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Choconussa Offline

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Beiträge: 340

26.11.2017 00:13
#101 RE: Story von Choconussa und Melli84 Zitat · antworten

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『「Kapitel № Fünfundneunzig - Smackdown




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…immerhin war es nicht das erste Mal, dass er sie, forsch wie er nun einmal war, aufforderte ihm zu geben was er wollte. Und das ohne unangenehme Fragen zu stellen. Schon damals, als er sein FSJ im Elisabeth-Krankenhaus gemacht hatte, war Sabine da gewesen. Sie war es gewesen, die ihm damals in ihrem Praktikum das Krankenhaus gezeigt und ihm dessen Eigenheiten erklärt hatte. Schon damals war ihm, während der mehrstündigen Führung, aufgefallen, wie devot die zierliche Krankenschwester war. Dies lernte er nicht nur zu schätzen, sondern auch für seine Zwecke zu nutzen.

Eine Woche nach seinem Einstieg, hatte Sabine den nötigen Respekt vor ihm. Dafür musste er zwar mehrere Male, unangebracht, laut werden und ihr androhen, ihre Bücher, die sie in ihren Pausen ständig las, zu verbrennen. Noch konnte er ja nicht ahnen, dass sie ein eingefleischter Groupie seiner Mutter werden würde. Hätte er das vorausahnen können, hätte er die Bücher unter Garantie verbrannt. Doch auch ohne diese drastische Maßnahme, tat sie was er wollte. Es war ein ungeschriebenes Gesetz. Sie war seine Isabell.

Ein Marc Meier merkte sich keine Termine oder Geburtstage. Da tat er sich immer schwer, weil es ihn, meistens, einfach nicht interessierte. Er hatte andere, weitaus interessantere, Dinge im Kopf. Die einzigen Geburtstage, die er sich merkte, waren der seiner Mutter und der von Mehdi. Doch wie bei allen anderen, besorgte Sabine auch für diese beiden die Geschenke. Sie verpackte sie und schrieb die Karten, die er am Tag der Übergabe nur noch zu unterschreiben brauchte. Für ihn war es ein Segen, jemanden wie Sabine Vögler zu haben, die ihn, wenn bereits alles Nötige in die Wege geleitet war, an seine Termine erinnerte. Wenn er gewollt hätte, hätte er sie sicherlich auch zum Putzen einstellen können. Vollkommen unbezahlt, versteht sich.

Ebenso verhielt es sich, wenn er etwas wissen wollte. Oft genug war es vorgekommen, dass die Schwestern zusammengesessen und getuschelt hatten, aber augenblicklich verstummt waren, wenn er zu nahe kam. Einer inneren Eingebung folgend, ging er später zu Sabine, um zu erfahren, worum es in den Gesprächen ging. Anfänglich versuchte die Krankenschwester sich zu wehren. Manchmal sogar mit Händen und Füßen. Doch ein oder zwei böse Blicke, gemischt mit der ein oder anderen Drohung, lockerten ihre Zunge und er erfuhr aus erster Hand was im Krankenhaus, hinter hervorgehaltener Hand, getratscht wurde. Vielleicht wusste sie deshalb immer genau über alles Bescheid?

Jedenfalls war Sabine für ihn, seitdem Gretchen Haase im Elisabeth-Krankenhaus beschäftigt war, von unschätzbarem Wert. Sie wusste einfach alles über seine Kollegin und war tatsächlich dazu in der Lage, sich das alles auch zu merken. Welche Mahlzeit, sie zu welcher Uhrzeit am liebsten mochte. Ihre Konfektionsgröße, über die sich Gretchen die meiste Zeit über bedeckt hielt, die Schuhgröße, der Lieblingsschauspieler und Sänger… Selbstverständlich wusste Marc vieles davon selbst. Allerdings wechselte Frau Doktor Haase ihre Meinung so oft, wie ihre Unterwäsche und da auch er nur ein Mann war, fiel es ihm hin und wieder schwer, dem Wechsel auch zu folgen.

Was aber noch viel wichtiger war: Sabine wusste über jeden Gefühlszustand ihrer Lieblingsärztin genauestens Bescheid. Meistens sogar besser, wie Gretchen und ihr rosa Katzenblock selbst. Und genau das war es, was die, zugegeben, merkwürdige kleine Krankenschwester so unersetzbar machte. Gerade für ihn, der unbedingt mehr über Gretchens Gefühlswelt wissen musste. Denn anders als Gretchen und Thorben dachten, hatte er sich noch immer nicht damit abgefunden, dass die Blondine sich für den einfacheren Weg entschieden und ihn zurückgewiesen hatte. Das würde er auch nie.

Ja, er hatte verdammt nochmal einen Fehler gemacht und diesen bereute er zutiefst. Ändern konnte er daran jedoch nichts mehr. Das was er machen konnte und durchaus bereit war zu tun, war, es jetzt besser zu machen. Für Gretchen und für ihre gemeinsame Tochter da zu sein. Für die beiden zu sorgen, wie es sich für einen Familienvater gehörte und das alles ohne einen störenden, blonden Schönling. Alles was er tun musste, war, über seinen inneren Schweinehund zu springen und dies fiel ihm unglaublich schwer. Nicht nur, weil es sich hierbei um Sabine handelte, sondern eben auch, damit die Leute nichts Falsches dachten und möglicherweise noch etwas vollkommen Falsches durch die neue Elisabeth-Touch ging. Doch wenn er seinen Plan in die Tat umsetzen wollte, musste er einfach alles wissen. Wie Gretchen und Thorben sich kennengelernt hatten, wie die ersten Treffen waren und wann sie schlussendlich, und zu seinem Leidwesen, zusammengekommen waren.

Also fasste sich der Chirurg ein Herz und nahm die kleine, quirlige, blonde Krankenschwester beiseite, um ihr eine ernst gemeinte Frage zu stellen: „Schwester Sabine?“

„Ja Doktor Meier?“, antwortete sie devot wie immer und wenn es nicht sie wäre, hätte es ihm durchaus gefallen.

„Würden Sie mich... Chrm... Chrm... heute Abend eventuell... Chrmmm... zum Essen begleiten?“

Noch nie im Leben, war ihm etwas so schwer über die Lippen gekommen. Gut, das lag wahrscheinlich daran, dass er Gretchen noch nie gesagt hatte, dass er sie liebte – aber das war ein vollkommen anderes Thema und gerade in diesem Moment auch vollkommen unwichtig, denn die Antwort, die er bekam, ließ ihn beinahe umfallen.

„Also Doktor Meier“, peinlich berührt grinste Sabine auf verstörende Art und Weise. „Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee wäre... Die Frau Doktor wäre darüber sicherlich nicht erfreut und die Lokale, die Sie für gewöhnlich auswählen, kann ich mir auch gar nicht leisten...“

Wissend kniff er sein linkes Auge zusammen, zog die rechte Augenbraue hoch und nickte grinsend. Sie traute sich nicht, ihm zu sagen, dass sie nicht mit ihm essen gehen wollte und versuchte ihre Absage, so freundlich wie es ging, zu verpacken. Doch den Zahn würde er ihr ziehen.

„Wissen Sie was? Sie haben recht!“, antwortete er belustigt. „Sie können sich das wirklich nicht leisten und deswegen werde ich, selbstverständlich, für uns beide zahlen. Sie können bestellen was immer Sie wollen und es ist natürlich auch vollkommen egal, wie viel es kostet. Da Hasenzahn mit ihren Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt ist, wird das also gar kein Problem darstellen. Mal ganz abgesehen davon, dass dieses Essen rein freundschaftlicher Natur sein wird. Für alles andere müsste man mich vorher auf sehr starke Medikamente einstellen. Also keine Widerrede. Ich hole Sie dann um acht ab.“

War doch wirklich nicht zu fassen. Da nahm er sich schon zusammen und war dabei auch noch freundlich und Sabine wollte ihm einfach absagen.

Kopfschüttelnd, ließ er die überfahrene Krankenschwester im Gang stehen und stellte sich seelisch und moralisch darauf ein, ihre monotone und einschläfernde Stimme, einige Stunden zu ertragen. Was ließ man nicht alles über sich ergehen, um die Frau seiner Träume irgendwie wieder an seiner Seite zu wissen? Also wenn sie wüsste, was er im Begriff war zu tun, gäbe es doch wohl eigentlich keinen Zweifel mehr. Aber so wie er sie kannte und er kannte sie sehr gut, würde sie selbst jetzt noch einen Grund finden, ihn in die ewigen Jagdgründe zu schicken...

Er war wirklich gespannt, was er alles erfahren würde und wie er es letztendlich nutzen konnte. Und obwohl es nur Sabine war, mit der er essen ging, legte er sehr viel Wert auf sein Äußeres. Bei seiner Mutter angekommen, entledigte er sich seiner Jacke und sprang augenblicklich unter die Dusche.

Nachdem er sich ausgiebig gewaschen hatte, putzte er sich die Zähne, korrigierte seine Augenbrauen, die abstanden und frisierte seine Haare. Wenn sie nicht ordentlich lagen, wurde er wahnsinnig. Den leichten Drei-Tage-Bart ließ er wissentlich stehen. Er wusste, dass er damit einfach zum Anbeißen aussah. Viele Frauen in München würden diese These bestätigen. Eine dünne, schwarze Stoffhose über seine schwarzen Boxershorts gezogen, das hellblaue Poloshirt angezogen und dazu seine weißen Lacoste-Schuhe... Zufrieden sah er in den Spiegel und fragte sich, für wen er sich hier eigentlich so herausputze – es war verdammt nochmal nur Sabine!

Doch egal was er sich vormachen würde - Eitel würde er immer bleiben. Eine der wenigen schlechten Eigenschaften, die er eindeutig von seiner Mutter übernommen hatte. Von der er sich nur kurz verabschiedete und nicht auf ihre Fragen, wo er hingehe und ob er allein zurückkomme, eingehend, zog er die Tür hinter sich zu und lief schnellstmöglich zu seinem Wagen, damit er nicht zu spät kam.

Hinter seinem Steuer sitzend, schloss er die Augen und atmete einmal tief durch, bevor er den Schlüssel im Zündschloss drehte und sich auf den Weg machte – direkt in ein Abenteuer, dessen Ausgang noch in den Sternen stand.




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Choconussa Offline

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Beiträge: 340

30.11.2017 19:39
#102 RE: Story von Choconussa und Melli84 Zitat · antworten

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『「Kapitel № Sechsundneunzig – Voices in my head




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Sabine sah sich in dem italienischen Lokal eingeschüchtert um und sagte kein Wort, als sie sich setzten. So war auch die Fahrt verlaufen: Schweigend. Ein Zustand, der Marc nicht nur missfiel, er würde ihm recht wenig bringen. Irgendwie musste er die Stimmung zwischen ihnen lockern oder er hätte einfach nicht so grob sein sollen in all den Jahren. Doch auch um dies zu ändern, war es eindeutig zu spät und er war sich nicht sicher, ob er es jemals schaffen würde, sich Sabine gegenüber anders zu verhalten. Heute Abend musste er sich jedoch am Riemen reißen und seine Gemeinheiten, wenigstens ein kleines bisschen, runterschrauben. Nicht, dass Sabine am Ende noch heulend das Weite suchen würde. Aber zuerst hieß es, Schadensbegrenzung!

„Sabine - jetzt sitzen Sie doch nicht so steif auf ihrem Stuhl. Machen Sie sich ein bisschen locker, hm?“, sagte er mit samtweicher Stimme und wurde mit tellergroßen Augen angesehen.

Was ist denn heute mit dem Herrn Doktor los? Er ist freundlich und... Was machen wir hier? Ist das etwa ein Date? Und wenn er nachher, mit mir, zu sich nach Hause fahren will? Was mach ich denn dann? Ich habe heute noch gar nicht in mein Horoskop geschaut – vielleicht stand da etwas drin?! Ich habe doch noch nie mit einem Mann... Und dann mit einem solchen Mann? Der schon so unverschämt viele Frauen hatte? Und die Frau Doktor. Die wäre sicherlich böse mit mir, wenn ich mit Doktor Meier eine Affäre? Beziehung? eingehen würde. Nein. Das kann ich nicht machen.

Verwundert beobachtete Marc das Mienenspiel seiner Begleitung und war sich nicht mehr ganz so sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, sie überhaupt zu fragen. Einfacher wäre es wahrscheinlich gewesen, Mehdi zu fragen oder mit ihm zusammen Gretchens Tagebuch zu stehlen. Wenn sie nicht gerade in einem vollbesetzten und teuren Lokal sitzen würden, würde er einmal laut in die Hände klatschen oder sie anfahren, denn sie schien auf einem anderen Planeten zu sein und hatte ihm noch immer keine Antwort, auf die Frage, was sie denn trinken wolle, gegeben.

„Schwester Sabine? Was wollen Sie trinken?“, fragte er nun etwas eindringlicher.

Oh. Ich trinke wohl nur Wasser. Das ist das Beste. Jeder weiß wie Männer auf alkoholisierte Frauen reagieren – oh... Und er schaut so böse. Sein Kiefer mahlt... Ach. Ich hab ja auch noch gar nicht geantwortet – ich Schussel.

„Ich nehme nur ein Wasser - danke“, sagte sie kleinlaut und verhinderte gerade ebenso eine mittelschwere Katastrophe.

Der Abend hatte noch gar nicht richtig begonnen und Marc war jetzt schon genervt. Warum musste diese Frau auch so seltsam sein?

„Sie wollen sicherlich wissen, was der Grund für unser Treffen ist und ich möchte Ihnen unbedingt sagen, dass es nichts mit irgendwelchen Gefühlen zu tun hat. Ich habe einfach ein paar Fragen an Sie, die Sie mir hoffentlich beantworten können“, sagte er ruhig und hoffte, ihr so ein bisschen ihre Unsicherheit zu nehmen. „Es geht um Frau Doktor Haase.“

Ah. Ja, das macht auch mehr Sinn. Ach ich bin so dumm. Welcher Mann würde sich schon freiwillig auf mich einlassen?

Aber, aber Bienchen. So sollst du doch nicht denken.

Ist doch so. Nie hat mich jemand gefragt...

Warum fragst du dann nicht einfach selbst? Du musst selbstbewusster werden Sabine.


„...und Thorben, ich mein – das kann doch nicht ihr Ernst sein oder?“, redete Marc noch immer auf sein Gegenüber ein, doch Sabine schielte unaufmerksam in die Ferne. „Hören Sie mir zu oder versuchen Sie gerade nach Hause zu telefonieren?“

„Oh! Entschuldigung Herr Doktor Meier. Ich habe mich gerade unterhalten.“

Verwirrt sah er sich zu seiner Rechten und seiner Linken um. Oh mein Gott, dachte er. Das konnte ja heiter werden.

„Mit wem? Führen Sie Selbstgespräche?“, lachte Marc.

„Manchmal schon“, antwortete Sabine vorsichtig und brachte ihren Chef damit, innerlich, zum Verzweifeln, „Wissen Sie... Es kommt nicht oft vor, dass sich jemand mit mir unterhalten will. Über ernste Sachen. Meistens soll ich nur zuhören und ganz selten kann ich auch mal was dazu sagen. Ob nun in der Klinik oder zu Hause. Meine Meinung interessiert niemanden.“

Traurig sah sie in ihr Glas und Marc war vollkommen baff. Er kannte Sabine nun schon seit ewig langer Zeit und wusste nichts über sie. Jedenfalls nichts, was darauf schließen ließ, dass sie ein Lebewesen von diesem Planeten war. Er wusste nur, dass sie Horoskope las, nicht nur ihre eigenen, und daran glaubte. Dass sie sich, ausschließlich, bei Vollmond die Haare schnitt und damit einem uralten Aberglauben folgte, wie er und Gretchen, eines Abends dank Google, herausgefunden hatten. Und sie legte unglaublich viel Wert auf Naturheilkunde. Für ihn alles nur Quacksalberei, aber für Sabine war es eine nicht medizinische Methode, Menschen heilen zu können, anstatt sie für diese Heilung mit Chemie vollzupumpen und damit, nach und nach, Organe und Nerven zu schädigen. Und was noch viel trauriger war: Er hatte sich in all den Jahren, nicht einmal die Mühe gemacht, Sie vielleicht doch kennenlernen zu wollen. Einfach weil sie zusammen arbeiteten und somit auch viel Zeit miteinander verbrachten. Und auch jetzt war er sich nicht wirklich sicher, ob er das überhaupt wollte. Doch vielleicht wäre das eine Möglichkeit, Sabine ein bisschen lockerer zu machen...

„Hm... Wissen Sie was? Vergessen wir vorerst Gretchen, Thorben und all das, was ich gern wissen möchte und reden einfach mal über Sie“, lächelte er gespielt freundlich. Was man nicht alles über sich ergehen ließ. „Erzählen Sie ein bisschen was über sich.“

Toll! Jetzt denkt er, er müsse nett zu mir sein.

Mal was anderes.


„Das müssen Sie wirklich nicht tun. Ich kenne es nicht anders.“

„Ich möchte es aber so!“, erwiderte er bestimmt und gab ihr somit zu verstehen, dass er keinen weiteren Widerspruch dulden würde. „Na los. Erzählen Sie über sich und plaudern ein wenig aus dem Nähkästchen.“

Während sie auf ihr bestelltes Essen warteten, packte Sabine aus und fing an, über sich und ihr Leben, ein bisschen was zu erzählen. Na schau einer an, dachte Marc. Er konnte also auch mit marsianischen Frauen umgehen. Für ihn, eine wirklich wichtige Erkenntnis. Man wusste nie, was noch so alles passieren würde und ob man nicht vielleicht doch noch intelligentes Leben auf dem roten Riesen finden würde und ihn besiedeln konnte. Und Marc war sich ziemlich sicher, dass er sich ein VIP-Ticket für die erste Reihe besorgen würde, wenn die Aussiedlung zum Mars beginnen sollte. Trotz seiner wirren Gedanken, schaffte er es, sich auf die Erzählungen seiner Stations- und OP-Schwester zu konzentrieren und ganz entgegen seiner niedrigen Erwartungen, war einiges davon sogar interessant.

Sie war eine der besten Schülerinnen auf ihrem damaligen Gymnasium, glänzte ausschließlich mit Bestnoten und wollte, sobald sie ihr Abitur in der Tasche hatte, ebenfalls Medizin studieren und Ärztin werden. Doch leider kam alles ganz anders als erwartet. Ihre gesamte Kindheit und ihre Jugend waren nicht so wohl behütet wie das Leben von Gretchen Haase. Zwar hatte Sabine einen liebevollen und fürsorglichen Vater, den sie über alles geliebt hatte, doch hatte sie auch eine sehr herrische Mutter, gegen die ihr Vater sich nur selten durchsetzen konnte. Sie zweifelte nicht an der Liebe ihrer Eltern, doch manches Mal, als sie schließlich älter wurde, war sie sich fast sicher, dass es besser gewesen wäre, wenn sie sich nicht geliebt hätten. Kurz vor Beginn des dreizehnten Schuljahres änderte sich alles. Ihr Vater starb. Eines Nachts bekam er einen Herzinfarkt und am nächsten Morgen war es bereits zu spät. Von da an, war nichts mehr wie es einmal war. Ihre Mutter verfiel einer tiefen Depression und Sabine war gezwungen, die Schule zu vernachlässigen und sich um ihre Mama zu kümmern. Dabei hatte der Verlust ihres Vaters auch ihr sehr schwer zugesetzt. Sie hatte niemanden mehr, mit dem sie reden konnte, also fing sie an, sich mit sich selbst zu unterhalten. Stimmen in ihrem Kopf zu hören, die gar nicht da waren. Schlussendlich bekam sie zwar ihr Abitur und auch ihrer Mutter ging es immer besser, dafür musste sie sich jedoch in psychiatrische Behandlung begeben und ihr Traum vom Studium war passé und sie wurde nur eine einfache Krankenschwester. Nachdem ihre Mutter zwei Schlaganfälle bekam und sich mehrmals die Hüfte brach, beschloss sie, zu Hause wohnen zu bleiben und ihre Mutter zu pflegen.

„Seit dem letzten Sturz kann sie nicht mehr richtig laufen“, schloss die Krankenschwester traurig. „Ohne mich, ihrer Gehhilfe und dem Rollator, wäre sie unfähig, sich selbst zu versorgen.“

„Warum bringen Sie ihre Mutter nicht mal ins Elisabeth-Krankenhaus? Ich könnte mir das zusammen mit Professor Haase anschauen und vielleicht gibt es doch noch eine operative Möglichkeit, damit Ihre Mutter selbstständiger wird und Sie ein eigenes Leben anfangen können“, schlug er vor, denn es machte ihn fassungslos, dass eine zweiunddreißig Jahre alte Frau vor ihm saß und so viel Selbstbewusstsein wie eine Teenagerin hatte.

„Ich bin mir zwar sicher, dass sie das nicht wollen wird, aber ich kann es ihr ja mal vorschlagen.“

„Unbedingt. Die Medizin ist wirklich weit fortgeschritten und wenn es da eine Möglichkeit gibt, die Ihnen beiden das Leben erleichtert, sollte man diese unbedingt nutzen.“

„Das ist wirklich lieb von Ihnen!“, enthusiastisch hüpfte Sabine beinahe vor Freude auf ihrem Stuhl. Das ging nun aber wirklich ein bisschen zu weit, dachte Doktor Meier sich und machte daraus auch gar keinen Hehl: „Na, jetzt aber nicht gleich mit Konfetti werfen, Schwester Sabine.“

Und ZACK, da war sie wieder – die devote Sabine Vögler: „Selbstverständlich Herr Doktor Meier. Sie hatten mich aus einem bestimmten Grund herbestellt?“

„Nein. Nicht herbestellt. Das klingt so negativ. Aber Sie haben durchaus recht. Ich möchte mit Ihnen über Frau Doktor Haase und Herrn Martens reden. Ich will alles von Ihnen wissen. Wie die beiden sich kennengelernt haben und sowas. Sie verstehen?“, fragte er, mit hochgezogener Augenbraue, skeptisch. Denn auch wenn Sabine ein Abitur hatte und durchaus mittelmäßig gute Fähigkeiten als Krankenschwester besaß, war sie noch immer Sabine…


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Choconussa Offline

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Beiträge: 340

10.12.2017 11:10
#103 RE: Story von Choconussa und Melli84 Zitat · antworten

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『「Kapitel № Siebenundneunzig – Try




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Bereitwillig gab Sabine ihrem Oberarzt alles, was er wissen wollte, preis. Nicht weil sie, wie er dachte, noch immer eine Heidenangst vor ihm hatte, sondern weil sie ihm wahrhaftig helfen wollte. Anscheinend mochte sie Thorben ebenso wenig wie alle anderen – außer Bärbel und Gretchen.

„Frau Doktor und Herr Martens haben sich kennengelernt, als seine Mutter bei uns auf der Station lag“, erzählte Sabine, mit ihrer monotonen Stimme, leise, „Frau Martens war oft Patientin bei uns, wegen ihrer Diabetes. Doch Herrn Martens, ihren Sohn, hat man anfänglich selten gesehen. Doch bei dem letzten Krankenhausaufenthalt seiner Mutter, war es anders…“

„Warum? Wollte niemand mehr seine überteuerten Versicherungen kaufen oder gab es Papier umsonst im Krankenhaus, auf das er seine bescheuerten Verträge drucken konnte?“, fragte Marc gereizt. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, was Thorben dazu bewegte, länger als eine Woche in Berlin zu sein. Immerhin kümmerte es ihn auch nicht, dass Gretchen mit den Vorbereitungen für diese bescheuerte Hochzeit komplett allein dastand.

„Na ja, Frau Martens wurde mit einem leichten Herzinfarkt eingeliefert und diagnostiziert wurde schlussendlich ein bösartiges Leberkarzinom, welches bereits in Lunge und Knochen metastasiert hatte“, zuckte Sabine jedoch nur mit den Schultern. „Sie war wirklich schwer krank und hatte körperlich abgebaut.“

„Toll. Eine im Sterben liegende Mutter also. Genau das richtige für Mutter Theresa und ihrem stark ausgeprägten Helfersyndrom“, stöhnte Marc auf. Das erklärte so einiges – leider! Wenn Gretchen nur ein bisschen mehr von ihm hätte, wäre das sicherlich nicht passiert.

„Ja also… Der Herr Martens, der war von Anfang an irgendwie auf die Frau Doktor fixiert, aber ein absoluter Widerling. Ich verstehe manchmal gar nicht, wieso…“

„Na warum wohl?“, unterbrach der Chirurg die Krankenschwester. „Ich bin auch nicht immer hundertprozentig nett zu ihr und trotzdem war, Schrägstrich ist, sie in mich verliebt. Klingelts?“

„Aber Herr Martens war nicht einfach nur unhöflich. Er war eingebildet und wollte immer nur das Allerbeste für seine Mutter, auch wenn es vielleicht nicht möglich war. Frau Doktor war manchmal richtig genervt von ihm und die Schwangerschaft machte ihr sehr zu schaffen in dieser Zeit.“

„Warum? Was war los?“, fragte er alarmiert. Wenn Thorben auch nur irgendwas gemacht haben sollte, was Gretchen oder Sarah in irgendeiner Art und Weise in Gefahr gebracht hätte, würde er ihn eigenhändig in die Pathologie befördern!

„Nichts Schlimmes“, sagte Sabine schnell und sah freudig, wie sich die Gesichtsmuskulatur ihres Chefs deutlich entspannte. „Es waren einfach die Hormone, die Achterbahn gefahren sind. Manchmal hat sie einfach so angefangen zu weinen…“

„Na das ist jetzt nicht wirklich außergewöhnlich oder auf Schwangerschaftshormone zurückzuführen. Hasenzahn heult ständig.“

Zwar sah Sabine ihn nach dieser Aussage vorwurfsvoll an, sparte sich jedoch jeden Kommentar dazu und fuhr unbeirrt fort.

„Jedenfalls war die Frau Doktor, nachdem sie Frau Martens die schlimme Nachricht überbringen musste, am Boden zerstört und auch Herr Martens war nicht mehr Herr seiner Sinne. Er übernachtete im Zimmer seiner Mutter, aß und duschte in der Klinik. Frau Doktor Hassmann hatte Wetten entgegengenommen, wann er wohl ein- oder wieder ausziehen würde…“

Sieht ihr ähnlich, dachte er lachend.

„Und von dem Zeitpunkt an, sah man die beiden fast täglich zusammen. Sie gingen oftmals gemeinsam essen und die Frau Doktor redete immerzu gut auf ihn ein. Dabei war allen anderen Ärzten klar, dass es wenig Hoffnung gab. Auch nicht mit meinem selbstgebrauten Johanniskrauttee, der bei zunehmendem Halbmond aufgesetzt wird und zwei Tage kochen muss, damit sich die Wirkung der Kräuter…“

„Schwester Sabine“, unterbrach Marc forsch. „Sie faseln!“

„Oh Entschuldigung Doktor Meier. Wo war ich? Ach ja. Nachdem Frau Martens gestorben war, hat sich die Frau Doktor um die schriftlichen Dinge, sowie um die Beerdigung gekümmert, weil Herr Martens dazu nicht in der Lage war.“

„Genauso wie der Lackaffe nicht dazu in der Lage ist, ihr bei Weihnachtsvorbereitungen, Taufvorbereitungen oder Hochzeitsvorbereitungen zu helfen“, stieß Marc wütend aus. „Ist der Vogel eigentlich zu irgendwas, außer dämlich Aussehen, in der Lage?“

Mit einem solchen Gefühlsausbruch hatte Sabine wohl nicht gerechnet, denn sie sah Marc an, als würde er, und nicht sie, von einem anderen Stern kommen. Was ihn schließlich dazu veranlasste, entschuldigend die Hand zu heben und ihr anzudeuten, mit ihren Erzählungen fortzufahren.

„Natürlich mussten die beiden sich öfter treffen, um alles für die Feierlichkeiten zu besprechen. Er holte sie ab und ging mit ihr essen. Schließlich lud er sie auch zur Beerdigung ein. Als seine Begleitung“, ergänzte sie erklärend. „Danach waren die beiden dann unzertrennlich.“

Das war es also? Seine Mutter starb und Hasenzahn machte es sich zur Aufgabe, die Retterin für seine, ohnehin schon verkümmerten, Seele zu spielen? Konnte ja wohl nur ein schlechter Witz sein. Und er, der Vater ihrer Tochter, die Liebe ihres Lebens, musste so erbittert kämpfen, wo irgendein Vollidiot einfach daher gestiefelt kam, um sich hinterhältig in ihr Herz zu schmuggeln?!

Zugegeben, dass seine Mutter gestorben war, dafür konnte Thorben ja nichts. Aber das Drumherum war, in seinen Augen, ein abgekartetes Spiel. Der Schleimer hatte allem Anschein nach, genug Zeit, Gretchen zu beobachten und zu sehen, dass sie ein herzensguter Mensch war, der niemandem etwas Schlechtes wünschte. Es musste ihm einfach klar gewesen sein, dass sie ihn unterstützen würde und das hatte Thorben, da war sich Marc sicher, schamlos ausgenutzt! So nicht. Nicht mit ihm. Wenn er ein Hausmütterchen haben wollte, sollte er sich verdammt nochmal eines suchen und es auch bezahlen und sich nicht bei Gretchen einnisten.

Egal was nun zu tun war, um sie zurückzugewinnen… Er würde es tun und wenn sie sich dann noch immer dem Wiesel an den Hals werfen wollte, dann hatte er es wenigstens versucht!


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Choconussa Offline

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Beiträge: 340

06.01.2018 22:09
#104 RE: Story von Choconussa und Melli84 Zitat · antworten

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『「Kapitel № Achtundneunzig – Stressed out




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Sein Plan, den er sich nach dem Abendessen mit Sabine zurechtgelegt hatte, ließ sich ziemlich schnell in die Tat umsetzen. Er musste einfach nur eine Woche lang betteln, an Türen kratzen, sich unterwerfen oder auf Besuch aus München warten, der im richtigen Moment kam. Sonst hätte er sich wahrscheinlich vom Krankenhausdach gestürzt. Normalerweise bekam er, was er wollte oder er holte es sich einfach woanders.
Diesmal war es aber nicht ganz so einfach.

Er wollte einen wunden Punkt treffen und dabei konnte ihm nur eine helfen. Diese Frau jedoch, war mal so gar nicht begeistert von seiner Idee und riet ihm, sich einmal gründlich auf neurologische Defizite untersuchen zu lassen. Natürlich wusste er, dass seine fixe Idee ziemlich perfide war, doch was störte ihn denn bitte, was andere dachten? Er hatte dabei ein klares Ziel vor Augen und das war es mehr als wert, einfach mal über seinen inneren Schweinehund zu springen. Dieser Meinung war auch das Objekt seiner vorübergehenden Begierde, als sie Sebastian kennenlernte, der aus München zu Besuch kam.

Thorben hatte ihn, auch auf die Gefahr hin, dass dies nicht erwünscht war, zur Taufe eingeladen. Natürlich wollte sich Sebastian dieses Spektakel nicht entgehen lassen. Der Gefäßchirurg hatte das aufschlussreiche Gespräch, mit dem betrunkenen Marc Meier, nicht vergessen. Er wusste also, dass nur Gretchen der Grund für sein Verschwinden gewesen sein konnte und laut den Aussagen von Thorben, hatte sein Chirurgenfreund große Schwierigkeiten bei seiner Verflossenen erneut zu punkten. Er würde sich wohl Popcorn, Cola und einen Klappstuhl besorgen müssen, um einen VIP-Platz zu bekommen. Denn wie sich schnell herausstellte, war die Stimmung eher – explosiv.

Gretchen Haase war äußerst reizbar. Selbst Thorben und Sabine kamen selten ungeschoren davon, wenn sie einmal mit dem Hammer zum Rundumschlag ausholte. Der Grund für ihre, zumeist unkontrollierten Wutausbrüche, bei denen hin und wieder auch die ein oder andere Träne floss, war Stress. Sie hatte noch so unglaublich viel für die Taufe vorzubereiten und da Elke nun auch erscheinen würde, musste sie das komplette Buffet überdenken. Ganz abgesehen davon, dass Thorben bald seine Wohnungsschlüssel abgeben musste und sie noch lange kein Land sahen, bei dem ganzen Krempel, den er noch von seinen Eltern aufgehoben hatte und sein Umzug sich dadurch in die Länge zog.

Dabei hatte eigentlich alles so harmlos angefangen...



Flashback


Zusammen mit Thorben und Marc saß sie an ihrem Küchentisch und wollte mit ihnen die Vorbereitungen für die Taufe noch einmal durchgehen. Es sollte an diesem besonderen Tag absolut nichts schieflaufen.

„Das kalte Buffet ist sicherlich keine schlechte Idee“, sinnierte die Blondine, ohne von ihren Notizen aufzusehen. „Jeder kann sich nehmen, was er will und...", unterbrach sie ihre Ausführungen schließlich, weil sie doch kurz aufgesehen hatte, um zu prüfen, ob die Männer ihr auch wirklich zuhörten. Dabei war ihr Marcs Gesicht besonders ins Auge gesprungen. „Was grinst du denn jetzt so dämlich?“

„Ein kaltes Buffet? Das steht wirklich noch auf der Liste?“, fragte er belustigt.

„Natürlich“, antwortete sie verständnislos. „Wie gesagt, jeder kann sich nehmen, was er will und dadurch wird es weniger stressig. Ich dachte, da wären wir uns alle einig?!“

„Ich sehe das so wie Gretchen. Warum willst du das jetzt ummodeln?“, wollte auch Thorben von seinem Kontrahenten wissen.

„Tja - wir können das auch so beibehalten. Ich habe damit sicherlich kein Problem“, erklärte Marc mit erhobenen Händen und brachte damit ein zufriedenes Grinsen in das Gesicht seiner Ex-Freundin. Doch er war noch nicht fertig und als er seine Erklärung beendet hatte, verschwand das Grinsen ebenso schnell, wie es gekommen war. „Ich bin einfach nur gespannt, wie ihr das meiner Mutter erklären wollt.“

„Mist! An die hab ich gar nicht mehr gedacht“, stöhnte Gretchen genervt auf und Thorben verstand die Welt nicht mehr.

„Ja und was ist daran jetzt so schlimm?“

Die Antwort darauf bekam er, als Marc vorschlug, einfach mal bei Elke anzurufen, um ihre Meinung zu dem Ganzen zu hören und die war ziemlich eindeutig.

„Ein kaltes Buffet?“, schrie die Erfolgsautorin schrill in ihr Telefon und hätte beinahe eine ganze Seite ihres neuen Romans gelöscht. „Wollt ihr mich etwa mästen?“

„Um Gottes willen Elke, nein!“, sagte Gretchen mit Nachdruck. „Wir denken einfach, dass es eine Menge Arbeit und Nerven spart, wenn sich einfach jeder selbst bedienen kann, niemand unnötig viel hin- und herlaufen muss und...“

„Dabei würde dir das gar nicht schaden mein Kind“, erwiderte Marcs Mutter gehässig. „Ein kaltes Buffet kommt für mich nicht in Frage. Wenn ihr wollt, dass ich auf dieser Wasserzeremonie erscheine...“

„Mutter? Es ist eine Taufe!“

„Wie auch immer! Wenn ihr wollt, dass ich erscheine, muss das Essen schon etwas mehr Klasse und Qualität haben und da brauchst du jetzt auch nicht die Augen zu verdrehen, Olivier!“, schimpfte Elke mit ihrem erwachsenen Sohn, der tatsächlich die Augen verdreht hatte. „Allein wenn ich an all die versteckten Kalorien denke, muss ich morgen früh eine extra Stunde beim Spinning buchen. Und wie ihr ja sicherlich wisst, wobei ich für Gretchen nicht unbedingt die Hand ins Feuer legen möchte, ist Weizen böse. Also fällt das auch weg.“

„Sollen wir dir was zu essen stricken?“, fragte Gretchen gereizt und musste tatsächlich den Raum verlassen, weil Marc vor Lachen beinahe vom Stuhl gekippt wäre. Und sollte jemals irgendwer vorgehabt haben, sie zu einer Ernährungsberatung zu schleifen: Nach diesem Telefonat, brauchte sie diese nicht mehr.

Also hatten sie sich kurzerhand dazu entschlossen, vielleicht doch ein Restaurant auszusuchen, indem Elke sich einige Feinschmeckergerichte zu Gemüte führen konnte. Doch auch hier gab es Probleme. Allerdings mit Marc. Die ersten vier Lokale, in denen sie waren, und die durchaus im Budget der Chirurgin lagen, kamen ihm vor wie mittelmäßige Ruhrpott-Pommesbuden und er machte daraus keinerlei Hehl.

„Zumindest wissen wir jetzt, wo wir drei nie wieder essen gehen können“, erwähnte Thorben vorwurfsvoll, nachdem sie auch aus dem fünften, hochkant rausgeflogen waren. Darauf konnte Marc jedoch nur mit den Schultern zucken und hielt Gretchen die Beifahrertür seines VOLVOS auf.

Zwei Stunden später hatten sie endlich ein Lokal gefunden, in dem das Ambiente für den Chirurgen stimmte und er studierte äußerst sorgfältig die Speisekarte. Hätte man ihn nur davon abgehalten!

„Was soll´n der Scheiß hier kosten?“, fragte er ruppig.

„Das kommt ganz darauf an, was Sie zu zahlen bereit sind“, meinte der schmierige Besitzer mit einem anzüglichen Augenzwinkern. „Wir berechnen nach Zeit, Speisen und der Größe der Räumlichkeiten, die benötigt werden. Auf Wunsch können wir das Lokal auch schließen. Natürlich nur gegen einen Aufpreis. Ich denke jedoch, dass unsere Preise mehr als human sind.“

Noch immer hing Marc mit seiner filigranen Nase tief in der Speisekarte und anscheinend schmeckte ihm das, was er sah, absolut nicht.

„Ich sehe es“, murmelte er, ehe er lauter wurde und somit Gretchens letzte Hoffnung, auf einen entspannten Ausgang dieses Tages, zunichtemachte. „Ein komplettes Gericht für vier Euro? Was ist da drauf? Ein Salatblatt, vielleicht ein bisschen Dressing und wenn man lieb fragt, bekommt man auch noch die Schale einer Tomate? Sorry, also das ist...“

„Mensch Marc!“, unterbrach Gretchen ihn schnell, bevor sie auch noch in diesem Lokal Hausverbot bekamen. „Es soll durchaus auch noch zu bezahlen sein. Ich habe auch noch eine Hochzeit auszurichten, wie du sicherlich weißt.“

„Mhm - erinnerst mich ja ständig dran“, fauchte er, nicht minder gereizt, zurück. „Mal ganz abgesehen davon, dass das nun wirklich nicht mein Problem ist, spielt Geld in diesem Fall keine Rolle, Gretchen.“

„Und ich habe dir gesagt, dass ich kein Geld von dir haben will. Mehr als einmal und ich denke auch deutlich genug!“

„Das Geld ist ja auch nicht für dich und deine Hochzeit, sondern für die Taufe unserer Tochter und da gibt es keine Widerrede. Da kannst du mir noch so oft erzählen, dass du mein Geld nicht willst, in dieser Beziehung werde ich dich auch nicht mehr fragen!“

„Aha. Stattdessen triffst du ab jetzt alle wichtigen Entscheidungen allein?“

Vorsichtig stupste der Lokalbesitzer den, etwas bekümmert aus der Wäsche blickenden, Versicherungskaufmann an und fragte, ob dieses Verhalten normal sei.

„Leider ja und jedes Mal, wenn bei den beiden das Temperament zum Vorschein kommt, bin ich Luft.“

„Verstehe. Aufgestaute und unterdrückte Gefühle. Ja so ist das manchmal, wenn Paare sich, trotz eines gemeinsamen Kindes, trennen.“

„NEIN GRETCHEN!“, brüllte Marc sie zum ersten Mal, seit langem, richtig an. „Sie ist meine Tochter und ich werde mir sicherlich nicht anschauen, wie du und Thorben sämtliche Kosten tragt. Von jetzt an, bin ich die erste Anlaufstelle für dich, wenn du finanzielle Unterstützung brauchst und damit BASTA! Wir gehen in ein anderes Lokal“, sagte der Chirurg laut, aber gefasst, zu dem verdutzten Lokalbesitzer und ließ Thorben und Gretchen allein zurück.

Er musste dringend an die frische Luft, sonst würde er noch jemandem an die Gurgel gehen und dieser jemand kam gerade, bereitwillig und offenbar in Kämpferlaune, auf ihn zu.

„Sag mal, hast du sie noch alle? Du kannst sie doch nicht so anbrüllen und das vor fremden Menschen! Weißt du, wie beschämend das ist?“, fragte Thorben aufgebracht.

„Ganz dünnes Eis, Thorben. Verdammt dünn und das mit heißen Sohlen! Vergiss es einfach oder ich vergesse mich...“


Flashback Ende



Damit wurden die Vorbereitungen zu einer reinen Tortur für die drei Elternteile...



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Choconussa Offline

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04.02.2018 18:19
#105 RE: Story von Choconussa und Melli84 Zitat · antworten

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『「Kapitel № Neunundneunzig – Thunder




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Jetzt musste Gretchen, weil sie noch immer kein passendes Lokal gefunden hatten, welches den finanziellen Rahmen nicht sprengen würde, das komplette Buffet noch einmal überdenken. Sie hatte sich mit Marc darauf einigen können, jegliche finanzielle Unterstützung anzunehmen, jedoch nur bis zu einem bestimmten Betrag. Thorben hatte vorgeschlagen, dass Marc einfach den Betrag einer Unterhaltszahlung übernehmen würde und darüber hinaus, nur kleine Geschenke zu holen, damit der Blondine nicht auch noch im Wagen der Kragen platzte. Zwar hatte er murrend zugestimmt, aber wenigstens war das Thema vom Tisch und die lieben Seelen einigermaßen beruhigt.

Bis zum heutigen Tage, an dem Marc seiner Ex-Freundin mal wieder keine große Hilfe war.


„Lass die Kalorienbomben doch einfach stehen, Gretchen. Vielleicht ist meine Mutter ja mal ein bisschen ausgeglichener, wenn sie ordentlich gegessen hat“, sagte er belustigt, während er versuchte Sarah zu beruhigen, die fürchterlich schrie, weil sie wohl ihren ersten Zahn bekam. Anscheinend war es ihm egal, dass Gretchen das alles mal so gar nicht witzig fand. Denn er ignorierte gekonnt Thorbens vorwurfsvollen Blick in seine Richtung und ebenso Gretchens Schlag auf die Sofalehne.

„Genauuuuu“, sang sie. „Vielleicht kommt es aber auch ganz anders und wir haben sie keine sechsundzwanzig Stunden später mit einem eingebildeten Magengeschwür auf Station stehen. Und rate mal, wer dann wieder unausstehlich wird!“

„Meine Mutter, wer sonst?“, erwiderte er unbeeindruckt mit einem leichten Schulterzucken, während er, noch immer mit seiner Tochter auf dem Arm, im Wohnzimmer, schunkelnd, auf und ab lief. Sehr zur Freude seinerseits, hielt sich Gretchen in Gegenwart ihrer Tochter, mit ihren Wutausbrüchen, immer zurück. Sarah war die einzige Person, die es schaffte, ihren Gemütszustand wieder abzukühlen. Vollkommen egal, wie sauer sie eigentlich war.

Und sehr zu Thorbens Leidwesen, wusste Marc dies perfekt für sich zu nutzen.

Am nächsten Abend, als sie sich endlich darauf einigen konnten, dass sie die Taufe doch eigenständig ausrichteten und das Buffet stand, schrieb Gretchen gerade eine neue Einkaufsliste, als Thorben ihr eröffnete, dass er eventuell doch noch jemanden zur Taufe einladen wollte. Beeindruckt von seinem Mut, dies so kurzfristig noch zu erwähnen, nickte Marc, als er sich einen Schluck seiner Cola gönnte. Doch als er das angespannte Gesicht seiner Ex-Freundin wahrgenommen hatte, verschwand er schnell, um Sarah ins Bett zu bringen.

„Sag mal, spinnst du?“, hörte er Gretchen in der Küche schreien. „Das fällt dir JETZT ein? Nachdem wir alles sechsmal umgemodelt haben?“

„Reg dich doch nicht so auf Schatz“, konnte Thorben nach diesem Wutausbruch nur noch kleinlaut entgegnen.

„Ooooooh doch! Und wie ich mich aufrege. Jeder hat irgendwelche Extrawünsche, die ich berücksichtigen und den Wünschen der anderen anpassen muss! Aber fragt mal irgendjemand, was Marc und ich uns vorgestellt haben?“, warf die aufgebrachte Mutter ihrem Verlobten an den Kopf.


Ein Zimmer weiter, führte Marc innerlich einen Freudentanz auf. Thorben hatte in den letzten Wochen ein überdurchschnittlich gutes Gespür dafür, seiner Verlobten in den ungünstigsten Augenblicken auf den imaginären Schlips zu treten. Immer wenn dies der Fall war oder Marc auch nur eine leise Ahnung hatte, dass Gretchen bald wieder die Sicherungen durchbrennen würden, schnappte er sich ihre Tochter. Meistens verschwand er im Kinderzimmer, weil Sarah auf keinen Fall etwas von den Streitigkeiten ihrer Mutter mitbekommen sollte und immer, wenn Gretchen dann nach ihrer Tochter schauen wollte, hatte er die starke Schulter, an der sie sich anlehnen konnte.

Für Thorben hingegen, war es fast unmöglich, Sarah als Beruhigungsmittel einzusetzen, weil Marc neuerdings ständig bei ihnen war. Manchmal hatte er das Gefühl, dass dieser Mann gar nicht ging und unbemerkt bei ihnen eingezogen war. Grund dafür war Sarahs Zahnungsschmerz. Einzig und allein bei ihrem Vater nahm sie ihre Zahnungskügelchen und beruhigte sich schnell wieder. Seiner Meinung nach, war es absolut nicht gesund, wie sehr sich Sarah auf ihren Papa fixierte, doch davon wollte Gretchen nichts hören. Sie schnitt ihm augenblicklich das Wort ab und empfahl ihm, dieses Thema nie wieder anzusprechen. Aufgrund ihres explosiven Verhaltens, nahm er ihre Empfehlung sehr ernst. Er wollte nicht in der Badewanne schlafen müssen.

Doch heute hatte er die Nase gestrichen voll. Es störte ihn nicht, dass seine Verlobte leicht zu reizen war. Es störte ihn und das gewaltig, dass es niemanden mehr interessierte, was er wollte. Er wollte mal wieder einen Abend allein mit seiner Liebsten verbringen. Von einem ruhigen und romantischen Frühstück mal ganz abgesehen. Das alles war nicht mehr möglich, weil sie ständig zu dritt waren. Immer und überall war Marc mit von der Partie und zu einer komplizierten Dreiecksbeziehung war er definitiv nicht bereit.

„Wen zur Hölle interessiert es denn, was der Gockel sich vorstellt?“, fragte er aufgebracht und brachte somit das Fass endgültig zum Überlaufen.

„Mhm... Lass mich darüber mal kurz nachdenken. MICH interessiert es!“, brüllte sie aufgebracht. „Er ist der Vater meiner Tochter und hat ebenso ein Recht dazu, Entscheidungen zu dieser Taufe zu treffen wie ich!“

Daraufhin ließ sie Thorben einfach stehen und lief direkt ins Kinderzimmer, um ihrer Tochter eine gute Nacht zu wünschen. Natürlich sah sie das schadenfrohe Grinsen in Marcs Gesicht sofort, doch sie versuchte es weitestgehend zu ignorieren.
Gemeinsam wuschen sie ihre Tochter, zogen sie um und legten sie in ihr Bettchen. In der Zeit, in der Marc nun wieder in Berlin war, hatte sich zwischen ihnen eine Art Routine eingespielt.

Alles ging Hand in Hand.

Auch das war etwas, was Thorben absolut nicht in den Kram passte, doch das interessierte Gretchen nicht die Bohne.
Was Sarah brauchte, war ein geregelter Tagesablauf und dieser Bestand nun einmal darin, dass ihre Eltern sie gemeinsam ins Bett legten und ebenso gemeinsam am Morgen für den Tag fertig machten. Da konnte ihr zukünftiger Ehemann noch so viel meckern. Sarahs Wohlergehen war das einzige, was Gretchen interessierte und damit musste er sich abfinden.

Ob er wollte oder nicht!

Doch genau das war es, was ihm so unglaublich schwerfiel. Vor der Geburtstagsfeier von Olivier war alles so einfach zwischen ihnen gewesen. Sie hatten nicht ein einziges Mal wirklich gestritten und um Sarah kümmerten sie sich zusammen. Vor ein paar Monaten noch, war er es gewesen, der mit Gretchen zusammen auf dem Boden gesessen und ihr eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen hatte. Das heutige Bild jedoch, versetzte seinem Herzen einen gewaltigen Stich. Wie eng seine Verlobte und ihr Ex dort zusammensaßen und wie vertraut sie waren. Er musste unbedingt eine Möglichkeit finden, einen Keil zwischen die beiden zu treiben und den Chirurgen wieder loszuwerden. Er war sich ziemlich sicher, dass Olivier seinen Sohn, mit Kusshand, wieder in seiner Klinik beschäftigen würde und seine Tochter konnte er an den Wochenenden und in den Ferien zu sich nehmen. So machten es viele Familien, in denen die Eltern getrennt oder geschieden waren. Warum also funktionierte das nicht auch bei ihnen?

Er erkannte die Frau, in die er sich verliebt hatte, kaum wieder. Wo bitte war das Gretchen geblieben, das felsenfest davon überzeugt war, dass Marc sich nicht ein Stück für seine Tochter interessieren würde?




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Choconussa Offline

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11.07.2018 21:36
#106 RE: Story von Choconussa und Melli84 Zitat · antworten

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Diese Frage musste Thorben sich unglaublich oft gestellt haben. Auf der einen Seite, vollkommen verständlich... Doch auf der anderen wusste ich einfach nicht, warum er sich so anstellte. Marc war, und ist, ein wundervoller Vater. Natürlich hat niemand wirklich daran geglaubt, dass er dieser Rolle auch nur im Ansatz gerecht werden würde, immerhin war er Marc... Aber genau deswegen hätte es uns von vornherein klar sein müssen. Marc war immer für einige Überraschungen gut. So auch, als Sebastian auftauchte...

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11.07.2018 21:46
#107 RE: Story von Choconussa und Melli84 Zitat · antworten

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『「Kapitel № Einhundert - Can't fight the moonlight




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Vor gut zehn Minuten sprang der Pieper von Doktor Marc Meier an und verkündete ihm, dass demnächst ein Schlaganfallpatient eingeliefert werden würde. Kurzerhand hatte der begehrteste Junggeselle Berlins seine Ex-Freundin beim Ellenbogen gepackt und sie mit nach draußen geschliffen. Denn obwohl Marc nun schon seit längerem nicht mehr rauchte, hatte er es sich noch immer nicht abgewöhnen können, an der frischen Luft zu stehen während er auf den Rettungswagen wartete. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er schon lange nicht mehr ein so starkes Verlangen nach Nikotin gehabt. Seine Nerven waren seit Tagen so angespannt, dass er dachte, sie würden jeden Moment reißen. Noch immer hatte er keinerlei Erfolg bei der Umsetzung seines Planes, um Gretchen Haases Herz wieder für sich zu gewinnen. Nicht nur, weil sie vollkommen mit den Vorbereitungen für die Taufe beschäftigt waren, es selten ein anderes Thema gab und Sarah ihren ersten Zahn bekam und somit ihre volle Aufmerksamkeit abverlangte... Noch immer biss er auf Granit, wenn er um Unterstützung bat.

Doch sein persönlicher Tiefpunkt der letzten Tage war das Taxi, oder besser gesagt, dessen Insassen, welches gerade die Auffahrt entlanggefahren kam. Normalerweise nichts Ungewöhnliches. Viele Schwangere, deren Wehen gerade eingesetzt hatten oder deren Fruchtblase überraschend geplatzt war, ließen sich von einem Taxi ins Krankenhaus chauffieren. Schon mit dem Pieper in der Hand, um Mehdi mitzuteilen, dass Arbeit auf ihn zukam, schlürfte Marc an seinem Kaffee und verschluckte sich sogleich an selbigem, als ein, ihm sehr bekannter, Gefäßchirurg aus dem eierschalenfarbenen Wagen ausstieg und hinter ihm, unverständlicherweise, eine rothaarige Krankenschwester.

„Was willst du denn hier?“, fragte Marc seinen ehemaligen Kollegen erstaunt, der Gretchen, die mindestens genauso verdutzt aus der Wäsche schaute wie der Vater ihrer Tochter, zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange drückte.

„Dir auch einen schönen Tag, Marc“, überhörte Sebastian den anklagenden Tonfall des Chirurgen und zog ihn, freundschaftlich, in eine ziemlich peinliche Männerumarmung. „Eigentlich wollte Thorben mich vom Flughafen abholen, aber anscheinend ist ihm was dazwischengekommen. Ich hab eine SMS von ihm erhalten, dass ich hierherkommen soll.“

„Und was will DIE zur Hölle hier? Hast du den Arsch offen?“, fuhr Marc den Gefäßchirurgen aus München an und wies mit einer abweisenden Handbewegung zu Marina herüber.

„Herrgott nochmal, Marc! Die, hat auch einen Namen“, rügte Sebastian seinen Freund. „Sie wollte einfach nur mal sehen, wie es dir hier geht, nachdem du dich so sang- und klanglos aus dem Staub gemacht hast. Keine Sorge, morgen fährt sie schon wieder zurück, weil sie keine Urlaubstage mehr hat, die sie nutzen konnte.“

„Das erklärt noch immer nicht, wieso du sie, aber nicht dein Hirn mitgebracht hast! Du weißt ganz genau, dass ich dieses Weibsbild nicht ertrage“, schimpfte der Chirurg weiter und bezweifelte bei dem riesigen Koffer, der der Krankenschwester aus dem Kofferraum gereicht wurde, dass sie wirklich am nächsten Tag wieder abreisen würde.

„Sie hat mir versprochen, sich zu benehmen. Also gehe ich einfach mal nicht davon aus, dass sie dir gleich wieder um den Hals fallen wird. Meine Hand allerdings, werde ich dafür nicht ins Feuer legen“, erklärte er.

Als Marina es jedoch geschafft hatte, die kleine Erhebung zur Eingangstür zu erklimmen, was bei den hohen High Heels und dem engen Minirock ein wahres Wunder war, warf sie sich direkt in Marcs Arme und drückte ihm, mit geschlossenen Augen, einen Kuss auf den Mund. Nicht nur der Chirurg bekam große Augen, sondern auch Gretchen und Sebastian schauten nicht schlecht aus der Wäsche und amüsierten sich vorbildlich. Der rothaarigen Münchnerin war es natürlich vollkommen egal, dass weder sie noch ihre Annäherungsversuche erwünscht waren und drückte Marc fest an sich. Wie eine Ertrinkende, klammerte sie sich an den braunhaarigen. „Ich habe dich so sehr vermisst, Marc. Es ist so schön, dass es dir gut geht“, jammerte sie beinahe. Sie machte auch nicht den Eindruck, als wolle sie den Chirurgen in den nächsten fünfzig Jahren loslassen oder ihm die Möglichkeit geben, sich zu ihrem Verhalten zu äußern. „Du kannst doch nicht einfach so gehen und niemandem Bescheid geben. Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht, als du nicht zur Arbeit gekommen bist und man dich nicht erreicht hat. So oft bin ich an deiner Wohnung vorbeigefahren, aber nie warst du da. Bis man uns dann endlich gesagt hatte, dass du wieder in Berlin seist und hier aushelfen wolltest. Wann kommst du denn jetzt wieder mit nach Hause?“

„Äh, gar nicht!“, stieß er ruppig aus und Marina von sich. „Was glaubst du eigentlich, was du hier tust? Hatte ich mich nicht klar und deutlich ausgedrückt?“

„Also deine Aussagen können manchmal schon ziemlich zweideutig sein“, zuckte Gretchen mit den Schultern. Sebastian pflichtete ihr nickend bei und Marc wäre beinahe alles aus dem Gesicht gefallen. Das alles konnte wirklich nur ein sehr geschmackloser Scherz sein. Und da sich alle gegen ihn verschworen zu haben schienen, kam es gleich noch ein bisschen dicker! Er selbst hatte in München noch niemandem von seiner Vaterschaft erzählt und wenn es nach ihm ginge, müsste es dort auch niemand wissen. Doch gerade jetzt, wo Sebastian aufgetaucht war, und das auch noch mit seiner Ex-Affäre, kam kein Geringerer als sein Kontrahent Thorben Martens, mit Sarah auf dem Arm, angelaufen. Allem Anschein nach ziemlich im Stress. Vollkommen außer Atem und mit leicht besorgter Miene, drückte der Versicherungskaufmann dem völlig verdutzten Oberarzt seine Tochter und die Wickeltasche in den Arm und aus seinem Mund ergoss sich ein wahrer Ozean aus Wörtern, „Ihr müsst Sarah für eine, vielleicht auch eineinhalb Stunden nehmen. Vor gut vierzig Minuten hat Bärbel mich angerufen und mir gesagt, dass ich Sarah abholen muss, weil sie einen Friseurtermin hat, den sie nicht mehr verschieben kann. Also habe ich Sebastian eine SMS geschickt, dass er hierherfahren soll und ohne an meine Termine zu denken, die Kleine abgeholt. Und glaubt mir... Ich hätte wirklich kein Problem damit, sie zu nehmen. Aber der Termin ist wichtig. Ich muss heute wirklich arbeiten!“

„Ach - und wir arbeiten nicht, oder was?“, fragte Marc, dem das ganze Spektakel zu viel wurde, aufgebracht. „Wir stehen hier jeden Tag mit Kittel in der Auffahrt für die Rettungswagen und warten uns nen Pin in den Hintern? Wo zum Teufel bleibt Gordon eigentlich?“

„Meier! Das hier sieht für mich zurzeit eher aus wie ein Kaffeekränzchen. Ich würde sie ja auch mitnehmen. Die Frau, zu der ich allerdings fahre, ist eine etwas ältere Dame und sie mag keine Kinder. Wie soll ich“, wollte er sich erklären, doch Gretchen fiel ihm ins Wort. „Wie? Du hast einen Termin bei Elke?“

„Hasenzahn!“

„Entschuldige. Wir bekommen das schon irgendwie hin, hm? Haben schon ganz andere Sachen gewuppt.“

„Und wie stellst du dir das bitteschön vor? Sollen wir sie steril waschen, uns auf den Rücken binden und mit in den OP nehmen? Wäre machbar, dann dürfen wir nur die Infusion zu deinen Brüsten nicht vergessen, damit sie auch regelmäßig was zu trinken bekommt. Oder hast Du in der Zwischenzeit ganz abgestillt?“, höhnte der Chirurg gleich drauf los und nahm der Blondine sämtlichen Wind aus den Segeln, die direkt verzweifelt anfing, an ihrer Unterlippe zu knabbern. Er stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch! Wenn Thorben nicht noch immer da wäre, er Sarah nicht gerade auf dem Arm hätte und Sebastian und Marina nicht als nicht zahlendes Publikum anwesend wären, würde er sämtliche Vernunft über Bord werfen. Es machte ihn wahnsinnig, wenn Gretchen an ihrer Unterlippe knabberte...

„Was machen wir denn jetzt?“, fragte Thorben und sah nervös auf seine Armbanduhr. „Ich kann sie definitiv nicht mitnehmen. Zu jedem anderen Termin gerne, aber nicht zu diesem.“

„Rein theoretisch können wir sie auch nicht nehmen. Wir warten hier gerade auf einen Patienten und es stehen noch etliche OPs an. Aber egal...“, erwiderte Marc und lächelte seine Tochter an. „Ich geb meine OPs ab und jetzt sieh zu, dass du Land gewinnst!“

Um ihn herum herrschte, augenblicklich, Totenstille. Einzig und allein Sarah, die wie immer begeistert an den Ohren ihres Vaters zog, giggelte vergnügt vor sich hin. Sie konnte ja auch nicht wissen, was ihr werter Herr Papa da eben vom Stapel gelassen hatte. Alle um ihn herum kannten ihn mehr als genug, um zu wissen, dass er seine OP-Planung bis zum Letzten, mit nur einer intakten Hand, allein durchführen würde. Vor allem für Sebastian und Marina war dieses Verhalten mehr als nur befremdlich. Sie hatten Marc als immer arbeitenden, sich vor jeder Verantwortung drückenden und narzisstischen Kerl kennengelernt. Ganz davon abgesehen, verstanden sie nicht, was hier im Allgemeinen vor sich ging. Skeptisch beobachtete Marina, wie Marc mit Sarah scherzte und ihr einen Kuss auf die Stirn drückte. Sie verstand nicht, was das sollte. Wohingegen Sebastian ziemlich schnell schaltete und der rothaarigen somit den Boden unter den Füßen wegriss.

„Ne oder? Das glaub ich ja jetzt wohl nicht. Warum hast du Arsch denn nichts gesagt?“, fragte Sebastian seinen Freund leicht beleidigt. „Das hätte man, so unter Männern, richtig feiern müssen. Und warum sagst du nichts?“, wandte er sich an Thorben, der Marc noch immer ansah wie ein Minivan – allerdings nicht so schnell und ohne zu hupen.

„Ja... also... Gretchen und ich... wir wollten nicht...“

„Ist ne lange Geschichte, Sebastian“, unterbrach Marc das peinliche Gestammel seines Kontrahenten. „Lass es einfach darauf beruhen. Ich bring Sarah jetzt rein. Wenn mich wer sucht oder irgendwas Wichtiges ansteht, sollen die Kollegen eben Rössel anpiepen. Wir sind in der Pädiatrie. Die haben wenigstens altersgerechtes Spielzeug da.“

Mit einem kräftigen Klaps auf den Rücken, verabschiedete Marc sich von Sebastian während er Marina nicht weiter zu beachten versuchte. Gretchen jedoch, bekam von alldem recht wenig mit. Sie war tief berührt. Noch nie zuvor hatte Marc so aufopferungsvoll gehandelt. Zwar wusste sie, dass er das nur Sarah zuliebe tat und nicht etwa, um Thorben einen Gefallen zu tun, aber das war ihr ganz egal. Er tat es. Ganz ohne mit der Wimper zu zucken oder zu meckern, weil man ihm seinen Tagesplan versaut habe.

Doch Thorben gefiel es gar nicht, wie verliebt seine Verlobte ihrem Oberarzt hinterher lächelte. Zum ersten Mal, seitdem Gretchen sich für ihn und gegen Marc entschieden hatte, hatte er das Gefühl, dass sie diese Entscheidung vielleicht irgendwann bereuen würde und das durfte unter gar keinen Umständen passieren. Jedoch kam er auch nicht umhin, zu bemerken, dass da immer etwas sein würde, was die beiden so stark miteinander verband, dass sie immer wieder zueinander finden würden. Vollkommen egal, wie weit sie auseinandertrieben. Und dagegen würde er auch nie etwas unternehmen können. Das wurde ihm immer bewusster. Doch konnte er sich ebenso um Gretchens Gunst bemühen, wie Meier es tat.

„Geb mir eine Dreiviertelstunde.“, sagte Thorben schnell zu seiner Verlobten, drückte ihr einen Kuss auf den unbeweglichen Mund und verschwand.

Da standen die drei Zurückgebliebenen nun, wie bestellt und nicht abgeholt, in der Kälte und die eine war mehr wie die anderen, damit beschäftigt, zu begreifen, was da gerade passiert war. Doch ehe sie dazu kam, einen klaren Gedanken zu fassen, ertönte hinter ihnen das Martinshorn.

Der Patient!

„Hört zu... ich würde mich jetzt wahnsinnig gern um euch kümmern. Euch alles zeigen oder anderweitig beschäftigen, aber der Patient kommt und ich muss noch Doktor Rössel anpiepen, der noch gar nichts von seinem Glück weiß“, sprach sie zu Sebastian und Marina. „Wie wäre es, wenn ihr einfach mit reinkommt und im Schwesternzimmer auf Marc wartet?“

„Mach dir keinen Stress, Gretchen“, beruhigte Sebastian die Blondine. „Wir kommen schon irgendwie klar. War ja zu erwarten, dass irgendwas dazwischenkommt. So ist das eben in unserem Beruf, aber dass es eine Tochter ist, von der wir nichts wussten, hätten wir jetzt so auch nicht gedacht.“

„Ja, das war alles auch irgendwie ganz anders geplant“, lächelte Gretchen entschuldigend, als der Krankenwagen in der Einfahrt zum Stehen kam und die Sanitäter augenblicklich raussprangen, um den Patienten schnellstmöglich in die Klinik zu bringen.

„56 Jahre, männlich, Schlaganfall. Lag einige Stunden bewusstlos in seinem Badezimmer, ehe ihn eine Nachbarin dort gefunden hat“, erklärte Gordon mit Blick auf das Klemmbrett. „Familienangehörige hat er nicht.“

„Danke Gordon. Dann muss ich wohl auch noch Frau Hassmann anpiepen“, stöhnte sie und folgte ihren Kollegen.

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『「Kapitel № Einhundert.1 - Blank Space



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Während sich Gretchen innerlich schwarz ärgerte, weil Marc ihr nicht gesagt hatte, was für einen Patienten sie erwarteten und sie nun mit Frau Doktor Hassmann im OP stand, spielte der Übeltäter ziemlich ausgelassen mit seiner Tochter. Jedenfalls versuchte er Sarah von anderen Dingen, wie seinem Stethoskop, zu begeistern. Sie hatte regelgerecht einen Narren an den Krankenhausutensilien gefressen.

„Morgen melde ich dich auf der Uni an, dabei wollte ich dich doch so gern aufwachsen sehen, ehe du in die weite Welt hinaus gehst.“, meinte er leicht beleidigt zu seinem Sprössling und überließ ihr das Objekt ihrer Begierde. „Und Sabine kann dir aus Laken einen Kittel nähen. Was hältst du davon?“

„Damit sähe sie sicherlich süß aus!“, ertönte es von der Tür und Marc blieb nichts anderes übrig, als entnervt aufzustöhnen.

„Was willst du hier?“, fragte er Marina sauer.

„Das habe ich dir bereits gesagt. Ich wollte dich besuchen und endlich wissen, wann du wieder nach Hause kommst. Ich vermisse dich wirklich sehr...“

„Ich glaube, wir zwei sollten mal ein ernsthaftes Gespräch miteinander führen“, erwiderte Marc und deutete seiner Verflossenen an, sich zu setzen. „Du machst dir da was vor, Marina. Die ganze Zeit schon. Es mag vielleicht sein, dass du etwas mehr für mich empfindest, als du eigentlich solltest, aber das ist und bleibt nun einmal aussichtslos. Ich mag dich. Ich schätze dich als Krankenschwester. Auch wenn du mal mehr Energie in deine Arbeit, als in dein äußeres Erscheinungsbild, stecken solltest. Mehr ist da von meiner Seite jedoch nicht und da war auch nie mehr.“

Unfähig etwas zu sagen, starrte sie den Chirurgen an. Es tat ihr weh, diese Worte so direkt und unvermittelt von ihm zu hören und er war noch lange nicht fertig.

„Der Sex mit dir war gut und sollte ich dir, in irgendeiner Art und Weise, einen Grund dazu gegeben haben, zu glauben, dass daraus mal mehr werden könnte, tut es mir aufrichtig leid“, sagte er ehrlich und sah ihr dabei tief in die Augen. „Ich bin nach München gekommen, um vor den Dingen hier in Berlin wegzulaufen. Vor meiner Mutter, die mir noch heute den letzten, noch vorhandenen, Nerv raubt. Vor der Arbeit hier, die mich einfach nicht mehr ganz ausgefüllt hat und vor allem, vor Gretchen. Wir waren lange zusammen. Es wurde mir jedoch alles zu eng, also hab ich schnell das Weite gesucht. Aufgehört sie zu lieben, habe ich jedoch nie und ich möchte ganz ehrlich zu dir sein... Selbst wenn wir uns früher kennengelernt hätten, wäre da nichts draus geworden.“

„Verstehe. Ich bin also nur der Typ für eine Nacht?“, fragte sie verletzt.

„So meine ich das nicht. Du bist sicherlich eine tolle Frau und wirst schon noch jemanden finden, nur halt eben nicht mich. Mit zurück nach München werde ich auch nicht kommen. Warum, erklärt sich denke ich von selbst“, sagte er lächelnd und nahm seine Tochter auf den Arm, die schon wieder drauf und dran war, aus dem kleinen Spielzimmer zu krabbeln.

„Natürlich. Sie ist deine Tochter, auch wenn ich das kaum glauben kann“, lächelte Marina nun doch. „Sie ist zauberhaft. Die beiden können sich wirklich glücklich schätzen, einen Mann wie dich an ihrer Seite zu haben.“

Balsam auf seiner Seele. Wenn Gretchen das nur genauso sehen würde. Dann wäre einiges einfacher und er müsste sich nicht idiotische Dinge einfallen lassen, um sie vielleicht doch zurückzubekommen. Noch stand alles in den Sternen. Aber wichtig war jetzt gerade nur eines... Das klärende Gespräch mit Marina, damit sie wieder zurück nach Hause fuhr und auch für immer dort bleiben würde. Sie sollte sich keine Hoffnungen machen, dass sie doch irgendwann einmal die Frau an seiner Seite werden konnte. Das konnte, bis auf Gretchen, niemand mehr. Allein diese Erkenntnis und das Ergebnis ihrer Liebe, welches ihm schon wieder in die Nase kniff, waren der Antrieb zu kämpfen. Bis zum bitteren Ende.

„Dann fahre ich heute noch zurück“, sagte Marina traurig, als Marcs Pieper ansprang und ihm mitteilte, dass Gretchen in der Cafeteria auf ihn und ihre Tochter wartete. „Ich hatte mir meinen einzigen Urlaubstag zwar ein bisschen anders vorgestellt, aber man kann ja nicht alles haben.“

„Ich bestelle und zahle das Taxi“, meinte Marc, nachdem er Gretchen eine kurze SMS geschrieben hatte, dass er auf dem Weg sei.

„Das musst du nicht machen. Ich bin ja selbst schuld, dass ich mitgefahren bin.“

„Bist du nicht“, widersprach er ihr. „Ich hätte einfach, von Anfang an, Klartext mit dir reden sollen. Ich zahle das Taxi!“

Damit war die Unterhaltung für ihn beendet. Er begleitete sie noch zum Schwesternzimmer, drückte Sabine das Geld in die Hand und bat sie darum, mit Marina auf das Taxi, welches sie bestellen sollte, zu warten.

„So viel dazu, dass du das Taxi bestellst und bezahlst“, zwinkerte die rothaarige dem Chirurgen zu.

„Es geht nichts über ein paar waschechte Minions“, lachte er zurück und drückte sie zum Abschied kurz an sich. Sarahs kleine Hand nahm er und winkte ihr mit dieser zu. „Sag mal Tschüss Marina... Tschüss. Na ja. Das mit dem Sprechen bekommen wir auch noch irgendwie hin.

„Tschüss du kleine Zaubermaus. Halt den Papa schön auf Trab, hörst du?“, setzte sie der kleinen, Flausen in den Kopf. „Danke Marc. Auch für deine Ehrlichkeit.“

Mit diesen Worten verließ sie ihn und er war sich ziemlich sicher, dass er sie diesmal nie wieder sehen würde. Zwar hatte sie sich für seine Ehrlichkeit bedankt, doch war sie ganz und gar nicht dankbar. Es war für ihn klar ersichtlich gewesen, dass er sie mit seinen Worten verletzt hatte. Ein klarer Schnitt war jedoch wichtig. Marc wollte endlich seine Vergangenheit hinter sich lassen und dazu gehörten eben auch die Frauen, mit denen er geschlafen hatte. Natürlich nicht alle. Aber die, die Gefühle für ihn entwickelt hatten, schon.

„Hoffentlich sind das nicht zu viele“, sagte er zu Sarah, die ihn mit ganz großen Augen ansah. „Irgendwie hat dieser Blick was von den vorwurfsvollen Blicken deiner Mutter und ich möchte nicht, dass meine Tochter mich so ansieht. Also lass das, sonst fress ich dich auf...“

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『「Kapitel № Einhundert.2 - Stand by you



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Gretchen und Sebastian warteten bereits in der Cafeteria auf ihn. So wie er es von der Tür her beurteilen konnte, bei einer lockeren Unterhaltung, denn Gretchen legte ihm lachend die Hand auf den Unterarm. Sie war wirklich unglaublich. Heute sah sie diesen Mann zum zweiten Mal in ihrem Leben und war automatisch vertraut mit ihm. Sie sah nicht, was für ein Schleimer Sebastian war. In keinem Fall war er ein schlechter Mensch. Das konnte Marc gut beurteilen, denn sie hatten viele Abende miteinander verbracht. Dennoch hatte der Gefäßchirurg bei seinem Freund einen dicken Stein im Brett. Er stand auf seine Schwester und machte sich nicht einmal die Mühe, dies zu verbergen. Und er war geizig. Immer wenn er Melanie um ein Rendezvous gebeten hatte, wollte er mit ihr nur ganz locker eine Pommes an der Ecke essen gehen anstatt sie ordentlich auszuführen, wie sie es verdient hätte. Sie sah nicht seine krankhafte Neugier, die er mit Wissbegierde verwechselte. Sie sah nur das Gute an ihm. Keine Frage... Er war witzig und charmant, aber vor allem war er eines: Chirurg!

„Na, worüber redet ihr zwei gerade?“, fragte Marc lächelnd, als er sich zu ihnen setzte und Sarah bequem auf seinem Schoß positionierte.

„Ach! Da seid ihr ja. Gib sie mir mal her“, verlangte die Chirurgin. „Sebastian hatte gerade die Güte, mir zu verraten, wie witzig du sein kannst, wenn du betrunken bist.“

Alarmiert sah er zu seinem Freund und fragte entsetzt „Bitte?“

„Keine Sorge, Marc. Ich habe nicht zu viel verraten“, beruhigte Sebastian sein Gegenüber schnell. „Sie soll ja selbst irgendwann noch einmal in den Genuss kommen können. Jetzt erzähl du aber mal. Wie kann das hier“, zeigte er, fragend, mit dem Finger auf Sarah, „eigentlich sein und wo hast du Marina gelassen?“

„Der rothaarige Alptraum ist in einem Taxi, auf dem Weg zurück nach München. Was die erste Frage angeht: Allem Anschein nach hatte ich Sex. Wie konnte mir das nur passieren?“, erklärte Marc scherzend, ehe er ernst wurde. „Wir wissen es nicht genau. Jedenfalls nicht, warum Gretchen schwanger wurde. Es ist nun einmal passiert.“

„Entschuldige mal bitte“, warf Gretchen ein. „Das hört sich ja schon fast wie ein Vorwurf an.“

„Gretchen!“, presste er angestrengt zwischen seinen weißen Zähnen hervor. „Es ist kein Vorwurf. Entschuldige, wenn es so rübergekommen ist. Es gibt auch niemanden, dem man etwas vorwerfen könnte. Aber wir wissen es eben nicht. Du hast die Pille genommen!“

„Aber ihr beiden habt schon irgendwann mal was von Kondomen gehört, oder?“, sah Sebastian auf, der sich zu Sarah heruntergebeugt hatte, um ein wenig mit ihr zu schäkern.

„Hielten wir nicht für nötig“, knurrte Marc. Er musste sich vor niemandem rechtfertigen. Ganz zu schweigen davon, dass es niemanden etwas anging, wie er und Gretchen miteinander geschlafen hatten. Die Zeugung seiner Tochter war nicht gewollt, sondern ein Unfall, wie man so schön sagte. Aber es war das Beste, was ihm passieren konnte und er scheute sich auch nicht, das zuzugeben und Gretchen damit gleich wieder in den siebten Himmel zu befördern. „Sarah war eine Überraschung. Allerdings die schönste, die man haben kann. Es ist alles gut so, wie es ist. Könnten wir dann jetzt ein anderes Thema anschneiden?“

„Okay“, stimmte Sebastian zu, doch nachdem er kurz die Lippen zusammengekniffen und seinen Blick durch die gut besetzte Cafeteria hatte schweifen lassen, konnte er sich nicht zurückhalten. „Und wie funktioniert das jetzt so? Seid ihr so ein verrücktes Dreieckspärchen und ihr wechselt euch beim "Knick Knack" ab?“

„Um Gottes willen, Sebastian!“, fuhr Marc sogleich aus der Haut. „Was zur Hölle ist los mit dir? Musst du dich direkt unbeliebt machen?“

„Entschuldige. Man wird ja wohl noch fragen dürfen“, zuckte der Gefäßchirurg mit den Schultern.

Doch Gretchen schien seine unverschämte Art gar nichts auszumachen. Sie erklärte, dass Marc zum Frühstück bei ihnen war, um Sarah zu füttern und sie sie danach umzog, wie die beiden sie zusammen ins Bett brachten und badeten.

„Thorben kümmert sich auch noch um sie, aber diese bestimmten Dinge machen Marc und ich gemeinsam.“, schloss sie.

„Damit Sarah weiß, wer von den beiden ihr biologischer Vater ist, oder...?“, fragte Sebastian.

„Auch. Es hat sich einfach so eingespielt über die letzten Monate. Wie du weißt, ist Thorben viel unterwegs.“

„Mhm. Seine Eltern hätten ihn besser darauf vorbereiten und vielleicht Zweigstellen in mehreren Städten einrichten sollen. Aber wer konnte denn ahnen, dass die beiden schon so früh abtreten würden? Was sagt Thorben denn dazu, wenn Marc so oft bei euch ist?“

„Es ist kein Problem für ihn.“, antwortete Gretchen, wie aus der Pistole geschossen.

„Ich bitte dich, Gretchen“, prustete Marc drauf los, gerade als Mehdi sich zu ihnen gesellen wollte. „Du weißt ganz genau, dass ich ihm ein Dorn im Auge bin und er nur nichts sagt, weil er dich nicht wieder verärgern will.“

„Wer will wen nicht verärgern?“, fragte er vergnügt und streckte Sebastian die Hand entgegen. „Ich glaube, wir kennen uns noch nicht. Mehdi Kaan.“

„Achso ja. Der Gynäkologe“, beherzt griff der Gefäßchirurg die Hand, die ihm entgegengestreckt wurde. „Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Sebastian Gesenhues.“

„Ach wirklich, haben Sie?“ fragte Mehdi mit einem Schmunzeln in Marcs Richtung. „Ich habe jetzt noch nicht so viel von Ihnen gehört. Wann hat Thorben Sarah gebracht?“

„Vor einer Stunde“, sagte Marc, nachdem er auf die Uhr geschaut hatte.

„Ja und wer passt dann jetzt den heutigen Tag auf sie auf? Ihr habt doch beide Dienst.“

„Was für ein schlaues Kerlchen du wieder bist, Mehdi“, nahm Marc seinen besten Freund auf die Rolle. „Ich passe heute auf sie auf.“

Mehdi verschluckte sich, nach dieser Aussage, vorbildlich an seiner Pasta. Langsam nervte es Marc, dass es alle für so unmöglich hielten, was er tat. Warum sollte er sich nicht den Tag freinehmen, um auf seine Tochter Acht zu geben?

„Und wer macht dann jetzt deine OPs?“, fragte Mehdi, als er sich beruhigt hatte und schob sich gleich den nächsten Nudelberg in seine Futterluke.
„Rössel bis auf weiteres.“

„Eigentlich wollte Thorben ja auch schon wieder hier sein. Na ja, wer weiß, wie die Dame drauf ist“, zuckte Gretchen mit den Schultern. „Entweder sie bietet ihm noch Kaffee und Kekse an oder aber er muss alles zehnmal erklären.“

„Du findest immer irgendeine Entschuldigung für seine Unzuverlässigkeit, oder?“, echauffierte Marc sich. Er sollte sich sowas mal wagen... Sie würde mit ihm durch die gesamte Klinik tanzen und das sicherlich nicht zum Vergnügen.

„Das stimmt doch gar nicht“, wehrte sich die Chirurgin sogleich gegen den Vorwurf. „Du weißt doch selbst, wie ältere Menschen sein können. Wir behandeln täglich welche und denen muss man manches auch mehrmals erklären oder aber sie erzählen einem Geschichten aus ihrem Leben.“

„Bei denen nur du begeistert zuhörst! Das ist alles schön und gut, Gretchen... Aber was, wenn wir uns auf ihn verlassen hätten und ich, in weiser Voraussicht, nicht die OPs abgegeben hätte?“, fragte Marc und ahnte nicht, welche Wendung dieses Gespräch gleich nehmen würde.

„Es gibt halt Menschen, die komplizierter sind als andere, Marc, und das weißt du auch“, warf Sebastian unterstützend ein.

„Wie auch immer“, sagte Marc und fuhr, ohne auf Sebastian einzugehen oder Mehdis vergnügtes Schmatzen wahrzunehmen, fort. „Wir müssen da eine Lösung finden. Langfristig. Es kann nicht sein, dass Sarah jedes Mal von A nach B gereicht wird und sie keine wirklichen Bezugspersonen hat. Heute Morgen war sie bei ihrer Oma, dann bei Thorben und bei mir. Jetzt ist sie wieder bei dir und irgendwann holt Thorben sie ab oder dein Vater nimmt sie mit, wenn ich nicht kann. Das funktioniert so nicht!“

„Du hast ja recht“, jammerte sie. „Vielleicht sollte ich mich einfach freistellen lassen bis Sarah in den Kindergarten geht.“

„Ich bitte dich! Das ist doch Schwachsinn. Du hörst nicht auf zu arbeiten!“

„Und wie soll das sonst klappen, Marc?“, ihre Stimme zitterte und Marc wusste genau, dass sie kurz vorm Heulen stand. Deswegen stand er auf, drückte Sebastian sein Kind auf den Arm, kniete sich vor Gretchen hin und nahm ihre Hände fest in seine. „Uns fällt da schon was ein, hm?“

„Marc! Das würde nur funktionieren, wenn wirklich immer einer von uns beiden da ist. Wie willst du das machen? Auch alle zwei Tage, wenn ich arbeiten bin, zu Hause bleiben und das Kind hüten?“, lachte sie unter Tränen, denn allein die Vorstellung, Marc könnte das Hausmütterchen spielen, war absolut lächerlich. Doch den Aufwind nahm er ihr gleich wieder, „Wenn es nicht anders geht, würde ich das sogar machen, Gretchen!“

„Ab... Bitte?“, er erstaunte sie immer wieder aufs Neue.

„Es geht hier nicht darum, OPs abzugreifen, die Vita aufzubessern oder ein Fellowship zu bekommen, Gretchen. Es geht hier um unsere Tochter verdammt.“, langsam ging es ihm wirklich gewaltig gegen den Strich, dass er von ihr nur auf seinen Job reduziert wurde. „Mir gefällt es einfach nicht, dass sie immer herumgereicht wird und wenn der eine nicht kann, dann wird eben der nächste gesucht, der eventuell Zeit hat. Stell dir doch mal vor, Thorben steht hier auf Station und drückt mir mein Kind in die Hand während ihr alle im OP seid und ein Notfall reinkommt... Was dann?“

„Warum nehmt ihr euch nicht einfach eine Tagesmutter?“, schlug Sebastian vor, „So muss keiner von euch aufhören zu arbeiten und die Kleine muss nicht immer durch die Gegend gereicht werden.“

„Ja, aber was das auch wieder kostet. Ich mein, die Taufe wird ja schon nicht billig und wenn ich dann noch an die Hochzeit denke. Also ich weiß ja wirklich nicht...“, stammelte die Blondine nachdenklich und brachte Marc beinahe zum Explodieren, „Sag mal, hast du vielleicht nen Riss im Schädel? Hasenzahn, dann bezahl ich das eben, wenn Herr Martens sich zu fein ist, dir da mal etwas finanziell unter die Arme zu greifen. Außerdem ist sie ja wohl meine Tochter!“

Liebevoll strich er ihr eine Haarsträhne hinters Ohr und musste sich am Riemen reißen, nicht auch noch ihre Tränen weg zu küssen.

„Du musst einfach mal aufhören, Thorben ständig zu verteidigen. Er kann sich erlauben, was er will. Was wäre, wenn ich jetzt nicht hier wäre? Wer würde dann auf Sarah aufpassen? Das funktioniert so einfach nicht. Er kann nicht seinen Beruf vor deinen stellen. Du rettest Menschenleben und er zockt die Leute reihenweise ab“, während er sprach, wurde er immer lauter. Ihn ärgerte es, dass Gretchen schon wieder darüber nachdachte, das Handtuch zu werfen.

„Können wir da bitte später drüber sprechen?“

„Gut! Sprechen wir da heute Abend zu Hause drüber.“

„Du meinst, wir sprechen bei mir darüber“, verbesserte sie Marc. Doch der grinste sie nur keck an.

„Was immer du meinst. Jetzt nimmst du dir den Rest des Tages frei. Bist ja schon wieder vollkommen durch den Wind.“

„Okay. Ich ziehe mich nur schnell um, dann hole ich Sarah und...“

„Nee, nee, nee meine Liebe“, unterbrach er sie schleunigst. „Du fährst allein nach Hause. Sarah bleibt bei mir. Nehm dir den heutigen Nachmittag einfach frei und lass mal ein bisschen die Seele baumeln. Du hast es echt nötig.“

„Genau“, schmatzte Mehdi. „Kannst ja Melanie fragen, was sie heute vorhatte. Ich hab Spätdienst und sie langweilt sich zu Hause bestimmt schon, weil Lilly heute Nachmittag bei Anna ist.“

„Siehst du? Da hast du auch schon deine Beschäftigung. Und jetzt hau ab“, flüsterte er ihr zu und drückte ihr nun doch einen Kuss auf die Stirn. „Bevor ich es mir noch anders überlege und dich in meinem Büro einsperre.“



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