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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 1.138 mal aufgerufen
 Die Challenges
Elaly Offline

Butterböhnchen:


Beiträge: 2.893

13.07.2013 01:37
Challenge 2: „Leinenhochzeit – was wäre wenn?“ Zitat · Antworten

Ihr Lieben,

auf, auf - möge die Challenge beginnen!

Thema:
„Leinenhochzeit – was wäre wenn“


Eine Challenge über einen „Was wäre wenn“-Moment, von der Leinenhochzeit.
Was wäre passiert, wenn Marc sich nicht Volllaufen lassen hätte, oder wenn Gretchen vielleicht auch weniger in Erinnerungen geschwelgt und die Gegenwart gelebt hätte?



Wortzahl:
± 2000 Worte ( d.h. keine 1000 Worte, aber auch nicht 3000 – sondern dazwischen)

Zeit:
14. Juli – 18. August bis 24 Uhr an mich per PN (Am Tag darauf werden die Autoren anonym von mir in Stellv. gepostet und im Anschluss darauf die Umfrage zur Bestimmung des Gewinners erstellt)

Zeitspanne, in der der OS stattfinden soll:
nur am Abend der Leinenhochzeit

Wortaufgabe:

-Schwesternschülerin
-Wettkampf/Wettlauf
-Zyniker
-Grabscher-Günni
-Defibrillator
-Happy Meal
-Buffet


Nachtrag:

Falls sich noch zu den momentanen (7?!) Teilnehmern welche dazu gesellen möchten, dann meldet euch einfach direkt im anderen Thread, in dem über diese Challenge gesprochen wurde.;)

Da die Mehrheit lieber nicht mehr als knapp ein halbes Dutzend Worte in die Challenge integrieren möchte, bitte keine weiteren Worte.

Musische Grüße
Ela

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Elaly Offline

Butterböhnchen:


Beiträge: 2.893

17.08.2013 23:58
#2 RE: Challenge 2: „Leinenhochzeit – was wäre wenn?“ Zitat · Antworten

Liebe Challenger,

nicht vergessen: Morgen ist Stichtag/Abgabefrist! Laut der aktuellen Anmeldungen aus dem Besprechungsthread fehlen noch 3 Challenger.

Nach der Frist werden wir dann wie bereits besprochen eure OS anonym nacheinander posten.Dann hat jeder der voten will Zeit in aller Ruhe die OS zu lesen. Wir werden deshalb, um vorab "Streitigkeiten" vorzubeugen, ein Paar Tage verstreichen lassen, und erst dann das Voting frei geben.Wir hoffen, ihr könnt mit dieser Regelung leben.

Desweiteren habe ich auch aufgrund eurer Anregungen aus dem letzten Jahr ein Bewertungs-Guide erstellt, an dem ihr euch gerne bei eurem Voting orientieren könnt.Ich werde es noch baldig in einem gesonderten Thread posten.


Musische Grüße
Ela

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Elaly Offline

Butterböhnchen:


Beiträge: 2.893

19.08.2013 00:19
#3 RE: Challenge 2: „Leinenhochzeit – was wäre wenn?“ Zitat · Antworten

*Kappelle tusch* Los gehts - Fight and battle!

Ihr Lieben,

es ist soweit - macht's euch gemütlich, fusioniert mit eurem Sitzapperat und erfreut euch an den OS!

Erst lesen - das voting wird später eröffnet!

Musische Grüße
Ela



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Autor 1


Während der ersten drei Tanzrunden kam es Gretchen so vor als würde alle Aufmerksamkeit auf sie und Marc gerichtet sein. Es schien ihr so als würden alle sie bewundern und sagen „Nach all den Jahren hat sie es endlich geschafft mit Marc Meier zu tanzen, sie ist so stark und selbstbewusst!“.
Doch wahrscheinlich lagen die ganzen Blicke, die auf sie gerichtet waren, nur an Marcs leuchtender David Hasselhoff Jacke. Denn woher sollten sie wissen das Gretchen seit 56 Songs, 4 Schuljahren und 12 Semestern Medizin auf diesen Tanz gewartet hatte. Aber in diesem Moment war es ihr eigentlich egal, sie war einfach nur überglücklich.
Als dann ihr Vater die Musik stoppte um das Buffet zu eröffnen, wäre sie am liebsten zu ihm gegangen und hätte ihm ordentlich die Meinung gegeigt von wegen : „Papa, wie kommst du nur auf die Idee gerade jetzt in diesem Moment, in dem ich endlich den Tanz habe auf den ich schon so lange warte. Mit dem Mann von dem ich in einem Baumarkt träume, dass er der Vater deiner Enkelkinder wird!“
Dann entschied sie sich doch lieber dagegen um nicht als völlig durchgeknall da zu stehen. Aber auch weil sich jetzt ihr Magen meldete und sie sonst ihren Vater an der Eröffnung des Buffets gehindert hätte.
„Also…“ fing er jetzt an „Noch einmal Herzlich willkommen auf unserer kleinen Feier! Ich und Bärbel freuen uns, dass ihr alle erschienen seid und wollten uns für die schönen Gastgeschenke bedanken! Nun denkt ihr bestimmt alle: Oha was redet der denn so lange ich will schnell an mein Essen. Denn das ist es ja womit man sich heutzutage den Bauch vollschlägt: mit Fastfood. Immer nur kurz zwischendurch einen Cheeseburger von McDonalds oder Burger King. Doch da unsere Hochzeit nun schon ein paar Jährchen her ist, servieren wir noch altmodisches Essen, für dessen Zubereitung viel Zeit aufgewendet wurde, wenn auch nicht von uns.“
Ein kurzes Gelächter ging durch den Raum und Gretchen fragte sich ob aus Mitleid oder ob sie das ganze Wirklich witzig fanden.
„So und damit eröffne ich nun das Buffet, Happy Meal!“
Ein klein wenig schämte sie sich für die Rede von ihrem Vater und wollte Marc einen entschuldigenden Blick zuwerfen, doch er stand gar nicht mehr neben ihr.
Jetzt musste sie sich entscheiden ob Marc suchen oder Buffet mit Schokoladenpudding und Tiramisu. Da fiel ihr die Entscheidung nicht schwer und sie machte sich auf den Weg um ihren Teller mit köstlichen Kalorienbomben zu füllen.
Am Buffet traf sie ihren Vater.
"Und Kälbchen, amüsierst du dich?"
Buffet und Marc was braucht Gretchen mehr um glücklich zu sein.
Deshalb antwortete sie mit einem breiten Lächeln.
"Ja Herr Professor, jedoch nicht zu stark, es wird also kein Defibrillator benötigt."
Ihr Vater lächelte zurück: "Willst du dich nicht zu uns setzen?"
"Nein!" antwortete Gretchens Gedankenstimme sofort, denn eigentlich sehnte sie sich danach neben Marc sitzen. Doch sie wollte ihren Vater auch nicht enttäuschen und sagte dann:
"Ja klar warum nicht." man konnte in ihrer Stimme jedoch leichte Verzweiflung raushören.
Ihr Vater bemerkte es mal wieder nicht und schleppte sie hinter sich her an seinen Tisch. Dort saßen der Pathologe, ein alter Freund aus Studien Zeiten und
"Oh Gott Grabscher-Günni" schoss es Gretchen raus während sie versuchte unauffällig von ihm wegzugucken.
"Was hast du gesagt?"
"Ach nichts nichts." sagte sie schnell, während sie ihren Blick mittlerweile auf den Boden gerichtet hatte.
"Na dann komm"
In Gedanken betete sie, dass sich ihr Vater den Platz neben Günni nahm.
Doch wieder einmal gab das Schicksal ihr einen Schlag in die Magengrube.
Gretchen war es ziemlich unangenehm nun ohne ihre Begleitung neben diesem Grabscher zu sitzen.
Sie suchte verzweifelt nach einer Ausrede um endlich hier wegzukommen und einer weiteren Grabschattacke von Günni auszuweichen. Währenddessen kaute sie auf einem sehr zähen Stück Fleisch rum und sah dabei eher weniger elegant aus.
Als sie schon kurz vorm verzweifeln war, kam ihr doch tatsächlich jemand zur Hilfe von dem sie es nicht erwartet hätte, auch wenn es von seiner Seite ungewollt war.
„Ich glaub, ich habe da gerade die teure, antike Vase, die du Mama zum Geburtstag geschenkt hast kaputt gemacht.“ flüsterte er ihr ins Ohr
„Oh Jochen, du Tollpatsch“ sagte Gretchen so dass es jeder am Tisch verstehen konnte, sprang auf und zog ihn um eine Ecke, so dass weder Günni noch ihr Vater sie sehen konnten.
Dann fiel sie ihm mit einem erleichtertem „Danke Jochen!“ um den Hals.
Dieser guckte sie verdattert an, eigentlich hatte er jetzt Beleidigungen und Schimpfwörter oder zumindest ein „Die Neue musst du bezahlen“ erwartet. Doch stattdessen fiel ihm seine Schwester in den Arm.
„Sag mal, bestehen die Scherben aus ultra leckerer Schokolade oder warum bist du mir so dankbar?“
Gretchen löste sich wieder. „ Achso, die habe ich aus dem 1 Euro laden da ich am 24. noch kein Geschenk hatte und weil Mama sich immer solche Mühe gibt, habe ich sie ihr etwas über dem Normalwert verkauft.“
Jochen war sogar ansatzweise beeindruckt von der Gerissenheit seiner Schwester.
Kurz bevor Gretchen sich aus dem Staub machte, sagte sie noch schnell „Du musst ihr aber trotzdem eine Neue kaufen.“ Und mit einem Schmunzeln fügte sie hinzu „viel Spaß der Laden hat mittlerweile dicht gemacht!“
Jetzt machte sie sich auf die Suche nach Marc, doch vorher holte sie sich noch schnell einen neuen Schokopudding, denn ihren hatte sie ja am Tisch ihres Vaters zurück gelassen.
Genüsslich löffelnd schlenderte sie durch das Haus, doch keine Spur von Marc. Dann führte sie ihre Suche im Garten weiter. Doch einen Wettlauf konnte sie mit ihrer Geschwindigkeit nicht gewinnen, denn wie das so ist, wenn deine Eltern eine Party feiern, überall spricht dich einer an und sagt so Dinge wie „Oh als ich dich das letzte Mal gesehen habe da warst du erst achtzehn und ganz schlank“ oder „ ich habe gehört, dass du deinen Doktortitel noch gar nicht hast. Ich hatte meinen ja schon mit 27!“ oft zu hören bekam sie auch die Frage“ Wo ist denn Peter?“ Teilweise war Gretchen den Tränen wieder nahe, doch der Gedanke, dass sie mi Marc Meier hier war, tröstete sie wieder. Doch nur bis sie ihre große Jugendliebe sah, in einer Ecke stehend und einer billig aussehenden ca. 24 jährigen Schwesternschülerin schöne Augen machend.
Lange dachte Gretchen nicht nach, bevor sie auf die beiden zuging.
„Was fällt dir eigentlich ein?! Du bist hier mit mir auf der Party und jetzt machst du hier irgendeine vollbusige Schlampe an?“
Marc guckte sie entsetzt an.
„Vielleicht hast du ja gedacht: Geh ich doch mit der naiven, dummen Gretchen auf die Party, stell sie irgendwo ab und suche mir dann irgendeine x-beliebige, billig aussehende, die dann mein Betthäschen spielt.“ Jetzt wandte sich Gretchen an die Frau „Hören sie mir gut zu, er ist ein ARSCH, ein gefühlskalter Arsch und Zyniker ist er noch dazu!“
Marc hatte sich währenddessen wieder gefangen. Mit einem entschuldigenden Blick legte er der Frau seine Hand auf den Rücken um sie so zum Gehen zu bewegen.
„Ich entschuldige vielmals. Manchmal, da rastet sie ein wenig aus. Vermutlich hat ihr irgendjemand den letzten Nachtisch vor der Nase weggeschnappt.“ Das ganze sagte er mit einem Lächeln, das Gretchen nur noch höher auf die Palme brachte.
Dann drehte er sich um.
„Sag mal tickst du noch ganz richtig!?! Befindet sich in deinem Kopf noch irgendetwas außer Luft?“
„Ja Entschuldigung, dass ich das ganze hier für ein Date gehalten habe! Ich wusste ja nicht, dass du es als Sprungbrett in ihr Bett verstanden hast!“
„Das war wohl eher ein Sprungbrett für meine Karriere, das du kaputt gemacht hast, weil du einfach nicht gemerkt hast, dass du zu fett dafür warst. Die Frau war eine Professorin, die mir ein Angebot für eine riesige Vorlesung machen wollte, aber das wird sie jetzt wohl nicht mehr machen!“
„Ich bin überhaupt nicht…. Moment hast du gerade Professorin gesagt.“ Ihr war das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.
„Ja natürlich! Aber du hast bestimmt gedacht, wenn der Meier erst mal besoffen ist, dann springt der auch mit ner alten Schrulle ins Bett. Doch das Bier ist alkoholfrei und somit besteht keine Gefahr! Trotzdem bedanke ich mich nochmal recht herzlich dafür, dass du mich davor bewahrt hast, eine riesen Aufstiegschance wahrzunehmen!“
Mit diesen Worten verabschiedete Marc sich und verließ die Feier.
Gretchen realisierte jetzt erst was sie getan hatte, sie hatte alles versaut. Einmal war Marc nett zu ihr, einmal war er an keiner anderen Frau interessiert. Ein einziges Mal in ihrem gesamten Leben und sie sah gleich Gespenster.
Die Tränen schossen ihr in die Augen.
Im Hintergrund packten ihre Eltern gerade die Geschenke aus, doch von all dem Trubel bekam Gretchen nichts mit. Sie war so sauer auf sich selbst, keine Ahnung wie sie das je wieder gut machen sollte. In ihrer Hand hielt sie immer noch den Pudding, den sie jetzt wieder anfing zu löffeln.
Vor ihr entdeckte sie die Professorin, doch jetzt sah sie in Gretchens Augen nicht mehr aus wie zwanzig, auch ihr Vorbau glich eher einer Hühnerbrust und zu alle dem hatte sie auch noch grau Haare, die platt an ihrem Kopf klebten.

Die Eifersucht macht einen blind. Durch sie wird eine Mücke zum Elefanten oder ein Gnom zur Prinzessin. Sie kann alles kaputt machen, egal wie standfest es ist. Aber so leicht es auch zu zerstören geht, es bleiben immer Trümmer. Diese wieder aufzubauen ist zwar zeitaufwendig doch es lohnt sich wenn man sofort damit anfängt, denn sonst zerfallen die Überreste immer weiter.
Mit einem entschlossenen Blick ging Gretchen auf die Professorin zu…


… und als Marc zu Hause angekommen war, erreichte ihn eine SMS:
„Morgen um 15:00h kommt Frau Desken ins Krankenhaus um mit dir den Termin zu besprechen.-Gretchen.“

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Autor 2


Hochhackige Schuhe waren eine Erfindung des Teufels, davon war Gretchen gerade überzeugt. Marc hatte sich für sein unfreiwilliges Im Mittelpunkt Stehen revanchiert, indem er beschlossen hatte, nach dem Motto "Ist der Ruf erst ruiniert.." zu agieren und den Platz an der Sonne der Aufmerksamkeit erst gar nicht wieder herzugeben. Weil Gretchen an dieser Ausgangslage ja Schuld war, wurde sie von ihm miteingespannt und so hatte sie die letzten Stunden mehr oder weniger durchgetanzt. Jetzt bekam sie gerade endlich ihre dringend nötige Pause, weil Marc sich was zu Trinken holen wollte und auf dem Rückweg von einem Kollegen ihres Vaters angesprochen worden war. Die Möglichkeit, sich sein Ego streicheln zu lassen ließ er sich natürlich nicht nehmen. Auch nicht das Kontakte knüpfen, wenn er schon mal da war. Im Wettlauf mit der Konkurrenz eben immer einen Schritt voraus. Selbst auf Partys, auf denen er rausstand wie ein wunder Daumen.

Nicht, das sie sich über die letzten Stunden beschwerte. Einmal mit Marc Meier zu tanzen hatte seit der Teenagerzeit sehr weit oben auf ihrer Wunschliste gestanden. Zusammen mit dem erfolgreichen Beenden einer Diät und Karten für ein Take That-Konzert.

"Margarete!", klang ihr die Stimme ihrer Mutter verschwörerisch von hinten ins Ohr, als sie sich gerade über eins der Häppchen am Buffet hermachte. Noch kauend drehte Gretchen sich um.

"Ja, Mama?"

"Ist der Herr Meier deine Begleitung?"

"Äh.."

"Ihr seht so schön zusammen aus!", verfiel Bärbel Haase gleich in höchste Verzückung.

"Mama, so ist das nicht.", versuchte Gretchen, ihre Mutter auf dem Boden der Tatsachen zu halten. "Er ist mein Chef."

Auch wenn sie wirklich kein Problem hätte, wäre er mehr als das. Trotz immer noch relativ frischer Trennung von Peter.

"Ach! Das war dein Vater auch, als ich noch Schwesternschülerin war. Also irgendwie jedenfalls. Wenn man sich liebt, ist sowas doch nicht wichtig!", winkte Bärbel ab.

"Mama!"

"Ich mein' ja nur! Du musst dich jetzt auf jeden Fall von deiner besten Seite zeigen."

"Marc sieht mich jeden Tag bei der Arbeit von allen Seiten und ich denke nicht, dass es eine gibt, die ihm besonders gefällt."

Mit diesem Satz brachte Gretchen sich selbst wieder auf den Boden der Tatsachen. Der ein deprimierender Ort war. Sie sah sich um. Marc war immer noch in ein Gespräch vertieft, also stellte sie ihren Teller ab und ging durch die Verandatür nach draußen, um wie schon vor ein paar Stunden einfach den Sternenhimmel zu betrachten.

~

"Also ich weiß nun wirklich nicht annähernd so viel über Märchen wie du es wahrscheinlich tust, aber normalerweise hinterlässt die scharfe Prinzessin doch wenigstens einen Schuh, damit man sie schneller finden kann, oder?"

Gretchen drehte sich um. Sie wusste nicht, wie lange sie draußen gewesen war, aber jetzt stand Marc zum zweiten Mal an diesem Abend hinter ihr. Dieses Mal ohne blinkende Lederjacke, aber mit einer Flasche Sekt, die er einladend hin und her schwenkte.

"Hast es auch ohne gut hingekriegt. Außerdem ist schon nach Mitternacht, da wird aus der schönen Prinzessin wieder das unscheinbare Aschenputtel. So hat es die gute Fee bestimmt. Schon fertig damit, dich bei Berlins Chefärzten vorstellig zu machen?"

"Für den Augenblick. Ich hab Professor Vollmer reinkommen sehen; den hatte ich in Anatomie an der Uni. Ich kann den nicht ausstehen."

"Aha. "

"Ist was?"

Was sollte sie darauf antworten? Dass ihr wieder schmerzlich bewusst geworden war, dass sie eben keine Prinzessin war, keinen Prinzen am Arm hatte oder ein Happyend in greifbarer Nähe, sondern eine 29-jährige Singlefrau, die wieder bei ihren Eltern wohnte? Das würde Marc alles nicht verstehen, oder höchstens falsch verstehen. Deswegen schüttelte sie nur den Kopf und versuchte ein kleines Lächeln. Marc sah sie noch einen Moment prüfend an, akzeptierte ihre Antwort dann aber kommentarlos.

"Lass uns was trinken!"

Er bedeutete ihr zu folgen und so saßen sie kurz darauf mitten im Garten und nahmen abwechselnd mehr oder weniger große Schlucke aus der Sektflasche. Während sie das taten, unterhielten sie sich über allerhand belanglose Dinge, doch irgendwann musste Gretchen die Frage stellen, die ihr im Kopf rumging, seit er vor ein paar Stunden aufgetaucht war.

"Wieso bist du hergekommen?"

"Wieso hast du mir erzählt, dass das hier ein Kostümfest wäre?", konterte Marc.

"Ich hab zuerst gefragt."

"Aber meine Frage ist wichtiger."

"Warum?"

"Na, weil's meine Frage ist und ich der einzige Depp im Kostüm hier bin."

"Ich..weiß nicht. Vielleicht wollte ich dich ärgern. Vielleicht dachte ich auch, dass es dir damit dann schon viel zu blöd ist, um noch weitere Fragen zu stellen. Wieso hast du angeboten mich zu begleiten?"

"Wolltest du etwa, dass dieser Grabscher-Günni dich begleitet?"

"Nein, natürlich nicht, aber könnte dir doch egal sein."

"Ich bin vielleicht ein Arsch, aber kein kompletter Mistsack. Der hat dich angefasst, das war dir unangenehm, also hab ich's unterbunden."

"Du kannst ja ein richtiger Kavalier sein."

"Erzähl das bloß nicht weiter, ich hab auch nen Ruf zu verlieren. Nachher erwarten die Leute noch, dass ich nett zu allen bin."

"Ja, du bist auch immer sehr nett zu mir.", lachte Gretchen.

"Ey, werd nicht zum Zyniker, ja? Sitz ich hier im Gras auf der Party deiner Eltern oder nicht?"

"Womit wir wieder bei meiner ersten Frage wären: Wieso bist du hergekommen?"

Marc nahm einen langen Schluck aus der Sektflasche und machte sich danach eine Zigarette an, um Zeit zu schinden. Schlußendlich zuckte er nur mit den Schultern.

"Vielleicht wollte ich einfach zu meinem Wort stehen."

Jetzt war es an Gretchen, ihn prüfend zu betrachten. Er hatte doch klar gemacht, dass es ein Scherz gewesen war. Marc sah in die Distanz.

"Gretchen, sag mal...findest du mich...naja...unreif?"

Da musste sie nicht lange überlegen.

"Ja. Also manchmal wenigstens. Du kannst beides sein. Sehr erwachsen, wenn die Situation es verlangt, aber auch so gar nicht, wenn es nicht sein muß. Ich find das auch nicht schlimm, wenn Menschen sich einen Rest Kindlichkeit aufbewahren, ganz im Gegenteil. Ich bin ja auch so, vielleicht deswegen."

Marc nickte nachdenklich und schien mit ihrer Antwort zufrieden zu sein.

"Wie kommst du denn eigentlich jetzt darauf?"

"Nicht so wichtig. Vergiß es.", wiegelte er ab. "Ich hab Hunger."

"Drinnen gibt's--"

"Nee, ich hab jetzt Bock auf Chicken Nuggets. Komm! Gehen wir zu McDonalds. Ich kauf ein happy meal, und wenn du brav bist, kriegst du das Spielzeug."

"Das ist die Hochzeitstagsparty meiner Eltern, ich kann nicht weg.", schüttelte Gretchen den Kopf und konnte selber nicht glauben, was sie da sagte.

"Na gut, dann eben später. Spaßbremse.", gab Marc nach. Er stellte die halbleere Flasche neben sich ins Gras, schnippte die Kippe weg, legte sich der Länge nach hin, die Arme hinter dem Nacken verschränkt, und beobachtete jetzt seinerseits den Nachthimmel. Gretchen saß im Schneidersitz daneben, genoß einfach die Stille und das sie miteinander schweigen konnten, ohne dass der Drang, ein gezwungenes Gespräch zu führen auftrat. Jedenfalls bis Marc sich plötzlich wieder aufsetzte.

"Ich hab' nen Plan. Ich geh schiffen und du gehst aufs Damenklo und organisierst so viel Klopapier, wie du finden kannst."

"Was für ein Plan soll das sein? Hast du ein Inkontinenzproblem, von dem keiner weiß?"

"Ha!" ,machte Marc mit nicht amüsiertem Gesicht. "Der war gar nicht so übel, Hasenzahn. Nein, hab ich nicht. Tu's einfach. Ich erklär's dir dann gleich. Wir treffen uns auf dem Parkplatz."

Er sprang auf die Beine und reichte ihr die Hand, um sie auch hochzuziehen. Langsam gingen sie zurück zum Festhaus, wobei Marc ihr auftrug, dass sie das Klopapier aus dem Fenster werfen sollte, weil es vielleicht doch auffallen könnte, wenn sie bis oben beladen versuchte, an der Klofrau vorbeizukommen.

Gretchen stieg immer noch nicht durch, was das eigentlich sollte. Aber dieser verschlagen guckende Marc, der jetzt schon vor lauter Schadenfreude die Grübchen zeigte, gefiel ihr zu gut, als dass sie nein sagen konnte. Sie beschloß also, nicht weiter alles in Frage zu stellen und zu grübeln, sondern einfach mitzumachen. Auf der Damentoilette angekommen, stellte sie sich erstmal vor den Spiegel und sondierte die Lage. Sie war momentan tatsächlich alleine drin, weswegen sie sich gleich dranmachte, ihren Auftrag zu erfüllen. Das Fenster wurde aufgemacht und dann flogen kurz hintereinander zwei, drei...fünf Rollen Toilettenpapier raus. Weil das mehr Spaß machte als sie gedacht hatte, legte Gretchen als Bonus noch gute zwei Hände voll Einmalhandtücher aus dem Spender an der Wand drauf, hübsch zusammengeknäult. Dann machte sie sich aber schleunigst aus dem Staub. Sie schaffte es sogar, der Klofrau freundlich zuzunicken und ein "Da fehlt Papier" loszuwerden, was die Schuld hoffentlich von ihr lenken würde. In einen verdächtig schnellen Schritt verfiel sie erst, nachdem sie von der nicht mehr gesehen werden konnte.

Auf dem Parkplatz angekommen, sah sie sich um. Marc stand bei seinem Wagen, in den er seine Lederjacke gelegt hatte, das Klopapier plus dem, was er erbeutet hatte, auf dem geschlossenen Verdeck. Gretchen eilte zu ihm rüber.

"Und was machen wir jetzt damit?"

"Jetzt...wickeln wir die Karre von Vollmer, dem Vollidioten ein.", erklärte Marc nonchalant.

"Was? Das...also...wenn uns einer erwischt!"

"Dann beeilen wir uns eben, komm!"

Marc drückte ihr die Hälfte des Klopapiers in den einen Arm und zog sie, nachdem er sich den Rest gegriffen hatte, an der anderen Hand zu einem gepflegten Mercedes.

"Und wenn das aber gar nicht sein Wagen ist?", wisperte Gretchen.

"Ist es. Erstens hatte ich grade Kippen aus meinem Auto geholt, als er angekommen ist und zweitens passt auch das Kennzeichen: GV. Gisbert Vollmer."

Nachdem er sich nochmal umgeschaut hatte, ob die Luft für den Moment wirklich rein war, legte Marc seine Ausrüstung auf den Boden und nahm auch Gretchen das Toilettenpapier bis auf eine Rolle ab.

"Du hältst fest und passt auf, dass keiner kommt. Ich wickle."

Bevor sie irgendwas sagen konnte, lachte er sie nochmal frech an, knibbelte die ersten beiden Blätter ab und fing dann an, rückwärts um den Wagen zu laufen, wobei sich die Rolle abwickelte. Gretchen sah hektisch immer wieder von einer Seite zur anderen und zurück. Sie steckte von beiden Seiten ihre Zeigefinger in die Papprolle, damit sich nichts verhakte oder riß. Was sie da gerade machten, war absolut sinnfrei, völlig kindisch und..total aufregend. Schon als sich die erste Rolle dem Ende neigte, schnappte sie sich die zweite und machte sie einsatzbereit, bevor Marc sie überhaupt erst dazu auffordern musste. So ging es munter weiter. Marc lief immer wieder um den Mercedes und verzierte ihn mit einer Lage nach der anderen. Er lachte immer wieder leise vor sich hin und schien einen Heidenspaß zu haben.

"Ich will auch mal!", drängelte Gretchen im lauten Flüsterton, als sich auch Klopapierrolle sechs fast komplett abgewickelt hatte. Marc zeigte nicht, ob er sie gehört hatte, aber als die Rolle verbraucht war, kam er neben sie gelaufen, nahm sich eine weitere und blieb stehen.

"Na dann hoppel mal los, Hasenzahn!", zwinkerte er ihr zu. "Aber zieh die Schuhe aus, die klackern sonst so laut und ich hab auch keinen Bock, dass du dir beim Hinfallen den Knöchel brichst."

Gretchen hätte gerne widersprochen, aber es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass sie sich beim Geradeausgehen auf die Nase legte, also nickte sie nur und stieg aus ihren Pumps. Es war eine Wohltat, aus den engen high-heels rauszukommen; sie wackelte genußvoll mit den Zehen und fragte sich, warum sie die Schuhe nicht schon früher losgeworden war. Nach diesem einen kurzen Genießen schnappte sie sich aber schnell das Ende des Klopapiers und fing an, genau wie Marc zuvor immer wieder um den Wagen zu flitzen. Es war tatsächlich ein Heidenspaß und sie musste sich beherrschen, ihr Kichern leise zu halten. Marc ließ sie die restlichen Rollen verbrauchen und zusammen klemmten sie danach noch die Papiertücher unter, wo immer Platz dafür war. Als alles am Wagen war und es nichts mehr gab, um ihn weiter zu verzieren, war das irgendwie fast ein trauriger Moment, fand Gretchen. Marc trat zwei Schritte zurück und besah sich das Gesamtwerk. Mit einem fetten Grinsen zog er sein Handy aus der Hosentasche und fing an, Bilder zu knipsen.

"Ist richtig gut geworden!", meinte er anerkennend.

Gretchen wollte auch mal gucken und bückte sich nach ihren Schuhen, wobei sie sich mit einer Hand auf der Motorhaube abstützte. Als sie sich wieder davon abdrückte, passierte es: Der Autoalarm ging los. Erschreckt sah sie mit großen Augen zu Marc, während die Scheinwerfer flackerten und ein sirenenartiges Geräusch die Stille erfüllte. Er sah genauso überrascht aus wie sie sich fühlte, aber im Gegensatz zu ihr schien er nicht zur Salzsäule erstarrt zu sein.

"Scheiße! Schnell weg hier!", zischte er, schnappte sich Gretchen am Handgelenk und rannte los, sie hinter sich herziehend. Sie liefen über den gesamten Parkplatz bis zum nächsten Häusereingang, in den Marc sie reinzerrte und gegen die Wand drückte. Vorsichtig schaute er um die Ecke, ob schon jemand zu Vollmers Auto gelaufen war und sie eventuell auf der Flucht hatte sehen können. Der Wagen machte immer noch laute Geräusche und erleuchtete seine nähere Umgebung mit dem Flackerlicht. Marc schüttelte, noch ein wenig keuchend, den Kopf.

"Hasenzahn...du bist vielleicht ne Marke.."

Dann lachte er los. Es löste Gretchen, die bisher nur stumm und blinzelnd dagestanden hatte, aus ihrer Starre und so fiel sie bald mit ein in sein Gelächter. Sowas, wie dass der Alarm ausgelöst wurde durch bloßes Anfassen der Motorhaube, konnte auch nur ihr passieren. Während sich ihre Schultern vor Lachen hoben und senkten, schloss sie die Augen und schüttelte den Kopf über ihre eigene Tollpatschigkeit. Als sie sie wieder öffnete, landete ihr Blick genau auf dem von Marc. Er lachte nicht mehr, vielmehr rutschte ihm sein Lächeln gänzlich aus dem Gesicht und er sah sie nur an. Von ihren Augen runter zu ihren Lippen zurück zu ihren Augen und dabei schluckte er so schwer, dass Gretchen selbst im wenigen Licht, das auf sie beiden von der Straße aus traf, sehen konnte wie sich seine Kiefer kurz anspannten. Sein ernster Blick und das plötzliche Auftreten von Spannung zwischen ihnen als sie auf einmal bemerkte, wie eng sie eigentlich beieinanderstanden, ließ auch ihr Lachen verstummen. Still verharrte sie in ihrer Position und sah ihn an. Mit wahnsinnig klopfendem Herzen, und das nicht nur, weil sie gerannt war und keine Kondition besaß. Marc, ob nun unbewußt oder nicht, fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen um sie zu befeuchten und Gretchen hoffte, dass er einen Defibrillator im Kofferraum hatte, denn sie stand kurz vor dem Kammerflimmern, als sein Kopf langsam ihrem näher kam. Ganz ohne dass ihr Gehirn den Befehl dazu erteilt hätte, schlossen sich ihre Augen wieder. Sie konnte seinen warmen Atem auf ihrer Wange spüren und hob leicht das Kinn in Erwartung des ersten richtigen Kusses von Marc Meier.

Nur, dass der nicht kam. Stattdessen erklang eine wütende Stimme aus der Distanz, die sogar noch den Autoalarm in ihrer Lautstärke übertönte.
"Verdammte Halbstarke!"

Professor Vollmer hatte offensichtlich seinen Wagen entdeckt und mit seinem Gebrüll rächte er sich unwissend an ihnen, weil er damit den Moment kaputtmachte. Gretchen schlug die Augen auf, als sie spürte, wie sich Marc wieder von ihr entfernte.

"Ich..äh..ich sollte dann auch mal..morgen ist Dienst..", stammelte er und fuhr sich nervös durch die Haare. Gretchen sah Richtung Boden, um sich ihre Enttäuschung nicht vom Gesicht ablesen lassen zu können, und nickte heftig.

"Ja...ist auch schon spät und.."

"Genau! Spät... Soll ich dich noch zurückbegleiten?"

"Nein, laß mal."

"Okay, dann...äh ja. Gut' Nacht."

Mit einem letzten kurzen Nicken drehte Marc sich abrupt um und machte, dass er wegkam.
"Gute Nacht.", flüsterte Gretchen ihm hinterher. Sie blieb noch eine Weile so stehen, wie sie war und trat dann langsam den Weg zurück an. Als sie am Parkplatz vorbeikam, war sowohl Marcs BMW als auch Professor Vollmers Mercedes schon weg. Nur ein ziemlich großer Haufen abgerissenes, zusammengeknülltes Toilettenpapier lag noch da, wo der Wagen gestanden hatte.

Sie wußte nicht genau, warum sie traurig war. Im Grunde passte die Tatsache, dass er sie nicht geküsst hatte, doch fabelhaft zu Aschenputtel. Direkt nach dem Ball war die auch alleine dagestanden. Außerdem war es doch viel besser so. Der Moment, den sie gehabt hatten, war zu weit von der Realität entrückt gewesen, als das irgendetwas anderes hätte daraus entstehen können als Sehnsucht nach einem vergangenen Augenblick, den es wohl nie wieder geben würde.

Es dauerte noch eine gute Stunde, bis die letzten Gäste aufbrachen und Gretchen, die zusammen mit ihren Eltern fuhr, endlich auch nach Hause kam. Franz und Bärbel hatten beide die Arme voll mit kleinen und größeren Hochzeitstagsgeschenken und so war es an Gretchen vorzugehen und aufzusperren.

"Also, was soll das denn?", empörte sich Bärbel. "Jetzt schmeißen die Leute einem ihren Müll schon vor die Haustüre! Gretchen, ich hab die Hände voll, kannst du mal.."

Gretchen sah sich um, bückte sich nach der Papiertüte mit den weltberühmten Goldbögen in Form eines M, die neben dem Fußabtreter stand und die sie gar nicht gesehen hatte und trug sie in die Küche. Den Mülleimerdeckel hatte sie schon geöffnet, als sie bemerkte, dass das Wort Hasenzahn mit Kuli draufgekritzelt war. Schnell öffnete sie die Tüte und zog eine kleinen Plastikbeutel sowie eine Serviette, die ebenso kugelschreiberbeschriftet war, heraus.

'Vergiß die gute Fee. Die kann sowieso nichts. Hör lieber auf mich!'

Sie drückte die Papierserviette gegen ihre Brust und öffnete die andere Hand, die sie um den kleinen Plastikbeutel geschlossen hatte. Es war eins dieser Spielzeuge, wie man sie bei McDonalds zu jedem Kindermenü aussuchen durfte. Irgendwas glitzerndes. Vorsichtig legte Gretchen ihre Serviette mit der Botschaft von Marc ab und riß das Plastik auf. Dann musste sie breit lächeln.

Es war ein Prinzessinnendiadem.

ENDE

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Autor 3



Das hier fühlte sich an wie ein langer, intensiver, wunderschöner Traum und was das Feeling so einzigartig machte, er war diesmal wahr geworden. Dieser Abend hätte wünschenswerter nicht verlaufen können. Abgerundet wurde er dadurch, dass gerade ‚Time after Time‘ anspielte, den Song, auf den sie so oft heulend im Bett gelegen hatte und tonnenweise Schokolade in sich hinein hatte stopfen müssen, weil Marc wieder grausam an ihrem Herzen herumgezerrt hatte, als sei es aus Knetgummi.
Heute Nacht war alles anders und auf gewisse Weise schloss sich dadurch der Kreis. Marc Meier tanzte mit ihr und das nun nicht seit ein, zwei Liedern, er tat es bereits den ganzen Abend lang. Schade nur, dass er gerade bei diesem Song nicht zugegen war, hatte sie sich zu dem Zweck, sie beide mit einem Drink zu erfrischen, schweren Herzens von ihm gelöst. An das Buffet war sie bisher nicht einmal gegangen, war an Essen gar nicht zu denken, so sehr hatten die Tänze sie eingenommen. Das war im Prinzip die beste Diät der Welt. Das Hungergefühl war gestillt von lauter Schmetterlingen im Bauch. Sie konnte nicht anders, als in sich hinein zu lächeln, während sie die beiden hohen Gläser, die vor ihr standen mit Sekt auffüllte. Marc Meier tanzte mit ihr… wollte mit ihr tanzen. Gerade als sie diesem Gedanken noch mit vollkommener Genugtuung nachhing, legte sich eine Hand um ihre rot bekleidete, mit Raffungen verzierte Taille und dem forschen, aber dennoch verführerisch weichen Griff nach- streichelte dabei sein Daumen ihre Seite auf und ab- handelte es sich hierbei nicht um Grabscher-Günni. Ihr Herz machte einen kurzen, aber so gefährlichen Aussetzer, dass sie befürchtete, gleich einen Defibrillator zu brauchen. Glücklicherweise waren hier genügend Ärzte anwesend.

„Du, Gretchen…“, flüsterte es an ihr Ohr und sie bemerkte mit mildem Entsetzen, wie sich dabei eine gut sichtbare Gänsehaut über ihrem ganzen Körper ausbreitete. Obwohl er ihr doch schon seit Stunden auf der Tanzfläche immer wieder ebenso nahe gewesen war, wie er nun bei ihr stand, lösten diese Berührungen gepaart mit seiner Stimmlage vollkommen neuartige Gefühle in ihr aus.
„Weißt du, was ich grade so dachte? Ich war noch nie in deinem Zimmer.“ Ach du gute Güte… Er wollte in ihr Zimmer. Mit ihr. Alleine?! Was für eine schwachsinnige Frage, Gretchen, natürlich alleine, wen sollten sie denn sonst noch mitnehmen, Jochen?! Sie wusste ja selbst um den Fakt, dass sie in diesem Kleid nicht gerade bieder wie eine Schwesternschülerin wirken musste, aber dass sie so gut war, dass sich Mr. Gigolo höchstpersönlich davon angelockt in der Venusfliegenfalle verfing, damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Hektisch drehte sie sich zu ihm um. Blut war ihr in die Wangen geschossen und glühte nun mit ihrem Kleid um die Wette.
Er schmunzelte ihr charmant und doch eine Spur ungeduldig entgegen. Immerhin war sie ihm die Antwort bisher schuldig geblieben.
„Ja…“, fand sie ihre Stimme schließlich wieder, für ihren eigenen Geschmack eine Spur zu krächzend und belegt. Ein Räuspern folgte also. Und ein fast unmerkliches Augenrollen seinerseits für ihre fadenscheinige Methode, Zeit zu schinden. Sein ohnehin schon stets dünn gespannter Faden der Geduld riss in dem Augenblick, als sie weitere undefinierbare Laute folgen ließ.
„Ja? Na fein, dann auf jetzt“, wurde sie einfach am Handgelenk gepackt und mit die Treppe hinauf geschleift. Vor Schreck verschluckte sie sich an ihrer eigenen Spucke und erlag noch im Stechschritt, zu dem er sie anhielt, einem ausgewachsenen Hustenanfall. Sehr unsexy.
„Alles in Ordnung?“, verlangte er zu wissen, ohne sich wirklich zu mehr als einem flüchtigen Blick umzudrehen, geschweige denn das Erklimmen der Treppenstufen zu unterbrechen.
„Ja. Ja, aber sicher doch“, nuschelte sie verlegen und schickte noch einen letzten Blick die Treppe hinab. Ihr Vater war glücklicherweise ins Gespräch vertieft und auch sonst schien niemand etwas von ihrem Abgang mitzubekommen- niemand außer ihrer Mutter, die beide Daumen in die Höhe hob und ihnen begeistert hinterher grinste. Falls es überhaupt möglich war, errötete sie noch ein wenig mehr. Ihre Mutter war doch wirklich unmöglich!

„Welches ist…“, setzte Marc noch an, als er ein Türschild bemerkte, auf dem aus lila und pinken Buchstaben ‚Margarete‘ zusammengeschnörkelt stand, womit sich die Frage, hinter welcher der weißen Türen mit den geschwungenen Griffen sich das Zimmer seiner Assistenzärztin befand, eindeutig erübrigte.
Das war der Augenblick, in dem ihm klar wurde, dass er sich soeben selbst eingeladen hatte, die quietschbunte Mädchenhölle des rosaroten Todes zu betreten. Warum hatte er bisher noch keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, was ihn hier erwarten würde? Das großzügig-üppige Dekolletee der drallen Blondine war eindeutig Schuld daran, es hatte seinen Verstand in andere Körperregionen rutschen lassen und nun hatte er den Salat.
„Ja… hier ist mein Zimmer“, räusperte sich Gretchen, der Peinlichkeit offensichtlich nicht mehr stand haltend, weswegen sie selbst die Klinke in die Hand nahm, um das Tor zu Candyland aufzustoßen.
Es war noch viel, viel schlimmer, als er es erwartet hatte.
Nicht nur, dass einfach alles Rosa war –nichts gegen rosa, diese Farbe konnte auch einen heterosexuellen Mann gut kombiniert und richtig eingesetzt ausgezeichnet kleiden, aber sich die Wände damit zu streichen?- es schrie aus jeder Nische, jedem Regal und jeder Ecke penetrant ‚Kitsch!‘ und… waren das Wendy-Poster an den Wänden? Ernsthaft? Wendy? Er hatte sich nie groß für die Themen der Mädchen auf dem Schulhof interessiert und war sich doch ziemlich sicher, dass das schon im Alter von zwölf Jahren bei den meisten von ihnen out gewesen war.
Gretchen schien seinen entsetzt-entgeisterten Gesichtsausdruck durchaus zu bemerken und wurde zunehmend verlegener. Während der junge Oberarzt mit tellergroß aufgerissenen Augen seinen Blick schweifen lief, trat sie an eines der Dekoregale heran, um zumindest ihre Hello Kitty-Sammlung aus dem Happy Meal einigermaßen zu verdecken. Das Ganze war bereits peinlich genug. Und er brauchte einen Augenblick, seine Sprache wiederzufinden.
„Ich wusste nicht, dass es tatsächlich Frauen auf dieser Welt gibt, die freiwillig so leben“, sprach er nicht ohne Wehmut in der Stimme, die aufgekommen war, als ihm klar wurde, dass er auf Cinderella-Bettwäsche, beobachtet von Plüschtieren und Plastikponys keinen Sex würde haben können. Dabei verriet ihm auch nur ein kurzer Blick auf seine beschämt drein starrende Assistenzärztin, warum er darauf so ausgesprochen viel Lust gehabt hatte.
„Tja, Marc, selbst ein so überdurchschnittlich intelligenter Mensch wie du kann scheinbar immer noch dazu lernen.“
„Offensichtlich kann er das“, erwiderte Marc und freute sich insgeheim diebisch, als ihr Schnaufen verriet, wie sehr sie aufregte, dass er mal wieder tat, als nehme er ihren Sarkasmus für bare Münze.
„Nun setz dich schon!“, fauchte sie, ihn in Richtung ihres Bettes drückend.
„Oho… gleich aufs Bett also?! Ich hätte ja nicht gedacht, dass gerade du eine von der schnellen Sorte bist“, foppte er sie weiterhin und ließ sich auf die plüschig-weiche Bettdecke sinken. Der feine Rotton, der ihre Wangen schon seit Betreten des Raumes überzogen hatte, nahm aufregend intensive Nuancen an.
„Ich… geh mich kurz frisch machen!“, stieß sie gequält hervor und verließ ihr Zimmer, nicht ohne heftig die Tür ins Schloss knallen zu lassen.

Sie war dermaßen dämlich. So, so, SO verdammt dämlich! Wie hatte sie nur auf seinen Vorschlag eingehen können, ihr Zimmer zu besichtigen? Wobei, ließ sie das Revue passieren, klang es nach einem durchaus lächerlichen Gedanken, dass er sie an diesem Abend aus dem Geschehen riss, nur um ihr Zimmer zu besichtigen. Männer wie Marc Meier übten solche Handlungen ganz sicher nicht frei von Hintergedanken aus.
Meine Güte! Was, wenn dem so war? Gerade fühlte sie sich wieder wie ein Teenager, der den unglaublich gutaussehenden und gleichsam gefährlichen, weil unberechenbaren Schulschwarm zu sich nach Hause eingeladen hatte, um Mathe zu lernen, nur um hinterher festzustellen, dass er in der Hoffnung auf einen anderen Ausgang des Abends nicht einmal seine Formelsammlung dabei hatte.
Das Herz schlug ihr bei diesem Gedanken bis zum Hals. Sex mit Marc also… Sex mit Marc, wiederholte sie diese Phrase wie ein Mantra in ihrem Kopf und je häufiger sie das tat, desto mehr befand sie, dass das so übel doch gar nicht klang. Vor allem aber nicht abwegig. War ja nicht so, als hätte sie nicht schon unzählige Male davon geträumt. Nur lagen zwischen Traum und Realität noch immer Welten. Nicht zuletzt, weil er ihr Oberarzt war. Sie hatte sich doch so fest vorgenommen, hier in Berlin ein neues Leben anzufangen. Eines, in dem sie eine erfolgreiche Ärztin werden würde und erfolgreiche Ärztinnen schliefen nicht mit ihren Vorgesetzten. Abgesehen vielleicht von Meredith Grey, aber wie viel Realitätsbezug man dieser Serie noch zusprechen konnte, betrachtete man die vollkommen abwegigen medizinischen Fälle, war fraglich.
Was dachte sie sich da überhaupt? Alles, was sie bisher an Intimitäten ausgetauscht hatten, war ein wenig Dirty Dancing gewesen und selbst in dieser Disziplin hätte sie mit Baby und Johnny nicht in den Wettkampf treten wollen. Sie hatten sich bisher nicht einmal geküsst und sie dachte über potenziellen Sex nach? Das war dermaßen abwegig.
Noch dazu wusste sie nicht um die Beziehungstauglichkeit dieses Mannes. Vermutlich war sie gar nicht erst vorhanden. Sie musste das also ganz schnell vergessen. Sex ohne Liebe, so etwas gab es nicht bei Gretchen Haase, da konnte er noch so verführerisch ihren Namen gegen ihr Ohr wispern. Sie war eine anständige Frau und sie hatte ihre Prinzipien!

Nur zwei Türen von der in ihrem moralischen Zwiespalt gefangenen Ärztin in Spe getrennt hatte sich Marc aus den plüschigen Laken erhoben. Offensichtlich brauchte Hasenzahn einen Augenblick, um sich zu akklimatisieren. Verwunderlich fand der junge Chirurg das nicht weiter, hatte sich vermutlich noch nie so viel Testosteron in diesem Zimmer befunden wie gerade jetzt. Inzwischen hatte er die pinke Reizüberflutung einigermaßen verdaut, also gelang ihm nun wieder, so etwas wie Amüsement zu empfinden.
Zunächst einmal streifte er die Lederjacke ab, in der ihm nicht nur langsam zu warm wurde, sondern die aufgrund der batteriebetriebenen Lichtinstallation auch begann, deutlich schwerer als jedes übliche Kleidungsstück auf seinen Schultern zu lasten. Als er diese über ihren Schreibtischstuhl legte, streifte sein Blick die Pinnwand, an der vereinzelte Fotos von ihr und Freundinnen hingen, eine Geburtstagskarte, verblichene Konzerttickets… er ließ seine Augen weiter schweifen, bis sie schließlich interessiert an einem auffallend schlicht wirkenden Pappkarton hängen blieben, der auf ihrem Kleiderschrank stand. ‚Finger weg, Jochen!‘, stand mit so großen Lettern darauf geschrieben, dass er diese problemlos auch aus gewisser Entfernung entziffern konnte. Ein Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus und zog bis in seine Grübchen. Von umgekehrter Psychologie hatte sie offensichtlich noch nie etwas gehört. An den Schrank heran tretend, fischte er den Karton ohne große Mühe dort hinunter. Eigentlich hatte er eine dicke Staubschicht darauf vermutet, wie sie auf Gegenständen, die man achtlos auf Schränke schob, zumeist zu finden war. Doch entweder war Gretchen außerordentlich penibel, was das Staubwischen betraf, oder aber, sie war kürzlich erst selbst an diesem Karton gewesen. Interessiert hob Marc nun den Deckel ab und sollte nicht schlecht über das staunen, was dieser verborgen gehalten hatte.

Gretchen gönnte sich einen tiefen Atemzug frische, nicht von seinem allzu verführerisch duftenden Aftershave erfüllte Luft, ehe sie ihre Zimmertür wieder öffnete. „Marc“, setzte sie zu ihrem zurechtgelegten Satz an. „Du hattest deinen Spaß, aber nun sollten wir wieder…“, sie unterbrach sich selbst, als sie feststellte, dass ihr Oberarzt sie – wie so häufig- einfach nicht beachtete. Diesmal jedoch schien seine Ignoranz einen Grund zu haben. Noch bevor sie sich um diesen Grund scheren konnte, musste sie feststellen, dass er seine Lederjacke nicht mehr trug. Ein Fakt, der ihr gar nicht gefiel, denn als er noch die alberne Kostümierung zur Schau getragen hatte, war es nicht ganz so beschämend gewesen, diesen viel zu coolen, attraktiven Mann in ihrem Kleinmädchenzimmer sitzen zu haben. Nun war ihr die freie Sicht auf seine sehnigen, muskulösen Arme gewährt und das war für ihr streng beschlossenes Vorhaben, der Versuchung um jeden Preis zu widerstehen, mehr als hinderlich. Als sie den Blick allerdings besagte Arme hinauf schweifen ließ und ihr klar wurde, was er dort in seinen Händen hielt und so hochkonzentriert in Augenschein nahm, stieg blanke Panik in ihr auf, die jeden erotischen Gedanken verfliegen ließ.
„Marc!“, hechtete sie an ihr Bett heran, um ihm das sauber beschnörkelte Schriftstück aus den Händen zu reißen, doch obgleich er sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht beachtet hatte, war er trotzdem schnell genug, ihr auszuweichen. Ein Grinsen hatte sich über Marcs gesamte Mimik gelegt und nun entfloh dem Oberarzt ein Glucksen, als er unbeirrt weiterlas. Am liebsten wäre die hübsche Blondine in diesem Moment im Erdboden versunken und niemals wieder aufgetaucht. Der Inhalt des Schuhkartons, den sie kürzlich vom Dachboden geholt hatte, um eine kleine Reise in die Vergangenheit anzutreten, lag auf ihrem Bett verstreut. Fünfundvierzig Liebesbriefe, allesamt adressiert an Marc Meier, waren dort in ihrer ganzen Pracht ausgebreitet und der, an den sie wohlweißlich niemals verschickt worden waren, las gerade in einem davon.
„An dir ist ja ein richtiger Poet verloren gegangen…“, lachte er ungeniert über eine soeben gelesene Textzeile. „Ich bin hier und du bist dort. Einer von uns ist am falschen Ort“. Gretchen spürte, wie ihr die Röte bis in die Haarspitzen zog und zornig entriss sie ihm das Papier.
„Hör sofort auf, das zu lesen!“, fauchte sie. Wieso nur hatte sie zu allem Übel auch noch versucht, Gedichte zu verfassen?!
„Warte… mein Favorit ist der hier…“, griff Marc zu einem lavendelfarbenen Blatt Papier mit aufgeklebten Stickerherzen. „Im Garten der Sehnsucht hab‘ ich mich verirrt. Für mich war es Liebe, für dich nur ein Flirt.“ Das ‚Flirt‘ am Ende des Satzes betonte er deutsch, sodass es sich auf das ‚verirrt‘ reimte, dann erlag er einem ausgewachsenen Lachanfall.
Gretchen ließ sich ungelenk neben ihrem Oberarzt aufs Bett plumpsen und wartete ungeduldig darauf, dass der sich vor Lachen ausschüttelnde junge Mann sich wieder in den Griff bekam.
„Wie schön, dass es dich so über alle Maßen amüsiert, in meine Intimsphäre einzudringen!“, warf sie ihm vor und nutzte dabei die günstige Gelegenheit, um die Briefe in den Karton zurückzubefördern. Er wischte sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln und betrachtete sie breit grinsend.
„Das würde mich sicher mehr als nur amüsieren“, ließ er ein winziges Augenzwinkern folgen.
Sie schnaufte angestrengt. Der Gipfel der Peinlichkeit war vor ein paar Minuten bereits erreicht worden, sodass nicht einmal die Doppeldeutigkeit ihrer Aussage sie noch wirklich zu beschämen wusste. Seine Antwort allerdings verursachte ein mehr als unpassendes Kribbeln, ein Stück tiefer als in ihrer Magengegend.
Als sie gerade, einen Moment des Schweigens später dazu ansetzen wollte, ihm für diese Aktion noch einmal ordentlich die Meinung zu geigen, kam er ihr zuvor.
„Also dass du in mich verknallt warst, war ja bis über die Grenzen von Berlin hinaus bekannt, Hasenzahn“, fiel er ihr ins Wort, noch ehe sie richtig beginnen konnte, zu sprechen. Eine Aussage, für die sie ihn nun erbost anfunkelte. Hatte er noch zwei Wochen zuvor in seinem Büro nicht noch getan, als würde ihn total überraschen, dass sie mal auf ihn gestanden hatte?! Mistkerl!
„Aber, dass du offensichtlich richtiggehend besessen von mir warst, das war mir nicht bewusst.“

Er beobachtete, wie Gretchen ihren Mund vor Empörung aufsperrte, aber tonlos wieder schloss. Sie wirkte dabei wie ein Fisch. Ein süßer Fisch mit ungesunder Gesichtsfarbe. Wären Fische nicht kaltblütig würde dieser Vergleich auch nicht ganz so sehr hinken, stellte er fest.
Gerade, als er sie so ansah, musste er sich eingestehen, dass selbst der größte Zyniker es nicht schaffen würde, diesem Szenario hier nicht etwas durch und durch Liebenswertes abzugewinnen.
„Im Nachhinein betrachtet ist das sogar ganz niedlich“, ließ er fallen, als würde er noch immer sinnieren. „Immerhin hast du guten Geschmack bewiesen. Also, was die Männerwahl betrifft, nicht die des Briefpapiers oder der Reimschemata.“
Wieder schnappte sie nach Luft, diesmal jedoch erfolgreich gekrönt von Worten. „Wie kann man nur dermaßen selbstgefällig sein! Ich weiß überhaupt nicht, warum ich… ich geh jetzt wieder runter!“, wollte sie vom Bett aufspringen, sein Griff um ihr Handgelenk verhinderte jedoch das Entkommen. Verwirrt folgte ihr Blick ihrem festgehaltenen Arm hinab bis hin zu seinem Gesicht. Er blickte ihr fest in die Augen und zog sie mit einem Ruck aufs Bett zurück.
„Hasenzahn… das hier ist immer noch eine Hochzeit. Und zu der gehört dazu, dass in irgendeinem Hinterzimmer jemand abgeschleppt wird.“

Hatte eben noch so etwas wie Hoffnung bestanden, Marc könne doch wieder die Kurve kriegen, spätestens dieser Satz hatte sie jäh zerschmettert. „Mhm, das ist vielleicht, wie du Hochzeiten verlebst!“, war ihr verbitterter Kommentar auf diese Unverschämtheit.
„Und das habe ich auch diesmal vor. Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, wie verdammt verführerisch dein Hüftschwung ist?“
Seine Finger, die noch immer auf ihrem Handgelenk verweilten, lösten sich, um federleicht die Innenseite ihres Unterarmes hinauf zu streichen.
Sie wurde verlegen, aber nicht warm mit ihm. Unruhig zog sie den Arm weg. „Lass das! Du… hast echt nicht einen Funken Romantik in dir, oder?!“
Dabei hatte sie gemeint, genau diesen Funken vorhin im Garten gespürt zu haben. Er hatte sie als Prinzessin bezeichnet, er hatte sie zum Lachen gebracht und sie wollte nicht glauben, dass das nichts gewesen war als eine Laune.
„Romantik? Definiere das.“
„Das kann man doch nicht definieren, Marc, man muss es spüren!“
Sein Blick, der darauf folgte, war so verwirrt, dass er beinahe naiv wirkte und sie nun doch wieder zum Ansatz eines Lächelns brachte.
„Das ist… wenn man sich ansieht und weiß, dass da mehr ist…“, musste sie an ihre erste Woche im Krankenhaus zurückdenken, diese Art und Weise, auf die er sie angesehen hatte, an dem Morgen, als sie zur ‚Sicherung seiner Vitalfunktionen‘ an seinem Krankenbett verharrt hatte . Es konnte nicht sein, dass die einzigen Motive die hinter seinen Blicken, seinen Worten gesteckt hatten, die gewesen waren, sie ins Bett zu bekommen.
„Verstehe“, folgte seinerseits und endlich, endlich sah er sie wieder an, wie er es zuvor bereits in so wenigen Augenblicken getan hatte. So, dass ihre Knie weich wurden und die Schmetterlinge in ihrem Bauch einen wilden Tanz begannen.
Noch bevor er auf die Idee kam, zog sie ihn an seiner Schulter heran und überwand die letzte kleine Barriere zwischen ihnen, ihrem ersten, unschuldigen Kuss zuliebe. Und dieser Kuss sollte der romantischste sein, den sie in ihrem Leben bis zu diesem Augenblick erhalten hatte.


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Elaly Offline

Butterböhnchen:


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19.08.2013 00:44
#4 RE: Challenge 2: „Leinenhochzeit – was wäre wenn?“ Zitat · Antworten

Autor 4


„Was wäre, wenn…?“

Wer von uns hat sich diese subtile Frage noch nicht in seinem Leben gestellt? Hat sich seinen Kopf zerbrochen und darüber gegrübelt, in welchem entscheidenden Augenblick seines Lebens die Weichen anders gestellt worden wären, hätte er sich nicht auf die eine, sondern auf die andere Art verhalten. Ich wage zu behaupten, niemand. Denn immer wieder gibt es in unserem Leben solche alles entscheidenden Situationen. Für jeden. Situationen, in denen wir in Sekundenschnelle weitreichende Entscheidungen treffen müssen oder in denen wir zu einer unerträglichen Untätigkeit gezwungen werden, weil das Schicksal gnadenlos zugeschlagen hat. Und später, vielleicht sogar Jahre oder Jahrzehnte später, fragen wir uns, „Was wäre, wenn…?“. Wäre dann vielleicht alles ganz anders gekommen?
Was wäre, wenn ich damals mein Hochzeitskleid doch im Brautmodengeschäft anprobiert hätte, weil ich eigentlich noch mit der Hochzeitsplanerin das Dessert-Buffet hatte durchsprechen wollen. Das wären zwei Fliegen mit einer Klappe gewesen und ich hätte wohl nie von dieser peinlichen Peter-meets-Arzthelferin-Affäre Wind bekommen. Wäre ich dann mit Peter glücklich geworden? Was wäre, wenn ich mir während meines Grundstudiums nicht drei Mal in der Woche ein Happy Meal gegönnt hätte? Hätte ich dann heute 90-60-90 und ‚Schlank im Schlaf‘ und ‚Fasten für Berufstätige‘ würden nicht zu meiner täglichen Bettlektüre gehören? Oder eben, was wäre, wenn… ja wenn Marc Meier mir nicht diese verrückte Wette auf der Leinenhochzeit meiner Eltern angeboten hätte? Ich hab keine Ahnung, was dann passiert wäre. Vermutlich wäre alles wie immer gewesen. Prinzessin Gretchen hätte darauf gewartet, dass irgendetwas passiert. Mit ihrem Märchenprinzen Marc natürlich, mit wem sonst? Etwa mit dem Grabscher Günni-The Vollhorst Number One-Neumann? Bestimmt nicht! Denn der war ja schließlich eher das Gegenteil von einem Märchenprinzen.



Irgendwann musste sie mal für kleine Prinzessinnen und als sie, natürlich mit einem frischem Granatapfelrot auf den Lippen und ein paar Spritzern Eve hinter den Ohren, auf den schummrigen Flur der eigens für die Leinenhochzeit ihrer Eltern angemieteten Jugendstilvilla trat, da passierte es.

„Hasenzahn, was hältst du von einer kleinen Wette?“, raunte Marc ihr verwegen ins Ohr, während er sie aus der Dunkelheit des Flures heraus sacht am Oberarm packte und mit einer halben Drehung und vollem Körpereinsatz gegen die dunkel getäfelte Wand direkt neben der Badezimmertür drängte. Er flüsterte, was in dieser Situation auf eine aufregende Art und Weise verrucht klang. Unmittelbar reagierte ihr Körper auf seine Worte. Ein leichtes, unwiderstehliches Kribbeln. Überall. Erwartungsvoll schloss sie ihre Augen. Wollte er sie jetzt etwa küssen? Augenscheinlich! Denn eine andere Erklärung ließ sich wohl kaum dafür finden, dass der verlockende Duft seines Körpers ihr bereits die Luft zum Atmen nahm, während seine aufregende Hitze ihre Wangen zum Glühen brachte. Wie viele Jahre ihres Lebens hatte sie auf diesen Augenblick gewartet? Waren es nicht vier Schuljahre und zwölf Semester Medizinstudium? Nicht eingerechnet das PJ und die Zeit als Allgemeinmedizinerin in Köln. Summa summarum also ihr halbes Leben lang. Und jetzt sollte es endlich soweit sein! Aufgeregt rückte sich die kleine, dreizehnjährige Margarete Haase ihre überdimensionierte, altrosafarbene Hornbrille auf dem zierlichen Nasenrücken zurecht und beobachtete erwartungsvoll den so heiß und innig ersehnten Augenblick der Augenblicke ihres erwachsenen Ichs.

Wie Wette? Was für eine Wette?

Das war jetzt wirklich nicht das, was sie erwartet hatte. Verdattert öffnete Gretchen ihre Augen und versank unvermittelt in den seinen. Ein grün-braunes Wirrwarr, das im schummrig warmen Licht der Flurbeleuchtung zum Träumen einlud. Und wie sexy er mit diesen strubbeligen Haaren aussah. Die schrien ja geradezu danach, verwuschelt zu werden! Seine in Beton gegossene Oberarzttolle war ein Nichts gegen diese After-Bed-Frisur.


Seit dem sie Marc vorhin auf der Terrasse der Villa so unerwartet erblickt hatte, war es um sie geschehen. Mal wieder! Ein riesiger Bienenschwarm in der Magengegend und aufregend unrhythmische Eruptionen in der Herzgegend waren ihre körperlichen Reaktionen auf sein unverschämt sexy Erscheinungsbild.

Ja, so hätte ich meinen Oberarzt gerne immer – oder besser gesagt, jeden Morgen!

Aber das war, wie gesagt, nur ein flüchtiger Gedanke vorhin auf der Terrasse. ‚Meinen‘ und ‚immer‘ und auch den ganzen Rest dieses Gedanken hatte sie dann schleunigst wieder verdrängt. Schließlich würde er eh nie in Erfüllung gehen. Trotz der Sternschnuppe. Und deshalb hatte Gretchen dann auch einmal tief ein- und ausgeatmet, kurz ihre Augen geschlossen, all ihre verworrenen Gedanken über Marc Meier, die sich schon seit sechzehn Jahren in ihrem Kopf eingenistet hatten wie eine schnellwachsende Schimmelpilzbakterienkultur in einer verunreinigten Petrischale, über Bord geworfen und sich mit Michael Knight, äh Marc Meier, einem unglaublich sexy M-Shirt und dieser peinlich blinkenden Lederjacke ins Partygetümmel gestürzt. Diese Nacht wollte sie einfach nur genießen! Schließlich nahm frau, was sie kriegen konnte – zumindest wenn es um Marc Meier ging. Wäre da nur nicht der grässliche Schrei einer Frage in ihrem Kopf gewesen. „Warum ist er eigentlich hier?“


Er hatte sie gesehen. Wohlgemerkt an seinem Lieblingstisch! Zähneknirschend hatte Marc durch das ungeputzte Fenster der Cafeteria beobachtet, wir Gretchen fürsorglich Mehdis Platzwunde an der Stirn versorgte. Dabei hatte sein ehemals bester Freund eine solche Privatbehandlung seiner, trotz ihrer nervtötenden Art, Lieblings-Assistenzärztin doch gar nicht verdient! Schließlich war doch Mehdi derjenige gewesen, der zuerst zugeschlagen hatte. Er, Marc, hatte doch nur in Notwehr gehandelt. Und doch war es Mehdi, der jetzt neben Gretchen saß und sich zärtlich die Haare aus der Stirn streichen ließ.

Dieses Weichei!

Und dann war da noch das Gespräch, wenn es denn ein solches gewesen war, mit Nina, das ihm bereits kurz zuvor den Vormittag versaut hatte. Und so kam es, dass sich der von allen Seiten gestresste Oberarzt, wütend wie nie zuvor in seinem Leben, mit einer wohlverdienten Zigarette zwischen den Lippen in einem der rot-weiß gestreiften Liegestühle auf der Dachterrasse der Cafeteria wiedergefunden hatte. Er war aufgewühlt. Verwirrt. Aber vor allem war er wütend. Stinkwütend sogar! Wütend auf diese dusselige Kuh, die vorgab, die Weisheiten der Welt mit Löffeln gefressen zu haben. Die einfach so tat, als würde sie nichts mehr für ihn empfinden. Dabei war er es doch gewesen, der sie damals abgeschossen hatte. Von wegen unreif! Von wegen groß werden! Wer von ihnen war denn hier der erfolgreiche Oberarzt? Sie ja wohl nicht! Und was gab es an hanuta-Fußballbildchen eigentlich auszusetzen? Keine Frage, er konnte froh sein, dass er die alte Xantippe los war!
Aber da war noch etwas anderes, das an ihm nagte. Etwas, das ihn nachdenklich werden ließ, als er Gretchen und Mehdi durch die ungeputzte Fensterfront der Cafeteria beobachtet hatte.

Dieses liebevolle, herzliche Lächeln, das Gretchen Mehdi geschenkt hatte. Diese Wärme in ihrem Blick. Dieser Augenaufschlag. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Marc eine nahezu erdrückende Eifersucht verspürt.

Nina, Gretchen, Mehdi – sie alle hatten etwas in Marc ausgelöst. Vielleicht wurde es ja doch Zeit, die Fußballbildchen in den Wind zu schießen?


„Wie Wette? Willst du etwa noch zur Trabrennbahn Mariendorf fahren? Es ist doch schon fast Mitternacht. Oder ist da heute dieser Nacht-Wettkampf, dieses Mondschein-Derby?“ Gretchen spürte selbst, dass sie weder ihre Atmung, noch ihren Puls unter Kontrolle bekam. Aber warum musste Marc auch immer diese pubertäre Wirkung auf sie haben? Sie führte sich ja auf, wie eine x-beliebige Schwesternschülerin, die nur darauf wartete, von ihrem Oberarzt in der nächstgelegenen Wäschekammer flachgelegt zu werden. Wenn das so weiterging, würde Marc noch den kleinen Notfall-Defibrillator zum Einsatz bringen müssen, den ihr Vater immer und überall in seinem knallorangen Erste-Hilfe-Koffer bei sich trug. Zyniker würden behaupten, Professor Doktor Haase wäre ein Kontrollfreak. Aber einem dieser Zyniker hatte eben dieser Kontrollzwang des Professors in Form von monatlichen Notfallübungen mit der ganzen Familie sogar das Leben gerettet. Denn sonst wäre die überaus eifrige Tochter des Professors sicherlich nicht in der Lage gewesen, mit gerademal dreizehn Jahren ein professionelles Heimlich-Manöver anzuwenden.

Marc grinste dreckig. „Nein, ich meine keine Sportwette. Wobei, wenn ich es mir genau überlege… so ein Mondschein-Derby wär sicherlich auch ganz nett!“ Aufreizend wanderte sein ausgestreckter Zeigefinger über die nackte Haut ihres Oberarms. „Nur du und ich…“

„Du glaubst doch wohl nicht, dass ich hier mit dir… Auf der Party meiner Eltern…“, fiel Gretchen ihm schockiert ins Wort. „Und wenn du nur deshalb hier bist, dann kannst du gleich wieder gehen.“ Enttäuscht kniff sie ihre Augen zusammen, wohl damit rechnend, dass er sie unvermittelt auf dem Absatz stehen lassen würde. Nach gefühlten sechzig und tatsächlichen drei Sekunden blinzelte Gretchen mutig mit ihrem rechten Auge. Jetzt waren da diese unverschämten Grübchen, die ihn verboten süß aussehen ließen. „Mann Hasenzahn, jetzt mach dich doch mal locker! Das mein ich doch gar nicht. Mir schwebt da etwas ganz anderes vor.“

Cool sein war noch nie ihre Stärke. „Ach ja? Ich bin ganz Ohr.“ Und an eben diesem spürte sie nun seine warmen Lippen. Ihr wurde schwindelig. So musste es sich anfühlen, wenn einem das Herz stehen blieb. „Ich meine eine Kuss-Wette. Wenn du mich zuerst küsst, dann hab ich einen Wunsch frei und wenn ich dich zuerst küsse, dann hast du einen Wunsch frei.“ Und schon spürte sie seine leidenschaftlichen Lippen auf den ihren. Zumindest rein hypothetisch. „Wer sagt denn, dass ich daran interessiert bin, dich zu küssen?“ Und dann schenkte sie ihm ihr bezauberndstes Lächeln, nahm seine Hand und zog ihn zurück auf die Tanzfläche. Vielleicht war sie ja doch cool?


Am nächsten Morgen lag Marc in seinem Bett. Allein. Geschlafen hatte er noch nicht und ein Blick auf seinen Digitalwecker verriet ihm, dass er in Anbetracht des anstehenden Frühdienstes dies zumindest an diesem Morgen auch nicht mehr tun würde. Aber noch war es nicht soweit. Noch konnte er sich ein paar Minuten der Entspannung gönnen. Noch ein paar Minuten, die er in Gedanken auf dieser verrückten Party des alten Haasen verbringen konnte. Es war, als hätte ein Fotograf sie den ganzen Abend über begleitet. Hier ein Schnappschuss, da eine Momentaufnahme. Gretchen in einem unglaublichen roten Kleid vor der Villa. Klick. Überraschte Gesichter, die ihn anstarrten, als wäre er David Hasselhoff persönlich. Klick. Gretchen, die ihn übermütig anlächelte, während sie sich zum Takt der Musik unerwartet geschickt bewegte. Klick. Ihr strahlendes Lächeln. Klick. Ihre goldene Lockenpracht. Klick. Der Moment im Flur. Klick. Der See. Klick. Schon wieder kribbelte es so aufregend in seinem Bauch.

Wie heute Nacht.

Sie saßen eng nebeneinander auf einem dicken, knorrigen Ast, der über das Ufer des Grunewaldsees ragte. Ihre nackten Füße baumelten im Wasser. Angenehm kühles Wasser, das die Schmerzen aus ihren glühenden Fußsohlen vertrieb. So viel hatten sie noch nie in ihrem Leben getanzt. Und so viel Spaß hatten sie beide auch noch nie gehabt. Mittlerweile war es stockdunkel, fast Mitternacht. Aber dank der vielen weißen Lampions, die überall auf dem Villengrundstück verteilt in den Bäumen hingen, konnten sie zumindest die Konturen ihrer Gesichter gut erkennen.

„Warum guckst du mich so komisch an?“ Schon seit einer ganzen Weile spürte sie seinen alles durchdringenden Blick. Irritiert beugte Marc sich ein wenig nach vorn, um Gretchen besser in die Augen schauen zu können. „Ich guck doch gar nicht komisch. Ich denk bloß über etwas nach.“ Für den Bruchteil einer Sekunde hatte Marc das Gefühl, noch weitersprechen zu wollen. Dann ließ er es aber doch bleiben. In seinem Innern tobte ein ihm unbekanntes Ungeheuer, das, angestachelt von Ninas Worten, ihm das Gefühl vermittelte, nicht mehr er selbst zu sein. Wo war denn nur der abgebrühte Oberarzt, der eine Frau abschleppte, ohne mit der Wimper zu zucken?

„Aha. Und worüber, wenn man fragen darf?“, unterbrach Gretchen seine Gedanken, während sie ihre Beine dabei betrachtete, wie sich diese immer wieder durchs Wasser bewegten. Vor. Zurück. „Darf man.“ Plötzlich ärgerte er sich darüber, dass sie ihn nicht ansah. „Kannst du mich bitte mal anschaun, wenn ich mit dir rede?“ Jetzt schlenkerten ihre Beine doller. Langsam drehte sie ihren Kopf zur Seite und blickte ihn unsicher an. Ein zurückhaltendes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich frage mich, ob ich schon mal mit einer Frau so viel Spaß hatte.“ Das hat er gerade nicht wirklich gesagt, oder? Überrascht blinzelte Gretchen. Sie hatte mit vielem gerechnet. Mit irgendeiner Gemeinheit, einer bissigen Bemerkung oder einem Witz. Aber damit? Nein, damit nicht. War das womöglich sogar ein …

„Sag mal, soll das jetzt ein Kompliment sein?“ Warum fing denn jetzt ihr Herz so an zu klopfen? Es war doch gar nichts passiert. Und es würde doch auch nichts passieren. Oder vielleicht doch? „In gewisser Weise schon.“ Jetzt kam er ihr näher. Arm an Arm. Schulter an Schulter. Und dann dieses unverschämt aufregende Flüstern. Schon wieder kribbelte es überall in ihrem Körper. Da blieb nur eins. Angriff war die beste Verteidigung. „Warum?“, hauchte Gretchen atemlos und zwang sich nicht zurückzuweichen.

Auch Marc spürte ein pathologisches Pochen in seiner Brust. Sogar ein ziemlich dolles, das ihm in der Form auch noch nie untergekommen war. „Weil … ,ja weil …“ Ja was sollte er denn jetzt sagen? Vielleicht sollte er lieber Taten statt Worte sprechen lassen? Aber dann würde er die Wette verlieren. Also, alles wieder zurück auf Angriff.

Allerdings kam Gretchen ihm zuvor. Spöttisch lachte sie auf. „Ich weiß, meine innere Schönheit. Und vermutlich bin ich jetzt auch noch wie ein Kumpel für dich.“ Oh … mein … Gott! War sein Gesicht schon die ganze Zeit so nah? Und berührten sich schon die ganze Zeit ihre nackten Arme?

Wie sie roch. Dieses Parfum. Das ging ihm richtig unter die Haut. Ob sie es wohl merken würde, wenn er sich noch ein ganz kleines bisschen zu ihr rüber beugen würde? Nur ein paar Millimeterchen. „Hab ich doch gar nicht so gesagt und hab ich auch nicht so gemeint!“ Dieser Duft machte ihn noch verrückt!

Also jetzt war es definitiv! Marc suchte ihre Nähe. Kam näher und näher. Gretchen spürte schon seinen kühlen Atem auf ihrer Wangen, auf ihren Lippen. Was wollte er? Wolle er denn die Wette gar nicht gewinnen?

„Wie denn dann?“, flüsterte sie und fragte sich, ob er sie jetzt wohl gleich küssen würde? Er war doch nur noch einen Windhauch weit von ihr entfernt. „Na eher im Sinne von: ich find dich toll und ich würde dich jetzt gerne küssen.“ Da hat doch jemand die Kontrolle über ihn übernommen! Das musste er sofort richtig stellen! „Aber dass ich dich küssen möchte, heißt ja nicht, dass ich es auch tun werde. Will ja schließlich die Wette gewinnen.“

Und warum waren jetzt seine Lippen so verdammt nah?

Gretchen brachte nur noch ein leises Murmeln hervor. „Na dann sind wir ja schon zu zweit.“

Atmen war jetzt definitiv nicht mehr möglich. Bei beiden nicht. Mittlerweile berührten sich sogar ihre Nasenspitzen. Noch immer schauten sie sich in der gnädigen Dunkelheit in die Augen. „Wir könnten es ja gleichzeitig tun.“, schlug Marc vorsichtig vor, während er noch ein paar halbe Millimeter näher rückte. „Das hört sich gut an.“, war Gretchens erwartungsvolle Antwort. „Wir können ja bis drei zählen.“

„Eins.“ Beide schlossen gleichzeitig ihre Augen.

„Zwei.“ Marc blinzelte kurz und ein freches Grinsen huschte über sein Gesicht, während er „Drei.“ sprach.

Und dann küsste Gretchen ihn. Ganz zaghaft legten sich ihre Lippen auf die seinen. Er spürte ihre Unsicherheit und dennoch konnte er nicht aus seiner Haut. „Reingelegt!“ Und bevor Gretchen anfangen konnte zu zetern, legte er zärtlich seine Hände auf ihre Wangen, zog ihr Gesicht ganz nah an sich heran und versuchte es dann doch auf die meiersche Art.

Küsse sagten schließlich mehr als tausend Worte!

Und während ein kleines Engelchen in Gestalt der dreizehnjährigen Margarete Haase zu den leisen Klängen des Love Themes von Romeo und Julia verzückt den beiden Küssenden zuschaute und sich sicher war, dass Claire Danes und Leonardo di Caprio es nicht hätten besser machen können, fühlte sich ein fünfzehnjähriges Teufelchen namens Marc Meier ähnlich heroisch wie Rocky Balboa, reckte überheblich seine Arme in den Himmel und pfiff triumphierend die allseits bekannte Siegeshymne.


„Was wäre, wenn …?“ Das ist Gretchens Lieblingsspiel, seit dem wir zusammen sind. Blöd ne? Aber so ist sie halt. Laufend fragt sich mich, „Was wäre, wenn… hier?“ „Was wäre, wenn … da?“. Und ihre Lieblingsfrage ist, „Was wäre, wenn du, also ich, dich auf der Leinenhochzeit meiner Eltern bis zur Besinnungslosigkeit betrunken hättest?“ Ich antworte immer, dass ich dann wahrscheinlich Gabi und sie einen Millionär geheiratet hätte. Das macht sie rasend.

Und ich liebe es, wenn sie rasend wird!



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Autor 5


Ihr leuchtend rotes Kleid strahlte Marc entgegen, sowie er auf die Rasenfläche trat. Er hatte sich durch das Gartentor geschlichen und sah Gretchen, mit ihren wundervoll blond gelockten Haaren, vor dem großen Teich stehen. Sie war nicht alleine, neben ihr stand ein kaum größerer Mann und hatte eine Hand auf ihren Po gelegt. Marc kannte diesen Mann von gestern. Es war doch tatsächlich der Typ vom Golfplatz. Günni. ‘Grabscher – Günni‘.

Marc trat näher und schlug Günnis Arm von Gretchens Po. „Habe ich dir nicht gestern scho gesagt, dass du deine Hände von ihr lassen sollst?“ Es klang nicht eifersüchtig, sondern eher bedrohend. „Marc, was machst du hier?“ Gretchen schaute ihn von unten unschuldig an. „Was ich hier mache? Du hast mich eingeladen, aber anscheinend hast du einen charmanten Ersatz gefunden.“ Marc war schon immer ein Zyniker, aber dieser Versuch ging kläglich daneben und klang eher enttäuschend. Er hatte keine Kosten gescheut um dieses Kostüm zu gestalten und nun sollte er im Wettkampf mit so einem Milchbubi stehen. Nein, Danke. Er kämpft um keine Frauen, diese müssen sich schon so für ihn entscheiden. Er drehte sich um und verschwand Richtung Gartentor.

Gretchen reagierte schnell. Sie schlug Günnis Arme, die den Weg wieder an ihren Körper gefunden hatten, weg und stolperte ihrem Prinzen hinterher. „Marc!“ Keine Reaktion. „Marc, jetzt warte doch!“ Sie sah wie Marc am Gartentor stehenblieb und sich umdrehte. „Was ist denn?“, motzte er zurück. Gretchen die nur wenige Sekunden später das Tor erreichte, versuchte sich zu erklären. „Also meine Mutter versucht mich mit ihm zu verkuppeln…“ „ Und du nutzt die Chance gleich wieder.“, unterbrach er sie. „Nein, es ist ganz anders.“ Marc lachte nur auf. „Es ist immer anders bei dir. Die anderen liegen immer falsch und du hast immer Recht, stimmt’s?“ Jetzt wurde auch Gretchen sauer. „Jetzt lass mich doch mal ausreden.“ „Gretchen, lass mich in Ruhe und geh zu deinem Begleiter zurück.“ Ohne nachzudenken, machte Gretchen einige schnelle Schritte auf Marc zu, legte die Arme um seinen Nacken und ihre Lippen landeten auf seinen.
Ihre weichen Lippen bewegten sich auf seinen Lippen, es dauerte einige Sekunden bis auch er seine Lippen bewegte. Seine Hände wanderten auf ihren Rücken hinab zu ihren runden Po, der perfekt in die Hände passte. Gretchen zog sich langsam zurück, strich mit ihrer linken Hand über seine Schläfe. Marc legte seinen Kopf in Gretchens Hand und schloss seine Augen. „Lass uns rein gehen, es gibt viel Essen.“ Marc nickte und Gretchen zog ihn an der Hand hinein ins Haus.

Das Wohnzimmer war wunderschön dekoriert und die alten Leute trugen alle das gleiche. Überall wo man hin sah, erkannte man nur Brauntöne und Falten in den Gesichtern. Marc, der sich mit seinem Kostüm so viel Mühe gegeben hatte, stach, mit Gretchen zusammen, heraus. Seine Jacke leuchtete durch die vielen bunten Lichter an seinen Schultern und Gretchen trug dieses wunderschöne bodenlange rote Kleid, das er ihr am liebsten ausziehen würde.
Gretchen zog ihm zum Buffet, auf dem viele verschiedenen Gemüsearten, sowie Fleischarte, dazu Nudeln, Kartoffeln und was das Herz noch begehrte. Gretchens Teller war nach kurzer Zeit mit vielen leckeren Kleinigkeiten gefüllt und Marc der keine Lust hatte seinen eigenen Teller zu nehmen, stibitzte sich immer wieder etwas von ihrem Teller. „Marc hol dir selbst etwas.“, knurrte ihn, nach seinem zehnten Griff auf den Teller, Gretchen an. „Mir schmeckt das eh nicht, wollen wir nicht woanders hin gehen. Ich habe gerade so richtig Lust auf einen Burger von McDonalds.“ Gretchen schauten ihn verwirrt an. „Das ist ein Scherz oder?“ Marc schüttelte nur den Kopf. Er stand auf, nahm den Teller aus der Hand und zog sie aus der Vordertür hinaus in die klare Nacht.

„Was möchtest du haben?“, fragte Marc Gretchen als sie an der Kasse vom McDonalds standen. Sie überlegte kurz und entschied sich dann für ein ‘HappyMeal‘. Er hatte sich ein McMenü ausgesucht und nun saßen sie zusammen auf einer Bank in der hintersten Ecke des ‘Restaurants‘. „Habe ich das vorhin eigentlich richtig gesehen, dass ihr einen Defibrillator in eurem Wohnzimmer stehen habt?“ „Naja, du kennst doch meinen Vater. Er meint man muss auf alles vorbereitet sein. Die Gäste waren ja auch nicht mehr die Jüngsten, wie du wahrscheinlich gesehen hast, da ist ein Herzinfarkt nicht auszuschließen.“ Darüber konnte Marc nur grinsen, das war der Professor wie er leibt und lebt. „Aber jetzt mal eine andere Sache.“, fing Marc an. „Was hatte der Kuss vorhin zu bedeuten?“ Das war zwar ziemlich direkt, aber es musste sein. „Also… ähm, das war so… ja.“, stotterte Gretchen so vor sich hin. „Ja?“ Gretchen atmete ein und fing an. „Also, ich mag dich, nicht Günni. Du wolltest mir nicht zuhören, also habe ich dich geküsst, da du sonst abgehauen wärst. Und deine Lippen schmecken echt gut.“, sofort wurde ihr Gesicht knallrot und sie schaute zu Boden. Marc rückte noch näher an sie und leckte seinen Zeigefinger unter ihr Kinn, damit sie ihn anschauen konnte. Seine andere Hand stricht sanft über ihre Wange und seine Fingerkuppen berührten ihre Lippen. Seine zwei Hände trafen sich unter ihren Haaren am Nacken und zogen ihr Gesicht vorsichtig zu ihm.
Bevor seine Lippen auf ihre trafen unterbrach ihn eine leise, jedoch bissige Stimme. „Marc, schön dich zu sehen.“ Vor ihnen stand die neue Schwesternschülerin der Neurochirurgie, mit der er vor zwei Wochen ein Rendezvous hatte, welches natürlich im Bett endete. Marc und Gretchen drehten beide ihre Köpfe in die Richtung der Frau. „Hey Marie… Maria…“ „Marlene!“ Marc nickte nur wissend. „Wie wäre es mit einem zweiten Date?“, fragte Marlene direkt danach. „Mir hat das Date Spaß gemacht, aber es war eine einmalige Sache.“ Gretchen die immer noch schweigend daneben saß, entzog sich seinen Hände. Marlene griff sich den Becher, der vor Marc stand, nahm den Deckel ab und schüttet, das kalte Getränk über seinen Kopf aus. Man hörte noch ein „Arschloch!“ und dann war sie weg.

Da saß jetzt ein nasser und entsetzter Marc Meier vor Gretchen, der die ersten Tränen an der Wange hinunterliefen. „Was ist denn jetzt schon wieder los, Hasenzahn?“ Mit schluchzender Stimme kamen nur ein paar gebröckelte Satzteile aus ihrem Mund. „Ihr hattet ein Date… und wir… du meinst es nicht Ernst…“ Sie rutschte aus der Bank hinaus und wollte gehen, doch eine starke Hand hielt sie am Arm zurück. „Gretchen, was ist los? Was habe ich jetzt schon wieder falsch gemacht?“ „Was du Falsch gemacht hast?“, Gretchen schaut Marc verwundert an. Ein zustimmendes Nicken folgte. Sie lachte leicht auf. „Ein Date und nicht mehr. Ich weiß jetzt schon, dass es nach heute Abend mit uns nicht weiter geht.“ Ein verwunderter Blick und ein stures Kopfschütteln unterstreichen Marcs Aussage. „Nein! So etwas habe ich nie behauptet.“ „Mir hast du es nicht direkt gesagt, aber deiner Bettbekanntschaft. So wird es doch bei uns heute auch Enden. Wir landen im Bett, haben zügellosen und heißen Sex und morgenfrüh bist du dann verschwunden oder liege ich da falsch?“ Sie verschwand durch die Tür, doch Marc war ihr dicht auf den Fersen. Draußen drückte er sie vorsichtig an die Wand. „Nein, so wird das nicht ablaufen. Ja wir werden zügellosen und heißen Sex haben, aber ich werde am nächsten Morgen da sein, außer der Sex wird nicht so heiß sein, wie du ihn mir gerade versprochen hast.“ Sein schelmisches Grinsen brachte auch sie zum Lachen.
„Das Lachen habe ich vermisst.“ Und immer noch zierte ein großes Lächeln ihr Gesicht. „Und jetzt lass uns zurück zu der Feier gehen, sonst wundern sich deine Eltern noch wo du geblieben bist.“ „Ok, aber…“ Marc unterbrach sie. „Es gibt kein Aber.“ Und er gab ihr einen kleinen zärtlichen Kuss auf die Lippen. „Und jetzt beweg deine Füßchen.“

An der haasischen Villa angekommen, betraten sie Hand in Hand das Wohnzimmer. Die Feier lief auf Hochtouren und der Alkohol floss durchgehend. Auch Marc und Gretchen gönnten sich vielleicht ein paar zu viele alkoholische Getränke. Sie tanzten eng aneinander und ihre Hände erkundeten den Körper des jeweils anderen. Küsse mit oder ohne Zunge blieben auch nicht aus.
Erst gegen frühen Morgen wollte sich Marc auf den Weg nach Hause machen, doch Gretchen überredete ihn, hier bei ihr zu bleiben. Als sie Gretchens Zimmer betraten, schrie sie kurz auf. Ihr kleiner Bruder und Sabine, die Jochen als Begleiterin mitgebracht hatte, lagen nackt aufeinander in Gretchens Bett und verwöhnten sich. Als sie jedoch Gretchens Schrei hörten, trennten sie sich und drehten sich zu Marc und Gretchen um. Marc stand neben der geschockten Gretchen und konnte nur noch lachen.

„Was macht ihr in meinem Zimmer!?“, fing Gretchen hysterisch an zu schreien. „Also das sieht man doch wohl.“, bemerkte Marc, während er versuchte sein Lachen zu verkneifen. Durch diesen Spruch fing er sich nur einen bösen Blick von Gretchen ein. „In 5 Minuten seit ihr hier draußen!“ Somit drehte sich Gretchen um und zog Marc mit sich ins Bad.

„Das Bild werde ich nicht mehr los.“, bemerkte Gretchen und Marc konnte nur zustimmen, auch er hätte auf dieses Bild verzichten können, auch wenn es urkomisch war. Sie schloss die Tür des Bades ab und fragte Marc, ob er sich denn nicht kurz umdrehen könnte, damit sie sich umziehen könnte. Mit einem Kopfschütteln trat er hinter Gretchen und küsste ihren Nacken. „Nein, das kann ich doch machen.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, machte er den Reißverschluss am Rücken auf und küsste jede frei gewordene Stelle. Als sie dann in Unterwäsche vor ihm stand, konnte er die Augen nicht von ihr lassen. Seine Hände streichelten ihren Körper und seine Lippen liebkosten ihren Nacken und ihr Gesicht.
Draußen im Flur hörte man die Schritte von Jochen und Sabine, wie sie in Jochens Zimmer verschwanden. Und nachdem es dann still geworden war, zog Marc, der nur noch eine Boxershort trug, das fast nackte Gretchen in ihr Zimmer und sie legte sich nebeneinander hin. Marc der hinter ihr lag, hatte ein Arm um ihre Hüfte gelegt und küsste ihren Nacken. „Gute Nacht.“, hörte Gretchen nur noch, grummelte kurz und schlief dann ein. Marc, der sie noch kurze Zeit beobachte, fiel auch nach kurzer Zeit in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen wachte Gretchen auf und hatte schlimme Kopfschmerzen. Sie spürte keine Arme um ihre Hüfte und schaute deshalb durch den Raum. Es war kein Marc und auch keine Anzeichen dazu, dass er jemals hier gewesen ist. Hatte sie sich das alles nur eingebildet? Doch dafür kam ihr es viel zu real vor. Bevor sie sich jetzt den Kopf darüber zerbricht, benötigte sie erst einmal ein Aspirin. In der Küche saß ihre Mutter. Gretchen nahm sich eine Aspirin und ein Glas Wasser. „Na mein Schatz, Kopfschmerzen nach dem letzten Abend? Du hast die ganze Zeit nu getrunken. Was war denn los?“ Und da hatte sie ihre Wahrheit. Sie hatte so viel getrunken, dass sie einen totalen Black Out hatte. Marc war nicht dagewesen und sie waren nicht bei McDonalds, sie hatten keinen wundervollen Abend zusammen verbracht. Der Traum war aber zu schräg. „Es war alles in Ordnung, Mama“ Und damit hatte sie Recht. Es würde noch die Zeit kommen, in der Marc und sie ein Paar werden würden, nur eben nicht jetzt.


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Elaly Offline

Butterböhnchen:


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19.08.2013 00:50
#5 RE: Challenge 2: „Leinenhochzeit – was wäre wenn?“ Zitat · Antworten

Autor 6


Three Stages Of A Crush: Anger – Denial – Acceptance

Sie hatte immer gedacht, dass früher alles besser war. Damals, als die Mauer noch zu und Westdeutschland nicht hochverschuldet war, als das Happy Meal noch Juniortüte hieß und in den Achtzigern ihr einziges Problem war zu den coolen Kids zu gehören, obwohl sie in pinken Leggins wie ein Schweinchen aussah.
Mit dem heutige Abend wusste sie, dass jetzt alles gut und nahezu perfekt schien, als sie mit jenem Marc Meier tanzte, der ihre Schulzeit zur Hölle gemacht hatte, sie aber auf dem Parkett ihrer Eltern emporschweben ließ in einer Mischung aus Musik, Alkohol und dem ureigenen Duft des Mannes, der sie an diesem Abend zur glücklichsten Frau der Party gemacht hatte.
Und all das in einem aberwitzigen Michael Knight Kostüm. Wie schaffte er es bloß ihr armes, geschundenes Herz mit so viel Euphorie zu füllen?
„Eine interessante Kleiderwahl, Dr. Meier!“, erklang die belustigte Stimme hinter Gretchen, die sie eindeutig ihrem Vater zuweisen konnte. Der Ton passte ihr allerdings nicht. Warum musste er diese Situation ins Lächerliche ziehen, obwohl sie hier in Marcs Armen, beim Tanzen, so glücklich wie schon lange nicht mehr war?
Und natürlich war Marc so höflich und löste seine warme trockene Hand aus Gretchens verkrampften Fingern, drückte sie sanft von sich weg und zog sie in seine Armbeuge.
„Herr Professor... ja...“, er schaute an sich herab und grinste dann unverhohlen Gretchen ins Gesicht, als er ihrem Vater antwortete: „Ihre Tochter hatte etwas von einem Kostümfest erzählt. Ich konnte ja nicht wissen, dass sie stilechte Garderobe für Kostüme hält.“
Schuldbewusst biss sich die blonde Assistenzärztin auf die Unterlippe: „Ich-“
„Hat Ihnen Gretchen gar nicht die Einladung zukommen lassen, Dr. Meier?“, gesellte sich neben Franz nun auch Bärbel hinzu, die ihrer Tochter und Marc ein Glas Champagner hinhielt. Er lehnte dankend ab, während Gretchen ihr Glas in die Hand nahm und mit dem Glasrand spielte.
„Die Einladung-“, begann der Oberarzt nachdenklich, schaute zu Gretchen, die nun grinsend auf den Boden schaute und sich insgeheim darüber freute, dass er sich selbst in diese Zwickmühle hineinmanövriert hatte.
„Ja?“, fragte die rothaarige, untersetzte Frau unverbindlich und schaute von ihrer Tochter zu Marc und wieder zurück.
„Mensch, Mama. Ist das da hinten nicht Jochen mit der Schwesternschülerin? Ist das jetzt seine neue Freundin?!“, half Gretchen dann doch aus. Schließlich wollte sie auch lieber mit Marc weiter tanzen, als sich von ihren Eltern merkwürdige Fragen über Marcs Kleidungswahl anzuhören.
Ihre Mutter bemerkte das Ablenkungsmanöver nicht einmal und stiefelte strahlend zu ihrem Sohn, der eng umschlugen mit seiner abendlichen Begleitung am Buffet naschte. Und dieses gegenseitige Füttern machte keineswegs einen harmlosen Eindruck.
Ihr Vater jedoch drehte sich erst nach einem langen eindringlichen Blick weg und verließ die beiden Ärzte mit einem schweren Seufzen.
„Ich denke, damit sind wir quitt!“, bemerkte Marc trocken und fuhr sich mit seiner rechten Hand unbehaglich über den Brustkorb zur Halsschlagader hinauf.
„Ich denke, ich hab was gut bei dir“, griente die Blonde schelmisch und erntete von Marc dafür nur hochgezogene Augenbrauen.
„Dafür, dass ich dich vor diesem Grabscher-Günni gerettet habe, könntest du mir auch ein bisschen mehr entgegen kommen“, nickte er erklärend und grinste dabei immer breiter, als sie beschämt ihre Augen im Raum hin und her wandern ließ.
„Wo kann ich denn die Jacke aufhängen?“, fragte er deshalb neutral. Es würde später noch genügend Momente geben, in denen er sie aufziehen konnte. Der Gedanke ließ ihn gleich noch einen Ticken breiter Grinsen.
Sie hätte gern genug Mut gehabt um Marc auch bei der Hand zu nehmen und ihn durch die Menschenmassen in den Flur hinaus zu führen, ging aber bloß voraus und vertraute blind darauf, dass Marc ihr folgen würde.
Was natürlich nicht der Fall war, denn kaum, dass Gretchen zwei Meter von ihm entfernt war hatte sich die Tochter eines befreundeten Ehepaars ihrer Eltern zu Marc gestellt und angefangen sich mit ihm – anscheinend prächtig – zu unterhalten.
Zumindest lachte Marc ziemlich freundlich und auch diese langbeinige, vollbusige, rothaarige Studentin ließ für Gretchens Geschmack ihre perlweißen, akkurat stehenden Zähne ein bisschen zu oft und zu lang blitzen.
Das war's dann wohl mit dem Weitertanzen.
„Sag mal spinnst du“, polterte Jochen, der wie ein rasendes Wildschwein auf seine Schwester zustürmte und sie ziemlich unsanft am Oberarm hinaus in den Flur schob, nachdem er ihr das Sektglas aus der Hand genommen und irgendwo abgestellt hatte.
„Du kannst Mama doch nicht erzählen, ich hätte 'ne neue Freundin!“
Ihr war nach dieser Unterredung mit ihrem kleinen Bruder wirklich nicht der Sinn. Sie hatte gerade viel wichtigere Dinge im Kopf – zum Beispiel einen Plan schmieden, wie sie ganz unauffällig das Interesse von Marc wieder auf sich ziehen konnte.
„Jochen-“
„Nichts Jochen. Glaubst du wirklich, nur weil du nach sieben Jahren Beziehung ganz schnell mit deinem neuen Oberarzt anbandelst-“
„So ist das gar nicht“, schalt Gretchen ihren Bruder, der aber ungerührt weiterredete:
„Dass ich das auch so mache? Isabell und ich verstehen uns gut. Und sie ist garantiert kein Ersatz für Susi! Also wenn du wieder Mal ein Ablenkungsmanöver brauchst, um Mama und Papa aus deiner Reichweite zu katapultieren, wage es bloß nicht, mich damit reinzuziehen!“, schnaubte der Mittzwanziger, schmiss die Hände in die Luft und drehte sich einmal um die eigene Achse.
„Weißt du überhaupt, was Mama sie gefragt hat? Ob sie der „Defibrillator sei, der das Herz ihres Jungen wieder zum Schlagen gebracht hat!“
Gretchen musste unweigerlich Schmunzeln. Ihre Mutter hatte aber auch einen Hang zu Übertreibungen, wenn es um das Liebesleben, bzw. nicht existente Liebesleben ihrer Kinder ging.
„Hör auf so blöde zu lachen, Gretchen“, maulte Jochen.
Er schob sich seine Finger in die Haare und zog kräftig an den kleinen Stoppeln.
„Entschuldige“, sagte sie schwach, sich immer noch über den Spruch ihrer Mutter amüsierend. „Aber ich stelle mir gerade vor, was Marc wohl gemacht hätte, wenn Mama ihn das gefragt hätte!“ Jochen verdrehte die Augen und seufzte wehleidig: „Ich will mit dir streiten, Gretchen, und nicht darüber lachen wie intrusiv Mama sein kann!“
„Okay, es tut mir leid. Kommt nicht wieder vor“, beschwichtigte die blonde, frisch gebackene Assistenzärztin ihren Bruder mit einem warmherzigen Lächeln, auf das Jochen nichts mehr zu antworten wusste und sich zurück ins Wohnzimmer stahl.
Seufzend wollte sie es ihm nachmachen und sich wieder unter die Leute mischen, als die Tür von innen geöffnet wurde und ihre Mutter mit Marc hinter sich gerade heraustreten wollte.
„Margarethe, hier steckst du!“, die kleine rothaarige Frau schüttelte tadelnd den Kopf.
„Uhm, Jochen und ich-“
„Kannst du dich bitte um Dr. Meier kümmern? Adelheids Tochter Rosanna war ein bisschen forsch mit dem Sekt und“, Bärbel zeigte gen Marc auf dessen T-Shirt unverkennbar ein Glas des sprudelnden Alkohols entleert worden war.
„Kannst du ihm bitte ein T-Shirt von Jochen raussuchen, ja?“, meinte ihre Mutter natürlich und wäre es jede andere Mutter gewesen, hätte Gretchen sich nichts dabei gedacht. Da es aber nun mal ihre Mutter war, wusste sie, dass Bärbel Gretchen und Marc gern allein irgendwohin schickte. Nicht um etwa etwas Anrüchiges zu tun (dafür war ihre Mutter viel zu konservativ), sondern um der jungen Generation ein paar Minuten der Ruhe zu gönnen, die sie in einem Raum voller wissbegieriger Menschen niemals haben würden.
Die rothaarige Mutter zwinkerte ihrer Tochter beim Gehen unauffällig zu und ließ einen irritierten Marc und ein grollendes Gretchen zurück.
„Hat deine Mutter gerade eine perfekte Ausrede gefunden, dass du und ich allein sein können?“, fragte Marc mit hochgezogener Augenbraue; die geschlossene Tür vor ihm anstarrend.
Gretchen seufzte erhaben: „Was erwartest du? Du bist Oberarzt, du hast mich vor Günni gerettet, du bist hier aufgetaucht, hast dich mit der Bling-Bling-Jacke zu Affen gemacht, und bist trotzdem geblieben und hast mit mir getanzt. Würde es nach meiner Mutter gehen, würde sie den ganzen Plan von meiner Hochzeit wieder auskramen, nur damit du ihr Schwiegersohn werden würdest!“
Marc nickte verstehend: „Hab ich an dieser Stelle auch noch etwas zu sagen, oder ist das schon beschlossene Sache, Hasenzahn?“
„Glaub mir, würde meine Mutter wissen, wie du wirklich bist, sie hätte dich achtkantig aus diesem Haus verbannt!“
Sein Gesicht zu einer lachenden Grimasse verzogen fragte er mit so einer Lässigkeit, dass Gretchen hochrot anlief: „Wie bin ich denn wirklich?“
„Du... Ich glaube ich sollte dir... das Badezimmer zeigen. Und ein T-Shirt heraussuchen“, sie stellte sich vor den Treppenabsatz hin und bedeutete ihm den Weg nach oben.
„Willst du nicht vorgehen?“, fragte Marc, kannte allerdings die Antwort. Frauen wie Gretchen gingen ungern vor. Im Gegensatz zu dieser wirklich bezaubernden Rothaarigen, die vermutlich alles dafür getan hätte, ihren kleinen Hintern vor seinem Gesicht hin und her schwingen zu lassen.
Um ihm nicht zu antworten, drückte sie ihn einfach an seinen Schulterblättern deftig die Treppe hoch: „Du musst gar nicht so süffisant tun, mein lieber Marc!“, meckerte sie aufgebracht.
Vergnügt feixend erklomm er dann tatsächlich die erste Treppe hinauf: „Hast du etwa Angst gehabt, dass ich deine Cellulite sehe?“
Der Typ machte sie wahnsinnig.
Wieso war er vor einer halben Stunde noch so liebenswert niedlich gewesen und hatte sie trotz der peinlichen Situation zum Tanzen aufgefordert, und jetzt musste er schon wieder so sticheln.
Ja, sie hatte keine Heidi Klum-Beine. Ja, sie hatte an ihren Oberschenkeln auch mehr Speck als seine Exfreundin oder Gabi. Aber sie fand sich trotzdem dabei nicht hässlich – zumindest dann nicht, wenn er es nicht so betonte.
„Links“, sagte sie und ging energisch an ihm vorbei durch den Flur der ersten Etage. Ihr, Jochens und das Elternzimmer zu ihrer Rechten vernachlässigend öffnete sie die letzte Tür auf der linken Seite, knipste das Licht an und schloss, nachdem Marc eingetreten war von außen die Tür.
Sie war schon wieder so frustriert.
Warum konnte er denn nicht einmal einfach nur nett sein, sondern mit seinen unüberlegten Sticheleien ihr Ego noch mehr ankratzen. Sie lag doch schon am Boden. Denn war sie ehrlich zu sich selbst: Wie degradierend war es denn bitteschön, vom eigenen Verlobten nur ein paar Tage vor der Hochzeit betrogen worden zu sein?
Sie krächzte, als sie in Jochens Kleiderschrank nach einem geeigneten T-Shirt oder Hemd suchte, das evtl. auch Marc passen könnte.
„Was gefunden?“, fragte Marc vom Türrahmen aus, an den er sich autark mit verschränkten Armen vor der Brust lehnte und sie mit seinen Augen so eindringlich fixierte, dass ihr erst viel zu spät auffiel, dass sie starrte. Und zu ihrem Leidwesen nicht nur in seine Augen, sondern auch auf seinen freigelegten Oberkörper. Den sie zwar schon zweimal hatte sehen dürfen, aber es ihr immer mehr gefiel, diese Aussicht zu genießen.
Es war ein bisschen wie der Ausblick vom Eifelturm – wenn man ihn das erste Mal bestieg war man glücklich, und wollte direkt wieder hinaufsteigen, weil das Panorama so unmenschlich schön war.
„Jochen hat glaube ich keine T-Shirts oder Hemden in deiner Größe. Es sei denn du findest Comic-Shirts angebracht“, sagte sie und versteckte ihre Nase wieder im Kleiderschrank ihres Bruders, um nach irgendetwas weniger sehenswertem als Marcs hellhäutigen, sehnigen Oberkörper Ausschau zu halten.
Sie vermutete sogar, dass er sich absichtlich so hingestellt hatte. Nur damit sie schwach wurde und ihm ohne eine Entschuldigung für den fiesen „Cellulite-Spruch“ vergab.
Wenn es überhaupt was zu vergeben gab...
Herrgott noch mal, was machte dieser Mann nur, dass sie so wankelmütig mit ihren Gedanken spielte.
„Comic-Shirts? Glaubst du wirklich, dass mir das noch was ausmacht, nachdem ich diesen David-Hasselhoff-Auftritt hingelegt habe?“, das feine Grinsen in seiner Stimme war unüberhörbar, als er sich in Bewegung setzte und nach vier großen Schritten neben Gretchen stand und Jochens Klamotten begutachtete, als ob er in einem Kaufhaus nach dem richtigen Stil zu seinem Ego suchte.
Allerdings kannte Marc viele dieser Scherz-T-Shirts nicht. Und ein knallgelbes T-Shirt mit einem schwarzen Pfeil gen Süden zeigend und „tasty“ drauf stehend, konnte er vor seinem Chef und einigen wichtigen Persönlichkeiten der Berliner Ärzteschaft unmöglich anziehen.
„Hm...“, machte die Blonde neben ihm nachdenklich.
„Ich glaube... ich hätte da was...“
Stirn runzelnd blickte Marc zu ihr hinunter als sie sich schelmisch an der Nase kratzte und wie von der Tarantel gestochen aus Jochens Zimmer heraus in ihr eigenes rannte.
Weil quietschende Mädchen, die sich über etwas freuten, für ihn niemals etwas Gutes bereit gehalten hatten, folgte er ihr auch nur sehr langsam.
Als er ihre vier Wände betrat betrachte er das Kinderzimmer sehr spöttisch. Diese hellrosa Tapete mit den Vögeln, den vielen Kindertaschen und dem Minischreibtisch erinnerten eher an das, was er aus Schulzeiten von Gretchen gekannt hatte: eine rosarote Welt, in der alles heile schien.
Das dem heutzutage nicht mehr so war, konnte sogar er sehen, obwohl sie sich immer noch bemühte auch in der finstersten Situation etwas Gutes zu sehen.
„Du brauchst dringend eine eigene Wohnung“, nuschelte er, als er durch die Tür am anderen Ende des Zimmers in ihren kleinen begehbaren Kleiderschrank ging.
Sie hatte sich vorn übergebückt und kramte in den unteren Regalen nach Plastikkartons, die alle mit Filzstift beschriftet waren. Weshalb sich für Marc eine tolle Gelegenheit bot, ihren Hintern in voller Rundung zu begutachten.
„Gefunden“, jubelte sie, zog den Karton hervor, grinste ihn an und schob sich ins Zimmer zurück an ihm vorbei. Dass sie seinen nackten Oberkörper berührte, schien ihm in diesem Moment so viel weniger kalt zu lassen, als seine Assistenzärztin.
Gretchen öffnete enthusiastisch den Deckel und hielt ihm dann das weiße, wirklich große T-Shirt mit Aufdruck vor die Nase: „Und? Wie findest du es?“
Marc stöhnte kläglich: „Das kann nicht dein Ernst sein!“
Gretchen legte den Kopf schief, sodass sie hinter dem T-Shirt hervorschaute. „Aber es passt so gut zu deiner Jacke“, meinte sie kokett und strahlte so liebenswert, dass er fast vergas, dass das vor ihm die Frau war, die ihm als Mädchen mit ihrer schrecklichen rosa Brille, der riesigen Zahnspange und ihrem leichten Übergewicht Alpträume bereitet hatte.
Marc ging zwei Schritte auf sie zu und entzog ihr das Shirt mit spitzen Fingern: „Das ist doch bloß die Retourkutsche, für die Orangenhaut, oder?“, neckte er und war ihr so nahe gekommen, dass sie sogar seinen warmen Atem auf ihrer Haut spürte.
„Margarethe?“, rief Bärbel vom Flur. Und Gretchen war ihrer Mutter noch nie so dankbar gewesen, dass sie im ungünstigsten Moment nach ihr gerufen hatte. Es wäre einfach nicht richtig gewesen Marc zu küssen – was sie aber garantiert getan hätte, weil sie den Wettkampf um ihre Selbstbeherrschung mit ihren Gefühlen nicht gewonnen hätte.
Fast über ihre eigenen Füße stolpernd verließ Gretchen ihr Zimmer und einen konsterniert dreinschauenden Marc.

Am frühen Morgen war die Bilanz der Party nicht mehr ansatzweise so positiv als noch zu jener Zeit, als sie mit Marc getanzt hatte, denn sie war ihm absichtlich die meiste Zeit aus dem Weg gegangen und hatte zwischenzeitlich mitbekommen, dass er mit vielen Frauen getanzt hatte, die nicht über fünfundzwanzig waren und die neue Wahl seines T-Shirts echt toll fanden.
Pah, dachte sie und ertappte sich dabei, dass sie sich wünschte sie wäre ein besserer Zyniker.
Das war ihr T-Shirt. Und wenn all diese blöden Weibsbilder gewusst hätten, dass sie früher in diesem Ding geschlafen hatte, und es fast schon zwanzig Jahre alt war, hätten sie ihn sicher ausgelacht.
„Dein Doktor verabschiedet sich gerade“, erzählte Jochen, der heraus in den Garten gekommen war und seine Schwester bemitleidenswert anschaute. „Du solltest dich vielleicht da mal sehen lassen.“
Grollend machte sie sich auf zurück ins Wohnzimmer, in dem nur noch wenige Gäste anwesend waren und Marc sich tatsächlich bei ihren Eltern gerade verabschiedete.
„Gretchen“, begrüßte Bärbel ihre Tochter friedvoll: „Das trifft sich ja gut. Kannst du Dr. Meier vielleicht sein altes T-Shirt aus dem Badezimmer holen? Er hat es dort vergessen.“
Gretchen schnaubte verächtlich, gehorchte aber. Niemand konnte etwas dafür, dass sie in einem schwachen Moment drauf und dran gewesen war Marc zu küssen. Ihren Oberarzt. Einen Mann, der Frauen wie diese Rosanna haben konnte. Sie hatte sich so lächerlich gemacht.
Brav holte sie ihm also das M-Shirt und musste ihm dann auch noch hinaus nachlaufen, weil er bereits zu seinem parkenden Auto an der Straße vorgegangen war.
„Hier“, sagte sie monoton und schaute überall hin, bloß nicht in seine Augen. Dankend nahm er das T-Shirt, öffnete den Kofferraum und schmiss es unachtsam hinein.
„Es war sehr Schade, dass du dich kaum noch hast blicken lassen“, sagte er ehrlich und baute sich, die Klappe des Kofferraums immer noch offen, vor ihr auf.
„Huh?“, machte sie, konnte mit seinen Worten nur wenig anfangen. Sie hatte sich zum Vollidioten gemacht – zweimal. Ihn küssen zu wollen und dann nicht genug Mumm haben ihn anzuschauen zeugte auch von so viel Reife und Erwachsensein.
„Ich hatte ja gehofft, dass wir noch mal zum Tanzen zurück gekommen wären.“
„Tanzen?“, fragte Gretchen unwirsch. Marc Meier hätte noch einmal mit ihr tanzen wollen?
„Ja... Hättest du dich nicht wie ein schüchternes Schulmädchen aufgeführt, hätten wir einen wirklich tollen Abend haben können, Gretchen!“, sagte er und es hörte sich noch nicht mal an, als ob er es ihr vorwerfen würde.
„Ich bin nicht schüchtern“, echauffierte sich Gretchen und blickte ihm jetzt doch in seine grünbraunen Augen, die vor Vergnügen glitzerten.
„Nein?“, fragte er herausfordernd.
Mit ihren kleinen zu Fäusten geballten Fingern zog Gretchen Marc an dem weißen T-Shirt mit dem witzigen Design von Michael Knight und des Kitt 2000 zu sich hinab und küsste ihn vollends auf den Mund.
Es sollte nur ein kleiner Schmatzer werden. Eine flüchtige Berührung ihrer Lippen, die ihm zeigen sollte, dass sie vieles war – aber gewiss nicht schüchtern.
Aber als sein Mund sich rasch und nehmend gegen ihren eigenen bewegte, wurde aus ihrem Vorhaben so viel mehr. Einer seiner Arme legte sich um ihre Taille, die andere Hand schob er an ihren Hinterkopf um ihr Gesicht in die richtige Position zu drehen, damit seine bittende Zunge den bestmöglichen Winkel ausnutze um mit dem heißen Muskel in ihrem Mund endlich zu spielen.
Ihr ganzer Körper wurde von einem wundersamen Kribbeln gepackt und verschwand erst wieder, als er von ihr abließ. Mit glasigen Augen blickte sie zu ihm auf.
„Das wolltest du doch schon immer mal machen!“, sagte Marc. Dabei wollte er es mindestens genauso sehr, seit sie sich nach der Sternschnuppe zu ihm umgedreht hatte.
Sie strahlte ihn an und küsste ihn erneut.


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Autor 7


Titel: Mindestens haltbar bis: siehe Herzverschluss

Sieben Atemzüge, drei Lidschläge und 56 Gedanken dauerte es bis Gretchen begriff, dass dieser Abend gelaufen war, für sie und ihren Traum von einem Kuss, der sicherlich zahlreichen Disney Filmen als Inspirationsquelle gedient hätte. Aber das hier war kein Disney Film, nicht mal eine billige ZDF-Schmonzette mit der Neubauer in der Hauptrolle. Das war ihr Leben und in diesem tanzte ihr Prinz, ihr Hauptdarsteller, Marc Meier, mit ihrer Cousine und ihren, nicht von Gott, aber einem gottähnlichem Arzt geschaffenen, Brüsten. Dabei hatte Gretchen sich nur kurz umgedreht, um sich und Marc etwas zu trinken zu besorgen, um Mut zu sammeln für den Kuss, den nun eine Andere bekommen würde, während sie am Tribünenrand saß. Also alles wie immer, wie früher, wie gewohnt und trotzdem versetzte ihr der Anblick einen Herzreflex, gegen den sie nicht ankam. Sie sollte sich gleich einen Defibrillator in die Brust einsetzen lassen, denn mit Marc in der Nähe gehörten Herzrhythmusstörungen wohl der Tagesordnung an.

Sie hatte zwei Möglichkeiten. Entweder sie schlich sich in ihr Zimmer, zog ihre Bettdecke so tief über ihren Kopf, bis jeder Gedanke an das, was sich hier abspielte verflüchtigte (was nicht passieren würde) oder sie blieb am Buffet stehen, aß noch mehr und würde das Grauen mit eigenen Augen verfolgen wie eine Masochistin, die wieder und wieder in den Fleischwolf sprang, weil es so schön verletzte. Es verging ein ½ Lidschlag. Ihre Augen blieben einen Moment geschlossen. Sie blieb. Ein weiterer ½ Lidschlag und sie öffnete ihre Augen, blinzelte vorerst in der Hoffnung, dass Bild hätte sich verändert. Hatte es nicht. Denn wie gesagt, dass hier war nicht der Fernsehfilm der Woche. Aber wenn das weiter so lief, konnte das durchaus eine Folge des Sonntagtatorts werden. Ein Doppelmord. Das Einzige, das sie davon abhielt, war die Vorstellung ihrer Mutter, wie diese sie mit Vorwürfen überschüttete, weil sie die Flecken nie wieder aus den Fußböden herausbekommen würde.

Das Lied, von dem sie schon jetzt nicht mehr sagen konnte wie es hieß, endete und einen kurzen Moment atmete Gretchen erleichtert auf. Nur um im nächsten Augenblick, das Atmen ganz einzustellen, als die ersten Klänge von „Wonderful Tonight“ gespielt wurden. Die Musik, die Stimmung, der Moment veränderte sich. Leise. Melodisch. Romantisch. Nur nicht für sie. Für sie gab es nur die Erinnerung an ihren eigenen Tanz mit Marc, der in ihren persönlichen Charts als One Hit Wonder eingehen würde. Sie versuchte nicht auf den Text zu achten, nicht die Stimmung zu fühlen, die sich bei den Pärchen auf der Tanzfläche einstellte. Tja, Eric Clapton bekam sie eben alle. Romantiker. Zyniker. Und die dazwischen.

Er blickte ihr in die Augen. Unmerklich. Ganz kurz. War das gerade Einbildung? Oder viel mehr seine perfide Art sich über sie lustig zu machen?

I feel wonderful because I see the love lite in your eyes…


Dieses Mal war sie sich ganz sicher. Er hatte zu ihr herüber gesehen. Unmerklich. Ganz kurz. Sie wollte wegsehen, irgendwo anders hin, aber ihre Augen spielten nicht mit, verharrten auf seiner Silhouette in dem Irrglauben, dass er erneut zu ihr schaute. Ja, es war erbärmlich, aber was sollte sie machen? Zunächst einmal: tiefdurchatmen und versuchen sich zu sammeln. Es war nicht gut, dass sie seinetwegen so aufgelöst war. Es war nicht gut für sie, weil sie keine Zeit hatte für seine Spielchen, und wenn sie eines wusste, dann das er ein Spielchen mit ihr trieb.

30 grauenhafte Sekunden, 15 holpernde Atemzüge, 20 Lidschläge und 100 Mordgedanken später war Gretchen nach draußen geflüchtet, dorthin, wo für einen Moment ihr Glaube an Wunder wiedergekehrt war. Gab es auf der Welt wohl noch jemanden, bei dem so vorhersehbar wie bei ihr schöne Erlebnisse unvermeidliche Gemeinheiten nach sich zogen? Und wo sie gerade bei Gemeinheiten war, näherte sich die schlimmste aller Gemeinheiten von hinten an.
„Hier steckst du!“, sagte Marc und schob ein, „ich hatte dich ja eher am Buffet vermutet“, hintenan. Er blieb neben ihr stehen, zündete sich eine Zigarette an und blies kleine Rauchwolken in die kühle Nachtluft. „Deine Cousine war aber nicht bei uns auf der Schule, oder?“, fragte er ohne dabei zu wissen Salz in eine Wunde zu streuen, von dessen Existenz er nichts ahnte.
Sie ignorierte seine Frage, entgegnete stattdessen: „Was willst du?“, nicht ganz so kühl wie sie es gerne getan hätte, denn das mit dem erhobenen Haupt musste sie erst noch üben.
„Zunächst mal das Bier, das mir jemand vor einer halben Stunde versprochen hat“, antwortete Marc prompt.
„Ich dachte, du hast schon was Besseres gefunden an dem du nuckeln kannst“, konterte sie und fing sich einen verwunderten Blick ein.
„Bitte?“
Sie drehte ihren Kopf in seine Richtung, starrte wütend in seine trügerisch schönen Augen, suchte nach Anzeichen, dass er sie veräppelte, fand aber nur eine Falte zwischen den Augenbrauen, die vor allem eines ausdrückte: Ahnungslosigkeit. Er schien es wirklich nicht zu wissen. Sie öffnete den Mund, verschloss ihn wieder, bevor auch nur eine Silbe ihre Lippen verlassen konnte. Sollte er doch einfach wieder reingehen. Ihr wäre es nur recht. Sie war schließlich nicht in ihn verliebt.
„Herr Gott! Kannst du nicht einfach sagen, was du willst? Ich hab es nicht so mit dem Gedankenlesen, weißt du“, spottete er.

Was sie wollte? Sie wollte lange Sonntagnachmittage mit dem x-ten Pretty Women rewatch, jemand, der mit ihr gemeinsam zusah wie das Popcorn in der Mikrowelle ploppte, sie wollte jemanden, der mit ihr absurdes romantisches Zukunftsausmalen betrieb à la „wenn wir ein Haus mit Garten haben, bauen wir einen Schwimmteich, so groß wie der Alexanderplatz.“ Sie wollte Zeitungsgeraschel am Morgen und „das muss ich dir unbedingt vorlesen“- Momente und sie wollte zum Lachen gebracht werden bis ihr der Bauch weh tat und Tränen aus den Augen quollen. Sie wollte eine Halsbeuge, die wie für ihre Kopfform gemacht war. Kurz um: sie wollte ein Eremitendasein zu zweit. Und sie wollte nicht irgendjemanden, sie wollte Marc, obwohl sie keines dieser Dinge mit ihm haben konnte.
„Ist sie weg?“, fragte er mitten in ihr Gedankenkarussell hinein. Erst jetzt bemerkte sie, dass Marc sich vor sie gestellt hatte und auffällig unauffällig über ihre Schulter blickte.
„Wer?“, erkundigte sie sich, denn sie selbst konnte nur ihre Oma sehen, die in Begriff war zu gehen.
„Die alte Schachtel.“
„Meine Oma?“, hakte sie halb belustigt, halb verärgert nach.
„Deine Oma? Das erklärt einiges. Ich schwöre, sie hat mich begrabscht. Mehrfach. Und dann so getan, als ob nichts wäre, einmal sogar, als ob sie schlafen würde“, er klang aufrichtig empört, was sie wiederum fast niedlich fand.
Gretchen musste lachen: „Das hört sich sehr nach ihr an. Ich habe gesagt, sie solle nicht so viel Wein trinken, das wäre in ihrem Alter gefährlich. Sie meinte, Kindchen, das einzige, was in meinem Alter gefährlich ist, sind Bettvorleger.“
„Dann hat wenigstens eine der Haasen Frauen Humor.“
„Ey! Ich hab sehr wohl Humor!“, protestierte sie und bereute es eine Sekunde später bereits, da kaum ausgesprochen, in Marcs Gesicht ein seltsam vertrauter Blick zum Vorschein kam. Lausbuben-ähnlich schien er etwas auszuhecken.
„Beweis es. Lass uns irgendwas machen und etwas Spaß in diese Veranstaltung bringen?“
„Spaß? Ist bei dir wohl eher Unsinn machen und ich verderbe meinen Eltern nicht ihren Hochzeitstag.“
„Du hast dich überhaupt nicht verändert. Immer noch die brave Streberin, pflicht-und verantwortungsbewusst, aber wehe du musst mal was riskieren.“
„Okay, Dr. Meier, was schwebt Ihnen denn vor?“, nachfragen kostete ja nichts.
„Wir könnten der Zombie-Gesellschaft eine kleine Erfrischung gönnen, ihnen wieder etwas Leben einhauchen. Ihr habt doch sicher eine Bewässerungsanlage mit Sprengern, wir könnten die Zeiteinstellung verändern, alle unter einem Vorwand nach draußen locken und hoffen, dass sich keine Gremlins unter ihnen befinden.“
„Ich weiß, du bist offensichtlich unter Wölfen großgeworden, aber ich tue meiner Mutter das nicht an. Sie hat sich viel Mühe mit den Vorbereitungen gegeben.“
„Das sie dafür noch Zeit hatte, wo sie doch mehr damit beschäftigt war dich an den Mann zu kriegen. Wie hieß der Typ vom Golfplatz?“
„Grabscher-Günni“, antwortete sie widerwillig und Bilder eines schmierigen Typens, der seinem Beinamen alle Ehre machte, schoben sich vor ihr inneres Auge.
„Genau! Und wusstest du, dass sie im Krankenhaus bei mir war und mir einen Vortrag gehalten hat? Ich solle dich nicht so hart rannehmen. Du isst immer so schrecklich viel, wenn du unter Druck gesetzt wirst.“
„Das hat sie nicht? Hat sie?“, mutmaßte sie hin- und hergerissen zwischen „nicht-glauben-können“ und „das darf nicht wahr sein“- Gedanken. Ein Horror-Szenario sondergleichen spielte sich in ihrem Kopf ab. Bärbel wie sie mit einem Foto von Gretchen in der Hand von Station zu Station lief und jedem männlichen Lebewesen, ob Patient oder Arzt, ihre Geschichte vom betrügenden Verlobten unter die Nase rieb. Wie sollte sie denn je wieder ihren Kollegen unter die Augen treten? Marc erkannte wie es in Gretchen brodelte, wie ihr Heiligenschein sich langsam verabschiedete und sich ein zitronensaurer Ausdruck um ihren Mund herum legte. Es brauchte nur noch einen kleinen Anstoß.
„Du würdest so verzweifelt sein, dass dir eine Schwesternschülerin Mitleids-Blumen geschenkt hätte. Das waren nicht zufällig, die deines Verehrers, der, der deine Größe so gut kennt?“, provozierte er sie weiter.
Bei seinen letzten Worten hatte sie plötzlich die Arme unter der Brust verschränkt, eine kleine Geste, die ihr Dekolletee noch weiter hervorhob und ihn erahnen ließ, dass sie mindestens an einer Körperstelle genau richtig proportioniert war.
„Komm, wir gehen!“, gab sie entschlossen von sich. Wenn sie wie ein kleines Mädchen behandelt wurde, dann durfte sie sich auch wie eines benehmen.
„Äh, wohin genau?“, fragte er an ihre Brüste, pardon an Gretchen, gewandt und hatte zum ersten Mal Mühe mit ihr Schritt zu halten.

85 Meter, 17 Treppenstufen und 234 Sekunden brauchten beide um unbemerkt in die Kellerräume vorzudringen.

„Du hast keine Ahnung wie man das einstellt“, bemerkte er skeptisch und schaute Gretchen über die Schulter.
Tatsächlich fummelte sie minutenlang an der Anlage für die Bewässerung des Rasens. Ohne ersichtlichen Erfolg. Gerade als Gretchen antworten wollte, wurde alles dunkel und das Knallen einer Tür folgte.
„Marc, das ist nicht lustig. Mach das Licht wieder an.“
„Ich steh direkt hinter dir“, verteidigte er sich.
Gretchen drehte sich um, prallte aber gegen etwas Hartes. Marc hatte nicht gelogen, als er sagte, er stünde genau hinter ihr. Seine Nähe irritierte sie kurz. Wieder fühlte sie diese eigenartige Anziehungskraft zwischen ihnen. Wie ein Sog in seine Richtung gegen den sie nichts ausrichten konnte, zugleich war da eine Angst, die sie von ihm wegtrieb. In seiner Gegenwart kam sie sich vor wie ein Stück Treibgut, das unberechenbar hin und her geworfen wurde, je nachdem wie ihre Gefühle sich veränderten. Ebbe und Flut. Etwas dazwischen schien es nicht mehr zu geben.
„Gehst du nachsehen?“, es fiel ihr schwer ihre Stimme unter Kontrolle zu bringen. Umso erleichterter war sie, dass Marc kommentarlos zum Kellereingang ging. „Abgeschlossen“, hörte sie ihn rufen, den Rest seiner Worte verschluckte ihre Panik. Nur am Rande nahm sie war, dass er sie mit Fragen über Fenster, weitere Lichtschalter und Ausgänge bombardierte. Gretchen antwortete auf keine, die Angst lähmte sie. Ihre Augen hatten Probleme sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ganz anders als ihr Gehör, das achtete auf jedes Rascheln, jedes Knacken in den Wänden. Irgendwann glaubte sie zu hören, wie Marc sich seufzend gegen eine Wand lehnte und an ihr herunterrutschte, was sie daran erinnerte, dass sie nicht alleine war. Nicht wie damals, als Jochen sie hier eingesperrt hatte. Da war sie 11 und hatte eine Woche zuvor heimlich ihren ersten Horrorfilm gesehen und noch wochenlang Albträume gehabt.

„Nun komm schon her, du Schisser, bevor du dir noch in die Hose machst.“
Sie hätte ihm gerne widersprochen, aber in diesem Fall, hatte er schlicht und ergreifend Recht und sie war nicht in der emotionalen Verfassung, um ihren Stolz zu Wort kommen zu lassen.
„Wir sind auch zwei Deppen“, sagte er plötzlich, gerade als sie ihm gestehen wollte, dass sie zur Salzsäure erstarrt war und wenn er wollte, dass sie zu ihm kam, sie schon tragen müsste. Dann flackerte es bunt. Marc hatte die kleinen Lämpchen an seiner Jacke aktiviert und leuchtete wie ein Weihnachtsbaum. Und genau wie eine Motte, die vom Licht angezogen wurde, bewegte sie sich auf die einzige Lichtquelle zu und ließ sich neben sie fallen.
„Puh, jetzt hab ich Hunger“, sagte sie und wusste sofort, dass dies bei Marc auf völliges Unverständnis stoßen würde, aber Stresssituationen bekämpfte sie eben am besten mit Essen, vorzugsweise Schokolade.
„Hunger? Als Loriot sagte, ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos, hättest du ihn lieber nicht so ernst nehmen sollen.“
„Ich bin lieber ein Mops, als ein Ego zu haben, das eindeutig an Adipositas leidet und vor lauter Selbstverliebtheit, niemand anderes lieben kann“, schmetterte sie den Vorwurf ab.
„Wozu auch? Liebe wird überschätzt. Entweder man trennt sich oder lebt nebeneinander her, weil man zu bequem geworden ist seine Wäsche wieder selbst zu waschen oder die Rechnungen allein zu bezahlen. Das Scheitern von Beziehungen ist so unausweichlich wie das Verfallsdatum auf Milchtüten. Irgendwann landet alles im Müll, irgendwann hat man sich immer satt. Überleg dir also, ob es richtig ist immer auf irgendwen zu warten, der dich aufreißt.“
„Du glaubst also, dass Liebe so was wie ein Haltbarkeitsdatum hat? Ziemlich zynisch, immerhin, feiern meine Eltern gerade ihren 35. Hochzeitstag“, forderte sie ihn heraus. Ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen und ein verträumter Ausdruck legte sich um ihre Augen, als sie hinzufügte: „Außerdem lohnt es sich immer zu warten. Allein schon für das Gefühl, den anderen pausenlos vor sich zu sehen, vor dem Einschlafen, nach dem Aufwachen. Das ist Verliebt-Sein.“
„Netzhautfehler trifft es wohl eher“, erwiderte er und brachte Gretchen damit zum Verstummen. Sie wiederholte das Wort gedanklich. Netzhautfehler. Es war zum aus der Haut fahren. Da redete man sich den Mund so fusselig bis er beinahe auseinander fiel, in Gedanken hatte man sich tausend Sätze zurechtgelegt, ganze Bücher, welche es mit der Länge eines Dudens aufnehmen konnten, aber wenn es dann darauf ankam, kreppelte man herum wie auf Krücken. Worte lagen wie Steine im Mund, zu schwer um sie nach außen zu tragen. Sie konnte ihn nur ansehen, stumm, und ein verschwommener Gedanke gewann mehr und mehr an Kontur. Es wäre egal, was sie ihm antworten würde, weil er es nicht verstehen konnte. Dieses Fühlen. Und das war wohl der größte Unterschied zwischen ihnen. Sie hatte Flugzeuge im Bauch, wenn sie ihn ansah, selbst wenn sie mit dem Rad zur Arbeit fuhr und er durch die Kopfhörer hindurch in ihre Gedanken vordrang. Unvorstellbar, dass es ihm genauso erging. Marc und Flugzeugen im Bauch? Wohl eher Flugzeuge im Schlauch! Das war das höchste an Gefühl, das er für sie aufbringen konnte. Und deshalb war sie so wütend, weil sie das alles wusste und ihn trotzdem nicht aus ihrem Kopf kicken konnte.
„Wie kann man nur so herzlos, so gefühlskalt sein?“. Sie schleuderte ihm die Worte förmlich entgegen.
Noch bevor sie eine Antwort erhielt, wurde es hell und laute Schritte auf der Kellertreppe störten den eisigen Moment. Drei Atemzüge später betrat Jochen pfeifend den Raum. Verdutzt hielt er inne, als er die beiden entdeckte, wie sie sich kühl anblickten. Gretchen war das egal. Sie wollte nur noch weg. Sie ließ Marc sitzen, drängelte sich an ihrem Bruder vorbei und lief los, als hätte jemand, den Startschuss für einen Wettlauf gegeben. Erst draußen an einem der zahlreichen leerstehenden Tische kam sie zum Stillstand. Ihre eigene Frage kam immer wieder als Echo in ihrem Kopf zurück, genauso wie seine Worte in ihren Ohren pausenlos klingelten.

„Darf ich Ihnen noch etwas bringen?“

Gretchen zuckte zusammen. Sie hatte nicht bemerkt wie sich ihr jemand vom Catering Service genähert hatte. Doch irgendwie traf die Frage genau ins Schwarze. Ein Happy Meal wäre jetzt genau das richtige, wenn der Name auch Programm wäre. Ob, die das wohl auch in ihrem rund-um-Service miteinschlossen?

„Ich hätte gerne eine Portion Liebe. Extra-groß, aber trotzdem leicht und fluffig, ohne Schuss. Dazu einen Löffel voll warmer Sonnenstrahlen, luftdicht verpackt. Eine Prise Zufriedenheit wäre auch nicht verkehrt. Das Ganze aufgeschäumt. Danke.“

„Für mich das gleiche. Nur mit Schuss.“

Der Kellner sah unentschlossen von einem zum anderen und dachte im Stillen, das die Bestellung soeben eingetroffen war, denn die Blonde hatte definitiv einen Schuss, einen Sockenschuss nämlich und er suchte lieber das Weite. Marc dagegen nahm ihr gegenüber Platz. Gretchen konnte nichts sagen, sie mochte diese Momente vor dem ersten verbalen Austausch am liebsten. Wenn Objekte und Gegenstände ihre Eigenschaft verloren, Licht zu reflektieren und alles Licht in zwei Pupillen bündelte. Das hatte einen gewissen Zauber, ein bisschen was von Poesie für die Sinne. Aber irgendwann mussten auch solche Augenblicke enden.
Marc legte ihre Hand auf seine Brust. Ließ sie dort verweilen. Nahm ihre andere Hand ließ sie seinen Puls nachspüren. Eins zwei drei. Sie schloss die Augen, spürte ihn und das Klopfen gegen ihre Handinnenfläche. Sie öffnete die Augen und sah gerade noch wie er seine Augenlider hob und sie mit ernstem Blick fixierte: „Ich bin nicht herzlos und auch nicht gefühlskalt. Ich schütze mich nur. Das solltest du auch.“

Manchmal brauchte es nicht mehr als einen Wimpernschlag, ein einzigen fühlbaren Herzschlag oder 16 Worte, um jemandem die Augen zu öffnen, dass man nicht der einzige Mensch auf der Welt war, dessen Herzverschluss klemmte.

Marc schob ihre Hände auf ihre Seite des Tisches zurück, noch bevor sie sich an die Wärme seiner Haut gewöhnen konnte, dann waren die drei Millimeter Möglichkeit vorbei, die Möglichkeit, dass es vielleicht anders sein konnte und Marc längst verschwunden.

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