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Dieses Thema hat 16 Antworten
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 Abgeschlossene Fortsetzungen!
Karo Offline

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Beiträge: 248

01.12.2017 20:30
Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Hallo zusammen,

da will ich mich doch gerne am Weihnachtsfeeling beteiligen. So schön, wie es hier jetzt dekoriert ist, darf natürlich eins nicht fehlen: Ein Adventskalender.

Ich bin selbst gespannt, wie es wird, denn diesmal habe ich nur ein wenig vorgeschrieben - ich sehe jetzt dann mal, wie es euch geht. Wie es ist, immer "aktuell" zu sein. Ein bisschen wünsche ich mir den knackigen Stil von @Tanjalie, denn eigentlich war das mein Plan. Jeden Tag ein bisschen... klappt schon gleich beim ersten Törchen nicht.
Vermutlich werde ich auch nicht jeden Tag ein Törchen für euch haben, denn mein Internatanschluss ist zwar theoretisch umgezogen, ein reales Datum für die Umschaltung fehlt mir immer noch. Eventuell muss ich gleich morgen aussetzen, wenn ich nicht direkt beide hochlade - bis zum 2. sind es ja auch nicht mehr so viele Stunden.

Seht mir dann einfach die Menge nach...

Ob ich nun erstmal mit der anderen Geschichte pausiere, bis zum 24. könnt ihr mir sagen. Vermutlich bekommt ihr aber genug zu lesen

Natürlich freue ich mich - wie immer - über eure Meinung. Dafür gibt es diesmal eine eigenen Kommi-Seite.

Dieses Adventsspecial basiert auf den "Kölner Lichtern". Ziel war, Gretchens und Marcs Advent "tagaktuell" zu erzählen. Sprich, heute spielt die Geschichte am Freitag, den 1. Dezember.

Ich wünsche euch viel Spaß und eine tolle Adventszeit.

Und nun genug gequatscht... auf geht´s:




Freitag, 1. Dezember

(in einem IC von Köln nach Hamburg)

17:00 Uhr

Liebes Tagebuch,

„Frau Doktor, sind Sie etwa verliebt?“

Ist es so deutlich, dass selbst Patienten es merken? Und ist man nicht immer irgendwie verliebt?

Die Frage geht mir nicht aus dem Kopf. Bin ich verliebt? So schnell und vor allem - so schnell wieder in Marc?


Wenn ich ehrlich bin – ja, ich wünsche mir einen neuen Anfang mit Marc.

Er hätte sich keinen besseren Tag für den spontanen Besuch in Köln aussuchen können...


Gretchen klappte ihr Tagebuch zu, sie kannte den Eintrag über die Kölner Lichter in und auswendig. Klar, sie hatte ihn verfasst, aber sie benötigte keine rosafarben beschriebenen Seiten, keine schnörkeligen Buchstaben, diese Erinnerung war fest in ihrem Kopf verankert.

So wie es besagter Chirurg wieder in ihrem Leben – in ihrem Herzen war. Doktor med. Marc-Olivier Meier, Schulrüpel, Mädchenschwarm, jüngster Oberarzt, ihr Oberarzt. Jüngster leitender Oberarzt. Manager of Tomorrow. Jugendliebe.

(„Ist man nicht immer irgendwie verliebt?“)

Ja, sie war verliebt. Vermutlich sogar mehr, aber das wollte sie sich nicht gestatten. Jetzt noch nicht. Zu oft war sie enttäuscht worden. Und nun...?

Die blonde Ärztin sah aus dem Fenster und beobachtete das hektische Treiben auf dem Bahnsteig. Hauptbahnhof Essen. Noch 2 ¾ Stunden bis Hamburg. Freitagspätnachmittag vor dem ersten Advent. Das erste Dezemberwochenende. Der heutige erste Dezember hatte mit einer Überraschung aufgewartet. Eine Postkarte aus Hamburg, von Marc.

„Ich wünsche Dir eine gute Reise – ich freue mich auf Dich.“

Sie hoffte, wenigstens eine Kerze bei Marc zu finden. Doch Marc war Marc. Grinch. Sie hatten sich geeinigt, dass sie die Wohnung des anderen akzeptieren würden. Mit (zu viel) oder ohne Weihnachten. Immerhin – in ihrer Tasche befand sich „ein bisschen Weihnachten“ für Marc. Ein Adventskalender. Sie hatte lange über die kleinen Gaben nachgedacht. Kein Kitsch, kein Schnickschnack. Sie wollte ihm einfach nur eine Freude machen.



**************************************************************************

Hamburg, 17:30 Uhr

Währenddessen schob der Leitende Oberarzt der Klinik Alsterpark einen Einkaufswagen durch die viel zu schmalen Gänge des viel zu teuren Supermarktes, doch er hatte heute weder die Zeit noch die Nerven, weite Umwege zu machen. Wie immer, wenn er pünktlich Feierabend machen wollte – was selten genug vorkam – hatte der Chefarzt noch wichtige Themen zu besprechen. In Marcs Augen war das reine Boshaftigkeit – Missgunst. Seit er gekündigt hatte noch mehr.

Immer wieder wunderte sich Marc, dass jemand wie Professor Doktor med. Franz Haase mit jemandem wie Professor Doktor med. Hans Haase verwandt sein konnte, dass sie sogar Brüder waren.

(„Du denkst jetzt weder an Deinen Chef noch an die Klinik. Feierabend!“)

Wenn nichts Unvorgesehenes geschah, sogar Wochenende, denn ein Kollege hatte seinen eigenen Hintergrunddienst getauscht und blieb nun an Marcs Stelle in der Klinik.
Seit klar war, dass sie ihn am ersten Adventwochenende besuchen würde, freute sich Marc wie ein kleines Kind auf den Dezemberbeginn. Und wie ein großer Junge – schließlich war der erwartete Besuch nicht irgendwer, sondern Gretchen Haase, die atemberaubendste Frau aller Zeiten. Für die er schon mal...

„Vierundachtzigeurofünfundzwanzig.“
„Ein solch unverschämter Preis wäre mit einem `bitte´ viel netter.“
„Bar oder Karte?“

Er warf der Verkäuferin einen Hunderteuroschein hin.

„Das geht auch netter, junger Mann!“
„Gut, dass Sie das wissen!“

Er war aufgeregt, er konnte es nicht leugnen. Aber wollte er das überhaupt? So lange hatte er daraufhin gearbeitet, an sich gearbeitet, nun sollte – wollte er die Aufgeregtheit als Belohnung sehen und sich einfach auf ein schönes Wochenende freuen. Bestimmt würde es schön. Dafür hatte er vorgesorgt – nicht nur für vierundachtzigeurofünfundzwanzig!

Hamburg 19:30 Uhr

Zwei Stunden später verfluchte er das Schicksal, seinen Beruf, eigentlich alles, was ihm gerade in den Sinn kam. Dabei war alles so gut gelaufen. Trotz verspätetem Feierabend, einem vollen Supermarkt mit langen Schlangen vor den Kassen... und nun? Auf den letzten Metern, schon auf dem Weg zum Bahnhof, wo sein lang ersehnter Besuch in Kürze eintreffen sollte, wurde er ausgebremst. Und ausgerechnet jetzt schien Gretchen ihr Handy ausgeschaltet zu haben.

(„Vermutlich hat sie wieder verpeilt, den Akku zu laden...“)

„Gretchen, ich wurde ins Krankenhaus gerufen. Nimm Dir ein Taxi – Du hast doch den Schlüssel dabei? Ansonsten musst Du in die Klinik kommen.“

Schnell erreichte er seine Arbeitsstätte, wo mittlerweile ein großes Aufgebot an Kollegen eingetroffen war. „Was ist denn los...?“

„Hat sich wieder einer vor einen Zug geworfen. Bei der Notbremsung des „Izehs“ sind Waggons aus dem Gleis gesprungen. Kurz vor Harburg aber man alle Krankenhäuser in Alarmbereitschaft versetzt, weil die noch nicht wissen, was die erwartet.“

(„Ein IC vor Harburg? Das darf nicht sein...“)

(„Nicht Gretchen!!!“)


Marc wurde blass. Er musste sich setzen... „Ich bin im Büro. Rufen Sie mich, wenn es losgehen sollte...“

**********************************************************************************

IC 20:10 Uhr

Liebes Tagebuch,

das Schicksal ist eine dumme Pute!

Und ich bin wieder zur falschen Zeit am falschen Ort... seit nun 17 Minuten steht der Zug kurz vor Hamburg-Harburg, weil ein anderer Zug den Weg versperrt. Warum auch immer...

Oder soll es mir eine Warnung sein? Soll ich nicht hier sein, also da? Bei Marc? Dabei hatte ich wirklich das Gefühl, dass es diesmal gut werden würde. Vielleicht lief alles zu glatt. Glatt gibt es bei Marc und mir nicht...


Gretchens Nerven waren zum Zerreißen gespannt, am liebsten hätte sie losgeheult. Wieder sah sie auf ihr Telefon. Keine Netzwerkverbindung.

(„Ausgerechnet in einem Funkloch müssen sie uns abstellen! Das ist ja fast wie in einem Horrorfilm, wenn man ein Netz braucht, dann gibt es einfach keins. Und das in einer Stadt wie Hamburg...“)

(„Es ist leider kein Film. Aber Horror...“)


Immerhin würde er am Bahnhof von der Verspätung erfahren. Und schlecht gelaunt sein, wenn der Zug dann irgendwann in diesem Leben nochmal den Hauptbahnhof erreichen würde. Schlecht gelaunt und genervt. Wie sie selbst! Irgendwie musste sie sich vorher Luft verschaffen, sonst stünden die Vorzeichen auf ein schönes Wiedersehen mit Marc zu schlecht.

„Sehr geehrte Fahrgäste,

unsere Weiterfahrt zum Hauptbahnhof ist bis auf weiteres nicht möglich. Wir werden also zurück fahren und dort einen Bahnhof ansteuern. Allerdings wird dieses dauern, denn mittlerweile steht eine ganze Reihe an Zügen hinter uns... wir bitten um Entschuldigung!“


„NEIN!!! ICH ENTSCHULDIGE NICHT!“


Liebes Tagebuch,

Marc wäre bestimmt stolz auf mich. Mir war das peinlich, aber es musste raus. Gretchen Haase brüllt durch einen Zug. Wer hätte das je gedacht!



21:40 Uhr

Endlich zeigte das Smartphone ein Netz an. Während sie Marcs Nummer wählte, machte sich der Signalton ihrer eigenen Mailbox mehrfach bemerkbar.

(„Der Arme sitzt da am Hauptbahnhof und wartet...“)

„Hallo Marc, mein Zug stand vor Harburg im Stau – ausgerechnet in einem Funkloch. Wir fahren jetzt wieder zurück zu irgendeinem Bahnhof. Von dort werde ich mir ein Taxi nehmen – bist Du noch am Bahnhof oder zu Hause?“

Die Mailbox meldete wiederholt, dass da Nachrichten abgehört werden wollten.

„Gretchen, ich wurde ins Krankenhaus gerufen. Nimm Dir ein Taxi – Du hast doch den Schlüssel dabei? Ansonsten musst Du in die Klinik kommen.“

„Gretchen, ich habe gerade von einem Zugunglück vor Harburg gehört – melde Dich bitte!“

„Ich muss gleich in den OP – ist alles gut bei Dir?“

„Wenn Du die Nachrichten hören solltest, ruf verdammt nochmal in der Klinik an und lass Dich in den OP verbinden!“

(„Oh je... Genervt ist gar kein Ausdruck...“)

**********************************************************************************

Hamburg 21:45 Uhr

In OP 1 kümmerte sich das Team um Doktor Meier um einen beidseitigen Trümmerbruch der unteren Extremitäten. Die Nerven des Chirurgen waren extrem angespannt, die Atmosphäre am OP-Tisch entsprechend. Noch nie hatte man dem Operateur den Schweiß von der Stirn wischen müssen, schon gar nicht bei solch einem Eingriff. Immer wieder sah der Chirurg zum Wandtelefon gegenüber.

Als es dann endlich klingelte zuckte Doktor Meier zusammen und fixierte dann die OP-Schwester. „Für Sie, Herr Doktor.“
„Stellen Sie es laut – Gretchen?“
„Nein, Doktor Meier, hier ist der Empfang. Da ist eine Frau Doktor Haase, die darauf besteht, Sie zu sprechen.“
„Ja – Und?“
„Wie ja und?“
„Warum stellen Sie sie dann nicht durch?“
„Seit wann machen wir denn sowas?“
„Bitte?“
„Herr Doktor, wenn da jeder käme...“
„Durchstellen!“ Bellte er durch den OP.

Die anwesenden Kollegen wussten die Situation gar nicht richtig einzuschätzen. Verstohlen sah man von einem zum anderen, grinste unmerklich und konzentrierte sich schnell wieder auf das OP-Besteck in den jeweiligen Händen, bevor der Chirurg etwas merken würde.
Doch von dem ging in dem Moment keine Gefahr mehr aus, als eine Frauenstimme aus dem Telefon erklang.
„Marc?“
„Oh Gott, Gretchen, geht´s Dir gut? Wo bist Du?“
„Da es hier ein Funknetz gibt ist mir gerade egal, welchen Bahnhof die anfahren. Die Strecke ist gesperrt und...“
„Aber Dir geht es gut?“
„Ja. Bis auf das mörderische Gefühl von Hunger!“

Marc lachte erleichtert. „Gott sei Dank, ich habe wer weiß was gedacht...“

„Das tut mir leid.“
„Du kannst ja nichts dafür.“
„Und leider konnte ich auch nichts dagegen tun. Bist Du wirklich im OP?“
„Ja. Und das dauert auch noch.“
„Hier bestimmt auch – keine Ahnung, wie schnell ich ein Taxi bekommen kann und wie lange es dann überhaupt zur Klinik braucht?“
„Hast Du den Schlüssel vergessen?“
„Nee, aber ich habe Dich lange nicht mehr mit OP-Häubchen gesehen.“
„Ohhhhhch... Gretchen!“
„Ich habe den Schlüssel hier, aber was soll ich in Deiner Wohnung?“
Plötzlich grinste der Chirurg. „Meine Sachen durchwühlen?“

Der tiefschlafende Patient auf dem OP-Tisch war der einzige im Raum, der jetzt noch ruhig atmete, bei allen anderen versagten die Lungen plötzlich den Gasaustausch.

„Ist ja langweilig, wenn Du es erlaubst!“
„Lass mich wissen, wenn Du hier oder da bist, okay?“
„Ist gut, Marc. Bis später!“

Die Schwester hängte den Hörer ein und plötzlich wurde sich Marc der Blicke gewahr, die auf ihm ruhten. Er sah in die Runde. „Worauf warten Sie? Der Patient operiert sich nicht von alleine!“


22:30 Uhr

Der Patient mit den Trümmerbrüchen war versorgt aber weitere Verletzte des Zugunglücks warteten darauf, zeitnah verarztet zu werden. Während sein OP desinfiziert wurde, wollte Marc am Empfang nachforschen, ob sich Gretchen nochmal gemeldet hatte.

Durch die Glastür sah er sie am Tresen stehen, zwischen einigen anderen, bestimmt Angehörige der neuen Patienten, wartend. Ihre Körperhaltung wirkte müde, kein Wunder. Sie hatte morgens noch den Frühdienst gehabt und war direkt nach Feierabend in den Zug gestiegen. Jetzt endlich, fast drei Stunden später als geplant, konnte er sie endlich...

„Gretchen!“

Erleichtert zog er sie in seine Arme.

(„Endlich!“)
(„Endlich!“)


Schob sie eine Armlänge weg und sah sie von oben bis unten an. Dann trafen sich ihre Blicke. „Bist Du wirklich okay. Gott sei Dank!“
„Ja. Auch wenn ich mein Schicksal verflucht habe, hatte ich Glück würde ich sagen!“ Sie grinste. „Du hast das Häubchen jetzt nicht wegen mir angelassen?“
„Spinnst Du?“ Schnell zog er das Textilteil vom Kopf.
„Wenn ich Hunger habe kommt das schon mal vor.“
„Komm mit...“ Er zog sie in die Richtung des Restaurants, welches angesichts der Situation noch geöffnet war.

Glücklich, dass die blonde Ärztin endlich und wohlbehalten angekommen war, beobachtete er lächelnd, wie sie zwei Portionen Kartoffelsuppe verdrückte. „Na, genug?“
„Erstmal, ja.“
„Erstmal...“ Marc lachte. „Wie gut, dass mein Kühlschrank voll ist!“
„Kannst Du absehen, wie lange Du noch gebraucht wirst?“
„Im Moment noch nicht. Ich habe gleich ein Hüftgelenk auf dem Plan, eine Stunde wird es bestimmt noch dauern.“
„Kann ich hier irgendwo warten?“

Marc griff plötzlich in die Tasche seines Kasacks. „Meier!“ – „Wieso? Wo ist Doktor Heinemann?“ – „Hm...“ Er seufzte und fixierte Gretchen mit fragendem Blick. „In der Notaufnahme? Da bräuchten sie Unterstützung?“

Karo Offline

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Beiträge: 248

03.12.2017 01:12
#2 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Samstag, 2. Dezember

Vormittags in Hamburg

„Aufstehen, Hasenzahn!“
„Es ist noch dunkel.“
„Es ist Dezember – heller wird’s nicht!“
„Was war los, dass Du mitten in der Nacht ins Krankenhaus musstest?“
„Hm... nicht der Rede wert.“ Marc winkte ab. Gretchen brauchte nicht wissen, dass ihr Onkel ihn früh in die Klinik zitiert hatte. Larissa Temelova, Assistenzärztin der Chirurgie und zufällig Tochter des Chefarztes, hatte sich bei ihrem Vater bitter böse darüber ausgelassen, dass ausgerechnet die untalentierte Kusine aus Berlin in der Notaufnahme ausgeholfen und, was viel schlimmer war, ihr Anweisungen gegeben hätte.
„So siehst Du aber nicht aus. Ich wette, Larissa hat sich beschwert, dass ich es gewagt habe, Fräulein Hochwohlgeboren in die Schranken zu weisen.“
„Sie weiß, was sie tut und sie macht selten Fehler. Mit ein bisschen Engagement könnte sie durchaus eine gute Chirurgin werden.“
„Werden, Marc. Als Assistenzärztin darf sie nicht alles.“
„Das hat Dich doch auch selten beeindruckt?“ Er grinste. „Der Unterschied war, dass Du gearbeitet hast. Sie ist es gewohnt, dass ihr alles zufällt.“
„Diplomatisch ausgedrückt. Aber sie war schon immer so. Ist ja auch bequemer, sich auf den Papa zu verlassen.“ Gretchen grinste. Das war der neue Marc, der erwachsene Marc. Früher hätte er nicht lange nachgedacht und seine Meinung unverblümt ausgesprochen. Jetzt erschien er ihr ruhiger. Nachdenklicher.

„Was denkst Du gerade?“
„Wie ich Dich aus dem Bett kriege?“
„Nach dem gestrigen Tag und der Nacht fühle mich gerade sehr wohl hier.“
„Dann ist es okay für Dich, wenn ich joggen gehe?“ Er musste den ärgerlichen Morgen loswerden und dabei half ihm Laufen erfahrungsgemäß am besten.
„Natürlich, Marc.“

Zehn Minuten später hörte sie die Wohnungstür. Schnell krabbelte sie aus dem Bett und fischte das Tagebuch aus ihrer Reisetasche.

Liebes Tagebuch,

bisher kannte ich Notaufnahme nur als Assistenzärztin, abhängig von der Anwesenheit und Meinung eines Facharztes. Gestern war ich die Fachärztin Doktor Haase.

Nicht so für Larissa. Gretchen tu´ dies, Gretchen tu´ das. Bis mir der Kragen geplatzt ist. Vermutlich hat sie gleich bei Papi gepetzt. Bei solchem Verhalten hätte mein Vater mir die Standpauke gehalten, nicht Marc.

Ob er deswegen joggen musste? Mir hat ja immer das Schwimmen geholfen, den Kopf frei zu bekommen. Das ist dann wohl der Moment, dieses gemütliche Bett zu verlassen und den Tag anzupacken. Und ein harmonisches Wochenende. Alles andere ist nicht akzeptabel!

Bis später!


***
Das dachte sich auch Doktor Meier, der gut eine Stunde später mit einer großen nach frischen Backwaren duftenden Tüte zurückkam. Gretchen hatte in der Zwischenzeit den Frühstückstisch gedeckt, doch von seinem Besuch war nichts zu sehen. Panik stieg in ihm auf, nicht, dass sie abgereist war? Keine 24 Stunden und schon hatte er sie vertrieben?

Ganz ruhig. Dann hätte sie nicht den Frühstückstisch gedeckt.

Er eilte nach oben, vermutete sie im Bad. Fehlanzeige, nur ihre Kosmetiktasche stand auf dem Schränkchen. Im Schlafzimmer fiel ihm sofort die – leere – Ecke auf, wo vorhin noch die kleine Reisetasche gestanden hatte. Sollte sie tatsächlich weg sein? Marc sank auf das komfortable Bett und versuchte, seinen Herzschlag einigermaßen unter Kontrolle zu bekommen. Plötzlich fühlte er etwas unter seiner Hand – ihr Schlafshirt. Er konnte nicht anders und...

Sieh Dich an. Schnüffelst wie ein Süchtiger.

Sucht hin oder her, Marc konnte die Panik soweit in den Griff bekommen, dass er wieder halbwegs logisch denken konnte.

(„Der Frühstückstisch!“)

Sie weiß, was wichtig ist – niemals hungrig das Haus verlassen.


Mit dem Hemdchen in der Hand, von dem er immer wieder eine beruhigende Nase nahm, eilte Marc hinunter in die Küche, die Teller waren unbenutzt. Seine Blicke streiften durch den Raum, ihre Handtasche lag auf der schwarzen Ledercouch. Offen, mit Sicherheit hatte sie darin etwas gesucht, denn ein paar Teile lagen daneben. Ein Hammer und Nägel. Und vor der Couch stand auch die Reisetasche.

Siehst Du. Alles gut!

Plötzlich fiel sein Blick auf etwas an der Wand, das vorhin noch nicht da gehangen hatte.

(„Ein Adventskalender?“)

Wieder schlug sein Herz heftig, diesmal aber vor Aufregung. Und endlich fand das Lächeln zurück in sein Gesicht.

Was grinst Du denn jetzt? Sie hat Löcher in die Wand gemacht!

Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt einen Adventskalender gehabt hatte. Oder ob überhaupt? Mit einer Schere bewaffnet rückte Marc dem Ding nun auf den Leib. Nummer 1 war ein tiefroter Umschlag. Unter dem goldenen Band mit der kleinen goldenen Glaskugel war ein grüner Tannenzweig befestigt. Marc hielt den Brief einen Moment nachdenklich in der Hand. Rot-gold-grün. Die Farben wirkten auf ihn. Doch wie, das konnte er nicht feststellen.

In dem Moment hörte er etwas – einen Schlüssel. Die Wohnungstür ging auf und herein kam eine gut gelaunte und fröhliche Allgemeinmedizinerin. In der Hand hielt sie eine große Tüte, die nach frischen Backwaren duftete.

***
Nach einem ausgiebigen Frühstück – Backwaren, vor allem Schokocroissants, gab es schließlich in Hülle und Fülle – hatte Marc eine Überraschung für die blondgelockte Ärztin. Er überreichte ihr ein flaches Geschenk, auf dem eine „2“ prangte.
„Vielleicht bin ich nicht ganz so Grinch wie Du denkst?“

***
In seinem heutigen Geschenk 2 Tickets für den Musical Dome in Köln gewesen, wo am nächsten Wochenende „Der Grinch“ gespielt wurde. Den Brief hatte Gretchen ihm dann vorlesen müssen.

Hallo Marc.

Ich weiß, wir haben abgesprochen, dass wir die Weihnachtsvorlieben des jeweils anderen akzeptieren werden. Nur eins muss sein – in die Adventszeit gehört einfach ein Adventskalender.

Du weißt, dass mir diese Jahreszeit viel bedeutet. Du machst Dir nichts daraus – sagst Du. Ich behaupte, nicht „nichts“ sondern wenig. Sabines Plätzchen hast Du verschlungen, ebenso die Stollen von meiner Mutter. Außerdem warst Du immer derjenige, der die Kerzen im Schwesternzimmer angezündet hat. Mit einem bösen Spruch über Atmosphäre.

Auf dieses „wenig“ hoffe ich, wenn ich Dir einen Adventskalender in die Wohnung schleppe. Erlaubst Du mir, dass ich Dir Weihnachten zeige?

„Ja“ ist keine Pflicht, „nein“ nicht verboten. „Vielleicht“ wäre schon mal ein Anfang.

Egal, wie Du Dich entscheidest, ich freue mich auf die Zeit mit Dir.

Gretchen


Ja – nein – vielleicht.

Sie hatte Kästchen darunter gemalt. Die Frage war eine andere, doch der Geist der Zettelchen, die früher durch die Schulbänke gereicht wurden, war der gleiche. Möchtest Du mit mir gehen?

Ohne zu zögern hatte das Kreuz im „Ja“-Kästchen gemacht.

Ein glückliches Strahlen aus ihren blauen Augen war sein Lohn.

***
Und erst ihr überraschtes Gesicht, als er ihr ein Päckchen gab. „2“. Schnell fischte sie seine Postkarte aus ihrer Handtasche, dessen Motiv ihr plötzlich klar war. „Ein Adventskalender?“ Und Törchen Nummer eins war quasi mit der Post ins Haus geflattert.

„Ich mag von Weihnachten keine Ahnung haben, aber ich kann zuhören - naja, manchmal. Und das Wort Adventskalender fiel mindestens – naja, oft!“ Die Grübchen tanzten spitzbübisch.
„Danke!“ Ein zarter Kuss landete auf seiner Wange.

(„Mehr davon!“)

Sie untersuchte ihr Geschenk. „Ein Buch?“ So fühlte es sich zumindest an.

(„Vielleicht ein neues Tagebuch? Meins ist ja bald voll... hoffentlich in rosa, dass es zu den anderen passt.“)

Es war nicht rosa. Aber es war ein Tagebuch – damals in Afrika. Gretchen erkannte den Umschlag, sie hatte es damals in Koudougou auf dem Markt gekauft. Eigentlich für...
„Marc, das ist...“
„Schhhht...“ Er wusste, was das Buch in Gretchen auslöste und setzte sich eng neben sie auf die Matratze. „Ich habe es damals in meinem Auto gefunden, es muss aus Deinen Sachen gerutscht sein.“
Er zog sie an sich und hielt sie fest. Beschützend. Spürte ihr Herz klopfen.
„Hast Du es gelesen?“
„Ehrlich gesagt – ja. Und ich fand es schön. Also irgendwie. Die übrigen Seiten verdienen nicht, leer zu bleiben. Das wäre, als würde man sie vergessen.“
„Ich würde sie sehr gerne vergessen.“
„Das ist mir bewusst. Aber es ist das Falsche, Gretchen. Glaub mir, ich bin noch besser im Verdrängen als Du, aber es kommt der Moment, da fliegt Dir alles um die Ohren.“ Er schlug das Buch auf, suchte eine bestimmte Seite. Deren Ränder waren geschwärzt, wie abgekokelt. Das Papier selbst war etwas schmuddelig, fleckig. Eine gestrichelte Linie, Sterne, ein dickes Kreuz.
„Ist das eine Schatzkarte?“
„Gut erkannt.“

Gretchen drehte und wendete es, dann war sie sicher, dass es sich um eine Zeichnung der Wohnung handelte. „Brauche ich eine Jacke?“
„Kommt wohl drauf an, wie geschickt Du Dich anstellst?!“
Sie knuffte ihn in die Seite.
Viele Möglichkeiten hatte sie nicht. Die gestrichelte Linie führte ihrer Meinung zum Küchenbalkon. Unentschlossen stand sie an der Glastüre, schickte er sie wirklich nach draussen?
Marc betätigte eine Fernbedienung und auf dem Balkon leuchtete eine Lichterkette mit kleinen Sternen. Gretchen juchzte verzückt auf und zögerte keine weitere Sekunde, die warme Küche zu verlassen. Die Sterne führten sie über die enge Wendeltreppe auf den oberen Balkon, eine weitere Treppe hinauf auf die Dachterrasse. Sie staunte. Im Sommer war das bestimmt ein kleines Paradies. Ob er das selbst...?

„Na, grübelst Du jetzt, ob ich unter die Gartenbauer gegangen bin?“ Der grinsende Chirurg kannte sie einfach zu gut. „Vergiss nicht, dass ich gut im Delegieren bin!“ Er reichte ihr ihre Jacke.

„Hm.“ Sie überlegte, wie sie nun herausfand, wo das Kreuz den Schatz markierte.
„Es ist ein Geländer um die Terrasse, Du kannst Dich also frei bewegen ohne runter zu purzeln. Also solange Du nicht übermütig wirst und... aber ich glaube nicht, dass Du über Geländer klettern würdest – also vielleicht noch für Schokolade."
Er hatte sie auf die Schippe nehmen wollen, doch Gretchen lachte laut auf. „Du weißt nicht, wie ich Mehdi kennengelernt habe?“
„Äh, im Krankenhaus?“
„Nee.“
„Wie – nee?“
„Hah!“ Da war das Kreuz. Beziehungsweise eine Schatztruhe.
„Oh, die ist schwer!“
„Glaubst Du, ich schenke Dir Krimskrams?“
„Hm.“ Verdutzt schaute Gretchen in die Kiste aus dunklem Holz.
„Soll ich backen?“
„Ich dachte eigentlich, dass wir das gemeinsam...“
„Oh, Du bist toll!“ Sie hatte die Plätzchenausstecher entdeckt! Ein Krönchen lag ganz oben auf. „Und die verzierst Du später für mich?“


Früher Abend

Gretchen lag auf der großen Ledercouch während Marc die letzten Krönchen verzierte. Rosa Zuckerguss, weißer Zuckerguss. Und viel Zuckerglitzer. „Ich bin gleich fertig, Hasenzahn, Du kannst schon anfangen zu putzen.“
„Ich hab zuviel verputzt, ich kann nicht putzen. Oder mich überhaupt irgendwie bewegen.“
„Das ist schade, ich wollte Dich eigentlich noch zum Essen einladen.“
„Es ist ja noch früh. In zwei Stunden geht das bestimmt.“

Als Marc alles ordentlich weggeräumt hatte war Gretchen eingeschlafen. Leise, um sie ja nicht zu wecken, wischte er selbst schnell durch die Küche. Immer wieder vergewisserte er sich, dass Gretchen schlief, sie sollte ihn keinesfalls mit Besen oder Wischmopp in der Hand sehen. Niemand sollte ihn je so sehen.

Nach einer ausgiebigen Dusche fühlte er sich bereit für den weiteren Abend. Musste nur die Madame endlich aufstehen. Wieder in der großen Wohnküche zögerte er dann doch, sie zu wecken. Wie sich da völlig entspannt auf der Couch lag kam sie ihm so wunderschön vor. Wie eine – „Prinzessin?“
„Hmpf...“ Seufzte sie leise, schmatzte und schlief seelenruhig weiter. Marc lächelte und zog sich den schwarzen Lederpouf heran. Da seine Wohnung im zweiten (und dritten) Stock lag, drang von außen nur das Licht der Sternenlichterkette herein. Es störte ihn nicht. Er saß einfach da und beobachtete die schlafende Schönheit.

Er wollte sie in den Arm nehmen.
Er wollte sie berühren.
Er wollte ihre weiche Haut streicheln.
Er wollte sie küssen.
Er wollte ihren Duft einatmen.
Er wollte in ihren Locken abtauchen.
Er wollte in ihren Armen Frieden finden.

Einfach hier so zu sitzen und sie zu beobachten, das war schon ganz nah dran, an seinem Frieden.

Plötzlich klingelte sein Handy und vibrierte hart auf der Arbeitsplatte. Das Gespräch war kurz und wo eben noch Frieden gewesen war, pulsierte nun Ärger.
„Wer war das?“
„Die Klinik.“
„Musst Du hin?“
„Ja, Dein Onkel will mich nochmal sprechen.“
„Am Samstagabend – aber kein Notfall?“
„Medizinisch nicht, für ihn vermutlich schon.“
„Dann musst Du hin?“
„Er ist derjenige, der offiziell frei hat.“
„Wie lange kann das dauern?“
„Keine Ahnung.“ Marc sah auf die Uhr. „Ich fahre hin und Du machst Dich frisch? Oder magst Du immer noch nichts essen?“
Lachten sie beide, denn knurrend gab Gretchens Magen eine Antwort.

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 248

03.12.2017 17:50
#3 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Sonntag, 3. Dezember (1. Advent)

Hamburg, sehr später Morgen


Marc erwachte vor Gretchen – natürlich. Er hatte sich schon in Afrika gewundert, wieviel ein Mensch schlafen konnte. Schlafen und essen. Letzteres hatte Gretchen gestern Abend wieder bewiesen.

***
Wie vermutet hatte Professor Haase ihn ohne triftigen Grund in die Klinik zitiert, aber der war natürlich sehr wichtig. Und Marc genervt. Wieder empfand er seine vor zwei Monaten Kündigung als Erleichterung. Eine neue Stelle hatte er bisher nicht in Aussicht, das war ihm aktuell aber nicht wichtig. Im Grunde war er frei, überall hinzugehen. Auch nach Köln, wenn Gretchen es zulassen würde.

Gretchen. Sie hatte es im Handumdrehen geschafft, ihn seinen Ärger vergessen zu lassen und er hatte wiederholt festgestellt, dass ihm diese Frau einfach gut tat. Das war schon früher so gewesen. Auch wenn sie, wie keine andere, in der Lage war, ihn zur Weißglut zu bringen. Aber, da nahmen sie sich wohl nichts.

***
„Hey, aufwachen.“ Er beugte sich ganz nah über sie. Sodass er sie riechen konnte.
„Och nööö...“
„Ich sagte aufwachen, nicht aufstehen.“
„Das sollte Dir auch nicht einfallen, mich mit solch bösen Worten zu wecken.“
Er schmunzelte und schwang sich aus dem Bett, während sich Gretchen nochmal in ihre Bettdecke kuschelte.

Wenige Minuten später kam Marc zurück, sie hörte, dass er etwas auf dem Nachttischchen abstellte, sie spürte, dass er wieder hinter ihr ins Bett krabbelte. Fühlte, dass er ihr einen zarten Kuss auf die Locken drückte.
„Heiße Schokolade.“ Hauchte er in ihr Ohr. Im selben Moment schickte ihre Nase die gleiche Info ans Gehirn.

Nebeneinander saßen die beiden Mediziner nun an das Kopfteil gelehnt und schlürften Kakao und Kaffee aus großen, bauchigen Tassen. Vor ihnen auf dem Bett lagen zwei kleine Päckchen, auf beiden prangte eine „3“.

„Du zuerst.“
„Nee, Du.“
„Wieso ich?“
„Du warst ja auch zuerst auf.“
„Okay, wir spielen drum.“
„Schnick Schnack Schnuck oder was?“
„Ich hatte an Strippoker gedacht, aber das geht auch!“ Grinste er sie frech an. Gretchen verlor und öffnete zuerst ihr Geschenk. „Schoko-Relax-Bad?“ Irgendwas war komisch an der Verpackung.

(„Ich habe doch gar keine Badewanne?!“)

Marc beobachtete gespannt ihre Mimik. Plötzlich sah sie klar. „Eh, das bin ja ich!?“ Tatsächlich schaute sie sich selbst von der Packung in ihren Händen an. „Das ist ja verrückt!“ Auch das Etikett auf der Rückseite war individuell gestaltet. „Damit darfst Du sogar meine Badewanne belästigen.“
„Danke.“
Wie viele Küsse würden wohl noch auf seiner Wange landen bis... er legte seinen Arm – fast schüchtern – um ihre Schulter und verhinderte so, dass sie wieder von ihm wegrutschte. Als sie einfach ihren Kopf auf seiner Schulter platzierte (ihr Kinn in seine Schulter bohrte) machte sein Herz einen aufgeregten Hüpfer.
„Jetzt Du.“ Flüsterte sie in sein Ohr und schob ihm sein Geschenk, wieder einen Umschlag hin. Rot – gold – grün.
„Meine Lieblingsweihnachtsfarben.“ Erklärte sie.
„Das weiß ich bereits.“
Er zog eine Postkarte aus dem Umschlag, das Motiv irritierte ihn. „Der Michel?“

Sie nahm ihm die Karte aus der Hand und las den kurzen Text der Rückseite.

„Lieber Marc.“

(„Da steht doch „Hallo Marc“?“)

„Heute ist der erste Advent. Adventszeit. Ein schöner Brauch ist der Adventskranz. Meist aus Tannengrün mit Dekorationen und vier Kerzen. Erst hatte ich überlegt, Dir heute einen zu schenken aber ich habe Dir ein Versprechen gegeben. Deine Weihnachtsvorlieben, naja, wohl eher eine Unliebe, zu respektieren. In Sankt Michaelis möchte ich Dir dennoch zeigen, was es mit diesem Brauch auf sich hat. Dein Gretchen“

(„Bist Du das wirklich – mein Gretchen?“)

(„Ich hoffe, irgendwann – bald – wieder Dein Gretchen!“)


Natürlich hatte sie die Karte nur mit Gretchen unterschrieben.

Nach einem gemütlichen Frühstück – auch ohne Adventskranz – machten sich die beiden Mediziner auf den Weg. Angesichts der Sonne, oder wie Gretchen behauptete „Selbst Petrus hat zur Feier des Tages eine Kerze angezündet“, beschlossen sie zu Fuß in die Stadt zu gehen. Entlang der Außenalster und der Binnenalster, durch die Neustadt bis zur Hauptkirche St. Michaelis unterhielten sich die beiden über verschiedenste Themen. Marc hätte Gretchen gerne nach ihren Zukunftsplänen gefragt, ob sie vorhatte, dauerhaft in Köln zu bleiben. Er hatte mehrere interessante Stellenausschreibungen gefunden, die nicht lange vakant bleiben würden. Allerdings befürchtete er, dass es für eine solche Frage noch zu früh wäre. Doch plötzlich war es Gretchen, die ihn nach seinen Plänen fragte.
„Sag mal, Marc? Kann es sein, dass Larissa gesagt hat, dass Du gekündigt hast? Warum und was hast Du vor?“
„Das „warum“ hast Du selbst mitbekommen und was ich vor habe...? – Ich kann es Dir nicht sagen.“
„Ach komm, Marc Meier ohne Plan?“
„Ja, es ist tatsächlich so. Und ich fühle mich nicht mal unwohl damit.“ So war es zu seiner eigenen Überraschung tatsächlich. Seit er Professor Haase die Kündigung gegeben hatte fühlte er sich viel besser.
„Nicht mal eine Idee?“
„Doch, Gretchen, Ideen gibt es viele, Möglichkeiten auch. Sogar gute Stellenanzeigen.“
„Wo denn?“
„Überall. Ich bin nur nicht sicher, ob ich das möchte – direkt wieder an ein Krankenhaus.“ Tatsächlich war eine Option, seine Ausbildung zum Osteopathen en bloc abzuschließen. Im Moment war das für ihn selbst die reizvollste Variante. Hieß aber in Hamburg zu bleiben oder zurück nach Berlin zu gehen. Was sollte er da, Gretchen war in Köln.
„Ich glaube, Papa würde Dich mit Kusshand zurück nehmen. Seit Du diesen Titel hast, will er keinen anderen mehr als Nachfolger.“
„Ich dachte, Maria steht in den Startlöchern?“
„Sie ist nur die Nummer zwei auf seiner Wunschliste. Oder bleibst Du trotzdem in Hamburg? Ich meine, Du hast ja trotzdem ein Leben hier.“
„An Hamburg hänge ich nicht, auch wenn mir die Stadt gutgetan hat. Die Zeit hier.“
„Wo kann man sonst so viel Freizeit totschlagen.“ Sie erinnerte sich an seine Worte im Juli. Da hatte Marc ihr von der großen Langeweile berichtet, die er empfand.
„Ich habe angefangen, den Manager of Tomorrow umzuschreiben. Du weiß doch, worum es geht?“
„Ja, hat Papa mir schon oft von erzählt. Ich glaube, er liest das abends als Gutenachtgeschichte.“
„Da würde mir anderes einfallen.“ Er grinste Gretchen an und jetzt tanzten auch seine Grübchen – anzüglich.
Sie lachte. „In der Tat, mir auch. Aber vielleicht darf ich es trotzdem lesen?“
„Möchtest Du?“
Sie hakte sich bei ihm ein. „Ja. Es interessiert mich schon. Auch das, was aus der Medizin werden soll. In Riehl sind wir die einzige Praxis, die noch Patienten annimmt. Ich meine, was soll denn das? Da benötigen Menschen ärztliche Hilfe und werden hinauskomplimentiert. „Wir sind voll.“ Oder noch schlimmer „Heute nicht mehr.“ Neulich kam eine Übersiebzigjährige kurz vor Feierabend zu uns, sie ist seit Jahren bei einem Lungenfacharzt in Behandlung. Der hat sie trotz akuter Atembeschwerden abgewiesen. Sie soll ins Krankenhaus fahren. Wie kann sowas sein? Er kennt ihr Krankheitsbild, ihr war sogar schnell geholfen. Sie gehörte nicht in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Ist ja kein Wunder, dass die Wartezeiten da so explodieren. Ganz ehrlich, Marc? Meiner Meinung nach muss jeder Assistenzarzt mindestens sechs Monate in der Notaufnahme verbringen, egal welche Fachrichtung er wählt. Allein für diese Erfahrung war die Zeit am EKH nicht umsonst.“
Gretchen hatte sich in Rage geredet und Marc lachte. „Bietet sich da jemand an, mit mir zu schreiben?“
„Wofür überhaupt?“
„Ehrlichgesagt würde es mich interessieren, ob es für sowas Forschungsgelder geben würde. Aber in erster Linie möchte ich den alteingesessenen Medizinern bei Ärztetagen und Kongressen mal etwas Sprengstoff unter den Hintern schieben.“
„Du willst Dich mit den Großen anlegen?“
„Wachrütteln. Wie Du eben selbst gefragt hast – wo soll das enden?“
„Und Du würdest mich wirklich daran beteiligen wollen?“
„Wen, wenn nicht Dich? Du bist mutig genug, unbequem zu sein. Unangenehme Fragen zu stellen. Traust Dich dahin zu gehen, wo es weh tut. Für Deine Überzeugung einzustehen. Außerdem haben wir doch schon erfahren, dass wir ein gutes Team sind. Auch dafür war deine Assistenzzeit nicht umsonst. Und über den Tellerrand hinaus schauen schadet nicht. Ich habe in Sanssouci angefangen, umzudenken. Da habe ich begriffen, dass Du Ärztin geworden bist, weil Du helfen wolltest. Dass die Fachrichtung eigentlich egal ist. Und mit welchem Recht ich immer über Allgemeinmediziner die Nase gerümpft habe. In diesen Wochen und in der Zeit danach, als Dein Vater krank war, ist mir so viel klar geworden. Diese Erfahrungen sind alle mit in den Manager of Tomorrow eingeflossen. Wenn wir später wieder bei mir sind, erinnere mich daran, dass ich Dir ein Exemplar mitgebe, okay?“
„Okay. Meinst Du, für sowas gäbe es wirklich Forschungsgelder?“
„Erstmal bräuchte es Krankenhausbetreiber, die sich auf sowas einlassen.“
„Marc – wenn Du von Forschung sprichst – denkst Du an Habilitation?“
„Es ist durchaus eine Option. Und ich glaube, an einer Lehrtätigkeit hätte ich tatsächlich Spaß.“
„Für die Assis bist Du ein guter Lehrer. Das habe ich am Freitag sowohl von Herrn Brenner und Doktor Cornelius gehört. Und aus eigener Erfahrung kann ich den beiden nur zustimmen.“ Sie drückte Marc einen dicken Kuss auf die Wange.
„So, Herr Professor, und jetzt ist wieder Advent.“ Sie waren am Michel angekommen.

Die beiden betraten den Kirchenraum und sofort sah Marc, warum Gretchen ihn hierhin gebracht hatte. „Was ist das denn?“ Erstaunt betrachtete er den riesigen Adventskranz, der in der Mitte des Kirchenraumes hing.
„Das ist der „Wichernsche Adventskranz“. Er wurde vor rund 180 Jahren von dem evangelisch-lutherischen Theologen eingeführt. Der lebte mit einigen Kindern, denen er sich angenommen hatte, im „Rauhen Haus“ in Horn. Um ihnen zu zeigen, wie viele Tage es bis zum Heiligen Abend sind, hat er diese Form geschaffen. Für jeden Wochentag eine kleine Kerze, für jeden Adventssonntag eine große.“
„Quasi ein Adventskalender?“
„Komisch, wie einfach Weihnachten ist, oder Herr Professor?“ Sie lehnte sich glucksend an Marc und er legte – endlich – den Arm um sie. So, in seiner schlichten Umarmung, wollte sie einfach stehen bleiben. Nichts anderes brauchte sie, niemanden sonst wollte sie. Doch derjenige hatte bereits einen Tisch mit Informationen entdeckt und gegen „Wissen“ hatte sie keine Chance. Aber eigentlich freute es sie. Ihre Idee, mit ihm her zu kommen, gefiel ihm. Auch wenn es letztendlich weniger der Adventskranz als das Vermächtnis des Johann Hinrich Wichern war, für das er sich begeistern konnte.

„Und wie stellst Du Dir jetzt Deine verbleibenden Stunden in Hamburg vor?“ Gretchen hatte den Zug um 19:00 Uhr gebucht.
„Hm, ich gehe in die Wanne und Du kochst?“

(„Äh, Hasenzahn. Wie soll ich nicht kochen, wenn ich Dich in meiner Wanne weiß!“)

Vielleicht hatte sie seine zuckenden Grübchen bemerkt, vielleicht war ihr auch einfach nur ihre Wortwahl aufgefallen. Grinsend fügte sie an. „Ich rede vom Essen kochen. Du weißt ja, essen und schlafen kann ich besonders gut und viel.“

„Ich kann nicht kochen!“
„Versuch es erst gar nicht – ich weiß, dass es sehr wohl so ist. Und eigentlich warte ich immer noch auf das Fischrisotto zum Niederknien!“

„Dazu bräuchte ich aber frischen Fisch.“
„Hm.“

„Wie wäre es stattdessen mit einem Glühwein?“ Marc zeigte in Richtung eines kleinen Weihnachtsmarktes. Gretchen war überrascht. „Sehr gerne!“ Sie sicherte ihnen Plätze in der Nähe eines gemütlich knisternden Schwedenfeuers, er jagte nach dem wärmenden Getränk. Nach einer langen Weile kam er mit zwei dampfenden Bechern zurück. Unter seinem Arm klemmte etwas. Zeitungspapier?
„Was ist das?“
„Glühwein.“
„Marc!“ Sie knuffte ihn in die Seite.
„Nicht, Hasenzahn, sonst bekommt der Fisch ein Schleudertrauma. Oder ich, dann kann ich Dir kein Risotto kochen.“
„Du bist der Beste!“
„Das war doch schon immer klar!?“

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04.12.2017 00:42
#4 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Montag, 4. Dezember

Köln

Liebes Tagebuch,

endlich Feierabend. Du weißt, dass ich das nur selten denke, aber heute ist es so. Das Wochenende war einfach viel zu aufregend. Ich kann nicht behaupten, zu wenig geschlafen zu haben, aber ich bin wirklich geschafft. Wobei es heute auch extrem voll war. Doktor Carstensen hat sogar auf seinen freien Nachmittag verzichtet. Bestimmt hat er geahnt, dass ich alleine aufgeschmissen gewesen wäre, denn unsere werte Kollegin Rennstiel wurde zu einem Hausbesuch gerufen. Welch willkommene Gelegenheit, sich dem Praxisansturm zu entziehen. Neulich hat mir eine Patientin erzählt, dass sie ihr gegenüber erwähnt hätte, dass sie bei dem Stress auch am Krankenhaus hätte bleiben können. „Frau Doktor, ich glaube Ihre Kollegin ist faul!“

Vor allem ist sie neidisch, dass ich mir erlaube Termine zu vereinbaren. Aber ich habe nun mal die Zulassung für Naturheilkunde und Homöopathie. Dazu brauche ich mehr Zeit. Viele Patienten begrüßen es mittlerweile, dass ich viele Naturmedikamente empfehle und nicht sofort zur Chemiekeule greife. Selbst wenn von vornherein nach Antibiotikum verlangt wird. Frau Rennstiel verschreibt das dann und gut ist – Patient zufrieden und raus. Dabei hat Doktor Carstensen sie schon mehrfach auf seine Abneigung gegen Antibiotika hingewiesen. Nicht generell, aber Du weißt, wie ich es meine.
Mal abgesehen davon sind ihre Patienten auch nicht schneller gesund als seine oder meine.

Zurück zu der eigentlichen Frage: War im Krankenhaus weniger Stress? Schwer vergleichbar, würde ich sagen. Es war anderer Stress. Ich glaube, die Taktung hier ist kürzer, wir arbeiten hier täglich mehr Patienten ab. Verschiedene Patienten. Im Krankenhaus haben wir ja meistens mehrere Tage mit den gleichen Personen zu tun. Dort sind die Krankheitsbilder anders, intensiver. Hier haben wir es ja hauptsächlich mit normalen Erkrankungen zu tun, andere Fälle werden an Fachärzte überwiesen. Halt, Gretchen. Du bist auch Fachärztin. Quasi die Basis aller Fachärzte.

Marc hat gelacht, als ich es so ausgedrückt habe. Ob ich es wirklich könnte? Sowas mit ihm schreiben? Dass er das kann, da besteht kein Zweifel. Ich habe kaum etwas von der Bahnfahrt mitbekommen, so vertieft war ich in sein Portfolio. Er stellt die richtigen – wichtigen Fragen. Irgendwie auch meine Fragen. Zusammengefasst unter der Leitfrage: „Hat die moderne Medizin noch den Patienten im Sinn oder ist sie nur noch Sklavin des Geldes? Reglementieren Gesetze die Medizin zu Tode? Ist Überfluss tatsächlich günstiger, wenn das „Über“ ungenutzt verfließt? Zu welchem Arzt muss das Gesundheitssystem – oder ist es bereits tot?“

Ja, das sind meine Fragen. Aber würden wir es schaffen? Ich meine zusammen? Unabhängig davon, ob wir es schaffen, wieder ein Paar zu werden. Wovon ich überzeugt bin. Oft genug hat er meine Nähe gesucht. Wie früher an meinen Haaren geschnüffelt. Und auf meinen Wunsch hin hat er Fischrisotto gemacht. Es stimmt, es ist wirklich zum Niederknien.

Was wird, wenn wir wirklich wieder ein Paar sind. Er hat keine Ahnung, wo es ihn hintreibt. Und ich? Vielleicht sollte ich ihm bald von meinem Vorhaben erzählen, nach Berlin zurückzukehren. Mama ist jetzt fast nur noch auf Mallorca und Papa hat recht, wenn ihm die Villa alleine zu groß ist. Aber verkaufen? Eher mache ich es wie Doktor Hannah Severin. Sie und ihre Tochter Margarete Haase haben in einem Zimmer hinter der Praxis gelebt. Ich würde drüber wohnen. Vielleicht sogar mit Marc?

Manager of Tomorrow. Vielleicht ist sein Tomorrow ja auch mein Tomorrow. Unser Tomorrow.

Ein guter Schlusssatz!

Bis bald.

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05.12.2017 22:20
#5 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Dienstag, 5. Dezember

Hamburg, 17:30 Uhr


Im Erdgeschoss wohnten zwei Familien mit Kindern. Vor der ersten Tür zeigten ein paar pinke und ein Paar lilafarbene Gummistiefel, dass es sich um zwei Mädchen handelte. Franka und Gitta hatten ihre Stiefelchen blitzblank geputzt.

Als Inge Wagner abends nach Hause kam, traf sie im Hausflur auf den kleinen Max, der gerade seine Gummistiefel vor der Tür aufstellte. „Aber Max, die Stiefel sind ja ganz dreckig.“
„Ja, Tante Inge, aber das ist nur äußerlich. Innen sind die gut. Die riechen nicht mal.“ Wie zum Beweis steckte er seine Nase so tief in den Schaft wie es ging und atmete geräuschvoll. „Siehst Du, nix passiert! Aber wenn Du an den von Franka schnüffelst, dann fällst Du um. Die hat nämlich Stinkefüße.“ Er zeigte auf die pinken Stiefel.
„Ich würde Dir da als Nikolaus nichts rein tun. Seife vielleicht.“
„Du bist aber nicht Nikolaus.“

Die Nachbarin lachte und schleppte sich langsam die Treppe hinauf. Es war jetzt die dritte Woche, dass der Aufzug nicht ging und die Hausverwaltung verwies immer nur auf die Firma, die den Service betreute.

„Frau Wagner, was machen Sie denn da?“ Als sie die Stimme ihres Nachbarn hörte, atmete sie unhörbar auf. Das Treppensteigen fiel ihr generell schwer, mit Einkaufstaschen wurde es zur Qual. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass sie Bescheid geben, wenn Sie was brauchen.“
„Ach Doktor Meier, Sie haben doch anderes zu tun, als für mich Packesel zu spielen.“
„Ja, der Hausverwaltung auf die Pelle zu rücken.“
„Die können nichts machen, ist Sache der Servicefirma.“
„Das ist mir völlig egal. Die Nebenkosten sind hoch genug!“

Schnell waren die Einkaufstaschen in den zweiten Stock befördert. „Sie hatten Besuch?“
„Ja, wieso?“
„Sie hatten lange keinen Besuch mehr.“
„Na Sie wissen ja Bescheid.“
„Ich wohne neben Ihnen! Und so attraktiv war noch keine.“
Marc grinste. „Das stimmt allerdings.“ Er stellte die Taschen vor der Wohnungstüre ab als sein Handy klingelte. Die Anruferin zauberte ein Lächeln in sein Gesicht und Frau Wagner zwinkerte ihm wissend zu.

Sie öffnete ihre Türe erst als sie sicher war, dass der Nachbar nicht in ihren Flur schielen konnte. Wieso war Max eigentlich sicher, dass sie nicht der Nikolaus wäre? Lächelnd sah sie auf den kleinen Jutesack, den ihr die attraktive Besucherin anvertraut hatte. „Würden Sie für mich Nikolaus spielen?“

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06.12.2017 15:36
#6 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Mittwoch 6. Dezember Nikolaustag

Hamburg, 06:30 Uhr


Der Morgen von Marc war verlaufen wie jeder andere. Ein harter Wasserstrahl aus der Dusche, starkes Koffeingebräu aus dem sündhaft teuren Kaffeevollautomaten. Das Gerät hatte den Kaffee nicht, wie erhofft, besser gemacht. Egal, welche Einstellung er wählte, das Ergebnis war nicht das Gewünschte. Er hatte die unterschiedlichsten Bohnen ausprobiert, selbst mit dem Wasser experimentiert. Es blieb das Gleiche. Immerhin, es war Kaffee.
Seit ein paar Tagen hatte der Ablauf des Morgens allerdings eine Veränderung. Während der Kaffee prustend und zischend in die Tasse gepresst wurde fischte sich Marc ein Geschenk von seinem Adventskalender. Heute war es wieder einer der roten Umschläge mit goldenem Band und Tannengrün. Diesmal gehörte zur Verzierung auch eine Schokoladenfigur. Eine blondgelockte Nikolausine. Rote Stiefel, roter Body, nur knapp bis über die großen Brüste.

(„Ein bisschen wie Pamela Anderson in Baywatch“)

Hallo Marc,

wenn Dir diese kleine Nikolausverführung nicht zusagt (sie sieht mehr nach Baywatch aus als nach Weihnachten) – ich kümmere mich am Wochenende gerne darum. Ich weiß ja, dass Du auf Herzhafteres stehst. Dein heutiges Geschenk führt Dich wieder einmal nach Köln – ein bisschen Eigennutz ist okay, oder?

Einen schönen Nikolaustag,
Gretchen


Im Inneren der Klappkarte fand Marc einen Gutschein. „Das Geheimnis des Kaffees“ – Workshop für alle, die ohne Kaffee nicht sein können.

Vielleicht würde er diesem Spaceshuttle unter den Kaffeevollautomaten doch noch einen guten Kaffee entlocken. Erstmal jedoch entlockte ihr Ideenreichtum dem Chirurgen ein Lächeln. Gretchen hatte sich wirklich Gedanken gemacht. Sie wollte ihm Weihnachten zeigen. Bisher gelang ihr das ausgesprochen gut. Er war gespannt, was sie zu seiner heutigen Überraschung sagen würde. Gerne hätte er ihr Gesicht gesehen, wenn...



Köln, 11:30 Uhr

„Oh mein Gott, was ist das?“ Gretchen folgte ihrer Patientin aus dem Behandlungszimmer und sofort fiel ihr der riesige weihnachtliche Blumenstrauß ins Auge.

(„So eine tolle Amaryllis!“)

„Der ist für Sie, Frau Doktor.“
„Für mich?“

(„Von Marc?“)

„Von wem denn?“

„Jemand, der Hintergedanken hat?“ Die Sprechstundenhilfe zeigte auf eine Karte. Roter Umschlag und Goldband. Tannenzweig. Nikolausfigur. Lässig hatte der Schokoladenmannzeigte seinem roten Mantel geöffnet und zeigte ein ansehnliches Sixpack. „Der Hasselhoff übertreibt es schon ganz schön, mit seinem Merchandising. Ich sage Ihnen, Männer mit Midlife Crisis sind fast schlimmer als wir Frauen in den Wechseljahren.“

„Sie kennen Elke Fisher nicht!“ Gretchen kicherte.

„Sie meinen jetzt nicht die Autorin? Die kennen Sie? Ich kann es kaum erwarten, ihr neuestes Buch unter dem Tannenbaum zu finden. Mein Mann ist so wundervoll – jedes Jahr schenkt er mir die aktuellen Ausgaben.“
„Äh, ja. Das ist ja wirklich – wundervoll.“

Der Blumenstrauß war wundervoll. Mit seiner süßen Verführung machte er sie zur glücklichsten Allgemeinmedizinerin in Köln, ach was, im ganzen Rheinland. Die Aussage war fast nicht misszuverstehen. Und noch etwas... Sie hatten die gleiche Idee. Unabhängig voneinander. Den gleichen Wunsch – miteinander?

(„Vielleicht sollten wir tatsächlich gemeinsam die Medizin auf den Kopf stellen!“)

Doch das was sie dann aus dem Umschlag zog, stellte alles Vorhergewesene – nicht auf den Kopf, aber in den Schatten.

Gretchen,
wenn mich nicht alles täuscht, geht es an Nikolaus um Stiefel?

Das hier ist ein Gutschein für ein Paar Schuhe oder Stiefel. Nur gemeinsam zu jagen!

Grinch.


Sie konnte es nicht glauben. Immer und immer wieder las sie wenigen Zeilen. Marc wollte mit ihr shoppen gehen. Nein, nicht shoppen – Schuhe kaufen. Das war definitiv ein Unterschied!

Was konnte sich eine Frau Schöneres wünschen?

(„Ein Leben mit diesem Mann!“)

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08.12.2017 21:08
#7 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Donnerstag, 7. Dezember

Hamburg/Berlin 20:30 Uhr

„Wer bist Du und was hast Du mit Marc gemacht?“
„Wieso?“
„Ein Anruf? Keine Mail, keine Nachricht – tatsächlich ein Anruf?“
„Ich stehe vor einem Rätsel.“
„Hm, ich auch. Aber vermutlich sind es Unterschiedliche?“
„Bei mir war der Nikolaus.“
„Das kommt im Dezember schon mal vor.“
„Ich garantiere Dir, bei mir war er noch nie.“
„Vielleicht kommt er wieder, wenn Du Dich bedankst?“ Mehdi lachte.
„Das ist das Problem – ich weiß nicht wer dahinter steckt. Also eine Ahnung habe ich schon, aber das ist logistisch fast nicht möglich...“

„Gehen wir mal die Reihe der Wahrscheinlichkeiten durch... die letzte Frau, die Du im Bett hattest?“
„Das ist über ein Jahr her und sie würde mir garantiert nichts schenken!“
„Das ist ein Argument! Moment – Du hattest über ein Jahr keinen Sex?“
„Nein. Ich bin nicht so der Typ, der selbst...“
„Ja, danke. Nicht der Rede wert.“
„Warum bist Du denn jetzt so verklemmt? Du bist doch derjenige, der Männern einen Becher in die Hand drückt, sie in eine Kabine drängt und sie sich selbst überlässt?“
„Und Du bist keiner, der Frauen sich selbst überlässt...“

Marc grinste. „Die Geschenke waren aus dem Café Sonne in Berlin. Es gibt nur wenige, die meinen Lieblingskaffee kennen und wissen, dass ich von den Lebkuchen nicht abgeneigt bin.“
„Aha, und ich gehöre zu diesem erlauchten Kreis?“
„Ja. Im Grunde nur Du, Cedric, der Professor und Sabine.“
„Also könnte es jeder sein.“ Mehdi lachte, Sabine war bekannt dafür, sich manchmal um Kopf und Kragen zu reden. „Mich interessiert viel mehr, was Dich abhält, Spaß zu haben? Ich würde ja auf eine Frau tippen, aber dann würdest Du ja durchaus...“

„Vögeln?“ Marc grinste. „Vielleicht habe ich auch einfach keine Zeit.“

„Pah – Du hast viel zu viel Zeit. Wenn ich mich recht erinnere – ist es nicht sogar Dein freies Wochenende? Beweg Deinen Hintern einfach mal wieder nach Berlin und lass uns um die Häuser ziehen. Bei der Gelegenheit kannst Du im Café Sonne einfach nachfragen!“
„Das ist eine gute Idee – fragst Du da mal nach?“
„Ich habe das ernst gemeint, Marc. Wir haben uns lange nicht gesehen.“
„Und es wird wohl auch noch was dauern. Morgen um diese Zeit bin ich in Düsseldorf auf einer Fachärztetagung.“

Neben ihm auf dem Ledersofa lagen die Ausdrucke von Gretchens Mail und seine Bordkarte. 10:00 Uhr Hamburg – Köln.

„Vielleicht gibt’s da ja eine Frau für Dich – lassen Dich die Hamburgerinnen seit einem Jahr nicht mehr ran... tststs. Und das, obwohl Du erst eineinhalb Jahre da bist.“
„Und das Ende ist eingeläutet. Ich habe gekündigt, Mehdi.“
„WAS? Tatsächlich? Warum?“
„Ganz einfach. Ich kann so nicht arbeiten!“
„Und jetzt?“
„Ich habe keine Ahnung. Es gibt interessante Stellen. Aber momentan reizt mich nichts, direkt wieder an ein Krankenhaus zu gehen.“
„Weiß Professor Haase davon? Also dieser hier?“
„Von mir nicht. Aber bestimmt hat seine Mutter ihm davon berichtet.“
„Marc, er wird alt!“
„Mehdi, er ist alt. War er schon vor seinem Herzinfarkt. Danach erst recht!“
„Er wird in absehbarer Zeit aufhören.“
„Jaaa?“
„Hallo – Erde an Marc. Hier wird ein Chefarztposten frei?“
„Wie schon gesagt – interessante Stellen gibt es viele.“
„Du willst Maria die Stelle überlassen?“

Marc grinste. „Geht es Dir um mich oder um euch?“

Er hatte bis nach Hamburg vernommen, dass sich Doktor med. Maria Hassmann in der Position der Leitenden Oberärztin den Ruf einer „Eisernen Lady“ erarbeitet hatte. Eine Eiserne Lady mit Haaren auf den Zähnen, hatte Sabine gesagt, als er zum Geburtstag seiner Mutter in Berlin gewesen war.

„Was ist das für eine Fachtagung?“
„Sagt Dir Integrative Medizin was?“
„Ich bin nicht doof, Marc.“
„Nein, aber wer weiß, ob Du unbedingt über den Tellerrand schaust, wenn Du mal zwischen den Beinen der Damen auftauchst...“
„Oh, ich würde mich sogar sehr gerne über den Tellerrand hinaus bewegen, aber die Eiserne Lady zieht ja sämtliche Kohle in die Neuro.“
„Siehst Du, genau darum geht es. Integrative Medizin in der Chirurgie. Oder eben nicht – weil die Bereiche nach Meinung verschiedener Verbände nicht kompatibel sind. Und damit sind sie schon am Thema vorbei – die Chirurgie soll ja nicht mit Ringelblumensalbe Hüftgelenke heilen..."
„Ich verstehe, was Du sagen willst... sie wollen weiterhin die klassischen Fachidioten. Und was genau hast Du da vor?“
„Die ein bisschen aufmischen!“
„Musst Du immer provozieren? Ich meine, der Rummel um Dein Managerding ist endlich weniger geworden...“
„Eben. Zu ruhig. Die Alten wollen sich weiterhin in den festgefahrenen Strukturen zurücklehnen, die Industrie sich die Bäuche vollschlagen. Die Patienten bleiben auf der Strecke. Und die würden von ein bisschen mehr Gesamtheit definitiv profitieren.“
„Ja, aber...“
„Mehdi – hast Du neulich nicht noch kopfschüttelnd festgestellt, dass Frauen heute einen Doktortitel haben müssen, um ein Kind zu bekommen? Warte – ich zitiere: „Anstatt dass man sie einfach schwanger sein lässt, muss man sie mit allen Eventualitäten konfrontieren, dass sich die Frau nicht mehr als Schwangere sondern als Risiko sieht.“ Das waren doch Deine Worte?“
„Ja, aber das ist doch was anderes.“
„Nein, Mehdi. Ich finde das nicht! Nicht die Frau entscheidet ob sie über die Risiken informiert werden will, sie muss alles wissen. Es ist ein Geschäft mit der Angst, dass doch was sein könnte. Weil eine einfache Schwangerschaft für jede Klinik so ziemlich das Unrentabelste ist. Was für eine Arroganz der Medizin, gleichzeitig Geburtshäuser und andere Einrichtungen zu belächeln. Und den Hebammen, die die Schwangeren viel näher betreuen, immer mehr Geld aus dem Topf wegzunehmen.“

Mehdi staunte und lachte. „Ich wiederhole meine Frage vom Anfang unseres Telefonats: Wer bist Du und was hast Du mit Marc gemacht!?“

„Die Frage ist, was macht Marc mit Dir, wenn Du nicht endlich den Hintern hochbekommst. Und wenn es nur ist, um Maria Kohle von der Neuro abzuzwacken.“
„Keiner traut sich, ihr die Stirn zu bieten!“
„Umso mehr solltest Du den Überraschungseffekt einbeziehen, wenn Du es doch tust!“
„Ich bin nicht Du.“
„Ich auch nicht. Hast Du doch schon festgestellt!“
„Machs gut, Marc. Dann wünsche ich Dir viel Erfolg!“
„Da mache ich mir keine Sorgen!“
„Vielleicht lässt Dich ja doch nochmal eine Frau ran, bevor Du Dich den Chirurgen zum Fraß vorwirfst.“
„Vergiss nicht – ich bin selbst Chirurg!“
„War das nicht gleichbedeutend mit – äh, zwei Frauen an jedem Finger?“
„Mach´s gut, Mehdi. Grüß die Schwangeren mit Doktortitel!“

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09.12.2017 19:12
#8 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Freitag, 8. Dezember

Düsseldorf, Party des Chirurgenkongresses

23:30 Uhr

Ihm stockte der Atem. Wieder einmal. Schon den ganzen Abend. Sie war so schön anzusehen: Doktor med. Margarete Haase, in einem bodenlangen, blauen Chiffonkleid. Er beneidete die Steinchen. Rheinkiesel. Wegen der hatte sie auf dieses Kleid bestanden, das ihm eigentlich zu billig für sie gewesen war. Die Steinchen, die sich von der Taille aufwärts an ihren Körper schmiegen durften. Immerhin – Rheinkiesel und Perlen. Edel. Königlich. Seine Prinzessin. Die Schönste aller Begleitungen.

Im Laufe des Tages hatten alle feststellen müssen, dass sie nicht nur schön sondern auch klug war. Vor keiner Diskussion hatte sie sich gedrückt. Ihre Argumente waren kaum zu wiederlegen. Schon gar nicht, wenn sie sie mit ihrem einzigartigen Augenaufschlag würzte. Und mit diesem Lächeln, das den ganzen Tag schon auf ihren Wangen lag.

Jetzt gerade war sie wieder mit drei Herren in ein Gespräch vertieft. Zwei hingen an ihren an ihren Lippen, der Dritte an – ihren Brüsten.
Marc grinste. Dieser Prolet hatte schon mehrfach versucht, Gretchen anzumachen. Plump. Viel zu plump für eine Frau mit Klasse.

Erst Mittwochabend hatte sie ihn auf diese Veranstaltung aufmerksam gemacht, er hatte nicht gezögert. Und wenn es nur war, um ein paar Stunden mehr mit ihr zu verbringen. Dieser Ärztekongress, so brisant das Thema auch sein mochte, war unwichtig. Momentan galt sein Interesse ausschließlich einer Frau. Der Frau, der fast jeder der anwesenden Herren zu Füßen lag. Einschließlich ihm.

„Doktor Meier, Sie sind ja gerissener als ich dachte!“
Erstaunt drehte Marc sich um. „Bitte?“
Der Mann stellte sich als Jury-Mitglied der Kommission um den Manager of Tomorrow vor. „Wissen Sie, Ihr Beitrag hat nicht gewonnen, weil es eine schöne Idee war. Das waren die anderen auch. Wir waren überzeugt, dass sie weiter machen würden und neugierig, wie Sie sich mit den „Großen“ anlegen würden.“ Er lachte und nickte in Gretchens Richtung. „Sie wissen, Waffen einzusetzen!“

Bähm. Da war es. Das Gefühl von – Stolz!

Ja, er war stolz. Mit ihr hier zu sein. Normalerweise endete ein Kongress für ihn, wenn die Vorträge beendet waren. Nicht heute. Und er stellte erstaunt fest, dass er den Abend genoss. Als Mann an ihrer Seite. Den sie offensichtlich gar nicht benötigte. Sie war nicht mehr die unsichere Gretchen Haase. Sie hatte ihren Platz gefunden: Doktor med. Margarete Haase, Fachärztin für Allgemeinmedizin mit Zulassung für Homöopathie und Naturheilkunde. Selbstbewusst. Und doch – sein Gretchen war immer noch da. Ein bisschen unschuldig. Ein bisschen naiv. Er war sich sicher, dass sie nicht ahnte, wie sie auf die Menschen wirkte. Weil ihr Äußerlichkeiten unwichtig waren. Aufrichtige Worte und vor allem Taten, darauf legte sie wert.

Marc lächelte. Es war Zeit, zu handeln!

(„Wo ist hier der Typ mit der Musik?“)



23:45 Uhr

Der Typ mit der Musik ließ erstmal nicht mit sich handeln.
„Zwanzig Euro!“
„Was?“
„Ein Musikwunsch kostet zwanzig Euro.“
„Und wieviel verdienen Sie dann an so einem Abend?“
„Bisher – zwanzig Euro.“

Marc gab ihm fünfzig.

Das Klischee des Chirurgen verweigerst Du. Stattdessen erfüllst Du das Bild des Trottels, der vor Verliebtheit an falscher Stelle großzügig...
Glücklich wird!


Marc grinste und schob alle weiteren Gedanken zur Seite. Nicht jetzt! Nicht hier. Ja, er war verliebt. Und glücklich. Glücklich, sie an seiner Seite zu haben.
Sie strahlte an seiner Seite, ohne ihn in den Schatten zu stellen. Selbst glücklich, seine bewundernden Blicke zu spüren, Stolz, dass sie die Frau an seiner Seite war.
Er sonnte sich in der Bewunderung, die ihr entgegengebracht wurde. Aus Bewunderung wurde Respekt. Anfangs, die schöne Frau an der Seite des erfolgreichen Chirurgen. Später die Überraschung, dass sie nicht nur schön, sondern auch klug war. Anders, als die meisten Ehefrauen oder Begleitungen konnte sie sich mit den anwesenden Ärzten – Chirurgen – auf Augenhöhe unterhalten. Nicht nur Anhängsel war. Sondern selbstbewusst und mutig genug, eine andere Meinung zu äußern und zu vertreten. Manchmal provozierte sie auch. Jetzt zum Beispiel. Das erkannte er an ihrer Körperhaltung. Als er näher kam, hörte er an der Stimme einer der Gesprächspartner, dass dieser recht angefressen schien. „Ach – Sie sind auch Medizinerin?“

(„Nein – Prinzessin!“)

„Ich bin Prinzessin, sieht man das nicht?“ Da war sie wieder, diese herausfordernde Körperhaltung. „Manchmal verkleide ich mich allerdings auch als Allgemeinmedizinerin.“
„Allgemeinmedizin. Aha. Naja, immerhin auch ein Facharzt.“
„Oh, sogar mit Zulassung für Homöopathie und Naturheilkunde. Wenn Sie es so wollen, vertrete ich hier die Basis aller Fachärzte! Sogar integrativ!“
„Vermutlich denken die Viecher am Ende der Nahrungskette auch, dass es irgendwer tun muss!“
„Genau darum geht es doch – bleiben wir mal bei der Nahrungskette. Ich hoffe, die Spitze findet noch genug zu fressen, wenn sich das Dazwischen neu sortiert. Und das tut es, rasend schnell.“
„Das wird die Spitze nicht zulassen.“
„Ohne den Rest der Kette ist die Spitze nicht mehr Spitze.“
„Die Spitze ist nicht ohne Grund an der Spitze.“
„Eine Kette ist immer nur so gut, wie sein schwächstes Glied. Warum sollte das allerdings nicht an der Spitze sitzen!“

Augenhöhe. Das war der Unterschied. Als Mediziner waren sie nicht vergleichbar. Er war gut. Sie war gut. Jeder in seinem Fachbereich. Man verglich ja Dirk Nowitzki auch nicht mit Michael Schumacher.

Wichtig war, dass sie sich bewegt hatten, weiterentwickelt hatten. Beruflich, sowie persönlich. Sie hatte den harten Weg gewählt, als sie sich für Köln entschieden hatte. Für die Allgemeinmedizin. Ihr altes Leben aufgearbeitet hatte. Sie hatte gewonnen. Genau diese Sicherheit strahlte sie aus. Besonders heute.
Und er? Für ihn war es ein „weg“ gewesen. Aus Berlin, raus in die Welt, auch wenn es nur Hamburg war. Es war raus aus seiner Schutzzone Elisabeth-Krankenhaus. Raus aus der Blase Berlin. Der Schritt hatte sein Lebenskonstrukt zerstört. Unbekanntes machte Angst. Nirgendwo fand er Sicherheit.
Nicht nur Gretchen war einen harten Pfad gegangen, auch sein Weg war lang und steinig gewesen. Weniger der Weg, der Karriere bedeutete. Mehr der Weg, den er gesucht hatte, der ihn an ihre Seite zurückbringen würde. Nicht wissend, ob es diesen überhaupt gab. Er hatte Zuversicht gelernt. Lernen müssen. Und Gelassenheit, Dinge auch mal laufen zu lassen. Dass sie dennoch gut werden konnten, wenn man nicht krampfhaft versuchte, ihnen eine Richtung zu geben. Heute allerdings stand die Richtung fest!

„Möchtest Du tanzen?“

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09.12.2017 19:25
#9 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Samstag, 9. Dezember

Düsseldorf, Party des Chirurgenkongresses

00:00 Uhr




„Möchtest Du tanzen?“

Er hatte das perfekte Lied ausgesucht.
Eng schmiegte sie sich in seinen Arm. Legte ihren Kopf an seine Schulter.
„Darf ich die Augen zu machen?“

Er würde auf sie aufpassen, da war sie sicher. Nur ihren Ohren traute sie nicht, denn immer wieder flüsterte er ihr den Liedtext ins Ohr. Besser gesagt – seinen Liedtext. Wunderschöne Worte. Seine Gefühle. Kamen einfach über seine Lippen, ohne Umwege, direkt aus seinem Herz.

Ich habe meine Liebe gefunden
Bitte tauche mit mir in mein Leben.
Du, Mädchen, wunderschön und – süß

(„Dieses Wort aus Marc Meiers Mund?“)

Ich hätte nie gedacht, dass Du immer noch auf mich wartest
Als Kind habe ich mich verliebt
Wusste nicht, was es war
Dieses Mal werde ich Dich nicht aufgeben
Ich möchte Dich küssen, Dein Herz schützen
Und in Deinen Augen ertrinken.

Ich will mit Dir tanzen, Dich im Arm halten.
Auch barfuß im Gras, zu Deiner Lieblingsmusik.
Und solltest Du je wieder zweifeln,
Prinzessin Du bist perfekt für mich.


Ich habe eine Frau gefunden.
Stärker als alle anderen, die ich kenne.
Sie teilt meine Träume und ich hoffe, eines Tages teilen wir ihr Zuhause.
Ich habe meine Liebe gefunden.
Wir teilen Geheimnisse, tragen unsere Liebe, unsere Kinder.

Sind wir selbst noch Kinder?
Ich bin so verliebt.
Wir kämpfen zusammen
Diesmal geht alles gut.

Prinzessin, halt meine Hand,
sei mein Mädchen, ich bin Dein Mann
Ich sehe meine Zukunft in Deinen Augen.

Ich will mit Dir tanzen, Dich im Arm halten.
Auch barfuß im Gras, zu Deiner Lieblingsmusik.
Du bist wunderschön in diesem Kleid.
Ich verdiene Dich nicht, Du bist einfach perfekt.

Ich will mit Dir tanzen, Dich im Arm halten.
Auch barfuß im Gras, zu Deiner Lieblingsmusik.
Ich glaube an das, was ich sehe.
Jetzt habe ich einen Engel gefunden,
er sieht perfekt aus
Ich verdiene das nicht, aber Du bist perfekt für mich


Keine Umwege. Seine Gefühle schwebten durch ihr Ohr direkt in ihr Herz. Zart spürte er ihre Finger in seinem Nacken. Lippen an seinem Ohr. „Bring mich weg von hier...“

Karo Offline

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10.12.2017 12:00
#10 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Sonntag, 10. Dezember 2. Advent

Köln

09:30 Uhr


Normalerweise diente ein Teil der Arbeitsplatte als Essgelegenheit. Doch für den zweiten Advent, den ersten mit einem Adventskranz, hatte Gretchen sich etwas anderes ausgedacht. Mit einem Kaffee schickte sie Marc ins Bad. „Und lass Dir ja Zeit!“
„Definiere Zeit?“
„Hm, ne halbe Stunde?“
„30 Minuten?“
„Richtig, Marc. So lang ist eine halbe Stunde.“
„20 Minuten.“
„Okay, aber dann gehst Du Brötchen holen.“
„Hasenzahn!“
„Doktor M-Punkt-Hasenzahn, bitteschön! Und jetzt, husch.“
„Husch?“
Energisch schob sie den trotz seines perplexen Gesichtsausdrucks attraktiven Mann in Richtung Bad. Dann musste es schnell gehen.

Auf die Sekunde genau 20 Minuten später öffnete sich die Badezimmertür. Marc grinste. Das Luder hatte ihm Schuhe und Jacke bereit gelegt. Schnell verließ er die Wohnung – er war nämlich sehr gespannt, was sie im Schilde führte.

***
Der Metallene Balkontisch war mit einer roten Tischdecke überzogen, die Stühle sahen fast gemütlich aus: Rote Sitzkissen und je eine große rote Schleife an der Rückenlehne. Staunend stand der Chirurg vor dem schön gedeckten Tisch. Herzstück war – natürlich: Ein Adventskranz. Das Tannengrün war mit rotgoldenem Schleifenband und Tannenzapfen geschmückt. Und vier rote Kerzen. Zwei davon warteten darauf, Atmosphäre zu verbreiten.

„Darf ich?“ Er zeigte auf das Feuerzeug.

Ihm schmeckte es ausgezeichnet. Vor allem – Gretchen machte wunderbaren Kaffee. Davon konnte sich sein Vollautomat eine Scheibe abschneiden.

Er ist wohl mit Liebe gemacht!
Sieh mal einer an – Du lernst dazu!


Auch Marc hatte gelernt. Nicht mehr zwischen den Streithähnen zerquetscht zu werden. Energisch schob er sie weg.

„Soll ich Dir noch einen Kaffee machen?“
„Ehrlichgesagt – ja.“ Er zog ihr Gesicht zärtlich näher. Sah ihr lange, lächelnd, in die Augen. Schenkte ihr einen liebevollen – dankbaren Kuss. „Ich bekomme den nicht so hin. Nicht hier und schon gar nicht bei mir.“
„Nicht mal mit den richtigen Bohnen?“ Mist! Das war ihr jetzt rausgerutscht. Schnell verschwand sie mit Marcs Tasse um die Schiebewand.
Also doch! Logistik hin oder her. „Du warst das?“ Er stand auf, folgte ihr. Schnell ließ sie eine wohlbekannte – verräterische – Packung verschwinden.
„Was denn, Marc?“
Er öffnete den Küchenschrank und fischte nach dem dunklen Päckchen Organic Gayo.
„Hmmm...“ Sie fühlte sich ertappt. Dabei...
„Erwischt, Hasenzahn.“
„Marc, das...“
„Egal, wie – danke.“
Er belohnte sie mit einem langen, ausgiebigen Kuss. Schließlich sah sie ihn fragend an. „Marc? Erklärst Du mir, was es hiermit auf sich hat?“

(„Scheiße! Der Wunschzettel!“)

„Gretchen, das ist... keine gute Idee."

***

Marc

„Mama, was ist, wenn der Nikolaus den Wunschzettel nicht findet?“
„Er findet immer alle Wunschzettel.“
„Aber wie kann ich sicher sein?“
„Na, er lässt Dir doch ein Geschenk da. Damit Du weißt, dass er den Wunschzettel zum Weihnachtsmann bringt.“
„Und der besorgt dann die Geschenke?“

„Wunschzettel? Geschenke?“ Ohne Vorwarnung schlug er auf Elke ein. „Bist Du irre? Das kostet alles Geld. Was für ein Schwachsinn, der Nikolaus sammelt die Wunschzettel für den Weihnachtsmann ein... Ihr seid beide schwachsinnig.“ Er sah den blassen Jungen an. „Oder gefällt Dir das mit den Stiefeln?“
„Nein.“
„Du lügst!“
„Ja – nein...“
Eine kräftige Hand packte ihn am Arm und zog ihn zum Schuhschrank im Hausflur und drückte ihn auf den eiskalten Fliesenboden. Unter der Haustüre her zog es entsetzlich. Rene bewarf den Vierjährigen mit Tuben, Dosen, Bürstchen und Tüchern. „Die Schuhe sind nachher alle sauber. Blitzeblank!“ Er sah seine Frau an, wusste was sie dachte. „Du wirst ihm nicht helfen – sonst muss Knecht Ruprecht die Rute einsetzen...“
Viel schlimmer konnte die Situation nicht werden, deswegen versuchte Elke wenigstens, Marcs Lage zu erleichtern. „Rene, der Boden ist eiskalt. Er wird sich den Tod holen.“
Er schlug ihr ins Gesicht. „Willst Du ihn zu einem Weichei erziehen?“ Schlug wieder. Trat nach ihr, schubste sie ins Wohnzimmer. Die Türe ging zu und Marc hörte noch, wie der Vater feststellte: „Soll er sich doch den Tod holen!“
Da saß er, ein vierjähriger Junge, allein gelassen und wieder einmal ohnmächtig vor Wut. Angstvoll. Er wagte es nicht, nach seiner Jacke zu greifen, die etwas über ihm am Haken hing.

(„Vielleicht wäre ich besser tot!“)

***

„Nach Nikolaus war ich meistens richtig krank. Leider nie tot. Das war unser eigentlicher Weihnachtsbrauch!“

Sie saßen auf der Couch – er zusammengekauert in ihren Armen. Ganz fest – sicher – hielt Gretchen ihn. Schützend beugte sie sich über den zitternden Oberkörper. Die langen Haare rutschten nach vorne und Marc fing sich eine große Strähne ein. Beruhigender Duft. Durch die Locken hindurch nahm er den Adventskranz wahr. Die Kerzen brannten seelenruhig. Die Feuchtigkeit in seinen Augen formte ihre Flammen zu Sternen. Langsam verschwand die Kälte, die über ihn hereingebrochen war. Sie wurde vertrieben von dem wärmenden Gefühl von Behaglichkeit. Frieden. Gretchen. „Das mit dem Wunschzettel für den Weihnachtsmann ist ein wunderschöner Gedanke.“ Sie schmunzelte. „Frau Wagner hat den Nikolaus für mich gespielt.“
Marc richtete sich überrascht auf, sah ihr in die Augen. „Dann bist Du der Weihnachtsmann?“
„Zumindest erfülle ich von Herzen gern Deinen Wunsch.“ Sie hielt den Zettel in der Hand.

Wunschzettel an den Weihnachtsmann.
Ein Leben mit Gretchen!

Karo Offline

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11.12.2017 14:44
#11 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Montag, 11. Dezember

Flughafen Köln

8:30 Uhr


Von seinem Platz aus konnte Marc zwei ganz unterschiedliche Szenen beobachten.

Zu seiner Linken ein blasser Anzugträger. Runde Brille, Aktentasche. Nervös tigerte er auf und ab, der Finger bewegte sich hektisch über das Display seines Smartphones. Ohrstöpsel. Ab und zu redete er – brüllte er etwas in das Mikrofon. Jeder der anderen Wartenden wusste mittlerweile, dass er einen wichtigen Termin hatte – verpassen würde. Er wolle schließlich nicht verreisen – er müsste arbeiten! „Geld, wissen Sie! Money Money!“

Genau darum ging es. Geld. Deswegen streikte wieder einmal das Bodenpersonal. 1300 Euro brutto im Schichtdienst, informierte einer der Flyer, die verteilt wurden.

Von der rechten Seite klang eine Kinderstimme an sein Ohr. „Mami, können wir Memory spielen?“
„Wir haben keine Karten?“
„Dann mal uns doch welche?“

„Mami, was steht auf dem Zettel?“ – „Darf ich was trinken?“ – „Was ist Bodenpersonal?“ – „Können die wirklich keine Weihnachtsgeschenke kaufen?“

Während seine Finger mit dem Flyer spielten, hörte Marc zu, wie die Mutter geduldig unzählige Fragen beantwortete.
„Mami, was ist denn jetzt mit Memory?“

Einen Meter neben dem Knirps landete ein Papierflieger und lenkte ihn von weiteren Fragen ab. „Das war eine Bruchlandung!“ Er sah sich um, woher der Flieger kam. Marc zwinkerte ihm zu. „Der war wohl schlecht beladen.“
„Warum war der schlecht beladen?“
„Weil das Bodenpersonal schlecht bezahlt wird.“
„Und wenn die besser bezahlt werden, dann sind auch die Flieger wieder gut beladen?“
„Die Flieger sind auch trotz schlechtem Geld gut beladen. Die wollen ja nicht, dass Flugzeuge abstürzen und Menschen sterben.“
„Hm. Gute Arbeit ist ganz schön wichtig, oder?“
„In diesem Fall unerlässlich.“
„Warum werden die so schlecht bezahlt?“
„Weil niemand für teure Flüge bezahlen will.“
„Aber keiner will eine Bruchlandung.“
„Richtig.“
„Dann sollte man doch auch dafür bezahlen, also dass es keine Bruchlandung gibt?“
„Genau. Und deswegen sitzen wir hier. Weil die lieber gar nicht arbeiten als schlecht. So kommt zwar keiner weg, aber das ist nicht lebensbedrohlich.“
„Ich will ja auch gar nicht weg. Weiß Du, meine Oma wohnt hier. Da ist es immer schön.“
Marc lachte. „Ich will eigentlich auch nicht weg.“
„Wie heißt Du?“
„Marc.“
„Echt? Ich auch.“ Der Junge sah Marc ernst an. „Wir heißen beide Marc und wir wollen hier nicht weg. Cool, oder?“
„Ja, cool. Und weißt Du was noch cooler ist?“
„Was?“
„Ich werde einfach hier bleiben!“ Plötzlich war alles einfach. Er musste nicht fliegen. Genaugenommen musste er nicht mal nach Hamburg. Zumindest heute nicht.

So sah es wohl auch die Mutter des Jungen. „Marc? Ich habe mit Oma telefoniert. Sie freut sich, wenn wir noch ein bisschen bei ihr bleiben.“
Die Kinderaugen leuchteten. „Boah! Cool!“

***
Nicht „cool“ fand das natürlich der Hamburger Chefarzt. „Sie haben Spätschicht, Doktor Meier. Ich möchte Sie nicht noch in ihren letzten Wochen abmahnen müssen, weil Sie nicht zum Dienst erscheinen!“
„Herr Professor, Sie bewegen sich gerade auf sehr dünnem Eis. Sie wissen genau, dass ich nicht mehr arbeiten müsste, wenn ich alle meine Überstunden einfordern würde!“
„16 Uhr, Doktor Meier!“


Hamburg

16:00 Uhr

Professor Doktor med. Hans Haase tobte. Es war eine Sache, dass Doktor Meier es wagte, nicht pünktlich seine Schicht anzutreten. Selbst ihm war klar, dass es sowas wie höhere Gewalt gab – Streiks an Flughäfen gehörten in den letzten Wochen fast zu den alltäglichen Nachrichten. Eine andere Sache war die Email. Eine Aufstellung aller im laufenden Jahr angefallenen Überstunden. Leider war die Rechnung seines Leitenden Oberarztes korrekt.
„Er macht sich nicht angreifbar. Was hast Du erwartet?“ Doktor Ljudmila Temelova schüttelte ihren Kopf. „Im Grunde verschenkt er immer noch Stunden – normalerweise müsstest Du ihm noch das Gehalt für Januar bezahlen.“
„Du meinst, ich kann nichts dagegen tun?“
„Nein.“
„Was ist mit den anstehenden Operationen?“
„Entweder Du stellst Dich selbst an den OP-Tisch oder Du bietest ihm einen Honorarvertrag an.“
„Weißt Du, was das kostet?“
„Dann mach es selbst – allerdings ist er der bessere Chirurg!“


Köln

17:00 Uhr


„Haben Sie einen neuen Kollegen Frau Doktor?“ Neugierig betrachtete die alte Dame den jungen Mann, den ihre Ärztin zum Hausbesuch mitgebracht hatte.
„Ja, Frau Römer. Doktor Meier macht einen Schnuppertag. Er denkt über eine Assistenz bei uns nach.“

("Das wollte ich schon immer mal sagen!")

Um ihre Mundwinkel zuckte es verdächtig, als sie seinen Blick sah.

(„Spinnst Du?“)

(„Ich freue mich auch, dass Du noch da bist!“)

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12.12.2017 16:08
#12 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Dienstag, 12. Dezember

Berlin


Kurz vor Feierabend wollte er noch schnell das aktuelle Chirurgenblatt durchblättern. Wie immer – kaum etwas Interessantes. Noch weniger Neues.

(„Die sieht ja so aus wie mein Kälbchen!“)

Es traf ihn wie aus heiterem Himmel. Professor Haase griff sich ans Herz, sicher war er nicht, ob es nicht vor Schreck stehenbleiben würde – das war sein Kälbchen. Der Untertitel des Bildes verriet es sicher:

Hieb- und Stichfeste Provokation, kluge Argumentation. So kennt man es vom Manager of Tomorrow, Dr. med. Marc Meier, Chirurg aus Hamburg. Am Samstag war sein schlagendes Argument auch das Schönste: Dr. med. Margarete Haase, Allgemeinmedizinerin aus Köln.

„MEIER!!!“

So laut hatte der Chefarzt nicht mehr gebrüllt seit – sehr langer Zeit. Was machte Gretchen auf einem Chirurgenkongress, noch dazu an der Seite von diesem, diesem...

Dem besten Chirurgen, den er je ausgebildet hatte. Auf den er nicht wenige Hoffnungen setzte, die Medizin zu verändern. Dem er versuchte, ein Päckchen zu schnüren, das der Wahlhamburger nicht ablehnen konnte. Sein kränkelndes Herz hatte entschieden, Professor Haase musste den Chefarztsessel abgeben. Sein Kopf sagte, dass das Elisabeth-Krankenhaus in die Hände von Doktor Meier gehörte. Nicht aber seine Tochter, sein Kälbchen.

Sofort. Er musste sofort zu ihr. Mit ihr reden. Nicht, dass sie wieder Dummheiten machte. Er musste sie beschützen, schließlich war er der Vater. Stolzer Vater einer schönen Tochter. Einer glücklichen Tochter?

Sein erster Ärger verblasste. Wann hatte er Gretchen das letzte Mal so strahlen gesehen?

Was lief da? Vor allem, seit wann? Hatte sie ihm nicht immer alles gesagt?

Sie würde es ihm sagen. Müssen. Kurzerhand wählte er ihre Nummer. Natürlich, die Mailbox. „Kälbchen, ich würde Dich gerne über Weihnachten besuchen – Du musst doch den Notdienst machen?“
Viel Zeit zu reden. Und gleichzeitig kam er um einen Besuch in Hamburg herum.

Die Sekretärin streckte ihren Kopf durch die Tür.

„Herr Professor, ich weiß, Sie haben Feierabend. Aber da ist ein Anruf für Sie – Ihre Mutter!“

Karo Offline

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13.12.2017 01:42
#13 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Mittwoch, 13. Dezember

Köln



Liebes Tagebuch,

ich habe wieder einen Freund. Nicht irgendeinen. Weißt Du eh. Es gibt nur einen für mich. Früher. Jetzt. Zukünftig. Marc Meier, den tollsten Mann auf der ganzen Welt. Und vermutlich auch den, der die größte Herausforderung darstellt.

Sonntag haben wir geredet. Naja, nicht nur... aber er hat mir Einblicke in seine Kindheit gewährt. Ich bin erschüttert, was er erleben musste. Was viele Kinder erleben müssen. Früher wie heute. In meinen Armen lag ein erwachsener Mann aber ich tröstete eine zerstörte Kinderseele. Ich werde da sein, wer auch immer mich braucht. In meinem Herz ist Platz für beide. Das hilflose Kind und den verzweifelten Mann.

Wie gesagt – ein wunderbarer Mann. Der ein Leben mit mir will. Der Mann, mit dem ich ein Leben will. Wie und wo – es gibt viele Möglichkeiten. Für Marc nur eine:

„Ich gehe dahin, wo Du sein willst!“
„Bei Dir?“

Okay, das macht es jetzt nicht leichter. Erstmal hat er mich auf Hausbesuche begleitet. Aufgrund der Streiks des Flughafenpersonals stand er Montagmittag in der Praxis.
Es war schön, ihn dabei zu haben. Aber ich kann mir Marc ohne Krankenhaus nicht vorstellen. Ihm scheint der Gedanke tatsächlich wenig auszumachen. Nicht nur kein Krankenhaus, sondern erstmal gar nichts. Ist das Marc? Und wäre ich wirklich ich, mit ihm ein Konzept zu schreiben?

Übermorgen fahre ich nach Hamburg und anschließend kommt er mit zu mir. Bis nach Silvester. Ob das gutgeht? Marc und ich auf knapp 30 Quadratmetern? Und zu allem Überfluss hat Papa seinen Besuch angedroht. Ja, ich kann ihn verstehen – er will Hamburg aus dem Weg gehen. Aber ganz nehme ich ihm das als alleinigen Grund nicht ab. Bestimmt hat er unser Foto im Chirurgenblatt gesehen. Gigi war sauer, dass ich nicht mit ihr darüber reden wollte. „Mausi, wir haben uns doch immer alles erzählt!“
Ich bin nicht Mausi. Nicht mehr. Und zuerst sollten Marc und ich reden. Über uns, unsere Pläne und wie daraus eine Zukunft wird. Dazu wäre Weihnachten sicherlich gut – gewesen. Ob Marc Papa aufhalten kann? Oder Oma. Vielleicht sollte ich am Wochenende mal mit ihr reden. Sie kann Papa noch am ehesten zurückhalten.

Ob Berlin eine gute Idee wäre? Wären wir da die beiden, die wir jetzt sind oder würden wir in alte Rollen und frühere Verhaltensmuster zurückfallen? Wie sehen uns die anderen? „Mausi“ ist das beste Beispiel. „Kälbchen“ ebenso. Doktor Gretchen Haase.

Ja, ich bin Gretchen. Auch für Marc. Bei ihm ist selbst Hasenzahn okay. Aber nicht nur. Er wechselt, der Situation angemessen. Prinzessin. Und seit Freitag bin ich sogar Doktor M-Punkt-Hasenzahn. Seine Namen sind Liebkosungen, während „Mausi“, „Kälbchen“ und „Gretchen“ Rollen sind. Rollen, in die ich nicht mehr reinpasse.
Mein Leben ist anders. Ich bin anders.
Auch Marc ist anders. Also immer noch Marc aber – gereifter. Ruhiger. Nicht mehr so sehr ein Gejagter.
Nur deswegen haben wir eine Chance. Weil wir beide reifer sind.

Ein schöner Schlusssatz.

Bis bald.

Karo Offline

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14.12.2017 00:38
#14 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Donnerstag, 14. Dezember

Hamburg


Abend

Die Leberresektion war ohne große Komplikationen verlaufen, der Patient stabil. Er würde erst am nächsten Morgen aus dem Schlaf geholt. Marc sah auf die Uhr. Er hoffte, noch irgendwo einen Adventskranz aufzutreiben. Nicht, dass er müsste. Der erste Advent war schön gewesen, auch ohne Adventskranz. Nur mit war einfach schöner gewesen. Oder lag es daran, dass...

Sie Dich im Handumdrehen weichgespült hat?

(„Sie wieder meine Freundin ist?“)


Er hatte es geschafft, zurück an ihre Seite, in Ihre Arme zu kommen. Alles andere war zweitrangig. Außer einem Adventskranz!

„Doktor Meier, verraten Sie mir, was Sie nun vorhaben?“
„Äh...“

(„Das darf jetzt nicht wahr sein...“)

Vor ihm stand die Grande Dame der Chirurgen-Dynastie. Er hatte schon mit ihrem Erscheinen gerechnet. Ihm war klar gewesen, dass er nicht so einfach aus der Nummer mit den Überstunden herauskäme.

(„Nur warum ausgerechnet jetzt?“)

„Das klingt in der Tat nach einem Plan. Ich vermute – Sie haben keine Zeit für eine alte Dame?“
„Frau Professor – ehrlich gesagt, gerade im Moment nicht.“

(„Morgen kommt Gretchen, dann mit Sicherheit auch nicht. Und ab nächster Woche bin ich in Köln, dann also erst recht nicht... Mist.“)

„Dann kommen Sie morgen Abend zum Essen? Meine Enkelin ist herzlich eingeladen – Sie kommt doch morgen?“
„Äh, ja.“
„Gut, dann sehe ich Sie beide um 20 Uhr? Das müsste sich mit der Ankunftszeit des Zuges vereinbaren lassen?“
Marc nickte. Noch ein „Äh“ wäre peinlich geworden. Doch zu mehr reichte es gerade nicht...

Die Alte wird Dich vor Blondchen niedermachen. Naja, bleibt ja in der Familie! Ach... ihr wolltet ja alles teilen. Auch die Peinlichkeiten...?

Wenigstens war er in der Lage, diese Stimme zu ignorieren. Langsam kam sein Gehirn wieder in Gang. Adventskranz. Das war gerade sein Problem. Vielleicht konnte Frau Wagner helfen. Die alte Petze. Er grinste. Nikolaus. Bei der hatte er definitiv noch was gut. Schließlich hatte sie einfach seinen Wunschzettel an Gretchen weitergegeben.
Er lächelte. Sie war seine Weihnachtsfrau. Im wahrsten Sinne des Wortes. „Es ist zwar noch nicht Weihnachten, aber Deinen Wunsch zu erfüllen, damit fange ich heute an. Du und ich – für immer!“ Ihre Worte waren der Auftakt zu einer wunderbaren Nacht gewesen. Von der noch viele folgen sollten. Würden. Da war er sicher. Und es fühlte sich gut an.

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15.12.2017 00:46
#15 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Freitag, 15. Dezember

Hamburg


20:15 Uhr, auf dem Weg zu Gretchens Oma


„Und meine Oma hat nicht gesagt, was genau sie will?“
„Sie fragte, was ich nun vorhabe. Ich vermute allerdings, dass sie mir ein paar passende Worte zu sagen hat.“
„Nee, dann würde Sie Dich alleine sprechen wollen.“
„Du meinst, es geht ihr eher – um uns?“
„Ja. Mit Sicherheit hat sie genauso von unserem Ausflug nach Düsseldorf gelesen, wie Papa. Der war ganz schön – aufgebracht.“
„Hm, an sowas habe ich gar nicht gedacht...“
„Ich genauso wenig. Dumm nur, dass er jetzt vorhat, Weihnachten nach Köln zu kommen. Er rechnet damit, dass ich allein in der Praxis sitze und ein trauriges Weihnachten habe...“ Sie seufzte. „Notdienst ist nichts anderes als Rufbereitschaft. Gleich dem Hintergrunddienst in einem Krankenhaus...“
„Hasenzahn, ich weiß das...?“
„Ja. Aber Papa nicht... ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber: Ich möchte nicht, dass er kommt!“
„Ehrlichgesagt – ich auch nicht. Nur wir kennen ihn beide. Er wird sich nicht aufhalten lassen.“
„Dass Oma uns eingeladen hat ist ganz praktisch – ich wollte eh zu ihr. Wenn jemand Papa aufhalten kann, dann sie. Wiederum bin ich nicht sicher, ob es mir gut damit ginge, ihn den Hamburgern zum Fraß vorzuwerfen. Oder meiner Mutter, falls es für ihn das kleinere Übel wäre, zu Jochen zu fliegen.“

„Komm mal her!“
Marc nahm sie in die Arme. „Dann soll er nach Köln kommen. Wir buchen ihm ein schönes Hotel und setzen ganz klare Grenzen.“ Er sah Gretchens Blick. „Okay, Dein Vater – ich kommuniziere die Grenzen.“
„Marc – Papa hat so klare Vorstellungen von Weihnachten. Abläufe, Essen... das wäre alles okay wenn es da Spielraum gäbe. Wir beide kommen klar, obwohl zwischen unseren Vorstellungen von Weihnachten Welten lagen. Ich wollte Dir Weihnachten zeigen. Nicht meins, nicht Deins, sondern unseres. Das schließt Dritte aus. Zumindest solche, für die es nur ihr Weihnachten gibt. Und zu denen gehört Papa nun mal. Ohne ihm Böses zu wollen. Aber für ihn ist dieses Jahr kein Platz.“
„Du meinst, wie man es macht, man macht es falsch?“
„Ja. – Deine Art von Weihnachten...“
„Kein Weihnachten?“
„... ja. Kein Weihnachten ist durchaus eine Lösung.“ Sie nickte. „Das sehe ich durchaus ein.“
„Das wäre nur gut, wenn Du keinen Notdienst hättest und wir wegfahren könnten.“
„Ich habe meine Gutmütigkeit mit dem Notdienst gedanklich schon bereut.“
„Geschenkt.“ Er nahm Gretchen wieder in den Arm. „Pass auf. Plan A – Deine Oma hält ihn auf. Plan B – Er kommt nach Köln. Dann kriegen wir das irgendwie hin. Und egal, ob Plan A oder Plan B – über Silvester fahren wir weg? Egal wohin, da wo wir was Schönes bekommen?“
„Du bist toll. Danke.“
„Umsonst gebe ich mir aber keine Mühe...?“ Er sah sie erwartungsvoll an.
„Was?“ Kugelrunde blaue Augen erwiderten seinen Blick, fragend. Er spitzte die Lippen und sie zog ihn lächelnd zu sich herunter.

Karo Offline

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Gestern 00:31
#16 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Samstag, 16. Dezember

Hamburg


Vormittag


„Ich freue mich jeden Morgen über den Adventskalender. Ich bin immer total gespannt, was Du Dir noch alles ausgedacht hast. Allerdings gefällt es mir noch besser, wenn ich Dich beim Auspacken beobachten kann.“
„Du trägst Weihnachten in Dir, Doktor Meier, ob Du willst oder nicht.“
„Es liegt nicht an Weihnachten. Ich sehe Dich gerne glücklich, egal ob mit Tannengrün oder Kerzenschein.“
„Mit ist aber romantischer.“
„Damit kennst Du Dich wohl besser aus. Ich bin ja der Meinung, das auch Romantik eine Definitionssache ist.“
Gretchen lachte. „Da muss ich Dir beipflichten.“ Das 16. Türchen ihres Adventskalenders brachte einen „gemütlichen DVD-Abend mit weihnachtlicher Pflichtlektüre“ hervor. Marc war bewusst, dass Gretchen durchaus Titanic oder Pretty Woman aussuchen konnte. Definitionssache. Aber eigentlich war der Film egal, solange er...

Du willst NICHT kuscheln!!!

„Auch ein Adventskranz ist wohl Definitionssache.“ Lachend zeigte die schöne Ärztin auf ein Ungetüm aus Tannengrün. Frau Wagner war zu einer Weihnachtsfeier eingeladen gewesen und hatte Marc nicht helfen können. Außer einem Tipp: „Holen Sie sich doch einfach Tannengrün und binden es selbst.“

(„Einfach...!“)

Nein, es war gar nicht einfach gewesen. Glücklicherweise war ihm noch das Internet eingefallen, sodass die Aktion nicht ganz umsonst gewesen war. Und endlich fanden die schweren Sektschalen aus Bleikristall, die sinnigerweise mal ein Weihnachtsgeschenk seiner Mutter gewesen waren, eine sinnvolle Verwendung – als Kerzenhalter für vier verschiedene Sorten und Farben an Kerzen. Auch den Rest des goldenen Kräuselbandes, von Nikolaus übrig, konnte noch dekorativ eingesetzt werden.

„Es ist halt individuell. Außerdem muss es ja nicht immer ein Kranz sein.“
„Vielleicht lernst Du ja heute noch was?“ Von ihr hatte er einen Besuch auf dem Weihnachtshandwerkermarkt rund um das Museum für Kunst und Gewerbe geschenkt bekommen. In Workshops konnte man alles ausprobieren, unter anderem Töpfern, Schnitzen und Glasblasen. „Und für Dich gibt’s extra Kerzenziehen!“
„Ziehen kann ich – vor allem Dich aus.“
„Ma-arc!“


Nachmittag

Am Ende fand er das Glasblasen am spannendsten. Schnitzen konnte er eh, Kerzenziehen war ihm zu langweilig. Beim Töpfern hatten sie durchaus ihren Spaß gehabt. Er saß hinter ihr und gemeinsam ließen sie den Ton durch ihre Finger gleiten.

(„Ob „Ghost“ für den DVD-Abend zur Wahl steht?“)

(„Hoffentlich gehört „Ghost“ nicht in die Kategorie „weihnachtliche Pflichtlektüre“...?“)


Produktives war dabei allerdings kaum herausgekommen. Als der Ton immer trockener wurde, hatte Marc eine Scheibe gehämmert.
„Was wird das jetzt?“
„Hm, ein Teller?“
„Das ist mindestens genauso Definitionssache wie Dein Adventskranz.“
„Adventsgesteck.“
„Schon klar.“
„Sag mal, Hasenzahn. Ist in meinem Geschenk eigentlich ein Glühwein inkludiert?“
„Für mich schon. Für Dich wird´s wohl eher ein Kinderpunsch.“
„Hasenzahn...“

Egal, ob Glühwein oder Kinderpunsch. Selbst ein Glas Heiße Milch mit Honig hätte sie ihm holen können. Kaum hatte Gretchen ihrem Freund den Rücken zugedreht, ritzte er fingerfertig Buchstaben in die Tonplatte. Als die schöne Ärztin mit zwei dampfenden Tassen zurückkam, wartete Marc schon auf sie.
„War ja klar.“ Für ihn brachte sie einen Glühwein und für sich selbst – einen großen Kakao mit Sahne.
„Ich bin halt eine Süße!“
„Meine Süße, Hasenzahn. Das ist ein gewaltiger Unterschied!“


Abend

„Weihnachtliche Pflichtlektüre?“ Das Ärztepaar saß auf der schwarzen Ledercouch, sie in seine Arme gekuschelt.

(„Oh Gott, jetzt kommt´s...!“)

Selbst Schuld. Aber es gäbe noch einen Ausweg. Kuschen statt kuscheln...


„Also da fallen mir spontan drei Sachen ein.“

Marc tauchte vorsichtshalber sein Gesicht tief in die beruhigend riechenden Locken. Da würde sie auch notfalls eine Grimasse nicht sehen.

„Aaalso – Der kleine Lord, Drei Nüsse für Aschenbrödel oder Sissi.“
„Ist das nicht eine Serie?“ Entsetzt sah Marc auf.
„Ja.“ Gretchen nickte und küsste ihn liebevoll auf die Wange. „Aus diesen drei darfst Du auswählen – da habe ich keine Priorität.“
„Und ich keine Ahnung?“
„Okay...“ Ihre Stimme klang verheißungsvoll. „Wir spielen drum?“
„Strippoker?“
„Ich kann nicht pokern!“
„Aber strippen!“ Tiefe Grübchen sprühten vor Freude.
„Hm. Weißt Du was? Ich glaube, ich habe Sissi lange nicht gesehen...“
„Du bist so ein Luder!“

„Das ist immerhin besser als „Mausi“ oder „Kälbchen“. Du, Marc...können wir den Film verschieben? Ich würde gerne über uns reden.“

Du bist so am Arsch... Kuschelfilm oder Reden. Das sind Alternativen...
Verschieben ist nicht oder! Also reden und Film – äh, kuscheln.

(„Reden und kuscheln geht auch!“)


Ging sogar sehr gut, wenn er daran dachte, wie viel Last sie ihm mit dem Nikolaustrauma abgenommen hatte. Und über die gemeinsame Zukunft redete er tatsächlich sehr gerne. Die nahe Zukunft war erstmal Weihnachten. Dafür hatte Oma Haase tatsächlich eine Lösung gehabt.

***
„Wisst ihr was? Ich komme einfach auch nach Köln. Dass ein Vater Weihnachten mit seiner Tochter verbringen möchte, kann ich nachvollziehen. Genauso möchte ich die Feiertage mit meinem Sohn – meinem ältesten Sohn – verbringen. Ich kümmere mich um Franz – und ein Hotel. In der Innenstadt, dann hängen wir nicht allzu nah aufeinander. Alles andere wird sich finden!“

Oma Haase hatte natürlich auch genauestens nachgefragt, was es mit dem Chirurgenkongress in Düsseldorf auf sich hatte. Was die beiden sich für ihre Zukunft vorstellten. „Wichtig ist, dass wir zusammen sind. Alles andere will jedoch noch gestaltet werden.“

„Doktor Meier, habe ich das richtig verstanden – Sie haben gekündigt und keinen neuen Job in Aussicht? Warum in aller Welt kündigt man eine Stelle – ohne eine Perspektive zu haben?“
Marc hatte geantwortet – mit seinem Chirurgenherz auf der Zunge: „Frau Professor... Ich kann so nicht arbeiten. Ich bin Mediziner, kein Dienstleister. Nichts anderes ist die Plastische Chirurgie in der Form, wie Doktor Temelova sie praktiziert. Medizinisch unnötig. Die Klinik Alsterpark hat eine lange Tradition in der Unfallchirurgie und Orthopädie. Diesem Ruf bin ich nach Hamburg gefolgt. Tatsächlich handelt es sich um eine Privatklinik mit der Spezialisierung, eine Spielwiese für gelangweilte Geldgattinnen zu sein. Im letzten Jahr beläuft sich der Anteil auf medizinisch relevante Therapien und Behandlungen auf keine 20 Prozent mehr. Mit Verlaub – dafür bin ich zu gut!“

Er war nicht sicher gewesen, ob er den Bogen überspannt hatte. Doch seine Freundin konnte ihn beruhigen. „Natürlich hätte man es diplomatischer ausdrücken können. Aber meine Oma schätzt offene Worte. Und Deine waren ehrlich, durchdacht und nicht aus einer Laune entsprungen.“

Nachts

Vermutlich hätte er sich schon einhundertmal hin und her gedreht. Doch eine wundervolle Frau schlief seelenruhig in seinen Armen und verhinderte unkontrollierte Bewegungen. Je länger er reglos da lag, umso mehr arbeitete sein Gehirn.
„Wichtig ist, dass wir zusammen sind. Alles andere will noch gestaltet werden.“

Alles andere. Gretchen hatte ein Leben in Köln. Einen Job, eine Wohnung, Freunde. Was hätte Hamburg ihnen zu bieten? Was konnte er ihr in Hamburg bieten? Außer einer schicken Dachterrassenwohnung. Immerhin, die hatte er noch. Ansonsten? Weder einen Job noch Freunde. Im Grunde hatte er nur zwei. Mehdi und Cedric. Beide waren in Berlin.
Berlin, die dritte Option. Oder vor Hamburg sogar eher noch die Zweite? Mit Berlin hatte Gretchen selbst schon geliebäugelt. Weniger wegen Berlin, mehr, um ihr Elternhaus zu schützen.
In Berlin hätte er sicherlich gute Chancen, Professor Haase auf dem Chefarztsessel abzulösen. Doch wollte er das? Sowohl Cedric als auch Mehdi berichteten immer wieder, wie schwierig es mit der StaBe geworden sei.
Marc dachte an die Zeit, als ihn das Herz von Professor Haase in die Leitungsfunktion gezwungen hatte. Definitiv hatten ihn diese Erfahrungen weiter gebracht. Vor allem hatte er das gute Gefühl genossen, das jahrelange Vertrauen des Professors zurückzuzahlen.
Er hatte Verantwortung gelernt. Er hatte sich gekümmert. Um das Krankenhaus mit allen seinen Angestellten. Er hatte sich engagiert. Sabine, im Frühjahr würde ihre Umschulung beendet sein. Die Assistenzärzte. Gut, Knechtelsdörfer kümmerte sich um mittlerweile drei Kinder. Eine pubertierende Sechzehnjährige und zwei Windelpupser. Herr Stern, seit einem Jahr Doktor Stern, müsste im nächsten Jahr seine Assistenzzeit beenden. Ebenso wie Doktor Cornelius, einer der Hamburger Assis.
Seine Assistenzärzte hatten ihn abgehalten, die Kündigung schon früher einzureichen. Seit er sich im Frühjahr intensiv mit der Zukunft der Medizin beschäftigt hatte, fühlte er sich an der Klinik Alsterpark fehl am Platz. Unterforderung. Langeweile.

Fordern würde ihn sicherlich die Lage des EKH in Berlin. Sicherlich, nach Hause zu gehen, war ein schöner Gedanke. Doch reichte ihm das – nur ein schöner Gedanke? Sentimentalitäten. Sowohl das EKH als auch die Villa. Welchen Spielraum hatten sie beide dann noch?

Was erwartete ihn in einem Leben mit Gretchen?

Heiraten und Kinder kriegen!

Vermutlich. Doch in Gretchen hatte er die Partnerin, die er brauchte. Persönlich, als Mensch und beruflich, als Mediziner. Der Ausflug nach Düsseldorf hatte ihm gezeigt, dass sie – so unterschiedlich ihre fachlichen Kompetenzen waren – die gleichen Erwartungen, die gleichen Fragen an die Medizin stellten. Er hatte sie beobachten können, als er sie spontan auf Hausbesuchen begleitet hatte. Die alte Frau Römer hatte ihn beeindruckt. Ihm eine neue Sicht auf Krankheiten und Heilung gegeben. Sie war deutlich vom Krebs gekennzeichnet, doch sie lächelte ihrem Ende entgegen. Würdevoll. Gretchen hatte ihm von der bewussten Entscheidung gegen eine Therapie erzählt. Die Patientin und ihre Familie wurden seit dem Tag von Gretchen und ihrem Chef begleitet und beraten, von Psychologen betreut. Selbstbestimmungsrecht, Patientenverfügung, Pflege, Versorgung.

Als Chirurg hatte er sich nicht mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Sein Job war die chirurgische Bekämpfung der Krankheiten. Bis in die letzte Konsequenz. Hatten seine Patienten wirklich immer eine Wahl gehabt oder hatte man sie von vornherein manipuliert. Er wusste es nicht.

Vorsichtig, um seine schlafende Zukunft nicht zu wecken, versuchte Marc, sein Smartphone vom Nachttisch zu fischen. Mit ihm verschwand er unter einem Vorhang goldblonder Locken, die das Licht des Displays nach außen hin dämpften. „Ausbildung Palliativmedizin Köln“

Sein Gehirn saugte Informationen wie Gretchen Kakao. Weitere Suchbegriffe waren: „Universität Köln“ „Juniorprofessor“, zuletzt „Wohnungen Köln“.

Wenn Gretchen einverstanden war, und irgendwie war er da sicher, würden sie „alles andere“ in Köln gestalten.

„Marc? Was tust Du da?“
„Schlafen?“
„Achso.“
„Ich glaube, ich würde unser Leben gerne in Köln gestalten.“
„Hm. Ist gut.“ Ein unbewusster Kuss auf seine nackte Haut und schon war die Schönheit wieder eingeschlafen. Marc lächelte. Bestimmt hatte sie seine Bemerkung nicht wirklich wahrgenommen.


Doch erstmal war sein Geist befriedigt, er hatte einen Plan. Es dauerte nicht lange, da folgte er seiner Zukunft ins Land der Träume.

Karo Offline

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Heute 01:42
#17 RE: Karo´s Adventskalender Zitat · antworten

Sonntag, 17. Dezember 3. Advent

Hamburg


Später Vormittag (Der Klang von Weihnachten/Winterdepression)


Hatte Marc sich in seinem bisherigen Leben nicht viel aus der Vorweihnachtszeit gemacht, machte ihm diese Zeit in diesem Jahr sehr viel Freude. Und er war nicht mal sicher, ob der Hormoncocktail, der seit geraumer Zeit durch seine Adern floss, daran Schuld hatte. Diese Hormone waren rosa. Das andere, Weihnachten, grün, rot und gold. Das war seiner Meinung nach ein Unterschied. Beides sprach seine Sinne an. Er liebte den sinnlichen Geruch von „rosa“. Aber auch „grünrotgold“ hatte einen eigenen, besinnlichen, Charakter. Würzig, aromatisch. Süß, warm, harmonisch.

„Weihnachten, mit allen Sinnen genießen“. So stand es heute auf der Karte. Wortlos reichte Marc das Papier an Gretchen. Er liebte den Klang ihrer Stimme, wenn sie ihm ihre eigenen kleinen Botschaften vorlas. Das dunkelblaue Pappschächtelchen allerdings öffnete er selbst. Ein silberfarbener USB-Stick mit einer Gravur. „Der Klang von Weihnachten.“

Lieber Marc,

Weihnachtsmusik gehört für mich zu Weihnachten dazu. Es ist sogar essenziell wichtig. Weihnachten wäre ohne die richtige Musik nicht Weihnachten. Ich meine ganz bestimmt nicht die Art „stressverursachendes Kaufhausgedudel“. Im Gegenteil. Stimmungsvolle Lieder gibt es genug, fast mehr, als man in der Adventszeit überhaupt hören kann. Bekannt ist nur die Spitze des Eisbergs. Chris Rea, Bing Crosby, Ella Fitzgerald... Frank Sinatra oder Dean Martin... schöne Melodien, die gut durch die Mainstreamohrwindungen gehen. Dann gibt es die klassischen deutschen Weihnachtslieder. „Vom Himmel hoch...“, „Kling Glöckchen, Klingelingeling“, „Oh Tannenbaum“. Man lernt sie schon als Kind und vergisst sie gerne wieder – zu peinlich waren die erzwungenen Darbietungen für Omas, Opas, Tanten und Onkel. Verschweigen darf man auch nicht die „schwere Kost“. Weihnachtskonzerte, Weihnachtsoratorien und besonders die „Wiegenlieder“ für das neugeborene Christuskind.
„Der Klang von Weihnachten.“
Nehmen wir uns jeden Tag Zeit für einen dieser Titel. Ganz bewusst. Gewähren wir dem Klang den Raum und die Atmosphäre, den er braucht, um in unsere Seelen vorzudringen. Ganz bewusst. Dann kann man ihn genießen, den Klang von Weihnachten.

Dein Gretchen



„Du bist so wundervoll, Prinzessin.“
„Ich gebe mir Mühe.“ Sie kuschelte sich in Marcs Umarmung. „Weihnachten ist etwas, das man von klein auf lernt. Oder nicht, wie auch immer. Nimm beispielsweise meinen Papa. Er folgt Jahr für Jahr einem Fahrplan. So kennt er es, so will er es. Nicht geklärt ist, ob er das bewusst will oder nicht? Folgt er damit den Vorstellungen, die andere ihm implantiert haben?
Man muss selbst herausfinden, was einem wichtig ist. Sonst macht einen das Drumherum verrückt. Nicht umsonst wird Weihnachten eher als Stress, Streit und Arbeit empfunden. Warum? Wir haben das Glück, dass Weihnachten in der sogenannten dunklen Jahreszeit liegt. In Sanssouci habe ich bei 45 Grad Sonnenhitze gefeiert. Da ist nichts mit Gemütlichkeit. Klar, Singen, gutes Essen, das gab es auch da. Aber es war nicht das Gleiche.
Die dunkle Jahreszeit. Wintermonate. Eine Zeit, in der die Menschen früher zur Ruhe kamen. Nicht umsonst wurde ein Wirtschaftsjahr von November bis November gezählt. Die Felder waren bestellt, die Ernte eingefahren. Bis zum Frühjahr hielten die Menschen inne, sammelten Kraft für das neue Arbeitsjahr.

Heute schließt sich ein Jahr nahtlos an das nächste. Ein pausenloses Streben nach Zahlen. Nach Geld. Die Jagd nach Erfolg und dem vermeintlichen Glück. Das ganze potenziert sich im Dezember dann alljährlich zu einer großen Konsumschlacht.“

„Genau der Grund, warum ich mich da immer gerne ausklinke. Die Menschen, so verrückt sie eh schon sind, werden noch bekloppter gemacht. Nicht umsonst steigt die Zahl der Psychos. Depression als Volkskrankheit... dafür soll man dann noch Verständnis haben. Denk an den Idioten, der sich vor zwei Wochen vor den Zug geworfen hat. Es ist jedermanns freie Entscheidung, sich das Leben zu nehmen. Aber nicht, gleichzeitig das von anderen zu zerstören.“

„Das war aber schon immer so. Die Wintermonate sind die Zeit der Depressionen. Nicht, dass sie vorher nicht auch schon da gewesen wären. Aber mit Licht – Tageslicht – kann unser Körper diese kontrollieren. UV-Strahlung ist so wichtig für die Vorgänge in unseren Zellen.“

„Das wird Dir jeder Hautarzt bestätigen.“

„Zu viel ist nicht gut, zu wenig ist nicht gut. So ist es doch immer. Und im Winter ist es einfach zu wenig. Ich empfehle meinen Patienten ab September die Einnahme von Vitamin D3. Gut wäre sicherlich auch ein Urlaub irgendwo in der Sonne. Was ich letztes Jahr übrigens gemacht habe. Eine Woche Karibik im Januar. Alleine. Ich und meine Bücher.“

„Hm.“ Vor seinem geistigen Auge...

(„Nein, Du stellst Dir Gretchen jetzt nicht vor...“)

(„Vielleicht können wir dieses Mal ja zusammen...“)


„Wo waren wir? Ach ja, Winterdepression. Wie gesagt, ich bin überzeugt, das liegt nicht an Weihnachten. Weihnachtsstress als solches hat jeder selbst in der Hand. Man muss es halt lernen, sich nicht von äußeren Zwängen beherrschen zu lassen. Ich kann das verstehen, wenn man sich da – wie Du – lieber ausklinkt und sagt, dass man dem nichts abgewinnen kann. Jeder muss seinen Weg dadurch finden.
Ich mag die Adventszeit. Sie hat so viel Potential, Menschen zufrieden zu machen. Ich sage nicht glücklich.
Man muss aussortieren. Was habe ich liebgewonnen, was kann weg? Offen sein, Neues auszuprobieren. Es zulassen. So wie Du gerade. Wir. Ich überdenke jeden Schritt, jede Kerze, die ich aufstelle. Ob es nicht zuviel für Dich wäre. Weihnachten ist veränderlich. Mein Weihnachten. Unser Weihnachten. Ganz anders, wenn Kinder ins Spiel kommen. Überhaupt Familie. Wer sagt, dass es Pflicht ist, mit der Familie zu feiern? Zwanghaft Gespräche zu führen, wenn das ganze Jahr keine Gesprächsbasis da ist. Warum muss man an Weihnachten Besuche machen, die man das ganze Jahr nicht macht? Warum macht man sich zum Sklaven bestimmter Abläufe, weil es andere verlangen?
Ich habe das erst hier in Köln gelernt, den Advent zu genießen. Zu entschleunigen. So wie es das Wesen Mensch braucht.“
„Ich lerne gerade zu genießen. Auch den Advent. Aber vor allem Dich. Weil mein Wesen Dich braucht. Mit allem. Auch mit Weihnachten.“
„Ist es denn schlimm?“
„Oh nein. Kam das jetzt so rüber?“
„Hm.“
„Eigentlich wollte ich ausdrücken, dass ich froh bin, es zugelassen zu haben. Dass Du mir Weihnachten zeigst. Auch wenn wir gleich einen Besuch machen werden, den man das ganze Jahr nicht macht. Beziehungsweise noch nie gemacht hat.“
„Offen für Neues... dazu darf auch der Adventstee bei einer älteren Nachbarin zählen.“



15:00 Uhr (Weihnachtstee beim Nikolaus)

Pünktlich drückte Gretchen auf den Klingelknopf der Nachbarin. Da Marc mindestens über Weihnachten wenn nicht sogar über Silvester in Köln sein würde, hatte er Inge Wagner bitten wollen, gelegentlich nach seiner Wohnung zu sehen. Kurzerhand hatte sie eine Einladung zum Adventstee ausgesprochen.
„Sie sollten doch nichts mitbringen!“ Die ältere Dame sah auf die hübsche Tüte mit selbstgebackenen Plätzchen. „Ach – das waren Sie?“ Noch immer rätselte man im Haus, wer den Kindern die rosa-weiß verzierten Plätzchen in die Stiefel gesteckt hatte. „Max war angesichts seiner plötzlich blitzblanken Stiefel ziemlich beeindruckt.“

Marc spürte, dass Gretchens Blick ihn durchbohrte. „Als würde ich Schuhe putzen.“ Der Chirurg sah seine Hände an und schüttelte den Kopf. „Nein, die mache ich mir an Dreckstiefeln nicht schmutzig!“

(„Aber an mir?“)

(„Nur an Dir!“)


Sie grinsten und Inge Wagner lachte. „Keine Sorge. Ein Geheimnis ist gut bei mir aufgehoben!“
„Äh, das glaube ich jetzt weniger.“
„Marc – Schatz. Du kannst doch Frau Wagner nicht als Petze bezeichnen?“ Gretchen zwinkerte der weißhaarigen Dame zu. „Deinen Wunschzettel habe ich vom Nikolaus bekommen.“
„Genau, Hasenzahn. Und ich bin der Weihnachtsmann.“

„Leibhaftiger! Da fange ich mit vierundsiebzig Jahren wieder an, an den Weihnachtsmann zu glauben. Sogar ein Weihnachtspaar!“

Egal ob als Weihnachtsmann oder Chirurg, Marc bevorzugte Kaffee. Auch in der Adventszeit. Tee war etwas für... seine Mutter zum Beispiel.

„Wie das duftet!“ Bestimmt hatte Gretchen seine Gedanken geahnt. „Ja, so riecht Weihnachten.“
„Das ist ein Weihnachtstee. Nach einem überlieferten Familienrezept. Meine Schwiegertochter führt unser Teehaus an der Ostsee nun in vierter Generation. Mein Sohn behauptet immer, sie hätte ihn nur deswegen geheiratet. Sie sieht das natürlich genau anders herum – er hat sie nur genommen, dass er sich nicht drum kümmern muss.“
„Na, dann ist ja alles gut.“ Gretchen lachte.
„Ja, mittlerweile sehe ich das auch so. Auch wenn es albern ist – anfangs hätte ich lieber unsere Tochter darin gesehen. Aber sie hat sich nie dafür interessiert, während meine Schwiegertochter darin völlig aufgeht.“
„Blut ist dicker als Wasser. Das war schon immer so.“
„Wie gut, dass Tee mit Wasser aufgegossen wird. Naja, man muss halt immer wieder offen für Neues sein. Ach Doktor Meier – Sie bevorzugen ja eher Kaffee. Ich kann Ihnen auch...“

(„Offen für Neues sein...!“)

„Nein, Frau Wagner, lassen Sie mal. Es ist alles gut, wie es ist!“


Abends (Badewannen-Luder)

„Wie Weihnachten schmeckt kann ich also raus nehmen.“ Grinsend stand Gretchen vor Marcs Adventskalender.
„Finger weg!“ Behände sprang Marc über die Couch und zog die freche Blondine von der Wand weg. „Untersteh Dich. Der steht unter meinem persönlichen Schutz!“
„Ja, aber Frau Wagner hat in der Lektion vorgegriffen. Und ehrlichgesagt – besser hätte ich es nicht machen können.“
„Dazu bräuchte ich den Vergleich.“ Vorsichtig hängte er die Schnur ab. „Den nehme ich mal vorsichtshalber in meine Tasche. Wann hattest Du vor, Deine zu packen?“ Da Marc nicht arbeiten musste, hatten sie beschlossen, ganz früh am Montag zu fahren. Gretchen konnte im geräumigen Volvo schlafen, dass sie wenigstens halbwegs ausgeruht in der Praxis erscheinen würde.
„Wenn wir aus der Wanne kommen?“
„Äh, was?“
„Badewanne Marc. Das Ding in Deinem Bad. Man benutzt es für gewöhnlich, um zu baden. Daher der Name.“
„Ist ja unglaublich...“ Seine Blicke glitten am Körper seiner Freundin hinunter.
„Das ist mein Körper. Aber Du hast recht – der ist auch unglaublich. Aber sag mal... können Deine Hände mich genauso gut ausziehen, wie es Deine Blicke schon getan haben?“
„Du bist ein Luder. Mein Badewannen-Luder. Abmarsch.“ Er drehte sie um und schob sie – mit seiner Hand an ihrem Po – die Treppe hinauf. Bald sprudelte heißes Wasser aus dem Hahn.
Gretchen schmunzelte. „Eine Badewanne kann ich nicht bieten. Also genieß es, nochmal so richtig sauber zu werden.“
„Erstmal werde ich mir jetzt meine Finger schmutzig machen, Badewannen-Luder.“
„Ach... jetzt doch?“
„Das eine waren Schuhe, das andere bist Du. Da gibt’s einen großen Unterschied.“
„Der wäre?“
„Schuhe sind passiv schmutzig, Du hingegen...“
„Du bist jetzt mal still, Doktor Meier.“ Mit einem verführerischen Augenaufschlag und einem Hauch von einem Kuss begann Gretchen ihren Freund aus seinen Klamotten zu schälen.

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