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Dieses Thema hat 3 Antworten
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 Die Challenges
JackySunshine Offline

stellv.Admine


Beiträge: 8.204

30.09.2018 08:55
Challenge Nummer 4: „10 Jahre nach dem Wiedersehen“ Zitat · antworten

Challenge Nummer 4 - „10 Jahre nach dem Wiedersehen“

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Autor Eins


Aufzüge und Jahrestage

Er hat es vergessen. Hätte ich mir ja eigentlich denken können. Ich meine von Männern zu erwarten, dass sie sich Jahrestage merken das ist in etwa so wie von einer Frau eine exakte Beschreibung eines Autos zu erwarten. Das Männeräquivalent zu „es war ein großes blaues, ein Kombi glaube ich“ ist dann wohl „Wir haben uns vor 10 Jahren kennengelernt. Im Sommer.“ Für den richtigen Monat müsste es da schon Bonuspunkte geben, so wie für eine Frau die sagen kann von welcher Marke das Auto ist das ihr Mann fährt (Was ich zugegebenermaßen nicht kann. Es ist ein silberner Sportwagen.) Aber ich kenne seinen Geburtstag. Und unseren Hochzeitstag. Und ich weiß an welchem Tag wir uns kennengelernt haben, auch wenn das jetzt fast 30 Jahre her ist. Und natürlich wann wir uns zum ersten Mal seit der Schulzeit wieder gesehen haben. Nämlich genau heute vor 10 Jahren.

Aber Marc weiß das offensichtlich nicht mehr und das obwohl ich mit Andeutungen nicht gespart habe. Ich habe ihm sogar heute Morgen beim Frühstück noch gesagt dass die Kinder heute bei Mehdi übernachten werden und wir somit das Haus ganz für uns haben. Aber selbst darauf hat er kaum reagiert. Er hat nur sowas wie „Okay, da weiß ich Bescheid“ gemurmelt und dann gesagt, dass er heute nochmal in die Klinik muss obwohl es Samstag ist, weil er mit den OP-Berichten hinterher hängt. Als ob das nicht warten könnte! Außerdem hat er die eh immer seine Assis schreiben lassen und nur gelesen und dran rumgenörgelt. Seit er Chefarzt der Chirurgie ist beauftragt er wahrscheinlich seinen Oberarzt mit dem Schreiben der Berichte, der das wiederum auf die Assis abwälzt. So genau weiß ich das nicht, denn ich arbeite zwar noch im Elisabeth-Krankenhaus, aber nicht mehr in der Chirurgie, obwohl ich meinen Facharzt als Chirurgin gemacht habe. Danach habe ich aber in die Notfallambulanz gewechselt. Irgendwie war es einfach nichts für mich Patienten nur auf dem OP-Tisch und für ein paar Minuten bei der Visite zu sehen. Papa und Marc waren am Anfang gar nicht begeistert von meiner Entscheidung nicht in der Chirurgie zu arbeiten und Marc sprach sogar von „Verschwendung“ einer ordentlichen Facharzt-Ausbildung. Aber ich sehe das nicht so. Normalerweise arbeiten in der Notfallambulanz hauptsächlich unsichere Assistenzärzte, denen es schwer fällt zwischen den vielen banalen Wehwehchen, mit denen Patienten in die Notfallambulanz kommen wenn ihr Hausarzt keine Sprechstunde und der Facharzt keine freien Termine hat, die echten Notfälle zu entdecken. Deswegen finde ich es wichtig in der Notfallambulanz auch erfahrene Fachärzte zu haben.

Jetzt bin ich allerdings zwar unterwegs ins Krankenhaus, aber nicht in die Notfallambulanz sondern in die Chirurgie, weil Marc den USB-Stick mit den neuesten OP-Berichten zuhause vergessen hat und natürlich viel zu beschäftigt ist um wieder zurück zu fahren und das Teil selbst zu holen. Manchmal frage ich mich echt, wie dieser Kerl es immer wieder schafft mich dazu zu kriegen ihm den Arsch hinterher zu tragen. Als er vor einer halben Stunde angerufen und mich gebeten hat ihm den Stick vorbei zu bringen hatte ich wirklich vor mich rundheraus zu weigern. Ganz ehrlich! Aber Marc hat es natürlich mal wieder geschafft zu kriegen was er will. Genervt lasse ich das Telefonat nochmal Revue passieren:

„Hey Hasenzahn, ich habe meinen USB-Stick mit den OP-Berichten auf dem Schreibtisch liegen lassen. Kannst du ihn mir bitte in die Klinik bringen?“

„Mensch, Marc, wenn du deine Berichte schon unbedingt am Samstag schreiben musst und es nicht hinkriegst an deinen Kram zu denken kannst du auch selbst zurückfahren und dir deinen Stick holen. Ich bin deine Frau, nicht deine Sekretärin.“

„Komm schon Hasenzahn… Du hast doch selbst gesagt, dass du heute mal nichts weiter zu tun hast. Wenn ich jetzt nach Hause und wieder zurück fahre dauert das doch viel länger als wenn du mir den Stick flott vorbei bringst. Je eher ich mit diesen Berichten fertig bin, umso früher haben wir Zeit den kinderfreien Tag zu genießen.“


Den letzten Satz hatte Marc in diesem gewissen Ton gesagt, der keinen Zweifel daran ließ was er mit „genießen“ meinte. Typisch.

Nicht dass ich nicht auch daran denke. Ich habe mir sogar extra neue Dessous gekauft. Marc und ich sind zwar schon seit 7 Jahren verheiratet, aber das, was man gemeinhin über das „verflixte 7. Jahr“ sagt trifft bei uns überhaupt nicht zu. Klar haben wir gewisse Routinen entwickelt, das bleibt nicht aus mit zwei Kindern, aber die empfinde ich eher als angenehm, weil sie nicht nur den Kindern sondern auch uns Sicherheit und Geborgenheit geben. Langweilig ist es deswegen nicht geworden. Marc und ich streiten uns immer noch, aber es sind nicht mehr die großen Dramen wie früher, sondern eher Alltags-Gezanke wie heute Morgen. Und wenn es doch mal etwas heftiger kracht ist der anschließende Versöhnungs-Sex umso besser. Nicht dass wir uns streiten müssten um guten Sex zu haben. Marc ist fantastisch im Bett, auch nach all den Jahren. Von Freundinnen, die auch seit Jahren verheiratet sind, weiß ich, dass sie Glück haben wenn es ein bis zweimal im Monat passiert. Und bei denen, die mit einmal pro Woche noch verhältnismäßig oft Sex haben, ist die ganze Sache so routiniert, dass mir beim bloßen Gedanken daran graust. Immer samstags abends nach der Tagesschau… grässlich. Bei Marc kann man nie sagen, wann ihn gerade die Lust packt. Manchmal kommt er zu mir in die Dusche oder die Badewanne, manchmal genießt er es mich regelrecht zu verführen, wenn ich eigentlich gerade ein spannendes Buch oder einen medizinischen Artikel lesen will und gar nicht so selten machen wir in der Mittagspause von seinem Büro Gebrauch. All das nicht mehr (oft mehrmals) täglich, wie in den ersten Monaten unserer Beziehung, aber doch mehrmals pro Woche.

Nur nicht diese Woche. Die war verdammt hektisch und das schon seit dem letzten Wochenende. Da haben wir nämlich den sechsten Geburtstag unserer Tochter Tessa gefeiert und zwar gleich zwei Tage lang. Am Samstag - Tessas eigentlichem Geburtstag - war die übliche Kindergeburtstags-Party mit Tessas Freunden aus dem Kindergarten gewesen und am Sonntag waren dann meine Eltern, Jochen, Marcs Mutter und Mehdi mit Frau und Kindern gekommen. Bis jetzt waren unsere Verwandten (und dazu zählen wir Mehdi, schließlich ist er Tessas Patenonkel) immer am selben Tag gekommen wie Tessas Freunde. Aber neuerdings fand unser Fast-Schulkind es "total uncool" ihre Großeltern bei der Kinderparty dabei zu haben. Ich habe meine Tochter bei dieser Aussage nur fassungslos angesehen. Seit wann machen sich sechsjährige Gedanke darüber was cool ist? Ich konnte es nicht fassen. Aber Marc war Tessa natürlich sofort beigesprungen und hatte mir erklärt dass ich mir schließlich weder mit sechs noch mit sechszehn Gedanken darüber gemacht hatte was cool ist und was nicht. Also hatte es eben zwei Parties gegeben, nach denen alle Beteiligten restlos k.o. gewesen waren. Und auch die Arbeitswoche war hektisch gewesen - entweder Marc oder ich hatten immer Überstunden schieben müssen. Außerdem war in Pascals Klasse noch Elternsprechtag gewesen. Und cool oder nicht erwarteten beide Kinder natürlich zum Fußball (Tessa) bzw. Basketball (Pascal) -Training kutschiert zu werden.

Ja, richtig, wir sind seit sieben Jahren verheiratet und haben ein Vorschul- und ein Schulkind. Die Ereignisse haben sich bei uns nämlich nach unserem Aufbruch nach Afrika ziemlich überschlagen. Pascal ist nicht unser leiblicher Sohn, sondern derselbe Pascal, den wir vor inzwischen fast acht Jahren im Krankenhaus kennengelernt haben, nachdem sein Vater ihn misshandelt hatte. Ich habe danach oft an den kleinen Kerl gedacht und ich glaube Marc noch öfter, auch wenn er nie darüber gesprochen hat. Marc konnte leider nur sechs Wochen in Afrika bleiben und auch das nur, weil er seinen Jahresurlaub dafür genutzt hatte. Wenn er länger geblieben wäre hätte ihn das seinen Job gekostet und das wollte ich auf keinen Fall. Als dann nach weiteren fünf Wochen unser Arzt ohne Grenzen nach Afrika nachgereist war, war ich drauf und dran gewesen mich in den nächsten Flieger nach Hause zu setzen, weil ich Marc so sehr vermisste. Aber ich hatte mir so fest vorgenommen diese Sache durchzuziehen, dass ich dann doch blieb. Außerdem war ich mir einfach immer noch nicht 100 % sicher gewesen ob es Marc wirklich ernst mit mir war, ernst genug, um auf Dauer darauf bauen zu können. Ja, Marc war toll gewesen in Afrika und trotz der harten Bedingungen waren diese sechs Wochen mit Marc die bis dato schönste Zeit meines Lebens gewesen. Aber Marc hatte mich so oft enttäuscht, dass ein Teil von mir immer noch an unserer Zukunft zweifelte. Also beschloss ich das Jahr in Afrika durchzuziehen. Wenn Marc auf mich warten und mir treu bleiben würde, so dachte ich, dann meinte er es wirklich ernst. Und da Gigi Marc nicht über den Weg traute bot sie sich sogleich an mich im Elisabethkrankenhaus zu vertreten und Marc ein wenig hinterher zu spionieren. Ich erklärte ihr zwar, dass ich das nicht wollte und dass ich Marc vertraute (was ich ja auch irgendwie tat, aber ein klitzekleines bisschen Unsicherheit blieb eben doch), aber Gigi ließ sich von der Idee nicht abbringen.

Letztlich kam es dann aber ganz anders. Zwei Monate nachdem Marc abgereist war bekam ich einen Anruf von ihm. Sofort hörte ich ihm an der Stimme an, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Pascal war wieder eingeliefert worden - diesmal nicht "nur" mit einem gebrochenen Arm oder einer gebrochenen Nase, sondern mit lebensgefährlichen inneren Blutungen und schweren Kopfverletzungen. Marc und Dr. Hassmann hatten es in einer Notoperation geschafft Pascal zu stabilisieren, aber seitdem lag er im Koma und es war ungewiss, ob er jemals wieder aufwachen würde und falls ja ob er bleibende Schäden zurück behalten würde. Und - wie Marc mir gleichermaßen wütend, verzweifelt und fassungslos erzählte - weigerte sich Pascals Mutter immer noch ihren Mann anzuzeigen. Ob nun aus Liebe oder aus Angst - sie bestätigte die Geschichte von Pascals Vater, dass der Junge sich die Verletzungen bei einem Sturz zugezogen hatte. Und auf einmal waren weder mein Selbstverwirklichungs-Trip noch meine Sorgen wegen der Zukunft mehr von Bedeutung gewesen. Marc hatte mich angerufen in einer Situation, die ihn schwer belastete und ich wusste, dass er mich jetzt brauchte. Also war ich in den nächsten Flieger gestiegen und zu ihm geeilt. In dem Moment, in dem ich Pascals Krankenzimmer betreten und Marc zu mir aufgesehen hatte - mit so viel Liebe und Erleichterung, dass ich zurück gekommen war - hatte ich gewusst, dass ich mit diesem Mann den Rest meines Lebens verbringen würde. Marc war aufgesprungen, hatte mich wortlos in die Arme gezogen und mich festgehalten als wäre ich der rettende Anker, der seine Welt davon abhalten konnte aus den Angeln zu gleiten.

Wir hatten an Pascals Bett gewacht - erst gemeinsam und als aus Stunden Tage wurden abwechselnd - bis er schließlich die Augen aufschlug. Er erzählte uns was wirklich passiert war, hatte aber zunächst große Angst als Marc ihn fragte, ob er das auch der Polizei erzählen würde. Marc hatte Pascal versprochen, dass er ihn vor seinem Vater beschützen würde. Und als Pascal Marc mit großen und ängstlichen Augen ansah und fragte "Heißt das ich kann bei dir bleiben?" hatte Marcs Blick automatisch meinen gesucht. Ich hatte gelächelt und ihm zugenickt und Marc hatte sich wieder Pascal zugewandt und gesagt: "Ja, das heißt es. Du kannst bei uns bleiben. Wir freuen uns auf dich."

Ganz so einfach war es dann natürlich nicht geworden. Erstmal mussten Marc und ich den Antrag stellen um Pflegeeltern werden zu können, was mit sehr viel Papier und mehreren Schulungen verbunden war. Dann folgten Anhörungen vor Gericht und eine Begutachtung durch eine vom Gericht bestellte Sachverständige. Aber wir hatten es geschafft. Als Pascal nach fast vier Wochen aus dem Krankenhaus kam durfte er erstmal auf Probe zu uns, obwohl das Sorgerechtsverfahren gegen seine Mutter noch lief. Letztlich wurde Marc und mir das Sorgerecht für Pascal zugesprochen. Den Ausschlag hatte wohl das Gutachten der Psychologin gegeben, das besagte, dass Pascal sich bei uns – besonders bei Marc – sicher und geborgen fühlte und dass ihm die positive Vaterfigur gut tat. Am Abend nach der Verhandlung waren Marc, Pascal und ich essen gegangen, um zu feiern und an diesem Abend hatte Marc mir einen Heiratsantrag gemacht. Er hatte mir einfach eine Schachtel mit einem Ring zugeschoben und gesagt: „Nicht im Kuchen, nicht im Champagner und nicht in Las Vegas. Jetzt hast du also keinen Grund mehr nein zu sagen.“ Mein verblüfftes Schweigen musste Marc wohl als Zögern gewertet haben, deswegen hatte er ernster hinzugefügt: „Ich bin wahnsinnig glücklich mit euch beiden. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal der Familientyp sein würde, aber offenbar bin ich das jetzt. Ich möchte eine richtige Familie und ich möchte das mit dir – mit euch.“

Wenn man mir heute vor 10 Jahren, als ich an meinem ersten Arbeitstag das Krankenhaus betrat, gesagt hätte, dass ich 10 Jahre später mit Marc Meier - dem Schulhof-Tyrannen und meinem Jugendschwarm – verheiratet sein und zwei wundervolle Kinder haben würde, ich hätte ihn für verrückt erklärt.

Und doch ist es so und ich bin gerade unterwegs zu genau dem Aufzug in dem vor 10 Jahren alles begonnen hat. Ist es armselig, dass ich sogar noch weiß welcher Aufzug es war, wenn Marc sich noch nicht mal an das Datum erinnert?
Ich werde von Sabine aus meinen Gedanken gerissen, die mich anstarrt und ein Stück Papier hastig in ihre Handtasche stopft.

"Schwester Sabine! Ich wusste gar nicht dass sie heute arbeiten."

Sabine ist seit zwei Jahren Oberschwester und macht seitdem nicht mehr so oft Wochenendschichten.

"Oh, ähm, tue ich auch nicht. Aber Günni muss dieses Wochenende arbeiten und da habe ich beschlossen ihm etwas zu Essen vorbei bringen. Ich wollte gerade zu ihm."

"Aber sie haben kein Essen dabei. Es sei denn sie meinen damit ein paar Bonbons, denn mehr passt bestimmt nicht in die kleine Handtasche."

"Oh! Ja stimmt! Gut, dass Sie mich erinnern Frau Doktor! Ich muss das Essen im Auto vergessen haben. Ich gehe es mal schnell holen."

Und weg ist sie. Merkwürdig, sogar für Sabine.

Ich will gerade auf den Knopf drücken, um den Fahrstuhl zu rufen, als die Tür schon aufgeht. Und zu meiner Überraschung sehe ich niemand anderen als Marc lässig an der Wand lehnen. Er hält einen Strauß mit 10 langstieligen roten Rosen in der Hand und auf dem Boden des Aufzugs sehe ich eine Decke und einen Picknick-Korb.

"Alles Gute zum Jahrestag, Hasenzahn."

Im ersten Moment bin ich einfach zu verblüfft um zu reagieren, doch dann strahle ich über das ganze Gesicht.

"Du hast es doch nicht vergessen!"

Marc grinst. "Natürlich nicht. Aber es musste so aussehen. Sonst wäre es doch keine Überraschung gewesen."

Ich falle Marc um den Hals und küsse ihn leidenschaftlich. "Die Überraschung ist dir definitiv gelungen! Dann weiß ich jetzt wohl auch warum Sabine gerade so merkwürdig war."

Marc lacht. "Tja, eine gute Schauspielerin war sie noch nie. Aber immerhin hat sie dicht gehalten. Bei ihr habe ich am meisten Sorge gehabt sie würde sich verplappern. Aber ich brauchte ja schließlich jemanden, der das "Defekt"-Schild am Aufzug anbringt und schnell wieder abmacht sobald du kommst. Mehdi und Anna wussten natürlich auch Bescheid. Mehdi zieht mich seit Wochen damit auf, dass ich ihn vor dir gefragt habe ob Tessa und Pascal heute bei ihm übernachten können. Sonst bist du schließlich immer diejenige, die alles von langer Hand plant. Und die Kinder sind natürlich auch eingeweiht. Hat es dich etwa gar nicht gewundert, dass Pascal kaum protestiert hat als du beschlossen hast ihm ein Wochenende unter einem Dach mit Lilly aufzudrängen?"

Marc und ich waren nicht die einzigen gewesen, die die Zeit in Afrika genutzt hatten um uns darüber klar zu werden, was wir wirklich wollten. Auch Mehdi hatte sein Leben überdacht und war zu dem Schluss gekommen, dass es etwas oder besser gesagt jemanden gab, ohne den sein Leben niemals vollständig sein würde - seine Tochter. Lilly mochte zwar nicht sein biologisches Kind sein, aber das änderte nichts daran dass sie seine Tochter war. Also hatte er Privatdetektive engagiert und Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt um Lilly wieder zu finden. Ich hatte Mehdi noch nie so glücklich erlebt wie an dem Tag, an dem er aus der Schweiz angerufen hatte nachdem er seine kleine Tochter zum ersten Mal seit fast zwei Jahren wieder in die Arme schließen konnte. Laut Geburtsurkunde war Mehdi Lillys Vater und da Anna einen Vaterschaftstest nicht gegen Mehdis Willen durchführen lassen konnte hatte sich daran nie etwas geändert. Das Sorgerecht einzuklagen war dann in Anbetracht von Annas früherem Beruf ein Leichtes gewesen. Um ihre Tochter nicht ganz zu verlieren war auch Anna zurück nach Berlin gekommen. Anfangs war die Situation zwischen Mehdi und Anna natürlich sehr angespannt gewesen aber bald hatten die beiden erkannt dass die Gefühle, die sie einmal füreinander gehabt hatten, immer noch da waren.

Mittlerweile sind Mehdi und Anna wieder ein sehr glückliches Paar und haben einen kleinen Sohn in Tessas Alter. Tessa und Leon waren von klein auf unzertrennlich gewesen. Sie gehen in denselben Kindergarten, sind im selben Fußballverein und werden im Herbst auf dieselbe Schule wechseln. Daher ist Tessa natürlich begeistert das Wochenende bei Mehdis Familie verbringen zu können. Von den beiden Teenagern kann man das allerdings nicht behaupten. Lilly - inzwischen 14 - ist ein Jahr älter als Pascal und laut Aussage meines Sohnes "die größte Zicke überhaupt". Immer wenn die beiden aufeinander treffen - was ziemlich oft der Fall ist, da sowohl ihre Eltern als auch ihre jüngeren Geschwister eng miteinander befreundet sind - fliegen ordentlich die Fetzen. Zuletzt auf Tessas Geburtstagsfeier. Ich war ziemlich ausgelastet damit gewesen die Gäste zu bewirten und Tessa, Leon und Marc davon abzuhalten unser Wohnzimmer in ein Indianerfort zu verwandeln, deswegen hatte ich von dem Streit der Teenies nur die Hälfte mitbekommen. Begonnen hatte es jedenfalls damit, dass Pascal die Pinata seiner Schwester, aus der eigentliche Smarties hätten herauskommen sollen, mit Wackelpudding gefüllt hatte. Und da Lilly den beiden Kleinen beim verhauen der Pinata eifrig geholfen hatte war anschließend natürlich sowohl ihr T-Shirt als auch ihre Frisur ruiniert gewesen. Tessa und Leon hatten die Wackelpudding-Dusche sehr lustig gefunden, Lilly weniger. Es hatte auch nicht gerade geholfen dass Pascal zurzeit ungefähr so charmant war wie Marc in dem Alter und erklärt hatte, dass der grün-rote Wackelpudding-Look eine eindeutige Verbesserung zu Twilight-T-Shirt und Glitzer-Haargummis war.

Ich lache bei der Erinnerung an diesen Vorfall als ich mich neben Marc auf der Picknick-Decke niederlasse.

"Weißt du, irgendwie glaube ich in ein oder zwei Jahren wird Pascal ganz anders über ein Wochenende bei Lillys Familie denken."

Wie ich erwartet habe sieht Marc mich überrascht an. "Wie kommst du denn da drauf?"

Ich rolle spielerisch die Augen. "Weißt du Marc, auch wenn du in den letzten zehn Jahren eindeutig Fortschritte gemacht hast was romantische Gesten angeht, bist du manchmal immer noch herrlich ahnungslos."

"Marc Meier und ahnungslos?! Das passt ja mal sowas von überhaupt nicht zusammen," antwortet Marc gespielt beleidigt. "Schließlich bin ich derjenige, der immer weiß welche Turnschuhe, Sportmannschaften und Bands zurzeit bei den Kids angesagt sind."

"Tja und ich weiß welches Mädchen bei unserem Sohn angesagt ist."

Jetzt sieht Marc mich total perplex an. "Du meinst Pascal und Lilly?!"

"Erinnern die beiden dich nicht auch manchmal an wen?" frage ich meinen Mann anstelle einer Antwort.

Ich kann förmlich sehen wie der Groschen fällt. Verwundert sieht Marc mich an. "Mensch Hasenzahn, du hast sowas von Recht! Warum habe ich das nicht früher gesehen? Klar, Pascal spielt gerne mal einen Streich, aber bei niemandem hat er solch einen Spaß daran wie bei Lilly. In der Schule ist er nicht halb so schlimm wie ich damals in seinem Alter, aber mit Lilly..."

"... führt er sich fast so auf wie du damals mit mir. Muss irgend so ein bescheuertes Jungs-Ding sein um die Aufmerksamkeit des Mädchens zu kriegen das einem gefällt."

Jetzt hat Marc wieder diesen schelmischen Blick drauf, den ich schon immer unwiderstehlich an ihm fand.

"Soso, du glaubst also, dass du mir damals schon gefallen hast."

"Na klar habe ich dir gefallen. Du hast mich schließlich geküsst, damals im Garten."

Marc lacht. "Muss ja einen ganz schönen Eindruck auf dich gemacht haben, dass du das auch 30 Jahre später noch weißt."

"26! Eigentlich 25 1/2. Damals war ich 14 und ich bin noch keine 40, wie du sehr wohl weißt," antworte ich ein wenig pikiert. Mein runder Geburtstag in drei Monaten liegt mir schwer im Magen.

Marc lacht, doch er sieht mir offenbar an, dass das ein wunder Punkt für mich ist, denn schnell wird sein Blick weicher und er streichelt sanft meine Wange.

"Mensch, Hasenzahn, was hast du nur immer mit Geburtstagen? Dir ist doch klar, dass ich immer noch genauso verrückt nach dir bin wie vor 10 Jahren, oder?"

"Wenn ich mich recht erinnere hast du mir heute vor zehn Jahren in genau diesem Aufzug erzählt, dass ich kein bisschen schlanker geworden bin und meine Zahnspange wohl zu früh rausgenommen wurde," antworte ich beleidigt.

"Mensch, Hasenzahn und du behauptest ich wäre ahnungslos. Das habe ich doch nur gesagt weil du mich total umgehauen hast."

Ich starre Marc mit offenem Mund an und er lacht.

"Boah, Hasenzahn! Du standest da vor mir und ich habe dich zum ersten Mal ohne diese furchtbare Brille gesehen hinter der man deine wunderschönen Augen gar nicht erkennen konnte. Und eine Strähne deiner Haare war aus dem Haargummi gerutscht und ich habe die ganze Zeit mit meinem Schlüsselanhänger rumgespielt um mich davon abzuhalten mit dieser verdammten Strähne zu spielen. Und dann dieser zu enge Kittel mit dem fehlenden Knopf! Ich konnte mich kaum noch beherrschen vor Geilheit!"

Ich starrte Marc fassungslos an. "Das alles hast du aber ziemlich gut verborgen."

"Ich war immer verdammt gut darin meine Gefühle zu verbergen. Und es hat eine ganze Weile gedauert bis ich begriffen habe, dass ich das bei dir nicht muss."

Mensch Marc... Wie schaffst du das nur, dass ich bei dir immer dahin schmelze? Mit fast 40 noch genauso wie mit 14.

Ich streichele sanft seine Wange und bewege mich noch näher zu ihm, sodass unsere Gesichter sich fast berühren.

"Und was fühlst du jetzt?"

Marc lächelt mich an und schaut mich mit diesem unwiderstehlichen sehnsüchtigen, verletzlichen Blick an, den ich früher nur in absoluten Ausnahmesituationen kurz erhaschen konnte.

"Genau das Gleiche. Und noch so viel mehr."

Ich lächele Marc an und küsse ihn zärtlich. Ein Mann großer Worte ist er immer noch nicht. Aber das ist okay. Ich weiß auch so was er sagen will.

Ich werde in meinen romantischen Gedanken gestoppt als Marcs Hand unter meinen Pullover gleitet und meine Brust durch den BH hindurch massiert.

"Marc! Hier?! Wollen wir nicht in dein Büro gehen?" keuche ich.

"Nichts da, Hasenzahn. Seit zehn Jahren will ich dich in diesem Aufzug nehmen. Und nichts und niemand wird mich davon abhalten das genau jetzt zu tun."




3783 Wörter



JackySunshine Offline

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30.09.2018 08:56
#2 RE: Challenge Nummer 4: „10 Jahre nach dem Wiedersehen“ Zitat · antworten

Challenge Nummer 4 - „10 Jahre nach dem Wiedersehen“

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Autor Zwei

„Bereit, Gretchen?“, flüsterte die schmeichelnde Stimme durch den schmalen Türspalt, der nach kurzem Zögern noch ein Stückchen weiter aufgeschoben wurde und schließlich einen dunkelbraunen Wuschelkopf zum Vorschein kommen ließ. Aus Höflichkeit hielt er die Augen geschlossen, aber klappte sie dann doch langsam auf, als er sicher sein konnte, in keine kompromittierende Situation hineingeplatzt zu sein. Die zaghaft Angesprochene vor dem riesigen Badezimmerspiegel bemerkte ihren Besucher jedoch erst, als sie liebevoll von der Seite angestupst wurde. Überrascht hob sie ihren Kopf und blickte direkt in die fröhlich funkelnden Augen des Spiegelbilds eines attraktiven Mannes, der sich auf leisen Sohlen hinter sie geschlichen hatte. Sie versuchte noch, es vor ihm zu verbergen, aber Dr. Mehdi Kaan arbeitete lange genug intensiv mit Frauen zusammen, um entscheidende Signale richtig zu deuten. Gretchen hatte geweint. „Hey, nicht doch“, versuchte er, sie zu trösten. „Geht gleich wieder“, flüsterte sie stockend, aber ein Blick in Mehdis unergründliche Tiefen genügte, um die Schleusen wieder weit zu öffnen. Der verständnisvolle Frauenarzt zog das heulende Elend seufzend zum Badewannenrand, wo sie sich setzten. Er legte seinen Arm um ihre Schulter, so dass sie sich an ihn lehnen konnte, griff in seine Hosentasche und präsentierte ihr sein meist verschriebenes Allzweckheilmittel, ein blütenweißes Taschentuch, mit dem er ihr nun sanft über die Augenwinkel tupfte. „Danke!“

„Alles wieder gut?“, hakte Mehdi vorsichtig nach, als er merkte, dass Gretchen nicht mehr von heftigen Schluchzern durchgeschüttelt wurde und er damit gleich mit. Sie nahm ihm das Taschentuch ab, tippte sich damit über die geröteten Nasenlöcher, atmete noch einmal tief durch und nickte ihm schließlich verlegen zu. „Na, also, da ist es ja wieder, das bezauberndste Lächeln der Welt, auf das unten schon alle sehnsüchtig warten.“ Als sie das vernahm, wurde die Neununddreißigjährige dann doch hektisch und sprang wie ein Grashüpfer wieder auf, um ihr Gesicht noch einmal im Spiegel zu kontrollieren. Natürlich sah man ihr an, dass sie geweint hatte. Sie sah nicht nur fürchterlich aus, sie fühlte sich auch so. Mehdi, der spürte, dass sie schon wieder unsicher zu werden drohte, stellte sich hinter sie, legte seine großen, sanften Hände auf ihre Schultern und suchte im Spiegel Gretchens Blick. „Nicht doch! Denk sowas nicht! Du siehst toll aus. Du bist die tolle, taffe Ärztin, die man auch erwartet. Alles wird gut.“ „Ich fühl mich aber gerade nicht so.“ „Das ist die Aufregung. Ich hab auch die ganze Nacht nicht geschlafen. Schließlich ist heute unser Tag X. Kann sein, dass es nicht perfekt wird, aber zusammen schaffen wir das.“

Mehdis Worte bauten die verunsicherte Chirurgin wieder ein wenig auf, die mit weiblicher Magie geschickt ihre verräterische Tränenspur verschwinden ließ. „Ehrlich?“, schaute sie hoffend zu ihm hoch, nachdem sie ihr Make-up-Täschchen wieder in der obersten Schublade des Waschbeckenschranks verstaut hatte. „Hätte ich mir dann dich als Partnerin ausgesucht?“, schmunzelte er aufmunternd und die schöne Blondine lächelte verschmitzt zurück. „Genaugenommen hab ich dich ausgesucht.“ „Ich bin mir dieser Ehre durchaus bewusst, Frau Doktor Haase. Also, können wir?“, lud er die Schönheit erneut ein und reichte ihr seinen Arm, damit sie sich bei ihm unterhaken konnte, was sie diesmal auch mit Freude annahm. „Tja, dann bringen wir es mal hinter uns.“ „Och, ein bisschen mehr Enthusiasmus hätte ich dann doch erwartet“, zog der Halbperser seine kichernde Partnerin auf und öffnete die Badezimmertür.

An der Treppe angekommen hielt Gretchen jedoch noch einmal kurz inne. Das Gelächter und Geplapper der Gäste im Garten tönte schon fröhlich zu ihr herauf. „Ich bin aufgeregt. Was ist, wenn wir hiermit einen Fehler machen, Mehdi? Ich meine, wir fangen noch einmal komplett von vorne an. Tun wir wirklich das Richtige?“ Mehdi legte Gretchens zitternde Hände in seine und blickte der Zweiflerin tief in die unsicher hin und her huschenden Augen. „Hast du mir nicht gesagt, dass man auch mal was riskieren muss. Man soll mutig sein. Das ist das Mutigste, das wir je gemacht haben. Klar, macht einem das Angst. Und ich würde lügen, wenn es nicht so wäre. Aber ich stehe dazu. Ich habe in den letzten Monaten alles dafür gegeben und werde das auch in Zukunft tun. Das verspreche ich dir. Denn das ist unser großer Traum. Er wird tatsächlich real, Gretchen. Das ist der Wahnsinn.“

Mehdis ehrliche Begeisterung gab der Ärztin den letzten Schub, den sie noch gebraucht hatte. „Wahnsinn ist genau das richtige Stichwort. Vielleicht hätten wir das auf das Messingschild gravieren lassen sollen?“ „Zu spät. Es hängt schon an der Tür und war teuer genug.“ „Zumindest ist es nicht der teuerste Posten. Wir haben hier alles reingesteckt, Mehdi. Das muss klappen.“ „Umso mehr Grund, nicht mehr zu zweifeln, hm?“ „Du hast recht. Aus mir hat nur die Panik gesprochen. Wir rocken das jetzt“, lud Gretchen nun wiederum Mehdi ein und hielt ihm ihre zarte kleine Hand hin. Aber mehr aus Angst, vor den ganzen Gästen, die sich nun teilweise auch im Hausflur versammelt hatten und erwartungsvoll zu ihr und Dr. Kaan hochschauten, die Treppe hinunterzustürzen. Und gut, dass sie so vorausschauend gehandelt hatte, denn die letzte Stufe wäre der ungekrönten Berliner Tollpatschqueen tatsächlich beinahe zum Verhängnis geworden. Aber ihr Partner, ihr Held in der Brandung, hatte ihr sicheren Halt gegeben, während ihre Eltern, Jochen und Schwester Sabine für einen kurzen Moment den Atem angehalten hatten. Denn es wäre schließlich nicht das erste Mal gewesen, dass ihr Gretchen einen spektakulären Auftritt hingelegt hätte.

Mit einem lockeren Spruch auf den Lippen überspielte die Ärztin ihre Ungeschicklichkeit. „Tja, der große Auftritt liegt mir eben. Hallo, ihr Lieben! Toll, dass ihr alle unserer Einladung gefolgt seid. Wir freuen uns riesig, euch hier begrüßen zu dürfen. Denn das hier war ein langer Weg für uns. Erst eine spontane Idee an Mehdis Schnapszahlengeburtstag. Dann ein Gedanke, der sich immer mehr in den Vordergrund gerückt hat. Wie ein Ohrwurm aus dem Radio, den man nicht mehr los wird, der einen überallhin verfolgt, bis man fast verrückt davon wird und schließlich doch mitsummt. Und plötzlich war an allem kein Spaß mehr. Da schwang auf einmal diese Ernsthaftigkeit mit. Können wir es schaffen? Ist es wirklich möglich? Und wir haben ja gesagt. Wir haben alles in die Waagschale geworfen und nur unfassbare zehn Monate später stehen wir hier und können euch das Resultat, auf das wir megamegastolz sind, präsentieren. Unser allererster Dank gilt natürlich unseren Familien. Deinen, Mehdi, für die Planung und Umsetzung in Rekordgeschwindigkeit, an die wir noch vor einer Woche nicht mehr geglaubt hätten, wenn unsere Freunde nicht ordentlich mit in die Hände gespuckt hätten. Dieser Dank gilt auch euch. Ihr seid unglaublich. Und meinen wunderbaren Eltern danke ich natürlich auch für dieses Geschenk. Dieses Haus. Mein Zuhause. Ich bin hier groß geworden, habe hier die glücklichsten, aber auch die traurigsten Tage meines Lebens verbracht. Ich hätte nie gedacht, dass das überhaupt möglich ist. Wir wollten schon fast aufgeben, weil der Immobilienmarkt in Berlin entweder komplett leergefegt oder unbezahlbar geworden ist und dann kamt ihr mit eurem spontanen Vorschlag, den wir nie und nimmer angenommen hätten, wenn wir nicht gemerkt hätten, wie ernst es euch mit eurem Alterswohnsitz auf Mallorca ist. Oh je, jetzt hab ich das böse Wort doch gesagt. Das wollte ich nicht. Tut mir leid. Ich hoffe, ihr überlegt es euch jetzt nicht noch anders? Die hässlichen gelben Cordsofas sind nämlich leider schon entsorgt worden, falls ihr…“ Mit gespielt bangem Blick schaute Gretchen in die schmunzelnden Gesichter ihrer Gäste und lachte erleichtert auf, als ihr Vater sein undurchdringliches Chirurgenpokerface ablegte und mit einem herzlichen Lachen den Kopf schüttelte, bevor er seiner Frau einen liebevollen Kuss auf die Wange drückte. Man merkte ihm an, wie stolz er auf seine Tochter war. Und Bärbel ging es genauso.

„Puh! Da haben wir aber noch mal Glück gehabt, was Mehdi? Lange Rede, kurzer Sinn, ich will auch nicht, dass wir bei dem schönen Wetter stundenlang hier herumstehen, ohne dass ihr gesehen habt, was wir hier geschafft haben. Seht euch um, macht euch euer eigenes Bild und genießt diesen wunderbaren Sommersonntag. Für Fragen und Anmerkungen stehen wir den ganzen Tag für euch parat. Das Büffet ist übrigens im Garten aufgebaut und hiermit eröffnet. Willst du noch was sagen, Mehdi?“, wandte sich Gretchen dem schicken Herrn in dem hellen Sakko und der weißen Arzthose zu, der sich ebenso wie seine Eltern ein kleines Tränchen der Rührung nicht hatte verdrücken können, weswegen Gretchen ihn nun wiederum mit einem gezückten Taschentuch aufzog. „Nein, ich denke, meine charmante Kollegin hat bereits alles gesagt. Ihr gehört natürlich der allergrößte Dank. Ihr Enthusiasmus, ihre Begeisterung, ihr Herzblut für das, was wir hier tun, war umwerfend motivierend und ich hoffe, nein, ich weiß, dass dieser gute Geist auch in Zukunft anhalten wird. Auf Dr. Haase!“ Mehdi reckte sein Sektglas in die Höhe, das ihm Schwester Sabine unauffällig gereicht hatte, nachdem sie zuvor auch jedem Gast eins in die Hand gedrückt hatte. Und die Besucher taten es ihm gleich. „Auf Dr. Kaan! Den besten Partner, der einem vor die Füße stolpern kann. Da fällt mir ein, hab ich euch eigentlich je erzählt, wie wir uns vor zehn Jahren kennengelernt haben? Eine waghalsige Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes“, gab die Ärztin lächelnd zurück und stieß zuerst mit Mehdi, der sie warnte, bloß nicht zu viel zu erzählen, auf ihr gelungenes Projekt an, bevor sie von ihren Eltern in die Mangel genommen wurde. „Wer an einer ersten Führung durch die Praxisräume interessiert ist, folgt mir bitte unauffällig“, lotste Dr. Kaan derweil einen Teil der Besucherschar aus dem Eingangsbereich, wo es langsam voll geworden war.

„Margarete, das war eine tolle Ansprache“, drückte Bärbel Haase ihre Tochter innig an ihre Brust, während ihr Mann ihr kopfnickend zustimmte. „Was ihr hier in der Kürze der Zeit geschaffen habt, ist wirklich beeindruckend.“ „Danke, Papa.“ „Wer hätte gedacht, dass unsere Villa mal zu einer so schicken Praxisgemeinschaft zusammenwachsen würde.“ „Also, ich nicht. Ich wäre ja dafür gewesen…“ „Ja, ja, wir wissen ganz genau, was du gerne hättest haben wollen, Jochi, aber dafür darfst du ja auch unentgeltlich das ausgebaute Dachgeschoss bewohnen. Win-Win-Situation für uns alle“, nahm Gretchen ihrem stichelnden kleinen Bruder gleich mal den Wind aus den Segeln, der gelangweilt seinen Blick über die verschiedenen Räumlichkeiten schweifen ließ. „Wir sind sehr, sehr stolz auf dich, Kind.“ „Danke, Mama, auch wenn es schade ist, dass ihr jetzt so weit weg wohnt.“ „Och, wir sind doch nicht aus der Welt. Jede Stunde geht ein Flieger von hier auf die Insel. Außerdem folgen wir doch auch unseren Träumen, jetzt wo der Papa endlich im Ruhestand ist.“ „Unruhestand trifft es wohl eher, wenn man bedenkt, zu was für Aktivitäten du mich drängst.“

„Och Franz“, zupfte Bärbel nervig am Revers ihres Mannes herum, wo sie einen unsichtbaren Fusel entdeckt hatte, „das dient doch nur deiner Gesundheit. Denk an dein Herz!“ „Das tue ich ständig, Butterböhnchen“, zog der emeritierte Professor seine Gemahlin mit sanfter Stimme auf und zwinkerte vielsagend seiner schmunzelnden Tochter zu, die er noch einmal väterlich an sich drückte, „dabei ist es doch immer noch hier in Berlin. Bei dir, Kälbchen.“ „Ach, Papa, bring mich bitte nicht zum Weinen. Als Chefin sollte ich wenigstens ein bisschen Souveränität ausstrahlen. Wollt ihr es euch ansehen? Meine Praxis ist gleich hier vorne, im alten Ess- und Wohnzimmer, mit Blick auf den Garten. Mehdis ist oben im ersten Stock. Zusammen mit den Hebammenräumen. Die Kolleginnen kennt ihr ja. Sabine, würdest du bitte…? Ich möchte nur noch mal schnell…“, deutete Gretchen auf das fleißige Bienchen am Empfang und bahnte sich den Weg nach draußen. Sie wollte nur schnell ein bisschen nach Luft schnappen, bevor der Andrang noch größer wurde. Dabei hatten Mehdi und sie noch nicht einmal eine Anzeige geschaltet. Die Praxiseröffnung hatte sich von ganz alleine herumgesprochen.

„Und Sie arbeiten jetzt also hier als Arzthelferin, Schwester Sabine? Ein herber Verlust für das Elisabethkrankenhaus.“ „Oh, danke, Herr Professor. Ich sehe das als neue Herausforderung. Wir, die Frau Doktor, Dr. Kaan und ich, als Dreigestirn. Die Sterne stehen gerade besonders günstig für Firmengründungen, wissen Sie. Ich hab das mal mit unseren Geburtshoroskopen verglichen und eine interessante Entdeckung gemacht…“ „Hört, hört“, erwiderte der Professor und verdrehte die Augen, als er den Blickkontakt seiner Frau suchte, die sich jedoch sofort bei der freundlichen Arzthelferin eingehakt hatte, um sich herumführen zu lassen. Also trottete er langsam hinter den beiden angeregt miteinander tuschelnden Damen und Jochen hinterher, der anstatt wie mit seiner Schwester und ihrem Kompagnon vereinbart, Fotos vom Event zu machen, auf seinem Smartphone mit seiner neuen Freundin chattete, einer Assistenzarztkollegin aus dem Elisabethkrankenhaus, die leider im Gegensatz zu vielen anderen bekannten Gesichtern, deren Weg neugierig hierher in die Villa Haase geführt hatte, nicht freibekommen hatte.

Gretchen stand derweil draußen in der Einfahrt zwischen den blühenden Hortensien und Rhododendrenbüschen. Ihr Herz raste. Die ganze Anspannung des Tages wurde von dem lauen Sommerlüftchen davongetragen, das heute über der Hauptstadt lag und die Hitze der vergangenen Tage etwas erträglicher machte. Sie war sich sicher. Das war die richtige Entscheidung gewesen. Egal, was andere, und eine Person im Speziellen, dazu sagten. „Na, bereust du es schon, dass du uns deinen überproportionalen Allerwertesten zugewandt hast?“, lockte eine vertraute Stimme sie aus ihren Gedanken. „Maria?“ „Dr. Hassmann, so viel Zeit muss sein. Vielleicht lauern hier potentielle Patienten, die ich euch abspenstig machen kann.“ „Wenn nicht sogar potentielle Ehemänner“, konterte Gretchen witzelnd und beeindruckte damit die schlagfertige Neurochirurgin. „Der Zug ist mittlerweile abgefahren.“ „Ich dachte, du trauerst Maurice nicht mehr hinterher?“ „Bitte erwähne diesen Namen nie wieder in meiner Gegenwart, wenn du nicht willst, dass ich dir hinterrücks ein Skalpell zwischen die Rippen ramme.“ „Okaaay? Schön, dass du hier bist. Ich freue mich wirklich.“ Gretchen trat noch einen Schritt auf ihre biestige Kollegin zu und zog die Frischgeschiedene spontan in eine innige Umarmung. „Haase, für Sentimentalitäten ist auch später noch Zeit. Zeig mir lieber erst mal den alten Kasten hier! Es ist mir echt unbegreiflich, wie man dafür seine Unabhängigkeit als Chirurgin sausen lassen kann. Hast du in all den Jahren denn gar nichts von mir gelernt.“ Gretchen schmunzelte. Die Direktheit ihrer zynischen Mentorin hatte ihr wirklich gefehlt.

Einen Moment blieb Dr. Haase noch stehen und fixierte das offenstehende Gartentor und die Straße davor, dann drehte sie sich seufzend zu Dr. Hassmann um, die ihre sehnsüchtigen Blicke genau richtig gedeutet hatte. „Er wird nicht kommen.“ „Was?“, verstellte sich die ertappte Allgemeinchirurgin, die sich ihre Enttäuschung nicht anmerken lassen wollte, aber Maria hatte Gretchen längst durchschaut. „Er ist ein oller Sturkopf vor dem Herrn. Chirurg eben. Mach dir nichts draus. Soll er doch in seinem eigenen Saft baden und sich zu Tode ärgern. Wäre sogar von Vorteil, dann müsste ich mir den Posten nämlich nicht mehr mit ihm teilen. Was hat sich dein Vater eigentlich bei dem Unsinn gedacht? Ach, egal. Ich will mich heute nicht streiten. Komm, lass uns lieber was trinken!“ Maria schob ihre Freundin zurück zur Haustür, die mittlerweile von einem stattlichen Südländer blockiert war, den sie wie jedes Mal, wenn sie aufeinandertrafen, sofort ungeniert einem kompletten Körperscan unterzog. „Dr. Kaan? Glückwunsch zur lebensverändernden Maßnahme!“, begrüßte sie ihren gutaussehenden Kollegen gewohnt zweideutig mit ihrem verführerischen Schäkerblick, der ihm einmal mehr durch und durch ging. Doch dann entdeckte sie hinter ihm die Bar und die interessierte sie dann doch mehr als der übliche Smalltalk unter befreundeten Kollegen, die anscheinend gegen jegliche Reize immun waren.

„Alles okay, Gretchen? Das läuft doch super bislang.“ „Hm“, antwortete Gretchen lakonisch und Mehdi ahnte, woher der Wind wehte. „Hey, du kennst ihn. Er ist ein Hornochse, wenn er das hier wirklich verpassen will. Ich habe zigmal versucht, ihn anzurufen, damit er seinen Hintern hierher bewegt, aber…“ „Er versteht es nicht. Ich habe so oft versucht, es ihm zu erklären, wie viel mir daran liegt, aber er ist beleidigt…“ „Er ist stur und er wird schon noch sehen, was er davon hat. Bildet sich ein, ich würde ihm etwas wegnehmen.“ Verdattert schaute Gretchen Mehdi an. „Wie meinst du das?“ Ihr Gegenüber schüttelte den Kopf. „Nichts. Es gab da nur damals mal eine Situation, in der ich etwas zu ihm gesagt habe, das ihm vielleicht noch im Kopf herumspuken könnte. Was total albern ist nach fast zehn Jahren, aber er sieht sich offenbar bestätigt.“ „Wegen mir? Aber wir machen doch nur eine Gemeinschaftspraxis auf. Das heißt doch nicht, dass wir aus der Welt wären. Wir haben doch immer noch unserer OP-Tage im EKH.“ „Aus der Galaxie eines erfolgsverwöhnten Chirurgen vielleicht schon.“ „Ach, Mehdi, das ist doch kindisch.“ „Definitiv. Aber in seinen Kopf schauen zu wollen, ist eine Wissenschaft für sich. Darüber sollte ich mich vielleicht mal ausgiebig mit Dr. Hassmann unterhalten. Kommst du wieder mit rein? Man fragt nach dir. Unser Patientenregister füllt sich immer mehr. Es ist echt der Wahnsinn. Wir schließen hier im Viertel eine Lücke. Du hattest die ganze Zeit recht.“ Gretchen nickte ihm nachdenklich zu. „Gleich. Einen Moment noch.“

Während sich Dr. Kaan verständnisvoll wieder nach drinnen verabschiedete, wo er direkt seiner Tochter Lilly in die Arme stolperte, die ihn ungeduldig mit zu den Gästen in den Garten zog, blieb Gretchen noch einen Moment vor der Tür stehen. Sie hielt ihre Augen geschlossen, ihr Kinn leicht in Richtung des azurblauen Himmels gereckt und der Wind plusterte ihr zartrosageblümtes Sommerkleid immer wieder auf. Sie fühlte sich durchgepustet. Zufrieden. Sie hatten es tatsächlich geschafft. Aber ein Gedanke, der ihren Erfolg trübte, blieb dennoch im Hinterkopf bestehen. Und dieser leitete sie nicht zurück in ihr Elternhaus, das nun eine chirurgische und eine gynäkologische Praxis sowie eine Anlaufstation für Sozialschwache beherbergte, sondern wie ferngesteuert zum Gartentor. Und dort stand er plötzlich wie eine Erscheinung aus dem Nichts. Die Blüten eines wild zusammengestellten Blumenstraußes in seiner Hand ließen demütig ihre Köpfe hängen. „Marc? Was machst du hier?“, fragte Gretchen erstaunt und versuchte, ihre wilde Lockenmähne zu bändigen, die vom Sommerwind durcheinandergewuselt wurde. „Manchmal streife ich durch Berlin, jage finstere Gestalten, die hübsche Mädchen belästigen, mäh hier und da unentgeltlich den Rasen…“ „Und klaue dabei Blumen aus dem Nachbargarten.“ „Ups! Findest du die nicht schön? Hier! Waren im Sonderangebot“, reagierte er gewohnt lässig. „Klar. Aber pass auf, dass Frau Kohlrabe von Gegenüber dich nicht damit erwischt. Ihre Geranien sind ihr heilig.“ „Ach?“, lächelte Marc wie die Unschuld in Person und dieses Lächeln brannte sich direkt in Gretchens Herz, das gerade Purzelbäume schlug. Er war doch gekommen. „Hallo!“, flüsterte sie bewegt und schnupperte an dem Blumenstrauß, den er ihr wie ein unsicherer Schuljunge hinhielt, der gewaltig etwas ausgefressen hatte. „Hallo!“

Auch er brauchte einen Moment, um sich zu sammeln und schielte dabei immer wieder zu dem Partytrubel bei den Haases rüber. Lillys Lachen bescherte ihm eine Gänsehaut und nicht nur das. Das schlechte Gewissen stand Marc Meier direkt auf die Stirn geschrieben. „Um ehrlich zu sein, wollte ich die fette Fete nicht verpassen. Ich… Mann, Gretchen, ich weiß, dass ich mich wie der letzte Vollidiot verhalten habe. Dass ich euch überhaupt keine Hilfe war, dieses riesige Projekt zu stemmen, das ist scheiße.“ Fluchend fasste er sich an seinen Hals und lief unruhig auf dem Gartenweg auf und ab. „Marc?“ „Nein, bitte, lass mich ausreden, Hasenzahn! Ich fühl mich schon schäbig genug. Wegen der ganzen Sache hier. Lilly redet auch schon seit Monaten deswegen kein Wort mehr mit mir und hat Matti damit total durcheinandergebracht. Dabei… Ach, Mensch… Ich bin stolz auf dich. Euch. Aber das heißt nicht, dass ich damit klarkomme. Wen soll ich denn jetzt zur Sau machen, wenn im Krankenhaus gar nichts rund läuft?“ „Ein Haase ist ja noch da.“ „Das ist aber nicht das Gleiche. Das EKH ist nicht mehr das, was es mal war. Es ist verdammt leer ohne euch. Mann… ihr… fehlt. So, jetzt ist es raus und du kannst es dir von mir aus in dein neues Sprechzimmer an die Wand pinnen.“ „Kommt als zusätzliche Deko bestimmt gut“, flachste Gretchen. „Soll ich es dir zeigen?“ Doch Marc zögerte. „Ich hab keine Ahnung, ob ich da überhaupt rein will. Das macht es so endgültig.“ „Wie meinst du das?“ Gretchen sah ihn mit großen Augen fragend an und Marc wuselte sich verzweifelt durch seine zerzausten Haare.

„Gretchen, ich liebe meinen Job. Ich bin immer gerne zur Arbeit gegangen, aber seitdem ihr nicht mehr da seid, komm ich morgens kaum noch in die Spur. Ich hab keine Energie. An manchen Tagen will ich da gar nicht mehr hingehen. Ich quäle mich nur dahin, damit Hassmann keinen Scheiß baut. Es ist einfach nicht mehr dasselbe. Wenn die Seele des Hauses fehlt.“ „Wow! Ich wusste gar nicht, wie sehr du mich vermisst“, neckte Gretchen ihren bedröppelten Prinzen und war ehrlich gerührt von seinem Geständnis, das er sofort relativierte, als er ihren Blick bemerkte. „Ich hab eigentlich Sabine gemeint.“ „Sicher! Sie war ja auch diejenige, die den ganzen Laden geschmissen hat. Komm mal her du, Held, du! Wir sind doch gar nicht weg. Ich bin hier. Keine fünfzehn Minuten von euch entfernt. Das ist vielleicht nicht das EKH, aber hier bin ich den Patienten näher, kann sie langfristig begleiten und ich bin freier in der Gestaltung meines Tages. So hab ich viel mehr Zeit für uns und für unsere kleine Familie. Natürlich werde ich das EKH vermissen. Ich habe zehn Jahre lang mein Herzblut in diesen Job gesteckt. Ich bin gerne Chirurgin. Für mich ist das genauso eine Berufung wie für dich. Du hast mir so viel beigebracht. Dafür danke ich dir von Herzen. Aber jetzt ist einfach Zeit für was Neues. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ „Was Neues, hm?, murmelte Marc gedankenverloren, als er Mehdi im Garten entdeckte, der zusammen mit seiner sechszehnjährigen Tochter gerade angeregt mit Dr. Hassmann diskutierte, die ungeniert mit ihren Blicken an seinem fetten Gynäkologenhintern klebte.

„Hey! Tue das nicht! Hör auf, zu denken, er würde dir etwas wegnehmen! Das war meine freie Entscheidung und er ist der Einzige, mit dem ich mir das hier vorstellen kann.“ „Der Einzige“, griente Marc plötzlich seine große Liebe an und entlockte ihr damit ein erleichtertes Lächeln. „Wir wissen doch beide, dass du in den OP gehörst. Du brauchst die Spannung, nicht zu wissen, was jeden Tag in der Notaufnahme auf dich zukommen wird. Das ist dein Leben. Du brauchst das Chaos um dich herum und jemanden, den du ungeniert herumkommandieren und schikanieren kannst.“ „Du bist mein Leben, ihr seid das“, korrigierte er sie aufgewühlt und Gretchen hielt für einen Moment den Atem an. „Marc“, flüsterte sie sanft und konnte ihren Blick nicht von seinen smaragdgrünen Augen lösen. Er meinte jedes Wort genauso, wie er es gesagt hatte. Das fühlte sie mit jeder Faser ihres Körpers, der sie unweigerlich zu ihm hinzog. Marc legte seine Hände um ihr Gesicht, strich ihr mit dem Daumen zärtlich die aufkommenden Glückstränchen aus dem Augenwinkel und lächelte, als er seine Hände endlich in ihrem Lockenmeer vergraben konnte, während sie sich an seine Brust schmiegte und seinem wilden Herzschlag lauschte. Gretchen spürte, dass es ihn unheimlich viel Überwindung gekostet hatte, heute hierher zu kommen.

„Es bedeutet mir unendlich viel, dass du mich heute unterstützt. Ich liebe dich.“ Begleitet von einem tiefen Seufzer schob Marc seine Hand auf Gretchens Bauch, wo man schon hauchzart eine kleine Wölbung erahnen konnte, und zwinkerte der wunderschönen Träumerin in gewohnter Meier-Manier zu. „Halt die Klappe und küss mich endlich! Ich bin dermaßen auf Entzug. Ich brauch dringend was für den Weg, wenn wir gleich die Party aufmischen werden. Ich glaube, die Hassmann ist dabei ihre beginnende Midlifecrisis mit Mehdi zu bewältigen. Das müssen wir unbedingt verhindern, wenn wir nicht wollen, dass einer von beiden wieder wochenlang heulend unser Gästesofa okkupiert. Und wo hast du eigentlich unsere kleine Zecke gelassen?“ „Marc, nenn ihn nicht so! Lilly passt auf Matti auf. Er hat immer daran geglaubt, dass du heute noch vorbeikommst. Deine Mutter ist übrigens auch…“ Doch bevor sie noch mehr sagen konnte, hatte Marc Gretchens süße Erdbeerlippen mit einem innigen Kuss versiegelte.




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JackySunshine Offline

stellv.Admine


Beiträge: 8.204

30.09.2018 09:00
#3 RE: Challenge Nummer 4: „10 Jahre nach dem Wiedersehen“ Zitat · antworten

Challenge Nummer 4 - „10 Jahre nach dem Wiedersehen“

Doctor's Diary ist wie ein guter Wein ... Je älter - desto besser!

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Autor Drei

DOCTOR’S DIARY – JUBILÄUMSSPECIAL 2018

Ein schrilles Geräusch holte den attraktiven Mann Anfang Vierzig aus einem kurzen, traumlosen Schlaf. Automatisch schnellte sein linker Arm zur Seite, tastete über das kalte Bettlaken an der Stelle neben ihm, auf der er, schlaftrunken, wie er war, eigentlich etwas Weiches, Warmes erwartet hatte. Doch da war nichts weiter, nur dieses einsame Stück Stoff, dem er ganz bestimmt keine Zärtlichkeiten zukommen lassen wollte. Nur langsam wurde ihm klar, dass er sich nach der nunmehr neunten Nacht in Folge demselben Ritual ergeben hatte. In der hübschen Wilmersdorfer Altbauwohnung war es, nachdem er dem nervenden Wecker mit einem heftigen Schlag seiner rechten Hand vorübergehend den Garaus gemacht hatte, still, zu still, wie er fand. Mühsam rollte er, der wie üblich auf dem Bauch geschlafen hatte, sich auf den Rücken und öffnete seine Augen. Der dämmrige Morgen ließ nur wenig Licht in das Schlafzimmer. Der Chirurg blieb ein paar Minuten so liegen und gewöhnte sein Gehirn allmählich an den wachen Zustand. Es fiel ihm mehr als schwer, die immer noch schweren Lider nicht wieder zuklappen zu lassen, so dass er unentwegt blinzeln musste, damit ihm dies gelang. Wie zuletzt regelmäßig, hatte er nicht viel geschlafen. Er konnte es einfach nicht, denn er vermisste sie. Er vermisste sie so sehr, dass es wehtat, in seiner Seele gleichermaßen, wie in seinem Herzen. Seit sie vor achteinhalb Jahren endlich ein Paar geworden waren, blieben sie selten so lange voneinander getrennt. Er hatte es ausgekostet, das Gefühl, seine Gefühle endlich zulassen zu können, seine ganze Liebe, die er aufzubringen vermochte, einer einzigen Frau zu schenken, einer ganz besonderen Frau. Viel zu lange hatte er sich dagegen gesperrt, sein Herz diese Sprache sprechen zu lassen, hatte nach einer schweren Kindheit und geprägt von einer wenig emotionalen und äußerst egozentrischen Mutter, eine Mauer um sich herum errichtet, die lange Zeit stark genug gewesen war, um Attacken auf eben dieses Organ erfolgreich abzuwehren. Bis dann sie kam, Margarete „Hasenzahn“ Haase, diejenige, die das Mittel und die entsprechende Technik kannte, um die meterdicke Mauer nach und nach einzureißen, bis wirklich kein Stein mehr auf dem anderen stand. Sie hatte ihn „befreit“, wie der Prinz, der, ehe er Dornröschen erweckte, die Dornenhecke um das schlafende Schloss zum Blühen brachte. Und sie gab ihm das zurück, was seine alte Kindergärtnerin, Frau Schnippel, ihm einmal in einem ernsten Erwachsenengespräch versprochen hatte – bedingungslose Liebe, welche auch er endlich bereit gewesen war, ihr zukommen zu lassen.

Anfangs hatte er hin und wieder Zweifel gehegt, dass er tatsächlich eine dauerhafte, aufrichtige Beziehung mit Gretchen führen könnte. Er konnte lange nicht nach seinen Gefühlen handeln. Doch mit der Zeit und dank der stoischen Geduld seiner Freundin, schaffte er es, sämtliche Unsicherheiten nach und nach abzulegen. Tatsächlich wurden sie glücklich. Sehr glücklich. Und doch war sie nun fort, obwohl sie sich immer so schwer hatten trennen können. Vor zehn Tagen ging sie mitsamt einem großen Koffer und hinterließ in Marcs Herzen ein Gefühl, dass er nur einmal gefühlt hatte, als seine Eltern sich während seiner Kindheit trennten und der Vater daraufhin in eine andere Stadt zog. Vermissen war so ziemlich das Blödeste, das er jemals gefühlt hatte. Er hasste es, dass er morgens alleine aufwachte. Er hasste es, dass er die auch mit Ende Dreißig immer noch sehr anziehende Blondine nicht während auf der Arbeit necken konnte, wie er es so gerne tat, denn wenn sie sich aufregte und ihre Augen zu Schlitzen formte, zuckten ihre Augenränder immer leicht, was er seit jeher fasziniert beobachtete und was ihn immer wieder zum Schmunzeln brachte. Er hasste es, wenn er abends alleine vor dem Fernseher sitzen und später todmüde in das einsame Bett unter die kalte Decke steigen musste, vor allem aber hasste er es, dass er danach lange Zeit kein Auge zu bekam, weil er so viel über seine Situation und diese Beklemmung in seiner Brust nachdenken musste. Seit neun Nächten lag er meistens bis zwei, halb drei Uhr wach und grübelte. Anschließend übermannte ihn doch die sich steigernde Müdigkeit, mit der er sich natürlich auch tagsüber durch den Schlafmangel herumquälte. Sein Wecker klingelte normalerweise um kurz vor sechs. Viel zu früh, um seinen Körper sich ausreichend regenerieren zu lassen.

Marc gähnte herzhaft auf und streckte sich, als er endlich aufrecht im Bett saß. Er schob seine Beine unter der Bettdecke hervor und ließ seine Füße daraufhin erneute Bekanntschaft mit dem flauschigen Flokati schließen. Barfuß schlurfte er ins Bad, für dessen moderne Schönheit er keinen einzigen Blick übrig hatte. Auf dem Weg zur Dusche entledigte er sich den wenigen Kleidungsstücken, die er stets im Bett zu tragen pflegte, wenn überhaupt. Er schmiss einfach alles hinter sich auf den dunkelbraunen Fliesenboden. Aufräumen könnte er auch nach seiner heutigen Doppelschicht in der Klinik. Er stellte sich unter die Regenbrause und genoss das erfrischende, lauwarme Nass auf seiner Haut. Hasenzahn duschte ausschließlich warm. Kaltes Wasser war gar nicht ihrs. Als vor einiger Zeit die Heizung kaputt gegangen war, lief sie fast Amok, als der warme Wasserstrahl, unter dem sie damals gerade stand, plötzlich eiskalt wurde. Sie hatte so laut aufgeschrien, dass Marc, der zeitgleich in der Küche weilte, zutiefst erschrocken zu ihr ins Badezimmer geeilt war, denn er glaubte, es wäre etwas Schreckliches passiert. Stattdessen überkam ihm augenblicklich ein heftiger Lachkrampf, nachdem er die Situation richtig hatte einschätzen können und Gretchen da vor ihm stand, ihre Blöße notdürftig mit einem großen Handtuch bedeckend – gerade so, als ob er sie zuvor noch nie nackt gesehen hätte – und sie mit ihrem Shampoo-Schaum-Turban auf dem Kopf schlichtweg zum Schießen aussah. Sie hatte geschimpft wie ein Rohrspatz, erstens über Marcs in ihren Augen unerhörte Reaktion, zweitens über die blöde, blöde Heizungsanlage, die sie erst in diesen Schlamassel befördert hatte. Wie bekam sie nur das klebrige Zeug aus ihren Haaren? Sie würde fürchterlich aussehen, wenn sie zusammen mit Marc zum Krankenhaus führe. Warum er vergessen hatte, pünktlich vor einigen Monaten den Wartungsdienst zu rufen, hatte er sich anhören müssen. Dann wäre das alles nicht passiert. Sie schimpfte und meckerte minutenlang, bis Marc sie schließlich zur Badewanne zerrte und ihr eigenhändig, mit kaltem Wasser, aber unerbittlich, die Shampooreste mit der Brause ausspülte.

Der attraktive Mann seufzte tief. Er konnte heute unumwunden zugeben, dass er genau diese Momente liebte, wenn Gretchen mal wieder ganz Gretchen war und aus einer, seiner Meinung nach, winzigen Mücke einen riesigen Elefanten machte. So wie er es liebte, wenn sie hilflos wie ein kleines Kind erschien und er dafür Sorge tragen musste, dass sie nicht überfordert im Alltag unterging. Gemeinsam hatten sie in den achteinhalb Jahren so viel erreicht. Wenn es nach ihm ginge, würden sie noch viel mehr schaffen – gemeinsam. Es gab Ziele im Leben, die wollte und konnte er einfach nicht mehr ohne sie erreichen. Nie mehr. Dafür war sie mittlerweile viel zu sehr Teil seines Daseins und er ebenso von ihr und ihrer Liebe abhängig geworden.

Die alltägliche Rasur war vollbracht, der lässige Dreitagebart, in dem sich inzwischen mehr und mehr graue Strähnen mischten, ebenso wie an seinen Schläfen, und die verrieten, dass er bereits drauf und dran war, die Mitte des Lebens zu erreichen, sorgsam gepflegt. Dennoch konnte er die Müdigkeit rund um seine Augen nicht gänzlich verstecken. Er war ja auch keine Frau, die hierfür den perfekten Concealer bereithielt, um immer topfrisch auszusehen, in jeder Lebenslage. Nein, er war ein Mann. Wenn er müde aussah, war das halt so. Darum machte er sich weniger Gedanken, als ob sein Bart die richtige Wuchslänge aufwies. Ein bisschen Eitelkeit stand ihm doch auch zu. Obwohl, jetzt, wo Gretchen fort war, sah er allmählich auch darin keinen Sinn mehr. Er wollte sie wieder haben, verdammt noch mal! Er wusste aber, er würde der Zeit Raum gönnen müssen. Geduld war gefragt. Er würde es aushalten. Wenigstens noch die kommenden drei Tage. Innerlich mit sich selbst diskutierend, ob er wirklich geduldig genug sein könnte, begab er sich in die Küche. Auch hier fühlte er sich einsam, einmal mehr, als dass Benjamins schicker, höhenverstellbarer Stuhl ebenso unberührt am Tisch stand wie die letzten Tage auch. Der Sechsjährige war gut behütet bei seinen Großeltern untergekommen, ehe seine Mutter sich auf und davon gemacht hatte. Beide, sowohl Gretchen, als auch Marc, hatten es für das Beste gehalten, ihren Sohn nicht beim vielbeschäftigten Vater zu lassen. Bei Oma und Opa ging es dem Jungen bestens, zumal sich der Professor a.D. und seine Frau gegenseitig damit überboten, ihren bisher einzigen Enkel von vorne bis hinten zu verwöhnen. Unwillkürlich kamen neue Erinnerungen in den Gedanken des Dunkelhaarigen auf. Er sah die Bilder vor sich, an jenem Tag, als sein Junior das Licht der Welt erblickte, als Gretchen sich mehr anstrengen musste als bei den härtesten Bundesjugendspielen unter Aufsicht der Sportlehrerin, Frau Beerenbusch, als sie die Hand ihres Lebensgefährten fast ins Nirwana beförderte, weil sie plötzlich schier übermenschliche Kräfte entwickeln konnte, während sie den kleinen, verschmierten Körper aus sich herauspresste. Marc erinnerte sich an das unbeschreibliche Glücksgefühl, das ihn überkam, in dem Augenblick, in dem sein Sohn, sein eigen Fleisch und Blut, sich mit einem gewaltigen Kampfschrei bemerkbar machte und der überwältigte Vater daraufhin tatsächlich mit winzigen Freudentränen kämpfen musste, die er natürlich zu unterdrücken versuchte, ehe er dem schrumpeligen Zappelphilipp anschließend mit Anleitung vom Kollegen und guten Freund, Dr. Mehdi Kaan, die Nabelschnur durchtrennen durfte. Es war kein geplantes, aber doch ein gewolltes Baby, das der Liebe der jungen Eltern quasi das Sahnehäubchen verlieh. Marc liebte es, Vater zu sein, auch wenn er anfangs Angst vor dieser gewaltigen Aufgabe und Verantwortung gehabt hatte, kein Wunder nach der unglücklichen Erfahrung aus seiner Kindheit. Doch mit Gretchens Hilfe schaffte er es, auch diese Hürde zu meistern. Manch einer, der früher gezweifelt hatte, Marc Meier würde jemals ein guter Vater werden, musste zugeben, er hatte sich getäuscht. Dass Ben ihn vergötterte, sprach Bände in dieser Hinsicht.

Ja, Marc vermisste auch seinen „Mini-Me“, wie er seinen Sohn gerne als solchen titulierte, denn der Winzling war seinem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten, wenn auch die Haare eher dunkelblond waren, anstelle des satten Schokobrauns derjenigen seines Vaters. Aber nun, auch Gretchens Gene hatten ein Recht darauf, sich zumindest etwas zu zeigen. Ben war optisch eine perfekte Mischung aus beiden. Und auch charakterlich war er, wenn man Marc fragen würde, gut gelungen. Der Racker war, wie Marc selbst, äußerst selbstsicher und um freche Sprüche nicht verlegen, aber er hatte das Herz auf dem rechten Fleck und trug es auf seiner Zunge, ganz wie seine Mama, die ebenfalls stolzer nicht hätte sein können auf ihr „Baby“. Kurzum, sie waren stets eine glückliche, bilderbuchschöne, komplette Familie. Marc würde dies mit einem Nicken bestätigen. Ob Gretchen das auch noch so sah, zehn Tage nach ihrer Abreise? Er wusste ja, dass sie sich immer ein zweites Kind gewünscht hatte, ein Punkt, an dem sich ihre Ansichten meilenweit entfernten. Denn für Marc war schon eines ein gewaltiger Schritt voran. Würde er noch so einen überhaupt schaffen? Und was war mit beider Karriere? Mit dem einen Sohn war es schon recht schwierig. Seit Ben in die erste Klasse ging und Hilfe bei den Hausaufgaben benötigte, glaubte Marc, in den Anforderungen, die an Eltern eines so jungen Menschen gestellt wurden, wieder in die Zeit vor dem Kindergarten zurückzufallen, als weder er, noch Gretchen ein und aus gewusst hatten, wie sie Familie und doppelte Karriere zugleich unter den Hut bekommen sollten. Wie sich zeigte, ging es auch diesmal nicht ohne Gretchens Eltern. Marc gab es ungern zu, aber gerade auf Bärbel Haase war immer Verlass. Für ihren Enkel verzichteten sie und Ehemann Franz sogar darauf, ihre lange geplante Weltreise schon jetzt anzutreten. Wie sollte es also werden, wenn noch weiterer Nachwuchs auf den Weg gebracht würde, wenn es sich mit dem vorhandenen schon so kompliziert gestaltete, gerade jetzt, wo Gretchen nicht einmal in der Stadt weilte?

Marc hantierte inzwischen an dem hochmodernen Kaffeevollautomaten herum. Noch immer gehörte er zu der Sorte Menschen, die morgens keinen einzigen Bissen fester Nahrung herunterbekamen und sich mit einem starken Kaffee als Aufputschmittel und Magenberuhiger begnügten. Im Krankenhaus würde er sich als Snack vor der Oberarztvisite einen Apfel gönnen. Das war gesund und half dabei, die vier Stunden bis zur Mittagspause zu überstehen. Gretchen hätte jetzt wieder gemeckert, dass er ja nicht auf nüchternen Magen das Haus verlassen sollte. Wo bliebe denn sein Vorbildcharakter gegenüber Benjamin? Das Kind sollte lernen, seine Mahlzeiten regelmäßig einzunehmen, um gut durch den Tag zu kommen. Immerhin, seinem damals noch ungeborenen Sohn zuliebe, hatte Marc das jahrelange Laster des Rauchens abgelegt. Zunächst litt er heftig, aber heute ging es wunderbar auch ohne das tägliche Quäntchen Nikotin im Blut. Außerdem, so musste er anerkennen, war er jetzt viel weniger schnell außer Atem, was ihm vor allem beim, leider durch den Job unregelmäßig betriebenen Sport zugutekam. Ben sei Dank!

Der Kaffee war perfekt, wie von dieser teuren Maschine nicht anders zu erwarten. Schwester Sabine benutzte in der Stationsküche immer noch dieses altmodische Ding von Anno dazumal, obwohl Marc längst angeregt hatte, dass auch hier die Modernität endlich Einzug erhalten und ein Vollautomat eine Menge Arbeit sparen könnte. Sabine brachte aber auch mit dem alten Gerät recht ansprechenden Kaffee zustande und der Klinikvorstand wollte vorgeblich aufgrund finanziell fehlender Mittel keine „unnötigen“ Neugeräte anschaffen, auch nicht das hochmoderne Röntgengerät, von dem der Oberarzt schon lange träumte. Dr. Rössel, der als Klinikdirektor, nachdem Marc den Posten wegen seiner heißgeliebten OPs abgelehnt hatte, vor drei Jahren Professor Haases Nachfolge antrat, stellte sich in allen Belangen hinter den Vorstand und fiel seinem Kollegen damit immer wieder in den Rücken. Manches Mal bereute Marc es dann, dass er dem Karrieresprung zum Chefarzt entsagt hatte. Aber Rössel war nicht mehr der Jüngste und eigentlich nur eine Zwischenlösung. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit würde der talentierte Chirurg sich nicht länger bitten lassen und zuschlagen. Solange genoss er es, regelmäßig im OP-Saal sein Können unter Beweis zu stellen. Ob mit oder ohne Hasenzahn. Seit sie vor vier Jahren Fachärztin geworden war, arbeiteten sie in diesem Bereich kaum noch zusammen. Marc würde lügen, sagte er, dass er sie nicht auch während der Eingriffe vermisste. Ihre Nachfolger als Assistenzärzte hatten ihr bisher allesamt nicht das Wasser reichen können. Bei manch einem fragte er sich, wie dieser überhaupt seine Approbation hatte erhalten können. Da war sogar auf die Schnarchnase Knechtlsdorfer – Verzeihung! Er hieß ja jetzt zusätzlich „Hassmann“, mit Bindestrich – mehr Verlass gewesen. Dem Österreicher war es überraschenderweise gelungen, seinen Facharzt in der Neurochirurgie zu bestehen, woran das Vitamin B in Form seiner resoluten Ehefrau und gleichzeitig Oberärztin wohl einen entscheidenden Anteil trug.

Seinen Kaffee genoss der Chirurg, so gut es ging. Mit einem Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk wurde ihm dann bewusst, dass die Zeit heute gegen ihn rannte. Für die obligatorische Tageszeitung blieb kein Sekündchen übrig. Er schnappte sich im Flur seine dunkle Echtlederjacke von der Garderobe, zog seinen Schlüsselbund vom Bord und verließ, nicht ohne die Tür lautstark ins Schloss fallen zu lassen, was zu einem heftigen Echo im gesamten Treppenhaus führte und wahrscheinlich manchen morgenmuffeligen Nachbarn auf den Plan gerufen hatte, die einsame Wohnung, um eilig die sechsunddreißig Treppenstufen hinunterzujagen. Wenig später konnte mancher Passant oder Hausbewohner, der eventuell hinter einem der vielen Fenster stand und auf die ansonsten ruhige Anliegerstraße herunterschaute, einen dunkelgrauen Blitz verfolgen, welcher mit quietschenden Reifen davonbrauste. In seiner sportlichen Limousine einer deutschen Automarke fühlte Marc sich geborgen. Natürlich war das Auto nicht so cool wie sein alter Z3, aber komfortabler und ansehnlicher als sein gammeliger Volvo, der längst in den Autohimmel aufgestiegen war. Nachdem Benjamin sich angekündigt hatte, brauchten der Doktor und seine Lebenspartnerin ein neues, zuverlässiges Gefährt, das nicht nur für eine Kleinfamilie wie gemacht war, sondern auch den speziellen Wünschen eines Sportwagenfanatikers wie Dr. Meier gerecht wurde. Dieses Auto war ein Kompromiss. Er hätte es nie zu glauben gewagt, aber er war mehr als zufrieden damit. Zuverlässig wie immer brachte es ihn zum Elisabethkrankenhaus. Marc parkte den Wagen auf seinem ihm eigens zugedachten Stellplatz und ließ den Motor sterben, ehe er sich auf den Weg ins Gebäudeinnere begab. Ein kurzes Kopfnicken als Gruß an den freundlichen Pförtner am Beginn der modernisierten und lichtdurchfluteten Eingangshalle, war allmorgendliche Pflicht des Oberarztes, der er unumwunden nachkam, solange er nicht in belanglose, zeitraubende Gespräche einbezogen wurde. Mit schnellen, ausladenden Schritten näherte er sich den Aufzügen. Wie immer wählte er Lift Nummer eins. Warum er diesen seit Jahren bevorzugt nutzte, wusste er selbst nicht. In jedem Fall nervte es ihn schon wieder unheimlich, dass der „Stahlkäfig“ sich so lange Zeit ließ, um endlich im Erdgeschoss anzukommen. Marc zückte sein Handy aus seiner Jackentasche und versuchte mit einem Blick auf seine Newspaper-App, wenigstens noch vor Arbeitsbeginn ein wenig vom Weltgeschehen mitzubekommen, wenn er schon die Zeitung zu Hause nicht hatte lesen können. Als es endlich vor seiner Nase „Pling“ machte, war er so vertieft, dass er nicht sonderlich darauf achtete, dass er nicht alleine im Lift stand, nachdem die Türen sich wieder geschlossen hatten. Viel zu interessant waren für ihn gerade die aktuellen Nachrichten aus der Bundesliga. Abwesend stellte er sich an eine der metallenen Seitenwände und drückte fast automatisch den Knopf für Etage Nr. drei, auf der seine Station lag. Kurz wurde er aufmerksam, glaubte er doch für den Bruchteil einer Sekunde, einen allzu bekannten, blumig-frischen Duft aufgenommen zu haben, schüttelte jedoch in Gedanken seinen Kopf. Das war völliger Unsinn. Hasenzahn weilte gerade in Göttingen. Seine Sehnsucht nach ihr schien ihn so sehr einzunehmen, dass er anscheinend schon halluzinierte. Wieder widmete er sich seiner Handy-App und freute sich, dass seine Lieblingsmannschaft, Hertha BSC, wohl einen guten Spielereinkauf getätigt hatte. Erneut nahm er von seiner Umgebung kaum mehr etwas wahr. Er hörte nicht das leise Klackern von Fingernägeln auf dem Ledergurt einer rosaroten Umhängetasche, sah nicht das amüsierte Lächeln der einzigen weiteren Person in diesem Aufzug. Er weilte vorübergehend in einer ganz anderen Welt. Eine Welt, aus der er wenig später überraschend vorzeitig herausgeholt wurde.

„Marc?“ sprach ihn eine zarte, weibliche Stimme in seinem Rücken gezielt an. Kurz zuckte er beim Klang seines Namens durch jene Stimme zusammen, schüttelte aber dieses Mal deutlich sichtbar seinen Kopf und glaubte wieder einmal mehr an Halluzinationen aufgrund des fehlenden Schlafes und des schmerzlichen Vermissens.
„Marc Meier?“ fragte das Stimmchen weiter. Nun sah der Oberarzt doch von seinem Handy auf und blickte wie erstarrt geradeaus, ohne es zu wagen, seinen Körper um hundertachtzig Grad umzudrehen.
„Ich bin‘s, Gretchen“, fuhr die Person hinter ihm fort. „Gretchen Haase. Wir waren mal zusammen auf dem Gymnasium, erinnerst du dich? Du hast mich immer gefoppt und mich ‚Hasenzahn‘ genannt. Und später sind wir beide Ärzte geworden, Chirurgen, um genau zu s…“
Weiter kam sie nicht, denn der zunächst fassungslose Chirurg war augenblicklich aus seiner Starre erwacht und seiner Liebsten überfreudig um den Hals gefallen. Stürmisch küsste und umarmte er sie, als könne er sie beide damit vor dem drohenden Ertrinken bewahren. Ihr Anwesenheit – sofort war er hellwach und alle Müdigkeit der letzten anderthalb Wochen aus seinen Knochen verschwunden. Sein Lebenselixier war wieder da. Eine Woge des unabänderlichen Glücks überkam seinen Körper. Sie war wie eine Droge, an die er tagelang nicht herangekommen war und deren Genuss nach so langer Zeit ihm knapp das Leben gerettet hatte. Fest hielt er sie in seinen Armen und wollte sie am liebsten nie wieder loslassen. Erst nach einer ganzen Weile des Austausches von längst überfälligen Zärtlichkeiten in Form reinster Lippenbekenntnisse, lösten sie sich, um nicht nur wieder etwas Atemluft in die Lungen zu lassen, sondern auch, um den lange entbehrten Partner prüfend anzusehen, fast schon, als wollten sie sichergehen, dass es sich auch wirklich um keine Fata Morgana handelte, die sich ihnen gerade bildlich darstellte.
„Gretchen“, flüsterte der Doktor liebevoll und grinste seine Freundin überglücklich an. Sie fuhr ihm unterdessen mit ihren zarten Fingern über das Gesicht, woraufhin er ergeben und genießerisch zugleich seine Augen schloss.
„Ja“, lautete ihre ebenso gehauchte Antwort. „Ich bin’s wirklich.“
„In der Tat“, bestätigte er und hielt die Augen noch immer geschlossen, um weiterhin ihre Zärtlichkeiten, mit denen sie seine gereifte Haut an Wangen, Nase, Stirn und Schläfen mit großer Sorgfalt bedachte, zu genießen. Eine Weile blieben sie so stehen, bis der Aufzug ihnen geräuschvoll und ruckelnd klarmachte, dass sie auf der dritten Etage angekommen waren. Doch Marc dachte nicht daran, den Metallkasten zu verlassen. Er drückte schnell den Knopf mit der „7“, dem Bereich, in dem sich die Krankenhauskantine befand, überlegte es sich aber dann anders, nachdem sich die Türen wieder geschlossen hatten, anders und hielt den Lift mit einem weiteren Knopfdruck einfach an. Er brauchte das jetzt, diese Zweisamkeit. Es lag ihm noch eine dringende Frage auf der Zunge. Und diese Zeit musste sein, um sie zu klären, aber auch, um das Alleinsein mit Gretchen noch etwas hinauszuzögern.
„Sag mal“, startete er seinen Versuch. „Warum bist du denn schon heute wieder zurück? Die Fortbildung geht doch noch vier Tage.“
„Hast du mich denn etwa gar nicht vermisst?“ fragte Gretchen mit Betrübnis zurück, wobei diese eher gestellt als ernst gemeint war. Marc sah ihr fest in die blauen Augen und hob seine Brauen an.
„Wie kommst du denn auf den Quatsch?“ lautete die nächste, sarkastische Gegenfrage aus seinem Mund. „Ich bin es halt gar nicht mehr gewohnt, dass ihr zwei mich zu Hause nicht permanent nervt.“
„Ben und ich nerven dich also?“ Ungläubige Blicke wanderten von Gretchen zu Marc.
„Ey, normal“, antwortete Marc und begann breit zu grinsen, wofür er von seiner Freundin einen empörten Fliegenklaps auf den rechten Oberarm abbekam. Doch sie hatte ihn längst durchschaut und tat dies jetzt auch kund.
„Natürlich hast du uns vermisst, du Schlingel“, lachte sie auf. „Und weißt du was? Ich habe euch auch vermisst, sehr sogar. So doll, dass ich beschlossen habe, das Seminar in Göttingen vorzeitig abzubrechen, damit ich schnellstens wieder bei euch sein kann.“
„Aber du verpasst doch jetzt eine ganze Menge“, gab Marc zu bedenken, woraufhin Gretchen kurz mit den Schultern zuckte.
„Das Wichtigste ist schon gelaufen“, erklärte sie ruhig. „Was jetzt noch durchgenommen wird, das hast du mir vor Jahren schon alles beigebracht. Ehrlich gesagt, ich wusste schon so vieles von dem Vorgetragenen und Vorgestellten, dass ich mich manchmal ziemlich gelangweilt habe.“
„So ist das, wenn man von dem Besten gelernt hat“, stellte Marc selbstbewusst fest. Gretchen knuffte ihm kurz in die Seite und meinte lachend: „Wenigstens hast du dich kaum verändert in der Zeit, in der ich weg war und bist ganz der eingebildete Oberarzt wie immer.“
„In den du seit über fünfundzwanzig Jahren unsterblich verliebt bist“, fügte ihr Freund hinzu, wobei seine Stimme einen ungewöhnlichen zärtlichen Klang einnahm. „Und der nur eines dazu sagen kann: Ich liebe dich, Gretchen Haase. Und ich möchte nicht wieder solange von dir getrennt sein.“
Es gab Zeiten, in denen Marc Meier die berühmten drei Worte nicht so einfach über seine Lippen bekam. Doch diese waren definitiv Geschichte. Gretchen wiederum rührten sie innerlich vollkommen. Sie schlang ihre Arme fest um seine Hüften und er legte seine Hände sanft auf ihren Rücken. Sie genossen die lang vermisste Nähe, den Duft und die Wärme des jeweils anderen und fühlten sich vollkommen geborgen.
„Ich liebe dich auch“, flüsterte Gretchen. „Übrigens: alles Gute zu unserem Jahrestag.“
„Jahrestag?“ fragte Marc und sah sie verblüfft an.
„Ja, nickte Gretchen lächelnd. „Denn heute vor zehn Jahren haben wir uns wiedergetroffen, genau hier in diesem Aufzug. Damit hat alles begonnen. All das, was wir danach zusammen erlebt haben, die Hochs und Tiefs, die schönen Momente und auch die nicht so schönen. Aber letztlich hat sich alles doch noch zum Guten gewendet.“
„Hmm“, nickte Marc nur und widmete sich dann ganz wieder der hübschen blondgelockten Frau in seinen Armen, um noch einige Minuten ihre Zweisamkeit auszukosten, ehe der Chirurg sich doch wieder seinen beruflichen Verpflichtungen besann und den Lift schweren Herzens wieder in Bewegung setzte. Denn auch die schönsten Momente hatten irgendwann ein Ende. Doch solange man sie immer wiederholen konnte, war alles in Ordnung, in bester Ordnung. Für heute. Für morgen. Für immer.




3972 Wörter



JackySunshine Offline

stellv.Admine


Beiträge: 8.204

30.09.2018 09:06
#4 RE: Challenge Nummer 4: „10 Jahre nach dem Wiedersehen“ Zitat · antworten

Challenge Nummer 4 - „10 Jahre nach dem Wiedersehen“

Doctor's Diary ist wie ein guter Wein ... Je älter - desto besser!

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Autor Vier

eins

Liebes Tagebuch,
habe berechtigte Zweifel daran, dass mein Plan von einem glücklichen Leben aufgeht. Dabei hatte ich bereits mit 13 den perfekten Plan. Noch bevor ich 30 war, würde ich erfolgreich sein. Ich würde schlank sein und ich würde den perfekten Mann heiraten.

26 Jahre später stehe ich da. Fast 40 Jahre alt, weder schlank noch mit dem perfekten Mann. Immerhin habe ich eine Karriere. Chirurgin. Und vielleicht bald Oberärztin. Dabei würde es mir reichen, Ärztin zu sein. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich wusste, dass ich Ärztin werden will. Es gab Leberwurstbrot. Leberwurstbrot und Marc Meier.

Mein Vater hatte es so oft mit uns geübt und ich dachte immer wie langweilig. Aber als Marc Meier aus der 7 C, der aussah wie David Hasselhoff in jung, wieder einen Sinusrhythmus bekam und seine Pupillen wieder isochor waren, da wusste ich´s. Ich muss Ärztin werden! Und ich würde Marc Meier für den Rest meines Lebens aus dem Weg gehen.

Gut, das hat nicht geklappt. Im Gegenteil. Marc Meier ist nach wie vor der Auslöser für Herzklopfen und Tränen. Die Schokosucht hält meine Figur auf konstant weiblichem Niveau, ich habe mich damit arrangiert. Marc übrigens auch. Nein, er ist kein perfekter Mann, muss er auch nicht. Er ist auch so der einzige, den ich will. Egal, ob wir gerade on oder off sind. Ein ständiges und nun schon jahrelanges Hinundher.

Dabei wäre ich gerade heute sehr gerne on.

Liebes Tagebuch,
ich bräuchte Dich nicht mal um zu wissen, dass es auf den Tag genau zehn Jahre her ist, dass Marc und ich uns im Aufzug wieder begegnet sind. Heute wäre ich sehr gerne mit ihm zusammen aufgewacht. Aber er musste ja wieder streiten.




Flashback - Marcs Wohnung am Vorabend


„Du als Oberärztin? Wieso reißt Du Dich plötzlich um Verantwortung?“
„Entschuldigung – die haben mich gefragt, übrigens schon zum zweiten Mal. Beim ersten Mal kam zufällig Amsterdam dazwischen!?“
„Ja genau!“
„Wie ja genau?“
„Vermutlich hast Du Deinem Vater von Dresden erzählt?“
„Ja – und?“
„Du raffst es nicht, oder? Du als Oberärztin ist wohl eher ein Versuch, mich umzustimmen und hier zu halten.“
„Du traust mir ja viel zu.“

G: „Und wenn er Recht hat? Wenn ich wirklich nicht gut genug bin, die Verantwortung für die Chirurgie zu übernehmen? Niemand kennt mich im Grunde so gut, wie Marc. Obwohl Papa auf mich zukam. Also traut er mir die Stationsleitung zu. Ich werde Mehdi morgen fragen. Der ist ehrlich. Und unabhängig.“

„Boah, Gretchen. Dein Vater will mich mit jedem Mittel behalten, hast Du das immer noch nicht verstanden?“
„Du willst jetzt nicht behaupten, dass er mich benutzt?“
„Was denn sonst?“
„Marc, als zweiter Mann hinter Papa hast Du genug zu tun, selbst Du kannst Dich nicht gleichzeitig um die Klinik, Station und die Assis kümmern.“
„Ging doch bisher auch.“
„Mehr schlecht als recht.“

„Deswegen fragt Dein Vater ausgerechnet Dich? Pfff, naja, der bekannte Bock, der zum Gärtner wird.“


Flashback-Ende


Ich muss mir sowas nicht bieten lassen, habe meine Sachen gepackt und bin in meine Wohnung gefahren. Das ist übrigens ein kleiner, feiner Unterschied zu vor zehn Jahren. Da war die einzige Option „zurück ins Kinderzimmer“. Auch wenn rosa immer noch ein Bestandteil meines Lebens ist – zu Marcs Verdruss – äh, egal. Wer ist Marc? Also rosa gibt es nach wie vor aber nicht mehr an Wänden und Möbeln. Es beschränkt sich auf wenige und austauschbare Deko, trotzdem regt sich Marc immer wieder über meinen Einrichtungsstil auf.

„Mit fast vierzig solltest Du das Märchenbuch allmählich mal zuklappen.“
„Mit fast vierzig sollte ich einen Ring am Finger haben und meiner Tochter daraus vorlesen!“

Tja, Gretchen Haase. Das kannst Du Dir wohl abschminken. Selbst wenn der Ring eines Tages noch überraschend kommen sollte – kurz vor vierzig ist bei Kinderwunsch wie fünf vor zwölf. Die Uhr tickt...

Bleibt mir ja eigentlich nur die Karriere. Ich habe da genauso ein Recht drauf wie Marc! Ich bin schließlich Chirurgin. Also kann ich mir ruhig etwas mehr Ego zulegen!



zwei

Entschlossen verließ Gretchen wenig später ihre kleine Wohnung und machte sich auf den Weg zur elterlichen Villa, wo sie mitten ins Familienfrühstück platzte. Jochen, momentan in Berlin zu Besuch, begrüßte seine Schwester mit gewohnten Sticheleien.

„Der Tisch ist gedeckt und Gretchen steht in der Tür. Es gibt Dinge, die ändern sich nie!“
„Leider auch, dass Leute die Klappe aufreißen, die besser nichts sagen sollten!“
Bärbel mochte keinen Streit am Morgen. „Kinder hört auf. Gretchen setz Dich – es ist genug für alle da!“

Gretchen bestrich ein Brötchen dick mit ihrer heißgeliebten Schokocreme. „Papa, ich habe mich entschieden. Ich übernehme die Leitung der Chirurgie als Oberärztin. Irgendwann muss ich ja mal weiterkommen.“
„Aber Gretchen, was soll das denn? Deine Uhr tickt ja auch... für Karriere ist hinterher immer noch Zeit!“
„Hinter was, Mama. Siehst Du einen Ring an meinem Finger? Nee. Ich lass mich da jetzt nicht von abbringen. Schon gar nicht von einem Mann.“
„Momentan wohl eher kein Mann.“
„Ist ja auch egal.“
„So siehst Du aber nicht aus!“

„Bärbel lass sie!“ Professor Franz Haase sprang sofort auf. Er strahlte über das ganze Gesicht. „Na dann los – Ich nehme dich direkt mit ins Krankenhaus, dann gebe ich Dir den Vertrag...“
Nicht, dass sich seine Tochter wieder beeinflussen ließ. Oder noch schlimmer, plötzlich wieder mit Sack und Pack Berlin verließe.

Doch Bärbel unterband den Aktionismus ihres Mannes. „Neinneinnein. Erst wird in Ruhe gefrühstückt. Jochen!“
„Sie hat gerade schon drei Schokoladenbrötchen weggeatmet.“
„Franz, nun lass das Kind essen. Schlimm genug, dass Du ihr immer wieder den Unsinn mit der Karriere erzählst. Nimm noch ein Brötchen, Kind. Du hast schon wieder abgenommen.“

„Genau.“

G: „Echt?“

„Wo denn?“
Vater Haase stand startklar in der Tür. „Wollen wir – Oberärztin Haase?“


drei

Gemeinsam betraten sie wenig später das Krankenhaus. Doch während der Vater sofort auf das Treppenhaus zusteuerte, bog die Tochter zu den Aufzügen ab, wo bereits ein dunkelhaariger Strubbelkopf auf den Fahrstuhl wartete. Er hatte einen großen bunten Blumenstrauß in der Hand.

„Morgen – gut brauche ich wohl nicht sagen?“
„Hallo Mehdi. Wie man´s nimmt... ich bin auf dem Weg zum Oberarztvertrag.“
„Ah, deswegen also off.“ Mehdi grinste. „Aber ich finde das gut, Gretchen. Du hast so oft für ihn zurückgesteckt und es hat euch nicht weiter gebracht.“
„Du meinst also, ich tue das Richtige?“
„Für Dich in jedem Fall.“
„Und für – uns?“
„Lass Dir keine Zweifel einreden. Schon gar nicht von Marc. Er sollte stolz auf Dich sein und hinter Dir stehen!“
„Er meint, Papa benutzt mich nur, um an ihn heran zu kommen.“
„So ein Quatsch. Dein Vater wünscht sich seine Tochter schon lange auf dieser Position. Ich glaube eher, dass er sich immer zurückgenommen hat, um nicht noch mehr on und off zwischen Marc und Dir zu provozieren.“
„Schöne Blumen – hat jemand Geburtstag?“
„Wir, Gretchen. Die sind für Dich. Für zehn Jahre Freundschaft!“
„Die ich absolut nicht missen will. Danke Mehdi!“
Kurz darauf trennten sich die Wege der Freunde. Mehdi stieg in der dritten Etage aus, während Gretchen ins oberste Stockwerk fuhr, wo die Verwaltungsräume untergebracht waren.
„Blumen vom Meier? Kind er wird Dich doch...“
„Nee, Papa. Von Doktor Kaan für zehn Jahre Freundschaft.“

G: „Ich bin mir sicher, dass Marc nicht mal weiß, dass heute unser Schicksalstag ist.“

„Heute?“
„Ja, Papa. Vor genau zehn Jahren hab ich meinen Fuß erstmals in die Chirurgie gesetzt.“
„Dann...“ Er drehte sich zum Computer und grinste Gretchen kurz darauf an. „Dann hast Du noch zwei Tage Bedenkzeit. Übermorgen jährt sich dann Deine Unterschrift zum zehnten Mal. War im Grunde ein gutes Datum, Kälbchen!“
Gretchen lächelte ihren Vater an. „Danke Papa. Darf ich Dich was fragen?“
„Natürlich.“
„Geht es Dir um mich oder – um Marc?“
„Gretchen – Kind. Das fragst Du nicht wirklich?“

Beschämt blickte Gretchen zu Boden.

„Das hat er Dir eingeredet, nicht?“ Der Chefarzt schüttelte den Kopf. „Nein, Gretchen. Hier geht es nur um Dich. Vielleicht auch um den Wunsch eines sentimentalen alten Mannes und Vaters, sein Kind in den eigenen Fußstapfen zu sehen. Und ja, ich hätte Marc gerne als mein Nachfolger. Alles andere wäre gelogen. Das Angebot an ihn war gut und fair. Wenn andere mehr bieten können, dann ist es so. Aber Du und er – das sind zwei Paar Schuhe für mich.“
„Wir haben deswegen furchtbar gestritten.“
„Wäre ich gar nicht drauf gekommen.“
„Er liebäugelt mit Dresden.“
„Was will er denn in der Provinz?“
„Sie locken ihn mit Forschung. Als er in Amsterdam war, haben die doch da so ein Laser-Skalpell entwickelt. Die gehen wohl jetzt in die Erprobungsphase und Dresden rechnet sich mit Marc, der bereits mit dem Ding in Berührung war, sehr gute Chancen aus, so eine Lizenz zu bekommen. Dresden ist heiß auf die Lizenz, Marc auf den Laser. Dass sie ihn als Mittel zum Zweck benutzen sieht er nicht.“
„Aber ich soll mir vorwerfen lassen, meine Tochter zu benutzen?“
„Deswegen haben wir gestritten.“
„Hm, also ist der Laser gar nicht sicher in Dresden?“
„Nein, die suchen die Krankenhäuser aus, die am besten ins Konzept passen.“
„Dann werde ich mich wohl mal schlau machen – und den Spieß umdrehen. Ich will Dich und ich will Marc. Wenn ich ihm also den Laser und Dich biete, kann er dann ablehnen?“
„Erstmal wird er mir dann die Schuld geben, ihm Dresden zu versauen. Wie auch Washington.“
„Ach, und was ist mit Amsterdam? Da hast Du ihn begleitet. Schon da hättest Du hier Oberärztin werden können und hast für ihn verzichtet. Und die sechs Monate London? Ständig bist Du rüber geflogen, er kam nicht mal an Deinem Geburtstag. Nein, Kind. Du musst Dir überhaupt keine Vorwürfe machen. Trotzdem möchte ich, dass Du Dir das mit dem Vertrag nochmal überlegst. Bekomme ich übermorgen Deine Unterschrift, ist meine Chefarztwelt im Lot. Und mein Vaterherz wäre sehr stolz auf Dich!“

Gretchen lächelte. „Danke Papa.“

vier

Währenddessen zwei Stockwerke tiefer auf der Gynäkologie.

„Weißt Du, wo Gretchen ist?“
„Hallo Marc.“
„Entschuldige. Ich...“
„Brauchst nichts sagen – ich sehe es Dir an.“
„Also weißt Du, wo sie ist?“
„Ich habe sie vorhin getroffen, da wollte sie zu ihrem Vater.“
„Ich habe es geahnt. Sie ist so trotzig.“
„Endlich denkt sie mal an sich!“
„Bitte?“
„Marc, ihr pflegt seit Jahren eine On-Off-Beziehung. Ihr habt nur keinen Streit, wenn sie Dir bedingungslos folgt. Amsterdam, London. Das hat nur Dir was gebracht, aber sie stand hinter Dir. Jetzt hat sie eine Chance auf einen Karriereschritt und anstatt Dich für sie mit ihr zu freuen, verunsicherst Du sie.“
„Ich weiß nicht, wie das immer passiert. Die Streits, meine ich.“
„Oh, ich könnte es Dir sagen.“
„Ich hasse es.“
„Ich sage ja nichts.“
„Das meine ich nicht.“
„Was dann?“
„Ohne sie aufzuwachen.“
„Ach, soweit bist Du nach zehn Jahren schon?“ Mehdi lachte und schüttelte den Kopf. „Ehrlichgesagt, nach eurem Jahr in Amsterdam hätte ich mit einem Ring an ihrem Finger gerechnet.“
„Pfff... wir würden es ja nicht mal in einer Wohnung aushalten ohne uns die Köpfe einzuschlagen.“
„Hm, h-hm...“
„Boah, Mehdi... sag, was Du zu sagen hast!“

„Genau das halte ich für euer Problem. Du bist bei ihr zu Gast, sie bei Dir. Mal trefft ihr euch bei ihr, mal bei Dir, vögelt, streitet, vögelt, streitet... zwischendurch heult ihr euch bei mir aus, dann macht ihr weiter. Vögeln, streiten, vögeln... on – off. On – off.“
„In Amsterdam waren wir nur on. Deswegen denke ich ja, dass Dresden eine Option wäre.“
„Moment mal – ich denke, da geht es um diesen Laser?“
„Ja, aber nicht primär. Also für mich. Für die schon.
„Hä?“
„Die wollen mich, weil ich den Laser bekomme.“
„Hm. Wer also diesen Laser will, muss Dich nehmen? Wieso das?“
„Ich habe den mit entwickelt. Also habe ich eine der ersten Hände dran, und Dresden rechnet sich mit mir gute Chancen aus, eine der Lizenzen für den Laser zu bekommen.“
„Hä? Was für Lizenzen?“
„Erprobungsphase. Forschungsgelder...“
„Ach so, die haben das Ding noch gar nicht?“
„Nein. Mit einem entsprechenden Konzept können sich Krankenhäuser darum bewerben.“
„Also auch das EKH?“
„Ja, wieso? – Ach Du meinst...?“
„Marc. Der Professor hat Dir ein sehr faires Angebot gemacht, das hast Du selbst gesagt. Such Dir mit Gretchen eine gemeinsame Wohnung, steck ihr einen Ring an den Finger und sei stolz auf sie.“
„Warum? Weil sie Oberärztin wird?“
„Weil sie eine tolle Frau ist. Und eigentlich viel zu nett und loyal Dir gegenüber.“
„Bitte?“
„Seit Amsterdam warte ich auf euch – im Kreißsaal.“
„Ein Kind war nie Thema.“
„Ihr streitet vorher.“
„Eben. Was sollen wir dann mit einem Kind?“
„Sie hätte gerne eins. Marc, eure Uhr tickt.“
„Boah, Mehdi...“
„Jede Frau hätte Dir schon lange mindestens ein Kind an den Hosensaum gehängt. Nicht so Gretchen. Die ewig rücksichtsvolle, loyale Gretchen. Die sich selbst und ihre eigenen Wünsche vergessende Gretchen.“
„Pfff, die macht jetzt Karriere. Sehr selbst vergessend.“
„Das mit dem Kind kann sie sehr wohl vergessen – Du machst ihr keins und sie schiebt Dir leider keins unter!“
„Weißt Du was? Das ist mir hier zu doof.“
Energisch rief er dem Chirurgen seine Meinung hinterher. „Genau, Marc. Renn weg, wenn´s schwierig wird. Stoß sie weg, wenn´s kompliziert wird...“


fünf

Rauchwolken waberten durch das Chefarztbüro. Die Person, deren Kopf auf Hochtouren arbeitete, erschrak, als es plötzlich an der Tür klopfte und der Oberarzt der Gynäkologie seinen dunklen Wuschelkopf durch die Tür steckte.

„Herr Professor, hätten Sie einen Moment?“
„Ehrlichgesagt, jetzt nicht. Hat es wirklich keine Zeit, Doktor Kaan?“
„Nein.“ Mehdi sah auf die Unterlagen, die ausgebreitet auf dem Tisch lagen. „Genau darum geht es – wenn ich Doktor Meier eben richtig verstanden habe, dann ist gar nicht sicher, dass Dresden diesen Laser bekommt?“
„Deswegen sitze und schwitze ich hier. Es geht um ein Konzept, mit dem das EKH sich um den Laser bewerben will. Was Dresden kann, können wir doch schon lange!“
„Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Sie holen Ihre Tochter hinzu – sie weiß mit Sicherheit viel Hilfreiches beizusteuern.“
„Genau, dann wird Doktor Meier meine Tochter töten. Und mich vermutlich gleich mit.
„Deswegen Möglichkeit zwei: Sie schicken Ihre Tochter in einen Kurzurlaub, am besten mit dem Meier zusammen. Hm, so zum zehnjährigen Wiedersehen beispielsweise. Eine Idee hätte ich da durchaus schon... “
„Machen Sie das. Alles klar, Doktor Kaan! Und nun lassen Sie mich wieder arbeiten?“
„Äh...“ Jetzt war Mehdi doch etwas verdattert.
„Kaan. Sie schicken die beiden weg und ich Sie!“
„Ja...“
„Sie müssen nicht kleinlich sein. Geld meine ich. Danke, Doktor Kaan!“


sechs

Auf Gretchens Schreibtisch türmten sich schon wieder die ungeliebten Akten.

G: „Ich muss echt lernen, den Schreibkram an die Assistenzärzte zu delegieren! Etwas mehr Ego bitte, Frau Doktor Haase. Chirurgin.“

Ihr Blick fiel auf die hellgraue Mappe mit dem Schriftzug des EKH. Der wartende Vertrag.

G: „Frau Doktor Haase. Oberärztin der Chirurgie!“

Sie würde unterschreiben. Auch wenn es hieße, Marc zu verlieren. Zweimal hatte sie für ihn zurückgesteckt. Sechs Monate Fernbeziehung, in der nur sie sich bewegt hatte, dass die Beziehung überhaupt eine Beziehung blieb. Sie hatte es gerne gemacht, weil sie wusste, dass London für Marc wichtig war. Nach Amsterdam waren sie gemeinsam gegangen – obwohl er diesen Schritt für sich beschlossen hatte. Ohne Rücksicht auf Verluste – also sie. Es war ein gutes Jahr geworden, das Beste in ihrer zehnjährigen Beziehung. Medizinisch hatte ihr diese Zeit nicht geschadet, persönlich schon gar nicht.
Trotzdem. Jetzt war sie dran. Nochmal würde sie ihm nicht folgen. Es führte scheinbar zu nichts. Ob heute oder übermorgen. Ihr Entschluss stand. Sie konnte ebenso direkt unterschreiben.

G: „Papa kann übermorgen ja einfach das Datum einsetzen!“

Sie lächelte, als sie an den “alten, sentimentalen Mann“ dachte und schlug die Mappe auf. Stutzte. Da lag ein dicker Umschlag. Sie jubelte!

G: „Er hat es nicht vergessen!“


sieben

Währenddessen auf der Gynäkologie.

„Was willst Du schon wieder, dass Du mich im Sekundentakt anpiepst?“
„Dir Deinen Arsch retten.“
„Da bin ich ja mal gespannt...“

Mehdi drückte dem Freund einen Umschlag in die Hand. Eine Buchungsbestätigung. Zwei Flüge nach...

„Scheiße...“
„Sag ich doch, ich rette Dir den Arsch. Genauer gesagt Professor Haase und ich. Meine Idee, er zahlt.“
„Warum der Professor?“
„Ich denke, er will dass ihr nochmal über Gretchens Chance redet. Oder eher über euch. Und ich will nicht ewig warten – im Kreißsaal... Du weißt schon!“
„Boah Alter...“
„Ein Danke hätte mir genügt!“
„Danke!“
„Ich schätze, sie hat ihren Umschlag bereits gefunden.“ Er deutete aus dem Fenster, Gretchen entfernte sich eilig. „Also ab, packen, was Du für zwei Tage Amsterdam brauchst. Ihr trefft euch – wenn alles gut geht – am Flughafen!“



acht

Sie waren zurückgekehrt in ihre Stadt. Amsterdam war gut zu ihnen gewesen. Insgeheim hatten beide bereut, nicht dort geblieben zu sein. Aber das war ihnen erst hinterher bewusst geworden, als sie merkten, dass es in Berlin nicht funktionierte. Sie dort nicht funktionierten. Als das Paar, das sie in Amsterdam gewesen waren.

Nun saßen sie nebeneinander auf ihrer Bank vor ihrem Italiener, hatten ihr Stammessen genossen und ließen den Tag, der sie überraschend hergebracht hatte, mit einem guten Wein – ihrem Wein – ausklingen.
„Das war eine tolle Idee, Marc. Danke!“ Sie schmiegte sich an ihren Freund. Er war der einzige, den sie wollte.
„Es war nicht meine Idee.“
Sie hörte, dass er sich dafür schämte. „Bitte? Aber...“
Marc atmete tief ein. „Mehdis Idee, Franz´ Geld.“
„Oh. Ich dachte, Du hättest das für unser Zehnjähriges organisiert.“
„Ähm, Hasenzahn, ich weiß, dass Zahlen nicht so Dein Ding sind, aber dass ausgerechnet Du nicht weißt, wann wir Jahrestag haben...?“
„Wiedersehen, Marc. Nicht Zusammenkommen. Im Aufzug, weißt Du noch...? Da war die Frau Schmitz und...“
„Okay – ich weiß schon. Legst Du Wert darauf, dieses Datum zu feiern? Ehrlichgesagt – ich bin froh, dass ich den anderen Tag bisher nie verdusselt habe.“ Jetzt grinste er verlegen und Gretchen lachte.
„Im Grunde nicht, aber heute wäre es schön gewesen. Weils halt zehn Jahre sind. Aber ich weiß jetzt wieder, warum ich Dich liebe.“
„Weil ich nicht jeden Monat unseren Tag zelebriere?“
„Es ehrt Dich, Mehdi und Papa zu erwähnen. Du hättest mich auch glauben lassen können, es sei Deine Idee gewesen.“
„Es wäre schön gewesen, wenn es meine gewesen wäre...“
„Stimmt. Und nun Schwamm drüber. Es ist schön, mit Dir hier zu sein! Und mit Sicherheit haben Mehdi und Papa eine Absicht – aber bitte nicht heute. Lass uns einfach den Rest des Tages genießen, okay?“


neun

Am nächsten Tag redeten sie. Offen und – schonungslos. Vor allem war es Gretchen, die ihren Standpunkt deutlich machte.

„Ich habe das schon einmal gemacht, alles aufgegeben. Das Jahr war gut, unser bestes, würde ich sagen und wir zehren beide davon. Unterm Strich hat es uns aber nicht weiter gebracht. Als Paar, meine ich. Nochmal mache ich das nicht, Marc. Jetzt bist Du dran. Und deswegen finde ich, wir sollten nach Berlin gehen. Mein Angebot ist ebenso gut, sogar besser als Deins, denn dem EKH geht es um mich, Dresden geht es um den Laser. Dir auch und den könntest Du bestimmt auch in Berlin bekommen. Ich meine, hat denn zum Beispiel die Charité überhaupt kein Interesse daran?“

Marc sah Gretchen nachdenklich an. Dann nickte er.

„Es geht mir nicht um den Laser. Den bekomme ich, egal wo. Ich habe da mehr an uns gedacht.“
„An uns?“
„Gretchen, ich habe damals für mich beschlossen, nach Amsterdam zu gehen. So wie ich auch schon nach London gegangen bin. Dass Du nicht wieder eine Fernbeziehung wolltest, sondern mit hergekommen bist – das war für uns beide das Beste, was uns passieren konnte. Denn wir waren wir. Wir haben funktioniert. Und seit wir zurückgekehrt sind, ist es wie vorher. Fast sogar schlimmer. Nicht die Streits, aber ich hasse es, ohne Dich aufzuwachen. Eigentlich hasse ich es, ohne Dich zu sein. Deswegen wollte ich mit Dir nach Dresden gehen – als unser zweites Amsterdam. Nur halt nicht so weit weg von Zuhause.“
Die blonde Ärztin sah Marc perplex an. „Du hast dabei an uns gedacht, nicht an...“
„Karriere? Nein. Im Gegenteil – es gab definitiv bessere Angebote als Dresden. Aber ich dachte bevor ich München oder Tübingen ins Gespräch bringe... dann hätte es auch wieder Amsterdam sein können.“
„Du wolltest wegen uns nach Dresden?“ Gretchen konnte es immer noch nicht fassen. „Entschuldige bitte, Marc, aber – Du bist einfach süß.“ Sie küsste den zu erwartenden Protest einfach weg. Und grinste ihn verschmitzt an. „Also, wenn es Dir weniger um Dresden geht, als um...“
„Es geht mir um uns. Egal wo.“
„Das heißt, Du würdest auch mit mir nach Berlin gehen?“ Sie kramte eine Zeitung aus ihrer Handtasche. „Ich hab da schon ein paar Wohnungen markiert, die für uns in Frage kämen.“
„Du hast dazu gelernt, Hasenzahn.“ Marc grinste. „Du bist gut vorbereitet und verlässt Dich nicht mehr nur auf Deine zwei Hauptargumente.“ Er schielte in Gretchens Ausschnitt. „Und ich meine gerade nicht diese beiden Freunde, sondern die, die jeden zum Schmelzen bringen – Deine blauen Augen.“
Lachend zog er sein Mädchen an sich. Tatsächlich war es egal, wo sie hingehen würden. Sie war wichtig. Mit ihr aufzuwachen war wichtig. Und...
„Wenn wir das mit uns tatsächlich geregelt bekommen, dann mache ich Dir ein Kind, Hasenzahn.“
„Wie kommst Du jetzt darauf?“ Sie staunte ihn mit offenem Mund an.
„Ich kenne Dich halt. Und ich weiß, dass ein Kind ganz oben auf Deiner Wunschliste steht. Ich habe nichts dagegen – aber eben nicht in so einer Lebenssituation wie es jetzt ist.“
„Solange Du sie oder ihn dann nicht Ajax nennen willst?“ Sie kicherte. Denn Marc hatte den Amsterdamer Fußballklub zu seinem Lieblingsteam erkoren.
„Nee, aber das Kinderzimmer wird orange.“
„Damit kann ich leben.“ Sie sah ihn an. „Und mit Dir will ich leben!“

Ende




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