches Bild abgeben. Und das tat er wahrlich. Dessen war sich der sonst um keinen Spruch verlegene Neurochirurg durchaus bewusst. Aber was sollte er machen, wenn das Herz immer schwerer wurde, je näher die Zeiger der Wanduhr über der Tür des Stationszimmers an die große Zwölf heranrückten. Noch drei Stunden, zweiundvierzig Minuten und elf Sekunden, rechnete der deprimierte Achtunddreißigjährige still vor sich hin.

Wie konnte Mary nur ernsthaft von ihm verlangen, sich während dieser verdammten drei Wochen Kuraufenthalts, oder wie sie so schön zynisch formulierte, Zwangsurlaub im Frauenknast, an so ein blödes Kontaktverbot zu halten, fiel ihm von der Wanduhr hypnotisiert das Streitgespräch von heute Morgen nach ihrem spontanen frühmorgendlichen Abschiedssex wieder ein, der so unglaublich gigantomatisch gewesen war, dass sich auch jetzt noch jede Faser seines Körpers anspannte, wenn er daran zurückdachte, was die ehemalige Jugendleistungsturnerin mit ihm angestellt hatte. Aber zu dem Zeitpunkt war der Hormoncocktail, der ihr hochintelligentes Neurochirurginnenhirn mit jedem Schwangerschaftstag mehr allmählich lahm legte, ja auch noch nicht implodiert. Das könnte das sture Weibsbild so was von vergessen. Er würde niemals zulassen, dass sie darauf verzichten würden, wenigstens regelmäßig miteinander zu telefonieren oder dass er nicht einmal spontan mit seiner Jüngsten im Gepäck für ein Wochenende zu den beiden nach Usedom reisen würde. Er würde seiner Mary noch ordentlich den Kopf waschen, sobald sie aus dieser verdammten Gynpraxis zurückkam, sprach sich der wieder deutlich entschlossener wirkende Mann neuen Mut zu.

Ob sie wohl dort gerade einen Ultraschall machten? Da wäre er eigentlich schon recht gerne dabei gewesen. Es kotzte ihn immer noch an, dass er auf unmissverständliche Hassmannsche Anweisung hin nicht dabei sein konnte, wenn dieser dicke Kerl mit dem Dauergrinsen seine schmierigen Riesenhände... GRRR, besser nicht daran denken, redete sich Dr. Stier mantramäßig ein, konnte die Bilder aber immer noch nicht von seiner Festplatte löschen, die ihm wie ein Diavortrag aufbereitet wurden. Er war doch auch Arzt. Er könnte die Abschlussuntersuchung auch gut selber leiten. Er kannte ihre Befunde schließlich auswendig, seitdem er während einer ereignislosen Nachtschicht heimlich Marias Akte rauf und runtergelesen hatte. Aber nein, Madame beharrte ja darauf, dass er bei Sarah blieb, damit die nicht wieder irgendeinen Unfug trieb. Dabei hätte Gretchen Haase doch sicherlich auch liebend gern ein Auge auf die kleine Hassmännin geworfen. Apropos Haase, die stand ja immer noch etwas unschlüssig direkt vor ihm und deutete auf den großen knallgelben Kaffeepot mit „Smile“-Aufdruck, den sie ihm extra hingestellt hatte. Verwundert blickte Sarahs Papa nun doch auf und verlor sich einen Moment lang in den wohl blausten Augen, die er je gesehen hatte, die fast so hell leuchteten wie die Sonnenstrahlen am Fenster, die den Raureif auf dem Fensterbrett glitzern ließen, und die so unheimlich beruhigend wirken konnten. Auch auf verzweifelt liebende Männer und werdende Väter.

Gretchen: Ich dachte mir, den könntest du vielleicht gebrauchen.
Er sieht so mitgenommen aus. Ob Maria ihn auch...? Äh... Besser nicht nachhaken!
Cedric (verwirrt stammelnd u. sich sammelnd): Äh... danke! Das... wäre doch nicht nötig gewesen.
Gretchen (lächelt mitfühlend zu ihm rüber, bevor sie den restlichen Inhalt der dampfenden Kaffeekanne in eine schwarze Thermoskanne gießt, die sie anschließend neben die für die Visite bereitgelegten Patientenmappen stellt): Mit Milch und Zucker oder ohne alles?

...holte Gretchen ihren schweigsamen Kollegen nun endgültig zurück aus seinen Gedanken. Er schüttelte den Kopf und nippte einmal an der heißen Tasse Kaffee, während Sarah statt seiner ihrer großen Freundin antwortete, die mit Milchtüte und Zuckerdose bewaffnet noch einmal zurück an den Tisch gekommen war, an dem die Familie Stier in stiller Eintracht zusammen saß.

Sarah: Nein, Papa mag seinen Kaffee schwarz wie die dunkle Nacht. Hihi!
Cedric: Das hast du dir gemerkt?

...stellte Cedric verblüfft fest, setzte den Kaffeepot wieder ab und wuschelte einmal kräftig durch die Haare der süßen Sechsjährigen, was diese protestierend von ihrem Platz aufspringen ließ. Sie grinste ihren Papa an, der einmal mehr schockverliebt in seine Tochter war, und flitzte dann Gretchen hinterher, die gerade die Milch zurück in den Kühlschrank gestellt hatte und nun die Glaskaffeekanne unter dem Wasserhahn ausspülte. Sarah hüpfte an der Spüle hoch und reichte ihrer Freundin bettelnd das kleine Fläschchen mit der Seifenlauge, damit sie diese wieder mit Wasser auffüllte, was Gretchen natürlich liebend gern für die süße Maus erledigte. Wenn Sarah schon so niedlich zu ihr hoch schaute mit ihren strahlendblauen Augen, wie konnte man ihr dann widerstehen. Als das Röhrchen wiederaufgefüllt war, drehte die freundliche Ärztin den Wasserhahn wieder zu und ging dann vor dem Mädchen in die Hocke, griente es an und versuchte sich sehr zum Vergnügen von Sarah selber einmal an einer eigenen kunstvollen Seifenblase, die aber nur ähnlich lange hielt wie der Geduldsfaden gewisser Oberärztinnen hier im Haus. Deshalb reichte sie das bunte Fläschchen mit der Seifenlauge auch gleich wieder an die Expertin auf diesem Gebiet, die sie dafür vergnügt angrinste und gleich einmal eine Ladung Seifenblasen in ihre Richtung pustete, die allesamt an ihrem weißen Kittel verpufften, an dem die Trägerin gerade einen kleinen Schokofingerabdruck bemerkt hatte, den sie unglücklich mit nassem Küchenkrepp abzuwischen versuchte, wodurch der Fleck nun die Größe eines Daumens angenommen hatte, mit dem sie wohl vorerst leben musste, weil die Visite unmittelbar bevorstand und daher keine Zeit mehr war, jetzt noch einen neuen Kittel aus der Wäschekammer zu holen.

Sarah: Gretchen, bleibst du bei uns und wartest mit uns auf Mami?
Gretchen: Das würde ich gerne machen, mein Schatz, aber ich muss jetzt erst einmal fleißig weiterarbeiten. Sonst bekomm ich nämlich Ärger mit meinem Chef.

Und wie aufs Stichwort erschien dieser in genau diesem Moment im Türrahmen des Stationszimmers und fixierte die süße Rückfront seiner Lieblingsassistenzärztin mit seinem gestrengen Oberarztblick.

Marc: Das ist die richtige Arbeitseinstellung, Frau Dr. Haase. Visite vorbereitet? Kann’s losgehen?
Gretchen (steht wieder aus der Hocke auf u. blickt ihrem Liebling genau in die vor Schalk übersprudelnden Augen): Marc? Du bist schon zurück?
Marc (lehnt sich schmunzelnd gegen die Anrichte mit der Spüle): Jep! Die Höhle des Löwen war eher die eines Erdmännchens. Dein Vater hat sich zwar bärig gefreut, seinen kompetentesten Mitarbeiter wieder zu sehen, aber hat diesen auch gleich wieder zur Tür herauskompromittiert. Der ist voll im Stress, weil doch in zwei Wochen die Bauarbeiten losgehen und alle, wirklich alle etwas von ihm wollen. Ich hatte keinen Bock, mich da mit reinziehen zu lassen, sonst krieg ich den OP heute gar nicht mehr zu Gesicht.

Und während Dr. Meier unbeteiligt über die vergangenen Minuten im Chefarztbüro berichtete und dabei seine hübsche Gesprächspartnerin nicht eine Sekunde aus den Augen ließ, weil sie so wahnsinnig sexy und kompetent in einem weißen Kittel aussah, bemerkte er nicht, wie sein persönliches Unheil immer näher rückte und ihn schließlich unvermittelt ansprang wie ein kleines Raubtier mit fiesen Spinnenärmchen, die sich mit ihren spitzen Tentakeln in seinen Kittel einhakten, an dem es nun wie wild herumzupfte, damit er ihm endlich die Beachtung schenkte, die es so dringend einforderte. Aber die hatte Sarah Hassmann bereits. So laut wie sie fröhlich ihrem großen Freund ins Ohr quäkte, als wäre er mit Taubheit gestraft, was er natürlich nicht war. Aber wenn die kleine Nervkröte so weitermachte, dann könnte dies durchaus noch eintreten, was definitiv unvorteilhaft für seinen Job wäre.

Sarah: Maaarciiii! Du bist wieder daaa! Ich hab dich sooo dolle vermisst.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

09.03.2014 19:23
#1470 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Überrumpelt von dem Krach, der offenkundig sein Trommelfell angerissen hatte, wie er bei einem kurzen medizinischen Selbstcheck seiner nun einen lauten Dauerpiepston empfangenden Ohren festgestellt hatte, blickte Dr. Marc Meier mit sichtlicher Betroffenheitsmiene an sich herunter und blieb direkt an dem zu ihm hochgereckten Strahlegesicht der aufgeweckten Sechsjährigen haften, die ihre Krakenarme fest um seine weißen Hosenbeine geschlungen hatte und diese nicht vorhatte jemals wieder loszulassen. Irritiert schaute er wieder auf, erst hilfesuchend zu seiner schmunzelnden Freundin neben sich, dann über Sarahs Kopf hinweg, den er unbeholfen tätschelte, zu deren Vater rüber, seinem alten Widersacher, der bei Marcs plötzlichem Auftauchen im Stationszimmer stöhnend die Augen verleiert und den Kopf gen Tischplatte gesenkt hatte und jetzt, nachdem er die augenscheinliche Freundschaft seines unschuldigen Goldschatzes mit der nachtragenden Nervensäge registriert hatte, diese mit unmissverständlichem Missmut und einem Hauch von Eifersucht anfunkelte, was sofort zu einem abrupten Stimmungswechsel beim Oberarzt der Chirurgie führte, der amüsiert aufgluckste bei der Fresse, die sein „sehr geschätzter“ Kollege aus der Neurologie gerade zog.

Tja, wer hätte denn auch ahnen können, dass die Achillesferse von Dr. ‚Ich schleim mich hoch, ohne auf meiner Schleimspur auszurutschen’ Stier ausgerechnet die Länge von Pi mal Daumen 1,10 m hatte, ein niedliches lilafarbenes Kleidchen über ihren schweinchenrosa Leggings trug, lange braune Haare besaß sowie eine gewaltige Zahnlücke so groß wie der gesamte Bezirk Berlin-Mitte, durch die man fast bis zu den Mandeln gucken konnte. In Gedanken rieb sich Marc bereits triumphierend die Hände. Dann setzte er sein typisches Meiergrinsen auf, das meist nichts Gutes zu bedeuten hatte, zwinkerte Cedric zur Begrüßung scheinheilig zu, was bei diesem zu einem erneuten Augenrollen und einem abschätzigen Lächeln führte, und widmete sich anschließend übertrieben aufmerksam dem kleinen Quälgeist vor sich, der seine Fangärmchen von seinem Kittel gelöst hatte und diese nun bettelnd zu dem hoch gewachsenen Mann emporreckte. Ein mehr als eindeutiges Zeichen, dass Sarah sich sehnlich wünschte, von ihrem großen Freund und Helden hochgenommen und ordentlich geknuddelt zu werden, was dieser jedoch gar nicht bezwecken wollte, weswegen er sich bislang noch immer nicht vom Fleck gerührt hatte, obwohl das Nervkrötchen wie ein Flummi auf seinen Krankenhausschlappen herumhüpfte, dass seine Zehen vermutlich schon grün und blau waren. Erst als Gretchen Marc auffordernd am Ellenbogen anstupste und mit ihrem Kinn übertrieben kompliziert auf das Bettelkind deutete, regte sich der stocksteife Mann doch noch von seinem Platz und schritt endlich zur Freude aller Anwesenden mit seiner großen Klappe zur Tat.

Marc: Ach nee, wen haben wir denn da? Die schleimige Kröte und die kleine Kaulquappe, die das Quaken nicht lassen kann! Aber dass du das überhaupt noch kannst, bei dieser monsterhaft großen Zahnlücke. Was ist passiert? Hast du wieder nervige kleine Jungs im Kindergarten vermöbelt? Richtig so, man darf sich nichts gefallen lassen. Sonst tanzen sie einem nämlich auf der Nase herum.
Sarah (stemmt ihre Händchen gegen ihre Hüfte, kuckt protestierend zum frechen Sprücheklopfer hoch u. rüttelt dann doch wieder an dessen Arztkittel, als sie sein verschmitztes Grinsen bemerkt, welches sie nun mit einem noch breiteren Zahnlückenlächeln erwidert): Gar nicht! Alle Frösche sind doof!
Marc (denkt mit Vergnügen an die lustige Episode mit der Erste-Liebe-Lektion für Sarah und Lilly in der Scheune der Gummersbachs zurück, die da lautet, nicht die falschen Frösche zu küssen u. schon einmal gar nicht solche Dorfspacken wie Günnis Neffen, die für solche Experimente schon einmal gar nicht nütze sind): Na, da hat aber jemand seine Lektion gelernt, hmm? Wobei, naja, fast. Aber für seine Familie da kann man schließlich nichts, ne.
Sarah: Hä?

Die kleine Hassmännin guckte Marc so unschuldig bedröppelt von unten herauf an, dass er einfach nicht mehr anders konnte, jegliche weitere Anspielungen an den Stier, die ihm schon auf der Zunge lagen, hinten anstellte und sich schließlich doch ihrer erbarmte. Bevor Sarah ihn wieder mit ihrem lautstarken Stimmorgan anquakte, bis er doch noch taub wurde, nahm er das Mädchen besser doch hoch und setzte es auf die Anrichte neben die Spüle, damit er mit der einzig anständigen Person hier im Raum, neben seiner Freundin versteht sich, die er stets mitrechnete, auf Augenhöhe kam. Und dieses in fesches Lila gekleidete Strahlewesen wollte ihren großen Freund gar nicht wieder loslassen und hielt seine dünnen Ärmchen immer noch fest um seine Schulter geschlungen, an der es seine rosige Wange gelehnt hatte, was Marcs Kontrahenten überhaupt nicht in den Kram passte, der sich nun grummelnd von seinem Platz erhob und, sein Revier absteckend, sofort näher kam. Mit etwas Sicherheitsabstand blieb der Neufamilienvater vor den beiden Knuddelbären stehen, ohne sie auch nur eine Sekunde aus seinen zu kleinen Schlitzen geformten Augen zu lassen. Dennoch blieb bei Gretchen, die etwas abseits neben Marc und Sarah stand, ein mulmiges Gefühl zurück, als sie zwischen den beiden sich belauernden Männern hin und herblickte. Die gefühlsempfindsame Ärztin sollte wohl Recht behalten, auch wenn sie ihren Pappenheimer eindringlich mit Blicken warnte, Cedric nicht unnötig zu provozieren. Aber ein Meier in Spiellaune ließ sich nun mal nicht gerne stoppen. Zumal der Spaß doch gerade erst begonnen hatte.

Cedric (fixiert seinen ehemaligen Studienkollegen mit eisigem Blick): Marc!
Marc (in Zeitlupe dreht er sich herum u. mustert sein ihn finster anblickendes Gegenüber teils abfällig, teils spöttisch): Cederick!

Eine quälendlange Pause entstand, die das Unbehagen in Gretchens Bauch nur noch größer werden ließ und die erst durch eine flüsternde Kinderstimme durchbrochen wurde, welche die beiden sich bekabbelnden Ärzte sichtlich aus dem Konzept brachte und von ihrem albernen Kleinkrieg ablenkte, den sie sehr zu Gretchens Ärger seit Cedrics erstem Arbeitstag im Elisabethkrankenhaus offen zur Schau trugen. Sie kam direkt von Sarah, die sich verschwörerisch Marcs rechtem Ohr genähert hatte, in das sie nun leise, für Außenstehende aber laut genug, hineinsprach, während sie unentwegt an Marcs weißem Kittelärmel rüttelte, damit er sich wieder zu ihr umdrehte, was er daraufhin auch tat. Mit sichtlich mulmigem Gefühl im Bauch sah er sie nun an und harrte der Dinge, welche die Flüstermaus zu sagen hatte. In Sarahs Augen waren es natürlich weltverändernde Neuigkeiten, welche sie jedem einzelnen Kollegen ihrer Mutter, ohne deren Wissen versteht sich, unverblümt mitteilen musste, ob sie es wissen wollten oder nicht. Und mit Ausnahme von Dr. Meier freute sich auch jeder mit der aufgeweckten Tochter von Dr. Hassmann mit, die im Gegensatz zu ihrer manchmal recht eigen wirkenden Mutter jedes Herz im Sturm erobern konnte.

Sarah: Pssssst! Maaarciii?
Marc: Äh... ja? Was is?
Sarah (strahlt den perplexen Mann hinter Dr. Meier mit leuchtenden Augen an, der ebenfalls beim Klang ihrer süßen Stimme die Ohren gespitzt hält, u. krallt ihre Fingerchen in Marcs Kittelkragen, um sich daran festzuhalten, als sie sich noch näher an Marc heranbeugt, um ihn etwas ganz, ganz Wichtiges zu fragen): Duuu, kennst du schon den Cederederick, Mamis neuen Freund?
Marc (sichtlich verwirrt, obwohl er schon längst über die Schreckensverbindung der beiden Bescheid weiß): Äh... ihn da? Die Pappnase?
Gretchen (klopft ihm mahnend von der Seite auf den Arm): Marc!
Sarah (ihre Augen leuchten gleich noch mehr): Jaaa! ... Psst! ... Und weißt du noch was, Maaarc?
Marc (immer misstrauischer): Äh... nein, aber ich vermute mal, so wie du ausschaust, wirst du es mir gleich verraten.
Sarah (nickt aufgeregt u. quietscht auch schon aufgekratzt los, dass es gleich wieder in seinen Ohren klingelt): Das ist mein Papiii.

Oh Gott! Ich weiß nicht, wer wem mehr Leid tun kann.

Marc (registriert augenrollend den ungewohnt sentimentalen Gesichtsausdruck seines Kontrahenten u. widmet sich schnell wieder dem kleinen Quälgeist, der ihn neugierig, auf seine Antwort wartend, anstarrt): Jep, der ist mir bekannt, aber nur ganz, ganz flüchtig. Wir haben eigentlich gar nichts miteinander zu tun.
Und das ist auch gut so.
Cedric (da Marc nicht aus dem Knick kommen will, klärt er eben sein Töchterlein auf): Wir haben zusammen studiert.
Marc (hebt widersprechend einen Zeigefinger u. guckt Cedric mit angedeutetem Ameisenblick an): Äh... wir hatten einen Kurs zusammen, den du mir mit deiner scheinheil...

Oh, oh, nicht gut!

Gretchen (versucht den Motzkönig rechtzeitig zu stoppen, bevor er die Uraltgeschichte von geklauten Forschungsergebnissen wieder ausgräbt u. sich stundenlang darüber auslässt): Marc, bitte!
Sarah (guckt aufgeschlossen in die Runde u. stört sich überhaupt nicht an den bösen Blicken, welche die beiden Männer miteinander austauschen; die findet sie eher lustig): Was ist „studifitzieren“?
Gretchen (lächelt den süßen Schatz an): Studieren, also, ein Studium an einer Universität ist in etwa das Gleiche wie für dich der Kindergarten oder für Lilly die Schule, nur eben für Erwachsene, die einen Beruf anstreben. Also in dem Fall, den des Arztes.

Wobei in diesem schwierigen Fall auch der Kindergarten gelten könnte. Denn erwachsen ist ja wohl keiner von den beiden.

Sarah (hat verstanden u. nickt Gretchen dementsprechend zu u. blickt dann wissbegierig zwischen Marc und Cedric hin und her, die sich immer noch finster angrummeln): Ach so, dann seid ihr auch Freunde, so wie Lilly und ich?
Marc (verschränkt protestierend die Arme u. muss dringend etwas klarstellen, bevor hier noch Missverständnisse auftreten): Äh... Definitiv nicht!
Cedric (mustert Marc ebenfalls abschätzig): Dito!
Gretchen (kann nur den Kopf schütteln bei dieser doppelten Dosis Starrsinn der beiden ach so Studierten): Ach, darin sind sich die Herren also plötzlich einig, hmm?
Marc (blitzt sie an): Eh!

Doch Kindergarten! Sag ich doch. Dann sind sie ja im Kreis von Sarah genau richtig aufgehoben. Hihi!

Sarah (zuckt unschlüssig mit den Schultern, zieht eine Schnute u. wackelt dann weiter fröhlich mit ihren Beinen, die von der Küchenzeile herunterbaumeln, auf der sie sitzt): Schade! Warum denn nicht?
Gretchen (flüstert Marc einen berechtigten Vorschlag zu): Für ein harmonisches Miteinander hier im Haus wäre es vielleicht einmal eine Überlegung wert.
Marc (funkelt seine rechthaberische Freundin böse an u. wechselt ebenfalls in den Flüstermodus): Bitte? Bei dir piept’s wohl! Dann hacke ich mir lieber den Fuß ab, als mit dem in irgendeiner Weise befreundet zu sein. Du weißt, was er getan hat.
Gretchen (rollt entnervt mit den Augen): Marc, das ist bald zehn Jahre her. Meinst du nicht, dass da langsam mal Gras drüber wachsen könnte? Ihr habt schließlich trotzdem beide eure Approbation bekommen. Also gut is!
Marc (blickt finster zu Cedric rüber, der für das nachtragende Verhalten seines ehemaligen Studienkollegen auch kein Verständnis hat, da die Uni gerade für angehende Ärzte nun mal ein Haifischbecken ist u. Marc damals auch nicht gerade eine blütenweiße Weste getragen hat): Diese Erde ist so verseucht, da wächst kein Halm mehr.
Gretchen: Marc, bitte, jetzt sei nicht so melodramatisch wie deine Mutter.
Marc (der Faden ist damit definitiv überspannt): Was?

Yes, I got him! Hihi! Dabei ist das so leicht.

Gretchen (lächelt ihren Liebling spöttisch an u. kuschelt sich dann von hinten an ihn heran u. schmiegt ihr Kinn an seine Schulter): Ja, vielleicht merkst du so endlich mal, wie du dich gerade aufführst.
Marc (lässt seine Freundin mit ihrem Schmusekurs gewähren, verschränkt aber wegen ihres Spruchs bockig die Arme u. beobachtet derweil misstrauisch seinen Dauerkontrahenten, der sich an ihm vorbei zu Sarah herangeschlichen hat): Ich führe mich... Pff!
Cedric (wendet sich seiner Tochter zu, die eine missmutige Schnute zieht, weil sich ihre beiden großen Helden offenkundig so gar nicht leiden können): Weißt du, Sarah, Spatz, Marc und ich sind lediglich Kollegen. Mehr verbindet uns nicht. Du siehst Finn-Kevin doch auch nur im Kindergarten und es gibt Tage, an denen du ihn überhaupt nicht leiden magst.
Sarah (kleinlaut): Finn-Kevin ist doof.
Cedric (sieht schmunzelnd zu Marc, der zufällig auch gerade zu ihm schaut): Siehst du, und genauso verhält es sich auch...
Marc (fühlt sich zu Unrecht angegriffen u. legt den Wehrpanzer sofort wieder an): Eh! Pass bloß auf, was du sagst, ja!

So ein blöder Arsch, Arsch,... Pimmel!

Gretchen (legt behutsam eine Hand an Marcs Schulter u. versucht zu schlichten, merkt dabei aber nicht gleich, dass ihr Grummelkönig schon längst abgelenkt ist): Lass endlich gut sein, Marc! Die Kollegen warten schon. Die Visite. Du erinnerst dich? Ich sollte dir doch die neuen Patienten vorstellen.
Marc (flirtet mit der kleinen Hassmännin, die ihn heimtückisch von hinten angefallen u. zu kitzeln versucht hat, wofür er sich sofort an ihr rächt u. sie nun selber kitzelt, was bei ihr zu einem lauten Lachanfall führt): Och, ich unterhalte mich doch gerade so gut.
Sarah (zappelt u. schreit fröhlich vor sich hin): Aaahhh... Maaarc! ... Hör auf! Das kitzelt! ... Du!
Gretchen (lacht über ihren süßen Quatschkopf, der die kleine Zappeline nach ihrem Protest endlich loslässt): Ach, auf einmal? Vorhin klang dein Arbeitseifer noch ganz anders.
Marc (zwinkert ihr frech zu): Hmm... Man muss eben zu delegieren wissen. Hopp, hopp, der Ha(a)se läuft Galopp!
Sarah (quakt dazwischen, noch ehe sich Dr. Haase gegen ihren vorlauten Vorgesetzten wehren kann): Ich kann dir helfen, Gretchen.
Gretchen (lächelt den süßen Spatz an): Das ist aber lieb von dir, mein Schatz. Ich weiß nur nicht, ob das das Richtige für dich wäre. Die Patienten hier sind nämlich wirklich doll erkrankt und brauchen viel Ruhe und Feingefühl.
Sarah (kleinlaut): Hab ich!

Boah, das hört sich ja an wie Meuterei auf der chirurgischen Station. Nicht mit dem Kapitän!

Marc (stellt sich dem süßen Fratz einfach in den Weg, der von seinem hohen Sitzplatz herunterhüpfen will, um Gretchen zu den Patienten zu folgen): Was? Du willst mich hier einfach so stehen lassen? Das ist aber nicht gerade nett von dir.
Cedric (kommt nicht umhin, über seinen süßen Wirbelwind zu schmunzeln, der gleich mal die gesamte Station übernehmen will): Den Charakterzug kenne ich.
Marc (fährt zu dem vorlauten Neurologen herum u. blitzt ihn an): Äh... Hat dich hier irgendwer um deine unqualifizierte Meinung gefragt, Stier? Hast du keine eigenen Patienten, die auf den Kopf geflogen sind? Oder musst du erst deine eigenen Defizite beheben?

Nicht schon wieder! Ich brauche dringend neue Nervennahrung. Doch wo hernehmen, wenn nicht von den Patienten stibitzen während der Visite? Mhm... Das ist durchaus eine Überlegung wert.

Gretchen (geht als Schlichterin direkt mit mahnendem Wort dazwischen u. widmet sich nach dem ein oder anderen eindringlichen Blick wieder der Hauptperson): Maaarc! ... Sarahmaus, du darfst mir gerne helfen, wenn du magst. Dr. Meier will ja lieber noch ein bisschen weiter stänkern.
Sarah (gluckst vergnügt): Stinkern, hihi!
Marc (stupst warnend ihr süßes Stupsnäschen an): Hey, nicht frech werden, Fräulein!
Sarah (streckt ihm frech ihre Zunge heraus): Bin ich gar nicht.
Marc (geht spielerisch darauf ein): Natürlich nicht, du Unschuldsengel. Dabei könnte ich deinem Papa so viele spannende Geschichten über dich erzählen. Wie du und Lilly...
Sarah (beugt sich flehend zu ihm vor, weil sie ihm den Mund zuhalten möchte): Nicht, Marci!
Cedric (beobachtet argwöhnisch das vertraute Spiel der beiden u. lässt sie vorerst gewähren): Engelchen, wenn du eine Runde mit Gretchen mitgehen möchtest, dann sollten wir vorher deiner Mutter noch Bescheid geben, damit sie weiß, wo du... (horcht plötzlich auf u. schaut sich um) ... Äh... ich will ja nicht den Moralapostel raushängen lassen, aber euer Stationstelefon läutet zum wiederholten Mal. Wollt ihr nicht rangehen?
Marc (schnippisch): Geh du doch! Ich bin offiziell noch gar nicht im Dienst, meine Assistenz ist quasi schon auf dem Weg zur Visite und laut Plan bist du heute doch auch eingetragen. Also tue endlich was für das wenige Geld, das du dir hier neben deinem Dauerbabysitterjob dazuverdienst.
Cedric (funkelt den Sprücheklopfer bitterböse an, gibt aber als Klügerer nach u. lässt ihn stehen u. geht um die Ecke zur Anmeldung, um den klingelnden Telefonhörer abzunehmen): Witzig, Marc! ... Elisabethkrankenhaus, Chirurgie, Dr. Stier am Apparat, was kann ich für Sie tun?

Marc (kuckt seinem „Lieblingskollegen“ hämisch grinsend hinterher u. widmet sich dann schnell wieder der Zappeline vor sich, die ihn mit ihren blauen Glubschaugen regelrecht hypnotisch anstarrt): Sag mal, Sarah, jetzt, wo wir unter uns sind, kann ich dich dann noch was fragen?
Gretchen (schaut misstrauisch zwischen den beiden hin u. her, während sie mit einem Ohr dem Telefongespräch von Dr. Stier zu lauschen versucht, weil es vielleicht ein Notfall sein könnte): Ich dachte, wir wollten los, Marc?
Sarah (ihre Augen leuchten wissbegierig auf): Alles!
Marc (stoppt seine energische Assistenzärztin, die bereits die Mappen für die Visite an ihre Brust gedrückt hält, per Handbewegung, blickt sich noch einmal nach Cedric um u. wendet sich dann verschwörerisch seiner kleinen Freundin zu, die immer noch vor ihm auf der Anrichte sitzt u. fröhlich ihre Beinchen baumeln lässt): Äh... wir wollen es mal nicht gleich übertreiben, ne. Aber trotzdem, sag mal, findest du den da eigentlich gut?
Sarah (guckt um die Ecke zu ihrem Papi, der gerade eine aufgeregte Anruferin zu beruhigen versucht u. mit einer Grimasse zu seinem Töchterlein rüberzwinkert, u. himmelt ihn an): Nein!
Marc (kurzzeitig irritiert, ebenso wie Gretchen, die Marc mit großen Augen anschaut, dann grinst er plötzlich zufrieden): Nein? ... Gut!
Sarah (quietscht fröhlich los): Ich find ihn suuupertoll! Toll! Toll! Toll!

Na super! Der Club der Verschwörerinnen ist vollständig. Das EKH droht von einer fremden Macht überrollt zu werden. Das muss gestoppt werden. Noch mehr von der Sippe ist ja nicht auszuhalten.

Marc (guckt extra betroffen aus der Wäsche): Wirklich? Aber mich hast du doch noch ein bisschen lieber als die Pappnase da drüben, oder?
Gretchen (geht alarmiert dazwischen, nachdem sie ein paar Gesprächsbrocken mitbekommen hat): Marc, jetzt hetz sie nicht gegen ihren Vater auf! Sie hat sich so gefreut, ihn endlich wiederzuhaben. Mach das nicht kaputt!
Marc (legt seinen unschuldigen Dackelblick auf u. hilft seiner kleinen Freundin von der Küchenzeile herunterzukommen u. setzt sie sanft wieder auf ihre beiden Zappelfüße): Hab ich dazu was gesagt? Ich stelle doch nur die bestehenden Hierarchien wieder gerade.
Sarah (drückt Marc noch einmal liebevoll an sich u. läuft dann direkt ihrem Papi in die Arme, der gerade das Telefongespräch beendet hat, nimmt seine Hand u. zieht ihn zur Tür raus in den Flur): Jaaa, dich hab ich auch ganz doll lieb, Marci.

Marc (ruft dem frechen Mädchen gespielt beleidigt hinterher u. kann sein verschmitztes Grinsen dabei nicht verbergen): Was heißt hier auch? Und hör auf, mich ständig „Marci“ zu nennen! Das untergräbt meine Autorität!
Gretchen (mustert kopfschüttelnd ihren Grinsekönig, der sich einen Apfel aus dem Obstkorb geschnappt hat u. nun kraftvoll hinein beißt, u. richtet die Aktenmappen neu, die langsam schwer auf ihrem Arm werden): Du bist so ein Kindskopf, Marc.
Marc (packt seine Freundin unvermittelt am Hinterteil u. schiebt sie so zu einer kleinen Umarmung heran): Na, na, na, Frau Dr. Haase, wie reden Sie denn mit Ihrem Vorgesetzten, hmm?
Gretchen (grient den Frechdachs kichernd an, nähert sich zu einem Kuss, den er bereitwillig empfangen will u. dafür bereits die Lippen gespitzt hält, aber kurz bevor sich ihre Lippen sanft wie ein Windhauch berühren können, entzieht sie sich ihm wieder): Widdewiddewipp, so wie’s mir gefällt, Herr Dr. Meier. Solange er sich wie ein Elefant im Porzellanladen benimmt. Ich muss jetzt meinen beiden Kollegen hinterher. Wie sieht’s bei Ihnen aus?
Marc (gespielt entsetzt wegen der ausgebliebenen Zärtlichkeiten): Was? Ich krieg nicht mal nen Kuss?
Gretchen (dreht sich noch einmal tänzelnd zu ihrem bedröppelten Freund um u. genießt den Anblick in vollen Zügen): Ich hab ja vorhin auch keinen bekommen. Das nennt sich ausgleichende Gerechtigkeit.

Und ehe Dr. Meier auf die Frechheiten seiner attraktiven Assistenzärztin reagieren konnte, hatte diese bereits lachend das Stationszimmer verlassen, vor dem bereits eine Traube Kollegen und Kolleginnen auf die anstehende Visite wartete. Gretchen reichte den Assistenzärzten aus den ersten beiden Jahrgängen die Patientenunterlagen, die diese untereinander verteilten, und schaute sich noch einmal nach Marc um, um vor einer möglichen Racheaktion rechtzeitig gefeit zu sein. Und als dieser seinen verwirrten Chirurgenkopf aus dem Zimmer herausreckte, flitzte sie schnell der Gruppe voran zum ersten Patientenzimmer und betrat selbiges. Der perplexe Oberarzt konnte nur ungläubig mit offenem Mund hinterher gucken. Und diesmal war sein „Freund“ und Kollege Dr. Stier obenauf, der mit Sarah an seiner Hand die heitere Szene zwischen den beiden verliebten Ärzten interessiert beobachtet hatte.

Cedric: Tja, ein blondes Wespennest! Damit muss man(n) umzugehen wissen. Ne, Meier?

Blitzschnell schoss Marcs Kopf zu dem unverschämten Kommentator herum und er nahm ihn sofort mittels Ameisenblick ins Visier. Mit ausgestrecktem Zeigefinger kam er auf den Weißkittelträger zu. Doch ehe dieser darauf reagieren konnte, hatte er am anderen Ende des Flurs bemerkt, wie eine Tür aufging und eine hübsche Frau mit kurzen Haaren herauskam. Sarah hatte sie auch gleich entdeckt. Sie riss sich abrupt von Cedrics Hand los und flitzte in Windgeschwindigkeit an Marc vorbei den langen Gang vor, direkt in die Arme der Frau, welche die junge Dame kaum bändigen konnte und deshalb vor ihr in die Knie gehen musste.

Marc: Och du, freche, selbständige, fleißige Bienchen sind eigentlich ganz nützlich im eigenen Stock. Die gemeine Wald- und Wiesenzecke ist da wesentlich problematischer. Auch wenn ich zugeben muss, dass sich das Ungeziefer gar nicht mal so ungeschickt anstellt, um ans Ziel zu gelangen. Einfach der stärksten Konkurrenz nen Braten in die Röhre schieben und schon muss man sich um den Job in den nächsten Jahren keine Sorgen mehr machen. Respekt für deine Weitsicht!

...frotzelte Marc, der die innige Umarmung von Mutter und Tochter auch beobachtet hatte, fröhlich grinsend weiter mit seinem „Lieblingskollegen“. Eigentlich wartete der Oberarzt noch auf eine gepfefferte Gegenreaktion seines Dauerkontrahenten, aber die blieb zu seiner Enttäuschung aus. Dr. Stier war vollkommen ruhig und entspannt geblieben, auch wenn ihn die Anspielungen vom Meier tief im Inneren getroffen hatten. Er hatte einfach keine Lust mehr auf diesen ewigen Dauerkrieg, in den Marc immer wieder neues Feuer warf, weil er nicht zugeben wollte, dass die Sache, die damals definitiv nicht fair abgelaufen war, längst verjährt war. Die beiden nun auf ihn zuschlendernden hübschen Mädels waren ihm einfach wichtiger. Deshalb erwiderte Cedric auch nur trocken noch etwas in Marcs Richtung, bevor er ihn stehen ließ und seinen Lieben entgegenlief...

Cedric: Weißt du, Marc, wenn du mich richtig kennen würdest oder kennenlernen wollen würdest, dann wüsstest du, dass mir der Job längst nicht mehr das Wichtigste ist. Ich nehme hier niemandem irgendetwas weg oder hab es extra drauf angelegt. Das Leben passiert einfach. Und es ist großartig. Das müsstest du doch selber wissen dank deines blonden Wirbelwinds, der dein Leben gerade ordentlich aufmischt. Also, so schätze ich es zumindest ein, wenn man euch beide beobachtet. Meine Prioritäten haben sich verschoben. Das, was jetzt als Anforderungen auf mich zukommt, ist Millionen Mal mehr wert als all das, was wir hier tagtäglich leisten. Wenn ich ehrlich bin, würde ich auf der Stelle für meine Familie alles aufgeben, wenn’s sein müsste. Und wenn es nur für ein paar wenige Stunden wäre, die ich mit ihr verbringen dürfte. Aber das kann wohl jemand, der noch immer nicht erwachsen werden will, nicht verstehen. Wenn du’s unbedingt noch mal hören willst, bitte, dann sage ich es dir halt noch einmal. Von mir aus nimm’s aufs Handy auf, damit du es immer abspielen kannst, wenn du einen Hass auf mich kriegst. Es tut mir leid, ok? Ich bin ein Arsch. Du bist ein Arsch. Also, wir sind quitt. Und wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest. Ich würde den restlichen Morgen gerne mit meiner Familie verbringen. Wir können ja später an der Stelle weiterdiskutieren, wenn du auch mal soweit bist.

Mit diesen Worten ließ Dr. Stier einen sichtlich sprachlosen Dr. Meier zurück, der noch einen Moment brauchte, um seine Gedanken zu sortieren.

Marc: Und du weißt auch rein gar nichts von mir, Stier. Ich bin sehr wohl erwachsen, erwachsener als du denkst, und weiß, was wirklich zählt. Gerade jetzt. Meine Prioritäten liegen genau richtig. Und weißt du was, wir sind auch schon längst dabei,...

...Babys zu produzieren, wenn du’s genau wissen willst. Nur halten wir uns mit Frühschüssen zurück. Nicht so wie du, jeder Schuss ein Treffer. Idiot!

...fügte Marc noch in Gedanken hinzu, als er merkte, was er da gerade dabei war, in seiner Wut auf Dr. Stier öffentlich preiszugeben. Er schüttelte den Kopf, als er Cedric nachblickte, rückte seine Hose zurecht, straffte seinen Kittel und folgte schließlich seinem Team in das Patientenzimmer, wo er aufmerksam den Ausführungen seiner ersten Assistenz lauschte, die während seiner Abwesenheit einen prima Job geleistet hatte. Definitiv, seine Prioritäten lagen genau richtig, stellte Marc dabei erneut voller Zufriedenheit fest und widmete sich jetzt nach Aufforderung von Gretchen einem ganz besonders komplizierten Fall, der die Kollegen schon das ganze Wochenende beschäftigt hatte.

Gretchen: Dr. Meier, das ist Frau Schwan, sechsundsechzig Jahre alt, ehemals Lehrerin an einer Berufsschule, jetzt Rentnerin, sie ist Freitagnacht mit Verdacht auf akuten Myokardinfarkt eingeliefert worden. Sie klagte nach einer Familienfeier über plötzlich auftretende heftige Brustschmerzen und Atemnot und war bei Einlieferung nicht mehr ansprechbar und musste vom RTW-Team zusätzlich beatmet werden. Die ersten Röntgenaufnahmen der Thoraxorgane waren aber soweit o.B. Die Blutuntersuchung ergab extrem erhöhte Enzym- und Eiweißwerte, was den Erstbefund zunächst bestätigte. Die Echokardiographie wies eine Kontraktionsstörung des linken Ventrikels auf, was den Verdacht nährte, dass es sich hierbei tatsächlich um einen akuten Infarkt handelte. Bei der anschließenden Herzkatheteruntersuchung stellte sich jedoch Gegenteiliges heraus. Die Herzkranzgefäße waren nicht wie vermutet verschlossen. Ein Herzinfarkt konnte somit ausgeschlossen werden. Der erhöhte Katecholaminspiegel sowie die anhaltenden Salven auf der EKG-Kurve ließen jedoch weiterhin Anlass zur Sorge. Eine Zufuhr von Katecholaminen wurde daher abgeraten, um den labilen Zustand von Frau Schwan nicht zu verschlechtern. Betablocker wurden verabreicht, um die hohe Adrenalinzufuhr zu stoppen, die wir als Hauptursache für die Rhythmusstörungen vermuten, und eine Monitorüberwachung auf der Intensivstation wurde angeordnet. Bis gestern Vormittag hatte sich der Zustand der Patientin soweit stabilisiert, dass sie hierher verlegt werden konnte. Das EKG zeigt aber immer noch rätselhafte Rhythmusstörungen auf, die wir weiterhin beobachten wollen, um gänzlich sicher zu gehen, dass wir nicht doch etwas Entscheidendes übersehen. Sie bleibt daher bis auf weiteres auf Station. Auch weil Frau Schwan laut Krankenakte ihres Hausarztes bislang noch nie über Herzprobleme geklagt hat.
Marc (blickt nachdenklich über die Untersuchungsergebnisse): Mhm... Das ist schon seltsam. Das klingt fast wie... Mhm... Schon mal was von der „Tintenfischfalle“ gehört, Haasenzahn?
Gretchen (sieht in die fragenden Gesichter ihrer um das Bett versammelten Kollegen u. dann in das verwunderte Gesicht ihrer Patientin): Äh... nein?
Marc (grinst selbstzufrieden in die unwissende Runde u. läuft nach einer knappen Verabschiedung der verdutzten Patientin ungeduldig zum nächsten Patientenbett weiter): Tja, dann hab ich jetzt einen Job für dich. Find’s raus, staune und lerne! Keine Bange, Frau Schwan, unsere Frau Doktor kriegt Sie schon wieder hin. Damit die Schwänchenflügel wieder gleichmäßig flattern können.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

16.03.2014 14:53
#1471 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Während sich die einen um das Wohl ihrer Patienten auf Station kümmerten, widmete Dr. Cedric Stier seine ganze Aufmerksamkeit seinen beiden Herzdamen, zu denen er mittlerweile aufgeschlossen hatte. Mit aufblitzenden Augen blickte er abwechselnd zwischen der großen und der kleinen Version der Hassmann-Frauen hin und her und blieb schließlich augenzwinkernd an der niedlichen Mini-Ausgabe haften, die fröhlich mit ihrer Mami, die ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter zog, Händchen hielt und die Hin- und Herschlenkerbewegungen ihrer Arme nicht unterließ, auch wenn sie beide inzwischen, mehr oder weniger freiwillig, vor dem gutaussehenden Mann im Arztkittel stehen geblieben waren. Maria ließ sich die Genervtheit deswegen jedoch nicht anmerken. Sie hatte ja jemand anderen, an dem sie diese ungehemmt auslassen konnte. An ihrer „guten“ Laune hatte sich nämlich auch nach dem Besuch beim einfühlsamen Dr. Kaan nichts geändert. Sie war immer noch geladen hoch Zehn. Dafür genügte dem wissenden Neurochirurgen nur ein einziger Blick in die dunkel funkelnden Augen seiner Lieblingszicke, die er nun mit einem breiten Zahnpastalächeln anlächelte, was eher muffelig von seinem Objekt der Begierde erwidert wurde.

Cedric: Na, ihr beiden Hübschen, und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag? Bis das Taxi kommt, ist ja noch reichlich Zeit.
Maria (zynisch): Ich weiß ja nicht, was du vorhast und es interessiert mich auch, ehrlich gesagt, nicht, aber ich werde jetzt dafür sorgen, dass wenigstens auf meiner Station alles nach Plan läuft.
Cedric (klappt ungläubig die Kinnlade herunter): Was soll das denn heißen? Erstens, läuft da immer alles nach deinem vordiktierten Plan und zweitens, bist du immer noch krankgeschrieben, Maria.
Das ist es ja gerade, du Klugscheißer!
Maria (zischt ihn gerade wegen dieser unakzeptablen Tatsache extrazickig an): Was nicht heißt, dass ich während meiner kurzen Abwesenheit einen Saustall hinterlassen werde.
Cedric (verdreht entnervt die Augen u. versucht Ruhe zu bewahren): Ich kann mich doch später darum kümmern. Wir haben schließlich keine akuten Fälle auf Station, wie du von deinen halbtäglichen Kontrollanrufen bei der Stationsschwester sicherlich weißt. Wie war eigentlich deine Untersuchung bei Dr. „Sensibelchen“?
Maria (patzig): Lenk nicht ab!
Cedric (kann sich bei dieser Aussage ein fassungsloses Auflachen nicht unterdrücken): Also wenn hier jemand ablenkt, dann bist das doch eindeutig du!
Maria (ihre Augen verfinstern sich noch mehr u. sie kocht innerlich): Also das... das ist ja wohl...

Sarah (wirft ihren Kopf wie bei einem Pingpongspiel hin und her, so wie sich ihre Eltern die Bälle zuspielen u. sie kaum hinterher kommt): Und was ist mit dem Spielplatz? Wir wollten doch hinter dem Krankenhaus eine Schneeärztin bauen. Das hast du mir versprochen, Mami.
Cedric (stellt sich demonstrativ neben seine weinerlich klingende Tochter, die ihn dafür überglücklich anhimmelt u. jetzt seine Hand nimmt): Genau, da siehst du es! Wir haben jetzt andere Verpflichtungen, Frau Oberärztin außer Dienst.
GRRR! Wie ich diesen Satz hasse. Und wie ich ihn dafür hasse, wie er mich deswegen anschaut. So eingebildet, so überheblich, so... GRRR! Das ist völlig unakzeptabel.
Maria (blickt argwöhnisch zwischen den beiden sich gegen sie Verschworenen hin und her): Und was ist mit meiner Station? Du kannst sie nicht ewig unbeaufsichtigt lassen.
Cedric (lächelt, weil seine Liebste schon ein bisschen ruhiger und einsichtiger klingt): Wir befinden uns in einem Haus voller Ärzte und welcher, die es noch werden wollen. Deine Assistenzärzte sind instruiert. Die Visite läuft. Und falls was sein sollte, geht eh alles über meinen Pager. ... (wedelt demonstrativ damit vor ihrer Nase herum) ... Du kannst also getrost einen Gang zurückschalten, Frau Plangewissheit. Und das ist jetzt eine ärztliche Anweisung. Stresslevel auf 0 halten! Vergessen? Daran hat sich nichts geändert, egal was die Pappnase gesagt hat.

Ich hasse, hasse, hasse ihn! Und ich hasse Mehdi dafür, dass er mich gegen meinen ausdrücklichen Willen in diese verdammte Geschichte hineinmanövriert hat, was nebenbei bemerkt die einzige Sache ist, die bei Rick voll und ganz Unterstützung findet, obwohl es von seinem „Lieblingskollegen“ kommt, den er ja ansonsten so sehr „schätzt“. GRRR!!! Ich brauche keine Kur! Ich bin gesund, fit und fähig, wieder voll zu arbeiten. Wenn man mich doch endlich mal lassen würde. Zu operieren bringt mir mehr Entspannung als ein Aufenthalt im Frauenknast bei Yoga und Pilates oder schlimmer noch beim Kaffeekränzchen auf der Seeterrasse. Nicht zu vergessen die Therapiegespräche, die ich hier auch ungefragt vom Haasen aufgedrückt bekommen würde. Also was soll das alles?

Maria (könnte sich schon wieder tierisch darüber aufregen, dass jeder ihr etwas vorschreiben will, was sie gar nicht braucht): Aber...
Cedric (schreitet energisch dazwischen): Kein Aber, Mary!
Ganz ruhig! Er ist Sarahs Vater und der vom Krümelmonster, das er mir eingebrockt hat. Du kannst ihn nicht umbringen. ... Noch nicht!
Maria (will sich nichts sagen lassen u. von ihm schon einmal gar nicht): Ich will doch nur...
Cedric (bleibt direkt vor der Furie im schicken feminin geschnittenen Kostüm stehen, die im Begriff ist zu gehen, greift nach ihren beiden Handgelenken u. hält sie mit eindringlichem Blick entschlossen fest, was nicht ohne Gegenwehr bleibt): Sssht! Ich weiß, was du willst. Ich kann dich sogar verstehen. Ich hätte auch keinen Bock, die Füße so lange stillzuhalten. Aber du hast nun mal keine andere Wahl. Der Professor würde dich eigenhändig auf die Insel verfrachten, wenn er dich oben bei irgendetwas erwischt, das annähernd nach Arbeit aussieht. Oder hast du euer Gespräch vergessen, als er dich letzte Woche mit Patientenakten in deinem Krankenzimmer erwischt hat? Außerdem ist deine Station in guten Händen. In meinen nämlich.
Maria (eingeschnappt dreht sie ihr Gesicht von dem grinsenden Mann weg, der sie immer noch nicht loslassen will): Na toll, und das soll mich beruhigen?
Das ist die schlimmste Strafe, die es gibt. Mal abgesehen von all den anderen Dingen, über die es sich nicht aufzuregen gilt. ICH REG MICH DOCH AUCH GAR NICHT AUF!
Cedric (schmunzelt): Ich kann nicht fassen, dass du immer noch denkst, ich würde dir etwas wegnehmen wollen. An meiner Position hat sich trotz der in der näheren und ferneren Zukunft auftretenden Veränderungen nichts geändert, Frau Chefin. Und jetzt... (blickt zu seiner quengeligen Tochter herunter, die ungeduldig an seinem Kittel rumruckelt) ... sind erst einmal unsere Wünsche dran.

Sarah (quetscht sich energisch zwischen die beiden sich mit finsteren Blicken Belagernden u. reckt ihr neugieriges Näschen zu den beiden in die Höhe): Genau! Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen, Mami.
Der Mistkerl arbeitet eindeutig mit unfairen Mitteln. Und Motte macht da auch noch mit. Er weiß ganz genau, dass sie viel zu leicht zu beeinflussen ist in dem Alter. Sie plappert doch ständig alles nach. Aber ruhig bleiben! Zumindest einen von beiden bist du bald los. Das einzig Positive an dieser vertrackten Situation.
Maria (kann es überhaupt nicht leiden, dass sie beim Blick in Sarahs leuchtende blaue Augen schon wieder butterweich wird): Und du, Miss Neunmalklug, hast mir versprochen, ordentlich zu frühstücken. Hast du?
Sarah (beißt sich nach einem Kontrollblick zu ihrem Vater auf die Lippen u. flunkert ohne rot zu werden): Ja!?
Na super, und so viel dazu, er passt auf. Immer noch der verantwortungslose Tölpel, der er immer war. Meine Mutter hat so Recht!
Maria (kennt ihre Pappenheimerin ganz genau): Ich sehe, wie deine Nase immer länger wird, Sarah.
Sarah: Gar nicht!

Sarah fasste sich instinktiv an ihre hübsche kleine Nase, die sich eigentlich wie immer anfühlte, aber Kontrolle war besser. Also flitzte die Sechsjährige flink ins Stationszimmer vor und positionierte sich mit einem Hocker vor dem Wandspiegel über dem Waschbecken, wo sie jetzt ganz genau ihr Gesicht auf mögliche Veränderungen inspizierte. Grinsend blickten sich ihre Eltern an, nickten sich einträchtig zu und folgten ihrer leichtgläubigen Tochter schließlich im Gleichschritt in den Aufenthaltsraum der Chirurgie, wo auf dem Tisch in der Mitte neben Cedrics mittlerweile kalt gewordenem Kaffeepot immer noch Sarahs Kakao und die unberührte Müslischale standen. Seufzend fiel Marias Blick wieder auf ihr unbelehrbares Töchterlein, welches allein schon an einem alltäglichen Morgen mit seinen Fisimatenten dafür Sorge tragen konnte, dass das leicht reizbare Nervenkostüm der alleinerziehenden Mutter zum Bersten gespannt wurde. Deshalb mied das wissende Personal von Dr. Hassmann auch stets die ersten anderthalb Stunden einer Dienstzeit mit ihrer gestrengen Chefin, weil sie in der Zeit besonders anstrengend und gemein werden konnte.

Cedric blieb direkt hinter der krankheitsbedingt freigestellten Oberärztin stehen. Eine Hand legte sich locker an ihre Hüfte, ohne dass es sie sonderlich störte und er schnupperte leicht an ihrem Haar, das heute verführerisch exotisch duftete und damit seine Sinne noch zusätzlich zu ihrem ansonsten schon recht aufreizenden Äußeren vernebelte. Seine heißen Atemzüge kitzelten Maria am Hals, aber die stolze Frau ließ sich die Wirkung dieses unmöglichen Mannes auf ihren viel zu leicht beeinflussbaren Körper natürlich nicht anmerken und konzentrierte sich statt auf den aktuell größten Störfaktor in ihrem Leben auf ihren kleinen Frechdachs, der sie mit Unschuldsmiene im Spiegel zuckersüß angriente, dass man gleich gar nicht mehr länger böse sein konnte. Leise fing Cedric, der seiner widerspenstigen Herzdame noch ein Stückchen näher auf den Leib gerückt war, hinter ihr ein Gespräch an, auf das Dr. Hassmann aber absolut keine Lust hatte, wie ihm ihre Körpersprache sofort anzeigte und damit gleich doppelt frustrierte. Ob sich das wohl je ändern würde, wenn ihre Schwangerschaft weiter vorangeschritten sein würde?

Cedric (legt besonders viel Wert auf die Extrabetonung eines ganz bestimmten Namens, der ihn stets sauer aufstoßen lässt): Also, was ist? Was hat Dr. ... Kaan nun gesagt?
Maria (betont beiläufig, ohne die Nervensäge hinter sich weiter zu beachten): Nichts.
Cedric (mustert Marias undurchschaubares Gesicht eindringlich im Spiegel u. mag an gewisse Dinge, die passiert sein könnten, überhaupt nicht denken): Nichts? Du willst mir doch nicht ernsthaft weismachen, dass die olle Quasselstrippe dich über eine halbe Stunde lang angeschwiegen hat, während du auf diesem Höllenstuhl gesessen hast und er an dir, wer weiß, was...
Maria (lenkt wie zufällig ab u. kneift ihrer Tochter, hinter der sie immer noch steht, einmal an die Nase, wofür sie einen extrabösen Hassmann-Blick kassiert bekommt): Es ist alles in Ordnung, okaaay.
Cedric (glaubt ihr kein Wort u. mustert seine beiden sich nun krabbelnden Mädchen ganz genau): Wirklich?
Also so langsam wird seine Eifersucht echt lächerlich. Mehdi wird mich nie wieder ernst angucken können, wenn der Vollhorst so weitermacht.
Maria (lässt Sarah los, schickt sie vor zum Frühstückstisch u. fährt Cedric schließlich mehr als genervt an): Herrgott noch mal, Cedric, stell dich nicht so an! So langsam wird es echt albern, wie du dich Mehdi gegenüber benimmst. Und nein, er hat sich nicht schon wieder über dich beschwert. Er erträgt deine unnötigen Beleidigungen wie ein Mann.
Cedric (funkelt sie sichtlich angefressen an): Ach, tut er das? Und was erträgt dein hochgeschätzter „Kollege“ noch so ohne Murren? Deine im Sekundentakt wechselnden Launen?
Maria (tippt ihm wütend gegen die Brust, bleibt aber in Gegenwart von Sarah leise genug, um vor ihr nicht weiter aufzufallen, denn die Kleine spielt schon wieder mit ihrer Seifenblasendose): Meine... WAS? Jetzt höre mir mal gut zu, Mister Jealousy!
Cedric (findet Marias tobende Art einfach nur hinreißend u. kann sich ein Schmunzeln nicht verdrücken): Ja?

Es ist ein Fehler. Es ist eindeutig ein Fehler. Und das beweist mir der Idiot jeden Tag. Kein Wunder, dass meine Mutter an meinem Verstand zu zweifeln beginnt. Ich sollte sie auf ihn hetzen, dann wäre er wieder klein mit Hut. Vielleicht mache ich das wirklich noch.

Maria (kocht innerlich immer mehr u. entlädt ihren Frust schließlich): Wenn du’s genau wissen willst, du eifersüchtiger Vollpfosten, wir waren nicht alleine in Mehdis Praxis, obwohl ich es durchaus vorgezogen hätte, wenn man schon vom halben Krankenhaus durchleuchtet wird wie Edward Snowden von der NSA. Das war kein Date oder was auch immer du dir in deinem Spatzenhirn ausgemalt hast. Und ich saß auch nicht auf diesem Höllenstuhl, wie du ihn so liebevoll bezeichnest. Das war auch überhaupt nicht notwendig, weil der nächste Vorsorgetermin erst nach meiner Rückkehr von Usedom sein wird. Und bevor du wieder die leidige Frauenarztwahldiskussionsleier anfängst, spar es dir! Ich werde meine Entscheidung nicht von dir und deinen Launen abhängig machen. Er ist nun mal der beste Spezialist auf dem Gebiet der Neonatologie und Gynäkologie und ich vertraue ihm. Du weißt ganz genau, dass über dem gesamten Zeitraum gewisse Risiken bestehen könnten. Ich werde das also nicht mit dir diskutieren. Das eben war ein stinknormaler Routinetermin, wie es sich für eine abschließende Visite gehört, ok. Und damit du endgültig beruhigt bist, Schwester Gabi hat die ganze Zeit die Anstandsdame gegeben, was nicht annähernd so lächerlich wirkte wie du jetzt gerade. Die Kollegen von der Inneren waren übrigens auch da. Die neuen Magen-Bilder waren alle ohne Befund. Das kannst du alles auch in den Unterlagen für das Kurzentrum nachlesen, die ich hier in meinen Händen halte. Jetzt zufrieden, Herr Oberinquisitor?

Cedric (nimmt die Unterlagen entgegen, die sie ihm wutschnaubend entgegenhält, blättert diese kurz beiläufig durch u. legt sie anschließend schmunzelnd auf den Schreibtisch von Schwester Sabine): Etwas.
Mir reicht’s jetzt echt! Was denkt der sich eigentlich? Dass ich ihm, nur weil ich eine Woche lang an sein Bett gefesselt war, gleich ganz gehöre? Das kann der Machoarsch so was von vergessen.
Maria (blitzt ihn immer noch stinksauer an u. will sich nun an ihm vorbeischmuggeln): Gut! Ich gehe trotzdem noch mal eben schnell hoch in mein Büro. Behalt die Kurze im Auge! Sie soll endlich ihr Frühstück essen.
Cedric (versperrt ihr den Ausgang): Maria!
Maria (straft ihn für sein bevormundendes Vorgehen mit tödlichen Blicken): Boah! Was soll das denn? Darf ich mich jetzt noch nicht einmal mehr von meinen Mitarbeitern verabschieden, oder wie? Ich dachte, der Knast beginnt erst heute Nachmittag, Kilometer von hier entfernt. So hab ich mich also getäuscht? Dann könnte ich ja fast hier bleiben. Die Bedingungen dort könnten nicht besser sein als hier in dieser Strafanstalt.
Cedric (gereizt): Musst du alles in den falschen Hals kriegen, Mary?
Maria (funkelt zurück): Musst du dich aufführen wie der letzte Neandertaler, der die Keule schwingt?
Cedric (starrt sie ungläubig an): Bitte?
Maria: Hab ich mit einem Wort gesagt, dass ich sämtliche komatöse Patienten abklappern und sie eigenhändig in die Röhre schieben will? Nein! Ich will nur meine restlichen Sachen holen und dann mein Büro absperren. Außerdem muss ich noch etwas verschwinden lassen, was Motte besser nicht schon in die Finger kriegen sollte. Ich hab keinen Nerv für noch mehr Millionen Fragen.
Cedric (irritiert senkt er die Arme vom Türrahmen, den er blockiert hält): Was?
Maria (bohrt ihren Zeigefinger in seinen Kittel direkt über der Herzgegend): Dank dir weiß jetzt das gesamte Haus Bescheid. Vielen Dank auch, du Arsch!

Cedric (ist sich keiner Schuld bewusst u. guckt dementsprechend auch ziemlich bedröppelt aus der Wäsche): Und schon wieder bin ich der Arsch. Das wäre ja hier nichts Neues. Aber da du kein nachtragender Dr. ‚Stinkstiefel’ Meier bist, darf ich wenigstens erfahren, wieso du mir auch schon wieder so liebevolle Kosenamen gibst? Ich hab nämlich vor niemandem über dich auch nur ein Wort verloren. Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist.
Maria (wurschtelt eine aufgerissene rosa Geschenkpackung aus ihrer geräumigen Handtasche): Dir ist was heilig? Ha! Dass ich nicht lache! Und warum haben die Kollegen dann zusammengelegt und uns das hier besorgt?
Cedric: Was ist da drin?
Maria (dreht sich so, dass Sarah nichts mitbekommt): Bekleidung.
Cedric (mit Fragezeichen in den Augen sieht er sie an): Aha!?
Maria (flüstert): Ja, und bevor, du König eines Depps, nachfragst, es ist weder unsere, noch Sarahs Größe. Wenn du verstehst?
Cedric (riskiert einen heimlichen Blick in das Geschenk u. lächelt): Oh, das ist doch nett von den Kollegen.
Maria (regt sich gleich noch mehr künstlich auf): Nett? NETT? Ja, nett ist auch, dass ich jetzt von niemandem hier im Haus mehr ernst genommen werde.
Cedric (bleibt die Ruhe selbst): Jetzt übertreibst du aber. Das Motiv darauf ist doch ganz witzig. Das muss man den Kollegen lassen.
Maria (gerät jetzt erst so richtig in Fahrt): Ich übertreibe gar nicht! Das ist doch garantiert auf dem Mist von der Haase gewachsen. Die kriegt sich doch gar nicht mehr ein, seitdem sie weiß, was los ist. Halt mir die heute bloß von der Pelle, sonst vergesse ich mich noch! Mehdi war auch schon so hochemotional beim Abschied.
Cedric (horcht alarmiert auf): War er das?

Maria (ignoriert den eifersüchtigen Unterton in seiner Stimme u. regt sich weiter auf): Der kann so was von vergessen, dass ich mich mit ihm, der Haase, Schwester Sabine und schlimmer noch mit der Kragenow für ein gemütliches Beisammensein zusammensetze. Pff! Was machen die auch so ein Theater aus dieser ganzen Geschichte?
Cedric (zieht die tobende Ärztin in eine Umarmung, gegen die sie sich anfangs noch wehrt, aber schließlich erschöpft nachgibt): Vielleicht weil du eins daraus machst, hmm?
Maria (funkelt ihn beleidigt an): Ich? Ich mache gar nichts.
Cedric (lacht auf, bis sein Zwerchfell schmerzt, was bei der zickigen Frau in seinen Armen gar nicht gut ankommt, ebenso wenig wie seine anschließend sehr treffend gewählten Worte): Ja, genau, jetzt hat sie es erfasst! Halleluja! Das war die ärztliche Anweisung, an die du dich in den vergangenen Tagen und Wochen nicht eine Minute gehalten hast. Du kannst nicht eine Sekunde ruhig bleiben, selbst bei Nichtigkeiten wie einem liebevoll gemeinten Geschenk gehst du hoch wie eine Rakete. Niemand kann dir auch nur irgendetwas Recht machen, obwohl wir alle es nur gut mit dir meinen und dich unterstützen wollen. Aber Madame hat ja ihren ganz eigenen Kopf, der erst einmal durch sämtliche Wände durch muss und in dem tausende Dinge gleichzeitig herumschwirren. Das muss aufhören! Es geht nicht immer nur darum, was die Frau Doktor will und für gut befindet. Sonst bist du in wenigen Wochen wieder an genau dem Punkt angelangt, an dem du jetzt stehst. An dem nichts mehr geht. Ich würde es noch nicht einmal allein auf die Hormonbomben in deinem Körper schieben, auch wenn die bestimmt einen gehörigen Anteil an deinem explosiven Verhalten haben, aber der eigentliche Grund, warum du dich heute wie Schlangenfrau Medusa aufführst, ist doch der Abreisetermin. Du hast Schiss davor, die Batterien wirklich rauszunehmen, Verantwortung abzugeben, das hier alles zurückzulassen, damit du dich einmal ganz auf dich selbst konzentrieren kannst. Aber das hast du ja noch nie gekonnt.
Maria (zynisch): Und aus dir spricht jetzt der Hobbypsychologe, oder was? Dann bewirb dich doch in der Geschlossenen. Die liegt direkt neben der Neurologie. Dann bin ich dich wenigstens endlich los.
Cedric (lacht sie augenzwinkernd an u. festigt die Umarmung um ihre schlanke Taille): Du willst mich doch gar nicht loswerden. Du willst dich nur noch nicht definitiv festlegen.
Maria: Ach ja? Überschätz dich mal nicht, mein Lieber! Das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen.

Und plötzlich war das widerspenstige Wesen in den Armen von Dr. Stier ganz handzahm und griente den gutaussehenden Arzt mit herausfordernden, wild auffunkelnden Augen an. Er erwiderte ihr bezauberndes Lächeln, beruhigt von dem offenkundigen Stimmungsumschwung, und zog sie mit sich zu dem runden Tisch in der Mitte des Stationszimmers. Er nahm auf seinem angestammten Sitz Platz, wirbelte die perplexe Oberärztin einmal um ihre Achse und platzierte sie dann gegen ihren Willen gezielt auf seinem Schoss. Er umschloss ihre Taille mit seinen starken Armen, damit Madame ihm nicht noch einmal entwischen konnte. Dass sie dies durchaus in Betracht zog, erkannte er nämlich an ihren immer dunkler werdenden Augen, die giftige Pfeile aussendeten, und an der Ferse, die unentwegt schmerzhaft gegen sein Schienbein prallte. Aber er hatte keine Angst mehr davor, dass sie ihm doch noch ausbüxen könnte, seitdem er das Zicklein vor einigen Tagen endgültig eingefangen hatte und ihr Widerstand mit jedem Tag mehr, den sie zusammen waren, in sich zusammenfiel wie die Bauklötzchen, die seine Jüngste immer liebend gern stapelte und dann mit lautem Karacho umschmiss. Schade eigentlich, dass sie nicht hier war, weil sie gerade die Kinderkrippe unsicher machte. Sein Familienglück wäre trotz des drohenden Abschiedsschmerzes perfekt gewesen. Aber an Abschied wollte Cedric noch nicht denken. Vielmehr wollte er den Moment genießen. Denn was gab es Schöneres, als die Geliebte im Arm zu halten, die endlich mal mit ihren Neurosen und ihrem aufbrausenden Verhalten im Kampf gegen ihn und sich selbst Ruhe gab?

Maria: Was wird das hier?
Cedric (kleinlaut): Ein Ruhemoment.
Maria (zappelt unruhig): Aha! Und wie soll der genau aussehen?
Cedric (ein schelmisches Lächeln schleicht sich auf seine Mundwinkel): Ich sorge dafür, dass du endlich mal die Klappe hältst, wie der Onkel Doktor verordnet hat.
Maria (dreht demonstrativ ihr Gesicht zur Seite, als er sich zu einem Kuss nähern will): Ho! Da ist aber jemand mutig mit seinen fragwürdigen Diagnosen? Aber wie der Herr Doktor gleich noch feststellen wird, es bleibt aber immer noch ein Problem über.
Cedric (stockt in der Bewegung u. sieht sie mit einem mulmigen Gefühl im Bauch an): Äh... welches? Wir haben doch meinem Erachten nach alle aus der Welt geräumt.
Maria (wendet ihren auf Sarah gerichteten Kopf lachend wieder zu dem verdutzten Mann herum): Du kennst unsere Tochter einfach immer noch nicht gut genug, Rick. Mit ihr gibt es keine Ruhemomente und ärztlich verordnete schon einmal gar nicht. Und da hab ich den Faktor drei noch gar nicht dazugerechnet, der uns auf lange Sicht hin droht. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob dir das schon richtig bewusst ist.

Und wie aufs Stichwort kam der kleine Wirbelwind tatsächlich laut kichernd um die Ecke geschossen und nahm sofort die Prinzessinnenposition auf Mamas und Papas Schoss ein, was Cedric ein schmerzhaftes Aufstöhnen entfahren ließ, weil zwei Hassmänninnen auf einmal eindeutig zu viel für seine armen Knochen war. Während Maria die süße Maus vergnügt grinsend an sich drückte und für ihren gelungenen Auftritt herzte, pustete diese unentwegt Seifenblasen in die Luft und vornehmlich in die Gesichter ihrer sich umarmenden Eltern. Erst als Marias Blick zufällig auf die Müslischüssel auf dem Tisch fiel, änderte sich ihr sanft lächelnder Gesichtsausdruck in einen eher mütterlich strengen.

Maria: Wie war das noch mal mit dem Frühstück, Fräulein?
Sarah (wird ohne Umschweife rot im Gesicht u. kuckt Löcher in die Luft): Ach Mami, das schmeckt voll ekelig.
Maria (gibt sich völlig unbeeindruckt): Hast du überhaupt gekostet? Und seit wann magst du denn kein Schokomüsli mehr? Das ist deine Lieblingssorte. Deshalb habe ich doch immer eine Extrapackung hier in meinem Fach, wenn wir’s früh mal eilig haben.
Sarah (trotzig schiebt sie die Schale, die ihre Mutter ihr auffordernd hinhält, wieder von sich): Ich mag aber lieber das mit den bunten Kringeln, das es bei Papa gibt. Die schnorpsen immer so schön laut.
Maria (verdreht die Augen u. blickt nun vorwurfsvoll zu Cedric, der lässig mit den Schultern zuckt u. sich keiner Schuld bewusst ist u. seiner Tochter frech in die Seite zwickt, die daraufhin laut kichert): Und warum hast du das nicht eher gesagt, Sarah, Schatz?
Cedric (kommt seinem vorlauten Töchterlein zuvor): Weil die Mama so schnell im Auto saß, dass wir gar nicht anders reagieren konnten.
Sarah: Genau!
Maria (blickt misstrauisch von der einen Verschwörungspartei zur anderen): Verschwört ihr euch etwa gegen mich? Mich, die nachweislich ärztliche Ruhe verordnet bekommen hat und sich nicht aufregen darf.

Das sagt genau die Richtige! Aber endlich sieht sie es auch ein. Hmm... Ich bin so gut.

Cedric (lacht unverblümt): Ja! / Sarah (schüttelt kichernd ihren Kopf): Nein!
Maria (blickt grimmig zwischen den beiden hin und her u. streicht dann ihrer Kleinen über die Haare): Du musst trotzdem etwas essen. Ohne Grundlagen sollte man nicht in den Tag starten und wir haben heute einen langen vor uns.
Sarah: Musst du auch!
Cedric (ist mächtig stolz auf seine schlaue Tochter u. das zeigt er ihrer perplexen Erzeugerin auch unverhohlen): Da spricht die zukünftige Ärztin aus ihr.
Maria (eingeschnappt): Soweit kommt’s noch.
Cedric (grinsend deutet er auf die Müslischale): Aber ist doch wahr, jetzt, wo du wieder problemlos kraftvoll zugreifen kannst.
Maria (funkelt Cedric bitterböse an u. wendet sich dann Sarah zu, die missmutig mit dem Löffel in der kakaobraunen Pampe herumrührt): Vorschlag, wir teilen uns die Schüssel jetzt, dann gehen wir raus in den Park, kratzen ein paar Schneereste zusammen, basteln daraus eine kompetente Schneeärztin, die wir unter das Fenster von Papas Büro platzieren, und bevor wir abfahren, essen wir noch gemeinsam zu Mittag. Dann darfst du auswählen, was es gibt. Ich darf nämlich wieder alles zu mir nehmen, was ich mag, haben meine behandelnden Ärzte gesagt.
Sarah: Au, ja! ... (quietscht sie fröhlich u. schiebt sich den voll beladenen Löffel sofort brav in den Mund, ohne diesen zu verziehen) ... Dasch schmeggt gar nischt so eggelisch, wie’s aussieht, Mami.
Maria (verdreht die Augen u. lehnt ihren Kopf unmerklich gegen den von Cedric, was er sehr genießt): Na, dann ist ja gut.
Cedric (lächelt seine Frau verliebt an u. zupft ihr ein paar widerspenstige Strähnen aus der Stirn, die den direkten Blick auf ihre wunderschönen Augen versperren): Hab ich dir heute schon gesagt, dass du einen tollen Job mit ihr machst.
Maria (zickt den Schleimer gleich wieder oberärztinnenhaft an): Ja, ja, spar dir deine Schleimereien, Rick! Die sind bei mir wirkungslos, wie du weißt. Zeig mir lieber noch mal das mit den Ruhemomenten, von denen du vorhin gesprochen hast, jetzt, wo sie mal den Mund voll hat und diesen nicht zum Dauerquaken benutzen kann.
Cedric: Dein Wunsch ist mir immer Befehl, Mary.

...erwiderte Cedric neckisch, packte mit beiden Händen zärtlich Marias Kopf und zog diesen zu einem innigen Kuss heran, den seine Kusspartnerin diesmal ohne Murren erwiderte und sogar noch etwas forcierte, weil sie wie in jedem ihrer Lebensbereiche immer gerne selbst den Ton angab. Das laute Schmatzen ihrer Tochter in unmittelbarer Nachbarschaft, die dank ihres knurrenden Magens nun doch noch Gefallen an ihrem Frühstücksmüsli gefunden hatte, hörten die beiden schon nicht mehr, so beschäftigt wie sie gerade miteinander waren. Erst als es plötzlich verräterisch neben ihren Ohren kicherte, registrierte das knutschende Paar, dass sie doch nicht so alleine waren wie in ihrer Vorstellung und es vermutlich nie wieder sein würden mit drei solcher Plagen, von denen mindestens eine immer ihre Meinung unverblümt kundtun würde, um ihre Eltern in jede noch so kleine oder große Peinlichkeit zu treiben.

Sarah: Warum streitet ihr immer, wenn ihr am Ende doch immer nur knutscht und euch lieb habt? Das ist doch voll die blöde Zeitverschwendung. Warum küsst ihr dann nicht immer gleich, hmm?

...holte eine freche Fangfrage das frisch wieder zusammengefundene Paar schneller wieder zurück in die Wirklichkeit, als es dies wahrhaben wollte. Verwirrte Blicke, gerötete Wangen, mehrere Räusperversuche, ein gemeinsames Auflachen und eine befreiende Gruppenkitzelei waren Sarah Hassmann vorerst Antwort genug auf die vielen noch ungestellten Fragen, die in ihrem sechsjährigen Hirn noch zusammengesetzt werden mussten und definitiv irgendwann einmal raus wollten.


Ein paar Zimmer weiter wurde derweil die Visite für den heutigen Montagmorgen für beendet erklärt. Die versammelte Belegschaft zerstreute sich wieder in alle Richtungen und ging ihren jeweiligen Tätigkeiten nach, die ihnen von ihrem gestrengen Chef „charmant“ wie eh und je aufgetragen worden waren. Nur eben jener Dr. Marc Olivier Meier blieb noch auf dem nun wieder menschenleeren Flur der chirurgischen Station im dritten Stock des Elisabethkrankenhauses zurück. Lässig lehnte er mit dem Rücken an der Wand neben einer der blau gestrichenen Türen, als diese geöffnet wurde und ein attraktiver Blondschopf, beladen mit mehreren Patientenmappen, herauskam. Überrascht zuckte Dr. Haase zusammen, als ein warmer Windhauch plötzlich ihre Wange streifte und ehe sie registrieren konnte, woher dieser überhaupt gekommen war, wurde sie auch schon von zwei starken Männerarmen eingekesselt, die sie nun gegen die Wand drückten. Ihr Brustkorb hob und senkte sich vor lauter Aufregung, die allein dieser eine Mann mit einem Blick oder einer Bewegung in ihr auslösen konnte. Wie gebannt blieb Gretchen an der kleinen Haarsträhne hängen, die sich aus Marcs sonst so akkurater Frisur gelöst hatte, während ein dunkelgrünes Augenpaar forschend über ihre entspannten Gesichtzüge wanderte und schließlich an den faszinierenden himmelblau leuchtenden Augen haften blieb, die ihn endlich ebenso intensiv zur Kenntnis nahmen wie er sie.

Gretchen (ganz verwirrt von dem warmen aufgeregten Atem an ihrer Wange): Marc?
Marc (lächelt geheimnisvoll): Ich glaube, ich habe endlich verstanden, was Gabi vorhin gemeint hat.
Gretchen (noch irritierter als zuvor starrt sie ihren Liebsten mit großen Augen fragend an): Hä?
Marc (schiebt die Klemmbretter wieder hoch, die Gretchen aus den Händen zu rutschen drohen, u. grinst seine sichtlich verwirrte Assistenzärztin unverblümt an): Ich glaube zwar, sie hat es etwas anders gemeint, also gehässiger, so wie immer, aber ich interpretiere es einfach mal so, wie es tatsächlich ist.
Gretchen (blickt unruhig zwischen seinen Pupillen hin u. her u. versucht darin etwas zu ergründen): Wie was ist?
Marc (lässt seine Grübchen spielen, was Gretchen noch mehr durcheinander bringt): Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber ich kann dir nichts mehr beibringen.
Gretchen (sichtlich geschockt klappen ihre Mundwinkel nach unten): Soll... soll das etwa heißen, du willst mich nicht mehr unterrichten? Aber wieso denn nicht?

Oh Gott, was hab ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht? Ist es, weil ich letzte Woche so aufbrausend gegenüber meinen Kollegen gewesen bin. Ich weiß doch auch nicht, warum ich so heftig reagiert habe. Ich hab mich doch schon entschuldigt. Das ist doch kein Grund, dass er mir gegenüber gleich den Lehrauftrag aufkündigt. Wir können doch über alles reden.

Marc (streift seiner Freundin sanft mit dem Finger über die Wange u. hört nicht auf zu lächeln, was Gretchen nur noch mehr verwirrt): Das ist keine Sache von wollen, sondern von müssen, Haasenzahn. Oder in dem Fall von nicht mehr müssen. Wobei es sicherlich noch das eine oder andere private Fach gibt, bei dem ich dir Nachhilfe geben kann und unbedingt will. Hähä! Aber ernsthaft jetzt, der Punkt ist, du bist soweit.
Gretchen (hat noch immer absolut keine Ahnung, wovon er spricht, u. sieht ihn dementsprechend ziemlich bedröppelt u. überfordert an): Wofür?
Marc (grinst die zuckersüß verpeilt guckende Frau weiterhin amüsiert an u. kann gar nicht anders, als ihr einen sanften Kuss auf die Lippenspitzen zu drücken, um ihr die Unsicherheit zu nehmen): Ich bin mir sicher, dein Vater denkt genauso. Die Facharztprüfung, die ist nur noch reine Formsache. Genauso wie der Posten der Stationsärztin.
Was?
Gretchen (macht riesengroße Augen, als der Groschen endlich fällt, aber die Vorbehalte bleiben): Aber...
Marc (hält seine Zeigefinger an ihre bebende Unterlippe, die er nun sanft entlangfährt u. daran mit seinen Blicken fasziniert kleben bleibt): Jeder Zweifel, den du noch hast, der gilt nicht. Du musst dir keine Unsicherheiten einreden, die es gar nicht gibt. Die existieren nur in deinem süßen Lockenkopf, Frau Doktor, Fachärztin für Chirurgie.
Gretchen (wird ganz rot im Gesicht wegen Marcs ungewohnten Schmeicheleien, mit denen sie an der Stelle u. überhaupt absolut nicht gerechnet hat): Und was ist mit Frau Schwan?
Marc: Das Quizduell gilt, Haasenzahn. Auch wenn du jetzt offiziell ausgebildet bist, heißt das nicht, dass du ab sofort nichts mehr dazulernen musst. Unser Job ist immer ein laufender Prozess der Wissensanhäufung. Also hopp, hopp! Lern was!

...konterte Marc keck. Er gab seiner verblüfften Kollegin noch einen dicken Schmatzer auf die roséroten Lippen, der seine Aussage noch zusätzlich unterstreichen sollte, und schlenderte nun mit ihr Händchen haltend den langen leeren Gang der Chirurgie vor. Vor dem Stationszimmer blieben die beiden jedoch stehen. Immer noch gerührt von Marcs lobenden Worten, die ihr definitiv einen Großteil ihrer immer mal wieder aufkommenden Prüfungsangst genommen hatten, blickte Dr. Haase ihren Oberarzt verlegen an, der seine verliebten Blicke auch nicht von seiner talentiertesten Schülerin lösen konnte, und legte dann die Klemmbretter ihrer Patienten, bis auf eines, das sie in ihren Händen behielt, auf die Durchreiche des Zimmers. Dabei erfassten ihre Augen ein Bild, das sie tief im Innersten rührte. So sehr, dass sich sogar ein paar Tränchen lösten, die sie sich rasch aus dem Augenwinkel wischte. Verwirrt folgte Marc ihrer Bewegung und wollte schon patzig nachhaken, ob sie jetzt auch schon losheulte, wenn er seine Mitarbeiter ausnahmsweise mal motivierend in den Hintern trat anstatt selbigen wegen Inkompetenz zu vermöbeln, aber da klebten Gretchens Lippen auch schon an seinem Mund und spielten so sanft mit seinen, dass nun seine Gedanken völlig durcheinander gerieten und er komplett vergaß, wo er gerade war und was er hier überhaupt zu tun hatte. Zumal ihn seine Herzprinzessin fünf Sekunden später plötzlich mitten auf der Station einfach so stehen ließ.

Gretchen: Ich... äh... ich wiederhole noch mal eben die Untersuchungen von Frau Schwan, falls es neue Veränderungen gibt, die es beim Diagnosebild zu beachten gilt. Bis später, Schaa... Marc äh... Dr. Meier!

Mit diesen Worten löste sich Dr. Haase von ihrem geliebten Oberarzt. Atemlos blickte er seiner bezaubernden Assistenzärztin hinterher, bis diese in einem der Patientenzimmer verschwunden war, das sie vorhin schon bei der Visite besucht hatten, fuhr sich dann mit dem Zeigefinger über seine eben noch so sanft geküssten Lippen, die immer noch verführerisch nach Haasenzahn schmeckten und damit zum Träumen ablenkten, und drehte sich wie in Trance langsam herum. Sein Blick fiel nun auch zufällig in das Stationszimmer, in welchem die übereinander gestapelte Familie Hassmann-Stier in ungewohnter Eintracht beieinander saß und zusammen frühstückte. Ehe das Bild jedoch in seinem Kopf in den richtigen Zusammenhang gesetzt werden konnte, waren seine anderen Sinne gefragt. Deutschlands jüngster und talentiertester Chirurg brauchte nur im Gegensatz zu sonst einen Moment länger, dies auch zu registrieren.

„Dr. Meier in die Notaufnahme, bitte! Dr. Meier dringend in die Notaufnahme!“, kam es wiederholt über die Lautsprecheranlage gesprochen.

Marc: Äh... Das bin ja ich? Ich bin im Dienst!

Erst als Marcs Blick zufällig den von Dr. Hassmann streifte, die ihren nervigsten Kollegen wirr anschaute, erwachte wieder Leben in Dr. Meier und er hetzte eiligen Schrittes in Richtung Fahrstuhl, in welchem er alsbald auch verschwand. Vielleicht bekam er ja doch noch den spannenden Notfall, den er sich bei seiner Ankunft im Elisabethkrankenhaus gewünscht hatte.

Maria: Och nee, sagt nicht, der Meier ist wieder da? Wie gut, dass ich das dinosauriergroße Ego vorerst nicht ertragen muss.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

23.03.2014 14:42
#1472 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Es war schon fast Mittag, als sich eine äußerst gutgelaunte Person im wehenden blütenweißen Kittel samtfüßig ins Stationszimmer der Chirurgie schlich, welches, bis auf eine hübsche blonde Mitarbeiterin, die mit ihrer süßen Nasenspitze an einem Computerbildschirm klebte, unbevölkert war, was für diese Zeit eigentlich recht ungewöhnlich war, da man sonst immer die Uhr danach stellen konnte, wenn kurz vor Zwölf einer nach dem anderen mit einem hungrig knurrenden Magen eilig diese Räumlichkeit aufsuchte und sich vor der Tür des Minikühlschranks allmählich eine kleine Schlange bildete, welche den zweiten Eingang ins Stationszimmer meist komplett blockierte, weil jeder gleichzeitig aus seinem Fach im Kühlschrank einen kleinen Snack heraussuchen wollte, weil es bei ihrem stressigen Job nun mal meist nicht zu mehr reichte und der Gang zur Cafeteria daher verwehrt blieb. Aber vielleicht lag die jetzige Leere im beliebten Aufenthaltsraum des dritten Stockwerks des Berliner Elisabethkrankenhauses auch daran, dass Schwester Sabine, die Seele der Station, noch nicht wieder zurück war, die gewöhnlich mit ihrer ganz speziellen liebevollen Art dafür sorgte, jedes noch so hungrige Mäulchen, das bettelnd an ihrer Tür kratzte, mit einer Kleinigkeit, wie einem mit ganz viel Liebe geschmierten Butterbrot, das mit Schinken oder Käse und Radieschenscheiben belegt war, zu stopfen.

Ja, es war wirklich höchste Zeit, dass die treuherzige Krankenschwester endlich aus ihren Flitterwochen zurückkehrte und ihren ganz speziellen Charme versprühte. Ohne sie auf Station war es einfach nicht das Gleiche und er war nicht der Erste, der das in den vergangenen drei Wochen registriert hatte, wenn er an der Anmeldung keine Blondine mit Bubikopf und ihrer Nase in einem Kitschroman angetroffen hatte, sondern lediglich irgendeine unbekannte Vertretung oder ihr Platz gleich ganz leer geblieben war so wie heute. Und noch länger wollte auch er sich nicht daran gewöhnen müssen, dass sowohl eben beschriebener Kühlschrank um die Ecke als auch die Süßigkeitenschale auf Sabines Schreibtisch mehr als nur Ebbe anzeigte. Noch konnte er aber das kleine gepunktete Männchen mit dem Sombrerohut, das an seiner Mageninnenwand zu kratzen begann und seinem Namen „Kleiner Hunger“ alle Ehre machte, vertrösten, aber lange würde das wohl nicht mehr funktionieren, denn diese kleine biestige Nervensäge konnte recht hartnäckig werden, wenn ihm die rechtzeitige Nahrungsaufnahme verweigert wurde. In Zeiten strengster Diäthaltung und nerviger Punktezählerei für Weight Watchers hatte ihn dieses Urviech mit seinem riesigen Bärenhunger fast wahnsinnig gemacht. Aber er hatte irgendwann den inneren Schweinehund überwunden, er hatte tapfer durchgehalten und konnte sich jetzt durchaus sehen lassen, auch wenn ihn seine Freunde immer mal wieder neckten, wenn er in der Kantine gegen seinen inneren Ansporn hin doch mal wieder ordentlich zugegriffen hatte.

Abgelenkt von der attraktiven blonden Frau am PC vor der Fensterfront überwand der von einem leichtem Hungergefühl geplagte Weißkittelträger nun auch die letzten Zentimeter, welche sie noch voneinander trennten, bis er direkt hinter der arbeitsamen Kollegin stehen blieb, die ihn, wie er mit einem schalkhaften Lächeln bemerkte, noch immer nicht hinter sich wahrgenommen hatte, weil sie so sehr in ihrem Thema vertieft war. Neugierig geworden, was sie da überhaupt tat, linste er ihr über die Schulter. Irritiert von dem Inhalt des medizinischen Fachartikels, den Dr. Gretchen Haase mit großem Interesse nahezu zu verschlingen schien, konnte Dr. Mehdi Kaan seine Klappe einfach nicht mehr länger halten und sprach seine beste Freundin schließlich frech darauf an, die beim plötzlichen Klang einer vertrauten Stimme hinter sich schreckhaft zusammenzuckte und sich nun mit deutlich sichtbarer saurer Miene zu ihrem belustigt grinsenden Störenfried herumdrehte.

Mehdi: Das Broken-Heart-Syndrom? Ich wusste ja, dass es dir mit Marcs Abwesenheit nicht gut ging, aber dass es so schlecht um dich bestellt war?
Gretchen: Herrje, Mehdi, musst du mich so erschrecken? Du hättest dich ruhig schon eher bemerkbar machen können, als dich so heimtückisch heranzuschleichen wie ein auf der Lauer liegender Fuchs.

Das schlechte Gewissen, den Engel der Station tatsächlich verärgert zu haben, nagte deutlich an Gretchens bestem Freund, aber die Neugier siegte dann doch und so lächelte er die vorwurfsvoll guckende Assistenzärztin wieder auf seine unnachahmliche Art mit seinen einnehmenden rehbraunen Augen versöhnlich an, dass sie ihm gar nicht mehr länger böse sein konnte. Aber das konnte man bei Dr. Kaan, einem der, wenn nicht so gar dem beliebtesten Mitarbeiter im Elisabethkrankenhaus, schließlich nie sein, vor allem nicht, wenn er wirklich aufrichtiges Interesse zeigte, sowohl an einem selbst als auch an Patientengeschichten, die wirklich bewegten. So wie dieser hier, die Gretchen schon den halben Vormittag beschäftigt und nicht mehr losgelassen hatte.

Mehdi: Tut mir leid, Gretchen, das war keine Absicht. Eigentlich war ich ja auf der Suche nach Marc. Aber ich hatte ja nicht ahnen können, dass du deshalb auch noch auf einmal so schreckhaft geworden bist.
Gretchen (blickt ihn mit großen Augen tadelnd an u. deutet dann mit ihrem Lockenköpfchen zum Bildschirm ihres Computers): Haha, du Witzbold! Der Schalk steht dir deutlich ins Gesicht geschrieben, du „Unschuldslamm“, aber ich verzeih dir. Ausnahmsweise, weil du dich so lieb entschuldigt hast. Und nein, bevor du noch mal nachfragst und mich für mein Verhalten in den letzten Tagen aufziehst, es geht diesmal nicht um mich. Ich hatte zwar auch Herzschmerzen, aber nicht so schlimm wie bei meiner Patientin. Der geht es nämlich wirklich nicht gut. Sie ist diejenige, die unter dem so genannten „Gebrochenen-Herz-Syndrom“ leidet.
Mehdi (schiebt sich interessiert einen Stuhl zu Gretchen heran u. beginnt, den ersten Absatz des Fachartikels auf dem Computerbildschirm zu studieren): Das gibt es wirklich? So richtig mit kardialen Rhythmusstörungen und dem ganzen Drum und Dran? Ich dachte, das wäre nur so ein romantisch verklärtes Phänomen, welches die Autoren von Krankenhausserien gerne dramatisch hochstilisieren, um den Zuschauer emotional zu catchen, ohne wirklich die Fakten recherchiert zu haben. Gerade neulich erst habe ich in einer meiner Lieblingsserien so einen Fall gesehen.

Gretchen (lächelt, weil sie echtes Interesse in Mehdis Augen lesen kann, u. beginnt gleich aufgeregt zu berichten, was sie über die Thematik herausgefunden hat, auf die Marc sie auf seine unverblümte Art vorhin während der Visite gestoßen hat): Dass Mediziner Krankenhausserien gucken, war mir neu, aber du pflegst ja schon immer einen recht eigenwilligen Fernsehgeschmack, nicht, Mehdi. Hihi! Aber ja, das Phänomen gibt es tatsächlich, wenn auch sehr, sehr selten, weil es meist nicht als solches identifiziert wird. Wie viele Menschen jährlich erkranken, ist nicht genau bekannt. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland etwa 2,6 Prozent aller Patienten, die mit herzinfarktähnlichen Beschwerden ins Krankenhaus kommen, unter einem Broken-Heart-Syndrom leiden. Hier in Berlin sind es nicht mal fünf bis zehn Fälle pro Krankenhaus im Jahr. Mediziner nennen das Broken-Heart-Syndrom auch Stress-Kardiomyopathie oder, wie Marc zu sagen pflegt, weil es so ungewöhnlich klingt, Tintenfischfalle. Dieser komische Begriff stammt von japanischen Ärzten. Sie diagnostizierten die Krankheit erstmals Anfang der neunziger Jahre und fanden heraus, dass die linke Herzkammer ihrer Patienten einer Tintenfischfalle ähnlich sieht, also einem runden Krug mit einem kurzen Hals. Beim Gebrochenes-Herz-Syndrom schüttet der Körper eine Überdosis Adrenalin und andere Stresshormone aus, die Herzkranzgefäße verengen sich und das Blut zirkuliert nicht mehr richtig. Die Patienten bekommen kaum noch Luft, fühlen sich schwach und haben Schmerzen im Brustkorb. Symptome, wie sie für einen Myokardinfarkt typisch sind. Es handelt sich aber nicht um solchen. Die Symptome gleichen denen eines Herzinfarktes nur und treten meist unmittelbar nach einer außerordentlichen emotionalen oder körperlichen Belastung auf. Und das ist auch bei meiner Patientin der Fall, wie sich jetzt nach einem längeren intensiven Gespräch mit ihr und ihrer Tochter herausgestellt hat, die sie am Freitagabend bei uns hat einliefern lassen. Eine wirklich traurige Geschichte, Mehdi. Frau Schwan, so heißt die Patientin, hat gerade die Liebe ihres Lebens verloren. Am Freitag war die Beerdigung ihres Mannes gewesen. Vor ihrer Familie und ihren Freunden war sie den ganzen schlimmen Tag über überaus stark gewesen, aber als sie dann abends allein in ihrem Haus war, haben sie ihre Gefühle übermannt. Wenn ihre Tochter kein komisches Gefühl gehabt hätte, sie alleine in ihrem Elternhaus zu wissen, wo die beiden fast vierzig Jahre lang glücklich zusammengelebt haben, hätte das alles noch viel schlimmer ausgehen können. Besonders in den ersten Stunden ist nämlich die Gefahr von ernsthaften Komplikationen hoch. In der Akutphase kann die Stress-Kardiomyopathie auch lebensbedrohlich werden. Ein Glück, dass sie rechtzeitig gefunden worden ist. So konnten wir entsprechend handeln. Wir überwachen sie jetzt, denn ihr Herz stolpert immer noch ab und an mal wieder. In der Regel verschwinden die Symptome aber nach ein paar Tagen wieder und das Herz pumpt wieder ganz normal, als wäre nie etwas gewesen.

Mehdi (lehnt sich nachdenklich auf seiner Sitzgelegenheit zurück u. sucht den Augenkontakt mit Gretchen, die gedankenvoll zu den weißgetünchten Wipfeln der Birken vorm Fenster blickt): Das ist schon ein faszinierendes Phänomen, das Mysterium Herz.
Gretchen (lässt sich von der melancholischen Stimmung ihres besten Freundes ebenfalls einnehmen): Mhm! Zu wissen, dass die Person, die du am meisten auf der Welt liebst, plötzlich unwiederbringlich weg ist, das kann... (schließt die Augen, holt tief Luft u. sieht Mehdi dann doch wieder an) ... Ich weiß nicht, ob ich damit umgehen könnte.
Mehdi (schaut Gretchen leicht abwesend in die Augen, die bereits wässerig schimmern, u. muss ebenfalls schlucken): Ich weiß, wie das ist, wenn sich die Luft zuschnürt, sich das Herz verkrampft und zu zerbersten droht und man kann nichts dagegen machen. Es reißt einen erbarmungslos von den Füßen. Man ist schutzlos. Man ist wie gelähmt, kann nicht mehr atmen, fällt und fällt und fällt in einen endlosen Abgrund. Die Nachricht, dass Anna einen Unfall hatte oder das Bild, als Lilly an der Scheibe des Zuges...
Gretchen (fasst instinktiv nach Mehdis Hand u. drückt diese fest, so dass dieser innehält u. ihr mit schwermütigem Blick in die Augen sieht): Mehdi, ich wollte dich nicht runterziehen. Es tut mir leid. Dabei weiß ich doch, wie frisch die Wunden noch immer sind. Ach, manchmal bin ich auch echt blond und blöd und sage immer genau das Falsche. Aber der Fall berührt mich einfach so sehr. Ich weiß auch nicht, wieso das so ist.
Mehdi (wischt, sie milde anlächelnd, eine verirrte Träne aus Gretchens Augenwinkel): Hey! Ist schon gut. Ich wollte damit nur andeuten, dass ich mich mit gebrochenen Herzen aller Art bestens auskenne, auch wenn ich nur ein Semester in der Kardiologie verbracht habe. Aber genauso gut weiß ich auch, dass Herzen wieder heilen können. Deine Patientin wird darüber hinwegkommen, auch wenn es seine Zeit brauchen wird. Mit der Hilfe ihrer Angehörigen und deiner fürsorglichen Betreuung hier kann sie alles schaffen. Ganz bestimmt. Mach dir nicht so viele Sorgen! Du bist eine sehr gute Ärztin und machst genau das Richtige, gerade weil du die Patienten als Ganzes und nicht nur ihre einzelnen Symptome siehst, die es zu behandeln gilt.
Gretchen (schluchzt mehr als gerührt auf u. greift wieder nach seiner Hand): Ach Mehdi, du bist lieb. Du hast einfach das Herz am rechten Fleck.
Mehdi (grinst sein verschämt lächelndes Gegenüber schelmisch an, nachdem er sich selbst einmal kurz über seine rechte und dann über seine linke Brustseite gestreift hat): Hmm...Das wäre mir jetzt aber neu, Frau Doktor. Schlägt das Herz nicht unter der linken Brust?
Gretchen (klapst dem Quatschkopf nun selber lachend auf den Brustkorb, dankbar, dass er die Stimmung genau zum richtigen Zeitpunkt aufgelockert hat): Du Spinner!

Marc: Wow! Es ist also doch noch was aus den Anatomiegrundlagenvorlesungen hängen geblieben. Gratulation! Vielleicht wird ja doch noch ein anständiger Arzt aus dir, Kaan? Obwohl, mit Möpsen aller gängigen Größenordnungen kennst du dich ja bisweilen schon länger ganz gut aus. Wobei das wiederum natürlich von echten medizinisch wertvollen Diagnosen der Organe, die sich unter dem Deckmantel einprägsamer weiblicher Schönheit verstecken, durchaus ablenken kann. Hähä! Ich sehe mal großzügig darüber hinweg, Herr Doktor. Diagnose, es kann noch besser werden.

...kam es ganz plötzlich spitzzüngig von der anderen Seite des Stationszimmers gesprochen. Gretchen und Mehdi hatten gar nicht gemerkt, dass sie einen heimlichen Zuhörer bei ihren freundschaftlichen Flachsereien und Fachsimpeleien bekommen hatten und schauten diesen nun auch dementsprechend ziemlich bedröppelt an, als sie sich in einer synchronen Bewegung auf ihren Drehstühlen zu dem ungekrönten Sprüchekönig der Station herumdrehten, der gerade wie ein Süchtiger auf Entzug die Kaffeemaschine nach Resten des koffeinhaltigen Heißgetränks absuchte, der für seine anhaltend gute Laune sorgen sollte, und dabei sogar noch fündig wurde und die letzten Tropfen des dunkelbraunen flüssigen Aufputschmittels in seine Kaffeetasse goss und an dieser nun lässig an der Tür zur Umkleide gelehnt nippte. Dabei ließ er seine beiden liebsten Veräppelungskandidaten natürlich nicht eine Sekunde aus den Augen und ergötzte sich an deren verdutzten Gesichtern, die einfach nur göttlich waren. Tja, der Meister hatte es eben immer noch drauf, dachte Marc zufrieden, die unangenehme Episode mit Dr. Stier am Morgen komplett ausblendend.

Mehdi (reagiert ganz cool): Tja, was soll ich sagen, Marc, danke für deine Erklärung meiner Facheignung. Das hab ich noch gebraucht.
Marc (grinst selbstzufrieden über das ganze Gesicht): Woher ich das wohl wusste? Hähä! Aber immer wieder gern geschehen.
Gretchen (verdreht ihre Augen angesichts der neuerlichen Meierschen Blödeleien): Marc, du schießt ja heute nur so mit Komplimenten um dich. Bist du krank?
Marc (stellt die mittlerweile leere Kaffeetasse zu den anderen in die Spüle u. kommt grinsend auf seine vorlaute Lieblingsassistenzärztin zu, die sich ebenso wie Mehdi von ihrem Platz erhoben hat, u. zieht sie unvermittelt in eine Schmachtumarmung): Mhm, Haasenzahn, gewöhne dich nicht daran. Der Welpenschutz hält nur noch dreieinhalb Wochen. Dann bist du auf dich selbst gestellt und musst selber was bringen. Von der Eigenverantwortung mal ganz abgesehen.
Ganz ruhig, Gretchen! Dreieinhalb Wochen ist noch eeeewig laaaange hin. ... Hilfe!
Gretchen (schlingt ihre Arme stürmisch um den Hals ihres perplexen Oberarztes, der mit einer Gefühlsbekundung ihrerseits jetzt in Gegenwart eines belustigt grinsenden Frauenarztes gar nicht gerechnet hat): Doch, das würde ich schon gerne. Das wirkt unheimlich motivierend. Weißt du das? Das solltest du unbedingt in dein Lehrkonzept aufnehmen, auch für nachfolgende Generationen von Ärzten, die nicht mit dir liiert sind.
Woah, woah, woah, jetzt nimmt sich die zukünftige Stationsärztin aber definitiv zu viel heraus. Mein Lehrkonzept ist genau richtig. Wir sind hier schließlich nicht aufm Ponyhof. Und bevorzugt wird hier niemand. Nicht einmal die süßeste Blondine mit den blausten Augen, die die Welt je gesehen hat.
Marc (ein Blick auf den dauergrinsenden Mehdi genügt, um die Augen zu verdrehen u. ein Ablenkungsmanöver zu starten, bevor seine Integrität noch mehr herabgestuft wird, als es gut für das Meiersche Gottkomplexego ist): Ja, ja, träum weiter, Frau Assistenzärztin! Geh doch zum Betriebsrat oder zum Rössel, wenn dir meine Lehrmethoden nicht passen! Ich fordere euch nur heraus, weil in dem Job nun mal keine Schwächen erlaubt sind. Chirurg zu sein ist jeden Tag aufs Neue eine einzige Herausforderung. Ich zeige euch nur, worauf es nun mal ankommt. Nicht mehr und nicht weniger. Aber wie ich sehe, nimmst du deinen Job immer noch ernst genug und bist dem Rätsel auf die Spur gekommen, hmm? Kriegst auch nen Bienchenstempel dafür in dein Tagebuch, Haasenzahn.

Der selbstherrliche Oberarzt konnte sich sein freches Grinsen einfach nicht verdrücken, nachdem er erst einen wohlwollenden Blick auf Gretchens Rechercheergebnisse am PC und dann in das angesäuerte Gesicht seiner Assistenzärztin geworfen hatte. Frustriert, weil Marc jedes lieb gemeinte Wort des Lobes sofort wieder ins Spöttische und damit in die Bedeutungslosigkeit zog, löste sie sich von dem blöden Kerl und stellte sich stattdessen demonstrativ neben Mehdi, der nach einem genervten Blick von Marc sein Fach an der Wand auf mögliche neue Nachrichten gecheckt hatte und nun aufmerksam einige Papiere durchging. Vielleicht hätte sie damals besser Mehdis Stellenangebot auf der gynäkologischen Station annehmen sollen und nicht das bei Dr. ‚Stinkstiefel’ Meier. Bei Dr. Kaan würde man sicherlich richtig gefördert, ohne ständig blöde abfällige Kommentare abzubekommen, deren grober Inhalt meist unter dem Stichwort „komplett ungeeignet für den Beruf des Chirurgen“ zusammengefasst werden konnte. Das erklärte wohlmöglich auch die hohe Abbruchrate der Studenten auf dieser Station, denn nicht jeder kam mit dem rauen Ton klar, mit dem Marc alles und jeden, auch seine eigene Freundin, stets anherrschte. Denn die Meiersche Ironie, die in den überwiegenden Fällen dahinter steckte, war ein noch komplexeres Phänomen als der Herzmuskel und dessen Funktionen. Damit musste man umzugehen lernen, um nicht komplett durchzudrehen. Denn dieser Mann konnte einen wirklich unsäglich aufregen. Zum Glück strahlte Mehdi eine ungemeine Ruhe aus, welche sich schnell auch auf die innerlich tobende Frau im weißen Kittel übertrug, die dazu übergegangen war, anstatt Marc ihrem rosa Stethoskop den Hals umzudrehen. Ansonsten hätte sie ihrem Knallkopf jetzt ordentlich die Meinung gegeigt, was die Wände des altehrwürdigen Gebäudes erzittern lassen hätte. Aber als anständiges Mädchen, das von ihren Eltern wohlerzogen worden war, aber dank ihrer schicksalhaften Begegnung mit eben jenem Aufreger von Mann auch ein recht großzügiges Vokabular an Schimpfworten ihr Eigen nennen konnte, hielt sie sich zurück und griff lieber zu einer bewährten Methode, die auch Marc Meier bestens zu beherrschen wusste, um ihre brodelnden Gefühle im Zaun zu halten: die Waffe der Ironie und des Sarkasmus.

Gretchen: Danke! Wie großzügig von dir, Herr Doktor!
Marc (zwinkert ihr selbstgefällig zu u. lässt seine Grübchen dabei tanzen, die doch immer die richtige Wirkung beim weiblichen Geschlecht erzielen): Immer wieder gern, Frau Kollegin.
Er ist so ein Blödmann. Ein richtiger Blödi! Wenn ich ihn nur nicht so schrecklich lieb haben würde. Hach... Menno! Jetzt macht er mich schon wieder schwach. Solche Grübchen sollten verboten sein. Vor allem während der Arbeit. Jawohl! Schluss damit! Ein bisschen Professionalität sollte schon geboten sein. Wie sagt er immer so schön, nicht mit dem Kopf in den Wolken durchs Krankenhaus spazieren. Wenn du eine echte Chirurgin sein möchtest, dann verhalte dich auch dementsprechend und sei immer hochkonzentriert und auf dem Punkt.
Gretchen (verleiert die Augen u. lenkt ihr Interesse schnell auf ein anderes Thema, das sie durchaus interessiert, da sie schon selbst nicht dabei sein konnte, weil sie ein anderer Fall beschäftigt hat): Wie war’s in der Notaufnahme?
Marc (kleinlaut): Blutig und das ist noch milde ausgedrückt. Kennst du "Saw"?
Gretchen (mustert verwundert seine verzogenen Gesichtszüge): Na, du hast dir doch einen spannenden Fall gewünscht?
Ja, ja, mach dich nur lustig! Ich hab’s ja auch nicht anders verdient. So ein Scheißtag, echt.
Marc (merklich gereizt zischt er die Grinsefee an, die plötzlich obenauf zu sein scheint, was ihm gar nicht passt): Was soll daran denn bitteschön spannend gewesen sein? Es weiß doch jeder, dass man Frauen keine Werkzeuge in die Hand drücken sollte, die nichts mit Küche und Haushalt zu tun haben. Staubsauger und Bügeleisen ja, aber doch keine verdammte Kreissäge, wenn man motorisch nicht dazu in der Lage ist. Aber vielleicht wollte die Frau auch die Kohle für ihren nächsten Maniküretermin sparen. Jep, der fällt jetzt definitiv flach. Hähä!
Gretchen (glaubt sich verhört zu haben u. regt sich gleich wieder tierisch auf): Marc! Fünf Euro in die Machokasse bitte!
Mehdi (kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen): Ist vielleicht ein bisschen wenig, findest du nicht?
Gretchen (lehnt sich an Mehdis Seite u. lacht mit ihm mit): Ja, stimmt, es soll sich ja auch für die Damenwelt hier lohnen. So kommen wir ganz schnell an einen neuen Schokoautomaten. Der alte ist ja kaputt. Und den kann frau sicher bedienen, falls du dir darüber auch Sorgen machst, du Machoidiot.
Marc: Dass ihr Frauen auch immer zusammenhalten müsst, wenn es um eure Schokosucht geht! Unfassbar! Aber zu meiner Ehrenrettung, Gott ist immer noch der Beste. Die Fingerkuppe ist wieder dran, wird nicht mal einen Narbenhügel geben, aber bis zum nächsten Maniküretermin kann es doch noch was dauern, ehe der Nagel wieder nachgewachsen ist, äh... falls er das überhaupt tut. Ich empfehle dann einen fetten dunklen Blauton für die anderen Fingernägel. Damit es nicht so auffällt.

...gab Marc noch flapsig seinen mehr oder weniger professionellen Senf dazu und zog dann seinen Kittel aus und verschwand damit im Nebenraum, noch bevor er die nächste drohende Predigt der ach so Emanzipierten abbekam. Mehdi und Gretchen folgten dem unverschämten Sprücheklopfer in die Umkleide und blieben verwundert an der Tür stehen, als sie beobachteten, dass ihr Freund sich offenbar umziehen wollte, was sie sich so gar nicht erklären konnten. Denn schließlich war doch noch ein wichtiger Termin für die Mittagszeit angesetzt, für den Dr. Kaan extra seine hoch verdiente Mittagspause und seine Freizeit mit seiner Liebsten geopfert hatte.

Mehdi: Können wir dann?
Marc (blickt ihn kurz irritiert an u. widmet sich dann dem Öffnen seiner Spindtür): Äh...wohin?
Mehdi (nun auch verwirrt tauscht er mit Gretchen fragende Blicke aus): Na, wir waren doch verabredet?

Marc schmiss seinen Kittel unachtsam in seinen Spind und holte seinen dunkelblauen Kurzmantel heraus, knallte die Blechtür wieder schwungvoll zu und drehte sich nun verwundert zu seinem Kumpel um, der ihn ebenso abwartend anblickte wie Gretchen, die sich Marcs sonderbares Verhalten auch nicht erklären konnte. Es dauerte einen Moment, bis der Groschen bei dem Angesprochenen fiel. Diese Zeit nutzte Marc, um in seine Jacke zu schlüpfen, aus deren Seitentasche er dann seinen Autoschlüssel herausfischte. Lässig baumelte er damit in seinen Händen herum, kam auf Mehdi und Gretchen zu, schob sich grinsend an beiden vorbei zurück ins Stationszimmer, packte Gretchens Hand, zog sie so zu sich heran und gab der überrumpelten Frau einen zarten Kuss auf die Mundwinkel, die sich sogleich nach oben zogen und ihn verträumt anlächelten. Dann wandte er sich dem Halbperser wieder zu, der ihn immer noch irritiert von der Umkleide aus anblickte...

Marc: Ach ja, du meinst das Date mit meiner Ma... Mutter. Ja, äh..., darum kümmere ich mich jetzt.
Mehdi (schaut sprachlos zwischen der träumenden Gretchen u. dem lässigen Marc hin und her): Wie? Sie ist noch gar nicht hier? Du hast doch solchen Dampf gemacht. Wegen euch hab ich extra meine Termine nach hinten verschoben, obwohl ich eigentlich noch was vorhabe. Und wieso hab ich dann die letzte Dreiviertelstunde mit Frau Dr. Steigerle verbracht?
Marc (zwinkert ihm frech zu u. schaut dann vielsagend zu Gretchen, die ungläubig den Kopf schüttelt, weil sie schon ahnt, was jetzt schon wieder kommt): Uuhhh, noch ne neue Verehrerin? Du lässt auch gar nichts anbrennen, Kaan. Gefällt mir.
Mehdi (eingeschnappt): Haha! Das ist nicht witzig, Mann. Ich musste extra Gabi mit den Geschichten von Oberschwester Stefanie auf sie ansetzen, damit ich sie endlich wieder aus meinem Büro herausbekam. Die Frau ist so nervig wie eine Mückenplage im Spätsommer, aber sie hat mir gute Tipps für deine Mutter und ein Rezept für ein Kartoffelsüppli dagelassen.
Marc (schnappt sich lachend einen Apfel aus dem Obstkorb vom Tisch, wischt diesen an Mehdis Kittel sauber u. beißt dann herzhaft hinein, ohne seinen Blick von seinem bedröppelt dreinblickenden Kumpel zu lösen): Ja, dann koch das doch jetzt und lass es dir schmecken. Du bist so unausgeglichen, wenn du noch nichts gegessen hast. Ich hole jetzt meine Mutter ab. In knapp vierzig Minuten bin ich wieder hier, denke ich. Äh...Haasenzahn, hast du gehört?

Marc blickte sich suchend um, eigentlich wollte er seiner Süßen nämlich noch einen weiteren Kuss oder zwei oder drei stibitzen, aber seine Holde winkte ihm im Gehen nur noch kurz zu und war dann auch schon wehenden Kittels aus dem Zimmer verschwunden. Nur der Notrufknopf eines der Patientenzimmer leuchtete noch am Bildschirm an der Anmeldung auf. Dr. Haase, die Samariterin und der Engel der Station, konnte eben nicht anders und musste schnell nach dem Rechten sehen. Zum Leidwesen von Dr. Meier, der heute zum wiederholten Male während Liebesbekundungen von ihr stehen gelassen worden war. Tzz... und sonst meckerte Haasenzahn immer, wenn er mal zu lange unaufmerksam gewesen war. Enttäuscht aufseufzend wandte er sich wieder herum, ignorierte Mehdis mitleidige Blicke und biss noch einmal von seinem Apfel ab. Dabei sah er wie zufällig aus dem Fenster. Unten auf dem Parkplatz fiel ihm ein weißer Kombi ins Auge, einer dieser typischen Fahrzeuge, die für Krankentransporte genutzt wurden, und diese dreiste Karre hatte sich doch tatsächlich direkt hinter den Porsche seiner Mutter gestellt und versperrte damit nun die Ausfahrt. Schließlich hatte Marc gerade vorgehabt, selbigen anzusteuern, um für einen eigenen privaten Krankentransport nach Hause zu fahren. Seine Miene verfinsterte sich augenblicklich, zumal er den unverschämten Fahrer auch noch kannte, der gerade in einer fließenden Bewegung aus dem Auto sprang, lässig seinen auf ihn zukommenden Fahrgästen zuwinkte und dann Richtung Raucherecke verschwand. Na, der hatte vielleicht Nerven. Den würde er sich jetzt vorknöpfen. Aber so was von!

Marc: Ist der Panne? Was soll die Scheiße? Parkt der Scheiß-Sani mich einfach zu und haut dann auch noch ab. Na der kann was erleben!
Mehdi (tritt nun auch neugierig ans Fenster, kann aber nur Maria und Cedric erkennen, die erst einen Berg von Gepäck u. dann ihre Tochter mitsamt Kindersitz auf die Rückbank des Kombis bugsieren): Wer?
Marc: Gordon!
Mehdi: Gordon? Der ist wieder im Haus?

...horchte der Gynäkologe mit einem Mal interessiert auf. In Mehdis Kopf begann es gewaltig zu rattern und während Marc angewidert beobachten musste, wie sich sein ewiger Erzfeind Stier, nachdem er die Hintertür des Kastenwagens zugeschoben hatte, an die Hassmann heranmachte, von dieser heftig angezickt und dann abgeschleckt wurde, fasste der Halbperser den Entschluss, die offene Rechnung, die er noch mit dem Ex-Geschäftspartner seiner Freundin hatte, jetzt und sogleich auszutragen. Denn auch wenn er Gabi gegenüber nicht nachtragend gewesen war, auch wenn sie wirklich in eine riesige Dummheit verwickelt gewesen war, weil er ihren aufrichtigen Beteuerungen Glauben geschenkt hatte, so hatte er nicht vergessen, in was Gordon Tolkin seine schwangere Freundin mit hineingezogen hatte. Das konnte und wollte er so nicht stehen lassen. Dieser Dummkopf hatte viel zu viel Glück gehabt, dass er so unbescholten davon gekommen war, nachdem die Drogenrazzia im Elisabethkrankenhaus vor zwei Wochen im Sande verlaufen war.

Marc: Boah! Ham die kein Zuhause? Das ist doch ekelhaft, was die da abziehen. Haben die keinen Anstand? Der frisst sie auf und die kleine Kröte muss auch noch dabei zuschauen. Wäh! ... (verzieht angewidert die Miene, drückt Mehdi den angebissenen Apfel, der nun definitiv nicht mehr schmeckt, in die Hand u. läuft zur Tür) ... Ich mach los. Bis später. Ich schnapp mir jetzt erst mal den Tolkin.
Mehdi: Das nehme ich dir ab.
Marc: Hä? Wieso? Eh! Ich bin schon groß, ich kann meine Angelegenheiten auch selber regeln, Mann. Mehdi?

Doch bevor Marc darauf von seinem Kumpel eine Antwort bekommen konnte, war Mehdi auch schon sehr entschlossen aus dem Stationszimmer gestürmt. Irritiert trottete der Chirurg seinem irre gewordenen Freund hinterher, zog aber anstatt des Treppenhauses, welches dieser gezielt anvisiert hatte, den schnelleren Aufzug vor. Als Gretchen wenige Sekunden später nach einem Fehlalarm zurück von ihrer Patientin kam, um sich anständig von ihrem Schatz für den Moment zu verabschieden, war das Stationszimmer bereits leer.

Hä? Wo sind die denn auf einmal alle hin?

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

29.03.2014 17:50
#1473 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Hätte Gretchen aus dem Fenster geschaut, dann hätte sie in der Nähe des Hintereingangs ihrer Arbeitsstätte ein bizarres Schauspiel mit zwei ungewöhnlichen Hauptdarstellern verfolgen können, welches ihre Frage zumindest in Teilen hätte beantworten können. Denn das, was sie dort Unglaubliches zu sehen bekommen hätte, hätte noch mehr Fragen aufgeworfen, über die sich die junge Ärztin jetzt ihr süßes Lockenköpfchen zerbrechen könnte, anstatt sich ihrer Arbeit und den Vorbereitungen für Sabines Rückkehr zu widmen. Und mit dieser grotesken schauspielerischen Leistung, die durchaus das Potential für einen Sat1- oder RTL-Serienpiloten hätte, der nicht gleich nach der Ausstrahlung der ersten Folge floppen würde, war nicht der Dauerzoff gemeint, den Dr. Cedric Stier und Dr. Maria Hassmann gerade auf dem Parkplatz mal wieder lautstark miteinander austrugen, die sich nämlich an den kindlich naiven Aussagen ihrer kleinen Tochter von vorhin, lieber küssen statt kabbeln, kein Beispiel genommen hatten. Zumindest nicht in diesem Augenblick, als sich wenige Meter neben dem weißen Transporttaxi, welches die sture Oberärztin mit den Magenproblemen und dem Schwangerschaftshormonüberschuss und deren blitzgescheites Töchterlein zu ihrem Kurort an die Ostsee bringen sollte und hinter welchem das frisch vereinte Elternpaar gerade dicht aneinander gedrängt und wild gestikulierend stand, Folgendes abspielte:

Gordon Tolkin, eigentlich Rettungssanitäter aus Leidenschaft im Dauereinsatz im Notarztwagen auf den Berliner Straßen unterwegs und nach einem längeren Spontanurlaub seit heute Morgen wieder frisch und putzmunter zurück im Dienst, war kurzfristig für einen Freund und Kollegen eingesprungen, der krankheitsbedingt ausgefallen war, und sollte die attraktive Kurpatientin mitsamt ihrer kostbaren Fracht sicher nach Usedom in das Rehazentrum transportieren. Bevor er wieder ganz in seine geliebte Arbeitswelt eintauchen und Leben retten wollte, war ihm diese Gefälligkeit ganz gelegen gekommen. Auch wenn mittlerweile bereits zwei Wochen vergangen waren seit dem verhängnisvollen Zwischenfall mit dem übereifrigen Drogenspürhund der Polizeidienststelle Wannsee, der während einer auf einen anonymen Hinweis hin gestarteten Razzia auf dem Gelände des sonst so unbescholtenen Elisabethkrankenhauses etwas zu nah an ihm und seinem RTW herumgeschnüffelt und ihm damit den Schreck seines Lebens beschert hatte, spürte Gordon immer noch ein mulmiges Gefühl in seiner Magengegend, wenn er durch die alten Mauern des ehransässigen Klinikgebäudes spazierte oder verstohlen zu seinem einstigen Geheimversteck im Ostflügel des EKH blickte, welcher inzwischen von einem riesigen Bauzaun umringt war, da er in wenigen Tagen entkernt und danach für den neuen Klinikanbau der chirurgischen Stationen aufgestockt werden sollte.

Sein ehemaliger Kollege und Gehilfe im einst so lukrativen Berliner Hanfgeschäft, Dr. Maurice Knechtelsdorfer, mittlerweile erster Assistenzarzt in der Unfallchirurgie eines Wiener Universitätsklinikums, bei dem er sich die letzten Tage verkrochen hatte, um sich von diesem gewaltigen Schock zu erholen, den seine Fastaufdeckung bei ihm ausgelöst hatte, hatte vollkommen Recht. Er hatte echt mehr Glück als Verstand gehabt und er sollte eigentlich dem da oben dafür danken, dass ihm der Faktor Zufall vor einem abrupten Ende seiner Karriere, noch bevor sie überhaupt richtig begonnen hätte, und einem Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen bewahrt hatte. Wenn Gabi ihm nicht Druck gemacht hätte, die edlen Pflänzchen endlich zu entsorgen, weil es falsch war, was sie da hinter dem Rücken sämtlicher Mitarbeiter des Krankenhauses heimlich trieben, hätte er jetzt echt ganz schön viel Ärger am Hals. Aber wie gesagt, er hatte noch einmal riesiges Schwein gehabt. Auf Geschäfte dieser Art, auch wenn sie, wenn man mal von dem einen oder anderen Tütchen für den privaten Gebrauch absah, ehrenwert gemeint gewesen waren, weil sie das Leid von Krebs- und Schmerzpatienten gelindert hatten, denen man anders nicht mehr hätte helfen können, würde er wohl in Zukunft verzichten. Sein lässiges Leben in Freiheit war ihm da eindeutig lieber. Und wie konnte man diese neu gewonnene Freiheit mehr genießen als während einer Fahrt Richtung Meer, wo er sich noch einmal richtig durchpusten lassen wollte, bevor er in den alten trögen Alltag zurückkehren würde. In den Skigebieten in den österreichischen Bergen, auf die ihn sein Kumpel zur Ablenkung geschleppt hatte, hatte das irgendwie noch nicht so richtig funktioniert. Denn die Gedanken an das Hätte, Wäre, Wenn waren einfach immer präsent gewesen. Aber jetzt würde endlich Schluss damit sein!

Eine Beruhigungszigarette später wollte sich Gordon frohgemut auf den Weg zurück zum Auto machen, an dem bereits sein Gast, die attraktive Neurochirurgin des Elisabethkrankenhauses in Begleitung ihrer niedlichen kleinen vorlauten Tochter und ihrer männlichen Vertretung auf Station, ungeduldig auf ihn wartete. Er kannte die Launen von Dr. Hassmann zur Genüge, wegen denen er die zickige Ärztin in der Vergangenheit auch noch nie ernsthaft angemacht hatte, obwohl sie schon ein sehr heißes Fahrgestell besaß und den Gerüchten nach im zwischenmenschlichen Bereich wohl ganz aufgeschlossen zu sein schien, und wollte sie daher nicht mehr länger warten lassen. Aber der wieder gutgelaunte Rettungsassistent kam nur drei Schritte weit, denn unvermittelt wurde er am Kragen seiner Sanijacke gepackt und zurück in die Raucherecke gedrängt, wo er eben noch in aller Ruhe eine geraucht hatte. Sein Schädel ditschte schmerzhaft gegen den Putz an der Krankenhauswand, gegen die er jetzt von zwei kraftvollen Männerhänden gestemmt wurde, und fand sich alsbald eingequetscht unter der Achsel des dazugehörigen rasenden Weißkittelträgers wieder. Er bekam kaum noch Luft. Sein Herz musste auch ausgesetzt haben, denn er spürte es nicht mehr. Gelähmt von dem Schock des Überraschungsmoments und dem starken Oberarm, der ihn eingekesselt hatte und nicht mehr loslassen wollte. Erst als er seinen eingekeilten Kopf leicht drehte, konnte er stöhnend nach oben gucken. Erst da registrierte Gordon, wer ihm da so ungestüm an den Kragen wollte, und das war neben dem Angriff selbst die wohl größte Überraschung.

Der blonde Krankenwagenfahrer wusste überhaupt nicht, wie ihm geschah. Völlig irritiert von dem, was mit ihm gerade passierte, blickte er mit immer größer werdenden Augen sein wütendes Gegenüber an, dessen mokkabraune Augen nichts mehr von der Sanftmütigkeit und Milde ausstrahlten, die sonst ihr eigen waren und die gerade beim weiblichen Personal und den Patientinnen zu spontanen Atemaussetzern und Schwärmattacken sorgen konnten. Aber diese Attacke hier hatte absolut keinen schwärmerischen Charakter. Im Gegenteil. Der muskulöse hoch gewachsene Mann im weißen Arztkittel war aus unerklärlichen Gründen rasend vor Wut auf ihn, was Gordon mehr einschüchterte, als ihm lieb war. Zumal er jetzt, nachdem man seinen Kopf endlich wieder losgelassen hatte, auch noch kräftig durchgeschüttelt wurde, was seinen noch vom Rauch der Zigarette angegriffenen Magen überhaupt nicht gut bekam. Was zum Teufel war denn nur in diesen irren Typen gefahren, der doch sonst keiner Fliege etwas zu leide tun konnte? Ein vager Verdacht keimte in ihm auf, als er erneut schmerzhaft mit der Wand im Rücken Bekanntschaft machte, und er wurde plötzlich ganz blass im Gesicht. Gabi würde doch nicht etwa...?

Gordon: Dr. Kaan?

...schluckte Gordon ängstlich, während er verzweifelt versuchte, sich Wort zu verschaffen und sich aus den Klauen dieses Verrückten zu befreien. Aber der gar nicht mehr so sanfte und einfühlsame Frauenarzt ließ ihn weder los, noch ließ er ihn ausreden. Abermals hatte Mehdi die Bilder vor Augen, als Gabi nach der ganzen Aufregung um den fälschlichen Polizeialarm abends weinend in seinen Armen zusammengebrochen war und ihm völlig aufgelöst von ihrer nicht gerade legalen Geschäftsbeziehung mit diesem hirnverbrannten Schwachmatten erzählt hatte, welche ein Stück weit dazugeführt hatte, dass sich der zarte Schleier von seiner rosaroten Brille gelöst hatte, welche er seit dem ersten Kuss mit seiner sexy Stationsschwester noch nicht einmal abgelegt hatte. Er hatte ernsthaft daran gedacht, denn er war ehrlich geschockt gewesen von ihrem Geständnis, aber nicht weil sie heimlich bei der Ernte illegaler Früchte geholfen hatte, um daraus schmerzlindernde Tees für Krebspatienten herzustellen, sondern vor allem weil sie ihm nichts davon erzählt hatte. Wenn sie Geld gebraucht hätte, um die Alkoholentziehungskur ihrer Mutter finanziell zu unterstützen, er hätte ihr doch sofort geholfen, egal ob sie nun noch ziemlich klamm wegen seiner Schulden und der neuen Wohnung waren. Er wäre doch immer für sie da gewesen, das wusste sie doch und dennoch war sie nicht zu ihm gekommen und hatte sich auf diese bescheuerte Geschichte eingelassen, die, wenn sie aufgeflogen wäre, das gesamte Krankenhaus in den Abgrund gestürzt hätte.

Er war verletzt und enttäuscht gewesen. Das wäre wohl jeder an seiner Stelle gewesen. Aber er hatte Gabi verziehen, weil er sehen konnte, dass sie ehrlich bereute und das Ganze am liebsten sofort rückgängig gemacht hätte. Und sie hatte die Plantage ja noch gerade rechtzeitig aus der Welt schaffen können, bevor die Bombe geplatzt wäre. Und das wäre sie definitiv, das hatte der Polizeieinsatz ja dann auch gezeigt, der zu viel Aufruhr unter den Mitarbeitern und zu einem Fastherzinfarkt des Professors geführt hatte, aber der zum Glück ohne Folgen geblieben war, auch für den Ruf dieser kleinen, von den Patienten sehr geschätzten Klinik, welche die Beliebtheitsstatistik der Berliner Häuser seit drei Jahren unangefochten anführte. Trotzdem kam jetzt, wo er den Hallodri, der in seinen Augen für das ganze Chaos hauptverantwortlich war, klein mit Hut vor sich hatte, wieder alles hoch. Wie konnte ein Mensch mit achtundzwanzig Jahren, noch dazu mit einem medizinischen Hintergrund, noch solchen Blödsinn im Kopf haben, mit illegalen Rauschmitteln hantieren und dann auch noch seine schwangere Freundin da mit reinziehen? Genau an diesem Punkt endete nämlich sein Verständnis und das stellte Mehdi jetzt auch unmissverständlich klar.

Mehdi: Klappe! Jetzt hörst du mir zu, Tolkin! Verstanden?
Gordon (blickt hinter Dr. Kaan hilflos zu Dr. Meier, der gerade um die Ecke kommt u. bei dem Bild, das sich ihm gerade bietet, abrupt stehen bleibt und vor lauter Sprachlosigkeit die Kinnlade herunterfahren lässt): Sind Sie jetzt total verrückt geworden? Lassen Sie mich los, verdammt! Was wollen Sie überhaupt von mir?
Mehdi (presst Gordon mit dem Unterarm gegen dessen Brust gedrückt gegen die kalte Mauerwand): Nein, ich bin ganz klar. So klar wie noch nie, um genau zu sein. Wenn ich dich je wieder bei so etwas erwischen sollte und wenn es nur die Unterzeichnung einer Petition zur Legalisierung von du weißt schon was ist, dann... ja... dann... dann... passiert was, aber so richtig! Und ich warne dich, Freundchen! Halt dich von ihr fern oder du wirst mich erst so richtig kennenlernen!
Gordon (versucht sich vergeblich zu befreien, als er begreift, weswegen Dr. Kaan wie ein wild gewordener Eber auf ihn losgegangen ist): Äh... Dr. Kaan, das... Wir... Also... Äh... Das... Das ist nicht so, wie Sie...
Mehdi (lockert seinen Griff ein wenig u. stemmt sich nur noch mit einer Hand gegen ihn u. hebt mit der anderen drohend seinen Zeigefinger, mit dem er nun vor seiner Nase wild herumfuchtelt): Ich dulde keine Widerworte, Gordon! Ich bin nämlich noch nicht fertig. Ich weiß, was Sie die letzten Monate über getan haben. Mir ist egal, aus welchen Gründen auch immer sie das initiiert haben und wer da noch alles mitgemischt hat. Das tut nichts zur Sache. Aber dass Sie... Sie... sie da mit reingezogen haben, das kann ich nicht akzeptieren. Mann, sie ist schwa... (hält kurz inne, als er merkt, dass er beinahe zu viel preisgegeben hat) ... Ääähhh... Eigentlich müsste ich Sie wirklich zur Verantwortung ziehen, aber noch mehr Ärger kann das Krankenhaus im Moment nun wirklich nicht gebrauchen. Ich will nie wieder auch nur ein Wort mehr zu dieser Affäre hören. Haben Sie mich verstanden?
Gordon (stammelt ängstlich eine Rechtfertigung daher, die er hätte bleiben lassen sollen): Wir... wir haben doch nur... Das war doch allein für rein therapeutische Zwecke gedacht. Wirklich! Und wenn Sie sauer sind, weil Gabi und ich mal ääähhh... Das... das ist ewig her und war völlig unbedeutend.
Mehdi (seine sonst so friedfertige Miene verfinstert sich augenblicklich): Ich hatte Sie gewarnt.

Gordon hatte eindeutig zu viel gesagt. Den Gedanken, dass seine Freundin einmal etwas mit diesem Feigling von einem Mann hatte, den hatte Mehdi komplett verdrängt. Aber er vermischte sich jetzt mit dem Bild, das sich ihm vor Monaten in Gabis alter Wohnung geboten hatte, als er sie mit Gordon inflagranti beim Rauchen eben jener Drogen, um die es ihm hier hauptsächlich ging, erwischt hatte und er erinnerte sich noch gut daran, wie schlecht es ihr danach gegangen war. So unschuldig, wie Gordon tat, war er also nicht. Hinzu kam die Angst um seine Liebste, als sie vor zwei Wochen vor ihm zusammengeklappt war, weil sie ihr schlechtes Gewissen so sehr gequält hatte. Das war eindeutig zu viel für den sensiblen Frauenarzt. Diese brodelnden Gefühle mussten einfach raus. Auch wenn Gewalt nie der richtige Weg war, wie ihm seine Mutter stets gelehrt hatte, wenn er mal wieder mit Schrammen von der Schule nach Hause gekommen war, weil die coolen Rabauken aus seiner Klasse, zu denen er gerne dazugehört hätte, mal wieder mit dem Mischlingsjungen „spielen“ wollten.

Ehe sich Gordon versah, machte sein Sonnyboygesicht Bekanntschaft mit der gar nicht mal so sanften Faust eines Gynäkologen außer Rand und Band. Dieser fühlte sich danach wie befreit. Lächelnd rückte er dem taumelnden Sanitäter sogar noch den Kragen seiner Jacke wieder zurecht, den er ihm zuvor noch zerknittert hatte, wandte sich dann in einer geschmeidigen Bewegung von ihm ab und kam seelenruhig auf einen sprachlosen Marc Meier zu, dessen Kinnlade mittlerweile bis zu seinen Designerschuhen herunterreichte und der abwechselnd wie bei einem Pingpongspiel zwischen seinem besten Freund, dem er in dieser seltsamen Verfassung erst zweimal begegnet war und da war es jeweils um die Vergangenheit seiner zukünftigen Exfrau gegangen, und dem Häuflein von einem Mann hin und her guckte, der nach Mehdis unerwarteter Attacke langsam an der Hauswand herabsank und schließlich mit seinem Hosenboden direkt in einem Schneehaufen landete, den der Winterdienst dort angehäuft hatte. Der fassungslose Chirurg deutete ungläubig mit dem Autoschlüssel in seiner Hand auf Mehdi, der selbstzufrieden vor sich hin grinste und als wäre nichts passiert, cool wie Iceman an ihm vorbeimarschierte, aber immer wieder sein rechtes Handgelenk ausschüttelte, das wohl auch etwas abbekommen hatte, wie sich jetzt im Nachhinein schmerzhaft herausstellte. Aber ein Indianer kannte schließlich keinen Schmerz.

Marc: Äh... Was war das denn bitteschön für eine alberne Cowboy- und Indianernummer?
Mehdi: Eine Lehrstunde für... Unbelehrsame.

...erwiderte der Halbperser knapp und mit einer solchen Mordsruhe, dass es Marc sogar ein klein bisschen Respekt einflößte, und schaute danach noch einmal vergewissernd über seine Schulter nach hinten. Dabei traf sein Blick wie zufällig das wartende Taxi, hinter dem Dr. Stier und Dr. Hassmann immer noch im Clinch miteinander lagen und deswegen auch absolut nichts von dem eben geschehenen Laientheater mitbekommen hatten. Mehdi winkte ihnen trotzdem milde lächelnd zum Abschied zu, auch weil er Sarah im Inneren des Wagens entdeckt hatte, die es ihm gleichtat, und verschwand dann ohne jedes weitere Wort der Erklärung wieder hinter den altehrwürdigen Mauern des Elisabethkrankenhauses. Zurück blieb Marc Meier, der seinem Kumpel irritiert mit offenem Mund hinterher blickte und dann seinen Kopf schüttelte. Kam es nur ihm so vor oder hatte sich während seiner Abwesenheit irgendetwas verändert in seinem zweiten Zuhause? Alle benahmen sich mehr als sonderbar. So viel war sicher. Und wer hätte gedacht, dass ausgerechnet sein stinklangweiliger best Buddy sogar noch der braungebrannten Oberschwester den Rang ablaufen könnte, die ihm gerade eben im Fahrstuhl über den Weg gelaufen war und mit ihrem seltsamen Outfit und ihrem absonderlichen Verhalten ordentlich schockiert hatte. Marc rief Mehdi noch hinterher, aber seine Worte erreichten seinen Freund schon nicht mehr. Die Glastür des Hintereingangs hatte sich bereits wieder geschlossen.

Marc: Nur weil der Depp in zweiter Reihe geparkt hat? Ey! Geht’s dir noch gut? Willst du auf deine alten Tage hin doch noch cool werden, oder was? Dann kühle besser deine Hand, wenn du je wieder schmerzfrei Möpse abtasten willst. Und fürs nächste Mal, ich regele meine Angelegenheiten gerne alleine, du Bodyguard für Arme. Deine Rechte wird auch nicht besser, wenn du sie an Hilfskräften ausprobierst. Tzz... Da ist man mal ein paar Tage weg und alle knallen durch. Unfassbar! ... Und jetzt zu dir, Tolkin! Siehst du den schwarzen Sportflitzer da? Das ist meiner. Und was passt dort nicht hin? Genau! Fahr endlich die Scheißkarre da weg oder du bekommst noch ein zweites blaues Auge zum Preis von einem hinzu! ... Buh!

...wandte sich Marc nun in gewohnter Oberarschmanier dem stöhnenden Mann zu seinen Füßen zu, der immer noch nicht fassen konnte, was ihm gerade widerfahren war. Vielleicht war es doch zu früh gewesen, an den Tatort zurückzukehren? Das lehrte einem doch schon jeder Samstagabendkrimi. Aber wer hätte denn auch ahnen können, dass Gabi ausgerechnet ihrem neuen Macker alles stecken würde? Wieso zum Teufel hatte sie das gemacht? Seit sie einen auf brave spießige Freundin machte, kam man so gar nicht mehr an sie heran. Aber als ob er die Frauenwelt verstehen würde. Er hatte eh nie kapiert, was sie an diesem langweiligen Gynäkologen fand. Mit ihm hätte sie doch viel mehr Spaß gehabt. Viel Zeit zum Grübeln blieb dem ehemaligen Hobbygärtner jedoch nicht, denn der nächste irre Arzt kam bedrohlich auf ihn zu und duldete noch weniger Widerworte als Dr. Kaan. Also rappelte Gordon sich nach dieser unmissverständlichen Meierschen Ansage so schnell, wie es ihm möglich war, auf und nahm seine noch wackeligen Beine schleunigst in die Hand, um den Wagen mit seinen Fahrgästen startklar zu machen. Dr. Meier blickte dem Flüchtenden zufrieden grinsend hinterher, kuckte noch einmal hinter sich die Fensterfront des Krankenhauses empor und trottete dann lässig seines Weges. Die Rolle des Sheriffs in Town hatte schließlich immer noch er inne. Aber er musste zugeben, Mehdi hatte ihn schon gut vertreten.


http://www.youtube.com/watch?v=pgd0zCmpMCQ

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

05.04.2014 16:40
#1474 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Kurz zuvor auf dem Ärzteparkplatz ganz in der Nähe

Ja, Dr. Stier und Dr. Hassmann waren zu abgelenkt voneinander gewesen, um auch nur ein klitzekleines Detail von dem besonderen Hahnenkampf der männlichen Mitarbeiter des Elisabethkrankenhauses um die Ecke mitzubekommen. Mal wieder prallten die gegensätzlichen Charaktere heftig aneinander und es rappelte gewaltig im Karton. Metaphorisch gesprochen, versteht sich. Mit immer roter werdendem Gesicht und verdächtig zuckender Augenbraue hatte Maria ihre kleine Tochter, die Cedric bis zum Auto stolz wie Oskar auf dem Arm getragen hatte, hektisch auf den Kindersitz in der Mittelreihe des weißen Kastenwagens mit der Aufschrift „Elisabethkrankenhaus“ verfrachtet. Der Professor persönlich hatte dafür gesorgt, dass seine Spitzenkraft aus der Neurologie nicht mit dem eigenen PKW oder mit dem Zug anreisen musste, was eigentlich recht bequem war, wenn man mal genauer darüber nachdachte, was die stolze Oberärztin natürlich nicht tat. Und das lag nicht daran, dass sie gezwungen war, auf die wiederholte ausdrückliche Bitte ihres Chefs hin, noch weitere drei Wochen ihren hippokratischen Pflichten zu entsagen und demnach dem OP strikt fernzubleiben. Viel unbequemer als die unmissverständlichen Anweisungen von Prof. Haase, der stets um das Wohl seiner Mitarbeiter besorgt war, waren dagegen die immer wiederkehrenden Spitzen ihrer nervigen Vertretung, welche nebenbei bemerkt gleichzeitig auch noch ihr neuer Freund war, was dieser stets überall demonstrativ herausposaunen musste, um sie noch zusätzlich zu provozieren, weil er ganz genau wusste, dass sie noch lange nicht dazu bereit war, ihn auch tatsächlich als solchen zu titulieren. Und das würde sie vermutlich niemals tun, wenn er ihr weiterhin so tierisch auf den Geist ging.

Vor Sarah hatte sich Maria die ganze Zeit nichts anmerken lassen. Sie hatte sich zusammengerissen, hatte brav mitgespielt, hatte die Ein-Meter-Schneefrau, die der süße Fratz und sein Herr Papa voller Eifer mit sehr viel Spaß und Liebe zum Detail kreiert hatten, als Ärztin dekoriert, hatte sogar kommentarlos den ekelig süßen Griesbrei herunter geschlungen, den ihr ihre strahlende Tochter als Mittagessen serviert hatte, damit ihre Mutter wieder stark und kräftig wurde, ja, und sie hatte sich auch von diesem Mistkerl küssen lassen, wann immer ihm mal wieder danach gewesen war, jedem, der es noch nicht wusste, wie zum Beispiel Prof. Haase, und vor allem Mehdi, der ihnen nach dem Gespräch mit ihrem Vorgesetzten wegen der Planungen für die Neurologie zufällig im Fahrstuhl begegnet war, auf die Nase zu binden, dass sie mehr oder weniger zusammen waren. GRRR!!! Dieser Mann war doch ein einzig wahrer Aufreger. Sie hatte es so was von satt, von ihm so bloßgestellt und bevormundet zu werden. Schlimm genug, dass er ihr schon den Job weggenommen hatte und ihr ständig in alles hineinredete, was ihr wichtig war. Es nervte sie wie wahnsinnig, dass er ihr fortwährend damit in den Ohren lag, dass er sie und Sarah während ihrer Mutter-Kind-Kur gerne besuchen wollte und dass sie unbedingt täglich miteinander Kontakt halten sollten. Wieso konnte der angeblich so hoch intelligente Chirurg nicht kapieren, dass sie das nicht wollte? Dass sie das unter Druck setzte. Druck, den sie absolut nicht gebrauchen konnte, nicht nur wegen ihrer angeschlagenen Gesundheit. Gerade wegen dieser verflucht verfahrenen Situation hatte sie der Zwangsauszeit schließlich doch zugestimmt, die man ihr aufgedrängt hatte, quasi als Auflage, bevor man sie wieder zurück an den OP lassen wollte. Sie stand schon wieder kurz vorm Explodieren und wollte endlich über alles allein in Ruhe, die Betonung lag auf „allein“ und „in Ruhe“, nachdenken. War das wirklich so schwer zu verstehen? Aber dieser verblendete Idiot tat alles, um ihren Blutdruck erneut unnötig in die Höhe zu treiben. Deshalb passte es ihr auch gar nicht, dass Cedric ihrer gemeinsamen Tochter diesen Floh ins Ohr gesetzt hatte. Das ging eindeutig zu weit.

Nachdem Maria Sarah also auf ihrem Sitz angeschnallt hatte und ihr als Ablenkung das I-Pad mit ihrem Lieblingsspiel in die Hand gedrückt hatte, was die süße Maus begeistert annahm, schob sie die Autotür geräuschvoll wieder zu, holte tief Luft und packte den unverschämt grinsenden Machomann dann unsanft am Kragen seiner Winterjacke und zog ihn zum hinteren Teil des Wagens, um dort ungestört und unbeobachtet von neugierigen Augen mit ihm sein zu können, was von dem Provokateur mit einem eindeutigen Augenzwinkern und einem unsittlichen Pograbscher als dreisten Annäherungsversuch kommentiert wurde, was sie gleich noch mehr auf die Palme brachte. Lautstark machte Maria Hassmann ihrem Ärger endlich Luft und boxte Cedric dabei heftig gegen den gestählten Oberkörper. Eigentlich hatte sie nicht gewollt, wieder in körperliche Gewalt überzugehen, aber wenn der dreiste Kerl es anders nicht verstehen wollte, dann musste er eben fühlen.

Maria: Was fällt dir ein, Sarah einzureden, dass ihr uns unbedingt da oben besuchen sollt? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Das war so nicht abgemacht.
Cedric (versucht die wilde Furie in seine Arme zu ziehen, aber diese wehrt sich heftig, indem sie weiter unkontrolliert um sich schlägt): Ja, das bin ich in der Tat und zwar genauer gesagt von euch beiden... guten Geistern, wenn ihr erst einmal gen Norden abgedüst seid.
Aus welchem abgedroschenen Groschenroman hat er denn den Spruch herauskopiert?
Maria (verdreht die Augen u. stemmt wütend ihre beiden Hände in die Hüfte, was ihre schlanke Silhouette noch zusätzlich betont u. sie für ihn noch sexier macht, als sie es eh bereits ist): Lass die Spitzfindigkeiten, Rick! Ich meine das ernst. Ich will das nicht. Punkt. Aus. Und Schluss. Oder muss ich dir als angeblichen Arzt noch den Sinn und Zweck einer Mutter-Kind-Kur erklären? Ja? Nein!
Cedric (versucht es nun auf die ruhige ernste Tour u. greift nach ihrer Hand, die sie ihm jedoch sofort verwehrt, indem sie ihre Arme abweisend vor ihrem Körper verschränkt): Mary,...
Maria (fällt ihrem süßholzraspelnden Gegenüber gleich wieder aufgebracht ins Wort u. funkelt es an): Nichts, Mary! Lass endlich das Geschleime, Rick! Du weißt genau, dass das bei mir keinerlei Wirkung erzielt. Ich hab dir schon mehr als einmal deutlich gesagt, dass du Sarah und mich nicht gegeneinander ausspielen sollst. Dann sind wir nämlich nicht mehr nur für drei Wochen weg, sondern...
Cedric (fährt ihr sofort über den Mund, um sie zu stoppen, bevor sie noch etwas Falsches sagt, was sie später noch bereuen könnte): Jetzt machst du aber genau das Gleiche, Maria.

GRRR! Dieser Kerl macht mich noch wahnsinnig. Kann nicht endlich dieser verdammte Fahrer kommen und uns hier wegbringen. Ich schwör’s, ich kann sonst für nichts mehr garantieren. Als Leichenwagen macht sich dieses Auto bestimmt auch sehr gut.

Maria (regt sich gleich wieder künstlich auf u. gestikuliert wild mit ihren Armen vor seinem belustigten Gesicht herum): Ich? Das... Ja, mir steht das ja auch zu. Weil du es offenbar nicht anders verstehst. Nur weil ich einmal aus Gründen, die ich hier nicht noch einmal durchdiskutieren möchte, nicht mehr anders konnte und „ja“ gesagt habe, heißt das nicht gleich zwangsläufig, dass dies für dich ein Freifahrtsschein ist, unsere Leben gleich komplett neu zu planen.
Cedric (versucht einzulenken): So war das doch auch gar nicht gemeint.
Maria (hebt argwöhnisch eine Augenbraue): Ach, nicht? Wer hat mich denn die letzten Tage in seinem Haus festgehalten und gemeint, bleibt doch gleich ganz, wenn ihr zurück seid?
Cedric (grinst u. findet immer mehr Gefallen an der Idee): Ja, das wiederum hab ich schon so gemeint.
Maria (tippt immer wieder mit ihrem Zeigefinger gegen seinen Brustkorb): Und ich meine es ernst, wenn ich sage, dass ich unter gar keinen Umständen jemals wieder zurück in dieses verdammte Reihenhaus ziehen werde. Vergiss es! Nie... niemals!
Cedric (verhehlt mit Blick auf seine computerspielende Tochter im Auto seine Enttäuschung nicht): Wie stellst du dir dann das alles vor? Dass wir ständig zwischen unseren Wohnungen pendeln? Denkst du, das ist gut für die Kinder? Sie haben sich gerade erst aneinander gewöhnt und ich fand die vergangenen Tage auch sehr schön mit euch. Ich könnte mir das durchaus vorstellen.

Er tut es schon wieder. Verdammt, das geht so nicht. Das ist noch viel zu früh. Und überhaupt, weiß ich nicht, ob ich das überhaupt will. Ich kann dort nicht wieder hin.

Maria (hält für eine Sekunde inne u. schließt die Augen, dann sieht sie ihn wieder mit ernster Miene an): Ach Rick, du verstehst es einfach nicht. Du planst schon wieder tausend Schritte vorwärts, während ich noch an der Weggabelung stehe. Wir kommen nie auf einen gemeinsamen Nenner, wenn du mir nicht endlich die Zeit gibst, die ich brauche, um die letzten Wochen und das alles hier zu verarbeiten. Das letzte, woran ich im Moment denke, ist unsere komplizierte Wohnsituation.
Cedric (verteidigt sich sofort): Aber das tue ich doch. Alle Zeit der Welt.
Maria (lacht spöttisch auf, wird aber schnell wieder ernst): Indem du mir ständig an den Hacken klebst, überall dein Revier markierst wie ein räudiger Köter und ohne Ende Machosprüche reißt und jetzt auch noch mit nach Usedom kommen willst, dich am besten gleich noch bei uns im Zimmer einquartierst? Bei Sarah rennst du damit natürlich offene Türen ein. Sie stellt dich auf ein Podest, weil die Zeit mit dir wahnsinnig aufregend und neu für sie ist. Sie saugt alles auf, was von dir kommt. Und das will ich ihr auch gar nicht nehmen. Darum geht es auch gar nicht. Aber ich brauche den Pausenknopf wirklich. Das ist mir klar geworden, als ich minutenlang auf dem kalten Badezimmerfußboden gelegen habe und dann hier auf Station aufgewacht bin. Bitte akzeptier das! Das ist alles nicht so einfach, wie du dir das vielleicht in deinem Spatzenhirn in bunten Farben ausmalst. Wir stiefeln hier nicht leichtfüßig über einen Minihügel im Brandenburgischen, das ist die verdammte Zugspitze, die vor uns liegt, du ungeduldiger Idiot.
Cedric (traut sich dann doch näher an seine Freundin heran, die diesmal seinen Umarmungsversuch nicht abwehrt u. ihn schweigend zulässt): Das fällt mir schwer. Wenn man einmal weiß, was man will, es sogar bekommt, dann kann und will man es nicht mehr so leicht loslassen. Es geht einfach nicht.

Wie kann er sich auf einmal nur so sicher sein? Verdammt, wer ist dieser Mann da vor mir?

Maria (legt ihre Arme locker um Cedrics Schultern u. sieht ihn seufzend an): Denkst du, das weiß ich nicht?
Cedric (lächelt milde): Hmm... Da kann man bei dir Naturgewalt nie sicher sein.
Maria (muss dann doch schmunzeln u. schmiegt sich lasziv an diese Nervensäge von Mann, dem sie am liebsten den Hals umdrehen würde, anstatt in seinen Armen zu liegen): Naturgewalt, hmm?
Cedric (tänzelt grinsend mit ihr zum Heck des Kombis hin, gegen das sie sich nun engumschlungen lehnen): Ja, so wie ein heftiges Sommergewitter, das finster grummelnd heranzieht, die letzten schwülwarmen Sonnenstrahlen verschluckt und sich mit Pauken und Trompeten schließlich am Himmel entlädt und sich austobt. Wenn man nicht rechtzeitig Schutz sucht, prasselt der Hagel nur so auf einen nieder und wenn man nicht aufpasst, wird man auch noch von einem Blitz getroffen, der einen ungebremst in den Boden rammt.
Maria (ihr gefällt dieser Vergleich): Das hast gerade du ja auch gar nicht anders verdient.
Cedric (blickt aufgewühlt in ihren wild aufblitzenden Augen hin u. her u. schlingt seine Arme um ihre Taille, um sie ganz nah zu sich heranzuziehen): Mhm, mag sein. Aber was dir vielleicht entgangen sein könnte in deiner maßlosen Kritik an mir und der Endlosschleife an Zweifeln, die dein komplexes Chirurgenhirn zermatern, ich bin mittlerweile lernfähig. Mir ist durchaus bewusst, dass alles nicht einfach wird. Dass alles Bisherige umgekrempelt und auf links gedreht wird und wir überhaupt nicht wissen, wo uns der Weg hinführen wird. Aber Veränderungen können auch positiv sein. So ein reinigender Gewitterschauer kann auch für die Natur wohltuend sein. Also tob dich ruhig aus! Ich halt das aus. Ich mache regelmäßig Fitness, wie du weißt.
Maria (mustert ihn misstrauisch, lässt sich aber dann doch schnell von seinen Händen auf ihrem Hintern u. seinem heißen Atem an ihrem Hals ablenken): Du denkst also, genauso schnell, wie es aufgekommen ist, hat sich das Gewitter auch schon wieder verzogen? Immer noch so leichtgläubig wie eh und je. Das ist so typisch an euch Männern.
Cedric (löst seine Nasenspitze von ihrem verführerischen Hals, deren Duftnote er aufgesogen hat, um sie für sich für die Tage der Zwangstrennung abzuspeichern, u. sieht spöttisch zu ihr hoch): Damit kann man bei dir nie sicher sein. Hochs und Tiefs wechseln sich gerade in einem ungleichmäßigen Rhythmus ab, dass man kaum hinterherkommt. Dabei warte ich doch nur auf ein entgegenkommendes Zeichen. Es kann auch noch so klein sein, wie ‚ich behalte den Hausschlüssel doch’ oder ‚hey, ich freue mich, wenn ihr uns nächstes Wochenende besucht’. Selbst ein Kuss würde mir vorerst genügen.
Maria (fühlt sich sofort provoziert, dreht sich mit ihm einmal im Halbkreis u. nun ist er derjenige, der gegen das Auto gedrängt wird): Hey! Ich muss dir ja wohl nicht erläutern, wer dafür gesorgt hat, dass es so kommen musste.
Cedric (lacht): Dazu gehören immer noch zwei, meine liebe Mary. Und wenn man bedenkt, wie und unter welchen Umständen es zustande gekommen ist, dann...

Dass er auch immer darauf herumreiten muss. GRRR!!! Er hat es doch provoziert. Dann kann er auch die Verantwortung dafür übernehmen.

Maria (versucht sich aus Cedrics Klauen zu befreien, aber er denkt nicht dran, sie wieder loszulassen): Halt die Klappe oder deine Nase macht wieder Bekanntschaft mit einer Tür! Wie wäre es mit dieser hier?
Cedric (genießt das rohe Verhalten seiner Liebsten sehr u. provoziert sie erneut): Hmm... Das Risiko würde ich sogar eingehen, wenn ich danach wieder so liebevoll von dir umsorgt werde.
Maria (verdreht die Augen, weil er schon wieder alles durch den Kakao zieht): Vergiss es! Träum weiter!
Cedric (blickt sie herausfordernd an): Das tue ich schon die ganze Zeit. Was bleibt mir auch? So viele schöne Bilder...
Maria (ärgert sich maßlos über diesen unmöglichen Kerl): Kannst du nicht einmal ernst bleiben, Cedric?
Cedric (bleibt die Ruhe selbst): Ich bin die ganze Zeit bierernst. Du lässt mich doch nicht ausreden.
Maria (steigert sich schon wieder in ihre Wut hinein): Ich dich?
Cedric (lächelt sie an): Ja, immer will die taffe Oberärztin das letzte Wort behalten. Kontrolle über alles.
Maria (der Trotzkopf in ihr erwacht): Das stimmt doch gar nicht.
Cedric (lacht u. festigt seine Umarmung): Doch! Und das gilt nicht nur für den Job sondern vor allem für das Zwischenmenschliche in deinem Leben. Aber ich akzeptiere das. Das bist einfach du. Und du weißt, wie sehr ich das mag. Es ist echt sexy, wenn es so in dir brodelt.
Maria (hat genug gehört u. stemmt ihre Hände vergeblich gegen ihn): Weißt du, so langsam wird mir das echt zu blöd hier. Außerdem hätten wir schon längst losgemusst. Wo ist eigentlich Gordon? Der wollte doch nur schnell eine rauchen.

Cedric (hält die Widerspenstige fest, als sie sich losreißen will, u. schaut ihr eindringlich in die wild funkelnden Augen): Jetzt lass mich bitte ausreden! Was ich sagen wollte... Also... Ich will noch etwas loswerden, bevor du mich wieder zum Hauptschuldigen abstempelst und wütend davon stapfst und die nächsten Wochen schmollst und mich mal wieder links liegen lässt. Ich will doch nur, dass du weißt, dass ich damit klarkomme. Egal, wie du dich entscheidest und wie du dir das alles am Ende vorstellst. Ich will, dass du weißt, dass ich mir auch Gedanken mache. Also wie das mit uns nach eurer Rückkehr weitergehen könnte. Ich will dir doch auch nur etwas abnehmen, wenn du mich endlich mal lassen würdest. Du musst dir nicht um gleich alles deinen süßen Dickschädel zerbrechen. Ich bin auch noch da. Ich stehle mich nicht aus der Verantwortung, auch wenn du es insgeheim vielleicht hoffst, weil es dir einiges erleichtern würde. Aber ich bin da. Ich geh nicht mehr weg. Ich stehe genau hier, wenn das Taxi in ein paar Tagen wieder hier vorfährt. Hoffentlich mit einer tiefenentspannten und strahlenden Ärztin an Bord, die weiß, was sie will. So wie ihre Miniversion, die mich einfach nimmt, so wie ich bin, obwohl ich es echt nicht verdient habe.
Maria (blickt unruhig zwischen seinen Pupillen hin und her u. fühlt sich plötzlich gar nicht mehr so wohl in ihrer Haut): Als ob ich das nicht merken würde. Aber findest du nicht, dass solche Gedankenspiele noch ein bisschen früh sind?
Cedric (spürt ihre Unsicherheit, kommt aber nicht umhin, zu schmunzeln u. streckt seine Hand nach ihrem Mantelinhalt aus): Naja, da du schon Anfang vierter Monat bist, sollten wir uns doch so langsam Gedank...
Maria (hält ihm den Mund zu u. blickt hektisch hinter ihm durch die Scheibe ins Auto, wo Sarah in aller Seelenruhe spielt u. ihre zankenden Eltern nicht weiter beachtet): Stopp! Sollen schon einmal gar nicht, mein Lieber! Und sei bitte nicht so laut, Sarah kriegt sonst noch was mit. Ich bin froh, dass sie hier in der Klinik noch nichts aufgeschnappt hat, obwohl es die Spatzen schon von den Dächern rufen.
Cedric (schaut demonstrativ in Richtung Klinkgebäude, wobei sein Grinseblick auf einen winkenden Frauenarzt und einen daneben stehenden, deppert dreinblickenden Chirurgenarsch fällt, was ihn kurz irritiert): Also ich hab nichts gehört. Ääähhh.... Aber... wie lange willst du unser Geheimnis noch für dich behalten? Es wird nicht mehr lange dauern, dann kann man es nicht mehr übersehen und unsere Miss Neunmalklug ist schlau genug, um eins und eins zusammenzuzählen.
Maria (blitzt ihn grimmig an u. schiebt seine Hand unsanft von ihrem Bauch weg): Ja, vielen Dank auch, dass du mich daran erinnern musst, dass ich bald fett und unansehnlich werde. Ich sag es ihr, wenn die Zeit reif ist und sie auch etwas mehr tiefenentspannt und nicht so aufgedreht wegen dir und deiner Tochter ist.
Cedric (zieht das Meckermariechen schwungvoll zu sich heran, wogegen sie sich erst noch heftig wehrt, aber dann von ihren Sinnen überrumpelt wird, weil Cedric gefühlvoll mit seiner Nasenspitze ihren Hals empor streicht, was bei ihr nicht ohne Wirkung bleibt): Wirst du nicht. Ich freue mich schon wahnsinnig auf deine Kurven. Es gibt keine sexiere Schwangere als dich. So scharf. So sinnlich. So... naja, vielleicht sollte ich noch den Schalter ausfindig machen, wo man die Zickenhormone ausschalten kann, denn die sind heute schon gewaltig in Aktion. Trotzdem danke für dein Vertrauen wegen Sarah.

...flüsterte der unverschämte Charmeur seiner widerspenstigen Eroberung sanft ins Ohr, ehe er am selbigen auch noch zärtlich zu knabbern begann, was eine wohlige Schauerlawine bei Maria auslöste, die, anstatt sich für seine plumpen Machosprüche zu rächen, für den Hauch einer Sekunde gegen ihren Willen ihre Augen schließen musste und diesen verdammten Mistkerl zum tausendsten Mal an diesem Tag verfluchte, weil er viel zu gut wusste, wie er sie packen musste, was ihr völlig gegen den Strich ging, weil sie doch die Oberhand behalten wollte. Was blieb ihr denn sonst noch in diesem ganzen Schlamassel? Und diesen Missmut wegen ihrer ausweglosen Situation zeigte sie dem dreisten Sprücheklopfer jetzt auch, indem sie sich wie ein Raubtier auf ihn stürzte und ihn damit so heftig gegen das Heck des Fahrzeuges drängte, dass nun auch ihr Töchterlein kurz von ihrem Bildschirm aufschaute und nach hinten durch die Scheibe blickte. Glücklich dass ihre Eltern tatsächlich auf sie gehört hatten und sich ganz doll lieb hatten, wandte sie sich auch gleich wieder kichernd um und konzentrierte sich wieder auf die Wildpferde auf ihrem Computer, die es zu zähmen galt. Außerhalb des Wagens funkelten derweil zwei wild aufblitzende dunkle Augen ihr Gegenüber provokativ an, das augenzwinkernd auf diese verführerische Herausforderung reagierte und damit noch eine weitere Lawine in Gang setzte. Denn zarte Chirurginnenhände tauchten nun gezielt gen Poregion ab und krallten sich daran fest, was nun wiederum auch Cedrics Konzentration durcheinander brachte. Als die heißen Lippen der sexy Schwangeren dann auch noch heftig gegen seine prallten und ihn erschütterten, war es endgültig um ihn geschehen und er gab dem Drängen der Naturgewalt nach.

Maria: Schleimer!
Cedric: Zicke!

Eine wilde Knutscherei entbrannte, die pikiert von einigen älteren Krankenhausbesucherinnen und einer ungläubigen Oberschwester beobachtet wurde, die aus dem Gleichgewicht gebracht über den Parkplatz stolpernd den Eingang des EKH anvisierten, und auch ein anderes blaues Augenpaar guckte immer wieder verstohlen grinsend durch die Autoscheibe auf ihre sich küssenden und am Autoheck lehnenden Eltern. Glücklich und zufrieden kletterte sie zurück auf ihren Platz, schnappte sich ihren Biene-Maja-Rucksack und kippte den gesamten Inhalt neben sich auf den Sitz und studierte die einzelnen Bilder auf den DVDs, die sie von ihrer besten Freundin Lilly für die Zeit am Meer geliehen bekommen hatte. Die Auswahl, welcher Disneyfilm es für die lange Fahrt dorthin nun sein sollte, fiel ihr schwer. Deshalb war die süße Maus auch dankbar, als sie vor dem Auto, in dem sie saß, einen Schatten näher kommen bemerkte. Im selben Moment, als sie identifizierte, wer da so schnell auf sie zu gerannt kam, wurde auch schon die Fahrertür aufgemacht und eben jener Schattenmann mit dem wirren blonden Haar sprang hektisch auf seinen Sitz, knallte die Autotür zu, drehte sich zu der neugierigen Sechsjährigen um, die ihn mit einem breiten Grinselächeln begrüßte, und visierte ihre Eltern an, um sie zur Eile zu drängen. Schließlich musste er schleunigst hier weg, wenn er nicht noch eins auf die Mütze bekommen wollte.

Gordon: So! Kann’s losgehen? Frau Dr. Hassmann?

Abrupt wurde das küssende Paar hinter dem Auto auseinander gerissen. Sie waren so mit sich beschäftigt gewesen, dass sie gar nicht gemerkt hatten, dass ihr Chauffeur inzwischen zurückgekehrt war. Seufzend und schweratmend lösten sich die beiden voneinander, schauten sich ein letztes Mal voller Sehnsucht und ungestillter Leidenschaft in die Augen, dann schob Cedric die Seitentür des Kastenwagens auf, so dass seine Geliebte auch endlich zu ihrer Tochter einsteigen konnte. Das beklommene Gefühl in seiner Magengegend versuchte der taffe Neurochirurg dabei tunlichst zu ignorieren. Aber wie konnte er das, wenn einem plötzlich die eigene Tochter noch einmal um den Hals sprang, die sich von ihrem Kindersitz befreit hatte und nun dicke Abschiedstränen vergoss. Der zweifache Familienvater musste schwer schlucken und auch Maria traf der Anblick ihrer kleinen Heulboje sehr, die doch die ganze Zeit so tapfer gewesen war und sich ehrlich auf die Reise an die Ostsee gefreut hatte. Unbeholfen streichelte sie Sarah sanft über den Rücken, um sie zu beruhigen, während der Fahrer vorne im Auto angespannt immer wieder zur Frontscheibe hinausguckte, um zu kontrollieren, ob nicht der irre Frauenarzt noch einmal aus einem Hinterhalt heran gesprungen kam, um ihn doch noch zu meucheln. Aber zum Glück war von Dr. Kaan keine Spur. Von Dr. Meier, der ihn erneut ins Visier genommen hatte, dagegen umso mehr. Denn er kam verdächtig näher, weshalb Gordons Unruhe immer größer wurde. Aber die Personen hinter ihm kamen einfach nicht aus dem Knick. Und jetzt weinte die kleine Nervensäge auch noch. Na hoffentlich würde sie das nicht die ganze Fahrt über tun. Dann wäre sein Tag, der schon scheiße begonnen hatte, endgültig gelaufen.

Sarah (schnieft herzzerreißend an Papas Hals): Ich... will... nicht! Kann der Papa und meine Schwester nicht mitfahren, bitte, bitte Mamiii! Das wäre soooo schöööön. Wir könnten die ganze Zeit spielen und Muscheln am Strand sammeln gehen.
Maria (tätschelt sie liebevoll): Ach Sarah, Schatz, du weißt doch, dass das nicht geht.
Sarah (ihre Stimme bebt vor Kummer, als sie aufschaut): Warum denn nicht? Sissi kann bei mir schlafen und Papi bei dir.
Cedric (löst die Krakenarme von seinen Schultern u. platziert die Heulboje wieder auf ihrem Sitz u. schnallt sie an, dann sieht er sie ernst an): Diese Einladung klingt zwar sehr verlockend, mein Schatz, aber irgendwer muss ja deine Mami im Krankenhaus vertreten. Schau mal, die Patienten brauchen mich doch.
Sarah (vergießt eine Krokodilsträne nach der anderen u. will sich nicht von ihrem Papa lösen, den sie fest umklammert hält): Ich brauche dich auch. Und Mami auch.
Naja...
Maria (bald selbst den Tränen nah, weil ihr Sarahs Abschiedsschmerz auch sehr nahe geht): Sarah, bitte, versteh doch! Das ist kein Urlaub, den wir vorhaben. Ich wünschte, es wäre so.
Cedric (gibt dem Drängen seiner Tochter nach u. setzt sich kurz neben sie ins Auto, um es ihr noch einmal genau zu erklären): Schau mal, wer wird denn hier gleich einen See an Krokodilstränen vergießen? Du bist doch schon ein großes Mädchen, hmm. Kannst du mir dann auch etwas versprechen?
Sarah (schnieft die Tränen weg u. schaut ihren Papa mit großen Augen gespannt an): Ich werd nicht mehr weinen. Versprochen!
Cedric (streicht ihr lächelnd über die feuchte Wange u. lässt seine Hand dort ruhen): Das auch, ja, mein Spatz, aber den größten Gefallen machst du mir, wenn du gut auf deine Mami aufpasst. Dass sie gut zur Ruhe kommt, sich wirklich ausruht und entspannt, jeglichen Stress auslässt, die Betreuer nicht ausmeckert, weil ihr irgendeine Behandlung nicht passt, und dass ihr beide eine schöne Zeit miteinander habt an der See. Du hast dich doch so darauf gefreut, mit ihr den Strand zu erkunden, hmm. Wir sehen uns schon ganz, ganz bald gesund und munter hier wieder. Du wirst sehen, wenn du erst einmal das große weite Meer gesehen hast, von dem ich dir erzählt habe, dann vergeht die Zeit wie im Fluge.
Sarah (beruhigt sich langsam wieder u. kuschelt sich in Papas Arme): Versprochen! Und ich bin auch ganz, ganz artig, damit Mami sich nicht aufregt und kein neues Geschür im Magen kriegt.
Cedric (strahlt seine Tochter stolz wie Oskar an u. drückt sie glücklich an sich): Das ist die richtige Einstellung, meine große Prinzessin. Ich hab dich lieb.
Sarah: Ich hab dich auch ganz doll lieb, Papi. Und die Mami auch.
Maria (lächelt ihr Kind liebevoll an u. blickt dann dankbar zu Cedric): Ich dich auch, Motte. Wir müssen jetzt wirklich los.

Während Gordon ungeduldig auf seinem Sitz hin und herrutschte, seine schweißigen Hände unentwegt am Lenkrad herum gleiten ließ und lieber jetzt als morgen endlich aufbrechen wollte und Maria vor Rührung wegen der innigen Vertrautheit, die sich in kürzester Zeit zwischen Sarah und Cedric aufgebaut hatte, eine Gänsehaut bekam, verabschiedeten sich Tochter und Vater Stier ganz gemächlich voneinander. Cedric stieg anschließend wieder aus und zwinkerte seiner Kleinen noch einmal zu, was diese mit einem breiten Strahlelächeln erwiderte, was nicht nur ihn, sondern auch ihre Mutter sehr erleichterte, der er sich nun zuwendete. Ungestüm zog der verliebte Familienvater Maria noch einmal zu einem intensiven Abschiedskuss heran, der doch tatsächlich das steinharte Herz der selbstbeherrschten Neurochirurgin zum Stolpern brachte, und half ihr dann beim Einsteigen, was ihr Chauffeur erleichtert zur Kenntnis nahm und dazu einlud, den Wagen zu starten, um hier endlich abhauen zu können.

Cedric: Passt gut auf euch auf und schickt wenigstens ein Leuchtsignal oder eine Flaschenpost, damit ich weiß, dass ihr da oben gut angekommen seid. Und Sie... achten Sie gut auf die zwei! Ich gebe Ihnen hier das Kostbarste mit, was ich besitze. Wagen Sie es also nicht, irgendwelche Geschwindigkeiten zu überschreiten oder gewagte Abkürzungen zu nehmen! Ich check das Fahrtenbuch, noch bevor es der Professor in die Hände bekommt. ... Gut, dann... bis bald, Mary! ... Sarah, Spätzchen!

...sagte Cedric noch mit deutlich belegter Stimme zum Abschied, den er nicht zu rührselig und unmännlich werden lassen wollte, und schob anschließend die Seitentür des weißen Kastenwagens zu. Seine linke Hand blieb noch an der Scheibe haften und Sarah kletterte extra über Marias Schoss hinweg, um von innen ihre Hand an das Fenster zu legen, was von Cedric mit einem breiten Grinselächeln quittiert wurde. Doch eigentlich konzentrierten sich seine Augen gerade auf Sarahs bildhübsche Mutter, die ihn ebenfalls mit ihren nachdenklichen Blicken fixierte. Er konnte gar nicht anders, als mit seinen Lippen ein „Ich liebe dich, Zicklein, egal, ob du dich noch immer dagegen wehren willst, es ist einfach so“ anzudeuten. Sichtlich irritiert wandte Maria ihren Blick schnell wieder ab und schaute nun nach vorn direkt in das verdutzte Gesicht des blonden Rettungssanitäters, den das liebeskranke Verhalten des neuen Arztes in der Neurochirurgie, dem er noch nicht so oft begegnet war, ebenfalls total verwirrt hatte. Er hatte noch gar nicht mitbekommen, dass nun auch die letzte attraktive ledige Ärztin im Elisabethkrankenhaus vom Markt war. Etwas anderes bekam dagegen die neugierige Sechsjährige mit, die sich brav wieder selber angeschnallt hatte und nun auch aufgeregt und voller Vorfreude auf die Reise nach vorn schaute. Mit großen Augen starrte sie den großen Blonden an und machte ihrem Ruf als Miniforscherin und Hobbyjournalistin wieder alle Ehre.

Sarah: Duuu, Gordon, was ist denn mit deinem Auge passiert? Bist du ausgerutscht und auf das Gesicht gefallen? Tut das nicht weh? Sieht jedenfalls so aus.

Mit diesen investigativen Fangfragen erhaschte Sarah auch die Aufmerksamkeit ihrer abwesend wirkenden Mutter neben sich, die nun fachmännisch das blaugrüngelb verfärbte Hämatom über dem linken Auge des sonst so charmant wie ein aufdringlicher Handyverkäufer auftretenden Rettungsassistenten musterte, der selber noch gar nicht gemerkt hatte, wie arg Dr. Kaan ihn tatsächlich mit seiner lockeren Rechten erwischt hatte. Ein Blick in den Rückspiegel ließ Gordon ernüchtert aufstöhnen. Na toll, jetzt hatte dieser verrückte kampfbereite Halbperser ihm auch noch die letzte Chance geraubt, während seines Tagestrips an die Ostsee vielleicht einen attraktiven Kurschatten aufreißen zu können. Erst ein dumpfer Schlag auf die Motorhaube ließ ihn wieder erschrocken nach vorn blicken. Dr. Meier griente schadenfroh zur Seitenscheibe herein, flirtete mit der kleinen Hassmännin auf der Rückbank, die sich riesig darüber freute, ihrem großen Freund noch einmal ausgiebig zuwinken zu können, und drohte dann dem blonden Sonnyboy am Steuer, dem sämtliche Farbe aus dem Gesicht entwichen war, mit dem Ameisenblick, endlich die Ausfahrt wieder freizumachen, was er sogleich auch in die Tat umsetzte. Mit quietschenden Reifen fuhr der weiße Krankentransporter vom Parkplatz. Cedric Stier und Marc Meier, die unbemerkt nebeneinander stehen geblieben waren, schauten ihm mit unterschiedlichen Gefühlsstimmungen hinterher, ehe sie einander registrierten. Natürlich konnte einer von beiden wieder nicht seine große Klappe halten.

Marc: Na, du glückliche Strohwitwe, wenn du dann auch bitte mit deinem Fettarsch die Parklücke freimachen könntest! Der Meister dankt! Und tschüß!

Ziemlich belustigt blickte Marc seinem ehemaligen Studienkollegen und Dauerlieblingsrivalen hinterher, der tatsächlich kommentarlos Platz gemacht und seiner uncharmanten Anweisung Folge geleistet hatte und nun mit großen Schritten augenrollend Richtung Eingang des Krankenhauses marschierte und schließlich auch im selbigen verschwand. Als Cedric aus seinem Blickfeld entschwunden war, klemmte sich Marc hinter das Steuer des schwarzen Sportwagens und ließ den Porschemotor aufheulen, bevor auch er zufrieden grinsend das Klinikgelände verließ. Mal sehen, wie lange diese unverschämt gute Laune noch anhalten würde. Denn schließlich wartete seine Mutter auf ihn, wenn sie sich denn an die Absprachen gehalten und nicht die Biege gemacht hatte, und er war schon fast eine Dreiviertelstunde überfällig.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.336

12.04.2014 14:26
#1475 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Während draußen noch gerauft, gezankt, gewitzelt und sich liebevoll verabschiedet wurde, war im Elisabethkrankenhaus bereits wieder die Routine auf den Stationen eingekehrt. Das galt auch für die chirurgische Abteilung im dritten Stockwerk. Dr. Haase hatte einige Patienten zu ihren Untersuchungen begleitet, hatte diese intensiv und sehr einfühlsam über das weitere Vorgehen informiert, hatte ihren Sorgen und Nöten aufmerksam zugehört und saß nun wieder über den entsprechenden Akten, welche mit den Untersuchungsergebnissen und deren Auswertungen vervollständigt werden mussten. Eine mühselige und langweilige Angelegenheit, aber diese gehörte nun mal ebenfalls zu den Hauptbestandteilen der Arbeitsbeschreibung einer angehenden Chirurgin. Der Alltag eines Facharztes bestand nämlich nicht nur aus spektakulären wegweisenden Operationen, wie es sich vielleicht ehrgeizige Medizinstudenten im ersten Semester ihres Studiums in ihren egozentrischen Träumen von „Göttern in weiß“ ausmalten, bis sie nach den ersten praktischen Klinikerfahrungen auf den kalten Boden der Tatsachen zurückgerissen wurden und sich Ernüchterung einstellte, die manch einen schon an seinem lang gehegten Traum vom Arztberuf zweifeln ließ, der manchmal nicht so befriedigend sein konnte, wie man ihn sich in seinen naiven Vorstellungen erhofft hatte.

Aber nicht so bei Dr. Gretchen Haase. Sie erledigte ihre Arbeit gern und pflichtbewusst und war dabei immer sehr gründlich. Manch ein genervter Kollege würde sogar behaupten, übertrieben gründlich und gewissenhaft, aber darin ähnelte sie nun mal sehr ihrem Vater, der auch nie etwas dem Zufall überließ und stets alle Mittel und Möglichkeiten bis zur Schmerzgrenze auslotete, um den Patienten letztendlich zu helfen, die schließlich immer im Mittelpunkt der Betrachtung stehen sollten. Was hatte Gretchen es geliebt, nachmittags nach der Schule im Büro ihres Vaters sitzen zu dürfen, wo sie eigentlich Hausaufgaben machen sollte, aber es stattdessen lieber vorzog, ihr großes Vorbild bei seinen Schreibarbeiten intensiv zu beobachten und zu studieren, während welcher Franz Haase immer wieder leise vor sich hin fluchte und sich die noch dunkelblonden Haare raufte, aber ihr immer noch ein ansteckendes Lächeln schenken konnte, wenn er plötzlich etwas entdeckt hatte, das vor ihm noch niemandem aufgefallen war. Und jetzt Jahre später saß sie selber über solchen Schreibarbeiten an ihrem Schreibtisch. Gut, es war nicht ihr eigener Schreibtisch, sondern der, den sie sich mit anderen Assistenzärzten und Krankenschwestern teilen musste, aber wen interessierte schon die Größe seines Arbeitsplatzes, ein Arzt konnte überall und unter den widrigsten Bedingungen gewissenhaft arbeiten. Sie war zufrieden damit, weil sie wusste, dass sie selbst mit so Kleinigkeiten wie Aktenarbeit zum Heilungsprozess eines Patienten entschieden beitragen konnte. Wie sagte Prof. Haase immer so schön zu seinen Erstsemesterstudenten in den Einführungsveranstaltungen an der Uni, ‚eine gut geführte Akte erleichtert einem die halbe Arbeit’. Wie so vieles, was sich Gretchen von ihrem geliebten Vater abgeguckt hatte - manchmal hatte sie sich schon als Kind heimlich in seine Vorlesungen geschlichen und hatte ihm gebannt jedes Wort von den Lippen abgelesen -, war ihr auch dies längst in Fleisch und Blut übergegangen.

Doch heute war Gretchen nicht ganz so konzentriert, wie man es sonst von ihr gewohnt war. Ob es an Marc Meier lag, der endlich wieder bei ihr war, oder weil der Schokoautomat auf der Station immer noch nicht funktionierte, sie wusste es nicht. Sie hatte schon den ganzen Tag über das Gefühl, dass irgendetwas in der Luft lag, das sie sich nicht erklären konnte. Immer wieder schaute die arbeitsame Assistenzärztin von ihren Unterlagen auf und linste verstohlen hinter sich. In der Hoffnung, ihr geliebter Oberarzt wäre mittlerweile von seiner wichtigen Sondermission zurückgekehrt und würde sie ein bisschen von ihren leidigen Pflichten ablenken. Aber am Türrahmen des Stationszimmers lehnte lediglich Schwester Gabi und stocherte mit einer Gabel lustlos in ihrem bunten Obstsalat herum. Auch sie war auf der Suche nach ihrem Lieblingsoberarzt, mit dem sie eigentlich vorgehabt hatte, ihre Mittagspause zu verbringen, aber er schien spurlos vom Erdboden verschwunden zu sein. Dabei hätte sie schwören können, dass Mehdi genau hierher ins Stationszimmer hatte gehen wollen. Sie wollte sich doch nur ein bisschen an seine breite Schulter kuscheln und vielleicht ein bisschen schmusen, um die schrecklichen Bilder von heute Morgen endlich aus ihrem Hirn verbannen zu können, als sie erstmalig wieder auf die „neue“ Oberschwester Stefanie getroffen war, die sie und ihre Kolleginnen ins Schwesternwohnheim beordert hatte. Ein Erlebnis, das nicht nur sie verwirrt hatte und das man erst einmal verdauen musste, um es überhaupt verstehen zu können. Wahrscheinlich schmeckte ihr deshalb auch der Obstsalat so fad? Sie wusste es nicht. Jegliche Motivation, die Gabi noch vor Stunden zuhauf in sich gespürt hatte und die ihr ungewöhnlich viel Elan für die Arbeit gegeben hatte, war mittlerweile wie weggeblasen und sie brauchte dringend eine ausreichende Dosis Dr. Kaan, um über die restlichen Stunden ihrer Schicht zu kommen, die heute bis auf die Rückkehr von Oberschwester Brinkmann oder deren skurriler Doppelgängerin - so genau wusste man das nämlich noch nicht - eher unspektakulär und viel zu ruhig verlaufen war. Gabi wusste auch nicht, woher es kam, aber sie spürte instinktiv, dass heute noch etwas Unerwartetes passieren würde. Und diese innere Unruhe, die sie sich überhaupt nicht erklären konnte, nahm immer mehr von ihr Besitz und trieb sie direkt in die Arme ihres Vorgesetzten, der aber leider unauffindbar war, was sie gleich noch mürrischer machte, als sie es eh bereits war.

Gretchens Blicke blieben einen Moment länger als nötig an Mehdis Freundin haften, die ihre Kollegin bislang noch gar nicht weiter beachtet hatte, oder genauer gesagt an der Person hinter der brünetten Krankenschwester auf dem Gang der Station. War das gerade die Oberschwester gewesen, die am Stationszimmer vorbeigeschwebt gekommen war, als würde sie von imaginären Seilen gezogen? Was hatte die denn an? So bunt, so sonnig, so zeltartig und dann die Haare. Und war das etwa gerade ein Lächeln gewesen, mit dem sie die beiden Frauen im Stationszimmer begrüßt hatte? Nein, das konnte nur Einbildung gewesen sein, dachte Gretchen sichtlich irritiert und blickte zurück auf die ausgedruckten Papiere auf ihrem Schreibtisch, die sie nun sorgsam zusammenlegte und dann in das jeweilige Patientenfach einordnete. Sie saß definitiv schon viel zu lange vor dem Computerbildschirm. Irgendwann musste man da ja ganz kirre werden, sagte sie sich in Gedanken, überlegte danach, was sie sich schnell als Nervennahrung aus der Kantine holen könnte, und schob dabei langsam den großen Schieber wieder zu, in welchem sich alphabetisch geordnet sämtliche Patientenmappen befanden.

Gabi, die Gretchens seltsame Blicke nun doch bemerkt, aber niemanden hinter sich entdeckt hatte, beobachtete die junge Ärztin missmutig bei deren Arbeit, stieß sich dann vom Türrahmen ab, huschte kommentarlos an ihr vorbei, legte die Gabel in die Spüle und die Plastikschale mit ihrem angebrochenen Obstsalat zurück in ihr Fach im Kühlschrank. Ihr war einfach nicht nach gesunden Vitaminbomben im Moment. Etwas Deftiges, so wie das, was sie vorhin den Patienten als Mittagessen serviert hatte, das wäre jetzt genau das Richtige, auch wenn sie sich Mehdis Gesicht deswegen schon genau vorstellen konnte und seine belehrenden Vorträge schon im Ohr klingeln hörte, wohin das alles unweigerlich führen würde. Sie musste plötzlich grinsen, als sie die Kühlschranktür wieder schloss und sich noch ein bisschen länger als gewollt an deren Griff festhielt. Was konnte sie denn dafür, dass die kleine Zwergin, die sich in ihr eingenistet hatte und sich dort gerade wohnlich einrichtete, genau dieselben ungewöhnlichen Essgewohnheiten mit ihrem Herrn Papa teilte. Hach... Mehdilein, dachte die verliebte Schwangere verträumt und drehte sich langsam wieder herum. Sie bemerkte noch im Augenwinkel, wie die Zimmertür neben ihr unerwartet ins Schloss fiel.

Und als hätte Gabi es heraufbeschworen, stand der von ihr beharrlich Gesuchte plötzlich direkt vor ihr, als sie langsam ausgehend von seinen weißen Schlappen, in denen ein weißes Sockenpaar steckte, die weiße Hose empor blickte und an dem muskulösen Oberkörper kleben blieb, der in einem eng anliegenden blütenweißen T-Shirt steckte und halb von einem weißen Arztkittel verdeckt war. Ihre sehnsuchtsgetränkten Blicke wanderten weiter empor und sahen nun direkt in sein leicht gerötetes Gesicht, streichelten seine dunklen Bartstoppeln, die geschwungenen Linien seiner sinnlichen Lippen entlang, über seine perfekt geformten Wangenknochen und blieben schließlich an seinen langen Wimpern und seinen einnehmenden kastanienbraunen Augen hängen, die eine so unergründliche Tiefe aufwiesen, dass man darin komplett verloren gehen konnte. Sie war wie elektrisiert, als sie ihn tatsächlich endlich vor sich sah. Vergessen war die Unruhe und die Sorge, wo er denn stecken könnte und ehrlich gesagt wollte sie jetzt auch gar nicht mehr wissen, wo er die ganze Zeit gewesen war. Sie wollte nur noch ihn. Mehdi Kaan war durch die Hintertür eilig ins Stationszimmer gehuscht und er bemerkte seine ihn anschmachtende Freundin erst, als diese ihre schlanken Arme hastig um seinen Oberkörper schlang und ihren Kopf gefühlvoll auf seine Schulter bettete.

Gabi: Da bist du ja endlich! Ich hab dich vermisst.

...säuselte Gabi sehnsuchtsvoll in sein Ohr und schloss die Augen, um ihre Dosis Dr. Kaan, welche sie sich so sehr herbeigesehnt hatte, endlich mit allen Sinnen aufnehmen zu können. Er fühlte sich so gut an und er roch so verdammt gut, dachte die verliebte Frau und driftete immer mehr ab, während ein überrumpelter Mehdi unbeholfen ihren Rücken streichelte und sich im Stationszimmer umblickte. Auch Gretchen horchte jetzt auf, als sie in der Nische vor der Spüle ihren besten Freund entdeckte und lächelte ihn freundlich an, bevor sie hektisch nebenan in der Umkleide verschwand. Da war doch noch etwas, dass es umzusetzen galt, jetzt, wo sie mit ihrer eigentlichen Arbeit für den Moment fertig war.

Gretchen: Gut, dass du wieder da bist, Mehdi. Dann können wir uns ja endlich ans Werk machen. Mein Kopf sprudelt über vor Ideen.

Kurzzeitig verwirrt blickte Mehdi zwischen seiner anschmiegsamen Freundin in seinen Armen und der angelehnten Tür zur Umkleide hin und her und hielt sich dabei unbemerkt sein rechtes Handgelenk.

Mehdi: Äh... Welches Werk?
Gretchen: Du Dummerchen, na die Willkommensüberraschung für Schwester Sabine. Sie kommt heute zurück. Vergessen? Wo bist du nur immer mit deinen Gedanken, Mehdi? Maria ist uns ja vor ihrer Abreise entwischt, ich hatte richtig das Gefühl, sie rennt heute vor mir weg, ich weiß auch nicht warum. Aber egal, dann eben in drei Wochen ein neuer Versuch. Jedenfalls, dann konzentrieren wir uns jetzt eben ganz auf die beiden Flitterwochenrückkehrer. Ihr helft mir doch dabei, oder? Uns bleibt nicht viel Zeit.

...schallte es unvermittelt aus der Umkleide zurück, wo Gretchen gerade ungeschickt zwei vollbepackte Kartons aus ihrem Spind herauszuwuchten versuchte. Missmutig und ohne jeglichen Hauch einer begeisterten Reaktion blickte Gabi Mehdi in die Augen, die unschlüssig zu ihr zurückblickten.

Gabi: Eigentlich hatten wir ja vor, eher...
Gretchen (hört die Zurückhaltung aus Gabis Stimme heraus u. versucht sofort gegen zu wirken): Oh, bitte, bitte, nicht ihr auch noch? Marc war auch schon nicht begeistert von der Idee. Aber ich finde, Günni und Sabine haben sich ein richtig schönes Willkommensfest verdient. Sie sind doch unsere Freunde. Und sie haben geheiratet. Das ist immer ein fröhliches Beisammensein wert. Es soll ja auch nicht so lange dauern. Wir sind ja alle, außer die beiden, immer noch im Dienst.
Mehdi (versucht seine unschlüssige Freundin mit Bambiblick zu überzeugen): Na, komm, Gabi, gib dir einen Ruck, hmm!
Warum bin ich diesem Mann nur so sehr verfallen? Unfassbar, dass ich hier tatsächlich mitmache.
Gabi (kann dem Ausdruck in seinen Augen einfach nicht widerstehen u. gibt nach): Na schön, von mir aus. Aber nur weil es um Sabine geht und solange es nicht so skurril und pathetisch wird wie heute Morgen beim Empfang, oder was auch immer das war, im Schwesternwohnheim. Mhm... Wenn wir wenigstens ihren Haustürschlüssel hätten, dann könnten wir auch deren Wohnung komplett auf den Kopf stellen. Ihr wisst schon, Kleider in den Kühlschrank, Geschirr in die Badewanne, Star-Trek-Figuren im Katzenklo und die Dr.-Rogelt-Romane im Regal durcheinanderbringen. Und überall Konfetti und Luftschlangen, dass man sich kaum noch fortbewegen kann. Das macht man doch üblicherweise, oder? Einer Freundin von mir ist das passiert. Die ist fast ausgerastet, als sie nach der Rückkehr aus den Flitterwochen ihre Lieblingspumps unter dem Klodeckel wieder gefunden hat. Naja, dann eben hier. Auch gut. Habt ihr auch an etwas Essbares gedacht? Vielleicht können wir uns ja noch was von dem Buffet abzweigen, das Stefanie im Schwesternwohnheim aufgebaut hat? Ist aber eher was Afrikanisches. Das mag vielleicht nicht jeder. Aber da Bine und Günni auch aus der Wüste kommen,...

...grummelte Schwester Gabi wenig enthusiastisch, aber dennoch voller Ideendrang in Richtung Umkleide. Gretchen war vollends begeistert von Gabis Vorschlägen, auch wenn sie sich insgeheim eingestehen musste, dass sie gar nicht soweit gedacht hatte, die Gummersbachsche Wohnung für Frischverheiratete umzudekorieren, wozu jetzt leider die Zeit und die Muße fehlte, und klatschte vorfreudig in die Hände, was sie besser sein gelassen hätte. Denn einer der Kartons, der schon verdächtig schräg aus dem obersten Fach in ihrem Spind herausgelugt hatte, polterte scheppernd zu Boden und mit ihm sämtlicher Inhalt, der sich nun zwischen Sitzbank, Heizung und Spindritzen wieder fand und den es jetzt erst einmal wieder einzusammeln galt. Natürlich begleitet von so einigen Haasschen Schimpftiraden, weil sich Gretchen mal wieder ungehalten über ihre eigene Ungeschicklichkeit ausließ, die sie mal wieder bravourös zum Besten gegeben hatte. Zum Glück hatte Marc sie nicht gesehen. Der würde sich doch jetzt bestimmt scheckig lachen. Und die Genugtuung, dass sie sich im EKH besser auf ihre Arbeit hätte konzentrieren sollen anstatt auf diesen ganzen sinnfreien Kitschquatsch, hätte sie ihm sicherlich nicht geben wollen. Gabi achtete derweil nicht auf das Gepolter von nebenan. Verschmust lehnte sie sich wieder an den muskulösen Rücken ihres sexy Freundes, der sich aber gerade in dem unbeobachteten Moment aus ihrer engen Umklammerung herauszuwinden versuchte, um den Wasserhahn an der Spüle zu erreichen. Mehdi wollte sein angeschlagenes Handgelenk kühlen, das immer noch ein bisschen zwickte und zwackte nach dem Schlag in Gordons verdutztes Gesicht, das echt goldwert gewesen war. Er konnte immer noch nicht fassen, dass er das tatsächlich getan hatte.

Nachdem Gabi Mehdis betörenden Duft inhaliert hatte, der sofort ihre Lebensgeister wieder geweckt hatte, und sie wegen der plötzlich aufgetretenen Distanz zwischen ihnen beiden irritiert die Augen wieder geöffnet hatte, blickte sie ihm nun verwundert dabei zu, wie er seine Hände wusch. Erst in diesem Moment fielen ihr Mehdis gerötete Knöchel an der rechten Hand auf, die sie sofort von dem eiskalten Wasserstrahl wegzog und in ihre eigene Hand legte, um sie genauer zu betrachten. Schockiert blickte sie wieder zu ihrem Schatz hoch und registrierte verwundert den peinlich berührten Ausdruck in seinem Gesicht. Was hatte das denn jetzt zu bedeuten, fragte sie sich alarmiert und stellte ihren Freund prompt zur Rede...

Gabi: Mehdi, was hast du gemacht?

Gretchen: Habt ihr was gesagt? ... Mist! Jetzt ist mir das ganze Zeug auch noch runter gefallen. Zum Glück war nichts Zerbrechliches dabei. Und der andere Karton klemmt im Spind fest. Ich... krieg... ihn... nicht... raus. ... Wie habe ich den eigentlich da rein gewirscht bekommen? ... Wuuuhäää! Jetzt wäre es beinahe wieder passiert. ... Puh! ... Nichts passiert! Ich komme gleich. Dann können wir noch mal über alles sprechen, auch was die Snacks betrifft. ... Es kann sich nur noch um Stunden handeln.

...kam ein Gretchenhafter Wortschwall aus der Umkleide gemurmelt, aber Gabi und Mehdi achteten nicht darauf. Vielmehr konzentrierte sich die besorgte Krankenschwester auf die verräterische Röte im Gesicht ihres Freundes, der plötzlich ungewohnt wortkarg erschien, als würde er gerade krampfhaft überlegen, was er jetzt darauf erwidern sollte. Das war Gabi mehr als verdächtig. Also drängte sie ihren Pappenheimer weiter forsch in die Ecke...

Gabi: Mehdi, ich hab dich was gefragt!
Mehdi: Ich habe Gordon getroffen.

...antwortete Mehdi mit deutlich sichtbarem schlechtem Gewissen, nachdem er einmal tief Luft geholt hatte, und blickte seiner Freundin dabei mutig ins Gesicht, die ungläubig ihre Augen weitete, seine Worte zu deuten versuchte und nun gebannt auf seine Hand in ihrer starrte. Sie wurde immer noch nicht schlau aus ihm. Meinte er mit „getroffen“ getroffen oder „getroffen“ im Sinne von getroffen?

Gabi: Du hast bitte was?
Mehdi: Ich habe dem Hobbybotaniker ausdrücklich klargemacht, dass, sollte er noch einmal so eine selten dämliche Aktion hier bei uns im Krankenhaus starten und andere da mit hineinzuziehen versuchen, dann sehe ich nicht mehr so leicht darüber weg. Dann wird sein unüberlegtes Handeln definitiv Konsequenzen haben. Das gilt auch, wenn er dir zu nahe kommen sollte.

...erklärte der Halbperser plötzlich ganz ruhig und sachlich, während Gabi langsam seine malträtierte Hand losließ und ungläubig ihren Mund öffnete, als wollte sie etwas darauf erwidern, aber kein Wort kam über ihre Lippen. Der Adrenalinpegel, den die unschöne Begegnung mit dem verplanten Rettungsassistenten in die Höhe getrieben hatte, hatte sich wieder auf ein normales Niveau eingependelt und auch das pochende Gefühl in seinem Kopf, dass er eventuell zu weit gegangen sein könnte, hatte sich mittlerweile wieder in Luft aufgelöst. Er hatte es nun mal nicht so stehen lassen können. Jedes Mal, wenn ihm Gordon über den Weg gelaufen wäre, dann wäre die Wut in seinem Bauch wieder hoch gekrochen. So konnte er jetzt damit abschließen. Das Thema war endgültig aus der Welt geschafft. Doch nicht für Gabi, die Mehdi plötzlich mit ganz anderen Augen sah, nachdem ihr Verstand ihr endlich seine Worte in den richtigen Zusammenhang übersetzt hatte.

Gabi: Heißt das... Du... du hast dich... für mich... geprügelt?

...kamen ihr die Worte nur stockend über die Lippen, weil sie so ungläubig klangen, dass man sie gar nicht hätte aussprechen können, und Gabi versuchte, den riesigen Kloß los zu bekommen, der ihre Atemwege blockierte. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, ihre Gedanken purzelten wild durcheinander und sie konnte ihren Blick nicht von ihrem Geliebten lösen. Rastlos hasteten ihre Pupillen hin und her und blieben schließlich an den verschmitzten Grübchen hängen, die Mehdis verschämtes Lächeln erzeugte und die ihr ihren Verdacht bestätigten. Verlegen strich sich der Halbperser mit seiner heilen Hand über den Nacken und versuchte zu ergründen, was Gabi über seinen Aussetzer dachte. Er hoffte, sie hielte ihn nicht für einen Narren. Er hatte sich total kindisch verhalten und eifersüchtig. Wirklich erklären, was da plötzlich in ihn gefahren war, das konnte er nicht einmal sich selbst. Deshalb verlor er sich lieber in ihrem gerührten Blick, der sich auf ihn gerichtet hatte.

Mehdi: Naja, so würde ich es vielleicht nicht unbedingt bezeichnen, eher als einen aus dem Ruder gelaufenen, kleinen, hoffentlich lehrreichen Disput. Keine Bange, es hat niemand etwas davon mitbekommen. Außer Marc, aber der ahnt nicht im Geringsten, was dahinter wirklich gesteckt hat.

Doch die schöne Krankenschwester hörte Mehdis Unschuldsbeteuerungen gar nicht richtig zu. Sie sah ihren persönlichen Helden einfach nur voller Stolz und mit leidenschaftlich brodelnden Liebesgefühlen an, welche gerade ihren kompletten Körper fluteten. Ja, das war er für sie: ein Held. Ihr sexy Held in blütenweißer Rüstung.

Gabi: Das... Das hat noch nie jemand für mich gemacht.

...flüsterte Gabi atemlos, bis ihre Stimme komplett versagte. Hastig schlängelten sich ihre Arme um Mehdis Nacken, sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen, lehnte sich ihm noch mehr entgegen, dass er beinahe von den Füßen gerissen wurde, und küsste ihn voller Inbrunst mit dicken Tränchen, die ihr währenddessen aus den Augenwinkeln kullerten. Mehdi war völlig überrumpelt von Gabis intensiven Gefühlsausbruch, den er so gar nicht erwartet hatte und der ihn ganz schön durcheinander brachte. Und so kam es dazu, dass er sich unbedacht mit beiden Händen an der Spüle abstützte, um der Naturgewalt standzuhalten, als diese ihn begleitet von stürmischen Küssen gegen diese drängte. Er zuckte von einem stechenden Gelenkschmerz gepeinigt auf und löste den Kuss ungewollt abrupt. Erst da merkte Gabi, was eigentlich los war. Bestürzt nahm sie seine schmerzende Hand, streichelte diese liebevoll und hielt sie wieder unter den kalten Wasserstrahl, der immer noch lief, weil sie ihn völlig außer Acht gelassen hatten.

Mehdi: Autsch! ... Tja, er war wohl im Nachhinein für uns beide lehrreich.
Gabi (aufgeregt tätschelt sie ihm immer wieder die Hand): Entschuldige! Tut es sehr weh, mein Schatz? Was machst du auch für Sachen? Das war so dumm, Mehdi. Du armer, armer Liebling!
Mehdi: Äh... nein, so geht’s... schon. ... Danke!

...antwortete der verlegene Gynäkologe mit deutlich belegter Stimme, während er atemlos beobachtete, wie seine süße Stationsschwester sich fürsorglich um ihn und sein selbstverschuldetes Leiden kümmerte. Vorsichtig trocknete sie seine eiskalte Hand mit einem weichen Frotteetuch ab, strich eine Salbe auf die geröteten Knöchelchen und hörte nicht auf, sie unter intensiven Blicke zärtlich mit ihrem Daumen zu liebkosen. Mehdi wurde ganz anders zumute, ganz warm, nicht nur an seiner Hand, sondern vor allem um sein Herz, das wild in seiner Brust pulsierte, während Gabi ihre zärtliche Behandlung unbekümmert weiterführte und als nächstes jeden einzelnen Finger seiner rechten Hand gefühlvoll küsste. Mehdi blieb mucksmäuschenstill und auch Gabi sagte kein Wort. Immer wieder blickte sie verstohlen in das Gesicht ihres so törichten Traummannes, der ihr heute eine Seite an sich gezeigt hatte, die sie noch gar nicht von ihm gekannt hatte und die sie wahnsinnig aufwühlte. Klar, sie hatte ihren Oberarzt schon einmal auf ein besonderes Podest gestellt, als er sie damals völlig verstört im Wald gefunden hatte, nachdem sie, Gretchen und Sabine in Panik aus der Villa der meuchelnden Mechthild von Buren geflüchtet waren und sich dort versteckt gehalten hatten, und er ihr keine Vorhaltungen gemacht hatte. Aber dass er jetzt auf diese impulsive und so unglaublich männliche Weise ihre Ehre verteidigt hatte, obwohl sie das nun wirklich nicht verdient hatte, weil sie sich nun mal selbst aus freien Stücken auf dieses gewagte „Projekt“ mit Gordon Tolkin eingelassen hatte, ließ ihr Herz gleich doppelt so hoch schlagen. Wenn man genau hinhörte und das Ha(a)senrascheln von nebenan ignorierte, konnte man es sogar tatsächlich laut in ihrer Brust schlagen hören.

Nachdem Gabi Mehdis Hand liebevoll verarztet hatte, hielt sie diese immer noch fest umschlossen und wärmte sie mit ihrer eigenen. Atemlos blickten sie sich dabei unentwegt in die Augen, lächelten verträumt, teilweise verlegen und auch verwirrt, und sagten sich mit Blicken alles, was sie sich mitteilen wollten. Mehdi lehnte mit dem Rücken an der kleinen Teeküchennische. Gabi stand dicht vor ihm und hielt seine Hand an ihrem Bauch gedrückt und einer Eingebung folgend schob sie diese sogar nach einem vergewissernden Blick um die Ecke, wo Gretchen immer noch in der Umkleide mit den Dekokisten beschäftigt war, unter ihren Kittel, was Mehdi ein verliebtes Schmunzeln abrang. Gabi konnte manchmal so unheimlich süß sein. Er liebte es, wenn sie sich ihm so unbedacht und ehrlich offenbarte.

Mehdi: Und, denkst du, es hat schon heilende Kräfte?
Gabi (sieht ihm tief in die Augen): Spürst du denn was?
Mehdi (lächelt verliebt u. streichelt mit dem Daumen über ihren flachen Bauch): Ja, ich denke, da passiert was. Die Hand tut auf einmal gar nicht mehr weh. Hab ich dir schon von den magischen Fähigkeiten meiner Vorfahren im alten Persien erzählt? Weißt du, die werden von Generation zu Generation weitervererbt.
Gabi: Spinner!

Verliebt kichernd lehnten sie sich aneinander, blickten sich sekundenlang in die Augen und konnten ihre innigen Blicke schließlich nicht mehr voneinander lösen. Es war schließlich Gabi, die ihre Stimme für einen Moment wieder fand...

Gabi: Ich hoffe, Gordons Gesicht sieht schlimmer aus als deine magischen Hände. Eigentlich schade, dass ich nicht dabei war. Die Abreibung hätte ich schon gerne gesehen.
Mehdi (schmunzelt): Möglich!
Gabi (schüttelt ungläubig den Kopf u. muss auch lachen, bis sie abrupt verstummt u. ihren Liebsten einfach nur noch ansieht): Du... du bist...

Ein vielsagendes Knistern lag spürbar in der Luft, als es Gabi nicht mehr länger aushielt. Sie umfasste sein Gesicht mit beiden Händen und drängte Mehdi erneut stürmisch ihre roten Lippen auf, die dieser bereitwillig empfang und nun innig mit seinen umtänzelte. Ein wildes aufregendes Spiel entbrannte und jeglicher Schmerz in seinen Händen war absolut vergessen, welche nun rastlos über Gabis Traumkörper wanderten und sie schließlich bestimmt auf die winzige Arbeitsfläche neben die Spüle hoben. Gabi schlang Arme und Beine um ihren starken Helden, zog ihn auf diese Weise so nah wie möglich zu sich heran und fraß ihn dabei regelrecht mit ihren leidenschaftlichen Küssen auf, bis sie plötzlich durch ein Geräusch vor der Tür aus ihrem ekstatischen Traum aufwachte und erst einmal nach Luft schnappte, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Das Stationszimmer war einfach nicht der richtige Ort für das, was ihr im Sinn war. Also rutschte Gabi flink von der Arbeitsplatte wieder herunter und packte auffordernd Mehdis Hand, mit der sie ihren überrumpelten Liebsten bestimmt mit sich zog.

Gabi: Komm mit!

Kichernd wie zwei kleine Kinder, die etwas Verbotenes vorhatten, verließen die beiden Verliebten daraufhin in Windgeschwindigkeit den Aufenthaltsraum der Chirurgie. Kurz darauf, es waren vielleicht zehn oder zwölf Minuten vergangen, ertönte ein zartes Stimmchen aus dem Nebenzimmer und die dazu gehörige Person schob einen mit Girlanden, Luftballons und Herzchen voll beladenen Karton vor sich her ins Stationszimmer. Gretchen war so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass sie gar nicht gemerkt hatte, dass sie mittlerweile zum wiederholten Male an diesem Tag wieder allein auf weiter Flur war.

Gretchen: Was denkt ihr, sollen wir das Zimmer schmücken? Also jetzt nicht zu übertrieben, wir haben schließlich Patienten, aber schon auch ein bisschen romantisch. Ich hab die Assessoires vom Polterabend alle dabei. Es wäre doch schön, wenn wir das Motto ... beibehalten... würden und... Nanu?

Erst jetzt bemerkte Sabines beste Freundin den alles entscheidenden Unterschied zu vorhin, als sie das Stationszimmer übereilt nach nebenan verlassen hatte. Ihre beiden Helfershelfer waren verschwunden. So wie es den Anschein hatte, hatten sie sich ohne ein Wort heimlich verdrückt. Irritiert kuckte sie in alle Ecken und schaute sogar raus auf den menschenleeren Gang der Chirurgie. Aber von dem Paar, das vorhin so innig aneinander geklebt hatte, fehlte jede Spur. Enttäuscht drehte sich Gretchen wieder herum und blickte auf den Karton in ihren Händen, den sie nun missmutig auf dem Tisch in der Mitte des Stationszimmers abstellte.

Hä? Wo sind die denn alle auf einmal hin? Was ist denn heute los? Habe ich irgendetwas Abstoßendes an mir? Rieche ich nach Knoblauch? Habe ich eine ansteckende Krankheit? Oder ist schon wieder erster April und ich werde veräppelt? Nein, der ist erst in drei Wochen. Ich habe doch vorhin erst das aktuelle Datum in die Akten geschrieben. Menno! Das ist wieder so typisch. Da ist man mal eine Minute unaufmerksam und dann sind alle weg. Erst Marc und Mehdi, dann Gabi und Mehdi. Keiner hört mir zu. Als wäre ich unsichtbar. Und ich kenne mich mit Unsichtbarsein bestens aus. Meine ganze Schulzeit über war ich unsichtbar. Es ist wie damals auf dem Schulhof. Ich habe eine geniale karitative Idee, berichtete meinen Mitschülern begeistert davon, von denen natürlich wie immer keiner zuhört und die Dringlichkeit erkennt, was mich nicht weiter stört, weil allein die Idee zählt. Und wenn man sich umdreht, wenn es ans Umsetzen der Pläne geht, sind alle verschwunden und man muss die Flugblätter selber verteilen. Man spürt die hämischen Blicke aus den obersten Fensterreihen im Rücken, die eindeutig Marc Meier und seiner Hohlkopf-Clique gehören, aber man schluckt den Ärger runter. Wie immer. Weil man stärker, intelligenter und erwachsener ist als die. Toll, jetzt fühle ich mich wirklich wie damals. Es fehlt nur noch die Brille und die Zahnspange und das pinke Regencape. Es war ein echt regenreicher Frühling in jenem Jahr. Menno! Alles bleibt immer an mir hängen. Dabei hab ich mich so auf das Dekorieren und die leuchtenden Augen von Sabine gefreut. Wie sieht das denn aus, wenn am Ende nur ich die beiden begrüße und ihren Geschichten aus Amerika zuhöre? Das sieht doch nach nichts aus. Ich dachte, wenigstens auf Mehdi kann man sich verlassen. Oder kriegt der schon wieder ein Kind? Hmm... Dann sollte ich mich lieber nicht ärgern. Er kann ja nichts dafür. Wir haben schließlich alle unsere Pflichten zu erfüllen. Es ist trotzdem schade. Was mache ich denn jetzt?

...grübelte Gretchen und ließ sich seufzend auf einen Stuhl am runden Tisch fallen, auf dem sie ihren Kopf, der so voller Tatendrang und Ideen war, sanft auf ihre verschränkten Arme bettete. Dann würde sie eben doch Marc Meier zwangsverpflichten müssen, wenn er von seiner Mutter-Mission zurück war. Schließlich war er Sabines direkter Vorgesetzter und dem gebührte nun mal das erste Wort der Begrüßung. Schon aus reiner Höflichkeit. Ob er nun wollte oder nicht. Damals war er ja dann auch über seinen egomanischen Schatten gesprungen, als die Typisierungsaktion möglicher Knochenmarksspender für den leukämiekranken Bruder eines ihrer Mitschüler, den sie unter tatkräftiger Mithilfe der Kollegen ihres Vaters im Eltern- und Bekanntenkreis gesucht hatten, doch recht erfolgreich an ihrer Schule vonstatten gegangen war. Gut, das war jetzt von der Dringlichkeit her nicht unbedingt mit einer Überraschung für Sabine Gummersbach zu vergleichen. Aber auch hier zählte allein die Idee. Und die war gut. Nein, richtig genial! Bienchen sollte sich schließlich gleich wieder gut aufgehoben fühlen in ihrer Zweitfamilie im Krankenhaus. Man kannte schließlich die widersprüchlichen Gefühlsreaktionen von Baldmamis im ersten Drittel ihrer Schwangerschaft. Sie wollte nicht dafür verantwortlich sein, ihre beste Freundin zum Weinen gebracht zu haben, wenn nicht alles perfekt genug war. Und der werdende Papa Günni, der schon immer recht eigenwillig auf Unerwartetes reagierte, sollte auch nicht überfordert werden. Aber was sollte heute schon noch passieren, dass man das nicht doch noch umgesetzt bekommen würde? Gretchen ahnte ja noch nicht, welche Überraschung dieser Tag tatsächlich noch aufzubieten hatte, die sämtliche Pläne aller Beteiligter über den Haufen werfen würde.

Seiten 1 | ... 54 | 55 | 56 | 57 | 58 | 59 | 60 | 61 | 62 | 63 | ... 65
 Sprung  
Unsere offiziellen Partner
Türkisch für Anfänger
Weitere Links
Xobor Forum Software von Xobor.de
Einfach ein Forum erstellen