Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Willkommen im Doctor´s Diary Fan-Forum!
Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 534 mal aufgerufen
 Abgeschlossene Fortsetzungen!
Karo Offline

Alter Ha(a)ser:


Beiträge: 1.369

29.03.2020 16:32
Osterspecial 2020 Zitat · Antworten

14 Tage vor Ostern:

AFRIKA:

Seit Tagen konnte sie nicht mehr schlafen. Als sie vor gut zehn Jahren das erste Mal ein Flugzeug betreten hatte, hatte sie sich geschworen, nie wieder in solch ein Ding zu steigen. Dann hatte sie ihren Schwur gebrochen – fast zwei Jahre war das nun her. Mit dem gleichen Ergebnis: Nie wieder! Und nun hatte sie wieder zugestimmt. Was bliebt ihr auch anderes übrig, wenn sie rechtzeitig zur Taufe von Antonia in Berlin sein wollte.
Vor einer Woche hatten sie die überraschende Nachricht bekommen, dass Gretchens Tochter Ostersamstag getauft würde. Überraschend deshalb, weil Marc keinen Bezug zur Kirche hatte. Im Gegenteil – Gretchen hatte ihnen erzählt, dass er sich selbst gerne als Gott bezeichnet hatte. Da hatten sie und Martin den Mediziner schon lange in ihr Herz geschlossen und wussten, wie er tickte. Und von dem, was sie im fernen Afrika mitbekamen – man musste ja nur mal das allwissende Internet befragen – stimmte das zumindest im OP.

Sie hatte sich geärgert, denn der Termin war für ihren Mann schlichtweg nicht zu schaffen. Doch er hatte entschieden, dass Ostern in Sanssouci durchaus auch ohne ihn oder sie beide stattfinden konnte. Ein Pfarrer aus Ouagadougou würde ihn vertreten. Natürlich hatten die Menschen hier protestiert, ein – das! – christliches Fest ohne Martin und Roula war kaum vorstellbar.
Aber sie konnten die Entscheidung nachvollziehen, die meisten hatten die blonde Ärztin noch gut in Erinnerung. Und im Grunde verdankten sie ihr sehr viel, da war es zu verzeihen, dass sie ihnen den Missionspfarrer ausgerechnet am Wiederauferstehungsfest „klaute“.

Plötzlich fiel ihr auf, dass die Bettseite neben ihr leer war. Hatte sie also doch geschlafen? Und nicht mitbekommen, dass Martin aufgestanden war? „Es ist was mit Greta!“ Der Gedanke ließ die Krankenschwester eilig aufstehen, doch ihre zweieinhalbjährige Tochter lag friedlich schlafend in ihrem Bettchen.

Barfuß verließ Roula das Schlafzimmer und folgte einem Gemurmel, das nur von ihrem Mann stammen konnte. Augenscheinlich telefonierte er. Mitten in der Nacht? Sie betrat das Arbeitszimmer und machte die Stimme des Anrufers als eine Weibliche aus. Vollends verwirrt blieb sie einfach in der Tür stehen und merkte erst gar nicht, dass Martin sie zu sich winkte.
Der Monitor zeigte eine dunkelhaarige Frau, sie schätzte sie auf Anfang, vielleicht Mitte dreißig. Der Hintergrund war unscharf aber offensichtlich befand diese sich in einem Arbeitszimmer.
„Videoanruf“, erklärte Martin ungefragt. „Nachts klappt es ganz gut, weil nicht so viele im Internet sind.“ Er stellte die beiden Damen einander vor und lächelte innerlich, als er hörte, dass seine Frau fast unhörbar aufatmete.
Die fand es unheimlich, Telefonieren mit Bild. Doch die Neugier war stärker. Martin sprach mit der Pfarrerin, die Antonia taufen würde. Er selbst hatte den Eltern den Tipp gegeben, denn Wiebke Jansen galt als sehr offen und liberal. Dabei hatte er besonders an Marc gedacht, der Gretchens Wunsch nach einer Taufe akzeptierte aber selbst keinen – und zwar überhaupt keinen, wie seine Gegenüber immer wieder betonte – Bezug zur Kirche hatte. Von Martin und jetzt auch von Roula erhielt die Theologin jedoch wertvolle Hinweise auf die Leben der Eltern. Roula gab gerne Auskunft aber sie wunderte sich schon sehr: „Aber warum interessiert sie das? Im Grunde ist es doch die Taufe der Tochter?“

„Wissen Sie, ich telefoniere oft mit Doktor Haase und Doktor Meier, sehr sympathische Menschen, wie ich finde. Aber es ist schwierig, den Gottesdienst persönlich zu gestalten, wenn ich die beiden erst zwei Tage vorher persönlich kennen lerne. Ich meine, es ist ja nicht so, als sei wegen des Osterfests nicht viel zu organisieren. Professor Haase, Doktor Kaan und auch Sabine Gummersbach haben mir viel erzählen können. Da sie aber den Kontakt hergestellt haben, wollte ich einfach von ihnen etwas über das Paar erfahren.“
„Wissen Sie, natürlich können wir Ihnen einiges erzählen. Haben wir ja auch gerne getan. Aber wenn sie es auf einen Nenner bringen wollen, dann reicht ein Wort: Liebe!“


Mallorca:

Luisa war wütend! Auf Jochen, auf seine Schwester und überhaupt! Was für ein dämlicher Tauftermin. Ostern. Es gab 360 andere Tage im Jahr, warum also ausgerechnet das wichtigste Fest des Christentums. Sie war Katholikin, sogar überzeugte. Auch wenn sie selbst erst geheiratet hatte, als sie und Jochen schon zwei Kinder hatten. Aber manchmal ließen sich Dinge nicht anders regeln. Diese Taufe allerdings schon.
Was sich – neben dem Osterfest – ebenfalls nicht verschieben ließ, war das season opening auf Mallorca. Für den Umsatz der Corteza Bar mindestens genauso wichtig wie Ostern für die Gläubigen. Und nun verlangte Jochen, beides sausen zu lassen. Es gäbe auch in Berlin katholische Kirchen, er würde sie sogar begleiten.

Das war wiederum sehr süß von ihm, denn Kirche war ihm völlig egal, ein Gottesdienst Quälerei. Die so ziemlich einzige Gemeinsamkeit, die er mit dem Vater seiner Nichte teilte. Und die Liebe zu seiner Schwester. Und die hatte verlangt, dass er an der Taufe von Antonia teilnahm. Mehr noch, ihre Schwägerin hatte ihn als Taufpate vorgesehen.

Eine logische Folgerung, denn schließlich war Gretchen Patin ihrer Söhne. Beider Söhne! Und das als evangelisch Getaufte. Was hatten sie gestritten. Die Kirche verlangte, dass die erste Paten katholisch waren, daran war nicht zu rütteln. Aber als zweite Patin hatte er sich nicht von seiner Schwester abbringen lassen. Er war überzeugt, dass sie die beste Option war und deswegen hatte er darauf bestanden, sie für beide Kinder auszuwählen.

Er selbst hätte in seiner Naivität auch zugesagt, Pate für Antonia zu werden, aber das hatte sie ihm ausgeredet. Wenn es sein müsste, wären sie für Antonia da, keine Frage. Aber als Pate wäre er nicht mehr als ein Heuchler. Jochen war tagelang beleidigt gewesen. Dann hatte Marc ihn angerufen und seitdem war Jochen wieder gut gelaunt und freute sich auf die Tage in Berlin. „Wo Du übrigens noch nie warst. Meine Heimat. Es wird also Zeit!“

Leider hatte Jochen damit absolut Recht. Sie waren zwischendurch in München gewesen, wo sie sich kennengelernt hatten. Aber viel Zeit hatten sie nicht, zu reisen. Die Bar lief nur während der Saison gut auch wenn San Telmo – glücklicherweise – kein Touristenhotspot war, aber deswegen mussten sie hart arbeiten. Und nicht direkt den Anfang der Saison verpassen! Natürlich würden ihre Eltern einspringen, die hatten sich früher auch um die Bar gekümmert. Aber sie waren nun mal nicht Jochen. Ihr Mann hatte der Bar Leben und Seele eingepflanzt. Er war der geborene Gastgeber und die Gäste kamen in der Regel wegen ihm.

Natürlich konnte er nichts für den Termin, den hatte Gretchen beschissen ausgesucht. Oder noch eher Marc, der sich selbst als Gott bezeichnete, wie sie von ihrem Mann schon öfter gehört hatte. Blöder Affe. Wobei sie ihn eigentlich gut leiden konnte. Vor zwei Jahren waren er und Gretchen Ostern hier gewesen. Sie musste grinsen, als sie sich an den furchtbaren Kater des Chirurgen erinnerte. Aber – es war eben nur eigentlich!

Eigentlich war alles gerade eigentlich. Eigentlich beschissen egal. Vor allem hatte Jochen die Tickets schon gekauft, obwohl sie noch gar nicht ausdiskutiert hatten, ob sie überhaupt hinfliegen würden. Schließlich war Ostern und season opening.

„Gut. Und Antonias Taufe. Ihre Mutter ist zufällig meine Schwester. Ich fliege in jedem Fall mit den Jungs hin. Lieber mit Dir, aber zur Not auch ohne Dich. Und bevor Du jetzt irgendwas sagst – ich streite nicht mit Dir. Ich freue mich! Auch wenn es ungünstig liegt, aber auch Gretchen und Marc haben ein Leben, nach dem sie sich richten müssen. Und ich finde es gerade schön, dass die Zeremonie in Berlin stattfindet. Die Pfarrerin kann sich bestimmt auch schöneres vorstellen, als eine Spontantaufe vorzubereiten. Aber sie tut es. Und nur nebenbei: Du bist nur Katholikin, eine Kirche sollte Dir also reichen. Egal ob Berlin oder Timbuktu. Und selbst die Kirche in Timbuktu muss dieses Jahr auf ihren Pfarrer verzichten, denn der kommt zu Antonias Taufe!“

Nach diesen deutlichen Worten war Jochen abgerauscht, das season opening der Corteza Bar mit ihren Eltern und dem Personal besprechen. Nun saß sie hier, mit ihrer Wut. Auf Gretchen, auf Jochen, aber vor allem auf sich selbst!

Karo Offline

Alter Ha(a)ser:


Beiträge: 1.369

06.04.2020 22:19
#2 RE: Osterspecial 2020 Zitat · Antworten

Ein Tag vor Abreise:

KÖLN


Gretchens Nerven lagen blank. Wo war dieses verdammte Familienbuch. Seit Antonias Geburt hatte es keinen Grund gegeben, das verflixte Ding aus dem Tresor zu nehmen. Oder hatten sie es gar nicht zurückbekommen? Marc war derjenige gewesen, der sich um die Eintragung gekümmert hatte. „Antonia, merk Dir gleich eins: Solche Dinge am besten selber machen!“ Aber wie hätte sie sich kümmern sollen? Sie hatte tagelang nicht genug Kraft gehabt, sich um ihre Tochter zu kümmern. Das war Marc gewesen. Der sich quasi 24/7 um Mutter und Tochter gekümmert hatte. Liebevoll, stolz und engagiert. Glücklich. Der Situation war zu entschuldigen, wenn er das mit dem Familienbuch übersehen hätte. Wiederum – das war nicht Marc. Ihr könnte sowas passieren, aber nicht dem überaus korrekten und pedantischen Chirurgen.
Wobei… Gretchen lächelte. Vor fast einem Jahr hatte Marc die Weiterbildung zum Palliativmediziner abgeschlossen. Danach lag der Fokus auf der Ausbildung zum Osteopathen. Von Zeit zu Zeit half er in der Allgemeinmedizinischen Praxis Carstensen aus, momentan mehr, da er den Ausfall von Gretchen auffangen wollte.
Es war Marcs Vorschlag gewesen. Gretchen hatte sich riesig gefreut, denn es bestätigte eins: Marc fühlte sich dort mittlerweile ebenso wohl wie sie selbst. Was er ihr auch ohne zu zögern bestätigt hatte. Der Superchirurg „Ich bin der Beste“ sah es nicht tragisch, mal eine Zeit an der Basis zu arbeiten. Sich die Seite anzusehen, über die er früher immer geschimpft hatte. Unqualifizierte Allgemeinmediziner. Er hatte eingesehen, dass es ein harter Job war. Von Zeit zu Zeit allerdings stand er als Honorarchirurg in Hamburg und Berlin im OP.
Seine Dienste hatte er auch der Uniklinik Köln angeboten, in Zeiten des Fachärztemangels schienen sie interessiert und hatten ihn nach Ostern zu einem Gespräch eingeladen.

Ostern. Berlin. Antonias Taufe. Und vom Familienbuch keine Spur. Gretchen hätte heulen können.

Als Marc zwei Stunden später nach Hause kam, musste er sich seinen Begrüßungskuss im Zweikampf erarbeiten. Kofferslalom und Reisetaschenhindernislauf, wahlweise auch Klettern. Im Wohnzimmer ahnte er, dass es doch ein Dreikampf war. Möbelrücken. „Was ist hier passiert?“ Kein Möbelstück stand an dem gewohnten Platz.
„Das Familienbuch ist weg.“
„Das habe ich Deinem Vater geschickt – hatte ich das nicht erwähnt?“
„Warum schickst Du das? Die Pfarrerin hat doch gesagt, es reicht, wenn…“
„Ja. Aber so können wir es in keinem Fall vergessen.“
„Pfff… als würdest Du sowas vergessen…“ Sie lächelte verlegen und sah sich im Wohnzimmer um. „Hm, das tut mir nur ein bisschen leid. Du, das kommt, wenn Mann vergisst, Frau mitzuteilen, dass das Buch schon lange unterwegs ist.“
„Ach, Hasenzahn!“ Marc nahm die Mutter seiner Tochter fest in den Arm. „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, ohne Dich zu sein. Verrückt, dass ich mal ein langweiliges Leben bevorzugt habe.“
Er tauchte die tanzenden Grübchen in Gretchens Locken. Wenn sie wüsste…

„Dann werde ich jetzt duschen und anschließend mit meiner Tochter kuscheln. Und Du sieh mal zu, dass Du hier Ordnung schaffst und die Koffer irgendwie ins Auto bekommst. Denk daran, ich möchte im Rückspiegel noch was sehen können.“
„Du, dann fahr ich. Ich muss nix sehen – ich fahre nach Gehör!“

Es wurde ein vergnüglicher Abend. Gemeinsam richteten sie das Wohnzimmer her, verstauten die Taschen gemeinsam im Wagen und gingen gemeinsam duschen. Danach waren sie froh, dass Antonia heute wohl nicht wach werden wollte, oder sie hielt sich diskret zurück und ließ ihre Eltern – gemeinsam zweisam kuscheln. Und ein bisschen mehr…

Karo Offline

Alter Ha(a)ser:


Beiträge: 1.369

09.04.2020 11:52
#3 RE: Osterspecial 2020 Zitat · Antworten

Taufvorbereitung

BERLIN



„Nun, was sagst Du?“ Seine Frage war überflüssig, denn Pfarrerin Wiebke Jansen sah sehr zufrieden aus, als sie vom Gespräch mit Gretchen und Marc zurückkam. Seines Erachtens hatte sie sich die ganze Zeit schon zu viele Sorgen gemacht, sie war gut vorbereitet. Aber sie war Perfektionistin. Das gepaart mit ihrer unkonventionellen Art, die ihn – unfreiwillig – vor Jahren nach Afrika gebracht hatte, machte sie zur richtigen Wahl, wenn es um die Taufe der Tochter von Dr. med. Marc Meier ging. Vermutlich war es die Fülle an Informationen gewesen, die sie letztendlich unter Druck gesetzt hatte.

„Es ist so, wie Du gesagt hast. Beide sind sehr angenehme Menschen.“ Sie ahnte, auf welche Informationen der Kollege aus Afrika wartete. Seit zwei Tagen waren Roula, Martin und die zweijährige Greta ihre Gäste. Es war ihr eigener Vorschlag gewesen und zwischendurch hatte Wiebke Jansen überlegt, ob sie sich damit einen Gefallen getan hatte.
Hatte sie. Nach wenigen Stunden schon empfand sie Familie Bedougou als Bereicherung. Jetzt, wo sie auch Täufling Antonia und deren Eltern kennen gelernt hatte, freute sie sich auf die Taufe, die sie kurzfristig noch am Ostersamstag dazwischen geschoben hatte.

„Und es war wirklich anstrengend, mich nicht zu verplappern.“
„Spann´ uns nicht auf die Folter!“ Martins kraushaarige Ehefrau war hinzugekommen, auch sie war gespannt von ihrer deutschen Freundin zu hören.
„Doktor Haases Bruder kommt am Nachmittag mit seiner Familie an und Professor Haase lädt euch am Abend zum Angrillen ein. Sie war zwar nicht begeistert von der Idee, aber Doktor Meier schien sich darauf zu freuen. Ich vermute allerdings eher, weil er noch Deinen Rat zu der einen und mehr noch zu der anderen Sache hat.“ Sie zwinkerte verschwörerisch. Bisher war die Kirchenfrau immer davon ausgegangen, dass es zwar eine Freundschaft zwischen den Paaren war, die besonders zwischen den Frauen sehr tief ging. Heute hatte sie jedoch verstanden, dass auch die Verbindung zwischen den beiden Männern sehr intensiv war.

Trotz des Unterschieds von Haut- und Haarfarbe sah sie durchaus Ähnlichkeiten zwischen Doktor Haase und der Krankenschwester aus Burkina Faso. Sie waren gleichaltrig, ungefähr gleich groß, glichen sich in der Figur und der herzlichen Fröhlichkeit. Was die beiden Frauen jedoch verband waren ihre großen, Wärme ausstrahlenden Herzen, mit denen sie Menschen begegneten.
Im Gegensatz dazu schien es zwischen Martin und Doktor Meier kaum Gemeinsamkeiten zu geben. Der Ältere wies eine etwas gedrungene Statur auf, die er in Durchschnittsmode kleidete. Bei dem die Natur bestimmte, dass er seine bereits ergrauten Haare als kurzen Kranz zu tragen hatte. Der Jüngere, ausgesprochen attraktiv und modisch gekleidet, der alles unter Kontrolle haben wollte. Kein Härchen auf Kopf oder Kinn würde sich trauen, ein Eigenleben zu entwickeln. Die Beziehung der beiden Männer beruhte auf Respekt und Vertrauen. Sie konnte es nicht genau beschreiben. Nachdem sie ein wirklich gutes Gespräch mit dem Elternpaar gehabt hatte, würde sie fast sagen, dass der Wissenschaftler durchaus Wert auf einen – väterlichen? – Rat des Theologen legte.

Wiebke Jansen hatte schon im Vorfeld viele Informationen erhalten. Sabine Gummersbach, abgesehen von Doktor Meier größter Fan von Doktor Haase, hatte ihr viel über den Weg des Paares berichten können. Doktor Kaan selbst kannte den Mediziner viele Jahre, er hatte einiges bestätigt, wenn auch weniger überschwänglich. Eher hatte er ihr eine Warnung mit auf den Weg gegeben:
„Er ist Wissenschaftler durch und durch. Mit Kirche und Religion hat er nichts am Hut. Verstehen Sie mich nicht falsch, er hat das Herz auf dem rechten Fleck und man könnte ihm durchaus christliche Werte nachsagen, wenn man diese als Menschenwerte bezeichnet. Für seine Frau hat er der Taufe zugestimmt und weil er ihr vertraut. Nicht der Kirche. Er hat lange gelernt, ihr zu vertrauen. Von wegen schützener Hand, wissen Sie?“ Der Perser hatte gelacht und angemerkt, dass er jedoch den Schutz seiner Tochter niemals dem Zufall oder einem Gott überlassen würde. Seine Kindheit hätte ihn geprägt und das hieß in erster Linie, nur sich selbst zu vertrauen. Doktor Meier hätte immer noch mit einer großen Unsicherheit zu kämpfen. Ein unbedachtes Wort im falschen Moment und er befände sich inmitten eines innerköpfischen Tornados.

Erst später, nachdem das Gespräch mit dem attraktiven Chefarzt schon lange beendet gewesen war, glaubte sie den Hinweis verstanden zu haben. Ob Martin ihre Vermutung bestätigen konnte? Das würde auch erklären, dass zwar eine Menge Familie Haase der Zeremonie beiwohnen würde, auch viele Freunde und Bekannte waren eingeladen worden. Doch sie hatte keinen Hinweis auf Familie Meier gefunden.

Professor Haase konnte stundenlang über seinen ehrgeizigen Studenten erzählen, den besten Mediziner, den er je ausgebildet hatte. Aus ihm klangen Stolz und Befriedigung, vor allem wenn er von beiden als Paar erzählte. Zwei, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sich aber perfekt ergänzten. Genauso konnte er von seiner Tochter schwärmen, sein Gretchen. Kälbchen hatte er sie wohl genannt, es war ihm unbemerkt rausgerutscht. Aus ihm sprach ein liebevolles Vaterherz.

Für ihre Vorbereitungen zum Taufgottesdienst war das alles gut und schön aber wenig hilfreich. Erst Martin hatte ihr gestern die wichtigen Hinweise gegeben. „Also, um Doktor Haase brauchst Du Dir keine Gedanken zu machen. Tatsächlich ist die Aufgabe, Doktor Meier einzufangen. Das sollte gelingen wenn Du an sein Vaterherz appellierst. Wenn ihr morgen den Ablauf des Taufgottesdienstes besprecht, gib ihm begrenzte Freiheit. Also lass sie mitreden, bei allem was geht, aber mach konkrete Vorschläge. Sowohl christlich als auch weltlich. Ich denke da besonders an Lieder, die Verkündigung der Taufe und die Taufansprache, die sehr frei gestaltet werden können. Wichtig ist, dass er eine Vorstellung hat, was Du überhaupt meinst.“
„Du meinst, ich soll ihn an die Hand nehmen, ähnlich wie ich meine Konfirmanden in ihrer pubertären Welt abhole?“
„Wenn Du es so sehen willst.“ Er schmunzelte. „Vor allem aber fordere nicht, dass sie sich sofort entscheiden. Gib ihnen mindestens einen Tag. Marc – Doktor Meier muss die Möglichkeit haben, das zu verarbeiten. Ich weiß“, er konnte den Gesichtsausdruck seiner Kollegin richtig deuten, „ich weiß, dass die Zeit drängt. Aber den zweiten Teil nehme ich Dir ja ab, also brauchst Du Dir da keinen Kopf drum zu machen.“

Wiebke Jansen galt als tolerante und weltoffene Pfarrerin, ihre Gottesdienste waren keine christlichen Lehrstunden. Dank ihres lockeren Glaubensstils, dem Engagement in der Gemeinde und ihrem liebsten Hobby – sie war Torwart in der Offen-für-Alle-Fußballmannschaft – war sie sowohl bei Weib- und Männlein, Senioren und Junioren beliebt. Was sie besonders auszeichnete, war ihr Bemühen, für jeden das richtige Gebet oder das passende Lied zu finden. Sie war davon überzeugt, dass die Institution Kirche mehr konnte, als sie sich selbst zutraute, wenn sie sich nur endlich frei machen würde. Von verstaubten und überholten Ansichten und sich nicht länger nur den Gläubigen denn den Menschen öffnen würde. So ein Marc Meier war ein ganz wichtiges Puzzlestück auf ihrem Weg! Gerade die Zögerlichen stachelten ihren Ehrgeiz an.

„Kannst Du mir was über seine Familie erzählen?“
„Nein. Die Mutter hat sich getrennt, ich glaube, da war er zwölf oder so. Mehr weiß ich nicht.“
Doch da konnte Roula weiter helfen: „Am ersten Tag in der neuen Schule hat er Gretchen – Doktor Haase kennengelernt.“
„Jugendliebe?“
„Naja, mit Hindernissen bis nach Afrika!“ Die Krankenschwester lachte.

„Apropos Afrika. Ich lechze nach Informationen. Da ich mit meiner Arbeit erst morgen weiter machen kann würde ich sagen, dass ihr jetzt dran seid. Gelesen habe ich ja schon viel. Bitte erzählt mir von Sanssouci."

Karo Offline

Alter Ha(a)ser:


Beiträge: 1.369

11.04.2020 13:34
#4 RE: Osterspecial 2020 Zitat · Antworten

Taufe/Martin Bedougou

BERLIN




Liebe Antonia, Du bist nun getauft. Dein Taufspruch wird Dich ein Leben lang begleiten.

„Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ (Markus 9,23.)

Dies sagt Jesus zu einem Mann, der ihn bittet, seinen Sohn von einer schrecklichen Krankheit zu heilen. Jesus entgegnet darauf, dass es nicht um das Können gehe, sondern um den festen Glauben daran, dass das Kind gesund wird.


Dein Leben begann holprig und auch Du musstest langsam ins Leben finden. Dich hinein kämpfen. Mit Medizin und dem Glauben daran, dass Du es schaffen würdest.

Ich denke, jeder hier hat solche Situationen schon erlebt.

Wer diesen Satz als Taufspruch wählt, beschränkt sich nicht auf die Hoffnung sondern er weiß um die Kraft des Glaubens. Er gibt sich nicht damit zufrieden, dass Dinge so sind, wie sie sind. Oft ist wesentlich mehr möglich, als es anfangs scheint. So ein Ort ist Sanssouci, unsere Mission in Burkina Faso.

Vielen von Ihnen, liebe Gemeinde, verdanken wir, dass dort so viel mehr entstanden ist, als es anfangs gedacht war und wir sind immer wieder aufs Neue erstaunt, was alles möglich ist und möglich gemacht wird. Weil Sie sich und wir uns nicht mit dem zufrieden geben, was ist. Am Anfang war es nur ein Brunnen. Aber selbst dieses „Nur“ ist schon viel mehr als ein Ort, an dem es kein Wasser gibt.
Sanssouci ist der Ort, wo ich – wir – Gretchen und Marc kennen- und lieben gelernt haben. Ein Ort, an dem Medizin nur unter einfachsten Bedingungen möglich war und ist und oftmals nur der Glaube an eine Genesung blieb. Wie oft wurde aus dem Glaube an die Heilung ein Wunder. Gretchen hat viele dieser Wunder erkämpft.

Und Marc – für viele Menschen bist Du der Inbegriff von Veränderung. Nicht nur in der Medizin, wo Du Dich für einen Wandel der Strukturen einsetzt. Mit vielen Helfern hast Du immer wieder dazu beigetragen, dass sich Dinge ändern. Bei uns und ebenso hier in Berlin. Und Deine persönliche Veränderung, vom distanzierten Mediziner zum nahbaren Menschen.

Der Taufspruch, den ihr beide für Antonia gewählt habt, steht aber auch für euren gemeinsamen Lebensweg. Gretchen, von Deinem Vater weiß ich, dass Du vor rund 20 Jahren aus der Schule kamst und begeistert verkündet hast, den Mann Deines Lebens getroffen zu haben. Auch an Dir, Marc, ist dieses Treffen nicht spurlos vorbei gegangen. Stand plötzlich ein eher sonderbares Mädchen vor Dir und strahlte Dich an. „Alles wird gut!“

Ich denke, die meisten hier wissen von Deinem schweren Weg an die Seite des Mädchens von der Schultreppe. Das viel ausgehalten hat, immer daran glaubend, dass da doch mehr ist als verschmierte Leberwurstbrote und Papierkügelchen. Euer „Mehr“ ist mittlerweile Mensch geworden, Antonia, die ihr eben in Gottes Schutz gegeben habt.

Während der Vorbereitungen für die Taufe hast Du, Marc, Dich zu Deiner eigenen Verwunderung, sehr mit dem Thema Glauben auseinandergesetzt. Kirche kann den Glauben nicht für sich alleine beanspruchen. Dein erster Gedanke ging zu Mutter Deiner Tochter und ihrem unerschütterlichen Glaube an die Liebe. An das Gute im Menschen. Dem gegenüber standst Du, der einzig an sich und sein Können als Mediziner glaubte. Sich niemals auf Zufall, Glück, den Mond, Gott, Allah oder wen auch immer verlassend. Dieser Gedanke gefällt mir persönlich gut, denn wichtig ist nur, dass man glaubt. Und vertraut.

Einem Neugeborenen bleibt nichts anderes übrig. Nur mit Instinkten und einer großen Portion Urvertrauen kommt ein Menschenkind in die Welt. Es muss darauf vertrauen, dass seine Eltern die Grundbedürfnisse erkennen und befriedigen. In erster Linie ist das Nähe. Nur dadurch kann sie sicher sein, dass die wenigen anderen Bedürfnisse befriedigt werden. Essen, sicherer Schlaf und gelegentlich eine trockene Windel. In Antonias Fall war das nicht leicht, die medizinische Versorgung hatte Vorrang. Da ist das mit der Nähe nicht immer ganz einfach.

Antonia musste euch vertrauen. Seit ihrem ersten, mühevollen Atemzug. Die ersten Wochen zu dritt waren eine harte Erfahrung. Ein Baby, noch nicht ganz fertig für die Welt, Gretchen, die alle verfügbare Kraft ihres Körpers dem Baby mitgegeben hat und Marc, der rund um die Uhr für sein Kind da war, so gut es eben ging und darüber hinaus. Von Anfang an konnte Antonia sich auf euch verlassen.
Du, Marc, hast die Gratwanderung geschafft, warst immer für Deine Mädchen da. Mehr für das Kleine, denn das Große konnte mit seinem Verstand die eigenen Bedürfnisse hintenanstellen oder dafür sorgen, dass sie befriedigt wurden.

Trotzdem fühltest Du Dich schlecht, hättest gerne mehr gemacht. Noch mehr – für beide. Du hast fest daran geglaubt, dass beide gesund werden. Glauben schließt hoffen, fluchen und zweifeln nicht aus. Und Du hast mir erzählt, dass Du manch ein Stoßgebet zum Himmel geschickt hast. Obwohl Du mit Kirche an sich nicht viel am Hut hast.

Jetzt ist Antonia getauft. Mit dem Glauben daran, dass sie ihr Leben lang beschützt sein möge. Dir selbst war es egal, ob Antonia getauft würde oder nicht. Du hast der Taufe zugestimmt, mit Schulterzucken zwar aber ohne zu zögern. Weil es Gretchens Wunsch war. Weil sie – wie Du sagtest – aus dem Bauch heraus weiß, was richtig ist. So wie Du für sie seit rund 20 Jahren richtig bist. Und sie für Dich, mit dem Unterschied, dass Du erst lernen musstest, zu vertrauen. Ihr und auch Dir selbst. Nicht als der perfektionistische Mediziner sondern dem Menschen mit all seinen Ängsten und Zweifeln. Aus diesem Prozess entstanden der Wunsch nach einem Leben mit Gretchen und der Wunsch nach einer Familie. Als die steht ihr nun hier. Gretchen, Marc und Antonia.

Pfarrerin Jansen hat bereits am Anfang auf ihre verwunderten Fragen zum Blumenschmuck auf eine spätere Eheschließung verwiesen. Liebe Taufgemeinde, es ist mir eine Freude und Ehre, euch nun im Namen des Brautpaares, Gretchen und Marc, Willkommen zu heißen...

Karo Offline

Alter Ha(a)ser:


Beiträge: 1.369

13.04.2020 16:02
#5 RE: Osterspecial 2020 Zitat · Antworten

Alles ist gut!

BERLIN



„Das war also alles ein abgekartetes Spiel. Alle wussten Bescheid…“ Gretchen saß im Schneidersitz auf der großen Decke und schaute auf ihren Ehemann hinab, der alle Viere von sich gestreckt da lag und sie mit geschlossenen Augen angrinste. „Nicht alle…“
„Ja, aber die kannst Du an einer Hand abzählen.“
„Frau… Du solltest zählen lernen, bevor Antonia soweit ist…“

Seine Mutter hatte er eingeweiht, anfangs einfach nur mit dem Hintergrund, dass sie keine Szene machen würde, wenn Franz eingeweiht war, sie jedoch nicht. Sie hatte eine großartige Party organisiert. Von ihr stammte auch die Idee, die Villa Haase „den Kindern“, also Jochen und Gretchen mit ihren Familien zu überlassen. Franz wohnte die Tage bei ihr, eine sinnvolle Konstellation, hatten die beiden doch in aller Seelenruhe alles für eine ordentliche Hochzeitsfeier organisieren können. Für die es sich gelohnt hatte zuzulassen, dass Elkes teurer Rasen von vielen Fußpaaren zertreten und zertanzt werden würde.

Mehdi, als sein eigener Trauzeuge, der außerdem die schwierige Aufgabe hatte, alles im Auge zu halten, dass es am Ende keine böse Überraschung geben würde. Der sich als Joker erwiesen hatte, denn der zuständige Standesbeamte sah es gar nicht ein, warum er sich ausgerechnet am Ostersamstag zum Brautpaar hinbewegen sollte. Wer heiraten wolle, solle gefälligst zu ihm kommen. Doch der junge Chefarzt des EKHs hatte einen Trumpf im Ärmel – genaugenommen drei, hatte er doch wenige Monate zuvor die Drillinge eines Standesbeamten aus einem anderen Berliner Bezirk gesund zur Welt geholt. Dieser entsprach der Bitte des Halbpersers nur zu gerne und kam – Ostersamstag hin oder her – gerne zum Brautpaar hin!

Und natürlich Roula und Martin, den er gefragt hatte, ob es irgendwie möglich sei, dass er die Trauung vornehmen könne.

Wiebke Jansen, die sich – mit Ausnahme von Martin – von allen Kirchenmenschen, mit denen er bisher zu tun hatte, deutlich unterschied. Und sich viel Mühe gemacht hatte, ihn, den offen gestandenen Nichtkirchenmensch, mit einzubeziehen.

Jochen, der den Argumenten seiner Frau nachgebend als Taufpate abgelehnt hatte. Den er daraufhin gebeten hatte, eine andere wichtige Rolle, als Gretchens Trauzeuge, einzunehmen.

Doktor Carstensen und Irene Koller, die Sprechstundenhilfe, die Gretchen seit Beginn ihrer Assistenzzeit kannte. Gretchens Freundinnen, allen voran, die durchgeknallte Jo, die natürlich wieder für das eine oder andere Spielchen gesorgt hatte.

Und allen voran: Professor Haase, der eine Vollmacht (und das Familienbuch) bekommen hatte, alle nötigen Amtsbesuche in ihrer beider Namen wahrnehmen zu dürfen. Schließlich ging es hier auch um die Einhaltung von Fristen. Gretchen hatte die Vollmacht unbemerkt mit den Taufunterlagen unterschrieben. Vertrauensselig und naiv wie nur sie sein konnte.



(Köln, viele Wochen zuvor)

„Hast Du das wirklich alles gelesen?“
„Natürlich. Meinst Du, ich gebe meine Tochter irgendwohin, ohne genau alles geprüft zu haben? Also. Lesen und unterschreiben – ich kann es gleich noch zur Post bringen, die Pfarrerin hatte ja gesagt, dass ihr jeder Tag hilft!“
Sie schaute auf den Stapel Papiere, die Marc ihr hinhielt. Bunte Fähnchen markierten die Seiten, wo die Eltern unterschreiben mussten. Zögerte kurz und entschied sich, dass das eine Situation war, in der sie Marc vollends vertrauen konnte. Wenn es um seine Tochter ging, war er überkorrekt. Kurzerhand hatte sie bei jedem bunten Fähnchen unterschrieben und ihm den Papierstapel feierlich überreicht. „Alles unterschrieben.“
„Ohne es zu lesen?“
„Dafür habe ich ja Dich!“
Sein erleichtertes Grinsen konnte er hingegen kaum vor ihr verbergen. Sein Gretchen, die so vorsehbar reagierte, wenn man nur die richtigen Worte einsetzte.




Deswegen war er auch sicher gewesen, dass sie nicht „Nein“ sagen würde. Dass sie ihn heiraten würde, wenn er sie zum Ende der Taufe mit der Frage, ob sie ihn heiraten wolle, überraschen würde. Am Abend vorher war er selbst eingeknickt und hatte Gretchen in seinen Plan eingeweiht.

Ja, er hatte einige Menschen einweihen müssen, da hatte seine Frau Recht. Aber bei weitem nicht alle. Dafür war der Tumult viel zu groß gewesen, als Martin aus seiner Rede zum Ende der Taufe einen Anfang zur Trauung machte.

Die frisch gebackene Frau Doktor Meier ließ sich auf Gretchenart neben ihren Mann plumpsen, streckte ihre linke Hand in Richtung Himmelblau und betrachtete wieder den schlichten Ring, den Marc nicht besser hätte aussuchen können. „Warum hast Du es mir doch erzählt, dass wir im Anschluss an Tonis Taufe heiraten können?“
Der Chirurg, der jedesmal freudiges Herzklopfen bekam, wenn seine – jetzt wirklich Ehefrau! – immer noch ungläubig ihren Ehering ansah, drehte sich zu ihr, griff die emporgestreckte Hand und küsste zärtlich das symbolträchtige Schmuckstück. „Je näher der Tag kam, umso größer wurde die Angst vor mir selbst. Du weißt, dass ich es schon mal versaut habe. Das eine wollte, das andere getan habe. Es ist nicht so, dass ich damit rechnete von Dir einen Korb zu bekommen. Ich kenne Dich ziemlich gut und konnte mir sicher sein, dass Du „Ja“ sagen würdest. Aber mittlerweile kenne ich auch mich und weiß, dass meine Zweifel in der Lage sind, mit mir zu spielen. Meistens in den unpassendsten Momenten. Immer wieder polterten sie durch mein Gehirn. „Sie vor so vielen Menschen zu fragen ist Erpressung. Das wird sie nicht mitmachen. Endlich bekommt sie die Chance, es Dir heimzuzahlen…“
Diese Ängste sind in mir. Vermutlich werden sie mich bis an mein Lebensende begleiten. Das einzige, was mir bleibt, ist sie anzuhören. Und einen Weg zu finden, ihnen ihr Spielfeld wegzunehmen. So war es eben keine „Erpressung“. Zwar auch keine Überraschung für Dich, aber eben auch keine böse für mich.“
„Doch, Marc. Es war eine wunderschöne Überraschung. Nur einfach zeitlich anders platziert.“



(Angrillen am Abend des Gründonnerstag)

„Was hältst Du von einem Spaziergang?“
„Jetzt?“ Sie war ehrlich entsetzt, gerade war es so gemütlich im Garten der Villa. Auch mit Schinkenwürstchen, die auf dem Grill ihres Vaters nie fehlen würden. Bärbel, in friedlicher Stimmung, hatte sie sich in der Küche austoben dürfen und war am Nachmittag oft für ihre Speisen gelobt worden. Elke, die sich wirklich anstrengte, sich zurückzuhalten. Was ihr allerdings immer dann nicht schwer fiel, wenn sie Antonia auf dem Arm hatte. Wo das Kind eigentlich die meiste Zeit zu finden war, denn der kleine Meiersprössling hatte einen Narren an der Frau mit der rauchigen Stimme gefressen. Da waren Roula und Martin, extra und trotz Ostern für die Taufe angereist. Ebenso ihr Bruder, der auf Mallorca eigentlich unabkömmlich war und nun mit seiner Familie in Franz´ Wohnung untergebracht war.
„Von mir aus auch in fünf Minuten.“
„Marc!“
„Gretchen… bitte. Den ganzen Tag schon sind Menschen um uns. Ich möchte sie nicht bitten zu gehen, aber Du weißt, dass mein Bedarf an Gesellschaft Grenzen hat. Ich brauche eine Pause – bitte!“

Sie waren nicht weit gegangen, nur bis zum Spielplatz am Ende der Straße. Ausgelassen hatten sie geschaukelt und waren schließlich auf der Wippe gelandet. Gerade hielt er sein blondes Mädchen wieder in der Luft gefangen. „Weißt Du, dass Du das Größte für mich bist?“
„Weißt Du, dass Du ein verrückter Quatschkopf bist?“ Sie hatte gelacht. „Aber den liebe ich genauso, wie alle anderen Facetten von Dir!“
„Gretchen… ich muss Dir was sagen… ich würde Dich dafür gerne runter lassen, aber Du darfst nicht weglaufen, okay?“
„Ähm… o-kay?“

Er hatte sie den Boden herunter gelassen, ganz behutsam. Da wusste sie schon, dass etwas in ihm rumorte. Und dann hatte er ihr die Ringe gezeigt. Auf einem Spielplatz, unter sternenklarem Aprilhimmel hatte er sie gefragt, ob sie ihn heiraten würde. Was für eine Frage! „Ja!“ Sie hatte sich in seine Arme geworfen und da er es wichtiger fand, die Ringe zu schützen, konnte er ihren Schwung nicht abfangen. Taufrischverlobt waren sie in den Sand gepurzelt!




Er hockte im feinen Sand und zerrte erfolglos an einer Plastikverpackung. Sechs Kinderaugen beobachteten erwartungsvoll sein Tun. Jochen grinste. Seine beiden Söhne hatten das dunkelhäutige Mädchen in die Mitte genommen. Sie saßen auf dem Rand des Sandkastens, den Opa Haase Anfang der Osterwoche noch schnell gezimmert hatte. Als ob er nichts anderes zu tun gehabt hätte. Aber ein Sandkasten für seine Enkel, das musste einfach sein. Und von einem Nullachtfuffzehnteil wollte er nichts wissen. Mit Sonnenschutzdach sollte es sein und Halterung für Eimer und sonstiges Werkzeug. Es kämen auch wieder ruhigere Zeiten, jetzt müsste sein Herz mal Rücksicht auf seine Bedürfnisse nehmen – den Rest des Jahres könne es dann wieder anders herum sein.

Wobei Jochen den Eindruck hatte, dass es seinem Vater mit all den Vorbereitungen sehr gut ging. Er hatte schon oft überlegt, ob sich der alte Herr seit der Pensionierung nicht langweilen würde. Spätestens als er gehört hatte, dass Professor Haase a.D. Yoga ausprobieren würde, hatte er sich Sorgen gemacht. Die Tage hatte er mal vorsichtig nachgefragt – Yoga war passé. Nichts für ihn aber er habe es ausprobiert. Jetzt sei der Winter eh vorbei und er könne sich wieder in die Gartenarbeit stürzen. Auch würden die alltäglichen Dinge wieder mehr Zeit in Anspruch nehmen, da er sich vorgenommen hätte, alle Wege mit dem Fahrrad zu absolvieren.

„Papa, jetzt mach schon!“ Der zweijährige Luis stampfte mit einem Fuß auf und holte ihn aus der Gedankenwelt in den Sandkasten zurück. „Entschuldigt, ihr Spätze. Aber die Verpackung ist ganz schön schwer zu öffnen.“
„Dann streng Dich halt mal ein bisschen an!“ So altklug und trocken bekam man also den Spiegel seiner eigenen Phrasen vorgehalten. Er grinste in sich hinein. Miguel hatte erst spät sprechen gelernt aber mittlerweile konnte er sehr sicher verbale Pointen setzen. In beiden Sprachen.
Endlich hatte er die Verpackung geöffnet und die Kinder stürzten sich auf das bunte Sandkastenspielzeug. Nicht ohne einen weiteren Satz aus dem Munde seines vier Jahre alten Sohnes. „Das wurde jetzt aber auch mal höchste Zeit!“

Jetzt konnte er sich nicht zurückhalten und lachte laut. Dieser Satz war zum geflügelten Wort geworden, nachdem Martin den Taufgottesdienst beendet und den anschließenden Traugottesdienst begonnen hatte.
„Das wurde aber auch mal höchste Zeit!“ So hatte ausgerechnet Sabine Gummersbach, die ihrerseits – um einer Mottohochzeit im Star Trek-Style zu entgehen – heimlich im Urlaub geheiratet hatte, durch die Kirche getönt und allgemeines Gelächter hatte das ungläubige Schweigen beendet.

Er warf einen Blick durch den Garten, zu seiner Schwester. Doktor Margarete Meier. So wie sie es millionenfach mit rosa Tinte in rosa Tagebücher gekritzelt hatte. Beim dritten Versuch hatte nun alles geklappt.
Peter, der fremdgegangen war.
Alexis, der eigentlich Frank hieß.
Marc war Marc. Den er als Kind gehasst hatte und gefürchtet. Dem er gerne mal so richtig die Fresse poliert hätte, für alles, was er seiner Schwester Fieses angedeihen ließ. Aber er war immer zu klein gewesen. Dem er auch nichts entgegensetzen konnte als er Praktikant im EKH gewesen war. Von dem es plötzlich geheißen hatte, dass er seiner Schwester bis nach Afrika hinterher gerannt war. Da war er selbst schon einer Frau – mittlerweile seine Frau und Mutter seiner zwei wundervollen Söhne – hinterhergerannt. Nicht auf einen anderen Kontinent aber Mallorca war weit genug weg. Eine gute Entfernung, wenn es um einen gesunden Abstand nach Berlin ging. Viel zu weit weg, wenn es um Vorgänge ging, die seine Familie betrafen. Erst viel später hatte er erfahren, dass Gretchen und Marc in Köln zusammen ein Haus gekauft hatten. Wo auch immer der plötzlich wieder her gekommen war. Und dann erzählte ihm sein Vater im letzten Sommer, dass man von Tag zu Tag überlege, seine Nichte auf die Welt zu holen. Er hatte nicht mal gewusst, dass Gretchen schwanger war. Damals war er über seinen Schatten gesprungen und hatte Marc angerufen. Was da los sei und ob er ihn auf dem Laufenden halten würde. Ein paar Tage später hatte er mitten in der Nacht Bilder eines verkabelten Babys im Brutkasten bekommen. Sein Schwager hatte ihm alle paar Tage berichtet und als es Gretchen etwas besser ging, dafür gesorgt, dass sie kurz telefonieren konnten. Das Bild von Marc Meier, welches sich seit Kindertagen manifestiert hatte, war gehörig umgemalt worden. Allein, dass Marc ihn angerufen und gebeten hatte, der Trauzeuge für seine Schwester zu sein. Aber er solle sich nicht verquatschen, Gretchen wüsste nichts…

Am Ende hatte er sich selbst verquatscht. Wobei es wohl doch Absicht gewesen war. Martin schien sehr viel über Marcs Entwicklung zu wissen, was er sehr schön in seine persönliche und emotionale Predigt hatte einfließen lassen. Er hatte sich mehrfach mit dem afrikanischen Ehepaar unterhalten, auch und vor allem über Marc. Amüsiert hatten sie festgestellt, dass sie je nur einen Teil des Marc Meier kennengelernt hatten. Er den jugendlichen Fiesling und den bornierten Oberarzt, sie den unsicheren Mann, der nur von Luft und der Liebe einer Frau leben konnte. „Das klingt aber mehr nach meiner Schwester als nach ihrem – Mann.“ Aber er hatte Marc auch nie als einen Vater gesehen und wurde nun eines Besseren belehrt. Und irgendwie ließ er sich gerne belehren. Denn das Wichtigste dabei war seine Schwester. Und die war glücklich! Das konnte er an ihrem Lachen hören, das jetzt wieder durch den Garten schallte.


Sie und Marc hatten sich an den Abend erinnert, an dem ihre Möbel Reise nach Jerusalem gespielt hatten. „Dein Vater hatte das Familienbuch schon lange vorher für das Aufgebot benötigt.“
„Und ich habe von allem nichts bemerkt!“
Marc lachte. „Ich kenne Dich halt ziemlich gut. Allein bei der Sache mit den Unterschriften hatte ich etwas Schiss, dass Du plötzlich doch alles lesen willst. Dann wäre es aufgeflogen, denn alle relevanten Papiere waren dazwischen geschummelt. Ich konnte nur etwas Zeitdruck ausüben…“
„Ich bin ganz schon vorsehbar, oder?“
„Das klingt bedauernd?“
„Ist es nicht eine Art von Langweilig?“
„Wer – Du? Die mal eben das Haus auf den Kopf stellt, dass ich mich im falschen Haus vermute?“
„Das tut mir leid, Marc. Hab ich schon mehrfach gesagt.“
„Und ich habe schon mehrfach gesagt, dass es mir nicht leid tut. Im Gegenteil. Du machst mein Leben bunt. Nicht zu verwechseln mit pink! Und das Vorsehbare an Dir brauche ich – das gibt mir die nötige Sicherheit. Ich will Dich nicht anders. So wie Du bist, wie immer Du sein willst, so liebe ich Dich.“
„Für Dich und Antonia möchte ich das Beste sein. Aber ich bin Gretchen Haase – und da…“
„Wer bist Du?“
„Gretchen Haa – Meier. Aber dass ich anders heiße, schmälert mein angeborenes Haase-Fettnäpfenpotential nicht.“
„Deshalb, Frau Doktor Meier, bist Du auch weiterhin mein Hasenzahn!“
„Dann ist ja alles gut!“

Ja, alles war gut. So wie es die blauen Augen schon vor nahezu zwei Jahrzehnten prophezeit hatten!

 Sprung  
Weitere Links
| Sicher und kostenlos Bilder hochladen|9-1-1 FanSeite|
zum Impressum | 2008- © Doctor's Diary FanForum | Admins JackySunshine & Greta | Moderatoren Lorelei & Melli84 | Gründerin des Forums Flora
Legende : Admin| Mods| Mitglieder| Oldies| Nullposter|
Xobor Forum Software von Xobor.de
Einfach ein Forum erstellen
Datenschutz