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Dieses Thema hat 24 Antworten
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 Erfindet eure eigene Fortsetzung!
manney Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 876

06.07.2016 22:38
manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

Dear Reader,...
*just kidding*

auch diese Drabbles werden natürlich wieder auf Deutsch geschrieben. Auch wenn ich sehr gern englisch quatsche und noch lieber Original-Ware aus Film/Fernsehen/Buch verschlinge, so fühle ich mich nicht mächtig genug in der Kürze der englischen Sprache treffsichere Geschichten zu verfassen – und schon mal gar nicht für so ein international schmächtiges Fandom wie Doctor's Diary.
Auf folgendem Blog gibt es eine 100-Drabble Challenge fürs Sailor Moon Fandom „A Love Like No Other“. Ich habe Alicia Blada (aka Marissa Meyer) stets dafür bewundert, dass sie zu den unten stehenden hundert Worten immer ein hervorragendes, richtiges Drabble oder eine kleine Kurzgeschichte erschaffen konnte.
Ich weiß nicht, wie lange diese Challenge dieses Mal braucht, oder ob ich sie jemals fertig stellen werde (schließlich hab ich für die letzten 50 Drabbles 5 Jahre gebraucht), oder ob überhaupt daran Interesse besteht oder ob dieses Forum in zehn Jahren überhaupt noch online sein wird – aber ich versuche es und hoffe, dass es euch da draußen genauso viel Spaß macht meine neuen Drabbles zu lesen, wie es mir Spaß macht sie zu schreiben!


1. Chocolate
2. Masks
3. Hair
4. Karma
5. Short Skirt
6. Blue Eyes
7. Things left unsaid
8. Kiss
9. Button
10. Sweet16
11. Past

12. Present
13. Future
14. Closet
15. Mistake
16. Behind the blue curtain
17. Ice Cream
18. Death
19. Liar
20. Scars
21. Mischief
22. Christmas
23. Valentines
24. Dragonfly
25. Caramel apple
26. Telephone
27. Stained glass
28. Same old song and dance
29. Buried treasure
30. Business card
31. Weapon
32. Rain at midnight
33. Gift
34. Ball of yarn
35. Daily Planner
36. Champagne
37. Pocketknife
38. Studying
39. Cologne
40. Pointillism
41. Jacket
42. Desire
43. Shipwreck
44. Dirty nails
45. Cape
46. Time
47. Broken glass
48. Rosebud
49. A familiar song
50. Advertisement
51. Lightening
52. Protector
53. Giddy
54. Nightmare
55. Panic
56. Red String of Destiny
57. Confessions
58. At the end of the day
59. Unrequited love
60. One Touch
61. Advice
62. Rainbow
63. Spring Cleaning
64. Secret
65. Last Dance
66. Multiplication
67. Weeping willow
68. Thorns
69. Pen pal
70. For the love of...
71. Quiet Despair
72. Fortune
73. Wild West
74. Two Halves
75. My Soul's Shelter
76. Family
77. Fantasy
78. Addiction
79. Naughty
80. Pandora's Box
81. Nature
82. The small things
83. Mail
84. Glasses
85. A change of scenery
86. Tackle
87. Hurt Feelings
88. Lazy Days
89. Comfortable Silence
90. If the shoe fits
91. Sacrifice
92. Apron
93. Genie
94. Fan Club
95. R.S.V.P
96. Catch 22
97. Fifth Wheel
98. All's fair in love and war
99. Geek
100. The Perfect Ending


Ich präsentiere also nun voller Stolz:

Girls Just Wanna Have Fun – 100 Theme Drabbles

07. Things Left Unsaid

In einem Märchen hätte sie ihm früher gesagt was sie fühlte; hätte ihm von all ihren Träumen und mädchenhaften Wünschen erzählt, dass er sie in den Arm nehmen sollte, sie angucken sollte, wie Richard Gere diese verflixt gutaussehende Hure Julia Roberts in der Schluss-Szene von Pretty Woman auf der Feuerleiter. Vielleicht wäre er dann gar nicht erst so ein nichtsfühlender Idiot geworden!
Am letzten inoffiziellen Schultag der dreizehnten Klasse bekam sie nicht mal eine Pause von seinen ewigen Sticheleien. Er hatte ihr Fahrrad manipuliert – keine große Sache, sollte man meinen, schließlich hatte er damit schon in der vierten Klasse begonnen. Oft hatte er ihr die Luft aus den Reifen gelassen, später sogar mutwillig mit dem Zirkel zerstochen und einmal hatte er ihren Sattel höher und so fest geschraubt, dass sie wie ein Radrennfahrer nach vorne gebeugt sitzen musste. Oh, und erst das besprühen des Alu-Gestänges mit weißer Lackfarbe und Marcs schmächtigen Versuchen ihr Penisse darauf zu malen waren ein Klassiker.
Damit hatte sie leben können – sogar gut, weil sie sich in ihrem rosaroten Traumland einredete, dass er das machte, weil er sie auch mochte. Warum sonst investierte er mehr Zeit damit sie zu ärgern als seine Freundinnen zu küssen?
Aber als sie hier lag, mit aufgeplatzten Knien, den losen Lenker irgendwo zwischen Sternum und Asphalt gedrückt und dem Wissen, dass sie auch noch drohte ohnmächtig zu werden, weil der Schmerz in ihrem Hinterkopf immer stärker wurde, konnte sie die Tränen und den Schmerz nicht mehr verbergen.
-
„Wo ist Gretchen?“, fragte Marc sich die Finger reibend seinen besten Freund Sören, der dadurch Wiederrum beim Knutschen mit Gretchens bester Freundin unterbrochen wurde.
„Woher soll ich das denn wissen“, verdrehte der blonde Lockenkopf die Augen und setzte erneut zum Speichelaustausch an.
„Du hast sie gerade verpasst, die ist gerade schon losgefahren. Warum?“, fragte dieses merkwürdig, rothaarige Mädchen, das Marcs besten Freund um den Verstand gebracht hatte.
„Gefahren? Meinst du nicht eher: Gegangen?“, fragte Marc wissend. Dabei hatte er sich so beeilt aus der stickigen Abi-Sitzung zu kommen um Gretchens blöden Gesichtsausdruck zu sehen, wenn sie ihren Fahrradlenker in der Hand hielt.
Als sie heute Morgen mit einem mit Büchern vollbeladenen Fahrradlastenanhänger zur Schule gekommen war, hatte Marcs Kopf begonnen einen lustigen Plan zu schmieden: Wie würde sie all die Bücher zurück in die Stadtbibliothek bekommen, wenn ihr Fahrradlenker locker war und diese alte Rostlaube überall hinlenkte, nur nicht dahin, wohin es sollte? Es war kein Meilenstein, oder gar eine Glanzleistung seiner Scherze, die er mit ihr trieb, aber seit sie von dieser unsäglichen Abireise zurückgekommen waren, hätte er alles dafür getan, wenn sie ihn nur einmal wieder richtig wütend auf ihn werden würde – und ihn nicht ständig mit diesen verlorenen blauen Augen ansah, als ob er die bemitleidenswerteste Kreatur auf diesem Planeten wäre.
Er... der ganze Abiturjahrgang hatten einen Fehler gemacht, ja. Aber doch nicht, um jemanden absichtlich zu verletzen: ob nun Mariella physisch und Gretchen psychisch. Marc hatte fest damit gerechnet, dass Gretchen nach diesem Vorfall aufbrausend auf ihn zu kommen würde, ihn mit moralischen Tiraden zutextete und wütend auf ihn war. Nicht aber, dass sie ihn so durchdringend anschaute, als ob er einen Fehler so unverzeihlich begangen hätte, der sie von innen heraus auffraß.
Seine wenig verbleibenden Möglichkeiten ihr also die Normalität zurückzugeben waren bis zur Abiturfeier begrenzt, weshalb er sich diebisch freute, dass Gretchen ihm heute Morgen Munition mitgebracht hatte.
„Nein. Gefahren. Mit ihrem Fahrrad und all den Büchern, über die du dich heute Morgen noch so lustig gemacht hast, Marc!“, versetzte die Rothaarige ihn mit Leichtigkeit.
„Ohne Lenker?“, unglaubhaft zog Marc die Augenbrauen hoch.
„Was redest du da für einen Schwachsinn. Natürlich mit!“
Marcs Augen weiteten sich in böser Vorahnung. Hatte der Hasenzahn etwa nicht mitgekriegt, dass der Lenker locker war? War sie aufgestiegen und hatte nichtsahnend in die Pedale gedrückt? Er kniff die Augen zusammen und hoffte, dass sie irgendwo fluchend abgestiegen war und nicht... und sich nicht in der erstbesten Kurve das Genick gebrochen hatte.
Die Vorstellung allein löste bei ihm üblen Brechreiz und Panik aus, die er damit unterdrückte in die Richtung zu laufen, in der Gretchen kurze Zeit vor ihm gefahren sein musste. Am Sportplatz vorbei, entlang der Turnhalle um die Ecke gen Schwimmhalle-
„Gretchen!“
Keine zwei Meter nach der ersten scharfen Kurve, die sie genommen hatte, lag sie reglos auf dem schwarzen Asphalt. Übersät mit Büchern, ihrem Fahrradanhänger, Blut und
„Gretchen? Gretchen?“, er schrie sie immer noch an, obwohl er schon längst neben ihr kniete und ihr die Haare aus dem Gesicht wischte.
Seine fahrigen Hände hielt sie mit einem eisernen Griff fest.
„Gretchen! Du lebst noch“, er klang erleichtert, dass ihr anscheinend nicht so viel passiert war, wenn sie so fest zugreifen konnte. Sie nuschelte etwas unverständliches, als er befreit ausatmete: „Was?“

Sie stöhnte unter Schmerzen, als sie sich vom Boden abstützte und mit vor Adrenalin bebender Stimme zischte: „Verschwinde!“
„Gre-“, begann er, als ihre Worte in seinem Kopf keinen Sinn ergaben.
„Hau ab und verschwinde. Lass mich endlich in Ruhe, Marc“, schrie sie. Völlig egal wie peinlich es war, dass sie wegen so etwas banalem, wie unerträglichen körperlichen Leiden heulte. Sollte er doch wenigstens einmal sehen, dass er ihr Schmerzen zufügte.
Schmerzen, die sie so viele Jahre, so lange unterdrückte und endlich aussprach in dem sie ihm nicht die Dinge sagte, die er hören wollte.

lg
manney

a/n: wer als Erstes ein Kommentar gepostet hat, darf sich von den 99 verblieben Worten eines aussuchen, was dann das Thema des nächsten Drabbles werden wird ;)

manney Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 876

10.07.2016 19:50
#2 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

85. A Change Of Scenery

„Mo-om“, schniefte das fünfzehnjährige Mädchen voller... ja was eigentlich. Anna wusste nicht, warum ihre älteste Tochter Lilly völlig aufgelöst zur Tür hereingestürzt kam und sie fest in den Arm nahm. Gwendolyn kratzte sich unauffällig am Kopf ehe sie beiläufig bemerkte:
„Teenagers are weird!“ 'Ehm, die in der Haustür direkt hinter der kleinen Erstklässlerin stand streckte dem Mädchen ihre Faust hin.
„Gut aufgesagt, Gwenny. Wenn deine Lehrerin das hört, wird sie sich sehr freuen nur den Englischunterricht für die Bilingualen-i-Männchen unterrichten zu müssen und nicht für die armen, irren Teenager“, grinste die Bestatterin stolz, als Gwendolyn mit ihrer winzigen Faust gegen ihre schlug. Asifaust.
„Ich bin kein I-Männchen. Im Sommer gehe ich schon in die zweite Klasse!“, empörte sich der kleine Braunschopf herrlichst, lief in ihr Zimmer und zeigte 'Ehm voller Stolz ihr Matheheft.
„Ähm... Leute. Heulende Lilly?“, Anna deutete in das große Wohnzimmer auf die Couch, auf der Lilly mit verheulten Augen in ihr Handy starrte und irgendwem – vorzugsweise ihrer besten Freundin Cherelle – schrieb.
„Sagten wir doch, Mom: Teenager are weird.“
„Teenagers, Hun! So. Wie du siehst habe ich sie wie immer heile wieder zurückgebracht, obwohl Dumm und Dümmer mindestens genauso daneben wie Lilly in meinem Wagen sitzen und sich die Köpfe heißreden, warum in der Deutschen Synchro aus Zootropolis Zoomania wurde. Ich denke, beim nächsten Mal könnte man mir auch die Zwillinge anvertrauen. Allerdings bräuchte ich dann ein größeres Auto. Oder du und Frau Doktor Haase gucken endlich auch mal Disney-Filme an und wir fahren mit zwei Automobilen, oder-“
„Heile?“, fragte Anna und verstand nichts. Lilly heulte sich die Augen wund und 'Ehm befand diesen Umstand als einen gelungenen Kinobesuch?
„Lilly ist eben... naja... ziemlich ergriffen vom Film. Bye meine Hasen“, 'Ehm gab Anna zum Abschied eine einarmige Umarmung und Wangenkuss, Gwendolyn ein Küsschen auf die Schnute und Lilly winkte sie grinsend zu, die nur abwesend ihre Hand hob.
„Film? So?“, fragte Anna perplex, als sie ungläubig der winkenden Bestatterin hinterher guckte, die freudestrahlend über den gepflasterten Gartenweg zur Straße hinunterging.
-
„Lilly, was ist denn los?“ fragte Anna kurze Zeit später als sie das Abendessen auf eine geringere Backtemperatur gestellt und bis Mehdi, Gretchen und Marc kamen, noch genügend Zeit hatte ihre Tochter zu fragen, was in alles in der Welt denn bloß mit ihr los war.
„All these feels inside, Mom. It hurts so much, i can not even describe how much i love this film!“
„Hä? Du heulst wie ein Schlosshund, weil dir ein Film gut gefallen hat?“, ungläubig blinzelte die Mutter mit den Augen. Lilly war eine Drama-Queen geworden! Was war nur aus dem liebevollen, kessen, zehnjährigen Mädchen geworden, das es hasste, wenn 'Ehms beste Freundin Anny theatralisch gen Himmel flehte endlich größere Möpse zu bekommen. Irgendwann würde sie bestimmt genauso werden und Anna wusste in diesem Moment nicht ob sie es gutheißen und lustig finden sollte, oder einfach nur strunz dumm.
„Es ist doch nur ein Film, Liebes.“
Lilly quakte hysterisch los: „It certainly is not just a movie, mom. It's life. This film is life. It gives me life, because everything is so true, and so lovable and i can not believe how it does make me feel, as if I have done everything wrong. Why was i such a horrible, horrible person who was just one of those... those... she-he-he-ps.“
„Okay... du hast mich verloren. Was für Schafe? Und es heißt verdammt noch mal Mama, Lilly. Nicht Mom, nicht Ma oder“, Anna schluckte: „Mother.“
Lilly schluchzte in eines der Sofakissen.
Die braunhaarige Mutter sog tief die Luft in ihre Lunge: Ein Land für eine Beruhigungszigarette.
„And it was so romantic. I ship them so hard, mom. My fe-ee-ls!“
„Was verschickst du?“
„Ship, mother. Not shipping as in send it to another person kind of way. They were so cute together. And he called her Mö-hör-chen! How cute is that? I will never get over this last scene when he asked her if she liked him. And do yo-ou know, what she said. That yes, indeed, she likes him. I need to watch this movie again, Mom. I need a second one. I need my life back!“
„O-okay. Ähm... hast du Drogen genommen? Hat 'Ehm dich zu lange an ihrem Autoduftbaum schnuppern lassen?“
„What?“, Lilly wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht: „Are you nuts, mother! How is it even possible that you and I share the same DNS, when you have no Shipping-Bone in your whole body!“
„DNA“, sagte Marc belanglos, als Mehdi ihn und Gretchen durch die große Glasbalkontür ins Wohnzimmer beförderte.
„As if that mattered. Da-aad“, heulte Lilly wieder los, warf sich in die Arme ihres Vaters und jammerte all ihre Tränen in sein neues Lacoste-Hemd.
„Natürlich ist das wichtig, Lilly. Wenn du schon den ganzen lieben langen Tag englisch redest, musst du wenigstens auch wissen dass DNS die deutsche Übersetzung von DNA ist und Desoxyribonukleinsäure und auf englisch eben Deoxyribonucleic heißt“, sagte Marc aufmunternd und fing sich von seiner Frau einen eisigen Blick, der ihm vermitteln sollte, dass das in dem Moment wirklich egal war – schließlich heulte sich Lilly gerade die Augen aus.
Mehdi streichelte seiner Tochter derweil über den Kopf und sah seine Frau fragend an. Anna jedoch zuckte nur mit den Schultern und meinte: „Teenagers are just weird.“

a/n:
Ich verspreche, dies wird eines der letzten Drabbles (eher Short-Story? Ich muss den Titel hier dringend noch einmal überdenken!) mit englischer Sprache sein. Aber ich dachte es passt zu einer Teenager-Lilly, die a) von 'Ehm extrem geprägt schein :D und b) in diesem merkwürdigen Jahr 2016 als Teenager lebt. Mit Twitter, Snapchat, Facebook, Instagram und Tumblr. Besonders Tumblr, denn Lilly ist ein Fangirl^^

a/n2:
Habt ihr den Arsch offen? Oh Gott! Womit hab ich denn gleich so viel Zuspruch für das erste Drabble verdient? Vielen, vielen Dank an alle fünf Kommentatoren (das sind genauso viele Kommentare, als wie für die 24 ersten Drabbles, die ich für einen Weihnachtskalender bekommen habe!) ich weiß euer Feedback wirklich zu schätzen.


a/n3:
Da sich niemand bemüßigt gefühlt hatte mir eine Nummer mitzuteilen, werde ich es diese Art von Mitmach-Regeln lieber wieder lassen. Too much Drama, Babes ;)

lg
manney

manney Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 876

19.07.2016 02:56
#3 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

21. Mischief

„So... 'Ehm...“, Wenn Marc Meier so süffisant grinste, konnte das nichts Gutes bedeuten.
In den letzten Jahren hatte er sie immer weniger gepiesakt – ja, 'Ehm hatte ihn sogar auf das Podest eines guten Bekannten gestellt, er würde doch nicht an so einem großen Tisch irgendetwas peinliches erzählen, oder? Nicht, wenn das Kaan'sche Heim mit so vielen Leuten gefüllt war, die ihr alle viel bedeuteten.
Es war eine große Runde zu Annas nunmehr 39... 29. Geburtstag. Neben den Kaan Eltern, die Meiers (es hörte sich, obwohl Marc und Gretchen schon seit fünf Jahren verheiratet waren immer noch schrecklich falsch in 'Ehms Ohren an), Bärbel und Herr Dr. von Bismarck, Frau Dr. Hassmann und ihr Mann, Moira und Freund, Jochen und Freundin, ein paar andere Freunde von Anna und Dr. Kaan waren auch 'Ehm und Freund und Anny eingeladen worden. Kaum zu glauben, dass Anna diese 40 Personen („40 Anna? So alt wirst du schon?“) auch alle höchstpersönlich beköstigte und es sich nicht hatte nehmen lassen für all diese Personen zu kochen. Hervorragend zu kochen. Grandios zu kochen. Gourmet-Like zu kochen. Perfekt zu-
„Da warst du also mit unserer Lilly letzte Woche im Kino?“
Die Bestatterin blickte sich irritiert zu Lilly um, die irgendwas wichtiges in ihr Smartphone tippte – irgendwas äußerst wichtiges, denn sie überhörte anscheinend auch, dass Marc „unserer“ gesagt hatte, was die Fünfzehnjährige sonst ziemlich wütend werden ließ, weil sie sich dabei weniger erwachsen vorkam.
„Ähm... ja?“, sagte sie deshalb und suchte in den umliegenden Gesichtern nach Antworten. Doch ihre beste Freundin und ihr Freund guckten nur wahrlich interessiert, was Dr. Meier denn vorhatte.
Verräter – alle beide.
„Ich wusste gar nicht, dass du dir so Statistiken ausdenkst. So zu... Hasen... und Füchsen... auch zu echten Menschen?“
In ihrer Phantasie tötete 'Ehm gerade Lilly - die auf ihrem Stuhl immer kleiner zu werden schien - mit bloßen Händen.
„Nein... natürlich nicht“, sagte 'Ehm entschieden. Das machte sie wirklich nicht. Sie schrieb nicht über Schauspieler oder Sänger... sondern nur über fiktive Charaktere die von Schauspielern hervorragend dargestellt wurden. Wirklich! Sie stellte sich bei erotischen Szenen, die sie schrieb nicht die Schauspieler vor... Nein. Nur fiktive Charaktere. Eben wie Schauspieler.
Marc grinste. Er grinste siegessicher. Er grinste so, dass 'Ehm wusste, dass sie gerade die Möglichkeit verspielt hatte aus diesem Abend nicht gedemütigt heraus zu kommen.
„Ach guck mal einer an, was ich hier habe. Wusste gar nicht, dass du immer noch in den '80ern lebst und einen Filofax benutzt“, er hielt ihren türkisfarbenen, alten, aus allen Seiten und Ecken zerfledderten Filofax in die Höhe. 'Ehm schaute unter den Tisch in ihre große Handtasche – aufgeklappt und durchwühlt.
Wie hatte er... wann? Warum hatte er?
„Marc, das ist zu fies. Gib ihr den Planer wieder“, beschwichtigte seine Ehefrau den grinsenden Oberarzt der Chirurgie.
„Genau!“, bestätigte die Bestatterin und hoffte, dass Marc Nachsehen mit ihr hatte.
„Les vor, les vor, les vor“, quietschte aber Anny, die neben Gretchen saß und deren ausgestreckten Arm zurückhielt, der von Marc den Filofax haben wollte.
„Wie kannst du nur so grausam sein, Anny. Das ist deine beste Freundin“, tadelte Gretchen nun auch die einzige andere Blonde am Tisch neben ihr.
„Und du bist auch meine Freundin. Und du musst unbedingt wissen, was unsere 'Ehmmy hier so über dich denkt. Nicht wahr?“
„Anny“, sagte Gretchen sanft. Natürlich war auch sie neugierig geworden, als Lilly in ihrem Feels-Anflug über 'Ehms total süße Vergleiche von Judy Hopps & Nick P. Wilde und Gretchen H... Gretchen & Marc Meier gesprochen hatte. Die Ärmste aber so vorzuführen und es hier einer breiten Masse – noch dazu vor ihrem Freund, der auch schon ganz belustigt dreinschaute – auszuposaunen, war etwas völlig anderes. Auch Gretchen überlegte angestrengt, woher Marc überhaupt ihren Filofax hatte.
„Ich überschreibe Ihnen mein Haus, wenn Sie nicht aus meinem Filofax laut vorlesen, Dr. Meier“, bot die Bestatterin an und Marc konnte den Ernst in ihrem Wesen erkennen. Ihr Haus... oder fünf Minuten Spaß am Tisch?... Hm...
Er klappte den Planer auf, räusperte sich umständlich und genoss das gequält verkniffene Gesicht der Bestatterin: „Es war einmal, vor langer, langer-“
Das steht da nicht drin!“, echauffierte sich 'Ehm. Das einzige was sie in ihrem Filofax sammelte waren stichpunktartige Ideen; die Geschichten, die daraus entstanden, waren gesichert. Mit einem Passwort. Mit einem Schlüssel. In einem Bankschließfach. In Timbuktu. Auf dem Mars.
Marc kicherte unmännlich: „Stimmt...“, er räusperte sich noch einmal, sodass ihm jetzt viel mehr Leute zuhörten als nur die fünf vorherigen.
Vierter März 2016: Ziehe Vergleich zu Dr. Meier – sogar in ihrem persönlichen Terminplaner schafft sie es nicht uns beide ohne Anrede zu beschreiben – und Frau Dr. Haase... Meier. Sie hat Haase mehrfach durchgestrichen und Meier darüber gekritzelt – mit Judy und Nick. Sie sind beide supersüß zusammen und ähneln sich so. Jochen hat mir neulich erst wieder erzählt, dass seine Schwester viel schlauer ist als Marc, auch wenn sie unter ihm arbeitet. Sly Fox, Dumb Bunny, von wegen! Ich wette, wenn man Marc Meier einen bauschigen Fuchsschwanz ankleben würde, und ihn in ein grässliches, grünes Oberteil steckte er Nick verdammt ähnlich sehen würde. Obwohl... diese zusammenstehenden grünen Augen dürften ja genügen um einen wenig vertrauenserweckenden Eindruck zu hinterlassen. Und wenn man Judy im Film einen weißen Kittel angezogen hätte – so was von Frau Dr. Haase.
Fünfter März 2016 10 Uhr: Muss Lilly fragen, ob ER auch noch andere Kosenamen für Frau Dr. Haase hat. Könnte ihm unterschwellig mal „Möhrchen“ vorschlagen.
Fünfter März 2016: Neuer HeadCanon für Maretchen→ Marc nennt Gretchen Möhrchen, wenn ihm Hasenzahn zu harsch erscheint. Sein Möhrchen...
Sechster März 2016 0:30 Uhr:
„Ich fress' dich!“ Fuchs Marc
„Bitte friss mich nicht!“ Häschen Gretchen
Habe mit Anny darüber gesprochen. Sie findet, dass „sein Möhrchen“ zu-“

Anny kreischte peinlich berührt auf, ehe sie einmal über Gretchen hinweg Marc das kleine Buch aus der Hand riss und laut verkündete, dass das ab jetzt nicht mehr jugendfrei würde.
Marc leckte sich selbstsicher über die Lippen: „Möhrchen, wirklich 'Ehm? Du findest es geil, wenn ich meine Frau Möhrchen nenne?“
„Klingt irgendwie süßer als Hasenzahn. Und auch origineller“, wandte Gretchen ein um 'Ehm wenigstens ein bisschen zu helfen. Aber ihr eigenes breites Grinsen trug letztlich nicht dazu bei.
Die Brünette hatte ihr hochrotes Gesicht in ihren Händen vergraben. Sie würde nie wieder ohne Scham sein. Nie wieder.
„Oh, mein armes Hasi“, ihr Freund streichelte ihr zärtlich den Kopf und drückte ihr liebevoll einen Kuss auf den Schopf.
„Oh...“, grollte Marc. „Solltest du jemals Geld mit deinen Phantasien verdienen, dann bekomme ich 90% der Einnahmen, ist das klar?“
'Ehm nickte bereitwillig, wenn er nur endlich einen anderen schikanierte.
„Gut“, grinste Marc und schlang einen Arm um die Hüfte seiner Frau: „Mein Möhrchen“ neckte er, dass Gretchens Augen auch nach so langer Zeit ihrer Ehe immer noch ganz warm glitzerten.
Anny quietschte vor Vergnügen, weil sie die beiden einfach furchtbar sehr zusammen shippte, 'Ehm stöhnte dankbar auf, dass niemand sie auslachte, nichts desto trotz über ihre Aktivität gelacht wurde und Lilly sprang siegreich wie von der Tarantel gestochen auf, zeigte mit dem nackten Zeigefinger auf 'Ehm und sprang in die Luft: „Ich habe einhundert Euro gewonnen! Ha!“
Lilly“, tobte 'Ehm, als sie verstand, dass Lilly Marc den Filofax nur deshalb gegeben hatte, weil sie, 'Ehm und Lilly, beide gewettet hatten, dass Marc Meier nie in diesem Leben seine Frau Möhrchen nennen würde.
1:0 für Lilly.
„Lilly!“, schrie 'Ehm abermals, als auch sie aufsprang und dem lachenden fünfzehnjährigen Mädchen durch das umgebaute Wohn- zum Esszimmer hinterherjagte.
Anna beklagte sich, dass sie das Getobe bitte nach draußen verlegen sollten und kurze Zeit später ein riesiges Platschen vom Pool zu hören war. Lilly schrie und 'Ehm lachte. 1:1
Und 'Ehms Freund... hatte das Gefühl am falschen Ende des Tisches gesessen zu haben.
„Es ist falsch Lilly zu helfen einfach so hundert Euro abzustauben! Und die arme 'Ehm so vorzuführen!“
Marc grinste seine Frau wissend an: „90% der Wette gehören eh uns,... Möhrchen.“
Anny machte gurrende Geräusch, als Marc Gretchen schnell und unkompliziert, damit es bloß kein anderer mitbekam, küsste.

a/n:
can anyone guess how much i love Zootopia. Zomania. Zootropolis? The film with Nick P. Wilde and Judy Hopps?
My obsession – I tell you guys obsession – with this movie is unhealthy.
Of course I ship Nick and Judy, but that's not the main reason. Not even because they remind me of Marc & Gretchen, but the message between all those animals is so damn real.
I love this film so much. This cinematic masterpiece is so important to understand that them are we. And that the whole world is not just one huge lovable place, but that we need to make it one.
I think this film is the best disney-film in this century even before the hyped Frozen, because this fear this old sheep was referring to is real – and we must try to overcome those fears of different people from different countries, religions and skin colors.
Change starts with all of us!
lg
manney

manney Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 876

23.09.2016 18:23
#4 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

27. Stained Glass

Er hatte nie revidiert, was alle angenommen hatten.
Vermutlich wäre er auch dann niemals so beliebet bei seinen Freunden gewesen und hätte so viel kichernde Anerkennung seiner Mitschülerinnen bekommen. Aber Marc hatte nicht mit dreizehn Jahren seine Unschuld an eine Hure verloren, die für den achtzehnten Geburtstag eines Freunds Bruder... gemietet worden war.
Als sie mit ihm aufs Zimmer verschwunden und erst vierzig Minuten später wieder herausgekommen war, Marc mit hochroten Ohren, durcheinander und weis wie eine frisch gestrichene Raufasertapete, hatten alle anwesenden auf der Party einfach das wahrscheinlichste Szenario angenommen.
Die langen Minuten mit der Hure auf dem Zimmer hatten ihn geprägt: Sie hatte ihm sehr deutlich gemacht, was ein junger Kerl wie Marc wissen musste, damit sein erstes Mal, wann immer das auch kommen würde, vernünftig ablief:
1. Respekt – kein Mädchen würde je mit ihm schlafen, wenn er sie so dämlich anbaggerte, wie er es bei der Prostituierten versucht hatte; mit einem Klaps auf den Po. „Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert, Junge. Wir sind Frauen, kein Fickfleisch.“ Man konnte Frauen betrügen und sie anlügen und mit ihnen Schluss machen, wenn man von ihnen genug hatte, aber man durfte niemals den Respekt vor einem Beischlafpartner verlieren. Egal ob männlich oder weiblich.
2. Kondome – wenn er so heiß und versessen darauf war Sex zu haben noch bevor er in der Lage war ein Kind zu unterhalten, musste er verhüten. Niemals dem Betteln von unbedarften Mädchen nachgeben, die es mit Gummi zu wenig intim fanden. Das war fatal und könnte ihn nicht nur zu einem jungen Vater machen, sondern ihn auch sein (vielleicht dann nur kurzes) Leben mit einer sexuell übertragbaren Krankheit marken. „Schau dir in der Bibliothek doch mal Bücher über Syphilis an.“ Dummerweise hatte er das ein paar Tage später auch wirklich getan!
3. Petting – Mädchen musste man, bevor man mit ihnen Sex haben konnte, erst ganz lange darauf vorbereiten und sie immerzu küssen, damit sie sich entspannten: „Ein guter Kuss ist so viel wichtiger für ein junges Mädchen, als ein Orgasmus beim ersten Mal.“
4. Durchhaltevermögen – keine junge Dame würde mit ihm noch einmal schlafen wollen, wenn er nach dem ersten rein und raus einen Samenerguss abfeuerte. Wenn er zu erregt war, müsste er zwischendurch einfach aufhören und das Mädchen anderweitig verwöhnen.
„Hä?“
„Mit dem Mund, natürlich!“
„Also wieder küssen?“, fragte Marc gelangweilt.
„Ja, aber die anderen Lippen. Und ihre Brüste dabei sanft streicheln.“
5. Nein heißt nein – als die Nutte ihm das sagte schaute sie ihn herausfordernd an und erwähnte dazu keine einzige Lektion, die er aber auch ohne weitere Worte verstand.

Aber all diese empirischen Ratschläge hatten ihn nicht darauf vorbereitet, als er zwei Jahre später mit fünfzehneinhalb Jahren sein erstes Mal erlebte - im Hochsommer hinter der Kirche, in der er die letzten vier Jahre als Messdiener ausgeholfen hatte.
Ihre großen moosgrünen Augen funkelten aufgeregt, ihre Lippen hatte er rotgeküsst und in den blonden Haaren von Christine spiegelten sich die buntesten Farben des Kirchenfensters, das von der Sonne reflektiert wurde. So sehr er auch versuchte sich ihren tollen Körper mit den für ihr so junges Alter riesigen Brüsten einzuprägen, so war alles, was er sah die bunten Farben in ihren blonden Locken, auf ihrem Gesicht, auf seinen Oberarmen, auf ihrem Torso.
Denn genauso fühlte er sich, genauso einzigartig, wie die einmaligen Glasmosaikstücke, die allesamt ineinander verlötet waren. Die aus vielen kleinen bunten Glassplitter bestehende Fensterscheibe, die erst Sinn ergab, wenn man all ihre Farben blitzen sehen konnte.
Für einen kleinen Moment war er mehr als nur der Messdiener und sie mehr als nur die sündenhafte Nichte des Pfarrers. Für einen winzigen Moment, war er verliebt.
Zum ersten Mal, in das bunte Glas, was sie beide wohl nie wieder vergessen würden.


a/n 2:
Liebe Nicky,
wenn du oder jeder andere vielleicht auch an Glaskunst denkst, assoziiert man unmittelbar Kirchen und dazugehörige Feiern wie Hochzeiten, Trauerfeiern, Taufen oder Gottesdienste im Allgemeinen damit. Ich nicht. So gar nicht (und das von einem Totengräber, HA!).
Das erste was mir zu Stained Glass eingefallen war, war wieder ein Disney-Film: Der Glöckner von Notre Dame!
Aber ich konnte ja nicht schon wieder ein Drabble über einen Disney-Film schreiben, schließlich waren die letzten zwei erst nach dieser Art entstanden, weshalb du es mir echt sehr, sehr schwer gemacht hast. Ich hoffe du bist dennoch zufrieden mit meiner Idee und nicht enttäuscht, dass du, wie vielleicht insgeheim gewünscht, auf eine kirchliche Hochzeit von Marc und Gretchen (vllt. vorerst) verzichten musstest. Sorry.

a/n 2:
HILFE, ICH ERTRINKE!

lg
manney

manney Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 876

30.09.2016 23:17
#5 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

86. Tackle

Die Welt war verrückt geworden!
Wie konnte man nur wegen einem innerstädtischen Fußballturnier die Schule ausfallen lassen? Das war unverantwortlich, überheblich und schlichtweg falsch!
Gretchen Haase grummelte schon seit den frühen Morgenstunden ununterbrochen vor sich hin. Sie hätte jetzt so viel lieber im Matheunterricht Funktionsgraphen analysiert als hier in der prallen Juni-Sonne zu sitzen und ihrem blöden Schulsportverein beim Ball hinterherlaufen zuzugucken. Wenn das die Unterstufen machten – bitte. Sie war in der Sekundarstufe 2, also hatte sie eigentlich auch ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit erwartet, aber all ihr Quengeln war auf taube Ohren ihres Lieblings-Latein-Lehrers gestoßen, der diese Amateure nämlich seit der siebten Klasse trainierte.
„Hmpf“, brummte sie, guckte vom Spielfeld zurück in ihr neustes Medizinbuch über die physische Stabilität von Ärzten, das aufgeschlagen in ihrem Schneidersitz lag und darauf wartete endlich eine Seite weiter umgeblättert zu werden.
Die Tribüne des Bezirks-Sportplatz war alt und bestand ausschließlich aus gegossenem, breiten, grauen Beton, der in der Sonne zwar kühl und angenehm glänzte, aber ohne Plastikverkleidung sehr unbequem war. Wie einige ihrer Mitschülerinnen es dabei noch schafften sich vornehm hinzuknien, weil ihre Röcke oder HotPants nicht dazu gemacht waren im Schneidersitz platz zu nehmen, ging über Gretchens überdurchschnittlich großen Horizont hinaus.
„Gretchen, leg doch mal dein Buch weg und genieße diesen Ausblick. Zweiundzwanzig verschwitzte junge Männer, die nur darauf warten, das Halbfinal-Spiel zu gewinnen um sich dann die Trikots vom Leib zu reißen, werden wir so schnell, so nah nie mehr zu sehen bekommen“, grinste ihre Freundin enthusiastisch.
Gretchen schnaubte verächtlich: „Ich seh da keine jungen Männer. Ich seh da nur zweiundzwanzig spätpubertierende Jungs, die einem weiß-schwarzen Ball neunzig Minuten bei praller Sonne hinterherjagen um hinterher bejubelt zu werden, weil sie einen Sonnenstich abbekommen haben. Außerdem ist es unverantwortlich bei diesem Wetter ohne Schatten auch noch körperlicher Aktivität nachzugehen.“
Gretchens beste Freundin grinste, setzte sich neben sie (auch gekniet, die Verräterin!) und verhakte ihrer beider Unterarme miteinander. „Ach Gretchen... ich weiß ja, dass du jetzt viel lieber im stickigen Klassenzimmer irgendwelche Parabeln ausgerechnet hättest, aber versuch es doch wenigstens ein bisschen zu genießen! Schau mal... sieht Sören nicht himmlisch in diesen Kniestrümpfen aus? Oder Marc?“
Sören?
Gott, seit wann hatte ihre beste Freundin nur angefangen, diese ungesunde Schwärmerei für Marc Meiers besten Freund und Blutsbruder zu hegen. Sie war ja fast so schlimm wie Gretchen in ihrer Phase. Nur dass Gretchen sieben Jahre gebraucht hatte um über ihn hinwegzukommen – naja, wenigstens zu 80%.
Ehrlicherweise musste sie dennoch zugeben, dass die Elftklässler in ihrer Sportuniform wirklich etwas hermachten, fast wie echte Fußballer sahen sie aus.
Ob nun Sören oder Marc oder Julian, sogar Carsten wirkte weniger rundlich im Tor als noch eine halbe Stunde zuvor im Bus.
Gretchen suchte in ihrer fast entleerten Schultasche nach ihrer Lesebrille. Jungs, gerade die da auf dem Platz, waren nicht ansatzweise so konstant, wie das Wissen, das sie sich anlas; also würde sie genau das jetzt auch tun, lesen.
„Gretchen“, nölte ihre Freundin wieder und rüttelte ungehalten an ihrem Arm: „Bitte. Nur dieses eine Spiel guckst du dir mit mir an. Ich will hier nicht allein rumsitzen und jubeln, wenn wir gut spielen.“
„Dann setz dich doch zu den anderen“, Gretchen zeigte auf die Gemeinschaft an Mädchen und weniger sportlichen, aber trotzdem beliebten Jungs aus ihrem Jahrgang.
Ihre Freundin zog einen Schmollmund, dem die Blonde nichts entgegenzusetzen hatte.
Mit einem theatralischen Stoßgebet gen Himmel nahm Gretchen ihre Brille wieder ab, klappte das Buch zu und verstaute beides zurück in ihre Tasche: „Aber hör auf dich hinzuknien – das sieht sonst albern aus, wenn ich hier die Einzige bin, die sich auf den Hintern gepflanzt hat.“
Ihre Freundin grinste breit und ließ sich ebenfalls auf ihren Po nieder.

-

Das Spiel war langatmig und sogar die eingefleischten weiblichen Groupies, die die Jungs anfänglich noch angefeuert hatten waren zwischenzeitlich mehr damit beschäftigt gewesen zusammen auf die Toiletten zu gehen oder sich untereinander mit dem neusten Tratsch zu versorgen. Die gegnerische Mannschaft war der der eigenen Schule durchaus ebenbürtig und zur Halbzeit stand es Wiedererwarten 0:0.
Ihre Freundin neben ihr seufzte: „Ist es nicht furchtbar langweilig, wenn kein Tor fällt? Also gar kein Tor. Nicht mal für die andere Mannschaft?“
„Ich sagte ja gleich, dass es sinniger gewesen wäre in der Schule zu bleiben und Mathe zu machen“, merkte Gretchen an – wohl etwas zu laut, denn irgendjemand schrie, dass der Hasenzahn das Spiel so langweilig fand, dass sie lieber Mathe machen würde.
Was den gesamten Unmut der elften, zehnten, neunten, achten und siebten Jahrgänge auf sie zog.
Suuuper.
Und die Zuschauer der anderen Schule auf der anderen Seite der Tribüne hatten dies auch mitbekommen und sangen jetzt in schlechten Reimen: „Ihr könnt ja Mathe machen, ihr könnt ja Mathe machen, ihr könnt ja geh'n, ihr könnt nach Mathe gehen.“
Völlig sinnfrei. Wie konnte man denn nach Mathe gehen. Wenn schon zu, und das war auch eher vage.

Ich muss zu Mathe gehen.
Ich muss zum Matheunterricht gehen.
Ich muss dringend in den Klassenraum gehen, in dem Mathe unterrichtet wird.
Ich muss dringend in den Klassenraum gehen, in dem mein Mathelehrer wartet um mich zu unterrichten.
Ich muss dringend hier weg, weil das hier alles bekloppte und sportverrückte Mitschüler sind!

I have to go to math.
I have to go to math class.
I have to urgently go to the classroom, where math is taught.
I have to urgently go to the classroom, where my math teacher is ready to teach me.
I need to urgently get out of here, because they're all daft and sport crazy classmates!

Cool.
Ging das auch mit Latein?

Habeo ad Math.
Math genus ire mihi.
Magisque ad me me ad schola, in qua docetur, Math.
Magisque ad me elit Math magister ubi est docere.
Ego multum opus ad adepto de hic, quia omnes condiscipulis demens hic, ludus et-

-

Wie übersetzte man ins Lateinische denn „sportverrückt“?
Das Spiel lief keine fünf Minuten nach der Pause, als Marc wie am Spieß schrie, weil sein hervorragender Schuss durch ein Bein eines Verteidigers der anderen Mannschaft sabotiert werden sollte. Oder weil das Schienbein des Verteidigers mit voller Wucht gegen Marcs linke Kniekehle gekracht war und der Unterschenkel gummiartig zurückschnellte, bevor Marc krachend auf dem Boden landete.
Der Ball rollte trotzdem ins Tor, die Menge jubelte, aber Gretchen hatte sich schon von ihrer Freundin losgerissen, war samt Tasche aufgesprungen und rannte in ungeübt schnellen Schritten die Zementtreppe der Tribüne herunter. Die Blonde störte sich nicht daran, dass ihre Freundin sie aufhalten wollte und ihr hinterherrief, dass sie doch jetzt nicht total peinlich aufs Spielfeld rennen konnte, sondern überlegte einzig und allein, wie sie das sofortige Einrenken von Marcs Knochen von den ungeübten Lehrer verhindern konnte.
„Ruf 'nen RTW. Wenn die Patella gebrochen ist, müssen da Fachkräfte ran und nicht freiwillige Helfer, oder gar erfolgsgeile Lehrer, die ihn noch dazu ermuntern wollen weiterzumachen.“
Hatte sie das wirklich gerade gesagt? Hatte sie das wirklich gerade über ihren Lieblingslehrer gesagt? Nun,... er war ein guter Lateinlehrer, aber ein noch leidenschaftlicherer Sportlehrer und der Ehrgeiz bei diesem Turnier eine Trophäe zu gewinnen, stand ihm schon seit Beginn an ins Gesicht geschrieben.
Gretchen rannte über die Laufbahn zum Rand des Feldes und hörte schon die Pfiffe und Rufe, dass sie ja anscheinend doch Haken schlagen konnte und das empörte Kreischen von Mädchen, die sie für eine gute Schauspielern und Dramatikerin hielten.
Um Marc herum hatte sich, als Gretchen ankam, eine kleine Traube aus Mitspielern, Lehrern und freiwilligen Helfern gebildet, die ihn alle fragten, wie es ihm ginge.
Gretchen verdrehte die Augen, als sie sich durch die verschwitzten Herren wühlte, in ihrer Umhängetasche nach der Wasserflasche griff und sie Marc ohne Umschweife vor den Mund hielt. Er war nassgeschwitzt, aber seine Stirn war eiskalt, trotz der prallen Sonne.
„Was willst du hier, Hasenzahn“, fauchte er, als er ihr dankbar die Flasche zurückgab.
„Keiner rührt dieses Bein an!“, energisch griff sie nach den Händen von den Helfern, die abgestellt wurden um die Sportler evtl. mit Kühlspray zu versorgen.
„Du musst Marc nicht Wiederbeleben, Hasenzahn“, gluckste Carsten und stieß seinem nebenstehenden Kumpel in die Seite, der mitlachte.
„Margarethe?“, fragte Gretchens Lateinlehrer, weil er nicht verstand, warum sie so einen Aufriss machte. War doch ein ganz normaler Unfall. Und Marc schrie ja auch nicht mehr wie am Spieß, oder rollte sich hin und her.
„Der Spieler hat ihn direkt in der Kniekehle getroffen, durch den Aufprall danach könnte die Patella gebrochen sein – genauso wie das Wadenbein, weil es gummiartig zurückgesprungen ist. Um nicht noch mehr-“
„Mach nicht so einen Wind, Hasenzahn. Das sah von Weitem schlimmer aus, als es wirklich ist. Wie konntest du das überhaupt sehen, ohne deine Brille“, er war schon fast dankbar, dass sie hier war, damit er an ihr verbal seine Schmerzen auslassen konnte.
Gretchen kräuselte die Nase, als Marc sich versuchte aufzusetzen, um sein Bein gerade zu ziehen.
Energisch drückte sie ihn zurück ins Gras – die scharfen Pfiffe, die der Situation nicht ansatzweise gerecht wurden, überhörte sie geflissentlich. Musste sie überhören.
„Kann ihn mal jemand festhalten, bitte!“
„Ich hab wirklich seine Kniekehle getroffen“, hörte sie von weiter hinten jemanden sagen, vermutlich den Verteidiger, der dieses Schlamassel erst angerichtet hatte.
Mariella zwängte sich durch die Sportler und kniete sich direkt neben Marc, an Gretchen gerichtet erläuterte sie: „Deine Freundin sagte, der Krankenwagen ist unterwegs. Wir sollen ihn hydriert halten und in den Schatten bringen, wenns geht!“
„Krankenwagen?“, Marcs Gesichtszüge entgleisten ihm.
„Natürlich! Das sah so brutal aus, wie dein Bein da so...“
„Gummiartig“, half Gretchen ihrer Klassenkameradin auf die Sprünge.
„Ja, gummiartig weggesprungen ist!“
„Mannschaft...“, ereiferte sich Gretchen nun: „macht eine Mauer um Marc herum, sodass er Schatten kriegt. Wir brauchen kalte, getränkte Tücher für seinen Nacken, und mehr Wasser. Ich brauche zwei Freiwillige, die ihn festhalten. Gut festhalten. Einer am Fuß und einer setzt sich auf seine Hüfte. Wenn ich ihm den Schuh ausziehe, will ich sein Bein nicht einen Zentimeter bewegt wissen. Kapiert!“, ordnete sie an und wurde zuerst von perplexen, stummen Mienen angeschaut, die sich aber schnellstens beeilten ihrer Aufforderung nachzukommen, als Mariella ihnen ein wütendes „Fatelo, ora!“ hinterherwarf.
Gretchen wusste nicht, warum Mariella so viel mehr Macht besaß, dass die ganzen zweiundzwanzig Spieler alle auf sie hörten, aber sie vermutete, dass es am Italienisch lag.
Sie sprach es so selten, und das war der Moment, in dem Gretchen begriff, dass egal wie gutaussehend und beliebt Mariella war, egal wie oberflächlich sie war oder sich gab – sie liebte Marc, dass sie sich darauf verließ, dass Gretchen das richtige tun würde.
Ihr Herz setzte aus.
Tat sie das richtige?
Wenn es wirklich ein Trümmerbruch der Kniescheibe war und man das Bein bewegte ohne es vorher richtig zu schienen, war dies fatal. Wenn Marcs Bein anschwoll, weil Arterien durch die Fibulafraktur abgeklemmt wurden, war das noch schlimmer. Oder?
Als sich Sören auf Marcs Bauch setzte und ein Spieler der Gegenmannschaft auf seinen Fuß drückte, damit er nicht wegrutschte, wenn Gretchen ihm den Schuh auszog, war die Entscheidung gefallen.
„Okay, wir ziehen dir jetzt den Schuh aus, Marc.“
„Warum eigentlich? Du hast doch gerade gesagt das könnte schwere Folgen haben, das Bein zu bewegen“, wandte Julian ein – ach den gab's auch noch?
Gretchen biss die Zähne zusammen. Sollte sie ihm jetzt wirklich den Ablauf von einem – möglichen – Logensyndrom erklären? Sie schaute zu Marcs Schmerzverzerrtem Gesicht und Mariellas Hand, die nach seiner griff.
Die Blonde atmete tief aus, fasste an Marcs Unterschenkel und zog vorsichtig den Socken hinunter: „Also, Julian. Marc hat definitiv eine Fibulafraktur. Fibula ist medizinisch für Wadenbein. Dabei können Adern, gar die Arterie in seinem Bein verletzt worden sein. Der Druck im Inneren des Beins wird größer, und die Gefäße, Muskeln oder Nerven können nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt werden. Wenn also das Innere seines Beins anschwillt ist es weniger von Vorteil wenn es außen in Strümpfen komprimiert wird, oder sein Fuß zusätzlich eingeklemmt in seinem Sportschuh steckt. Sein Bein dabei aber nicht zu bewegen ist deshalb so wichtig, weil er sich zusätzlich eine Patella-Fraktur zugezogen haben könnte.“
Sie war unheimlich stolz, als sie Marc den stinkenden Sportschuh ausgezogen hatte, ohne das Bein unnötig bewegt zu haben, oder Marc vor Schmerz schreiend aus Reflex seine Wade weggezogen hatte.
„Das ganze heißt Kompartmentsyndrom“, endete sie, als auch endlich die ersten Sanitäter eintrafen und nicht schlecht staunten, als ihnen Gretchen neben Alter, Gewicht und Puls auch den Verdacht auf Fibula- und Patellafraktur verklickerte und man ein Kompartmentsyndrom niemals ausschließen sollte – und schon gar nicht, wenn seine Beine so unterschiedlich dick aussahen.
Ihr Lateinlehrer und Mariella fuhren mit ins Krankenhaus, während Gretchen professionell die Ladetüren des Krankenwagens hinter dem letzten Sanni ins Schloss warf.
Immer noch die meisten ihrer Schulkameraden befanden ihr Einmischen als trickreich, gestellt und Mariellas Nebenbuhlerin erst befand ihren Auftritt als angeberisch, affektiert und gekünstelt. Nichts desto trotz kam Sören auf sie zu, nachdem das Spiel abgebrochen wurde und schlug ihr vertraut-freundlich auf die Schulter: „Gut gemacht, Haase.“
Tja, das war dann sowohl seine Entschuldigung für acht Jahre Mitmachen bei Marc Meiers unartigen Streichen als auch das Ausdrücken von Dankbarkeit.
Gretchen grinste, als ihre beste Freundin hüpfend und kreischend neben ihr stand und immer wieder wiederholte: „Du warst brillant, Gretchen, einfach brillant! Oh mein Gott, er hat dich berührt. Genau hier, auf deiner Schulter. Oh wie gern ich mit dir tauschen möchte. Wenn ich doch auch nur so eine erfahrene Medizinfrau wäre wie du! Dann hätte ich jetzt Sörens Handabdruck auf meiner Schulter. Und ich würde mich nie mehr waschen.“
Gretchen schüttelte belustigt den Kopf: „Was würdest du erst machen wenn Günni Neumann dich berühren würde und Sören!“
Ihre Freundin hörte schlagartig auf zu hibbeln und ließ sich künstlerisch auf ganz schlechtem Niveau theatralisch zu Boden sinken.

-

Als Marc in der darauffolgenden Woche am Montagmorgen von Mariella zur dritten Stunde zur Schule geschoben wurde, war er für die späte Zeit ziemlich dankbar. All die kleinen Sek 1 Kinder würden ihn nicht direkt Löchern können, wie es ihm ging und auch nicht komisch gucken, dass er die nächsten sechs Wochen in einem Rollstuhl fahren müsste. Er hatte Mariella natürlich gesagt, dass er selbst in der Lage war den Rolli zu bedienen, sie hatte es sich trotzdem nicht nehmen lassen ihn heute Morgen von zu Hause abzuholen und ihn überall hin zu lenken.
Tja... er wünschte wirklich, dass Mariellas Fürsorge nur ein bisschen auf seine Mutter abgesprungen wäre, denn die war zwar zuerst tiefbestürzt ins Krankenzimmer gestolpert, aber als der Arzt ihr versichert hatte, dass das Bein dank guter Erstversorgung dranbliebe, weil es glücklicherweise kein Kompart-Dingsda war, dafür aber sein Wadenbein gebrochen war und seine Kniescheibe wirklich einen dicken Haarriss hatte und jede Bewegung ohne Schiene ihn mindestens sechs Monate länger genesen lassen hätte müssen, war seiner Mutter ein Stein vom Herzen gefallen und sie hatte angefangen zu meckern.
„Du machst zu viel Sport, du konzentrierst dich zu wenig auf die Schule, Mariella jagst du noch so einen Schrecken ein, dass sie in ihren jungen Jahren einen Herzkasper kriegt, Fußballverbot, Mach das nie wieder, Mein armer Junge... was machst du auch immer für Sachen!“
Ähem,... ja. Sein Vater war da nicht viel besser. Der kam am nächsten Tag direkt aus der Schweiz geflogen, überraschte ihn mit einem Teddybären (er war in der elften Klasse... also bittteee! Süß war der kleine Bär ja trotzdem irgendwie... mit dem Gipsbein und Fußball unterm Arm), erzählte ihm von all den schlimmen Schicksalen von Fußballern, die, wenn sie sich überanstrengten, irgendwann am Krückstock liefen und Mariella bestimmt keinen Freund haben wollte, der humpelte.
Er liebte seine Eltern, seit sie sich eeendlich scheiden lassen hatten, sogar noch sehr viel mehr, aber manchmal waren sie einfach unheimlich mit ihrer merkwürdigen Art der Fürsorge.
Deshalb lobte er sich seinen besten Freund, seine Freunde und Freundesfreunde, die ihn alle jeden Tag brav im Krankenhaus besucht hatten und nicht nervten. Sogar die Mannschaft, gegen die man gespielt hatte ließ sich einmal Blicken, entschuldigte sich und versprach beim nächsten Spiel das Tor, das er geschossen hatte, gelten zu lassen.
Den einzigen, den er vermisste, war der Hasenzahn... naja, und ihre Freundin, aber die war weniger bis gar nicht wichtig.
Der Hasenzahn hatte ihm die Reha erspart, weil sie die Laien gar nicht erst an sein Knie gelassen hatte – weil sie ihn gar nicht an sein Knie gelassen hatte. Und dennoch, obwohl es in der Schule vermutlich jeder schon rausposaunt hatte, dass ausgerechnet der Mediziner-Geek endlich zu was Nütze war, kam sie ihn nicht eineinziges Mal besuchen.
Hm.
Erst in der zweiten großen Pause hatte Marc Gretchen zum ersten Mal seit dem Fußballspiel wiedergesehen. Sie saß mit ihrer Freundin auf der kaputten Tischtennisplatte im Schneidersitz und blinzelte mit ihrer dicken Brille auf das Buch in ihrer Hand.
„Du willst danke sagen“, grinste Mariella, die ihn, nachdem er einfach ohne sie losgerollt war, zu ihm aufschloss und ihn doch wieder vor sich her schob.
„Hm...“, machte Marc grantig.
„Sei nett zu ihr!“
„Hm...“, machte er wieder. Und je näher er Gretchen kam, desto schlechter hielt er sein Vorhaben.
„Schau mal, Gretchen. Hier ist jemand, der danke sagen möchte“, witzelte die rothaarige Freundin von Gretchen. Marc wollte sie auf der Stelle umbringen, bis er auf die Idee kam, einfach nur zu nicken und „Uh-u“, zu sagen.
„Bitte?“, fragte Gretchen betrunken vor Lachen, als Marc in seinem Rolli immer kleiner wurde, weil er einfach das „Danke, Gretchen“, was ihm in der Kehle steckte, nicht aussprechen konnte.
„Hmhm, hmhm“, nuschelte er mit verschränkten Armen und guckte ihre Haare, ihre Brille aber keineswegs ihre Augen an, die vor Vergnügen nur so Funken sprühten.
„Tut mir leid, ich hab's immer noch nicht verstanden, was hast du gesagt?“, sie beugte sich jetzt zu ihm vor und legte anmaßend ihren Zeigefinger hinter ihr Ohr, um ihn noch besser zu verstehen.
Marc räusperte sich ehe ihm im letzten Augenblick doch noch ein anderer, besserer Geistesblitz gekommen war: „Mariella, hast du noch den dicken Edding aus dem Kunstunterricht?“
Seine Freundin guckte skeptisch nickte aber bejahend und kramte ihn aus ihrem Rucksack.
Ehr erweisend überreichte er Gretchen eben diesen Edding und erlaubte ihr andächtig:
„Du darfst mir als Erste auf den Gips schreiben.“
„Hast du nicht gesagt, du wolltest nichts auf deinen Gips gekritzelt haben, weil das nur was für kleine Kinder wäre?“, rümpfte Mariella die Nase. Ob nun Reha erspart oder nicht, als Freundin müsste sie doch eigentlich die Erste sein dürfen, die auf Marcs eingegipstes Bein unterschreiben dürfte und nicht der Freak.
„Ich soll unterschreiben? Warum?“, fragte die Blonde jetzt weniger lachend und verstand nicht so recht, was er damit bezweckte.
„Naja... du weißt schon, als“, er räusperte sich und war wirklich drauf und dran dieses Wort auszusprechen, dass er nach dieser blöden Matheaktion vom letzten Jahr eigentlich nie wieder in Verbindung mit Gretchen „Hasenzahn“ Haase auszusprechen gedachte. Und schon gar nicht für so eine Sache, die er mit Worten gar nicht beschreiben konnte.
Sie hatte ihm sein normales Leben gerettet. Ohne Reha, ohne offene Wunden, ohne problematische Heilungszeiten. Ihr einfach nur „Danke“ sagen war wenig, aber wenn er es tat, dann kam es von - er hätte kotzen können – Herzen.
Fuck.
„Du kannst schreiben was du willst. Marc ist ein Arschloch, Marc ist ein Weichei, Marc-“
„-Hält jetzt besser die Klappe, sonst schreibt sie das wirklich noch, schließlich hättest du es verdient“, mischte sich Mariella hilfsbereit ein.
Gretchen nahm ihm aber wissend lächelnd auch diese Bürde ab: „Als Dankeschön, dass ich dir die Reha erspart habe soll ich was gemeines über dich auf deinen Gips schreiben?“, sie griff nach dem dargebotenen Stift, drehte die Kappe ab und schrieb in großen geschwungenen Lettern ihren Namen darauf: Gretchen
„Tja, Marc, das tun angehende Ärzte nun mal so... Sportverrückten wie dir die Krücken ersparen“, unter ihren Namen schrieb sie noch etwas hin, grinste zufrieden und klopfte Marc auf den Gips.
„Was hast du da noch hingeschrieben?“, wollte er wissen, konnte er nun mal kein Latein (und auch kein gutes Französisch, wenn er ehrlich war).
Entwaffnend hob Gretchen die Hände: „Als du gestürzt bist, habe ich Lateindenkaufgaben gelöst und nach einer Übersetzung gesucht. Ich finde, sie passt ganz außerordentlich auf deinen Gips!“
lusum insanum

a/n:
Tackle auf Englisch kommt eigentlich aus dem amerikanischen Football und bedeutet, dass ein Spieler einen anderen Spieler mit dem Kopf vorweg aus der Linie gerammt hat, damit er den Football über die 50 Yards Linie werfen kann (so, oder so ähnlich). Da es aber auch die Beschreibung beim Soccer (also beim /richtigen/ Fußball) gibt, wenn ein Spiel der anderen Spieler reingrätscht, habe ich das genommen. Ganz im Ernst, ich hätte auch nicht gewusst, wie ich erklären hätte sollen, dass sich irgendjemand aus DD für Football interessierte, geschweige es spielte.

manney Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 876

28.01.2017 22:14
#6 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

19. Lair

Gläschen Sekt, hatte er gefragt.
Das Geschenk hatte Marc tatsächlich auf den Flügel abgestellt und wartete nun auf dem Flügelhocker darauf, dass seine Mutter, in erster Linie aber Professor Haase die Treppe hinunter kam, um mit ihm zu reden. Fragte sich nur über was der Professor noch großartig reden wollte, wenn für Marc eigentlich schon alles klar war: Seine Mutter schlief mit seinem Doktorvater, ehemaligen Hochschulprofessor und heutigem Chef zu einer Zeit, in der er keine bessere Munition gebraucht hätte um seine alten Privilegien im Krankenhaus wiederzuerlangen.
War es falsch die Situation so auszunutzen? Natürlich.
War es falsch Marc eine Standpauke über die moralischen Pflichten gegenüber seinen Mitmenschen und ganz besonders gegenüber Gretchen zu halten, wenn Franz Haase diese Pflichten selbst überhaupt nicht beachtete? Natürlich.
Als er den bekannten Arztkoffer im Schlafzimmer seiner Mutter entdeckt hatte, waren ihm genau zwei Gedanken durch den Kopf geschossen:
Erstens konnte das unmöglich der Arztkoffer sein, den Marc Zeit seines Doktorats fast täglich dem Professor hinterher geschleppt hatte.
Und zweitens: wenn das wirklich der Arztkoffer war, dann weil das Universum es so wollte, dass er genau der Egomane blieb, den er sich selbst anerzogen hatte.
„Doktor Meier“, nickte der Professor; wirkte wieder so souverän, wie immer.
Nichts an ihm erinnerte an die peinliche Verfassung von vor zwanzig Minuten, als eben genau dieser Mann, der mit Krawatte und Anzug so viel Integrität ausstrahlte, in der Horizontalen mit Marcs Mutter nackt im Bett gelegen hatte.
Marc schüttelte den Kopf, das waren Bilder, die er schleunigst aus seinem Kopf verbannen musste. „Herr Pr-“
„Ich pfeife Sabine zurück und Sie übernehmen wieder die OP-Planung, dann sind wir quitt“, sprach der Ältere ohne große Umschweife, noch bevor Marc überhaupt in der Lage war eine etwaige Forderung zu stellen. Eine etwaige Erpressung zu verbalisieren.
Marc runzelte die Stirn, bewegte sich auch nach diesem dem großen Zugeständnis nicht einen Millimeter von seinem Platz, als Franz Haase sich mit einem tiefen Seufzen auf die Couch niederließ.
Der Mann, den er vor zehn Jahren zum ersten Mal in einem Hörsaal getroffen hatte, war alt geworden. Und auch wenn es genau das war, was Marc von seinem Chef sowieso gefordert hätte, fühlte sich sein Sieg ohne etwas riskiert zu haben wie verlieren an. Der Professor schenkte ihm den verbalen Schlagabtausch, um ihm nicht in eine juristische Sackgasse laufen zu lassen.
Prima, oder?
Marc biss sich auf die Innenseite seiner Wange und überlegte angestrengt, ob ein abfälliger Kommentar ihm genügend Genugtuung geben würde, entschied sich aber auch dagegen.
„Nein“, polterte er deshalb und erschreckte sich vor seiner eigenen Lautstärke.
Isobel im Arbeitszimmer fiel der Füller vom Tisch und seine Mutter, die just in diesem Moment auch die Treppe hinunter kam, befahl ihm die Contenance zu wahren – die ihm in diesem Augenblick am Hintern vorbeiging.
Marc sprang auf und lief schulmeisterlich vor seinem Professor auf und ab: „Wir sind garantiert nicht quitt, wenn Sie mir gerade erst heute morgen einen Vortrag über Integrität, Anstand und Verantwortung meinen Mitmenschen gegenüber gehalten haben, und selbst nicht in der Lage sind, ihren moralischen Wertevorstellungen nachzukommen!“
Jetzt würde es ein Sieg werden, beschloss Marc.
Doch anstatt genau wie Marc die Stimme zu erheben fragte der Professor ihn ganz ruhig ob er jetzt fertig wäre.
Marc hatte sich ein Stück der Innenhaut seiner Wange abgebissen.
Streiten, kämpfen, Revier markieren.
Keine zwölf Stunden zuvor war der Professor noch aus seiner Haut gefahren, hatte ihn und seinen Lebensstil wild beschimpft, und dass Marc überall sein amouröses Privatleben ausleben könnte, nur eben nicht im Krankenhaus mit Kollegen und Freunden und schon gar nicht mit... seiner Tochter.
Marc blinzelte, fasste sich an seinen Hals und holte erneut zu einem sprachlichen Tiefschlag aus, einen von dem er wusste, dass er den Professor damit aus der Reserve locken würde:
„Und nicht nur, dass sie ihre Ehefrau betrügen, und all Ihren Mitmenschen etwas vorheucheln... wie denken Sie wohl, wird Gretchen darauf reagieren.“
„Marc Olivier, es reicht“, kreischte seine Mutter, und schickte ihm vom Treppenabsatz hundert tödliche Blitze.
Doch er hatte genau das erreicht, was er wollte: Franz Haase war aufgesprungen und stritt sich mit ihm in einer unüblichen Lautstärke: „Wenn Sie meiner Tochter auch nur ein Wort von der Beziehung zwischen Ihrer Mutter und mir erzählen, Meier, dann sind Sie längste Zeit Arzt in unserer Klinik gewesen! Denn meine zwischenmenschliche Beziehung zu meiner Tochter geht Sie absolut nichts an.“, brüllte der Mann gefährlich.
Ja, wenn Marc nach dieser Unterhaltung immer noch die OP-Planung vom Professor zurückbekommen würde, dann war es wirklich ein Sieg. Ein suizidaler Karrieresieg.
„Franz“, herrschte seine Mutter den Chefarzt an, aber Marc ließ sich nicht von ihr beirren und schnaufte trotzend.
„Ihre Tochter hält sie für so integer und ehrlich! Dabei haben Sie nicht mal genügend Mumm ihr von ehemaligen Frauen zu erzählen. Wie viele waren es in den letzten zehn Jahren, während sie in Köln gelebt hat? Zwei? Drei? Und während sie ihren Verlobten wegen eines einzigen Seitensprungs verlässt und Sie ihr gut zureden, dass dies auch richtig ist, verheimlichen Sie ihr, dass sie selbst gar nicht besser sind. Wie ehrlich ist das denn, Herr Professor?“
Marcs Stimme zitterte vor Wut. Und Angst. War er denn noch ganz bei Trost, so mit seinem Chef zu sprechen? Andererseits musste auch einmal gesagt werden, dass es keineswegs richtig war Gretchen im Glauben zu lassen, einen Übervater zu haben.
Als Marc zum Spieleabend bei den Haases eingeladen war, die Fotoalben durchgeblättert worden waren und Marc nach den ersten zwei Gläsern Wein einfach den Abend genießen konnte, ohne ständig daran zu denken, dass alles um ihn herum nur Schein war, hatte er mehr über Gretchen ihre Familie und ihr Leben in Köln erfahren als die gesamten drei Monate davor, in denen sie zusammengearbeitet hatten.
Sie liebte ihre Familie, wirklich. Aber irgendwas muskelartiges hatte sich furchtbar in seiner Brust zusammengezogen, als er erkannte, dass Gretchen ihre Familie hochstilisierte.
Denn Marc war da gewesen, als Franz Haases Affären im Krankenhaus ein- und ausgingen. Marc war dagewesen, als Franz Haase sich wochenlang über Jura-Studenten lustig gemacht hatte, weil er es nicht ertragen hatte, dass sein Spross lieber die Paragraphen anstelle des Skalpells schwang. Und Marc war auch da gewesen, als Franz jeden ledigen Kinderarzt auf einer Tagung kritisch beäugt hatte, weil alle irgendwie besser waren, als der, der seiner Tochter einen Antrag gemacht hatte.
Er bestritt gar nicht, dass Professor Dr. med. Franz Haase ein guter Vater war, noch bestritt er dass Gretchen nicht in der Lage wäre zu verstehen, dass auch ihre eigene Familie nur menschlich war – nur dass sie über so viele Jahre angelogen wurde; das würde sie so viel härter treffen, als das Wissen darum, dass ihr Vater Affären hatte.
„Halten Sie sich einfach raus, Meier!“, brüllte Franz bedrohlich.
Der junge Oberarzt warf die Hände in die Luft, als der Professor von seiner Mutter beruhigt wurde und er von ihr wieder vielsagende Blicke erntete.
„Er ist nicht ganz bei Sinnen und weiß nicht, was er sagt“, wiegelte sie ab, strich ihrem... Lover(?) über die Brust und versuchte die Schärfe aus der Diskussion zu nehmen.
Marc schnaubte verächtlich: „Natürlich, weiß ich, was ich sage, Mutter. Nur anscheinend will-“ „Wenn Sie selbst Kinder haben, werden Sie verstehen, dass es manchmal besser ist, sie nicht alles wissen zu lassen. Und wenn Sie wissen, was für Sie und Ihre Karriere gut ist, Doktor Meier, dann ist diese Unterredung jetzt beendet!“, polterte Franz ein letztes Mal, schnappte sich seinen Mantel vom Esstisch, drückte seiner Mutter demonstrativ einen Abschiedskuss auf die Lippen und marschierte den Flur entlang zur Tür aus dem Haus.
„Wenn das dein Geschenk war, dann keinen vielen Dank, Marc Olivier!“ „Mutter, nenn mich nicht immer,... ach!“
In Windeseile rannte Marc dem Professor hinterher und erreichte ihn ein paar Meter vor dessen Wagen: „Irgendwann wird sie's erfahren“, lenkte Marc ein. Es ging hier gerade nicht mehr um das Zurückerobern seiner Krankenhausprivilegieren, sondern um das Retten einer festgefahrenen Routine.
Franz jedoch drehte sich abrupt um und fauchte: „Doktor Meier, ich sagte bereits, dass Sie sich da raushalten sollen.“
Der Professor war wenig beeindruckt von Marc dieses Streitgespräch noch weiter zu verlängern, und dann auch noch auf offener Straße, aber er würde nicht davor zurückschrecken dem Sohn seiner Freundin eine runterzuhauen, wenn er ihn noch mehr reizen würde.
Marc jedoch kräuselte nur die Nase: „Sie müssen es ihr sagen. Denn wenn es irgendwann durch einen genauso dummen Zufall rauskommt, wie hier, jetzt gerade“, Marc gestikulierte zum Haus seiner Mutter: „Dann wird sie Sie nicht wegen der Affäre hassen, sondern weil Sie sie angelogen haben. Gretchen hat vielleicht verträumte Ansichten vom Leben, aber sie wird damit klarkommen, dass auch ihr Vater nur ein Mensch ist und die Ehe ihrer Eltern nicht die beste ist!“
Der Professor sog scharf die Luft ein, bereit erneut Marc abzuweisen, blinzelte dann aber gegen die untergehende Sonne und atmete ruhig aus: „Denken Sie, das weiß ich nicht? Glauben Sie wirklich ich muss mich über die Charakterzüge meiner eigenen Tochter belehren lassen? Ich w-“
„Nein“, sagte Marc entschieden, obwohl er wusste, dass der Professor eigentlich noch etwas sagen wollte: „Aber sie müssen daran erinnert werden, dass Gretchen genauso stur sein kann, wie ihre sentimentale Seite große ist: Sie wird Ihnen die Affäre verzeihen, weil es menschlich ist. Die Lügerei wird sie veranlassen zu gehen!“
a/n:
yeah, hier bin ich wieder. Melde mich frisch aus der „Wasserschadenpause“, Weihnachtsstress, Sherlock-Feelings und Krankheit zurück, wieder gesund und voll des Eifers mit neuen Drabbles und „richtigen“ Kapiteln an den Start zu gehen. Hat schon irgendjemand was für den DD-Geburstag geplant? @Lilia können wir bitte ein neues Banner zum Jubiläum von dir bekommen? PrettyPleaseWithCherryOnTop? ManWirdNurEinmalZehn
Wenn ich mich ranhalte kommen evtl. am Sonntag/morgen noch zwei Drabble. Mal schauen ;)
lg manney

manney Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 876

29.01.2017 22:34
#7 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

4. Karma


Marc stöhnte aufgebracht.
So gemein, war er nun auch wieder nicht, dass sie sich hätte krank melden müssen. Gut, sie hatte Tränen in den Augen, hatte sich mehrfach entschuldigt und es gab auch keinen Grund auf den Grundprinzipien weiter herumzureiten als nötig, aber... es war so einfach.
Als Schwester Sabine gestern Morgen keinen Kaffee für ihn parat hatte, weil sie nicht wie sonst zwanzig Minuten früher als er ihren Dienst begonnen hatte, war er wütend geworden. Sehr wütend. So wütend, dass er ausfallend geworden war und seinen seit Monaten gesammelten Frust an der armen Schwester ausgelassen hatte.
Und das schlimmste daran war, dass der ich-bin-ja-soglücklich-mit-Mehdi-zusammen-Hasenzahn ihn die ganze Zeit gewarnt hatte, dass er sich zusammenreißen sollte und Sabine nicht wie einen Fußabtreter behandeln konnte.
Humbug. Wenn er wollte, konnte er jeden wie einen Fußabtreter behandeln – zumindest jeden unter ihm gestellten. Sein liebstes Opfer hatte sich immer seltener zur Wehr gesetzt und seine Gemeinheiten ihres Aussehens, ihres Gewichts, ihrer Zähne, ihrer Inkompetenz oder ihrer ständigen Empathie den Patienten wegen einfach nicht mehr beachtet.
Hinzu kam ein unausgefülltes Sex-Leben, seit er herausgefunden hatte, dass Gabi es darauf angelegt hatte, ihn mit einem Kind an sich zu binden.
Konnte man es ihm denn dann nicht wirklich einmalnachsehen, dass er gereizt und unausgeglichen war? Musste Schwester Sabine ausgerechnet zu jener Zeit beginnen Rückgrat zu entwickeln und demonstrativ nicht zur Arbeit zu erscheinen, als er in einer tiefen Krise steckte?
Seit er hier als Assi unter dem Professor und Dr. Rössel eingestellt worden war, konnte er sich nicht einmal daran erinnern, dass Sabine krank gewesen war. Sogar ihren Urlaub hatte er kaum mitbekommen, weil sie immer nur Tage freinahm, als einen kompletten Sommerurlaub hintereinander.
Mürrisch überquerte er in der Mittagspause den Flur auf dem Weg zum Schwesternzimmer der siebten Station um dort nach der ersten anstrengenden OP des Tages einen wenigstens halbwegs genießbaren Kaffee zu trinken, der ihm verwehrt blieb!
Am großen runden Tisch in der hinteren Ecke neben der Tür der Umkleidekabine saßen und standen nämlich sämtliche diensthabende Schwestern, Schwesternschülerinnen und sogar die Pfleger – diese Verräter – und würdigten ihn keines Blickes, als er fragte, warum in der gläsernen Kaffeekanne keine braune Brühe vor sich her kochte, wie sonst immer.
Er wurde ignoriert.
„Kaffee?“, er suchte sich eine namenloses Gesicht, deutete auf die Maschine und schnippte mit den Fingern.
Das Gespräch um den Tisch herum verstummte und zurück blieb nichts als provozierende Stille.
„Is' irgendwas? Ich will Kaffee“, ereiferte er sich, aber auch danach war niemand aufgestanden.
Insubordination.
Schwester Dingens... Ingrid... Irmgard... Illona... war ja auch egal, auf jeden Fall die kleinste Frau von allen und der Oberschwester, die sich bei dieser Intervention ausgeklinkt hatte, direkt unterstellt, drehte sich zu ihm um und baute sich mit verschränkten Armen vor ihrem Oberarzt auf: „Die neue Kaffeemaschine wurde von Schwester Sabine vor zwei Jahren entgegen der Meinung des Verwaltungsrates hart erkämpft. Die Nutzung hier im Schwesternzimmer soll ausschließlich den Schwestern zugute kommen. Also müssen Sie als Arzt wohl in die Cafeteria gehen und sich dort welchen kaufen.“
„Bitte“, das war schlimmer als Insubordination – das war eine verbale Schelte gegen alle auf dieser Station befindlichen Ärzte; die er verursacht hatte.
Wirkönnten natürlich eine Ausnahme machen, unter der Voraussetzung, dass Sie sich höchstpersönlich bei Sabine entschuldigen und versichern, dass Sie niemanden von uns jemals wieder nur wegen sozial-privater Differenzen zur Schnecke machen!“
Schwester Ingeborg – ha, Ingeborg war's – drehte sich zum Tisch, schnappte sich ein im Klemmbrett befindliches Formular und hielt es Marc direkt vor die Nase. Dort standen eben genannte Forderungen noch einmal schriftlich festgehalten, mit Anschrift, Datum und Ort. Ach so und eine grundlegende „Nett-Sein“-Klausel gab's auch noch.
„Ja, sicher... nicht!“, grunzte Marc, zeigte den Schwestern seine Kehrseite und marschierte aus dem Schwesternzimmer.
Würde er sich halt in der Cafeteria mit Kaffe bedienen. Er war Oberarzt, die Cafeteria-Tanten würden ihn doch sicherlich auch ohne ständig 2,80 € bezahlen zu müssen, an die Kaffeemaschine lassen, oder?
Oder?


Nein, ließen sie nicht. Jeder, ob Angestellter, Patient oder Besucher musste 2,80 € bezahlen. Und natürlich konnte Marc das auch einfach auf seine Spesenabrechnung setzen, niemand aus der Verwaltung hätte sich darüber beschwert, dass der jüngste Chirurg des EKH lieber das aus perfekten, teuren Kaffeebohnen gewonnene Getränk dem Supermarkt-Gebräu vorzog. Aber es fühlte sich wie verlieren an. Er hatte seinen Kaffee immer umsonst bekommen, auch nach der ganzen Regulierung, dass Kaffeemaschinen auf den Stationen eigentlich gar nichts mehr zu suchen hatten und man deshalb überall diese Kaffeeautomaten aufgestellt hatte, aus denen lauwarme Suppe und etwas Kaffeeähnlichesherauskam.
Jetzt dafür zu bezahlen war wie das Eingestehen, etwas falsch gemacht zu haben – was er natürlichnicht hatte.
-
Am gleichen Abend gab Marc 599,00 € bei einem großen roten Elektromarkt für einen Kaffeevollautomaten aus – und wurde einen Tag darauf vom Verwaltungsvorsitzenden höchstpersönlich gerügt, dass er entweder diese lächerliche Kaffee-Fede zwischen Schwestern und Ärzten aus der Welt schaffen oder eben seinen Kaffee, wie jeder normale Angestellte auch, in der Cafeteria kaufen müsste. Sein stromfressender Vollautomat jedoch musste verschwinden, vor der Mittagspause.
Dem Unmut der Schwestern und Pfleger kam nun auch der Groll seiner beiden Assistenzärzte hinzu, die – gleiches Recht für alle Ärzte – auch nicht mehr den leckeren Kaffee aus dem Schwesternzimmer schlürfen durften. Achja, und weil Dr. Rössel letztens das 20. jährige Jubiläum seiner OP-Schwester verschlafen hatte, machten seine ihm unterstellten Schwestern und Pfleger auf der anderen Seite des chirurgischen Trakts diesen affrösen Kinderkram mit.
Anders aber als Marc, der diesen Zustand nun schon seit drei Tagen ertrug, hatte Dr. Rössel sich gentleman-like entschuldigt, der Oberschwester einen großen Blumenstrauß zukommen lassen und für sie und ihren Mann Theaterkarten organisiert – Babysitter in Form Rössels ältester Tochter inklusive.
Verräter! Alle!


Marc lehnte seine Stirn gerade lange genug an das kühle Glas seines Bürofensters, damit die schmerzende Wärme aus seinem Kopf verschwand, als seine Assistenzärztin ohne anzuklopfen wie ein Wirbelwind seinen Arbeitsraum betrat.
„Marc, wir müssen reden!“
Er schreckte auf. Es war lange her gewesen, dass er und Gretchen allein in einem Raum aufeinandergetroffen waren. Immer und überall war Sabine wie ein Schatten gefolgt.
Hmpf. Er vermisste die kleine Schwester, die wirklich krank war. Die vermutlich schon den Tag zuvor krank gewesen war, weshalb sie überhaupt erst später gekommen war, als er.
Vertrackt noch eins.
„Das was hier gerade passiert, ist ganz allein deinem schlecht verbreiteten Karma zu verdanken.“
„Bitte?“, redete sie jetzt von der Kaffeemaschinen-Affäre, oder...
„Du bist schuld daran, dass Hannes und ich noch nicht mal mehr den kalten Kaffeeabbekommen“, sie schüttelte sich am ganzen Körper.
„Wer trinkt denn kalten Kaffee?“, fragte Marc desinteressiert, setzte sich auf seinen Bürostuhl und lehnte sich so weit zurück, damit er den tollen Ausblick auf Gretchens Postur genießen konnte.
Wir, wenn wir Nachtschicht haben? Nachts gibt’s nur kalten Kaffee – aber das hast du ja bis jetzt nie mitgekriegt, weil Schwester Sabine für dich immer genügend heißen Kaffee in eine Thermoskanne gefüllt hat!“
„Aha“, machte er. Nein, er fühlte kein schlechtes Gewissen in seinem Bauch aufkommen, nein. Das war nur das Ende seines Verdauungstraktes, das entleert werden wollte.
„Marc, du betrügst Karma! Also reiß dich zusammen und entschuldige dich bei Sabine und unterschreib den Wisch, den dir unsere Schwestern als Ultimatum gestellt haben.“
„Ich bin hier Oberarzt, ich muss hier gar nichts. Und was redest du die ganze Zeit von Karma? Hat Mehdis Mutter dich zu einem ihrer Esoterik-Seminare mitgenommen?“, grummelte er bärbeißig.
Er hatte auf ein Erröten ihrerseits gehofft, auf ein Anzeichen, das er richtig lag, stattdessen verdrehte sie nur die Augen und holte tief Luft: „Schwester Sabine macht so viele gute Dinge für dich, neben ihren Aufgaben als gewissenhafte OP-Schwester-“
„Das weiß ich“, rümpfte Marc die Nase. Na und.
„Und je mehr sie für dich macht und dir den Rücken zusätzlich freihält, obwohl sie die Arztberichte gar nicht schreiben müsste, macht sie das trotzdem. Sie hat mehr verdient als deine schlechten Launen. Du, mein Lieber, verbreitest schlechtes Karma, indem du ihr, je mehr sie für dich macht, immer noch einen verpulst.“
Marcs Mund stand sekundenlang offen, als eine Welle der Erregung ihn erfasste. Hatte sie das wirklich gerade laut gesagt?
„Nicht das Verpulen, Marc“, Gretchen verrollte die Augen: „Hörst du mir überhaupt zu? Ich rede hier von ausgleichendem, ausgewogenem Geben und Nehmen. Und alles was du machst, ist von Sabine zu Verlangen ohne auch jemals nur ein Danke zu sagen, geschweige überhaupt jemals etwas nettes für sie getan zu haben.“
„Sie ist meine Angestellte, ich muss überhaupt nicht nett zu ihr sein. Wenn ich will, kann ich-“
„Wenn du willst, kannst du auch einfach mal Kaffee für Sabine machen. Er wird ihr garantiert nicht schmecken – ich will gar nicht an dieses schreckliche Gesöff erinnern, was du früher in der Schule im Abi-Raum zusammengemischt hast – aber es gibt nicht nur dir und ihr gutes, ausgeglichenes Arbeitsklima, sondern der ganzen Station.“
Marc grinste, als Gretchen ihre gemeinsame Schulzeit erwähnte. Etwas, das Mehdi garantiert nie haben würde – Erinnerungen an das pausbäckige, bebrillte Mädchen mit der Latzhose.
„Denk einfach mal darüber nach, dass du hier mit Menschen und nicht mit narkotisierten Patienten zu arbeiten hast, Marc! Ich hab jetzt Feierabend – wenn du mich entschuldigst, Mehdi wartet unten am Eingang auf mich.“
Marcs eben noch besänftigtes Gemüt verfinsterte sich bei dem Namen seines ehemaligen Freundes.
-
Am nächsten Morgen kam er wie gewohnt gähnend ins Schwesternzimmer geschlurft um seine Ablage für den Tag durchzusehen, als Schwester Sabine gesund und munter mit ihrem seligen Lächeln auf den Lippen Marc einen frischgebrühten, dunklen, wohltemperierten Kaffe in einer Tasse servierte.
Er guckte von der Tasse zurück zur Schwester und wieder zur Tasse. Das war ein Trick, oder?
„Wie Sie sehen bin ich wieder in der Lage Ihnen vor Arbeitsbeginn einen Kaffee zu brauen. Schwester Ingeborg und die anderen haben mir ihre Forderungen gezeigt. Da steht nicht drin, dass Sie vor Arbeitsbeginn auch keinen Kaffee trinken dürfen.“
Marc schaute auf die Wanduhr im Schwesternzimmer, die vier Minuten vor sieben Uhr anzeigte. Missmutig, weil ausgerechnet die Schwester, für die sie das hier alles gemacht hatten, sie hinterging, guckten die anderen vier Schwestern am Tisch weg, als Marc sie mit ihren Augen taxierte.
Was dachten die? Dass er sie wegen ihrer kindischen Kaffeeverweigerung der letzten vier Tage rügen würde?
Er seufzte, als Sabine ihn immer noch breitgrinsend ansah und darauf wartete, dass er ihr die Tasse abnahm.
Stattdessen seufzte Marc, ging an seiner OP-Schwester vorbei zum Tisch, an dem sich Schwester Ingeborg schon aufplusterte, dass er ein grober, unhöflicher, rüpelhafter, unanständiger... Macho war, der so viel Loyalität von Schwester Sabine gar nicht verdiente, aber spätestens dann verstummte, als Marc das liegengebliebene Formular im Klemmbrett vom Tisch nahm, aus seiner Kitteltasche einen Kuli zog und in seiner besten Oberarztmanier in geschwungenen Lettern seine Unterschrift auf das Schreiben setzte.
Alle am Tisch sitzenden Schwestern suchten Worte, wie Fische an Land das Wasser. Schwester Sabine setzte schon zu einem: „Danke, Herr Doktor“, an, verstummte aber augenblicklich, als Marc irgendeine Tasse – hei, welche nun eine der vierunddreißig Tassen war, die Sabine gehörte, konnte er sich nun wirklich nicht merken – aus dem offenen Regal griff, Kaffee einschenkte und Sabine diese hinhielt, gleichzeitig in einer fließenden Bewegung aber die Tasse für ihn aus ihrer Umklammerung befreite.
Er stieß die beiden Keramiktassen aneinander, trank einen Schluck und stellte seine Tasse neben die warme Kaffeemaschine: „Auf gutes Karma, Schwester Sabine.“
-
Gretchen hatte hinten am PC gesessen und so getan, als ob sie nur aus den Augenwinkeln mitbekam, was Marc da gerade gemacht hatte – insgeheim aber jubelte sie nicht minder als die am Tisch sitzenden Schwestern oder Schwester Sabine, die glückselig ihren Kaffe trank.
Aus diesem Grund, aus diesem einen speziellen Grund, dass Marc zuletzt, kurz bevor es für immer zu spät sein würde, wusste, dass er sich zu entschuldigen hatte, dass er verstand, dass er im Unrecht war und nicht zu Stolz war irgendwelche lapidaren Ausflüchte zu suchen, würde sie ihn immer ein bisschen mehr lieben, als gut für sie war.
Und das war auch kein gutes Karma für jedwede Liebesbeziehung, die sie mit jedem anderem Mann außer Marc führte.


a/n:
später als erwartet, aber immer noch „heute“
Kommentare beantworte ich im Laufe der Woche, sorry Leute >.< aber ich darf zumindest schon mal sagen, dass ich mich mega riesig gefreut habe. Danke

lg
manney

manney Offline

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22.02.2017 23:18
#8 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

87. Hurt Feelings

Gretchen atmete tief ein und entließ die Luft aus ihren Lungen nur sehr langsam, damit der Mut sie nicht genauso schnell verließ, wie der Sauerstoff der viel zu selbstverständlich durch ihre Lungen gepumpt wurde.
Mit geradem Rücken, aufrechtem Gang und einer Bestimmtheit, die sie von sich selbst nicht kannte drückte sie mit dem Ellenbogen die Türklinke zum Aufenthaltsraum der Abiturienten hinunter, in dem viele ihrer ehemaligen Mitschüler – nun in den verschiedensten LK‘s – ihre Freistunden verbrachten.
„Kuchen? Du hast Kuchen gebacken?“, rief Mariella erfreut, als sie die Blonde dabei beobachtete den mit Schokoladenfüllung und Schokoladen-Heidelbeerglasur und Schokoladendrops garnierten Schokoladenkuchen auf einen freien Tisch zu stellen.
Gretchen hatte siebzehn Stunden an diesem Tripple-Scho(c)k gearbeitet und sich besonders viel Mühe bei der Verzierung gegeben: eine große aus dunklen Keksen geformte mit Vollmilchschokolade glasierte Zehn prangte auf dem ungesunden Backwerk, dass allein aus 1,2 kg reinster Zartbitterschokolade bestand.
Die Zeit hatte sie sich extra genommen, extra für ihn, nachdem er sie all die Jahre gepiesackt hatte!

„Zehn?“, fragte also die Halbitalienerin sichtlich irritiert und hatte mit ihrem freudigen Ausruf über den Kuchen auch andere anwesenden Abiturienten auf sich gezogen.
„Hasenzahn hat Kuchen für uns gebacken? Und warum so dunkelbraun, der sieht ja schon fast so aus wie Scheiße“, lachte Sören und erntete von Marc ein unzufriedenes Stöhnen.
Gretchen grinste höchst zufrieden, als sie Marcs bekümmerten Gesichtsausdruck durchaus bemerkte…
„Was ist denn das für eine Zehn?“, hakte Mariella, nach dem ersten bestaunen dieses anmutigen Schokoladenkuchens dann noch einmal, nach.
„Heute“, begann Gretchen salbungsvoll, nahm den Kuchen wieder in die Hand, stellte sich vor Marc auf und freute sich, dass ihre beste Freundin trotz ihres Kurses sich in den Mehrzweckraum gestohlen hatte um dieses Spektakel mitanzusehen „vor exakt zehn Jahren kam in die 3. Klasse der Grundschule ein kleiner Bayer getreten, mit einem viel zu großen Tornister, einem lustigen Akzent und dem Schalk im Nacken, den er über die Jahre noch perfektionieren würde. Darf ich vorstellen Marc Olivier Meier! Das sind zehn Jahre Streiche auf meine Kosten und Erwachsenwerden unter den schlechtesten Bedingungen. Das sind gefühlte hunderttausend Flüche, x+1 Schreikrämpfe und Bösartigkeiten, die sich nur mit Schokolade und Tränen haben bekämpfen lassen. Und weil du mir die Erlaubnis gegeben hast mich an dir rächen zu dürfen, habe ich diesen Kuchen gebacken!“
Sören tippte sich hinter Gretchens Rücken an den Kopf und auch einige andere Schüler verstanden nicht so richtig, ob das jetzt Gretchen war, die ihre gestaute Wut vom vorherigen Vorfall einfach in Güte umsetzte und sich selbst blamierte, oder ob sie Marc grundsätzlich nur beschämen wollte (und sich gleich mit).
Marc schüttelte belustigt den Kopf, sehr darum bemüht die Situation zu entschärfen.
„Du hast mir einen Kuchen gebacken? Hasenzahn,… ich glaube nicht, dass du verstanden hast, was ich dir letzte Woche gesagt habe. Rache hat nichts-“
Marc wurde jäh von Gretchen unterbrochen, die ihn mit dem breitesten Lächeln angrinste, das er jemals an ihr gesehen hatte. Und nach langer, langer Zeit erreichte es auch endlich wieder ihre kristallklaren blauen Augen; nur war ihm keineswegs wohl dabei, dass sie sich über die Situation, in der sie sich selbst fast schon vorführte, lustig machen konnte und dabei Spaß hatte. Ein ziemlich starkes Ziehen in seinem Bauch erinnerten ihn daran, das wenn Gretchen zu einer männerhassenden Psychopatin werden würde, die sich selbst zerstörte und daran Freude hatte, er daran schuld sein würde.
„Oh,… oh wie süß.“, bemerkte sie voller Zynismus, drehte sich zur Traube Menschen hinter ihr um, die sie alle verunsichert anstarrten. War im Kuchen etwa ein Messer versteckt mit dem sie Marc gleich erdolchen würde? Zuzutrauen nach ihrem merkwürdigen Verhalten wäre es ihr.
Marc schluckte schwer und setzte an zu wiederholen, was er Gretchen schon Tage zuvor unter vier Augen gesagt hatte, dass es ihm dieses Mal wirklich leid tat und er sie aufrichtig um Verzeihung bat, als unvermittelt der schönste, schwerste und verschwendetste Schokoladenkuchen der Geschichte den Weg mit Wucht in sein Gesicht fand.

Nein.
Damit hatte er nicht gerechnet und fand es auch anfangs amüsant. Jedoch gefror ihm das Blut in den Adern als er, nachdem Gretchen den Teller vor seinem Gesicht entfernte, in ihr Gesicht blickte und kein Lächeln mehr vorfand dafür aber verschwommen hinter Schokoladensauce die entsetzten Blicke von seinen Klassenkameraden erhaschen konnte.
Selbst Sören schien das Lachen im Halse festzustecken, als Gretchen lasziv ihren Zeigefinger zu Marcs Gesicht führte, federleicht ein bisschen Schokolade von seiner Wange kratzte und sich das Zuckerzeug in den Mund schob.
„Ja, Rache ist süß, stimmt schon… Aber endlich siehst du einmal nicht mehr süß aus, sondern genauso wie du innerlich schon immer warst: scheisse!“

Gretchen machte einen ziemlich unbeholfenen Knicks, drehte sich auf ihren Hacken um und verließ den Raum mit ihrer besten Freundin, die ihr die Hand ausgestreckt hatte, die die Blonde triumphierend einschlug.

lg

manney

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manney Offline

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17.06.2017 18:02
#9 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

52. Protector

„So lange du deine Beine unter meinen Tisch stellst, hast du sie anzuziehen, wie ich es sage. Den Rock ziehst du nicht an!“
Nachdem sich Gretchen durch den verrückten Feierabendverkehr nach einem unendlich langen Arbeitstag endlich in ihrem Heim angekommen war, wurde sie nicht wie erwartet warmherzig begrüßt, sondern von Marcs unsäglichem Geschrei.
„Du kannst mir nichts mehr verbieten, denn wir leben nicht mehr im neunzehnten Jahrhundert, wo Frauen sich erst ihren Vätern und dann deren Ehemännern fügen mussten.“
Oh… sie spielte die feministische Karte, ein guter Schachzug, wie Gretchen zugeben musste, aber ihre Tochter vergas gerne ein wichtiges Detail: Marc versuchte das flügge gewordene Mädchen nur vor sich selbst zu beschützen, stellte dies aber viel zu plump an.
„Hallo liebe Familie“, begrüßte die Blonde also schief lächelnd, als erste ihre Tochter mit wehenden Locken in einem tatsächlich gürtelähnlich kurzen Rock die Treppe hinunter polterte und Marc ihr an den Fersen klebte.
„Mama, sag ihm, dass der Rock schön aussieht.“
„Gretchen, sag ihr, dass-“
Aber die blonde Ärztin hob entwaffnend die Hände und fuhr Marc ins Wort: „Wenn sie so billig rumlaufen will, können wir als Eltern ab einem gewissen Alter nicht mehr eingreifen. Sie muss selbst wissen, wie albern sie sich in dieser Kluft vor ihren Freunden macht.“

„Bitte“, fragten sowohl Marc als auch die Tochter erschrocken im Chor.
Marc, weil er Gretchens fragwürdige Einstellung zur Erziehung nicht verstand und die Tochter, weil sie sich keineswegs albern vorkam, aber anscheinend sollte?
Während Marc um Fassung rang, jetzt nichts falsches zu sagen, was einen waschechten Streit verursacht hätte zwischen den Eltern, fasste sich das jüngste Mitglied der Familie ein Herz und fragte an sich herunterblickend: „Ich sehe… albern aus?“
„Ach, Schatzilein“, grinste Gretchen, schloss das Mädchen in die Arme und strich ihr über den Rücken: „Das hab ich doch nur so gesagt. Wenn du dich so magst, und es „in“ ist, und so alle rumlaufen ist doch nichts dabei.“
Marcs Mund bewegte sich auf und zu, nach Luft schnappend, Worte suchend, aber er konnte seine Frau nur ungläubig angucken: Das war doch nicht ihr Ernst! War sie durchgeknallt?

„Papa ist nur manchmal einfach übervorsichtig, weil er ja weiß, wie hormongesteuerte Jungs sein können: die machen sich dann lustig über dich, finden, dass du es anscheinend echt nötig hast Bestätigung über dein Äußeres zu bekommen und nix‘ in der Birne hast, außer deinem Aussehen. Eben wie ein dummer, alberner Teenager. Natürlich weiß ich, wissen wir, dass das anders ist, aber der neue Junge in deiner Klasse sicher nicht!“
Mit schreckensgeweiteten Augen sauste das Mädchen die Treppen zurück hinauf um sich umzuziehen, denn nichts war momentan schlimmer für die Fünfzehnjährige als das Gefühl von Jungs für dumm gehalten zu werden. Sie war immerhin die schlauste ihrer Stufe, die emanzipierteste und feministischte TeenagerIN, die es jemals gegeben hatte, seit Gwendolyn Kaan ihr erklärt hatte wofür der Feminismus eigentlich genau stand.

Marc guckte erst seiner Tochter hinterher und dann zu seiner Frau, die ihre Arme ausbreitete und noch einmal zur Begrüßung ein Hallo hauchte.
Marc stöhnte, liebte seine Frau für die Weisheit mit der er ihre gemeinsame Tochter erzog, und drückte ihr einen kleinen Kuss auf den Mund:
„Wie machst du das nur?“
Gretchen grinste: „Glücklicherweise habe ich von der Besten am Beispiel der Schwierigsten gelernt.“
„Sie hört überhaupt nicht mehr auf mich, Gretchen! Seit Gwenny ihr diese Flausen in den Kopf gesetzt hat, ihr eigener Vater wäre ein Anti-Feminist, kann ich ihr sagen, was ich will, alles sind ihrer Meinung nach Vorschriften, die sie sich von einem Mann nicht sagen lässt.“
Marc vergrub seinen Dickschädel in Gretchens Halsbeuge, als sie liebevoll die Arme um ihn legte und über seine Wirbelsäule streichelte: „Es ist nicht wirklich so, weißt du! Es ist nur das einzige Argument was bei dir zieht, weil du dich schuldig fühlst, dass es so sein könnte. Sie nutzt das schamlos aus“, Gretchen grinste, als er sich mit gerunzelter Stirn aufrichtete.
„Wie machst du das nur?“, fragte Marc also wieder.
„Wie schaffst du es so ruhig zu bleiben, wenn sie sich so bockig und stur und unzugänglich gibt, und du sie am liebsten nur noch in einen Turm einsperren möchtest bis sie zweiundzwanzig ist?“
Gretchens Grinsen wurde breiter: „Ich bin die Mutter, Marc. Ich löse das auf psychologischer Ebene, du hingegen… Väter sind Beschützer – und nicht nur bis sie erwachsen sind.“
Marc liebte sie. Noch immer. Auch mit Mitte Fünfzig, mit einem unangenehm gelaunten Teenager unterm Dach, der seine wilde Seite erst noch entdecken musste und den Pfunden, die sie nach der Geburt ihrer Tochter nie wieder wirklich verloren hatte. Er liebte Gretchen; und der Boden sollte ihn schlucken, wenn er dieses kleine Glück, was er Familie nannte, jemals enttäuschte.

Marc nickte verstehend: „Wenn ich Gwenny das nächste mal in die Finger kriege werde ich mir ihr Telefon schnappen und an jeden ihrer Kontakte Babyfotos von ihr senden. Findest du das ist eine angemessene Rache dafür, dass sie meine eigene Tochter gegen mich aufgebracht hat?“
Gretchen stöhnte lächelnd, als Marc keck lachend sich die Hände rieb.
Und sie war mindestens genauso froh, dass ihre Tochter (von ganz allein) den Mini-Rock gegen eine Leggins mit Hotpants getauscht hatte.

lg manney

manney Offline

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02.07.2017 01:23
#10 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

61. Advice

Sie schloss die Augen und warte zehn Herzschläge lang, ob die Welt endlich stehen blieb. Aber wie immer war die Zeit weiter gelaufen, ihr Herz erneut in Mitleidenschaft gezogen worden und ihr gerade wieder aufgebautes Selbstwertgefühl im Eimer.
Mehdi Kaan war kein Witwer, wie von ihr vermutet.
Mehdis Frau lebte und lag seit vierzehn Monaten im Wachkoma.
Ihr Vater hatte eine Affäre.
Ausgerechnet mit Marc Meiers miserabler Mutter.
Sie seufzte: Ihr ehemaliger Lateinlehrer wäre so stolz auf sie gewesen, wenn er gewusst hätte, dass sie auch heute noch in Konfliktsituationen zu blöden Alliterationen neigte.

Bei Mehdi hatte sie bloß angenommen, dass seine Frau bereits verstorben war, schließlich war er nicht näher darauf eingegangen. Doch als Lilly von ihrer schlafenden Mama erzählt hatte, wäre es für Mehdi ein leichtes gewesen ihr nicht nur zu sagen, dass er nicht geschieden war, sondern dass seine Frau auch im Koma lag. Immerhin war sie als seine Scheinfreundin gut genug, warum dann nicht als vertraute Person, der man direkt die Wahrheit sagte?
Die Tränen, die sich kribbelnd in ihren Augenwinkeln bildeten, waren unvermeidbar.
Als Mehdi zu seiner Frau ins Zimmer hineingegangen war, sich einen Stuhl neben ihr Bett schob und so zärtlich ihre Hand nahm, war Gretchen klar gewesen, dass es ihr unmöglich sein würde mit der Ehefrau von Mehdi und Mutter von Lilly zu konkurrieren.

Er hatte sich wegen dieser Frau das Leben nehmen wollen.

Die blonde Assistenzärztin machte einen Rundrücken, legte ihre Stirn auf die Knie und versuchte nicht auf die Stimme in ihrem Kopf zu hören, die höhnisch lachte.
Bei Peter und Marc war es so einfach gewesen ihre sexbesessenen Wesen zu verachten und einen Schlussstrich zu ziehen.
Doch wie sollte das bei Mehdi nur klappen?
Mehdi war weder sexbesessen, noch hatte er Fehler. Das einzige was ihre Geschichte schon am Anfang zu einem jähen Ende brachte, war Gretchens Wissen darum, dass Mehdi nie die Möglichkeit hatte oder auch in Zukunft nicht haben würde mit seiner Frau jemals abzuschließen. Es mochte egoistisch sein und gerade für jemanden wie sie, die gern die Welt in den buntesten Farben betrachtete, eine viel zu rationale Entscheidung, aber sie war nicht in der Lage noch einmal jahrelang darauf zu warten, dass sich ein Mann in sie schlussendlich doch verliebte.
Als sie Peter im ersten Semester in Köln kennengelernt hatte, brauchte es vier endlos lange Jahre voller Tränen, Hoffnung und Kummer, bis er sie gesehen hatte, bis sie endlich für ihn auch eine Wahl gewesen war.
Mit neunundzwanzig musste sie einfach reifer sein, weiser und kopflastiger, denn das Bild, das ihr nicht mehr aus dem Kopf ging, wie Mehdi die Hand seiner Frau gehalten hatte, tat schon viel zu sehr weh, für eine simple Schwärmerei.

Die zarten Gefühle, die Mehdi in ihr geweckt hatte, dieses verräterische Zucken um ihre Mundwinkel, wenn sie ihm begegnete, das unvermeidliche niederschlagen der Augen, wenn er mit ihr flirtete, waren alles Eigenschaften die so viel schwieriger wieder loszuwerden waren, als das sexuelle Ziehen zwischen ihren Beinen, das Marc ausgelöst hatte.

Marc… seine Mutter… ihr Vater… ihre Mutter.

Gretchen seufzte wieder. Sie hatte noch so viele Berichte zu schreiben, die alle bis zum Schichtwechsel am Morgen erledigt werden mussten, doch auch wenn ihr Verstand noch so rotierte und Arbeit natürlich eine der besten Ablenkungen gegen depressive Gedanken war, so bewegte sich ihr Körper nicht einen Millimeter von den Treppenstufen der neunten Station.
Nachdem Mehdi sie auf dem Flur stehen gelassen hatte, war sie nur noch in der Lage gewesen das Ende des Ganges zum Treppenhaus zu erklimmen und musste sich direkt hinsetzen. Alle Kraft war aus ihren Beinen gewichen und ihre Gedanken begannen pausenlos um diesen Tag zu kreisen, der neben Mehdi und seiner Frau ihr auch in familiärer Hinsicht jeglichen Halt genommen hatte.

Ihr Vater hatte eine Affäre. So weit so gut. Es war nach 35 Ehejahren mit ihrer Mutter auch bestimmt nicht immer einfach für ihn gewesen. Aber das waren alles Probleme, die ihr Vater mit ihrer Mutter hatte, oder besser, Probleme die ihre Eltern beiderseits miteinander hatten.
Nichts erklärte Franz Haases Verschweigen Gretchen gegenüber.
Nichts erklärte diese lächerliche Farce, die sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater ihr vorgespielt hatten.
Nichts erklärte Jochens unbeholfenes Schulterzucken und sein saloppes: „Papa wollte dich halt nicht verletzen.“
Verletzen? Mit einer Affäre? Mit einer etwaigen Scheidung?
Sie war kein kleines Kind mehr, dass nicht damit zurecht gekommen wäre, wenn ihre Eltern sich auseinandergelebt hätten. Wenn sie sich getrennt, geschieden und nie mehr miteinander gesprochen hätten. Das alles hätte sie so viel weniger verletzt, als die Unehrlichkeit, die ihr nun in hohen Wellen entgegen schwappte.
Die Zweifel, die sich in ihrem Kopf breitmachten, die schönen Stunden, die sie alle als Familie verbracht hatten, waren auf einmal so anders zu deuten.

Wenn sie zwischen ihres Studiums aus Köln nach Hause gekommen war, hatten sich ihre Eltern nur zusammengerissen, um vor ihr den Schein zu wahren? Hatte Jochen etwas vom Streit mitbekommen oder war er wirklich nur lieber Party machen, als ein Wochenende mit seiner älteren Schwester zu verbringen? Wann hatte ihr Vater diese anderen Affären? Traf er sich immer an jenen Wochenenden, wenn nur ihre Mutter sie in Köln besucht hatte?
Wenn er ihr verdammte Beziehungstipps gab und sich echauffierte, dass sie mit Marc oder Mehdi angebandelt hatte, dann hörte sich das so ehrlich an.
Aber auch davon war nichts wirklich aufrichtig.
Er versuchte Ausflüchte zu finden, warum Ärzte die schlimmsten Männer waren, konnte sich aber nicht dazu überwinden mit bestem Beispiel voran zu gehen und ihr die Wahrheit zu sagen. Dabei lag es doch gar nicht an Männern im Allgemeinen – sondern nur an Lügnern. Lügner, die ihre Tochter absichtlich im Glauben gelassen hatten, dass sie unfehlbar wären.
War sie vielleicht selbst schuld, dass sie ihren Vater auf ein Podest erhoben hatte, auf das er nicht gehörte? Vielleicht.
Aber wenn jemand ausschließlich Anlässe gegeben hatte nur gut über seine Gradlinigkeit zu denken, dann war dieses Podest doch auch verdient!

Natürlich wäre sie sauer und wütend gewesen, wenn ihr Vater ihr gesagt hätte, dass es mit ihrer Mutter nicht gut lief und er lieber Zeit und Liebe in eine Affäre investierte, als in seine kaputte Ehe.
Aber jetzt war sie weder sauer noch wütend, sondern einfach nur tieftraurig über so viel Unehrlichkeit, von der sie gedacht hatte, dass gerade diese in ihrer Familie nie Platz hatte.

„Was machst du da?“, fragte Marc, als er das zusammengekauerte Gretchen auf der ersten Treppenstufe sitzen sah.
„Geh weg“, erklang ihre dumpfe Stimme, die sich zwar traurig aber glücklicherweise nicht verheult anhörte.
Marc seufzte und setzte sich wider besseres Wissens ungefragt neben sie auf den obersten Treppenabsatz.

„Wenn unsere Alten verrecken, erben wir wenigstens eine Menge Geld. Nun gut, du musst es dir mit Jochen teilen, aber-“
„Marc!“, rief sie empört und hob nun doch ihren Kopf aus dem Nest aus ihren Armen, die auf ihren Knien geruht hatten. Sie blinzelte gegen das grelle Licht im Treppenhaus und funkelte ihn dann böse an: „Wie kannst du nur solch makabere Witze reißen, geschweige nur daran denken, dass unsere Eltern an der Tuberkulose sterben werden? TBC ist eine der weltweit gefährlichsten, tödlichen Infektionskrankheiten, die pro Jahr mehr als eine Million Menschen das Leben kostet. Denkst du wirklich, dass es da in deiner Position als Arzt angebracht ist, dich über-“
Marc schnitt ihr mit einem breiten Grübchen-Grinsen das Wort ab: „Ich dachte eher, dass sie sich in der Quarantänestation mit bloßen Händen umbringen, Hasenzahn.“

Sein feines Lächeln und seine sanfte Tonlage erreichten ihr Herz nicht.
Sie wusste, was er versuchte, was er schon in der Schulzeit immer gemacht hatte: dem Ernst des Lebens mit einem Mangel an Ernsthaftigkeit zu begegnen. Es war seine ganz ureigene Einstellung zum Leben, es so leicht wie möglich zu gestalten und über Konsequenzen in existentiellen Entscheidungen nicht nachzudenken.
Und genau wie damals in der Schule hegte Gretchen für Marcs Sorglosigkeit eine angewiderte Bewunderung, dass er das Leben für sich einfach arbeiten ließ, wenn es schwierig wurde.
„Du wusstest von der Affäre zwischen deiner Mutter und meinem Vater“, es war keine Frage und sein unbewusstes Lecken über seine Lippen verriet ihn.

„Und für dein Schweigen hat dir mein Vater die OP-Planung zurückgegeben, ja? Ich wusste schon immer, dass du einen lausigen Charakter hast, Marc, aber das übertrifft selbst mein eh schon schlechtes Gesamtbild von dir!“
Sie kam nicht umhin ihre Fäuste hoffnungslos zu ballen, damit in ihrer Stimme nicht all die Traurigkeit mitschwang, die sie fühlte.
„Gretchen,...“, seufzte Marc. Sie war schon immer gut darin gewesen Dinge zu kombinieren – nur sprach sie offensichtliche Sachverhalte selten an.
„Nein, wirklich. Jedes Mal, wenn ich denke, dass du ein nicht noch schlechteren Charakter haben kannst, dann kommst du um die Ecke und schaffst es trotzdem immer weiter in meinem Ansehen zu sinken. Bravo“, herrschte sie ihn an.
Es war so viel einfacher auf Marc sauer zu sein, auf seine Feigheit, auf seine Unehrlichkeit, als die wahren Probleme zu sehen: Ihr ach so ehrlicher Vater und der ach so tolle Mehdi. Es tat so gut, all ihre Trauer in Wut umschlagen lassen zu können.
„Wenn Alle genau so egoistisch und karrieregeil wären wie du, würden wir weltweit in einem Nordkorea leben. Alle Macht Marc Meier, missratener Mensch mit Machokomplex.“

Sie heulte.

Endlich kamen die ersehnten, wütenden Tränen, die Gretchens Unfähigkeit untermauerten, die Gesamtsituation zu analysieren.
Nichts von all den Monaten, die sie hier war, erschien ihr wichtig genug um diesen Schmerz zu ertragen, denn alle, ausnahmslos, hatten sie irgendwie angelogen.
Mehdi hatte sie hingehalten, ihr Vater hatte sie angelogen, ihre Mutter kam erst spät mit der Wahrheit heraus und Jochen hatte kein Unrechtsbewusstsein – und niemand hatte es für richtig erachtet ihr Offenheit entgegen zu bringen.
Nicht einmal Marc. Dabei war es genau diese Eigenschaft, die sie ihm immer so hoch angerechnet hatte. Er war immer ehrlich, auch wenn die Wahrheit noch so weh tat, hatte er sie ihr schonungslos mitgeteilt. Bis heute. Bis sie erfuhr, dass auch er Informationen zurückgehalten hatte um seinen Job wieder anzukurbeln.
Ihr Schluchzen wurde schlimmer und schüttelte ihren Körper. Ihr Brustkorb verkrampfte sich und hinter ihren Schläfen pulsierte schmerzend das Blut, das ihr fast schwarz vor Augen wurde.

Marc rückte abermals seufzend ein Stück näher an Gretchen heran und schloss seine Arme unbeholfen um um ihren zuckenden Rücken, der von markerschütterndem Ächzen geschüttelt wurde.

„Is‘ okay“, hauchte er flüsternd in ihren Nacken
Aber nichts war okay.
Warum war er nicht einfach gegangen, nachdem sie ihn so uncharmant auf all seine Charakterschwächen angesprochen hatte? Warum musste er ausgerechnet jetzt damit anfangen so etwas wie menschliche Sentimentalität zu zeigen, wenn sie doch einfach nur allein gelassen werden wollte? Warum verstand er ausgerechnet jetzt ihren Anflug von Gemeinheiten ihm gegenüber als genau das was es war: Ein Hilferuf nach Konsens in all diesen vertrackten Gedanken, die über ihr zusammenbrachen?
Gretchen schüttelte vehement den Kopf und presste die Augen nur noch fester zusammen: „Nichts ist okay. Gar nichts. Es ist nicht mal okay, dass ich dich jetzt anranze. Denn jetzt hast du es am wenigsten verdient. Tut mir leid.“
Sie erwartete einen weiteren Seufzer von Marc, stattdessen begann er geistesabwesend beruhigend den Daumen seiner linken Hand über ihre Brustwirbel zu streichen.

Die Frau, die neben ihm saß und ihr Gesicht vorn über gebeugt zwischen ihren Knien verbarg war viel zu gut um wahr zu sein. Zwischen Wahrheit und Lüge gab es für sie keine Grauzone; sondern nur schwarz und weiß, wo Verschweigen kein bisschen besser war, als das blanke Lügen. Wenn er sich Familie Haase vor Augen führte, verstand er nicht, woher sich ausgerechnet Gretchen so viel Rechtschaffenheit angeeignet hatte, wenn ihre Eltern doch auch nicht besser waren, als der Durchschnitt.

Es dauerte eine Weile, bis aus Gretchens Schluchzern ein gleichmäßiges Atmen geworden war und Marc dennoch seine fahrigen Hände weiter über ihren Rücken glitten.
„Ich bin so ein naiver, einfältiger Narr. Diese Welt ist grundsätzlich schlecht und hat mich echt nicht verdient-“, schalt sie sich selbst mit einem Funken Sarkasmus.
Marc schnaubte belustigt: „Einsicht ist ja bekanntlich der erste Weg zur Besserung, nicht?“

Der blonde Kopf der Assistenzärztin hob sich abrupt um Marc mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen anzublinzeln: „Was soll das heißen, Marc? Findest du es etwa richtig, dass mich meine Familie, seit ich aus Köln zurück bin, ununterbrochen angelogen hat? Das ist doch schon pathologisch, wenn meine Mutter von den Affären weiß, aber nichts sagt; mein Vater einen auf Moralapostel macht und Jochen überhaupt nicht in Erwägung gezogen hat, mir von all den Liebschaften von unserem Vater zu erzählen! Und Mehdi erst. Von wegen, seine Frau schlafe! Ein einziger Satz, bevor ich mich wieder Hals über Kopf in ihn verliebe, hätte gereicht. Aber nein, auch er wartete so lange bis es zu spät ist! Dass du keine Gewissensbisse verspürst, Marc, das weiß ich bereits seit Schulzeiten. Aber wenn du denkst, dass ich in einer Welt mit Menschen leben will, denen es egal ist, ob sie jemanden Vertrautes anlügen nur um ihre eigenen Unzulänglichkeiten zu überdecken, damit man weiterhin stets edel von ihnen denkt, dann irrst du dich gewaltig!“
Die Blonde war aufgesprungen und sah auf den erschrockenen Oberarzt hinab.
Sie selbst hatte mit einer solchen Tirade noch am Wenigsten gerechnet, aber ihre Intention musste raus: Wenn das ihr neues Leben war in Berlin, umgeben von lauter Lügnern, Verschwiegenen und Egomanen, dann war sie auch hier nicht richtig.

Sie stöhnte frustriert auf, wischte sich synchron rechts und links unterhalb ihrer Augen die Tränenspuren von den Wangen und marschierte die Treppenstufen hinab.
„Warte“, rief Marc, machte aber keine Anstalten Gretchen auch physisch am Gehen zu hindern.
„Ich habe nur Pause, und keinen Feierabend, Marc. Ich muss-“
Marc unterbrach sie jäh: „Mach einfach keine überstürzten Entscheidungen! Nicht heute, nicht morgen… warte ab, bis sich alles erstmal beruhigt hat und rede noch mal mit deinem Vater. Und mit Mehdi über Anna!“, es war ein gut gemeinter Rat, den er geäußert hatte. Und eine verzweifelte Bitte, dass Gretchen nicht in ihrer maßlosen Enttäuschung zur Flucht ansetzte.
„Was soll das heißen?“, fragte sie bitter, ihre Augen zu schmalen Schlitzen verzogen.
Der Oberarzt räusperte sich umständlich: „Dass du nicht direkt wieder die Stadt verlassen sollst, sofern es ein paar Probleme gibt“, sofern er seine Worte ausgesprochen hatte, bemerkte er, dass sie falsch gewählt waren.
Gretchen stemmte die Hände in die Hüften: „Sag mal spinnst du? Ich laufe weg? Was bildest du dir eigentlich ein, Marc. Wir haben uns fast zehn Jahre nicht gesehen und du maßt dir an über meine Probleme und mein Handeln ein Urteil bilden zu dürfen? Ich-“
„Du bist damals nach Köln gegangen, als dir die Probleme mit deinen Kommilitonen und Vater über den Kopf gewachsen sind – und leugne das jetzt nicht, Hasenzahn! Ich habe in dem Sommersemester angefangen, als du gerade weg warst und es gab kein interessanteres Thema, als die Tochter des Professors und warum sie das Studium abgebrochen hat. Seit ein paar Monaten bist du hier, weil dein Verlobter sich als Fremdficker herausgestellt hat – anstatt die Konfrontation zu suchen bist du wieder abgehauen. Und jetzt bist du drauf und dran auch wieder alles hinzuschmeißen, weil ein paar Menschen wieder Fehler gemacht haben!“, er hatte sich in Rage geredet obwohl er dazu wirklich kein Recht hatte. Er kannte die genauen Hintergründe nicht, die Umstände, die Schmerzen, die Gretchen ertragen hatte müssen und dennoch war vermutlich nicht nur ihm aufgefallen, dass sie in dieser Hinsicht sehr vorhersehbar handelte.
„Ein paar Menschen, Marc? Meine Freunde… Meine Familie. Das sind nicht nur ein paar Menschen, das ist-“
„Scheiße. Ich glaub‘s dir, Hasenzahn. Aber anstelle dich erstmal mit der Situation vertraut zu machen hast du doch wieder nur die Flucht nach vorn im Kopf. Gretchen, Menschen machen Fehler, sie lügen und sie betrügen, sind unehrlich, verschweigen oder verschleiern und dies gerade vor dir!“
„Soll das heißen, es liegt an mir?“, krächzte sie, schmiss Hilfe suchend die Hände in die Luft und drehte sich einmal um die eigene Achse.
„Nein, nein, nein“, und genau deshalb hasste er es in emotionalen Situation mit Menschen zu kommunizieren. Er machte die Situation noch so viel schlimmer:
„Dein Vater ist kein schlechter Mensch, weil er wollte, dass du das Beste von ihm denkst. Und die Kiste mit Mehdi und Anna ist eine sensible Angelegenheit; du kannst ihm nicht wirklich vorwerfen, dass er dir noch nichts erzählt hat, weil er selbst damit kaum klar kommt. Was die Sache mit deinem Bruder und deiner Mutter angeht, so-“
Gretchens Pieper gab Alarm, sodass ihre Unterredung ein abruptes Ende nahm, Gretchen weitere Treppenstufen hinunter ging.
„Warte“, rief er also abermals, rannte ihr dieses Mal sogar nach, was sie mit einem missbilligenden „Ich muss auf Station“ abwatschte.
„Was ich eigentlich damit sagen will“, er atmete tief ein um die letzten Worte weise auszusprechen. „Du hast Recht, die Wahrheit und Lüge ist schwarz und weiß, da gibt es keine Grauzone. Aber die Absicht von Menschen, warum sie lügen, ist bunt, Gretchen. Keiner lügt und betrügt dich, weil es ihm Spaß macht dich zu Quälen! Nur darfst du sie auch nicht auf ein viel zu hohes Podest stellen, dem keiner gewachsen ist.“
Ihr Pieper ertönte ein weiteres Mal.
Gretchen schnaubte, drehte sich um und verschwand durch eine der dicken Feuerschutztüren aus dem Treppenhaus.

a/n:
Libre Office hat sich geupdatet und ich bin mir nicht so sicher was ich davon halten soll, hmmm.
Da bin ich wieder. Eigentlich soll ich mich ja momentan auf Schlaf, Ruhe, Meditation, bestenfalls noch auf Yoga und Atemübungen konzentrieren, aber es juckt mich einfach in den Fingern, wenn ich schon mal Zeit habe.
Zeit.
Zeit.
Zeit.

„Drabble“ ist doch wieder länger geworden als beabsichtigt.

lg
manney

manney Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 876

14.04.2018 21:47
#11 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

95. R.S.V.P


Mariella Guerra war immer noch wunderschön, stellte Marc erstaunt fest.
Ihre dunkelbraunen, fast schwarzen Haare waren in herrlich definierten Wellen zu einer Seite über ihre Schulter gekämmt und ihre bernsteinfarbenen Augen sprühten vor Lebensfreude.
Marcs Herz setzte für einen Moment aus: waren Italienerinnen mit Ende zwanzig nicht schon alt und runzlig? Wie kam es also, dass ausgerechnet Mariella entgegen aller Vorurteile fast noch besser aussah, als vor zehn Jahren, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten?
„Ich freu mich auch, dich zu sehen, Marc“, grinste sie und freute sich ihn in solches Erstaunen versetzt zu haben, dass es ihm sogar die Sprache verschlug.
„M-M-Mariella.“
„Oh, er kann sich noch erinnern!“, quiekte sie und lehnte sich erfreut zu ihm hinauf. Für einen unsäglich schönen (und dummen) Moment, dachte Marc, sie wollte ihn küssen – dabei legte sie ihre warmen, weichen Hände bloß rechts und links an seine Wangen und imitierte damit tantenähnliches Backenkneifen.
Und wie er sich an seine (Ex-)Freundin aus der Schulzeit erinnern konnte; besonders an die Wochenendabenden an denen man ihre kleinen Geschwister einhüten sollte und sie stundenlang knutschend (und später auch mehr) auf der Couch ihrer Eltern rumgelegen hatten.
„Was machst du denn hier“, seine Stimme war eine Oktave zu hoch, er bemerkte dies jedoch erst, als der Satz schon gesprochen war und räusperte sich deshalb umständlich.
„Na, was werd‘ ich hier wohl machen, Marc. Wenn du dich nicht meldest, obwohl du einer der wenigen Mitschüler bist, die in Berlin geblieben sind, muss ich halt kommen und mir deine Antwort persönlich abholen!“
„Antwort?“, fragte er wenig intelligent.
„Na, die Einladung! Zum Klassentreffen. RSVP-Termin war vor drei Wochen und da du weder zu- noch abgesagt hast, hab ich gedacht, komme ich gleich persönlich vorbei um eine Absage grundlegend auszuschließen!“
„Direkt zu meinem Arbeitsplatz ins Krankenhaus?“, oh je, seine Stimme war schon wieder ungewöhnlich in die Höhe geschnellt. „Und was zur Hölle ist RSVP?“
Mariella verzog die Mundwinkel zu einem smilieähnlichen Gebilde: „Ich hab die Adresse von deiner Mutter – sie wusste übrigens auch noch wer ich bin und hat mich wenig subtil darauf hingewiesen, dass du gerade Single bist! Und die nette Empfangsdame bei euch an der Info hat mir gesagt, dass du unter der großen Weide hier gern deine Mittagspause verbringst. Sie durfte mir allerdings nicht sagen, ob du tatsächlich hier bist. So viel Bürokratie und um den heißen Brei herumreden hab ich schon lange nicht mehr erlebt. In Rom ist das alles so viel weniger kompliziert.“
Oh Gott, wenn er eines an Mariella nicht vermisst hatte, dann ihr schnelles Reden – oder ihre Penetranz. Wenn sich jemand nicht auf eine Einladung meldete, war das doch der beste Hinweis, dass man nicht kam, oder?
„Ach, und RSVP, mein Lieber, heißt trépondez s'il vous plaît. Weißt du das etwa nicht mehr? Immerhin hatten wir sechs Jahre Französischunterricht, da muss doch ein bisschen mehr hängen geblieben sein, als Merci und Oui. Wobei dir die Vokabel Merci ja sicher auch eher aus der Schokoladenwerbung hängengeblieben sein dürfte. Übersetzt bedeutet das jedenfalls so viel wie, dass man antworten soll. Was du nicht gemacht hast – und deswegen bin ich hier.“
Marc fuhr sich sichtlich unbehaglich mit seiner rechten Hand über seine Brust hoch zur Halsschlagader: „Ich… hab keine Einladung erhalten.“
Mariella blinzelte ihn drei Sekunden lang still an. Er dachte schon mit seiner Lüge hätte er sie und ihren permanenten Redeschwall kaputt gemacht.
„Nun, kannst du kommen oder nicht?“
Marc war zwar überrumpelt von der Situation, aber keineswegs blöd.
„Wann findet denn das Klassentreffen überhaupt statt?“
„Diesen Freitag – stand ja auf der Einladung“, log sie.
„Uh… tja, das ist schlecht, da muss ich arbeiten. Genau wie jetzt übrigens auch. Hat mich gefreut, Mariella – ruf mich doch mal an, wie das Treffen so gelaufen ist“, er klopfte ihr freundlich auf die Schulter und war schon an ihr vorbei getreten, sah sich in der Siegerposition diesem blöden Klassentreffen doch noch entkommen zu sein, als Mariella sich zu ihm umdrehte:
„Uh, guck mal, was ich hier habe“, sie fischte aus ihrer großen dunkelgrünen Handtasche einen gefalteten Zettel und zuckte unschuldig mit den Schultern.
Marc wurde blass.

„Mensch ich hab den Brief, den Beate uns zugesandt hat, extra mitgenommen, damit ich das Datum nicht durcheinander bringe. Das Klassentreffen ist ja gar nicht diesen Freitag – ich Dummerchen, ich. Es ist Samstag! Das ist super, oder Marc? Dann kannst du ja doch noch kommen!“
Marc sah wenig Chancen aus dieser Nummer noch rauszukommen, als Mariella die drei Meter zu ihm überwand und ihm den Zettel in die Hand drückte: „Schau, jetzt hast du die Einladung noch einmal von mir persönlich bekommen. Und ich weiß von der Empfangsdame, dass sie sich sehr für dich freut, dass du an deinem freien Wochenende aufs Klassentreffen gehen kannst.“
Er war ihr auf den Leim gegangen.
Verdammt.
„Und glaub mir, jeder von uns will unbedingt wissen, warum ausgerechnet der lernscheue Aufreißer von damals sich den schwierigsten Studiengang ausgesucht hat und mit Anfang dreißig so weit die Karriereleiter hochgeklettert ist, dass er sogar Nele-ich-bin-Politikerin-und-sitze-im-Europaparlament-Jasper neidisch werden lässt. Die Geschichte wird sicher den ganzen Abend erzählt werden, meinst du nicht auch?“
Das Funkeln in ihren Augen, was anfangs so heiter und süß wirkte, war jetzt eher verschmitzt und voller Freude ausgerechnet Marc ausgetrickst zu haben. Und außerdem wusste sie anscheinend immer noch genauso viel über ihn, wie damals.
Denn sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen – Marc wollte nicht, dass sich seine ehemaligen Mitschüler über ihn das Maul zerrissen oder dämliche Fragen stellten, warum nun ausgerechnet er Arzt geworden war.
Er seufzte und ließ den Kopf hängen.
Mariella grinste und gab ihm zum Abschied einen dicken Knutscher auf die Wange. Den Abdruck ihres pinkfarbenen Lippenstiftes verrieb sie. Marc hatte das Gefühl, jetzt doch eher von einer Tante in die Wange gekniffen worden zu sein, als mit einer heißen Mittelmeerschönheit geflirtet zu haben.
Er seufzte noch einmal, begutachtete die Einladung, die er beim ersten Mal geflissentlich ignoriert und unachtsam in den Müll geschmißen hatte und kam zu dem Entschluss, dass wenn er durch die Fragen-und-Antwort-Hölle beim Klassentreffen gehen musste, wenigstens Gretchen auch dabei sein sollte:
„Soll ich den Hasenzahn auch mitbringen?“, rief er Mariella zu, die sich abrupt und dieses Mal wirklich irritiert zu ihm umdrehte. Sie kam zurück auf Marc zu um nicht über die grüne Wiese hinweg schreien zu müssen.
„Du weißt wo Gretchen steckt? Beate hatte die Einladung für sie an die alte Adresse geschickt, wo ihre Eltern wohnten, doch leider kam der Brief ungeöffnet zurück. Anscheinend Verzogen. Ihre Freundin… na, diese Rothaarige, die nach Australien gegangen ist hat uns dann eine Adresse in Köln gegeben, aber auch da ist der Brief wieder zurückgekommen. Und ihre e-Mail-Adresse, die uns die Freundin gegeben hat, scheint auch nicht mehr aktiv zu sein, denn auch darüber gab‘s keine Antwort.“
Marc leckte sich über die Lippen.
Gretchen hatte ihm gesagt, es wäre unhöflich eine Einladung einfach so zu ignorieren, dabei hatte sie genau das Gleiche gemacht wie er! Nur so viel geschickter und gleich die ganze Einladung ungeöffnet zurückgeschickt.
„Wenn ich dir sage, wie du den Hasenzahn erreichen kannst, bin ich dann aus der Nummer entlassen und muss nicht kommen?“
„Natürlich nicht!“, sagte Mariella energisch.
Marc grunzte resigniert.
„Aber...“, dehnte sie dieses eine Wort besonders lang: „ich könnte vielleicht vergessen, dass du dich von mir hast reinlegen lassen und du möglicherweise dadurch nicht zwingend zu unserem Hauptgesprächsthema wirst.“
„Möglicherweise?“, er zog die Augenbrauen hoch: „Meinst du nicht, das kriegst du besser hin?“
„Okay, okay. Ich verspreche, ich werde jeden davon abhalten blöde Fragen zu stellen, warum ausgerechnet unser Lieblingsmacho jetzt alten Omis neue Hüftgelenke verpasst, wenn du mir versprichst Kontakt zu Gretchen herzustellen und sie auch wirklich kommt. Ich gehe davon aus, sie ist wieder in Berlin, wenn du sie direkt mitbringen wolltest?“
Ja, Mariella kombinierte manchmal genauso schnell wie Sherlock Holmes. Eine Gemeinsamkeit, die sie definitiv mit Gretchen teilte.
„Komm mal mit“, er griff seine alte Flamme bei der Hand und schleifte sie zurück ins Krankenhausgebäude, in den Fahrstuhl bis hinauf zu seiner Station.

„Hast du ihre Kontaktdaten etwa in deinem Handy gespeichert?“, es klang ein bisschen entsetzt, aber nicht abwertend. Mehr so, als ob Mariella kaum glauben konnte, dass ausgerechnet diese beiden Streithähne wirklich Telefonnummern ausgetauscht hatten.
Marc bat sie höflich in der Wartelounge vor dem Schwesternzimmer im Flur Platz zu nehmen.

Im Aufenthaltsraum saß Schwester Sabine am Empfang und tat so, als ob sie die Kurven der am Morgen entlassen Patienten aussortierte. Der Oberarzt wusste allerdings ganz genau, dass sie die Interaktion mit Mariella natürlich genauestens beobachtetet hatte.
„Wo ist die Frau Doktor?“, fragte er deshalb besonders freundlich, aber leiser, als er das Zimmer betrat und Sabine ihn erschrocken anguckte. Seit wann nannte er seine Assistenzärztin denn Frau Doktor und nicht mehr „dicker Haase“, „Haase“, „Hasenzahn“ oder simpel Gretchen?
„Frau Doktor Ha-“
„Ja wo ist sie denn, Schwester Sabine?“, schnitt ihr Marc das Wort ab.
„Bei Herrn Lebrowsky. Zimmer sieben eins drei“
„Schwester Sabine, ich weiß in welchem Zimmer Herr Lebrowsky liegt!“, stöhnte ihr Oberarzt ungehalten, verschwand aber nicht wieder aus der Tür, aus der er gekommen war, sondern ging durch den hinteren Teil des Raums in die Umkleidekabine zurück in den Flur hinaus, damit diese seltsam schöne Frau, die Marc im Flur platziert hatte, nicht mitbekam, dass er wegging.

Gretchen war gerade damit beschäftigt Klammern zu ziehen. Die neue Kniescheibe des Herrn Lebrowsky war eine von Marcs wenigen, lang geplanten Meisterleistungen, und dass der Herr nach nur vierzehn Tagen schon wieder so fit war – trotz seines biblischen Alters von fünfundneunzig – machte ihn (und auch sie, wenn sie ehrlich war) unheimlich stolz. Natürlich hatte es auch etwas mit der Konstitution des alten Mannes zu tun – er war bis zu seinem sechzigsten Lebensjahr Hochleistungssportler gewesen und ein Ernährungsexperte noch dazu. Aber Marcs geschickte Arbeit war ebenfalls nicht vom Himmel gefallen, sondern hart angeeignetes Wissen. Werner Rössel war jedenfalls unheimlich stolz auf seinen Kollegen, der ihm die OP sozusagen abgenommen hatte. Und Gretchen konnte wetten, dass ihr Vater, dem Werner das sicher auch schon erzählt hatte, auch sehr stolz auf Marc und sein Team sein würden.
Sie grinste, als der alte Mann erleichtert aufstöhnte, als Gretchen verkündete: „Nur noch sieben Stück, dann haben wir‘s geschafft.“
„Wir? Junge Dame, ich habe die Schmerzen, sie müssen nur aufpassen, dass die Narbe nicht wieder aufplatzt!“
„Sie haben schon so viele Schmerzen mit diesem Knie hinter sich gebracht, da kommt es auf die sieben-“, sie zog gerade eine weitere Krampe aus der Haut „sechs Klammern auch nicht mehr an, oder?“, sie zwinkerte dem Opa zu und zog wieder ein Stück Metall aus der Haut.
„Ihr Versuch, mit mir zu flirten, um mich von den Schmerzen abzulenken gelingt nur zum Teil. Ich bin verheiratet!“
Gretchen grinste: „Wie lange sind Sie denn schon verheiratet? Gab‘s schon goldene Hochzeit?“ Sie zog noch eine Klammer.
„Na, wo denken Sie denn nur hin! 50 Jahre verheiratet! Also echt.“
Fettnäpfchen: Vermutlich war das ein Playboy-Opi, der Hugh Heffner nachahmte.
Und noch eine Klammer.
„Ich hatte letztes Jahr Kronjuwelenhochzeit. Liselotte und ich sind dieses Jahr sechsundsiebzig Jahre verheiratet!“
Während Gretchen nach Luft schnappte zupfte sie noch eine Krampe aus der Haut.
„Glückwunsch. Die Letzte“, versprach sie und setzte die Zange zum Ziehen des letzten Metallstücks an, als Marc ohne Klopfen die Tür aufriss.
Glücklicherweise war Gretchen schon viel zu sehr abgestumpft, um sich deshalb aus der Ruhe bringen zu lassen und zog deshalb auch die letzte Klammer gerade, ohne Probleme, aus der Haut des Patienten.
„‘Tach Herr Lebrowsky. Und, wie macht sich Frau Doktor Haase beim Klemmenziehen? Ich will hoffen, mein kleines Meisterwerk ist noch heile geblieben“, neckte er süffisant.
Gretchen schickte ihm tausend tödliche Blitze. Was bildete sich dieser Macho eigentlich ein. Als ob sie keine Klemmen ziehen würde können. Sie war doch kein AiPler mehr, Mensch.
„Sie sollten sich was schämen, Herr Doktor Meier. Platzen hier einfach rein und machen die formidable Arbeit ihrer Kollegin mies.“
„Genau“, merkte Gretchen an und grinste dabei ungeniert ihren Patienten an.
„Sie weiß ja, von wem‘s kommt, na‘ Hasenzahn“ Marcs spitzbübisches Lächeln erreichte fast seine Ohren.
„So gewinnen sie aber auch keinen Blumentopf bei Ihren Kollegen“, rümpfte Herr Lebrowsky abwertend die Nase.
Gretchen packte ihre Utensilien zusammen und ließ Marc noch einmal das Knie selbst und nicht die Naht begutachten.
„Gehen Sie eigentlich direkt nach dem Krankenhaus in die Anschlussheilbehandlung oder erst nach Hause und von dort aus weiter“, erkundigte sich Marc.
„Erst nach Hause, natürlich. Ich muss doch zuhause alles packen und wenigstens noch einmal nach dem Rechten schauen!“
„Das kann doch eigentlich auch Ihre Ehefrau übernehmen. Für Ihre Genesung jedenfalls wäre es besser, wenn Sie direkt von hier in die Reha kämen“, wandte Gretchen ein.
Marc guckte seine Assistenzärztin irritiert an. Welche Ehefrau? Werner Rössel hatte ihm gesagt, der Patient wäre seit vierundfünfzig Jahren Witwer und lebe ausschließlich nur noch für den Sport.
„Papperlapapp. Ich weiß, was für mich das Beste ist. Und das Beste ist jetzt gerade, wenn sie, junge Frau Doktor, und Sie Herr Doktor Meier mein Zimmer verlassen und mich in Ruhe die Tour de France gucken lassen würden.“
Der Patient zwinkerte Gretchen beim Gehen zu und sofern die Blonde die Zimmertür von Außen geschlossen hatte, streckte sie Marc die Zunge raus: „Hast du das gehört: du solltest dich schämen meine formidable Arbeit mies zu machen, die du mir erst aufs Auge gedrückt hast, Herr Doktor.“

Marc rollte lachend mit den Augen: Wenn sie wüsste, was ihr gleich passierte, würde sie sicher nicht mehr solch gute Laune haben.
„Was willst du eigentlich hier. Dich heute nochmal nach dem Knie des Patienten erkundigen, auch wenn er ein Privatpatient ist, sieht dir nicht ähnlich.“
„Ich bin nur deinetwegen hier, Hasenzahn.“
„Meinetwegen?“, fragte sie ungläubig und lief den Korridor zum Medikamentenraum entlang um die Klammern in der Petrischale zu entsorgen.
„Ich kann ja verstehen, dass du Schwester Sabine damit nicht beauftragt hast, aber hast du wirklich gedacht selbst ich schaffe es nicht, die Klemmen zu ziehen, ohne dein ach so wertvolles Knie kaputt zu machen?“
So ein… Blödmann!
„Es ist eine Frechheit von dir, mir überhaupt über die Schulter blicken zu wollen. Ich bin ja wohl im Stande diese bescheuerten Klemmen zu ziehen, ohne unsere Arbeit zunichte zu machen. Was bildest du dir überhaupt ein so herbalassend-“
Marc hatte sie in dem kleinen Medikamentenraum an die Wand gedrückt und einfach so geküsst.
Die Petrischale in der Gretchen die Zange, Krampen und Desinfektionsmittel aufbewahrt hatte fiel krachend zu Boden.
Kurzatmig löste sich Marc von ihr.
„Hör auf das zu tun!“, keifte Gretchen und bemühte sich jede einzelne der einundzwanzig Klemmen wieder aufzusammeln.
„Was zu tun“, Marc leckte sich über die Lippen, als er sie auf dem Boden hocken sah. Ganz, ganz falsches Bild, was sich da in seine Gedanken stahl.
„Mich immer dann zu stumm zu küssen, wenn ich sauer auf dich bin!“
„Du hast gar keinen Grund sauer auf mich zu sein, Hasenzahn“, er beugte sich jetzt auch hinab und half die Klemmen einzusammeln.
„Ich wollte dir weder über die Schulter schauen, noch deine Kompetenz in Frage stellen. Ich wollte lediglich, dass du dich beeilst, weil ich dir unbedingt… etwas zeigen möchte.“
Gretchen zog die Stirn kraus und sah ihn skeptisch an: „Und das wäre…?“

Am liebsten hätte Marc ja Gretchens Hand genommen und sie fröhlich hinter sich hergeschleppt, wenn da nicht das ganze Krankenhauspersonal gewesen wäre, dass sich sicher darüber den Mund fusselig geredet hätte. Stattdessen schob er Gretchen also sanft am Kreuzbein durch die Tür zurück in den Flur. Ihren wohligen Schauer, der ihren Körper erfasste, kommentierte er aus purem Eigennutz nicht. Er liebte es einfach, Gretchen durch so simple Berührungen aus dem Konzept zu bringen und würde sich hüten sie darauf hinzuweisen, nur damit sie sich anstrengte genau diese natürliche Reaktion ihres Körpers zu unterdrücken.
Er fragte sich, was wohl erst geschehen würde, wenn er ihr unmittelbar vor einer OP die Zunge in den Hals schieben würde.

Würden ihre Finger dann die gleiche präzise Arbeit ableisten, wie er es von ihr gewohnt war, oder musste sie sich erst minutenlang sammeln um eine Operation routiniert durchzuführen?
Wenn sich die Gelegenheit bot, würde er ein solches Experiment mit ihr sicher ausprobieren, nun aber sah er sich erst einmal an Gretchens überforderten Gesichtsausdruck satt, als Mariella freudig aufsprang um Gretchen zu begrüßen.
Marc konnte natürlich nicht zu hundert Prozent sicher sein, dass seine ehemalige feste Freundin aus Schulzeiten sich wirklich freute und nicht einfach nur eine große Show abzog, aber er begrenzte etwaig ausgeprägtes schauspielerisches Talent der Italienerin auf ein Minimum und glaubte ihr die echte Freude, Gretchen wiederzusehen.

„Oh. Mein. Gott. Gretchen Haase. Wie toll du aussiehst! Und wie wunderbar, dass ich dich doch irgendwie noch ausfindig machen konnte! Ich hab ja gedacht, dass Marc nur weiß, wo du jetzt wohnst und mit Adressdaten zurückkommt, dass du aber direkt hier mit ihm arbeitest und er dich als Mensch anschleppt ist eine echte Überraschung.
Du bist Ärztin geworden?
Natürlich bist du Ärztin geworden!
Schließlich wolltest du nie etwas anderes werden als Ärztin!
Seit du und Marc Kollegen? Oder arbeitet er für dicht“, Mariella wackelte anzüglich mit den Augenbrauen. „Ach, ich bin so glücklich, dass jetzt doch noch alle, zumindest die, die nett sind, immer noch in Deutschland sind und noch leben – weißt du, der alte Haudegen Alexander ist nämlich schon vor drei Jahren bei einem Fallschirmsprung in Afrika abgestürzt und tödlich verunglückt; tragische Geschichte, man weiß bis heute nicht, ob es Absicht oder nur ein Unfall war, denn er hatte wohl einen Haufen Schulden, aber eben auch schon einen kleinen Sohn, wenn du mich fragst ist das unverzeihlich, sein Kind einfach im Stich zu lassen, Geldschulden hin oder her… ähm, wo war ich stehen geblieben… ach ja – auch wirklich kommen.
Du kommst doch, oder?
Mit Marc?
Beate hatte dir auch schon zwei schriftliche Einladungen geschickt, eine an die alte Adresse deiner Eltern und eine in Köln. Kamen aber beide Male zurück, also die Briefe.
Ich hab Marc eben unten schon eine Einladung zugesteckt: Wäre diesen Samstag ab neunzehn Uhr in der Kneipe am Schulzentrum.
Lustig, dass sich auch nach zehn Jahren der Name dieses Restaurants nicht geändert hat, findet ihr nicht auch? Hauptsache du hast frei am Samstag, genau wie Marc. Du kommst doch, oder?“
Gretchen war bei Mariellas vorgetragenem Monolog sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen, stellte Marc zufrieden fest.

„H-hallo, Mariella“, sagte die Blonde lahm und musterte die braungebrannte Italienerin ungeniert von oben bis unten.
Was hatte Mariella gesagt, Gretchen sähe toll aus? Nun, wie beschrieb sich Mariella denn in ihrem eigenen, endlosen Wortschatz: Wunderschön? Atemberaubend? Hinreißend?
Ihre ehemalige Klassenkameradin sah fabelhaft aus. Die dunklen Haare waren in perfekte Wellen gestylt, die ihr engelsgleiches Gesicht umrahmten und bei jeder Kopfbewegung kraftvoll wippten. Zu ihrer weißen schwarzgepunkteten Bluse trug sie eine schwarze Röhrenjeans in Kleidergröße 34, die sie ganz legere in die spitzen Stiefel gestopft hatte. Sie wirkte dadurch unheimlich sportlich, aber auch elegant und weltmännisch.
Ganz anders als Gretchen, die Kaffeeflecke auf ihrem Kittel zur Schau stellte und ihre widerspenstigen Haare am Hinterkopf zusammengeknotet hatte. Dazu kamen bestimmt tiefdunkle Ringe unter ihren Augen, weil sie seit über sechsundzwanzig Stunden auf den Beinen war.
„Ich… ich“, sie räusperte sich um nicht weiter wie ein dummer Fisch an Land nach Luft zu schnappen.
„Ich freu mich auch dich zu sehen. Ja“, bekräftigte sie ihre eigene Aussage um vor sich selbst glaubhaft zu wirken.
Mariella strahlte übers ganze Gesicht, lehnte sich weit nach vorn und schob – wie sie es bereits bei Marc gemacht hatte – Gretchen die Hände an die Wangen: „Awww, du bist immer noch so steif, wie früher. Manche Charaktereigenschaften begleiten einen eben doch ein Leben lang. Hat Marc dir denn gar nichts erzählt?“
„Erzählt? Was?“, je weniger Gretchen sprach, desto besser. Die Situation war ihr nicht geheuer. Schon gar nicht, weil sie fühlte, wie auf den Gängen schon wieder über sie getuschelt wurde. Warum stand sie hier mit einer wahnsinnig schönen Frau und Marc rum.
„Na, das Klassentreffen, Mensch. Hat dir Marc nichts davon erzählt?“
„Ja, hab ich dir davon nichts erzählt, Hasenzahn?“, fragte Marc sichtlich amüsiert.
„Du nennst sie immer noch so? Ich weiß nicht, ob ich das süß oder einfach nur dämlich finden soll!“
Sie war komplett überfordert mit der Gesamtsituation, weshalb sie nur den Kopf schüttelte und nicht einmal wusste, ob Mariella dies überhaupt bemerkt hatte, schließlich starrte sie gerade Marc an.

Wie würde sie dieser Situation nur entfliehen können?
Sie hatte den Brief ignoriert und Jochen gebeten in großer schwungvoller Schrift „verzogen – zurück an den Absender“ auf den Umschlag zu schreiben. Die Email, die sie unerwartet erhalten hatte, verschob sie direkt in den Mülleimer und krümmte sich jedes Mal, wenn sie nur daran dachte ihre alten Mitschüler wiederzusehen.
Ihr Leben war nämlich nicht so glänzend verlaufen, wie Mariella es gerade beschrieben hatte. Von wegen, Marc arbeitete für Gretchen.
Schön wärs.
Die Fragen die unweigerlich den ganzen Abend auf sie einprasseln würden, waren den Aufwand nicht wert, sich schick zu machen und ihren dämlichen ehemaligen Klassenkameraden ihre momentane Situation darzulegen: zwei Wochen vor Hochzeit betrogen worden zu sein, ledig, bei den Eltern wohnend und unterbezahlt in einem Krankenhaus, untergebene, aber immerhin promovierte, Assistenzärztin des Oberarztes Dr. Marc Meier.
Ihr feministisches Herz zog sich nur bei dem Gedanken daran zusammen, dieser Horde alter Mitschüler davon überzeugen zu müssen, dass sie trotz des nicht perfekten Lebensplans für eine fast Dreißigjährige zufrieden war.

„Ich denke nicht, dass-“, begann Gretchen also kleinlaut. Mariellas enttäuschter Gesichtsausdruck taten der Blonden zwar leid, aber auch wieder nicht leid genug um ihre Meinung zu ändern.
„Oh, bitte, bitte komm, Gretchen. Das wird wirklich ganz lustig. Und ich bin auch schon echt gespannt auf die Geschichte, wie ausgerechnet ihr beide euch hier wiedergetroffen habt. Du kannst doch nicht von mir verlangen, dass ich nur Marcs stoische Version hören will, wo er sich jedes Detail aus der Nase ziehen lässt.“
Gretchen presste die Augen zusammen.
„Mariella, ich will ni-“
„Sie will nicht, dass du enttäuscht bist, wenn es doch nicht klappt. Wir sind ein kleines Krankenhaus, da können Schichtpläne nicht einfach so über den Haufen geworfen werden“, mischte sich Marc hilfsbereit ein, stellte sich neben Gretchen und legte beschützend den Arm um sie.
Ihr ganzer Körper war von einer feinen Gänsehaut übersät.
Blödes Arschloch.
Diese Art der Rettung vor unangenehmen Situationen hatte er schon einmal abgezogen nur um hinterher der gleiche Arsch wie immer zu sein.
„Oh, okay. Das wusste ich nicht… nun, dann hoffe ich, dass du das irgendwie doch noch hinbekommst, ja? Und versprich mir, dass du es ganz sicher versuchst, ja Gretchen? Und du, Mister Oberarzt, wirst ihr die Woche über gut zureden doch mitzukommen. Wäre gelacht, wenn ausgerechnet die beiden, die in Berlin leben, nicht zu ihrem eigenen Klassentreffen erscheinen!“
Marc nickte.
Gretchen war zum Heulen zu mute und Mariella grinste, verabschiedete sich mit Wangenküssen bei der Blonden und einer angedeuteten Umarmung bei Marc.

In der Zeit, die Mariella brauchte um den langen Flur zum Fahrstuhl zurück zu gehen, hielt Gretchen die Luft an und entließ diese erst wieder aus ihren Lungen, als die Italienerin außer Sicht war.
Mit einem ächzenden Stöhnen ließ Gretchen sich auf den hinter ihr stehenden Plastikstuhl nieder.
„So, und nun zu dir, Hasenzahn. Du kommst so was von mit!“
„Oh, Gott...“, Gretchen vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.
„Wenn ich da hin muss und mir einen ganzen Abend lächerliche Fragen gefallen lassen darf, dann du auch.“
„Bitte?“, krächzte Gretchen und blickte zu ihrem süffisant grinsenden Oberarzt auf.
„Warum bitteschön muss ich mich jetzt auch zu diesem blöden Klassentreffen aufmachen, nur weil du hingehst?“
„Ja denkst du, ich will erklären müssen, warum du nicht kommen konntest? Außerdem habe ich dir gerade dein Ansehen gerettet, immerhin wolltest du ja gerade Mariella anbrüllen, dass du gar nicht kommen wolltest!“
„Willst! Ich will da nicht hin, Marc“, sie hörte sich jetzt weniger wütend, dafür leidlicher an.
„Und du solltest da auch nicht hingehen. Über mich werden sie sich lustig machen, weil ich nicht der zielführenden Norm einer Medizinerin entspreche und dich werden sie stundenlang piesacken, warum ausgerechnet du einen Job angenommen hast, in dem du Leben rettest und nicht systematisch zerstörst.“
Marc zog die Augenbrauen hoch, aber behielt seine Frage für sich.
Stattdessen setzte er sich neben sie:
„Das wird schon, Hasenzahn. Die schlimmste Person, die uns begegnen konnte, war gerade hier. Und wie du siehst, liebt es Mariella immer noch am meisten, sich selbst reden zu hören. Deshalb: mach dir keine Sorgen.“
Hoffnungsvoll blickte sie an.
Manchmal wünschte sie sich, dass sie schon mehr wären, als nur gute Freunde, die sich ab und zu küssten… und gemeinsam Eis essen gingen.
„Glaubst du wirklich, dass diese Meute mich da nicht vorführen wird?“
„Nein“, sagte er liebevoll und seine Grübchen blitzten: „sie werden niemanden treten, der schon am Boden liegt. Immerhin hast du mich ja zum Chef, und das muss demütigend genug sein, Hasenzahn!“
Marcs Grinsen wurde breiter, als Gretchen in einem hysterischen Anfall auf seinen Oberarm schlug und ihn mit wenig schlagfertigen Namen und Eigenschaften betitelte.


a/n:

die, die mich „kennen“, wissen ja, dass ich nur in ganz besonderen Ausnahmen mal Widmungen für ein Kapitel/Drabble schreibe. Zumeist sind es dann Menschen gewesen, die für mich gebetat haben, wie DanySahne oder MarcieMarc oder Lilia, die mich mit ihrem kreativen Schaffen angesteckt hat.
Das ist hier anders, denn dieses Drabble (OS) war nicht nur inspiriert durch die Dame, sondern eingangs für sie geschrieben, weil sie endlich wieder da ist.

Dieses Drabble widme ich dir, liebe @Greta , mein Groupie, ohne dich wäre dieses Forum so viel weniger schön, und ich hoffe dass du nicht nur dem Fandom DD die nächsten zehn (hundert) Jahre erhalten bleibst, sondern dass du allen voran mir als gutes Beispiel mit all deiner Hingabe immer erhalten bleibst. Du magst zwar unheimlich ungeduldig und hibbelig sein, ein bisschen verträumt und besonders gutmütig, aber jedes Mal, wenn ich sehe, dass du Nachrichten hier postest, das Forum sozusagen am Leben hältst, für lau, einfach, weil es dir Spaß macht, weiß ich, dass die Welt noch nicht ganz so schlecht ist, wie sie meistens scheint. Dass es da draußen Menschen gibt, die durch so etwas einfaches wie das verlinken von Nachrichten, Menschen (mir) einen großen Gefallen erweisen, ohne etwas dafür zu verlangen oder – wie in deinem Fall – nicht mal richtig gewürdigt zu werden.
Das müssten wir ändern, schließlich investierst du hier besonders viel Herzblut, damit Leute täglich auf diese Seite klicken und sie nicht in Vergessenheit gerät!
Dafür, liebe Greta, ein aufrichtiges Danke.

lg
manney

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24.04.2018 22:05
#12 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

71. Quiet Despair

„So you say, Julia was just a lovey dovey girl, who is responsible for the whole mess? That’s so wrong, even for you Marc! Romeo and Julia both made mistakes… the first one thinking that at the age of thirteen they have life and love figured out-”

“Juliet, and it would sound much better if you put “at the age of thirteen” at the end of the sentence, Gretchen!”, korrigierte der Englischlehrer genervt.

Er hasste den englischen Literaturunterricht in dieser elften Klasse, weil Marc Meier und Magarethe „Gretchen“ Haase jede noch so kleine Meinungsverschiedenheit stundenlang diskutieren konnten.
Ganz besonders das letzte Thema: die Tragödie Romeo und Julia.
Manchmal dachte er auch, dass die restlichen Mitschüler die beiden dafür bezahlten, damit er diesem schlecht sprechenden, Kaugummi kauenden, Rave versessenen Mob, der sich Klassenverband schimpfte, bloß nicht noch wichtige Dinge beibrachte.
„Oh, puh-lease! Juliet was just a little girl who was more in love with the thought of being in love than actually be in love with someone; that’s plain ridiculous. That is not how reality works, Hasenzahn!“

Mussten ihm diese beiden pubertierenden Heranwachsenden denn nicht nur seinen Unterricht kaputt machen, sondern auch noch William Shakespeares – seiner Meinung nach, bestes! - Werk so zerpflücken, dass ihm das Herz blutete?
Sowohl Marc mit seiner antifeministischen Einstellung, Julia wäre mit ihrer kindlichen Verliebtheit überfordert gewesen, als auch Gretchens Ansicht, das Ende hätten Romeo und Julia abwägen müssen, waren beide so… falsch!
Romeo und Julia war eine Tragödie, in der auf beiden Seiten gleichermaßen Fehler gemacht wurden; wo Julias Liebe genauso stark war wie Mercutios Freundschaft zu Romeo. Da wurde Ehre vom Elternhaus hochgehalten und das menschliche Miteinander nur über den Stand im Volk definiert!
Aber nein,… er plagte sich mit den beiden Lieblingsfeinden herum, die bei jeder noch so kleinen Erläuterung Einwände hatten.
Die rettende Klingel läutete.
„Bis zum nächsten Mal lest ihr die Seiten achtundsiebzig bis fünfundachtzig aus dem Lehrbuch und beantwortet dazu die Fragen aus dem Arbeitsheft auf Seite zweiundzwanzig!“
Die undankbare Meute stöhnte, während die meisten bereits schon damit beschäftigt waren ihre Schultaschen zu packen.
„Und ihr beide“, er zeigte auf Gretchen, die erschrocken von ihrer Tasche hochblickte, und Marc, der resigniert den Kopf in den Nacken warf: „bleibt noch hier!“
„Was?“, fragte Gretchen: „Warum?“
„Nöl‘ nicht, Hasenzahn“, keifte Marc, verabschiedete sich von seiner Freundin demonstrativ mit einem sehr feuchten Kuss und machte einen komischen Handschlag mit seinem besten Freund beim Gehen.
Gretchen hatte niemanden, den sie verabschieden konnte, weil ihre beste Freundin in die Parallelklasse ging und bereits vor einer Stunde Schulschluss gehabt hatte.
Deshalb stellte sie sich einfach artig vor den Lehrerpult (dabei war dies ein ganz simpler Tisch, an dem auch zwei Schüler Platz gehabt hätten) und wartete darauf, dass ihr Englischlehrer seinen Eintrag im Klassenbuch vermerkte.
Durch ihren Job in der Universitätsbibliothek hatte Gretchen in den letzten fünf Monaten das auf dem Kopf Lesen erlernt:
Klasse überaus unmotiviert. Gret & Marc TA, stand dort in unsauberer Schrift.
„TA?“, fragte die Blonde deshalb, konnte sich nichts unter diesem Kürzel vorstellen.
Der Mitvierziger guckte Gretchen abschätzend über den oberen Rand seiner Brille an: „Dazu komme ich gleich!“
Marc, der sich seinen Rucksack über die Schulter hievte verrollte die Augen, als er auch neben den Lehrertisch getreten war: „Machen Sie bitte hinne‘, ich hab keine Bahn zu verpassen!“
„Frag mal mich, Marc! Ich muss arbeiten!“
Marc stöhnte abfällig: „Du willst arbeiten, das ist ein Unterschied!“
„Ich muss! Ein Studium finanziert sich nicht von allein!“
„Deine Eltern sind reich!“
Gretchen blinzelte ihn irritiert an: „Und?“
Marc schnaubte: „Du bist doch nur so erpicht darauf zu arbeiten, um der nicht arbeitenden Bevölkerung ihre angebliche Faulheit aufzuzeigen!“ Es war ein Satz, den er von einer von Mariellas Freundinnen gehört hatte. Ob es stimmte, oder ob er Gretchen wirklich so einschätzte, musste er glücklicherweise nicht erklären.
„Ich gehe arbeiten, damit ich meinen Eltern nicht auf der Tasche liegen muss, wenn ich studiere!“, die kleine Blonde stemmte die Hände in die Hüfte, holte Luft und wollte gerade loslegen Marc die Wichtigkeit von sauerverdientem Geld zu erläutern, als ihr Lehrer das Klassenbuch zuklappte und die Hände hochhielt: „Genug!“
Gretchen verstummte und auch Marc blieb sein resigniertes Stöhnen im Hals stecken.
„Ich werde mit euch jetzt mal Klartest sprechen! Ihr beide regt mich so dermaßen auf-“
„Was?“, echauffierte sich Gretchen; sie bekam von ihrem Lehrer einen bösen Blick.
„Die letzten drei Wochen seit den Weihnachtsferien schafft ihr es jedes Mal meinen Unterricht zu stören, indem ihr euch immer weiter vom eigentlichen Thema des Inhalts der Tragödie entfernt und ein feministisch–antifeministisches Wortgefecht daraus macht. Die englische Literatur, die wir momentan bearbeiten, darf nicht ohne den zeitlichen Kontext gesehen werden!“
„Aber-“, machte Gretchen wurde aber wieder von ihrem Englischlehrer mit einem bösen Blick unterbrochen.

„Julia war weder eine dumme Gans, die in das Verliebtsein verliebt war“, Herr Berthold betrachtete Marc eingehend, wie er schuldbewusst seine Hände in den Hosentaschen vergrub.

„Noch ist Romeo und Julia eine wahre Geschichte in denen die beiden Protagonisten realitätsnäher hätten handeln müssen“, der Lehrer bedachte hierbei Gretchen mit einem aussagekräftigen Blick.

„Dieses Werk ist ein Manifest der Liebe, Freundschaft, Verrat, Wut, Hass, Erfahrungen, strukturelle Hierarchie von Adel und Pöbel. All dies findet sich in Shakespeares Arbeit wieder und eben weil ihr beide seit sechs Schulstunden ununterbrochen über jedes noch so kleine Detail streitet, werdet ihr bis zur nächsten Stunde ein Abhandlung – sagen wir, zehn Seiten? - gemeinsam schreiben, in der eurer beider Meinung zum Ausdruck gebracht wird, aber der Kern dieser Tragödie erkennbar bleibt! Mündliches Vortragen in Referatsform versteht sich natürlich von selbst!“

„Bitte! Das ist total unfair!“, polterte Marc.
„Okay, fünfzehn Seiten!“, entgegnete der Lehrer, mit verschränkten Armen vor der Brust, trocken.
Marc wurde ganz blass um die Nase.
„Das geht doch nicht!“, bestürzt griff Gretchen nach der Tischkante des Lehrertisches.
„Zwanzig Seiten! Warum sollte das nicht gehen? Guckt mich nicht so an, als ob ich euch gerade eben zum Nachsitzen geschickt hätte! Ihr habt euch das schließlich selbst eingebrockt mit euren immer wieder neu aufgewärmten Seitenhieben auf die Meinung des jeweils anderen. Also Teamarbeit ist gefragt. Ich möchte, dass ihr bis zur nächsten Schulstunde die Ansichten des anderen wenigstens respektiert. Hab ich mich klar ausgedrückt?“

Gretchen biss sich auf die Unterlippe: „Aber-“
Marc grollte: „Hör auf, sonst landen wir bei dreißig Seiten! Du kannst noch so viel „aber“ sagen, Hasenzahn. Es ändert nichts. Wir sind am Arsch!“

Herr Berthold nickte schmunzelnd.
Genau!
So fühlte er sich nämlich auch, seit ihm der Unterricht durch diese beiden Störenfriede ruiniert wurde.

TBC...

lg
manney

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25.04.2018 20:55
#13 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

35. Daily Planner

„So, wann hast du Zeit?“, die Blonde kramte geschäftig in ihrem Rucksack nach ihrem Hausaufgabenheft.
Er und Gretchen waren in der elften, nicht in der ersten Klasse, Herrgott nochmal! Warum hatte sie um alles in der Welt immer noch ein Hausaufgabenheft!
„Hasenzahn, wenn du denkst, dass ich für diese Extraarbeit auch nur einen Finger krumm mache, bist du auf dem Holzweg“, schnaubte er beim Verlassen des Schulgebäudes.
„Was?“, fragte Gretchen unbeholfen.
Er grollte, blieb abrupt stehen und drehte sich zu Gretchen um, die ihm schnellen Schrittes versucht zu folgen: „Erstens heißt es wie bitte, Hasenzahn. Und zweitens, machst du entweder die Arbeit allein – wovon ich ausgehe“, er grinste siegessicher „oder Berthold wird nächste Stunde ein bisschen meckern, einen Eintrag schreiben und dich und mich allerhöchstens nachsitzen lassen. Na und…“
„Aber-“
„Ist dir schon mal aufgefallen, dass dein „Aber“ bei niemandem etwas bewirkt? Ich sitze lieber zwei Mal fünfundvierzig Minuten in einem leeren Klassenraum als mir zwanzig Seiten Gedanken zu machen, was William Shakespeare eigentlich mit seinem ach so tollen Werk ausdrücken wollte.“
„Es geht hier um unsere Note, Marc!“
„An einer schlechten Note wird meine Versetzung nicht scheitern!“
Gretchen blieb der Mund offen stehen. Wie konnte er nur so leichtfertig über seine schulischen Leistungen reden? Okay, Marc war zwar kein Musterschüler, aber seine Noten hatten sich seit der zehnten Klasse (zuletzt auch durch Gretchens Mathenachhilfeunterricht) unglaublich verbessert. Wollte er dafür nicht auch auf dem Zeugnis belohnt werden?
„Wenn du denkst, dass ich die ganze Arbeit allein mache, damit du fürs Nichtstun eine schöne Note abgreifst, irrst du dich gewaltig, mein Freundchen“, spie sie aufgebracht.
„Uhhh“, machte er und zeigte dabei ganz unverhohlen seine hübschen Grübchen: „Soll ich jetzt etwa Angst haben, weil Hasenzahn ihren Einser-Schnitt nicht gefährden will?“
„Nein“, erwiderte sie zähneknirschend und wollte ihn am liebsten schlagen, solange bis sein überhebliches Grinsen aus seinem Gesicht gewatscht wäre.
„Siehst‘e“, er zwinkerte ihr triumphierend zu, drehte sich von ihr weg und ging einige Schritte, bis Gretchen abermals nach ihm rief: „Wenn du nicht freiwillig mitarbeitest, werde ich Berthold morgen sagen, dass deine fehlende Kooperation meine Note gefährdet. Und wenn ich morgen früh Jochens Tomatenzwiebelschulbrot vorbereiten werden, kann ich sicherlich auch ein paar Tränen abdrücken! Mal gucken, ob du dann wirklich nur zwei Schulstunden nachsitzen musst.“
Marc blieb der Mund offen stehen: „Du willst zum Lehrer petzen gehen und heulen?“, er war ehrlich verblüfft
„Ich nenne es lieber freundliches denunzieren“ mit vor der Brust verschränkten Armen erwartete sie seine nächsten Worte gespannt.
Marc musterte Gretchen von unten bis oben eingehend: Ihre abgewetzten Stiefel waren unter ihrer weiten orangenen Cord-Schlaghose kaum zu sehen. Ihr Oberkörper war in eine grüne, dicke Daunenjacke eingepackt und auf ihrem Kopf saß eine alberne Zipfelmütze. Alles an ihr schrie nach dem Hasenzahn, den er seit über sieben Jahren kannte, aber ihr Auftreten erinnerte ihn eher an Mariella, wenn sie ihn zum Shoppen zwang.
Die Frage war also, warum ihm dieser neue Charakterzug ausgerechnet an seiner Erzfeindin so gut gefiel!
„Boha, Hasenzahn“, schimpfte er resigniert, überhörte Gretchens erfreutes Wiehern geflissentlich und ließ sich in das kleine Bistro am Ende der Straße ziehen um mit ihr einen Termin zu vereinbaren.

Direkt neben der Treppe zur Maisonette-Etage hatte Gretchens beste Freundin schon ihren Stammplatz in Beschlag genommen, einen Milchkaffee für sich und einen schwarzen Kaffee für Gretchen (aber mit Keks) bestellt und war sichtlich überrumpelt (wie viele andere in dem Bistro auch), dass Marc Meier sich nicht direkt zu seinen Freunden gesellte, sondern gegenüber der Rothaarigen Platz nahm.
„Was macht der denn hier?“, fragte die Freundin, störte sich nicht an Marcs Grummeln.
„Wir müssen gemeinsam ein Referat halten“, erklärte Gretchen, ließ sich neben ihre Freundin auf die Bank plumpsen und verschnaufte einen Augenblick, ehe sie wieder nach ihrem Rucksack griff und ihr „Hausaufgabenheft“ suchte.
Nur dass Gretchen gar kein Heft, oder ein kleines Taschenbuch fürs Aufschreiben ihrer Aufgaben hatte, sondern einen dicken Ringbuchhefter, der aus allen Nähten platzte.
„Was zur Hölle ist das?“, fragte Marc.
„Meine Verpflichtungen“, antwortete Gretchen abwesend, während sie nach dem Trennblatt suchte, dass den Abschnitt ihrer Termine offenlegte.
Dieser Hefter… diese Akte, die Gretchen aufgeklappt hatte, war nicht nur farbsortiert mit allerlei bunten Klebezetteln an der Seite bestückt, sondern auch in alphabetische Reihenfolge gebracht, weshalb „Terminkalender“ auch sehr viel später kam, als „Essensliste“.
Marc wusste, dass es keinen Zweck gehabt hätte, sie auf ihre organisiert-neurotische Art anzusprechen. Gretchen würde gar nicht erst verstehen, dass ihre durchgeplante Vorhersagbarkeit absolut untypisch für den normalen Schüler war und sie damit wieder einmal unter Beweis gestellt hatte, dass sie das eben nicht war: normal.
„Also ich könnte morgen Abend ab 21 Uhr oder Samstag früh.“

„Bitte“, entrüstete sich Marc. Freitag Abend oder Samstagmorgen?
„Hasenzahn, mach mich nicht wütend. Dass ich diesem ganzen Referat überhaupt zugestimmt habe, spricht schon mal für mich. Ich werde mir von dir aber nicht mein Partywochenende kaputt machen lassen. Zeig mal her“, ohne Gretchens Antwort abzuwarten schnappte er sich den Ordner, drehte ihn um und las Gretchens Terminplaner.
Sie arbeitete am Freitag von fünfzehn Uhr bis zweiundzwanzig Uhr in der Unibibliothek und am Samstag begann ihre Schicht sogar schon um vierzehn Uhr.
Sonntag, den er am liebsten vorgeschlagen hätte, war Gretchen tatsächlich schon verplant, denn dort stand in dicken roten Lettern mit lila Verzierungen: „Hochzeitstag von Onkel Hans“
Montags hatte sie bis um sechzehn Uhr Unterricht, danach einen Zahnarzttermin, dann stand da irgendwas von Jochen, ihrem Bruder, und am Dienstags hatte sie vor der Schule schon einen Termin beim Gewerbeamt und ab fünfzehn bis zweiundzwanzig Uhr wieder Arbeit in der Universitätsbibliothek.
Die nächste Englischstunde hatten sie beide am nächsten Mittwoch.
Marc schnaubte: „Hast du bei all deinen ganzen Planungen hier eigentlich noch Zeit auf Klo zu gehen? Mein Gott, dein Terminplaner ist so voll, wie der meiner Mutter!“
Gretchen schob sich ihre Brille auf der Nase höher: „Stimmt ja, deine Mutter ist jetzt Bestsellerautorin“, ihre Stimme hatte einen ungewöhnlichen Unterton, den Marc von ihr gar nicht kannte.
„Wie lange brauchen wir denn für den Kram?“, wollte er wissen; aber Gretchen zuckte bloß mit den Achseln: „Ich werde gucken, dass ich schon einiges zusammentrage, wenn ich in der Bibliothek bin.“
Der aufgeklappte Planer vor ihm auf den Tisch ließ eigentlich gar keine andere Möglichkeit zu, als Samstagmorgen, weshalb er sich sagen hörte: „Okay, Samstag. Aber nicht vor zehn Uhr, wir müssen halt zusehen, dass wir das bis um 13:30 fertig kriegen, damit du pünktlich zu deiner Arbeit kommst!“
„Bei dir, Marc“, mischte sich die rothaarige Freundin jetzt zum ersten Mal in das Gespräch ein, blickte Marc grinsend über ihren (bereits zweiten) schaumigen Milchkaffee an und schlürfte genüsslich einen kleinen Schluck.
„Warum das denn?“, fragte er bockig.
„Damit du um fünf Minuten vor zehn Uhr deine Meinung nicht doch noch änderst und absagst“, erläuterte Gretchens Freundin. Die Blonde zog anerkennend die Augenbrauen hoch:
„Daran habe ich gar nicht gedacht. Gut, dass du das erwähnt hast. Danke.“
Seine rollenden Augen regten Gretchen in diesem Moment gar nicht mehr auf, stattdessen trank auch sie ihren Kaffee, der bereits kalt geworden war, was sie auch anmerkte.
„Wärst du pünktlich gewesen, wäre der Kaffee noch heiß, Gretchen“, griente die Rothaarige wenig mitleidig.
„Tut mir leid, ich-“ entschuldigte sich Gretchen bei ihrer besten Freundin für die fehlende Zeit, die sie mit ihr leider nicht verbrachte.
„So, dann kann ich ja jetzt gehen, nech‘?“, Marc erhob sich und war gerade auf dem Weg die Treppen hinunter, als Gretchen am Tisch lautstark quieckte und in überhöhter Geschwindigkeit ihre Tasche zusammenpackte, den ekligen Kaffe in einem Sturz austrank, ein Fünf-Mark-Stück auf den Tisch legte, ihre Freundin umarmte und sich mit den Worten verabschiedete: „Ich komm zu spät, ich muss los, ich seh dich morgen.“
Geschwind war der Hasenzahn sogar an Marc, der auf der Treppe stehengeblieben war um das Spektakel zu beobachten, vorbei gerauscht und durch die Tür in die matschige Winterlandschaft nach draußen gerannt.
Die dagebliebene Freundin sah er mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an.
„Sie muss auch jetzt noch arbeiten“, seufzte das Mädchen; das mitgebrachte Buch schlug sie wieder auf, wartete nicht darauf, dass Marc noch etwas sagen würde, wurde aber eines besseren belehrt:
„Hasenzahn macht ihrem Namen alle Ehre, findest du nicht auch? Sie erinnert unheimlich an das Kaninchen von Alice im Wunderland“, Marcs Grübchen blitzten verschmitzt.
Gretchens Freundin gackerte lautstark, störte sich nicht an den übrigen Gästen des Bistros, die ihr abschätzige Blicke schickten.

TBC

manney Offline

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27.04.2018 20:45
#14 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

97. Fifth Wheel

Die blinkenden Zahlen auf ihrer Armbanduhr, zeigten Gretchen an, dass sie tatsächlich zu früh dran war. Zwar nur vier Minuten, aber bei ihrem eh schon straffen Zeitplan war ein verfrühtes Eintreffen bei Marc am Samstagmorgen eine kleine Meisterleistung, über die sie sich sehr freute. Wer weiß, vielleicht wurden sie schnell fertig und Gretchen konnte nach dem Besuch bei Marc diese vier Minuten umsetzen und sich im Supermarkt noch Schokolade kaufen gehen.
An ihrem Fahrrad war der alte Bollerwagen von Jochen befestigt, aus dem sie ihren Rucksack und zwei Jutebeutel, bepackt mit Büchern, zog. Diese hatte sie sich aus der Literaturabteilung der Unibibliothek geliehen. Ihr Kollege war ein unfreundlicher Zeitgenosse, der ihr mehr als einmal zu verstehen gegeben hatte, dass er ihre Arbeit in der Bibliothek für unpassend befand. Nicht nur, dass Gretchen gerade einmal fünfzehn Jahre alt war, als sie ihren Job dort begonnen hatte, sie stahl auch einen Arbeitsplatz, den ein armer Student besser gebraucht hätte, als sie.
Ihr Einwand, dass das für sie ein sehr viel besserer, erster Arbeitsplatz war, weil so viel sicherer als zum Beispiel Kassiererin, wollte ihr Kollege nicht kommentieren. Stattdessen rümpfte er die Nase.
Und genau dieses Naserümpfen hatte Gretchen auch dann bekommen, als sie sich sechs Sachbücher über mittelalterliche Literatur und ihre Bedeutungen, Anregungen zur Romantik und ihre Deutungen sowie Abhandlungen über moderne Interpretationen ausleihen wollte.
„Versuchst du mich zu beeindrucken, oder warum leihst du dir ausgerechnet zu dem Thema Bücher aus, das ich studiere?“
Dass dieser schlaksige Dreikäsehoch Roman im ersten Semester englische Literatur studierte wusste Gretchen nicht einmal, eine gute rhetorische Antwort auf seine Unterstellung fiel ihr in der konkreten Situation dennoch nicht ein.

Nun allerdings, zwei Tage später, als sie darauf wartete, dass Marc ihr die Tür öffnete, war ihr eine geeignete Phrase eingefallen, die sie ihm an den Kopf hätte werfen können: „Wenn ich dich beeindrucken wollen würde, hätte ich meinen Freund mitgebracht.“
Dieser Kerl wusste schließlich nicht, dass Gretchen überhaupt keinen Freund hatte.

Nicht Marc, sondern eine besonders freundlich aussehende Frau öffnete Gretchen die Haustür.
Marcs Mutter, die Gretchen durch diverse Schulveranstaltungen natürlich kannte, war das jedenfalls nicht.
„Hallo, was kann ich für dich tun?“ die Frau war ungefähr Mitte bis Ende dreißig, ein bisschen fülliger und hatte einen niedlichen spanischen Akzent, den Gretchen nur deshalb so gut zuordnen konnte, weil sie manchmal mit ihrer besten Freundin spanisch lernte.
„Ähm… Hallo. Ich bin verabredet. Also mit Marc. Zum Lernen; eher arbeiten. Ich bin mit Marc verabredet. Wir müssen ein Referat halten.“
„Oh, Schade, und ich dachte du kommst um zusätzlich zu helfen! Komm erstmal rein.“
Die Spanierin öffnete schwungvoll die Eingangstür. Vor Gretchens Augen erstreckte sich ein großer heller Flur in dem ein paar ihrer Mitschüler und Leute aus den Leistungskursen der zwölften und dreizehnten Klassen allerlei Gedöns sortierten, aufräumten und wegschmissen.
„Hat hier ne‘ Bombe eingeschlagen?“, zumindest sah es für Gretchen so aus, die ein solches Chaos von Bierflaschen, Pizzakartons, Plastikbechern und Papptellern noch niemals in diesem Ausmaß gesehen hatte.
Der Weg der Zerstörung war durch den Flur entlang, im Wohnzimmer und auch in der Küche überall angekommen. Wobei die Küche, in der Marcs bester Freund Sören gerade mit einer Zange etwas wiederwertig schlabbriges in den Mülleimer beförderte, noch am wenigsten versaut war.
„Greeetchen“, säuselte der blonde Junge, der Gretchen genauso oft Streiche spielte, wie Marc.
„Sööören“, sagte sie also genauso langgezogen um ihre Verwunderung herunterzuspielen, warum dieser Junge vor ihr eine rosa-weiß-kartierte Schürze mit gelben Handschuhen trug und sich dabei über ihre Anwesenheit freute.
„Hast du Geld mitgebracht?“
„Was?“, Gretchen sah fragend von Sören zur grinsenden Spanierin, die sich hinter die Kücheninsel stellte und Gretchen bedeutet doch einfach auf einem der Hocker Platz zu nehmen.
Gretchen legte bloß ihre Beutel und den Rucksack auf eine freie, bereits saubergemachte Stelle der Arbeitsplatte, setzte sich aber nicht hin.
Barhocker waren für ihren Körperbau eine Zumutung; Marc hatte sie mal als aus dem Wasser kletterndes Walross bezeichnet, als sie sich ungeschickt auf eben ein solch erhöhtes Sitzmöbel versuchte niederzulassen.
„Hat Marc dich nicht angerufen, weil er sich bei dir Geld leihen wollte?“, der verzweifelte Ton in Sörens Stimme war unverkennbar.
„N-nein. Ich bin hier um mit ihm das Englischreferat zu erarbeiten“, erklärte Gretchen „Was ist hier eigentlich passiert?“
Eigentlich wollte er sich gegenüber von Gretchen auf einen Barhocker setzen, wurde aber mit einem scharfen Räuspern der – wie Gretchen gleich erfahren sollte – Haushälterin von Marcs Mutter daran gehindert und dabei daran erinnert, dass er eine Aufgabe zu erledigen hatte: Die Küche auf Vordermann bringen!
Während er also in seinem lustigen Outfit die Arbeitsplatte von klebriger Limo, Bowle (mit ganz viel Wodka und ganz wenig Obst) und Krümeln befreite begann er zu erzählen:

Die Party war ein wenig aus dem Ruder gelaufen und statt der eigentlich nur geplanten dreißig bis fünfzig Leute, waren durch Freunde und Freundes Freunde mehr als hundert Leute auf die Party gekommen, die alle ein bisschen Alkohol dabei hatten, Pizza bestellten und sich gut amüsierten.
Auf Gretchens Einwand, dass man sich auch ohne Alkohol gut amüsieren konnte, zum Beispiel bei einem guten Buch, ging Sören nicht näher drauf ein.
Das totale Chaos war aber erst heute morgen ausgebrochen, als die Haushälterin Carla zur Tür herein kam und das zerschmetternde Ausmaß der gestrigen Party und die betrunkenen Schlafenden im ganzen Haus bemerkte und deshalb direkt Marcs Mutter anrief, die wegen einer Vorlesungen zu ihrem Buch zur Zeit in Hamburg war.
Marcs Mutter war, wie man so schön sagte, auf 360° geladen, erwartete von Carla, ihren Sohn ans Telefon zu holen und beschwerte sich über das Widersetzen des Partyverbots, das sie gerade gestern Mittag erst ausgesprochen hatte.
Carlas Stundenlohn betrug dreißig Mark; dieses Chaos zu beseitigen würde für einen allein mindestens zehn Stunden dauern, was bedeutete, dass Marc von seiner Mutter dazu verdonnert wurde entweder dreihundert Mark der Haushälterin zu geben oder eben die Arbeit selbst zu machen. In jedem Fall wollte Elke Meier, (Pardon, nach der Scheidung ja wieder Elke Fischer) bei ihrer Ankunft in Berlin, dass nichts an die gestrige Party erinnerte „denn sonst… !“.
Marc hatte alle Leute, die sich im Haus befanden nach Geld gefragt, auch nur Geliehen, aber die meisten waren Mitte des Monats eben doch schon blank und konnten dem Gastgeber nicht helfen (und die, die Helfen hätten können, hatten sich ganz schnell vom Acker gemacht und waren nicht mal zum Aufräumen geblieben!)
„Aha“, machte Gretchen lahm und erkannte, dass es bereits zehn Minuten nach zehn Uhr war. Soviel dazu, dass sie zu früh hier angekommen war!
„Und wo ist Marc jetzt?“
„Unten. Im Gästezimmer“, Sören verzog angewidert das Gesicht.
„Ewww. Du willst doch nicht etwa sagen-“, begann Gretchen ihren Satz zu formulieren wurde aber unterbrochen.

„Hasenzahn“, Marc war wohl doch nicht mehr unten im Gästezimmer um… was auch immer da unten sauber zu machen. Der stand mit Wischeimer und Mob bepackt im Türrahmen der Küche. Dafür, dass er ein verwaschenes Teenage Mutant Ninja Turtles T-Shirt, Boxershorts und Badelatschen trug sah er einfach verboten gut aus.
Seine Haare waren verwuschelt, ein feiner Rotton überzog sein Gesicht und Gretchen konnte sogar von Weitem die Schweißperlen auf seiner Stirn erkennen.
Er war so süß!
Und er brachte sie sogar zum Lächeln mit seinem Aufzug.
„Dich hab ich ja komplett vergessen!“, es klang ehrlich und nicht überheblich.
Seine Worte dämpften ihre gute Laune wieder.
„Das hab ich bemerkt“, natürlich hatte er sie vergessen, wenn die Party so außer Kontrolle geraten war und seine Mutter ihm Druck machte, dass er für das Chaos geradezustehen hatte. Es war absolut legitim, dass er seine Mitschülerin, die ihn dazu zwang mit ihm das Referat vorzubereiten, vergas.
Aber es versetzte ihr trotzdem einen kleinen Stich, dass sie so viel weniger in seinen Gedanken kreiste, wie er in ihren.
„Kannst du mir Geld leihen“, fragte Marc ungeniert.
Gretchen verrollte die Augen und stöhnte: „Ich verleihe mein Geld nicht an dich. Du bist nicht kreditwürdig genug!“
Carla, die Haushälterin lachte, Sören hob anerkennend den Daumen und Marc maulte.

Um halb elf konnten sie dann endlich im Arbeitszimmer von Marcs Mutter mit dem Referat beginnen.
Gretchen hatte sogar zwischendurch eingelenkt und Marc vom Haken lassen wollen, schließlich konnte er immer noch das Nachsitzen wählen, aber er verneinte ihr Angebot.
Marcs Mutter war schon am Telefon wegen der Party ausgerastet, wenn er nächste Woche auch noch nachsitzen würde müssen, weil er ein Referat nicht hielt, würde sie „denn sonst...“ sicher wahr machen.
Die übriggebliebenen Freunde, die weiter putzen mussten, waren zwar wenig erfreut darüber, dass Marc ab jetzt nicht mehr mithalf aufzuräumen, hatten aber auch Verständnis dafür.

Das Arbeitszimmer von Mutter Meier (oder Fischer? Wenn Gretchen von Marc sprach war es ja trotzdem richtig, weil er den Nachnamen seines Vaters ja behalten hatte) war eine kleine Bibliothek, die Gretchen in Erstaunen versetzte.
Es gab Bücher von und über Edgar Allen Poe, Percy Shelly, Sir Walter Scott, die Brontë-Geschwister, in gold gefasste Ausgaben von Tolstois Anna Karenina und Krieg und Frieden (sogar die Fassungen auf russisch!), die obligatorischen Charles Dickens Kollektion, Jugendliteratur aus den späten `80er Jahren des vorherigen Jahrhunderts, mehrere Ausgaben von Shakespeares bekanntesten Werken (Romeo und Julia gleich zwei Mal, sogar das düstere Troilus und Cressida hatte Marcs Mutter im Regal stehen dafür aber Gretchens Shakespeare-Favorit Perikles, Prinz von Tyrus nicht) sowie ein ganzes Regal mit verschiedensten Märchenabhandlungen und...
„Ahhh“, schrie Gretchen hibbelig, als sie in der beleuchteten Vitrine in der Ecke des Raums eine alte, vermutlich höchst seltene Sammlung von Jane Austen Werken erspähte: Emma, Northanger Abbey und natürlich Pride and Prejudice!
„Ist bei euch alles in Ordnung?“, Mariella stürmte zur Tür hinein, Sören nur wenige Schritte hinter ihr.
Alles was sie vorfanden war ein unbeeindruckter Marc, und Gretchen, die sich an der Vitrine die Nase platt drückte.
„Habt ihr das gesehen?“, fragte Gretchen freudestrahlend an ihre Mitschüler.
„Gretchen, du kannst doch nicht so rumschreien, wegen ein paar Büchern. Ich hab gedacht, Marc hätte dich unsittlich angefasst, so hörte sich das an!“, Mariella griente, als Marc ihr einen bösen Blick zuwarf.
Gretchen selbst hatte die unbändige Ehre zu erröten, aber ihr war eh schon unheimlich heiß und schwitzig, seit sie die drei wundervollen Bücher hinter Glas erblickt hatte.
Mariella stellte sich neben Gretchen vor den Glasschrank: „Schön, oder? Sind aber leider nicht echt!“
Gretchen blinzelte die Italienerin enttäuscht an: „Was?“
„Das heißt „wie bitte“, Hasenzahn“, maulte Marc, ließ sich auf den Bürosessel seiner Mutter nieder und warf schon mal den Commodore an.
„Ja, leider. Sie sind nur auf alt getrimmt. Aber Elke war trotzdem extrem glücklich, als sie endlich angekommen waren und hat es sich nicht nehmen lassen, sie wie eine Rarität auszustellen!“, die Erläuterung von Mariella machte Gretchen wehmütig. Auf der einen Seite, weil sie einer neuerlichen Kopie auf den Leim gegangen war, und auf der anderen Seite, weil sie merkte, wie vertraut Mariella von Marcs Mutter sprach.
Gretchen nannte die Mutter ihrer besten Freundin, die sie seit dem Kindergarten kannte, immer noch beim Nachnamen und siezte sie (obwohl ihr schon hunderttausend Mal das „du“ angeboten wurde).
„Weiber“, ätzte Sören und verschwand wieder aus dem Arbeitszimmer.
„Könntest du dich jetzt vielleicht wieder auf das Wesentliche konzentrieren, Hasenzahn, wir haben ein Referat vor uns!“
Durcheinander nickte Gretchen, als Mariella zu Marc ging und ihm einen kurzen Schmatzer auf die Lippen drückte.
Es erinnerte nichts an ihr demonstratives Herumknutschen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wie sie es in der Schule vor aller Augen zur Schau stellten. Marc sah in seinem T-Shirt weder cool, noch anbetungswürdig attraktiv aus und an Mariella erinnerte im Moment auch nichts an die immer und ewig gut gestylte Italienerin, die mit einem Zurückwerfen ihrer langen, schwarzen Haare jeden Jungen zwischen drei- und neunzehn Jahren verrückt machen konnte.
In dem viel zu großen, grünen T-Shirt, der roten weiten Shorts und ihrer ungekämmten Mähne, erinnerte sie eher an einen Alptraum aller Männer.
Aber Gretchen war trotzdem unheimlich neidisch, weil Marc Mariella auch ohne Make-Up, ohne Glamour, ohne Schmuck und hohen Schuhen sein schönstes Grübchen Lächeln schenkte.

Es war der Moment, in dem sie sich zum ersten Mal in Marcs Gegenwart, bedeutungslos fühlte.

TBC

manney Offline

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28.04.2018 23:39
#15 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

15. Mistake

Sie waren natürlich nicht mit dem Referat fertig geworden!
Marc ärgerte sich den ganzen Samstagnachmittag darüber, sowie den Sonntag und auch noch den Montag Vormittag in der Schule.
Seinen Unmut darüber hatte Gretchen also zurecht abbekommen: Er befestigte einen mit Wasser, Sand und Erde gefüllten Eimer am Henkel ihres Schließfachs so, dass wenn sie ihren Spint später öffnete, das Gebräu auf ihre Jacke plätscherte.

Gretchen schrie, Marc lachte und seine Welt war wieder in Ordnung.

Zumindest solange, bis sie sich am Abend - diesmal bei ihr - noch einmal trafen um dem Referat den letzten Feinschliff zu verpassen.
Am Samstag war Marc ehrlich begeistert gewesen, wie schnell Gretchen tippen konnte und dass sie sogar schon sieben Din A4 Seiten handschriftlich vorbereitet hatte.
Den Arbeitsablauf erleichtert dies erheblich.
Die Kernaussage, dass sie beide Romeo und Julia für ein problematisches Werk hielten war sehr viel schneller zusammengefasst, als er gedacht hatte.

Die Situation hatte aber an Spannung zugenommen, als Gretchen Marcs Meinung, Julia wäre einem Kleinmädchentraum erlegen, naserümpfend kommentierte:
„Julia war ins Verliebtsein verliebt und Romeo wollte nur Sex haben, oder wie?“
Dank Sören wusste Marc, dass eine Szene tatsächlich so gedeutet werden konnte, weshalb er lässig mit den Schultern zuckte: „Vielleicht war Julia auch einfach frühreif…“
Ab diesem Zeitpunkt stockte ihre bis dahin gute Zusammenarbeit, sich für die Meinung des jeweils anderen zu interessieren und mündete darin, dass sie sich fast eine geschlagene halbe Stunde nur stritten, aber keineswegs produktiv.
Erst als Mariella um kurz vor halb ein Uhr ins Arbeitszimmer nahezu schwebte, um zu fragen, ob die beiden gut voran kämen und etwas essen wollten, riss sich Gretchen, Marcs Meinung nach, zusammen.
Sie seufzte, schrieb vierzig lange Sätze die sehr schwafelnd so etwas wie einen Kompromiss an ihrer Denkweise darstellen konnten und zog dann herausfordernd die Augenbrauen hoch:
„Und nun du. Wenn ich einlenke, dass Julia, in einer Welt voller Krieg, Macht und Stand gerade deshalb so anfällig für die Liebe war, um vielleicht auch – träumerisch wie sie war – aus zwei verfeindeten Familien eine zu machen, dann musst du glaubhaft verklickern, dass beide durch ihre dämliche Liebe zueinander die Liebe zu sich selbst verloren haben, weil sie wissen hätten müssen, dass ihre Beziehung nur tragisch enden konnte. Ob nun Freitod, Verbannung aus Verona, oder gleich das blutige Duellieren hätten so viel stärkere Anreize sein müssen, ihre Beziehung zu beenden, als diese aberwitzige Vorstellung, dass die Liebe so viel Größer und Stärker ist, als die schaurige Realität!“
Marc kam aber nicht mehr dazu irgendetwas zu formulieren, weil Gretchen kurz darauf los musste.
Sie verabredeten sich für den Montagabend bei ihr zu Hause, da sie Jochen einhüten musste: Ihre Eltern hatten Date-Abend.

Und deshalb stand er um 18:13 Uhr vor dem Haase Anwesens und wollte lieber wieder gehen, als mit dem blöden Hasenzahn noch weitere drei Stunden an der Hausarbeit herumzudoktern.
Er gab sich einen Ruck, klingelte an der Eisenforte und wartete darauf, dass ihm geöffnet wurde.
Gretchens Mutter, ein kleine Rothaarige mit einem breiten Lächeln im Gesicht öffnete ihm Tor und Tür und bat ihn ins Wohnzimmer.
Der kleine Bruder vom Hasenzahn saß verkehrt herum auf dem Sofa, den Kopf herunterhängend in ein Videospiel vertieft, das er nicht pausierte, obwohl Besuch angekommen war.
Hätte Marc sich dieses Verhalten bei seiner Mutter erlaubt, wäre er – zu Recht – mehr als nur ermahnt worden, wie es Gretchens Mutter gerade versuchte.
„Jochen, benimm dich!“
Jochen erwiderte nichts, machte auch keine Anstalten seine Position zu ändern, oder Marc zu begrüßen.
„Gretchen“, rief die Mutter seufzend in den Flur hinaus, damit ihre Tochter endlich kam.

Nun, Marc wusste durch das Ansehen von Gretchens Terminplaner, dass sie heute einen Zahnarzttermin gehabt hatte.
Dass der Zahnarzt sie aber soweit malträtiert hatte, dass sie durch die Betäubung nicht sprechen konnte, war einerseits sehr lustig (immerhin würde sie ihm nicht widersprechen können) und andererseits kontraproduktiv: schließlich mussten sie kommunizieren.
Gretchen war mit einem Schreibblock und Stift bereits vorbereitet:
>>Wehe du lachst!<<, schrieb sie, weshalb er natürlich genau das machte: seine Grübchen zeigte und sie foppte!
„So kannst du mir wenigstens nicht widersprechen.“
Es dauerte noch fast zwanzig Minuten, bis sich Gretchens Eltern aus dem Staub gemacht hatten; ihr Vater musterte Marc eingehend, sagte aber nichts auffällig peinliches.

Irgendwann einmal würde Gretchen ihrem Vater dafür einmal dankbar sein, dass er nichts väterliches gesagt hatte. In der konkreten Situation aber war sie fast ein bisschen enttäuscht, dass ihre Eltern nicht so etwas sagten wie „macht keine Dummheiten“.
Denn wenn sie ehrlich war, würde sie viel lieber solche Dummheiten mit Marc machen, als stumm mit ihm im hinteren Bereich des Esszimmers am Computer zu sitzen und darauf zu warten, dass er seine Kompromissbereitschaft in Worte fasste.
Die gespeicherte Datei auf der Diskette war schnell gefunden, geöffnet und der blaue Bildschirm mit weißer Schrift war gefüllt von Gretchens getippten Worten, über die sich Marc seit Samstag gar keine Gedanken mehr gemacht hatte.
>>Also?<<, schrieb Gretchen auf den Collageblock.
„Also, was?“, fragte Marc.
Gretchen rollte mit den Augen und schrieb dann wieder etwas auf: >>Was soll ich aufschreiben?<<
Marc seufzte resigniert: „Keine Ahnung. Dass Romeo und Julia ein Antifeministisches Werk ist?“
Die Blonde zog beide Augenbrauen hoch und kritzelte wieder auf den Block: >>So habe ich das nie gesagt! Ich meine, dass Romeo und Julia, eben weil sie mit Mord und Totschlag aufgewachsen sind, hätten abwägen müssen, dass sie nie eine Chance gehabt hatten!<<
„Ja, also fass das einfach in Worte. Aber lass sie sich so anhören, als ob es auf meinem Mist gewachsen ist“, nickte Marc enthusiastisch.
Augenrollend schrieb sie genervt: >>Hast du denn gar nichts vorbereitet?<< Dicke Tintenstriche unter dem „gar nichts“ sollten ihren Missmut ausdrücken.
„Ich hatte zu tun.“
Ihr halbes Grunzen und Stöhnen störten ihn ungemein. Als ob sie wüsste, dass er nicht wirklich etwas zu tun gehabt hatte, sondern nur stundenlang mit Mariella herumgeknutscht hatte.
„Wie wollen wir das eigentlich machen mit dem Vortragen, wenn du heute nicht reden kannst“, seine Frage war ein perfektes Ablenkungsmanöver.
>>Wir markieren uns einfach die Stellen mit einem Textmarker<<, sie blinzelte ihn verwirrt an, als ob dies nicht logisch wäre.
„Und wann wissen wir, wer wann dran ist, wenn wir es vorher nicht geprobt haben?“
Gretchen rollte schon wieder mit den Augen, dann schrieb sie brav: >>Das ist ein Referat, kein Schauspiel. Und jetzt zurück zum Thema:<<
Eine einladende Geste sollte ihn dazu animieren, ihr zu erzählen, was sie aufschreiben sollte.
Es war an der Zeit, dass Marc resigniert seufzte. Egal, wie sehr er sich darum bemühte, dass der Hasenzahn für ihn dachte – es half nichts, weshalb er holprig seine Gedanken zum Thema formulierte, die Gretchen in richtiges Englisch wandelte und eintippte.

Gegen halb acht Uhr meldete sich Jochen, der sein Sega-Spiel gestoppt hatte und anmerkte, er habe Hunger.
Der kleine Knirps war ungefähr zehn Jahre alt, dachte Marc abfällig. War er denn nicht allein in der Lage sich eine Scheibe Brot zu schmieren?
>>Kannst du dich zu uns setzen?<< konnte Marc auf Gretchens Zettel erkennen, den sie dann Jochen hinhielt.
„Von mir aus“, pflaumte der Kleine seine Schwester an.
Marc zog fragend die Augenbrauen hoch, als Jochen in der Küche klimperte.
>>Er isst zu wenig. Wenn er allein isst, isst er nur Mäusehäppchen und braucht für eine halbe Scheibe Brot eine Stunde. Ich habe zu oft isst geschrieben, oder?<<
„Er hat ´ne Essstörung?“, fragte Marc sichtlich erschüttert.
„Pssst“, machte Gretchen, legte sich einen Finger auf den Mund und hielt nach ihrem kleinen Bruder Ausschau. Das letzte, was Jochen jetzt brauchte, war ein Elftklässler, der von seiner Essstörung Kenntnis hatte. Es war ihm auch so schon peinlich genug.
>>Ja, hat er. Und bitte, mach deine Witze, dass es sich ja wieder ausgleicht, weil ich zu viel und Jochen zu wenig isst, erst, wenn er im Bett ist! Er reagiert sehr sensibel, wenn man davon weiß!<<

Während Jochen an seiner gebutterten Graubrot-Scheibe mit Möhrchen knabberte, versuchte Gretchen Marcs Aufmerksamkeit zurück zu ihrem Referat zu lenken, was ihr wenig bis gar nicht gelang.
Marc war sauer, das merkte sie; und er war sehr viel mehr daran interessiert Jochen anzustarren als auf den Computerbildschirm zu blicken.
>>Guck auf den Bildschirm, Marc!<<
Die große Klappe von Marc war berüchtigt, daher verwirrte es Gretchen umso mehr, dass er bockig die Arme vor der Brust verschränkte und nichts sagte.
>>Was?<< schrieb sie.
„Entschuldige dich“, brummte er.
Natürlich spielte er Gretchen gern Streiche, neckte sie, zog sie ihrer rundlichen Figur, der Brille, der Zahnspange oder ihrer Klamotten wegen auf und war auch stets unpassend unfreundlich – aber ihm zu unterstellen, er würde die Essstörung ihres kleinen Bruders als Witzvorlage ausschlachten, kratzte an seinem Ego.
So ein großes Arschloch, wie Gretchen ihn hinstellte, war er ja nun nicht!
Die Aufforderung komplett ignorierend schrieb sie: >>Für was denn?<<
Die sonst großen, grünen Augen verformten sich zu kleinen Schlitzen. Abrupt nahm er Gretchen den Füller aus der Hand, blätterte den Block eine Seite zurück und kreiste ihren Satz „mach deine Witze, dass es sich ja wieder ausgleicht, weil ich zu viel und Jochen zu wenig isst, erst, wenn er im Bett ist“ ein.
Gretchen zog die Stirn kraus, blätterte ihrerseits wieder zurück zur nächsten freien Blockseite und schrieb: >>Deshalb bist du eingeschnappt?<<
„Ich bin nicht eingeschnappt! Ich bin wütend!“, echauffierte sich Marc, stand auf und lief ein paar Mal hin und her, blieb stehen und schaute Jochen an: „Ich finde ja, dass deine Schwester ein unheimlich unsensibler Klotz ist, du auch, Kleiner?“
„Ich bin nicht klein!“ Jochen war für sein Alter ziemlich klein, bestritt dies jedoch immer.
„Wenn du wüsstest, was sie mir unterstellt, würdest du mir zustimmen!“
„Uh… was unterstellt sie dir denn?“
„Ich wäre ein unsensibles Arschloch, dabei denkt sie die ganze Zeit nur schlecht von mir!“

„Marc“,wollte sie sagen, schalt ihn für die vulgäre Aussprache, aber es war eher ein „Mraw“, was sie heraus brachte. Zusätzlich tropfte ihr gesammelter Speichel aus dem Mund auf ihre Latzhose.

Jochen lachte.
Marc grinste.
Und Gretchen versuchte einen Schrei.

Die Blonde war auf Toilette verschwunden, nachdem sie ihrem Bruder mit einem bösen Blick nahezu vernichten wollte; bei Jochen jedoch die Lachmuskeln nur noch mehr angestrengt wurden, weil seine Schwester sabbernd keine große Autorität ausstrahlte.
Ihr Klassenkamerad hingegen war unheimlich cool.
Als seine Schwester weg war, erzählte er von all ihren merkwürdigen Eigenheiten, von denen Jochen froh sein konnte nicht betroffen zu sein. Und er erzählte, dass er auch mal kleiner als alle anderen gewesen wäre (auch wenn das gelogen war) und spätestens mit der Pubertät ausgeglichen wurde.
Zumindest für Jochen wurde es ein lustiges Abendessen.

Umgezogen, mit einem übergroßen Ernie und Bert Sweatshirt bekleidet, kam Gretchen nach kurzer Zeit wieder und fand Marc und Jochen vorm Fernseher, wo sie irgendeines von Jochens vielen Sega-Spielen daddelten. Seit Jochen vor acht Wochen mit seiner Essstörung diagnostiziert wurde, hatte er nicht mehr so ein Lachen im Gesicht gehabt.
Seine Freunde fanden es komisch, dass er zur Therapie musste, seine Eltern versuchten alles um ihm zu signalisieren, dass es völlig in Ordnung war, wenn man Hilfe benötigte und Gretchen versuchte in seiner Gegenwart besonders langsam zu Essen, um ihm zu zeigen, dass er gar nicht so ein großes Problem hatte.
Aber nicht einmal hatte sie ihn so freudig erlebt, wie wenn Marc mit ihm Sonic spielte.
Deshalb befand sie es ausnahmsweise als richtig, sich an den beiden auf dem Sofa sitzenden Jungs vorbei zu stehlen und das Referat allein fertig zu schreiben.

Marc hatte Gretchen natürlich bemerkt, wie sie hinter ihnen entlang schlich, hörte das Klacken der Tastaturtasten, wenn sie schrieb, blieb aber trotzdem bei Jochen, der ihm das Spiel (obwohl er dieses bereits kannte) aufgeregt erklärte und jedes Mal „cool“ rief, wenn Marc alle Münzen, auch bei schwierigen Bedingungen, einsammelte. Von wegen, er war ein Arschloch!
Er war cool und er lenkte Jochen ein bisschen ab.
Den kleinen Bruder vom Hasenzahn konnte er sehr viel besser leiden, als den Hasenzahn selbst, befand er.
Seine Mitschülerin war immer schon schwierig anstrengend gewesen, weil sie den moralischen Kompass nur gen Norden richtete und sich tierisch darüber aufregte, wenn man sie ärgerte. Seit er sie in der dritten Klasse kennengelernt hatte, war Gretchen nie von ihren Ansichten abgewichen, noch hatte sie resigniert keine Gegenwehr angestrebt. Andere Mädchen, die er hin und wieder gefoppt hatte, hatten irgendwann einfach nicht mehr auf seine Scherze und bösen Streiche reagiert – anders als Gretchen.
Dieses Mädchen war das perfekte Geschöpf für seine kühnsten Beleidigungen, weil sie zwar weniger schlagfertig, aber immer eine Gegenbeleidigung für ihn parat hatte.
Daher wunderte es ihn sehr, dass sie sich jetzt geschlagen gegeben hatte und einfach das Referat allein schrieb und ihn erst zurück zum Computer holte, als sie es ausgedruckt hatte und Jochen um zehn vor neun mit geschrieben Worten ins Bett schickte.
Der Bruder stöhnte, fragte, ob er noch fünf Minuten spielen dürfe und Gretchen schrieb ihm ein >>Erst Zähneputzen, Waschen und in den Schlafanzug und dann darfst du noch fünf Minuten spielen!<<
Jochen grollte, lief aber die Treppen hinauf ins Badezimmer.
Von der Staubwolke, die Jochen hinterlassen hatte, blickte Marc zurück zu Gretchen, die schon wieder auf den Block schrieb: >>Sorry, für...<<, sie klappte die Seite zurück und zeigte auf ihre Unterstellung, Marc würde so wenig Taktgefühl haben und Jochens Essstörung ins Lächerliche ziehen.
„Ach. Auf einmal kommt die Entschuldigung“, die hübsche Nase mit der Narbe wurde kraus gezogen.
>>Du bist kein Arschloch… naja, manchmal nicht<<, sie grinste ihn unverhohlen an, als ihm die Kinnlade herunterklappte.
In Windeseile war er um den Schreibtisch gerannt, packte sie am Nacken und pikte ihr mit einem seiner langen Finger zwischen die Rippen.
Sie prustete, kicherte, gluckste und gackerte als er sie durchkitzelte und von ihr verlangte, sie solle sagen, er wäre ein äußerst guter Mitmensch.

Nachts in seinem Bett, es war gute zwei Stunden her, seit er das Haus von Gretchens Eltern verlassen hatte, kam er zu der fehlerhaften Erkenntnis, dass ihre Laute, wenn sie lachte, noch so viel besser waren, als wenn sie Schrie, weil er sie schon wieder aufgeregt hatte.


TBC (vermutlich erst am 1. Mai)

a/n:
hier im Forum ist es genau umgekehrt, hier sind die Drabbles sehr viel gefragter als die Multichapter-Story bvvdds. Auf ff.de sind die Drabbles nicht so beliebt, leider.

lg
manney

manney Offline

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01.02.2020 23:25
#16 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

50. Advertisement

Verschiedenste Düfte aus Jasmin und Sandelholz, neusten Kreationen aus Orange und Pfeffer oder Bergamotte, Moschus, Vanille und Zeder erfüllten die Luft einer Berliner Filiale von Deutschlands größter Parfümeriekette.
Und mittendrin stand er – Marc Meier.
Eine ungeheure Menschenmenge belagerte das Geschäft, überall wurden erneut hübsche Flakons aus den Regalen genommen, mit einem Spritzer am Handgelenk getestet und für „noch nicht das Richtige“ befunden. Mädchen jünger als vierzehn Jahre schmachteten teures Make-Up an, das sie weder brauchten, noch genügend Geld hatten um es sich zu leisten. Herren – älter, jünger und gleichaltrig – mussten an diesem Samstag Vormittag genau wie er sehr umsichtig mit Worten haushalten, weil sie alle das selbe Problem hatten. Eine Frau.
In seinem Fall seine Frau, die lustig munter erst Parfüms getestet hatte und dann erst zum Make-Up geschlendert war, für das sie eigentlich auch nur hierher gekommen waren.
Seine gekräuselte Nase galt jedoch nicht nur seiner Frau – warum probierte sie gefühlt stundenlang neue Düfte(?), wenn sie ja doch nur wieder ihr altbewährtes Lieblingsduftwasser kaufte, wenn dies aufgebraucht war – sondern auch den schrecklichen Produktnamen, die überall groß angepriesen wurden.
Da hieß Puder auf einmal Hoola, Psychedelic lila Lidschatten und der Lippenstift Rebel.
Die größte Beleidigung jedoch, die groß im Raum stand, war ein rosa Pappaufsteller mit Wimperntusche: Better Than Sex Mascara.
Ha!
Natürlich versuchten die großen Kosmetikkonzerne ihre Produkte an den Mann… an die Frau zu bringen und natürlich wusste Marc, dass Sex Sells schon lange kein Nischenprinzip mehr war. Aber Wimperntusche, die besser sein sollte als Sex?
So ein Slogan ärgerte ihn maßlos.
Er biss sich deshalb auf die Innenseite seiner Wange um keinen blöden Spruch rauszuhauen – dabei gab es so viele, unzählig schöne Möglichkeiten, sich darüber lustig zu machen und gleichzeitig sein Ego zu präsentieren.
Seine Frau hingegen war einige Meter weitergegangen und suchte nach einem Rouge.
Er befand ja, das sie gar keines brauchte.
Generell brauchte sie kein Make-Up (außer Lippenstift, aber auch nur, damit er ihn beim hemmungslosen Küssen verwischte und die Farbe sich auf ihrem Kinn, Mundwinkel und Oberlippe verteilte. Es hatte etwas Besitzergreifendes, etwas Markierendes, auf das er ungern verzichtete).
Als er ihr das beim Frühstück auch genau so gesagt hatte (und demonstrieren wollte), legte sie ihm die Hand auf den Mund und wich einen Schritt zurück: „Ich mach mich auf dem Ärzteball ohne vernünftiges Make-Up nicht zum Hampel. Ich bin nicht mehr neunundzwanzig, weißt du.“
Er verstand es nicht, nickte aber und bekam dafür versprochen, dass wenn es ihn so unendlich geil machte, wenn sie Lippenstift trug, er spitzenmäßig entlohnt werden würde, wenn er mitkäme.
Obwohl aus „nur“ kurz Rouge und Haarspray kaufen ein ganzer Shoppingmarathon geworden war (Marc hatte sich zwei neue Designerhemden, einen Pullover und eine neue Krawatte gegönnt; sie hingegen recht moderat eine blickdichte Strumpfhose und ein Kleid), war er keineswegs genervt.
Er liebt es mit ihr einkaufen zu gehen – egal ob es Klamotten, Möbel oder Lebensmittel waren.
Auch nach all den Jahren liebte er es immer noch gemeinsam jegliche Zeit mit ihr zu verbringen… (ja, wenn man im Duden nach dem Adjektiv „verschossen “ suchte, fand man direkt daneben ein Bild von ihm).
Nachdem er zu ihr aufgeschlossen war, stellte er sich dicht hinter sie um ihr über die Schulter zu schauen (und an ihrem Nacken zu schnuppern). Zufrieden atmete er ein.
Seine Frau hatte schon verschiedenste Rouges auf ihrem Handrücken ausprobiert. Dass es so viele Variationen der Farbe pink gab, erstaunte wie entsetzte ihn gleichermaßen. Wirklich überrumpelt wurde er jedoch von den Namen, die diese Firma ihren Wangenprodukten gab. Als ob Sin und Seduction nicht reichen würden hatte man so etwas geiles wie Orgasm gewählt. Deep Throat war nicht weit entfernt.
„Das ist nicht dein Ernst“, quiekte er, sodass sich einige Menschen zu ihm umblickten.
Das umständliche Räuspern das folgte ließ seine Frau von ihrem Handrücken zu ihm hinauf blicken:
„Ich kann mich nicht entscheiden. Anni empfahl mir für meinen Teint Orgasm, aber ich finde Deep Throat hübscher“, ihre Stimme und hochgezogenen Augenbrauen verrieten nicht, ob sie wusste, was es mit ihm anstellte, dass sie ganz kausal diese Worte in den Mund nahm. In aller Öffentlichkeit.
„O-orgasm? Anni hat dir ein Rouge empfohlen, das Orgasm heißt?“, Marc strich sich in einer unangenehmen Geste von unten über seine Brust an die Halsschlagader.
„Ja. Außerdem heißt das neuerdings nicht mehr Rouge sondern Blush. Wie erröten, du weißt schon… “, sagte die kleine Frau vor ihm, leckte sich dabei lasziv über die Innenseite ihrer Unterlippe.
Das Funkeln ihrer Augen machten seine Knie weich – und seinen Schwanz hart.
Was für ein bösartig, geiles Luder sie doch sein konnte.
Wenn er sie nicht schon längst geheiratet hätte – spätestens jetzt hätte er ihr einen Antrag gemacht.
„Das ist eine Farce. Kein Rouge der Welt kriegt diesen Rotton auf deine Wangen, wenn ich dich-“
„Marc!“, es war nun doch an ihr, beschämt zu Boden zu schauen, als mehrere Augenpaare sie anstarrten.
„Kann ich Ihnen weiterhelfen?“ eine junge Filialmitarbeiterin hatte sich wie aus dem Nichts neben Marc materialisiert.
„N-nein“, sagte seine Frau unbeholfen.
„Doch“, grinste Marc dafür umso breiter, als er ihr absichtlich seine Lenden in die Hüfte stieß. Man sah zwar noch keine Ausbeulung seiner Hose, aber er wusste hatte sie hatte ihn gespürt.
„Meine Frau braucht einen Deep Throat oder Orgasm. Sie kann sich nicht entscheiden.“

Gretchen atmete mit zugekniffenen Augen zitternd aus. Das hatte er nicht gerade wirklich gesagt, oder?
Oder?
Die arme Verkäuferin.
Aber als die Blonde die Augen wieder öffnete war die Verkäuferin dazu übergegangen die Schublade unter dem Testerbereich zu durchsuchen. Entweder hatte sie Marcs eindeutig zweideutige Anspielung nicht verstanden, oder sie war an diese Wortspiele gewöhnt – jedenfalls machte sie einen sehr professionellen Eindruck, als sie verneinte und sagte, dass diese beiden Blushes gerade nicht verfügbar wären. Man diese aber bestellen und direkt nach Hause liefern lassen könnte.
„Welcher soll‘s denn sein?“
„Uh, dann-“
„Dann gehen wir erstmal nach Hause und sie überlegt sich da, was sie eher braucht. Wer weiß… vielleicht ja auch beides“, er zwinkerte Gretchen zu, nahm seinen Hasenzahn bei der Hand und schleifte sie durch die Innenstadt nach Hause.

Sie beschimpfte ihn, er wäre ein Sexist, er wäre peinlich, bewarf ihn mit Fragen und Aussagen, er wäre ein perverser Macho – doch nachdem sie eineinhalb Stunden später durchgeschwitzt im Bett lag, sowohl Deep Throat als auch Orgasm gegeben und bekommen hatte, wusste sie wieso es sich lohnte seine neckende Art zu lieben.
Er war ihr Sexist, ihr peinlicher, perverser Macho-Ehemann.

Kurzatmig beugte sich Marc über ihren Körper, der vom schweißtreibenden Sex immer noch bebte, stahl ihr freche Küsse mit offenem Mund, die sie beide so liebten.
Super Orgasm hätte sie nehmen sollen, dachte er, als er ihre Wangen betrachtete, die fiebrig glühten, nachdem sie schreiend in seinen Armen gekommen war.
„Kein Rouge, Blush oder was auch immer trifft diesen Rotton, Hasenzahn. Nur ich!“

manney Offline

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13.02.2020 21:26
#17 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

3. Hair

Ihr Haargummi war gerissen.
Da war absolut nichts dabei, lief der Hasenzahn eben mit offenen Haaren herum.
„Sind deine Haare explodiert?“, hörte er von einem Mädchen, das Mariella ihre Freundin nannte.
Gretchen rollte nur genervt mit den Augen und drehte sich von seiner Clique weg, ging den Pausenhof entlang zum Eingang.
„Musst du immer so böse sein? Ich finde Gretchens Haare toll“, sagte seine Ex-Freundin schnaubend.
Marc wusste nicht, wann es passiert war, aber Mariella hatte sich verändert. Oder aber er hatte sich verändert, dass er nunmehr merkte, wie freundlich sie wirklich sein konnte. Wie beschützend.
Ob es nun der Hasenzahn war, oder der schwergewichtige Lorenz – Mariella hänselte und stichelte nicht (mehr).
Was Marc überlegen ließ, warum Mariella und Sören die einzigen in der Gruppe waren, die Gretchens Haare nicht zum Anlass genommen hatten über sie zu spotten.
„Die will doch nur über ihre Pfunde hinwegtäuschen, mit den Haaren.“
„Wenn man ihr die abrasiert, sieht sie genauso hässlich aus wie Buddha.“
„Soll sich mit ihrer Mähne nur nicht so aufspielen, als ob sie was besonderes wäre.“
Marc schwieg.
Sollten Mädchen nicht zusammenhalten und nicht gegeneinander sticheln? Und dann noch hinter dem Rücken der Person? Marc selbst hatte zumindest immer den Anstand gehabt Gretchen ins Gesicht zu sagen, dass sie ziemlich… fett war.
Was ungefähr bis zur fünften Klasse auch gestimmt hatte. Danach hatte sich ihr Speck aber verteilt und er ärgerte sie ihres Gewichts nur noch deshalb, weil sie sich dabei so schön aufregte.
Corinna, die tatsächlich übergewichtig war, hatte Marc nie gehänselt oder gefoppt. Warum auch: er hatte ja Hasenzahn, die in ihrer wenig schlagfertigen Art auch austeilte – oder dies zumindest versuchte.
Umso mehr verstörte es ihn, dass es ihn unendlich störte, dass sich seine Leute über den Hasenzahn lustig machten. Das war seine Aufgabe. Schon immer,…
„Soll ich jemandem was vom Kiosk mitbringen? Ich brauch neue Kippen“, fragte er, entwirrte seine langen Beine aus dem Schneidersitz und sprang mit einem lässigen Hüpfer von der Tischtennisplatte auf der er mit seinen Freunden zusammengesessen hatte.
„Bringst du mir ein Wasser mit? Ich geh hier sonst ein“, Mariella griente ihn lieb an, ihre Augen wollten ihm etwas mitteilen, aber er war zu faul und zu dickköpfig etwas in ihr Auftreten hineinzuinterpretieren.
„Uh, und bring dir gleich zwei Schachteln mit, ich werde mir sicher von dir ein Paar schnorren müssen“, Laura war schwierig, aber Marc nickte.

Laura hatte ihm eindeutig klar gemacht, dass sie gern Mariellas Platz an seiner Seite einnehmen würde. Als Marc sie jedoch zurückwies und daran erinnerte, dass das vielleicht keine so gute Idee war, immerhin war sie Mariellas beste Freundin (und von Mariella wusste er aus einer langen betrunkenen Geschichte, dass die Beiden sogar Blutsschwesternschaft geschworen hatten). Und er wollte auf die letzten Monate in der Schule kein Drama haben.
Doch anstelle dies zu respektieren hatte sie weiterhin mit ihm geflirtet – und er war schwach geworden auf der letzten Party. Sie hatten zwar weniger als Sex gehabt aber mehr als rumgeknutscht, was für sie vermutlich hieß: Wenn sie nur lange genug mit ihm weiter flirtete, würde er irgendwann noch einmal schwach werden.
Frauen waren furchtbar.
Sie nutzten die primitiven Instinkte eines jungen Mannes schamlos aus, weil sie einfach wussten, dass sie es konnten.

Der Weg zum Kiosk führte durch die großen Doppeltüren des stickigen Eingangsbereich der Schule, hinter denen zuvor schon Gretchen verschwunden war.
Marc allerdings hatte sie nun wahrlich nicht mehr direkt hinter der Tür erwartet!
Und schon gar nicht, dass sie gerade Kopf über einen hohen Pferdeschwanz an ihrem Hinterkopf zusammenband und Marc der Schweif ihrer Locken beim Aufrichten direkt ins Gesicht schlug.
Ihr Haar roch nach Zitrone, stellte sein Gehirn scharfsinnig fest.
Sie quiekte, drehte sich dann zu ihm um und drückte sich vor lauter Schock beide Hände auf den Mund.
Der Hasenzahn hatte außerdem keine Brille auf.
Es ärgerte ihn unheimlich das ihm überhaupt auffiel dass ihre kristallblauen Augen klarer und so viel schöner anzusehen waren, wenn die dicken Gläser den Blick auf ihre Iris nicht verschleierten.
„Es tut mir leid, ich-“
„Du konntest ja nichts dafür“, Gretchens rothaarige beste Freundin stand mit verschränkten Armen nun neben ihr und wartete – genau wie der Hasenzahn selbst – auf einen Laut von Marc.
Nun… wäre diese blöde Freundin nicht da gewesen, hätte Marc Gretchen an sich gezogen, seine Hände an ihren Wangen vorbei an ihren Hinterkopf geschoben, das neue Haargummi aus ihren Locken entfernt und den frischen Duft ihrer Haare noch einmal eingeatmet. Tiefer. Länger.
Wer hätte gedacht, dass so ein Zitrusduft ihm den Kopf vernebelte: Denn was, Herrgott nochmal, dachte er da bitteschön?
Der Duft von Gretchens Haaren? Ihre Augen? Pft.
„Es tut mir wirklich leid. Soll ich dir-“
„Was auch immer“, er ging an ihr vorbei, rempelte dabei absichtlich an ihre Schulter, obwohl der Flur genügend Platz bot.
„Hey“, hörte er sowohl den Hasenzahn keifen, als auch ihre blöde kleine Freundin.

Später im Englischunterricht versuchte er krampfhaft nicht daran zu denken, woran er seither die ganze Zeit gedacht hatte: Er hatte Lust auf Zitrone. Regelrecht körperlichen Hunger.
Das konnte doch nicht wirklich sein, dass er sich mädchenhaft erträumte, wie er Gretchens Haare durch wuschelte.
Hasenzahns Haare.
Die Haare, die er seit fast zehn Jahren im Sommer gern als abschreckend wie eine Vogelscheuche betitelt hatte, weil humide Temperaturen ihre Locken in alle Richtungen abstehen ließen.
Die Haare, über die sich seine Klassenkameradinnen lustig machten.
Die Haare, an denen er gern noch mal schnuppern würde.

Es musste die klebende Hitze sein, die sein Gehirn mit solch wirren Wünschen verhexte, anders konnte er sich nämlich auch nicht erklären, warum er sich darüber freute, dass Mariella neben ihm ein goldglänzendes Haar von seinem T-Shirt entfernte und ihn mit hochgezogenen Augenbrauen ansah.
Statt das Haar, wie jeder normale Mensch, auf dem Boden zu entsorgen zog er es seiner Ex-Freundin vorsichtig ganz zart aus den Fingern und betrachtete dieses dünne einzelne Haar eingehend.
Für einen Moment hatte er wirklich daran gedacht, daran zu riechen, befand es letztlich aber als lächerlich. Mariella würde ihn ewig mit der Frage nerven, warum er ausgerechnet ein blondes, gelocktes Haar so interessant fand, und es am liebsten nicht nur riechen sondern auch schmecken würde.
Stattdessen legte er das Haar ganz behutsam auf den Tisch neben seine Federmappe. Wenn der Unterricht vorbei und er allein war, konnte Marc das Haar auf allerlei Duft und Sonnenspuren untersuchen.
Sonnenspuren? Was immer Gretchen als Shampoo benutzte, es musste neben Zitronenaroma auch noch Drogen beinhalteten, denn hatte er wirklich gerade Gretchens Haare mit der strahlenden Sonne verglichen?
Auweia.
In diesem Moment schien Marcs Blick ihn verraten zu haben (wie er das Haar wohl angeguckt haben musste? Vielleicht wie Leonardo da Vinci Isabella von Aragonien angeschaut haben musste, als er sie gemalt hatte), denn Mariella quietschte einen schrillen Mädchenlaut aus ihren Lungen und posaunte über die erklärende Stimme ihres Lehrers heraus: „Oh mein Gott, du bist in sie verliebt.“

Der Lehrer schwieg und alle Augen seiner Mitschüler ruhten auf Marc, der mit hochrotem Kopf Mariella anstarrte, als ob sie vom Mars käme (oder von der Venus – auf jeden Fall außerirdisch und nicht von dieser Welt).
„It‘s not very polite that you actually are not following my lecture about Elizabeth Barrett Browning. So care to ellaborate your very intriguing statement with the whole class?“ der alte Englischlehrer war unzweifelhaft erboßt über das nicht Aufpassen seines Unterrichts.

Mariella guckte Marc hilflos an, der abwehrend die Hände vor seiner Brust hochhielt.
„Uh,… ähm… eh… I… i mean we… no… he is“
„Uh,… ähm… eh… I…“, äffte Herr Berthold nach „Is there a chance we will hear something more meaningful than your stutter, or are you only here to interrupt my lesson for nothing but gossip you had plenty of time to talk about at lunch break.“
„Uh…“, Mariella guckte Marc hilflos an, dann auf das Haar, und dann fest in die Augen ihres Lehrers: „I think Marcs in love with Elizabeth Barrett Browning.“
Selbst der Lehrer konnte sich ein breites Grinsen nicht mehr verkneifen, kostete den Moment, wie Mariella sich unter seinem strengen Blick wand, voll aus.
„Is that so Marc? You‘re in love with a poet who died over a hundred years ago?“
„Oh, no. No, no, no, no, no! Do not get me in on this mess. She was interrupting your very educational lecture. I was listening!“, versuchte Marc sich aus dieser Miesere herauszureden.
„Lair“, schnaubte Mariella atemlos.
„Yeah, you were listening? What did I say right before Mariella spilled your… secret?“
Die Klasse kicherte kurz und Marc kniff die Augen zusammen, und als er sie wieder öffnete sah er Laura, wie sie hoffnungsvoll seinen Blick suchte.
„You were saying… uh,… something about…“, er schaute sich in der Klasse um, aber niemand schien ihm helfen zu wollen. Nicht mal sein bester, breit grinsender Freund gab ihm einen Hinweis, oder Rückendeckung, sie alle wollten ihn leiden sehen.
Verräter.
Alle waren auf seine Antwort gespannt, warum er so verträumt vor sich hin gestarrt hatte.
Das einzig Gute daran war, dass der Hasenzahn andere Kurse der Oberstufe besuchte und sich nicht (mehr) für Englisch interessierte. Sie hätte ihn doch glatt durchschaut.
Genau wie Mariella.
Blöde Kuh. Wenn Mariella nur nicht das Haar…
„Hair! You were saying something about hair.“
Der Lehrer rollte mit den Augen, befand aber, dass er die beiden Schüler genug gequält hatte.
„I was saying that one of Elizabeth Barrett Browning best known poems is „I never gave a lock of hair away“. Which is a-“
Marcs Anspannung flaute sekündlich ab, als sein Englischlehrer die Klasse weiter mit Informationen über die Schriftstellerin voll laberte.
Das Haar, das immer noch neben seiner Federmappe lag und darauf wartete von ihm befingert und untersucht zu werden wischte er mit einer ausladenden Geste vom Tisch.

Wenn das entsetzte Staunen seiner Mitschüler nicht abflaute, nur weil Mariella (falsch) geschlussfolgert hatte, dass er verliebt war, wie würden diese Mitschüler wohl erst reagieren, wenn sie wüssten, wessen Haare ihn um den Verstand brachten?
Diese Schwärmerei, die er auf das hitzige Wetter zurückführte, war es nicht wert seine über Jahre hinweg aufgebaute Reputation aufs Spiel zu setzen.
Nach der Schule würde er Laura um ein Date bitten. Sie hatte auch blonde Haare (blondiert und stahlglatt und er ahnte schon jetzt, dass sie keineswegs nach Zitrone duften würden).




I never gave a lock of hair away
To a man, Dearest, except this to thee,
Which now upon my fingers thoughtfully
I ring out to the full brown length and say
"Take it."
(Elizabeth Barrett Browning)

manney Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 876

15.02.2020 21:40
#18 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

23. Valentines

Valentinstag.
Überall waren diese entsetzlichen Miniaturgeschenke in rot und pink zu finden. Es begann bei niedlich eingewickelter Schokolade und endete in teurer Unterwäsche, die in eine durchsichtige Herzplastikverpackung gestopft war.
Bordeauxrote Unterwäsche in so einer Box von Victoria's Secret würde ihm unter Garantie Sex-Entzug für eine ganze Woche einhandeln. Weil es so billig war. Und damit meinte er nicht billig wie günstig (der Scheiß kostete immerhin 150 Euro!) sondern billig wie schlampig.
Was auch immer seine Freundin gegen Unterwäsche von besagter Handelskette hatte, wusste er selbst nicht so genau, nur dass sie, wenn sie sexy Dessous kaufte lieber kleine Läden in der Berliner Innenstadt besuchte.
Diese jedoch waren aber wenig hilfreich, als er nach etwas explizites für den Valentinstag suchte, denn viele Läden waren bereits eine Woche vorher schon leergekauft und es gab nur noch die nicht limitierten Editionen, die Gretchen alle schon kannte.
Unterwäsche war damit schon mal gestrichen.
Blumen?
Ja, sicher... nicht. Seine blonde Assistenzärztin war nämlich nicht gut darin, Pflanzen aller Art am Leben zu erhalten. Ob es nun das Alpenveilchen von Schwester Sabine zu Weihnachten, die große Palme ihrer Mutter zum Geburtstag oder Lilly Kaans Gänseblümchen-Strauß war: nichts überlebte bei Gretchen Haase länger als maximal drei Tage.
Ein Kino-Gutschein hatte Mehdi ihm vorgeschlagen.
Ein gemeinsames Wellness-Wochenende wurde von Frau Dr. Hassmann empfohlen, obwohl er nach ihrer Meinung überhaupt nicht gefragt hatte.
Cedric hatte seine Zunge durch den Mund hin und her geschoben, bis er ihm eine Antwort gegeben hatte, die Marc überhaupt nicht hören wollte: „Überrasche sie mit einem weiteren Mann im Bett. Wenn du magst, ich bin dabei.“
Nein, danke.
Schokolade würde sie ihm ebenfalls übel nehmen, immerhin war sie gerade dabei abzunehmen, weil ihr Oberarzt, also er, leider einen Spruch zu viel über die Weihnachtsfeiertage über ihren dicken Hintern gemacht hatte.
Er gab sich redlich Mühe und es war einer der wenigen Tage im Jahr, die sich sogar Marc merken konnte (nicht zuletzt des ganzen Kommerz wegen, weil man ja sogar an der Tankstelle mit einem Rosenverkäufer konfrontiert wurde, Herrgott nochmal), aber was zur Hölle sollte er Gretchen denn zu ihrem ersten, gemeinsamen Valentinstag schenken, wenn sexy BH's, Schokolade und Blumen direkt wegfielen.
Schmuck trug sie neben ihrer Lieblingskette überhaupt nicht. Ihre gepiercten Ohrlöcher waren über die Jahre zugewachsen und ein Armband käme auch nicht in Frage, weil ihre Armbanduhr sie schon immer störte, wenn sie Papierkram zu erledigen hatte.
Parfum kaufte sie immer die gleiche Marke mit immer der gleichen, lieblichen Duftnote.
Seine Laune war übel, weil er am Morgen des Valentinstags immer noch ohne Geschenk dastand, sank aber noch einmal drastisch, weil Gordon-ich-bin-so-ein-geiler-Romanitker-Tolkien seiner Freundin gerade eine pinkfarbene Rose aus einem riesigen Blumenkorb überreichte, als Marc in das Schwesternzimmer der 7. Station gepoltert war.
Mit kraus gezogener Nase brummte er eine wenig freundliche Begrüßung: „Na, Blumenladen überfallen?“
„Marc“, tadelte Gretchen, die am Tresen ihrem fF, ihrem festen Freund, einen warnenden Blick zuwarf.
„Na, mal wieder einen Grießgram gefrühstückt“, konterte Gorden spitzbübisch, zwinkerte Gretchen zu und winkte Marcs Unfreundlichkeit mit einer ausladenden Geste seiner Hand ab.
Es ärgerte ihn maßlos, dass dieser blöde Sanitäter genauso schlagfertig war, wie er selbst; und es ärgerte ihn noch so viel mehr, dass er pausenlos mit seiner Freundin flirtete – während er direkt daneben stand!
Dieses blonde, unschuldige Schaf, das sich seine Freundin nannte, war sich nicht einmal bewusst, dass Gordon ernste Absichten hegte und dieses Geflirte keineswegs oberflächlich war.
„Ist die Notleitzentrale kaputt, oder warum hast du nichts besseres zu tun, als Blumen zu verteilen?“, Marc stellte sich hinter Gretchen und legte besitzergreifend seine Hände auf ihre Schultern.
„Gordon hat frei und verteilt an jede Frau im Krankenhaus heute Blumen“, erklärte Gretchen, überstreckte ihren Kopf nach hinten um ihn anzusehen. Ihr Blick sollte ihm bedeuten, sich zu beruhigen, ihn zu beschwichtigen, dass Gordon einfach nur lieb war. Marc durchschaute diesen blonde Hünen und seine sorglose Masche, wie er Gretchen zuzwinkerte und immer zu um sie herum schwänzelte:
doch dieser Boden, den Gorden da erschließen wollte, gehörte ihm.
„Wir sehen uns beim Erste Hilfe Kurs am Samstag, Gretchen?“
Seine Assistenzärztin nickte freudestrahlend und winkte dem Blonden solange hinterher, bis er aus ihrer Sicht verschwunden war. Danach drehte sie sich entrüstet auf dem Stuhl zu ihm um: „Musste das sein, Marc? Gordon ist nur nett und verteilt Zweite Wahl Rosen aus der Gärtnerei seiner Eltern!“
Der Oberarzt schnaubte verächtlich, biss in einen Apfel, den er aus der auf dem Schreibtisch stehenden Obstschale herausgenommen hatte und versuchte erst gar nicht seinen Ärger zu verbergen.
„Die Rose da“, er zeigte auf das hübsche, rosa Exemplar, an dem Gretchen bis zu seiner Ankunft geschnuppert hatte: „ist garantiert keine 2. Wahl, Hasenzahn!“

Die Blonde blickte auf die von Gordon mitgebrachte Rose, über die sie sich wirklich gefreut hatte. Zumindest solange, bis Marc eingetrudelt war.
Sie verstand nicht, was Marc und Gordon ein Problem miteinander hatten, dass sie sich jedes Mal am liebsten an die Gurgel sprangen, wenn Gretchen nicht heroisch einspringen würde und Marc dazu animierte, seine höfliche, ruhige Seite rauszukehren.

In überheblichen, rational nicht nachvollziehbaren Momenten, dachte sie manchmal, dass Marc so etwas wie Eifersucht empfand – was völliger Schwachsinn war.
Marc war nicht eifersüchtig auf andere Männer.
Erstens hatte er gar keinen Grund dazu, Gretchen war glücklich mit ihm.
Und Zweitens war er Marc Meier – es war abwegig zu denken, dass sein riesiges Ego etwas anderes als Selbstwert fühlen konnte.
Neid hingegen war eher Marcs Natureigenschaft.
Er neidete seinem besten Freund den Job im Oststadtkrankenhaus, seinem Vater den Sportschlitten und Werner Rössel sein Gehalt.
An dieser Stelle musste angemerkt werden, dass Marc trotzdem nicht missgünstig war, er hatte nur gern die Dinge, die er selbst (noch) nicht hatte, oder nicht mehr hatte.
Das bedeutete im Umkehrschluss, dass Marc Gordons freies Single-Dasein eindeutig vermisste, was sie in eine missmutige Lage brachte:
Marc war mit ihr nicht glücklich (nicht glücklich genug).
Es war nicht das erste Mal, dass sie diese Erkenntnis herunterschlucken musste. Denn sie war glücklich, eigentlich, aber wie glücklich konnte man schon sein, wenn man wusste, dass der Partner es eben nicht war – glücklich.
Für Gretchen gab es daher zwei logische Möglichkeiten:
Marc so lange seinen Freiraum lassen, bis er glücklich war und sie gemeinsam als Paar wachsen konnten.
Oder mit ihm Schluss machen...
Letzteres bescherte ihr Bauchschmerzen und Kurzatmigkeit beinahe eine Panikattacke, wenn sie nur daran dachte mit dem arrogantesten, egoistischsten, sexistischsten, geldgeilsten, bestaussehensten, klügsten und liebsten Macho, den ganz Berlin ihr zu bieten hatte, Schluss machen zu müssen, für sein Wohlergehen.
Sie war mindestens genauso egoistisch, ja. Aber konnte man objektiv betrachtet, nicht ein Auge zudrücken, damit es gerechtfertigt war, dass sie auch glücklich bleiben wollte?
Schwester Ingeborg aus der Gyn war gerade ins Schwesternzimmer getreten, während Marc immer noch stoisch in seinen Apfel biss und auf Gretchens Antwort wartete.
Stattdessen seufzte sie, griff die schöne Blume auf dem Schreibtisch und schenkte sie umstandslos der kleinen Schwester: „Hier, die ist für Sie.“
Sowohl Schwester Ingeborg als auch Marc schauten sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Die ist von Gordon, aber ich hab eh kein Glück mit Blumen-“
„Danke“, die braunhaarige Schwester freute sich sehr, nahm die Rose dankend an und verschwand in den angrenzenden Technikraum.

Sie fragte nicht so etwas wie „bist du nun zufrieden“ oder „jetzt besser?“, dafür war Gretchen viel zu mondän. Es ärgerte ihn deshalb nur noch mehr, als sie einen großen Schritt auf ihn zumachte (auch im übertragenen Sinne), ihm einen guten Morgen wünschte und ein Lächeln schenkte, von dem sie wissen müsste, dass er es liebte.
In Momenten wie diesen, war er über seine eigens aufgestellte Regel, kein lovey-dovey-stuff am Arbeitsplatz zur Schau zu stellen, pikiert.
Eingangs hatte er es für eine wirklich gute Idee gehalten, Privates und Berufliches zu trennen, doch je länger sie zusammen waren, je schwieriger fiel es ihm nicht automatisiert ihre Hand zu streicheln, wenn sie gemeinsam in der Cafeteria saßen oder abgeschottet von der Außenwelt Patientenkurven in seinem Büro besprachen.
„'Morgen“, hauchte er also nur zurück, konnte den Blick von ihren Lippen nicht lösen, die er so gern geküsst hätte.

Durch einen großen Unfall auf der Autobahn konnten sie nicht pünktlich Feierabend machen und Marc's grandiose Idee, die ihm bei der geplatzten Mittagspause gekommen war, Gretchen einfach schick-schick in ein feines Restaurant einzuladen waren um 22:30 Uhr hinüber.
Ehe sie sich aus den Kitteln geschält, die Übergabe erledigt und im Auto saßen, würde es weit nach elf Uhr werden. Nicht mal Sex würden sie haben, weil Gretchen brav in ihr eigenes Kinderbett steigen würde, weil ihre morgige Schicht um sechs Uhr früh wieder begann.
Seine über den Tag besser gewordene Laune war abermals kellergleich gesunken, was er mit wuchtigem Knallen seines Spints glücklicherweise nur an Mobiliar ausließ, und nicht etwa an Gordon.
„Wir holen das romantische Essen einfach nach, hm?“, Gretchen versuchte ihn aufzumuntern, weil sie tatsächlich dachte, dass er groß irgendwo reserviert hatte - sich tagelang vorher schon um einen Tisch bemüht hatte und nicht erst heute durch Vitamin B (aka er hatte den Namen seiner Mutter erwähnt, Gott stehe ihm bei) in einem exklusiven Hotel einen Platz bestellt hatte.
Wäre er nicht so ein genialer Lügner, auch sich selbst gegenüber, gewesen, hätte er fast so etwas wie ein schlechtes Gewissen gehabt, dass sie so edel und gutmütig von ihm dachte, obwohl er schlichtweg kein besseres Geschenk für sie parat hatte.
Während sich seine Freundin aus der Arzthose schälte und danach ihre Jeans anzog, hörte er, wie sie einbeinig in ihrem Schrank nach etwas kramte.
„Mach die Augen zu“, bat sie ihn verschmitzt.
Dabei gefiel ihm die Aussicht so unendlich gut, wie sie vor ihm stand, mit hochgezogener, geöffneter Jeanshose und ihr Torso nur von einem flimsigen, fliederfarbenen BH bedeckt wurde.
„Hasenzahn, wenn du-“, mich jetzt küssen willst, wäre mir das auch egal. Mach schon, damit dieser vertrackte Tag wenigstens ein gutes Ende nimmt!, wollte er sagen wurde aber von Gretchen jäh unterbrochen:
„Nein... ich... ich weiß ja, dass du diese ganze Valentinstags-Kitsch-Kiste nicht so magst. Und auch, warum wir uns hier im Krankenhaus so professionell wie nur möglich verhalten müssen, aber da du gleich nach Hause fährst und ich auch und wir eh schon seit mehreren Stunden eigentlich Feierabend hätten-“
„Du kannst auch mit zu mir kommen“, unterbrach nun er sie mit anzüglich breiten Grübchen und einem Blick, der sie von oben bis unten musterte.
Seine Assistenzärztin verrollte die Augen: „Ich hab morgen frühe Frühschicht, das weißt du doch.“
„Ich hab auch einen Wecker“, neckte er, war versucht sie an den Gürtelösen ihrer Jeans zu sich heran zu ziehen um ihr näher zu sein.
„Ich denke nicht das Aufstehen wird ein Problem, sondern das Einschlafen“, ihre Augen strahlten ihn wissend an.
Ihm war sehr wohl bewusst, dass er ein egoistisches Schwein war: natürlich wusste er von ihrem bescheuerten Schichtplan und dass sie bereits seit sechzehn Stunden ihren Dienst schob und es morgen vermutlich noch einmal genauso laufen würde. Und trotzdem versuchte er sie davon zu überzeugen mit zu ihm zu kommen um vieles zu tun, außer zu schlafen.
„Deshalb, und ich weiß, professionell und so ist das hier nicht, aber:“, Marc hatte die Augen nicht geschlossen, wie Gretchen es sich gewünscht hatte, überreichte ihm dennoch freudestrahlend einen hellrosa Briefumschlag mit knallroten Herzen.
„Happy Valentines Day“, sang sie, als sein Blick verdutzt auf die Karte fiel.
„D-du hast mir eine Valentinskarte geschrieben?“
„Auch“, nickte die Blonde eifrig und wartete ungeduldig darauf, dass Marc in den Umschlag blickte.
Die Karte verstörte ihn immens, weil eben kein kitschiges Herz, Glitzer oder Golddruck darauf abgebildet war, wie es der Umschlag vermuten ließ, sondern ein Schnittbild einer echten Aorta. Im großen Loch des linken Ventrikels stand in kleiner weißer Schrift: aorta tell you how much i love you
Makaber. Morbide.
[align type="left"]Das breite Grinsen in seinem Gesicht jedenfalls schien seiner Freundin unheimlich zu gefallen:
„Ist nicht zu kitschig, der Spruch?“, fragte sie abwartend, als Marc sie wie ein verknallter Teenager anhimmelte.[/align]
Sie hatten Feierabend, völlig egal, wer sie jetzt sehen würde, er zog sie einarmig zu sich heran und drückte ihr energisch einen Kuss auf die Lippen.
„Marc, nicht hier-“, kurzatmig stemmte sie ihre Hände gegen seine Brust, wollte eigentlich noch mehr sagen, aber er lehnte seine Stirn einfach nur an ihre.
„Danke“, er leckte sich über die Lippen und küsste sie noch einmal, sanfter.
Einen Arm immer noch um ihre Schultern geschlungen und ihr halbnackter Oberkörper an seinen bereits angezogenen gepresst, öffnete er die Karte, in der in Gretchens schönster Handschrift stand:

The fountains mingle with the river
And the rivers with the ocean,
The winds of heaven mix for ever
With a sweet emotion;
Nothing in the world is single;
All things by a law divine
In one spirit meet and mingle.
Why not I with thine?—

See the mountains kiss high heaven
And the waves clasp one another;
No sister-flower would be forgiven
If it disdained its brother;
And the sunlight clasps the earth
And the moonbeams kiss the sea:
What is all this sweet work worth
If thou kiss not me?

(Percy Bysshe Shelley)


Gretchen war schon immer ein Gedicht-Junkie gewesen, damals in der Schule und auch heute noch sammelte sie Gedichtbücher. Dass sie aber ausgerechnet eines für ihn parat hatte, das er sogar ziemlich gut verstehen konnte, auch ohne besonders gut in Englischer Literatur im Leistungskurs aufgepasst zu haben, machten ihn unheimlich glücklich. Sie gab sich so viel Mühe und steckte so viel Liebe in ihre Beziehung, die er gar nicht verdient hatte, wenn er zähneknirschend daran dachte, dass er nicht mal annähernd darauf gekommen war ihr einfach nur eine aufwändige Karte zu schenken.
Die Blonde hatte aber zusätzlich zu dem schönen Gedicht auf die andere Seite der Karte mit Tesafilm Fußballkarten fürs Hertha-Spiel am Samstag festgeklebt.
Welche Frau (also die, die eben nicht Fußball verrückt waren!) schenkte ihrem Freund Fußballkarten?
„Du hast Karten für das Spiel am Wochenende?“, fragte er perplex, freute sich leider doch mehr über die Karten als über das Gedicht.
Gretchen nickte gespannt mit dem Kopf: „Ja, Vier Stück, direkt neben der Fan-Seite!“
Gerade als er seinen Arm von ihren Schultern genommen hatte um die Tickets aus der Karte zu lösen, guckte er sie mit kraus gezogener Stirn irritiert an: „Vier?“, fragte er und abermals schenkte ihm Gretchen eines ihrer schönsten, strahlendsten Lächeln: „Na sicher: Für dich, Mehdi, Cedric und Holger. Oder wen immer du anstelle dessen mitnehmen magst.“
Dich, schrie sein Unterbewusstsein.
Dich will ich mitnehmen.
Er wollte mit ihr zum Fußball und mit ihr hinterher Pommes Essen gehen und Bier trinken. Er wollte sich mit ihr über den Sport streiten, wie sinnlos es doch war neunzig Minuten einem schwarz-weißen Lederball hinterher zurennen. Sie sollte sich an ihn kuscheln, wenn's zu kalt wurde und er wollte sich mit ihr freuen, wenn Hertha gewann (wer's glaubt).
Stattdessen ließ sie ihm genug Raum mit seinen Kumpels ein Spiel anzugucken und kaufte denen sogar Karten mit.
Er liebte sie dafür, dass sie sich anfangs so vorsichtig mit seinem Lebensstil arrangiert hatte.
Objektiv war sie die beste Frau, die er sich bis dahin jemals erträumt hatte.
Aber jeder Tag war so viel besser wenn Gretchen sich von diesem ehemaligen Traum entfernte. Wenn sie anhänglich Sonntagmorgen in seinem Bett aufwachte, ihn bat bitte nicht schon aufzustehen sondern faul mit ihm im Bett liegen zu bleiben. Wenn sie sich demonstrativ bei ihm einhakte, wenn irgendeine x-beliebige Frau ihm in der Bahn schöne Augen gemacht hatte. Wenn sie ihn wehleidig darum bat, endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Gretchens selbstverständliches Vorstellen bei seinen Freunden, als seine fF, seine feste Freundin.
Er wollte, dass sie mehr Dinge in seiner Wohnung verteilte, als nur frische Unterwäsche oder ihre Gästezahnbürste. Nicht mal Deo ließ sie zurück in seiner Wohnung sondern schleppte den Roller immer in ihrer, eh schon viel zu schweren, Handtasche herum.
Er wusste, dass sie gern die klebrige, braune Nussnougatmasse zum Frühstück aß, fragte beim gemeinsamen Einkaufen für seinen Lebensmittelpunkt, ob sie welche haben wollte und sie verneinte höflich.
Ihre Beziehung war noch relativ neu, aber in ihrem Wahn ihn nicht komplett zu vereinnahmen stieß sie ihn immer wieder vor den Kopf ohne es zu wissen, denn News Flash, er bemühte sich darum sie in dem Glauben zu lassen, dass es das war, was er wollte.
Weil er ein Idiot war.
Weil ihm ein dicker Kloß im Hals stecken blieb, wenn sie ihn so voller Gutmütigkeit und Wärme anblickte, die Augen auf der Suche nach einer Antwort, die er nicht beantworten konnte, weil er die Frage nicht kannte.
Stattdessen hatte er sie an diesem Abend einfach in die Arme gezogen und ihr ein Danke ins Ohr gehaucht.

a/n:
einen Tag zu spät, werden einige denken, schließlich ist Upload-Datum der 15. Februar und nicht der 14. Aber ich mag Valentinstag eh nicht. Außerdem hatte ich heute vor einem Jahr meinen Autounfall, also warum diesen Tag nicht zelebrieren, eh?
lg
manney

manney Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 876

20.02.2020 19:48
#19 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

43. Shipwreck

Das Fußballspiel war Klasse.
Ja wirklich, Hertha hatte sich wacker geschlagen und nur 2:3 verloren. Das war fast wie ein Sieg. Fanden zwar weder die Hardcore Fans im Fanring der Arena, noch konnte Holger über Marcs sardonischen Zynismus lachen.
Er liebte Fußball, wie das Ergebnis ausging, war ihm herzlich egal, solange Hertha überhaupt noch spielte; er traf sich auch gern mit seinen Kumpels.
Es hätte ein netter Samstagnachmittag und ein launiger Abend werden können, wenn Marc nicht pausenlos daran gedacht hätte, dass Gretchen ihm diese Tickets geschenkt hatte.
Zum Valentinstag.
Während Mehdi, der alte Sparfuchs, sich über Gretchens Geschenk (das war ein Geschenk für Marc, Mehdi profitierte davon nur!) überirdisch freute und auch Holger jauchzend eingewilligte, war Cedric der Einzige, der ihn gefragt hatte, ob die Beziehung zu Gretchen schon wieder am Ende wäre.
Marc hatte darauf nichts gesagt, aber je länger er mit den drei anderen Männern in der Bar in sein Bierglas schaute, desto sicherer war er sich, dass er das beenden musste.
Zu seinem eh schon gefrusteten Gemütszustand musste er um kurz nach sieben Uhr auf die Uhr gucken und daran denken, dass Gretchen mit Gordon – wo immer sie auch gerade waren – einen Erste Hilfe Kurs beendet hatten. Gemeinsam.
Blöder Pisser.
Und seine noch viel blödere Freundin.
Oder Ex-Freundin.
Vermutlich war dieser blonde Sanitäter wieder den ganzen Tag seit zehn Uhr morgens um sie gekreist, wie Motten ums Licht.
Ihm wurde ganz übel dabei, wenn er daran dachte, dass Gordon Gretchen als lebende Puppe reanimierte. Seine riesigen Hünenhände auf ihren Brustkorb legte und sie Mund-zu-Mund beatmete.
Während er anfangs des Spiels noch wütend war hatte der Alkohol, den er nun schon seit Stunden mit seinen Freunden zu sich nahm, allen Zorn fortgespült und zurück blieb das deprimierende Gefühl etwas großartiges verpasst zu haben.
Er musste sich von ihr trennen, seine Eifersucht und ihr Unverständnis, machten ihn… traurig?
Ja, Herrgott nochmal: er war traurig, dass sie einfach nicht kapierte, dass er sie gern hatte. Mit all ihren unlogischen Macken, ihrem Klammern und er sie vermisste, wenn sie nicht in seiner Nähe war.
Damit meinte er nicht mal den Sex, obwohl der wirklich großartig mit ihr war. Sie hatte sowohl am Valentinstag vor zwei Tagen als auch gestern ausgeschlagen nach Feierabend etwas mit ihm zu unternehmen: Gut, Feierabend an beiden Tagen war erst weit nach 22 Uhr eingetreten, aber trotzdem wäre es schön gewesen, wenn sie sich einen Ruck gegeben hätte und die Nächte bei ihm verbracht hätte. Er wollte sie bei sich haben, sie um sich haben und ja, vermutlich hätte er sie gerade am vergeigten Valentinstag noch eine Runde durchs Bett gescheucht, aber doch nur, weil… er Sex mit Gretchen liebte.
Sie waren so unglaublich sexuell kompatibel, wie er es vorher noch nie mit einer anderen Frau erlebt hatte: Gretchen machte alles mit im Bett – alles. Das einzige was er dazu machen musste, war sie lange genug darauf vorzubereiten und das Vorspiel so ausdauernd wie irgend möglich zu gestalten.
Das würde ihm fehlen, ganz sicher.
Auch ihr müdes Röcheln, wenn sie die Nacht über wieder auf seiner Bettdecke rum gekaut hatte und morgens mit einem staubtrockenen Mund aufwachte, würde er sicher vermissen.
Was er jedoch unter Garantie nicht vermissen würde war ihre kausale Beziehungspolitik. Es ging nicht um seine Regeln ihr Privatleben öffentlich zur Schau zu stellen, sondern um ihre immer häufiger werdenden Ausflüchte auch anderweitig getrennte Leben zu führen. Oder erst gar nicht so weit zu kommen: Gretchen war wie Öl auf seiner Wasseroberfläche, wenn man lange schüttelte gab es ein buntes Gemisch, das im Licht schillernd glänzte, aber sie distanzierte sich von ihrer Bindung zueinander.
Da siehst du mal, wie das ist. Fühlt sich echt scheiße an, oder?
An seiner Unterlippe nagend bestellte er für seine drei Freunde und sich selbst die vierte Runde Bier und Ouzo, damit das höhnische Engelchen auf seiner Schulter, endlich die verfickte Fresse hielt.
Es ist doch genau das, was du immer haben wolltest. Eine Beziehung frei von Problemen, frei von Streit und eine Frau, die dir deine Selbstständigkeit nicht wegnimmt. Wo du du sein kannst, mit Freunden feiern und Saufen gehen kannst und niemandem Rechenschaft schulden musst, weil die Frau an deiner Seite verständnisvoll ist und dich einfach machen lässt. Das ist doch das Paradis.

Den fiesen Teufel in Engelsgestalt hatte Marc erst vergessen, nachdem die sechste Runde Ouzo mit Bier geleert war.
Gretchen liebte Ouzo, dachte er missmutig. Sie vertrug nicht viel Alkohol – lag vermutlich daran, dass sie nicht wie andere Teenager in ihrer Jugend schon abgestumpft wurde, aber wenn sie hochprozentigen Alkohol trank, dann Ouzo. Mit Kakao oder manchmal auch gestreckt mit Milch.

Ein Freund von ihm hatte vor Weihnachten so etwas wie eine private Weihnachtsfeier gegeben und Gretchen hatte sich allen als seine feste Freundin, seine fF, vorgestellt. Sie war nach ein paar Shots unglaublich besitzergreifend und fordernd, setzte sich ohne groß darüber nachzudenken einfach auf seinen Schoß, weil andere Sitzplätze nicht mehr verfügbar waren.
Fand er das toll, obwohl ihm öffentliche Zärtlichkeiten jeder Art eigentlich zuwider waren?
Und wie. Sollte sie doch jedem Volltrottel auf dieser Party zeigen, dass sie zu ihm gehörte, doch anstatt demonstrativ mit ihm Augenkontakt zu halten oder mit ihm zu flirten, erzählte sie pausenlos mit den umsitzenden (vorwiegend männlichen) Menschen über Dinge, die keinen interessierten. Ihn zumindest nicht.
Deshalb hatte er sie kurze Zeit später darum gebeten ihn aufstehen zu lassen, damit er auf dem Balkon eine Rauchen gehen konnte – bei klirrender Kälte.
Das Gretchen, das ihn vor ihrer Beziehung und am Anfang für jede Zigarette getadelt hatte, sprang von seinem Schoß und ließ ihn gewähren.
Einfach so.
Im Nachhinein wusste er nicht mehr, ob dies das erste Mal war, dass Gretchen kommentarlos die Beziehung zu ihm an die Wand gefahren hatte, oder ob es nur das erste Mal war, wo es ihm aufgefallen war.
Er wusste wie sie sein konnte: anhänglich, klettend, besitzergreifend, eifersüchtig und zickig – doch je länger er mit ihr zusammen war, desto häufiger hatte er das Gefühl sie verbarg ihre weniger guten Eigenschaften hinter einem Sonntagsgesicht.
Ein Sonntagsgesicht, das er gar nicht haben wollte.
Um kurz nach elf Uhr hatte der Barkeeper von den drei Ärzten und einem Architekten, die lautstark über Weiber philosophierten, jedenfalls die Nase voll und warf sie raus – umsichtig rief er allerdings vorher noch ein Taxi, weil er wohl dachte, dass sie in der S-Bahn ihre jeweilige Stationen verschlafen würden.
Dabei war Marc hellwach. Gut, das siebte Bier und der neunte Ouzo waren vielleicht ein bisschen zu viel. Aber so viel Spaß hatte er lange nicht mehr gehabt. Ja wirklich. Ab morgen würde er wieder Single sein. Dann konnte er nur solche Männerwochenenden genießen und ab und zu Frauen in sein Bett einladen.
Wer weiß, vielleicht ja auch Gretchen, weil… den Sex würde er wirklich sehr vermissen. Und ihr Lächeln. Und ihre Haare. Und ihre tiefdunkelblauen Augen, wenn sie ihn anstrahlte. Und ihre Schultern. Und ihren Nacken, in den er so gern hineinbiss. Und ihren Hintern. Und…
„Hasenzahn. Hast du noch Zeit? Wir müssen reden“, quatschte er in sein schickes, neues Handy, einen tiefen Lungenzug seiner Zigarette in den Nachthimmel ausatmend.
Auf Fragen von Gretchen, ob alles in Ordnung wäre, oder ob er einen netten Tag mit den Jungs gehabt hätte, reagierte er erst gar nicht. Die einzige Anweisung, die er ihr gab war, dass sie bitte zu ihm kommen sollte.
Zögerlich stimmte sie zu, erklärte ihm aber, dass es noch ein bisschen dauern würde, sie würde gerade Wäsche bügeln.

Was für eine bemitleidenswerte, erbärmliche Frau sie doch war. Welcher Mensch in Berlin bügelte an einem freien Samstag Abend seine Wäsche? Genau, niemand. Und spätestens ab Morgen würde Gretchen Haase genau das auch für Marc Meier wieder sein, ein niemand.
Das Taxi fuhr erst Holger, dann Mehdi und dann Marc nach Hause. Cedric, der weiterfahren musste fragte ihn, ob es wirklich so eine gute Idee war, Gretchen heute noch zu sehen. Sie würde ausrasten, wenn sie ihn so sah. Alle Frauen rasteten aus, wenn ihre Männer sich sinnlos betranken, weil ihr Fußballverein schon wieder verloren hatte.
Glaubte Cedric tatsächlich, was er da sagte?
Marc hatte sich nicht betrunken. Er war angetrunken, höchstens ein bisschen beschwipst.
Mut brauchte er schließlich um Gretchen davon in Kenntnis zu setzen, dass ihre Beziehung mit dem heutigen Tag der Geschichte angehörte. Adieu, Au Revoir, Sayonara, Adios, Do svidaniya.
Irgendwas würde sie davon schon verstehen.

Gretchen kam weit nach Null Uhr. Vermutlich ahnte sie, wo dieses Gespräch hinführen würde – ein bisschen freute er sich darüber, dass sie nicht unwissend war und sich sicherlich die Fahrt über Gedanken gemacht hatte, wie sie ihn einlullen könnte, diese Farce einer Beziehung aufrecht zu erhalten. Aber er würde stark bleiben und um nicht doch evtl. so etwas wie Mitleid mit ihr zu empfinden, immerhin war es nur ihre Schuld, dass ihre Beziehung nicht klappte, trank er in seiner Wohnung auch noch zwei Biere. Oder drei. Oder mehr.
Sie klingelte. Welche Frau forderte denn nach vier Monaten Beziehung noch keinen Schlüssel ein? Genau, eine, die diese Beziehung nicht ansatzweise so ernst nahm, wie Marc!

Er drückte ohne die Gegensprechanlage zu benutzen auf den Türsummer, öffnete seine Wohnungstür und ging zurück zum Couchtisch. Sein Bier wartete auf ihn.
„Hey Marc, ich-“, sie blieb angewurzelt im Türrahmen stehen, als sie ihn oberkörperfrei mit der Bierflasche in der einen Hand und Hebamme in der anderen, von oben bis unten musterte.
„Ist alles okay?“, fragte sie nach der ersten Schreckens-Sekunde, schloss hinter sich die Tür, zog Schuhe und Mantel aus und hing ihre Handtasche über einen Kleiderhaken.

Nein, nichts war okay. Du bist eiskalt, wie ein Fisch,… nein oder wie der Eisberg, der die Titanic killte, dachte er. Oder er hatte es gesagt, denn Gretchen, die bis eben auf ihn zugekommen war blieb abrupt Mitten im Raum stehen.
„Du bist ja betrunken, Marc? Ich dachte-“
„Ich bin nicht betrunken, ich bin angetrunken. Das ist ein Unterschied!“, polterte er darauf los, dabei hatte er sich vorgenommen so ruhig und emotionslos wie nur möglich zu bleiben. Zu seiner großen (Un)zufriedenheit war seine Freundin nicht mal zusammengezuckt, als er lauter geworden war. Stattdessen kam sie einfach näher auf ihn zu und schaute ihn sorgenvoll an. Oh ja, das sollte sie auch, denn gleich würde er die Bombe platzen lassen und dann waren er und sie Single und sie würde ihn den Rest ihres Lebens vermissen und ihm hinterhertrauern, aber der Zug war abgefahren, weil sie nämlich eine blöde Kuh war und seinen Feingeist nicht verstand.
„Du wolltest doch reden und jetzt-“
„Jetzt bist du hier und ich kann mich mit dir streiten. Wir sind durch.“
Gretchens Hand, die liebevoll über Marcs Bizeps streicheln wollte blieb einige Zentimeter über seiner Haut in der Luft hängen als sie ihn mit in Falten gezogene Stirn unschlüssig anschaute.
„Wir haben doch noch gar nicht angefangen zu reden-“, weitere Ausführungen konnte sie nicht mehr machen, weil Marc grollend einen Hieb Bier nahm, und an ihr vorbei Richtung Küchenzeile stolzierte. Sie auf Abstand halten war die beste Devise:
„Nicht das Gespräch ist durch, Hasenzahn, sondern unsere Beziehung. Wir sind durch. Fertig. Ich mache gerade Schluss mit dir und…“, er fuchtelte wild gestikulierend mit der Bierflasche in der Hand herum, malte imaginäre Kreise um Gretchen herum.
„Was auch immer du gerade bist.“
In dem wenig beleuchteten großen Raum konnte er von Weitem nicht erkennen, ob sie heulte, es war ihm auch egal (war es ihm nicht). Schließlich war sie es, die das hier alles kaputt machte, weil sie sein Leben relativierte (weil sie nicht das fühlte, was er fühlte).
„Das meinst du nicht so“, er hörte kein Beben in ihrer Stimme oder irgendeinen Anflug einer Heul- Attacke. Dabei heulte sie doch immer und überall. Ob es tote Patienten waren, oder tote Tiere, sie heulte beim 1000 Mal Titanic Gucken immer noch.
Er lag also völlig richtig, sie war kalt wie ein Eisberg, weil ihr die Beziehung zu ihm nicht wichtig genug war.
Weil er ihr nicht wichtig genug war.
„Was ist denn um Himmels Willen nur passiert, Marc. Ich-“
Du bist passiert. Du mit deinem furchtbaren Lächeln und Wertvorstellungen. Ich hab wirklich gedacht, dass dir was an mir liegt, stattdessen bist du kalt und unnahbar und kalt, wie ein fetter, riesiger Eisberg, der mit Gordon lieber zu einem scheiß Ersthelfer-Kurs geht, als sich mit mir das Fußballspiel anzugucken.“
„Ich glaube wir sollten morgen weiterreden, Marc, du bist-“
„Ich bin nicht betrunken“, schrie er und sie zuckte tatsächlich zusammen.
In einer vernebelten Ecke seines Bewusstseins gingen die Alarmglocken an, dass das hier nicht gut enden würde. Er würde sich nicht besser fühlen, wenn er ihr Angst machte. Dafür lie… mochte er sie zu sehr. Blödes Hirn.
„Morgen hast du Zeit darüber nachzudenken, was du an mir verpasst, Hasenzahn. Aber heute streitest du dich gefälligst mit mir. Und ich lasse es dieses Mal auch nicht zu, dass du Gordon wieder in Schutz nimmst. Der Typ ist die Pest!“
„Was willst du mir eigentlich sagen, Marc. Dass du sauer bist, dass ich dir eine Freude mit Fußballkarten machen wollte?“, sie war weder hysterisch noch hatte sie ihren Ton verschärft, sie stand einfach weiter im Raum und musste sich anhören, was er zu sagen hatte.
„Nein, dass du mich zum Fußball mit Freunden geschickt hast, während du in aller Seelenruhe mit Gordi-Boy Mund-zu-Mund-Übungen durchspielen konntest.“
Ihr Gesicht war im Schatten, aber er freute sich (nicht) darüber, dass ihr gesamter Unterkiefer verdächtig bebte.
„Aber du hast dich doch über die Karten gefreut! Ich-“
„Natürlich habe ich mich über die Karten gefreut! Nur eben nicht, wenn du mit diesem… diesem Sanitäter“ er spuckte das Wort angewiedert aus „lieber deine Zeit verbringst als mit mit.“
„Das stimmt doch gar nicht, Gordon hat-“
Er fiel ihr wieder ins Wort: „Der ach so liebe Gordon hat sein ganz eigenes Ziel dich dummes Schaf in sein Bett zu zerren und du merkst das nicht mal, Hasenzahn. Es geht auch nicht nur um Gordon, sondern dass du in unsere Beziehung nichts investierst!“
„Bitte?“, während seine Stimme mit Rage immer mehr Tiefe und Lautstärke angenommen hatte, war Gretchens Stimme fast erstickt.
„Hätte dich doch wohl nicht umgebracht, wenn du Gordon abgesagt und mit mir zum Fußball gekommen wärst, oder? Aber nein, Miss-Perfect muss ja auch an ihrem freien Tag die Welt retten!“

Sie verstand ihn nicht.
Ja, er war betrunken, aber seine Worte waren trotz allem klar und deutlich.
Sie investierte in ihre gemeinsame Beziehung nicht genug?
Sie war es, die dumme Kommentare, böse Blicke und grässliche Beleidigungen zu erdulden hatte, nicht nur weil sie das Professoren-Töchterchen war sondern seitdem sie eine feste Beziehung mit Marc eingegangen war auch des Hochschlafens bezichtigt wurde. Sie hielt sich an seine strikte Regel, dass er keinen intimeren Körperkontakt als Händeschütteln im Krankenhaus wünschte. Sie überrannte ihn nicht mit kitschigen Liebeserklärungen, obwohl sie schon so oft diese Worte sagen wollte. Sie versuchte ihn nicht zu unterdrücken, ließ ihm jeden dummen Spruch durchgehen, jede Zigarette, damit er nicht das Gefühl hatte sich für sie ändern zu müssen. Jedes Mal, wenn er sie zurückwies hatte sie es tapfer heruntergeschluckt und gelächelt, um ihm keine emotionale Szene zu machen und er warf ihr vor, dass sie zu wenig in ihre Beziehung investierte? Dass sie sich nicht genug anstrengte?
Obwohl sie sich verbissen verbot, zu heulen, drückten sich die ersten Tränen aus ihren Augenwinkeln.
Sie hatte die Fußballkarten für eine gute Idee gehalten, weil sie ihm nun schon zum wiederholten Male aufzeigen wollte, dass sie das konnte: eloquent und erhaben in einer Beziehung sein. Nicht klammern und ihm seinen Freiraum lassen. Wie es Singles, wie Gordon, hatten, die niemandem Rechenschaft schuldeten. Sie bemühte sich die Freundin zu sein, von der sie wusste, dass Marc sie sich wünschte.
Eine Frau, die ihn nicht konstant ermahnte, wenn er nach einer Zigarette griff.
Eine Frau, die ihn um etwas bat und nicht erwartete.
Eine Frau, die sich eben nicht einfach seinen Freunden als die neue feste Freundin vorstellte und sich dann selbstvergessend im Ouzo-Rausch auf Marcs Schoß setzte, obwohl sie wusste, dass er die zur Schaustellung von Körperkontakt regelrecht hasste.
Die Weihnachtsfeier von einem seiner ehemaligen Studienkollegen hatte sie daran zweifeln lassen, dass sie für Marc jemals gut genug sein würde.
Das ziemlich forsche Runterdrücken von seinem Schoß damals, erinnerten sie daran, dass ihr Herz kaputt und ihr Selbstwertgefühl fast non-existent waren. Sie würde ihre Beziehung zu Marc nicht wegen Zurechtweisungen nicht zu rauchen oder nicht zu flirten oder nicht zu trinken oder… oder… oder… aufs Spiel setzen. Dafür war sie viel zu sehr in ihn verliebt.
Nur er eben nicht.
Er sehnte sich nach Sorglosigkeit, obwohl sie sich konstant sorgte, dass sie ihm überdrüssig würde.
Neben ihm fühlte sie sich dick (war sie), klein (im Verhältnis zu ihm, ja) und hässlich (im Vergleich mit anderen Frauen, die Marc gehabt hatte oder haben konnte, absolut).
Was also konnte sie ihm bieten, wenn nicht den Freiraum, die Sorglosigkeit, die Unbekümmertheit, die er sich wünschte?
Sie investierte ihr Glück in diese Beziehung und es war trotzdem noch immer nicht genug.

Und es war der Punkt, an dem sie aufgab. Sie konnte nicht mehr geben, sie wünschte es sich, dass Liebe in einer Beziehung ausreichte, aber wenn er nicht darauf vertraute, dass sie viel Liebe, Mühe, Schmerz und Tränen in ihre Bindung investierte, dann war an diesem Sonntag Morgen um kurz vor ein Uhr nachts die Beziehung zu Marc gescheitert.

manney Offline

Krankenschwester:


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21.02.2020 21:40
#20 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

96. Catch 22

Sie wandte sich von ihm ab und ging zur Tür.
Sie war im Begriff zu gehen, diese miese, kleine, blöde… Kuh, war wirklich drauf und dran einfach das Weite zu suchen, ohne sich mit ihm zu streiten.
Oh, nein,… nein, nein, nein, nein, nein, so schnell ließ er sie nicht vom Haken, erst hörte sie sich an, was er noch alles zu sagen hatte.
Sie sollte sich genauso schlecht fühlen wie er!
Sie sollte genauso leiden.
Sie sollte den gleich Schmerz fühlen, den er empfand.
Marc war geschwind um die Kücheninsel gerannt, Gretchen hinterher, die ihre Stiefel in der einen Hand und ihre Jacke über den Unterarm geworfen hatte.
Seine Ex-Freundin hatte nicht vorgehabt sich in seiner Wohnung für draußen anzuziehen, drückte die Klinke herunter um in den kalten Hausflur zu treten und würde nicht zurückblicken. Allerdings hatte sie nicht mit Marcs (immer noch viel zu guter) Reaktionszeit gerechnet, der mit seiner flachen Hand seine Wohnungstür zuknallte um sich vor ihr aufzubäumen: „Oh, nein. So leicht mach ich dir das nicht, Hasenzahn. Du wirst dich gefälligst mit mir streiten!“
Das laute Geräusch, was die Tür machte, als sie zurück ins Schloss fiel, erschreckten sie so sehr, dass sie ihre Jacke und Schuhe auf den Boden fallen ließ.
„Was willst du denn noch von mir? Reicht es nicht, dass du hier gerade mein Herz brichst? Musst du dir deine-“, ihre vor Tränen erstickte Stimme hatte an diesem frühen Morgen zum ersten Mal an Höhe gewonnen.
„Dass ich? Du bist diejenige, die permanent Gordon verteidigt, die sich mir entzieht und ständig irgendwelche Ausflüchte dafür findet. Du bist diejenige, die geht. Ständig.“
„Das ist doch gar nicht wahr! Außerdem ist Gordon nur nett, weil er-“
„Du machst es schon wieder“, brüllte er, war sich sicher, dass man seine Stimme im Treppenhaus bis in die einzelnen Wohnungen hören würde können.
„Wenn du solche Schwanzvergleiche mit Gordon machst, bitteschön, aber das ist nicht mein Problem und dass du dafür mir die Schuld gibst, die sich wirklich bemüht hat, alles zu tun, damit du dich wohl fühlst, damit du deine Freiheiten weiterhin genießen kannst, ist abgrundtief, Marc. Sogar für dich“, ihre Stimme überschlug sich, weil sie sich an Tränenflüssigkeit verschluckte und ihre eh schon abnormal schnelle Atmung durch Husten nicht besser wurde.
Irgendwo pochte eine Wahrheit in Marcs Gedanken, die er noch nicht greifen konnte, weil der Alkohol und die Rage seinen Verstand blendeten.
Irgendwas grundlegendes stimmte nicht, denn wenn Gretchen so heulte, weil er mit ihr Schluss machte, dann musste ihr doch so viel mehr an ihm liegen, als sie zeigte.
Er müsste derjenige sein, der heulte, schließlich war sie es, die… die
„Alles was du wolltest, war einmal in dein blödes Tagebuch schreiben können, wie es ist mit Marc Meier zusammen zu sein. Du dachtest ich bin der Beziehungsgestörte? Ich hab Neuigkeiten für dich: das einzige, was dir wichtig ist, ist mich als deinen fF nicht zu verlieren, damit-“, er war unfair, das wusste er.
Es war an Gretchen ihn zornig zu unterbrechen und ihn von sich zu stupsen, weil er ihr viel zu nah kam und sein Bier und Ouzo getränkter Atem ihr Schwindel bereiteten: „Wie kannst du so was sagen. Ich liebe dich! Ich weiß nicht mehr weiter. Ich weiß nicht was ich machen kann, damit du glücklich bist. Ich hab alles versucht, aber ich kann nicht mehr, Marc“, fieser Schluckauf hatte sich in ihre Worte gestohlen.
„Du, willst mich glücklich machen? Dass ich nicht lache. Warum bist du dann nicht selbst mit zum Fußball gekommen? Hm? Ich sag dir, warum, Hasenzahn, weil du das gut ausgetüftelt hast, während du mit Gordi-Boy einen ganzen Tag verbringst, sollte ich wieder nicht merken, dass dir an unserem gemeinsamen Privatleben außerhalb des Bettes nichts liegt.“
„Nein. Weil ich dachte ich mache dir eine Freude, wenn du mit deinen Jungs gehen kannst. Weil wir uns eh gestritten hätten, weil ich keine Ahnung von Fußball habe. Weil ich Stadien nicht ausstehen kann. Weil-“
Marc drehte sich mit einem resignierten Grollen von ihr weg: „Glaubst du den Scheiß, den du da erzählst, Hasenzahn? Du bist echt zum Kotzen! Du kriegst es nicht mal geschissen, ehrlich zu dir selbst zu sein! Von wegen integer und unbescholten.“
Gretchen war dazu übergegangen nur noch kurzatmig zu heulen: wenn sie irgendwie noch so etwas wie Hoffnung gehabt hatte, dass Marc sich, nüchtern, noch einmal alles anders überlegte, hatte sie jetzt die verbale Gewissheit, dass dem nicht so war.
Er fand sie zum Kotzen.
Er fand sie war ein fetter Eisberg.
Er fand sie unehrlich.
Dinge, die er nicht unsagen konnte.
Die er nicht mehr zurücknehmen konnte.
Ihr Herz pumpte überdurchschnittlich schnell Blut durch ihren Körper, ihre Lunge hatte Atmungsaussetzer und ihr heißes Gesicht wurde nicht mal mehr von den salzigen Tränen gekühlt. Ihr Körper war genauso ein Wrack, wie ihre Seele.
„Wa-rum tust du mir das an?“, sie hickste sich durch die Worte ohne darüber nachzudenken. Wollte sie wirklich eine Antwort auf diese Frage haben, ohne wirklich zu wissen, ob ihr diese Antwort nicht noch zusätzlichen Schmerz bereiten würde?
„Ich dir?“, sie drehten sich mit den gegenseitigen Fragen im Kreis, weshalb Marc sich mit seinen langen Fingern unwirsch durch die Haare fuhr, einmal um die eigene Achse drehend.
„Du bist doch nicht mehr die Selbe. Dich kümmert nicht, dass ich Rauche, oder Trinke. Du streitest dich nicht mal mehr mit mir über die Arbeit oder Kleinigkeiten. Du unterbindest Gordons Geflirte nicht. Du flirtest mit meinen, verfickten Freunden, direkt vor meinen Augen. Du schiebst die Arbeit vor – pausenlos um bloß nicht mit mir alleine zu sein. Sag mir, Gretchen. Wer tut hier wem was an. Ich… bin doch nicht aus Stein.“
„Aber du wolltest das doch so“, schrie sie aufgebracht. Mal abgesehen davon, dass sein Satz seine Freunde betreffend total aus der Luft gegriffen war, hatte sie doch nur auf sein Handeln reagiert.
„Was wollte ich?“, er war nicht minder laut, als er Gretchen fassungslos musterte.
„Du hast deine PDA-Regel, dir ist es nicht geheuer wenn ich sentimental werde, du willst weiter Rauchen und du willst deinen Freiraum haben. Ich habe wirklich gedacht, dass ich dir eine Freude mache, wenn ich dir und den Anderen Karten schenke. Wenn… wenn du mich wirklich dabei haben hättest wollen, warum hast du dann nichts gesagt? So wie du es jetzt darstellst, wirkt es fast, als wärst du eifersüchtig“, ihre Atmung hatte sich immer noch nicht beruhigt und zu ihren Tränen lief ihr jetzt auch noch Schleim aus der Nase.
Unglaubliche Kopfschmerzen waren auf dem Vormarsch in Marcs Cortex.
Jetzt?
Den pulsierenden Schmerz hinter seinen Schläfen ignorierend, schlug er seinen rechten Handballen brutal neben Gretchens Kopf gegen die Tür, sodass der Dumpfe Ton in Marcs Wohnung und draußen im Flur widerhallte:
„Verdammte scheiße, ich bin eifersüchtig! Ist es das was du hören wolltest. Woo-oo Marc Meier ist eifersüchtig, was eine Glanzleistung, Gretchen, du hast‘s geschafft. Glückwunsch.“
Diesen Moment würde er später rekapitulieren und sich in schwachen Augenblicken selbst dafür hassen, weil Gretchen zusammengezuckt war. Nicht weil sie sich erschreckte, sondern weil sie Angst hatte.
Ihre großen blauen Augen, die hinter Tränen verschwammen, nach Hilfe suchten und dann doch seinen Blick einfingen, bevor sie ihr Gesicht in ihren Händen verbarg und schluchzte.
Er hatte sie nicht mal berührt, obwohl sein Körper der Länge nach ihre viel kleinere Statur an die Tür gedrängt hatte, doch noch während Marc sekundenlang ihr verborgenes Gesicht anstarrte, wurde ihm die Tragweite seines Handelns bewusst.

Sie hatte Angst vor ihm.

Als ob er sich verbrannt hatte, löste er sich abrupt von Gretchen, die kraftlos in die Hocke sank und markerschütternd in ihre Hände weinte.

Es tat ihm so, so leid.

„Ich…“, er drehte sich zur Fensterfront seiner Wohnung, suchte nach Worten und fand keine passenden, die auch nur annähernd entschuldigten, was er für ein großes Arschloch war.
Er hätte sie niemals geschlagen und trotzdem fühlte es sich danach an, als ob er genau das gerade getan hätte. Wie konnte er nur so die Beherrschung verlieren und ihr Angst machen? Ja, er wollte sie leiden sehen, und sie den emotionalen Schmerzen aussetzen, die er fühlte.
Aber… doch nicht so.
„Es tut mir leid. Ich-“, probierte er das Offensichtliche zu erst zu sagen, es war nur viel zu leise um Gretchens Jaulen zu übertönen.
Er drehte sich zu ihr zurück und nahm ihre lächerlich kleine Postur wahr, wie sie zusammengekauert vor seiner Tür hockte und weinte, weil… ihre Beziehung zu Ende war?
Dabei war es doch eigentlich das genaue Gegenteil von dem, was Marc ihr unterstellte. Dass sie ihn eben doch nicht in einer Beziehung ertrug, weil sie sich von ihrer Bindung zueinander distanzierte.
Doch warum weinte eben dann genau diese Frau dieser gescheiterten Beziehung so sehr hinterher?
Vermutlich verstanden Vollidioten schneller, als er in seinem betrunkenen Kopf, dass etwas nicht richtig war.
Müsste sie nicht erleichtert sein, dass er zugab eifersüchtig zu sein?
Müsste sie nicht Erhaben über den Dingen stehen, anstatt bitterlich zu weinen?
Müsste sie nicht auf ihn herab gucken, weil sein Herz brach, je länger er ihren zuckenden Körper beobachtete?

Sie war es, die eine innige, vertrauensvolle Beziehung mit ihm nicht aufbauen konnte… oder?

Wie war das? Was hatte sie gesagt? Hatte er ihr überhaupt richtig zugehört?
Hatte er ihr überhaupt ein einziges Wort geglaubt, seit sie hier war?
Gretchen log nicht. Scratch That: Gretchen konnte nicht (gut) lügen und sich selbst belog sie nicht mal auf der Waage, wenn sie morgens missmutig aus dem Bad kam.
War es nicht sowieso egal, warum sie diesen Streit hatten, denn nichts konnte seinen wütenden Ausbruch erklären, der ihre Beziehung allein gegen die Wand gefahren hatte?
Nein…
Weil… weil er im Recht war, oder?

Oder?

Ihr Schluchzen wurde erst nach langen Minuten ruhiger, in denen Marc hilflos die komplette Unterredung hinterfragte und nicht mehr wusste, ob seine Annahme richtig war.
„Es tut mir leid.“, sagte er noch einmal, ließ sich ihr gegenüber an der Wand nieder und setzte sich auf den Boden.
„Wenn ich wüsste, was ich… wann ich was falsch gemacht habe – vor heute – ich würde es ändern, Hasenzahn. Sofort.“
Sein gegenüber schüttelte den Kopf. Marc dachte zuerst, sie wäre noch nicht so weit zu reden, wenn es denn überhaupt noch etwas zu bereden geben würde, aber die Blonde überraschte ihn mit Schluckaufworten: „Du hast nichts falsch gemacht! Du bist nur du.“
Das tat weh, gab er ungern zu und biss sich auf die Innenseite seiner Wange.
„Ich hab mich so bemüht und angestrengt alle deine Wünsche-“
„Was denn für Wünsche“, obwohl er das Gespräch ruhiger angehen wollte, nicht zuletzt damit Gretchen nicht noch hyperventilierte, konnte er seine Stimme nicht bremsen.
„Du willst doch keinen Körperkontakt in der Öffentlichkeit, du willst das unbeschwerte Single-Leben wie Gorden haben aber mit ständig verfügbarem Sex und du willst, dass ich weiß, wann dir danach ist mit mir ein Fußballspiel anzugucken.“
„Wie kommst du darauf, dass ich mein Single-Leben zurück will?“, er stierte auf ein Fleckchen Fußboden, das neben seinen Beinen mit ihrer Jacke und den Schuhen hervorlugte.
„Es sind so viele-“
„Ein Beispiel, Gretchen. Ein einziges!“, bat er matt. Warum eigentlich? Diese Beziehung war nicht mehr zu retten.
„Die Weihnachtsfeier von Holgers ehemaligem Mitbewohner? Du hast mich barsch gebeten endlich von deinem Schoß aufzustehen, weil ich dich zu sehr vereinnahmt habe! Ich wollte das nicht, ich-“, sie brach ab, weil sich ihre Atmung schon wieder beschleunigt hatte.
Er runzelte mit der Stirn und suchte im Halbschatten ihren Blick: „So war das nicht.“
„Doch!“
„Nein!“, plärrte er heiser.
„Du hast dich auf meinen Schoß gesetzt und dann vor meinen Augen mit meinen ehemaligen Studienkollegen geflirtet, Hasenzahn! Genau wie mit Gordon!“
„Hab ich nicht! Ich war freundlich, ich hab gedacht du würdest es toll finden, wenn ich mich mit Freunden von dir verstehe. Ich… Jedes Mal, wenn ich dich als meinen festen Freund vorgestellt hatte, wurdest du steif wie ein Brett. Es ist dir unangenehm. Und ich hab wirklich an mir gearbeitet, dass ich dich nicht mehr in solche Situationen bringe, ich hab alles versucht und-“, das Schluchzen und die Tränen wurden wieder schlimmer, dennoch fuhr sie fort: „Das ist okay, weil du du bist. Weil ich weiß, wie wichtig dir deine Unabhängigkeit ist, aber ich kann das nicht mehr, Marc. Weil ich nicht weiß, wann du ein bisschen eifersüchtig bist wie gestern, obwohl dazu gar kein Grund besteht, oder wann ich dir überdrüssig bin. Ich weiß, warum wir uns im Krankenhaus so professionell wie nur irgend möglich geben, aber auch das hilft nichts. Das Tuscheln wird nicht weniger, denn ein jeder hat die vorgefertigte Meinung, dass ich mich an dir hochschlafe.“
Er kniff die Augen zusammen: Er hatte bereits geahnt, dass Gretchen echtem Mobbing im Krankenhaus ausgesetzt war, dass sie dies nun aber bestätigte, machte ihn missmutig. Dabei hatte er eigentlich gedacht, dass wenn man den Kollegen keine Munition gab, sie auch keine Möglichkeit hatten, zu schießen.

Zudem hatte sie all seine Eigenschaften falsch gedeutet: Ja, er wurde komisch, wenn sie ihn als festen Freund bezeichnete, aber nicht, weil er es nicht leiden konnte, sondern sich diebisch darüber freute.
Er hatte sie von seinem Schoß geschoben, weil er es nicht mehr ertrug, dass Gretchen strahlend, auf seinen Beinen gesessen hatte, über Anekdoten lachend, die er ihr nicht erzählte.
Seine Politik kein großes Rumknutschen in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen rührte daher, dass er sie für sich haben wollte.
Sie war privat.
Er hatte niemals gesagt, dass sie nicht einfach seine Hand nehmen konnte oder ihm nicht über den Nacken streicheln durfte – das war es, was sie aber daraus gemacht hatte. Seine fürs Krankenhaus überlegte Strategie in den Alltag integriert, weil sie dachte, sie klammere zu sehr.
Weil er ihr den Eindruck vermittelte, sie klammere zu viel.

Die Stille die sich über sie beide gelegt hatte, nutzte Gretchen um ihren Puls zu messen und für sie einen finalen Gedanken zu verbalisieren: „Ich weiß nicht, was du von mir willst, Marc.“
Er zögerte sie anzusehen, überwand sich schließlich und sah in wache Augen, die eine Antwort verdient hatten: „Ich will dich.“
Es sollte alles erklären, aber Gretchen schüttelte nur den Kopf: „Das meine ich nicht. Sex kannst du dir überall holen. Warum bin ich deine Freundin?“
Er stöhnte gequält ohne darüber nachgedacht zu haben, wie sehr diese Haltung Gretchens Meinung unterstützte.
„Gretchen, ich-“, was wollte sie hören, dass er sie gern hatte? Dass sie sein Leben auch außerhalb des Krankenhauses bereicherte? Dass er es liebte mit ihr Scrabble zu spielen, gemeinsam auf Lilly aufzupassen, Zeit zu verbringen, egal wie?
Er räusperte sich, doch bevor er sich aus diesem gefühlsduseligen Manöver befreien konnte, konterte sie mit seinen eigenen Waffen: „Ein Beispiel. Was macht mich, Gretchen Haase, klein, fett, inkompetent und besserwisserisch für dich wichtig?“
Marc schnaufte und schwieg. Das waren alles mal seine Worte gewesen, für die er sich nie entschuldigt hatte, dies aber hätte tun müssen.

Sein gegenüber sog scharf die Luft ein.
Natürlich spürte er, dass sie sich zusammenriss um nicht wieder zu Heulen, war aber erstaunt, dass sie es nach schier endlos langer Zeit in der gehockten Position in die Senkrechte schaffte und nach ihren Stiefeln griff.
Sie würde gehen, wenn er noch länger schwieg, dabei war seine erste Antwort absolut deutlich.
Er wollte sie.
Nicht im sexuellen Sinne (okay, auch), sondern als Komplettpaket.
Marc Meier wollte Gretchen Haase.
Mit Haut und Haar und ihrem verflixten Tagebuch, ihrem bescheuerten Musikgeschmack, ihrer Sorgfältigkeit, ihrem Duft, ihrer hypochondrischen Ader, ihrem großen Mitgefühl, ihrer herzlichen und manchmal naiven Art, ihr aufbrausendes Temperament, wenn er sie neckte.
Er wollte alles von ihr, was sie bereit war zu geben.
Und er wollte, dass sie verstand, dass all die Dinge, von denen sie behauptete, von denen sie überzeugt war, dass Marc sie bräuchte, nichts zu traf.
Er brauchte keinen Freiraum.
Er wollte sie.

Vielleicht war das ein Anfang, auch ohne schmalzige Worte ihr zu verdeutlichen, wie sehr er sie wollte:
„Ich brauche keinen Freiraum.“
Der Reißverschluss ihres zweiten Stiefels war bereits zur Hälfte hochgezogen, als sie ihn stutzend ansah.
„Ich brauche keinen Freiraum“, wiederholte er weniger brüchig und mit mehr Nachdruck in seiner Stimme.
„Was soll das heißen?“, er verbuchte den Umstand, dass sie den Reißverschluss des Stiefels nicht komplett hochgezogen hatte als kleinen Triumph mehr Zeit mit ihr rausgeschlagen zu haben.
„Ich hab dich gern hier, bei mir. Um mich. Also wenn wir zusammen sind.“
Mit vor der Brust verschränkten Armen baute sie sich vor ihm auf: „Ich sagte bereits, dass ich Sex nicht meine“, sie nahm ihre Jacke auf und legte sie sich über den Unterarm. Fehlte nur noch ihre Handtasche, die irgendwo über ihm am Jackenhaken baumelte.
„Ich auch nicht“, er war vom Streit müde.
Warum verstand sie denn einfach nicht.
Warum verstand sie ihn nicht, wie er sie verstand?
Weil Gretchen ganze Sätze formuliert und du zu feige bist, das Teufelchen in Engelsgestalt machte sich in seinem Kopf wieder breit, als die Kopfschmerzen endlich weniger wurden und Erschöpfung seinen Körper heimsuchte.

Über seinen Kopf hinweg nahm sie ihre Tasche vom Haken.
Die blöde, rosa Wildledertasche, in der sie ihr ganzes Leben rein quetschte. Neben diversen Schlüsseln und Kugelschreibern war darin ihr Tagebuch, Tampons, eine Binde, Pflaster, kleines und großes Nagelset, Nähzeug, Papiere, Fotos, Schmerztabletten, Taschentücher, ihr bescheuertes Plastikhandy, Seife und ihr verfickter Deo-Roller.
Der, der eigentlich in seinem Badezimmer stehen müsste.
„Ich will deinen Roll-On-Stick in meinem Bad haben, Hasenzahn.“
Wenig überzeugt grunzte sie, zupfte den Gurt ihrer Tasche zurecht und drückte die Wohnungstürklinke herunter: „Neben Rauchen und Trinken jetzt auch noch Hallu‘s von Drogen? Du spinnst ja.“
Ob es ihr ungeübter Sarkasmus war oder der Luftzug, der Marc aus dem Treppenhaus entgegenwehte, er wusste es selbst nicht so genau, was ihn dazu veranlasste, all seine verbleibende Kraft ins Aufstehen zu investieren und wie schon Stunden?, Minuten?, Jahre?, zuvor die Tür vor Gretchen zuzudrücken.
Sanft. Langsam. Nie wieder wollte er etwas tun, was ihr Angst machte.
„M-marc“, sie wich einen Schritt zurück, als er sie abermals einkesselte, dieses Mal jedoch nicht an der Tür sondern rechts daneben. Da wo ihm ein Schuhregal fehlte. Eine Kommode. Etwas, was den kleinen Vorflur wohnlicher machte.
Die Blonde schluckte schwer, als er rechts und links neben ihrem Gesicht seine Hände an der Wand abstützte, tief einatmete und entgegen seiner Vernunft verbalisierte, was er dachte: „Bitte bleib.“

Er sah genauso fertig aus, wie Gretchen sich fühlte.
Und das Gretchen vor diesem Abend hätte ihm jeden Wunsch erfüllt, ihn angehimmelt und Tagträume von diesem Moment gehabt, denn er forderte nicht, er bat.
Aber das Gretchen nach diesem Gespräch, war genauso müde und überfordert und wünschte sich nichts sehnlicher, als Marcs Abgestumpftheit. Deshalb drückte sie ihn und seinen üblen Biermundgeruch an seinen Schultern von sich weg: „Du hast mit mir Schluss gemacht. Wir haben gestritten, wie du es wolltest. Ich sollte also gehen.“
Erneut wanderte ihre Hand zur Klinke, Marc dabei beobachtend, wie er sich seitlich an der Tür abstützte um sie am Gehen zu hindern.
„Bitte geh nicht, bleib hier. Ich-“, er brach ab, wusste nicht mehr, wie er es anders sagen konnte. Der Alkohol den er seit Stunden in sich hinein gekippt hatte, tat sein übriges und verhunzte seine Aussprache.
„Lass uns ins Bett gehen und morgen früh weiterreden. Und dann-“
„Diesen Vorschlag hast du mir vorhin verwehrt“, sagte sie, verschränkte die Arme vor der Brust.
„Da wusste ich ja auch noch nicht, was ich jetzt weiß!“
Sie nickte mit einer nach unten gezogenen Grimasse: „Und was weißt du jetzt?“
„Dass ich ein Idiot bin“, er probierte es mit einem Grübchenlächeln, wovon er wusste, dass sie es liebte. Die blonde Frau vor ihm, hatte in diesem Moment dafür jedoch nicht mal einen zuckenden Mundwinkel übrig.
„Komm lass mich raus und… es hat einfach nicht sollen sein. Es ist vielleicht besser, dass wir es am Anfang merken und nicht erst in ein oder zwei Jahren.“
„Gretchen“, er wischte sich mit beiden Händen im Gesicht herum, durchwühlte seine Haare und fühlte an seinem Hals nach seinem Puls, entfernte sich von der Tür, drehte sich wieder um die eigene Achse, nach Worten suchend, die ihm einfach nicht über die Lippen kamen.
Sie war schon halb zur Tür heraus, als er sie wider besseres Wissens, einfach am Handgelenk zurück in die Wohnung zog, immer darauf bedacht so sanft wie möglich zu sein und sie trotzdem energisch daran zu hindern, zu gehen.
„Marc, lass mich los“, wild fuchtelnd versuchte sie sich zu befreien, sein Griff jedoch war unnachgiebig fest aber nicht schmerzhaft. Damit sie vor der Tür nicht wieder gleich die Flucht antreten konnte, zog er sie zurück ins offene Wohnzimmer vor den Couchtisch.

„Ich will, dass du dich auf blöden Weihnachtsfeiern ungefragt auf meinen Schoß setzt. Und ich will, dass du… du bist. Ich will mit dir zu Fußballspielen gehen und dich damit aufziehen, dass du nichts verstehst. Ich will mit dir danach ein Bier trinken gehen und ich will dabei alles, nur keinen Freiraum. Ich will dir beschissene Valentinstagsgeschenke machen, die sich nicht lohnen. Und ich will, dass du deinen Deo-Roller in meinem Badezimmer deponierst, neben einer Zahnbürste, die nicht für Gäste ist. Ich will dich.“

Gehen oder Bleiben?

manney Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 876

22.02.2020 21:13
#21 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

74. Two Halves

Gerädert und mit den größten Kopfschmerzen seines ganzen Lebens blinzelte Marc am Morgen gegen die graue Helligkeit von draußen, die sein Schlafzimmer flutete.
Staubtrockener Mund, pochende Schläfen, Bauchschmerzen und kalter Schweiß, der sich von der Stirn bis zu seinen Waden zog, beflügelten die Theorie, dass er einen Kater hatte. Einen fiesen, schlimmen Kater.

In den ersten Sekunden seines Schldie Partei dessen Name nicht genannt werden darfeliriums erinnerte er sich an den grässlichen Alptraum den sein Unterbewusstsein in der REM-Phase projiziert hatte:
Als ob er wirklich im Vollsuff mit Gretchen Schluss gemacht und sie wirklich Angst vor ihm gehabt hätte. Völliger Blödsinn.
Schmatzend drehte er sich auf die andere Seite, suchte blind das Bett nach einem weichen Körper ab, fand aber nur eine leere Seite vor.
Oh, dann hatte er sich wohl wirklich nur eingebildet, dass sie ihn ins Bett gebracht hatte, nach einem Streit.
Trotz der weiterhin geschlossenen Augen verzog er seine Stirn in tiefe Denkfalten. Der Streit war nicht echt, den hatte er nur geträumt. Warum also wäre Gretchen heute Nacht hier gewesen und würde in seinem Bett liegen, wo er doch gestern überheblich viel ins Bier- und Ouzoglas geschaut hatte. Naja,… so viel war‘s eigentlich auch nicht, nur er wurde eben älter und er war einfach nicht mehr so trinkfest, wie noch als Student.
Er hatte Verantwortung für sich… und Gretchen… und als einer der jüngsten Oberärzte Deutschlands eine ganze Unfallchirurgiestation im Elisabeth Krankenhaus zu leiten, da konnte man sich nicht mehr jede Woche besaufen, weil das Leben nicht so verlief, wie man es sich wünschte.
Aber hatte er nicht alles, was er sich wünschte? Einen geilen Job, ein schickes Auto, ne prima Wohnung und Gretchen…
Abermals drehte er sich wieder um, verbarg sein Gesicht tief ins Kissen: er musste noch ein bisschen mehr schlafen, die Gedanken, die seine Kopfschmerzen nur verschlimmerten, brachten ihn sonst noch um.

Ob er tatsächlich noch einmal eingeschlafen war oder direkt wieder seine Augen geöffnet hatte, wusste Marc hinterher nicht mehr, nur dass das erste, was er hasserfüllt erspähte ein gefülltes Wasserglas mit einem Riegel Kopfschmerztabletten davor war.
So umsichtig war er nicht, dachte er noch, bevor sein Magen rebellierte und er sich ekelerregend in seinen türkisfarbenen Putzeimer vor seinem Bett erbrach, den jemand dort vorsichtshalber positioniert hatte.
Galle, Restalkohol und Würde hochwürgend röchelte er über dem Eimer, als das ganze Ausmaß von letzter Nacht in sein Bewusstsein kroch.
Kein Alptraum.
Gretchen war hier gewesen.
Sie hatte ihn ins Bett gebracht, seinen Kopf hoch gebettet, damit er nicht an seiner eigenen beschissenen Kotze verreckte, hatte ihm Wasser, Schmerztabletten und Eimer hingestellt.
Die krampfhaften Anspannungen seines Körpers noch mehr vom letzten Tag in den Eimer zu entleeren, ließen seinen Atem unnatürlich schnell ansteigen.
Ganz abrupt kam die Realität zu ihm zurück, traf ihn unredlich unterhalb seiner Brust, als seine Augen sich der Kurzatmigkeit wegen mit Tränen füllten.
Noch während er also ganz verklärt in seinem Kopf Sätze zusammen dachte, die er ihr sagen konnte, rief er bereits nach Gretchen. So laut er konnte, damit sie ihn durch die geschlossene Schlafzimmertür auch bloß hörte: „Gretchen!“
Aber sie war nicht mehr da.
Diese Erkenntnis traf ihn zehn Minuten später hart, nachdem er im Badezimmer den Eimer entleert hatte und sein Spiegelbild ihn missbilligend anstarrte. Seine Haut im Spiegel war ungesund grau, tiefe Ringe unter seinen Augen höhlten sein Gesicht aus und seine sonst rosa Lippen waren wundgebissen.
Die Nacht, das Gespräch und Gretchens große Augen, wie sie ihn angstvoll angestarrt hatte waren kein Alptraum gewesen.
Er hätte sie gehen lassen sollen, als sie ihn das erste Mal darum gebeten hatte, dieses Gespräch zu verschieben.
Stattdessen hatte er nicht nur ihre Beziehung beendet, sondern auch jedwede Möglichkeit auf Versöhnung gesprengt mit einem dummen, cholerischen Ausbruch wegen seines verletzten männlichen Stolzes.
Zurück im Schlafzimmer nahm er mit zittrigen Händen einen großen Hieb Wasser und gleich zwei Kopfschmerztabletten, damit das Rauschen in seinem Kopf ein Ende nahm. Dabei war nicht mal geklärt, ob die Kopfschmerzen tatsächlich von seinem abklingenden Alkoholrausch kamen, oder von dem brennenden Gefühl seiner Augen, dem er vehement nicht nachgab.
Wäre er ein Mädchen gewesen hätte er sich bäuchlings zurück in sein Bett geschmissen und eine Runde geheult.
Da er aber ein Mann über dreißig war, ein ziemlich einfältiger sogar, verließ er samt Trinkglas und Tabletten sein Schlafzimmer, wanderte den Flur hinab in die offene Wohnküche.
Das Glas leergetrunken füllte er es erneut mit Wasser aus dem Hahn, stellte es zitternd auf die Kücheninsel und schnaufte ächzend.
Die blöde Kuh hatte ihn sogar von seiner Hose und Socken befreit, damit sein Körper bestmöglichen Wärmeausgleich schaffen konnte.
Warum war sie nur immer so… lieb. So herzensgut und verlangte nichts als Gegenleistung?
Und warum war er so furchtbar schlecht darin ihr zu sagen, was er dachte?
Was er f-f-fühlte.
Er durchwühlte den Gefrierschrank nach Eis am Stil, fand aber keines. Das letzte hatte Gretchen vor Weihnachten gekauft. Wenn es ihm irgendwie möglich gewesen wäre, er hätte gern einen Resetknopf gedrückt und an den Abend zurückgespult, auf den Zeitpunkt auf der Weihnachtsfeier von Holgers ehemaligen WG-Mitgliedern.
Als Gretchen sich auf seinen Schoß gesetzt hatte, hätte er einfach den Arm um ihre Taille legen sollen, damit er demonstrativ jedem sabbernden männlichen Wesen am Tisch suggerierte, dass sie zu ihm gehörte, egal wem sie an diesem Abend schöne Augen machte. Egal über welche Witze sie lachte. Egal dass sie für alle ihr offenes, warmherziges Lächeln parat hatte.
„Scheiße“, brummte er leise, schlug seine platte Hand auf die Arbeitsfläche und atmete tief ein. Blickte durch den Raum und blieb am Couchtisch hängen.
Oder besser gesagt, sein Blick fixierte das, was auf dem kleinen Tisch stand. Eine kleine Glasflasche mit milchiger Flüssigkeit und einem durchsichtigem rosa Schraubdeckel als Verschluss.
Gretchens Deo-Roller.
Bebend ballte er seine Faust zusammen, versuchte sein verräterisches Herz zu beruhigen, bis er vor dem Tisch stand und tatsächlich einen abgerissenen Zettel unter ihrem Roll-On-Stick vorfand. Mit spitzen Fingern schob er die kleine Flasche beiseite, griff den Zettel und las ihre winzige Notiz:

Wenn du immer noch reden willst
– vernünftig, erklärend in Sätzen –
wenn du wieder aufgewacht und nüchtern bist, meld dich.
Gretchen

Sie gab ihm eine zweite Chance sich besser zu erklären.
Warum?
Wieso nur war ihr Herz so unheimlich großmütig, ihm nicht nur nach all diesen verbalen Attacken letzter Nacht, sondern auch nach seinem Wutanfall eine weitere Gelegenheit einzuräumen, mit ihr zu reden?
Diese Demütigung hatte sie nicht verdient und trotzdem war sie es, die ihm anbot sein unwirsches Verhalten von gestern Nacht zu erläutern.
Heroische, aufopfernde Männer, die nur das Wohl von ihren Freundinnen im Sinn hatten, würden sie in Ruhe lassen.
Marc hingegen war das allseits bekannte, egoistische Arschloch, das sie vermisste: Er suchte in seiner Jackentasche nach seinem Handy, öffnete das interne Telefonbuch und suchte nach Gretchens Namen, zögerte jedoch sie anzurufen.
Sie würde fragen, über was er mit ihr reden wollte.
Und er würde sagen, über alles.
Und sie würde fragen, was das bedeutet.
Und er würde ungeduldig werden und ihr sagen, dass sie ihn doch darum gebeten hatte, sich zu melden.
Und sie würde auflegen.

So oder so ähnlich sah er dieses Gespräch vor seinem inneren Auge ablaufen, also öffnete er sein SMS Menü und tippte dort mit flinken Fingern eine Nachricht ein: Bin wach und nüchtern. Lass uns reden. Bitte.
Er drückte auf „Senden“, schaute zum ersten Mal seit er aufgestanden war auf die Uhr, die 13:28 anzeigte, und befand, dass er dieses Mal alles richtig machen sollte.
Gretchen brauchte mindestens eine dreiviertel Stunde bis sie hier eintrudeln würde, was ihm genug Zeit verschaffte Kaffee zu kochen, sich die Zähne zu putzen, unter die Dusche zu springen und so viel braune Brühe zu trinken, damit sein totes Gesicht frisch strahlte.
Er benutzte, damit auch wirklich nichts mehr an seine Fahne erinnerte, die starke Mundspülung von der sich seine Zunge taub anfühlte und seine aufgebissenen Stellen an seinen Wangeninnenseiten desinfiziert wurden. Unter der Dusche schäumte er gerade erst seine Haare ein, als es unvermittelt klingelte.
Das konnte unmöglich Gretchen sein, selbst wenn sie auf ihr Rad verzichtete und das Auto nahm, brauchte sie bei sonntäglichem, Berliner Stadtverkehr mindestens zwanzig Minuten!
Aber natürlich war sie es – wer sonst besuchte ihn an einem Sonntagnachmittag ohne Ankündigung?
Ohne den Schaum aus den Haaren zu spülen wickelte er sich geschwind ein Handtuch um die Hüfte, gleitete beinahe auf den glitschigen Badezimmerfliesen aus, weil er es so eilig hatte zur Tür zu kommen um den Hörer der Gegensprechanlage abzunehmen: „Gretchen?“, fragte er.
„Ja, machst du die-“, ihre Frage hörte er sich gar nicht mehr bis zu Ende an, sondern drückte direkt auf den Summer, der sie ins Wohnhaus ließ.
Die kalte Flurluft in Verbindung mit seinem Klatschnassen Körper schickten ihm einen Schauer über den Rücken – vielleicht war es aber auch die freudige Erwartung Gretchen gleich zu sehen.
Keuchend hörte er sie, wie sie die Treppenstufen empor astete, die letzte Etappe nahm und in ihrem Schritt haltmachte, als sie ihn im Türrahmen erblickte: „Du bist nass“, erklärte sie das Offensichtliche ohne ihm eine Begrüßungsfloskel zukommen zu lassen.

Sie versuchte (wenig eindrucksvoll) von ihrem schweren Atem abzulenken, waren ihr doch die siebenundvierzig Treppenstufen zu seiner Wohnung jedes Mal ein Übel.
Das Grinsen, was sich auf seinem Gesicht breitmachte, kam selbst für ihn überraschend. Aber Gretchen, wie sie keuchend mit missbilligendem Blick an ihm hinunterschaute, wie er den Hausflur nass tropfte, machten ihn furchtbar, furchtbar glücklich: „Ich wusste nicht, dass du so schnell hier bist und dachte, ich schaff es noch zu duschen.“
Verächtlich schnaubend zog Gretchen die Augenbrauen hoch: „Du solltest reingehen, hier draußen erkältest du dich sonst noch.“
Er räusperte sich umständlich und guckte überall hin – nur nicht in ihre Augen.
„Willst du Kaffee?“, fragte er deshalb mit ausgestreckter Hand um sie in seine Wohnung zu ziehen.
Sie nickte zaghaft, legte aber ihre Hand nicht in seine, folgte ihm in die Wohnung und verschloss hinter sich die Tür. Nachdem sie ihre Jacke abgelegt, sich von ihren platten Ballerina Schuhen befreit und ihre Tasche aufgehängt hatte, zog sie sich dicke Wollsocken über ihre bestrumpften Füße.
Seine Wohnung hatte keine Fußbodenheizung, wie sie es gewohnt war, weshalb sie sich immer, wenn sie löchrige Strumpfhosen anzog, zusätzlich Wollsocken in ihre Handtasche einsteckte.
Ihr Kommunikationsproblem bestand immer noch und er wusste, dass er dieses Gespräch nicht mit schaumigen Haaren und nassen Arschbacken führen konnte, aber… als sie sich gegenüber der Kücheninsel standen und schweigend Kaffe tranken, konnte Marc den Blick nicht mehr von ihr nehmen.
„Du solltest vielleicht erstmal zu Ende duschen, bevor wir… reden“, Gretchen hatte betrübt den Blick gesengt und wartete darauf, dass Marc etwas erwiderte.
Eigentlich müsste er es sein, der auf ihre Gnade hoffte und trotzdem war die Rollenverteilung völlig verkehrt.
„Gretchen, ich-“ nein, nein, nein.
Er würde das Richtige tun und mit Erklärungen so lange warten, bis er frisch geduscht, angezogen und allen voran trocken sie um Entschuldigung bitten würde.
„Wartest du solange?“, fragte er unsicher. Ein Gefühl, auf das er nicht vorbereitet war.
„Natürlich“, platzte es aus ihr heraus, nickte zuversichtlich – woher sie diese Zuversichtlichkeit nahm war ihm ein Rätsel.
Denn alles woran er denken konnte, während er sich in zehn Minuten duschte, abtrocknete, Sweatshirt und Jeans anzog und seine Haare ein bisschen trocken rubbelte, war, wie er so eine Scheiße, die er verbockt hatte, jemals wieder beheben konnte.
Als er zurück ins große Wohnzimmer kam, stand Gretchen vor der Fensterfront und schaute nach draußen auf das Treiben unten auf die Straße.
Mit absoluter Sicherheit konnte er an ihrem geraden Rücken ablesen, dass sie sich zwischenzeitlich nicht hingesetzt hatte. Wie ein Gast wartete sie darauf, dass er ihr einen Platz anbot.
In seiner bekannt fließenden Geste nach seinem Puls an der Halsschlagader zu fühlen, nahm er zum ersten Mal wahr, dass ihr Verhalten noch nicht mal aus falscher Bescheidenheit herrührte, sondern er ihr augenscheinlich einfach nie auch nur annähernd vermittelt hatte, dass sie in seiner Wohnung erwünscht war. Dass er sie gern hier hatte.
Dabei war das doch eigentlich nicht explizit erwähnenswert, oder?
Wenn er sich Gretchen so gedankenverloren ansah, vermutlich schon.

Er räusperte sich, als er sich auf sie zubewegte und das entscheidende Gespräch noch eine Frage weit aufschob: „Wie bist du überhaupt so schnell hier hergekommen?“
„Ich war Lilly und Mehdi besuchen. Wir haben versucht Lilly zum Aufräumen zu animieren. Zweifelhaftes Resultat, was dabei rausgekommen ist“, sie lehnte ihren Hintern an den lauwarmen Heizungskörper und griente ihn an.
Was hatte er in seinem Leben eigentlich jemals so großartiges geleistet, dass er auch nach dieser schrecklichen Streitnacht so ein schönes Strahlen von ihr ohne Gegenleistung geschenkt bekam.
Er hoffte, dass sein aufmunterndes Schmunzeln ihr ähnliche Schmetterlinge bereitete, als er erneut seine Hand ausstreckte und darauf wartete, dass sie diese ergriff.
Zu seiner großen Erleichterung schob sie nur nach kurzem Zögern ihre kleinen Phalangen in seine Handinnenfläche, drückte sie fest.
Damit konnte er arbeiten: um dieses unsägliche Gespräch, was sie führen mussten – egal wie es endete – endlich zu beginnen zog er sie auf seine schwarze Ledercouch, darauf bedacht die Verbindung ihr Hände nicht zu lösen.
Zur exakt selben Zeit begann sowohl Marc einen Satz, als auch Gretchen:
„Gretchen-“
„Ich sollte anfangen.“

Auch wenn ihm die aufrichtige Entschuldigung auf der Zunge brannte, so nickte er und ließ sie gewähren:
„Ich liebe dich“, ihre zittrige Unterlippe und die Tränen, die blitzartig in ihren Augen schimmerten, erinnerten ihn an die Nacht, als sie genau diese Worte schon einmal gesagt hatte.
Nur da hatte er sie ignoriert. Absichtlich.
Jetzt hingegen befürchtete er, dass es das letzte Mal sein würde, dass sie diese Worte an ihn gerichtet hatte.
„Aber das geht so nicht weiter. Ich brauche klare Verhaltensstrukturen in einer Beziehung, ich kann nicht pausenlos auf Zehenspitzen herumschleichen, weil ich nicht weiß, was du willst, wann du willst und wie du es willst.“
An dieser Stelle wollte er gerade selbst ansetzen, als Gretchen abwehrend ihre linke Hand hochhielt: „Ich bin noch nicht fertig. Ich verstehe, dass du bestimmte Dinge einfach nicht sagen kannst. Das ist manchmal sogar eine sehr niedliche Eigenschaft, aber wir brauchen eine gesündere Kommunikationsstruktur. Denn der einzige Grund, warum ich noch einmal mit dir reden wollte, war, weil ich mir einbilde, dass dein „ich will dich“ von heute Nacht ein Versuch war, mir mitzuteilen, dass du mich magst und bei dir haben willst – und dir etwas an der Beziehung liegt.“
Abwartend schaute Gretchen ihn an, darauf hoffend, dass er sie in ihrer Annahme bestärkte, erntete aber vorerst nur ein schweres Schlucken.
„Gretchen, wenn du jetzt von mir hören willst, dass ich… uhm… G-gefühle für dich habe. Natürlich hab ich die und-“
„Nein… das meine ich nicht. Sondern wenn du schon nicht über diese Gefühle reden kannst, sie mir wenigstens zeigst. Und ich meine damit keinen Sex.“
Er hatte sie verloren: wollte sie Geschenke? Schokolade, Blumen, Parfum und Schmuck?
„Sondern?“, fragte er, bevor er sich die Zunge verbrannte und irgendetwas Falsches sagte.
„Ehrlichkeit wäre ein Anfang? Aufmerksamkeit? Hin und wieder ein Kompliment, wäre nett. Doofe Herzchenschokolade vom Discounter am Valentinstag; irgendetwas, damit ich sehe, damit ich merke, dass ich nicht austauschbar bin“, sie hatte während ihrer Erklärung die Hand aus Marcs Umklammerung gelöst und war aufgesprungen.
„Ich weiß wie bescheuert sich das anhört, aber du gibst mir keinen Anhaltspunkt, in irgendeiner Weise, dass dir an mir als Person etwas liegt, außer hervorragendem Sex und post koitale Streicheleinheiten. Ich bin zu klein, du dick, zu besserwisserisch. Inkompetent. Du denkst ich würde mit dir rumhuren, damit ich meinem Tagebuch was feines zu erzählen habe. Heute nacht war ich für dich kalt wie ein Fisch, fett wie die Titanic, ich bin zum Kotzen und jedes verdammte Mal, wenn ich versuche über den Dingen zu stehen und mich annähere, stößt du mich weg – im Übertragenen Sinne. Jetzt sag mir doch mal bitte, ob sich das für dich nach einer Grundlage einer Hälfte in einer Beziehung anhört?“

„Es tut mir leid“, das war keine Antwort auf ihre Frage, aber seine Entschuldigung hatte an dieser Stelle absolute Priorität.
„Das weiß ich Marc, sonst wärst du nicht daran interessiert dieses Gespräch zu führen.“
Wo sollte er nur Anfangen, wo Gretchen ihre Version der Geschichte schon plausibel vorgetragen hatte und so viele Umstände falsch deutete, weil er ihr gemischte Signale gesendet hatte.
Signale, von denen er dachte, dass eine jede Frau sie verstand? Zumindest die bisherigen, die er nicht nur in sein Bett sondern auch in sein Leben gelassen hatte, waren sehr gut darin zu erkennen, wie verknallt er war.
Mit den vergangenen Frauen hatte er aber auch keine holprige Vorgeschichte, die schon zu Schulzeiten begann und beim Arbeitsplatz endete.
Und keine Frau vor Gretchen, war ihm so jemals so wichtig.

Er schnaufte: „Ich bin dran?“, fragte er und ertrug ihren ablehnenden Blick kaum, weil er ihre Frage immer noch nicht beantwortet hatte.
„Wenn du… Als du auf dieser Weihnachtsfeier allen erzählt hast, du seist meine fF“, er räusperte sich, da die Blonde die Augen verrollte in denen Tränen schwammen. Sie hatte wohl auch die Schnauze voll davon zu hören, dass die Probleme in ihrer Beziehung wohl an diesem Tag ihren Zenit erreicht hatten und sie seither zu beschäftigt waren klärenden Worten aus dem Weg zu gehen. Oder jeder für sich andere Argumentationen dieses Abends vorbrachte. Aber er musste dort ansetzten:
„Es kann sein, dass ich zusammengezuckt bin“, wie war das noch mit Ehrlichkeit?
„Nein, ich weiß, ich bin zusammengezuckt, aber nicht, weil es mir unangenehm war, sondern weil ich mich darüber gefreut habe.“
Mit vor der Brust verschränkten Armen runzelte Gretchen die Stirn, setzte sich aber wieder.
„Du denkst, ich will Freiraum – Herrgott wie ich dieses Wort hasse. Das will ich aber gar nicht. Nicht so.“
Ach ja, es war so viel einfacher zu sagen, was man nicht wollte, als das zu sagen, was man wollte.
„Wenn ich sage, du sollst dein dämliches Deo bei mir im Badezimmer abstellen, dann weil ich will, dass du hier bist. Bei mir. Mit mir. Gemeinsam. Ob wir glotzend vor der Kiste hängen oder irgendwas zusammen unternehmen ist mir herzlich egal, solange wir was zusammen machen.“
„Aber du-“, schniefte sie, wurde von Marc aber unterbrochen:
„Ich möchte nicht mehr, dass du in deiner Handtasche wohnst. Und ich will dass du du bleibst, mit all deinen furchtbaren Gefühlsausbrüchen. Ich will, dass wenn dir danach ist, du meinen Nacken streichelst. Und Herrgott nochmal, meine eigene Regel in den Wind geschossen, ich will das auch machen. Als ich dir gesagt habe, dass ich unsere Beziehung nicht durch öffentliches Rumknutschen ausdrücken möchte, dann meinte ich damit doch nicht, dass du Abstand zu mir wahren sollst. Du hast unsere Vereinbarung im Krankenhaus professionell miteinander umzugehen in unser Privatleben gelassen. Und dass du dachtest, ich würde mir das wünschen, macht mich wütend. So unendlich wütend, weil das ist das exakte Gegenteil von dem, was ich will. Ich will dich. Mit all deinen Macken, deinem Tinnef, der in deinem Spint rumliegt, mit zehn Kilo Übergewicht-“
„Sechs einhalb!“, weinte sie.
„Deine naive Überzeugung du seist bloß schlauer als der Rest von uns, obwohl du permanent belehrst. Was ich heute Nacht gesagt habe – was ich heute Nacht getan habe – das wollte ich nicht. Und es tut mir leid, dir Angst machen, war das Letzte, was ich wollte. Ich war nur so wütend, weil…“ wenn er jetzt aufhörte, weil ihm die ausgesprochene Wahrheit immer noch viel zu weichgespült kitschig vorkam, dann würde er sie verlieren.

„Ich will dich nicht verlieren, und ich will nicht der sein, der verlassen wird. Ich bin schließlich die zweite Hälftedieser Beziehung, Gretchen.“

manney Offline

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24.02.2020 00:44
#22 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

88. Lazy Days

„Und was machen wir jetzt?“, fragte sie, nachdem die Heul-Attacke vorbei war und sie erschöpft, aber entspannt der Länge nach auf ihm lag. Sein Sofa war für eine Kuschelei eigentlich viel zu unbequem, aber für nichts auf der Welt hätte Marc diese Position aufgegeben. Gretchens gleichmäßige Atmung, ihr Kopf, der auf seiner Brust lag und seinem Herzschlag zuhörte; ihre winzige linke Hand in seiner rechten, die ausgestreckt über dem Boden in der Luft hing und seine mit ihren ineinander verhakten Finger sanft streichelte erfüllten ihn mit Zuversicht, dass sie diese Krise ihrer Beziehung gemeinsam meistern würden:
„Weiter?“

manney Offline

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24.02.2020 00:44
#23 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

a/n: (ich hasse Anmerkungen am Anfang...)
also eigentlich sollte das letzte Installment nur das vorherige Drabble werden und dann… ist doch wieder ein Mammut von fast 4000 Worten draus geworden. Ach mann…
Also ich wäre euch sehr, seeehr verbunden, wenn ihr zu diesem „Drabble“… zu dieser KURZGESCHICHTE

Elton Johns „Sacrifice“ hören würdet.

Ich hab an diesem Stück hier schließlich SECHS STUNDEN geackert, und dieses Lied in Dauerschleife gehört (und immer noch nicht genug von dem Song, yeay), dann könntet ihr mir, bitte, bitte den Gefallen tun, ja? Danke :)
Vielleicht kommt noch ein allerletztes, kleines Geschriebenes zu diesem Setting, ich mag mich nicht festlegen, weil eigentlich wollte ich noch was für den gestrigen Geburtstag von DD schreiben. Achja und ne Karneval-Story wollt ich auch noch raushauen… aber… zu viele Ideen, die zu lange zum Schreiben brauchen ist das größte Problem eines jeden FF-Autors, gell? Also haltet die Ohren steif

lg
manney

91. Sacrifice (Elton John)

Sie schnaufte wenig damenhaft, versucht sich aufzurichten, da Marc aber krampfhaft ihre Hand festhielt, bog sie bloß ihren Rücken durch um ihn anzugucken: „Wie weiter? Weiter wie bisher? Weiter mit unserer Beziehung? Weiter mit Reden? Weiter mit streiten?“
Eine tiefe Falte hatte sich zwischen ihren hübschen Augenbrauen gebildet, die Marc am liebsten weggeküsst hätte, sich aber nicht traute.
Sich selbst nicht über den Weg traute, dass es bei einem harmlosen Küsschen bleiben würde und sie im Grundsatz nicht weiterbringen würde. Denn obwohl er Versöhnungssex für ein ziemlich gutes Vorhaben hielt, so würde es die festgefahrene Situation nur noch verschlimmern – leider.
Seinen linken Arm, der zwischen ihrem Körper und der Rückenlehne der Couch eingeklemmt war zog er umständlich hervor und fuhr dann leicht mit sanften Fingerspitzen die nachdenkliche Furche auf ihrer Stirn nach: „Weiter reden, Hasenzahn“, er konnte sich sein Grübchenlächeln nicht zurückhalten.
„Wir haben doch schon so viel geredet. Und wir drehen uns ja doch nur im Kreis. Was wir brauchen ist ein Plan. Und Sex. Ich vermisse den guten Sex mit dir.“
Er grunzte ungeniert, reckte seinen Kopf in eine ungünstige Position, damit er sie noch ein bisschen besser betrachten konnte: „Du willst Versöhnungssex?“
„Nein! Um Gottes Willen, nein. Ich hasse Versöhnungssex. Es hat sich mir nie erschlossen, wie Menschen miteinander schlafen können, wenn sie sich den ganzen Tag nur am Arsch hatten. Was ich meine...“, sie atmete aus und begann ihren Satz erneut: „Wir brauchen Eckpunkte um eine vernünftige Kommunikation aufrecht zu erhalten, damit so ein Streit wie heute Nacht nicht noch einmal passiert. Damit ich weiß, was du willst und-“
„Ich weiß, was du willst?“, beendete er ihren Satz.
Sie nickte und trotzdem war die Denkfalte auf ihre Stirn zurückgekehrt.
„Was willst du denn? Außer Sex“, sein schelmisches Grinsen wurde erst breiter, verschwand dann aber, als er bemerkte, dass Gretchens Finger das Streicheln seiner Hand eingestellt hatten.
„Ich… ich will immer noch wissen, was du von mir willst. Warum ich?“
„Boha, Gretchen“, es war ihm rausgerutscht und ja, diese Frage war ihm zuwider; reichte es denn nicht, dass er sich beinahe selbstkastriert hatte, als er ihr sagte, dass er sie nicht verlieren und selbst nicht verlassen werden wollte?
„An dieser Stelle waren wir vor einer halben Stunde schon. Ich hab dir doch gesagt, dass ich dich gern um mich hab und-“
„Das meine ich aber nicht!“
„Sondern?“, er bemühte sich wirklich, aber konnte sie unausgesprochene Dinge nicht selbst interpretieren? Sie war früher im Deutschunterricht so gut darin gewesen!
Ungalant rutschte sie auf seinem Bauch herum, richtete sich umständlich auf, ohne die Verbindung ihrer Hände zu lösen: „Frag mich, warum ich dich liebe“, bat sie ihn.
„Uhmpf“, grunzte er, und leider nicht, weil Gretchen zu schwer war und er von ihrem Gewicht erdrückt wurde.
„Gretchen, ich-“
„Bitte!“

Er hatte ihr die letzte Nacht so viel abverlangt und ihr nun diese Bitte abzuschlagen wäre abartig selbstgerecht gewesen, dennoch zögerte er – solange bis Gretchen den Blick auf ihre in einander verhakten Finger senkte und wieder damit begann seinen Handrücken mit ihrem Daumen zu streicheln.
Es kostete ihn höchste Überwindung und er hoffte, dass dies nicht die Frage war, die einen erneuten Streit heraufbeschwörte: „Okay,“, schnaubte er: „Warum liebst du mich?“
„Ich liebe dich, weil du mich davon überzeugen willst, einen Fahrradhelm aufzusetzen. Weil du mich anspornst im OP mein Allerbestes zu geben. Dein Lächeln lässt meine Knie immer ganz weich werden, wie in kitschigen Hollywoodfilmen. Dein Sexismus, den du nur dann zum Besten gibst, wenn es keinen Grund gibt, macht mich wütend. Aber gleichzeitig liebe ich deine Umsicht, wenn du wildfremden Oberschwestern die Tür aufhältst. Du versteckst deine guten Eigenschaften hinter deinem charmanten Augenzwinkern, und jedes Mal, wenn du mich an den raren Momenten teilhaben lässt, wenn es dir nicht so gut geht, dann tut mir das furchtbar weh, dir nicht helfen zu können. Dein Umgang mit Menschen, die dir wichtig genug sind, dass du sie an deinem Leben teilhaben lässt, macht mir Herzrasen und wenn du dich über irgendetwas ärgerst will ich dich eigentlich nur in den Arm nehmen. Schokolade, die du mir mitbringst schmeckt so viel besser, obwohl es seit zwanzig Jahren die selbe Marke ist. Ich-“, sie wischte sich energisch mit beiden Händen synchron die Tränen aus den Augenwinkeln, noch bevor Marc die Gelegenheit hatte, ihre Hand fester zu umgreifen.
„Jede Minute, die wir zusammen sind, frage ich mich, wie ich dein Leben glücklich gestalten kann, weil du mich so glücklich machst, wenn du mich einfach nur anguckst und ich mir einbilde, hoffe und bete, dass du nur mich so anguckst. Das sind alles Dinge, warum ich dich will. Warum ich dich liebe. Weil du mit so simplen Gesten meinen Tag um so vieles besser machst! Und ich will darauf- ich will auf dich nicht verzichten.“ Sie hatte natürlich absichtlich seine Wortwahl von „ich will dich“ übernommen, damit es ihm vielleicht einfacher fiele über seine eigenen Gefühle zu reden.

Da saß sie nun, darauf wartend, dass er ihr ähnlich sentimentale Worte zukommen lassen würde, die er nicht im Stande war auszusprechen. Es war wie eine innere Blockade, als er sich die Worte in seinen Gedanken zurechtlegte, seine Stimmbänder jedoch nur ein Räuspern formten.
Wie war das noch?
Ihr bescheuerter Musikgeschmack, ihre hypochondrische Art, ihr viel zu großes Herz, das für ihn auch nach seinem cholerischen Anfall von heute Nacht schlug. Gemeinsames Scrabble spielen oder einfach nur Zeit miteinander verbringen; weil sogar der ekelhafte Krankenhausfraß in ihrer Gegenwart einfach besser schmeckte.
Es wäre eine prima Liebeserklärung gewesen – in den Büchern seiner Mutter vielleicht.
Im wahren Leben, auf der Couch liegend und sekündlich zu sehen, wie die Selbstzweifel Gretchen auffraßen, leckte er sich nur über die Lippen und verstärkte den Druck seiner Hand um ihre Finger.
Warum musste er ihr, die doch immer alles gewusst hatte, erklären, wofür es rational gar keine Erklärung gab?
„Irgendwas, Marc? Was macht mich zu etwas besonderem, warum du mit mir deine Zeit verbringen willst. Warum du mich bei dir haben willst. Warum du mich magst?“, jedes noch so kleine Bisschen Reststolz über Bord werfend, flehte sie ihn an!
Sein Kiefer war wie versteinert, als seine Zähne aufeinander mahlten und er den Blick auf ihre ineinander verschlungenen Hände richtete. Ihre Fingerknöchel waren weiß, so sehr klammerte sie sich an diese Beziehung in der Hoffnung für Marc mehr zu sein, als ein emotionsgeladener Zeitvertreib.
„Ich weiß, dass dir das alles zu gefühlsduselig ist, und du gewisse Dinge nicht aussprechen kannst. Das ist in Ordnung, Marc. Wir müssen nie wieder darüber reden, ich verspreche es. Aber bitte gib mir nur einen Grund. Nur einen. Warum, willst du, dass ich in deiner Wohnung nicht nur Gast sein soll? Weil wir miteinander schlafen oder-“ weil du, vielleicht nicht glücklich, aber zumindest zufrieden bist, wenn wir zusammen sind? Weil du vielleicht genauso Herzklopfen hast, wenn du an mich denkst, wie wenn ich an dich denke?
Sie machte es ihm schon so einfach, sie wollte ja gar nicht, dass er sagte, dass er sie liebte, oder gern hatte. Es reichte ihr ja schon, dass er sie nicht verbesserte, als sie ihm unterstellte, dass er sie mochte. Nur reichte das eben nicht, wenn man wie Marc mögen mit ständig verfügbarem Sex und geteilten Arbeitsleiden verwechselte.
Sie war wie die fleißige Arbeiterbiene: austauschbar, denn er hatte keinen Grund neben ihren gemeinsam verwobenen Arbeits- und Privatleben mehr für sie zu fühlen, als simple Vertrautheit und Verbundenheit sich so lange zu kennen.
Sie sprach ihm nicht ab, dass er tatsächlich Bedauern fühlte und panische Angst davor gehabt hatte, Verlassen zu werden, weil er gedacht hatte, dass Gretchen sich zu ihrem eigenen Wohl von ihm distanzierte, aber nicht, weil er sie als Person, als Mensch, vermisste, sondern weil ihm entgegen all der arroganten Attitüden eine Beziehung doch mehr zusagte, als er zugegeben hatte.
Das Problem war jedoch, dass Gretchen keinen anderen wollte, außer Marc – ihr war es nicht egal mit wem sie eine Beziehung führte.
Er war ihr nicht egal und je länger sie ihn und sich mit der Stille quälte, in der Marc nichts sagte, sondern abwechselnd in ihren Augen nach Antworten suchte, die sie ihm nicht soufflierte, tat sie ihnen beiden gleichermaßen weh.

Die einzig richtige Entscheidung war es, ihre krampfhafte Hand um seine Finger zu lockern, von ihm und der Couch hinabzusteigen und den Weg zur Tür hinter ihrem Tränenschleier zu finden.
Marc hatte seine linke Hand reibend über seine Augen gelegt, guckte sie noch nicht einmal an.
Das Schluchzen hatte wieder eingesetzt und die Kurzatmigkeit, war ähnlich wie heute Nacht auch wieder zurückgekommen. In ca. drei Minuten würde der ungesunde Schluckauf beginnen, der ihre Kehle zuschnürte und sie konnte nichts dagegen tun.
Ihr vor einer Stunde gerade geklebtes Herz war abermals zerstückelt auf dem Boden aufgeschlagen – aber dieses Mal konnte sie Marc nicht mal die Schuld dafür geben.
Während sie umständlich ihre dicken Socken auszog war Marc hinter sie getreten. Durch seinen katzenartigen Gang hatte sie ihn überhaupt nicht bemerkt, nur das tiefe Einsaugen von Sauerstoff verrieten, dass er hinter ihr stand: „Lass uns diesen Streit einfach vergessen, Gretchen. Lass uns Versöhnungssex haben, bis wir umfallen, und-“
Ihr entwich eine Mischung aus einem Jaulen und einem unterdrückten Lachen: „Weitermachen? Wie bisher?“, sie richtete sich auf, es war ihr sogar egal, wie verweint und schrecklich sie aussehen musste, die Kraft ihre Hände vors Gesicht zu halten, hatte sie nicht mehr.
„Lass es uns besser machen. Anders. Wir-“
„Auf was für einer Basis denn?“, schluchzte sie.

Einige Haarsträhnen klebten in ihrem rotverweinten Gesicht, die Marc ganz natürlich von ihrer Schläfe hinters Ohr schob, aber auch auf ihre letzte Frage die richtige Antwort nicht wusste.
Sie mussten doch eigentlich nur daran arbeiten, dem anderen zu sagen, was sie dachten. In kleinen Schritten, das war doch keine so schlechte Basis, oder?
Aber wie sollte er ihr nur all das Chaos, das in seinem Kopf Pingpong spielte, erklären, das er selbst nicht verstand?
Schon weit bevor sie überhaupt zusammengekommen waren, gab es da dieses fürchterliche Bauchziehen, wenn er an sie dachte. Das rational nicht nachvollziehbare mehr Freuen auf die Arbeit, weil sie da sein würde. Einen extra guten Spruch kloppen, der ihre Augen zum Strahlen brachte. Er konnte ihr das Warum, auf das sie so sehr bestand, nicht beantworten, weil er es nicht anders definieren konnte, als dass er sie wollte. Immer.
„Es tut mir leid“, sie wehrte sich zwar anfangs, aber er zog sie trotzdem in seine Arme und drückte sie ein letztes Mal fest an sich, wiederholte, wie leid es ihm tat.

Während Marc krampfhaft versuche diese Umarmung so fest wie nur möglich zu gestalten, vielleicht würde sie das ja am Gehen hindern?, lehnte Gretchen einfach nur an seiner Brust, die Schultern hängend und versuchte sich das Geräusch seines Herzschlags zu merken. Sie hoffte inständig, dass ihr Gehirn dieses Geräusch als eine besondere Erinnerung abspeicherte und sie nicht Gefahr lief diese Herztöne mit x-beliebigen Tönen von Patienten zu verwechseln.
„Ich sollte vielleicht gleich meine Unterwäsche mitnehmen. Und meine Zahnbürste. Und meinen Deo-Roller“, flüsterte sie matt.
„Ja“, nickte Marc knapp, machte aber keine Anstalten sie aus seinen Armen zu entlassen.

Gretchen wusste nicht, wie lange sie die Zeit ausgetrickst hatten, bis sie ihr vernünftiges Denken einholte und sich, wenigstens nicht mehr heulend, von Marc löste um den Deo-Roller, der immer noch auf dem Couchtisch stand, in ihre bereits umgehängte Handtasche zu verstauen.
In seinem Schlafzimmer schnappte sie sich aus der Schublade die zwei sexy Unterhosen, die sie extra dafür gekauft hatte, um bei Marc in der Kommode Eindruck zu schinden.
Das Badezimmer war noch warm von Marcs schneller Dusche und er hatte wie immer hinterher nicht gelüftet. Er hatte ihr sooft gesagt, dass das hier eine gut sanierte Wohnung war, die wegen dem bisschen Feuchtigkeit nicht gleich Schimmel ansetzten würde – Gretchen, neurotisch wie sie nun einmal war, hatte trotzdem jedes Mal das Fenster geöffnet und von Marc ein abgrundtiefes Stöhnen geerntet.
Bis sie angefangen hatte sich darüber Gedanken zu machen, ob sie ihm damit nicht zu sehr auf die Nerven gehen würde.
Ihre ständige Besserwisserei.
Ihr ständiges Bemuttern.
Ihr ständiges Klammern.
Auch wenn es ihn nicht nervte, wie er ihr versicherte, so war auch das eine Eigenschaft, die er von jeder anderen Frau haben konnte.
Ein kurzer, knapper Blick in den Spiegel, bevor sie die Zahnbürste aus dem Zahnputzbecher nahm, zeigten ein ziemlich hässliches Bild von ihrem sonst so rosigen Gesicht.
Obwohl sie vorsorglich auf Schminke aller Art verzichtet hatte, waren die rot geschwollenen Augen und Tränenspuren ein Horrorszenario für sich. Bevor sie also diese Wohnung und Marc verlassen würde, müsste sie sich wenigstens noch einmal das Gesicht mit kühlem Wasser waschen.
Im Schrank neben dem Waschbecken fand sie einen weichen Waschlappen, tränkte diesen mit Wasser und drückte ihn auf die erhitzten Stellen auf ihren Wangen, Stirn sowie Nacken.
Als sie erneut in den Spiegel schauen wollte erspähte sie aus den Augenwinkeln Marc der im Türrahmen stehen geblieben war, immer noch auf seinen Zähnen mahlend.
„Das ist ungesund, Marc. Du machst dir die Zähne damit kaputt. Und willst ja garantiert nicht, dass die mal so aussehen wie meine, oder?“
Er verschränkte die Arme vor der Brust und hatte ein ächzendes Schnauben für sie übrig.
Den ausgewrungenen Waschlappen legte sie ordentlich zum Trocknen über den Heizkörper, trocknete sich danach am Gästehandtuch die nassen Finger ab und öffnete, einfach, weil ihr danach war, das Fenster.
Ein müdes Lächeln legte sich auf Marcs Gesichtszüge, als Gretchen das Fenster ankippte und sich selbst nickend zustimmte.
„Ich hätte dir was zum Valentinstag schenken sollen. Ein Buch mit dem Titel: Wie man keinen Schimmel aus der Wohnung vertreibt!“, es hätte so gern gesehen, dass sie wenigstens ein kleines Zucken der Mundwinkel für ihn und seinen Spruch übrig hatte. Stattdessen fragte sie ihn Schulter zuckend: „Warum hast du‘s nicht gemacht?“
„Was? Dir so ein Buch geschenkt? Oder überhaupt was?“
„So ein Buch. Gibts bestimmt in der Spaßabteilung. Außerdem hast du mir ja etwas geschenkt, ein Abendessen bei diesem feinen Franzosen Unter den Linden. Konntest ja da noch nicht ahnen, dass wir…“, sie atmete tief ein, sammelte sich einen Augenblick um dann ruhig fortzufahren: „Dass wir uns trennen.“
„Es war kein richtiges Geschenk“, er suchte ihren Blick, dem sie ihm vehement verwehrte. Und trotzdem fragte sie nach, was er damit meinte.
„Ich hab erst mittags dort angerufen, und nur dadurch noch einen Platz bekommen, weil ich dem Oberkellner gesagt habe, meine Mutter würde in diesem Restaurant Recherchen für ihr neues Buch sammeln. Das Essen war spontan improvisiert, weil ich kein Geschenk für dich hatte.“
Ihr Herz lag schon kaputt auf dem Boden und trotzdem fühlte es sich an, als ob Marc noch einmal drüber gefahren wäre.
„Tja…“, machte sie lahm, sie würde nicht wieder anfangen zu heulen. Ums verrecken Willen, sie würde nicht noch einmal heulen. Und schon gar nicht wegen so was bescheuertem wie keinem Geschenk zum Valentinstag.
„Ich wusste einfach nicht, was ich dir schenken sollte.“

Ihr gesplittertes, überfahrenes Herz hatte er aufgehoben, und gegen die nächste Wand geschlagen.

Die Tränen, brannten ihr doch wieder in den Augenwinkeln und sie wünschte sich nichts sehnlicher als endlich aus Marcs Wohnung zu verschwinden.
Den einzige Ausgang aber aus diesem Badezimmer okkupierte Marc mit seiner Statur und der würde sie sicher wieder in die Arme ziehen, wenn er erstmal mitbekam, dass sie wieder kurz vor einem neuen Heul-Krampf stand.
Andererseits… das Fenster wäre vielleicht noch eine Möglichkeit. Die Frage war nur, ob sie den Sturz aus dem dritten Stock überlebte.
Entweder wollte er ihr die Trennung erleichtern, oder Marc war ein noch viel größeres, sadistisches Arschloch, als vermutet, denn er sprach einfach weiter.
Natürlich, darüber konnte er reden.

„Es hätte so viele Möglichkeiten gegeben, irgendwas zu kaufen. Ich hab mir sogar Rat von Cedric und Mehdi geholt. Sogar die blöde Hassmann hat nicht davor zurückgeschreckt sich einzumischen. Aber… ach…“, er fuhr sich müde durch die Haare, wusste nicht, wieso er ihr das überhaupt erzählte.
Es änderte nichts.
Weder Gretchens Beharren auf Konsens noch seine stoische Verschlossenheit.

„Gut… uhm. Kann ich dann gehen?“, fragte sie und schaffte es dieses Mal nicht, Marcs fragendem Blick auszuweichen. Seine tief in Falten gezogenes Gesicht blitzte sie aus kleinen Augen an, weil sein Gehirn länger als üblich brauchte, ihre Worte in Informationen umzuwandeln.
Schnell, damit sie nicht dachte, er würde sie hier gegen ihren Willen festhalten, trat er einen Schritt zurück in den Flur hinaus, damit Gretchen an ihm vorbei konnte.
Die Blonde schloss hinter sich die Badezimmertür, marschierte zurück zur Wohnungstür und zog sich die Schuhe an.

„Ich hab halb Berlin abgeklappert, damit ich ein schickes Geschenk für dich finde“, er war ein Idiot. Sollten das wirklich die letzten Worte sein, die er ihr mitteilte, bevor sie seine Wohnung, ihn, verließ?

Allerdings hatte sich Gretchen abrupt umgedreht, als ob ihr gerade das Orakel von Delphi erschienen wäre.
„Du wolltest mir ein Geschenk kaufen?“
Eigentlich müsste er pikiert über ihre überraschte Frage sein. Es war ja nun nicht so, dass er ihr zu Weihnachten (einen teuren Kugelschreiber mit seinem Lieblingsspitznamen eingraviert) und ihrem Geburtstag (eine signierte Vinyl-LP von Cindy Lauper (er sagte ja bereits, sie hatte einen fragwürdigen Musikgeschmack!), zwar gebraucht aber sie hatte vor Freude geschrien!) nicht auch etwas geschenkt hätte.
„Ja…?“, sagte er vorsichtig, sich nicht ganz sicher, warum ihr Gesicht hoffnungsvoll zu ihm hochblickte.
„Warum?“, fragte sie.
Marc schnalzte laut mit der Zunge. Warum machten Männer zum Valentinstag Geschenke? Weil der Kommerz es ihnen vorgab? Weil sich irgendein blödes Unternehmen gedacht hatte, diesen Tag auszuschlachten und alle übrigen Firmen zogen nach?
„Weil man das eben am Valentinstag so macht?!“, er fand das in seinen Gedanken plausibel und auch eine recht schmeichelhafte Antwort als das, was er eigentlich dachte.

Okay, zu erst war ihr Herz gesplittert, dann überrollt, dann gegen die Wand geschlagen und jetzt noch mal… aufgegessen worden.
Er hatte gesagt, er wäre nicht aus Stein… offensichtlich war er aber genau das!
Ungerührt von Gretchens Erstarren erzählte Marc jedoch weiter: „Ich hab mir echt Mühe gegeben, aber alles erschien irgendwie nicht richtig.“
„Wie meinst du das?“, gut, dass sie kein Herz mehr hatte (wurde von ihm ja gerade verdaut), andernfalls wäre sie sicher erneut in Tränen ausgebrochen.
„Blumen überleben bei dir nicht. Schmuck trägst du nur deine billige Halskette – ein Armband würdest du ähnlich wie deine Uhren überall rumliegen lassen, wenn du am PC arbeitest. Parfum trägst du seit ich denken kann immer nur ein und den selben Duft, der weder einen besonders hübschen Flakon hat, noch irgendwie Eindruck in der Preisklasse geschunden hätte. Und da Unterwäsche von Victorias Secret grundsätzlich tabu ist, habe ich in einschlägigen Dessous-Läden nach etwas ausgefallenem für den Valentinstag gefragt. Die besonderen Editionen waren aber schon Wochen vorher vergriffen. Und Schokolade isst du ja seit den Feiertagen auch nicht mehr.“

Da stand er nun vor ihr, rieb sich schmerzend den Nacken und erzählte ihr von all den Dingen, die er nicht gekauft hatte, weil er dachte, sie würde sich nicht darüber freuen. Dabei wäre es ihr so egal gewesen, was er ihr schenkte, ihretwegen auch schlampige Negligees von Victoria Secret, wenn er es doch nur aus dem richtigen Grund getan hätte.
Weil er sie mochte. Weil er ihr eine Freude machen wollte. Weil er sie mit einer Aufmerksamkeit glücklich machen wollte. Weil er all diese kleinen Dinge von ihr wusste und sie trotzdem immer noch das Gefühl hatte, das etwas Essentielles fehlte.
Das verräterische Herz, dass wohl immer noch in ihrer Brust schlug, unternahm den allerletzten Anlauf, bevor es flatternd gen Himmel fliegen würde. Entweder weil es komplett tot war, oder weil die Hoffnung, die sie nach Marcs Ausführungen hegte, sich bewahrheitete.
„Also, warum hast du mir dann nicht einfach irgendwas geschenkt?“, sie zitterte am ganzen Körper, klammerte sich hilfesuchend an Marcs Sweatshirt, ihm fest in die Augen blickend.
Los, sag es. Du schenkst mir nicht irgendwas, weil ich für dich was besonderes bin. Weil du mich mich gern glücklich siehst. Weil ich nicht austauschbar bin.

Marc schwieg.

„Was willst du hören?“, er packte sie an den Oberarmen, als ihr Atem nur noch stoßweise ging, da der hysterische Heul-Krampf ihren Körper erneut durchschüttelte.
„Ich… ich will, dass du es fühlst. Ich will, dass ich für dich jemand Besonderes bin, der dich glücklich macht. Jemand mit dem du nicht nur Zeit totschlägst, bis sich was oder jemand besseres bietet. Ich will, dass ich für dich jetzt nicht austauschbar bin.“

Herztot und der letzte Rest Selbsterhaltungstrieb war auch die Toilette runtergespült – bravo Gretchen.

Gleich würde er ihr über die Wange streicheln, ihr mit seinem Grübchenlächeln versichern, dass sie sich da in etwas verrannt hatte, sie natürlich nicht austauschbar war, immerhin war er ja mit ihr zusammen, er würde sie küssen und sie würde die Lüge glauben, weil es so viel weniger schmerzte, sich selbst zu belügen, als der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, dass eine Trennung von Marc die einzige, noch mögliche Option war.

Ihre gellendes Jaulen, verrieten ihm, dass es ihr furchtbar ernst war, was sie da sagte. Es erschreckte ihn zutiefst, dass sie glaubte, sie wäre in seinem Leben keine Konstante. Er wusste nicht, wie lange dieses Gefühl anhielt, was er für sie jetzt empfand, ob es eine Beziehung von Monaten, Jahren oder ein Leben werden würde, aber… sie wusste trotz seiner Beteuerungen nicht, dass sie ihm jetzt wichtig war, dass er sie jetzt wollte.
Weil sie sich so klein und hässlich sah, wie er sie ein ganzes Schulleben behandelt hatte.
Sie wusste gar nichts, weil er es ihr nie gesagt hatte.
Ein simples „tut mir leid“ half da nicht, egal wie oft er es wiederholte.
Alles Unnette, was er ihr jemals gesagt hatte, war irgendwo in ihrem hübschen Kopf abgespeichert und machten den eigentlich so starken Hasenzahn zu einem heulenden Wrack, weil sie sich wünschte, dass er viele seiner Spitzen ihrer Figur, ihrer Inkompetenz, ihrer Neunmalklugheit nur aus Spaß sagte. Und auch wenn dem so war, nagte die Realität an ihren Gedanken, die ihr aufzeigte, dass sie tatsächlich nur durchschnittlich war.
Objektiv.

Die Frage nach dem Warum war also nicht ihren rosaroten, verträumten Gedanken geschuldet, sondern sie musste hören, dass seine subjektiven, heimlichsten Gefühle so völlig von dem abwichen, was er ihr tagein, tagaus vormachte. So viel Ehrlichkeit hatte sie verdient.

Auf einmal war es ganz leicht, wie sich der Knoten in seinem Hals nach einem kurzen Räuspern lockerte und er beruhigend auf sie einredete: „Du bist zwar dick, aber ich find dich sexy, genauso wie du bist. Ich freue mich auf die Arbeit so viel mehr, weil ich weiß, dass du da bist. Wenn wir gemeinsam Feierabend machen und wir nicht nur Zeit totschlugen, wie du es nanntest, sondern wir uns unterhalten, macht mich das glücklich. Ich will deine Weltanschauung verstehen, weil deine Gradlinigkeit eine Charaktereigenschaft an dir ist, die ich bewundere. Dein bevorzugtes Musikgenre ist grauenvoll, aber um nichts in der Welt möchte ich darauf verzichten, dich dabei zu beobachten, wie du schräg versuchst Texte mitzusingen. Hei“, er schob beide Hände an ihre Wangen, drehte ihren gesenkten Kopf zu sich hinauf, damit sie seine nächsten Worte besonders klar durch ihre verheulten Nebelgedanken wahrnahm: „Wenn ich sage, dass ich dich will, Hasenzahn, dann weil ich das genauso meine. Dich, mit Haut und Haar, deinem Tagebuch und deinen Gefühlsausbrüchen. Mit deiner naiven, süßen Art, wie du manchmal gar nicht glauben kannst, wie schlecht die wirklich Welt ist. Ich bin mit dir zusammen, weil du anders bist. Weil du mich mit deiner hypochondrischen Art manchmal belustigst, weil du ein großes Herz hast, dass mich liebt, obwohl ich das, weiß Gott, nicht verdient habe. Weil wenn wir gemeinsam Mittagessen sogar der ungenießbare Kantinenfraß besser schmeckt. Was ich jemals alles Schreckliches zu dir gesagt habe, Gretchen, kann ich nicht unsagen. Aber ich probiere es, täglich, zu relativieren!“
„Und warum konntest du es vorher nicht sagen? Das ist doch jetzt nur, weil ich dir die Worte geradezu in den Mund gelegt habe. Das musst du nicht tun, ich…“, sie weinte bitterlich mit zugekniffenen Augen, umfasste aber hoffnungsvoll seine Hände, die immer noch ihre Wangen streichelten.

„Herrgott noch eins, ich weiß nicht, wie lange ich noch so fühle, aber jetzt musst du mir einfach glauben, wenn ich dir sage, ich liebe dich!“

manney Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 876

01.03.2020 15:38
#24 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

28. Same old song and dance

Es war wie immer.
Seine Machosprüche, sein gehässiges Lachen, seine bescheuerten Grübchen, die er in weiser Voraussicht immer dann in sein Gesicht zauberte, wenn Gretchen kurz davor war ihn zurechtzuweisen. Sabine hatte ihm nicht schnell genug den Bipolar gereicht, er motzte, dass sie – wie immer – zu langsam wäre.
Gretchen saugte – seiner Meinung nach – nicht schnell genug das Blut ab, er beschwerte sich ungehobelt.
Die Schichtpläne für den nächsten Monat ärgerten ihn aber noch am meisten, weil er, neben Bereitschaftsdienst, ausschließlich zur Muschischicht eingetragen war.
Gretchen hatte ihm daraufhin die Stationsspardose unter die Nase gehalten und bestand darauf, dass für diese Umschreibung gleich zwanzig Euro in die Machokasse gehörten.
„Du weißt doch, die beste Schicht taugt nichts, wenn wir sie nicht gemeinsam schieben!“
Und auf einmal hatte sich dann doch etwas verändert, als er mit blitzenden Augen, breitem Lächeln und seinem einzigartigen schelmischen Charme mit ihr auf dem Krankenhausflur vor den OP-Räumen unverhohlen flirtete. Vor Hannes, vor den OP-Schwestern, vor der Anästhesistin.
Aus der Tasche seines Arztkittels fischte er einen losen fünf Euro-Schein, den er vorsorglich immer parat hatte, weil er natürlich wusste, dass Gretchen jeden noch so kleinen Verstoß gegen gute Etikette zum Anlass nahm ihm Geld aus der Tasche zu ziehen.
Die Schwestern durften sich letztes Jahr vor Weihnachten schon über ein sehr hohes Sümmchen freuen, immerhin hatte Gretchen das Geld gerecht unter allen Krankenschwestern aufgeteilt, aber er ahnte, dass die Summe von 485€ dieses Jahr noch einmal getoppt werden würde.
Ihren Blickkontakt nicht lösend stopfte er den Fünfer in den Schlitz der Dose.
Das war Flirten.
Das war Augensex.
Heiße Röte stieg Gretchen in die Wangen.
Das ging doch nicht…
„Der Rest kommt später“, zwinkerte er ungeniert mit einem anzüglichen Unterton, der wohl bedeuten sollte, dass er seine 15 Euro Schulden auch anderweitig bei ihr abarbeiten wollen würde.
Eisige Kälte breitete sich auf ihrem Rücken aus, machten ihre Brustspitzen hart und ihren Kopf ganz leer. Sie versuchte ihm mit den Augen zu bedeuten, dass er absolut unangebracht reagierte, immerhin war das hier das Krankenhaus.
Ihr Arbeitsplatz!
Marcs Grinsen vertiefte sich allerdings nur, faselte dann Anweisungen für den gerade operierten Patienten und verließ mit wehendem, weißen Kittel die Intensivstation.
„Was war denn das?“, fragte die Anästhesistin an Gretchen gerichtet, die betreten zu Boden stierte, aber trotzdem der Oberärztin eine Antwort gab: „Dr. Meier hat einfach gute Laune?!“
Es sollte wirklich eine Antwort werden, es hörte sich aber leider dennoch wie eine Gegenfrage an.
Hannes herablassendes Schnauben folgte prompt: „Naja, an der Muschischicht kann‘s ja nicht liegen. Darf ich drei Mal raten?“
Gretchen biss sich schuldbewusst auf die Unterlippe.
Zu ihrer großen Verwunderung war es Schwester Sabine, die ihr die Spardose aus der Hand nahm und sich demonstrativ vor Hannes aufbaute: „Zwanzig Euro, in die Machokasse!“
„Wieso?“, fragte nun die erste Assistenz der Unfallchirurgie, verschränkte die Arme vor der Brust, als Sabine mit der Spardose vor seinem Torso rum wedelte.
„Weil Sie die Mittelschicht genital referentiell bezeichnet haben. Sehr Unschön, Herr Doktor.“
Hannes war kein Doktor. Also noch nicht, während Gretchen diese Hürde direkt nach dem Studium genommen hatte, versuchte die erste Assistenz diesen Umstand geflissentlich zu überspielen. Es freute Gretchen daher diebisch, dass er zähneknirschend von dannen zog und eine andere Schwester ihm hinterher rief, dass er später auf Station trotzdem zahlen müsste.

Beflügelt von so einem Teamgeist verlief der Nachmittag im OP absolut reibungslos. Dafür saß Gretchen hinterher alleine im Schwesternzimmer der ITS und trug Werte in Patienkurven ein – Hannes hatte sich Punkt 16 Uhr verabschiedet, nachdem Schwester Sabine tatsächlich zwanzig Euro von ihm eingefordert hatte. Von Marc übrigens auch, der keine Zehner oder Fünfer mehr klein hatte.
Deshalb hatte er wiederholt, was eh alle wussten: „Ich hasse die Muschischicht!“
Einen ganzen Fünfziger steckte er in die Spardose, musste dann eine kleine Applausrunde über sich ergehen lassen um endlich aus dem Schwesternzimmer entlassen zu werden.
Danach hatte sie Marc nicht mehr gesehen, dabei wollte sie ihm so gern sagen, dass er sein Flirten subtiler gestallten müsste. Denn auch wenn das Schwesternteam komplett hinter ihr (und hinter ihrer Beziehung zu Marc) stand, so war es die Anästhesistin die sich in der Cafeteria ausgelassen mit Kollegen über den „neuen“ Marc ausließ.
Dabei war der Marc gar nicht neu – der war schon immer so, nur versteckte er diese Seite nicht mehr vor seinen Kollegen.
Das begann gleich Montagmorgen, noch bevor man sich in die OP-Kleidung geworfen hatte um einem verunfallten LKW-Fahrer das Bein zu amputieren.
Er fragte wie es ihr an diesem Morgen ging – für normale Beziehungen war das… normal.
Gretchen hingegen stutzte, als sie sich in der Umkleide ihre Jacke auszog und das vergangene Wochenende voller Streit, Tränen und Schmerz Revue passieren ließ.
Und nicht zuletzt seine Liebeserklärung, dessen Erinnerung ihr heiße Röte in die Wangen trieb.
Sie war hoffnungsvoll, und sie wollte ihm glauben.
Natürlich wusste sie, dass sie in ihr Unglück rannte, weil sie Marc vertraute, dass er es Ernst meinte.
Mit ihr Ernst meinte.
Genau dies sagte sie ihm beim Mittagessen vor vier Tagen, dass er diese großen Gesten nicht zur Schau stellen musste, wenn er nicht wollte, sondern sie ihm vertraute (auf Probe).
Denn wenn er sich verstellte – für sie verstellte – dann würde sie das umbringen. Nicht physisch, aber sie würde daran zu Grunde gehen, dass er es ihr nur eine Zeit Recht machen wollte um sie zu überzeugen, dass ihre Meinung, sie wäre für ihn austauschbar, nicht stimmte.
Marc hatte darauf ganz zart seine Fingerkuppen über ihren Handrücken gestreichelt, sich vorgelehnt und ihr mit seinem frischen Kaugummi-Atem vertraut ins Ohr geflüstert: „Du solltest mich besser kennen, Hasenzahn. Ich mache nichts, was ich nicht will.“

Das bestätigte sich auch eben an diesem Donnerstagnachmittag auf der Intensivstation, als Marc in durchgeschwitzter OP-Kleidung sich stöhnend auf den Stuhl neben Gretchen am Computer fallen ließ, ächzend stöhnte, wann sie denn Feierabend hätte.
Gewissenhaft beendete sie erst die Zeile mit Anweisungen für die Schwestern vollzuschreiben, bevor sie ihm antwortete: „Ich hab seit siebenundvierzig Minuten Feierabend.“
„Oh,… verdient sich da jemand wieder Überstunden? Bienchenstempel gefällig?“, neckte er, streckte sich und freute sich über Gretchens Augenrollen und auf das Lippe beißen.
„Eigentlich müsste das Hannes machen“, brummte sie mit Krauser Stirn, schaute wieder auf die Kurve die vor ihr lag.
„Der war schlau genug abzuhauen. Solltest du vielleicht auch mal probieren. Dann kämen wir vielleicht auch endlich mal pünktlich aus diesem Bums hier raus und könnten mehr machen als nur Essen gehen und Sex haben.“
„Marc!“, sie quietschte seinen Namen immer so wunderbar aus ihren Lungen, wenn sie sich über seine unverblümte Art echauffierte.
Ein Räuspern in der anderen Ecke des ITS-Schwesternzimmers und das obligatorische Tuscheln begannen schlagartig. Marc grinste nur, leckte sich über die Lippen.
„Wir haben beide Feierabend, wir dürfen das! Ich geh jetzt duschen und hoffe, dass wenn ich wiederkomme du fertig bist?“, er lehnte sich weit nach vorn, nahm ihre zitternde (Gott, war sie verliebt in diesen Mann, das war ungesund) linke Hand in seine beiden und flüsterte: „Ich find das so sexy, wenn du rot wirst, Hasenzahn. Das bringt deine sonst so biedere Fassade zum Einstürzen.“
Schwer schluckend musste sich Gretchen erstmal Sammeln um ihm in die Augen schauen zu können: „Du, Marc, ich…“, sie brach ab, räusperte sich und begann noch einmal neu.
„Ich wollte eigentlich bis achtzehn Uhr hier bleiben“, sagte sie und ermahnte sich, dass es die ganz falsche Einleitung für ihr Vorhaben war.
Seine Mundwinkel nach unten ziehend, lehnte er sich zurück, wahrte den Diskretionsabstand: „Warum das denn?“
War es dumm, dass sie seine Nähe vermisste, obwohl sein Kopf keine fünfzig Zentimeter entfernt war?
Wenn sie ihm jetzt sagen würde, dass sie darauf wartete Gordon, dessen Schicht um 18 Uhr begann, zu sprechen, würde er wütend (oder traurig und ausfallend) werden.
„Hast du Samstagnachmittag schon was vor?“, fragte sie, überging seine Frage.
„N-nein?“, er war verwirrt, immerhin wusste er, dass Gretchen noch die nächsten sieben Wochen jeden Samstag mit Gordon einen Erste-Hilfe-Kurs leitete.
„Was hältst du denn davon, wenn wir… was miteinander machen. Was lustiges?“, es war die plumpste Anmache, die er jemals gehört hatte – aber auch mit Abstand die niedlichste.
„Du musst das nicht tun, Hasenzahn“, seufzte er. Obwohl es sich ziemlich gut anfühlte, dass Gretchen bereit war ihren Kurs mit Gordon sausen zu lassen, so wollte Marc eben auch nicht so ein Freund sein, der seine Freundin daran hinderte ihre Interessen zu leben. Auch dann nicht, wenn dies bedeutete, dass sie mit dem blonden Hünen acht Stunden in einem stickigen Raum Fahranfängern oder anderen armen Irren die Wichtigkeit der Ersthilfe beibrachte.
„Uhm“, ein Seitenblick zu den Schwestern, die ganz spitze Ohren bekommen hatten, veranlassten Gretchen dazu Marc am Arm in den Korridor zu ziehen.
„Ich will das aber… Weil ich nämlich nicht will, dass du dich mit Eifersucht quälst“, sie flüsterte es so leise, damit es auch wirklich niemand außer Marc verstand.
Ihr wunderbarer, in sie verliebter, manchmal eifersüchtiger, meistens sexistischer Oberarzt und Freund seufzte erbarmungslos: „Das ist mein Problem, Gretchen. Mach es also nicht zu deinem.“
„Aber-“
Marc schnitt ihr das Wort ab: „Mach deine Kurse mit Gordon. Das ist dir wichtig und es wäre falsch von mir dich daran zu hindern, weil ich die Vorstellung nicht ertragen kann, dass dieser… Sani dich acht Stunden um den Finger wickelt.“
„Macht er doch gar nicht.“
Tapfer grinste Marc sie an: „Du weißt nicht, was Männer denken, Gretchen.“
Gretchen zweifelte, dass Marc tatsächlich wusste, was Gordon dachte. Denn ja, Gorden war äußerst nett zu ihr und manchmal waren seine Komplimente besonders süß, aber sie wusste es einfach, dass er keine ernsten Absichten verfolgte.
Nie verfolgt hatte, dafür war er viel zu nett.
„Ich fühl mich aber schlecht, wenn ich zum Kurs gehe und um…“, sie gestikulierte zwischen Marc und sich hin und her „das hier weiß.“
Sie schnaubte, die nachdenkliche Falte zwischen ihren Augenbrauen war noch immer nicht verschwunden.
Marc schnalzte ungeduldig mit der Zunge: „Hasenzahn, ist gut jetzt. Du gehst dahin und fertig. Wir können hinterher-“
„Würdest du mitkommen?“, fragte sie unverblümt.
Perplex blinzelte er seine Freundin an: „Ich… glaub nicht, dass so ein Kurs zwei Ärzte und einen Sani braucht.“
„Marc“, mit verschränkten Armen vor der Brust stellte sie sich ein bisschen gerader hin, reckte das Kinn vor: „Ich bin in diesem ganzen Kompromisse finden nicht so gut, und das Einzige, was mir einfällt, wie wir den Samstag gemeinsam verbringen können und sich keiner von uns schlecht fühlt, ist, dass du mit zu diesem Kurs kommst. Da ist es doch völlig egal, was so ein Kurs braucht. Meinetwegen kannst du dich auch gern als Teilnehmer hinsetzen und mir dabei zugucken, wie ich mich bei einer Horde Abiturienten mit schlechten Witzen unbeliebt mache… ich will…“ mit dir gemeinsam glücklich sein (oder unglücklich).
Marc grunzte: „Ist gar nicht so einfach zu sagen, was man will, wenn man nicht gerade in emotionalen Ausnahmezuständen sein Wochenende verbringt, oder Hasenzahn?“, er nickte verständnisvoll, legte ihr in einer dominanten Geste die Unterarme auf die Schultern, erfreute sich an Gretchens warnenden Blick.
Es war ja bereits festgestellt, dass sie beide offiziell Feierabend hatten; was scherte ihn überhaupt noch sein dämliches Geschwätz keine intimeren Berührungen mit ihr in der Öffentlichkeit auszutauschen.
Alle wussten es, alle tuschelten… dann sollten alle wenigstens auch einen Grund haben zu lästern.
„Frag Gordon, ob er damit einverstanden ist, dass ich seinen Kurs übernehme?“
„Ü-übernehmen?“, Gretchen zog fragend die Augenbrauen hoch.
„Ja, ich halte nicht umsonst die besten Vorträge, Hasenzahn. Wenn ich mitkomme, dann nur um euch zu zeigen, wie man eine Horde – das war doch deine Umschreibung? – Jugendlicher beeindrucken kann. Ganz ohne Flachwitze“, neckte er mit Grübchenlächeln und seiner liebenswürdigen Arroganz.
Den Kopf schief gelegt, biss sich Gretchen gedankenverloren auf die Unterlippe: „Das heißt du kommst mit?“
Marc verdrehte die Augen, schenkte ihr danach aber ein aufrichtiges Lächeln, das er ihr viel zu selten zeigte, dafür dann umso schöner war: „Ja. Ich komme mit!“
Das Lächeln, was sie für ihn parat hatte raubte ihm schon den Atem, als sie jedoch konspirativ den Flur rechts und links hinunterschaute um ihm dann einen kurzen, winzigen Schmatzer auf die Lippen zu drücken, machte ihn dumm in seinem eigentlich so gescheiten Kopf. Abrupt zog er sie an ihrer Taille näher an sich heran und vertiefte den Kuss, sich nicht im Geringsten daran störend, dass die Schwestern im Aufenthaltsraum vor Scham (oder Neugier) ganz rot im Gesicht wurden, als sie beobachten konnten, wie Marcs Musculus buccinator hart arbeitete.
„18 Uhr, Hasenzahn. Und keine Minute später“, zwinkerte Marc, nachdem er sich noch mal über die Lippen geleckt hatte, sich von ihr löste und den langen Flur in seinen katzenartigen Schritten zurücklegte. Bevor er durch eine der großen Abteilungstüren verschwand drehte er sich allerdings noch einmal zu ihr um: „Mach hinne, Hasenzahn, und steh da nicht wie ein verknallter Teenager rum. Du hast nur noch vierundsechzig Minuten Zeit.“
Verträumt grinsend, verließ Gretchen den Flur, ging zurück ins ITS-Schwesternzimmer und versuchte hartnäckig sich auf die Patientenkurven zu konzentrieren und nicht pausenlos ihre Fingerkuppen über ihre kribbelnden Lippen zu streifen, in der Hoffnung, dass dieses Gefühl von Marc ewig da sein würde.
Es war wie immer – nur so viel besser.

a/n:
ich mag euch neue Kommentatoren und Lesenden – ja wirklich. Da denkt man nun, dass man eigentlich nur noch für sich selbst schreibt, weil eh keiner mehr so ein großes Interesse an DD hat und dann kommen aus allen Ecken Menschen, die einem mit viel Mühe und Eifer mitteilen WOLLEN, dass sie die kleinen Geschichten, die ich zu diesem Fandom schreibe, /toll/ finden.
Vielen, vielen Dank noch einmal an alle, ich weiß, ich hab jedem von euch schon einzeln kommentiert, aber ich bin wirklich sehr gerührt und glücklich, sodass ich das noch mal extra anmerken wollte.

UND bitte, bitte schreibt mir nicht mehr, dass ihr von „diesem Paar“ mehr haben wollt. Das ehrt mich zwar, aber ich muss weg von „diesen beiden“ und wenn ihr mich lobt, wie toll ihr die beiden findet und „mehr“ haben wollt, strengt sich mein Hirn an und produziert mehr (was eigentlich der falsche Weg ist, ich darf mich eigentlich nicht beeinflussen lassen) von diesen beiden mit ihrer vertrackten Nicht-Kommunikation. Also, freut euch im nächsten „Drabble“ einfach auf etwas VÖLLIG (naja,… als ob Marc und Gretchen jetzt so völlig anders wären) anderes. Vielleicht poste ich MASK (ein wirklich, echtes 100 Worte Drabble, handelt von FRANZ HAASE) oder was anderes… :D

lg
manney

manney Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 876

07.03.2020 20:30
#25 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · Antworten

66. Multiplication

Wenn Marc die feuchtfröhliche Geburtstagsrunde zu Lillys Achtzehntem betrachtete, stellte er fest, dass sie sich multipliziert hatten, wie die Karnickel.
Mehdi und Anna mit drei Mädchen und einem Jungen, Mehdis Eltern, Bärbel und Wolf, Maria und Cedric mit drei Kindern – wobei Moira es hasste, dass sie auch mit Mitte zwanzig immer noch als solches bezeichnet wurde, Steffi und Mann, Lillys beste Freundin Cherelle und ihr Vater, die seit Jahren aus diesem bunten Treiben nicht mehr wegzudenken waren, die Bestatterin mit ihrem Lebensabschnittsgefährten, Lillys bester Freund Leon (Marc wusste nicht, ob die beiden nicht doch mehr waren, als nur gute Freunde, wie sie nicht müde wurde zu betonen) und dessen Schwester Anni und Jochen mit seiner zweiten Ehefrau. Und mittendrin saßen er und seine Frau, um die er ganz natürlich einen Arm geschlungen hatte.
Nun, nicht ganz so natürlich, denn Mehdis Blicke und das mikroskopische Anstarren von Ehm jagten ihm einen furchtbaren Schauer den Rücken hinunter. Ehm hatte etwas in ihr Telefon getippt, obwohl sie eigentlich immer eine der ersten war, die diesen ständigen Smartphone-Tremor untersagte.
Irgendwas wusste sie.
Immer, wenn Marc Mehdi über die Köpfe der Geburtstagsgäste anguckte, schaute der Halbperser Marc bereits so… wissend an.
Natürlich wusste er es, und natürlich wusste Mehdi, was Gretchen und Marc Lilly zum Geburtstag schenkten, aber deshalb musste der blöde Gynäkologe nicht so ein allwissendes, aber nichtssagendes Mona-Lisa-Lächeln auf seinem Gesicht zur Schau stellen. Und die Bestatterin schien dies zu bemerken – Mist.
War ja furchtbar.

Die leichte Septemberbriese bereitete Gretchen neben ihm eine feine Gänsehaut, weshalb Marc es für seine männliche Pflicht hielt, sie ein bisschen näher an seine Seite zu ziehen. Jetzt wo das Kaffeetrinken an diesem sonnigen Freitagnachmittag im Garten des Kaan‘schen Hauses so gut wie zu Ende war, wurde er doch ein wenig wehmütig: wo die letzten zehn Jahre abgeblieben waren, wusste Marc nicht.
Und wann Lilly von dem kleinen Mädchen zu der gescheiten jungen Frau herangereift war, wusste er auch nicht. Es war einfach eine Menge passiert, die Tiefen hatten nicht abgenommen und trotzdem waren es die Glücksmomente, die ihm im Gedächtnis geblieben sind. Obwohl dies aus psychologischer Sicht auch der richtige, gesündere Weg war, so hob ihn das, neben seiner wunderbaren Frau, seinem hervorragenden Job und der fantastischen Wohnung, von der Masse zusätzlich ab. Denn das Gros der Leute meckerte doch viel zu gern über die schlechten Zeiten und wie grauenhaft es ihnen selbst ging.

Aber wenn Marc an diesem Tag gegen die Sonne blinzelte um die Gäste, die sich alle mit Lilly über ihr Erwachsenendasein freuten, anzuschauen, dann sah er in Gesichter von Menschen, die dem Geburtstagskind dabei geholfen hatten überhaupt erwachsen zu werden.
Die einen mehr, die anderen weniger…
„Gib das wieder her“, maulte nun eben dieses aschblonde Geburtstagskind, das mit allerlei Ketten um den Hals, Ringen an den Fingern und Piercings in den Ohren so gar nicht an das brave Kind erinnerte, das es gar nicht erwarten konnte ihr Debüt als Blumenmädchen zu geben… oder Neugeborene zu bestaunen.
Sie schlug ihrer Schwester Gwenny brüskiert auf die Finger, weil die zehnjährige viel zu neugierig das eben frisch ausgepackte Geschenk begutachtete: eine Muschelhalskette mit großem Medaillon-Anhänger in dem Platz für zwei Fotos war.
„Was willst du denn mit noch mehr Ketten? Du hast doch schon so viele.“
Die große Schwester verrollte die Augen, bedankte sich artig bei ihren Großeltern und legte die Kette gleich um.
„Frauen können gar nicht genügend Schmuck haben, Gwenny“, erläuterte Leon, der direkt neben Lilly saß und irgendwann, ganz unbemerkt, seinen Arm auf die Stuhllehne des Geburtstagskind gelegt hatte.
Der hochgewachsene Musiker war so offensichtlich nicht subtil, dass sowohl Marc grinsen musste, als auch Gretchen, der er seine Beobachtung ins Ohr geflüstert hatte.
„Und was schenkst du ihr?“, wollte Gwenny wissen, als Lilly sich wieder hingesetzt hatte, mit ihrer Freundin neben ihr den Kopf zusammen steckend, das Medaillon begutachtend.
„Mein Geschenk kommt heute Abend. Ich spiele für sie auf der Party.“
Ja,… Lilly hatte -gefühlt- ihre komplette Schule eingeladen, nicht zuletzt Dank des hervorragenden Planungskomitees, das aus Ehm und Anni bestand. Und vorsorglich hatte man im Umkreis von vier Blöcken in jeden Briefkasten Flyer verteilt, dass Lilly Kaan 18 Jahre alt wurde und sie eine Party galaktischen Ausmaßes schmeißen würde. Sie bat den Geräuschpegel zu ignorieren oder, wenn man nicht schlafen konnte, einfach mitzufeiern. Einschließlich Omas and Opas Welcome. (Auf so eine Idee, präventiv Flyer zu verteilen, war Marc nie gekommen, der in seiner Teenagerzeit häufiger mit der Polizei zu tun hatte, weil die Nachbarn seiner Eltern immer etwas am Geräuschpegel seiner Partys auszusetzen hatten.) Und sollte das nicht schon geholfen haben, konnte man die komplette Polizeiwache mit übrig gebliebenem Kuchen bestechen, dachte Marc beißend.

„Du spielst dauernd für uns, das ist ja gar nichts besonderes mehr.“
„Immer wenn Leon spielt, ist es etwas besonderes, Gwenny“, mischte sich nun auch Marcs Frau ein, die süffisant in Lillys Richtung grinste.
„Pah, von wegen. Das macht er doch nur um bei Yvonne Eindruck zu schinden: Die große Bühne, ein schummriger Abend, Alkohol und du mit Geige unterm Kinn! Sie wird dir zu Füßen liegen. Genau wie der weibliche Rest unserer Stufe. Blöder Angeber!“
Marc kannte dieses verwegene Lächeln, was Leon Lilly gab; das sichtbare Zunge durch den Mund schieben, das verschlagene Blitzen in seinen Augen.
Der dumme, sexistische Spruch, den Marc meilenweit erahnte, kam prompt: „What can I say? Chicks dig violinists.“
Von Lilly und Cherelle gab es ein abgrundtiefes Stöhnen, von Gwenny fragende, hochgezogene Augenbrauen, von Jochen ein paar Plätze weiter schallendes Gelächter und von Cedric, der direkt neben Marc saß, kam die Frage, die wie ein Vorwurf klang: „Was bringst du deinem Protegé denn bloß bei?“
Gwenny‘s Frage, was denn Chicks wären wurde zum Glück komplett ignoriert.

Marc hob unschuldig lachend die linke Hand hoch, mochte die andere nicht von Gretchens Taille lösen: „Guck nicht mich an! Der war schon immer so, nicht Anni?“, gab er den Buhmann an die Schwester von Leon ab, die den kleinen Bengel größtenteils erzogen und geprägt hatte.
Die blonde Endzwanzigerin hob aber nur abwesend den Kopf, hatte sie doch gerade etwas viel interessanteres gesehen als sich darüber aufzuregen, dass ihr kleiner Bruder schon wieder dämliche Sprüche klopfte.
„Hm? Was?“
Marc schnaufte und Gretchen zwinkerte ihrer Freundin, die neben ihr saß, aufmunternd zu: „Leon wurde nicht durch Marc korrumpiert, oder?“
„N-nein?“, sagte die schlanke Blondine und kräuselte die Nase.
„Und deshalb weckt ihr mich aus meinen Tagträumen?“, fragte Anni beleidigt.
„Uhhh, Anni hat wieder Tagträume? Von was denn?“ lachte Lilly, öffnete abwesend eine Geburtstagskarte, las die Zeilen nicht, entnahm aber glücklich einen zwanzig Euroschein. Marcs Annahme, dass die Karte von Moira war, bestätigte sich, als Lilly sich bei ihr bedankte.
„Kann mir jemand ein Handy leihen?“, fragte Anni einfach nur und entgegen gestreckt wurden ihr schicke, hochglänzend schwarze Smartphones von Ehms Lebensabschnittsgefährten, Leon, Lilly, Cherelle und Cedric, der hinter Marcs und Gretchens Rücken Anni sein Telefon hinhielt.
Dankend nahm sie Cedrics Gerät und machte von Marcs Hand, wie sie Gretchens üppigen Speck über ihrem Kleid streichelte, ein Foto. Oder einen ganzen Bildband.
Das aufeinander folgende, klackende Geräusch ließ zumindest nur diesen Schluss zu.
Alle stöhnten, weil Anni immer noch nicht wusste, wie man ein Smartphone richtig bediente.
„Schickst du das bitte an Ehm, die druckt mir das dann aus“, dankend gab sie das Handy zurück.
Marc verdrehte nur die Augen.
Die Bestatterin hingegen grollte: „Du kannst froh sein, dass man dich in diesen exklusiven Kreis, der die Beziehung von Frau Doktor Haase und Herrn Doktor Meier bildet, überhaupt reingelassen hat, Anni. Andernfalls würde deine Obsession als Stalking gebrandmarkt sein!“
Ohhh, wir sind deine Obsession?“, fragte Gretchen gerührt, kannte natürlich die Antwort, immerhin hatten weder Anni noch Ehm darum jemals ein großes Geheimnis gemacht. Nunja, Ehm schon – aber dank Marcs Vorführen an Annas 40. Geburtstag war das ja auch offenkundig bekannt.
„Jaaa“, gab Anni ehrlich zu, quietschte ein bisschen und kuschelte sich besonders dicht an Gretchen, die ihrer Freundin liebevoll den Arm um die schmalen Schultern legte.

„Guilty Pleasure trifft es wohl eher“, bemerkte Lilly trocken, freute sich aber über den nächsten großen Schein in einer weiteren Karte, die sie geöffnet hatte.
„Wusstet ihr eigentlich, dass sie ganze Alben voll hat mit Bildern von euch. Also mir wäre das ja unheimlich, mit so‘ner Verrückten befreundet zu ein“, war es an Leon, noch einen weiteren Seitenhieb in Richtung seiner Schwester abzusenden, die sich demonstrativ noch enger an Gretchen kuschelte und ihren Rumpf mit beiden Armen komplett umschlang.
„Ehm, schlag ihn bitte auf den Hinterkopf. Zwei Mal!“, verlangte die Schwester und die Bestatterin hob tatsächlich die Hand und zog Leons Kopf einmal kräftig an seinem dichten Haar am Hinterkopf hinauf.
„Sag Entschuldigung, Leon!“
„Entschuldigung, Leon“, wiederholte der Junge mit breitem Grinsen und fing sich dafür von Lilly einen kleinen Schlag auf den Hinterkopf. Wobei Schlag für das sanfte Berühren seines Haares irgendwie nicht das richtige Wort war, dachte Marc grinsend.
„Aua“, machte er trotzdem, einfach weil er es konnte und Lilly ihm daraufhin lieb die Zunge rausstreckte. Cherelle machte indes Würgegeräusche.

Physische Geschenke gab es natürlich nur wenig.
Neben der Kette von ihren Großeltern hatte nur Steffi noch ein Geschenk parat gehabt, weil er meinte, dass nur Geld, auch wenn es das war, was junge achtzehnjährige Mädchen am meisten brauchten, so unpersönlich war. Deshalb gab es von ihm und seinem Partner einen schicken Schal, Ohrringe und eine Einladung ins Hebammen-Museum Köln (inkl. Spa-Wochenende).
Mehdi, Gretchen, Marc, ihre Großeltern, ja sogar Cherelle, ihres Zeichens beste Freundin und eigentlich immer unterstützend gegen Autoritäten, hatten Lilly nämlich dazu geraten Medizin zu studieren, da ihre Noten traumhaft und ihr Bemühen sagenhaft waren. Das Geburtstagskind hatte jedoch den Entschluss gefasst lieber eine Ausbildung nach dem Abitur zu machen – zur Hebamme.
Nur Anna hatte weise geschlichtet und gesagt, dass Lilly alt genug wäre und sie nun mal wisse, was sie wolle. Und dass wenn sie die Ausbildung fertig hätte dann immer noch studieren könnte, wenn sie es wollen würde.
Dabei wussten eigentlich alle, dass Lilly stur wie ein Esel ihr Ziel verfolgen würde, und das war nun einmal nicht Arzt werden, sondern Hebamme sein.
Von Mehdi und Anna gab‘s natürlich neben einer Karte auch noch ein Geschenk, in Form seines Autoschlüssels.
„Was will ich denn mit eurem Wagen?“, hatte sie perplex gefragt, als sie aus der hübsch verpackten Schachtel den ihr bekannten, abgegriffenen Autoschlüssel fischte.
Cherelle war die Erste, die jauchzend aufsprang und überglücklich nach Lillys Händen griff: „Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott. Ohmeingottohmeingottohmeingott! Du kriegst das Auto deiner Ellies.“
Als Marc zum ersten Mal von der Umschreibung Ellies als Eltern gehört hatte, fand er das sehr angenehm und machten ihm Cherelle gleich sympathisch – er hatte seine Eltern nämlich vornehmlich nur seine Alten genannt.
„Quatsch. Ich hab doch noch nicht mal einen Führerschein“, wandte Lilly ein.
Die am Tisch sitzenden, alle, ja sogar Gretchen, raunten, weil Lilly, so klug und schlau war, und manchmal… so unheimlich doof sein konnte.
„Der wird dir natürlich mit gezahlt, du dumme Nuss“, ja, das was Leon aussprach, dachten vermutlich alle am Tisch.
Lilly schrie, fiel ihren Eltern um den Hals, küsste sie überschwänglich im ganzen Gesicht ab, fragte noch einmal nach, ob sie wirklich nicht ihre eigenen Ersparnisse für den Führerschein hergeben müsste, und sprang dann mit Cherelle vor Freude im Kreis herum.
Marc dachte, er hätte Leon so was wie „blöde Hühner“ sagen hören.
Die Kindermeute, die bis eben noch friedlich auf auf der provisorischen Bühne hinten im Garten verstecken gespielt hatte, kam nun auch angerannt und sie freuten sich einfach mit, weil die das Lachen der beiden Mädchen so viel Ansteckungskraft hatte.
Ein wahrlich schöner Geburtstag, der noch einen Ticken besser wurde, als Lilly sich schweratmend wieder hinsetzte und bis über beide Backen glückselig strahlte.

„Jetzt sind wir dran, oder?“, fragte Gretchen, bemühte sich ihre verräterischen Mundwinkel im Zaum zu halten, löste sich aus Annis Umklammerung um unterm Tisch in ihrer Handtasche nach der Geburtstagskarte zu suchen.
Ihr Handy zeigte an, dass sie eine neue Nachricht von Ehm erhalten hatte, ignorierte dies aber. Überm Tisch überreichte Gretchen Lilly schmunzelnd die Karte, legte ihren Kopf an Marcs Schulter und wartete darauf, dass die Achtzehnjährige mit Spitzen Fingern den Briefumschlag öffnete.
Eine große goldene 18 prangte auf der Vorderseite, mit buntschillernden Luftballons im Hintergrund. Im Inneren erkannte Lilly auf der rechten Seite Gretchens hübsche Handschrift:

Liebe Lilly,
zu Deinem 18. Geburtstag
wünschen wir dir von Herzen ein
glückliches, fröhliches, erfolgreiches
und hoffnungsvolles neues Lebensjahr.
Mögen sämtliche deiner Wünsche
in Erfüllung gehen –
ein kleines Startkapital dafür
findest du links.


Deine Gretchen & Marc

Berlin, 12. September 2018


Tja und auf der linken Seite waren drei grüne Scheine über die komplette Seite mit Tesafilm geklebt.
Lilly jauchzte: „Danke, danke, danke! Das ist so mega cool. Ich komm gleich rum“, versicherte sie, wollte aber erst die drei Hunderter-Scheine auf den Geldhaufen legen, den sie schon aus all den anderen Karten zusammengelegt hatte.
Die Scheine selbst waren untereinander ebenfalls noch einmal mit Klebeband befestigt, weshalb Lilly nur die Ränder löste und ihren Augen kaum trauen konnte, dass sich hinter dem Geld, das ihr eigentlich so wichtig war, ein noch so viel besseres Geschenk verbarg.

Gretchen umklammerte Marc noch ein bisschen fester, presste die Lippen zusammen um nicht in hysterisches Gelächter auszubrechen. Ihre Mundwinkel zogen sich trotzdem immer wieder hoch, weil auch Marcs Arm sie immer stärker an sich drückte.

Ein hässliches, schwarz-weißes, verrauschtes Foto mit einem ca. zwanzig Wochen alten Fetus starrte Lilly vom Bild an, und sie würde auch noch Jahre später behaupten, dass es ihr in diesem Moment zugewunken hatte.
Das wirkliche Geschenk war in Gretchens unnachahmlicher, schöner Schrift über das Foto geschrieben:
Hallo Patentante.

Die drei grünen Scheine vergessend, ihren verdienten Geldstapel vergessend, jedwede Form von Benehmen vergessend, nahm die Achtzehnjährige kreischend den direkten Weg über den Tisch zu Marc und Gretchen. Ihr nacktes Knie versank in der übrig gebliebenen Schokoladentorte, ihr linker Fuß warf das Sektglas von Leon um, wie durch Watte hörte sie ihre Oma, wie sie sie zurechtwies und Ehm nahm geistesgegenwärtig die brennende Kerze vom Tisch, bevor sich Lilly den Arm verbrannte.

Tief berührt, erfreut, glücklich, und nicht zuletzt völlig hysterisch überwand sie die letzten Zentimeter, bevor sie ihre langen Arme ausbreitete und Marc und Gretchen in eine feste Umarmung zog, den Kopf zwischen den Schultern des Paares verbergend.
Heulend, schreiend, dankend.
Es dauerte natürlich nicht lange, bis auch alle am Tisch verstanden, warum Lilly und Gretchen weinten und Cherelle, die die Karte ungeniert durchgelesen hatte, hörbar nach Luft schnappte.
Die Glückwünsche gingen in einem rauschenden Meer von Schulter Klopfen, Bauch streicheln und Vorwürfen, warum sie es denn nicht früher gesagt hätten, unter.
Tja,… weil seine Ehefrau und ehemalige Assistenzärztin die ersten drei Monate fest davon überzeugt war, sie hätte Krebs, und sowohl Gretchen als auch Marc es selbst gar nicht fassen, greifen, begreifen konnten, dass auf ganz natürlichem Wege, ohne es überhaupt noch einmal richtig versucht zu haben, so etwas wunderbares wie ein Baby in ihrem Leben Einzug erhalten würde.

Steffi war sauer (nicht wirklich, dafür heulte sie vor Freude viel zu sehr), schließlich wäre sie gern Patentante geworden. Gretchen beschwichtigte ihre beste Freundin damit, dass er Patenonkel werden würde. Anni wandte ein, dass sie auch gern Patentante werden würde, aber es ihr völlig ausreiche, wenn das Kind nach ihr benannt würde. Gretchen meinte, sie könnte ehrenamtliche Patentante als Stellvertretung für Steffi werden und die Babyparties planen; Anni heulte mit.
Anna schlug Mehdi, mehrfach, ziemlich unsanft auf die Schulter, weil der Gynäkologe tatsächlich einen ganzen Monat dieses Geheimnis niemandem verraten hatte, dann schrie sie ähnlich laut wie ihre Tochter und gab Gretchen und Marc sabbernde Küsse auf die Stirn. Bärbel weinte noch einmal, obwohl sie und Jochen schon längst Bescheid gewusst hatten.
Sowohl Jochens Frau, als auch Wolf gratulierten überschwänglich.
Maria versuchte alle davon abzuhalten die werdende Mama zu erdrücken, musste dann aber selbst sich zu Gretchen und Marc hinab beugen um ihnen und Baby alles gute zu Wünschen und dabei eben nicht zu heulen.
„Du Hund“, und ein anerkennendes Schulterklopfen hatte Cedric parat.
Ehm, ihr Freund, Leon, Steffis Mann, Cherelle und dessen Vater gratulierten natürlich ebenfalls. Genauso wie Mehdis Eltern, von denen Marc jedoch glaubte, dass es ihnen ein Dorn im Auge war, dass die werdenden Eltern die Schwangerschaft am 18. Geburtstag ihrer Tochter preisgegeben hatten.
Moira kreischte auch, ein bisschen, und war dann ganz besonnen in ihr Verderben gelaufen, als sie sagte, was sie dachte: „Mensch, und das in eurem Alter!“
Gretchen lachte unter Tränen, als Marc versuchte ihr dafür in den Arm zu kneifen.

Mehdi, mit dem diese Offenbarung natürlich vorher abgesprochen war (Gretchen hatte Zweifel, ob es wirklich so eine gute Idee wäre, immerhin war das ja Lillys großer Tag und nicht Babys!), war in der Zwischenzeit ins Haus zurück gegangen und kam mit einem riesigen Blumenstrauß für Gretchen und einer Zigarre für Marc zurück: „Willkommen im Club, Papa“, auch von Mehdi bekam Marc das obligatorische Schulterklopfen.
„Oh, nein. Nein, nein, nein, nein, nein!“, Anni beugte sich weit über Gretchen hinweg und Griff nach dem dicken Tabakstängel: „Werdende Väter sind auch Väter und haben Vorbildfunktion, Meierlein. Geraucht wird erst wieder auf dem Sterbebett!“
„Hört, hört“, rief Lilly, immer noch weinend im Schokoladenkuchen auf dem Tisch kniend. Umarmte die werdende Mama noch einmal.

Gretchen verbarg das Gesicht in seiner Schulter, und Marc streichelte ihr beruhigend den Rücken. Es war Gwenny die eine der wichtigsten Fragen stellte: „Was wird es denn?“
„Hauptsache gesund“, zwinkerte Marc und fühlte sich wie aus einem schlechten Eltern-Heft entsprungen. Denn so antworteten tatsächlich nur die stereotypisch verweichlichten Männer, die ihr Glück kaum fassen konnten, Nachwuchs zu bekommen.
„Gar nicht“, rief Gwenny weise: „Starke Frauen braucht das Land!“
Alle lachten, sogar die vier Dreikäsehochs, die überhaupt nicht verstanden, warum alle so grenzdebil lächelten. Es war ja nur ein Kind mehr.
Es war der Moment in dem Marc unheimlich dankbar war, dass er umgeben war von multiplizierten Freunden, die alle das Glück mit ihnen teilten.

Gretchen und Marc kamen Mitten in der Nacht von einer verrückten Party mit Lillys ganzer Schule nach Haus zurück, als der Blonden beim Anschließen ihres Handys an die Ladestation die Nachricht einfiel, die sie den ganzen Tag über nicht gelesen hatte. Sie öffnete die App und las die Nachricht von Ehm, die sie bereits abgeschickt hatte, noch bevor der Kuchen am Nachmittag überhaupt angeschnitten wurde:

Herzlichen Glückwunsch, Mama und Papa Häschen!



a/n: Di. 25.02.2020

ich wünschte @Greta würde das hier lesen, wenn sie noch im Forum wäre. Ich glaube, das würde ihr außerordentlich gut gefallen.

okay, ich bin kein Fan von Schwangerschaften. Ich selbst, will keine Kinder, ich mag Kinder nicht mal sonderlich, obwohl ich irgendwas an mir habe, dass Kinder /mich/ mögen. Vermutlich weil ich selbst ein großes Kind geblieben bin (nein, ich werde jetzt nicht Nessaja von Peter Maffay anstimmen).
Außerdem bin ich echt schrecklich, was verheimlichte Schwangerschaften angeht: Ich weiß es irgendwie immer vorher – ich weiß auch nicht, woran das liegt, aber war bisher jedes Mal so.

es erschien mir irgendwie immer schon richtig den BabyLove-Rain-Marc&Gretchen so etwas existentiell wichtiges wie ein Baby in die Wiege (ha, Wortspiel) zu legen. Aufmerksame Leser werden in dieser Geschichte etwas finden, dass das ganze Ausmaß dieser Geschichte noch einmal dramatisiert. Ich hoffe, dass es ankam.

Achso… und nur für diejenigen, die denken, das wäre hier so was wie das Sequel vom Sequel. Nope. Das ist das Sequel vom Sequel vom Sequel. Kapiche? Gut.

Und eigentlich sollte das hier schon längst gepostet sein am DD Geburtstag. 22.02.2020
Hab ich aber leider nicht mehr geschafft. deshalb heute am 07. März 2020 - auch so ein feiner DD-Tag, gell?

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