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Lorelei Offline

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Beiträge: 7.349

29.03.2013 19:33
#1401 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=osq8wpz5l2A


Endlich hatte er Witterung aufgenommen. Er musste ihr folgen und rannte sofort los und zwar so schnell, wie ihn die schweren Stiefel an seinen Füßen über den frostigen Boden trugen. Immer geradeaus. Über Felder, Hügel, Täler und Höhen. Der bevorstehenden Abenddämmerung entgegen, die flammendrot am Horizont nur auf ihn zu warten schien, um ihn und den Tag in ihrem riesigen schwarzen Schlund zu verschlingen. Doch noch war die Stunde nicht da. Noch hatte er Zeit. Er schlug ihr hämisch grinsend ein Schnippchen und floh hakenschlagend in genau die entgegengesetzte Richtung, wo der Tag noch mit der Nacht über eine Verlängerung verhandelte. Doch sein Vorsprung nutzte ihm nicht viel. Schon von weitem erkannte er, dass sich etwas über dem Mischwald zusammengebraut hatte, den er als Zielpunkt auserkoren hatte. Etwas Düsteres, Dunkles, Böses, Übermächtiges zog sich dort zusammen. Es schien den einzigen Zugang blockieren zu wollen und es schluckte jegliches Geräusch. Den Klagegesang der zu früh aus dem Süden zurückgekehrten Zugvögel. Die sich im stürmisch pfeifenden Wind hin und her wogenden kahlen Bäume. Das Rascheln der kleinen und großen Waldbewohner auf verzweifelter Nahrungssuche im viel zu lang andauernden Winter. Selbst den Klang seiner schnellen Schritte im Schnee. All das verschwand in diesem riesigen schwarzen Strudel, der sich ihm bedrohlich in den Weg stellte. Eine unheilvolle Macht zog wie an Fäden immer mehr tiefdunkle Wolken heran, die das dunkelviolette Abendrot schließlich ganz schluckten und weit hinter den rettenden Horizont vertrieben und aus denen ihm nun der heftige Schneeregen direkt ins schockgefrorene Gesicht peitschte, der ihn am Weitergehen hindern sollte. Doch so leicht wie der Tag ließ er sich nicht zum Aufgeben bewegen. Denn er war niemand, der leicht aufgab. Er war eine Kämpfernatur, die jegliche Herausforderung annahm und mochte sie noch so schwer sein. So war er immer schon gewesen. Selbst als Kind schon, als er zum ersten Mal mit jenen unheimlichen Vorgängen im verwunschenen Wald konfrontiert worden war. Seitdem lebte er das Leben eines zurückgezogenen Einzelgängers. Er war jemand, zu dem man zwar wegen seines verwegenen Mutes aufsah, aber vor dem man gleichzeitig auch wegen seiner Unberechenbarkeit und seiner Launen Angst hatte und dessen Nähe man tunlichst vermied, so wie er gewöhnlich die Nähe der Menschen mied. Und er war jemand, der genau wusste, was er zu tun hatte, und der sich niemals von niemandem aufhalten lassen würde. Nicht, wenn er wusste, dass er helfen konnte.

Also zog er die Kapuze seines dunkelblauen Parkas tiefer ins Gesicht, rubbelte mit einem Finger einmal über die schmerzende Narbe auf seiner Nase, schulterte erneut sein Gewehr, zeigte dem widerspenstigen Arschloch-Wetter den Stinkefinger und erhöhte im nächsten Moment die Geschwindigkeit, mit der er durch die knöchelhohen Schneelandschaften rannte. Direkt auf das Angesicht des schwarzen Ungetüms zu, das wegen seines unerschütterlichen Wagemuts hämisch auflachte und mächtige Blitze aufzucken ließ, als es ihn unaufhaltsam näher kommen sah. In einer geschwungenen Bewegung sprang er wie ein Gepard mit einem Satz über den zu einem reißenden Strom angeschwollenen Bach und erreichte noch vor der hereinbrechenden Dunkelheit den verwunschenen Wald, den er, ohne groß darüber nachzudenken, betrat. Schließlich hatte er eine Mission. Seit Kindheit an. Er musste es endlich kriegen. Dieses schreckliche Wesen, vor dem alle Welt Angst hatte und das alle für das plötzliche Verschwinden der Zwillinge des Holzfällers verantwortlich machten, die seit über einer Woche spurlos verschwunden waren. Die letzten zwei von hundertachtundneunzig vermissten Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Er hatte den armen verzweifelten Vater nicht mehr länger leiden sehen können, hatte ihm sein ganzes Hab und Gut gespendet und ihm versprochen, nicht eher zu ruhen, bis er den Jungen und das Mädchen gefunden hatte. Der zu allem entschlossene Fährtensucher wusste ganz genau, wer ihm die Antwort auf all seine Fragen nach dem Verbleib jenes unheimlichen menschenfressenden Ungeheuers liefern konnte, das den Aberglauben und den Alltag der ängstlichen Dorfbewohner bestimmte, die sich schon längst nicht mehr in den todbringenden Wald hineintrauten. Diese verschrobene alte Frau, die trotz der Gefahren, die im Märchenwald lauerten, stur wie eine Eselin in ihrer Festung thronte. Obwohl man es nicht unbedingt als Festung bezeichnen konnte. Denn sie bewohnte eine alte heruntergekommene Hütte auf einer Lichtung mitten am tiefsten Punkt des dunklen Waldes. Nur ein unscheinbarer Pfad durch Dickicht, Gestrüpp und das gefährliche Moor führte zu ihr. Er hoffte, nicht zu spät zu kommen, denn man hatte ihm berichtet, dass die Enkelin der Alten ebenso trotzköpfig den Weg zu ihr suchen wollte. Er hatte es sich zu seiner Aufgabe auserkoren, sie um jeden Preis zu beschützen und dem Ungetüm endgültig den Garaus zu machen. Diesmal würde es ihm gelingen, schwor er sich, fasste sich erneut an die Narbe, Zeugnis seines eigenen verzweifelten Kampfes in der Vergangenheit, und rannte in die Dunkelheit hinein.

Er hatte schon die Hälfte des Weges gefahrlos hinter sich gebracht, als er plötzlich einen markerschütternden Schrei in der Ferne hörte, der ihn abrupt stoppen ließ. Der Schrei einer Frau! Etwa das Mädchen? Das törichte Rotkäppchen? Oder etwa ihre starköpfige Großmutter? Sein Herz blieb in dem Moment stehen. Das Adrenalin in seinen Venen puckerte dagegen umso mehr. Er spannte seine Muskeln an. Er ballte eine Faust, bis die Knöchelchen seiner Finger weiß hervorstachen und er den Schmerz spürte. Er konnte nicht schon wieder zu spät sein. Nein, das durfte einfach nicht sein. Er schaute sich hektisch um und kniff dabei die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Der heimtückische Nebel war ihm wie ein stiller Gefährte dicht auf den Fersen. Er rannte sofort wieder los, folgte dem einzigen Lichtschein in der tiefdunklen Nacht und erreichte die unscheinbare Waldhütte schließlich, aus der er den Schrei gehört zu haben glaubte. Er riss die Eingangstür ungestüm auf und polterte einfach hinein, ohne dass man ihn eingeladen hätte. Aber für Höflichkeiten, die ihm eh unbekannt waren, war jetzt keine Zeit. Gefahr war in Verzug, wie man so schön politisch korrekt sagte. Das Holz des Fußbodens knarrte unter seinen schweren Stiefeln, als er langsam das Zimmer betrat und sich vorsichtig umschaute. Er war auf der Hut und spannte seine Lauscher auf, während seine Pupillen hektisch hin und her wanderten und nach Spuren suchten. Doch es war mucksmäuschenstill in dem Haus. Beängstigend still! Das Licht der Kerze am Fenster, das ihn hierher geführt hatte, flackerte noch, dann löschte es ein Windzug, der durch die offen stehen gelassene Haustür hineingekommen war. Nun sah er nichts mehr. Nur noch seinen heißen Atem, den er ruckartig ausstieß und der sich mit dem Nebeldunst vermischte, der durch die Eingangstür hineinwaberte, die er schnell hinter sich schloss, um zumindest diesem Treiben ein jähes Ende zu bereiten.

Die alte Waldhütte war kalt und verlassen. Er zitterte am ganzen Leib. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte er so eine schreckliche Kälte verspürt, die sämtliche Glieder erfasste und ihn regelrecht lähmte. Seine frierenden Füße bewegten sich lautlos durch den Raum. Er strich mit einer Hand bedächtig über den eingestaubten Esstisch, als er an diesem vorbei zum Kamin ging. Er zog zitternd ein Streichholz hervor, zündete es an und legte es zusammen mit trockenem Stroh und zweier Holzscheite, die in einem Korb vor dem Ofen gelegen hatten, in den Kamin. Angespannt beobachtete er, wie die Flammen langsam zu züngeln begannen und schließlich ein richtiges Feuer entstand. Er wärmte seine klammen Finger daran, musterte die vergilbten Familienfotos, die aufgereiht auf dem verstaubten Kaminsims standen und lauschte in die bedrückende Stille hinein, die in dem leeren Haus herrschte und die ihm seltsam vorkam. War denn niemand hier? War er wirklich zu spät gekommen? Er konnte sich nicht verhört haben? Der Schrei war immer noch so präsent, als hätte er ihn gerade erst gehört. Er drehte sich schließlich, das Gewehr im Anschlag, unvermittelt um, als er eine Schattenbewegung hinter sich glaubte. Doch die Düsternis in der Hütte war mit einem Mal verschwunden. Ja, die Hütte selbst und das Gewehr ebenfalls. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages kämpften sich langsam über den rötlichen Horizont und ließen das riesige Zimmer, in dem er sich befand, in einem magischen lebendigen Licht erstrahlen. Die Farben, der Geruch, der Ort, alles kam ihm so seltsam vertraut vor. Jetzt erst bemerkte er irritiert, dass er sich plötzlich in dem Haus seiner Jugend befand. Die weißen Wände, die kühlen, klaren Kanten und Strukturen, die Bücher und Skulpturen, die Fotos von Stars und der Familie, die Glasfronten, die in den verschneiten Garten zeigten, in dem er früher immer Schneefrauen gebaut hatte. Das jauchzende Lachen des kleinen Jungen und das stöhnende Meckern seiner genervten Mutter waren längst verschwunden. Nur die Kälte war geblieben. Der Kamin war kalt. Kein Feuer wärmte ihn. Zitternd drehte er sich wieder um. Die Villa im Grunewald war verlassen. Er war allein. Ganz allein!



Schweißgebadet wachte Marc plötzlich auf und saß im nächsten Moment senkrecht in dem gemütlichen Kingsize-Bett in dem kitschig hergerichteten Zimmer im Gummersbacher Landhotel in Göberitz, Brandenburg. Er wusste sofort, wo er war und warum er immer noch hier war. Er hörte es nämlich protestierend knurren und fühlte es neben sich heftig strampeln, ehe es sofort wieder ruhig wurde. Er drehte sich immer noch durcheinander von der einen zur anderen Seite. Seine beiden Schützlinge Lilly und Sarah schliefen noch immer tief und fest unter der warmen Bettdecke neben ihm. Vorsichtig darauf bedacht, die schlafenden Mädchen nicht zu wecken, legte sich der verstörte Mann wieder zurück in die weichen Kissen und fuhr sich mit einer Hand über seine nasse Stirn. Sein Herz raste. Es war das einzige Geräusch in der Dunkelheit der Nacht. Er schob sich seinen rechten Arm unter den Kopf, um es sich bequemer zu machen, und schaute abwesend zur Decke. Wilde zusammenhangslose Gedanken sprudelten durch seinen Kopf. Er wusste überhaupt nicht, was plötzlich mit ihm los war und warum er so einen Blödsinn zusammengeträumt hatte, von dem er die Hälfte auch schon wieder vergessen hatte. Es beschäftigte ihn dennoch und er versuchte die einzelnen Bilder wieder zusammenzubekommen. So bemerkte er das leise Knarren der Zimmertür nicht, die gerade geöffnet und wieder geschlossen wurde. Auch nicht den Schatten, der vor dem Bett plötzlich stehen blieb. Marc hatte seine Augen wieder geschlossen und döste wieder etwas ruhiger als zuvor vor sich hin. Gretchen, die die drei Schlafenden gerührt beobachtete, beugte sich vor und rückte die verrutschte Decke liebevoll zurecht. Ein letzter rühriger Seufzblick folgte, um das zuckersüße Bild von Marc mit den beiden Mäusen für die Ewigkeit festzuhalten, dann drehte sie sich um und ließ sich auf das schmale Kanapee fallen, das gegenüber vor dem Fenster stand, in dem die Morgendämmerung in der Ferne über der Göberitzer Dorfkirche schon zu erkennen war. Die erschöpfte Assistenzärztin lehnte sich an die Lehne zurück, zog ihre Beine an den Körper, vergrub sich regelrecht in ihrem warmen rosafarbenen Wintermantel und ließ ihren Tränen schließlich freien Lauf.

Lorelei Offline

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Beiträge: 7.349

02.04.2013 17:18
#1402 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Erst durch das leise Wimmern im Zimmer bemerkte auch der dösende Oberarzt, dass etwas nicht stimmte. Vorsichtig richtete er sich auf, wischte sich verschlafen mit dem Handrücken über die Augen und schaute sich anschließend gähnend um. Von den Mädchen war es nicht gekommen. Die beiden ratzten seelenruhig vor sich hin und waren in der verstummten Version wesentlich erträglicher als in der aufgedrehten Tagesversion, die einzig und allein dazu da war, den armen, unschuldigen, friedliebenden Onkel Marc in den Wahnsinn zu treiben. Und doch sahen die beiden ausgebufften Frechdachse gerade auch irgendwie süß aus, wie sie so dalagen und ihre kleinen Hände unter ihre bildschönen Gesichter geschoben hatten, zaghaft lächelten und offenbar der hektischen Pupillenbewegung unter ihren geschlossenen Lidern nach zu urteilen von etwas besonders Schönem träumten.

Marc hätte Sarah und Lilly stundenlang beim Schlafen zuschauen können, wenn da nicht plötzlich wieder diese seltsamen Geräusche gewesen wären, die seine Aufmerksamkeit erhaschten. Dieses laute von Schluchzern durchzogene tiefe Atmen. Und auf einmal entdeckte Marc SIE. Ein Lichtstrahl der hinter der Kirchturmspitze aufgehenden Sonne hatte sich auf Gretchens Haar gelegt und ließ es wie pures Gold erstrahlen. Das war doch mal ein belebender Anblick, mit dem man jeden Tag geweckt werden wollte und der Marc seinen albernen Albtraum von vorhin endgültig vergessen ließ. Vorsichtig schob er die geblümte Bettdecke beiseite, kletterte über Lilly, die sich als Marc-Ersatz gleich besitzergreifend dessen Kissen schnappte und im Schlaf ihre Finger tief hineinkrallte, und ging lächelnd zum blütenbestickten blassrosa Sofa rüber, auf dem sein Goldengel zusammengekauert saß.

Erst als er näher kam, entdeckte er die glitzernde Tränenspur auf Gretchens geröteter Wange. Höchstalarmiert ging er vor ihr in die Hocke, legte eine Hand auf ihr Knie, die andere unter ihr Kinn und schob es mit sanftem Druck hoch, damit sie ihm in die Augen schauen konnte. Feucht schimmerndes Himmelblau traf auf unergründliches tiefes Dunkelgrün. Sie umarmten und wärmten sich gegenseitig in der kalten Februarnacht, gaben sich Halt, Liebe und Geborgenheit. Und so brachen nun endgültig alle Dämme bei der jungen Ärztin. Sie ließ sich unvermittelt nach vorn fallen direkt in Marcs starke Arme und vergrub ihr Gesicht an seinem Hals. Der überrumpelte Chirurg konnte seine schluchzende Freundin kaum halten und landete prompt mit ihr im Arm auf seinem knackigen Hinterteil. Er verlagerte die Position, ging in die Knie und drückte Gretchen, die ihre Arme haltsuchend um seinen Hals geschlungen hatte, nun etwas ungelenk an sich und streichelte der zitternden Frau tröstend in langsamen Bahnen über den Rücken.

Als der Kloß in seinem Hals jedoch immer dicker wurde, musste er handeln und schob Gretchen sanft etwas von sich weg, um sie besser ansehen zu können. Er wollte verstehen. Aber konnte er es auch begreifen? Wollte er es begreifen? Fragend huschten seine Pupillen hin und her und versuchten etwas in ihrem Blick zu ergründen. Er traute sich kaum, die Worte auszusprechen, die schwer auf seiner Seele lagen und seine Gedanken verdunkelten. Schließlich lag die Mini-Version keine zwei Meter entfernt friedlich schlafend im Bettchen hinter ihm und ahnte von nichts, außer vielleicht von süßen Lämmchen, die blökend über hässliche weiße Gartenzäune hopsten. Die beiden Nervkröten hatten nämlich nicht gleich einschlafen können, als er sie gestern Abend kurz nach dreiundzwanzig Uhr nach ellenlangen teilweise recht skurrilen Zu-Bett-Geh-Ritualen und etlichen Ermahnungen seinerseits endlich erfolgreich in die Koje bugsiert hatte. Und bevor sie noch auf die seltendämliche Idee gekommen wären, ihn noch weiter auszuquetschen, warum er und Gretchen eigentlich keiner Kinder hatten, ob sie denn irgendwann einmal welche bekommen würden und wo die dann überhaupt so schnell herkämen und ob sie dann auch mal auf sie aufpassen und mit ihnen spielen dürften, hatte der zwangsverpflichtete Babysitter noch einmal verzweifelt in seinem Geschichtenfundus kramen müssen, bis sie ihn endlich in Ruhe gelassen hatten und in die rettende Traumwelt entschlummert waren.

Marc: Ist sie...?

...brachte Marc nur stockend kaum hörbar hervor und rüttelte damit auch die verzweifelte Gretchen auf. Sie atmete noch einmal tief ein und aus, wischte sich die letzte Träne mit dem Handrücken aus dem Augenwinkel und sah ihren sichtlich besorgten Liebsten schließlich mit ernster Miene an. Ein Funken Hoffnung blitzte in ihren tiefblauen Augen auf, als sie langsam mit dem Kopf schüttelte und damit auch die Erlebnisse der Nacht endlich abschütteln konnte, die sie auf der frühmorgendlichen Reise mit der S-Bahn hierher in unzähligen Bildern unentwegt begleitet hatten. Die Anspannung und die Erleichterung hatten einfach raus gemusst und wie anders als über befreiende Tränen hätte sie das bewerkstelligen können.

Gretchen: Nein, nein, Marc, es geht ihr gut. Den Umständen entsprechend gut. Wir waren gerade noch rechtzeitig da. Eine Stunde später und es hätte echt kritisch werden können.

...flüsterte die schöne Ärztin leise, schüttelte den furchtbaren Gedanken schnell ab und blickte kurz vergewissernd zum Bett rüber, wo Sarah neben Lilly friedlich vor sich hin schlief und zum Glück von alledem, was ihrer Mutter passiert war, nichts mitbekommen hatte. Marc atmete erleichtert aus, nachdem er für einen kurzen Moment die Luft angehalten hatte. Der Schock war auch ihm nahe gegangen, auch wenn er das seiner nervigen Kollegin aus der Neurologie niemals mitteilen würde. Er legte seine Hand an Gretchens Hinterkopf und drückte seine erschöpfte Freundin wieder an seine Brust, um sie zu beruhigen. Er spürte, dass sie mit der Anspannung und der Müdigkeit kämpfte. Es war ein langer Tag und eine lange aufwühlende Nacht für seinen armen Schatz gewesen.

Gretchen: Ich hatte so Angst, Marc. Es war so schlimm. Das viele Blut. Der ganze Bauchraum war entzündet. Die Tabletten, die sie als Schmerzhemmer genommen hat, haben das alles nur noch verschlimmert. Dass sie die Hochzeit in dem kritischen Zustand überhaupt überstanden hat, ist echt...
Marc (legt ihr den Finger auf die Lippen, um den Plapperhasen zu stoppen): Ssshhtt! Es ist ja noch mal alles gut gegangen, Haasenzahn.
Gretchen (schmiegt sich erleichtert an ihn): Zum Glück!
Marc: Komm! Leg dich zu ihnen! Du musst ja vollkommen fertig sein.

...sprach Marc leise mit einfühlsamer Stimme und hob Gretchen hoch. Er trug sie zum Bett und legte sie zwischen die beiden schlafenden Mädchen, von denen sich nur Sarah Hassmann kurz regte und im Halbschlaf vor sich hin brabbelte...

Sarah: Bist du das, Mami?
Gretchen (ihr stockt erst der Atem, dann streicht sie der Sechsjährigen liebevoll über die rosige Wange u. versucht dabei angestrengt nicht zu weinen): Nein, ich bin’s. Gretchen. Die Mama schläft aber auch noch tief und fest. Das solltest du auch, mein Schatz.
Sarah (murmelt): Hmm... schön...schön! Ich... Pony... Marci... auch...

Und schon war die kleine Motte auch schon wieder selig eingeschlafen, ohne ihrem großen Helden Marc ihre eigenmächtigen Pläne für die Sonntagvormittaggestaltung näher mitgeteilt zu haben. Gretchen folgte ihr sofort und auf der Stelle ins rosarote sorgenfreie Traumland, während Marc die drei noch fürsorglich zudeckte, sie eine Weile mit verliebtem Blick beobachtete und sich anschließend zum unbequemen Sofa begab, auf das er sich schwerfällig fallen ließ. Die aufwühlende Nacht steckte auch ihm ganz schön in den Knochen. Er gähnte und wollte auch noch ein bisschen dösen, bis es Zeit zum Aufstehen war. Doch das Vibrieren seines Handys riss ihn aus seinen Gedanken. Er zog es aus der Hosentasche und schaute aufs Display. Die Grinsevisage seines besten Freundes begrüßte ihn. Marc schüttelte den Kopf. Er sollte dringend ein neues Foto von dem Knallkopf schießen, das hier mit den vollen Pausbäckchen bei der Nahrungsaufnahme in der Kantine des EKH ging ja mal gar nicht, dachte er schmunzelnd, während er die Sms öffnete, die er soeben von seinem besten Kumpel erhalten hatte:

Hey Marc! Ist Gretchen gut bei euch angekommen? Ich konnte sie nicht aufhalten. Unser Trotzköpfchen wollte unbedingt noch in der Nacht mit der ersten S-Bahn zu euch zurück. Ich weiß, du hast gerade weiß Gott andere Sorgen, aber wenn es dir nichts ausmachen würde, dann komme ich erst später nach, so am späten Vormittag, und löse euch ab. Ich will noch abwarten, bis Maria aus der Narkose aufwacht. Danke für alles, mein Freund. Gib Lilly bitte einen Kuss von mir. LG Mehdi.

Ein kleines Lächeln huschte über Marcs Mundwinkel, nachdem er Mehdis Nachricht gelesen hatte. Er blickte noch einmal vergewissernd zu den drei hübschen Mädels im Bett rüber und schrieb danach seinem Freund rasch eine Antwort zurück, ehe er sich mit einem spitzbübischen Grinsen im Gesicht zufrieden zurücklehnte, sich eines der hässlichsten und kitschigsten Zierkissen, das ein Meiersches Auge je gesehen hatte, in den Nacken schob, anschließend die Beine ausstreckte und die Augen schloss. Er musste schließlich noch ein bisschen Kraft tanken. Vor ihm stand ein anstrengender Tag und er hatte gerade erst begonnen.

Lorelei Offline

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Beiträge: 7.349

05.04.2013 16:32
#1403 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Das Summen eines vibrierenden Handys schreckte auch einen übermüdeten jungen Arzt in einem Berliner Klinikum am Wannsee auf, der gerade während eines wunderschönen frühmorgendlichen Tagtraums mit seiner Familie jauchzend in knallbunten Kostümen über eine über und über blühende Blumenwiese gehüpft war. Noch etwas benebelt von dem zauberhaften Anblick seiner kugelrunden schwangeren Traumfrau, die er neckisch mit einem Grashalm beim Wolkenkucken geärgert hatte, richtete er sich auf. Der Schmerz, den er daraufhin im Nackenbereich verspürte, traf ihn unvermittelt und messerscharf. Dementsprechend laut stöhnte er jetzt auch auf. Aber er biss sich im nächsten Moment sofort ertappt auf seine Lippen und schaute verschämt auf das Patientenbett vor sich, in dem eine junge zierliche Frau friedlich zu schlafen schien, als wäre in der letzten Nacht überhaupt nichts geschehen und sie wäre nicht vor wenigen Stunden erst von ihm, Dr. Rössel und Dr. Gretchen Haase notoperiert worden.

Als Dr. Kaan mit Erleichterung registrierte, dass er die sedierte Patientin mit seinen unbedachten Schmerzlauten nicht geweckt hatte, griff er beherzt mit seiner rechten Hand an die schmerzende Stelle in seinem Nacken und fuhr massierend darüber, bis es besser wurde und er seinen steifen Hals wieder in jede Richtung drehen konnte, ohne vor Schmerzen durchdrehen zu müssen. Er musste wohl kurz weggenickt sein, dachte Mehdi verwirrt und fuhr sich im Anschluss mit beiden Händen durch seine zerzauste nächtliche Sturmfrisur, während er sich auf seiner Sitzgelegenheit zurücklehnte. Seine Körperhaltung war offenbar nicht gerade die Beste gewesen, wie er da so auf einem unbequemen Stuhl sitzend halb über Marias Bett gelegen hatte, den Kopf auf seinen verschränkten Armen gebettet. Nur weil er sie nicht hatte alleine lassen wollen, wenn sie dann irgendwann in den nächsten Minuten oder Stunden aus der Narkose aufwachen würde. Gähnend reckte und streckte der überfürsorgliche Gynäkologe seine verspannten Muskeln und Gelenke. Und plötzlich erinnerte er sich auch, was ihn soeben aus der tiefen REM-Phase aufgeweckt hatte, und blickte instinktiv zum Nachtschränkchen, wo er das Piepsgeräusch des Mobiltelefons vernommen zu haben glaubte.

Komisch, stellte er jedoch nach einer weiteren Sekunde fest, als er Marias I-Phone in seinen Händen hielt und es nachdenklich betrachtete. Es war nicht zum ersten Mal in dieser Nacht gewesen, dass ihn ein nervtötender Handyklingelton kurz vorm Wegnicken aufgeschreckt hatte. Nach dem dritten oder vierten Mal hatte er mit einem deutlich schlechten Gewissen im Blick auf seine frisch operierte und noch immer narkotisierte Patientin dann doch deren Handtasche auf den Schoss genommen und hatte ihr klingelndes, aber im nächsten Moment gleich wieder verstummtes Telefon herausgeholt und vorsichtig erst mit einem Auge, dann mit beiden darauf gelinst. Überraschenderweise hatte die persische Spürnase dann nicht drei oder vier, sondern unglaubliche dreizehn Anrufe in Abwesenheit auf dem Display entdeckt. Eigentlich hätte er es sich denken können, wer da des Nächtens unbedingt Marias Aufmerksamkeit erhaschen wollte, aber Mehdis Neugier war dann doch größer gewesen als sein schlechtes Gewissen seiner Kollegin und guten Freundin gegenüber und so hatte er doch gespielt zufällig mit der Fingerspitze auf die kleine Taste getippt, die ihm so verlockend ins Auge gestochen hatte. Und natürlich hatte sich als aufdringlicher Anrufer ein werter Herr „Drecksack“ herausgestellt, dessen typische selbstgerechte Grinsevisage auf Marias Handydisplay Mehdi regelrecht durchbohrt hatte, als hätte sein „charmanter“ Kollege ihn tatsächlich gerade leibhaftig beim Spionieren ertappt.

Aber Dr. Kaan hatte nicht spioniert. Er hatte sich lediglich um das Wohlbefinden seiner Patientin gesorgt. Trotzdem hatte Mehdi kurz auflachen müssen, weil Maria ihren heimlichen Herzprinzen tatsächlich unter diesem eher fragwürdigen Pseudonym in ihrem Adressbuch abgespeichert hatte. Aber das Lachen war dem amüsierten Oberarzt schnell wieder vergangen, als das Smartphone nämlich ein weiteres Mal vibriert und die Ankunft einer Sms verkündet hatte. Das Vibrieren in seiner Hand hatte ihn nervös gemacht und so hatte er das Corpus Delicti schnell wieder beiseite gelegt, aber nicht ohne es vorher auf lautlos gestellt zu haben. Schließlich brauchte Maria ihren erholsamen Schönheitsschlaf nach der anstrengenden OP. Drecksack hin oder her. Zumindest war Mehdi nun eins klar geworden. Seine sehr geschätzte Kollegin Dr. Hassmann lag ihrem Exmann wirklich sehr am Herzen, wenn er sie schon so mit nächtlichen Nachrichten bombardierte. Und der sensible Gynäkologe konnte sich gut in seinen Kollegen hineinfühlen, denn er hatte einst selbst genau dasselbe getan, als sich Gretchen Haase nach den schrecklichen Geschehnissen mit ihrer bösen Ex-Schwiegermutter und der Verhaftung und Entlarvung ihres vermeintlichen Ehemanns Alexis von Buren als Betrüger völlig zurückgezogen und sich zuhause regelrecht vor der Außenwelt verschanzt hatte, ohne auch nur einmal auf sein intensives Werben zu reagieren.

Gut, die Geschichte zwischen Maria und Cedric war ein ganz anderes Kaliber als seine unglückliche und unerfüllte Liebe zu dem blonden Goldengel aus der Chirurgie, der sein eingefahrenes trostloses Leben auf unglaubliche Art und Weise mit ihrer Herzlichkeit und ihrer Freundschaft bereichert hatte, aber er konnte beide irgendwie verstehen. Er war schließlich der Experte schlechthin in komplizierten Liebesangelegenheiten. Dennoch hatte sich Mehdi an Marias Bitte gehalten, welche ihm die geschwächte Frau kurz vor der erneuten Ohnmacht auf dem Weg zum Krankenwagen flehend ins Ohr geflüstert hatte. Als guter Freund, der er für sie sein wollte, hatte er es IHM nicht gesagt. Obwohl er Dr. Stier vorhin im Treppenhaus beinahe direkt in die Arme gelaufen wäre und er damit durchaus die Gelegenheit für ein offenes Gespräch unter Männern gehabt hätte. Die tiefe Enttäuschung über das Fernbleiben seiner Herzdame hatte dem neuerdings extrem menschelnden Neurochirurgen deutlich ins Gesicht geschrieben gestanden. Mit dem Handy am Ohr war er gedankenverloren an ihm vorbeigeeilt, ohne dass er seinen Kollegen wirklich wahrgenommen hätte. Auf dem letzten Treppenabsatz hatte er sich zwar noch einmal nach ihm umgeschaut und Mehdi hätte schwören können, dass Cedric wegen seines Aufzugs in dunkelblauer OP-Montur etwas auf den Lippen gelegen hätte, aber bevor er erklärend darauf hätte reagieren können, hatte er sich auch schon wieder kopfschüttelnd umgedreht und war die nächsten Stufen hinab gerannt. Mehdi hatte noch mit einem Ohr mithören können, wie Cedric Maria etwas nicht gerade leise im schroffen Ton auf die Mailbox gesprochen hatte, dann war er auch schon im nächsten Moment durch die schwere Glastür im Erdgeschoss des EKH verschwunden.

Mehdi hatte sich im Nachhinein geärgert, dass er nicht den Mut gehabt hatte, es ihm einfach zu sagen, was mit seiner Exfrau passiert war. Denn eigentlich wäre es Cedrics Job gewesen, jetzt hier bei ihr am Bett zu sitzen, ihr die Hand zu halten und über sie zu wachen, bis sie aus der Narkose aufwachte. Aber vielleicht war es auch besser so. Mehdi wollte es sich nicht schon wieder mit Maria verscherzen, mit der er doch nach der ganzen verzwickten Dreieckssache gerade erst wieder symbolisch die Friedenspfeife geraucht hatte, und aufregen durfte sich die Frischoperierte nach der anstrengenden OP sowieso nicht. Und aus Erfahrung und scharfer Beobachtungsgabe heraus wusste Mehdi, wie Marias Puls allein schon durch die bloße Erwähnung des Namens ihres Exmannes nach oben schnellen konnte. Also hatte er zu seiner eigenen Verteidigung und aus ärztlicher Fürsorge heraus eigentlich keine andere Wahl gehabt, als zumindest vorerst die Klappe zu halten.

Dass ER sich aber jetzt schon wieder bei ihr meldete, wenn auch nur mittels Sms-Zeichen, war doch ein gutes Zeichen. Oder etwa nicht? Dr. Stier gab nicht auf. Das war gut. Das war sogar sehr gut. Das machte ihn ihm gleich ein Stück weit sympathischer, auch wenn das wahrscheinlich nicht auf Gegenliebe beruhte, so wie sein Kollege ihn immer grundlos mit bösen eifersüchtigen Blicken traktierte. Dabei müsste er doch eigentlich wissen, dass sie mittlerweile auf einem guten Weg war und keinen Zickzackkurs mehr fuhr, um ihm und ihren verwirrenden Gefühlen zu entkommen. Dass sie sich schon längst für den „Drecksack“ entschieden hatte, das hatte Mehdi gestern Abend in den Gesprächen mit Maria und in ihren aufblitzenden Augen deutlich herausgelesen. Trotzdem war und blieb irgendetwas komisch, dachte der Halbperser im nächsten Moment wieder und schaute sich Marias Telefon noch einmal genauer an. Hä? Das Display leuchtete doch gar nicht auf, wie es nach dem Eingang einer neuen Nachricht eigentlich sonst immer üblich war. Hatte er sich etwa geirrt? Oh! Jetzt fiel es ihm wie Schuppen von den Augen und er fuhr sich mit einer Hand über seine mit einem kleinen Pflaster verzierte Stirn. Das war gar nicht ihr Telefon gewesen, sondern sein eigenes, das sich gemeldet hatte. Aus einem Impuls heraus zog Mehdi sein altes Nokia-Handy aus seiner Kitteltasche und entdeckte tatsächlich eine neu eingegangene Nachricht darauf. Beim genaueren Hinsehen entpuppte sie sich als eine lange Sms von Marc, die er natürlich sofort anklickte und sprachlos überflog:

Hi du Möchtegernheld geschasster Frauen kurz vor der Midlifecrisis! Die kostbare Fracht ist heil hier angekommen und ich bin heilfroh, dass sie nicht schon wieder den RTW genommen hat. Man hätte ja sämtliche Fahrspuren absperren müssen... By the way, dass du sie überhaupt ans Steuer gelassen hast, darüber reden wir noch. Jedenfalls ratzt sie jetzt im Kanon mit den beiden Kurzen. Dir muss aber schon klar sein, dass du eine gewaltige Ladung Schulden bei mir angesammelt hast, die ich dich abarbeiten lassen werde, sobald ich wieder im Lande bin. Ich verspreche dir schon jetzt, du wirst leiden, aber so richtig! Also sei auf der Hut! Ich werde zuschlagen, wenn du’s am wenigsten erwartest. Übrigens hab ich mit den Nervzwergen abgesprochen, dass du bei dem heutigen Beschäftigungsprogramm mit dem Pony voran reiten wirst. Ich hoffe, die Gummersbachs haben überhaupt solche Lastesel, mit denen du auch wirklich von der Stelle kommst. Für das Beweisfoto gönne ich mir sogar noch eine Minute mehr hier. Hähä! Also bis später und sieh zu, dass du den alten Drachen wieder wach bekommst! Aber bitte nicht auf die Dornröschenart! M.

Mehdi schüttelte nur schmunzelnd den Kopf. Der Meier wieder! Es gab niemanden auf der Welt, der nachtragender sein konnte als er. Hmm... Marcs Mutter vielleicht? Die würde ihn auch ausbluten lassen, wenn sie dahinter käme, dass er es war, der ihrem Filius den entscheidenden Hinweis auf ihren Verbleib gegeben hatte. Und augenblicklich verschwand das Gute-Laune-Lächeln von Mehdis Lippen und wich einem eher nachdenklichen Gesicht mit tiefen Sorgenfalten auf der gerunzelten Stirn. Marc hatte allen Grund stinkig auf ihn zu sein und dass er trotz alledem für die Kinder da gewesen war, dafür zollte er seinem Freund großen Respekt. Und er würde sich auch das eine oder andere Strafspielchen von ihm gefallen lassen. Solange es ihn von seinen Sorgen mit seiner krebserkrankten Mutter ablenkte, zu der er heute noch fahren würde. Seufzend fuhr Mehdi sich mit einer Hand über sein Gesicht. Er knibbelte das nervige fleischfarbene Pflaster ab und tippte vorsichtig über die Naht über seiner rechten Augenbraue, die sich eigentlich ganz gut anfühlte. Auch hier hatte Marc beste Arbeit abgeliefert, dachte Mehdi bewegt. Und während er so mit sich und seinen Gedanken beschäftigt war, merkte der Oberarzt nicht gleich, dass sich etwas in dem Patientenbett vor ihm regte. Ein zierliches Händchen, an dem eine Kanüle hing, bewegte sich langsam über die gelb-weiß gestreifte Bettdecke auf seine Hand zu, mit der er sich gerade am Bett abstützte, und eine schwache vom Tubus noch gereizte Stimme erhob sich krächzend in seine Richtung...

Maria: Was... was ist passiert? Wo...? Wie... wie komm ich hierher... Mehdi?

Lorelei Offline

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Beiträge: 7.349

08.04.2013 17:14
#1404 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Sein Herz rutschte Dr. Mehdi Kaan geradezu in die Hose, als er plötzlich das dünne Stimmchen seiner Patientin neben sich vernahm, mit der er jetzt noch gar nicht gerechnet hatte, und er drehte seinen Kopf blitzschnell zu ihr herum und starrte sie sekundenlang sprachlos mit herunterhängender Kinnlade an. Dann überzog sein übernächtigtes zerknautschtes Gesicht ein breites Lächeln. Er sprang unvermittelt auf, beugte sich über die junge Dame, die gerade ihre schweren Augenlider zum ersten Mal geöffnet hatte und den Mann im weißen Kittel über seinem blauen OP-Outfit nun ganz verwundert mit bleiernem Blick ansah, und nahm sie aus einem Reflex hinaus spontan in den Arm. So erleichtert war er darüber, dass es dem Sturkopf, der ihn um eine erholsame Nacht gebracht hatte, wieder den Umständen entsprechend gut ging. Als er leichte Gegenwehr ihrerseits verspürte, löste er sich sofort wieder verschämt lächelnd von Maria, die schmerzhaft aufstöhnte, als sie sich noch ein Stück weiter aufrichten wollte. Mehdi drückte seine übermütige Patientin sofort zurück ins Bett, damit sie ruhig liegen blieb, kontrollierte die Verbände um ihren Bauch, deckte sie wieder zu und legte im nächsten Moment, als er sich wieder hinsetzte, ein vorwurfsvolles Gesicht auf, mit dem er die frisch operierte Neurochirurgin nun auch begrüßte...

Mehdi: Hey! Da bist du ja wieder! Mensch, dich kann man auch wirklich keine Minute alleine lassen, du dumme Frau, du.
Maria (versucht sich erneut aufzurichten, um besser verbal zurückschlagen zu können, aber ihr Versuch bleibt vergebens, da es ihr Schmerzen bereitet): Witzig, Mehdi, witzig! Aaahhh... verdammt! Was ... zum... Teufel...?
Mehdi (schaut die Widerspenstige mit ernster Arztmiene an): Bleib bitte liegen! Du bist frisch operiert. Und das war keinesfalls witzig, Maria. Das war verdammt ernst. Wenn wir dich nicht gefunden hätten, ein Magengeschwür dieses Ausmaßes, das hätte schnell...
Maria (gibt ihren Widerstand schließlich auf u. bleibt liegen u. schaut nun verunsichert unter die Bettdecke, um einen Blick auf die Verbände zu werfen): Tut mir leid.
Mehdi (deckt sie mit liebevollem Blick wieder zu): Muss es nicht. Es ist ja alles noch mal gut gegangen.
Maria (ihre Gedanken überschlagen sich u. sie versucht sich krampfhaft daran zu erinnern, was überhaupt passiert ist, was ihr jedoch nicht gelingt): Was... was ist mit Sarah? Weiß sie...?
Mehdi (schüttelt den Kopf u. schaut sie beruhigend an): Deine Tochter schläft selig bei Lilly im Bett und ahnt nicht das Geringste von den Dummheiten ihre Frau Mama. Marc und Gretchen sind bei ihnen. In Göberitz.
Maria (atmet erleichtert aus u. sieht sich unsicher in dem abgedunkelten Krankenzimmer um): Gut! Gut?
Mehdi (erkennt ihre zunehmende Verunsicherung u. nimmt sich ihrer an u. rückt mit seinem Stuhl näher heran): Warum hast du denn nichts gesagt? Du musst wahnsinnige Schmerzen gehabt haben? Aber stattdessen betäubst du dich mit diesen Tabletten. Verdammt und zugenäht, Maria, du trägst Verantwortung und das nicht nur für dich alleine. Und du als Ärztin willst ein Vorbild sein? Also wirklich!
Maria (überfordert von der Gesamtsituation kullert sogar eine kleine Träne ihre Wange hinab, die sie schnell wegwischt, bevor der aufgebrachte Frauenarzt sie noch entdeckt): Das weiß ich doch selber, Mehdi. Ich weiß doch auch nicht. Ich dachte, es wäre nicht so schlimm und ich könnte es selbst irgendwie... Bescheuert, nicht? Mir ist das alles... irgendwie... über den Kopf gewachsen.
Mehdi (hört ihr verständnisvoll zu): Denkst du ich oder Gretchen oder Dr. Stier hätten das nicht verstanden?
Maria (dreht wütend ihren Kopf wieder zu ihm herum): Ach hör mir auf mit dem! Der ist doch erst an allem Schuld.

Okay!?

Mehdi (stockt im ersten Moment, dann verdreht er theatralisch die Augen): Äh... ja, das nenne ich mal eine sehr schöne Umschreibung. Weißt du eigentlich, dass er dich im Stundentakt angerufen hat? Er macht sich Sorgen.
Maria (wird plötzlich ganz blass u. schnappt nach Luft): Du... du hast ihm aber nichts gesagt? Mehdi, du hast es mir versprochen.
Mehdi (schaut auf die Monitore u. sieht, wie ihr Puls kontinuierlich nach oben steigt; er legt seine Hand beruhigend an ihre Wange): Hey! Bleib ruhig! Du darfst dich nicht aufregen. Der ganze Stress hat schon genug Schaden angerichtet. Ich hab ihm nichts gesagt, auch wenn mir überhaupt nicht wohl dabei war und ich vorhin durchaus die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Aber dennoch, er hat ein Recht darauf, es zu erfahren. Er könnte sich um dich...
Maria (trotzig dreht sie sich zur Seite u. plappert ihm dazwischen): Wozu? Er hat doch schon genug angerichtet.
Mehdi (sieht sie mit hochgezogenen Augenbrauen leicht spöttisch an): Maria! Komm!? Es gibt für alles eine Lösung. Glaub mir!
Maria (schaut ihn wieder an; ihr Blutdruck steigt und steigt): Jetzt guck nicht so vorwurfsvoll, Mehdi! Was soll ich ihm denn sagen? „Bleib von mir fern! Du machst mich krank. Du bist Schuld, dass bei mir ein Magengeschwür so groß wie Brasilien gewachsen ist.“ Toll, Mehdi, echt! Du kannst ihm ja gerne die Rechnung der Krankenkasse schicken, wenn du unbedingt willst.

Diese sture Frau, einfach unglaublich! Aber vielleicht mach ich’s ja? Also danke für den Vorschlag!

Mehdi (lässt sich nicht provozieren u. bleibt ruhig): Ich glaube, du verkennst den Ernst der Lage, Maria.
Maria (widerspricht ihm zickig): Nein, du verkennst dich, mein Lieber! Du und deine ewige Frauenverstehermanier! Weißt du eigentlich, wie sehr mich das nervt? Du... du weißt gar nichts. Rein gar nichts! Du weißt nicht, in was für einer Zwickmühle ich stecke.
Mehdi (sieht sie verständnisvoll an u. nimmt ihre Hand, die er leicht drückt): Doch! Mittlerweile, wo die Fakten auf dem Tisch liegen, verstehe ich sehr gut, Maria.
Maria (zieht ihre Hand sofort weg u. geht ihn scharf an): Es geht dich aber nichts an. Lass mich einfach, ok!
Mehdi (wird wegen ihres Starrsinns nun doch lauter, als er eigentlich will): Und ob mich das etwas angeht, Maria, sowohl als dein Freund, als auch als dein Arzt, wenn du so leichtsinnig mit deiner Gesundheit umgehst. Verdammt, es geht hier nicht nur um dich und dein verletztes Ego. Du bist verdammt noch mal nicht alleine auf dieser Welt.
Maria (hebt abwehrend den Arm): Halte bitte Sarah da raus! Ich weiß zwar noch nicht wie, aber ich werde mich mit Cedric schon irgendwie einigen. Ich werde ihr sagen, dass er ihr Vater ist und Zeit mit ihr verbringen will. Das haben wir nämlich längst geklärt, falls es dich interessiert, Mr. Neunmalklug. Alles andere, das... Ach... keine Ahnung. Mir schwirrt der Kopf. Mir wird das jetzt auch echt zu viel hier.
Mehdi (einen kurzen Moment verwirrt): Äh... ich weiß nicht, aber ich glaube, wir reden hier die ganze Zeit aneinander vorbei. Hör zu, Maria! Was ich eigentlich sagen will...
Maria (plappert ihm trotzig ins Wort): Dann lasse es doch einfach! Ich wache hier auf, nachdem ihr mir am Magen herumgeschnippelt habt, und du machst mir die ganze Zeit nur Vorwürfe, anstatt wenigstens ein bisschen Mitgefühl zu zeigen. Findest du das fair?

Fair? Ich glaube, es hakt. Es hätte sonst etwas passieren können, wenn wir dich nicht rechtzeitig behandelt hätten. Dein Leben stand auf dem Spiel, verdammt noch mal. Ich hab allen Grund, wütend zu sein. Aber vielleicht ist jetzt so kurz nach der OP nicht der richtige Moment, sie wach zu schütteln?

Mehdi: Das ist auch mein gutes Recht, dir ordentlich den Kopf zu waschen. So leichtsinnig wie du bist und mit dir umgehst. Ich bin hier schließlich nicht als dein Freund da, sondern vor allem als dein behandelnder Arzt.
Maria (zickig): Also mir ist neu, dass du dich neuerdings auf Innere Medizin spezialisiert hättest. Du hast mich aber nicht wirklich operiert oder? Dann freu dich schon mal auf das Gespräch mit meiner Anwältin. Sie hat sich auf Kunstfehler spezialisiert.
Mehdi (schaut sie sprachlos an): Du weißt es nicht oder?
Maria (kuckt ihn an wie ein Postauto): Was? Dass du nervst?
Mehdi (ihm ist überhaupt nicht nach Witzen zumute): Es hat einen guten Grund, warum ich dich bei mir auf der Gyn untergebracht habe und das nicht nur, damit nicht gleich das halbe Krankenhaus mitbekommt, dass Deutschlands renommierteste und erfolgreichste Neurochirurgin eine schlimmere Patientin ist als der Grinch persönlich.
Maria (beleidigt blitzt sie ihn an): Danke, Mehdi! Der Service auf deiner Station lässt echt zu wünschen übrig. Am besten du machst die Papiere fertig und ich kuriere mich zuhause aus. Ich bleibe nämlich keine Sekunde länger unter deiner Fuchtel.

Wenn die OP-Nähte nicht so frisch wären, ich würde sie jetzt ordentlich durchschütteln, damit endlich wieder Verstand in ihren Trotzkopf kommt. Unglaublich so was!

Mehdi (glaubt sich verhört zu haben u. poltert nun in ungewohnter Oberarztmanier ungehalten los): Du kannst es echt nicht lassen, was? Du bist gerade frisch operiert worden, Maria. Und das war keine leichte Routine-OP, das kann ich dir sagen. Das Geschwür ist während der Operation an zwei Stellen perforiert. Du hast sehr viel Blut verloren. Wir mussten dir zwei Blutkonserven dranhängen. Auch wenn deine Zickengene offenbar keinen Schaden genommen haben, du bist noch lange nicht über dem Berg. Die Entzündungen im Bauchraum sind gravierend. Deine ganzen Werte sind unterirdisch. Es hätte nicht viel gefehlt und du wärst auf der Intensiv gelandet, wofür Dr. Rössel übrigens ausdrücklich plädiert hat, wenn Gretchen und ich nicht unser Veto eingelegt hätten. Glaub mir, wie schnell das dann die Runde gemacht hätte. Deshalb hab ich dich mit zu mir genommen, weil du hier zumindest deine Ruhe haben wirst vor neugierigen Blicken der Kollegen. Also wag es nicht, auch nur auf die Idee zu kommen, dich selbst entlassen zu wollen! Ich schwöre dir, ich schleppe dich höchstpersönlich an den Haaren durch sämtliche Krankenhausflure zurück und dann landest du nicht bei mir, sondern beim Meier auf Station. Dort kriegst du garantiert keine Sonderbehandlung. Haben wir uns verstanden?
Maria (schluckt u. ist plötzlich ganz kleinlaut): Oh!
Mehdi (verschränkt zufrieden seine Arme u. lehnt sich auf seinem Stuhl zurück): Ja, jetzt bist du sprachlos, was? Du bleibst bis auf weiteres hier am Tropf. Bis wir euch wieder aufgepäppelt haben, kann schon etwas Zeit vergehen. Du wirst dich also in Geduld üben müssen. Deine Krankschreibung hab ich schon weitergereicht, damit deine Vertretung zeitnah organisiert werden kann. Erst mal zwei Wochen, dann sehen wir weiter.

Der spinnt doch! Dieser ignorante blöde, blöde Mistkerl! Ich lass doch keine Dilettanten meine Station übernehmen. Ich hab Verpflichtungen und... Moment mal! Was hat er gerade gesagt? Was soll das denn bedeuten?

Maria (verwirrt): Hast du gerade „euch“ gesagt?
Mehdi (weil sie ihm schon wieder widerspricht, redet er sich gleich wieder in Rage u. gestikuliert dabei wild mit seinen Armen in der Luft herum): Ja, natürlich! Und ich bin echt stinksauer, dass du mir auch davon nichts gesagt hast. Du kannst dir unsere Gesichter vorstellen, als wir deinen Magen geschallt haben und noch etwas anderes gefunden haben als nur ein Geschwür so groß wie Grönland. Das hat die ganze Sache natürlich verkompliziert, aber wir haben es halten können. Es geht ihm soweit gut. Mach dir keine Sorgen!
Maria (starrt ihn mit Fragenzeichen in den Augen an u. versucht sich unter Schmerzen aufzurichten): Wem? Was? Ich kann dir überhaupt nicht folgen, Mehdi. Was hat die OP verkompliziert? Oh Gott, sag nicht, ihr habt ein Karzinom gefunden? Habt ihr eine Biopsie veranlasst? Was sagen die histologischen Ergebnisse? Verdammt noch mal, rede mit mir und starr mich nicht so bescheuert an! Oder weißt du was, gib mir einfach meine Akte. Ich schau sie mir selber an.
Mehdi (jetzt kuckt er sie an wie ein Postauto u. plappert munter weiter drauflos, ohne ihre eindringlichen Fragen wirklich verstanden zu haben, die in eine ganz andere Richtung gehen als seine Gedanken): Na, dass du schwanger bist! Maria, du musst auf euch aufpassen. Gerade in dem frühen Stadium. Du kannst so nicht mehr weitermachen. Du musst deinen Stresslevel unbedingt deutlich reduzieren und vor allem solltest du wieder regelmäßig essen, wenn die Entzündungen abgeklungen sind. Ich war echt schockiert, dich so dünn zu sehen. Ich kenn dich so gar nicht. Aber weißt du was, in Absprache mit der Inneren werde ich dir einen ordentlichen Diätplan erstellen, mit dem du ganz schnell wieder auf die Beine kommst. Ich weiß, du willst das nicht hören, aber je nachdem wie schnell die Regeneration voranschreitet, würde ich dir trotzdem zusätzlich noch dringend eine Auszeit empfehlen. Keine OPs, keine Nachtschichten, keine schwierigen Patienten, kein Stress, nicht der Geringste, also vor allem kein Ärger mit... du weißt schon wem. Du musst wieder zu Kräften kommen. Du bist schließlich nicht mehr alleine unterwegs. Verstehst du mich, Maria?

Lorelei Offline

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11.04.2013 17:23
#1405 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Maria Hassmann hörte ihrem behandelnden Arzt und ungefragten Ratgeber in sämtlichen Lebens- und Leidenslagen schon längst nicht mehr zu. Bei einem Wort hatte ihr Verstand sich nämlich ausgehakt. Er hatte sich wie bei einem Computer aufgehängt und zeigte nur noch eine Fehlermeldung an. Sie schwebte in deutlichen Lettern vor ihrem inneren Auge und wurde immer größer und größer: „SCHWANGER“ stand dort in leuchtender blinkender Neonschrift auf dem schwarzen Bildschirm geschrieben. Doch die Bedeutung dieses einen simplen Wortes verstand die studierte Medizinerin nicht. Sie wollte und konnte sie nicht begreifen. Der Begriff war einfach nicht fassbar. Erst als Mehdi sich mehrmals laut räusperte und seine verstummte Patientin auffordernd mit seinen treudoofen Rehaugen ansah, reagierte sie wieder. Jedoch komplett verwirrt und von der Rolle.

Maria: Mehdi, deine Scherze waren auch schon mal besser. Findest du das passend so kurz nach einer OP?
Mehdi (kuckt sie völlig perplex an, bis er plötzlich begreift u. sprachlos seine Augen weitet): Ich scherze nicht. Ich scherze eigentlich nie. Da kannst du gerne Marc fragen, der mich in dieser Hinsicht für komplett talentfrei hält. Äh... Warte mal! Du... du hast es nicht gewusst?
Maria (sieht ihn völlig entgeistert an u. schüttelt wie ferngesteuert den Kopf): Nein! Was... jetzt... genau, Mehdi?
Ooohhh... Scheibenkleister!
Mehdi (schließt für eine Sekunde peinlich berührt die Augen, kneift sie fest zusammen u. verflucht sich dabei selbst, bevor er seine Patientin mit reumütigem Bambiblick wieder ansieht): Maria, ich... Oh Gott, und ich werfe dir das einfach so hin. Tut mir leid. Ich bin davon ausgegangen, dass du... Sorry! Das wollte ich nicht. Eigentlich gehe ich mit der Verkündung froher Botschaften sensibler um. Also noch mal von vorne. Herzlichen Glück...wunsch!?

Noch während er das aussprach, merkte der sonst so feinfühlige Frauenarzt, dass er die ganze Angelegenheit komplett falsch angegangen und sie mit seinem losen Mundwerk offenbar gleich noch verschlimmert hatte. So interpretierte er jedenfalls das eingefrorene Gesicht seiner geschockten Patientin. Mehdi rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Er traute sich kaum, Maria erneut in die Augen zu blicken. Als er jedoch ihren verwirrten leeren Blick bemerkte, mit dem sie das hässliche Gemälde an der gegenüberliegenden Wand durchbohrte und mittels unsichtbarer Röntgenstrahlen zu zerfetzen versuchte, reagierte er blitzschnell und legte seine Hand auf ihre, um ihr so seinen Beistand und seine Unterstützung anzubieten. Erschrocken von der plötzlichen Berührung seiner warmen Hand zog sie ihre jedoch sofort zurück. Die Monitore, an denen sie angeschlossen war, zeigten deutlich einen Anstieg ihres Blutdrucks und ihres Pulses an, die allmählich einen gefährlichen Bereich erreichten. Dr. Kaan bemerkte das mit sorgenvoller Miene und er lehnte sich über das Bett seiner Patientin, die den Kopf demonstrativ von ihm abgewandt hatte und nun völlig überfordert in ihren Gedanken versank. Seine „frohe“ Botschaft hatte bei ihr wie eine alles niedermetzelnde Bombe eingeschlagen. Was nicht sein durfte, konnte auch gar nicht sein, redete sie sich immer wieder voller hilfloser Verzweifelung ein, während ihr behandelnder Arzt sich vorsichtig an die apathische Frau herantastete...

Mehdi: Maria? Tut mir leid, ich... Ähm... Bitte! Du solltest dich nicht so aufregen. Das... das ist kein Weltuntergang. Mach dich jetzt nicht fertig. Du musst ruhig bleiben. Aufregung ist jetzt Gift. Du bist ungefähr in der fünften Woche, der Größe des Embryos nach zu urteilen.
Maria (ihr Kopf schießt herum u. sie sieht den besorgten Frauenarzt mit ausdruckslosen Augen an): Das kann nicht sein. Du... du musst dich irren? Vielleicht habt ihr was falsch interpretiert? Oder ihr habt nicht das ganze Geschwür erwischt?
Mehdi (sieht sie verständnisvoll an): Maria? Auf dem Gebiet bin ich nun mal der Experte. Die Bilder waren eindeutig.
Maria (windet sich aufgeregt hin und her): Nein! Nein! Das ist unmöglich. Das letzte Mal Sex hatte ich... gestern Nacht und... (sie überlegt angestrengt u. streicht sich dabei mit einer Hand über ihre schweißige Stirn) ... Silvester, aber da haben wir... verhütet.
Jedes Mal? Ich bin doch nicht so blöd, überfalle ihn und lass mir von ihm ein Kind machen. Oh Gott, nein, denk nicht mal daran! Es ist nichts passiert! Nein! Nein! Nein!

Silvester? Äh... Da hab ich doch mit ihr Schluss gemacht? ... Oh! Das sind ja mal interessante Informationen.

Mehdi (schaut sie verschämt an): Äh... So genau wollte ich es eigentlich gar nicht wissen. Aber der Ultraschall war eindeutig, das kannst du mir glauben. Gut, aufgrund deiner aktuellen körperlichen Verfassung und deiner anhaltenden Magenbeschwerden, die die Symptome höchstwahrscheinlich überlagert haben, könnte ein früherer Zeugungszeitraum auch gut möglich sein. Das werden aber dann die nächsten Untersuchungen zeigen.
Maria (schlägt sich die Hand vor die Stirn, als ihr noch etwas in den Sinn kommt): Oh Gott, nein! Nicht der Absturz nach dem Ärzteball? Ich bring ihn um. Dieser elende Mistkerl! Da nutzt der die Situation schon schamlos aus, provoziert mich in einer Tour, füllt mich ab und dann das. Muss der jedes Mal seine Gene überall verteilen? Hat der denn nichts gelernt?

Jetzt wird es aber interessant. Ich hätte nicht gedacht, dass es an dem Abend bei den beiden schon zoom gemacht hat. Wow! Das hat ja schon fast was Schicksalhaftes. Man sieht sich nach Jahren wieder, zerkratzt sich die Augen und plötzlich... wumm! Äh... Aber das sollte ich lieber für mich behalten. Sonst bringt sie mich noch um anstatt ihn.

Mehdi (schaut noch mal auf ihre Werte an den Monitoren, trägt sie auf dem Klemmbrett am Bettende ein u. hängt es anschließend wieder hin, dann räuspert er sich peinlich berührt): Maria, ich würde sagen, du ruhst dich erst einmal aus. Du hast eine anstrengende OP hinter dir und du hast jetzt so einiges zu verdauen. Ich habe morgen Frühdienst. Dann machen wir ein großes Blutbild und noch einmal einen Ultraschall. Dann wissen wir mehr. Zerbrich dir jetzt bitte nicht deinen hübschen Kopf. Alles wird gut. Ganz bestimmt.
Maria (hört ihm gar nicht richtig zu u. spricht eher mit sich selbst als zu ihm): Nichts wird gut! Ich kann doch jetzt kein Kind kriegen. Das... das geht doch nicht.

Welche Ironie des Schicksals! Jetzt sind’s schon drei. Nach meiner Süßen und Schwester Sabine. Neues Leben auf der Station, das ist toll. Was für eine magische Nacht! Hach...

Mehdi (versucht sie mit sanfter Stimme zu beruhigen, doch ohne Erfolg): Maria!?
Maria (blitzt ihn scharf an): Wenn du jetzt wieder mit deiner Zeichentheorie kommst, von wegen Universum und Schicksal und der ganze Quark, dann schwöre ich dir, ich erwürge dich auf der Stelle mit den ganzen Kabeln, an denen ich hänge, und lasse es wie einen Unfall aussehen.
Die Hormone!
Mehdi (schluckt u. weicht dann doch ehrfürchtig etwas zurück): Als dein behandelnder Arzt ist es nicht meine Aufgabe, dir ins Gewissen zu reden. Da geht es mir vor allem darum, dass du wieder zu Kräften kommst und besser auf die Signale deines Körpers achtest. Aber als dein Freund sage ich dir...
Maria (fleht ihn an): Mehdi, bitte!
Mehdi (gibt schweren Herzens nach): Okay! Okay, ich sehe schon, das bringt jetzt nicht. Du brauchst erst mal Ruhe. Die OP ist gerade einmal ein paar Stunden her. Ich sage der Schwester Bescheid, dass sie dir ein Beruhigungsmittel bringt. Dein Blutdruck ist immer noch oben, das gefällt mir nicht. Soll ich jemandem Bescheid geben?
Maria (reißt panisch die Augen auf u. der Puls steigt wieder in den Grenzbereich): Um Gottes Willen, nein! Ich will nicht, dass hier in der Klinik auch nur irgendjemand etwas von dem Vorfall erfährt.
Mehdi (verdreht die Augen, wofür er gleich einen bösen Blick u. einen Seitenhieb kassiert): Das war eigentlich nicht meine Frage. Du weißt, dass wir hier auf Station sehr diskret mit unseren Patientinnen umgehen. Schwester Sigrun und Dr. Marple haben heute Dienst und werden sich um dich kümmern.
Maria (Begeisterung sieht anders aus): Na toll!?
Mehdi (überhört ihre Skepsis wohlwissentlich): Was ist mit deinen Eltern? Soll ich Sarah später bei ihnen vorbei bringen?
Maria (wird noch blasser, als sie es eh schon ist): Nein, bitte, wenn meine Mutter mitkriegt, was los ist, dann ist hier die Hölle los und das will ich nicht mal dir zumuten.

Auch wenn du’s verdient hättest.

Mehdi (denkt kurz nach u. sieht sie dann mit einem sanftmütigen Lächeln an): Okay, dann Vorschlag, ich nehme sie den Rest des Wochenendes erst einmal mit zu mir. Ich hab unseren beiden kleinen Ladys ja versprochen, dass wir nachher noch bei den Gummersbachs auf dem Ponyhof reiten gehen. Ich glaube, sie freut sich, wenn sie noch ein bisschen bei Lilly bleiben darf. Die Ablenkung tut ihr bestimmt gut. Wenn du mir eine Vollmacht ausstellst, dann bringe ich sie morgen früh in den Kindergarten. Alles andere besprechen wir dann morgen bei der Visite. Auch wie es mit dir weitergeht. So schnell lasse ich dich nämlich nicht wieder in den OP. Du bist jetzt erst einmal zwei Wochen krankgeschrieben. Da geht kein Weg dran vorbei.
Maria (eingeschnappt ergibt sie sich ihrem Schicksal): Darüber reden wir noch. Aber trotzdem danke.
Mehdi (lächelt zufrieden u. wagt sich noch einen Schritt weiter vor): Bitte! Bitte! Und du versprichst mir, in Zukunft besser auf dich... euch aufzupassen. Auch wenn es mir nicht zusteht und ich mich jetzt wieder einmische, du kannst IHN nicht so im Regen stehen lassen. Er hat dir die ganze Mailbox zugetextet. Gib ihm wenigstens Bescheid, dass es dir gut geht. Ich glaube, er macht sich wirklich Sorgen.
War der etwa an meinem Telefon?
Maria (würdigt den Frauenversteher keines Blickes mehr): Auf Wiedersehen, Dr. Kaan.
Mehdi (schmunzelt): Schlaf dich aus! Du brauchst viel Schlaf jetzt! Wir sprechen uns dann morgen wieder. Schwester Sigrun kommt gleich und wechselt den Tropf. Dann kriegst du auch dein Beruhigungsmittel. Diesmal aber wohl dosiert.

Mehdi hatte sich die kleine Spitze nicht verkneifen können und stand jetzt auf. Er schob seinen Stuhl zur Seite, lehnte sich anschließend noch einmal über das Bettende und zwinkerte seiner schmollenden Patientin zu, die demonstrativ ihren Kopf abgewandt und damit jegliche Diskussion mit Mr. Oberschlau für beendet erklärt hatte. Leider fiel ihr Blick dadurch direkt auf ihr Smartphone, das verlockend auf dem kleinen Beistellschränkchen neben ihrem Bett lag und regelrecht nach einer Benutzung durch ihre zarten Chirurgenhände rief. Sie lugte vergewissernd zur Tür. Oberlehrer Kaan hatte ihr Zimmer zum Glück endlich verlassen. Und die Nachtschwester, die für ihre Trantuddeligkeit bekannt war, war auch noch nicht in Sicht. Sie war also ungestört. Allein mit sich, ihren durcheinander geratenen Gedanken und einer vollen Mailbox Stierscher Wortbeiträge.

Maria zögerte nicht und schnappte sich ihr Handy. Die Neugier, ob Rick vielleicht doch irgendetwas mitbekommen haben könnte, war einfach größer als die Angst vor seiner Reaktion wegen ihres unentschuldigten Fernbleibens. Sie war fassungslos, als sie einen scheuen Blick auf das Display warf. Dreizehn Anrufe in Abwesenheit und eine Sms. Alle von demselben Absender. Der war doch komplett verrückt geworden! Das grenzte doch schon fast an Stalking, was er da mit ihr veranstaltete. Aber was wunderte sie das? Der Idiot stellte ihr doch schon seit Wochen nach. Seit jener verhängnisvollen Nacht vor neun Wochen um genau zu sein, als sie zum ersten Mal seit dem Scheidungstermin vor vier Jahren aufeinander geprallt waren. Er war ja sogar ungebeten in Göberitz aufgekreuzt, weil er es vor lauter Ungeduld nicht mehr ausgehalten hatte. Hätte sie ihm doch bloß nicht dieses bescheuerte Versprechen gemacht? Und woher wusste eigentlich Mehdi das mit den Anrufen? Er hatte doch nicht etwa...? Dieser miese indiskrete Arsch! Von wegen Frauenversteher! Der hatte es mindestens genauso faustdick hinter den Ohren wie ihr Stalker. Seine Bevormundung konnte sich Mehdi sonst wohin stecken. Sie würde nicht länger als nötig hier bleiben und sich ausgerechnet von ihm Vorhaltungen anhören, sie müsse jetzt besser auf sich und ihr Kind aufpassen. Tzz... Maria stockte der Atem. Ihr Kind! Ein Kind! Cedrics Kind! Ihr Herz fing nun gefährlich zu rasen an, als sie das endlich realisierte.

Lorelei Offline

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15.04.2013 17:04
#1406 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Es dauerte eine Weile, bis sich die schwangere Oberärztin wieder einigermaßen beruhigt hatte, ohne dass sie hyperventiliert hatte, wobei sie schon sehr nah daran gewesen war, und die Monitore dementsprechend Alarm geschlagen hätten. Denn wenn sie sich weiterhin so sehr aufregen würde, würde auf kurz oder lang jemand hier in ihrem Zimmer aufschlagen. Das war so sicher wie Mehdis Instinkt Frauen und deren Problemen und Neurosen gegenüber. Und das war das Letzte, was Maria Hassmann nach den oberlehrerhaften Ansagen des offiziellen Frauenverstehers des EKH jetzt gebrauchen konnte. Sie wollte alleine sein. Nachdenklich drehte die frisch operierte Frau ihr Telefon hin und her, das sie noch immer fest umklammert in ihren Händen hielt. Sie starrte wie paralysiert auf das Display, auf dem Cedrics selbstgerecht lächelndes Konterfei sie regelrecht durchbohrte, als wüsste es ganz genau, was Sache war, und fuhr sich gleichzeitig mit ihrer freien Hand über ihren anhaltend zwickenden Bauch, der von dicken Mullbinden umwickelt war, die an allen Ecken und Enden juckten und sie noch zusätzlich wahnsinnig machten. Dr. Hassmann war müde und kaputt, ihr war schlecht und sie hatte tierische Kopfschmerzen, was nicht gerade angenehm war, wenn man so sehr grübelte, wie sie es gerade tat, um möglichst objektiv akribisch sämtliche Fakten zusammenzutragen. Das konnte doch alles nicht wahr sein, verzweifelte sie so langsam. Wo war nur die verdammte versteckte Kamera, wenn man mal eine gebrauchen konnte?

Maria zögerte daher, die Nachrichten ihres „Stalkers“ aufzurufen, weil sie nicht so recht wusste, was sie dann erwarten würde, wenn sie tatsächlich seine markante Stimme hören würde. Sie hatte Rick etwas versprochen und sie hatte ihr Versprechen nicht gehalten. Unverschuldet! Obwohl, im Nachhinein betrachtet, hatte sie schon gewusst, dass sie die Signale ihres Körpers, die sie bis zu einem gewissen Grad richtig gedeutet hatte, nicht hätte ignorieren dürfen. Aber sie hatte es getan, weil sie so eine - in ihren Augen - Lappalie genauso wenig gebrauchen konnte wie den ewigen Zwiespalt, ob sie sich erneut mit Haut und Haaren und allen Konsequenzen auf den Vater ihrer kleinen Tochter einlassen und Sarah alles sagen sollte. Kein Wunder, dass ihr der ganze Stress und das ewige Hin und Her ein riesiges Geschwür beschert hatte. Dass es letztendlich so gekommen war, hatte Maria so in dem Ausmaß natürlich nicht gewollt und noch weniger das, was sich bei der Untersuchung noch zusätzlich herausgestellt hatte. Das war eine absolute Katastrophe. Der Supergau. Der Eisberg, der die „Titanic“ ins Verderben gestürzt hatte. Es konnte, nein, es durfte einfach nicht sein. Einen kleinen Funken Hoffnung hegte die Medizinerin noch, dass sich ihr sehr geschätzter Kollege Kaan vielleicht doch verkuckt haben könnte. Das konnte doch jedem guten Arzt einmal passieren, selbst wenn er den besten Ruf in ganz Berlin/ Brandenburg innehatte. Und trotzdem, je länger sie darüber nachdachte und sich den Kopf zermaterte, was in jener verhängnisvollen Nacht im Dezember wohl so gravierend schief gelaufen sein könnte neben der Tatsache, dass sie sich überhaupt erst nicht auf ihn hätte einlassen dürfen, desto mulmiger wurde ihr zumute. Was war, wenn Mehdi Recht behielt?

Um ehrlich zu sein, sie war vollkommen fertig mit sich und der Welt. Ihr unmöglicher Exmann hatte sie doch schon allein mit seiner bloßen Anwesenheit und der Zuschaustellung seines Astralkörpers und seines verdorbenen Charakters in eine extrem missliche Lage gebracht. Sie hatte so lange mit sich gerungen, hatte ihn abgewehrt, ignoriert und tausendmal verflucht und zum Teufel gejagt. Sie hatte sich sogar mit attraktiven Männern abgelenkt, die wesentlich mehr Charakter und Anstand besaßen als ihr neuer Mitarbeiter auf ihrer Station, der das Arbeitsklima dort genauso verpestete wie sein Aftershave, das sie unter Hunderten wieder erkennen würde. Nichts hatte gegen diesen verdammten Virus geholfen, der mir nichts dir nichts trotz heftiger Gegenwehr von ihrem gesamten Körper Besitz genommen hatte. Sie hatte ihren hilflosen Widerstand schließlich aufgegeben, war tatsächlich auf ihn zugegangen und war nun sogar zu Zugeständnissen in Sachen Sarah bereit gewesen, weil sie ihm seine Tochter nun mal nicht mehr länger vorenthalten konnte und auch nicht mehr wollte. Sie hatte sich in das Bild von den beiden verliebt und in die Idee, was wäre wenn. Das hatte sie sich letztendlich auch selbst eingestanden. Und jetzt passierte das! Er hatte ihr nicht nur ihre Selbstachtung genommen, nein, er hatte sie auch noch geschwängert! Konnte er seine steinzeitlichen Triebe nicht anderweitig ausleben? Oder zumindest verhüten, wenn er alkoholisiert mit einer Frau zu Gange war? Nein, natürlich musste der elende Macho sein Testosteron überall verteilen, als wäre es eine Riesenleistung, so potent zu sein wie er. Widerlicher Drecksack! Sie hätte ihn damals einfach blutend vorm Haus liegen lassen sollen, als er sie so sehr bedrängt und provoziert hatte, dass sie ihm die Haustür schwungvoll gegen die Nase geklatscht hatte. Nein, sie hätte gleich gar nicht in seinen Wagen steigen und sich von ihm nach Hause kutschieren lassen sollen. Sie wusste doch, dass das Unheil bedeuten würde. Genauso wie sie das Unheil regelrecht gesucht hatte nach der verletzenden Abfuhr von Mehdi an Silvester. Gott, sie war keinen Deut besser als er! Sie schlug sich die Hände vors Gesicht. Verdammt, das konnte doch alles nicht wahr sein, dachte Maria voller Verzweifelung. Was sollte sie denn jetzt nur machen?

Noch ein Kind war das Letzte, was sie gewollt hatte, wo sie doch bis gestern noch nicht einmal IHN in ihrem Leben gewollt hatte. Sie hatte doch komplett andere Pläne für ihre Zukunft. Jetzt, wo Sarah endlich in die Schule kam und damit aus dem Gröbsten raus war, wollte die ehrgeizige Neurochirurgin sich eigentlich endlich wieder ganz auf ihre Karriere konzentrieren. Das Konzept für ihre Forschungsarbeit stand schon fertig abgespeichert in ihrem Kopf und musste nur noch abgetippt werden. Sie hatte so viele Ideen. Sie hatte endlich wieder gespürt, warum sie überhaupt Ärztin geworden war. Sie wollte Großes schaffen, Wunder ermöglichen, vielleicht irgendwann endlich Alzheimer heilen. Und mit dem Angriff auf ihre eigene Habilitation wollte sie auch dem Meier noch ein Schnippchen schlagen und vor ihm Professorin werden. Klar wusste sie, dass ihre Chancen auf den freiwerdenden Chefarztsessel im EKH gering waren, wo sich die Beziehung des Egomanen mit dem Professorentöchterlein überraschenderweise als recht stabil herausgestellt hatte und er nach dem grandiosen Eingriff bei Anna Kaan auch ihr mal wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte, dass er fachlich wirklich etwas auf dem Kasten hatte und den Job mindestens genauso verdient hätte wie sie selbst, was sie dem Meier natürlich niemals unter die Nase reiben würde. Aber Maria hatte den Ergeiz es zumindest zu versuchen. Der Anbau und die Umgestaltung der chirurgischen Abteilungen des Elisabethkrankenhauses, die mittlerweile konkret wurden, würden auch ihr einen interessanten Posten einbringen. Sie würde die Neurologie ganz nach ihren Vorstellungen umgestalten, forschen, operieren, heilen. Das war alles, was sie im Leben neben dem Zusammensein mit ihrer schlauen Tochter wollte.

Ihren Traum würde sie sich nicht von einem Cedric Stier oder einem Kind wegnehmen lassen. Wofür hätte sie denn sonst in den letzten Jahren so hart kämpfen müssen? Sicherlich nicht für die plötzliche Gründung einer Großfamilie, die sie ja dann theoretisch wären, wenn sie seine andere Tochter mit dazurechnen würde, die ja ebenfalls noch ein Kleinkind war und die, so süß sie auch war, für alles stand, was er ihr damals angetan hatte. Oh Gott! Zwei Kleinkinder, ein lernwütiges Schulkind und ein Mann, der noch im Teenageralter stecken geblieben war! Das war alles viel zu kompliziert und komplex und völlig verrückt. Sie war Mitte Dreißig. So langsam wurde sie auch mit der großen Vier konfrontiert. Sie konnte doch nicht noch mal mit allem von vorne anfangen? Wütend schmiss sie ihr Handy auf die gelb-weiß gestreifte Bettdecke und verschränkte, so gut es mit den Schläuchen an ihrer Hand eben ging, ihre Arme vor ihrer Brust. Sie hätte sich niemals wieder auf ihn einlassen dürfen. Er hatte alles auf den Kopf gestellt. Mit seinem Auftauchen aus dem Nichts, mit seinem provozierenden Verhalten und seinem Job hier am EKH, ihrem zweiten Zuhause, wo sie sich bis jetzt eigentlich immer wohl gefühlt hatte, mit seinen beharrlichen Flirt- und Verführungsversuchen und mit seinen stillen Forderungen ihr und Sarah gegenüber. Warum hatte sie sich dem nicht erwehren können? Wieso zog es sie nur immer wieder zu ihm, obwohl sie genau wusste, was für ein Arschloch er war, ob geläutert oder nicht? Warum nur musste sie sich wieder in diesen Idioten verlieben und ihm glauben, dass er es vielleicht doch ernst mit ihr und Sarah meinen könnte, dass er sich verändert hatte und endlich erwachsen geworden war? Wieso war er ständig in ihrem Kopf wie ein inoperabler Tumor? Warum konnte sie ihn nicht einfach dafür hassen, was er ihr angetan hatte? So wie früher, als ihr Rick-Abwehrradar noch vortrefflich funktioniert hatte. Wieso hatte sie es nur so weit kommen lassen? Warum verdammt noch mal? Völlig außer sich vor Wut und stiller Verzweifelung blickte Maria wieder auf das kleine Telefon auf ihrer Bettdecke und starrte es eine Weile regungslos an, dann nahm sie es doch in die Hand und drückte nach kurzem Zögern die Taste, um die Mailbox abzuspielen, auf der Cedric seine unvergleichliche arrogante selbstverliebte unwiderstehliche sexy Machostimme hinterlassen hatte, die ihr mit dem ersten Ton sofort wieder eine Gänsehaut bescherte.......

Lorelei Offline

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19.04.2013 17:24
#1407 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Erste neue Nachricht (20.04 Uhr):
Bloody Mary, Bloody Mary! Du riskierst viel, weißt du das eigentlich? Hast du etwa gerade tatsächlich aufgelegt? Wie unerzogen von dir! Das findet der Dr. Stier aber gar nicht nett. Wir waren noch nicht fertig miteinander. Aber gut, eigentlich stehe ich ja drauf, wenn du die dominante Widerspenstige gibst. Behalte das bitte für später bei! Aber, und das lass dir gesagt sein, in meine Operationsmethoden lasse ich mir nicht reinreden. Auch von dir nicht und wenn du noch so gut bist! Verstanden? So und jetzt sieh zu, dass du da wegkommst. Du willst doch gar nicht dort sein im Vorort zur rosaroten Hölle. Ich kenn dich doch. Also bis später! Ich muss jetzt auflegen, da vorn ist die Autobahnabfahrt.


Zweite neue Nachricht (20.20 Uhr):
Hey Baby, ich bin’s noch mal. Ich bin gerade im EKH angekommen und mache mich jetzt auf den Weg in den OP. Es wird keine zwei Stunden dauern, denke ich. Warte einfach in meinem Büro! Die Tür steht immer offen für dich. Ich freu mich. Ach und... falls du noch dort bist und falls es erlaubt ist, gib ihr einen Kuss von mir. Ich hoffe doch, sie lässt dich gehen? Ich bin echt gespannt, was sie diesmal angestellt hat, so durcheinander wie du vorhin am Telefon warst. Oh! Ich muss. Mein Team wartet. Also Ciao! Ciao!


Dritte neue Nachricht (22.07 Uhr):
Ich bin Gott! Habe gerade meine eigene Bestzeit unterboten. By the way, wo liegt eigentlich deine? Wahrscheinlich weit unter meiner! Okay, okay, ich hör schon auf zu schleimen. Ich schaue eben noch auf die Werte des Patienten im Aufwachraum und mache den Bericht fertig. Dann komm ich hoch. Ich hoffe, du wartest noch nicht allzu lange? Obwohl... hmm... eine ungeduldige Mary mich natürlich total anheizen würde. Ja, ja, ich höre schon auf! Bis gleich, Baby!


Vierte neue Nachricht (22.26 Uhr):
Ignorierst du mich etwa? Geh doch mal ran! Ich weiß gar nicht, woran ich bin. Oder ist das wieder so eine Masche von dir, um mich scharf zu machen? Tja, ich muss dir sagen... Es funktioniert! Aber was ich eigentlich sagen wollte, es dauert hier unten noch etwas. Es gab gerade eine kleine Komplikation. Ich muss ihn noch mal aufmachen. Gib mir zwanzig Minuten!


Fünfte neue Nachricht (23.12)
Sorry, es hat doch etwas länger gedauert als gedacht. Der alte Rössel hat mich noch vollgequatscht, gerade als ich in den Aufzug steigen wollte. Langweilt sich wohl? Nachtschichten sind nun mal ätzend. Aber wem sag ich das? Wenn sein Pieper nicht angegangen wäre, wäre ich immer noch in seiner Gewalt. Tja, offenbar bist du noch nicht im Haus. Ich war gerade oben kucken. Ich gehe schnell duschen und warte dann im Büro auf dich. Beeil dich! Jetzt bin ich wohl der Ungeduldige. Schuldig im Sinne jeglicher Anklage!


Sechste neue Nachricht (23.22 Uhr):
Hey? Maria, wo steckst du? Du bist doch schon vor einer Ewigkeit losgefahren oder etwa nicht? Die Straßen nach Berlin waren eigentlich alle gut geräumt. Fahr trotzdem vorsichtig! Und meld dich endlich mal! Damit ich weiß, wo du gerade bist. Oder bist du etwa schon zu mir gefahren? Hast du überhaupt meine Nachrichten gekriegt? Klar, blöde Frage, sonst würde deine Mailbox ja nicht anspringen. Hör sie endlich ab! Okay, ähm... Soll ich uns Pizza bestellen? Oder willst du lieber an etwas anderem naschen? Zur Klärung dieser wichtigen Fragen ruf mich bitte zurück! Und falls du nicht weißt, wer gerade deine Mailbox mit zig Nachrichten zutextet, hier ist dein sehr, sehr ungeduldiger Rick. Aber nicht dass du jetzt denkst, ich hätte Sehnsucht oder so was Bescheuertes, ich will nur endlich weg aus diesem Irrenhaus, das sich Krankenhaus nennt.


Siebte neue Nachricht (23.34 Uhr):
Auch für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich jetzt doch ein wenig ungeduldig klingen mag, wo bleibst du denn so lange? Muss ich mir Sorgen machen? Ich packe hier jetzt zusammen und verschwinde in der Umkleide. Also falls du mich suchst, ich warte jetzt da. Beeil dich bitte! Gerade ist ein RTW vorgefahren und ich hab keinen Bock, jetzt noch zu ner OP hinzugezogen zu werden. Also frag nicht nach mir, ich bin offiziell schon gegangen. See you!


Achte neue Nachricht (23.49 Uhr):
Okay, so langsam werde ich jetzt echt SAUER. WIESO MELDEST DU DICH NICHT? Was soll denn das? Ich weiß nicht, ob das wieder eines von deinen Spielchen ist. Wenn ja, finde ich es echt scheiße von dir. Ich dachte, wir wären uns nach letzter Nacht endlich einig geworden, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Ich will das auch nicht mehr. Das Einzige, was ich will, BIST DU, verdammt noch mal. Wann kapierst du das endlich? Weißt du, mir wird das jetzt echt zu blöd hier. Ich fahre jetzt nach Hause. Also spar dir den Umweg übers EKH und komm gleich in die Lärchengasse. Ich bleibe auf jeden Fall wach und dann reden wir Tacheles. Hast du verstanden? Ich hab dir so einiges zu sagen und das wird kein Spaziergang. Übrigens hab ich gerade deinen Ex-Lover getroffen. Der Streber scheint schon wieder Dienst zu haben? Also kannst du die Ausrede, du hättest von der Hochzeit der Außerirdischen nicht eher weg gekonnt, getrost vergessen. Da musst du dir schon was Besseres überlegen, Bloody Mary. Also komm in die Puschen, du stures Weibsbild!


Neunte neue Nachricht (0.21 Uhr):
Ich bin echt wütend, nein, enttäuscht und wütend. Warum lässt du mich so hängen? Ich dachte, ich hätte vorhin vorm Hotel etwas gespürt. Und nachdem du auch gleich zurückgerufen hast, war ich mir fast sicher, dass ich richtig empfunden habe. Wir waren doch auf einem guten Weg. Wieso kannst du es nicht endlich zulassen? Bin ich echt so scheiße? Ja, ich bin scheiße und vielleicht hab ich es auch nicht anders verdient, so behandelt zu werden. Ich hab so viel Bockmist gebaut, dass es für zwei drei Leben reichen würde, aber ich hab mich entschuldigt. Ich bereue alle falschen Entscheidungen von damals. Und das weißt du. Niemand kennt mich so gut wie du. Also was soll das jetzt? Wieso zögerst du schon wieder? Ich weiß doch, dass da etwas zwischen uns ist. Das war immer da und wird auch immer da bleiben. Du kannst nicht ewig davor wegrennen. Also komm endlich zu mir! Wir müssen endlich reden. Keine Spielchen mehr! Ich bin jetzt zuhause.


Zehnte neue Nachricht (0.54 Uhr):
Okay? Ich habe mir gerade eine ganze Flasche Burgunder hinter die Binde gekippt, du weißt schon der, der so schön durchknallt, und so langsam kommt mir ein Verdacht. Vielleicht ist es auch der Alkohol oder mein sensibles Chirurgengespür. Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist es ein komisches Dings ähm... Gefühl. Ein mulmiges Gefühl. Du würdest mich doch anrufen, wenn dir etwas zugestoßen ist oder? Ruf an! Oder bitte jemanden, für dich anzurufen! Scheiße, verdammt, ich mache mir echt Sorgen.


Elfte neue Nachricht (1.12 Uhr):
Jetzt brennt echt die Luft, Mary! Ist dir etwas passiert? Hast du deinen Wagen um nen Scheißbaum gewickelt und liegst jetzt irgendwo hilflos in der brandenburgischen Pampa? Oh Gott! Scheiße! Meld dich verdammt noch mal! Ich ruf jetzt bei den Bullen an. Ich kann nicht mehr warten. Das ist eine verdammt kalte Nacht und es schneit schon wieder. Als Frostleiche nehme ich dich nämlich nicht zurück.


Zwölfte neue Nachricht (1.59 Uhr):
Danke, Bloody Mary, wegen dir hab ich jetzt eine Anzeige wegen nächtlicher Ruhestörung, Missbrauchs des Notrufs und Beamtenbeleidigung am Hals. Es gab weder einen Unfall, noch sonstige Vorkommnisse auf der Strecke Göberdings-Berlin. So eine ruhige Nacht hatten sie den ganzen langen Winter noch nicht, ham die gesagt und mich abgewürgt. Die im Hotel, die ich extra rausgeklingelt hab, wussten auch von nichts. Ich hab jetzt aus lauter Frust die zweite Flasche aufgemacht und so langsam wird mir wasch klar. Du verscheckst disch vor mir! Oder du lachscht dir gerade ins Fäuschtchen, wie dämlisch isch doch bin? Isch weisch es nischt. Warum nur, warum nur tuscht du mir dasch an? Kannscht du mir dasch sagen? MARY??? Scheiße, jetscht isch mir die olle Flasche auf’n Teppich geflutscht. Was schilft noch mal bei Rotweinfleschen? ... Tut... Tut... Tut...


Dreizehnte neue Nachricht (5.22 Uhr):
Okay, du hast gewonnen. Gratuliere! Und wenn du jetzt denkst, der ist doch immer noch total besoffen. Nein, ich bin stocknüchtern und sehe klarer als klar. Ich hab’s dir echt bis zum Schluss abgenommen. Diese stille Sehnsucht in deinem Blick, die Lust, die brodelnden Gefühle, alles. Und ich hab vor dir die Hosen runtergelassen. Nicht nur im wörtlichen Sinne! Ich hab komplett blankgezogen, verstehst du? Weil ich dich... weil... VERDAMMT NOCH MAL, ICH LIEBE DICH! Aaahhh... mein Schädel! Das war’s echt nicht wert! Ich hoffe, du genießt deinen Triumph, Mary? Wahrscheinlich hast du all die Jahre darauf gewartet. Jetzt hast du endlich die Gelegenheit gekriegt und sie schamlos ausgenutzt, um es mir heimzuzahlen. Jetzt weiß ich auch, wie es sich anfühlt. Und es ist ein Scheißgefühl. Dabei hab ich echt geglaubt, wir würden es noch mal hinbekommen. Allein dieser Gedanke hat mich oben gehalten nach der ganzen Scheiße, die mir und Chenny passiert ist. Weißt du das eigentlich? Aber wahrscheinlich willst du das gar nicht wissen und lachst dir gerade wirklich ins Fäustchen. Da du dich auf keine meiner Nachrichten, auch nicht auf meine Sms, gemeldet hast, die ich dir in geistiger Umnachtung geschrieben habe, als ich schon drei Flaschen von unserem Lieblingsburgunder intus hatte, die ich extra für besondere Momente aufgehoben hatte, hab ich endlich verstanden. Tut mir leid, wenn ich dich belästigt habe. Ich werde euch in Ruhe lassen. Ein für alle mal. Schönes Leben noch. Aber vielleicht denkst du ja irgendwann einmal daran, was hätte werden können. Wir wären groß gewesen. Du, ich und die Kinder.


Sms (2.24 Uhr):
Wo bischt du? Ich warte schon sooooooooo lange auf dich. Wieso kommst du nicht? Liebst du mich denn nicht auch so sehr wie ich dich? Ich dachte wirklich, ich hätte es gestern gespürt. Und du hättest es auch gespürt? Du bischt kein Abenteuer für mich, auch wenn der Sex mit dir immer ein aufregendes Abenteuer ist. ;-) Aber vielleicht bin ich auch nur ein verliebter Narr? Kannst du mir das sagen, Bloody Mary? Bin ich ein Narr? Hab ich mir all das nur eingebildet? Rede endlich mit mir! Du fehlst mir sooooooooooo!!! Ich kann nicht mehr ohne disch! Dein Ricky. PS: Isch hab den Fleck rausgekriegt. Isch hab Pfeffer draufgestreut. Jetzt hat er sogar ein Muster.



Schon längst hatte sich ein dicker Tränenschleier auf ihre rot unterlaufenen Augen gelegt, als Maria nach all den Botschaften auf ihrer überquellenden Mailbox auch noch Cedrics verzweifelten letzten SMS-Appell gelesen hatte. Nicht er war der Narr, sie war es! Sie war so eine Idiotin. Die größte Volldeppin der Nation um genau zu sein. Und sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was sie jetzt tun sollte, weder was ihn, noch was sie selbst betraf. Sie wusste nicht, was gut und richtig war. Sie wusste gar nichts mehr. Die überforderte Ärztin lehnte sich zurück und weinte sich aus lauter Kummer und Verzweifelung in ihr Kissen, umklammerte dabei ihr Telefon wie ein Stofftier ihrer Tochter, wobei sie aus Versehen unbemerkt auf die Wahlwiederholung drückte. Sie registrierte auch nicht, wie eine freundliche Krankenschwester vorsichtig ihre Infusionsbeutel wechselte und die still vor sich hin weinende Frau nach einem letzten fürsorglichen Blick wieder verließ. Mit tausend wirren Gedanken im Kopf schlief Dr. Hassmann schließlich völlig erschöpft ein und fand somit dank des Beruhigungsmittels zumindest vorläufig ein bisschen Ruhe von ihrem chaotischen Leben, das nur eine einzige Nacht einmal komplett von links nach rechts umgekrempelt hatte. Der übernächtigte Mann am anderen Ende der Leitung reagierte jedoch ziemlich perplex auf Marias überraschenden morgendlichen „Rückruf“, als er nach langem Zögern doch abnahm und lediglich Marias kontinuierliches Atmen in der Leitung vernahm...

Cedric: Maria? JETZT rufst du an? Was denkst du dir ei... Hallo? ... Was zum...? Hä? ... Mary? ... Verarschst du mich etwa schon wieder? ... Jetzt sag endlich was, sonst leg ich auf! ... Äh... Sag mal, schnarchst du etwa? ... Mary, Mary, was soll ich bloß mit dir machen, du stures Weibsbild? Wenn ich nur wüsste, was in dir vorgeht? Wenn ich das nur wüsste... Falls ich ähm... vorhin etwas überreagiert haben sollte, dann tut mir mein schroffes Verhalten leid. Ich kann einfach nicht anders. Du lässt mich nicht los. Trotz des lauten Sägens in der Leitung. Im Moment könnte ich mir kein schöneres Geräusch vorstellen und ich... ich hör dir einfach noch ein bisschen zu, bis... ich... wieder... *schnarch* ...


http://www.youtube.com/watch?v=PBZfCmlRIVs

Lorelei Offline

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22.04.2013 17:14
#1408 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Etwa zur gleichen Zeit auf derselben Station

Nach einer unplanmäßigen Nachtschicht an seinem einzigen freien Wochenende in diesem Monat und einem recht aufreibenden Zickenkampf mit einer uneinsichtigen Patientin, die gleichzeitig auch Oberärztin und damit noch die doppelte Steigerung einer Medizinerin als Patientin war, wollte Dr. Mehdi Kaan jetzt nur noch seinen wohlverdienten Feierabend einläuten. Er hatte auf dem Weg zu seinem Büro noch kurz am Automaten gestoppt und sich einen Schokoriegel geholt, den er nach einem Zwischenhalt im Stationszimmer, wo er die Dienstpläne für die kommende Woche studiert hatte, nun beim gemächlichen Gang über den langen dunklen Flur der Chirurgie und dann der Gynäkologie in seinen Mund schob und ihn genüsslich auf seiner Zunge zergehen ließ. Genau das hatte er jetzt gebraucht. Eine Dosis feinster Vollmilchschokolade, um seine Batterien wieder aufzuladen. Emotionaler Stress in diesen Dimensionen trieb ihn nämlich immer zu seinem Schokoladenversteck, das aber irgendwer während seiner zweiwöchigen Abwesenheit heimlich geplündert haben musste, wie er vorhin enttäuscht hatte feststellen müssen, als er nach Marias OP schon einmal mit Gretchen danach gesucht hatte, die sich dann aber schnell von ihm verabschiedet hatte und nach Göberitz aufgebrochen war, um Marc bei den Kindern abzulösen. Aber zum Glück gab es ja den reichlich gefüllten Schokoautomaten in der Cafeteria, der ihm ausgeholfen hatte, denn die Kantine selbst war zu dieser frühen Stunde und an einem Sonntag noch unbesetzt gewesen.

Mit einem zufriedenen Lächeln auf seinen schokoladenverschmierten Lippen blickte der Schokoholiker noch durch die große Glasscheibe, hinter der sich die Neugeborenen befanden, die in den letzten Tagen geboren worden waren und nun friedlich vor sich hin schliefen, und betrat, nachdem er sich seinen Schokomund mit einem Taschentuch abgewischt hatte, anschließend frohgemut sein gegenüberliegendes Sprechzimmer. Er wollte sich nur noch schnell der OP-Kleidung entledigen und sich umziehen, um dann nach Hause fahren zu können, wo er sich noch ein paar Stunden bei seiner Liebsten ausruhen wollte, ehe auch er und Gabi erneut nach Göberitz aufbrechen würden, um die Kinder und seinen Wagen abzuholen, der nach dem Notfall mit Maria dort liegen geblieben war. Also schaltete der entschlossene junge Mann in dem weißen Arztkittel das Licht in seinem Büro ein, marschierte schnurstracks auf seinen Schreibtisch zu und legte dort die Akte seiner widerspenstigen Patientin Hassmann in der Ablage ab. Als Mehdi gerade in einem seiner Schränke nach seinen Wechselsachen suchte, die er dort nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub aus reiner Zeitnot deponiert hatte, weil er gleich an seinem ersten Arbeitstag in den ersten fünf Dienstminuten zu einer Drillingsgeburt gerufen worden war, vernahm er ein Geräusch hinter sich. Erschrocken drehte er sich um und stutzte, als er um die Ecke schaute und dort eine ihm sehr vertraute Person auf der Patientenliege liegen sah, die sich gerade gemächlich aufrichtete und ihn verschlafen anlächelte. Hingerissen von ihrem zauberhaften Anblick kam Mehdi auf die hinter vorgehaltener Hand gähnende Frau zu und blieb direkt vor der schmalen Liege stehen, von der Gabi Kragenow ihre schlanken in schwarzes Nylon gehüllten Beine herunterbaumeln ließ, während sie weiterhin die blaue Wolldecke mit dem Bärchenmuster fest um ihre nackten Schultern schmiegte, weil es nur in ihrem dünnen dunkelblauen Abendkleidchen doch recht kalt in Mehdis Praxis war.

Mehdi (völlig überrascht): Maus, was machst du denn noch hier? Ich dachte, du bist mit dem Taxi nach Hause gefahren? Ich hab doch die Nachtschwester gebeten, dir eins zu rufen.
Gabi (schüttelt den Kopf u. lächelt ihren Liebsten verlegen an): Ich wollte bei dir sein, also... in deiner Nähe bleiben.

Mehdis Herz schlug gleich ein paar Takte schneller, nachdem seine bildhübsche Freundin ihm dieses zuckersüße Geständnis gemacht hatte. Lächelnd trat der verliebte Mann an sie heran, stellte sich zwischen ihre herunterbaumelnden Beine, legte beide Hände, mit denen er sich zunächst links und rechts von ihr auf der Liege abgestützt hatte, an ihre zart geröteten Wangen, streichelte diese mit kreisenden Daumenbewegungen und blickte ihr dabei eine Weile tief in ihre ihn anfunkelnden grünen Augen, um ihren Kopf anschließend zu einem zärtlichen Kuss heranzuziehen, den beide sehr genossen.

Mehdi: Ach Süße! Du bist mir vielleicht eine. Geht’s dir denn wieder besser?
Gabi (grient ihren verträumt dreinblickenden Freund verschmitzt an u. schürzt verführerisch ihre roten Lippen): Hmm! Mehr!
Mehdi (lächelt die sinnliche Frau verliebt an u. gibt ihr einen weiteren intensiven Kuss auf die Lippenspitzen): Mehr? Wie könnte ich diesem verlockenden Wunsch je widerstehen?
Gabi (legt ihre Arme locker um seinen Nacken, wodurch ihre Decke von ihren Schultern rutscht, u. schaut ihren Traummann einfach nur verträumt an, als er seine Lippen von ihren löst): Noch mehr! So wird man doch gerne geweckt. Das sollten wir ab sofort als tägliches Ritual einführen.
Mehdi (kann nicht widerstehen, sie erneut zu küssen; danach sieht er sie mit einem leichten schlechten Gewissen an): Stimmt! Nachdem unser Valentinstagsdate ganz schön durcheinander gewirbelt worden ist.
Gabi (schmiegt ihren Oberkörper an ihn heran; er verschränkt seine Hände hinter ihrem Rücken): Tja, das ist wohl mein ewiges Schicksal, wenn ich mir schon unbedingt einen Arzt einfangen möchte.
Mehdi (grinst sie über beide Backen an): Möchtest du also?
Gabi (flirtet ihn mit einem verführerischen Augenaufschlag an, so dass ihm beinahe schwindelig wird): Hab ich doch schon längst.
Mehdi (schmunzelt völlig hingerissen von dieser verführerischen jungen Frau): Ich bin froh, dass du nicht enttäuscht bist. Glaub mir, ich hab mir das auch anders vorgestellt. Aber wir holen das einfach nach. Versprochen!

Gabi (legt ihre warme Hand an seine Wange u. streichelt mit kreisendem Daumen über seine Augenringe): Schon gut, aber ich nehme dich gerne beim Wort. ... Wie geht’s ihr?
Mehdi (seufzt u. man spürt deutlich, wie die Anspannung von ihm abfällt): Es ist alles gut gegangen. Sie war auch schon wach und hat ihre Krallen ausgefahren.
Gabi (runzelt die Stirn, verdrängt aber das mulmige Gefühl in ihrem Bauch): Verstehe.
Mehdi (beobachtet sie verwundert): Was ist?
Gabi (errötet ertappt, als sie ihm kurz in die Augen schaut, wieder wegguckt u. ihn dann doch wieder scheu ansieht): Nichts! Nichts! Es ist nur... Sei bitte nicht böse, wenn ich dich das jetzt frage, aber ich muss das einfach wissen.
Mehdi (irritiert): Okay!? Was denn?
Gabi (ihr wird ganz schlecht, als sie ihre Gedanken in Worte fasst): Naja!? Ich ähm... hab die Bilder ja gesehen, bevor ich zum Kotzen aufs nächste Klo verschwinden musste, weil mir die Desinfektionsmittel im Schockraum nach der ruckeligen Fahrt über Berliner Kopfsteinpflaster im RTW und Gretchens fürchterlichem Fahrstil einfach den Rest gegeben haben. Und eure perplexen Gesichter waren ja auch nicht zu übersehen, wie ihr euch gegenseitig angeschaut und euch gefragt habt, ob ihr das jetzt richtig gedeutet oder ob ihr zu der späten Stunde schon Halos habt. Ich meine, ich kenn mich mit dem Ultraschall ja mittlerweile auch ganz gut aus und... ich hab’s nun mal gesehen und seitdem frage ich mich halt, ob es sein könnte, dass du ähm... naja...

Oh nein! Wie kommst du denn darauf?

Mehdi (schaut sie eindringlich an): Gabi,...
Gabi (schüttelt wirr mit dem Kopf, als sie an Mehdis leicht vorwurfsvollem Tonfall merkt, dass sie das Falsche gedacht hat, u. schämt sich gleich in Grund und Boden): Okay, nein, vergiss einfach, dass ich überhaupt gefragt habe! Das war ein total bescheuerter Gedanke. Natürlich hast du nichts damit zu tun! Das... Das ist ja auch schon ewig her. Aber...
Mehdi: Aber?
Gabi (versucht aufgeregt ihre Gedanken zu sortieren u. kneift die Augen zusammen, um ihn nicht ansehen zu müssen): Es ist halt so, dass ich, auch wenn’s total unrational und völlig bekloppt ist und ich es auch eigentlich gar nicht sein möchte, immer noch... so wahnsinnig... eifersüchtig bin. Allein schon wenn ich sie sehe oder euch zusammen und ihr euch immer so gut versteht. Ihr wirkt so vertraut, auf einer Wellenlinie, ach ich weiß doch auch nicht.
Mehdi (legt seine Hand an ihre Wange, um sie aufzufordern, ihn wieder anzusehen): Schatz, es besteht überhaupt kein Grund, eifersüchtig zu sein. Wir sind Freunde. Das ist alles.
Gabi (kuckt ihn vorsichtig an): Das weiß ich ja auch alles und ich vertraue dir ja auch, nur ihr eben nicht.
Mehdi (streicht ihr bedächtig durch die zerzauste Morgenfrisur u. sieht sie dabei durchdringend an): Ach Maus, du hast ein vollkommen falsches Bild von ihr. Sie will mich doch gar nicht zurück. Das stand nie zur Debatte. Wir sind mittlerweile im Reinen miteinander, womit ich nach dem ganzen Durcheinander gar nicht mehr gerechnet habe, weil sie zu Recht echt sauer war. Wir verstehen uns einfach gut. Sie hört mir zu und ich kann ihr im Gegensatz zu mach anderem so manches sagen, was sie von anderen bestimmt nicht hören möchte. Gerade jetzt, wo sich alles so ziemlich verkompliziert hat, mal gelinde ausgedrückt. Mehr kann ich auch nicht dazu sagen, um ihre Privatsphäre nicht zu gefährden. Deshalb sollten wir auch für uns behalten, dass sie hier bei uns auf Station liegt.
Gabi: Das ist ja gerade das, was mich stört, aber ich will auch nicht undankbar wirken, weil ich dich für mich gewinnen konnte und sie dich nur als Vertrauten oder was auch immer abbekommen hat. Gleichzeitig weiß ich ja auch, dass du dich nur um sie sorgst und dich um sie kümmerst. Ich meine, ich hab ja gesehen, wie gefährlich das alles war und was sie da alles riskiert hat. Vielleicht reagiere ich auch einfach über. Ich weiß doch auch nicht. Ich bin halt vorbelastet. Ich war noch nie in einer richtigen festen Beziehung und sehe überall Bedrohungen, wo eigentlich gar keine sind. Und manchmal denke ich, vielleicht rennt er ja doch noch irgendwann weg, wenn er merkt, dass ich mich total dämlich anstelle und das alles nicht kann.
Mehdi (hat ihr ungläubig zugehört u. schüttelt nun entschieden den Kopf): Blödsinn! An so etwas würde ich niemals denken. Ich hab doch gesagt, einmal eingefangen, wirst du mich nicht mehr so leicht los. Ich bin eine schlimmere Klette als jedes Mädchen. Und jetzt erst recht. Ich liebe dich und das kleine Wunder hier drin. Wir sind eine Familie. Für immer verbunden.

Zärtlich strich Mehdi über den Bauch seiner gefühlsverwirrten Freundin, die ihm gerührt dabei beobachtete. Lächelnd schaute der glückliche werdende Vater wieder zu Gabi hoch, zog sie zu sich heran und gab ihr einen bestätigenden Kuss auf den Mund, damit sie endlich verstand, dass alles gut war, so wie es war, bevor er ihr anschließend eng aneinander gekuschelt von dem wunderschönen Tagtraum erzählte, den er vorhin im Halbschlaf geträumt hatte, als er am Bett seiner störrischen Patientin gewacht hatte. Damit hatte der charmante Halbperser die unsichere Krankenschwester schnell wieder in seinen Bann gezogen. Das Angstgefühl wich einem zunehmend wohligen Gefühl, das von ihrem Herzen auf ihren gesamten Körper ausstrahlte. Der Gedanke, mit Mehdi, Lilly und dem oder der Kleinen bald eine richtige Familie zu haben, erfüllte sie zutiefst. Sie hätte nicht beschreiben können, was sie gerade empfand, denn sie hatte solch starke Gefühle noch nie zuvor gehabt. Das Einzigste, was sie wusste, war, dass sie denselben Traum wie Mehdi träumte. Vielleicht nicht ganz so kitschig wie in seiner pilchergleichen Vorstellung, aber mindestens genauso schön.

Gabi (sieht ihm aufgewühlt in die treuen rehbraunen Kulleraugen): Du willst das wirklich oder?
Mehdi (seine Pupillen wandern aufgeregt hin und her, als er bestätigend nickt): Mehr als alles andere auf der Welt.
Gabi (ist vor lauter Überwältigung den Tränen nah): Ich kann das alles noch gar nicht so richtig fassen. Das passiert wirklich!
Mehdi (zieht sie lächelnd in seine Arme u. küsst sie atemlos): Ich... auch... nicht! Aber wenn du Bestätigung brauchst, dann... Wir... wir könnten... (blickt ihr tief in die Augen u. schaut dann abwechselnd zwischen ihr und dem Behandlungsstuhl hin und her; sie folgt irritiert seinem Blick) ... Ich meine, wo wir doch schon mal hier sind?
Gabi (zögert dann doch): Ich... weiß... nicht.
Mehdi (reagiert verständnisvoll): Du hast Angst?
Gabi (nickt zaghaft mit dem Kopf, auch wenn sie weiß, dass ihre Angst total bescheuert ist): Es ist etwas anderes, es nur zu träumen oder zu erahnen, als es dann tatsächlich auch zu wissen. Was ist, wenn ich mich getäuscht habe? Vielleicht hab ich mir doch nur einen Virus eingefangen und hab deshalb die Kotzeritis? Ich will nicht, dass du enttäuscht bist.
Mehdi (zieht die Zweiflerin fest in seine Arme u. drückt sie an sich): Hey, hey! Du könntest mich niemals enttäuschen. Das weißt du doch. Und ich bin mir ziemlich sicher mit meiner Diagnose. Wann hab ich mich je bei einer Patientin getäuscht?
Gabi (sieht ihm bewegt in die Augen u. spürt die tiefe Liebe u. die aufrichtige Freude, die sich darin widerspiegelt): Okay, du hast mich überzeugt. Dann... dann lass uns nachschauen. Aber nur du! Ich... ich traue mich noch nicht. Sag einfach nichts! Bitte!

Und so kam es, dass sich Schwester Gabi wenige Minuten später tatsächlich auf dem Behandlungsstuhl von Dr. Kaan wieder fand. Ihr Blick war während der gesamten Untersuchung, die der mindestens genauso aufgeregte Frauenarzt und werdende Vater ganz behutsam durchführte, Richtung Fenster gerichtet, wo hinter den schneebepuderten Birken gerade die Sonne in leuchtenden Farben aufging und die Schneekristalle auf den Ästen glitzern ließ. Doch als Mehdi auch nach Minuten noch nicht reagierte, wurde die junge Frau dann doch etwas unruhig. Wieso war er so still? Langsam drehte sie ihren Kopf zu ihm herum. Mehdi saß vor ihr auf dem kleinen Höckerchen und starrte gebannt auf den kleinen Bildschirm des Ultraschallgerätes. Als die morgendlichen Sonnenstrahlen auf sein Gesicht fielen, entdeckte Gabi, dass er leise weinte. Panik ergriff sie und sie fasste sich an ihr immer schwerer werdendes Herz, während sie ihren Freund unvermittelt ansprach...

Gabi: Oh Gott, ich hab’s gewusst. Irgendwas stimmt nicht!

Lorelei Offline

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25.04.2013 17:12
#1409 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=iJe3osgk8Vc&feature=related


Gabis hysterischer Aufschrei riss den verträumt vor sich hin lächelnden jungen Mann, der gerade gebannt auf den kleinen Monitor schaute und dabei unbemerkt das eine oder andere Tränchen vergoss, schließlich aus seiner kurzzeitigen Starre. Perplex drehte der Gynäkologe seinen Kopf herum und blickte nun auf die vor ihm liegende bildschöne Patientin, die auf der Behandlungsliege nervös hin und her zappelte und ihn ängstlich ansah. Mehdi reagierte natürlich sofort, auch wenn seine Gedanken noch ziemlich durcheinander waren, und versuchte die aufgeregte Frau mit seiner samtweichen Stimme zu beruhigen...

Mehdi: Was? ... Wieso? ... Nein! ... Es ist alles in Ordnung, Gabi. Ich war nur gerade so... so überwältigt, weißt du. In meiner Position denkt man vielleicht, das sei Routine, aber das ist es nicht. Auch für mich als Chef der Gynäkologie nicht. Wenn man zum ersten Mal sein Kind sieht, das macht etwas mit einem. Ich kann’s kaum beschreiben, so schön ist das. Tut mir leid, wenn ich dich verunsichert habe. Das wollte ich nicht. Aber ich sollte ja nichts sagen. Und erst konnte ich’s auch nicht und jetzt rede ich mich hier schon um Kopf und Kragen. Maus, hörst du mir überhaupt zu? Hast du verstanden, was ich gesagt habe?

Mehdis Freundin schaute den verträumt dreinblickenden und wirres Zeug daherplappernden Halbperser, dessen Herz ihm gerade vor lauter Glück bis zum Hals schlug und der sich mit dem Handrücken über seine feucht schimmernden Augen wischte, nun mit immer größer werdenden Augen an. Dann ging ihr zerstreuter Blick nach rechts und blieb direkt am Bildschirm des Ultraschallgerätes hängen, den die verwirrte Krankenschwester nun akribisch studierte, bis sie mit ihrem zittrigen Zeigefinger plötzlich auf etwas zeigte, das auch ihr spontan den Atem raubte und ihr wild pochendes Herz noch höher schlagen ließ...

Gabi: Kein Fettfleck?
Mehdi (schmunzelnd rollt er mit seinem Hocker zum Kopfende der Liege hoch u. nimmt ihre eiskalte Hand in seine, die er liebevoll drückt u. an seinen Mund führt, während er Gabi voller Liebe ansieht): Kein Fettfleck, nein!
Gabi (kleine Tränchen kullern urplötzlich ihre Wange hinab, als sie völlig fasziniert auf den Monitor starrt u. endlich zu begreifen beginnt): Aber... Das... das ist wirklich meins?
Mehdi (berührt von ihrer Reaktion beugt er sich zu Gabi herab, stützt sein Kinn direkt vor ihrem Gesicht auf der Liege ab u. schaut ihr sekundenlang verliebt in die aufgeregt hin und her huschenden Augen): Unseres! Ich wüsste nämlich nicht, wie wir das auf die Schnelle hätten austauschen können und das hätte ich auch um keinen Preis der Welt gewollt. Aber jetzt mal Spaß beiseite. Maus, hörst du? Wir bekommen wirklich ein Baby. Ein wunderhübsches süßes kleines Baby. Du und ich.

Ein dunkelgrünes Augenpaar suchte aufgeregt Bekräftigung für seine zärtlich geflüsterte Aussage in dem wunderschönen Rehaugenpaar direkt vor ihrer Nase, das von Sprenkeln und kleinen Tränchen erfüllt war, die Ausdrucke seiner ehrlichen Glücksgefühle waren. Rasende Herzen umarmten sich vor lauter ungläubiger Freude. Gedanken und Gefühle fuhren Achterbahn und drehten einen Looping nach dem anderen, so dass ihnen ganz schwindelig wurde. Diese Wahnsinnsnachricht überwältigte die werdenden Eltern zutiefst. Und endlich kam in der morgendlichen Stille der kühlen Berliner Praxisräume Bewegung ins Spiel. Überwältigt von ihrem großen Glück fiel sich das Liebespaar nämlich endlich in die Arme und küsste sich voller Liebe und Zuversicht, weil ihr Leben auf einen Schlag eine komplette Wendung hingelegt hatte, mit der sie so schnell eigentlich noch nicht gerechnet hätten, aber die sie sich so nicht schöner hätten vorstellen können. Es war perfekt. Gabi Kragenow und Mehdi Kaan bekamen tatsächlich ein Baby und die Morgensonne, welche das Sprechzimmer in einen warmen Orangeton hüllte, freute sich mit den beiden mit.


Noch Minuten später, als die beiden Glücklichen längst zuhause auf ihrer roten Couch im Wohnzimmer saßen und den ersten Ultraschallausdruck ihres gemeinsamen Kindes in ihren zitternden Händen hielten, genossen sie diesen einzigartigen Moment, an den sie sich ein Leben lang zurückerinnern würden. Dieser kleine Punkt auf verpixeltem Papier. Ein winziges Etwas, das man gar nicht bemerkten würde, wenn einen der Fachmann nicht noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen würde. Ein schlagendes Herz. Ein kleiner Mehdi. Oder eine kleine Gabrielle. Das war ein unbeschreibliches Wunder, das sie beide gerade miteinander teilten. Ihr Leben, das erst seit kurzem ein gemeinsames Leben war, würde sich für immer ändern. Sie würden von nun an für immer miteinander verbunden sein. Eine richtige Familie, das war alles, was sich Gabi Kragenow je gewünscht hatte, nachdem sie in ihrem bisherigen Leben ob von ihrer engstirnigen Mutter und ihrem fiesen Stiefvater oder auch von ihren bedeutlosen Affären immer so viel auf den Deckel bekommen hatte, dass sie gar keine Hoffnung mehr gehabt hatte, dass sich je etwas ändern würde. Und Mehdi Kaan ging es da auch nicht viel anders. Er hatte schwere Jahre hinter sich, während der er mehr als einmal fast am Abgrund gestanden und nicht mehr weitergewusst hatte. Es waren düstere glücklose Jahre gewesen und plötzlich kam da ein Lichtstrahl nach dem anderen und hatte ihn zurück ins Hier und Jetzt geholt. Er sah wieder positiv in die Zukunft. Und schöner hätte ein Neustart nicht beginnen können. Ein Baby, das bedeutete Hoffnung. Er konnte endlich wieder hoffen. Auf ein glückliches Leben nicht nur zu dritt mit seinem über alles geliebten Sonnenschein Lilly und mit seiner großen Liebe Gabi, sondern sogar zu viert. Das war ein belebendes Gefühl. Auch für Gabi, die in seinen Armen lag und sich gerade bildlich ausmalte, wie der gemeinsame Alltag mit ihrer neuen Familie wohl in neun Monaten sein würde.

Überflutet von so vielen unterschiedlichen Gedanken und Gefühlen fanden die werdenden Eltern in diesen frühen Morgenstunden keinen Schlaf, obwohl sie sich den nach der langen Nachtschicht mehr als verdient hätten. Aber wie hätte man nach so einer Nachricht einfach so einschlafen können? Sie beherrschte alle Gedanken, Gefühle und Gespräche, seitdem Mehdi und Gabi vorhin Arm in Arm beschwingt das Krankenhaus verlassen und auf dem noch menschenleeren Parkplatz einen kleinen Glückswalzer im Pulverschnee hingelegt hatten und ihrem mürrischen Taxifahrer damit den Tag gerettet hatten. Der glückliche werdende Vater saß nun in der einen Sofaecke im Wohnzimmer. Gabi lag der Länge nach neben ihm. Sie hatte ihre Beine angezogen, über denen eine dicke orangefarbene Wolldecke lag, und ihr Kopf war auf Mehdis Schoss gebettet. Bedächtig strich der verliebte Halbperser mit einer Hand über das samtweiche Haar seiner schwangeren Freundin, während die andere ebenso wie sein steter glückserfüllter Blick auf ihrem flachen Bauch ruhte, der eine unglaubliche Anziehungskraft auf ihn hatte, der er sich einfach nicht erwehren konnte. Mehdi hatte ihn noch keine Sekunde losgelassen, seitdem sie vor einigen Minuten ihre gemeinsame neue Wohnung betreten und sich hier im Wohnzimmer niedergelassen hatten. Er hatte mit ihm gesprochen, hatte ihn immer wieder geküsst, bis die kitzelige Krankenschwester dem Übermütigen schließlich Einhalt geboten hatte. Gabi hielt die ganze Zeit das kleine Ultraschallfoto mit beiden Händen fest gegen ihre Knie gedrückt, die ihr quasi als Pult dienten. Und beide starrten völlig fasziniert darauf, bis die werdende Mama ihren Kopf etwas zur Seite drehte, um ihrem verträumten Partner besser in die Augen sehen zu können. So viele unterschiedliche Dinge schossen ihr gerade durch den Kopf, die einfach raus mussten.

Gabi: Was wäre dir lieber? Junge oder Mädchen?
Mehdi (muss nicht lange nachdenken u. strahlt sie voller Glück an): Egal, Hauptsache es ist gesund. Und du? Lass mich raten! Ein Mädchen? Mit endloslangen braunen Haaren und faszinierenden grünen Augen, die die Jungs später mal um den Verstand bringen werden. Wie die Frau Mama.
Gabi (grient ihn an): Klar! Aber unbedingt mit deinen Augen. Ich sehe doch, wie Lilly ihren Papa mit ihren süßen Bambikulleraugen immer mit Leichtigkeit um den Finger wickelt.
Mehdi (protestiert vehement, kann sich aber sein Lachen nicht verkneifen): Gar nicht!
Gabi (lacht): Doch! Pass nur auf, wenn wir dann in der Überzahl sind! Dann hast du gar keine Chance mehr, uns zu widersprechen.
Mehdi (seufzt gespielt theatralisch): Wann hatte ich die je?
Gabi (kichernd schmiegt sie sich in seine Arme u. kuckt verliebt zu ihm hoch): Weißt du eigentlich, was es für kleine Mädchen für tolle Klamotten gibt? Also jetzt nicht die kitschigen verniedlichenden schrecklich rosaroten, sondern richtig coole hippe Teile. Und ich könnte ihr immer die Haare machen. Geflochtene Zöpfchen sehen doch so süß aus. Es muss also unbedingt ein Mädchen werden. Mit Jungs wüsste ich gar nichts anzufangen.
Mehdi (schmunzelt): Ach? Wirklich?
Gabi (knufft ihm mit dem Ellenbogen in die Rippen): Mann, du weißt genau, wie ich das meine. Dir würde es doch genauso gehen? Oder würdest du mit ihm auf den Bolzplatz gehen? Du weißt doch noch nicht einmal, wer der deutsche Bundestrainer ist.
Mehdi (verteidigt sich wenig glaubhaft): Äh... doch!
Gabi (fordert ihn augenfunkelnd heraus): Wer? Und sag jetzt nicht der Klinsmann! Das Sommermärchen ist nämlich schon lange her. Oh Mann, damals kannten wir uns noch gar nicht. Eigentlich total schade. Das war so ein geiler Sommer.
Mehdi (hat gegen ihre Argumente gar keine Chance): Okay, du hast mich erwischt. Aber es gibt doch noch so viele andere Dinge, die wir mit einem Jungen machen könnten.
Gabi (zieht ihn grinsend auf): Ich glaube, Kochen und Tanzen finden Jungs jetzt nicht so spannend.
Mehdi (funkelt sie an): Hey! Jetzt verkennst du mich aber. Aber ich sehe schon, du hast dich schon längst festgelegt, oder?
Gabi (erst strahlt sie noch, dann wird sie auf einmal ganz wehmütig): Ja!

Mehdi (streichelt ihre Wange): Hey? Was hast du?
Gabi (nachdenklich starrt sie an ihm vorbei an die stuckbesetzte Wohnzimmerdecke): Nichts! Ich... Ach ich weiß auch nicht. Seitdem die Möglichkeit besteht, dass ich schwanger sein könnte, muss ich immer wieder an ihn denken. Ich will nicht, aber die Bilder sind immer da.
Mehdi (zieht sie tröstend in seine starken Beschützerarme): Ach Schatz! Komm mal her!
Gabi (beginnt leise zu wimmern u. schlingt seine warmen Arme fest um ihren Bauch, damit das Gefühl, ganz allein auf dieser Welt zu sein, schnell wieder verschwindet): Ich hab gedacht, ich könnte es vergessen. Aber ich kann’s nicht. Paul wäre jetzt neun Monate alt, Mehdi.
Mehdi (hält sie ganz fest u. muss selber einige Tränen verdrücken): Ich weiß. Er wird immer ein Teil von dir bleiben. Ein kleiner Schutzengel, der über dich und sein Geschwisterchen wacht.
Gabi (dreht ihren Kopf u. sieht Mehdi hoffend mit Tränen in den Augen an): Meinst du?
Mehdi (streichelt zärtlich ihre Wange u. schaut ihr lange in die Augen, um ihr zumindest ein bisschen den Schmerz zu nehmen, der auch sein Herz lähmt, weil er seine große Liebe ungern leiden sieht): Ganz bestimmt! Das war eine aufwühlende Nacht, Gabi. Vielleicht sollten wir uns doch noch einmal ein bisschen hinlegen, hmm? Es reicht, wenn wir erst gegen Mittag zurück nach Göberitz fahren. Marc kümmert sich rührend um die beiden Mäuse.
Gabi (murmelt leise, als sie sich an seine starke Schulter kuschelt): Okay!?
Mehdi (sein Blick wird ganz verklärt): Wie Lilly wohl reagieren wird? Die wird vielleicht staunen, wenn sie erfährt, dass sie bald eine große Schwester sein wird. Das hat sie sich immer gewünscht, seitdem sie ein kleines Mädchen war.
Gabi (legt ihre Hand auf Mehdis und sieht ihn eindringlich an): Mehdi, wärst du mir sehr böse, wenn wir das vor allen noch ein bisschen für uns behalten? Zumindest solange, wie man noch nichts sehen kann. In den ersten Monaten kann so viel passieren. Ich will nicht...
Mehdi (lehnt seine Stirn gegen ihre u. flüstert): Ssshht! Hey! Bitte denk nicht so was! Es ist alles in Ordnung. Du bist kerngesund. Und der kleine Schmetterling auch. Aber du hast Recht, wir machen das so, wie du es willst. Wir genießen einfach den Moment. Nur wir beide. Und so hab ich auch noch etwas Zeit, die Überraschung für Lilly so schön wie möglich vorzubereiten. Ich hab da auch schon eine Idee.
Gabi (schaut ihn gerührt an): Danke!
Mehdi (lächelnd steht er auf): Nicht dafür. Das ist doch selbstverständlich. Ich würde alles für dich tun. Das weißt du doch. Na, komm!

Liebevoll hob Mehdi die Mutter seines zweiten Kindes hoch. Sie schlang ihre Arme sofort um seinen Nacken und sog dabei einen tiefen Zug seines verführerischen Duftes ein, der eine unglaublich beruhigende Wirkung auf sie machte und auch das Kribbeln in ihrem Bauch verstärkte, das allein schon ein Blick in seine treuen kastanienbraunen Augen auslöste. Den Kopf an seine Schulter gelehnt, ließ Gabi sich von dem starken Mann ins Schlafzimmer tragen. Ganz vorsichtig bettete Mehdi die Schwangere auf der zwischen unausgepackten Umzugskartons liegenden und mit einem hellblauen Spannbettlaken bezogenen Matratze und legte sich anschließend zu ihr, bevor er die Bettdecke aus dunkelblauem Satinstoff über ihre beiden Körper zog. Ihre Gesichter waren einander zugewandt. Sie lächelten sich verliebt an. Die Morgensonne, die durch die Lamellen der Jalousien am Fenster schien und ein mystisches Muster auf die gegenüberliegende Wand zauberte, nahm das vertraute Paar gar nicht mehr war. Sie sahen nur die Augen des anderen, die vor Glück strahlten. Lippen suchten und fanden sich. Warme Hände tänzelten unter der Decke bedächtig über den Körper des anderen, streichelten und liebkosten ihn wie in Trance. Mehdi und Gabi ließen ihren übermächtigen Gefühlen einfach freien Lauf, vergaßen im Strudel der Zärtlichkeiten Zeit und Raum und schliefen schließlich eng aneinander gekuschelt ein, um sich in ihrer gemeinsamen Traumwelt auf einer bunt blühenden Blumenwiese wieder zu finden, wo sie sich gegenseitig neckisch jagten und schnell wieder in einem innigen Kuss versanken, nachdem sie sich endlich eingefangen hatten.

Lorelei Offline

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28.04.2013 17:29
#1410 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Stunden später

Die Februarsonne stand bereits hoch am Himmel und war schon längst weitergewandert und erhellte anstatt des heimischen Schlafzimmers die Wohnstube in der anderen Ecke der großzügig geschnittenen Wohnung, als der glücksbeseelte junge Familienvater abrupt aus seinen wunderschönen Träumen gerissen wurde, in denen er und seine Liebste sich soeben in einem sommerlichen Kornfeld sehr, sehr nahe gekommen waren. Er hatte eine leichte Erschütterung neben sich auf der Matratze wahrgenommen, die dann nachgegeben hatte, und im nächsten Moment knallte auch schon die eine, dann die andere Tür, so dass an einer Fortsetzung seines wohlverdienten Schlafes wohl nicht mehr zu denken war. Völlig gerädert von der kurzen Nacht richtete sich der nackte Halbperser auf und wischte sich über seine müden Augen, die tiefe Schatten aufzeigten. Sein noch verschwommener Blick ging wie ferngesteuert zur Seite. Gabi lag tatsächlich nicht mehr neben ihm. Nur ihre Kleidungsstücke, die sie gestern zur Hochzeit von Sabine und Günni getragen hatte, waren noch da und lagen zerstreut neben der Matratze auf dem Laminatfußboden. Er schaute gähnend nach oben zum Fensterbrett, wo der Wecker zwischen aufgereihten bunten Kerzen stand. Er zeigte bereits halb elf an. Es war wohl doch an der Zeit, so langsam aufzustehen, wenn nur das Nachtlager nicht so gemütlich gewesen wäre. Mehdi drehte sich auf die Seite und vergrub sein Gesicht in Gabis noch warmes Kopfkissen, das verführerisch nach ihrem Parfum duftete, das seine Sinne benebelte. Er lächelte verträumt vor sich hin und dachte an den aufwühlenden gestrigen Tag und die anschließende Nacht. Doch als er plötzlich sehr verdächtige Geräusche aus Richtung Badezimmer vernahm, erlosch sein breites Strahlelächeln wieder und der verschlafene Mann erkannte endlich, was überhaupt los war. Er schwang sich unter der Bettdecke hervor, stand hastig auf, wankte ein wenig schlaftrunken, als er sich hektisch seine Boxershorts über seinen knackigen Hintern zog, und stolperte schließlich über den Klamottenhaufen zur Tür, die er im nächsten Moment schwungvoll aufriss.

Mehdi klopfte zweimal aufgeregt an die gegenüberliegende Badezimmertür. Als keinerlei Reaktion aus dem Inneren kam, zögerte er nicht lange und ging einfach hinein. Und dort fand er auch seine Süße, die völlig erschöpft vor der Toilettenschüssel kauerte und dem Ulf einen „Guten Morgen“ nach dem anderen wünschte. Rasch trat Mehdi an sie heran, hockte sich hinter sie, strich ihr die langen Haare aus dem schweißnassen Gesicht und streichelte ihr ruhig über den Rücken, bis der Würgereflex endlich nachließ und Gabi zur Seite rutschte. Mehdi drückte die Spülung und schloss den Toilettendeckel. Mit der Toilettenrolle bewaffnet, wandte er sich nun an seine völlig ausgelaugte Freundin, die Tränen in den Augen hatte und sich offenbar wegen ihres Zustandes vor ihm zu schämen schien, denn sie traute sich nicht, ihn direkt anzusehen. Ihr Blick blieb auf die Fliesen gesenkt. Doch Mehdi lächelte nur verständnisvoll. Er reichte ihr zwei Klopapierblätter, mit denen sie sich den Mund abwischte und die sie anschließend in den Mülleimer warf. Dann wickelte er die völlig erschöpfte Frau in ihren lilafarbenen Kimono und zog sie schließlich in seinen starken Arme, in die sie sich sofort fallen ließ, und wiegte sie, mit dem Rücken an die Badewanne gelehnt, sanft wie ein Baby hin und her.

Mehdi: Wieder gut?
Gabi (lehnt ihren schweren Kopf an seine Schulter u. murmelt vor sich hin): Wer hat sich eigentlich diesen ganzen Mist ausgedacht? Ein Kind zu kriegen, ist so was Tolles. Eine Wahnsinnserfahrung! Wenn nicht... Ich meine, warum muss Frau dann so leiden? Ich hab mich nur auf die Seite gedreht und hab mich plötzlich wie auf hoher See gefühlt. Das ist doch voll bescheuert und ekelig noch dazu. Jetzt hab ich auch den letzten Rest der Hochzeitstorte ausgekotzt. Dabei war die saulecker gewesen. Also im Urzustand.
Mehdi (tätschelt liebevoll ihren Kopf): Dein Körper muss sich erst an die Hormonumstellung gewöhnen. Das gibt sich nach dem dritten Monat wieder.
Gabi (eingeschnappt): Na toll! Dann kann ich mir die nächsten sechs Wochen ja gleich das Bett neben dem Klo aufbauen oder gleich ganz ins Bad ziehen.
Mehdi (will die Meckerliese mit einem kleinen Späßchen aufmuntern): Och du, die Badewanne als Ersatzbett ist doch bestimmt auch ganz bequem, hmm?
Gabi (hebt ihren Kopf u. kuckt den Spaßvogel böse an): Witzig Mehdi! Aber wer hat denn nach unserem letzten Sex in der Wanne drei Tage lang wegen der blauen Flecken auf dem Rücken genölt, als hätte man ihm die Extremitäten amputiert?
Mehdi (lacht u. wird unweigerlich rot): Touché! Ich ziehe dann doch lieber das Schlafzimmer vor.
Gabi (kann sich dann doch ein Lachen nicht verkneifen): Ich auch! Obwohl, kann man das überhaupt als solches bezeichnen, wenn wir dort noch nicht einmal ein richtiges Bett haben?
Mehdi (rollt mit den Augen u. wird noch einen Tick röter im Gesicht): Das war dann wohl der subtile Hinweis, mich endlich in den Blaumann zu werfen und den Werkzeugkoffer zu holen.
Gabi (mustert seinen nackten Oberkörper mit einem lasziven Augenaufschlag): Och du! Eigentlich kannst du es auch bei dem Outfit belassen. Sehr anregend übrigens!
Mehdi (schmunzelnd tippt er ihr an ihre süße Nasenspitze): Na, siehste, und schon geht es Madame wieder besser. Dein Lächeln ist nämlich auch sehr anregend für mich. Dem Schlafzimmerproblem widmen wir uns aber erst später. Lass uns erst einmal aufstehen! Es wird höchste Zeit aufzubrechen, sonst macht Marc uns zur Schnecke.

Grinsend stand Mehdi von den kalten Fliesen auf und reichte seiner ebenso schmunzelnden Freundin die rechte Hand, um ihr aufzuhelfen. Gabi ließ sich von ihrem persönlichen Kavalier hochziehen, was wohl aber doch etwas zu abrupt kam. Denn plötzlich wurde der schwangeren Krankenschwester schwarz vor Augen und sie wankte direkt in Mehdis starke Arme, die er daraufhin fest um ihren schwankenden Körper schlang. Mit sorgenvoller Miene schaute er ihr ins Gesicht, als er Gabi wieder auf ihre beiden Füße gestellt hatte...

Mehdi: Hey! Das war wohl doch etwas zu früh für dich.
Gabi: Hmm!

...stimmte ihm Gabi leidend bei und ließ sich im nächsten Moment von ihrem aufmerksamen Schatz ins Wohnzimmer tragen, wo er ihr zunächst erst einmal richtig in den Morgenmantel half und sie anschließend in eine warme Wolldecke gewickelt auf der roten Couch parkte. Mit einer Wärmflasche, dicken selbst gestrickten Socken von seiner Mutter und einer dampfenden Tasse Tee kam Mehdi nach einigen Minuten zurück ins Wohnzimmer. Er hatte bereits schnell geduscht und sich angezogen, wie Gabi enttäuscht hatte feststellen müssen, als sie ihre müden Augen wieder geöffnet und ihren sexy Freund misstrauisch gemustert hatte. Vor dem Sofa ging Mehdi in die Knie, um mit seiner Süßen auf Augenhöhe zu kommen, und reichte ihr die Teetasse, die sie lächelnd entgegennahm und an der sie dann kurz nippte.

Mehdi: Ich glaube, das mit dem Ausflug lassen wir heute lieber bleiben.
Gabi (versucht sich aufzurichten): Aber...
Mehdi (drückt sie zurück in die Sofakissen, die er kurz aufschüttelt, um sich danach Gabis Füßen zu widmen, denen er die warmen Socken überstreift): Das wird zu viel, Süße. Ich glaube nicht, dass du in dem Zustand auf ein Pferd möchtest?
Gabi (runzelt trotzig die Stirn u. versteckt ihr Gesicht hinter der Teetasse, während sie Mehdis sanfte Fußmassage doch ein bisschen genießt): Das hab ich auch vorher nicht gewollt. Aber ich kann euch doch zukucken. Das Unwohlsein gibt sich bestimmt schnell wieder an der frischen Landluft.
Mehdi (rutscht wieder zum Kopfende vor u. sieht Gabi eindringlich an): Das mag ja sein. Aber das mit den Mädchen wird echt anstrengend. Die beiden haben Marc schon total geschafft. Er hat vorhin, als wir im Bad waren, schon zweimal versucht, mich zu erreichen. Der kocht, so wie ich ihn kenne. Also doppelter Grund, dich zu beschützen.
Gabi (sieht ihn mit Zuckerschnute an): Aber ich hab mich so auf unser Wochenende gefreut.
Mehdi: Das läuft uns doch auch nicht weg, Maus. Hör zu! Du schläfst noch ein bisschen und erholst dich. Ich löse währenddessen Marc und Gretchen ab, verbringe ein paar Stunden mit den Mädels auf dem Reiterhof und wenn wir dann zurück sind, werden die zwei völlig kaputt sein. Du brauchst die Ruhe, glaub mir.
Gabi (gibt widerwillig nach u. zieht sich die Decke bis zum Kinn hoch): Okay, okay! Du hast ja Recht.
Mehdi (streicht ihr lächelnd über die Wange): Und du hast kein Problem damit, dass Sarah Hassmann über Nacht bleibt? Nur diese eine Nacht. Das ist ein Notfall.
Gabi: Es geht ja nun mal nicht anders. Und wenn du die zwei wirklich geschafft hast, dann wird das schon. Dann haben wir auch noch Zeit für uns und du kannst endlich den Blaumann anziehen oder auch nicht anziehen.
Mehdi (grinst): Gut! Es ist schon elf Uhr durch. Ich muss jetzt wirklich los. Marc wird stinksauer, wenn ich nicht bald da aufkreuze. Er hat heute schließlich auch noch viel vor. Ähm... ja, kann ich dir denn noch was Gutes tun? Die Fernbedienung ist hier. Deine ganzen Mädchenzeitschriften liegen unter dem Couchtisch. Oder willst du noch einen Tee? Soll ich noch mal in die Küche gehen?
Gabi (schüttelt den Kopf; ihre Lider werden schwer): Alles gut. Ich komme schon zurecht.
Mehdi (legt seine Hand auf ihre Bauch u. beugt sich zu einem Kuss heran): Okay, dann bis später, Maus!
Gabi (dreht ihren Kopf instinktiv zur Seite, so dass er nur ihre Wange trifft): Nicht! Mehdi! Ich hab vorhin keine Zähne geputzt. Das wäre, als würdest du eine ranzige Abfalltonne ausschlecken.
Mehdi (muss schelmisch grinsen): Hmm... nette Umschreibung! Das werde ich wohl jetzt den ganzen Tag im Kopf haben, wenn ich an dich denke.
Gabi (streckt ihm die Zunge raus): Blödi!
Mehdi (lacht): Okay, dann... Eskimokuss?
Gabi (ihre Augen leuchten auf u. sie himmelt ihn an): Eskimokuss!
Mehdi (kommt näher u. rubbelt seine Nase an ihrer): Zufrieden?
Gabi (zieht einen Schmollmund): Noch einen!
Mehdi (kommt dem gerne nach): Aber selbstverständlich! Wie könnte ich meiner schwangeren Freundin je einen Wunsch abschlagen? Ach so, soll ich ihr später was zum Essen mitbringen?
Gabi (verzieht angewidert ihr Gesicht): Nicht von Essen reden, sonst muss ich wieder ins Bad rennen.
Mehdi (zieht sich mit schlechtem Gewissen etwas zurück): Entschuldige! Soll ich dir einen Eimer neben das Sofa stellen?
Gabi (blitzt ihn sauer an): Mehdi, ich bin nicht invalide, ich bin nur schwanger. Und jetzt verschwinde endlich! Ich... Wir brauchen unsere Ruhe.

Mehdi lachte nur, warf seiner Schönen im Gehen noch einen Handkuss zu und verschwand im nächsten Moment mit wehendem Parka zur Tür hinaus. Eine breit grinsende Gabi blieb auf dem Sofa zurück. Sie schob sich die Kissen zurecht, um es sich bequemer zu machen, und kuschelte sich anschließend in die schon angewärmte Decke ein. Es dauerte nicht lange und die Schwangere war erschöpft eingeschlafen. Sie hörte nicht einmal mehr, wie das Festnetztelefon läutete und kurz darauf der Anrufbeantworter ansprang, auf der die genervte Meckerstimme eines bekannten Berliner Chirurgen zu hören war...

Marc: Alter, verdammt! Wieso gehst du nicht an dein beschissenes Handy? Komm in die Hufe! In der Überzahl sind die echt nicht auszuhalten. Die stellen böse Dinge mit mir an, die würdest nicht mal du deinem ärgsten Feind wünschen, wenn du denn einen hättest. Aber du wirst bald einen kriegen, wenn du nicht... HAASENZAHN, jetzt HÖR AUF, dich mit den Kichererbsen zu verschwören! Ich steig NICHT auf den stinkenden Gaul. NEVER EVER! So wahr ich Dr. Marc Olivier Meier heiße! Ich bin CHIRURG und spiel hier ganz bestimmt nicht „Brokeback Mountain“! ... Hilfe! War das jetzt deutlich genug, Kaan? Verdammt, du weißt ganz genau, dass ich heute noch losfahren muss. Und das kann ich nicht, wenn ich hier im Wendy-Pferdeparadies fest hänge und tausend Tode sterbe. Also beweg endlich deinen fetten Arsch hierher! ... Eh! Hast du gerade mit nem Schneeball geworfen? Na warte, ich krieg dich, Zwerg-Hassi! Pass au... *Piep*

Lorelei Offline

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02.05.2013 15:11
#1411 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Und er hatte sie noch gekriegt, die freche Hassmann-Zwergin, die ihn in hinterlistiger Zusammenarbeit mit der sonst so unschuldig und lieb dreinblickenden Kaan-Mäusin und der wunderschönen Haasen-Tochter ohne Vorwarnung aus dem Hinterhalt mit Schneebällen angegriffen hatte, und hatte das zappelnde und quiekende Mädchen kopfüber an den Füßen durch den tiefen Schnee getragen und hatte sie trotz heftiger Gegenwehr ihrer für eine Sechsjährige schon ziemlich kräftigen Hände direkt in die nächste Wehe bugsiert. Eine wilde Schneeballschlacht wurde daraufhin zwischen den vier Parteien entfacht, die am Ende weder Sieger, noch Verlierer, sondern durchweg Schneehasen hervorgebracht hatte, und die, ohne dass er es anfangs bemerkt hatte, genau dort geendet hatte, wo der tapfere und für seine männliche Ehre ganz allein kämpfende Ritter Meier nicht einmal in der Stunde seines eigenen Todes hätte sein wollen. Zumindest nicht ohne die passende Ritterrüstung an seinem gestählten Astralkörper, die ihn vor Schlimmerem hätte bewahren können. Aber nein, es war natürlich alles ganz anders gekommen.

Denn jetzt in diesem Moment fühlte sich der arme Thor tatsächlich der Stunde seines Todes näher als je zuvor und er stöhnte bei jeder noch so kleinen Bewegung seines gepeinigten Körpers auf der schmalen Sitzbank, auf welcher er der Länge nach mit dem Gesicht nach unten lag und welche sich unterhalb der breiten Fensterfront im großen Festsaal des Göberitzer Landgasthofs Gummersbach befand, die direkt in den schneebedeckten Gartenbereich zeigte, wo zwei kleine braun gelockte Mädchen in rosa Schneeanzügen gerade mit einem ebenso braun gelockten Herrn im dunkelgrünen Parka im Pulverschnee tobten, Schneeengel zeichneten und sich dabei regelrecht kaputtlachten, weil sie so einen Heidenspaß miteinander hatten. Doch dem Mann auf der Pritsche war alles andere als zum Lachen zumute. Das musste auch die junge sehr geduldige Frau in dem wallenden rosa-schwarzen Abendkleid feststellen, die mit skeptischer Miene hinter der Bank stand und sich nun zu dem meckernden Grummel herunterbeugte, dessen miesepetrige Laune sich von einer Minute auf die andere änderte, als die heiße Lady ihn nämlich mit ihren zarten Fingerspitzen berührte.

Gretchen: Maaarc! Jetzt hör auf, rumzumosern! Leg dich hin und zieh die Hose etwas runter!
Marc (ihm gefällt der scharfe Tonfall seiner Freundin genauso sehr wie ihre Hand auf seinem Hintern): Woah Haasenzahn! Was ham die dir denn in den Frühstückskakao gekippt, dass du auf einmal so hart rangehst? Geil! Du kannst mir auch die Hose ganz runterziehen! Hmm... mit den Zähnen!
Boah! Dieser... dieser... GRRR!!! Eben noch rumheulen wie ein Mädchen, das sich die Knie aufgeschlagen hat, und gleich schon wieder Lust auf mehr. Tzz... Männer! Sie sind so einfach gestrickt!
Gretchen (lässt sich von Marcs Dreistigkeiten nicht aus der Fassung bringen u. schiebt seinen Pullover ruppig etwas nach oben, um besser an seine Hose heranzukommen, die sie ihm nun ebenso unsanft ein Stück weit nach unten zieht): Haha! Günnis Verwandtschaft freut sich bestimmt, wenn sie direkt neben dem Frühstücksbüffet deinen nackten Hintern bewundern darf.
Marc (legt seinen Kopf auf seine verschränkten Arme u. grinst seitlich zu seiner persönlichen Krankenschwester hoch): Jep! Knackiger als jeder frisch gepflückte Apfel. Und ich gebe doch gerne täglich eine Sonderaufführung. Kriegst auch Mengenrabatt, weil du so oft in die Vorstellung kommen darfst.

Boah Macho! Das Pony hätte dich besser treten, als runterwerfen sollen! Vielleicht hätte das ein paar Synapsen gerade gerückt, nämlich die, die für Taktgefühl, Anstand und Einfühlungsvermögen stehen.

Gretchen (beugt sich etwas weiter nach vorn, um seinem dauergrinsenden Gesicht näher zu kommen): Klar! Dieses verlockende Angebot nehme ich doch gerne an und sage „Danke“.
Marc (genießt den Blick auf die „Berge“ sehr u. grinst gleich noch ein bisschen mehr): Bitte! Bitte! Für dich gebe ich doch gerne die eine oder andere Extrashow mehr und als Bonus oben drauf darfst du gleich noch selbst mitspielen.
Idiot! Aber man muss ihn trotzdem lieben.
Gretchen (entdeckt, worauf sein Hauptaugenmerk gerade gerichtet ist u. richtet sich wieder auf u. tritt zwei Schritte zurück): Vielleicht sollte ich dich besser am Kopf untersuchen und nicht am Steißbein. Ich glaube, der Sturz ist dir nicht so gut bekommen.
Marc (verdreht seufzend die Augen u. denkt nur noch ungern an die vergangenen demütigenden Minuten zurück): Hach... Erinnerungen! War da was?
Vielleicht braucht er doch ein CT? Ich hätte schwören können, der poltert jetzt noch mindestens drei Stunden.
Gretchen (blitzt ihn an, wobei sie beschwörerisch mit ihrer rechten Hand über seinen muskulösen Rücken u. dann über seinen Poansatz fährt u. schließlich genau dort pausiert): Tut’s denn noch sehr weh, Marcilein?
Marc (extrem abgelenkt von ihrer süßen Säuselstimme u. ihren zärtlichen Berührungen): Äh... Wenn du deine Hand genau da lässt, wo sie gerade ist, geht’s.
Gretchen (ihr ist gar nicht wohl zumute u. sie schaut sich deshalb vergewissernd im Saal um, ob sie auch immer noch alleine sind): Maaarc, was sollen denn die Leute denken, wenn ich die ganze Zeit meine Hand an deinem Hintern habe?
Marc (dreht seinen Kopf in ihre Richtung u. schaut schelmisch grinsend zu ihr hoch): Was wäre daran jetzt neu?
Boah na warte, Freundchen! Du hast es nicht anders gewollt. Und es dient ja auch irgendwie der Kontrolle seiner Reflexe. Hihi!
Gretchen (blinzelt Marc zuckersüß an, während sie ihn ganz behutsam untersucht, um anschließend hinterlistig zuzuschlagen): Ich glaube, du hast dir nichts geprellt, Marc. Ein Hämatom wird’s aber trotzdem.
Marc (zuckt unter ihrem Schlag zusammen u. verzieht schmerzhaft sein Gesicht): Au! Sag mal, spinnst du! Das tat scheiße weh, verdammt. Der Scheißgaul hat mich abgeworfen oder hast du das während deines Lachanfalls schon wieder vergessen?

Hihi! Lustig war’s trotzdem. Ihm ging so die Düse, aber er hätte sich vor den Mädchen natürlich niemals die Blöße gegeben, die wie eine Eins auf ihren Ponys saßen und mit dem Trainer schon eine Runde nach der anderen drehten. Er saß wie ein Schluck Wasser in der Kurve, als er endlich oben war, und rutschte dann in Zeitlupe wieder von „Pricilla“ runter. Ein Bild für die Götter oder besser gesagt ein Bild von Gott für die Götter! Hihi!

Gretchen (kann sich ihr Kichern nicht verkneifen): Du bist aber weich in einer Schneewehe gelandet, Marc. Also hör auf zu jammern! Du wirst nicht gleich sterben.
Marc (eingeschnappt dreht er seinen Kopf wieder weg u. schaut nun trotzig aus dem Fenster nach draußen in den Garten): Das war definitiv festgefrorener Altschnee. Hart wie Stahl also! Und was kommt der Kaan auch einfach von hinten um die Ecke geschlichen und macht so ein Gedöns, in das die Nervkröten auch noch lauthals mit einsteigen. Weiß doch jedes Kind, dass man sich nicht hinter ein Pferd stellen darf. Noch dazu mit mir obendrauf. Das kriegt der alles wieder! Wieso hat der eigentlich keinen Tritt abgekriegt? Hätte er so was von verdient! Wenn der nicht zu spät gekommen wäre, hätte ich nicht auf dieses stinkende Untier gemusst. Wo steckt der Verräter eigentlich? Ich hab genau gesehen, wie der auch gelacht hat.
Gretchen: Marc, jetzt ist aber mal gut jetzt. Das waren unglückliche Umstände.
Marc (blitzt erst seine Freundin, dann seinen Freund draußen im Schnee an, der gerade vergnügt zu ihm rüberguckt u. dadurch nicht bemerkt, welches Unheil sich nähert u. Marcs Laune erheblich verbessert): Ich schicke ihn gleich in unglückliche Umstände. Aber ich sehe schon. In denen steckt er ja bereits. LOS MÄDELS, AUF IHN MIT GEBRÜLL! Seift ihn ordentlich ein!
Gretchen (schüttelt kichernd den Kopf, als sie ebenfalls zu den Kindern u. Mehdi in den Garten kuckt): Und du hattest doch Spaß! Das kannst du ruhig zugeben.
Marc (protestiert mit Händen u. Füßen, gibt aber auf, als Gretchen sich zu ihm auf die Pritsche setzt): Hatte ich nicht! Was kommt der auch so spät? Wahrscheinlich weil er genau wusste, wie anstrengend die Zwerge sind.
Gretchen (tätschelt liebevoll seine Hand): Marc, das hat Mehdi doch nicht mit Absicht gemacht. Er war die ganze Nacht im Krankenhaus. Bei Maria.
Marc (bockig): Na und? Kein Grund, uns hier hängen zu lassen, nur weil eine seiner Ischen unpässlich ist.
Gretchen (verdreht die Augen): Das hat er nicht, Marc. Außerdem ist Maria nicht seine Ische, sondern die von... ääähhh... egal. Mehdi ist doch jetzt da.

Puh! Jetzt hätte ich doch fast noch Marias großes kleines Geheimnis ausgeplaudert. Ich sollte meine Euphorie, dass sie und Cedric ein Baby bekommen, wohl lieber für mich behalten. Vor allem vor Marc! Das wäre doch wieder ein gefundenes Fressen für ihn.

Marc (bockt noch ein wenig weiter, dann richtet er sich auf u. schaut misstrauisch aus dem Fenster hinaus): Ich glaube, der hat was genommen. Hast du gesehen, wie dämlich der die ganze Zeit geguckt hat? Der ist doch high? Der hat immer noch weitergegrinst, obwohl ich ihn vorhin ordentlich zur Schnecke gemacht habe, bis die Mädels ihn übernommen haben.
Gretchen (kuschelt sich an seine Seite): Du findest auch immer etwas zu meckern oder?
Marc: Ich hab ja auch gute Gründe dafür.
Gretchen (schaut verträumt zum Fenster hinaus u. beobachtet die drei „Schneehasen“, die gerade einen Schneemann bauen): Ich find’s süß. Schau mal, wie er mit den beiden spielt. Er ist glücklich.
Marc (rollt genervt mit den Augen u. blickt dann misstrauisch zur Seite): Sag mal, heulst du etwa?
Gretchen (wischt sich ertappt über die feuchten Augen u. schaut nun besonders ernst): Nein!
Marc (runzelt die Stirn): Schon klar, du würdest die drei am liebsten adoptieren, stimmt’s?
Gretchen (blickt ihn verschwörerisch an u. lächelt wieder): Vielleicht?
Marc (zieht sie kopfschüttelnd in seine Arme): Pass nur auf, bald toben dort anstatt den Ausleihkids unsere eigenen.

...flüsterte Marc seiner Heulsuse zärtlich ins Ohr, womit er genau das Gegenteil von dem bewirkte, was er eigentlich damit bezwecken wollte. Denn nun brachen endgültig alle Dämme bei der jungen blonden Ärztin und sie schluchzte herzzerreißend an seine Schulter. Etwas überfordert von dem spontanen Gefühlsausbruch tätschelte er Gretchen über den Rücken...

Marc: Hey! Das ist doch kein Grund, gleich loszuflennen. Das ist ein Grund, uns diebisch zu freuen. Denn dann können wir uns endlich an Mehdi rächen. Wir richten sie einfach auf ihn ab, um ihn zu Tode zu nerven. Gleiches Recht für alle, du verstehst? Du weißt doch, wie heiß er auf den Babysitterjob ist.

Doch Gretchen reagierte gar nicht auf die hämischen Meierschen Späße. Viel lieber schnupperte sie erst einmal ausgiebig an Marcs Hals und seinen zerwuschelten Haaren, um seinen unvergleichlich betörenden Duft aufzusaugen und ihren Akku damit für die Tage ohne ihn aufzuladen. Dieses seltsame Vorgehen machte den Chirurgen dann doch etwas stutzig. Er schob die Schnüffelliese etwas von sich weg und schaute ihr ernst in die verheulten Augen.

Marc: Was ist denn los?
Gretchen (versucht tapfer zu sein u. schluckt die Tränen hinunter, die unaufhörlich ihre Wange hinunterkullern wollen): Ich... vermiss... dich... nur... jetzt... schon... so... schrecklich... doll.
Marc (sichtlich überfordert starrt er sie an): Aber ich bin doch noch da.
Gretchen (sieht ihm scheu in die Augen): Aber... nicht... mehr... lange! Gleich fahren wir nach Hause und dann... Heute Abend bist du weg und ich muss ohne dich einschlafen.
Marc (drückt ihre Hand u. verschränkt seine Finger mit ihren, dann schaut er sie liebevoll an): Ach Schatz, ich bin doch nicht aus der Welt. Wozu gibt es denn Handys und Spacebook und Skype? Damit können wir uns sogar täglich sehen. Lass dir einfach von deinem Bruder noch mal erklären, welche Taste du drücken musst, und ich bin da.
Gretchen (schnieft): Das ist aber trotzdem nicht das Gleiche. Wir waren noch nie so lange getrennt. Also... seitdem wir zusammen sind.
Marc (streicht eine verirrte Strähne aus ihrem Gesicht u. legt beide Hände an ihre Wange, um sie anschließend zärtlich zu küssen): Ich weiß.

Ein endlos langer inniger Kuss folgte, der beide nicht wirklich trösten konnte, je näher der schmerzhafte Abschied rückte. Sie schauten sich an, verständigten sich blind und standen schließlich wortlos auf und verließen eilig Hand in Hand den Saal, den gerade ein Trupp Hotelmitarbeiter betrat, um das Chaos der gestrigen Hochzeitsgesellschaft aufzuräumen. Und während die das taten und Mehdi mit Lilly und Sarah einen stattlichen Schneemann im Garten aufrichtete, rannten Marc Meier und Gretchen Haase in schnellen Schritten die Treppenstufen empor und verschwanden im nächsten Moment in dem Hotelzimmer, in dem sie bereits die letzte Nacht verbracht hatten, um nun auf ihre Weise ihren Abschied zu zelebrieren, der unabänderlich bevorstand.

Lorelei Offline

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05.05.2013 20:59
#1412 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Hallo ihr Lieben! Heute wollte ich auch an der Stelle mal wieder ganz liebe Grüße dalassen und mich bei allen meinen stillen wie lauten Lesern sowie fleißigen Außenkommentatoren für eure Treue und Ausdauer bedanken. Deshalb habe ich heute auch etwas ganz Besonderes im Gepäck: Vorsicht Kalorienbombe! Verzehr auf eigene Gefahr! Viel Spaß und eine schöne Woche wünscht euch eure Kuchenbäckerin.



Schon nachdem die Tür mit Karacho ins Schloss gefallen war, konnte Marc nicht mehr länger an sich halten und drängte den süßen Blondschopf küssenderweise gegen die beigefarbene Türinnenseite. Gretchens Arme überkreuzte er über ihrem wilden Lockenkopf und strich anschließend ganz langsam mit seinen Fingerspitzen Zentimeter für Zentimeter ihre nackte Haut hinab bis hin zu ihren kitzligen Achseln und hinterließ dabei einen dicken Gänsehautfilm, der sich nicht nur auf ihren Armen ausbreitete, sondern in sämtliche Körperregionen ausstrahlte, und der sie lustvoll erschaudern ließ. Gretchen konnte sich kaum gegen seine drängelnden Avancen wehren. Wie auch, so fest wie er sie mit seinem aufregenden Körper gegen die Tür gedrängt hielt. Stoßweise tänzelte Marcs heißer Atem über ihren grazilen Hals, den er, nachdem er ihre langen Korkenzieherlocken zur Seite geschoben hatte, nun mit unzähligen Küssen benetzte, und kitzelte sie dadurch noch zusätzlich, so dass sie sich nun doch gezwungen sah, sich irgendwie aus seinen Fesseln zu befreien. Doch die kitzlige Assistenzärztin hatte nicht den Hauch einer Chance gegen den starken sehr entschlossenen Mann. Gretchen war überrumpelt und fasziniert zugleich von Marcs forschem Vorgehen. Aber ihr ging es nun mal auch nicht viel anders. Sie wollte ihm nah sein und ihn nicht mehr loslassen, so lange sie eben noch konnte.

Nachdem Marc ihre Hände endlich wieder freigegeben hatte, um seine eigenen an anderer Stelle tätig werden zu lassen, konnte auch Gretchen endlich ihren Liebsten berühren und unter ihren Fingerkuppen spüren. Mit festem Griff fasste sie in seine Haare, vergrub ihre Hände regelrecht darin und zerwuschelte sie kichernd, ehe sie seinen Kopf, der gerade küssend über ihr bebendes Dekolletee wanderte, wieder zu sich hoch zog, um ihn leidenschaftlich zu küssen. Ein verführerisches Spiel vollzogen ihre Zungenspitzen nun miteinander, während sich ihre Füße stolpernd Richtung Bett bewegten, von dem sie nur noch annähernd wussten, wo es sich in dem gemütlichen Landhotelzimmer überhaupt befand. Aber sie fanden es sofort dank ihres inneren Navis, das sie trotz immer weicher werdender Knie auf direktem Wege dorthin geleitet hatte. Unvermittelt blieben sie nun davor stehen und lösten sich kurz voneinander. Sie blickten sich an. Loderndes Smaragdgrün traf auf ozeantiefes Blau. Pure verlangende Lust spiegelte sich in ihren Augen wider. Und so schritt Marc, nachdem er sich wieder gefangen hatte, auch sofort entschlossen zur Tat, um endlich in dem Flammenmeer versinken zu können. Er tippte mit seinem Zeigefinger frech gegen ihr Brustbein und schupste Gretchen so entschieden auf das breite Hotelbett, auf das sie sich lachend mit ausgebreiteten Armen fallen ließ.

Die weiche Matratze federte ihren Sturz sanft ab. Wild aufblitzende tiefblaue Augen funkelten nun auffordernd zu dem dunkelgrünen Augenpaar hoch. Natürlich folgte Marc Gretchens stummer Bitte sofort und kroch in gepardengleichen Bewegungen zu ihr heran. Gretchen hielt den Atem an, als er sich schließlich direkt über sie beugte. Mit glühenden Augen verfolgte er die wild auf und ab bebenden Bewegungen ihres aufreizenden Thorax, auf den er sich nun ohne zu zögern gierig stürzte. Die überrumpelte junge Dame quiekte laut auf, lachte, dass es eine Wonne war, ihr zuzuhören, um dann im nächsten Moment anzufangen, ganz leise zu schnurren wie ein Schmusekätzchen, das man gerade zärtlich kraulte. Gretchen genoss Marcs forsche Küsse sehr und streckte ihm ihr Dekolletee wohlwollend entgegen, das er nun quälend langsam mit seiner kreisenden Zungespitze erkundete und damit ihre lodernde Lust nur noch mehr entfachte. Die so verwöhnte Frau wand sich unter ihrem ungestümen Verführer und versuchte sich aufzurichten, um ebenfalls in das aufregende Spiel eingreifen zu können. Aber vergeblich! Marc ließ ihr dringliches Begehren nicht zu und schnappte nach ihren beiden Händen, mit denen Gretchen ihn gerade von sich schieben wollte, und drückte sie fest neben ihrem hübschen Gesicht in die samtweichen Daunenkissen.

Der forsche Chirurg richtete seinen Oberkörper etwas auf, um seine Assistenzärztin besser ansehen zu können. Pures Feuer loderte in ihren wunderschönen Augen und auch in seinen, als das freche Biest nämlich anfing, sich leicht gegen seinen sanften Druck zu wehren. Diese Reaktion war ganz nach dem Geschmack des coolen Machos, der es über alles liebte, in jeglicher Lebenslage die Oberhand zu behalten und damit alles aus ihr herauszuholen. Er grinste die Widerspenstige schelmisch an und setzte nun ganz auf vollen Körpereinsatz, um sie zu Willen zu machen. Hatte er sich zuvor nur leicht über sie gebeugt, legte er sich nun ganz auf sie drauf und presste sie in die zurückfedernde Matratze, während er Gretchens Finger spreizte und seine Hände mit ihren verschränkte und langsam sein Grinsegesicht zu ihrem herunterbeugte. Mit seiner Nasenspitze rieb er frohlockend an ihrem süßen Stupsnäschen, womit er ein bezauberndes Lächeln bei seiner Traumfrau hervorlockte, das ihn dann doch kurz aus dem Konzept brachte.

Atemlos verfolgte die Überrumpelte jede seiner galanten Bewegungen und stellte tatsächlich nach einigen Sekunden jegliche Gegenwehr ein, um sich besser auf das konzentrieren zu können, was der erfahrene Liebhaber vielleicht als nächstes mit ihr anstellen könnte. Je näher ihr Traummann ihr war, umso mehr wollte sie ihn spüren und streckte ihm verlockend ihre roten Lippenspitzen entgegen. Doch Marc widerstand diesem äußerst reizvollen Angebot, strich nur einem Windhauch gleich mit seinem Mund über ihre feuchte Unterlippe, auf der sie eben noch nervös gekaut hatte, um danach weiter über ihre leicht gerötete Wange hoch zu ihrem linken Ohr zu wandern, in dessen süßes Ohrläppchen er zärtlich hinein biss und an dem er anschließend genüsslich knabberte. Gretchen stöhnte wohlig unter ihm auf. Ihr ganzer Körper war bis in den letzten Muskel angespannt. Ihre Sinne spielten völlig verrückt. Sie spürte sein Gewicht auf ihrem Körper und durch mehrere Lagen Tüllstoff ihres Abendkleides auch ganz deutlich seine Erregung, die mit jedem Zentimeter Haut mehr, den er küssend streifte, größer und größer wurde und sie noch zusätzlich durcheinander brachte. Ebenso wirkte auch sein betörender Marc-Geruch, eine Mischung aus herbem Moschusduschgel, Nikotin, Nivea-Creme und Körperschweiß, der sie völlig vernebelte und komplett wehrlos machte, und sein heißer kitzelnder Atem an ihrem Ohr, in das er gerade verspielt hineinpustete.

Marc: Haasenzahn, ich werde schon dafür sorgen, dass du die paar Tage, in denen ich nicht bei dir sein werde, noch lange von diesen Momenten hier zerren wirst. Du wirst schon sehen, es wird so sein, als wäre ich nie weg gewesen. Mach einfach die Augen zu! Und wenn du sie wieder öffnest, bin ich schon wieder da.

...raunte Dr. Meier seiner aufgeregten Freundin flüsternd mit seiner sexy Stimme ins Ohr, was einen weiteren Gänsehautschauer bei ihr auslöste, ehe er mit seinen zarten Küssen nun auch die andere Seite ihres wunderschönen Gesichts verwöhnte, das plötzlich einen zartrosa Schimmer aufwies, den der bis über beide Ohren verknallte Oberarzt ganz besonders an ihr liebte. Er konnte nun nicht mehr länger hinauszögern, was er sich sehnlich wünschte, und presste seine drängenden Lippen jetzt endlich auf ihren verführerischen Mund, der nur auf das Meiersche Verwöhnprogramm gewartet hatte. Durchströmte eben noch ein Schauer nach dem anderen ihren Körper, den Marc mit seinem gefangen hielt, waren es nun Hitzewallungen sondergleichen, die Dr. Haase regelrecht unter ihm in Flammen setzten. Noch im heißen Zungespiel vertieft, richtete sie sich plötzlich auf. Ihre Hände strichen hektisch seine Seiten hinab und griffen blind nach dem Bund seines Rollkragenpullovers, den sie ihm einen Moment später mit einem Ruck über den Kopf zog, nachdem sie sich kurzzeitig von den wohl heißen Lippen Deutschlands, nein der ganzen Welt, gelöst hatte, mit denen sie nun schon wieder gierig Bekanntschaft suchte. Und das war definitiv kein scheues Kennenlernen, auf das sie beide aus waren.

Auch Marc Meier bebte innerlich wie äußerlich. Unruhig huschten seine flinken Chirurgenhände über Gretchens wohlproportionierten Körper, den er fest gegen die nackte Haut seines wohldefinierten Oberkörpers presste, um sich augenblicklich an dem komplizierten Verschluss ihres Oberteils zu schaffen zu machen. Doch nach den gestrigen Erfahrungen im An- und Auskleiden dieses sperrigen Ungetüms hatte er mittlerweile Übung darin. In Rekordgeschwindigkeit, mit der er vermutlich den Modeschöpfer dieses trägerfreien Kleides blass vor Neid gemacht hätte, hatte er jedes einzelne Häkchen am Rücken gelöst und befreite Gretchens Brüste nun von diesem engen Korsett. Bewundernde Blicke huschten über ihren makellosen alabasterfarbenen Busen, den seine bildschöne Besitzerin, die sich mittlerweile zurückgelehnt hatte und sich mit ihren Ellenbogen auf dem Kopfkissen abstütze, dem stummen Bewunderer nun kokett entgegenreckte. Er konnte also gar nicht anders, als ihre mehr als eindeutige Einladung anzunehmen und sich schwungvoll auf sie zu stürzen. Kichernd ließ die kitzlige Ärztin ihrem spielfreudigen Spielkameraden freies Spiel, das er gekonnt zu seinem und ihrem Vergnügen vorantrieb. Marc vergrub sein Gesicht in der Mulde zwischen ihren Brüsten und sog einen tiefen Zug ihrer nach Sheabutter und Vanille wohlduftenden Haut in sich auf, ehe er sich ausgiebig jedem einzelnen Millimeter ihrer wohl aufregendsten körperlichen Vorzüge widmete.

Während Marcs Mund unglaubliche Dinge mit ihrer linken Brustwarze anstellte, machten sich seine geübten Chirurgenfingerchen gleichzeitig an ihrer rechten Brust zu schaffen, kneteten und streichelten sie im stoischen Rhythmus. Er wusste ganz genau, welche Schaltkreise er drücken musste, damit seine Herzdame ganz besonders auf ihre Kosten kam. Seine Fingerkuppen strichen bedächtig in kreisenden Bewegungen um den dunkelroten Warzenhof. Gretchen stöhnte unter seinen zärtlichen Berührungen lustvoll auf und ließ ihren Kopf in den Nacken fallen, als Marc ihre Brustwarze zwischen Daumen und Zeigefinger zwirbelte, bis sie sich hart aufgerichtet hatte, während er gleichzeitig die andere mit seiner Zungespitze frech antippte und hinterher mit seinen Zähne mehrmals kräftig daran zog. Die so lustvoll Verwöhnte explodierte innerlich. Gretchen wusste überhaupt nicht wohin mit sich und ihren Hände und fasste nach den Metallstäben des weißen Bettgestells hinter sich. Als Marc die Brustseite wechselte und mit dem gleichen sinnlichen Spiel erneut begann, war es endgültig um sie geschehen und sie schrie ihre Gefühle ungehemmt hinaus, was wie Musik in den Ohren des zufriedenen Chirurgen klang und auch ihn erschaudern ließ. Fröhlich grinsend wanderte er mit seinen brennenden Lippen wieder eine Etage nach oben, betrachtete die bebende Frau eine Weile völlig fasziniert, wie sie die letzten Wogen ihres gewaltigen Orgasmus ausatmete und sich unter ihm erotisch hin und her wog, um ihren süßen Mund schließlich mit seinen warmen Lippen zu versiegeln.

Diesmal war sein Kuss sanfter, gefühlvoller, intimer. Marc wollte seine erschöpfte Geliebte wieder zu Kräften kommen lassen. Für den Hauptgang nach dem Schongang sozusagen. Doch eine Sache störte ihn dennoch noch gewaltig an der Grundsituation, während er seinen süßen Hasen nun mit gehauchten Küssen im Nacken verwöhnte und mit seinen Händen durch ihre samtigweichen Locken streifte, die er so sehr liebte: Der knisternde Stoff ihres rosaroten Tüllrocks unter seinen Beinen, der ihn schrecklich kitzelte und einfach nur nervte. Außerdem hatte Gretchen für seinen Geschmack noch eindeutig zu viel Stoff an und diese verboten vielen Lagen Tüll waren eindeutig viel zu viel Stoff. Also machte er sich rasch ans Werk und wanderte küssend und leckend über ihr Dekolletee, ihren Bauch und ihren süßen Bauchnabel, an dem er kurz mit seinen Lippen verharrte, während Gretchen völlig entspannt mit geschlossenen Augen mit ihrem Kopfkissen kuschelte, in welches sie im nächsten Moment hinein biss, weil Marcs Kussspur gen Süden sie schier wahnsinnig machte, weil es sie so schrecklich kitzelte und sie sich kaum dagegen zu wehren wusste. Doch als er ihr Becken erreicht hatte, hielt die Zappeline plötzlich ganz still. Gretchen vergaß sogar ganz Luft zu holen, als Marc sie plötzlich mit Schwung umdrehte und sie sich nun auf dem Bauch liegend wieder fand. Mit seinen Händen schob er ihre Beine etwas nach oben, so dass sie ihm nun ihren properen Hintern entgegenrecken musste, was der zu unbegründeten Komplexen und Neurosen neigenden Frau ziemlich unangenehm war, wie Marc vergnügt an ihrem immer dunkelroter werdenden Gesicht beobachten konnte. Er schüttelte mit dem Kopf. Haasenzahn hatte es immer noch nicht begriffen. Das musste sich ändern.

Mit liebevollen Streicheleinheiten nahm Dr. Meier Madame Prüderie jedoch jegliche Scheu, die ihr bis eben deutlich ins Gesicht geschrieben stand und nun einem strahlenden Gretchen-Lächeln wich. Auf jede ihrer Pobacken setzte Marc einen kleinen Kuss, bevor er sie wieder packte, um den seitlichen Reißverschluss herunterzuziehen und den Wallerock ganz behutsam von ihren sexy Hüften herunter zu schieben und ihn ihr schließlich ganz auszuziehen. Ebenso behutsam legte er diesen dann mitsamt dem schwarzen Oberteil über die Rückenlehne des neben dem Bett stehenden Sessels, damit beides bei seinem Vorhaben keinen Schaden nahm. Denn er kannte seine Süße. Das würde sonst großen Ärger geben, denn sie liebte dieses märchenhafte Kleid, von dem sie ihm wochenlang vorgeschwärmt hatte, bis sie sich endlich dazu durchgerungen hatte, es auf sein und Sabines Anraten hin doch zu kaufen, damit sie neben der Braut die Schönste auf der Gummersbach-Hochzeit sein konnte. Und er musste zugeben, dass er diesen Traum in Rosarot ebenfalls liebte, denn sie sah einfach atemberaubend darin aus. Noch atemberaubender war nur die Natur pur so wie gerade jetzt in diesem fesselnden Augenblick. Marc konnte sich gar nicht satt sehen an dem verführerischen Bild, das ihm im Himmelbett gerade geboten wurde. Nachdem er nach endlosen Sekunden endlich wieder Luft geholt hatte, zog auch er rasch seine Anzughose samt Boxershorts und Socken aus, um der räkelnden Aphrodite endlich Gesellschaft leisten zu können. Gretchen hatte sich mittlerweile auf die Seite gedreht, umarmte ein Kopfkissen, das sie vor ihre Blöße hielt, und stützte ihren Kopf mit dem Ellenbogen ihres anderen Arms ab. Sie verfolgte mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht den Meierschen Striptease. Marc entgingen ihre lüsternen Blicke natürlich nicht und so nahm er sich natürlich extra viel Zeit, um noch einmal ausgiebig in seiner ganzen Schönheit und selbstbewussten Arroganz vor ihr zu posieren. Hatte er ihr nicht vorhin, als sie sich gegenseitig geneckt hatten, noch eine Show der Extraklasse versprochen? Die würde sie bekommen. Und wie sie die bekommen würde, dachte Marc vergnügt. Damit sie endlich den Gedanken der bald bevorstehenden Trennung aus ihren süßen Kopf bekam, der sich andauernd mit viel zu viel Unsinn beschäftigte. Denn wenn Haasenzahn wieder anfangen würde zu weinen, dann wüsste er nämlich nicht, ob er noch die Kraft finden würde, überhaupt fahren zu können.

Noch ganz benebelt von dem aufregenden Anblick, den der Quatschkopf ihr gerade bot, bemerkte Gretchen nicht gleich, dass eben dieser plötzlich zum Sprung angesetzt hatte. Und schwuppdiwupp lag er auch schon wieder auf ihr und fesselte die erschrocken aufquiekende Frau mit seinem muskulösen Körper, seinen warmen Händen, die irgendwie überall zu sein schienen, und seinen glühenden Lippen, die so unglaublich schöne Dinge mit ihren anstellten. Doch das war Dr. Meier noch längst nicht genug. Er wollte mehr. Viel, viel mehr. In seinem Kopf spielte sich schon längst ein ganz besonderer Film ab, der jeden amtlichen Wächter des Jugendschutzes vermutlich unweigerlich rot werden lassen würde. Der Anblick von Gretchens nacktem Rücken, ihrem knappen schwarzen Spitzenslip, den Strapsen und ihrer in sexy schwarze Nylonstrümpfe gehüllten Beine hatte es ihm angetan. Verhext hatte sie ihn mit ihren aufregenden Kurven. So war es, um genau zu sein. Also drehte der von seinen brodelnden Gefühlen Getriebene die verführerische blonde Hexe wieder mit sanftem Nachdruck auf den Bauch, beugte sich über ihren wohlgeschwungenen Rücken und begann nun Millimeter für Millimeter küssend ihre Wirbelsäule hinunterzuwandern. Schnurrend verfolgte Gretchen sein Tun und vergrub ihre Finger und ihr Gesicht tief in dem blümchengemusterten Kopfkissen, das sie immer noch umklammert hielt.

Ganz ausführlich widmete sich Marc nun ihrem wohl ausschlaggebendsten Körperteil. Er könnte sich jetzt selbst in denselbigen treten, wenn er daran zurückdachte, dass er diesen heißen Hintern seit der Schulzeit mindestens tausend Mal aufs Übelste beleidigt hatte. Dabei war er doch perfekt, rund, zwar nicht unbedingt knackig, aber fest und passgenau für seine Handflächen, die sich nun aufreizend daran rieben. Er konnte gar nicht aufhören, Gretchens sexy Po zu kneten und zu massieren, den sie ihm förmlich entgegenreckte, weil ihr seine fordernden Berührungen sehr zu gefallen schienen. Doch eine Sache störte ihn noch während dieses äußerst sinnlichen Spiels: Ein klitzekleines, völlig unbedeutendes, aber dennoch sexy Kleidungsstück. Also schob er seine geübten Chirurgenhände flink in ihren schwarzen Spitzenslip hinein, knete noch einmal ausgiebig die warme weiche Haut, die sich darunter befand, und zog das winzige Stoffstück schließlich langsam nach unten und warf es achtlos zu Boden. Als er sich wieder umdrehte, blieb dem verliebten Mann förmlich die Spucke weg. So etwas Sinnliches, Verführerisches, Scharfes hatte der erfahrenen Liebhaber noch nie zuvor in seinem Leben gesehen. Wohlig seufzend räkelte sich die wohl schönste Lotusblüte der Welt auf dem zartrosafarbenen Laken von einer Seite auf die andere, eine Hand zwischen ihren Schenkeln und ihr sexy Hinterteil etwas nach oben gereckt. Um seine Sinne beraubt fuhren seine zitternden Hände in Formel-Eins-Geschwindigkeit ihre nylonumhüllten Beine empor. Er glaubte, seine Finger würden jeden Moment verglühen, je näher er ihrem atemberaubenden Heckspoiler kam, den Marc zunächst wohlwissentlich aussparte, um den einen Gedanken nicht zu verlieren, der sich gerade in sein Hirn einhämmerte, bevor dessen Blutzufuhr zur Versorgungen anderer Körperregionen endgültig gekappt werden würde. Atemlos stützte er sich rechts und links von ihrem zerzausten Lockenkopf ab, der sich wie ein Wellenmeer über das Kopfkissen ausgebreitet hatte, und näherte sich ihrem rechten Ohr, in das er nun stockend etwas hineinraunte, das ihre bebenden Lenden gleich noch mehr entflammte...

Marc: Bleib... genau ... so, ... Haasen...zaahn! Ich... will... dich... genau... so! Das... wird ... jetzt... aber... kein Loveboat. ... Sorry!
Gretchen: Ee...gaal! Ich... will... dich... auuch. ... Jeetzt! ... Maach!

...stöhnte ihm auch Gretchen mit bebender Zitterstimme ungeduldig entgegen und griff instinktiv nach den Metallstäben des Bettgestells, an dem sie sich festhalten wollte, um der Naturgewalt Meier möglichst standhalten zu können. Und Sekunden später kam der tosende Orkan auch schon tatsächlich über sie. Sie spürte ihn. Kraftvoll, hart, mindestens genauso ungeduldig wie sie selbst, wild, zügellos, aufregend schön. Mit derselben unbändigen Lust in den flackernden Augen, die auch sie in ihrem gemeinsamen Spiegelbild an der Tür des in der Ecke stehenden Wandschranks erkennen konnte. Sich gegenseitig im Spiegel anlächelnd und mit begierigen Blicken antreibend steigerten sie unaufhörlich ihr gemeinsames Liebespiel, das von ihrem gemeinsamen gleichmäßigen Stöhnen und dem lauten Knarren des über den glatten Laminatboden rutschenden Metallbetts begleitet wurde, das sich selbständig gemacht hatte.

Doch nicht nur den beiden kichernden Liebenden blieben diese Kratzgeräusche nicht verborgen. Die Familie Gummersbach, der dieses schnuckelige kleine Landhotel inklusive der darin befindlichen Romantiksuiten mitten in der brandenburgischen Provinz gehörte und die gerade lachend und schwatzend die letzten Überbleibsel der gestrigen Hochzeitsfeier im großen Festsaal beseitigte, hielt ganz plötzlich inne mit ihrem fleißigen Tun. Nur die beiden sieben- und zehnjährigen Neffen von Günni fegten in einer Ecke noch gelangweilt weiter mit ihren Besen über den Konfetti- und Luftschlangenboden und schauten dabei immer wieder neidvoll in den verschneiten Garten hinaus, wo die beiden süßen Mädchen, die gestern noch mit ihnen küssen üben wollten - ein Experiment, an dessen Durchführung sie leider von einem extrem fiesen bösen Onkel mit angstauslösendem Blick gehindert worden waren -, gerade fröhlich um einen stattlichen Schneemann herum tanzten und anschließend glücklich einem großen dunkelgekleideten Mann um den Hals fielen, der dem riesigen Schneemann vor dem Gewächshaus gerade grinsend seine Wintermütze aufgesetzt hatte. Alle anderen im Saal Anwesenden blickten währenddessen in Zeitlupe zur Decke, wo das gespenstige Dielenknarren erst ganz gemächlich, dann immer schneller von einer Ecke zur anderen wanderte. Alle Augenpaare folgten der seltsamen Geräuschkulisse. War man anfangs noch etwas pikiert und geschockt, als das quietschende Rutschgeräusch auch noch vom lauten Aufschrei zweier Menschen begleitet wurde, der jedoch gleich wieder abrupt verstummte, fing plötzlich einer nach dem anderen an, breit zu grinsen, sich wissende Blicke zuzuwerfen und sich mit dem frischverheirateten Brautpaar im Obergeschoss mitzufreuen, ehe man im Saal schmunzelnd die Arbeit wieder aufnahm.

Lorelei Offline

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08.05.2013 16:57
#1413 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Und so war das Erstaunen auch ganz besonders groß, als eben jene frischgebackenen Eheleute, die man in einer ausgedehnten Hochzeitsnacht wähnte, eine halbe Minute später urplötzlich in der Mitte des Raumes standen. Hand in Hand - er leger in Jeans und dunkelblauem Hemd und sie in einer biederen hochgeschlossenen Spitzenbluse und einem langen beigefarbenen Rock - und sich glücklich anlächelnd. Die fassungslosen Blicke von Günnis Verwandtschaft wanderten abwechselnd von dem Ehepaar zur Decke und wieder zurück. Überfordert und verwirrt zugleich sah man sich an, während Günni und Sabine Gummersbach alle ganz verstrahlt anschauten, als sie die plötzlich verstummten Anwesenden etwas unbeholfen begrüßten.

Sabine: Aber wir hätten euch doch mitgeholfen.
Günni: Genau! Ihr habt doch schon so viel für uns getan.

...kam es unterstützend von Günni gesprochen, der sich schon einmal umsah, ob denn irgendwo noch ein paar Wegwerfhandschuhe für ihn parat lagen. Doch von Seiten seiner Tante und seiner Mutter, die ihn und seine Frau mit offenem Mund anstarrten, kam keinerlei Reaktion. Wie Marmorstatuen standen sie vor ihnen, noch mit ihren Arbeitsgeräten, der Kehrschaufel und dem Wischmopp in der Hand. Ebenso wie Günnis Schwester und deren Mann und seine Cousins und Cousinen sowie die beiden Küchenhilfen, die bis eben mit dem Abräumen beschäftigt gewesen waren. Und auch seine beiden kleinen Neffen schauten eher betröppelt drein, als dass sie in Kürze auf die Fragen ihres Lieblingsonkels antworten würden. Günni und Sabine sahen sich schulterzuckend an und blickten dann dorthin, wo gestern Abend noch das üppige Hochzeitsbüffet gestanden hatte. Nach dem für sie beide ungewöhnlich langen Ausschlafen verspürte das glückliche Paar nämlich ein mittelgroßes Hungergefühl, das sich in Form von leisem Magenknurren immer wieder bemerkbar machte.

Sabine: Gibt es denn noch etwas zu essen? Wir würden gerne noch Mittag machen, bevor wir aufbrechen, Tante Gerda.

Doch noch immer kam keine Reaktion!

Erst als auch von der Terrasse her eine Tür geöffnet wurde und zwei Schneehasen fröhlich quiekend und hüpfend an Dr. Gummersbach vorbei, der noch rechtzeitig ängstlich ausgewichen war, auf Schwester Sabine zustürmten und die Braut, die natürlich erst einmal vor Schreck aufgeschrieen hatte, liebevoll umarmten und durchknuddelten, kam Bewegung ins Spiel. Denn auch Dr. Mehdi Kaan trat nach seinen beiden Schützlingen an die versammelte Menschengruppe in der Mitte des Saals heran und schaute sich neugierig um...

Mehdi: Also wenn es keine Umstände macht, könnten wir vielleicht auch noch etwas bekommen? Der Reitausflug und der Schneespaß da draußen hat uns alle doch etwas hungrig gemacht.
Sarah (lässt Sabine endlich los, grinst wie ein Honigkuchenpferd in die Runde u. befreit sich aus ihrem nassen Schneeanzug, den sie an Ort und Stelle fallen lässt): Jaaaa! Ich hab einen Bärenhunger.
Lilly (zieht sich auch ihre Wintersachen aus, die sie zusammen mit denen von Sarah zum Trocknen auf die Bank vor dem Ofen legt): Ich auch!
Sabine (hilft den beiden Mädchen beim Anziehen ihrer Blumenmädchenkleider u. führt sie anschließend Hand in Hand zur bereits abgeräumten Tafel): Ja, dann setzen wir uns doch alle zusammen, hmm? Es findet sich bestimmt noch etwas in der Küche.
Mehdi (klopft Günni auffordernd auf die Schulter, woraufhin dieser zusammenzuckt u. etwas irritiert seiner Gemahlin und den Kindern folgt): Eine wunderbare Idee, nicht Günni?

Das war dann auch das Stichwort für Günnis Mutter und ihre ebenso schockgefrorene Schwester, die endlich wieder auftauten und nun noch immer etwas durcheinander zusammen in die Küche gingen und kurz darauf jeweils mit einem großen Tablett bewaffnet zurückkamen. Sie hatten diese gerade auf der langen mit einem weißen, aber von der Feier leicht verschmutzten Tischtuch gedeckten Tafel abgesetzt und das Besteck und die Teller an die hungrigen Gäste verteilt, als sich sämtliche Blicke plötzlich wieder synchron zur holzverzierten Decke richteten. Die Poltergeister im Obergeschoss schienen wieder anzufangen zu spielen.

Sarah: Was ist denn das? Habt ihr Mäuse?

...fragte die neunmalkluge Sechsjährige sofort neugierig in die Runde, ehe sich ihre ganze Aufmerksamkeit wieder auf die große Schüssel Nudeln konzentrierte, die direkt vor ihrer Nase abgestellt worden war und in die sie gleich einmal mit beiden Händen kräftig hineinlangte. Auch ihre beste Freundin Lilly wollte wissen, was das seltsame Knarren zu bedeuten hatte, das über ihren Köpfen stattfand, und wieso plötzlich sämtliche Erwachsene, die an der langen Tafel saßen, mit Ausnahme von Sabine und Günni Gummersbach, plötzlich rot angelaufen waren und pikiert ihre Blicke von der Decke abwandten und auf die nebeneinander sitzenden vier Kinder richteten.

Lilly: Das müssen aber große Mäuse sein?
Sabine: Ja?

Mindestens genauso verwirrt wie die beiden kleinen Mädchen schaute auch Sabine fragend von dem einen zum anderen, um im nächsten Moment erst einmal der Tochter von Frau Dr. Hassmann mit ihrem Nudelberg zu helfen, die es doch tatsächlich fertig gebracht hatte, unbemerkt von den Erwachsenen, aber zum großen Vergnügen von Hansi und Klausi Gummersbach, die auch gleich noch mit ihren Patschehändchen darin herummanschen wollten, den gesamten Inhalt der Schüssel über ihren Teller auszubreiten. Mit tatkräftiger Unterstützung ihres Gatten, der seinen eigenen Ekel überwand, bereits kontaminierte Lebensmittel anfassen zu müssen, gelang es ihr, dem Chaos auf dem Hassmannschen Teller wieder Herr zu werden, bevor irgendjemand etwas davon bemerkt hätte. Denn alle Augenpaare waren immer noch gen Decke gerichtet. Auch Dr. Kaan hatte da so eine leise Vorahnung, was es eigentlich mit den Poltergeistern da oben auf sich haben könnte. Der schwarze Sportwagen von Frau Fisher stand schließlich immer noch auf dem hoteleigenen Parkplatz, wie er vorhin beim Reingehen beobachtet hatte. Er senkte also schmunzelnd seinen Blick und guckte in die puderroten Gesichter von Dr. Gummersbach und seiner Frau, die, warum auch immer, gerade mit einem Stapel Servietten kämpften.

Mehdi: Ist eigentlich Dr. Meier noch im Haus?
Sabine (schaut verwundert auf): Ist der denn auch geblieben?
Günni (nach ausgiebiger Kontrolle sind seine Hände wieder desinfiziert u. er kann locker ausatmen u. sich der Tischkonversation widmen): Das ist aber sehr nett von ihm. Wo ist er denn? Will er nicht mitessen?
Mehdi (kann sich sein breites wissendes Grinsen nicht verkneifen): Ich glaube, der hat schon genascht oder ist gerade dabei.
Sarah (strahlt die Erwachsenen mit leuchtenden Augen an): Onkel Marc hat auf uns aufgepasst und uns gaaaanz tolle Geschichten erzählt, weil die Mama doch arbeiten muss.
Sabine (überrascht blickt sie zu Dr. Kaan rüber, der augenblicklich rot wird): Oh!
Maria, Maria, du bringst mich immer mehr in die Zwickmühle.
Mehdi (versucht nervös abzulenken, bevor noch mehr Fragen aufkommen, auf die er momentan ohne Absprache mit Sarahs sturer Mutter keine Antworten weiß): Äh... ja! Ähm... Wollt ihr noch eine Portion Nudeln, Kinder?
Lilly / Sarah (trommeln beide ganz begeistert auf der Tischplatte): Jaaaaa!
Mehdi (atmet erleichtert auf, als sein Ablenkungsmanöver funktioniert u. nickt der Gastgeberin zu, die ihm lächelnd die Schüssel reicht): Na dann? Frau Gummersbach, die Soße ist wirklich vorzüglich.

Endlich abgelenkt von der mysteriösen Geräuschkulisse aus dem Obergeschoss widmete sich nun ein jeder seinem Mittagessen, das, wie Dr. Kaan schon lobend hervorgehoben hatte, einfach vorzüglich schmeckte, obwohl es sich lediglich um die Überreste des gestrigen Galadiners handelte, aus denen die Gastgeberin und Küchenchefin des Hauses noch einmal kindgerecht etwas gezaubert hatte. Nachdem auch er zögerlich seinen Teller mikroskopisch blank geputzt hatte, wandte sich Dr. Gummersbach mit einer verlegenen Bitte räuspernd an seinen sehr geschätzten Kollegen aus der Gynäkologie, der allein schon von seiner Statur her reichlich Eindruck auf ihn schindete...

Günni: Herr Dr. Kaan, falls es gestattet ist, dürfte ich Sie vielleicht um einen kleinen Gefallen bitten?
Mehdi (tupft sich mit einer rosa Serviette seinen Mund ab u. lächelt Günni auffordernd an): Mehdi!
Günni (verwirrt): Bitte?
Mehdi: Mehdi! Ich dachte, wir wären mittlerweile beim „Du“ angelangt nach unserem abenteuerlichen ähm... ja Junggesellenabend vorgestern.
Günni (errötet u. schaut beschämt von einem neugierigen Gesicht seiner Verwandten zum nächsten, ehe er sich wieder ganz auf seinen Gesprächspartner konzentriert): Oh ja, ähm... natürlich. Es ist so, Dr. Kaan, Mehdi, also... nachdem das gestern so ... so ähm... ja turbulent vonstatten gegangen ist, wofür ich mich auch noch einmal herzlich bedanken möchten, denn ohne Sie... also dich... wäre ich nicht rechtzeitig und vor allem fit zur Kirche gelangt.
Mehdi (muss sich auf seine Lippen beißen, um nicht laut loszulachen, denn der gestrige Morgen mit dem Bräutigam war doch etwas bizarr, aber vor allem lustig): Ja?
Günni (gerät so langsam ins Schwitzen, was ihm u. seinen peniblen Hygieneregeln überhaupt nicht bekommt): Was ich eigentlich sagen möchte, wir bräuchten noch ein Transportmittel zurück nach Berlin. Nun ja, ich... wir sind ja mit Ihrem... deinem Wagen hier.
Sabine (hilft ihrem nervösen Mann aus der Patsche, indem sie ihre Hand auf seine legt, um ihn zu beruhigen): Ja, unser Flieger geht in fünf Stunden. Wir müssen unsere Koffer noch holen.
Mehdi (lächelt erst das Paar, dann Lilly und Sarah an, denen er zuzwinkert): Wir rücken doch gerne für euch zusammen und bringen euch. Kein Problem! Von mir aus auch zum Flughafen.
Günni (atmet erleichtert aus): Danke!
Sabine (lächelt): Das ist sehr nett von Ihnen, Dr. Kaan.

Lilly (schlingt hastig ihren Happen hinunter, um nun auch ins Gespräch eingreifen zu können): Wohin fliegt ihr denn, Bine?
Sabine (strahlt ihren Günni u. dann Mehdis Tochter glücklich an, so als ob sie es immer noch nicht richtig fassen kann, dass das alles wirklich passiert): In unsere Flitterwochen!
Sarah (schaut verwundert von ihrem Teller auf, auf dem es aussieht, als wäre eine Ketschupflasche explodiert): Was sind denn Flitterdings?
Mehdi (grient den kleinen Frechdachs neben sich vergnügt an, wischt unter Protest ihren verschmierten Mund ab u. wendet sich dann wieder interessiert dem Brautpaar zu, das ihm gegenüber sitzt): Das ist Urlaub für Frischverheiratete, Fräulein Hassmann. Und wohin geht die Reise, wenn ich fragen darf?
Günni (seine Augen funkeln seltsam auf): Roswell, New Mexico.
Mehdi (verschluckt sich fast an seinem Essen u. starrt zu Günni rüber): Bitte?
Sabine (derselbe mysteriöse Ausdruck liegt nun auch auf ihren Augen): Na dort in den USA sind doch in den Fünfzigern die Ufos gelandet.

Okay, jetzt wird es echt spooky.

http://www.youtube.com/watch?v=vly-vddrmhY

Sarah (schaut verwirrt zwischen den beiden hin und her): Hä?
Mehdi (glaubt sich im falschen Film zu befinden u. das sieht man ihm auch an): Ach? Oh! Ähm... das ist ja... ähm... ein recht außergewöhnliches Reiseziel.

Sabine (kichert wie ein kleines Mädchen vor lauter Vorfreude): Naja, eigentlich bereisen wir ja die West-Küste, weil Günni doch unbedingt die Drehorte von „Star-Trek“ besichtigen möchte. Und dieser magische Ort, wo die meisten Mythen um das Thema, ob es noch anderes Leben außerhalb unserer Vorstellung da draußen gibt, ihren Ursprung haben, passt dann natürlich auch gut in unser Reiseprogramm. Hihi! Und wissen Sie... also du... als Abschluss unserer Hochzeitsreise geht es dann auch noch in einen Nationalpark, wo eine ganz besondere Gruppe von Indianern noch immer nach den Naturritualen ihrer Vorfahren lebt, die wir kennenlernen und studieren möchten, um sie dann später auch in unseren Alltag hier in Deutschland zu integrieren. Eine Woche lang werden wir wie sie in Tipis leben. Wir werden ihre Kleidung tragen, die wir selbst aus den reichlich vorhandenen Naturstoffen basteln werden. Wir werden meditieren, uns in Trance versetzen lassen und in Schlammquellen baden, wenn wieder Vollmond ist. Weil das angeblich eine ganz besonders reinigende Wirkung haben soll, nicht nur für den Körper, sondern vor allem auch für den Geist. Sie wissen ja, wir beide reagieren in mancherlei Situation immer noch leicht gehemmt. Davon wollen wir uns endlich ganz befreien. Frei wie ein Vogel. In den ältesten und magischsten Wäldern der Welt. Wir werden uns deren Naturheilkunde aneignen, sprich, ich kann endlich die Rezeptur meiner Salben verfeinern, die ich bislang nur aus einem Hauch Fingerhut und Aloe vera hergestellt habe. Sie wissen schon, die die ich der Frau Doktor letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt habe. Dort vor Ort habe ich viel größere Möglichkeiten. Bei all den Pflanzen und Kräutern, die es dort gibt. Das meiste gibt es in Europa doch gar nicht. Hach... das wird ein wahres Abenteuer. Aber ich muss zugeben, dass ich schon ein bisschen Angst habe, wenn wir dann auch auf echte Schamanen treffen werden. Die haben doch bestimmt noch keinen echten Menschen aus den neuen Bundesländern gesehen.

Mehdi: Schön! Schön!

...kommentierte Dr. Kaan beiläufig Sabines begeisterte Erzählung, obwohl er schon längst aufgehört hatte ihr zu folgen, weil ihm das Ganze dann doch etwas zu schräg geworden war und weil er gerade eine süße Liebes-Sms von seiner Gabimaus bekommen hatte, die seine ganze Aufmerksamkeit erhascht hatte und die nun schnell mit liebevollen Worten beantwortet werden musste. Sabine und Günni redeten derweil unbeirrt weiter von ihren großen Plänen. Ihre Familie und die Kinder waren aufmerksame Zuhörer.

Lorelei Offline

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11.05.2013 13:20
#1414 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Ebenso nach uneingeschränkter Aufmerksamkeit suchte zur selben Zeit ein nackter athletisch gebauter junger Mann eine Etage über den Mittagsgästen der versammelten Großfamilie Gummersbach. Mit gezückter Handykamera und einem breiten unwiderstehlichen Grübchenlächeln im Gesicht stand er vor dem zerwühlten Bett, das mittlerweile nicht mehr in der einen Ecke, sondern mitten im Raum stand, und versuchte angestrengt seinen sexy Betthasen mit der Kameralinse einzufangen. Aber Madame Angsthase zierte sich wie üblich und versteckte sich und ihren aufregenden Traumkörper, den er noch vor wenigen Minuten unter seinen glühenden Fingerspitzen gespürt hatte, die nun auf dem Auslöser seiner Kamera lagen, unter der hässlichen rosageblümten Bettdecke, die er ihr am liebsten, wenn er eine Hand freigehabt hätte, weggezogen hätte.

Marc: Haasenzahn, jetzt stell dich nicht so an! Ist doch bloß ein verschissenes Foto.
Gretchen: Nur ein Foto? Ich hab nichts an, falls es dir aufgefallen sein sollte.
Marc (legt seinen Kopf etwas schräg u. gleitet mit lüsternen Blicken den Bettdeckenberg hinab): Und ob mir das aufgefallen ist, Haasenzahn. Gerade darum muss das einfach festgehalten werden. Sowohl bildlich, als auch äh... im wörtlichen Sinne.
Gretchen: Maaarc! Was ist, wenn dir jemand die Kamera klaut?

Die Meckerliese lugte nun doch vorsichtig unter der Bettdecke hervor und blinzelte den attraktiven Hobbyfotographen im Adamskostüm böse an. Marc nutzte diese Chance natürlich geschickt für sich aus und machte sofort „klick“, bevor er sich vor Lachen aber krümmen musste, weil Gretchens Argumentation mal wieder völlig absurd und haaselike gewesen war.

Marc: Wer sollte mir denn bitteschön die Kamera klauen?
Gretchen (nuschelt in die Bettdecke, unter der sie sich sofort wieder vergräbt): Weiß nicht! Gestern erst wurde am Tante-Emma-Laden in Göberitz ein Automat aufgebrochen.
Marc (kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen): Das war ein blöder Kaugummiautomat aus der Steinzeit, Haasenzahn, dessen Plastikscheibe schon vorher einen Sprung hatte. Außerdem diente das ja wohl einem guten Zweck, wenn ich dich erinnern darf?
Jaaaa!!! ... Äh... Gar nicht!
Gretchen (trotzig dreht sie unter dem Laken an dem schönen Plastikring an ihrem Ringfinger herum, den Marc ihr gestern zum Valentinstag geschenkt hat): Papperlappapp! Es gibt trotzdem Verbrechen in Göberitz. Und in Berlin sowieso. Das ist die Hauptstadt der Verbrecher.
Marc (fummelt an den Kameraeinstellungen herum u. plappert eher beiläufig): Seit wann ist es denn ein Verbrechen, dich zu lieben, hmm?
Gretchen (gerührt schaut sie mit einem Auge unter dem Laken hervor u. schmilzt nur so dahin): Marc, das hast du jetzt aber richtig süß gesagt.
Oh Mann, jetzt reicht es aber! Dass ich alles andere als süß bin, müsste dir in der letzten Stunde wohl eindrucksvoll bewusst geworden sein. Aber natürlich speicherst du sogar die geilsten Geschichten rosarot ab.
Marc (funkelt die Träumerin an): Haasenzahn, jetzt lenk nicht mit Nichtigkeiten ab! Du siehst gerade rattenscharf aus. Ich will doch nur eine verdammte kleine Erinnerung an dich.
Gretchen: Weil du mich dann ganz schnell vergessen wirst, wenn du erst einmal in der Schweiz bist.

...gab Gretchen trotzig und enttäuscht von sich, während sie die geblümte Bettdecke wieder über ihren Kopf zog, und Marc vergaß bei diesem irrsinnigen Verdacht völlig auf den Auslöser seiner Kamera zudrücken, obwohl der süße Trotzkopf gerade ganz besonders sinnlich eine Schulter und ein nacktes Bein unter der Bettdecke hervorblicken ließ, die sie sich gerade zurechtstrampeln wollte. Seufzend ließ Marc den Arm mit dem Handy sinken und trat an das Bett heran. An dessen Kopfende ging er in die Knie und zog Gretchen die Decke weg, die sie krampfhaft vor ihr Gesicht halten wollte, damit er nicht sah, dass sie kurz davor stand, schon wieder loszuheulen. Weil er gemein war. Weil er weg wollte. Weil sie ihn schon jetzt so schrecklich vermisste, dass ihr alles wehtat. Ganz besonders ihr Herz, das nur für ihn schlug. Zärtlich strich Marc seiner Freundin die zerzausten Haare aus dem Gesicht und blickte sie eindringlich an.

Marc: Du Dummerchen, als ob ich dich nach den aufregenden letzten Minuten je wieder aus den Kopf kriegen würde.
Gretchen (sieht ihn mit immer größer werdenden leuchtenden Augen an): Wirklich?
Weiß der Teufel, wieso Frauen immer so viel Bestätigung brauchen. Du kannst ihr einen verschissenen Ring über den Finger schieben und sie denkt immer noch, du verpisst dich im nächsten Moment wieder. Tzz... Weiber!
Marc (legt seine warme Hand an ihre Wange u. streichelt sie zärtlich): Mir fällt der Abschied doch auch schwer und wenn die Situation eine andere wäre, würde ich einen Teufel tun und mich auf und davonmachen und dich alleine lassen. Aber es ist nun mal so, wie es ist. Sie braucht mich, auch wenn sie sicherlich das Gegenteil behaupten wird, wenn ich erst einmal vor ihr stehen und ihr den Marsch blasen werde. Und wenn sie mich mal wieder ganz besonders nervt und in den Wahnsinn treibt, was zu neunundneunzig Prozent garantiert passieren wird, denn es liegt nun mal in der Natur einer Möchtegernstarautorin, die niemanden mehr liebt als sich selbst und ihren Sonderstatus, wäre es echt schön, wenn ich ein paar gei... ääähhh... schöne Bilder von dir hätte, um wieder runterzukommen.

Gretchen (blickt ihm sichtlich gerührt in die aufgewühlt hin und her huschenden Augen): Okay!
Marc (hebt misstrauisch eine Augenbraue): Okay? Wo ist der Haken?
Gretchen (lehnt sich ein bisschen vor, wodurch ihre Bettdecke etwas verrutscht, u. greift nach dem Schmetterlingsanhänger seiner Kette, um ihn zu einem Kuss heranzuziehen): Jetzt bist du aber das Dummchen!
Marc (kann ihrem sinnlichen Kuss nicht widerstehen, muss aber dennoch protestieren): Hey! Das will der kluge Dr. Meier, der seinen Abschluss mit 1,0 und summa cum laude gemacht hat, aber nicht gehört haben.
Gretchen (kichernd löst sie sich von dem Grummel u. wirft sich in Pose): Also wie willst du mich nun haben?
Marc (das Blut in seinen Venen beginnt erneut zu brodeln): Haasenzahn, wenn du mich so direkt fragst und dann auch noch so kuckst, kommen wir hier nie wieder weg, glaub mir, weil ich dich dann nämlich lieben werde, dass dir Hören und Sehen vergeht. Da war das vorhin nur ein läppisches Vorspiel.
Gretchen (ihre Augen blitzen lodernd auf): Deine Angebote werden immer besser.
Sie bringt dich echt noch mal ins Grab, Meier!
Marc (schnappt hörbar nach Luft u. greift nach einem Sofakissen, das er ihr entgegen wirft): Woah stopp, du unersättliches Luder! Du weißt ganz genau, dass ich dich beim Wort nehmen würde.
Hmm...wäre schon eine Überlegung wert. Hihi!
Gretchen (weicht dem Kissen noch rechtzeitig aus u. grinst den sprachlosen Werfer an): Okay, dann... sag mir halt, wie ich mich hinlegen soll. Aber Brüste und so zeige ich nicht. Das kannst du vergessen.
Marc (schmunzelnd legt er ihr das Laken zurecht u. sucht anschließend die richtige Position, von wo aus er das perfekte Foto schießen kann): Was meinst du eigentlich mit „und so“?
Gretchen: Maaarc!

Empört warf Gretchen das Sofakissen wieder in Marcs Richtung, wobei ihre blonde Lockenmähne wild um ihren Kopf tanzte und sie krampfhaft das Bettlaken vor ihrem Körper festhalten musste, um nicht zu viel Haut zu zeigen. Sinnlich leckte sie sich dabei über ihre Lippen und funkelte ihr Gegenüber herausfordernd an, das sich gerade noch so vor dem Kissen ducken konnte und nun völlig fasziniert auf das wohl erotischste Wesen schaute, das seine funkelnden Augen je gesehen hatten.

Marc: Bleib so! So ist es perfekt.

...sagte Marc mit merklich belegter Stimme und drückte schnell auf den Auslöser, um den Moment für die Ewigkeit festzuhalten, bevor ihm noch die Kamera aus seinen zittrigen Fingern gerutscht wäre. In genau diesem Augenblick schenkte ihm Gretchen ihr wohl bezauberndstes Lächeln, das ebenso festgehalten wurde wie der Moment, als sie sich kichernd rücklings in die Kissen fallen ließ und das Bettlaken scheu bis zu ihrer Nasenspitze hochzog, so dass nur noch ihre strahlendblauen Augen herausblickten. Lächelnd legte Marc sich anschließend zu seinem schönen Fotomodell, zog ihr die Decke wieder weg, um selber darunter zu krabbeln, und gab ihr einen langen innigen Kuss auf ihren verführerischen Mund.

Marc: Danke! Wer braucht schon nen Playboy, wenn er so einen scharfen Hasen zuhause hat.
Gretchen: Ey! Jetzt will ich aber auch.

...konterte Gretchen kess, boxte dem frechen Sprücheklopfer in die Seite und wollte sich im nächsten Moment dessen teueres Smartphone schnappen, auf dem er gerade breit grinsend seine Schnappschüsse durchschauen wollte, aber das er ihr natürlich vorenthielt, indem er seinen Arm ganz weit ausstreckte, damit sie nicht herankommen konnte. Und so kabbelten die beiden noch ein wenig wie kleine Kinder in dem großen Bett, bis es Gretchen durch den geschickten Einsatz ihres aufregend weiblichen Körpers endlich gelang, Marc die Kamera zu entwenden, um auch einen Schnappschuss von ihrem Liebsten zu machen, den er ihr auf ihr drängelndes Betteln hin auch sofort auf ihr Mobiltelefon schickte, weil sie selber nicht wusste, welche Tasten sie hätte drücken müssen, um das Bild weiterzuleiten.

Danach kuschelten und schmusten sie noch eine Weile miteinander und das hätten sie vermutlich auch noch ewig weiter getan, wenn nicht irgendwann Gretchens Telefon geklingelt hätte. Seufzend standen die beiden schließlich auf. Gretchen suchte ihr Handy heraus und entdeckte neben Marcs MMS mit dem wohl süßesten Foto der Welt auch noch drei Nachrichten in Abwesenheit, inklusive der von gerade eben, die sie nicht mehr rechtzeitig erreicht hatte, weil Marc sie mit vollem Körpereinsatz im Bett festgehalten hatte. Die Nachrichten waren allesamt von ihrer Mutter. Und ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigte der geschockten Haasentochter auch, dass sie schon vor über einer Stunde mit Marc zum obligatorischen Sonntagsessen in der Villa Haase erwartet wurde. Stumm verständigte sie sich mit ihrem nörgelnden Freund, der alles andere als begeistert von diesen Aussichten war, und rief ihre Mutter schließlich zurück. Mit Engelszungen gelang es ihr sogar, eine Freistellung von dieser nervigen wöchentlichen Familienpflicht zu erringen. Sie wollte die letzten Stunden mit Marc einfach nur alleine mit ihm verbringen. Und dafür hatte sogar eine Bärbel Haase im Hausfrauen- und Übermuttermodus Verständnis, die sich nun ganz auf ihren jüngsten Sohn, dessen neue Freundin und ihr erstes mehr oder weniger „offizielles“ Enkelchen konzentrieren konnte, die gerade ihren ersten Antrittsbesuch bei Jochens Eltern machten.

Lorelei Offline

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14.05.2013 17:57
#1415 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Während es im Elternhaus von Gretchen und Jochen Haase gerade noch einigermaßen entspannt und harmonisch zuging und die aufgeregte und leicht hysterische Dame des Hauses nach endloslanger Wartezeit endlich ihren berühmten Hasenbraten auftischte, um ihre Lieben zu beglücken, war von Entspannung und Harmonie in einem Reihenhaus im Westen von Berlin überhaupt nicht die Rede. Ganz im Gegenteil. Es brodelte und zwar gewaltig.

Cedric: Die Frau macht mich noch WAHNSINNIG.

...fluchte Dr. Cedric Stier in gewohnter Oberarztlautstärke in seinen eigenen vier Wänden vor sich hin, während er sich aufgewühlt durch seine bereits mehrmals gerauften Haare fuhr und nach einem mentalen Stoßgebet gen Zimmerdecke seiner kleinen Tochter hinterher krabbelte, die vor wenigen Sekunden durch seine Beine hindurch unter seinen Schreibtisch gerobbt war und sich nun hinter einem verdächtig wackelnden Bücherstapel vor ihrem gereizten Herrn Papa verstecken wollte, wobei dieser sich natürlich auch noch seinen katergeplagten Brummschädel an der Tischplatte anstoßen musste, als er die Fahnenflüchtige geschnappt und sich mit der Zappeline im Arm wieder jaulend aufrichten wollte. Heute war definitiv nicht sein Tag. Obwohl, wenn er genauer darüber nachdachte, dann war seit exakt drei Monaten kein Tag mehr sein Tag gewesen. Alles ging schief, was auch nur schief gehen konnte. Sowohl beruflich, als auch in seinen verworrenen Liebesangelegenheiten, wenn man von so etwas überhaupt sprechen konnte, so kompliziert wie sich das alles gestaltete.

Cedric: VERDAMMT noch mal!

...wehklagte der alleinerziehende Vater, gegen den sich momentan offenbar alle Welt verschworen zu haben schien. Er rieb sich seinen schmerzenden Schädel, lehnte sich erschöpft mit dem Rücken gegen die Schrankwand, in der unzählige Medizinbücher sortiert nach Themengebieten aufgereiht standen, und reckte sein vor lauter Spaß fröhlich aufquiekendes dreizehn Monate altes Töchterlein in die Höhe und blickte es einfach nur aus ausdruckslosen müden Augen an, während es nach seinen Wuschelhaaren zu greifen versuchte. Cedric hatte gar nicht gemerkt, dass sich seine Schwester, die ihm die Kleine vorhin vorbeigebracht hatte, mittlerweile zwischen den milchglasigen Schiebetüren aufgebaut hatte, die ins Wohnzimmer führten, und kopfschüttelnd mit vorwurfsvollem Blick zu dem Häufchen Elend herabblickte, das entfernt Ähnlichkeit mit ihrem großen Bruder hatte...

Sissi: Vor deiner Knutschkugel ausfallend zu werden, bringt dich auch nicht weiter, Ceddie. Also reiß dich endlich mal zusammen! Was soll sie denn sonst von ihrem Papa denken?
Cedric (lehnt seine Tochter mit dem Rücken gegen seine angezogenen Oberschenkel u. spielt Wippe, während er zu seiner vorlauten Schwester böse hoch blitzt): Ach halt du doch deine Klappe! Hättest du mir gestern nicht geraten, dass ich noch ein paar Schritte mehr auf sie zugehen soll, hätte ich mir einige Peinlichkeiten erspart. So sieht’s nämlich aus.
Sissi (funkelt ihn ebenso böse an): Boah, du bist echt unausstehlich im Moment. Weißt du was, ich kann sie sogar verstehen, dass sie sich nicht mehr bei dir meldet.
Cedric (trotzig wendet er sich wieder seiner Tochter zu, mit deren kleinen Fingerchen er nun spielt): Ach lass mich doch einfach in Ruhe, Elisabeth!
Sissi (ironisch): Ja, gerne! Nichts lieber als das. Dann kann ich auch endlich mal wieder Termine wahrnehmen, ohne dass du mir die Kleine gleich wieder aufdrückst. Versteh mich nicht falsch, ich liebe unseren Sonnenschein über alles, aber ich kann nicht bei jedem Notfall für dich einspringen, gerade jetzt, wo die Geburt der Rasselbande kurz bevorsteht und ich mich voll und ganz auf Motte konzentrieren muss.
Cedric (eingeschnappt): Schon klar, deine Hunde sind dir doch immer wichtiger als dein eigener Bruder.
Sissi (ihr ist zum Haare raufen zumute u. sie wird laut): Cedric, du bist achtunddreißig Jahre alt und kein trotziger Teeny mehr, der mit seinem Liebeskummer nicht anders umzugehen weiß, als alles und jeden, selbst deine Familie, entschuldige bitte den Ausdruck, zusammenzuscheißen. Hör auf dich selbst zu bemitleiden! Das färbt sonst noch auf Chenny ab. Und die hat mit dem Abtauchen ihrer Mutter schon Kummer genug.
Cedric (zieht seine Tochter, die kurz vorm Einnicken ist, in seine Arme u. lehnt sich seufzend zurück): Gott, ich hab mich vor ihr komplett zum Vollhorst gemacht.
Sissi (grinst): Das tut man unter Umständen, wenn man verliebt ist, Ceddie. Aber ich vergaß, du kennst das ja nicht, ne.
Cedric (protestiert): Eh!
Sissi (lacht u. konzentriert sich wieder auf das Wesentliche): Interpretiere bitte nicht so viel in ihre Reaktion hinein! Du kennst doch Maria. Immer alles abwägend. Immer kontrolliert.
Cedric (schaut zweifelnd zu ihr hoch): Ja, aber... Wieso ruft sie dann zurück und sagt keinen Ton. Ich verstehe sie einfach nicht. Widersprüchlich wie Tag und Nacht. Gestern Abend noch schien sie so locker und gelöst. Ich dachte, wir sind auf einem guten Weg. Aber stattdessen reagiert sie gar nicht mehr. Bis auf das Schnarchen am Telefon.
Sissi (setzt sich zu ihm auf den Boden): Vielleicht weil sie beim Wählen der Mut verlassen hat?
Cedric: Und da stellt sie sich schlafend anstatt gleich wieder aufzulegen?
Sissi (zuckt mit den Schultern): Du bist der Neurologe. Ich kann nicht in ihren Kopf schauen.
Cedric (grimmig schaut er seine Schwester an, dann stupst er seiner gähnenden Tochter an die Nase, woraufhin sie herzzerreißend lacht): Haha! Hörst du Sissi 2, deine Tante ist so ein Spaßvogel. Macht sie das bei dir auch so?
Sissi (sieht ihn mit aufleuchtenden Augen an): Meinst du das wirklich ernst?
Cedric (seine Mimik wird ernster): Natürlich meine ich es ernst. Und ich wünschte, ich hätte ihr nicht genau das besoffen auf die Mailbox gequatscht. Sie hält mich doch jetzt für komplett durchgeknallt und nicht zurechnungsfähig. Ich an ihrer Stelle hätte auch nicht darauf reagiert.
Sissi (kurzzeitig verwirrt): Äh... Eigentlich meinte ich nur den Namenswechsel und nicht... Aber das passt ja auch ganz gut auf eure Gesamtsituation. Es ist gut, dass du es ihr gesagt hast. Es ist endlich raus. Ihr hättet doch sonst noch ewig um den heißen Brei herumgeredet und wir wissen alle, wie das wieder geendet hätte. Alle Karten liegen nun auf dem Tisch. Sie ist jetzt am Zug.

Cedric (blickt sie ratsuchend an): Und wenn ich sie doch noch mal anrufe?
Sissi (rollt mit den Augen): Bedränge sie bitte nicht, Ceddie! Nach allem, was du mir über euch erzählt hast und was in den letzten Wochen zwischen euch war oder auch nicht war, deutet alles darauf hin, dass sie komplett überfordert ist. Lass ihr die Zeit zum Nachdenken! Wenn ihr jetzt irgendetwas überstürzt, endet das nur wieder in der nächsten Katastrophe. Denk an die Kinder! Ich kann verstehen, dass es Maria nicht leicht fällt, über Vergangenes hinwegzusehen. Zumal sie der Vergangenheit ständig ins Gesicht blicken wird, wenn sie sich erst einmal für euch entschieden hat. Warte einfach, bis sie reagiert!
Cedric (verliert so langsam die Nerven): Gott, ich halte das Warten aber nicht mehr aus.
Sissi (grient ihn vergnügt an): Dass ich das noch mal erleben darf. Mein eigener Bruder, der Egomane und das selbstverliebte Arschloch, ist so was von verschossen. Wenn Mama und Papa noch leben würden, sie würde es niemals glauben. Aber sie wären auch stolz, dass du den ersten Schritt gemacht hast und endlich mal das Richtige tust.
Cedric (lächelt seufzend): Ich bin froh, dass du auf meiner Seite stehst.
Sissi (zieht ihn auf, klopft ihm auf die Schulter u. steht dann auf, als sie ein drängelndes Hupen von draußen hört): Es bleibt mir ja auch nichts anderes übrig. Ich hab doch nur noch dich und irgendwer muss ja auf dich aufpassen, damit du nicht noch mal so einen riesen Fehler begehst wie mit der blöden Schnepfe Sandy.
Cedric (steht ebenfalls auf u. folgt ihr zur Haustür): Grüß mir Franz und deine Süßen! Wenn was mit den Hunden ist, dann gib mir Bescheid. Mein Handy ist Tag und Nacht eingeschaltet.
Sissi: Als ob du auf meinen Anruf warten würdest! Zerbrich dir nicht so viel den Kopf! Sie wird sich melden. Ich hab ihr gestern früh nach eurem Was-auch-immer in die Augen geblickt. Da geht definitiv noch was, aber so was von. Ich hätte es nie für möglich gehalten, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte.
Cedric (wimmelt sie ab, weil es ihm nun doch zu gefühlsduselig wird): Jetzt hau schon ab, Schwesterherz! Die werdende Hundemama wartet.
Sissi (ihre Augen beginnen zu strahlen): Ich freue mich schon so.
Cedric (stupst ihr lächelnd an die Nase): Ich weiß. Mach’s gut! Und tausend dank noch mal wegen der Kleinen. Ich wüsste nicht, wie ich das ohne dich alles schaffen würde.

Cedrics Schwester zwinkerte dem Unverbesserlichen augenzwinkernd zu, drückte nach einer langen Familienumarmung ihrer kleinen Nichte noch einen dicken Schmatzer auf die Wange, die zappelnd dagegen protestierte und nun wieder hellwach war und die Welt anstrahlte, und ließ die beiden schließlich allein zurück. Seufzend schaute Cedric seiner kleinen Schwester hinterher, wie sie fröhlich in das Auto ihres ungeduldig wartenden Ehemanns sprang. Dann blickte er seiner immer unruhiger auf seinem Arm werdenden Tochter in die Augen, in denen der Abschiedsschmerz von ihrer Lieblingstante deutlich geschrieben stand. Er tätschelte ihre Wange und löste sich vom Fenster.

Cedric: Und was machen wir beiden Hübschen jetzt noch mit dem angebrochenen Tag?

Mit großen fragenden blauen Strahleaugen blickte die Kleine ihren Papa an, der ihre kleinen Händchen tätschelte und ihr kurz an die Nasenspitze tippte, was sie wie jedes Mal heftig auflachen und strampeln ließ.

Cedric: Ich weiß schon. Jetzt gibt es erst einmal ein Luxusdinner für uns beide, dann drehen wir eine Runde durch den Park, damit Dornröschen schnell ihren Schönheitsschlaf findet und der Papa seine Ruhe. Hmm... Ist das eine gute Idee oder ist das eine gute Idee? ... Worauf hat das Schleckermäulchen denn heute Lust, hmm? Jawohl, die Möhrchenpampe sieht doch ganz lecker aus oder was denkst du?

...plapperte der alleinerziehende Vater fröhlich vor sich hin. Er setzte seine zappelnde Tochter in den Kinderstuhl, legte ihr ein Lätzchen um und kuckte dann suchend in einen der Küchenschränke, wo er auch gleich fündig wurde. Doch bevor er sich ans Werk machte, konnte er es sich nicht verkneifen, noch einmal kurz sein Handy zu checken. Seine Herzdame hatte sich leider noch immer nicht gemeldet. Aber woher hätte der verliebte Mann auch ahnen können, dass sie im Krankenhaus lag und sich von einer Operation erholen musste. Maria Hassmann war nur gegen Mittag kurz wach geworden, als die Ärzte von der Inneren Visite gemacht hatten und ihre Verbände gewechselt wurden. Seitdem schlief sie schon wieder tief und fest den Schlaf der Gerechten und entschwand so den vielen Alltagssorgen, die auf sie warteten, wenn sie erst einmal wieder fit genug dafür war.

Lorelei Offline

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17.05.2013 17:44
#1416 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Am frühen Nachmittag dieses 15. Februars hatten auch Marc Meier und Gretchen Haase endlich wieder Berliner Luft in der Nase, nachdem sie sich vor etwa anderthalb Stunden gerade noch rechtzeitig aus dem schnuckeligen Hotelzimmer in Göberitz hatten schleichen können, das kurz davor gestanden hatte, von einer Horde Mäuse überrannt zu werden, die dem Phänomen der quietschenden Dielen auf den Grund hatten gehen wollen, das die Spürnasen seit dem Mittagessen nicht mehr aus dem Kopf gegangen war. Doch auf neugierige Kinderfragen, was sie denn um die Zeit noch in den Federn zu suchen hatten, hatten weder der verschmitzte Oberarzt noch seine attraktive Assistenzärztin Lust gehabt. Deshalb hatte der schmunzelnde Frauenarzt und bester Freund des liebestollen Ärztepaares auch die beiden Hobbyforscherinnen übernommen und hatte Marc und Gretchen die Hoteltreppe heruntergeschleust, ohne dass Lilly und Sarah, die sich gerade von Günni und Sabine Gummersbach die Weiten des Universums erklären ließen, die beiden noch einmal zu Gesicht bekommen hatten. Ansonsten würden sie vermutlich noch immer in dem kleinen romantischen Landhotel in der brandenburgischen Provinz festsitzen und sich einem peinlichen Verhör stellen müssen. Die Fahrt zurück nach Berlin war dann ganz ruhig verlaufen. Beide hatten irgendwie ihren Gedanken nachgehangen, während Marc sich auf die Straße konzentriert hatte und Gretchen die vorbeihuschenden Schneelandschaften betrachtet hatte, die durch die strahlende Sonne am tiefblauen Himmel magisch geglitzert hatten. Schwermütig waren sie dann nach einem kurzen Zwischenstopp in der Werkstatt, wo Marcs geliebter Volvo gehegt und gepflegt werden sollte, in ihre gemeinsame Dachgeschosswohnung zurückgekehrt, wo noch immer die letzten Überbleibsel des Polterabendchaos auf sie warteten. Aber sich darum zu kümmern, danach war ihnen nicht wirklich der Sinn gewesen. Abschied hatte tief in der Luft gelegen und hatte schwer auf ihre beiden Herzen gedrückt.

Während Gretchen sich im Schlafzimmer umgezogen hatte, hatte Marc sich ein paar Sachen zusammengesucht und damit seine Reisetasche bestückt. Nach etwa zehn Minuten war das erledigt gewesen. Und nur weitere dreißig Kuschelminuten später stand das Paar auch schon wieder in der Tiefgarage des Mehrfamilienhauses. Marc hatte seine Tasche bereits in den Kofferraum von Elkes Porsche gelegt und hielt jetzt die Fahrertür weit offen, bereit jeden Moment einzusteigen. Doch er konnte es einfach nicht. Seine Füße waren bleischwer und bewegten sich nicht vom Fleck. Und der Kloß in seinem Hals wurde immer dicker und dicker. Es fiel ihm schwer, seiner Süßen ein letztes Mal in ihre wunderschönen himmelblauen Augen zu schauen, die traurig mit gesenktem Blick neben ihm stand und nicht wirklich wusste, was sie jetzt machen sollte. Am liebsten hätte sie das Auto gekapert, hätte sich darin angekettet und wäre auch unter heftigstem Meierschen Protest mitgefahren. Sie konnte Marc das nicht alleine durchstehen lassen. Er brauchte sie doch jetzt. Mehr denn je. Ihre Augen trafen sich. Gretchen seufzte. Er hatte ja Recht. Sein Blick sprach tausend Bände. Sie hatten doch keine andere Wahl. Und sie hatte hier nun mal auch Verpflichtungen. Sie musste Marc die Chance geben, allein mit seiner Mutter zu sprechen. Sie wäre da komplett fehl am Platz gewesen und würde vermutlich alles nur noch viel schlimmer machen, als es eh schon war, wenn sie neben ihm die Schweizer Klinik betreten würde, in der sich die Autorin vor ihrer Familie versteckt hielt, zu der sie sich mittlerweile auch zählte. Aber das sei nur am Rande erwähnt. Gretchen fühlte sich nicht gut dabei, Marc in dieser Situation loszulassen. Aber wann hätte sie das je gekonnt? Weder in ihrer gemeinsamen Schulzeit, während der sie trotz all der Gemeinheiten und Schikanen einfach nicht von ihm lassen konnte. Noch in ihrer Assistenzarztzeit, die ihr Oberarzt ihr anfangs zur Hölle gemacht hatte, bis er sich endlich in sie verliebt hatte und sie trotzdem immer noch ärgerte und auflaufen ließ, was sie aber mittlerweile zu deuten wusste im Gegensatz zu damals. Noch jetzt, wo sie ein glückliches Paar waren, das seine Sorgen und Nöte miteinander teilte, das Babys bekommen wollte und das für immer zusammen bleiben wollte. In guten wie in schlechten Zeiten.

Marc fasste sich schließlich doch ein Herz und trat einen Schritt auf Gretchen zu, die tief in ihren Gedanken versunken zu sein schien, um den halben Meter zu überbrücken, der sie noch voneinander trennte. Sein Schritt hallte in der dunklen und kalten Tiefgarage wider und war das einzige Geräusch in der ansonsten so beklommenen Stille, die sie beide umgab. Er nahm ihre beiden Hände in seine. Sie fühlten sich eiskalt an. Marc führte sie an seinen Mund und pustete hinein. Gretchen, die bei der überraschenden Berührung erschrocken aufgeschaut hatte, kicherte albern wie ein kleines Mädchen und schenkte ihrem Traummann ihr bezauberndstes Lächeln. Das Eis war endlich gebrochen. Überwältigt von diesem atemberaubenden Anblick zog er seine Traumfrau noch ein Stück näher zu sich heran und nahm sie fest in seine Arme, bevor er liebevoll seine Lippen auf ihre legte und sie zaghaft küsste.

Marc: Das ist mein Mädchen!
Gretchen (lächelt, als würde die Sonne aufgehen): Ich hab dir doch versprochen, nicht zu weinen. Ich mache einfach die Augen zu und schwuppdiwupp bist du wieder da.
Marc (gerührt, weil sie das noch weiß, streichelt er lächelnd über ihre kalte Wange): Richtig!
Gretchen (gibt ihm einen weiteren langen Kuss u. will ihn danach gar nicht mehr loslassen): Kann ich nicht doch mitkommen? Bitte Marc! Nur zur Unterstützung. Ihr würdet mich auch gar nicht bemerken.
Sicher! Wo du doch keine Sekunde stillstehen und die Klappe halten kannst.
Marc (lehnt seufzend seine Stirn gegen ihre): Haasenzahn, soweit waren wir doch schon einmal.
Ich weiß! Aber ich vermiss dich doch jetzt schon so doll.
Gretchen (versucht es ein weiteres Mal mit Zuckerschnute und klimpernden Wimpern): Ich würde auch gar nicht stören. Ich bleib einfach im Hotel und bin für dich da, wenn du mich brauchst.
Marc (löst seine Stirn von ihrer u. sieht sie inständig an): Ich bin erwachsen und ich bin Arzt. Ich brauche keine Rundumbetreuung, Haasenzahn.
Gretchen (zieht sich schmollend zurück): Ich will doch nur helfen.
Du willst immer allen helfen. Aber manch einer oder eine muss vielleicht noch lernen, dass Hilfe anzunehmen, gar nicht mal so schlimm ist, wie es klingt. Also theoretisch.
Marc (ärgert sich über seine schroffe Wortwahl u. streicht ihr nun eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht): Ich weiß. Aber am besten hilfst du mir, wenn du hier die Stellung hältst. Ich wüsste nämlich nicht, wie wir sonst deinem Vater erklären sollen, warum du jetzt so kurz vor deinen Abschlussprüfungen auch noch ausfällst. Der dreht doch schon am Rad, weil mit der Hassmann, mir und dem Gummersbach gleich drei Oberärzte für die nächsten Wochen fehlen.
Gretchen (trotzig dreht sie ihren Kopf weg): Ich hab schon verstanden.
Wenn sie nicht so süß wäre, wenn sie schmollt.
Marc (legt seine Hand an ihr Kinn u. dreht ihren Kopf so, dass sie ihn wieder ansehen muss): Und hey, schau mal, du kannst dich jetzt voll und ganz auf deinen Facharzt konzentrieren, ohne dass dich dein Oberarzt ständig in den Pausen in den Ostflügel zerrt. Es hat also auch Vorteile.
Gretchen (streichelt unter seiner Jacke über seinen angespannten Brustkorb u. sieht ihm dabei tief in die Augen): Hmm... Das sind aber auch immer sehr lehrreiche Stunden.
Dieses Biest! Sie versucht es schon wieder. Erschreckend erfolgreich, muss man dazu sagen.
Marc (kann sich ein dreckiges Grinsen nicht verkneifen): Hoho! Du spukst ganz schön große Töne heute. Das gefällt dem Dr. Meier. Behalt dir das, bis ich wieder da bin! Aber jetzt mal ernsthaft, Haasenzahn. Lass dich von nichts und niemanden ablenken und setz dich auf deinen Hosenboden. Es ist nicht mehr viel Zeit bis zu den Prüfungen und die sind kein Zuckerschlecken, wenn du dir mal die Bestehensquoten anschaust. Und Dr. Meier will stolz auf seine beste Assistenzärztin sein. Sonst ist nämlich auch sein guter Ruf als Gott und Lehrmeister dahin.
Gretchen (funkelt ihn gespielt beleidigt an): Du denkst nur an dich, Marc Meier.
Marc (lacht): Die eine Hälfte des Tages schon, die andere gehört ganz einer vorlauten Göre, die ständig widerspricht und ihr eigenes Ding durchzieht, wenn sie nicht gerade Stunden vorm Schokoautomaten verbringt und sich mit der weltbewegenden Frage beschäftigt, Vollmilch oder Zartbitter. Dabei weiß doch jeder, dass es nur eine Sorte geben kann, also, wenn überhaupt.
Gretchen (verschränkt schmollend ihre Arme): Gar nicht!
Marc (zieht ihre Arme wieder auseinander u. hält nun ihre Hände fest): Wer sagt denn immer, sie will nicht bevorzugt werden, nur weil sie die Tochter des Klinikchefs und Freundin des Oberarztes ist?
Gretchen (kuckt ihn misstrauisch an): Seit wann bist du denn mein Gewissen?
Marc (lächelt sie an u. streicht ihr mit dem Zeigefinger über die Nasenspitze): Seitdem du nicht mehr ständig dein Tagebuch voll kritzelst, sondern deinen Alltag und deine Schwärmereien mich betreffend mit mir bequatschst.
Gretchen: Wobei du nie richtig zuhörst.
Marc (runzelt die Stirn): Hey! Ich höre dir zu, wenn es nicht gerade um die schrägen Hochzeitspläne der Stasi-Sabsi oder die neusten Neurosen der Hassmann geht. Da fährt ein Hochleistungschirurgenhirn wie meines sofort runter.

Gretchen (beißt sich auf die Unterlippe u. schaut scheu zu ihm hoch): Hörst du mir denn auch zu, wenn uns viele hundert Kilometer und ein riesiges Gebirge trennen?
Marc (blickt aufgewühlt in ihren Augen hin und her u. küsst sie schließlich zärtlich): Immer.
Gretchen (lächelt u. fummelt aufgeregt am Kragen seiner Jacke herum): Du musst mich unbedingt sofort anrufen, wenn du angekommen bist. Ich mache mir sonst Sorgen.
Marc: Baby, es ist mitten in der Nacht, wenn ich da ankomme. Da schläfst du schon längst. Du hast morgen Frühschicht, schon vergessen?
Gretchen: Ich würde mich aber sicherer fühlen, wenn du doch irgendwo unterwegs übernachtest.
Marc: Haasenzahn, ich hab schon eine Schicht nach der anderen geschoben, ohne auch nur eine Stunde eine Mütze Schlaf zu brauchen.
Gretchen (belehrend widerspricht sie ihm): Ja, aber so passieren Fehler. Marc, es ist Winter. Bitte fahr nicht die ganze Nacht durch! Versprich es mir! Bitte!
Ach verdammt!
Marc (gibt angesichts ihres süßen Schmollmunds dann doch nach): Okay, du gibst ja sonst keine Ruhe.
Richtig! Hihi! Das ist mein Marcilein!
Gretchen (strahlt ihn zufrieden an): Und bitte fahr nicht so schnell! Das überfriert doch bestimmt wieder, wenn es kälter wird. Und dort unten liegt bestimmt eine ganze Menge Schnee.
Marc (so langsam wirkt er doch etwas genervt von ihrer Bemutterung): Sonst noch was?
Gretchen (erst will sie mit dem Kopf schütteln, dann fällt ihr aber doch noch ein Einwand ein, den sie zögerlich ausspricht): Ja! Und wenn du doch den Flieger nimmst? Das ist doch viel praktischer und schneller.
Marc (reagiert jetzt doch gereizt): Boah, du weißt ganz genau, wie sehr ich fliegen hasse. Das ist verdammt langweilig.
So ohne charmante Begleitung, die an einer Mitgliedschaft im Miles-High-Club interessiert ist. Meier, jetzt lass die schmutzigen Gedanken, sonst kommst du hier nie vom Fleck weg!

Das ist wieder typisch Mann. Immer alles selbst lenken wollen und wenn das nicht geht, fühlt man(n) sich unsicher. Tzz...

Gretchen (trotzig): Und stundenlang Autobahn zu fahren, etwa nicht?
Marc (streichelt mit seiner rechten Hand über den schwarzen Sportwagen): Nicht in dem Flitzer! Außerdem hilft es den Kopf frei zu bekommen.
Gretchen (sieht ihm augenrollend dabei zu, wie er sein Spielzeug liebkost): Ich hab aber ein ungutes Gefühl, wenn du damit fährst.
Marc: Ich hab doch gar keine andere Wahl, jetzt wo der Volvo endgültig im Arsch ist.
Gretchen (kleinlaut murmelnd): Tut mir leid.
Marc (seufzt): Er war ja eh nur für den Übergang gedacht, nachdem erst der irre Kaan und dann der Radfahrer... naja egal! Hätte wahrscheinlich eh den nächsten Tüv nicht geschafft. Wenn ich wiederkomme, geht der auch auf’n Schrottplatz. Ich kenn da einen Typen, der ganz zuverlässig auf mich wirkt. Ich werd den mal bei Gelegenheit anrufen. Und dann schau ich mal, was der Automarkt so für talentierte gut verdiente Oberärzte zu bieten hat.
Gretchen (sieht ihn vorsichtig an): Wenn du weinen möchtest, dann...
Marc (guckt sie entgeistert an): Gretchen!
Gretchen (kuckt ihn mit Kulleraugen reumütig an): Ich meine ja nur. Deine Mutter hat ihn dir zum Achtzehnten geschenkt. Er bedeutet dir doch so viel.
Marc (zuckt mit den Schultern u. lehnt sich lässig gegen den Wagen): Manchmal muss man sich eben von Dingen trennen, die einem lieb und teuer sind. Und das stammt jetzt nicht aus einem von ihren bescheuerten Kitschromanen.
Er wirkt so stark, aber innerlich will er bestimmt weinen.

Gretchen (sieht ihn mit zunehmend ernster Miene an): Marc, versprichst du mir was?
Marc (leicht genervt): Was denn noch?
Gretchen: Fall bitte nicht mit der Tür ins Haus!
Marc (blickt sie ungläubig an): Bitte?
Gretchen: Deine Mutter hat nicht ohne Grund diesen einsamen Weg gewählt. Du musst sensibel mit ihr umgehen.
Marc (richtet sich auf u. sieht sie entschlossen an): Hey! Ich bin ja wohl Mister Sensibel in Personalunion.
Gretchen (verdreht die Augen): Ja, klar!?
Macht sie sich etwa über mich lustig? Das kommt auf die Liste!
Marc (fesselt sie mit funkelnden Augen): Ich versuche mich zusammenzureißen, okay, was aber auch nur von ihrem Entgegenkommen abhängt.
Dementsprechend kann ich tun und lassen, was ich will.
Gretchen (nickt zufrieden): Gut!
Marc: Versprichst du mir auch etwas?
Gretchen (grinst ihn an): Ich werde mich von allen attraktiven heiratswilligen Singlemännern im Krankenhaus fernhalten.
Pass bloß auf, was du hier sagst, Haasenzahn, sonst leg ich dich hier und jetzt noch übers Knie.
Marc (ihm fällt die Kinnlade herunter): Äh... davon gehe ich ja mal schwer aus. Und nicht zu vergessen, die Idioten, die zwar behaupten, anderen nachzusteigen, aber trotzdem nicht die Glotzaugen von deinem drahtigen Fahrgestell nehmen.
Gretchen (stupst ihn empört mit beiden Händen an): Marc!
Marc (macht eine Unschuldsmiene u. zieht sie wieder in seine Arme): Ich meine ja nur. Ich weiß doch, wie notgeil der eine oder andere Arzt im Sechsten ist.
Gretchen: Glaub mir, der hat gerade ganz andere Probleme.
Marc (hebt argwöhnisch eine Augenbraue): Schlimm genug, dass du dich überhaupt mit dessen Problemen bestens auszukennen scheinst.
Gretchen (grient ihn an u. kuschelt sich in seine warmen Arme): Tja, im Gegensatz zu dir interessiere ich mich eben für meine Mitmenschen.
Marc: Gut, dann kannst du dich ja diesmal ausführlich auf die Nöte und Sorgen meines Dads konzentrieren. Hab bitte ein Auge auf ihn! Nicht, dass er wieder irgendwelche Dummheiten macht oder mit dem Professor auf Sauftour geht, um sich was zu beweisen. Und bitte...
Gretchen (fällt ihm augenblicklich ins Wort): Ich verrate ihm nichts. Versprochen! Elke muss mit ihm reden. Das ist nicht unsere Aufgabe.
Marc (lächelt u. gibt ihr einen langen Kuss auf den Mund): Korrekt! ... Süße, ich würde jetzt gerne noch ewig mit dir quatschen und auch noch ein paar andere Dinge mehr, aber ich muss jetzt wirklich los. Sonst wird es echt spät. Und ich sehe doch, wie du frierst.
Gretchen (kuschelt sich an ihn): Ich friere nicht.
Marc: Aber dann wenn ich dich loslasse.
Gretchen (verschließt ihre Arme fest hinter seinem Rücken): Dann lass mich nicht los!
Marc (grinst die Schmusekatze an u. gibt ihr einen Eskimokuss): Guter Versuch! Pass auf dich auf, Kleines!
Gretchen (spitzt ihre Lippen, weil sie mehr will): Und du auf dich.
Marc (streift ihren Mund nur ganz kurz): Na so was von! Mach dir nicht so viele Sorgen! Das macht nur Falten. Und hey...! Ich liebe dich.
Gretchen (strahlt ihn voller Liebe an): Ich liebe dich auch. Mehr als du denken kannst.
Ich weiß.
Marc (lächelt glücklich): Und jetzt mach die Augen zu!

Nachdem Marc sie noch einmal ausgiebig geküsst hatte, folgte Gretchen seiner charmanten Aufforderung sofort. Sie spürte, wie er langsam ihre Hand losließ, nachdem er noch einen zarten Kuss darauf gehaucht hatte, und dann ins Auto stieg. Die Tür fiel ins Schloss. Dann hörte sie, wie er die Seitenscheibe herunterließ. Im nächsten Moment lag seine warme Hand an ihrer Wange und streichelte sie sanft. Die junge Frau musste schwer schlucken und sich heftig zusammenreißen, nicht auf der Stelle laut loszuheulen. Aber sie blieb tapfer. Schließlich hatte sie es ihm versprochen. Sie würde nicht weinen. Auch nicht jetzt, da er ihre Wange losließ, den Motor startete, sie ein letztes Mal wehmütig von der Seite anschaute und dann aus der Parklücke heraus und anschließend die Rampe zur Ausfahrt der Tiefgarage hochfuhr. Die ganze Zeit über hielt sie ihre Augen fest geschlossen. Sie betete still, dass alles gut gehen und er bald zu ihr zurückkehren würde und dass sie ihn endlich wieder in die Arme schließen könnte.

Erst als es ganz still in der Tiefgarage geworden war, öffnete Marcs Freundin langsam ihre Augen wieder. Jetzt war sie tatsächlich allein. Zum ersten Mal seit ihrem Beziehungsbeginn im letzten Herbst würde sie länger als eine Nacht von ihrem Schatz getrennt sein. Gretchen zitterte. Erst jetzt bemerkte sie, wie kalt es eigentlich war. Sie hatte sich nur ihre dicke rosafarbene Strickjacke übergezogen, als sie Marc nach unten begleitet hatte. Schnellen Schrittes lief sie zum Aufzug rüber und drückte auf die Taste, während sie ihre Jacke fest um ihren schlotternden Körper schlang. So langsam bröckelte ihre tapfere Fassade dann doch. Ein tiefer Schluchzer hallte durch die dunkle Halle und kurz bevor das Echo zu ihr zurückkehrte, ein Klingelton, der ihr mehr als vertraut war. „Dreams are my reality“ summte es in ihrer Tasche. Die Krokodilstränen, die eben noch auf ihre Starterlaubnis gewartet hatten, waren ganz schnell vergessen und auch der Fahrstuhl, der gerade mit einem lauten Pling seine Türen geöffnet hatte. Hastig suchte sie in ihrer Jackentasche nach ihrem Telefon und drückte sofort auf den grünen Hörer, als sie es in der Hand hielt...

Gretchen (verwundert): Marc?
Marc (in schroffer Oberarztmanier, die das Grinsen seiner Mundwinkel aber nicht verhehlt): Haasenzahn, beweg deinen süßen Hintern endlich in die Wohnung! Du holst dir sonst noch den Tod da unten. Und mit ner Frostleiche knutsch ich dann bestimmt nicht. Also zack... zack! Du darfst dafür auch kurz die Augen aufmachen. Ausnahmsweise!
Gretchen (sprachlos): Woher...?
Marc (schmunzelt): Woher ich das weiß? Süße, ich kenn dich in und auswendig.
Gretchen (macht große Augen): Wirklich?
Marc (rollt mit den Augen): Naja, nicht ganz! Trotz eines zwanzigjährigen eingehenden Studiums kann ich mich auch mal täuschen. Aber psst, verrat es bloß keinem! Ich hatte mich nämlich schon darauf eingestellt, eine Heulboje beruhigen zu müssen. Nicht dass unsere Nachbarn noch auf die Idee kommen, irgendwo geht ne Sirene, und panisch das Haus verlassen.
Gretchen (protestierend stampft sie einmal mit dem Fuß auf): Ich weine nicht!
Marc (lächelt zufrieden vor sich hin): Ich weiß! Und ich bin mächtig stolz auf dich.
Gretchen (strahlt wie ein Honigkuchenpferd über das ganze Gesicht): Wo bist du?
Marc: Bin gerade am Potsdamer Platz vorbei. Also noch nicht weit, was vor allem an den bescheuerten Sonntagsfahrern liegt, die sämtliche Berliner Straßen blockieren.
Gretchen (haucht verliebt in den Hörer): Lieb, dass du noch mal anrufst.
Marc (ihm wird das Ganze jetzt doch etwas peinlich, schließlich ist er kein verliebter Dorfdepp wie beispielsweise Mehdi): Ich wollte nur sichergehen, dass wir uns vorhin richtig verstanden haben. Und jetzt steig endlich in den verdammten Fahrstuhl. Deine Zähne schlottern schon.
Gretchen (steigt grinsend in das Stahlgefährt, wird dann aber plötzlich abgelenkt): Ai, ai, Sir! … Oh warte mal! Da klopft gerade einer an. ... Hallo?

Mehdi: Hallo Gretchen! Du, wir haben gerade die Gummersbachs zum Flughafen gebracht und haben dort den halben McDonalds leer gekauft. Ich wollte fragen, ob du vielleicht Lust hast, mit zu uns zu kommen. Für ein kleines Gelage. Die Kinder würden sich freuen. Ich mich natürlich auch. Gabi hat auch nichts dagegen. Eure Wohnung liegt ja quasi auf dem Weg und wir wären gleich da, um dich mitzunehmen.
Gretchen (fühlt sich etwas überrollt): Mehdi, das ist echt lieb, wirklich, aber ehrlich gesagt möchte ich jetzt lieber alleine sein.
Mehdi: Verstehe! Er fehlt dir, hmm? Wenn dir die Decke über den Kopf fallen sollte, du bist bei uns immer willkommen. Egal wann. Ich will nur, dass du das weißt.
Gretchen (lächelt gerührt): Danke! Gib den Mädels einen dicken Kuss von mir. Wir sehen uns ja dann morgen.
Mehdi: Date zum Mittag wie immer?
Gretchen: Gerne! Tschüss Mehdi! ... Marc? Bist du noch dran?

Marc (poltert lautstark ins Telefon): Haasenzahn, das war jetzt schon frech von dir, mich einfach so abzuwürgen. Ich werde mir wohl eine Strafe für dich ausdenken müssen.
Gretchen (hat gleich ein furchtbar schlechtes Gewissen): Entschuldige, das war Mehdi, der mich zum Essen einladen wollte.
Marc: Kaum ist man aus der Stadt, baggert der schon wieder an dir rum. So ein hinterhältiger Arsch! Doppelarsch, wenn man die Ausmaße desselbigen berücksichtigt.
Gretchen (verdreht die Augen): Er baggert doch nicht. Und er ist nicht dick. Er und die Mädels haben doch nur... Moment mal! Maaarc, kann es sein, dass du Mehdi auf mich angesetzt hast?
Marc (zögert zu antworten u. verrät sich damit): Bitte? Als ob ich den auf dich ansetzen würde, so liebestoll wie der im Moment ist.
Gretchen (grinst über das ganze Gesicht): Du bist so süß. Aber ob du’s glaubst oder nicht, ich komme auch mal eine Weile alleine klar. Wirklich!
Marc (seufzt wehmütig): Darf ich dich trotzdem anrufen?
Gretchen (schmilzt nur so dahin): Ich bitte darum. Ich will doch wissen, wie’s dir geht. Und du sollst wissen, dass du mir alles anvertrauen kannst, falls es schwer werden sollte.
Marc (öffnet sich dann doch ein Stück weit): Ich hab echt schiss.
Gretchen (wartet noch einen Moment, als die Aufzugstüren sich öffnen, um ihm liebevoll zuzureden, steigt dann aus u. erstarrt sofort wieder): Ich weiß. Deshalb bin ich ja da. ... Du, der Fahrstuhl hält gerade. Ich muss nur gerade kucken, wo ich den Schlüssel... Oh!
Marc: Was ist? Du hast ihn aber nicht von innen stecken gelassen, Miss Tollpatsch?
Gretchen (widerspricht ihm, kann sich aber nicht mehr wirklich auf das Gespräch konzentrieren, weil etwas anderes in ihr Augenmerk gerückt ist): Wenn schon, dann Misses Tollpatsch. Aber nein, ich... Du... Ich muss jetzt auflegen. Ich hab Besuch.
Marc (seine Alarmsignale melden sich): Von wem?
Gretchen: Mein Bruder steht mit zwei Koffern und seiner Stereoanlage vor unserer Tür.
Marc (seine Stimme geht gleich eine Oktave höher): WAS?
Gretchen: Ich rufe später zurück. Kuss.

Noch ehe Marc ihr antworten konnte, hatte Gretchen auch schon aufgelegt und steckte ihr Handy wieder in ihre Jackentasche. Mit offenem Mund und ausgestrecktem Arm deutete sie erst auf den Mann mit den verwuschelten Haaren am Fenster, dann auf die beiden Reisetaschen zu seinen Füßen.

Gretchen (sichtlich perplex): Jochen, was machst du denn hier?
Jochen (springt von der Fensterbank herunter, auf der er bis eben mit hängendem Kopf gesessen hat): Kann ich bei euch pennen?
Gretchen (sprachlos geht sie auf ihn zu, schiebt den Schlüssel ins Schloss u. schließt die Tür auf): Wieso?
Jochen (kommt mit den beiden Koffern hinter ihr her getrottet u. stellt sie neben der Tür im Flur des Penthouses ab): Ich bin zuhause ausgezogen.
Gretchen (dreht sich mitten im Raum erschrocken um u. beobachtet fassungslos, wie er als nächstes die Anlage reinschleppt u. neben die Taschen stellt): WAS? Papa hat dich rausgeschmissen?
Jochen (zuckt geknickt mit den Schultern, schließt die Eingangstür u. lässt sich erschöpft in den großen Sessel im Wohnzimmer fallen): Ich bin ihm zuvorgekommen.
Gretchen (fühlt sich vollkommen überrumpelt u. ärgert sich, weil sie ihm jedes Wort aus der Nase ziehen muss): Aber... was ist denn passiert? Ich war nur einen Tag weg. Ihr hattet doch heute das Mittagessen bei unseren Eltern? Was ist denn mit Chantal? Kannst du nicht zu ihr?
Jochen (dreht getroffen seinen Kopf weg u. starrt aus dem Panoramafenster auf den azurblauen Himmel über der Dachterrasse): Sie hat Schluss gemacht.

Jetzt musste sich auch Gretchen setzen und ließ sich ihm gegenüber auf das weiße Ledersofa fallen. Wie konnte denn die rosarote Welt ihres Bruders sich so plötzlich um hundertachtzig Grad drehen? Die beiden waren doch so verliebt gewesen? Selten hatte sie einen Blitz so einschlagen sehen wie bei den beiden. Sie hatte die Hoffnung gehabt, dass ihr Tunichtgut von Bruder endlich auf dem Weg gewesen war, erwachsen zu werden. Und jetzt das! Kehrtwende und Rückwärtsgang auf einmal. Was hatte der Dummkopf diesmal angestellt, um es sich, mit Marc Meiers Worten zu sagen, so richtig zu versauen? Mit großen fragenden Augen starrte Gretchen das Häuflein Elend an, das ihr gegenübersaß und sich eins von Marcs Matchbox-Autos vom Couchtisch geschnappt hatte und damit jetzt gedankenverloren über die Sessellehne fuhr. Unter den drängenden Blicken seiner großen Schwester, die sich wie kleine Stiche auf seiner Haut anfühlten, musste er schließlich die Hosen runterlassen und begann zögerlich zu erzählen, wie sich aus dem anfangs harmonischen Familienessen eine mittelschwere atomare Katastrophe entwickelt hatte, deren Ausmaße er immer noch nicht so richtig fassen konnte, weil für Dramen dieser Art eigentlich sonst immer seine tollpatschige Schwester zuständig gewesen war.

Lorelei Offline

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21.05.2013 17:30
#1417 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Nachdem sich Jochen Haase betont emotionslos alles von der Seele geredet hatte, um seinem gefühlsduseligen Schwesterherz bloß nicht zu sehr zu zeigen, wie unmännlich weh ihm das alles doch tat, was heute so unerwartet passiert war, wurde es still in der gemütlichen taghellen Penthousewohnung über den Dächern Berlins. Gretchen hatte ihrem Bruder die ganze Zeit ruhig zugehört, ohne ihn zu unterbrechen, auch wenn ihr mehrmals danach zumute gewesen war, weil sie die Entwicklungen in der Casa Haase, die zur überraschenden Abnabelung des überzeugten Nesthockers und rundum-sorglos-Paket-verwöhnten Haasesprösslings geführt hatte, überhaupt nicht fassen konnte. Sie musste nachdenken. Und wie konnte sie das am besten? Natürlich mit einer XXL-Packung Schokoladeneis, die in den Tiefen des Eisschranks irgendwo vergraben war. Mit zwei großen Löffeln bewaffnet kam die Haasentochter schließlich zurück und lümmelte sich neben ihren kleinen Bruder auf das Zweisitzersofa. Sie zog ihre rosa Snoopy-Puschen aus, zog ihre Beine an und lehnte sich seitlich an Jochen heran, was dieser augenrollend hinnahm, und hielt ihm lächelnd den zweiten Löffel hin, den er seufzend, aber dankbar entgegennahm und anschließend in die bereits angerissene Eispackung tunkte, um sich eine noch größere Schokoeisladung zu stibitzen, wie sie gerade auf ihren Löffel geladen hatte. Ganz so wie früher, als sie noch klein waren und er auf diese Weise seine liebeskummergeplagte Schwester getröstet und ihr stets aufs Neue feierlich geschworen hatte, dass er irgendwann einmal den doofen Idioten vom Schulhof, der sie immer geärgert und drangsaliert hatte, bis sie bitterlich geweint hatte, so richtig zu vermöbeln. Das war bekanntlich nie geschehen, aber auch nur weil der kleine Jochen aus der fünften Klasse ganz schön Muffensausen vor dem coolen Sprücheklopfer und Lederjackenträger aus der Oberstufe gehabt hatte und weil er auch schon damals die Veranlagung dafür gehabt hatte, eher schlaksig zu sein anstatt so richtig Muskelmasse aufzubauen wie die meisten seiner Klassenkameraden, die nicht so eine Niete im Sport waren wie er selbst. Und irgendwie hatte er Marc Meier für seine Lässigkeit auch immer bewundert und dessen Streiche hatten ihn auch in gewisser Weise inspiriert, seine große Schwester auch immer ein bisschen zu triezen, aber nie so sehr, dass sie sich weinend an ihn kuscheln musste und jedes Mal aufs Neue schwor, nie wieder auch nur einen Fuß in diese blöde Schule zu setzen.

Schon komisch, dass er jetzt auf der anderen Seite saß und sie ihn trösten musste. Dabei war sich Jochen doch überhaupt keiner Schuld bewusst. Er hatte richtig gehandelt. Er war überzeugt von dem, was er tun wollte. Wieso wollte das nur niemand verstehen? Warum nahm ihn nie jemand ernst in dieser verrückten Familie? Ob sich Gretchen so immer gefühlt hatte, wenn ihre Eltern ihr mal wieder in alles reingeredet hatten? Wie konnte das alles nur so furchtbar schief laufen? Es hatte doch alles so gut angefangen. Papa hatte sich gut mit Chantal verstanden und Mama mit Celinchen, die sie gar nicht mehr herrücken wollte. Auch wenn er diese leidigen Familienpflichten an Sonntagen hasste wie die Pest, hatte er sich wohl gefühlt. Ja, man könnte sogar meinen, er hatte Spaß gehabt. Sie hatten wunderbar zusammen gegessen, Celine in seinem Zimmer schlafen gelegt und dann Gesellschaftsspiele gespielt, bei denen er sehr zum Ärger seines Vaters meistens als Sieger hervorgegangen war. Dabei war die Stimmung dann irgendwie gekippt, aber nicht weil der allwissende und überehrgeizige Professor ein schlechter Verlierer gewesen war oder er seinen Sohn beim Schummeln erwischt hatte. Sie hatten sich beim Spielen rege miteinander unterhalten und dann hatte plötzlich ein Wort das andere ergeben. Ach wäre er doch nie zu diesem blöden, blöden Kennenlernessen gegangen. Wenn Gretchen dabei gewesen wäre, wäre das alles vermutlich ganz anders verlaufen, weil sich alle auf den Musterschwiegersohn und die Versorgung der nimmersatten Raupe konzentriert hätten. Oder nicht? Mit dem Mund voller leckerer Eiscreme wandte sich Jochen wieder zu seiner großen Schwester herum. Er musste kurz schmunzeln und verschluckte sich dabei beinahe, weil ihr Mund ganz schokoverschmiert war, und begann dann langsam zu sprechen, als die Emotionen und die Erinnerungen an den verkorksten Nachmittag in seinem Elternhaus wieder hochkamen. Hatte er überreagiert, als er aus Trotzreaktion einfach seine Sachen gepackt und gegangen war?

Jochen: Wie kann Papa nur so austicken? Wieso versteht er mich nicht? Ich hab doch nur einmal versucht alles richtig zu machen.
Gretchen (legt Löffel und Eisschachtel beiseite, nicht dass noch ein Unglück mit dem weißen Lederbezug der Couch passiert, u. dreht sich in Jochens Richtung): Das sieht vielleicht in deinen Augen so aus. Aber Papa einfach zu sagen, „du, und ach übrigens höre ich nächsten Monat mit dem Studium auf“, das hat auch schon bei den ersten beiden Malen nicht funktioniert. Oder hast du vergessen, wie er getobt hat, als du nach sechs Wochen dein Jurastudium in München abgebrochen hast?
Jochen (reagiert bockig u. uneinsichtig wie ein kleines Kind): Das war doch etwas ganz anderes. Jura lag mir eben nicht.
Gretchen (runzelt die Stirn): Ach und Medizin jetzt auch nicht mehr oder wie? Papa war so stolz, als du dich doch noch dafür entschieden hast und die Familientradition weiterführst.
Jochen: Ich hab ja auch nicht gesagt, dass ich mit der Medizin ganz aufhören möchte. Im Moment haben sich die Prioritäten eben verschoben. Ich will Geld verdienen und das funktioniert nicht, wenn ich den halben Tag im Hörsaal festhänge. Wieso versteht er das nicht?
Gretchen (nickt verständnisvoll): Dann erklär’s ihm!
Jochen (lässt die Schultern hängen): Das hab ich doch. Aber er ist so engstirnig. Alles ohne Diplom, das erkennt er doch gar nicht an.
Gretchen (schüttelt entschieden den Kopf): Quatsch! Das glaube ich nicht. Er hat zu allen Pflegekräften ein gutes Verhältnis und schätzt ihre Arbeit sehr. Sie gehören genauso zur Familie wie die Oberärzte oder die Anfänger. Also ich finde deinen Schritt mutig.
Jochen (resignierend lehnt er sich an die Sofalehne zurück): Dann bist du auch die Einzige.
Gretchen: Was sagt Mama denn dazu?
Jochen (rollt mit den Augen, als er sich zurückerinnert): Die war ja auf meiner Seite, du kennst sie ja, zumindest bis Papa laut geworden ist und sie dachte, er kriegt gleich noch einen Herzinfarkt. Dass ich meine Zukunft nicht wegwerfen solle. Dass er mit 25 schon sein Diplom in der Tasche hatte. Blablabla! Der spinnt doch! Ich denke an nichts anderes als die Zukunft. Gretchen, ich will für sie sorgen. Verstehst du? Ich will, dass sie und Celinchen aus dem Loch in Marzahn rauskommen und sie sich ganz auf die Fortsetzung ihrer Ausbildung konzentrieren kann, ohne gleich auf jeden Euro schauen zu müssen. Aber wenn ich nebenbei noch studiere, dann bekomme ich nie genug Kohle für eine gemeinsame Wohnung zusammen und mit nem Kleinkind nimmt dich auch keine Studenten-WG. Deshalb will ich doch jetzt ganz als Vollzeitpfleger arbeiten. Die Oberschwester war sogar ganz angetan von meinem Engagement. Ich brauchte mich nicht mal mit Nilpferden einschleimen. Aber vielleicht lag das auch daran, weil sie so entspannt war, weil sie nach zehn Jahren zum ersten Mal Urlaub genommen hat.

Gretchen (sieht ihren plötzlich so erwachsen auf sie wirkenden Bruder voller Stolz an): Und Chantal? Was sagt die dazu?
Jochen (lässt geknickt den Kopf hängen u. spielt gedankenverloren mit dem kleinen Matchbox-Auto in seinen Händen herum): Ich wollte sie überraschen. Aber das ist alles total schief gelaufen. Sie hat gesagt, sie bräuchte meine Hilfe nicht und dass sie schon alleine klarkomme. Weil sie immer schon alleine alles schaffen musste und bisher ziemlich gut damit gefahren ist. Ich solle mich nicht in Angelegenheiten einmischen, von denen ich keine Ahnung habe. Dann hat sie sich Celinchen geschnappt und ist einfach gegangen.
Gretchen (sieht ihn mitfühlend an): Ach Jochen! Vielleicht hast du sie einfach überrumpelt mit deinem plötzlichen Engagement, das man so ja eigentlich gar nicht von dir gewohnt ist? Du lebst doch sonst immer in den Tag hinein und siehst alles, ob Studium, Job, Freundschaften, immer eher locker. Keine Verpflichtungen, live easy, das war doch immer dein Motto. Du hättest erst mit ihr darüber reden sollen, anstatt das alles ausgerechnet vor unseren überfürsorglichen Eltern vorzuschlagen. Das ist doch vorprogrammiert, dass so was nur eskalieren kann.
Jochen (nuschelt in seinen nicht vorhandenen Bart hinein): Ich wollte doch nur einmal alles richtig machen. ... Ich hab sie doch so gern.
Gretchen (ihr bricht das Herz ihn so mutlos zu sehen, u. zieht ihn in ihre Arme, jegliche Gegenwehr zwecklos): Ich weiß. Na komm mal her! Wir kriegen das schon wieder hin, hmm.
Jochen (ganz verzweifelt): Sie redet nicht mit mir. Ich hab schon alles versucht. Ich hab alles kaputt gemacht.
Gretchen (versucht ihm wieder Mut zu machen): Warte doch erst mal ab! Sie muss auch erst einmal darüber nachdenken. Du hast sie ziemlich mit allem überrumpelt. Und da sagt man immer, Männer seien in Gefühlsdingen nicht impulsiv genug.
Jochen (löst sich protestierend aus ihrer Klammeraffenumarmung): Gretchen!
Gretchen (lächelt ihn aufmunternd an): Denk doch mal nach, Jochen! Chantal hat eine ziemlich schlimme Zeit hinter sich. Eine Zeit, in der sie eigentlich alle Unterstützung von ihren Eltern und dem Kindsvater gebraucht hätte. Sie kämpft für sich alleine und hat sich eine meterdicke Schutzschicht angelegt, um nicht angreifbar zu sein. Das ist auch ganz verständlich, nach allem was ihr passiert ist. Ich wüsste auch nicht, wie ich mich verhalten hätte, wenn ich so jung mit einem kleinen Baby völlig allein dagestanden hätte. Ich meine, sie ist gerade einmal achtzehn Jahre alt und weiß noch nicht wirklich viel vom Leben.
Jochen (sieht sie aufgewühlt an): Aber sie ist doch nicht mehr alleine.
Gretchen: Jochen, wie lange seid ihr jetzt zusammen, hmm? Einen Monat? Ihr müsst euch doch erst einmal richtig kennenlernen, bevor ihr solche große Pläne schieden könnt.
Jochen: Du hast deinen Millionär doch auch nur ein paar Wochen gekannt.
Gretchen (funkelt ihn beleidigt an): Ja, aber du hast ja gesehen, wie das geendet ist.
Jochen (spürt irgendwo in den Tiefen seines Herzens ein furchtbar schlechtes Gewissen): Sorry!
Gretchen: Schon gut, du bist in einer Ausnahmesituation. Du kannst nicht mehr rational denken. Außerdem bist du ein Mann. Rede doch noch mal mit Papa! Vielleicht hat er sich mittlerweile wieder beruhigt.
Jochen (verschränkt trotzig die Arme): Niemals!
Gretchen: Jochen, eben noch hab ich dich für deinen Mut bewundert, jetzt reagierst du wieder total kindisch.

Das Telefon klingelte plötzlich und riss Gretchen aus ihrem Gedankengang. Sie drückte Jochen, der erleichtert wegen der überraschenden Ablenkung gen Zimmerdecke schaute, die halbleere Eispackung in die Hand, in die er gleich noch einmal kräftig hineinlangte, und tippelte auf Socken zu ihrem Festnetztelefon und nahm ab. Sie war sich nämlich ziemlich sicher, wer der Anrufer war, täuschte sich aber zu ihrer eigenen Überraschung...

Gretchen: Maaarc? ... Oh! ... Hallo ... Mama!?

Gretchen, die am Tresen der offenen Küche lehnte, drehte ihren Kopf zu ihrem Bruder herum, der hektisch mit den Armen winkte, um ihr zu signalisieren, dass er an keinerlei Diskussion interessiert war. Sie rollte theatralisch mit den Augen, behielt den Trotzkopf im Blick und lauschte der aufgeregten Anruferin, die sie nun mit sanfter Engelsstimme zu beruhigen versuchte...

Gretchen: Ja, ich hab davon gehört, Mama. ... Äh... Von ihm selbst. ... Mama, mach dir bitte keine Sorgen! Er wird nicht unter einer Brücke schlafen und drogenabhängig werden. Er ist bei uns zuhause.

Jochen (ruft protestierend zu ihr rüber, weil sie ihn verraten hat): Du Verräterin!

Gretchen (streckt dem Schmollhaasen die Zunge raus u. lauscht mit einem Ohr ungläubig den weiteren Ausführungen ihrer überfürsorglichen Mutter und Oberglucke der Nation): Ja, das richte ich ihm aus. ... Mama, er ist fünfundzwanzig Jahre alt! Also mehr oder weniger erwachsen. Er kann ja wohl seine Brote für die Arbeit selber schmieren. Und ob er lange Unterhosen eingepackt hat, das frage ich ihn ganz bestimmt nicht. ... Ich weiß doch, Mama. Aber vielleicht ist es auch ganz gut, dass er endlich mal selbständiger wird und sich von deinem Rockzipfel löst und seine ganz eigenen Wege geht. ... Zumindest teilweise. ... Nein, ich glaube nicht. Sie redet nicht mehr mit ihm. Das ist alles total blöd gelaufen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er das wieder hinbiegt. ... Ja, mach ich! Deshalb bin ich ja auch die beste Schwester der Welt. Und du, rede du doch bitte noch mal mit Papa! Er hat das alles total in den falschen Hals bekommen. Jochen hat es doch nur gut gemeint. Ich finde es gut, dass er Verantwortung für sich und die beiden übernehmen will. Er muss ja nicht gleich das Studium schmeißen, ein oder zwei Urlaubssemester tun’s doch bestimmt auch. ... Mama! Dass er Ehrgeiz besitzt, das hat er doch damit schon eindrucksvoll gezeigt oder denkst du etwa nicht?

Jochen (richtet sich empört auf): Eh! Jetzt fang du nicht auch noch an, über mein Leben zu bestimmen. Das ist verdammt noch mal mein Leben! Ich weiß, was ich tue. Also... meistens... zumindest.

...kommentierte Jochen beleidigt das Gehörte und stapfte schmollend an seiner ihn bevormundenden Schwester vorbei in Richtung Badezimmer, dessen Tür er lautstark hinter sich zuschlug. Gretchen konnte ihm nur kopfschüttelnd hinterher blicken.

Gretchen: Ja, das war er. ... Ganz genau! ... Ich pass auf, dass er keinen Blödsinn macht, okay? Du, ich muss jetzt Schluss machen. ... Küsschen, Mama! ... Jaahaa! Bis morgen in der Klinik.

Gretchen legte augenrollend auf, bevor ihrer Mutter noch etwas eingefallen wäre, womit sie ihr das nächste Ohr abkauen konnte. Sie stellte das Telefon wieder in die Station und folgte dem Trotzkopf ins Badezimmer. Ohne Anzuklopfen ging sie hinein. Und Jochen, der gerade breitbeinig vor der Toilette stand, polterte auch gleich los...

Jochen: Eh! Noch nie was von Anklopfen gehört!
Gretchen: Jochen, wir haben früher nackt zusammen im Garten gespielt, da gibt es nichts, dass ich nicht schon gesehen hätte.
Jochen: Haha! Sehr witzig.

...konterte Jochen beleidigt, zog sich den Reißverschluss wieder hoch und drückte die Spülung. Gretchen blitzte ihn an, als er sich zu ihr herumdrehte...

Gretchen: Hast du nicht etwas vergessen?
Jochen (rollt genervt mit den Augen, schließt den Klodeckel u. wäscht sich anschließend die Hände): Gut so?
Gretchen (stützt ihre Hände in die Hüften u. baut sich vor ihm auf): Nein! Das hier ist genauso wie bei uns zuhause eine Sitzpinklertoilette, Jochen.
Jochen (regt sich gleich wieder künstlich auf): Boah! Dann stelle ein Schild auf! Mann, jetzt hab dich doch nicht so. Oder gehst du mit deinem Marcischnuckiputzi auch so um? Kein Wunder, dass der sich verdünnisiert hat.
Gretchen (getroffen wendet sie sich von ihm ab u. versucht die aufkommenden Tränen zu unterdrücken): Du bist unausstehlich, wenn du Liebes- und Elternkummer hast, Jochen! Aber zu deiner Information, Marc hat sich nicht verdünnisiert. Im Gegensatz zu dir respektiert der nämlich seine Eltern.
Jochen (kuckt sie an wie ein Postauto): Hä? Was hat das denn jetzt mit unseren Eltern zu tun?
Mist! Ich darf’s ihm nicht verraten. Marc grillt mich sonst.
Gretchen (ist ganz, ganz schlecht im Lügen u. läuft dementsprechend auch sofort rot an): Äh... nichts! Er... er ist nur... auf Forschungsreise für seine... seine Habilitation.
Jochen (wird sarkastisch u. zieht grinsend an ihr vorbei): Oh tut mir leid, wenn ich deinen heiligen Gott beleidigt haben sollte. Wie viele „Ave Maria“ kostet mich das jetzt?
GGGRRR! Dieser Blödi! Du hast den Ärger wirklich verdient.
Gretchen (folgt ihm wütend zurück ins Wohnzimmer): Ein Wort mehr und du landest auf der Straße, das schwöre ich dir, Jochen Haase.
Jochen (lümmelt sich seufzend in den Sessel): Okaaay Sis! Es tut mir leid. Darf ich bitte, bitte hier pennen?
Du hast Glück, dass Marc nicht da ist. Der hätte dir nämlich schon längst die Tür vor der Nase wieder zugeschlagen.
Gretchen (grummelig): Ja! Aber nur für ein paar Tage. Bis du deine Probleme geklärt hast. Nimm das hintere Gästezimmer am Ende des Flurs!
Jochen (springt auf, drückt seine Schwester kurz an sich, flüstert ihr etwas zu u. nimmt dann seine Sachen in die Hand): In deiner rosaroten Hölle hätte ich eh nicht schlafen wollen.
Gretchen: GGGRRR!!!

...brachte Gretchen nur noch über ihre vor Wut bebenden Lippen. Sie blitzte den Grinsekönig an, der mit seinem Gepäck an ihr vorbei in Richtung Gästezimmer marschierte, und ließ sich in den Sessel fallen, in dem der Frechdachs gerade eben noch gesessen hatte. Sie griff nach der Eispackung, die auf dem Couchtisch lag, und musste frustriert feststellen, dass diese mittlerweile leer war und sie auch keine mehr auf Vorrat hatte. Erschöpft lehnte sie sich zurück an die Sessellehne, legte ihre Arme in den Nacken und starrte an die Decke. Aus dem hinteren Zimmer erklang plötzlich laute Diskomusik. Worauf hatte sie sich da bloß eingelassen, seufzte sie und dachte an Marc, an den sie sich jetzt gerne herangekuschelt hätte.

Lorelei Offline

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24.05.2013 17:20
#1418 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Etwa zur gleichen Zeit hatte sich auch ein viel beschäftigter Familienvater zu seiner bezaubernden Lebensgefährtin auf das erdbeerrote Wohnzimmersofa gelümmelt, die den armen erschöpften Kerl gleich liebevoll in ihre ausgebreiteten Arme zog und ihn zärtlich zu massieren begann, während er erst einmal vor Schmerz aufzuckte und unter seinem Hintern zwei in Ärzteklamotten gekleidete Barbiepuppen hervorholte, die er erst verwirrt anschaute und dann kopfschüttelnd auf dem Couchtisch ablegte, auf dem wild verstreut verschiedene bunte Zeichnungen und Buntstifte herumlagen, die eigentlich aufgeräumt gehörten. Aber dafür hatte er weder die Lust, noch die Kraft, denn er spürte jeden Muskel seines verspannten Körpers, der gerade liebevoll von zarter Frauenhand bearbeitet wurde.

Mehdi Kaan war tatsächlich fix und alle. Seine süße Tochter und ihr hyperaktiver Übernachtungsgast waren trotz Dauerbeschäftigungsprogramm, wie Ponyreiten, Schneeballschlacht, Flughafenbesuch, Nahrungsbeschaffungsmaßnahme, Malen und Barbiehausneueinrichtung, überhaupt nicht müde zu bekommen und hatten ihn schwer geschafft. Und im Kinderzimmer am Ende des Flurs waren die lauten Kicherstimmen der Mädchen noch immer zu hören. Obwohl sich Lilly und Sarah eigentlich schon längst bettfertig gemacht haben sollten, weswegen er sie in den letzten zwanzig Minuten schon mehrmals ermahnt hatte. Leicht verzweifelt blickte er zu seiner jungen Freundin hoch, die die Ruhe weghatte und einfach nur breit vor sich hin grinste, weil der alte Mann schlaff wie ein kaputter Fahrradreifen in ihren Armen lag und wehklagte, als hätte er gerade den Berliner Marathon zweimal hintereinander hinter sich gebracht. Dabei hatte es doch einen Heidenspaß gemacht, ihn vor dem Abendessen zusammen mit den Mädels lautstark dabei anzufeuern, wie er endlich die Schlafzimmermöbel zusammenbaute, die noch in ihren Einzelteilen als Stolperfallen quer im Raum verteilt herum gestanden hatten.

Zwar hatte sich die verliebte Krankenschwester dieses Vorhaben etwas intimer vorgestellt, quasi als Déjà-Vu ihres ersten heimlichen Dates mit ihrem attraktiven südländischen Oberarzt, als alles mit ihnen beiden ziemlich kompliziert begonnen hatte, aber so war es eigentlich auch ganz lustig gewesen. Ihr persönlicher Held und muskelbepackter Hobbyzimmermann hatte sich nämlich ganz wacker geschlagen und das Gruppenkuscheln mit seinen kleinen Helfershelferlein hatte ihn danach schnell wieder wohl gestimmt. Obwohl sich Mehdi ja eigentlich doch sehr überrumpelt vorgekommen war, als die süßen Mäuschen, die offenbar Ohren wie Sabine Vögler äh... Sabine Gummersbach ehem. Vögler hatten, der kleinen Diskussion mit Gabi, die wohl mehr ein feuriger Flirt als eine echte Diskussion gewesen war, gelauscht hatten und ihn gleich vor vollendete Tatsachen gestellt hatten, ihnen doch bitte sein handwerkliches Talent zu beweisen, das er kurz zuvor schon am Barbiehaus eindrucksvoll zur Schau gestellt hatte. Denn wie sah das denn aus, wenn die ganze Wohnung, inklusive des Barbie-Traumhauses mit beleuchteter Hundehütte, schon wunderschön wohnlich gemacht worden war und ein Zimmer und ein begehbarer Kleiderschrank noch total unordentlich aussahen.

Und noch einen weiteren Vorteil hatte das Ganze ja, hatte ihm Gabi verführerisch ins Ohr gesäuselt, um ihn so auf ihre Weise von dem Plan zu überzeugen. So würden sie nämlich endlich ein richtiges Bett bekommen, in dem sie dann später kuscheln und vielleicht noch mehr veranstalten konnten, um die diversen Veränderungen in ihrer beiden Leben würdig zu zelebrieren. Mehdis Freundin, der es mittlerweile wesentlich besser als heute Morgen ging, freute sich schon diebisch darauf, dem sexy Arzt noch näher zu kommen und das gewünschte Déjà-Vu doch noch nachzuholen, und betreute ihren armen Patienten deshalb auch ganz besonders behutsam. Der werdende Vater, der dank ihrer zärtlichen Hände wohlig vor sich hin schnurrte, hatte sich inzwischen auf den Rücken gedreht. Sein Kopf lag wohlbehütet auf Gabis Schoss. Sie kraulte bedächtig seine lockigen Haare und blickte ihm die ganze Zeit über verträumt in sein zunehmend entspannter wirkendes Gesicht. Mehdi hielt die Augen noch geschlossen, lauschte den Geräuschen aus dem Kinderzimmer und der zuknallenden Badezimmertür, schaute aber schließlich doch mit einem eher gequälten Lächeln auf seinen vollen Lippen zu Gabi hoch und suchte ihren Blick, der voller Liebe war, was sein puckerndes Herz gleich wieder schneller schlagen ließ...

Mehdi: Hab ich nicht gesagt, dass es stressig wird.
Gabi (grinst ihn schadenfroh an): Nicht für mich. Ich hab ja jetzt eine tolle Ausrede, die mich vor jeglicher Überanstrengung schützt.
Mehdi (grient verliebt zu ihr hoch): Ich weiß.

Mehdi wollte gerade seine Hand auf Gabis Bauch legen, um dem Baby „Hallo“ zu sagen, als ihn jedoch ein einstimmiger Mädchenchor davon abhielt...

Lilly/ Sarah: Fertig!

Kichernd schmissen sich die beiden Mädels, die schon ihre Schlafanzüge anhatten - Sarah trug einen von Lilly, der ihr an den Armen viel zu groß war -, in den Sessel gegenüber und guckten neugierig zu dem verliebt turtelnden Paar rüber, das sofort ertappt auseinander fuhr. Mehdi, dessen Wangen zart gerötet waren, beugte sich über den Couchtisch und lockte die beiden mit dem Zeigefinger zu sich rüber...

Mehdi: Beweise!

Sarah kuckte Lilly verwirrt an. Die schmunzelte nur, nahm ihre Freundin an die Hand und lief mit ihr um den Couchtisch herum und zeigte ihrem Papa und Gabi stolz ihre frisch geputzten Zähne mit einem breiten ansteckenden Strahlelächeln, welches Mehdi gleich wieder sämtliche körperliche Beschwerden vergessen ließ, die ihn bis eben noch geplagt hatten. Die kleine Tochter von Dr. Hassmann machte es ihrer Vorgängerin sofort artig nach. Mehdi, der sich ein Schmunzeln verkneifen wusste, weil die taffe Göre plötzlich ganz kleinlaut geworden war und einfach nur putzig süß aussah, wie sie in ihrem viel zu großen lilafarbenen Schlafanzug mit Bärchenaufdruck durch das Wohnzimmer tapste, strich beiden Damen lobend über ihre Köpfe und stand dann ebenfalls auf, um die beiden ins Bett zu bringen. Gabi schaute ihnen nachdenklich hinterher, blieb aber auf ihrem Beobachtungsposten auf der gemütlichen Couch sitzen.

Mehdi: Na dann, ab ins Bett mit euch! Morgen ist wieder Schule.
Sarah (vorlaut reckt sie ihre Nase in die Luft): Und Kindergarten!
Mehdi (lugt über seine Schulter zu Gabi rüber, die ebenfalls schmunzelt u. sich nun die Fernbedienung schnappt, um den Fernseher einzuschalten): Genau Miss Oberschlau!
Lilly (tapst vorn heran durch den Flur): Erzählst du uns noch eine Geschichte, Papa?
Sarah (plappert dazwischen, bevor Mehdi darauf antworten kann): Das kann doch Mami machen.
Mehdi (bleibt abrupt im Flur stehen, dreht sich perplex zu Marias Tochter um u. weiß im ersten Moment nicht, was er sagen soll): Ääähhh... Das... ähm...
Sarah (schaut in das verwunderte Gesicht des großen Mannes u. erklärt es ihm): Wenn ich nicht bei Mami sein kann und sie dolle lange arbeiten muss, dann darf ich sie immer anrufen und sie erzählt mir eine Gute-Nacht-Geschichte, bis ich eingeschlafen bin.

Oh weh! Was mache ich denn jetzt? Ich wusste doch, dass das noch kompliziert werden würde. Danke Maria!

Nun steckte der Familienvater und Vertrauensarzt von Sarahs Mutter in der Zwickmühle. Erwartungsvoll schaute die Kleine zu ihm hoch. Ebenso wie seine eigene Tochter. Und deren braunen Kulleraugen konnte er einfach nicht widerstehen. Er fuhr sich über die Stirn, nickte den beiden Grinsebacken lächelnd zu und griff schließlich nach dem Festnetztelefon, während beide Mädchen noch einmal schnell auf die Toilette verschwanden. Mit Blick auf die geschlossene Badezimmertür gerichtet wählte Mehdi die Nummer des Krankenhauses und erreichte auch sofort jemanden im Stationszimmer der Gynäkologie...

Kate: Elisabeth-Krankenhaus, Berlin, Gynäkologische Station, Dr. Kate Marple am Apparat.
Mehdi: Oh hallo! Guten Abend Kate! Hier ist Dr. Kaan. Entschuldige, wenn ich dich störe. Du, sag mal, wie steht es denn momentan um unseren Neuankömmling, also... Dr. Hassmann?
Kate: Die Medikamente haben gut angeschlagen. Sie hat den ganzen Tag über geschlafen und ist jetzt seit ungefähr einer halben Stunde wach. Ich war vorhin bei ihr und hab den Tropf gewechselt. Gleich kriegt sie auch noch was für die Nacht. Sie hat ein bisschen erhöhte Temperatur, was nach so einer schweren Operation am Magen zu erwarten war, aber ansonsten geht es ihr den Umständen entsprechend gut. Sie ist etwas stiller als sonst. Aber wer wäre das nicht nach dem Schock von gestern Nacht.
Mehdi (runzelt nachdenklich die Stirn): Gut! Aber falls das Fieber steigt, möchte ich bitte umgehend informiert werden. Dann müssten wir noch einmal über ein anderes Antibiotikum nachdenken.
Kate: Natürlich, Dr. Kaan! Kann ich sonst noch etwas für dich tun?
Mehdi (fährt sich nervös mit seiner freien Hand über seinen Stoppelbart): Äh... Ja! Warum ich eigentlich angerufen habe. Kannst du sie bitte fragen, ob sie mit ihrer Tochter sprechen möchte? Die steht nämlich quengelnd neben mir und hat Sehnsucht nach ihrer Frau Mama.
Kate: Warum hast du das denn nicht gleich gesagt, Mehdi Kaan? Dass ihr Männer auch immer um den heißen Brei herum reden müsst! Tzz... Ich stell dich durch.
Mehdi: Warte! Ich... Verdammt!

Aber ich hab keine Angst. Warum sollte ich auch Angst vor ihr haben? Wir verstehen uns doch blendend. Sie ist...

Ein Klicken war in der Leitung zu hören. Dann wurde auch schon abgenommen und die schwache Krächzstimme einer Frau erklang...

Maria: Ja? Wer stört?
Mehdi (räuspert sich peinlich berührt): Äh... Hallo Maria! Ich bin’s. Mehdi.
Maria (zischt angesäuert in den Hörer): Das hätte ich mir ja gleich denken können, Herr Doktor. Was fällt dir ein, mich den ganzen Tag Schach matt zu setzen, du hinterhältiger Kerl.
Mehdi (rollt mit den Augen, zählt in Gedanken langsam bis fünf, dann antwortet er betont ruhig): Du kennst das Prozedere, Maria, das diente deiner Regeneration. Und da du schon wieder lospoltern kannst, dann scheint die Erholungsphase ja was gebracht zu haben.
Maria (beleidigt): Ich leg jetzt auf, du Kontrollfreak. Du hast mir schon genug Zeit gestohlen.
Mehdi: Maria, warte mal! Ich muss dir...

...sprach Mehdi hektisch ins Telefon und spürte plötzlich eine kleine Hand am Saum seines Pullovers, die heftig daran zog. Er blickte verwundert an sich herunter. Sarah stand neben ihm und streckte ihren anderen Arm aus, um an das Telefon heranzukommen, das er noch immer an sein rechtes Ohr gedrückt hielt.

Sarah: Maaamiii!

Maria (ihr stockt der Atem u. sie kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen, als sie die Stimme ihrer Tochter im Hintergrund hört): Ist das... etwa... Sarah? Was... was hast du gemacht? Du hast es ihr gesagt? Mehdi!
Mehdi (sammelt sich u. lächelt Sarah an, die ihn mit großen blauen Augen bettelnd anschaut): Nein! Ich... Ähm... Die hübsche junge Dame neben mir würde nämlich gerne eine Gute-Nacht-Geschichte von ihrer Mama hören. Also... nur wenn es ok für dich ist?
Maria (ist sofort den Tränen nahe, versucht sich aber zusammenzureißen, als sie Mehdi schniefend zusammenscheißt): Gib sie mir endlich, du blöder Idiot!

Na also geht doch!

Mehdi (grinst zufrieden u. reicht der Zappeline, die ungeduldig vor ihm auf und ab hüpft, das Telefon): Dein Wunsch ist mir Befehl! ... Sarahmaus, deine Mama ist am Telefon. Telefoniert aber bitte nicht zu lange, ja? Und wenn ihr fertig seid, möchte ich gerne noch mal mit deiner Mama sprechen.
Sarah (strahlt ihn überglücklich an): Okidoki! ... Maaaaaamiiiiiiii!!!

...rief die Kleine ohrenbetäubend laut euphorisch in das Telefon, das sie Lillys Vater sofort aus der Hand stibitzt hatte, um damit blitzschnell ins Kinderzimmer zu rennen, wo sie sich sofort bäuchlings auf das rosabezogene Prinzessinnenbett schmiss. Lilly hüpfte hoch und gab ihrem Papa ein kleines Küsschen auf die Wange, flitzte Sarah nach und legte sich schmunzelnd neben sie, während Mehdi nachdenklich in der Tür stehen blieb und die zwei Mäuse betrachtete. Plötzlich bemerkte er die Hand von Gabi auf seiner Schulter. Er drehte seinen Kopf zu ihr herum und schaute sie an.

Gabi (flüstert): Alles in Ordnung?
Mehdi (streichelt ihr lächelnd über die Wange): Jetzt ja.

Gabi erwiderte sein verliebtes Lächeln und schmiegte sich in Mehdis Arme. Er blickte noch einmal vergewissernd ins Kinderzimmer, ließ die Tür dann einen Spalt weit offen und ließ die Kinder unter sich und ging mit seiner Freundin Arm in Arm zurück ins Wohnzimmer. Sarah Hassmann war währenddessen ganz aufgeregt, endlich mit ihrer Mutter sprechen zu dürfen.

Sarah: Ich hab dir sooooo viel zu erzählen, Mami. Wir haben heute sooooo viele tolle Sachen gemacht. Wir waren reiten. Und ich hab mich auch wirklich auf das Pferd gesetzt. Das war so toll. Und ich hatte gar keine Angst. Onkel Marc aber schon. Der ist nämlich vom Pony gerutscht. Hihi! Das sah vielleicht lustig aus. Der war dann total bockig. Schlimmer als der Finn-Kevin immer. Marc hat voll den Mehdi ausgeschimpft und ist dann mit Gretchen beleidigt gegangen. Er hat nicht mal tschüß gesagt. Können wir ihn mal besuchen gehen? Vielleicht hat er sich ja doch dolle wehgetan? Und dann haben wir mit Lillys Papa eine Schneeballschlacht gemacht und wir haben einen riesigen Schneemann im Garten gebaut. Der war sogar größer als Mehdi und der ist ja schon riesengroß. So über zwei Meter fünfzig oder so. Den Schneemann, wir haben ihn „Marc“ getauft, müssen wir unbedingt besuchen, bevor der Schnee schmilzt, Mami. Versprichst du mir das? Oh bitte, bitte Mami! Dann können wir auch noch mal reiten und die Gummersbachs besuchen. Die sind sooooo nett. Und das Essen schmeckt da so gut. Weißt du, wohin die Biene und der Günni in die Flitterdings fahren? Zu den Sternen ins Weltall. Oder so ähnlich, das hab ich nicht so richtig verstanden. Aber cool ist es trotzdem. Jedenfalls ist es ganz, ganz toll bei Lilly zuhause. Sie hat ein riesiges Zimmer ganz in rosa. Und weißt du, wie viele Barbiepuppen sie hat? Ich will auch eine Malibu-Stacie-Puppe. Und das Barbie-Traumhaus. Krieg ich das zum Geburtstag? Der ist ja auch schon ganz doll bald. Bitte, Mami, das wäre voll cool. Und du? Ich hab dich heute ganz doll vermisst. Musst du noch lange arbeiten? Aber Zeit für eine Geschichte hast du schon noch oder? Oh ja, erzähle uns bitte eine Geschichte, Mami! Die Lilly sitzt auch gleich neben mir.

...plapperte Sarah ohne Punkt und Komma in das Telefon, so dass es Maria sichtlich schwer fiel, ihrem Plappermäulchen zu folgen. Aber sie war auch glücklich, ihre süße Stimme zu hören. Egal was für einen Unsinn sie daherredete, das war wie Balsam für ihre Seele, die gerade so viel zu verarbeiten hatte. Leider war Sarahs Mutter immer noch viel zu durcheinander, als dass sie sich selbst etwas zusammenreimen konnte. Also mussten die guten alten Gebrüder Grimm wieder herhalten, um ihren Engel in die Traumwelt zu schicken. Als Maria mit der Kurzversion von „Schneewittchen“ fertig war, war Sarah zwar immer noch nicht müde, aber sie legte sich schnell eine plausible Ausrede zurecht und beendete das Gespräch, ohne dass Dr. Kaan noch einmal die Gelegenheit dazu bekam, mit dem Sturkopf auf seiner Station zu reden. Aber das hatte Mehdis Patientin wohlwissentlich einkalkuliert. Außerdem war gerade die Schwester mit dem Schlafmittel in ihr Zimmer gekommen und der wollte sie ganz bestimmt keinen Stoff zum Tratschen geben, auch wenn diese eher für ihre Zurückhaltung bekannt war.

Als Mehdi nach einigen Minuten das Telefon holen wollte, um Maria noch einmal abzupassen, hörte er zufällig ein Gespräch von Sarah und Lilly mit an, das sein Herz tief berührte und ihn im Türrahmen hinter der angelehnten Tür stehen ließ. Er lugte durch den schmalen Spalt. Die Nachttischlampe brannte noch und Mehdi erkannte im gedimmten Licht, wie die beiden Mäuse sich ihre Decken zurechtzogen und sich nebeneinander in die Kissen mummelten. Die Gesichter waren einander zugewandt und sie flüsterten miteinander...

Sarah: Du hast so einen tollen Papa, Lilly. Ich wünsche mir auch so einen wie ihn. Er ist so lieb und er spielt immer mit einem. Und er ist ganz doll lustig. Weißt du noch, wie er Marc nachgemacht hat. Hihi! Das mag ich. Blöd, dass er schon eine Freundin hat. Mami würde ihn bestimmt auch mögen.
Lilly (kichert): Hihi! Dann wären wir ja so was wie Geschwister.
Sarah (kichert ebenfalls): Hihi! Ja, voll schräg, nicht?
Lilly: Warum hat deine Mama eigentlich keinen Mann?
Sarah: Weiß nicht. Ich glaube, sie ist schüchtern. Oder weil sie so viel arbeitet und Menschen am Gehirn operiert. Ich hab sie eigentlich noch nie zusammen mit einem Mann gesehen, außer mit deinem Papa oder mit meinem Opa. Aber das zählt ja nicht richtig.
Lilly (grübelt): Hmm... ich glaube, ich hab sie schon einmal mit jemandem gesehen. Bei euch vor der Haustür. Ist aber schon etwas her. Den hab ich, glaube ich, auch schon mal bei Papa in der Klinik gesehen. Aber ich kann mich nicht mehr richtig erinnern. Der hatte irgendein Tier im Nachnamen.
Sarah (macht große Augen): Echt?
Lilly (nickt u. stützt ihr Kinn auf ihren verschränkten Armen ab u. schaut neugierig rüber): Und was ist eigentlich mit deinem Vati, Sarah?
Sarah (zuckt traurig mit den Schultern): Weiß ich nicht. Mami redet nie von ihm. Und Omi schimpft nur über ihn.
Lilly: Warum?
Sarah: Ich glaube, weil Mami traurig ist, weil er uns alleine gelassen hat, als ich noch ganz klein war. Ich kann mich gar nicht mehr an ihn erinnern. Aber ich weiß noch, dass da irgendjemand war, der an meinem Bettchen gestanden hat. Und dann war er irgendwann weg. Der hat jetzt, glaube ich, eine neue Familie. Ich hab gelauscht, als Oma mit Opa über ihn geschimpft hat.
Lilly: Würdest du ihn gerne kennenlernen wollen? Also ich würde es wissen wollen.
Sarah (schaut sie nachdenklich an): Weiß nicht. Doch. Eigentlich schon gerne. Ich stelle mir immer vor, dass er irgendwann bei uns vor der Tür steht. Ich glaube, der macht etwas ganz Spannendes und ist Astronaut oder so und kann erst wieder zurück, wenn seine Mission erledigt ist. Weißt du noch, was Günni gesagt hat?
Lilly: Das Universum ist unendlich.
Sarah: Genau.
Lilly: Da ist er aber wirklich lange unterwegs.
Sarah: Aber wer weiß, vielleicht ist unendlich gar nicht so unendlich lang, weil es weiß ja niemand, wie lange unendlich wirklich ist. Vielleicht ist unendlich ja endlich und schon ganz bald.
Lilly (staunt): Also für eine Sechsjährige bist du wirklich echt schlau.

Jetzt musste auch Mehdi hinter der Tür schmunzeln und machte sich so leider vor den beiden bemerkbar. Er betrat das Kinderzimmer, deckte die beiden Kichererbsen liebevoll zu, die ihn mit großen Kulleraugen anstrahlten, klaute Sarah das Telefon, das sie schon unter ihrem Kopfkissen verstecken wollte, streichelte ihr einmal über die Stirn und küsste dann seine Tochter auf die Wange und wünschte den beiden eine gute Nacht. Er löschte das Licht, schloss die Tür hinter sich und ging langsam den dunklen Flur wieder vor. Gabi schaute ihn verwundert an, weil ihr Freund so seltsam grinste, als er das Wohnzimmer betrat...

Gabi: Is was? Gab’s noch Ärger?
Mehdi (grinst über das ganze Gesicht): Nein, ganz im Gegenteil! Ich glaube, die Probleme lösen sich gerade in Wohlgefallen auf.
Gabi: Welche Probleme denn?

...fragte Gabi verwirrt und schaute abwechselnd zwischen Mehdi und dem Fernseher hin und her, wo ein Model gerade beim „Perfekten Dinner“ einen Salat zauberte. Mehdi stellte das Telefon in die Station und schlich an seine Freundin heran. Hinter dem Sofa blieb er stehen, legte seine Arme um ihre Schultern und beugte sich über ihren Kopf. Sie schaute irritiert zu ihm hoch. Seine Haare kitzelten sie im Gesicht, als er sich immer näher heranbeugte und ihr schließlich einen „Spiderman“-Kuss gab, der sie alles um sich herum vergessen ließ.

Lorelei Offline

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27.05.2013 16:57
#1419 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten
Kurz darauf

Mehdi: Was hast du da eigentlich an, Liebling?

...flüsterte Mehdi mit belegter Stimme und beobachtete atemlos, wie die verführerische junge Frau den lilafarbenen seidenen Kimono neben dem Bett elegant zu Boden gleiten ließ und anschließend mit ihren endloslangen schlanken Beinen daraus entstieg.

Gabi: Als ob du nicht wüsstest, was das ist, Herr Doktor. Oder brauchst du eine Erinnerungsstütze, alter Mann?

...konterte Gabi keck, zwinkerte dem sprachlosen Mann frech zu und kam in langsamen katzengleichen Bewegungen auf das frisch bezogene Bett zu, auf dem ihr gut aussehender Freund, der sie mit gierigen immer größer werdenden Augen verfolgte, lediglich in eine karierte Pyjamahose gekleidet an die Wand am Kopfende des gerade erst zusammengebauten Bettes gelehnt saß. Sie stützte sich links und rechts von ihm mit ihren Händen ab und beugte sich verführerisch lächelnd über sein sie anstarrendes Gesicht. Das leicht durchsichtige schwarze Spitzennegligé streifte seinen nackten Oberkörper, der sich daraufhin anspannte. Mehdi atmete schwer und versuchte sich zu konzentrieren. Aber wie konnte er das, wenn er so eine sexy Frau direkt vor seiner Nase hatte, die gerade küssend über seinen Nacken wanderte und eine Gänsehautlawine nach der anderen bei ihm auslöste. Er war von Anfang an verloren.

Mehdi: Äh... Was genau machst du da?

...fragte der Oberarzt dennoch leicht verwirrt nach und versuchte zumindest für eine Sekunde die Kontrolle zu behalten. Das verführerische Wesen löste seine Lippen von seinem Hals, fuhr nun bedächtig mit den Fingerspitzen über seine ausgeprägten Oberarmmuskeln und platzierte sich schließlich auf seinem Schoss. Grinsend legte Gabi ihre Arme um Mehdis breite Schultern und schaute den verwirrten Mann an...

Gabi: Ich hätte nicht gedacht, dass ich gerade dich als Experten der Experten auf diesem Gebiet extra aufklären müsste.
Mehdi (sprachlos angesichts ihrer Schlagfertigkeit linst er kurz über ihren Kopf hinweg zur geschlossenen Tür): Maus, ich... ich glaube nicht, dass das so eine gute Idee wäre.
Gabi (sieht ihn mit funkelnden Augen an u. schmiegt sich an ihn): Das ist die beste Idee, die ich je hatte.
Mehdi (völlig von ihr verhext): Aber... die Kinder?

Spielverderber! Aber ich weiß schon, wie ich dich doch noch rum bekomme, mein Lieber.

...dachte Gabi schmunzelnd und warf dem fürsorglichen Familienvater ihren aufregendsten Augenaufschlag zu, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Sie beugte sich zu seinem muskulösen Oberkörper hinab und hauchte zarte Küsse auf seine nackte Haut, während sie immer wieder nach oben lugte, um zu schauen, ob ihr forsches Vorgehen denn auch die entsprechende Wirkung bei ihm erzeugte und das tat es. Sehr zu ihrem Vergnügen. Gabi genoss den Anblick sehr, wie Mehdi immer noch mit sich kämpfte, aber diesen aussichtslosen Kampf schon längst verloren hatte. Das schürte ihr Verlangen nach dem Mann, den sie mit jeder Faser ihres Körpers liebte, nur noch viel mehr.

Gabi: Die schlafen tief und fest, Mehdi. Also entspann dich! Ich hab so Sehnsucht nach dir.
Mehdi (legt seinen Kopf in den Nacken u. genießt ihre Berührungen trotz all der Vorbehalte, die so langsam aus seinem Kopf verschwinden): Echt?
Gabi (schaut angesäuert zu ihm hoch, stützt sich mit ihren Händen auf seiner Brust ab u. verschließt seine Lippen mit ihrem Mund): Du redest eindeutig zu viel, Kaan.

Wild presste Gabi ihre verführerisch roten Lippen auf die seinen. Jegliche Gegenwehr zwecklos. Und mit ausschlaggebendem Erfolg. Mehdis anfängliche Anspannung löste sich mit jeder Sekunde, die sie ihn entschlossen küsste, und er drehte die forsche Verführerin schließlich urplötzlich auf den Rücken. Die Überrumpelte stöhnte gegen seine Lippen, die die ihren stürmisch eroberten, als er sich mit seinem Körper auf sie legte und sie in die weichen Kissen drückte. Mehdi intensivierte den Kuss, den Gabi grinsend erwiderte, und ließ gleichzeitig seine zärtlichen Hände spielerisch über ihren atemberaubenden Körper wandern, der nur von einem aufregenden Hauch von Spitze bedeckt war, der ihn zunehmend rasend machte, je länger er ihn unter der lilafarbenen Satinbettdecke erkundete, die er in dem Moment über ihre beiden Köpfe gezogen hatte.

Die beiden Verliebten versanken in einer anderen Welt und waren dermaßen mit sich selbst und ihrem verführerischen Spiel beschäftigt, dass sie nicht gleich bemerkten, wie sich plötzlich knarrend die Schlafzimmertür öffnete. Ein kleines Mädchen im roséfarbenen Hello-Kitty-Schlafanzug und mit Teddybär unter dem linken Arm stand in der Tür, hielt die Klinke fest umschlossen und schaute auf die kichernden Erwachsenen unter dem Bettdeckenberg, die offenbar ein lustiges Spiel miteinander spielten. Sie biss sich auf die Lippen, kuckte noch einmal kontrollierend in den Flur hinter sich und dann traute sie sich doch, schüchtern etwas zu sagen, um auf sich aufmerksam zu machen...

Lilly: Papa!

Wie von der Tarantel gestochen fuhr das verschmuste Paar auseinander. Die Bettdecke rutschte etwas herunter, als erst ein Wuschelkopf, dann ein zweiter darunter hervorschaute. Gabi zog die Decke schnell ertappt hoch bis an ihr Kinn und richtete darunter hektisch ihr Schlafgewand, das Mehdi ihr schon halb vom Körper gezerrt hatte, während dieser sich erschrocken im Bett aufrichtete. Natürlich lief auch er sofort rot an, als er seine kleine Tochter in der Tür erkannte, die ihn und seine Freundin mit großen neugierigen Augen fixiert hatte. Er brauchte einen Moment, um seine Stimme wieder zu finden, und räusperte sich...

Mehdi: Lilly...maus?
Lilly (tritt mutig einen weiteren Schritt ans Bett heran): Papa, die Sarah weint im Schlaf. Ich weiß nicht, was ich machen soll.

Betroffen blickte Mehdi erst Gabi an, die sich mittlerweile an das Kopfende des Bettes gelehnt hatte und nun mit den Schultern zuckte, weil sie nicht wusste, wie sie angemessen reagieren sollte, und weil sie noch vollkommen durcheinander von den aufregenden Händen und Lippen war, die sie eben noch überall erkundet hatten. Dann traf sein Blick seine verunsicherte Tochter, die ihren Teddy fest an sich drückte und mit ihrem rechten Fuß Linien auf das Laminat zeichnete, und er stand schließlich auf. Er schnappte sich ein schwarzes T-Shirt, das er sich rasch über seinen nackten Oberkörper zog, und folgte Lilly ins Kinderzimmer, wo er das leise Wimmern der sonst so tapferen kleinen Hassmännin auch gleich vernahm. Seufzend ging er neben dem Bett in die Knie, während sich Lilly auf der anderen Seite auf die Bettkante setzte und ihren Papa beobachtete. Liebevoll streichelte er Sarah über die Wange, die daraufhin langsam ihre tränenfeuchten Augen öffnete und ihn scheu anschaute...

Mehdi: Hey Sarahmaus! Was ist denn los? Warum weinst du denn? Hast du schlecht geträumt?
Sarah (schnieft kopfnickend in das Kissen u. schaut dem besorgten Mann beschämt in die großen Kulleraugen): Ich will zu meiner Mami!
Verdammt!
Mehdi (atmet tief ein u. aus u. blickt kurz zu seiner Tochter rüber, die sich mit dem Teddy hinter Sarah gelegt hat u. ihre Arme fürsorglich um sie legt, ehe er sich wieder auf Marias Tochter konzentriert): Ich weiß, mein Schatz. Du vermisst sie. Aber du siehst sie doch morgen schon wieder, hmm.
Tut mir leid, Maria, aber es geht nun mal nicht anders.
Sarah (sieht ihn mit großen Augen an u. hört sofort auf zu weinen): Wirklich? Aber sie klang so komisch am Telefon.
Mehdi (streichelt ihr liebevoll über den Kopf): Es wird alles gut. Versprochen! Indianerehrenwort!

Sarah schenkte Lillys Vater ein kleines Glückslächeln, das er erwiderte, bevor er die verrutschte Bettdecke wieder hochzog.

Mehdi: Aber jetzt wird geschlafen, ja. Es ist schon viel zu spät für kleine Mäuse wie euch.

Artig nickte ihm die Kleine zu, löschte selbst das Licht der Hello-Kitty-Nachttischlampe auf dem kleinen Schränkchen neben dem Prinzessinnenbett und drückte schnell die Malibu-Stacie-Barbie wieder an sich und kuschelte sich in das weiche Kopfkissen mit dem Blümchenaufdruck. Mehdi gab Lilly noch einen Kuss auf die Wange, bedankte sich flüsternd dafür, dass sie ihm Bescheid gegeben hatte, und schlich sich anschließend aus dem Zimmer. Er blieb noch eine Weile in der Tür stehen und betrachtete die beiden Mädchen, die zusammen in einem Bett lagen, bis er schließlich das ruhige gleichmäßige Atmen der Kinder vernahm, die endlich eingeschlafen waren. Er ließ die Tür trotzdem einen Spalt offen und ging dann langsam zurück ins Schlafzimmer, wo ihn seine sichtlich frustrierte Freundin schon erwartete, die sich mit verschränkten Armen und abgewandtem Rücken auf ihre Seite gerollt hatte und zu der er sich jetzt schmunzelnd legte und den Arm um ihre Taille legte. Eigentlich wollte sich Gabi wegdrehen, aber die Wärme des muskelbepackten Männerkörpers gefiel ihr viel zu sehr und so nahm sie seine Hand, verschränkte ihre Finger mit seinen und zog sie bis zu ihrem Kopfkissen hoch, auf das sie nun ihr Grinsegesicht bettete. Nach Minuten der Stille, während der beide dem Klopfen ihrer Herzen gelauscht hatten, erhob die Krankenschwester dann doch noch mal leise ihre Stimme...

Gabi: Ist das immer so?
Mehdi (kuschelt sich verschmust an ihren Rücken u. nuschelt in ihr Haar, das er ihr aus dem Nacken streicht): Was?
Gabi: Dass es gar keinen Sex mehr gibt, wenn man Kinder hat?
Mehdi (dreht die Skeptikerin schmunzelnd zu sich herum u. drückt seine Nasenspitze gegen ihre): Nein! Das heute war eine Ausnahmesituation.
Gabi (schmollend legt sie ihre Hände auf seinen Brustkorb u. schaut ihm in die sie anstrahlenden Augen): Das hast du schon einmal gesagt. Ich dachte, die Flaute fängt erst nach der Geburt an und nicht schon davor.
Was so alles in deinem süßen Trotzkopf vor sich geht? Faszinierend!
Mehdi (legt seine Hand auf ihren Bauch u. schaut gleichzeitig augenzwinkernd zu ihr hoch): Wenn man Kinder hat, muss man eben erfinderisch werden.

Hmm... erfinderisch im Sinne von „experimentierfreudig“? Aber das sind wir ja schon. Also wenn ich mich da daran zurückerinnere, was du neulich mit mir veranstaltet hast, das... Wow war das geil! Oder erfinderisch im Sinne von „wir müssen erst einmal einen Termin finden, so in sechs Wochen oder so“? Nee, das kannst du schon einmal knicken, mein Lieber.

Gabi (funkelt ihn zweifelnd an): Du kannst aber vergessen, dass es jetzt Sex nach Zeitplan gibt. Ich will dich, wenn ich dich will und nicht erst, wenn’s im Kalender steht.
Mehdi (ein breites Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht, wofür er von Gabi in den Arm gestupst wird; jetzt lacht er erst recht): Und willst du mich jetzt?
Gabi (gespielt grüblerisch kuschelt sie sich in ihr Kopfkissen): Das weiß ich noch nicht. Das Risiko ist mir zu hoch.
Mehdi (sieht sie verwundert an): Welches Risiko? Schwanger bist du doch schon.
Gabi (blitzt ihn an): Haha! Du Spaßvogel. Wir haben eine Hassmann im Haus. Das ist es.
Mehdi (zuckt mit den Schultern): Na und?
Gabi (schmollt): Das macht die doch alles extra.
Mehdi (grient sie verliebt an, während er sich näher an sie heranschmiegt): Süß, dass du sogar auf ihre Kleine eifersüchtig bist.
Gabi (boxt ihn trotzig weg): Ich bin NICHT eifersüchtig!
Mehdi (legt den Klammeraffengriff an, gegen den sie sich diesmal nicht zur Wehr setzt, weil es sich einfach nur himmlisch toll anfühlt, ihm so nah zu sein): Hey! Das ist doch Blödsinn. Ich glaube, sie spürt, dass etwas nicht stimmt.
Gabi (spürt dann doch einen Funken Verständnis): Schläft sie deshalb so unruhig?
Mehdi (seufzt): Kinder spüren mehr, als dass es ihre Eltern auch nur ahnen können. Lilly hat damals auch gespürt, wie schlecht es mir wirklich ging, als Anna im Koma lag und ich nicht mehr weiterwusste. Ich hätte ihr niemals verschweigen dürfen, dass es vielleicht hätte sein können, dass ihre Mutter nie wieder aufwacht. Dass es dann ganz anders gekommen ist, hab ich nur ihr zu verdanken. Es ist Wahnsinn, was Kinder alles bewirken können.
Gabi (kuschelt sich an ihn u. nuschelt gegen seinen Hals): Dann solltest du gefälligst ein ernstes Wort mit Sarahmausis Mutter reden. Ich teile dich nämlich nur sehr ungern.
Mehdi (stupst sie verliebt grinsend mit der Nasenspitze an): Nicht?
Gabi (kann sich seinem unwiderstehlichen Charme kaum erwehren u. rollt mit den Augen): Blödi!
Mehdi (grinst noch breiter): Blödi?
Gabi (funkelt ihn trotzig an): Ja, Blödi! Und jetzt halt endlich die Klappe und schlaf! Ich hab morgen auch Frühschicht und hab keine Lust auf fette Augenringe.
Mehdi: Schlaf schön, meine Schöne!

...flüsterte Mehdi schmunzelnd seinem süßen Trotzköpfchen zu und küsste sie anschließend zärtlich auf den Mund, was sie erst widerwillig, dann zunehmend genießend erwiderte. Die Gesichter einander zugewandt und fest aneinandergekuschelt schlief das Liebespaar nach einigen Minuten endlich ein.

Lorelei Offline

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31.05.2013 14:44
#1420 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Anderenorts war man dagegen noch lange wach geblieben, obwohl auch bei Dr. Gretchen Haase am nächsten Tag eine anstrengende Frühschicht im Krankenhaus bevorstand und sie in weniger als fünf Stunden schon wieder aufstehen musste. Die schöne Assistenzärztin lag bereits in ihren rosagestreiften Lieblingssatinpyjama gekleidet im Bett, über den sie in einem Anflug extrem großer Sehnsucht auch noch Marcs marineblaues M-Shirt gezogen hatte, das unter seinem Kopfkissen gelegen hatte und förmlich danach geschrieen hatte, von seiner Zweitbesitzerin angezogen zu werden, nachdem sie ausführlich daran geschnuppert und es gänzlich inhaliert hatte. Optisch sah das Ganze zwar recht ulkig aus, aber so fühlte sich Gretchen nun mal wohl. Jetzt war der verliebten jungen Frau wieder warm ums Herz geworden. Sie lag auf dem Bauch und baumelte mit den Beinen in der Luft. Eigentlich hatte sie vorgehabt, noch ein bisschen in ihrem Tagebuch zu schreiben, dessen leere rosarote Seiten geradezu danach verlangten, endlich mal wieder von ihr beschrieben zu werden, um die Ereignisse der letzten Tage für die Nachwelt festzuhalten und davon gab es reichlich zu berichten, wenn sie so zurückdachte.

Angefangen bei ihr selbst und den für sie völlig überraschend kommenden Babyplänen mit Marc, den der Gedanke an ein gemeinsames Kind trotz all der vielen traurigen Gedanken seine Mutter betreffend offenbar wirklich aufleben ließ und der deshalb ganz besonders behutsam mit den Kindern von Dr. Hassmann und Dr. Kaan umging, was auch ihr Herz gleich wieder höher schlagen ließ, obwohl sie noch ziemlich enttäuscht war, weil ihre Blutergebnisse im Gegensatz zu denen von Sabine negativ gewesen waren. Ihr gemeinsames Glück wäre nahezu perfekt gewesen, wenn das Schicksal von ihnen unbemerkt schon längst seine Finger im Spiel gehabt hätte. Aber so blieb ihnen eben noch Zeit, sich so richtig an den Gedanken zu gewöhnen, bald auch eine kleine Familie zu gründen so wie die liebenswerte Krankenschwester und ihr Mann, welchen die Neuigkeit sprichwörtlich aus den Latschen kippen gelassen hatte. Trotz all der eigenen Wünsche und tiefen Sehnsüchte freute sich Gretchen aufrichtig für ihre Freundin, die den Platz auf der Sonnenseite des Lebens mehr als verdient hatte. Ob sie und Günni wohl schon in ihren Flitterwochen angekommen waren?

Und damit wären wir auch schon beim nächsten Großereignis der letzten Tage angekommen, der wahnsinnig tollen und romantischen Traumhochzeit der Gummersbachs, welche die blondgelockte Träumerin an ihre eigene zurückerinnerte, die ja eigentlich gar keine war, sich aber trotzdem wie eine anfühlte, weil Marc Meier tatsächlich vor Zeugen aus tiefstem Herzen „ja“ zu Gretchen Haase gesagt hatte. Auch wenn sie beide nach der Erfüllung all ihrer schillernden Jungmädchenträume, die in jeglichen Formen und Farben ausschweifend und weniger ausschweifend, aber ganz sicher nicht so kurios wie der Besuch im Charlottenburger Standesamt, in mindestens jedem einzelnen ihrer Tagebücher niedergeschrieben worden waren, rennen mussten, als wäre der Teufel persönlich hinter ihnen her. Dabei waren das nur Uschi und Siggi Stiegelmeyer gewesen, denen sie aus Versehen die Show gestohlen hatten, was dem „frisch vermählten“ Paar nicht leid getan hatte. Und dann noch der wunderschöne Ring aus dem Automaten, der das alles besiegeln sollte. Eine so kindische wie auch hochromantische Idee, welche Gretchen einmal mehr gezeigt hatte, wie ernst es Marc tatsächlich mit ihr meinte und dass sie durch alle Höhen und Tiefen gemeinsam gehen würden. Selbst wenn sie jetzt nicht bei ihm sein konnte. Trotzdem unterstützte sie ihn bei seiner heiklen Mission mit ihrer Liebe und ihrer Zuversicht, die übermächtig gegenüber jeglicher dunklen Wolke war. Elke Fisher würde sich nicht so einfach davonstehlen können. Ihre Familie, allen voran Marc, würde für sie da sein, ob sie nun wollte oder nicht. Familiärer Halt und das gemeinsame Hoffen waren nun mal die besten Heilmittel für eine rasche Genesung. Das wusste sie nicht nur aus Erfahrung als Ärztin.

Und zu guter letzt war da ja auch noch die Sache mit Maria Hassmann, um die sie sich ebenso sorgte wie um ihren kleinen Bruder, der mal wieder ganz schön Mist, wenn nicht sogar den größten Mist seines Lebens, gebaut und mit gepackten Koffern vor ihrer Tür gestanden hatte. Der Einzige, der momentan mit seinem Leben komplett im Reinen war und die Welt anstrahlte, wie nur er es konnte, war ihr bester Freund Mehdi, der in seiner Liebe zu Lilly und Gabi richtig aufging. Sie hatte ihn noch nie so glücklich gesehen, selbst nicht in der Zeit, als sie noch zusammen waren. Aber Gretchen gönnte ihm sein Glück von ganzem Herzen. Er hatte es mehr als verdient. Und anstatt dass er sich jetzt auch einmal allein auf sich konzentrierte, dachte er auch immer noch an all seine Lieben und ob es ihnen auch wirklich gut ging. Genau deswegen mochte sie ihn ja auch so sehr. Wenn die Zeit es erlaubte, vielleicht würde sie ihm ja mal einen Kuchen backen, um sich für alles zu bedanken. Die Frage war nur, ob der dann auch genießbar war. Für Marc hatte sie das auch schon mal gemacht und der hatte nur misstrauisch die Nase gerümpft, hatte mit der Kuchengabel versucht in das steinharte Backwerk zu stechen und war dann, nachdem die Gabel komplett verbogen war, schallend lachend erst einmal joggen gegangen und war später mit einer Tüte von der Bäckerei um die Ecke wiedergekommen. Tja, ihr „Mann“ konnte einerseits ein Ekel, andererseits im nächsten Moment der größte Schatz der Welt sein.

So viele unterschiedliche fröhliche wie traurige, verrückte wie lustige Dinge waren passiert, dass es vermutlich Tage wenn nicht gar Wochen dauern würde, um die alle in aller Ausführlichkeit in Tagebuchform zu analysieren. Aber genau das liebte sie nun mal. Zu schreiben hatte ihr schon immer gut beim Einschlafen geholfen. Aber Gretchen konnte sich heute einfach nicht so richtig darauf konzentrieren, was nicht nur daran lag, weil ihr doofer kleiner Bruder bis eben Trauermusik gespielt hatte, die ihr ziemlich auf die Nerven gegangen war, weil sie nämlich ebenfalls traurig war. Aber nicht, weil sie mit Jochen mitlitt, was sie zwar schon auf eine gewisse geschwisterliche Weise tat, sondern vor allem weil die eine Seite des Doppelbettes, in dem sie gerade lag, kalt und leer war und sie sich nicht wie jede Nacht an einen aufregenden Männerkörper kuscheln konnte, der stark und muskulös war und bei dem sie sich einfach nur geborgen fühlte. Und Jochen wäre ganz sicher nicht der passende Ersatz für Marc Meier als Kuscheltier gewesen. Denn einerseits war der schmächtige Körper ihres kleinen Bruders alles andere als aufregend und stark, andererseits ginge das dann doch bei weitem über schwesterliche Fürsorge hinaus, auch wenn sie früher immer gerne mit ihm gekuschelt und Kissenschlachten im elterlichen Schlafzimmer veranstaltet hatte, bis sie immer von ihrer geschockten Mutter für das entstandene Chaos ausgeschimpft worden waren. Nun gut, Gretchen konnte nun mal nicht leugnen, wie gern sie den kleinen Nervzwerg dennoch hatte. Aber er war schon lange nicht mehr die Nummer eins in ihrem Herzen.

In einem weiteren Anflug von schlimmster Sehnsucht hatte Gretchen schließlich ihr Tagebuch weggelegt und Marcs Nummer gewählt, um zu schauen, wie es ihm ging und ob er sich ebenfalls schon zur Ruhe gelegt hatte. Sie hatten jetzt schon eine ganze Weile miteinander geredet. Über Dies und Das. Über Nichtigkeiten, aber auch über wichtige Angelegenheiten, die sie beide beschäftigten. Es war einfach wunderbar, seine Stimme zu hören, ob sie nun laut polterte, witzelte oder ihr süße Liebesschwüre zuflüsterte. Wobei die Witzeleien und Poltereien natürlich die Liebesschwüre überwogen. Aber das war nun mal Marc Meier und genau dafür liebte sie ihn mittlerweile seit mehr als zwanzig Jahren.

Marc: Schmeiß ihn raus!
Gretchen (richtet sich empört im Bett auf): Marc! Das geht nicht.
Marc (hat die Ruhe weg u. redet lässig weiter): Und ob das geht, Haasenzahn! Tür auf, Tritt in den Arsch, Tür wieder zu. Feierabend.
Gretchen (schüttelt energisch den Kopf u. dreht sich im Bett auf die andere Seite): Aber er ist mein Bruder. Familie. Und er hat schrecklich Kummer. Ich muss für ihn da sein.
Marc (hat da so seine eigene Meinung, mit der er nicht vor dem Tor hält): Nee, er ist ein kleiner Parasit, der sich jetzt so richtig an dir festsaugen wird. Aus lauter Bequemlichkeit. Der springt von einem gemachten Nest ins nächste und du schüttelst ihm wahrscheinlich noch die Kissen auf.
Gretchen (protestiert vehement): Das stimmt doch gar nicht.
Ich hab ihm doch nur das Bett überzogen und ihm Handtücher rausgelegt.
Marc: Und ob das stimmt, Haasenzahn. Ich kenne die Zecke jetzt lange genug. Bald liegen seine stinkenden Socken überall in der Wohnung verteilt. Das dreckige Geschirr und angebrannte Töpfe stapeln sich in der Spüle. Der Kühlschrank ist ständig leer und er scheucht dich wie das Butterböhnchen, das ihm sogar den Arsch abwischen würde, wenn sie könnte, durch die Gegend, um für neue Nahrung zu sorgen, die er dir dann vor der Nase wegfuttern wird.
Gretchen: Gar nicht wahr! Er hat mir bis vorhin geholfen, die Partyreste vom Polterabend zu beseitigen und wir haben einen Putzplan gemacht. Außerdem bleibt er nicht so lange. Das mit Papa klärt sich schon.
Hoffe ich!
Marc (lacht): Das glaubst auch nur du, mein süßes Naivchen. Aber ich klär dich jetzt mal auf. Über Männer oder besser gesagt kleine Jungs, die gerne echte Männer wären, es aber nicht in dreitausend Jahren ansatzweise zu welchen bringen werden. Das ist reine Taktik, meine Liebe. Immer auf Gut-Wetter-machen und sich ganz subtil einschleimen. Das hat bei deiner leichtgläubigen Mutter fünfundzwanzig Jahre lang funktioniert und bei seinem Schwesterchen auch. Pass nur auf, in zwei Tagen bist du seine Bedienstete in deinen eigenen vier Wänden.
Gretchen (fühlt sich herausgefordert): Willst du wetten?
Marc (muss sich sehr konzentrieren, nicht gleich laut loszuprusten): Hohoho! Haasenzahn, wir wissen doch beide am besten, dass du dabei nicht den Hauch einer Chance hättest. Aber wie heißt es so schön, Pech im Spiel,...
Gretchen (ihre Augen funkeln auf): Pah! Die Wette gilt, Meier. Ich vertraue nämlich meinem Bruder.

Wie aufs Stichwort hörte Gretchen plötzlich von unten aus der Küche Jochens genervte Stimme zu ihr hoch rufen...

Jochen: Gretchen, das Brot ist alle.
Gretchen: Schreib’s auf den Einkaufzettel, der am Kühlschrank pinnt! Ich bring morgen welches mit.

Das schallende Gelächter von ihrem schadenfrohen Freund im Telefonhörer lenkte Gretchen jedoch schnell wieder von den ungestillten Bedürfnissen ihres Bruders ab...

Marc: Strike! Wette gewonnen, Butterböhnchen! Dass es so schnell gehen würde, damit hätte ich nicht gerechnet. Obwohl...
Gretchen (eingeschnappt faucht sie in den Hörer): Boah! Hast du mich etwa gerade Butterböhnchen genannt? Du bist so blöd, Marc Meier! Ich leg jetzt auf.
Marc (lacht u. wischt sich die Tränen aus den Augen): Nee, tust du nicht. Das bringst du eh nicht fertig.
Gretchen (trotzig): Und ob ich das kann!
Marc: Und warum höre ich dich immer noch atmen?
Gretchen (ihre Augen formen sich zu kleinen Schlitzen u. sie boxt vor lauter Wut in Marcs Kopfkissen): Weil ich wütend bin! Ich lege auf.
Marc (legt cool sein Veto ein): Wenn schon, dann lege ich zuerst auf und zwar wenn ich will. Du, sag mal, was hast du eigentlich gerade an?
Gretchen (glaubt sich verhört zu haben): Boah Marc, ich glaube, ich spinne! Jetzt lege ich aber wirklich auf.
Marc (grinst sich eins): Tust du nicht! Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.
Gretchen (schmollt): Das werde ich auch nicht, weil ich jetzt auflegen werde, du unmöglicher Kerl.
Marc (genießt es sie aufzuziehen): Ich höre dich immer noch. Also lass mich raten! Hmm... Ich wette dieses rattenscharfe rosafarbene Babydollteil, in dem deine Brüste so richtig groß zur Geltung kommen?
Ich rege mich nicht auf! Ich rege mich nicht auf. Er ist auch nur ein kleiner Junge, der spielen will. Und ich kann auch spielen.
Gretchen (läuft vor lauter Wut rot an): Rüüüchtig! Natürlich liege ich im Dessous im Bett, wenn mein Freund nicht da ist. Das mache ich immer so.
Marc (grinst): Das hab ich mir gedacht.
Gretchen (jetzt neckt sie ihn aber): Ja, man weiß ja schließlich nie, wer noch so spät abends vorbeikommen könnte, ne.
Marc (seine Halsschlagader wächst augenblicklich um das Dreifache an): Woah Haasenzahn, ich lege gleich den Rückwärtsgang ein und dann gibt’s Popohaue, wenn ich zurück in Berlin bin.
Du bist so leicht zu manipulieren, Marc Meier! Hihi!
Gretchen (grinst triumphierend über das ganze Gesicht): Du hast doch damit angefangen. Das hast du jetzt davon.
Marc (würde sich seine Niederlage natürlich niemals eingestehen u. deshalb dreht er den Spieß gleich um): Ich stehe drauf, wenn du biestig wirst.
Gretchen (rollt mit den Augen u. gibt entnervt auf): Marc, leg jetzt auf! Es ist schon spät. Ich muss morgen früh raus. Und du hast noch einen langen Weg vor dir.
Marc (kann sich auch nicht lösen): Du wolltest doch auflegen?
Gretchen: Nein, du legst zuerst auf!
Marc: Ich? Nö, du legst auf!
Gretchen (kichert): Nein, du!
Marc (stöhnt genervt in den Hörer): Haasenzahn, findest du nicht, dass das jetzt ein bisschen albern wird?
Gretchen (lacht): Nein, überhaupt nicht! Also? Du legst auf!

Jochen: Maaann!!! Greeetchen!!! Maaarc!!! Jetzt legt doch endlich auf, verdammt! Ich will auch noch mal telefonieren.

...rief Gretchens Bruder, der das seltsame Turtelspiel der beiden, das ja dank der nicht vorhandenen Türen nicht zu überhören war, ungläubig verfolgt hatte, ungeduldig von der untersten Treppenstufe aus nach oben ins Schlafzimmer. Gretchen verdrehte genervt die Augen und sie hörte Marc am anderen Ende der Leitung aufstöhnen. Vielleicht hatte er ja doch recht, dachte sie, während sie weiter Marcs Stimme lauschte...

Marc: Lass dir von ihm bloß nicht auf der Nase herumtanzen, Süße! Du bist die Chefin! Dein Haus, deine Regeln! Und jeder ist für seine Fehler selbst verantwortlich. Vielleicht bringst du ihm das noch bei, bevor du ihn morgen vor die Tür setzt.
Gretchen (seufzt nachdenklich): Duuu? Marc? ... Ich vermiss dich.
Marc (seufzt ebenfalls u. spürt, wie sich sein Herz verkrampft): Ich dich auch, Haasenzahn! Und jetzt schlaf endlich! Nicht dass du morgen wie ein Zombie durchs EKH stolperst und noch Gerüchte entstehen.
Gretchen (muss lächeln): Träum süß, Marc! Und meld dich morgen, wenn du angekommen bist!
Marc: Ai, ai, Kapitän! Äh... Frau Kapitän!
Gretchen (lacht u. ist plötzlich ganz still, weil ihr etwas auffällt): Haha! Sag mal, was sind das eigentlich für seltsame rauschende Geräusche im Hintergrund? Bist du etwa immer noch auf der Autobahn? Maaarc, du hast mir versprochen,...
Marc (fällt ihr eilig ins Wort, obwohl ihm nicht wirklich eine passende Ausrede einfällt): Äh... Das... das Motel liegt gleich an der Straße.
Gretchen (runzelt die Stirn): Das wäre mir aber zu laut. Hast du Ohrenstöpsel eingepackt?
Marc (wird nun doch hektisch): Baby, ich leg jetzt auf, ok? Also Augen zu! Hopp!
Gretchen (quengelt): Nein, ich leg auf! Ich hab dich lieb.

Und ehe er es sich versah, hatte Gretchen doch tatsächlich zuerst aufgelegt. Marc schmunzelte. Er fuhr sich mit seiner freien Hand kurz über seine müden Augen und drückte als nächstes den Blinker, um den lahmen LKW zu überholen, der seine Fahrspur blockierte. Entgegen aller Absprachen hatte sich der Berliner Oberarzt nämlich dazu entschlossen, keine Übernachtungspause einzulegen. Er wollte keine Zeit verlieren, um auf schnellstem Wege zu seiner kranken Mutter in die Schweiz zu gelangen.

Lorelei Offline

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04.06.2013 16:33
#1421 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Und mit dem ersten Lichtstrahl des hereinbrechenden neuen Wochentages hatte Dr. Marc Meier tatsächlich mehr oder weniger problemlos, wenn man von dem einen oder anderen Stau und zwei gesperrten Passstraßen absah, das Ziel seiner Reise erreicht. Die mehrstöckigen Gebäude des hypermodernen Klinikareals erhoben sich vor seinen müden Augen wie die hohen Berge der angrenzenden Schweizer Alpen im Hintergrund, deren Spitzen von der Morgensonne angestrahlt wurden. Ein belebender Weckruf, der sich auf der Oberfläche des halbzugefrorenen Sees widerspiegelte, der sich hinter dem weitläufigen schneebedeckten Parkgelände über mehrere Kilometer ausbreitete, das sich hinter dem Hauptgebäude erstreckte, vor dem er in einer der frei geschobenen Parkbuchten seit einigen Minuten mit noch immer laufendem Motor stand. Seit Stunden hatte er sich gedanklich genau auf diesen Moment vorbereitet, aber jetzt, wo er endlich gekommen war, wurde es ihm doch zunehmend mulmig zumute und der Kloß in seinem Hals wurde größer und größer. Er hatte Angst. Eine Heidenangst sogar, die ihn regelrecht lähmte und ihn wie einen Gefangenen in dem Auto seiner Mutter festsitzen ließ. Er hatte riesigen Schiss vor dem, was ihn gleich erwarten würde.

Was würde sie sagen? Wie würde er sie antreffen? Nach dem sentimentalen Telefonat von vor zwei Tagen zu urteilen sicherlich nicht wie das blühende Leben, aber das hatte auf die stolze Erfolgsautorin noch nie zugetroffen, die stets auf ein kühles, unnahbares, faltenfreies und elegantes Äußeres wert legte, was ihre uneingeschränkte Dominanz widerspiegelte und jeden Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung wie einen winzig kleinen unbedeutenden Wicht wirken ließ. Außer ihn natürlich. Er war der Einzige, den sie auf Augenhöhe neben sich akzeptierte. Dann würde doch eher diese Reaktion auf sie zutreffen, nämlich dass sie ihm als erstes ihr Notebook über den Schädel ziehen würde, weil er ihr unerlaubt hinterher spioniert hatte und sich nun an ihrem grenzenlosen Leid ergötzen wollte, wie er es jedes Mal getan hatte, wenn sie an ihrem Jahrestag mal wieder in Depressionen versunken war und am liebsten vom nächsten Spreedampfer gesprungen wäre. Er hatte so viel mit dieser irren Frau durchgemacht, die sich seine Mutter schimpfte. Und auch wenn er diese Tage gehasst hatte, wenn er wieder der hilflose kleine Junge sein musste, der er nicht sein wollte, so hatte er doch immer alles stehen und liegen gelassen und hatte sie so lange betüddelt und aufgepäppelt, bis das tiefste Stimmungstief oder eine damit verbundene Schreibblockade überwunden war. So einfach würde es diesmal wohl nicht werden. Was war, wenn es ihr wirklich schlecht ging? Wenn die Prognosen alles andere als gut aussahen? Wenn sie aufgegeben hatte und es nicht mal mehr die Hoffnung gab, an der man sich festhalten konnte? Er könnte es nicht ertragen, sie so leiden zu sehen.

Aus einem inneren Impuls heraus hatte Marc schon Gretchens Nummer gewählt, aber hatte im nächsten Augenblick gleich wieder aufgelegt. Sein süßer Trotzkopf, dessen Engelsstimme ihn sicherlich sofort wieder aufgebaut hätte, würde sich doch nur aufregen, weil er die ganze Nacht durchgefahren war. Und so aufgeregt wollte er sie nicht auf unschuldige Patienten loslassen. Außerdem würde sie sich eh gleich auf den Weg ins EKH machen. Also warum sie unnötig aufwühlen? Er würde sie in ihrer Mittagspause anrufen. Das hatten sie sich so ausgemacht. Dann würde auch Mehdi neben ihr sitzen und sie mit Schokopudding beruhigen, falls es denn nötig sein würde. Montags gab es den doch immer in der Kantine? Das erklärte zumindest Mehdis ekelhaft gute Laune gestern am Telefon, als er ihn stinksauer zurückgerufen hatte, nachdem er vor Gretchen mit dem Beschäftigungsplan für die Zeit seiner Abwesenheit aufgeflogen war. Aber vielleicht machte er sich auch viel zu viele Gedanken? Sein Kopf brummte schon vor lauter Überanstrengung. Die roten Signallampen leuchteten deutlich vor seinem inneren Auge. Rennabbruch in Formel-1-Sprache! Time-Out! Der übernächtigte Chirurg schloss seine Augen und entspannte einen Moment lang. Ein kurzer Power-Nap, den er von langen Dienstzeiten her kannte. Nach fünf Minuten öffnete er sie wieder. Wirklich besser fühlte er sich nicht gerade. Auch ein Schluck aus seiner Energydrinkdose half nicht viel. Achtlos warf er sie zu den anderen in den Fußraum der Beifahrerseite, wo auch die zwei roten Tupperdosen lagen, die Gretchen ihm mit Proviant gefüllt hatte, den er aber nur zum Teil angerührt hatte.

Ein weiteres Mal blickte Marc durch die Frontscheibe auf das ehrfurchtsvolle Klinikgebäude mit seiner imposanten Glasfassade, die er mit seinen Pupillen abwanderte. Über dem Haupteingang hing groß und deutlich ein Schild mit der Aufschrift „Internationales Krebsforschungs- und -therapiezentrum“. Sein Magen verkrampfte sich abrupt. Ihm war schlecht. Er ließ das Seitenfenster herunter, um wieder zu Atem zu kommen. Beißend kalte Luft erfüllte den Kleinwagen. Minutenlang. Es störte seinen Fahrer nicht. Gefangen in seinen eigenen Gedanken merkte er es nicht einmal. Ein letztes Mal schaute er auf die Unterlagen, die wild verstreut auf seinem Beifahrersitz lagen und die er in den letzten achtundvierzig Stunden, seitdem Mehdi ihm seinen Verdacht gestanden hatte, gefühlte hundert Mal studiert hatte, um auf den aktuellen Stand der Forschung zu kommen und um jede noch so kleine Informationen über die Privatklinik zu sammeln, die sich Elke als stillen Zufluchtsort gesucht hatte. Er schob sie schließlich zusammen und packte sie allesamt in eine schwarze Aktentasche. Er zog den Zündschlüssel ab, schloss das Fenster und stieg aus dem schwarzen Porsche aus. Es war das einzige Auto auf dem noch menschenleeren Parkplatz des Klinikums. Auch kein Wunder. Denn die Besuchszeiten lagen noch weit entfernt. Es war gerade einmal kurz nach sieben Uhr morgens. Gleich Schichtwechsel im Elisabethkrankenhaus Berlin, dachte der erschöpfte Oberarzt gähnend, während er sich kurz ausstreckte.

Mehrfach schlang Marc jetzt seinen schwarzen Kaschmirschal um seinen Hals und schwang sich anschließend in seinen dunklen Wintermantel, dessen Kragen er hochkrempelte. Mittlerweile hatte ihn die feuchte Kälte, die direkt vom See her kam, doch in Mark und Bein erfasst. Er schaute sich um, als er am anderen Ende des Parks einen kleinen Schneepflug durch die schmalen Gassen fahren hörte. Pulverschnee wirbelte auf. Und auch die Schleusen am Himmel öffneten sich wieder und ließen leise eisige Kristalle zu Boden sinken, die sich wie spitze Pfeile in die blasse Gesichtshaut des übermüdeten Chirurgen bohrten, der sich schnell noch eine Beruhigungszigarette angezündet hatte. Die Morgensonne, die ihn in der Schweiz willkommen geheißen hatte, hatte sich längst wieder in den Winterschlaf verabschiedet. Nebelschwaden stiegen vom See auf und ließen die eigentlich recht ansehnlich wirkende Alpenkulisse im Hintergrund nur noch als grauen Schattengeist erahnen. Frostiger Wind kam auf und ließ den einsamen Raucher auf dem Parkplatz erschaudern. Daraufhin schnipste dieser die noch nicht aufgerauchte Kippe achtlos zu Boden, trat sie aus und drehte sich schließlich um. Marc atmete noch einmal tief ein und aus, klemmte sich die Aktenmappe unter seinen Arm und schaute ehrfürchtig die Treppenstufen empor, die zum Eingang der Privatklinik führten, und rannte dieselbigen schließlich im nächsten Moment eilig empor...

Lorelei Offline

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19.06.2013 14:43
#1422 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Zur gleichen Zeit in Berlin

Auch über der deutschen Hauptstadt lag an diesem noch recht jungen Morgen ein dichter grauer Nebelschleier, der die drei Grad Celsius Wärme viel kälter und nässer erscheinen ließ, als sie eigentlich waren. Für die gute Laune der beiden Klinikmitarbeiter, die gerade lachend das Elisabethkrankenhaus betraten, brachte das trübe Februarwetter jedoch keinen Abbruch. Fröhlich wurde der griesgrämige Pförtner, der wehleidig über seine schmerzenden Knochen und seine Wetterfühligkeit klagte, im Foyer mit einem kleinen aufmunternden Schwätzchen begrüßt, ebenso wie die Kollegen der Nachtschicht, die gerade auf dem Weg nach Hause müde und erschöpft den Aufzug verlassen hatten, den sie beide in diesen Minuten betreten wollten. Trotz des anstehenden Schichtwechsels blieben die zwei während ihrer Fahrt in den dritten Stock ungestört, was in der Hektik des Klinikalltags Seltenheitscharakter besaß und natürlich ausgiebig ausgenutzt werden musste. Wer wusste denn schon, wann sie wieder Gelegenheit dazu bekommen würden, wo in Berlin doch gerade Geburtenboom herrschte und die starken sanften Hände, die gerade einen aufregenden Frauenrücken hinabwanderten, händeringend gebraucht wurden. Noch Sekunden, nachdem sich die Fahrstuhltüren mit einem lauten „Pling“ in der chirurgischen Abteilung geöffnet hatten, blieb das verliebte Paar aneinandergeklebt in der hinteren Ecke des Stahlgefährts stehen und kostete die letzten Augenblicke ihrer immer knapper werdenden Freizeit intensiv aus. Erst ein lautes verlegenes Räuspern ließ die beiden küssenden Turteltauben auseinander fahren. Man begrüßte sich etwas steif, aber dennoch mit einem freundlichen Guten-Morgen-Lächeln und Dr. Kaan und Schwester Gabi verließen im Anschluss den Aufzug, während der etwas zerzaust und übernächtigt wirkende Jochen Haase mit gesenktem Haupt und Händen in den Hosentaschen kommentarlos an dem ekelhaft gut gelaunten Liebespaar vorbei trottete.

Den bösen Blick, den die eben noch vor Glück überschäumende Krankenschwester dem jungen Pfleger nachwarf, registrierte selbiger nicht einmal. Er wollte seinen Dienst, für den er sich wohlgemerkt freiwillig beim „Oberdrachen“ persönlich gemeldet hatte, um guten Willen und Engagement zu zeigen, heute einfach nur hinter sich bringen, ohne von einem nervigen Elternteil, der ihm ewig Vorhaltungen machen würde, oder dem einen oder anderen Kollegen, und einer ganz bestimmten Kollegin im Speziellen, in die Mangel genommen zu werden. Eben jene hübsche und nicht gerade auf den Mund gefallene junge Kollegin, die vor dem Neustart ihrer Physiotherapeutenausbildung ein vorbereitendes Praktikum in der Orthopädie absolvierte, hatte Jochen übrigens vorhin noch, als er mit seiner Schwester von der Bushaltestelle gekommen war, vertieft in einem angeregten Gespräch mit diesem arroganten Schmierlappen von der Neurochirurgie auf dem Parkplatz an einen schwarzen Sportwagen gelehnt gesehen, was den jungen Haasen tierisch gefuchst hatte, weil er nicht verstehen konnte, warum sie sich ständig mit diesem alten Sack abgab, hinter dem neuerdings jede zweite Schwesternschülerin herlief, seitdem er einmal mit einem niedlichen Kleinkind auf dem Arm in der Klinik aufgekreuzt war, und was sie jetzt schon wieder miteinander zu bequatschen hatten. Sie hatte ihn nicht einmal bemerkt und er war schnell im Gebäude verschwunden, damit das auch so blieb, um sich bloß nicht die Blöße geben zu müssen, und hatte Gretchen dabei abgehängt, die ihm seit heute Morgen auch ständig in den Ohren lag, doch noch einmal mit Chantal und seinem Vater zu reden. Aber nach den gestrigen Erlebnissen war er erst einmal wirklich bedient. Deshalb war Gretchens Bruder auch heilfroh, als sich die Fahrstuhltüren endlich schlossen und er den Gefahrenbereich Chirurgie verlassen konnte, in dem die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu treffen, den man nicht treffen wollte, ganz besonders groß war. Ein Glück, dass er heute in der Pädiatrie zu tun hatte und nicht im Gossip-Zentrum des EKH, wo, warum auch immer, alle mehr oder weniger interessanten Nachrichten zusammenliefen, weil hier im Stationszimmer immer irgendjemand etwas wusste, was eigentlich nicht für andere Ohren bestimmt war, und es auch sofort meldebewusst weiterverbreitete. Ein Kreislauf, dem man nicht entkommen konnte. Das war echt schlimmer als in der Boulevardredaktion einer großen deutschen Tageszeitung mit vier Buchstaben, dachte Jochen stöhnend und lehnte sich mit den Rücken an die Stahlwand und fixierte die Etagenanzeige, die heute offenbar auf Schneckentempo eingestellt war. Sein Tag war also noch, bevor er richtig begonnen hatte, schon jetzt gelaufen. Aber da wusste der Haasen-Sprössling auch noch nicht, dass er gleich, wenn sich die Türen des Aufzugs wieder öffnen würden, jemanden in die bedrohlich auffunkelnden dunklen Augen blicken musste, der noch schlechter gelaunt war als er selbst und an dessen mieser Laune er nicht gerade unbeteiligt war.

Verwundert hatte Mehdi währenddessen die seltsamen Blicke seiner Freundin registriert und sprach sie auch gleich darauf an, während sie Hand in Hand schlendernd die Umkleide ansteuerten...

Mehdi: Äh... Was... war... das gerade?
Gabi (vor sich hin grummelnd wirft sie noch einen Blick zurück zu den geschlossenen Aufzugtüren): Es gibt keinen größeren Idioten auf Erden als ihn. Aber wen wundert das? Bei der Schwester und dem zukünftigen Schwager!
Mehdi (bleibt verwirrt vor der Tür der Umkleide stehen u. dreht sich zu dem süßen Grummelchen um): Hä? Sprichst du von Jochen? Was ist denn mit ihm?
Gabi (rollt sichtlich genervt mit den Augen, verschränkt die Arme vor ihrer Brust u. klärt den Unwissenden unverzüglich auf): Chantal ist stinksauer auf ihn. Das hab ich dir doch gestern erzählt. Sie war doch nach dem Horroressen bei den Haases noch bei mir und hat mir ihr Herz ausgeschüttet. Tzz... und ich hab sie noch gewarnt. Geh da bloß nicht hin, wenn du je wieder eigenständig einen Fuß vor den anderen setzen möchtest. Du kennst ja seine Eltern. Der Professor geht ja noch, wenn er nicht gerade den Feldwebel gibt und alles zusammen schreit, bis die Klinikwände wackeln. Aber die Mutter erst! Gott, bin ich froh, dass wir die hier auf Station nicht mehr an der Backe haben. Die Toten in der Pathologie kann sie ruhig weiter tot quatschen, wenn sie dafür uns mit ihren falsch gemeinten Ratschlägen anno 1956 in Ruhe lässt. Kam die doch neulich tatsächlich mit einem Pack Baumwollwindeln an und wollte eine frischgebackene Mama von deren Vorzügen überzeugen. Also wenn du mich fragst, ist die doch vollkommen verrückt. Jedenfalls... Wo war ich? Ach ja! Aber Madame Kunze hat sich ja nichts dabei gedacht und fand es nett, mal mittags nicht selber kochen zu müssen. Es musste ja so kommen! Gerade einmal drei Tage zusammen und der Typ benimmt sich, als wären sie schon zehn Jahre verheiratet. Was denkt der sich eigentlich? Er hat sie nicht mal gefragt, ob sie das überhaupt will mit dem Zusammenziehen und so, und stellt sie gleich vor vollendete Tatsachen. Vor seinen Eltern, die ja dafür bekannt sind, sich ständig in anderer Leute Dinge einzumischen.
Mehdi (nimmt das Meckerlieschen lächelnd in den Arm u. drückt sie tätschelnd seitlich an sich): Ist doch schön, dass er Verantwortung übernehmen will. Chantal braucht jemanden, der auf sie aufpasst und sie mit dem Baby unterstützt.
Gabi: Du hast die Weisheit aber auch mit Löffeln gefressen, hmm?

...gab Gabi schnippisch zurück, riss sich von dem frauen- und teenagerverstehenden Besserwisser los und schob die Tür zur Umkleide auf, in die er ihr schmunzelnd auf dem Fuße folgte. Mehdi öffnete seinen Spind und zog seine Jacke aus. Gabi tat es ihm auf der anderen Seite des kleinen Raums gleich. Der attraktive Oberarzt holte als nächstes seine frisch gewaschenen Arztsachen aus dem kleinen Rucksack, den er bei sich getragen hatte, und begann sich umzuziehen, worauf seine noch leicht eingeschnappt wirkende Stationsschwester den einen oder anderen unauffälligen Blick riskierte und dabei ihren Groll auf Jochen Haase ganz schnell wieder vergaß. Erst als Mehdi der hübschen jungen Frau, die ihn anstarrte, als wäre er das exquisite Sahnestück der Sahnetortenstücke in der Vitrine einer Konditorei, auf deren rhetorische Frage antwortete, wandte diese ihren Sabberblick schnell ertappt wieder ab...

Mehdi: Du weißt aber, dass ich Recht habe. Er meint es doch nur gut und will sie entlasten. Ich hätte ihm das zwar nicht unbedingt zugetraut, aber ich rechne es ihm hoch an. Er meint es wirklich ernst mit deiner Freundin. Das kannst du ihm nicht verübeln.
Gabi (denkt kurz darüber nach, zieht sich grummelnd ihren Kittel über u. kontrolliert anschließend ihre Frisur u. ihr Make-up in dem kleinen Spiegel an ihrer Spindtür): Trotzdem... Sie ist noch nicht soweit. Sie ist mit dem Kindsvater so auf die Nase gefallen. Und wer legt sich denn auch mit achtzehn schon fest? Ehrlich gesagt hab ich keinen Schimmer, was sie genau an ihm findet. Auf dem Beziehungsbuffet gibt es wesentlich attraktivere Angebote.
Stand sie nicht auch mal auf den Stier? Obwohl... Nee, das geht gar nicht. Der ist doch auch komplett beziehungsgestört. Also... was man so hört.
Mehdi (grinsend schließt er seine Spindtür u. zieht seinen Kittel über, während er sich zu Gabi herumdreht): Tja, wo die Liebe hinfällt. Sieh uns beide an!
Blödmann! Gott, ich könnte ihn auffressen. Er sieht so scharf aus in seinen Arztklamotten. Ich glaube, das war’s heute mit meiner Konzentration auf die Arbeit.
Gabi (funkelt ihn an, nachdem sie ebenfalls ihren Spind geschlossen hat, u. geht langsam auf Mehdi zu): Hey, hey! Das will ich nicht gehört haben! Das mit uns ist ja auch etwas ganz anderes.
Mehdi (hat seinen Fuß auf der kleinen Holzbank abgestellt u. bindet sich gerade seine weißen Turnschuhe, als er kurz zu ihr aufschaut): Soso?
Gabi (schmiegt sich von hinten verschmust an ihn heran): Das mit uns ist groß. Viel, viel, viel größer als so eine Teenyliebelei mit den ganzen chaotischen Stimmungsschwankungen wie bei den beiden, die noch nicht wirklich wissen, was sie wollen.
Mehdi (setzt sich schmunzelnd auf die Bank u. zieht seine davon überrumpelte Freundin auf den Schoss): Das mit den Stimmungsschwankungen, das, meine Liebe, könnte auch gut auf di...
Gabi (legt ihren Finger blitzschnell an seine Lippen u. sieht ihn bedrohlich an): Wehe! Ich warne dich, Mehdi Kaan! Sag jetzt bloß nichts Falsches!
Du bist so süß, wenn du sauer bist. Zum Verlieben!
Mehdi (grinst über das ganze Gesicht u. streicht ihr eine Strähne hinters Ohr, die sich aus Gabis geflochtenen Zopf gelöst hat): Wie wäre es denn damit? Ich bin wahnsinnig in dich verliebt.
Gabi (will ihn eigentlich hinhalten, kann sich aber nicht zurückhalten, ihn glücklich verliebt anzugrienen): Schon besser.
Mehdi (stupst mit seiner Nasenspitze ihre an): Ja?
Wie macht der das nur immer?
Gabi (nähert sich seufzend und mit klopfendem Herzen zu einem Kuss heran): Viel... viel... besser. Ich bin es nämlich auch. Rettungslos. Bis über beide Ohren.

Und gerade in dem Moment, als sich Gabis und Mehdis Lippen zu einem zärtlichen Kuss treffen wollten, öffnete sich schwungvoll die Tür zur Umkleide und prallte geräuschvoll gegen einen der Spinde, was die romantisch geladene Stimmung sofort in Luft auflösen ließ. So einen Schwung hatte Dr. Gretchen Haase nämlich draufgehabt, die gerade hektisch in den Raum hineingestolpert kam. Sie blieb jedoch auf halbem Weg stehen und schaute nun peinlich berührt auf das sich innig umarmende Paar auf der Bank, das erschrocken zu ihr aufsah. So viel zu den ungestörten Momenten an einem Montagmorgen in einem belebten Berliner Krankenhaus, dachten beide gleichzeitig und resignierten, während die blonde Störenfriedin einfach drauflos plapperte, wie ihr süßer Mund gewachsen war...

Gretchen: Jochen, was hetzt du denn so? Wir wollten doch noch in der Cafeteria zusammen frühstücken und... Oh! Entschuldigt! Ich dachte, mein Bruder...
Gabi (wendet schnippisch ihren Kopf zu ihrer ehemaligen Konkurrentin herum u. stört sich gar nicht daran, dass sie immer noch gemütlich auf Mehdis Schoss thront): Falsch gedacht, Frau Doktor! Kontaktlinsen vergessen? Ich würde es mal mit einem Nasenfahrrad versuchen. Sieht zwar scheiße aus und verbessert nicht viel am Gesamtbild, aber dann klappt es vielleicht auch mit der Zuordnung der Patienten.
Mehdi (läuft ertappt rot an, als er Gretchens perplexe Blicke auf sich gerichtet bemerkt, u. will eigentlich aufstehen, aber seine vorlaute Freundin lässt ihn nicht u. umklammert ihn weiterhin mit all ihrer Kraft und ihren Reizen): Guten Morgen, Gretchen!
Gretchen (ignoriert Gabis Frotzeleien wohlwissendlich, weil sie sich von nichts und niemanden die Laune verderben will, die schon durch Marcs Abwesenheit angeschlagen ist, u. lächelt Mehdi freundlich an): Hallo Mehdi! Gabi? Ich wollte nicht stören. Ich bin auch gleich wieder weg. Ich war eigentlich gar nicht da.

...erwiderte die junge Assistenzärztin kurz und knapp und steuerte direkt auf ihren Spind zu. Sie öffnete diesen, legte ihre rosa Umhängetasche und die erbeuteten Schokoladenvorräte aus dem Automaten hinein, an dem sie bis eben Jochen zum Trotz angestanden hatte, zog ihre Jacke und ihren Schal aus, wechselte die Schuhe und nahm sich ihren Arztkittel heraus, in den sie rasch hineinschlüpfte. Sie schnappte sich ihr Stethoskop und schloss die Spindtür auch schon wieder. Dann schob sie sich einen der Schokoriegel in die Schnute und stolperte ratzfatz ins Nebenzimmer und schloss schmunzelnd die Tür hinter sich, um den Glücklichen noch einen Moment für sich zu geben. Triumphierend grinsend hatte Gabi Gretchen hinterher geschaut, bis sie wieder verschwunden war, und widmete sich nun wieder ganz ihrem Liebsten, der sie mit skeptischer Miene beobachtete, als sie ihre Arme um seine Schultern schlängelte. Sie konnte es immer noch nicht lassen, gegen Gretchen zu stänkern. Aber dass sie das tat, war der zickigen Krankenschwester nicht wirklich bewusst. Es handelte sich lediglich um reine Gewohnheit, die mittlerweile nicht mehr so böse gemeint war wie noch vor ein paar Monaten.

Gabi: Wo waren wir stehen geblieben?

...griente Gabi ihren Partner augenzwinkernd an. Mehdi schüttelte nur den Kopf, musste dann aber auch grinsen, als die klammernde Umarmung seiner besitzergreifenden Freundin fester wurde und ihr hübsches Gesicht seinem immer näher kam, bis sich ihre Lippen endlich berührten. Es war ein inniger, sanfter, nicht fordernder Kuss. Einer Wattewolke gleich, auf der sie eh schon seit dem Wochenende unentwegt schwebten. Zärtlich umschmeichelten sich ihre Lippenspitzen und ließen sie einen Moment davon schweben, bevor der schnöde Alltag sie bald wiederhaben würde und es wieder hieß, den Babys anderer Mütter einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Lächelnd legte Mehdi seine Hand an Gabis zart gerötete Wange, als sie aufgehört hatten, sich zu küssen, und schaute ihr verliebt in die Augen...

Mehdi: Du bist aber heute ganz schön anhänglich?
Echt jetzt? Gott, wie peinlich! Dabei wollte ich doch nie eine von denen werden. Aber ich kann einfach nicht anders.
Gabi (sieht ihn verführerisch an): Ich genieße eben jeden Moment, den ich dich ganz für mich alleine habe. Wer hat denn gestern etwas von „erfinderisch sein müssen“ gefaselt?
Mehdi (lacht, als er sich an die Unterhaltung kurz vorm Schlafengehen zurückerinnert): Stimmt!
Gabi (legt ihre Arme locker um seine Schultern u. blickt ihn herausfordernd an): Und da wir gerade beim Thema sind...
Mehdi (verliert sich in ihren verführerisch aufblitzenden Augen): Ja?
Gabi: Falls es nach deiner Sprechstunde ruhig sein sollte, dann könnten wir das ja noch einmal aufgreifen?

Die sexy Krankenschwester zwinkerte ihrem verdutzten Oberarzt frech zu, der gar nicht wusste, wie ihm geschah, als sie ihre eben gehauchten Worte mit einem wahnsinnig leidenschaftlichen Kuss untermalte, der ihn fast von der Bank herunterrutschen ließ. So intensiv miteinander beschäftigt merkte das verliebte Paar nicht, wie sich die Tür zur Umkleide erneut öffnete und eine Person im Türrahmen verharrt stehen blieb, die angewidert ihr Gesicht verzog, als sie die beiden Knutscher erkannt hatte. Dieser fürchterliche Anblick hatte ihm an diesem verhassten Montagmorgen nach einer weiteren schlaflosen Nacht gerade noch gefehlt. Und Dr. Cedric Stier, nach Dr. Marc Meier und dem Grinch der schlimmste Morgenmuffel der Welt, verhehlte seinen Unwillen nicht...

Cedric: Och nee!
Mehdi (schaut überrascht auf): Dr. Stier? Ähm... Guten Morgen!

Jetzt hatte auch das innige Paar den Neuankömmling in der Umkleide bemerkt. Schmerzlich wurden ihnen bewusst, dass sie sich nun doch voneinander lösen mussten. Der Dienstbeginn rückte ebenso wie der Zeiger der Uhr, der sich gefährlich der großen Acht näherte, immer näher und umso größer würde auch gleich das Verkehrsaufkommen in der Umkleide werden. Und man wollte ja nicht gleich den nächsten Skandal verursachen, nachdem ihre überraschende Beziehungsverkündung schon seit Wochen Tratschthema Nummer eins im Klinikum war. Die beiden standen also von der Holzbank auf und strichen sich ihre Sachen glatt, während sich der grummelige Neurochirurg kopfschüttelnd an den beiden vorbei schob und ruppig seinen Spind aufriss, in den er achtlos seine Tasche und seine Jacke hinein schmiss. Er zog seinen weißen Kittel heraus, warf sich diesen locker über die Schultern und drehte sich anschließend wieder zu seinem verhassten Kollegen aus der Gynäkologie um. Er blieb direkt vor Dr. Kaan stehen, hob seine rechte Hand auf Augenhöhe und deutete mit zwei ausgestreckten Fingern an, mit denen er erst auf den perplexen Gynäkologen und dann auf sich selbst zeigte, dass er ihn im Auge behalten würde. Und im nächsten Moment war er auch schon im angrenzenden Schwesternzimmer verschwunden. Irritiert blickten Gabi und Mehdi ihrem morgenmuffligen Kollegen hinterher und dann sich an...

Gabi: Was war das denn gerade? Wieso guckt der dich so an, als würde er dich zum Highnoon vorm Saloon abballern wollen?
Hört das denn nie auf? Der ist ja immer noch eifersüchtig hoch drei. Maria! Maria!
Mehdi (verdreht genervt die Augen u. starrt auf die Tür, die hinter Cedric mit einem Knall ins Schloss gefallen ist): Sieht ganz so aus, als wüsste er noch nicht Bescheid.
Gabi (verwirrt schaut sie ihn an): Über uns?
Steht der etwa auf mich? Dabei dachte ich, der rennt, warum auch immer, seiner blöden Ex hinterher. Das hat mir jedenfalls Schwester Greta aus der Neuro neulich erzählt.
Mehdi (schüttelt den Kopf u. fährt sich mit einer Hand verwirrt durch sein Haar): Nein, das... Es ist kompliziert. Du, Schatz, bevor der Dienst gleich beginnt, will ich noch eben schnell bei meiner Problempatientin vorbeischauen.
Mit der hab ich nämlich noch das eine oder andere Hühnchen zu rupfen.
Gabi (schaut auf die kleine Tasche, die neben der Holzbank steht u. die Mehdi in dem Moment hochnimmt): Schon klar! Ich schaue schon mal, was heute auf Station anliegt.
Ich wäre dafür, die blöde Kuh wird ganz, ganz schnell entlassen. Die sorgt doch nur für schlechte Stimmung. Das spüre ich einfach.
Mehdi (lächelt sie zufrieden an): Danke! Es ist schön, dass du wieder ganz zu mir gehörst.
Jaaa!!! Jippie yeah! Und es hat mich nicht mal was gekostet, dass mich der Oberdrache wieder für die Gyn einteilt. Keine Ahnung, was die genommen hat.
Gabi (grient ihn aufgekratzt an u. nähert sich ihm, weil sie ihrem Schatz einen Kuss stehlen will): Deshalb überspann den Bogen nicht, Herr Doktor! Ich hab dich jetzt immer im Auge.
Mehdi (gibt ihr spontan einen Kuss auf die gespitzten Lippen): Ich weiß. Sagst du dem Team bitte Bescheid! Die Visite startet heute etwas später.
Gabi (rollt mit den Augen): Mir ist schon klar, dass es bei Misses Sonderwünsche etwas länger dauern könnte. Ist halb neun, ok?
Mehdi (nickt): Ich muss ein paar Sachen klären. Schon allein was die Betreuung von Sarah anbelangt.
Gabi: Ich weiß. Aber ihr Zwergkaninchen kommt mir nicht in die Wohnung. Ich bin allergisch gegen Tierhaare.
Mehdi (lacht): Keine Panik! Fridolin ist ja vorerst bei den Nachbarn gut versorgt. Außerdem weiß Maria, dass wir die süße Zuckerschnute nur die eine Nacht nehmen konnten. Wir haben beide heute auch noch Nachtschicht und Lilly wird bei ihren Großeltern schlafen. Apropos, wegen der Nachtschicht, ich rede noch mal mit der Oberschwester. Du kannst bestimmt tauschen.
Gabi (sieht ihn verwundert an): Also erstens, ist die Oberschwester gar nicht da. Man munkelt, sie sei mit dem Fuchs auf Safari oder so. Und zweitens, ist es schon ok.
Mehdi (mustert sie besorgt): Wirklich?
Gabi (leicht genervt u. mit Nachdruck): Mehdi!
Mehdi (rudert beschämt zurück): Ok, ok, aber du gibst Bescheid, wenn es dir doch zu viel wird oder falls dir wieder unwohl werden sollte?
Gabi (nähert sich mit finsterer Miene seinem linken Ohr, damit die Ohren an den Wänden nicht mithören können): Ich bin kein rohes Ei, Mehdi. Ich bin nur schwanger und ich halte schon was aus. Ob Nachtschicht oder im Kreissaal. Außerdem ging es mir heute Morgen blendend.
Mehdi (legt seine Hand auf ihren Bauch u. schaut ihr lächelnd in die Augen): Das freut den Papa zu hören.
Ich kann ihm nie böse sein. Dabei nervt mich seine überfürsorgliche Art schon ein bisschen.
Gabi (ihr geht das Herz auf, trotzdem schiebt sie ihn jetzt ruppig zur Tür hinaus): Jetzt geh endlich, du unmöglicher Kerl! Wie soll ich mich auf die Arbeit konzentrieren, wenn du so bist.
Mehdi (wirft ihr lachend eine Kusshand zu u. folgt ihrer Anweisung): Bis gleich, Schwester Gaaabi!

Die verliebte Krankenschwester sah ihrem gut gelaunten Oberarzt kopfschüttelnd hinterher, schmunzelte schließlich und entschied sich für den anderen Ausgang der Umkleide, der direkt in das Stationszimmer führte, aus dem es auch gleich schon unhöflich gepöbelt kam, so dass sie am liebsten auf der Schwelle wieder kehrtgemacht hätte...

Cedric: Verdammt, gibt es denn keinen verschissenen Kaffee in diesem Saftladen hier?

Lorelei Offline

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28.06.2013 17:45
#1423 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Dr. Gretchen Haase, die bewaffnet mit einem Schokoriegel in der einen und dem Dienstplan der Woche in der anderen Hand in der hinteren Ecke vor dem Computerbildschirm saß, auf dem abwechselnd die Bilder vom letzten Betriebsausflug als Diashow angezeigt wurden, und die den miesepetrigen Neurochirurgen noch gar nicht hinter sich bemerkt hatte, schaute verwundert auf und drehte sich auf ihrem Drehstuhl herum. Ihr verwirrter Blick traf Schwester Gabi, die gerade aus der Umkleide kommend das Schwesternzimmer betreten hatte und hinter der attraktiven Rückenfront von Dr. „Miesepeter“ Stier kombiniert mit einem heftigen Augenrollen eine Bewegung mit ihrer flachen Hand vor ihrem Gesicht machte, woraufhin Gretchen albern loskichern musste, sich in der nächsten Sekunde ertappt die Hand vor den Mund hielt und dann leise zustimmend mit dem Kopf nickte. Da die Jungärztin mit einem ebenso morgenmuffeligen Exemplar der Gattung Mann zusammen war, war sie Stinkstiefelauftritte wie diesen schon gewohnt, auch wenn sie bislang ebenso wie Gabi noch nicht in den Genuss eines solchen bei ihrem neuen Kollegen aus Neurologie gekommen war. Aber man lernte nun mal nie aus, wie manch einer wirklich tickte, wenn der Stresslevel stieg und der Koffeinpegel sank. Das konnte jedenfalls noch heiter werden, dachte Dr. Haase, denn heute sollte sie nämlich eben jenem Stinkstiefel assistieren, um endlich ihren OP-Plan vor den Abschlussprüfungen voll zu kriegen. Doch bevor sich die angehende Fachärztin darüber ärgern und die Rückkehr ihres liebsten Arbeitskollegen und süßesten Morgenmuffels der Welt herbeisehnen konnte, fiel ihr plötzlich etwas siedendheiß ein und sie sprang unvermittelt von ihrem Sitzplatz auf. Ihr war gerade aufgefallen, dass sie in der morgendlichen Hektik ihr Handy in der Handtasche im Spind vergessen hatte. Und das wollte sie doch heute unbedingt immer bei sich tragen, falls Marc sie zurückrief. Also schob Gretchen rasch ihren Stuhl beiseite, warf die raschelnde Schokoriegelverpackung - natürlich leer - in den Papierkorb unter dem Schreibtisch, lief zu ihrem Fach an der Wand rüber, legte den Dienstplan zurück und ging im Anschluss an dem sich hilflos in alle Richtungen drehenden Mann in Weiß vorbei in Richtung Umkleide, den man offenbar zu ignorieren schien, denn auf seine dreiste Aufforderung hin hatte er immer noch nicht die rettende Koffeindosis in seiner Hand, die ihn nach einer schlaflosen Nacht endlich wieder auf Normaltemperatur bringen sollte. Komisch, an seinem alten Arbeitsplatz an der Charité spurten die Kolleginnen besser, sinnierte Dr. Stier wehmütig und ließ leidend seine Schultern hängen. Und vor allem wurden sie ihren Vorgesetzten gegenüber nicht so vorlaut wie der blonde Lockenschopf gerade, der sich in diesem Moment wieder zu ihm herumdrehte und ihn mit ihrem bezaubernden Ich-strahle-die-Welt-an-und-sie-strahlt-zurück-Lächeln angriente, das von ihren sinnlichen dezent roséfarben geschminkten Lippen bis zu ihren faszinierenden ozeanblauen Augen ging und einen schon einmal seinen sich selbst eingeredeten Groll vergessen ließ. Zumindest für einen winzigkleinen Augenblick von ungefähr dreieinhalb Sekunden. So lange dauerte es nämlich, bis die reine elfengleiche Stimme des blond gelockten Klinikengels seine Gehörgänge erreicht hatte...

Gretchen: Wie wäre es denn mit selber machen, Dr. Stier? Nach sechs Wochen hier am Elisabethkrankenhaus müsstest du doch mittlerweile wissen, wo alles steht, nicht?
Gabi (stimmt Dr. Haase anerkennend bei, lässt sie augenzwinkernd an sich vorbei u. geht selber schmunzelnd zum Fach von Dr. Kaan rüber u. zieht Unterlagen heraus, die sie durchschauen möchte): Eben! Selbst ist der Mann und der Arzt und... wie auch immer.
Cedric (sieht verwirrt zwischen den beiden attraktiven Frauen hin und her, die sich offenbar hinterhältig gegen ihn verschworen haben): Aber das ist doch eigentlich Ihr Job?
Gretchen (steht schon auf der Schwelle zur Umkleide, aber dreht sich noch einmal schwungvoll zu dem Macho der Sonderklasse herum u. stemmt empört ihre Hände an die Hüften): Also in meinem Arbeitsvertrag steht etwas anderes, aber ich frage gerne noch einmal bei meinem Vater nach, um jedwede Unstimmigkeiten aus den Weg zu räumen, Herr Doktor.
Cedric (grinst die empörte Assistenzärztin, deren süße Wangen immer röter werden, selbstgefällig an, woraufhin sich diese rasch kommentarlos, aber mit einem angedeuteten Ameisenblick in die Umkleide verabschiedet): Ich hab eigentlich die Schwester gemeint.
Gabi (hat sich gerade an den Schreibtisch am Empfang gesetzt u. dreht sich auf dem Stuhl beleidigt zu Dr. ‚Oberarsch’ Stier um): Bitte? Bin ich neuerdings Ihre Saftschubse oder was? Also ich bin in der Gynäkologie angestellt, falls Sie das vergessen haben sollten, und ich hab zu tun. Kaffeekochen, Butterbrote, Sterndeutung und sonstige Dienstleistungen aller Art sind Sabines Job.
Cedric (wendet sich augenrollend von der biestigen Giftspritze ab u. sieht sich suchend um): Und warum hat DIE dann noch keinen Kaffee gemacht? Hier gibt es doch sonst immer Kaffee.
Gabi (schaut grinsend noch einmal von ihren Unterlagen auf): Weil es vielleicht etwas schwierig mit der Lieferzeit wäre.
Cedric (sieht die zickige Krankenschwester an wie ein Postauto, was sie noch mehr zum Schmunzeln bringt): Wieso?
Gabi (legt die sortierten Papiere in einer Mappe zusammen u. schließt diese, dann schlägt sie lässig ihre Beine übereinander u. lehnt sich entspannt lächelnd an die Sitzlehne zurück): Bis der mit der Luftpost aus den USA da wäre, wäre er eh kalt. Schwester Sabine weilt gerade in den Flitterwochen, Herr Doktor. Vergessen?
Cedric: Und wer macht mir dann einen Kaffee?
Gabi (verdreht genervt die Augen, springt von ihrem Platz auf u. klemmt sich die Mappen für die Visite vor die Brust): Herr Gott noch mal, Dr. Stier, das ist ein einfacher Filterautomat und nicht das Cockpit eines Dreamliners. Das werden Sie also wohl noch selber hinbekommen, wenn sie schon mit winzig kleinen Werkzeugen in Gehirnen herumschnippeln können. Ach und wenn Sie gerade dabei sind, machen Sie doch gleich noch eine Tasse für Dr. Kaan mit! Mit Milch ohne Zucker. Danke! Ich muss jetzt erst einmal die Visite vorbereiten und die Schwachmatten von der Uni zusammentrommeln.

Die gespannten Ohren des aufmerksamen Arztes horchten beim Stichwort „Dr. Kaan“ interessiert auf und er kam langsam auf Schwester Gabi zu, die gerade am Schreibtisch von Schwester Sabine leicht hektisch die Patientenmappen für die Visite zusammenstellte und gedanklich schon einmal den Ablauf des Tages durchging. Cedric lehnte sich mit verschränkten Armen seitlich an den Türrahmen des Stationszimmers, so dass sie nicht nach draußen flüchten konnte, und fixierte die konzentrierte Krankenschwester mit seinem messerscharfen Blick. Gabi, die die Ich-check-dich-ab-Puppe-Blicke hinter ihrem Rücken durchaus bemerkt hatte, schaute schließlich irritiert auf und musterte ihren unverschämten Beobachter argwöhnisch. Das Zeichen für den selbstbewussten Chirurgen, sein eigentliches Anliegen unverblümt vorzutragen, denn es gab da nämlich noch etwas, was er unbedingt herausfinden musste und das immer noch schwer auf seinen grummelnden Magen drückte...

Cedric: Und Sie denken, er dankt es Ihnen?
Gabi (sieht nur Fragezeichen vor ihrem geistigen Auge aufsteigen u. starrt ihn dementsprechend an): Hä? Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen, Dr. Stier.
Cedric (grinst sie triumphierend an, beugt sich nach vorn u. stützt sich mit seinen Ellenbogen auf der Durchreiche des Stationszimmers ab): Naja, mir ist zu Ohren gekommen, dass er seinen Kaffee gerne auch woanders trinkt, Schwester Gabi.
Was wird das denn jetzt? Ist der betrunken oder komplett durchgeknallt? Vermutlich beides!
Gabi (so langsam klingelt es bei ihr, worauf der eifersüchtige Obermacho überhaupt hinaus will, u. sie kontert cool): Das wüsste ich aber. Aber vielleicht sollten Sie zu Ihrem Kaffee nicht die alten Klatschblätter von anno 1999 durchblättern. Es könnte sein, dass Ihnen sonst ein paar wichtige Infos entgehen könnten, die einige Dinge in ein ganz anderes Licht rücken könnten, wie es für sie vielleicht momentan noch scheint. Der Pocher ist schließlich auch nicht mehr mit seiner Ollen zusammen und letztes Jahr hat Dr. Kaan noch deren Zwillinge entbunden.
Cedric (lässt sich nichts anmerken u. hebt lediglich seine linke Augenbraue): Ach?
Gabi (kommt augenrollend ebenfalls auf den Gang hinaus, lässt die Akten für die Visite auf die Durchreiche knallen, lehnt sich mit verschränkten Armen seitlich dagegen u. beginnt ihren Kollegen argwöhnisch zu mustern): Wissen Sie was, ich hab keinen Schimmer, welche Laus Ihnen heute Morgen über die Leber gelaufen ist und Sie dazu bringt, warum auch immer die integersten Kollegen kompromittieren zu wollen. Aber in meiner Beziehung zu Dr. Kaan ist definitiv alles in Ordnung, wenn es das ist, was Sie so brennend interessiert. Wir sind gerade erst zusammengezogen und wir sind glücklich. Wir planen sogar... Ach was, eigentlich geht Sie das einen feuchten Hundefurz an. Wenn Sie unbedingt in Selbstmitleid baden wollen oder aus lauter Neid herumstänkern wollen, weil’s bei Ihnen beruflich und beziehungstechnisch eher suboptimal läuft, dann versuchen Sie es woanders. Auch wenn Sabine nicht da ist, ist und bleibt das Stationszimmer eine friedliche Ruhezone. Verstanden? Wo die Kaffeemaschine ist, wissen Sie ja jetzt. Guten Tag.

...zischte die brünette Krankenschwester dem perplexen Chirurgen wütend entgegen, dessen Kinnlade nach dieser heftigen Ansage bis zu seinen weißen Arztschlappen herunterklappte, aus denen am rechten Fuß eine löchrige dunkelblaue Socke herausguckte, die farblich nicht zu der noch heilen dunkelroten Socke am anderen Fuß passte, schob sich anschließend an ihm vorbei, schnappte sich ihre Patientenmappen, klemmte sich diese unter den Arm und lief mit schnellen polternden Schritten in Richtung Gynäkologie davon. Irritiert blickte Dr. Stier der jungen temperamentgeladenen Frau hinterher und ließ seine verwirrten Blicke kurz über ihre schwingenden Hüften und ihren wackelnden Po gleiten, als ihn plötzlich eine sanftmütige Stimme hinter sich ablenkte...

Gretchen: Wenn du unbedingt willst, dann mache ich dir schnell eine Tasse. Ich könnte nämlich auch gut eine gebrauchen. Mein nerviger kleiner Bruder wohnt neuerdings bei mir und Marc und es war heute Morgen recht chaotisch. Ich hatte nicht mal Zeit, ordentlich zu frühstücken.
Cedric: Okay!?

... antwortete Cedric Stier stockend und auch ein wenig überrascht, weil er den herzensguten Goldengel nicht hatte kommen hören, und fuhr sich mit einer Hand über seinen trockenen Hals. Er machte eine Kehrtwende, betrat das Stationszimmer und setzte sich an den runden Tisch in der Mitte des kleinen Raumes, während seine freundliche Kollegin die Tür des Hängeschranks öffnete und eine Packung Kaffee und eine Filtertüte herausholte, die sie sofort in die Kaffeemaschine einlegte. Der wieder etwas ruhiger gewordene Neurochirurg ließ seinen dröhnenden Kopf kurz auf der kühlen Tischplatte ruhen und schloss seine Augen. Als er es jedoch hinter sich laut rumpeln hörte, schaute er schnell wieder ertappt auf, schnappte sich einen der grünen Äpfel aus dem Obstkorb, polierte diesen an der Innenseite seines Arztkittels und biss schließlich kräftig hinein. Er merkte jetzt erst, dass er einen Bärenhunger hatte und gegen ein Frühstück eigentlich nichts auszusetzen hätte. Während er nun auf seinen Kaffee wartete, blätterte Cedric nachdenklich durch die alten „Galas“ und „Brigitte“-Zeitschriften, die neben dem Körbchen zwischen einzelnen Fachmagazinen wie dem „Gynäkologen“ und dem „Chirurgen“ hervorgeblitzt hatten, dachte plötzlich an die Worte der zickigen Gyn-Schwester, die ihm gerade eben die bereits bestehende schlechte Laune noch mehr verhagelt hatte, legte sie schnell wieder augenrollend beiseite und beobachtete stattdessen aus dem Augenwinkel die hübsche junge Assistenzärztin, die gerade mit wenigen eingeübten Handgriffen das Kaffeepulver für die Maschine abwog und diese dann damit befüllte, ehe sie zufrieden den Startknopf drückte und danach abwesend auf das Display ihres rosa Handys schaute, das sie aus ihrer Kitteltasche gezogen hatte und gleich darauf mit einem leisen Seufzer und einem wehmütigen Blick wieder darin verschwinden ließ. Cedric räusperte sich und sprach Gretchen schließlich an, denn in seinem Hinterkopf war da immer noch diese ungewisse Frage, dieses fiese Bild von den beiden, das ihn innerlich fertig machte, solange er nicht wusste, was denn nun wirklich Sache war.

Cedric: Du, sag mal, Gretchen, du bist doch ganz dicke mit dem Kaan, oder?
Gretchen (schaut sich verwundert zu ihm um u. lehnt mit dem Rücken an der Arbeitsplatte): Ja? Wieso?
Cedric (weiß nicht, wie er anfangen soll, um nicht vollständig als eifersüchtiger Dorfdepp dazustehen, aber er muss sein Unbehagen einfach loswerden): Der hat doch einen ganz schönen Ruf bei den Frauen hier oder?
Gretchen (hat keine Ahnung, worauf er hinaus will, u. antwortet daher wahrheitsgemäß): Ja, seine Patientinnen schätzen seine einfühlsame Art sehr.
Cedric (verdreht gequält seine Augen u. probiert es nun anders, um dem aufkommenden Reflux entgegenzuwirken): Nein, das meine ich eigentlich nicht. Sondern eher im zwischenmenschlichen Bereich.
Gretchen (ahnt noch immer nichts u. gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn sie an ihren allerbesten Freund denkt): Das gilt auch dafür. Er ist immer für alles und jeden da und weiß immer den richtigen Rat. Jede Frau kann sich glücklich schätzen, so einen Partner wie ihn zu haben.
Cedric (sein gequälter Gesichtsausdruck wird immer größer): Jede?
Gretchen (mustert das zusammengesunkene Häuflein Elend argwöhnisch u. plötzlich geht ihr ein Lichtlein an): Dr. Stier, worauf willst du eigentlich hinaus? Bist du etwa eifersüchtig? Wegen...
Cedric (fällt ihr wegen dieses unsinnigen Verdachts sofort aufgebracht ins Wort): Bitte? Also das ist ja wohl...
Gretchen (nimmt ihm nun ihrerseits das Wort u. versucht ihm einfühlsam etwas klar zu machen, auch wenn ihr das eigentlich nicht zusteht): Ich weiß, das ist alles nicht leicht im Moment, aber ich kann dir versichern, er spielt zumindest in dem Bereich ihres Lebens keine Rolle mehr. Mach dir bitte nicht so viele Gedanken!

Ob er weiß, was mit Maria los ist? Er scheint mir nicht den Eindruck zu machen, wenn er immer noch über die alten Geschichten nachdenkt. Süß eigentlich! Er mag sie wirklich sehr. Ich kann gar nicht verstehen, warum sie immer noch zweifelt. Wenn man mal von dem Zusammenbruch absieht, meint das Universum es doch gut mit ihr. Wie viele Zeichen braucht sie denn noch? Ich würde ihm am liebsten mit der Nase darauf hinweisen. Aber ich darf nicht. Das müssen die beiden schon selber hinkriegen. Mehdi hat vollkommen recht.

Cedric (schaut sie misstrauisch an): Und warum erzählst du mir das?
Gretchen (kommt auf ihn zu u. setzt sich ebenfalls für einen kurzen Moment an den Tisch): Weil ich den Eindruck habe, es könnte dich vielleicht interessieren. Du scheinst ein vollkommen falsches Bild von ihm zu haben. Gut, er hat ein schlimmes Jahr hinter sich und war etwas vom Weg abgekommen, weil er die Orientierung und den Halt verloren hatte, aber das ist längst vorbei. Mehdi ist glücklich mit Schwester Gabi zusammen und das ist etwas Ernstes. Okay? So und jetzt hol ich dir dein Kaffee. Mit Milch oder Zucker?
Cedric: Ohne alles!

...antwortete Dr. Stier abwesend und sah der einfühlsamen Assistenzärztin nachdenklich hinterher, die, woher auch immer, ganz genau wusste, was in ihm vorging, und gerade zwei Tassen aus dem Schrank holte und anschließend in diese Kaffee einschenkte. Er hing währenddessen seinen Gedanken nach und starrte auf das trübe Wetter vor dem Fenster, das eigentlich ganz gut zu seiner aktuellen Stimmungslage passte. Wenn der Frauenversteher für Maria keine Rolle mehr spielte, wieso ließ sie ihn dann immer noch außen vor? Warum meldete sie sich nicht bei ihm und erklärte ihm, was sie bewegte? Was war seit vorgestern Abend, als sie sich noch liebevoll umarmt und innig geküsst und am Telefon zu einem heißen klärenden Mitternachtsdate verabredet hatten, vorgefallen? Hatte sie es sich doch im letzten Moment noch anders überlegt? Wieso hatte sie schon wieder kalte Füße bekommen? Sie hatten doch alles mehr oder weniger geklärt. Er hatte während eines tiefen Blickes in ihre faszinierenden feurig auffunkelnden dunklen Augen ganz deutlich gespürt, dass sie einem Neustart - oder was auch immer das mit ihnen beiden werden würde - nicht mehr ganz so abweisend gegenüberstand wie noch vor ein paar Wochen, als sie noch mit Donnergrollen aufeinander getroffen waren. Er hatte ihr alles, wirklich alles, gesagt und in einer aufregenden Nacht auch mehr als deutlich gezeigt. Bedeutete ihr das wirklich so wenig? Hatte sie denn nicht verstanden, was er ihr im Vollrausch durch die Blume hatte sagen wollen? Dann könnte sie doch wenigstens den Mumm aufbringen, ihm das auch zu sagen. Die Ungewissheit machte ihn noch wahnsinnig. Und er machte mit seinem hibbeligen und ungewohnt aufbrausenden Verhalten auch noch alle nervös, inklusive seiner kleinen Tochter, die heute überhaupt nicht damit einverstanden gewesen war, den Tag mit ihren kleinen Freunden in der Kinderkrippe verbringen zu müssen. Oder war etwa etwas mit seiner Großen? Darüber hatte er noch gar nicht nachgedacht. Vielleicht war das ja der Grund, warum Maria heute nicht wie gewohnt zu ihrem Dienst erschienen war und er auf Anweisung von ganz oben ihre Schicht übernehmen musste. Was war mit Sarah? Aber dem sichtlich besorgten zweifachen Vater blieb wenig Zeit, sich noch weiter damit zu beschäftigen. Denn in dem Moment, als sich Gretchen mit den beiden Kaffeepötten wieder zu ihm setzen wollte und er Marias Freundin direkt darauf ansprechen wollte, erschien ein gehetzter Sanitäter im Türrahmen. Er umklammerte diesen, atmete tief ein und aus und blickte sich erst einmal suchend im Schwesternzimmer um, erleichtert endlich einen Verantwortlichen und noch dazu so eine hübsche gefunden zu haben...

Gordon (zwinkert Dr. Haase fröhlich zu): Guten Morgen zusammen! Krieg ich auch einen, schöne Frau?
Gretchen (hält die Kaffeetassen noch in der Hand, als sie sich verwirrt zu Gordon herumdreht, der gerade ausgiebig ihre sexy Kehrseite mustert): Äh... Guten Morgen, Charmeur! Später vielleicht. Vielleicht sollten wir uns erst einmal um den Patienten kümmern, den du dabei hast, hmm?
Gordon (grinst sie an u. holt das Klemmbrett hinter seinem Rücken hervor): Jep! Es kommt gleich noch ein Wagen mit zwei weiteren Verletzten rein. Eine Schockpatientin und ein Streifschuss. Es gab ne Schießerei vorm Standesamt in Charlottenburg. Irgend so ein irrer Ex hat um sich geschossen und Rache an seiner Verflossenen und ihrem Neuen genommen. Der Täter wurde vom Sicherheitsdienst niedergestreckt und ist auf dem Weg ins Gefängniskrankenhaus. Also nicht unsere Sorge.
Gretchen (setzt die Tassen ab u. fasst sich entsetzt an den Mund): Oh Gott!
Cedric (ebenso mitgenommen schaut er auf): Was haben wir?
Gordon (blickt nun auch betroffen drein u. nickt): Kopfverletzung. Ein Querschläger, der eigentlich den Bräutigam treffen sollte, hat ihn umgenietet. Ist seitdem bewusstlos, aber die Werte sind noch i. O. Schädeltrauma nicht auszuschließen. Die Patrone ist übrigens noch drin.
Cedric (springt sofort pflichtbewusst auf u. stellt sich zu seiner Assistenzärztin): Den nehme ich gleich mit in Schockraum 1. Assistierst du? Wir machen erst einmal ein CT vom Schädel, um zu schauen, wie weit das Projektil vorgedrungen ist. Die Schwester soll den Rössel und den Professor anpiepen, um den zweiten RTW in Empfang zu nehmen.
Gordon (übergibt dem Arzt die Papiere, zwinkert Gretchen noch einmal zu u. dreht sich auf der Schwelle um): Bin schon unterwegs.
Gretchen (nickt Cedric zu u. geht mit nach draußen): Gerne! ... Aber... das ist doch... Das ist... mein... Standesbeamter.

...stieß die blonde Assistenzärztin plötzlich erschrocken aus und rang heftig nach Luft, als sie auf dem Flur der Chirurgie den auf der Barre liegenden Patienten mit dem Kopfverband erkannte, und ließ Dr. Stier dadurch kurz verwirrt innehalten. Mit großen Augen musterte er seine Kollegin, die ertappt rot anlief, als sie seine neugierigen Blicke auf sich gerichtet bemerkte...

Cedric: Dein... was?
Gretchen (läuft schnell ans Ende der Trage u. löst die Bremse): Äh... Quatsch! Ein... ein Standesbeamter, meine ich. Also... glaube ich. Hab ihn schon mal gesehen... bei... bei... Sabines Trauung. Aber... egal! Können wir?

...lenkte Dr. Haase schnell vom Thema ab und schob die Barre in den Schockraum, auch wenn die Verwirrung immer noch groß war. So hatte sie sich nämlich das Wiedersehen mit dem Mann, der Marc Meier tatsächlich während einer mehr oder weniger unfreiwilligen Trauungszeremonie, in die sie durch Zufall vor zwei Tagen hineingeraten waren, ein lautes deutliches „Ja“ abgerungen hatte, nicht vorgestellt. Aber das war ja auch erst der Anfang eines chaotischen Tages, der nicht nur diese Überraschung aufzubieten hatte.

Lorelei Offline

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03.07.2013 16:54
#1424 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Auf jemand anderen wartete derweil einen Gang weiter ebenfalls eine Überraschung der anderen Art, eine böse Überraschung wohlgemerkt, welche die bestehende Hochstimmung des enthusiastischen Oberarztes mit einem Schlag sprichwörtlich verhagelte, der gerade schwungvoll mit einem breiten Lächeln im Gesicht und bewaffnet mit einer kleinen lilagestreiften Reisetasche in seiner linken Hand ein Patientenzimmer am Ende des Flurs betreten hatte. Er hatte die kleine Tasche auf einem der bequemen Polstersessel abgestellt, die direkt neben der gläsernen Zwischentür standen, die er gerade vom Vorzimmer aus kommend mit seinem Hinterteil aufgeschoben hatte. Aus dieser Position heraus konnte er die Veränderung natürlich noch nicht gleich wahrnehmen. Umso größer war dann der Schock, als er sich plappernd zu dem einzelnen Bett in dem in warmen Orangetönen gestrichenen Privatzimmer herumdrehte...

Mehdi: Einen wunderschönen Guten Morgen wünsche ich meiner Lieblingspatientin. Hast du denn gut geschlafen, nachdem du gestern noch mit Sarahmausi telefoniert hast? Eigentlich müsste ich ja sauer auf dich sein, weil ich noch mit dir sprechen wollte, aber ich drücke ausnahmsweise mal ein Auge zu. Es war schon spät und du brauchtest nun mal deine Ruhe. Ich hoffe, es ist dir recht, aber ich war gerade in deiner Wohnung und hab dir ein paar Sachen zum Wechseln mitgebracht, damit du dich hier auch wie zu Hau... Moooment mal! Was... zum... Teufel...? Das glaube ich aber jetzt nicht! .... MARIA HASSMANN! Du unmögliche Frau!

Noch bevor er mit seiner freundlichen Begrüßungsformel fertig war, musste Dr. Kaan fassungslos feststellen, dass ein entscheidender Faktor in dem Bild fehlte, das sich vor seinen ungläubigen Rehaugen offenbarte. Oder besser gesagt, es fehlte seine Ansprechpartnerin. Seine Patientin. Seine gute Freundin. Die sture uneinsichtige Oberärztin aus der Neurologie, die gestern Nacht noch am Magen notoperiert worden war und der eigentlich strikte Bettruhe verordnet worden war. Na die konnte was erleben, wenn er sie erwischte, dachte Mehdi stinksauer, ballte seine Hände zu Fäusten und vergrub diese tief in seinen Kitteltaschen und fluchte still vor sich hin. Hektisch sah er sich nun in dem leeren Krankenzimmer um, schaute in den Schränken und unter dem Bett und hinter den noch zugezogenen Vorhängen nach, die er jetzt wütend aufschob, um bessere Lichtverhältnisse zu schaffen, und fasste sich schließlich resignierend an seine zwickende Stirn, die kein Pflaster, sondern nur noch eine kleine kaum noch sichtbare Schramme zierte, ein Andenken von Günnis „Junggesellenabschied“ letzten Freitag. Das konnte doch jetzt echt nicht wahr sein? Maria war ihm doch nicht tatsächlich entwischt? Ihre Sachen waren wirklich weg. Wie unverantwortlich konnte jemand eigentlich sein? Der aufgebrachte Frauenarzt zückte sein Handy und wollte gerade die Nummer seiner flüchtigen Patientin wählen, um sie ordentlich zurechtzuweisen und sofort zurückzukommandieren, als er es im Badezimmer nebenan plötzlich poltern hörte.

Inflagranti erwischt, dachte der Halbperser grinsend und trat näher heran. Abwartend baute er sich vor der geschlossenen Toilettentür auf, die im nächsten Moment aufsprang und eine blasse dünne Frau im enganliegenden Abendkleid präsentierte, die erschrocken wegen Mehdis urplötzlichem Auftauchen wie aus dem Nichts einen Schritt zurückwich und dabei vor Schmerzen aufstöhnte und sich instinktiv an ihren Bauch fasste, weil sie auf diese ruckartige Bewegung nicht vorbereitet gewesen war. Aber die tapfere Neurochirurgin atmete den stechenden Schmerz einfach weg, wie sie es während ihrer studiumsbegleitenden Fortbildungen zur Schmerztherapie gelernt hatte. Denn sie hatte sich schließlich vorhin auch mehr oder weniger problemlos aus dem Bett gequält, hatte es irgendwie ins Badezimmer geschafft und hatte sich auch dank ihres hochleistungssportlichen Gymnastiktalents, das wegen eines Sportunfalls in der zwölften Klasse ein jähes Ende gefunden hatte, mit angehaltener Luft in ihr enges Spitzenkleid gezwängt, dessen Reißverschluss am Rücken sie wegen fehlender Motorik, einem viel zu dicken Bauchverband und fehlender schmerzstillender Medikamente leider hatte offen lassen müssen. Aber wenn sie noch ihren langen Mantel darüber ziehen würde, dann war es auf jeden Fall eine Verbesserung zu den unvorteilhaft geschnittenen hässlichen Patientenhemden, die man hinten gar nicht zumachen konnte. Sie würde alles tun, aber ganz bestimmt nicht ihren verhassten Kollegen ihre sexy Kehrseite auf dem Präsentierteller zeigen. Wer auch immer sie in jener verhängnisvollen Nacht entkleidet und nach der OP in dieses unmodische Ungetüm gezwängt hatte, würde leiden, sobald sie wieder zu Kräften gekommen sein würde. Leider hatte Maria während ihrer übereilten und unüberlegten Fluchtpläne nicht daran gedacht, dass ein gewisser überfürsorglicher Oberarzt und Oberschlaumeier sich ihr wohlmöglich in den Weg stellen könnte. Jetzt hatte sie den Salat! Mehdi Kaan stand in breiter Türsteherpose mit verschränkten Armen und mächtig angeschwollener puckernder Halsschlagader vor der Badezimmertür und blickte sie ungehalten an. Sein angesäuertes Gesicht sprach Bände. Er würde sie niemals gehen lassen. Und ihn zu überwältigen fühlte sich die athletische Hobbykaratekämpferin momentan nicht im Stande. Sie musste also anders überzeugen. Leider tat ihr alles weh und so sah ihre aufgesetzte Unschuldsmiene eher gequält anstatt lässig und überzeugend aus.

Mehdi (enttäuscht u. sauer): Kannst du mir DAS bitte erklären, MARIA?
Maria (gibt sich betont unbeeindruckt u. hält sich mit beiden Händen hinter ihrem Rücken am Waschbecken fest, um nicht umzufallen, denn ihre Beine fühlen sich immer noch wie Wackelpudding an): Was keifst du denn schon wieder so laut herum, Kaan? Hast du deine innere Mitte verloren? Also hier findest du sie bestimmt nicht.
Mehdi (ihr Zickenauftritt regt ihn gleich noch mehr auf): Ich habe allen Grund, LAUT zu werden, wenn man meine ärztlichen Anweisungen nicht befolgt.
Maria (kontert zickig): Das sind ja auch eher wohlwollende Ratschläge, die jeder für sich selbst interpretieren kann.
Mehdi (glaubt sich verhört zu haben u. ringt merklich nach Luft; seine Miene verfinstert sich): Ach, und du interpretierst sie so, dass es dir soweit ganz gut geht und du dich jetzt selbst entlassen möchtest? Sehe ich richtig?
Maria (selbstgefällig funkelt sie ihn an): Wow! Du bist ja schon am frühen Morgen ein richtiger Blitzmerker.
Mehdi (kann sich kaum noch beherrschen): MARIA!
Maria (beißt die Zähne zusammen u. versucht sich an dem starken Mann vorbeizumogeln, der den Türrahmen versperrt): Jetzt höre auf, mich ständig zu marian, Mehdi! Ich weiß, wie ich heiße. Und mir geht es gut. Ich bin selber Ärztin und weiß, was ich mir zumuten kann und was nicht. Also lass mich endlich vorbei!

Dr. Hassmann hatte ihre Bitte, die mehr nach einem Befehl klang, kaum ausgesprochen, da knickten ihr auch schon die Beine weg und sie fiel direkt in die starken Arme von Dr. Kaan, der sie sanft auffing und vorsichtig wieder aufrichtete. Für jegliche Gegenwehr waren Marias Kräfte zu schwach. So hatte sie auch nichts entgegenzusetzen, als Mehdi sie kopfschüttelnd wieder zum Bett schaffte und sie vorsichtig darauf absetzte. Resignierend wich sie seinen vorwurfsvollen Blicken aus und versuchte sich erfolglos dagegen zu wehren, als er ihr die Infusionsbeutel wiederanlegte, die sie selbst noch vor wenigen Minuten fachmännisch entfernt hatte, und sie begann zu untersuchen.

Mehdi: Das sieht man. Ich kann nicht fassen, dass du so ein Risiko eingehst, Maria. Du hast sogar die Infusionsnadeln entfernt. Und wie bist du überhaupt in das Kleid gekommen? Du musst unmenschliche Schmerzen gehabt haben? Was machst du bloß für Sachen? Man kann dich wirklich keine Minute alleine lassen.
Maria (trotzig): Mann, jetzt lass mich doch endlich! Ich will... Ich kann nicht hier bleiben. Mitten auf dem Präsentierteller.
Mehdi (setzt sich seufzend auf ihre Bettkante u. schaut sie eindringlich an): So sehr vertraust du mir also, hmm? Als ob ich einen Aushang am schwarzen Brett machen würde.
Maria (das schlechte Gewissen klopft nun doch an ihrer Tür): Es tut mir leid, okaaay. Aber ich... ich würde mich wirklich lieber zu Hause auskurieren. Bitte!
Mehdi (verständnisvoll): Maria, wie stellst du dir das vor? Du kannst dich kaum rühren, geschweige denn einen Haushalt mit einem kleinen Kind führen. Und denk doch an das Baby! Du musst dich schonen. Du brauchst deine Kräfte noch.
Maria (kann nicht verhindern, dass urplötzlich Tränenflüssigkeit in ihre Augen schießt): Verdammt!
Mehdi (legt seine Hand auf ihre u. schaut sie liebevoll an): Hey! Ich hab dir schon einmal gesagt, das ist kein Weltuntergang.
Maria (trotzig schnieft sie die albernen Tränen weg): Doch!
Mehdi (sanftmütig): Nein, ist es nicht!
Maria (schaut ihn aufgewühlt an): Du verstehst mich nicht.
Mehdi: Ich verstehe dich, glaub mir. Natürlich verkompliziert das die Situation, aber...
Maria (entzieht sich seiner Hand u. verschränkt schmollend ihre Arme vor ihre Brust): Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts! Was soll ich denn mit noch einem Kind?
Mehdi (seufzt u. blickt ihr aufmunternd in die Augen): Es lieben wie deine Große. Die hast du doch wunderbar hinbekommen.
Maria (ringt sich ein kleines Lächeln ab, das aber sofort wieder gefriert): Das sagt sich so leicht. Du steckst ja auch nicht in meiner Situation.

Mehdi (schmunzelt u. murmelt leise vor sich hin): Wenn du wüsstest!

Maria (versucht ihm aufgeregt ihren Standpunkt klarzumachen): Ich habe Pläne. Ich habe mir die Zukunft ganz anders vorgestellt. Ich kann doch nicht schon wieder alles von vorne anfangen.
Mehdi (auch darauf weiß der einfühlsame Frauenarzt die passende Antwort): Pläne kann man ändern oder anpassen, je nachdem.
Maria (redet sich immer mehr in Rage): Du hast deine Ziele ja auch alle schon erreicht, während ich in diesem Job festhänge. Gerade jetzt, wo der Professor endlich in die Chirurgie investiert, bietet sich eine großartige Perspektive für mich. Mal abgesehen vom Chefsessel selbst. Wie soll das gehen, wenn ich ein dauerplärrendes Anhängsel habe?
Mehdi: Es gibt für alles eine Lösung. Ich kenn dich. Du bist taff. Du kannst alles schaffen.
Maria (zickig): War das jetzt die subtile Andeutung, dass du dich als Babysitter bewerben möchtest? Danke! Warum adoptierst du es denn nicht gleich ganz, hmm?
Mehdi (rollt mit den Augen u. sieht die Zimtzicke ernst an): Warum sprichst du nicht mit ihm? Vielleicht ist er...
Maria (verbietet sich jegliche Einmischung): Mehdi!
Mehdi (hebt abwehrend seine Hände): Ich weiß, es steht mir weder als dein Arzt noch als dein Freund zu, dir irgendwelche Ratschläge zu geben. Aber der arme Kerl dreht noch völlig am Rad, wenn du nicht endlich ein Lebenszeichen von dir gibst.
Maria (vorwurfsvoll starrt sie ihm ins Gesicht): Du hast mit ihm gesprochen? Mehdi, wie konntest du nur!
Mehdi: Nein, hab ich nicht! Aber ich habe Augen im Kopf und so wie der vorhin geguckt hat, muss ich aufpassen, dass ich nicht hinterrücks noch ein Skalpell in den Rücken gerammt bekomme.
Maria (schüttelt ungläubig den Kopf): Dieser Idiot!

Wie soll ich mich auf ihn einlassen, wenn er immer noch so kindisch auf das kleinste Problem reagiert? Der glaubt doch nicht etwa ernsthaft noch, ich will was von Mehdi?

Mehdi (schmunzelt): Kann es sein, dass du es ein kleinwenig genießt, ihn hinzuhalten und zu quälen?
Maria (cool): Ich dachte, du arbeitest Tag ein Tag aus mit Frauen und verstehst, wie der Hase läuft.
Mehdi (lacht): Es macht die Entscheidung dadurch aber auch nicht einfacher. Hör mal, er ist total verrückt nach dir. Das sieht ein Blinder mit Krückstock. Das halbe Krankenhaus weiß es. Er ist dir extra nach Göberitz nachgereist. Er hat dir zig Nachrichten auf den AB gesprochen und ich kann mir ungefähr vorstellen, welchen Inhalt sie hatten. Er hat sich dir offenbart. Er will dich um jeden Preis zurück. Da wird ihn diese Neuigkeit sicherlich nicht davon abschrecken. Rede doch mit ihm! Du kannst das nicht ewig hinausschieben und in dich hineinfressen. Das ist auch nicht gut für deinen Zustand.
Maria (dreht sich seufzend zur Seite u. starrt aus dem Fenster, in dem sich Mehdis ernster Gesichtsausdruck spiegelt): So einfach ist das nicht, Mehdi.

Mehdi (seufzt resignierend): Gut, dann... probieren wir es eben mit etwas Einfacherem. Mit deinem Wonneproppen.
Maria (schaut ihn empört an): Mehdi!
Mehdi (grinst): Ich meine den großen Wonneproppen, den du so toll hinbekommen hast.
Maria (zickig): Dann sag das doch gleich.
Blöder Besserwisser! Was hab ich bloß je an ihm gefunden? Er nervt ohne Ende. GRR!
Mehdi (murmelt in seinen Dreitagebart): Mit dir ist heute echt nicht gut Kirschenessen.
Maria (blitzt ihn an): Ich hasse Kirschen.
Mehdi (verdreht die Augen): Gut zu wissen! Also ernsthaft jetzt. Es geht um Sarah. Ich habe sie vorhin, wie abgesprochen, in den Kindergarten gebracht und kann sie heute Nachmittag auch wieder dort abholen und sie bis heute Abend beschäftigen. Aber Gabi und ich haben später noch Nachtschicht. Ich kann sie also nicht behalten und Lilly verbringt die nächsten beiden Nächte bei meinen Eltern. Zur Not könnte sie mit dorthin, aber...
Maria (fällt ihm etwas milder gestimmt ins Wort): Schon gut. Ich danke dir. Ich überlege mir was. Meine Mutter ist zwar nach dem Oberschenkelhalsbruch noch in der Reha, aber für ein zwei Nächte wird mein Vater mit dem Plappermäulchen schon auskommen. Hoffe ich.
Mehdi (zögerlich sieht er sie an): Du weißt aber schon, dass ich dich mindestens noch bis Anfang nächster Woche hier behalten muss.
Maria (entsetzt starrt sie ihn an): Mehdi!
Mehdi: Nichts Mehdi! Nach den Dummheiten, die du hier machst, hab ich gar keine andere Wahl.
Maria (kontert zickig): Ist es jetzt verboten, aufs Klo zu gehen oder was?
Mehdi (funkelt sie wissend an): Wenn man dazu neuerdings Abendkleid und High Heals braucht, obwohl man strikte Bettruhe verordnet bekommen hat, dann ja.
Maria (eingeschnappt lehnt sie sich in ihr Kopfkissen zurück): Mehdi, ich kann definitiv nicht so lange hier bleiben. Es geht nicht! Versteh doch!
Mehdi (lässt keine Widerworte gelten u. ist ganz der selbstbewusste Oberarzt): Und ich kann dich in deinem Zustand definitiv nicht eher entlassen. Dein Magengeschwür war kein Zuckerschlecken. Das hatte Ursachen, denen wir nachgehen müssen. Dein Blutdruck ist grenzwertig. Du stehst kurz vor einem Burnout, wenn du so weitermachst und nicht endlich deinen Stresslevel runterfährst. Das ist kein Spaß mehr, Maria. Du bist schwanger. Und du hast eine kleine Tochter, die sich nachts in den Schlaf weint, weil sie sich Sorgen um dich macht.

Maria (geschockt reißt sie ihre Augen auf): Was? Sarah... hat... geweint? Meine Motte weint doch nie. Es sei denn, sie erhofft sich einen Vorteil davon.
Mehdi (sieht sie beruhigend an): Sie hat schlecht geträumt. Wahrscheinlich weil sie spürt, dass es ihrer Mami nicht gut geht. Kinder fühlen so was instinktiv. Du kannst sie nicht außen vor lassen. Sie ahnt mehr, als du denkst. Aber keine Sorge, heute Morgen ging es ihr blendend. Sie hat das alles schon wieder vergessen und hat sich sehr auf den Kindergarten gefreut.
Maria (ringt verzweifelt mit sich): Verdammt!
Was soll ich denn jetzt bloß machen?
Mehdi (kann förmlich ihre Gedanken lesen): Hey! Ist schon gut! Ich überlege mir was. Vielleicht kriege ich eine Kur für euch durch. Ein alter Studienkollege von mir hat eine Mutter-Kind-Klinik auf Usedom. Entspannung und frische Luft sind genau das, was ihr drei jetzt braucht.
Maria (alles andere als begeistert blitzt sie ihn an): Mehdi, um von drei Personen zu sprechen, ist es bei weitem noch zu früh.
Mehdi (grinst): Tschuldigung, alte Berufskrankheit! Kann ich denn sonst noch was für dich tun?
Maria (zynisch u. im gewohntem Oberärztinnenton): Wie wäre es denn damit, die Tür von außen zuzumachen? Aber gib mir vorher noch meine Sachen! Mein Designer-Fetzen ist definitiv nicht das Richtige für diesen Saftladen hier. Hast du wenigstens an das Ladekabel gedacht? Mein Handyakku ist komischerweise seit heute Morgen leer.
Mehdi (legt ihr pflichtbewusst die Tasche aufs Bett, in der sie auch sofort hektisch herumkramt): Äh... Nein, aber ich schaue mal im Fundus im Stationszimmer nach. Da liegt für jedwede Nöte eigentlich alles parat.
Maria (hat sich ein paar Sachen herausgesucht u. die Tasche anschließend vom Bett gekickt u. schaut Mehdi nun entgeistert an): Hahaha! Wohl nen Clown gefrühstückt, hmm?
Mehdi (stützt sich mit den Händen am Bettgestell ab u. grient sie an): Wenn du auf die clownsähnliche Darbietung deiner Kleinen heute am Frühstückstisch anspielst, dann ja, fast. Sie war zum Auffressen süß.

Mit dieser unscheinbaren Andeutung hatte es Mehdi geschafft, dass es seiner widerspenstigen Problempatientin tatsächlich für einen Moment die Sprache verschlug. Ungläubig starrte ihn die alleinerziehende Mutter an und versuchte die verschiedenen Bilder zu ordnen, die ihr gerade in den Sinn kamen. Leider hielt dieser Augenblick der stillen Eintracht nur wenige Sekunden an, denn die Zimmertür sprang plötzlich auf und Schwester Gabi erschien im Türrahmen der angelehnten Zwischentür. Argwöhnisch erfassten ihre aufblitzenden dunkelgrünen Augen die angespannte Situation im Krankenzimmer. Mehdis Freundin hatte sich zwar vorgenommen, nicht mehr eifersüchtig zu sein, aber die übersprudelnden Hormone, die seit Tagen ihren Körper fluteten, schienen das noch nicht richtig kapiert zu haben. Wahrscheinlich war das so eine Art evolutionsbedinger natürlicher Beschützerinstinkt, der Väter von Kindern bei den Müttern halten sollte. Und nach Gabis Geschmack waren zwanzig Minuten Privatvisite eindeutig lange genug, um Dinge zu klären, die die frustrierte Hassmann lieber selber klären sollte anstatt ständig IHREN Freund mit zu vereinnahmen, der aus Pflichtgefühl heraus natürlich nie „nein“ sagen konnte. Deshalb kam ihr der Notfall, der gerade reingekommen war, auch ganz recht.

Gabi: Mehdi, ich will ja nicht stören, aber gerade kam ein RTW mit einer schwangeren Patientin rein. Schocktrauma in Folge einer Schießerei. Sie ist körperlich unverletzt, aber der Professor hat gemeint, du sollst sie dir mal anschauen. Nicht dass vor lauter Aufregung noch Wehen einsetzen. Sie ist erst in der vierundzwanzigsten Woche.
Mehdi (nickt der überraschenden Besucherin pflichtbewusst zu u. wendet sich anschließend noch einmal dem Patientenbett zu): Ich komme sofort. Und wir beide, wir reden später noch mal, ok? Dann checke ich euch... dich noch einmal richtig durch. Und nicht wieder abhauen! Du lässt dir von der Schwester helfen, falls was sein sollte. Keine eigenmächtigen Aktionen! Haben wir uns verstanden? Gut dann... bis später!

Mehdi schaute seine widerspenstige Patientin noch einmal unmissverständlich an, die erst mit böse auffunkelnden Augen Widerstand gegen seine Bevormundung leistete, dann aber doch frustriert resignierte und sich in ihre kuschelige Bettdecke einhüllte. Zufrieden wandte sich der Oberarzt ab und lächelte Gabi an, um ihr zu signalisieren, dass sie jetzt gehen konnten. Sichtlich erleichtert blickte Maria den beiden hinterher, wie sie zusammen das Zimmer verließen. Endlich allein, dachte sie seufzend und legte, ohne dass sie es merkte, ihre beiden Hände auf ihren Bauch und streichelte darüber, während sie in ihre wirre Gedankenwelt abtauchte. Mehdis harsche Worte hatten sie zwar wachgerüttelt, aber so richtig weiter wusste die werdende Mutter immer noch nicht. Warum konnte nicht einfach alles so wie früher sein?

Lorelei Offline

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09.07.2013 16:39
#1425 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Währenddessen...

Tausend Kilometer Luftlinie von der deutschen Hauptstadt entfernt, bekamen es die Mitarbeiter eines renommierten Schweizer Privatklinikums an diesem noch recht jungen Montagmorgen ebenfalls mit einem Problempatienten zu tun. Einem Problempatienten der ganz besonders nervigen Art. Einem Patienten, der eigentlich gar kein Patient war, sich aber aufführte, als müsste er dringend Bekanntschaft mit der geschlossenen Abteilung im Gebäude C vorlieb nehmen. Seit einer geschlagenen halben Stunde versuchte er sich nämlich schon lautstark mit Händen und Füßen Zugang zu einer ganz bestimmten Station zu verschaffen, die ihm aus seiner Meinung nach fadenscheinigen, aber aus Sicht der Klinikleitung durchaus berechtigten Gründen verwehrt wurde, was den aufgeregten jungen Herrn nur noch mehr zur Weißglut trieb und so polterte er ungehindert weiter vor der verzweifelten Schwester am Empfang herum, die sich bald nicht mehr zu helfen wusste an ihrem ersten Arbeitstag an ihrem neuen Arbeitsplatz und es mittlerweile aus tiefstem Herzen bereute, sich für eine Krankenschwesternausbildung anstatt eines langweiligen Bürojobs entschieden zu haben. Leben zu retten wurde eh viel zu hoch bewertet, dachte sie sichtlich frustriert und desillusioniert und hielt sich im nächsten Moment auch schon die Ohren zu, als die nächsten heftigen Wortsalven auf sie abgeschossen wurden.

Dabei hatte sie doch noch vor Minuten verträumt vor sich hin geschwärmt, als der wohl attraktivste Mann, den sie je in ihrem vierundzwanzigjährigen Leben gesehen hatte, das Krebstherapiezentrum betreten hatte und ausgerechnet sie als Ansprechpartnerin auserwählt hatte. Sie hatte sich wie im Himmel gefühlt und hatte ihn die ganze Zeit dämlich angegrinst, ohne dabei wirklich zu verstehen, was dieser gutaussehende Adonis mit den traurigen smaragdgrünen Augen und der vereinnahmenden Stimme eigentlich von ihr gewollt hatte. Sie hätte alles für ihn getan, was er sich nur gewünscht hätte. Sie hätte für ihn gesteppt, eine heimliche Leidenschaft, die sie seit der Grundschule pflegte, sie hätte ihm den leckersten Kaffee gekocht, hätte ihm den zerknitterten Mantel gebügelt, aus der Tageszeitung vorgelesen oder sich einfach nur an seine muskulöse Brust geschmiegt, um ihn zu trösten. Er hatte im ersten Moment so hilflos und verzweifelt ausgesehen, als er sich rastlos auf dem Krankenhausflur umgesehen hatte. Ein sensibler feinfühliger Mann, noch dazu so gutaussehend und wortgewandt. Der Jackpot schlechthin! Ihr zukünftiger Ehemann! Wie hatte sie sich nur so täuschen lassen können? Mittlerweile bereute die junge Krankenschwester ihre anfängliche Teenyschwärmerei, welche die ihrer albernen Tokio-Hotel-Phase noch bei weitem übertroffen hatte. Denn dieser Gott von einem Mann war eindeutig der Teufel persönlich! Und sie schwor sich feierlich, wenn sie das hier überleben würde, dann würde sie auch wieder regelmäßig jeden Sonntag in die Kirche gehen. Vielleicht würde sie dann ja auch für die Rettung dieser bösen Seele beten.

Das „Böse“ hatte einen Namen. Es hieß Doktor Marc Olivier Meier, war seines Zeichens erfolgreicher Unfallchirurg am kleinen, aber von der Fachpresse und den Patienten sehr geschätzten Berliner Elisabethkrankenhaus und jüngster Oberarzt der Bundesrepublik Deutschland, auf dessen Betonung er ganz besonders viel Wert legte, auch wenn ihn mittlerweile der eine oder andere junge Arzt eingeholt hatte, der natürlich fachlich bei weitem nicht so viel draufhatte wie er selbst. Sein dritter Name war Starrsinn und zwar von der schlimmsten aller Sorten, nämlich der uneinsichtigen. Denn er würde nicht eher ruhen, bis er endlich seiner ebenso starrköpfigen Erzeugerin Auge in Auge gegenüberstand, die sich vor zwei Wochen genau hierher verkrümelt hatte und ihn und seinen Vater unwissend im Regen hatte stehen lassen. Und wenn schon sein charmantes Grübchenlächeln nicht funktionierte, um etwas in Erfahrung zu bringen, dann musste eben jetzt sein Ameisenblick herhalten, den er sich seit der Mittelstufe bis zur Perfektion antrainiert hatte, um so seine Mitschüler, Lehrer und vor allem diese kleine blondgelockte Stalkerin und all diejenigen, die ihm irgendwie blöd kamen, gefügig zu machen. Auch wenn er Haasenzahn versprochen hatte, genau das nicht zu tun, nämlich nicht mit der Tür ins Haus zu fallen und alle zusammenzuscheißen, die es wagten, sich gegen ihn zu stellen. Aber man(n) konnte nun mal nichts gegen seine versteckten Aggressionen tun, wenn dieses unfähige Blondchen am Empfang ihn die ganze Zeit zum Narren hielt. Aber nicht mit Dr. Marc Meier! Nicht mit ihm!

Marc: Sagen Sie mal, können Sie oder wollen Sie nicht verstehen, was ich gerade zum wiederholten Male gesagt habe? Denn wenn ja, dann rate ich Ihnen lieber mal schleunigst bei der HNO anzuklingeln. Sonst wird Ihre Taubheit noch chronisch. Aber vorher wiederhole ich alles noch mal zum Mitschreiben für Ihre Nachfolgerin, die hoffentlich etwas mehr auf pfiff ist als Sie: ICH will JETZT SOFORT zu IHR gelassen werden. Aber PRONTO! Sonst VERKLAGE ich den ganzen Laden. Das schwöre ich Ihnen. Und ich habe einen sehr guten Anwalt. Den wollen Sie nicht kennenlernen.
Schwester (mit den Nerven schon völlig am Ende u. den Tränen nahe): Hören Sie, ich habe Ihnen das jetzt schon an die hundert Mal erklärt. Ich kann Sie nicht hereinlassen. Auch wir haben Vorschriften. Gerade in diesem Bereich der Klinik. Halten Sie sich daher bitte an die Besuchszeiten! Besuche nur in Absprache mit dem Chefarzt und dem Patienten selbst!
Marc (mittlerweile auf 180): Ich scheiß auf die bescheuerten Besuchszeiten. Ich bin nicht die ganze Nacht hunderte Kilometer gefahren, um mir jetzt am Ziel die Tür direkt vor die Nase zuschmeißen zu lassen. Geben Sie mir also endlich die Zimmernummer von Frau Fisher und gut ist! Das kann doch wohl nicht so schwer sein, verdammt noch mal!
Schwester (versucht ruhig zu bleiben): Es tut mir leid für Ihre Umstände, aber wie ich Ihnen schon mehrmals gesagt habe, haben wir keine Patientin mit diesem Namen in unserem Haus.
Marc (zeigt ihr den Vogel u. regt sich gleich noch mehr auf): Wollen Sie mich verarschen? Ich weiß aus gut unterrichteter Quelle, dass sie sich hier versteckt hält. Also entweder sagen Sie mir endlich, wo sie steckt oder ich finde es selbst heraus. Auf meine Weise.

Als der erboste Mann, der allein schon von seiner Statur und seinem finsteren Wesen her Eindruck schindete, nun auch noch den Empfangsbereich entern wollte, um an die Computerdaten der Patienten zu gelangen, bekam es die junge Krankenschwester endgültig mit der Angst zu tun. Mit der einen Hand drehte sie den Computermonitor vor dem wutroten Gesicht dieses irren Besuchers weg und mit der anderen Hand drückte sie den Notknopf, der unterhalb des Empfangstresens befestigt war und wie der Name schon sagte, eigentlich nur in Notfällen Anwendung fand, um den Sicherheitsdienst zu alarmieren. Die Klinik legte nun mal höchsten Wert auf Sicherheit und auch was die Diskretion gegenüber Patientendaten anbelangte. Sonst könnte ja hier jeder einfach so hereinspazieren, der das wollte. Und das wäre weder der Genesung der Patienten noch dem guten Ruf der Schweizer Privatklinik angemessen. Sie hatte also gar keine andere Wahl, als dementsprechend zu handeln.

Schwester: Also hören Sie mal! Was erlauben Sie sich hier eigentlich?
Marc (muss frustriert resignieren, als sie auch noch das schmale Plexiglasfenster des Empfangsbereichs schließen will): Ich fordere nur mein mir zustehendes Recht ein. Sie ist MEINE Patientin. ALSO LASSEN SIE MICH ENDLICH REIN UND SAGEN MIR, WO SIE STECKT, VERDAMMT NOCH MAL!

...tobte der verzweifelte Oberarzt und sprang vor dem schmalen Fensterspalt, den die begriffsstutzige Krankenschwester noch offen gelassen hatte, wie Rumpelstilzchen auf und ab und trat dabei auch noch gegen einen der Wartestühle auf dem Gang, der daraufhin polternd umkippte. So aufgebracht wie er war, merkte Marc nicht, wie sich jemand von hinten mit schnellen Schritten näherte und schließlich seine tiefe dunkle Stimme erhob...

Prof. Marquardt: WAS IST DENN HIER LOS? Was soll der Radau am frühen Morgen?

Der Chefarzt des Hauses hatte soeben die Klinik betreten, als er auf den Tumult am Empfang aufmerksam wurde. Mit finsterer Miene musterte er den jungen Mann in dem dunkelblauen Mantel, der sich nun überrascht zu ihm herumdrehte und ihn mit gefährlich aufblitzenden Augen anstarrte, die denen eines drogenabhängigen Junkies nicht unähnlich waren. Nicht schon wieder, dachte Prof. Marquardt seufzend und blickte als nächstes der verängstigten Krankenschwester in die weit aufgerissenen schreckhaften Augen, die sich in dem Glaspanzer der Patientenaufnahme vor dem Irren verschanzt hatte und nun erleichtert ausatmete, als sie ihren Chef und Retter entdeckte.

Schwester: Herr Professor, zum Glück sind Sie endlich da. Der Herr möchte...
Marc (fällt ihr barsch ins Wort u. baut sich bedrohlich vor ihrem Fenster auf): Sind Sie der Chef hier?
Professor (blickt ihn erbost an): Ja, aber ich verbiete mir diesen unverschämten Ton. Das hier ist ein KRANKENHAUS. Hier herrscht RUHE und ANSTAND. VERSTANDEN?

Marc zuckte kurz zusammen, nachdem der Professor wieder etwas lauter geworden war, und schloss für eine Sekunde die Augen. Am liebsten würde er jetzt schmunzeln, weil sein erbostes Gegenüber sich wie Prof. Haase anhörte und er auch von der Statur und dem Alter her seinem Chef und Schwiegervater in spe ein bisschen ähnelte. Es war auf jeden Fall ein beruhigendes Gefühl, endlich jemandem auf Augenhöhe gegenüberzustehen. Und so blickte er ihn auch direkt wieder an, aber nicht ohne die notwendige Arroganz und Ironie, die so prägend für Marc Meier waren...

Marc: Gut, dann haben Sie doch bitte den Anstand und verraten mir freundlicher Weise, wo ich Frau Fisher finden kann.
Professor (runzelt die Stirn u. wirft einen fragenden Blick in Richtung Krankenschwester, die daraufhin mit den Schultern zuckt): Frau Fisher, sagen Sie? Ist das eine Patientin von uns?
Saftladen! Die kennen noch nicht mal die Leute, die hier Tag ein und Tag aus durch die Gänge spazieren. Das würde es bei uns im EKH nicht geben!
Marc (wird wieder aufbrausend): Eh ihr wollt mich doch echt alle verschaukeln oder? Ich weiß, dass sie hier ist. Auf der Krebsstation. Zur Behandlung eines Mammakarzinoms. Das weiß ich von ihrem behandelnden Arzt in Berlin, der ihre Akte hierher geschickt hat. Und ihr schimpft euch Spezialisten auf dem Gebiet. Tzz... Dass ich nicht lache!
Professor (räuspert sich sichtlich betroffen): Ich bedauere sehr, aber soweit ich weiß, gibt es keine Frau mit dem Namen Fischer auf meiner Station.

Tausend Gedanken schossen Elkes Sohn in diesem Moment durch den Kopf und er bekam gar nicht mit, wie plötzlich zwei muskulöse Sicherheitskräfte hinter ihn traten, entschlossen ihn jetzt des Hauses zu verweisen. Prof. Marquardt bemerkte die kurzfristige Verunsicherung des pöbelnden Besuchers, nickte den beiden Beamten zu, dass er das Problem schon selber auf seine Weise klären würde und die beiden zogen sich diskret wieder zurück.

Marc (murmelt leise vor sich hin): Ist sie...? Das kann doch gar nicht sein. So schnell passiert das doch nicht. Sie ist doch erst seit zwei Wochen weg und...
Prof. (versucht den zerstreuten Mann auf sich aufmerksam zu machen): Herr...? Wie war noch mal Ihr Name?
Marc (gedankenverloren): Meier. Dr. Marc Meier.
Prof. (überlegt plötzlich ganz angestrengt): Meier sagten Sie?
Marc (sieht ihn durcheinander an): Ja, verdammt! Sagen Sie mal, haben Sie hier alle Tomaten auf den Ohren? ICH WILL JETZT VERDAMMT NOCH MAL EINE AUSKUNFT! WO IST SIE?

...echauffierte sich Dr. Meier und verlor nun auch vor dem ergrauten Professor jegliche Kontenance, der dem verzweifelten Mann doch nur helfen wollte. So bemerkte er auch nicht die immer näher kommenden trippelnden Schritte hinter sich, die plötzlich abrupt verstummten.

Elke: MARC OLIVIER, so hab ich dich nicht erzogen, dass du hier herumkeifst wie ein aufmüpfiger Schuljunge.

Sämtliche Muskeln des Angesprochenen versteiften sich, als ihre vertraute Stimme zwar schwach, aber dennoch genauso überwältigend wie eh und je seine Gehörgänge erreichte. Ganz langsam drehte er sich herum, um sich davon zu überzeugen, dass er sich nicht getäuscht hatte. Er hielt den Atem an für den Fall der Fälle, dass er sich seiner Sinne nicht mehr sicher sein konnte und blickte in Zeitlupe beginnend von den goldbestickten schwarzen Wohlfühlpuschen mit den kleinen Keilabsätzen - einem seiner einfallslosen Weihnachtsgeschenke von vor vier Jahren - über ihre staksigen Storchenbeine und den knielangen seidenen goldfarbenen Morgenmantel empor bis hin zu ihrem blassen ungewohnt ungeschminkten Gesicht, das keine Miene verzog, und ihren aufblitzenden Augen, die ihm sofort verrieten, dass sie von seinem Spontanbesuch überhaupt nicht überrascht war. Marc konnte nicht beschreiben, was er in diesem Moment fühlte. Sein Kopf war komplett leer. Sein Herz rutschte ihm bis in die Kniekehlen. So viel war klar. Aber sie auf den Beinen und einigermaßen munter zu sehen, ließ eine Welle von Glücksgefühlen seinen zitternden Körper durchströmen, wie er es noch nie zuvor bei Begegnungen mit ihr erlebt hatte, die meist sie forciert hatte. Er brachte kaum die Zähne auseinander, als er nach einem endlosen Moment der Stille, in dem sich alle Beteiligten verwirrt angeschaut hatten und er seine sichtlich gealterte Mutter einfach nur erleichtert und voller kindlicher Liebe betrachtet hatte, ihr endlich antwortete und ihr mit seiner samtweichen Stimme jeglichen Groll nahm, den sie eben noch verspürt hatte, weil ihr aufmüpfiger Sohn sie tatsächlich gefunden hatte, obwohl sie doch überhaupt nicht gefunden werden wollte...

Marc: Mama!

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