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Lorelei Offline

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Beiträge: 7.341

15.07.2013 22:59
#1426 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Sekunden vergingen, in denen man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Blicke wurden ausgetauscht, beladen mit den unterschiedlichsten Emotionen und Gefühlsregungen. Verwirrung. Mitgefühl. Liebe. Angst. Sorge. Wut. Erleichterung. Enttäuschung. Gewissensbisse. Herzenswärme. Alles durcheinander, aber mit jeweils derselben Intensität, wie es nur für eine Beziehung zwischen Mutter und Sohn typisch sein konnte. Obwohl man nicht unbedingt behaupten konnte, dass die Beziehung zwischen Marc Meier und Elke Fisher der gesellschaftlichen Norm entsprach. Sie war schon immer kompliziert gewesen, hatte Höhen und Tiefen durchlebt, mehr Tiefen als Höhen, trotzdem spürte ein jeder, der die beiden näher kannte, die tiefe Zuneigung, welche die beiden miteinander verband, auch wenn sie selten bis nie offen ausgesprochen worden war. Ein weiterer stiller Konsens, der prägend für ihren gegenseitigen Umgang war. Man könnte sogar behaupten, dass es Zeiten gab, in denen sie sich blind verständigen konnten. Ein Blick, eine einzelne Geste, ein ungesagtes Wort genügte und das Gegenüber verstand sofort. Und das konnte nicht jede Familie von sich behaupten. Ja, Elke und Marc waren speziell. Sehr speziell sogar. In jeder Situation. Das spürten auch fremde Beobachter, wie in diesem Moment der Schweizer Onkologe und die junge Krankenschwester, die stumme Zeugen jener ersten Begegnung zwischen Mutter und Sohn wurden.

Marc: Äh... Mutter!?

...korrigierte sich Marc räuspernd, nachdem sein lahm gelegtes Gehirn nach kurzer Blockade endlich wieder mit Sauerstoff versorgt wurde, und er strich sich verlegen über sein stoppeliges Kinn, während er verwirrt seinen Blick senkte und sich wegen seiner unüberlegten kindischen Wortwahl ärgerte, die hoffentlich niemand, nicht einmal die Angesprochene selbst, mitgehört hatte. Seit er dreizehn Jahre alt war, hatte er sie nicht mehr so genannt. Weil es oberpeinlich war und unmännlich und weil er eben schon lange kein Kind mehr war und schon gar nicht eins, das ständig am Rockzipfel seiner Mami hing. Trotzdem hatte dieses eine einzelne kleine Wort, das durchaus gehört worden war, etwas bewegt. Nicht nur bei ihm selbst. Ein sanftes Lächeln lag auf dem ungesund bleichen Gesicht von Elke Fisher, die vor sich nicht den erwachsenen Arzt sah, auf den sie, auch wenn sie es ihm selten gesagt hatte, mächtig stolz war, sondern immer noch den kleinen aufmüpfigen Jungen, der seinen Groll früher immer an den armen Ameisenhaufen im heimischen Garten ausgelassen hatte.

Wann hatte sie ihn das letzte Mal so angesehen? So voller Liebe und mütterlichem Stolz und dem Gefühl, dass sie ihn trotz all der Fehler, die sie in der Vergangenheit begangen hatte, doch einigermaßen gut hinbekommen hatte. Mal abgesehen von seiner großen Klappe, die sich der Rotzbengel ganz alleine angeeignet hatte und der selbst sie manchmal nichts entgegensetzen konnte. Was machte er bloß hier? Wie hatte er sie überhaupt finden können? Sie hatte doch alles gut durchdacht, als sie sich für diesen drastischen Schritt entschieden hatte, ihre Familie, ihre beiden liebsten Männer, nicht mit in ihr Drama hineinzuziehen. Schließlich hatten die beiden davon schon genug erlebt, woran sie nicht gerade unbeteiligt gewesen war. Sie hatte viel nachgedacht in den letzten Tagen. Das viele Liegen und die Stunden allein in ihrem Krankenzimmer brachten das nun mal leider mit sich. Und ihre Erinnerungen hatten Elke nur darin bestätigt, dass sie diesen Weg alleine gehen musste. Das war ihr Gang nach Canossa. Quasi ihre Katharsis. Sie musste Buße tun. Diese Krankheit war die Strafe für alle ihre vergangenen Vergehen, die sie Marc und Olivier angetan hatte. So empfand sie es zumindest. Sie konnte die beiden nicht damit belasten.

Ihr Junge war endlich zur Ruhe gekommen und führte sein eigenes Leben, unbeschwert und glücklich, nachdem er jahrelang in den Tag hinein und für ein Abenteuer nach dem anderen gelebt hatte. Er war verliebt und er wurde offenbar Vater. Sie wollte ihm ihre Sorgen nicht auch noch aufbürden, jetzt wo so viel Neues auf ihn zukam. Trotzdem war er jetzt hier. Bei ihr. Stur wie er nun mal war, hatte es seit ihrem emotionalen Telefonat von Freitagabend, zu dem sie sich dann doch aus lauter Sehnsucht und mütterlicher Sorge hinreißen lassen hatte nach den überraschenden Neuigkeiten, die er ihr in Marc-Manier auf die Mailbox gebrüllt hatte, gerade einmal zwei Tage gedauert und er hatte sie doch gefunden. Ob Olivier auch...? Elke hielt den Atem an, fasste sich an ihr wild pochendes Herz und blickte sich vorsichtig im Eingangsbereich der Privatklinik um. Jetzt bloß nicht hyperventilieren, dachte die Dreiundfünfzigjährige panisch und fächelte sich mit einer Hand Luft zu. Nein, Marc Olivier schien alleine gekommen zu sein, stellte sie erleichtert fest und atmete aus. Spätestens bei dem Tumult, den ihr Junge hier veranstaltet hatte, für den er eigentlich die Ohren lang gezogen bekommen sollte, wenn sie eine Verfechterin der autoritären Erziehung gewesen wäre, und den sie deutlich in ihrem Zimmer am Ende des Flures mithören konnte, hätte er seinen Sohn zur Räson bewegt. Und wenn sie eins über Marc Olivier wusste, dann dass er seinen Vater nicht verletzen wollen würde und erst einmal selbst die Fakten zusammentrug, ehe er besonnen eingriff. Aber wollte sie das überhaupt? Wollte, nein, durfte sie seine Hilfe überhaupt annehmen?

Ein liebevoller Blick von ihr huschte über seine leicht gerötete Wange. Typisch Marc Olivier, dachte sie kopfschüttelnd. Er schämte sich doch tatsächlich dafür, dass er seine alte Mutter unbedacht „Mama“ genannt hatte. Diese Gretchen Haase hatte zwar in den letzten Monaten erstaunlich viel bei ihm bewirkt, aber offen zu seinen Gefühlsbekundungen zu stehen, dazu war er immer noch nicht in der Lage. Aber das lag wohl eher an ihr und ihrer mangelnden Erziehung. Sie hatte damit aufgehört, als es wohl am wichtigsten für ihn gewesen wäre, nämlich als sein Vater die Familie verlassen hatte. Ihretwegen! Aus Trotz und Kummer hatte sie Marc Olivier machen lassen. Viel zu viel hatte sie ihm durchgehen lassen. Selbst als er sie mit einer erneuten Ameisenhaufensprengung im Garten fast zu Tode erschreckt hatte und sich die fiesen kleinen Biester danach in ihrer Bluse, in ihrer Schreibmaschine und auf ihrem frisch fertig gestellten Manuskript auf dem Terrassentisch wiedergefunden hatten, das deshalb nie veröffentlich wurde, obwohl es eines ihrer grandiosesten Werke gewesen war. Was hatte sie doch alles wegen diesem Bengel durchmachen müssen? Wie viele Male sie doch im Büro seines Schuldirektors hatte verbringen müssen, als er mal wieder wegen ungerechten Schulnoten randaliert hatte oder beim Rauchen oder unsittlichem Umgang mit der weiblichen Spezies erwischt worden war oder unberechtigterweise für die mysteriöse Sprengung der Mädchenumkleideräume verantwortlich gemacht worden war. Trotzdem hatte sie ihm nie böse sein können. Marc Olivier hatte der Vater gefehlt und sie plagte das schlechte Gewissen, weil sie daran schuld gewesen war, dass er damals letztendlich gegangen war. Diese Schuldgefühle würde sie wohl nie gänzlich loswerden.

Ach Olivier! Ihr Herzblatt! Ihr corazón! Wie sollte sie das, was sie getan hatte, je wieder gut machen, wenn sie das hier überleben würde? Sie hatte mal wieder alles falsch gemacht. Das war ihr schon in den ersten Tagen ihres einsamen Aufenthaltes hier in der luxuriösen Privatklinik klar geworden. Sie hatte sich falsch entschieden und sich falsche Entscheidungen einzugestehen, das war ihr schon immer schwer gefallen. Elke Fisher, die große Starautorin und bewunderte Goldene-Henne-Preisträgerin, machte nämlich nie Fehler. Weder in der Vergangenheit, noch jetzt in ihrer verzweifelten Gegenwart. Sie hatte es wieder gutzumachen versucht, indem sie das Vorwort ihres letzten großen Dr.-Rogelt-Romans noch einmal komplett umgeschrieben und ihr Endwerk ihrer großen Liebe Olivier gewidmet hatte. In der Hoffnung, er würde irgendwann verstehen. Aber dann hatte sie doch der Mut verlassen und sie hatte es ihm nicht direkt als letzten Abschiedsgruß geschickt. Der Roman würde erst im Herbst veröffentlicht werden. Bis dahin würde sie genesen sein oder auch nicht. Er hätte ihr Vermächtnis dann in seinen Händen gehalten. Sie hatte ja nicht ahnen können, dass ihre tunichtgute Assistentin ihr letztes großes Meisterwerk, das Final-Stück der Dr.-Rogelt-Reihe, offen herumliegen lassen würde und Olivier es doch schon eher in ihrer gemeinsamen Villa finden würde und sich deshalb immer noch Hoffnungen machen würde, auch wenn sie ihm diese schon längst genommen hatte, damit er nicht zu sehr leiden würde, wenn sie einmal nicht mehr war. Jetzt war ihr klar geworden, dass sie sich die ganze Zeit etwas vorgemacht hatte. Natürlich hätte sie ihn gerne in den Stunden nach der Operation bei sich gehabt und wenn er nur so etwas Kindisches gemacht hätte, wie ihre Hand zu halten. Sie vermisste ihn. Sie vermisste Marc. So sehr, dass es ihr jedes Mal das Herz herausriss, wenn sie daran dachte, wie weh sie den beiden mit ihrem kopflosen Verhalten getan hatte. Sie bereute das alles zutiefst und fast hätte sie tatsächlich zum Hörer gegriffen, wenn Marc Olivier ihr an jenem Abend nicht zuvorgekommen wäre.

Als sie seine vertraute Stimme und seine offenkundigen Zukunftspläne gehört hatte, dass er jetzt selbst eine Familie gründen würde, eine bessere Familie, als sie es je gewesen waren, hatte sie jedoch sofort wieder den Mut verloren und sie hatte über ihren Zustand und die Beweggründe ihrer unüberlegten Flucht geschwiegen. Dabei hätte ein Wort doch genügt. Sie kannte Marc Olivier. Er hätte für sie alles stehen und liegen gelassen. Wie er es schon so oft in der Vergangenheit getan hatte, als sie ihn mit ihren hypochondrischen Divaauftritten mehr als nur einmal fast in den Wahnsinn getrieben hatte. Jetzt war sie diejenige, die sich schämte und den Blick senkte, den Marc gerade verunsichert erwidert hatte. Eigentlich hatte er sie anschreien wollen und er hatte sich in den Stunden der Fahrt in die Schweiz die fiesesten Sachen und Flüche überlegt, die ein deutsches Wörterbuch nur hergeben konnte. Aber ihm versagte immer noch die Stimme. Sein Mund war staubtrocken, seine Zunge belegt und der riesige Kloß in seinem Hals glich einem Hefekloßklumpen, den Gretchen ihm vor Wochen mal als angeblich nährreiche Mahlzeit angeboten hatte. Seine Mutter so ausgemergelt, ungeschminkt, kraftlos und mit grauem Haaransatz zu sehen, traf ihn mehr, als er geahnt hätte. Und ihm war unheimlich zumute, weil sie immer noch nichts zu seinem plötzlichen Auftauchen gesagt hatte. Dabei hätte er schwören können, dass er erst einmal eine von ihr geschmiert bekommen würde. Dann hätte er wenigstens gewusst, dass sie immer noch die Alte war. So blieb er immer noch verunsichert von der Gesamtsituation und er hasste dieses Gefühl, nicht zu wissen, was als nächstes passierte.

Die anfängliche Verwirrung der an der Patientenanmeldung Anwesenden hatte sich mittlerweile gelegt. Die verängstigte Krankenschwester hatte dem pöbelnden Besucher längst seinen unverschämten Auftritt verziehen und war ganz gerührt von den liebevollen Blicken, die er der Patientin schenkte. Vielleicht hatte sie sich doch nicht in ihm getäuscht und er war doch mehr der emotionale Typ, der allein aus Überforderung und Sorge heraus so ungehobelt gehandelt hatte? Lächelnd schaute auch der Chefarzt zwischen den beiden Parteien hin und her, die sich immer wieder vorsichtig mit musternden Blicken belauerten, und blieb schließlich mit einem bewegten Blick an der älteren Dame hängen, die ihm in den letzten Tagen wegen ihres Mangels an Kooperationsbereitschaft die eine oder andere Sorgenfalte mehr ins Gesicht gezeichnet hatte. Das aufbrausende Temperament des Jungen hatte dieser definitiv von seiner Mutter. Wer wenn nicht er, würde diese sture Person also endlich zur Vernunft bringen? Deshalb war er es auch, der sich schließlich einen Schritt nach vorn wagte.

Prof.: Ihre Frau Mama also? ... Verstehe! ... Frau Meier, Sie haben sich also endlich dazu entschlossen, ihre Angehörigen zu informieren. Das ist gut. Das ist ein Fortschritt. Wunderbar! Daran können wir ansetzen. Trotzdem sollten Sie aber noch im Bett liegen bleiben.

...unterbrach Prof. Marquardt schließlich die mehr oder weniger traute Familienidylle, die mehr einem vorsichtigen Observieren und Belauern als einer echten familiären Annäherung glich. Marc sah verwundert vom Fußboden auf, den er die letzten Minuten mit seinen Blicken regelrecht durchlöchert hatte, und zwischen dem älteren Herrn und seiner Mutter hin und her, die ihren behandelnden Arzt nun mit giftigen Blicken für seine ungebetene Einmischung strafte, was diesen wiederum noch breiter lächeln ließ. Er hielt dem Sohn von Frau Meier seine Hand hin, um ihn jetzt richtig zu begrüßen. Doch dieser zögerte noch. Irgendetwas war komisch und das war nicht allein die Tatsache, dass sich seine Mutter zu seiner großen Überraschung endlich zu ihrem angeheirateten Familiennamen bekannt hatte, unter dem sie sich hier offenbar inkognito behandeln lassen wollte. Vielleicht lag es aber auch an der Vertrautheit, die zwischen den beiden bestand. Er konnte es nicht richtig einordnen, so wie er vieles im Moment nicht einzuordnen wusste.

Prof.: Dr. Meier, entschuldigen Sie bitte. Ich habe mich Ihnen ja noch gar nicht richtig vorgestellt. Mein Name ist Ferdinand Marquardt. Ich bin Chefarzt und Leiter der Onkologie hier an unserem renommierten Forschungszentrum und ein guter Vertrauter Ihrer werten Frau Mutter, die mir gar nicht verraten hat, dass es ihren Sohn ebenfalls in die Medizin verschlagen hat. Darf ich fragen, in welche Richtung?

Marc hatte seine Augen endlich von seiner Mutter gelöst, die ihn unentwegt forschend beobachtet hatte, und starrte den freundlichen älteren Herrn nun mit ausdrucksloser Miene an. An Nettigkeiten und Small Talk war Elkes Sohn aber überhaupt nicht interessiert, was sein Gegenüber gleich noch erfahren würde. Vielmehr interessierten den Chirurgen die medizinischen Fakten und er wollte endlich wissen, was der Stand der Dinge war, bevor er seine Mutter unter vier Augen endlich zusammenstampfen konnte. Denn das war doch der eigentliche Grund seines Spontanbesuches in der winterlichen Schweiz.

Marc (schnippisch): Dürfen Sie nicht! Und was heißt hier Vertrauter? Wenn Sie meine Mutter wirklich kennen würden, dann wüssten Sie, dass sie eigentlich Elke Fisher heißt und ihr Name mit einigem Renommee in Deutschland verbunden ist. Also was soll das alberne Verschleiere hier? Das hier ist schließlich keine amerikanische Dramedy.
Elke (blitzt ihren Sohn tadelnd an): Marc Olivier, sei nicht so unhöflich! Außerdem... nicht nur in Deutschland!

Also wenn ich es nicht besser wüsste, sie scheint ganz die Alte zu sein! Ein Hoch auf Elke Fisher und ihr kilometerhohes Ego!

Marc (wendet sich wieder ihr zu und fixiert sie mit seinem stechenden Ameisenblick): Ich und unhöflich? Ich sage dir mal, was unhöflich ist, MUTTER. Einfach von einem Tag auf den anderen abzutauchen und lediglich einen läppischen Zettel dazulassen, so nach dem Motto, „Ich bin dann mal weg, kommt damit klar oder nicht“. Dad damit in die nächste Sinnkrise zu stürzen, obwohl er doch gerade erst die letzte mit Müh und Not überstanden hatte, und dann alles hinter unserem Rücken abzuwickeln, was dir je wichtig war. Als wäre dir deine Familie scheißegal, aber ich vergaß, Gefühle waren dir ja noch nie wichtig. Und dann plötzlich auf einmal ein Rückruf, nachdem man tausendmal durchgeklingelt und um Antworten gebeten hatte, bescheuerte Abschiedsworte, Rumgeheule und es macht endlich klick. Erst hinten rum findet man heraus, was wirklich los ist. Das ist UNHÖFLICH, unfair und vor allem feige!
Elke (getroffen weiß sie sich nicht anders zu helfen, als zurückzuschießen): Ich wusste doch, dass der Bengel seine vorlaute Klappe nicht halten kann. Dieser unmögliche Arzt! Hat der in Deutschland überhaupt eine Arbeitserlaubnis? Man sollte sie ihm wegnehmen. Der hört von meinem Anwalt. Verklagen werde ich ihn. Jawohl!

Sie ist irre! Definitiv irre! Was mache ich eigentlich hier?

Marc (kurz schaut er sie belustigt an, dann poltert er ungehalten weiter drauflos): Du lässt Mehdi in Ruhe, haben wir uns verstanden? Er hat damit nichts zu tun. Er hat lediglich das fehlende Puzzlestück für dieses irre Spiel geliefert, das du hier warum auch immer spielst, um all die wirren Fragen zu beantworten, die mir seit Tagen durch den Kopf gehen, weil ich nicht verstehen konnte, was für einen bescheuerten Film sie denn diesmal wieder fährt. Und seien wir doch mal ehrlich, du hättest dich nicht ausgerechnet an ihn gewandt, wenn du nicht damit gerechnet hättest, dass er irgendwann die richtigen Schlussfolgerungen ziehen und handeln würde. Und ich auch. Er ist mein bester Freund und das nicht erst seit gestern. Aber du hast ihn ja noch nie als Unseresgleichen akzeptiert.
Elke (lässt resignierend den Kopf hängen): Ich weiß. Ich wollte dich... euch doch auch nur schützen.
Marc (schüttelt fassungslos den Kopf): Vor was denn? Denkst du, ich käme damit nicht klar? Mama, ich bin selber Arzt.

Och nee, jetzt hab ich es schon wieder gesagt. Was ist bloß los mit mir?

Elke (kleinlaut): Eben darum.
Marc (zeigt ihr den Vogel u. wird wieder aufbrausend): Sag mal, hörst du dir überhaupt zu, wenn du deine frisch geschminkten Lippen aufklappst oder haben die dir da oben auch noch was weggeschnippelt? Ständig, mein ganzes Berufsleben als Arzt lang, bist du mit jeden noch so winzigkleinen Wehwehchen, angefangen von einem eingewachsenen Zehennagel bis hin zu einem abgebrochenen Haar, zu mir gekommen und hast mir nicht nur die Zeit sondern auch eine große Portion Nerven gestohlen mit deiner ewigen Hypochondrie. Ich war trotzdem immer geduldig. Weil du ja immer die nötige Aufmerksamkeit brauchst, wenn es dir nicht so gut geht oder die Depressionen an die Tür klopfen. Aber jetzt, wo es wirklich einmal ernst wird, redest du nicht mit mir? Was soll das?
Elke (versucht verzweifelt, es ihm zu erklären): Marc, verstehe doch!
Marc (lässt sie gar nicht erst zu Wort kommen): Nee, nix verstehe ich! Ich bin wirklich zum ersten Mal, was dich betrifft, mit meinem Latein am Ende. Seitdem ich es weiß, drehe ich nur noch am Rad. Einerseits will ich dir nur noch den Hals umdrehen und dich wachschütteln. Andererseits will ich auch, so bekloppt es klingen mag, für dich da sein. Ich weiß echt nicht...
Elke (fasst sich gerührt an ihr pochendes Herz u. lächelt ihn an): Ich bin froh, dass du da bist.
Marc: Wirklich?

Marc war kurzzeitig verwirrt, als seine Mutter plötzlich den Anschein machte, ihn in den Arm nehmen zu wollen, was sie noch nie getan hatte, zumindest nicht seitdem er denken konnte. Er wich überfordert einen Schritt zurück und stieß mit seinem Rücken gegen den Professor, der peinlich berührt von einer Seite zur anderen schaute. Die kleine nicht gerade leise geführte Familiendiskussion der Meiers hatte nämlich mittlerweile weitere Zeugen gefunden, die interessiert im Foyer stehen blieben, um zu lauschen, anstatt die Arbeit aufzunehmen, für die er sie angestellt hatte.

Prof.: Ähm... Vielleicht ist es besser, wenn Sie beide sich erst einmal in Ruhe zusammensetzen. Es besteht offenbar noch einiges an Klärungsbedarf. Die Schwester bringt Sie zurück in Ihr Zimmer, Frau Mei... äh... Fisher. Den Termin in der Radiologie verschiebe ich etwas nach hinten. Ich gebe dann Bescheid.
Marc (schaut seine Mutter besorgt an): Du kriegst Bestrahlung?
Elke (senkt beschämt ihren Blick): Ich soll, mein Junge.
Prof. (will sich zurückziehen, denn die Zeit drängt): Ich muss jetzt auch erst einmal weiter. Es war nett, Sie endlich einmal kennen zu lernen. Dr. Meier?
Marc (springt ihm hektisch in den Weg, um ihn aufzuhalten): Nee, nee, nee! Sie gehen hier nicht eher weg, bis sämtliche Fakten auf dem Tisch liegen. Ich will jetzt sofort einen Blick in ihre Akte werfen. Aber zz! Ziemlich zügig!
Elke (tadelt ihn mit bösem Blick für sein taktloses Verhalten): Marc Olivier!
Marc: Mutter, nenn mich nicht so! Außerdem kannst du dir sicher sein, dass ich diesen Kurpfuschern hier erst mal auf die Finger gucke, bevor die an dir Hand anlegen dürfen. Das steht mir als dein Sohn und behandelnder Arzt zu, verdammt!

...keifte Marc wütend zurück und duldete absolut keinen Widerspruch. Seine Mutter kam also nicht umhin, kurz zu lächeln, ehe sie theatralisch mit den Augen rollte und ihm und dem Professor, dem das alles mehr als unangenehm war und überhaupt nicht in seinen perfekt strukturierten Tagesablauf passte, langsam in dessen Büro folgte, wo die Diskussion nun endlich auf der Ebene ausgetragen wurde, mit der sich Dr. Marc Olivier Meier am besten auskannte und am wohlsten fühlte.

Lorelei Offline

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Beiträge: 7.341

20.07.2013 16:22
#1427 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

In der Zwischenzeit im Berliner Elisabethkrankenhaus

Cedric: So Frau Dr. Haase, it’s your turn! Dann zeig mal, was du so draufhast!

...sprach Dr. Stier feierlich, griente sein sichtlich überraschtes Gegenüber auffordernd an und übergab diesem im blassen flackernden Neonlicht des OP-Saals, in dem sie sich gerade befanden, das Skalpell. Die blonde Assistenzärztin blickte ihren Kollegen mit zunehmend skeptischer Miene an, in dessen Augen sich offenkundig so etwas wie Schalk widerspiegelte, den sie unter seinem Mundschutz an seinen verräterisch zuckenden Mundwinkeln leider nicht erkennen konnte. Sie warf einen kurzen Kontrollblick auf den Monitor links neben sich, dann auf den Patienten selbst und nahm das Werkzeug, das Cedric ihr mit einem breiten arroganten Grinsen reichte, schließlich ehrfurchtsvoll an. Gretchen war unsicher, was Cedrics übertriebene Freundlichkeit betraf. Schon vorhin während der Untersuchung des Patienten hatte sich der sonst so auf sich bezogene Neurologe überraschend kooperationsbereit gezeigt und hatte ihr vieles erklärt. Vieles, was sie eigentlich schon von dessen Exehefrau gelernt hatte. Gut, eine solche Schussverletzung wie diese hier war neu für sie, das stimmte schon, aber das weitere Vorgehen war der versierten Ärztin schon vertraut. Das war schließlich nicht ihre erste Hirn-OP. Aber sie hatte nichts gesagt und hatte dem Experten bei seiner Selbstbeweihräucherung geduldig zugehört. Sie wollte schließlich nicht auch noch den Finger in die offene Wunde legen. Maria war und blieb ein heikles Thema für den verknallten Arzt, gerade jetzt nach den überraschenden Entwicklungen, die ihm offenbar noch nicht zugetragen worden waren. Wer wusste denn schon, wie er auf die alleinige Nennung ihres Namens reagieren würde? Die nicht vorhandene Erdbebengefahr für den Berliner Raum würde definitiv um 99 Prozent ansteigen. Und der Patient, der fröhliche rheinländische Standesbeamte, der sie und Marc vor zwei Tagen „verheiratet“ hatte, sollte schließlich die beste Behandlung kriegen, die er kriegen konnte. Dr. Stier musste daher konzentriert bleiben. Ein mulmiges Gefühl blieb trotzdem, jetzt, wo sie das Skalpell in der Hand hielt. Auch wenn sie ihm nur einmal begegnet war, hatte sie den Mann unter dem grünen OP-Tuch schon in ihr Herz geschlossen. Sie wollte nicht riskieren, dass der charmante Beamte vielleicht niemals wieder solche schönen Reden über die Liebe halten konnte wie diese hier, die er Marc und ihr am Freitagabend mit auf den (Flucht-)Weg gegeben hatte:

„Die Erfahrung lehrt uns, dass die Liebe nicht darin besteht, dass man einander ansieht, sondern, dass man in die gleiche Richtung blickt, sagte einst Antoine de Saint-Exupéry. Und ihr beide tut dies. Das sehe ich euch an. Ihr habt euren Weg zum Glück gefunden, obwohl man ja eigentlich sagt, es gäbe keinen Weg zum Glück, Glück sei der Weg. Aber das trifft auf euch beides zu. Ihr habt euch zu diesem Schritt, dem wohl wichtigsten in eurem Leben, entschlossen und seid hierher gekommen, um heute den Bund der Ehe einzugehen.“

Hach... wie romantisch! Gretchen hatte seine wohlklingende Stimme immer noch im Ohr und bekam eine richtige Gänsehaut, als sie an diesen magischen Moment im Standesamt zurückdachte. Mittlerweile hatte sie ein richtig schlechtes Gewissen, weil Marc und sie sich ihm nicht richtig vorgestellt hatten. Für ihn würden sie vermutlich immer Siggi und Uschi bleiben, die ihm mit ihrem schlechten Schauspiel als flüchtender „Knight Rider“ und „Bezaubernde Jeannie“ vermutlich den Schock seines Lebens bereitet hatten. Obwohl, nach den Ereignissen des heutigen Morgens hatte sich das wohl mittlerweile relativiert. Gretchen verdrehte beschämt die Augen. Wie konnte jemand nur so grausam sein? Wozu Eifersucht doch fähig machte? Am Ende hatte es einen Unschuldigen erwischt, wofür sich das Brautpaar, das eigentliche Ziel dieses Wahnsinnigen, vermutlich immer die Schuld geben würde, wenn dem armen Mann nicht mehr geholfen werden könnte. Mit besorgter Miene schaute sie wieder auf den Patienten vor sich, dann zu dem leitenden Arzt in diesem OP-Saal, der ungeduldig darauf wartete, dass Dr. Haase endlich mit der Operation begann...

Gretchen (zögert): Ich weiß nicht. Solltest nicht lieber du...?
Cedric (fokussiert sie mit seinem stechend scharfen Chirurgenblick, der keinen Widerspruch am OP-Tisch duldet): Dr. Haase, wieso denn schon wieder Zweifel? Ich dachte, du willst Chirurgin werden? Also sei auch eine und ergreife die Chance, wenn sich dir eine bietet! Eigentlich teile ich nämlich nur ziemlich ungern, aber dein Vater legt nun mal Wert auf den Ruf seines Lehrkrankenhauses und wie toll doch seine Studenten angeblich wären. Ich bilde mir nur gerne selber ein Urteil.
Tzz... Also irgendwoher kommt mir diese Ansprache bekannt vor?
Gretchen (blitzt den Machoarzt eingeschnappt an u. wehrt sich): Also wenn du dich bei meinem Vater einschleimen musst, um durch deine Probezeit zu kommen, dann verzichte ich lieber dankend. Ich will kein Mittel zum Zweck sein. Der Professorentochterfaktor spielt an diesem Krankenhaus nämlich überhaupt keine Rolle. Außerdem bin ich keine Studentin! Ich bin ausgebildete Allgemeinärztin und in einem Monat habe ich auch meinen Facharzt in der Tasche.
Cedric (zwinkert ihr nach dieser Verteidigungsrede amüsiert zu): Das entscheiden erst die Prüfer.
Arsch! Falls ich je Mitleid mit ihm gehabt haben sollte, das hat sich hiermit erledigt. Für alle Zeit!
Gretchen (faucht zurück): Wenn du schlechte Laune hast, dann lass sie bitte an jemand anderen aus, ja. Das muss ich mir nicht gefallen lassen.
Cedric (seine Augenbrauen gehen nach oben): Ich? Schlechte Laune? Hoho! Als Noch-Assistenzärztin nimmst du dir echt viel heraus, Gretchen Haase.
Gretchen (kann auch gut kontern): Und du als Halbtagsvertretungsarzt in Probezeit auch! Können wir jetzt endlich beginnen oder willst du endlos weiterdiskutieren, wer hier welchen Rang und Status hat? Dann müsste ich die Anästhesistin aber bitten, die Narkose zu verlängern, was angesichts der Verletzung des Patienten nicht gerade ratsam wäre.
Huch! Ich bin ja richtig gut. Marc wäre so stolz auf mich.
Cedric (hebt beschwichtigend die Hände, dann nimmt er sich selbst ein Skalpell): Ja, ist ja schon gut, Misses Kratzbürste. Botschaft ist angekommen. Und da du ja nicht bevorzugt werden möchtest, mache ich das hier dann doch lieber selber. Hab irgendwie Bock gekriegt, an was herumzuschnippeln, was keine frechen Widerworte gibt.
Hat der mich gerade...?
Gretchen (ihre Augen blitzen wütend auf): Also... das ist ja wohl...

Nicht aufregen, Gretchen! Mit Marc hast du schon viel schlimmere Sachen durch! Ach Marc! Ob er schon angekommen ist? Blöd, dass man keine Handys mit in den OP nehmen darf.

Gretchen zog unter ihrem Mundschutz eine Schnute und verlor sich für eine kurze Sekunde in ihre Marc-und-Gretchen-Welt. Leider bemerkte die Träumerin dabei nicht, dass sie von ihrem Gegenüber ungeduldig angestarrt wurde...

Cedric: Äh... Haase, träumst du oder was? Das hier ist nicht die Babystation, sondern ein echter OP. Und da wird sich gefälligst konzentriert! Reiche mir endlich den Bohrer, damit wir die Schädeldecke öffnen können! Und halte das Teil gerade, während ich ansetze!
Mein Gott hat der eine Laune! Er und Maria passen wirklich gut zusammen!
Gretchen (aus ihren Gedanken aufgeschreckt funkelt sie ihn genervt an): Ich halte es doch gerade! Du bist derjenige, der zittert.

Und das tat er tatsächlich. Cedric merkte es jetzt auch und versuchte verzweifelt das auch für ihn Unerklärliche zu ignorieren und den Bohrer geradezuhalten, was natürlich so nicht funktionierte. Also gab er schließlich entnervt das Werkzeug an seine Kollegin ab, die ihn die ganze Zeit misstrauisch beobachtet hatte, spielte das für ihn extrem Peinliche jedoch vor ihr herunter...

Cedric: Ich zittere nicht! Aber gut, da du ja offenbar alles besser weißt, bitte, hier hast du deine Chance. Das ist aber bei mir definitiv die letzte.
Gretchen (lächelt ihn triumphierend an, auch wenn sie sein Verhalten immer noch seltsam findet u. sich auch ein bisschen um ihn Sorgen macht): Oh danke! Mehr brauche ich auch gar nicht. Denn in Zukunft werde ich mich eh nur bei Dr. Hassmann einteilen lassen. Da ist die Atmosphäre im OP auf jeden Fall entspannter und man lernt auch noch was Neues dazu.

Das hatte gesessen! Knurrend übergab Dr. Stier der vorlauten Göre den Bohrer, den Dr. Haase als nächstes fachmännisch an genau der richtigen Stelle ansetzte, genauso wie sie es bei Dr. Hassmann gelernt und schon ein Duzend Mal angewandt hatte. Nachdem der Schädel des Patienten geöffnet war, ging es darum, behutsam den Fremdkörper zu entfernen. Ein Querschläger, welcher bei der Schießerei in Charlottenburg anstatt des eigentlichen Opfers, nämlich des Bräutigams, den Standesbeamten niedergestreckt hatte. Leider bestätigte sich der Anfangsverdacht, dass das Projektil, wie schon auf dem Röntgenbild zu sehen war, viel tiefer im Gewebe steckte als gedacht. Das war dann auch für die engagierte Assistenzärztin zu viel. Und nicht nur ihr. Betroffen schauten sich Dr. Haase und Dr. Stier an und ließen augenblicklich Zickereien Zickereien sein.

Cedric (murmelnd): Scheiße!
Gretchen (sieht ihn fragend an): Und was machen wir jetzt?
Cedric (in Gedanken): Einen Millimeter weiter links und der braucht die Schnabeltasse.
Gretchen (hat es zunehmend mit der Angst zu tun u. will nicht aufgeben): Willst du ihn wieder zumachen? Aber wenn das Projektil zu wandern beginnt, dann ist die Prognose doch genauso schlecht.
Cedric (wird plötzlich ganz bleich): Ich weiß. Ich hatte mal einen ähnlichen Fall. Zwar nicht mit einer Pistolenkugel im Schädel, aber mit einem eigentlich inoperablen Tumor. Der saß an derselben Stelle. Fifty Fifty Chance.
Gretchen (sieht ihn gespannt an): Und? Wie bist du vorgegangen? ... Cedric? Hörst du mich? Was ist denn auf einmal los mit dir? Geht’s dir gut?

Aber Dr. Stier war bereits tief in Gedanken versunken und hörte seiner übereifrigen Kollegin nicht mehr zu. Alte Erinnerungen kamen wieder in ihm hoch. Jedoch keine Positiven. Vor wenigen Monaten hatte genau dieser heikle Fall seiner blühenden Karriere ein jähes Ende bereitet. Er hatte zu viel gewollt, Ruhm und Ehre, im Prinzip Nichtigkeiten, und hatte alles verloren. Wenn er eins gelernt hatte in den letzten Monaten, in denen ihm bis auf Prof. Haase niemand mehr eine zweite Chance geben wollte, dann dass man als Arzt, und wenn man noch so gut war, nicht übermütig werden sollte. Noch einmal durfte ihm so etwas nicht passieren. Diesmal standen die Chancen besser. Er musste sich nur konzentrieren. Mit Millimeterarbeit würden sie es schaffen. Also sah er Gretchen jetzt sehr entschlossen an....

Cedric: Wir ziehen das jetzt durch und dann kann er auch wieder arme Idioten in den Ehekäfig zwängen.
Gretchen (überrascht von dem plötzlichen Stimmungsumschwung): Du warst doch auch schon zweimal verheiratet?
Cedric (grient sie augenzwinkernd an): Eben drum.
Okay!? Marias Cedric ist ja launiger, als es Maria je sein könnte.
Gretchen (grinst zurück u. wagt sich dabei weiter hinaus, als sie dürfte): Also würdest du Maria nicht noch mal heiraten wollen?
Cedric (blitzt sie angesäuert an): Bitte? Gretchen, wir stehen mitten im OP. Meine Hand steckt in dem Hirn von Mr. Schnauzbart, da denke ich sicherlich nicht ans Heiraten oder an sonst wen. ... Wieso auch? Sie denkt ja auch nicht an dich.

...nuschelte Dr. Stier in seinen Dreitagebart und verfluchte seinen dummen Vorstoß vom Wochenende. Er drehte seinen Kopf anschließend einmal in beide Richtungen, um die Verspannung zu lösen, die ihn durch das lange Stehen im OP blockiert hatte. Dann setzte er erneut an, um nach zwei Sekunden wieder aufzuhören. Entsetzt blickten sowohl er als auch Gretchen auf seine ungewöhnlich stark zitternde Hand. Was war eigentlich heute los mit ihm? Er versuchte seine rechte Hand auszuschütteln, aber es änderte nichts an der Ausgangssituation. So konnte er auf keinen Fall weiter operieren. Schließlich waren hier Millimeter gefragt. Deprimiert sank er in sich zusammen und starrte abwesend auf den offenen Schädel seines Patienten.

Gretchen (spricht ihn vorsichtig an): Cedric?
Cedric (faucht sie an wie ein verwundeter Löwe u. wendet sich dann seiner anderen Kollegin zu): Im OP immer noch Dr. Stier, ja! Was macht die Narkose?
Dr. Roth (beobachtet ihn ebenfalls mit einem mulmigen Gefühl): Alles im grünen Bereich.
Cedric (beruhigt sich wieder u. ist auf einmal wieder ganz freundlich): Gut! Dr. Haase, dann ist das jetzt wirklich your turn. Mit deinen zierlichen Elfenhänden kommst du da eh besser ran.
Gretchen (zögert ängstlich): Aber wenn ich irgendeinen falschen Griff mache,...
Cedric (schaut ihr ganz ruhig in die Augen): Im OP geht es um Vertrauen, Gretchen. Vertrauen zum und vom Patienten, aber vor allem auch um Vertrauen zu sich selbst. Vertraue dir! Ich tue’s!
Ich ja auch! Wenn nicht so viel davon abhängen würde! Okay, konzentriere dich! Suche deine innere Mitte und dann tschakka, Dr. Haase!
Gretchen (atmet noch einmal tief ein u. aus u. schließt für eine Sekunde die Augen, um sich zu konzentrieren und dann unaufgeregt ans Werk zu gehen): Okay, ich tue’s! Schwester, eine neue Pinzette, bitte!

Mit neu gewonnenem Selbstvertrauen und dem Vertrauen, welches ihr ihr Lehrausbilder und die anwesenden Kollegen geschenkt hatten, setzte sie an, ohne groß weiter darüber nachzudenken. Sie folgte ihrem Instinkt, der sich durch die vielen Jahre ihrer Ausbildung herausgebildet hatte, und war erfolgreich. Keine zwei Minuten später hielt sie den Übeltäter hoch, der für so viel Unruhe heute Morgen gesorgt hatte, und konnte selbst kaum glauben, was sie gerade geschafft hatte. Ein beruhigender Blick auf die Monitore folgte. Der Patient war stabil. Dr. Stier und die Anästhesistin sowie die OP-Schwestern schauten Dr. Haase anerkennend an und die Anspannung fiel sofort von der jungen Assistenzärztin ab, die gerade über sich selbst hinausgewachsen war. Die Patrone landete derweil in der Metallschale, die ihr die OTA hinhielt, was nicht unkommentiert blieb...

Cedric: Na, die wäre doch was für deine Sammlung, nicht?
Gretchen (sieht ihn verwirrt an): Welche Sammlung?
Cedric (schaut sie nun auch ungläubig an): Wie? Du willst Ärztin sein und hast keine Sammlung der Kuriositäten, die bei uns auf dem OP landen?
Gretchen (peinlich berührt): Äh... nein!
Cedric (lacht, stupst sie in die Seite u. macht sich auf zu gehen): Na dann wird’s höchste Zeit dafür, Frau Doktor. Schließlich rennst du in einem Monat nicht mehr mit dem Assistempel durch die Klinikflure.
Gretchen (ungläubig weiten sich ihre Augen): War das gerade so was wie ein Kompliment, Dr. Stier?
Cedric (steht schon an der Schleuse u. dreht sich noch einmal mit betont ausdrucksloser Miene um): Soll ich jetzt jedes Mal Konfetti werfen, wenn du ne OP hinbekommst? Frag lieber Marc, der macht das bestimmt! So liebeskrank wie der ist! Den Rest schaffst du wohl auch allein oder?

...fügte er noch mit einem Augenzwinkern hinzu und verließ im nächsten Moment eilig den OP-Saal. Das Augenrollen von Gretchen bekam Cedric somit nicht mehr mit, die sich murmelnd wieder ihrem Patienten zuwandte...

Gretchen: Chirurgen sind doch echt alle gleich.
Dr. Roth: Wem sagst du das.

Die beiden Frauen sahen sich an, fingen an im Einklang mit den anwesenden Schwestern zu kichern und Dr. Haase setzte anschließend die Naht, um die Operation zu beenden. Zwanzig Minuten später betrat sie gutgelaunt und zufrieden den Waschraum, um sich ihrer OP-Kleidung zu entledigen, die sie während der anspruchsvollen Operation vor lauter Aufregung und Anspannung beinahe durchgeschwitzt hatte. Dort traf sie überraschenderweise auf einen Dr. Stier, der jetzt alles andere als zynisch und sprücheklopfend auf sie wirkte. Eher im Gegenteil. Erschöpft hing er über dem Waschbecken und ließ sich unentwegt kaltes Wasser über seine Hände gleiten. Dass Gretchen näher kam, nachdem sie ihre OP-Handschuhe und den Mundschutz in die Tonne geworfen hatte, bemerkte er nicht, obwohl ihr besorgtes Gesicht ihn deutlich im Spiegel anschaute. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf seine rechte Schulter und sprach ihn mit sanfter Engelsstimme leise an...

Gretchen: Das kann uns doch allen mal passieren, Cedric. An meinem ersten Tag hier bin ich heulend überfordert aus dem OP-Saal verschwunden, obwohl der Patient noch auf war.

Cedric sah der schönen Blonden im Spiegel in die glasklaren Augen, die ihn aufmunternd anschauten, spürte plötzlich das eiskalte Wasser auf seiner Haut, blickte auf seine Hände, die schon ganz weiß geworden waren von dem kalten Wasserstrahl, und drehte den Wasserhahn rasch wieder zu. Dann wandte er sich zu Gretchen herum und sah sie mit einem Hauch von Arroganz und Ironie an. Zu mehr war er in dem Moment nicht fähig. Er konnte auf jeden Fall besser. Aber heute war einfach nicht sein Tag. Der ganze Stress der letzten Tage hatte ihn handlungsunfähig gemacht und damit kam der ehrgeizige, aber vom Glück verlassene Chirurg überhaupt nicht klar.

Cedric: Jeder, der auch nur eine Stunde mit Marc im OP verbringen muss, rennt irgendwann schreiend davon. Du hättest ihn mal im Studium erleben müssen! Selbst die härtesten Professoren sind an ihm verzweifelt.
Ja, dieser Blick durchs Schlüsselloch wäre bestimmt interessant gewesen. Gretchen! Lass das Träumen und konzentrier dich!
Gretchen (verdreht die Augen, dann verändert sich ihr Gesichtsausdruck auch schon wieder ins Ernste): So meine ich das doch gar nicht, Cedric. Es ist nur. Es ist keine Schande, auch mal schwach zu sein. Wir Götter in weiß sind auch nur menschlich.
Cedric (fährt sich mit seinen vor Nässe ganz schrumpelig gewordenen Fingern durchs Haar): Trotzdem darf so was nicht passieren. Nicht schon wieder! Das ist völlig unprofessionell.
Gretchen (horcht auf): Wie meinst du das mit „nicht schon wieder“?
Cedric (schüttelt den Kopf, weil er nicht darüber reden möchte, womit er eigentlich längst abgeschlossen hat): Egal! Ich will dich nicht mit meinen Problemen zutexten. Du hast schon genug mit Marc zu tun. Apropos, wo steckt der überhaupt? Es ist untypisch für ihn, dass er nicht zum Dienst erscheint.
Gretchen (fixiert ihn mit ihren wissenden Blicken): Du versuchst abzulenken.
Cedric (stöhnt entnervt u. lässt die Schultern hängen): Gibt es keine anderen Patienten, um die du dich kümmern musst? Wir sind hier fertig. Der pennt erst mal ne Runde.
Gretchen (grinst ihn an, aber das Grinsen verschwindet schnell wieder u. weicht einem eher ernsten Blick): Nö! Für einen Montag ist es noch verhältnismäßig ruhig. Mal abgesehen von der Schießerei. Aber um die beiden anderen Patienten kümmern sich ja Papa und Mehdi. Also wenn du reden willst, ich höre gerne zu. Ich bin zwar eine Frau, aber ich kann auch Dinge für mich behalten, falls du dir Sorgen machst.
Cedric (hadert mit sich): Gretchen, hör zu, ich...

Dr. Stier wollte gerade ansetzen, um etwas dazu zu sagen, da wurde jedoch die Tür aufgeschoben und Professor Haase lugte neugierig in den OP-Vorraum...

Franz: Kälbchen, Dr. Stier, da seid ihr ja! Wie ist die OP verlaufen?
Cedric (überrumpelt): Äh...
Gretchen (springt für ihn in die Bresche): Papa! Ähm... gut. Gut! Bestens! Wir konnten das Projektil erfolgreich entfernen. Dr. Stier hat einen hervorragenden Job vollbracht.

...lobte Gretchen ihren beschämten Kollegen in den höchsten Tönen. Dieser schaute sie nur überrascht an und wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Auch nicht darauf, als der Professor ihm lobend auf die Schulter klopfte und sich anschließend wieder aufmachte zu gehen. Cedric war das Ganze sichtlich peinlich.

Franz: Prima! Ich wusste doch, dass ihr ein hervorragendes Team bilden würdet. Den anderen beiden Patienten geht es auch den Umständen entsprechend gut. Die Schramme wurde versorgt. Und Dr. Kaan hat der schwangeren Braut etwas zur Beruhigung gespritzt. Der Schock war größer als die eigentlichen Verletzungen. Aber die beiden wären wirklich untröstlich gewesen, wenn ihrem Standesbeamten etwas passiert wäre. Aber dem ist ja zum Glück nicht so. Gut! Dann mache ich mich auch wieder auf den Weg. Eine Pressemeldung muss raus. Die Krähen warten schon. Elendes Pack!

Und schon war der leise vor sich hin meckernde Professor auch schon wieder zur Tür hinaus. Cedric starrte Gretchen sprachlos an, die gerade ihre OP-Kleidung in die entsprechende Tonne stopfte...

Cedric: Wieso hast du das gemacht? Du musstest das nicht sagen.
Gretchen: Weil du immer noch der leitende Arzt im OP bist und ich nicht will, dass du auf dumme Gedanken kommst und vielleicht noch an deiner Berufung zweifelst. Jeder hat einmal einen schlechten Tag. Nimm dir das nicht so zu Herzen! Außerdem ist mein Papa auch schon allein wegen der Tatsache, dass ich bei einer solchen Operation assistieren durfte, stolz auf mich. Und ihr Chirurgen solltet auch endlich mal lernen, zu teilen.

Gretchen lächelte ihr Gegenüber augenzwinkernd an, um ihre eben gesagten Worte noch zu untermalen. Dann fiel der Tochter des Professors jedoch noch etwas ein und sie nahm urplötzlich ihre Beine in die Hand, um ihrem Vater nach draußen zu folgen...

Gretchen: Ich mache jetzt Mittagspause. Wir sehen uns ja dann später im Aufwachraum. Ich muss. ... Papa, warte mal! Können wir nicht noch mal über Jochen sprechen? Jetzt renne doch nicht so! Paaapaaa!

... rief Gretchen ihrem flüchtenden Vater gehetzt hinterher, nachdem sie durch die Schwingtür auf den Flur verschwunden war. Zurück blieb ein perplexer Neurochirurg, der sich mal wieder fragte, woher dieser Goldengel eigentlich wusste, was mit ihm los war. So langsam wurde sie ihm echt unheimlich. Er hatte nämlich tatsächlich gerade mit seinem Job gehadert und hatte kurz davor gestanden, alles hinzuwerfen. Aber wäre es das wert gewesen? Wegen einem schlechten Tag? Wegen einer verkorksten Wie-auch-immer-Beziehung und kompletter Überforderung, weil sein Leben im Moment echt scheiße verlief? War er denn ein Mädchen? Cedric wusste auch nicht, warum er plötzlich Marcs gehässige Stimme im Ohr hatte, die sich über seine verweichlichten Gedanken gerade kaputtlachte. Nein, so verweichlicht war er nun wirklich noch nicht. Hey, er war ein Mann. Ein richtiger Mann, der wusste, was er vom Leben wollte! Vielleicht fehlte ihm auch einfach nur die nötige Dosis Koffein, um wieder auf die richtige Spur zu kommen? Die hatte er sich nämlich wegen des Notfalls immer noch nicht einverleiben können. Also machte er sich schnurstracks auf den Weg zurück ins Schwesternzimmer der Chirurgie. Man hatte ihm ja heute Morgen dort noch mehr als deutlich gezeigt, wie die Kaffeemaschine funktionierte.

Lorelei Offline

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24.07.2013 14:48
#1428 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Aber kurz bevor er sich seine wohl verdiente Kaffeepause endlich gönnen konnte, kam dem viel beschäftigten Neurochirurgen die nächste mittelschwere Katastrophe dazwischen, die an seinem bereits dünnen Nervenkostüm gewaltig kratzte. Nämlich in Form der besserwisserischen Meckerziege und biestigen Leiterin der Kinderkrippe seiner jüngsten Tochter, die alleinerziehenden Vätern kritisch gegenüberstand und mit ihrer abschätzigen Meinung auch nicht vor dem Tor hielt und stets jede noch so kleine Möglichkeit ausnutzte, den „Exoten“ in ihrer Einrichtung, dem die anderen Mütter und Familienväter mit Ausnahme von ihr eigentlich recht aufgeschlossen gegenübertraten, belehren zu wollen. So auch diesmal wieder, weil er sich nämlich wiederholt nicht an Abmachungen gehalten hatte, was die abgesprochenen und schriftlich festgehaltenen Abholzeiten seiner Tochter betraf. Tzz... als ob er seinen Goldschatz vernachlässigen würde. Hatte man noch Töne? Da musste sich Dr. Stier doch tatsächlich anhören, dass er gefälligst nicht ständig seine Schwester oder andere Mütter vorschieben solle, um ihm Dinge abzunehmen, die er als verantwortungsbewusster Vater eigentlich selbst erledigen sollte. Dabei war er vorhin noch unendlich dankbar gewesen, dass die süße Praktikantin Chantal aus der Physio, deren ebenso süßes Töchterlein seit einigen Wochen dank seines wohlbeherzten Einsatzes dieselbe Krippe besuchte, ihm auf sein charmantes Betteln hin freundlicherweise seine Kleine für den Nachmittag abgenommen hatte, weil er heute länger arbeiten musste, als der Dienstplan eigentlich versprochen hatte, wofür nebenbei bemerkt eine andere nervenaufreibende Dame hauptverantwortlich war. Aber an die wollte er momentan keinen weiteren Gedanken verschwenden, denn die schlecht bezahlte Zimtziege von der Kita wollte einfach nicht verstehen, dass er Arzt war und sich Patientennotfälle nun mal nicht nach ihren bescheuerten Zeitplänen richten wollten.

Eine endlose, nicht gerade leise geführte Diskussion entbrannte im Treppenhaus zwischen zweitem und dritten Stock des EKHs, die er nicht zum ersten Mal mit dieser frustrierten Meckerliese führte und während der ein wenig geschätzter Kollege von Dr. Stier bereits längst das wohltuende Aufputschgetränk in den Händen hielt, nach dem er sich schon den ganzen Tag lang gesehnt hatte, und summend mit dem Oberkörper über der Durchreiche der Patientenaufnahme lehnte und verträumt vor sich hingrinste, als hätte er gerade den Wettbewerb „Wer trägt das schönste Lächeln im EKH“ gewonnen. Die gestresste Kollegin, die gerade mit wehendem goldenen Haar und leichtem Frühlingsduft an ihm vorbeigehuscht gekommen war und sich nun schwer seufzend an den runden Tisch in der Mitte des Stationszimmers setzte und ihr hübsches Gesicht auf ihre ausgestreckten Arme bettete, hatte ihren besten Freund gar nicht wahrgenommen. Dieser stieß sich jedoch sofort nach ihrem Auftauchen von dem Tresen ab und betrat ebenfalls den kleinen Aufenthaltsraum der Chirurgie, nahm sich einen Stuhl neben sie und musterte die erschöpfte Assistenzärztin erst einmal ausgiebig mit besorgter Frauenverstehermiene von der Seite...

Mehdi: Alles ok mit dir, Gretchen?
Gretchen (schaut nun doch auf u. blickt Mehdi gequält an): Mein Vater ist sooo... grrr... starrköpfig, das ist schon nicht mehr auszuhalten.
Mehdi (neugierig geworden): Wieso?
Gretchen (hat seine interessierte Frage gar nicht gehört u. seufzt erneut auf): Und Marc hat sich auch noch nicht gemeldet. Mittlerweile muss er doch dort angekommen sein? Was ist, wenn ihm unterwegs etwas zugestoßen ist? Ich hab so ein ungutes Gefühl. Letzte Nacht war doch Glatteis gemeldet und er in dem Porsche...

Ein Blick in Gretchens himmelblaue sichtlich besorgte Augen genügte und Mehdi konnte den Film sehen, der sich gerade sprichwörtlich vor ihrem inneren Auge abspielte und sie zunehmend verrückt machte. Hier war Feingefühl gefragt, stellte er fest und seine Kaffeetasse auf dem Tisch ab und griff beherzt nach Gretchens linker Hand. Sanft strich er darüber und sah seine beste Freundin dabei mitfühlend an, die seinen Blick erwiderte und plötzlich auch gar nicht mehr so angespannt wirkte wie noch Sekunden zuvor...

Mehdi: Mach dir keinen Kopf, Gretchen! Es ist bestimmt alles in Ordnung. Du kennst doch Marc. Dass er sich noch nicht gemeldet hat, muss nichts heißen. Ich kann mir vorstellen, dass er erst einmal Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um seine Mutter zu finden. Und diese erste Begegnung wird sicherlich nicht leicht sein. Danach ruft er bestimmt gleich an.
Gretchen (schaut ihn wieder etwas hoffnungsvoller an): Glaubst du?
Mehdi (lächelt u. stupst ihr an ihr süßes Näschen): Nein, das weiß ich!

Er hat ja Recht. Dass ich mich auch jedes Mal so verrückt machen muss. Aber ein kleiner Anruf oder eine Sms, ist das wirklich zu viel verlangt, Marc Meier?

Gretchen (bekommt von so viel Kaanschen Optimismus ganz wässrige Augen): Danke! Genau das habe ich jetzt gebraucht.
Mehdi (grient zufrieden über das ganze Gesicht u. streicht ihr eine verirrte Träne aus dem Augenwinkel): Na siehst du! Einfach anpiepen und Dr. Kaan ist mit dem richtigen Heilmittel unterwegs. Da musst du auch gar nicht anfangen zu weinen. Marc macht mir nämlich die Hölle heiß, wenn er erfährt, dass du seinetwegen Tränen vergießt. Also hören wir auch gleich damit auf, ja?
Gretchen (schnieft wenig damenhaft in ein Papiertaschentuch, dass Mehdi ihr charmanterweise reicht u. schaut danach ungläubig dabei zu, wie ihr Freund plötzlich auch noch zwei Schokopuddings aus seinen beiden Kitteltaschen hervorzaubert): Ich hab doch gewusst, dass ihr eine stillschweigende Übereinkunft miteinander habt. Wie machst du das bloß? Und wo hast du denn jetzt den Pudding her? Trägst du den etwa schon den ganzen Tag mit dir herum?
Mehdi (grinst u. deutet auf das kleine Arztschildchen an seiner Brust): Gretchen Haase, was steht denn hier drauf, hmm? Doktor der Gynäkologie. Frauen sind mein Job. Und deshalb weiß ich auch ganz genau, was meine beste Freundin jetzt braucht. Keine Bange, die sind nicht alt. Nachdem ich das schwangere Opfer dieses Schießwütigen versorgt habe, war ich gerade kurz oben in der Kantine. Du weißt doch, wie schnell die Puddings weg sind, wenn Puddingtag ist. Deshalb hab ich noch vor der Mittagspause vorgesorgt und wollte sie eigentlich gerade in dein Fach hier im Kühlschrank stellen. Es sei denn, du willst sie jetzt gleich essen?
Gretchen (schaut ihm gerührt in die rehbraunen treuen Augen u. kann sich nicht zurückhalten, Mehdi ein kleines Küsschen auf die Wange zu drücken): Du bist lieb! Danke! Und ich würde sie gerne jetzt schon essen. Ich teile auch brüderlich mit dir.

Mehdi griente Gretchen an und reichte ihr glücklich, weil sie wieder lächelte, einen der beiden Puddingbecher. Anschließend stand er auf und holte für sich und die Schokoqueen des EKH zwei Löffel aus dem entsprechenden Fach neben der Spüle. Dann setzte er sich auch schon wieder zu ihr und zog von seinem Pudding den Deckel ab und tunkte seinen Löffel tief hinein, bevor er diesen dann genüsslich in seinen Mund schob und in die Schokowelt abtauchte, in welcher sich Gretchen bereits wohlig seufzend befand...

Mehdi: Davon bin ich ausgegangen. Ich will ja auch noch was davon abhaben. Die Frau Schmitz von der Cafeteria hätte mich vermutlich blöd angeguckt und wäre mir mit dem Nudelholz hinterher, wenn ich noch mehr von diesen Leckereien stibitzt hätte.
Gretchen (öffnet überrascht die Augen, nachdem sie ihren ersten Löffel Schokopudding ebenso genüsslich abgeschleckt hat): Du hast sie geklaut? Mehdi! Seitdem du an jedem Monatsende die abgelaufenen Medikamente aus der Klinik schmuggelst, beweist du zunehmend kriminelles Potential.
Mehdi (lacht u. verschluckt sich dabei fast an seiner nächsten Ladung Pudding): Gib’s zu! Das hat dich doch damals letztendlich von mir überzeugt, oder?
Gretchen (grinst ihn nun auch über das ganze Gesicht an, nachdem sie hastig einen weiteren großen Löffel Pudding hintergeschlungen hat): Eigentlich hattest du mein Interesse schon, als du mir und meinem Schokoriegel von der Brücke hinterherspringen wolltest. Das hatte so was Heldenhaftes und Verwegenes. Ich hab mich wie Kate auf der Reling der „Titanic“ gefühlt, als Jack sie aufhalten will, aber naja, mein Leben war in dem Moment eh gerade gegen einen Eisberg geprallt. Jedenfalls hast du im Grunde Recht, ja, ich geb’s zu, ich mochte dein mysteriöses „Bad-Boy“-Samaritertum. Und wenn du das nächste Mal deine Touren machst, engagiere ich mich auch wieder mehr für diese Organisation. Dein Engagement hab ich immer schon sehr an dir bewundert. Weißt du, dass meine Mutter dich noch heute für einen illegalen Asylanten hält.
Mehdi (verdreht ungläubig die Augen): Jetzt verstehe ich auch, warum sie mich immer so misstrauisch angeguckt hat, als sie auf meiner Station eingeteilt war. Das ewige Leid, wenn man etwas anders aussieht als die Norm. Dabei war ich noch nie im Iran. Und meine Mutter ist damals als Kind mit ihrer Familie aus dem Land geflüchtet. Selbst sie hat kaum noch Erinnerungen an die Zeit dort. Sie ist ein waschechter Bayer wie mein Papa.
Gretchen (zieht ihn auf): Dass du bayrisch sprichst, merkt man dir aber auch nicht an.
Mehdi (funkelt sie an, muss dann aber doch lachen): Was wohl daran liegt, dass wir, bevor ich sprechen gelernt habe, nach Berlin gezogen sind.
Gretchen (schiebt sich den Löffel in den Mund u. wirkt plötzlich ganz nachdenklich): Wir haben nie über die Vergangenheit geredet.
Mehdi (nimmt dieselbe Position ein wie sie u. denkt ebenfalls nach): Weil das Schicksal vielleicht etwas anderes mit uns vorhatte.
Gretchen: Ja, mag sein.
Mehdi (legt seinen Zeigefinger unter ihr Kinn u. schiebt es nach oben, damit sie ihn wieder anschaut): Hey! Nicht wieder grübeln! Alles ist gut so, wie es gekommen ist. Ja, ich war lange Zeit traurig, weil ich die falsche Entscheidung getroffen habe, und dann bin ich wie ein Idiot dieser verpassten Chance hinterher gerannt. Aber im Grunde war mir immer klar, dass er es ist, der zu dir gehört. Mach dir bitte nicht so viele Sorgen! Das mit Marc und seiner Mutter, das wird schon. Sie ist in einer guten Klinik. Und Marcs Einfluss bei ihr bewirkt Wunder. Du wirst schon sehen.
Gretchen (lächelt wieder): Du strahlst so eine positive Lebensenergie aus. Woher kommt das bloß?
Mehdi (gerät unweigerlich ins Schwärmen u. wird auch etwas rot, zumal er gerade seine schwangere Freundin entdeckt hat, die, ohne ihn zu bemerkten, am Fenster des Stationszimmers vorbeigeschwebt kommt): Hmm... Das bleibt vorerst mein... äh... Berufsgeheimnis. ... Gabi?
Gretchen (ihre Neugier ist geweckt): Du hast Geheimnisse vor mir?

Natürlich hätte Gretchen gerne mehr in Erfahrung gebracht, damit sie sich auch eine Scheibe dieser positiven Energie hätte abschneiden können, um irgendwie über die Zeit von Marcs Abwesenheit zu kommen. Aber sie konnte Mehdi nicht aufhalten. Wie auch? Wie ein Wirbelwind sprang er nämlich plötzlich auf und stürzte seiner Freundin entgegen, die er von hinten am Arm packte und zu sich herumwirbelte, um ihr anschließend einen dicken Clark-Gable-Kuss auf den Mund zu drücken, dass es einem selbst allein schon vom Anblick ganz schwindelig wurde. Mein Gott, war dieser Mann verliebt, dachte Gretchen amüsiert und wurde auch ein bisschen rot. Kein Wunder, dass Mehdi nur so vor positiver Lebensenergie strotzte. Und beim Gedanken an ihre eigene große Liebe schlich sich auch auf ihre Lippen ein breites unerschütterliches Strahlelächeln, auch wenn es natürlich schöner gewesen wäre, dieselbigen auf Marcs feurige Lippen zu drücken. Apropos Marc, vielleicht sollte sie ihm doch noch eine weitere Nachricht schicken, grübelte sie vor sich hin und zückte auch gleich ihr Handy aus der Kitteltasche. Das wäre zwar dann seit heute Morgen ungefähr die sechste, aber anders lernte der Ignorant es ja nie, dass es eine Beziehung auch ausmachte, dass man sich gegenseitig seine Sorgen und Nöte mitteilte oder sei es nur, um ein bisschen Liebe und Aufmerksamkeit zu erhaschen.


Marcilein, ja, ich weiß, ich soll nicht nerven, aber ich wünsche mir doch nur ein kleines Lebenszeichen von dir, ob du gut bei deiner Mutter angekommen bist. Sonst steigere ich mich noch mehr hinein und rufe irgendwann sämtliche Krankenhäuser der Region an, ob ein schnuckeliger Porschefahrer eingeliefert worden ist. Du kennst mich, ich würde das echt tun. Mehdi hat mich zwar beruhigt, aber trotzdem. Mir würde auch schon ein kleiner Okay-Smile reichen und dann kann ich mich auch beruhigt wieder den Patienten widmen. Ach übrigens, hab gerade eine tolle OP mit Dr. Stier hinter mir. Du glaubst nicht, wer der Patient ist. Wir reden später, ja? Ich lieb dich. Dein Gretchen.


Das verliebte Häschen, das ihr Telefon nun verträumt seufzend gegen ihre heftig puckernde Brust drückte und deswegen einen irritierten Blick von Dr. Stier abbekam, der gerade das ihm im Weg stehende ekelhaft glückliche Liebespaar ausmeckernd das Stationszimmer betreten hatte und sich nun wie ein Süchtiger auf die Kaffeemaschine stürzte, ahnte ja nicht, dass Marc seine Mutter bereits gefunden hatte und seit der Klärung diverser Missverständnisse alles und jedem in die Behandlung reinquatschte. Deshalb war dem übereifrigen und alles besser wissenden Chirurgen auch entgangen, dass er eigentlich längst seiner Süßen hatte Bescheid geben wollen. Aber er hatte in der ganzen Aufregung auch noch gar nicht bemerkt, dass sein Handy in der Halterung im Auto zurückgeblieben war und dort fast im Stundentakt anfing, zu piepen oder die „Knight-Rider“-Melodie abzuspielen.

Marc: Nee, nee, nee, ich will jetzt schon wissen, was Sie da jetzt genau mit ihr veranstalten wollen.
Elke (legt wiederholt erfolglos ihr Veto ein): Marc Olivier, so lass doch endlich gut sein! Das ist genau der Grund, warum ich dich nicht informiert habe.
Marc (blitzt seine Mutter angesäuert mit dem Ameisenblick an): Mutter, reiz mich nicht! Ich will nicht noch mal durchleben, wie beschissen sich dein bescheuertes Lügenkonstrukt angefühlt hat. Ich mische mich ein, weil ich es kann, okay? Also Herr Professor, in der Akte steht, dass soweit alles betroffene Gewebe entfernt wurde? Sehe ich das richtig?
Prof. Marquardt (wirkt sichtlich angespannt u. genervt nach dem mittlerweile anderthalb Stunden dauernden Kreuzverhör): Das ist richtig. Soweit die bisherigen Ergebnisse gezeigt haben, hat der Tumor nicht gestreut. Es liegen keine weiteren Befunde vor.
Marc (spürt einen riesigen Felsklotz von seinem Herzen fallen, will sich aber noch nicht zu früh freuen): Es gibt also keine Metastasen?
Prof. (schüttelt erschöpft den Kopf u. fühlt sich zunehmend wie auf heißen Kohlen, weil eigentlich ein voll bepackter Terminplan auf ihn wartet): Nein, werter Kollege. Wir können von Glück sprechen, dass der Übeltäter frühzeitig erkannt wurde.
Elke (mischt sich nun auch wieder ein, weil sie genug von der Endlosdiskussion hat u. endlich ihre wohlverdiente Ruhe will): Siehst du, mein Junge, es geht deiner alten Mutter gut ... äh... besser. Also Schluss damit jetzt!
Marc (mustert sie argwöhnisch von der Seite u. wendet sich schnell wieder seinem Berufskollegen zu): Ich mache mir gerne mein eigenes Bild, Mutter. Wenn soweit alles okay ist, warum dann noch das leidige Prozedere mit der Bestrahlung? Erübrigt sich das dann nicht?
Prof. (macht ein betroffenes Gesicht, faltet seine Hände u. beugt sich zu dem jungen Mann vor, dem man seine Besorgnis u. Unsicherheit deutlich ansieht, weshalb er sich das Dauerinterview auch immer noch gefallen lässt): Wie Sie vielleicht wissen, Dr. Meier, kann ich in meinem Metier nie Garantien abgeben. Zumal Ihre Mutter auch positiv auf das BRCA1-Gen getestet worden ist, das bekanntlich ein verstärktes Brustkrebsrisiko bedeuten kann. Die Bestrahlung ist Teil der Therapie und dient letztendlich auch der Verhinderung der Neubildung von Krebszellen. Das ist nun mal das gängige Prozedere nach dem neusten Stand unserer Forschung.
Marc (nachdenklich lehnt er sich in seinem Sessel zurück): Verstehe! Wäre es in dem Fall aber nicht eher ratsam,... Ich meine... Es wird ja momentan nicht nur in der Fachwelt heiß diskutiert...
Prof. (kommt ihm zuvor): Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, Dr. Meier, aber Ihre Mutter wollte das so und was meinen Standpunkt betrifft, stimme ich dem bei. Solange sie regelmäßig ihre Vorsorgetermine verfolgt und in Zukunft auf die Einnahme von Hormonen zur Bekämpfung der Wechseljahre verzichtet, die ja auch einen gewissen Risikofaktor darstellen, besteht nicht zwangsweise eine medizinische Indikation für diesen meiner Meinung nach doch recht radikalen Schritt.
Marc (wendet seinen Kopf wieder seiner Mutter zu u. fixiert sie mit seinem stechendscharfen Blick): Ach ist das so?
Elke (blitzt zurück): Marc Olivier, du steckst nicht in meiner Haut. Als Frau ist das nicht so einfach.
Marc (verdreht die Augen u. kann seine große Klappe nicht zurückhalten): Ich sehe dich in erster Linie als Mutter und nicht als ähm... ja Frau. Trotzdem, Mann, du würdest sogar in einem Abwasch ne Tittenvergrößerung dazukriegen. Da hat dann auch Dad was davon bei deiner kleinen Erstausstattung.
Elke (echauffiert sich u. klopft ihm wütend auf den Unterarm): MARC OLIVIER, sei nicht so respektlos gegenüber deiner Mutter! Denkst du, ich bin zum Spaß hier? Das ist eine ernsthafte Erkrankung. Weißt du, wie viele Frauen im Jahr qualvoll daran sterben? Mit deiner Oma Frederike ging es damals auch ziemlich schnell zu Ende.
Marc (rudert mit merklich schlechtem Gewissen zurück): Mama, das weiß ich doch und ich hab’s ja auch nicht so gemeint. Aber dein Befund war gutartig. Die andere Brust war nicht betroffen, ebenso wie die anderen Organe. Dir bleibt sogar die Chemo erspart. Man könnte fast behaupten, du bist gesund, wenn die Nachsorge nicht noch wäre. Aber du hast dich aufgeführt, als würdest du jeden Moment gleich abnippeln. Mich würde echt nicht wundern, wenn ich irgendwo in der Villa dein neues Testament finden würde.
Elke (kleinlaut): Das liegt beim Notar.
Marc (schlägt sich die Hand vors Gesicht): Gott, echt, du raubst mir wirklich den letzten Nerv, Mutter. Schau mal, ich hab schon graue Härchen an meinem Bart.
Elke (schnippisch): Dann rasiere ihn dir ab, Junge! Du siehst aus, als wärst du aus dem letzten Gossenloch gekrochen gekommen.
Marc (faucht eingeschnappt zurück): Nach über dreißig Stunden ohne Schlaf, deinetwegen wohlgemerkt, sehe selbst ich so aus. Aber schaue doch selber mal in den Spiegel, wenn du mir schon einen vorhältst.
Elke (ihr Blutdruck steigt u. steigt): Also... Das ist ja wohl...

Prof. (steht peinlich berührt zwischen den Stühlen u. getraut sich schließlich doch, überfordert zu flüchten): Ich glaube, den Rest besprechen Sie lieber selbst miteinander. Soweit haben wir ja alles geklärt? Die Schwester bringt Ihnen dann eine Kopie der Akte. Ich... Ähm... Meine anderen Patienten warten. Ich muss! Habe die Ehre!

Und schon hatte sich der friedliebende Professor aus dem Gefahrenbereich, dem Zimmer der Starautorin Elke Fisher, entfernt, bevor er noch in den nächsten Familienstreit hineingezogen worden wäre. Den ganzen Vormittag lang hatte er sich schon diverse Wortgefechte anhören müssen, die von echter Anteilnahme, über heftige Schuldzuweisungen, aber auch Schuldbekundungen, bis hin zu Besserwissereien gingen. Er hatte selten einen Arzt erlebt, der so ein großes Ego für sich allein beanspruchte. Aber die durch ihren Sohn neu erwachte Diva stand ihm in nichts nach. In dieser Familie war es definitiv nicht langweilig. Dennoch sehnte Prof. Marquardt den Tag herbei, wenn er das sture Weibsbild, auf das der glücklich geschiedene Onkologe eigentlich ein Auge geworfen hatte, bis er ihren Sohn kennengelernt hatte, sein Therapiezentrum endlich wieder gut genesen verlassen würde. Gut, dass er in der Hinsicht noch die Zügel in der Hand behielt, aber er war sich nicht sicher, ob dieser Rotzbengel von einem Oberarzt sie ihm nicht trotzdem irgendwann noch aus den Händen reißen würde. Er würde es ihm durchaus zutrauen.

Lorelei Offline

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29.07.2013 14:30
#1429 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Nachdem der Chefarzt das Krankenzimmer von Frau Meier alias Fisher verlassen hatte, machte es sich deren Sohn der Länge nach auf der bequemen Eckcouch bequem, die er schon die letzten Minuten mit seinem Adoniskörper eingenommen hatte, zog noch ein bisschen über den alten Herrn her, der angeblich eine Koryphäe auf seinem Gebiet sein sollte, und sah sich dabei in dem geräumigen, luxuriös eingerichteten, hellen, auf den See und die Alpen zeigenden Raum um, über denen sich der dichte Winternebel gerade langsam aufzulösen versuchte und auch schon den einen oder anderen hoffnungsvollen Sonnenstrahl über die Wipfel blitzen ließ. Der Tag würde vielleicht doch noch schön werden, ließ der atemberaubende Ausblick vermuten. Aber dafür interessierte sich der junge Chirurg nicht die Bohne und machte es sich stattdessen auf dem Polstermöbel so richtig bequem, als wäre dies sein Zuhause, während seine sichtlich mitgenommene Mutter gedankenverloren den Sonnenblitzern folgte, die über ihre hellblaue Krankenhausbettwäsche tänzelten. So richtig kam sie immer noch nicht damit klar, dass ihr Junge sie tatsächlich gefunden hatte.

Marc (immer noch auf Oberarschmodus programmiert lehnt er sich auf dem Sofa zurück u. schiebt sich ein Kopfkissen unter seinen dröhnenden Kopf): Gott, eh, der Kerl ist doch echt unfähig. Was machst du bloß bei dem? In Berlin wärst du viel besser aufgehoben als in dieser Mehr-Schein-als-Sein-Klitsche, wo es wahrscheinlich für ein paar Scheinchen mehr noch eine Portion Botox dazugibt. Bist du deshalb hier?
Elke (schnippisch linst sie von ihrem Bett aus zur Couch rüber, auf der ihr nörglerischer Junge der Länge nach lümmelt u. gelangweilt zur Decke starrt, den tatsächlich ein kleiner dekadenter Kronleuchter ziert): Du meinst bei deinem Freund und dieser irren schwäbischen Köchin, die sich als Ärztin ausgibt?
Marc (rollt theatralisch mit den Augen, dreht sich auf die Seite u. schaut zu ihr rüber): Auch wenn sie irre klingt, Frau Dr. Spätzle hat mehr drauf, als du denkst. In ihrem Büro hängt, glaube ich, zwischen den ganzen Kochrezepten und dem Stepper auch ein Diplom. Hat wohl in Afrika studiert oder so.
Elke (fasst sich theatralisch an ihr Herz u. lässt sich wieder in ihr Kopfkissen fallen): Großer Gott, willst du mich umbringen?
Marc (kleinlaut): Das erledigen du und deine Einbildungskraft schon ganz alleine.
Elke (echauffiert sich): Also wirklich! Ich bilde mir auch gerne meine eigene Meinung, Marc Olivier. Das steht dir nicht alleine zu. Und wie deine umfangreiche Recherche ebenfalls ergeben hat, ist Prof. Marquardt der Beste auf diesem Gebiet.
Marc (kann es nicht lassen): Wie? Dir auf deinen knochigen Hintern zu starren? Da war auch schon mal mehr dran!
Elke (fächert sich Luft zu u. versucht sich nicht darüber aufzuregen, was für einen ignoranten Sohn sie doch aufgezogen hat): Marc Olivier, lass deine dummen Bemerkungen! Deine Mutter braucht jetzt Ruhe.
Marc (grummelt leise vor sich hin, während er sich die wenigen Kissen zurechtrückt, die auf dem schmalen Sofa liegen): Ich glaube, ich werde mir trotzdem eine Zweitmeinung einholen. In Berlin checken wir dich noch mal ordentlich durch und wehe, die haben was übersehen. Dann verklage ich diesen Saft- *gähn*-laden. Hmm... *gähn*... Ich sollte Mehdi mal fragen. Ach scheiße, ich wollte doch vorher noch Haasenzahn anrufen. Die dreht noch durch, wenn ich nicht bald... *gähn*
Elke (ringt nach den richtigen Worten u. lehnt sich mit ernster Miene an das Kopfende ihres Bettes zurück): Marc, ich werde nicht nach Berlin zurückkehren. Keine Diskussion! Es geht mir soweit gut. Deine Mutter ist hier gut versorgt. Hier wird sogar bio gekocht und es ist sogar genießbar. Und mal ganz abgesehen von dem Rundum-Wellnessprogramm, das hier zusätzlich zur Therapie... Marc Olivier? Hörst du mir überhaupt zu? Du widersprichst mir ja gar nicht.
Marc (verschlafen): Hmm...
Elke: Marc?

Elke richtete sich verwundert auf und schwang ihre Beine aus dem Bett. Gerührt entdeckte sie, dass ihr Junge mittlerweile auf dem Sofa eingeschlafen war. Die schlaflose Nacht, die lange Autofahrt, die morgendliche Aufregung und sein cholerischer Auftritt hatten ihm wohl den Rest gegeben. Er kuschelte sich schmatzend in die dunkelblaue Couch hinein und bemerkte gar nicht, wie seine Mutter näher kam, sich auf den Sessel setzte, der neben dem Kopfende des Sofas stand, und ihren schlafenden Jungen mit pochendem Herzen beobachtete. Eine widerspenstige Strähne seines zerzausten Haares rutschte ihm ins Gesicht, auf dem ein zufriedenes Lächeln lag. Vorsichtig strich sie sie ihm aus der Stirn und ließ ihre Hand als nächstes über seine von dem Ärger noch leicht gerötete Wange gleiten. Marc nuschelte im Schlaf ein leises „Mama, nich“, ließ einen lauten Schnarcher folgen, drehte sich auf die andere Seite und schlief tief und fest weiter. Seufzend wich Elke in ihren Sessel zurück. Sie ließ ihren Sohn jedoch keine Sekunde aus den Augen. Voller Liebe betrachtete sie den Schlafenden und flüsterte gedankenvoll...

Elke: Ach Marc, ich mach’s wieder gut. Ich weiß zwar noch nicht wie, aber ich mach’s wieder gut. Sag nur bitte Olivier nichts! Das schaffe ich noch nicht. Und würde er es überhaupt verstehen?

Mit diesem unruhigen Gedanken im Kopf stand sie auf, deckte ihren Sohn liebevoll mit einer Decke zu, strich ihm noch einmal über den Kopf und legte sich anschließend selbst wieder in ihr Bett. Die Tür öffnete sich, aber Elke schickte die Schwester, die ihr das Mittagessen bringen wollte mit einem unmissverständlichen Meier-Drohblick wieder weg. Der Junge und sie selbst brauchten jetzt Ruhe, bevor der Schlagabtausch in die nächste Runde gehen würde.


In Berlin schob währenddessen Schwester Gabi ihren Krankenhauscasanova dezent zurück in sein Büro am Ende des Flurs und schloss schnell die Tür hinter sich. Sie war sich natürlich gewahr, dass ihre Turtelei mal wieder nicht unkommentiert von der Belegschaft geblieben war und sie hasste diese neidischen Blicke und das Gerede hinter vorgehaltener Hand, obwohl sie sonst auch nur ungern den neuesten Kliniktratsch ausließ. Solange man nur nicht über Mehdi herzog. Das hatte der liebe Kerl nämlich nicht verdient. Aber vielleicht sah sie auch nur wieder überall Gespenster. Denn seitdem sie dieses Sahnestück von einem Mann für sich beanspruchte, schien es ihr nämlich so, als sei er in der Gunst der weiblichen Belegschaft und auch der Patientinnen gestiegen. Man bekam ja überall mit, wie liebevoll und hinreißend er mit seiner Partnerin umging. Klar weckte das bei der einen oder anderen vom Leben und der Männerwelt frustrierten Frau gewisse Sehnsüchte. Aber Dr. Kaan gehörte nun mal zu ihr und so ließ sie es sich auch nicht nehmen, jedem auf die Nase zu binden, der das nicht wissen wollte, dass sie ihn niemals mehr von ihrer Angel lassen würde. Gerade in Momenten, wenn er so war, wie jetzt eben. So locker und voller ansteckender Spielfreude.

Hatte Mehdi ihr heute Morgen in der Umkleide noch schelmisch grinsend vorgehalten, dass sie heute extrem anhänglich sei, war er es diesmal, der seine flinken Fingerchen nicht von ihr lassen konnte. Geschweige denn seine Lippen. Oh seine Lippen! Sie schmeckten heute so unvergleichlich süß und waren so geschmeidig. Einfach zum Küssen gemacht. Gabi konnte gar nicht anders, als nicht von ihnen lassen. Wieder und wieder. War das etwa Schokopudding, den er gegessen hatte? Sie verspürte auf einmal auch großen Heißhunger darauf und gönnte sich noch eben einen letzten ausgiebigen Schokokuss, dann löste sie sich schwer atmend von dem wohl besten Küsser der Welt. Du meine Güte, ihr war gerade ganz anders geworden und sie war heilfroh, als Mehdi sie zu sich auf den Bürosessel herunterzog, auf dem er soeben ebenso nach Sauerstoff ringend Platz genommen hatte. Denn eine Sekunde später hätten ihr vermutlich die Beine versagt. So etwas hatte sie bei einem Mann noch nie erlebt. Gabi machte es sich also auf Mehdis Schoss bequem, schlängelte ihre Arme um seine breiten Schultern und kuschelte sich an seine starke Männerbrust. Er roch heute allgemein sehr gut, stellte die verliebte Frau fest. Nicht nur nach Schokolade. Einfach Mehdi pur. Und auch ihr Angebeteter schlang seine Arme um die Schmusekatze und sog den betörenden Duft ihres Lotusblütenshampoos in sich auf und grinste verträumt vor sich hin, während Gabi ihre flatternden Gedanken sortierte...

Gabi: Mehdi, das muss aufhören!
Mehdi (verdutzt): Was?
Gabi: Deine Überfälle!
Mehdi (öffnet seine Augen wieder u. sieht sie überrascht u. leicht amüsiert an): Meine was?
Gabi (ärgert sich selbst über ihre bescheuerte Wortwahl u. setzt betont konzentriert neu an): Also... ich meine, ich hab ja grundsätzlich nichts dagegen. Im Gegenteil! Ich kann gar nicht genug...
Mehdi (grinst sie schelmisch an): Ja?
Gabi (seine herausfordernden Blicke bringen sie völlig durcheinander): Ähm jaaa...? Ich... ich bin glücklich, dass du so zu mir stehst, wollte ich sagen. Aber wir sind im Dienst und jetzt gucken sogar schon die Patienten. Und der Kuhmann reißt auch jedes Mal sein Maul auf.
Mehdi (lässig): Da stehen wir doch drüber.
Gabi (spielt nachdenklich mit dem Kragen seines Kittels): Ja, mir ist ja auch scheißegal, was die anderen von uns halten. Nur was sollen denn die Patienten denken, wenn auf einmal ein wirklich attraktiver Oberarzt ankommt, sich eine hübsche Krankenschwester schnappt und sie an der Anmeldung hollywoodreif abknutscht? Mehr Krankenhausklischee à la Dr. Rogelt geht nicht!
Hollywoodreif also? Ich wusste ja gar nicht, was für eine Wirkung ich habe.
Mehdi (lacht): Wow! Du klingst ja richtig verantwortungsbewusst.
Er nimmt dich nicht ernst! Oder nehme ich das zu ernst? Oh Gott! Werd ich etwa auf einmal spießig? Ich bin nicht spießig und ich meine das ja auch gar nicht so. Nur so prinzipiell halt.
Gabi (eingeschnappt): Haha! Mach dich nur lustig, Dr. Kaan! Aber ich meine das echt ernst. Wenn du so weitermachst, dann... dann kommt doch jeder gleich auf den Trichter, warum du momentan so übermütig bist.
Ach daher weht der Wind? Okay, schuldig im Sinne der Anklage! Aber ich kann einfach nicht anders. Ich würde es am liebsten in die Welt hinausschreien, wie glücklich ich bin.
Mehdi (legt seine beiden Hände an ihre Wange u. schaut ihr tief in die Augen): Hey! Mir war einfach danach nach dem stressigen Vormittag. Du sahst so süß aus. Deine Wangen waren ganz rosig. Und der Gedanke an unser Baby hat mich mal wieder total aussetzen lassen. Entschuldige! Aber so haben die Patienten eben das gekriegt, was sie sich eh denken, wenn sie ein Krankenhaus betreten. Ich hab schon so oft Leute erlebt, die denken, bei uns läuft es so ab, wie in dieser tollen Serie, die leider nicht mehr im Fernsehen läuft.
Gabi (hängt gefesselt an seinen schönen Augen, die so viel Liebe ausstrahlen): Die waren nur rot, weil mich die Patientin in der Neun so gestresst hat. Dabei hat die noch nicht mal richtige Wehen. Wenn du mich fragst, komplett hysterisch. Äh... Hast du nicht alle Staffeln auf DVD? Wir können die gerne heute Abend gucken, wenn du magst?
Mehdi (nickt): Soll ich mal nach ihr schauen?
Gabi (schüttelt den Kopf): Nee, bloß nicht! Die soll sich ruhig mal in Geduld üben. Das kann schließlich noch Stunden dauern, bis es richtig losgeht. Außerdem war die Hebamme gerade bei ihr kucken. Alles gut!
Mehdi (lächelt sie an, greift nach der Schreibtischschublade u. steift dabei mit seinem Blick kurz den Monitor seines Computers u. hält plötzlich inne): Gut, umso mehr Zeit hab ich dich für mich. Ich hab nämlich noch was für dich. ... Oh Moment! Da fällt mir noch ein, was ich dich fragen wollte. Ich hab hier zwei Befunde aus dem Labor auf den Rechner, aber ich finde die Akten nicht dazu. Susi Vogel und Uschi Meyer. Sagt dir das was?
Gabi (bekommt ganz glänzende Augen u. hat gerade anderes im Sinn als die blöde Arbeit): Später! Du hast ein Geschenk für mich?
Mehdi (grinst sie verliebt an u. öffnet den obersten Schieber seines Schreibtisches): So was in der Art. Schau mal! Ich hab vorhin alles eingetragen.

Gabis Augen wurden immer größer, als Mehdi das kleine rechteckige Heftchen hervorholte und es ihr mit aufgeregt klopfendem Herzen überreichte. Nicht minder aufgeregt öffnete die werdende Mutter mit zittrigen Fingern ihren Mutterpass, in den der werdende Vater und behandelnde Frauenarzt auch noch das gestern Abend ausgedruckte erste Ultraschallbild ihres gemeinsamen Kindes hineingelegt hatte, zusammen mit einem orangefarbenen Post-it, auf dem ein großes rotes Herz gezeichnet worden war.

Gabi (schaut ihm sichtlich bewegt in die Augen): Ich kann das immer noch kaum glauben.
Mehdi (legt sein Kinn auf ihre Schulter u. schmiegt seine Wange zärtlich gegen ihre, während er gerührt auf das kleine Schwarz-Weiß-Bild schaut u. mit seinem Finger über den Punkt streicht, wo sich das kleine Herzchen befindet): Deshalb hast du den ja jetzt, damit du immer nachschauen kannst, dass es wirklich wahr ist. Unser Baby!
Gabi (schnieft die aufkommenden Glückstränen weg, während sie das Heft gegen ihr schnell schlagendes Herz drückt): Danke! Gott, jetzt muss ich schon wieder heulen. Bring mich nicht zum Heulen, Mehdi! Mein Make-up!
Mehdi (drückt ihr lachend einen Kuss auf den Hals u. lenkt mit einem Puddingbecher ab, den er plötzlich aus seiner Kitteltasche hervorzaubert): Versprochen! Hier! Den hab ich für dich mitgehen lassen. Ich hatte den Eindruck, du tendierst momentan in Richtung Schokoholik.
Gabi (schnappt sich augenfunkelnd den Becher u. reißt hastig den Deckel ab u. tunkt ihren Zeigefinger hinein): Nur weil ich heute Morgen vorm Gehen in Lillys und deine Schokoladenschublade gegriffen hab? Mehdi, das war reine Solidarität, weil die Mädchen mich aufgefordert haben, auch etwas herauszunehmen.
Mehdi (grinst u. beobachtet amüsiert, wie sie den Pudding ausschleckt): Natürlich!
Gabi (schaut beleidigt hoch): Hey! Das ist die reine Wahrheit. Eigentlich mag ich nämlich gar keine... Och nö! Dabei war es gerade so schön.

Gabi wollte ihre Verteidigungsstrategie gerade weiterführen, um von ihrer tatsächlichen Schokoinfiziertheit abzulenken, die, seitdem sie schwanger geworden war, bereits ungewöhnliche Ausmaße angenommen hatte, als plötzlich der Pieper in ihrer Tasche ansprang. Die genervt dreinblickende Krankenschwester balancierte die halbleere Schokopuddingverpackung auf Mehdis Schreibtisch, schleckte sich ihren verklebten Finger ab und griff dann in ihre Kitteltasche, um den Pieper herauszuholen. Sie rollte theatralisch mit den Augen, als sie die Nummer erkannte und steckte den Schlechte-Nachrichten-Bringer stöhnend wieder ein. Mehdi fragte neugierig nach, nachdem er keinen Blick mehr darauf werfen konnte...

Mehdi: Maria?
Gabi: Zum Glück kümmert sich Schwester Sigrun um die. Für die hätte ich auch keinen Nerv. Nein, es ist die Neun! Gott, wie sehr ich Erstgebärende hasse. Machen einen Heidenaufstand um eine Sache, die die natürlichste der Welt ist. Und der Mann von ihr ist noch schlimmer. Der denkt doch tatsächlich, jedes noch so kleine Zipperlein bringt sie gleich um. Dabei ist es noch nicht mal so richtig losgegangen. Mal sehen, was es diesmal ist.

Schwester Gabi hatte keine andere Wahl. Die Pflicht rief laut und deutlich. Und so sprang sie missmutig vom Schoss ihres Freundes herunter und ging zur Tür. Mehdi folgte dem Grummelchen nach draußen auf den Gang...

Mehdi: Soll ich gehen?
Gabi (schaut sich um, entdeckt niemanden auf dem Flur u. schlingt ihre Arme um seinen Hals, während der Pieper erneut erklingt): Nein, mein Süßer! Ich mache das schon. Als Oberarzt darfst du dir deine dir zustehende Pause nicht entgehen lassen. Wer weiß, was für Zicken heute noch reinkommen. Die Station ist das reinste Irrenhaus im Moment. Irgendwas muss in der Luft liegen? Aber wehe, du isst meinen Pudding auf!
Mehdi (flirtet mit ihr): Was dann?
Gabi (geht gezielt darauf ein u. fährt mit ihre Hand lasziv über seinen angespannten Oberkörper): Hey! Ich merke das. Ich mache den Lippentest und dann überlege ich mir eine entsprechende Strafe, von der wir beide dann etwas haben.
Mehdi (schmiegt sich noch näher an sie heran): Hmm... klingt viel versprechend, Schwester Gabi.
Gabi (beißt sich auf die Unterlippe, um das aufprasselnde Feuer zu unterdrücken): Herr Doktor, Herr Doktor, was soll ich bloß mit dir machen?

Mehdi zwinkerte seiner sexy Stationsschwester grinsend zu, drehte sich mit ihr einmal verträumt im Halbkreis und entdeckte, kurz bevor er sie erneut innig küssen wollte, plötzlich etwas am Ende des Flurs, was seine Aufmerksamkeit abrupt einfing. Er ließ Gabi los, die verwirrt seinen Blicken folgte und nun auch heftig stutzte...

Mehdi: Ich glaube, ich habe eine Halluzination.
Gabi: Dann hab ich sie auch! Was macht die denn hier?

Lorelei Offline

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02.08.2013 09:49
#1430 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Mehdi (starrt fassungslos in Richtung Fahrstuhl): Maria wird mich umbringen. Nein, erst bringt sie sie um, dann mich.
Gabi (sieht ihren verdutzten Freund irritiert an, bemerkt das Summen ihres Piepers in der Tasche u. dreht sich daraufhin genervt aufstöhnend um): Äh... Wenn du meinst? Ich betreibe auch Grabpflege, wenn es sein muss, Schatzilein. Aber vorher muss ich erst zu der anderen Nervensäge, um sie zu beruhigen, dass ihr Kind noch nicht gleich den Kopf raussteckt. Also so langsam wird mir echt klar, dass Kinder sowohl vor als auch nach der Geburt ihren Eltern nur Scherereien machen.
Tja, Gabi Kragenow, du wolltest es so! Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Mehdi (abwesend nickt er seiner Freundin zu): Hmm! Und ich knöpfe mir jetzt die kleine Ausreißerin vor. Ich kann nicht glauben, dass sie es schon wieder getan hat.
Gabi: Mach das! Ich komme gleich wieder.

Während Schwester Gabi übertrieben freundlich lächelnd im nächsten Patientenzimmer verschwand, blieb Dr. Kaan noch einen Moment wie angewurzelt stehen und rieb sich ungläubig die Augen. Aber er hatte sich nicht getäuscht. Die kleine Dame kam tatsächlich fröhlich feixend den langen Gang entlang spaziert, als sei es das Natürlichste der Welt. Auch er setzte sich nun kopfschüttelnd in Bewegung, was das Grinsen der vergnügten Spaziergängerin nur noch breiter werden ließ. Sie ruckelte sich ihren bunten Biene-Maja-Rucksack, der auf halb acht hing, weil dessen Träger ständig verrutschten, wieder richtig auf und hüpfte wild winkend auf den großen Mann zu, der ihr seufzend entgegenkam. In der Mitte des Flurs trafen sie sich schließlich und belauerten sich mit fragenden Blicken. Dann warf die kleine Maus ihre Kindergartentasche ab, die achtlos vor den in einer Reihe an der Wand lehnenden Wartestühlen landete, und kletterte auf einen von diesen, um mit dem ermahnend dreinblickenden Arzt auf Augenhöhe zu kommen, der ihr sprachlos dabei zuschaute und nach dieser Aktion die Augen verleierte. Das Mädchen war definitiv die Tochter ihrer Mutter, kam es ihm plötzlich in den Sinn, mit der er heute Morgen auch schon so einiges durchgemacht hatte. Und so konnte der verantwortungsvolle Gynäkologe auch das Grinsen kaum zurückhalten, das seine Mundwinkel verdächtig zucken ließ, obwohl er doch eigentlich ganz besonders streng aussehen wollte, als er den selbstbewussten Frechdachs zur Rede stellte...

Mehdi: Sarah Hassmann! Sag bitte nicht, dass du schon wieder aus dem Kindergarten ausgebüxt bist? Das kannst du doch nicht machen! Du weißt doch, dass deine Mama ganz traurig wird, wenn du so einen Unsinn machst. Wir hatten doch abgemacht, dass Lilly und ich dich heute Nachmittag abholen. Warst du schon wieder ungeduldig oder was ist passiert?

Sarah blickte Lillys Papa einen Moment lang ziemlich entgeistert an. Sie klappte ihren Mund auf, sagte aber zunächst noch nichts und befreite sich stattdessen erst einmal kopfschüttelnd von ihrem viel zu warmen lilafarbenen Anorak und dem gleichfarbigen Schal und der lustigen Bommelmütze, die sie einfach an Ort und Stelle fallen ließ, und griente ihr Gegenüber danach schließlich ziemlich belustigt, aber auch in gewisser kindlicher Weise vorwurfsvoll an. Dieser Blick war ihm schon von Maria bekannt und er ahnte bereits Unheil, bevor deren Mini-Version ihre vorlaute Zuckerschnute aufgemacht hatte.

Sarah: Bist du blöd? Das würde ich niiiie machen. Also nicht mehr! Das neulich war ja auch nur, weil wir nicht mit Süßigkeiten sammeln gehen durften und dabei hätte ich mit meinem tollen Schiorgienkostüm bestimmt die allermeisten abbekommen. Das war also gaaanz anders als heute. Heute darf ich das. Frau Schnippel hat mich nämlich selber vorbeigebracht. Aber oben in der Neuenschiorgie war niemand. Die liebe Schwester Greta meinte, wir sollen hier unten mal kucken. Und da bist du!

...stellte die Tochter von Dr. Hassmann lächelnd fest und klatschte in ihre beiden Hände, um ihrem Gesagten noch mehr Ausdruck zu verleihen. Mehdi blickte sie derweil an wie ein Postauto. Zumal hinter ihr am Ende des Flurs auf einmal wie aufs Stichwort tatsächlich die Kindergärtnerin von Sarah um die Ecke gehetzt gekommen war, mit der er sich heute Morgen noch ganz nett unterhalten hatte, nachdem er, Lilly und Gabi die Kleine in ihre Kita gebracht hatten. Auf halbem Weg blieb Frau Schnippel jedoch stehen, hielt sich erschöpft mit einer Hand an der Wand fest, um kurz zu verschnaufen, weil sie mit der kleinen Hassmännin nicht hatte Schritt halten können, und blickte dann erleichtert, die Ausreißerin in der Obhut eines Betreuers gefunden zu haben, kopfnickend in Richtung von Dr. Kaan, winkte den beiden hektisch zu und verschwand auch schon wieder genauso schnell, wie sie aufgetaucht war, bevor der Arzt mit ihr ein aufklärendes Gespräch hätte führen können. Verdutzt senkte Mehdi seinen Blick wieder auf Sarah, die fröhlich weiter drauflos plapperte, um die Sache aufzuklären, als hätte sie die vielen kleinen aufsteigenden Fragezeichen über Mehdis Kopf sehen können...

Sarah: Unser Kindergarten steht unter Wasser, Onkel Mehdi.
Mehdi (sichtlich geschockt): Was?
Sarah (ihre Augen leuchten auf, als sie heftig mit dem Kopf nickt): Die Feuerwehr war da und hat uns über ganz schmale Bretter rausgetragen. Der Finn-Kevin wäre beinahe reingefallen. Hihi! Aber iiich durfte im Feuerwehrauto sitzen. Das war soooooooo cool!
Mehdi (muss sich auf den Schock erst einmal setzen): Aber wie konnte das denn passieren?
Sarah (lässt sich neben ihm auf den Wartestuhl plumpsen u. baumelt mit den Beinen): Na, weil der zu blöd zum Laufen ist. Darum!
Mehdi (kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen): Sarah, ich meinte eigentlich, wo das ganze Wasser hergekommen ist.
Sarah (holt weit aus u. beginnt aufgeregt zu erzählen, wobei sie fast das Atmen vergisst): Ach so! Unter der Straße vorm Kindergarten ist ein altes Rohr geplatzt. Das Loch hat sogar das Auto von der Frau Schnippel verschluckt. Da guckt nur noch das Hinterteil raus. Kannst du dir das vorstellen? Deshalb mussten wir auch die drei Blocks bis hierher laufen. Und dann war da auf einmal ein riesiger Springbrunnen und das viele Wasser ist über den ganzen Spielplatz gelaufen, durch den Sandkasten durch und dann hinten zur Küchentür rein. Alles ist nass. Wir konnten gerade noch ein paar Spielsachen hochstellen. Dann war die Feuerwehr schon da und wir mussten alle im Entengang raus. Und ich hab meinen Plüschhasen vergessen. Den hatte ich schon, als ich noch ein ganz kleines Baby war. Der kann doch gar nicht schwimmen.
Mehdi (hört ihr fassungslos zu, fährt sich mit der Hand über das Gesicht u. linst immer wieder den Gang runter, wo sich Marias Krankenzimmer befindet): Auch das noch!
Sarah (setzt ein sichtlich betroffenes Gesicht auf, das aber gleich wieder einem kindlichen Strahlen weicht): Jaaa! Meinst du, wir können jetzt auf dem Spielplatz Eislaufen? Das Wasser ist nämlich gleich gefroren.
Mehdi: Ääähhh...

Sichtlich überfordert blickte der Mediziner die kleine Hassmännin an und spürte plötzlich eine Hand auf seiner rechten Schulter. Überrascht drehte er sich herum. Und auch Sarah griente die Krankenschwester an, die sich mit fragenden Blicken zu ihnen gesellt hatte...

Sarah: Hallo Gabiii!
Gabi (lächelt sie an): Na, du Ausreißerin!
Sarah (verschränkt protestierend ihre Arme u. motzt sie an): Ich bin nicht ausgerissen. Das mache ich nicht mehr.
Gabi (glaubt ihr kein Wort): Ach?
Mehdi (sieht Gabi an u. klärt sie über die Vorkommnisse auf): Die Kindergärtnerin hat sie vorbeigebracht. Es gab einen Wasserrohrbruch in der Kita.
Gabi (ihre Augen weiten sich u. sie schlägt sich im nächsten Moment die Hand vor den Mund): Ach du Scheis... Scheibenkleister! Und jetzt? Hast du schon...?
Mehdi (merklich überfragt zuckt er nur mit den Schultern): Keine Ahnung! Ich denke noch nach.
Maria wird ausflippen, so viel ist klar. Dabei braucht sie doch die Ruhe. Okay, konzentrier dich! Ein Plan muss her!
Gabi (schaut ihren Oberarzt zögerlich an): Hättest du trotzdem eine Minute? Frau Schnell ist nicht gerade eine der Schnellsten. Sie will nicht verstehen, dass das erst Vorwehen sind. Sie will nur mit dir reden.
Mehdi (erhebt sich pflichtbewusst von seinem Platz): So viel zu einer ruhigen Mittagspause. Bleibst du bitte bei Sarah?
Gabi (überrumpelt): Ich? Ich weiß doch gar nicht...
Mehdi (streicht ihr ermutigend über die Schulter u. beugt sich dann zu Sarah herab): Du machst das schon! Sarahmaus, ich bin sofort wieder da. Gabi kümmert sich in der Zwischenzeit um dich.
Sarah (blickt Lillys Papa skeptisch nach, wie er mit wehendem Kittel hinter einer der vielen Türen verschwindet): Okidoki, Onkel Mehdi!

Schwester Gabi schaute ihrem Oberarzt ziemlich verzweifelt hinterher und dann die kleine Besucherin an, die sie mit einer gesunden Mischung aus Misstrauen und Neugier von der Seite musterte. Die Freundin von Dr. Kaan hatte keine Ahnung, was sie mit der Tochter der Hassmann anfangen sollte. Zusammen mit Mehdi und Lilly, so wie gestern Nachmittag beim gemeinsamen Spielen und heute früh beim Frühstück, hatte das kein Problem dargestellt, aber jetzt so auf sich allein gestellt, fühlte sich die im Umgang mit Kindern, die mehr als ein Brabbeln von sich geben konnten, unsichere Frau doch etwas überfordert von der Situation. Hilflos blickte sie sich auf dem leeren Flur der Gynäkologie um, aber weit und breit war niemand zu sehen, der ihr aus der Patsche hätte helfen können. Das war mal wieder so typisch, dachte sie resignierend. Wenn man niemanden brauchte, waren die Gänge voller neugieriger Menschen, die sich einem regelrecht aufdrängten. Aber wenn mal wirklich Not am Mann oder in diesem Fall an der Frau war, hatten sich alle verkrochen. Faules Pack! Doch dann fiel der nervösen Schwester doch etwas ins Auge und sie hatte plötzlich eine Idee. Lächelnd drehte sich Gabi wieder herum und beugte sich zu dem Quälgeist herunter, der gelangweilt auf seinem Stuhl lümmelte und abwechselnd erst die eine, dann die andere Seite des leeren Ganges observierte, um ja nichts Spannendes zu verpassen. Aber wie Sarah enttäuscht hatte feststellen müssen, schien es hier noch unspannender zu sein als im 6. Stock in der Neurochirurgie, wo sie in der Vergangenheit schon das eine oder andere Mal auf ihre Mami hatte warten müssen, wenn sie mal wieder länger gearbeitet hatte.

Gabi: Sarah, willst du vielleicht Babys gucken gehen?
Sarah: Au ja!

Plötzlich war das gelangweilte Mädchen wieder hellwach. Sarahs Augen leuchteten sogar richtig auf und funkelten in einem tiefen Ozeanblau, das sie mit ihrem Vater gemein hatte. Sie klatschte begeistert in die Hände und sprang hibbelig von dem Stuhl herunter, auf dem sie eben noch kippelnd gesessen hatte. Sie packte die Hand ihrer neuen großen Freundin und zog die von dieser heftigen Reaktion überraschte Krankenschwester ungeduldig mit sich. Instinktiv steuerte sie auf das große Fenster zu, das sich in der Nähe befand, blieb davor stehen und blickte voller Erfurcht hinein. Mit beiden Händen und ihrer Nasenspitze klebte das Fräuleinchen Hassmann an der Scheibe und konnte ihre Augen nicht von den kleinen Würmchen lösen, die schlafend in mehreren Reihen in ihren Bettchen lagen. Und damit war sie nicht allein. Auch Schwester Gabi spürte die magische Wirkung, die von ihnen ausging, und das nicht nur wegen ihrer eigenen Schwangerschaft, die sie ganz besonders sensibel auf die kleinen Hosenscheißer reagieren ließ. Verträumt blickte sie durch die Scheibe, als sie es plötzlich heftig an ihrem Kittelsaum ziehen spürte. Die schwangere Krankenschwester schaute verdutzt an sich hinunter. Direkt in zwei große blaue bettelnde Kinderaugen, die auch nicht ohne Wirkung auf sie blieben. Sie konnte also gar nicht anders, als ihrem Wunsch nachzugeben...

Gabi: Okay, kleines Fräulein, eigentlich ist das ja nicht erlaubt. Nur die Eltern, Ärzte und Schwestern haben hier Zutritt. Aber ich will mal nicht so sein. Es gibt aber einiges zu beachten. Es wird nichts angefasst und du musst ganz, ganz leise sein. Sonst wecken wir die Sirenen und das, liebe Sarah, willst du bestimmt nicht erleben.

Artig nickte Sarah mit ihrem Köpfchen und platzte fast vor lauter Aufregung. Sie ließ sich von Schwester Gabi bereitwillig am Seifenspender neben der Eingangstür die Finger desinfizieren und dann ging es auch schon hinein in das nach Babypuder duftende Zimmer. Ehrfurchtsvoll blieb die Sechsjährige an der Tür stehen und blickte schüchtern die einzelnen Bettenreihen entlang. Lächelnd schob die Krankenschwester sie weiter in den Raum hinein und ein Babybettchen nach dem anderen wurde ausgiebig bestaunt und Gabi stellte ihr jeden neuen Weltbewohner ganz genau vor und machte sich dabei gedanklich Notizen, ob einer der zwölf kleinen Hausgäste wohl noch etwas benötigte. Sarah war völlig hingerissen von dem süßen Anblick und zum ersten Mal auch ganz still. Selbst wenn sie gewollt hätte, sie hätte sich gar nicht getraut, etwas zu sagen. Zu aufregend war das Ganze. Und so schlich sie auf Zehenspitzen zum nächsten Bett weiter. Doch irgendwann schaute sie dann aber doch zu der netten Freundin des Vaters ihrer allerbesten Freundin hoch und diese ahnte bereits so etwas, dass gleich wohl der befürchtete Kreischanfall kommen würde. So war das nämlich immer, wenn jemand die kleinsten Patienten des EKHs besuchte. Doch Sarah hielt sich überraschend in der Lautstärke zurück, aber sie war es ja durch ihre vielen Besuche hier gewohnt, sich möglicht ruhig im Krankenhaus zu verhalten.

Sarah (flüstert mit Quietschstimme): Die sind sooooooooooo süüüüüüüüüüüüüsssssssss, Gaaabiii!
Gabi (grinst): Ich weiß.
Sarah: Hat die alle Onkel Mehdi gemacht?
Gabi (schluckt u. blickt sichtlich schockiert zu dem neugierigen Mädchen herab; ihre Stimme überschlägt sich fast, als sie ihr hastig widerspricht): Was? Nein! Neiiin! Er hat ihnen auf die Welt geholfen, das ja.
Sarah (ihr natürlich angeborener Forschungsdrang meldet sich): Wie?
Oh Gott!
Gabi (gerät zunehmend ins Schwitzen durch Sarahs wissbegierige Blicke u. sehnt sich Mehdi herbei, der ihr das alles abnehmen könnte): Das willst du noch nicht wissen.
Sarah (jetzt ist ihre Neugier erst recht geweckt): Wieso?
Hilfe! Ich bin doch nur eine Krankenschwester, holt mich hier raus! Mehdilein! Bitte!
Gabi (blickt panisch zur Tür, aber von Mehdi ist immer noch keine Spur): Hatten wir nicht ausgemacht, leise zu sein?
Sarah (beißt sich ertappt auf die Lippen, blickt schuldbewusst zu ihr hoch, aber kann ihre Klappe trotzdem nicht halten): Oh! Entschuldigung! Darf ich mal eins halten? Bitte! Bitte! Bitte, Gabiii!
Toll, Gabi, jetzt hast du ein Eigentor geschossen! Prima gemacht!
Gabi (bereut mittlerweile ihre Entscheidung, den Quälgeist mit hierher gebracht zu haben): Sarah, das geht nicht.
Sarah (zieht eine enttäuschte Schnute): Wieso denn nicht?
Gabi (geht seufzend in die Hocke, um mit ihr auf Augenhöhe zu kommen): Weil das eben nicht geht. Weißt du, das sind Neugeborene, gerade ein paar Stunden oder Tage alt und noch sehr anfällig. Und ich würde da auch echt Ärger kriegen. Tut mir leid!
Sarah (setzt den Hundewelpenblick auf, den sie immer erfolgreich einsetzt, wenn sie etwas unbedingt haben will): Ich bin auch ganz, ganz doll vorsichtig. Ich will doch nur mal eins anfassen. Weißt du, ich hab mir schon immer ein Geschwisterchen gewünscht, aber meine Mami will ja nicht.
Oh Süße, wenn du wüsstest!
Gabi (merkt, wie sie allmählich schwach wird u. ärgert sich darüber): Sarah...

Patientin: Wenn du magst, dann kannst du gerne meinen Sohn mal halten, kleines Fräulein?

Sarah und Gabi schauten überrascht auf. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass eine Patientin den Raum betreten hatte, um nach ihrem Neugeborenen zu schauen. Natürlich war die Kleine hellauf begeistert von diesem verlockenden Angebot und strahlte die junge Frau mit leuchtenden Augen an...

Sarah: Echt?

Vergewissernd blickte Schwester Gabi der jungen Mutter in die Augen. Diese nickte nur zustimmend und zwinkerte dem strahlenden Mädchen ermutigend zu. Und so hob die Krankenschwester vorsichtig das Bündel Mensch aus seinem Bettchen und reichte es Sarah, die brav auf einem Stuhl Platz genommen hatte.

Gabi: Pass auf! Du musst es so am Kopf halten und die andere Hand kommt hierhin. Damit ist er am besten gestützt.

Artig befolgte Marias Tochter die Anweisungen der Stationsschwester und blickte gebannt auf den kleinen Menschen auf ihrem Schoss herab, der die Augen noch fest geschlossen hielt, ihr aber seine kleinen Händchen so entgegenhielt, dass sie am liebsten laut aufgekreischt und hineingebissen hätte vor lauter Entzückung. Gabi und die nette Patientin standen derweil direkt daneben und passten auf, dass sie alles richtig machte.

Patientin: Ihre Tochter?
Gabi (ihre Stimme überschlägt sich fast): Was? Nein! Gott bewahre, nein! Die gehört zu einer Kollegin.
Patientin (überrascht von der heftigen Reaktion der Schwester): Ach?

Mehdi: Na, was ist denn hier los? Eine kleine geheime Versammlung, ohne dass man den Oberarzt dazu eingeladen hat?

...lenkte eine fröhliche Stimme die beiden Frauen und das Mädchen auf einmal ab. Dr. Kaan stand breit grinsend in der Tür, erfasste einen Moment lang das rührende Bild, das ihm dargeboten wurde, und kam dann näher.

Sarah: Ich darf ihn halten, Onkel Mehdi.

...antwortete Sarah mit stolz geschwellter Brust, bekam aber im nächsten Moment Panik, als der kleine Junge plötzlich unruhig wurde und lautstark anfing sich bemerkbar zu machen. Mehdi nahm ihn ihr ab und übergab ihn seiner Mutter, die ihn lächelnd entgegennahm.

Mehdi: Ich glaube, da hat wohl jemand großen Hunger bekommen.

...griente Mehdi in die Runde und hielt der jungen Mutter höflich die Tür auf, die zum Stillen in ihr Zimmer gehen wollte. Dann wandte er sich voller Stolz seiner bezaubernden Freundin zu, legte seinen Arm um ihre Taille und flüsterte ihr etwas liebevoll ins Ohr...

Mehdi: Danke!
Gabi (sieht ihn überrascht an): Du bist nicht sauer?
Mehdi (lächelt): Weswegen? Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, diese junge Dame zufrieden zu stellen.
Gabi (grinst): Stimmt!
Mehdi (sieht ihr tief in die Augen): Du wirst einmal eine tolle Mutter sein, Gabi.
Gabi (wiegelt beschämt ab): Ach was? Das... Ich... Ich war komplett hilflos. Ich hätte sie am liebsten vorne im Stationszimmer abgegeben.
Mehdi (grinsend schmiegt er von hinten seine Wange gegen ihre): Dafür hattest du dann aber die zündende Idee. Lillys erster Weg geht auch immer erst hierher, wenn sie mich besuchen kommt.

Sarah: Und die anderen Babys? Haben die nicht auch Hunger, Onkel Mehdi?

...unterbrach Sarah plötzlich ganz aufgeregt das verliebte Geturtel der beiden. Mehdi ließ seine Lebensgefährtin los und ging zu dem Bettchen hin, vor dem Marias Tochter gerade stand und gespannt darauf wartete, dass deren Bewohnerin auch gleich anfing, nach ihrem Mittagessen zu verlangen.

Mehdi: Keine Bange. Die kleinen Würmchen sind alle gut versorgt. Wenn sich eins meldet, werden sie von den Schwestern zu ihrem Mamas gebracht.
Sarah (dreht sich schwungvoll zu Lillys Papa herum u. strahlt ihn begeistert an): Boah! Das will ich auch mal machen. Ich werde Babyschwester, wenn ich groß bin.
Gabi (kann sich ein hämisches Schmunzeln nicht verkneifen u. teilt Mehdi dies auch gleich ohne Umschweife mit): Da wird sich die Mama aber freuen.
Mehdi (funkelt die vorlaute Krankenschwester von der Seite an, während seine beiden Hände auf Sarahs Schultern ruhen): Schwester Gabi, wo wir gerade beim Mittagessen sind...
Gabi (stutzt): Ja?
Mehdi (grinst sie schadenfroh an): Schon mal auf die Uhr geschaut?
Gabi (der Groschen fällt u. sie blitzt ihren Oberarzt beleidigt an): Du bist gemein.
Mehdi (lacht): Tja, gut gestärkte Mütter, gut gestärkte Babys. Umso ruhiger wird es hier und auf Station.
Gabi (ärgert sich, weil ihr schon wieder Minuten mit ihrem Liebsten gestohlen werden): Sklaventreiber! Den Lippentest kannst du dir jetzt abschminken, Herr Doktor.
Mehdi (zwinkert ihr lachend zu): Schade!

Sich gegenseitig belauernd blickten sich Mehdi und Gabi an und Sarah verfolgte gebannt das seltsame Spiel der beiden Erwachsenen, die offenbar beide vergaßen zu blinzeln. Sie konnten dem aber nicht lange standhalten und fingen schließlich herzhaft an zu lachen. Und eine kurze Umarmung später hatte die pflichtbewusste Krankenschwester auch schon das Säuglingszimmer verlassen. Das Mittagessen musste schließlich ausgeteilt werden. Eine der weniger aufregenden Seiten ihres Jobprofils. Mehdi schaute seiner Freundin verliebt hinterher, die ihm und Sarah vor der großen Fensterscheibe noch einmal zuwinkte, und blickte dann zu Marias Tochter herab, die neugierig mit ihren blauen Kulleraugen zu ihm hochguckte...

Mehdi: Und wir beiden Hübschen? Hast du auch Hunger? Wir können in die Cafeteria gehen, wenn du magst. Heute steht Griesbrei mit Zimt und Zucker auf dem Speiseplan. Das magst du doch auch, oder?
Sarah (nickt eifrig mit dem Kopf): Okidoki! Aber können wir nachher noch mal herkommen, Onkel Mehdi?
Mehdi (lächelt): Natürlich! Ich hab hier eh noch was zu klären.

...murmelte Mehdi in seinen Dreitagebart. Er hatte immer noch keine Ahnung, wie er Maria das hier schonend beibringen sollte. Mit dem Wasserrohrbruch in Sarahs Kita fiel deren Tagesbetreuung nun wortwörtlich ins Wasser. Alternativen mussten gefunden werden. Zum Glück blieb ihm noch etwas Zeit zum Nachdenken, weil Sarahs Mutter gerade auf der Inneren routinemäßig untersucht wurde. Mit Sarah an der Hand verließ der Teilzeitbabysitter also das Säuglingszimmer und ging langsam den Flur vor und bog mit ihr in die chirurgische Abteilung ab, wo sie nicht unbeobachtet blieben. Aber das kleine Plappermäulchen war ja auch nur schwer zu überhören.

Sarah: Also wie ist das jetzt mit der Eisbahn, Mehdi?

Lorelei Offline

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06.08.2013 11:52
#1431 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Zur gleichen Zeit im Stationszimmer

Dr. Gretchen Haase und Dr. Cedric Stier unterhielten sich gerade bei einer Tasse Kaffee über die geglückte Operation vom Morgen und den weiteren Behandlungsplan ihres Patienten, der vermutlich in wenigen Momenten aus der Narkose aufwachen würde, als der behandelnde Neurologe plötzlich stutzte und verwundert aufschaute, weil er mit einem Ohr ein Gespräch vom Flur mitbekommen hatte, das ihn abrupt vom Thema ablenkte. War das gerade nicht die Stimme seiner Tochter gewesen? Das freche Kichern kam ihm doch seltsam bekannt vor. Cedric löste seinen Blick vom Computermonitor, an dem seine Assistenzärztin gerade den OP-Bericht verfasste, und trat langsam einen Schritt zurück zur Tür und schaute hinaus auf den Gang der Station. Tatsächlich erkannte er wenige Meter weiter seine kleine Sarah in Begleitung dieses elenden Frauenarztes, dessen Anblick allein ihn schon immer tierisch nervte und der heute offenbar den Alleinunterhalter spielte und sogar ihre zarte kleine Hand hielt, während sie zusammen auf den Fahrstuhl warteten. Cedrics Hand ballte sich augenblicklich zu einer festen Faust, als er die beiden vertraut miteinander lachen hörte. Er stellte seine Kaffeetasse auf dem Tresen ab, bevor er sie noch zerdrückt hätte, und nahm mit schnellen Schritten die Verfolgung der beiden auf, während Gretchen, die mit dem Rücken zu ihm saß, von alledem noch gar nichts mitbekommen hatte und konzentriert am PC weiterarbeitete. Sie nippte nur einmal kurz an ihrem Kaffee und tippte dann an dem Bericht weiter. Da sie noch dachte, dass Dr. Stier direkt hinter ihr stand, setzte sie ihr Fachgespräch unbeirrt fort...

Gretchen: Was den weiteren Therapieplan betrifft, wir sollten erst einmal abwarten, wie Herr Lafer die OP und die Narkose vertragen hat. Die Reaktionstests würde ich auf morgen Vormittag verschieben. Ich denke, es wird keine Auffälligkeiten geben, da wir alles entfernt haben. Aber sicher ist sicher. Und bis dahin wird er sich hoffentlich soweit regeneriert haben. Ich trag’s in den Plan ein, okay? So ich wäre dann jetzt auch soweit fertig, Cedric. Falls du noch Ergänzungen machen willst, ich schicke dir den Bericht auf deinen Server. Wollen wir dann jetzt zusammen in den Aufwachraum gehen? Ich denke, es ist besser, wenn jemand bei ihm ist, wenn er aufwacht. Das, was passiert ist, wird sicherlich ein großer Schock für ihn sein. Eben warst du noch im Rathaus, hast ein glückliches Brautpaar vor dir und dann... Naja, ich hab den beiden übrigens gesagt, dass sie ihn erst morgen besuchen können. Nach der komplizierten OP wäre das sicherlich noch zu viel Aufregung. ... Cedric? Was sagst... du? ... Nanu? ... Wo ist er denn auf einmal hin? Er stand doch eben noch hinter mir.

...fragte sich Dr. Haase verwirrt, als sie sich herumdrehte und nur noch ein menschenleeres Stationszimmer vorfand. Sie schaute in jede Richtung, dann lehnte sie sich auf ihrem Stuhl weit zurück nach hinten, um einen Blick in die Umkleide zu riskieren, wobei sie beinahe mitsamt dem Stuhl umgekippt wäre, aber sie hatte sich noch gerade rechtzeitig an der Tischkante festhalten können. Auch die Umkleide schien leer zu sein. Dr. Stier war wie vom Erdboden verschluckt. Als hätte eine höhere Macht ihn weggebeamt wie in „Matrix“. Oder war das „Star Wars“ gewesen, überlegte Gretchen angestrengt und ging gedanklich Marcs DVD-Regal durch, was sie auch nicht schlauer machte. Jedenfalls stand nur noch die dampfende Kaffeetasse von Cedricam Empfang, wie sie feststellen konnte. Sichtlich durcheinander fuhr sich die schöne Ärztin mit einer Hand durch ihre Haare und richtete den Knoten ihres Zopfes, aus dem sich eine Strähne gelöst hatte.

Gretchen: Komisch! Oder ist er etwa schon vorgegangen?

...überlegte Gretchen als nächstes, schob schließlich ihren Drehstuhl zurück und stand von ihrem Arbeitsplatz auf. Den ausgedruckten Bericht legte sie in die Akte des Patienten, klemmte sich diese dann unter den Arm und verließ mit eiligen Schritten ebenfalls das Schwesternzimmer. Aber in die andere Richtung als Dr. Stier wenige Sekunden zuvor. So konnte die blonde Assistenzärztin leider nicht mitverfolgen, wie ihr vermisster Kollege gerade zum Endspurt ansetzte, als sich die Fahrstuhltüren am Ende des Gangs schließen wollten. Aber Cedric Stier war nun mal nicht Usaint Bolt. Selbst eine Fabelzeit des Jamaikaners hätte hier nichts mehr genützt. Denn erst kurz nachdem sich die Stahltüren geschlossen hatten, erreichte der durchaus athletische, aber sein Fitnessstudio vernachlässigende Chirurg sein Ziel.

Fluchend, sie knapp verpasst zu haben, stampfte er einmal mit dem Fuß kräftig auf und trat dann gegen die geschlossene Metalltür und erschrak damit eine Patientin im Rollstuhl, die gerade an ihm vorbeifahren wollte und den aufgebrachten Weißkittel nun ziemlich entgeistert anstarrte. Dieser entschuldigte sich kleinlaut bei ihr, wandte ihr schnell den Rücken zu, als sie kopfschüttelnd weiter ihres Weges fuhr, und beobachtete aufmerksam den Etagenanzeiger des Aufzugs, der sich offenbar in die oberen Stockwerke bewegte. Cedrics Blick fiel wie zufällig auf das Notausgangsschild über dem Ausgang der Chirurgie und er entschied sich, nicht auf den nächsten Fahrstuhl zu warten, sondern stattdessen die Treppe zu nehmen. Vielleicht konnte er die beiden ja noch einholen. Er musste einfach herausfinden, warum seine süße Motte bei diesem dicken Idioten war. Und da es kurz nach 12 Uhr mittags war, konnte sich der gewiefte Neurologe auch ungefähr ausmalen, wohin der Weg der beiden wohl gehen könnte. Manch einer hätte ihn vermutlich wegen seines albernen Vorhabens für idiotisch gehalten, aber es fuchste den zweifachen Vater nun mal tierisch, nicht zu wissen, was dieser Typ mit dem ekelhaften Charmeblick, auf den offenbar jedes ledige und nicht ledige weibliche Wesen in diesem Krankenhaus, inklusive seiner Mary, reinzufallen schien, mit SEINEM Mädchen zu schaffen hatte.

Zwei Stufen auf einmal nehmend rannte Dr. Stier in Rekordgeschwindigkeit die vier Etagen nach oben und war diesmal erfolgreicher als noch zwei Minuten zuvor. Um seine Fitness war es also doch nicht so schlecht bestellt, wie er eben noch gedacht hatte. Er erreichte nämlich in genau dem Moment schnaufend den siebten Stock, als sich die Aufzugtüren wieder öffneten. Heftig ausatmend und nach Sauerstoff schnappend stützte er sich mit einem Arm an der Wand ab und ließ erst einmal die Gruppe hungriger Kollegen aus der Pädiatrie vorbei, die schnatternd Richtung Cafeteria wanderten. Dann sprang er den beiden letzten verbliebenen Fahrgästen regelrecht vor die Füße. Mehdi und Sarah wichen erschrocken einen Schritt zurück, als sich ein ziemlich gehetzt wirkender Dr. Stier ihnen so plötzlich in den Weg stellte. Mehdi war der Auftritt von Marias Exmann gleich nicht geheuer gewesen, zumal dieser ihm nun unmissverständlich den bösen Blick zuwarf, der vermutlich schon manchen auf der Stelle zu Stein verwandelt hatte, während die neugierige Sarah Hassmann dem Arzt, der ihr neulich deutlich klar gemacht hatte, dass man nicht heimlich aus Trotz aus Kindergärten abhauen und damit Mütter in Angst und Schrecken versetzen sollte, freundlich entgegenstrahlte...

Sarah: Hallo!

Der Ich-drehe-dem-elenden-Frauenversteher-gleich-den-Hals-um-wenn-er-nicht-sofort-die-Hand-MEINER-Tochter-loslässt-Blick des ein wenig überreagierenden Achtunddreißigjährigen wich sofort einem sanftmütigen Lächeln, als Sarah ihn mit großen leuchtenden Kulleraugen fixierte. Mit fettem Kloß im Hals antwortete er aufgeregt seiner Ältesten...

Cedric: Hallo!

Mehdi, der eben noch ganz schön Fracksausen bekommen hatte, weil er nicht wusste, ob eine solche Begegnung Sarahs Mutter überhaupt recht wäre oder ob damit nun endgültig ihr Blutdruckgerät gesprengt worden wäre, kam nicht umhin, zu schmunzeln, als er beobachtete, wie kleinlaut der eifersüchtige Vater doch plötzlich nach nur einem Blick in die strahlendblauen Augen seiner Tochter geworden war. Leider hielt dieser Friedenszustand nicht allzu lange an. Denn niemand lachte Dr. Stier ungestraft aus. Ein finsterer Blick traf Dr. Kaan, während Sarah Cedric neugierig von der Seite musterte und ungeduldig an Mehdis Hand zog, weil sie endlich weitergehen wollte. Das leckere Essen aus der Kantine roch nämlich schon bis hierher und sie spürte deutlich ihren Magen knurren.

Sarah: Cederederick, gehst du auch essen? Du kannst mit uns mitkommen, wenn du magst!

...schlug das kleine Mädchen unbedarft vor und stellte die beiden Männer damit vor ein mittelschweres Dilemma. Denn keiner der beiden legte besonders viel Wert darauf, freiwillig Zeit mit dem jeweils anderen zu verbringen. Während Mehdi an sich nichts gegen ein Treffen zwischen Tochter und Vater hatte, sich aber angesichts dessen „Freundlichkeiten“ ihm gegenüber doch ein wenig um sein Leben und sein Essen Sorgen machte, war Sarahs Vorschlag nur der nächste Schlag in Cedrics Magengrube an diesem schon recht schwierigen Tag, der allmählich die Top-Ten seiner miesesten Tage erklomm. Sein kleiner Goldschatz hatte immer noch nicht den Hauch einer Ahnung, wer er war und wie viel es ihm bedeutete, mit ihr zusammen zu sein. Er hätte es ihr so gerne gesagt, sie in den Arm genommen, sie durch die Luft gewirbelt und nie mehr losgelassen, aber damit hätte er es sich vermutlich für immer mit seiner Mary verscherzt, deren finsterer Ich-warne-dich-Rick-Blick plötzlich als Spiegelbild auf den sich schließenden Aufzugstüren auftauchte. Aber sie stand natürlich nicht hinter ihm, wie ein vorsichtiger Kontrollblick über seine Schulter zeigte.

Apropos, Bloody Mary, wo steckte das sture Weibsbild eigentlich? Von der Dienstbesprechung heute Morgen mit dem Professor wusste er nur, dass sie sich wohl krank gemeldet hatte und er ihre Schichten mit übernehmen sollte. Er hatte die ganze Zeit während der halbstündigen Sitzung ein komisches Gefühl gehabt, weil Prof. Haase ungewohnt herumgedruckst und ihn dabei immer wieder so seltsam angeschaut hatte. Oder hatte er sich das nur eingebildet? Er hatte Marias Krankmeldung eigentlich für eine bescheuerte Ausrede gehalten, um nicht weiter mit ihm konfrontiert werden zu müssen. Es hätte ihn nicht mal gewundert, wenn sie Berlin fluchtartig verlassen hätte. Hatten sie seine im Delirium verfassten Nachrichten so sehr unter Druck gesetzt, dass sie keinen anderen Ausweg mehr wusste, als ihm komplett aus dem Weg zu gehen? Er konnte überhaupt nicht mehr einordnen, was mit ihr los war. Diese Frau war komplizierter, als den Code des Safes der Bundesbank zu knacken. Aber machte nicht gerade das sie so unheimlich anziehend für ihn? Die verbotene Frucht zu knacken! Ihr ging es doch genauso. Zumindest hatte er bis Samstag nach dieser unglaublichen Nacht, die sie miteinander verbracht hatten, diesen Eindruck gehabt. Dessen ungeachtet wieso verschwand sie dann so plötzlich von einen Tag auf den anderen? Sie hätte doch niemals Sarah allein zurückgelassen. Was machte die süße Maus also hier in der Klinik? Ohne ihre Mama, aber in der Obhut von Marias Ex-Affäre. Oder lief da doch noch was zwischen den beiden? Nein, so wie der heute mit der kleinen brünetten Krankenschwester herumgeturtelt hatte, konnte man das wohl zum Glück ausschließen.

Trotzdem blieb ein mulmiges Gefühl zurück und irgendwie nagte auch die Eifersucht an ihm, weil sich Sarah und Dr. Kaan offenbar blendend zu verstehen schienen, während er mal wieder außen vor geblieben war. Vielleicht wäre die Gelegenheit ja doch ganz günstig, etwas in Erfahrung zu bringen? Also zögerte Dr. Stier nicht und setzte ein übertrieben freundliches Lächeln auf, welches Mehdi gleich ganz unheimlich vorkam, so als ob Marias Ex irgendetwas in Schilde führen würde, was sein Magendrücken nur noch verstärkte, und nickte seiner Tochter, die ungeduldig auf eine positive Antwort wartete, zustimmend zu...

Cedric: Klar!

Sarah: Supi!

...griente Sarah Cedric begeistert an, riss sich von Mehdis Hand los und stürmte vorn heran in die Cafeteria, wo sich bereits einige Kollegen zum Mittagessen eingefunden hatten. Stumm folgten die beiden Ärzte dem Mädchen. An der Tür zur Kantine gab es eine kleine Rangelei, weil beide gleichzeitig hindurchgehen wollten. Der Klügere, in dem Fall Mehdi, gab schließlich nach und ließ Cedric freundlicherweise den Vortritt, was dieser mit einem weiteren bösen Blick kommentierte. Augenrollend folgte der friedliebende Frauenarzt seinem wutschnaubenden Kollegen. Na, das konnte ja noch heiter werden, dachte er dabei und ahnte bereits, dass das nur in einer mittelschweren Katastrophe enden konnte. Mittlerweile hatte Mehdi seinen Appetit nämlich schon gänzlich verloren. Aber wenn zwei Züge auf einem Gleis unweigerlich aufeinander zu rasten, konnte man schon mal den Gedanken an eine letzte Mahlzeit verdrängen.

Die beiden Männer schauten sich nun suchend in dem großen lichtdurchfluteten Raum um und entdeckten die Sechsjährige ganz am Ende vor den großen Panoramafenstern, die auf die verschneite Dachterrasse zeigten. Hektisch winkte sie den beiden zu und rief sie durch die gesamte Cafeteria zu sich heran, so dass nun auch der letzte Kollege ihre ganze Aufmerksamkeit hatte. Missmutig gingen sie an den Tischen vorbei, nickten dem einen oder anderen Kollegen zu, der sie grüßte, gaben Sarah ein Zeichen und stellten sich schließlich hintereinander in die Reihe der Selbstbedienung. Keiner der beiden sagte auch nur einen Ton. Dr. Stier nahm sich einen Teller mit Schnitzel und Pommes vom Büffet und warf immer wieder einen neugierigen Blick über die Schulter, um zu schauen, was sein Konkurrent hinter ihm tat. Grinsend beobachtete er, wie dieser sich eine große Portion Griesbrei auf das Tablett lud und dazu noch einen bunten Obstsalat. Damit fühlte sich Cedric in seinem Eindruck, den er schon immer von dem nervigen Gynäkologen hatte, der eigentlich keine Gefahr für ihn darstellen sollte, bestätigt, dass dieser doch nur ein Mädchen war.

Das musste Cedric jedoch in der nächsten Minute revidieren, als Mehdi nämlich den Teller mit dem Griesbrei nicht vor seine, sondern vor Sarahs Nase stellte, die ihn dankbar dafür angriente und gleich gierig nach ihrem Löffel griff und auch schon beherzt zuschlug, da hatten sich die beiden Ärzte noch gar nicht hingesetzt. Verärgert, weil sich sein Rivale dreisterweise neben seine Tochter gesetzt hatte, wo er eigentlich hatte Platz nehmen wollen, und weil er selbst nicht auf die Idee gekommen war, sie nach ihrem Lieblingsessen zu fragen, setzte er sich ihr gegenüber. Schweigend widmete sich nun jeder seinem Teller. Doch Cedric konnte nur in seinem Essen herumstochern. Zu groß war die Anspannung. Und auch der Obstsalat von Mehdi schmeckte diesem nicht sonderlich. Die Luft war zum Zerreißen gespannt und er fühlte sich unentwegt von dem Chirurgen beobachtet und hielt daher dessen Messer stets im Blick. Sarah merkte von alledem nichts. Ihr schmeckte der Griesbrei so gut, dass sie sich am liebsten gleich noch Nachschlag geholt hätte, nachdem sie ihren Teller ratzfatz leer geputzt hatte. Aber die Tischmanieren, die ihre strenge Oma ihr unentwegt eingetrichtert hatte, besagten nun mal, dass sie geduldig abwarten musste, bis die Erwachsenen auch fertig waren, die mit am Tisch saßen. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, die Welt um sich herum interessiert zu beobachten. Und das mit dem Klappe-Halten während des Essens war auch so eine doofe Regel ihrer Großmutter, die sie nur ungern befolgen wollte. Also sprach sie ohne Umschweife ihre beiden schweigenden Tischpartner an, während sie hibbelig ihre Beine vom Stuhl herunterbaumeln ließ...

Sarah: Und hast du heute schon viele Menschen opferiert, Cederederick?
Cedric (überrascht, weil seine Tochter das Gespräch sucht): Äh... ja, ich war heute schon im OP. Ich habe einem Patienten eine Kugel aus dem Kopf geholt.
Sarah (klappt staunend ihre Zuckerschnute auf): Boah, das ist aber voll cool. Aber weißt du, was noch viel, viel cooler ist?
Cedric (hängt gebannt an ihren Lippen): Was denn?
Sarah (quietscht vergnügt auf): Ich durfte vorhin ein Baby halten. Ganz alleine. Das war sooooo toll!
Cedric (verschluckt sich fast an der Pommes, die er gerade in seinen Mund geschoben hat, u. blickt eifersüchtig zu Dr. Kaan rüber): Ach?
Mehdi (bemerkt den tötenden Blick, den Cedric ihm zuwirft, u. versucht ihn augenrollend zu beschwichtigen): Sie wollte unbedingt die Neugeborenen anschauen gehen. Tja, das alte Spiel!

Der finstere Blick des Neurochirurgen wurde noch finsterer, aber dann wurde er auch schon wieder von seinem Töchterlein abgelenkt, das hibbelig auf ihrem Stuhl herumrutschte und bettelnd zwischen den beiden Männern hin und her schaute...

Sarah: Da gehe ich gleich wieder hin, aber vorher will ich noch Nachschlag. Darf ich, Onkel Mehdi? Bütte! Bütte!
Cedric (verdutzt starrt er zu den beiden rüber): Onkel?
Mehdi (lächelt Sarah an): Natürlich darfst du. Sagst du bitte Frau Schmidt an der Kasse, dass das mit auf meine Rechnung geht.
Cedric (fällt ihm abrupt ins Wort): Nein, auf meine!
Mehdi (irritiert): Bitte?
Sarah (schaut verwirrt zwischen den beiden hin und her): Wie jetzt?
Cedric (besteht darauf): Auf meine!
Sarah: Oki...do...ki?

Unsicher wendete sich das Mädchen von den beiden Ärzten ab und hüpfte durch die Tischreihen in Richtung Selbstbedienung. Mehdi und Cedric schauten ihr seufzend nach, um sich dann wieder einander zuzuwenden. Wenn Blicke töten könnten, Mehdi wäre wohl jetzt dem Heldentod erlegen. Denn er erhob als erster sein Wort...

Mehdi: Finden Sie das nicht langsam albern, Dr. Stier? Was habe ich Ihnen denn getan?
Cedric (sein Kopf fährt wütend zu ihm herum u. er hebt drohend seine rechte Hand): Was Sie...? Jetzt hören Sie mir mal zu, Sie... Sie...
Mehdi (kann nicht anders, als belustigt darauf zu reagieren): Ja?
Cedric (beleidigt fährt er ihn an): Sie finden das wohl besonders lustig, sich hier aufzuführen, als wären Sie... Sarah ist MEIN Kind! Halten Sie sich endlich von meiner Familie fern oder Sie lernen mich so richtig kennen!
Mehdi (stockt fassungslos): Soll das etwa eine Drohung sein? Dr. Stier, hören Sie, ich habe keine Ahnung, wie der Eindruck entstehen konnte, dass ich mich in Ihr Leben einmischen würde. Das steht mir gar nicht zu und ich habe auch gar nicht vor...
Cedric (unterbricht ihn sauer): Sie sind mit MEINER Tochter hier. Was soll ich da denken?
Mehdi (schaut vergewissernd zu Sarah rüber, die interessiert vor dem Schokoriegelregal steht): Psst! Wollen Sie, dass sie es so mitbekommt? Das ist immer noch Marias Entscheidung.
Cedric (blickt auch kurz zu seinem Mädchen rüber): Denken Sie, das weiß ich nicht? Ich will doch nur endlich wissen, was für ein schräges Spiel hier gespielt wird. Ich habe ein Recht darauf!

Ach Maria, was hast du hier bloß angerichtet? Jetzt dreht er wirklich durch.

Mehdi (sieht ihn verständnisvoll an u. wenn er gekonnt hätte, hätte er auch einen Ton gesagt): Alles was ich Ihnen sagen kann, ist, dass Maria keineswegs mit Ihnen spielt. Glauben Sie mir!
Cedric (so richtig auf die Palme gebracht): Wissen Sie, dass mir Ihr Frauenversteher-Getue so was von auf den Senkel geht. Wenn jemand Maria kennt, dann bin das ja wohl ICH. Ich bin Ihr Mann!
Mehdi (kleinlaut): Ihr Exmann! Aber...
Cedric (hat die Faxen endgültig dicke u. beugt sich bedrohlich über den Tisch): Reißen Sie Ihre Klappe bloß nicht zu weit auf, Sie... Sie Möchtegerncasanova, Sie! Kümmern Sie sich lieber um ihre neuste Eroberung!
Mehdi (lässt sich nicht einschüchtern u. funkelt ihn unbeeindruckt an): Und wissen Sie, was mir an Ihnen auf die Nerven geht? Ihre grundlose Eifersucht. Ich pass doch bloß auf Sarah auf, weil...
Cedric (lässt ihn gar nicht erst ausreden): Ich eifersüchtig? Sie... Sie...

Die Streitigkeiten der beiden Ärzte, die sich immer weiter hochgeschaukelt hatten, hätten noch Stunden lang so weitergehen können, wenn Mehdi nicht bei einem vergewissernden Rundblick durch die Cafeteria, weil sie an ihrem Tisch ziemlich laut geworden waren und der eine oder andere Kollege schon neugierig zu ihnen rübergeschielt hatte, bemerkt hätte, dass Sarah nicht mehr in der Reihe an der Selbstbedienung stand. Er hob die Hand, um Dr. Stier Einhalt zu gebieten, der sich gerade so richtig in Rage reden wollte...

Mehdi: Dr. Stier!
Cedric: Halten Sie den Mund! Jetzt rede ich!
Mehdi (fährt ihm schnell über den Mund): Sarah ist weg.
Cedric: Was?

Alarmiert blickte Dr. Stier auf, sprang von seinem Platz auf und schaute sich um. Und tatsächlich, seine Tochter war nirgendwo in der Kantine mehr zu sehen, die sich mittlerweile bereits wieder zur Hälfte geleert hatte. Vorwurfsvoll wandte er sich wieder zu Dr. Kaan herum, der sich ebenso panisch umgeblickt hatte, nachdem auch er aufgestanden war...

Cedric: Das ist alles Ihre Schuld!
Mehdi: Jetzt werden Sie mal nicht ungerecht. Wenn schon, dann haben wir beide nicht aufgepasst. Und wie Sie vielleicht mitbekommen haben, Sarah geht gerne ihren eigenen Weg.

Stumm nickten sich die beiden Männer zu und liefen im Gleichschritt zur Kasse rüber, um die Kantinenchefin zu fragen, ob sie vielleicht die Tochter von Dr. Hassmann gesehen hatte, die eben noch in der Essensschlange gestanden hatte. Misstrauisch musterte die ältere Dame mit dem Haarnetz über ihren braun gefärbten Locken und der bunten Dederon-Schürze über ihrer Kleidung die beiden aufgeregten Ärzte vor ihrem Tresen...

Frau Schmidt: Och se meenen det kleene Kücken von der Hassmann? Ne ganz Süße, de Kleene! Herzallerliebst und so wohlerzogen!
Mehdi (drängelt): Frau Schmidt?
F. Schmidt: Oh ja, dat Mädelchen war eben noch hier. De Griesbree war alle. Se wollte wohl net uff de Nachschub warten. Dabei war meene Kolleeschin in der Küche schon dabee...
Cedric (unbeherrscht fährt er sie an): Und wo ist sie hin? Jetzt sagen Sie schon!
F. Schmidt (funkelt den ihr fremden Arzt böse an): So nich, Mister! Frechheeten sinn in meener Kantine nich erlobt.
Mehdi (versucht zu vermitteln u. setzt seinen charmantesten Blick auf): Frau Schmidt, bitte! Es ist wichtig. Sie stromert sonst alleine durch die Klinik. Das können wir doch nicht verantworten?
F. Schmidt (wieder etwas beruhigt lächelt sie ihn beipflichtend an): Ach wissense, Dr. Kaan, was hier montags immer los is. Ick kann meene Ochn och nich überall hinkieken. Aber ick globe mich zu erinnern, dat ick se in Richtung Ausgang hab tapsen sehn. Mit de Schoki in de Hand.
Mehdi (nickt ihr lächelnd zu u. dreht sich zu Dr. Stier um, der ihn auffordernd anfunkelt): Danke!
F. Schmidt (sieht dem Frauenarzt tadelnd hinterher): Ach und Dr. Kaan, denkense nich, dat ick nich mitbekommen hab, wie Se vorhin de Pudding stibitzt ham. Det kommt uff Ihre Rechnung, mee Junge. Die is übrigens nächste Woche fällig.

Aber bevor die freundliche Kantinenfrau zu Ende gesprochen hatte, hatten Dr. Kaan und Dr. Stier schon mit wehenden Kitteln die Cafeteria verlassen. Im Eilschritt rannten sie zum Aufzug. Als dieser trotz mehrmaligen Einhämmerns auf den Rufknopf nicht gleich kommen wollte, entschied sich der ungeduldige Neurochirurg, lieber die Treppen zu nehmen. Kaum war er im Treppenhaus verschwunden, hatten sich jedoch die Türen des Fahrstuhls doch noch geöffnet. Mehdi wollte Sarahs Vater noch zurückrufen, aber da war es bereits zu spät gewesen. Er ließ die Fahrgäste noch heraus, die die Cafeteria ansteuern wollten, hastete hinein und drückte mehrmals ungeduldig auf die drei, damit sich die Türen schnell wieder schlossen. Der Frauenarzt hatte nämlich so eine leise Ahnung, wo sich die kleine Ausreißerin vielleicht versteckt haben könnte.

Lorelei Offline

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14.08.2013 23:04
#1432 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Eine hektische Suche begann, in welche auch eine überrumpelte Gretchen Haase schließlich verwickelt wurde, die nach dem Besuch ihres Patienten, den sie vom Aufwachraum in sein Zimmer auf die Intensivstation begleitet hatte, wo er die nächsten Stunden noch überwacht werden sollte, falls doch noch eventuelle Komplikationen auftreten sollten, vom diensthabenden Chirurgen quasi dazu zwangsverpflichtet worden war. Die eifrige Assistenzärztin war nämlich selber gerade auf den Weg in die Cafeteria gewesen, wo sie eigentlich schon seit einer halben Stunde mit ihrem besten Freund und persönlichen Puddinglieferanten Mehdi verabredet gewesen war, um mit ihm gemeinsam noch einmal Marc anzurufen, als Cedric Stier ihr direkt in die Arme gelaufen war. Völlig aufgewühlt und in Sorge, weil ihm seine älteste Tochter abhanden gekommen war. Gretchen fragte sich nicht, wieso er auf einmal Kontakt mit ihr hatte, sondern hatte sich sofort seiner angenommen und ihn versucht zu beruhigen, bevor er noch weiter kopflos durchs Krankenhaus hetzte und Patienten aus dem Weg schupste, die ihm nicht schnell genug die Treppe hinuntergegangen waren. Sarahs plötzliches Verschwinden musste ja nichts heißen. Schließlich kannte Gretchen den unbremsbaren Forschungsdrang der kleinen Miss Neunmalklug aus eigener Erfahrung. Noch am Wochenende hatte der Frechdachs doch tatsächlich einen Kusstest mit Günnis Neffen veranstalten wollen. Zu reinen Forschungszwecken versteht sich. Aber das war das letzte, was Sarahs Vater in dem Moment hatte wissen wollen, wie ihr seine entsetzt aufgerissenen Augen verrieten. Also hatten sich beide zusammengerissen und ans Fensterbrett im Treppenhaus gelehnt kurz ihr weiteres Vorgehen überlegt. Weit konnte die Kleine ja noch nicht gekommen sein. Und da die Neurochirurgie nur eine Etage unter der Cafeteria lag, wollten sie es dort als Erstes versuchen. Schließlich konnte es ja gut möglich sein, dass Sarah sich dort auf die Suche nach ihrer Mama gemacht hätte.

Dass die beiden Ärzte damit gar nicht mal so Unrecht gehabt hatten, sich aber nur das falsche Stockwerk des Gebäudes für ihre Suche ausgesucht hatten, ahnten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die kleine Hassmännin spazierte währenddessen fröhlich lächelnd über die Flure der Chirurgie, linste kurz ins leere Stationszimmer, wo sie sich aus der Glasschale am Empfang noch einen Schokoriegel stibitzte, und visierte als nächstes einen Gang weiter das Fenster des Säuglingszimmers an. Dort angekommen klebte ihr süßes Stupsnäschen auch schon wieder an der bunt bemalten Scheibe und sie griente glücksbeseelt hinein, während sie an ihrem Kinderriegel naschte. Diesmal war mehr Aktion angesagt als noch vor einer halben Stunde, als sie schon einmal hier gewesen war. Drei der Babys strampelten wild in ihren Bettchen herum und schoben immer wieder ihre mit Elefanten und Giraffen bestickten Decken zur Seite. Eine Säuglingsschwester wechselte gerade einem kleinen Schreihals die Windel und bespaßte den Quengler dabei mit Grimassenschneiden, was ihn dann doch irgendwann fröhlich aufquieken ließ, während in der anderen Ecke des Raumes eine frisch gebackene Mutter auf dem Stuhl saß, auf dem auch Sarah vorhin gesessen hatte, und ihr Kind im Arm hielt und dieses Wunder der Natur zärtlich betrachtete.

Die kleine Maus war so fasziniert von den Würmchen und von dem, was in dem Zimmer passierte, dass sie gar nicht mitbekam, wie einige Meter weiter die Freundin von Lillys Papa ein Tablett nach dem anderen mit dem Mittagessen in die Patientenzimmer lieferte. Der Essenswagen stand jetzt vor dem letzten Zimmer auf dem Flur der Gynäkologie. Nachdem sie sich Mut zugesprochen und einmal tief Luft geholt hatte, betrat die brünette Krankenschwester mit einem falschen Lächeln auf ihren rot geschminkten Lippen als nächstes die Dreizehn, um nach nur wenigen Sekunden den Raum auch schon wieder fluchtartig zu verlassen. „Den Schonkostmist können Sie schon mal getrost vergessen, Schwester Gaaabiii. Ich will was Richtiges essen. Etwas, was nicht tot in der dreckigen Erde gesteckt hat. Und besorgen Sie mir endlich das Scheiß-Akkukabel. Das wollte mir Ihr Chef schon längst vorbeigebracht haben. Aber zackig!“, hörte man eine miesepetrige weibliche Stimme ihr laut hinterher schimpfen. Gabi verdrehte nur genervt die Augen, schmiss das Tablett unachtsam auf den Wagen, wobei es dabei auf der anderen Seite beinahe mitsamt dem Teller heruntergefallen wäre, und schob diesen fluchend in den nächsten Gang hinein. Sollte sich doch Mehdi um die blöde Nervpatientin kümmern, meckerte sie still vor sich hin und betrat als nächstes die Teeküche und schloss die Tür hinter sich, um kurz zu verschnaufen und ihre Beine auszustrecken. Schließlich war es seine Entscheidung gewesen, die Nervkuh unbedingt auf seiner Station unterzubringen. Sie hatte doch gewusst, dass das nur Ärger bringen würde.

Während die Krankenschwester blitzschnell um die nächste Ecke verschwunden war, war das kleine Mädchen vor dem Säuglingszimmerfenster auf die laute Frauenstimme aufmerksam geworden, die aus dem Zimmer am Ende des Flurs gekommen war. Sie löste ihre Finger von der Scheibe, drehte sich in die Richtung, woher der vertraute Klang gekommen war, und tapste dann langsam den Gang vor direkt auf die blaue Zimmertür zu, die nach Gabis übereilten Abgang nur angelehnt geblieben war. Schüchtern schob Sarah diese auf, biss sich nervös auf die Lippenspitzen, als sie langsam eintrat, und blickte schließlich erwartungsvoll in den abgedunkelten Vorraum hinein. Als sie zwischen den verschiedenen medizinischen Geräten nicht gleich etwas entdecken kannte, stolperte sie nach kurzem Zögern weiter unbeholfen in das Zimmer hinein, wo sie dann abrupt vor dem großen Bett stehen blieb und die Person darin völlig perplex anstarrte...

Sarah: Mama?



Marc: Mamaaa!? ... Mutter! Mann, eh, wieso hast du mich nicht geweckt? Die blöde Couch ist der reinste Folterstuhl. Ich glaube, ich hab mir ein paar Nerven eingeklemmt. Den Laden verklage ich noch, das schwöre ich dir. Oaaahhh!

...stöhnte zur gleichen Zeit in einem Schweizer Krankenzimmer ein junger Mann meckernd auf und rieb sich die linke Seite, während er sich unter Schmerzen aufrichtete wie ein alter Mann, dem die Gelenke nicht mehr so folgen wollten, wie sie eigentlich sollten, und er seiner verblüfften Mutter neben dem Krankenbett giftige Blicke zuwarf. Elke Fisher hatte soeben beschlossen, aufzustehen und war in ihre goldenen Keilabsatzpuschen geschlüpft. Eine Untersuchung stand an und sie hatte Marc Olivier eigentlich nicht aufwecken wollen. Der Junge brauchte schließlich seinen wohlverdienten Schlaf nach der langen und in ihren Augen völlig unsinnigen Reise. Leider war aber das Gegenteil der Fall gewesen. Der unordentliche Bengel musste ja auch unbedingt seine Sachen direkt neben ihr Bett schmeißen. Quasi eine Einladung, sich die Knochen zu brechen. Natürlich war sie darüber gestolpert, als sie zu ihrem Schrank gehen wollte, und war beim Fluchen, während sie ihrem Sohn Jacke und Tasche hinterher räumte, dann doch etwas lauter geworden als gewollt. Nun würde sie wohl nicht verhindern können, dass er sie zur Untersuchung begleitete. Sie kannte ihren sturen Sohnemann schließlich gut genug. Wie Recht sie doch damit hatte!

Marc: Wo willst du hin?

...kam es in dem Moment auch schon mit merklich besorgter Stimme alarmiert von ihm gesprochen, als Elke mit Kleidungsstücken bewaffnet an ihm vorbei in Richtung Badezimmer stolzierte. Das Klappern ihrer Absätze hallte in seinen Ohren. Marcs schmerzende Glieder waren abrupt geheilt und er sprang geschwind von der Couch auf, um sich ihr in den Weg zu stellen. Elke konnte gar nicht so schnell gucken, wie er sich demonstrativ vor ihr aufgebaut hatte. Aufgeplustert wie ein Gockel oder wie ein Vater vor seinem flügge werdenden Kind, das sich trotz Hausarrest heimlich aus dem Haus schleichen wollte. Dabei war sie doch eigentlich die Erziehungsberechtigte und nicht er. Marcs Mutter verleierte theatralisch die Augen, als sie seinen ernsten Ameisenblick bemerkte, aber vorbei kam sie trotzdem nicht an ihrem sich aufspielenden Sohn, denn dieser hielt sie nun auch noch am Arm fest. Protest regte sich in ihr auf, mit dem sie in ironischer Weise nicht vor dem Tor hielt...

Elke: Marc Olivier, ich werde mich wohl noch umziehen dürfen oder willst du mir dabei etwa helfen? Gehört das neuerdings zum Jobprofil eines Chirurgen?
Marc (für einen kurzen Moment irritiert): Äh... nee! Obwohl...
Elke (ihr Blick verfinstert sich, als er sie plötzlich verschwörerisch ansieht): Marc, ich warne dich!
Marc (stöhnt genervt auf u. lässt seinen Blick kurz gen Decke streifen): Boah! Ich meine ja nur. Ich würde mir schon gerne mal die Operationsnaht ansehen. Aus rein beruflichem Interesse.
Elke (verschränkt empört ihre Arme vor ihrer Brust): Was?
Marc (druckst herum wie ein Schuljunge, der etwas ausgefressen hat): Mann, doch nur schauen, ob alles in Ordnung ist. Verlange jetzt aber nicht noch das blöde B-Wort! Das brauche ich nicht. So wie du mit uns umgesprungen bist in den letzten Wochen, darf ich das.
Elke (aufgebracht funkelt sie ihn an u. schafft es endlich, sich von ihm loszureißen): Wie oft denn noch, hier waren keine Kurpfuscher am Werk, Marc Olivier, sondern Spezialisten. Die Besten, die es momentan weltweit auf diesem Gebiet gibt.
Marc (nuschelt in seinen Dreitagebart): Tzz, nach eigener Aussage!
Elke (hat so langsam die Faxen dicke mit ihrem Jungen): Außerdem ist ein Verband drumherum. Ich werde mich also nicht vor dir entblößen.
Äh... wenn man’s genau überlegt, will ich das nun wirklich nicht sehen.
Marc (zieht sich taktisch zurück): Is ja gut! Ich mein’s ja nur...
Elke (seufzt resignierend): Ich weiß. Ich werde gleich in der Radiologie erwartet. Wenn du mich begleiten möchtest?
Marc: Definitiv!

...antwortete Marc wie aus der Pistole geschossen und war sofort wieder obenauf. Elke verdrehte nur die Augen, bemerkte aber im Augenwinkel, als sie die Tür zum Badezimmer öffnete, wie ihr Sohn sie ohne jegliche Form von Ironie oder Sarkasmus dankbar und zufrieden anlächelte. Sie erwiderte sein Lächeln, nickte ihm zu und verschwand dann für die nächste Dreiviertelstunde im Badezimmer. Auch wenn man krank war, hieß das noch lange nicht, dass man sich gehen lassen durfte. Das hatte sie in den vergangenen beiden Wochen in ihrer stillen Verzweifelung lange genug getan. Eine Dame von Welt, so wie sie eine war, sollte schließlich auch als solche erkannt werden, was einiges an Vorbereitung bedurfte. Selbst wenn man nur vorhatte, zwei Krankenhausgänge entlang zu spazieren.

Die Wartezeit, bis die Diva wieder Audienz hielt, wollte deren Sohn eigentlich nutzen, um in Berlin anzurufen. Marc hatte nämlich gerade alarmiert festgestellt, dass sein erwarteter Rückruf schon längst überfällig war und Haasenzahn deswegen vermutlich schon kurz vorm Ausflippen war. Leider ließ sich sein Handy nicht gleich finden. Bis er feststellte, dass er es im Auto vergessen hatte, vergingen fast zwanzig Minuten, in denen er seine Aktentasche komplett auf den Kopf gestellt und den gesamten Inhalt auf Elkes Bett ausgebreitet hatte. Dabei war sein Blick wieder auf die ausgedruckten Zettel seiner nächtlichen Recherche gefallen. Er konnte gar nicht anders, als die Ergebnisse mit der Akte seiner Mutter zu vergleichen. Als sich der akribische Doktor wieder einigermaßen beruhigt hatte und Elkes Einschätzung endlich teilte, dass die Ärzte hier doch nicht so verblödet waren, wie er anfangs gedacht hatte, fiel ihm wieder siedendheiß ein, was er eigentlich vorgehabt hatte. Eilig verließ er das Krankenzimmer seiner Mutter und lief zu seinem Wagen, schloss diesen auf, angelte sein Telefon aus der Ablage und stellte überrascht fest, während er sich an den Porsche gelehnt eine Kippe anzündete, dass sein ungeduldiges Häschen ihm tatsächlich sechs Nachrichten auf der Mailbox hinterlassen hatte, die er jetzt alle schmunzelnd abhörte, während er Zug um Zug seiner Zigarette einzog.


Sie haben sechs neue Nachrichten.

Nachricht 1 (6.36 Uhr): Maaarc, bist du schon da? Blöde Frage, wahrscheinlich nicht. Es ist ja auch erst kurz nach halb sieben. Ach so, guten Morgen erst mal, mein Schatz! Meldest du dich bitte, wenn du angekommen bist? Ich muss jetzt los in die Klinik. Frühschicht. Wir sind schon viel zu spät dran. Aber Jochen hat verschlafen. ... (Im Hintergrund hört man eine männliche Stimme sich beleidigt beschweren und dann eine Tür knallen: „Hab ich nicht!“) ... Boah! Warum noch mal hab ich ihn aufgenommen? Ich bin einfach zu gut für diese Welt. Lieb dich! Bis dann.

Nachricht 2 (6.59 Uhr): Hey! Ich bin’s noch mal. Hatte ich dich vorhin etwa geweckt? Dann tut’s mir aufrichtig leid! Du bist bestimmt noch im Motel. Du kannst ja noch gar nicht in der Klinik angekommen sein. Jedenfalls, was ich sagen wollte, fahre bitte vorsichtig! In Berlin ist heute Nebelsuppe. Wir werden bestimmt viel zu tun kriegen in der Notaufnahme. So, da ist er endlich. Also... mein Schokoriegel. Hihi! Ich stehe nämlich gerade vorm Automaten. Nervennahrung holen. Hab ich dir schon gesagt, dass mein kleiner Bruder ein Idiot ist? Gerade eben auf dem Parkplatz hätte er mit Chantal reden und alles klären können, aber nein, er zieht natürlich wieder den Schwanz ein. Wieso tun Männer das immer? Egal, ich will dich nicht schon am Morgen mit meinen philosophischen Fragen langweilen. Außerdem geht in diesem Moment mein Dienst los. Ich muss hoch. Meld dich! Kuss, dein Gretchen.

Nachricht 3 (7.42 Uhr): Marc, warum antwortest du mir nicht? Schläfst du etwa noch? Dann auf, auf, raus aus den Federn! Du wolltest doch mittags da sein. Hier ist es noch verhältnismäßig ruhig, was wohl auch daran liegt, dass Schwester Sabine nicht da ist und einen mit ihren Horoskopen belegt. Ich hab trotzdem mal reingeschaut. In der Post lag die neuste Ausgabe ihrer Astrozeitung. Bei dir steht, „In der Ruhe liegt die Kraft. Jemand braucht Sie. Auch wenn er es nicht offen zeigt oder sich dagegen wehrt, er ist Ihnen dankbar. Seien Sie offen und geben Sie ihm Zeit. Die Dinge scheinen manchmal nicht so, wie sie sind. Bleiben Sie optimistisch!“ Klingt doch gut oder? Ich hoffe, das baut dich etwas auf vor deinem schwierigen Schritt. Bei mir stand nur Blabla, so was wie „Ihnen steht ein stressiger Tag bevor. Achten Sie auf die Zeichen Ihres Körpers. Überschätzen Sie sich nicht und gönnen Sie sich Ruhepausen. Sie werden belohnt werden.“ Tzz... Horoskope sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Naja, dafür hab ich mich jetzt mit Schwester Gabi verbündet. Ja, keine Panik, Marc, nicht gegen dich! Wir haben nur Dr. Stier ein wenig gefoppt. Der hat heute vielleicht eine Laune, sag ich dir. Man könnte fast meinen, er wäre dein böser Zwillingsbruder. Hihi! So damit hab ich dich doch jetzt bestimmt aus der Reserve gelockt oder? Ruf mich zurück! Ich vermiss dich.

Nachricht 4 (8.40 Uhr): Schatz, ich wollte dir nur kurz Bescheid sagen, dass ich jetzt in den OP muss. Ein ganz schlimmer Fall ist reingekommen. Menschen können so grausam sein. Mein Handy ist jetzt aus. Ich ruf danach noch mal an. Viel Glück bei deiner Mission und... übertreib es bitte nicht! Du bist Gast, Angehöriger, nicht Oberarzt! Küsschen, dein Haasenzahn, der jetzt am liebsten mit dir am OP-Tisch stehen würde.

Nachricht 5 (11.08 Uhr): Huhu! Ich bin’s. Du hast ja immer noch nicht zurückgerufen? Marc, das ist gemein. Ich könnte jetzt echt deine Unterstützung gebrauchen. Bin gerade mit meinem Vater zusammengestoßen. Er kann so stur sein. Hat der doch heute früh vor versammelter Mannschaft im Foyer Jochen zusammengestampft. Anstatt das zu klären, ist nun der Krieg so richtig ausgebrochen. Der kalte Krieg wohlgemerkt! Die beiden reden kein Wort mehr miteinander, Jochen schmollt und Mama heult mir auch die Mailbox voll, weil sie ihren Jungen so vermisst. Und wer steht wieder zwischen allen Stühlen? Das arme Gretchen. Mit ihr kann man es ja machen. Wenn ich nicht noch so viel zu tun hätte, würde ich am liebsten in den Streik treten. Familienstreik oder so. Gott, ich quatsch dich hier zu und du... Meld dich doch endlich! Ich werde noch ganz verrückt, wenn ich nicht weiß, was mit dir und deiner Mutter ist. Ich mache in etwa einer Stunde Mittag. Vielleicht schaffst du es ja dann, anzurufen, hmm? Mehdi kommt auch. Ich... Wir würden uns freuen.

Nachricht 6 (11.32 Uhr): Marcilein, ja, ich weiß, ich soll nicht nerven, aber ich wünsche mir doch nur ein kleines Lebenszeichen von dir, ob du gut bei deiner Mutter angekommen bist. Sonst steigere ich mich noch mehr hinein und rufe irgendwann sämtliche Krankenhäuser der Region an, ob ein schnuckeliger Porschefahrer eingeliefert worden ist. Du kennst mich, ich würde das echt tun. Mehdi hat mich zwar beruhigt, aber trotzdem. Mir würde auch schon ein kleiner Okay-Smile reichen und dann kann ich mich auch beruhigt wieder den Patienten widmen. Ach übrigens, hab gerade eine tolle OP mit Dr. Stier hinter mir. Du glaubst nicht, wer der Patient ist. Wir reden später, ja? Ich lieb dich. Dein Gretchen.



„Süß“, nuschelte Marc und strich verliebt lächelnd mit seinem Daumen über das Konterfei seiner Freundin auf dem Handydisplay, die sich nackt in den lavendelfarbenen Laken eines Hotelzimmers in der brandenburgischen Provinz räkelte. Was würde er dafür geben, diesen Moment zurückzuholen, als sie sich gestern früh einen Spaß gemacht hatten und sich nach dem Sex gegenseitig im Bett fotografiert hatten. Unbeschwert und frei, ohne jegliche Sorgen und Familienprobleme waren sie gewesen. Und jetzt waren sie hunderte Kilometer voneinander entfernt. Gott, er vermisste dieses verrückte Weibsbild schon so sehr. Dabei war er noch nicht einmal einen ganzen Tag weg. Wie sollte das dann noch in den nächsten Tagen werden? Er hatte noch nicht auf dem Schirm, wie lange er hier bleiben müsste. Getrennt von diesem atemberaubenden Wesen auf dem Foto.

Als der verliebte Mann sein unverbesserliches Mädchen dann endlich zurückrufen wollte, ging diesmal aber Madame nicht ran. Ungeduldig versuchte er es noch ein paar Mal, auch über die Nummer des Stationszimmers, gab dann aber, nachdem er es auch noch bei Mehdi einmal probiert hatte, mit dem sie sich ja zum Mittagessen treffen wollte, entnervt auf. Wahrscheinlich waren beide mit den nächsten Notfällen und Frauenproblemen beschäftigt. Außerdem war seine Beruhigungszigarette mittlerweile aufgeraucht und seine Hand mit dem Handy fast an seinem Ohr festgefroren. So kalt war es nämlich auf dem Parkplatz geworden. Er würde es eben später noch mal probieren.

Als Marc bibbernd die Klinik wieder betrat, wartete seine zurechtgemachte Mutter bereits ungeduldig vor ihrem Zimmer auf ihn und tadelte ihn für seine ungehörige Verspätung, als hätte er etwas ganz Schlimmes ausgefressen, wie ihren Geburtstag vergessen oder den Ameisenhaufen hinter der Familienvilla mit einer von Silvester übrig gebliebenen Rakete gesprengt und dabei sämtliche Rosenrabatten zerstört, die sie in ihren Schaffenskrisen immer hegte und pflegte wie die Engländer ihren Rasen. Kein Wort wurde gewechselt, als sie nun zusammen zur Radiologie liefen und das ungleiche Gespann neugierige Blicke der überwiegend weiblichen Belegschaft auf sich zog, die sich interessiert fragte, wer denn die attraktive Begleitung der schwierigen Problempatientin war, die heute ungewohnt gestylt war und eine ganz andere Aura ausstrahlte wie noch in den Tagen zuvor und beinahe wie eine berühmte Schauspielerin oder Künstlerin auf sie wirkte. Die Röntgenvergleichsbilder waren dann schnell gemacht, von Dr. Meier ungefragt ausgiebig kommentiert und schneller ausgewertet als vom behandelnden Arzt. Und nach einem längeren Fach- oder wohl eher Streitgespräch mit selbigen ging es auch schon wieder zurück in das vorläufige Reich von Frau Fisher, in dem sich deren Sohn mittlerweile ebenfalls häuslich eingerichtet zu haben schien.

Lorelei Offline

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18.08.2013 13:55
#1433 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Währenddessen in einem Krankenzimmer auf der Gyn des Elisabethkrankenhauses

Die himmelblauen Strahleaugen von Sarah Hassmann wurden immer größer, als sie so langsam realisierte, wer da in dem mit gelb-weiß gestreifter Bettwäsche bezogenem Krankenhausbett lag, eine langweilige Neurologen-Zeitschrift von dem verblüfften Gesicht heruntersinken ließ und sie jetzt mindestens genauso fassungslos mit offenem Mund anstarrte, wie sie es gerade tat.

Sarah: Bist du müde? Hast du dich hingelegt, Mami?

...fragte Sarah schließlich nach kurzem Stirnrunzeln in ihrer kindlichen Naivität ihre perplexe Mutter, der seit dem überraschenden Hereinpoltern ihrer Tochter in ihr zwischenzeitliches Asyl förmlich das Herz stehen geblieben war. Ihre kardialen Rhythmusstörungen wurden auch auf dem Monitor neben ihrem Bett angezeigt. Ebenso wie der Anstieg ihres Blutdrucks nach kurzzeitigem Absacken desselbigen, als sie über ihren Lesebrillenrand den Dreikäsehoch durch die Tür hatte tapsen sehen. Die fassungslose Frau wusste nicht, was sie ihr antworten sollte, geschweige denn konnte sie sich erklären, wie ihr süßer Floh ins Krankenhaus gefunden hatte. Um diese Zeit, als eigentlich der Mittagsschlaf im Kindergarten anstand. Sie war doch nicht etwa wieder..., kam es ihr plötzlich wie ein Déjà-Vu in den Sinn und ihr Herzschlag beschleunigte sich wieder. Maria wusste überhaupt nicht, was sie in dem Moment fühlen und denken sollte. Sie wirkte wie paralysiert. Erst als Sarah fröhlich strahlend aus ihrer kurzzeitigen Starre erwachte, mühsam auf ihr Bett kraxelte und über die Bettdecke krabbelte wie eine kleine Raupe, um ihr eine dicke Umarmung zu schenken, reagierte die sprachlose Oberärztin wieder. Sie stöhnte nämlich schmerzhaft auf, als sich ihre Tochter vor dem Sprung an ihren Hals unbedarft auf ihrer Operationsnarbe abstützte und sie sich deswegen zu schnell reflexartig aufrichtete, um ihr zu entkommen.

Maria: Sarah, was... Argh... machst du hier? Müsstest du nicht eigentlich im Kindergarten sein und Schäfchen zählen? Aaahhh... Nicht so stürmisch, junge Dame! Du zerdrückst mich noch.
Sarah: Ich hab dich sooooooo dolle vermisst, Mami.

...quäkte die Sechsjährige ihrer Mami ins Ohr, ohne auf deren aufgeregte Fragen zu achten, während sie ihre dünnen Ärmchen um ihren Hals schlang und sich fest an sie drückte. In ihren Kinderaugen waren sie viel zu lange getrennt gewesen und ihr Wiedersehen musste erst einmal ausgiebig nachgeholt werden mit einer ausführlichen Knuddelattacke à la Sarah Hassmann. Erst als das Klammeräffchen Widerstand spürte, löste sie sich langsam von ihrer sichtlich überrumpelten Mutter, die immer noch kurzatmig war und nicht wusste, wie ihr geschah, und schaute diese mit glücklich leuchtenden Augen an. Ein Blick, der auch Maria augenblicklich besänftigte und ihre Blutdruckwerte wieder auf einen Normallevel lenkte. Obwohl sie sich immer noch nicht erklären konnte, was ihre Motte um die Mittagszeit hier überhaupt zu suchen hatte, und sie sich vor allem fragte, wie sie ihr auf sanfte Weise begreiflich machen konnte, warum sie eigentlich hier war und nicht am Schreibtisch in ihrem Büro oder im OP. Aber dafür war noch Zeit. Viel lieber genoss die alleinerziehende Mutter jetzt, wie sich ihr Töchterlein zu ihr unter die Decke kuschelte. Ein liebevoller Kuss auf Sarahs Stirn folgte, dann streichelte sie ihr lange und zärtlich über die Wange. Sarah kicherte vergnügt, als sie zu ihr hoch sah, und schmiegte sich nun glücklich an ihre Mama, die auch froh war, ihren Goldstern wieder bei sich zu haben. Trotz des Durcheinanders in ihren Gedanken, welches der Überraschungsbesuch ihrer Tochter noch zusätzlich verstärkt hatte.

Nur nach und nach registrierte die Kleine, dass etwas in diesem eigentlich recht gemütlichen Privatzimmer nicht stimmte und dass sich ihre Mutter nicht nur hingelegt hatte, weil sie ein anstrengendes arbeitsreiches Wochenende hinter sich hatte. Sarah fiel verwundert auf, dass Maria anstatt ihrer üblichen OP-Kleidung, die sie immer trug, wenn sie ihr auf Station einen Besuch abstattete, ihren Lieblingspyjama anhatte, an dessen weichen Satinstoff sie sich schon immer gerne gekuschelt hatte. Sie besaß sogar denselben im Miniformat, weil er sich so toll anfühlte, und den ihre Oma für sie geschneidert hatte, weil es ihn in ihrer Kindergröße leider nicht im Kaufhaus gegeben hatte. Und noch etwas bemerkte die kleine Schnüfflerin aus Überzeugung. An der linken Hand ihrer Mama hing ein seltsamer dünner Schlauch, der mit so einem komischen Plastikding direkt in der Haut steckte und dessen anderes Ende zu einer Metallstange führte, welche neben dem Bett stand wie ein merkwürdiges Gerippe und an welcher ein Beutel mit einer durchsichtigen Flüssigkeit hing. Was hatte das denn zu bedeuten und tat das nicht weh, fragte sie sich irritiert. Als die passionierte Hobbyforscherin dies vorsichtig mit ihren kleinen Fingerchen untersucht hatte und sich nun weiter beunruhigt in dem orange gestrichenen Zimmer umschaute, fiel ihr nun auch das rhythmische Piepsen der Apparate neben dem Bett auf. Sarahs Atem ging merklich schneller, als sie sich nun ganz aufrichtete und auf dem Bett hinkniete, um ihrer Mami besser in die Augen sehen zu können.

Maria konnte förmlich dabei zu sehen, wie sich der Gesichtsausdruck ihrer Tochter in Sekundenschnelle veränderte. Von der großen Freude, ihre Mama endlich wiederzusehen, zu heftigem Stirnrunzeln und schließlich zu großer Überforderung und Verunsicherung, weil das sechsjährige Mädchen nicht einzuschätzen wusste, was das alles zu bedeuten hatte. Und dann kam es auch schon, wie es kommen musste. Die ersten dicken Tränen kullerten die zart gerötete Wange der Sechsjährigen hinab, aus denen sich schnell richtige Sturzbäche entwickelten, die gar nicht mehr aufhören wollten. Die überforderte Mutter bereute mittlerweile, ihr nicht eher Bescheid gegeben zu haben, und hatte sichtlich Mühe, die kleine Heulboje wieder zu beruhigen...

Maria: Sarah, Schatz, nein, bitte nicht weinen! Es ist doch gar nicht so schlimm, wie es aussieht.

Maria zog ihr wimmerndes Kind fest in ihre Arme, drückte sie an sich und strich ihr dabei immer wieder beruhigend über den Rücken, auch wenn diese Position - Sarah auf ihrem Bauch liegend - wegen der OP-Schmerzen doch recht unangenehm war und nass war es noch dazu. Aber wie sagte man so schön, echte Helden kannten kein Schmerz. Wobei sich Dr. Hassmann alles andere als eine Heldin fühlte. Heldinnen würden ihren Kindern mehr Vertrauen schenken, dass sie auch mit schwierigen Situationen umzugehen wussten. Aber dass Maria eben nicht den Mut besessen hatte, es ihrer Tochter zu sagen, zeugte wohl eher davon, dass sie selbst mit komplizierten Verwicklungen nicht klar kam. Ihr ganzes sonst so durchstrukturiertes Leben war das reinste Chaos im Moment. Der einzige stabile Faktor war das süße Zuckertütenkind in ihren Armen, das sich in dem Moment von ihr löste, ihre schniefende Nase an ihrem Pulloverärmel abwischte und sie dann aus verheulten Augen fragend anblickte...

Sarah: Nicht?
Maria (legt seufzend ihre Stirn gegen ihre): Nein, der Mama geht es gut, also besser. Mach dir keine Sorgen! Schau mal, die Mama hatte Probleme mit dem Magen und das ist behoben worden. Die Infusion ist doch nur da, damit ich schnell wieder auf die Beine komme und wieder zu dir nach Hause kann.

Maria schob die Bettdecke zur Seite und zog dann ihr Pyjamaoberteil etwas nach oben, damit Sarah einen Blick auf den Verband um ihren Bauch werfen konnte. Die alleinerziehende Mutter wusste aus eigener Erfahrung, dass Kinder Dinge meistens erst richtig begriffen, wenn sie sie direkt vor Augen hatten und anfassen konnten. Und das tat die Sechsjährige jetzt auch, wenn auch sehr zaghaft, weil sie Angst hatte, irgendetwas könnte kaputtgehen. Vorsichtig tippte sie mit ihrem Zeigefinger über den weißen Verband und das große Pflaster am Bauchnabel und blickte dabei immer wieder vergewissernd in das Gesicht ihrer Mutter, die tapfer keine Miene verzog. Zumindest nicht, bis Sarah ihren Kopf auf ihren Bauch legte und abwechselnd zu pusten und mit einer Hand zu streicheln begann, damit er ganz schnell wieder heile wurde. Jetzt musste Maria dann doch schlucken. Und eine kleine einzelne Träne suchte sich ihren Weg über ihren Augenwinkel, die sie jedoch schnell wegwischte, damit das schon genug verunsicherte Kind nichts davon bemerkte.

Sarah: Tut nicht weh, Mami?
Maria: Nein! Alles gut! Und wenn wir Mehdi ganz doll bereden, dann kann ich bestimmt auch ganz schnell wieder hier raus.

Merklich erleichtert richtete sich Sarah wieder auf und setzte sich nun neben ihre Mutter in den Schneidersitz. Die Krokodilstränen waren längst versiegt und sie fixierte Maria nun mit einem eher eingeschnappten Ausdruck in ihren glitzernden himmelblauen Augen, was in der Situation doch recht skurril wirkte. Aber sie war nun mal fest entschlossen, ihre Mama jetzt trotzig zur Rede zu stellen und verschränkte zur Untermauerung des Ganzen auch noch ihre Arme...

Sarah: Bist du deshalb schon so zeitig von Bines Hochzeit weg?
Maria (nuschelt reumütig): Ja, gezwungenermaßen!
Sarah: Wieso hast du denn nichts gesagt? Du hättest mich mitnehmen sollen. Ich hätte mich um dich kümmern können. Ich bin eine gute Krankenschwester. Weißt du noch, als du den fiesen Schnupfen hattest? Da war ich auch da.

Der vorwurfsvolle Ton in Sarahs Stimme aktivierte nun erst recht das schlechte Gewissen von Maria, die merklich mit sich rang. So hatte sie sich das Ganze nun wirklich nicht vorgestellt. Sie hatte ihr Kind doch nur schützen wollen. Sie hatte nicht gewollt, dass Sarah sie so hätte sehen müssen. Ohnmächtig vor Schmerzen auf der Toilette irgendeines Gasthofes in der Provinz liegend. Dann die bangen Wartestunden mitten in der Nacht. Nicht zu vergessen der Schock am Morgen danach, als Mehdi zu den Genesungswünschen noch eine „frohe“ Botschaft verkündet hatte, mit der sie überhaupt nicht umzugehen wusste und die sie bis jetzt bemüht verdrängt hatte. Jetzt kam alles wieder hoch. Das Gefühl, nicht atmen zu können und dass alles auf einen einstürzte. Sarah war doch noch viel zu klein, um das alles zu verstehen, in welchem Gefühlswirrwarr ihre Mutter gerade steckte und immer weiter hineinrutschte, je länger sie mit sich haderte und die Tatsachen, die nun einmal da waren und die sich nicht leugnen ließen, feige vor sich hin schob. Obwohl, vermutlich würde ihre Motte vor lauter Freude total ausflippen, weil sie ihr schon seit Jahren mit einem Geschwisterchen in den Ohren gelegen hatte, was sie stets abgewiesen hatte, weil sie doch zu zweit so ein tolles Team waren. Aber sie waren jetzt kein eingespieltes Duo mehr. Sie würden ein Trio bilden müssen. Oder ein Quartett? Nein, sogar ein Quintett, wenn man es genau nehmen würde, was sie aber nicht tat, weil sie in Sachen „zweite und allerletzte Chance“ immer noch völlig unsicher war. Das waren doch Tatsachen, die einen schon einmal berechtigterweise kurzfristig durchdrehen ließen.

Jetzt bloß nicht vor Sarah ausflippen, redete sie sich gut zu und versuchte ihren Atem zu regulieren. Aber das beklemmende Gefühl in ihrer Brust blieb trotzdem bestehen. Gott, das konnte doch alles nicht wahr sein? Passierte das wirklich, fragte sich Maria Hassmann in diesem Moment verzweifelt und an diesem Tag vermutlich schon zum hundertsten Mal, bemerkte dann aber den ungeduldigen Ausdruck in Sarahs Augen. Sie hatte keine Wahl. Sie musste jetzt etwas sagen. Sonst würde der Keks die nächsten Wochen schmollen. Und Sarah konnte schmollen wie keine Andere. Sie war eine ungeschlagene Meisterin darin. Letztes Jahr hatte sie zwei Monate am Stück kein Wort mit ihr gewechselt, bis sie schließlich nachgegeben und ihr nachträglich doch noch zu Ostern ein Zwergkaninchen geschenkt hatte. Oh Gott, und im schlimmsten Fall hätte sie am Ende drei Stück von der Sorte im Haus. Wollte sie das wirklich? Sie konnte nur beten, dass das Kind ein Junge würde. Die sollten doch angeblich pflegeleichter sein? Aber bei den Genen..., grübelte die werdende Mutter und blickte schließlich leidend an die Decke, bevor sie sich räusperte und sich wieder auf ihre Erstgeborene konzentrierte, die sie mit Schmollschnute anschaute...

Maria: Sarah, weißt du, es ist nicht...

...setzte die Neurochirurgin nach einer langen Denkpause vorsichtig an, kam aber nicht wirklich zu Wort, denn sie wurde sofort von dem Plappermaul unterbrochen, das beleidigt vom Bett herunterrutschte und sich nun im Schneidersitz und mit verschränkten Armen auf den Sessel setzte, der neben dem Beistellschränkchen am Fenster stand...

Sarah: Ich bin aber kein kleines Baby mehr!

Mehdi: Nein, das bist du nicht, mein Fräulein. Trotzdem ist das kein Grund, ohne ein Wort aus der Cafeteria zu verschwinden. Das Krankenhaus ist nämlich kein Spielplatz!

...wandte plötzlich eine ermahnende Männerstimme in das Frauengespräch ein. Die beiden Hassmänninnen schauten verwundert zur Tür, durch die gerade ein schmunzelnder Frauenarzt hereinkam, der instinktiv genau den richtigen Riecher gehabt hatte, den kleinen Floh aber eher im Säuglingszimmer nebenan und nicht bei ihrer Mutter vermutet hatte. Aber als er Sarah nicht bei den Neugeborenen angetroffen hatte, man ihm aber dort bestätigt hatte, sie noch kurz zuvor am Fenster gesehen zu haben, hatte er intuitiv gespürt, dass das Schicksal vielleicht seine Hände im Spiel haben könnte und sie vielleicht zufällig über ihre Frau Mama hatte stolpern lassen. Und er hatte Recht behalten, als er dann die vertrauten Stimmen aus der Dreizehn gehört hatte. Nun stand er hier vor Marias Bett und lehnte sich mutig über den Bettrahmen, erleichtert, die flüchtige Sarah gefunden zu haben und eine heikle Aufgabe weniger zu haben, nämlich deren zickige Mutter mit dem flatterigen Nervenkostüm über ihre unplanmäßige Anwesenheit im EKH aufzuklären. Die giftigen Blicke, die Maria dem lässigen und vor Genugtuung nur so strotzenden Mann jetzt zuwarf, ignorierte dieser wohlwissendlich, nicht aber das reumütige Gesicht der kleinen Ausbüxerin, die ihre Arme um ihre Knie geschlungen hatte und ihr ertapptes rot angelaufenes Gesicht darin vergrub, um ihren Aufpasser nicht länger anschauen zu müssen. Aber dieser Zustand hielt nur kurz an. Denn plötzlich schoss der Wuschelkopf wieder hoch und sie fixierte den Mann in Weiß mit wütend aufblitzenden Augen...

Sarah: Tschuldigung! Du hättest aber auch mal ein Wort sagen können, Onkel Mehdi. Das ist gemein. Ihr seid alle gemein.

Ehe er dem Trotzköpfchen darauf besänftigend antworten konnte, traf Mehdis vergewissernder Blick Maria, die ihn immer noch ebenso wütend anfunkelte wie das Töchterlein...

Maria: Du hast sie hierher gebracht? Sag mal, spinnst du! So war das aber nicht abgemacht.
Mehdi (verdreht die Augen u. umklammert mit beiden Händen den Bettrahmen): Maria, bevor du mir schon wieder unberechtigterweise Vorwürfe machst, ich war mindestens genauso überrascht wie du, als sie vorhin hier aufgetaucht ist. Frau Schnippel hat sie...
Sarah: Der Kindergarten ist unter Wasser, Mami.

...plapperte Sarah kleinlaut dazwischen, um wieder das in ihren Augen zustehende Sagen zu bekommen, und Marias Nerven lagen nach dieser weiteren Hiobsbotschaft nun endgültig blank. Warum nur ging im Moment alles schief, was schief gehen konnte? Hatte sich da oben irgendjemand gegen sie verschworen? Was hatte sie denn verbrochen? Sie wollte doch nur ein ruhiges genügsames Leben mit ihrer Tochter und den Chefsessel im EHK, um ihre Ausbildung zu sichern? Das war doch nicht zu viel des Guten, oder? Aber jetzt hatte sie diesen ganzen Mist an den Hacken, mit dem sie überhaupt nicht klarkam, und musste nun auf die Schnelle auch noch eine neue Betreuung für Sarah organisieren, weil sie hier festsaß in Mehdis schrecklich orangefarbenen „Gefängnis“. Wie viel schlimmer konnte das denn noch werden?

Maria: Aber das ist...
Mehdi (leicht unbeholfen zuckt er mit den Schultern): ...ein Problem, ja. Und das ist nicht das Einzige.

...fügte er noch leise hinzu. Der Halbperser hatte nämlich gerade in den Vorraum des Krankenzimmers geblickt und die beiden weiteren heimlichen Gäste als Erste entdeckt, die gerade wild entschlossen durch die Tür geschritten kamen. Gretchen schaute ihren besten Freund verlegen an und dann schulterzuckend zur Seite...

Gretchen: Tut mir Leid, aber... ihr wart auch nicht gerade zu überhören.

Mehdis entgeisterter Blick wechselte wieder zu Maria und den Monitoren hinter ihr. Nicht dass er gleich noch erste Hilfe leisten müsste. Bei den beiden Sturköpfen wusste man schließlich nie. Zumindest eine Sache beruhigte ihn. Er hatte keine Finger im Spiel gehabt, dass es letztendlich so gekommen war. Das konnte ihm seine sture Patientin somit also nicht vorwerfen, wenn sie wieder Luft bekommen hatte. Und während der Frauenarzt einen Schritt zur Seite trat, drängelte sich eine weitere Person an Gretchen und ihm vorbei ins Zimmer. Maria riss entsetzt die Augen auf, als sie erkannte, um wen es sich dabei handelte, und fühlte sich in ihrer Vorahnung bestätigt, dass es doch noch schlimmer kommen konnte. Sie hätte sich jetzt am liebsten wie eine Sechsjährige unter der Bettdecke verkrochen, aber dafür war es bereits zu spät. ER hatte sie entdeckt und blickte sie nun ziemlich ungehalten an. Sarah begrüßte den verstörten Überraschungsgast dagegen freudestrahlend und ließ ihre kurzen Beine locker vom Sessel herunterbaumeln, auf dem sie gerade bequem lümmelte.

Sarah: Hallo Cederederick!

Cedric: Hallo!

...kam es nur beiläufig von ihm zurück, als er kurz zu seiner Tochter herüberlächelte, deren Wiederauftauchen auf einmal ganz zweitrangig erschien. Denn sein eisiger Blick hatte bereits die attraktive Frau im Bett eingefangen, deren Gesicht bei seinem Anblick immer blasser und nervöser wurde. Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und starrte sie erwartungsvoll an. Und Maria wusste, dass sie ihm jetzt eine Erklärung schuldig war. Das Bild, das sie ihm bot, war schließlich mehr als offensichtlich, wenn selbst ihre gemeinsame sechsjährige Tochter es bemerkt hatte. Maria hatte nur nicht gedacht, dass eine Erklärung für ihr seltsames Verhalten so schnell von Nöten sein würde. Eigentlich hatte sie gehofft, das noch bis zu ihrer Entlassung aus der Klinik hinauszögern zu können. Bis dahin hätte sie sich einige Worte zurechtlegen können als Reaktion auf seine zahlreichen Anrufe und auf das, was in den letzten achtunddreißig Stunden vorgefallen war, die ihr nun natürlich nicht einfallen wollten. Und sie hätte Zeit gehabt, sich zu entscheiden. Aber so unvorbereitet wie jetzt fühlte sie sich hilfloser denn je. Und ein kleiner Funke in ihr hoffte noch immer, dass das alles nur ein Traum war, aus dem sie endlich aufwachen wollte. Aber der Rick, der gerade mit verschränkten Armen und eindringlichem Blick vor ihr stand, war dann doch sehr realistisch.

Mehdi Kaan blickte derweil in Richtung von Gretchen Haase, die unschlüssig am Türrahmen lehnte und ebenso verlegen dreinblickte wie er selbst und sich mindestens genauso unwohl fühlte in der angespannten Konstellation hier im Raum. Vielleicht sollte die Familie das unter sich klären, dachten beide gleichzeitig. Mehdi nickte Gretchen zustimmend zu und trat dann mit ihr im Schlepptau leise den Rückzug an. Zumindest bis zur Außentür des Patientenzimmers, die sie angelehnt ließen. Schließlich konnte man nicht wissen, wie diese längst überfällige Konfrontation ausgehen würde. Deshalb war es vielleicht ganz gut, zwei dienstbereite Ärzte in der Nähe zu wissen.

Lorelei Offline

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22.08.2013 16:45
#1434 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Im Zimmer von Frau Dr. med. Maria Hassmann herrschte unterdessen das Schweigen im Walde. Gegenseitiges Belauern. Argwöhnische Blicke. Vorsichtiges Herantasten. Fragendes Stirnrunzeln. Ein zwickender Magen. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, wenn neben der einen Schweigepartei nicht eine quengelige Sechsjährige mit Hummeln unter dem Hintern hibbelig auf ihrem Sessel herumgerutscht wäre und verwundert zwischen ihrer abrupt verstummten Mama und dem Mann in Weiß hin und her geschaut hätte, der sich schon beim gemeinsamen Mittagessen vorhin so komisch verhalten hatte. Manchmal benahmen sich Erwachsene echt doof, befand Sarah Hassmann schließlich gelangweilt und gähnte einmal laut, was wiederum verwunderte Blicke erzeugte, ehe das gegenseitige Schweigegelübde ihrer Eltern die nächste Stufe auf der Gefrierskala erreichte.

Dr. med. Cedric Stier war eigentlich ein Mann, der hart im Nehmen war. Ein kerniger und gestandener Typ mitten im Leben, der Ehrgeiz besaß, Eier in der Hose hatte und sich stets mutig jeder noch so großen Herausforderung stellte, ob sie nun beruflicher oder privater Natur war. Und er war schon einiges von seiner nicht gerade unkomplizierten Exfrau gewohnt, die auf nie gekannte Weise seine Gedanken dominierte. Schläge aus dem Nichts. Verbale Entgleisungen. Bitterböse Blicke. Verleugnungen. Bisse und Kratzspuren. Abweisungen aller Art. Unerwartete sexuelle Übergriffe, welche wiederum von all den durchaus ebenfalls als positiv interpretierbaren Dingen natürlich die reizvollsten waren. Er genoss die Spannung, die stets zwischen ihnen lag, arbeite manchmal regelrecht darauf hin, weil allein schon der Kick ihm mehr Genugtuung brachte als manche komplizierte Hirn-OP. Aber das hier überstieg noch einmal alles, was sie sich jemals ihm gegenüber geleistet hatte in den vergangenen Wochen und Monaten, in denen er schon so einiges bei ihr mal mehr mal weniger erfolgreich versucht hatte. Jetzt war das Maß endgültig voll!

Der sonst so routinierte Neurochirurg schien wie vor den Kopf gestoßen und war immer noch vollkommen perplex von der Gesamtsituation. Dem Bild, das eine sichtlich geschwächte Mary im Krankenbett abgab, der Infusion, dem kontinuierliche Piepsen der Apparate und Sarahs Gelassenheit dem allen gegenüber. Er konnte sich nicht wirklich erklären, was das hier jetzt sollte. Dass seine Herzangebetete vielleicht einen Unfall gehabt haben könnte, wie er sich Samstagnacht noch während einer alkoholbedingten Panikattacke ausgemalt hatte, oder aus welchen Gründen auch immer einen Eingriff als Patientin und nicht als Oberärztin hinter sich hatte, kam ihm in dem Moment trotz all der Offensichtlichkeiten noch nicht in den Sinn. Schließlich war seine Bloody Mary auch immer diejenige gewesen, die nichts und niemand - außer ihm vielleicht - aus der Bahn werfen konnte und die immer, ob mit oder ohne Fieber, Migräne oder sonstige frauliche Leiden, die sie immer besonders garstig werden ließen, ihren Mann, äh... pardon, politisch korrekt, ihre Frau stand.

Nachdem er und Dr. Haase auf der Neurologischen Station nicht fündig geworden waren, hatte der nächste Weg, das entflohene Kücken wiederaufzuspüren, sie instinktiv in die dritte Etage geführt. Cedric hatte noch im Ohr gehabt, wie begeistert Sarah von ihrem Babybesuch gewesen war. Und tatsächlich hatten sie dann in der Gynäkologie schnell eine Spur gefunden. Im Wartebereich hatten Sarahs Jacke und ihr Rucksack gelegen, den er immer noch fest an seine Brust gedrückt hielt, während er mit seiner freien Hand den Bettrahmen umklammerte und misstrauisch Sarahs Mutter fixierte, die eisern schwieg und offenbar am liebsten ganz unter der Bettdecke verschwinden wollte. Im Sinne von „Ich werde nicht gesehen, also bin ich auch gar nicht hier“. Wie kindisch! Im Gegensatz zu der kurzfristig entschwundenen Sechsjährigen, die ihm gerade grinsend die Biene-Maja-Tasche wieder aus den Händen gerissen hatte und nun der Chaostheorie folgend ihre Malutensilien auf dem kleinen Beistelltisch ausbreitete, wollte sie offenbar nicht gefunden werden. Um das zu kapieren, benötigte man kein Psychologiestudium. Es genügte ein einziger Blick in ihre weit aufgerissenen schreckhaften Augen, die ihm deutlich signalisierten, dass Maria einer Konfrontation mit ihm nicht gewachsen war und es vermutlich auch nicht darauf ankommen lassen wollte. Tja, wenn das so war?

War er eben noch total verwirrt gewesen, ihre Stimme überhaupt in einem der Krankenzimmer in der gynäkologischen Abteilung gehört zu haben, war der Achtunddreißigjährige jetzt nur noch wütend und enttäuscht. Weil er offenbar der Letzte in diesem vermaledeiten Krankenhaus war, wo jedweder Tratsch eigentlich Hochkonjunktur hatte, der von Marys Aufenthalt hier erfahren durfte. Die steckten doch alle unter einer Decke. Der Professor. Der dicke gutmütige Gynäkologe, in dessen Obhut Sarah sich befand. Und die gar nicht mal so unschuldig wirkende Assistenzärztin, die ihn mit Händen und Füßen davon hatte abbringen wollen, gerade dieses Patientenzimmer zu betreten, obwohl er genau an ihrem Gesichtsausdruck hatte ablesen können, dass sie die beiden Hassmann-Stimmen ebenso erkannt hatte wie er. Wenn er nicht zufällig in den Raum hineingestolpert wäre, würde er vermutlich noch immer unwissend durch die Gänge des EKHs streifen und sein verkorkstes Leben und dieses sture Weibsbild verfluchen, das seine aufrichtigen, aber peinlich und unüberlegt ausgeführten Liebesbekundungen ignorierte wie Angela Merkel die Berichte über den NSA-Abhörskandal. Er hatte genug gesehen!

Cedric: So muss ich es also erfahren, ja? So viel zum Thema Vertrauen, Mary.

...sagte Marias Exmann nur leise mit brüchiger Stimme, blickte ein letztes Mal auf die blinkenden Monitore und in ihr verhuschtes Gesicht unter der Bettdecke und wandte sich schließlich enttäuscht ab, um zur Zwischentür zu gehen. Die kleine Sarah schaute dem Mann verwundert nach und dann ihre Mutter an, die ebenso durcheinander dreinblickte und sich innerlich mehrmals verfluchte, weil ihr Fluchtversuch von vorhin leider misslungen war. Er hätte ihr jetzt einiges ersparen können. Allen voran die neugierigen Kinderfragen ihrer wissbegierigen Tochter.

Sarah: Wieso geht er denn jetzt wieder, Mami? Will er dich nicht untersuchen?

Diese zuckersüße kindliche Feststellung ließ Maria Hassmann endlich aus ihrer anfänglichen Schockstarre aufwachen. Sie blickte Sarah mit einem seltsamen Ausdruck in ihren Augen an, schloss diese für eine kurze Sekunde und gab sich schließlich einen Ruck und pfiff die beleidigte Leberwurst zurück, die bereits die Klinke der Außentür in der Hand hielt...

Maria: Jetzt warte, Rick, verdammt noch mal! Musst du alles in den falschen Hals kriegen, du Idiot?

Der unverfälschte Nachdruck in ihrer noch leicht krächzend klingenden Stimme bewirkte ein abruptes Innehalten des Angesprochenen. Nach kurzem Zögern ließ er die heruntergedrückte Klinke der Tür wieder los, die daraufhin ins Schloss fiel und die heimlichen Zuhörer auf dem Gang erschrocken zusammenzucken ließ. Langsam drehte sich der Neurochirurg wieder um und folgte dem Lichtstrahl der Sonne zurück in das Zimmer. Ein breites Schmunzeln legte sich auf seine verhärteten Gesichtszüge, als er plötzlich auch noch die belehrende Stimme seiner ältesten Tochter vernahm, die ihre Hände in die Hüfte gestemmt hatte und ihre Mami ansah, wie es sonst immer Frau Schnippel tat, wenn sie oder Finn-Kevin mal wieder im Kindergarten etwas angestellt hatten...

Sarah: Mami, man darf keine Schimpfworte benutzen! Das macht man nicht! Da verbrennst du dir noch die Zunge. Und du hast doch schon Bauch-Aua.

Bauchschmerzen, fragte sich Cedric irritiert und erkannte so langsam, dass seine zickige Ex wohl doch nicht ganz so freiwillig an diesem Ort Asyl bezogen hatte, wie er anfangs noch gedacht hatte, und an dem er sie vermutlich niemals vermutet hätte. Aber in dieser Hinsicht würde er später noch ausgiebig nachhaken und er würde sich Zugriff zu ihrer Krankenakte verschaffen, die komischerweise nicht am Rahmen ihres Bettes hing, wie es eigentlich üblich war. Jetzt folgte er erst einmal dem Köder, den sie ihm mit merklich großer Überwindung hingeworfen hatte.

Cedric: Ganz genau! Aber deine Mutter hatte schon immer die größere Klappe von uns allen.

...gab Cedric seiner Ältesten überraschend Schützenhilfe, nachdem er den lichtdurchfluteten Raum wieder betreten hatte und sich nun am Fußende des Bettes platzierte, von wo aus er den besten Blick auf das vor sinnlicher Wut immer röter werdende Gesicht seiner widerspenstigen Traumfrau und die Grinseschnute seiner süßen Tochter hatte, die er jetzt augenzwinkernd genauer ins Visier nahm und sich dabei gleich noch mehr in sie verliebte. Kichernd wandte Sarah ihren Blick ab, nachdem sie seinem bis zu einem verräterischen Augenzwinkern lange standgehalten hatte, schnappte sich ein Kissen, klemmte sich dieses unter ihr Ohr und sich an die Lehne des bequemen Sessels, auf dem sie zusammengerollt lümmelte und ihre Mami im Bett beobachtete, die sich in dem Augenblick begann zu echauffieren.

Maria: Witzig, Rick, witzig! Hattest du nicht den Ausgang gesucht? Da ist er!

...kam es nach seiner fiesen Spitze beleidigt vom Bett zurück. Aber Cedric war alles andere als zum Scherzen aufgelegt und es müsste schon ein Feueralarm passieren, ehe er sich von dem Fleck wieder wegbewegen würde, auf dem er sich jetzt gerade befand. Jetzt, wo seine liebste Zicke wie eine Maus in der Falle lag. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Mit unbeeindruckter, aber zunehmend herausfordernder Miene blickte er zu Maria herab, die sich mittlerweile unter Schmerzen aufgerichtet hatte und nun in der ihr am bequemsten Lage am Kopfende des Bettes lehnte, die Bettdecke bis unter ihr spitzes Kinn gezogen.

Cedric: Wolltest du nicht was sagen, Mary? Ich hatte da was im Ohr. Also?

...fragte er unverblümt mit Nachdruck und Maria konnte wegen seiner überheblichen Unverfrorenheit nur die Augen verdrehen und ihn als Antwort so fies wie möglich anfunkeln, was ihn wiederum selbstzufrieden grinsen ließ. Dieser arrogante Mistkerl machte sie wahnsinnig! Gleichzeitig konnte sie sich auch nicht seiner allgegenwärtigen Präsenz entziehen, was sie allein auf die Überdosis Hormone in ihrem Körper schob. Die dürften jetzt auf keinem Fall die Oberhand gewinnen. Irrationales Verhalten einer Schwangeren wäre jetzt vollkommen fehl am Platz. Dann wäre der Supergau endgültig perfekt. Wer wüsste schon, zu was dieser fiese Hormoncocktail sie sonst noch verleiten würde? Nicht dass sie auch noch vor ihm wie vor Mehdi anfangen würde zu heulen. Dieser Mann würde niemals auch nur eine Träne von ihr zu sehen bekommen. Nein, sie musste jetzt ganz klar bleiben. Jetzt, wo sie in der Falle saß und sie ihren Rick ganz bestimmt nicht mit simplen Ausreden abspeisen konnte. Das erbärmliche Bild, das sie gerade abgab, war ja schon mehr als offensichtlich. Und vielleicht hatte Mehdi ja Recht? Wenn sie Cedric gewisse Teile ihrer gegenwärtigen ausweglosen Situation anvertrauen würde, würde das ihr einigen Druck nehmen. Druck, der sie noch vor zwei Tagen direkt in den OP-Saal geführt hatte, aber diesmal auf die andere Seite, als wo sie sonst immer stand. Und irgendwie wollte sie auch tief in sich drin, dass es endlich raus war und sie wieder ohne Hilfe von Schlafmitteln durchschlafen konnte.

Wenn sie nur nicht so viel Schiss vor diesem alles entscheidenden und ihr Leben komplett um 180 Grad umkrempelnden Schritt hätte. Die Hemmschwelle war groß. Zu groß? Größer als bei jeder komplizierten und eigentlich nicht machbaren Operation, die ihr in ihrer bisherigen sehr erfolgreichen Karriere gelungen war. Oder größer als bei ihrem ersten Fallschirmsprung aus einem Flugzeug, vor dem sie an der offenen Tür stehend auch ein mulmiges Gefühl gehabt hatte. Aber mittlerweile war sie eine versierte Springerin und mindestens zweimal im Jahr versuchte sie es einzurichten, einen weiteren Sprung zu wagen, um sich zumindest für wenige Minuten frei und ohne stressige Gedanken um OPs, Lebenspläne, die leidige Partnersuche und dreckige Kinderwäsche zu fühlen. Das Schweben über allem, das Loslassen, der kurzfristige Kontrollverlust war belebend und wahnsinnig energieschöpfend. Sie konnte das! Sie würde jetzt nicht zögern! Aber ob das alles unbedingt vor den neugierigen Augen ihrer Tochter erfolgen sollte? Vielleicht sollte sie ihr Baby lieber später zur Seite nehmen. Also wandte sie sich zunächst entschieden an ihren süßen Keks, dem immer wieder vor Müdigkeit die Äuglein zufielen. Aber als Maria Sarah ansprach, war die Kleine schnell wieder hellwach...

Maria: Sarah, Schatz, würdest du bitte einen Moment rausgehen?
Sarah (Protest regt sich): Nö! Ich will auch wissen, warum ihr immer böse miteinander seid, wenn ihr euch seht. Das war neulich auch schon so.
Cedric (schmunzelt): Ja, das wüsste ich auch gern.
Maria (fühlt sich von beiden in die Enge getrieben): Also das... Wir sind doch nicht böse miteinander. Das... ähm...
Cedric (kann sich einer kleinen Stichelei nicht entziehen): Doch, also eine gewisse Feindseligkeit ist schon...
Ich bring ihn um! Wenn ich wieder auf den Beinen bin, bringe ich ihn um und lasse es wie einen Unfall aussehen.
Maria (fährt ihm zischend über den Mund u. wendet sich dann wieder entschieden ihrer schmollenden Tochter zu): Halt... den... Mund! ... Und du, jetzt tue bitte das, was deine Mutter dir sagt! Frag doch Gretchen oder Mehdi, ob sie dir einen Schokoriegel holen, hmm? Die beiden sind bestimmt noch in der Nähe.
Sarah (setzt sich in den Schneidersitz u. verschränkt trotzig die Arme): Nö! Ich hatte eben schon zwei. Und mehr darf ich nicht an einem Tag. Vergessen?
Seit wann hält sie sich denn daran? Das ist ja was ganz Neues.
Maria (rollt mit den Augen): Dann darfst du eben heute eine Ausnahme machen. Die Erwachsenen möchten sich jetzt unterhalten.
Cedric (amüsiert sieht er sie an): Ach wirklich?
Maria (wirft einen besonders finsteren Blick auf den vorlauten Macho): Eh! Ich überleg’s mir gleich anders und ruf den Sicherheitsdienst.
Sarah (neugierig): Was habt ihr denn zu bereden, Mami?
Cedric (kann es trotz Hassmannscher Warnungen nicht lassen): Das würde mich auch sehr interessieren.

Es war zum Haare raufen mit den beiden, stellte Dr. Hassmann frustriert fest und starrte die in warmen Orangetönen gestrichene Wand an der Seite an. Die beiden zusammen waren eine Macht, gegen die sich die stolze Oberärztin kaum zu helfen wusste. Aber sie durfte sich jetzt nicht aufregen. Sie musste klar und konzentriert bleiben. Fokussiert auf ihr Ziel.

Maria (ignoriert Cedric u. deutet entschieden zur Tür): Sarah, bitte!
Sarah (schmollt): Ich will aber wissen, wieso ihr heute alle so komisch seid. Du hast mir versprochen, mich nicht mehr wie ein Baby zu behandeln.

Der Angriff auf Marias Gewissen funktionierte perfekt, auch wenn sie sich ärgerte, dass Sarah ausgerechnet jetzt Ansprüche stellen musste. Und dass sich ihr Vater auch noch auf die Seite der Sechsjährigen schlug, war der alleinerziehenden Mutter mehr als ein Dorn im Auge. Das stand ihm nicht zu. Noch nicht. Wenn überhaupt je. Das hatte sie nämlich noch nicht entschieden. Und noch stand die Tür für einen Rückzug sperrangelweit offen.

Cedric: Nun lass sie doch, wenn sie unbedingt will!
Maria (zischt ihn an, beherrscht sich aber noch rechtzeitig, um die schon angespannte Situation nicht noch zu verschärfen): Das hast du nicht zu entscheiden. Du hast gar nichts zu...
Sarah (himmelt ihren Helden dankbar an u. macht es sich auf ihrer Sitzgelegenheit wieder bequem): Danke!
Cedric (grient sie glücklich an, weil sie ihm ein zauberhaftes Sarah-Lächeln geschenkt hat): Bitte, bitte!
Maria (eingeschnappt wirft sie das Handtuch): Aber gut, wenn ihr euch unbedingt gegen mich verschwören wollt, bitte! Nur zu! Dann eben so! Die Konsequenzen trägst aber du!
Sarah (kichert): Hihi!
Cedric (rudert zurück u. will Gutwetter machen): Der Eindruck sollte nicht entstehen, Mary.
Maria (hat genug von dem Theater): Papperlapapp! Sarah ist alt genug und sie hat vorhin sehr erwachsen reagiert, als ich ihr geschildert habe, was passiert ist. Also mehr oder weniger.
Cedric (horcht auf): Wie? Sie wusste bis eben auch nicht, dass du hier liegst?
Verdammt! So wird das doch nie was.
Maria (zickt ihn aufgrund seines vorwurfsvollen Tonfalls an): Jetzt fall mir nicht ständig ins Wort, du Nervensäge! Und überhaupt hast du dir gar keine Gedanken gemacht, als du hier wie ein Stier hereingestürmt bist, warum ich ans Bett gefesselt bin?
Elender Ignorant!
So eine Ziege!

Cedric (unbeeindruckt cool): Da du schon wieder nur am Rumzicken bist, kann es ja nicht so schlimm gewesen sein.
Maria (funkelt ihn böse an): Also das...
GGGRRR!!!
Cedric (spürt, dass er zu weit gegangen ist u. schlägt einen anderen Ton an): Okay!? Dann erzähl mal! Ich bin ganz Ohr.

Lässig beugte sich der Chirurg mit beiden Armen über das Fußteil von Marias Bett und fixierte sie mit eindringlichem Blick. Dr. Hassmann schien aber nach seiner unverschämten Ansage immer noch auf Krawall gebürstet zu sein, denn sie hielt ihren Bericht genauso knapp, wie ihre OP-Berichte sonst immer ausfielen, wenn sie auch diesmal in Anwesenheit des Kindes die fachmedizinische Präzision außen vor ließ. Ihren für sie so typischen Zynismus jedoch nicht.

Maria: Okay, ja, wie du siehst, ich hab schlapp gemacht. Ich bin am Samstagabend kurz nach unserem Gespräch zusammengeklappt. Ich hab dich also weder ignoriert, noch zappeln lassen, noch sonst wie verarscht, falls du das in deiner Alkoholumnachtung gedacht hast. Ich hatte ein Magengeschwür so groß wie Brandenburg und bin noch in der Nacht zum Sonntag operiert worden. Kein Grund, mich mit Anrufen zu bombardieren.
Cedric (fassungslos klappt seine Kinnlade herunter): Ach so siehst du das? Du hast doch immer gewollt, dass ich Rücksicht nehme und dir mehr Respekt und Aufmerksamkeit schenke. Und dann denkst du nicht einmal daran, mich darüber zu informieren? Ich hab mir Sorgen gemacht und mir sonst was ausgemalt, dämlich wie ich bin.
Maria (ihre Pupillen schweifen vorsichtig zur Seite zu ihrer Tochter, die interessiert dem Disput folgt, und dann wieder zu ihm zurück): Rick, das willst du jetzt nicht ernsthaft hier klären? Außerdem war ich sediert und bin erst seit heute Morgen wieder einigermaßen auf den Beinen.
Cedric (richtet sich auf u. verschränkt seine Arme vor seinem angespannten Körper): Doch! Dass du einmal nicht gleich weglaufen kannst, sollte ich ausnutzen.

Dieser... GGGRRR!!! Das meint er doch nicht ernsthaft? ... Er meint es ernst!

Sarah (grinst über das ganze Gesicht, als sie sich vergnügt auch einmal einmischt): Hihi! Du bist lustig.
Maria (ermahnend): Sarah!
Sarah (sieht sie mit Schmollmund an u. widmet sich dann wieder ihren Malsachen): Was denn? Ich bin schon mucksmäuschenstill.
Cedric (zieht seine süße Tochter spielerisch auf): Schaffst du das denn überhaupt?
Sarah (beleidigt blitzt sie den Mann an): Sehr wohl!

Maria (versucht sich wieder einen Hauch ernsthafter): Rick, ich halte das für keine gute Idee.
Cedric (richtet seinen gefassten Blick wieder auf die Person im Zentrum des Raumes): Was? Dass wir einmal wie normale Menschen miteinander reden? Dass du dich entschuldigst? Dass du dich endlich den Tatsachen stellst? Oder meinst du das mit uns als Ganzes?
Maria (ihre zynische Stimme überschlägt sich fast): ICH mich entschuldigen? Wofür? Dass DU mir ein Magengeschwür und einen anschließenden Krankenhausaufenthalt inkl. dreiwöchiger Kur beschert hast? Dann sage ich doch mal von ganzem Herzen „danke“.
Cedric (schüttelt enttäuscht den Kopf): Du kapierst es nicht, oder?
Verdammt! Du bist so eine blöde Kuh! Jetzt spring endlich über deinen Schatten. Aus dem Flugzeug hast du’s doch auch geschafft.
Maria (seufzt resignierend u. senkt ihren Blick): Ich finde nicht, dass das hier der richtige Ort und die richtige Zeit für so ein Gespräch ist, Rick.
Cedric: Ach und wann dann bitteschön? Ich versuche seit Tagen... nein, Wochen...

...rang Cedric Stier sichtlich um Fassung, der allmählich die Faxen dicke hatte mit diesem sturen Weibsbild, das sich immer noch nicht entscheiden konnte, was sie denn nun überhaupt wollte, als ihm plötzlich seine sechsjährige Tochter in die Parade fuhr, die das seltsame Hin und Her der beiden Erwachsenen stirnrunzelnd verfolgt hatte...

Sarah: Warum zankt ihr euch schon wieder? Könnt ihr euch nicht einfach wieder lieb haben?
Weiß sie etwa...? Nein, das kann gar nicht sein. Woher auch?
Maria (stockt kurz u. sieht sie durchdringend an): Das verstehst du noch nicht.
Sarah (bleibt hartnäckig): Wieso?
Cedric (mischt sich nun auch wieder ungefragt ein): Siehst du, du nimmst uns beide nicht ernst, Mary.
Maria (empört sich über diesen unerhörten Verdacht): Das... das stimmt doch gar nicht! Ich... Das ist momentan nicht so einfach. Im Moment dreht sich alles. Alles ändert sich und ich bin einfach noch nicht...
Cedric (beendet für sie den Satz, auch wenn es für ihn eine herbe Enttäuschung ist): ...bereit?
Maria (ringt sichtlich mit sich u. wirft ihre Arme in die Luft, die sie danach wieder schlaff auf ihre Bettdecke sinken lässt): Doch! Nein! Ich weiß... Ich weiß es einfach nicht.
Wieso kann ich es nicht einfach sagen?
Ich hab sie überschätzt.

Cedric: Okay, dann... ist es vielleicht besser, wenn ich jetzt gehe?

Als Maria registrierte, wie sich Cedric auf einmal gekränkt zurückziehen wollte, wusste sie plötzlich ganz klar, was sie zu tun hatte. Er hatte vollkommen Recht. Sie hatte beide nicht ernst genommen. Die ganze Zeit nicht, während sie alles mit sich selbst ausgemacht hatte und immer noch keinen Schritt weitergekommen war. Wie sollte das mit ihnen funktionieren, wenn sie nicht völlig ehrlich miteinander waren? Es war höchste Zeit, den Schutzpanzer abzulegen und das große Geheimnis zu lüften. Das war sie beiden schuldig.

Maria: Nein! Warte! Vielleicht sollten wir erst einmal ein Missverständnis klären und dann... dann sehen wir weiter.



http://www.youtube.com/watch?v=9C5KpxvqRFc

Passt zwar nicht ganz hier rein, aber als Mittelchen gegen die Feindseligkeit, die Mary ihrem Rick entgegenbringt, passt es schon als Soundtrack. Gruß, eure Lorelei

Lorelei Offline

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26.08.2013 15:32
#1435 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

In der Zwischenzeit auf dem Flur der Gynäkologie

Gretchen: Meinst du, wir sollten...

...flüsterte Geheimagentin Gretchen Haase leise in Richtung ihres schweigenden Komplizen Mehdi Kaan, biss sich unruhig auf die Unterlippe, als sie ihren Gedanken noch einmal überdachte, und lehnte schließlich vorsichtig ihr rechtes Ohr gegen die geschlossene babyblaue Tür, um in Erfahrung zu bringen, was gerade drinnen passierte. Leider konnte sie im Zimmer überhaupt nichts hören, was die innere Unruhe der Liebesmissionsspezialistin und Familienfilme über alles liebenden Frau gleich noch mehr steigerte. Das Tor in eine geheimnisvolle gefährliche Welt voller Missverständnisse war nämlich gerade so schnell zugeschnappt, so flink hatten die hübsche Assistenzärztin und der überraschte Oberarzt gar nicht reagieren können. Dieser fasste die Schnüfflerin jedoch am Arm an und zog sie mit sanftem Griff von der geheimnisumwitterten Tür weg, die sie nur eine Wand von einem möglichen explosionsgeladenen Happy End trennte, als eine seiner Patientinnen verwundert auf das Ärzteduo im Lauschangriff reagierte, als sie in immer langsamer werdenden Schritten an diesem vorbei in ihr eigenes Zimmer gehen wollte. Dr. Kaan nickte der werdenden Mutter freundlich zu, bis diese darin verschwunden war, und blickte dann seiner ertappt rot angelaufenen besten Freundin eindringlich in die himmelblauen Unschuldsaugen, um ihr den Wind aus den rosaroten Segeln zu nehmen. Auch wenn er selbst mit ihr zusammen natürlich liebend gerne Mäuschen bei den Hassmann-Stiers gespielt hätte. Das musste er zugeben. Schließlich hegte er eine ebenso große Vorliebe für komplizierte romantische Liebeskomödien wie Gretchen, für welche er schon oft blöde Sprüche von Marc Meier kassiert hatte, der mit solchen Dingen überhaupt nichts anfangen konnte, welche für ihn so vorhersehbar waren wie der Ausgang einer simplen Blinddarm-OP, die er sogar mit verbundenen Augen und nur einer Hand durchzuführen verstand.

Mehdi: Vielleicht sollten wir das besser den dreien überlassen. Sie sind doch erwachsen genug. Also Sarah zumindest.

...wandte der Halbperser schmunzelnd als durchaus berechtigtes Argument gegen einen Lauschangriff im Notfallkostüm ein. Ein breites Lächeln schlich sich daraufhin auf Gretchens angespannte Lippen und sie knuffte Mehdi belustigt in die Schulter, ehe ein kleiner Restzweifel wieder die Oberhand gewann und sie grübelnd erneut zur magischen Tür schaute. An einem kleinen Schubser in Richtung ganz, ganz großes Familienglück konnte man doch nichts aussetzen, oder?

Gretchen: Stimmt! Eine bessere Schiedsrichterin gibt es nicht. Aber... Ich weiß nicht. Du hast nicht zufällig einen Schlüssel für das Zimmer?
Mehdi (starrt sie mit offenem Mund an): Gretchen Haase, du bist ja richtig hinterhältig.
Gretchen (grient ihn vergnügt an): Zwanzig Jahre lang das Opfer fieser Meierscher Späße hinterlässt seine Spuren.
Mehdi (lacht u. schüttelt den Kopf): Soso? Immer wieder erstaunlich, welchen Einfluss mein Kumpel auf dich hat. Ich bin mir aber inzwischen sicher, dass Maria mittlerweile vernünftig mit Dr. Stier reden kann, ohne dass es gleich Mord und Totschlag gibt.
Gretchen (verzieht ihre Lippen zu einem Schmollmund): Kein Schlüssel?
Mehdi (entschieden lehnt er Gretchens Vorschlag der heimlichen Kuppelei ab): Kein Schlüssel!
Gretchen (zuckt mit den Schultern u. sieht ihn wieder lächelnd an, weil sie weiß, dass Mehdi Recht hat): Na gut! Aber unter deiner Verantwortung, Herr Doktor!
Mehdi (erwidert ihr ansteckendes Lächeln): Natürlich! Schließlich befinden wir uns gerade in meinem Revier.
Gretchen (schaut ihn grinsend an): Der hätte auch von Marc stammen können. Äh... auf seine Station bezogen, natürlich. Du nimmst deinen Job als Rundum-Wohlfühl-Betreuung für mich ziemlich ernst.
Mehdi: Ich hab ja auch Schläge angedroht bekommen, wenn ich dich nicht mindestens einmal am Tag zum Lächeln bringe.
Gretchen (kichert): Mein Held! Was du alles auf dich nimmst?
Mehdi (beugt sich verschwörerisch zu ihr heran): Verrate mich nicht, sonst kriege ich erst recht Ärger!
Gretchen (deutet mit ihren Fingern einen Schlüssel an, mit dem sie ihre Lippen versiegelt): Versprochen! Es ist zwar schon spät, aber nach der Suchaktion eben hab ich noch mehr Hunger bekommen. Was hältst du davon, wenn wir jetzt in die Cafeteria gehen? Die hier kommen schon ohne uns zurecht.
Mehdi (mit schlechtem Gewissen sieht er sie an): Du, wegen dem gemeinsamen Mittagessen muss ich leider passen. Ich war eben schon mit Sarah und ihrem „freundlichen“ Herrn Papa oben in der Kantine.
Gretchen (zieht ihn schmunzelnd auf): Mit mir wäre es weniger anstrengend gewesen. Aber schon gut! Dann gehe ich eben schnell alleine.

...sprach Gretchen fröhlich aus und wollte sich auch schon auf den Weg machen, als in genau dem Moment ihr Pieper erklang. Sie seufzte, als sie ihn herausholte und darauf blickte. Mehdi schaute ihr interessiert dabei zu...

Mehdi: Sms?
Gretchen: Nein, Pieper. Ein Notfall kommt rein. Dr. Rössel wartet. Das war’s also mit dem Mittagessen heute. Aber Moment...

Gretchen hatte gerade den Pieper zurück in ihre Kitteltasche gesteckt, als sie aus der anderen Tasche ihr Handy herausfischte und mit immer größer werdenden Augen auf etwas aufmerksam wurde, das ihr Herz gleich höher schlagen ließ.

Gretchen: Marc hat angerufen!

...schrie die blonde Assistenzärztin mit strahlenden Augen ihr Glück heraus und Mehdi lächelte ebenso erfreut zurück. Auch er hielt sein Telefon in der Hand und deutete auf sein Display.

Mehdi: Mich auch! „Du Penner, guck weniger Frauen unter den Rock und schau gefällig auf dein Scheißtelefon. Weißt du, wo Haasenzahn steckt?“ Das ist Marc, wie er leibt und lebt! Na siehst du, er hat uns nicht vergessen. Und er scheint gut drauf zu sein. Das ist ein positives Zeichen.
Gretchen (versucht die Glückstränen herunterzuschniefen, die ihre Augen füllen): Ja! Aber ich hab ihn verpasst.
Mehdi (zieht die sichtlich enttäuschte Ärztin in eine kurze tröstende Umarmung): Ihr habt nur ein blödes Timing heute. Das ist alles. Aber das liegt nur an unserem Job.

Und wie zur Unterstützung des Ganzen erklang in dieser Sekunde am Ende des Flurs die Stimme einer hastigen Krankenschwester, „Dr. HAASE!“, was Gretchens Pläne, ihren Liebsten gleich zurückzurufen, ein weiteres Mal zunichtemachte. Heute war wirklich der Wurm drin, dachte sie enttäuscht und löste sich seufzend von Mehdi. Sie lächelte ihn dankbar an und machte sich sofort auf den Weg in die Notaufnahme, wo sie bereits erwartet wurde. Nachdem Gretchen gegangen war, blickte der Halbperser noch einmal auf die geschlossene Tür, vor der er stand, nickte stumm und ging dann in die andere Richtung den Flur hinunter, wo er prompt seiner Lieblingskrankenschwester in die Arme lief, die gerade aus seinem Sprechzimmer herauskam und ihren Chef nun hektisch anschaute.

Gabi: Wo steckst du denn die ganze Zeit? Bei Frau Schnell tut sich jetzt doch endlich was. Die Hebamme ist mit ihr schon unterwegs in den Kreißsaal.
Mehdi (schlingt seine Arme um ihre Schultern, zieht die Widerspenstige zu sich heran u. gibt ihr einen zarten Kuss auf die Lippenspitzen): Ich hatte äh... Freundschaftsdienst. Und ich... Warte! Eine Sms... (tippt hinter ihrem Rücken schnell „Das war keine Absicht, Marc, aber hier ist der Teufel los. Versuche es später noch mal, wenn Gretchen aus der Notaufnahme raus ist. Auch wenn ihr euch verpasst habt, sie zergeht vor Sehnsucht nach dir. Aber das hast du nicht von mir. ;-) Gruß. Mehdi.“ in sein Handy) ...muss noch raus. Dann gehöre ich ganz dir.
Gabi (sieht ihn verdutzt an u. fährt sich mit der Zunge über die eben so sinnlich geküssten Lippen): Soso! So verbringt mein Freund also seine Mittagspause, während ich schuften muss? Und ich darf mich auch noch mit der Nervkuh herumschlagen. Aber da sie deine Patientin und Wie-auch-immer-Freundin ist, darfst du dich nun auch in deiner Arbeitszeit um sie kümmern. Ich bin raus. Ich lass mich nämlich nicht zweimal anschnauzen, nur weil ihr dein Diätplan nicht passt.
Oh je! Dann ist Maria genau in der richtigen Laune für ein Gespräch mit Dr. Stier. Zum Glück haben wir die Tür nicht abgeschlossen. Der Professor hält uns ja auch immer vor, die Fluchtwege freizulassen.
Mehdi (rollt mit den Augen u. nimmt seine Schmollfreundin noch einmal extra fest in den Arm): Meine arme, arme tapfere Stationsschwester!
Gabi (boxt ihm in die Seite, lässt sich dann aber doch auf seine Schmuseattacke ein): Eh! Mach dich nur nicht lustig, mein Lieber! Ich kann auch anders.
Mehdi (streift ihr besänftigend über den Arm): Tue ich nicht. Sie ist Privatpatientin. Und deshalb hat sie jetzt auch ihre eigenen Betreuer zugeteilt bekommen.
Gabi (verwirrt): Hä? Wie jetzt?
Mehdi (kann sich ein schadenfrohes Schmunzeln nicht verkneifen): Ob sie danach dann entspannter ist, wird sich noch zeigen. Es kann eigentlich nur positiver werden.
Gabi: A...ha! Muss ich das jetzt verstehen?

...fragte Schwester Gabi stirnrunzelnd, die mittlerweile nur noch Bahnhof verstand, und blickte ihrem Oberarzt in seine schelmisch aufblitzenden Bambiaugen und setzte sich dann, als sie keine befriedigende Antwort bekam, mit ihm an der Hand in Bewegung. Mehdi grinste nur verschwörerisch und steuerte mit ihr den Kreißsaal an, wo er bereits erwartet wurde.

Mehdi: Nein! Aber wirst du vielleicht noch.
Gabi (schaut sich verwundert auf dem Gang der Station um): Wo ist eigentlich die Mini-Version abgeblieben? Spielt sie schon wieder Verstecken?
Mehdi (grinst noch mehr u. schiebt die Schiebetür zum Vorraum der Kreißsäle auf): Gehört zum neuen Betreuungskonzept von Frau Dr. Hassmann.
Gabi (bleibt vor den Waschbecken stehen u. sieht ihm verdutzt beim Desinfizieren seiner Hände zu): Das ging aber fix.
Mehdi (dreht grinsend den Wasserhahn zu u. lässt sich von Schwester Gabi die OP-Handschuhe u. den OP-Kittel anziehen, zieht anschließend den Mundschutz herunter u. öffnet die Stahltür, die in den Kreißsaal führt): Ich bin eben von der schnellen Sorte. Nicht, Frau Schnell? Da hat es wohl doch jemand plötzlich ganz eilig, hmm? Dann bereiten wir dem wunderhübschen Wonnepropen jetzt einen wunderschönen Start ins Leben. Auf geht’s!

...griente ein sichtlich zufriedener Gynäkologe ins Kollegium, sprach der nervösen Schwangeren einfühlsam Mut zu und machte sich auch gleich ans Werk, während Schwester Gabi ihm kopfschüttelnd hinterher watschelte. Werdende Väter wurden mit der Zeit echt sonderbar, dachte sie kopfschüttelnd und wandte sich Herrn Schnell zu, der dem Ärzte- und Hebammenteam unbeholfen im Weg stand.


Ein paar Zimmer weiter starrte ein weiterer, aber noch unwissender, werdender Vater verblüfft sein Gegenüber an. Er konnte nicht fassen, dass Maria tatsächlich vor Sarahs Augen Tacheles reden wollte. Aber die Sechsunddreißigjährige sah ihn so entschlossen an, dass kein Zweifel daran bestand. Sie meinte es ernst! Das war doch genau das, was er immer gewollt hatte. Warum fühlte er sich dann auf einmal so mulmig zumute? Maria lächelte kurz, um ihre eigene Nervosität zu überspielen, und wandte dann ihren Blick von Cedric auf ihre kleine Tochter, die sie ebenso fragend anschaute wie der Mann in Weiß in der anderen Ecke des Raumes.

Maria: Sarah, Schatz, kommst du mal bitte her! Die Mama will etwas Wichtiges mit dir bereden.
Sarah: Okidoki?

...kam es verwundert von der Sechsjährigen zurück, die sich aber nichts weiter dabei dachte und die Anweisung ihrer Mutter sofort artig befolgte. Sie sprang mit Schwung von ihrer Sitzgelegenheit herunter, wobei einige ihrer frisch bemalten Blatt Papier zu Boden rieselten, und flitzte zum Bett ihrer Mami. Sie krabbelte hinauf und kuschelte sich vorsichtig an ihre Seite, darauf bedacht, ihr diesmal nicht wehzutun mit ihrer Schmuseattacke. Maria, die ihr Kind liebevoll in Empfang genommen hatte, rang derweil nach den richtigen Worten für das Gespräch, vor dem sie sich bislang am meisten auf der Welt gefürchtet hatte. Was hatte sie sich in der Vergangenheit nicht schon alles zurechtgelegt, aber jedes Mal kurz vor der Zielgeraden hatte sie feige gekniffen und den Notausgang gewählt. Diesmal würde sie nicht zurückschrecken wie bei den letzten Malen, als sie über einen kläglichen Versuch nicht hinausgekommen war. Ein für alle Mal wollte sie es endlich klären. Also sah sie ihre große kleine Tochter entschlossen an, die an sie gekuschelt ihr Stupsnäschen erwartungsvoll zu ihr hoch reckte und dabei zum Anbeißen süß aussah, während Cedric am Fußende des Bettes, in dem sie beide lagen, sichtlich nach Atem rang. Das mulmige Gefühl in seiner Brust wurde immer größer und packte nach seinem wild pochenden Herzen. Sie würde doch nicht ernsthaft... jetzt..., traute er sich den Gedanken noch nicht einmal zu Ende zu denken.

Maria: Du erinnerst dich doch sicherlich daran, dass die Mama in letzter Zeit des Öfteren versucht hat, mit dir über eine bestimmte Sache zu reden. Nur dass mir in letzter Konsequenz aber immer die nötige Portion Mut dazu gefehlt hat.

Sie würde, stellte Cedric konsterniert fest und sein Puls beschleunigte sich merklich. Sein Hals wurde ganz trocken und auf einmal empfand er es schrecklich warm in dem engen Patientenzimmer. Er musste dringend etwas tun und ließ deshalb die Jalousien herunter, um die gleißend heißen Wintersonnenstrahlen draußen zu lassen, die den lichtdurchfluteten Raum allmählich in eine Finnische Sauna verwandelten. Anschließend sammelte er die bemalten Blatt Papier wieder vom Fußboden auf, auf denen eine riesige Sonne und Wolken über einem großen Gebäude gemalt waren, das gewisse Ähnlichkeit mit dem Elisabethkrankenhaus besaß. An einem der vielen Fenster konnte er ein blaues Strichmännchen erkennen, das einer weiteren Person auf einer Blumenwiese zuwinkte, die auf einer der oberen Sprossen eines knallroten Klettergerüstes stand und ebenfalls ihren Strichmännchenarm hob, während hinter ihr eine Krankenwagennachbildung vorfuhr. Beeindruckt von den Zeichenkünsten seiner Ältesten legte er die Blätter wieder behutsam auf das Beistelltischchen neben dem Sessel und trat nervös an seinen Platz zurück, strich seine schweißnassen Hände mehrmals an seinem Kittel ab und starrte Maria mit weit aufgerissenen Augen an, die all seine Bewegungen aus dem Augenwinkel heraus verfolgt hatte, was nicht ohne Reaktion auch bei ihr geblieben war, und schüttelte langsam den Kopf. Sie sah dem verunsicherten Neurochirurgen direkt in die Augen und tat es ihm gleich. Sie meinte ihr Kopfschütteln jedoch ganz anders als ihr Exmann zuvor, der zwischen Hoffen und Nichtbereitsein hin und her schwankte, und blickte mit der Entschlossenheit einer Löwenmama wieder auf das süße Klammeräffchen in ihren Armen, das angestrengt über die sonderbare Frage ihrer Mutter nachdachte.

Sie würde nicht kneifen. Diesmal nicht! Dieses Mantra sprach sich Dr. Hassmann in Gedanken immer wieder vor. Es musste endlich raus. Ihr beharrliches Schweigen bei diesem heiklen Thema war schließlich auch einer der Gründe dafür gewesen, weshalb sie letztendlich mit einem fetten Magengeschwür und einem seelisch bedingten Fast-Burnout im Krankenhaus gelandet war. Doch ihr Gegenüber war nicht im Geringsten auf diese überraschende Wendung in ihrem ewig währenden Liebesdrama vorbereitet. Weder auf eine kompromissbereite Mary im Patientenkostüm. Noch auf so viel überwältigende Nähe zu seiner ältesten Tochter. Noch auf das ungeplante Gespräch der Gespräche, auf das er schon ewig hingesehnt hatte. Eigentlich schon seit dem Tag, an dem er der schlafenden zweijährigen Sarah ein letztes Mal über den Kopf gestreichelt, sie auf die Wange geküsst und ihr als Abschiedsgeschenk einen kleinen lilafarbenen Plüschhasen in den Buggy gelegt hatte, bevor seine Frau mit ihr Hals über Kopf aus seinem Leben verschwunden war mit dem Ziel, nie wieder zurückzukehren. Er hatte sich damit arrangiert, soweit man sich eben mit so etwas arrangieren konnte. Bis plötzlich wie aus dem Nichts erst seine Frau und am nächsten Morgen ihr gemeinsames Kind vor ihm gestanden hatte. Was war, wenn sein Engelchen nach dem Offenlegen dieses Geheimnisses nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte? Ihm wurde immer flauer im Magen und er umklammerte angestrengt den Bettrahmen, um nicht noch nach hinten umzukippen. Seine Knie fühlten sich wie Wackelpudding an. Ihm ging sprichwörtlich der Arsch auf Grundeis gerade. Nur verschwommen nahm er die Stimmen seiner beiden Frauen wahr...

Sarah: Äh...nö!
Maria (mit verzweifeltem Nachdruck sieht sie Sarah an): Du weißt schon?
Es ihr unmittelbar vorm Schlafengehen erzählen zu wollen, war wohl ein Griff ins Klo. Jedes Mal war sie beim entscheidenden Punkt eingeschlafen. Ich hätte es schon hinter mir haben können. Verdammt! Du bist so ein feiges Stück, Hassmann!
Sarah (sieht ihre Mama mit großen fragenden Kulleraugen an, als sie ihre ganz eigene Theorie aufstellt): Dass ich keine Jungs küssen darf bis ich dreißig Jahre alt bin? Oder dass ich Finn-Kevin nicht mehr von der Schaukel schupsen darf?

Wenn sie gekonnt hätte, hätte sich die alleinerziehende Mutter jetzt am liebsten in den Hintern gebissen. Die Verpeiltheit hatte Sarah definitiv von ihrem Vater. Dessen Anspannung löste sich nach Sarahs arglosen Fragenkarussell gerade wieder ein bisschen. Sichtlich unterhalten von dem verdutzten Gesicht, das seine Mary gerade machte, verfolgte er nun mit Argusaugen die Mutter-Kind-Fragestunde, ahnte aber selbst auch noch nicht, ob diese wirklich darauf hinauslaufen sollte, woran er gerade aus lauter nervöser Panik gedacht hatte. Tief im Herzen wünschte er es sich.

Maria: Das auch, ja, aber es geht um eine andere Sache.
Sarah: Um welche denn?

...kam es neugierig von der Zuckerschnute zurück, an der Maria allmählich verzweifelte. Aber vielleicht konnte man von einer angehenden Schulanfängerin auch noch nicht so viel logische Kombinationsgabe verlangen, auch wenn sie diese regelmäßig bei anderen Dingen an den Tag legte, so dass man sich manchmal echt darüber wundern konnte, woher sie immer schon so viel Bescheid wusste. Während sie noch darüber nachdachte, meldete sich nun auch Dr. Stier betont locker zu Wort, um vom Eigentlichen abzulenken und noch etwas Zeit herauszuschinden, und schnitt damit seiner perplexen Exfrau die Stimme ab, die sich gerade wieder soweit gesammelt hatte, um zum Geständnis anzusetzen.

Cedric: Wo wir gerade dabei sind... Wie läuft’s denn mit Finn-Kevin, Sarah?

...fragte er betont beiläufig und hatte damit natürlich erst einmal die volle Aufmerksamkeit seiner Kleinen. Zum Leidwesen ihrer schockierten Mutter.

Sarah: Du hattest voll Recht, Cederederick. Der ist total verknallt in mich. Hihi!
Maria (entsetzt darüber, wie sich das Gespräch so drehen konnte): Was?
Sarah (völlig unbeeindruckt plappert sie weiter drauflos u. sieht Cedric dabei die ganze Zeit an): Als ich ihm gesagt habe, was du gesagt hast, dass er nur gemein zu mir ist, weil er mich doll mag, war er total verwirrt, hat mich in den Schnee geschupst und alles abgestritten und seitdem redet er nicht mehr mit mir, wenn wir alleine sind.
Cedric (grinst): Ach ja, die übliche Reaktion eines Mannes, der mit der Wahrheit ganz und gar nicht klarkommt.
Das sagt gerade der Richtige! Über was haben sich die zwei denn neulich noch unterhalten? Ich darf ihn keine Sekunde mit ihr alleine lassen.
Maria (starrt fassungslos von dem einen zur anderen): Das ist nicht dein Ernst, Rick? Ich versuche hier ein ernsthaftes Gespräch, auf das du seit Wochen mit fiesen Tricks hingearbeitet hast, und du gibst einer Sechsjährigen Flirttipps? Hör auf, ihr Flausen in den Kopf zu setzen! Sie schnappt momentan alles auf und setzt es sofort um.
Cedric (schmunzelt über ihr entsetztes Gesicht): Es ging darum, dass sie versteht, wie Jungs wirklich ticken. Mehr nicht. Damit kann man nicht früh genug anfangen.
Sarah: Genau!
Maria (rauft sich die Haare): Ihr macht mich fertig, wisst ihr das?
Sarah/ Cedric (synchron mit ähnlich monotoner Stimme): Ja!
Maria (funkelt die zwei Verschworenen eingeschnappt an): Gut, dann lasse ich es eben. War eh eine völlig blödsinnige Idee. Ich weiß überhaupt nicht, wie du mich dazu bringen konntest.
Cedric (rudert alarmiert zurück): Nein, bitte! So war das doch gar nicht gemeint. Das war ein kleiner Spaß, um die Situation aufzulockern. Ehrlich, ich bin froh darüber, dass du... dass du diesen Schritt wagst. Mehr als du denkst.
Sarah (an ihre Mutter gewandt): Was denn?

Die sichtlich durcheinander wirkende Neurochirurgin schnappte noch einmal hörbar nach Luft und wäre am liebsten auch bei ihrem Entschluss geblieben, wenn sie nicht ein Blick in Cedrics sie aufrichtig anflehende Augen wieder umgestimmt hätte. Er wollte es genauso sehr wie sie auch. Sie musste das jetzt tun. Für ihn. Für Sarah. Für sich. Um ihrem ganzen Chaos ein Stück weit die chaotische Note zu nehmen. Ein Steinchen nach dem anderen. Dieser hier war der größte aller Brocken. Also widmete sich Maria schnell wieder dem eigentlichen Thema, um es endlich hinter sich zu bringen. Was danach passieren würde, hatte sie eh nicht in der Hand. Sie zog Sarah wieder fest in ihre Arme und blickte sie mit mütterlicher Fürsorge an...

Maria: Das, was ich dir gerade sagen wollte, bevor mich dieser Idiot unterbrochen hat.
Sarah (immer noch vollkommen ahnungslos): Oh!
Maria (legt ihre beiden kleinen Hände in ihre u. spielt damit, um sich von ihrer Nervosität abzulenken): Weißt du, das, was jetzt kommt, fällt mir nicht leicht. Ich wusste, dass dieser Moment irgendwann kommen würde, nur habe ich gehofft, dass wir noch ein bisschen Zeit haben. Aber ich denke, mittlerweile bist du groß genug, um dir ein paar wichtige Dinge anzuvertrauen, um die ich bislang immer einen großen Bogen gemacht habe. Weil es eigentlich nie Thema werden sollte. Weil es gut so war, wie es war. Wir beide als unschlagbares Team gegen den Rest der Welt. Aber es gibt da nun mal eine Sache, die sich nicht mehr länger ausklammern lässt und die ich ehrlich gesagt auch nicht mehr ausklammern möchte. Weil das einfach nicht fair dir gegenüber wäre, auch wenn dir deine Oma sicherlich etwas ganz anderes sagen würde. Das musst du dann mit ihr besprechen, wenn sie wieder da ist. Du hast ein Recht darauf, es zu erfahren, weil du eben kein Baby mehr bist, was ich sehr wohl respektiere, du kleine Nervensäge. Ich bin mir sicher, dass du mittlerweile weißt, damit umzugehen. Schließlich lagst du mir damit, seitdem du fließend sprechen gelernt hast, in den Ohren.

Cedric hielt in dem Augenblick den Atem an und ließ seine beiden Frauen keine Sekunde mehr aus den Augen. Wie in Zeitlupe lief das Nächste für ihn ab. Und auch Sarah machte ganz, ganz große Augen, als es plötzlich wie ein Wasserfall aus ihr herausplatzte. Ihr zweitgrößter Traum, über den sie vorhin noch mit Schwester Gabi im Babyzimmer geredet hatte...

Sarah: Ich kriege ein Geschwisterchen! Wie toll!
Maria (klappt fassungslos die Kinnlade herunter u. weiß im ersten Moment nicht, was sie denken u. fühlen soll): Was? Woher...?
Das... das kann doch gar nicht sein?
Cedric (lässt sich auf einen der Stühle an der Tischecke fallen und starrt Maria mit offenem Mund völlig verwirrt an): Wie bitte?

Jetzt war der Moment gekommen, an dem sich die taffe und sonst so selbstbeherrschte Oberärztin und Neurowissenschaftlerin endgültig kurz vorm finalen Nervenzusammenbruch befand. Schlug ihr Herz eigentlich noch? Das hatte doch angehalten? Sie brauchte jetzt definitiv einen Defibrillator. Wo war der verdammte Defi? Wie kam ihre Kleine denn auf diese irrwitzige aber ach so wahre Theorie? Hatte sie etwas von Mehdi aufgeschnappt? Oder sah man es ihr etwa schon an? Kurz senkte die schwangere Ärztin ihren Blick vergewissernd auf ihren Bauch, der noch genauso flach und durchtrainiert wie vor der Operation und den unglaublichen Neuigkeiten war, und zog ihre Bettdecke rasch zurück und klemmte ihre Arme darüber. Jetzt bloß nicht durchdrehen! Nichts anmerken lassen, war jetzt die Devise. Und so schaffte es Maria gerade so, dieses Fünkchen Wahrheit, welches Sarah voreilig unwissend ausgeplappert hatte, noch für sich zu behalten. Das wäre für diese schon recht verwirrende Konstellation eindeutig zu viel des Guten gewesen. Das konnte noch warten, solange man es ihr noch nicht ansah und Cedric ihre Akte nicht entdeckte, die sie sich extra unter ihr Kopfkissen gelegt hatte, damit nicht gleich jeder unfähige Idiot vom Personal, der hier ungebeten hereinplatzte, auf das zukünftige Tratschhighlight des Jahres stieß.

Maria: Es geht um deinen Vater, Sarah!

...korrigierte Maria hastig den Verdacht des vorlauten Plappermäulchens, das außer sich vor Freude auf ihrem Bett herumhüpfte wie ein Känguru, und dieser schwere Seegang bekam der werdenden Mama nicht wirklich. Vielleicht hatte sie etwas zu hastig reagiert? Diese Botschaft zwang nämlich Dr. Stier, der sich gerade von dem Schock wiederaufrichten wollte, erneut in die Knie. Er ließ sich auf den Stuhl zurückplumpsen, an den er sich geklammert hatte, versuchte seinen immer schneller werdenden Atem zu kontrollieren und blickte vorsichtig zu seiner Tochter, um jede Reaktion von ihr festzuhalten, welche sofort mit dem Trampolinspringen innehielt und nun überrascht die Augenbrauen hob, als sie ihre Mutter wieder mit großen Kulleraugen anschaute. Wie schnell die Geschwisterfrage doch plötzlich vergessen war!

Sarah: Oh!
Maria (streichelt der merklich überforderten Sechsjährigen, die wieder zu ihr herangerobbt war, liebevoll über die zerzausten Haare): Ich weiß, du hast viele Fragen und ich verspreche dir, ich werde dir auch jede einzelne beantworten, wenn ich...
Cedric: Mary, du musst das nicht...

...platzte Sarahs Vater aufgewühlt dazwischen, der immer noch kaum wusste, wie ihm geschah und der seine Exfrau mit ängstlichem Blick fixierte, während seine Pupillen sich immer wieder scheu seiner Tochter zuwandten, die ihrer Mami wie gebannt an den Lippen klebte. Maria sah ihren Exmann eindringlich an und nickte leicht mit dem Kopf. Es gab kein Zurück mehr und sie wollte es auch nicht mehr. Sarah sehnte sich so sehr nach einem Vater. Wie könnte sie ihr dann nicht verraten, dass er direkt vor ihrer Nase war und sich genauso sehr nach ihr sehnte wie sie sich nach ihm? Und das tat er. Sie müsste schon blind und vollkommen ignorant sein, wenn sie Cedrics aufrichtige Liebe für seine Tochter nicht erkennen würde.

Maria: Doch! Es ist einfach an der Zeit, das endlich auf den Tisch zu bringen und nicht ständig drumherum zu drucksen. Sonst werde ich noch verrückt. Es hat mich schon ins Krankenbett gebracht. Damit muss endlich Schluss sein. Ich will klare Verhältnisse. Verstehst du?

...wandte sich die alleinerziehende Mutter inständig an ihr Gegenüber, das schließlich verstand und ihr langsam per Kopfnicken die Zustimmung gab. Während sich Cedric und Maria noch stumm mit vielsagenden Blicken verständigen, rutschte Sarah neben ihrer Mutter ungeduldig hin und her. Zappelnd ruckelte sie am Ärmel ihres Pyjamas, um sich aufgeregt Gehör zu verschaffen...

Sarah: Was ist denn nun mit dem Arschloch, Mami?
Cedric (der Moment mit Maria ist dahin u. seine Stimme geht hörbar eine Oktave höher): Was?
Sie hasst mich!
Oh verdammt!

Maria (ebenso empört): Sarah! Das sagt man nicht!
Sarah (setzt ihre zuckersüße Unschuldsmiene auf): Oma sagt das aber immer, wenn ihr heimlich redet.
Maria (klappt den Mund auf u. schnappt nach Luft): Woher weißt du das?
Sarah (sieht sie mit kindlicher Ernsthaftigkeit an): Mami, ich bin kein Baby mehr und ich weiß schon lange, was es bedeutet, wenn ihr auf einmal anfangt zu tuscheln und den Raum verlasst.
Das... das glaub ich jetzt nicht. Sie weiß alles!
Maria (seufzt resignierend): Du machst es mir echt nicht leicht. Weißt du das, mein Schatz?
Sarah (grinst zufrieden über das ganze Gesicht): Hihi! Du mir aber auch nicht, Mami.
Maria (lächelt sanftmütig u. streicht ihr über den Kopf): Schuldig im Sinne der Anklage! Es tut mir leid, wenn du dich ungerecht behandelt fühlst. Ich wollte dich doch nur beschützen. Das tun Mütter gelegentlich. Aber es ist nun mal so, dass etwas passiert ist und ich kann nicht mehr darüber hinwegsehen und es ausklammern. Da du jetzt schon bald ein Schulkind bist, kann ich auch ernsthafter mit dir reden. Und es ist so... Also... dein Vater... er...
Sarah (schaut sie gebannt an): Ja? Was ist denn mit meinem Vati?

...wiederholte die Sechsjährige schüchtern ihre zuvor recht eigenwillig formulierte Frage und Maria zog sie daraufhin in eine feste Knuddelumarmung. Sie stützte ihr Kinn auf ihren kleinen Kopf ab, schlang ihre Arme krakenhaft um ihren kleinen Körper und fixierte gleichzeitig den Mann mit festem Blick, der ihr so viel Ärger wie noch nie beschert hatte und der jetzt nervös wie nie auf seinem Stuhl hin und her rutschte, als säße er auf echten glühenden Kohlen, eine Maßnahme, die dieser Knallkopf wegen seiner fiesen Einmischungen und sonstiger Ausfälligkeiten ihr gegenüber eigentlich gar nicht anders verdient hätte, die aber dank der Rauchmelder im EKH leider an der Durchführbarkeit scheitern würde. Cedric traute sich kaum, aufzuschauen, geschweige denn etwas zu sagen. Die Wahrheit bedeutete ihm viel mehr, als sie bislang geglaubt hatte, stellte Maria berührt fest und sagte es schließlich gerade heraus...

Maria: Er ist wieder da, mein Schatz. Er ist hier und würde dich gerne sehen, natürlich nur, wenn du magst. Es ist allein deine Entscheidung, meine Große.
Sarah (reißt die Augen auf u. starrt ihre Mami ungläubig an): Oh!

Lorelei Offline

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01.09.2013 12:46
#1436 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Sarah: Er ist wieder da?

...fragte das kleine Mädchen noch einmal aufgeregt bei ihrer Mami nach, um sich zu vergewissern, dass sie sie auch tatsächlich richtig verstanden hatte und sie sich nicht noch mal die Ohren putzen musste, weil sie sich schon wieder Dinge vorstellte, die gar nicht da waren, so wie das Geschwisterchen, das sie sich schon immer gewünscht hatte. Maria lächelte schwach, strich ihrem staunenden Kind behutsam über die Wange, ließ ihre eiskalte Hand an Ort und Stelle ruhen und nickte langsam bestätigend mit dem Kopf, ihr beklommenes Gefühl in der Magengegend und das heftige Herzklopfen in ihrer Brust ignorierend und mit einem Auge die Reaktion von Cedric abwartend, der offenbar gerade den Atem angehalten hatte und sie beide nun mit großen erwartungsvollen Augen anstarrte.

Maria: Ja!
Sarah: Ehrlich?

...hinterfragte die Sechsjährige erneut die unglaubliche Neuigkeit, auf die sie so lange schon gewartet hatte und die sie gar nicht richtig begreifen konnte. Denn ihre Mutter und ihre Großeltern hatten sich bislang stets sehr bedeckt gehalten, was dieses Thema betraf. Weshalb sie sich auch nur selten getraut hatte, nachzufragen, und sich stattdessen ihre eigenen Gedankenwelten gebaut hatte. Deswegen hatte sie sich so wie gestern Abend vor dem Schlafengehen mit ihrer besten Freundin Lilly auch die buntesten Bilder über ihn ausgemalt. Ob er wohl wirklich unendlich entfernte Galaxien erforschte? Hoffend blickte sie Maria in die blinzelnden Augen, die sich allmählich mit Tränen füllten, welche die stolze Frau kaum kontrollieren konnte, es aber zumindest versuchte, um nicht ganz ihr Gesicht vor ihrer Tochter und deren Vater zu verlieren, der sich in dem Moment merklich nervös ebenfalls zu Wort meldete und dem das Herz gerade bis zum Hals schlug. Der sonst so wortgewandte Chirurg hatte sich selten so unsicher gefühlt wie jetzt in diesem Augenblick, als er zu seiner kleinen Tochter herüberschaute, die seine Anwesenheit gar nicht mehr bemerkte, so sehr wie sie mit ihren fragenden Blicken auf ihre Mutter fixiert war.

Cedric (atemlos): Ja!
Sarah: Wo ist er die ganze Zeit gewesen?

...wechselte das brünette Köpfchen hektisch von der einen zur anderen Seite, nach Antworten auf ihre tausend ungestellten Fragen haschend. Maria fing mit ihrem steten Blick Sarahs Vater ein, der nun komplett von Herzrhythmusstörungen erfasst wurde und sie verunsichert anschaute. Sollte er jetzt etwas sagen oder nicht? Stand es ihm überhaupt zu? Oder war das allein die Aufgabe der Sorgerechtsberechtigten? Als hätte sie seine Gedanken gelesen, schloss Sarahs Mutter ihre Lider und nickte dem ängstlichen Mann ermutigend zu, dessen Anspannung regelrecht auf sie übersprang, und so nahm sich Cedric schließlich allen Mut zusammen. Er trat näher an das Bett heran, in dem seine beiden Frauen in inniger Umklammerung lagen und versuchte, die Frage seiner Tochter zu beantworten, für die es eigentlich keine Antwort gab, denn er allein war schließlich dafür verantwortlich, dass es letztendlich damals so gekommen war. Wie oft hatte er dieses Gespräch schon geprobt, immer wieder neu angesetzt, es verworfen, einen neuen Versuch gewagt mit seiner Schwester und seiner jüngsten Tochter als kritische Jury und jedes Mal hatte er währenddessen geknickt abgebrochen, weil es für diese schreckliche Situation nun mal keine Erklärung gab. Er hatte auf ganzer Linie Scheiße gebaut. Punkt und Schluss. Er hatte Sarah im Stich gelassen, als sie ihn am meisten gebraucht hätte. Zwar hatte es nur zu ihrem Besten sein sollen, aber wie sollte man das einem so kleinen Mädchen begreiflich machen? Auch jetzt war sein Kopf komplett leer gefegt, aber um das Herz seiner Ältesten zurückzugewinnen, musste er nun mal etwas sagen. Also setzte er leise an, nachdem er von Maria die Erlaubnis bekommen hatte, sich auf das Fußende ihres Bettes zu setzen. Er faltete seine schweißigen Finger auf seinem Schoß ineinander und blickte vorsichtig hoch. Erst in Marias, dann in Sarahs erwartungsvolle Augen, in denen er zu ertrinken drohte, was seinen Redefluss nicht gerade erleichterte.

Cedric: Weißt du, Sarah, manchmal passieren Dinge im Leben, die möchte man am liebsten um jeden Preis rückgängig machen. Man möchte am liebsten in eine Zeitmaschine springen und zu dem Tag zurücksausen, an dem alles so furchtbar aus dem Ruder gelaufen ist und der dein Leben unwiederbringlich verändert hat. Man möchte sich stoppen, sich wachrütteln und durchschütteln und alles anders machen, weil man mittlerweile gelernt hat, was man alles falsch gemacht hat und was einem wirklich von ganzem Herzen wichtig ist. Aber das Leben passiert nun mal nicht so und lässt sich nicht im Bruchteil von einer Sekunde wieder so drehen, dass es so ist, wie es einmal war. Vielleicht im Fernsehen, ja, aber nicht in der Realität. In der Wirklichkeit muss man damit klarkommen, was man getan oder gesagt hat mit allen Konsequenzen, so schlimm sie auch sein mögen. Das ist nun mal so. Man kann Dinge nicht zurücknehmen, wenn sie einmal gesagt worden sind, auch wenn sie schmerzhaft waren und falsche Entscheidungen und Dummheiten andere Menschen tief verletzt haben, die man eigentlich unendlich lieb hat. Man akzeptiert und zieht sich zurück, auch um den anderen vor weiteren Verletzungen zu schützen, so schwer es einem auch fällt. Das heißt aber nicht, dass man sie weniger gern hat. Nein, im Gegenteil. Weil man liebt, muss man auch loslassen können. Zum Besten des anderen. Und dann passieren auf einmal unerwartet Dinge im Leben, mit denen man überhaupt nicht gerechnet hat, weil der tief gehegte Wunsch danach einfach viel größer ist als die winzig kleine Chance, dass es je passieren würde, und man sieht Dinge plötzlich in einem ganz anderen Licht. Alles ergibt wieder einen Sinn. Man merkt plötzlich, dass es da etwas gibt, das einem viel mehr bedeutet als alles andere auf der Welt, das einem etwas gibt, das niemand anders einem geben könnte, und das einem alles andere unwichtig erscheinen lässt. Man beginnt zu hoffen, zu träumen, zu kämpfen und wünscht es sich von ganzem Herzen zurück, traut sich aber nicht, diesen Wunsch laut zu äußern, weil man nicht weiß, wie der andere dann reagieren würde. Weißt du, junge Dame, im Leben ist es schwer, das Richtige zu tun, auch wenn oder gerade weil man erwachsen ist. Erwachsen zu sein ist die komplizierteste Sache der Welt.

...stockte Cedric plötzlich seinen Monolog, der ihm dann doch leichter über die Lippen gekommen war als zuvor gedacht, weil sein Hals immer trockener geworden war und er sich räuspern musste, bevor er noch ganz seine flatterige Stimme verlor. In angstvoller Erwartung ihrer Reaktionen blickte er erst scheu seiner zuckersüßen Tochter, dann wieder der Frau seines Herzens tief in die Augen, die bewegt ihren Blick senkte, damit er nicht mitbekam, wie sehr seine Worte sie im Innersten berührt hatten. Sie hätte dem ignoranten Macho nie im Leben solche Sätze zugetraut. Wenn schon, dann eher solche, welche er Samstagnacht auf ihre Mailbox gelallt hatte, die zwar auch ihren gewissen Stier-Charme gehabt hatten, dem sie schon so oft ungewollt erlegen war, aber nicht so sehr wie die aufrichtigen Worte eines liebenden Vaters, der einfach nur sein Kind wieder in die Arme schließen wollte. Ihr gefiel diese neue einfühlsame Seite mehr, als sie sich und ihm je eingestehen würde. Sie ließ Maria hoffen, dass es vielleicht doch noch einen Weg aus diesem ganzen Schlamassel gab, in dem sie metertief drinsteckte. Er war nicht mehr der ignorante Mensch, der er früher einmal war, der seine Familie zwar als schöne Randerscheinung akzeptiert hatte, aber in seiner karriere- und spaßorientierten Verblendung eines ewig pubertierenden Teenagers nie deren wahre Bedeutung begriffen hatte. Wenn man von seinen Sprüchen, seiner arroganten selbstgerechten plumpen sie herausfordernden Art mal absah, so wirkte er doch erwachsener und ernsthafter als damals. Und das lag sicherlich nicht nur daran, dass sein Traumjob selbstverschuldet futsch war und sein hübsches junges Anhängsel sich als intrigantes karrieregeiles Biest herausgestellt und ihn so richtig verarscht hatte und er nun mit Kind und Kegel alleine dastand und ohne Ziel umherruderte, hoffend, dass ihm jemand den Rettungsring zuwarf, bevor er mit seinem löchrigen Kahn noch völlig unterging. Nein, dieser Prozess schien schon viel länger bei ihm im Gange zu sein. Zum ersten Mal sah er sie wirklich und er ließ auch endlich hinter seine coole Fassade blicken, die ebenso viele Unsicherheiten verbarg wie sie vor ihm. Vielleicht waren sie sich doch ähnlicher, als sie geglaubt hatte. Zwei Alphatiere im Haifischbecken mit den gleichen hochgesteckten Zielen, die sich im Alleinkampf, wer von ihnen beiden denn nun der oder die Bessere war, immer wieder in die emotionale Sackgasse manövriert hatten und immer zu stolz gewesen waren, sich gemeinsam wieder aus dem Schlamassel herauszuwinden, weil sie blind vor dem waren, was sie eigentlich verband.

Marias Tochter hatte dem charmanten Arzt die ganze Zeit während seines Monologs aufmerksam zugehört und hatte auch stirnrunzelnd zum großen Teil verstanden, was er ihr mitzuteilen versucht hatte. Sie konnte sich aber noch immer nicht erklären, warum gerade er ihr das komplizierte Leben der Erwachsenen erklärte, welches man ihr eigentlich gar nicht erklären musste, denn sie wusste aus Erfahrung, wie bescheuert sich manche Große manchmal benehmen konnten. Dem musste die süße Spürnase einfach auf den Grund gehen, jetzt, wo Cederederic endlich aufgehört hatte zu reden.

Sarah: Ist dein Papa auch weg, weil er seine neue Familie viel lieber hat?

...ließ Sarah also ihren Gedanken freien Lauf und stieß ihre Eltern damit ziemlich vor den Kopf. Marias und Cedrics Köpfe schossen gleichzeitig nach oben und sie starrten erst ihre Älteste, dann sich ungläubig an. Das konnte sie doch nicht auch noch wissen?

Maria: Woher weißt du, dass er eine andere Familie hat... hatte? ... Ich... frag... lieber... nicht. Du scheinst ja offenbar alles zu wissen. Bis auf... Naja, der Groschen fällt sicherlich auch noch, so wie ich dich kenne.

...registrierte Sarahs Mutter konsterniert, die sich mittlerweile fragte, wie sie ihre kleine Miss Oberschlau so hatte unterschätzen können, und lehnte sich seufzend und vor sich hin murmelnd in ihr Kissen zurück, wofür sie einen verwunderten Blick von ihrem unschuldig dreinblickenden Töchterchen kassierte, die gar nicht verstand, was sie jetzt schon wieder falsch gemacht hatte. Unfassbar, was die kleine Schnüfflerin alles mitbekommen hatte, dachte Maria fassungslos und verfluchte gleichzeitig ihre eigene Mutter für deren große rechthaberische Klappe, die sie in entscheidenden Situation nie hatte halten können. Was hatte die damals getobt, als sie, nachdem Maria und Sarah in einer Nacht-und-Nebel-Aktion kurzfristig wieder bei ihren Eltern eingezogen waren, von der Affäre ihres Schwiegersohns erfahren hatte, den sie nebenbei bemerkt noch nie hatte leiden können - sie hätte fast ihren Beamtenstatus im Polizeidienst deswegen gefährdet, weil sie dem Betrüger hatte auflauern und ihn kastrieren wollen - oder als sie zufällig über die Hochzeitsanzeige des Arschlochs und der nuttigen Babysitterin in der B.Z. gestolpert war und vor allem dann, als sie über vier Ecken gehört hatte, dass er noch einmal sein schlechtes Erbgut weiterverbreitet hatte, was ihre einstigen Rachefantasien noch einmal hatte auflodern lassen. Nicht zu vergessen ihr fassungsloser Auftritt im Dezember letzten Jahres, als sie den Übeltäter mit eindeutig aufgeknöpftem Hemd im viel zu vertrauten Gespräch mit ihrer unwissenden Enkelin in Marias Schlafzimmer vorgefunden hatte, was sämtliche Alarmglocken der frisch pensionierten Polizeiobermeisterin in stärkerer Ausführung als die Sirene auf ihrem ehemaligen Dienstwagen aktiviert hatte. Ihre hysterisch aufgekratzte Stimme klingelte immer noch in ihren Ohren nach, inklusive der unverschlüsselten Warnhinweise, die Hannelore Hassmann ihrer unbelehrbaren Tochter vorwurfsvoll mit auf den Weg gegeben hatte, bevor sie deren Wohnungstür stinksauer hinter sich hatte zuknallen lassen. Marias Gesicht wurde plötzlich aschfahl und sie umklammerte mit ihren langen geschmeidigen Fingern den Saum ihrer gelb-weiß gestreiften Bettdecke, als sie feststellte, dass sie ihren Eltern diese neuen Entwicklungen hier niemals würde sagen können.

Der Verursacher all dieses Übels, welches die Gefühlswelt von Maria Hassmann völlig durcheinander gewirbelt hatte, rang unterdessen nach Sarahs naiv-kindlicher Frage sichtlich nach Worten. Genau davor hatte Cedric nämlich auch große Angst gehabt. Dass seine Tochter es nicht verstehen und ihn für die Entscheidungen von damals verurteilen würde, die er bis auf eine, nämlich Sarahs Halbschwester, sofort rückgängig machen würde, falls er doch jemals in den Besitz einer Zeitmaschine kommen würde. Leise versuchte er sich an einer Erklärung und konnte nur scheitern.

Cedric: Ähm... nein, also, das... das ist ganz anders. Meine Eltern sind... *schluck* ... Das ist eine andere Geschichte. Dein Papa... er hat euch nicht im Stich gelassen, weil er dich und die Mama nicht mehr lieb hatte. Er hat euch lieb, wahnsinnig lieb sogar.
Sarah (traurig sieht sie ihn an, was ihn tief im Herzen trifft): Aber warum ist er dann gegangen? Wenn man sich lieb hat, lässt man den anderen doch nicht alleine?
Cedric (muss heftig schlucken u. fühlt sich noch mieser als zuvor): Weil... weil es damals halt nicht anders ging, mein Schatz. Die Mama und der Papa, sie... ähm... Das war... kompliziert.

...versuchte Cedric sich immer wieder die richtigen Worte zurechtzulegen, aber kam einfach nicht weiter, weil ihm im Angesicht von Sarahs traurig schimmernden Kulleraugen jede Erklärung kläglich erschien im Vergleich zu dem, was sie in der Vergangenheit alles voneinander verpasst hatten. Die verlorene Zeit würde er nie zurückholen können. Cedrics Exfrau, die sich zwischenzeitlich wieder einigermaßen gefangen hatte, half dem hilflos hin und her rudernden Mann schließlich aus der Patsche. Auch wenn sie selber unsicher war, was sie ihrem Kind sagen sollte. Was damals richtig erschien, fühlte sich jetzt einfach nur noch schäbig und falsch an. Aber anders hätten sie beide diesen Schicksalsschlag auch niemals überwinden können. Er hatte sie stark und unabhängig werden lassen. Und die letzten vier Jahre waren ja trotz alledem auch überwiegend glückliche Jahre gewesen. Sie hatte selbstaufopfernd alles unternommen, damit es Sarah nie an irgendetwas gefehlt hatte.

Maria: Weißt du, Süße, Papa und Mama haben sich damals nicht mehr verstanden und bevor die Situation noch mehr eskaliert wäre, haben sie die Reißleine gezogen und sind getrennte Wege gegangen. So war es für alle für den Moment das Beste. Das hatte aber nichts mit dir zu tun, mein Schatz. Du bist nicht schuld. Das war eine Sache zwischen dem Papa und mir. Das musst du uns glauben. Der Papa hat dich nämlich sehr, sehr lieb.
Cedric (dankbar für Marias Unterstützung lächelt er sanft in Sarahs Richtung): Ja, das hat er und er hat dich so vermisst. Einmal bis zur Sonne und zurück.

Die kleine Sarah schien verstanden zu haben, denn sie nickte ihre Mutter zu, während sie mit einem Ohr Cedrics Beteuerungen lauschte. Auch wenn der Trotzkopf natürlich immer noch verärgert war, weil alle immer so ein großes Geheimnis darum gemacht hatten. Sie war ja nicht blöd. Sie wusste, dass es in Familien auch mal Streit und Unstimmigkeiten gab. Sie war schließlich im Kindergarten auch nicht die Einzige, die nur bei einem Elternteil aufwuchs. Nur dass die anderen Kinder meistens wussten, was mit ihren Vätern war und dass sie trotz Trennung und neu gegründeter Familienverhältnisse trotzdem Kontakt zu ihnen hatten, während sie selbst überhaupt keine Ahnung hatte und sie nur neidisch dabei zugucken konnte, wenn ihre Freundinnen von ihren Vätern abgeholt und glücklich in die Arme geschlossen wurden. Sie war damals noch zu klein gewesen, um Erinnerungen an ihren Papi zu behalten, auch wenn sie manchmal glaubte, sich an einen bestimmten Geruch und eine dunkle Silhouette über ihrem Bettchen erinnern zu können. Sie hatte doch nur wissen wollen, wer er war und wie er so war, warum er und ihre Mami nicht mehr zusammenleben konnten und ob er trotzdem immer noch manchmal an sie dachte und sie nicht vergessen hatte. Sie hatte immer gehofft, dass er auch irgendwann einmal am Zaun vom Kindergarten stehen würde, um sie abholen zu kommen. Sie hatte mit ihm angeben wollen, auch wenn sie nicht wusste, ob sie das konnte und er es überhaupt wert war. Ihre Freundin Lilly teilte jedenfalls ihre Überzeugung. Aber die war ja auch schon groß und hatte mit ihrer Familie auch schon viele Verrücktheiten erlebt. Von einem Dornröschenmärchen, über eine Weltreise bis hin zu einem tollen neuen Kinderzimmer. Sie war glücklich, auch wenn ihre Eltern nicht mehr zusammenkommen würden.

Während die Sechsjährige ihren Gedanken nachhing, schaute sie immer wieder argwöhnisch zu dem Mann am Ende des Bettes hinüber, der sie die ganze Zeit so komisch ansah wie diese lustige Katze aus ihrem Lieblingszeichentrickfilm. Und plötzlich geschah etwas mit ihr. Ihre blauen Kulleraugen wurden immer größer, als sie von dem einen zur anderen und wieder zurückblickte und schließlich an Cedric Stier hängen blieb, der die Veränderung in ihrem Blick ebenso alarmiert registriert hatte wie Maria, die sich angespannt aufrichtete und nach Sarahs Hand schnappte, um sie fest zu drücken. Deshalb war er also neuerdings ständig in ihrer und Mamas Nähe, stellte Sarah mit großer Verblüffung fest. Dabei hatte sie doch gedacht, er sei nur Mamis heimlicher Freund, für den sie sich schämte und den sie deshalb nie erwähnte.

Lorelei Offline

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04.09.2013 14:02
#1437 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=tIt-WiNkB8g


Sarah: Du?

...brachte das perplexe Mädchen nur stockend über ihre bebenden Lippen und wandte sich schnell vergewissernd ihrer Mutter zu, die ihre aufkommenden Tränen unterdrücken wollte und schnell ihre Lider sinken ließ, was Sarah wiederum als Bestätigung für ihre unglaubliche Vermutung ansah, um sich wieder auf Dr. Stier zu konzentrieren, der ebenso mit ein paar verirrten Glückstränchen in den Augen und einem fetten Kloß im Hals kämpfte und langsam mit dem Kopf nickte und gebannt die weitere Reaktion seiner ältesten Tochter abwartete. Sein eigener Herzschlag übertönte sogar noch seine flatterige Stimme.

Cedric: Ja, ich bin’s! ... Überraschung!

...setzte der aufgeregte zweifache Vater noch unbeholfen hinterher, worüber er sich jedoch im Nachhinein wegen seiner selten dämlichen Reaktion gleich tierisch ärgerte und sich am liebsten eine Ohrfeige verpasst hätte, und riss Sarahs Mutter damit aus sämtlichen Illusionen. Rick würde niemals der schillernde Ritter mit der silbrig glänzenden Rüstung aus Sarahs Märchenbüchern sein, mit denen die Sechsjährige Stunden zubringen konnte. Es gab niemanden auf der Welt, mit Ausnahme von Marc Meier vielleicht, der hohe Erwartungen noch mehr unterbieten konnte als er. Rick war und blieb ein dämlicher Idiot, was sie diesem mit einem heftigen Aufseufzen und abwertenden Augenrollen auch sofort unmissverständlich kommunizierte, ehe sie sich schnell wieder auf ihr Mädchen konzentrierte, das ihr Gegenüber mit offenem Mund ungläubig anblinzelte, je länger sich ihr gerade laut ausgesprochener Gedanke in ihr Hirn einnistete und lauter bunte Bildchen schuf. Vorsichtig strich sie Sarah ein paar widerspenstige Haarsträhnen hinters Ohr und flüsterte dann etwas mit sanfter Stimme hinein, um sich und ihr Töchterlein zu beruhigen.

Maria: Ja, es stimmt. Dr. Stier... Cedric ist dein Vater. Willst du ihm nicht „Hallo“ sagen, mein Schatz? Er freut sich doch so, dich zu sehen.

Schüchtern drehte Sarah ihr Gesicht zu Maria herum, die wie eine Löwenmutter aufmerksam sämtliche Signale ihrer kleinen Tochter zu deuten versuchte. Diese knibbelte an ihren Fingernägeln, die sie vorhin mit ihren Buntstiften bemalt hatte, und schaute ihrer Mama unsicher in die dunkel schimmernden Augen, die sich daraufhin ein Herz nahm und das sichtlich überrumpelte Mädchen fest in ihre Arme schloss und an sich drückte, während sie ihm leise den Mut zusprach, der ihr selbst noch fehlte.

Maria: Hey! Vor ihm musst du nun wirklich keine Angst haben. Er hat mehr Angst vor dir. Glaub mir! Also nicht so schüchtern! Er beißt nicht.
Sarah: Hihi!

...kicherte Sarah als Antwort gegen den Hals ihre Mami, die sie jetzt erleichtert wieder losließ, ihre langen Haare glatt strich, sie liebevoll ansah und nach einem Kuss auf die Stirn auffordernd in die andere Richtung schubste. Sarah nahm die Herausforderung an und krabbelte langsam die paar Zentimeter zum Fußende des Bettes hin, auf dem Cedric erwartungsvoll mit zittrigen Händen saß und seinen Engel nicht eine Sekunde aus den Augen ließ, der sich nun mit etwas Abstand neben ihn auf den Beobachtungsposten setzte. Ohne etwas zu erwidern, musterte Sarah ihr Gegenüber skeptisch von Kopf bis Fuß, was den taffen und sonst um keinen Spruch verlegenen Neurochirurgen tatsächlich verunsicherte. Ein ängstlicher Blick wanderte in Richtung Maria, die ihren eigenen Gefühlstornado ignorierend darauf nur belustigt mit einem „Du-hast-es-so-gewollt-Ist-jetzt-dein-Problem“-Blick reagierte, was ziemlich frustrierend für den zweifachen Vater war, der keine Ahnung hatte, wie er jetzt mit dem kleinen Fräulein umgehen sollte, das im Schneidersitz direkt vor seiner Nase saß und ihm dennoch meilenweit entfernt schien.

Sarah begutachtete ihn genauso misstrauisch und reserviert, wie es seine Mary in den vergangenen Wochen schon mit ihm getan hatte, wobei er bei ihr zumindest immer noch wusste, wie er sie anpacken und solange triezen konnte, bis er die Reaktion von ihr bekam, die ihm die meiste Befriedigung einbrachte. Hassmannsche Wutanfälle konnten nämlich extrem sexy sein. Mit ihrer gemeinsamen Tochter war das aber etwas ganz anderes. Hier musste er ganz besonders behutsam vorgehen. Er durfte jetzt keinen Fehler machen und in seiner Euphorie, ihr nah sein zu dürfen, noch nicht zu viel erwarten. Dabei dachte er doch, dass er bei den beiden zufälligen Treffen mit der Sechsjährigen einen recht guten Draht zu ihr gehabt hatte. Oder hatte sich das jetzt erledigt, jetzt, wo sie wusste, wer er in Wirklichkeit war? Nicht nur der freundliche Arzt und Kollege ihrer Mutter mit den gut gemeinten Ratschlägen, sondern der Mann, der seine Familie betrogen und verraten hatte. Würde sie ihm verzeihen oder würde sie ihn jetzt auch zum Teufel jagen, wie es ihre Mutter seinerzeit getan hatte? Ihre offen zur Schau getragene Skepsis deutete jedenfalls schwer darauf hin und das traf ihn sehr.

Aber was hatte er denn erwartet? Dass sie ihm sofort glücklich um den Hals fiel und alles wieder gut war? Solche Til-Schweiger-Happy-Ends gab es nur im Kino und er kochte zu schlecht, um ihr jetzt als Versöhnungsessen „Hähnchen in Rotweinsoße“ zu servieren, was nebenbei bemerkt ziemlich dämlich und unverantwortlich Kindern gegenüber wäre. Und wer ließ sein Kind auch schon ohne Aufsicht bei einem völlig Fremden? Und das war er doch auch. Er war ein völlig Fremder für Sarah. Er hätte in ihrer Situation vermutlich auch nicht viel anders reagiert und musste das nun schweren Herzens akzeptieren. Er würde ihr die Zeit geben, die sie brauchte. Dass sich hinter Sarahs Zurückhaltung lediglich die Reaktion eines überforderten Kindes steckte, bemerkte Cedric erst, als sich ihr düsterer mariagleicher Gesichtsausdruck plötzlich veränderte und er in ihren himmelblauen Augen, die seinen so ähnlich waren, deutliche Funken von Neugier und auch so etwas wie aufgeregte Freude herauslas, die ihr jetzt auch verbal schüchtern über die Lippen kamen...

Sarah: Hallo?
Cedric: Hallo!

...antwortete Cedric in sprachloser Aufregung ebenso knapp. Gleichzeitig spürte er die Erleichterung, als der riesige Felsklumpen von seinem Herzen herunterplumpste, der sich in den letzten Minuten zu einem meterhohen uneinnehmbaren Turm aufgebaut hatte, und er lächelte sein Mädchen, das nervös auf ihren Lippen herumkaute und sich immer wieder nach ihrer Mutter umschaute, die ihr zuversichtlich zunickte und beim Blick in ihr Gesicht innerlich zerfloss, voller Liebe an. Sie war so perfekt und wunderschön und überhaupt nicht auf den Kopf gefallen. Langsam begann das Eiswasser zu tauen. Dennoch schwang ein Hauch von Enttäuschung in Sarahs Stimme mit, als sie endlich das Gespräch mit ihrem Vater suchte...

Sarah: Warum hast du denn nichts gesagt? Wir haben so viel geredet, aber du hast nichts gesagt.
Cedric (das schlechte Gewissen steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben, als er zögerlich antwortet): Vielleicht weil ich Angst hatte, wie du reagierst.
Sarah (wendet sich hastig zu ihrer Mutter herum, die mit Argusaugen u. klopfendem Herzen die Annäherung der beiden verfolgt, um jederzeit eingreifen zu können): Siehst du, du hattest doch Recht, Mami. Er hatte Angst vor mir.
Gib’s ihm! Das ist mein Mädchen!
Maria (lächelt den perplexen Mann schadenfroh an, dem gerade sämtliche Gesichtszüge entgleiten): Sag ich doch.
Sarah (blickt ihren Vater wieder mit gespannter Neugier an, der mit so viel geballter weiblicher Schlagfertigkeit kaum umzugehen weiß): Und du gehst jetzt nicht mehr weg, Cederederick?

Erleichtert über die vorsichtige Annäherung seiner Kleinen nickte er zur Bestätigung ihrer Frage emsig mit seinem Kopf, in dem sämtliche Gedanken und Gefühle durcheinander flogen und noch mehr Chaos schufen, als darin eh schon bestand, kam sich dabei aber dann doch ziemlich blöd vor und fixierte deshalb stattdessen seine schöne Exfrau, die ihn hinter Sarahs Rücken immer noch unverhohlen auslachte. Das Biest! Dabei war diese Reaktion doch nur das Endergebnis ihres geballten Gefühlswirrwarrs und ihrer Erleichterung, wie gut ihr kleines Baby die Sache bislang aufgenommen hatte. Maria hatte schließlich mit allem gerechnet. Von dicken Krokodilstränen bis hin zum Weglaufen und trotzigem Auf-ewig-mit-ihr-böse-sein. Da konnte man der alleinerziehenden Mutter ein befreites Auflachen nun wirklich nicht übel nehmen. Zumal sie sich im Vergleich zu den letzten Stunden und Tagen wirklich besser fühlte. Als hätte man ihr eine zentnerschwere Last abgenommen.

Cedric: Wenn du das willst und deine Mami mich lässt?

...antwortete Cedric schließlich mit leichter Verzögerung diplomatisch auf die gespannte Frage seiner Tochter und ließ sie und seine Mary dabei nicht eine Sekunde aus den Augen, die ihrerseits ebenso verdächtig auffunkelten wie die seinen, was er ohne Umschweife als Zustimmung interpretierte, was die Flugzeugarmada in seinem Bauch gleich zu einem glücksgeladenen Formationsrundflug animierte. Das gab dem Gefühl, wie auf Wolken zu schweben, doch gleich eine ganz neue Bedeutung. Aber wer hoch flog, konnte auch tief fallen. Das hätte Dr. Stier vielleicht im Hinterkopf behalten sollen. Zumal seine Exfrau dafür bekannt war, gerne andere Leute aus Flugzeugen zu schmeißen. Besonders die, welche ihr ganz besonders auf die Nerven gingen.

Sarah drehte ihren Kopf in Richtung ihrer Mami, die ihrerseits angestrengt über die Folgen ihrer Entscheidung nachdachte, und stürzte ohne Vorwarnung auf sie zu, ohne daran zu denken, dass man sie nach einer Operation eigentlich schonen sollte. Stöhnend fing Maria den Wirbelwind ab, der sich nun mit seiner Wuschelmähne in ihre Halskuhle kuschelte und mit Bambiblick zu ihr hoch schaute. Ein unwiderstehlicher Anblick. Eigentlich.

Sarah: Darf er bleiben, Mami?
Stell mir doch nicht solche Fangfragen, verdammt! Worauf hab ich mich hier nur eingelassen? Das passiert alles so schnell. Viel zu schnell, um überhaupt mitzukommen.
Maria: Mal sehen! ... Wenn er sich gut macht.

...antwortete die Sechsunddreißigjährige, die Cedrics auf sie gerichtete stechende Blicke mit leichter Gänsehautreaktion ihres viel zu leicht zu überzeugenden verräterischen Körpers durchaus wahrgenommen hatte, nach extralanger Denkpause ebenso diplomatisch wie spitzzüngig und genoss das verdatterte Bild, das ihr Ex in dem Moment abgab. Doch dieser fing sich schnell wieder, kannte er doch sie und ihre verschleierten Worthülsen viel zu gut, und funkelte wiederum die Zicke im blass-lila gestreiften Pyjama herausfordernd an, die ihre Sarahmaus mit beiden Armen fest umschlossen hielt, welche sich gemütlich an sie herangeschmiegt hatte, um aus dem Blickwinkel heraus ihren neu entdeckten Papa ausgiebig studieren zu können.

Cedric: Das klingt, als wäre das hier ein Bewerbungsgespräch?
Maria: Ist es! Hast du das immer noch nicht begriffen?

...kam es sogleich schnippisch von Maria Hassmann zurück und man sah ihr deutlich die Erleichterung an, die das Herunterfallen des riesigen Geständnisbrockens bei ihr hinterlassen hatte. Sie war wieder in Spiellaune, wenn auch in abgeschwächter Regionalligaform. Schließlich war sie immer noch eine Patientin im Elisabethkrankenhaus und nicht die couragierte und zielstrebige Oberärztin, die Expartnern und selbsternannten Karriereoberfliegern gerne mal bissig in die Parade fuhr. Natürlich registrierte auch Dr. Stier die veränderte Stimmung seiner widerspenstigen Herzdame, aber trotzdem konnte er das natürlich nicht auf sich sitzen lassen und ging die Herausforderung ebenso spielerisch ein, wie man sie ihm gestellt hatte.

Cedric: Tut mir leid, aber ich habe meine Bewerbungsmappe leider nicht dabei. Wenn ich geahnt hätte, was heute alles noch auf mich zukommen würde, hätte ich sie natürlich eingepackt. Ich reiche sie gerne nach, wenn ich sie auf den neusten Stand gebracht habe. Mit amtlichem Führungszeugnis, beglaubigten Zeugniskopien über meine Erziehungs- und sonstigen Qualitäten und, und, und. Brauchst du auch noch ein aktuelles Bewebungsfoto? Für die Brieftasche oder den Schreibtisch vielleicht?
Idiot!
Maria (verdreht die Augen): Witzig, Rick, witzig!
Cedric (grinst zufrieden vor sich hin): Ja, nicht? Und wenn du nicht frisch operiert wärst, meine Liebe, würdest du dafür jetzt eine Kitzelattacke kassieren.
Maria (funkelt ihn an, weil er sie selbst jetzt immer noch nicht ernst nimmt): Ach und du denkst, das würde mich beeindrucken?
Cedric (kleinlaut): Neben meinem schon recht überzeugenden charmanten Erscheinungsbild käme es auf den Versuch an, ja.
Maria: Ich bin aber nicht kitzlig.
Cedric (zwinkert ihr zu u. sonnt sich an ihrem empörten Gesichtsausdruck, der sich daraufhin bei ihr einstellt): Nicht ganz.
Sarah (findet an den Albernheiten ihrer Eltern einen Riesenspaß): Hihi! Darf ich mitmachen?
Maria (dreht ihren Kopf alarmiert zu ihr herum): Ich warne dich! Du weißt, dass die Mama noch Schmerzen hat.
Sarah (sofort wieder ganz ruhig streichelt sie ihr vorsichtig unter der Decke über den Bauch): Entschuldige, Mami! Soll ich wieder pusten?
Ach mein Sonnenschein, wenn ich dich nicht hätte. Ich hätte meinen Fallschirm angeschnallt und wäre aus dem Fenster gesprungen, nur um diesem Idioten zu entkommen.
Maria (lächelt ihre Tochter liebevoll an u. der Ärger über Cedric ist sofort vergessen): Schon gut, mein Schatz! Es geht mir ja gut.
Cedric (beobachtet berührt die Vertrautheiten der beiden u. wirkt plötzlich nachdenklich): Und jetzt?

...stellte Cedric Stier schließlich unsicher die Frage aller Fragen in den Raum, die unsichtbar über den Köpfen der Familie schwebte, und rutschte dabei näher an seine beiden Herzdamen heran, nachdem plötzlich wieder eine peinliche Stille zwischen den dreien entstanden war. Maria blickte von ihrer Tochter auf und ihrem Exmann direkt in die sie hoffnungsvoll anstrahlenden blauen Augen, die sie gefangen zu nehmen versuchten, und zuckte synchron mit Sarah mit den Schultern. Weiter hatte sie nämlich noch wirklich nicht hinausgedacht. Schließlich kam diese Aussprache auch für sie viel zu überraschend, um jetzt gleich über deren Konsequenzen nachzudenken. Zumal der größte Gesteinsbrocken zwar erfolgreich abgehakt worden war, aber immer noch zwei drei mittelschwere Steinchen existierten, die bearbeitet werden mussten. Und sie wollte auch nicht gleich mit dem Vorschlaghammer darauf einschlagen. Die Risiken und Nebenwirkungen waren schließlich noch unerforscht.

Maria: Ich... weiß nicht. Es gibt da noch das eine oder andere Problem, das eine Lösung bedürfte.

...gab die Neurochirurgin mit zusammengekniffenen Augen verschleiert zu. Die Reaktion erfolgte prompt, wenn auch recht überraschend und unerwartet.

Cedric: Das da wäre?
Eine Erfindung, die mich hier wegbeamen könnte, wäre nicht schlecht.
Sarah (plappert kleinlaut dazwischen): Ich hab Hunger!
Cedric (seine Stimme rutscht eine Oktave nach oben, als er irritiert von Maria zu Sarah rüberblickt): Schon wieder?
Danke, danke, danke! Auf dich ist auch immer Verlass, mein Schatz!
Maria (atmet erleichtert aus): Ja, das ist in der Tat ein gewaltiges Problem, das dringend gelöst werden muss.

...konnte sich Sarahs Mutter ein zufriedenes Schmunzeln nicht verkneifen, weil ihr kleines Trotzköpfchen mal wieder ihr großartiges Talent bewiesen hatte und sie unbewusst aus einer extrem misslichen Lage geholt hatte. Tja, Sarah ‚Schlaumeier’ Hassmann sprach eben immer das offen aus, was ihr gerade durch den Kopf ging, ob es nun gerade in die Situation passte oder eben nicht. Das würde Rick auch noch kennenlernen und ihn sehr zu Marias Vergnügen zur Weißglut treiben.

Sarah (grient ihre Mami an): Jaahaa! Ich will noch eine Portion Griesbrei. Der war soooo lecker. Und Onkel Mehdi hat’s versprochen.
Maria: Ach? Gab’s das heute zum Mittag?
Sarah (nickt eifrig mit ihrem Köpfchen): Ja! Und hast du auch schon gegessen, Mami? Soll ich dir noch was mitbringen?
Maria: Äh... naja... nein.

...geriet Maria unvermittelt in Erklärungsnot. Nahrungsaufnahme war nämlich das letzte gewesen, an das die werdende Mutter in den letzten Stunden gedacht hatte. Zumal der Fraß, denn ihr ausgerechnet Schwester Gabi vorhin mit ihrem übertriebenen aufgesetzten Getue hatte auftischen wollen, wirklich ungenießbar ausgesehen hatte und sie sauer hatte aufstoßen lassen. Zum Leidwesen von Mehdis Freundin, die zu piesacken sichtlich zum Stimmungsaufbau der schlecht gelaunten Neurochirurgin beigetragen hatte, der zumindest solange angehalten hatte, bis der unerwartete Familienbesuch in der Tür gestanden und ihr einen Herzinfarkt der Sonderklasse beschert hatte. Aber jetzt, nachdem der erste Schock überwunden war und ihre Tochter es angesprochen hatte, spürte Dr. Hassmann dann doch ein verdächtiges Grummeln in ihrem angeschlagenen Magen. Hunger für zwei könnte man schon fast behaupten, was sie natürlich niemals laut aussprechen würde, um sich nicht zu verraten. Zu Recht, denn schon schaute Cedric die Frischoperierte beunruhigt an...

Cedric: Darfst du überhaupt schon wieder etwas zu dir nehmen?
Maria: Solange es in wohl dosierter Flüssigkeitsform ist und nicht von dieser Station stammt, auf der Hexen das Kochen lernen.
Sarah (macht große Augen u. verzieht den Mund): Echt?
Cedric: Hast du dir jetzt selber einen Behandlungsplan erstellt?
Maria (selbstzufrieden): Natürlich! Was denkst du denn? Ich bin schließlich Oberärztin.
Cedric (verdreht die Augen u. schaut sich suchend nach der Krankenakte um, die er zu seinem Ärger nirgends entdecken kann): In der Neurologie, ja, aber du liegst hier auf der Gyn. By the way, wieso überhaupt? Weil er hier...
Sarah (zappelig): Was ist denn nun?

...kam Sarah ihrer immer blasser werdenden Mutter zuvor, die nervös Cedrics stechenden Blicken auswich, in denen mal wieder unverhohlen seine alberne Eifersucht auf Dr. Kaan aufblitzte. Die Ablenkung durch ihre quengelige Tochter kam ihr daher gut gelegen.

Maria: Okay, ja, dann bring mir ein Schälchen mit. Aber fragst du bitte im Stationszimmer, ob dich jemand begleitet. Ich will nicht, dass du schon wieder alleine durchs Krankenhaus spazierst. Du hast gehört, was Mehdi vorhin gesagt hat. Das EKH ist kein Spielplatz. Es werden keine Patienten belästigt oder auf Möbeln herumgeturnt. Haben wir uns verstanden?
Sarah: Okidoki, Mami!

...antwortete Sarah fröhlich und hüpfte im nächsten Moment vom Bett herunter. Vor Dr. Stier blieb sie unvermittelt stehen, der sich ebenfalls von seinem Platz erhoben hatte. Sie blickte ihm schüchtern in die fragenden Augen, wollte noch etwas sagen, biss sich jedoch auf die Unterlippe und eilte stattdessen aus dem Zimmer. Stolz, etwas für ihre erkrankte Lieblingsmami tun zu können. Zurück blieb ein verdutztes Elternpaar, das sich unsicher Blicke zuwarf. Cedric räusperte sich schließlich und zog sich einen Sessel zum Bett heran, vor dessen Kopfende er es sich nun bequem machte.

Cedric: Und nun zu uns beiden Hübschen!

...stellte er mit seinem typischen Stier-Grinsen klar, schob sich das Beistelltischchen zurecht, verschränkte seine Arme darauf und ließ sein Kinn darauf sinken, um seinem Gegenüber jetzt unmittelbar in die Augen schauen zu können, die ihm noch scheu auszuweichen versuchten. So glücklich er auch war, jetzt wieder offiziell die Rolle als Sarahs Vater einnehmen zu dürfen, war er doch froh, seine Angebetete einen Moment für sich zu haben. Da waren schließlich immer noch tausend Fragen in seinem Kopf, auf die er dringend Antworten suchte. Warum jetzt? Wieso gerade hier? Was bedeutete das alles für ihre (noch) nicht existierende Beziehung? War er zu voreilig? Gab es überhaupt eine gemeinsame Zukunft? Oder hatte sie sich nur in die Enge gedrängt gefühlt und deshalb vor Sarah das große Geheimnis gelüftet? Oder weil sie noch halb sediert war und gar nicht wusste, was sie tat? Und würde sie ihm eine runterhauen, wenn er sie jetzt aus dankbarem Übereifer küssen würde? Das Bedürfnis, ihr nah zu sein, erreichte mittlerweile einen grenzgefährlichen Bereich, musste Cedric verwirrt feststellen und konnte sich erst recht nicht mehr sein zufriedenes Grinsen verkneifen.

Lorelei Offline

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08.09.2013 10:18
#1438 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Maria, der allein schon die Situation allein mit der Wurzel allen Übels mehr als unangenehm war, verdrehte genervt die Augen angesichts seines herausfordernden Grinsegesichts direkt vor ihrer Nase, das aber auch nur seine eigenen Unsicherheiten verdeckte, die immer noch in ihm brodelten. Die letzten Minuten waren so surreal verlaufen, dass er immer noch dachte, er hätte sie lediglich geträumt und würde demnach jede Sekunde aufwachen, um sich dann mit dem dicken Mantel der Enttäuschung zudecken zu müssen, die ihn mit ihrem eiskalten Klammergriff umgeben würde. Sein Tagestief wäre endgültig perfekt gewesen nach zwei verpassten Kaffeepausen, dem Zusammenprall mit zwei vorlauten ihn nicht ernst nehmenden Kolleginnen, dem ekelhaften Anblick eines dauerverknallten Frauenarztes, der ihm ständig mit seiner Friede-Freude-Eierkuchen-Laune in die Quere kam, einem nervenaufreibenden Telefonat mit einer biestigen Kita-Leiterin, die ihm jegliche Erziehungsqualität absprechen wollte, und einer völlig verkorksten OP, während der er einer Assistenzärztin den Vortritt hatte lassen müssen, weil er vollkommen unfähig und so liebeskrank war, dass es schon gar nicht mehr auf eine Kuhhaut passte.

Aber Cedric Stier hatte nicht geträumt. Das, was sein Innerstes so sehr aufgewühlt hatte wie ihre Geburt vor sechseinhalb Jahren, war tatsächlich gerade passiert, rief er sich mit klopfendem Herzen in Erinnerung und sein Tagestief war sofort für immer vergessen. Sein Sarahengelchen wusste jetzt, wer er war und war nicht weggelaufen oder hatte ihn von sich gestoßen. Sie hatte ihn mit offenem Herzen angesehen, auch wenn sie noch distanziert geblieben war, was aufgrund der Tragweite dieser Neuigkeit, mit der sie unvermittelt konfrontiert worden war, natürlich nur allzu verständlich war. Das Hochgefühl, welches diese Begegnung mit seiner Tochter bei ihm ausgelöst hatte, war unbeschreiblich belebend und schön. Trotzdem konnte er es sich selbst nicht erklären, warum er dann immer noch den seltsamen Gedanken in seinem Hinterkopf hatte, dass irgendwo noch ein Haken an der ganzen Geschichte war. Das alles war so verdammt schnell passiert, dass er kaum hinterhergekommen war und diese Atempause jetzt unbedingt ausnutzen wollte, um seine Gedanken zu sortieren und mit seiner Exfrau Klartext zu reden, ohne dass eine süße Quasselschnute ihm ständig die Show stahl.

Er wusste auch nicht, woran es lag. Er konnte Marys Gesicht einfach nicht richtig deuten, aber anschauen konnte er es auf jeden Fall. Jeden einzelnen Millimeter. Er liebte dieses ganz besondere Funkeln ihrer dunklen Augen, das immer dann entstand, wenn sie sich zum Schlagabtausch oder Ähnlichem gegenübertraten oder wie in dem Fall fast Stirn an Stirn gegenübersaßen. Die kleinen dünnen Fältchen, die kaum sichtbar für ein menschliches Auge außer dem seinen aufschimmerten, wenn sie ihn ganz besonders finster anschaute und kurz vorm Implodieren stand, weil seine Blicke doch mehr bei ihr bewirkten, als sie sich je eingestehen würde. Ihre zierliche Nase, die sie leicht kräuselte, wenn das Trotzgefühl langsam in ihr hoch kroch. Ihre zunehmend vor Wut und Erregung geröteten Wangenknochen, die perfekt mit ihrer makellosen leicht gebräunten Haut harmonisierten. Ihr verführerischer Mund, den sie mit ihrer Zungenspitze leicht benetzte, bevor die nächsten gegen ihn gerichteten wenig damenhaften Flüche über ihre sinnlich weichen Lippen kamen, die man am liebsten einfach nur stumm küssen wollte. Stundenlang. Ausgiebig. Intensiv. Bis zur Besinnungslosigkeit.

Maria (gereizt): WAS?
Cedric (abrupt aus seinen Träumen gerissen): Nichts!
Maria: Jetzt schaue mich verdammt noch mal nicht so an!
Cedric (betont unschuldig zuckt er mit den Schultern, ändert aber nichts an seiner Haltung direkt vor ihrer Nase): Ich schaue doch nur. Ich schaue schöne Frauen gerne an.
Ja, klar! Öfter mal was Neues!
Maria (auf Krawall gebürstet): Du schaust nicht, du starrst. Lass das gefälligst! Außerdem liege ich mit Tropf am Arm in einem gelbbezogenem Patientenbett. Daran ist überhaupt nichts schön.
Cedric (grinst amüsiert): Was ist daran denn jetzt schon wieder falsch? Ach! Mache ich dich etwa nervös?

Ja, natürlich! Und überhaupt hast du ja auch so eine gewaltige Wirkung auf mich. Wir sind hier ja auch bei „Wünsch dir was“ und nicht auf Mehdis Station. Apropos, der hat doch bei dieser ganzen Sache garantiert seine Hände im Spiel? So schnell wie der und die Haase sich vorhin aus dem Staub gemacht haben. Die Verräter!

Maria (trotzig verschränkt sie ihre Arme vor der Brust u. sieht betont in eine andere Richtung): Keineswegs!
Cedric (sein freches Grinsen wird noch breiter, als er merkt, dass sie sich immer mehr verrät): Doch, tue ich! Sieh an, sieh an, Frau Dr. Hassmann besitzt also doch ein Gewissen.
Was? Also das ist ja wohl...
Maria (hat so langsam die Faxen dicke u. dreht sich wieder mit funkelnden Augen zu ihrem nervigen Ex herum): Boah! Na dann fang schon an mit deiner Standpauke, solange Sarah weg ist. Die steht schneller wieder auf der Matte, als du „piep“ sagen kannst. Das ist es doch, was du willst.
Du weißt ganz genau, was ich will, Mary!
Cedric (lässt sich nicht hinter die coole Fassade blicken): Warum denkst du, dass ich dir unbedingt den Kopf waschen wollen würde? Was nebenbei bemerkt durchaus seine Berechtigung hätte, so wie du dich aufgeführt hast.
Maria (blitzt ihn an): Weil ich es dir an der Nasenspitze ablesen kann, Rick
Cedric (gibt sich betont unbeeindruckt): Dann musst du dich wohl verlesen haben, Mary. Hast du deine hässliche Lesebrille nicht dabei? Daran hat dein Mr. Verständnisvoll-und-ich-verstehe-die-Bedürfnisse-einer-jeden-Frau wohl nicht gedacht, als er dich hierher verpflanzt hat?

...konnte er sich eine Spitze auf seinen verhassten Kollegen nicht verkneifen und verfehlte seine Wirkung damit nicht. Maria würde ihrem selbstgerechten Obermacho-Arschloch-Exmann am liebsten an die Gurgel springen, wenn sie gekonnt hätte. Stattdessen griff sie, ohne ihren wütend aufblitzenden Blick von ihm abzuwenden, wie selbstverständlich mit ihrer rechten Hand nach dem Nachtschränkchen, auf dem gut sichtbar ihr Brillenetui lag, welches sich tatsächlich in der von ihrem guten Freund Dr. Kaan liebevoll gepackten und heute Morgen zusammen mit gut gemeinten Ratschlägen und hartnäckigen Belehrungen vorbeigebrachten Tasche befunden hatte, der wirklich an alles gedacht hatte, was Frau für einen einwöchigen Krankenhausaufenthalt benötigte. Sie öffnete es und setzte ihre Brille demonstrativ auf, verzog aber im nächsten Moment schmerzhaft ihr Gesicht, als sie sich in ihrem Bett zurücklehnen wollte, weil sie diese ungewohnten hastigen Bewegungen zur Seite viel zu unüberlegt getätigt hatte, was sich nun rächte. Aber vor Cedric, der sie ganz genau beobachtet hatte, würde sie sich niemals, nicht einmal in dreitausend Jahren oder unter Folterandrohung, die Blöße geben. Die OP-Schmerzen waren eh schon Folter genug. Also lächelte sie ihr Gegenüber weiterhin übertrieben freundlich an, während sie unter der Decke mit ihrer Hand über den Bauchverband strich und diese schließlich dort ruhen ließ.

Maria: Aaahh... Korrektur! Siehst auch durch die Brille immer noch genauso schleimig aus.
Cedric (seine Stirn legt sich trotz ihres Scherzes in Sorgenfalten, denn er hat natürlich mitbekommen, dass sie Schmerzen hat): Muss man dich erst ans Bett fesseln, bis du endlich deine Klappe aufbekommst? Den Plan hatte ich zwar auch schon im Hinterkopf, aber nicht so...
Maria (fährt ihm wütend über den Mund u. knallt gleichzeitig ihre Lesebrille zurück ins Etui, das im Anschluss auf ihrem Schoss landet): Schmink dir deine Anzüglichkeiten ab, Rick! Die Situation ist alles andere als witzig.
Cedric (sieht sie plötzlich ganz ernst an): Nein, das ist sie nicht! Also wie geht’s dir wirklich, Maria?
Maria (reagiert zickig auf seine übertriebene Fürsorge, die ihm in ihren Augen überhaupt nicht zusteht): Hast du mir vorhin nicht zugehört?
Cedric: Doch! Jedes Wort! Aber Kindern gegenüber schildern wir manches dann doch blumiger, als es in Wirklichkeit ist. Also was ist wirklich passiert? Ist eine Biopsie gemacht worden? Was sagen die Befunde? Und wie lange musst du im Krankenhaus bleiben?
Maria (kann einfach nicht aus ihrer Haut u. lässt ihn auflaufen, obwohl er es ehrlich meint): Vor Sarah muss ich nichts beschönigen oder verheimlichen. Sie würde es nur gegen mich verwenden. Ich hab alles gesagt. Ja, es war vielleicht im ersten Moment dramatisch, aber ich werde nicht daran sterben. Höchstens vor Langeweile, weil man mich hier gegen meinen Willen festhält. Also lass dein albernes Getue! Ich bin nicht deine Patientin.
Cedric (kann sich bei der Vorlage eine weitere Spitze nicht verkneifen, denn wenn sie ihm schon blöd kommt, kann er das noch besser): Heißt das, die rationalste Ärztin, die ich kenne, träumt von einer heimlichen Entführung durch ihren Traumprinzen? Ist zwar gewagt und aus ärztlicher Sicht eigentlich völlig unverantwortlich nach einer OP wie der diesen, aber ich bin auch Arzt. Also mein Schlitten steht voll getankt parat und zuhause wartet eine ganze Krankenhausausrüstung auf dich. Als Privatpatientin gehe ich auch ganz behutsam mit dir um. Versprochen! Äh... Natürlich nur, wenn du dich gut machst!

Maria (sieht ihr Gegenüber ziemlich entgeistert an u. zeigt ihm schließlich den Vogel): Ich bitte dich! Ich bin zwar hart mit dem Schädel aufgekommen, aber so geisteskrank bin ich dann doch nicht, dass ich mich ausgerechnet in deine Hände begeben würde.
Cedric (verzieht seine Lippen zu einem gespielt enttäuschten Schmollmund): Schade! Das hätte den Doktorspielen eine ganz neue Note gegeben, findest du nicht?
Maria (sichtlich genervt): Kannst du nicht einmal ernst bleiben, Cedric?
Cedric (lächelt zaghaft u. bleibt an ihren funkelnden Augen kleben): Du hast mir gerade den Schock meines Lebens beschert. Weißt du das eigentlich?
Haha! Dann sind wir wohl jetzt quitt. Dabei weißt du noch nicht einmal annähernd alles.
Maria (zynisch): Immer wieder gern. Dein Gesicht war es definitiv wert.
Cedric (ignoriert ihren Zynismus u. schaut sie einfach nur mit verklärtem Blick an): Danke!
Maria (irritiert senkt sie ihren Blick, um ihm dann wieder misstrauisch direkt in die Augen zu schauen, die sie einnehmend ansehen u. noch mehr verwirren): Kommt da noch was nach?
Cedric (hat sich mit ihrer skeptischen Haltung ihm gegenüber abgefunden u. lässt trotzdem seinen Gefühlen freien Lauf): Nein, ich mein’s ernst. Ich kann dir überhaupt nicht beschreiben, was ich momentan empfinde, jetzt, wo es endlich raus ist.
Maria (kann mit seiner Offenheit überhaupt nicht umgehen): Naja, du bist ja auch nicht gerade bekannt für Gefühlsbekundungen aller Art.
Das sagt gerade die Richtige! Gott, ich würde mein letztes Hemd dafür geben, wenn ich nur einmal in deinen Sturkopf reingucken könnte.
Cedric (verärgert): Hey! Zieh das bitte nicht ins Lächerliche. Mir ist das wichtig.
Maria (zeigt ihm reumütig ein kleines Lächeln): Mein Fehler!
Cedric (erwidert ihr Lächeln, wirkt dann aber schnell wieder ernsthafter, als er sie fragend anschaut): Und jetzt? Was bedeutet das alles? Was passiert jetzt? Mit uns? Mit ihr? Sie wirkte zum Ende hin doch wieder distanziert oder täusche ich mich da?
Maria (atmet tief ein und aus u. zeigt sich verständnisvoll): So schnell wird das auch nicht funktionieren, Rick. Die Situation ist neu für sie. Sie ist ein kleines Kind. Klar hat sie sich nichts sehnlicher als das gewünscht, aber andererseits kann ich noch nicht einschätzen, wie sie damit umgehen wird, jetzt, wenn da plötzlich jemand ist, der die Lücke füllt, die sie immer gesehen hat. Sie muss auf dich zukommen. Ich kann da nicht viel machen, außer sie zu begleiten. Sie hat ihren ganz eigenen Kopf.
Cedric (seufzt resignierend): Ich weiß. Und ich liebe sie dafür, dass sie ist, wie sie ist. Sie haut mich jedes Mal aufs Neue um. Aber keine Sorge, ich werde sie zu nichts drängen. Ich kann warten, bis sie auf mich zukommt. Aber was bedeutet das für uns?

...wagte sich der verliebte Familienvater hoffend noch einen weiteren Schritt nach vorn, dem seine Angebetete jedoch auswich, indem sie ihre Blicke nachdenklich Richtung Fenster lenkte, wo die Sonne durch die Lamellen der geschlossenen Jalousien linste und sie mit ihren wärmenden Strahlen an der Nasenspitze kitzelte. Genau diese Frage war noch so ein Gesteinsbrocken, der schwer auf ihrem Herzen lastete. Noch am Samstagabend im kitschig-romantischen verschneiten Dorfambiente eines menschenleeren und unbeleuchteten Parkplatzes im innigen Kuss mit diesem verrückten Hallodri vereint, der extra wegen ihr die fünfundfünfzig Kilometer zum Veranstaltungsort der sonderbarsten Hochzeit, der sie je beigewohnt hatte, gefahren war, nur um sie zu sehen und ihre und seine Hoffnungen zu schüren, war sie sich ziemlich sicher gewesen, dass sie sich bereits längst entschieden hatte und dass nur ihre Kopfstimme sie noch vor dem Sprung ins eiskalte Wasser abhielt. Aber schon wenige Minuten später hatte sich alles von einem Moment auf den anderen für immer verändert. Sie war sich nicht sicher, ob er damit klarkommen würde. Sie wusste es ja selbst für sich noch nicht. Denn diese überraschende Entwicklung war zu verrückt, um wahr zu sein. Selbst mit den offenkundigen Beweisbildern unter ihrem Kopfkissen, die zum Glück während dieses ganzen Tohuwabohu der letzten Minuten unentdeckt geblieben waren. Im inneren Zwiespalt mit sich selbst begann Maria dennoch leise zu sprechen, um der bedrückenden Stille zu entkommen, die nach seiner sentimentalen Frage entstanden war, während ihr Kopf zu Cedrics Enttäuschung immer noch von ihm abgewandt blieb. Sie traute sich einfach nicht, ihm in die Augen zu sehen, weil sie befürchtete, er würde es ihr direkt an der Nasenspitze ablesen, was sie noch zögern ließ.

Maria: Ähm... Dass du... jetzt... auch... Verantwortung übernimmst und zwar... sofort und auf der Stelle. Denn ich hab niemanden für sie, solange ich hier in diesem Irrenhaus festsitze und der Kindergarten auch noch unplanmäßig die Schotten dicht gemacht hat. Im wahrsten Sinne des Wortes. Im Moment kommt gerade alles zusammen und ich weiß einfach nicht...
Cedric (sieht sie eindringlich an, als er sie mit ruhiger Stimme unterbricht): Mary! Ich meinte ‚uns’ uns und nicht..., was aber nicht heißt, dass ich keine Verantwortung übernehmen wollen würde. Ich tue alles, was du willst. Das weißt du. Das, was ich dir auf die Mailbox gequatscht habe, das habe ich ernst gemeint, Wort für Wort, auch wenn ich mich selten dämlich angestellt habe.
Du verstehst das nicht, verdammt!
Maria (sieht ihn ebenso durchdringend an u. gibt den Schutzpanzer auf, der sie umgibt): Ich schaffe das nicht alleine.

...gab die sture Ärztin, die immer alles auf ihre Weise allein regelte und damit bislang immer gut gefahren war, endlich mit immer leiser werdender Stimme ihre Überforderung zu. Sie brauchte ihn und war momentan nun mal auf ihn angewiesen, so schwer ihr das auch fiel und egal, was da noch kommen würde an unerklärlichen Gefühlsschüben. Und dieses Entgegenkommen von ihr war doch genau das, was Cedric immer gewollt hatte. Auch wenn ihr allgemeiner Erschöpfungszustand ihm ein mulmiges Gefühl bereitete. Auf Kosten ihrer Gesundheit hätte er diese Annäherung niemals gewollt. Aber er würde für sie da sein. Jeder Mensch brauchte schließlich jemanden, der für einen da war, wenn es einem schlecht ging, die Kräfte schwanden und man nicht mehr weiterwusste. Das war doch das Natürlichste der Welt. Nur nicht für seine Mary. Sie ließ genauso ungern jemanden an sich heran wie er an sich. Alberne Sentimentalitäten, die niemandem etwas nützten, so war immer ihr gemeinsames Credo gewesen. Er hatte mit seiner Rede vorhin vollkommen recht gehabt. Erwachsene benahmen sich wirklich manchmal total bescheuert. Die kindliche Unbeschwertheit, die Sarah in sich trug, die alles tat und sagte, wonach ihr gerade der Sinn war, das sollte sich ein jeder bis ins Alter bewahren. Und genau diesem Gesetz folgte er jetzt auch. Sanftmütig lächelte Cedric sein Gegenüber an, das zusammengesunken mit geschlossenen Augen in den weiß-gelben Kissen lag, streckte seinen Arm aus und legte vorsichtig seine rechte Hand an Marias Wange. Diese zuckte zusammen und wollte ihm überfordert ausweichen, fand aber nicht die Kraft dafür und schaute den aufdringlichen Mann stattdessen einfach nur an. Wann hatte sie das eigentlich das letzte Mal ohne Vorbehalte getan? Das war eine Premiere. Aber das war dann wohl lediglich eine Sinnestäuschung ebenso wie seine zurückhaltende und ernsthafte Art in Gesprächen mit ihr, wie Dr. Hassmann im nächsten Moment feststellen musste.

Cedric: Dass ich das mal aus deinem Mund hören würde, Frau Doktor.
Maria (die Illusion ist dahin u. sie stößt empört seine Hand weg): Rick!
Cedric (rollt theatralisch mit den Augen): Mann, jetzt reagiere doch nicht immer gleich so zimperlich. Musst du denn jedes Wort auf die Goldwaage legen? Ich hab einen Spaß gemacht, okay? Zum Auflockern. Die Anspannung hier im Raum ist ja kaum auszuhalten. Was ich eigentlich sagen wollte, du kannst nicht die ganze Welt allein auf deinen Schultern tragen, Mary.
Maria (trotzig): Es macht aber einiges einfacher.
Cedric (rutscht noch näher heran u. fühlt ihre Stirn): Das merkt man. Du hast Fieber.
Maria (schaut ihn irritiert an): Die Entzündung ist noch nicht raus aus dem Körper. Du weißt doch, wie das nach solchen Sachen ist.
Cedric (seine Stirn legt sich in tiefe Falten): Du hast viel riskiert. Wenn ich gewusst hätte, dass dir das alles so viel zu schaffen macht, dann hätte ich doch niemals...
Maria (sieht ihn mit derselben Ernsthaftigkeit an): Was dann? Wir können doch beide nicht aus unserer Haut, Rick.
Cedric: Wie wahr! Aber schön zu wissen, dass ich solchen Eindruck bei dir hinterlassen habe.

...schmunzelte Cedric und beugte sich noch weiter zu seiner widerspenstigen Traumfrau heran, so dass sich schon fast ihre beiden Nasenspitzen berührten. Sein heißer Atem kitzelte bereits ihre Wange, auf der sie noch immer deutlich seinen Handabdruck spürte, obwohl er seine Hand schon längst von ihr gelöst hatte. Ihr wurde ganz anders zumute, je näher er ihr kam und die Barrieren, die sie notdürftig errichtet und eigentlich für recht stabil gehalten hatte, mit einer Leichtigkeit durchbrach, dass es ihr allmählich Angst machte. Sie durfte diese Gefühlsexplosion nicht zulassen. Mit der gefährlich hohen Dosis an Hormonen in ihrem angeschlagenen Körper wäre ihre Reaktion kaum noch zu kontrollieren und das wäre in dieser komplizierten Situation, in der sie sich befanden, alles andere als passend, in der es vor allem darum ging, einen kühlen Kopf zu bewahren und über die Konsequenzen des Ganzen nachzudenken. Es mussten schließlich Pläne geschmiedet werden.

Also wich sie dem geübten Verführungskünstler überfordert aus und richtete sich mühsam in ihrem Bett auf, so dass auch er zurückweichen musste. Irritiert blickte der so brüsk Abgewiesene die brünette Oberärztin an. Hatte sie ihm nicht gerade mit ihren sehnsuchtsvollen Blicken die Erlaubnis gegeben, die Barrieren zu stürmen, die sie unsinnigerweise schon wieder aufgestapelt hatte? Warum schaute sie dann immer noch wie ein unsicheres Schulmädchen aus der Wäsche und knibbelte an ihren Fingernägeln herum? Das war doch nicht sie! Was war denn mit der Frau passiert, die sich immer rücksichtslos das nahm, was sie wollte? Wo lag verdammt noch mal ihr Problem? Sie wollte ihn doch auch. Sie hatte Sarah alles gesagt. Das war doch ein Zeichen! Das Zeichen! Sie hatten doch jetzt alles aus der Welt geschafft und die Vergangenheit endlich hinter sich gelassen, um gemeinsam einen neuen, ganz anderen Weg zu suchen. Locker. Ohne Druck und Pläne. Oder etwa nicht? Konnte er sich so in ihr getäuscht haben? Dass Cedric damit den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, ahnte er nicht im Geringsten, als er die Frau mit den tausend Gesichtern durchdringend musterte und dabei immer noch kein Deut schlauer wurde. Maria wagte es kaum, ihrem Rick in die Augen zu schauen, als sie leise zu sich selbst murmelnd noch etwas zu seiner recht plump formulierten Feststellung hinzufügte...

Maria: Ja, einen bleibenden. Das ist es ja gerade.

Verwundert blickte Dr. Stier die ewige Zweiflerin daraufhin an und dachte gar nicht daran, einen Sinn hinter ihren in seinen Augen lediglich daher gemurmelten Worten zu suchen. Vielleicht sollte er einfach alles auf eine Karte setzen, schoss es ihm mit einem Mal durch den Kopf. Das hatte doch schon ein zweimal ganz gut funktioniert. Und man sollte doch das tun, was das Herz einem sagte. Also schob Cedric seinen Sessel entschlossen zurück und setzte sich zu Marias sprachlosem Entsetzen stattdessen auf die Kante ihres Bettes. Er schnappte sich die Fernbedienung, die halb unter ihrem Kopfkissen lag, betätigte einen Knopf, hielt diesen gedrückt und das Kopfteil des Patientenbettes bewegte sich in seine Richtung, wogegen die überrumpelte Patientin komplett machtlos war, denn der dreiste Kerl steckte die Schaltvorrichtung, nach der sie schnappen wollte, einfach in seine Kitteltasche, nachdem die Widerspenstige wie von ihm gewollt in aufrechter Position vor ihm saß, so dass sie erst recht nicht mehr an sie herankommen konnte. Eingeschnappt lehnte sie sich zurück und drehte ihren Kopf demonstrativ zur Seite. Doch davon völlig unbeeindruckt stützte der sehr entschlossene Mann jetzt eine Hand rechts von ihrem Trotzkopf auf dem Kissen ab und suchte grinsend ihren Blick, der ihn vernichtend traf. Auch das hielt den verliebten Neurochirurgen nicht davon ab, mit der anderen Hand beherzt nach Marias eiskalter Hand zu greifen, die zitternd auf ihrer gelb-weiß gestreiften Bettdecke ruhte.

Maria versuchte sich verzweifelt loszureißen, aber sie war gefangen von seinen sehnsuchtsgeladenen Blicken und seinem einnehmenden Wesen, das sie komplett durcheinander brachte. Ebenso wie ihr feiges verräterisches Herz, das ihr plötzlich bis zum Hals schlug. Was machte er bloß mit ihr? Das war doch vollkommen kontraproduktiv in der Situation, in der sie gerade feststeckten und nach adäquaten Lösungen suchten. Aber ehe sie sich versah und ihren Widerstand verbal und schlagkräftig zeigen konnte, beugte sich der unverschämte Mistkerl auch schon mit eindeutiger Absicht zu ihr herab. Kurz bevor Dr. Stier seine Augen schloss, konnte er tatsächlich ein Auffunkeln in den ihren erkennen, welche dann auch verdächtig zu blinzeln begannen, als Dr. Hassmann wie ferngesteuert ihren Kopf einladend ein Stückchen anhob, um seinem etwas Weg abzunehmen. Doch kurz bevor sich ihre sich anpolenden Lippen endgültig trafen und sich der Sehnsucht hingeben konnten, verließ Maria doch der Mut und sie hörte auf ihre Kopfstimme, die ihr kreischend und Warnsignale schwenkend Einhalt gebot, und drehte sich zur Seite, so dass Cedric lediglich einen Kuss auf ihre erhitzte Wange setzen konnte. Verwirrt öffnete der attraktive Arzt seine Augen und sah seine Herzdame an. Diese blickte ihm direkt in seine fragenden Augen. Mit einer ungewohnten Ernsthaftigkeit und solchem Nachdruck, dass es ihn kurzzeitig erschaudern ließ. Er wusste gleich, dass hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmte. Es gab also doch einen Haken, so wie er vermutet hatte.

Cedric: Was ist jetzt schon wieder? Du verheimlichst mir doch etwas? Gab es doch einen anderen Befund? Was ist los, verdammt?

...fragte er Maria direkt ins Gesicht und richtete sich auf, um etwas Abstand zwischen sich und ihr zu schaffen. Denn gerade diese Nähe schien sie offenbar komplett aus dem Takt gebracht zu haben. Ihre rechte Hand hielt er aber immer noch fest umschlossen. Cedric wollte sie nicht loslassen. Marias Reaktion sprach Bände. Sofort wich sie seinem bohrenden Blick aus, um nur kurz darauf wieder zu ihm zurückzukehren. Hilflos wanderten ihre Pupillen zwischen seinen hin und her. Offenbar schien der Haken noch größer zu sein als gedacht und das mulmige Gefühl in seinem Bauch wuchs sekündlich an. Was zum Teufel hielt sie denn noch von einem Restart des Dreamteams ab, stand deutlich in seinen immer größer werdenden blauen Augen geschrieben. Die sichtlich überforderte Neurochirurgin holte tief Luft, erst einmal, dann zweimal, dreimal, schloss schließlich ihre vor Erschöpfung immer schwerer werdenden Lider und hörte nur noch aus der Ferne monoton ihre Lippen flüstern, ehe sie sich erschöpft zurück in ihr Kissen fallen ließ und an die Decke starrte, ungläubig, aber auch irgendwie erleichtert, dass sie tatsächlich ausgesprochen hatte, was ihr so viel Seelenpein bereitete, dass sie sich immer noch nicht ganz auf die Liebe ihres Lebens einlassen konnte.

Maria: Ich bin schwanger, Rick, das ist los!

Lorelei Offline

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12.09.2013 15:06
#1439 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Sie hatte lange ausgehalten. Sogar entgegen ihrer sonstigen Ausdauerfähigkeiten, die dank regelmäßiger Yoga- und Meditationsübungen mit ihrem persönlichen Fitnessguru schon recht großzügig angelegt waren. Sie hatte es akzeptiert. Stillschweigend und unter Vorbehalt. Ganz entgegen ihrer Art. Sie war schließlich ein toleranter Mensch. Meistens. Sie hatte es geduldet. Solange ihre innere Ruhe unangetastet geblieben war und die Hoffnung bestand, dass dieser Tag die Ausnahme bleiben würde und sich mit seiner Verabschiedung auch das Gefühlschaos wieder verabschieden würde, das zunehmend an die Oberfläche kroch und die Kontrolle über ihren bereits geschwächten Körper übernehmen wollte. Diesem feigen Verräter. Sie hatte es ignoriert. So wie er ihren anfänglichen Widerstand ignoriert hatte, als ihre mentalen Entspannungsübungen noch nicht ihre volle Wirkungskraft gezeigt hatten, und er sich einfach so die Dreistigkeit herausgenommen hatte, sich in ihr geheimes Refugium, in dem sie sich bislang sicher und behütet gefühlt hatte, einzunisten wie ein fieses Insekt, das sich durch die eigenen Hausmauern bohrte und sich selbst mit dem härtesten Giftcocktail des Spezialisten der Spezialisten unter den Kammerjägern nicht vertreiben ließ. Sie hatte es hingenommen. Schließlich war sie eine friedliebende Person und stand immer über den Dingen. Noch!

Nachdem der erste Stresslevel überwunden war, hatte sie durchgeatmet, ihre Augen geschlossen, ihre Hände aneinandergelegt und ein langes sonores beruhigendes „Ommmmmmmmmmm“ gebetet, hatte die hiesige Welt verlassen und sich in ihren inneren heilsamen Kreis der Stille zurückgezogen. Sie hatte nichts an sich heran gelassen. Weder das Vogelgezwitscher vorm Fenster, noch die piepsenden Apparaturen und das Stimmenwirrwarr auf den Fluren außerhalb ihres ganz persönlichen Schutzraumes. Nicht ein einziges Geräusch. Bis jetzt! Als aus dem wohltuenden „Ommm“ ein gequältes abgehaktes Stöhnen wurde, das in der Natur des Raumes jede brunftige Hirschkuh freiwillig vor die nächste Flinte gelockt hätte anstatt vor den nächsten röhrenden Hirschbock. Die Konzentration war dahin und mit ihr die wohltuende Stimmung, in die sie sich hatte flüchten wollen. Vor ihm und den Konsequenzen seiner sie provozierenden Anwesenheit! Die müden Augen starrten nun starr in die Dunkelheit des Zimmers, aus dem man die Sonnenstrahlen hinter dicken weinroten Vorhängen ausgesperrt hatte, so wie sie alles aus ihrem Leben hatte aussperren wollen, das ihr eine Daseinsberechtigung zusprechen wollte. Die Gesichtszüge waren eingefallen und von ihrer inneren Erschöpfung gezeichnet. Das mühsam aufgetragene Make-up wirkte nur noch wie ein Schatten über den deutlich sichtbaren Fältchen, die ihr wahres Alter verrieten, das sie seit fünfzehn Jahren vehement leugnete. Ihre dunkle kraftvolle Haarfarbe war längst verblasst. Die Dauerwelle war herausgewachsen. Die eben noch straff gespannten Schultern hingen schlaff herunter, der Rücken war gekrümmt und der knochige Hintern tat von dem langen nichtstuenden Sitzen in dem unbequemen Bett weh. So funktionierte das Ganze nun wirklich nicht, stöhnte sie schließlich ihren grenzenlosen Frust hinaus.

Irgendwann war auch ihr Nervenkostüm endgültig ausgereizt. War das denn zu viel verlangt? Sie wollte doch nur ihre verdammte Ruhe, um sich Gedanken machen zu können, wie es nun weitergehen sollte, jetzt, wo feststand, dass sie doch noch nicht bald die Radieschen von unten würde ansehen müssen, auch wenn sie schon fast den Anschein gemacht hatte, bereits in der Geisterwelt angekommen zu sein. Hätte sie doch bloß nicht vorhin in den Spiegel geschaut! Sie war selbst über sich erschrocken gewesen und hätte am liebsten auf den Schock hin die gesamte Minibar in ihrem Zimmer geplündert. Aber sie befand sich nicht in einem Luxuswellnesshotel, um ihr Image als erfolgreiche vierzigjährige Geschäftsfrau zu pflegen, sondern in einer luxuriösen Privatklinik, in der mit Rauschmitteln und sonstigen wohltuenden Medikationen nicht gerade großzügig umgegangen wurde. Außerdem hatte sie dem Alkohol endgültig entsagt, dem sie in der Vergangenheit gerade in Konfliktsituationen und einsamen Stunden viel zu wohlwollend zugesprochen gewesen war. Sie hatte unerwartet eine neue Chance bekommen. Eine Chance, mit der sie überhaupt nicht umzugehen wusste, nachdem sie schon mit allem abgeschlossen hatte. Aber hatte sie die auch verdient? Sie hatte sich komplett irrational verhalten, als sie alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte, um niemanden, der ihr lieb und teuer war, mit ihrem Leid konfrontieren zu müssen. Sie hätte es nicht ertragen, ihre Lieben so unglücklich zu sehen, wenn sie vor ihren Augen dahinsiechen würde und irgendwann kurz vor dem jüngsten Gericht nicht mehr die Person sein würde, die sie einmal war. Stolz, schlank und schön, jung und einfach bewundernswert. Nein, so hatte die große Elke Fisher nicht abtreten wollen. Sie hatte ihren Abgang von der großen Bühne des Lebens würdig gestalten und unter Kontrolle behalten wollen, so wie sie in der Vergangenheit stets alles gerne unter Kontrolle gehalten hatte. Angefangen bei ihrem Sohn, ihrem Job und ihrem Liebesleben. Alles hatte geregelt sein sollen, bevor sie auf ewig von allem würde Lebwohl sagen müssen.

Ja, sie gab es ja augenrollend zu, im Nachhinein betrachtet hatte sie vollkommen dämlich gehandelt. Man könnte fast behaupten, um mit den neudeutschen Modeworten eines Berufsjugendlichen wie ihrem dreiunddreißigjährigen Sohn zu sprechen, sie war total ausgetickt. Seitdem sie an jenem wunderschönen, ja schon fast vorfrühlingshaften Sonntagmorgen unter der Dusche in ihrer angemieteten Flitterwochenvilla in Südfrankreich diesen Knoten ertastet hatte, war sie in einen Panikmodus verfallen, den sie bis jetzt nicht wieder verlassen hatte. Sie hatte nicht einmal ansatzweise darüber nachgedacht, was ihr seltsames Verhalten bei ihren beiden liebsten Männern für Auswirkungen haben würde, und hatte stattdessen einfach nur gehandelt. Egoistisch, stur, hysterisch, kopflos, aber vor allem dämlich. Sie war eigentlich erst so richtig aufgewacht, als sie plötzlich seine Stimme draußen auf dem Flur gehört hatte. Als wäre plötzlich ein Schalter umgelegt worden. So langsam wurde ihr klar, was sie da eigentlich getan hatte. Sie hatte ihr einziges Kind und ihren Mann, die sie beide über alles liebte und die für sie aus Liebe vermutlich alles stehen und liegen gelassen hätten, um sie auf diesem schweren Weg, den sie einsam gegangen war, zu begleiten, schutzlos im Regen stehen lassen. Aber anstatt sich ihr schlechtes Gewissen einzugestehen und ihre Fehler sofort wieder gut zu machen, projizierte sie die Schuld mal wieder auf andere und hielt uneinsichtig an ihren Plänen fest. Also jetzt nicht im Sinne von „Ich nehme dann doch den Sarg aus schneeweißem Elfenbein und Andrea Bocelli als Musikbegleitung auf der Trauerfeier, zu der ich das halbe künstlerische Berlin einladen werde“, sondern im Sinne von „Egal, was du sagst und tust, ich setze meine Behandlung trotzdem hier alleine ohne euch fort“. Natürlich konnte sie so niemals zur Ruhe kommen. Vor allem nicht, wenn man so einen Bengel von Jungen sein eigen Fleisch und Blut nennen durfte, der sich einfach so ungefragt eingemischt hatte und dabei war, ihr das Ruder zu entreißen, um es dann in alle seine Einzelteile zu zerschlagen. Womöglich plante er ja sogar ihre Entführung?

Eigentlich hätte sie es wissen müssen, dass ihr Sohn clever und sportlich genug sein würde, um andere Wege zu ihr zu finden, auch wenn sie geglaubt hatte, alle mit doppeltem Siegel verbaut zu haben. Und sie liebte ihn dafür, dass er immer zur Stelle war, egal wie viel Chaos und Schuttberge sie hinterlassen hatte. Woher er das wohl hatte? Kam das von seinem Beruf, für den er sich auch tagtäglich aufopferte? Oder lag es an diesem Mädchen, das ihn so sehr zum Positiven verändert hatte? Von ihr hatte er es sicherlich nicht. Denn sie hatte aus überzeugtem Divenstolz nie auch nur ein Wort über die Lippen gebracht. Und doch war er immer da. Selbst als ihr letztes Jahr die ganzen Lügen um seinen Vater um die Ohren geflogen waren und sie ihn für immer verloren geglaubt hatte. Auch jetzt wieder, nachdem sie sich ähnlich dämlich in die Nesseln gesetzt hatte. Und es machte sie wahnsinnig. Wie er da, ohne ein Wässerchen zu trüben, lässig über der Sofalehne hing, seine schmutzigen Schuhe auf dem Fensterbrett abgestützt und mit einem giftgrünen Apfel in der Hand, von dem er immer wieder geräuschvoll abbiss. Wie er seine Sachen überall herumliegen ließ. Wie er ständig misstrauisch zu ihr rüberlinste wie ein gestrenger Gefängniswärter, der sie von dem nächsten Fluchtversuch abhalten wollte, obwohl sie das überhaupt nicht vorhatte und nur kurzzeitig mal darüber nachgedacht hatte, als sie eingekeilt zwischen ihm und dem Professor in deren fachliches Streitgespräch verwickelt gewesen war. Wie er die Ärzte in dem renommierten Privatklinikum mit seinen oberlehrerhaften Einmischungen an den Rand der Verzweifelung brachte. Wie er unentwegt auf die Papierberge schaute, die wild verstreut zu seinen Füßen lagen, als hätte er noch etwas übersehen und würde sie jeden Moment zur nächsten Untersuchung schleifen, die er natürlich nur selbst durchführen würde, weil er der einzig wahre Gott unter den Ärzten war. Woher hatte er nur diesen verdammten Gotteskomplex, als würde sich die Welt nur allein um ihn drehen? Und dann dieser Ausdruck auf seinem Gesicht, wenn er alle fünf Minuten auf sein Mobiltelefon blickte, es wieder einsteckte, gleich wieder herausholte und überhaupt nicht leise vor sich hin fluchte und meckerte, dass es einem in den Ohren klingelte. Es machte sie wahnsinnig. Er machte sie wahnsinnig! Irgendwann war auch für jedes schmerzende Mutterherz einfach Schluss mit lustig.

Marc: Boah, Mann, eh, das gibt’s doch nicht! Schon wieder nur diese verkackte Mailbox. Wieso geht die denn nie an ihr Scheißtelefon? Erst den ganzen Morgen dämliche Horrorskope draufquatschen und dann Funkstille. Was soll denn das? Irgendwann muss doch auch der nervigste aller Patienten sediert eingeschlummert sein. Wozu gibt’s die Mittelchen denn? Damit der Arzt seine Ruhe hat und im Schlaf seine Knete verdienen kann. Kann doch nicht angehen, dass die ausgerechnet heute so viel zu werkeln haben, wenn der Chef nicht da ist. Das kotzt mich an, verdammt.

...grummelte der Sohn von Elke Fisher flegelhaft in seinen Dreitagebart, den er anschließend wenig liebevoll mit der oberen Kante seines Smartphones entlangfuhr, bevor er sich schwerfällig zurück in die Sofakissen fallen ließ. Er hielt sein Telefon jetzt mit ausgestrecktem Arm hoch und wedelte damit in jede Himmelsrichtung, um zu überprüfen, ob der Nichteingang irgendeines Lebenszeichens einer sexy Berliner Blondine, die ihn laut schriftlich getätigter Aussage seines besten Kumpels angeblich so sehr vermissen würde, dass das gesamte Elisabethkrankenhaus vermutlich schon längst davongeschwommen sein müsste, vielleicht am schlechten Handyempfang in der Schweizer Provinz liegen könnte, was es natürlich nicht tat, wie er an den deutlich sichtbaren Balken erkennen konnte. Also nahm er seinen Arm augenrollend wieder herunter und wischte nun als nächstes mit leidender Schmollmiene mit dem Daumen über das bunte Display, um seine Bilddateien durchzugehen, was ihn erneut frustriert aufseufzen ließ, ehe er noch einmal von seinem giftgrünen Apfel abbiss, der ihm überhaupt nicht zu schmecken schien und den er als nächstes im gekonnten Dirk-Nowitzki-Style in den Mülleimer neben der Tür bugsierte. Gott, war das scheißelangweilig hier am Arsch der Welt, dachte Marc Meier wehleidig, vor allem wenn seine eigene Mutter auch noch in Pseudomeditation versunken war, um ihn und sein belebendes Wesen zu ignorieren, weil er ja die falschen Fragen stellen und sie zu Entscheidungen drängen könnte, die ihr vielleicht unangenehm werden könnten. Die Frau war so durchschaubar wie die frisch geputzten Fensterscheiben vom Elisabethkrankenhaus. Das machte ihn echt wahnsinnig. Noch wahnsinniger als die Tatsache, dass Haasenzahn noch immer nicht zurückgerufen hatte. Ihre Stimme zu hören, wäre jetzt ein echter Hoffnungsschimmer an diesem nicht enden wollenden Tag gewesen.

Lorelei Offline

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15.09.2013 19:55
#1440 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Elke: Dann pack doch deine Sachen zusammen und fahr zurück, Marc Olivier. Du willst doch eigentlich gar nicht hier sein.

...machte die Mutter von Dr. Meier ihrem Frust über dessen ständige Nörgeleien endlich Luft. Sofort schoss der verwuschelte Kopf ihres miesepetrigen Sohnemannes wieder hoch. Er richtete sich auf dem unbequemen Kanapee auf, klemmte sich ein Sofakissen unter die Arme und blickte mit gestochen scharfem Ameisenblick in Richtung Krankenbett gegenüber, auf dem sich die ältere Patientin wie eine Hollywood-Diva aus den Fünfzigern zwischen den goldbestickten weinroten Kissen drapiert hatte, ihren goldenen Morgenmantel aus edelster Seide zurechtzupfte und damit in dem modernen Patientenzimmer genauso fehl am Platz wirkte wie er selbst als Angehöriger und Nichtarzt, der er gar nicht sein wollte. Ohne Skalpell in der Hand und Haasenzahn im Arm war er einfach nicht er selbst und wusste überhaupt nichts mit sich anzufangen. Der Lagerkoller hatte ihn vollends erfasst und da nützte es auch nichts, dass seine Mutter sein allgemeines Stimmungstief heimtückisch auszunutzen versuchte, um ihn ganz subtil loszuwerden. Aber nicht mit Dr. med. Marc Meier, Facharzt für Unfall- und Allgemeinchirurgie und Spezialist für Divenkunde und komplizierte Frauenneurosen! Er konnte sehr hartnäckig werden. Oder hatte sie sein Zweiundvierzig-Stunden-Sit-in von 1993 schon vergessen, als er während der Buchmesse nicht von ihrem Stand gewichen war, um ihre Erlaubnis für ein Mofa abzuringen, welche sie ihm bis eine Minute vor den Vertragsverhandlungen mit ihrem neuen Verlag vehement verweigert hatte? In diesem Sinne stand er seiner Erzeugerin nämlich in nichts nach, die ihn mit besonders sanftmütiger Unschuldsmiene, die ihr in seinen Augen überhaupt nicht stand, von ihrer Idee zu überzeugen versuchte.

Marc: Wer hat das denn behauptet?

...kam es dann auch sofort schnippisch von ihm als Reaktion zurück und die Diva der alten Schule konnte sich ein spontanes Schmunzeln nicht verkneifen, als sie ihre Blicke über den übermüdeten Mann im jugendlichen Trotzkostüm streifen ließ, der sie beleidigt mit seinem smaragdgrün funkelnden Augenpaar anfixierte, als hätte sie ihm gerade zum wiederholten Male Hausarrest angedroht, auf den er sich eh nie eingelassen hätte und sich stattdessen heimlich mit seinem alten knatternden Mofa aus den Staub gemacht hätte, das sie ihm aus einer verzweifelten Not heraus damals geschenkt hatte, nur um endlich ihre Ruhe zu haben. Der Junge konnte aber auch verdammt hartnäckig sein.

Elke: Die traurige Gestalt vor mir, die sich als mein Sohn ausgibt.
Marc (seine Stimme geht eine Oktave nach oben wie seine Laune eine nach unten): Bitte? Du hast sie doch nicht mehr alle! Was mixen die dir eigentlich hier in dein Essen? Das sollte man mal besser im Labor untersuchen.
Elke (tadelnd): Marc Olivier!
Marc (gereizt fährt er sie an): Ja, was? So leicht wirst du mich nicht los, Mutter. Wenn, dann verlassen wir beide zusammen dieses grottenhässliche Zimmer. Die Richtung ist dir bekannt. Da musst du dir schon was Besseres einfallen lassen als deine schrägen Meditationsübungen, um mich in die Flucht zu schlagen. Ne Gesangskarriere anstreben vielleicht oder was weiß ich, was du vorhast, nachdem du den ollen Sack Rogelt endlich aus deinen Fängen gelassen hast.
Elke (nun ist sie die Beleidigte u. verteidigt sich u. ihren Autorinnenstolz vehement mit großem Pathos): Du weißt genauso gut wie ich und mein Verlag, dass dieses Heldenepos auserzählt ist.
Marc (kann sich ein spöttisches Auflachen nicht verkneifen u. fühlt sich dazu animiert, etwas zu sticheln): Heldenepos? Ha! Dass ich nicht lache! Der alte Drecksack hat ein Hinkebein aus Holz wie einst Captain Hook in seinen besten Zeiten. Er hat acht Herzinfarkte hinter sich, ne Chemo und ne Alkohol-, Medikamenten- sowie Sexsuchttherapie. Er trägt ne hässliche Brille, weil er ohne blind ist wie ein Fisch, und in seiner Freizeit peinliche Magnum-Hemden aus den 80ern, die schon damals aus der Mode waren. Rogelt war Falten lasern, hat ne Penispumpe ausprobiert und hat sich den Hintern aufpolieren lassen, damit er mit den jungen Hühnern noch mithalten kann, die er regelmäßig nach Dienstplan bespringt, und er hat Wolfsblut gespritzt bekommen, nachdem er von einem Schwarm Hufeisennasen überfallen worden war, als er, um seine Olle zu beeindrucken, gegen die Abholzung von Bäumen zehn Monate auf nem beschissenen Baum gehockt hat, um dein und sein ökologisches Gewissen zu beweisen, und von dem er letztendlich runtergekracht ist wie ein nasser Kartoffelsack und sich sämtliche Knochen gebrochen hat, weswegen er dann das nächste halbe Jahr festgetackert am Fixateur in nem heruntergekommenen drittklassigen Provinzkrankenhaus, das er auch noch, überzeugt von seinem Beruf, vorm Ruin retten wollte, festsaß, in dem ihm eine irre Krankenschwester festgehalten und solange sexuell bedrängt hat, bis sie von Monique, die ihren Doktor in Klugscheißerei gemacht hat, flachgelegt und an die Bullen verpfiffen wurde. Eh der Typ ist so ne warmgespülte Lusche und eigentlich seit Band drei der Reihe mausetot. Aber medizinische Korrektheiten haben dich ja noch nie interessiert und deine Leser sind zu doof, um das zu raffen. Die haben dir ja auch den peinlichen Vampirausflug abgenommen. By the way, steht da nicht eigentlich noch ne Klage von den amerikanischen Trivialschlampen aus? Muss ich um mein Erbe bangen?
Elke (ignoriert gekonnt seine fiesen Spitzen): Und mein Sohn behauptet, noch nie auch nur eine Seite meines beeindruckenden Lebenswerks gelesen zu haben?
Marc (fühlt sich ertappt u. verdreht die Augen, als er seinen Blick von der gerührten Frau abwendet): Was kann ich dafür, dass du, nachdem du mir eine Nacht lang, als ich dieses fucking hohe Fieber hatte und du nicht von meiner Seite weichen wolltest, aus dem Schinken vorlesen durftest, in der völlig irren Überzeugung lebst, dass es mich tatsächlich so sehr interessieren würde, dass ich freiwillig deinen persönlichen Ghostreader und -writer gebe. Eh, ich war fünfzehn und vollkommen vernebelt und im Delirium damals und hab nackte Weiber vor meinem inneren Auge ihre dicken Dinger wippen gesehen. Deshalb hab ich die ganze Zeit dämlich vor mich hin gegrinst und nicht weil der olle Rogel endlich seine Ische klargemacht hat.
Elke (fasst sich theatralisch an die Brust): Mein Herz!
Marc (schaut sie wieder mehr als genervt an): Gott, Mutter, du hast nichts mit deiner Pumpe. Also halt mal den Ball flach, ja! Für dein Alter bist du fitter als n’Turnschuh. Deshalb verträgst du die ganze Scheiße hier doch auch so gut. Schalt endlich nen Gang runter von deinem Dramalevel, Joan Collins! Das täte dir nämlich auch mal ganz gut.
Elke: Ach denkst du das?
Marc: Ich denke nicht, ich weiß es! Ich hab deine Werte schwarz auf weiß vor mir liegen.
Elke (fühlt sich zu Unrecht angegriffen u. keift zurück): Ach und warum bist du dann noch hier, wenn es mir doch angeblich so gut geht?
Das frag ich mich so langsam auch!
Marc: Weil... weil ich... eben... hier bin. Und jetzt... halt endlich die Klappe und nimm ne Mütze Schlaf! Du hast morgen die erste Dosis Bestrahlung vor dir. Das wird nicht ohne.

Ertappt wandte sich Marc von den bohrenden Blicken seiner Mutter ab, rollte sich über sich selbst ärgernd mit den Augen und konzentrierte sich, um von dem bedrückenden Gefühl abzulenken, dass er sich tatsächlich aufrichtig Sorgen um seine nervige Erzeugerin machte, wieder auf sein Handydisplay, auf dem wie zufällig plötzlich ein Foto vom letzten Weihnachtsfest erschien, auf dem alle Haases und Fisher-Meiers vereint waren und friedlich zusammen vorm Christbaum saßen. Wie eine richtige große, anstrengende, aber doch auch irgendwie glückliche Familie, die sie trotz zweifelhafter Kontakte in der Vergangenheit erschreckenderweise im Begriff waren zu werden, bevor diese verrückte Frau völlig ausgetickt und abgehauen war und dieses rührselige Bild, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken, in Stücke gerissen hatte. Außerdem sollte sich seine Mutter gar nichts darauf einbilden, dass er jetzt hier und nirgendwo anders sein wollte, weil er sich dämlicherweise dazu verpflichtet fühlte, alles unter Kontrolle zu behalten, bevor noch Schlimmeres passierte, und er jetzt einfach nur bei ihr sein wollte, wie jeder stinknormale Sohn nun mal bei seiner kranken Mutter sein wollte, um mit ihr zu streiten oder was auch immer. Aber Elke kannte ihren Sohn gut genug, um zu verstehen, dass seine heftige Reaktion und das Ablenkungsmanöver seine Art war, ihr zu zeigen, wie sehr er sie liebte und dass er immer noch trotz der obercoolen Oberarztfassade der kleine Junge geblieben war, der sie beschützen wollte, ohne dabei ein großes Brimborium darum zu machen, was ihr in ihrem aktuellen Zustand emotionalen Chaos’ ehrlich gesagt auch sehr entgegen kam. Trotzdem machte sie sich Sorgen um ihn. Müsste Marc Olivier nicht eigentlich ganz andere Dinge im Kopf haben als seine alte Mutter, die schon irgendwie mit der Situation alleine klar kommen würde? Ihr kam seine heftige Ansage auf ihrer Mailbox vom Freitagabend wieder in den Sinn und sie versuchte ihn nach kurzem Zögern auf den Inhalt seines sie tief berührenden Anrufes anzusprechen, der sie letztendlich auch dazu bewegt hatte, sich keine halbe Stunde später zumindest ein letztes Mal bei ihm zu melden. Dieser schwache Moment von ihr war wohl letztendlich unbewusst der Auslöser gewesen, der ihren Jungen direkt zu ihr geführt hatte, stellte Elke mit einem Mal verblüfft fest und legte sogleich die schon in ihrem Kopf vorgeschriebene Klageschrift gegen ihren behandelnden Arzt in Berlin wegen Verletzung der Schweigepflicht ad acta. Sie hatte ihr Kind ganz von selbst zu sich geführt. Dabei müsste es doch aus gutem Grund jetzt ganz woanders sein.

Elke: Marc, ich will dich doch eigentlich gar nicht loswerden.
Marc (blitzt sie an): Ja, klar! Und uneigentlich hast du schon den Sicherheitsdienst gerufen.
Elke (ignoriert seine patzige Reaktion u. gibt ganz die fürsorgliche Mutter): Solltest du jetzt nicht besser bei deiner Freundin sein?
Marc (kratzt sich verwirrt am Hinterkopf): Hä? Wieso? Du hast doch mitgekriegt, dass sie beschäftigt ist. Ich würde sie auch nicht öfter zu Gesicht kriegen, wenn ich jetzt im EKH in meinem Büro über Akten hocken würde. Wir sind total unterbesetzt. Die haben alle zu tun.
Elke (nimmt diesen Ansatz gleich für ihre weitere Argumentation auf): Was auch ein guter Grund wäre, sich sofort wieder auf den Rückweg nach Hause zu machen. Du gibst doch nie gerne Verantwortung ab, gerade wenn sie so dringend benötigt wird.
Marc (starrt sie verwundert an, weil sich seine Mutter doch sonst nie für seinen Job interessiert u. wenn, dann höchstens für das Image, das ein Arztsohn mit sich bringt): Die kommen auch schon mal ein paar Tage ohne mich aus. Ich hab in den letzten Jahren so viele Überstunden gemacht. Eigentlich könnte ich dafür ein ganzes Jahr Ferien machen. Was interessiert’s dich überhaupt?
Elke (verleiert die Augen, weil ihr Junge sie nicht verstehen will): Das meine ich doch nicht, mein Sohn. Aber Gretchen braucht dich jetzt.
Marc (noch verwirrter als zuvor klingeln bei ihm sämtliche Alarmglocken): Hä? Sag mal, hast du etwa hinter meinem Rücken mit meiner Freundin telefoniert? Das glaube ich jetzt nicht! Sie wollte sich doch zurückhalten.

Wenn ich die in die Finger kriege! Wahrscheinlich traut sich Haasenzahn deshalb nicht mehr an ihr Telefon. Na warte!

Elke (versucht sich verzweifelt zu erklären): Nein, habe ich nicht. Es geht doch darum, dass jetzt eine schwierige Zeit auf euch zukommt. Die ersten Wochen sind nie einfach.
Marc (glaubt sie endlich verstanden zu haben): Äh... Ich werde ihr schon sagen, wenn ich sie endlich mal an die verdammte Strippe kriege, dass du nicht gleich abnippeln wirst. Peinlich genug, dass sie wegen dir überhaupt Tränen vergossen hat. Die gezielte Strahlentherapie nach einer Operation wie der diesen mit den neuen Apparaturen, die die hier entwickelt haben, ist ja wohl genauso wie die intraoperative, die sie bei dir auch schon angewandt haben, im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich treffgenau. Zumindest treffsicherer, als wenn Haasenzahn mit dem Laser operieren muss. Aber es gibt einen Grund, warum man Frauen keine Waffen in die Hand drücken sollte.
Elke (fasst sich gerührt an ihr Herz): Hat sie das? Ach sie ist so ein liebes Kind.

Okaaay? Hier ist doch was oberfaul, wenn sie Haasenzahn geradezu in den Himmel lobt.

Marc (misstrauisch beugt er sich nach vorn u. fixiert sie mit seinem forschenden Blick): Sag mal, die ham dir doch was in den Tee gekippt. Seit wann bist du so nett zu ihr, wenn sie nicht mal vor dir steht? Und selbst wenn sie das täte, würdest du trotzdem deine Klappe aufreißen und ihr einen Spruch reindrücken.
Elke: Ja, ich darf doch wohl meine Meinung noch ändern, oder nicht? Der peinliche Vorfall im Fitnesscenter ist doch längst verjährt. Ich bin nicht nachtragend.
Marc (nimmt ihr das überhaupt nicht ab): Ja, klar! Gerade du!
Elke (überhört die Spitze u. konzentriert sich auf das Wesentliche): Außerdem habe ich doch jetzt einen wirklich guten Grund, mich damit anzufreunden, sie zu mögen.

Okay, Notiz an mich! Dringend noch mal nen Termin in der Radiologie machen für ein ausführliches Schädel-CT. Bei der sind doch ein paar Schrauben locker.

Marc (seine Augenbrauen gehen beunruhigt nach oben): Ach ja?
Elke (mit großer theatralischer Geste holt sie weit aus u. versinkt geradezu mit einem verklärten Grinsen im Gesicht in ihren Gedanken): Na schließlich schenkt sie mir mein erstes Enkelchen. Mein Gott, dass ich das noch erleben darf! Warum erzählst du mir denn nichts? Ausgerechnet am Telefon muss deine alte Mutter erfahren, dass ihr einziger Sohn seine eigene Familie gründen wird. Was wird es denn? Oh bitte lass es einen Jungen sein! Jungen sind so viel angenehmer und manierlicher. Wie weit ist denn deine Gretchen schon? Ich habe sie ja zum letzten Mal an Weihnachten gesehen und da hat man ja schon deutlich ein Bäuchlein gesehen. Hmm... lass mich mal nachdenken! Summa summarum.... ein Sommerkind also? Das sonnige Gemüt der Mutter wird also durchschlagen. Dann bleibt ja noch genügend Platz für die bemerkenswerte Intelligenz der Meiers. Aber ich warne dich, Marc Olivier! Wenn du auch nur einmal das böse O-Wort in den Mund nimmst, dann enterb ich dich und übertrage alles auf meinen Enkel.

Nachdem die Grande Dame ihren Traummonolog beendet hatte, starrte Marc sie mit weit aufgeklapptem Mund an, als wäre sie ein Wesen aus einer anderen Welt. Was hatte sie gerade gesagt? Was für ein bescheuertes O-Wort meinte sie denn? Und was für einen dicken Bauch? Gretchen war doch nicht fett, aufgrund ihres Schokoweihnachtsmannkonsums höchstens etwas moppelig, aber immer noch genau richtig für seine Chirurgenpranken, die diese Haasschen Vorzüge äußerst zu schätzen wussten. Und was für ein Sommerkind mit Meier-Intelligenz? Seine Mutter stand doch definitiv unter Drogen! Oder es war doch etwas in ihrem Kopf, was da nicht hingehörte? Der Tumor hatte doch nicht etwa doch gestreut? Von wegen sie sei gründlich untersucht worden. Solche irren Halluzinationen kamen doch nicht von irgendwoher? Er würde diesen schleimigen Professor sofort zur Rede stellen und ihn bei der Schweizer Ärztekammer anzeigen, wenn sich sein Verdacht bestätigen würde. Aber vorher musste er die Möchtegernoma schnell von ihrem Trip wieder herunterbekommen. Nicht dass der noch seltsamere Blüten annahm, als er bereits trug.

Marc: Äh...Wie kommst du darauf, dass Haasenzahn schwanger ist?

Lorelei Offline

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20.09.2013 16:52
#1441 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=1FQBA8Cfn7E


Zur gleichen Zeit herrschte in einem abgedunkelten Patientenzimmer im renommierten Berliner Elisabethkrankenhaus, das sich in Sichtweite des zur Hälfte zugefrorenen Wannsees befand, eisiges Schweigen. Man spürte sogar körperlich, dass die Zimmertemperatur trotz Bündelung der Sonnenstrahlen an der Fensterfront des zur Sonnenseite zugewandten Teils des siebenstöckigen Klinikgebäudes von einem Moment auf den anderen um ein paar Grad Celsius nach unten gegangen war. Maria Hassmann hielt ihre schweren Lider immer noch geschlossen, aus seelischer Erschöpfung, aber auch aus unterdrückter Angst vor Cedrics Reaktion auf ihr Geständnis. Aber als auch nach über fünf Minuten noch immer kein entsprechendes Lebenszeichen von dem Mistkerl kam, der in ihren Augen für ihren desolaten Zustand hauptverantwortlich war, linste sie dann doch einmal kurz durch ihre langen Wimpern, die aneinander klebten wie frischer Morgentau an einem Blütenblatt. Der Mann, der sonst immer in allen und vor allem in den unpassendsten Lebenslagen seine überdimensional große Klappe aufriss, hinter der meist nicht viel Gescheites steckte, saß noch genauso da wie in dem Augenblick zuvor, als sie ihm ihr Geheimnis nach großer Überwindung endlich gestanden hatte und danach der Druckwelle der Erleichterung gefolgt war, die ihr Geständnis mit sich gebracht hatte. Stocksteif saß er mit weit aufgerissenen Augen und seltsam verzerrten Mundwinkeln auf der Kante ihres Bettes und hielt sogar noch immer ihre Hand fest. Nein, er begann sie allmählich zu zerquetschen, wie sie feststellte, als das Schmerzgefühl die richtige Gehirnregion erreicht hatte, um gegenzuwirken.

Maria zerrte sich unsanft los, schüttelte ihre schmerzende Hand aus und starrte den Tölpel nun ihrerseits wegen seines fehlenden Taktgefühls und der allgemeinen Reaktionsverweigerung ungehalten an. Aber der studierte Mediziner mit Einser-Abschluss reagierte immer noch nicht, als hätte man ihn gerade schockgefrostet oder als Wachsfigur für „Madame Tussauds“ präpariert. Die Statue rührte sich einfach nicht mehr. Die schwangere Oberärztin resignierte schließlich, rollte enttäuscht mit den Augen und ließ die Wut langsam aufsteigen, die in ihrer Körpermitte zu brodeln begann. Dann schlug sie auch schon zu. Unerwartet. Aus dem Hinterhalt ihres Selbstschutzes heraus. Direkt zwischen seinen ihr zugewandten Rippenbögen landete ihre geballte Faust mit solcher enormer Schlagkraft, die man der frisch operierten Patientin gar nicht zugetraut hätte und empfohlen schon einmal gar nicht, gerade nicht in der Regenerationsphase, in der sie sich nach der Not-OP von Samstagnacht befand, sodass er beinahe seitlich vom Bett heruntergeplumpst wäre. Ihr äußerst gewagtes Vorgehen zeigte entsprechend Wirkung. Wimmernd vor Schmerz und dem Schock des Überraschungsmoments, den er soeben erlitten hatte, schreckte der Getroffene endlich auf. Er hielt sich die pochende Seite, klammerte sich mit seiner freien Hand an der Matratze fest, um nicht doch noch den Sturz zu vollenden, den er gerade noch so instinktiv hatte abhalten können, und sah die ihn böse anfunkelnde Übeltäterin mit aufgeklapptem Mund an, aus dem jedoch lediglich ein schwaches Piepsen herauskam. Irgendetwas hatte seine Stimmbänder blockiert. Ebenso wie seinen Denkapparat eine Etage weiter oben.

Cedric: Wa...Wa...Waaas? .................. Was... hast... du... gesagt?

...korrigierte sich der konsternierte Arzt stotternd, fuhr sich mit seiner freien Hand über seinen verwirrten Schädel, auf dessen Stirn sich dicke Schweißperlen gebildet hatten, und ließ seine Pupillen hektisch umher springen wie wilde Derwische, um die Situation in dem kleinen Raum zu erfassen, in dem sich nur sie beide befanden und dessen orange gestrichene Wände durch die schnelle Hin-und-Her-Bewegung seines Kopfes auf ihn zuzukommen schienen. Aber das Gefühl eines totalen Blackouts blieb trotzdem bestehen. Dr. Stier hatte wirklich keinerlei Ahnung, was gerade passiert war und warum er sich auf einmal so schrecklich beklommen fühlte. Sein Herz raste und trommelte wie wild gegen seinen Brustkorb und er dachte ernsthaft eine Sekunde darüber nach, sich an die Apparate der schlagkräftigen Patientin anzuschließen, um seine Lebenszeichen zu kontrollieren, die sich gerade verselbständigten und ihm mehr als seltsam vorkamen. Der Druck auf seine Ohren schien grenzenlos zu sein. Sein Kopf dröhnte. Die Schaltzentrale verweigerte ihre Arbeit. Alles erschien wie verwischt und unter einem dichten Schleier vergraben. Er war überfordert und durcheinander zugleich. Und das schien auch sein Gegenüber gefrustet zu verstehen, als es einen weiteren leidenden Blick auf die traurige Gestalt direkt vor seiner Nase warf. Sie hätte es einfach wissen müssen, schoss es Dr. Hassmann durch den Kopf, als sie patzig auf Cedrics mehr als unpassende Reaktion reagierte. Hätte sie doch bloß nichts gesagt! Aber wie lange hätte sie sonst noch warten sollen? Bis der Herr endlich erwachsen wurde? Bis dahin hätte Sarah ihren Eliteuniabschluss und der Nachzügler sein Abitur in der Tasche.

Maria: Du hast schon richtig verstanden, Cedric Stier. Also tue nicht so, als wärst du reif für ein Hörgerät und stell dich dem Ganzen wie ein Mann! Oder sollte ich mich in den letzten Tagen doch in dir getäuscht haben?
Cedric (überfordert hoch drei starrt er in ihr wutrotes Gesicht, aus dem ihn finstere Giftpfeilblicke treffen): Aber...?
Maria (deutet mit ihrem roten Schädel in Richtung Bauch, den sie mit Händen und der Decke geschützt hält): Kein aber! Es ist das Aber!
Cedric (beginnt immer noch nicht zu begreifen u. rutscht unruhig mit schweißigen Händen auf der Bettkante hin und her): Aber... aber...?
Maria (sauer u. enttäuscht verfolgt sie seine Panikreaktion, mit der sie so oder so ähnlich schon irgendwie gerechnet hat): Bekommst du jetzt vor lauter Schreck Tourette oder was? Was denkst du denn, wie ich mich fühle mit dem kleinen lästigen Untermieter hier drin, der einfach so heimtückisch eingezogen ist, ohne an die Miete und die Vermieterin zu denken?
Cedric (bekommt immer größere Augen u. einen trockenen Hals, als er auf ihren Bauch starrt, den sie unter der Bettdecke versteckt hält): Du... du...?
Maria (sichtlich genervt u. gefrustet würde sie dem Stotterer am liebsten den Hals umdrehen): Ja, ich, du ignoranter Mistkerl! Oder siehst du hier noch jemanden, der von Minute zu Minute immer fetter wird, obwohl sie nur per Tropf mit Vitaminen versorgt wird?
Cedric (sucht verzweifelt nach Worten, aber der Dudenspeicher seines Gehirns scheint völlig durcheinander geschüttelt worden zu sein): Aber du... du...?

GGGRRR!!! Wenn ich nur zwei Millimeter weiter links getroffen hätte, hätte ich ihn ausknocken können. Genau dort ist doch der Punkt, von dem mein Selbstverteidigungskursleiter immer gesprochen hat. So ein verdammter Mist, dass ich die Chance vertan habe.

Maria (wenn Blicke töten könnten, sie hätte ihren unsensiblen Exmann jetzt auf der Stelle abgemurkst): Ich bin sechsunddreißig, Rick. Da ist biologisch noch alles drin. Also schau mich nicht so an, als wäre ich schon in den Wechseljahren und zu alt für diesen ganzen Scheiß. Ich hab mir das nicht ausgesucht. Die Fakten sind nun mal nicht zu ignorieren. Das hab ich auch schon versucht. Glaub mir!
Cedric (gerät immer mehr ins Stottern u. Schwitzen, als er in ihren wütend aufblitzenden Augen hin und her blickt): Das... das wollte ich... ni... Ich meine, du... du bist...
Maria (beugt sich mit finsterem Blick zu ihm vor u. brüllt ihm unmissverständlich ins Ohr): Schwanger, du unsensibler Idiot! Wie oft muss ich es dir denn noch eintrichtern, bis du hirnverbrannter Kerl es endlich kapierst? Brauchst du ein Memo auf deinem Server? Oder soll ich dir gleich meine Akte geben?
Und wage es ja nicht, dich aus der Verantwortung zu stehlen, du... du... GGGRRR! Ich werd dich... Oh?
Cedric (schafft es endlich seine Worte in einen sinnvollen Satz zusammenzutragen u. spricht ihn hastig aus, bevor er ihn wieder verliert): ... du bist... gerade operiert worden! Ist... ist alles in Ordnung?
Maria (überrascht darüber, dass er sich offensichtlich tatsächlich Sorgen macht, bleibt ihr für eine Sekunde die Sprache weg): Äh...jaaa? Es hat Füße, Hände, einen Kopf und einen kräftigen Herzschlag, ich denke also schon. Mehdi hat mit Argusaugen darauf geachtet, während sie das Geschwür erfolgreich zerlegt haben. Es hat die OP entsprechend gut überstanden, ja.
Cedric (sämtliche Alarmglocken schrillen unvermittelt los, ehe die Bilder seinen Datenspeicher erreichen, u. er geht unbewusst auf Distanz, was man auch seinem Gesicht ansehen kann): Mehdi?

Es dauerte einen Moment, bis Cedrics plötzliche abweisende Haltung auch bei der werdenden Mutter ankam und sofort in explosive Energie umgewandelt wurde. Das konnte doch jetzt echt nicht wahr sein, oder, dachte sie fassungslos und schupste den elenden Ignoranten völlig außer sich von ihrer Bettkante und deutete ungehalten zur Tür. So viel zum Thema Vertrauen und Verständnis.

Maria: Raus!
Cedric (überrumpelt u. verwirrt, weil er eben noch in Gedanken war, sieht er sie an): Äh... Maria?
Maria (echauffiert sich lautstark): Ich habe „RAUS“ gesagt! SOFORT! Und wage es ja nicht, dich auch nur einmal wieder hier blicken zu lassen, du Arsch!

Ob der groben Reaktion seiner Herzangebeteten machte es nun auch endlich bei dem Neurologen in der großen Schaltzentrale klick. Mit großen aufleuchtenden himmelblauen Augen, die aus den Augenhöhlen nahezu herauszuploppen schienen, rappelte sich der unverhofft werdende Vater vom kalten Fußboden wieder auf, fasste sich an seinen Dreitagebart und sah die Furie in dem lilagestreiften Satinpyjama verblüfft an, die sich ungeachtet ihrer auf ihrem Gesicht sich abzeichnenden OP-Schmerzen aufgebracht in ihrem Bett herumwälzte, wild fluchend ein Kissen nach dem anderen zerknüllte und in ihren Rücken schob, um eine angenehmere Position für sich und ihren grenzenlosen Ärger zu finden. Trotz angsteinflößendem Drohblick, dies nicht zu tun, falls er diesen Tag noch überleben wollte, näherte er sich wieder dem Bett, aus dem er soeben unsanft verbannt worden war, und seiner Bewohnerin, setzte sich wieder auf exakt dieselbe Stelle, auf der er eben noch gesessen hatte und den Groschen nicht hatte fallen hören, und wich dem sofort einsetzenden Hassmannschen Widerstand in Form von ihm und seinem makellosen Astralkörper zugefügten Prellungen durch ihre beiden schlagkräftigen Fäuste, die unentwegt auf ihn einschlugen, gekonnt aus. In einem unaufmerksamen Moment ihrerseits gelang es dem breit grinsenden Mittdreißiger, sich ihre um sich schlagenden Klitschko-Hände zu schnappen und die Finger, die ihn zu kratzen versuchten, mit seinen verschränkt neben ihrem wutrot angelaufenen Kopf zu fixieren. Der Widerstand wurde trotzdem nicht weniger und so hatte der malträtierte Neurochirurg keine andere Wahl, als die tobende und zeternde Patientin zum Selbstschutz ganzkörperzufixieren, indem er sich auf ihre ihn unentwegt tretenden Beine setzte. Marias Handgelenke hielte er dabei natürlich immer noch fest gegen das weiche Kopfkissen und das aufgerichtete Kopfteil des Bettes gedrückt. Sein heißer Atem streifte ihr erhitztes Gesicht und verwirrte und mobilisierte sie zugleich, als Cedric der Wildkatze mit strengem Blick unmissverständlich Einhalt gebieten wollte.

Cedric: Jetzt beruhige dich doch, verdammt noch mal, Weib! Du verletzt dich nur selbst!
Maria (aufgebracht keift sie weiter): Lass mich los, verdammt! Was fällt dir überhaupt ein?
Cedric (völlig unbeeindruckt erträgt er ihr Zappeln u. Treten): Du, ich kann mir gerne noch Hilfe von außen holen. Der Notrufknopf liegt direkt unter meinem kleinen Finger. Aber ich bin mir nicht sicher, ob der Professor den Bericht des Psychologen lesen möchte. Und ich bin auch nicht heiß drauf, den Totalausfall seiner besten Kraft erklären zu müssen. Hat der nicht mal Herzprobleme gehabt? Hab ich jedenfalls gehört.

Die stolze Oberärztin wand sich noch eine Weile unter ihm hin und her, bis sie schließlich erschöpft aufgab und sich ihrem Peiniger und ihren Schmerzen geschlagen gab. Ihren Wuschelkopf hielt sie jedoch immer noch demonstrativ von dem unmöglichen Kerl abgewandt, dessen Grinsegesicht direkt über ihrem thronte und sie so zusätzlich provozierte. Diese Demütigung würde sie sich nicht geben. Die Apparate, auf die ihr Blick nun gerichtet war, zeigten deutlich ihren Wutausbruch an und es hätte sicherlich nicht mehr viel gefehlt und sie hätten Alarm geschlagen und unliebsame Zeugen hereingeführt. Gefrustet seufzte sie aus und versuchte ihren Atem und ihren Blutdruck zu regulieren, während Cedric noch abwartete, bis sich ihr Brustkorb immer langsamer hob und senkte und ihr Gesicht einen gesünderen Teint angenommen hatte, und sie schließlich liebevoll ansprach, ohne jeglichen Vorwurf ihrer heftigen Reaktion gerade eben betreffend. Natürlich hätte er sie niemals vor ihrem Chef und den Kollegen bloßgestellt. Aber er hatte sich einfach nicht anders zu helfen gewusst. Als ob die Situation ihn nicht auch völlig überfordern würde. Er war gelinde ausgedrückt total geplättet, versuchte aber weiterhin Ruhe zu bewahren, auch wenn es ihm angesichts der unfassbaren Neuigkeiten schwer fiel, die immer noch nicht wirklich bei ihm angekommen waren.

Cedric: Hey! Schau mich mal an!
Maria (bäumt sich immer noch verzweifelt gegen ihn auf u. kommt seiner Bitte natürlich nicht nach): Nein!
Cedric (wird nun auch etwas lauter und ungehaltener): Jetzt sei bitte vernünftig, Maria!
Maria (trotzig schaut sie immer noch stur in die andere Richtung): Ich bin vernünftig! Du bist derjenige, der sich gerade an einer Patientin des Elisabethkrankenhauses vergeht.
Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man fast behaupten, sie reagiert total süß. Wie damals bei Sarah. Nach der Offenbarung hatte ich auch wochenlang überall blaue Flecke.
Cedric (nimmt ihre Trotzreaktion cool u. lässt entgegenkommend ihre Handgelenke los, um freie Hand für eine professionelle Untersuchung zu bekommen): Verklag mich doch! Ich will nur sichergehen, dass deine Verbände noch da sitzen, wo sie hingehören. Dein Verhalten eben war wirklich unvernünftig deiner und seiner Gesundheit gegenüber.
Maria (beginnt wieder zu zappeln, zu kratzen u. sich lautstark zu wehren): Untersteh dich, auch nur einmal Hand an mich zu legen und du bist ein toter Mann! Ich hab den braunen Gürtel.
Cedric (schmunzelt, obwohl er gerade den nächsten schmerzhaften Kratzer auf seine makellosen Chirurgenhände bekommen hat): Hey, hey! Jetzt bin ich aber beeindruckt.
Maria (dreht sich demonstrativ wieder zur Seite): Kannst du auch sein.
Cedric (seufzt entnervt auf): Lässt du mich trotzdem kurz meinem Job nachgehen? Bitte!
Maria (schlägt seine Hand weg, die nach ihrer Bettdecke greifen will, u. funkelt ihn böse an): Das kann ich auch alleine. Finger weg, du... du Lüstling!
Cedric (vorwurfsvoll rollt er mit den Augen): Maria, geht das auch einen Ton ernsthafter? Ich hab nicht gesagt, dass ich dir an die Wäsche will. Zumindest nicht jetzt. Später vielleicht.
Maria (streicht sich ihre Bettdecke wieder zurecht u. blitzt den Macho wütend an): Eh! Das ist mein voller Ernst, Rick. Lass mich in Ruhe! Du hast schon viel zu viel angerichtet. Da muss ich mich nicht auch noch von dir begrabbeln lassen.
Cedric (ein kleines zufriedenes Lächeln legt sich auf seine Lippen): Hoho! Aber mir ist schon länger klar, dass du mir für alles auf der Welt die Schuld gibst. Wahrscheinlich auch für die Schuldenkrise in Griechenland, das ewige Verschieben der Flughafeneröffnung, Peers Stinkefinger und das schlechte deutsche Fernsehprogramm, mit dem du hier den ganzen Tag gequält wirst. Und von mir aus, mach das ruhig! Ich hab deine Schläge mehr als verdient. Aber eins sag ich dir noch. Ich bin ein Mann. Männer verstehen immer alles miss. Du musst mir also keinen Vorwurf machen, wenn ich falsche Schlussfolgerungen ziehe, so wie du ihn immer in den Himmel lobst und mich stattdessen ständig zwischen die Beine trittst.
Maria (verschränkt eingeschnappt ihre Arme u. sieht zum Fenster): Ja, toll, gewonnen hab ich davon auch nichts.
Cedric (sieht sie mit aufrichtiger Miene an, als seine Stimme plötzlich ganz weich wird): Oh doch! Mehr als du denkst.

Maria (dreht ihren Kopf dann doch vorsichtig zu ihm herum u. bleibt an seinen sie liebevoll anstrahlenden Augen kleben): Rick, das... das ist verrückt. Das alles ist vollkommen verrückt.
Cedric (lässt langsam seinen Klammergriff los, nachdem Maria ihren Widerstand offensichtlich endgültig eingestellt hat, u. legt sich vorsichtig neben sie aufs Bett; ihre Gesichter sind einander ganz nah zugewandt): Ich find verrückt gut. Sogar ziemlich aufregend.
Hat der den Arsch offen? Hat er überhaupt verstanden, worum es hier geht? Die Katastrophe hat einen Namen. Also... nicht einen Namen im Sinne von einem richtigen Namen, sondern... Gott, ich glaube, ich drehe langsam durch.
Maria (ihr ist überhaupt nicht zum Lachen zumute): Darüber macht man keine Witze, Rick.
Cedric (lacht auch nicht u. blickt sie ernst an): Das ist mein voller Ernst, Mary.
Soll das heißen, er...? Ist er verrückt geworden?
Maria (ruhiger als zuvor sieht sie fragend zwischen seinen glänzend schimmernden Pupillen hin und her): Macht es das nicht noch viel komplizierter, als es bereits ist?
Cedric (lacht seufzend auf, aber versteht sie voll und ganz): Kompliziert ist doch unser zweiter Spitzname.
Er ist verrückt!
Maria (verdreht gequält die Augen): So hab ich mir das alles aber nun wirklich nicht vorgestellt.
Cedric (grinst sie neckisch an): Du hast dir was mit mir vorgestellt?
Maria (ihr Blick verfinstert sich augenblicklich): Rick!
Er kann einfach nicht ernst bleiben. So wird das doch nie was.
Cedric (will sie doch einfach nur von ihrer Unsicherheit ablenken): Ja, was? Zumindest erklärt das jetzt so Einiges, wie du dich in den vergangenen Wochen aufgeführt hast.
Maria (regt sich gleich wieder künstlich auf u. rückt von ihm ab): Wie bitte? Ich hab mich aufgeführt?
Cedric (grient sie zufrieden an): Jep! Zickig hoch drei, widerspenstig, launenhaft, hysterisch, neurotisch, unrational, anstrengend. Ich könnte das noch stundenlang weiter ausführen. Du hast dich ständig widersprüchlich verhalten. Ganz entgegen deiner sonstigen klaren Art, Dinge auf den Punkt zu bringen. Als würdest du unter Dauer-PMS leiden. Und das ist für einen Mann schon kaum auszuhalten. Kein Wunder, dass ich nie wusste, woran ich bin. Es war zum Verzweifeln mit dir. Mal konntest du mich nicht ausstehen. Dann fällst du im nächsten Moment über mich her, schlägst mich danach, um mich dann wieder wild zu küssen und den Ort und die Stelle sofort wieder zu verlassen. Du rufst mich an, sagst aber kein Wort. Ich stehe zwar auf Achterbahnfahrten, aber dauerhaft zerrt das auch an meinen Nerven.
Maria (zynisch): Oh tut mit leid, dass du so sehr leiden musstest, Mr. Sensibel. Sieh mich an, wohin es mich gebracht hat.
Cedric (wird nun auch ernster, als er ihr direkt in die Augen sieht): Du willst das Kind nicht? Ist es das?

Getroffen senkte Maria ihren Kopf, um im nächsten Moment an die Decke zu schauen und schulterzuckend aufzuseufzen. Schließlich blickte sie ihrem Gegenüber wieder aufgewühlt in die angstvoll hoffenden Augen.

Maria: Das... hab ich... so... nicht gemeint. Es ist nur... Ich... hab mir nie darüber Gedanken gemacht, solange biologisch immer noch die Möglichkeit bestand. Vielleicht hätte ich irgendwann noch mal den Wunsch gehabt oder eben nicht. Ich weiß es nicht. Ich war mit einem Kind immer ganz zufrieden und weiß Gott ausgelastet. Aber jetzt...
Cedric (nickt verständnisvoll): Ganz schön viel im Moment, hmm?
Maria (versucht die aufkommenden Tränen zu unterdrücken u. schließt die Augen für eine Sekunde): Du hast keine Ahnung, wie anstrengend unsere Motte gerade ist. Sie hat nur Flausen im Kopf. Man muss ständig hinterher sein. Will ich mir das alles wirklich noch mal antun, jetzt wo sie aus dem Gröbsten raus ist?
Cedric (lächelt verträumt): Ich konnte mir vorhin schon ein Bild machen.
Maria: Fünf Minuten sind etwas anderes als vierundzwanzig Stunden an sieben Tagen in der Woche und 365 Tagen im Jahr. Ich hab doch auch Pläne. Ich dachte, wenn sie jetzt endlich in die Schule geht, dann hab ich auch wieder mehr Zeit für mich, um endlich richtig durchzustarten in diesem verdammten Laden hier, wo Beziehungen mehr zählen als das, was man auf dem Kasten hat.
Cedric (kann sie verstehen, aber ist unsicher, was das alles für ihre gemeinsame Zukunft bedeutet): Und jetzt?
Maria (zuckt überfordert mit den Schultern): Ich habe keine Ahnung. Ich weiß momentan gar nichts mehr, weder was wird, was ich fühle, noch wie es weitergehen soll. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben vollkommen überfragt und planlos. Und ich hasse es.
Cedric (lächelt sie aufmunternd an): Dann sind wir ja schon mal zwei. Bessere Voraussetzungen gibt es nicht. Vielleicht ist es ja auch mal ganz gut, nicht alles durch und durch zu planen, sondern einfach zu leben und Spaß an dem zu haben, was man hat und was einem gegeben wird.
Maria (seufzt frustriert auf): Vielleicht sollte ich mir doch die Auszeit nehmen, die Mehdi mir empfohlen hat. So kann es auf jeden Fall nicht weitergehen.
Cedric (ein beunruhigendes Gefühl regt sich in seiner Magengegend): Auszeit?
Maria (sieht ihn an): Eine Mutter-Kind-Kur an die Ostsee zur Regeneration und um mir ein paar Dinge klar zu werden.
Cedric (Begeisterung sieht anders aus, aber wenn es der Genesung von Geist u. Körper dient): Wenn du das willst?
Maria: Es geht hier nicht ums Wollen oder Nichtwollen, Cedric. Ich stecke fest. Ich bin vollkommen am Ende mit meinen Kräften. Ich kann nicht mehr. Sowohl körperlich als auch psychisch. Ende Gelände. Ich kriege ja nicht mal auf die Reihe, Sarah betreut zu bekommen, solange ich im Krankenhaus bleiben muss. Das ist extrem frustrierend.
Cedric (nickt verständnisvoll ): Dann solltest du das vielleicht doch in Erwägung ziehen, auch wenn ich diesem Idioten nur ungern Recht gebe.

Maria (hat genug von seinen albernen Eifersüchteleien): Er hat mir nur geholfen, Rick.
Cedric (sichtlich genervt von seiner dämlichen Eifersucht, die er einfach nicht abstellen kann): Ich weiß. Es wäre aber wesentlich angenehmer, du würdest mit deinen Hilfegesuchen nicht immer nur bei ihm, sondern auch mal bei mir an die Tür klopfen. Ich bin für dich da. Du kannst auf mich zählen. Ich überleg mir was, wie wir das alles auf die Reihe kriegen. Du weißt, für dich würde ich ganze Berge ausreißen. Ich...
Maria (legt dem entschlossenen Mann einen Zeigefinger an die Lippen, um ihn zu stoppen): Nicht! Ich... Scheiße, verdammt, ich... Ähm... Das sollst du doch auch gar nicht, Rick. Mir reicht doch schon, wenn du beweist, dass man sich auf dich verlassen kann. Vor allem, was Sarah betrifft, die sich jetzt schon aus reiner Neugier heraus an deine Hacken heften wird. Meine Bitte von vorhin war ernst gemeint. Ich muss mich jetzt auch auf mich konzentrieren. Das Magengeschwür war ein Warnschuss. Ich muss für mich erst einmal alles sortieren. Momentan dreht sich alles so rasend schnell, dass ich Angst habe, aus der Kurve zu fliegen und völlig die Orientierung zu verlieren. Ich stehe im Flugzeug kurz vorm Absprung an der offenen Tür, stelle da aber fest, dass ich den rettenden Fallschirm vergessen habe.
Cedric (liebevoll streicht er mit seiner Hand über ihre gerötete Wange, um sie zu beruhigen): Ich... weiß, wie das ist. Aber hey, du musst mir nichts erklären. Die Fakten haben mich doch genauso aus den Latschen gerissen. Ich kann nur annähernd nachfühlen, wie’s dir damit gehen muss. Ich schwebe genauso wie du auf einer schwankenden löchrigen Holzleiter über dem Abgrund. Aber vielleicht hilft es dir ja ein bisschen, wenn du weißt, dass wir da nicht alleine drüber müssen. Es gibt immer einen Weg. Durch das größte Schlamassel. Schau mal, wie weit wir jetzt schon gekommen sind. Noch vor ein paar Wochen hättest du jede Tür vor meiner Nase zugeknallt, damit ich mir jedes Mal die Nase breche, leide und du die Genugtuung bekommst, es dem Arschloch noch mal so richtig gegeben zu haben. Nur dass du’s weißt, ich hätte mir trotzdem jedes Mal die Nase platt drücken lassen, wenn es dafür nur einen Funken Hoffnung gegeben hätte, dir... euch nah sein zu dürfen. Und jetzt? Das... das ist Wahnsinn. Unfassbar überwältigend. Ich kann’s kaum in Worte fassen.
Maria (sieht ihm bewegt in die Augen u. legt sentimental lächelnd ihre Hand auf seine, die ruhig auf ihrer Wange liegt): Es... Es wäre so viel einfacher, wenn ich dich... Ich wünschte, ich... könnte dich hassen.
Cedric (rückt lächelnd noch ein Stückchen näher heran, um die letzte Barriere zu brechen, u. berührt schließlich sanft mit seinen Lippenspitzen die ihren): Ich... dich... auch, Baby. ... Dich auch.

Ein inniger Kuss besiegelte schließlich ihr gegenseitiges Übereinkommen, das nicht nur einer offiziellen Friedenserklärung gleichkam, sondern vor allem auch einem unausgesprochenen Liebesversprechen. Zärtlich umschmeichelten sie sich und ließen die Anspannung der letzten Minuten mit einer befreienden Leichtigkeit abfallen. Stirn an Stirn, Nase an Nase, Hand an Wange, Wange an Hand lagen sie nebeneinander, bis sich ihre sich friedlich anlächelnden Lippen erneut suchten und fanden. Eine ungewohnte Ruhe stellte sich ein, sowohl innerlich wie auch äußerlich, während sie sich zärtlich küssten und keine Fragen offen ließen, welche erst durch ein leises Kichern ihr abruptes und viel zu schnelles Ende fand. Irritiert und noch völlig vernebelt von dem magischen Moment und den Wahnsinnsnachrichten, die er soeben erfahren und nur halb verarbeitet hatte, öffnete Cedric seine Augen und blickte direkt in die schimmernde Iris seiner neuen alten Lebensgefährtin, die gerade ihre verirrte Hand von seinem Hinterteil nahm. Ein schlimmer Verdacht regte sich in ihm und das „Ich-hab-dich-ja-vor-ihr-gewarnt“-Augenrollen von Maria bestätigte diesen sofort. Sie stand tatsächlich hinter ihnen! Die Definition von „inflagranti erwischt“ musste neu geschrieben werden. In Zeitlupe richtete er sich von der Mutter seiner Kinder auf, die er bis eben zärtlich in den Armen gehalten hatte und eigentlich noch nicht so schnell wieder hatte loslassen wollen, legte den weit möglichsten Anstandsabstand zwischen sich und Maria ein und drehte sich schließlich herum, um nun direkt in das aufleuchtende Augenpaar seiner ältesten Tochter zu schauen, die fröhlich weiter kicherte und hibbelig mit ihren kleinen Fingerchen zwischen ihm und ihrer Mami hin und her deutete, während er flüchtig die blonde Frau hinter seinem Mädchen erfasste, die ertappt rot angelaufen war und sich an das schmale Tablett klammerte, welches sie mit beiden Händen über dem Kopf der neugierigen Sechsjährigen balancierte.

Gretchen: Tut mir leid, sie war schneller als...
Sarah: Habt ihr euch wieder liiiieb?

...platzte es plötzlich aus einer gespannten Sarah Hassmann heraus und unterbrach damit das peinliche Gestammel der blond gelockten Assistenzärztin, die Marias Tochter doch nur bei der Essensversorgung hatte helfen wollen, nachdem das Tablett bereits in der Cafeteria, wo sie sich endlich nach einem kleinen Notfall in der Notaufnahme zum verspäteten Mittagessen eingefunden hatte, in der Schlange an der Kasse verdächtig geschwankt hatte. Mit dieser neugierigen Frage hinterließ die kleine Spürnase noch zwei weitere ertappt rot angelaufene Erwachsenengesichter, die sich peinlich berührt anlächelten und, nachdem sich der Überraschungsmoment etwas gelegt hatte und die Kleider gerichtet waren, auf den freien Platz in ihrer Mitte klopften. Die Sechsjährige nahm diese Einladung natürlich nur allzu gerne an, rannte fast Gretchen über den Haufen, die gerade das Tablett abstellen wollte, und kletterte wie eine Hochseilartistin auf das Bett. Sie krabbelte flink über die Decke und platzierte sich dicht neben ihrer Mama, die ihre Arme ausgebreitet hatte, während sie ihren Papa noch links liegen ließ, der sie gespannt beobachtete. Die Mami war jetzt nämlich erst einmal viel wichtiger. Sarah tunkte den großen Löffel in eine der beiden kleinen dampfenden Schalen, die sie mitgebracht hatte, und ließ keinen Zweifel offen, dass sie die Patientin jetzt unbedingt füttern wollte. Widerstand war bei dem sturen Kind eh zwecklos. Also ergab sich Maria augenrollend ihrem Schicksal und ließ den von ihrer kleinen persönlichen Krankenschwester geführten Löffel mit der süßen Milchspeise direkt in ihren Mund wandern, während sich Dr. Stier und Dr. Haase hilflose Blicke zuwarfen. Gretchen, die nervös mit ihren Fingern nicht wohin wusste und deshalb peinlich berührt Däumchen drehte, ehe sie sich dazu entschloss, die geschlossenen Jalousien wieder hochzuziehen, um die lachende Sonne in das abgedunkelte Zimmer hereinzulassen, hatte seine verzweifelte Miene jedoch schnell verstanden, nickte ihrem Vorgesetzten zu, bestätigend, dass auf Station alles ruhig verlief und er seine unplanmäßige Pause ruhig noch etwas verlängern könne, und drehte sich schwungvoll um, um das Zimmer geschwind wieder zu verlassen. Aber mit dem wohl breitesten Strahlelächeln auf ihren Lippen, das die schöne Ärztin aufbieten konnte und das den Rest ihrer Schicht die chirurgische Station des Elisabethkrankenhauses erstrahlen ließ.

Maria: Gewöhn dich schon einmal daran! Du wirst nie wieder alleine sein können. Sie taucht immer in den unmöglichsten Momenten auf. Dafür hat sie ein unschlagbares Talent. Das musste ich ihr noch nicht einmal antrainieren.

...flüsterte Sarahs Mutter irgendwann, nachdem ihre kleine Raupe nach der Raubtierfütterung in ihren Armen eingeschlummert war, über deren Kopf hinweg in Richtung des einstigen Machos, der sich gerade kaum zu rühren wagte, um den schlafenden Engel neben sich nicht aus Versehen aufzuwecken, und mit einem verklärten Softielächeln auf seinen Lippen die Konturen der zuckersüßen Prinzessin eingehend studierte, welcher er noch nie so nah gewesen war wie jetzt in diesem wunderbaren Moment. Augenzwinkernd sah Cedric auf und schloss mit seinem rechten Arm den Kreis um seine Tochter, indem er seine Hand auf die Hüfte von Maria legte, die rechts von Sarah lag und sanft mit ihren Fingern immer wieder durch deren weiches Haare streifte.

Cedric: Ein Naturtalent eben. Genau wie ihr Vater.
Maria (schlägt dem viel zu sehr von sich überzeugten Sprücheklopfer auf den zu ihr ausgestreckten Arm): Eh!
Cedric (herausfordernd grinst er zurück): Ich weiß, unter Strafandrohung hast du mir sämtliches Grabbeln verboten, aber ich möchte nur mal kurz Kontakt aufnehmen mit deinem neuen Untermieter. Darf ich?

...sprach der werdende Vater flüsternd seinen sehnlichsten Wunsch aus, der ihm schon seit geraumer Zeit unter den Fingern juckte, und wartete eine Reaktion seiner widerspenstigen Herzdame erst gar nicht ab. Taten sprachen schließlich bekanntlich mehr als Worte. Und so schob er auch schon ihre Bettdecke etwas nach unten und platzierte seine rechte Hand auf ihrem bandagierten Bauch, ließ seine geschmeidigen Finger darüber streifen, sodass es ihr trotz Verband eine Gänsehaut bescherte, die sich gegen ihren Willen allmählich von ihrer Körpermitte ausbreitete, und legte gleichzeitig seinen Kopf neben den seiner Tochter auf das gemeinsame Kopfkissen, die friedlich mit dem Gesicht in seine Richtung vor sich hin schlummerte wie ein kleines Unschuldsengelchen. Cedrics und Marias Blicke trafen sich über Sarahs Kopf hinweg und sie taten in den nächsten Minuten nichts anderes, als sich intensiv anzuschauen. Mit einem ungewohnt sanftmütigen Lächeln auf beiden Seiten.

http://www.youtube.com/watch?v=Ey5fY5msniI

Doch irgendwann veränderte sich das Lächeln der einen Bettbewohnerin. Sie stupste die Hand des verdutzten Arztes unvermittelt weg und zog die verrutschte Bettdecke zurecht, sodass auch die schlafende Sarah darunter Platz fand, die sich in dem Moment zu ihr herumdrehte und im Schlaf ihre kleinen Fingerchen in ihr Pyjamaoberteil verhakte, und blickte ihr männliches Gegenüber unmissverständlich an...

Maria (flüsternd): So! Und jetzt... raus aus meinem Bett!
Cedric (verwirrt richtet er sich auf): Äh... was?
Maria (beugt sich vorsichtig über ihre schlafende Tochter u. schupst deren Vater unsanft von der Bettkante herunter, auf der er aus Platzmangel eh nur noch mit einer Pobacke gesessen hat): Ich hab „raus“ gesagt! Subito!
Cedric (fängt sich noch rechtzeitig ab, hat aber keinen Schimmer, was jetzt plötzlich wieder in die Zimtzicke gefahren ist): Maria, du willst doch nicht ernsthaft das bescheuerte Spiel noch mal wiederholen? Findest du nicht, wir haben genug gekämpft?
Maria (zynisch funkelt sie den bedröppelten Mann mit den hängenden Schultern an, um dann auch schon wieder etwas ernster dreinzublicken): Ja, klar, Verwirrspiel inklusive! Nein, natürlich nicht! Mein Nervenkostüm ist nämlich auch nicht mehr das Beste. Es ist nur so, ich lasse meine Station nur ungern unbesetzt.
Cedric (schaut völlig verpeilt aus der Wäsche): Hä?
Maria (verdreht genervt die Augen u. gibt ihrem Kollegen eine Denkhilfe): Ja, ich bin leider verhindert, wie du siehst, und im Dienstplan steht dein Name in Großbuchstaben als Vertretung daraufgeschrieben. Also hopp! Die Patienten warten.
Cedric (kann es nicht fassen): Du schmeißt mich wirklich raus?
Maria (grinst ihn zufrieden an): Ja! Ich hab keinen Bock, dich mit mir erwischen zu lassen. Außerdem braucht Sarah ihren Mittagsschlaf und mir fallen ehrlich gesagt auch gleich die Augen zu. Und deshalb sage ich als Patientin jetzt tschüß, Herr Doktor!
Cedric (fährt sich durch seine Haare u. richtet anschließend seine zerwuschelte Frisur): Ich glaub’s nicht, du schmeißt mich wirklich raus.
Maria: Du hast doch gesagt, du würdest alles für mich tun? Na also! Wir sind dann wohl endgültig quitt.
Cedric (sichtlich durcheinander): Äh... Das hab ich eher etwas anders gemeint.
Maria (kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen): Und ich meine es so, dass du dich jetzt um meine Patienten auf Station kümmern wirst. Ich will mir nämlich nicht nachsagen lassen, dass ich meine Leute nicht im Griff habe, selbst wenn ich selbst leider nicht die Aufsicht darüber haben kann. Dann rufst du bitte noch die Leiterin von Sarahs Kindergarten an. Frau Schnippel ist ihr Name. Die Nummer kann dir meine Stationsschwester geben. Und du fragst nach, wie es nach dem Wasserrohrbruch jetzt weitergeht und wo geplant ist, die Kinder während der Reparatur unterzubringen und wie lange diese dauern wird. Dann gehst du zu Mehdi und holst Sarahs restliche Sachen. Die müssten noch in seinem Auto sein, nachdem sie gestern bei ihrer Freundin geschlafen hat. Den Wohnungsschlüssel kannst du auch von ihm kriegen. Du wirst nämlich auch noch zu meiner Wohnung fahren und für Sarah Sachen für ungefähr eine Woche einpacken. Das Zwergkaninchen musst du auch noch von der Nachbarin holen. Die fährt übermorgen in den Urlaub. Da kann der Nervzwerg also nicht bleiben. Und ohne wird Sarah nicht mit dir mitgehen. So viel ist sicher.
Cedric (mit jedem weiteren Wort aus ihrem zum Küssen einladenden Mund ist seine Kinnlade weiter heruntergeklappt): Wohin?
Maria (verdreht verzweifelt die Augen): Nach Köln zur Faschingsparade. Wohin sonst? Zu dir natürlich, du Spacko!
Cedric (schluckt): Zu...zu mir? Ernsthaft?
Maria (sieht nachdenklich zu ihrer schlafenden Tochter u. streicht ihr durchs Haar): Naja, wir müssen ja eh proben, ob das mit euch funktioniert. Und mir bleibt eh keine andere Wahl, solange ich hier bin, meine Mutter in der Reha und Papa Alleinversorger ist. Also machen wir gleich Nägel mit Köpfen, soweit sie nichts dagegen hat und sie sich nicht in den Kopf gesetzt hat, hier bei mir zu bleiben. Aber ich bin da ganz zuversichtlich. Die Aussicht auf eine Schwester wird sie an ihrer Achillesferse packen.
Cedric (fühlt sich ehrlich gesagt ziemlich überrollt, überspielt es aber mit seiner gewohnten Lässigkeit): Sonst noch was?
Maria (grinst ihn herausfordernd an): Ja, du musst ihren Plüschhasen noch aus dem überschwemmten Kindergarten retten. Sie ist ganz untröstlich, weil sie ihn in der Hektik heute Morgen liegen gelassen hat. Du weißt schon, den, den sie von dir hat. Das abgegriffene lilafarbene Ding, das nur noch eineinhalb Ohren hat. Ohne schläft sie nämlich nicht ein und du bekommst unfreiwillig ne Nachtschicht aufgebrummt. Also spiel den Helden und du wirst ihr Held sein.
Cedric (zwinkert ihr zu): Nachtschichten bin ich erprobt. In jeder Hinsicht.
Maria: Na dann?

...zwinkerte Maria zurück, leckte sich über ihre trockenen Lippen und deutete unmissverständlich zum Ausgang. Kopfschüttelnd kam Cedric der Bitte seiner Herzdame nach, blieb jedoch am Türrahmen noch einmal stehen, lehnte seinen Kopf seitlich dagegen und blickte verliebt lächelnd zu seinen beiden Mädels rüber.

Cedric: Darf ich wiederkommen?

Maria lächelte nur geheimnisvoll zurück, legte sich wieder neben ihre schlafende Tochter, schlang ihre Arme um deren kleinen Körper und schloss die Augen. Die letzten Minuten, denen sie kaum glauben konnte, dass sie tatsächlich stattgefunden hatten, musste sie erst einmal sacken lassen. Und damit ging es ihr wie ihm. Leise schloss Cedric die Tür hinter sich und trat mit zittrigen Beinen auf den Flur der Gynäkologie. Auf einen der Wartestühle gegenüber ließ er sich fallen und fuhr mit einer Hand ungläubig über seinen leicht geöffneten Mund, dessen Winkel sich augenblicklich nach oben zogen.

Lorelei Offline

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25.09.2013 17:27
#1442 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Auch zwei Stunden und einen komplizierten Knochenbruch, eine Schnittwunde und eine Blitzgeburt später wurde noch immer aufgeregt über das Geschehene des heutigen Tages sinniert.

Gretchen: Sie war so süß. Und aufgeregt. Ihr hättet sie mal erleben sollen. Ich glaube, von der Cafeteria bis zur Gyn hat die süße Maus ununterbrochen gequasselt, ohne auch nur einmal Luft zu holen. Naja, das ist ja auch verständlich, denn so etwas erlebt man auch nicht alle Tage, einen Vater geschenkt zu bekommen.

...berichtete eine von Kopf bis Fuß strahlende Frau Dr. Gretchen Haase glücklich der kleinen Gesellschaft an Fahrgästen im Aufzug des Elisabethkrankenhauses, den sie soeben in Begleitung von Dr. Mehdi Kaan betreten hatte, der seine Freundin Gabi Kragenow im Arm hielt, die angesichts der offen zur Schau getragenen Glücksbekundungen ihrer blond gelockten Kollegin nur gequält die Augen verdrehen konnte und am liebsten die nächsten Örtlichkeiten besucht hätte, die sie heute zum Glück noch nicht hatte aufsuchen müssen, um sich zu übergeben. Aber noch mehr Haassche Zuckerwatte und sie würde das sofort an Ort und Stelle den Patienten zum Trotz noch nachholen. Blondchen hatte wohl mal wieder zu lange am Süßstoff geschnüffelt. So schien es der genervten Krankenschwester zumindest, als sie die aufgedrehte Ärztin abweisend von Kopf bis Fuß musterte, die gar nicht mehr aufhören konnte, ihre strahlendweißen Beißerchen ihrer unmittelbaren Umgebung zu zeigen. Wie konnte man so einer nichtigen Geschichte, die eh nur zwei drei Tage halten würde, nur so viel Bedeutung beimessen? Das war Gabi echt ein Rätsel. Genauso, warum ihr eigener Freund da auch noch fröhlich mitmachte und mindestens genauso verstrahlt durch die Gegend guckte, als wäre er heute den ganzen Tag ohne Schutzkleidung durch die Radiologie spaziert. So überragend waren die News nun auch wieder nicht. Da waren die Gerüchte, dass die Oberschwester mit dem Fuchs nach Afrika durchgebrannt sein sollte, doch wesentlich interessanter als das, was im Hause Hassmann gerade passierte.

Der romantischen Geschichten wesentlich mehr zugeneigte Halbperser lauschte gespannt jedem einzelnen Wort über die geglückte Familienzusammenführung, welches im knallrosa Hello-Kitty-Modus über Gretchens Lippen kam. Es hatte also doch funktioniert, ohne dass er seine Hände ins Spiel hatte bringen müssen, die alle Beteiligten hinterrücks in einen Raum gesperrt hätten, so wie es Gretchen heute Mittag noch hinter vorgehaltener Hand vorgeschlagen hatte. Aber er hatte ein gutes Näschen bewiesen, indem er diesen Vorschlag, der durchaus eine Überlegung wert gewesen war, nicht umgesetzt hatte. Die drei hatten es auch ohne hilfreiche Ratschläge und Streitschlichter geschafft und das war ein tolles Gefühl, das er nun unbedingt teilen wollte. Grinsend nickte er seiner besten Freundin zu, die gerade etwas unkoordiniert mit den Knöpfen ihres violetten Mantels kämpfte, und drückte nebenbei auf das große E für „Erdgeschoss“ an der Anzeigentafel des Fahrstuhls, ehe er sich mit seiner nörglerisch dreinblickenden Freundin im Arm an die hintere Stahlwand lehnte. Gretchen war derweil unbemerkt auf der Türschwelle des Aufzugs stehen geblieben, weil sie ihren mit unzähligen Gedanken gespickten Kopf gesenkt gehalten hatte, um die Knopfreihe ihres Wintermantels wieder in Ordnung zu bringen, bei der sie sich, ins Gespräch mit Mehdi vertieft, verknöpft hatte. Dadurch verhinderte die junge Dame jedoch, dass sich die Türen schließen konnten. Sehr zum Ärger der brünetten Krankenschwester im hinteren Bereich des Fahrstuhls, die ihren wohl verdienten Feierabend genauso sehr herbeigesehnt hatte wie die Packung Schokocookies, die sie sich eben noch vor Schichtende am Automaten geholt hatte und über die sie sich schon hergemacht hatte, noch bevor sie am Lift angekommen waren. Gabi pickte die Schokokrümel von ihrem Mundwinkel, leckte sich über ihre Finger und fuhr die Nervensäge im Lila-Launebär-Kostüm schließlich ziemlich entnervt an...

Gabi: Das ist mittlerweile im gesamten Krankenhaus bekannt, Gretchen. Und jetzt komm endlich rein, wenn du mitfahren willst! Dein Hintern blockiert die Sicherheitsschranke.
Gretchen (hebt irritiert ihren Kopf, sieht sich um, errötet u. betritt mit einem entschuldigenden Lächeln im Gesicht den Aufzug, während sie ihren langen weitmaschigen rosaroten Schal mehrmals um ihren Hals wickelt): Oh!
Mehdi (sieht Gabi entgeistert an): Wie bekannt?
Gabi (sieht ihn schmunzelnd an): Na bekannt eben. Ich bin in der Patho darauf angesprochen worden, ob es denn stimme, was die Mini-Hassmann so herumposaunt. Ich hab mich auf die Schweigepflicht berufen und mich enthalten. Aber du weißt ja, wie es mit Tratsch hier im Haus ist. Ist der erstmal da, geht er schneller rum als ein grippaler Infekt.
Mehdi (eine dicke Sorgenfalte ziert seine Stirn, als er erst Gabi, dann Gretchen besorgt anschaut): Oje, Maria killt mich, wenn sie mitbekommt, dass die halbe Klinik über sie Bescheid weiß.
Gretchen (tritt an seine Seite): Dann sind wir schon zwei, die sie einen Kopf kürzer machen wird. Aber ich hab wirklich nichts gesagt. Zu niemandem. Außer dir... und Papa... und naja, Sarahmausi. Aber die hat ja auch von selber mit dem Thema angefangen. Sonst wäre sie vermutlich noch geplatzt, so aufgewühlt wie sie war.
Mehdi (lehnt sich seitlich gegen seine gute Freundin u. sieht sie leicht beunruhigt an): Das wird nicht gerade ihrer Genesung dienlich sein. Und sie muss doch endlich zur Ruhe kommen. Schon allein wegen dem Baby.
Gretchen (nickt zustimmend u. spürt dasselbe Grummeln in der Magengegend): Naja, aber wenn der enorme Druck, der auf ihr gelastet hat, jetzt weg ist, dann... Meinst du, sie hat ihm alles alles gesagt? Also Sarah zumindest nicht. Die hat mir nur tausend Fragen zu ihrem Papa gestellt.
Mehdi (zuckt mit den Schultern u. schaut abwechselnd zwischen Gretchen zu seiner Linken u. Gabi zu seiner Rechten hin und her): Weiß nicht. Ich war vorhin noch mal bei ihr im Zimmer, um mich für heute zu verabschieden. Da haben sie und Sarah tief und fest geschlafen. Ich hab sie einfach gelassen. Ich gönne ihr jede Minute, die sie mal zur Ruhe kommt. Der Blutdruck und das Fieber machen mir immer noch Sorgen.
Gretchen (sieht ihn aufmunternd an): Ach, Mehdi, das wird schon. Sie ist stark. Und ihre ganz persönliche Krankenschwester kriegt sie schon wieder auf die Beine. Schneller als du jetzt denkst. Hey! Sie hat ihr sogar Essen vorbeigebracht. Das war so putzig, wie Sarah sie füttern wollte.
Gabi (denkt nur ungern an die Mittagsstunde zurück, als sie eine verbale Backpfeife von ihrer Erzkonkurrentin bekommen hat, u. schiebt sich zur Beruhigung noch zwei Kekse in den Mund): Dann hat sich mein Job jetzt erledigt. Zum Glück!
Mehdi (reagiert irritiert auf das Rascheln von Gabis Cookietüte, von der er gerne selber etwas abbekommen hätte, aber Gabi hält sie wissend von ihm fern): Dr. Stier war übrigens vorhin bei mir. So wirklich schlau bin ich auch diesmal nicht aus ihm geworden. Der schaut mich immer noch schief von der Seite an.
Gabi (verdreht spöttisch die Augen): Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts, Mehdi. Der hat dich echt gefressen. Keine Ahnung, wieso.
Mehdi (lacht kopfschüttelnd): Naja, jedenfalls hat er von mir Sarahs Sachen eingefordert und er hat Marias Zweitschlüssel für ihre Wohnung konfisziert. Mehr hat er nicht gesagt und ist dann gleich ohne Gruß oder Dank wieder gegangen. Ich glaube, du musst mir mal wieder eine Stunde in Selbstverteidigung geben, Gretchen. Im Dunkeln möchte ich dem echt nicht begegnen.
Gretchen (grinst ihn an, ehe ihr plötzlich noch etwas einfällt): Ich dachte, das ist nicht gut für deinen Rücken? Aber gut, wenn du unbedingt willst, gerne. Apropos Dr. Stier, saß der nicht vorhin ziemlich abwesend vorm Säuglingszimmer? Also bestimmt so zwanzig Minuten.
Mehdi (gerät ins Grübeln): Wirklich?
Gabi (schiebt sich langsam den nächsten Keks in den Mund): Stimmt! Ich hab ihn auch gesehen. Wirklich ansprechbar war der aber nicht. Können wir nicht endlich mal die Scheibe wechseln? So langsam nervt das Thema echt.
Mehdi (sieht sie neugierig an): Nanu? Warum so grimmig, Schwester Gabi?
Gabi (zickig): Ich bin nicht grimmig, nur genervt, Herr Doktor. Ich erzähle ja auch nicht die ganze Zeit von meinen Exen und deren neuen Affären.
Gretchen (murmelt schmunzelnd still vor sich hin): Da würden wir bestimmt so einiges zu hören bekommen.
Mehdi (runzelt die Stirn): Also eine Affäre würde ich das nicht nennen.
Gabi (funkelt ihn genervt an): Mehdi!
Mehdi (grient sie an, bevor er ihr einen kleinen Kuss auf die Lippenspitzen gibt u. so doch noch in Genuss von Schokokekskrümeln kommt): Na gut!
Gabi (genießt den Moment, obwohl sie ihn eigentlich von sich schieben wollte): Du bist so blöd.
Mehdi (sieht ihr tief in die Augen, während er weiter mit ihr turtelt): Gar nicht!
Gretchen: Jedenfalls war es total süß, wie Sarah die beiden dann gefragt hat, nachdem wir ins Zimmer geplatzt waren, ob sie sich wieder lieb haben. Hach... Ich freue mich so für die drei... äh... vier. Da kommt zusammen, was zusammen gehört.

...schwärmte Gretchen weiter verträumt vor sich hin und ihr Gegenüber griente ebenso vergnügt zurück, so dass Schwester Gabi, die direkt daneben stand und sich die ganze Zeit, bis Mehdi sie in den Arm genommen und geküsst hatte, wie eine Aussätzige gefühlt hatte, nur genervt gen Decke starren konnte. Ihr Appetit war vergangen. Ein Blick in die Kekstüte verriet, dass diese eh leer war. Keine Ahnung, wohin der Inhalt so schnell verschwunden war. Sie schüttelte jedenfalls den Kopf und knüllte die Tüte zusammen, sprang dann entnervt nach vorne und drückte wiederholt auf den Knopf an der Fahrstuhlanzeige, damit sich die immer noch offen stehenden Stahltüren endlich schlossen und sie die Tratschklitsche und den damit verbundenen Trubel verlassen konnte. Doch zu früh gefreut. Gerade als sich die Fahrstuhltüren dank ihres beherzten und nicht ganz uneigennützigen Einsatzes endlich schließen wollten, ließ ein in dunkles Leder gehüllter ausgestreckter Arm die Sicherheitsschranke auslösen und die Türen schoben sich sofort wieder auf und ließen die beiden herbeigeeilten Fahrgäste noch mit hinein.

Überrascht schauten sich die fünf Passagiere nun an. Erst der eine die andere, dann die andere den anderen und so weiter, bis sich der Kreis geschlossen hatte, den diese kurzfristige Zwangsgemeinschaft mit sich brachte. Der eine neu zugestiegene Gast verdrehte sichtlich genervt die Augen, als er den Mann in dem hässlichen Parka an der hinteren Wand erkannte. Dieser schmunzelte nur amüsiert über den verdutzten Anblick des grimmigen Lederjackenträgers und blickte vielsagend zu seinen beiden Damen zu seiner Linken und zu seiner Rechten, die sich gegenseitig verwirrt anstarrten und dann ein gemeinsames Glucksen nicht verheimlichen konnten. Wie sagte man doch so schön, kaum sprach man vom Teufel, kam dieser auch schon im wahrsten Sinne des Wortes angesaust. Zusammen mit seiner kleinen Teufeline, deren himmelblaue Augen im Gegensatz zu seinen fröhlich aufleuchteten, als sie die drei Erwachsenen im Aufzug entdeckte, die sie so sehr in ihr Herz geschlossen hatte, dass sie sie am liebsten in eine Gruppenumarmung geschlossen hätte. Aber sie war zu aufgeregt, um diesen Wunsch auch in die Realität umzusetzen.

Sarah: Hallo!
Gretchen (strahlt zurück): Hallo, süße Maus!
Mehdi (lächelt Sarah ebenso erfreut an): Na!
Cedric (fixiert seinen Kontrahenten misstrauisch): Na?
Gabi (blickt irritiert von dem einen zum anderen): Na?

Schwester Gabi dachte in dem Moment, sich im falschen Film zu befinden, als sie den seltsamen Reaktionen der anderen und besonders der beiden männlichen Fahrgäste folgte. Die Stimmung schien zumindest von einer Seite aus mal wieder, warum auch immer, ziemlich feindselig gestimmt zu sein, während die anderen der überraschenden Begegnung einigermaßen angespannt, aber doch auch wohlwollend entgegensahen. Nur eine schaute fröhlich und aufgeschlossen von einer Partei zur anderen und dann wieder zurück zu ihrem Papa, der eine kleine Reisetasche mit Biene-Maja-Aufdruck in der Hand hielt. Das passende Gegenstück zu dem Biene-Maja-Kindergarten-Rucksack, den er Sarah abgenommen und geschultert hatte. Am liebsten hätte Dr. Stier auf der Stelle wieder kehrtgemacht und hätte mit seiner Tochter auf den nächsten Aufzug gewartet oder wäre gleich im Treppenhaus verschwunden. Mit dieser unliebsamen Konstellation, der er gerade hilflos gegenüberstand und von der er sich seltsamerweise vorverurteilt sah, wollte er nur ungern über drei Etagen hinweg in einem engen Stahlgefährt eingesperrt sein. Aber er hatte keine andere Wahl. Sein eigen Fleisch und Blut machte ihm nämlich einen Strich durch die Rechnung, als es sofort auf seinen Erzkonkurrenten zustürmte und mit seinen langen Ärmchen dessen Beine umschlang. Cedric verdrehte leidend die Augen bei diesem Anblick, senkte kurz resignierend sein Haupt und stellte sich dann direkt neben die Etagenanzeige, um auf den Schließknopf einzuhämmern, damit er die längste Fahrstuhlfahrt seines Lebens möglichst schnell und ohne Schaden hinter sich bringen konnte. Gretchen, die den nervösen Neurochirurgen mit Argusaugen beobachtet und irgendwie Mitleid mit dem sichtlich eifersüchtigen bald dreifachen Vater bekommen hatte, nahm sich schließlich seiner an und stellte sich neben ihn an die Tür. Sie drückte selbst noch einmal mit Samthänden auf den Schalter und siehe da, jetzt funktionierte es. Der Aufzug setzte sich tatsächlich endlich in Gang und fuhr nach unten. Lächelnd wandte sich die Assistenzärztin nun an ihren Kollegen, der mit dem Rücken zu den anderen an der Tür stehen geblieben war, um ihn in ein zwangloses Gespräch zu verwickeln...

Gretchen: Auch Feierabend?
Cedric (hat überhaupt keine Lust auf Smalltalk u. zeigt ihr das auch deutlich): Jep!
Gretchen (lässt sich nicht beirren): Warst du noch mal oben auf Station?
Cedric (seufzend ergibt er sich dann doch dem auferzwungenen Gespräch): Ich hab deinen Bericht nur überfolgen.
Gretchen (lächelt): Macht ja nichts. Herr Lafer ist noch sediert. Alles Weitere können wir auch morgen bei der Visite besprechen. Es läuft ja nicht weg.
Cedric: Gut!
Gretchen: Und ähm... Sarah? Sie... kommt mit zu dir? Das freut mich für dich.

...traute sich Gretchen nach einem quälenden Smalltalkversuch, der leider am männlichen Widerstand solchen lästigen Gesprächen gegenüber gescheitert war, endlich zu fragen und bekam als Antwort lediglich einen scheuen Blick und ein Kopfnicken von ihrem merklich durcheinander wirkenden Kollegen zurück, der immer wieder mit einem Auge hinter sich linste, um zu schauen, was seine Älteste gerade anstellte. Leider hatte sie dem dicken Idioten noch nicht vors Schienbein getreten, so wie er es am liebsten gemacht hätte. Stattdessen stand sie mit großen leuchtenden Strahleaugen vor Dr. Kaan und dessen Freundin, die auf einen Fingerzeig von ihr synchron vor ihr in die Hocke gingen, um auf Augenhöhe mit der Kleinen zu kommen. Denn Sarah Hassmann stand deutlich ins Gesicht geschrieben, dass sie unbedingt etwas loswerden wollte. Also folgten die beiden ihrem stillen Aufruf und blickten die hyperaktive Sechsjährige nun gespannt an. Langsam näherte sie sich Mehdis gespitztem Ohr, legte ihren Zeigefinger kurz an ihre geschlossenen Lippen, um dem großen Mann zu signalisieren, dass er ihr gemeinsames Geheimnis unbedingt bewahren sollte, blickte sich dann noch einmal nach ihrem neu entdeckten Vater um, der im Gespräch mit Gretchen vertieft zu sein schien, und wandte sich flüsternd, aber doch deutlich hörbar an Lillys Papa...

Sarah: Weißt duuu, Onkel Mehdi...
Mehdi: Ja, Mäuschen?
Sarah: ...der Cederederick, das ist mein Papa.

...platzte es mit unverhohlenem Stolz aus Sarah heraus und Mehdi konnte nur einen kurzen Schmunzelblick mit Gabi austauschen, die sich die Hand vor den Mund halten musste, um nicht laut loszuquieken, weil der Ausdruck in Sarahs Gesicht und ihr Tonfall einfach zum Niederknien gewesen war, ehe er seinem kleinen erwartungsvollen Gegenüber gespielt überrascht antwortete...

Mehdi: Nein?
Sarah (bestätigt es noch einmal sehr enthusiastisch): Doch! Doch! Doch!
Gretchen: Und wie findest du das, Sarah, Schatz?

...mischte sich nun auch Dr. Haase mit leiser Stimme ein, die mit einem Ohr und verträumten Entzücken Sarahs Begeisterung herausgehört hatte, die deren Vater doch tatsächlich etwas Farbe ins Gesicht getrieben hatte, der still, an den Knopf mit dem großen E gekrallt, vor sich hin litt und sich verzweifelt fragte, was dem noch so alles folgen würde. Er fühlte sich, als würde jeder mit dem Finger auf ihn zeigen, was natürlich überhaupt nicht der Wahrheit entsprach. Da war niemand, der ihm vorhielt, seine Tochter in den letzten vier Jahren vernachlässigt zu haben, außer vielleicht er selbst. Aber er war einfach von den Ereignissen überrollt worden. Er war überfordert und aufgeregt zugleich, dass er seinen Engel tatsächlich mit Erlaubnis der störrischen Mutter bei sich haben durfte. Zumindest für die Dauer von einer Woche, die mit Abstand die schönste seines Lebens werden sollte, wenn er sich nicht vollkommen dämlich anstellte. So wie jetzt. Sarahs Augen leuchteten auf, als ihre große Freundin nun auch vor ihr in die Knie ging. Hinter Gretchens Rücken hatte das aufgeregte Mädchen ihren Vater wieder ins Visier genommen, der nervös vor der Tür hin und her wanderte und sich immer wieder heimlich zu ihr umblickte. Doch als er ihre auf ihn gerichteten Blicke bemerkte, lächelte er nur kurz und drehte ertappt seinen Kopf wieder herum und fixierte nun die Etagenanzeige, die in Zeitlupe von zwei auf eins umschwenkte. Gleich hätte er es geschafft. Noch drei Sekunden.

Sarah: Mama hat gesagt, wir geben ihm eine Probezeit und schauen dann mal, wie er sich so macht.
Gabi (lacht amüsiert auf): Wie diplomatisch!
Mehdi (stupst ihr in die Seite, bevor er sie fest in den Arm zieht und damit klarstellt, dass sie bitte ihre Zunge zügeln soll, wenn sie je wieder von ihm geküsst werden will): Gabi!
Gretchen (kann sich auch ein Schmunzeln nicht verkneifen, das natürlich von einem sichtlich leidenden Dr. Stier wahrgenommen wird, der den Fahrstuhl nun anfleht, endlich das Erdgeschoss zu erreichen): Ein wirklich klug gewählter Schachzug, meine Liebe.
Sarah (grient sie zufrieden an): Ja, nicht? Und weißt du noch was, Gretchen?
Gretchen (sieht fragend zu Mehdi hoch, der sich daraufhin wieder mit gespitzten Lauschern zu den beiden herunterbeugt): Was denn?
Sarah (beginnt aufgeregt zu erzählen u. klammert sich dabei fest an die Enden von Gretchens Schal): Ich hab eine halbe Schwester. Ist das toll oder ist das toll? Die gehen wir jetzt abholen und dann gehen wir zusammen Schlitten fahren.
Gott ist das süß! Ich würde sie am liebsten knuddeln und nicht mehr loslassen, so süß ist sie. Ach was, ich mache es einfach.
Gretchen (gerührt schießen ihr ein paar Tränchen in die Augen, die sie versucht herunterzuschlucken, während sie die Hand an Sarahs vor Aufregung gerötete Wange hält u. sie in eine Umarmung zieht): Das ist schön, mein Schatz. Freust du dich?
Sarah (löst sich von ihr u. springt begeistert auf u. ab): Und wie! Ich darf bei ihr sein, solange die Mama im Krankenhaus bleiben muss.
Mehdi (nimmt gerührt seine ebenso bewegte Freundin in den Arm u. blickt in die leuchtenden Augen der Sechsjährigen, die ihn anstrahlen): Das freut mich für dich, Sarahmaus.
Sarah (strahlt über das ganze Gesicht wie ein Honigkuchenpferd): Lilly wird sooo staunen. Gestern noch haben wir darüber geredet und jetzt ist er auf einmal da.
Mehdi (lächelt, als er an die leise tuschelnden Mädchen in Lillys Kinderzimmer zurückdenkt): Ich weiß.
Sarah (legt ihren überzeugendsten Bambiblick auf): Darf ich das Lilly am Telefon erzählen, Onkel Mehdi? Bitte, bitte!
Mehdi (stupst ihr grinsend an die Nase): Natürlich! Aber wie du weißt, ist sie die nächsten beiden Tage bei ihren Großeltern. Ich gebe deinem Papa die Nummer von meinen Eltern. In Ordnung?

Sarah nickte zustimmend mit ihrem Köpfchen und wandte sich mit ihrem Bettelblick nun ihrem neu entdeckten Papa zu. Und auch Mehdi blickte zu Dr. Stier, der misstrauisch die Unterhaltung der beiden verfolgt hatte und sein Gegenüber nun mit kühlem forschendem Blick ins Visier nahm. Der friedliebende Frauenarzt ignorierte Cedrics immer noch feindselige Haltung ihm gegenüber und zog einen kleinen Zettel und einen Stift aus der Seitentasche seines olivgrünen Parkas, lehnte das Blatt Papier gegen die Spiegelwand und notierte seine eigene und die Nummer seiner Eltern darauf. Dann ging er ohne Umschweife auf seinen grimmigen Kollegen zu und reichte ihm die Notiz, die ein kleiner Smile als Friedenszeichen zierte. In dem Moment öffneten sich plötzlich unerwartet die Aufzugstüren im Erdgeschoss. Erleichtert atmete der überrumpelte Neurochirurg auf, nahm den Zettel widerwillig in die Hand, steckte ihn ein und schulterte Sarahs Tasche, um den Fahrstuhl zu verlassen. Mit einem eher neutralen, aber doch festem Blick wandte er sich ein letztes Mal an seinen „Lieblingskollegen“, dessen Freundlichkeiten ihm so dermaßen auf die Nerven gingen, dass man den Kerl fast schon mögen anstatt hassen musste, und dann an seine zuckersüße Tochter, die mit den flauschigen Enden von Gretchens Schal spielte und mit der hübschen Blondine fröhlich lachte.

Cedric: Dr. Kaan?
Mehdi: Dr. Stier!
Cedric: Sarah, kommst du bitte!
Sarah (nickt eifrig mit ihrem Kopf u. winkt den Erwachsenen von der Aufzugstür aus zu): Okidoki, Cederederick! Tschüssi, Onkel Mehdi! Tschüssi Gretchen! Tschüssi Gaaabiii!

Und ehe die drei darauf antworten konnten, war das Mädchen auch schon losgeflitzt und ihrem Papa hinterhergeeilt, den sie kurz vor dem Ausgang des EKHs eingeholt hatte. Erst liefen sie nur stumm nebeneinander her und schauten sich dabei immer wieder kurz an, aber als die gläsernen Schiebetüren aufgingen, schnappte sie sich dann doch seine Hand und so verließen die beiden zusammen das Krankenhaus. Bewegt sahen Mehdi, Gretchen und Gabi den beiden hinterher, dann verließen auch sie den Aufzug, vor dem bereits einige ungeduldige Klinikbesucher warteten, hereingelassen zu werden. Mit Gabi im Arm und Gretchen zu seiner anderen Seite schlenderte Mehdi langsam durch das Foyer zum Ausgang des Krankenhauses.

Mehdi: Tja, wer hätte das gedacht?
Gabi (kleinlaut): Also ich nicht.
Gretchen (schwärmt nur so vor sich hin): Ich hab’s immer gewusst.
Gabi (bleibt skeptisch): Ach komm!
Gretchen: Doch! Doch! Spätestens seit dem Tag, als er mal bei Maria vor der Tür stand. Wie da die Funken geflogen sind und sie sich angegiftet haben. Das war eindeutig. Nur nicht für die beiden. Bis jetzt. Aber man kennt ja solche Geschichten. Das sind aber auch irgendwie die spannendsten.
Gabi (verdreht genervt die Augen): Verwechselst du jetzt nicht eher dich und Marc?
Gretchen (grinst sie an): Nein! Ich bin da ganz objektiv.
Gabi (nickt leicht mit dem Kopf u. glaubt ihr kein Wort): Sicher! Naja, der weiß ja noch nicht, worauf er sich da eingelassen hat. Ich geb ihm keine zwei Tage.
Mehdi (nimmt sie an seine Hand): Warum denn gleich so pessimistisch?
Gretchen (nimmt ihre ehemalige Erzfeindin auch ins Visier): Glaubst du etwa nicht an Happy Ends, Gabi?
Gabi (fühlt sich für einen kurzen Moment in ihre eigenen unglückliche Familienkonstellation zurückversetzt, lässt sich davon aber nicht herunterziehen u. lenkt schnell mit einem übertriebenen Grinsen ab): Ach komm? Das ist doch noch kein Happy End. Der hat vielleicht eine Schlacht gewonnen, wenn man das so nennen kann, da der Gegner verletzungsbedingt ein weißes Fähnchen gewedelt hat, aber bewährt hat der sich noch lange nicht. Außerdem bin ich nicht pessimistisch. Sondern nur realistisch! Er hat die Kleine ja noch nicht vierundzwanzig Stunden an der Backe gehabt so wie wir gestern. Die Küche sieht immer noch aus wie ein Schlachtfeld. Also ich räume das nicht auf.
Mehdi (glaubt einen Hauch von Melancholie in ihren Augen entdeckt zu haben u. zieht seine Freundin fester zu sich heran, dann lächelt er sie an): Okay, das stimmt. Ich hab aber trotzdem, ich weiß auch nicht, warum, ein gutes Gefühl.
Gabi (schmiegt sich verliebt an ihn): Weil du immer in allem und jedem das Gute siehst.
Gretchen (voll und ganz von dieser Liebesgeschichte überzeugt): Ach was, das renkt sich schon mit ein bisschen Routine ein. Wenn Sarah jemanden mag, dann hält das für immer.

...griente Gretchen ihre beiden Kollegen sehr überzeugend an, als sie als Erste und mit dem Rücken zuerst durch die Glastür des EKHs nach draußen trat, schwungvoll herumwirbelte wie eine Ballerina auf dem Eis und dann zum Himmel blickte, an dessen Zenit die Februarsonne gerade stand und ihre warmen Strahlen auf Gretchens blasse Winterhaut schickte. Mehdi legte seinen freien Arm um die Schulter seiner besten Freundin und grinste zurück.

Mehdi: Sollen wir dich mitnehmen? Wir holen gleich Lilly von der Schule ab. Deine Wohnung liegt ja auf dem Weg.
Gretchen: Danke, gerne.

...antwortete Gretchen mit einem dankbaren Strahlelächeln. Und so fuhren keine zwei Minuten später Dr. Kaan, Dr. Haase und Schwester Gabi bereits vom Parkplatz des Elisabethkrankenhauses herunter, während Dr. Stier noch immer unter dem erwartungsvollen Blick seiner ungeduldigen kleinen Tochter an dem Kindersitz verzweifelte, den er auf der Rückbank seines Jaguars einfach nicht befestigt bekam. Er merkte nicht, dass er nicht nur unter der gestrengen Beobachtung einer Besserwisserin namens Sarah Hassmann stand, sondern auch von deren mindestens genauso klugscheißerisch veranlagten Mutter, die mit wehmütigem Blick am Fenster ihres Patientenzimmers stand und sein seltsames Tun nachdenklich verfolgte. Nur Sarah hatte sie entdeckt und winkte ihrer Mama fröhlich zu. Mit einem Lächeln auf den Lippen winkte Maria zurück, schenkte ihrem Kind eine Kusshand und legte sich dann zurück in ihr Bett, in dem sie noch die nächsten Tage festsitzen würde, wenn sie Mehdi nicht überredet bekam, doch eine Ausnahme zu machen und sie frühzeitig zu entlassen. Und endlich hatte Cedric sein Werk vollbracht. Sarah kletterte grinsend ins Auto und ihr Vater klemmte sich hinter das Lenkrad. Seine Finger waren eiskalt und zitterten. Nervös drehte er den Zündschlüssel herum und fuhr schließlich ebenfalls vom Parkplatz herunter. Gleich würden zwei seiner Kinder in seiner alleinigen Obhut sein und ihm ging jetzt schon sprichwörtlich der Arsch auf Grundeis. Da konnte Sarah noch so fröhlich ein Kinderlied nach dem anderen auf der Rückbank anstimmen. Vater zu sein, war schließlich der schwierigste Job der Welt. Er war aber gleichzeitig auch der schönste, den er sich vorstellen konnte.


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Lorelei Offline

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30.09.2013 17:21
#1443 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

In einem anderen Wagen verlief die Fahrt dagegen wesentlich ruhiger und entspannter als im Spielmobil von Sarah Hassmann, die gerade hartnäckig „Ich sehe was, was du nicht siehst“ anstimmte und damit ihren Chauffeur und Papa ärgerte. Noch immer mit einem breiten Glückslächeln im Gesicht beobachtete Gretchen Haase den vorbeirauschenden Verkehr auf den Berliner Straßen, während Gabi mit ihrem Schatz turtelte, der geschmeidig durch den zähflüssigen Nachmittagsverkehr der Hauptstadt steuerte und immer wieder zärtlich zu seiner schwangeren Freundin rüberblickte, die seine Hand am Schaltknüppel fest umschlossen hielt. Doch irgendwann wurde aus dem ansteckenden Häschenlächeln ein eher nachdenklich wirkendes Gesicht, das immer mehr in die Ferne schweifte. Die angehende Chirurgin griff schließlich beherzt in ihre rosa Stoffhandtasche, welche auf der Rückbank zwischen ihr und Lillys Kindersitz lag, zog ihr Handy heraus und betrachtete angespannt das Display, das noch immer keine neue Nachricht anzeigte, wie Gretchen enttäuscht feststellen musste. Der ganze Tag war wie verhext verlaufen. Sie hatten sich immer wieder aus verschiedenen Gründen verpasst. Aber Marc wusste doch, wann sie heute Schluss hatte. Er hätte doch schon längst anrufen können, dachte sie ernüchtert und eine große Sehnsucht griff nach ihrem Herzen und hielt es fest umschlossen, so wie die junge Frau ihr Telefon, auf dessen Display Marcs Konterfei sie mit frechen Grübchen anlächelte.

Oder war er etwa eingeschnappt, weil sie sich nach seinen verpassten Anrufen nicht noch mal gemeldet hatte? Dafür war einfach noch nicht die Zeit gewesen, verteidigte sich die schöne Assistenzärztin selbst und konnte kaum glauben, dass er tatsächlich deswegen schmollte wie ein kleiner Junge, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen hatte. Sie hätte doch sofort zurückgerufen. Er kannte sie doch. Nichts hätte sie davon abhalten können. Aber jedes Mal, wenn sie kurz durchgeatmet hatte, war irgendetwas Neues passiert. Entweder ein dringlicher Notfall oder ein süßes kleines Mädchen mit Stupsnäschen, das selbige immer überall reinstecken musste und so ihre Aufmerksamkeit erhascht hatte. Marc wusste doch, dass sie heute viel zu tun haben würde. Er ahnte ja noch nicht einmal annähernd, was alles in seiner Abwesenheit im EKH passiert war. Und sie konnte schon deutlich sein Gesicht erahnen, wenn sie ihm später alles davon haarklein erzählen würde. Die verliebte Ärztin wünschte sich doch nur, endlich seine vertraute Stimme zu hören, zu wissen, dass es ihm und vor allem seiner Mutter gut ging, dass sie ihn nicht weggeschickt hatte und dass sie sich keine wahnsinnigen Sorgen mehr machen müsste und sie einfach nur miteinander reden konnten, um ihre Gedanken zu teilen. Sehnsuchtsvoll laut aufseufzend lehnte sich Gretchen mit dem Handy gegen ihre puckernde Brust gedrückt auf der Rückbank des Mercedes zurück und blickte wieder gedankenvoll aus dem Seitenfenster zu den von der Nachmittagssonne angestrahlten Glasfassaden der Berliner Innenstadt, an denen sie gerade in angepasster Geschwindigkeit vorbeisausten und die dabei seltsam verzerrt wirkten. Wie riesige Skulpturen aus einer anderen Welt, in die sie sich nur zu gern hineingeträumt hätte.

Auf Gretchens Seufzen hin schaute der charmante Chauffeur und Kummerkastenkumpel in den Rückspiegel. Den Blick, der sich ihm bot, kannte er nur zu gut von seiner besten Freundin. Wie sollte er sie nur aufmuntern, wenn die Sehnsucht so groß und die Ungewissheit unerträglich war? Mehdi versuchte es gar nicht erst und sprach sie einfach direkt an, damit sie wusste, dass sie nicht alleine mit ihrem Kummer war. Er würde schließlich auch ruhiger schlafen, wenn er wüsste, dass mit Marcs Mutter alles in Ordnung war. Er konnte sich annähernd ausmalen, wie es seinem Kumpel wohl gerade ergehen musste. Solche Geschichten waren nie einfach. Auch nicht für einen begabten Chirurgen wie seinen Freund, der zwar auf jede medizinische Frage die passende Antwort wusste, aber mit Gefühlsausnahmezuständen wie diesen nur schwer umzugehen wusste. Vielleicht hätte er ihn doch nicht alleine fahren lassen dürfen? Müsste er ihm jetzt nicht direkt beistehen, ihm eine Schulter bieten? Das war doch genau dieselbe Frage, die Gretchen gerade quälte.

Mehdi: Hat er sich immer noch nicht bei dir gemeldet? Vielleicht wollte er dich nur nicht auf der Arbeit stören? Er ruft bestimmt gleich zurück, Gretchen. Ganz bestimmt.
Gretchen (sieht ihren besten Freund an, der immer genau weiß, wie sie sich gerade fühlt, u. versucht tapfer zu lächeln): Ja, vielleicht.
Oder aber, alles ist viel, viel schlimmer, als wir denken, und er igelt sich ein. So hat er es nach dem urplötzlichen Auftauchen seines Vaters auch getan. Ich müsste jetzt bei ihm sein.
Gabi (von der Neugier gepackt dreht sie sich herum u. mustert die abwesend wirkende Blondine eingehend): Was ist denn? Wo steckt der Oberar... ääähhhh... dein Oberarzt eigentlich? Ihr funktioniert doch sonst immer nur im Doppelpack?
Gretchen (weiß nicht, was sie sagen soll, weil es ihr den Hals zuschnürt, wenn sie an Marc u. dessen Mutter denkt): Er...
Mehdi (kommt ihr zur Hilfe): ...ist unterwegs.
Gabi (sieht misstrauisch zwischen den beiden Trauermienen hin und her u. ahnt, dass da mehr dahinter steckt): Aha?
Gretchen (blickt Mehdi dankbar an, dann schaut sie kurz zu Gabi, sieht aber gleich wieder weg, weil sie sich dafür schämt, notlügen zu müssen): Für... seine Forschungen. Du weißt schon.
Mehdi (stimmt Gretchen bei, auch wenn er seiner Freundin ungern etwas vorflunkert): Genau!
Gabi (immer noch nicht überzeugt): Und deshalb zieht ihr beide ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter? ... Eigentlich müsste man feiern, dass der Arsch nicht da ist. Aber das kann ich von den beiden wohl nicht erwarten. Genauso wenig, wie dass sich Mehdi neue beste Freunde sucht. Aber man kann nun mal nicht alles haben. Hauptsache ich hab ihn. Die beiden Torfnasen halt ich schon irgendwie aus. ... Ich dachte schon, du hättest den Macho endgültig vergrault und er hätte sich aus dem Staub gemacht.
Mehdi (tadelnd): Gabi!
Gretchen (verteidigt ihren Schatz vehement): Das hat er nicht und wird er auch nicht.
Gabi (hebt abwehrend ihre Hände, weil offenbar beide keinen Spaß verstehen, u. dreht sich augenrollend wieder auf ihrem Sitz herum): Entschuldigung, dass ich mir überhaupt Gedanken gemacht habe. Kommt nie wieder vor! Aber wenn man mal nicht einen blöden Spruch nach dem anderen reingedrückt bekommt, wie sonst immer, dann kommt einem das schon komisch vor. Zumal was rumgeht.
Gretchen (richtet sich alarmiert auf, beugt sich nach vorn u. klemmt ihre verschränkten Arme hinter die Kopfstütze vom Beifahrersitz): Was geht rum?
Gabi (dreht sich zur Seite u. lehnt ihren Kopf gegen die Kopfstütze): Nichts! Die einen sagen, ihr hättet euch auf Sabines Hochzeit gezofft, bis die Fetzen geflogen sind, weil Marc am Ende nur noch alleine da war mit den zwei Knirpsen. Wusste ja bis heute keiner, dass wir anderweitig beschäftigt waren. Und die anderen sagen, ihr habt es ordentlich krachen lassen am Folgetag und der Meier pflegt jetzt seinen Kater.
Das glaube ich jetzt nicht. Sind die vollkommen übergeschnappt?
Gretchen (lehnt sich wieder zurück u. wechselt mit Mehdi im Rückspiegel vielsagende Blicke): So ein Blödsinn! Nur weil Marc andere, wichtigere, viel, viel wichtigere Dinge zu erledigen hat und mal ein paar Tage nicht Dienst hat, zerreißen die sich gleich das Maul und erfinden Beziehungsprobleme, wo gar keine sind. Tzz... unmöglich so was.
Mehdi (gibt ihr Schützenhilfe): Du kennst sie doch. Wenn die in den Pausen nichts zu erzählen bekommen, dann malen sie sich die Dinge eben in den buntesten Farben aus. Davon können wir auch ein Lied singen.
Gretchen (schmollt): Das wird aber garantiert kein Charterfolg.
Gabi (schnippisch): Glaub mir, du willst Mehdi nicht singen hören.
Mehdi (stupst sie gespielt beleidigt in die Seite): Eh!
Gabi (grient ihn an u. schaut dann abwechselnd zwischen ihm u. Gretchen hin und her): Meint ihr, das stimmt, also das mit der Oberschwester?
Mehdi / Gretchen (gleichzeitig): Was denn?
Gabi (grinst, als sie beginnt zu erzählen, was während der Dienstbesprechung der Schwesternschaft heute wie bei der „stillen Post“ die Runde gemacht hat): Sie soll nach dem Polterabend mit dem Fuchs auf...

Doch Gabis Erzählung blieb lediglich eine unvollendete Kurzgeschichte, denn in dem Augenblick, als die Krankenschwester weiter ausführen wollte, klingelte ein Handy auf der Rückbank und alle sahen sich verdattert an. Mehdi blickte, an einer Ampelkreuzung wartend, in den Rückspiegel direkt in Gretchens Augen, die augenblicklich aufleuchteten. Hastig griff die angehende Fachärztin nach ihrem klingelnden Telefon, das ihr in dem Moment auch noch aus der Hand flutschte, als sie, ohne auf das Display zu schauen, auf den grünen Hörer drückte.

Mehdi: Na siehst du! Und er meldet sich doch.
Gretchen: MARC? MAARC! MAAARC!

...platzte es ungeduldig aus der aufgeregten Assistenzärztin heraus, noch ehe sie registriert hatte, was gerade passiert war. Verärgert über sich selbst und ihre ständige Tollpatschigkeit fluchend versuchte sie, nach dem unter Gabis Sitz geflutschten Telefon zu greifen, wobei sie seltsame körperliche Verrenkungen ausübte, die dem Chinesischen Staatszirkus durchaus Konkurrenz machen könnten. Dass Mehdi gerade etwas zu schwungvoll nach rechts abbog, vereinfachte die Geschichte für die Hobbyakrobatin auch nicht gerade. Die Schwerkraft ließ Gretchen, die sich abgeschnallt hatte, um mehr Bewegungsfreiheit zu kriegen, in die andere Richtung rutschen. Doch nach einigem Hin und Her und dem einen oder anderen blauen Fleck gelang es ihr dann doch noch, ihr rosa verziertes Smartphone zu erreichen. Sie zog es unter dem Sitz hervor, hielt es triumphierend hoch und dann hastig nach Luft schnappend an ihr rechtes Ohr.

Gretchen: Maaarc! Endlich! Ich dachte schon, du... Oh! Ääähhh... jaaa? Das ähm... Sabine? Hähä! Das... Das ist aber eine... schöne... Überraschung!

...stellte eine verblüffte Dr. Haase fest. Sie schaute noch einmal vergewissernd aufs Display ihres Handys, welches eine hübsche Braut neben ihrem adretten Bräutigam zeigte, und dann ungläubig nach vorn zu ihren beiden Freunden, einen plappernden Mund mit ihrer freien Hand improvisierend. Mehdi und Gabi sahen erst sich verwirrt an, dann blickten beide in den Rückspiegel. Sie erkannten Gretchens verzweifelten Gesichtsausdruck, sahen sie aufmunternd lächelnd an und wandten sich dann schmunzelnd wieder dem Verkehr vor sich zu. Die Lauscher blieben natürlich gespannt, als Gretchen verzweifelt versuchte, dem Gesprächsverlauf zu folgen, und auf der Rückbank immer mehr in sich zusammensank, weil die Enttäuschung, dass sie nicht ihren Traummann am anderen Ende der Leitung hatte, viel zu groß war.

Gretchen: Nein, Sabine, du... du störst doch nicht. Du störst doch nie. ... Danke! Das... Ähm... Ja. Bestens, ja. ... Schön... schön! Und ihr? Ihr seid also gut angekommen in Amerika? ... Gut! Und der Flug... War er...? ... Aha! Ja, das kann ich mir vorstellen. ... Aber sonst so...? ... Aha! ... Wow! Das ist ähm... toll für Günni. Und er... er hat also...? ... Ach? ... Fotos? ... Hmm! ... Hmm! ... Aha! ... Nein? Wirklich? Das ist ja... Und ihr...? Oho! ... Ihr reist also die ganze Woche noch durch die...? ... Äh... ja? Da war ich auch mit... Alexis, aber das ist... Unbedingt! Aber ihr solltet nicht so viel... Ach? Allergisch? Gibt’s das...? ... Na, das macht doch nichts. Hauptsache ihr... Schön!... Schön! ... Aha! Bei dem Naturstamm? ... Echte Indianaer? ... Okay? Interessant! ... Ja? ... Hmm! ... Oh! ... Äh... So genau wollte ich das auch nicht wissen. ... Nein, nein, wenn es euch gefällt, dann... Jeder ist ja... Genau! ... Wir? Äh... Ja, bei uns ist soweit alles in Ordnung. ... Dem Dr. Meier geht’s gut, ja. ... Hoffe ich. ... Das... Oh! Äh... Nein, nein, nein, natürlich darfst du uns eine Karte schicken. Das ist doch...

Gabi (hält sich glucksend die Hand vor den Mund u. blickt schelmisch nach hinten): Na, wenn du das mal nicht bereuen wirst.
Gretchen (schaut grimmig nach vorn, ehe sich ihre Mundwinkel urplötzlich nach oben ziehen): Das? Ach das... das war nur Gabi. Ich bin gerade mit ihr und Mehdi auf dem Weg nach Hause. ... Ja, ein anstrengender Tag. Du kennst es ja. Das übliche Chaos. ... Ja, klar! Natürlich darfst du den beiden auch eine Karte schicken. Sie freuen sich ganz bestimmt darüber. ... Hast du ihre neue Adresse? ... Sie sind doch umgezogen. Ich kann sie dir gerne... Och du, ins EKH geht’s bestimmt auch. Kein Problem!
Mehdi (amüsiert sich ebenso wie Gabi über Sabines Anruf, bis ihm u. seiner grinsenden Freundin das Lachen im Hals stecken bleibt): Boah! Bist du fies! Wir sind übrigens gleich da, Gretchen. Soll ich dich gleich da vorne rauslassen?
Gretchen (grient ihn an u. steckt ihm frech die Zunge raus): Ja, gerne! Du... Sabine, ich würde gerne noch weiter mit dir telefonieren, aber... wir sind da und ich muss jetzt hier raus. ... Äh... Jaaa? Wenn... du... magst? Aber du weißt schon, dass das deine Flitterwochen sind? Wollt ihr da nicht eher alleine... Ach so? Ihr seid die anderen beiden Wochen dann im Funkloch? ... Wie schade! Dann müssen wir wohl alles erst nach eurem ähm... Traumurlaub bereden? ... Nein, ist schon ok, Bine. Bitte mach dir keine Gedanken! Es ist gut so, wie es ist. Genieß deinen Honeymoon mit Günni! Und grüß ihn schön von mir!
Mehdi (quatscht dazwischen, während er gekonnt in eine kleine freie Parklücke einbiegt): Von uns auch liebe Grüße.
Gabi (gezwungenermaßen): Jaaha!
Gretchen: Hast du gehört? ... Ja, mache ich. Tschüß, Sabine! ... Ja, ich grüße auch meine Mutter ganz lieb von dir. ... Jaaa! Tschüß! ... Tschüß! ... Tschüß, Sab... Du meine Güte, sonst bekommst du nie ein Wort aus ihr raus und jetzt quasselt sie, als gäbe es kein Morgen mehr. Ach, liebe Grüße zurück, soll ich ausrichten.

...sagte Gretchen erschöpft, steckte ihr Handy ein und schnappte sich dann ihre Tasche, die sie schulterte, ehe sie das Fahrzeug verließ, das Mehdi sicher in einer Parkbucht vor dem modernen mehrstöckigen Wohnhaus eingeparkt hatte, in dem sich Marcs und Gretchens Wohnung befand. Gentlemanlike hielt der charmante Halbperser seiner besten Freundin jetzt die Tür auf. Ihn frech angrinsend stieg Gretchen aus und drehte sich noch einmal zum Abschied kurz zu Gabi um, die die Beifahrerfensterscheibe heruntergelassen hatte.

Gretchen: Tschüß Gabi! Bis morgen!
Gabi: Jep! Im EKH läuft man sich nun mal zwangsläufig über den Weg.

...antwortete Gabi schnippisch, ohne sich noch einmal nach ihrer Mitfahrerin umzuschauen, die daraufhin die Augen verdrehte und dann zusammen mit Mehdi die Fahrbahn überquerte, der Marcs Freundin unbedingt noch bis zum Eingang ihres Hauses begleiten wollte. Die schöne Krankenschwester klappte die Sichtblende herunter und kontrollierte in dem kleinen Spiegel, der sich darunter befand, ihr Make-up, während Mehdi noch kurz bei Gretchen vor der Haustür stehen blieb, was Gabi dann doch verwundert aus dem Augenwinkel heraus mitbekam.

Mehdi: Und dir geht’s wirklich gut? Kann ich dir noch was Gutes tun, Gretchen?
Gretchen (lächelt ihn dankbar an): Du bist lieb, danke, aber ich bin schon erwachsen. Ich komme schon alleine klar. Sabine hab ich ja auch erfolgreich abgewimmelt. Außerdem hat sich mein kleiner Bruder bei uns eingenistet. Ergo bin ich gar nicht alleine und muss den armen Jammerkloß bespaßen, anstatt bespaßt zu werden.
Mehdi (lacht, merkt aber die innere Unruhe, die seine beste Freundin ausstrahlt): Aber wenn was ist, ein Anruf genügt und...
Gretchen (sieht ihn mit ihrem zuckersüßesten Lächeln an): ...und Super-Mehdi steht vor der Tür. Ich weiß.
Mehdi (kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen): Genau! Ich hoffe, du verlangst nicht, dass ich mich in ein enges Kostüm zwängen muss.
Gretchen (legt gespielt grübelnd ihren Zeigefinger an ihr Kinn): Also wenn du mich so fragst...
Mehdi (stupst ihr spielerisch gegen den Mantel): Untersteh dich!
Gretchen (wieder ernster): Danke für alles, Mehdi.
Mehdi (streicht ihr ermutigend lächelnd über den Unterarm): Kein Ding! Und hey, Marc ruft bestimmt gleich an. Mach dir nicht so einen Kopf. Das hat schon nichts zu bedeuten. Vielleicht braucht er einfach einen Moment, um sich zu sammeln. Er macht doch gerne erst immer alles mit sich selbst aus. Dann kommt er auf jeden Fall zu dir. Ich kenn ihn.
Gretchen (Tränen steigen ihr in die Augen): Ich hab so Angst vor der Diagnose, Mehdi. Ich weiß nicht, ob Marc das packt.
Mehdi (nimmt sie tröstend in den Arm u. wiegt sie beruhigend hin und her): Hey! Alles wird gut. Diese Klinik ist europaweit die Beste auf diesem Gebiet. Sie ist in wirklich guten Händen. Und unser Dr. Meier wird auch nichts unversucht lassen.
Gretchen (löst sich langsam wieder von ihrem guten Freund): Ich weiß.
Mehdi (drückt ihre beiden kalten Hände u. sieht sie an): Na siehst du! Gibst du Bescheid, wenn Marc sich gemeldet hat! Er kann mich auch jederzeit anrufen. Ich bin für euch da. Ihr müsst das nicht alleine durchstehen. Und wenn ihr Fragen habt...
Gretchen (unterbricht ihn lächelnd): Du bist ein wahrer Freund, Mehdi. Danke, dass du da bist! Marc schätzt das auch. Glaub mir! Auch wenn er vielleicht nichts sagt. Und jetzt ab! Geh endlich! Deine Freundin wartet schon ganz ungeduldig. Nicht dass du noch Ärger bekommst, weil du zu viel Zeit mit deinen Exfreundinnen verbringst.
Mehdi (drückt sie noch einmal kurz zum Abschied): Bis morgen!
Gretchen: Ja, bis morgen!

Gretchen lächelte ihren besten Freund mit ihrem überzeugendsten Strahlegesicht an, was dieser ebenso aufrichtig erwiderte. Er winkte ihr noch kurz zu, schaute dann nach links und rechts und überquerte schnell die Straße, um zu seinem Wagen zu kommen, aus dem ihm Gabi schon grimmig entgegenblickte. Gretchen sah Mehdi noch hinterher, wie er einstieg, dann ging sie ins Haus, welches ihr Nachbar Horst Lowinski gerade verlassen wollte, um mit seinem Mops Shakira Gassi zu gehen. Sie grüßten sich kurz. Dann fiel die schwere Tür auch schon ins Schloss. Ebenso wie ein eben noch gekipptes Fenster rechts vom Eingang, hinter dem man noch eine Gardine verdächtig wackeln sehen konnte. Gretchens Taxi blieb jedoch noch einen Moment in der Parklücke gegenüber stehen.

Gabi: Was ist eigentlich los? Ihr benehmt euch komisch, seitdem er weg ist.
Mehdi (versucht, sich nichts anmerken zu lassen): Es... ist... nichts.
Gabi (spürt seine innere Unruhe ganz genau): Mehdi, ich kenn dich. Irgendwas ist doch? Hat er was angestellt? Der hat doch bestimmt was angestellt. Was hat er gemacht?
Mehdi (schnallt sich an u. kontrolliert den Verkehr im Seitenspiegel, um sich von dem fragenden Gesicht abzulenken): Diesmal nicht, nein. Aber ich kann dir nichts weiter dazu sagen.
Gabi (äußert ihren Unmut): Also doch! Kannst du nicht oder darfst du nicht? Ist das wieder so ein Freundschaftsding zwischen euch, das ich nicht verstehe und unangetastet lassen soll? Das ist echt unfair. Ich bemühe mich wirklich um ein gesundes Miteinander und dann steckt wieder nur ihr beide die Köpfe zusammen.
Mehdi (will eigentlich gerade den Zündschlüssel umdrehen, wendet sich dann aber doch erst seiner Freundin zu): Zerbrich dir bitte nicht deinen hübschen Kopf darüber. Es ist nichts. Jedenfalls nicht so, wie du denkst.
Gabi (unzufrieden wendet sie sich ab u. schaut aus dem Fenster zu dem alten Mann mit dem Vollbart, der gerade mit einem hässlichen kleinen Hund die Straße überquert u. hinter ihnen nun an der Spree entlang spaziert): Okay, dann muss ich wohl akzeptieren, dass du Geheimnisse vor mir hast, obwohl du immer sagst, wir könnten über alles reden.
Mehdi (beugt sich zu der schmollenden Frau rüber u. legt seine Hand an ihre Wange, damit sie ihn wieder ansieht): Schatz, das geht doch nicht gegen dich. Das hat rein gar nichts mit dir zu tun. Wirklich.
Gabi (sieht ihren Liebsten dann doch an, ist aber immer noch verstimmt): Ich möchte doch nur wissen, was dich bewegt. Ich spüre doch, dass irgendetwas nicht stimmt und dich nicht loslässt.
Mehdi (blickt ihr liebevoll in die besorgten Augen): Ich weiß das sehr zu schätzen, Gabi, aber ich hab’s Marc versprochen. Bitte bohr nicht weiter nach!
Gabi (schweren Herzens gibt sie nach, weil sie sieht, wie ernst es ihm damit ist, u. sie insgeheim weiß, dass sie nicht nachtragend sein sollte, weil sie ja auch noch selber ein mittelschweres Geheimnis mit sich rumschleppt, das sie ihm bislang nicht getraut hat, zu sagen): Okay, tut mir leid, wenn ich mich eingemischt habe. Ich dachte nur... Du bist mit den beiden befreundet und ich versuche doch nur, irgendwie mit ihnen auszukommen. Du weißt doch, wie wenig ich sie eigentlich leiden mag.
Mehdi (legt seine andere Hand auch noch an ihre Wange u. zieht ihren Kopf zu einem zärtlichen Kuss heran): Schon ok, Maus! Alles wieder gut? Dann... Komm, lass uns jetzt Lilly abholen, hmm? Sie wartet bestimmt schon.
Gabi (lächelt wieder u. küsst ihn erneut): Ja!

Und während Dr. Kaan nun doch den Motor startete und sich vorsichtig in den fließenden Verkehr einordnete, betrat Gretchen ihr Appartement im Dachgeschoss des modernen Mehrfamilienhauses in bester Lage, direkt am Ufer der Spree, an dem Mehdi und Gabi gerade vorbeifuhren. Ihr leeres Appartement. Ihr Traumappartement. Ihre Wohlfühloase. Ihr gemeinsames Zuhause, das ohne Marc aber viel von seinem Zauber verloren hatte. Gretchen zog seufzend ihre Jacke aus, hängte diese, ihren rosaroten Schal und die gleichfarbige Umhängetasche an die Garderobe und schritt dann langsam durch den großzügig geschnittenen Wohnbereich, der von der Wintersonne lichtgeflutet wurde, die über den Dächern Berlins ungehindert in die Penthauswohnung strahlen konnte, und so eine wohlige Wärme schuf. Gretchen war aber trotzdem kalt. Ihr fehlte ein Marc zum Umarmen. Mit hängenden Schultern und trauriger Schnute schlenderte sie weiter zum Küchenbereich und blickte dann den langen Flur hinunter, wo sich Marcs Arbeitszimmer, die Gästezimmer und das Badezimmer befanden, in dem sie gleich verschwinden wollte.

Gretchen: Jochen, bist du da?

...fragte die einsame Blondine gegen die bedrückende Stille an, aber diese wich leider nicht. Gretchen schien tatsächlich alleine zu sein in der viel zu großen Wohnung, über der es vermutlich durch den Wind seltsam knirschte. Ein warmes Bad würde gegen das Einsamkeitsgefühl sicherlich gut anwirken. Gedacht, getan! Nach einem angenehm entspannenden Wohlfühlbad tapste eine nach Sheabutter duftende wieder wohlig gestimmte Assistenzärztin mit einem lilafarbenen Handtuchturban auf dem Kopf und in Marcs viel zu großen Bademantel gewickelt barfuss zurück ins Wohnzimmer und schreckte dort sofort zurück, als sie eine dunkel gekleidete Gestalt im trüben Licht der untergehenden Nachmittagssonne an der Treppe zum Schlafzimmer erkannte, die sich ertappt auf das darunter befindliche kleine weiße Rattansofa in der Dielennische flüchtete...

Lorelei Offline

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04.10.2013 17:33
#1444 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Wider jedwede Vernunft, welche schon in jedem Krimi oder Horrorfilm besagte, dass man sich unter gar keinen Umständen allein und nur halbbekleidet in finstere Ecken wagen und düsteren Typen hinterher spionieren sollte, schlich sich Gretchen ‚Sherlock’ Haase auf leisen Sohlen heran. Auf ihrem Weg quer durchs Meier-Haassche Wohnzimmer nahm sie eine große weißgeriffelte Keramikvase mit, deren Inhalt, wunderschöne Narzissen, die in voller Blüte standen und noch von der Polterabenddekoration übrig geblieben waren, sie dezent gen Boden sinken ließ, und hielt diese ungeachtet des überschwappenden Blumenwassers mit beiden nun nassen Händen fest umklammert fast so wie einen etwas zu kurz geratenen Baseballschläger hoch, mit dem sie jeder Zeit hätte ausholen können, falls sich doch ein Dieb oder ein Betrüger oder eine mörderische Schwiegermutter im Zimmer befinden sollte. Alles Möglichkeiten, für die es in dieser aktuellen akuten Situation zwar überhaupt keine rationale Erklärung gab, aber mit denen die Frau Doktor schon leidvolle Erfahrungen hatte sammeln müssen und die daher ihr Adrenalin und ihr Kopfkino schon von allein hoch kochen ließen. Kurz vorm Ziel hielt die leidgeprüfte Hobbyermittlerin noch einmal kurz inne und knipste die Augen zusammen, um durchzuatmen und ihr wildes Herzpochen zu beruhigen, das ihrem Plan, der eigentlich gar kein Plan, sondern blinder Aktionismus war, nur hinderlich werden konnte. Nach zwei Sekunden öffneten sich ihre blauen Augen wieder. Entschlossen formten sie sich zu wild funkelnden Schlitzen und deren Besitzerin linste mit angehaltenem Atem vorsichtig um die Ecke, um gleich darauf erleichtert auszuatmen, als sie im Versteck unter der Treppe das übertrieben unschuldig dreinblickende Grinsegesicht eines fünfundzwanzigjährigen Berufsjugendlichen erkannte. Sie ließ die Vase los, fasste sich schaudernd an ihr stolperndes Herz und baute sich schließlich sauer vor dem lässig auf dem Rattansofa lümmelnden Schwarzen-Sweater-Träger auf, der ihr solch einen fürchterlichen Schrecken eingejagt hatte wie sonst immer die schrecklichen Filme, die Marc so gerne mit ihr schaute, um sie zu ärgern, wobei sie natürlich ganz genau wusste, dass ihr Schatz dies nicht tat, um sie zu provozieren, sondern weil er es unheimlich mochte, wenn sie sich ängstlich an ihn krallte und kuschelte. Männer waren so einfältig.

Gretchen: Gott, Jochen, du hast mich zu Tode erschreckt. Du bist ja doch da. Wieso sagst du denn nichts?
Jochen (merklich ertappt konzentriert er seinen hin und her wankenden Blick schnell auf das große runde Glas mit dem Goldfisch, der ihn mit seinen Glubschaugen zu durchschauen scheint, springt dann vom Sofa auf u. tut so, als würde er etwas suchen): Ääähhh... Siehst dafür aber sehr quicklebendig aus, Schwesterherz. Bist du jetzt geschrumpft oder ist der Bademantel nicht eine Nummer zu groß für dich?
Gretchen (funkelt den Sprücheklopfer ungehalten an): Witzig, Jochen! Ich hab dich was gefragt.
Jochen (dreht sich schulterzuckend zu seiner grimmigen Schwester um u. drängt sich dann umständlich an ihr vorbei, während er sich eine wenig glaubwürdige Ausrede zurechtlegt): Ich... hab dich nicht gehört. Hab bis eben gepennt. Die Frühschicht hat echt geschlaucht.
Gretchen (spürt instinktiv, dass hier etwas gehörig nicht stimmt): Und was machst du hier? Kommst du von oben? Aus MEINEM Schlafzimmer? Du warst doch eben eindeutig an der Treppe.
Jochen (räuspert sich ertappt u. zeigt seiner empörten Schwester als Ablenkungsmanöver den Vogel): Was? Bist du bescheuert? Nein! Was soll ich denn da? Deine Tagebucheinträge kenne ich doch schon.
Gretchen (hysterisch kreischt sie auf): Was?
Jochen (zieht sich mühsam aus der Affäre): Mann, jetzt entspann dich doch mal! Ich äh... ich wollte doch nur gerade Sir Paul füttern. Wirkt etwas abgemagert, der Kleine, findest du nicht?
Gretchen (bleibt misstrauisch u. lässt ihren kleinen Bruder, der definitiv etwa ausgefressen zu haben scheint, keine Sekunde aus den Augen): Aha? Ich wusste gar nicht, dass du dich neuerdings für Fische interessierst? Gehört das jetzt auch zu deinem neu entdeckten Drang, anderen zu helfen? Und er heißt Paul Anka und nicht Sir Paul. Fischfutter findest du im untersten Schieber unter der Theke in der Küche. Aber überfüttere ihn nicht. Nicht dass noch ein Kugelfisch aus ihm wird.
Jochen (als hätte sie ihn dazu aufgefordert, begibt er sich zur offenen Küche, sieht sich dort neugierig um u. lässt sich die Pointe auf diese Haassche Steilvorlage natürlich nicht nehmen, als er grinsend wieder zu seiner Schwester rüberschaut): So wie du?
Gretchen (blickt ihm aufgebracht hinterher u. kocht innerlich): Eh! Du weißt schon, dass dein Asylantrag noch läuft, oder?
Ich mache einfach eine demokratische Abstimmung mit Marc, wenn ich ihn gleich anrufe. Zwei zu eins für uns und für den Rauschschmiss. Ich hab mich gestern viel zu leicht von ihm überrumpeln lassen.
Jochen (amüsiert sich königlich über Gretchens empörtes Gesicht): Ach und übrigens, was richtiges Futter betrifft, Mama war vorhin da.
Gretchen (flitzt Jochen mit einem beunruhigenden Gefühl im Bauch in die Küche hinterher u. sammelt dabei unterwegs die Blumen auf u. drapiert diese wieder in der Vase, die sie anschließend auf den Tresen stellt): Oh Gott!
Jochen (dreht sich breit grinsend zu seiner entsetzten Schwester herum u. deutet zum Kühlschrank, den er für sie jetzt demonstrativ offen hält): Nein, Gott sei dank trifft es besser.

Ungläubig weiteten sich Gretchens Augen und ihre Kinnlade klappte in Zeitlupe immer weiter nach unten, als sie die Vielzahl an beschrifteten und bis zum Deckel gefüllten in Reih und Glied in die einzelnen Fächer gestapelten Tupperdosen in ihrem Kühlschrank entdeckte, mit denen man eine ganze Kompanie für mindestens einen Monat verköstigen könnte. Fassungslos schüttelte die Haasentochter mit dem Kopf und zog eine der Dosen heraus, auf der „Gemüseeintopf“ stand, blickte diese an, drehte sie skeptisch hin und her und stellte sie gleich wieder zurück. Dann blickte sie sprachlos in Jochens Richtung.

Gretchen: Nein? Das glaube ich jetzt nicht! Du bist noch nicht einmal einen Tag von zuhause ausgezogen und sie bringt dir tatsächlich Essen vorbei, als könntest du nicht selbst für dich sorgen. Und bei mir konnte es damals nicht schnell genug gehen, dass sie mich endlich loswurde. Marc und ich haben zum Umzug nur ein kleines Fresspaket mit auf den Weg bekommen.
Jochen (grinst sie mit breitem Spitzbubenlächeln an u. schnappt sich einen der Becher mit selbstgemachten Schokoladenpudding, reißt den Deckel ab u. futtert ihn sofort demonstrativ vor Gretchens fassungslos hin und her schwankenden Augen auf): Tja, wer ist jetzt das Lieblingskind, hmm? Aber wenn ich schon hier wohnen darf, danke übrigens, dann teile ich auch gerne mit dir.
Gretchen (schnippisch): Wie großzügig! Ich kann nicht fassen, dass sie das tatsächlich gemacht hat. Die Frau ist völlig verrückt.
Jochen (kann das Grinsen nicht lassen): Geil, ne? Das reicht für drei Wochen, hat sie gesagt. Mehr Tupperdosen hatte sie nicht auf Vorrat. Sie ist nächste Woche erst wieder auf ner Party, um sich neue zu bestellen.
Gretchen (verschränkt ihre Arme vor der Brust u. mustert ihren selbstgefällig dreinblickenden Bruder eingehend): Ach? Heißt das jetzt, wir sind dich in drei Wochen wieder los? Ziehst du dann wieder in die Pension „Mama“, wo es das alles all inclusive und ohne zweimal Umsteigen mit Bus und S-Bahn gibt?
Jochen (ihm bleibt der schokobeschmierte Löffel quasi im Hals stecken): Ääähhh...
Gretchen (drängt das Muttersöhnchen noch weiter in die Enge, wenn sie ihn schon einmal da hat): Hast du mit Papa geredet?
Jochen (wirft Löffel u. Becher achtlos in die Spüle, schnappt sich eine Milchschnitte aus dem noch immer geöffneten Kühlschrankseitenfach, reißt das Papier ab u. schiebt sie sich demonstrativ in den Mund, dann flüchtet er eingeschnappt in „sein“ Zimmer): Mit dem rede ich nicht mehr. Nie mehr!
Gretchen (blickt dem Trotzkopf mit offenem Mund hinterher): Also nicht! ... Jochen? ... Brüderchen! ... Wir finden... eine... Lösung, die allen... Na toll, ein beleidigtes Kleinkind, ein beleidigter Papa, eine untröstliche Mama, ein abwesender Marc, aber ein voller Kühlschrank. Und nicht zu vergessen, eine hungrige Gretchen! ... Oh! Ist das etwa Mamas weltberühmte Lasagne? ... Hmm... Das fällt doch gar nicht auf, wenn ich die...

Gretchen blickte sich vorsichtig nach allen Seiten um, so als ob sie von irgendwoher von ihrer allwissenden Mutter beobachtet werden würde, schnappte sich dann, als sie sichergestellt hatte, dass sie keineswegs unter Beobachtung stand, schnell die blaue Schachtel, auf der „Freitag“ stand, stellte diese auf die Arbeitsplatte, öffnete sie, obwohl heute eigentlich Montag war und damit Bärbels Ordnung völlig durcheinander gewirbelt werden würde, schnupperte einmal ausführlich an der köstlichen Speise, entschwebte für einen Moment in ganz andere Sphären und zurück auf der Erde wollte sie sich als nächstes einen Teller holen, mit dem sie das Meisterwerk Haasscher Kochkünste dann in die Mikrowelle stellen konnte. Doch als sie gerade die Hängeschranktür öffnete, hörte sie plötzlich ein seltsames Geräusch hinter sich. Hatte man sie etwa doch ertappt? Gretchen ließ die Tür wieder los und drehte sich um. Aber alles war wieder still.

Die hungrige Assistenzärztin horchte einen Moment, schüttelte dann den Kopf, stellte sich auf ihre Zehenspitzen und holte den Teller doch aus dem Schrank, wobei sie irritiert feststellen musste, dass ihre Mutter während ihrer Abwesenheit offenbar ganze Arbeit geleistet hatte. Gretchen war vorhin beim Reinkommen schon aufgefallen, dass die Wohnung und insbesondere die Küche ungewohnt aufgeräumt wirkte. Und da ihr Bruderherz nicht dafür bekannt war, in Haushaltsangelegenheiten freiwillig ein Händchen zu rühren, konnte das nur die Handschrift ihrer Mutter gewesen sein. Nur eine Bärbel Haase sortierte Geschirr nach Farben, Formen und Größe. Das erklärte auch, warum auf der anderen Schrankseite Marcs abgegriffene Fußballmotivkaffeebecher ganz nach hinten gerückt waren und stattdessen das edle geblümte Geschirrservice, das eigentlich mal als Hochzeitsgeschenk für Peter und sie vorgesehen war, plötzlich die Pole Position eingenommen hatte, obwohl Gretchen die hässlichen Teller und Tassen noch nie benutzt hatte und dies auch in Zukunft nicht vorhatte zu tun, außer vielleicht während elterlicher Besuche versteht sich.

Die Haasentochter schaltete die Küchenbeleuchtung an, um dem Mysterium noch einmal genauer auf den Grund zu gehen. Mit dem Zeigefinger fuhr sie die Anrichte entlang. Kein Staubkorn war zu bemerken, keine lästige Fruchtfliege flog in Obstkorbnähe umher und auch der Herd war blank poliert, auf dem eigentlich noch die Spuren vom heutigen Frühstücksunfall zu sehen sein müssten. Denn in der morgendlichen Eile war Gretchen die Milch für den Kakao angebrannt, als sie gerade ihren morgenmuffeligen Hausgast aus den Federn hatte werfen müssen, um wegen ihm nicht zu spät zum Dienst zu erscheinen. Als wäre nie etwas gewesen, konstatierte Jochens Schwester kopfschüttelnd, als sie sich weiter umblickte, und wurde auf einmal eines leichten Zitronengeruchs gewahr. Hatte Mama etwa auch noch den Boden gewienert? War das denn zu fassen? Selbst in den eigenen vier Wänden war man vor dem Putzfimmel ihrer Mutter nicht sicher.

Und wie aufs Stichwort hatte Gretchen plötzlich deren Stimme im Ohr, die ihr emsig einzutrichtern versuchte, was eine wahre Hausfrau von heute unbedingt alles draufhaben musste, um beim Mann zu punkten, und welche Hausmittelchen bei welchen Flecken halfen, damit man(n) bei wichtigen Anlässen wie Ärztebällen oder Kongressen wieder ein blütenweißes Hemd tragen konnte. Dabei hatte sie ihr bei solchen quälendlangen Vorträgen, die ihr stets wie eine Zeitreise in die fünfziger Jahre vorkamen, nie wirklich zugehört. Wer brauchte das schon im 21. Jahrhundert? Hauptsache Frau wusste sich bei komplizierten Knochenbrüchen zu helfen, um den richtigen Nagel in der richtigen Größe beim Fixateur an die richtige Stelle zu setzen, damit der Patient am wenigsten Schmerzen verspürte. Das war doch die wahre Kunst! Und gerade damit konnte sie bei einem ganz bestimmten Mann ganz besonders Eindruck schinden. Marc würde ihr doch den Hals umdrehen, wenn sie es je wagen würde, Hand an seine Designerhemden zu legen. Also im Sinne von, ‚das muss noch dringend in die Wäsche und glatt gebügelt werden’. Im anderen Sinne durfte sie natürlich seine Hemden anfassen. Er legte sogar besonders großen Wert darauf, dass sie das tat. Egal zu welcher Tageszeit. Und mit diesem Gedanken im Kopf legte sich auch wieder ein kleines zufriedenes Lächeln auf Gretchens Lippen und sie wandte sich endlich ihrem leckeren Abendessen zu, das immer noch gut gekühlt in der Tupperbox vor ihr auf der Anrichte stand. Gleich nach dem Essen würde sie noch einmal versuchen, den sexy Hemdträger anzurufen. Doch dazu kam es nicht mehr, denn keine Sekunde später schreckte die hungrige Ärztin erneut zusammen. Plötzlich hörte sie wieder dieses seltsame Geräusch im Hintergrund, das sie erschaudern ließ. Wieder drehte sie sich herum. Das klang doch wie... wie eine Stimme, dachte Marcs Freundin verwundert und drückte den Teller, den sie die ganze Zeit schon festgehalten hatte, gegen ihren Brustkorb, unter dem ihr Herz nervös zu rasen begann.

„Hallo?“

Komisch, dachte Gretchen mit einem zunehmend mulmiger werdenden Gefühl. Sie stellte den Teller auf die Theke und trat zwei Schritte in Richtung Flur, aber dort war weder jemand zu sehen noch zu hören und aus Jochens Zimmer dröhnte „Nirvana“ in Konzertlautstärke, weswegen sie später unbedingt noch mal mit ihm reden musste. Die Nervensäge konnte es also nicht gewesen sein, die sie hier schon wieder veräppeln wollte. Verwirrt richtete Gretchen ihren verrutschten Handtuchturban und ging zurück in die Küche, wo ihr Abendessen bereits lecker duftend auf sie wartete und nur noch warm gemacht werden musste. Sie wollte gerade die Lasagne auf den Teller drapieren, als die mysteriöse Stimme erneut erklang und sie zusammenzucken ließ.

„Hallooo?“

Diesmal wirkte sie lauter als zuvor. Gretchen hatte sich also nicht getäuscht. Jemand versuchte, mit ihr zu kommunizieren. Ein schlimmer Verdacht kam ihr in den Sinn. War ihre Mutter etwa immer noch hier und schrubbte jetzt das Gästeklo? Hatte Jochen ihr das etwa eingeredet, damit sie sich gebraucht fühlte, jetzt, wo beide Kinder fern ihres Rockzipfels waren? Nein, das würde er nicht... Er würde! Gretchen wollte schon aufgebracht in sein Zimmer stürmen, schüttelte dann aber den Kopf und verwarf den Gedanken gleich wieder. Mamas Stimme klang doch ganz anders. Weiblicher. Sonorer. Fordernder. Und ein schlechtes Gewissen einredend. Und wenn, dann war es Jochen, dem man das einreden musste, damit er endlich seinen Hosenboden hochbekam, um die Differenzen mit Papa und seiner Freundin zu klären. Und wie auf Stichwort hörte Gretchen sie wieder. Diese Stimme! Ungeduldiger und nervöser als bisher. Und sie schien keineswegs an Jochen gerichtet zu sein. Sie war definitiv gemeint, wie die schöne Blondine jetzt verblüfft feststellte.

„Haaaasenzaaaahn!“

...säuselte sie. Spielte ihr Verstand jetzt etwa völlig verrückt? Das war doch eindeutig Marcs Stimme! Nur er nannte sie so und das seit dem schicksalhaften Moment vor zwanzig Jahren, als sie sich auf dem Schulspielplatz am Klettergerüst wieder getroffen hatten. „Haasenzahn, hier“, hörte sie ihn jetzt eindeutig rufen. Bildete sie sich das ein? Das konnte doch gar nicht sein. Gretchen fasste sich an ihre Stirn. Also Temperatur hatte sie keine. „Hiiier“, kam es erneut ganz deutlich gesprochen. Die perplexe junge Frau schaute sich in der gesamten Wohnung um. Und wie es als Frau nun mal war mit der Orientierung, so konnte sie natürlich nicht orten, woher das Ganze gekommen war. Radio und Fernseher schloss sie aus, denn die waren beide ausgeschaltet. Und es war doch niemand sonst hier außer sie selbst und ein schmollender Teeny, der in Selbstmitleid badete und dabei alter 90er-Jahre-Schrammelmusik lauschte. Auch der Anrufbeantworter leuchtete nicht auf. Und das Display ihres Handys blieb ebenso schwarz, welches sie sich rasch aus ihrer Handtasche geholt hatte, um zu schauen, ob die Stimme vielleicht von dort aus manipuliert wurde. Frau wusste ja nie, was heute technisch alles möglich war. Und Marc war schon immer sehr einfallsreich gewesen, um sie hinters Licht zu führen. Aber sie hatte sich getäuscht. Sie hielt ihr Smartphone nämlich noch in der Hand, als aus der anderen Ecke der Wohnung wieder Marcs ungeduldige Grummelstimme ertönte...

„Haasenzahn, wird’s bald oder muss ich mir noch nen Vollbart wachsen lassen?“

Das war doch verrückt. Was für einen blöden Spaß machte er sich hier mit ihr? Das war gemein. Sie machte hier nicht mit. Nein, nein, nein! Nicht mit ihr! Das konnte der Idiot vergessen. Sie war viel zu müde für so was. Und was noch viel wichtiger war, sie hatte Hunger. Gretchen ließ sich also erschöpft in den weißen Ohrensessel fallen, sprang aber gleich wieder reflexartig auf, als Marcs Stimme plötzlich Oberarztlautstärke annahm und durch den gesamten Wohnbereich schallte, als hätte er überall Lautsprecher installiert...

„HAASENZAHN, jetzt beweg DEINEN sexy ARSCH endlich HIERHER! Hast du vergessen, dass man Dr. MEIER nicht warten lässt? Also hopp, ZZ, ziemlich zügig!“

Wie bitte? Gretchen stockte der Atem und sie blickte sich hastig nach allen Seiten um. War Marc etwa hier? Hier in der Wohnung? Bei ihr und nicht...? Das... das konnte doch gar nicht sein. Er war doch gestern erst abgereist. Er war doch in der Schweiz bei seiner Mutter, die ihn jetzt brauchte. Er konnte also gar nicht hier sein. Das war doch schon rein logistisch gar nicht möglich. Alles klar! Jetzt hatte sie es endlich kapiert. Natürlich! Sie musste sich das alles also nur einbilden. Seine ganzen Gemeinheiten der Vergangenheit mussten sie ganz kirre gemacht haben. Sie projizierte ihre Wunschträume auf die Realität, weil sie sich so sehr wünschte, dass er jetzt bei ihr war und sie ihn in den Arm nehmen konnte. Vergewissernd schaute die zerstreute Assistenzärztin aber dennoch kurz zur Garderobe, an der seine Sachen wie erwartet natürlich nicht hingen, und dann in die gemütliche Nische unter der Treppe, wo Marc nach Dienstschluss im Halbdunkeln immer am liebsten im Sessel fläzte und vor sich seine Fußballkärtchen sortierte und wo an der hinteren Wand das Aquarium mit dem Goldfisch stand, der sie jetzt mit großen Glubschaugen anstarrte, als wollte er ihr etwas mitteilen. Gretchen starrte zurück, wurde dadurch aber auch nicht schlauer als zuvor. Nur dass sie wieder ans Essen denken musste. Und so zuckte sie dementsprechend auch gleich wieder erschrocken zusammen, als sie Marcs Stimme plötzlich ganz nah vernahm...

„Verfickte Henne, eh, das gibt’s doch nicht. Was zum Geier macht die so lange da unten? Ich bring Jochen um. Von wegen das funktioniert wie geschnitten Brot mit doppelt Nutellaaufstrich. Diese miese kleine Ratte hätte ihr doch bloß...“

Gretchens Augen weiteten sich ungläubig und wurden ganz glänzend. Sie hörte den weiteren Meierschen Flüchen auf ihren kleinen Bruder gar nicht weiter zu. Nur ein Gedanke setzte sich immer mehr in ihrem Hirn fest. Hatte sie das eben richtig verstanden? Sie war hier unten im Wohnzimmer und er...? War er etwa...? Seine Stimme kam doch eindeutig von oben? War er etwa doch da? Spielte ihr Verstand ihr doch keinen Streich? Gretchens Blick richtete sich instinktiv gen Zimmerdecke und ihre Hand umklammerte ängstlich das Geländer der schmalen Holzwendeltreppe, die hoch ins Schlafzimmer führte. Langsam schritt sie eine Stufe nach der anderen nach oben.

Lorelei Offline

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08.10.2013 16:33
#1445 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Gretchen: Marc, bist du hier oben?

...fragte die schöne Blonde scheu mit nach oben gerecktem Gesicht und kam sich dabei ziemlich blöd vor. Falls sie sich nämlich getäuscht haben sollte, dann entwickelte sie sich langsam zu einer dieser verrückten Personen, die Selbstgespräche führten und mit Fischen kommunizierten, weil sie nicht eine Sekunde mit sich alleine sein konnten. War sie wirklich schon so verzweifelt? Nach nur einem Tag ohne ihn? Nein, das war sie nicht! Gretchen Haase war taff. Die Taffeste unter allen Jungärztinnen und Ü-Dreißigjährigen in der Hauptstadt. Sie führte ein Krankenhaus. Naja, sie führte nicht, noch nicht, sie machte die Drecksarbeit für die führende Hierarchie des EKH, die sich für bestimmte Sachen zu schade war, aber sie machte sie gerne, weil sie die Patienten mochte, weil sie auf diese Weise mit fast jedem Klinikmitarbeiter zu tun hatte und damit ihre sozialen Kompetenzen schulte, was für spätere Führungsaufgaben das A und O war, und weil sie wusste, dass sie schon sehr, sehr bald selber Assistenzärzte herumscheuchen durfte, so wie sie immer herumgescheucht wurde. Dann war sie Familienmanagerin, zwar eher wider Willen, aber für den Familienfrieden musste man und in dem Fall Frau auch mal Abstriche machen und sich um kleine Jungs in der Trotzphase kümmern, die ihren Eltern gerade den letzten Nerv raubten. Und sie hatte ja auch noch einen Haushalt zu führen. Trotz der langen Dienstzeiten schaffte sie es sogar, dass ein voller Kühlschrank zuhause auf sie wartete und die heimelige Wohnung aufgeräumt war. Ja, Dr. Gretchen Haase kam sehr gut alleine zurecht. Ohne Männer, die an allem immer etwas auszusetzen hatten und wenn es nur darum ging, sie ein wenig zu foppen. Auch wenn sie insgeheim zugeben musste, das schon zu vermissen. Aber diese kleine Schwäche sollte jeder Frau zuzustehen sein. Sie vermisste ihren Grummelkönig eben. Und deshalb war die Überraschung auch extragroß, als sie feststellte, dass sie sich nicht getäuscht hatte. In dem Moment antwortete der Märchenprinz nämlich tatsächlich seiner viel beschäftigten Prinzessin und sein Gemecker klang ziemlich authentisch...

Marc: Boah, Haasenzahn, na endlich! Eh, ich dachte schon, du raffst das nie. Komm her!

Sofort beschleunigte die Angesprochene ihre Schritte. Natürlich war die ungekrönte Tollpatschqueen dabei mal wieder schneller als ihre eigenen Füße, die sie sicher über die Stufen tragen sollten. Das Häschen geriet auf der schmalen Treppe unweigerlich ins Stolpern. Sie taumelte, fing sich aber rechtzeitig wieder, umklammerte mit beiden Händen zitternd das Geländer, blickte mit leichtem Schwindelgefühl nach unten auf ihren malträtierten nackten großen Zeh, mit dem sie gegen eine der Holzplanken gestoßen war, atmete den Schmerz weg und nahm dann nach einem kurzen Verschnaufer die letzten beiden Stufen gleich auf einmal. Ungehalten polterte Gretchen in das von der untergehenden Wintersonne in ein dunkles Orange gehüllte Schlafzimmer, wo sie sich tänzelnd umschaute und dann irritiert stockte...

Gretchen: Marc, was machst du hier? Du bist doch... Hä? ... Marc? Wo...? Wie...? Hä?

Als sie schnaufend am Himmelbett angekommen war, blickte sich die aufgeregte Assistenzärztin hektisch nach allen Seiten um, aber von ihrem grummeligen Traummann, den sie jetzt fest in die Arme schließen wollte, war nirgendwo eine Spur. So langsam wurde Gretchen echt mulmig zumute und sie zweifelte zunehmend an sich selbst, als sie sich fassungslos auf ihr Bett fallen ließ, die Nachttischlampe einschaltete und noch einmal ihren Blick im Raum umherschweifen ließ. Halluzinierte sie etwa? Dann war diese Halluzination aber äußerst realistisch. Sie hörte Marcs Stimme nämlich immer noch klar und deutlich. Fast so, als wäre er direkt neben ihr, was er aber nicht war. Da war kein Marc zum Anfassen.

Marc: Hier, Haasenzahn!

...versuchte er sie zu lenken. Aber wohin Marcs Freundin auch nur schauen konnte, ihr gemeinsames Schlafzimmer blieb genauso leer wie zuvor und ihr schaute am Spiegelschrank lediglich ihr eigenes verwirrtes Spiegelbild im dunklen Bademantel und mit windschrägem Handtuchturban entgegen, den sie schließlich entnervt von ihren handtuchtrockenen goldenen Locken zog, und nicht der heißeste Typ vom Schulhof und aus dem Krankenhaus, in das sie sich bald selbst einweisen lassen würde, wenn das so weiterging. Ihr Nervenkostüm war zum Zerreißen gespannt und sie war unendlich traurig, weil ihr Wunschtraum nicht Realität geworden war.

Gretchen: Wo...?

...fragte Gretchen völlig durcheinander und fertig mit ihren Nerven in den leeren Raum hinein und umklammerte dabei ihr Kopfkissen, das sie sich auf den Schoss gelegt hatte. Der Tag war wohl doch anstrengender gewesen als gedacht, wenn sie schon solche realen Tagträume hatte, grübelte das verzweifelte Häschen und war fast schon den Tränen nahe, als es seine tiefe ungeduldige Stimme schon wieder hörte, den entsprechenden Mann dazu aber immer noch nicht sehen konnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass Marc eine Formel zum Unsichtbarmachen gefunden hatte, schloss der Goldengel aus und unter dem Bett hatte sie auch schon nachgeguckt. Außerdem warum sollte Marc sich verstecken, wenn er sie überraschen wollte. Das alles ergab doch überhaupt keinen Sinn.

Marc: Mann, eh, HIER! Mach doch mal deine hübschen blauen Glubschaugen richtig auf! Oder muss ich dich etwa beim Schröder in der Augenklinik anmelden?

Besser wär’s. Ich sollte vielleicht wirklich mal wieder zur Kontrolle gehen.

Gretchen: Ganz ruhig, Gretchen! Du bildest dir das nur ein. Marc ist in der Schweiz. Ich bin hier und ich werde jetzt schlafen gehen, ehe ich noch total durchdrehe und richtige Gespenster sehe.

...flüsterte die hübsche Assistenzärztin wie ein Mantra vor sich hin und schlug die lilafarbene Satinbettdecke zurück, um sich hinzulegen. Die entsprechende Reaktion darauf folgte prompt und heftiger als gedacht...

Marc: Eh, bist du panne, Haasenzahn? Natürlich bin ich in der Schweiz? Wo sollte ich denn sonst sein? Im Schlaraffenland hinter dem Schokoladenbrunnen, von dem du offenbar viel zu viel genascht hast, oder was? Mit wem redest du überhaupt? Gepennt wird nicht! Ich sitze mir doch hier nicht den Arsch platt, wenn dann nix dabei rauskommt. Also komm jetzt her, verdammt noch mal! Ich hab jetzt echt die Faxen dicke mit dir.

Sofort richtete sich die Angesprochene wieder auf, strich sich die aufkommenden Tränen aus den Augenwinkeln und blickte sich suchend um, nachdem sie auch noch das Oberlicht angemacht hatte, welches das gemütliche Schlafzimmer nun in ein helles warmes Licht hüllte, während es draußen mit der Abenddämmerung immer dunkler wurde.

Gretchen: Marc?

Marc: Nein, der Mann im Mond! Natürlich ich! Oder erwartest du sonst noch jemanden?

...bekam Marcs Herzdame als flapsige Antwort zurück, mit der sie aber immer noch nichts anzufangen wusste. Marc war doch gar nicht hier. Wie konnte er dann mit ihr reden? Und vor allem, woher wusste er, was sie sagte und gerade tat? Hatte er etwa irgendetwas heimlich im Schlafzimmer installiert, von dem sie nichts wusste? Augenblicklich lief Gretchen rot an und begann nervös zu stammeln, während sie sich vorsichtig nach allen Seiten umdrehte...

Gretchen: Aber... Aber ich... verstehe nicht. Du... du bist doch gar nicht hier. Wie kann das sein? Was spielst du für ein Spiel mit mir? Das ist echt gemein. Ich habe einen anstrengenden Tag hinter mir und bin alles andere als in Stimmung für deine bescheuerten Späße, Marc.

Marc (versucht es nun geduldiger, als er den verzweifelten Unterton in Gretchens Stimme heraushört): Haasenzahn, was du dir schon wieder in deinem hübschen Köpfchen alles zusammenspinnst! Natürlich bin ich hier. Also äh... optisch, nicht... physisch. Weil... zaubern kann Gott nämlich noch nicht. Jedenfalls... Guck doch mal bitte auf meiner göttlichen Schlummerseite neben das Bett! Ich würde dich nämlich auch gerne endlich live und in Farbe sehen und nicht ständig auf meine dreckigen alten gelben Chucks blicken. By the way, schmeiß die mal bei der nächste Wäsche mit in die Maschine. Aber vorher gibst du Jochen erst noch damit einen gewaltigen Arschtritt. Am besten zur Haustür raus. Das war doch volle Absicht von dem, dass der das Teil so abgestellt hat und dir dann nicht mal Bescheid gibt, der Arsch.

Gretchen: Hä? ... Marc?

...fragte Gretchen erneut perplex in den Raum hinein, die immer noch nicht verstand, was hier mit ihr gespielt wurde. Sie krabbelte jedoch wie angewiesen über die Bettdecke und schaute dann auf Marcs Bettseite nach unten auf den flauschig weißen Bettvorleger, auf dem tatsächlich seine Turnschuhe lagen. Aber das war doch..., stellte sie verblüfft fest und schritt sofort zur Tat. Schnell griffen ihre flinken Finger nach dem rosafarbenen Laptop, einem Geburtstagsgeschenk von ihrem Bruder, das er letztes Jahr günstig für sie im Internet geschossen hatte, das aber bislang unangetastet geblieben war, weil sie mit Computerdingen eher auf Kriegsfuß stand, und stellte dieses schließlich aufs Bett. Tatsächlich lächelten ihr aus diesem Marcs süße Grübchen entgegen, die mit ihrem Auftauchen immer größer wurden. Gretchen strahlte ihren Herzprinzen an und konnte kaum fassen, dass er wirklich da war, sich bewegte und sie mit seinem typisch spitzbübischen Grinsen anlächelte, welches ihr Herz sofort Luftsprünge machen ließ. Glücklich winkte sie wie wild vor dem Monitor hin und her und kam sich dabei überhaupt nicht albern vor.

Gretchen: Maaarc! Ich kann dich sehen!
Marc (sieht sein zappelndes Mädchen etwas betröppelt an, fängt sich aber schnell wieder u. grinst zurück): Ääähhh... Jaahaa, Haasenzahn, das ist ja auch Sinn und Zweck des Ganzen. Ich dachte schon, du checkst es nie. Ich sitz hier bestimmt schon ne halbe Stunde rum wie der letzte Depp und nix passiert. Mann, der sollte dich irgendwie hier hoch lotsen. Aber erst kamst du zu früh, als das Programm noch nicht richtig hochgeladen war, und dann, als es nach dem dritten Versuch endlich geklappt hat, warst du auf einmal weg. Und der Arsch geht nicht mehr an sein verdammtes Telefon. Muss wohl in der Familie liegen. Jedenfalls... Was wollte ich sagen? Ach so! ... Überraschung!
Gretchen (hört ihm gar nicht richtig zu u. staunt immer noch Bauklötzchen, weil sie ihren Schatz tatsächlich sehen kann): Aber... wie... wie ist das möglich?
Marc (kann über die Blitzcheckerin nur den Kopf schütteln): Noch nie was von Internettelefonie gehört?
Gretchen (betrachtet den Monitor mit dem bewegten Bild immer noch, als wäre es ein Ding aus einer anderen Welt): Äh... Doch! Doch!
Peiiinliiich!
Marc (schmunzelnd zieht er sie auf): Und wenn du schon nicht an dein bescheuertes Telefon gehst und mich den ganzen Tag fieserweise links liegen lässt, dann muss man(n) sich eben selbst helfen, um zu seinem Recht zu kommen.
Gretchen (das schlechte Gewissen meldet sich sofort, obwohl Marc seine Kritik gar nicht ernst gemeint hat): Ich habe dich nicht absichtlich ignoriert, Marc. Ich hab nur...
Marc (springt ihr grinsend ins Wort): Schon klar, Gretchen Haase musste mal wieder die ganze Welt retten. Stimmt’s?
Gretchen (grinst über das ganze Gesicht): Du hast den Doktor vergessen.
Marc (sieht sie gespielt ernst an, kann sich aber das Schmunzeln bald nicht mehr verkneifen): Den kriegst du erst, wenn du auf deinem kleinen Schildchen als echte fachgeprüfte Chirurgin ausgewiesen wirst. Alles andere kann man doch gar nicht ernst nehmen. Steht meine Station noch?
Gretchen (streckt ihm die Zunge raus): Spinner! Wie hast du das gemacht? Ich wusste gar nicht, wo ich den Klappcomputer hingetan habe, nachdem wir eingezogen sind.
Marc (zuckt lässig mit den Schultern): Das rosa Teil hatte Lilly neulich in der Hand, als sie bei uns geschlafen hat. Lag wohl in einer der Kisten unter dem Bett mit all dem anderen rosa Kleinmädchenkram, den du hier angeschleppt hast. Keine Ahnung.
Gretchen (erstaunt): Ach?
Marc: Und naja, da ich mir gedacht habe, dass es für dich vermutlich noch peinlicher werden würde, wenn ich eine Neunjährige damit beauftrage, das Programm draufzuladen, hab ich eben jemand anderen gefunden, der zumindest auch der Altersstufe entspricht.
Gretchen: Marc!
Marc (grinst sich eins): Na stimmt doch! Und wenn ich schon entsetzt feststellen musste, nachdem ich ewig bei uns durchgeklingelt habe, dass in UNSERER Wohnung eine fremde Männerstimme rangeht, dann kann sich die lästige Zecke wenigstens nützlich machen, die sich unter fadenscheinigen Gründen bei uns eingenistet hat. Wolltest du den nicht schon längst rausgeworfen haben?
Gretchen (schmilzt mit jedem Wort von ihm nur so dahin, jedwede Beleidigung ihrer Familienangehörigen ignorierend): Wie süß!
Marc (verdreht die Augen u. will schon protestieren, wird aber abgelenkt, als sich Gretchen der Länge nach aufs Bett plumpsen lässt, um es sich bequemer zu machen, u. das Laptop ans Kopfende platziert direkt vor ihre Nase): Nein, du bist süß. Bist du eigentlich nackt unter dem Ding?
Gretchen (rückt empört ihren Bademantel zurecht): Marc!
Marc (genießt es, sein Mädchen aufzuziehen): Sag mal, das ist doch meiner, oder?
Gretchen (streicht sich über die errötende Wange u. gibt sich betont unschuldig): Den äh... hab ich als Pfand konfisziert.
Marc (lacht in seinen Dreitagebart hinein): Soso? Konfisziert also? Und was sonst noch?
Gretchen (stützt ihre Ellenbogen aufs Bett, legt ihre Hände unters Kinn u. schaut ihren Traummann sehnsuchtsvoll an): Ich hab dich vermisst, Marc.
Marc (spürt die veränderte Stimmung auch u. guckt ebenso verliebt in die Kamera): Tja, ähm... war echt nervig ohne dich. Ich hab schon gedacht, hier in dem Kaff gibt’s gar keinen Empfang und ich muss noch auf irgend so einen dämlichen Berg kraxeln, um wieder Kontakt mit der Zivilisation zu haben.
Gretchen: So schlimm?
Marc (stöhnt extra theatralisch auf): Schlimmer!
Gretchen (betrachtet interessiert den Hintergrund des Monitors, runzelt die Stirn u. richtet sich dann verwundert auf u. legt den Laptop auf ihren Schoss, um besser sehen zu können): Wo bist du überhaupt? Ist das...? Marc, das ist nicht dein Ernst?

Doch ehe Gretchen den Quatschkopf zur Rede stellen konnte, hörte sie dumpf aus der Ferne eine andere rauchige Stimme ihren Protest ausrufen...

Elke: Marc Olivier, wie lange gedenkst du denn noch, die Örtlichkeiten zu besetzen?
Marc (kleinlaut ruft er zurück): Solange ich will. Ich hab doch gesagt, das wird ne längere Sitzung, Mutter. Benutz doch das Öffentliche, wenn’s so dringlich ist!
Elke (empört kreischt sie auf): Also das ist ja wohl...
Marc: Ja, ja, ich bin ein unerzogener Junge. Jetzt nerv nicht! Ich bin beschäftigt.

Gretchen (schaut fassungslos zu, wie Marc mit der Tür spricht): Du sitzt auf dem Klo, Marc!
Marc (grient zufrieden u. lehnt sich extra auf der weißen Keramikschüssel zurück): Na und? Du sitzt da ganz nackt vor mir. Was soll ich dazu sagen? Ich hab wenigstens meine Hose nicht runtergezogen. Hmm... Vielleicht... später noch. Kannst du den Knoten nicht ein bisschen lockern? Man sieht ja gar nicht.
Gretchen: Marc, du bist unmöglich.

...empörte sich eine entsetzte Gretchen Haase, die sich jetzt extra noch eine Decke um ihren Körper schlang, und sah den Grinse-Marc mit heruntergeklappter Kinnlade kopfschüttelnd an. Der Mann auf der anderen Seite des Computers konnte gar nicht anders, als sich königlich über seinen Haasenzahn zu amüsieren. Sie sah so süß aus, wenn sie aus lauter Verpeiltheit mal wieder gar nichts verstand. Das war mit Abstand das Highlight seines Tages. Dafür hatte sich das lange Warten, bis er sein Mädchen endlich an der Strippe hatte, definitiv gelohnt. Und das empfand auch Gretchen so, auch wenn sie immer noch ziemlich grimmig in die kleine Kamera schaute, während sie den blöden Lachsack weiter auslachen ließ. Denn eins war der schönen Ärztin in diesem Moment ganz deutlich klar geworden, als sie Marc so ausgelassen schmunzeln sah. Wenn ihr Schatz so reagierte, so verspielt, blöd und kindisch provozierend, dann konnte es nicht so schlimm sein und Mehdi hätte vielleicht doch Recht mit seiner Vermutung gehabt, dass schon alles wieder gut werden würde, wenn man nur lange genug daran glaubte.

Lorelei Offline

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12.10.2013 17:45
#1446 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Und Gretchen glaubte tief und fest dran. Doch all den Meierschen Albernheiten und Haasschen Schwärmereien zum Trotz gab es immer noch diese eine ernste Angelegenheit, die wie ein dunkler Schatten über beiden schwebte und ihre Gedanken trübte, den weder Marc noch Gretchen länger ignorieren konnten, so gerne sie es auch gewollt hätten.

Gretchen: Marc, wie geht es deiner Mutter? Wie hat sie aufgenommen, dass du sie aufgespürt hast? War sie dir sehr böse oder hat sie sich insgeheim gefreut, dich zu sehen? Also auf ihre Weise, du verstehst schon.

...schnitt Gretchen nun einen eher ernsthafteren Tonfall an, welcher der Assistenzärztin sichtlich schwer fiel, weil sie genau wusste, dass damit die lockere Stimmung zwischen ihnen beiden endgültig zu Ende sein würde und höchstwahrscheinlich nicht mehr so schnell wieder aufleben würde. Sie ahnte ja nicht, wie Marc darauf reagieren würde. Wütend, bockig, verletzt, sie wusste es nicht. Sie spürte nur, dass das mulmige Gefühl in ihrem Bauch, das sie seit Tagen mit sich herumgeschleppt hatte, seit ihrem Wiedersehen vor einigen Minuten deutlich abgenommen hatte. Das war doch ein gutes Zeichen? Aber vielleicht täuschte sie sich auch dahingehend? Denn die vergangenen verwirrenden Minuten schwebten immer noch durch ihren Kopf.

Mit Gretchens vorsichtigen Fragen änderte sich auch Marcs Mimik mit einem Schlag. Die süßen Grübchen verschwanden, ebenso sein jungenhaftes Lächeln, und auch dieses ganz spezielle Funkeln seiner einnehmenden smaragdgrünen Augen, in denen man stundenlang wie in einem tiefen Ozean versinken konnte, war erloschen. Laut ausatmend fuhr sich der Chirurg einmal mit seiner freien Hand durch seine zerzausten Haare. Sein Blick schweifte in die Ferne, schien fast durch den Computer und sie hindurchzugehen, während er überlegte, was er darauf erwidern sollte. Schließlich rückte er sein hin und her wankendes Notebook, das Gretchen das Gefühl gab, sich auf hoher See und nicht in ihrem gemütlichen Bett zu befinden, zurecht, damit sie sich besser sehen konnten, und blickte ebenso ernst durch die Kamera zurück auf sein verunsichertes Mädchen, das nervös auf ihrer Unterlippe herumkaute, weil sie Angst vor seiner Antwort und ihren Folgen hatte.

Die blauen Augen, die ihn hoffend anstrahlten, wirkten durch die Technik weniger klar und durchdringend wie im Original, hatten aber immer noch dieselbe beruhigende Wirkung auf den jungen Mann, wie wenn er jetzt bei ihr gewesen wäre und seinen Kopf zum Kraulen auf ihren Schoss gelegt hätte, was er in der komplizierten Situation, in der er sich befand, seinem erzwungenen Aufenthalt in einem engen kleinen gefliesten Raum durchaus vorgezogen hätte. Deshalb zögerte Marc auch noch einen Moment, ehe er seiner Liebsten antwortete. Aber nicht weil er sich wegen seiner sentimentalen Gedanken als weichgespülte Memme empfand. Er hatte einfach nur gehofft, dass die gelöste Stimmung zwischen ihnen beiden noch etwas länger anhalten würde, dass er Haasenzahn ablenken könnte und sich selbst damit auch. Ablenken von dem Thema, weswegen er jetzt eben nicht neben seiner wunderschönen Traumfrau liegen und sich kraulen lassen konnte. Aber er konnte seiner Süßen auch nichts vorenthalten. Das hätte er vielleicht früher so gehandhabt, als er noch nichts mit solchen mühsamen Vertrauensgesprächen anzufangen wusste, deren Sinn und Zweck er nicht verstanden hatte oder nicht verstehen wollte. Aber mittlerweile waren sie an einem Punkt in ihrer Beziehung angelangt, an dem es ihm überraschenderweise nichts mehr ausmachte, sich zu öffnen. Und das auch noch einer Frau. Einer Frau, die bevorzugt Rosa trug und ebenso gerne auf rosaroten Traumwolken herumschwebte, die manchmal fern jedweder Realität waren. Das hatte schließlich nichts mit Schwäche zu tun. Das, was man zurückbekam, war mehr wert als der Stolz, mit dem man auf seine eigenen Positionen beharrte und damit andere vor den Kopf stieß, die man liebte. Gretchen hatte sich doch ebensogroße Sorgen gemacht wie er selbst, was, wenn man bedachte, um wen es hierbei ging, durchaus erstaunlich war. Sie hatte ein Recht darauf, zu erfahren, wie es wirklich um die große Autorendiva stand, die Berlin, ihren Fans und ihrer Familie feige den Rücken gekehrt hatte, was er ihr, nebenbei bemerkt, noch längst nicht verziehen hatte und vermutlich auch nie ganz verzeihen würde, auch wenn er seine Mutter mittlerweile in manchen Punkten verstehen konnte.

Und so fing der Sohn von Elke Fisher doch nach einem kurzen Zaudermoment langsam an zu erzählen. Mit der nötigen Distanz eines Arztes ratterte er die einzelnen Fakten zur Diagnose, den Therapien und den weiteren Aussichten der Rekonvaleszenz präzise herunter. Und seine versierte Kollegin und einfühlsame Lebensgefährtin verstand, dass das seine Art war, mit dem Ganzen umzugehen, und sie akzeptierte sein Vorgehen stumm und ließ ihn ausreden. Die Hauptsache war doch, dass er überhaupt mit jemandem darüber sprach. Das hätte nicht mal sie selbst sein müssen, auch wenn sie sich innig gewünscht hätte, dass er ihr soweit vertraute. Denn das Wichtigste war, dass er das alles nicht in sich hineinfraß und mit sich allein herumschleppen musste. Geteiltes Leid, war halbes Leid, so sagte man doch. Die verständnisvolle Blondine nickte deshalb hier und da mit dem Kopf, wenn sie die Behandlungsmethoden und das weitere Vorgehen mit dem Wissen einer Ärztin bestätigte, lächelte kurz aufmunternd, wenn Dr. Meier kurz stockte und sie für eine Sekunde wie ein scheuer kleiner Junge anblickte, und sah ihn die ganze Zeit einfach nur an und hielt den Blickkontakt aufrecht.

Und Marc war dankbar und froh, dass seine Freundin keine weiteren Fragen stellte. Denn den Fall noch einmal aufzurollen, fiel dem erfolgsverwöhnten Oberarzt schwerer, als er zuzugeben vermochte, weil es ihn noch mal realer machte und er endgültig feststellen musste, dass ihm das wirklich passierte und nicht irgendeinem Patienten, dessen Leben ihm schnuppe war. Geheilt war seine Mutter nämlich noch nicht, auch wenn sie erfolgreich operiert worden war und die Prognosen mehr als gut waren. Eine langwierige Therapie stand bevor, die auch nicht hundertprozentig garantieren konnte, ob die Krankheit je wieder ausbrechen würde. Das war ja gerade das Heimtückische an diesem ganzen Mist. Und deshalb wollte Marc diesen Gedanken auch gar nicht erst zulassen. Vielmehr hielt er sich daran fest, dass die sture Frau, die ihn auf die Welt gebracht und ihn Zeit seines Lebens und auch heute wieder ohne Ende genervt hatte, dank ihm und seines forschen Vorgehens ihren Lebensmut zurückgefunden hatte und sie sich mit ihm streiten konnte wie in den guten alten Zeiten, in die er sich mehr denn je zurückträumte.

So irre das auch für manch einen klingen mochte, genau das löste bei Marc Meier mehr Glücksgefühle aus als sämtliche Präsente oder wohlgemeinte Mitbringsel, die er je von seiner unsensiblen Mutter bekommen hatte, die ihn vermutlich noch weniger verstand als er sie, was vollkommen verrückt war, denn Begegnungen mit ihr hatte er bislang stets alles andere als glücksbringend empfunden. Eher im Gegenteil. Vermeidung war stets seine Devise gewesen. Er hatte sich mehr verleugnen lassen, wenn die Hypochonderin mal wieder unangemeldet im Stöckelschritt im Elisabethkrankenhaus aufgeschlagen war, als er sie je freiwillig zuhause in seinem Elternhaus besucht hatte, Geburtstage und Weihnachten schon ausgenommen. Mittlerweile schämte er sich sogar richtig, zumindest für Meiersche Verhältnisse, dafür, dass er ihr nie den Respekt gezollt hatte, den man seiner eigenen Mutter eigentlich zollen müsste. Gott, er war ein schlechterer Sohn als sie je als Mutter für ihn. Das war doch verrückt. Vermutlich ergänzten sie sich deshalb so sehr im Nichtergänzen. Wahrscheinlich verstand niemand auf der Welt, wie ihre Beziehung zueinander wirklich funktionierte. Nicht einmal er selbst. Nur Gretchen schien das in Ansätzen zu verstehen. Sie lächelte nur sanftmütig, strahlte ansteckend von innen nach außen, hörte ihm einfach nur zu, machte ihm Mut und kritisierte ihn nicht dafür, dass er heute an mancher Stelle vielleicht ein kleinwenig mit seiner unbeholfenen Fürsorge übertrieben hatte. Dafür müsste er den Goldengel eigentlich wie wild abknutschen. Aber leider war die Technik noch nicht soweit. Dann wäre er jetzt auf jeden Fall durch den Bildschirm auf die andere Seite geklettert und hätte das sofort ausgiebig nachgeholt. Stattdessen redete er einfach weiter im gewohnten Meier-Ton drauflos, was ihm gerade noch so in den Sinn kam...

Marc: Naja, jedenfalls ist sie soweit schmerzlos. Sie meckert auch schon wieder ordentlich rum und triezt die Schwestern, wie es sich gehört.
Gretchen (lächelt glücklich u. erleichtert u. versteckt die aufkommenden Tränen): Das freut mich für dich, Marc.
Marc (setzt ein besonders leidendes Gesicht auf): Nee, du, das ist alles andere als ein Spaß. Die gucken uns hier an, als wären wir komplett irre. Der Patientenservice ist hier jedenfalls unter aller Sau. Das würde mir im EKH nicht unterkommen.
Gretchen: Was vielleicht daran liegen könnte, dass Monsieur sich mal wieder überall eingemischt hat.
Marc (mit seinen großen theatralischen Gesten ähnelt er seiner Mutter mehr, als er glaubt): Papperlapapp! Das ist doch reiner Kokolores. Sonst würden die doch nie ihren Job machen. Schlimm genug, dass Mutter denen die Kohle auch noch hinterher wirft. So ein Saftladen!
Gretchen (bleibt ganz ruhig u. verständnisvoll, auch wenn sie genau weiß, dass er übertreibt): Du hättest sie lieber in Berlin. Stimmt’s?

Marc (man merkt ihm an, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hat): Die Frau ist bockiger als eine sture Eselsdame, die mit Lastgepäck nen Berg rauf soll.
Gretchen (schmunzelt): Das kommt mir irgendwoher bekannt vor.
Marc (funkelt sie eingeschnappt an): Eh! Du musst auf meiner Seite sein, Haasenzahn.
Gretchen (geduldig): Ich bin auf deiner Seite, Marc. Und Mehdi auch. Er wartet übrigens auch noch auf deinen ausführlichen Bericht.
Marc (zieht eine genervte Schnute): Boah nee, echt? Kannst du das nicht machen? Oder warte, weißt du was, ich schick ihm einfach ne Kopie auf den Server. Ich hab vorhin die gesamte Akte eingescannt. Damit hat die Nervensäge alle Fakten auf dem Tisch.
Gretchen: Solltest du dazu nicht erst einmal deine Mutter um Erlaubnis fragen?
Marc (trotzig): Nö! Sie hat uns ja auch nicht um Erlaubnis gefragt, als sie hier so ein irres Chaos angerichtet hat. Sie hat ja nicht mal Schuldgefühle deswegen, sondern macht mir Vorwürfe, weil ich, doof wie ich war, hierher gekommen bin. Außerdem ist er immer noch ihr Arzt, also wenn man seinen Job überhaupt als solchen bezeichnen kann.
Gretchen (rollt mit den Augen): Kann es sein, dass du sie vielleicht ein kleinwenig bedrängst, wenn du ihr Zimmer so sehr in Beschlag nimmst?
Marc (lässt keinen Widerspruch gelten): Ich darf doch wohl noch meine eigene Mutter besuchen oder nicht?

Gretchen: Die Betonung liegt auf „besuchen“ und nicht gleich entmündigen und das Ruder ganz in die Hand nehmen. Ihr müsst beide gleichmäßig paddeln, sonst kommt ihr nie vom Fleck weg.
Marc (bockig wie ein kleines Kind sitzt er nun im Schneidersitz auf der Toilette): Mach ich doch gar nicht.
Gretchen (kann über den süßen Trotzkopf nur den Kopf schütteln): Und warum sitzt du dann um die Zeit noch in ihrem Patientenzimmer und blockierst stundenlang das Bad?
Marc (folgt seiner eigenen Logik): Weil DU nicht zu erreichen warst!
Gretchen (glaubt sich verhört zu haben u. versucht ruhig zu bleiben): Marc, gib ihr bitte etwas Zeit und vor allem Luft zum Durchatmen. Für sie ist es bestimmt auch nicht einfach, dass du jetzt da bist und Bescheid weißt. Das setzt sie unter Druck. Aber sie braucht Ruhe, um wieder richtig gesund zu werden. Geh bitte endlich ins Hotel! Du siehst auch ziemlich müde aus.
Marc (im Trotzmodus versteht er alles falsch): Willst du mich etwa loswerden? Ich dachte, wir reden noch ein bisschen.
Gretchen (lacht): Marc Meier will tatsächlich reden? Das sollte ich dringend in meinem Tagebuch festhalten.
Marc (blitzt sie gespielt drohend an): Untersteh dich! Falls das je rauskommen sollte, dann leg ich dich übers Knie, dann wirst du die nächsten Tage nicht mehr sitzen können, was schwierig werden könnte, weil ich dich nämlich mit Aktenarbeit zu bombardieren werde.
Gretchen (blickt ihn sichtlich schockiert an): Das machst du nicht!

Marc (grinst das entsetzte Mädchen spitzbübisch an, wird dann aber auf ein seltsames Brummen im Hintergrund aufmerksam): Ich würde es nicht darauf ankommen... lassen. ... Äh... Was... war... das... denn? Beherbergst du neben der nervigen Zecke auch noch ein ganzes Wolfsrudel?
Gretchen (läuft augenblicklich rot an u. hält sich mit einer Hand den knurrenden Bauch): Ich bin den ganzen Tag noch nicht wirklich zum Essen gekommen.
Marc (runzelt misstrauisch die Stirn): Haasenzahn, du kommst aber jetzt, wo ich nicht da bin, nicht auf die irrwitzige Idee, irgend so eine bescheuerte „Ich-fress-nur-noch-Hasen-Gemüse“-Diät zu machen, um dir was zu beweisen? Nur weil du wie ein Wald- und Wiesentier heißt, heißt das noch lange nicht, dass du dich auch so ernähren musst. Auch nicht weil der Kittel neuerdings spannt und deine geile Oberweite Faschingskostüme sprengt und Mutter denkt, dass du... Ääähhh... Was ich sagen will, vergiss den Blödsinn! Ich will dich so wiederhaben, wie du bist. Haben wir uns verstanden? Oder muss ich dich erst daran erinnern, wie dein letzter Trip in diese irren Gefilde geendet hat? Wir hatten zig Patienten und eine Hypochonderin auf dem Tisch.
Gretchen (guckt ihn beleidigt an): Marc, nur weil ich in der Vergangenheit interessehalber schon jede Diät, die es gibt, ausprobiert habe, heißt das nicht, dass ich auch tatsächlich eine machen will. Wie kommst du überhaupt da drauf? Ich fühle mich wohl so, wie ich bin. Und wie ich schon sagte, ich bin einfach noch nicht zum Essen gekommen, weil heute so viel in der Klinik los war. Das ist alles. Du glaubst ja gar nicht, was alles passiert ist. Aber das erzähl ich dir gleich. Vorschlag: Ich mache mir jetzt was Kleines zu essen, um das Wolfsrudel zu beruhigen, und währenddessen verabschiedest du dich von deiner Mama und gehst ins Hotel. In einer halben Stunde treffen wir uns hier wieder, okay?

Marc (grübelt extra lange hin und her u. gibt sich schließlich der Vernunft geschlagen): Okay, auf deine Gefahr!
Gretchen (eindringlich): Marc!
Marc (setzt seinen überzeugendsten Charmeblick auf): Aber du musst mir auch was versprechen.
Gretchen (neugierig reckt sie ihr Kinn nach vorn): Was denn?
Marc (hebt drohend seinen rechten Zeigefinger): Wehe du schaltest das Programm aus! Ich hab nämlich keinen Bock, dir dann noch stundenlang ohne Bild am Telefon erklären zu müssen, was du jetzt drücken musst, um mich wieder zu sehen.
Gretchen (eingeschnappt): Marc, ich bin zwar blond, aber nicht blöd.
Marc (zieht sie grinsend auf): Sagt mir diejenige, die es schafft, mit nur einem Wisch für die Krankenkassen, den Drucker im Stationszimmer für zwei Wochen lahm zu legen.
Gretchen (protestiert vehement): Gar nicht wahr! Das lag nur daran, weil... GRRR!!! Jetzt hau endlich ab, du Blödi! Sonst überlege ich mir das nämlich doch noch und lasse den Bildschirm schwarz.
Marc (lacht über das ganze Gesicht, als er sich samt Laptop vom Lokus erhebt, auf dem er die ganze Zeit gesessen hat): Hoho! So mag ich dich.
Gretchen (empört sich immer mehr): Maaarc!
Marc (setzt den charmanten Dackelblick auf): Darf ich mir für später noch was wünschen?
Gretchen (guckt extra besonders grimmig in die Kamera): Was? Und wehe es ist was Unanständiges!
Marc (grinst sich eins): Och das empfinde ich nicht unbedingt als solches.
Gretchen (kleinlaut): Was daran liegen könnte, dass wir stets gegenteilig empfinden.
Marc (schaut gespielt empört in die Kamera): Bitte? Magst du mich etwa nicht mehr?
Gretchen (gespielt grüblerisch): Hmm... Das muss ich mir noch überlegen. Ich bin immer so unentschlossen, wenn ich nichts gegessen habe.
Marc (zieht eine Schmollschnute): Also ziehst du den Bademantel nicht für mich aus?
Gretchen (klappt die Kinnlade nach unten, schüttelt ungläubig den Kopf und erhebt sich entschlossen vom Bett, auf dem sie das Laptop stehen lässt): Aha? Daher weht also der Wind? Hmm... Das muss ich mir, glaube ich, nicht noch überlegen. Und jetzt ab! Hopp! Ab ins Hotel! Oder will der kleine Junge etwa bei seiner Mama schlafen? Wir sehen uns gleich wieder. Kuss!

...hauchte Gretchen noch selig grinsend in den Lautsprecher, beugte sich zum Monitor herab und warf ihrem verdutzten Liebsten noch eine Kusshand zu, der gar nicht wusste, wie ihm gerade geschah. Sie drehte den Computer so, dass er in Richtung Treppe zeigte, die in den unteren Wohnbereich führte. Für ihn nicht sichtbar schnappte sie sich anschließend ihren hellrosa Hausanzug vom Korbstuhl neben dem Bett, trat wieder in das Blickfeld ihres Beobachters, drehte ihren Kopf noch einmal provozierend zu ihm herum und ließ an der Treppe ihren Bademantel fallen. Dann huschte sie schnell kichernd die Stufen hinunter und ließ einen perplexen Machooberarzt zurück, dem die Kinnlade bei diesem verheißungsvollen Anblick gen Fußboden herunterklappte und dort hart aufschlug...

Marc: Alter Schwede, sie hat dich so was von in der Hand.

Und ehe Frau Fisher, die gerade die Literaturkritiken in diversen hochklassigen Magazinen durchblätterte, sich versah, sprang ihr Junge plötzlich aus dem Badezimmer, das er über zwei Stunden lang hartnäckig blockiert hatte, um wer weiß was zu veranstalten, was sie insgeheim auch gar nicht wissen wollte. Irritiert beobachtete sie, wie der etwas derangiert aussehende junge Mann nun seine Sachen zusammensammelte und rasch in eine Sporttasche stopfte. Ohne sich noch einmal nach seiner perplexen Mutter umzudrehen, sprintete er im nächsten Moment zur Tür und riss diese auf...

Marc: Bist mich los, Mutter! Aber freue dich nicht zu früh. Pünktlich zur Morgenvisite stehe ich wieder auf der Matte. Jegliche Fluchtversuche oder sonstige Sicherungsmaßnahmen sind zwecklos. Ich werde dich mit dem Scheiß nicht alleine lassen. Basta! Und jetzt... tschüss!

Und schon kurz nach diesen mehr als deutlichen Verabschiedungsworten war Marc Meier zur Tür hinausgestürmt, als hätte es die Inbesitznahme ihrer Räumlichkeiten nie gegeben. Sprachlos sah Elke ihrem Sohnemann und der zurück schwingenden Tür hinterher, schüttelte den Kopf und stand dann auf und begab sich langsam zu dem eben noch besetzten Badezimmer, um sich dort für die Nacht bettfertig zu machen. Dabei murmelte sie etwas vor sich hin und bekam das Lächeln kaum mehr aus dem Gesicht, obwohl sie sich eben noch über den aufständischen Jugendlichen geärgert hatte...

Elke: Diese Frau hat ihn so was von in der Hand. Faszinierend! Bei Gelegenheit sollte ich sie mal fragen, wie sie das immer macht. Dann hätte ich vielleicht schneller meine Ruhe.

Lorelei Offline

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17.10.2013 14:27
#1447 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Derweil in Berlin

Flink polterte das Häschen fröhlich und ohne große Stolperer die Treppe hinunter und ließ sich anschließend auf die bequeme Wohnzimmercouch fallen, wo es laut lachend das Gesicht in eins der Zierkissen drückte, weil es nicht mehr anders an sich halten konnte. Marcs Blick, den es leider nur einen Hauch von einer Sekunde hatte genießen dürfen, war einfach zu göttlich gewesen. Der Arme! Eigentlich müsste man ja mit ihm Mitleid haben, so wie Gretchen ihn hatte stehen lassen, aber die Betonung lag auf „eigentlich“. Bei seiner vorlauten Klappe hatte es der Quatschkopf eben nicht anders verdient, als auch einmal so richtig gefoppt zu werden. Und Gretchen empfand, dass sie dabei einen wirklich guten Job geleistet hatte. Tja, sie hatte ja auch beim Besten gelernt.

Nachdem sich der freche Nackedei wieder einigermaßen beruhigt hatte, schlüpfte Gretchen schnell in ihren rosafarbenen Wohlfühlhausanzug, dessen wärmendes Frottee sich wie eine zweite Haut an ihren Körper schmiegte, was sie sichtlich genoss. Auch wenn der Grund, weswegen sie dieses modisch sehr fragwürdige Outfit damals gekauft hatte, eher ein negativer gewesen war. Es stammte noch aus der Zeit von Gretchens größter Demütigung. Einem Zeitpunkt, als plötzlich alles anders war als zuvor und sie vor einem unerwarteten Neuanfang gestanden hatte, den sie so nie gewollt hatte und dessen am Ende ganz und gar positive Folgen sie in diesem Augenblick größter emotionaler Not noch nicht hatte absehen können. Peter hatte sie kurz vor der Hochzeit betrogen, sie hatte das Vertrauen in die Männerwelt gänzlich verloren und noch schlimmer, sie hatte ihre Lieblingsschokolade fallen lassen und musste beim tollpatschigen Versuch, diese zu retten, im sauteuren Brautkleid einem verrückten Möchtegernhobbypsychologen, von dem sie in der Situation sicherlich niemals geglaubt hätte, wenn er es behauptet hätte, dass er nach einem gescheiterten Beziehungsversuch irgendwann ihr allerbester Freund und engster Vertrauter werden würde, von einer Brücke in die eiskalte Spree hinterher springen und dabei eine Erkältung riskieren. Pudelnass war sie durch die Außenbezirke Berlins spaziert, hatte sich von dummen johlenden Jugendlichen anpöbeln lassen und hatte in der nächstbesten Boutique, die man nicht wirklich als solche bezeichnen konnte, eben jenes schweinchenrosafarbene Kleidungsstück gekauft, das als Ladenhüter vermutlich nur einer Cindy aus Marzahn gefallen hätte, das ihr aber überraschenderweise mit seiner ungeahnten Wohlfühlfunktion sofort etwas von dem nie enden wollenden Unglück genommen hatte, das ihr bis vor ein paar Monaten wie Pech an der Fußsohle geklebt hatte.

Und wie aufs Stichwort schaute die Haasentochter nun auf ihre beiden zierlichen Füße. Sie kontrollierte die Sohlen, wackelte zweimal schmunzelnd mit den großen Zehen und zog sich anschließend ein dickes rosagestreiftes Sockenpaar darüber, ehe sie mit beiden Füßen in ihre Snoopy-Hausschuhe schlüpfte, welche ihr seit Kindertagen den Inbegriff von Zuhause vermittelten. Genauso fühlte sie sich gut. Sogar richtig glücklich, um genau zu sein. Auch wenn Marc gerade nicht bei ihr sein konnte. Im Herzen war er es immer. Und sie wusste ganz genau, dass es ihm mit ihr genauso erging. Sonst wäre er vermutlich nicht auf diese geniale Idee mit dem Videotelefon gekommen. Sich in die Augen blicken zu können, war schon etwas anderes, als nur die Stimme des anderen zu hören. Blicke sagten bekanntlich mehr als tausend Worte. Schmachtend ließ sich die verliebte Frau bei dem Gedanken an seine unergründlich tiefen dunkelgrünen Augen zurück an die Sofalehne fallen und die letzten Minuten Revue passieren. Gretchen versuchte es zumindest, denn im nächsten Augenblick bemerkte sie, dass sie gar nicht mehr alleine mit sich und ihren Schwärmereien war.

Nachdem Jochen Haase beim Blick in die Meier-Haasschen Wohnräumlichkeiten fast blind geworden war, hatte er sich schnell reflexartig die Unterarme vors Gesicht gehalten und war taumelnd auf der Schwelle zurückgewichen und in den Flur zurückgestolpert, bis ihm eine sperrige Kommode in die Quere gekommen war, an der er sich krampfhaft festgehalten hatte, um die eben gesehenen Bilder wieder von der Speicherkarte zu löschen. Denn so gern er seine Schwester auch hatte, sie im Evakostüm zu sehen bereitete ihm ähnliches Unbehagen wie der Biss in die sauerste Zitrone der Welt. Es gab einfach Dinge im Leben einer Familie, die sollte man unter keinen Umständen miteinander teilen. Egal, wie jung oder alt man war. Aus dem Planschbeckenalter waren sie beide schließlich schon längst entwachsen, während welchem er seine Mutter noch mit der Frage schocken konnte, warum sie und seine ältere Schwester keinen Pippimann hatten so wie er und ob dieser denn abgefallen sei und ihm dies auch noch blühen würde, wenn er mal älter werden würde. Ja, in dem Alter hatte sich Klein-Jochen noch gewünscht, niemals älter als fünf Jahre zu werden. Und sein momentan auf ihn stinkiger Vater würde jetzt schlichtweg unterstreichen, dass er sich immer noch wie fünf benahm. GRRR! Wie konnte es nur passieren, dass er ausgerechnet in diese Familie hineingeraten war, hatte sich Jochen verzweifelt gefragt und hatte seinen Hinterkopf wiederholt gegen die Wand im dunklen Flur geditscht.

Als der Zitronengeschmack endlich nachgelassen hatte, hatte sich der junge Mann dann aber doch noch einmal zurück ins Paradies der Köstlichkeiten getraut. Vorsichtig hatte er um die Ecke gelinst, erleichtert ausgeatmet, als er das gewohnte rosa Schweinchen auf der Couch fläzen sah, und war schnell in die Küche geflitzt, wo ihn nun ein wohlbekannter Duft empfang, dem er nicht entkommen konnte. Mhm... Mamas Lasagne, schwärmte er mit geschlossenen Augen und schritt schnell zur Tat. Leider hatte er dabei Miss Piggy sehr unterschätzt. Es gab nämlich noch etwas, was in der Familie Haase ungern geteilt wurde, zumindest nicht unter der jüngeren Generation.

Neu eingekleidet und sehr vergnügt steuerte die freche Haasendame nämlich keine Minute später ebenfalls die Küchezeile an und traf dort auf einen anderen hungrigen Artgenossen, der sich gerade dreisterweise über ihr Abendessen hermachen wollte, das sich noch immer in der geöffneten blauen Tupperbox auf der Anrichte befand, wo sie sie vorhin hingestellt hatte. Noch bevor Jochen überhaupt reagieren konnte, griffen Gretchens Hände bereits danach und sie streckte ihrem überrumpelten Bruder die Zunge raus, als sie den Inhalt der Dose schnell auf dem bereits bereitstehenden Teller drapierte und dann in die benachbarte Mikrowelle schob und diese anstellte, so wie sie es schon vor Marcs verwirrender Überraschung hatte tun wollen...

Gretchen: Meins!
Jochen (stemmt protestierend seine Hände in die Hüften): Eh! Mama hat das für mich gemacht.
Gretchen (lehnt sich gespielt grübelnd seitlich neben ihn an die Anrichte): Das ist reine Interpretationssache, mein Lieber. Meine Wohnung, mein Kühlschrank, ergo auch mein Essen. Und wie war das noch gleich? „Wenn ich schon hier wohnen darf, dann teile ich auch gerne mit dir.“
Jochen (sprachlos starrt er den rosa Haasen an, der plötzlich viel größer zu sein erscheint als er selbst u. ihm ungewohnt Paroli bietet): Äh...
Gretchen (grient den sprachlosen Haasen vergnügt an, wuschelt ihm einmal kräftig durch die Haare u. gibt dem überrumpelten jungen Mann dann auch noch einen dicken Schmatzer auf die Wange): Dann sage ich auch mal vielen lieben Dank, Brüderchen!
Jochen (verzieht angewidert das Gesicht u. wischt sich nuschelnd mehrmals über die nasse Backe): Bäh! Sag mal, wie bist du denn drauf? Deine Laune ist ja plötzlich echt widerlich gut. ... Ah! Verstehe! Du hast ES entdeckt, hmm, was wohl auch die Kleiderwahl eben erklären würde. Bäh! Ihr seid echt solche Ferkelchen.
Gretchen (grinst gleich noch breiter über das ganze Gesicht u. will ihrem Brüderchen noch einen weiteren Kuss aufdrücken): Eigentlich hättest du ne Kopfnuss verdient, weil du nichts gesagt hast, aber ich...
Jochen (weicht ihr geschickt aus u. spielt mit ihr Fangen um die Küchenzeile herum, da Gretchen nicht aufgibt, ihren Bruder vor lauter Glücksgefühlen niederknutschen zu wollen): Lass bloß stecken! Die krieg ich auch so schon von deinem Macker. Es sei denn, ich packe sofort meine sieben Sachen und ziehe Leine, so wie er es wohlformuliert umschrieben hat.
Gretchen (gibt ihr albernes Fangspiel auf u. verliert sich in Schwärmereien): Ist er nicht süß?
Jochen (sichtlich genervt lässt er sich auf einen der Küchenstühle fallen): Boah, hör mir mit der alten Leier auf! Ich höre seit zwanzig Jahren nichts anderes. Ein Wunder, dass ich davon noch kein Tinnitus bekommen habe. Geschweige denn einen gesteigerten Reflux. Obwohl...
Gretchen (setzt sich mit ihrem vollen Teller u. zwei Gabeln neben ihren nörgelnden Bruder, nachdem die Mikrowelle „bing“ gemacht hat): Alter Spielverderber! Aber ich will mal nicht so sein. Hier!

Jochen (reißt ihr die Gabel regelrecht aus der Hand u. beginnt synchron mit seiner Schwester auf dem heiß dampfenden Lasagneteller herumzustochern): Weischt du, wasch isch dabei nisch verstehe?
Gretchen (fährt dem Vielfraß sofort über den Mund): Man spricht nicht mit vollem Mund, Jochen.
Jochen (funkelt sie angesäuert an u. kaut brav den letzten Bissen hinunter, ehe er ihr breit grinsend antwortet): Jaaa, Mamaaa!
Gretchen (grinst ihn amüsiert an): Braver Junge! Also, was wolltest du wissen?
Jochen (auch wenn er es nie zugeben würde, er genießt die kleinen Kabbeleien mit seinem Schwesterherz sehr): Was ihr hier schon wieder für eine Aktion abzieht? Er ist gerade einmal einen Tag weg und ihr benehmt euch, als würde er die nächsten sieben Wochen auf Polarexpedition in die Antarktis unterwegs sein. Oder ist er das etwa wirklich?
Gretchen (schluckt ihren Bissen hinunter u. legt die Gabel anschließend beiseite, um ihn nun ernst anzusehen): Wenn man liebt, dann ist jeder Tag, den man ohne den anderen verbringt, als wären Wochen oder Monate vergangen, weil ganze Welten einen trennen. Deshalb zählen so besondere Momente wie diese ja auch so viel.
Jochen (runzelt misstrauisch die Stirn u. schiebt sich die voll beladene Gabel in den Mund u. überlegt angestrengt, während er kaut): Soll das irgendein versteckter Hinweis sein? Ich liebe auch. Schon vergessen?

Gretchen (seufzt auf u. legt ihre Hand auf Jochens, die er ihr überfordert wieder entzieht): Und geht es dir dann nicht auch so mit Chantal?
Jochen (lässt augenblicklich die Maske fallen u. die Schultern hängen): Was soll ich denn machen, Gretchen?
Gretchen (spürt die Verzweifelung ihres Bruders sofort u. sieht ihn aufmunternd an): Mit ihr reden, dich erklären, wäre vielleicht ein Anfang. Alles totzuschweigen ist nie die richtige Lösung.
Jochen (geknickt kreist er mit seiner Gabel über den Tellerrand u. schaut dann kurz auf): Sie will aber nicht mit mir reden. Seit dem blöden Essen gestern bei Mama ist Funkstille.
Gretchen (versteht, wie sehr es ihn quält): Dann musst du hartnäckig dran bleiben, Jochen. Frauen wollen, dass man sich bemüht, sich aufrichtig entschuldigt, auf Knien angekrochen kommt.
Jochen (sieht sie völlig entgeistert an u. lässt die Gabel fallen, die scheppernd auf dem Tellerrand liegen bleibt): Soll ich ihr jetzt etwa gleich nen Antrag machen, oder was? Dabei hat sie doch schon vorm Zusammenziehen fluchtartig die Biege gemacht.
Gretchen (würde sich am liebsten die Hand vor die Stirn klatschen wegen so viel männlicher Ignoranz): Nein, natürlich nicht! Das hab ich doch auch gar nicht gemeint. Aber wenn du dich bemühst und sie aufrichtig fragst, warum sie so auf deine Vorschläge reagiert hat, wie sie eben reagiert hat, und vielleicht ein bisschen Verständnis für sie aufbringst und nicht gleich wieder bockig wirst, dann wirst du auch etwas von ihr zurückbekommen. Ich hatte nämlich immer den Eindruck, dass sie dich sehr mag.
Jochen (blickt ihr hoffend in die blauen Augen): Denkst du wirklich?
Gretchen (augenzwinkernd): Ja, ich hab ein Auge für romantische Gefühle.
Jochen (ihm wird das Ganze jetzt echt zu sentimental u. er spielt wieder den Clown): Und ich dachte, du bist blind unter deiner rosa-roten Marc-Brille.
Gretchen (knufft ihn in die Seite): Eh! Das nächste Mal gebe ich dir Tipps, wie du dich noch mehr in die Nesseln setzen kannst.
Jochen (grinst sie an u. mampft weiter sein Essen): Weil du darin die Expertin bist!
Gretchen (sieht ebenso schmunzelnd vom Teller auf, der ratzfatz leergefegt ist): Genau! Und jetzt mach schon! Ruf sie an! Was hast du denn schon zu verlieren?

Jochen (ihn verlässt sofort wieder der Mut, als Gretchen ihm auffordernd das Festnetztelefon hinhält): Ich kann nicht.
Gretchen (verdreht theatralisch die Augen u. würde der Pfeife jetzt liebend gern in den Hintern treten): Was ist denn jetzt schon wieder? Warum könnt ihr Männer, oh, entschuldige, Jungs, nicht einmal mutig sein? Dabei dachte ich immer, gerade das läge evolutionsbedingt in euren Genen. Aber vermutlich sind die Jäger und Sammler irgendwann zwischen Sprechen lernen, Aufrechtgehen und Entdeckung des Feuers emotional total verkümmert. Hmm... ich hab morgen Lerngruppe an der Uni. Vielleicht sollte ich mal bei einem Anthropologen nachfragen gehen. Das interessiert mich jetzt echt.
Jochen (fühlt sich gleich wieder in seinem männlichen Ego angegriffen u. macht dicht, indem er seine Arme abweisend vor seinem Körper verschränkt u. demonstrativ in eine andere Richtung blickt): Ich kann sie um die Zeit nicht mehr anrufen.
Gretchen (versucht, Verständnis aufzubringen, aber ihr Bruder macht es ihr schwer): Wieso das denn? Es ist noch nicht mal acht.
Jochen (in die Enge gedrängt fährt er sie an): Weil Celinchen schon schläft, Frau Familientherapeutin. Dann stellt Chantal immer das Telefon ab.
Gretchen: Oh! Äh... ja dann, hmm... dann musst du dir eben etwas anderes überlegen. Du bist doch ein pfiffiges Kerlchen. Und dass ihr Männer erfindungsreich sein könnt, habt ihr ja heute schon eindrucksvoll bewiesen. Ich gehe jetzt jedenfalls wieder mit Marc äh... skypen ... oder wie sich das jetzt genau nennt. Hihi!

Gesagt, getan! Schon schwang sich Gretchen unelegant von ihrem Barhocker herunter, rückte ihrem Brüderchen etwas zu nah auf die Pelle, der ihr aber nicht mehr ausweichen konnte, und drückte diesem doch noch einen dicken fetten Gute-Nacht-Schmatzer auf die Backe. Genau in dem Moment, als sie auch schon eine wohlbekannte äußerst männliche Stimme herzerweichend ihren Namen brüllen hörte...

Marc: HAASENZAHN! VERDAMMT, SCHWING ENDLICH DEINEN HINTERN HIERHER! ABER PRONTO! WEHE, DU LÄSST MICH AUCH NUR EINE SEKUNDE WIEDER WARTEN! SONST GIBT’S WIRKLICH POPOHAUE!

Völlig entzückt quiekte die überraschte junge Dame auf, zwinkerte Jochen zu, dem gerade die Kinnlade mit einem lauten „Bling“ zu Boden klappte und der nun gar nichts mehr verstand, und flitzte Richtung Treppe, aber nicht ohne vorher ihrem fassungslos dreinblickenden kleinen Bruder noch einen abschließenden Spruch reinzudrücken...

Gretchen: Is’er nicht süß? Er kann keine Sekunde ohne mich sein. Hach... Räumst du den Teller bitte auf! Danke! Nachti! Und ähm... grüß mir deine Chantal von mir! Versau es bitte nicht wieder!

Marc (motzt auch schon los, als sein Häschen nicht gleich spurt): HAASENZAHN, das hab ich gehört. Das wird DEFINITIV Konsequenzen haben, meine Liebe. Das schwöre ich dir.

Gretchen: Das hoffe ich doch.

...murmelte Gretchen vorfreudig, bremste sich aber im nächsten Moment ein und schritt nun extra langsam die Treppe hoch, Stufe für Stufe, um ihren ungeduldigen Schatz noch ein bisschen mehr zu quälen, wusste sie doch insgeheim um seine Ansprüche an die Weiterführung ihrer Abendunterhaltung Bescheid. Dabei müsste ihr Marcischnuckiputzi doch eigentlich wissen, dass sie diesen Ansprüchen nie und nimmer Genüge leisten würde. Nicht in Zeiten, wo alles, was im Internet stattfand, abgehört oder schlimmer noch gesehen werden konnte.

Jochen sah dem seltsamen Schauspiel, das ihm gerade geboten worden war, sprachlos hinterher. Er stand nun ebenfalls auf, nahm den Teller und spülte diesen, ebenso wie die Gabeln und die Tupperbox ab, so wie es ihm von seiner nervigen Schwester aufgetragen worden war und was er von seiner Mutter schon hunderttausend Mal gehört hatte, so dass es schon fast in Fleisch und Blut übergegangen war, wobei ihm jetzt erst auffiel, dass ein Etikett mit „Freitag“ auf der Plastikbox draufstand. Anstatt ein schlechtes Gewissen deswegen zu bekommen, zuckte er nur unschlüssig mit den Schultern und stellte das Geschirr zum Trocknen ab. Dann machte er sich schleunigst aus dem Staub, denn er wollte unter keinen Umständen noch einmal Dinge mitbekommen, die ihm Albträume bescheren könnten. Also schlug er die Tür zu seinem Zimmer zu, schmiss sich mit dem Rücken zuerst aufs Bett und setzte die Kopfhörer auf, um sich als Ablenkung mit seiner Lieblingsmusik zu beschallen.

Er lag noch keine fünf Minuten so da, als sein Blick wie zufällig sein Handy auf dem Nachtschränkchen streifte. Er zögerte nicht und schnappte es sich. Dann ging er seine Bilddateien durch, wobei er erneut frustriert feststellen musste, wie sehr er seiner Freundin doch verfallen war, von der er gar nicht mehr wusste, ob er sie überhaupt noch als solche bezeichnen durfte und ob sie es überhaupt je richtig gewesen war. Nur eins wusste er. Er wollte die Glücksmomente zurück, welche sie in den wenigen Wochen, die sie sich erst kannten, geteilt hatten und welche sich auf unzähligen Schnappschüssen befanden. Sie waren doch schließlich auch der mittlerweile fatale Grund gewesen, weshalb er sein bisheriges Leben komplett in Frage gestellt hatte und es um hundertachtzig Grad hatte drehen wollen, weil er zum ersten Mal gewusst hatte, was er wirklich für die Zukunft wollte. Also nahm der verliebte Student jetzt all seinen Mut zusammen und tippte eine Sms, die er nach ungefähr zwanzig misslungenen Versuchen dann auch endlich abschickte. Gebannt hielt Jochen Haase den Rest des Abends sein Telefon in der Hand.

Lorelei Offline

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24.10.2013 17:38
#1448 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Währenddessen eine Etage über ihm

Marc: Boah, bist du fies! Du bist so fies, Haasenzahn!

Gretchen: Wieso denn, Marcilein?

...reagierte Gretchen säuselnd mit zuckersüß klingender Engelsstimme auf Marcs ungeniert formulierte Kritik an ihrem in seinen Augen viel zu tugendhaften Auftreten, als sie in langsamen uneleganten Schlurfischritten auf abturnenden rosaroten Snoopy-Puschen das gemeinsame Schlafzimmer betrat und schmunzelnd auf das Bett zu spazierte, auf dem sich ihr geöffneter Laptop befand, auf dessen Monitor ihr eine sichtlich eingeschnappte Schnute entgegenblickte, die, je näher sie kam, immer finsterer wurde. Balsam für ihre in mancher Hinsicht schon so oft von ihm malträtierte Seele! So fühlte es sich also an, wenn man auch mal einen richtig guten Treffer gelandet hatte, dachte die bildschöne Blondine triumphierend und setzte gleich jovial lachend zu einem kleinen Gewinnerinnentänzchen durch ihr Schlafzimmer an. Natürlich außerhalb von Marcs Sichtfeld, denn sie wollte ihn ja nicht noch zusätzlich provozieren und damit ihr junges unschuldiges Leben riskieren, und dennoch war ihr schräger Improvisationstanz, mit dem sie schon in ihrer Schulzeit kaum punkten konnte, gut getarnt. Sie ließ nämlich im Hintergrund gleichzeitig noch hüftenschwingend und popowackelnd die Jalousien herunter, weil es mittlerweile Abend geworden war.

Prompt bekam die hübsche, aber talentfreie Tänzerin für ihr ganz und gar nicht entgegenkommendes Verhalten die Quittung in Form eines extra beleidigten Grummelkönigs, der mit seiner harschen Kritik natürlich nicht vor dem Tor hielt, was die freche Dame in Rosa gleich noch mehr erheiterte und sie eine zusätzliche Tanzrunde schwingen ließ. Hach, er war halt doch süß, ihr Marcischnuckiputzi, vor allem wenn er schmollte wie ein Kleinkind, wenn er nicht das bekam, was er sich sehnlich gewünscht hatte, schwärmte Gretchen mit wild pochendem Herzen und drehte sich noch einmal etwas holperig im Kreis und wäre dabei fast über Marcs Turnschuhe gestolpert. Tja, selbst die kleinsten Frechheiten bestrafte der liebe Gott immer sofort, hätte der schadenfrohe Besitzer der senfgelben Chucks wohl jetzt gesagt, hätte er diese Szene beobachten können.

Marc: So hatten wir das aber nicht abgemacht, Fräulein.

Gretchen: Ich wüsste nicht, dass wir uns überhaupt irgendetwas abgemacht hätten.

...konterte die ganz und gar nicht unschuldig dreinblickende „Unschuld vom Lande“ schlagfertig und tauchte im nächsten Moment wieder unübersehbar rosarot in Marcs Blickfeld auf, als sie sich kichernd den Klappcomputer schnappte und damit sehr wackelig über das breite Kingsizebett balancierte, auf welches sie eben ungeschickt gekrabbelt war. Nun war Marc derjenige, der sich wie auf hoher See fühlte. Zunehmend ungeduldig und immer noch sauer schaute er dem Frechdachs bei seinem seltsamen Treiben zu und ihm platzte schon fast der Kragen, als dieser endlich die Schaukelei für beendet erklärte und das Notebook auf Marcs Kopfseite wieder auf dem gemeinsamen Bett abstellte. Besser sehen konnte er trotzdem noch nicht. Anstatt Gretchens ihn farbenblind machenden quietschrosafarbenen Joggingoberteils, das dank hochgezogenem Reißverschluss nicht einmal annähernd einen Blick auf ihre attraktiven Vorzüge gewähren ließ, hing nun ein dichter goldener Lockenvorhang vor der Minikamera und versperrte ihm jegliche Sicht, was zwar schon besser als das vorangegangene rosa Stillleben war, den frustrierten Oberarzt aber immer noch nicht annähernd befriedigte.

Haasenzahn konnte so ein Biest sein. Es war echt gemein, dass sie sich nicht in ihrer ganzen Pracht und Schönheit zeigte, dachte der Macho unzufrieden und fühlte sich wie ein trotziges kleines Kind, das sich um sein Recht betrogen fühlte. So hatte sich Marc Meier den Ausgang des Abends nun wirklich nicht vorgestellt, da Haasenzahn ihn doch vorhin schon mit ihrer attraktiven Kehrseite so sehr heiß gemacht hatte, dass er noch in der Privatklinik den einen oder anderen Patienten fast umgerannt hatte und der dumme Nuss am Empfang beinahe an die Kehle gesprungen war, weil sie nicht schnell genug die Adresse eines für ein Chirurgengehalt adäquaten Hotels in der Nähe herausgesucht hatte. Manchmal konnte diese Frau echt furchtbar frustrierend sein, raufte sich Marc die Haare, ließ dann seinen Kopf in Richtung Computertastatur hängen und sich seufzend in seinem Bett zurücklehnen, um sich letztendlich seinem schweren Schicksal zu ergeben. Seine Stunde würde schon noch kommen, grübelte er und sofort hob sich seine Laune wieder, während er seine Liebste keine Sekunde aus den Augen ließ.

Lach du nur, gleich bist du so was von fällig, Haasenzahn.

Nicht wissend, was sich hinter ihr zusammenbraute, war Gretchen in der Zwischenzeit unter ihre lilafarbene Satinbettdecke geschlüpft, hatte ihr zauberhaftes Engelsgesicht von der unbändigen Lockenmähne befreit und selbige auf ihr kuschelweiches Kopfkissen gebettet und hatte mit einem Arm noch das Notebook zurechtgerückt, um besseren Blickkontakt mit ihrem süßen Schmollhasen zu erlangen, der ihr jetzt mit so hinterhältig böse auffunkelnden Augen entgegenblickte, dass sie kurzfristig doch Angst kriegte, dass sie es vielleicht doch ein kleinwenig mit ihm übertrieben haben könnte. Aus eigener Erfahrung heraus wusste sie nur zu gut, dass man einen Marc Meier nicht zu sehr reizen sollte, sonst rächte sich dieser noch bitter an einem, indem er vielleicht seltsame Dinge auf ihr Gesicht malte, die da ganz und gar nicht hingehörten, oder sie vor Mitschülern und Kollegen am schwarzen Brett bloßstellte oder sie auf einem Autodach festband, wie er es in der Neunten schon einmal mit fiesem Ameisenblick angedroht hatte, als er mitbekommen hatte, dass sie über seine Matheprobleme Bescheid wusste. Deshalb zählte die mittlerweile Dreißigjährige schnell eins und eins zusammen und setzte zur schnellen Streitschlichtung ihr überzeugendstes Strahlelächeln auf, das auch sofort seine Wirkung nicht verfehlte. Zumindest wirkte es besser als damals, als sie zwar aus Gründen, die sie nicht kannte, um diese martialische Strafe noch einmal herumgekommen war, aber noch nicht über diese Macht verfügte. Man merkte noch deutlich, wie schwer er mit sich kämpfte, aber dann gab Dr. Meier doch langsam nach und seine Mundwinkel zogen sich entsprechend nach oben und die süßesten Grübchen der Welt sprangen ihr entgegen, in die sie sich jedes Mal aufs Neue so wahnsinnig verliebte, dass sie alles andere ausblendete.

Schmachtend studierte Dr. Haase diese so wunderschönen Eigenheiten ihres absoluten Traummannes, bis ihr Blick irgendwann irritiert eine Etage nach unten huschte, dort sekundenlang verharrte, dann wieder hoch zu dem funkelnden Paar Smaragden rutschte und keine Sekunde später wieder herunterpurzelte, wo er schließlich erstarrt kleben blieb. Die leuchtenden blauen Augen wurden größer und größer und Marcs leicht schadenfrohes Triumphlächeln immer breiter, was die perplexe Frau im ersten Moment noch gar nicht mitbekam, weil ihre Pupillen wie fest getackert an Marcs freiem Oberkörper kleben blieben, der in lässiger beckhamgleicher Modelpose, bei der seine gut definierten Muskelpartien ganz besonders deutlich zum Vorschein kamen, am Kopfende seines bequemen Hotelbettes lehnte und sie ungeniert anstarrte wie ein wildes Tier, das auf der Lauer lag. Gretchen schluckte schwer und bekam zunehmend Herzrhythmusstörungen. Aber sie konnte einfach nicht wegsehen, so sehr sie es auch gewollt hätte. Es ging einfach nicht. Und das registrierte auch ihr feixendes Gegenüber, das nicht ohne Grund genau dieses Outfit für die Abendunterhaltung gewählt hatte. Eine kleine Strafe musste schließlich schon sein.

Denn insgeheim hatte Marc schon geahnt, dass sein prüdes Häschen nicht noch einmal denselben sexy Auftritt hinlegen würde wie noch eine halbe Stunde zuvor, als der freche Nackedei flink wie ein Wiesel das Schlafzimmer und einen sichtlich sprachlosen Chirurgen verlassen hatte. Er kannte seine kleine Hexe nun mal zu gut. Und er wusste auch, wie sie auf seine makellosen Vorzüge reagieren würde. Genau so! Schade, dass man die Bildqualität nicht besser einstellen konnte. Er hätte das glühendrote Gesicht von Gretchen und ihre von nervösen Hitzeflecken gespickte Halspartie gerne etwas weniger verpixelt gesehen. Sie war schon eine Süße. Wie sie angestrengt versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und cool zu bleiben, und sich mit ihrem ganz und gar nicht coolen Sabberblick natürlich erst recht verriet. Gretchen müsste lügen, wenn sie behaupten würde, dass ihr dieser äußerst appetitliche Anblick nichts ausmachen würde. Sie war nun mal in erster Linie Frau und diesem Mann, schon seit sie denken konnte, verfallen, was er auch mit großer Genugtuung beobachten durfte und gerade deshalb nur zu gerne immer wieder austestete. Triumphierend registrierte Marc, wie das blaue Augenpaar hektisch hin und her wanderte und immer wieder deutlich an seinem gestählten nackten Oberkörper haften blieb. Und nicht zu verkennen waren auch ihre zuckenden Lippen, die ein deutliches „Oh“ bildeten. Das war seine Chance für eine Revanche.

Marc (cool): Und zufrieden mit dem, was du siehst?
Gretchen (hört ihm gar nicht richtig zu, so „beschäftigt“ ist sie, u. so bringt sie nur einen eher piepsenden Laut heraus): Hä?
Marc (schmunzelnd setzt er gleich noch einen oben drauf, weil dies gerade zu schön gewesen ist): Ich war es jedenfalls mit dem, was mir vorhin geboten wurde. Das hätte eigentlich eine Wiederholung verdient, findest du nicht?
Gretchen (merkt so langsam, worauf er hinaus will, schluckt u. gibt sich betont unschuldig, aber die tiefroten Wangen verraten sie sofort): Was? Ähm... Ich... Ich weiß gar nicht, was du meinst.
Marc (nickt wissend mit dem Kopf u. zieht ihr mit seinen Blicken die hässlichen rosa Klamotten aus): Natürlich!

Oh verdammt! Wie hat er das schon wieder gemacht? Ich war doch eben noch obenauf.

Gretchen (spürt seine drängenden Blicke sofort u. wird zunehmend nervös u. hibbelig): Maaarc, jetzt lass das, bitte! Und zieh dir gefälligst was an! Ist dir denn gar nicht kalt?
Marc (lässig schaut er in die Kamera u. rückt sich den Laptop genauso auf der freien Betthälfte zurecht, wie es ihm Gretchen vorgemacht hat): Nö! So eine kleine freche Hexe hat meinen Wärmehaushalt ganz schön durcheinander gewirbelt.

Das war ich! Hihi! Vielleicht bin ich ja doch noch oben? Gott, wenn er nur nicht so gucken würde. Ich werd doch noch schwach. Nein, nein, nein, das werd ich nicht!

Gretchen (traut sich dann doch mit der Kamera zu flirten): Ach ja, hat sie das?
Marc (funkelt seine Traumfrau verheißungsvoll an): Jep! Das sind schon fast richtige Hitzewallungen, unter denen ich leide, seitdem mir dieser verheißungsvolle Rück...blick nicht mehr aus dem Kopf geht.
Gretchen (spürt das Adrenalin von vorhin wieder auflodern u. funkelt betont unbeeindruckt zurück): Dann solltest du das besser untersuchen lassen, Herr Doktor. Hitzewallungen sind nämlich eher ein Phänomen älterer Damen.

Das hat sie jetzt nicht gesagt? Dieses Biest! Gibst ihr den kleinen Finger und sie greift sich gleich die ganze Hand. Na warte! Freue dich mal nicht zu früh, Haasenzahn! Die Rache ist mein.

Marc (ihm bleibt bei dem Kontra der Grinsekönigin der Mund offen stehen): Boah! Haasenzahn, ganz, ganz dünnes Eis! Du riskierst eine ganz schön große Klappe, wenn ich mal nicht zur Stelle bin. Das heißt aber nicht, dass du vor Strafen gefeit bist. Ein Meier vergisst nämlich nie.
Gretchen (grinst vergnügt in ihr Kopfkissen hinein): Und wie sollen die aussehen und vor allem, wie willst du sie umsetzen, wenn du nicht mal da bist?
Marc (ein süffisantes Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht): Oh Baby, ich kenne da Mittel und Wege, da würdest du staunen. Aber eigentlich dachte ich ja, du bist so schlau und tust selber Buße.
Gretchen (hört ihrem Macho gebannt zu, der sexy seine Muskeln u. seine Grübchen spielen lässt, u. versucht das aufkommende Lachen zu unterdrücken): Und wie, wenn ich fragen darf?

Das Selbstbewusstsein steht ihr! Echt scharf! Wird ihr aber nichts nützen.

Marc (lässt sich nicht in die Karten blicken u. kontert locker, während er sich im Bett entspannt zurücklehnt): Och du, das ist leicht. Du folgst einfach meinem Beispiel.
Gretchen (runzelt verwirrt die Stirn): Bitte? Inwiefern tust du denn bei mir Buße?
Marc (grient sie an): Na ich höre dir zu. Und ich bin sofort deinem Kleidervorschlag von vorhin gefolgt.
Gretchen (klappt den Mund auf u. schnappt hörbar nach Luft): Also das... das ist ja wohl...
Marc (beendet feixend für sie den Satz): ...die geilste Idee ever. Da stimme ich dir voll und ganz zu und das kommt schon selten genug vor. Also Klamotten runter, Haasenzahn! Hopp, hopp!
Gretchen (empört richtet sie sich auf u. blitzt ihn durch die Kamera an): Marc Meier, du glaubst doch nicht etwa ernsthaft, dass wir jetzt vor laufender Kamera schmutzige Dinge veranstalten werden?

Nicht mal, wenn du der letzte Mann auf Erden wärst! Warum muss er die schöne Stimmung auf so plumpe Weise kaputtmachen? Ich hab mich bis eben so auf ihn gefreut und jetzt würde ich am liebsten den Stecker ziehen, äh... wenn hier denn einer dran wäre.

Marc (lässig grinst er in die Kamera u. ergötzt sich an ihrem perplexen Gesicht): Äh... ja doch, ich hätte es vielleicht noch etwas anders formuliert, aber genauso hab ich dein Angebot verstanden.
Gretchen (verdreht die Augen): Das war kein Angebot, Marc, sondern meine kleine Rache für deine große Klappe. Ich hatte eh vor mich umzuziehen. Also Ende der Diskussion oder wir beenden das hier!
Marc (reißt gespielt entsetzt die Augen auf). Bitte?
Gretchen (klingt ziemlich entschlossen): Du hast mich schon richtig verstanden, mein Lieber. Hier zieht sich nämlich heute niemand aus.
Marc (lachend greift er diese Vorlage sofort auf): Zu spät!

GRRR!!! Dieser... Blödi! Warum mache ich hier überhaupt mit?

Gretchen (würde dem selbstverliebten Sprücheklopfer am liebsten den Hals umdrehen): Marc!
Marc (versucht es nun mit einem reumütigen Blick und kindischem Quengeln): Och, Haasenzahn, bitte, ich hab einen furchtbar langen Tag hinter mir. Mit meiner Mutter wohlgemerkt. Meinst du nicht, ich hätte mir ein bisschen Entgegenkommen verdient?
Gretchen (schüttelt ungläubig den Kopf): Doch das hast du, Marc. Aber wie du weißt, verstehe ich darunter etwas ganz anderes als du.
Marc (schmollend legt er seine Kopf auf seine verschränkten Arme u. blickt mit wehleidigem Blick in die Kamera): Und was, wenn ich fragen darf. Klär mich auf!

Hätte nicht gedacht, dass ich das jemals zu einer Frau sagen würde. Aber was tut man(n) nicht alles...

Gretchen (wird bei seinem süßen Schmollauftritt fast weich, aber nur fast): Jedenfalls kein Telefon-... Punkt...Punkt...Punkt oder Videostriptease oder was auch immer du mit deinem Auftritt eben bezweckt hast.
Marc (richtet sich wieder etwas auf u. zwinkert ihr zu): Ach komm schon! Du weißt doch gar nicht, was du verpasst, Haasenzahn, wenn du’s nicht einmal getan hast.
Gretchen (jetzt ist sie diejenige, die schmollt): Ich wüsste nicht was.
Marc (fühlt sich angestachelt, sie vom Gegenteil zu überzeugen, u. macht sich sogleich ans Werk): Etwas, das über den Augensex, den wir gerade hatten, weit hinausgehen würde.
Gretchen (überfordert schießt sie schon wieder quer): Wir hatten bitte was?
Marc (lacht, dann setzt er seinen überzeugenden Charmeblick auf): Du brauchst jetzt gar nicht so naiv tun, Haasenzahn. Du weißt ganz genau, was ich meine. Und du weißt auch ganz genau, was deine blauen Augen immer bei mir auslösen. Das ist ein ganz natürlicher Reflex auf all deine Eigenarten. Dagegen bin auch ich völlig machtlos. Und es macht mich wahnsinnig, dass ich jetzt nicht bei dir liegen darf, um dir zu zeigen, wie machtlos ich tatsächlich bin.
Gretchen (wird zunehmend nervös bei seinen Worten u. seinen verlangenden Blicken u. schaut atemlos zwischen seinen Pupillen hin und her): Du... du... machtlos?
Marc (genießt ihre gewandelte Stimmung sehr): Machtlos, willenlos, hemmungslos.

Verdammt, er macht es schon wieder! Fast hätte ich ihm geglaubt.

Gretchen (versucht vergeblich dem geübten Verführer Einhalt zu gebieten): Marc!
Marc (lässt sich nicht beirren u. macht weiter wie bisher): Doch! Genau das löst du bei mir aus. Weißt du denn nicht, was du mit mir machst? Ich bin ja selber völlig fassungslos, dass das schon allein durch einen einzigen Blick in deine wunderschönen Augen passiert. Dieses Kribbeln. Diese Unkontrollierbarkeiten. Dieses Verlangen. Dass Wimpernschläge so eine Wirkung haben können, hätte ich selber nie gedacht. Aber ich könnte jetzt...
Gretchen (klebt jetzt förmlich an seinen beschwörenden Lippen u. zieht den Laptop noch näher zu sich heran, weil sie sich ihm so näher fühlt): Ja?
Marc (lächelt verführerisch u. kann selber kaum glauben, was ihm jetzt wie selbstverständlich über die Lippen kommt): Ich würde jetzt mit meinem Daumen deinen Wangenknochen entlang streichen. Jede Sommersprosse in deinem hübschen Gesicht würde ich anstupsen. Unsere Nasenspitzen würden sich berühren. Ich würde mit beiden Händen dein Gesicht packen, noch einmal tief in dieses faszinierende Augenmeer gucken und dich dann auf mich ziehen, um dich zu küssen. Erst nur hauchzart. Als wäre es nur Zufall oder ein Traum. Dann würde ich den Druck verstärken, leicht an deiner Unterlippe knabbern und dich damit anflehen, deinen Honigmund zu öffnen, dem du schließlich ungeduldig nachgeben wirst. Dabei rollen wir ungestüm zur Seite. Plötzlich liege ich auf dir, spüre deinen weichen Körper unter mir. Meine Arme umschlingen deine Taille. Ich ziehe dich immer enger an mich. Unsere Beine sind völlig verknotet. Deine Hände krallen sich in meine beiden Arschbacken. Wir schauen uns noch einmal in die Augen. Ich puste deine langen Wimpern an, weil ich sie noch einmal fliegen sehen möchte. Und dann küssen wir uns. So richtig. Also richtig... richtig.
Gretchen (ihr wird heiß und kalt zugleich u. sie schiebt sich vor Scham die Bettdecke über den hochroten Kopf, weil sie das Kribbeln in ihrem Bauch u. in ihrem Unterleib kaum noch aushält): Richtig... richtig?
Marc (kann nur schmunzeln über die Haasetypische Reaktion, die ihn selbst kaum kalt lässt): Mmmh! Und dann... kommt das Meiersche Fingerspitzengefühl ins Spiel.

Lorelei Offline

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28.10.2013 13:52
#1449 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Hallo ihr Lieben! Heute auch mal wieder an der Stelle ganz liebe Grüße an all meine Leser. Ob still oder kommentierend, ich freue mich, dass ihr immer noch mit an Bord seid. Und da es gerade im Meier-Haasschen Schlafzimmer so schön gewesen ist, folgt auch schon der nächste Streich. Heute mit besonderer Widmung für unsere Kommi- und News-Königin Greta, die heute ihren Ehrentag feiert. Herzlichen Glückwunsch, Liebes! Bussi, Lorelei



So schön die Vorstellung auch gewesen war und Gretchen Haase insgeheim durchaus sehr mit sich gerungen hatte, den Charmeur der Charmeure einfach weiter sprechen zu lassen, sich den wildesten Träumereien und Phantasien zu ergeben und währenddessen sicher versteckt unter der wohligwarmen Bettdecke zu residieren, um dem Meister der Verführungskunst ja nicht zu viel Genugtuung für sein überdimensional großes Ego zu geben, denn sie war schließlich keineswegs und überhaupt nicht berührt oder in irgendeiner Weise beeindruckt von dem, was er hier gerade veranstaltete, zog sie dann doch noch rechtzeitig die Notbremse, bevor sie noch völlig unter seinen samtigweichen Worten wie zwischen seinen sie phantasievoll streichelnden Händen zerflossen wäre. Ein hochrotes Lockenköpfchen tauchte nunmehr aus der selbst gewählten lilafarbenen Versenkung wieder hervor und suchte schüchtern den Blickkontakt mit ihrem Traumhelden, der gerade sichtlich begeistert von sich und Gretchens Reaktion weiter ansetzen wollte mit seinen bildlichen Spielereien, aber durch den quietschenden Einwurf der blonden Rothaut nun leider daran gehindert wurde...

Gretchen: Maaarc!
Marc (sieht genau denselben Film, der sich gerade in Gretchens süßem Köpfchenkino abspielt, u. möchte gerne noch ein paar weitere Drehbuchseiten ergänzen): Süße, sei doch bitte nur einmal ein bisschen locker! Dass du das kannst, hast du doch wie vorhin schon so oft eindrucksvoll bewiesen. Das ist eindeutig ausbaufähig. Und was ist denn schon dabei, hmm? Das wäre dein Preis.
Gretchen (zickig): Ich... bin... locker, Marc! Aber ganz sicher nicht im Internet. Wer weiß, wer hier alles mithört und mitsieht. Daher verzichte ich dankend auf den ähm... Preis.

Wie der wohl noch ausgesehen haben könnte? ... Stopp, Gretchen, stopp! ... Menno! Blödes Gewissen! Immer springt es einem in die Quere.

Marc (lässt kurz resignierend den Kopf hängen, weil die eben noch so aufgeladene Stimmung mit einem Mal abgeklungen ist u. nur noch Aschereste zurückgelassen hat): Haasenzahn, wer sollte denn hier bitte mithören, hmm? Die Stasizeiten sind lange her.
Gretchen (folgt bockig ihrer ganz eigenen Logik u. rückt dabei ihre Bettdecke zurecht): Weiß nicht! Man hört ja so einiges im Moment. NSA, CIA, RTL, das Kanzleramt, die Botschaften. Keine Ahnung.
Marc (kann nicht mehr an sich halten u. kugelt sich vor Lachen): Hahaha! Ja, klar, als ob sich die Bundesregierung in einen kleinen veralteten rosa Laptop einhacken würde. Da gibt es ja auch so viel zu holen, so oft wie der bislang von seiner medienversierten Besitzerin genutzt worden ist. Die haben momentan, weiß Gott, andere Probleme, Haasenzahn, als herauszufinden, wie der normalsterbliche Bundesbürger so tickt. Obwohl, was ist bei dir eigentlich schon normal? Vielleicht hast du ja doch Recht.

Boah! So ein Blödbommel! Pah! Das hast du jetzt davon, Mister!

Gretchen (eingeschnappt verschränkt sie ihre Arme u. schaut demonstrativ nicht in die kleine Kamera an ihrem Notebook): Haha! Mach dich nur lustig! Aber ich meine das ernst. Da kannst du machen und erzählen, was du willst, ich ziehe mich nicht aus. Auch nicht für dich.
Marc (schluckt kurz u. muss das wohl schweren Herzens akzeptieren, lässt es sich aber trotzdem nicht nehmen, sie weiterhin aufzuziehen): Auch nicht für mich? Für wen ziehst du dich denn sonst noch aus? Das sind ja ganz neue Töne!
Gretchen (ihr platzt gleich die Hutschnur): Marc Meier! Es reicht! Ich kann jederzeit den Ausschalter drücken. Willst du das wirklich?
Marc (der Klügere gibt schließlich nach): Das traust du dich doch eh nicht. Aber okay, dann vertagen wir eine Wiederholung eben auf später, wenn ich wieder da bin. Und dann wirst du dich auf so Einiges gefasst machen müssen, Haasenzahn. Das schwör ich dir!
Gretchen (ist erleichtert, dass er ihr nicht böse ist u. schmunzelt nun wegen seiner Trotzreaktion in ihr Kissen hinein): Versprich nichts, was du nicht halten kannst, Marcilein!

Ja, ist das denn zu fassen? Erst so eine Zickenshow abziehen und jetzt folgt der Haasenaufstand! Haasenzahn ist echt die widersprüchlichste Frau, die ich kenne. Aber na warte! Ich krieg dich schon noch. Das hab ich bislang immer getan.

Marc (setzt seinen bedrohlichen Ameisenblick auf u. tippt gleichzeitig mit dem Zeigefinger an seinen Schädel): Hohoho! Haasenzahn, wie viele Grenzen willst du eigentlich noch überschreiten, hmm? Du weißt schon, dass das alles hier drin notiert ist und die Liste wird minütlich länger und länger.
Gretchen (kann ihr Kichern nicht länger zurückhalten u. kuckt anschließend wimpernklimpernd in die Minikamera): Ach wirklich?
Marc (kann nicht fassen, dass sein mehrfach preisgekrönter Ameisenblick bei ihr überhaupt keine Wirkung mehr erzielt): Ich würde es an deiner Stelle nicht darauf ankommen lassen, Haasenzahn. Ich weiß nämlich ganz genau, dass du wohlüberlegt genauso, wie du jetzt bist, hier zum Rapport aufgekreuzt bist.
Gretchen (betont unschuldig schaut sie erst an sich herunter, dann in das attraktive Antlitz auf ihrem Monitor): Ich lauf doch immer zuhause so rum.
Marc (verdreht leidend die Augen): Das muss ich irgendwie in meiner kurzen Abwesenheit verdrängt haben. Eigentlich müsste ich es ja gewohnt sein, dass du einen erst ordentlich anheizt und dann mit eiskaltem Wasser attackierst. Im Winter sollte man aber kein loderndes Feuer so leichtfertig ausmachen. Das ist echt brandgefährlich. Gerade für Körperteile, die viel Wärme und Zuwendung benötigen. Außerdem liegt hier schon genug Schnee rum, in dem ich mich später hätte abkühlen können, nachdem ich deinen knackigen Hintern noch mal in Augenschein genommen hätte.

Er hält meinen Hintern tatsächlich für knackig? Strike! Da hat sich das Treppensteigen anstatt ständigem Fahrstuhlfahrens doch bewährt. Hach... und ich bin doch im Himmel. Im siebten Marc-Himmel!

Gretchen (grient ihren leidenden Schatz frech an): Ach, so fühlst du dich also gerade?
Marc (funkelt mit doppeltem Ameisenblick zurück): Was musstest du denn auch ausgerechnet dein schreckliches Miss-Piggy-Kostüm anziehen? Das ist abturnender als Olaf Schubert im gestreiften Pullunder. Du hast so schöne, sexy, von mir aus auch rosafarbene, durchsichtige Negligés, die ich dir jetzt virtuell von deinem heißen Fahrgestell hätte beißen kön...
Gretchen (fällt ihm sofort hochrot ins Wort, um ihn schnell zum Schweigen zu bringen, bevor noch mehr passiert): Maaarc, jetzt hör auf, mich zu etwas anzustacheln, was ich nicht machen will! Ich hab nun mal Prinzipien... und Anstand und...
Marc (kleinlaut): ...und als Firewall hast du ein mehrfach gesichertes Keuschheitsgelübde abgelegt. Ich weiß. Leider. Obwohl, wenn man es genauer betrachtet, eigentlich müsste ich dir ja dankbar sein, dass du mir den Schlüssel für deinen Keuschheitsgürtel mitgegeben hast. Wenn man bedenkt, wie rollig die männlichen Kollegen im EKH momentan sind.

Wie bitte? Von wegen Himmel! Marc zieht mich immer mehr in dämonische Abgründe hinab. Damit ist jetzt Schluss. Sonst kommen wir hier gar nicht mehr zu einem gesitteten Gespräch.

Gretchen (blitzt den Sprücheklopfer böse an): Du bist so blöd. Ich mag meinen Hausanzug. Nur dass du’s weißt. Der ist so schön kuschelig weich und warm und...
Marc (kleinlaut quakt er schon wieder dazwischen): ...und vor allem hässlich.
Gretchen (beleidigt): Gar nicht! Du weißt ja gar nicht, welche Symbolik er für mich... Aber bitte, wenn du unbedingt willst, dann ziehe ich eben die Bettdecke noch etwas höher. Dann musst du meinen furchtbaren Anblick nicht mehr länger ertragen. Zufrieden?
Marc (schaut ungläubig dabei zu, wie sie sich mühsam die Decke unters Kinn klemmt u. ihm nun nur noch zwei große funkelnde blaue Augen u. eine süße Nasenspitze entgegenblicken): Und du bist doch fies!
Gretchen (kann ihm, wenn er so süß guckt, nicht mehr länger böse sein u. grient zurück): Von wem ich das wohl habe, hmm?
Marc: Von mir jedenfalls nicht. Ich sende nämlich nicht ständig widersprüchliche Zeichen. Ich bringe immer gleich sofort alles auf den Punkt.
Gretchen (lacht): Klar, und was ist der Punkt, Mister Oberanalytiker? Und sag jetzt nicht „Doktorspielchen“.
Marc (zwinkert ihr amüsiert zu): Du hast eine ziemlich versaute Phantasie. Weißt du das? Das hätte so viel Potential. So viel Potential, Haasenzahn.
Gretchen (könnte dem Sprücheklopfer schon wieder an die Gurgel springen): Hab ich nicht! Das bist allein du!
Marc (davon unberührt zieht er den Unschuldsengel weiter auf): Klar! Dann überlege dir mal, was ich mit meinen Fingern alles hätte anstellen können, wenn du mich vorhin nicht so hart ausgebremst hättest.
Gretchen (versucht vergeblich das Erröten ihrer Wangen zu verhindern u. ihn zu bremsen): Ich überlege mir jetzt gar nichts mehr.

Tja, jetzt hab ich sie aber. Ganz so widersprüchlich sind ihre Signale dann doch nicht. Hähä!

Marc (genießt den bezaubernden Anblick ihres so verräterischen Gesichtes sehr): Und ich verrate dir jetzt auch nicht mehr, dass ich sie in deinen Haaren vergraben hätte. Ich mag es nämlich, wenn sie nach dem Waschen noch so schön weich sind. Dann lassen sich deine Locken immer so schön um den Finger wickeln.
Gretchen (ihre Augen leuchten überrascht auf): Echt?
Marc (schmunzelt über ihre Reaktion): Und auf einmal will sie doch mehr wissen! Unersättlich, diese Frau!
Gretchen (trotzig verändert sich sofort ihre Mimik, weil sie sich nichts nachsagen lassen möchte, das in Tendenzen eventuell schon ein bisschen stimmen könnte): Gar nicht! Du fängst doch immer wieder von neuem an, mich zu ködern. Aber ich bleibe standhaft.
Marc (lacht noch mehr über den süßen Trotzkopf, den er durchschaut wie keinen anderen): Sicher! Was auch noch bewiesen werden muss, wenn ich wieder da bin.
Gretchen (keift ihn spielerisch an): Eben! Und ich werde es dir ganz besonders schwer machen. Darauf kannst du Gift nehmen, Marc Meier!
Marc (augenzwinkernd dreht er ihr die Worte im Mund um): Na, wir wollen es mal nicht gleich überstürzen, Haasenzahn. Es sei denn, es handelt sich um das süße Gift der Liebe.

Argh!

Gretchen (sprachlos): Du bist echt unglaublich.
Marc (grinst triumphierend über das ganze Gesicht, während er sich mit einer Hand über den aufgeplusterten Brustkorb streift u. dann die Bettdecke etwas höher zieht, weil es in der Schweiz doch kälter ist als gedacht): Ich weiß. Und was machen wir jetzt, wenn ich dich schon nicht entblättern darf?
Gretchen (dreht sich jetzt auf den Bauch, zieht die Decke mit, stützt ihren Kopf auf ihren gefalteten Händen ab u. sieht ihr Gegenüber eindringlich mit ihren blauen Strahleaugen an): Hmm... Wir können uns unterhalten. Also wie ganz normale zivilisierte Menschen, die sich etwas zu sagen haben. Du hast doch vorhin etwas von „reden“ gesprochen.
Marc (wenig enthusiastisch lässt er kurz den Kopf hängen, ehe er spitzbübisch zurückgrinst): Dass du auch immer jedes unüberlegte Wort gleich auf die Goldwaage legen musst.
Gretchen: Du kennst mich doch. Ich hab nämlich auch eine lange Liste im Kopf, wenn sie auch ohne Anzüglichkeiten auskommt, nicht so wie deine.

...zwinkerte Gretchen frech und ungehemmt in die Kamera und machte es sich auf ihrer Schlafstätte noch etwas bequemer, indem sie ein Kissen umarmte und es als zusätzliche Kopfstütze nutzte. Marc kam nicht umhin, dieses verschmitzte Lächeln, mit dem sie ihm gegenübertrat und das dieses ganze Engelsgesicht auf unvergleichliche Weise erhellte, ebenso spitzbübisch zu erwidern. Tja, sie war schon eine Wucht, seine Gretchen, dachte Marc und merkte gar nicht, wie er unweigerlich unmännlich ins Schwärmen geriet, was man, und im Speziellen Gretchen, ihm auch deutlich an seinem verklärten Gesichtsausdruck ansehen konnte. Sich mit ihr zu fetzen und sie zu foppen, war fast so schön, wie sich mit ihr durch Bettlaken zu wühlen, wobei er natürlich, wenn er vor die Wahl gestellt werden würde, immer das Zweite als Erstes auf die Liste seiner Wünsche setzen würde. Gott hatte ihn schließlich nicht ohne Grund zu diesem Prachtexemplar von einem Mann gemacht. Das hieß aber nicht, dass man das Erste nicht auch mit dem Zweiten kombinieren konnte. Zahlreiche leidenschaftliche Nächte waren bereits daraus resultiert und würden auch in Zukunft noch daraus resultieren. Dessen war er sich gewiss. Aber alleine in einem Hotelzimmerbett zu liegen, ohne den weichen wärmenden Körper seiner plappernden Partnerin eng umschlungen im Arm zu halten und das Plappermäulchen auf äußerst süße Weise mit unzähligen Küssen zu stopfen, war echt ätzend und ein handzahmer Haasenzahn auf dem Monitor vor seiner Nase tröstete ihn nur halbwegs über ihre leibhafte Abwesenheit hinweg. Aber er hatte diesmal nicht die Wahl. Leider! Und selbst wenn, es würde immer auf das Selbe hinauslaufen. Er konnte und wollte hier im Moment nicht weg und mit dem Jaguar seiner Mutter zurück nach Berlin direkt in die Arme dieses Goldengels düsen, den er schon nach einem Tag so sehr vermisste, als wäre er ein halbes Leben von ihr getrennt gewesen.

Lorelei Offline

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02.11.2013 14:50
#1450 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Nachdem sich die beiden eine ganze Weile einfach nur angesehen, angelächelt und verzehrend angeschmachtet hatten, hatte Gretchen ihr Grummelchen schließlich doch noch von ihrem Vorschlag überzeugt und so lieferte sie ihm jetzt einen ausführlichen Tagesbericht von ihrer Schicht im Krankenhaus und ließ dabei natürlich jedes noch so kleine Detail nicht aus. Es war schließlich auch Allerhand passiert in den letzten Stunden, was unbedingt erzählt werden musste. Gretchen war so enthusiastisch bei der Sache, dass sie den anfänglich motzenden Machomann auch gleich damit ansteckte, der es einfach nur liebte, ihre engelsgleiche Stimme zu hören, egal was für einen Sinn oder Unsinn sie daherplapperte. Die Hälfte davon hätte er eh gleich wieder vergessen. Er war zwar ein Chirurgengott sondergleichen mit vielen, vielen, sehr, sehr vielen Talenten, aber multitaskingfähig war er deshalb noch lange nicht. Warum sonst türmten sich immer die unbearbeiteten Aktenberge in seinem Büro, die er in seiner Abgabenot gerne auch mal an Untergebene delegierte? Seinen süßen Haasenzahn ungeniert anzustarren, ihre brabbelnden vollen sinnlich roten Lippen zu umschmeicheln, die zarten Linien und Konturen ihres wunderschönen elfengleichen Gesichts mit zärtlichen Blicken zu umrahmen, verlangte äußerste Konzentration von ihm ab. Darum musste ein anderer Sinn etwas zurückstecken. Er konnte folglich gar nichts dafür, wenn sie ihm mal wieder ungerechtfertigterweise vorwarf, er würde ihr nicht zuhören. Hauptsache war doch, dass er überhaupt in irgendeiner Weise anwesend war und das war er.

So bekam Dr. Meier auch nur am Rande mit, wie die talentierteste Assistenzärztin, die er je in seinem nur von Torfnasen umgebenen Team hatte, von der spektakulären Operation am Morgen erzählte, die sie unter Beobachtung von Dr. Stier fast in Eigenverantwortung an ihrem Standesbeamten von Freitagnachmittag durchgeführt hatte. Hatte sie gerade „ihr Standesbeamter“ gesagt? Jetzt horchte der leicht abwesend wirkende Oberarzt dann doch kurz auf, aber nicht weil ihn die medizinischen Fakten so sehr interessierten, und sein Blick huschte vergewissernd eine Etage nach oben zu Gretchens vor Begeisterung aufleuchtenden Augen, die immer dann ganz besonders einprägsam funkelten, wenn sie auch mal stolz auf ihre eigenen Leistungen war und sie sich nicht von wem auch immer unterbuttern ließ. Dass sie gut war, musste er ihr schließlich nicht mehr sagen. Das war zumindest seine eigene festgefertigte Meinung, wobei er natürlich komplett übersah, dass man(n) Frauen und insbesondere unsichere Assistenzärztinnen in der Ausbildung immer unaufgefordert die Bestätigung geben sollte, die sie benötigten, um im harten Klinikalltag überhaupt zu überleben und einen gewissen Status und Respekt zu erreichen. Aber das würden Männer und insbesondere egomanische Chirurgengötter wie er, die bekanntlich keine anderen Götter neben sich duldeten, vermutlich nie verstehen.

Man hätte Marcs Gesicht bildlich festhalten sollen, als Gretchen ihm aufgekratzt von der OP von Herrn Lafers berichtete. Der Oberarzt schaute nämlich ziemlich sparsam aus der Wäsche, als sie ihm bestätigte, um welchen Patienten es sich dabei genau gehandelt hatte und was überhaupt am Morgen auf dem Standesamt Charlottenburg passiert war, das den ganzen Tag die Medien in Berlin dominiert hatte. Dabei war die Tatsache, dass sein alter Erzfeind Stier während des komplizierten Eingriffes viel zu nah bei ihr gewesen war, fast eine unbedeutende Nebensache. Dr. Gretchen Haase hatte eh viel mehr drauf als dieser elende Blender, der sich seit dem Studium mit den Erfolgen anderer durch sein verkorkstes Leben wurschtelte. Und sie konnte so schön Akten bearbeiten, wenn der Chef der chirurgischen Abteilung des Elisabethkrankenhauses mal wieder unbemerkt seine Multitasking-Defizite bewies, weil er mit Augen, Kopf und Herz an seiner attraktiven Assistenz festklebte. Jetzt waren all seine Sinne aber wieder hellwach und auf Aufnahmemodus gepolt.

Marc: Und hat er dich erkannt,... Uschi? Erwarten uns jetzt Konsequenzen wegen unserer kleinen Scharade von neulich?
Gretchen (verdreht theatralisch die Augen): Er hat eine schwere Hirn-OP hinter sich, was denkst du denn, ...Siggi? Außerdem ist er noch sediert. Folgeschäden sind also noch nicht auszuschließen, auch wenn wir optimistisch sind, dass durch das Projektil keine Gefäße beschädigt worden sind. Je nachdem, wie es ihm geht, machen wir morgen die entsprechenden Tests.
Marc (zuckt lässig mit den Schultern): Puh! Glück gehabt!
Gretchen (blickt ihn etwas verunsichert an): Bereust du etwa schon unseren Schritt, Marc?
Marc (plötzlich für eine Sekunde ganz ernst): Quatsch, nein! Würde ich nie! Ich würde nie irgendetwas, was unsere ähm... Beziehung betrifft, in Frage stellen. Oder hast du schon vergessen, dass ich deine, wie nanntest du sie, Happy-End-Umarmung ohne Murren wiederholt habe, obwohl die Passanten auf der Promenade alle dämlich geglotzt und uns für die letzten Spinner gehalten haben, oder was ich Weihnachten im Haus am See gesagt habe?
Gretchen (hört ihm gebannt zu u. schwelgt sofort verliebt in Erinnerungen): Nein!
Marc (lächelt verträumt, dann kommt aber schnell der Spaßvogel wieder zum Vorschein, als es ihm zu sentimental wird): Na siehst du! Ein Meier meint immer das, was er sagt und tut. Das müsstest gerade du doch mittlerweile wissen, oder? Und guck! Ich hab ihn sogar dabei. Den albernen Beweis all des Ganzen. Wobei ich vermutlich nie verstehen werde, wieso man überhaupt so ein dämliches Stück Metall oder in dem Fall Plastik braucht, wenn man es doch hier drin eh längst gecheckt hat, dass man einander gern hat und es dauerhaft miteinander aushalten will.
Gretchen (himmelt ihn an): Marc, das hast du jetzt aber schön gesagt.
Marc: Interpretationssache! Naja, jedenfalls hat Mutter ziemlich blöd geguckt, als sie ihn kurz gesehen hat, als ich mich umgezogen habe. Aber keine Bange, davon erzähl ich ihr sicherlich nichts. So schräg wie die gerade drauf ist und sich Zeugs zusammenspinnt, das gar nicht da ist und auch gar keine Gegenworte akzeptiert, kommt sie noch auf die bescheuerte Idee, das in einem ihrer zukünftigen Werke zu verwenden. Unter dem Titel „Die Hochzeitscrasher“ oder so.

...griente Marc im nächsten Moment amüsiert in die kleine Kamera an seinem Notebook und baumelte demonstrativ davor mit der Lederkette mit dem kitschigen Plastikschmetterlingsring herum, den Gretchen ihm vorgestern als Gegengeschenk aufgezwungen hatte, ehe er sich trotz aller Skepsis um des Sinns des Ganzen das Zeugnis seiner Treue und Liebe wieder brav um den Hals legte. Gretchens Herz ging auf und die Schmetterlinge in ihrem Bauch setzten zum unkoordinierten Rundflug an, als ihr Schatz ihr das Siegel für ihre spontane „Eheschließung“ zeigte und sie ihm im Gegenzug strahlend ihren eigenen „Ehering“ hinhielt, den sie, mit Ausnahme im Krankenhaus, seit dem Valentinstag stets in allen Ehren bei sich behielt und für kein Geld der Welt niemals mehr ablegen würde. Wer hätte gedacht, dass so ein Ring aus einem geknackten Automaten aus den 90ern so eine Bedeutung haben könnte? Vielleicht lag es ja an dem großen unsichtbaren „M&M“, das den rosa glitzernden Stein zierte? Märchen konnten eben doch wahr werden und Oberärzte sich in echte Prinzen verwandeln, die sich ritterlich für einen einsetzten und heldenhaft aus peinlichen Situationen retten, wenn Bräute, die ihre eigene Hochzeit verpasst hatten, mit dem Blumenstrauß auf einen losgehen wollten.

Gretchen: Ich hab ihn auch dabei. Findest du das kindisch?
Marc (ohne sonderlich die Miene zu verziehen, sieht er sie an): Mit fast einunddreißig noch Tagebuch zu schreiben ist kindischer.
Gretchen (kontert sofort u. kriegt sich mit dem Grinsen gar nicht mehr ein): Als Erwachsener und Arzt, der schon einige nennenswerte Fachpublikationen veröffentlicht hat, noch Bilder von Fußballern zu sammeln, sie sogar zu ersteigern und in numerisch sortierte Alben zu kleben, ist aber auch sehr nah dran.
Marc (gibt sich gespielt applaudierend der Meisterin geschlagen): Touché! Aber ich mag, dass wir so sind, wie wir sind. Scheiß doch drauf, was die anderen denken oder von einem erwarten! Wer will denn schon erwachsen sein, wenn man zusammen ewig kindisch sein kann.
Wer möchte denn schon erwachsen sein, wer möchte denn schon fertig sein.
Gretchen (denkt kurz an ihre allererste Patientin im EKH zurück, die dieselbe so wahre Lebensweisheit selbst mit sechsundachtzig noch hegt und pflegt und damit glücklich ist, u. dreht verträumt den Ring, der sie mit seinem verspielten Aussehen zu einer echten Prinzessin macht, an ihrer Hand immer wieder hin und her): Ja, finde ich auch, Marc. Genau deswegen lieb ich dich doch auch so.
Marc: Ja?

Ein ungewohnt scheuer Blick in Gretchens vor Glück glänzende Augen beantwortete Marcs Frage, die er sich immer mal wieder stellte, weil er es wohl nie wirklich zu fassen bekommen würde, warum sie sich ausgerechnet ihn ausgesucht hatte und trotz all der Gegensätzlichkeiten und schlimmen Verfehlungen der Vergangenheit immer noch bedingungslos zu ihm hielt, obwohl er diesen Engel auf Erden wirklich nicht verdient hatte. Und schon schmachteten sich die beiden Königskinder wieder verliebt an und konnten die Augen nicht mehr voneinander lösen. Es war wie ein Déjà-Vu, das sie durchlebten. Echt und unheimlich berührend. Als stünden sie sich tatsächlich gerade live und in Farbe gegenüber und nicht virtuell, während sie ohne albernes Kostüm in ihren jeweiligen Betten lagen. Und es fühlte sich auch wirklich wie in dem Moment an, als sie vor dem Standesbeamten mit dem lustigen Spitzbart und dem drolligen Dialekt gestanden hatten und aus einem inneren Impuls heraus gemeinsam „ja“ gesagt hatten, ohne dass sie überhaupt gewusst hatten, warum sie dies getan und nicht gleich aufgeklärt hatten, dass sie eigentlich nur auf der Suche nach einem anderen glücklichen Ehepaar gewesen waren, das sie verloren hatten. Das war einer dieser Dinge, die sie vermutlich niemals, weder sich selbst noch anderen, erklären würden können. Aber sie würden es immer wieder aufs Neue genauso tun, falls sie denn jemals wie Bill Murray und Andie MacDowell in eine Zeitschleife geraten würden. Dieser Gedanke schoss sowohl Gretchen als auch Marc gerade durch den Kopf und ließ sie nachdenklich stimmen.

Etwas verwirrt von ihren seltsamen Gedankenachterbahnen lächelten sie sich nun minutenlang gegenseitig an und zählten die kleinen Grübchen und Lachfältchen, die sich immer wieder bildeten, wenn sie merkten, wie tief die Blicke des anderen jeweils gingen. Tiefes Dunkelgrün vermischte sich mit strahlendem Hellblau, bildete einen ganz neuen einzigartigen Farbton und ließ funkelnde Sprenkel einen Glücksreigen tanzen. Im Takt mit ihren beiden vor lauter Luft und Liebe bebenden Herzen, die das leise Rauschen ihrer mittelmäßigen Internetverbindung übertönten. Bis Gretchen jedoch irgendwann blinzelte und so für eine kurze Sekunde unbeabsichtigt den Augenkontakt löste. Der magische Moment war dahin. Weggeweht wie die Zeit und die kleine Wimper, die sie am Augenwinkel bemerkt und flink weggepustet hatte, damit sich ein ganz besonderer Wunsch schneller erfüllte, den sie insgeheim schon sehr lange hegte und der ungeahnt immer mehr in den Vordergrund rückte. Ein Wunsch, der mit jedem Tag stärker wurde, obwohl sie sich doch eigentlich hatten Zeit nehmen wollen. Ein Wunsch, den sie sich definitiv erfüllen würde, auch wenn der erste ungeplante Testversuch sie hart auf den Boden der Realität zurückkatapultiert hatte, härter als sie es sich erahnt hätte, und sie immer noch sehr daran zu knabbern hatte. Aber es würde passieren. Dessen war sie sich sicher. Irgendwann. Oder vielleicht sogar schon recht bald. Zusammen mit Marc, der endlich genauso fühlte und verstand, was ihr dies bedeutete, und der es überraschenderweise selber kaum noch aushalten konnte, es nicht endlich in die Tat umzusetzen. Obwohl es vielleicht etwas zu spontan unter dem Eindruck einer ganz anderen Geschichte beschlossen worden war und noch gar nicht abzusehen war, was für ein Chaos damit einhergehen würde. Für ihre Familien und für sie beide, die per Definition der Inbegriff der Chaostheorie waren. Doch die neu erwachte Hoffnung würde trotzdem siegen. Es war ein Abenteuer. Das Abenteuer ihres gemeinsamen Lebens. Sie war bereit, wenn Marc es auch war.

Und irgendwie, Gretchen hätte es nicht beschreiben können, lag irgendetwas in der Luft. Das spürte sie einfach. So wie wenn man den ersten Hauch des Frühlings riechen konnte und man immer kribbeliger wurde. Wenn das Leben langsam aus einem langen Winterschlaf erwachte. Wenn man sich dank der länger werdenden Tage und der zunehmenden Sonnenstrahlung munterer und lebendiger fühlte. Wenn man wieder diesen Antrieb spürte, diesen ungeahnten Tatendrang, diesen Elan. Dass man am liebsten Bäume ausreißen möchte und man es gar nicht mehr länger erwarten konnte, dass der Schnee endlich schmolz und die ersten Knospen anfingen zu sprießen und man das neue Leben mit lachendem Herzen begrüßen konnte. Gretchen spürte es einfach. Sonst würden auch nicht so viele Zeichen darauf hindeuten. Angefangen mit ihren beiden liebsten und engsten Freundinnen, von denen zumindest eine verstehen würde, was sie mit „Zeichen“ überhaupt auszudrücken versuchte, wenn sie jetzt hier und nicht in den Weiten Amerikas unterwegs wäre, um was auch immer mit ihrem Kosmonauten des Lebens zu tun. Vielleicht sollte sie doch mal einen Kurs im richtigen Horoskoplesen belegen oder sich Tarotkarten legen lassen. Bei Sabine hatte das ja schon eindrucksvoll funktioniert. Schneller, als es sich die sonst einen ungetrübten Sinn für das Übersinnliche und die Naturkräfte hegende Krankenschwester je erträumt hätte. Ja, und nicht zu vergessen Maria Hassmann. Obwohl die ihr vermutlich die Tarotkarten um die Ohren schmeißen und Zeter und Mordio rufen würde, anstatt diese magischen Frühlingszeichen überhaupt wahrzunehmen, blind und stur wie sie manchmal sein konnte. Wobei, eigentlich müsste sie sich doch jetzt nach der gefühlte Jahrhunderte dauernden Versöhnung mit ihrem bis über beide Ohren verliebten Exmann und Vater ihrer ältesten Tochter beruhigt haben, oder etwa nicht? Sie würde ihr auf jeden Fall morgen einen längeren Besuch abstatten. Bislang hatte sie die News des Tages ja nur durch ein herzliches Kinderlachen bestätigt bekommen. Sie brannte einfach darauf, alles zu erfahren, um mit ihr die Liebe zu teilen. Äh... natürlich rein symbolisch, versteht sich.

Da fiel Marias Freundin und Kollegin plötzlich ein, was sie Marc noch alles hatte erzählen wollen. Beschämt räusperte sie sich kurz, um seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu erringen, was ihr nicht schwer fiel, denn ihr Schatz klebte bereits an ihren wohlgeschwungenen sinnlichen Lippen, die sich langsam öffneten, um etwas unbeholfen das nächste Thema anzuschneiden, welches ihr unheimlich wichtig war, auch wenn es bei dem „kontaktfreudigen“ Soziopathen Dr. Meier sicherlich nicht auf sehr viel Gegenliebe treffen würde. Egal! Was ihr wichtig war, sollte ihrem Partner auch wichtig sein. Man teilte schließlich alles in einer glücklichen Ehe ääähhh... Beziehung. Ups! Jetzt hätte sie doch fast vor lauter Frühlingsgefühlen die Geschehnisse in dem hübschen Jugendstilgebäude in Charlottenburg am Freitag für bare Münze gehalten. Es war wohl doch langsam an der Zeit, sich schlafen zu legen, ehe sie sich noch ganz in ihren zauberhaften Traumwelten verfing und gar nicht mehr zwischen Realität und Wunschtraum unterscheiden konnte. Aber vorher mussten die Neuigkeiten einfach noch raus, sonst würde sie noch platzen. Man sollte ja auch nicht schlafen gehen, wenn einem noch so viel im Kopf umherspukte. Also schritt Gretchen Haase sofort zur Tat und quälte ihren Liebsten aufgeregt mit - in seinen Augen - Belanglosigkeiten, die ihn noch weniger interessierten als die seltsamen Hochzeitsrituale einer Sabine Vögler äh... jetzt Gummersbach auf Flitterwochenfahrt zu den amerikanischen Ureinwohnern.

Gretchen (ihre Augen leuchten freudig auf u. sie rutscht hibbelig auf ihrem Bett hin und her): Und weißt du, was noch passiert ist?
Marc (kann mit ihrer plötzlichen Euphorie so gar nichts anfangen u. dreht den Spieß einfach um): Äh... nee! Oder steht neuerdings „Hellseher“ auf meiner Stirn?
Gretchen (fühlt sich etwas gebremst): Marc, bitte! Sei einmal ernst, ja! Also... Folgendes ist passiert...
Marc (leichte Panik spiegelt sich in seinen Augen wider, weil er ahnt, dass jetzt etwas ganz Schlimmes kommen wird): Oh Gott, was kommt jetzt?
Gretchen (ärgert sich maßlos über seine übertriebene Reaktion): Jetzt schau nicht so, Marc! Es ist etwas Schönes, etwas richtig Schönes.
Marc (skeptisch zieht er eine Augenbraue nach oben): Du weißt aber schon, dass unsere Geschmäcker dahingehend immer meilenweit auseinander liegen. Stichwort Eiskunstlauf und Fußball.
Gretchen (kleinlaut): Diesmal nicht.

Was heißt, ja! Es sei denn, Hertha hat gestern doch noch das Derby gewonnen, was es laut meiner Sport-App nicht hat. Leider! Die kriegen auch gar nichts mehr gebacken.

Marc (wird seine berechtigte Skepsis nicht los): Aha? Jetzt mach’s nicht so spannend, Haasenzahn, und spuck’s endlich aus! Du bist schon ganz rot vor Hyperthermie. Ich will nicht noch den Notarzt alarmieren müssen. Gordon spinnt eh grad rum und ist überhaupt nicht mehr zurechnungsfähig, geschweige denn überhaupt noch tragbar. Du hättest die Saufnase nach der Hochzeitsfeier mal erleben sollen. Der hat doch echt gedacht, ihr habt ihm dem RTW samt Inhalt unterm Hintern weggeklaut. Geile Aktion übrigens, an der ich gerne teilgenommen hätte, wenn ihr mich rechtzeitig eingeweiht hättet.
Gretchen (anstatt darauf einzugehen, hält sie es vor lauter Freude nicht mehr länger aus u. es platzt nur so aus ihr heraus): Sarah hat ihren Papa wieder! Was sagst du dazu?
Marc (kann damit jetzt überhaupt nichts anfangen u. das sieht man ihm auch deutlich an): Ah ja?
Gretchen (quietscht vor lauter Glücksgefühl richtig auf u. erzählt munter weiter drauflos): Du hättest sie mal erleben müssen. Das war so süß, wie die Maus im Fahrstuhl vor uns stand und ihn uns voller Stolz vorgestellt hat. Ich glaube, Cedric war das Ganze megapeinlich. Aber ich freu mich so für die drei. Jetzt sind sie wieder eine richtige Familie. Das ist so toll. Ich hab immer gewusst, dass sie es noch hinkriegen würden.

Gretchen geriet immer mehr ins Schwärmen und erzählte einem verdatterten Marc die ganze Geschichte der Hassmannschen Familienzusammenführung, an der sie und Mehdi in ihren Augen nicht ganz unschuldig gewesen waren, die aber bei ihrem Gegenüber natürlich nicht die gleiche Euphorie verursachte wie bei Marias Freundin, die sich kaum noch einkriegen konnte und hibbelig in ihrem Bett hin und her rutschte. Stattdessen gähnte er immer wieder ungeniert laut auf, sank immer tiefer in seine Kissen und einmal stand er auch kurz davor, einzunicken, wenn Gretchen den Ignoranten nicht plötzlich direkt darauf angesprochen hätte...

Gretchen: Marc, ich hab dich was gefragt. Wie findest du das?
Marc (öffnet schwerfällig seine ermüdeten Augen u. sieht sein neugieriges Gegenüber unentschlossen an): Äh... was... jetzt... genau?
Gretchen (merklich enttäuscht verschwindet das Lächeln von ihrem Gesicht): Maaarc, du hörst mir ja gar nicht richtig zu. Ich meine das mit Maria und Cedric. Sie sind wieder zusammen, also... denke ich.

Der Kuss, bei dem Sarah und ich die beiden erwischt haben, war doch eindeutig, oder interpretiere ich schon wieder zu viel hinein? Nein! Ich bin mir sicher. Wie die drei dann alle nebeneinander auf dem Bett gesessen haben, war so ein schönes Bild.

Marc (versucht zu schalten, auch wenn ihm dieses skurrile Bild überhaupt nicht gefällt): Der Stier mit der Oberziege?
Gretchen (kuckt ihn immer böser an): Jaaahaaa! Aber nenn sie nicht so!
Marc (kann sich dann doch ein Schmunzeln nicht verkneifen, als er die Zusammenhänge so langsam erfasst): Müsste man nicht dahingehend die Tierschutzorganisation anrufen? Ist das ethisch überhaupt vertretbar? Hähä! Mein Gott, wie verzweifelt muss die eigentlich sein, ausgerechnet den zurückzunehmen? Ich sag’s nur ungern, aber Mehdi wäre die bessere Partie gewesen. Sie war zwar damals schon unausstehlich, aber zumindest noch einigermaßen ertragbar, jetzt wird sie völlig unausstehlich werden.

Boah! Dieser... GRRR!!! Warum muss Marc das schlecht reden? Er hat doch gar keine Ahnung. Idiot!

Gretchen (versteht darin überhaupt keinen Spaß u. macht das auch lautstark deutlich): Maaarc! Hör auf, dich lustig zu machen! Dr. Stier ist immerhin der Vater ihrer Kinder. Es hat sich also gefunden, was zusammengehört. Das müsstest doch gerade du verstehen? Denk doch mal an Sarah! Sie hat sich immer ihren Vater zurückgewünscht. So wie du deinen auch.
Marc (hört sofort auf zu lachen, denn sein Verstand schaltet schnell): Hast du gerade Kindeeer gesagt?

Oh nein! Maria bringt mich um. Ich muss auswandern. Oder ich fahre gleich zu Marc und wir bleiben dort. Die Schweiz hat doch kein Auslieferungsabkommen mit Deutschland, oder?

Gretchen (kneift die Augen zusammen u. verflucht ihre vorlaute Klappe): Nein!
Marc (klappt fassungslos den Mund auf u. starrt Gretchen an): Nee, oder?
Gretchen (droht ihm unmissverständlich): Marc, ich warne dich! Wenn du das rumerzählst, bist du ein toter Mann. Ich halte sie bestimmt nicht auf.
Marc (hält sich die Hand vor den schallend lachenden Mund): Wie fies! Aber das bin ich auch sowieso, wenn ich mich totgelacht habe. Haha! Ich fass es nicht! Da lässt die sich in ihrer präklimakterischen Umnachtung tatsächlich nen Braten in die Röhre schieben. Respekt! So kann man seine Karriere, die man, oh pardon, Frau, eh nie gehabt hätte, natürlich auch gleich in die Tonne kloppen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals so viel Respekt für meine Kollegin aufbringen würde. Haha! Oh Mann, wie viel muss mein Zwerchfell heute eigentlich noch ertragen? Da ist man mal einen Tag nicht da und dann passieren gleich die geilsten Geschichten.

Bleib ruhig! Das meint er bestimmt nicht so. Bleib sachlich! GRRR... Wie kann ein einzelner aufgeklärter Mann nur so in der Steinzeit hängen geblieben sein?

Gretchen (wenn Blicke töten könnten): Maaarc! Du bist unmöglich. Denkst du das etwa wirklich? Was würdest du denn sagen, wenn ich an ihrer Stelle wäre?
Marc (um keinen Spruch verlegen): Dann würde der Drecksack erst einmal ordentlich eins aufs Maul kriegen.
Gretchen (es ist zum Haare raufen mit diesem Kindskerl): Marc, du weißt genau, wie ich das meine. Wir leben nicht mehr im Mittelalter. Schwangerschaften bedeuten nicht unbedingt gleich einen Karriereknick im Lebenslauf. Weder für eine tolle Ärztin wie Maria, noch für mich. Wenn’s soweit ist, werde ich auch wieder arbeiten gehen und meine Ziele verwirklichen. Darauf kannst du Gift nehmen.

Och nee, nicht noch ne Emanzendiskussion. Ich hatte den ganzen Tag meine Mutter im Babymodus am Hals. Das ertrag ich nicht noch mal.

Marc (rudert zurück, um Gutwetter zu machen): Hey! Ich bin aufgeschlossen, was das Thema betrifft. Frag meine Mutter!
Gretchen (verwirrt): Wieso sollte ich deswegen deine Mutter fragen? Weil sie alleinerziehend mit dir trotzdem so eine Wahnsinnskarriere gemacht hat?
Marc (kurz flackert Unsicherheit auf, aber er weiß sie gut zu kaschieren): Ach Schwamm drüber! Verrat mir lieber, ob meine Station noch steht oder ob der Rössel mit seinem peniblen System wieder alles durcheinander gebracht hat.
Gretchen (energisch fordert sie ihn heraus u. duldet keinen Widerspruch): Nein, ich will das jetzt wirklich wissen. Was ist mit deiner Mutter, Marc?

Scheiße!

Marc (stöhnt auf, weil er merkt, dass er sich selbst eine Falle gestellt hat, u. druckst nun dementsprechend herum): Naja, unter Umständen könnte sie eventuell etwas von unseren Plänen mitbekommen haben.
Gretchen (runzelt verwirrt die Stirn): Pläne?
Marc (kuckt sie an wie ein Schuljunge, der etwas ausgefressen hat): Genau! Nur dass Mama äh... Mutter dabei etwas völlig falsch verstanden hat und sich jetzt nicht mehr davon abbringen lässt. Sie kann sehr engstirnig sein. Aber wem sag ich das.
Gretchen (sieht nur Fragezeichen auf dem Computermonitor aufblitzen): Ich verstehe nicht.
Marc (fährt sich mit einer Hand nervös über den Nacken u. lacht dann gequält in die Kamera): Naja, eigentlich ist es ja auch gar nicht so schlimm, dass sie das schon denkt. Sie geht ungewohnt offen mit dem Thema um. Das hätte ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet. Ich hab immer gedacht, dass diese Neuigkeit sie letztendlich ins Grab bringen würde. Stattdessen hab ich jetzt den Eindruck, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Sie blüht richtig auf, also wenn man das so über eine leichenblasse Krebspatientin kurz nach dem Eingriff sagen kann. Das ist echt erschreckend. Also für mich. Du weißt ja nicht, was sie alles gefaselt hat, was ich mit dir alles... Oh Gott! Mir bluten jetzt noch die Ohren von ihren Anekdoten. Und deshalb hab ich sie abgeschaltet und ich, naja, ich hab’s dann halt dabei belassen. Warum die Pferde scheu machen, wenn sie schon im Galopp sind. Womit wir auch schon wieder beim Thema wären.
Gretchen (geht gar nicht erst auf seine angedeutete Anzüglichkeit ein, rückt näher an den Laptop heran u. guckt eindringlich in die Kamera): Wobei hast du es belassen? Marc, jetzt sprich endlich Klartext!
Marc (holt tief Luft, setzt seine überzeugendste Unschuldsmiene in Dackelblickform auf u. lässt die Bombe platzen): Dass du schwanger bist!

Gretchen (reißt geschockt die Augen auf u. klappt den Mund auf): Bitte was?
Marc (lächelt nervös): Jep! Genauso hab ich auch geguckt, als sie plötzlich mütterliche Tipps aus der Schublade geholt hat. Ich verrat dir lieber nicht, was alles. Es gibt Dinge, die sollten Kinder niemals von ihren einst schwangeren Müttern erfahren. Ich hab den ganzen Nachmittag gebraucht, um das Gehörte zu verdauen. Ich dachte immer, die Natur regelt alles von selbst. Wie bei den Tieren.
Gretchen (braucht einen Moment, bis die Botschaft angekommen ist u. wird dann hysterisch): Soll das etwa heißen, sie denkt... Bist du denn total bescheuert? Mach das sofort rückgängig, Marc! Ich will das nicht.
Marc (macht sich auch noch lustig darüber, was gar nicht gut ankommt): Schwangerschaften rückgängig zu machen, ist äußerst schwierig. Oder muss ich Mehdi fragen?
Gretchen (blickt ihn finster an): Marc, ernsthaft jetzt! Ich will das nicht. Hast du verstanden? Ich will nicht, dass sie denkt, dass ich es wäre, wenn ich es nicht bin. Es tat schon weh genug, es schwarz auf weiß lesen zu müssen. Ich will das nicht. Bitte!
Marc (merkt, wie emotional sie dabei wird, denn sie streicht sich eine verirrte Träne aus dem Augenwinkel, u. fühlt sich nun extra mies, weil er selbst auch immer noch das traurige Bild von dem negativen Schwangerschaftstest im Kopf hat, den er in seinem Badezimmer gefunden hat): Ich weiß. Es...tut mir leid. Das war so ein Selbstläufer. Sie fing plötzlich damit an und hat mich eingewickelt und dann... Ich hab versucht, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Aber sie hat sich das so sehr in den Kopf gesetzt, dass mit ihr überhaupt nicht zu reden war.
Gretchen (sieht ihn bittend an): Dann versuch es noch einmal! Bitte, Marc!
Marc (seufzt u. gibt sich der Vernunft geschlagen): Okay! Auch wenn es ein guter Weg gewesen wäre, sie damit zurück nach Berlin zu ködern. So emotional kannte ich sie noch gar nicht. Sie benahm sich fast wie eine richtige Mutter.
Gretchen (gerührt davon, dass sie endlich akzeptiert wird): Aber unsere Familie mit Lügen aufzubauen, ist der völlig falsche Weg, Marc.
Marc (versucht sich erfolglos zu rechtfertigen): Es wäre doch nur eine kleine Notlüge. Eigentlich hab ich ja auch gar nicht gelogen. Ich hab’s ja noch nicht mal bestätigt. Sie weiß nur, dass wir eine Familie gründen wollen. Aber sie glaubt immer nur das, was sie hören will. Offenbar hat mein Anruf neulich sie auf den Omamodus gepolt. Keine Ahnung. Ich sehe bei der Frau nicht durch. Hab ich noch nie.
Gretchen (eindringlich): Lüge bleibt Lüge, Marc. Das macht bei mir keinen Unterschied. Du musst es anders versuchen. Was ist denn mit Olivier? Hat sie wegen ihm etwas gesagt?

Marc (schlagartig ändert sich seine Mimik u. er setzt ein besonders leidendes Gesicht auf): Ganz, ganz falsches Thema, Haasenzahn! Sie macht sofort dicht. Ich hab schon alles versucht. Ich hab fast schon seine Nummer gewählt, was gar nicht gut ankam. Sie will nicht. Nicht jetzt. Ich weiß nicht, was sie vorhat. Und ehrlich gesagt will ich sie auch nicht zusätzlich aufregen.
Gretchen (verständnisvoll): Ich hab trotzdem kein gutes Gefühl dabei, Marc.
Marc (lässt seine ganze Enttäuschung raus): Denkst du ich? Je länger sie schweigt, umso schlimmer macht sie es und ich glaube, sie weiß das auch. Wie geht’s ihm? Hast du ihn heute gesehen? Hat er wegen mir gefragt?
Gretchen (schüttelt den Kopf): Nein, aber er hat mir auf die Mailbox gesprochen, dass er mich morgen sehen möchte. Auf einen Kaffee in der Cafeteria der Uni. Ich hab ihm erzählt, dass ich Lerngruppe habe und da hat sich das ergeben. Aber ich weiß nicht, ob ich ihm in die Augen sehen kann, Marc. Ich bin nicht gut in so was.
Marc (fährt sich mit der Hand übers Gesicht): Scheiße! Meinst du, er ahnt irgendetwas?
Gretchen (zuckt mit den Schultern): Weiß nicht! Kann sein, muss aber nicht. Aber wenn man liebt, dann spürt man immer, wenn irgendetwas nicht stimmt. Zumindest mir würde es so gehen. Er klang komisch. Als sei es wirklich wichtig.
Marc (bekommt ein zunehmend mulmiger werdendes Gefühl): Verdammt!
Gretchen (merkt, wie unruhig er plötzlich wird u. versucht, für ihn da zu sein): Marc, du musst noch einmal mit Elke reden! Sie kann es ihm nicht ewig verschweigen. Ich meine, die Prognosen sehen doch gut aus. Sie hat doch nichts zu befürchten. Er wird es verstehen. Gerade er. Sie kann nicht von dir verlangen, das ewig zu verheimlichen. Das belastet uns alle. Dich am meisten. Ihr habt euch erst so kurz wieder. Ich will nicht, dass das irgendetwas kaputtmacht, falls er es doch über fünf Ecken mitbekommen sollte.
Marc (lächelt mitgenommen, weil sie sich so um ihn sorgt u. er immer noch nicht damit umzugehen weiß): Ich weiß. Damit hab ich es doch auch schon versucht. Aber sie sperrt sich gegen jegliche Argumentation. Ich glaube nicht, dass ich sie so schnell hier wegkriege.

Gretchen (schluckt u. sieht unsicher zwischen seinen Augen hin und her): Das heißt, du wirst noch länger bleiben?
Marc (seufzt u. blickt ebenso gequält drein): Das lässt sich noch nicht so schnell datieren, nein.
Gretchen (schnieft, versucht es aber tapfer zu verbergen, weil es so gar nicht in die angespannte Situation passt): Okay!?
Marc (hat es natürlich mitbekommen u. spürt, wie traurig sie ist u. muss selber deswegen schlucken, weil er sie nicht mit einer Umarmung trösten kann): Mir fällt das doch auch nicht leicht, Haasenzahn.
Gretchen (seine sanfte einfühlsame Stimme lässt sie nicht kalt, so dass immer mehr Tränen ungehindert aufsteigen): Schatz, du musst dich nicht rechtfertigen. Nicht vor mir. Es ist schon alles richtig so.
Marc (versucht die schrecklich melancholische Stimmung mit einem Spruch aufzulockern): Tja, Familie kann man sich eben nicht aussuchen. Ich würde alles dafür geben.
Gretchen (Marcs Manöver funktioniert u. sie lächelt wieder): Wir können ja tauschen.
Marc (fasst sich theatralisch an den Mund u. reißt die Augen auf): Oh Gott, nein, die würde ich nicht mal geschenkt nehmen.
Gretchen (gespielt beleidigt): Na, vielen dank aber auch.

Marc (grinst schelmisch): Und wie sieht’s denn an deiner Familienfront aus? Aus der miesepetrigen Zecke war ja nichts rauszubekommen.
Gretchen (blitzt geheimnisvoll zurück): Über Berlin herrschen auch dunkle Wolken. Mit Tendenz für den einen oder anderen kleinen Lichtblick.
Marc (kapiert recht schnell u. geht spielerisch darauf ein): Ein rosa Engel auf einer der Wolken hat wohl ein Machtwort gesprochen, hmm?
Gretchen (beißt die Lippen zusammen, um nicht loszulachen): Er hat die eine oder andere Nebelschicht, die den Durchblick versperrt hat, weggeschoben. Das heißt aber nicht, dass auch gleich ein Hoch aufkommt. Wetterprognosen sind in der Hinsicht schwierig zu machen.
Marc (lacht): Verstehe!
Gretchen (stimmt mit ein u. kommt unweigerlich wieder in den Schmachtmodus): Ich hätte dich trotzdem jetzt gerne bei mir.
Marc (vorlaut): Zur Ungezieferbeseitigung? Ich packe gerne mit an. Der Flugwinkel aus unserem Penthouse ist besonders günstig.
Gretchen (streckt ihm die Zunge raus): Haha! Nein, mein Lieblingsbruder bleibt solange, bis er seine Probleme geklärt hat. Ich hab mich in der Vergangenheit ja auch zur Genüge bei ihm ausgeheult. Dafür müsste er eigentlich lebenslanges Hausrecht bekommen. Und irgendwie hab ich auch Mitleid mit ihm.
Marc: Hab ich da nicht auch noch ein Mitspracherecht?
Gretchen (kess): Nein! Du hast ja keine Erfahrungen damit, aber Geschwister halten immer zusammen. Und Jochen würde damit argumentieren, dass er sich zwanzig Jahre lang mein Leid über dich hatte anhören müssen. Du hast also gar keine andere Wahl.
Marc: Oha! Das schlägt natürlich alles.
Gretchen (grinsend schmiegt sie sich in ihre Kissen u. kann ein Gähnen nicht unterdrücken): Eben!

Marc (gespielt beleidigt nutzt er diese Vorlage gekonnt aus): Hey! Bin ich etwa so langweilig? Soll ich dir, um dich vom Gegenteil zu überzeugen, noch mal die Bettdecke zurückziehen und dir beweisen, was ich mit meinen magischen Händen alles anstellen kann? Außer Haare zu zerwühlen.
Gretchen (läuft sofort rot an u. gerät in Schnappatmung): Nein, ich... Es war ein langer Tag, Marc. Schau mal, wie spät es schon ist.
Marc (seufzt u. legt sich auch auf die Seite u. rückt das Notebook so, dass er das hübsche Gesicht seiner Liebsten immer noch beobachten kann): Ja, hast ja recht. Soll ich Schluss machen?
Gretchen (legt den zuckersüßesten Schlafzimmerblick auf): Nein! Bleibst du noch dran, bis ich eingeschlafen bin?
Marc (lächelt verzaubert): Klar!
Gretchen (murmelt in ihr Kissen, während ihre Lider immer schwerer werden): Schön! Erzählst du mir noch eine Geschichte?
Marc (völlig perplex): Äh... Ernsthaft jetzt?
Gretchen (wird immer schläfriger): Mhm!
Marc (fühlt sich leicht überfordert): Und was für eine?
Gretchen (lächelt ihn zauberhaft an, um ihn zu ermutigen): Die, wo du zum ersten Mal im OP gestanden hast. Die ist schön.
Marc (kommt sich etwas blöd vor, aber was tut man nicht alles für die Liebste): Okay!? Das ist aber eine längere Episode.
Gretchen: Umso besser!

...murmelte Gretchen gähnend in ihr Kissen, die sich schon fast im Halbschlaf befand, aber tapfer noch einmal ihre müden Augen gen Kamera schwenken ließ, um ihn zu überzeugen. Marcs süße Grübchen hatten fast eine hypnotisierende Wirkung auf sie. Ebenso wie seine tiefe gefühlvolle Erzählstimme, die ihr einen Schauer nach dem anderen bescherte, so dass sie ihre warme Bettdecke wieder höher zog und den Saum fest umklammerte. Marc machte es sich auf seiner Betthälfte ebenfalls bequem und begann langsam zu erzählen, ohne auch nur einmal den Blickkontakt zu lösen...

Marc: Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Ich war im ersten praktischen Jahr. Ich war wie immer mit dem Lernen völlig im Rückstand - du weißt schon Partys, Weiber und Mehdis Nerd-Image aufpolieren und so - und wollte das eigentlich in einem der leeren Patientenzimmer nachholen, in dem ich mich vor der biestigen Stationsschwester versteckt hatte, die mich irgendwie gefressen hatte und mich an dem Tag nur Bettpfannen und Urinbeutel hat ausleeren lassen, die blöde Kuh. Jedenfalls stand plötzlich dein Vater in der Tür und kuckte mich wie immer auf diese unsägliche grimmige Art an, dass ich dachte, ich krieg gleich wieder wegen irgendwelchem Scheiß, den andere angestellt hatten, ne Standpauke, die sich gewaschen hatte. Aber stattdessen wurde sein Gesicht plötzlich ungewohnt freundlich, als er auf meinen dicken Medizinwälzer deutete und dann fragte, ob ich nicht mit in den OP wolle. Du weißt ja, er ist ein Verfechter der Methode, Lernen durch Praxis. Ich übrigens auch. Theorie bringt doch eh nichts, wenn man’s nicht anwenden kann. Dann endet man wie der Knechtelsdorfer oder der Stier. Du kannst dir sicher vorstellen, wie ich geguckt habe, denn PJLer dürfen ja, wenn überhaupt, nur von der Galerie aus zuschauen. Aber Prof. Haase meinte es wirklich ernst. Denn er duldete keinen Widerspruch und so stand ich eine Viertelstunde später tatsächlich in voller Montur hinter ihm am OP-Tisch und mir ging der Arsch so was von auf Grundeis, kann ich dir sagen. Aber er blieb total ruhig. Konzentriert hat er mir jeden Handgriff, den er mit so einer Leichtigkeit durchführte wie Brötchenschmieren, haarklein erklärt. Ich fand das so faszinierend. Obwohl ich selber natürlich noch nicht Hand anlegen durfte und Darmresektionen jetzt nicht unbedingt das Spannendste auf dem OP-Büffet sind. Aber ich war mir seit diesem Moment vollkommen sicher, dass ich unbedingt Allgemeinchirurg werden wollte. Ich meine, sich auf ein Gebiet zu spezialisieren, kann ja wohl jeder. Die Kunst ist es doch erst, auf jedes medizinische Problem die passende Antwort zu wissen. Seine Worte haben sich richtig bei mir eingeprägt. Ich weiß, du hältst deinen Vater für alles andere als cool, vor allem nicht wenn er dich vor versammelter Mannschaft und den Patienten „Kälbchen“ nennt, aber damals war er für mich der coolste Typ auf Erden. Ein richtiger Rockstar sozusagen. ... Haasenzahn?

Marc hatte sich richtig in Ekstase geredet. Seine Augen leuchteten und er wollte gerne noch weiter erzählen. Doch es kam keine Reaktion von seiner Zuhörerin zurück. Gretchen war tatsächlich eingeschlafen. Ungläubig schüttelte der Gute-Nacht-Geschichten-Erzähler den Kopf, um im nächsten Moment ein strahlendes Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern. Seitlich lag er in seinem Bett und zog die Bettdecke etwas höher und den Laptop im richtigen Winkel auf die freie Kopfseite des Bettes, damit es sich so anfühlte, als würde sie direkt neben ihm vor sich hin ratzen wie ein Eichhörnchen, das gerade an einer harten Nuss knabberte. Er bekam dieses niedliche Bild gar nicht mehr aus dem Kopf und brach immer wieder ins Schmunzeln aus. Doch plötzlich wurde sein Blick zärtlicher. Mit dem Zeigefinger strich über den Bildschirm, die Konturen ihres wunderhübschen schlafenden Gesichtes entlang, und schloss schließlich ebenfalls seine Augen.

Marc: Schlaf schön, mein Dornröschen! Ich wach über dich. Nicht dass noch mehr Ungeziefer auftaucht.

Und kurz nach diesem Versprechen tauchte auch Marc Meier ins Land der Träume ein und fand nach einem langen aufwühlenden Tag endlich die wohlverdiente Ruhe, die er gebraucht hatte. Der Computer blieb natürlich die ganze Nacht über an, bis der Akku von Gretchens Laptop irgendwann in den frühen Morgenstunden schließlich schlappmachte. Aber in Marcs Träumen wich Gretchen nicht eine Sekunde von seiner Seite.

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