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Dieses Thema hat 6 Antworten
und wurde 3.285 mal aufgerufen
 Erfindet eure eigene Fortsetzung!
Marcie Offline

Mitglied

Beiträge: 85

05.04.2018 00:03
2. Story von Marcie: Lederjacke und Sonnenbrille Zitat · antworten

Hi!

Nein, die Schulsanitäter-Story ist noch nicht fertig, da hänge ich gerade an einer Stelle, deswegen ziehe ich diese Story, die wohl eher kurz wird, erstmal vor. Auch diese Geschichte spielt komplett in der Schulzeit unseres Lieblings-Pärchens. Sie ist angelehnt an eine der entfernten Szenen auf der letzten DVD. Wahrscheinlich kennt ihr die Extras alle. Falls nicht ist das aber auch nicht schlimm, man muss den Flashback nicht gesehen haben um der Story folgen zu können.

Lederjacke und Sonnenbrille

Kapitel 1


„Marc! Beeil ich! Mathe fängt gleich an! Wenn du nicht gleich kommst kriegst du ‘nen Eintrag!“

„Ich sitz auf dem Klo, verdammte Scheiße!“ kam die genervte Antwort von der anderen Seite der Toilettentür.

Gretchen seufzte. Vielleicht übertrieb sie es wirklich ein kleines bisschen mit ihren Versuchen sich um Marc zu kümmern und ihn dazu zu bringen sie wahrzunehmen – richtig wahrzunehmen. Als Mädchen mit dem er vielleicht mal ausgehen könnte. Nicht nur als das pummelige Mädchen eine Klasse unter ihm, an dem er seine schlechte Laune auslassen konnte.

Und schlechte Laune hatte er im Moment oft, wesentlich öfter als früher. Ob es daran lag, dass seine Noten immer schlechter wurden? Wobei sie sich auch das nicht so recht erklären konnte. Marc war nie ein Einser-Schüler gewesen, aber auch nicht wirklich schlecht. Dafür, dass er immer deutlich mehr Zeit mit Streichen und Partys als mit Lernen und Hausaufgaben verbracht hatte, waren seine Noten in der Unter- und Mittelstufe ganz gut gewesen. Marc war clever, das wusste Gretchen einfach. Er hatte eine rasche Auffassungsgabe und hatte nie so viel ackern müssen wie sie. Aber in letzter Zeit schien er so gar nichts mehr für die Schule zu tun. Er machte kaum noch Hausaufgaben, kam oft zu spät und manchmal auch einfach gar nicht zur Schule. Und wenn er da war dann war er wortkarg und reizbar, sogar zu seinen angeblichen Freunden. Und er achtete nicht mehr richtig auf sich. Manchmal kam er unrasiert und in den Kleidern vom Vortag zur Schule, die aussahen als hätte er darin geschlafen (was vermutlich daran lag dass es so war). Und er trug dauernd seine Sonnenbrille, die zusammen mit seiner Lederjacke zugegebenermaßen echt gut an ihm aussah, aber an einem bewölkten Wintertag doch etwas lächerlich wirkte, besonders da er sie auch drinnen nicht abnahm. Wollte er mit der Sonnenbrille Augenringe verbergen? Oder war er einfach so oft derart verkatert, dass ihn das Licht der Lampen störte? Meistens hatte Marc weder etwas zu essen noch zu trinken dabei, so gut wie nie seine Hausaufgaben und Bücher, oft genug nicht mal Stift und Papier.
Man könnte meinen seine Noten wären Marc völlig gleichgültig, aber das waren sie nicht! Wenn er mal wieder eine Fünf oder Sechs schrieb drehte er völlig ab, setzte seinen Ameisenblick auf und suchte sich jemanden, an dem er seinen Frust auslassen konnte. Meistens Gretchen. Er durchstach die Reifen ihres Fahrrads, band die Schnürsenkel ihrer Schuhe zusammen und warf mit Wasserbomben nach ihr. Und wenn die tatsächlich mit Wasser und nicht mit Kleister, Farbe oder Motoröl gefüllt waren hieß das, dass er einen seiner besseren Tage hatte.

Gretchen tat was sie konnte, um Marc Frust und sich ruinierte Klamotten zu ersparen. Sie machte seine Hausaufgaben, obwohl er ein Jahr weiter war als sie. Den Schulstoff des Abi-Jahrgangs hatte sie sich extra angelesen, um Marc jeden Morgen seine fertigen Hausaufgaben mitbringen zu können. Sie erinnerte ihn sogar daran die Arbeiten rechtzeitig abzuschreiben und hatte für den Notfall immer extra leere Hefte und Stifte für ihn dabei. Außerdem ein zweites Pausenbrot, ein Getränk und ein Hanuta (die mochte er und er sammelte die Fußballer-Bildchen daraus). Trotzdem kam es immer öfter vor, dass er Klausuren total verhaute.
Also sollte er wenigstens pünktlich zum Unterrichtsbeginn da sein, verdammt noch mal!

„Was machst du da drin? Du kommst zu spät!“

Marc kam raus und quetschte sich an Gretchen vorbei, die im Türrahmen zwischen den Toiletten und Waschbecken stand.

Er hat mich berührt! Obwohl Marc sich ziemlich unsanft an ihr vorbeigedrängt hatte spürte sie bei der flüchtigen Berührung seiner Schultern Schmetterlinge im Bauch.

Sie würde nicht aufgeben um Marc zu kämpfen! Eines Tages würde er erkennen, dass sie gut für ihn war! Sie musste nur seine Aufmerksamkeit erregen. Und das möglichst bald. Erstens hatte sie nur noch ein halbes Jahr bevor Marc sein Abi machen und auf nimmer wieder sehen aus ihrem Leben verschwinden würde (falls er das Abi packte). Das konnte sie nicht zulassen ohne vorher alles versucht zu haben ihn auf sich aufmerksam zu machen. Und zweitens hatte Marc Probleme, das war offensichtlich. Und er hatte anscheinend niemanden dem er sich anvertrauen konnte. Gretchen wollte das so gern ändern und dieser jemand für ihn sein! Sie hatte nur keine Ahnung wie sie Marc dazu bringen sollte sich ihr zu öffnen.

„Warte mal, Marc, hast du die Hausaufgaben für Mathe dabei, die ich dir vorgestern mitgebracht habe?“

„Ja, hab‘ ich! Jetzt hör auf zu nerven!“ Marc griff nach seiner Schultasche (wow, er hatte sie dabei!) ohne zu bemerken, dass sie nicht richtig zu war. Das Malheur war vorprogrammiert. Die Tasche ging auf und der gesamte Inhalt landete auf dem Boden des Jungenklos. „Verdammte Scheiße!“ rief er und ging in die Knie, um die verstreuten Schulsachen aufzusammeln. Dabei fiel ihm die Sonnenbrille vom Gesicht. Gretchen, die sich ebenfalls hingekniet hatte, um Marc beim Aufsammeln zu helfen, stockte der Atem. Marc verbarg Augenringe, ja. Aber auch ein übel aussehendes Veilchen.

„Oh Gott, Marc, wie ist das denn passiert?“ fragte sie erschrocken.

„Geht dich ´nen feuchten Dreck an!“ schrie Marc sie an.

Er setzte die Sonnenbrille hastig wieder auf, griff sich die nun geschlossene und gefüllte Schultasche und rannte aus dem Klo.

Doch so leicht ließ Gretchen sich nicht abwimmeln. Sie holte Marc ein und packte ihn am Arm.

„Marc! Was ist denn bloß los bei dir?! Lass mich dir doch helfen!“

„Ich brauche keine Hilfe, Hasenzahn, ist das klar?! Vom niemandem und am allerwenigsten von dir!“

Mit einem Ruck befreite Marc seinen Arm und stieß Gretchen so heftig von sich, dass sie stürzte. Instinktiv fing sie den Sturz mit den Händen ab, kam dabei aber so ungeschickt auf, dass ihr rechtes Handgelenk umknickte. Gretchen schrie auf und vor Schmerz schossen ihr Tränen in die Augen.

Marcie Offline

Mitglied

Beiträge: 85

06.04.2018 15:38
#2 RE: 2. Story von Marcie: Lederjacke und Sonnenbrille Zitat · antworten

Kapitel 2

Vor Schmerzen keuchend umklammerte Gretchen ihr verletztes Handgelenk mit der gesunden Hand.

„Gretchen! Scheiße, das hab‘ ich nicht gewollt!“

Gretchen sah auf, doch einen Moment später hockte Marc schon neben ihr auf dem Boden.

Er hat mich Gretchen genannt, bemerkte sie verblüfft. Das hatte Marc noch nie getan. Die Überraschung darüber lenkte Gretchen für einen Moment sogar von ihren Schmerzen ab.

„Lass‘ mal sehen,“ sagte Marc. Er sah richtig erschrocken aus.

Gretchen schüttelte den Kopf. Ihr Handgelenk tat furchtbar weh und nur indem sie es mit ihrer gesunden Hand stützte wurde der Schmerz ein wenig erträglicher.

„Ich glaub‘ es ist gebrochen.“

Marcs Gesicht wurde ganz blass vor Entsetzen. „Scheiße! Ich bring‘ dich ins Sekretariat, da kannst du deine Eltern anrufen... Oder soll ich besser einen Krankenwagen rufen? ... Ich kann dich auch fahren...“

Richtig, Marc war schon 18 und er war einer der wenigen Schüler, die ein eigenes Auto hatten.

„Nein, Sekretariat ist gut. Ich muss meinen Vater anrufen, der ist Arzt im Elisabethkrankenhaus. Ist nicht weit von hier.“

„Okay.“ Marc warf seine Schultasche über die eine und Gretchens über die andere Schulter und half ihr dann vorsichtig auf.

Die dritte Stunde hatte mittlerweile angefangen, sodass es auf dem Korridor leer war und sie das Sekretariat schnell erreichten. Frau Bauer, die Schulsekräterin, telefonierte gerade.

„Auflegen, das ist ein Notfall!“ fuhr Marc die Frau mittleren Alters an.

Die war so verblüfft, dass sie Marcs Befehl tatsächlich nachkam. Dann aber sah sie ihn mit ärgerlichem Blick an. „Entschuldige mal, junger Mann...“

„Ich entschuldige gar nichts! Sind sie blöd?! Das Mädchen hier hat sich das Handgelenk gebrochen. Geben sie ihr gefälligst was zum Kühlen und rufen sie ihren Vater an! Wird’s bald?!“ blaffte Marc sie an.

Offenbar hin- und hergerissen zwischen Empörung über Marc und Mitgefühl für Gretchen warf die Sekretärin Marc noch einen finsteren Blick zu, nahm dann aber ein Cool-Pack aus dem kleinen Kühlschrank hinter ihr und reichte es Marc, da Gretchen noch immer ihr Handgelenk umklammerte. Gretchen legte sich auf die für solche Fälle im Sekretariat stehende Liege und ließ langsam ihr Handgelenk los, um nach dem Cool-Pack zu greifen. Ungelenk versuchte sie es mit der linken Hand um das schmerzende Gelenk herum zu legen.

„Ich mach‘ das schon,“ sagte Marc eilig. Er ließ die Schultaschen auf den Boden fallen, setzte sich neben Gretchen auf die Liege und machte sich daran vorsichtig ihre Verletzung zu kühlen.

„Wie ist denn dein Name?“ fragte Frau Bauer Gretchen.

„Margarethe Haase. Rufen sie bitte bei meinem Vater auf der Arbeit an, er ist Arzt. Die Nummer muss in meiner Schulakte stehen.“

Die Sekräterin suchte die Nummer raus und wählte.

„Guten Tag, mein Name ist Franziska Bauer, vom Dürrenmatt-Gymnasium. Könnte ich bitte Professor Haase sprechen? Oh, verstehe. Könnten sie ihm bitte ausrichten, dass seine Tochter Margarethe in der Schule einen Unfall hatte und sich das Handgelenk gebrochen hat? In Ordnung, vielen Dank.“

Frau Bauer legte auf und sah Gretchen bedauernd an. „Tut mir leid, Margarethe, dein Vater operiert gerade. Soll ich deine Mutter anrufen, damit sie dich ins Krankenhaus fährt?“

Bevor Gretchen etwas sagen konnte mischte sich Marc ein.

„So ein Blödsinn, das dauert doch alles viel zu lange! Sehen sie denn nicht, dass Gretchen Schmerzen hat?!“ schnauzte er die Sekretärin an. Dann wandte er sich an Gretchen. „Komm, ich fahr‘ dich ins Krankenhaus.“

Wieder bekam Gretchen keine Gelegenheit auf den Vorschlag (na ja, eher die Anweisung) von Marc zu reagieren.

„Tut mir leid, das kann ich nicht zulassen. Laut Schulakte ist Margarethe noch keine 18. Minderjährige verletzte oder kranke Schüler kann ich nur mit einem Elternteil gehen lassen,“ widersprach Frau Bauer.

„Ich bring‘ sie doch zu einem Elternteil, dumme Kuh!“ schrie er sie an.
In etwas freundlicherem, aber nicht weniger bestimmten Tonfall sagte er zu Gretchen: „Komm jetzt.“

Etwas überrumpelt stand Gretchen auf. Sie sah die Schulsekräterin mit entschuldigendem Blick an und wollte ihr das Cool-Pack zurückgeben, doch Marc schob sie ungeduldig in Richtung Tür. „Das nehmen wir mit, für unterwegs.“

„Wartet! Das geht so nicht! Wie heißt du denn überhaupt?!“ rief Frau Bauer Marc aufgeregt hinterher und versuchte sich ihnen in den Weg zu stellen.

„Versuchen sie das gar nicht erst!“ zischte Marc die Frau wütend an. Gretchen warf einen Blick in sein Gesicht. Oh verdammt! Da war er wieder, der Ameisenblick.

„Legen Sie sich nicht mit ihm an, bitte!“ flehte Gretchen besorgt.

Endlich schien Frau Bauer zu begreifen, dass mit Marc in diesem Zustand nicht gut Kirschen essen war. Sie machte ihnen den Weg frei, Gott sei Dank!

Marc führte Gretchen auf den kleinen Parkplatz neben der Schule, schloss das Auto auf und öffnete die Beifahrer-Tür für Gretchen. Die Schultaschen warf er auf den Rücksitz bevor er selbst einstieg.

Gretchen legte sich das Cool-Pack auf den Schoß und versuchte sich mit links anzuschnallen, was ihr nicht gelang. Marc, der ihr Problem erkannt hatte, griff selbst nach Gretchens Gurt und schnallte sie an, wobei seine Hand versehentlich ihre Brust streifte.

Sie sog scharf die Luft ein. Es war nur eine flüchtige Berührung gewesen, doch die reichte aus um diesmal nicht nur in Gretchens Bauch ein kribbelndes Gefühl auszulösen. Wie war das nur möglich? Und das trotz ihrer Schmerzen und der angespannten Situation?

„Sorry“, nuschelte Marc.

Offenbar mißdeutete Marc Gretchens Keuchen als Laut des Erschreckens oder der Empörung. Zum Glück. Sie wäre vor Scham im Boden versunken wenn Marc begriffen hätte, dass das flüchtige Gefühl seiner Hand an ihrer Brust sie tatsächlich erregt hatte.

Marc fuhr los und schien den Weg zum Krankenhaus zu kennen, was ebenfalls gut war, denn so musste Gretchen nicht mit Marc reden um ihm eine Wegbeschreibung zu geben, was ihr Zeit gab sich ein wenig zu sammeln.

„Auf welcher Station arbeitet dein Vater?“ wollte Marc wissen als sie das Krankenhaus betraten.

„Er ist Chefarzt in der Chirurgie,“ antwortete Gretchen mit ein wenig Stolz auf ihren Papa in der Stimme. „Aber wir müssen in die Notfallambulanz.“

Marc sah sie verdutzt an. „Wieso, um Himmels Willen?“

Jetzt war es Gretchen, die verdutzt guckte. „Weil das die richtige Abteilung ist, wenn man ohne Termin ins Krankenhaus kommt und es kein lebensbedrohlicher Notfall ist.“

„Hast du ´nen Vollknall?! Dein Vater ist Chef der Chirurgie und du willst dich wie jeder Hinz und Kunz stundenlang in die Notfallambulanz setzen?“

„Aber mein Vater operiert doch noch.“

„Der hat doch jede Menge Leute unter sich! Ober- und Assistenzärzte und so. Da kann sich doch wohl einer von um die Tochter vom Chef kümmern,“ erklärte Marc als sei das völlig selbstverständlich.

„Ich will das doch nicht ausnutzen, dass mein Vater da der Chefarzt ist. Wer weiß was da gerade los ist auf Station, ich kann mich doch nicht einfach so vordrängeln.“

„Und ob du das kannst! Und du wirst!“ erklärte Marc bestimmt.

In der Chirurgie angekommen sah Marc sich suchend um. „Wo ist denn hier das Stationszimmer oder wie das heißt?“

Gretchen zeigte ihm den Weg. Hinter dem Empfang saß Frau Dessler, die langjährige Oberschwester der Chirurgie, die Gretchen ganz gut kannte. Die nette Dame Ende Fünfzig war schon ein paar Mal auf Feiern bei ihnen zu hause gewesen.

„Gretchen! Die Sekräterin von deiner Schule hat vorhin hier angerufen und gesagt was passiert ist. Wie geht es dir denn? Tut mir leid, dein Vater ist noch im OP.“

„Es geht schon wieder, danke. Das Kühlen hat geholfen,“ erklärte Gretchen und zeigte das Cool-Pack vor. „Kann ich hier auf meinen Vater warten?“

„Du wirst nicht warten! Wo ist denn hier der Oberarzt?“ wollte Marc wissen.

„Frau Dr. Lorenz assistiert Gretchens Vater, es ist ein ziemlich komplizierter Eingriff, glaube ich,“ erwiderte die Oberschwester.

„Aber hier muss doch irgendwo ein Arzt rumlaufen, der nicht im OP steht!“ Marc wurde zusehends ungeduldig.

„Es gibt noch Dr. Neumann, den Stationsarzt, der ist aber nicht hier, er hat heute die Nachtschicht. Und dann ist da noch die zweite Assistenzärztin, Frau Kühn, die macht gerade Visite.“

„Zweite Assistenzärztin? Und ohne Doktortitel? Taugt die denn was oder kriegt die außer Blut abnehmen nix auf die Reihe?“ wollte Marc wissen.

„Frau Kühn ist sehr talentiert und ich glaube ihre Doktorarbeit hat sie auch fast fertig,“ antwortete Frau Dessler.

Marc seufzte. „Na gut, dann nehmen wir eben die solange.“

„Marc, du hast doch gehört, dass Frau Kühn gerade mit der Visite beschäftigt ist.“

„Richtig, Visite. Routine-Scheiß also. Nichts was nicht warten kann und bestimmt nichts was wichtiger ist als die Tochter vom Chef. Also, komm, gehen wir die mal suchen.“

Marc lief den Gang entlang und riss die Tür von jedem Patientenzimmer auf ohne zu klopfen, warf einen kurzen Blick hinein und schloss die Tür ohne Erklärung oder gar Entschuldigung wieder. Gretchen war das ziemlich unangenehm, aber ihr blieb nicht wirklich etwas anderes übrig als hinter Marc herzutraben. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte war Marc eine Naturgewalt, gegen die niemand ankam.

„Ah, da sind Sie ja endlich!“ rief Marc im 7. oder 8. Zimmer.“Komm, Gretchen, ich hab‘ sie gefunden!“

Gretchen folgte Marc zögerlich in das Zweibett-Zimmer, in dem eine Frau Ende Zwanzig gerade dabei war den Blutdruck eines älteren Mannes zu messen.

„Das ist Gretchen Haase, die Tochter von ihrem Chef. Sie hat sich das Handgelenk gebrochen. Kümmern sie sich um sie!“ befahl Marc der verdattert dreinblickenden jungen Ärztin, die sich aber recht schnell wieder fasste.

„Ähm, und du bist der neue Klinikdirektor oder was? Wie kommst du dazu mir Befehle zu geben, Junge?“

„Junge?! Du bist doch höchstens 10 Jahre älter als ich, blöde Zicke! Und welchen Teil von `Tochter vom Chef‘ hast du eigentlich nicht verstanden? Gretchens Vater kann dich feuern, wenn du seine Tochter hier einfach ignorierst!“

„Marc!“ rief Gretchen entsetzt. Dann wandte sie sich an die junge Ärztin. „Tut mir leid. Mein Vater wird Sie natürlich nicht feuern und ich kann natürlich auch warten bis Sie hier fertig sind.“

„Schon gut, ich denke das hier kann wirklich noch eine halbe Stunde warten. Bitte entschuldigen Sie mich“, sagte die junge Frau zu dem Patienten, den sie gerade untersucht hatte. „Ich komme gleich wieder.“ Dann wandte sie sich wieder an Gretchen. „Und du kommst mal mit in den Untersuchungsraum.“

„Danke schön, das ist wirklich sehr nett von Ihnen,“ sagte Gretchen.

„Na geht doch,“ knurrte Marc.

Marcie Offline

Mitglied

Beiträge: 85

09.04.2018 14:58
#3 RE: 2. Story von Marcie: Lederjacke und Sonnenbrille Zitat · antworten

Kapitel 3

„Okay, dann werde ich dein Handgelenk erst mal abtasten, “ sagte Frau Kühn, sobald Gretchen auf der Untersuchungsliege saß. Marc lehnte an der Wand und beobachtete Gretchen und die junge Ärztin mit unergründlichem Blick.

„Was ist denn eigentlich passiert?“ fragte die Assistenzärztin, während sie Gretchens Handgelenk abtastete.

„Ich war am Ende der Pause spät dran, bin schnell den Gang lang gelaufen und gestolpert. Ich habe versucht den Sturz mit den Händen abzufangen und bin dabei ganz blöd aufgekommen", gab Gretchen eine beschönigte Version des Unfallhergangs wieder. Marc hatte nicht vorgehabt sie zu verletzen und Gretchen wollte nicht, dass er Schwierigkeiten bekam. Davon hatte er ja anscheinend sowieso schon viel zu viele.

Frau Kühn nickte. „Das Handgelenk ist wirklich gebrochen. Soweit ich das mittels Tasten und Augenschein feststellen kann scheint es aber ein unkomplizierter Bruch zu sein, keine verschobene oder Mehrfach-Fraktur. Sicher kann ich es erst nach einer Röntgen-Untersuchung sagen, aber ich gehe nicht davon aus, dass wir operieren müssen. Ich gebe dir jetzt etwas gegen die Schmerzen und mache dir einen Soft-Cast dran, den können wir zum Röntgen wieder abnehmen. Ob wir nach dem Röntgen gipsen oder bei einem Soft-Cast bleiben entscheidet dann dein Vater. Soft-Cast oder Gips wirst du etwa 4-5 Wochen tragen müssen, danach sollte der Bruch verheilt sein. Dann kommen noch ein paar Monate Krankengymnastik auf dich zu. Ich gehe nicht davon aus, dass Folgeschäden bleiben, aber bis deine Hand wieder voll funktionsfähig ist kann es durchaus ein halbes Jahr dauern.“

Gretchen nickte. So etwas hatte sie schon vermutet. Sie musste sich unbedingt etwas einfallen lassen wie sie das mit der Schule hinbekommen würde. Klausuren, die in den nächsten Wochen anstanden, würde sie nachschreiben müssen wenn sie wieder schreiben konnte. Das würde schon gehen. Aber sie konnte unmöglich wochenlang keine Hausaufgaben machen. Das würde sie total zurückwerfen, sowohl in der mündlichen Note als auch in der Klausur-Vorbereitung. Ob sie die Hausaufgaben auf Tonband sprechen konnte? In einigen Fächern mochte das vielleicht gehen, aber sicher nicht in den Fremdsprachen, wo es ja auch auf Rechtschreibung ankam. Und in Mathe würde das auch schwierig.

Die nette junge Ärztin gab Gretchen erstmal eine Schmerztablette, bevor sie sich daran machte ihre Hand zu schienen.

„Nachdem ich den Soft-Cast drangemacht habe kannst du dich ins Stationszimmer setzen und in Ruhe den Anmeldungsbogen ausfüllen, Röntgen mache ich dann nach der Visite.“

„Wie jetzt?! Das war’s schon? Sie fertigen Gretchen hier innerhalb von fünf Minuten ab? Wie gehen sie dann erst mit Kassenpatienten um, die nicht mit dem Chef verwandt sind?!“ blaffte Marc, dessen Blick noch finsterer geworden war, als die Ärztin erklärt hatte wie lange die Heilung von Gretchens Verletzung dauern würde.

Frau Kühn seufzte. „Sag mal, willst du nicht draußen warten? Deine Freundin würde sich bestimmt freuen, wenn du ihr eine Cola holst.“

„Ich bin nicht seine Freundin.“

„Sie ist nicht meine Freundin! Und glauben sie ich lasse mich hier so leicht abwimmeln?!“ Marc sah die junge Ärztin wütend an, dann sah er wieder zu Gretchen rüber. „Willst du vielleicht wirklich eine Cola?“ fragte er unsicher. „Oder Schokolade! Du willst doch bestimmt Schokolade, oder? Tust du doch immer.“

Gretchen lächelte, etwas unsicher, ob sie sich über Marcs unerwartete Fürsorglichkeit freuen oder die Bemerkung mit der Schokolade als Beleidigung auffassen sollte.

Jedenfalls entschied sie sich der armen Ärztin den Gefallen zu tun ihr Marc für ein paar Minuten vom Hals zu schaffen.

„Ja, Schokolade ist immer gut, danke.“

Anscheinend froh eine Aufgabe zu haben (oder von Gretchen wegzukommen) lief Marc los.

Frau Kühn lächelte Gretchen verschmitzt zu. „Danke, dass du mir eine Atempause von deinem besorgten Nicht-Freund verpasst. Du hast Glück, er ist offensichtlich total in dich verknallt. Ich hoffe nur er ist normalerweise netter.“

Gretchens Gesicht wurde feuerrot. „Ähm, nein, ist er nicht. Also beides. Normalerweise netter und in mich verknallt.“

Die junge Ärztin lachte. „Na klar ist er das. In dich verknallt meine ich. Er ist doch total panisch, so besorgt ist er um dein Wohl. Es wäre richtig süß, wenn er mir dabei nicht so auf den Geist gehen würde.“

Gretchen sah traurig zu Boden. Wie schön wäre es, wenn das wahr wäre. „Nein, da irren sie sich. Seine Sorge hat andere Gründe, leider.“

Marc wollte sie bestimmt einfach nur besänftigen, damit sie nicht morgen zum Direktor ging und erzählte was wirklich passiert war. Vielleicht tat es ihm sogar ein bisschen leid, dass er sie verletzt hatte, aber das war’s dann auch.

Gretchen schwieg traurig, während die Ärztin ihren Arm schiente. Frau Kühn arbeitete schnell und effizient, sodass sie gerade fertig war, als die Tür wieder aufging.

Marc kam herein und Gretchen staunte nicht schlecht als er einen Berg Süßigkeiten vor ihr ausbreitete. „Ich ähm... wusste nicht was du wolltest, also habe ich dir einfach alles mit Schokolade geholt was es im Automaten gab.“

Gretchen starrte Marc mit offenem Mund an. „Ähm, danke...“

Die junge Ärztin warf Gretchen einen amüsierten Blick zu.

„Alles klar, dann bist du ja für die Wartezeit bis zum Röntgen bestens versorgt.“ Dann wandte sie sich an Marc. „Und du könntest der jungen Dame, die natürlich absolut nicht deine Freundin ist, beim Ausfüllen des Anmeldebogens helfen.“

Marc warf Frau Kühn einen genervten Blick zu, sagte aber nichts. So saßen sie fünf Minuten später allein im Stationszimmer, da alle Ärzte und Krankenschwestern zu tun hatten. Marc hatte ein Klemmbrett und einen Stift in der Hand und laß Gretchen die Fragen vor.

„Geburtsdatum?“

Gretchen war enttäucht. Na klar, Marc wusste natürlich nicht wann sie Geburtstag hatte. Okay, sie hatte es ihm nie gesagt, aber er hatte ihr ja auch nie gesagt, wann er Geburtstag hatte und trotzdem wusste sie es.

„24. Juni 1980.“

„Adresse?“

Gretchen nannte ihm die Adresse. Bevor er die nächste Frage vorlesen konnte fasste sich Gretchen ein Herz und sprach das Thema an, das sie seit heute morgen brennend beschäftigte.

„Du...Marc... wenn du reden möchtest, du weißt schon, wegen...“ Sie deutete auf die Sonnenbrille.

Marc sah nichtmal auf. „Ich hab‘ keinen Schimmer wovon du redest, Hasenzahn. Irgendwelche Allergien?“

Gretchen seufzte. „Nein.“ Dann wühlte sie in ihrer Schultasche nach Stift und Papier und kritzelte mühsam mit der linken Hand ihre Handynummer auf einen Zettel, den sie ihm reichte.

„Falls du es dir anders überlegst. Du kannst mich jederzeit anrufen, wenn du jemanden zum Reden brauchst.“

In dem Moment kam Gretchens Vater ins Zimmer gestürzt. Er trug noch seine OP-Kleidung und wirkte sehr besorgt.

„Kälbchen! Was ist denn passiert? Wie geht’s dir?"

Kaum war Professor Haase hereingekommen nutze Marc die Gelegenheit zur Flucht.

„Also dann, bist ja jetzt gut aufgehoben“, sagte er und verließ schnell den Raum, bevor Gretchen noch etwas sagen konnte.

Am frühen Abend saß Gretchen im Wohnzimmer auf dem Sofa und grübelte über diesen merkwürdigen Tag nach. Wie gerne hätte sie sich jetzt ihrem Tagebuch anvertraut, doch das war mit dem Soft-Cast an ihrer Hand nicht möglich.

Die Röntgenuntersuchung hatte die Vermutung der Assistenzärztin bestätigt. Bei ihrer Verletzung handelte es sich um einen einfachen Bruch. Ihr Vater hatte also nach dem Röntgen auch nicht mehr machen können als ihr den Soft-Cast wieder anzulegen. Diesmal hatte sie sich aber noch eine Farbe für das elastische Band aussuchen dürfen, das zur Fixierung des Casts angelegt wurde. Natürlich hatte sie rosa gewählt. Dann hatte ihr Vater ihr noch erklärt, dass ihre Hand in den nächsten zwei Wochen noch dreimal geröntgt werden würde, um sicher zu stellen dass auch alles planmäßig heilte. Nach hause gefahren hatte sie dann ihre Mutter, da ihr Vater noch einen Notfall reinbekommen hatte. Deswegen war er auch noch nicht zu hause.
Auch ihre Mutter war im Moment nicht da, weil sie Jochen von einer Geburtstagsfeier abholen musste. Ihre Mama hatte mindestens dreimal gefragt, ob sie Gretchen wirklich alleine lassen konnte und war überhaupt den ganzen Tag so überfürsorglich gewesen, dass Gretchen ganz froh war über die Atempause vor dem Abendessen.

Als es an der Tür klingelte war Gretchen ziemlich überrascht. Wer konnte das denn sein? War etwa ihre Mutter schon wieder zurück und hatte ihren Schlüssel vergessen?

Gretchen ging zur Tür und traute ihren Augen nicht, als sie sah wer da vor ihr stand. Es war Marc Meier! Und er hatte einen Blumenstrauß in der Hand!

Marcie Offline

Mitglied

Beiträge: 85

11.04.2018 12:33
#4 RE: 2. Story von Marcie: Lederjacke und Sonnenbrille Zitat · antworten

Kapitel 4

Gretchen starrte Marc mit offenem Mund an während er von einem Fuß auf den anderen trat.

„Kann ich rein kommen?“ fragte Marc schließlich und Gretchen wurde bewusst, das sie ihn wer-weiß-wie-lange einfach angestarrt hatte während er auf der Türschwelle wartete.

„Oh! Na klar. Wir können ins Wohnzimmer gehen. Im Moment ist sonst keiner hier, mein Vater ist noch auf der Arbeit und meine Mutter kutschiert meinen Bruder.“

Marc schien erleichtert zu sein über diese Information. Sie gingen ins Wohnzimmer, wo sie sich abermals verlegen gegenüber standen, beide nicht so recht wissend, was sie sagen sollten.

Wieder war es Marc, der das Schweigen brach. „Gretchen... wegen deiner Hand... also, ich hab‘ mich noch gar nicht richtig entschuldigt. Es tut mir wirklich leid. Deswegen auch die Blumen.“ Verlegen reichte Marc ihr den Strauß aus rosa farbenen Rosen und Lilien.

„Die sind wunderschön, danke“, sagte Gretchen entzückt.

Mit Marcs Reaktion hatte sie allerdings nicht gerechnet. Er starrte sie fassungslos und richtig wütend an!

„Danke?! Du bedankst dich bei mir?! Hast du sie noch alle?! Ich hab‘ dir das Handgelenk gebrochen! Ich bin nicht besser als...“

„Als wer?“ fragte Gretchen, hellhörig geworden.

„Niemand. Der Punkt ist, dass du mich eigentlich anschreien und mitsamt den bescheuerten Blumen rauswerfen solltest! Aber nein, du lügst für mich, behauptest du seist über deine eigenen Füße gefallen und jetzt bedankst du dich auch noch?!“ brüllte Marc.

„Es war ein Unfall, Marc. Du wolltest mich nicht verletzen. Du hast mich nur zur Seite geschubst und dann bin ich über meine eigenen Füße gestolpert. Damit konntest du nicht rechnen. Es ist wirklich lieb von dir, dass du dich bei mir entschuldigst – sogar mit Blumen! – und dass du dich so nett um mich gekümmert hast bis mein Vater da war. Aber es ist nicht so, dass du das tun musst, damit ich dir verzeihe. Es ist okay, wirklich. Ich mache dir keine Vorwürfe“, versicherte Gretchen Marc.

Marc schüttelte fassungslos den Kopf. „Du hast sie wirklich nicht mehr alle. Du kannst deine Hand wochenlang nicht mehr benutzen! Und daran bin ich schuld! Wie soll das denn mit der Schule klappen?“

Jetzt verdüsterte sich auch Gretchens Blick etwas. „Das habe ich mich auch schon gefragt. Die Klausuren werde ich nachschreiben müssen und wie ich das mit den Hausaufgaben mache – keine Ahnung.“

„Wie wär’s denn, wenn wir morgen gemeinsam zum Oberstufenkoordinator gehen und fragen, ob es okay ist, wenn du die Hausaufgaben diktierst und ich alles für dich aufschreibe? Und sag jetzt bloß‘ nicht nein! Das ist das Mindeste, was ich tun kann, um diese Sache halbwegs wieder gut zu machen“, erklärte Marc bestimmt.

Und schon wieder starrte Gretchen Marc mit offenem Mund an. Er machte doch nichtmal seine eigenen Hausaufgaben und jetzt wollte er wochenlang viel Zeit investieren, um ihr bei ihren zu helfen? Marc musste ja wirklich ein wahnsinnig schlechtes Gewissen haben. Er war eben doch ein guter Kerl, sie hatte es gewusst! Und wenn sie sein Angebot annahm würde sie viel Zeit mit Marc verbringen können. In mehreren Wochen musste sie es doch einfach schaffen ihn dazu zu bringen sich ihr zu öffnen und sich von ihr helfen zu lassen.

„Das wäre toll, Marc!“

Und so begann ihre merkwürdige Arbeitsgemeinschaft. Wenn sie beide gleichzeitig Schulschluss hatten nahm Marc Gretchen in seinem Auto mit und sie fuhren zum gemeinsamen Hausaufgaben machen zu ihr, wenn einer von ihnen länger Schule hatte kam Marc später bei ihr vorbei. Gretchen bestand darauf, dass auch Marcs Hausaufgaben nicht zu kurz kamen und zu ihrer Überraschung protestierte er gar nicht als Gretchen anbot ihm zu helfen, sich aber weigerte ihm auch seine Aufgaben einfach zu diktieren. Denn das war überhaupt nicht nötig, wie sie schnell feststellte! Wie Gretchen immer vermutet hatte war Marc wirklich clever und konnte sich sehr schnell in die Materie einarbeiten. Eigentlich brauchte er meistens gar keine Hilfe, wenn er sich ernsthaft mit seinen Hausaufgaben beschäftigte. Nur manchmal musste Gretchen ihm helfen Wissenslücken aus früheren Jahren zu schließen, die ihm bei seinen aktuellen Aufgaben zum Verhängnis wurden. In einigen Fächern – z.B. Mathe – wurde Gretchen durch die Zusammenarbeit mit Marc sogar besser, denn er wies sie gar nicht selten darauf hin, dass die von ihr diktierte Lösung falsch war. Gretchen konnte es kaum fassen! Wie hatte jemand mit Marcs Potential nur dermaßen in der Schule absacken können?

Außerdem bemerkte Gretchen zu ihrer Überraschung, dass Marc nicht nur viel cleverer war als er wirkte, sondern auch überraschend tiefsinnig sein konnte. Wenn sie sich in Sozialwissenschaften mit globalen Problemen befassten oder in Englisch an einer Erörterung arbeiteten wurde das oft eine langwierige Sache, denn sie verwickelten sich fast jedes Mal in eine hitzige Diskussion. Und auch wenn Gretchen Marcs Ansichten selten teilte und oft sehr provokant fand, so musste sie doch zugeben, dass seine Argumente immer Hand und Fuß hatten.

Eines abends musste Gretchen Marc einfach mal auf seine schlechten Noten, die ihr immer unverständlicher wurden, ansprechen.

„Sag mal, Marc, warum hast du im letzten Jahr die Schule eigentlich so schleifen lassen? Gerade jetzt, wo doch alles schon für die Abi-Note zählt? Du könntest Jahrgangsbester sein, wenn du nur ein bisschen was tun würdest.“

„Mach ich doch jetzt“, antwortete Marc unwirsch.

„Ja, aber warum erst jetzt? Was war denn los in letzter Zeit?“

„Hasenzahn, jetzt reicht’s! Wie oft soll ich dir noch sagen, dass gar nichts los ist?! Ich hab‘ einfach nur mehr Party gemacht als gelernt!“

„Das glaube ich dir nicht! Dein blaues Auge hattest du jedenfalls nicht von einer Party!“ rief Gretchen entnervt.

„Wenn du es genau wissen willst: Doch, hatte ich! Kneipenschlägerei, okay? Und jetzt hör endlich auf dich in meine Angelegenheiten einzumischen, ist das klar?!“

Ohne auf eine Antwort von Gretchen zu warten griff Marc seine Schultasche und verschwand.

Marcie Offline

Mitglied

Beiträge: 85

11.04.2018 13:23
#5 RE: 2. Story von Marcie: Lederjacke und Sonnenbrille Zitat · antworten

Kapitel 5

In den nächsten Tagen ging Marc Gretchen in der Schule demonstrativ aus dem Weg. Nicht, dass er sich vorher viel mit ihr befasst hätte, aber seit sie ihre Nachmittage zusammen verbrachten hatte Marc zumindest mal ein „Hi“ oder sogar ein kurzes Lächeln für sie übrig. Jetzt leider nicht mehr. Er hielt jedoch weiterhin sein Versprechen ihr mit den Hausaufgaben zu helfen. Allerdings redete er dabei nicht mehr als unbedingt nötig mit ihr. Außerdem hatte er aufgehört mit ihr zu diskutieren. Stattdessen schrieb er einfach nur stoisch auf, was sie diktierte.

Der Donnerstag drei Tage nach ihrem Streit war ein stürmischer Februar-Tag. Einer von Marcs Kumpels hatte sich zu Beginn der Pause einen Spaß daraus gemacht Gretchen das Haargummi zu klauen, sodass ihre Haare ihr jetzt wild ins Gesicht geweht wurden. Gretchen seufzte genervt und kramte das Ersatz-Haargummi, das sie für solche Fälle immer dabei hatte, aus ihrer Tasche. Das war der leichte Teil gewesen. Das Ding mit links ins Haar zu kriegen würde um einiges schwieriger. Gretchen mühte sich eine Weile ab und war so vertieft in ihre Aufgabe, dass sie gar nicht bemerkte, dass Marc hinter sie getreten war.

„Das kann man ja nicht mitansehen, Hasenzahn. Na gib‘ schon her“, forderte er sie mürrisch auf.

„Kannst du das denn?“ fragte sie verblüfft.

Marc warf ihr einen frechen Blick zu. „Meine Erfahrung beschränkt sich bis jetzt auf eine andere Art von Gummis, aber so schwer kann das ja nicht sein.“

Gretchen errötete bei Marcs Bemerkung, gab ihm aber trotzdem ihr Haargummi und drehte ihm den Rücken zu.

„Deine Mähne ist ja total zerzaust“, meinte Marc und machte sich daran ihre Locken mit den Fingern zu kämmen. Ob absichtlich oder nicht wusste Gretchen nicht, jedenfalls massierten seine Finger dabei sanft ihren Kopf. Gretchen schloss die Augen und musste ein genüssliches Stöhnen unterdrücken. Marcs Finger waren so sanft, richtig zärtlich...

Platsch.

Eine mit Wucht mitten in ihr Gesicht geworfene Wasserbombe weckte sie jäh aus ihrer rosa Welt.

Sie öffnete die Augen und sah Marcs lachende Kumpel vor sich.

„Hey, du sahst aus als würdest du gleich ´nen Orgasmus kriegen“, lachte Sven, der die Bombe geworfen hatte.

Schlagartig wurde Gretchen in die Realität zurück katapultiert. Marc hatte das sicher mit seinen Freunden geplant. Sein freundliches Angebot ihr mit dem Haargummi zu helfen, seine zärtlichen Berührungen... alles nur ein Trick! Gretchen kamen die Tränen. Jeden Moment würde Marc in das Gelächter seiner Freunde einstimmen und sie wieder mal vor allen Augen demütigen...

„Hast du den Arsch offen?!“ brüllte Marc hinter ihr.

Verblüfft beobachtete Gretchen wie Marc auf Sven zuging, die Augen funkelnd vor Wut.

„Siehst du nicht, dass Gretchens Arm geschient ist?! Was wenn du den getroffen hättest?! Der Bruch hätte wieder aufgehen können, du dämlicher Spasti!“

Sven war offenbar genauso verblüfft über Marcs Reaktion wie sie.

„Eye, Mann, krieg dich mal wieder ein! Wenn ich aufs Gesicht ziele treffe ich auch das Gesicht.“

„Ach ja, und dass Gretchens Brille bei der Aktion nicht kaputt gehen würde, sodass sie die Glassplitter ins Auge kriegt, wusstest du wohl auch ganz genau, was?!“

Sein Kumpel sah Marc entgeistert an. „Sag mal, geht’s noch?! Was stimmt denn nicht mit dir, dass du auf einmal rumzickst wie ein Mädchen?“

„Die Frage muss wohl eher lauten was mit dir nicht stimmt! Mann, wir sind 18, keine 12 mehr! Langsam sollten wir alt genug sein um uns Gedanken über die möglichen Konsequenzen unserer Aktionen zu machen!“

Der Freund schüttelte den Kopf. „Ich erkenn dich echt nicht wieder, Mann! Hast du dich etwa in die fette Brillenschlange verknallt oder was?!

Marc machte noch einen Schritt auf seinen Kumpel zu und stieß ihn unsanft gegen einen Baum. „Erstens: Geht dich gar nichts an, klar?! Zweitens: Keiner außer mir nennt das Mädchen fett! Und drittens: Pack sie noch einmal an und du wirst dir wünschen nie geboren worden zu sein!“

Entweder war Sven zu verblüfft um noch viel mehr zu entgegnen oder aber er war zu dem Schluss gekommen, dass es gesünder wäre Marc nicht noch weiter zu provozieren. Jedenfalls murmelte er nur ein „Ist ja gut“ und wich zurück.

Marc ging auf Gretchen zu, die ihn die ganze Zeit staunend angesehen hatte.

„Bist du okay?“ fragte er besorgt, während er mit seinem Schal ihr Gesicht trocknete.

Gretchen strahlte. „Mehr als okay.“ Sie wusste nicht woher sie den Mut nahm zu tun, was sie als nächstes tat. Vielleicht war es Marcs fürsorgliches Verhalten. Oder die Tatsache, dass er nicht widersprochen hatte, als sein Kumpel ihm unterstellt hatte in Gretchen verknallt zu sein. Jedenfalls stellte Gretchen sich auf die Zehenspitzen und gab Marc einen federleichten Kuss auf den Mund.

„Du bist mein Prinz“, sagte sie schwärmerisch.

Marc brauchte offenbar einen Moment um die Überraschung über den Kuss weit genug zu verdauen, um die Bedeutung von Gretchens Worten zu begreifen.

„Ähm... dein was?!“

„Mein Prinz“, wiederholte Gretchen. „Du hast mich verteidigt. Und eigentlich habe ich dich schon immer so gesehen. Spätestens seit dem Theaterstück, in dem du den Prinzen gespielt hast.“

Marc schüttelte den Kopf. „Gretchen, ich bin kein Prinz. Und auch kein Ritter auf einem weißen Pferd. Leg endlich deine rosarote Brille ab! Ich mache dich nur unglücklich, ganz bestimmt wenn du dir so ein romantisch verklärtes Bild von mir machst.“

Mit diesen Worten drehte Marc sich um und ging von ihr weg.

Den Rest des Schultages war Gretchen wie betäubt, sie versuchte Marc zwischen den Schulstunden zu erwischen, doch er ging ihr aus dem Weg. Marc hatte heute länger Schule als sie, das wusste Gretchen, er würde sie also nicht im Auto mitnehmen. Aber sie hoffte darauf, dass er trotz ihrer Auseinandersetzung am Nachmittag vorbei kommen würde, um ihr bei den Hausaufgaben zu helfen. Dann könnten sie reden.

Doch er kam nicht. Und er rief auch nicht an.

Erst nach 10 Uhr abends, als Gretchen sich langsam bettfertig machen wollte, klingelte ihr Handy. Eine unbekannte Nummer wurde angezeigt.

„Marc? Bist du das?“

„Gretchen...“ Sie merkte sofort dass etwas nicht stimmte. Marcs Stimme klang gepresst, als hätte er Schmerzen oder würde mit den Tränen kämpfen. Vielleicht auch beides.

„Marc! Was ist denn los?“

Sie hörte ein Keuchen. „Gretchen, kannst du herkommen?“

Marcie Offline

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17.04.2018 23:07
#6 RE: 2. Story von Marcie: Lederjacke und Sonnenbrille Zitat · antworten

So, hier kommt ein extra langes Kapitel, das eigentlich das letzte sein sollte. Ich habe aber beschlossen doch noch ein paar Kapitel dran zu hängen. Ich hoffe das ist in Eurem Sinne.

Kapitel 6

„Ja, natürlich kann ich kommen! Aber du musst mir sagen was los ist. Bist du verletzt?“

Gretchen bemühte sich die Panik in ihrer Stimme im Zaum zu halten.

„Ja... Mein Vater... heute war es besonders schlimm.“

„Marc, wenn du verletzt bist brauchst du einen Krankenwagen!“

„Zu gefährlich... Mein Vater ist noch im Haus... Er schläft, aber durch einen Krankenwagen würde er bestimmt aufwachen.“

Gretchen wollte fragen warum Marc nicht einfach die Polizei rief, aber das musste warten. Er brauchte sie jetzt.
„Okay, Marc, ich komme so schnell ich kann. Ich komme mit meinem Vater, okay? Du brauchst einen Arzt!“

Ein kurzes Zögern auf der anderen Leitung. „Okay.“ Marc gab ihr seine Adresse. „Nicht klingeln. Schick mir eine SMS, wenn ihr da seid.“

Panisch stürmte Gretchen in das Arbeitszimmer ihres Vaters, in dem er noch über ein paar Berichten saß.

„Papa! Marc aus der Schule hat angerufen. Sein Vater hat ihn geschlagen, ich glaube er ist ziemlich schwer verletzt. Wir müssen sofort zu ihm!“

Franz Haase sah seine Tochter erschrocken an.

„Aber Kälbchen, dann muss er einen Krankenwagen und die Polizei rufen.“

„Er hat Angst, Papa! Sein Vater ist noch im Haus, er schläft und Marc will ihn nicht aufwecken. Marc hat mich angerufen, weil er mir anscheinend vertraut. Und ich vertraue dir. Bitte, Papa, Marc braucht uns jetzt!“ flehte Gretchen.

Dem Drängen seiner Tochter konnte der Chirurg nicht widerstehen.

„In Ordnung, ich packe nur schnell ein paar Medikamente und Salben ein. Verbandszeug ist ja im Auto.“

Sie beeilten sich, sodass Gretchen und ihr Vater schon 20 Minuten später vor Marcs Haustür standen. Wie vereinbart schickte Gretchen Marc eine SMS und wartete ängstlich darauf, dass er die Tür öffnete.

Als Marc schließlich aufmachte zuckte Gretchen zusammen. Seine Nase war eindeutig gebrochen – sie war schief und blutete. Außerdem hatte er einen großen Bluterguss an der Wange und seine Haltung und Atmung verrieten Gretchen, dass das nicht seine einzigen Verletzungen waren.

Gretchen wusste nicht was sie sagen sollte, also sagte sie einfach gar nichts, sondern schloss Marc einfach in die Arme – ganz sanft, um ihm nicht noch mehr weh zu tun. Marc erwiderte die Umarmung und vergrub sein Gesicht einen Moment in ihrem Haar.

Widerwillig löste Gretchen sich aus der Umarmung. Sie hätte Marc gerne noch länger tröstend im Arm gehalten, aber er musste dringend untersucht werden.

„Meinen Vater kennst du ja.“ Marc war schließlich in den letzten Wochen täglich bei ihnen zu Hause gewesen und auch gelegentlich zum Abendessen geblieben. „Du kannst ihm vertrauen.“

„Wir gehen am besten in die Küche. Mein Vater schläft oben und meine Mutter ist im Wohnzimmer. Er hat sie auch geschlagen, aber nur einmal ins Gesicht. Es ist zum Glück nicht so schlimm. Sie wird nämlich nicht zulassen, dass Sie sie behandeln, Herr Professor.“

„Aber warum denn nicht, Marc?“ fragte Gretchens Vater. „So kann das doch nicht weitergehen.“

„Meine Mutter hat Angst, kapiert ihr das denn nicht?! Vater sagt, wenn ich zur Polizei gehe wird er behaupten, dass ich mich auf dem Schulhof oder auf einer Party geprügelt habe. Und dass ich Mutter geschlagen habe, nicht er! Vielleicht kommt er damit durch, vielleicht auch nicht. Aber wenn ja wird es hier nur noch schlimmer! Außerdem schämt sie sich. Sie ist gerade dabei sich als Autorin einen Namen zu machen, ist nicht gut für ihren Ruf die geschlagene Ehefrau zu sein. Und ich will auch nicht, dass das überall die Runde macht, okay?“

Auch er schämt sich , wurde Gretchen auf einmal klar. Ihr Herz blutete bei dem Gedanken wielange Marc das wohl schon durchmachte.

Ihr Vater schien genauso unglücklich mit der Geheimhaltung zu sein wie Gretchen - schließlich würde sich so nie etwas ändern – aber er war als Arzt hier und zu aller erst musste er Marc untersuchen.

„Na gut, gehen wir in die Küche“, stimmte er zu.

Marc setzte sich auf einen Stuhl und Gretchen schob sich einen Stuhl dicht daneben und streichelte seinen Rücken.

„Wo hat dein Vater dich außer im Gesicht noch geschlagen?“ fragte Professor Haase.

„Am Bauch und an der Brust. Geschlagen und getreten“, gab Marc zu und sah beschämt zu Boden.

Gretchen traten Tränen in die Augen.

„Dann mach mal bitte dein Hemd auf, damit ich dich untersuchen kann.“

Marc gehorchte und Gretchen musste ein Keuchen unterdrücken. Seine Brust und sein Bauch waren grün und blau.

„Ich taste jetzt mal deine Rippen ab, manchmal kann man dabei schon sehen, ob etwas gebrochen ist.“

Gretchen kannte ihren Vater gut genug um zu wissen, dass Marcs Verletzungen auch ihn nicht kalt ließen, aber in vielen Jahren als Arzt hatte er gelernt seine Gefühle hinten an zu stellen.

„Das wird wahrscheinlich weh tun“, sagte Gretchen und nahm Marcs Hand.

„Ist schon okay“, sagte er nur, wohl in dem Versuch den letzten Rest seiner coolen Fassade zu bewahren.
Trotzdem zuckte er bei der Untersuchung ein wenig zusammen und drückte Gretchens Hand. Sie streichelte sanft seine Fingerknöchel mit ihrem Daumen.

„Hast du Schmerzen beim Atmen?“ fragte Franz Haase.

Marc nickte.

Der Arzt sah den jungen Mann bedauernd an. „Vom Tasten her kann ich nichts feststellen, das ist aber meistens so bei einem nicht verschobenen Bruch. Die Schmerzen beim Atmen weisen aber auf mindestens eine gebrochene Rippe hin. Das muss geröngt werden und diese Blutergüsse müssen wir uns auch näher ansehen, um festzustellen ob du innere Blutungen hast. Es tut mir leid, aber du musst wirklich mit ins Krankenhaus.“

„Nein! Auf keinen Fall! Wenn mein Vater aufwacht und mitkriegt dass ich weg bin wird er seine Wut an Mutter auslassen. Der schlägt sie doch tot!“

„Aber selbst wenn du jetzt bleibst und deine eigene Gesundheit aufs Spiel setzt, was ist dann in ein paar Monaten?“ warf Gretchen ein. „In vier Monaten hast du dein Abi und dann willst du doch sicher im Herbst studieren oder eine Ausbildung machen. Was ist dann? Die einzige Möglichkeit deine Mutter zu beschützen ist deinen Vater anzuzeigen oder sie wenigstens dazu zu bringen sich scheiden zu lassen.“

Marc seufzte. „Ja, darüber was in ein paar Monaten ist zerbreche ich mir doch auch den Kopf!“

Jetzt schaltete sich wieder Gretchens Vater ein. „Was hälst du davon, wenn ich mal mit deiner Mutter rede? Vielleicht kann ich sie ja überzeugen dem Ganzen ein Ende zu setzen.“

Marc zuckte die Schultern. „Versuchen können Sie’s ja.“

Und so blieben Marc und Gretchen erstmal alleine zurück.

„Ihr habt ja recht.“ gab Marc zu, bevor Gretchen noch etwas sagen konnte. „Vater muss hier verschwinden, bevor ich es tue, damit Mutter in Sicherheit ist. Aber was ist wenn meine Mutter sich weigert auszusagen und die Polizei mir nicht glaubt? Wenn die meinem Vater glauben, dass meine Verletzungen von Prügelleien mit anderen Jungs herrühren? Hab‘ ich ja selbst immer erzählt, wenn mal jemand was gesehen hat. Und ich hab ja auch nicht gerade den Ruf ein Musterschüler zu sein. Allein was ich mit dir alles angestellt habe...“

„Als du mit dem Blumenstrauch zu mir gekommen bist, da wolltest du sagen dass du nicht besser bist als dein Vater, oder?“ fragte Gretchen.

Marc nickte nur.

„Das ist aber Quatsch, Marc! Ja, du hast mir Streiche gespielt, aber du hast mich niemals geschlagen oder absichtlich verletzt. Und das eine Mal, als es unabsichtlich passiert ist, hast du dir ein Bein ausgerissen um es wieder gut zu machen. Du bist kein Schläger, Marc! Und wenn die Polizei dir nicht glauben sollte sage ich eben, dass ich schon mal dabei war, als dein Vater dich geschlagen hat. Dass ich dich hier besucht und alles gesehen habe“, erklärte Gretchen entschlossen.

Marc guckte sie verdutzt an. „Das würdest du echt machen? Das ist eine Falschaussage, Gretchen, das kann Ärger geben.“

„Na und? Du bist es wert“, sagte sie nur.

Marc sah sie mit einem Blick an den Gretchen nicht deuten konnte, dann streichelte er sanft ihre Wange und sah ihr tief in die Augen.

„Hasenzahn, du bist einmalig.“

Und dann beugte Marc sich vor. Oh Gott, er will mich wirklich küssen!

„Stören wir?“ Irgendwie schaffte Marcs Mutter es auch mit einem blauen Fleck im Gesicht und vom Weinen verwischtem Mascara noch hoheitlich auszusehen, als sie Gretchen von Kopf bis Fuß musterte.

„Ähm...nein“, stammelte Gretchen.

„Ja“, sagte Marc.

Da seine Mutter Gretchen immer noch unverwandt anstarrte und Gretchen peinlich berührt zu Boden sah, fügte Marc noch mit einem Seufzen hinzu: „Mutter-Gretchen Haase, Gretchen – meine Mutter Elke.“

„Freut mich Sie kennen zu lernen, Frau Meier“, sagte Gretchen höflich.

„Demnächst wohl wieder Fisher, Kindchen. Dein charmanter Vater hat mich davon überzeugt, dass eine Frau wie ich viel zu schade ist für einen Mann, der mich nicht zu schätzen weiß.“

Marc und Gretchen wussten beide nicht so recht, was sie dazu sagen sollten und es wurde sowieso Zeit, dass Marc endlich ins Krankenhaus kam. Also half Gretchen ihm fürsorglich auf und stützte ihn auf dem Weg zum Auto, wo Marcs Mutter auf dem Beifahrersitz Platz nahm während die beiden Jugendlichen sich nach hinten setzten. Das war Gretchen ganz recht, denn so konnte sie während der Fahrt Marcs Hand halten, was er offenbar gerne annahm.

Vom Klinikparkplatz aus rief Franz Haase schließlich die Polizei und berichtete kurz worum es sich handelte und dass die beiden Betroffenen auf der Chirurgie und vernehmungsfähig seien. Die beiden Beamten – zwei Männer, einer um die 40, der andere in den Anfang 20 – trafen auch rasch ein und begannen mit der Vernehmung von Marcs Mutter, da Marc noch zum Röntgen musste.

Die Röntgen-Untersuchung ergab, dass Marc zwei gebrochen Rippen hatte, es aber keine Hinweise auf gefährliche innere Blutungen gab. Die Rippen würden von alleine heilen, Marc würde jedoch in den ersten zwei Wochen des Heilungsprozesses starke Schmerzmittel bekommen. Die Nase musste operiert werden, das konnte aber erst in 3-4 Tagen geschehen, wenn die Schwellung zurückgegangen war. Bis dahin hieß es regelmäßig kühlen.

Also brachte eine junge Krankenschwester ihm ein Cool-Pack und eine abschwellende, schmerzstillende Salbe für die blauen Flecken am Oberkörper.

„Kannst du die Salbe selbst draufmachen?“ fragte die junge Frau und Gretchen war ziemlich sicher, dass sie auf ein „Nein“ als Antwort hoffte. Blöde Kuh, dachte Gretchen voller Eifersucht.

„Kann ich schon, aber mir ist es lieber wenn du das machst.“

Gretchen, die nach wie vor die Krankenschwester wütend anstarrte, schnappte verärgert nach Luft. Wie bitte?!

Wütend sah sie Marc an, der die Frechheit besaß zu lachen.

„Ich hab dich dabei angesehen, Hasenzahn. Hättest du auch gemerkt, wenn du nicht die arme Frau mit Blicken durchbohrt hättest.“

„Oh.“ Gretchen wurde rot.

„Also? Machst du mir die Salbe drauf?“ Das freche Grinsen war aus Marcs Gesicht verschwunden und er sah sie jetzt wieder mit diesem verletzlichen Blick an, der ihr jedes Mal ans Herz ging.

„Natürlich.“

Gretchen wärmte die Salbe zwischen den Fingern ihrer unverletzten Hand an und verrieb sie dann sanft auf Marcs Brust und Bauch. Er seufzte genüsslich und Gretchen hatte prompt wieder Schmetterlinge im Bauch.

Nachdem Gretchen die Salbe gründlicher als nötig verrieben hatte nahm sie noch etwas Salbe und rieb Marcs geschwollene Wange damit ein. Anschließend ließ sie die Hand wo sie war und streichelte Marc sanft.

Der zärtliche Moment wurde vom Eintreffen der beiden Polizisten unterbrochen.

„Herr Meier? Ich bin Hauptkommissar Huber, das ist mein Kollege Polizeiobermeister Neumann“, stellte der ältere der beiden Männer sich und seinen Partner vor. „Können wir Ihnen ein paar Fragen stellen?“

„Klar“, antwortete Marc, offenbar um ein lässiges Auftreten bemüht.

Die beiden Männer warfen einen Blick auf Gretchen.

„Sie kann bleiben“, erklärte Marc und warf Gretchen dabei einen kurzen, unsicheren Blick zu, den sie als „Bleib bitte bei mir.“ interpretierte.

„Wie Sie möchten“, antwortete Hauptkommisar Huber.

Marc setzte sich etwas aufrechter hin. Das höfliche „Sie“ des deutlich älteren Mannes und die Tatsache, dass Gretchen bleiben durfte, schienen ihm Sicherheit zu geben.

Gretchen fragte sich, ob der Polizist häufiger mit mißhandelten Jugendlichen zu tun hatte und daher wusste, was ihnen in dieser Situation half.

„Wie geht es Ihnen denn?“ fragte Huber weiter.

Marc zuckte die Schultern. „Die Nase und zwei Rippen sind gebrochen. Könnte schlimmer sein.“

„Wir haben schon die Aussage von Ihrer Mutter aufgenommen, trotzdem müssen wir für den Bericht nochmal von Ihnen hören, was genau passiert ist.“

Marc atmete tief ein. Gretchen hätte am liebsten nach seiner Hand gegriffen, entschied sich aber schweren Herzens dagegen. Marc schämte sich schon genug, da wäre es sicher nicht gerade hilfreich wenn er den beiden Polizisten gegenüber den Eindruck von jemandem machte, der nur eine Aussage machen konnte wenn jemand Händchen hielt.

„Es fing mit einem Streit zwischen meinen Eltern an. Das war so gegen 17 Uhr, als mein Vater von der Arbeit nach Hause kam. Meine Mutter schrieb gerade an ihrem Buch. Sie ist Autorin, wenn man das so nennen kann. Schreibt Liebesschnulzen. Mein Vater mag das nicht, weil in ihren Büchern wohl auch Sexszenen vorkommen. Weiß nicht genau, ich les‘ so `nen Kram nicht, auch nicht wenn’s von meiner Mutter ist. Vater meint jedenfalls ihre Bücher sind Soft-Pornos und hat Angst damit in Verbindung gebracht zu werden, auch wenn sie unter ihrem Mädchennamen schreibt. Darüber gibt’s dauernd Streit, halt auch heute. Mein Vater hat meine Mutter beschimpft und geschlagen. Da bin ich dazwischen gegangen, hab ihn weggezogen und ihn angebrüllt, dass er ein für alle Mal die Finger von meiner Mutter lassen soll. Dann ist er auf mich los, hat mich zweimal ins Gesicht geschlagen, einmal auf die Nase und einmal auf die Wange. Ich hab‘ mich gewehrt, hab‘ ihn geschubst. Da ist er dann völlig abgedreht, hat mich volle Kanne in den Bauch geboxt, dann hat er einen Stuhl genommen und mir eins von den Stuhlbeinen in den Bauch gerammt. Ich bin umgefallen und dann hat mein Vater noch mehrmals gegen meine Rippen getreten, bis ich nicht mehr aufstehen konnte.“

Marc hatte sehr schnell geredet, er wollte es offenbar schnell hinter sich bringen. Jetzt hatte er sichtlich Probleme die Fassung zu bewahren, er atmete heftig und fixierte einen Punkt an der Wand. Wieder war Gretchen kurz davor seine Hand zu nehmen oder ihn einfach zu umarmen, hielt sich aber zurück.

Beide Beamten kritzelten etwas in ihre Notizblöcke. Bisher hatte nur der jüngere geschrieben, das schien seine Aufgabe zu sein, aber der ältere wollte Marc wohl einen Augenblick Zeit geben um sich zu fassen. Gretchen dankte dem Mann im Stillen dafür. Sie versuchte nicht daran zu denken was für furchtbare Schmerzen Marc stundenlang gehabt haben musste.

Nach etwa einer Minute sah der Hauptkommisar wieder von seinem Block auf.

„Sie sagten das war gegen 17 Uhr, richtig?“

Marc nickte.

„Der Anruf bei uns ging aber erst kurz vor 23 Uhr ein. Vor Gericht wird man Sie fragen, warum Sie erst so spät angerufen haben.“

„Weil mein Alter erst nach 10 ins Bett gegangen ist! Ich wollte erst gar nicht die Polizei rufen. Mein Vater wird behaupten, dass ich lüge. Er hat immer gesagt, dass Mutter und ich uns bloß nicht einfallen lassen sollen zur Polizei zu gehen, weil er einfach erzählen wird ich hätte mir die Verletzungen bei einer Schlägerei geholt. Aber das stimmt nicht, okay?! Er war’s! Meine Mutter hat sich einfach nicht getraut das Schwein anzuzeigen und er hat gesagt, wenn ich es tue schlägt er meine Mutter tot! Aber ich hatte Scheiß Schmerzen, okay? Deswegen hab‘ ich bei Gretchen angerufen. Ihr Vater ist Arzt, ich dachte der könnte mir vielleicht helfen ohne das an die große Glocke zu hängen. Der Professor meinte dann aber ich müsste doch ins Krankenhaus. Ich wollt‘ erst nicht. Wenn mein Alter morgen gemerkt hätte, dass ich im Krankenhaus bin hätte er sich meine Mutter vorgenommen. Professor Haase hat dann aber meine Mutter und mich überzeugt mit ins Krankenhaus zu kommen und Anzeige zu erstatten. Sie kann da nicht hin zurück solange er noch da ist, kapiert?!“

„Auf keinen Fall“, stimmte der Hauptkommisar entschieden zu. „Wir werden jetzt gleich zusammen mit Ihrer Mutter zu Ihnen nach hause fahren und Ihren Vater festnehmen. Bei den Drohungen, die Ihr Vater gegen Ihre Mutter vorgebracht hat, wird kein Richter einer Freilassung auf Kaution zustimmen. Ihre Mutter ist sicher, das verspreche ich Ihnen.“

Marc atmete erleichtert auf.

„Herr Meier, Sie sind inzwischen volljährig, ist das richtig?“

„Ja, ich bin 18.“

„Aber nach dem, was sie gesagt haben, schlägt Ihr Vater Sie schon länger?“

Marc nickte.

„Wann hat das alles denn angefangen?“

„Da war ich noch im Kindergarten.“

Gretchen konnte ein entsetztes Aufkeuchen nicht unterdrücken. Oh Gott! Kein Wunder, dass Marc immer so aggressiv war.

„Danke für Ihre Aussage, das war es dann auch an Fragen. Nur noch zwei Sachen: Wir brauchen eine Unterschrift von Ihnen, dass Sie uns erlauben Ihre Krankenakte für den Prozess einzusehen.“

„Okay. Was ist das zweite?“

Zum ersten Mal zögerte der freundliche Polizist einen Moment.

„Es würde im Prozess sehr helfen, wenn wir Fotos von Ihren Verletzungen machen könnten. Ist das in Ordnung?“

„Fotos?!“ Marc klang entsetzt.

„Es wird sicher möglich sein die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu führen. Das heißt außer dem Richter, dem Staatsanwalt und dem Anwalt ihres Vaters wird niemand die Bilder je zu Gesicht bekommen“, versprach der Hauptkommissar.

„Unter Ausschluss der Öffentlichkeit? Heißt das niemand darf dabei sein?“ Marc sah zu Gretchen rüber.

„Wenn Sie möchten, dass Ihre Freundin dabei ist wird das sicher trotzdem möglich sein“, versprach der Polizist.

Marc nickte. „Okay, machen Sie Ihre Fotos.“

Das tat der jüngere Beamte dann auch schnell, bevor die beiden sich verabschiedeten und Marc und Gretchen allein ließ.

„Sie haben mir geglaubt“, sagte Marc als könnte er es nicht so recht fassen.

Jetzt hielt Gretchen es nicht mehr aus Distanz zu Marc zu halten. Sie setzte sich auf die Bettkante und sah Marc ins Gesicht.

„Ja, das haben sie. Und mit deiner Krankenakte wird dein Vater ganz bestimmt nicht mit seiner Version durchkommen. Es ist vorbei, Marc“, sagte Gretchen sanft.

„Es ist vorbei“, wiederholte Marc mit zittriger Stimme, als müsste er sich diese Tatsache nochmal bewusst machen.

Gretchen nickte und folgte dann endlich dem Impuls, den sie seit Beginn der Befragung hatte – sie nahm Marc in den Arm.

Der erwiderte ihre Umarmung und zog Gretchen fest an sich. Sie hielt ihn im Arm und streichelte seinen Rücken. Es dauerte einen Moment bis Gretchen begriff, dass Marc weinte. Sein Rücken zuckte unter ihren sanft streichelnden Fingern und sie konnte seine Tränen an ihrem Hals spüren. Gretchen hielt Marc minutenlang einfach nur fest, ihre unverletzte Hand rieb beruhigend seinen Rücken und mit den Fingern der verletzten Hand, die der Soft-Cast frei ließ, strich sie ihm zärtlich durchs Haar.
Nach ein paar Minuten wurde Marc in Gretchens Armen ruhiger und löste sich schließlich von ihr. Er sah ihr nicht in die Augen, sondern fixierte die Bettdecke. Offenbar war ihm sein Gefühlsausbruch peinlich.

„Hey, ist okay“, beruhigte Gretchen ihn. „Es gibt nichts was dir unangenehm sein müsste.“

Marc lachte bitter. „Ja, klar, abgesehen davon, dass ich hier rumgeflennt habe wie ein Baby.“

„Marc, du hast Sachen durchgemacht an denen ein weniger starker Mensch längst zerbrochen wäre. Und das allein. Es wurde höchste Zeit, dass du das alles mal raus lassen konntest. Und falls du jetzt denkst, dass ich dich auch nur das mindeste bisschen weniger toll finde als gestern liegst du damit falsch.“

Marc sah ihr jetzt doch ins Gesicht. „Ach ja?“ fragte er skeptisch.

„Ja. Und wenn wir schon mal bei Peinlichkeiten sind – auch wenn ich wirklich nicht glaube, dass dir irgendwas peinlich sein muss – das kann ich auf jeden Fall überbieten“, erklärte Gretchen.

Damit hatte sie offenbar Marcs Neugier geweckt.

„Wirklich? Und wie?“

Gretchen atmete tief durch. Jetzt oder nie. „Also, da wäre die Tatsache, dass ich absolut verrückt nach dir bin. Ich meine so richtig. Ich glaub‘ es gibt in keinem meiner Tagebücher eine einzige Seite auf der nicht dein Name steht. Oft mit Herzchen drum. Ich beschreibe seitenlang wie sehr ich dein Lächeln liebe. Und deine Augen mit diesen süßen Grübchen die so wahnsinnig toll aussehen, wenn du lachst. Ich habe immer noch nicht wirklich heraus gefunden welche Farbe sie haben, weißt du das zufällig? Meistens denke ich sie sind richtig tief grün, aber manchmal sehen sie auch blau aus, meerblau. Da kann man richtig eintauchen. Und deine Haare, da kann man so schön mit den Fingern durchfahren – also denke ich. Und dann deine Lippen… nachdem ich dich wiederbelebt hatte war ich richtig enttäuscht, weil ich so besorgt war, dass ich mich gar nicht richtig darauf konzentrieren konnte wie sie sich anfühlen. Bei dem einen Kuss im Garten auch nicht, ich war viel zu überrascht. Oh, und Briefe habe ich dir auch geschrieben. Liebesbriefe. Mindestens 40.“

Marc sah sie mit offenem Mund an.

„40 Liebesbriefe?“

„Mindestens.“

„Ich hab‘ nie einen bekommen.“

„Natürlich nicht. Hab mich ja nie getraut sie dir zu geben.“

Marc sah Gretchen tief in die Augen.

„Kann ich sie jetzt haben? Nachdem du Gelegenheit hattest ganz genau zu studieren wie sich meine Lippen anfühlen?“ fragte er mit einem verschmitzten Lächeln.

Er beugte sich vor bis seine Lippen ihre fast berührten. Aber nur fast. Dann sah er sie fragend an. Erst war Gretchen verwirrt, dann begriff sie, dass er immer noch auf eine Antwort wartete wegen der Briefe.

Da Gretchen ihrer Stimme nicht traute nickte sie nur. Einen Moment später waren Marcs Lippen auf ihren. Sie fühlten sich fantastisch an. Und Marc war einfach ein unglaublich guter Küsser. Er streichelte ihre Unterlippe mit seinen Lippen und schob dann zärtlich seine Zunge in ihren Mund, die anfing mit ihrer zu spielen. Gretchen stöhnte.

Oh Gott! Hab‘ ich gerade wirklich gestöhnt?

Marc grinste, offenbar gefiel ihm Gretchens Reaktion auf seinen Kuss.

„Kann ich dich um noch etwas bitten?“ fragte Marc.

„Na klar, was du willst.“

Marcs Grinsen wurde breiter. „Was ich will? Alles?“

Gretchen wurde mehr als ein bisschen nervös, nickte aber trotzdem.

„Also, wenn ich dich jetzt bitten würde mir einen zu blasen….“

Gretchen keuchte überrascht. „Ähm, also im Moment ist das nicht so gut. Alles wobei du… ähm… heftig atmest, ist nicht gut für die Rippen. Aber später, wenn’s dir besser geht… und du mir zeigst wie… also wie‘s gut für dich ist, dann ähm… ja, klar…“

Marc starrte sie perplex an. „Echt?!“

Gretchen nickte.

„Wow. Das ist gut zu wissen für … ähm … irgendwann. Aber eigentlich wollte ich was ganz anderes.“

„Oh… Was denn?“

Marc lächelte. „Ein Foto. Von dir.“

„Ein Foto?“ fragte Gretchen überrascht.

„Ja. Ich brauch doch ein Foto von meiner Freundin.“

„Deiner Freundin?“ fragte Gretchen begeistert.

„Ja. Ich dachte das wär klar.“

Gretchen schüttelte den Kopf.

„Nicht so richtig.“

Marc lächelte und streichelte dann sanft Gretchens Wange.

„Dann ist es das jetzt.“

Marcie Offline

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16.05.2018 15:03
#7 RE: 2. Story von Marcie: Lederjacke und Sonnenbrille Zitat · antworten

Kapitel 7

Sie küssten sich noch ein paar Mal bevor Marc sich von Gretchen löste und Anstalten machte aufzustehen.

„Wo willst du hin?“ fragte Gretchen.

Marc rollte die Augen. „Ins Bad. Ist schon spät, ich sollte mich mal langsam bettfertig machen. Außerdem will ich mir das Gesicht waschen. Muss ja nicht jeder sehen, dass ich geheult habe.“

„Von mir erfährt niemand etwas, versprochen. Und ich hab‘ mir überlegt, dass ich in der Schule sagen könnte du hattest einen Autounfall, falls jemand fragt. Dann könntest du wieder zur Schule kommen, sobald du dich gut genug fühlst, auch wenn man die Verletzungen noch sieht. Und keiner würde sich wundern, wenn du mit dem Bus kommst. Auto fahren darfst du nämlich nicht solange du starke Schmerzmittel nimmst. Ist das okay?“

Marc nickte erleichtert. „Ja, das ist super. Danke.“

„Gern geschehen.“

Marc verschwand mit ein paar der Sachen, die seine Mutter hastig in seine Sporttasche geschmissen hatte, für ein paar Minuten im Bad. Als er wieder kam trug er eine Jogginghose, aber noch immer sein Hemd.

„Kannst du mir mit dem Hemd helfen?“ bat Marc. „Die Schmerzen sind jetzt gut erträglich durch die Tabletten, aber Verrenkungen tun immer noch ziemlich weh.“

„Natürlich.“

Marc setzte sich seitlich aufs Bett und Gretchen streifte ihm vorsichtig das Hemd von den Schultern. Anschließend konnte sie der Versuchung nicht wiederstehen Marc einen sanften Kuss in den Nacken zu geben. Diesmal war er es, der stöhnte, was Gretchen total überraschte. Sie hatte doch gar nicht viel gemacht, ihn jedenfalls nicht sexuell berührt, nur zärtlich geküsst. War es möglich, dass ihre Berührungen auf Marc genauso eine heftige Wirkung hatten wie seine auf sie?

„Sag mal Hasenzahn, wie lange soll ich eigentlich auf alles verzichten bei dem ich ‚heftig atme‘?“ fragte Marc mit heiserer Stimme.

„Also... ähm... alle sportlichen Anstrengungen sind gefährlich und könnten die Brüche wieder aufgehen lassen, solange sie noch nicht stabil verheilt sind. Das würde manche... Sachen... wohl doch noch möglich machen, aber wenn deine Lunge sich bei heftigem Atmen ausdehnt würde das zwar vermutlich die Heilung nicht verlangsamen, aber dir sehr starke Schmerzen bereiten und das will ich auf keinen Fall. Deswegen müssen wir auch mit weniger anstrengenden Sachen wirklich warten bis du völlig schmerzfrei bist. Das wird wohl so 3-4 Wochen dauern.“

Marc drehte sich zu ihr um und sah sie entsetzt an. „Drei bis vier Wochen?!“

Gretchen nickte. „Das ist doch nicht so lang.“

Marc schüttelte entsetzt den Kopf. „Ich hatte nie länger als eine Woche keinen Sex! Das wird die Hölle!“

„Ähm, Marc, ich sag’s dir nicht gerne, aber Sex zählt auf jeden Fall zu ‚sportlichen Anstrengungen‘. Und damit solltest du drei Monate warten, nicht drei Wochen.“

„DREI MONATE?! Das kann doch nicht dein Ernst sein?! Bis dahin bin ich völlig verrückt geworden.“

Gretchen lachte. „Komm schon, Marc, das schaffst du schon. Und wie gesagt, weniger anstrengende Sachen gehen vielleicht schon in drei Wochen wieder.“

Marc seufzte. „Schon ist gut...“

„Jetzt solltest du dich erstmal ausruhen. Brauchst du Hilfe mit dem T-Shirt?“

Marc schüttelte den Kopf. „Arme heben geht ganz gut.“

Er zog sich das T-Shirt über und legte sich ins Bett. Gretchen setzte sich noch einmal zu Marc aufs Bett und strich ihm durch Haar.

„Brauchst du noch irgendwas? Soll ich meinen Vater nochmal holen, damit er dir was zum Schlafen gibt? Ich könnte mir vorstellen, dass es dir nach so einem Tag schwer fällt einzuschlafen.“

Marc schüttelte den Kopf. „Ich denke das geht schon. Die Schmerzmittel machen mich schon ziemlich müde. Außerdem war’s unterm Strich ein sehr guter Tag.“

„Du meinst, weil dein Vater jetzt endlich aus eurem Leben verschwindet?“

„Auch. Und weil ich jetzt dich habe.“

Gretchen strahlte Marc an. Es war schön zu hören, dass er sich darüber freute.

„Ich bin auch froh, dass ich jetzt dich habe,“ sagte sie und gab Marc einen sanften Kuss.

In dem Moment klopfte es an der Tür und einen Moment später kam ihr Vater herein.

„Hallo, Marc. Wie geht es dir?“

„Ganz gut, Herr Professor, danke.“

„Das freut mich. Jetzt kannst du dich erstmal ein paar Tage ausruhen. Den Termin für deine Nasen-OP habe ich auf Montag morgen gesetzt, bis dahin sollte die Schwellung zurück gegangen sein. Die OP wird unter Vollnarkose gemacht. Wir werden deine Nase schon wieder gerade kriegen. Nur eine Narbe wird vermutlich zurück bleiben.“

Marc sah enttäuscht aus. Gretchen lächelte nachsichtig. Eitler als ein Mädchen ist er.

„Also ich könnte mir vorstellen, dass dir so eine Narbe ganz gut stehen wird. Macht dich bestimmt noch männlicher.“

Marc grinste. „Noch männlicher? Dann fallen die Mädels ja reihenweise in Ohnmacht.“

Gretchen lachte. „Eingebildeter Spinner.“

Das Geplänkel wurde von Gretchens Vater unterbrochen. „Es ist schon sehr spät und wir sollten alle noch ein wenig schlafen. Ist es in Ordnung, wenn wir jetzt nach Hause fahren, Kälbchen?“

Gretchen sah Marc an. „Ist das okay für dich? Ich komme morgen wieder, gleich nach der Schule.“

Marc nickte. „Ja, klar. Und vergiss die Briefe nicht,“ erinnerte er sie mit einem Grinsen.

Gretchen wurde rot. Warum hatte sie ihm bloß von den Briefen erzählt? Die waren sowas von peinlich, besonders die früheren, die die Schwärmereien einer 13-jährigen enthielten. Naja, jedenfalls würden die Briefe Marc bestimmt aufheitern. Sie hoffte nur, dass er sich nicht allzu sehr darüber lustig machen würde.

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