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Dieses Thema hat 3 Antworten
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 Abgeschlossene Fortsetzungen!
Karo Offline

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Beiträge: 469

28.03.2018 16:21
Karo´s Osterspecial Zitat · antworten

INTRO


Köln, Vorosterdienstag



„Und Du weißt sicher, wo wir hin müssen?“
„Jo hat gesagt, wir müssen...“
„Wir werden nie ankommen!“
„Nicht, wenn Du mich nicht ausreden lässt...?“
„Ach Hasenzahn, meinst Du nicht, ich bin vorbereitet?“
„Auf was?“
„Deinen Orientierungssinn beziehungsweise die Wegbeschreibungen Deiner chaotischen Freundin.“
Gretchen lachte und hakte sich fest bei ihrem Freund und Lebensgefährten ein. „Noch eine Unverschämtheit, Doktor Meier? Wann willst Du die bloß alle wieder gut machen?“
„Och, nach dem Umzug habe ich habe ja Zeit...“
Gretchen lachte. „Wenn Du erst Deine Weiterbildung bei uns anfängst... dann...“
„Dann...?“
„...dann gehört Dein Arsch mir, Doktor Meier!“
„Gleich gehört Deiner erstmal mir.“
„Mal sehen, wer sich besser anstellt...“

Gretchen grinste. Beim Tanzen war sie definitiv im Vorteil gewesen, zumindest hatte Paolo, der Tanzlehrer auf der MS Pazifiktraum, das gesagt.

Sie waren auf dem Weg zur ersten Tanzstunde. Lateinamerikanische Tänze. Ihr erstes Projekt als Paar, abgesehen vom Haus, dass sie tatsächlich gekauft hatten und von der Reise über Silvester. Man konnte es kaum glauben, aber - sie hatten Elke bei ihrer Lesereise auf einem Kreuzfahrtschiff begleitet. Der Jahreswechsel in Rio de Janeiro, von dort war das Schiff am 2. Januar Richtung Buenos Aires gestartet. Mit Stationen in Montevideo und Punta del Este. Auch in der Hauptstadt von Argentinien hatten sie einige Tage verbracht, dann war Elke nach Hause und sie beide weiter nach Kuba geflogen.
Schon auf dem Schiff hatten sie an den Tanzstunden teilgenommen, Marc weniger, weil es ihn interessierte, mehr, weil Gretchen es wollte. Doch der Argentinische Tango, der überall in den Straßen von Buenos Aires gegenwärtig gewesen war, hatte es auch ihm angetan. Nun hatte Marc in Köln ein Tanzstudio aufgetan und Gretchen mit einem Kurs für Lateinamerikanische Tänze überrascht.

„Dem Spanischkurs gehst Du ja von vornherein aus dem Weg.“
„Ich kann Dir nicht überall Konkurrenz machen.“
„Du willst Dir bloß keine Blöße geben.“
„Du magst meine Blöße doch, also was wäre so schlimm daran?“

Marc lachte. Erstens hatte Gretchen ganz schön Recht damit, zweitens versuchte seine Freundin seit geraumer Zeit, ihre mühsam errungenen Französischkenntnisse aufrecht zu erhalten.

„Ich bin mit meiner Französischen Konversation ausgelastet. Aber ich finde das gut. Nicht nur, dass wir uns auch eigene Projekte lassen. Wenn ich Französisch kann und Du Spanisch, dann sind wir was Urlaube angeht total flexibel.“
„Ich spreche Französisch, Hasenzahn. Wenn Du also unseren Reisehorizont erweitern willst, dann lern eine andere Sprache. Mandarin zum Beispiel.“
„Das ist doch was zum Essen?“ Gretchen lachte übermütig. „Und dafür muss ich nicht zur VHS oder sonst wohin gehen. Essen kann ich auch so. Sogar überall und international. Und Ostern sogar auf Mallorca! Da reicht es übrigens, Deutsch zu können!“

Marc lachte. Erst letzte Woche hatten sie spontan entschieden, sich Vater Haase anzuschließen, der über Ostern zu Jochen und den beiden Enkelsöhnen fliegen würde. Ausschlaggebend war Gretchens Bemerkung gewesen, dass sie Luisa, die Mutter von Jochens Söhnen, bisher nicht persönlich kennengelernt hatte. Was Marc kaum glauben konnte.

„Hat sich halt nicht ergeben.“ Hatte Gretchen sich verteidigt.
„In zweieinhalb Jahren?“ Kopfschüttelnd hatte Marc sein Notebook aufgeklappt und zwei Flüge nach Mallorca gebucht.

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 469

30.03.2018 17:04
#2 RE: Karo´s Osterspecial Zitat · antworten

Mallorca, Karfreitag


Jochen war rechtzeitig zum Flughafen aufgebrochen. Nach Palma brauchte er in der Regel weniger als eine Stunde, aber er wollte nicht durch irgendeinen blöden Zufall, zum Beispiel einen Traktor vor sich zu haben, zu spät kommen. Er fürchtete zwei Dinge: Die spitzen Bemerkungen seiner Mutter und Ärger mit seiner Schwester.

Nun saß er im Ankunftsbereich auf einem Plastikstuhl und wartete geduldig. Der Flieger aus Köln war im Anflug. Jochen merkte, dass er aufgeregt war. Seine Eltern hatte er ja schon mehrfach hier abgeholt, aber nicht seine Schwester.

Von den Eltern wusste er natürlich über die Vorgänge in Köln Bescheid, doch während Vater Haase sehr entspannt von Gretchen und ihrer neu entflammten Liebe zu Marc Meier berichtete, stänkerte Mutter Haase fortlaufend gegen dieses Glück, noch mehr gegen den Chirurgen.

Nun würden sie alle aufeinander treffen. Bärbel, die mittlerweile eine kleine Wohnung gemietet hatte, Franz, bereits vor Ferienbeginn – „Da sind die Flüge noch günstiger.“ – angereist und nun seine Schwester mit ihrem Lebensgefährten.

Auf Gretchen freute er sich am meisten. Er hatte versucht sich an ihr letztes Zusammensein zu erinnern. Kurz nachdem ihre Mutter aus Indien zurückgekommen war, hatte er sich nach München verdrückt und sein glorreiches Jurastudium wieder aufgenommen. Wenig später hatte Gretchen dann diesen Millionär kennengelernt, der Hochzeit hatte er nicht beiwohnen können, da er Prüfungen gehabt hatte. War im Nachhinein wohl auch nicht schlimm gewesen.
Über drei Jahre hatte er die Schwester nicht gesehen. Als er spontan nach Mallorca aufgebrochen war, war sie bereits nach Afrika gereist. Ziemlich plötzlich und unvorbereitet. Aber von dem was seine Eltern über Gretchens Arbeit erzählt hatten war Jochen sicher gewesen, dass er seine Schwester so schnell nicht wiedersehen würde. Er hatte fest damit gerechnet, dass sie dort bleiben würde. Wo sie Menschen helfen konnte. Seiner Meinung nach war Afrika der perfekte Ort für seine Schwester. Die Eltern hatten ihm Fotos geschickt und er hatte gesehen, wie glücklich Gretchen dort war. Sie sah sehr gut aus, fast schien es, dass sie abgenommen hatte.

(„Hör auf so zu denken wie unsere Mutter!“)

Gretchen war Gretchen und blieb Gretchen. Seine große Schwester.

Er freute sich riesig, dass sie sich nun wiedersehen würden. Drei Jahre – bei beiden war viel passiert und sicherlich hatten sie sich viel zu erzählen.
Jochen war nicht entgangen, dass sein Vater mit Gretchens Beziehung zu Doktor Meier sehr glücklich war. Seine Mutter war eher misstrauisch. Nachvollziehbar in jedem Fall. Aber der Professor hatte schon immer große Stücke auf den Chirurgen gehalten. Und Gretchen? Hatte seit er denken konnte für diesen Typen geschwärmt. So fies er auch zu ihr gewesen war. Jochen war immer traurig gewesen, dass er seine Schwester nicht vor dem Fiesling in Schutz nehmen konnte. Er war einfach zu klein gewesen.

Jetzt wartete der schmale Mann gespannt auf die beiden Ankömmlinge.

Vor allem war er gespannt, was seine Schwester zu seiner Familie sagen würde. Und zu seiner Überraschung. Er hoffte sehr, dass diese gelingen und er Gretchen eine Freude machen konnte. Er hatte sich gegen Luisa durchgesetzt, dass Gretchen Taufpatin für Miguel und Luis sein sollte. Seine Schwester würde ihm gehörig den Marsch blasen, wenn es nicht so wäre, da war Jochen sicher. Und den Ärger seiner Schwester fürchtete er mehr als temperamentvolle Diskussionen und Auseinandersetzungen mit Luisa.
Luisa hatte schnell gemerkt, dass es Jochen wirklich am Herzen lag, seine Schwester zu berücksichtigen. Irgendwann gab sie nach – auch wenn Gretchen als Patin ihrer Meinung nach ungeeignet war. Zu weit weg und schon gar nicht katholisch. Und warum dann ausgerechnet für beide Kinder, die sie nicht sonderlich zu interessieren schien.
„Es liegt nicht an den Jungs, es liegt an Mallorca!“ Er hatte sie immer wieder verteidigt und hoffte, dass er richtig lag. Nein, er war sich sehr sicher, dass Gretchen ihm längst einen Besuch abgestattet hätte, wenn es ihn nicht ausgerechnet in den Ort verschlagen hätte, mit dem Gretchen einen großen Teil ihrer Vergangenheit verband. Egal... er wollte sie als Taufpatin für beide Söhne!

Sie nur für einen der beiden Jungen vorzusehen fand er ungerecht. Sie waren beide großartig und verdienten nur das Beste. Bei Gretchen war er sicher – im Notfall wären die Brüder in den besten Händen.

Jochen sah auf die elektronische Anzeige. Der Flieger war bereits gelandet und ein kleiner, blinkender Koffer machte darauf aufmerksam, dass das Gepäck schon ausgeladen war. Jetzt konnten sie jederzeit durch die verklebte Glasschiebetür kommen.

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 469

01.04.2018 21:35
#3 RE: Karo´s Osterspecial Zitat · antworten

Mallorca, Ostersonntag


„Boah Hasenzahn, hör auf, so rumzuhampeln. Normalerweise bewegst Du Dich doch auch nicht mehr als unbedingt nötig!“ Jede ihrer Bewegungen löste ein Erdbeben der höchsten je gemessenen Kategorie in seinem Gehirn aus. Wobei er vermutete, dass nach dem gestrigen Abend kaum noch was da sein konnte. Natürlich sagte er das nicht.

Gretchen lachte. „Selber Schuld, mein Lieber. Keiner hat Dich gezwungen, nach der Weinprobe auf Bier und Kurze umzusteigen!“

(„Und mit einer Jugendsünde Deiner Lebensgefährtin um die Wette zu saufen!“)

Marc grunzte. Die Stimme, die er sonst so gerne hörte, klingelte am heutigen Morgen schrecklich in seinen Ohren. Direktübertragung der Schallwellen ins Epizentrum des Erdbebengebiets – Gehirns.

„Einfach nur halten, Hasenzahn! Klappe und still, okay?“

„Und was ist mit festhalten?“ Sie schmatzte ihm einen Kuss ganz in die Nähe des Ohres. „Und das, obwohl Du ganz schön – ungewohnt – riechst!“

Um genau zu sein, Marc stank. Nach allem, was ein ausschweifender Partyabend zu bieten hatte, eine Mischung der verschiedensten Alkoholausdünstungen, Schweiß und – zu allem Überfluss hatte er zu fortgeschrittener Stunde geraucht.

„Festhalten ist gut!“ Selbst in diesem desolaten Zustand, in dem er eigentlich gar nichts wollte, wollte er von diesem einen Menschen festgehalten werden. Sie tat ihm gut – solange sie sich still (im wahrsten Sinne des Wortes) an ihn kuschelte oder ihn umarmte. Bei ihr musste er nicht perfekt sein. Ihm durfte es schlecht gehen. Sie verurteilte ihn nicht. Sie passte auf ihn auf. Sie liebte ihn.

„Ich liebe Dich, Hasenzahn. Auch wenn Du mir diesen Troll auf den Leib gejagt hast.“
„Diesen Troll?“ Gretchen kicherte wieder und erschütterte damit erneut Marcs gepeinigtes Rechenzentrum.

Der Troll...

***
Professor Haase hatte am Samstag spontan beschlossen, der Familie aus dem Weg gehen zu wollen. In der Hoffnung, dass Gretchen ihn begleiten würde, hatte er den Vorschlag einer Wandertour gemacht. „Kälbchen, Du sagtest doch, dass San Telmo ein idealer Ausgangspunkt für Wanderer ist?!“

„Das klingt gerade so, als wäre sie eine Wanderexpertin. Wohin denn? In die nächste Eisdiele?“ Wann immer es eine Gelegenheit gab, Bärbel nutzte diese um gegen alle und jeden zu stänkern.

Und auch Jochen protestierte. „Nee, Papa, Gretchen hat mir doch versprochen, bei den Vorbereitungen zur Osterparty zu helfen. Wandert doch einen anderen Tag!“ Alleine wollte er den herzkranken Senior nicht in den Bergen unterwegs wissen. Doch die Rettung war Marc, der sich gerne anbot, den Professor zu begleiten und so für ein paar Stunden der Familie seiner Lebensgefährtin zu entkommen. Wie angenehm war im Vergleich die Reise mit seiner Mutter gewesen. Elke hatte nur zu den Mahlzeiten auf ihre Gesellschaft bestanden. Sie verbrachte eh die meiste Zeit im Spa und im Gym des Kreuzfahrtschiffs.

Nach nun knapp 24 Stunden Familienpower auf der Baleareninsel war Marc dem Professor dankbar für die Gelegenheit, dem Fluchtinstinkt nachzugeben. Was Marc nicht wusste, der Professor wollte sich auf die Spuren des berühmten Malvasier-Weins begeben, den Gretchen ihm immer von Mallorca mitgebracht hatte. Pech für Marc, denn das Herz des Professors zwang selbigen zur Zurückhaltung, was er aus Höflichkeitsgründen gegenüber den gastfreundlichen Winzern auszugleichen versuchte.

Erst sehr spät waren die beiden Chirurgen zurückgekehrt, der Ältere müde, glücklich und um einige Kisten Wein reicher, der Jüngere deutlich angeheitert und voller Sehnsucht nach einer ganz bestimmten Frau.

Die fand er in der La Corteza Bar – neben ihrem Bruder hinter der Bar. Als Marc die gut besuchte Lokalität betrat, sah er sofort, dass die Begehrte tatsächlich sehr begehrt war. Eine Traube Männer versuchte bei der attraktiven Deutschen zu landen, sehr zu Jochens Freude, denn Gretchen erwies sich als wirklich gute Verführerin – und die Kerle fraßen ihr zwar nicht aus der Hand – was sie zweifelsfrei sehr gerne getan hätten – aber sie tranken eine Menge. Nebenbei hatten die Gäste eine Menge Spaß bei der „Ostereiersuche für Erwachsene“ – Jochen, das Schlitzohr, wusste, wie er die Menschen auch an so einem traditionellen Fest wie Ostern in seine Bar locken konnte. Gretchen und Luisa hatten unzählige Schnapsgläschen in buntes Papier gewickelt und in der Kneipe versteckt. Fand ein Gast so ein „Osterei“, spendierte Jochen ihm einen Kurzen nach Wahl.

So hatte der Abend schnell an Fahrt aufgenommen und Gretchen sich vor Einladungen kaum retten können. Doch sie blieb sich treu – Alkohol gestattete sie sich nur in kleinen Mengen und zu besonderen Anlässen. Dieses war keiner, denn es galt, wachsam zu sein und die mehr oder weniger aufdringlichen Kerle abzuwehren. Schließlich hatte Jochen seine Schwester hinter die Bar beordert. Seine wohl beste Idee an diesem Abend.

***
Und plötzlich hatte sie sich diesem „Troll“ gegenüber gesehen. Glücklicherweise befand sie sich da bereits hinter dem Tresen, sodass sie einen guten Sicherheitsabstand zu ihm hatte. Sie hatte mit vielem gerechnet, schließlich gehörte dieser Ort zu ihrer Vergangenheit. Nur nicht mit diesem Gesicht. Eigentlich hatte sie genau dieses schon lange vergessen – verdrängt?


***********************************************

Rückblende Gretchen auf Mallorca

„Wir haben das schon tausendmal ausdiskutiert – ich möchte nicht, dass Du tauchst.“
„Ich kann selbst entscheiden, was ich möchte.“
„Und ich bin der Dumme, der Dich hinterher retten muss...“
„Peter, ich war selbst Rettungsschwimmer!“
„Genau deshalb solltest Du wissen, wann etwas leichtsinnig wird.“
„Du spielst gerade leichtsinnig mit Deinem Leben, gleich stoße ich Dich vom Boot und werfe Dir die Sauerstoffflasche hinterher.“
„Geh und lies Dein Buch...“

Das tat Gretchen auch, was blieb ihr anderes übrig. Wenn Peter tauchen war, dann hatte sie wenigstens ihre Ruhe. Ausnahmsweise hatte sie keinen Roman in der Hand sondern einen Reiseführer. Sie wollte Peter fragen, ob sie nicht mit dem Boot Richtung Cap Formentor fahren könnten, aber dazu wollte sie erst ein paar Argumente wissen.

***
Ihr Freund hatte das Boot vor der Bucht Cala en Basset festgemacht und sie hatte wieder mal strikte Anweisungen bekommen, ja nichts anzurühren. Nicht auszudenken, wenn sie die Lena-Lotta beschädigen würde.
Gretchen mochte die steinige Bucht, wo sich selten jemand hin verirrte. Die meisten Wanderer kamen zur Torre de Cala en Basset, von wo man einen einzigartigen Blick über die Bucht und auf Sa Dragonera hatte. Auch jetzt sah sie Menschen an dem Wachturm. Hörte Geschrei...

(„Scheiße, da ist jemand abgestürzt!“)

Ohne nachzudenken zog sie ihre Wasserschuhe an, packte das Schwimmkissen, die Erste-Hilfe-Ausrüstung und ließ sich ins Wasser gleiten. Schnell erreichte sie die Uferböschung, wo sie nach einer passenden Gelegenheit suchte, an Land zu kommen. Der Abgestürzte war etwa zwanzig Meter oberhalb des Meeresspiegels.

„Keine Angst, ich bin gleich bei Ihnen. Ich bin Ärztin.“

(„Gleich ist mutig, wo komme ich denn hier an Land?“)

Ihr blieb nichts anderes übrig, als tiefer in die Bucht zu schwimmen, wo die Felsen flacher wurden. Mühsam kraxelte sie die Böschung hinauf.

„Im Wasser bewegen Sie sich eleganter.“
„Bitte?“
Der Mann war etwa Mitte bis Ende 20 und auch wenn er scherzte, er schien starke Schmerzen zu haben. Sein Fuß war unnatürlich verdreht.
„Können Sie mir sagen welcher Tag heute ist?“
„Mein Glückstag. Ich hätte mich schon viel früher eine Böschung hinunterstürzen sollen...“
„Seltsames Hobby. Ich lese ja sehr gerne...“
„Vielleicht lesen Sie mir mal vor?“
„Waren Sie alleine unterwegs?“
„Nein, meine Kumpels sind wohl etwas trittfester als ich. Fabian hat schon den Rettungsdienst gerufen.“
„Ihr Fuß ist offensichtlich gebrochen, wo tut es sonst noch weh?“
„Nur die Stellen, die sie anfassen – sie brennen vor Sehnsucht.“
„Ein Poet?“
„Wenn ich Sie damit beeindrucken kann?“
„Mir würde es reichen, wenn Sie mir gerade einfach nur mal meine Fragen beantworten würden.“
„Fragen Sie mich nach meiner Telefonnummer?“
„Vielleicht beende ich dieses Interview mit dieser Frage. Aber vorher... wo haben Sie sich noch verletzt?“
„Die Schulter tut schon arg weh.“

Gretchen tastete den Bereich großflächig ab. „Ich glaube nicht, dass was gebrochen ist, aber ich verfüge nicht über einen Röntgenblick. Was ist mit ihrem Kopf?“
„Mit dem einen oder anderen Felsen bin ich glaube ich schon kollidiert.“

Gretchen untersuchte den Gestürzten so gut es auf dem unbefestigten Abhang ging. Sie wagte nicht, seine Position zu verändern, nicht dass sie noch zusammen weiterstürzten.

„Soweit ich das beurteilen kann haben Sie mehr Glück als Verstand gehabt.“
„Ich habe schon gesagt, dass heute mein Glückstag ist. – Für was steht M? Er deutete auf den Anhänger an Gretchens Kette.
„Meerjungfrau.“
„Ah, deswegen...“ Allmählich fielen dem Mann die Augen zu.
„Deswegen was?“

(„Werde mir jetzt bloß nicht ohnmächtig!“)

„Sind Sie aus dem Wasser gekommen. Lange goldene Locken, nur ihre Beine verwirren mich.“
„Das hat mir auch noch niemand gesagt.“ Gretchen kicherte. „Verraten Sie mir Ihren Namen?“
„Ich heiße Karl. Karl Große. Bewunderer nennen mich Karl Der Große.“

(„Karl der Große... Gehirnerschütterung. Ganz klar!“)

„Ihr Kopf ist in jeden Fall in Mitleidenschaft geraten.“
„Leidenschaft ist ein gutes Thema, wenn eine schöne Frau im Bikini die Erstversorgung übernimmt.“
„Wie alt sind Sie?“
„32 – ich weiß, ich sehe jünger aus.“
„Also gerade im Moment sehen Sie sehr mitgenommen aus...“
„Abgesehen von einer Gehirnerschütterung und dem Beinbruch fühlt sich mein Körper wie eine einzige Prellung an. Innere Verletzungen würde ich ausschließen, dann ginge es mir schlechter.“
„Hä?“
„Doktor Karl D. Große, Chirurg.“
„Margarete Haase, Ärztin in Weiterbildung – Allgemeinmedizin.“
„Also keine Meerjungfrau?“
„Nur im Urlaub.“

Kurze Zeit später erreichten die Rettungsfahrzeuge den Unfallort. Ohne darüber nachzudenken, stieg Gretchen mit in den Krankenwagen, der sie in eine kleine Privatklinik nach Port d´Andratx brachte.

„Fragen Sie mich nun nach meiner Telefonnummer?“
„Ich glaube nicht. So viel ist Ihnen nicht passiert, dass ich mir weiterhin Sorgen um Sie machen werde.“
„Aber wie kann ich Dich erreichen? Meerjungfrau Margarete. Ich schulde Dir ein Dankeschön.“
„Das Wort reicht. Und außerdem – das ist mein Job!“
„So schön und so hart. Aber Margarete, man sieht sich immer zweimal. Bis dahin - Leb wohl.“
„Ja – tschüss...“

Abends bereute sie ihre Entscheidung, ihn nicht wiederzusehen. Peter machte ihr natürlich eine Szene. Nicht, dass er sich groß um sie gesorgt hatte, als sie plötzlich spurlos verschwunden war. Nein, dem Boot hätte etwas passieren können. Oder ihm, dann wäre niemand zu seiner Rettung dagewesen.

„Wenn Du Dich weiter so benimmst, dann wäre für Deine Rettung auch niemand da, selbst wenn ich in der Nähe wäre...“
Es war nicht so, dass Gretchen dem Streit nicht gewachsen war.


***
„Meerjungfrau, Du hattest Sehnsucht nach mir?“
„Mein ärztliches Gewissen treibt mich her.“
„Schön und klug, was will ein Mann mehr?“
„Das musst Du selbst wissen, oder bist Du kein...“
„Ich? Kein Mann? Ich bin Chirurg.“
„Ich meinte nicht Dein dickes Ego.“
„Lieber ein dickes Ego als einen dicken Bauch.“
„Tja, dickes Ego. Ich kann abnehmen, was machst Du?“
„Dich zum Essen einladen.“
„Pah – dass ich noch dicker werde?“
„Das trainieren wir dann hinterher wieder ab.“

(„Äh... was?“)

Gretchen wollte eigentlich gehen. Der Typ war einfach zum Kotzen arrogant. Ein totaler Macho. Aber irgendwas erinnerte sie an...

(„Marc Meier. Der würde genau solche Sprüche klopfen.“)

„Du zögerst?“
„Du erinnerst mich an jemanden von früher.“
„Den ersten Freund vergisst man nie. Obwohl es immer der schlechteste Sex war.“

(„Was will der von mir?“)

„Das war nicht mein Freund – im Gegenteil. Der größte Kotzbrocken von der Schule.“
„Das war ich auch. Trotzdem habe ich jede Frau abschleppen können. Und Du leckst Dir doch auch schon die Lippen nach mir. Mindestens zwei Lippen...“

(„Was wohl aus Marc geworden ist?“)

„Denk nicht an die Vergangenheit – die Gegenwart ist viel besser. Morgen lassen die mich raus und der Fuß hindert uns nicht daran, geilen Sex zu haben!“
„Der Fuß nicht, aber mein Freund.“
„Ey, das ist völlig unverbindlich. Mich stört es nicht, wenn Du einen Freund hast.“

(„Womöglich soll ich ihn mitbringen...?“)

Gretchen kicherte bei dem Gedanken. Was würde Peter dazu sagen?

„Dein Angebot ehrt mich in keinster Weise. Ich besuche Dich nur, um ein weiteres Treffen mit Dir auszuschließen. Wie Du gesagt hast – man trifft sich immer zweimal. Damit bin ich raus. Leb wohl!“

***********************************************


Mallorca, Ostersonntag


„Eigentlich hast Du mir diesen Troll auf den Leib gehetzt!“
„Bitte?“ Marc war nicht sicher, ob Gretchen die Worte, die sein Gehirn empfing, tatsächlich gesprochen hatte.
„Wegen Dir habe ich mit ihm geschlafen.“

(„Äh, nicht, dass er jetzt denkt...“)

„Also, damals...“
„Hasenzahn, das weiß ich bereits...“

***
Als Marc am Vorabend die Bar betreten hatte, fand er Gretchen, wie bereits erwähnt, „auf der anderen Seite“. Er fand einen Platz am Ende des Tresens und beobachtete sie eine Weile, wie sie mit den Typen spielte. Vielleicht lag es am Wein, den er schon den ganzen Tag getrunken hatte, vielleicht gefiel es ihm aber auch einfach, zu wissen, dass er sie ganz entspannt gewähren lassen konnte. Sie spielte mit ihren Reizen und es ihm gefiel es einfach außerordentlich gut. Weil es harmlos war. Und dann hatte ihn plötzlich dieser Troll von der Seite angequatscht.

„Die ist heiß, oder?“
„Bitte?“
„Mach Dir keine Hoffnungen, die nehme ich später mit!“
„Hm?“
„Die konnte mir schon mal nicht widerstehen. Und das, obwohl sie einen Freund hatte. Aber letztendlich kann keine Frau einem Chirurgen widerstehen!“
„Äh...“

(„Bitte? Seit wann werden Trolle zum Medizinstudium zugelassen?“)

Irgendwie, vermutlich lag es dann doch am Wein, ließ er sich auf den Vorschlag des Troll-Chirurgen ein: „Wir trinken auf einen Deckel und am Ende teilen wir – einer die Frau, der andere die Rechnung!“ Marc hatte sich nicht lumpen lassen und ordentlich ins Glas geschaut. Der Troll konnte nicht ahnen, dass er dieses Spiel von vornherein verloren hatte. Gretchen gehörte zu ihm. Punkt. Und – unter den Chirurgen war er das Maß aller Dinge.

***
Marc grinste. Dieser Troll musste mindestens so einen Schädel haben wie er selbst. Doch er war der Glücklichere: Lieber Schädel und Frau als nur Schädel.

Und der verlangte gerade einfach nach Ruhe. Marc kuschelte sich in Gretchens Arme. „Bitte einfach nur ein bisschen festhalten, ja?“

Karo Offline

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Beiträge: 469

03.04.2018 20:07
#4 RE: Karo´s Osterspecial Zitat · antworten

Mallorca, Ostermontag


Aus der geräumigen Küche hinter ihm drangen Luisas und Marcs Stimmen zu ihm, der leichte Wind trieb die spanischen Worte schneller weg, als er sie verstehen konnte. Wenn er gewollt hätte. Ihm reichte zu vernehmen, dass sich seine Schwiegerkinder in spe – trotz zweier Söhne war auch Jochen bisher unverheiratet – gut unterhielten. Der zweijährige Miguel schob seinen Holzrasenmäher emsig um den bequemen Gartensessel des Opas herum und der nur wenige Wochen alte Luis schlummerte friedlich auf dem Bauch des Opas.

Nicht mal Bärbel, die in der Bar das Staubtuch kreisen ließ, störte den Frieden, den Franz Haase mit geschlossenen Augen genoss.

Ja, das hier war Frieden. Das hier war Leben. Sein Leben. Seine Familie. Vom Strand herauf hörte er das herzliche Lachen seiner Tochter, die mit dem Bruder einen Spaziergang machte. Gretchen und Jochen, seine beiden Kinder, auf die er so stolz war. Die Ältere, das Medizinerkind. Sein Kälbchen. Sein Dickkopf. Der Jüngere, Lebemann und Multitalent. Auch ohne Studium. Beide hatten ihren jeweiligen Platz im Leben gefunden, in Köln und San Telmo.

Gretchen war glücklich. Mit dem Mann, den er selbst immer protegiert hatte. Nicht wegen Gretchen, im Gegenteil! Nie hätte er sich diesen hochtalentierten Medizinstudenten für seine Tochter gewünscht. Doktor Meier – seit Samstag Marc – war sein Meisterstück als Lehrer und Ausbilder. Lange hatte er ihn als seinen Nachfolger gesehen, ihn aufbauen wollen, bis... ja, jetzt. Bald.
Er würde seinen Stuhl frei machen, egal für wen. Das Elisabeth-Krankenhaus war Jahrzehntelang sein Zuhause gewesen. Er wollte es nicht irgendwem überlassen. Doch nun war es so und es bereitete ihm überraschenderweise weniger Sorgen als gedacht.
Die Medizin veränderte sich – musste sich verändern. Das, was er nicht mehr wollte. Die alten Mediziner waren zu festgefahren. Marc wusste das schon lange, im letzten Sommer hatte er sich aufgemacht, genau diesen Älteren zu zeigen, dass sie den Jüngeren im Weg standen. Der Titel als „Manager of Tomorrow“ war ein Anfang gewesen. Er zog es konsequent durch – indem er, der trotz seiner jungen 35 Jahre als einer der besten Chirurgen galt, sich vom OP-Tisch abwandte und neue Pfade betrat. Im Mai würde er mit der Weiterbildung zum Palliativmediziner beginnen. Der Beste würde von der Besten lernen. Von seinem Mädchen. Egal, was Gretchen machte, wie erfolgreich sie war, sie das Beste, was er geschaffen hatte. Das weiblich Beste. Denn auch Jochen war das Beste – das männlich Beste. Er hatte zwei Kinder – und zwei Hauptgewinne.

Franz grinste in sich hinein. Wenn er in Hamburg erwähnen würde, Jochen sei ein Hauptgewinn... Hans würde ihn auslachen. Wobei dem sicherlich nicht mehr ganz nach Lachen zu Mute war, denn es gab einen neuen medizinischen Klinikleiter. Marc hatte das Angebot, das Franz´ Mutter ihm gemacht hatte, dankend abgelehnt aber einen anderen überbegabten Kandidaten ins Spiel gebracht. Der Wechsel von Doktor Stier nach Hamburg machte dann in Berlin endgültig das Feld frei für Doktor Hassmann, ihn um den Chefsessel zu beerben. Warum auch nicht. Insgesamt war sie ein treues Mädchen, die ihn in vielen Jahren mit guter und zuverlässiger Arbeit unterstützt hatte. Zumindest hatte er bis Samstag so gedacht, doch Marc hatte ihm eine ganz andere Möglichkeit aufgezählt. Zugegeben, er selbst wäre nie auf einen Chefarzt Doktor Kaan gekommen, aber Marc hatte Recht. Der Gynäkologe stand in Sachen Qualität, Ruf und Wirtschaftlichkeit mindestens auf gleichhohem Niveau wie die Neurochirurgin. Nur, dass er sich in respektvoller Zurückhaltung übte und nicht überall seine Marke hinterließ.

Wenn es hart auf hart gekommen war, hatten alle Kollegen am selben Strang gezogen. Es war ein gutes Team und es würde ein gutes Team bleiben. Auch ohne ihn. Mit Hassmann oder – Kaan.

Wie einfach es plötzlich war, loszulassen. Das Krankenhaus – und die Villa. Fast musste er seinem kranken Herz danken, dass es ihn zwang diese Themen anzusprechen. Mit seinen beiden Kindern hatte er gestern Nachmittag einen langen Spaziergang unternommen. Sie hatten geredet. Und gemeinsam beschlossen, die Villa abzugeben. Sie war ihnen ein gutes Zuhause gewesen. Doch für Jochen und Gretchen definierte sich Zuhause nun anders.

Er hatte es genossen, Gretchen zuzuhören, wie sie Jochen von dem Haus vorschwärmte, das sie und Marc gekauft hatten. Er hatte es Weihnachten bereits gesehen, aber da war er nicht davon ausgegangen, dass Gretchen und Marc so schnell Nägel mit Köpfen machen würden. Auch Jochen hatte nachgefragt. „Ihr legt ein ganz schönes Tempo vor?“ Gretchen hatte gelacht. „Das sagt der Richtige. Wer hat denn seiner Freundin direkt ein Kind gemacht? Außerdem – nach 20 Jahren kann man durchaus auch mal zusammenziehen.“
Franz Haase lächelte. Er erinnerte sich sehr gut an den einen Tag, als Gretchen völlig euphorisch aus der Schule gekommen war. „Ich habe heute den Mann meines Lebens getroffen!“
Jochen hatte es nach seiner Spontanreise nach Mallorca ähnlich ausgedrückt. „Ich habe Luisa gefunden, ohne sie gesucht zu haben.“

Vielleicht gab es das wirklich, dass der oder die Richtige einfach irgendwann in der Tür stand. Am besten wäre natürlich ein Hinweis, eventuell ein Schild „Ich bin´s!“ oder so. Franz Haase gluckste. Auch wenn er unter dem Sonnenschirm lag, sollte er wohl langsam mal aus der Sonne gehen.

„Franz, ist alles okay?“ Marc stand, irritiert, auf der Terrasse und beobachtete den fröhlich grinsenden Senior.
„Ja, wieso?“
„Nur so. Da ist übrigens Besuch...“
„Besuch?“ Langsam, dass der schlafende Säugling nicht gestört wurde, richtete sich Franz auf und glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Eine große, aufrechte Frau winkte verlegen. Lange, dunkle Haare. Träumte er? Doch sie sprach, mit vertraut rauchiger Stimme. „Hallo Franz. Ich bin´s!“


***************************************************************************************

Tja, sie sollte eigentlich ein bisschen mehr Platz bekommen... aber zum einen ist Elke ja doch eher Familienscheu zum anderen... sie hat´s halt vercheckt und kommt erst Ostermontag auf Mallorca an. Nun ist Ostern jedenfalls vorbei

Ich hoffe, ihr hattet dennoch ein klein wenig Spaß.

LG
Karo

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