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Dieses Thema hat 14 Antworten
und wurde 6.212 mal aufgerufen
 Erfindet eure eigene Fortsetzung!
manney19 Offline

Mitglied


Beiträge: 676

06.07.2016 22:38
manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

Dear Reader,...
*just kidding*

auch diese Drabbles werden natürlich wieder auf Deutsch geschrieben. Auch wenn ich sehr gern englisch quatsche und noch lieber Original-Ware aus Film/Fernsehen/Buch verschlinge, so fühle ich mich nicht mächtig genug in der Kürze der englischen Sprache treffsichere Geschichten zu verfassen – und schon mal gar nicht für so ein international schmächtiges Fandom wie Doctor's Diary.
Auf folgendem Blog gibt es eine 100-Drabble Challenge fürs Sailor Moon Fandom „A Love Like No Other“. Ich habe Alicia Blada (aka Marissa Meyer) stets dafür bewundert, dass sie zu den unten stehenden hundert Worten immer ein hervorragendes, richtiges Drabble oder eine kleine Kurzgeschichte erschaffen konnte.
Ich weiß nicht, wie lange diese Challenge dieses Mal braucht, oder ob ich sie jemals fertig stellen werde (schließlich hab ich für die letzten 50 Drabbles 5 Jahre gebraucht), oder ob überhaupt daran Interesse besteht oder ob dieses Forum in zehn Jahren überhaupt noch online sein wird – aber ich versuche es und hoffe, dass es euch da draußen genauso viel Spaß macht meine neuen Drabbles zu lesen, wie es mir Spaß macht sie zu schreiben!


1. Chocolate
2. Masks
3. Hair
4. Karma
5. Short Skirt
6. Blue Eyes
7. Things left unsaid
8. Kiss
9. Button
10. Sweet16
11. Past

12. Present
13. Future
14. Closet
15. Mistake
16. Behind the blue curtain
17. Ice Cream
18. Death
19. Liar
20. Scars
21. Mischief
22. Christmas
23. Valentines
24. Dragonfly
25. Caramel apple
26. Telephone
27. Stained glass
28. Same old song and dance
29. Buried treasure
30. Business card
31. Weapon
32. Rain at midnight
33. Gift
34. Ball of yarn
35. Daily Planner
36. Champagne
37. Pocketknife
38. Studying
39. Cologne
40. Pointillism
41. Jacket
42. Desire
43. Shipwreck
44. Dirty nails
45. Cape
46. Time
47. Broken glass
48. Rosebud
49. A familiar song
50. Advertisement
51. Lightening
52. Protector
53. Giddy
54. Nightmare
55. Panic
56. Red String of Destiny
57. Confessions
58. At the end of the day
59. Unrequited love
60. One Touch
61. Advice
62. Rainbow
63. Spring Cleaning
64. Secret
65. Last Dance
66. Multiplication
67. Weeping willow
68. Thorns
69. Pen pal
70. For the love of...
71. Quiet Despair
72. Fortune
73. Wild West
74. Two Halves
75. My Soul's Shelter
76. Family
77. Fantasy
78. Addiction
79. Naughty
80. Pandora's Box
81. Nature
82. The small things
83. Mail
84. Glasses
85. A change of scenery
86. Tackle
87. Hurt Feelings
88. Lazy Days
89. Comfortable Silence
90. If the shoe fits
91. Sacrifice
92. Apron
93. Genie
94. Fan Club
95. R.S.V.P
96. Catch 22
97. Fifth Wheel
98. All's fair in love and war
99. Geek
100. The Perfect Ending


Ich präsentiere also nun voller Stolz:

Girls Just Wanna Have Fun – 100 Theme Drabbles

07. Things Left Unsaid

In einem Märchen hätte sie ihm früher gesagt was sie fühlte; hätte ihm von all ihren Träumen und mädchenhaften Wünschen erzählt, dass er sie in den Arm nehmen sollte, sie angucken sollte, wie Richard Gere diese verflixt gutaussehende Hure Julia Roberts in der Schluss-Szene von Pretty Woman auf der Feuerleiter. Vielleicht wäre er dann gar nicht erst so ein nichtsfühlender Idiot geworden!
Am letzten inoffiziellen Schultag der dreizehnten Klasse bekam sie nicht mal eine Pause von seinen ewigen Sticheleien. Er hatte ihr Fahrrad manipuliert – keine große Sache, sollte man meinen, schließlich hatte er damit schon in der vierten Klasse begonnen. Oft hatte er ihr die Luft aus den Reifen gelassen, später sogar mutwillig mit dem Zirkel zerstochen und einmal hatte er ihren Sattel höher und so fest geschraubt, dass sie wie ein Radrennfahrer nach vorne gebeugt sitzen musste. Oh, und erst das besprühen des Alu-Gestänges mit weißer Lackfarbe und Marcs schmächtigen Versuchen ihr Penisse darauf zu malen waren ein Klassiker.
Damit hatte sie leben können – sogar gut, weil sie sich in ihrem rosaroten Traumland einredete, dass er das machte, weil er sie auch mochte. Warum sonst investierte er mehr Zeit damit sie zu ärgern als seine Freundinnen zu küssen?
Aber als sie hier lag, mit aufgeplatzten Knien, den losen Lenker irgendwo zwischen Sternum und Asphalt gedrückt und dem Wissen, dass sie auch noch drohte ohnmächtig zu werden, weil der Schmerz in ihrem Hinterkopf immer stärker wurde, konnte sie die Tränen und den Schmerz nicht mehr verbergen.
-
„Wo ist Gretchen?“, fragte Marc sich die Finger reibend seinen besten Freund Sören, der dadurch Wiederrum beim Knutschen mit Gretchens bester Freundin unterbrochen wurde.
„Woher soll ich das denn wissen“, verdrehte der blonde Lockenkopf die Augen und setzte erneut zum Speichelaustausch an.
„Du hast sie gerade verpasst, die ist gerade schon losgefahren. Warum?“, fragte dieses merkwürdig, rothaarige Mädchen, das Marcs besten Freund um den Verstand gebracht hatte.
„Gefahren? Meinst du nicht eher: Gegangen?“, fragte Marc wissend. Dabei hatte er sich so beeilt aus der stickigen Abi-Sitzung zu kommen um Gretchens blöden Gesichtsausdruck zu sehen, wenn sie ihren Fahrradlenker in der Hand hielt.
Als sie heute Morgen mit einem mit Büchern vollbeladenen Fahrradlastenanhänger zur Schule gekommen war, hatte Marcs Kopf begonnen einen lustigen Plan zu schmieden: Wie würde sie all die Bücher zurück in die Stadtbibliothek bekommen, wenn ihr Fahrradlenker locker war und diese alte Rostlaube überall hinlenkte, nur nicht dahin, wohin es sollte? Es war kein Meilenstein, oder gar eine Glanzleistung seiner Scherze, die er mit ihr trieb, aber seit sie von dieser unsäglichen Abireise zurückgekommen waren, hätte er alles dafür getan, wenn sie ihn nur einmal wieder richtig wütend auf ihn werden würde – und ihn nicht ständig mit diesen verlorenen blauen Augen ansah, als ob er die bemitleidenswerteste Kreatur auf diesem Planeten wäre.
Er... der ganze Abiturjahrgang hatten einen Fehler gemacht, ja. Aber doch nicht, um jemanden absichtlich zu verletzen: ob nun Mariella physisch und Gretchen psychisch. Marc hatte fest damit gerechnet, dass Gretchen nach diesem Vorfall aufbrausend auf ihn zu kommen würde, ihn mit moralischen Tiraden zutextete und wütend auf ihn war. Nicht aber, dass sie ihn so durchdringend anschaute, als ob er einen Fehler so unverzeihlich begangen hätte, der sie von innen heraus auffraß.
Seine wenig verbleibenden Möglichkeiten ihr also die Normalität zurückzugeben waren bis zur Abiturfeier begrenzt, weshalb er sich diebisch freute, dass Gretchen ihm heute Morgen Munition mitgebracht hatte.
„Nein. Gefahren. Mit ihrem Fahrrad und all den Büchern, über die du dich heute Morgen noch so lustig gemacht hast, Marc!“, versetzte die Rothaarige ihn mit Leichtigkeit.
„Ohne Lenker?“, unglaubhaft zog Marc die Augenbrauen hoch.
„Was redest du da für einen Schwachsinn. Natürlich mit!“
Marcs Augen weiteten sich in böser Vorahnung. Hatte der Hasenzahn etwa nicht mitgekriegt, dass der Lenker locker war? War sie aufgestiegen und hatte nichtsahnend in die Pedale gedrückt? Er kniff die Augen zusammen und hoffte, dass sie irgendwo fluchend abgestiegen war und nicht... und sich nicht in der erstbesten Kurve das Genick gebrochen hatte.
Die Vorstellung allein löste bei ihm üblen Brechreiz und Panik aus, die er damit unterdrückte in die Richtung zu laufen, in der Gretchen kurze Zeit vor ihm gefahren sein musste. Am Sportplatz vorbei, entlang der Turnhalle um die Ecke gen Schwimmhalle-
„Gretchen!“
Keine zwei Meter nach der ersten scharfen Kurve, die sie genommen hatte, lag sie reglos auf dem schwarzen Asphalt. Übersät mit Büchern, ihrem Fahrradanhänger, Blut und
„Gretchen? Gretchen?“, er schrie sie immer noch an, obwohl er schon längst neben ihr kniete und ihr die Haare aus dem Gesicht wischte.
Seine fahrigen Hände hielt sie mit einem eisernen Griff fest.
„Gretchen! Du lebst noch“, er klang erleichtert, dass ihr anscheinend nicht so viel passiert war, wenn sie so fest zugreifen konnte. Sie nuschelte etwas unverständliches, als er befreit ausatmete: „Was?“

Sie stöhnte unter Schmerzen, als sie sich vom Boden abstützte und mit vor Adrenalin bebender Stimme zischte: „Verschwinde!“
„Gre-“, begann er, als ihre Worte in seinem Kopf keinen Sinn ergaben.
„Hau ab und verschwinde. Lass mich endlich in Ruhe, Marc“, schrie sie. Völlig egal wie peinlich es war, dass sie wegen so etwas banalem, wie unerträglichen körperlichen Leiden heulte. Sollte er doch wenigstens einmal sehen, dass er ihr Schmerzen zufügte.
Schmerzen, die sie so viele Jahre, so lange unterdrückte und endlich aussprach in dem sie ihm nicht die Dinge sagte, die er hören wollte.

lg
manney

a/n: wer als Erstes ein Kommentar gepostet hat, darf sich von den 99 verblieben Worten eines aussuchen, was dann das Thema des nächsten Drabbles werden wird ;)

manney19 Offline

Mitglied


Beiträge: 676

10.07.2016 19:50
#2 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

85. A Change Of Scenery

„Mo-om“, schniefte das fünfzehnjährige Mädchen voller... ja was eigentlich. Anna wusste nicht, warum ihre älteste Tochter Lilly völlig aufgelöst zur Tür hereingestürzt kam und sie fest in den Arm nahm. Gwendolyn kratzte sich unauffällig am Kopf ehe sie beiläufig bemerkte:
„Teenagers are weird!“ 'Ehm, die in der Haustür direkt hinter der kleinen Erstklässlerin stand streckte dem Mädchen ihre Faust hin.
„Gut aufgesagt, Gwenny. Wenn deine Lehrerin das hört, wird sie sich sehr freuen nur den Englischunterricht für die Bilingualen-i-Männchen unterrichten zu müssen und nicht für die armen, irren Teenager“, grinste die Bestatterin stolz, als Gwendolyn mit ihrer winzigen Faust gegen ihre schlug. Asifaust.
„Ich bin kein I-Männchen. Im Sommer gehe ich schon in die zweite Klasse!“, empörte sich der kleine Braunschopf herrlichst, lief in ihr Zimmer und zeigte 'Ehm voller Stolz ihr Matheheft.
„Ähm... Leute. Heulende Lilly?“, Anna deutete in das große Wohnzimmer auf die Couch, auf der Lilly mit verheulten Augen in ihr Handy starrte und irgendwem – vorzugsweise ihrer besten Freundin Cherelle – schrieb.
„Sagten wir doch, Mom: Teenager are weird.“
„Teenagers, Hun! So. Wie du siehst habe ich sie wie immer heile wieder zurückgebracht, obwohl Dumm und Dümmer mindestens genauso daneben wie Lilly in meinem Wagen sitzen und sich die Köpfe heißreden, warum in der Deutschen Synchro aus Zootropolis Zoomania wurde. Ich denke, beim nächsten Mal könnte man mir auch die Zwillinge anvertrauen. Allerdings bräuchte ich dann ein größeres Auto. Oder du und Frau Doktor Haase gucken endlich auch mal Disney-Filme an und wir fahren mit zwei Automobilen, oder-“
„Heile?“, fragte Anna und verstand nichts. Lilly heulte sich die Augen wund und 'Ehm befand diesen Umstand als einen gelungenen Kinobesuch?
„Lilly ist eben... naja... ziemlich ergriffen vom Film. Bye meine Hasen“, 'Ehm gab Anna zum Abschied eine einarmige Umarmung und Wangenkuss, Gwendolyn ein Küsschen auf die Schnute und Lilly winkte sie grinsend zu, die nur abwesend ihre Hand hob.
„Film? So?“, fragte Anna perplex, als sie ungläubig der winkenden Bestatterin hinterher guckte, die freudestrahlend über den gepflasterten Gartenweg zur Straße hinunterging.
-
„Lilly, was ist denn los?“ fragte Anna kurze Zeit später als sie das Abendessen auf eine geringere Backtemperatur gestellt und bis Mehdi, Gretchen und Marc kamen, noch genügend Zeit hatte ihre Tochter zu fragen, was in alles in der Welt denn bloß mit ihr los war.
„All these feels inside, Mom. It hurts so much, i can not even describe how much i love this film!“
„Hä? Du heulst wie ein Schlosshund, weil dir ein Film gut gefallen hat?“, ungläubig blinzelte die Mutter mit den Augen. Lilly war eine Drama-Queen geworden! Was war nur aus dem liebevollen, kessen, zehnjährigen Mädchen geworden, das es hasste, wenn 'Ehms beste Freundin Anny theatralisch gen Himmel flehte endlich größere Möpse zu bekommen. Irgendwann würde sie bestimmt genauso werden und Anna wusste in diesem Moment nicht ob sie es gutheißen und lustig finden sollte, oder einfach nur strunz dumm.
„Es ist doch nur ein Film, Liebes.“
Lilly quakte hysterisch los: „It certainly is not just a movie, mom. It's life. This film is life. It gives me life, because everything is so true, and so lovable and i can not believe how it does make me feel, as if I have done everything wrong. Why was i such a horrible, horrible person who was just one of those... those... she-he-he-ps.“
„Okay... du hast mich verloren. Was für Schafe? Und es heißt verdammt noch mal Mama, Lilly. Nicht Mom, nicht Ma oder“, Anna schluckte: „Mother.“
Lilly schluchzte in eines der Sofakissen.
Die braunhaarige Mutter sog tief die Luft in ihre Lunge: Ein Land für eine Beruhigungszigarette.
„And it was so romantic. I ship them so hard, mom. My fe-ee-ls!“
„Was verschickst du?“
„Ship, mother. Not shipping as in send it to another person kind of way. They were so cute together. And he called her Mö-hör-chen! How cute is that? I will never get over this last scene when he asked her if she liked him. And do yo-ou know, what she said. That yes, indeed, she likes him. I need to watch this movie again, Mom. I need a second one. I need my life back!“
„O-okay. Ähm... hast du Drogen genommen? Hat 'Ehm dich zu lange an ihrem Autoduftbaum schnuppern lassen?“
„What?“, Lilly wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht: „Are you nuts, mother! How is it even possible that you and I share the same DNS, when you have no Shipping-Bone in your whole body!“
„DNA“, sagte Marc belanglos, als Mehdi ihn und Gretchen durch die große Glasbalkontür ins Wohnzimmer beförderte.
„As if that mattered. Da-aad“, heulte Lilly wieder los, warf sich in die Arme ihres Vaters und jammerte all ihre Tränen in sein neues Lacoste-Hemd.
„Natürlich ist das wichtig, Lilly. Wenn du schon den ganzen lieben langen Tag englisch redest, musst du wenigstens auch wissen dass DNS die deutsche Übersetzung von DNA ist und Desoxyribonukleinsäure und auf englisch eben Deoxyribonucleic heißt“, sagte Marc aufmunternd und fing sich von seiner Frau einen eisigen Blick, der ihm vermitteln sollte, dass das in dem Moment wirklich egal war – schließlich heulte sich Lilly gerade die Augen aus.
Mehdi streichelte seiner Tochter derweil über den Kopf und sah seine Frau fragend an. Anna jedoch zuckte nur mit den Schultern und meinte: „Teenagers are just weird.“

a/n:
Ich verspreche, dies wird eines der letzten Drabbles (eher Short-Story? Ich muss den Titel hier dringend noch einmal überdenken!) mit englischer Sprache sein. Aber ich dachte es passt zu einer Teenager-Lilly, die a) von 'Ehm extrem geprägt schein :D und b) in diesem merkwürdigen Jahr 2016 als Teenager lebt. Mit Twitter, Snapchat, Facebook, Instagram und Tumblr. Besonders Tumblr, denn Lilly ist ein Fangirl^^

a/n2:
Habt ihr den Arsch offen? Oh Gott! Womit hab ich denn gleich so viel Zuspruch für das erste Drabble verdient? Vielen, vielen Dank an alle fünf Kommentatoren (das sind genauso viele Kommentare, als wie für die 24 ersten Drabbles, die ich für einen Weihnachtskalender bekommen habe!) ich weiß euer Feedback wirklich zu schätzen.


a/n3:
Da sich niemand bemüßigt gefühlt hatte mir eine Nummer mitzuteilen, werde ich es diese Art von Mitmach-Regeln lieber wieder lassen. Too much Drama, Babes ;)

lg
manney

manney19 Offline

Mitglied


Beiträge: 676

19.07.2016 02:56
#3 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

21. Mischief

„So... 'Ehm...“, Wenn Marc Meier so süffisant grinste, konnte das nichts Gutes bedeuten.
In den letzten Jahren hatte er sie immer weniger gepiesakt – ja, 'Ehm hatte ihn sogar auf das Podest eines guten Bekannten gestellt, er würde doch nicht an so einem großen Tisch irgendetwas peinliches erzählen, oder? Nicht, wenn das Kaan'sche Heim mit so vielen Leuten gefüllt war, die ihr alle viel bedeuteten.
Es war eine große Runde zu Annas nunmehr 39... 29. Geburtstag. Neben den Kaan Eltern, die Meiers (es hörte sich, obwohl Marc und Gretchen schon seit fünf Jahren verheiratet waren immer noch schrecklich falsch in 'Ehms Ohren an), Bärbel und Herr Dr. von Bismarck, Frau Dr. Hassmann und ihr Mann, Moira und Freund, Jochen und Freundin, ein paar andere Freunde von Anna und Dr. Kaan waren auch 'Ehm und Freund und Anny eingeladen worden. Kaum zu glauben, dass Anna diese 40 Personen („40 Anna? So alt wirst du schon?“) auch alle höchstpersönlich beköstigte und es sich nicht hatte nehmen lassen für all diese Personen zu kochen. Hervorragend zu kochen. Grandios zu kochen. Gourmet-Like zu kochen. Perfekt zu-
„Da warst du also mit unserer Lilly letzte Woche im Kino?“
Die Bestatterin blickte sich irritiert zu Lilly um, die irgendwas wichtiges in ihr Smartphone tippte – irgendwas äußerst wichtiges, denn sie überhörte anscheinend auch, dass Marc „unserer“ gesagt hatte, was die Fünfzehnjährige sonst ziemlich wütend werden ließ, weil sie sich dabei weniger erwachsen vorkam.
„Ähm... ja?“, sagte sie deshalb und suchte in den umliegenden Gesichtern nach Antworten. Doch ihre beste Freundin und ihr Freund guckten nur wahrlich interessiert, was Dr. Meier denn vorhatte.
Verräter – alle beide.
„Ich wusste gar nicht, dass du dir so Statistiken ausdenkst. So zu... Hasen... und Füchsen... auch zu echten Menschen?“
In ihrer Phantasie tötete 'Ehm gerade Lilly - die auf ihrem Stuhl immer kleiner zu werden schien - mit bloßen Händen.
„Nein... natürlich nicht“, sagte 'Ehm entschieden. Das machte sie wirklich nicht. Sie schrieb nicht über Schauspieler oder Sänger... sondern nur über fiktive Charaktere die von Schauspielern hervorragend dargestellt wurden. Wirklich! Sie stellte sich bei erotischen Szenen, die sie schrieb nicht die Schauspieler vor... Nein. Nur fiktive Charaktere. Eben wie Schauspieler.
Marc grinste. Er grinste siegessicher. Er grinste so, dass 'Ehm wusste, dass sie gerade die Möglichkeit verspielt hatte aus diesem Abend nicht gedemütigt heraus zu kommen.
„Ach guck mal einer an, was ich hier habe. Wusste gar nicht, dass du immer noch in den '80ern lebst und einen Filofax benutzt“, er hielt ihren türkisfarbenen, alten, aus allen Seiten und Ecken zerfledderten Filofax in die Höhe. 'Ehm schaute unter den Tisch in ihre große Handtasche – aufgeklappt und durchwühlt.
Wie hatte er... wann? Warum hatte er?
„Marc, das ist zu fies. Gib ihr den Planer wieder“, beschwichtigte seine Ehefrau den grinsenden Oberarzt der Chirurgie.
„Genau!“, bestätigte die Bestatterin und hoffte, dass Marc Nachsehen mit ihr hatte.
„Les vor, les vor, les vor“, quietschte aber Anny, die neben Gretchen saß und deren ausgestreckten Arm zurückhielt, der von Marc den Filofax haben wollte.
„Wie kannst du nur so grausam sein, Anny. Das ist deine beste Freundin“, tadelte Gretchen nun auch die einzige andere Blonde am Tisch neben ihr.
„Und du bist auch meine Freundin. Und du musst unbedingt wissen, was unsere 'Ehmmy hier so über dich denkt. Nicht wahr?“
„Anny“, sagte Gretchen sanft. Natürlich war auch sie neugierig geworden, als Lilly in ihrem Feels-Anflug über 'Ehms total süße Vergleiche von Judy Hopps & Nick P. Wilde und Gretchen H... Gretchen & Marc Meier gesprochen hatte. Die Ärmste aber so vorzuführen und es hier einer breiten Masse – noch dazu vor ihrem Freund, der auch schon ganz belustigt dreinschaute – auszuposaunen, war etwas völlig anderes. Auch Gretchen überlegte angestrengt, woher Marc überhaupt ihren Filofax hatte.
„Ich überschreibe Ihnen mein Haus, wenn Sie nicht aus meinem Filofax laut vorlesen, Dr. Meier“, bot die Bestatterin an und Marc konnte den Ernst in ihrem Wesen erkennen. Ihr Haus... oder fünf Minuten Spaß am Tisch?... Hm...
Er klappte den Planer auf, räusperte sich umständlich und genoss das gequält verkniffene Gesicht der Bestatterin: „Es war einmal, vor langer, langer-“
Das steht da nicht drin!“, echauffierte sich 'Ehm. Das einzige was sie in ihrem Filofax sammelte waren stichpunktartige Ideen; die Geschichten, die daraus entstanden, waren gesichert. Mit einem Passwort. Mit einem Schlüssel. In einem Bankschließfach. In Timbuktu. Auf dem Mars.
Marc kicherte unmännlich: „Stimmt...“, er räusperte sich noch einmal, sodass ihm jetzt viel mehr Leute zuhörten als nur die fünf vorherigen.
Vierter März 2016: Ziehe Vergleich zu Dr. Meier – sogar in ihrem persönlichen Terminplaner schafft sie es nicht uns beide ohne Anrede zu beschreiben – und Frau Dr. Haase... Meier. Sie hat Haase mehrfach durchgestrichen und Meier darüber gekritzelt – mit Judy und Nick. Sie sind beide supersüß zusammen und ähneln sich so. Jochen hat mir neulich erst wieder erzählt, dass seine Schwester viel schlauer ist als Marc, auch wenn sie unter ihm arbeitet. Sly Fox, Dumb Bunny, von wegen! Ich wette, wenn man Marc Meier einen bauschigen Fuchsschwanz ankleben würde, und ihn in ein grässliches, grünes Oberteil steckte er Nick verdammt ähnlich sehen würde. Obwohl... diese zusammenstehenden grünen Augen dürften ja genügen um einen wenig vertrauenserweckenden Eindruck zu hinterlassen. Und wenn man Judy im Film einen weißen Kittel angezogen hätte – so was von Frau Dr. Haase.
Fünfter März 2016 10 Uhr: Muss Lilly fragen, ob ER auch noch andere Kosenamen für Frau Dr. Haase hat. Könnte ihm unterschwellig mal „Möhrchen“ vorschlagen.
Fünfter März 2016: Neuer HeadCanon für Maretchen→ Marc nennt Gretchen Möhrchen, wenn ihm Hasenzahn zu harsch erscheint. Sein Möhrchen...
Sechster März 2016 0:30 Uhr:
„Ich fress' dich!“ Fuchs Marc
„Bitte friss mich nicht!“ Häschen Gretchen
Habe mit Anny darüber gesprochen. Sie findet, dass „sein Möhrchen“ zu-“

Anny kreischte peinlich berührt auf, ehe sie einmal über Gretchen hinweg Marc das kleine Buch aus der Hand riss und laut verkündete, dass das ab jetzt nicht mehr jugendfrei würde.
Marc leckte sich selbstsicher über die Lippen: „Möhrchen, wirklich 'Ehm? Du findest es geil, wenn ich meine Frau Möhrchen nenne?“
„Klingt irgendwie süßer als Hasenzahn. Und auch origineller“, wandte Gretchen ein um 'Ehm wenigstens ein bisschen zu helfen. Aber ihr eigenes breites Grinsen trug letztlich nicht dazu bei.
Die Brünette hatte ihr hochrotes Gesicht in ihren Händen vergraben. Sie würde nie wieder ohne Scham sein. Nie wieder.
„Oh, mein armes Hasi“, ihr Freund streichelte ihr zärtlich den Kopf und drückte ihr liebevoll einen Kuss auf den Schopf.
„Oh...“, grollte Marc. „Solltest du jemals Geld mit deinen Phantasien verdienen, dann bekomme ich 90% der Einnahmen, ist das klar?“
'Ehm nickte bereitwillig, wenn er nur endlich einen anderen schikanierte.
„Gut“, grinste Marc und schlang einen Arm um die Hüfte seiner Frau: „Mein Möhrchen“ neckte er, dass Gretchens Augen auch nach so langer Zeit ihrer Ehe immer noch ganz warm glitzerten.
Anny quietschte vor Vergnügen, weil sie die beiden einfach furchtbar sehr zusammen shippte, 'Ehm stöhnte dankbar auf, dass niemand sie auslachte, nichts desto trotz über ihre Aktivität gelacht wurde und Lilly sprang siegreich wie von der Tarantel gestochen auf, zeigte mit dem nackten Zeigefinger auf 'Ehm und sprang in die Luft: „Ich habe einhundert Euro gewonnen! Ha!“
Lilly“, tobte 'Ehm, als sie verstand, dass Lilly Marc den Filofax nur deshalb gegeben hatte, weil sie, 'Ehm und Lilly, beide gewettet hatten, dass Marc Meier nie in diesem Leben seine Frau Möhrchen nennen würde.
1:0 für Lilly.
„Lilly!“, schrie 'Ehm abermals, als auch sie aufsprang und dem lachenden fünfzehnjährigen Mädchen durch das umgebaute Wohn- zum Esszimmer hinterherjagte.
Anna beklagte sich, dass sie das Getobe bitte nach draußen verlegen sollten und kurze Zeit später ein riesiges Platschen vom Pool zu hören war. Lilly schrie und 'Ehm lachte. 1:1
Und 'Ehms Freund... hatte das Gefühl am falschen Ende des Tisches gesessen zu haben.
„Es ist falsch Lilly zu helfen einfach so hundert Euro abzustauben! Und die arme 'Ehm so vorzuführen!“
Marc grinste seine Frau wissend an: „90% der Wette gehören eh uns,... Möhrchen.“
Anny machte gurrende Geräusch, als Marc Gretchen schnell und unkompliziert, damit es bloß kein anderer mitbekam, küsste.

a/n:
can anyone guess how much i love Zootopia. Zomania. Zootropolis? The film with Nick P. Wilde and Judy Hopps?
My obsession – I tell you guys obsession – with this movie is unhealthy.
Of course I ship Nick and Judy, but that's not the main reason. Not even because they remind me of Marc & Gretchen, but the message between all those animals is so damn real.
I love this film so much. This cinematic masterpiece is so important to understand that them are we. And that the whole world is not just one huge lovable place, but that we need to make it one.
I think this film is the best disney-film in this century even before the hyped Frozen, because this fear this old sheep was referring to is real – and we must try to overcome those fears of different people from different countries, religions and skin colors.
Change starts with all of us!
lg
manney

manney19 Offline

Mitglied


Beiträge: 676

23.09.2016 18:23
#4 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

27. Stained Glass

Er hatte nie revidiert, was alle angenommen hatten.
Vermutlich wäre er auch dann niemals so beliebet bei seinen Freunden gewesen und hätte so viel kichernde Anerkennung seiner Mitschülerinnen bekommen. Aber Marc hatte nicht mit dreizehn Jahren seine Unschuld an eine Hure verloren, die für den achtzehnten Geburtstag eines Freunds Bruder... gemietet worden war.
Als sie mit ihm aufs Zimmer verschwunden und erst vierzig Minuten später wieder herausgekommen war, Marc mit hochroten Ohren, durcheinander und weis wie eine frisch gestrichene Raufasertapete, hatten alle anwesenden auf der Party einfach das wahrscheinlichste Szenario angenommen.
Die langen Minuten mit der Hure auf dem Zimmer hatten ihn geprägt: Sie hatte ihm sehr deutlich gemacht, was ein junger Kerl wie Marc wissen musste, damit sein erstes Mal, wann immer das auch kommen würde, vernünftig ablief:
1. Respekt – kein Mädchen würde je mit ihm schlafen, wenn er sie so dämlich anbaggerte, wie er es bei der Prostituierten versucht hatte; mit einem Klaps auf den Po. „Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert, Junge. Wir sind Frauen, kein Fickfleisch.“ Man konnte Frauen betrügen und sie anlügen und mit ihnen Schluss machen, wenn man von ihnen genug hatte, aber man durfte niemals den Respekt vor einem Beischlafpartner verlieren. Egal ob männlich oder weiblich.
2. Kondome – wenn er so heiß und versessen darauf war Sex zu haben noch bevor er in der Lage war ein Kind zu unterhalten, musste er verhüten. Niemals dem Betteln von unbedarften Mädchen nachgeben, die es mit Gummi zu wenig intim fanden. Das war fatal und könnte ihn nicht nur zu einem jungen Vater machen, sondern ihn auch sein (vielleicht dann nur kurzes) Leben mit einer sexuell übertragbaren Krankheit marken. „Schau dir in der Bibliothek doch mal Bücher über Syphilis an.“ Dummerweise hatte er das ein paar Tage später auch wirklich getan!
3. Petting – Mädchen musste man, bevor man mit ihnen Sex haben konnte, erst ganz lange darauf vorbereiten und sie immerzu küssen, damit sie sich entspannten: „Ein guter Kuss ist so viel wichtiger für ein junges Mädchen, als ein Orgasmus beim ersten Mal.“
4. Durchhaltevermögen – keine junge Dame würde mit ihm noch einmal schlafen wollen, wenn er nach dem ersten rein und raus einen Samenerguss abfeuerte. Wenn er zu erregt war, müsste er zwischendurch einfach aufhören und das Mädchen anderweitig verwöhnen.
„Hä?“
„Mit dem Mund, natürlich!“
„Also wieder küssen?“, fragte Marc gelangweilt.
„Ja, aber die anderen Lippen. Und ihre Brüste dabei sanft streicheln.“
5. Nein heißt nein – als die Nutte ihm das sagte schaute sie ihn herausfordernd an und erwähnte dazu keine einzige Lektion, die er aber auch ohne weitere Worte verstand.

Aber all diese empirischen Ratschläge hatten ihn nicht darauf vorbereitet, als er zwei Jahre später mit fünfzehneinhalb Jahren sein erstes Mal erlebte - im Hochsommer hinter der Kirche, in der er die letzten vier Jahre als Messdiener ausgeholfen hatte.
Ihre großen moosgrünen Augen funkelten aufgeregt, ihre Lippen hatte er rotgeküsst und in den blonden Haaren von Christine spiegelten sich die buntesten Farben des Kirchenfensters, das von der Sonne reflektiert wurde. So sehr er auch versuchte sich ihren tollen Körper mit den für ihr so junges Alter riesigen Brüsten einzuprägen, so war alles, was er sah die bunten Farben in ihren blonden Locken, auf ihrem Gesicht, auf seinen Oberarmen, auf ihrem Torso.
Denn genauso fühlte er sich, genauso einzigartig, wie die einmaligen Glasmosaikstücke, die allesamt ineinander verlötet waren. Die aus vielen kleinen bunten Glassplitter bestehende Fensterscheibe, die erst Sinn ergab, wenn man all ihre Farben blitzen sehen konnte.
Für einen kleinen Moment war er mehr als nur der Messdiener und sie mehr als nur die sündenhafte Nichte des Pfarrers. Für einen winzigen Moment, war er verliebt.
Zum ersten Mal, in das bunte Glas, was sie beide wohl nie wieder vergessen würden.


a/n 2:
Liebe Nicky,
wenn du oder jeder andere vielleicht auch an Glaskunst denkst, assoziiert man unmittelbar Kirchen und dazugehörige Feiern wie Hochzeiten, Trauerfeiern, Taufen oder Gottesdienste im Allgemeinen damit. Ich nicht. So gar nicht (und das von einem Totengräber, HA!).
Das erste was mir zu Stained Glass eingefallen war, war wieder ein Disney-Film: Der Glöckner von Notre Dame!
Aber ich konnte ja nicht schon wieder ein Drabble über einen Disney-Film schreiben, schließlich waren die letzten zwei erst nach dieser Art entstanden, weshalb du es mir echt sehr, sehr schwer gemacht hast. Ich hoffe du bist dennoch zufrieden mit meiner Idee und nicht enttäuscht, dass du, wie vielleicht insgeheim gewünscht, auf eine kirchliche Hochzeit von Marc und Gretchen (vllt. vorerst) verzichten musstest. Sorry.

a/n 2:
HILFE, ICH ERTRINKE!

lg
manney

manney19 Offline

Mitglied


Beiträge: 676

30.09.2016 23:17
#5 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

86. Tackle

Die Welt war verrückt geworden!
Wie konnte man nur wegen einem innerstädtischen Fußballturnier die Schule ausfallen lassen? Das war unverantwortlich, überheblich und schlichtweg falsch!
Gretchen Haase grummelte schon seit den frühen Morgenstunden ununterbrochen vor sich hin. Sie hätte jetzt so viel lieber im Matheunterricht Funktionsgraphen analysiert als hier in der prallen Juni-Sonne zu sitzen und ihrem blöden Schulsportverein beim Ball hinterherlaufen zuzugucken. Wenn das die Unterstufen machten – bitte. Sie war in der Sekundarstufe 2, also hatte sie eigentlich auch ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit erwartet, aber all ihr Quengeln war auf taube Ohren ihres Lieblings-Latein-Lehrers gestoßen, der diese Amateure nämlich seit der siebten Klasse trainierte.
„Hmpf“, brummte sie, guckte vom Spielfeld zurück in ihr neustes Medizinbuch über die physische Stabilität von Ärzten, das aufgeschlagen in ihrem Schneidersitz lag und darauf wartete endlich eine Seite weiter umgeblättert zu werden.
Die Tribüne des Bezirks-Sportplatz war alt und bestand ausschließlich aus gegossenem, breiten, grauen Beton, der in der Sonne zwar kühl und angenehm glänzte, aber ohne Plastikverkleidung sehr unbequem war. Wie einige ihrer Mitschülerinnen es dabei noch schafften sich vornehm hinzuknien, weil ihre Röcke oder HotPants nicht dazu gemacht waren im Schneidersitz platz zu nehmen, ging über Gretchens überdurchschnittlich großen Horizont hinaus.
„Gretchen, leg doch mal dein Buch weg und genieße diesen Ausblick. Zweiundzwanzig verschwitzte junge Männer, die nur darauf warten, das Halbfinal-Spiel zu gewinnen um sich dann die Trikots vom Leib zu reißen, werden wir so schnell, so nah nie mehr zu sehen bekommen“, grinste ihre Freundin enthusiastisch.
Gretchen schnaubte verächtlich: „Ich seh da keine jungen Männer. Ich seh da nur zweiundzwanzig spätpubertierende Jungs, die einem weiß-schwarzen Ball neunzig Minuten bei praller Sonne hinterherjagen um hinterher bejubelt zu werden, weil sie einen Sonnenstich abbekommen haben. Außerdem ist es unverantwortlich bei diesem Wetter ohne Schatten auch noch körperlicher Aktivität nachzugehen.“
Gretchens beste Freundin grinste, setzte sich neben sie (auch gekniet, die Verräterin!) und verhakte ihrer beider Unterarme miteinander. „Ach Gretchen... ich weiß ja, dass du jetzt viel lieber im stickigen Klassenzimmer irgendwelche Parabeln ausgerechnet hättest, aber versuch es doch wenigstens ein bisschen zu genießen! Schau mal... sieht Sören nicht himmlisch in diesen Kniestrümpfen aus? Oder Marc?“
Sören?
Gott, seit wann hatte ihre beste Freundin nur angefangen, diese ungesunde Schwärmerei für Marc Meiers besten Freund und Blutsbruder zu hegen. Sie war ja fast so schlimm wie Gretchen in ihrer Phase. Nur dass Gretchen sieben Jahre gebraucht hatte um über ihn hinwegzukommen – naja, wenigstens zu 80%.
Ehrlicherweise musste sie dennoch zugeben, dass die Elftklässler in ihrer Sportuniform wirklich etwas hermachten, fast wie echte Fußballer sahen sie aus.
Ob nun Sören oder Marc oder Julian, sogar Carsten wirkte weniger rundlich im Tor als noch eine halbe Stunde zuvor im Bus.
Gretchen suchte in ihrer fast entleerten Schultasche nach ihrer Lesebrille. Jungs, gerade die da auf dem Platz, waren nicht ansatzweise so konstant, wie das Wissen, das sie sich anlas; also würde sie genau das jetzt auch tun, lesen.
„Gretchen“, nölte ihre Freundin wieder und rüttelte ungehalten an ihrem Arm: „Bitte. Nur dieses eine Spiel guckst du dir mit mir an. Ich will hier nicht allein rumsitzen und jubeln, wenn wir gut spielen.“
„Dann setz dich doch zu den anderen“, Gretchen zeigte auf die Gemeinschaft an Mädchen und weniger sportlichen, aber trotzdem beliebten Jungs aus ihrem Jahrgang.
Ihre Freundin zog einen Schmollmund, dem die Blonde nichts entgegenzusetzen hatte.
Mit einem theatralischen Stoßgebet gen Himmel nahm Gretchen ihre Brille wieder ab, klappte das Buch zu und verstaute beides zurück in ihre Tasche: „Aber hör auf dich hinzuknien – das sieht sonst albern aus, wenn ich hier die Einzige bin, die sich auf den Hintern gepflanzt hat.“
Ihre Freundin grinste breit und ließ sich ebenfalls auf ihren Po nieder.

-

Das Spiel war langatmig und sogar die eingefleischten weiblichen Groupies, die die Jungs anfänglich noch angefeuert hatten waren zwischenzeitlich mehr damit beschäftigt gewesen zusammen auf die Toiletten zu gehen oder sich untereinander mit dem neusten Tratsch zu versorgen. Die gegnerische Mannschaft war der der eigenen Schule durchaus ebenbürtig und zur Halbzeit stand es Wiedererwarten 0:0.
Ihre Freundin neben ihr seufzte: „Ist es nicht furchtbar langweilig, wenn kein Tor fällt? Also gar kein Tor. Nicht mal für die andere Mannschaft?“
„Ich sagte ja gleich, dass es sinniger gewesen wäre in der Schule zu bleiben und Mathe zu machen“, merkte Gretchen an – wohl etwas zu laut, denn irgendjemand schrie, dass der Hasenzahn das Spiel so langweilig fand, dass sie lieber Mathe machen würde.
Was den gesamten Unmut der elften, zehnten, neunten, achten und siebten Jahrgänge auf sie zog.
Suuuper.
Und die Zuschauer der anderen Schule auf der anderen Seite der Tribüne hatten dies auch mitbekommen und sangen jetzt in schlechten Reimen: „Ihr könnt ja Mathe machen, ihr könnt ja Mathe machen, ihr könnt ja geh'n, ihr könnt nach Mathe gehen.“
Völlig sinnfrei. Wie konnte man denn nach Mathe gehen. Wenn schon zu, und das war auch eher vage.

Ich muss zu Mathe gehen.
Ich muss zum Matheunterricht gehen.
Ich muss dringend in den Klassenraum gehen, in dem Mathe unterrichtet wird.
Ich muss dringend in den Klassenraum gehen, in dem mein Mathelehrer wartet um mich zu unterrichten.
Ich muss dringend hier weg, weil das hier alles bekloppte und sportverrückte Mitschüler sind!

I have to go to math.
I have to go to math class.
I have to urgently go to the classroom, where math is taught.
I have to urgently go to the classroom, where my math teacher is ready to teach me.
I need to urgently get out of here, because they're all daft and sport crazy classmates!

Cool.
Ging das auch mit Latein?

Habeo ad Math.
Math genus ire mihi.
Magisque ad me me ad schola, in qua docetur, Math.
Magisque ad me elit Math magister ubi est docere.
Ego multum opus ad adepto de hic, quia omnes condiscipulis demens hic, ludus et-

-

Wie übersetzte man ins Lateinische denn „sportverrückt“?
Das Spiel lief keine fünf Minuten nach der Pause, als Marc wie am Spieß schrie, weil sein hervorragender Schuss durch ein Bein eines Verteidigers der anderen Mannschaft sabotiert werden sollte. Oder weil das Schienbein des Verteidigers mit voller Wucht gegen Marcs linke Kniekehle gekracht war und der Unterschenkel gummiartig zurückschnellte, bevor Marc krachend auf dem Boden landete.
Der Ball rollte trotzdem ins Tor, die Menge jubelte, aber Gretchen hatte sich schon von ihrer Freundin losgerissen, war samt Tasche aufgesprungen und rannte in ungeübt schnellen Schritten die Zementtreppe der Tribüne herunter. Die Blonde störte sich nicht daran, dass ihre Freundin sie aufhalten wollte und ihr hinterherrief, dass sie doch jetzt nicht total peinlich aufs Spielfeld rennen konnte, sondern überlegte einzig und allein, wie sie das sofortige Einrenken von Marcs Knochen von den ungeübten Lehrer verhindern konnte.
„Ruf 'nen RTW. Wenn die Patella gebrochen ist, müssen da Fachkräfte ran und nicht freiwillige Helfer, oder gar erfolgsgeile Lehrer, die ihn noch dazu ermuntern wollen weiterzumachen.“
Hatte sie das wirklich gerade gesagt? Hatte sie das wirklich gerade über ihren Lieblingslehrer gesagt? Nun,... er war ein guter Lateinlehrer, aber ein noch leidenschaftlicherer Sportlehrer und der Ehrgeiz bei diesem Turnier eine Trophäe zu gewinnen, stand ihm schon seit Beginn an ins Gesicht geschrieben.
Gretchen rannte über die Laufbahn zum Rand des Feldes und hörte schon die Pfiffe und Rufe, dass sie ja anscheinend doch Haken schlagen konnte und das empörte Kreischen von Mädchen, die sie für eine gute Schauspielern und Dramatikerin hielten.
Um Marc herum hatte sich, als Gretchen ankam, eine kleine Traube aus Mitspielern, Lehrern und freiwilligen Helfern gebildet, die ihn alle fragten, wie es ihm ginge.
Gretchen verdrehte die Augen, als sie sich durch die verschwitzten Herren wühlte, in ihrer Umhängetasche nach der Wasserflasche griff und sie Marc ohne Umschweife vor den Mund hielt. Er war nassgeschwitzt, aber seine Stirn war eiskalt, trotz der prallen Sonne.
„Was willst du hier, Hasenzahn“, fauchte er, als er ihr dankbar die Flasche zurückgab.
„Keiner rührt dieses Bein an!“, energisch griff sie nach den Händen von den Helfern, die abgestellt wurden um die Sportler evtl. mit Kühlspray zu versorgen.
„Du musst Marc nicht Wiederbeleben, Hasenzahn“, gluckste Carsten und stieß seinem nebenstehenden Kumpel in die Seite, der mitlachte.
„Margarethe?“, fragte Gretchens Lateinlehrer, weil er nicht verstand, warum sie so einen Aufriss machte. War doch ein ganz normaler Unfall. Und Marc schrie ja auch nicht mehr wie am Spieß, oder rollte sich hin und her.
„Der Spieler hat ihn direkt in der Kniekehle getroffen, durch den Aufprall danach könnte die Patella gebrochen sein – genauso wie das Wadenbein, weil es gummiartig zurückgesprungen ist. Um nicht noch mehr-“
„Mach nicht so einen Wind, Hasenzahn. Das sah von Weitem schlimmer aus, als es wirklich ist. Wie konntest du das überhaupt sehen, ohne deine Brille“, er war schon fast dankbar, dass sie hier war, damit er an ihr verbal seine Schmerzen auslassen konnte.
Gretchen kräuselte die Nase, als Marc sich versuchte aufzusetzen, um sein Bein gerade zu ziehen.
Energisch drückte sie ihn zurück ins Gras – die scharfen Pfiffe, die der Situation nicht ansatzweise gerecht wurden, überhörte sie geflissentlich. Musste sie überhören.
„Kann ihn mal jemand festhalten, bitte!“
„Ich hab wirklich seine Kniekehle getroffen“, hörte sie von weiter hinten jemanden sagen, vermutlich den Verteidiger, der dieses Schlamassel erst angerichtet hatte.
Mariella zwängte sich durch die Sportler und kniete sich direkt neben Marc, an Gretchen gerichtet erläuterte sie: „Deine Freundin sagte, der Krankenwagen ist unterwegs. Wir sollen ihn hydriert halten und in den Schatten bringen, wenns geht!“
„Krankenwagen?“, Marcs Gesichtszüge entgleisten ihm.
„Natürlich! Das sah so brutal aus, wie dein Bein da so...“
„Gummiartig“, half Gretchen ihrer Klassenkameradin auf die Sprünge.
„Ja, gummiartig weggesprungen ist!“
„Mannschaft...“, ereiferte sich Gretchen nun: „macht eine Mauer um Marc herum, sodass er Schatten kriegt. Wir brauchen kalte, getränkte Tücher für seinen Nacken, und mehr Wasser. Ich brauche zwei Freiwillige, die ihn festhalten. Gut festhalten. Einer am Fuß und einer setzt sich auf seine Hüfte. Wenn ich ihm den Schuh ausziehe, will ich sein Bein nicht einen Zentimeter bewegt wissen. Kapiert!“, ordnete sie an und wurde zuerst von perplexen, stummen Mienen angeschaut, die sich aber schnellstens beeilten ihrer Aufforderung nachzukommen, als Mariella ihnen ein wütendes „Fatelo, ora!“ hinterherwarf.
Gretchen wusste nicht, warum Mariella so viel mehr Macht besaß, dass die ganzen zweiundzwanzig Spieler alle auf sie hörten, aber sie vermutete, dass es am Italienisch lag.
Sie sprach es so selten, und das war der Moment, in dem Gretchen begriff, dass egal wie gutaussehend und beliebt Mariella war, egal wie oberflächlich sie war oder sich gab – sie liebte Marc, dass sie sich darauf verließ, dass Gretchen das richtige tun würde.
Ihr Herz setzte aus.
Tat sie das richtige?
Wenn es wirklich ein Trümmerbruch der Kniescheibe war und man das Bein bewegte ohne es vorher richtig zu schienen, war dies fatal. Wenn Marcs Bein anschwoll, weil Arterien durch die Fibulafraktur abgeklemmt wurden, war das noch schlimmer. Oder?
Als sich Sören auf Marcs Bauch setzte und ein Spieler der Gegenmannschaft auf seinen Fuß drückte, damit er nicht wegrutschte, wenn Gretchen ihm den Schuh auszog, war die Entscheidung gefallen.
„Okay, wir ziehen dir jetzt den Schuh aus, Marc.“
„Warum eigentlich? Du hast doch gerade gesagt das könnte schwere Folgen haben, das Bein zu bewegen“, wandte Julian ein – ach den gab's auch noch?
Gretchen biss die Zähne zusammen. Sollte sie ihm jetzt wirklich den Ablauf von einem – möglichen – Logensyndrom erklären? Sie schaute zu Marcs Schmerzverzerrtem Gesicht und Mariellas Hand, die nach seiner griff.
Die Blonde atmete tief aus, fasste an Marcs Unterschenkel und zog vorsichtig den Socken hinunter: „Also, Julian. Marc hat definitiv eine Fibulafraktur. Fibula ist medizinisch für Wadenbein. Dabei können Adern, gar die Arterie in seinem Bein verletzt worden sein. Der Druck im Inneren des Beins wird größer, und die Gefäße, Muskeln oder Nerven können nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt werden. Wenn also das Innere seines Beins anschwillt ist es weniger von Vorteil wenn es außen in Strümpfen komprimiert wird, oder sein Fuß zusätzlich eingeklemmt in seinem Sportschuh steckt. Sein Bein dabei aber nicht zu bewegen ist deshalb so wichtig, weil er sich zusätzlich eine Patella-Fraktur zugezogen haben könnte.“
Sie war unheimlich stolz, als sie Marc den stinkenden Sportschuh ausgezogen hatte, ohne das Bein unnötig bewegt zu haben, oder Marc vor Schmerz schreiend aus Reflex seine Wade weggezogen hatte.
„Das ganze heißt Kompartmentsyndrom“, endete sie, als auch endlich die ersten Sanitäter eintrafen und nicht schlecht staunten, als ihnen Gretchen neben Alter, Gewicht und Puls auch den Verdacht auf Fibula- und Patellafraktur verklickerte und man ein Kompartmentsyndrom niemals ausschließen sollte – und schon gar nicht, wenn seine Beine so unterschiedlich dick aussahen.
Ihr Lateinlehrer und Mariella fuhren mit ins Krankenhaus, während Gretchen professionell die Ladetüren des Krankenwagens hinter dem letzten Sanni ins Schloss warf.
Immer noch die meisten ihrer Schulkameraden befanden ihr Einmischen als trickreich, gestellt und Mariellas Nebenbuhlerin erst befand ihren Auftritt als angeberisch, affektiert und gekünstelt. Nichts desto trotz kam Sören auf sie zu, nachdem das Spiel abgebrochen wurde und schlug ihr vertraut-freundlich auf die Schulter: „Gut gemacht, Haase.“
Tja, das war dann sowohl seine Entschuldigung für acht Jahre Mitmachen bei Marc Meiers unartigen Streichen als auch das Ausdrücken von Dankbarkeit.
Gretchen grinste, als ihre beste Freundin hüpfend und kreischend neben ihr stand und immer wieder wiederholte: „Du warst brillant, Gretchen, einfach brillant! Oh mein Gott, er hat dich berührt. Genau hier, auf deiner Schulter. Oh wie gern ich mit dir tauschen möchte. Wenn ich doch auch nur so eine erfahrene Medizinfrau wäre wie du! Dann hätte ich jetzt Sörens Handabdruck auf meiner Schulter. Und ich würde mich nie mehr waschen.“
Gretchen schüttelte belustigt den Kopf: „Was würdest du erst machen wenn Günni Neumann dich berühren würde und Sören!“
Ihre Freundin hörte schlagartig auf zu hibbeln und ließ sich künstlerisch auf ganz schlechtem Niveau theatralisch zu Boden sinken.

-

Als Marc in der darauffolgenden Woche am Montagmorgen von Mariella zur dritten Stunde zur Schule geschoben wurde, war er für die späte Zeit ziemlich dankbar. All die kleinen Sek 1 Kinder würden ihn nicht direkt Löchern können, wie es ihm ging und auch nicht komisch gucken, dass er die nächsten sechs Wochen in einem Rollstuhl fahren müsste. Er hatte Mariella natürlich gesagt, dass er selbst in der Lage war den Rolli zu bedienen, sie hatte es sich trotzdem nicht nehmen lassen ihn heute Morgen von zu Hause abzuholen und ihn überall hin zu lenken.
Tja... er wünschte wirklich, dass Mariellas Fürsorge nur ein bisschen auf seine Mutter abgesprungen wäre, denn die war zwar zuerst tiefbestürzt ins Krankenzimmer gestolpert, aber als der Arzt ihr versichert hatte, dass das Bein dank guter Erstversorgung dranbliebe, weil es glücklicherweise kein Kompart-Dingsda war, dafür aber sein Wadenbein gebrochen war und seine Kniescheibe wirklich einen dicken Haarriss hatte und jede Bewegung ohne Schiene ihn mindestens sechs Monate länger genesen lassen hätte müssen, war seiner Mutter ein Stein vom Herzen gefallen und sie hatte angefangen zu meckern.
„Du machst zu viel Sport, du konzentrierst dich zu wenig auf die Schule, Mariella jagst du noch so einen Schrecken ein, dass sie in ihren jungen Jahren einen Herzkasper kriegt, Fußballverbot, Mach das nie wieder, Mein armer Junge... was machst du auch immer für Sachen!“
Ähem,... ja. Sein Vater war da nicht viel besser. Der kam am nächsten Tag direkt aus der Schweiz geflogen, überraschte ihn mit einem Teddybären (er war in der elften Klasse... also bittteee! Süß war der kleine Bär ja trotzdem irgendwie... mit dem Gipsbein und Fußball unterm Arm), erzählte ihm von all den schlimmen Schicksalen von Fußballern, die, wenn sie sich überanstrengten, irgendwann am Krückstock liefen und Mariella bestimmt keinen Freund haben wollte, der humpelte.
Er liebte seine Eltern, seit sie sich eeendlich scheiden lassen hatten, sogar noch sehr viel mehr, aber manchmal waren sie einfach unheimlich mit ihrer merkwürdigen Art der Fürsorge.
Deshalb lobte er sich seinen besten Freund, seine Freunde und Freundesfreunde, die ihn alle jeden Tag brav im Krankenhaus besucht hatten und nicht nervten. Sogar die Mannschaft, gegen die man gespielt hatte ließ sich einmal Blicken, entschuldigte sich und versprach beim nächsten Spiel das Tor, das er geschossen hatte, gelten zu lassen.
Den einzigen, den er vermisste, war der Hasenzahn... naja, und ihre Freundin, aber die war weniger bis gar nicht wichtig.
Der Hasenzahn hatte ihm die Reha erspart, weil sie die Laien gar nicht erst an sein Knie gelassen hatte – weil sie ihn gar nicht an sein Knie gelassen hatte. Und dennoch, obwohl es in der Schule vermutlich jeder schon rausposaunt hatte, dass ausgerechnet der Mediziner-Geek endlich zu was Nütze war, kam sie ihn nicht eineinziges Mal besuchen.
Hm.
Erst in der zweiten großen Pause hatte Marc Gretchen zum ersten Mal seit dem Fußballspiel wiedergesehen. Sie saß mit ihrer Freundin auf der kaputten Tischtennisplatte im Schneidersitz und blinzelte mit ihrer dicken Brille auf das Buch in ihrer Hand.
„Du willst danke sagen“, grinste Mariella, die ihn, nachdem er einfach ohne sie losgerollt war, zu ihm aufschloss und ihn doch wieder vor sich her schob.
„Hm...“, machte Marc grantig.
„Sei nett zu ihr!“
„Hm...“, machte er wieder. Und je näher er Gretchen kam, desto schlechter hielt er sein Vorhaben.
„Schau mal, Gretchen. Hier ist jemand, der danke sagen möchte“, witzelte die rothaarige Freundin von Gretchen. Marc wollte sie auf der Stelle umbringen, bis er auf die Idee kam, einfach nur zu nicken und „Uh-u“, zu sagen.
„Bitte?“, fragte Gretchen betrunken vor Lachen, als Marc in seinem Rolli immer kleiner wurde, weil er einfach das „Danke, Gretchen“, was ihm in der Kehle steckte, nicht aussprechen konnte.
„Hmhm, hmhm“, nuschelte er mit verschränkten Armen und guckte ihre Haare, ihre Brille aber keineswegs ihre Augen an, die vor Vergnügen nur so Funken sprühten.
„Tut mir leid, ich hab's immer noch nicht verstanden, was hast du gesagt?“, sie beugte sich jetzt zu ihm vor und legte anmaßend ihren Zeigefinger hinter ihr Ohr, um ihn noch besser zu verstehen.
Marc räusperte sich ehe ihm im letzten Augenblick doch noch ein anderer, besserer Geistesblitz gekommen war: „Mariella, hast du noch den dicken Edding aus dem Kunstunterricht?“
Seine Freundin guckte skeptisch nickte aber bejahend und kramte ihn aus ihrem Rucksack.
Ehr erweisend überreichte er Gretchen eben diesen Edding und erlaubte ihr andächtig:
„Du darfst mir als Erste auf den Gips schreiben.“
„Hast du nicht gesagt, du wolltest nichts auf deinen Gips gekritzelt haben, weil das nur was für kleine Kinder wäre?“, rümpfte Mariella die Nase. Ob nun Reha erspart oder nicht, als Freundin müsste sie doch eigentlich die Erste sein dürfen, die auf Marcs eingegipstes Bein unterschreiben dürfte und nicht der Freak.
„Ich soll unterschreiben? Warum?“, fragte die Blonde jetzt weniger lachend und verstand nicht so recht, was er damit bezweckte.
„Naja... du weißt schon, als“, er räusperte sich und war wirklich drauf und dran dieses Wort auszusprechen, dass er nach dieser blöden Matheaktion vom letzten Jahr eigentlich nie wieder in Verbindung mit Gretchen „Hasenzahn“ Haase auszusprechen gedachte. Und schon gar nicht für so eine Sache, die er mit Worten gar nicht beschreiben konnte.
Sie hatte ihm sein normales Leben gerettet. Ohne Reha, ohne offene Wunden, ohne problematische Heilungszeiten. Ihr einfach nur „Danke“ sagen war wenig, aber wenn er es tat, dann kam es von - er hätte kotzen können – Herzen.
Fuck.
„Du kannst schreiben was du willst. Marc ist ein Arschloch, Marc ist ein Weichei, Marc-“
„-Hält jetzt besser die Klappe, sonst schreibt sie das wirklich noch, schließlich hättest du es verdient“, mischte sich Mariella hilfsbereit ein.
Gretchen nahm ihm aber wissend lächelnd auch diese Bürde ab: „Als Dankeschön, dass ich dir die Reha erspart habe soll ich was gemeines über dich auf deinen Gips schreiben?“, sie griff nach dem dargebotenen Stift, drehte die Kappe ab und schrieb in großen geschwungenen Lettern ihren Namen darauf: Gretchen
„Tja, Marc, das tun angehende Ärzte nun mal so... Sportverrückten wie dir die Krücken ersparen“, unter ihren Namen schrieb sie noch etwas hin, grinste zufrieden und klopfte Marc auf den Gips.
„Was hast du da noch hingeschrieben?“, wollte er wissen, konnte er nun mal kein Latein (und auch kein gutes Französisch, wenn er ehrlich war).
Entwaffnend hob Gretchen die Hände: „Als du gestürzt bist, habe ich Lateindenkaufgaben gelöst und nach einer Übersetzung gesucht. Ich finde, sie passt ganz außerordentlich auf deinen Gips!“
lusum insanum

a/n:
Tackle auf Englisch kommt eigentlich aus dem amerikanischen Football und bedeutet, dass ein Spieler einen anderen Spieler mit dem Kopf vorweg aus der Linie gerammt hat, damit er den Football über die 50 Yards Linie werfen kann (so, oder so ähnlich). Da es aber auch die Beschreibung beim Soccer (also beim /richtigen/ Fußball) gibt, wenn ein Spiel der anderen Spieler reingrätscht, habe ich das genommen. Ganz im Ernst, ich hätte auch nicht gewusst, wie ich erklären hätte sollen, dass sich irgendjemand aus DD für Football interessierte, geschweige es spielte.

manney19 Offline

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28.01.2017 22:14
#6 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

19. Lair

Gläschen Sekt, hatte er gefragt.
Das Geschenk hatte Marc tatsächlich auf den Flügel abgestellt und wartete nun auf dem Flügelhocker darauf, dass seine Mutter, in erster Linie aber Professor Haase die Treppe hinunter kam, um mit ihm zu reden. Fragte sich nur über was der Professor noch großartig reden wollte, wenn für Marc eigentlich schon alles klar war: Seine Mutter schlief mit seinem Doktorvater, ehemaligen Hochschulprofessor und heutigem Chef zu einer Zeit, in der er keine bessere Munition gebraucht hätte um seine alten Privilegien im Krankenhaus wiederzuerlangen.
War es falsch die Situation so auszunutzen? Natürlich.
War es falsch Marc eine Standpauke über die moralischen Pflichten gegenüber seinen Mitmenschen und ganz besonders gegenüber Gretchen zu halten, wenn Franz Haase diese Pflichten selbst überhaupt nicht beachtete? Natürlich.
Als er den bekannten Arztkoffer im Schlafzimmer seiner Mutter entdeckt hatte, waren ihm genau zwei Gedanken durch den Kopf geschossen:
Erstens konnte das unmöglich der Arztkoffer sein, den Marc Zeit seines Doktorats fast täglich dem Professor hinterher geschleppt hatte.
Und zweitens: wenn das wirklich der Arztkoffer war, dann weil das Universum es so wollte, dass er genau der Egomane blieb, den er sich selbst anerzogen hatte.
„Doktor Meier“, nickte der Professor; wirkte wieder so souverän, wie immer.
Nichts an ihm erinnerte an die peinliche Verfassung von vor zwanzig Minuten, als eben genau dieser Mann, der mit Krawatte und Anzug so viel Integrität ausstrahlte, in der Horizontalen mit Marcs Mutter nackt im Bett gelegen hatte.
Marc schüttelte den Kopf, das waren Bilder, die er schleunigst aus seinem Kopf verbannen musste. „Herr Pr-“
„Ich pfeife Sabine zurück und Sie übernehmen wieder die OP-Planung, dann sind wir quitt“, sprach der Ältere ohne große Umschweife, noch bevor Marc überhaupt in der Lage war eine etwaige Forderung zu stellen. Eine etwaige Erpressung zu verbalisieren.
Marc runzelte die Stirn, bewegte sich auch nach diesem dem großen Zugeständnis nicht einen Millimeter von seinem Platz, als Franz Haase sich mit einem tiefen Seufzen auf die Couch niederließ.
Der Mann, den er vor zehn Jahren zum ersten Mal in einem Hörsaal getroffen hatte, war alt geworden. Und auch wenn es genau das war, was Marc von seinem Chef sowieso gefordert hätte, fühlte sich sein Sieg ohne etwas riskiert zu haben wie verlieren an. Der Professor schenkte ihm den verbalen Schlagabtausch, um ihm nicht in eine juristische Sackgasse laufen zu lassen.
Prima, oder?
Marc biss sich auf die Innenseite seiner Wange und überlegte angestrengt, ob ein abfälliger Kommentar ihm genügend Genugtuung geben würde, entschied sich aber auch dagegen.
„Nein“, polterte er deshalb und erschreckte sich vor seiner eigenen Lautstärke.
Isobel im Arbeitszimmer fiel der Füller vom Tisch und seine Mutter, die just in diesem Moment auch die Treppe hinunter kam, befahl ihm die Contenance zu wahren – die ihm in diesem Augenblick am Hintern vorbeiging.
Marc sprang auf und lief schulmeisterlich vor seinem Professor auf und ab: „Wir sind garantiert nicht quitt, wenn Sie mir gerade erst heute morgen einen Vortrag über Integrität, Anstand und Verantwortung meinen Mitmenschen gegenüber gehalten haben, und selbst nicht in der Lage sind, ihren moralischen Wertevorstellungen nachzukommen!“
Jetzt würde es ein Sieg werden, beschloss Marc.
Doch anstatt genau wie Marc die Stimme zu erheben fragte der Professor ihn ganz ruhig ob er jetzt fertig wäre.
Marc hatte sich ein Stück der Innenhaut seiner Wange abgebissen.
Streiten, kämpfen, Revier markieren.
Keine zwölf Stunden zuvor war der Professor noch aus seiner Haut gefahren, hatte ihn und seinen Lebensstil wild beschimpft, und dass Marc überall sein amouröses Privatleben ausleben könnte, nur eben nicht im Krankenhaus mit Kollegen und Freunden und schon gar nicht mit... seiner Tochter.
Marc blinzelte, fasste sich an seinen Hals und holte erneut zu einem sprachlichen Tiefschlag aus, einen von dem er wusste, dass er den Professor damit aus der Reserve locken würde:
„Und nicht nur, dass sie ihre Ehefrau betrügen, und all Ihren Mitmenschen etwas vorheucheln... wie denken Sie wohl, wird Gretchen darauf reagieren.“
„Marc Olivier, es reicht“, kreischte seine Mutter, und schickte ihm vom Treppenabsatz hundert tödliche Blitze.
Doch er hatte genau das erreicht, was er wollte: Franz Haase war aufgesprungen und stritt sich mit ihm in einer unüblichen Lautstärke: „Wenn Sie meiner Tochter auch nur ein Wort von der Beziehung zwischen Ihrer Mutter und mir erzählen, Meier, dann sind Sie längste Zeit Arzt in unserer Klinik gewesen! Denn meine zwischenmenschliche Beziehung zu meiner Tochter geht Sie absolut nichts an.“, brüllte der Mann gefährlich.
Ja, wenn Marc nach dieser Unterhaltung immer noch die OP-Planung vom Professor zurückbekommen würde, dann war es wirklich ein Sieg. Ein suizidaler Karrieresieg.
„Franz“, herrschte seine Mutter den Chefarzt an, aber Marc ließ sich nicht von ihr beirren und schnaufte trotzend.
„Ihre Tochter hält sie für so integer und ehrlich! Dabei haben Sie nicht mal genügend Mumm ihr von ehemaligen Frauen zu erzählen. Wie viele waren es in den letzten zehn Jahren, während sie in Köln gelebt hat? Zwei? Drei? Und während sie ihren Verlobten wegen eines einzigen Seitensprungs verlässt und Sie ihr gut zureden, dass dies auch richtig ist, verheimlichen Sie ihr, dass sie selbst gar nicht besser sind. Wie ehrlich ist das denn, Herr Professor?“
Marcs Stimme zitterte vor Wut. Und Angst. War er denn noch ganz bei Trost, so mit seinem Chef zu sprechen? Andererseits musste auch einmal gesagt werden, dass es keineswegs richtig war Gretchen im Glauben zu lassen, einen Übervater zu haben.
Als Marc zum Spieleabend bei den Haases eingeladen war, die Fotoalben durchgeblättert worden waren und Marc nach den ersten zwei Gläsern Wein einfach den Abend genießen konnte, ohne ständig daran zu denken, dass alles um ihn herum nur Schein war, hatte er mehr über Gretchen ihre Familie und ihr Leben in Köln erfahren als die gesamten drei Monate davor, in denen sie zusammengearbeitet hatten.
Sie liebte ihre Familie, wirklich. Aber irgendwas muskelartiges hatte sich furchtbar in seiner Brust zusammengezogen, als er erkannte, dass Gretchen ihre Familie hochstilisierte.
Denn Marc war da gewesen, als Franz Haases Affären im Krankenhaus ein- und ausgingen. Marc war dagewesen, als Franz Haase sich wochenlang über Jura-Studenten lustig gemacht hatte, weil er es nicht ertragen hatte, dass sein Spross lieber die Paragraphen anstelle des Skalpells schwang. Und Marc war auch da gewesen, als Franz jeden ledigen Kinderarzt auf einer Tagung kritisch beäugt hatte, weil alle irgendwie besser waren, als der, der seiner Tochter einen Antrag gemacht hatte.
Er bestritt gar nicht, dass Professor Dr. med. Franz Haase ein guter Vater war, noch bestritt er dass Gretchen nicht in der Lage wäre zu verstehen, dass auch ihre eigene Familie nur menschlich war – nur dass sie über so viele Jahre angelogen wurde; das würde sie so viel härter treffen, als das Wissen darum, dass ihr Vater Affären hatte.
„Halten Sie sich einfach raus, Meier!“, brüllte Franz bedrohlich.
Der junge Oberarzt warf die Hände in die Luft, als der Professor von seiner Mutter beruhigt wurde und er von ihr wieder vielsagende Blicke erntete.
„Er ist nicht ganz bei Sinnen und weiß nicht, was er sagt“, wiegelte sie ab, strich ihrem... Lover(?) über die Brust und versuchte die Schärfe aus der Diskussion zu nehmen.
Marc schnaubte verächtlich: „Natürlich, weiß ich, was ich sage, Mutter. Nur anscheinend will-“ „Wenn Sie selbst Kinder haben, werden Sie verstehen, dass es manchmal besser ist, sie nicht alles wissen zu lassen. Und wenn Sie wissen, was für Sie und Ihre Karriere gut ist, Doktor Meier, dann ist diese Unterredung jetzt beendet!“, polterte Franz ein letztes Mal, schnappte sich seinen Mantel vom Esstisch, drückte seiner Mutter demonstrativ einen Abschiedskuss auf die Lippen und marschierte den Flur entlang zur Tür aus dem Haus.
„Wenn das dein Geschenk war, dann keinen vielen Dank, Marc Olivier!“ „Mutter, nenn mich nicht immer,... ach!“
In Windeseile rannte Marc dem Professor hinterher und erreichte ihn ein paar Meter vor dessen Wagen: „Irgendwann wird sie's erfahren“, lenkte Marc ein. Es ging hier gerade nicht mehr um das Zurückerobern seiner Krankenhausprivilegieren, sondern um das Retten einer festgefahrenen Routine.
Franz jedoch drehte sich abrupt um und fauchte: „Doktor Meier, ich sagte bereits, dass Sie sich da raushalten sollen.“
Der Professor war wenig beeindruckt von Marc dieses Streitgespräch noch weiter zu verlängern, und dann auch noch auf offener Straße, aber er würde nicht davor zurückschrecken dem Sohn seiner Freundin eine runterzuhauen, wenn er ihn noch mehr reizen würde.
Marc jedoch kräuselte nur die Nase: „Sie müssen es ihr sagen. Denn wenn es irgendwann durch einen genauso dummen Zufall rauskommt, wie hier, jetzt gerade“, Marc gestikulierte zum Haus seiner Mutter: „Dann wird sie Sie nicht wegen der Affäre hassen, sondern weil Sie sie angelogen haben. Gretchen hat vielleicht verträumte Ansichten vom Leben, aber sie wird damit klarkommen, dass auch ihr Vater nur ein Mensch ist und die Ehe ihrer Eltern nicht die beste ist!“
Der Professor sog scharf die Luft ein, bereit erneut Marc abzuweisen, blinzelte dann aber gegen die untergehende Sonne und atmete ruhig aus: „Denken Sie, das weiß ich nicht? Glauben Sie wirklich ich muss mich über die Charakterzüge meiner eigenen Tochter belehren lassen? Ich w-“
„Nein“, sagte Marc entschieden, obwohl er wusste, dass der Professor eigentlich noch etwas sagen wollte: „Aber sie müssen daran erinnert werden, dass Gretchen genauso stur sein kann, wie ihre sentimentale Seite große ist: Sie wird Ihnen die Affäre verzeihen, weil es menschlich ist. Die Lügerei wird sie veranlassen zu gehen!“
a/n:
yeah, hier bin ich wieder. Melde mich frisch aus der „Wasserschadenpause“, Weihnachtsstress, Sherlock-Feelings und Krankheit zurück, wieder gesund und voll des Eifers mit neuen Drabbles und „richtigen“ Kapiteln an den Start zu gehen. Hat schon irgendjemand was für den DD-Geburstag geplant? @Lilia können wir bitte ein neues Banner zum Jubiläum von dir bekommen? PrettyPleaseWithCherryOnTop? ManWirdNurEinmalZehn
Wenn ich mich ranhalte kommen evtl. am Sonntag/morgen noch zwei Drabble. Mal schauen ;)
lg manney

manney19 Offline

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29.01.2017 22:34
#7 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

4. Karma


Marc stöhnte aufgebracht.
So gemein, war er nun auch wieder nicht, dass sie sich hätte krank melden müssen. Gut, sie hatte Tränen in den Augen, hatte sich mehrfach entschuldigt und es gab auch keinen Grund auf den Grundprinzipien weiter herumzureiten als nötig, aber... es war so einfach.
Als Schwester Sabine gestern Morgen keinen Kaffee für ihn parat hatte, weil sie nicht wie sonst zwanzig Minuten früher als er ihren Dienst begonnen hatte, war er wütend geworden. Sehr wütend. So wütend, dass er ausfallend geworden war und seinen seit Monaten gesammelten Frust an der armen Schwester ausgelassen hatte.
Und das schlimmste daran war, dass der ich-bin-ja-soglücklich-mit-Mehdi-zusammen-Hasenzahn ihn die ganze Zeit gewarnt hatte, dass er sich zusammenreißen sollte und Sabine nicht wie einen Fußabtreter behandeln konnte.
Humbug. Wenn er wollte, konnte er jeden wie einen Fußabtreter behandeln – zumindest jeden unter ihm gestellten. Sein liebstes Opfer hatte sich immer seltener zur Wehr gesetzt und seine Gemeinheiten ihres Aussehens, ihres Gewichts, ihrer Zähne, ihrer Inkompetenz oder ihrer ständigen Empathie den Patienten wegen einfach nicht mehr beachtet.
Hinzu kam ein unausgefülltes Sex-Leben, seit er herausgefunden hatte, dass Gabi es darauf angelegt hatte, ihn mit einem Kind an sich zu binden.
Konnte man es ihm denn dann nicht wirklich einmalnachsehen, dass er gereizt und unausgeglichen war? Musste Schwester Sabine ausgerechnet zu jener Zeit beginnen Rückgrat zu entwickeln und demonstrativ nicht zur Arbeit zu erscheinen, als er in einer tiefen Krise steckte?
Seit er hier als Assi unter dem Professor und Dr. Rössel eingestellt worden war, konnte er sich nicht einmal daran erinnern, dass Sabine krank gewesen war. Sogar ihren Urlaub hatte er kaum mitbekommen, weil sie immer nur Tage freinahm, als einen kompletten Sommerurlaub hintereinander.
Mürrisch überquerte er in der Mittagspause den Flur auf dem Weg zum Schwesternzimmer der siebten Station um dort nach der ersten anstrengenden OP des Tages einen wenigstens halbwegs genießbaren Kaffee zu trinken, der ihm verwehrt blieb!
Am großen runden Tisch in der hinteren Ecke neben der Tür der Umkleidekabine saßen und standen nämlich sämtliche diensthabende Schwestern, Schwesternschülerinnen und sogar die Pfleger – diese Verräter – und würdigten ihn keines Blickes, als er fragte, warum in der gläsernen Kaffeekanne keine braune Brühe vor sich her kochte, wie sonst immer.
Er wurde ignoriert.
„Kaffee?“, er suchte sich eine namenloses Gesicht, deutete auf die Maschine und schnippte mit den Fingern.
Das Gespräch um den Tisch herum verstummte und zurück blieb nichts als provozierende Stille.
„Is' irgendwas? Ich will Kaffee“, ereiferte er sich, aber auch danach war niemand aufgestanden.
Insubordination.
Schwester Dingens... Ingrid... Irmgard... Illona... war ja auch egal, auf jeden Fall die kleinste Frau von allen und der Oberschwester, die sich bei dieser Intervention ausgeklinkt hatte, direkt unterstellt, drehte sich zu ihm um und baute sich mit verschränkten Armen vor ihrem Oberarzt auf: „Die neue Kaffeemaschine wurde von Schwester Sabine vor zwei Jahren entgegen der Meinung des Verwaltungsrates hart erkämpft. Die Nutzung hier im Schwesternzimmer soll ausschließlich den Schwestern zugute kommen. Also müssen Sie als Arzt wohl in die Cafeteria gehen und sich dort welchen kaufen.“
„Bitte“, das war schlimmer als Insubordination – das war eine verbale Schelte gegen alle auf dieser Station befindlichen Ärzte; die er verursacht hatte.
Wirkönnten natürlich eine Ausnahme machen, unter der Voraussetzung, dass Sie sich höchstpersönlich bei Sabine entschuldigen und versichern, dass Sie niemanden von uns jemals wieder nur wegen sozial-privater Differenzen zur Schnecke machen!“
Schwester Ingeborg – ha, Ingeborg war's – drehte sich zum Tisch, schnappte sich ein im Klemmbrett befindliches Formular und hielt es Marc direkt vor die Nase. Dort standen eben genannte Forderungen noch einmal schriftlich festgehalten, mit Anschrift, Datum und Ort. Ach so und eine grundlegende „Nett-Sein“-Klausel gab's auch noch.
„Ja, sicher... nicht!“, grunzte Marc, zeigte den Schwestern seine Kehrseite und marschierte aus dem Schwesternzimmer.
Würde er sich halt in der Cafeteria mit Kaffe bedienen. Er war Oberarzt, die Cafeteria-Tanten würden ihn doch sicherlich auch ohne ständig 2,80 € bezahlen zu müssen, an die Kaffeemaschine lassen, oder?
Oder?


Nein, ließen sie nicht. Jeder, ob Angestellter, Patient oder Besucher musste 2,80 € bezahlen. Und natürlich konnte Marc das auch einfach auf seine Spesenabrechnung setzen, niemand aus der Verwaltung hätte sich darüber beschwert, dass der jüngste Chirurg des EKH lieber das aus perfekten, teuren Kaffeebohnen gewonnene Getränk dem Supermarkt-Gebräu vorzog. Aber es fühlte sich wie verlieren an. Er hatte seinen Kaffee immer umsonst bekommen, auch nach der ganzen Regulierung, dass Kaffeemaschinen auf den Stationen eigentlich gar nichts mehr zu suchen hatten und man deshalb überall diese Kaffeeautomaten aufgestellt hatte, aus denen lauwarme Suppe und etwas Kaffeeähnlichesherauskam.
Jetzt dafür zu bezahlen war wie das Eingestehen, etwas falsch gemacht zu haben – was er natürlichnicht hatte.
-
Am gleichen Abend gab Marc 599,00 € bei einem großen roten Elektromarkt für einen Kaffeevollautomaten aus – und wurde einen Tag darauf vom Verwaltungsvorsitzenden höchstpersönlich gerügt, dass er entweder diese lächerliche Kaffee-Fede zwischen Schwestern und Ärzten aus der Welt schaffen oder eben seinen Kaffee, wie jeder normale Angestellte auch, in der Cafeteria kaufen müsste. Sein stromfressender Vollautomat jedoch musste verschwinden, vor der Mittagspause.
Dem Unmut der Schwestern und Pfleger kam nun auch der Groll seiner beiden Assistenzärzte hinzu, die – gleiches Recht für alle Ärzte – auch nicht mehr den leckeren Kaffee aus dem Schwesternzimmer schlürfen durften. Achja, und weil Dr. Rössel letztens das 20. jährige Jubiläum seiner OP-Schwester verschlafen hatte, machten seine ihm unterstellten Schwestern und Pfleger auf der anderen Seite des chirurgischen Trakts diesen affrösen Kinderkram mit.
Anders aber als Marc, der diesen Zustand nun schon seit drei Tagen ertrug, hatte Dr. Rössel sich gentleman-like entschuldigt, der Oberschwester einen großen Blumenstrauß zukommen lassen und für sie und ihren Mann Theaterkarten organisiert – Babysitter in Form Rössels ältester Tochter inklusive.
Verräter! Alle!


Marc lehnte seine Stirn gerade lange genug an das kühle Glas seines Bürofensters, damit die schmerzende Wärme aus seinem Kopf verschwand, als seine Assistenzärztin ohne anzuklopfen wie ein Wirbelwind seinen Arbeitsraum betrat.
„Marc, wir müssen reden!“
Er schreckte auf. Es war lange her gewesen, dass er und Gretchen allein in einem Raum aufeinandergetroffen waren. Immer und überall war Sabine wie ein Schatten gefolgt.
Hmpf. Er vermisste die kleine Schwester, die wirklich krank war. Die vermutlich schon den Tag zuvor krank gewesen war, weshalb sie überhaupt erst später gekommen war, als er.
Vertrackt noch eins.
„Das was hier gerade passiert, ist ganz allein deinem schlecht verbreiteten Karma zu verdanken.“
„Bitte?“, redete sie jetzt von der Kaffeemaschinen-Affäre, oder...
„Du bist schuld daran, dass Hannes und ich noch nicht mal mehr den kalten Kaffeeabbekommen“, sie schüttelte sich am ganzen Körper.
„Wer trinkt denn kalten Kaffee?“, fragte Marc desinteressiert, setzte sich auf seinen Bürostuhl und lehnte sich so weit zurück, damit er den tollen Ausblick auf Gretchens Postur genießen konnte.
Wir, wenn wir Nachtschicht haben? Nachts gibt’s nur kalten Kaffee – aber das hast du ja bis jetzt nie mitgekriegt, weil Schwester Sabine für dich immer genügend heißen Kaffee in eine Thermoskanne gefüllt hat!“
„Aha“, machte er. Nein, er fühlte kein schlechtes Gewissen in seinem Bauch aufkommen, nein. Das war nur das Ende seines Verdauungstraktes, das entleert werden wollte.
„Marc, du betrügst Karma! Also reiß dich zusammen und entschuldige dich bei Sabine und unterschreib den Wisch, den dir unsere Schwestern als Ultimatum gestellt haben.“
„Ich bin hier Oberarzt, ich muss hier gar nichts. Und was redest du die ganze Zeit von Karma? Hat Mehdis Mutter dich zu einem ihrer Esoterik-Seminare mitgenommen?“, grummelte er bärbeißig.
Er hatte auf ein Erröten ihrerseits gehofft, auf ein Anzeichen, das er richtig lag, stattdessen verdrehte sie nur die Augen und holte tief Luft: „Schwester Sabine macht so viele gute Dinge für dich, neben ihren Aufgaben als gewissenhafte OP-Schwester-“
„Das weiß ich“, rümpfte Marc die Nase. Na und.
„Und je mehr sie für dich macht und dir den Rücken zusätzlich freihält, obwohl sie die Arztberichte gar nicht schreiben müsste, macht sie das trotzdem. Sie hat mehr verdient als deine schlechten Launen. Du, mein Lieber, verbreitest schlechtes Karma, indem du ihr, je mehr sie für dich macht, immer noch einen verpulst.“
Marcs Mund stand sekundenlang offen, als eine Welle der Erregung ihn erfasste. Hatte sie das wirklich gerade laut gesagt?
„Nicht das Verpulen, Marc“, Gretchen verrollte die Augen: „Hörst du mir überhaupt zu? Ich rede hier von ausgleichendem, ausgewogenem Geben und Nehmen. Und alles was du machst, ist von Sabine zu Verlangen ohne auch jemals nur ein Danke zu sagen, geschweige überhaupt jemals etwas nettes für sie getan zu haben.“
„Sie ist meine Angestellte, ich muss überhaupt nicht nett zu ihr sein. Wenn ich will, kann ich-“
„Wenn du willst, kannst du auch einfach mal Kaffee für Sabine machen. Er wird ihr garantiert nicht schmecken – ich will gar nicht an dieses schreckliche Gesöff erinnern, was du früher in der Schule im Abi-Raum zusammengemischt hast – aber es gibt nicht nur dir und ihr gutes, ausgeglichenes Arbeitsklima, sondern der ganzen Station.“
Marc grinste, als Gretchen ihre gemeinsame Schulzeit erwähnte. Etwas, das Mehdi garantiert nie haben würde – Erinnerungen an das pausbäckige, bebrillte Mädchen mit der Latzhose.
„Denk einfach mal darüber nach, dass du hier mit Menschen und nicht mit narkotisierten Patienten zu arbeiten hast, Marc! Ich hab jetzt Feierabend – wenn du mich entschuldigst, Mehdi wartet unten am Eingang auf mich.“
Marcs eben noch besänftigtes Gemüt verfinsterte sich bei dem Namen seines ehemaligen Freundes.
-
Am nächsten Morgen kam er wie gewohnt gähnend ins Schwesternzimmer geschlurft um seine Ablage für den Tag durchzusehen, als Schwester Sabine gesund und munter mit ihrem seligen Lächeln auf den Lippen Marc einen frischgebrühten, dunklen, wohltemperierten Kaffe in einer Tasse servierte.
Er guckte von der Tasse zurück zur Schwester und wieder zur Tasse. Das war ein Trick, oder?
„Wie Sie sehen bin ich wieder in der Lage Ihnen vor Arbeitsbeginn einen Kaffee zu brauen. Schwester Ingeborg und die anderen haben mir ihre Forderungen gezeigt. Da steht nicht drin, dass Sie vor Arbeitsbeginn auch keinen Kaffee trinken dürfen.“
Marc schaute auf die Wanduhr im Schwesternzimmer, die vier Minuten vor sieben Uhr anzeigte. Missmutig, weil ausgerechnet die Schwester, für die sie das hier alles gemacht hatten, sie hinterging, guckten die anderen vier Schwestern am Tisch weg, als Marc sie mit ihren Augen taxierte.
Was dachten die? Dass er sie wegen ihrer kindischen Kaffeeverweigerung der letzten vier Tage rügen würde?
Er seufzte, als Sabine ihn immer noch breitgrinsend ansah und darauf wartete, dass er ihr die Tasse abnahm.
Stattdessen seufzte Marc, ging an seiner OP-Schwester vorbei zum Tisch, an dem sich Schwester Ingeborg schon aufplusterte, dass er ein grober, unhöflicher, rüpelhafter, unanständiger... Macho war, der so viel Loyalität von Schwester Sabine gar nicht verdiente, aber spätestens dann verstummte, als Marc das liegengebliebene Formular im Klemmbrett vom Tisch nahm, aus seiner Kitteltasche einen Kuli zog und in seiner besten Oberarztmanier in geschwungenen Lettern seine Unterschrift auf das Schreiben setzte.
Alle am Tisch sitzenden Schwestern suchten Worte, wie Fische an Land das Wasser. Schwester Sabine setzte schon zu einem: „Danke, Herr Doktor“, an, verstummte aber augenblicklich, als Marc irgendeine Tasse – hei, welche nun eine der vierunddreißig Tassen war, die Sabine gehörte, konnte er sich nun wirklich nicht merken – aus dem offenen Regal griff, Kaffee einschenkte und Sabine diese hinhielt, gleichzeitig in einer fließenden Bewegung aber die Tasse für ihn aus ihrer Umklammerung befreite.
Er stieß die beiden Keramiktassen aneinander, trank einen Schluck und stellte seine Tasse neben die warme Kaffeemaschine: „Auf gutes Karma, Schwester Sabine.“
-
Gretchen hatte hinten am PC gesessen und so getan, als ob sie nur aus den Augenwinkeln mitbekam, was Marc da gerade gemacht hatte – insgeheim aber jubelte sie nicht minder als die am Tisch sitzenden Schwestern oder Schwester Sabine, die glückselig ihren Kaffe trank.
Aus diesem Grund, aus diesem einen speziellen Grund, dass Marc zuletzt, kurz bevor es für immer zu spät sein würde, wusste, dass er sich zu entschuldigen hatte, dass er verstand, dass er im Unrecht war und nicht zu Stolz war irgendwelche lapidaren Ausflüchte zu suchen, würde sie ihn immer ein bisschen mehr lieben, als gut für sie war.
Und das war auch kein gutes Karma für jedwede Liebesbeziehung, die sie mit jedem anderem Mann außer Marc führte.


a/n:
später als erwartet, aber immer noch „heute“
Kommentare beantworte ich im Laufe der Woche, sorry Leute >.< aber ich darf zumindest schon mal sagen, dass ich mich mega riesig gefreut habe. Danke

lg
manney

manney19 Offline

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22.02.2017 23:18
#8 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

87. Hurt Feelings

Gretchen atmete tief ein und entließ die Luft aus ihren Lungen nur sehr langsam, damit der Mut sie nicht genauso schnell verließ, wie der Sauerstoff der viel zu selbstverständlich durch ihre Lungen gepumpt wurde.
Mit geradem Rücken, aufrechtem Gang und einer Bestimmtheit, die sie von sich selbst nicht kannte drückte sie mit dem Ellenbogen die Türklinke zum Aufenthaltsraum der Abiturienten hinunter, in dem viele ihrer ehemaligen Mitschüler – nun in den verschiedensten LK‘s – ihre Freistunden verbrachten.
„Kuchen? Du hast Kuchen gebacken?“, rief Mariella erfreut, als sie die Blonde dabei beobachtete den mit Schokoladenfüllung und Schokoladen-Heidelbeerglasur und Schokoladendrops garnierten Schokoladenkuchen auf einen freien Tisch zu stellen.
Gretchen hatte siebzehn Stunden an diesem Tripple-Scho(c)k gearbeitet und sich besonders viel Mühe bei der Verzierung gegeben: eine große aus dunklen Keksen geformte mit Vollmilchschokolade glasierte Zehn prangte auf dem ungesunden Backwerk, dass allein aus 1,2 kg reinster Zartbitterschokolade bestand.
Die Zeit hatte sie sich extra genommen, extra für ihn, nachdem er sie all die Jahre gepiesackt hatte!

„Zehn?“, fragte also die Halbitalienerin sichtlich irritiert und hatte mit ihrem freudigen Ausruf über den Kuchen auch andere anwesenden Abiturienten auf sich gezogen.
„Hasenzahn hat Kuchen für uns gebacken? Und warum so dunkelbraun, der sieht ja schon fast so aus wie Scheiße“, lachte Sören und erntete von Marc ein unzufriedenes Stöhnen.
Gretchen grinste höchst zufrieden, als sie Marcs bekümmerten Gesichtsausdruck durchaus bemerkte…
„Was ist denn das für eine Zehn?“, hakte Mariella, nach dem ersten bestaunen dieses anmutigen Schokoladenkuchens dann noch einmal, nach.
„Heute“, begann Gretchen salbungsvoll, nahm den Kuchen wieder in die Hand, stellte sich vor Marc auf und freute sich, dass ihre beste Freundin trotz ihres Kurses sich in den Mehrzweckraum gestohlen hatte um dieses Spektakel mitanzusehen „vor exakt zehn Jahren kam in die 3. Klasse der Grundschule ein kleiner Bayer getreten, mit einem viel zu großen Tornister, einem lustigen Akzent und dem Schalk im Nacken, den er über die Jahre noch perfektionieren würde. Darf ich vorstellen Marc Olivier Meier! Das sind zehn Jahre Streiche auf meine Kosten und Erwachsenwerden unter den schlechtesten Bedingungen. Das sind gefühlte hunderttausend Flüche, x+1 Schreikrämpfe und Bösartigkeiten, die sich nur mit Schokolade und Tränen haben bekämpfen lassen. Und weil du mir die Erlaubnis gegeben hast mich an dir rächen zu dürfen, habe ich diesen Kuchen gebacken!“
Sören tippte sich hinter Gretchens Rücken an den Kopf und auch einige andere Schüler verstanden nicht so richtig, ob das jetzt Gretchen war, die ihre gestaute Wut vom vorherigen Vorfall einfach in Güte umsetzte und sich selbst blamierte, oder ob sie Marc grundsätzlich nur beschämen wollte (und sich gleich mit).
Marc schüttelte belustigt den Kopf, sehr darum bemüht die Situation zu entschärfen.
„Du hast mir einen Kuchen gebacken? Hasenzahn,… ich glaube nicht, dass du verstanden hast, was ich dir letzte Woche gesagt habe. Rache hat nichts-“
Marc wurde jäh von Gretchen unterbrochen, die ihn mit dem breitesten Lächeln angrinste, das er jemals an ihr gesehen hatte. Und nach langer, langer Zeit erreichte es auch endlich wieder ihre kristallklaren blauen Augen; nur war ihm keineswegs wohl dabei, dass sie sich über die Situation, in der sie sich selbst fast schon vorführte, lustig machen konnte und dabei Spaß hatte. Ein ziemlich starkes Ziehen in seinem Bauch erinnerten ihn daran, das wenn Gretchen zu einer männerhassenden Psychopatin werden würde, die sich selbst zerstörte und daran Freude hatte, er daran schuld sein würde.
„Oh,… oh wie süß.“, bemerkte sie voller Zynismus, drehte sich zur Traube Menschen hinter ihr um, die sie alle verunsichert anstarrten. War im Kuchen etwa ein Messer versteckt mit dem sie Marc gleich erdolchen würde? Zuzutrauen nach ihrem merkwürdigen Verhalten wäre es ihr.
Marc schluckte schwer und setzte an zu wiederholen, was er Gretchen schon Tage zuvor unter vier Augen gesagt hatte, dass es ihm dieses Mal wirklich leid tat und er sie aufrichtig um Verzeihung bat, als unvermittelt der schönste, schwerste und verschwendetste Schokoladenkuchen der Geschichte den Weg mit Wucht in sein Gesicht fand.

Nein.
Damit hatte er nicht gerechnet und fand es auch anfangs amüsant. Jedoch gefror ihm das Blut in den Adern als er, nachdem Gretchen den Teller vor seinem Gesicht entfernte, in ihr Gesicht blickte und kein Lächeln mehr vorfand dafür aber verschwommen hinter Schokoladensauce die entsetzten Blicke von seinen Klassenkameraden erhaschen konnte.
Selbst Sören schien das Lachen im Halse festzustecken, als Gretchen lasziv ihren Zeigefinger zu Marcs Gesicht führte, federleicht ein bisschen Schokolade von seiner Wange kratzte und sich das Zuckerzeug in den Mund schob.
„Ja, Rache ist süß, stimmt schon… Aber endlich siehst du einmal nicht mehr süß aus, sondern genauso wie du innerlich schon immer warst: scheisse!“

Gretchen machte einen ziemlich unbeholfenen Knicks, drehte sich auf ihren Hacken um und verließ den Raum mit ihrer besten Freundin, die ihr die Hand ausgestreckt hatte, die die Blonde triumphierend einschlug.

lg

manney

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manney19 Offline

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17.06.2017 18:02
#9 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

52. Protector

„So lange du deine Beine unter meinen Tisch stellst, hast du sie anzuziehen, wie ich es sage. Den Rock ziehst du nicht an!“
Nachdem sich Gretchen durch den verrückten Feierabendverkehr nach einem unendlich langen Arbeitstag endlich in ihrem Heim angekommen war, wurde sie nicht wie erwartet warmherzig begrüßt, sondern von Marcs unsäglichem Geschrei.
„Du kannst mir nichts mehr verbieten, denn wir leben nicht mehr im neunzehnten Jahrhundert, wo Frauen sich erst ihren Vätern und dann deren Ehemännern fügen mussten.“
Oh… sie spielte die feministische Karte, ein guter Schachzug, wie Gretchen zugeben musste, aber ihre Tochter vergas gerne ein wichtiges Detail: Marc versuchte das flügge gewordene Mädchen nur vor sich selbst zu beschützen, stellte dies aber viel zu plump an.
„Hallo liebe Familie“, begrüßte die Blonde also schief lächelnd, als erste ihre Tochter mit wehenden Locken in einem tatsächlich gürtelähnlich kurzen Rock die Treppe hinunter polterte und Marc ihr an den Fersen klebte.
„Mama, sag ihm, dass der Rock schön aussieht.“
„Gretchen, sag ihr, dass-“
Aber die blonde Ärztin hob entwaffnend die Hände und fuhr Marc ins Wort: „Wenn sie so billig rumlaufen will, können wir als Eltern ab einem gewissen Alter nicht mehr eingreifen. Sie muss selbst wissen, wie albern sie sich in dieser Kluft vor ihren Freunden macht.“

„Bitte“, fragten sowohl Marc als auch die Tochter erschrocken im Chor.
Marc, weil er Gretchens fragwürdige Einstellung zur Erziehung nicht verstand und die Tochter, weil sie sich keineswegs albern vorkam, aber anscheinend sollte?
Während Marc um Fassung rang, jetzt nichts falsches zu sagen, was einen waschechten Streit verursacht hätte zwischen den Eltern, fasste sich das jüngste Mitglied der Familie ein Herz und fragte an sich herunterblickend: „Ich sehe… albern aus?“
„Ach, Schatzilein“, grinste Gretchen, schloss das Mädchen in die Arme und strich ihr über den Rücken: „Das hab ich doch nur so gesagt. Wenn du dich so magst, und es „in“ ist, und so alle rumlaufen ist doch nichts dabei.“
Marcs Mund bewegte sich auf und zu, nach Luft schnappend, Worte suchend, aber er konnte seine Frau nur ungläubig angucken: Das war doch nicht ihr Ernst! War sie durchgeknallt?

„Papa ist nur manchmal einfach übervorsichtig, weil er ja weiß, wie hormongesteuerte Jungs sein können: die machen sich dann lustig über dich, finden, dass du es anscheinend echt nötig hast Bestätigung über dein Äußeres zu bekommen und nix‘ in der Birne hast, außer deinem Aussehen. Eben wie ein dummer, alberner Teenager. Natürlich weiß ich, wissen wir, dass das anders ist, aber der neue Junge in deiner Klasse sicher nicht!“
Mit schreckensgeweiteten Augen sauste das Mädchen die Treppen zurück hinauf um sich umzuziehen, denn nichts war momentan schlimmer für die Fünfzehnjährige als das Gefühl von Jungs für dumm gehalten zu werden. Sie war immerhin die schlauste ihrer Stufe, die emanzipierteste und feministischte TeenagerIN, die es jemals gegeben hatte, seit Gwendolyn Kaan ihr erklärt hatte wofür der Feminismus eigentlich genau stand.

Marc guckte erst seiner Tochter hinterher und dann zu seiner Frau, die ihre Arme ausbreitete und noch einmal zur Begrüßung ein Hallo hauchte.
Marc stöhnte, liebte seine Frau für die Weisheit mit der er ihre gemeinsame Tochter erzog, und drückte ihr einen kleinen Kuss auf den Mund:
„Wie machst du das nur?“
Gretchen grinste: „Glücklicherweise habe ich von der Besten am Beispiel der Schwierigsten gelernt.“
„Sie hört überhaupt nicht mehr auf mich, Gretchen! Seit Gwenny ihr diese Flausen in den Kopf gesetzt hat, ihr eigener Vater wäre ein Anti-Feminist, kann ich ihr sagen, was ich will, alles sind ihrer Meinung nach Vorschriften, die sie sich von einem Mann nicht sagen lässt.“
Marc vergrub seinen Dickschädel in Gretchens Halsbeuge, als sie liebevoll die Arme um ihn legte und über seine Wirbelsäule streichelte: „Es ist nicht wirklich so, weißt du! Es ist nur das einzige Argument was bei dir zieht, weil du dich schuldig fühlst, dass es so sein könnte. Sie nutzt das schamlos aus“, Gretchen grinste, als er sich mit gerunzelter Stirn aufrichtete.
„Wie machst du das nur?“, fragte Marc also wieder.
„Wie schaffst du es so ruhig zu bleiben, wenn sie sich so bockig und stur und unzugänglich gibt, und du sie am liebsten nur noch in einen Turm einsperren möchtest bis sie zweiundzwanzig ist?“
Gretchens Grinsen wurde breiter: „Ich bin die Mutter, Marc. Ich löse das auf psychologischer Ebene, du hingegen… Väter sind Beschützer – und nicht nur bis sie erwachsen sind.“
Marc liebte sie. Noch immer. Auch mit Mitte Fünfzig, mit einem unangenehm gelaunten Teenager unterm Dach, der seine wilde Seite erst noch entdecken musste und den Pfunden, die sie nach der Geburt ihrer Tochter nie wieder wirklich verloren hatte. Er liebte Gretchen; und der Boden sollte ihn schlucken, wenn er dieses kleine Glück, was er Familie nannte, jemals enttäuschte.

Marc nickte verstehend: „Wenn ich Gwenny das nächste mal in die Finger kriege werde ich mir ihr Telefon schnappen und an jeden ihrer Kontakte Babyfotos von ihr senden. Findest du das ist eine angemessene Rache dafür, dass sie meine eigene Tochter gegen mich aufgebracht hat?“
Gretchen stöhnte lächelnd, als Marc keck lachend sich die Hände rieb.
Und sie war mindestens genauso froh, dass ihre Tochter (von ganz allein) den Mini-Rock gegen eine Leggins mit Hotpants getauscht hatte.

lg manney

manney19 Offline

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02.07.2017 01:23
#10 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

61. Advice

Sie schloss die Augen und warte zehn Herzschläge lang, ob die Welt endlich stehen blieb. Aber wie immer war die Zeit weiter gelaufen, ihr Herz erneut in Mitleidenschaft gezogen worden und ihr gerade wieder aufgebautes Selbstwertgefühl im Eimer.
Mehdi Kaan war kein Witwer, wie von ihr vermutet.
Mehdis Frau lebte und lag seit vierzehn Monaten im Wachkoma.
Ihr Vater hatte eine Affäre.
Ausgerechnet mit Marc Meiers miserabler Mutter.
Sie seufzte: Ihr ehemaliger Lateinlehrer wäre so stolz auf sie gewesen, wenn er gewusst hätte, dass sie auch heute noch in Konfliktsituationen zu blöden Alliterationen neigte.

Bei Mehdi hatte sie bloß angenommen, dass seine Frau bereits verstorben war, schließlich war er nicht näher darauf eingegangen. Doch als Lilly von ihrer schlafenden Mama erzählt hatte, wäre es für Mehdi ein leichtes gewesen ihr nicht nur zu sagen, dass er nicht geschieden war, sondern dass seine Frau auch im Koma lag. Immerhin war sie als seine Scheinfreundin gut genug, warum dann nicht als vertraute Person, der man direkt die Wahrheit sagte?
Die Tränen, die sich kribbelnd in ihren Augenwinkeln bildeten, waren unvermeidbar.
Als Mehdi zu seiner Frau ins Zimmer hineingegangen war, sich einen Stuhl neben ihr Bett schob und so zärtlich ihre Hand nahm, war Gretchen klar gewesen, dass es ihr unmöglich sein würde mit der Ehefrau von Mehdi und Mutter von Lilly zu konkurrieren.

Er hatte sich wegen dieser Frau das Leben nehmen wollen.

Die blonde Assistenzärztin machte einen Rundrücken, legte ihre Stirn auf die Knie und versuchte nicht auf die Stimme in ihrem Kopf zu hören, die höhnisch lachte.
Bei Peter und Marc war es so einfach gewesen ihre sexbesessenen Wesen zu verachten und einen Schlussstrich zu ziehen.
Doch wie sollte das bei Mehdi nur klappen?
Mehdi war weder sexbesessen, noch hatte er Fehler. Das einzige was ihre Geschichte schon am Anfang zu einem jähen Ende brachte, war Gretchens Wissen darum, dass Mehdi nie die Möglichkeit hatte oder auch in Zukunft nicht haben würde mit seiner Frau jemals abzuschließen. Es mochte egoistisch sein und gerade für jemanden wie sie, die gern die Welt in den buntesten Farben betrachtete, eine viel zu rationale Entscheidung, aber sie war nicht in der Lage noch einmal jahrelang darauf zu warten, dass sich ein Mann in sie schlussendlich doch verliebte.
Als sie Peter im ersten Semester in Köln kennengelernt hatte, brauchte es vier endlos lange Jahre voller Tränen, Hoffnung und Kummer, bis er sie gesehen hatte, bis sie endlich für ihn auch eine Wahl gewesen war.
Mit neunundzwanzig musste sie einfach reifer sein, weiser und kopflastiger, denn das Bild, das ihr nicht mehr aus dem Kopf ging, wie Mehdi die Hand seiner Frau gehalten hatte, tat schon viel zu sehr weh, für eine simple Schwärmerei.

Die zarten Gefühle, die Mehdi in ihr geweckt hatte, dieses verräterische Zucken um ihre Mundwinkel, wenn sie ihm begegnete, das unvermeidliche niederschlagen der Augen, wenn er mit ihr flirtete, waren alles Eigenschaften die so viel schwieriger wieder loszuwerden waren, als das sexuelle Ziehen zwischen ihren Beinen, das Marc ausgelöst hatte.

Marc… seine Mutter… ihr Vater… ihre Mutter.

Gretchen seufzte wieder. Sie hatte noch so viele Berichte zu schreiben, die alle bis zum Schichtwechsel am Morgen erledigt werden mussten, doch auch wenn ihr Verstand noch so rotierte und Arbeit natürlich eine der besten Ablenkungen gegen depressive Gedanken war, so bewegte sich ihr Körper nicht einen Millimeter von den Treppenstufen der neunten Station.
Nachdem Mehdi sie auf dem Flur stehen gelassen hatte, war sie nur noch in der Lage gewesen das Ende des Ganges zum Treppenhaus zu erklimmen und musste sich direkt hinsetzen. Alle Kraft war aus ihren Beinen gewichen und ihre Gedanken begannen pausenlos um diesen Tag zu kreisen, der neben Mehdi und seiner Frau ihr auch in familiärer Hinsicht jeglichen Halt genommen hatte.

Ihr Vater hatte eine Affäre. So weit so gut. Es war nach 35 Ehejahren mit ihrer Mutter auch bestimmt nicht immer einfach für ihn gewesen. Aber das waren alles Probleme, die ihr Vater mit ihrer Mutter hatte, oder besser, Probleme die ihre Eltern beiderseits miteinander hatten.
Nichts erklärte Franz Haases Verschweigen Gretchen gegenüber.
Nichts erklärte diese lächerliche Farce, die sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater ihr vorgespielt hatten.
Nichts erklärte Jochens unbeholfenes Schulterzucken und sein saloppes: „Papa wollte dich halt nicht verletzen.“
Verletzen? Mit einer Affäre? Mit einer etwaigen Scheidung?
Sie war kein kleines Kind mehr, dass nicht damit zurecht gekommen wäre, wenn ihre Eltern sich auseinandergelebt hätten. Wenn sie sich getrennt, geschieden und nie mehr miteinander gesprochen hätten. Das alles hätte sie so viel weniger verletzt, als die Unehrlichkeit, die ihr nun in hohen Wellen entgegen schwappte.
Die Zweifel, die sich in ihrem Kopf breitmachten, die schönen Stunden, die sie alle als Familie verbracht hatten, waren auf einmal so anders zu deuten.

Wenn sie zwischen ihres Studiums aus Köln nach Hause gekommen war, hatten sich ihre Eltern nur zusammengerissen, um vor ihr den Schein zu wahren? Hatte Jochen etwas vom Streit mitbekommen oder war er wirklich nur lieber Party machen, als ein Wochenende mit seiner älteren Schwester zu verbringen? Wann hatte ihr Vater diese anderen Affären? Traf er sich immer an jenen Wochenenden, wenn nur ihre Mutter sie in Köln besucht hatte?
Wenn er ihr verdammte Beziehungstipps gab und sich echauffierte, dass sie mit Marc oder Mehdi angebandelt hatte, dann hörte sich das so ehrlich an.
Aber auch davon war nichts wirklich aufrichtig.
Er versuchte Ausflüchte zu finden, warum Ärzte die schlimmsten Männer waren, konnte sich aber nicht dazu überwinden mit bestem Beispiel voran zu gehen und ihr die Wahrheit zu sagen. Dabei lag es doch gar nicht an Männern im Allgemeinen – sondern nur an Lügnern. Lügner, die ihre Tochter absichtlich im Glauben gelassen hatten, dass sie unfehlbar wären.
War sie vielleicht selbst schuld, dass sie ihren Vater auf ein Podest erhoben hatte, auf das er nicht gehörte? Vielleicht.
Aber wenn jemand ausschließlich Anlässe gegeben hatte nur gut über seine Gradlinigkeit zu denken, dann war dieses Podest doch auch verdient!

Natürlich wäre sie sauer und wütend gewesen, wenn ihr Vater ihr gesagt hätte, dass es mit ihrer Mutter nicht gut lief und er lieber Zeit und Liebe in eine Affäre investierte, als in seine kaputte Ehe.
Aber jetzt war sie weder sauer noch wütend, sondern einfach nur tieftraurig über so viel Unehrlichkeit, von der sie gedacht hatte, dass gerade diese in ihrer Familie nie Platz hatte.

„Was machst du da?“, fragte Marc, als er das zusammengekauerte Gretchen auf der ersten Treppenstufe sitzen sah.
„Geh weg“, erklang ihre dumpfe Stimme, die sich zwar traurig aber glücklicherweise nicht verheult anhörte.
Marc seufzte und setzte sich wider besseres Wissens ungefragt neben sie auf den obersten Treppenabsatz.

„Wenn unsere Alten verrecken, erben wir wenigstens eine Menge Geld. Nun gut, du musst es dir mit Jochen teilen, aber-“
„Marc!“, rief sie empört und hob nun doch ihren Kopf aus dem Nest aus ihren Armen, die auf ihren Knien geruht hatten. Sie blinzelte gegen das grelle Licht im Treppenhaus und funkelte ihn dann böse an: „Wie kannst du nur solch makabere Witze reißen, geschweige nur daran denken, dass unsere Eltern an der Tuberkulose sterben werden? TBC ist eine der weltweit gefährlichsten, tödlichen Infektionskrankheiten, die pro Jahr mehr als eine Million Menschen das Leben kostet. Denkst du wirklich, dass es da in deiner Position als Arzt angebracht ist, dich über-“
Marc schnitt ihr mit einem breiten Grübchen-Grinsen das Wort ab: „Ich dachte eher, dass sie sich in der Quarantänestation mit bloßen Händen umbringen, Hasenzahn.“

Sein feines Lächeln und seine sanfte Tonlage erreichten ihr Herz nicht.
Sie wusste, was er versuchte, was er schon in der Schulzeit immer gemacht hatte: dem Ernst des Lebens mit einem Mangel an Ernsthaftigkeit zu begegnen. Es war seine ganz ureigene Einstellung zum Leben, es so leicht wie möglich zu gestalten und über Konsequenzen in existentiellen Entscheidungen nicht nachzudenken.
Und genau wie damals in der Schule hegte Gretchen für Marcs Sorglosigkeit eine angewiderte Bewunderung, dass er das Leben für sich einfach arbeiten ließ, wenn es schwierig wurde.
„Du wusstest von der Affäre zwischen deiner Mutter und meinem Vater“, es war keine Frage und sein unbewusstes Lecken über seine Lippen verriet ihn.

„Und für dein Schweigen hat dir mein Vater die OP-Planung zurückgegeben, ja? Ich wusste schon immer, dass du einen lausigen Charakter hast, Marc, aber das übertrifft selbst mein eh schon schlechtes Gesamtbild von dir!“
Sie kam nicht umhin ihre Fäuste hoffnungslos zu ballen, damit in ihrer Stimme nicht all die Traurigkeit mitschwang, die sie fühlte.
„Gretchen,...“, seufzte Marc. Sie war schon immer gut darin gewesen Dinge zu kombinieren – nur sprach sie offensichtliche Sachverhalte selten an.
„Nein, wirklich. Jedes Mal, wenn ich denke, dass du ein nicht noch schlechteren Charakter haben kannst, dann kommst du um die Ecke und schaffst es trotzdem immer weiter in meinem Ansehen zu sinken. Bravo“, herrschte sie ihn an.
Es war so viel einfacher auf Marc sauer zu sein, auf seine Feigheit, auf seine Unehrlichkeit, als die wahren Probleme zu sehen: Ihr ach so ehrlicher Vater und der ach so tolle Mehdi. Es tat so gut, all ihre Trauer in Wut umschlagen lassen zu können.
„Wenn Alle genau so egoistisch und karrieregeil wären wie du, würden wir weltweit in einem Nordkorea leben. Alle Macht Marc Meier, missratener Mensch mit Machokomplex.“

Sie heulte.

Endlich kamen die ersehnten, wütenden Tränen, die Gretchens Unfähigkeit untermauerten, die Gesamtsituation zu analysieren.
Nichts von all den Monaten, die sie hier war, erschien ihr wichtig genug um diesen Schmerz zu ertragen, denn alle, ausnahmslos, hatten sie irgendwie angelogen.
Mehdi hatte sie hingehalten, ihr Vater hatte sie angelogen, ihre Mutter kam erst spät mit der Wahrheit heraus und Jochen hatte kein Unrechtsbewusstsein – und niemand hatte es für richtig erachtet ihr Offenheit entgegen zu bringen.
Nicht einmal Marc. Dabei war es genau diese Eigenschaft, die sie ihm immer so hoch angerechnet hatte. Er war immer ehrlich, auch wenn die Wahrheit noch so weh tat, hatte er sie ihr schonungslos mitgeteilt. Bis heute. Bis sie erfuhr, dass auch er Informationen zurückgehalten hatte um seinen Job wieder anzukurbeln.
Ihr Schluchzen wurde schlimmer und schüttelte ihren Körper. Ihr Brustkorb verkrampfte sich und hinter ihren Schläfen pulsierte schmerzend das Blut, das ihr fast schwarz vor Augen wurde.

Marc rückte abermals seufzend ein Stück näher an Gretchen heran und schloss seine Arme unbeholfen um um ihren zuckenden Rücken, der von markerschütterndem Ächzen geschüttelt wurde.

„Is‘ okay“, hauchte er flüsternd in ihren Nacken
Aber nichts war okay.
Warum war er nicht einfach gegangen, nachdem sie ihn so uncharmant auf all seine Charakterschwächen angesprochen hatte? Warum musste er ausgerechnet jetzt damit anfangen so etwas wie menschliche Sentimentalität zu zeigen, wenn sie doch einfach nur allein gelassen werden wollte? Warum verstand er ausgerechnet jetzt ihren Anflug von Gemeinheiten ihm gegenüber als genau das was es war: Ein Hilferuf nach Konsens in all diesen vertrackten Gedanken, die über ihr zusammenbrachen?
Gretchen schüttelte vehement den Kopf und presste die Augen nur noch fester zusammen: „Nichts ist okay. Gar nichts. Es ist nicht mal okay, dass ich dich jetzt anranze. Denn jetzt hast du es am wenigsten verdient. Tut mir leid.“
Sie erwartete einen weiteren Seufzer von Marc, stattdessen begann er geistesabwesend beruhigend den Daumen seiner linken Hand über ihre Brustwirbel zu streichen.

Die Frau, die neben ihm saß und ihr Gesicht vorn über gebeugt zwischen ihren Knien verbarg war viel zu gut um wahr zu sein. Zwischen Wahrheit und Lüge gab es für sie keine Grauzone; sondern nur schwarz und weiß, wo Verschweigen kein bisschen besser war, als das blanke Lügen. Wenn er sich Familie Haase vor Augen führte, verstand er nicht, woher sich ausgerechnet Gretchen so viel Rechtschaffenheit angeeignet hatte, wenn ihre Eltern doch auch nicht besser waren, als der Durchschnitt.

Es dauerte eine Weile, bis aus Gretchens Schluchzern ein gleichmäßiges Atmen geworden war und Marc dennoch seine fahrigen Hände weiter über ihren Rücken glitten.
„Ich bin so ein naiver, einfältiger Narr. Diese Welt ist grundsätzlich schlecht und hat mich echt nicht verdient-“, schalt sie sich selbst mit einem Funken Sarkasmus.
Marc schnaubte belustigt: „Einsicht ist ja bekanntlich der erste Weg zur Besserung, nicht?“

Der blonde Kopf der Assistenzärztin hob sich abrupt um Marc mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen anzublinzeln: „Was soll das heißen, Marc? Findest du es etwa richtig, dass mich meine Familie, seit ich aus Köln zurück bin, ununterbrochen angelogen hat? Das ist doch schon pathologisch, wenn meine Mutter von den Affären weiß, aber nichts sagt; mein Vater einen auf Moralapostel macht und Jochen überhaupt nicht in Erwägung gezogen hat, mir von all den Liebschaften von unserem Vater zu erzählen! Und Mehdi erst. Von wegen, seine Frau schlafe! Ein einziger Satz, bevor ich mich wieder Hals über Kopf in ihn verliebe, hätte gereicht. Aber nein, auch er wartete so lange bis es zu spät ist! Dass du keine Gewissensbisse verspürst, Marc, das weiß ich bereits seit Schulzeiten. Aber wenn du denkst, dass ich in einer Welt mit Menschen leben will, denen es egal ist, ob sie jemanden Vertrautes anlügen nur um ihre eigenen Unzulänglichkeiten zu überdecken, damit man weiterhin stets edel von ihnen denkt, dann irrst du dich gewaltig!“
Die Blonde war aufgesprungen und sah auf den erschrockenen Oberarzt hinab.
Sie selbst hatte mit einer solchen Tirade noch am Wenigsten gerechnet, aber ihre Intention musste raus: Wenn das ihr neues Leben war in Berlin, umgeben von lauter Lügnern, Verschwiegenen und Egomanen, dann war sie auch hier nicht richtig.

Sie stöhnte frustriert auf, wischte sich synchron rechts und links unterhalb ihrer Augen die Tränenspuren von den Wangen und marschierte die Treppenstufen hinab.
„Warte“, rief Marc, machte aber keine Anstalten Gretchen auch physisch am Gehen zu hindern.
„Ich habe nur Pause, und keinen Feierabend, Marc. Ich muss-“
Marc unterbrach sie jäh: „Mach einfach keine überstürzten Entscheidungen! Nicht heute, nicht morgen… warte ab, bis sich alles erstmal beruhigt hat und rede noch mal mit deinem Vater. Und mit Mehdi über Anna!“, es war ein gut gemeinter Rat, den er geäußert hatte. Und eine verzweifelte Bitte, dass Gretchen nicht in ihrer maßlosen Enttäuschung zur Flucht ansetzte.
„Was soll das heißen?“, fragte sie bitter, ihre Augen zu schmalen Schlitzen verzogen.
Der Oberarzt räusperte sich umständlich: „Dass du nicht direkt wieder die Stadt verlassen sollst, sofern es ein paar Probleme gibt“, sofern er seine Worte ausgesprochen hatte, bemerkte er, dass sie falsch gewählt waren.
Gretchen stemmte die Hände in die Hüften: „Sag mal spinnst du? Ich laufe weg? Was bildest du dir eigentlich ein, Marc. Wir haben uns fast zehn Jahre nicht gesehen und du maßt dir an über meine Probleme und mein Handeln ein Urteil bilden zu dürfen? Ich-“
„Du bist damals nach Köln gegangen, als dir die Probleme mit deinen Kommilitonen und Vater über den Kopf gewachsen sind – und leugne das jetzt nicht, Hasenzahn! Ich habe in dem Sommersemester angefangen, als du gerade weg warst und es gab kein interessanteres Thema, als die Tochter des Professors und warum sie das Studium abgebrochen hat. Seit ein paar Monaten bist du hier, weil dein Verlobter sich als Fremdficker herausgestellt hat – anstatt die Konfrontation zu suchen bist du wieder abgehauen. Und jetzt bist du drauf und dran auch wieder alles hinzuschmeißen, weil ein paar Menschen wieder Fehler gemacht haben!“, er hatte sich in Rage geredet obwohl er dazu wirklich kein Recht hatte. Er kannte die genauen Hintergründe nicht, die Umstände, die Schmerzen, die Gretchen ertragen hatte müssen und dennoch war vermutlich nicht nur ihm aufgefallen, dass sie in dieser Hinsicht sehr vorhersehbar handelte.
„Ein paar Menschen, Marc? Meine Freunde… Meine Familie. Das sind nicht nur ein paar Menschen, das ist-“
„Scheiße. Ich glaub‘s dir, Hasenzahn. Aber anstelle dich erstmal mit der Situation vertraut zu machen hast du doch wieder nur die Flucht nach vorn im Kopf. Gretchen, Menschen machen Fehler, sie lügen und sie betrügen, sind unehrlich, verschweigen oder verschleiern und dies gerade vor dir!“
„Soll das heißen, es liegt an mir?“, krächzte sie, schmiss Hilfe suchend die Hände in die Luft und drehte sich einmal um die eigene Achse.
„Nein, nein, nein“, und genau deshalb hasste er es in emotionalen Situation mit Menschen zu kommunizieren. Er machte die Situation noch so viel schlimmer:
„Dein Vater ist kein schlechter Mensch, weil er wollte, dass du das Beste von ihm denkst. Und die Kiste mit Mehdi und Anna ist eine sensible Angelegenheit; du kannst ihm nicht wirklich vorwerfen, dass er dir noch nichts erzählt hat, weil er selbst damit kaum klar kommt. Was die Sache mit deinem Bruder und deiner Mutter angeht, so-“
Gretchens Pieper gab Alarm, sodass ihre Unterredung ein abruptes Ende nahm, Gretchen weitere Treppenstufen hinunter ging.
„Warte“, rief er also abermals, rannte ihr dieses Mal sogar nach, was sie mit einem missbilligenden „Ich muss auf Station“ abwatschte.
„Was ich eigentlich damit sagen will“, er atmete tief ein um die letzten Worte weise auszusprechen. „Du hast Recht, die Wahrheit und Lüge ist schwarz und weiß, da gibt es keine Grauzone. Aber die Absicht von Menschen, warum sie lügen, ist bunt, Gretchen. Keiner lügt und betrügt dich, weil es ihm Spaß macht dich zu Quälen! Nur darfst du sie auch nicht auf ein viel zu hohes Podest stellen, dem keiner gewachsen ist.“
Ihr Pieper ertönte ein weiteres Mal.
Gretchen schnaubte, drehte sich um und verschwand durch eine der dicken Feuerschutztüren aus dem Treppenhaus.

a/n:
Libre Office hat sich geupdatet und ich bin mir nicht so sicher was ich davon halten soll, hmmm.
Da bin ich wieder. Eigentlich soll ich mich ja momentan auf Schlaf, Ruhe, Meditation, bestenfalls noch auf Yoga und Atemübungen konzentrieren, aber es juckt mich einfach in den Fingern, wenn ich schon mal Zeit habe.
Zeit.
Zeit.
Zeit.

„Drabble“ ist doch wieder länger geworden als beabsichtigt.

lg
manney

manney19 Offline

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14.04.2018 21:47
#11 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

95. R.S.V.P


Mariella Guerra war immer noch wunderschön, stellte Marc erstaunt fest.
Ihre dunkelbraunen, fast schwarzen Haare waren in herrlich definierten Wellen zu einer Seite über ihre Schulter gekämmt und ihre bernsteinfarbenen Augen sprühten vor Lebensfreude.
Marcs Herz setzte für einen Moment aus: waren Italienerinnen mit Ende zwanzig nicht schon alt und runzlig? Wie kam es also, dass ausgerechnet Mariella entgegen aller Vorurteile fast noch besser aussah, als vor zehn Jahren, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten?
„Ich freu mich auch, dich zu sehen, Marc“, grinste sie und freute sich ihn in solches Erstaunen versetzt zu haben, dass es ihm sogar die Sprache verschlug.
„M-M-Mariella.“
„Oh, er kann sich noch erinnern!“, quiekte sie und lehnte sich erfreut zu ihm hinauf. Für einen unsäglich schönen (und dummen) Moment, dachte Marc, sie wollte ihn küssen – dabei legte sie ihre warmen, weichen Hände bloß rechts und links an seine Wangen und imitierte damit tantenähnliches Backenkneifen.
Und wie er sich an seine (Ex-)Freundin aus der Schulzeit erinnern konnte; besonders an die Wochenendabenden an denen man ihre kleinen Geschwister einhüten sollte und sie stundenlang knutschend (und später auch mehr) auf der Couch ihrer Eltern rumgelegen hatten.
„Was machst du denn hier“, seine Stimme war eine Oktave zu hoch, er bemerkte dies jedoch erst, als der Satz schon gesprochen war und räusperte sich deshalb umständlich.
„Na, was werd‘ ich hier wohl machen, Marc. Wenn du dich nicht meldest, obwohl du einer der wenigen Mitschüler bist, die in Berlin geblieben sind, muss ich halt kommen und mir deine Antwort persönlich abholen!“
„Antwort?“, fragte er wenig intelligent.
„Na, die Einladung! Zum Klassentreffen. RSVP-Termin war vor drei Wochen und da du weder zu- noch abgesagt hast, hab ich gedacht, komme ich gleich persönlich vorbei um eine Absage grundlegend auszuschließen!“
„Direkt zu meinem Arbeitsplatz ins Krankenhaus?“, oh je, seine Stimme war schon wieder ungewöhnlich in die Höhe geschnellt. „Und was zur Hölle ist RSVP?“
Mariella verzog die Mundwinkel zu einem smilieähnlichen Gebilde: „Ich hab die Adresse von deiner Mutter – sie wusste übrigens auch noch wer ich bin und hat mich wenig subtil darauf hingewiesen, dass du gerade Single bist! Und die nette Empfangsdame bei euch an der Info hat mir gesagt, dass du unter der großen Weide hier gern deine Mittagspause verbringst. Sie durfte mir allerdings nicht sagen, ob du tatsächlich hier bist. So viel Bürokratie und um den heißen Brei herumreden hab ich schon lange nicht mehr erlebt. In Rom ist das alles so viel weniger kompliziert.“
Oh Gott, wenn er eines an Mariella nicht vermisst hatte, dann ihr schnelles Reden – oder ihre Penetranz. Wenn sich jemand nicht auf eine Einladung meldete, war das doch der beste Hinweis, dass man nicht kam, oder?
„Ach, und RSVP, mein Lieber, heißt trépondez s'il vous plaît. Weißt du das etwa nicht mehr? Immerhin hatten wir sechs Jahre Französischunterricht, da muss doch ein bisschen mehr hängen geblieben sein, als Merci und Oui. Wobei dir die Vokabel Merci ja sicher auch eher aus der Schokoladenwerbung hängengeblieben sein dürfte. Übersetzt bedeutet das jedenfalls so viel wie, dass man antworten soll. Was du nicht gemacht hast – und deswegen bin ich hier.“
Marc fuhr sich sichtlich unbehaglich mit seiner rechten Hand über seine Brust hoch zur Halsschlagader: „Ich… hab keine Einladung erhalten.“
Mariella blinzelte ihn drei Sekunden lang still an. Er dachte schon mit seiner Lüge hätte er sie und ihren permanenten Redeschwall kaputt gemacht.
„Nun, kannst du kommen oder nicht?“
Marc war zwar überrumpelt von der Situation, aber keineswegs blöd.
„Wann findet denn das Klassentreffen überhaupt statt?“
„Diesen Freitag – stand ja auf der Einladung“, log sie.
„Uh… tja, das ist schlecht, da muss ich arbeiten. Genau wie jetzt übrigens auch. Hat mich gefreut, Mariella – ruf mich doch mal an, wie das Treffen so gelaufen ist“, er klopfte ihr freundlich auf die Schulter und war schon an ihr vorbei getreten, sah sich in der Siegerposition diesem blöden Klassentreffen doch noch entkommen zu sein, als Mariella sich zu ihm umdrehte:
„Uh, guck mal, was ich hier habe“, sie fischte aus ihrer großen dunkelgrünen Handtasche einen gefalteten Zettel und zuckte unschuldig mit den Schultern.
Marc wurde blass.

„Mensch ich hab den Brief, den Beate uns zugesandt hat, extra mitgenommen, damit ich das Datum nicht durcheinander bringe. Das Klassentreffen ist ja gar nicht diesen Freitag – ich Dummerchen, ich. Es ist Samstag! Das ist super, oder Marc? Dann kannst du ja doch noch kommen!“
Marc sah wenig Chancen aus dieser Nummer noch rauszukommen, als Mariella die drei Meter zu ihm überwand und ihm den Zettel in die Hand drückte: „Schau, jetzt hast du die Einladung noch einmal von mir persönlich bekommen. Und ich weiß von der Empfangsdame, dass sie sich sehr für dich freut, dass du an deinem freien Wochenende aufs Klassentreffen gehen kannst.“
Er war ihr auf den Leim gegangen.
Verdammt.
„Und glaub mir, jeder von uns will unbedingt wissen, warum ausgerechnet der lernscheue Aufreißer von damals sich den schwierigsten Studiengang ausgesucht hat und mit Anfang dreißig so weit die Karriereleiter hochgeklettert ist, dass er sogar Nele-ich-bin-Politikerin-und-sitze-im-Europaparlament-Jasper neidisch werden lässt. Die Geschichte wird sicher den ganzen Abend erzählt werden, meinst du nicht auch?“
Das Funkeln in ihren Augen, was anfangs so heiter und süß wirkte, war jetzt eher verschmitzt und voller Freude ausgerechnet Marc ausgetrickst zu haben. Und außerdem wusste sie anscheinend immer noch genauso viel über ihn, wie damals.
Denn sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen – Marc wollte nicht, dass sich seine ehemaligen Mitschüler über ihn das Maul zerrissen oder dämliche Fragen stellten, warum nun ausgerechnet er Arzt geworden war.
Er seufzte und ließ den Kopf hängen.
Mariella grinste und gab ihm zum Abschied einen dicken Knutscher auf die Wange. Den Abdruck ihres pinkfarbenen Lippenstiftes verrieb sie. Marc hatte das Gefühl, jetzt doch eher von einer Tante in die Wange gekniffen worden zu sein, als mit einer heißen Mittelmeerschönheit geflirtet zu haben.
Er seufzte noch einmal, begutachtete die Einladung, die er beim ersten Mal geflissentlich ignoriert und unachtsam in den Müll geschmißen hatte und kam zu dem Entschluss, dass wenn er durch die Fragen-und-Antwort-Hölle beim Klassentreffen gehen musste, wenigstens Gretchen auch dabei sein sollte:
„Soll ich den Hasenzahn auch mitbringen?“, rief er Mariella zu, die sich abrupt und dieses Mal wirklich irritiert zu ihm umdrehte. Sie kam zurück auf Marc zu um nicht über die grüne Wiese hinweg schreien zu müssen.
„Du weißt wo Gretchen steckt? Beate hatte die Einladung für sie an die alte Adresse geschickt, wo ihre Eltern wohnten, doch leider kam der Brief ungeöffnet zurück. Anscheinend Verzogen. Ihre Freundin… na, diese Rothaarige, die nach Australien gegangen ist hat uns dann eine Adresse in Köln gegeben, aber auch da ist der Brief wieder zurückgekommen. Und ihre e-Mail-Adresse, die uns die Freundin gegeben hat, scheint auch nicht mehr aktiv zu sein, denn auch darüber gab‘s keine Antwort.“
Marc leckte sich über die Lippen.
Gretchen hatte ihm gesagt, es wäre unhöflich eine Einladung einfach so zu ignorieren, dabei hatte sie genau das Gleiche gemacht wie er! Nur so viel geschickter und gleich die ganze Einladung ungeöffnet zurückgeschickt.
„Wenn ich dir sage, wie du den Hasenzahn erreichen kannst, bin ich dann aus der Nummer entlassen und muss nicht kommen?“
„Natürlich nicht!“, sagte Mariella energisch.
Marc grunzte resigniert.
„Aber...“, dehnte sie dieses eine Wort besonders lang: „ich könnte vielleicht vergessen, dass du dich von mir hast reinlegen lassen und du möglicherweise dadurch nicht zwingend zu unserem Hauptgesprächsthema wirst.“
„Möglicherweise?“, er zog die Augenbrauen hoch: „Meinst du nicht, das kriegst du besser hin?“
„Okay, okay. Ich verspreche, ich werde jeden davon abhalten blöde Fragen zu stellen, warum ausgerechnet unser Lieblingsmacho jetzt alten Omis neue Hüftgelenke verpasst, wenn du mir versprichst Kontakt zu Gretchen herzustellen und sie auch wirklich kommt. Ich gehe davon aus, sie ist wieder in Berlin, wenn du sie direkt mitbringen wolltest?“
Ja, Mariella kombinierte manchmal genauso schnell wie Sherlock Holmes. Eine Gemeinsamkeit, die sie definitiv mit Gretchen teilte.
„Komm mal mit“, er griff seine alte Flamme bei der Hand und schleifte sie zurück ins Krankenhausgebäude, in den Fahrstuhl bis hinauf zu seiner Station.

„Hast du ihre Kontaktdaten etwa in deinem Handy gespeichert?“, es klang ein bisschen entsetzt, aber nicht abwertend. Mehr so, als ob Mariella kaum glauben konnte, dass ausgerechnet diese beiden Streithähne wirklich Telefonnummern ausgetauscht hatten.
Marc bat sie höflich in der Wartelounge vor dem Schwesternzimmer im Flur Platz zu nehmen.

Im Aufenthaltsraum saß Schwester Sabine am Empfang und tat so, als ob sie die Kurven der am Morgen entlassen Patienten aussortierte. Der Oberarzt wusste allerdings ganz genau, dass sie die Interaktion mit Mariella natürlich genauestens beobachtetet hatte.
„Wo ist die Frau Doktor?“, fragte er deshalb besonders freundlich, aber leiser, als er das Zimmer betrat und Sabine ihn erschrocken anguckte. Seit wann nannte er seine Assistenzärztin denn Frau Doktor und nicht mehr „dicker Haase“, „Haase“, „Hasenzahn“ oder simpel Gretchen?
„Frau Doktor Ha-“
„Ja wo ist sie denn, Schwester Sabine?“, schnitt ihr Marc das Wort ab.
„Bei Herrn Lebrowsky. Zimmer sieben eins drei“
„Schwester Sabine, ich weiß in welchem Zimmer Herr Lebrowsky liegt!“, stöhnte ihr Oberarzt ungehalten, verschwand aber nicht wieder aus der Tür, aus der er gekommen war, sondern ging durch den hinteren Teil des Raums in die Umkleidekabine zurück in den Flur hinaus, damit diese seltsam schöne Frau, die Marc im Flur platziert hatte, nicht mitbekam, dass er wegging.

Gretchen war gerade damit beschäftigt Klammern zu ziehen. Die neue Kniescheibe des Herrn Lebrowsky war eine von Marcs wenigen, lang geplanten Meisterleistungen, und dass der Herr nach nur vierzehn Tagen schon wieder so fit war – trotz seines biblischen Alters von fünfundneunzig – machte ihn (und auch sie, wenn sie ehrlich war) unheimlich stolz. Natürlich hatte es auch etwas mit der Konstitution des alten Mannes zu tun – er war bis zu seinem sechzigsten Lebensjahr Hochleistungssportler gewesen und ein Ernährungsexperte noch dazu. Aber Marcs geschickte Arbeit war ebenfalls nicht vom Himmel gefallen, sondern hart angeeignetes Wissen. Werner Rössel war jedenfalls unheimlich stolz auf seinen Kollegen, der ihm die OP sozusagen abgenommen hatte. Und Gretchen konnte wetten, dass ihr Vater, dem Werner das sicher auch schon erzählt hatte, auch sehr stolz auf Marc und sein Team sein würden.
Sie grinste, als der alte Mann erleichtert aufstöhnte, als Gretchen verkündete: „Nur noch sieben Stück, dann haben wir‘s geschafft.“
„Wir? Junge Dame, ich habe die Schmerzen, sie müssen nur aufpassen, dass die Narbe nicht wieder aufplatzt!“
„Sie haben schon so viele Schmerzen mit diesem Knie hinter sich gebracht, da kommt es auf die sieben-“, sie zog gerade eine weitere Krampe aus der Haut „sechs Klammern auch nicht mehr an, oder?“, sie zwinkerte dem Opa zu und zog wieder ein Stück Metall aus der Haut.
„Ihr Versuch, mit mir zu flirten, um mich von den Schmerzen abzulenken gelingt nur zum Teil. Ich bin verheiratet!“
Gretchen grinste: „Wie lange sind Sie denn schon verheiratet? Gab‘s schon goldene Hochzeit?“ Sie zog noch eine Klammer.
„Na, wo denken Sie denn nur hin! 50 Jahre verheiratet! Also echt.“
Fettnäpfchen: Vermutlich war das ein Playboy-Opi, der Hugh Heffner nachahmte.
Und noch eine Klammer.
„Ich hatte letztes Jahr Kronjuwelenhochzeit. Liselotte und ich sind dieses Jahr sechsundsiebzig Jahre verheiratet!“
Während Gretchen nach Luft schnappte zupfte sie noch eine Krampe aus der Haut.
„Glückwunsch. Die Letzte“, versprach sie und setzte die Zange zum Ziehen des letzten Metallstücks an, als Marc ohne Klopfen die Tür aufriss.
Glücklicherweise war Gretchen schon viel zu sehr abgestumpft, um sich deshalb aus der Ruhe bringen zu lassen und zog deshalb auch die letzte Klammer gerade, ohne Probleme, aus der Haut des Patienten.
„‘Tach Herr Lebrowsky. Und, wie macht sich Frau Doktor Haase beim Klemmenziehen? Ich will hoffen, mein kleines Meisterwerk ist noch heile geblieben“, neckte er süffisant.
Gretchen schickte ihm tausend tödliche Blitze. Was bildete sich dieser Macho eigentlich ein. Als ob sie keine Klemmen ziehen würde können. Sie war doch kein AiPler mehr, Mensch.
„Sie sollten sich was schämen, Herr Doktor Meier. Platzen hier einfach rein und machen die formidable Arbeit ihrer Kollegin mies.“
„Genau“, merkte Gretchen an und grinste dabei ungeniert ihren Patienten an.
„Sie weiß ja, von wem‘s kommt, na‘ Hasenzahn“ Marcs spitzbübisches Lächeln erreichte fast seine Ohren.
„So gewinnen sie aber auch keinen Blumentopf bei Ihren Kollegen“, rümpfte Herr Lebrowsky abwertend die Nase.
Gretchen packte ihre Utensilien zusammen und ließ Marc noch einmal das Knie selbst und nicht die Naht begutachten.
„Gehen Sie eigentlich direkt nach dem Krankenhaus in die Anschlussheilbehandlung oder erst nach Hause und von dort aus weiter“, erkundigte sich Marc.
„Erst nach Hause, natürlich. Ich muss doch zuhause alles packen und wenigstens noch einmal nach dem Rechten schauen!“
„Das kann doch eigentlich auch Ihre Ehefrau übernehmen. Für Ihre Genesung jedenfalls wäre es besser, wenn Sie direkt von hier in die Reha kämen“, wandte Gretchen ein.
Marc guckte seine Assistenzärztin irritiert an. Welche Ehefrau? Werner Rössel hatte ihm gesagt, der Patient wäre seit vierundfünfzig Jahren Witwer und lebe ausschließlich nur noch für den Sport.
„Papperlapapp. Ich weiß, was für mich das Beste ist. Und das Beste ist jetzt gerade, wenn sie, junge Frau Doktor, und Sie Herr Doktor Meier mein Zimmer verlassen und mich in Ruhe die Tour de France gucken lassen würden.“
Der Patient zwinkerte Gretchen beim Gehen zu und sofern die Blonde die Zimmertür von Außen geschlossen hatte, streckte sie Marc die Zunge raus: „Hast du das gehört: du solltest dich schämen meine formidable Arbeit mies zu machen, die du mir erst aufs Auge gedrückt hast, Herr Doktor.“

Marc rollte lachend mit den Augen: Wenn sie wüsste, was ihr gleich passierte, würde sie sicher nicht mehr solch gute Laune haben.
„Was willst du eigentlich hier. Dich heute nochmal nach dem Knie des Patienten erkundigen, auch wenn er ein Privatpatient ist, sieht dir nicht ähnlich.“
„Ich bin nur deinetwegen hier, Hasenzahn.“
„Meinetwegen?“, fragte sie ungläubig und lief den Korridor zum Medikamentenraum entlang um die Klammern in der Petrischale zu entsorgen.
„Ich kann ja verstehen, dass du Schwester Sabine damit nicht beauftragt hast, aber hast du wirklich gedacht selbst ich schaffe es nicht, die Klemmen zu ziehen, ohne dein ach so wertvolles Knie kaputt zu machen?“
So ein… Blödmann!
„Es ist eine Frechheit von dir, mir überhaupt über die Schulter blicken zu wollen. Ich bin ja wohl im Stande diese bescheuerten Klemmen zu ziehen, ohne unsere Arbeit zunichte zu machen. Was bildest du dir überhaupt ein so herbalassend-“
Marc hatte sie in dem kleinen Medikamentenraum an die Wand gedrückt und einfach so geküsst.
Die Petrischale in der Gretchen die Zange, Krampen und Desinfektionsmittel aufbewahrt hatte fiel krachend zu Boden.
Kurzatmig löste sich Marc von ihr.
„Hör auf das zu tun!“, keifte Gretchen und bemühte sich jede einzelne der einundzwanzig Klemmen wieder aufzusammeln.
„Was zu tun“, Marc leckte sich über die Lippen, als er sie auf dem Boden hocken sah. Ganz, ganz falsches Bild, was sich da in seine Gedanken stahl.
„Mich immer dann zu stumm zu küssen, wenn ich sauer auf dich bin!“
„Du hast gar keinen Grund sauer auf mich zu sein, Hasenzahn“, er beugte sich jetzt auch hinab und half die Klemmen einzusammeln.
„Ich wollte dir weder über die Schulter schauen, noch deine Kompetenz in Frage stellen. Ich wollte lediglich, dass du dich beeilst, weil ich dir unbedingt… etwas zeigen möchte.“
Gretchen zog die Stirn kraus und sah ihn skeptisch an: „Und das wäre…?“

Am liebsten hätte Marc ja Gretchens Hand genommen und sie fröhlich hinter sich hergeschleppt, wenn da nicht das ganze Krankenhauspersonal gewesen wäre, dass sich sicher darüber den Mund fusselig geredet hätte. Stattdessen schob er Gretchen also sanft am Kreuzbein durch die Tür zurück in den Flur. Ihren wohligen Schauer, der ihren Körper erfasste, kommentierte er aus purem Eigennutz nicht. Er liebte es einfach, Gretchen durch so simple Berührungen aus dem Konzept zu bringen und würde sich hüten sie darauf hinzuweisen, nur damit sie sich anstrengte genau diese natürliche Reaktion ihres Körpers zu unterdrücken.
Er fragte sich, was wohl erst geschehen würde, wenn er ihr unmittelbar vor einer OP die Zunge in den Hals schieben würde.

Würden ihre Finger dann die gleiche präzise Arbeit ableisten, wie er es von ihr gewohnt war, oder musste sie sich erst minutenlang sammeln um eine Operation routiniert durchzuführen?
Wenn sich die Gelegenheit bot, würde er ein solches Experiment mit ihr sicher ausprobieren, nun aber sah er sich erst einmal an Gretchens überforderten Gesichtsausdruck satt, als Mariella freudig aufsprang um Gretchen zu begrüßen.
Marc konnte natürlich nicht zu hundert Prozent sicher sein, dass seine ehemalige feste Freundin aus Schulzeiten sich wirklich freute und nicht einfach nur eine große Show abzog, aber er begrenzte etwaig ausgeprägtes schauspielerisches Talent der Italienerin auf ein Minimum und glaubte ihr die echte Freude, Gretchen wiederzusehen.

„Oh. Mein. Gott. Gretchen Haase. Wie toll du aussiehst! Und wie wunderbar, dass ich dich doch irgendwie noch ausfindig machen konnte! Ich hab ja gedacht, dass Marc nur weiß, wo du jetzt wohnst und mit Adressdaten zurückkommt, dass du aber direkt hier mit ihm arbeitest und er dich als Mensch anschleppt ist eine echte Überraschung.
Du bist Ärztin geworden?
Natürlich bist du Ärztin geworden!
Schließlich wolltest du nie etwas anderes werden als Ärztin!
Seit du und Marc Kollegen? Oder arbeitet er für dicht“, Mariella wackelte anzüglich mit den Augenbrauen. „Ach, ich bin so glücklich, dass jetzt doch noch alle, zumindest die, die nett sind, immer noch in Deutschland sind und noch leben – weißt du, der alte Haudegen Alexander ist nämlich schon vor drei Jahren bei einem Fallschirmsprung in Afrika abgestürzt und tödlich verunglückt; tragische Geschichte, man weiß bis heute nicht, ob es Absicht oder nur ein Unfall war, denn er hatte wohl einen Haufen Schulden, aber eben auch schon einen kleinen Sohn, wenn du mich fragst ist das unverzeihlich, sein Kind einfach im Stich zu lassen, Geldschulden hin oder her… ähm, wo war ich stehen geblieben… ach ja – auch wirklich kommen.
Du kommst doch, oder?
Mit Marc?
Beate hatte dir auch schon zwei schriftliche Einladungen geschickt, eine an die alte Adresse deiner Eltern und eine in Köln. Kamen aber beide Male zurück, also die Briefe.
Ich hab Marc eben unten schon eine Einladung zugesteckt: Wäre diesen Samstag ab neunzehn Uhr in der Kneipe am Schulzentrum.
Lustig, dass sich auch nach zehn Jahren der Name dieses Restaurants nicht geändert hat, findet ihr nicht auch? Hauptsache du hast frei am Samstag, genau wie Marc. Du kommst doch, oder?“
Gretchen war bei Mariellas vorgetragenem Monolog sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen, stellte Marc zufrieden fest.

„H-hallo, Mariella“, sagte die Blonde lahm und musterte die braungebrannte Italienerin ungeniert von oben bis unten.
Was hatte Mariella gesagt, Gretchen sähe toll aus? Nun, wie beschrieb sich Mariella denn in ihrem eigenen, endlosen Wortschatz: Wunderschön? Atemberaubend? Hinreißend?
Ihre ehemalige Klassenkameradin sah fabelhaft aus. Die dunklen Haare waren in perfekte Wellen gestylt, die ihr engelsgleiches Gesicht umrahmten und bei jeder Kopfbewegung kraftvoll wippten. Zu ihrer weißen schwarzgepunkteten Bluse trug sie eine schwarze Röhrenjeans in Kleidergröße 34, die sie ganz legere in die spitzen Stiefel gestopft hatte. Sie wirkte dadurch unheimlich sportlich, aber auch elegant und weltmännisch.
Ganz anders als Gretchen, die Kaffeeflecke auf ihrem Kittel zur Schau stellte und ihre widerspenstigen Haare am Hinterkopf zusammengeknotet hatte. Dazu kamen bestimmt tiefdunkle Ringe unter ihren Augen, weil sie seit über sechsundzwanzig Stunden auf den Beinen war.
„Ich… ich“, sie räusperte sich um nicht weiter wie ein dummer Fisch an Land nach Luft zu schnappen.
„Ich freu mich auch dich zu sehen. Ja“, bekräftigte sie ihre eigene Aussage um vor sich selbst glaubhaft zu wirken.
Mariella strahlte übers ganze Gesicht, lehnte sich weit nach vorn und schob – wie sie es bereits bei Marc gemacht hatte – Gretchen die Hände an die Wangen: „Awww, du bist immer noch so steif, wie früher. Manche Charaktereigenschaften begleiten einen eben doch ein Leben lang. Hat Marc dir denn gar nichts erzählt?“
„Erzählt? Was?“, je weniger Gretchen sprach, desto besser. Die Situation war ihr nicht geheuer. Schon gar nicht, weil sie fühlte, wie auf den Gängen schon wieder über sie getuschelt wurde. Warum stand sie hier mit einer wahnsinnig schönen Frau und Marc rum.
„Na, das Klassentreffen, Mensch. Hat dir Marc nichts davon erzählt?“
„Ja, hab ich dir davon nichts erzählt, Hasenzahn?“, fragte Marc sichtlich amüsiert.
„Du nennst sie immer noch so? Ich weiß nicht, ob ich das süß oder einfach nur dämlich finden soll!“
Sie war komplett überfordert mit der Gesamtsituation, weshalb sie nur den Kopf schüttelte und nicht einmal wusste, ob Mariella dies überhaupt bemerkt hatte, schließlich starrte sie gerade Marc an.

Wie würde sie dieser Situation nur entfliehen können?
Sie hatte den Brief ignoriert und Jochen gebeten in großer schwungvoller Schrift „verzogen – zurück an den Absender“ auf den Umschlag zu schreiben. Die Email, die sie unerwartet erhalten hatte, verschob sie direkt in den Mülleimer und krümmte sich jedes Mal, wenn sie nur daran dachte ihre alten Mitschüler wiederzusehen.
Ihr Leben war nämlich nicht so glänzend verlaufen, wie Mariella es gerade beschrieben hatte. Von wegen, Marc arbeitete für Gretchen.
Schön wärs.
Die Fragen die unweigerlich den ganzen Abend auf sie einprasseln würden, waren den Aufwand nicht wert, sich schick zu machen und ihren dämlichen ehemaligen Klassenkameraden ihre momentane Situation darzulegen: zwei Wochen vor Hochzeit betrogen worden zu sein, ledig, bei den Eltern wohnend und unterbezahlt in einem Krankenhaus, untergebene, aber immerhin promovierte, Assistenzärztin des Oberarztes Dr. Marc Meier.
Ihr feministisches Herz zog sich nur bei dem Gedanken daran zusammen, dieser Horde alter Mitschüler davon überzeugen zu müssen, dass sie trotz des nicht perfekten Lebensplans für eine fast Dreißigjährige zufrieden war.

„Ich denke nicht, dass-“, begann Gretchen also kleinlaut. Mariellas enttäuschter Gesichtsausdruck taten der Blonden zwar leid, aber auch wieder nicht leid genug um ihre Meinung zu ändern.
„Oh, bitte, bitte komm, Gretchen. Das wird wirklich ganz lustig. Und ich bin auch schon echt gespannt auf die Geschichte, wie ausgerechnet ihr beide euch hier wiedergetroffen habt. Du kannst doch nicht von mir verlangen, dass ich nur Marcs stoische Version hören will, wo er sich jedes Detail aus der Nase ziehen lässt.“
Gretchen presste die Augen zusammen.
„Mariella, ich will ni-“
„Sie will nicht, dass du enttäuscht bist, wenn es doch nicht klappt. Wir sind ein kleines Krankenhaus, da können Schichtpläne nicht einfach so über den Haufen geworfen werden“, mischte sich Marc hilfsbereit ein, stellte sich neben Gretchen und legte beschützend den Arm um sie.
Ihr ganzer Körper war von einer feinen Gänsehaut übersät.
Blödes Arschloch.
Diese Art der Rettung vor unangenehmen Situationen hatte er schon einmal abgezogen nur um hinterher der gleiche Arsch wie immer zu sein.
„Oh, okay. Das wusste ich nicht… nun, dann hoffe ich, dass du das irgendwie doch noch hinbekommst, ja? Und versprich mir, dass du es ganz sicher versuchst, ja Gretchen? Und du, Mister Oberarzt, wirst ihr die Woche über gut zureden doch mitzukommen. Wäre gelacht, wenn ausgerechnet die beiden, die in Berlin leben, nicht zu ihrem eigenen Klassentreffen erscheinen!“
Marc nickte.
Gretchen war zum Heulen zu mute und Mariella grinste, verabschiedete sich mit Wangenküssen bei der Blonden und einer angedeuteten Umarmung bei Marc.

In der Zeit, die Mariella brauchte um den langen Flur zum Fahrstuhl zurück zu gehen, hielt Gretchen die Luft an und entließ diese erst wieder aus ihren Lungen, als die Italienerin außer Sicht war.
Mit einem ächzenden Stöhnen ließ Gretchen sich auf den hinter ihr stehenden Plastikstuhl nieder.
„So, und nun zu dir, Hasenzahn. Du kommst so was von mit!“
„Oh, Gott...“, Gretchen vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.
„Wenn ich da hin muss und mir einen ganzen Abend lächerliche Fragen gefallen lassen darf, dann du auch.“
„Bitte?“, krächzte Gretchen und blickte zu ihrem süffisant grinsenden Oberarzt auf.
„Warum bitteschön muss ich mich jetzt auch zu diesem blöden Klassentreffen aufmachen, nur weil du hingehst?“
„Ja denkst du, ich will erklären müssen, warum du nicht kommen konntest? Außerdem habe ich dir gerade dein Ansehen gerettet, immerhin wolltest du ja gerade Mariella anbrüllen, dass du gar nicht kommen wolltest!“
„Willst! Ich will da nicht hin, Marc“, sie hörte sich jetzt weniger wütend, dafür leidlicher an.
„Und du solltest da auch nicht hingehen. Über mich werden sie sich lustig machen, weil ich nicht der zielführenden Norm einer Medizinerin entspreche und dich werden sie stundenlang piesacken, warum ausgerechnet du einen Job angenommen hast, in dem du Leben rettest und nicht systematisch zerstörst.“
Marc zog die Augenbrauen hoch, aber behielt seine Frage für sich.
Stattdessen setzte er sich neben sie:
„Das wird schon, Hasenzahn. Die schlimmste Person, die uns begegnen konnte, war gerade hier. Und wie du siehst, liebt es Mariella immer noch am meisten, sich selbst reden zu hören. Deshalb: mach dir keine Sorgen.“
Hoffnungsvoll blickte sie an.
Manchmal wünschte sie sich, dass sie schon mehr wären, als nur gute Freunde, die sich ab und zu küssten… und gemeinsam Eis essen gingen.
„Glaubst du wirklich, dass diese Meute mich da nicht vorführen wird?“
„Nein“, sagte er liebevoll und seine Grübchen blitzten: „sie werden niemanden treten, der schon am Boden liegt. Immerhin hast du mich ja zum Chef, und das muss demütigend genug sein, Hasenzahn!“
Marcs Grinsen wurde breiter, als Gretchen in einem hysterischen Anfall auf seinen Oberarm schlug und ihn mit wenig schlagfertigen Namen und Eigenschaften betitelte.


a/n:

die, die mich „kennen“, wissen ja, dass ich nur in ganz besonderen Ausnahmen mal Widmungen für ein Kapitel/Drabble schreibe. Zumeist sind es dann Menschen gewesen, die für mich gebetat haben, wie DanySahne oder MarcieMarc oder Lilia, die mich mit ihrem kreativen Schaffen angesteckt hat.
Das ist hier anders, denn dieses Drabble (OS) war nicht nur inspiriert durch die Dame, sondern eingangs für sie geschrieben, weil sie endlich wieder da ist.

Dieses Drabble widme ich dir, liebe @Greta , mein Groupie, ohne dich wäre dieses Forum so viel weniger schön, und ich hoffe dass du nicht nur dem Fandom DD die nächsten zehn (hundert) Jahre erhalten bleibst, sondern dass du allen voran mir als gutes Beispiel mit all deiner Hingabe immer erhalten bleibst. Du magst zwar unheimlich ungeduldig und hibbelig sein, ein bisschen verträumt und besonders gutmütig, aber jedes Mal, wenn ich sehe, dass du Nachrichten hier postest, das Forum sozusagen am Leben hältst, für lau, einfach, weil es dir Spaß macht, weiß ich, dass die Welt noch nicht ganz so schlecht ist, wie sie meistens scheint. Dass es da draußen Menschen gibt, die durch so etwas einfaches wie das verlinken von Nachrichten, Menschen (mir) einen großen Gefallen erweisen, ohne etwas dafür zu verlangen oder – wie in deinem Fall – nicht mal richtig gewürdigt zu werden.
Das müssten wir ändern, schließlich investierst du hier besonders viel Herzblut, damit Leute täglich auf diese Seite klicken und sie nicht in Vergessenheit gerät!
Dafür, liebe Greta, ein aufrichtiges Danke.

lg
manney

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24.04.2018 22:05
#12 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

71. Quiet Despair

„So you say, Julia was just a lovey dovey girl, who is responsible for the whole mess? That’s so wrong, even for you Marc! Romeo and Julia both made mistakes… the first one thinking that at the age of thirteen they have life and love figured out-”

“Juliet, and it would sound much better if you put “at the age of thirteen” at the end of the sentence, Gretchen!”, korrigierte der Englischlehrer genervt.

Er hasste den englischen Literaturunterricht in dieser elften Klasse, weil Marc Meier und Magarethe „Gretchen“ Haase jede noch so kleine Meinungsverschiedenheit stundenlang diskutieren konnten.
Ganz besonders das letzte Thema: die Tragödie Romeo und Julia.
Manchmal dachte er auch, dass die restlichen Mitschüler die beiden dafür bezahlten, damit er diesem schlecht sprechenden, Kaugummi kauenden, Rave versessenen Mob, der sich Klassenverband schimpfte, bloß nicht noch wichtige Dinge beibrachte.
„Oh, puh-lease! Juliet was just a little girl who was more in love with the thought of being in love than actually be in love with someone; that’s plain ridiculous. That is not how reality works, Hasenzahn!“

Mussten ihm diese beiden pubertierenden Heranwachsenden denn nicht nur seinen Unterricht kaputt machen, sondern auch noch William Shakespeares – seiner Meinung nach, bestes! - Werk so zerpflücken, dass ihm das Herz blutete?
Sowohl Marc mit seiner antifeministischen Einstellung, Julia wäre mit ihrer kindlichen Verliebtheit überfordert gewesen, als auch Gretchens Ansicht, das Ende hätten Romeo und Julia abwägen müssen, waren beide so… falsch!
Romeo und Julia war eine Tragödie, in der auf beiden Seiten gleichermaßen Fehler gemacht wurden; wo Julias Liebe genauso stark war wie Mercutios Freundschaft zu Romeo. Da wurde Ehre vom Elternhaus hochgehalten und das menschliche Miteinander nur über den Stand im Volk definiert!
Aber nein,… er plagte sich mit den beiden Lieblingsfeinden herum, die bei jeder noch so kleinen Erläuterung Einwände hatten.
Die rettende Klingel läutete.
„Bis zum nächsten Mal lest ihr die Seiten achtundsiebzig bis fünfundachtzig aus dem Lehrbuch und beantwortet dazu die Fragen aus dem Arbeitsheft auf Seite zweiundzwanzig!“
Die undankbare Meute stöhnte, während die meisten bereits schon damit beschäftigt waren ihre Schultaschen zu packen.
„Und ihr beide“, er zeigte auf Gretchen, die erschrocken von ihrer Tasche hochblickte, und Marc, der resigniert den Kopf in den Nacken warf: „bleibt noch hier!“
„Was?“, fragte Gretchen: „Warum?“
„Nöl‘ nicht, Hasenzahn“, keifte Marc, verabschiedete sich von seiner Freundin demonstrativ mit einem sehr feuchten Kuss und machte einen komischen Handschlag mit seinem besten Freund beim Gehen.
Gretchen hatte niemanden, den sie verabschieden konnte, weil ihre beste Freundin in die Parallelklasse ging und bereits vor einer Stunde Schulschluss gehabt hatte.
Deshalb stellte sie sich einfach artig vor den Lehrerpult (dabei war dies ein ganz simpler Tisch, an dem auch zwei Schüler Platz gehabt hätten) und wartete darauf, dass ihr Englischlehrer seinen Eintrag im Klassenbuch vermerkte.
Durch ihren Job in der Universitätsbibliothek hatte Gretchen in den letzten fünf Monaten das auf dem Kopf Lesen erlernt:
Klasse überaus unmotiviert. Gret & Marc TA, stand dort in unsauberer Schrift.
„TA?“, fragte die Blonde deshalb, konnte sich nichts unter diesem Kürzel vorstellen.
Der Mitvierziger guckte Gretchen abschätzend über den oberen Rand seiner Brille an: „Dazu komme ich gleich!“
Marc, der sich seinen Rucksack über die Schulter hievte verrollte die Augen, als er auch neben den Lehrertisch getreten war: „Machen Sie bitte hinne‘, ich hab keine Bahn zu verpassen!“
„Frag mal mich, Marc! Ich muss arbeiten!“
Marc stöhnte abfällig: „Du willst arbeiten, das ist ein Unterschied!“
„Ich muss! Ein Studium finanziert sich nicht von allein!“
„Deine Eltern sind reich!“
Gretchen blinzelte ihn irritiert an: „Und?“
Marc schnaubte: „Du bist doch nur so erpicht darauf zu arbeiten, um der nicht arbeitenden Bevölkerung ihre angebliche Faulheit aufzuzeigen!“ Es war ein Satz, den er von einer von Mariellas Freundinnen gehört hatte. Ob es stimmte, oder ob er Gretchen wirklich so einschätzte, musste er glücklicherweise nicht erklären.
„Ich gehe arbeiten, damit ich meinen Eltern nicht auf der Tasche liegen muss, wenn ich studiere!“, die kleine Blonde stemmte die Hände in die Hüfte, holte Luft und wollte gerade loslegen Marc die Wichtigkeit von sauerverdientem Geld zu erläutern, als ihr Lehrer das Klassenbuch zuklappte und die Hände hochhielt: „Genug!“
Gretchen verstummte und auch Marc blieb sein resigniertes Stöhnen im Hals stecken.
„Ich werde mit euch jetzt mal Klartest sprechen! Ihr beide regt mich so dermaßen auf-“
„Was?“, echauffierte sich Gretchen; sie bekam von ihrem Lehrer einen bösen Blick.
„Die letzten drei Wochen seit den Weihnachtsferien schafft ihr es jedes Mal meinen Unterricht zu stören, indem ihr euch immer weiter vom eigentlichen Thema des Inhalts der Tragödie entfernt und ein feministisch–antifeministisches Wortgefecht daraus macht. Die englische Literatur, die wir momentan bearbeiten, darf nicht ohne den zeitlichen Kontext gesehen werden!“
„Aber-“, machte Gretchen wurde aber wieder von ihrem Englischlehrer mit einem bösen Blick unterbrochen.

„Julia war weder eine dumme Gans, die in das Verliebtsein verliebt war“, Herr Berthold betrachtete Marc eingehend, wie er schuldbewusst seine Hände in den Hosentaschen vergrub.

„Noch ist Romeo und Julia eine wahre Geschichte in denen die beiden Protagonisten realitätsnäher hätten handeln müssen“, der Lehrer bedachte hierbei Gretchen mit einem aussagekräftigen Blick.

„Dieses Werk ist ein Manifest der Liebe, Freundschaft, Verrat, Wut, Hass, Erfahrungen, strukturelle Hierarchie von Adel und Pöbel. All dies findet sich in Shakespeares Arbeit wieder und eben weil ihr beide seit sechs Schulstunden ununterbrochen über jedes noch so kleine Detail streitet, werdet ihr bis zur nächsten Stunde ein Abhandlung – sagen wir, zehn Seiten? - gemeinsam schreiben, in der eurer beider Meinung zum Ausdruck gebracht wird, aber der Kern dieser Tragödie erkennbar bleibt! Mündliches Vortragen in Referatsform versteht sich natürlich von selbst!“

„Bitte! Das ist total unfair!“, polterte Marc.
„Okay, fünfzehn Seiten!“, entgegnete der Lehrer, mit verschränkten Armen vor der Brust, trocken.
Marc wurde ganz blass um die Nase.
„Das geht doch nicht!“, bestürzt griff Gretchen nach der Tischkante des Lehrertisches.
„Zwanzig Seiten! Warum sollte das nicht gehen? Guckt mich nicht so an, als ob ich euch gerade eben zum Nachsitzen geschickt hätte! Ihr habt euch das schließlich selbst eingebrockt mit euren immer wieder neu aufgewärmten Seitenhieben auf die Meinung des jeweils anderen. Also Teamarbeit ist gefragt. Ich möchte, dass ihr bis zur nächsten Schulstunde die Ansichten des anderen wenigstens respektiert. Hab ich mich klar ausgedrückt?“

Gretchen biss sich auf die Unterlippe: „Aber-“
Marc grollte: „Hör auf, sonst landen wir bei dreißig Seiten! Du kannst noch so viel „aber“ sagen, Hasenzahn. Es ändert nichts. Wir sind am Arsch!“

Herr Berthold nickte schmunzelnd.
Genau!
So fühlte er sich nämlich auch, seit ihm der Unterricht durch diese beiden Störenfriede ruiniert wurde.

TBC...

lg
manney

manney19 Offline

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25.04.2018 20:55
#13 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

35. Daily Planner

„So, wann hast du Zeit?“, die Blonde kramte geschäftig in ihrem Rucksack nach ihrem Hausaufgabenheft.
Er und Gretchen waren in der elften, nicht in der ersten Klasse, Herrgott nochmal! Warum hatte sie um alles in der Welt immer noch ein Hausaufgabenheft!
„Hasenzahn, wenn du denkst, dass ich für diese Extraarbeit auch nur einen Finger krumm mache, bist du auf dem Holzweg“, schnaubte er beim Verlassen des Schulgebäudes.
„Was?“, fragte Gretchen unbeholfen.
Er grollte, blieb abrupt stehen und drehte sich zu Gretchen um, die ihm schnellen Schrittes versucht zu folgen: „Erstens heißt es wie bitte, Hasenzahn. Und zweitens, machst du entweder die Arbeit allein – wovon ich ausgehe“, er grinste siegessicher „oder Berthold wird nächste Stunde ein bisschen meckern, einen Eintrag schreiben und dich und mich allerhöchstens nachsitzen lassen. Na und…“
„Aber-“
„Ist dir schon mal aufgefallen, dass dein „Aber“ bei niemandem etwas bewirkt? Ich sitze lieber zwei Mal fünfundvierzig Minuten in einem leeren Klassenraum als mir zwanzig Seiten Gedanken zu machen, was William Shakespeare eigentlich mit seinem ach so tollen Werk ausdrücken wollte.“
„Es geht hier um unsere Note, Marc!“
„An einer schlechten Note wird meine Versetzung nicht scheitern!“
Gretchen blieb der Mund offen stehen. Wie konnte er nur so leichtfertig über seine schulischen Leistungen reden? Okay, Marc war zwar kein Musterschüler, aber seine Noten hatten sich seit der zehnten Klasse (zuletzt auch durch Gretchens Mathenachhilfeunterricht) unglaublich verbessert. Wollte er dafür nicht auch auf dem Zeugnis belohnt werden?
„Wenn du denkst, dass ich die ganze Arbeit allein mache, damit du fürs Nichtstun eine schöne Note abgreifst, irrst du dich gewaltig, mein Freundchen“, spie sie aufgebracht.
„Uhhh“, machte er und zeigte dabei ganz unverhohlen seine hübschen Grübchen: „Soll ich jetzt etwa Angst haben, weil Hasenzahn ihren Einser-Schnitt nicht gefährden will?“
„Nein“, erwiderte sie zähneknirschend und wollte ihn am liebsten schlagen, solange bis sein überhebliches Grinsen aus seinem Gesicht gewatscht wäre.
„Siehst‘e“, er zwinkerte ihr triumphierend zu, drehte sich von ihr weg und ging einige Schritte, bis Gretchen abermals nach ihm rief: „Wenn du nicht freiwillig mitarbeitest, werde ich Berthold morgen sagen, dass deine fehlende Kooperation meine Note gefährdet. Und wenn ich morgen früh Jochens Tomatenzwiebelschulbrot vorbereiten werden, kann ich sicherlich auch ein paar Tränen abdrücken! Mal gucken, ob du dann wirklich nur zwei Schulstunden nachsitzen musst.“
Marc blieb der Mund offen stehen: „Du willst zum Lehrer petzen gehen und heulen?“, er war ehrlich verblüfft
„Ich nenne es lieber freundliches denunzieren“ mit vor der Brust verschränkten Armen erwartete sie seine nächsten Worte gespannt.
Marc musterte Gretchen von unten bis oben eingehend: Ihre abgewetzten Stiefel waren unter ihrer weiten orangenen Cord-Schlaghose kaum zu sehen. Ihr Oberkörper war in eine grüne, dicke Daunenjacke eingepackt und auf ihrem Kopf saß eine alberne Zipfelmütze. Alles an ihr schrie nach dem Hasenzahn, den er seit über sieben Jahren kannte, aber ihr Auftreten erinnerte ihn eher an Mariella, wenn sie ihn zum Shoppen zwang.
Die Frage war also, warum ihm dieser neue Charakterzug ausgerechnet an seiner Erzfeindin so gut gefiel!
„Boha, Hasenzahn“, schimpfte er resigniert, überhörte Gretchens erfreutes Wiehern geflissentlich und ließ sich in das kleine Bistro am Ende der Straße ziehen um mit ihr einen Termin zu vereinbaren.

Direkt neben der Treppe zur Maisonette-Etage hatte Gretchens beste Freundin schon ihren Stammplatz in Beschlag genommen, einen Milchkaffee für sich und einen schwarzen Kaffee für Gretchen (aber mit Keks) bestellt und war sichtlich überrumpelt (wie viele andere in dem Bistro auch), dass Marc Meier sich nicht direkt zu seinen Freunden gesellte, sondern gegenüber der Rothaarigen Platz nahm.
„Was macht der denn hier?“, fragte die Freundin, störte sich nicht an Marcs Grummeln.
„Wir müssen gemeinsam ein Referat halten“, erklärte Gretchen, ließ sich neben ihre Freundin auf die Bank plumpsen und verschnaufte einen Augenblick, ehe sie wieder nach ihrem Rucksack griff und ihr „Hausaufgabenheft“ suchte.
Nur dass Gretchen gar kein Heft, oder ein kleines Taschenbuch fürs Aufschreiben ihrer Aufgaben hatte, sondern einen dicken Ringbuchhefter, der aus allen Nähten platzte.
„Was zur Hölle ist das?“, fragte Marc.
„Meine Verpflichtungen“, antwortete Gretchen abwesend, während sie nach dem Trennblatt suchte, dass den Abschnitt ihrer Termine offenlegte.
Dieser Hefter… diese Akte, die Gretchen aufgeklappt hatte, war nicht nur farbsortiert mit allerlei bunten Klebezetteln an der Seite bestückt, sondern auch in alphabetische Reihenfolge gebracht, weshalb „Terminkalender“ auch sehr viel später kam, als „Essensliste“.
Marc wusste, dass es keinen Zweck gehabt hätte, sie auf ihre organisiert-neurotische Art anzusprechen. Gretchen würde gar nicht erst verstehen, dass ihre durchgeplante Vorhersagbarkeit absolut untypisch für den normalen Schüler war und sie damit wieder einmal unter Beweis gestellt hatte, dass sie das eben nicht war: normal.
„Also ich könnte morgen Abend ab 21 Uhr oder Samstag früh.“

„Bitte“, entrüstete sich Marc. Freitag Abend oder Samstagmorgen?
„Hasenzahn, mach mich nicht wütend. Dass ich diesem ganzen Referat überhaupt zugestimmt habe, spricht schon mal für mich. Ich werde mir von dir aber nicht mein Partywochenende kaputt machen lassen. Zeig mal her“, ohne Gretchens Antwort abzuwarten schnappte er sich den Ordner, drehte ihn um und las Gretchens Terminplaner.
Sie arbeitete am Freitag von fünfzehn Uhr bis zweiundzwanzig Uhr in der Unibibliothek und am Samstag begann ihre Schicht sogar schon um vierzehn Uhr.
Sonntag, den er am liebsten vorgeschlagen hätte, war Gretchen tatsächlich schon verplant, denn dort stand in dicken roten Lettern mit lila Verzierungen: „Hochzeitstag von Onkel Hans“
Montags hatte sie bis um sechzehn Uhr Unterricht, danach einen Zahnarzttermin, dann stand da irgendwas von Jochen, ihrem Bruder, und am Dienstags hatte sie vor der Schule schon einen Termin beim Gewerbeamt und ab fünfzehn bis zweiundzwanzig Uhr wieder Arbeit in der Universitätsbibliothek.
Die nächste Englischstunde hatten sie beide am nächsten Mittwoch.
Marc schnaubte: „Hast du bei all deinen ganzen Planungen hier eigentlich noch Zeit auf Klo zu gehen? Mein Gott, dein Terminplaner ist so voll, wie der meiner Mutter!“
Gretchen schob sich ihre Brille auf der Nase höher: „Stimmt ja, deine Mutter ist jetzt Bestsellerautorin“, ihre Stimme hatte einen ungewöhnlichen Unterton, den Marc von ihr gar nicht kannte.
„Wie lange brauchen wir denn für den Kram?“, wollte er wissen; aber Gretchen zuckte bloß mit den Achseln: „Ich werde gucken, dass ich schon einiges zusammentrage, wenn ich in der Bibliothek bin.“
Der aufgeklappte Planer vor ihm auf den Tisch ließ eigentlich gar keine andere Möglichkeit zu, als Samstagmorgen, weshalb er sich sagen hörte: „Okay, Samstag. Aber nicht vor zehn Uhr, wir müssen halt zusehen, dass wir das bis um 13:30 fertig kriegen, damit du pünktlich zu deiner Arbeit kommst!“
„Bei dir, Marc“, mischte sich die rothaarige Freundin jetzt zum ersten Mal in das Gespräch ein, blickte Marc grinsend über ihren (bereits zweiten) schaumigen Milchkaffee an und schlürfte genüsslich einen kleinen Schluck.
„Warum das denn?“, fragte er bockig.
„Damit du um fünf Minuten vor zehn Uhr deine Meinung nicht doch noch änderst und absagst“, erläuterte Gretchens Freundin. Die Blonde zog anerkennend die Augenbrauen hoch:
„Daran habe ich gar nicht gedacht. Gut, dass du das erwähnt hast. Danke.“
Seine rollenden Augen regten Gretchen in diesem Moment gar nicht mehr auf, stattdessen trank auch sie ihren Kaffee, der bereits kalt geworden war, was sie auch anmerkte.
„Wärst du pünktlich gewesen, wäre der Kaffee noch heiß, Gretchen“, griente die Rothaarige wenig mitleidig.
„Tut mir leid, ich-“ entschuldigte sich Gretchen bei ihrer besten Freundin für die fehlende Zeit, die sie mit ihr leider nicht verbrachte.
„So, dann kann ich ja jetzt gehen, nech‘?“, Marc erhob sich und war gerade auf dem Weg die Treppen hinunter, als Gretchen am Tisch lautstark quieckte und in überhöhter Geschwindigkeit ihre Tasche zusammenpackte, den ekligen Kaffe in einem Sturz austrank, ein Fünf-Mark-Stück auf den Tisch legte, ihre Freundin umarmte und sich mit den Worten verabschiedete: „Ich komm zu spät, ich muss los, ich seh dich morgen.“
Geschwind war der Hasenzahn sogar an Marc, der auf der Treppe stehengeblieben war um das Spektakel zu beobachten, vorbei gerauscht und durch die Tür in die matschige Winterlandschaft nach draußen gerannt.
Die dagebliebene Freundin sah er mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an.
„Sie muss auch jetzt noch arbeiten“, seufzte das Mädchen; das mitgebrachte Buch schlug sie wieder auf, wartete nicht darauf, dass Marc noch etwas sagen würde, wurde aber eines besseren belehrt:
„Hasenzahn macht ihrem Namen alle Ehre, findest du nicht auch? Sie erinnert unheimlich an das Kaninchen von Alice im Wunderland“, Marcs Grübchen blitzten verschmitzt.
Gretchens Freundin gackerte lautstark, störte sich nicht an den übrigen Gästen des Bistros, die ihr abschätzige Blicke schickten.

TBC

manney19 Offline

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27.04.2018 20:45
#14 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

97. Fifth Wheel

Die blinkenden Zahlen auf ihrer Armbanduhr, zeigten Gretchen an, dass sie tatsächlich zu früh dran war. Zwar nur vier Minuten, aber bei ihrem eh schon straffen Zeitplan war ein verfrühtes Eintreffen bei Marc am Samstagmorgen eine kleine Meisterleistung, über die sie sich sehr freute. Wer weiß, vielleicht wurden sie schnell fertig und Gretchen konnte nach dem Besuch bei Marc diese vier Minuten umsetzen und sich im Supermarkt noch Schokolade kaufen gehen.
An ihrem Fahrrad war der alte Bollerwagen von Jochen befestigt, aus dem sie ihren Rucksack und zwei Jutebeutel, bepackt mit Büchern, zog. Diese hatte sie sich aus der Literaturabteilung der Unibibliothek geliehen. Ihr Kollege war ein unfreundlicher Zeitgenosse, der ihr mehr als einmal zu verstehen gegeben hatte, dass er ihre Arbeit in der Bibliothek für unpassend befand. Nicht nur, dass Gretchen gerade einmal fünfzehn Jahre alt war, als sie ihren Job dort begonnen hatte, sie stahl auch einen Arbeitsplatz, den ein armer Student besser gebraucht hätte, als sie.
Ihr Einwand, dass das für sie ein sehr viel besserer, erster Arbeitsplatz war, weil so viel sicherer als zum Beispiel Kassiererin, wollte ihr Kollege nicht kommentieren. Stattdessen rümpfte er die Nase.
Und genau dieses Naserümpfen hatte Gretchen auch dann bekommen, als sie sich sechs Sachbücher über mittelalterliche Literatur und ihre Bedeutungen, Anregungen zur Romantik und ihre Deutungen sowie Abhandlungen über moderne Interpretationen ausleihen wollte.
„Versuchst du mich zu beeindrucken, oder warum leihst du dir ausgerechnet zu dem Thema Bücher aus, das ich studiere?“
Dass dieser schlaksige Dreikäsehoch Roman im ersten Semester englische Literatur studierte wusste Gretchen nicht einmal, eine gute rhetorische Antwort auf seine Unterstellung fiel ihr in der konkreten Situation dennoch nicht ein.

Nun allerdings, zwei Tage später, als sie darauf wartete, dass Marc ihr die Tür öffnete, war ihr eine geeignete Phrase eingefallen, die sie ihm an den Kopf hätte werfen können: „Wenn ich dich beeindrucken wollen würde, hätte ich meinen Freund mitgebracht.“
Dieser Kerl wusste schließlich nicht, dass Gretchen überhaupt keinen Freund hatte.

Nicht Marc, sondern eine besonders freundlich aussehende Frau öffnete Gretchen die Haustür.
Marcs Mutter, die Gretchen durch diverse Schulveranstaltungen natürlich kannte, war das jedenfalls nicht.
„Hallo, was kann ich für dich tun?“ die Frau war ungefähr Mitte bis Ende dreißig, ein bisschen fülliger und hatte einen niedlichen spanischen Akzent, den Gretchen nur deshalb so gut zuordnen konnte, weil sie manchmal mit ihrer besten Freundin spanisch lernte.
„Ähm… Hallo. Ich bin verabredet. Also mit Marc. Zum Lernen; eher arbeiten. Ich bin mit Marc verabredet. Wir müssen ein Referat halten.“
„Oh, Schade, und ich dachte du kommst um zusätzlich zu helfen! Komm erstmal rein.“
Die Spanierin öffnete schwungvoll die Eingangstür. Vor Gretchens Augen erstreckte sich ein großer heller Flur in dem ein paar ihrer Mitschüler und Leute aus den Leistungskursen der zwölften und dreizehnten Klassen allerlei Gedöns sortierten, aufräumten und wegschmissen.
„Hat hier ne‘ Bombe eingeschlagen?“, zumindest sah es für Gretchen so aus, die ein solches Chaos von Bierflaschen, Pizzakartons, Plastikbechern und Papptellern noch niemals in diesem Ausmaß gesehen hatte.
Der Weg der Zerstörung war durch den Flur entlang, im Wohnzimmer und auch in der Küche überall angekommen. Wobei die Küche, in der Marcs bester Freund Sören gerade mit einer Zange etwas wiederwertig schlabbriges in den Mülleimer beförderte, noch am wenigsten versaut war.
„Greeetchen“, säuselte der blonde Junge, der Gretchen genauso oft Streiche spielte, wie Marc.
„Sööören“, sagte sie also genauso langgezogen um ihre Verwunderung herunterzuspielen, warum dieser Junge vor ihr eine rosa-weiß-kartierte Schürze mit gelben Handschuhen trug und sich dabei über ihre Anwesenheit freute.
„Hast du Geld mitgebracht?“
„Was?“, Gretchen sah fragend von Sören zur grinsenden Spanierin, die sich hinter die Kücheninsel stellte und Gretchen bedeutet doch einfach auf einem der Hocker Platz zu nehmen.
Gretchen legte bloß ihre Beutel und den Rucksack auf eine freie, bereits saubergemachte Stelle der Arbeitsplatte, setzte sich aber nicht hin.
Barhocker waren für ihren Körperbau eine Zumutung; Marc hatte sie mal als aus dem Wasser kletterndes Walross bezeichnet, als sie sich ungeschickt auf eben ein solch erhöhtes Sitzmöbel versuchte niederzulassen.
„Hat Marc dich nicht angerufen, weil er sich bei dir Geld leihen wollte?“, der verzweifelte Ton in Sörens Stimme war unverkennbar.
„N-nein. Ich bin hier um mit ihm das Englischreferat zu erarbeiten“, erklärte Gretchen „Was ist hier eigentlich passiert?“
Eigentlich wollte er sich gegenüber von Gretchen auf einen Barhocker setzen, wurde aber mit einem scharfen Räuspern der – wie Gretchen gleich erfahren sollte – Haushälterin von Marcs Mutter daran gehindert und dabei daran erinnert, dass er eine Aufgabe zu erledigen hatte: Die Küche auf Vordermann bringen!
Während er also in seinem lustigen Outfit die Arbeitsplatte von klebriger Limo, Bowle (mit ganz viel Wodka und ganz wenig Obst) und Krümeln befreite begann er zu erzählen:

Die Party war ein wenig aus dem Ruder gelaufen und statt der eigentlich nur geplanten dreißig bis fünfzig Leute, waren durch Freunde und Freundes Freunde mehr als hundert Leute auf die Party gekommen, die alle ein bisschen Alkohol dabei hatten, Pizza bestellten und sich gut amüsierten.
Auf Gretchens Einwand, dass man sich auch ohne Alkohol gut amüsieren konnte, zum Beispiel bei einem guten Buch, ging Sören nicht näher drauf ein.
Das totale Chaos war aber erst heute morgen ausgebrochen, als die Haushälterin Carla zur Tür herein kam und das zerschmetternde Ausmaß der gestrigen Party und die betrunkenen Schlafenden im ganzen Haus bemerkte und deshalb direkt Marcs Mutter anrief, die wegen einer Vorlesungen zu ihrem Buch zur Zeit in Hamburg war.
Marcs Mutter war, wie man so schön sagte, auf 360° geladen, erwartete von Carla, ihren Sohn ans Telefon zu holen und beschwerte sich über das Widersetzen des Partyverbots, das sie gerade gestern Mittag erst ausgesprochen hatte.
Carlas Stundenlohn betrug dreißig Mark; dieses Chaos zu beseitigen würde für einen allein mindestens zehn Stunden dauern, was bedeutete, dass Marc von seiner Mutter dazu verdonnert wurde entweder dreihundert Mark der Haushälterin zu geben oder eben die Arbeit selbst zu machen. In jedem Fall wollte Elke Meier, (Pardon, nach der Scheidung ja wieder Elke Fischer) bei ihrer Ankunft in Berlin, dass nichts an die gestrige Party erinnerte „denn sonst… !“.
Marc hatte alle Leute, die sich im Haus befanden nach Geld gefragt, auch nur Geliehen, aber die meisten waren Mitte des Monats eben doch schon blank und konnten dem Gastgeber nicht helfen (und die, die Helfen hätten können, hatten sich ganz schnell vom Acker gemacht und waren nicht mal zum Aufräumen geblieben!)
„Aha“, machte Gretchen lahm und erkannte, dass es bereits zehn Minuten nach zehn Uhr war. Soviel dazu, dass sie zu früh hier angekommen war!
„Und wo ist Marc jetzt?“
„Unten. Im Gästezimmer“, Sören verzog angewidert das Gesicht.
„Ewww. Du willst doch nicht etwa sagen-“, begann Gretchen ihren Satz zu formulieren wurde aber unterbrochen.

„Hasenzahn“, Marc war wohl doch nicht mehr unten im Gästezimmer um… was auch immer da unten sauber zu machen. Der stand mit Wischeimer und Mob bepackt im Türrahmen der Küche. Dafür, dass er ein verwaschenes Teenage Mutant Ninja Turtles T-Shirt, Boxershorts und Badelatschen trug sah er einfach verboten gut aus.
Seine Haare waren verwuschelt, ein feiner Rotton überzog sein Gesicht und Gretchen konnte sogar von Weitem die Schweißperlen auf seiner Stirn erkennen.
Er war so süß!
Und er brachte sie sogar zum Lächeln mit seinem Aufzug.
„Dich hab ich ja komplett vergessen!“, es klang ehrlich und nicht überheblich.
Seine Worte dämpften ihre gute Laune wieder.
„Das hab ich bemerkt“, natürlich hatte er sie vergessen, wenn die Party so außer Kontrolle geraten war und seine Mutter ihm Druck machte, dass er für das Chaos geradezustehen hatte. Es war absolut legitim, dass er seine Mitschülerin, die ihn dazu zwang mit ihm das Referat vorzubereiten, vergas.
Aber es versetzte ihr trotzdem einen kleinen Stich, dass sie so viel weniger in seinen Gedanken kreiste, wie er in ihren.
„Kannst du mir Geld leihen“, fragte Marc ungeniert.
Gretchen verrollte die Augen und stöhnte: „Ich verleihe mein Geld nicht an dich. Du bist nicht kreditwürdig genug!“
Carla, die Haushälterin lachte, Sören hob anerkennend den Daumen und Marc maulte.

Um halb elf konnten sie dann endlich im Arbeitszimmer von Marcs Mutter mit dem Referat beginnen.
Gretchen hatte sogar zwischendurch eingelenkt und Marc vom Haken lassen wollen, schließlich konnte er immer noch das Nachsitzen wählen, aber er verneinte ihr Angebot.
Marcs Mutter war schon am Telefon wegen der Party ausgerastet, wenn er nächste Woche auch noch nachsitzen würde müssen, weil er ein Referat nicht hielt, würde sie „denn sonst...“ sicher wahr machen.
Die übriggebliebenen Freunde, die weiter putzen mussten, waren zwar wenig erfreut darüber, dass Marc ab jetzt nicht mehr mithalf aufzuräumen, hatten aber auch Verständnis dafür.

Das Arbeitszimmer von Mutter Meier (oder Fischer? Wenn Gretchen von Marc sprach war es ja trotzdem richtig, weil er den Nachnamen seines Vaters ja behalten hatte) war eine kleine Bibliothek, die Gretchen in Erstaunen versetzte.
Es gab Bücher von und über Edgar Allen Poe, Percy Shelly, Sir Walter Scott, die Brontë-Geschwister, in gold gefasste Ausgaben von Tolstois Anna Karenina und Krieg und Frieden (sogar die Fassungen auf russisch!), die obligatorischen Charles Dickens Kollektion, Jugendliteratur aus den späten `80er Jahren des vorherigen Jahrhunderts, mehrere Ausgaben von Shakespeares bekanntesten Werken (Romeo und Julia gleich zwei Mal, sogar das düstere Troilus und Cressida hatte Marcs Mutter im Regal stehen dafür aber Gretchens Shakespeare-Favorit Perikles, Prinz von Tyrus nicht) sowie ein ganzes Regal mit verschiedensten Märchenabhandlungen und...
„Ahhh“, schrie Gretchen hibbelig, als sie in der beleuchteten Vitrine in der Ecke des Raums eine alte, vermutlich höchst seltene Sammlung von Jane Austen Werken erspähte: Emma, Northanger Abbey und natürlich Pride and Prejudice!
„Ist bei euch alles in Ordnung?“, Mariella stürmte zur Tür hinein, Sören nur wenige Schritte hinter ihr.
Alles was sie vorfanden war ein unbeeindruckter Marc, und Gretchen, die sich an der Vitrine die Nase platt drückte.
„Habt ihr das gesehen?“, fragte Gretchen freudestrahlend an ihre Mitschüler.
„Gretchen, du kannst doch nicht so rumschreien, wegen ein paar Büchern. Ich hab gedacht, Marc hätte dich unsittlich angefasst, so hörte sich das an!“, Mariella griente, als Marc ihr einen bösen Blick zuwarf.
Gretchen selbst hatte die unbändige Ehre zu erröten, aber ihr war eh schon unheimlich heiß und schwitzig, seit sie die drei wundervollen Bücher hinter Glas erblickt hatte.
Mariella stellte sich neben Gretchen vor den Glasschrank: „Schön, oder? Sind aber leider nicht echt!“
Gretchen blinzelte die Italienerin enttäuscht an: „Was?“
„Das heißt „wie bitte“, Hasenzahn“, maulte Marc, ließ sich auf den Bürosessel seiner Mutter nieder und warf schon mal den Commodore an.
„Ja, leider. Sie sind nur auf alt getrimmt. Aber Elke war trotzdem extrem glücklich, als sie endlich angekommen waren und hat es sich nicht nehmen lassen, sie wie eine Rarität auszustellen!“, die Erläuterung von Mariella machte Gretchen wehmütig. Auf der einen Seite, weil sie einer neuerlichen Kopie auf den Leim gegangen war, und auf der anderen Seite, weil sie merkte, wie vertraut Mariella von Marcs Mutter sprach.
Gretchen nannte die Mutter ihrer besten Freundin, die sie seit dem Kindergarten kannte, immer noch beim Nachnamen und siezte sie (obwohl ihr schon hunderttausend Mal das „du“ angeboten wurde).
„Weiber“, ätzte Sören und verschwand wieder aus dem Arbeitszimmer.
„Könntest du dich jetzt vielleicht wieder auf das Wesentliche konzentrieren, Hasenzahn, wir haben ein Referat vor uns!“
Durcheinander nickte Gretchen, als Mariella zu Marc ging und ihm einen kurzen Schmatzer auf die Lippen drückte.
Es erinnerte nichts an ihr demonstratives Herumknutschen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wie sie es in der Schule vor aller Augen zur Schau stellten. Marc sah in seinem T-Shirt weder cool, noch anbetungswürdig attraktiv aus und an Mariella erinnerte im Moment auch nichts an die immer und ewig gut gestylte Italienerin, die mit einem Zurückwerfen ihrer langen, schwarzen Haare jeden Jungen zwischen drei- und neunzehn Jahren verrückt machen konnte.
In dem viel zu großen, grünen T-Shirt, der roten weiten Shorts und ihrer ungekämmten Mähne, erinnerte sie eher an einen Alptraum aller Männer.
Aber Gretchen war trotzdem unheimlich neidisch, weil Marc Mariella auch ohne Make-Up, ohne Glamour, ohne Schmuck und hohen Schuhen sein schönstes Grübchen Lächeln schenkte.

Es war der Moment, in dem sie sich zum ersten Mal in Marcs Gegenwart, bedeutungslos fühlte.

TBC

manney19 Offline

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28.04.2018 23:39
#15 RE: manney's 100 Theme Drabbles Zitat · antworten

15. Mistake

Sie waren natürlich nicht mit dem Referat fertig geworden!
Marc ärgerte sich den ganzen Samstagnachmittag darüber, sowie den Sonntag und auch noch den Montag Vormittag in der Schule.
Seinen Unmut darüber hatte Gretchen also zurecht abbekommen: Er befestigte einen mit Wasser, Sand und Erde gefüllten Eimer am Henkel ihres Schließfachs so, dass wenn sie ihren Spint später öffnete, das Gebräu auf ihre Jacke plätscherte.

Gretchen schrie, Marc lachte und seine Welt war wieder in Ordnung.

Zumindest solange, bis sie sich am Abend - diesmal bei ihr - noch einmal trafen um dem Referat den letzten Feinschliff zu verpassen.
Am Samstag war Marc ehrlich begeistert gewesen, wie schnell Gretchen tippen konnte und dass sie sogar schon sieben Din A4 Seiten handschriftlich vorbereitet hatte.
Den Arbeitsablauf erleichtert dies erheblich.
Die Kernaussage, dass sie beide Romeo und Julia für ein problematisches Werk hielten war sehr viel schneller zusammengefasst, als er gedacht hatte.

Die Situation hatte aber an Spannung zugenommen, als Gretchen Marcs Meinung, Julia wäre einem Kleinmädchentraum erlegen, naserümpfend kommentierte:
„Julia war ins Verliebtsein verliebt und Romeo wollte nur Sex haben, oder wie?“
Dank Sören wusste Marc, dass eine Szene tatsächlich so gedeutet werden konnte, weshalb er lässig mit den Schultern zuckte: „Vielleicht war Julia auch einfach frühreif…“
Ab diesem Zeitpunkt stockte ihre bis dahin gute Zusammenarbeit, sich für die Meinung des jeweils anderen zu interessieren und mündete darin, dass sie sich fast eine geschlagene halbe Stunde nur stritten, aber keineswegs produktiv.
Erst als Mariella um kurz vor halb ein Uhr ins Arbeitszimmer nahezu schwebte, um zu fragen, ob die beiden gut voran kämen und etwas essen wollten, riss sich Gretchen, Marcs Meinung nach, zusammen.
Sie seufzte, schrieb vierzig lange Sätze die sehr schwafelnd so etwas wie einen Kompromiss an ihrer Denkweise darstellen konnten und zog dann herausfordernd die Augenbrauen hoch:
„Und nun du. Wenn ich einlenke, dass Julia, in einer Welt voller Krieg, Macht und Stand gerade deshalb so anfällig für die Liebe war, um vielleicht auch – träumerisch wie sie war – aus zwei verfeindeten Familien eine zu machen, dann musst du glaubhaft verklickern, dass beide durch ihre dämliche Liebe zueinander die Liebe zu sich selbst verloren haben, weil sie wissen hätten müssen, dass ihre Beziehung nur tragisch enden konnte. Ob nun Freitod, Verbannung aus Verona, oder gleich das blutige Duellieren hätten so viel stärkere Anreize sein müssen, ihre Beziehung zu beenden, als diese aberwitzige Vorstellung, dass die Liebe so viel Größer und Stärker ist, als die schaurige Realität!“
Marc kam aber nicht mehr dazu irgendetwas zu formulieren, weil Gretchen kurz darauf los musste.
Sie verabredeten sich für den Montagabend bei ihr zu Hause, da sie Jochen einhüten musste: Ihre Eltern hatten Date-Abend.

Und deshalb stand er um 18:13 Uhr vor dem Haase Anwesens und wollte lieber wieder gehen, als mit dem blöden Hasenzahn noch weitere drei Stunden an der Hausarbeit herumzudoktern.
Er gab sich einen Ruck, klingelte an der Eisenforte und wartete darauf, dass ihm geöffnet wurde.
Gretchens Mutter, ein kleine Rothaarige mit einem breiten Lächeln im Gesicht öffnete ihm Tor und Tür und bat ihn ins Wohnzimmer.
Der kleine Bruder vom Hasenzahn saß verkehrt herum auf dem Sofa, den Kopf herunterhängend in ein Videospiel vertieft, das er nicht pausierte, obwohl Besuch angekommen war.
Hätte Marc sich dieses Verhalten bei seiner Mutter erlaubt, wäre er – zu Recht – mehr als nur ermahnt worden, wie es Gretchens Mutter gerade versuchte.
„Jochen, benimm dich!“
Jochen erwiderte nichts, machte auch keine Anstalten seine Position zu ändern, oder Marc zu begrüßen.
„Gretchen“, rief die Mutter seufzend in den Flur hinaus, damit ihre Tochter endlich kam.

Nun, Marc wusste durch das Ansehen von Gretchens Terminplaner, dass sie heute einen Zahnarzttermin gehabt hatte.
Dass der Zahnarzt sie aber soweit malträtiert hatte, dass sie durch die Betäubung nicht sprechen konnte, war einerseits sehr lustig (immerhin würde sie ihm nicht widersprechen können) und andererseits kontraproduktiv: schließlich mussten sie kommunizieren.
Gretchen war mit einem Schreibblock und Stift bereits vorbereitet:
>>Wehe du lachst!<<, schrieb sie, weshalb er natürlich genau das machte: seine Grübchen zeigte und sie foppte!
„So kannst du mir wenigstens nicht widersprechen.“
Es dauerte noch fast zwanzig Minuten, bis sich Gretchens Eltern aus dem Staub gemacht hatten; ihr Vater musterte Marc eingehend, sagte aber nichts auffällig peinliches.

Irgendwann einmal würde Gretchen ihrem Vater dafür einmal dankbar sein, dass er nichts väterliches gesagt hatte. In der konkreten Situation aber war sie fast ein bisschen enttäuscht, dass ihre Eltern nicht so etwas sagten wie „macht keine Dummheiten“.
Denn wenn sie ehrlich war, würde sie viel lieber solche Dummheiten mit Marc machen, als stumm mit ihm im hinteren Bereich des Esszimmers am Computer zu sitzen und darauf zu warten, dass er seine Kompromissbereitschaft in Worte fasste.
Die gespeicherte Datei auf der Diskette war schnell gefunden, geöffnet und der blaue Bildschirm mit weißer Schrift war gefüllt von Gretchens getippten Worten, über die sich Marc seit Samstag gar keine Gedanken mehr gemacht hatte.
>>Also?<<, schrieb Gretchen auf den Collageblock.
„Also, was?“, fragte Marc.
Gretchen rollte mit den Augen und schrieb dann wieder etwas auf: >>Was soll ich aufschreiben?<<
Marc seufzte resigniert: „Keine Ahnung. Dass Romeo und Julia ein Antifeministisches Werk ist?“
Die Blonde zog beide Augenbrauen hoch und kritzelte wieder auf den Block: >>So habe ich das nie gesagt! Ich meine, dass Romeo und Julia, eben weil sie mit Mord und Totschlag aufgewachsen sind, hätten abwägen müssen, dass sie nie eine Chance gehabt hatten!<<
„Ja, also fass das einfach in Worte. Aber lass sie sich so anhören, als ob es auf meinem Mist gewachsen ist“, nickte Marc enthusiastisch.
Augenrollend schrieb sie genervt: >>Hast du denn gar nichts vorbereitet?<< Dicke Tintenstriche unter dem „gar nichts“ sollten ihren Missmut ausdrücken.
„Ich hatte zu tun.“
Ihr halbes Grunzen und Stöhnen störten ihn ungemein. Als ob sie wüsste, dass er nicht wirklich etwas zu tun gehabt hatte, sondern nur stundenlang mit Mariella herumgeknutscht hatte.
„Wie wollen wir das eigentlich machen mit dem Vortragen, wenn du heute nicht reden kannst“, seine Frage war ein perfektes Ablenkungsmanöver.
>>Wir markieren uns einfach die Stellen mit einem Textmarker<<, sie blinzelte ihn verwirrt an, als ob dies nicht logisch wäre.
„Und wann wissen wir, wer wann dran ist, wenn wir es vorher nicht geprobt haben?“
Gretchen rollte schon wieder mit den Augen, dann schrieb sie brav: >>Das ist ein Referat, kein Schauspiel. Und jetzt zurück zum Thema:<<
Eine einladende Geste sollte ihn dazu animieren, ihr zu erzählen, was sie aufschreiben sollte.
Es war an der Zeit, dass Marc resigniert seufzte. Egal, wie sehr er sich darum bemühte, dass der Hasenzahn für ihn dachte – es half nichts, weshalb er holprig seine Gedanken zum Thema formulierte, die Gretchen in richtiges Englisch wandelte und eintippte.

Gegen halb acht Uhr meldete sich Jochen, der sein Sega-Spiel gestoppt hatte und anmerkte, er habe Hunger.
Der kleine Knirps war ungefähr zehn Jahre alt, dachte Marc abfällig. War er denn nicht allein in der Lage sich eine Scheibe Brot zu schmieren?
>>Kannst du dich zu uns setzen?<< konnte Marc auf Gretchens Zettel erkennen, den sie dann Jochen hinhielt.
„Von mir aus“, pflaumte der Kleine seine Schwester an.
Marc zog fragend die Augenbrauen hoch, als Jochen in der Küche klimperte.
>>Er isst zu wenig. Wenn er allein isst, isst er nur Mäusehäppchen und braucht für eine halbe Scheibe Brot eine Stunde. Ich habe zu oft isst geschrieben, oder?<<
„Er hat ´ne Essstörung?“, fragte Marc sichtlich erschüttert.
„Pssst“, machte Gretchen, legte sich einen Finger auf den Mund und hielt nach ihrem kleinen Bruder Ausschau. Das letzte, was Jochen jetzt brauchte, war ein Elftklässler, der von seiner Essstörung Kenntnis hatte. Es war ihm auch so schon peinlich genug.
>>Ja, hat er. Und bitte, mach deine Witze, dass es sich ja wieder ausgleicht, weil ich zu viel und Jochen zu wenig isst, erst, wenn er im Bett ist! Er reagiert sehr sensibel, wenn man davon weiß!<<

Während Jochen an seiner gebutterten Graubrot-Scheibe mit Möhrchen knabberte, versuchte Gretchen Marcs Aufmerksamkeit zurück zu ihrem Referat zu lenken, was ihr wenig bis gar nicht gelang.
Marc war sauer, das merkte sie; und er war sehr viel mehr daran interessiert Jochen anzustarren als auf den Computerbildschirm zu blicken.
>>Guck auf den Bildschirm, Marc!<<
Die große Klappe von Marc war berüchtigt, daher verwirrte es Gretchen umso mehr, dass er bockig die Arme vor der Brust verschränkte und nichts sagte.
>>Was?<< schrieb sie.
„Entschuldige dich“, brummte er.
Natürlich spielte er Gretchen gern Streiche, neckte sie, zog sie ihrer rundlichen Figur, der Brille, der Zahnspange oder ihrer Klamotten wegen auf und war auch stets unpassend unfreundlich – aber ihm zu unterstellen, er würde die Essstörung ihres kleinen Bruders als Witzvorlage ausschlachten, kratzte an seinem Ego.
So ein großes Arschloch, wie Gretchen ihn hinstellte, war er ja nun nicht!
Die Aufforderung komplett ignorierend schrieb sie: >>Für was denn?<<
Die sonst großen, grünen Augen verformten sich zu kleinen Schlitzen. Abrupt nahm er Gretchen den Füller aus der Hand, blätterte den Block eine Seite zurück und kreiste ihren Satz „mach deine Witze, dass es sich ja wieder ausgleicht, weil ich zu viel und Jochen zu wenig isst, erst, wenn er im Bett ist“ ein.
Gretchen zog die Stirn kraus, blätterte ihrerseits wieder zurück zur nächsten freien Blockseite und schrieb: >>Deshalb bist du eingeschnappt?<<
„Ich bin nicht eingeschnappt! Ich bin wütend!“, echauffierte sich Marc, stand auf und lief ein paar Mal hin und her, blieb stehen und schaute Jochen an: „Ich finde ja, dass deine Schwester ein unheimlich unsensibler Klotz ist, du auch, Kleiner?“
„Ich bin nicht klein!“ Jochen war für sein Alter ziemlich klein, bestritt dies jedoch immer.
„Wenn du wüsstest, was sie mir unterstellt, würdest du mir zustimmen!“
„Uh… was unterstellt sie dir denn?“
„Ich wäre ein unsensibles Arschloch, dabei denkt sie die ganze Zeit nur schlecht von mir!“

„Marc“,wollte sie sagen, schalt ihn für die vulgäre Aussprache, aber es war eher ein „Mraw“, was sie heraus brachte. Zusätzlich tropfte ihr gesammelter Speichel aus dem Mund auf ihre Latzhose.

Jochen lachte.
Marc grinste.
Und Gretchen versuchte einen Schrei.

Die Blonde war auf Toilette verschwunden, nachdem sie ihrem Bruder mit einem bösen Blick nahezu vernichten wollte; bei Jochen jedoch die Lachmuskeln nur noch mehr angestrengt wurden, weil seine Schwester sabbernd keine große Autorität ausstrahlte.
Ihr Klassenkamerad hingegen war unheimlich cool.
Als seine Schwester weg war, erzählte er von all ihren merkwürdigen Eigenheiten, von denen Jochen froh sein konnte nicht betroffen zu sein. Und er erzählte, dass er auch mal kleiner als alle anderen gewesen wäre (auch wenn das gelogen war) und spätestens mit der Pubertät ausgeglichen wurde.
Zumindest für Jochen wurde es ein lustiges Abendessen.

Umgezogen, mit einem übergroßen Ernie und Bert Sweatshirt bekleidet, kam Gretchen nach kurzer Zeit wieder und fand Marc und Jochen vorm Fernseher, wo sie irgendeines von Jochens vielen Sega-Spielen daddelten. Seit Jochen vor acht Wochen mit seiner Essstörung diagnostiziert wurde, hatte er nicht mehr so ein Lachen im Gesicht gehabt.
Seine Freunde fanden es komisch, dass er zur Therapie musste, seine Eltern versuchten alles um ihm zu signalisieren, dass es völlig in Ordnung war, wenn man Hilfe benötigte und Gretchen versuchte in seiner Gegenwart besonders langsam zu Essen, um ihm zu zeigen, dass er gar nicht so ein großes Problem hatte.
Aber nicht einmal hatte sie ihn so freudig erlebt, wie wenn Marc mit ihm Sonic spielte.
Deshalb befand sie es ausnahmsweise als richtig, sich an den beiden auf dem Sofa sitzenden Jungs vorbei zu stehlen und das Referat allein fertig zu schreiben.

Marc hatte Gretchen natürlich bemerkt, wie sie hinter ihnen entlang schlich, hörte das Klacken der Tastaturtasten, wenn sie schrieb, blieb aber trotzdem bei Jochen, der ihm das Spiel (obwohl er dieses bereits kannte) aufgeregt erklärte und jedes Mal „cool“ rief, wenn Marc alle Münzen, auch bei schwierigen Bedingungen, einsammelte. Von wegen, er war ein Arschloch!
Er war cool und er lenkte Jochen ein bisschen ab.
Den kleinen Bruder vom Hasenzahn konnte er sehr viel besser leiden, als den Hasenzahn selbst, befand er.
Seine Mitschülerin war immer schon schwierig anstrengend gewesen, weil sie den moralischen Kompass nur gen Norden richtete und sich tierisch darüber aufregte, wenn man sie ärgerte. Seit er sie in der dritten Klasse kennengelernt hatte, war Gretchen nie von ihren Ansichten abgewichen, noch hatte sie resigniert keine Gegenwehr angestrebt. Andere Mädchen, die er hin und wieder gefoppt hatte, hatten irgendwann einfach nicht mehr auf seine Scherze und bösen Streiche reagiert – anders als Gretchen.
Dieses Mädchen war das perfekte Geschöpf für seine kühnsten Beleidigungen, weil sie zwar weniger schlagfertig, aber immer eine Gegenbeleidigung für ihn parat hatte.
Daher wunderte es ihn sehr, dass sie sich jetzt geschlagen gegeben hatte und einfach das Referat allein schrieb und ihn erst zurück zum Computer holte, als sie es ausgedruckt hatte und Jochen um zehn vor neun mit geschrieben Worten ins Bett schickte.
Der Bruder stöhnte, fragte, ob er noch fünf Minuten spielen dürfe und Gretchen schrieb ihm ein >>Erst Zähneputzen, Waschen und in den Schlafanzug und dann darfst du noch fünf Minuten spielen!<<
Jochen grollte, lief aber die Treppen hinauf ins Badezimmer.
Von der Staubwolke, die Jochen hinterlassen hatte, blickte Marc zurück zu Gretchen, die schon wieder auf den Block schrieb: >>Sorry, für...<<, sie klappte die Seite zurück und zeigte auf ihre Unterstellung, Marc würde so wenig Taktgefühl haben und Jochens Essstörung ins Lächerliche ziehen.
„Ach. Auf einmal kommt die Entschuldigung“, die hübsche Nase mit der Narbe wurde kraus gezogen.
>>Du bist kein Arschloch… naja, manchmal nicht<<, sie grinste ihn unverhohlen an, als ihm die Kinnlade herunterklappte.
In Windeseile war er um den Schreibtisch gerannt, packte sie am Nacken und pikte ihr mit einem seiner langen Finger zwischen die Rippen.
Sie prustete, kicherte, gluckste und gackerte als er sie durchkitzelte und von ihr verlangte, sie solle sagen, er wäre ein äußerst guter Mitmensch.

Nachts in seinem Bett, es war gute zwei Stunden her, seit er das Haus von Gretchens Eltern verlassen hatte, kam er zu der fehlerhaften Erkenntnis, dass ihre Laute, wenn sie lachte, noch so viel besser waren, als wenn sie Schrie, weil er sie schon wieder aufgeregt hatte.


TBC (vermutlich erst am 1. Mai)

a/n:
hier im Forum ist es genau umgekehrt, hier sind die Drabbles sehr viel gefragter als die Multichapter-Story bvvdds. Auf ff.de sind die Drabbles nicht so beliebt, leider.

lg
manney

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