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 Abgeschlossene Fortsetzungen!
Karo Offline

PJler:


Beiträge: 1.453

30.12.2020 17:47
Weihnachten mal anders - anno 2020 Zitat · Antworten

Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde er pures Eis einatmen. Jeder Luftzug bröckelte klirrend durch seine Brust. Er mochte gar nichts, vor allem nicht atmen. Und grübeln. Doch sein Gehirn schien ausgleichen zu wollen, was er selbst nicht konnte.

Marc langweilte sich und vor allem vermisste er seine Mädchen. Das Große mit den langen, blonden Locken, die so vertraut dufteten. Und das Kleine. Mit den feinen, weichen Locken und dem pfiffigen Grinsen, bei dem es seine Mausezähnchen zeigte. Gretchen hatte ihm berichtet, dass zurzeit nicht viel mit Antonia anzufangen war, die ersten Backenzähne quälten das Töchterchen. Was hätte er für die schlechte Laune des Kindes gegeben. Wie egal waren schlaflose Nächte, wenn er sie nur bei seiner Familie verbringen konnte. Niemand wusste, wie lange er hier noch ausharren musste. Wann er genesen sein würde – und nicht mehr infektiös. Verdammtes Virus.

Verdammtes Schicksal. Das Virus erledigte nur seinen Job. Es funktionierte perfekt und Marc zollte diesem neuartigen Erreger Respekt. Niemand hatte der Gesellschaft je so gnadenlos den Spiegel vorgehalten. Den Menschen ihren Irrsinn so schamlos aufgezeigt. Doch sie beharrten blind und stur auf ihren Gewohnheiten, mehrere tausend Tote reichten nicht, die einzig wahre Waffe gegen das Ding einzusetzen: Gesunden Menschenverstand.

Jemand, dem er diese Gabe von Anfang an aberkannt hatte, war Jo, Gretchens durchgeknallte Freundin. Die treue und herzensgute Seele, auf die man sich tausendprozentig verlassen konnte. Und die Marc sehr überrascht hatte, weil sie sich konsequent der neuen, zurückgezogenen Lebensform angepasst hatte und ihre extrovertierte Energie in andere Projekte gesteckt hatte. Anfangs hatte sie gemalt, als Leinwände langweilig wurden begann sie Möbel zu „restaurieren“. Irgendwann hatte sie eingesehen – einsehen müssen, dass ihr Kleiderschrank nicht schöner geworden war und vermutlich hatte sie dann gedacht, dass es doch praktischer wäre, sich am Eigentum anderer auszulassen. So hatte plötzlich ein Pool in ihrem Garten gestanden und Gretchen hatte nur mit Mühe verhindern können, dass Jo diesem aus Europaletten eine umlaufende Terrasse baute. Und nun also ein Weihnachtsmarkt im Garten… vielleicht war es gar nicht so schlecht, hier festzusitzen.

Wobei Gretchen ihm Fotos geschickt hatte und irgendwie machte das Kaminholzregal, das mit viel Tannengrün, mit Schleifen aus Juteband und stimmungsvoller Beleuchtung dekoriert war, ordentlich weihnachtliche Stimmung. Wunderbares Gretchen. Niemals würde sie zulassen, dass in ihrem Haus ein Szenario stattfinden würde, wie es bei Jo Standard war. Das seine rote Nase besingende Rentier war nur eine der saisonalen Geschmacksverirrungen der Freundin.

Wie dieses weiße Ungetüm, das da auf seinem Tisch stand und glitzerte, bis ihm die Augen schmerzten. Und wenn er den Knopf auf der kleinen Fernbedienung betätigte, dann sang dieses Monster, was sich Tannenbaum nannte, irgendwas von grünen Blättern. Idiotisches Teil. Aber vermutlich war der Programmierer farbenblind und hatte keine Ahnung von Blättern. Oder Nadeln.

Das spontane, entrüstete Schnauben, das der Chirurgenlunge entwich, schmerzte wie 1000 Nadeln. Er mäßigte die Atemfrequenz und nahm sich vor, es dieser Verrückten heimzuzahlen. Irgendwas würde ihm einfallen, Zeit hatte er hier genug und das einzige, was nicht ruhen wollte, war sein Gehirn. Früher hatte er das doch auch gekonnt, das mit den Gemeinheiten. Nie war er müde geworden, vor allem einer das Leben schwer zu machen. Und ausgerechnet die machte sein Leben nun leicht und lebenswert. Und sie wusste, wie sie ihn quälen konnte. Dieses wunderbare Luder!

Wieder ließ er den zarten Seidenstoff durch seine Finger gleiten. Eins der Geschenke aus dem Adventskalender. Dass er doch immer wieder seine Nase in das Höschen tauchte, war ein Reflex, denn sein Geruchssinn ließ diese kleine olfaktorische Freude nicht zu. Scheiß Virus. Aber er wusste nur zu gut, wie Gretchen roch und wie sie schmeckte.
Dass auch die Geschmackszellen ihren Dienst derzeit quittierten, kam ihm jedoch sehr gelegen – das Essen in diesem Kasten war einfach mies. Da konnte eigentlich niemand gesund werden. Oder war das der Trick, die Aufenthalte so kurz wie möglich zu halten? Sollten die Patienten getrieben werden, sich eiligst selbst zu entlassen?

Essbares hatte er jedenfalls genug, auf dem Schreibtisch türmten sich Plätzchen, Obst und Aufmerksamkeiten, Genesungswünsche und Weihnachtsgrüße. Aus Berlin war ein großes Paket gekommen. Sabine hatte Alarm geschlagen und niemand hatte sich getraut, ihren Aufruf zu ignorieren. Mehdi hatte ihm im Café Sonne seine Lieblingslebkuchen und bevorzugte Kaffeesorte gekauft. Und vorsichtig gefragt, ob er kommen sollte?
Aber wozu? Er war isoliert und Besuch brachte gar nichts. Das hatte auch seine Mutter einsehen müssen, die schon so gut wie auf gepackten Koffern gesessen hatte. Elke war – wie er selbst auch – zur Ruhe gekommen, vor allem auch durch und während der letzten Monate. Da war es bei ihm schon wieder turbulenter gewesen.

Turbulent und vertraut. So hatte er es empfunden, nachdem er ans Krankenhaus zurückgekehrt war. Gretchen und er hatten lange diskutiert. Als die Pandemie ausbrach hielt er es nicht zu Hause aus. Er musste etwas tun und vor allem wollte er seine Frau nicht zwischen hustenden und schniefenden Menschen – meist ohne besagten gesunden Menschenverstand – in der Praxis wissen. Wo der Unterschied sei, hatte sie gefragt und ihm Recht geben müssen – er war in der Lage rational und methodisch zu handeln, sie nicht.
Ausgerechnet ihn hatte es getroffen. Er war derjenige, der sein Team immer wieder anhielt, Reflexe zu unterbinden. Selbstschutz ging in dieser Zeit vor Lebenretten. Im Flugzeug sorgte man auch zuerst für sich, anschließend für andere.

Dann war der alte Müller eingeliefert worden und Marc war genau diesem Reflex zum Opfer gefallen, als er den sympathischen Nachbarn in diesem Zustand in der Notaufnahme gesehen hatte. Der lag nun auf der Intensivstation, eine Maschine hatte das Atmen übernommen. Und Marc war in Quarantäne geschickt worden. Glücklicherweise hatte er sich geweigert, diese bei Frau und Kind zu verbringen, denn nun hatte das Virus auch seine Lunge angegriffen, was er bei jedem verdammten Atemzug spürte.

Statt freiwilliger Isolierung und Weihnachten mit seinen beiden Lieblingen hauste er nun seit drei Wochen notgedrungen in diesem Raum am Ende des Bürotraktes. Der ungenutzte Lagerraum war zu einer Wohnzelle umfunktioniert worden, in der er eigentlich nur seine Quarantäne absitzen wollte. Als er dann die ersten Symptome zeigte, bot man ihm ein Krankenbett an. Doch Krankenzimmer waren nicht frei und er lehnte es ab, mit fremden Menschen in einem Raum liegen. Da war ihm dieses Provisorium lieber und im Grunde gab man sich Mühe. Er hatte einen wirklich guten Fernseher bekommen und Sessel aus einem verwaisten Aufenthaltsraum. Selbst eine Mikrowelle hatte man ihm gebracht, Gretchen hatte das organisiert, denn sie versorgte ihn mit allem, was er gerne aß.

In einem seiner Adventskalender“törchen“ hatte sich dann seine Fußball-Bettwäsche befunden. Er hatte gedacht, die sei längst entsorgt, denn für den gemeinsamen Wäscheschrank hatte diese keine Genehmigung erhalten. Natürlich gefiel ihm das tausendmal besser als die viel gewaschene Krankehausbettwäsche. Einziges Manko an der Situation – zum WC musste er sich über den Gang schleppen. Nicht einfach, wenn man schon liegend schwer atmen konnte und einfach die Kraft für alles fehlte.
Wenn nur sein Kopf zur Ruhe kommen würde. Ein wenig Konzentration möglich sei, um einen der vielen Gedanken, die durch sein Gehirn galoppierten, fassen zu können.

Er wischte auf seinem Smartphone hin und her und schaute sich wieder die Bilder des heimischen „Weihnachtsmarktes“ an, die Gretchen ihm geschickt hatte. Es war schön. Stimmungsvoll. Genau das konnte sein Hasenzahn – Atmosphäre schaffen. Wie gerne würde er sich jetzt mit Frau und/oder Kind auf dem kuscheligen Terrassensofa tummeln. Bunte Polster und Decken wirkten so herrlich einladend. Kalt würde es ihnen mit Sicherheit nicht. Grinsend tauchte Marc seine Nase erneut in das Höschen, das er noch nicht eine Sekunde aus der Hand gelegt hatte.

Seine Mutter kam ihm in den Sinn, doch diesen Gedanken ließ er besser ziehen. Ob Elke es gutheißen würde, wenn er über sie nachdachte, während er an der Unterwäsche seiner Frau schnüffelte? Oder würde sie diese Anekdote gleich bei Doktor Rogelt anwenden? Sie schien intensiv an einem Buch zu arbeiten. Was sollte sie auch sonst tun? Ob sie überhaupt mitbekommen hätte, dass ein aggressives Virus das Leben der Menschen beherrschte, wenn Franz, als sich abzeichnete, was diese Seuche für die Gesellschaft bedeutete, nicht kurzerhand bei Elke eingezogen wäre? Eine gute Idee, denn so musste keiner wirklich alleine bleiben, doch der Bungalow war groß genug, sich aus dem Weg zu gehen.
Marc wüsste nur zu gerne, was seine Mutter zurzeit trieb und schrieb. Doch Franz schwieg beharrlich. Die beiden verband mittlerweile eine tiefe und aufrichtige Freundschaft. Ob da mehr war, wollte Marc gar nicht wissen. Aber warum nicht? Er gönnte seiner Mutter einen Vertrauten, hatte er doch selbst vor nicht allzu langer Zeit erfahren, wie viel wertvoller das Leben war, wenn man es teilen konnte.

Sein erstes unsicheres „Ja“. Er hatte es Gretchen gegeben, als sie ihn bat, ihm Weihnachten zeigen zu dürfen. Zwölf Monate später hatte sie seinen Wunsch nach einem Kind bejaht – ein „Ja“, das kaum ein Jahr später Antonia hieß. Und dann hatten sie „ja“ gesagt, ganz offiziell und gegenseitig. Das war Ostern gewesen. In der Zwischenzeit hatten sie ein weiteres „ja“ beschlossen, doch als dann diese Seuche ausgebrochen war hatte Marc mit sich gerungen und am Ende hatte sein ärztliches Pflichtbewusstsein gesiegt – und nicht der Wunsch nach einer liebevolle Adventszeit mit seiner kleinen Familie und der Plan, die Anzahl des Nachwuchses zu verdoppeln.

Ob sich das Virus allgemein auf die Geburtenrate auswirken würde? Schlecht war es nicht, wo es doch im Gegenzug auch Tausende dahin raffte. Aber – wer war die Gruppe, die sich reproduzieren würde? Er konnte nur hoffen, dass es diejenigen mit seiner Meinung nach gesundem Menschenverstand waren, denn die blieben zurückgezogen und beschränkten sich weitestgehend auf häusliche Aktivitäten. Die anderen waren draußen, bellten, schimpften, protestierten und ignorierten. Machten Party und vögelten trotzig gegen die geltenden Kontaktbeschränkungen an. Und wurden dennoch medizinisch versorgt, unter anderem durch ihn.

Der in der Folge nur ein Minimum an Zeit gehabt hatte, sich Gedanken um die Tradition der Adventskalendergeschenke zu machen und so hatte er aus der Not eine Tugend gemacht – Briefe, Gedichte und Liebesbotschaften. Was seiner Meinung nicht zu seinen Fähigkeiten gehörte, doch Gretchen war selig über diese täglichen Zeilen.
Und vielleicht war er doch mehr Sohn einer Autoren-Mutter als ihm lieb war. Vielleicht hatte die Liebste Recht und es war an der Zeit, dass Mutter und Sohn gemeinsam ihre Vergangenheit bewältigten. Reichte es nicht, dass sich das Mutter-Sohn-Verhältnis gegenwärtig entspannt hatte? Vor allem durch Antonia, die einen Narren an der Oma mit der rauchigen Stimme gefressen hatte. Genauso war es umgekehrt. Es schien als wolle Elke bei ihrer Enkelin gut machen, was ihr beim Sohn nicht gelungen war. Sollte sie. Dazu waren Großeltern da. Wichtig war, dass es seiner Tochter gut ging. Vielleicht sah es Elke genauso? War sie froh, dass es ihm an der Seite seiner Frau gut ging? Und zwar verdammt gut! Ein eindeutiges "JA!": Sein Leben war gut.

Selbst hier und jetzt, trotz der schmerzenden Lungen und den Fieberattacken. Ja, er war isoliert aber er fühlte sich nicht alleine. Sein eigenes Team kümmerte sich um ihn, mehr als er es wollte. Viele Menschen erkundigten sich nach seinem Befinden, bei ihm, bei Gretchen oder Franz. Er telefonierte oder schrieb. Mit Gretchen und Franz, mit Mehdi und Cedric. Selbst Sabine nervte ihn regelmäßig. Und auch Jo war zur Stelle, wenn er irgendwas brauchte und seine Frau nicht aus dem Haus konnte.

Alles war gut, irgendwie. Er war versorgt und konnte seine Familie schützen – außer dass seine bessere Hälfte unbedingt eine Lungenentzündung provozierte, denn oft stand sie bei Wind und Wetter unter seinem Fenster, sodass sie sich wenigstens sehen und sprechen konnten. Anfangs hatte sie Antonia mitgebracht, aber die Kleine hatte ein riesiges Theater veranstaltet, da sie nicht zu ihrem Papa durfte. Wie sollte sie das auch verstehen? Jetzt, wo er ernsthaft krank war, hatte er seine Frau gebeten, zu Hause zu bleiben. Er war froh, wenn er einfach nur liegen konnte.

Wenn nur diese Gedankenflut nicht wäre, die sich immer im Kreis zu drehen schien. Wobei das immer noch besser war, als das andere nervige Teil, das sich um sich selbst drehte, bis zum Augenkrebs glitzerte und auch noch dumme Lieder sang. Genau. Darauf wollte er sich konzentrieren. Wie er es Jo heimzahlen konnte. Ihm diesen miesen Kitsch anzuschleppen.

„Zu Weihnachten gehört ein Baum! Und da Du ja zurzeit nichts schmeckst bist Du ja gegen Geschmacksverwirrungen geschützt – ich hoffe auch gegen meine. In diesem Sinne Frohe Weihnachten und gute Besserung.“ Jede Menge Zeichnungen von grinsenden Weihnachtsbäumen auf der Karte.

Beim Blick in den Karton hatte nach Luft geschnappt – nicht gut, denn sofort waren wieder scharfkantige Eiswürfel durch seine Lungenflügel geklirrt. Fassungslos hatte er den singenden Weihnachtsbaum ausgepackt, mit dem sie ihn schon in seiner ersten Weihnachtssaison schockiert hatte. Nur aus Langeweile hatte er ihn aufgebaut und – nach und nach – mit dem beiliegenden Glitzerscheiß behangen. Sein Glück. Denn ganz unten drunter fand er einen kleinen Umschlag:

„Zu Weihnachten gehört ein Baum! Und da ihr Weihnachten nachholen werdet… ;-)“

Es war ein Übernachtungsgutschein für das Hotel einer Weihnachtsbaumplantage im Bergischen Land. Mit der Zusage, jederzeit einen Baum nach Wahl selbst schlagen zu dürfen.

„Und ob ihr Antonia mitnehmen wollt oder nicht, ist euch frei gestellt, denn als Babysitter stehe ich zur Verfügung! Frohe Weihnachten – der erste Schock sei Dir von Herzen gegönnt!“

Jo, die verrückte Nudel. Die ihn anfangs verschreckt hatte. Doch schnell hatte er gemerkt, dass Jo Gretchen eine verlässliche Freundin war. Und irgendwie war es gut zu wissen, dass da jemand war, der seinen Mädchen zur Seite stand. Trotz des glitzernden Plastikmülls. Grinsend drückte er den Knopf auf der kleinen Fernbedienung. Sofort begann sich der weiße Baum zu drehen. „Oh Tannenbaum, Oh Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter.“

Für diese Aktion würde Jo sehr wohl büßen! Ob der Hausmeister ihm grüne Farbe – am besten Sprühlack – besorgen konnte?

 Sprung  
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