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 Die Challenges
JackySunshine Online

Facharzt:


Beiträge: 8.887

25.12.2018 16:18
Challenge Nummer 6: Weihnachten Zitat · antworten

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AUTOR EINS

Wer ist denn nun der Weihnachtsmann?

„Das gibt es doch nicht!“ Tief seufzte die Blondine auf und legte betrübt das Telefon gegen ihre Brust, ehe sie es wieder an ihr Ohr hielt, um das nicht ganz so gut verlaufende Gespräch mit Schwester Sabine fortzuführen.
„Leider ja“, knickte die Krankenpflegerin ebenso betroffen ein. „Wir haben in diesem Jahr keinen Weihnachtsmann für die Bescherung auf der Kinderstation. Mein Günni, der wollte ja schon ganz gerne. Aber er hat nun einmal diese Synthetik-Allergie.“
„Aber als Mr. Spock konnte er doch zum Karneval im Februar auch auftreten“, fiel die Assistenzärztin der Chirurgie ihr ins Wort.
„Naja“, versuchte sich Sabine an einer plausiblen Erklärung. „Das mag daran liegen, dass er bei seinen Schbock-Kostümen immer darauf achtet, dass sie aus reiner Baumwolle bestehen.“
„Ja, dann besorgen Sie halt ein Weihnachtsmannkostüm aus reiner Baumwolle‘“, sprach sie die Tochter des Klinikchefs im ungewohnt herrischen Tonfall an, was wohl darauf zurückzuführen war, dass Dr. Haase mit leichter Panik zu kämpfen hatte. Bis zur traditionellen Weihnachtsfeier auf der Kinderstation waren es nicht einmal mehr vierundzwanzig Stunden. Dr. Hahnemann von der Inneren hatte den Weihnachtsmann in den vergangenen Jahren gegeben, war jedoch aktuell an einer Grippe erkrankt und fiel daher auf jeden Fall aus. Mehdi Kaan, der sanftmütige, kinderfreundliche Gynäkologe, hätte den „Job“ gerne übernommen, befand sich aber seit einigen Stunden auf dem Weg nach München, wo seine Exfrau Anna mit der gemeinsamen Tochter Lilly inzwischen lebte. Mehdi nutzte jede Möglichkeit, um sein wiedergefundenes Kind zu besuchen, was selten genug vorkam, da er eigentlich auf seiner Station so gut wie unabkömmlich war. Dennoch, Lilly ging vor, auch was seinen Job anbelangte.
Gretchen und Sabine, welche das Komitee „Weihnachtsfunkeln“ leiteten, das zuständig war für die Kinderweihnachtsfeier im Krankenhaus und das aus einer überschaubaren Zahl an Kollegen bestand, hatten sich gleich nach Dr. Hahnemanns Absage vor zwei Tagen auf die Suche nach einem würdigen Ersatz gemacht. Aber bisher waren sie nicht fündig geworden. Es war wie verhext. Entweder, die männlichen Kollegen sagten ab, weil sie just am Tag der geplanten Feier ihren Urlaub antraten oder sich schlicht und einfach zu schade waren, in die Rolle eines dicken, alten Mannes zu schlüpfen, der noch dazu freundlich mit den Kindern umgehen musste. Chirurgen halt. Allesamt Egomanen, wie sie im Buche standen.

Stopp, Gretchen! So schalt die Blonde sich innerlich selbst für ihre nicht gerade fairen Gedanken. Bist ja bald selbst eine von denen. Ich hoffe nur, dass ich nicht aufhöre, für die gute Sache einzustehen.

„Es gibt keine mehr“, holte die Krankenschwester sie ins Hier und Jetzt zurück.
„Äh… bitte?“ fragte Gretchen irritiert, da sie der Kollegin nicht ganz folgen konnte.
„Die Baumwollkostüme, Frau Doktor“, antwortete Sabine ruhig. „Ich habe schon vielfach herumtelefoniert und selbst in den Geschäften geschaut. Alle ausverkauft.“
„Schade“, zuckte die Assistenzärztin mit den Schultern, was Sabine natürlich nicht sehen konnte.
„Und wenn Sie doch noch mal beim Dr. Meier…?“
„Nein“, fuhr ihr Gretchen dazwischen. „Er hat eindeutig abgelehnt, obwohl er Zeit dafür hätte. Aber Sie wissen ja selbst, dass er eh nicht so gut mit Kindern umgehen kann. Ist wohl besser so.“
„Und nun?“
„Tja, dann muss wohl eine von uns Frauen in die Rolle schlüpfen.“
„Aber Frau Doktor!“ Sabine hörte sich sichtlich entsetzt an. „Wer von uns Fünfen soll denn das machen? Also ich falle definitiv aus. Ich wäre viel zu nervös und würde mich bei den Kindern verraten.“
„Zur Not mach ich’s selbst“, erklärte Dr. Haase aufopferungsvoll. „Wenn es sonst keiner machen möchte.“
„Sie, Frau Doktor?“ Die Frage hatte eindeutig einen recht skeptischen Unterton.
„Warum denn nicht?“ fragte Gretchen zurück und versuchte, möglichst selbstüberzeugt von dieser Sache zu klingen. „Schließlich war ich in der Schule die beste Julia, die es je gab. Und der Frau Schwan, Sie wissen doch, der Assistentin von Fritz, dem Arzt ohne Grenzen, habe ich auch mal bei einer Spendenaktion geholfen und mich als armes, trauriges afrikanisches Kind verkleidet, was im Übrigen sehr gut bei den Passanten angekommen ist damals. Ich meine, ich musste ja wieder gut machen, dass ich doch nicht nach Afrika geflogen bin. Wegen Marc. Immer nur wegen ihm. Dieser Mann macht mich seit Jahr und Tag fertig.“
„Aber Sie lieben ihn trotzdem, Frau Doktor“, kam dies mehr als Feststellung denn als Frau von Sabine, die das Hin und Her ihrer beiden Lieblingsärzte seit ungefähr drei Jahren aus nächster Nähe mehr oder weniger freiwillig mitbekam.
„Gegen die Liebe ist man nie gewappnet, Sabine“, sinnierte die angehende Chirurgin im letzten Weiterbildungsjahr. „Entweder sie ist da oder sie ist nicht da.“
„Und wo ist sie jetzt gerade?“
„Definitiv auf unbestimmte Zeit verreist“, seufzte Gretchen traurig. Seit sie sich gegen Afrika und für Marc entschieden hatte, führten die beiden mehr oder weniger eine On-Off-Beziehung. Momentan stand der Schalter auf „Off“, weshalb sie ihre freie Zeit neben der Planung der Kinderweihnachtsfeier eher mit ihrer Familie verbrachte als mit ihrem charakterlich schwierigen Oberarzt, der immer mal wieder Tage oder gar Wochen der absoluten Ruhe brauchte, um mit sich selbst klarzukommen, wie Gretchen es sich schönredete. Das Problem, das beide hatten, war es, dass sie weder mit- noch ohneeinander auskamen. Und darum gestaltete sich ihr Beziehungsdasein sehr schwer. Aber ganz davon ablassen konnte keiner von ihnen, denn irgendwie und irgendwo tief in sich drinnen brauchten sie sich mehr als alles andere.
„Ich hoffe, dass Sie es beide eines Tages auf die Reihe bekommen“, stöhnte Sabine. Es fiel ihr schwer, dieses seltsame Beziehungskonzept der zwei Chirurgen nachzuvollziehen. Entweder, man war zusammen oder man war es nicht. Dazwischen gab es für die Krankenschwester nichts, die mit ihrem Günni, dem Pathologen des Krankenhauses, seit eineinhalb Jahren sehr glücklich war.
„Das hoffe ich auch, Sabine“, pflichtete Gretchen ihr bei. „Sie glauben nicht, wie sehr.“
„Wollen Sie nicht doch nochmal mit dem Herrn Doktor reden, Frau Doktor?“ hakte Sabine erneut nach, die Hoffnung nicht aufgeben wollend.
„Meinen Sie denn, dass das mit uns noch einen Sinn hat?“ glaubte Gretchen die Frage richtig verstanden zu haben. „Ich weiß gerade nicht, wie Marc zu uns steht und ob er es überhaupt noch tut. Momentan sprechen wir fast nur noch über berufliche Dinge.“
„Ich meinte eher“, setzte Sabine zur Richtigstellung an, „ob Sie ihn nicht nochmal fragen wollen wegen der Feier. Also, nichts gegen Sie, aber ich fände es doch schöner, wenn ein Mann die Rolle übernimmt. Der müsste dann immerhin nicht die Stimme verstellen.“
„Ach, Sabine“, entfuhr Gretchen ein weiteres Seufzen. „Vielleicht haben Sie Recht. Ich denke, ich rede wirklich nochmal mit ihm.“
„Das wäre wirklich gut, Frau Doktor“, bestätigte Sabine hörbar erfreut. „Ich drücke Ihnen auf jeden Fall meine Daumen, dass der Dr. Meier doch noch zustimmt und mitmacht.“
„Das hoffe ich auch“, sagte Gretchen und beendete das Gespräch kurze Zeit später.

Nachmittags begann Gretchens Dienst im Krankenhaus. Da Marc heute Doppelschicht schob, war er ebenfalls gerade hier. Also eine gute Möglichkeit, ihn in seinem Büro aufzusuchen und noch einmal zu versuchen, ihn dazu zu überreden, den Weihnachtsmann zu mimen. Sie fand die Gelegenheit dazu nach einer Routine-OP, welche sie mit dem Oberarzt zusammen bestritten hatte. Marc hockte, als Gretchen zu ihm ins Büro kam, über einem Berg Patientenakten. Obwohl sie zuvor angeklopft und er sie daraufhin reingebeten hatte, blieb sie unmittelbar hinter der Tür stehen. Marc hingegen machte keine Anstalten, von seinen Akten aufzuschauen.
„Hasenzahn“, sagte er und arbeitete unermüdlich weiter. „Was stehst du da so doof rum? Mach die Tür zu! Wird nämlich kalt. Und dann setz dich gefälligst! Oder willst du Wurzeln schlagen? Ich bezweifle aber, dass der Fußboden das zusätzliche, dauerhafte Gewicht lange aushalten würde.“ Ein seine letzte Aussage untermauerndes Grinsen folgte, während seine Augen Gretchens noch immer propere Figur scannten und ihm sichtlich gefiel, was er sah.
„Charmant wie immer, Dr. Meier“, bemühte Gretchen sich, die Contenance zu bewahren. Dann folgte sie allerdings seinen Anweisungen und setzte sich ihm gegenüber auf einen der beiden Besucherstühle. Als sie nach einer Weile immer noch nichts weiter gesagt hatte und stattdessen nervös an ihren Fingernägeln herumknibbelte, wurde Marc allmählich ungehalten. Das Geräusch, das sie bei ihrer Tätigkeit verursachte, machte ihn fast rasend.
„Hörst du wohl damit auf?“ fragte er schließlich genervt.
„Womit?“ Gretchen konnte ihm nicht folgen, wie so oft, seit sie ihn kannte.
„Na, mit deinen Dings… Fingernägeln halt“, lautete die knappe Antwort.
„Tschuldigung“, murmelte die Ärztin peinlich berührt und zog ihre Finger auseinander, um sie wie ein braves Schulmädchen auf ihre Knie zu legen. Den Blick hielt sie dabei immer noch gesenkt, was Dr. Meier dann auch wieder nicht passte, wie er lautstark kundtat.
„Also, was sitzte jetzt so rum wie eine trübe Tasse auf einer verkalkten Abtropfmatte?“
„Ähm“, begann Gretchen eher stotternd ihre Antwort. „Ich… ja also, wegen der Weihnachtsfeier auf der Kinderstation…“,
„Hasenzahn“, unterbrach Marc sie augenrollend. „Ich habe doch gesagt, dass ich nicht der Richtige bin für den Kram. Sucht euch gefälligst jemand von den anderen. Oder haben die euch auch schon abgesagt?“ Da Gretchen nach dieser Frage wieder eingeschüchtert gen Fußboden sah, wusste der Herr Doktor Bescheid und zog seine Mundwinkel daraufhin zu einem amüsierten Grinsen auseinander. „Na, immerhin wissen die werten Herrn Kollegen noch zwischen Sinn und Unsinn zu unterscheiden“, nickte er anerkennend.
„Marc!“ Nun sah Gretchen doch auf. „Es ist kein Spiel. Es ist für die gute Sache, für die kranken Kinder, die Weihnachten nicht bei ihren Familien und in ihrem Zuhause sein können.“
„Stell dir vor, ‚Mutter Theresa‘, das weiß ich“, sagte Marc zynisch wie immer. „Aber trotzdem erschließt sich mir nicht, warum die Blagen unbedingt einen Weihnachtsmann bei ihrer Feierei dabei haben müssen. Die Bescherung kriegt ihr auch so auf die Reihe.“
„Erstens, Marc, sprich bitte nicht so abfällig über die Kinder! Sie haben es alle nicht leicht im Moment. Manche sind wirklich schwer krank und wissen nicht, wie ihre Zukunft aussehen wird, geschweige denn, ob sie überhaupt noch eine haben.“ Den letzten Teil des Satzes sprach sie in einer immer leiser werdenden Tonlage, welches Marc deutlich aufzeigte, wie nah ihr die einzelnen Schicksale der jungen Patienten ging, mit denen er selbst am liebsten so wenig wie möglich zu tun haben wollte, am besten gar nichts.
„Zweitens“, fuhr Gretchen gefestigter fort, „Ist und war der Weihnachtsmann immer das Highlight auf der Feier. Die Kinder lieben ihn. Und wäre einfach schade, wenn er nicht dabei wäre in diesem Jahr. Aber gut, ich werde dich mit diesem Thema nicht mehr belästigen. Muss ich halt doch selbst in die Rolle schlüpfen.“ Den zweiten Satz sagte sie eher zu sich selbst, doch er ließ den Oberarzt aufhorchen und seine Augenbrauen mehr und mehr belustigt in die Höhe schießen, seine Grübchen im Gesicht auf das Vielfache tanzen und seine weißen, akkurat gepflegten Zähne aufblitzen.
„Du… du willst selbst…?“ Marc Meier war sprachlos, weniger aus Erstaunen als wegen des Witzes, der sich ihm gerade akustisch geboten hatte.
„Bleibt mir wohl nichts anderes übrig“, meinte Gretchen ernst und sah verständnislos auf ihren Vorgesetzten, der sich scheinbar köstlich wegen ihrer Ankündigung amüsierte.
„Na“, setzte dieser sarkastisch hinzu. „Immerhin brauchst du dir den Bauch nicht mehr so dolle ausstopfen. Hast ja genug Potential da vorne.“
„Haha, sehr witzig“, motzte Gretchen ihm entgegen. „Hat der Herr Doktor Meier sich hoffentlich mal genug auf Kosten seiner Assistenz amüsiert? Egal, ich gehe jetzt wieder. Ich habe nämlich kapiert, dass mit dir nicht vernünftig über dieses Thema zu sprechen ist.“
„Ich wünsche dir viel Spaß, Santa Claus“, grinste Marc ihr hinterher. „Oder soll ich lieber ‚Santa Claudia‘ sagen?“ Die Antwort folgte prompt, nämlich in Form eines wütenden Türknallens.

Abends, nach Ende der Schicht, befanden sich Gretchen und Sabine gemeinsam in einem leeren Patientenzimmer, damit die Chirurgin in Spe dort in Ruhe und ungesehen von den übrigen Kollegen das Weihnachtsmannkostüm probetragen konnte. Sabine stand mit derweil mit zwei weinroten Kostümen parat.
„Wieso zwei?“ fragte Gretchen erstaunt.
„Sie sind beide aus dem Fundus des Krankenhauses“, erklärte die Zweiunddreißigjährige. Das eine ist etwas größer. Ich dachte, ich bringe beide mit, falls Sie doch den Dr. Meier…“,
„Leider nein, Sabine“, seufzte Gretchen. „Er will sich einfach nicht überreden lassen. Habe ich ja vorher oft genug gesagt. Aber Sie wollten es mir einfach nicht glauben. Und nun geben Sie mir bitte das kleinere Kostüm! Ich meine, wegen der Länge. Von der Weite her wird es sicher passen.“
„Den Bauch stopfen wir sowieso noch aus, Frau Doktor.“
„Dr. Meier meinte, das müsste nicht sein. Ich hätte ja bereits einen.“
„Ach, der wollte Sie bestimmt nur foppen.“
„Wer’s glaubt, Sabine“, sprach Gretchen und schnappte sich „ihr“ Kostüm von Sabines Arm.
„Sag ich doch, passt“, meinte die Professorentochter nach einer Weile, nachdem sie in das samtige rote Etwas geschlüpft war und feststellen konnte, das nichts zwickte und zwackte, aber auch nichts wirklich zu weit war.
„Wunderbar“, freute sich die Pflegerin. „Dann brauchen Sie nur noch den Rauschebart, die schwarzen Stiefel und die Mütze, dann ist morgen alles perfekt. Warten Sie!“ Sie wollte gerade wieder aus dem Raum flitzen, als Gretchen sie am Arm zurückhielt.
„Stopp, Sabine!“ meinte die Ärztin entschieden. „Das sparen wir uns für morgen auf, wenn es wirklich ernst wird. Jetzt will ich am liebsten nur noch nach Hause.“
„Stimmt“, nickte Sabine. „Günni wartet bestimmt auch schon auf dem Parkplatz auf mich. Er hatte heute früher Schluss, aber mein Günni ist so lieb, der holt mich trotzdem immer ab, wenn wir verschieden Feierabend haben. Ist das nicht lieb?“
„Sie Glückpilz“, nickte Gretchen ihr lächelnd zu.

Während seine Assistenzärztin und seine Stationsschwester sich bereits auf den Weg nach Hause machten, arbeitete Dr. Meier noch seine letzten Akten ab. Zwar war auch für ihn nach vierzehn langen Stunden der Feierabend angebrochen, doch irgendwie war er noch nicht bereit, für heute einen Schlussstrich zu ziehen und die übrigen Akten ebensolche bleiben zu lassen. Er war es ohnehin gewohnt, mal ein, zwei Stunden an seine eigentliche Arbeitszeit dranzuhängen. Doch irgendwann brauchte Marc dringend einen Kaffee. Er spürte, dass er langsam aber sicher müde wurde. Aber noch war das von ihm selbst auferlegte Arbeitspensum des Tages nicht erreicht. Schwerfällig erhob er sich daher von seinem gemütlichen Oberarztdrehstuhl und schlurfte kurz darauf in die Teeküche, die hinter dem Schwesternzimmer lag. Auch wenn Sabine längst nicht mehr im Hause weilte, aber einen frischen Kaffee für ihre Kollegen, die nach ihr Schicht hatten, brühte sie vor dem Weggehen immer auf. Und so konnte Dr. Meier in der Tat ein frisches Koffeingetränk genießen, natürlich schwarz und ohne Zucker, wodurch seine Lebensgeister zumindest vorerst wieder geweckt wurden. Zufrieden trank er seinen Kaffee aus und machte sich dann wieder auf zu seinem Büro. Aus irgendwelchen ihm nicht erklärbaren Gründen war er aber nicht alleine auf dem Gang, wie er feststellte und es war zudem keine Pflegekraft oder ein anderer Kollege, welcher seinen Weg kreuzte, sondern ein etwas zu kurz geratener Mensch, ein kleines, dunkelhaariges Mädchen mit einem dicken, braunen Teddybären im Arm. Wie alt mochte die Kleine, die im Übrigen barfuß hier rumlief, wohl sein? So fünf, höchstens sechs Jahre?
„Äh… was suchst du?“ sprach er das Mädchen an und fühlte sich durch seine eigene Frage in eine ähnliche Situation zurückversetzt, die jetzt ungefähr eineinhalb Jahre zurücklag. Pascal, kam es ihm in den Sinn, der kleine Junge, der von seinem Vater verprügelt wurde und den er fast am selben Ort zum ersten Mal traf. Nach der Sache mit dem Vater, dem Marc einmal ordentliche Breitseite verpasst hatte als „Rache“ für all die verprügelten kleinen Jungen auf dieser Welt, hatte er von der gesamten Familie nichts mehr gehört. Wie es Pascal wohl ging, schoss es ihm unwillkürlich durch den Kopf.
„Ich habe mich verlaufen“, hörte er eine piepsige Stimme, die ihn unmittelbar aus seinen Erinnerungen riss.
„Was wolltest du denn überhaupt hier?“ fragte der eigentlich kinderscheue Oberarzt ungewöhnlich ruhig und sachlich. Das kleine Mädchen schien überhaupt keine Scheu vor dem fremden Arzt zu haben. Sie sah ihm direkt in die Augen und gab ihm ohne Umschweife eine Antwort.
„Ich konnte nicht schlafen“, sagte sie. „Dann bin ich aus dem Bett geklettert und aus dem Zimmer gelaufen. Ich wollte eigentlich nur mal in die große Halle und mir den Weihnachtsbaum ansehen, aber ich kannte den Weg nicht mehr. Da bin ich überall rumgelaufen und auch über die Treppe. Und jetzt weiß ich nicht mehr, wie es zurückgeht auf mein Zimmer.“
„Hm…“, machte Marc kurz und sah sich prüfend um. „Dann solltest du besser eine Schwester fragen, ob die dich zurückbringen kann.“
„Kannst du das denn nicht machen?“ fragte die Kleine und sah Marc mit flehendem Blick an.
„Kleine, hör mal“, versuchte dieser sich aus der ihm ungewohnten Situation zu manövrieren. „Ich habe noch eine Menge Arbeit vor mir. Such dir am besten eine Krankenschwester. Oder ich rufe dir eine. Hauptsache, du kommst schnellstens auf deine Station zurück und ich kann hier in Ruhe weiter meine Akten fertigmachen.“
„Büdde“, ließ das Mädchen nicht locker und sah den Oberarzt mit herzzerreißendem Bambi-Blick an. „Ich möchte so gerne, dass du mich auf mein Zimmer zurückbringst.“
Es passierte etwas mit dem Oberarzt, dass normalerweise nur schokosüchtige, pummelige Assistenzärztinnen mit blonden Locken und himmelblauen Augen schafften. Der innere, harte Kern des Mannes schmolz zaghaft an. Schließlich war er innerlich so erweicht, dass er resignierend nachgab.
„Na komm, du Wanze“, meinte er schließlich und zeigte mit dem ausgestreckten Finger geradeaus. „Dann hoppele mal los zum Fahrstuhl! Ich bringe dich dahin, wo du definitiv hingehörst. Und das ist ganz bestimmt nicht hier auf der Chirurgie, wo sich normalerweise nur die Erwachsenen aufhalten.“
Marc vermied es dabei tunlichst, das Mädchen an die Hand zu nehmen. So weit käme es noch! Gegen eine Hilfsmaßnahme war ja auch bei einem Macho wie Dr. Meier nichts einzuwenden, doch mehr war eindeutig nicht drin. Der Fahrstuhl kam und der Chirurg folgte der kleinen Patientin in den metallenen Kasten, um sie zum fünften Stock zu begleiten, wo sich die Kinderstation befand.
Ein paar Minuten später wusste der Braunhaarige, dass das Mädchen Leah hieß und wegen eines schweren Asthmaanfalls im Krankenhaus lag. Er selbst stellte sich auf ihre dringende Frage nach seinem Namen mit einem schlichten „Dr. Meier“ vor. Mehr wollte er von seiner selbst auferlegten Distanz nicht aufgeben. Auf der richtigen Etage angekommen, brachte der Oberarzt Leah zu ihrer Station und staunte, als er dort mit ihr ankam. Gretchen, Sabine und das „Weihnachtsfunkeln“-Team hatten ganze Arbeit geleistet. Überall blinkte und blitzte es weihnachtlich. Süßlicher Tannen- und Lebkuchenduft vermischte sich mit dem üblichen Geruch nach Desinfektionsmitteln. Selbst ein Marc Meier konnte nicht verhehlen, dass ihn die Leistung des Komitees innerhalb so kurzer Zeit, die es für die Umsetzung zur Verfügung gehabt hatte, tief beeindruckte. Und irgendwie, so gestand er sich ein, war es passend für eine Kinderkrankenstation, wo man noch Träume hatte, für die Erwachsene wie er selbst oft kein Verständnis mehr aufbringen konnten. Alles war bunt und fröhlich, ganz anders, als auf seiner eigenen Station, wo nüchternes Weiß vorherrschte. Im Vorbeigehen erkannte Marc die Tafeln an den Wänden, an denen Bilder von aktuellen und ehemaligen Patienten, wohldatiert mit den entsprechenden Namen und Jahreszahlen, angebracht waren. Es war so persönlich hier. Wahrscheinlich kannte sich hier jeder mit vollständigem Namen und die Schwestern würden geduzt. Fast wie bei Mehdi auf der Gyn, dachte der Chirurg kurz und musste leicht schmunzeln.
Nachdem sie schon an einigen Zimmertüren, die allesamt mit bunten Tierfiguren versehen waren und dementsprechende Zimmernamen anstelle der üblichen Nummern besaßen, vorbeigekommen waren, fragte der Doktor ungeduldig, wie lange sie noch laufen müssten, um Leahs Zimmer zu finden. Die Kleine sah angestrengt die lange Reihe der Türen nach und schüttelte immer wieder den Kopf. Scheinbar hatte sie den korrekten Weg gänzlich vergessen, dachte Dr. Meier und seufzte innerlich genervt auf. Schließlich kamen sie in der Mitte des Ganges am Schwesternzimmer an. Licht schien durch die halb geöffnete Tür und deutlich war zu hören, dass der Fernseher lief.
„Nachtschwester?“ rief der Oberarzt deshalb über den Tresen der Anmeldung hinweg. Es dauerte einige Augenblicke, bis die Kollegin sich sehen ließ. Sie erkannte den Doktor, konnte ihn jedoch nicht recht einordnen. Er hingegen hatte absolut keine Ahnung, wer die ältere Mitarbeiterin war und identifizierte sie lediglich durch ihr Namensschild am Kittel.
„Schwester… äh… Hannelore, ich habe hier eine… nun ja… Schlafwandlerin, die eindeutig auf Ihre Station gehört.“ Die Schwester bewegte ihren Blick hinter den Rücken des Arztes und zog die Augenbrauen hoch.
„Ja, Leah“, rief sie erstaunt aus. „Was machst du denn für Sachen, hmm?“ Dankbar nahm sie das Kind wieder in ihre Obhut, womit Dr. Meier aus seiner kurzfristigen Babysitterrolle wieder entlassen war. Dennoch, sein unfreiwilliger Kurzbesuch auf der Kinderstation ließ ihn nicht los und brachte ihn bis spät in die Nacht zum Grübeln. Selbst noch zu Hause im Bett fand er damit keine Ruhe, bis ihn die Müdigkeit endgültig übermannte.

Am nächsten Vormittag startete Gretchen zusammen mit der seltsam wortkargen Sabine ihre Mission, den kindlichen Patienten des Elisabethkrankenhauses als verkleideter Weihnachtsmann ein wenig weihnachtliche Freude zu bereiten. Entschlossen kletterte sie in das rote Kostüm, zog die schwarzen Stiefel dazu an, versteckte ihr Gesicht hinter einem dichten, weißen Kunstbart und drapierte die passende Mütze auf ihrem vorsorglich hochgesteckten Lockenkopf. Mit einem Kissen stattete Sabine sie mit einem prallen, dicken Bauch aus, so dass das Kostüm gut ausgefüllt war. Gemeinsam stiefelten sie, Sabine trug dabei ein Elfenkostüm, zur Kinderstation, wobei Gretchen beinahe den schweren Geschenkesack im Schwesternzimmer vergessen hätte. Oben warteten die Kinder sehnsüchtig auf das wohl bekannteste Gesicht des Weihnachtsfestes neben dem Christkind. Von lauter erstaunten, fast schon entgeisterten Kindergesichtern wurde Gretchen begrüßt und verstand gar nicht, warum die Kleinen sie so argwöhnisch betrachteten.
„Ho, ho, ho, ihr lieben Kinder“, rief die kostümierte Ärztin mit verstellter Stimme und schritt weiter in den Raum hinein, immer noch irritiert, dass die Kinder sie so seltsam ansahen und eher verstört als fröhlich aussahen. Stimmte mit ihrem Kostüm etwas nicht? Sie tat einen weiteren Schritt und wollte sich gerade nach Sabine umsehen, die irgendwo hinter ihr verblieben sein musste, als sie gegen etwas Weiches prallte, das sie zunächst in ihrer Perplexität nicht gesehen hatte. Zugleich trat sie auf etwas, woraufhin ein leises Aufquieken ihr Ohr erreichte.
„Entschuldigung“, murmelte sie peinlich berührt und sah sich vorsichtig zur Seite um. Was sie dann erblickte, ließ ihre Verwirrung noch größer erscheinen. Neben ihr stand ein zweiter Weihnachtsmann, etwas größer als sie selbst, aber exakt so ausgestattet, mit rotem Kostüm, Mütze, Rauschebart und schwarzen Stiefeln. Nur eines verriet ihn, seine leuchtenden grünen Augen.
„Marc?“ raunte die Ärztin ihrem Nebenmann erstaunt zu. „Was tust du denn hier? Und vor allem in dieser Aufmachung?“
„Da staunste, was?“ zwinkerte der verkleidete Chirurg ihr zu. „Sagen wir mal so, ich hatte gestern eine Begegnung mit einer Art engelhaftem Wesen.“
„Aha?“ meinte Gretchen und lächelte hinter ihrem künstlichen Vollbart. Natürlich dachte sie, dass sie der sogenannte „Engel“ gewesen sei. Wer auch sonst? Sie kannte ja die Geschichte der Begegnung von Marc und Leah nicht, noch nicht.
„Woher hast du das Kostüm?“ fragte sie weiter und erhaschte daraufhin Marcs Blick auf die ziemlich klein gewordene Sabine am anderen Ende des Raumes. Aha! Verschwörung im Hinterhalt, dachte sich die Blondine schmunzelnd. Ihre Gedanken wurden schließlich unterbrochen, als ein kleiner Junge sich zu Wort meldete und fragte: „Wer ist denn nun der Weihnachtsmann?“
„Na ich“, war es selbstverständlich Dr. Meier, der die Antwort vorschnell lieferte, ehe Gretchen überhaupt zum Reden ansetzen konnte.
„Und der andere da?“ fragte ein weiteres Kind immer noch skeptisch.
„Das da, das ist mein treuer Begleiter“, erklärte Marc selbst- und textsicher. „Er hält sich normalerweise im Hintergrund und tritt für mich ein, wenn ich, aus unerfindlichen Gründen, mal nicht selbst zu euch Kindern kommen kann.“ Scheinbar gaben die kleinen Patienten sich mit dieser Aussage zufrieden und freuten sich, dass sie nun in den Genuss kamen, zwei Weihnachtsmänner gleichzeitig zu treffen. Gretchen, Marc und Hilfselfe Sabine gaben ihr Bestes und bereiteten den Kindern wohl eines ihrer schönen Weihnachtsfeste, das sie all ihre Sorgen und für eine Weile auch ihre Schmerzen vergessen ließ. Und selbst Marc amüsierte sich, was Gretchen zufrieden zur Kenntnis nahm. Sie hatte es ja immer gewusst: tief in ihm drin steckte ein weicher Kern. Man musste nur Mittel und Wege finden, ihn zum Schmelzen zu bringen. Dass dies ausgerechnet heute gelang, war fast wie ein Wunder, ein weihnachtliches Wunder inmitten eines kleinen Krankenhauses in Berlin.



3996 Wörter






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JackySunshine Online

Facharzt:


Beiträge: 8.887

25.12.2018 16:38
#2 RE: Challenge Nummer 6: Weihnachten Zitat · antworten

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AUTOR ZWEI

Notaufnahme

Ein paar Tage vor Weihnachten war die Notaufnahme voll und die Belegschaft des Elisabeth-Krankenhauses kam kaum zum Verschnaufen. Marc war das durchaus recht, denn mit abnehmender Tagesanzahl bis zum Schlimmsten aller Familienfeiern stieg die Anzahl an kuriosen Unfallgeschichten, meistens nach alkohollastigen, betrieblichen Weihnachtsfeiern.
In einer der seltenen Pausen hatte er Gretchen und sich einen Kaffee geholt. Nun standen sie vor dem Tor der Notaufnahme und ließen sich die erstaunlich kräftige Dezembersonne auf ihre Gesichter und in die gestressten Medizinergemüter scheinen.

„Sabine soll den Tierschutz verständigen.“

Fast verschluckte sich Gretchen an ihrem Koffeingebräu. „Du glaubst nicht allen Ernstes diese wirre Geschichte vom Katzenhai im See der Dampfschifffahrtgesellschaft?“
„Tiere entlaufen immer wieder.“
„Seit wann können Katzenhaie laufen?“
„Hasenzahn! Dass ein Spinner ein Zootier befreien will ist wahrscheinlicher als dass sich dieser windige Techniker in seinen Kabeln verheddert hat.“
„Die Verletzungen von dem sind aber eindeutig?!“
Er rollte mit den Augen und schnaufte. „Na dann hoffen wir mal, dass die Feingeister der Telekommunikationsdienstleistungsunternehmen bald sowas wie Funk oder ungefährliche, kabellose Verbindungen und Datenübertragungen erfinden. Sonst werden die Verträge noch teurer, weil die wegen ihren Kabelverlegern horrende Risikozahlungen leisten müssen.“
„Warum nimmst Du mich immer auf den Arm?“
Marc grinste. „Das würde mir nicht im Traum einfallen – einen Leistenbruch kann Gott sich zur Zeit nicht leisten.“ Bevor die Assistenzärztin beleidigt protestieren konnte stellte er seinen Kaffee weg und zog sie an sich. „In den Arm lasse ich allerdings gelten – manchmal.“ Schon ließ er sie wieder los.

Mittlerweile mochte er die Nähe seiner Freundin. Gelegentlich auch im Krankenhaus – in seinem Büro, wenn die Tür fest verschlossen war. Aber wenn Kollegen in der Nähe waren, fielen die Zuneigungsbekundungen des Oberarztes meistens nicht statt. Gretchen hatte sich daran gewöhnt, sie war glücklich, dass Marc endlich den Mut zu einer Beziehung gefunden hatte. Mit ihr. Gretchen Haase. Der laut ihrem Freund launischsten, dicksten und untalentiertesten Assistenzärztin. Ihre besten Disziplinen waren Hysterisch, Schokolade und rosa Neurosen. Aber es schien ihn nicht mehr zu stören.

Jetzt war sie ehrlich irritiert. Die Verletzungen des Mannes, der vor ein paar Stunden eingeliefert worden war, waren eindeutig Bisswunden. Zweifellos war er im Wasser gewesen, sonst hätte man ihn nicht nackt, unterkühlt und mit Algenschleim beschmoddert am Ufer der Spree aufgelesen. Aber der Biss eines Katzenhais? Das war absurder als die Unfallbeschreibung des Technikers, der mit seinen Telefonkabeln gekämpft und eindeutig verloren hatte.

„Im Zeitalter von WLAN und Bluetooth, Funk und mobilen Daten braucht sich niemand, auch kein Telekomiker mehr in Kabeln verheddern.“
„Aha. Und wie soll er sich sonst verletzt haben?“

Marc seufzte. „Unfall am Arbeitsplatz heißt nicht automatisch Arbeitsunfall. Außer Sex mit Spielzeug und Würgen steht in seiner Arbeitsplatzbeschreibung.“ Er lachte. „Kabelverleger, die unbekannte Konkurrenz der Rohrverleger!“
„Boah, Marc!“
„Ja, was!“
„Sieh mal bei Gelegenheit in Deiner Arbeitsplatzbeschreibung nach – da gibt’s bestimmt einen Passus Respekt gegenüber Kollegen und Patienten.“
„Stimmt, Hasenzahn. Allerdings werden die Patienten da neutral als Klienten bezeichnet. Solltest Du wissen, da Du sie ja offensichtlich als Einschlaflektüre verwendest.“
„Du hast mir ja Doktor Rogelt verboten, wenn ich bei Dir bin!“
„Hm...“ Der Punkt ging eindeutig an die nun triumphierend grinsende Assistenzärztin.

„Überredet Hasenzahn. Ich stehe ja nicht auf Fesselspiele, aber ich werde Dir zuliebe eine Ausnahme machen.“
Sie starrte ihn mit großen, blauen Augen an. „Was?“
„Ich habe im Keller noch ein altes Verlängerungskabel. Das eignet sich bestimmt zum Verheddern. Es muss doch nicht – rosa sein?“

(„Wenn der Punkt nicht an mich geht, dann weiß ich es nicht!“)

(„Oh je. Was habe ich jetzt angerichtet!? Aus der Nummer – haha, im wahrsten Sinne des Wortes – komme ich nicht mehr raus. Und vermutlich stranguliere ich mich dann genauso wie Herr Schnur.“)

(„Mal sehen, wie sie versucht, aus dieser Nummer wieder rauszukommen.“)

(„Ich muss ihn irgendwie und sofort auf andere Gedanken bringen.“)


„Also was ist mit dem Tierschutz?“
„Netter Versuch, Hasenzahn. Darum soll sich Sabine kümmern.“ Er grinste, um dann gleich wieder der professionelle Chirurg zu sein. „Ich sehe mal auf der Station nach dem rechten und Du hältst hier die Stellung. – Apropos Stellung...“ Er zwinkerte herausfordernd und seine Grübchen blitzten frech. „Ich freue mich auf heute Abend!“



Aufzug

Noch im Aufzug grinste der attraktive Oberarzt vergnügt vor sich hin. Er war gespannt, was Gretchen am Abend für Ausreden auffahren würde.

„Na Marc, so gut gelaunt?“ Ein dunkelhaariger Wuschelkopf stieg in den Aufzug und bevor sich die Türen schließen konnten, quetschte sich auch noch eine brünette Krankenschwester durch selbige hindurch. „Kaum vorstellbar, dass ihm wegen Doktor Hoppel-Moppel die Sonne aus dem Arsch scheint.“
Blitzschnell brachte Marc den Aufzug auf der nächsten Etage zum Stehen und bugsierte die Krankenschwester unsanft durch die Tür. „Auch wenn Dein Hirn winzig ist, es braucht Blut. Nimm die Treppe, das bringt den Kreislauf in Schwung!“

Mehdi grinste still vor sich hin. Da das jüngste Paar des EKH seine Beziehung nicht zur Schau stellte – zum Leidwesen der klatschgeilen Mitarbeiter – waren es solche kleinen Szenen, die vor allem den Oberarzt entlarvten.

„Was kommen denn bei euch heute für kuriose Fälle reingerollt?“
Marc grunzte. „Biss von einem Katzenhai und ein Telekomiker, der sich in seinen Kabeln verheddert haben will.“
„Wo gibt’s denn noch Kabel?“
Jetzt grinste Marc. „Das wollte mir Gretchen auch nicht glauben.“
„Vielleicht kannst Du ihr ja was von ihrer Naivität nehmen.“
„Wieso?“
„Wieso?“
„Ja, wieso?“
„Das fragst Du nicht wirklich?“
„Doch. Gretchen ist Gretchen. Und ganz ehrlich – ich habe noch nie auf Fesselspiele und anderes gestanden.“
„Schade, ich hätte da durchaus aushelfen können.“

Jetzt war es Marc, der seinen Kumpel ansah, als käme der von einem anderen Stern. „Nicht im Ernst.“
„Doch... ich habe neulich das „Arbeitsmaterial“ von Anna gefunden. Wenn Du also mal was brauchst...“
„Erstens – mit Sicherheit nicht. Zweitens – mit Sicherheit nicht das versiffte oder eingestaubte „Arbeitsmaterial“ einer Nutte. Entschuldige, Mehdi – Deiner Ex-Nutte.“
„Warum bist Du jetzt beleidigt?“
„Ich bin nicht beleidigt!“ Die Lautstärke seiner Stimme strafte Marcs Worte Lügen.
„Nö...“ Belustigt schüttelte der Halbperser seinen Strubbelkopf.
„Musst Du nicht längst zwischen den Schenkeln einer Frau versinken?“
„Beleidigend und ausfallend. Du bist beleidigt. Aber so kennen wir Dich! Und seltsamerweise mögen Dich immer noch ein paar Leute!“
Marc grinste überlegen, als er auf seiner Station den Fahrstuhl verließ. „Wer kann, der kann!“


Notaufnahme

„Kälbchen, hast Du Doktor Meier gesehen?“ Professor Doktor med. Franz Haase eilte hektisch in die Notaufnahme, wo er seinen Oberarzt vermutete. Die Angesprochene stand gedankenverloren an den Tresen gelehnt und starrte missmutig in ihren Kaffee.
„Kind, ist alles okay?“
Die Assistenzärztin schnaubte. „Nicht, solange Du mich öffentlich verhöhnst!“
„Ich habe keine Zeit für Kinkerlitzchen! Es ist wichtig, ich brauche den Meier!“
„Weder Kälbchen noch den Meier! Margarete oder Doktor Haase. Und Doktor Meier!“
„Gut, dass Sie schon schlecht gelaunt sind, Doktor Haase. Dann bin ich nicht alleine Schuld, wenn ich Ihnen nun die Spätschicht von Doktor Knechtelsdörfer zuteilen muss. Der Kollege hat sich eben krank gemeldet!“
„Aber Papa...“
„Herr Professor oder Herr Professor Haase.“ Er tippte auf sein Namensschild. „Als Chefarzt bitte ich um etwas mehr Respekt!“

„Ooooch...“

(„Na toll Gretchen. Super hingekriegt!“)

(„Aber so muss ich mir nicht mal was ausdenken, warum ich heute nicht bei Marc übernachte... Gott sei Dank! Keine Fesselspiele!“)






Cafeteria

Mehdi war sauer. Mit welchem Recht urteilte Marc über seine Frau. Zugegebenermaßen – eine Ex-Nutte. Egal ob mit oder ohne Spielzeug, Marc selbst hatte sein Ding in sie und noch viele andere Frauen gesteckt. Und jetzt wollte er sich als Moralapostel aufspielen?

„Superchirurg!“

Leider ließ sich die fachliche Qualität seines Freundes nicht in Frage stellen.

„Im Grunde haben Sie Recht aber bitte – Superchirurgin.“

„Bitte?“ Irritiert schaute der Gynäkologe auf. Wo kam Doktor Hassmann denn jetzt her? Die sich nun ungefragt mit an seinen Tisch setzte. „Ihre Anerkennung weiß ich zu schätzen, Doktor Kaan aber da mir ein drittes Bein fehlt bestehe ich auf die korrekte geschlechtliche Bezeichnung Superchirurgin.“

„Ich hatte bei Ihnen schon immer Schwanzneid vermutet!“

„Naja, das Thema Neid kennen Sie ja. Und das Seminar „Wie forme ich mein Ego“ ist nun mal ausschließlich uns Chirurgen vorbehalten. Egal ob mit oder ohne Schwanz.“ Die Oberärztin zwinkerte Mehdi versöhnlich zu. „Ärgern Sie sich nicht immer über den Meier. Da spielt uns die Zeit zu. Und die Haase. Schneller als ihm lieb ist wird sie ihn durch ihren rosaroten Fleischwolf gedreht und ihn umgekrempelt haben.“
„Sie avisieren den Meier als braves Hündchen? Niemals!“
„Glauben Sie mir – auch ich greife gelegentlich auf die Waffen von uns Frauen zurück.“ Sie richtete sich auf und setzte ihr Dekolleté in Szene.
Mehdi lachte. „Ihnen fehlt nicht nur ein drittes Bein sondern definitiv auch Oberweite. Nicht, dass Sie nicht schöne Brüste hätten. Schöne, kleine Brüste. Aber als Argumente können Sie die nicht einsetzen.“
„Oh. Ich habe Sie unterschätzt. Sie können ja doch ein bisschen beißen. Kommt da noch mehr? Ich bin wirklich beeindruckt – und hin- und her gerissen ob ich Sie nicht noch ein wenig reizen soll!“
„Mit Ihren Brüsten gelingt das eher nicht.“ Mehdi grinste verlegen. Im Grunde wollte er niemanden beleidigen – er war eben nicht wie der Meier! „Aber Ihre Beine. Auch wenn es nur zwei sind. Ihre Beine sind definitiv ein Hingucker!“

„Jetzt enttäuschen Sie mich, Doktor Kaan!“
„Damit kann ich leben, Frau Doktorin Hassmann!“
„Gerade fingen Sie an, interessant zu werden.“
„Für wen?“
„Vergessen Sie Doktor Haase, Doktor Kaan. Solange der Meier es nicht richtig verbockt – und da sieht es erstaunlicherweise nicht nach aus – sind Sie raus. Und ob ich im Fall des Falles der tröstende Notnagel für den Dicken Haasen sein wollte...“
„Immerhin hat sie richtige Brüste.“
„Hinter denen sie eine fette Portion Naivität und Verklemmtheit versteckt. Hätte nie gedacht, dass jemand wie der Meier darauf steht...“
„Stille Wasser...“
„Pfff... nicht sie Haase. Obwohl - Sie sie ja schon im Bett hatten!“

Ihre Worte lösten in Mehdi eine Welle der Erinnerung aus. Er fühlte weiche Haut, sinnliche Lippen... er seufzte.
Seine Gegenüber sah ihn aufmerksam an. „Hm... wirklich? Die Haase mit Handschellen und so?“ Sie überlegte und schüttelte den Kopf. „Genauso unvorstellbar wie der Meier und rosa Plüsch.“


Heimisches Arbeitszimmer

Marc war enttäuscht. Dass Gretchen die Nacht nicht bei ihm verbringen würde, davon war er nach ihrer Unterhaltung in der Notaufnahme ausgegangen. Doch er hatte sich auf die hanebüchenen Ausreden seiner Freundin gefreut. Sie konnte sich so wunderbar um Kopf und Kragen reden. Nun hatte der Professor ihm diesen Spaß genommen. Quasi höchst offiziell und professionell. Und Gretchen hatte ihm dies leise triumphierend mitgeteilt, was noch mehr in ihm rumorte.

Nein, er brauchte kein Spielzeug. Eine Frau war Spielzeug genug. In der Regel gab es da genug Knöpfe, die man nach Belieben drücken konnte. Und war es einmal nicht der Fall, dann wurde die Bettgespielin eben abserviert. Ganz einfach. Vielleicht war es das, was bei Gretchen so anders war. Sie funktionierte nicht auf Knopfdruck. Marc hatte Gefallen daran gefunden. Sie war eine Wundertüte. Einerseits – vorsehbar wie die Farbe ihrer Zahnbürste: rosa. Andererseits – voller Überraschungen. Zum Beispiel, dass sie tatsächlich nicht kochen konnte. Gretchen hatte seine Anspielung „Als Tochter von Bärbel Haase und mit einer gewissen Leidenschaft für alles Essbare ist es fast unvorstellbar, dass Du nicht kochen kannst“ geschickt gekontert. „Deswegen habe ich mich auf Schokolade spezialisiert. Da kann man nicht viel falsch machen!“

Im Fernsehen lief nichts, was ihn interessierte. Nun saß er im Arbeitszimmer und starrte auf den gestrigen OP-Bericht von Knechtelsdörfer. Der ihn auch nicht interessierte. Der nur das fachlich Notwendigste enthielt.
Wie anders waren die Dokumente, die eine blonde Assistenzärztin ablieferte. Im Gegensatz zum Österreicher interessierte sie sich für das, was sie tat. Das empfand er nicht erst seit ein paar Monaten so. Zwischen seinen beiden Assistenten klaffte ein riesiges Loch. Inkompetenz und Faulheit gegen Wissen, Interesse und Leidenschaft. Das war es, was Gretchen ausmachte. Leidenschaft. Und er musste sich jetzt noch mehr anstrengen, dass man ihm nichts vorwerfen konnte. Bevorzugung der Assistentin, die zufälligerweise das Bett mit ihm teilte. Der minderbemittelte Kollege würde sich mit Sicherheit darauf beziehen und nicht den Grund in seiner unterdurchschnittlichen Arbeitsleistung suchen.

Marc seufzte und fuhr fort, den Bericht zu korrigieren. Doch dann tauschte er den Stift gegen sein Handy.

„Anstatt dass wir Spaß haben, sitze ich hier über euren Scheiß-Berichten. Danke, Hasenzahn!“

„Papa hat den Einsatzplan angepasst, nicht ich!“

„Aber es passte Dir doch gut in den Kram.“

„Meinst Du nicht, ich würde lieber einen Abend mit meinem Freund verbringen als meinem Oberarzt unqualifizierte Berichte zu schreiben?“

„Nicht, wenn „Spielzeug“ drohen könnte...“


(„Mist... er wird es nicht vergessen...“)

Dass von Gretchen keine weitere Nachricht mehr kam quittierte Marc mit einem wissenden Grinsen. Mit einem ergebenen Seufzen machte er sich wieder an die Überarbeitung der OP-Berichte.

Spätschicht/Stationszimmer

Sabine hatte interessiert das Mienenspiel ihrer Lieblingsärztin beobachtet. Freudig lächelnd am Anfang und jetzt...?

„War er nicht nett?“
„Bitte?“
„Der Doktor Meier?“
„Äh... was meinen Sie?“
„Das war doch der Doktor Meier, der Ihnen geschrieben hat. Ich habe das an ihrem Lächeln gesehen. Und so wie jetzt gucken, gucken Sie immer, wenn er gemein war.“
„Er langweilt sich mit Berichten. Das war nichts Persönliches.“
„So haben Sie aber nicht geguckt. Das war sehr wohl persönlich!“
„Sie haben ja keine Ahnung!“
„Das trifft bestimmt auf viele Bereiche zu. Aber Sie kenne ich. Und den Doktor Meier auch. Schließlich studiere ich Sie beide seit Jahren!“
„Aha. Dann bin ich auf Ihre Examensarbeit gespannt!“
„Wenn Sie es nicht vorher verbocken...“
„Wie meinen Sie diese Unverschämtheit, Sabine?“
„Ehrlich, Frau Doktor.“
„Sabine!“
„Frau Doktor, ich bin wirklich ein Fan von Ihnen und Doktor Meier als Paar. Aber ich befürchte ehrlich und unverschämt, dass einer von ihnen es eines Tages richtig verbocken könnte. Ich meine, Sie und Doktor Meier. Das ist, als hätten Nord- und Südpol ein Date am Äquator.“
„Sie halten unsere Zeit für begrenzt?“
„Sie beide sind Naturgewalten. Und zwar völlig unterschiedliche.“
„Aha. Und zwischen Ihnen und spooky Spock Gummersbach ist alles tutti?“
„Mit dem Universum kenne ich mich aus!“
„Hm.“

Eine Weile hing Gretchen ihren Gedanken nach. Vielleicht war es wirklich irgendwann langweilig mit ihr? Vor allem – im Bett? Sie war noch nie sehr... sexuell orientiert gewesen. Was hatte wohl eine Gabi mit Marc angestellt? Die war definitiv nicht zimperlich im Bett. Bestimmt war sie auch bereit, mit Spielzeug zu experimentieren. Ob Marc das fehlte? Und was hatte ihr Freund schon alles ausprobiert? Was mochte er wirklich? Bisher hatte sie nicht den Eindruck gehabt, dass er sich im Bett mit ihr langweilte. Aber er war auch ein guter Schauspieler. Ließ sich nicht so leicht in die Karten gucken. Obwohl sie auch da sicher gewesen war, ihn gut einschätzen zu können. Einfach, weil sie ihn kannte. Weil ihr Herz so viel seines unbewussten Verhaltens erfassen und analysieren konnte.

„Meinen Sie wirklich, dass Doktor Meier und ich nicht zusammen passen?“
„Im Gegenteil. Aber Sie werden immer wieder viele Stürme erleben. Nicht wie bei Doktor Kaan und Ihnen. Damals, wissen Sie? Das waren sichere Gewässer. Ihre Sterne bewegten sich harmonisch miteinander.“
„Und das tun die von Doktor Meier und mir nicht?“
„Nicht so. Die grobe Richtung ist die Gleiche aber hauptsächlich tanzen sie in alle Richtungen. Umeinander herum. Durcheinander. Da ist mehr Energie im Spiel. Deswegen leuchten ihre Explosionen so hell. Aber Sie kollidieren nicht konstant, weil ihre Geschwindigkeiten unterschiedlich sind.“
„Können Sie das in Irdische Sprache übersetzen? Nur, dass ich es auch verstehe?“
„Sie haben mich schon verstanden, Frau Doktor.“

Gretchen seufzte. „Langweilige Sicherheit das eine...“
„Explodierende Energie das andere...“
„Sie meinen, ich muss mich schneller bewegen?“
„Könnten Sie das denn? Auf Dauer meine ich?“
„Vielleicht reicht es, es gelegentlich zu versuchen?“
„Was sagt denn Ihr Jahreshoroskop?“
„Dafür sind Sie doch zuständig, Sabine.“
„Mein Zuständigkeitsbereich befindet sich momentan zwischen zwei bunt bedruckten Einbänden. Doktor Rogelt in einer Weihnachtsausgabe.“ Die Krankenschwester hob das Buch hoch und seufzte glücklich. „Frau Fisher hat sich wirklich selbst übertroffen und sich mal wieder neu erfunden. Aber muss man ja auch, wenn man langfristig erfolgreich sein will. Sonst wird es ja langweilig.“

(„Hm... vielleicht hat sie irgendwie Recht? Mit dem Sternengeschwafel und dass man sich immer wieder neu erfinden muss?“)

Sie nahm ihr Smartphone. Ist es wirklich schon langweilig mit mir?

(„Will ich da eine Antwort drauf?“)

(„Löschen.“)

(„Ja will ich. Aber nicht von Marc. Ich muss Mehdi fragen. Der verpackt die Wahrheit wenigstens etwas netter.“)



Spätschicht/Gynäkologie

„Hi Mehdi. Ist bei Dir auch nichts los?“
„Nee, aber es kommt mir gelegen. Kann ich endlich mal die letzten Berichte überarbeiten.“
„Also störe ich?“
„Das kommt drauf an...“
„Was meinst Du?“
„Kommst Du wegen mir oder wegen Marc?“

Gretchen seufzte. „Entschuldige die Störung, ich bin schon wieder weg.“
„Nun sei doch nicht gleich beleidigt. Ich hätte mit der Hassmann wetten sollen...“
„Es tut mir leid, dass Du Recht hast – Ich bin nicht beleidigt.“
„Hat Marc heute Mittag auch gesagt. Aber da er beleidigend und wurde, weiß ich, dass er beleidigt war.“
„Warum? Und was für eine Wette?“
„Ach, es ging um euren Sexunfall. Und die Wette... hm... die Hassmann meinte, Du würdest Marc in Nullkommanix durch Deinen rosa Fleischwolf drehen, ihn umkrempeln und zu Deinem Schoßhündchen machen.“
„Eins nach dem anderen, bitte... was soll ich? Als würde Marc sich verändern lassen. Pfff, was glaubst Du wäre los, wenn ich ihn bitten würde, sich anders zu verhalten?“
„Es geht eher um das – Ungesagte.“

Gretchen hatte keine Ahnung, wovon Mehdi sprach. Was wollte er ihr sagen? Und hatte Sabine ihr das gleiche erklären wollen? „Was ist denn Deiner Meinung nach das Ungesagte? Vor allen Dingen – worüber habt ihr geredet, was man mit mir nicht besprechen kann?“

Der Gynäkologe sah Gretchen nachdenklich an. „Es ging um den Sexunfall und dass Du, naiv wie Du bist, dem Patienten diese Kabelgeschichte abgekauft hast.“
„Sagt Marc, dass ich naiv bin?“
Mehdi antwortete mit einem neutralen Grunzen.

(„Das kann jetzt alles heißen!“)

„Also hat Sabine Recht und ich werde Marc schnell langweilig sein? Wenn ich es nicht schon bin... weil... naja... er wollte, dass wir Fesselspiele ausprobieren.“
„Ach, deswegen hat er mich gefragt.“ Diese Aussage war jetzt glatt gelogen, aber ein bisschen Spaß machte es ihm schon, die blonde Assistenzärztin jetzt so betreten zu sehen.
„Was gefragt, Mehdi. Mann, lass Dir doch nicht alles aus der Nase ziehen! Ich muss meine Beziehung retten!“
„Naja, ich habe neulich mal Annas Sachen aussortiert und bin auf einen reichhaltigen Fundus gestoßen. Spielzeug. Für Erwachsene.“
„Und danach hat er Dich gefragt?“
„Eigentlich nur nach Handschellen.“ Auch wenn es geflunkert war, innerlich amüsierte sich der Halbperser königlich.
„Oh je...“ Gretchen seufzte. „Sabine sagte, dass Marcs und meine Flugbahnen zu wenig auf einander abgestimmt sind. Wenn wir mal kollidieren, dann leuchten wir heller als alles andere aber um zu kollidieren müssten sich Nord- und Südpol am Äquator treffen.“
„Und die Handschellen wollte er, dass ihr nicht wieder abdriften könnt? Gar nicht so dumm.“
„Irgendwie finde ich das alles gerade ganz dumm – es klingt als warten alle nur auf das dicke Ende. Pfff... wieder ein dickes Ende für den dicken Haasen!“
„Ach Gretchen. Nun warte doch erstmal ab...“
„Solange Du nicht sagst So schlimm wird es schon nicht werden!“
„So schlimm wird es schon nicht werden!“
„Danke, Mehdi.“ Sie ging zur Tür. „Du bist ein wahrer Freund!“ Sagte sie spitz und knallte die Türe hinter sich zu. Außen lauschte sie einen Moment und der Gynäkologe enttäuschte sie nicht. Er brülle: „Diese Tür hat eine Klinke!“

Deprimiert grinsend verließ sie die Station.


Neuer Tag/Aufzug

Sie konnte nur hoffen, dass niemand – besonders nicht ihr Oberarzt – ihre Verspätung bemerkt hatte.

(„Sind ja nur ein paar Minuten. Außerdem ist Knechtelsdörfer auch regelmäßig zu spät und keiner merkt es!“)

Hektisch drückte sie immer wieder auf den Knopf.
„Den Knopf zu zerstören macht den Fahrstuhl nicht schneller – da hilft nur Pünktlichkeit!“
Plötzlich stand Marc neben ihr. „Schön, dass Madame auch schon da ist!“

(„Mist!“)

„Guten Morgen, Marc.“
„Du bist wieder zu spät!“

Seine Stimme trieb die mitfahrenden Kollegen aus dem Fahrstuhl. Natürlich hätten sie gerne die weitere Szene mitbekommen, aber mit Vorhaltungen konnte Doktor Meier großzügig sein. Also nahmen sie lieber die Treppe.
Nur der Chirurg und seine Assistenzärztin blieben zurück. Die Tür schloss sich und die Kabine setzte sich in Bewegung.

Gretchen blitze Marc mit ihren blauen Augen an. „Ja, entschuldige bitte, andere kommen auch ständig zu spät, ohne dass Du eine Welle machst.“
„Die sind ja auch entbehrlich!“
Mit einer fließenden Bewegung hatte er gleichzeitig die Stopp-Taste gedrückt und Gretchen in den Arm genommen. „Ich hab Dich vermisst.“

(„Er ist so süß!“)

„Aber das holen wir nach, versprochen?“

(„Ähm... okay. Angriff ist die beste Verteidigung!“)

„Deswegen bin ich zu spät!“
„Was?“
„Fesselspiele, Marc.“
„Du sprichst in Rätseln?“
Er spürte etwas Weiches an seinem Handgelenk, hörte Metall aneinander schlagen und ein leises Klick.

(„Ups...“)

„Plüsch-Handschellen?“ Marc starrte auf sein Handgelenk. Sie hatte ihn an den Griff des Aufzugs gekettet.
„Ja, sorry. Ich hab nur die schwarzen gefunden. Eigentlich wollte ich die Rosafarbenen.“
„Hasenzahn!“
„Ist es nicht das, was Du magst?“
„Ich wüsste nicht, wann ich sowas gesagt haben sollte.“

Gretchen spielte mit dem kleinen Schlüssel.

„Hasenzahn, mach diese Scheißdinger auf! Am besten bevor Du den Schlüssel verlierst.“
Sie grinste. „Oh, das hier ist nur der Fahrradschlüssel.“
„Dann rück endlich den anderen raus.“
„Es gibt keinen.“
„Was? Hast Du den Arsch offen? Du kettest mich mit schwarzen Plüsch-Handschellen fest und hast keinen Schlüssel?“
„Ich hab die ja gar nicht zu gemacht. Das bist Du selbst schuld, wenn Du immer so rumhampelst.“
„Jetzt habe ich mich selbst angekettet? Ist es das, was Du behaupten willst?“
„Es hat doch nicht geklickt!“
„Gleich klickt es bei Dir!“ Wütend zerrte er an den Handschellen. Schließlich hielt er inne.
„Es nutzt nichts. Okay, Hasenzahn. Hosen runter!“ Er genoss es, wie Gretchen zurück wich und zur Salzsäule erstarrte.
„Marc... das...“
„War nicht Deine Absicht, wolltest Du das sagen?“
„Ja.“ Die zitternde Stimme kündigte Tränen an. Sie traute sich kaum, ihn anzusehen. Ausweichen konnte sie ihm jedoch nicht, dafür war die Kabine zu klein.
„Schau mich an.“
Sie versuchte, ein Schluchzen zu unterdrücken. Dann tat sie wie befohlen. „Es tut mir leid.“ Ihre Stimme war kaum hörbar.
„Ich nehme an, die Sache mit den Kabeln war der Auslöser. Aber wie zum Teufel kommst Du auf diesen Quatsch?“
Das war nicht der wütende Oberarzt oder ein gekränkter Marc. Das war ihr Freund, der sie mit dem freien Arm nun fest an sich zog. „Gretchen, wir sind hier ungestört. Als lass mich bitte an Deinen wirren Gedanken teilhaben.“

Sie weinte hemmungslos in seine Halsbeuge und aus dem geschluchzten Gestammel und konnte er lediglich Brocken heraushören. Sterne, Nordpol, Explosionen, Wette und Spielzeugkiste. Sinn machte das definitiv nicht, doch was er ohne Zweifel heraushörte, dass Sabine und Mehdi hier ganze Arbeit geleistet hatten. Mit was auch immer! Liebevoll streichelte er immer wieder über ihren Rücken, strich die langen Haare zärtlich zurück und suchte ab und zu ihre Lippen, um sich einen tränengesalzenen Kuss zu klauen.

Langsam wurde Gretchen ruhiger, die Atmung regulierte sich und somit gelangte wieder mehr Sauerstoff in ihr Gehirn.
„Jetzt müssen wir Dich nur irgendwie los kriegen. Ohne, dass es ganz peinlich wird!“
Sie stutze. Wieso fühlte sie je eine Hand auf ihren Pobacken. Fragend sah sie Marc an und der grinste. „Spielzeug, Hasenzahn. Billigste Chinaware für Kinderfasching produziert. Das Metall ist leicht zu verbiegen.“ Der Chirurg zeigte die Hand, mit der er kurz vorher noch an den Aufzug gefesselt gewesen war.
„Oh Gott...!“
„Ich hoffe, das weißt Du auch gleich noch bei den Patienten!“
„Ich versuche heute mal brav zu sein und meinen Oberarzt nicht allzu oft zu korrigieren!“
„Du hast Glück, dass Knechtelsdörfer krank ist. Sonst würde ich Dich glatt aus der heutigen OP streichen!“ Damit drückte er erneut die Stopp-Taste und der Fahrstuhl setzte sich wieder in Bewegung.
„Dann hab ich doppelt Glück. Erstens – konkurrenzlos und zweitens – an Deiner Seite!“

Als sich die Auszugstüre wenig später am Ziel öffnete gaben zahlreiche Kollegen vor, in der Nähe gerade ganz wichtige Dinge zu erledigen. Sie wurden nicht enttäuscht, die Assistenzärztin sah eindeutig nach Tränen aus.
Sofort sprang Marcs Beschützerinstinkt an. „Haben Sie alle nichts Besseres zu tun, dass Sie hier herumlungern? Das können wir sofort ändern!“ Es dauerte keine zwei Minuten, da hatte jeder, der sich nicht spontan unsichtbar machen konnte, eine Extraaufgabe zugeteilt bekommen. „Und jetzt Abmarsch sonst Abmahnung!“
Er drehte sich zu Gretchen. „Und wir beide reden heute Abend!“ Mit einem zärtlichen Kuss beendete er das Szenario.



3998 Wörter






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Beiträge: 8.887

25.12.2018 16:39
#3 RE: Challenge Nummer 6: Weihnachten Zitat · antworten

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AUTOR DREI

Weihnachten bei den Haases

Was machst‘n Weihnachten, hatte er gefragt.
Mit dieser simplen Frage hatte ihre lächerliche Odyssee begonnen.

Gretchen liebte Weihnachten, nicht nur, weil es die einzige Zeit war, in der ihr Vater über ihren erhöhten Schokoladenkonsum hinweg guckte, sondern weil all ihre Lieben friedlich und fröhlich beieinander waren. Ihre Mutter verstand sich in der Vorweihnachtszeit mit ihrer Schwippschwägerin, ihr Bruder verkabelte das ganze Haus mit Lichterketten und ihre Freunde waren ringsum bester Laune, weil es über die Feiertage nach Hause ging.

„Nach Hause fahren, natürlich“, war ihre Antwort auf die Frage, die sie von Peter, gestellt bekommen hatte.
Dieser hatte erstaunt die Augenbrauen bis unter den Haaransatz hochgezogen: „Aber hier ist doch dein Zuhause, Gretchen.“
Hier war eine kleine Dreizimmerwohnung in Köln, die sie mit drei weiteren Freunden bewohnte, und sich ein zwölf Quadratmeter Zimmer mit ihrer besten Freundin teilte. Gretchen liebte ihr Studentenleben, aber das hier war eine Übergangslösung, das war kein „zu Hause“, das war nicht „heimkommen“, wenn sie an den zerrupften Minibaum dachte, der auf der Arbeitsplatte der Küche stand.
Wenn sie jedoch an daran dachte, wie ihre Mutter chaotisch im vorweihnachtlichen Stress zwei Tage vor Weihnachten einen leichten Nervenzusammenbruch bekam, weil das Treppengeländer immer noch nicht geölt, oder der Mülleimer von außen noch nicht abgewaschen war, dann erfüllte dieses immerwährende Ritual Gretchen mit einem warmen, einzigartigen Gefühl, genau dort richtig zu sein.
Schon als Teenager hatte sie Mitschüler nicht verstanden, die das Familienfest Weihnachten regelrecht hassten, gar die Augen verrollten, weil sie Zeit mit ihrer Familie ohne ihren Freunde verbringen mussten.
War ihre Familie perfekt? Bestimmt nicht.
Aber ihr Zuhause war da, wo Menschen waren, die sie liebte, bedingungslos. Das machte doch Familie aus.

Peter hatte argumentiert, dass sie sich nicht so an ihre Familie klammern dürfte, dass sie mit dreiundzwanzig ein eigenes Leben hatte, sodass sie ja auch mit seiner Familie Weihnachten feiern könnte.
„Aber du fährst doch auch nach… also zu deinen Eltern“, hatte Gretchen eingeworfen.
„Eben! Ich möchte, dass du mitkommst.“
Auf der einen Seite war sie unheimlich gerührt, dass er sie für so wichtig hielt, sie seinen Eltern vorzustellen, von denen Gretchen ein ziemlich düsteres Bild hatte. Seine Eltern hatte Peter als streng konservativ, kaltherzig und arbeitsam dargestellt.
Auf der anderen Seite verstand sie nicht, warum Peter ausgerechnet Zeit an Weihnachten mit Menschen verbringen wollte (und sie gleich mit), an denen er niemals nur ein gutes Haar gelassen hatte.
Es eskalierte zu einem ersten, lautstarken Streit zwischen den beiden:
„Du fährst mindestens einmal im Monat zu deinen Eltern, da wird es sie sicher nicht umbringen, wenn du ein Weihnachten nicht da bist!“
„Meine Eltern vielleicht nicht, aber mich schon!“
„Sei nicht so theatralisch, Gretchen. Wenn du nicht mitkommen möchtest, weil dir deine Familie wichtiger ist, als ich, dann hättest du das gleich sagen können!“
„Das ist völliger Blödsinn, Peter… Ich verstehe nur nicht, warum ich mit dir an Weihnachten deine Eltern besuchen soll, die du nicht mal sonderlich magst!“
„Weil du deine Eltern immer und häufig siehst, und du für mich einfach auch mal etwas tun könntest…“
„Das bedeutet, ich soll mich zurücknehmen, ein steifes, unfreundliches Weihnachtsfest mit deinen Eltern haben, weil du und dein Ego in dieser Beziehung wichtiger bist, als mein Wunsch ein fröhliches, lieb-vertrautes Weihnachten zu genießen? Weißt du, Peter, es wäre etwas anderes gewesen, wenn du mich gebeten hättest, hier in Köln zu bleiben, um mit dir ganz allein, ruhig und in trauter Zweisamkeit Weihnachten zu feiern, aber das Einzige, was du willst, ist, es deinen Eltern recht machen, egal was du willst und egal was ich will. Und wenn so für dich eine gleichberechtigte Partnerschaft aussieht, dann sind wir nicht auf einer Wellenlänge!“

Sie packte, nachdem Peter ohne ein weiteres Wort die Wohnung verlassen hatte, anders als geplant, drei Tage früher mit dem Zug Richtung Osten, Richtung Heimat.
Begrüßt wurde sie, als sie die Tür zum Haase-Anwesen aufschloss, von ihrer Mama, die gerade auf allen Vieren mit dem Staubsaugerschlauch die Treppe absaugte, und Jochen der Mitten im Flur im Schneidesitz saß, rings um ihn herum ein Gewirr aus Lichterketten.
„Was machst du denn schon hier? Ich dachte du hattest erst den Dreiundzwanzigsten avisiert“, fragte ihr kleiner Bruder, noch bevor das Geräusch des Staubsaugers verstummt war und sich ihre Mutter zu ihr umdrehte.
Anders als ihr kleiner, Pickel-Pubertierender-Bruder bemerkte ihre Mutter sofort, dass etwas nicht stimmte.
„Gretchen“, brauchte Bärbel Haase nur zu sagen, und bei ihrer Tochter waren aller Mut und alle Wut dahin. Unendliche Traurigkeit nahm von ihrem Körper Besitz, als sie sich ungefragt ihrer Mama in den Arm warf und schluchzend drauflos heulte.

Woher sie letztlich überhaupt so viel Mut und Kraft genommen hatte, diese Worte auszusprechen, obwohl sie Peter sehr, sehr mochte und ganz vernarrt in ihn und ihre gemeinsame Beziehung war, wusste sie später nicht mehr. Das einzige was sie wusste, als sie in Berlin auf ihrem Bett bäuchlings ins Kissen heulte, war, dass sie ihn unendlich vermisste und wollte, dass er sie anrief und ihr sagte, dass es eine blöde Unterredung war und sie noch einmal gemeinsam darüber sprechen sollten.

Sie hatte nicht mal genügend Kraft gehabt ihrer Mutter den genauen Umstand zu erklären, warum sie bereits jetzt schon angereist war, weshalb sie so dankbar war, dass die sonst so wissbegierige Rothaarige sie nicht direkt mit Fragen des Warum? überrannt hatte.
Spät am Abend, Jochen war bereits im Bett (oder auf einer von den Eltern nicht genehmigten Party), stieg Gretchen die Treppen hinab. Ihr kleiner Bruder hatte in der Zwischenzeit die Lichterketten auseinanderklamüsert und in hübscher Lichterdeko überall im Haus an den Fenstern, um die Türrahmen, draußen im Garten und natürlich am hübsch geschmückten Weihnachtsbaum verteilt.
Ihr Vater, als auch ihre Mutter waren in der Küche; und auch wenn es alles andere als höflich war, belauschte die Tochter das Gespräch ihrer Eltern einen Moment:
„Hat sie denn wirklich nichts gesagt?“, fragte ihr Vater verzweifelt.
„Wenn ich‘s dir doch sage: Nein. Ich wollte auch nicht nachbohren, sie wirkte so erschöpft und müde“, antwortete ihre Mutter – und ohne, dass Gretchen durch die Wand sehen konnte, wusste sie, dass ihre Mutter gerade irgendetwas putzte.
„Ich schwöre, wenn er sie geschwängert hat, bringe ich ihn um. Ich bin zu jung, um Großvater zu werden!“
„Oh mein Gott, nein!“, platzte es aus Gretchen heraus, die geschwind in die Küche eilte, um ihren Vater zu beschwichtigen, gerade als ihre Mutter argumentieren wollte, dass sie selbst nur ein Jahr älter als Gretchen gewesen war, als diese geboren wurde.
„Nein-nein-nein. Papa! Und Hallo erst einmal. Und noch mal nein, ich bin nicht schwanger!“, sie begrüßte ihren Vater mit einer dicken Umarmung und schmunzelte, als sie tatsächlich neben ihn blickte und ihre Mutter auf den Küchenmöbeln balancieren sah, wie diese gerade die Kranzleiste der Möbel abwusch.
„Kälbchen, schön, dass du da bist“, ihr Vater streichelte ihr liebevoll über die Haare und betrachtete seine erwachsene Tochter eindringlich: „Du kannst uns doch nicht so einen Schrecken einjagen und losheulen, ohne ein Wort zu sagen. Was ist denn passiert?“
Gretchen winkte ab: „Ein dummer, dummer Streit und… vielleicht habe ich wirklich überreagiert“, sagte sie so überzeugend sie konnte, dabei wusste sie, dass sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater ihr kein Wort glaubten.
Sie konnte nicht gut lügen.
Quatsch.
Sie konnte überhaupt nicht lügen.
„Und du bist dir ganz sicher, dass-“
„Nein, Papa. Ich bin wirklich nicht schwanger“, wenn sie nicht immer noch so traurig über Peters Einstellung zu ihrer beider Leben und der Beziehung zueinander gewesen wäre, sie hätte ihrem Vater eine Standpauke über die Selbstbestimmung der Frau gehalten, damit er einsah, dass Väter über die Fortpflanzung ihrer Töchter nicht zu bestimmen hatten.
Ihr Vater seufzte, nickte aber stumm: „Dann willkommen zuhause, Kälbchen“, eine weitere Umarmung folgte.
„Wenn ihr mit der Umarmerei fertig seid, könntet ihr mir die Leiter hierherschieben. Ich bin kein Springpferd, das von der Küchenzeile hüpfen kann, ohne sich die Hüfte zu brechen“.
Franz kicherte darauf jungenhaft charmant: „Nein, du hast die Hüfte einer Gazelle, Butterböhnchen“, anstatt seiner Ehefrau also die Leiter hinzuschieben, packte er Bärbel bei der Hüfte und hob sie herunter.
Das anschließende „Danke, Schatz“ und tiefes in die Augen blicken kommentierte Gretchen mit einem angewiderten „ew, ew, ew“, obwohl sie sich insgeheim sehr wohl darüber freute, dass ihre Eltern eine absolut harmonische Ehe führten.

Am darauffolgenden Morgen hatte Gretchen ihre Wut, Traurigkeit und Mutlosigkeit heruntergeschluckt, Peter angerufen und ihm auf die Mailbox gesprochen: „Ich bin bei meinen Eltern, und ich wünschte, du wärst hier. Es ist chaotisch und die Stromrechnung wird explodieren, so viel Lichterketten hat mein Bruder angesteckt, aber wir sind hier eine Familie, und wenn du Teil der wichtigsten Menschen in meinem Leben sein willst, dann ruf mich zurück und komm Weihnachten vorbei. Du bist herzlich eingeladen, denn-“ PIEP, die Aufnahmezeit war um, noch bevor Gretchen sagen konnte, dass sie ihn… nun ja… sehr, sehr, gern hatte, um nicht zu sagen, liebte.
Doofes, doofes Telekommunikationsdienstleistungsunternehmen.

Den Vormittag verbrachte sie damit, ihrer Mutter beim alljährlichen Grundputz zu helfen – es war eine perfekte Ablenkung nicht alle zehn Minuten aufs Telefon zu gucken, ob Peter zurückgerufen hatte. Gegen zwölf Uhr rappelte sich dann auch ihr Bruder aus seinem Zimmer, total schlaftrunken mit struppigen Haaren und einer Bierfahne, die seine Mutter glücklicherweise nicht mitbekam, weil sie Stunden zuvor einen Hieb Allzweckreiniger-Sprays eingeatmet hatte.
Seine hanebüchene Geschichte, er hätte bis in die Nacht hinein, gelesen, hatte ihm Bärbel in ihrem Putzwahn auch ohne Weiteres abgenommen.
Gretchen hingegen nahm Jochen in einer unbeobachteten Minute beiseite ins Badezimmer – früher einer ihrer Lieblingsplätze für konspirative Verschwörungs- oder Verbrüderungstaktiken.
„Mein lieber Bruder, du bist fünfzehn Jahre alt, du hast noch nicht zu trinken, und schon gar nicht so exzessiv, dass du am Morgen danach immer noch nach Bier stinkst. Du kannst so froh sein, dass Mama das nicht riecht!“
Der Heranwachsende war wenig beeindruckt von den Worten seiner älteren, weiseren Schwester: „Alle Jugendlichen machen das!“
„Und nur weil alle von der Brücke springen, machst du das auch?“, ihr schimpfendes Flüstern, damit Mama Bärbel dieses Gespräch auch wirklich nicht hörte, hatte ein gefährliches Zischen angenommen.
„Und nur weil du nichts verträgst, heißt es noch lange nicht, dass andere genauso schnell nach vier Glas Wein besoffen sind!“, konterte er.
Die Blonde krauste ihre Nase. Hatte ihr Vater also vom Selbstversuch ihrer Medizin-Kommilitonen erzählt, bei dem sie die Erste war, die nach achthundert Milliliter süßen Rotweins sturztrunken auf der Kücheninsel eingeschlafen war.
Jochen wollte sich gerade an seiner Schwester hinaus in den Flur vorbei stehlen, als Gretchen ihn bei der Schulter packte und ihm tief in die Augen sah: „Wenn du dich noch mal so volllaufen lässt, bevor du achtzehn bist, Jochen, werde ich das Bild in deiner Schule verteilen. Und glaub mir, Mama und Papa werden es mir erzählen, wenn sie Ärger mit dir haben!“
„Wie willst du das machen, von Köln aus?“
„Oh glaub mir, der ICE ist schnell, keine vier Stunden und ich bin hier und mache dir dein Leben zur Hölle, wenn du dich nicht angemessen benimmst!“
Es war an Jochen die Nase kraus zu ziehen: „Und was heißt in deinem Fall angemessen?“
„Wenn du dir selbst, deinem Körper und deiner Gesundheit schadest, dann halte ich es für sehr angemessen dich zu bremsen. Egal wie, und wenn es bedeutet dich damit zu erpressen ein Foto von dir, wo du zehn Jahre alt bist, am Daumen nuckelst und deinen Mister Schnüff im Arm hältst, in der Schule rumgehen zu lassen, wenn du dich noch mal besäufst, dann halte ich auch dies für besonders angemessen.“
Ihre Stimme und Auftreten hatten an Autorität gewonnen.
Diese Einstellung musste sie beibehalten, bis Peter anrief!

Am Nachmittag waren Bärbel und Gretchen einkaufen gefahren, weil ihre Mutter für die nächsten drei Stunden keinen Putzlappen mehr sehen konnte. Die eigentliche Herausforderung war dabei jedoch nicht die Lebensmittel in den Warenkorb zu legen, sondern die unbändige Menschenmenge, die einkaufte, als ob es die nächsten drei Monate nichts mehr geben würde. Als sie nach drei unendlich langen Stunden wieder im Auto saßen, stöhnte Bärbel gequält: „Ich bin so froh, dass du nicht erst am Montag gekommen bist. Allein hätte ich das nicht durchgestanden. Die kaufen doch alle ein, wie die Bekloppten.“
Gretchens Gedanke, dass auch sie selbst, Mutter und Tochter, eingekauft hatten, wie die eben erwähnten Bekloppten, behielt sie für sich.
Im Handschuhfach kramte Gretchen nach ihrem Handy, auf dem leider kein verpasster Anruf oder eine SMS aufblinkte.
„Schmeiß endlich den Motor an, Mama. Es ist kalt!“

Der vierte Advent verlief zu Gretchens Überraschung sehr ruhig ab: Es gab ein spätes, ausgereiftes Frühstück, dann wurde der Kamin angezündet, und kurz nach dem noch späteren Mittagessen wurde nicht nur das Haase Anwesen sondern ganz Berlin von dicken, langsam fallenden Schneeflocken überdeckt, was die Familie als Anlass nahm einen langen Spaziergang zu unternehmen (Jochens: „Oh, nee. Muss das sein“, wurde von Franz mit einem missbilligenden Blick außer Kraft gesetzt.) Peter hatte sich auch an diesem Tag nicht gemeldet.

So friedlich wie der Sonntag war, so hektisch begann der Montagmorgen mit der Ankunft des Bruders ihres Vaters und seiner Ehefrau, Gretchens eingangs erwähnter Onkel und Tante, die zwar lieb und freundlich sein konnten, aber vor allem eins waren: anstrengend.
„Hallo Lieblingsnichte“, sagte also ihr Onkel freundlich, worauf Gretchen antwortete:
„Ich bin deine einzige Nichte, Onkel Heinz“, dann umarmte sie ihn brav, ihre Haare wurden durchgewurschtelt und sie sah sich mit ihrer Tante konfrontiert:
„Hallo Margarethe. Du schaust aber… gesund aus“, Gretchen wusste nicht, ob es ein Seitenhieb auf ihre Figur war, oder tatsächlich ein Kompliment sein sollte.
„Hallo Anne, und du schaust so… erholt aus?“
Dies veranlasste Tante Anne dazu, noch bevor die Eingangstür geschlossen war, von ihrem Urlaub auf Barbados mit ihrem Ehemann zu schwärmen: Die Wärme, die Sonne, die freundlichen Menschen, der Strand, das Meer.
Und wieder fragte sich Gretchen, ob das dieses Mal ein Seitenhieb auf den letzten Urlaub ihrer Eltern war, die wie jedes Jahr, seit nunmehr fünfundzwanzig Jahren, immer an den gleichen Fleck Dänemarks fuhren oder flogen.
Anstrengend.
Die Kinder von Heinz und Anne, Gretchens und Jochens Cousinen Anna und Claudia, trudelten mittags ein. Die eine (Claudia) mit achtundzwanzig wie immer flippiger Single, und die andere (Anna), ihres Zeichens Meeresbiologin, mit ihrem festen Freund Lukas seit sieben Jahren. Anders als ihre Eltern waren ihre Cousinen ganz und gar nicht anstrengend, sondern angenehme Zeitgenossen, allerdings kam sich Gretchen durch die fünf und neun Jahre Altersunterschied, oftmals klein, dumm und weniger eloquent vor, als wie sie es sich gewünscht hätte.

Am Nachmittag waren sowohl Gretchen als auch Jochen unglaublich dankbar, dass Bärbel sie abermals einkaufen schickte, weil sie ja keine Margarine (seit wann gab es im Haase-Haushalt Margarine?), Pfeffer, Knoblauchbutter und natürlich Wasser mehr im Haus hätten.
Claudias Wunsch, sie würde gern mitkommen, wurde von Anne überhört, die sie dazu drängte, von ihrer neuen Position bei einer renommierten Anwaltskanzlei in Frankfurt zu erzählen.
Noch eine Anekdote wie genial und toll das Leben ihrer Verwandtschaft war, mussten weder Gretchen noch Jochen hören. Es würde alles so viel besser werden, wenn erstmal ihre Oma heute Abend ankommen würde.
Zu Jochens großer Verwunderung fuhr Gretchen mit dem Auto aber nicht direkt zum Einkaufszentrum, sondern weiter Richtung Innenstadt, um mit ihrem Bruder über den Berliner Weihnachtsmarkt zu schlendern.
Gefühlt kannte ihr Bruder ganz Berlin, denn alle fünf Minuten entdeckte er ein bekanntes Gesicht, oder er wurde von Menschen angesprochen und weil Gretchen Jochen das Versprechen abgenommen hatte, nichts zu trinken, durfte er sogar mit seinen Freunden etwas unternehmen, während Gretchen in aller Seelenruhe die unvergleichliche Luft Berlins gepaart mit Weihnachtsduft und Glühwein in sich auf sog. Der Rhythmus dieser Stadt war anders, vieles war weniger schwierig und sie genoss es in der Menge der Menschen verschwinden zu können.
Sie kaufte, obwohl sie schon einen schicken Kugelschreiber als Geschenk für ihre Cousine zuhause hatte, eine abstrakte Glasskulptur eines Katzenhais, der so überhaupt nicht in das weihnachtliche Ambiente des gesamten Marktes passen wollte. Dafür aber umso besser auf Annas Schreibtisch.
Um kurz nach fünf wollte sie sich dann tatsächlich auf den Weg machen und die letzten Besorgungen erledigen, Jochen flehte sie aber an, bei seinen Freunden bleiben zu dürfen. Gretchen willigte ein, aber er solle sich melden, wenn es sehr viel später würde, immerhin wurde das Wetter nicht besser. Ihr Bruder verrollte die Augen, schenkte ihr aber, bevor er mit seinen Freunden abhaute, ein friedliches Lächeln.
Die Liste der Einkäufe hatte sich mit einer SMS ihrer Mutter verfünffacht, sodass Gretchen sehr viel länger brauchte, als eigentlich geplant. Sie musste viele Dinge suchen oder auch lange für den frischen Forellenkaviar anstehen, den Bärbel bestimmt nur haben wollte, um Anne zu beeindrucken. Immerhin war dies dann auch eine gute Ausrede, warum man für einen achtzig Euro Einkauf vier Stunden weg war.

Als sie nach der richtigen Zahnpasta-Sorte im Regal suchte, antwortete eine heisere Männerstimme auf die Frage eines Kindes, was das in seiner Hand wäre, knapp: „Dampfschifffahrtsgesellschaft.“
Ungläubig drehte Gretchen ihren Kopf nach rechts gen Ende des Regals und dort stand er wirklich: Marc Meier.
Marc Macho Meier.
Marc Margarethe-Haases-Alptraum-Wunsch Meier.
Und er hatte garantiert keine Dampfschifffahrtsgesellschaft in der Hand!
„Guck mal, die Frau dahinten guckt uns komisch an“, das kleine braunhaarige Mädchen, das neben Marc mit dem Finger auf Gretchen zeigte, war keine sechs Jahre alt und hatte einen hörbaren bayrischen Akzent.
„Lass‘se halt gucken“, stöhnte Marc genervt, während er interessiert die Packungsrückseite las.
Die Blonde war wie zur Salzsäule erstarrt. Seit der Abi-Feier hatte sie ihn nicht mehr gesehen, obwohl sie anfangs jede Woche zurück nach Berlin gekommen war; und ausgerechnet jetzt, in einem blöden Supermarkt traf sie ihn wieder und musste feststellen, dass er noch hübscher geworden war. Die hart gegelten 90‘er Haare waren einer stylischen Kurzhaarfrisur gewichen, für die er bestimmt stundenlang vor dem Spiegel gestanden hatte. Und die weiten Jeanshosen, die ihm oftmals in den Kniekehlen gehangen hatten, waren von mittelblauen Washed-Out-Jeans ersetzt worden.
„Aber sie guckt nicht we-heg“, quengelte das Mädchen, dass sie nicht aus den Augen ließ. Gretchen hätte sich einfach wegdrehen, den Gang verlassen und gehen sollen, stattdessen war sie von dem Anblick fasziniert, wie das Mädchen versuchte Marcs Aufmerksamkeit von der Kondompackung auf Gretchen zu lenken.
„Boha, ist jetzt mal gut, du siehst doch, ich lese gerade etwas“
„Welche Geschmacksrichtung die Gummis haben, oder was?“, sie war so dumm.
Schweigen und weggehen, das war doch der Befehl, den ihr Hirn weitergeben sollte, und nicht, dass sie unüberlegt ihren Mund öffnen sollte.

Marc blickte erschrocken auf, als er Gretchens Stimme hörte. Sofort konnte er die Gesichtszüge ihrem Wesen zuordnen, obwohl er sie schon so lange nicht gesehen hatte. Dabei waren sie niemals Freunde, sondern einfach nur Klassenkameraden… oder sie war eine Klassenkameradin, die er besonders gern geärgert hatte.

„Hasenzahn“, bei seinem eigens für sie erdachten Kosenamen, überzog eine feine Gänsehaut ihren Körper.
Das darauffolgende Lächeln mit ausgeprägten Grübchen raubten ihr den Atem und machten ihre Knie ganz weich.
Eine Narbe zierte neuerdings seine Nase, aber der Schalk in seinen Augen war noch genauso jugendlich wie früher, genauso eindringlich und vereinnahmend. Gretchens trauriges Herz, dass Peter sich nicht mehr gemeldet hatte, war auf einmal nur noch nebensächlich.
Das war doch nicht möglich…
So was gab‘s doch nur in schlechten, romantischen Komödien, oder?
Sich in jemanden zu vergucken, auf den allerersten Blick!
Aber ihr Herz raste und sie spürte, wie ihr Hitze ins Gesicht schoss und sich die Sekunden, in denen er auf sie zukam, ewig hin zerrten, bis…
„Du kennst die Frau?“, fragte das Mädchen neben ihm, und Gretchens vernebelte Gedanken klärten sich mit dem weniger Werden des Rauschens in ihren Ohren.
Marc ignorierte die Kleine überheblich: „Hasenzahn, ja wirklich. Hat die Katze deine Zunge geklaut oder hab ich dir Sprache verschlagen?“, frotzelte er spielerisch.
Gretchen blinzelte ein paar Mal, schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter und sah ihm fest in die Augen: „Hallo!“
„Wer ist das denn nu-hun?“, fragte wieder das kleine Mädchen und funkelte Gretchen böse an.

„Oh… oh mein Gott, du hast eine Tochter? Du bist Vater?“, krächzte sie unüberlegt.
Sie war mit der Gesamtsituation absolut überfordert.
Marc lachte erst erstaunt: „Was? Nein! Dafür brauch ich ja die Dampfschifffahrtsgesellschaft, damit das nicht passiert, Hasenzahn!“ schüttelte dann den Kopf und als ob er jetzt erst wieder bemerkt hatte, dass er ein kleines Kind an der Hand hatte, guckte er auf das Mädchen.
Der zornige Blick, der eben noch das kleine Gesicht geziert hatte, war verschwunden, stattdessen schimmerten unverkennbar Tränen in den Augen der Kleinen.
„Ich will nach Hause, Marc“, schniefte sie und das perlenartige Wasser lief ihr die Wangen hinunter.
Gretchen ließ sich sofort auf die Knie auf Augenhöhe zu dem Mädchen: „Tut mir leid, wenn ich was Falsches gesagt habe. Ich bin das Gretchen. Und ich kenne deinen…“
„Cousin“, half das Mädchen Gretchen hicksend auf die Sprünge.
„Groß-Cousin, Hanna“, auch Marc hatte sich nun neben die Kleine gehockt und den Arm um sie gelegt.
„Ich kenne deinen Cousin Marc jedenfalls aus Schulzeiten. Gehst du denn schon zur Schule, Hanna?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf, wischte sich verstohlen über die tränenverschmierten Augen und guckte Gretchen unverwandt an: „Aber ich hab schon einen Tornister!“
„Magst du ihn mir beschreiben?“
Die Kleine Hanna begann fröhlicher zuerst von ihrem Pferdetornister, dann von ihrem Pony, dann von ihrer besten Freundin, vom Kindergarten und dem ganzen Universum zu erzählen, während Gretchen gebannt zuhörte, und mit Marc seinen gesamten Einkauf erledigte.
An der Kasse wollte Hanna einen Lutscher abstauben, Marc sagte natürlich nein, Gretchen kaufte zwei Stück auf eigene Rechnung, und als Hanna angeschnallt im alten Auto von Marc saß, steckte Gretchen ihr den einen Lolli einfach in den Mund, den anderen legte sie ins in das Fach zwischen Fahrer- und Beifahrersitz als Proviant.
Marc stellte Hanna das Radio an, bevor er sich draußen neben Gretchen stellte und sich eine Zigarette anzündete: „Ich weiß, ich sollte danke sagen, aber ohne dich, hätte Hanna gar nicht erst angefangen zu heulen…“
Gretchen legte den Kopf schief; das war typisch Marcs Art ihr zu danken, in dem er ihr nicht dankte.
Blöder Kerl.
„Na los frag schon, warum die Kleine angefangen hat zu heulen, als man ihren Vater erwähnte, ich weiß, dass es dir auf der Zunge brennt!“
Aber Gretchen überrasche Marc heute schon zum zweiten Mal: „Das ist nicht wichtig, Marc. Nur wenn du das nächste Mal mit ihr einkaufen gehst, solltest du vielleicht nicht die Beschreibung von, wie sagtest du doch gleich… Dampfschifffahrtsgesellschaft?, studieren, sondern dich um sie kümmern – dann müssen dich auch alte Mitschülerinnen nicht anstarren“, konterte sie spitzbübisch.

Flirtete sie hier gerade?

Marcs Grübchen, die durch den Glimmstängel in seinem Mund nur noch süßer aussahen, waren zu einem Lächeln hochgezogen: „Sehr gut…“
Hanna hatte sich über den Sitz gelehnt und machte Marc mit Handbewegungen dampf.
„Ich muss leider. Familie. Weihnachten. Was machst‘n du Weihnachten?“
Gretchen blinzelte ihn perplex an. Hatte Sie diesen Satz nicht schon mal gehört?
„Ich bin zu Hause. Meine Cousinen, Onkel und Tante sind schon da, meine Oma kommt gleich. Spießig, was?“, fragte sie; fest mit einem „Ja“ als Antwort rechnend.
„Weihnachten ist traditionell, solange also alles nicht steif und aufgesetzt ist, kann man sogar die Verwandten einmal im Jahr ertragen! Wie lange bleibst du denn noch?“
„Weiß‘ noch nicht. Mal schauen…“
„Hast du Zeit, am Siebenundzwanzigsten? Ich möchte ja schon gern wissen, was dich auf einmal so viel schlagfertiger als früher gemacht hat. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass du früher das Wort Gummi gebraucht hättest“, neckte er.
„Du bist so ein…“, ihr vielen die Worte.
„Ja, so kenn ich dich schon eher. Also Freitag? 14:00 Uhr, ich hol dich ab?“
Sie guckte ihn an, wartete auf einen dummen Spruch, auf ein „April, April“, stattdessen bekam sie nur ein aufmunterndes Lächeln von ihm geschenkt.
„Uh… ja, gerne!“
„Gut, bis dahin“, es war eine merkwürdige Geste, aber Marc hatte ganz sanft mit seinen Fingerknöcheln ihre linke, eiskalte Wange zum Abschied gestreichelt.
Und dieses Fleckchen Haut glühte die ganze Fahrt über bis nach Hause, wo nicht nur Jochen schon daheim war, sondern auch ihre Oma sie liebevoll willkommen hieß: „Gretchen, du strahlst ja richtig, wie frisch verliebt!“
Oh, Oma, du hast ja keine Ahnung, wie Recht du damit hast, denn es fühlt sich genauso an.




3993 Wörter






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JackySunshine Online

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Beiträge: 8.887

25.12.2018 16:42
#4 RE: Challenge Nummer 6: Weihnachten Zitat · antworten

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AUTOR VIER

Tief in Gedanken versunken betrat Deutschlands begnadetster Chirurg wie jeden Tag zu dieser unchristlichen Zeit das Elisabethkrankenhaus am Rande der Hauptstadt. Grußlos und mit tief im hochgekrempelten Kragen seines dunkelblauen Mantels vergrabenem Kopf marschierte er an dem kleinen Häuschen des Pförtners vorbei, dem diese ärztliche Unsitte nicht unbekannt war, kannte er Dr. Marc Olivier Meier doch schon, seitdem er noch ein kleiner unbedeutender PJler gewesen war, der auch damals schon mit seinem großen Ego, seinem grenzenlosen Ehrgeiz und seiner ständigen Besserwisserei sämtliche Ärzte des Hauses, bis auf einen, zur Weißglut treiben konnte, denn er hatte es sich mit diebischer Freude zu seiner Hauptaufgabe gemacht, ihnen immer wieder ungefragt in die Parade zu fahren und die hochwohlgeborenen Götter in Weiß vor den Augen der Patienten bis auf die Knochen bloßzustellen. Eine Eigenart, mit der er ein ums andere Mal beinahe seine noch junge Karriere riskiert hätte, wenn es nicht einen Fürsprecher gegeben hätte, der auch heute noch große Stücke auf seinen besten Schüler hielt.

Prof. Dr. Franz Haase hatte das Potential dieses zielstrebigen Medizinstudenten schon recht früh erkannt und sich in ihm wiedererkannt, weswegen er ihn auch direkt unter seine Fittiche genommen hatte, bevor eines der großen Krankenhäuser Deutschlands ihn nach Abschluss seines sehr erfolgreichen Studiums noch vor der Nase weggeschnappt hätte. Er hatte seine Entscheidung nie bereut, auch wenn es ihm manchmal heftige Bauchschmerzen bereitet hatte, dass ausgerechnet seine Tochter seit Schultagen an bis über beide Ohren in diesen ungehobelten Holzklotz verliebt war, der medizinisch zwar ein Ass, aber menschlich eine absolute Niete war. Es war noch gar nicht so lange her, dass die beiden nach endlosen unschönen Querelen endlich zueinandergefunden hatten. Es hatte nur wenige gegeben, die noch an ein Happy End der beiden Königskinder geglaubt hatten. Franz würde es zwar niemals zugeben und schon gar nicht vor seiner Frau, die auch heute noch dem Braten nicht so richtig traute, aber er war einer von ihnen gewesen. Marc würde auf ewig bei ihm einen Stein im Brett haben, hatte er doch auf den letzten Drücker verhindert, dass sich sein unschuldiges kleines Kälbchen in ein wahnwitziges Afrikaabenteuer gestürzt hätte. Mehr aus Liebeskummer, denn aus wahrer sozialer Verantwortung. Wenn Margarete sich unbedingt dahingehend mehr engagieren wollte, was in diesen schwierigen Zeiten durchaus legitim war, konnte man auch immer noch hier im Haus einen Etat einrichten. In Zusammenarbeit mit Dr. Kaan hatte der Professor auch schon einen Sozialplan avisiert, dessen zeitnahe Umsetzung jedoch noch genauer geklärt werden müsste.

Mit großen Schritten durchquerte nun eben jener von Prof. Haase hochgeschätzte Vollblutchirurg und vielleicht Bald-Schwiegersohn und möglicher Nachfolger auf dem Chefarztposten des altehrwürdigen Berliner Elisabethkrankenhauses das noch menschenleere Foyer an diesem noch sehr frühen Dezembermorgen, um auf direktem Wege die Fahrstühle anzusteuern. Im Kopf ging er bereits jeden einzelnen Schritt der gleich anstehenden hochkomplizierten Operation am offenen Herzen eines fünfjährigen Mädchens durch, auf die er sich schon seit Wochen akribisch vorbereitet hatte, weswegen er auch kaum für andere ansprechbar gewesen war und wegen jeder Nichtigkeit, mit der man ihn belangt hatte, gleich an die Decke gegangen war. Zum Leidwesen von Schwester Sabine, die sich ein Dauerabo bei der Taschentuchindustrie eingerichtet hatte, und seiner liebreizenden Assistenzärztin und Freundin, die kurz vor dem Abschluss ihres Facharztes stand und dementsprechend ebenfalls mit reichlichem Nervenflattern gesegnet war, was das Zusammenleben des Paares auf Station und in ihrem neuen gemeinsamen Zuhause nicht einfacher gestaltete.

Dr. Meier war so sehr im Tunnel, dass er gar nicht mitbekommen hatte, dass sich seine Arbeitsstätte wie jedes Jahr zu Beginn der Adventszeit von einem Tag auf den anderen wie durch Zauberhand in ein schrecklich kitschiges und blinkendes Weihnachtswunderland verwandelt hatte. Dank einer sehr detailverliebten Stationsschwester und ihrer fleißigen Wichtel aus dem benachbarten Schwesternwohnheim. Selbst der Fahrstuhl war mit Tannenzweigen und darin verwickelten Lichterketten geschmückt, die über den Köpfen der Mitfahrenden zu schweben schienen und dank der Fototapete an den Stahlwänden den Eindruck von einem romantischen Spaziergang im Winterwald vermittelten. Aber Marcs steter Blick lag auf seinen Händen, die den Bildern in seinem Kopf folgten, was zwar für verwunderte Blicke bei den beiden Lernschwestern führte, die ihn im Aufzug nach oben begleiteten und insgeheim hofften, der sexy Mediziner würde noch zwei Schritte nach hinten wagen, damit sie mit ihm unter dem Mistelzweig stehen konnten, aber Dr. Meier tat ihnen leider nicht diesen Gefallen. Und die Erfahrung hatte sie sowieso gelehrt, den Chirurgen in diesem Stadium seiner Kunst besser nicht anzusprechen, wenn sie nicht als neue Gefährten des Katzenhais in einem der weihnachtlich geschmückten Aquarien im Wartebereich der Klinik landen wollten, weshalb sie auch schon eine Etage früher ausstiegen, als ihnen Oberschwester Stefanie aufgetragen hatte.

Mit immer noch gesenktem Haupt stieg Marc schließlich in der chirurgischen Abteilung aus und steuerte routiniert das Stationszimmer an, durchquerte es, ohne sich umzuschauen, ignorierte dabei die bereits anwesenden Kollegen, die mit ihm die Frühschicht teilten und ihm gerade einen stummen Guten-Morgen-Gruß mitteilen wollten, und verschwand augenblicklich in der Umkleide, um nur fünf Minuten später geschniegelt und gestriegelt im blütenweißen Arztkittel wieder herauszukommen, der dem äußerst attraktiven Oberarzt wie immer verdammt gut stand, wie einige seufzende Blicke von der Seite bemerkten, und mit mechanisch ausgestrecktem Arm seine wie jeden Tag bereitstehende Kaffeetasse in Empfang zu nehmen. Doch diesmal griff sein chirurgisches Leistungsinstrument komischerweise ins Leere. Das war der Moment, als Dr. Meier zum ersten Mal an diesem Tag aufschaute und keine zwei Sekunden später erschrocken zurückweichen musste. So fühlte es sich also an, wenn einen der Schlag getroffen hatte, dachte ein Bereich seines Hochleistungsprozessors, während die andere Hirnhälfte angestrengt damit beschäftigt war, das zu verarbeiten, was seine Augen gerade zu sehen bekamen.

Auf dem angestammten Platz des kleinen runden Tisches, wo er während seiner ersten Tasse Espresso am Morgen immer einen kurzen Blick in die Tageszeitung riskierte, bevor er die anstehende Visite vorbereitete, stand plötzlich ein riesiger buschiger Weihnachtsbaum, der bis an die Decke reichte. Davor auf dem zur Seite geschobenen Tisch stand ein wackeliger Bürostuhl und darauf seine tollpatschige Assistenzärztin, die wie eine Primaballerina ungelenk auf einem Bein balancierte, um eine kunstvoll mit Goldstaub ummantelte Engelsfigur, die ihr nicht unähnlich war, irgendwie auf die Baumspitze zu hieven. Ein Kunststück, das schon von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Dafür musste man nicht unbedingt Medizin studiert haben. Denn nicht nur die schöne Ärztin wankte verdächtig, sondern auch der ganze Baum hatte mit einem Mal eine gefährliche Schieflage entwickelt.

Aber das war nicht der Grund gewesen, weshalb Dr. Meier die Gesichtszüge entglitten und sämtliche Alarmanlagen angesprungen waren. Sein völlig schockierter Blick lag vielmehr auf den riesigen Pranken, die seine Freundin nur wenig oberhalb ihres wohlgeformten Hinterteils festhielten, wo sie definitiv nicht hingehörten und schon gar nicht, wenn sie zu seinem besten Freund gehörten, der bekanntlich eine Schwäche für herzensgute Chirurginnen in der Ausbildung hatte. Es kam also, wie es kommen musste. Der Zeitlupenmechanismus setzte ebenso ein wie Murphys Gesetz, das Meiersche Hochleistungsgehirn schaltete sich dagegen für einen Moment komplett aus. Es registrierte weder Schwester Sabine, die vom Anmeldetresen aus das Schmücken des eindrucksvollen Weihnachtsbaumes koordinierte, noch Dr. Kaan, der seinen Kollegen und Freund mittlerweile bemerkt und eilig um Hilfestellung gebeten hatte, denn auch der gutmütige Frauenarzt hatte festgestellt, dass dieses Unternehmen eventuell gleich schiefgehen könnte, wenn nicht noch ein paar Hände mehr gegenhalten würden.

Aber stattdessen griffen diese beiden starken chirurgischen Werkzeuge ganz woanders hin. Sie packten den Gynäkologen nämlich am Kragen seines Arztkittels und rissen ihn grob zur Seite. Eine Aktion, die weder ihm, noch Gretchen, noch dem Baum zu Gute kam, wie Sabines schockiert weit aufgerissene Augen bemerkten. „BAUM FÄLLT!“ Ihr warnender Schrei verhallte unter dem Gepolter und Geklimper der herunterpurzelnden Christbaumkugeln. Und so wurde auch der Aggressor von der tobenden Naturgewalt gleich mitgerissen. Marc landete unsanft auf Mehdi, Gretchen wiederum auf ihm und allesamt wurden schließlich von der ein Meter fünfundachtzig hohen Tanne begraben. Sabine hatte sich gerade noch rechtzeitig mit einem Rettungssprung in den Flur der Station retten können, wo sie auch gut gestanden hatte, denn die Baumspitze, die kunstvolle Engelsfigur, welche die weihnachtsvernarrte Krankenschwester bei einem Glasbläserkurs während ihres ersten gemeinsamen Urlaubs mit Dr. Gummersbach im Thüringer Wald ihrer liebsten Frau Doktor nachempfunden hatte, landete zielgenau durch das Anmeldefenster in ihren Händen, was sie mit einem erleichterten Aufseufzen quittierte, bevor sie auf ihren Hosenboden rutschte, um sich von dem Schock zu erholen. Und der saß nicht nur bei Sabine tief.

„Marc, sag mal, bist du völlig bescheuert? Was sollte das denn?“, meckerte der Unglücksengel direkt los, während er versuchte, sich irgendwie unter dem Ungetüm hervorzurollen, was gar nicht so einfach war, zumal die beiden Männer unter Gretchen ihr nicht gerade eine Hilfe waren. Wieso das so war, fiel Dr. Haase aber erst auf den zweiten Blick auf. „Maaarc!“ Schon wurde sie panisch und ruderte heftig mit den Armen, um zu signalisieren, dass sie dringend Hilfe brauchte. Und die kam auch prompt von der anderen Seite, jedoch nicht so, wie sie sie sich erhofft hatte. Dr. Hassmann stand mit verschränkten Armen in der Tür zur Umkleide und konnte sich ihr schadenfrohes Gegacker nicht verkneifen. Der Anblick der drei begrabenen Ärzte war bestes Entertainment. „Geht ihr damit auf Tour? Also, ich würde fast Eintritt bezahlen, denn die hiesigen Clowns im Weihnachtszirkus sind bei weitem nicht so gut wie ihr hier. Ich hab immer gewusst, dass das mit euch mal in einem Dreier enden würde. Ich bin stolz auf dich, Haase. Es gibt nur wenige, die dir das zugetraut hätten.“ „Sehr witzig, Maria! Hast du genug gesehen? Dann hol Hilfe! Irgendwas stimmt nicht mit den beiden.“ „Sie sind in dich verknallt. Diese Diagnose ist nicht schwer.“ „JETZT, Frau Hassmann! Wir brauchen ein paar starke Männer. Alleine kriegen wir die Tanne nicht wiederaufgerichtet.“ „Noch mehr Männer? Haase, du wirst mir immer sympathischer,“ lachte die zynische Neurochirurgin, drehte sich um und verschwand aus dem Schwesternzimmer.

Keine fünf Minuten später hatte sich die hanebüchene Weihnachtsbaumrettungsaktion im ganzen Krankenhaus herumgesprochen. Schaulustige standen vor dem Anmeldungstresen und in der Tür zur Umkleide und beobachteten gespannt, wie die monströse Tanne mit Hilfe von Sanitäter Gordon, Pflegepraktikant Jochen, Prof. Haase und Dr. Gummersbach wiederaufgerichtet wurde. Erleichtert konnte Gretchen endlich herauskrabbeln und klopfte sich Tannennadeln und Strohsterne von der Kleidung und auch Mehdi rappelte sich schwankend wieder auf. Sein Schädel dröhnte jedoch so stark, dass Dr. Hassmann ihn sofort mit in die Neurologie mitnahm, um eine mögliche Gehirnerschütterung auszuschließen. Nur Dr. Meier lag immer noch bewusstlos mit Tannennadeln bedeckt und von heruntergepurzelten Christbaumkugeln umgeben am Boden. Erst als sich seine Freundin besorgt über ihn beugte und sein Gesicht liebevoll streichelte, klappten seine schweren Lider wieder auf. Benommen starrte er die Schönheit an. Er hatte keine Ahnung, wie er hier hingekommen war und was überhaupt passiert war. „Marc, wie fühlst du dich?“ „Weiß nicht. Irgendwie erschlagen.“ Das Publikum konnte nicht mehr und lachte schallend auf. Erst jetzt bemerkte der verunfallte Chirurg, dass sie nicht alleine waren. Er drehte sich um und nur ein Ameisenblick genügte, um die neugierige Meute zu vertreiben.

Während die Haase-Männer den Weihnachtsbaum sicherten und Sabine zusammen mit Günni begann zusammenzukehren, lehnten Gretchen und Marc aneinander geklammert in der Küchennische am Schrank. „Ich hab mir echt Sorgen gemacht, Marc.“ „Und ich mir erst.“ So langsam kamen seine Sinne zurück. „Das ist nicht witzig. Wer weiß, was sonst noch hätte passieren können?“ Die Bilder in seinem Kopf waren eindeutig. „Meine Worte. Was tanzt du auch auf fremden Tischen? Du weißt doch, dass dieser ganze Weihnachtswahnsinn mordsgefährlich ist. Quod erat demonstrandum.“ Doch auch Gretchen hatte die Situation noch genau im Blick. „Ja, wenn man sich nicht im Griff hat. Wir hätten das noch hinbekommen, wenn du nicht Mehdi…“ „Oaaah, scheiße!“, stöhnte Marc plötzlich auf, als er sich vom Boden aufrichten wollte. Erschrocken blickte er auf seine rechte Hand. Gretchen folgte seinem Blick und erstarrte ebenso wie Franz und Jochen, der den Anblick von Marcs unnatürlich abstehendem Mittelfinger nicht ertragen konnte und sich erst einmal in die Spüle der Kaffeeküche übergeben musste.

Eine Röntgenuntersuchung bestätigte die Erstdiagnose. Marcs Finger war tatsächlich gebrochen. Er musste zwar nicht operiert, aber geschient werden. Dr. Meier war somit vorerst dienstunfähig. Die große Herz-OP, die in weniger als einer Stunde auf seiner Agenda stand, war für ihn daher passé. Und dass er jetzt auch noch in einem dieser hässlichen Krankenhaushemden mit Dr. Kaan ein Zimmer teilen musste, der doch eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen hatte und von Dr. Hassmann für eine Nacht zur Beobachtung dabehalten werden sollte, passte ihm noch weniger. Aber das Schlimmste war, dass ausgerechnet der Grund für seinen kleinen unbedeutenden Unfall nun seinen Fall übernehmen und solo fliegen würde. Gretchen platzte vor Stolz, während Marc still in sein Kissen grummelte, weil er schon in der Radiologie etwas zu barsch auf seinen unnötigen Ausfall reagiert hatte. „Viel Glück, Gretchen! Du schaffst das“, hörte er von der Seite seinen Kumpel schleimen, der genauso Schuld an seinem Dilemma hatte. „Danke, Mehdi! Ich melde mich, wenn die OP vorbei ist. Ja, Marc?“ Aber Marcs Stolz war zu groß, um seiner Freundin viel Erfolg für ihre Solo-OP zu wünschen. Doch Gretchen war nicht nachtragend. Sie wusste, wie ihr Freund sich gerade fühlte und schaute wissend zu Mehdi, der ihr mit einem Kopfnicken zusicherte, sich währenddessen um ihren Pappenheimer zu kümmern.

„Verräter!“, zischte es auch schon von der Seite, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war. „Marc, ich kann ja wohl am wenigsten dafür, dass du jetzt hier liegst und nicht im OP stehst.“ „Doch, kannst du wohl! Wenn du deine Griffel bei dir behalten hättest.“ „Ach, daran liegt es also?“, schmunzelte der Halbperser und drehte sich zur Seite, um den eingeschnappten Gockel besser beobachten zu können, der es tunlichst vermied, ihn überhaupt auch nur eines Blickes zu würdigen. „Eine Leiter hätte es auch getan, anstatt Gretchen auf dieses wackelige Konstrukt hochzuschicken.“ „Hab ich auch gesagt, aber du kennst doch Gretchen. Wenn sie sich etwas in den Kopf setzt, dann zieht sie das durch. Hätte ja auch geklappt, wenn du nicht…“ „Hätte, hätte, Fahrradkette“, murmelte Marc in seinen Dreitagebart und er hätte gerne noch etwas Fieses hinterhergeworfen, wenn im gleichen Moment nicht die Tür aufgegangen wäre und ein sehr gehetzt wirkender Chefarzt sich vor ihren Betten positioniert hätte. „Die Herren?“

„Ähm… Herr Professor!“ Demütig richtete sich Marc wieder auf und Mehdi beobachtete belustigt, wie kleinlaut der große Chirurg doch werden konnte, wenn ein noch größerer seiner Zunft vor ihm stand und ihn eindringlich in den Fokus nahm. „Wahrlich ein aufregender Morgen, den ich mir so eigentlich in anderer Hinsicht vorgestellt habe. Zwei meiner besten Ärzte fallen auf einmal aus.“ „Äh… ja, das ist… doof gelaufen. Also… war so nicht geplant, aber Ihre Tochter, also Frau Dr. Haase kennt den Fall genauso gut wie ich. Wir haben die Operation zusammen vorbereitet. Sie kennt jeden Schritt aus dem Effeff. Ich vertraue ihr da voll und ganz, dass sie das hinkriegt“, argumentierte Marc kleinlaut, während Franz überraschte Blicke mit Dr. Kaan austauschte. Er wusste ja, wie sehr der Junge in sein Mädchen vernarrt war, aber dass er auch in beruflicher Hinsicht so große Stücke auf sie hielt, hatte er so in diesem Maße von seinem Oberarzt noch nicht gehört, und das machte ihn stolz. Aber deswegen hatte er seine beiden VIP-Patienten nicht aufgesucht.

„Ja, das tun wir wohl alle, aber deswegen bin ich nicht hier. Es geht um eine eher delikate Angelegenheit.“ „Oh“, stammelte Marc, der plötzlich ein ungutes Gefühl in der Magengegend bekam. Mehdi ging es genauso. „Soll ich ähm… mal kurz… rausgehen? Frau Dr. Hassmann braucht eh noch eine Unterschrift für die UV.“ „Sie bleiben mal schön liegen, Dr. Kaan. Mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen. Außerdem setze ich ebenso auf Ihre Verschwiegenheit. Als guter Freund meiner Tochter.“ „Bitte?“ Wie beim Pingpongspiel schnellte Marcs Kopf von einer Seite zur anderen, was dazu führte, dass er ebenso leichte Anzeichen einer Gehirnerschütterung verspürte. „Selbstverständlich, Herr Professor,“ antwortete Mehdi gewohnt freundlich, der Marcs verwirrten Blick bemerkt hatte. Dieser räusperte sich gerade unbehaglich. „Also, falls das wieder etwas mit meiner Mutter zu tun haben sollte, dann…“ „WIE BITTE? Selbstverständlich NICHT!“, echauffierte sich der Chefarzt vehement und strafte seinen besten Schüler mit einem äußerst missmutigen Blick, der dadurch gleich einen Kopf kleiner wurde. „Tschuldigung“, nuschelte Marc deshalb kleinlaut in sein Kissen, der sich mittlerweile mehr denn je wünschte, er könnte doch noch mit seiner Assistenzärztin die Plätze tauschen.

„Es geht vielmehr um die Weihnachtsfeier übermorgen.“ „Ah ja?“, gab sich Marc überrascht. „Ja, also, es ist so, es gibt wohl eine Doppelbuchung. Die Dampfschifffahrtsgesellschaft hat mir soeben abgesagt. Eine Unverschämtheit so kurz vor dem Termin. Alles ist seit Monaten vorbereitet und jetzt weiß ich nicht, wo wir auf die Schnelle Ersatz finden sollen. Aber da ihr beide jetzt hier flachliegt und dementsprechend viel Zeit zum Nachdenken habt, möchte ich, dass ihr euch darum kümmert. Bis morgen früh möchte ich Ergebnisse. Damit ich die geänderten Daten an die Kollegen rausschicken kann.“ Marc wirkte wie vor den Kopf gestoßen, denn bis eben hatte er die lästige Weihnachtsfeier überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt, der er jedes Jahr wohlwissentlich aus dem Weg ging, indem er sich freiwillig auf die Notbesetzungsliste für das Krankenhaus setzen ließ. „Aber?“ „Keine Widerrede! Das ist eine dienstliche Anweisung. Operation beendet.“ Und genauso schnell wie er gekommen war, war der Professor auch schon wieder zur Tür raus.

Marc wollte sich gerade zu Mehdi umdrehen, dem der Schädel dröhnte vor hämischem Gelächter, da sprang die Tür erneut auf und der Kopf des Professors guckte noch einmal durch den Türspalt. „Und zu niemandem ein Wort! Wenn das jemand mitbekommt, rennen die mir wieder die Tür ein wie damals, als dieses vermaledeite Telekommunikationsdienstleistungsunternehmen die Buchungen nicht bestätigt hatte und wir frierend vor verschlossenen Türen in Charlottenburg gestanden hatten, weil uns niemand Bescheid gegeben hatte.“ „Okay?“, reagierte Marc reichlich überfordert, während Mehdi sein schadenfrohes Gegluckse nicht zurückhalten konnte. „Und, mein lieber Marc, dir ist schon klar, dass trotz aller Mitarbeitermotivation das wichtigste Kriterium die strahlenden Augen meiner Tochter sind, an denen du dich orientieren solltest. Also, kein Larifari, sondern ein echtes Weihnachtswunder und nichts darunter. Verstanden? Gut, dann war’s das auch schon. Meine Vorlesung wartet und ich möchte euch nicht länger in eurem Genesungsprozess stören.“ Und schon war der Chefarzt diesmal wirklich zur Tür hinaus und hatte einen ziemlich verstört wirkenden Oberarzt zurückgelassen, dessen Schmerzmittel noch nicht die richtige Wirkung entfaltet hatten. Denn sein kaputter Finger fing plötzlich heftig zu puckern an.

„Boah, das ist jetzt echt nicht wahr, oder? Mittlerweile glaub ich, er hat die Tanne auf den Kopf bekommen und nicht wir“, stöhnte Marc entnervt auf und drehte sich zur Seite. Vom Bett am Fenster blickte Mehdi ihn immer noch mit spöttischer Miene an. „Tja, es heißt ja immer, man wächst mit seinen Aufgaben, nicht?“ „Du kannst mich mal kreuzweise!“ „Heute nicht. Ich hab irgendwie seit vorhin Rücken.“ „Haha! Was denkt der sich denn, wie ich bis übermorgen eine neue Location für den blöden Zirkus klarmachen soll? Die Berliner drehen doch jetzt schon total am Rad. Hast du mal in die Notaufnahme geguckt, was da eingeliefert wird? Ey, jedes Mäuseloch ist doch auf Wochen ausgebucht.“ Mehdi, den Marcs Verzweiflung nicht kalt ließ, richtete sich vorsichtig auf. „Weißt du, was ich glaube?“ „Oh, bitte, erzähle mir jetzt bloß keine blöde Weihnachtsgeschichte, die mich bekehren soll. Du weißt ganz genau, dass ich nicht an diesen Konsumwahnsinn glaube.“ „Eben drum. Ich glaube nicht, dass er das als Strafaktion gemeint hat. Mit den leuchtenden Augen von Gretchen wollte er dir etwas sagen.“ „Dass ich vor versammelter Mannschaft nen Ring rausholen soll, um Hasenzahn endlich zu einer ehrbaren Frau zu machen?“ „Das hast du jetzt gesagt. Es sei denn, du meinst es ernst?“

„Alter, was für halluzinogene Drogen hat die Hassmann dir denn in den Tropf gemixt? Du solltest aufpassen, dass die heute Nacht nicht heimlich über dich herfällt.“ Mehdi grinste nur. „Du bist doch ein schlaues Kerlchen. Du kennst Gretchen wie kein anderer. Du weißt, dass sie die Weihnachtszeit über alles liebt. Was könnte ihr gefallen? Woran hat sie Spaß, das den anderen auch zusagen könnte?“ „Darauf willst du jetzt keine ehrliche Antwort, oder?“ Mehdi verdrehte die Augen. Dass der Idiot auch immer nur an das Eine denken konnte. Aber dem war gar nicht so. Marc war nämlich plötzlich etwas eingefallen, das ihn abrupt aufspringen ließ. „Na klar, das kleine Mädchen!“ „Welches Mädchen?“ Mehdi schaute seinem Kumpel verwundert dabei zu, wie dieser in seine Krankenhausschlappen stieg und das Zimmer verlassen wollte. Er wollte gerade noch anmerken, dass er sich besser noch etwas überwerfen sollte, denn die Krankenhaushemden waren bekanntlich äußerst luftig geschnitten, aber da war Marc auch schon zur Tür hinausmarschiert. „Die gerade von ihr operiert wird.“

Zwei Tage später stand Dr. Meier wieder einigermaßen genesen mit Schiene an der einen Hand und einer Tasse heißen Glühwein in der anderen an der Bande und schaute der beschwipst kichernden und laut schwatzenden Meute auf der Eisbahn zu. Er hatte keine Ahnung, wie man daran Gefallen haben konnte. Ihm wäre lieber an einer Partie Eishockey mit Mehdi gelegen, aber die beiden Oberärzte hatten beide eine Krankschreibung als Ausrede und sich ein bisschen betüdeln zu lassen, hatte doch auch seine Vorteile. Nachdem Gretchen die Herz-OP mit Bravour gemeistert hatte, die ihr sogar schon ein paar Monate früher den Facharzt beschert hatte, strotzte die Neuchirurgin nämlich nur so vor Selbstbewusstsein, das sie am liebsten an ihrem neuen Lieblingspatienten auslebte. Sie hegte und pflegte ihren Freund mit großer Hingabe, den sie noch am selben Abend mit nach Hause hatte nehmen können. Und auch jetzt tanzte sie mit einer Energie über die Eisbahn, dass einem angst und bange werden konnte, aber anscheinend kam sie auf Glatteis besser zurecht als manchmal auf normalem Grund. Und er liebte es, ihr zuzuschauen. Franz hatte total recht. Ihre strahlenden Augen zu sehen, machte wirklich glücklich, auch wenn er dem ganzen Weihnachtsgedöns ansonsten immer noch nichts abgewinnen konnte. Deshalb war er auch froh gewesen, die Halle noch bekommen zu haben.

Hier konnte man dem Berliner Weihnachtstauwetter trotzen, es war kühl und steril wie in einem OP, Dr. Meier fühlte sich also dementsprechend wohl und man war unter sich. Ohne den ganzen Weihnachtsklimbim. Gut, ein bisschen schmücken, da war er nicht drum herumgekommen, das hatte er Sabine und Lilly überlassen, die es diesmal nicht übertrieben hatten. Sogar der verunglückte Weihnachtsbaum aus dem EKH hatte einen Platz gefunden. Das hatte er sogar witzig gefunden, aber er bemühte sich, das nicht zu zeigen. Sein Grinch-Image hatte er sich schließlich hart erarbeitet. Das würde ihm so ein Tag mit seiner Liebsten und den nervigen Kollegen in der Halle der Berliner Eislöwen nicht nehmen, dessen Teammanager nicht einen Moment gezögert hatte, zuzusagen, als Marc noch im Wartebereich auf ihn zugegangen war, wo er zusammen mit ihm auf den guten Ausgang der lebensverbessernden OP seiner kleinen Tochter gehofft hatte, die so gerne, wenn sie endlich richtig gesund war, eine echte Eisprinzessin werden wollte. Und Marcs Freundin hatte das ermöglicht.

Hasenzahn war schon eine Wahnsinnsbraut. Eistänzerin, Träumerin, Liebhaberin, weltbeste Chirurgin. Jetzt war Marc derjenige, der glänzende Augen bekommen hatte und das lag nicht am Glühwein, der in seinen Händen mittlerweile kalt geworden war. Das fiel auch Gretchen auf, die mit flatterndem Haar auf den Mann an der Bande zu getanzt kam und ihm prompt in die Arme schlitterte, weil sie ihre Geschwindigkeit auf den Kufen unterschätzt hatte. „Huch! Tschuldige! Alles, okay bei dir? Hast du Schmerzen?“ „Wenn ich jetzt die Hand hebe, könnte das zweideutig wirken. An sich ist das zwar eine coole Sache, weil ich alles und jedem den Stinkefinger zeigen kann, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden, aber ich glaube, dein Vater sieht das nicht so.“ „Dafür ist er aber total begeistert von der Location. Für die Kollegen ist das ein toller Spaß. Ich glaube, Günni war in seinem früheren Leben Eistänzer.“ „Nicht nur er“, flirtete Marc ungeniert drauflos und beobachtete amüsiert, wie sich Gretchens Wangen niedlich rosa verfärbten. „Nur blöd, dass du nicht mitlaufen kannst, aber hey, wenn du dich ganz fest an mich klammerst, geht es vielleicht.“ „Ich dachte, du fragst nie“, schmunzelte Marc und zog sein Mädchen noch fester in seine Arme. An und für sich war die Weihnachtszeit doch gar nicht so übel, dachte er insgeheim und drückte seine eiskalten Lippen auf Gretchens warmen, nach glasierten Früchten schmeckenden Mund.




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