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Dieses Thema hat 3 Antworten
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 Erfindet eure eigene Fortsetzung!
Nachteule Offline

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Beiträge: 193

24.12.2016 18:21
Nachteules Romantische Specials Zitat · antworten




Doctor’s Kind of a romantic Christmas






Hallo, meine Lieben!
So, ich dachte mir, ich versuch's auch mal. Ich habe in den letzten paar Tagen an einer Martchen-Weihnachtsgeschichte geschrieben. Es ist ein von allen anderen Handlungen völlig unabhängiger One-Shot voller Liebe und Romantik in diesen allgemein nicht leichten Tagen und soll euch das Christfest ein wenig versüßen. Geschrieben ist die Geschichte aus Marcs Sicht. Ich hoffe, es ist mir gelungen und ihr habt ein wenig Freude beim Lesen.
Eure Bibi










„Sag mal, hast du den Hintern offen?“ brülle ich aus meinem Oberarztbüro raus in den Stationsgang. „Hasenzahn, mein Büro ist dekofreie Zone, merk dir das mal!“ Ziemlich sauer starre ich auf das Kerzen-Tannenzweige-Gewusel auf meinem Schreibtisch, garniert mit einem fett grinsenden Schokoweihnachtsmann als i-Tüpfelchen obendrauf. „Außerdem weißt du ganz genau, dass ich, im Gegensatz zu dir, keine Schokolade esse“, füge ich lautstark hinzu.
„Marc, hab dich doch nicht so“, höre ich Gretchens Stimme irgendwo aus dem Flur. Und schon erscheint ihr süßer, blonder Lockenkopf im Türrahmen zu meinem Arbeits- und Sprechzimmer. Sie klimpert mit ihren langen, dunklen Wimpern und grinst mich an. „Ist doch nur einmal im Jahr Weihnachten“, säuselt sie. „Da gehört eine schöne Weihnachtsdeko doch dazu. Und außerdem“, sie schiebt ihre Unterlippe vor wie ein schmollendes Kindergartenkind, „habe ich es doch nur gut gemeint.“
„Ist ja gut“, sage ich etwas friedlicher. Sie hat mich schon wieder! Wie könnte ich diesen hinreißenden, blauen Kulleraugen auch widerstehen? „In ein paar Tagen kann ich den Kram ja wieder wegräumen“, ergänze ich und versuche versöhnlich zu klingen. Ich gehe ein paar Schritte auf „meinen“ Hasenzahn zu, bis wir nah genug voreinander stehen und nehme sie in den Arm. Ich drücke ihr einen zarten Kuss auf den Haarschopf und streiche ihr liebevoll über ihren Rücken. „Du weißt doch, dass ich es nicht so mit Weihnachten habe. Ich glaube eben nicht mehr an den Weihnachtsmann und an das, was uns die Bibel ständig weismachen will.“
„Ja“, murmelt sie und drängt ihr Köpfchen eng an meine Brust. „Ich weiß ja, dass du der deutsche Grinch bist. Der amerikanische hat übrigens irgendwann eingesehen, dass Weihnachten doch ganz schön ist. Also habe ich bei dir immer noch Hoffnung, dass du es auch noch merkst.“
„Da hast du aber ein hartes Stück Arbeit vor dir“, lache ich leise und genieße die Kuschelminuten, denn eigentlich sind wir immer noch im Dienst und haben normalerweise keine Zeit für solch private Gefühlsduseleien. Und so ist es dann ein paar Augenblicke später auch.

„Herr Doktor, Frau Doktor“, ruft Sabine und kommt in Windeseile angerannt. Ich verdrehe die Augen, lasse Gretchen aber dennoch nicht los.
„Was?!“ zische ich meine Stationsschwester an.
„Ein Notfall“, keucht die kleine Person vor uns atemlos. „Ein Kind hat sich irgendwie an Kerzen verletzt und verbrannt. Der Rettungswagen ist schon unten angekommen.“

Gretchen und ich eilen in die Notaufnahme. Kaum dort angekommen, sehen wir auch schon die Rettungssanitäter mit der Trage vor uns.
„Was haben wir?“ frage ich routinemäßig.
„Dreijähriger Junge“, beginnt Sanitäter Gordon runterzurattern. „Hat den Kopf zu Hause in den angezündeten Adventskranz gesteckt. Dabei fingen die Haare Feuer. Hat sich schwere, hochgradige Brandverletzungen zugezogen. Wir haben die Wunden steril abgedeckt und ein Schmerzmittel gespritzt. Atmung ist soweit gut. Das Kind hat einen Schock. Die Mutter auch.“
Hinter Gordon erblicke ich schon einen besorgt dreinblickenden Mann und eine sichtlich geschockte Frau. Gretchen übernimmt die Initiative und geht sofort auf beide zu. „Sind Sie die Eltern?“ fragt sie so freundlich, wie sie nur kann. Ich bewundere sie insgeheim für ihr Einfühlungsvermögen. Ich an ihrer Stelle hätte diesen Rabeneltern gleich mal die Leviten gelesen, von wegen echte Kerzen am Adventskranz zu haben, wenn man ständig damit rechnen muss, dass diese in die Hände eines unwissenden kleinen Kindes geraten können. Oder eben, wie in diesem Fall, der Kinderkopf leicht Feuer fängt, so wie bei Pauline im Struwwelpeter. Warum muss ich eigentlich in diesem tragischen Moment an dieses blöde Buch denken? Ich spüre den Kloß im Hals aufkommen, denn ich erinnere mich unwillkürlich daran, dass mein Erzeuger mir dieses Buch früher oft vorgelesen hat, bevor er meine Mutter und mich von einem Tag auf den anderen im Stich ließ. Sofort schiebe ich diesen quälenden Gedanken beiseite, denn ich bin als Arzt ein absoluter Profi und kann mich in Windeseile wieder auf meinen Job und den Notfall vor mir konzentrieren.

„Wir übernehmen dann“, sage ich nach einer Weile in einem oberlehrerhaftem Tonfall zu Gordon, dessen Augen wieder einmal viel zu sehr auf Gretchen kleben. Untersteh dich, Bursche, denke ich. Das ist immer noch MEINE Freundin, und das schon seit vier Monaten, seit ich sie erfolgreich davon abgehalten habe, für ein ganzes Jahr nach Afrika zu fliegen. Kein anderer Mann legt auch nur gedanklich seine Finger an sie, du schon gar nicht, du schleimiger Sanitätsfuzzi!

Hasenzahn und ich untersuchen den verletzten Jungen kurze Zeit gemeinsam, während die sorgenvollen Eltern draußen vorm Schockraum warten. Das Untersuchungsergebnis zeigt uns, dass das Kind eine zweigradige Verbrennung an der Kopfhaut und teilweise auch im Gesicht hat. Eine Operation ist nicht zu verhindern. Ich weise Schwester Sabine an, die OP zügig vorzubereiten.
„Wie gehen wir vor?“ wage ich es, meine Assistenzärztin zu prüfen.
„Ich würde sagen“, antwortet diese mir nachdenklich, „dass wir eine tangentiale Nekrektomie durchführen.“
„Sehr gut“, lobe ich sie. Sie hat ja auch vom Besten gelernt, sprich, von MIR. „Und wie machen wir das?“ teste ich sie weiter.
„Wir entfernen mit den Versajet die betroffene Epidermis und das Corium und verwenden für die entfernten Stellen Biobrane als Hautersatz.“ Man merkt einfach, dass Gretchen eine solche OP nicht zu ersten Mal durchführt, das heißt, dass ich sie durchführe und sie mir dabei assistiert. Dennoch lasse ich sie während des Eingriffs zahlreiche Handgriffe selbst machen und bin hinterher mehr als zufrieden mit ihr. Und das liegt nicht daran, dass sie meine Freundin ist, also, nicht nur. Sie ist einfach eine verdammt gute Ärztin. Ich bin stolz auf sie.

Der kleine Junge hat die OP gut überstanden und wird auf die ITS gebracht. Damit haben Hasenzahn und ich endlich Feierabend. Und das ist auch gut so. Ich bin müde von der vielen Arbeit heute und will eigentlich nur noch unter die Dusche und dann ins Bett. Aber Gretchen sieht das ein wenig anders. Sie hat ihre Gründe dafür, denn ich habe es vor lauter Notfällen, Not-OPs und Papierkram ganz vergessen. Heute ist Heiligabend.

„Meine Eltern warten sicher schon mit dem Essen“, drängt meine Freundin mich, als ich gerade meinen Arztkittel in meinem Spind verstaue.
„Och Mensch“, maule ich und ziehe eine abwertende Grimasse. „Muss das denn auch noch sein? Kannst du nicht alleine dahingehen und einen auf heile Familie machen?“
„Ich verspreche dir, es dauert nicht lang“, haucht sie mir verführerisch ins Ohr und küsst mich zart auf die Wange. „Nur das Essen und die Geschenke, ein bisschen Plaudern und dann fahren wir nach Hause und beenden den Heiligabend zu zweit.“ Bei diesen Aussichten kann ich nicht hart bleiben. Okay, sie hat mich überzeugt. Ich fahre mit ihr zu ihren Eltern und verbringe ein paar spießige Stunden mit ihnen, stopfe mir Gänsebraten mit Kartoffelklößen und Rotkohl rein und probiere auch den Nachtisch, irgendetwas Schokoladiges, das aber wirklich gut schmeckt, obwohl ich ja nicht so der Typ für Süßkram bin. Aber da Frau Haase mich so lieb bittet, genehmige ich mir sogar noch einen Nachschlag und bin hinterher sowas von vollgefressen, man glaubt es kaum.

Den Haase-Familien-Heiligabend überstehen Gretchen und ich glanzvoll. Mit dem Professor habe ich mich gut unterhalten, vor allem über den Verbrennungsfall vorhin. Ich erzähle ihm haarklein, was wir gemacht haben, dass ich Gretchen bei der Operation eine Menge Handfreiheit gelassen habe und sie mehr als geglänzt hat dabei. Professor Haase ist ergriffen. „Sie hat ja auch meine Hände“, sagt er sichtlich stolz.
„Das hat sie wirklich“, stimme ich zu und meine es ernst. Schließlich habe ich selbst einst vom Professor mein Handwerk gelernt, als ich noch ein unbedeutender Assi war. Ist jetzt schon über fünf Jahre her. Tja, mit meinem Talent war ich irgendwann so gut, dass ich vorzeitig meinen Facharzt gemacht und kurze Zeit später meinen Oberarztposten auf der Chirurgie bekommen habe.

Nach dem Geschenketausch haben Gretchen und ich es sehr eilig, um nach Hause zu kommen. Zwar hat sie sich offensichtlich sehr über den Kinogutschein gefreut, den ich ihr geschenkt habe, aber das war ja erst der Anfang, was sie nur noch nicht ahnt. In meiner Wohnung habe ich nämlich noch eine Überraschung für sie. Ich habe mir wirklich große Mühe gegeben, mit nichts anmerken zu lassen, weiterhin den Weihnachtsmuffel zu geben und so zu tun, als gehe mir der ganze Festivitätenkram am Allerwertesten vorbei. Ist ja eigentlich auch so. Aber in diesem Jahr ist es um einiges anders. Es ist schließlich das erste Weihnachten, das wir, Gretchen Haase und Marc Meier, zusammen verbringen, als Liebespaar, das seit vier Monaten fest verbandelt ist und seit zwei Monaten offiziell in einer gemeinsamen Wohnung lebt. In den letzten Wochen ist mir klargeworden, dass noch die Krönung fehlt. Heute Abend ist es soweit. Hasenzahn werden die Augen aus dem Kopf fallen, wenn sie es erst einmal begreift, was ich da für sie verzapft habe.

Wir kommen gut voran auf dem Weg von Zehlendorf nach Charlottenburg, wo sich unsere Wohnung befindet. Je dichter wir an unserem Zuhause sind, desto nervöser werde ich. Tue ich das Richtige? Wie wird Gretchen reagieren? Will sie mich dann hinterher überhaupt noch, nach all den unguten Erfahrungen, die sie in den vergangenen Jahren gemacht hat? Aber wie soll ich das denn überhaupt wissen, wenn ich es nicht wenigstens versuche? Es hilft also nichts. Das Motto lautet, Augen zu und durch. Es wird schon schiefgehen. Oder besser nicht!

Da vorne ist das Mehrfamilienhaus, in dem wir seit knappen neun Wochen wohnen. Ich fahre mit dem Auto in die Tiefgarage und stelle es auf meinem eigenen Parkplatz ab. Galant helfe ich Gretchen beim Aussteigen. Sie lächelt. Sie ist glücklich. Sie macht mir unwissentlich Mut damit. Ich raffe also die Schultern und gehe mit ihr zusammen zum Fahrstuhl. Unsere Wohnung liegt im fünften Stock. Eine schicke Altbau-Eigentumswohnung mit vier Zimmern und möglicher Ausbaureserve im Spitzboden, wenn es denn mal notwendig sein sollte. Die Betonung liegt auf „wenn“!

Wir erreichen die Wohnungstür. Mit zittriger Hand schließe ich sie auf und lasse Gretchen vorangehen. Als sie das kombinierte Wohn- und Esszimmer mit offener Küche betreten will, halte ich sie jedoch auf. „Moment“, sage ich forsch und stelle mich ihr in den Weg. Sie guckt mich entgeistert aus ihren blauen Augen an.
„Marc Meier“, schimpft sie. „Was soll das? Darf ich nicht einmal in mein eigenes Wohnzimmer gehen?“
Ich setze ein unschuldiges Grinsen auf und versuche, somit die aufkommenden Wogen zu glätten. „Einen Moment, bitte“, sage ich. „Ein bisschen Geduld okay?“
„Na schön“, seufzt Gretchen. Ob sie etwas ahnt. Wie automatisch schließt sie die Augen. Sie ahnt wohl etwas. Gut, ist vielleicht auch ziemlich offensichtlich, dass ich sie mit irgendwas überraschen will. Und bevor ich das tue, gebe ich ihr noch schnell einen Kuss mitten auf den Mund. Ich kann einfach nicht anders. Sie sieht so süß aus, wie sie gebannt, mit geschlossenen Augenlidern, darauf wartet, dass etwas passiert. „So“, sage ich dann. „Du bleibst jetzt erst mal hier im Flur, bis ich dich hole! Aber wehe, du spickst!“
„Was wird das denn hier, Marc?“ siegt bereits ein Teil der natürlichen Neugier meiner Freundin.
„Das wirst du schon sehen“, antwortete ich kurz und verschwinde schnell im Wohnzimmer. Dort beende ich das, was ich den halben Vormittag, während Gretchen bereits zu ihrer ersten Tagesschicht ins Krankenhaus gefahren ist, vorbereitet habe. Ich begutachte mein Werk zufrieden, atme noch einmal tief durch und ziehe es dann durch. Jetzt oder nie, denke ich. Alles, was jetzt noch passieren kann, dass sie schreiend davon läuft. Oder das genaue Gegenteil davon.

Ich öffne endlich die Flügeltüren zu unserem Wohnraum und schnappe mir Gretchens Hand. Sie hat die Augen wieder geschlossen. Gut so! Ich führe sie ins Zimmer. Nach wenigen Metern bringe ich sie dazu stehenzubleiben. „Augen auf“, sage ich. Sie gehorcht sofort – und verfällt in ein ungläubiges Starren. Es dauert etwas, bis sie endlich Worte findet. Ich grinse. Das ist der erste Teil meiner Überraschung. Ihr Gesichtsausdruck ist für mich schwer zu deuten, aber damit habe ich gerechnet.
„Was ist denn das?“ fragt sie verdutzt und sieht auf das Sammelsurium von Ansichtspostkarten, Reiseprospekten, einem Miniaturtraumschiff aus Pappe und künstlichen Blumen, die einer Hawaii-Werbung würdig gewesen wären. Tatsächlich sieht unser Wohn- und Esszimmer annähernd aus wie die Auslage eines Reisebüros. Ich kann mir das Grinsen immer noch nicht verkneifen. So langsam macht mir das ganze hier richtig Spaß. Gretchens Mienenspiel ist zu herrlich, von überrascht, über verdutzt, bis zu nachdenklich. Scheinbar versteht sie wirklich nicht, was dieser ganze Kram hier ihr sagen soll. „Tadaaa, Überraschung“, sage ich fröhlich.
„Hä?“ Mehr kommt nicht aus ihrem offenstehenden Mund.
„Okay“, versuche ich ihr schließlich auf die Sprünge zu helfen. „Was siehst du hier alles?“
Sie sieht sich genau um und scheint es allmählich zu begreifen, denn ihr Gesichtsausdruck wird wieder deutlich entspannter. Ich glaube fast, dass sogar ein wenig Vorfreude darin zu erkennen ist.
„Du willst verreisen?“ fragt sie schließlich.
„Du hast es erfasst“, nicke ich. „Aber nicht alleine.“
„Und wer soll mitkommen?“ tut sie unwissend.
„Ach, Hasenzahn, was fragst du denn da noch, hm?“ Ich zwinkere ihr zu.
„Tja, da muss ich erstmal sehen, wann ich mir Urlaub nehmen kann“, beginnt sie zu grinsen. Endlich, sie hat es geschnallt. „Wohin geht es denn überhaupt? Hawaii? Karibik? Südsee?“
„Mauritius“, sage ich unvermittelt.
„Oh“, meint Gretchen nur und blickt ernst.
„Gefällt dir das nicht?“ frage ich sie leicht verunsichert.
„Oh, doch, doch“, antwortet Gretchen und fängt plötzlich an zu strahlen, ehe sie mir überschwänglich um den Hals fällt. „Das ist wirklich die schönste Überraschung, die mir je ein Mann gemacht hat“, flüstert sie mir ins Ohr.
„Das hoffe ich doch“, flüstere ich zurück. „Und was den Urlaub angeht, habe ich schon ein festen Termin.“ Gretchen lässt mich los und sieht mich erstaunt an.
„Und der wäre?“ fragt sie.
„Also“, beginne ich mit meiner Erklärung. „Wir starten am elften Februar…“,
„So schnell schon?“ unterbricht sie mich vorschnell.
„Ich bin noch nicht fertig“, sage ich streng und fahre fort. „Wir bleiben zehn Tage auf der Insel.“
„Dein Geburtstag ist am vierzehnten Februar, genau am Valentinstag“, ruft Gretchen mir in Erinnerung. Ich nicke.
„Genau“, bestätige ich. „Aber den feiern wir nur so am Rande, weil wir den Tag nämlich für was ganz anderes nutzen werden.“
„Und das wäre?“ fragt sie mich mit einem zuckersüßen Lächeln. Okay, ich denke, ich weiß, dass sie jetzt daran denkt, dass wir an dem Tag einen wahren Kamasutra-Marathon ausprobieren könnten. Vielleicht schaffen wir das ja sogar teilweise. Aber eigentlich will ich ja noch was ganz anderes.

Ich atmete tief durch, ehe ich antworte, denn jetzt kommt der schwierigste Teil meiner Überraschung. Schnell beuge ich mich über die Sofalehne und krame etwas unter einem der Sofakissen hervor. Ungläubig starrt Gretchen auf das kleine, dunkle Schächtelchen in meiner Hand. Das ist mein Stichwort. Ich knie mich vor sie hin, nehme ihre linke Hand in meine freie, halte ihr mit der anderen einen sauteuren, aber sehr schönen Verlobungsring entgegen und blicke ihr direkt in ihre Augen, die bereits leicht zu schimmern anfangen. „Gretchen Haase“, beginne ich langsam. „Ich weiß, dass das jetzt etwas schnell geht und du mit den Herren vor mir nicht die besten Erfahrungen gemacht hast. Aber ich bin mir absolut sicher, dass DU diejenige bist, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen und bei der ich es besser machen möchte als die Männer vor mir. Und darum frage ich dich hier und jetzt, ob du den wilden Macho in mir weiterhin zähmen und mich am vierzehnten Februar an einem einsamen Strand auf einer Insel inmitten des Indischen Ozeans heiraten möchtest.“
„Marc!“ Ich merke, dass Gretchen nicht nur mit der Fassung, sondern auch mit der Sprachlosigkeit ringt. Ich höre, dass ihr Atem schneller geht und spüre über die Hand, die ich festhalte, dass ihr Puls allmählich rast.

„Du brauchst nicht sofort antworten“, versuche ich die Situation zu entschärfen, da ich befürchte, dass Gretchen mir gleich hinterrücks auf den Boden fällt, so bleich, wie sie gerade im Gesicht ist. Ob der Antrag wirklich so eine gute Idee war, nach allem, was sie hochzeitstechnisch bereits hinter sich hat? Doch dann kommt Gretchen plötzlich innerlich wieder zu sich. Sie strahlt wie die Sonne am blauen Himmel. Gott, das ist so schön, irgendwie romantisch. Mensch Meier, du bist ja ein richtiges Weichei geworden! Meine Herren Gesangsverein, diese Frau hat dich wirklich total umgekrempelt. Aber es fühlt sich alles richtig an, was hier gerade passiert. Ja, ich will diese Frau an meiner Seite, solange ich noch zu leben habe. Ich hoffe, sie sieht das auch so, denn bis jetzt hat sie noch nicht geantwortet. Ich sehe sie an, warte auf irgendein Wort, egal, welches. Meinetwegen auch ein „Nein“, aber ich ertrage alles. Ich bemühe mich um Geduld, aber ich kann nicht mehr drauf warten.

„Du brauchst noch Zeit oder?“ frage ich sie ernst. Sie erwidert meinen intensiven Blick und strahlt noch mehr. Eigentlich ist das doch ein gutes Zeichen oder? Fast so gut wie ein „Ja“?
„Marc, ich…“, fängt sie schließlich doch zu reden an. „Ich… ja, ja, ja! Ich will dich heiraten, am Strand von Mauritius, am vierzehnten Februar, an deinem Geburtstag. Ich will, will, will!“ Ist ja gut! Einmal hätte mir als Antwort genügt. Aber ich bin glücklich, wirklich, sehr, sehr glücklich. Meine Traumfrau hat „ja“ gesagt. Wie geil ist das denn, bitte? In weniger als zwei Monaten wird dieses Hammerwesen meine Ehefrau werden, ganz offiziell. Ich kann es noch gar nicht glauben, dass sie den Antrag angenommen hat. Vor lauter Glück und Vorfreude auf unsere Hochzeit küsse ich sie zuerst sanft auf ihren bezaubernden Schmollmund, dann streife ich ihr den Verlobungsring über ihren Finger und küsse sie danach erneut, erst zart, dann immer leidenschaftlicher. Ich fühle mich, als wenn ich mindestens zehn Zentimeter über dem teuren Parkettboden schwebe. Ich bin verliebt in diese Frau, MEINE Frau, okay, fast. Noch ist sie nicht mehr als meine talentierteste Assistenzärztin, meine ehemalige, ohne Ende nervende Mitschülerin und ab heute meine wunderschöne VERLOBTE.

Wir lassen den Heiligabend so ausklingen, wie ich mir das von vorneherein ausgemalt habe, engumschlungen in unserem breiten Doppelbett. Wir küssen uns, streicheln uns und lieben uns wie noch nie zuvor, seit wir zusammen sind. Das ist wirklich das schönste Weihnachten, das ich jemals erlebt habe. Ich spüre es, nach jahrelanger Irrfahrt bin ich endlich sicher dort angekommen, wohin ich mich so lange gesehnt habe, dorthin, wohin ich wirklich gehöre, an die Seite der tollsten Frau auf der ganzen Welt, mein Gretchen.










Nachteule Offline

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14.02.2017 21:16
#2 Eine Hochzeit unter Palmen Zitat · antworten




Doctor’s Valentines Day






Hallo, meine Lieben!

Eigentlich sollte mein Weihnachtsspecial einzigartig bleiben. Aber der Wunsch meiner Leserschaft nach einer Sonderfolge zum Valentinstag wurde von mir erhört, wie ihr richtig lest. Und das hat auch einen Grund, denn wer sich noch an Gretchens und Marcs letzte Weihnachten erinnert, weiß, dass der
14. Februar für die beiden ein ganz besonderer Tag werden soll. Und deshalb geht es jetzt auf die Insel Mauritius. Und was die beiden dort vorhaben, das erfahrt ihr im Folgenden.

Geschrieben habe ich diesmal, wegen der Romantik, aus Gretchens Sicht und das Special wegen der Länge in zwei Teile aufgetrennt.
Bitte habt Erbarmen mit mir! Denn mit sowas, was Marc und Gretchen da vorhaben, habe ich wenig Ahnung, also mit dem Teil am Strand. Die Anregungen habe ich mir auf speziellen Internetseiten geholt, also auf harmlosen, um das gleich mal klarzustellen
Ich hoffe ganz doll, dass die neue Folge euch gefällt und wünsche euch viel Spaß beim Lesen. Falls ihr Kommis loswerden wollt, bitte die Kommiecke benutzen^^!


Eure Bibi









Teil 1 – Eine Reise ins Paradies


„Hasenzahn! Jetzt mach doch mal hinne und entscheide dich endlich, was du kaufen willst“, motzt Dr. Meier ungeduldig hinter mir. „Sonst kannst du dem Flugzeug gleich hinterher joggen.“
„Jahaa“, erwidere ich genervt. Dabei weiß Marc doch, dass ich nicht irgendeine Schokolade kaufen kann. Sie muss genauestens begutachtet und mit den anderen Sorten verglichen werden, ehe ich mich für eine von ihnen entscheiden werde. Schließlich soll die kostbare Tafel mir dabei helfen, meine ohnehin schon angespannten Nerven zu beruhigen.
Was nehme ich denn nun? Die weiße Schoko, Vollmilch oder doch lieber die Traube-Nuss? Hmpf, ich weiß es einfach nicht. Menno! Das ist aber auch richtig schwer heute. Die sehen alle so verdammt lecker aus auf den Bildchen, die auf der Verpackung aufgedruckt sind. Ach was! Ich nehme sie einfach alle drei. Damit verschiebt sich meine Entscheidung zwar nur, aber ich denke, ich esse sie eh alle innerhalb kurzer Zeit. Hauptsache, ich habe Schokolade in meinem Handgepäck.
Nachdem ich meine Schätze an der Kasse des Duty-free-Shops bezahlt und diesen mit gemächlichen Schritten verlassen habe, treffe ich in der Wartehalle unseres Gates wieder auf meinen Verlobten, der mich mit hochgezogenen Augenbrauen angrinst und dabei seine unwiderstehlichen Grübchen im Gesicht tanzen lässt.
„Na, hast du doch endlich die passende Kalorienbombe gefunden?“ spottet er und erntet dafür von mir nur ein simples Augenrollen. Männer wie er verstehen einfach nicht, dass Frauen wie ich ohne solch eine süße Nervennahrung nur schwer überleben können, vor allem an Tagen wie diesen. Schließlich betrete ich heute zum letzten Mal als Dr. Margarete Haase ein Flugzeug. Ich bin zwar schon oft geflogen, aber trotzdem bin ich immer noch jedes Mal ziemlich aufgeregt und sende insgeheim Stoßgebete gen Himmel, dass wir doch bitte heile am Ziel ankommen.

Unser Flug wird aufgerufen. Wir verlassen das Gate und begeben uns mit zahlreichen anderen Flugpassagieren in den Shuttlebus, der uns zu unserer Maschine fährt. Im Flugzeug besetze ich sofort den Fensterplatz, damit ich während des Fluges auf die Wolken unter uns blicken kann. Marc muss schmunzeln, als ich mich neben unseren reservierten Plätzen blitzschnell an ihm vorbeizwänge und mich in „meinen“ Sitz fallen lasse. Okay, vielleicht ist das ein wenig kindisch. Aber das Leben ist schon ernst genug, da darf man ab und zu ruhig mal ein bisschen Kind sein. Auf jeden Fall setzt er sich leise lachend und kopfschüttelnd neben mich, nachdem er unser Handgepäck in den Fächern über unseren Köpfen verstaut hat.

Unsere Reise geht nach Mauritius. Wir fliegen Business Class mit kurzem Aufenthalt und Flugzeugwechsel in München. Fast zwölf Stunden werden wir unterwegs sein. Aber da Marc ja so tief in die Tasche gegriffen hat für uns zwei, werden wir es schön bequem und gemütlich haben auf dem Flug. Ich wäre ja auch Economy Class geflogen, aber Marc meinte, er verdiene schließlich als Oberarzt genug. Und außerdem ist diese Reise für uns beide etwas Besonderes. Wir werden nämlich heiraten, schön romantisch am Strand, ausschließlich in Anwesenheit eines deutschstämmigen Standesbeamten, unserer Weddingplanerin Tiffany und einer von ihr engagierten Fotografin. Tiffany hat uns in den letzten Wochen nicht nur so toll bei der Organisation der Trauung und mit dem Papierkram geholfen, sondern ist für mich auch eine sehr wichtige Freundin geworden, mit der ich auf jeden Fall in Kontakt bleiben möchte und werde. Mein zukünftiger Göttergatte war zwar anfangs der Ansicht, dass wir das alles auch gut selbst auf die Reihe kriegen könnten, aber ich fühlte mich einfach sicherer mit einer professionellen Hochzeitsplanerin an unserer Seite. Schließlich habe ich schon einmal eine Hochzeit organisiert und weiß, wieviel Arbeit das ist. Und diese Hochzeit ist ja nun mal ganz speziell. Ich möchte einfach, dass alles perfekt ist an unserem großen Tag, nur für uns beide. Schließlich hat auch Marc eingesehen, dass Tiffany eine große Hilfe für uns ist.
„So haben wir auch gleich mehr Zeit für unsere Lieblingsbeschäftigungen“, meinte er augenzwinkernd bei unserem ersten Planungsgespräch mit Tiffany. Natürlich wusste ich sofort, worauf er anspielte und bin bestimmt rot wie eine überreife Tomate geworden.

Irgendwann auf dem Flug bin ich eingeschlafen. Als ich aufwache, bin ich zunächst orientierungslos und blicke verwirrt um mich. Zu meiner Linken entdecke ich meinen heißgeliebten Marc, der ebenfalls selig schlummert und stelle amüsiert fest, dass er ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht hat. So wie es unter seinen Augenlidern flackert, gehe ich stark davon aus, dass er gerade in seinem ganz persönlichen Traumland unterwegs ist. Ich beobachte ihn schon eine ganze Weile aus verliebten Augen, als er plötzlich anfängt, vor sich hinzumurmeln.
„Hier geht’s lang, Hasenzahn“, vernehme ich. „Nee, der Schokoautomat ist leer. Aber wenn du willst, kaufe ich dir morgen einen eigenen. Oder nee, gleich zwei. Wenn der eine dann leer ist, hast du immer einen auf Reserve.“
Wie süß, denke ich schmunzelnd und zugleich gerührt. In seinen Träumen liest er mir meine größten Wünsche von den Augen ab. Wäre schön, wenn er in der Realität auch so fürsorglich wäre. Obwohl, für seine Verhältnisse tut er wirklich viel für mich. Morgens sorgt er zum Beispiel dafür, dass ich immer mein Schokocroissant bekomme. Okay, er lässt dieses zusammen mit den normalen frischen Brötchen per bestelltem Lieferdienst kommen, aber immerhin bezahlt er diesen ja auch. Und das nur, weil ich darauf bestanden habe, dass wir an jedem Morgen zusammen frühstücken und er nicht mehr, so wie früher, mit leerem Magen aus dem Haus geht. Sein Frühstück bestand ja vor meiner Zeit lediglich aus einem Pott Kaffee, sowie einer Zigarette auf dem Balkon und einer im Auto. Das Rauchen konnte ich ihm leider noch nicht ganz abgewöhnen. Aber immerhin raucht er inzwischen keine ganze Schachtel am Tag mehr. So gesehen ein Teilerfolg für mich. Den Rest schaffen wir auch noch. Da bin ich mir ganz sicher.
Immer noch brabbelt Marc leise vor sich hin. Ich kann nur einen Bruchteil von dem verstehen, was er da so von sich gibt. Irgendwas von „Ja, Herr Professor“, oder „Hasenzahn, in den OP!“ Einmal vernehme ich auch ein „Nenn mich nicht Olivier, Mutter!“ Ich kann mir das Grinsen nun wirklich nicht mehr verkneifen. Marc scheint wild vor sich her zu träumen. Und selbst Elke lässt ihn im Traum nicht in Ruhe. Ebenso wenig wie mein Vater oder das Elisabethkrankenhaus.

Unwillkürlich sinke auch ich wieder in meine Gedanken ab. Ich denke an meine Eltern, die sich sehr für Marc und mich gefreut haben, als wir ihnen am zweiten Weihnachtstag von unserer Verlobung erzählt haben.

„Das ging ja jetzt ziemlich schnell“, meinte meine Mutter. „Ihr seid ja gerade ein paar Monate zusammen. Aber ich freue mich trotzdem so für euch.“ Dann umarmte sie uns nacheinander und mein Vater tat es ihr gleich, nachdem er Marc erst einmal einen väterlichen Warnschuss mitgegeben hatte.
„Meier, versauen Sie es diesmal nicht! Unser Kälbchen hat schon so viel mitgemacht in den letzten eineinhalb Jahren. Ich möchte einfach nur, dass sie endlich glücklich ist.“ Marc versprach es ihm kleinlaut.
Allerdings waren sie nicht besonders angetan von unserem Vorhaben, ohne die Familie und die Freunde auf einer weit entfernten Südseeinsel zu heiraten.
„Aber Kindchen“, hatte meine Mutter gemault. „Das geht doch nicht! An eurem großen Tag sollten die Familie und die engsten Freunde doch dabei sein.“
„Mama“, lautete mein Gegenargument. „Erstens habe ich schon einmal ‚normal‘ geheiratet und es ist nicht gut ausgegangen. Zweitens möchten Marc und ich etwas ganz Besonderes für unseren Hochzeitstag. Und diese sehr intime Strandhochzeit ist nun einmal das, was wir uns für uns zwei vorstellen. Wir heiraten in aller Stille, ohne das ganze Brimborium drum herum.“
Mein Vater war sehr viel verständnisvoller als meine Mutter.
„Butterböhnchen, wenn die Kinder meinen, dass so eine Hochzeit das Richtige für sie ist, dann sollten sie es auch so machen, wie sie es sich vorstellen. Hauptsache, sie sind glücklich miteinander.“
„Aber dann könnten sie es doch auch gleich bleiben lassen“, gab sich Mama beleidigt. Es sollte noch einige Tage dauern, bis sie sich an den Gedanken gewöhnt hatte, meine – hoffentlich – letzte Hochzeit lediglich auf Video ansehen zu können, nach unserer Rückkehr. Aber irgendwann, nach einer ganzen Weile des Schmollens, kam sie dann im Krankenhaus doch wieder auf mich zu und hat mich auf ihre ganz eigene mütterliche Art in die Arme geschlossen.
„Ihr müsst wissen, was ihr tut“, gab sie zu. „Wenn ihr findet, dass es für euch so okay ist, dann akzeptiere ich eure Entscheidung. Ich wünsche euch ganz, ganz viel Glück, mein Mädchen.“


Elke sah die Angelegenheit sehr viel gelassener. Marc berichtete mir nach dem Gespräch mit ihr, das er und sie unter vier Augen in ihrer Villa führten, ausführlich von ihrer Reaktion und von dem, was sie zu unserer Strandhochzeit gesagt hatte. Es war wieder einmal typisch für Elke, Marc die Vorfreude auf die Heirat zu trüben.
„Ich finde ja, dass Ehen heutzutage völlig überbewertet werden. Du hast ja gesehen, was bei deinem Erzeuger und mir dabei herausgekommen ist. Hätte ich heute die Wahl, würde ich mich nicht mehr derartig binden.“
Zu unserer geplanten Mauritius-Trauung meinte sie schließlich abwertend:
„Na, immerhin muss ich mir das Elend, in das du dich stürzen wirst, nicht persönlich mit ansehen.“

In diesem Moment, in dem sie den Satz ausgesprochen hatte, war Marc richtig wütend geworden, hatte ihr an den Kopf geworfen, dass sie ihm sein Glück, das er an meiner Seite gefunden hat, überhaupt nicht gönne und dass er froh sei, sie am Tag seiner Hochzeit und in den zwei Wochen danach nicht sehen zu müssen. Ohne ein Wort des Abschieds war er aus der Villa gestürmt, hatte sich in sein Auto gesetzt und war zornig nach Hause gefahren. Auf dem Heimweg war er so entrüstet gewesen, dass er schlichtweg durch die Stadt gejagt war. Letzten Endes hatte er so viel Zaster auf dem Tacho, dass er direkt in eine Radarfalle tappte. Den Brief von der Bußgeldstelle hat er vor ein paar Tagen erhalten. Dreißig km/h zu schnell innerhalb geschlossener Ortschaft, hundert Euro Strafe und ein Punkt im fernen Flensburg, das ist die Bilanz für seine Raserei. Ich muss zugeben, ich konnte mir ein schadenfrohes Schmunzeln nicht verkneifen, nachdem Marc mir den Brief gezeigt hatte. Darüber war er nur noch wütender geworden und hatte mir angedroht, die Hochzeit abzublasen, wenn ich nicht unverzüglich aufhöre, so dämlich vor mich hinzugrinsen. Und außerdem dürfte ich wochenlang nur noch die Blinddärme im OP machen. Okay, darauf habe ich nun gar keinen Bock. Also habe ich mich Marc zuliebe zusammengerissen und ihm gesagt, dass ich gaaaaanz großes Mitleid mit ihm habe, weil er ja nun um einen Hunni ärmer werden wird. Warum er mir daraufhin einen Vogel gezeigt und unverständlich vor sich hin motzend die Wohnung für geschlagene drei Stunden verlassen hat, begreife ich bis heute nicht.

Auf jeden Fall haben sich die Wogen bei uns zu Hause schnell wieder geglättet. Als Marcs Verlobte weiß ich natürlich, wie ich meinen wilden Tiger wieder handzahm bekomme. Ich legte mich also, nur mit meinen neuen Dessous am Körper, in unser überdimensional großes Designerbett und lächelte verführerisch, als Marc das Schlafzimmer betrat. Sofort hatte er sich auf mich gestürzt und scheinbar jegliche vorhandene Wut in seinem Bauch vergessen. Dafür bekam ich wieder einmal den Beweis dafür, was für ein grandioser Liebhaber mein Marci doch ist. So einen wie ihn hatte ich zuvor noch nie. Und eines muss man ihm lassen: so perfekt er in dieser Sache auch ist, er wird immer besser.




Ein Rascheln neben mir holt mich zurück aus meinen Gedanken. Ich blicke zu meiner Linken und sehe, dass Marc, inzwischen wieder hellwach, sich von seinem Sitz erhoben hat. Fragend sehe ich ihn an.
„Ich muss mal zur Toilette“, erklärt er mir.
„Okay“, erwidere ich nur und rutsche in meinem Sitz leicht hin und her, um eine bequemere Position einzunehmen. Noch immer steht Marc neben mir im Gang und sieht mich erwartungsvoll an.
„Was ist?“ frage ich ihn irritiert. Er beginnt anzüglich zu lächeln.
„Also, ich hätte gegen eine weibliche Begleitung nichts einzuwenden“, meint er allen Ernstes zu mir. „Eine wirklich sehr sexy Blondine, wohlgemerkt“, flüstert er mir verführerisch zu, während er sich behände wieder auf seinen Sitz schwingt und sich dicht zu meinem Ohr hinüber beugt.
„Marc!“ Ich bin peinlich berührt. Mein Verlobter will doch nicht tatsächlich mit mir zusammen auf der Flugzeugtoilette *Punkt-Punkt-Punkt*?! „Nicht hier!“ zische ich ihm leise entgegen.
„Warum denn nicht?“ fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen und den typischen, tanzenden Grübchen im Gesicht. „Soweit ich weiß, haben wir schon an vielen Orten gevögelt“, sagt er in einer wenig gedämmten Lautstärke, die mir wahrscheinlich sofort wieder eine deutlich sichtbare Gesichtsröte beschert hat. „Aber so ein Flugzeug fehlt noch in unserer Liste.“
„Jetzt hör aber mal auf damit“, flüstere ich bereits leicht hysterisch. Mein Gott, ist das peinlich! Ich versinke immer tiefer in meinem Sitz und hoffe, dass Marc endlich Land gewinnt, damit ich mich wieder beruhigen kann. Doch den Gefallen tut er mir – vorläufig – nicht. Stattdessen raunt mir leise ins Ohr:
„Ich gehe schon mal vor. Du kannst ja in ein paar Minuten unauffällig nachkommen.“ Dann läuft er zügig den Gang zu den Toiletten hinunter.

Fünf Minuten sind vergangen. Marc ist noch nicht zurück. Soll ich wirklich? Ich bin total unschlüssig. Ehrlich gesagt hätte ich schon Lust. Aber ich bin noch immer total befangen. Wenn die anderen Passagiere oder die Flugbegleiterinnen was mitkriegen! Das kann und will ich nicht riskieren. Also entschließe ich mich, die Zeit bis zu Marcs Rückkehr auszuharren. Wenn wir im Hotel sind, können wir ja oft genug *Mhm-Mhm-Mhm* haben.

Zehn Minuten sind um. Noch immer ist weder etwas von Marc zu sehen noch zu hören. Allmählich werde ich nervös. Ich fange an, mir die schrecklichsten Bilder auszumalen. Was, wenn es Marc schlecht geht, er plötzlich in der Toilettenkabine umgekippt ist? Oder ein Terrorist bedroht ihn gerade in der Economy Class mit einer Pistole? Und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Typ uns hier am anderen Ende des Flugzeuges auch noch was antun will, mit Marc als Geisel. Ich halte es nicht mehr aus. Ich muss einfach wissen, ob es Marc gut geht. Soviel Zeit verbringt er normalerweise nicht auf dem stillen Örtchen. Also stehe ich so unauffällig wie möglich auf und laufe langsam zu den Toiletten. Ich klopfe an der ersten Kabine. Keine Reaktion.

„Marc?“ frage ich leise. Keine Antwort. Ich betätige den Türgriff. Die Toilette ist leer. Ich gehe also auf die andere Seite. Dort das gleiche Spiel. Aber Marc ist doch eindeutig in diese Richtung gelaufen! Oh mein Gott, wenn das hier nun wirklich eine Flugzeugentführung ist und Marc wirklich als Geisel genommen wurde! Das überlebe ich nie und nimmer. Verstört mache ich mich wieder auf den Weg zurück zu unseren Plätzen. Als ich dort jedoch ankomme, grinst mir mein zuvor abtrünniger Verlobter frech ins Gesicht.
„Hasenzahn, wo warst du denn?“ hat er auch noch die Dreistigkeit mich zu fragen.
„Idiot“, lautet meine wütende Antwort. Ich zwänge mich an ihm vorbei zu meinem Sitz und lasse mich unsanft und scherzhaft drauffallen, so dass mir ein blauer Fleck an meiner rechten Pobacke wohl sicher ist, drehe mich eingeschnappt zur Seite und schmolle vor mich hin. In meinem Rücken höre ich Marc auf mich einreden.
„Hasenzahn, warum bist du denn jetzt sauer?“
„Lass mich“, knurre ich und mache keine Anstalten, mich wieder umzudrehen.
„Mensch, jetzt hab dich doch nicht so.“
„Boah, ich dachte, dir wäre was passiert“, presse ich immer noch zornig hervor.
„Wieso denn das?“ fragt Marc mit einem belustigten Unterton in der Stimme.
„Warum lässt du dir so viel Zeit, wenn du nur mal kurz austreten musst?“ frage ich zurück. Meine Stimme zittert dabei. Ich spüre die Tränen, die sich in meinen Augen sammeln.
„Hasenzahn, heulst du etwa schon wieder?“ Ich merke an seinem Tonfall, dass Marc inzwischen leicht genervt ist. Ich weiß zu gut, dass er nichts weniger ertragen kann, als wenn ich wegen ihm weine.
„Nein“, lüge ich und unterdrücke den Drang, lautstark zu schniefen.
„Du lügst“, höre ich meinen Verlobten hinter mir. „Ich weiß, dass du schon wieder am Flennen bist.“
„Na schön“, sage ich und drehe mich zu Marc um. „Ja, ich heule. Weil du so ein unsensibler Kerl bist.“
„Wieso denn das schon wieder?“ Entgeistert sieht Marc mich an. Klar, er ist sich mal wieder keiner Schuld bewusst. „Nur weil ich mal ein paar Minuten nicht auf meinem Platz war? Ey, ich habe bei den Toiletten auf dich gewartet. Aber du kamst ja nicht. Stattdessen warst du auf einmal verschwunden, als ich wieder zurückkam.“
„Weil ich dich genau dort gesucht habe, wo du angeblich auf mich gewartet hast“, erwidere ich noch immer schluchzend. Notdürftig wische ich mir mit meinem Pullover-Ärmel über mein nasses Gesicht. Plötzlich kramt Marc in seiner Hosentasche herum und hält mir daraufhin ein sauberes weißes Taschentuch vor die Nase. Dabei lächelt er mich mit seinem unwiderstehlichen Marc-Meier-Lächeln versöhnlich an.
„Dann haben wir uns wohl so gerade verpasst“, flüstert er in einem sanften Tonfall. „Na komm, Prinzessin. Ich will mich nicht drei Tage vor unserer Hochzeit mit dir streiten.“ Er streicht mir liebevoll über das Gesicht und schafft es, dass ich ihm nicht länger böse sein kann, wenn ich das denn wirklich jemals war, seit wir zusammen sind.
„Ich liebe dich“, hauche ich, wieder beruhigt, ihm leise entgegen.
„Ich weiß. Ich dich nämlich auch“, antwortet er, beugt sich zu mir rüber und gibt mir einen zärtlichen Kuss mitten auf den Mund. Allerdings lässt er schnell wieder von mir ab und sich in seinen Sitz zurücksinken. Dabei sieht er mich weiterhin aus seinen schönen grünen Augen an und lächelt immer noch. Ich strecke meine Hand zu ihm aus und er nimmt sie wortlos entgegen. Er streicht mir mit dem Daumen über die Handfläche und löst in mir ein wohliges Gefühl damit aus. In diesem Moment sind wir uns wieder einig. Die kleine Unstimmigkeit von vorhin rückt in ganz weite Ferne. Was jetzt zählt, ist die unbändige Vorfreude auf das, was vor uns liegt – unsere Hochzeit.

Ich muss in der Zwischenzeit erneut eingeschlafen sein. Ein sanftes Rütteln weckt mich aus meinem Traum, an den ich mich sofort nicht mehr erinnern kann. Verdattert blinzle ich und sehe neben mir das schöne Gesicht meines Zukünftigen.
„Wir landen gleich“, grinst er mich an. „Du solltest dich jetzt anschnallen.“
Ich setze mich leicht auf und nehme die beiden Gurtenden in die Hand. Obwohl ich schon oft geflogen bin in meinem Leben, kann ich mit diesen Dingern immer noch nicht richtig umgehen. Marc bemerkt meinen Kampf und erbarmt sich augenrollend, mir zu helfen. Gekonnt führt er die Gurtenden zusammen. Dankbar lächle ich zu ihm rüber. Er schnaubt einmal kurz und schnallt sich dann selbst an. Kurz darauf beginnt bereits der Landeanflug auf den Flughafen von Mauritius. Gespannt sehe ich aus dem runden Bullaugenfenster an meiner rechten Seite, wie unter uns allmählich eine Landmasse inmitten eines blauen Meeres sichtbar wird. Das muss Mauritius sein, nein, das IST Mauritius. Natürlich. Gretchen Haase, hast du’s also auch mal gerafft? Ich leide definitiv an Unterzuckerung. Dann kann ich nämlich nur schwer denken. Als erstes, so nehme ich mir vor, werde ich mir am Flughafen eine neue Tafel Schokolade besorgen. So geht das hier nicht weiter!

Am Flughafen erwartet uns Minuten später bereits Tiffany, die schon seit einer Woche auf der Insel ist und bereits für unsere Trauung die wichtigsten Vorbereitungen getroffen hat, so wie wir es bei unserem letzten Treffen in Berlin besprochen haben. Freudig fallen die brünette Halbamerikanerin und ich uns in die Arme.
„Wie geht es dir?“ frage ich sofort ernstlich interessiert.
„Super“, strahlt mir Tiffany, die bereits eine gesunde Sonnenbräune auf ihrer Haut bekommen hat, entgegen. „Und bei euch? Aufgeregt?“
„Es geht“, gestehe ich. „Ist zwar nicht meine erste Hochzeit, aber die erste, bei der ich mir sicher bin, dass diesmal alles richtig ist.“
„Das will ich meinen“, mischt sich Marc hinter mir ein und drängelt sich jetzt vor, um Tiffany ebenfalls gebührend zu begrüßen. Als ich meinen Verlobten in einer sehr engen und herzlichen Umarmung mit dieser attraktiven jungen Frau sehe, muss ich kurz schlucken. Dabei weiß ich doch, dass ich absolut keinen Grund zur Eifersucht habe. Schließlich mag ich Tiffany selbst sehr. Außerdem ist sie ebenfalls fest liiert. Trotzdem überkommen mich für ein paar Sekunden leichte Zweifel. Warum muss ich denn ausgerechnet jetzt daran denken, dass Marc vor nicht langer Zeit noch jedem Rock nachgestiegen ist und beinahe Schwester Gabi geheiratet hätte nach ihrer gemeinen Erpressung? Ich weiß nicht, warum ich plötzlich so sentimental bin. Aber vielleicht liegt das an der ganzen Aufregung, an der Nervosität. Vielleicht auch an dem ungewohnt warmen Klima, an der fremden Umgebung, an der Abwesenheit meiner Familie und meiner Freunde. Ich habe keine Ahnung, was es ist. Ich sollte doch glücklich sein! Gerade jetzt!
Marc scheint zu bemerken, dass mir etwas durch den Kopf geht, das mich bedrückt. Er nimmt meine Hand und drückt sie leicht und zärtlich. Alleine diese Berührung reicht aus, um mir innere Ruhe zu geben. Sein liebevoller Blick aus seinen schönen, sanften Augen und sein aufmunterndes Lächeln tut ein Übriges. Oh, wie liebe ich diesen Mann! Und wie dumm ist es von mir, dass ich an ihm – an uns zweifle!
Tiffany hat uns ein Taxi besorgt, das uns zu unserer Hotelanlage bringt. Bevor wir in den Wagen steigen, verabschiedet sie sich mit einem „Bis Morgen“ von uns, da sie noch einen wichtigen Termin hat. Also fahren wir ohne sie los. Eng aneinandergeschmiegt genießen wir die fünfzehnminütige Fahrt zu unserem Strandhotel.
Marc und ich sind erst einmal geschafft, als wir endlich in unserer Suite ankommen. Deshalb lassen wir uns auch sofort auf das große Doppelbett fallen. Da liegen wir, beide auf den Rücken, beide mit weitausgestreckten Armen und starren an die Decke, bis ich plötzlich aus heiterem Himmel anfange zu lachen und Marc damit anstecke. Es tut so gut, all die Nervosität, all die Zweifel, all die Unsicherheit einfach wegzulachen. Mein Bauch tut mir weh, so sehr beanspruche ich mein Zwerchfell. Aber ich fühle mich so unendlich leicht und so glücklich wie schon lange nicht mehr. Als unser Lachen allmählich verebbt ist, drehe ich mein Gesicht in Marcs Richtung und sehe, dass er es mir gleichtut. Unsere Mienen werden ernst. Wir schenken uns tiefe Blicke, sekundenlang, schweigen, bis Marc schließlich fragt:
„Und, bereust du es schon?“
Ich schüttle leicht den Kopf.
„Absolut nicht“, antworte ich flüsternd. „Ich bin mir so sicher wie noch nie in meinem Leben.“
„Ich mir auch“, pflichtet Marc mir bei. „Vor etwas mehr als einem halben Jahr hätte ich nicht gedacht, dass mir das mal passieren könnte, dass ich tatsächlich die Frau heiraten werde, die für mich die Welt bedeutet.“
Es ist so wunderschön, dass Marc diese Worte ausspricht. Ein wärmendes Gefühl durchströmt meinen Körper. Ich strecke unwillkürlich meine Hand zu meinem Prinzen aus. Ich kann nicht anders, als ihm zärtlich über sein hübsches Gesicht zu streicheln. Er packt plötzlich mein Handgelenk und zieht mich sanft, aber bestimmt zu sich heran, so dass ich auf ihm zu liegen komme. Seine Finger beginnen mein Haar zu durchkämmen, während seine warmen, weichen Lippen auf die meinen treffen. Wir genießen die folgenden Minuten, die nur uns zu gehören scheinen und kommen uns so nahe wie seit Tagen nicht mehr.

Fortsetzung folgt...sofort^^

Nachteule Offline

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14.02.2017 21:27
#3 RE: Eine Hochzeit unter Palmen Zitat · antworten

Teil 2 – Eine Hochzeit mit Überraschungen

„Du siehst toll aus“, ruft Tiffany begeistert, als ich mich ihr am Morgen des vierzehnten Februars in meinem eigentlich sehr schlichten weißen Kleid präsentiere. „Ich habe ja schon einige Bräute gesehen, aber kaum eine hat so gestrahlt wie du.“
„Ich bin ja auch sehr, sehr glücklich“, lache ich meiner Hochzeitsplanerin entgegen.
„Das merkt man dir wirklich an“, nickt die Brünette mir zu. „Und aufgeregt scheinst du im Moment gar nicht mehr zu sein.“
„Doch“, gebe ich unumwunden zu. „Aber es ist mehr eine vorfreudige Aufgeregtheit. Schließlich habe ich meinen Marc seit vierzehn Stunden nicht mehr gesehen. Ich freue mich so sehr, dass ich ihn gleich endlich wieder an meiner Seite habe.“
„Ihr wolltet es ja so“, grinst Tiffany. „Die letzte Nacht vor der Hochzeit in getrennten Betten zu verbringen.“
„Marc fand es auch nicht so lustig“, erkläre ich trocken. „Aber für mich gehört das nun einmal dazu, wenn zwei Menschen heiraten. Das ist doch romantisch, dass das Brautpaar sich am Hochzeitstag tatsächlich erst vor dem Traualtar oder in unserem Fall unter dem Hochzeitspavillon sieht.“
„Übrigens, deinem zukünftigen Ehemann geht es blendend, soll ich dir ausrichten“, berichtet Tiffany und zwinkert mir verschwörerisch zu. Ich weiß, dass die beiden sich bereits zum Frühstück getroffen haben. Schließlich ist heute auch Marcs Geburtstag. Und es war mein Wunsch, dass er nicht den ganzen Vormittag alleine verbringt. Deshalb hatte ich Tiffany gestern unter vier Augen gebeten, ihm ein bisschen Gesellschaft zu leisten, während ich bereits bei der Massage und beim Friseur war, mich geschminkt und mir mein Kleid angezogen habe.
„Und“, fragt mich Tiffany kurze Zeit später, als wie im Begriff sind, zum Hochzeitsstrand aufzubrechen, wo mich Marc, der Standesbeamte und die Fotografin in zirka einer halben Stunde erwarten werden. „Hast du an alles gedacht?“
„DU meinst, an etwas Altes, etwas Blaues, etwas geliehenes und etwas Neues?“ frage ich zurück. Tiffany nickt. „Klar“, antworte ich sogleich. „Das Armband hier“, zeige ich auf ein filigranes silbernes Schmuckstück an meinem linken Handgelenk, „ist ein altes Erbstück von meiner Oma an meine Mutter. Ein blaues Strumpfband trage ich auch, das darf aber später nur Marc sehen“, grinse ich frech in das Gesicht meiner Neufreundin. „Die gelbe Rose im Haar ist eine Leihgabe unserer Stationsschwester. Und das Neue sind meine Schuhe.“ Ich strecke meinen linken Fuß aus, damit Tiffany meine weißen Peeptoes bewundern kann.
„Wundervoll“, sagt Tiffany ehrlich beeindruckt. „Du hast wirklich an alles gedacht, wie du es dir vorgenommen hast. Na dann, auf geht’s, meine Liebe!“
Gemeinsam steuern wir die Limousine an, die uns zum Ort der Trauung bringen soll. Ein paar Meter vom Strand entfernt wird Marc auf mich warten, damit wir gemeinsamen zu unserem persönlichen „Strandaltar“ schreiten können. Ich kann es kaum noch erwarten, sein Gesicht zu sehen, wenn ich auf ihn zukomme. Ich bin wirklich sehr gespannt auf seine Reaktion, wenn er mich in diesem Aufzug sieht. Und genauso gespannt bin ich selbst darauf, wie er aussehen wird. Eines ist klar, umwerfend wird in seinem Fall das passende Wort sein.

Die Fahrt zum Hochzeitsstrand ist kurz. Aber mit jedem Zentimeter, den ich meinem Traumprinzen näher komme, werde ich tatsächlich ein Stückchen nervöser. Mir schwirrt so vieles im Kopf herum. Mein Atem geht immer schneller. Und mein Magen fühlt sich leicht flau an. Tiffany, die genau weiß, wie Bräute kurz vor der Trauung ticken, nimmt meine Hand und streicht beruhigen mit dem Daumen darüber.
„Es wird schon alles klappen“, flüstert sie mir aufmunternd zu.
„Ich hoffe es“, sage ich mit bebender Stimme. Mit aller Kraft versuche ich nicht daran zu denken, dass dies nicht meine erste Hochzeit ist. Dieses Mal wird es keine Kirche geben, keinen Millionär, keinen Pfarrer, keine Eltern, keinen Virus. Alles wird gut sein. Immer und immer wieder spreche ich mir innerlich diesen Satz vor. Alles wird gut sein. Alles wird gut sein.

Der Wagen hält. In einigen hundert Metern Entfernung erblicke ich den traumhaften Strand und das ruhige, blaue Meer. Der Chauffeur verlässt das Auto zuerst. Zunächst hält er Tiffany die Tür auf, denn sie wird schon einmal zum Trauungsort vorgehen und Marc gleichzeitig signalisieren, dass ich auf dem Weg zu ihm bin. Sie drückt mir noch schnell einen leichten Kuss auf die Wange, nickt mir aufmunternd zu und läuft davon. Der Chauffeur lässt nun mich aussteigen. Er lächelt anerkennend. Mit klopfendem Herzen mache ich mich auf zu meinem Bräutigam. Ich weiß, dass er am Ende eines befestigten Weges auf mich wartet. Und dort, hinter einer leichten Wegbiegung, sehe ich ihn dann stehen. Er sieht noch besser aus, als ich erwartet habe, mit den topgestylten braunen Haaren, in dem schlichten, weißen Hemd und der hellbeigen Stoffhose. Ich habe mir schon gedacht, dass er bei den warmen Temperaturen auf Mauritius auf einen herkömmlichen Anzug verzichtet. Krawatten hasst er sowieso zu tragen. Außerdem passt sein Outfit wunderbar zu der Strandkulisse.

Marc sieht mich aus weit geöffneten Augen an, als ich langsam auf ihn zugehe, immer fest eingerahmt im Objektiv der emsigen Fotografin, die jeden dieser kostbaren Momente für die Zukunft festzuhalten versucht. Es ist, als ob mein Bräutigam es im ersten Moment gar nicht fassen kann, was da gerade passiert. Ich komme ihm näher und näher, bis ich unmittelbar vor meinem Prinzen stehe. Endlich kann ich seinen unverwechselbaren Marc-Duft riechen und strecke meine beiden Hände aus, um seine entgegenzunehmen. Seine Finger sind, trotz der tropischen Temperaturen, eiskalt. Ich spüre, dass er leicht zittert, weiß aber, dass es auch bei ihm die Aufregung ist. Der coole Marc Meier ist tatsächlich nervös. Ich kann mir ein Schmunzeln darüber gerade verkneifen, möchte ich doch nicht, dass Marc denkt, ich lache ihn aus, was ich ja nicht tue. Aber es ist schon süß, dass auch er, „Mr. Iceman“ persönlich, ganz menschliche Gefühle aufbringen kann.
Sekundenlang stehen wir voreinander und sehen uns tief in die Augen, bis Tiffany uns ruft. Noch einmal blicken wir uns an.
„Bereit?“ frage ich. Marc nickt.
„Bereit“, antwortet er.

Hand in Hand gehen wir runter zum Strand. Vor uns erscheint unser Hochzeitspavillon, wie wir ihn uns ausgesucht haben, mit weißen Vorhängen, die von – das war mein Wunsch, den Marc leicht murrend akzeptiert hat – pinkfarbenen Bändern zusammengehalten werden.
Auf unserem Weg werden wir von einem wunderschönen Lied begleitet, das wir ebenfalls zusammen ausgewählt haben und das all das beschreibt, was ich in diesem Moment für Marc empfinde.



Alles ist perfekt, so schön, wie ich es mir in meinen romantischten Träumen seit Marcs Hochzeitsantrag vor fast zwei Monaten ausgemalt habe. Ich schwebe auf Wolken neben dem Mann, den ich über alles liebe und mit dem ich alt werden möchte.

Gemeinsam stehen wir jetzt unter dem Pavillon. Uns gegenüber begrüßt uns der deutschstämmige Standesbeamte mit einem leichten Lächeln. In seinen Händen hält er ein flaches schwarzes Buch, doch seinen Blick hat er fest auf uns gerichtet. Direkt an meiner Seite steht Tiffany völlig entspannt und lächelt ebenfalls zu uns rüber, während die engagierte Fotografin im Hintergrund jede Sekunde der Trauung bildlich festhält. Schließlich möchten wir für die Daheimgebliebenen etwas zum Anschauen haben, das auch der Wiedergutmachung dient, dass wir uns für diese sehr intime Hochzeit entschieden haben.
Marc und ich haben unsere Positionen unter dem Pavillon eingenommen und warten gespannt auf den Beginn der Rede des Standesbeamten. Warum fängt er denn nicht an? Stattdessen wandert sein Blick in die Ferne hinter uns und er wirkt dabei außerordentlich überrascht. Wir werden in unseren Rücken Stimmen gewahr, erst leise und weit weg, dann immer lauter und näherkommender. Aber, das ist doch… das kann doch nicht sein oder?! denke ich überrascht. Marc scheint es ähnlich zu gehen. Er wirft mir einen fragenden Blick zu, den ich mit einem ratlosen Schulterzucken erwidere. Langsam drehen wir uns zu den Stimmen um.

„Mama, Papa“, rufe ich überrascht aus. „Was macht ihr denn hier?“
„Margarete!“ Mit ausgebreiteten Armen kommt meine Mutter auf mich zugelaufen.
„Aber wie kommt ihr denn hierher?“ frage ich perplex.
„Na, mit dem Flugzeug, mein Kind“, lautet die kluge Antwort meiner Mutter. Typisch Mama! Ich seufze innerlich auf. Hätte ich mir ja denken können, dass so etwas passiert und meine Familie – ich entdecke nämlich im Hintergrund nun auch Jochen und seine neue Flamme Manuela – Marcs und meinen Wunsch nach einer sehr privaten Hochzeitszeremonie in keinster Weise akzeptieren wird. Und wäre das nicht genug, taucht dort hinten auch noch unser beider bester Freund Mehdi auf, mit Schwester Sabine am Arm.
„Ach du Schande“, entfährt es Marc so leise, dass nur ich den Ausspruch gewahr werde. Ich schenke ihm einen verständigen Blick. Das war es ja nun wohl mit der Ruhe, nicht? Aber okay, das sind Menschen, die uns beiden wichtig sind. Und wenn sie schon mal auf diese Insel gekommen sind, um uns nicht alleine heiraten zu lassen, dann werden wir jetzt den Teufel tun und sie wieder wegschicken. Denn eigentlich freue ich mich innerlich wirklich über diese gelungene Überraschung. Aber da kommt noch mehr, wie wir eine Minute später feststellen müssen.
„Olivier, mein Junge“, ertönt die schrille Stimme meiner Fast-Schwiegermutter. Ich muss leicht schmunzeln, als ich Marcs entsetzten Gesichtsausdruck bemerke.
„Warum soll es dir besser gehen als mir?“ raune ich ihm sarkastisch zu.
„Marc-Olivier, du denkst doch nicht, dass deine arme Mutter es sich entgehen lässt, wenn du dich ernsthaft in die Vorhölle der Ehe stürzt?!“
„Mit Verlaub, Frau Fisher“, mischt sich nun meine Mutter ein. „An der Seite meiner Tochter erwartet Ihren Sohn sicherlich alles andere als die Hölle. Schließlich ist sie nicht diese Schwester Gabi, die Dr. Meier zur Hochzeit erpressen wollte.“
„Mama“, flehe ich. „Lass das bitte!“
„Habt ihr denn schon angefangen?“ fragt Mehdi schräg hinter uns.
„Der Standesbeamte wollte gerade starten, als ihr dazwischengekommen seid“, zischt Marc genervt anstelle einer Antwort.
„Genau“, füge ich hinzu. „Es ist ja wirklich toll, dass ihr so überraschend alle hierhergekommen seid. Aber jetzt würden wir gerne mit der Trauung beginnen.“ Ich werfe Marc einen kurzen Blick zu. Er versteht, was ich meine und nickt. Dann wendet er sich dem Standesbeamten zu und meint:
„Wenn Sie nichts dagegen haben, möchten Dr. Haase und ich jetzt gerne heiraten.“
„Natürlich“, erwidert der Beamte lächelnd und beginnt mit seiner Rede.
„Liebe Frau Dr. Haase, lieber Herr Dr. Meier, Sie haben sich entschlossen, an diesem wunderschönen Tag und auf dieser zauberhaften Insel den Bund der Ehe zu schließen.“

Ich höre die Rede des Mannes, der im dunklen Anzug vor uns steht, wie durch einen Berg von Watte. In diesem Moment geht mir so vieles durch den Kopf. Das meisten davon dreht sich natürlich um Marc und um das unverschämte Glück, das ich seit sechs Monaten habe, seit er mir am Flughafen Tegel gestanden hat, dass er ohne mich nicht mehr leben kann und dass ich bitte nicht nach Afrika fliegen soll. Ich habe es nicht getan. Ich bin bei ihm geblieben. Ich war endlich einmal mutig und habe es gewagt, eine Beziehung mit einem Mann einzugehen, der bisher überhaupt kein Beziehungsmensch war, sondern ein unverbesserlicher Macho und Frauenvernascher. Wir hatten unsere kleinen Krisen, sicher, aber jedes Problem zwischen uns konnten wir lösen und wuchsen dadurch nur noch fester zusammen, so fest, dass wir heute hier am Strand von Mauritius stehen und gemeinsam in den Hafen der Ehe einlaufen. Es ist wie ein Traum.

Zwick mich mal, Marc Meier, damit ich weiß, dass ich nicht träume! Damit ich nicht im nächsten Moment feststellen muss, dass ich bis eben tief und fest geschlafen habe und das alles nicht in der Realität passiert ist.

„Darum frage ich jetzt Sie, Dr. Marc-Olivier Meier, ist es Ihr eigener und freier Entschluss, mit der hier anwesenden Dr. Margarete Haase die Ehe einzugehen, so antworten Sie mit Ja.“
„Ja“, kommt es beherzt aus dem Mund meines Bräutigams. Mein Herz schlägt einen kleinen Purzelbaum. Marc hat „Ja“ gesagt, „Ja“ zu einer gemeinsamen Zukunft mit mir!
„Und nun frage ich auch Sie, Dr. Margarete Haase, ist es Ihr eigener und freier Entschluss, mit dem hier anwesenden Dr. Marc-Olivier Meier die Ehe einzugehen, so antworten Sie ebenfalls mit Ja.“
Ja, ich will diesen Dr. Marc-Olivier Meier, jeden Tag und jede Nacht, bis zum Ende meines Lebens. Es ist mein eigener und freier Wille, diesen Mann zu heiraten und ihn für immer glücklich zu machen.
„Ja“, hauche ich fest überzeugt. „Mit ganzem Herzen“, füge ich leise hinzu.
„Nachdem Sie nun beide meine Frage mit JA beantwortet haben, erkläre ich Sie nunmehr kraft Gesetzes zu rechtmäßig verbundenen Eheleuten.“

Hast du gehört, Marc? Jetzt sind wir offiziell Mann und Frau. Ich liebe dich, auch wenn du weiter so ein unverbesserlicher Macho bist und noch immer so oft deine anzüglichen Sprüche los lässt. Aber genau dafür liebe ich dich, weil du bist, wie du bist und dich nicht verstellst.

Der Standesbeamte weist uns darauf hin, dass wir nun die Ringe tauschen sollen. Marc steckt mir meinen goldenen Ring an meinen Finger, dann nehme ich seinen Ring und schiebe ihn über seinen Ringfinger. Danach küssen wir uns, zuerst zaghaft, dann immer leidenschaftlicher. Im Hintergrund ertönt lautes Klatschen und das Rufen von Glückwünschen. Meine Eltern liegen sich glücklich in den Armen. Endlich hat ihre Margarete den Mann ihres Lebens geehelicht, werden sie wahrscheinlich jetzt denken.
Tiffany köpft mit einem lauten Knall die Champagnerflasche und füllt die bereitgestellten Gläser auf. Oh Wunder, sie hat passend genau für jeden der überraschend Anwesenden ein Glas zur Hand. Mir schwant etwas. Hat Tiffany etwa schon vorher gewusst, dass unsere Familien und Freunde uns ins Paradies nachreisen werden? Ich denke, bei Gelegenheit werde ich sie darüber genauestens befragen. Du kannst dich schon mal auf was gefasst machen, meine Liebe!
„Darf ich deine Ehefrau umarmen?“ fragt Mehdi neben uns vorsichtig.
„Ja gut, meinetwegen“, antwortet Marc knapp, drückt mir aber noch schnell einen Kuss mitten auf den Mund, der mit großer Sicherheit seine Besitzansprüche an mich untermauern soll. Nachdem wir uns wieder voneinander gelöst haben, drehe ich mich zu unserem besten Freund und Kollegen und lasse mich von ihm herzlich drücken.
„Herzlichen Glückwünsch und alles Gute für euch“, nuschelt Mehdi in meinen Nacken. Schließlich lässt er mich wieder los und fällt nun auch Marc um den Hals, um ihm dabei einmal kräftig auf den Rücken zu klopfen.
„Hey, Alter“, sagt Mehdi zu meinem frischangetrauten Mann. „Das ich das noch erleben darf! Marc Meier schippert freiwillig in den Hafen der Ehe.“
„Hätte ich selbst bis vor einer Weile auch nie geglaubt“, pflichtet Marc ihm bei. „Aber ich bereue nicht eine Sekunde“, fügt er schnell hinzu und wirft mir einen vielsagenden Blick zu. Seine Worte machen mich unendlich glücklich. Ich beobachte Marc, wie er sich von Mehdi kumpelhaft den Arm um die Schultern legen und sich in ein ernstes „Männergespräch“ mit ihm hineinziehen lässt. Ich kann meinen Blick einfach nicht von meinem wunderschönen, frischgebackenen Ehemann lassen und verfalle sogleich ins träumerische Schwärmen. Marc ist alles für mich, mein Ehemann, mein Liebhaber, mein Freund und mein liebster Chef, meine Stütze in allen Lebenslagen. Warum konnte das hier nicht schon früher passieren? Warum mussten all diese Dinge zwischen uns kommen – Gabis Erpressung, Alexis alias Frank, Gigis Lüge, die mich erst recht in die Arme des falschen Millionärs getrieben hat, all die Missverständnisse, die es zwischen Marc und mir gegeben hat…? All das werden wir nie vergessen, aber es steht nicht mehr zwischen uns. Zum Glück haben wir gemeinsam die Kurve und unser Glück auf die Reihe bekommen. Und den Weg, der vor uns liegt, werden wir gemeinsam weitergehen und zusammen alles schaffen, was wir uns vornehmen.

„Der Dr. Meier ist zwar nicht so reich, wie es der Alexander eine Weile war“, höre ich meine Mutter munter drauflos plappern, während sie neben Tiffany und Jochens neuer Freundin steht. „Aber dafür ist er noch viel gutaussehender. Und ein Betrüger ist er mit großer Sicherheit auch nicht.“
„Natürlich ist mein Sohn reich“, mischt sich jetzt meine Schwiegermutter in dieses seltsame Gespräch und erntet einen abwertenden Blick meiner Mutter, schließlich war Elke vor einiger Zeit die Geliebte meines Vaters und damit Mamas ärgste Nebenbuhlerin. Kein Wunder, dass die beiden sich nicht leiden können. Ich verdrehe die Augen, als ich sie zusammen unter einer Palme stehen sehe und hoffe, dass sie nicht gleich wieder einen irrwitzigen Streit vom Zaun brechen.
„Dass er als Oberarzt gut verdient, weiß ich“, erwidert meine Mutter arrogant. „Aber deswegen ist er noch lange nicht reich, vielleicht wohlhabender als andere Männer seines Alters.“
„Oh doch“, verharrt Elke recht hochnäsig auf ihrer Meinung. „Mein Sohn ist reich. Oder eher gesagt, es erwartet ihn einmal ein vielversprechend großes Erbe, wenn ich eines fernen Tages nicht mehr bin. Dazu gehört nicht nur eine ganze Menge Geld, sondern auch eine wunderschöne Villa am Wannsee mit eigenem Bootssteg, ein Chalet in Sankt Moritz, eine Luxuswohnung auf Sylt, eine ganze Menge wertvoller Schmuck, Aktienanlagen etcetera, pepe. Von den lebenslangen Tantiemen und Rechten an meinen Doktor-Rogelt-Werken ganz zu schweigen.“

Jetzt wird’s interessant, denke ich und schreite ein wenig näher an die Damengruppe heran, um besser zuhören zu können. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Elke Fisher soooo reich ist. Marc hat mir nie davon erzählt, wieviel er einmal von seiner Mutter erben wird. Meine Mutter ahnte wohl auch nichts, denn inzwischen macht sie ganz große Augen und grinst diabolisch. Ich kann die Dollarzeichen in ihren Augen regelrecht aufblitzen sehen.

„Also, Frau Fisher“, sagt sie dann einige Sekunden später ungewohnt vertrauensvoll. „Jetzt, wo wir quasi verwandt sind, sollten wir da nicht endlich das dumme Kriegsbeil begraben und zum „Du“ übergehen? Ich bin Bärbel.“ Daraufhin hält sie Marcs erstaunter Mutter ihre ausgestreckte Hand hin. Elke erwidert diese Geste zögernd. Mit einem aufgezwungenen Lächeln steigt sie schließlich auf Mamas Vorschlag ein. Ich kann es kaum fassen. Kaum wittert meine Mutter das große Geld für mich, schon springt sie über sämtliche Schatten und schließt dafür sogar Scheinfreundschaften mit ihren bisher ärgsten Feindinnen. Darüber kann ich nur ungläubig den Kopf schütteln.
Damit aber nicht genug.
„Dann werden Sie ja eines Tages so etwas wie eine Königin“, höre ich Sabine hinter mir sagen.
„Ähm…“, stammele ich verunsichert.
„Naja“, fährt die Krankenschwester mit verträumtem Blick fort. „Eines Tages werden Sie bestimmt die schönsten Kleider tragen und den teuersten Schmuck und auf den zauberhaftesten Bällen tanzen.“
„Mir würde es schon reichen, wenn mein Leben so bleibt, wie es jetzt gerade ist“, erwidere ich. „So unbefangen und schön, voller Liebe und Vertrauen. Ich möchte gar nicht, dass sich etwas ändert oder dass Marc sich für mich verbiegt. Er muss mir keine teuren Geschenke machen. Es reicht mir, wenn er einfach für mich da ist und mir zeigt, wie gerne er mich hat.“
„Das haben Sie schön gesagt“, schwärmt Sabine neben mir verträumt.

„Das finde ich aber auch“, sagt plötzlich Marc neben mir und zwinkert mir verschwörerisch zu. Er tritt auf mich zu und zieht mich in seine Arme. Gemeinsam laufen wir ein paar Schritte, bis wir direkt am Strand angelangt sind.
„Ich kann dir jetzt auch sagen, wem wir unsere Überraschungsgäste zu verdanken haben“, flüstert er mir ins Ohr.
„Ach ja?“ frage ich erstaunt.
„Weißt du“, beginnt Marc mir zu erklären, „unser guter Mehdi scheint ein Auge auf deine neue Freundin Tiffany geworfen zu haben.“
„Bitte?“ Ich bleibe abrupt stehen und sehe Marc irritiert an.
„Ja“, lacht er mir ins Gesicht. „Die beiden haben sich doch vor ein paar Wochen zufällig bei uns getroffen. Da hat es sie wohl beide ziemlich erwischt. Love at first sight, wie man im Englischen sagt. Neulich haben sie klammheimlich ein Date gehabt. Und dabei kam wohl die Idee auf, dass Mehdi auf unserer Hochzeit als Überraschungsgast auftaucht. Leider musste er deinem Vater ganz genau erklären, warum er so plötzlich Urlaub beantragen wollte. Er hat dem Professor seine Pläne schließlich genauestens verraten. So kam es dann, dass deine Eltern, dein Bruder, dessen Freundin und Schwester Sabine uns ebenfalls überraschen wollten. Dank Sabine bekam das dann auch meine Mutter spitz und buchte kurzerhand ebenfalls ein Flugticket auf die Insel. Und deshalb sind sie jetzt alle hier und torpedieren unsere geplante stille Hochzeit.“
„Ehrlich gesagt“, sage ich leise, „finde ich es gar nicht so schlimm, dass die Familie und unsere Freunde heute hier sind. Schließlich sind sie die wichtigsten Menschen in meinem Leben, also, nach dir wohlgemerkt.“
„Natürlich“, nickt Marc. „Das weiß ich ja, und ich verstehe es auch.“
„Ehrlich?“ frage ich vorsichtig. „Du bist nicht enttäuscht, dass unsere Trauung nicht so verlaufen ist, wie wir uns das gedacht haben und dass wir jetzt die nächsten Tage mit deinen Schwiegereltern, Jochen, Elke, Mehdi und Co. zubringen müssen?“
Marc schüttelt den Kopf.
„Quatsch“, antwortet er ehrlich. „Ich find’s irgendwie sogar lustig. Und wenn uns die alle auf die Nerven gehen, dann steigen wir in unser Mietauto und fahren ans andere Ende der Insel. Ich wollte sowieso die interessantesten Ecken auf Mauritius erkunden.“
„Ach!“ rufe ich mit gespieltem Erstaunen aus. „Du interessierst dich fürs Insel-Sightseeing?“
„Ich dachte eher an ein paar heiße Kurven und Berge, die ich auf einer gewissen, wunderschönen Blondine entdecken kann“, raunt er mir anzüglich ins Ohr.
„Okay“, lache ich. „Was anderes hätte ich von dir auch nicht erwartet.“
„Heißt das, du hast dich auch schon die ganze Zeit auf so ein Abenteuer eingestellt?“ fragt Marc erwartungsfroh grinsend.
„Klar“, nicke ich und zwinkere meinem Mann keck zu. „Es soll hier übrigens einen grünäugigen Heißspund aus Deutschland geben. Den wollte ich mir mal genauer anschauen.“
„Da habe ich aber auch noch ein Wörtchen mitzureden“, wirft Marc schmunzelnd ein. „Ich meine, ich wollte sagen, dass ich nichts dagegen habe, wenn du diesen heißen Typen so richtig in Augenschein nimmst.“
„Gut zu wissen“, grinse ich. „Dann fange ich gleich nach der Feierei damit an.“
„Tu, was du nicht lassen kannst, mein Hasenzahn“, lacht Marc. „Vor allem solltest du die Finger nicht von IHM lassen!“
„Absolut nicht“, stimme ich zu.
Neckend, stichelnd, scherzend und lachend laufen Marc und ich ein Stückchen weiter, bis wir plötzlich Mehdi nach uns rufen hören.
„Hey, ihr zwei“, ertönt seine laute Stimme. „Habt ihr etwa eure Hochzeitsgäste vergessen? Wir starten gleich mit dem Brunch. Danach geht’s mit der fünfstöckigen Torte weiter. Und dann solltet ihr euch zum Fotoshooting einfinden. Jetzt kommt schon! Ohne euch läuft hier nix.“
„Siehste, Hasenzahn“, grinst Marc mich selbstsicher an. „Auf Gott kann keiner verzichten. Aber…“, er unterbricht sich, um mich erneut an sich zu ziehen und mich leidenschaftlich zu küssen. „Genauso wenig kann Gott auf seine Göttin verzichten. Na los, komm!“

Hand in Hand laufen wir langsam zu unseren „Gästen“ zurück. Auf dem Weg dorthin halte ich Marc jedoch noch einmal auf. Fragend sieht er mich an. Statt einer langen Erklärung stelle ich mich einfach vor ihn hin, recke meinen Hals ein wenig und küsse ihn zärtlich auf seine ausnahmsweise aalglatt rasierte Wange.
„Herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag, Marc“, hauche ich ihm anschließend ins Ohr.
„Ach ja, da war noch was“, lacht Marc auf. „Danke, Hasenzahn. An meinen Geburtstag habe ich ehrlich gesagt schon gar nicht mehr gedacht.“
„Ich habe auch ein Geschenk für dich“, sage ich zuckersüß lächelnd. „Du bekommst es, wenn wir in unserer Suite im Hotel sind“, ergänze ich mit geheimnisvoller Stimme und denke an das, was ich unter meinem Kleid trage. Marc wird dieses „Geschenk“ sicher gefallen. Davon bin ich felsenfest überzeugt.
Erneut nehmen wir uns an die Hand und gesellen uns endlich zu den schon ungeduldig wartenden Hochzeitsgästen, mit denen wir feiern, bis die Sonne hinterm Horizont schon längst verschwunden ist.







Nachteule Offline

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15.04.2017 22:55
#4 Doctor's Big Easter Egg - oder: Szenen einer Ehe Zitat · antworten




Doctor’s Big Easter Egg







Na du? Hast du nicht Lust, mit mir zusammen Geist zu spielen und hinter die Kulissen einer typischen Charlottenburger Wohnung zu schauen? Dann komm doch mit! Ich tue dir nichts.










Wo geht es lang? Ich zeige es dir. Wir befinden uns in der Nähe des Charlottenburger Schlosses in einer der zahlreichen Seitenstraßen, die zwischen den imposanten wilhelminischen Wohn- und Geschäftshäusern hindurchführen. Was meinst du? Dieses hohe Eckhaus mit den vielen Stuckverzierungen und eisernen Balkongeländern gefällt mir gut. Es ist einer dieser Bauten, die zwischen 1890 und 1910 entstanden, mit einem großen Innenhof, der früher zu den Kohlekellern führte und von dem aus man heute noch die hinteren Treppenhäuser betreten kann. Sie dienten früher dem Hauspersonal dazu, die Wohnungen ihrer wohlhabenden Arbeitgeber möglichst vom Großbürgertum ungesehen betreten zu können. Die gehobenen Herrschaften hingegen benutzten die dekorativen Eingänge an der Vorderseite der Häuser. Und das tun wir jetzt auch mal, denn ich wollte schon immer mal so einen noblen Berliner Altbau stilvoll betreten.

Ja was zögerst du denn nun? Denk dran, wir sind Geister. Man kann uns nicht sehen. Wir könnten sogar durch die Wände gehen. Aber das wäre nur halb so schön. Also huschen wir hintereinander die paar Steinstufen zu dem breiten Hauseingang aus dunkel gebeiztem Edelholz hinauf und treten durch die zufälligerweise sperrangelweit offenstehende Tür hindurch in die imposante Eingangshalle. Wohnungstüren aus Edelholz empfangen uns bereits im Erdgeschoss. Lass uns mal auf die Klingelschilder schauen, wer hier so alles wohnt! Hier links, ein Herr Bauer. Ob der alleinstehend ist? Oder hier rechts, Frau Schneider. Nee, das klingt zu sehr nach einer Deutschlehrerin vom Wannseegymnasium. Lass uns lieber woanders gucken. Was meinst du? Du möchtest mit dem Aufzug hochfahren? Na gut, weil du’s bist.

So, wir sind jetzt im dritten Stock gelandet. Hier gibt es zwei Wohnungstüren. Links wohnt eine Frau Dietlinde Kulicke. Hört sich nach einer älteren Dame an. Die will bestimmt ihre Ruhe haben. Und das ist wahrscheinlich sehr langweilig. Was sagst du? Wir sollen es rechts versuchen? Na schön. Dann mal sehen, wer hier wohnt.



Dr. med. Marc-O. Meier & Dr. med. Margarete Meier


Das klingt doch schon mal ganz interessant. Na komm, wir schweben einfach durch die Wohnungstür. Hast du etwa Angst? Nicht doch! Ich bin doch bei dir. Nimm einfach meine Hand und lass dich von mir mitziehen!
Wow! Die Wohnung ist… geschmackvoll. Überall Stuck an den Decken. Die Wände sind weiß getüncht und mit einigen netten Kunstdrucken versehen. In dem langen Flur steht eine antike Kommode, auf der sich eine bläulich eingefärbte Vase mit einem Strauß frischer Schnittblumen befindet. An der Wand über der Kommode hängt ein ovaler Spiegel mit einem verschnörkelten, goldenen Rand. Ein Blick hinein zeigt uns, dass wir tatsächlich unsichtbar sind.


Hörst du das? Aus dem Raum da drüben kommen Stimmen. Ich bin ja wirklich neugierig hoch drei. Na, dann wollen wir mal mit dem Lauschangriff starten. Die weißgestrichene, halbverglaste Doppelflügeltür steht einen Spalt offen, durch den wir uns hindurchzwängen können. Jetzt befinden wir uns in einem großen, hellen Raum. Wir schweben zusammen an der modernen Couchlandschaft vorbei zum Essbereich, der Wohnzimmer und offene Küche voneinander trennt. Auf den schicken Schwingstühlen sitzen zwei Personen am Tisch, eine blondgelockte, Nutellabrot essende Frau mit ansprechenden Kurven und ein attraktiver dunkelhaariger Mann, der konzentriert eine Zeitung liest und dabei ab und an seinen Kaffee schlürft. Das ist dann wohl das Medizinerehepaar. Mal hören, was die sich so zu sagen haben, wenn sie sich denn was zu sagen haben. Lockere Stimmung am Morgen sieht eigentlich anders aus. Könnte interessant werden oder?


Frau: Mensch, Marc! Heute ist Ostern. Meine Eltern haben uns BEIDE eingeladen zum Essen. Wie kannst du da sagen, du kommst nicht mit, weil du Bereitschaftsdienst hast? Wozu gibt es Pieper und Handys?
Mann: Boah, Gretchen! Du weißt, dass ich nicht der Typ bin für diesen ganzen Osterkitsch. Ist doch eh immer das Gleiche. Man wird von überbegeisterten Schwiegermüttern dazu genötigt, quietschbunte Ostereier zu essen, die genauso schmecken wie weiße oder braune, und muss sich vom Schwiegervater Anekdoten aus der Kindheit der Ehefrau anhören. Ich hab einfach keinen Bock drauf, mir das jedes Mal wieder anzutun, an Weihnachten, Ostern, Muttertag, Pfingsten. Echt nicht!(Er starrt wieder auf die Zeitung in seinen Händen und macht dabei einen bemüht konzentrierten Eindruck.)
Gretchen: Dann hättest du dir vor vierzehn Monaten überlegen sollen, ob du mich wirklich heiraten willst. Denn mich gibt es nun einmal ohne meine Eltern nicht. Und ob es dir passt oder nicht, ICH werde die beiden sicher nicht enttäuschen. Und wenn ich alleine zu ihnen fahren muss.
Marc(blickt nicht von seiner Zeitung auf): Auch gut.
Gretchen: Boah, du bist… also, da fallen mir einfach keine Worte mehr zu ein.
Marc: Dann lass das Reden sein, Hasenzahn! Umso besser kann ich mich auf die Sonntagszeitung konzentrieren.
Gretchen: Du und deine blöde Zeitung! Das ist alles, was dich an diesem Morgen interessiert.(Beißt frustriert in ihr mittlerweile drittes Nutellabrot – ich habe mitgezählt.)


Jetzt schweigen sich die beiden schon eine ganze Weile an. Nun guck mal! Die hat sich schon wieder eine Brotscheibe aus dem Korb genommen und greift erneut nach dem Nutellaglas. Ist das jetzt Frustessen oder hat die immer so einen großen Appetit? Na, bei ihrer Figur könnte man meinen, dass sie ganz gerne nascht. Was meinst du? Ich soll nicht so gehässig sein? Ja, ist schon gut. Ich nehme es hiermit zurück. Die Frau ist zwar kurvig, aber nicht wirklich dick.


Marc: Sag mal, dein wievieltes Brot mit Nutella drauf ist das heute schon?
Gretchen: Lass mich doch, Marc! Ich habe Hunger.
Marc: Du hast immer Hunger, Hasenzahn. Und das sieht man wirklich deutlich. Sag mal, hast du eigentlich wieder zugenommen? Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, solange es im Rahmen bleibt. Deine Brüste sind auch irgendwie gewachsen. (Er grinst anzüglich. Hihi, der denkt doch sicher an was ganz Bestimmtes. Ist ja auch ein Mann.)
Gretchen: Marc! Das ist nicht witzig, wenn du dich ständig über meine Figur lustig machst.
Marc: Ich darf das, ich bin dein Mann.
Gretchen: Ach was! Na, als eben dieser solltest du schon aus Pflichtgefühl mit zu meinen Eltern kommen. Ich tue es mir ja auch einmal monatlich an, am Esstisch deiner Mutter zu sitzen. Und glaub mir, da ist es weniger lustig als bei MEINER Mutter.
Marc: Weiß nicht. Kommt irgendwie aufs Gleiche raus.
Gretchen: Wie meinst du das denn jetzt?
Marc: Na, deine Mutter ist seltsam, meine Mutter ist seltsam. Scheinbar sind alle Mütter komisch.
Gretchen: Meine Mutter ist… na ja, meine Mutter halt. Aber deine Mutter ist einfach nur grausam.
Marc: Pass auf, wie du über meine Mutter redest!
Gretchen: Na, du sagst doch selbst, dass sie komisch ist.
Marc: Ist sie ja auch. Aber immerhin ist sie meine Mutter. Also rede nicht so… so unnett über sie!


Wieder herrscht Schweigen. Junge, Junge! Wer von den beiden hat wohl gerade seine Tage? Schau dir mal sein Gesicht an! Total verkniffen. Bei seiner Mutter kennt er wohl wirklich keinen Spaß. Und sie wirkt – ja, irgendwie verzweifelt gerade. Scheint wohl eigentlich eine ganz Liebe zu sein.


Gretchen: Marc! Jetzt sei doch nicht so zu mir! Du weißt, ich hasse nichts mehr, als wenn wir uns streiten.
Marc: Ich für meinen Teil würde auch viel lieber meine Zeitung zu Ende lesen.
Gretchen (wirkt leicht eingeschnappt): Na schön! Du willst mein Friedensangebot also nicht annehmen. Dann lasse ich dich halt jetzt in Ruhe.


Sie erhebt sich langsam von ihrem Stuhl und schaut ihn dabei an. Er scheint sich wirklich nicht daran zu stören und liest seelenruhig weiter.


Gretchen: Ich geh dann mal.
Marc (sieht nun tatsächlich kurz hoch): Wohin?
Gretchen: Na, zu meinen Eltern natürlich.
Marc: Ja, dann wünsche ich dir viel Spaß beim Ostereierwettessen. Vergiss nicht, Eier erhöhen den Cholesterinwert. Und Schokoeier haben bekanntlich eine Menge Zucker.
Gretchen: Ich dachte, du stehst auf Hintern, an denen was dran ist?
Marc: Ja, das tue ich auch. Aber ich stehe auch auf Hüften, die ich noch mit beiden Armen locker umfassen kann. Wenn du dir weiter solche Rettungsringe anfutterst, dann brauche ich bald eine Armverlängerung.
Gretchen: Arsch!


Sie schnappt sich ihre Handtasche, die über einer Stuhllehne hängt und rennt in den Flur, wo sie sich einen dunkellila Kordmantel überzieht. Was denkst du, sollen wir ihr folgen? Wenn der Typ da in der Wohnküche nichts weiter im Sinn hat, als seine Zeit mit Zeitung lesen zu vergeuden, dann kann das ja nur ein langweiliger Nachmittag werden.


Kurze Zeit später sind wir der jungen blonden Frau namens Gretchen – interessanter Name übrigens – dicht auf den Fersen und folgen ihr zur nächsten U-Bahn-Station. Wir steigen hintereinander in die nächste Bahn und fahren in den Stadtsüden, so wie es aussieht. Die Laune der jungen Dame ist wirklich berauschend. Kein Wunder bei diesem Ehemann! Nach etwa zehn Minuten Fahrt steht Gretchen auf und steigt an der nächsten Haltestelle aus. Wir auch. Zu dritt machen wir uns auf den Weg in ein ruhiges Villenviertel, in dem es viel Grün zu sehen gibt. Vor einer äußerlich geschmackvollen Jugendstilvilla machen wir halt. Gretchen läuft zielstrebig die vielen Steinstufen zur Eingangstür hoch und klingelt. Eine rotblonde, ältere Frau öffnet. Sie umarmen sich. Die ältere, anscheinend Gretchens Mutter, bittet die jüngere ins Haus, schnell folgen wir, denn wir haben keine Lust, schon wieder durch die Wände zu schweben. Auf den ersten Blick wirkt die Eingangsdiele des Hauses gemütlich. Dann aber kommen wir ins Wohnzimmer. Himmel! Ist dieser Kamin hässlich! Und die gelben Kordsofas erst! Also, Gretchens Eltern hätte ich bei so einem schmucken Haus wirklich einen besseren Einrichtungsgeschmack zugetraut. Aber immerhin, sauber ist es allemal. Und es duftet nach Weidenkätzchen, Kaffee und frischgebackenem Kuchen. Hmm!


Gretchens Mutter: Franz? Margarete ist da. Kommst du?


Kurz darauf erscheint ein älterer Mann mit graumelierten Haaren. Er erstrahlt freudig, als er die Blondine erblickt. Seine Augen sind ebenso blau wie ihre. Demnach kann es sich nur um ihren Vater handeln oder?


Franz: Kälbchen! Frohe Ostern, mein Liebes. (Er umarmt sie dabei.)
Gretchen (erwidert die herzliche Begrüßung): Hallo, Papa.
Franz: Wo hast du denn den Meier gelassen, hm?
Gretchen: Ach der!
Franz: Knatsch? Na, kommt in den besten Familien vor.
Gretchens Mutter: Aber Franz, wie kannst du das sagen? Margarete, was ist los? Das lässt sich doch wieder alles geradebiegen oder? Denk an sein bevorstehendes Erbe und an die schönen Kinder, die ihr hoffentlich baldigst bekommt! Du kannst dich doch nicht einfach von ihm trennen. Ich habe deinem Vater doch auch jeden Seitensprung verziehen. Und sieh nur, wie glücklich wir heute sind!
Franz: Bärbel! Lass sie in Frieden! Ich bin sicher, es gibt eine plausible Erklärung für die momentane Abwesenheit unseres Schwiegersohnes.


Wenig später sitzen die drei gemütlich auf der Terrasse des Anwesens und trinken Kaffee. Bis zum Essen ist es noch eine Weile hin. Der Vormittag ist noch längst nicht rum. Aber schön warm und sonnig ist es heute. Das muss man schon sagen!


Gretchen: Marc ist halt ein Ostermuffel. Eigentlich ist er überhaupt ein Feiertagsmuffel. Er kann mit dem ganzen „Kitsch“, wie er es nennt, einfach nichts anfangen.
Bärbel: Aber eure Hochzeit auf Mauretanius war so unglaublich romantisch.
Gretchen: Mauritius, Mama. Und ja, es war herrlich romantisch und auch ein bisschen kitschig, so gar nicht Marc-mäßig. Aber gerade das hat es so besonders gemacht.
Franz: Vor allem war es teuer. Die Flugtickets für deine Mutter, deinen Bruder nebst Freundin und mich haben mich ein Vermögen gekostet, vom Hotel ganz zu schweigen.
Bärbel: Franz! Dafür durften wir endlich mal erleben, wie unsere Tochter in eine Ehe schippert, die mal länger hält als nur ein paar Wochen.
Gretchen: Mama!
Bärbel: Na, ist doch wahr. Beim ersten Mal ist es gar nicht erst zur Hochzeit gekommen, beim zweiten Mal war der Bräutigam ein falscher Betrüger. Und jetzt, beim dritten Versuch, hat es endlich geklappt. Immerhin seid ihr seit mehr als einem Jahr verheiratet. In deinem Fall ein glatter Rekord.
Franz: Da gebe ich dir ausnahmsweise Recht, Butterböhnchen.


Butterböhnchen? Kälbchen? Was sind denn das für ulkige Spitznamen? Ich lach mich schlapp!



Bärbel: Meine Lieben, ich gucke dann mal nach dem Essen. Margarete, Liebes, kannst du schon mal den Tisch decken? Und nimm bitte das gute Besteck!
Gretchen: Ja, Mama. (steht auf und läuft hinter ihrer Mutter her ins Haus.)
Franz (schnappt sich derweil ganz entspannt die Sonntagszeitung, die auch sein Schwiegersohn vorhin gelesen hat, und seufzt erleichtert.): Oh, toll! Herta hat gewonnen. Und Vettel ist auf der Pole-Position. Das nenne ich mal einen gelungenen sportlichen Start in den Ostersonntag.
Bärbel (aus der Küche rufend): Hast du was gesagt, Franz?
Franz (ebenfalls rufend): Ich freue mich schon aufs Essen, Butterböhnchen.


Etwa eine viertel Stunde ist jetzt vergangen. Die Familie versammelt sich gerade wieder auf der Terrasse, um das Mittagessen einzunehmen, als plötzlich ein dunkler Schatten am Gartenzaun vorbeihuscht. Interessant. Den "Osterhasen" da drüben kennen wir doch! Hihi, er zwinkert Franz gerade zu. Die beiden Frauen sitzen so auf ihren Stühlen, dass sie ihn nicht sehen können. Ich bin gespannt, was das da gerade wird. Du auch? Hehe!


Franz: Kälbchen, mir deucht, ich habe gerade den Osterhasen gesehen.
Gretchen: Papa, für solche Geschichten bin ich eindeutig zu alt.
Franz: Aber nicht doch, Margarete! Da war echt einer. Geh doch mal gucken, da am Nachbarzaun! Vielleicht hat er ja was für dich versteckt.
Bärbel: Aber Franz, wir wollten doch gerade anfangen mit dem Essen. Hat das denn nicht Zeit?
Franz: Das denke ich nicht, Butterböhnchen. (Und wir auch nicht, gelle?) Na los, Kälbchen! Ich denke, der Osterhase kann nicht lange warten, um dein überraschtes Gesicht zu sehen.


Erst einmal macht Gretchen ein verwirrtes Gesicht. Dann ein nachdenkliches. Oje! Hoffentlich ahnt sie noch nichts! Sonst wäre die ganze Überraschung ja hin.



Gretchen (erhebt sich schwerfällig und läuft, genauestens beobachtet von ihren Eltern, zum Gartenzaun. Wir folgen ihr in gebührendem Abstand. Sieh mal, funkelt da nicht was?): Aber, das ist ja… ein Osternest. (geht in die Knie, um sich die Überraschung genauer anzusehen und scheint dabei fast aus allen Wolken zu fallen.) Ein Schokohase, ein paar Trüffeleier und ein… eine flache blaue Schachtel?
Marc (kommt grinsend hinter einem Gebüsch hervor): Nun mach es schon auf!
Gretchen: Marc! Ich dachte, du wolltest nicht herkommen.
Marc: Ich musste doch noch warten, bis der Osterhase mich abholt, damit wir zusammen herfahren und das Geschenk für dich verstecken können.
Gretchen (nimmt die Schachtel in die eine Hand und schiebt mit der anderen den Deckel herunter): Das ist ja eine Kette! Oh Marc, das war doch nicht nötig! Die war sicher teuer.
Marc (wirkt leicht verunsichert): Gefällt sie dir nicht?
Gretchen (strahlt): Oh doch! Sie ist wunderschön. Vielen, vielen Dank, mein Schatz. (Sie fällt ihm glücklich um den Hals. Hach, ist das romantisch!)
Marc: Ich bin zwar nicht dein Schatz, sondern Marc, aber ich freue mich jedes Mal, wenn du dich freust. Na komm, jetzt lass mich los und dreh dich um!


Er nimmt ihr die silberne Kette mit dem Herzanhänger aus der Hand. Gretchen dreht sich um und er legt ihr das Geschmeide um den Hals. Anschließend drückt er ihr einen kleinen, aber feinen Kuss hinter das Ohr. Sie freut sich anscheinend wirklich. Sieh mal, da schimmern kleine Tränchen in ihren Augen. Jetzt sieht sie runter zur Kette, nimmt den Anhänger in die Hand und betrachtet ihn etwas genauer. Sie dreht das silberne Plättchen und fängt an zu lesen.


Gretchen: „Für Gretchen. In Liebe. Von Marc.“ Hach, das ist… das ist so wunderschön. Das ist wirklich eine ganz tolle Überraschung.
Marc (stellt sich hinter sie und umklammert sie liebevoll): Für meine Liebste nur das Beste. (Er küsst sich zärtlich auf den Hinterkopf).


Jetzt scheint wieder alles gut zu sein zwischen den beiden. Gretchens Eltern wirken auch ganz zufrieden. Ich denke, wir sollten die Vier jetzt mal alleine lassen.

Mein Freund, so ein Geisterleben kann wirklich spannend sein. Man sieht zum Beispiel Menschen streiten – wobei die beiden eigentlich ja gar keinen richtigen Streit hatten – aber auch die schönen Versöhnungen im Anschluss. Und wahre Liebe braucht ab und zu mal eine Meinungsverschiedenheit. Sonst wäre es ja langweilig, wenn sich immer alle einig wären. Friede, Freude, Eierkuchen. Ich wünsche dir einen guten Nachhauseweg und vor allem



FROHE OSTERN!










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