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Dieses Thema hat 71 Antworten
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 Erfindet eure eigene Fortsetzung!
Seiten 1 | 2 | 3
Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

24.11.2013 20:04
#26 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Halli Hallo meine Liebsten!

Endlich komm' ich auch mal zu Potte und stell einen neuen Teil herein. Einen herzlichen Dank an meine Kommi-Schreiber und die stillen Leser. Feedback ist immer sehr wünschenswert und ich bin für Kritik offen! Jetzt geht's aber weiter und ich hoffe es gefällt euch.

Glg
Eure Elli



„Ah ja und was bitte hat das mit Hasenzahn zu tun?“

Nach mittlerweile sieben Tagen, stieg die Unausgeglichenheit. Marc versuchte konstant Ruhe zu bewahren und den einen oder anderen Spruch locker von seinen Lippen zu lassen.

Wenn das so weitergeht überleg ich mir, jetzt schon in Rente zu gehen. An der Kohle liegt’s sicher ne.

„Mensch Marc, jetzt denk doch mal nach. Es könnte doch sein, dass Gretchen unter unverständlichen Umständen an einem Abend in einer afrikanischen Bar war und sie dann so eine Art Drogen...Cocktail getrunken hat. Dann ist sie durch ungünstige Verhältnisse an einen Schmierlappen geraten, der sie kurzerhand mit auf die Männertoilette genommen hat. Logischerweise hat es Gretchen nicht gestört, da sie betrunken war und dann wollte er sie… mit ihr… anbändeln und hat ihr ganz nebenbei was gespritzt! Klingt doch einleuchtend.“

Mehdi war von seiner Aussage 100 % ig überzeugt und verdeutlichte das mit einem selbstverständlichen Nicken. Es gab Tage, wenn nicht sogar Wochen, an denen man meinen könnte, Mehdi sei aus der Klapse ausgebrochen.

Irritiert blickte Marc zu seinem besten Kumpel und dachte sich seinen Teil. Mit gerunzelter Stirn kam er näher und stütze sich am Tisch ab. „Mehdi, dir ist schon klar, dass das totaler Bullshit ist…“ Marc zeigte ihm den Vogel und lachte schnaubend auf.

„Also mal davon abgesehen, dass es am Ende der Welt keine Clubs gibt, glaub ich wohl kaum, dass Hasenzahn in so ein Etablissement geht. Geschweige denn, dass sie sich auf dem Klo vögeln lässt und sich auch noch ne Line spritzen lässt. Nimm’s mir nicht übel Mehdi, aber langsam solltest du auch ein wenig wissen, wie Fräulein Falschgeld tickt. Wobei…“ er stutzte einen Moment und legte gespielt die Hand unter sein Kinn. Sein Blick wankte danach zu Mehdi und musterte ihn. „… da kann man sich bei der eh nie sicher sein.“

Also bitte, Hasenzahn und Rauschgift und dann auch noch ein One-night-stand? Sicher ne, eher heiß ich Helmut Schmidt.

Mehdi versuchte sich zu verteidigen und schüttelte schauspielerisch den Kopf, während er sekündlich mit den Augen klimperte. „Ich…also…ich…meine…ich…das ist doch…ich…“
Marc stöhnte und legte den Kopf in den Nacken. „Mehdi, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit. Im Gegensatz zu dir, muss ich arbeiten. Also komm zum Punkt.“

Langsam wurde es ihm zu fett und er rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her. Schauspieler oder Pressesprecher hätte Mehdi definitiv nicht werden können. Naja, dann bleibt eben nur der Nerd, der den Frauen die Hosen auszieht.

„Ich wollte sagen, dass das im Gegensatz zu deinen Spekulationen immerhin ein Lösungsansatz ist.“

Der Gynäkologe lief von der einen in die andere Ecke des Raumes. Seine Nerven waren verbraucht, genauso wie die der anderen.

„Bitte? Ich stell überhaupt keine Spekulationen auf. Egal. Ich muss jetzt los.“ Ehe Marc aufstehen konnte, ging sein Pieper an.

Genervt zückte er die Gerätschaft aus seiner Kitteltasche und rief im nächsten Moment laut. „Hasenzahn!“

Ein kurzer Blick ging noch zu Mehdi, bevor er sich umdrehte und schnellen Schrittes den Raum verließ. Im Rückenwind schwang nur noch sein weißer, leichter Kittel. Wortlos rannte Doktor Kaan hinterher und erwischte Marc an der Treppe.

„Was ist denn?“

Woher soll ich das denn wissen? Ich war gerad bei dir, du Voll... Ruhig Meier, ruhig!

„Keine Ahnung, kann ich hellsehen?“ schaute er kurz über die Schulter.


Die beiden stürmten in das Zimmer und Schwester Sabine zappelte bereits mit den Armen. „Herr Doktor, gut das Sie-“

„Klappe Sabine. 500 mg Amoxicillin. Pronto.“ Er stützte sich über Gretchen und legte eine Hand auf ihre Stirn und tastete dann ihre Lymphknoten ab.
„Was ist mit ihr?“ fragte Mehdi besorgt und studierte inständig das schlafende Gretchen. Ohne aufzuschauen, räusperte er sich und sagte angespannt. „Lymphe sind immer noch geschwollen…“

Als Marc das Thermometer zückte, zeigte ihm dieses schnell einen ungewünschten Wert an. „Scheiße, steigendes Fieber auf 41, 1. Die verbrennt uns gleich. Hol den alten Haase.“ Eifrig nickte Mehdi und nahm seine Beine in die Hände.

Wenn ihm eines wichtig war, dann, dass Gretchen lebte. Dafür würde er alles tun. Er hatte starke Gefühle für Gigi entwickelt, aber in der Tiefe seines Herzens saß immer noch eine blonde Ärztin mit eisblauen Augen.

„Sabine!“ schrie Marc und seine Haare fielen in seine Stirn.

„Ziehen sie denn Finger. Doktor Haase ist am Verbrennen.“

Trotz des täglichen Gebrauchs von simplen medizinischen Gegenständen und Medikamenten, war es heut eine harte Tortur für die kleine Krankenschwester. Neben der gedanklichen Anstrengung und Besorgnis um ihre Frau Doktor, kam der seelische Druck und die Angst hinzu. Seit einer Woche versuchte sie vergebens jede Pause und jede Arbeitsstunde, Gretchens Vertraute aus Ouagadougou zu erreichen. Die Antwort war jedes Mal erniedrigend. Besetzt, kein Empfang oder die Mailbox. Diese schien schon zu platzen, denn nicht nur Sabines Stimme lag darauf, auch Mehdi, Marc, Gigi und der Professor höchstpersönlich, hatten eine deutliche Ansage auf das Sprachband der Afrikanerin gelegt.

„So Hasenzahn, alles wird gut.“ Redete Marc behutsam auf sie ein, währenddessen er die Spritze durch ihre Vene jagte. Mit dem Daumen strich er sachte darüber und schenkte ihr quasi eine körperliche Beruhigung und Nähe. Allerdings war sich Marc der Sache bewusst, dass sie seine göttliche Stimme nicht hören konnte, weshalb er es sonst nicht für nötig hielt, den Laudator zu spielen.

Das Antibiotikum zur Vertreibung des bakteriellen Infektes schoss durch ihre Venen in die Blutbahn. Vergleichbar war es mit Autoscooter. Sogar Marc ging dies ans Herz, was er selbstverständlich nie zugeben würde. Er hatte gehofft, Gretchen würde glücklich sein. Anfangs schien dem Ganzen für Marc Olivier Meier auch so, aber spätestens im Fahrstuhl hatte er gemerkt, dass sich an ihren Gefühlen nichts geändert hatte. Klar, sie war sauer und das zu Recht. Aber als sie leise im Aufzug fluchte, wusste er, dass nichts vorbei war. Vielleicht hatte sie in Afrika ihre Gefühle über kurz oder lang verdrängen können, verbannen aber lange nicht. Er hatte gemerkt, dass sie enttäuscht und traurig war, aber sich versuchte zusammenzureißen. Das gelang ihr durchaus, aber Marc war damit nicht zufrieden. Seine ehemals herzliche und offene Assistenzärztin wirkte kalt, verschlossen und gefühllos. Nur um Emotionen bei ihr zu sehen, stichelte er und lockte sie aus der Reserve. Marc hatte weder die Absicht, dass sie weinte, noch das sie aufkommende Gefühle zuließ. Er wollte nur irgendeine Reaktion. Egal was. Sie hätte ihn anschreien können, ihm eine schallende Ohrfeige geben können, gehässig lachen können, ja sogar vor Freude, dass sie ihre Schokolade wieder hat, weinen können, aber nichts tat sich. Erst im Aufzug fand er das wahre Gretchen, die abermals stärker geworden ist.

Gretchens Vater und ihr bester Freund stürmten in das Zimmer, als Marc sie über den Gesundheitszustand informierte.

„Wir müssen umgehend herausfinden, mit was sich Margarete infiziert hat.“ Tadelte Franz und strich sich über die Stirn.

Auf einmal ertönte ein lautes Bling. Immer und immer wieder.

Gleichzeitig schauten die drei Ärzte auf Gretchen. Ebenso gleichzeitig stürmten sie auf das Bett zu.

„Meier, was haben Sie ihr zum Teufel gespritzt?“ Energisch fauchte Franz Marc an. Er versuchte ihren Puls zu fühlen. Marc antwortete pampig, denn es war ihm im Augenblick herzlich egal, was sein Chef dachte.

„Amoxicillin, Mensch! Sabine geben sie ihr Carbamazepin.“ Rief Marc.
„Meier, sie hat keinen Puls mehr und sie atmet nicht mehr. Defi Sabine.“

„Sofort.“

Mehdi schob die Kopfseite des Bettes nach unten und Franz setzte an.

„Aufladen auf 150. Alle weg vom Bett.“

Zack. Der erste Stromschlag durchfuhr Gretchens Körper.

„Komm schon Kälbchen. Aufladen auf 200. Weg vom Bett.“

Zack. Der nächste Stromschlag. Gretchens Körper flog in die Höhe und genauso schnell, war er wieder auf der Matratze.

Mehdi und auch Marc starrten gebannt auf ihre einstige Liebe.

Als sich wieder nichts tat, schritt Marc an Franz Seite und fischte ihm die Paddel aus den Händen.

Kurzerhand schob er den Professor zur Seite. „300. Alle weg.“

Nichts.

„Komm schon Hasenzahn. Ich hab dir was gesagt im Aufzug und du wirst deinen dicken Hintern nicht von meinem Schoß nehmen, bevor wir einiges geklärt haben. 350. Weg.“ Er hielt kurz inne und schaute sie bittend an.

Leise rief er. „Gretchen!“ Es war ein Hauch von einer Stimme und glich seiner, als sie die ganze Nacht neben ihm gewartet hatte und er sie das erste Mal „Gretchen“ nannte.

Dann schoss der Strom durch ihren Körper und es erklang ein Piepen des nebenstehenden Gerätes.
Heilige Scheiße…(erleichtert)

Sofort wurde ihr das Mittel gespritzt. Alle atmeten erleichtert aus und ein, aber den Schock sah man ihnen mehr als an. Ohne noch einen Blick auf die 30 jährige zu werfen, verschwand Marc schnurstracks aus dem Zimmer und steuerte sein Büro an.


Wenn das so weitergeht bin ich dem ersten Herzinfarkt nicht mehr weit entfernt. Wenn sie…

Sein Gedanke brach ab. Das wollte er sich nicht vorstellen. Die Tür viel mit einem lauten Krachen ins Schloss und Marc ließ sich an ihr herunter gleiten. Er strich mit beiden Händen über sein Gesicht und in seinen Augen lag Erleichterung. Ein minimales Heben seiner Lippen zeigte, dass Marc wenigstens für einen Moment die Kontenance wiederbekommen hatte. Er keuchte einmal tief und verharrte danach so. Aus Gründen, welche dem Oberarzt wahrheitsgemäß, ewig im Magen liegen, flogen seine Blicke durch sein helles Büro.

Anfangs dachte er nur, es gilt der Ablenkung, aber als seine Augen wie gebannt und fast fanatisch auf zwei zerknüllten Papierbällen in der rechten Ecke neben ihm Halt machten, zuckte sein Kiefer verdächtig.

Das ist doch nicht etwa der...? Scheiße ja, das ist er. Und ich dachte, die Putze hat den schon längst entsorgt. Bei Gelegenheit sollte ich das mal Ansprechen. Wobei,…wenn ich so überlege, dann hat es was Gutes. Jetzt aber Schluss mit den Hirngespinsten und ab dahin.

Eifrig nahm Marc die verstaubten Stücken zwischen seine Finger und überflog die Zeilen in Überschallgeschwindigkeit. Dann fand er das kleine Detail.

Er lächelte.

Der Chirurg mit den grünen Augen tat einen Schritt zurück und verschwand im nächsten Moment durch die blaue Tür.

Heute schien der Tag doch noch eine Wendung einzunehmen. Eine, die nicht nur für ihn Aufatmen bedeutete. Mit schnellen Schritten lief er ins Stationszimmer und rief auf dem Weg zu sich selbst optimistisch.

„Fick die Fliege!“

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

09.12.2013 22:11
#27 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hey Leute!

So, jetzt kommt endlich Nachschub! Ich hoffe ihr lest noch und habt Freude?! Wenn nicht, sagt bescheid. Dankeschön an die Kommentatoren, ihr macht mich jedes Mal glücklich und animiert mich! Gern sind auch die stillen Leser zu hören, wenn es euch gefällt oder ihr Anregungen habt, könnt ihr mir gern eure Meinung auf der Kommentar-Seite zukommen lassen!

Glg und viel Spaß!
Eure Elli




Einige Stunden später konnte Gretchen Haase systematisch und mit den präzisen Medikamenten sowie Gerätschaften behandelt werden. Zufälle gab es und ausgerechnet sie hatte sich bei ihrem Wiesengang mit dem tropischen Virus, von dem sie noch in ihrem Brief an die Belegschaft geschrieben hatte, infiziert. Mit der medikamentösen Behandlung und den Aussichten auf eine baldige Milderung der Umstände, atmeten die Ärzte an ihrer Seite endlich wieder auf.

Für Marc Meier etablierte sich das Ausatmen als eine Art Ruhestand vor dem bretternden Abfall in einer Achterbahn, denn Franz Haase hatte über einige Ecken von den wirklichen Vorfällen zwischen seinem besten Oberarzt und seinem Fleisch und Blut gehört. Kurz um: Er wusste Bescheid. Diese unerwarteten, brisanten Erkenntnisse brachten Marc durchaus zu einem Abbruch- in vielerlei Hinsicht. Er wurde vom Professor nicht nur zu einem klärenden Gespräch zitiert, was lauter ablief, als Marc gedacht hatte, nein, der Chefarzt entzog seinem besten Chirurgen die medizinische Betreuung von seiner Tochter. Unwillkürlich zischte Marc, verübeln konnte er es dem alten Haase aber nicht. Er hatte zu schätzen gewusst, was Marc für seine Tochter getan hätte, andererseits erkannte er als Vater, der deutlich in ihm sprach, was dieser Mann mit seiner Tochter veranstaltet hatte. Sie hatte eisern geschwiegen, was Franz bewunderte, denn normalerweise lag ihr Herz auf ihrer glasierten Zunge, sodass sie immer kund tat, was sie bedrückte, erfreute und verärgerte. Ihm war allerdings nicht entgangen, dass sie weinte, bitterlich. Bis spät abends lag er in seinem Bett und fragte sich, was passiert war. Davor bekam er es nicht mit, denn sie weilte in Afrika und an den Telefonaten gab sie sich durchaus souverän und stark. Inwieweit ihre Gefühle befallen schienen, wurde dem älteren Mann erst vor einigen Stunden klar. Er handelte stets als Vater, denn als Chefarzt hätte er einsehen müssen, dass er einen besseren Fang als Marc Meier nicht hätte tätigen können. Aus Selbstschutz vor Gretchen und vielleicht auch etwas für Marc, entschloss er sich dies durchzuziehen und ab jetzt selber die leitende Hand primär und sekundär zu führen.

Gesagt, getan, stattete er seiner Tochter einen ärztlichen und vor allem väterlichen Besuch ab, kam leider nur bis zur Tür, denn bei seinem einzigen weiblichen Nachfahren saß sein begnadeter Oberarzt. Franz knirschte fast schmerzlich mit den Zähnen und es fehlte nicht mehr viel, da stände er in dem Patientenzimmer und hätte dem besagten Mann eine mächtige Ansage gemacht, die zweite wohlbemerkt. Doch sein Blick ruhte auf dem festen Band, was die beiden Menschen, die nicht nur einander sondern auch allen um sich die Haare rauften, verband. Ihre Hände! Besser gesagt, hielt Marc Gretchens in seiner. Der Chefarzt konnte sich nicht erklären, warum ihn seine Füße nicht zu dem besagten Ort trugen, denn sie blieben starr, fast so schwer wie Mörtel. Nur seine Hand ging gegen den Druck der Türklinge durch und öffnete sie mit einem minimalen Abstand zum Rahmen. Neben dem Piepen des EKG’s, hörte er, die Stimme von Marc Olivier Meier, die mehr stotternd und unter erschwerten Umständen eine individuelle Zusammengehörigkeit und Liebe offenbarte. Grundlegend neu, war es für den Chirurgen nicht, denn er hatte es sich selbst nicht leicht getan in Sachen Liebe. Immerhin stammte Gretchen aus demselben Fell wie seine Frau und die wollte um seine Gefühle ebenfalls bestens involviert und integriert sein.

Nach kurzer Zeit entschloss er sich die Tür wieder zu schließen und den jungen Leuten doch noch eine Chance zu geben, allerdings dachte er da primär an seine Tochter, denn Marc würde er über kurz oder lang sowieso im Reißwolf manipulieren. Um dem Verständnis Folge zu leisten, fangen wir doch am Anfang des Besuches an…


Nachdem fahrigen Gespräch und einigen Zigaretten später, fielen Marcs Gedanken unwillkürlich zu der blonden Schönheit. Nicht nur die Erleichterung durchzog seine Knochen und eine unangenehme Gegend in Brustnähe, sondern auch die Sehnsucht. Offen würde er dies nie zugeben, aber ein Gefühlswirrwarr der Extraklasse gab den Ton an.
Dagegen hatte selbst ein Ego mit Dominanzschub keine Chance, weswegen die Akten schmerzlich auf seinem Schreibtisch liegen blieben und er mit abgestützten Armen in seinem Unterbewusstsein festhing. Endlich siegte der Engel in Marcs Gehirn, der sicherlich in der rechten Hälfte nestelte. Seufzend und schwerfällig strich er sich über die Augen und stützte sich mit den Armen dynamisch auf dem Schreibtisch ab, um einige Sekunden später die Tür lautstark ins Schloss fallen zu lassen. Seine Füße trugen ihn zügig, nichtsahnend, aber bestimmt zu einer blauen Tür. Dort kam er das erste Mal zum Stehen und merkte die deutliche Feuchte an seinen Extremitäten, denn ein Schwall von Unsicherheit und ein Grummeln in der Magengrube flossen ineinander über und brachten den Chirurgen zum Zögern. Letztendlich drückte er die Klinge herunter und schloss die Tür sachte.

Als sein Blick wellenartig zu Gretchens Bett bis hin zu ihrem Gesicht wanderte, füllte sich seine Kehle mit einer belagernden Trockenheit, dabei bissen seine Zähne immer mal wieder aufeinander. Er war kein großer Gefühlsmensch, aber der Anblick seiner Verflossenen ließ ihn keineswegs kalt, auch wenn er es sich in einigen Situationen gern wünschte. Momentan hatte er eher den Drang ihr Lächeln einmal tief aufsaugen zu können. So oft war er sich in den stillen und unbeobachteten Momenten sicher, dass er es tief absorbiert hatte, doch wenn er daran dachte, wie lang es ihm mittlerweile verborgen blieb, sah er nur einen weißen Fleck. Für seine Verhältnisse schritt er recht zurückhaltend auf sie zu und setzte sie genauso eingeschränkt, imaginär versteht sich, auf die äußerste Bettkante. Der erste Blick galt den gefühlten tausend Schläuchen und Maschinen, an denen Gretchen Haase hing. Die Werte lagen im Normalbereich, was ihn zumindest etwas von seiner Anspannung auf Eis legen lassen konnte. Dann betrachtete er ihre geschlossenen Lider und ihr ebenso ruhendes Gesamtbild. Man könnte meinen, dass sie schlief. Allein, ruhig und schmerzfrei. Diese verbalen Gedanken schüttelte Marc sofort ab, denn es brachte den Touch einer Totensituation, welche er nie im Leben haben wollte. Aber es war grenzwertig. Langsam tastete er sich zu ihrer Hand vor und umschloss sie zaghaft. Einen kurzen Augenblick hielt er die Luft an, schaute zur Tür und dann wieder zu der schlafenden Schönheit, die nicht kalt, aber auch nicht warm war. Es war dieser typische Krankenhaus Rhythmus und das dazugehörige Feeling, welches Gretchen Haase in und auf sich trug.

So Meier, jetzt oder nie!

„Na Hasenzahn, schläfst du immer noch?“ Fing er mit betrübter Stimme an, welche er mit einem kurzen Lächeln zu überspielen versuchte. Er wollte ihr trotz ihres abwesenden Zustandes nicht das Gefühl von Schwäche entgegenbringen. Nicht etwa aus dem Grund, dass er es sich nicht eingestand, viel mehr, um sie nicht unnötig Kräfte zehren zu lassen. Er stutzte auf diesen Gedanken hin, denn er war absurd, aber womöglich lagen wahre Züge drinnen. Bevor er fortfuhr, strich er sich aufgewühlt durch das Gesicht und antwortete flüsternd mit gedämpfter Stimme.

„Du kannst langsam wieder aus deinen Kleinmädchenträumen aufwachen. Wenn du’s nicht für… mich machst, dann denk mal an deine Mutter und deinen Vater, von Sabine und der Vogelscheuche ganz abgesehen. Ich will ja echt nix sagen, das für die spricht, aber sie ist im Arsch. Wortwörtlich!“ Seine Augenbrauen fuhren eine Etage nach oben, während er kurz schräg und einseitig mit müdem Gesichtsausdruck lächelte. „Dein Vater hat mir ganz schön nen Einlauf gemacht, weißt du das?“ Er überlegte, ob er in die Richtung gehen sollte, nickte sich entschlossen zu und schaute sie wieder eindringlich an. „Du hast ihm nichts gesagt, das ist… mh… gut.“ Wenn das nicht typische Marc Meier Sprache war.

Er verstärkte kurzzeitig den Druck um ihre Hand. „Ich…ich… bin stolz auf dich, Hasenzahn. Und nicht, weil du geschwiegen hast, sondern weil du es geschafft hast. Ehrlich gesagt, hab ich erwartet, dass du nach mindestens 1 ½ Wochen wieder auf der Matte stehst und deinen alten Job haben willst, aber da war nichts. Kein Hasenzahn und keine blonden Locken oder Schokoladen Leerstand. Nichts!“ Es fiel Marc sichtlich schwer über seine Empfindungen zu reden, aber gleichzeitig befreite es ungemein.

Er musste zugeben, dass es auch mal seine Reize hatte, wenn Hasenzahn nicht widersprach. Während er den Druck um ihre Hand lockerte, musste er mit erhobener Stirn leicht grinsen auf diesen Gedanken hin. Seine ernsten Züge überwogen und Marcs Zunge glitt feuchtend über seine trockenen, angehauchten Lippen, bevor er sich leicht aufrappelte und seine rechte Hand zu ihrer Wange führte. „Du, ich…“ Scharf zog er die Luft durch die Nase ein und formte ein stummes „Idiot“ zu sich selbst, ehe er noch stockend, aber bestimmt fortfuhr.

„Bitte, Gretchen!“ Formte er mild, zeichnete sanft auf ihrem Wangenknochen und hoffte, dass sie ihn mit ihren strahlenden, fesselnden, warmherzigen, liebenswerten und funkelnden Augen ansehen würde. Sie hatte es sicherlich verstanden, unbewusst, was er ihr mit seiner letzten Aussage klarmachen wollte. Manchmal brauchte es keine großen Worte, es sind die kleinen Gesten, die erinnern und glauben. Als seine Hand von ihr abließ und er sich Räusperte, redete er flüssiger weiter. „Du willst doch hoffentlich noch deinen Facharzt in der Tasche haben, oder? Außerdem wirst du das Ding hier…“ Er schaute sich skeptisch im Raum um. „…mal führen. Dein alter Herr, deine Mutter, die Brillenschlange, Mehdi, Sabine und sogar die Hassmann oder Knechtelsdorfer ver-missen dich. Und ich sag dir mal was.“

Er stütze sich leicht über sie und flüsterte in ihr Ohr mit rauer, schroffer Stimme.
„Du kannst sogar so viel Schokolade essen, bis dir schlecht wird, aber mach die Augen wieder auf, Gretchen!“

Entspannend kreiste er die Schulter, setzte sich wieder auf die Bettkante und sprach unbeirrt fort. „Stell dir mal vor ein Patient liegt ohne Narkose auf dem Tisch. Ich weiß, du denkst jetzt, dass es bei mir durchaus keine Seltenheit sein könnte, aber ausnahmsweise bin ich mal ernst. Dann ist auch die OP irgendwie unvollständig. Nicht nur der Patient hat Schmerzen, sondern auch vom zu sehen wird einem schlecht. Verstehst du, was ich meine?“ Ergebens seufzte er auf und zog die Augenbrauen mittig leicht nach oben und zusammen. Mit nuschelnder Stimme sprach er eher zu sich selbst. „Vermutlich nicht…“ Er hatte selbst Probleme seine Aussagen zu verstehen, wie sollte dem ein anderer nachkommen? Unmöglich. Zumindest dachte das Marc.

Komplizierter ging’s echt nicht… Meine Fresse!

Doch so unverständlich kam seine Aussage nicht an, zumindest Franz Haase der einen Teil des Gespräches verfolgt hatte, konnte mit seinem letzten Ansatz durchaus etwas anfangen. Ein minimales Lächeln bildete sich auf seinem Gesicht und als er die Tür verlassen hatte, dauerte es nicht mehr lang, da verabschiedete sich auch Marc mit einem letzten eindringlichen, festen, aber aussagekräftigen Blick und einem letzten Händedruck plus klitzekleiner Streicheleinheit. Männer und ihre Macken. Sie bleiben ein ewiges Rätselbuch… ohne Lösungsheft!

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

17.12.2013 22:14
#28 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hey Leute!

Ich schick euch heut einmal ganz liebe Grüße und einen dicken Schmatzer an alle, die mich immer so tatkräftig unterstützen und mich mit einer Rückkopplung versorgen. Auch an die stillen Leser und an die, deren Resonanz ich per Mail oder per GB bekomme, danke ich recht -lich. Deshalb heut auch mal der neue Teil eher, als erwartet sicherlich. Viel Spaß damit und eure Meinung ist mir sehr gewünscht!

Glg
Eure Elli




Ein neuer Morgen voller, noch unbekannter Ereignisse, brach an. Die Luft schien schwül, der Himmel war klar und jeder nutzte die Chance, so schnell wie nur möglich, in ein klimatisiertes Gebäude zu kommen. Grapefruitfarbige Sonnenstrahlen brannten auf der durchlässigen Haut, genauso, wie der Tropf einer jungen Ärztin Anfang 30, begann zu schmerzen. In Zeitlupe öffnete Gretchen ihre kristallblauen Augen spaltweise. Kaum drang ein kleiner Lichtstrahl hinein, schossen sie wieder zusammen, dieser Vorgang wiederholte sich gefühlte 100 Mal. Dann endlich, schaffte sie es ihre Umgebung wahrzunehmen und eingehend zu studieren.

Oh mein Gott, mein Kopf!

Gretchens erster Griff ging an diesen und sie zuckte im nächsten Moment abermals zusammen, da ihre Venenbahn verdächtig spannte. Als sie instinktiv zur Tür schaute, wurde für einige Zeit alles weiß und ein Bild zeichnete sich vor ihren Augen. Sie stand in einer Wohnung vor einer weißen großen Tür und vor ihr ein Mann, wessen Grübchen ein sanftes Lächeln umspielten. Gretchens Bild verschwand und ein schwaches Aufzucken ihrer Mundwinkel tauschte sich aus. Als ihr Blick noch leicht verträumt und schläfrig auf den Venentropf viel, legte sie ihre Hand sachte neben ihren Kopf und berührte zaghaft ihre Finger mit der Nasenspitze.

Ich bin mit Marc zusammen, aber wieso lieg ich denn hier? Moment mal…
Sie stutzte kurz und versuchte sich fieberhaft an die vergangenen drei Monate zu erinnern, aber es wollte ihr einfach nicht gelingen, weshalb sie sich versuchte aufzurichten, aber auch das misslang ihr. Gretchens Gedanken fanden auch mit der Zeit keine Reihenfolge, was sie noch mehr verwirrte. Allerdings konnte sie dem nicht lang standhalten, da ihre Augen schwerer wurden und sie letztendlich in einen ruhigen Schlaf fiel. Der einzige Gedanke, welcher sie bis zum Schluss festhielt war, Marc und sie sind ein Paar. Es benötigte keine Spezialisten, um zu erahnen von wem sie träumte.

Wenig später betraten Bärbel, Franz, Mehdi, Gina, sowie Marc den Raum. Dem jungen Chirurgen fiel es sofort auf, dass etwas anders war und das lag nicht an den frischen Blumen von Sabine. Seitdem Gretchen auf der Intensiv lag, standen aller zwei bis drei Tage frische Blumen neben ihrem Bett. Wenn Sabine für den Strauß verantwortlich war, sah man dies sofort und nach Marcs Geschmack, roch man es ebenso. Allerdings zählte der Gedanke, gegen den Marc nichts einzuwenden hatte, solange die Krankenschwester ihre Arbeit nicht vernachlässigte. Doch heute schien etwas anderes in der Luft zu liegen. Konsequent ging Marcs Blick zuerst auf die Monitore, die Gretchens regelmäßigen Herzschlag deuteten. Nichts. Bevor der Oberarzt auch nur einen „richtigen“ Blick auf sie werfen konnte, denn der erste als er zur Tür hineinkam, war nur Sicherheit, dass sie noch da war, obwohl sie nicht hätte fliehen können, egal, er zählte einfach nicht, schrie Bärbel aufgeregt los. Alle zuckten zusammen und so warfen ihr die Männer mit zusammengezogenen Augenbrauen und in Falten gelegter Stirn, und die eine Frau, also Gigi, ein paar runde Kulleraugen zu.

Die Alte ist furchtbar. Es ist echt ein Wunder, dass es Hasenzahn so lang bei der unter’m Dach ausgehalten hat. Meine Mutter ist ja n’en Scheißdreck dagegen!!!

„Was ist denn Butterböhnchen? Hab ich dir nicht gesagt, dass unser Kälbchen Ruhe braucht! Also bitte mach jetzt hier kein Drama!“ Tadelnd nickte Franz seiner Frau mit zusammengezogenen Augenbrauen zu. Bärbel schien dies nicht weiter zu interessieren, denn sie klopfte Franz aufgeregt, fast wie ein Teenager auf Entzug, gegen die Brust. Marcs rechte Augenbraue stieg in den Fahrstuhl, fuhr dann eine Etage nach oben. Der Raum wirkte hell und die vielen Personen darin, brachte das Leben zurück.

„Aber Franz-“ Bärbels überschlagender Stimme wurde das Wort abgeschnitten.

Marc und Mehdi sahen gespannt zu dem diskutierenden Ehepaar, warfen sich ab und an Blicke zu, die sagten:
Oho Ehekrise die Millionste.
Marc, das ist nicht witzig.
Ne, eher zum Haare raufen!
Bitte, Marc!
Danke.

Als das Gefecht beendet schien, widmeten sich die Ärzte wieder dem Spektakel des Professors und nach Marcs Meinung, seiner schlechteren Hälfte. Der Chirurg wandte den Blick mit erhobenem Kopf und hochgezogener Augenbraue, taff ab.

„Bärbel ich werde das hier nicht mit dir debattieren. Operation beendet.“
„Hau“ rief Marc leise bemerkt, aber für alle verständlich ein.

Nachdem er einmal die Runde überblickt hatte, formte er die Lippen zu stummen Worten. „Wie bitte?“ hackte Franz mit Schulterblick und ein gestützten Armen nach. Piepsend schloss Marc kleinlaut an. „Och nichts!“ Das Chaos war mal wieder perfekt. „Schluss jetzt! Gretchen liegt hier und ihr habt nix besseres zu tun, als euch an die Gurgel zu springen.“ Tadelte Gigi mit erhobenem Finger. Dabei wurde ihre Stimme um einige Stufen lauter, sodass Mehdi ihr beruhigend die Schulter tätschelte, Marc schüttelte nur missverständlich darüber den Kopf.

„Ich hab aber-“ wirbelte Bärbel wild durch die Ärzte. In dem Moment betrat Sabine den Raum und ließ die Tür unsanft ins Schloss fallen. Alle schauten zu ihr herüber.

„Entschuldigung!“ versuchte sie gequält über die Lippen zu bringen und lächelte ebenso. „Wie geht es der Frau Doktor?“ Das war die falsche Frage, denn nun plapperte Bärbel Haase unwirsch, unbeirrt und lautstark gestikulierend herum.

„Das will ich doch die ganze Zeit sagen. Hier ist es ja schlimmer, als im Circus Amadeus. (kurzes Lächeln) Aber viel wichtiger ist doch, dass meine Magarete wach ist.“

Ehe sie weitersprechen konnte, ergriff Franz Haase abermals und stockwütend das Wort. „Bärbel mach mich nicht rasend! Es ist wohl besser, wenn du jetzt gehst.“ Ehe sie sich versah, hatte der Ehemann der Rothaarigen sie am Oberarm gepackt und wollte mit ihr vor die Tür. Marc räusperte sich, um sich Luft zu schaffen. „Herr Professor, mit allem Verlaub, ich glaube das ist hier nicht der richtige Ort um Streitigkeiten aufzuwühlen. Wir wissen doch alle…“ Er knirschte kurz mit den Zähnen und zog die Oberlippe verdächtig nach oben.
So ein Bullshit!

„…, dass Gretchen viel Ruhe brau-“ Bevor der Chirurg nur ansatzweise zu Ende sprechen durfte, musste man bald schon sagen, fuchtelte Bärbel wild vor seinem Gesicht herum und ihre Haarfarbe schien ihrer Gesichtsfarbe immer ähnlicher zu werden. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Marc die ältere Frau perplex an.

„Sie…“ Sie tippte auf die Brust von Marc, woraufhin er nach unten blickte, um einige Sekunden später verdattert zu, der Ende 50 jährigen zu schauen. „…sie…sie sind doch für das ganze Missgeschick verantwortlich. Wissen sie eigentlich wie schlecht es meiner Tochter an dem Morgen ging, als sie sich plötzlich um entschieden haben? Nein, weil sie nur an sich und ihren kleinen Freund denken. Die Gefühle anderer sind ihnen egal und Mitleid ist ihnen ein Fremdwort.“

„Bärbel bitte, er hat sie gerettet…“ Ihr Kopf schoss nach rechts. „Nein Franz, nichts entschuldigt so etwas derartig miserables und unanständiges. Ich bin vielleicht nicht mehr die Jüngste und kenn mich auch nicht in dieser modernen Musik aus, die Affen oder so, aber ich weiß ganz genau, was sie mit meiner Tochter in der Nacht angestellt haben. Sind sie sich eigentlich für nichts zu schade? Dann tauchen sie hier auf, als wäre alles in Ordnung und wollen mir erzählen, dass sie wissen, was meine Magarete braucht? Jeder, jeder Herr Doktor Meier, aber nicht Sie!“

Abschätzigkeit und ein stückweit Traurigkeit und Verletzlichkeit lag in ihren wankenden Augen.

„Ich…“ stotterte der Chirurg und sah hilfesuchend zu seinem Kumpel, der allerdings nur ratlos mit den Schultern zuckte. „Ja Herr Doktor Meier, jetzt bekommen sie ihre verdammte (eine Oktave höher) Klappe nicht auf, aber sonst reicht sie bis nach Jerusalem. Sie wissen ganz genau, dass unsere süße Biene sie liebt und spielen jedes Mal mit ihr.“ Bärbels Blick hing für einige Momente auf dem Boden fest, ehe sie mit flackernden Augen, welche wässrig glänzten zu dem ehemaligen und kurzen Freund ihrer geliebten Tochter aufsah.

„Sie wissen nicht wie es ist, die eigene Tochter immer wieder aufs Neue in ihr Unglück rennen zu sehen und nichts dagegen tun zu können, weil sie dem Mann immer wieder eine Chance gibt, aber im Endeffekt ist sie diejenige mit dem gebrochenen Herzen. Sie können sich auch nicht im geringsten vorstellen, was ich die Wochen mitgemacht habe, als sie hier so lag, und das alles nur, weil sie zu feige waren, um zu ihren, verflucht nochmal, Gefühlen zu stehen.“ Am Ende flossen die Tränen über ihre Wangen und Marc schluckte schwer. Die ehrlichen Worte ihrerseits hatten ihn nicht kalt gelassen und er schaute sie betroffen, aber gleichzeitig völlig erschrocken an. Bevor jemand das Wort ergriff, was im Übrigen nur für mehr Turbolenzen gesorgt hätte, vernahmen die Ohren der Personen in dem Patientenzimmer ein leises Murmeln und ein kaum wahrnehmbares Rascheln des Kopfkissens.

Wie in Tranes wanderte jedes Augenpaar zu dem weißen Bettbezug mit den hellen Obligationen darauf, weiter auf das ebenso bedruckte Kopfkissen. Gleichzeitig weiteten sich alle farbigen Pigmente der Pupillen.

Gretchen!!!

Die schöne Blondine bewegte minimal und mit schmerzverzehrtem Gesicht, den Kopf. Ihre rechte Hand, die immer noch neben ihrer makellosen rosafarbenen Wange ruhte, bewegte leicht die Fingerkuppen, sodass diese auf ihrem Wangenknochen tanzten, wie Federn im Wind. Nur schwerfällig lugte die Assistenzärztin durch ihre Augen und sofort verschwamm wieder alles.
Alle Anwesenden stürmten auf sie drauf zu. Rechts von ihr: Mehdi und Gigi. Links: Franz und Bärbel. Nur Marc stand am Ende des Bettes und beäugte sie instinktiv, wobei sich eine leichte Angstfalte auf seiner Stirn hervorprägte.

„Mein Kind!“ rief Bärbel Freude hoch jauchzend. Sofort kam ein „Pscht.“ von allen aus der Runde. „Kälbchen, kannst du mich hören?“ fragte Franz laut und deutlich, wobei er leicht über sie gebeugt war.

Gretchen drehte ihren Kopf vorsichtig von rechts nach links und langsam aber sicher, schlug sie ihre Augen, zwar schwerfällig, aber immerhin, auf. Sie murmelte ein weiteres Mal leicht konfus „Mhmmm.“ vor sich hin. Dann schaute sie auf einen Punkt zwischen den dem Bettende und Bärbel.

Alle warfen sich fragende Blicke zu und Marc hatte sich mittlerweile direkt hinter Gina gestellt. Auch seine Mine wirkte abwartend und nervös. Besonders seine Finger tippten immer auf die Metallstange des Krankenbettes, was die Nervosität untermauerte.

„Ist sie bewusst hier?“ Schoss aus Sabine die schlauste Frage aller Zeiten heraus.

„Klappe Sabine!“ Verschloss Marc direkt ihren Mund. Gigi trat vor Mehdi und legte sachte eine Hand an Gretchens Arm. Sofort zuckte sie zusammen und schloss die Augen. „Entschuldige bitte.“ Sagte ihre beste Freundin einfühlsam und sprach sie daraufhin sanft an.

„Hey Mausi, wie geht’s dir? Hast du Schmerzen?“ Gretchen schaute nun zu ihr und sie wirkte wie ein kleines Baby, was von den unzähligen Tanten bestaunt, wurden war. Ohne großartig Laute aus ihrem Mund zu bekommen, formte sie ein nicht hörendes. „Ja!“ Allerdings nickte sie zaghaft. Franz ging schnell aus dem Zimmer, um die nötigen Utensilien für eine anständige Untersuchung zu holen, während die anderen abwarteten. „Was hast du gesagt Gretchen?“ wollte Gigi nochmals hören und schaute die anderen kurz an. Dieses Mal sagte Gretchen etwas anderes, was für alle im Raum, zwar schwach, aber immerhin deutlich zu hören war.

„Marc!“

Sie war eindeutig zu instabil, um ihn jetzt durch ihre kristallblauen Augen im Raum zu suchen, allerdings hoffte sie, dass er hier war und ihr alles erklären konnte. Warum war sie hier? Was war geschehen und wie lange lag sie hier? Wie von der Tarantel gestochen, schauten sich die drei Personen um, als Marc sich lautstark räuspernd die Hand vor den Mund hielt. Er konnte sich nicht erklären, warum sie ausgerechnet seinen Namen rief. Er? Aber warum? In den letzten Monaten war Marc der Grund all ihrer schlaflosen Nächte, was beide nicht wussten, allerdings wusste zumindest er, dass sie am Boden zerstört im Krankenhaus Halt gemacht hatte. „Wo…“ dann versagte ihre Stimme abermals. Ohne lang zu zögern, schubste Mehdi seinen Kumpel nach vorn, sodass dieser genau in Gretchens Sichtfeld landete. Sagen konnte der sonst so taffe und kontrollierte Arzt, allerdings nichts.

Ich raff nichts mehr. Bin ich im falschen Film?
Ihre Bandbreite an aufnahmefähigen Momenten beschleunigte sich und sie strahlte aus ihren Augen. Wie lange hat Marc dieses Bild nicht gesehen. Es wirkte vertraut und schenkte ihm einen Teil von Geborgenheit und Nähe. Doktor Meier konnte einfach nicht anders, als ihr ein kurzes Lächeln zu schenken, denn Millionen von Steinen fielen von seinem Herzen. Na klar, sie stand etwas neben sich, aber das war kein Wunder nach den Strapazen der letzten Wochen. Und wohlbemerkt sollte mit einfließen, dass Hasenzahn von Geburt an einen kleinen Schaden hatte. „Gretchen, hast du Schmerzen?“ mischte sich nun auch Mehdi ein. Bärbel drückte die Hand ihrer Tochter sanft und säuselte freudig. „Brauchst du etwas Magarete? Einen Happen vielleicht? Ich könnte dir etwas bringen?“

„Bärbel!“ Schüttelte Franz den Kopf. „Lass sie erstmal wieder ankommen. Nicht wahr Kälbchen?“ Inzwischen schien sich Gretchen einiger Maßen akklimatisiert zu haben, weshalb sie deutlich lauter antwortete. „Nein, ist schon gut Papa. Ich möchte nur etwas trinken, bitte!“
„Ich geh schon.“ Sagte Sabine und Bärbel schloss sich an, denn schließlich musste sie drauf achten, dass ihre Tochter auch etwas Anständiges bekam.

„Marc, was ist denn passiert?“ Ihre Stimme klang wie ein Seidentuch und ihr Lächeln sah müde aus. „Ich…du…“ In Marcs Gesicht schrieben sich einige Fragezeichen.

Das konnte nie im Leben wahr sein, wie auch? Er hatte kein einziges Detail übersprungen, dass sie ihm vermutlich verziehen hatte. Er überlegte. Nein, da war nichts. „Kannst du dich an irgendwas erinnern?“ hackte Gigi zerknirscht nach.
Das gibt’s doch nicht, jetzt hat die ein Blackout oder was?

„Ich weiß nur noch, wie ich und Marc in Deutschland geblieben sind und ihr beide (zeigte auf Mehdi und Gigi) ward doch in Afrika, nicht?“

Die Beteiligten warfen sich beunruhigende Blicke zu. Konnte es wirklich wahr sein, dass Gretchen die kompletten drei Monate vergessen oder verdrängt hatte?
Scheiße, das Loch geht aber weit zurück.

„Wir sind wieder da.“ Meinte Mehdi lächelnd, allerdings gequält.

„Scheint ja so.“ Murmelte Marc, blickte schnellstmöglich wieder zu Gretchen. Sie nickte, sah Marc mit glänzenden Augen an. Vorsichtig hob sie eine Hand, legte diese dann kaum merklich an seine Wange und schloss für einen Moment die Augen. Endlich spürte sie den Mann, den sie liebte wieder. Nun ja, nicht voll und ganz, aber immerhin. Ein Glücksschub verteilte sich in ihrem Körper. Mehdi verschränkte die Arme, seine Freundin hielt die Luft an und Marcs Augen drehten sich von rechts nach links. Just in diesem Moment kamen Bärbel und Franz. Wie angewurzelt blieben sie stehen, als sie die Situation wahrnahmen. Das konnte nun wirklich nicht real sein. Bevor einer der beiden ihrem Ärger Luft machen konnte, schüttelten Mehdi und Gina kaum merklich den Kopf. Sie deuteten in Richtung Tür und zogen Marc hinterher. Gretchen schaute ihnen verwirrt hinterher.

Was ist denn hier los? Wie lange war ich denn weg? Und überhaupt, was ist denn mit allen? Ich werde doch wohl keinen Blödsinn angestellt haben, oder?

Vor der Tür war die Diskussion in vollem Gange. Alle waren auf eine absurde Weise sprachlos und doch gestikulierten sie lautstark. „Oh mein Gott, sie kann sich an nichts erinnern. Was machen wir denn jetzt? Ich meine…also… wir können Gretchen doch nicht in dieser Lüge lassen. Das ist nicht richtig.“ Aufrichtig schüttelte Gina den Kopf und ihre kurzen, struppigen Haare flogen ihr leicht in die Brillenenden. Marc war fix und fertig. Kaum zu glauben, aber wahr. Der sonst so taffe Arzt schien schon nach Bärbels Ansage leicht vom Kurs abgekommen zu sein, aber jetzt wo Gretchen ihn erstmals seit Wochen richtig in die Augen schaute und diese nicht traurig, sondern glücklich wirkten, übernahm die Verwirrung seine Steuerung.

„Das kommt von den ganzen Strapazen der letzten Monate, ihr Gehirn hat quasi ein Schutzschild hervorgerufen, sodass es nicht auszuschließen ist, dass sie dies noch eine Weile haben wird. Das wäre jetzt eine Vermutung, genaueres kann ich erst nach einer ausführlichen Untersuchung sagen. Allerdings ist es wichtig sie nicht unnötig zu belasten.“

Marc schnaubte verächtlich und sagte dann mit aufgebrachter Stimme. „Und wie wollen Sie das anstellen? Schließlich können wir ihr schlecht die heile Welt vorspielen. Schon gar nicht, wenn ich den ganzen Circus mitmachen muss.“

Alle überlegten kurz, bis Franz‘ Blick direkt zu Marcs Augen wanderte. Mit ernstem Gesichtsausdruck und rauchiger Stimme schloss der Chefarzt an.

„Doch, genau das werden WIR ALLE tun!“

Elli Offline

stellv. Admine


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06.01.2014 20:00
#29 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Salut meine Liebsten!

Erstmal wünsch ich euch ein gesundes, frohes und spannendes Jahr 2014! Hoffentlich seid ihr gut reingerutscht?! Immerhin hab ich endlich meinen Hintern hoch bekommen und es geht weiter. Ich freu mich sehr über mehr Feedback, auch gern negatives oder Anregungen! Also lasst es Kommis regnen!!!

Glg und einen schönen Abend!
Eure Elli




Endlich spürte ich wieder Leben durch meinen Körper strömen. Die frische Luft, die Sonne und meine Familie und Freunde, alle waren bei mir. Schöner hätte es nicht sein können, allerdings drängt sich mir in stillen Momenten die Frage auf, wie ich wohl rückwärts die Treppe heruntergefallen sein soll, ohne Spuren davon getragen zu haben. Der Ausschlag sei angeblich von dem Farbtopf gekommen, denn ich wohl von hinten gesehen habe. Immerhin rosa, ne? (gedanklich lächelnd) Wie lange hab ich eigentlich geträumt? Hoffentlich von Marc und mir. Endlich habe ich mein Happy End.

Mit einem rosa Schlafanzug und passenden Blumenobligationen bedruckt, las Gretchen die neue Jolie. Irgendwas musste sie tun, um nicht vollends zu verkalken. Ihr Vater und auch Marc hatten keine Mühen gescheut, sie die letzten 4 Tage auf der Intensivstation zu lassen. Beide sprachen, wie aus einem Mund: „Erst wirst du gesund, dann sehen wir weiter. Ende der Diskussion!“ Im Nachhinein schmunzelte Gretchen mit schräggelegtem Kopf und süßen Grübchen auf ihren Wangen über diese Aussage. Die zwei Männer ihres Herzens. Der eine ihre ewige Begleitung und der andere an ihrer Seite, ihr restliches Leben lang, zumindest hoffte sie dies. Was in ein paar Monaten oder Jahren war, stand in den Sternen, aber zu denen hatte Sabine bekanntlich ein gutes Verhältnis, weshalb Gretchen sie bei Gelegenheit mal ansprechen würde, ob der ein oder andere Deal einzugehen wäre.

Modeklatsch hier, Makeup Tipps dort, ein Magermodell an dem anderen, die Zeitung schien auch nicht mehr das zu sein, was sie noch vor ein paar Jahren war. Die 30 jährige schaute sich suchend nach einer Tätigkeit im Raum um, nachdem sie die Zeitung mit einem lauteren Klatsch auf ihr Knie fallen gelassen hatte. Auf dem Abstelltisch stand bereits die zarte Versuchung, oder wohl eher die vielen Versuchungen. Gigi hatte an alles gedacht. Dort eine Komödie, da eine Schoki, wieder ein Film, noch eine Schoki, Zeitschriften soweit das Auge reichte und viel mehr Schoki. Mit einem tiefen Seufzer ließ sie die Schultern hängen und lehnte sich ein Stück aus ihrem Daunenkissen.
Wann kann ich denn endlich hier raus? Ich bin gern, wirklich sehr gern Ärztin und im EKH, aber selbst als Patientin hier zu liegen, macht mir überhaupt keinen Spaß. So langsam könnte auch mal wieder jemand vorbei schauen.

Langsam und vor allem mit noch immer wackligen Händen, griff sie nach der Schokolade. Sicher wusste sie, dass sie dieser Versuchung lieber noch eine Weile widerstehen sollte, aber der Drang war einfach gigantisch.

Nur ein klitzekleines Stückchen…Komm zu Mama…

In dem Moment, als die Schokolade ihre zarten geröteten Lippen strich, ging mit einem Schwung die Tür auf. Ehe sich Gretchen versehen konnte, die sündige Vollmilchschokolade weder in ihren Mund zu schieben, noch sie wegzulegen, tippte Marc tadelnd mit dem rechten Fuß auf den spiegelglatten Boden. Mit verschränkten Armen und einer hochgezogenen Augenbraue, versuchte er so normal wie nur möglich herüber zu kommen, was ihm erstaunlich gut gelang. Gretchen blieb in ihrer Starre, ließ ihre Augen allerdings in den äußersten rechten Winkel gleiten, um ihren Freund zu erkennen.

Die Frau kann man keine Minute allein lassen. Wer hat der überhaupt die Kalorienbomben gebracht? Meier sei jetzt einfach so, wie immer. Du kriegst sie doch alle, deshalb wirst du auch Hasenzahn das Theater vorspielen können. (kurze Pause) Boah wie armselig. Idiot.

Na supi, ausgerechnet Marc muss jetzt kommen. Danke Schicksal, Gott oder wer auch immer. Ich hatte wohl noch nicht genug, aber das Leben wird ja auch nicht einfacher, also Kopf hoch Gretchen. Die Sonne ist ja nun mit einem weißen Mantel bekleidet gekommen und scheint nur für dich.

„Na Hasenzahn, nutzt du schon wieder jede freie Minute um unnütze Kalorien in dich hinein zu schaufeln? Meinste, dass das gut ist?“

Fragend zeigte er auf sie und die Schokolade. In seiner Stimme lag vermeintliche Regungslosigkeit bzw. Leichtigkeit. Wenn man allerdings genau hinhörte, zeichnete das imaginäre Sprachband so einige hoffnungsvolle Seufzer auf. Marc musste in den letzten Tagen, Stunden, Minuten und Sekunden arg mit sich kämpfen, nicht, dass er es nicht wollen würde, im Gegenteil, er vermisste sie. Langsam aber sicher schien auch Marc Meier einige Erfolgsschritte erreicht zu haben, denn er gab es wenigstens seinem Inneren-Ich zu, dass die nassen geschmeidigen Haare, welche er einige Tage in seiner Wohnung umsäuselt hatte, wohl oder übel fehlten. Seitdem sie wieder hier war, herrschte das blanke Chaos, aber was soll‘s? Ohne große Umschweife, denn sie wusste ganz genau, dass Marc am längeren Hebel saß, schmiss sie die Schokolade auf das Alupapier. Gezielt verfehlt, denn die kostbare Edeltafel landete samt Inhalt auf dem Fußboden. Ahnend folgte Marc mit seinem Kopf der Sünde, was ihm immer ein Rätsel bleiben würde, wie verheißungsvoll und begehrend sie für Gretchen war. Zum Abschluss des Vorganges, als ob er es gewusst hätte, nickte der 33 jährige zustimmend.
Tja Hasenzahn, wärst du ma‘ lieber zu den Bundesjugendspielen gekommen.

Leicht überspielend mit geröteten Wangen, zog sie ihre Lippen breit und lächelte gekünstelt. „Jo, wenn das dann geklärt wäre, können wir ja jetzt zu den wichtigen Dingen kommen.“ Selbstertappend schaute Marc für einen Moment irritiert nach rechts und schüttelte im nächsten Moment den Kopf. Gretchen lugte erwartungsvoll zu ihm hinauf, widmete ihre Aufmerksamkeit allerdings gleich wieder ihrer Locke. „Ehm egal…“ stotterte er.

„Ich wollte dir nochmal Blut abnehmen. Also mach mal den Arm frei.“ Ungehemmt, wie immer, zeigte er lässig auf ihren Arm und nickte.

Gretchens Ausdruck war eher ertappt als mulmig, wobei ihr dieses Gefühl verdächtig in der Magengegend hallo sagte. „Ja…al…ja!“ blinzelte sie nervös. Es hielt sich aber noch alles in Grenzen. „Ja, was? Hasenzahn, Arm frei und hopp.“ Sagte Marc lautstark mit schroffem Unterton. Mit der kleinen Schüssel, einem Pflaster, einem Tupfer und einer Spritze bewaffnet, setzte sich der Chirurg quer auf das weiche, helle Bett. Sofort räusperte er sich.
Mensch, so ein Scheiß! Ich kann sie doch nicht volllügen. Bei allem Respekt, aber so beschissen bin ich dann doch ne…

„Marc, wann kann ich denn endlich hier raus?“ Nörgelte die Nervensäge tagtäglich, und so auch an diesem.

Mit kleinen Grübchen in den Wangen, weil Marc wusste, dass sie darauf hinauswollte, schenkte er ihr kurz einen Blick in seine Augen und antwortete dann eher zurückhaltend. „Jetzt nehmen wir erstmal Blut ab, ok?“

Kaum merklich nickte sie, wandte den Blick nicht von ihm ab, was dem Brünetten schon fast unangenehm vertraut war. Durch seine Stirn, schielte er sie für einige Sekunden an, setzte dann zum Stich an. Wie auf den Punkt genau, schaute Gretchen auf ihre Bettdecke und kniff sich vermeintlich unbemerkt, dem nicht so war, in die Kniescheibe. Marc überlegte, ob er diesen Schritt tatsächlich gehen sollte, aber was gab es nun noch zu verlieren? Spätestens, wenn sie die Wahrheit erfahren würde, hätte er alle Karten verspielt. Somit konnte er wenigstens noch einige Zeit ihr Verlangen und ihre Zuneigung befriedigen. Ausnahmsweise war dieser Gedanken keineswegs auf Sex spezifiziert.

„Komm mal her!“ Mit holpriger, aber leiser freundlicher Stimme, winkte er mit dem Zeigefinger.

Gretchen war sich im Unklaren, was nun geschah, immerhin hatte sie Marcs Lippen bis jetzt immer nur kurz berührt und das nur in absoluten Ausnahmen. Aber wie es mit denen ist, gibt es sie in jeglicher Hinsicht immer dann, wenn sie am Meisten verlangt werden.

„Ich hab dich vermisst.“ Flüsterte sie ihm hauchend entgegen, während sich ihre Gesichter stark aufeinander zu bewegten. „Mhm…“

Für einen Moment stand alles um sie herum still, dann aber schloss Marc seine Augen und strich zaghaft über die Lippen der Frau, die er immer wollte.

Gretchen schien anfangs schüchtern, steigerte die Intensität des Kusses allerdings mindestens genauso wie er. Es tat einfach unglaublich gut, den Menschen, den man so sehr begehrte, dass es wehtat, zu spüren. Die ganze Anspannung legte sich komplett nieder und auch Marc verdrängte zeitknapp seine Gedanken an das Spiel, was er hier unfreiwillig trieb. Die Emotionen waren allerdings ernst. Beide lösten den Kuss nach schier unendlich langer Zeit und mit seinem weichen Daumen strich Marc über Gretchens Wangenknochen.

„Alles wieder gut?“ fragte er ungewohnt vernünftig.

Normalerweise würde er nie und nimmer so ein Theater abziehen, nur weil sie Angst vor einer Spritze hatte, scheinbar gab es doch noch Wunder. Die Möglichkeit bestand jedoch 50-50, dass Gott es doch noch gut mit ihr meinte. Wobei, die Kirchensteuer hatte sie nie gezahlt und um es auf den Punkt zu bringen, waren die Oblaten doch das größere Glück als ein unmittelbar verbiesterter Pfarrer mit Elvis-Koteletten. „Ja, danke!“ Dann drückte Marc sachte die Spritze in ihren Arm, was sie mit einem kurzen. „Hm…“ kundtat. Abwechselt spielten seine Augen Pingpong mit der Spritze, welche direkt in ihre Venenbahn führte und Gretchens Augen, die mindestens genauso tief waren.

„So, schon geschafft. Lebst du noch?“ Belustigt musterte er sie. Durchaus war beiden klar, was dieser Kuss ausgelöst hatte. Für den einen schien es ein Ding der Unmöglichkeit und für den anderen vermeintlich direkt greifbar. „Gerade noch so.“ Wiegte sie ab. Beide schmunzelten.
So gut jetzt aber mit Süßholzgeraspel.

„Ich muss dann auch wieder. Wenn was sein sollte, du weißt ja, einfach anklingen, dann kommt Sabine oder so.“ Ehe er gehen konnte, blieb eine direkte Frage zwischen seinen Nervenzellen hängen. „Was ist, wenn ich aber will, dass du kommst?“ Tief Luft geholt und die Augen kurz geschlossen, wollte er eben ansetzen mit einem. „Ehm…“ entschied sich aber doch zu schweigen und das Zimmer zu verlassen.

Heiliger Falter, was machst du da eigentlich? Nichts für ungut, aber ich hatte schonmal bessere Züge und vor allem waren sie unkomplizierter. Das hat sie nun auch ne verdient. Sobald Hasenzahn die Pforten wieder lesen kann, sag ich ihr die Wahrheit und Schluss. So kann es jedenfalls nich‘ weitergehen. Am Ende brauchen wir alle noch nen Psychoklempner. Tzzz…

Grübelnd saß Marc auf seinem Sofa mit einer Bierflasche in der Hand. Auf dem Tisch lag sein Handy und es vibrierte zum 10. Mal in einer Stunde. Genau seit er Feierabend hatte. Kopfschüttelnd nahm er es zwischen die Finger und suchte eine Antwort darin, welche im verborgen blieb. Die einzige Erkenntnis, die sich ihm bot war, dass Gretchen die hartnäckige Anruferin zu später Stunde war. In Großbuchstaben leuchtete der Display: HASENZAHN ruft an!

Gretchen hatte ihr Glück mittlerweile aufgeben und schaute durch das Fenster in den Sternen besetzten Himmel. Das Licht des Mondes zeichnete kleine Leuchtkugeln auf ihrer linken Gesichtshälfte, was fast künstlerisch drapiert aussah. Ihre rechte Hälfe erdrückte sie in dem weichen Daunenkissen und konnte ganz deutlich jede Bewegung von vor ein paar Stunden spüren. Magie, wie es Alexis alias Frank ausdrückte. Ihre Gedanken gingen auf Wanderschaft und irgendwo zwischen Realität, Liebe und Fiktion liefen sie mit Marcs im Gleichschritt.

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

11.01.2014 17:32
#30 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hey ihr Süßen!

Tausend Dank für eure lieben Worte, ich freu mich auch mega doll über die Klicks! Heute etwas eher, dachte ich mich, stellst du mal was Neues rein. Da wollen wir doch mal schauen, ob Gretchen ihre Erinnerung schon von selbst erlangt oder ob jemand nachhilft? Vielleicht lassen sie die anderen aber auch in dem Gedanken?

Glg und viel, viel Spaß!
Eure Elli




Liebes Butterböhnchen!

Guten Morgen erst einmal! Mach dir einen schönen Tag, ich hab ca. 20.00 Uhr Dienstschluss, dann komm ich heim. Wenn wir uns eher sehen sollten, weil meine liebreizende Frau es nicht ausgehalten hat zu unserer Tochter zu gehen, denk dran, sie wird heut auf die Normalstation verlegt. Frag einfach eine Schwester oder Gina, welches Zimmer, ja?

Franz!
P.S. Ach ja, gönn unserem Kälbchen noch Ruhe, in Ordnung? Wir wollen schließlich nicht für das Aussetzen der Pumpe verantwortlich sein. Und Bärbel? Koch nicht so viel für sie. Das Essen wird auch so reichen.


Bärbel Haase legte seit einigen Tagen wieder eine gute oder besser gesagt nervige Laune an den Tag. Verübeln konnte man es ihr allemal nicht, denn Gretchen, ihre Tochter, war einer ihrer größten, liebsten und teuersten Schätze.

Deswegen und mit der Divise, dass frische Luft an diesem Mittwochvormittag nicht schaden könne, machte sich die quirlige Frau Mitte 50 auf den Weg in die heiligen Hallen des zentral gelegenen Krankenhauses. Voller Elan, Tatendrang und einer mehr als befreiten Seele, auf der nur ein schwarzer Punkt brannte, packte sie sämtliche Leckereien und Schmackhaftigkeiten ein, die ihre Küche bzw. ihre Kochkünste zu bieten hatten. Wenn eines nun wichtig war, dann das ihre Margarete so schnell wie nur möglich zu Kräften kommt. Was hatte sie gelitten, und mit Ihr Bärbel.

Eine Mutter konnte nerven, sie konnte gehasst werden, verflucht, für den Moment verbannt werden, aber im Endeffekt war sie der Fels in der Brandung. Sie spürte, wenn es dem eigenen Fleisch und Blut schlecht ging, es schmerzte nicht nur den Sprössling, sondern vor allem den Grundstein, der Mama. Wie dankbar war Bärbel doch, dass sie ihre Tochter mit dem großen Herz und den Männerproblemen fast jeden Abend sicher eine Etage weiter oben wusste. Dies ersparte ihr einige schlaflose Nächte und Abermillionen von Gedanken und Grübeleien. Gretchen konnte sie so oft vor den Kopf stoßen, was nur sehr selten der Fall war, Bärbel würde es immer wieder versuchen. Das Band von Mutter und Tochter aufrechterhalten und egal was Kommen mag, sie hüten wie ihren Augapfel. Bärbel beteuerte oft, wie gern sie Gretchen in Händen eines wohlhabenden, ehrlichen, humorvollen, aber vor allem ihr liebenden Mann wissen wöllte. Unterm Strich liebte sie den Gedanken jeden Abend ein-zwei-drei Puddingtassen mehr zu stülpen.

30 Minuten gingen über Berlin, ehe sie mit den 2 Zentimeter- Pfennigabsätzen das Krankenhaus ein Stück unsicherer machte. Jeder Mitarbeiter wurde mit einem freundlichen „Guten Tag, wunderschöner Tag, nicht wahr?“ begrüßt und Sabine bekam einige Zeilen mehr zwischen die Akten und den mittlerweile kalten Kaffee gesäuselt.

„Guten Morgen meine Liebe Margarete, wie geht es dir heut?“

Mit leicht überschlagener, aufgeregter Stimme, umschloss die Rothaarige ihren blonden Lockenkopf. „Guten Morgen Mama, es könnte mir nicht besser gehen, außer dass ich endlich mein Bett und dein Essen zurückhaben will.“ Meinte Gretchen leicht überfordert, aber ehrlich von der großzügigen Umarmung.

„Das kann ich mir vorstellen Margarete. Schwester Bärbel hat deshalb vorgesorgt, um dir einen kleinen Gruß aus der heimischen Küche zu bringen. Knödel, Himbeersoße, Marmelade, natürlich Pfirsich-Kirsch mit einem Spritzer Schokoaroma, wie du es magst, gebackenes Brot, Hasenbraten, Klöße, Junggemüse und nicht zu übersehen ganz viel Schokopudding…“

Vollkommen baff schaute Gretchen Haase ihre Mutter mit leicht geöffnetem Mund an. Ihre Augen leuchteten, stellten sich aber gleichzeitig die Frage, wie sie das alles geschafft hatte. Der Haushalt litt bei Bärbel Haase schließlich auch nie. Die Küche allerdings, erst recht nicht.

Notiz an mich selbst: Wenn ich selbst mal Mama sein sollte, fragen, wie meine Mutter das immer managt. Tine Wittler, die Supernanny und Tim Melzer sind ein Flachs gegen meine verrückte Mutter.
Gretchens Wangen zeichneten leichte Grübchen, welche vor Glück und Wohltuen sprühten. „Ich frag am besten gar nicht erst, wie lang du wieder in der Küche gestanden hast und Papa nur die kalte Schulter geblieben ist, oder?“ Humorvoll lachten beide, bis Gretchen noch kurz das Gesicht verzog. Sofort schnellten bei ihrer Besucherin die Alarmglocken. „Margarete, alles in Ordnung? Soll ich lieber Papa holen? Du weißt ja, die ganze Technik hier im Krankenhaus ist nichts für mich. Soll ich ihn nicht lieb-“ Hecktisch wurde Bärbels sorgenvolle Stimme unterbrochen. Gretchen schüttelte fix den Kopf und hob die Arme, welche sie um Bärbels Gelenke schloss, dass diese nicht doch noch auf dumme Gedanken kam.

„Nein, nein, nein! Es geht mir gut, wirklich. Das sind nur die Nebenwirkungen vom Tropf, da spannt es ab und an im Gelenk, da kann auch kein Arzt was gegen tun. Außerdem bin ich selbst einer,…also Assistenz, ob das jetzt die Frage war,…aber egal.“
„Margarete, wenn etwas mit dir ist, sagst du sofort Bescheid, hast du gehört? Wir wollen ja nicht, dass du als Sellerie im verdorrten Gemüsefach endest, nicht wahr?!“ Gretchen wusste, dass es keinen Sinn ergab, sich nun um die Rechte ihrer und ihrer Mutter zu streiten, deshalb beließ sie es mit einem zustimmenden Nicken. Bevor das Thema at Acta gelegt werden konnte, schloss sie noch fröhlich an. „Außerdem habe ich einen ausgezeichneten Arzt, nein Oberarzt, an meiner Seite. Was soll da schon schiefgehen? Marc war vorhin schon da und hat die Visite gemacht. In ihm steckt doch ein guter Mensch, da habt ihr es, er kommt sogar hier her, obwohl ich nicht mal auf seiner Station liege.“ Leicht verträumt, aber schüchtern lächelte Gretchen ihrer Mutter zu. Diese hatte allerdings nur ein zynisches „Tzzz…“ drauf und schüttelte kaum merklich den Kopf. Der schwarze Punkte warf wieder Feuer und bevor sie gucken konnte, trat genau dieser ins Zimmer ihrer engagierten Tochter. Das gab noch einiges an Spektakeln, dessen war sich Bärbel- Bodyguard- Haase mehr als sicher.

60 Minuten und gefühlte 60 Diskussionsrunden inklusive Argumentationen später, waren alle Beteiligten auf einen grünen Zweig gekommen. Gretchen durfte auf die Normalstation, auf Marcs Station. Sie freute sich, alle anderen bedauerten es. Franz schien die Sache rational zu sehen, er war ebenso Chefchirurg und als solcher war er mehr denn je auf Station 3. Diese Laudatio besänftigte Frau Haase, zwar zierte ihr Gesicht immer noch Unwohlsein und Skepsis, aber ihr Herz schlug bedeutend ruhiger als vor 50 Minuten.

Nachdem die Räumlichkeiten soweit den Vorstellungen der Assistenzärztin entsprachen, erklärte ein genervter Marc ihr zum 100. Mal, dass sie niemals auf die Idee kommen brauchte, sich selbst zu entlassen. Er versuchte es mit den verschiedensten Variationen:

„Wenn du allein zuhause bist, kann dir keiner mehr Sicherheit bieten. Dein Immunsystem macht das noch gar nicht mit, Hasenzahn! Dann hättest du den ganzen Krimms-Kramms überhaupt nicht einräumen müssen. Du bist doch immer Mutter Theresa, dann denk gefälligst mal an dich. Komm schon, sei nicht so stur, mh? Dann tu’s wenigstens für…mich, irgendwie!“

Weder Chef, noch als stärkeres Geschlecht, noch mit leichtem Hundeblick, der nicht offensiv angewandt war, noch der vermeintlich sorgsame Freund brachten den Karren zum Stillstand. Gretchen Haase konnte situationsweise Konkurrenz mit Marcs Ego machen, denn beide hatten einen Dickschädel, der der Erddichte womöglich platonisch das Wasser reichen konnte. Aber da half nun einmal nichts, sie wollte schnellstmöglich aus dem Krankenhaus. Zuviel Zeit hatte sie in den letzten Wochen auf der falschen Seite der Tür verbracht. Das würde Marc sicherlich auch irgendwann mal verstehen, schließlich war er selbst Arzt und wenn es ihm so wichtig war, dass sie unter Aufsicht stand, konnte sie auch bei ihm nächtigen. Die junge Ärztin ging weiterhin felsenfest davon aus, dass ihr Koffer und sämtliche Hygieneartikel in der Meier’schen Wohnung schon Staub fingen.
Mit einem nervösen, verwirrten Gesichtsausdruck erklärte er ihr stotternd, dass er ihren Koffer schon zur Villa gebracht hatte, weil Bärbel darauf bestand, die Teile zu waschen. Im Endeffekt schloss er noch Meier-Like an, dass er sowieso zu viel Platz gebraucht hatte. Gretchen konnte darüber nur lachen, Marc atmete erleichtert aus und sein Brustkorb sackte leicht zusammen.

Resigniert meinte sie daraufhin, dass es dann ja geritzt wäre und sie nachhause könnte. Marc wirkte für den Moment vollkommen konfus, nicht nur äußerlich. Irgendwann zählte keiner von beiden die kurzen, aber knackigen Aussagen, welche im Umlauf dieses Raumes waren. Auch Franz, Bärbel, Mehdi und letztendlich Gigi gingen mit unerfüllten Gesichtern wieder aus dem Zimmer. Am Abend hatte sie sich dann in eine bequeme blaue Jeans und in ihre geblümte Bluse gesteckt, auch wenn sie zugeben musste, dass sie an motorischen Fähigkeiten schon einmal mehr besaß. Bevor sie noch einen Blick in den Spiegel warf, stand Marc in dem Zimmer, was er zur Genüge von anderen Patienten kannte. Der Chirurg lehnte am Türrahmen und schaute sich in dem gelb gestrichenen Raum um, aber Gretchen war nicht da. In ihm machte sie ein mulmiges Gefühl breit, allerdings unterdrückte er es mit stetigen Gegenargumenten seines Gedächtnisses. In seiner Kehle lag eine unschöne Trockenheit.

Das schlechte Gewissen über die Notlüge mit Flügeln hatte ihn nicht kalt gelassen und er vermutete schon Löcher im Kopf vom vielen Nachdenken zu bekommen. Aber alles saß an seiner Stelle.
Sobald sich die Gelegenheit ergibt, machst du dein Maul auf. Kapiert Meier? Ich sollte in Erwägung ziehen ein kühles Bierchen mit Mehdi trinken zu gehen. Abgesehen von seinem Dackel.

Tollpatschig wie sie war, stürzte Gretchen samt ihrem Kulturbeutel über die Badezimmerschwelle. Dynamisch trat Marc einen Schritt nach vorn und hielt sie gerade so unter ihren Schultern fest. Ihr Gesicht lag mehr schlecht als recht an Marcs Brust. Diese ungewollte Berührung seinerseits löste nur noch mehr Anspannung und Unwohlsein aus. Gretchen hingegen genoss es und fragte sich ab und an, wenn sie abends allein in dem hellen Krankenbett lag, was mit Marc los war. Er machte seine Sprüche, ganz klar, aber sie wirkten mehr gequält, als queck und frech. Aus ihrer Vergangenheit wusste sie mehr als genau, dass sie auf die eine oder andere Spitze hätte verzichten können, aber so ganz ohne war nun auch nicht nach ihrem Geschmack. Sie konnte nicht recht verstehen oder sich denken, was Marc hatte. Er redete kaum, schaute zwar bei ihr vorbei und war durchaus besorgt in gewissen Situationen und ja, er hatte sie geküsst, aber wenn es hoch kam, zwei Mal. So sehr sie es liebte, den Menschen, den man liebte nahe bei sich zu haben und sich nur anzuschauen und fern von Zeit und Raum in den Gedanken des anderen zu schweben, vermisste sie seine Nähe.

Marc konnte so zärtlich, mit dem richtigen Funken Feuer und ganz viel Gefühl küssen, aber davon kam nur minimal, wenn gar überhaupt nichts herüber.

Als er sie vor einigen Tagen „fast“ richtig geküsst hatte, wobei die Betonung definitiv auf „fast“ lag, hatte sie ein wenig davon gespürt. Allerdings reichte es nicht vorn und hinten. Das erste Mal hatte er ihr nur einen kurzen, kaum merklichen Schmatzer auf die Lippen gehaucht. Bevor sie auch nur einige Zentimeter nach vorn schellen konnte, war er schon wieder mindestens einen halben Meter von ihr entfernt.

Marc merkte, als er nach unten schaute, denn die Position war nicht wirklich von Vorteil, geschweige denn komfortabel, dass die Blondine ihre Augen leicht aufeinander gelegt hatte und sie schien Kraft zu tanken. Tief zog sie den Duft von Marcs Aftershave ein, welches sie so lange nicht mehr gerochen hatte. Es war sportlich, gleichzeitig leicht herb und männlich mit der richtigen Note an Stil und Eleganz, soviel Marc eben an den Tag legte. Unwiderstehlich. Er drückte ihr die linke Schulter entgegen, um ihr zu signalisieren, dass sie aufstehen oder besser, sich aufrappeln sollte. Dass sie nicht erst auf den Gedanken kommen sollte und Augenkontakt suchte, schaute er belanglos und gespielt interessiert im Zimmer herum, als er sich lautstark räusperte. Fast ahnend, wie die Situation enden würde, wankten Gretchens Augen kurz an die Wand und strichen Marcs Arm.

Das hellblaue Hemd stand ihm wiedermal super und brachte seine Figur nur noch besser zur Geltung. „Ehm…also… Hasenzahn, könntest du mal…“

Resigniert zog er sie an ihren Armen nach oben und stellte sie sicher auf ihre Füße, ehe er sie von oben bis unten ernst und mit malmendem Kiefer musterte.

„Sehen wir uns Morgen?“ Fragte sie euphorisch lächelnd nach, um die Stimmung zu kitten. Marc haderte mehr als nur einmal mit sich, aber er konnte ihr nicht standhalten.

„Eigentlich hab ich morgen frei. Ich muss auch noch…“ Krampfhaft überlegte er, mit welcher Ausrede er noch kommen könnte und wie es der Fall war, blieben annähernd konstruktive Ideen fern. Mit einem lautstarken Aufatmen fuhr sich der Chirurg kurz über den drei Tage Bart und schaute nach links, bis sein Blick wieder in die Nähe von Gretchen wanderte. Herausredend antwortete er mit trockener, ausweichender Stimme

„…Wäsche waschen.“

Idiot, besser ging’s echt ne. Wie blöd kann man eigentlich sein. Wieso mach ich bei dem ganzen Scheiß eigentlich mit, dass ist eh schon zum Scheitern verurteilt. Ein Hoch auf die Aussichtslosigkeit!

Ihre Gesichtszüge wurden barscher, fester und gingen gleichzeitig von eben noch angetan zu enttäuscht über. Ihre sanften Konturen erloschen, während sie einigermaßen gefasst, zumindest sollte es so klingen reagierte. „Verstehe. Dann viel Spaß. Wir sehen uns…“ Sie schnappte sich ihre Tasche und ging an ihm, Richtung Tür vorbei.

Als sie ihm ihre Hinterseite zugedreht hatte, verengte sie kurz die Augen und flüsterte kaum wahrnehmbar, mit zarter, fast zerbrechlicher Stimme. „…irgendwann. Tschüss.“

Die Tür fiel ins Schloss und Marc erwachte aus seiner Starre, in der er ihr eben mit leicht zugeneigtem Kopf über die linke Schulter deutlich zugehört hatte. Der begnadete Oberarzt ärgerte sich über seine eigene Dummheit, die ihm langsam deutlich gegen den Strich ging. Das Resultat war ein dynamischer Tritt gegen die Tür und ein fluchendes, lautes. „Scheiße.“

Ich geh jetzt zum Professor, so kann es definitiv nicht weiter gehen. Die köpft mich, wenn die Hirnströme endlich wieder komplett fließen. Oh Gott Meier, du manövrierst dich aber auch immer in die Scheiße.

Elli Offline

stellv. Admine


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02.02.2014 21:22
#31 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hallöchen ihr Lieben!

Herzlichen Dank für die positiven Bemerkungen und Worte, ich bin jedes Mal total hin und weg von ihnen. Nachdem ich mal wieder zu faul war und die Zeit nie gefunden habe, folgt heut ein neues Kapitel. Ich bin fernab von Ratschlägen, wie es euch gefällt Lasst es mich daher wissen.

Einen schönen Sonntag noch und morgen viel Spaß in die neue Woche!
Glg
Eure Elli




Langeweile hatte in Gretchens Natur schon immer einen unsicheren Anker erwischt. Sie hasste es unfreiwillig im Bett zu liegen und andauernd von Personen in ein Gespräch involviert zu werden. Dies glich für Gretchen Haase eindeutig der Pest. Sie hatte Annie Lennox‘ Alben gefühlte 3 Mal rauf und runter gehört. Ein Playbackauftritt war nichts dagegen, außerdem waren ihre Schokoladeneinsatzkräfte stark reduziert, weshalb sie spontan beschloss, wieder ins EKH arbeiten zu gehen. Ein Versuch mehr, Marc noch einmal nahe zu kommen und eventuelle Unklarheiten präzise zu beseitigen. Gegen 11 Uhr kam sie schließlich mit ihrem Drahtesel am Eingang des beachtlich großen Krankenhauses an.

Auf in die Schlacht. Vermerk an mich selbst: Die Schokolade nachher nicht vergessen. Wobei? Vielleicht brauch ich die schon eher, wer weiß.

Ihre Beine trugen sie bis ins Stationszimmer der Chirurgie, wo sie letztendlich keinen antraf. Leicht ungläubig schaute sie sich um, aber Sabine schien auch nicht beim Lesen ihrer Anekdote unter den Schreibtisch gerutscht zu sein. Schulterzuckend schloss sie die Tür zur Umkleide, aus der sie wenige Minuten später, mit einem weißen leichten Kittel bekleidet, heraustrat. Als sie die Luft tief in ihre Lunge zog und für einige Augenblicke starr in dieser Position verweilte, durchströmte sie der alltägliche Krankenhausgeruch. Für Gretchen überwogen Euphorie und Elan endlich wieder praktizieren zu dürfen.

Mit strahlenden Augen und einem Fischgrätenzopf schwang sie locker ihre Hüfte mitsamt ihren Armen in gegengesetzte Richtung. Ihre Beine trugen sie weiter und weiter. Die Gänge des EKH entlang, ohne wirklich koordinierend zu einem bestimmten Ort gehen zu wollen. Eigentlich. Sie nahm die Einbiegung nach rechts und schaute an die linke Seite der hellblau gestrichenen Wand. Dort rahmte ein ebenfalls blauer Balken eine massive Zimmertür mit weißer Klinke.

Ok Gretchen einfach tief durchatmen, Brust raus, Bauch rein, Schultern durchdrücken und dann kann nichts mehr schief gehen…(kurzes Stutzen) nun ja, es sei denn ich seh‘ meine eigenen Füße als durchaus bedrohliches Hindernis.

Aus dem Inneren der Tür vernahm die junge Ärztin ein tiefes kehliges Stöhnen, worauf sie nur die Augen verdrehen konnte und kurz schmunzelte. Die nächste Reaktion auf das zaghafte, fast hör- lose Klopfen war ein grimmiges, verbiestertes und genervtes „Was?“ Fest entschlossen schritt Gretchen in den geräumigen, freundlichen Raum, welcher durch das ein oder andere Accessoire durchaus Gemütlichkeit ausstrahlen konnte. Mit einem leichten Räuspern und verschränkten Fingern, machte sie sich bemerkbar. Die gewünschte Reaktion kam, denn Marc sah von seinem Computer auf und schien für einen Moment an seiner Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln.
Bin ich blöd? Wieso seh‘ ich Hasenzahn in einem wohlbemerkt weißen Kittel vor mir stehen und zu allem Überfluss noch das Gefühl habe, dass es sich hierbei um keinen absurden Traum handelt?

„Hasenzahn?“ versicherte er sich vorsichtshalber mit ungläubigem Unterton.

„Nein!“ meinte diese resigniert und schmunzelte leicht. Fast könnte man meinen, sie wolle ihn herausfordern. Kurz zuckten Marcs Augen zusammen, ehe er mit dem Finger auf sie deutete und immer noch verwirrt fragte. „Wa..a…a…s wird das, wenn’s fertig ist?“ Zum Ende dieser Entscheidungsfrage kam die Sicherheit zurück, die Ungläubigkeit blieb allerdings. „Siehst du doch. Ich will wieder arbeiten und deswegen wollte ich gleich zu dir kommen, dass du mich in den O-“
Mit fester Stimme wurde ihre Laudatio unterbrochen, gedanklich redete sie sich allerdings um Kopf und Kragen.

…OP-Plan eintragen lässt und mir meinen Dienstplan aushändigst. Mich dann am besten auf den neuen mit draufschreibst und dass ich jetzt wieder als deine Assistenz zur Verfügu… Moment! Was war das gerade? Ru-

„Ruhe Hasenzahn!“

-he… Da bin ich aber mal gespannt.

Bevor sie etwas erwidern konnte, lehnte sich Marc in dem weißen Lederstuhl zurück und musterte sie inständig, zum Schluss allerdings schüttelte er nur mit gekrauster Stirn den Kopf. Nebenbei flog sein Kugelschreiber lässig auf den Schreibtisch, was Gretchen abermals zusammenzucken ließ. „Wie kommst du bitte auf die absurde Idee, dass ich dich wieder in den Dienstplan einschreibe, geschweige denn, dass du wieder an OP’s teilnehmen darfst?“

Mit klimpernden Augen, einer gestandenen Lässigkeit, etwas Sprachlosigkeit und verschränkten Armen, wartete der Oberarzt auf eine plausible Antwort. Wie konnte sie nur ansatzweise den Gedanken haben, dass er sie sofort, nachdem sie keine 48 Stunden von der ITS war, gleich wieder arbeiten lassen wollte? Ab und an fragte sich der junge Chirurg ob er nicht in einer schlechten Auflage von „Meine Kinder, die Ärzte!“ mitspielte. Jeder normale Mensch würde sich schonen, ausruhen und etwas Kraft und Energie tanken, aber nein, Gretchen Haase war definitiv und zu 100%-iger Sicherheit anders als alle anderen Frauen auf diesem Planeten. Wenn das auch viele behaupten konnten, sie war es wirklich.
Eigentlich hätte ich mir die Frage gar nicht stellen müssen, denn das ist Hasenzahn. Langsam müsstest du’s wissen, Meier.

„Na hör mal, Marc!“

„Ja, ich höre!“ Meier-like. Stotternd, denn sie fühlte sich sichtlich in die Enge gedrängt und hätte sich diese Lappalie von Gespräch anders vorgestellt, antwortete sie.

„Ich wollte ga…nz einfach wieder arbeiten. (ausatmend und Schultern locker fallen lassen) Zuhause rum zu sitzen ist nichts für mich. Marc, ich war jetzt lang genug auf der anderen Seite des Krankenhauses und bin mir der Risiken durchaus bewusst,
aber-“

„Genau deshalb solltest du wissen, dass ich es nicht ansatzweise verantworten kann, wenn du mir hier während ner wichtigen OP aus den Latschen kippst. Ein Trottel auf dem Silbertablett reicht mir.“ Über diese Worte hatte er nicht wirklich nachgedacht, denn es sollte alles so wirken, als ob Gretchen nie weg gewesen sei. Dass sie allerdings mit Marc zusammen war, hatte er in dem Moment nicht beachtet, als er mit seiner Aussage so etwas in der Art bei ihr auslöste.
Marc denkt ich bin ein Trottel. Bin ungeschickt und dumm.
Einige Sekunden später hätte er sich imaginär eine runterhauen können.
Blödmann…

„Sag mal, geht’s noch?“ fuhr sie ihn leicht aggressiv, verständlicherweise, an.

„So war das doch gar nicht gemeint, Hasenzahn. Mal‘ nicht wieder den Teufel an die Wand!“ stöhnte er, bevor er sich aus der bequemen Position erhob und um den Schreibtisch ging.

Ihre Augen wuselten irgendwo in der Gegend herum, blieben aber letztendlich bei ihm stehen. Marc konnte deutlich hören und sehen, wie es bei Gretchen im Kopf ratterte und qualmte. Ihre Gesprächsrunde war ein deutlicher Schlagabtausch. Was der eine nicht verstehen wollte, wollte der andere ebenso nicht aufnehmen. Manchmal waren sie einfach beide kleine, trotzige Kinder. Mehdi würde jetzt wahrscheinlich lachen, Gigi nur fassungslos nach einer Aspirin verlangen, Franz kopfschüttend abwinken und Bärbel würde zu allem Überfluss noch fragen, ob Marc zum Mittag bleibt. „Ich will aber wieder arbeiten!“ trotzte Gretchen mit aufstampfendem Fuß.
Ich sag ja, wie ein Kleinkind…
„Hasenzahn, jetzt sei doch mal vernünftig. Ist dir eigentlich klar, dass du viel länger in dem Karren liegst, wenn du jetzt Mutter Teresa spielst?“

Marc versuchte weiterhin die Fassung zu behalten und schluckte sichtbar seine aufkommenden Aggressionen zu ihrem Selbstschutz herunter.
Ich mein es doch nur… Warum rafft die das denn ne? Tja Hasenzahn, bedanken kannste dich später.

Er schaute sie prüfend an, dann stieß er sich dynamisch mit seinen muskulösen Armen von der Tischblatte ab, kam ihrem Ohr ungewohnt nah und stützte die Hände in die Hüften.

Bevor er ein Wort aussprechen wollte, schielte er mit Grübchen auf den Wangen, dass sie immer noch verrückt nach ihm war, hinüber und ließ den Augenblick als eine Art Ruhepol vor der Sturmflut gelten. Seine Lippen flogen leicht auseinander und Gretchen zog sein Aftershave tief in ihre Nase ein. „Hasenzahn…“ neckte er sie deutlich freundlicher und mit dem typischen Marc Meier Unterton. Das Resultat: Gänsehaut pur. „Wenn du weiterhin so ein Aufstand machst, muss ich dich zwangsbeurlauben lassen.“ Mit geschlossenen Augen nahm Gretchen diese Aussage anfangs nicht deutlich wahr, weshalb sie nur genießend nickte. „Mhmmm“ Marc lachte, seine weißen Zähne blitzten hervor und er hätte lügen müssen, wenn ihm diese Augenblicke nicht auch eine leichte Trockenheit im Hals beschert hätten. Fast ein wenig sinnlich hatte er das Augenmerk auf ihre Portraitansicht gelegt und antwortete fad, aber zustimmend. „Okay.“ Gretchen hatte allerdings andere Pläne, weshalb ihr Kopf um 45° drehte, sie Marcs Nase sanft anstieß und sich ihrem vermeintlich geglaubten Freund um einige Zentimeter näherte.

Sie hatte ihn so sehr vermisst. Geglaubt, dass er sie nicht mehr wollte. Lange gegrübelt und nach Ausweichvarianten gesucht. Vielleicht gab es Differenzen zwischen ihnen, an die sich Gretchen aufgrund ihrer Kurzzeitamnesie nicht erinnern konnte. Sie wusste es nicht.

Hätte sie es getan, ständen die beiden sicherlich nicht in vertraut gedachter Situation so nah beieinander und würden jeden Moment über die Klippe springen, um den jeweils anderen auf der gegenüberliegenden Seite fest in die Arme schließen zu können.

Nein, es wäre wohl eher ein Moment für den Besuch in der Hölle beim Teufel persönlich gewesen. Dieser saß wahrscheinlich bereits am gedeckten Tisch und wartete bis ihm seine Trulla mit dem Staubwedel und den unfrisierten Haaren das Herz von Gretchen Haase servierte, was er als Delikatesse eines Filets empfand. Marc würde den Platz beim Henker einnehmen und bald als geköpfte Ananas ein Gaumenschmaus für jede Hausfrau über 45 sein.

Marc Meier wirkte gänzlich überfordert, was er nicht offensichtlich zur Schau stellte. Hatte sie denn wirklich nicht zugehört, was er gerade von sich gegeben hatte? Und wieso war sie ihm auf einmal so verdammt nah und hatte damit die gefährliche Zone betreten? Marc schluckte schwer und entzog ihr seinen Kopf. „Mir geht’s super gut, Marc. Keine Sorge!“ Säuselte sie, während ihre linke Hand den Weg in seinen Nacken fand. Wie auf Stichwort weiteten sich ihre Augen. Es glich einem Fisch, der gerade durch und durch ausgedrückt wurde.
Moment mal! Was hat er da gesagt? Zwangsbeurlaubung?

„Bitte was?“ rief sie lauter als erwünscht.

Sofort tat Marc einige Schritte zurück und hielt sich mit verzogenem Gesicht das Ohr. „Geht’s noch etwas lauter, dann hören es die Toten in der Patho wenigstens auch!“

Gretchen ging nicht ansatzweise auf seine Bemerkung ein und erboste sich lieber über die eben angekommenen Worte. „Bist du von allen guten Geistern verlassen? Du kannst mich doch nicht zwangsbeurlauben. Das, das…also das… das geht aber so nicht.“ Das letzte Wortgestotter kam mehr gewollt, als gekonnt herüber. Marc blickte kurz an ihr vorbei, um ein Lachen zu unterdrücken und straffte sich dann die Schultern. Erklärend mit harter, fester Stimme meinte er. „Da diskutier ich überhaupt nicht mit dir. Entweder du bleibst noch zuhause und lässt deine Mutter um dich herumwuseln oder ich beurlaube dich auf unbestimmte Zeit.“ Er grinste triumphierend.

Warum konnte diese Frau auch nicht verstehen, dass es hier um sie ging und da nun einmal harte Mittel eingesetzt werden mussten. Sie sollte ja nicht gleich an ihr rosa Bett gekettet werden, wobei Marc im Stillen zugeben musste, dass er dann persönlich vorbei gekommen wäre und einen Schnappschuss für die Ewigkeit gemacht hätte. „Was gibt’s denn da bitteschön zu grinsen, Herr Doktor Meier?“

Ihre Augen drehten sich um 180° und die Arme verschränkte sie fest vor ihrer Brust. „Man Hasenzahn, ich hab dir gerad schon gesagt: Widerstand ist zwecklos.“ Seine Augenbrauen fuhren eine Etage nach oben. „Ich bin dein Chef und auf den hast du zu hören, klar?“

Echauffierend pustete sie die Backen auf und ließ die Luft keine 2 Sekunden später wieder hinaus. „Ich hab gar nichts, okay?“
„Bitte?“ eine Oktave höher. „Du hast mich schon verstanden!“ Seufzend winkte der Oberarzt ab und meinte. „Mach doch was du willst…“ Als er seine Hose hochgezogen hatte, drehte er sich noch einmal mit erhobenem Finger und tadelnder Stimme zu ihr um.

„Aber ich sag dir eins, wenn du umkippst oder irgendwas passiert, geht das nicht auf meine Kappe. Ach ja und mit Samthandschuhen wirste auch nicht angepackt, klar?“ Triumphierend, aber niedlich lächelnd meinte sie. „Klarer als klar Chef.“

„Gut.“ Nickte Marc ab und wandte sich dem Papierkram auf seinem Schreibtisch. Mit einem Lächeln, was ihr so schnell keiner mehr von den Backen putzen konnte, verließ sie dynamisch, fröhlich und voller Elan das Büro.

Gretchen Haase is back! Vermerk an mich selbst: So schlecht bin ich doch nicht im Verhandeln und Marc hab ich mehr als nur gut um den Finger gewickelt… Endlich zeigen sich mal meine Waffen einer Frau. Ich dachte schon, ich hab keine. Tja, falsch…

Am Abend, nachdem Gretchen ihre erste Schicht mehr als hervorragend über die Bühne gebracht hatte, stand sie leicht nervös…

Leicht nervös? Das ist wohl ein Witz. Gretchen Haase, so aufgeregt warst du seit dem Schokoladenmarathon in der Unterstufe nicht mehr. Ganz ruhig, werde Marc Meier mit Sexappeal und kommunikativer Unterhaltung beeindrucken. Naja, kommunikative Unterhaltung endet bei dir eher in einem: Gretchen macht sich zum Volldeppen und Marc lacht, bis ihm die Stimme versagt, Dilemma. Nun gut, dann eben Plan b… Moment ich hab keinen Plan b.

Die Resonanz daraus, war zu klingeln und den letzten Funken Hoffnung aufkommen zu lassen, dass er möglicherweise gar nicht da war. Allerdings brachte ihr diese Erkenntnis nur ein Kopfschütteln vom allerfeinsten. Hibbelig, als ob sie gleich die Abi-Ergebnisse gesagt bekommt und fast einen Hauch missmutig, wippte Gretchen Haase von einem Bein auf das andere. Sekunden kamen ihr wie Stunden vor und innerlich hatte sie schon den Riegel vor die Tür geschoben und wollte wieder gehen. Aus Gründen auch immer, verankerten ihre Beine trotz der Wellen, die sie durchzogen, genau an diesem Fleck. Ihre Haare wurden von einem hellen Glanz ummantelt, als die Tür mit einem wenig sanften Ruck aufgerissen wurde. Wenige Augenblicke später schaute sie in zwei grüne Augen, die sie besser- gleichzeitig aber- weniger nicht kennen konnte.

Herbststimmung lag in der Luft. Die 30 jährige liebte die Farben dieser Jahreszeit, zu sehen, wie die Natur sich Schritt für Schritt aus der Blühte ihrer Zeit in einen atemberaubenden, kunterbunten Ort verwandelte. Die Kehrseite spiegelte die kalten, barschen, depressiven Tage, in denen Frau nur durch einen Partner annähernd Wärme und Geborgenheit verspüren konnte. Da halfen auch alle Staffeln Sex and the City, Desperate Housewives und all die anderen Seifenopern nichts, wo die Frauen zu jeder Tages- und Nachtzeit perfekt gestylt waren und nicht zu vergessen immer einen lockeren Spruch auf ihren Lipgloss glasierten Lippen hatten. „Hasenzahn?“ Marc schaute sie immer noch perplex mit geweiteten Augen an.

„Was machst du hier?“

Damit hätte der charmante Arzt nicht gerechnet. Die Flasche Bier locker zwischen Zeige-, Mittelfinger und Daumen haltend, die Ärmel seines hellblauen Hemdes bis zu den Ellbogen locker gerafft und die ein oder andere Haarsträhne aus seiner sonst perfekt sitzenden Frisur herausgelöst, wartete er auf eine Antwort.
„Wir müssen reden!“

Ein Gefühl der Auslieferung, der Furcht und des Unwissens darüber, was sie ihm gleich sagen würde, durchströmte seinen von der Arbeit müden Körper. „Ok…“ Mit einer flüchtigen Kopfbewegung deutete er ins Innere seiner vier Wände.
Die hat bestimmt Wind von dem ganzen Scheiß bekommen und jetzt geht sie mir damit auf den Leim. Ich hab doch gleich gesagt, dass das Bullshit ist. Naja, mal schauen. Vielleicht ist ja noch nicht alles verloren. Oh Gott… das ist schon fast ne Ewigkeit her, als sie das letzte Mal hier war. Das war als wir…

Sein Gedanke brach ab und er folgte Gretchen ins Wohnzimmer. Sein erster Handgriff ging zu der Fernbedienung und keine Sekunde später verstummte das gute Teil.

Das war es wieder, die Abi-Ergebnis-Stimmung.

Marc biss fest die Zähne aufeinander, schaute sich in seiner geräumigen Wohnung um, ehe er den Blick zu Gretchens Lippen senkte. Räuspernd wies er an. „Pass auf Gretchen! Ich…boa Mist… Anders (angespannt die Lippen breit gezogen) Ich war mir der Sache nicht sicher und deshalb hab ich es beendet. Du-“ Mit gekrausten Augenbrauen wurde ihm das Wort entzogen. „Marc, ich weiß, dass es schwierig ist. Wir…wir sind beide nicht einfach und ich bin die Letzte auf der Welt, die das nicht verstehen könnte, aber…“ Sie atmete schwer ein und aus. Ihr Blick ging direkt in seine Savir- Grünen Augen. Langsam schlug ihr Puls hart und kompromisslos an ihren Hals. „Wo…von sprichst du?“ Marcs Mund formte stumme Silben. Sie schien keineswegs sauer zu sein, im Gegenteil, eher bedrückt. Oder doch euphorisch? „MARC!“ tadelte sie. Der zuckte kurz zurück.

Wird das ein Rollenspiel?
„Ich wollte dir sagen, dass du keine Angst haben brauchst…“ Mitfühlend legte sie eine Hand auf seine Brust, woraufhin er verwirrt auf diese und dann wieder zu Gretchen schaute. Sein Gesicht wechselte von interessiert zu unwissend und wieder zurück. „Ich…nein wir, wir schaffen das. Hörst du?“ Die Atmosphäre wirkte vertraut und lange konnte er dem nicht mehr standhalten. Er wollte ihr nicht das geben, was sie brauchte, denn Marc sah die Kehrseite, die Gretchen verborgen blieb. Zu gern wollte er ihre weiche Haut unter seinen schlanken Fingern spüren, ihren Duft wieder riechen und feststellen, dass er einzigartig war, aber er konnte nicht.

Denk dran Alter, du musst jetzt gute Miene zum bösen Spiel machen. Heilige Scheiße, hoffentlich erinnert sie sich nicht gerad heute. Das wäre der absolute Albtraum.

„Ich hab deine Unsicherheit im Büro heute gemerkt und wollte mich für die ruppige Art und Weise entschuldigen, aber ich wollte halt wieder arbeiten, verstehst du?“

Hoffnungsvoll schaute sie zu ihm hinauf. Krampfhaft kämpfte er mit sich die Fassung zu bewahren. Sein Blick war fest und sein Kiefer malmte. Die Hände locker in den Hosentaschen liegend, wankten seine Augen von rechts an links und dann zu Gretchen. Zaghaft, als würde sie sich das erste Mal in die Höhle des Löwen begeben, rutschten sie und ihre rechte Hand näher an ihn heran. Dann würde sie halt den ersten Schritt tun, was soll’s? Die Emanzipation der Frau ging seit Jahren eine deutlich größere Entwicklung ein, als die der Männer. Es sprachen sowieso nur noch die Gefühle, also scheiß drauf!

Als ihre Hand an seinem Kiefer und an seiner Wange den Mittelpunkt fand, hielt sie inne. Schaute ihn voller Sehnsucht in die Augen, was bei Marc ein deftiges Schlucken und gleichzeitig eine Trockenheit der Extraklasse auslöste. Sie vertraute ihm, glaubte, dass sie zusammen seien und was tat er? Er spielte diese verlogene, minderwertige Scheiße auch noch mit. Der Blickaustausch von seinen Lippen zu seinen Augen wurde immer geringer. Wie in Zeitlupe trafen ihre Lippen aufeinander und fühlten sich sanft und jungfräulich an.

Marc presste die Augen stark aufeinander um die Kontenance zu behalten und dies nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Gretchen legte so viel von sich selbst in diesen Kuss, dass Marc sein Vorhaben schweren Herzens über Bord warf. Fast drängend flogen seine Hände an ihre Wangen, doch der Kuss blieb sanft, gefühlvoll. Ein Außenstehender hätte den Moment, indem Marc seine Fassung verlor deutlich gesehen.

Wie ein Schwall Blut schoss sie durch seinen Körper und er konnte sich nicht dagegen wehren. All ihre Sehnsüchte mitsamt vergangenen Strapazen lagen in dieser Speichelübertragung. Ihre Zungen kamen nur sehr zögerlich ins Spiel, umso schöner schien es, als sie endlich angekommen waren.

Ja, sie beide glaubten in diesem Moment angekommen zu sein. Angekommen heißt allerdings eine große Last mit sich zu tragen, die des anderen zusätzlich zu stemmen.

Waren sie dafür schon bereit? Eine Gemeinsamkeit, die auf einer schützenden Lüge basierte?

Elli Offline

stellv. Admine


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16.02.2014 22:51
#32 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Halli Hallo ihr Lieben,

erst einmal wünsche ich euch nachträglich schöne Valentinstagsgrüße! Ich hätte den Teil gern am 14. gepostet, weil er inhaltlich wie die Faust aufs Auge passt. Mal sehen, wie der Abend verläuft und ob Marc die Situation scharmlos ausnutzt. Ich freu mich über euer Feedback und bedanke mich ganz herzlich.

Glg und einen schönen Abend
Eure Elli




Der Mensch ist nicht gemacht, um allein zu sein. Wir müssen in einer Gemeinschaft leben. Wir brauchen die Liebe der anderen, die Geborgenheit und Sinnlichkeit. Wir brauchen Jemanden, dem wir bedingungslos vertrauen können. Jemanden für den wir durchs Feuer gehen, nicht eine Sekunde zögern, wenn er Hilfe benötigt, ihm immer zur Seite stehen, da sind, wenn der Regen kommt und bleiben, bis das Gewitter vorbei ist. Viele Menschen glauben, denjenigen gefunden zu haben. Nur die wenigsten können der Realität ins Auge blicken und gehen offen durch das Leben. Aber ist es die Offenheit, die uns vergessen lässt? Die die schönen Momente zu Asche verstaubt und nur die kalte wahre Welt der Grausamkeit im Vordergrund zu stehen sieht?

Wir alle sind Menschen. Menschen die bleiben. Menschen die gehen. Menschen die kommen. Menschen die sehen. Menschen die ahnen. Menschen die wollen. Menschen die sollen. Menschen die haben. Menschen die verlieren. Menschen die nie vergessen. Menschen die glauben. Menschen die sehnen. Menschen… die fühlen.

All diese Gedanken durchliefen Gretchen, als sie in ihrem weichen Daunenbett lag und über die vergangenen Stunden nachdachte. Sie hatte ein Stück zu sich selbst hinzugefügt. Wo es nun hingehörte, wusste sie noch nicht, aber dazu würde sie morgen die Gelegenheit bekommen. Ganz sicher. Die Augen fielen ihr schwer zu und es dauerte nicht lang, da träumte sie. Von sämtlichem Druck befreit, schwebte sie in Dimensionen, in denen das Wort „morgen“ keinerlei Bedeutung hatte.

Gretchen hätte es als zauberhaft bezeichnet, Marc als äußerst gut. Doch beide verloren kein Wort über den unendlich langen Kuss. Das Einzige, was sie taten, war sich ein kleines aufmerksames Lächeln zu schenken. Hasenzahn wusste, dass es nicht zwangsläufig in Marcs Natur lag, große Worte über seine Gefühle oder Empfindungen zu formen. Deshalb ließ sie es dabei beruhen, der Moment habe tief in seinem Inneren sehr viel bewirkt. Kurz schmunzelte die Chirurgin über diese Gedankengänge, welche sie für diesen Abend ausschalten wollte. Um auch bei der Aufgabe für die nächste absehbare Zeit zu bleiben, kochte im nächsten Moment das Wasser auf dem Herd über und holte sie zurück in die Realität. „Oh je.“

Von hinten kam Marc und wedelte ihr mit einem Küchentuch vor der Nase herum.

Marc besitzt Küchentücher? Oh ha muss zugeben, dass sich Euphorie und Freude gerade einen wohl unbekannten Weg durch die Bauchgegend bannen. Hoffentlich ist Marc gegen Wasserschäden versichert…

„Nicht träumen, Hasenzahn! Kochen!“ Er deutete mit hochgezogener Stirn auf den verchromten Topf, indem das Wasser fröhlich vor sich hin brodelte.

Gretchen nahm das Tuch und wischte um den Rand der Herdfläche, bevor sie sich umdrehte und Marc, der ihr den Rücken zugewandt Zwiebeln schnitt, das Tuch in den Rücken steckte. Augenblicklich zog er die Schultern nach oben. Da es für Gretchen eine Unmöglichkeit war seinen Gesichtsausdruck zu erkennen, zog er animiert eine Augenbraue nach oben, grinste frech vor sich hin und setzte im nächsten Moment ein entsetztes Gesicht auf mit dem er sich zu Gretchen herumdrehte.

Mit der rechten Hand tastete er sich unbemerkt zum Wasserhahn und als Gretchen gerade etwas erwidern wollte, holte er weit aus, sein Gesicht veränderte sich zu einem schelmischen Grinsen und das kalte Wasser fand den Weg zu Marcs Assistenzärztin.

„Oh, na warte!“ rief sie herausfordernd. Schnell schob sie sich an dem lachenden Oberarzt vorbei und spritzte ihn ebenfalls mit einer gewaltigen Ladung Wasser nass. „Du kleines Biest. Das kriegst du wieder!“

Sein Kampfgeist war geweckt und er umgriff ihre Taille und drückte einige spezielle Punkte, welche ihm schon durch ihre Intimitäten vor wenigen Monaten bekannt waren.

Die Zweifel warteten nicht lang und abermals fragte er sich skeptisch ob das, was sie hier taten oder besser gesagt, was er hier tat, richtig war. Ohne große Umschweifen hatte sich Gretchen lachend aus seinen schlanken Händen gewunden und lief um die Kücheninsel herum. Ihre Locken umspielten ihre weichen Gesichtszüge und das erste Mal, seitdem sie nach 3 Monaten in Deutschland war, sah Marc sie richtig glücklich. Diese Erkenntnis und die Tatsache, dass sie im Moment eine Art Zeitstillstand hatten, trieb dem Chirurgen die Gänsehaut auf den Körper.

So glücklich hab ich sie lange ne mehr gesehen… Meier ey, reiß dich mal zusammen! Du bist ja schlimmer, als ein Haufen pubertierender Quälgeister… Ich sag das ja wirklich ungern, aber hoffentlich hat der Freak da oben doch noch was Gutes für mich übrig und lässt Hasenzahn nicht gerad heut Abend ihre Erinnerung an…naja… ist ja auch egal, zurückkommen.

Ihre Spielerei dauerte eine Weile und es tat ihnen gut. Zum ersten Mal seit, ja seit eigentlich noch nie, hatten sie diese unkonventionelle Vertrauensbasis. Aufgrund der Lügerei und Schmerzen hatte nicht einer der beiden in den letzten Wochen, Monaten, Tagen darüber nachgedacht, wie schön es doch hätte sein können, wenn sie einfach auf ihr Herz gehört hätten. Marc, der in Berlin eine nach der anderen flachlegte nur um nicht zugeben zu müssen, dass er den blonden Lockenkopf und die strahlend blauen Augen nicht aus seinem Kopf bekam. Es machte ihn schier wahnsinnig und es half weder Alkohol noch eine überzogene Nachtschicht. Wenn er dann irgendwann allein in seinem Bett oder auf seinem Sofa lag, kam unwillkürlich die Erinnerung. Er konnte sich zugut an den Tag erinnern, den man sich imaginär im Kalender rot angekreuzt hatte.

Marc hatte eine doppelte Nachtschicht eingelegt und war demzufolge erst 24 Stunden später das erste Mal seitdem Gretchen diese verlassen hatte in seiner Wohnung. Er betrat sie zögerlich und suchte mit seinen Augen nach Anzeichen, welche auf Gretchen hindeuteten. Als er dynamisch durch seine Küche schritt und in der Tür zum Schlafzimmer im Rahmen stehen blieb, heftete sein Blick auf dem zerwühlten Bett. Er wollte es und so sollte es auch sein. Basta. Er war sich der Sache im Klaren, dass Gretchen keine Frau war, die sich mit einem läppischen Zettel zufrieden gab, aber dass sie dermaßen aggressiv, gleichzeitig verletzt herüberkam, damit hätte er nicht gerechnet. Er hatte die Wohnung komplett durchlüftet. Die Bettwäsche gleich zweimal gewaschen und zur Sicherheit auch gleich die Kissenbezüge mit reingesteckt.

Mit seinen grünen Augen schaute er zu dem geöffneten Fenster hinter Gretchen, die er mittlerweile fest zwischen seinen Armen hatte. Auch ihr Gesichtsausdruck gefror augenblicklich und leicht verstört schaute sie den Mann mit den braunen Haaren und den süßen Grübchen an. Sie fand ihn aber nicht. Er wirkte hart zu sich selbst, ging tief ins Gericht mit sich selbst und seine Gesichtszüge traten fest und eisern hervor. Irritiert blickte Gretchen hinter sich, sah aber eben nur ein geöffnetes Fenster. Was für sie „nur“ hieß, bedeutete für ihn weitaus mehr.

„Marc ist alles in Ordnung mit dir? Du schaust als ob du einen Geist gesehen hättest.“ Fragte sie zögerlich.
Was hat er denn?

„Ehm was?“ Sein Kopf fuhr herum. „Ne ne, alles klar. Es ist nur…frisch, genau frisch.“ Lässig ging er zu dem weiß umrahmten Glas und schloss es.
„Ah ok.“ Leicht misstrauisch.

„Das geht so nicht.“ Schüttelte Marc den Kopf und fuhr sich quer durchs Gesicht. „Was?“ Jetzt war sie vollends durcheinander. Normalerweise war sie es doch, die sich immer über alles und jeden, Gedanken machte. Wieso jetzt auf einmal Marc? Vielleicht hatten ihn Aliens geholt oder er hatte sich einer Gehirnwäsche durchzogen? Ach, so ein Quatsch. Schließlich dachte sie hier über Marc Meier.

„Gretchen, pass auf!“
Er hat mich gerad wirklich Gretchen genannt? Da muss jetzt aber definitiv ein ernstes Gespräch folgen. Oh je, wer weiß, was vor meinem Unfall, also quasi in der Gedächtnislücke alles passiert ist. Womöglich…nein Gretchen! Aber was, wenn doch?

„Haben wir Schluss gemacht?“ Schoss es gerade aus ihr heraus. Es klang keineswegs sarkastisch, eher ängstlich bedrückt.
„Was?“ hakte Marc lautstark nach.

Bevor er etwas sagen konnte, erklärte Gretchen aufgebracht. „Weil, wenn das so ist, dann musst du mir das sagen. Ich will nicht, dass du dich gezwungen fühlst, das zu tun, weil ich ne Gedächtnislücke hab, okay? Also sag’s mir ehrlich. Bitte!“ Das letzte Wort nuschelte sie unverständlich.

„Quatsch. Was labberst du denn für’n Scheiß. Wehe du hast jetzt wieder eine von deinen Frauen-Analyse-Stunden, kapiert?“ Er zeigte mit erhobenem Finger auf sie, damit die Notwendigkeit seiner Aussage auch herüberkam.

Ok, verschieben wir’s einfach nach hinten. Du bist so…Meier ey…

Ok, doch nicht Schluss gemacht. Aber was hat er denn dann? Sollte mir dringend einen Männerratgeber kaufen, um vor solchen Situationen gewappnet zu sein. Wobei… ich glaub kaum, dass eine dieser Eigenschaften auf Marc zutrifft. Da verlangt es schon nach einem Einzelexemplar. Mhm… Könnte doch eine Chance für mich sein, doch noch Autorin zu werden. „Signalkunde des Marc Meiers“, schöner Arbeitstitel…

„Was grinst du denn so?“ Und schon holte Marc sie aus ihren Gedanken. „Wie bitte? Och… nix. Ich hab nur… nur…“
„Ja, nur?“
„Nachgedacht, was deine Mutter wohl als nächstes schreibt.“ Nachdem die Worte sichtlich aus ihren Lippen gesprudelt kamen, biss sie sich gleich auf diese.
Nachdenken Gretchen
Tja Hasenzahn, manchmal ist der Mund schneller als der Kopf, ne?


Marc grinste amüsiert. „Was meine Mutter als nächstes schreibt? Is‘ klar.“ Wie auf Stichwort köchelte das Wasser wieder über und Marc machte sich daran. Gretchen patschte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und meinte leise fluchend. „Idiotin.“

Eine Stunde später saßen beide an Marcs Esstisch und aßen ihre, mehr schlecht als recht, gekochte Mahlzeit. „Mhmmm… das ist köstlich.“ Lächelte Gretchen gequält und goss sich das kalte Wasser die Kehle herunter. Marcs Blick war prüfend, gleichzeitig aber lässig amüsiert. Nicht beachtend, griff er nach seinem Bier und meinte lässig.

„Kannst aufhören mit dem schlechten Theater, Hasenzahn. Das konnteste übrigens noch nie.“ Marc räusperte sich und ließ das Besteck fallen. Mit gespielter Mädchenstimme sagte er. „Frau Schneider, der Marc Meier hat gar kein gebrochenes Bein. Den hab ich vorhin hinter dem Schulgarten mit der Tina Müller aus der 7 b knutschen sehen. Außerdem hatte er keinen Gips. Also ich bin dafür, dass Sie ihm eine Lektion erteilen und er zwei Wochen lang Unkraut ziehen muss.“

Gretchen verschluckte sich hörbar an ihrer Spaghetti und hustete was das Zeug hielt. „Essen will gelernt sein, Hasenzahn.“ Locker klopfte Marc auf ihren Rücken und setzte sich ihr dann wieder gegenüber. „Das weißt du?“ meinte sie entrüstet und leicht panisch. Eine leichte Hitzewelle überkam sie, was Marc nicht fern blieb. „Ich weiß alles.“

„Woher?“

Marc lehnte sich zurück und grinste schelmisch. Seine Zunge fuhr schnalzend in seinem Mund herum. „Tja, das wüsstest du gern, was?“

„Marc Olivier!“ Ihre Augen blitzend. Das hatte Marc als Herausforderung angesehen. „Is‘ ja gut. Mit euch Weibern kann man aber auch keinen Spaß haben.“ Nuschelte er, bevor Gretchen lautstark „Bitte?“, rief.

„Danke.“ Nickte Marc ab, entschloss sich dann aber doch, ihr das ein oder andere Detail zu erzählen.

„Glaubst du, ich weiß ne, wenn mich jemand in die Pfanne haut? Ich bin Marc Meier und dem macht keiner was vor.“
„Ja…aber….wie?“ faselte Gretchen perplex.

„Die Schneider hat mich zur Rechenschaft gezogen, was sonst?! Dank dir durfte ich ne Woche Tafel wischen und als ob das ne genug wäre auch noch in fast jedem Fach mündlich dran genommen werden. Aber du hattest ja auch was von, nicht wahr Hasenzahn?“ Er zwinkerte ihr herausfordernd zu. „Du warst das?“

Wieder verstellte Marc seine Stimme. „Und welche hübsche Aufgabe hast du dir für dich ausgesucht, Petze?“

„Das hat Frau Schneider zu mir gesagt. Woher weißt du denn das?“

„Ich hatte meine Kontakte überall.“ Meinte er locker und mit hochgezogenen Schultern. Gretchen schüttelte ihren Lockenkopf und lächelte ihn kaum merklich mit schräg gelegtem Kopf an. „Spinner!“ Marc zog die Augenbrauen hoch und meinte. „Hey! I see all!“ Diese Aussage zog er äußerst lang, sodass es Gretchen unweigerlich ein erschwingliches Lächeln auf die Lippen zeichnete. Es versetzte sie in die Zeit zurück, als Marc urplötzlich in ihrem Garten gestanden hatte bzw. im Garten des Bürgerhauses. Damals hatte er sie überrascht und jetzt tat er es wieder.

Die Stunden vergingen rasch. Auch wenn sich Marc nie eingestehen würde, dass er es sichtlich genossen hatte, fand er den Abend mit seinen Worten ausgedrückt, gelungen. Gegen 23 Uhr wollte Gretchen dann den Heimweg antreten. Sie glaubte weiterhin, dass es die Unsicherheit war, die Marc situationsbedingt Abstand nehmen ließ. Deshalb und aus dem einfachen Grund, dass ihre Mutter mindestens 100 Mal anrufen würde, wenn sie heut Nacht nicht abgemeldet fort blieb, wollte sie sich auf ihr Fahrrad schwingen.

„Danke für den schönen Abend.“ Leicht nervös fummelte sie an ihrem Rock herum und schaute nach unten. Marc stand locker mit den Händen in den Hosentaschen und den Blick auf ihre Tätigkeit gerichtet, wenige Schritte von ihr entfernt. In so eine Situation war er noch nie manövriert gewesen, weshalb ihm die richtigen Worte einfach nicht zufielen. „Bist du sicher, dass du so spät noch zur Bahn willst?“ Dass Gretchen mit dem Fahrrad hier war, hatte sie ihm verschwiegen. Es würde nur unnötige Grundsatzdiskussionen über ihren Genesungszustand bringen und über diesen hatten sie in den letzten Stunden kaum ein Wort verloren. „Ja. Ist besser so.“
„Ok.“ Antwortete Marc solide.

„Also dann… Mach’s gut, ne.“ Nickte er und tat sich schwer einige Schritte auf sie zu zugehen. Trat sich letztendlich selbst in den Arsch und umfasste ihr Kinn. Gretchens Augen sahen direkt in ein stechendes, leuchtendes Grün. Marcs Augen verengten sich, zeichneten kleine Fältchen um seine Lider und lagen letztendlich geschlossen aufeinander. Lange dauerte es nicht, da taten Gretchens‘ es seinen gleich. Ihre Lippen umspielten sich leicht. Verbanden diese beiden Menschen miteinander, die eine schiere Ewigkeit voneinander entfernt waren. „Mach’s gut, Gretchen!“ flüsterte Marc ihr mit sensibler Stimme entgegen, wie er sie nur in den seltensten Momenten durch die harte Schale ließ. Sein Finger fuhr ein letztes Mal über ihre Wange, dann ging sie.

Der Wind zog durch ihre Haare, als sie sich umdrehte und der recht kühlen Sommerluft entgegenradelte. Mit einem weißen Fleck vor ihren Augen, wurde sie in ein Stück Erinnerung zurück versetzt, was sie definitiv nicht zuordnen konnte.

Sie lag auf einer grasgrünen Wiese, umspielt von Vogelgezwitscher und bunten Blumen. Sie lächelte zu der absteigenden Sonne. Ihre Augen strahlten, in ihrer Hand trug sie einen rosa Kugelschreiber mit kleinen Muffins drauf.

Wie von Sinnen schüttelte die Ärztin ihren Kopf und kam wieder in der Realität an.

Das war eine Erinnerung. Ich hab mich tatsächlich erinnert. Benötige dringend feinste Vollmilchschokolade, am besten eine 500 Gramm Tafel!

Einige Schritte weiter und den Griff schon fest um ihr Fahrrad, lief sie die Straßen entlang und abermals erschien ein heller Fleck der sie geradewegs in die Vergangenheit und somit Unsicherheit zog.

Es war im EKH. Sie lief schnurstracks durch die hellen Gänge, doch diese Klarheit fand nur in der Außenwelt statt. Vor ihren Augen hatte sich ein Schleier aus Tränen gebildet und Stück für Stück lösten sie sich aus der Barriere. Sie schlug den Weg ins Stationszimmer und von dort aus direkt in den Umkleideraum ein.

Dann verblaste das Flashback. Ihre Hände tippten über den Lenker. Ihre Gedanken kreisten, aber nichts.
Komisch, was sollte das denn sein?

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

02.03.2014 21:12
#33 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Halluuu ihr Lieben!

- lichen Dank an meine Standartkommentatoren, die sich jedes Mal die Mühe machen und mir eine Rückmeldung auf mein Geschreibsel geben. Aber auch ein ganz großes Dankeschön an die stillen Leser, wo ich noch so einige weiß, die gern bei mir vorbei schauen! Ich würde mich wirklich freuen, wenn sich ein paar Stille vielleicht mal die Zeit nehmen und mir ein paar wenige Zeilen dalassen! Das motiviert!
Nichts desto trotz habe ich tierisch Lust euch das neue Kapitel zu geben, in der Hoffnung es sagt euch zu. In nächster Zeit wird dann auch wieder öfters etwas von mir kommen. Ich hatte in letzter Zeit nur wenig Freiraum!

Schluss mit dem Geplapper und viel Spaß mit mittlerweile Kapitel 33! Krass ne?
Einen schönen Abend vor dem morgigen Wochenstart!
Eure Elli


Zum Verständnis! Vorsicht Spoiler!

Zwischenzeitlich sind Flashbacks inbegriffen, die wohledacht in dem bisherigen Verlauf noch nicht aufgetaucht sind. Es gibt auch Momente, die ihr bereits kennt.




Lying in my bed I hear the clock tick and think of you
Caught up in circles confusion is nothing new
You say go slow; I fall behind
The second hand unwinds

Geliebt zu werden heißt nicht bedingungslos in eine Welt aus Plüschtieren und rosa Zuckerwatte zu fallen. Es heißt einen Menschen mit dem bloßen Gefühl in diesen Zustand versetzten zu können. Es verlangt nicht nach Geschenken oder Gegenständen, denn der eigentliche Hauptbestandteil ist längst da. Umso schöner ist es, wenn diese Liebe erwidert wird. Und noch schöner ist es, wenn sie gelebt wird. In den Tag hinein zu leben, ohne an die Konsequenzen zu denken. Den Menschen gegenüber deiner selbst, so zu sehen, wie er in einigen Situationen nicht ist. Der Funke ist nicht etwa eine strahlende Illusion, sondern das Gefühl dieses mit dem anderen zu teilen. Bedingungslos in seinen Armen liegen zu können, ohne eine aufsteigende Welle von kaltem Wasser zu spüren und wenn dies so sein sollte, es als eine Art Prüfung der bevorstehenden Aufgaben zu sehen.

If you're lost you can look and you will find me
Time after time
If you fall I will catch you; I'll be waiting
Time after time

Gretchen Haase machte sich am nächsten Tag mit einem guten Bauchgefühl auf zur Arbeit. Es würde nicht sonderlich lang dauern, bis sie Antworten auf ihre Abermillionen von Fragen bekommt. Die Visite mit Sabine brachte sie, zu ihrem Erstaunen allein über die Bühne. Die Krankenschwester freute sich unbeschreiblich, dass ihre Lieblingsärztin mit derselben Hautcreme wieder im Haus war. Wobei, im Haus war Gretchen. Täglich ununterbrochen um es genau zu sagen, aber auf der falschen Seite des Zimmers. Die beiden arbeiteten präzise, trotzdem blieb an der einen oder anderen Stelle durchaus Zeit für einen kleinen Scherz oder eine Aufmunterung des Patienten. Mittlerweile war es 11 Uhr und Marcs Schicht hatte eben begonnen. Von dem smarten Arzt bzw. einem lauten Spruch der durch die Gänge hallte, war allerdings noch nichts in Sicht. Gretchen verdrückte im Stationszimmer ihr 3. Schokocroissant und rannte abwechselnd vom Fenster zum Türrahmen.

Sonst ist er doch auch immer pünktlich. Marc jetzt komm schon!!!

Wie auf Stichwort schlenderte der junge Oberarzt mit seinem blauen Parker über der Schulter in das Stationszimmer und verschwand mit einem flüchtigen „Tag.“ Richtung Umkleide. Gretchen stolperte über den Stuhl und stand keine zwei Sekunden später mit schmerzendem Knie und Schokolade in den Mundwinkeln und an der Nase hinter Marc. „Ehm Hasenzahn, was wird das, wenn’s fertig ist?“ hakte Marc desinteressiert, aber mit erhobenen Augenbrauen nach. „Ich muss dir was erzählen-“ schoss es aus Gretchen heraus. Sie wurde allerdings barsch unterbrochen. „Boa kann man nicht mal in Ruhe ankommen, bevor wieder jemand was von mir will?“ Dann schloss er in seinen 3 Tage Bart nuschelnd an. „Ich wusste gleich, dass der Tag beschissen wird. Wär ich ma‘ lieber im Bett geblieben!“

Welche Laus ist dem denn über die Leber gelaufen?
„Entschuldige, dass ich mal mit dir reden wollte.“ Meinte sie sarkastisch und zog im unbeobachteten Moment die Nase kraus.

„Mal ist gut Hasenzahn. Den muss ich mir merken.“
Tief seufzend drehte er sich zu ihr herum und meinte kapitulierend, aber leicht müde und genervt wirkend. „Na was haste denn schon wieder, hm?“ Währenddessen er auf eine Antwort wartete, legte er sich den Kragen seines rosa-karierten Hemdes und den seines Kittels gerade.

Time after time
Time after time

„Ich kann mich erinnern, glaub ich zumindest.“

Sofort hielt Marc in seiner Bewegung inne und musterte sie eher geschockt. Gretchens Gedanken nach könnte er sich eher freuen, als hier wie ein Maulwurf der aus Versehen am Tag, anstatt in der Nacht aus dem Erdloch guckte, zu stieren. Marcs Gedanken fuhren Achterbahn und augenblicklich durchzog ihn eine unangenehme, drückende Hitze. Räuspernd und mit dem Gedanken, dass sie bei der kompletten Wahrheit längst ausgeflippt und wie Rumpelstilzchen tanzen würde, fragte er betont desinteressiert. „Ja und?“

Wohl etwas zu locker für Gretchens Geschmack. „Hast du mir zugehört Marc?“ Fragte sie deshalb nochmal zur Sicherheit. Sie wollte schließlich keine Pferde scheu machen. Womöglich war es einfach die Euphorie, die sie umgab. Da konnte Frau schon einmal vergessen auf jeden Schritt ihres Freundes zu achten. „Du sprichst ja laut und deutlich, ne.“ Er drückte sich an ihr vorbei, darauf bedacht sie nicht zu berühren und wühlte auf dem Schreibtisch nach einigen Unterlagen herum. Gretchen folgte ihm zügig.

„Eben!“ rief sie lauter als gewollt. Deshalb sahen sich beide zur Sicherheit einmal um. „Ich bin gestern nach Hause gefahren und da hatte ich so komische Flashbacks. Jedenfalls waren das Erinnerungsfetzen. Du musst mir helfen das einzuordnen. Schließlich sind wir…zusammen. Da wirst du doch wissen, wann ich mal geweint-“

„Du flennst ständig, Hasenzahn.“ Unterbach er sie barsch. Gretchen ging das ewige Gesuche langsam auf die Nerven, weswegen sie zwischen seine Hände fuhr und ihre auf die Unterlagen legte. „Äh…“
„So, jetzt nochmal. Ich kann mich erinnern. Und ich würde mich freuen, wenn du als mein Freund mir helfen könntest diese Momente in irgendeine erklärliche Reihenfolge zu bringen.“ Schritt für Schritt sollte sie sich dem Ziel nähern. Marc wuchs die Situation sichtlich über den Kopf. Er hatte schon Probleme damit gehabt, sie als seine Freundin anzusehen, wie sollte das denn jetzt werden, wo die Erinnerung wiederkam.

Och du Gretchen, was ich dir noch sagen wollte. Du bist gar nicht in den Farbtopf gefallen, sondern du hast dir irgend nen Infekt aus der 3. Welt eingefangen. Und zu allem Überfluss hab ich dich schon vorher abgeschossen, aber hey… keine Sorge, jetzt sitzt du ja hier. Ganz sicher nicht!!!
Seine eigenen sarkastischen Gedanken gingen mit ihm durch, weshalb er schnaubend lachte. Es wirkte gehässig, gleichzeitig auch leicht gequält. „Marc ist alles klar bei dir?“

„Klar, du bist doch hier die mit den Dauerproblemen.“

„Sag mal, spinnst du?“ wollte sie mit wedelnder Hand vor ihrem Kopf wissen. Wieso war es denn so unbarmherzig. So plötzlich?! Er schüttelte nur genervt seine Frisur hin und her. Marc wollte sie keineswegs so angehen, aber die Situation bereitete ihm Kopfschmerzen. Nicht Franz oder Bärbel hatten das Problem, er hatte es. Die meiste Zeit verbrachten sie schließlich zusammen, schon allein nur arbeitstechnisch.

„Sag mir Bescheid, wenn sich deine Laune wieder abgekühlt hat. Hättest vielleicht mal lieber nicht heiß duschen sollen.“ Mit so einer deftigen Aussage hätten beide nicht gerechnet. Deshalb schaute Marc ihr perplex hinterher und Gretchen staunte nicht schlecht über sich selbst. Es zahlte sich also doch aus, wenn man ab und an die Diskussionsrunde mit Marc Meier gedanklich durchging. Mit erhobenen Schultern und dem festen Instinkt geweckt, dass sie heute noch jemanden finden würde, der ihr weiterhelfen würde, nahm sie Kurs auf das Patientenzimmer zu.

Sometimes you picture me I'm walking too far ahead
You're calling to me I can't hear just what you've said
You say go slow; I fall behind
The second hand unwinds

„Mensch Mehdi, du musst doch irgendwas wissen. Jeder erzählt mir hier was anderes, warum er nicht Bescheid weiß.“ Atmete sie tief durch.

„Aber komischer sagt keiner: Mensch Gretchen könnte Hilfe gebrauchen!“ Abwartend tippte sie sekündlich mit dem rechten Fuß auf den hellen Boden. Mehdi warf diesem kurz einen verwirrten Blick zu und starrte sie dann wieder mit einem Schokokeks zwischen den Zähnen, erklärend an. „Ich weiß nicht, was du meinst?“
„War das jetzt eine Frage oder eine Antwort?“

„Öjn…Öjne…“ Er schluckte den Keks herunter und lächelte sie gequält an. „Eine Antwort!“ Missverstanden und schwer atmend, winkte Gretchen mit verdrehenden Augen ab. „Schönen Gruß an die anderen Ölsardinen. Feigling…“ Dann war sie verschwunden. Jetzt gab es definitiv eine letzte Chance und die hieß mit Vornamen Sabsi und mit Nachnamen Stabsi.

Letztes Los, Gretchen! Hätte dringend Jahres-Abo abschließen sollen.

Als sie das Stationszimmer dynamisch betrat, vernahm sie nicht nur Sabines blonden Schopf, sondern auch ihr durchaus originelles Parfum, um es milde auszudrücken. „Schwester Sabine, ich brauche Ihre Hilfe!“ wies Gretchen die Krankenschwester rasch, aber mit freundlicher Stimme, soweit es nach diesen Torturen noch möglich war, an. „A-ber natürlich, Frau Doktor Haase.“ In ihrer typisch-stockenden Manier. Kurz zog Gretchen die Lippen breit, fuhr allerdings interessiert und hoch konzentriert fort. Hätte sie gewusst, was sie gleich erfuhr, wäre sie Marcs Aussage von heute Mittag nachgekommen und auch im Bett geblieben. Eins war sicher, so schöne Träume wie letzte Nacht, würde sie diese zweifelsohne nicht haben. „Schön. Also Schwester Sabine, wissen Sie, es ist so. Ich kann mich wieder erinnern.-“ Mit laustarken Atemzügen und geweiteten Augen der kleinen Krankenschwester, zuckte Gretchen unwissend zurück. „Sie können sich erinnern? Das ist aber toll, Frau Doktor. Wissen Sie, seitdem Sie… nun ja, wie soll ich sagen? Die falsche Seite des Buches geöffnet haben…“

Hä, was fängt die denn jetzt wieder mit den komischen Büchern an. Ich glaub, ich lauf noch Amok.

„… und dort eine-“ Sie grinste breit und zog die Nase kraus. Gretchen nickte nur leicht beängstigt. Ihre Hand spielte immer mal wieder mit einer blonden Locke. Sie sollte es nicht so lang herauszögern. Es gab schließlich noch eine Hand voll zu erledigen, wenn denn hier keiner den Mund auf bekam. Es war nur eine läppische Erinnerung, was sollte schon dabei sein? „Weile geblieben sind, mussten wir einen Eid schwören, nichts zu sagen. Und Sie wissen, dass ich Lügen hasse. Die sind so-“ Gretchen hatte sich gedanklich schon wieder verabschiedet, als sie doch noch einmal auf den repeat Knopf drückte. „Ehm, vielleicht hab‘ ich mich jetzt verhört, aber wie meinen Sie das mit dem lügen?“ Gekünstelt lächelte Gretchen. „Naja Sie wissen doch. Die Geschichte mit Ihnen und dem Doktor Meier… und ich muss Ihnen sagen, dass er ein richtiger I-di-ot war, aber momentan scheinen alle Lampen auf Happy End zu stehen, oder Frau Doktor?“

Von ihrer Sonnenanbeter-Pose aufschauend, hob sie fragend die linke Seite ihrer Oberlippe. Gretchen sortierte. „Mo-mo-moment mal. Ganz langsam und von vorn. Ok Sabine? Mhm, also wie war das mit Marc und mir?“ Schnell legte sie ihre Ohren frei und lauschte gespannt den faselnden, langsamen Worten ihrer Kollegin. „Es ist eine Unverschämtheit, dass er Sie so feige hat sitzen lassen. Wenn Sie meine Meinung wissen wollen, hätte ich ihn an den Pranger gestellt. Wie in Doktor Rogelt, Band 49: Der Kopf ist weg, das Herz aber bleibt!“ Lächelte Sabine naiv-verträumt. „Also nicht, dass Sie denken ich bin für Gewalt. Meiner Meinung nach ist ein glückliches, armes Vaterland besser, als ein gepeinigtes Land mit… hach… einem dieser Minister als Führer. Ich kann mir die Namen nie merken.“

„Sabine!“ rief Gretchen stoppend und deutete eine ebenso abwartende Bewegung mit ihren Händen. „Jetzt mal ganz langsam. Sie sagen also, dass….“ Gretchen atmete tief ein und aus. Ihr Puls war sicherlich unermesslich gestiegen und ein leichtes Schwindelgefühl bahnte sich an. Im Takt ihrer Atemzüge schob sie die Hände nach vorn und dann wieder nach hinten. Eine DSDS- Entscheidung war ein Scheißdreck dagegen. Immer wieder flatterten ihre Beine nervös über den Boden und ihre Augenbrauchen zuckten weit nach oben, um sich im nächsten Moment tief in ihre Augen zu legen.

„…., dass Marc mich verletzt hat. Und womit, wenn ich fragen darf. Denn soweit ich weiß, spielen wir täglich Katz und Maus, also was ist da bitteschön besonderes dran?“ „Also Frau Doktor!“ mahnte Schwester Sabine empört. „Ich könnte so etwas nicht so leicht verzeihen. Schon allein der Gedanke an eine…“ Sie schüttelte sich.

Gretchen verstand die Welt nicht mehr. „Hätten Sie jetzt bitte die Güte mich aufzuklären!!!“ rief Gretchen drängelnd und mit Nachdruck in der Stimme. Erst in dem Moment wurde Sabine klar, dass es nicht mehr den Anschein machte, als ob ihre Frau Doktor involviert wäre. Im Gegenteil. „Sie…Sie…Sie wissen also doch ni-“ Eifrig nickend, lachte Gretchen hysterisch.

„Oh doch, ich weiß, dass Marc mich verletzt hat und bringen Sie mich, wenn Sie endlich mal anfangen zu reden und nicht so ein elendes Gestotter vor sich herschieben, auf den Stand der Dinge. Da wird man ja krank.“ Naiv wie Sabine eben ist, glaubte sie ihre erste Aussage und erzählte.

„Er hat was?“ fragte Gretchen missverständlich.

Das wollte und konnte sie nicht glauben. Nicht, nachdem sie so einen schönen Abend miteinander verbracht hatten. „Ja, er hat Sie abgesch-“ Mit schmerzlich verzogenem Gesicht, winkte Gretchen mit einem lauten „Ist schon gut!“ ab. Ruckartig stand sie auf und lief aus dem Stationszimmer. Zurück blieben eine verwirrte Sabine und ein kalter Kaffee. „Hä, ich dachte Sie wüsste alles? Vielleicht muss die Frau Doktor nur schnell auf Toilette.“ Mit dieser Erkenntnis wandte sich Sabine ihrem neuen Schundroman von Elke Fischer zu und aß nebenbei ein paar Ingwer-Mango-Muffins, selbst gebacken.

If you're lost you can look and you will find me
Time after time
If you fall I will catch you; I'll be waiting
Time after time

Time after time
Time after time

Gretchens Gedanken stürzten übereinander ein. Sie rempelte von einem in den anderen Kollegen. Nahm die Treppe, statt des Aufzuges, gegen den sie komischerweise seit ihrer Rehabilitation Einwende hatte. Stimmen hallten in ihrem Kopf und dröhnten lautstark durcheinander in ihren Ohren. Als sie an der Cafeteria vorbei kam, drückte ein heller Schein gegen ihr Augenlicht und sie fantasierte in einer Zeit vor ca. 3 ½ Monaten.

Vor einem voll besetzten Tisch stand sie und verabschiedete sich rasch von ihren Liebsten. Alle, außer Marc!

Das Flashback erlosch und sie lief weiter. Plötzlich kamen ihr Wortfetzten und dazugehörige Bilder vor die vernetzten Augen.

„Du bist für mich gestorben! Bist für mich gestorben. Gestorben. Gestorben…“

Diese Worte hallten in einem unglaublich schmerzlichen weinen.

Sie sah zwei grüne Augen. Wieder die Worte. „Bist für mich gestoben. Gestorben. Gestorben…“

Gretchen lief und lief. Sie nahm die Treppe und durchquerte sämtliche Etagen. Durcheinander wankten ihre Augen von rechts nach links und ein Außenstehender würde denken sie hätte Kopfschmerzen oder Migräne, weshalb sollte sie sich sonst auch den Kopf so krampfhaft halten. Ein lautes Klatschen zog ihre Aufmerksamkeit auf eine heikle Situation.

Sie sah Marcs gerötetes Gesicht, ihre Tränen und seine Fassungslosigkeit.

Weitere Silben bildeten Satzfetzen.

„… raff das endlich! Raff das endlich! Endlich. Endlich. Endlich…“

Das war definitiv Marcs Stimme. Viele Aussagen nahm sie nur nebenbei wahr, weil sie ineinander flossen.

Sie sah auf einen Zettel in Marcs Bett. Tränen tropften in einem Flugzeug darauf. Ihr Tagebuch lag offen in einem Hotelzimmer, was den Sachen nach zu urteilen, ihres war. Marcs Hände lagen fest auf ihrem Rücken und sein Blick war klar. Ein heißer, schwerer Atem peitschte an ihre Wange.

After my picture fades and darkness has turned to gray
Watching through windows, you're wondering if I'm ok
But you say go slow; I fall behind
The drum beats out of time

„Du nimmst die Pille…ne? Nimmst die Pille…ne? Die Pille? Die Pille?...“

Gretchen lief wie in Trance durch das Krankenhaus und nahm nichts um sie wahr. Bilder zogen an ihr vorbei, Szenen. Interpretationstechnisch schöne Bilder, schöne Szenen, hässliche Bilder, hässliche Szenen.

Sie lag wieder auf der Wiese und jetzt wusste sie, wo! Afrika! Ouagadougou! Sie saß in einem Kaffee mit einer Afrikanerin. Sie telefonierte mit ihrer Mutter. Sie rettete Leben. Sie schaute in zwei grüne Augen, abermals. Es war in Deutschland. Sie schaute in zwei braune Augen, ebenso. Die Türen des Fahrstuhls schlossen sich. Sie sah durch einen Spiegel in Gigis Gesicht. Die Gedanken der beiden spielten Katz und Maus, bis Gretchen bedrückt nach unten schaute.

Sie lag in Marcs Bett, es war derselbe Tag, wie bei dem ersten Gedanken an ihre Zweisamkeit. Er lag über ihr und beide schauten sich fast flehend in die vom Mondlicht beleuchteten, glasigen Augen.

Dieser Gedanke hielt Gretchen fest. Sie wurde durch einen weiteren weißen Fleck in die Vergangenheit katapultiert, nur einige Stunden später, als der letzte Gedanke.

If you're lost you can look and you will find me
Time after time
If you fall I will catch you I'll be waiting
(I'll always be waiting)

Sie spürte eine Hand sachte über ihre Wange gleiten, sein Blick tat es gleich und sie schloss sinnlich ihre strahlenden Augen. Stirn an Stirn schenkten sie sich Geborgenheit, bis die Müdigkeit ihre schlaffen Körper übernahm.

Jetzt flossen langsam Tränen an ihren Wangen herunter. Gretchen machte sie nicht die Mühe diese wegzuwischen, sie ließ es geschehen. Mit den Gedanken und dem leeren Platz in ihrem Herzen, der sich schloss, kamen der Schmerz und die Leere in ihrem Herzen zurück. Die Realität fühlte sich kalt und einsam an. Das letzte Mal wurde sie von der schmerzlichen Vergangenheit gepackt und in einen Moment der Ahnungslosigkeit gesetzt…

Um sie herum war es verchromt und eine erdrückende Luft, sowie Stille hatte sich über den quadratischen Kasten gelegt. Das war Marc und dort saß sie selbst. Ihr Körper wurde schlaff, ihre Augen schwer und den Kampf wollte sie nicht mehr kämpfen. Einige Augenblicke später hielt Marc sie in seinen starken Armen und strich ihr behutsam über die Wange. Er redete mit ihr, aber was, verstand sie nicht.

… um einige Augenaufschläge später gegen zwei starke Arme zu rennen.

Marc und Mehdi schauten Gretchen fassungslos an. Marcs Stirn lag in Falten und er legte den Kopf kurz schief, wogegen Mehdi sofort ein Taschentuch aus seiner Kitteltasche zog. Wie von der Tarantel gestochen, schaute sie die beiden Ärzte schmerzlich, verletzt und wütend an. „Hasenzahn, alles-“

Klatsch! Da war die Hand auch schon mit einer ordentlichen Portion Verzweiflung und angestauter Luft über seine Wange gewandert. Marc zuckte zurück und starrte sie fassungslos an. Den Blick zwischen den beiden hindurch, drückte sie sich an ihnen vorbei und rannte fast zum Ausgang.

Time after time
Time after time
Time after time

Heute mal etwas Musik! Find ich ein super schönes Lied! Für alle die es nicht wissen, kommt auch in Jesus liebt mich vor!
http://www.youtube.com/watch?v=RVjwhTgyBuY


Hihi ein Cliffhanger! Wie böse von mir! Aber ich glaub das hätte jeder so gemacht, umso interesanter ist doch, was folgt.

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

15.03.2014 15:44
#34 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Halli Hallo Leute!

Dankeschön für euer positives Feedback bezüglich meines letzten Kapitels. Inzwischen ist doch wiedermal einige Zeit verstrichen. Trotzdem kommt jetzt der klärende Teil und ich hoffe, eure Erwartungen werden erfüllt. Vielleicht ist nicht zwangsläufig das, was ihr euch so vorstellt, allerdings muss nicht alles zu einem Drama werden!

Glg, viel Spaß und genießt den schönen Tag!
Eure Elli



Marc Meier und Mehdi Kaan blickten einander mit geweiteten Pupillen, keinen Worten im Petto und Fassungslosigkeit soweit das Auge reichte, an.

Es war der Moment, vordem sich alle auf irgendeine Art und Weise gefürchtet haben. Es hatte nie jemand ausgesprochen, aber es lag deutlich in der Luft. Marc war nie der Typ für große Worte oder ließ sich von seinen Gefühlen leiten, aber unter Vorbehalt setzte auch ihm die Misere hart gegens Gemüt.

Was nun? Mehdi fand zuerst seine Sprache wieder, allerdings half ihm diese nicht sonderlich, da er einzig und allein den Kittel von Marc durch die Tür fliegen sah. Sich die Haare raufend, rannte er hinter ihm her. Marc versuchte unterdessen zu retten, was schon längst verloren war. „Hasenzahn! Jetzt warte doch mal!“ schrie er über den Parkplatz und war um einen zügigen Gang bemüht, bevor das Auto von Franz um die Ecke bog. Auf der Wiese drehte sie sich um und zeigte ihm den Vogel.

„Nenn mich nie wieder Hasenzahn, verstanden!“ Befahl sie mit kratziger Stimme.

Immer wieder rannen kleine Tränen ihr zartes Gesicht hinab, im nächsten Moment waren es Große. Mit strammen Schritten versuchte sie ihm zu entkommen. Hatte er sie nicht genug gequält? Konnte er nicht wenigstens einmal die Notbremse ziehen? Es tat doch unwillkürlich genug weh. Der stechende Schmerz in der Herzgegend und das Schlimmste war, es kam von keinem Herzinfarkt. Am liebsten wollte sie Steine in ihrer Brust tragen. Die waren schwer, hielten sie von dermaßen verkorksten und nervenaufreibenden Situationen ohne Knuddelfaktor fern und sorgten zudem für eine straffe Brust. Der totale Super-GAU hätte in der Top 10 unterm Schnitt nur Platz 2 bekommen, denn Gretchen besetzte Platz 1 bis in alle Ewigkeit und darüber hinaus. Für diesen sonst so erträglichen, liebevollen und warmherzigen Menschen, sollte diese Szene wahrhaft in die Geschichte der Hölle eingehen. Warum musste er denn jetzt mit ihr reden? So ganz ohne Vorwand. Wie oft drückte er sich, wenn es um Gespräche ging oder der bloße Anschein an eine Konversation entstand? Wie oft? Fast immer! Ausgerechnet an diesem kühlen Sommertag sollte das „fast“ eine bedeutende Rolle imitieren.

„Gretchen!“ rief Marc ihr mit fester Stimme, in Kombination mit Missmut und Erklärungsversuchen hinterher. Mit breit gefächerten Armen drehte sie sich künstlich- oder eher hysterisch lachend um. „Was? Was willst du Marc? Hast du nicht schon alles gesagt?“ schüttelte die 30 jährige apathisch den Kopf. „Hasenz- jetzt lass mich doch mal erkl-“ Frech durchschnitt Margarete Haase ihm, Marc Meier das Wort. Tief in ihrem Inneren, dort wo der Verstand tief vergruben und ummantelt von vielen Gefühlen und angestauter Wut saß, hegte die Blondine Wut gegen sich selbst. Jeder konnte ihr nahelegen, dass sie mit vollem Herzen gehandelt hatte, aber was brachte einem das im Endeffekt? Unterm Strich machte man Miesen. Gretchen hatte schon bei Rubbellosen auf dem Jahrmarkt immer die Nieten bekommen, hätte sie nur annährend geahnt, dass es sich auf ihr komplettes Leben beziehen sollte, wäre der Wunsch ihres Vaters, sie auf ein Internat für technisch Begabte zu schicken, nicht ganz so abwegig herübergekommen. Im hier und jetzt, fiel ein Schatten auf ihr tränenreiches Gesicht, was nicht unlängst noch von sanften Küssen benebelt wurde.

„Geh weg!“ Der nächste Schritt wurde gestoppt, als sie Marcs starke Hand an ihrem Oberarm sah und spürte. Eine Erscheinung von unmenschlichen Signalen schoss wie eine Billardkugel durch ihren Körper, ehe sie mit zunehmender Kraft einem leichten Straucheln entkam, als sie sich los riss. Marc lagen einige Strähnen im Gesicht und seiner Körperhaltung nach zu urteilen, befand er sich nicht unbedingt in top Form, was an seiner blonden Rivalin gegenüber lag. „Kannst du mir vielleicht mal zuhören?“

Zack. Da hatte er die nächste Backpfeife bekommen.

Kurz von sich selbst erschrocken, trat Gretchen einige Schritte rückwärts, nur um feststellen zu müssen, dass sie diesem Hindernis in Form eines ovalen Busches, nicht entkommen würde. „Spinnst du?!“ beharrte Marc eher auf diese Aussage, als sie ernsthaft als Frage zu stellen. Die wohl schnippische Antwort konnte er sich selbst ableiten.

„Sicher, wie immer. Hasenzahn ist die Blöde. Hasenzahn ist die fette Kuh, die nichts auf die Reihe kriegt und bei ihren Eltern wohnt und verdammt nochmal ewig dem ach so tollen Marc Meier hinterher rennen wird. Ja, ich spinne!“ Nickte sie eifrig.

Ihre Augen glichen einem Rad, so rund. Trotz dessen lag ihr die melancholische Ader auf dem OP-Tisch, imaginär versteht sich. Und sie drohte jeden Moment zu platzten. Marc bemerkte ihre leicht exzentrischen Ansätze, blickte drüber, denn er empfand es als gefährlich sie schneller gegen die Wand laufen zu lassen. Mit einem eiskalten abschätzigen Blick wuselte sie herum und ging. Marc bekam einzig und allein ihre Lockenmähne ab, die peitschte, als ob die apokalyptischen Reiter im Anmarsch wären.

Auch Mehdi war Zeuge dieser absurden Szene. Sie hatten es nicht anders verdient. Beide waren hier oder dort zu feige gewesen, um über den Schatten aus Kälte und Dunkelheit zu springen. Sie hatten Chancen ohne Ende, liebten sich beide mehr als sich selbst, aber kamen in einem verdammten Jahr nicht auf einen grünen Zweig.

Marc haderte arg mit seinen Worten. Stöhnte, schluckte, fluchte, warf letztendlich die Arme hinter den Kopf und sagte mit ehrlicher Stimme.
„Es tut mir leid!“ Leise fügte er an. „Verdammte Scheiße!“

„Aber holla! Sag das laut.“ Meinte Mehdi zustimmend und klopfte seinem Freund auf die Schulter. Dieser entzog sie ihm sekündlich und fuhr ihn ungehalten an. „Lass stecken. Ihr hattet doch den grandiosen Einfall, dass wir Hasenzahn nen Bären aufbinden, jetzt haste’s!“ Er zeigte in ihre Richtung und ließ den Arm ruckartig fallen. Er blies die Backen auf und zog die frische Luft tief in seine Lungen. Dann drehte er sich einmal um 360°, kreiste den Kopf im Nacken und starrte stöhnend in den Himmel.

Gretchen stand, wie sie stand. Vernahm sie wahrhaftig gerad die Worte Entschuldigung?

Mehdi sah sie und flüsterte Marc entlastend zu. „Da ist wohl jemand anderer Meinung.“
„Hä???“ fragte Marc mit erhobenen Augenbrauen, wandte den Blick prüfend von Mehdi zu Gretchen und blinzelte dreimal. „Jetzt versau es nicht wieder und lass endlich zu, was schon lange hätte passieren sollen.“

Die junge Ärztin spielte an ihren Kittelknöpfen mit zusammengezogenen Schultern. Marc schluckte, atmete tief durch und trat näher an sie heran. Bei einem Sicherheitsabstand von einem Meter, verweilte er. Nervös fuhr sich der Oberarzt über den Bart, hielt inne und schaute die Rückenfront inspizierend an. Seine Augen brannten auf ihrem Rücken und der Wut war zeitlich die Angst gewachsen. „Was hast du gesagt?“ flüsterte sie mit zittriger Stimme. Für sich selbst kurz schmunzelnd, nahm er ihre Geste war, antwortete mit feinfühliger, aber keineswegs weicher Stimme. „Du hast schon richtig verstanden. Es tut mir leid!“ Für Gretchen hatten diese Worte eine besondere Intension. Sie klangen ehrlich, waren in einem verständlichen deutsch und was die Hauptsache war, sie kamen. Endlich konnte sie alles herauslassen. Die ewigen stummen Tränen, die Angst, die Einsamkeit, die Schmerzen, die schlaflosen Nächte, die Unterdrückung ihrer Gefühle im grobsten.

Auch Marc sah langsam ein, dass er die Frau, die ihm auf eine unerklärliche Weise so viel bedeutete, über den Kamm mit seinen anderen Tussen geschert hatte. Diese Erkenntnis und der Gedanke, wie minderwertig sie sich gefühlt haben muss, veranlassten ihn dazu, sie sachte an den Schultern zu fassen und zu sich zu drehen. Den Blick nach rechts und links schweifend, bückte er sich leicht, um ihr ins Gesicht sehen zu können. Hoffungsvoll zog er die Augenbrauen hoch und die Stirn kraus. Seine Mundwinkel zogen sich minimal nach oben.

Im nächsten Moment patschte abermals die volle Ladung in sein Gesicht. Marc zuckte zurück und rief barsch. „Au…geht’s noch!“ Er hielt sich kaum merklich, aber schockiert die Wange und schaute Gretchen entgeistert an. „Ja…“ Ohne Stimme.

Die Tränen waren voll im Gange und sie schlotterte wie Espenlaub, woraufhin sie zu ihm aufblickte und zittrig mit wankender Unterlippe mimte. „Erstaunlicherweise, ja! Du Arschloch, du!“ Unwiderruflich stahl sich ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht.

Marc nutzte den Moment und zog sie recht zögerlich in seine Arme. Sprichwörtlich ließ seine Assistenzärztin die Hüllen fallen. Es fühlte sich falsch, gleichzeitig aber richtig an. Marcs Hände umstrichen ihre Arme und packten sie mit der rechten Hand um ihre Schulter.
Die Linke strich behutsam über ihre Rücken. Genießend schloss er die Augen. Jetzt war die Wahrheit raus und es tat gut. Sie waren nicht zusammen, aber sie hatten klare Fakten geschaffen und darauf war er stolz. Margaretes Kopf ruhte auf Marcs Brust und spürte an ihrer Nase, sowie ihrer Wange die starken Oberarme ihres Vorgesetzten. Sie hing sicher, würde nicht fallen. Der Chirurg vernahm den blumig-duftenden Geruch ihres Haarshampoos und sog diesen tief ein.

Was gafft der denn so doof da? Noch nie ne Frau in meinen Armen gesehen? Tz…

Elli Offline

stellv. Admine


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22.03.2014 05:03
#35 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hallo ihr Lieben!

Danke, danke, danke für das rege Feedback! Ich hab mal wieder irre gefreut! Eigentlich wollte ich das jetzige Kapitel bereits am 17.03. liefern, weil ich an dem Tag genau vor einem Jahr mit dem Posten meiner Story/ Schreiben begonnen habe. Leider spielt die Zeit nicht immer so mit, wie ich möchte. Deshalb jetzt erst! Ich denke aber, dass es so vielleicht etwas spannender geworden ist.

Ich weiß, heute bin ich umso zeitiger!

Glg und einen tollen Tag euch allen!
Eure Elli




Ein bekannter Spruch besagt Liebe heilt alle Wunden, aber was ist, wenn diese zu tief sind, wir lieber mit den Schmerzen leben, als zuzugeben, dass wir Hilfe brauchen, uns nicht sicher sind, ob sie jemals wieder verheilen oder ob eine Transplantation das einzig Richtige wäre. Ein neuer Abschnitt, ohne Schmerzen und Leid, dass wünschen wir uns alle, aber nicht jeder kann das rettende Medikament bekommen, oft leben wir bis an unser Ende mit den Folgen der eingepferchten Wunden! Doch vielleicht gibt es noch eine Chance auf Heilung, nur nicht aufgeben, irgendwann finden wir nämlich das passende Gegenstück.

Eine neue Woche, somit auch neues Glück. Ab sofort würde sich Gretchen nicht mehr selbst im Weg stehen oder hoffen, dass sie jemand mitnimmt. Das Wochenende hatte sie verändert, sie war eine andere. Emanzipiert, stark, karrierebesessen, erfolgsnah, ehrgeizig u-

„Ah Hasenzahn schön, dass du auch mal da bist.“ –nd mit einem Macho der Extraklasse gestraft.

Schnellen Schrittes schlappte Marc mit lässigem Gang ins Schwesternzimmer. In der rechten Hand einen grünen Apfel, in der Linken eine Patientenakte. Der junge Chirurg warf einen flüchtigen Blick zu ihr herüber, setzte sich ruckartig auf einen Stuhl und ließ das gute Stück an den Schreibtisch rollen. Mit abgestützter Hand, malmendem Kiefer und leicht zusammengekniffenen Augen schaute er konzentriert auf den flackernden Bildschirm. „Du Marc?“ zog sie seinen Namen unnatürlich in die Länge. Er gab nur ein kurzes „Hm.“ von sich, unterbrach seinen Lesefluss aber keinesfalls. Jetzt war sie baff, hatte nämlich nicht wirklich damit gerechnet, eine, nun ja dürftige, aber Antwort zu bekommen. Augenklimpernd stotterte sie und schwang nervös mit den Armen. „Hasenzahn, entweder du rückst endlich mit der Sprache raus oder der ITS ist weg. Wird sicherlich…“ Er grinste schelmisch über seine Schulter. „…schwer den zu erreichen.“

Beide waren erleichtert, endlich eine „harmonische“ Atmosphäre in Bezug auf ihren Umgang zu haben. Wobei harmonisch einen weitläufiger Sammelbegriff darstellte. „Haha, da haben wir aber jetzt gelacht.“ Haute Gretchen trocken heraus. „Kannste ma‘ sehen. Das nenn ich Engagement, Hasenzahn!“ Schelmisch grinsend, zwinkerte er ihr zu und drückte sich weiter in die nachgiebige Lehne des Drehstuhls. Augenblicklich trat Sabine mit abbremsenden Schritten in den Raum. Sicherheitshalber schaute sie die beiden Ärzte mit genügend Sicherheitsabstand eingeschüchtert an und faselte leise. „Hallo Herr und Frau Doktor.“ Marc nickte und Gretchen meinte nur beleidigt. „Hallo.“

Komischerweise sprach Gretchen mit dem größten aller Übeltäter mehr, als mit den Randpersonen. „Schwester Sabine, warum fehlen hier die Protokolle bei dem Schmidt?“ Der Blondine wuchsen die Augen und eine unangenehme Röte stieg in ihr Gesicht.
„Ehm…die hab ich, als die sind schon-“

Marc stöhnte, tippte ungeduldig wartend mit dem Kuli auf den Tisch und schoss diesen im nächsten Moment in die nächste Ecke. „Ich sag‘s auch Ihnen nochmal! Ich hab keine Zeit zweitklassigem Personal die niederträchtigen Aufgaben hinterher zu schleppen. Sie haben Zeit c-klassige Schundromane meiner Mutter zu lesen, dann geh ich davon aus, dass solche Dinge in Zukunft erledigt sind, verstanden?“ Eifrig nickte sie. „Gut, dann hätten wir das geklärt. Hasenzahn! Gallenstein OP in 3 Stunden. Ich geh eine rauchen.“ Schwer atmend stand er auf, rieb sich die Brust und ging lässigen Schrittes Richtung Ausgang. Letztendlich brachte den 33 jährigen ein kurzes, grelles Piepen zum Stehen. Routiniert zog er den schwarzen Kasten aus der Kitteltasche und pfiff. „Sabine! Hasenzahn! Kaffeeklatsch beendet, die Arbeit ruft.“ Mit verdrehten Augen sprang Gretchen auf und die beiden folgten dem Oberarzt.

Endlich wieder ein spannender Fall. Blühe auf vor Enthusiasmus! Freude und Glück liegen bei einer Milliarde. OP Besteck liegt sicherlich leicht und griffig zwischen meinen Händen.

„Was haben wir?“ fragte Marc routiniert, während er die auf das Protokoll sah. Gordon lief am Kopfende der Liege und schob die junge Frau in Richtung Untersuchungsraum.
Gretchen eilte ihnen schnell zur Seite.

„Lena Kühl, 31 Jahre, 8. Monat schwanger, schwerer Autounfall, Verdacht auf innere Verletzungen, Prellungen, Verbrennungen 2. Grades, gebrochenes Schlüsselbein und gebrochener linker Arm.“ Ratterte der junge Mann dynamisch herunter. Sein Blick ging zu Gretchen. „Olla Frau Doktor, Sie sind auch wieder da?! Das Ausland hat Ihnen gut getan, Sie sehen fabelhaft aus.“
Der alte Charmeur! Oder doch eher Schleimer?

„Ende mit der Schleimstunde, wir haben Wichtigeres zu tun!“ Dabei warf er Gretchen einen festen, leicht provokanten Blick zu, schob die Dame in den Behandlungsraum.

„CT vom Schädel. Sieht mir nach nem Trauma aus, Röntgen, Laktatwerte. Gib ihr Codein und Acetylsalicylsäure. Wenn sie innere Blutungen hat, sollte das vorrübergehend helfen. Tiefe zweitgradige Verbrennungen, mach nen Gelverband. “ Er selbst leuchtete ihr unter die Augen und versuchte mehrmals sie anzusprechen. „Herr Doktor, die Röntgenbilder!“ Mit einem gekonnten Griff, lagen sie zwischen seinen Fingern, die noch einiges leisten mussten. Den Blick zum Fenster gewandt, was den Lichtstrahl zum Flur verdeutlichte, inspizierte er die Bilder eindeutig. „Ok. Schlüsselbein ist durch, müssen wir verplatten. Arm wird geschient.“ Er stockte flüchtig und kniff die Augen zusammen. Der Ultraschal beunruhigte den Oberarzt deutlich mehr.

„Und… scheiße…“ fluchte er. Gretchen schaute ihn kurz perplex an, wollte gerad das Schmerzmittel ansetzen, als Marc energisch „Nicht!“ schrie.

„Was? Wies-“ Stockte sie, als Marc näher an zu ihr kam und ihr die Bilder vor die Nase hielt. „Scheiße!“ wiederholte sie. „Sag ich doch. Ok, wir machen sofort auf. Sabine!“ schrie er. „JA, Herr Doktor?“ hakte sie schnaufend nach. „OP vorbereiten, aber in Lichtgeschwindigkeit!“

„Sehr wohl, Herr Doktor.“ Sabine salutierte und machte sich dann schnellen Schrittes auf den Weg, um alles für die bevorstehende Operation vorzubereiten. So hochkonzentriert hatte sie Marc lang nicht mehr gesehen und es war schon einige Zeit her, dass er einen derart umfangreichen und komplizierten Fall übernahm. Nachdem sich Franz selbst um Gretchens Gesundheit kümmerte, aufgrund der miserablen Relationen zwischen Marc und Ihr, behandelte er primär Blinddärme und andere ihm stinkende Kleinigkeiten.

„Da ist alles voller Blut im Bauch. Flankenprellung.“ Setzte Marc hoch konzentriert den Ultraschal an. Sicherheitshalber führte er einen Zweiten durch.
„Marc sollten wir nicht lieber Mehdi informieren? Wenn sie so viel Blut verliert, wird die Plazenta insuffizient versorgt.“ Gretchens besorgtem Gesichtsausdruck zu urteilen, war sie voll in ihrem Element. Hochkonzentriert und trotzdem mit der nötigen Portion Feingefühl ausgestattet, beobachtete Marc sie einige Sekunden. Kurz presste er die Lippen aufeinander, zog die Mundwinkel nach oben, sodass seine Grübchen leicht in Szene gesetzt wurden. Er fand es auf eine skurrile Art und Weise freudig, dass sie ihm im OP Gesellschaft leistete. Kleine neckende Sprüche über seine Lippen zu lassen, weil er sich ihrer Reaktion bewusst war. Einen kommunikativen Grundstein zu legen und auf eine derartige Lockerheit in Kombination mit einer, für ihn absurden Vertrautheit zu arbeiten. „Hasenzahn, ich weiß, was ich tue.“

„Naja…“ nuschelte sie ungläubig, woraufhin Marc sie musterte. „Bitte?“

„Nichts. Aber meinst du nicht, dass es besser wäre, wenn wir-“ Gretchen zuckte mitfühlend mit den Schultern. „Ja…“ zog er gelangweilt in die Länge. Gretchen nickte triumphierend, ging zügig zum Telefon und wählte die Nummer der Gyn.

Mittlerweile gingen 2 ½ Stunden ins Land und die Operation war immer noch in vollem Gange. „Saugt mir mal einer das ganze Blut hier weg! Boa…hier Mensch! Ich seh nix.“ Die Milz war im Arsch, aber verkapselt. Der Kreislauf der jungen Frau schien stabil, setzte ab und an zum Auslag aus. Mehdi hatte das Kind frühzeitig entbunden, da die Chancen schlecht standen, dass die Plazenta weiterhin mit ausreichend Blut versorgt werden würde. Anfangs hatte sich Marc mal wieder gesträubt, sah allerdings nach einigen Fehlversuchen ein, dass es die beste Möglichkeit war. Jetzt lag das Ruder wieder in seinen Händen. Er und Gretchen taten alles, was in ihrer Macht stand, aber es sah kompliziert aus.

„Hängen sie Blutkonserven an.“ Befahl er trocken.

Zum Glück konnte man hinter dem Mundschutz nichts sehen. Ein weiterer Vorteil, weshalb Gretchen die Lippen öffnete, um dem anstehenden Druck, der ihre Tränendrüsen belastete, Luft zu machen. Vielleicht war es zu früh gewesen, sie wieder als komplett einsatzfähig durchgehen und praktizieren zu lassen, aber momentan blieb nicht viel Zeit den Vermutungen nachzugehen. Marc warf Gretchen einen stutzigen Blick zu, ehe er sich wieder dem offenen Bauchraum der Patientin widmete. „Ich brauch mehr Bauchtücher.“

„Marc, sie verliert immer mehr Blut.“ Gretchens Stimme war besorgt und einen Hauch wehleidig. „Ich hab ja gleich gesagt, dass wir das…ehm… Kind nicht holen sollten. Jetzt haben wir den Salat. Saug mal hier ab.“ Deutete Marc auf die freigelegte Milz. „Wölltest du lieber, dass es tot ist?!“ Stellte sie offen in den Raum. „Was ich will oder nicht, steht hier nicht zur Debatte. Ich bin Arzt und… boa stellen Sie sich nicht so an Sabine, rein da!“

Himmel, warum ausgerechnet heute so ein schwerer Fall. Ich schicke mein zweites aufrichtiges Gebet an Gott. Lass dem Kind eine Mutter und nimm es ihm nicht, bevor sie es bekommen hat. Bitte!

Eine weitere Stunde später, wuschen sich die beiden Ärzte geschafft die Hände und desinfizierten sich. Die junge Frau lag auf der Intensivstation und war stabil. Erschöpft strich sich Gretchen eine verirrte Strähne hinters Ohr und beobachtete ihres und Marcs Spiegelbild. Dem fielen unwillkürlich ein paar Haarsträhnen in die Stirn. Etwas konfus hoffte sie auf das Auflösen dieser angespannten, trostlosen und motivationslosen Stimmung. „Du Marc…“ fing sie zögerlich an, immer sein Spiegelbild im Seitenblick. „Mh?“ hob er den Kopf und guckte sie durch dieses auffordernd an.

„Danke, dass du sie gerettet hast.“ Schluckte Gretchen qualvoll. Es war dieses Gefühl eines nicht enden wollenden Weines. Man trank und trank, aber Schluck für Schluck kam das Völlegefühl und wurde mit einer trockenen, staubig- pelzigen Kehle untermauert. Minimalistisch gesehen, hatte Gretchen seitdem Vorfall mit Mehdi an keinem Weinglas mehr genippt, geschweige denn gerochen. Der bloße Dunst bescherte ihr eine unangenehme Gänsehaut. Marc wusste nicht wirklich, wie er reagieren sollte, weshalb er nur nickend mit schwelgender Stimme sagte. „Keine Ursache. Ist schließlich mein Job!“ Er verzog die Lippen zu einem einseitigen Lächeln, was mehr schlecht als recht ankam. Gretchen gab ihm dasselbe zurück. Die Stille wurde von Sabine getrübt, welche Kurs auf den Ausgang nahm und im nächsten Moment nur das monotone Zufallen der Tür ansatzweise ein Geräusch vermachte.

„Du, Gretchen, geh nach Hause. Ich mach die Gallenstein OP allein.“ Sie stutze.

Wollte er sie loswerden? Vielleicht empfand er den Umgang mit ihr im OP nicht mehr als schön oder wenigstens angenehm?! Koordiniert ließ Gretchen ihren Kopf in seine Richtung kreisen. „Wieso denn?“ Kurz schaute sie zur Seite, da die Antwort doch eine Spur zu abgedroschen und irritiert klang. „Weil du frisch entlassen bist und die OP gerade…“ er zeigte auf die Tür. „… schon eine Spur zu viel war. Versuch’s gar nicht erst zu leugnen, Hasenzahn. Das klappt eh nicht.“ Ein meierisches Grinsen schoss sich auf seine Lippen. Die rechte Augenbraue zog sich nach oben und zuckte einwendend.

„Aber ich… ich… Das musst du nicht. Ich hab gesagt, ich kann wieder arbeiten und da werde ich das auch tun. Keine Sorge, ich kipp‘ schon nicht weg.“ Schnell schüttelte sie den Kopf.

Diese Frau ist sturer als ne Herde wildgewordener Stiere…

„Kennst du das Sprichwort: Übermut tut selten gut?“
„Das passt sicherlich eher zu dir!“ meinte sie lachend-kopfschüttelnd. „Müpf mal nicht auf ja?“ hakte er gespielt beleidigt nach. Seine leicht arrogante Oberarzt Manier lugte ebenfalls durch jede seiner Worte.

„Und wenn?“ sagte sie leise. „Dann gibt’s auf’n Arsch!“ Während Marc anzüglich die Augenbrauen hochzog, zeigte ihm Gretchen den Vogel. So ganz ungeniert und locker, ging nun doch nicht. Eigentlich ist das im Normalzustand auch nicht der Fall. „Soweit kommt’s noch.“ Prustete sie nervös. Marc fuhr mit seiner Zunge über die Lippe, kam ihr näher und stützte die Arme in seine Hüfte. „Nicht gleich Schnappatmung bekommen, Hasenzahn.“

„Ich bekomm hier überhaupt kein-…e Schnappatmung. Es schnappt eher gleich zu.“

„Wer? Dein Hintern?“ Amüsiert lugte Marc auf ihr Hinterteil, dabei gefiel ihm der Anblick durchaus.
Zum Glück gibt’s hier ne Klimaanlage…

„Nein, meine Hand!“ Beide liefen auf dem Flur, wobei Gretchen aufpassen musste, Schritt zu halten. „So wie gestern oder was?“ rief er nebenbei und zog sich die Hose hoch. Das Gesicht der Assistenzärztin schoss nach oben und ihr Finger wanderte auf ihre Lippen. „Pscht… nicht, dass das jemand hört.“ Unauffällig fasste sie an ihren Kopf und wagte einen rundum Blick. „Keine Sorge!“ nickte Marc lässig ab, während er mit seinem Kopf zum Park deutete. „Die hatten gestern schon ihre Kinovorstellung. Heute sind Scheuklappen dran.“
„Du du du meinst, die haben uns…also…die haben uns…“ Sie tat sich sichtlich schwer, was Marc zu einem erneuten Grinsen hinriss. „Wenn ich irgendwo bin, liegen eh alle Blicke auf mir, deshalb könnten sie unter Umständen was gesehen haben.“

„Zum Glück nur gesehen.“ Schnaufte sie mit vorgehaltener Hand. „Oder gehört!“ Drehte Marc amüsiert über ihre verklemmte Art, seinen Kopf.
Soviel Verklemmtheit gehört verboten!

Er witzelte über seinen Humor, während er den Weg zu seinem Büro einschlug. „Mach dich jetzt vom Acker!“ wedelte er. Seine Stimme klang friedliebend, aber männlich. „Och Marc!“ nörgelte sie und legte den Hals in den Nacken.

„Ab jetzt! Bevor’s Hasenschießen beginnt. Wir sehen uns morgen. Und Tschüss.“ Resigniert straffte der Brünette die Schultern, öffnete die Bürotür und verschwand keine zwei Sekunden später dahinter.

„Tzz… Hasenschießen…“ Sie schüttelte den Kopf, lächelte in sich hinein und schob die Hände tief in die Kitteltaschen. Glücklich, dass endlich Ruhe in ihr Leben kommen würde, wog sie den Kopf schmunzelnd von rechts nach links und pustete eine ihrer blonden Locken beiseite.

Tja, manchmal hat man eben doch Glück im Unglück. Vielleicht wird uns dann erst bewusst, was wir zu verlieren-und gewinnen haben. Ein Blick in den Spiegel, in unser selbst. Bekommen wir die Augen geöffnet, sehen wir die Welt mit anderen Augen. Andere Werte treten in den Vordergrund, als das bloße Gefühl von Rache oder Schmerz. Wir blicken auf und der Himmel inszeniert ein Abbild eines Lebens, dass wir Stück für Stück erlangen können. Die Farbe und das Lachen kehren zurück und wir fragen uns, wie es so lang weg sein konnte. Das Bedürfnis nach Luft und Sonne wächst, die Bedenken nach Angst und Trauer fallen. Zurück bleibt, was angefangen ist.

Das Ich, wie es ursprünglich war.

Elli Offline

stellv. Admine


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04.04.2014 23:56
#36 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hey ihr Hasen!

Dankeschön für das zahlreiche Feedback, ich bin mal wieder sprachlos. Ist ja nichts Neues, nicht wahr?! Heute kann ich es mir endlich wieder einmal einrichten und euch ein Kapitel dalassen. Sagt mir, was ihr davon haltet, auch wenn es nicht euren Wünschen, Vorstellungen, etc… entspricht. Ich nehme mir gern Kritik an.

Glg, ein wunderschönes- sonniges Frühlingswochenende und einen ebenso entspannten Abend!
Eure Elli




„Frau Doktor, Sie müssen hier bleiben!“

Gerade als Gretchen den Weg nach draußen einlagen wollte, rannte Sabine ihr in den Weg. Außer Puste stützte sie ihre Arme auf den Knien und atmete tief ein und aus. Das Gretchen nicht gut auf Sabine zu sprechen war, wusste sie, allerdings ging es nicht gänzlich sich aus dem Weg zu gehen. Abwartend schaute sie die kleine Krankenschwester auffordernd an.

„Der Professor hat eine Versammlung einberufen. In 10 Minuten in der Cafeteria.“ Nachdem Sabine endlich fertig war, stöhnte Gretchen augenrollend auf.
Auch das noch!

„Danke Sabine. Ich komm gleich.“ Sabine wirkte sichtlich nervös, dem zufolge knetete sie ihre Hände und guckte sich nach einer passenden Antwort im Krankenhausgang herum. Etwas zügiger als eben, aber sich schwer tuend, formten ihre Lippen kleine, aber ehrliche Worte. „Frau Doktor, ich wollte mich bei Ihnen entschuldigen. Es war nicht meine Absicht, Sie zu belügen. Dafür hat mir das Horoskop eine schlechte Diagnose gegeben. Es tut mir leid, werden Sie mir irgendwann verzeihen?“ Sabine überdramatisierte die Sache mal wieder völlig. Trotzdem war Gretchen von ihrem Engagement und Tatendrang überwältigt.
Wer redet denn hier von irgendwann? Ich bin nur sauer gewesen. Kein Grund sich gleich „scheiden“ zu lassen.

Gretchen hob die Augenbrauen, was ihrem kurzschlüssigen Gedanken zur Folge lag. Sie war eine weibliche Form von Marc Meier. Mehdi hatte Recht. „Frau Doktor? Alles ok?“ hakte Sabine deshalb verwundert nach. „Äh ja, natürlich! Ich war nur in Gedanken.“ Überspielend und mit überschlagender Stimme, wandte sie sich an ihre Frage zurück. Sie schaute der Krankenschwester in die Augen und nickte wahrhaftig. Mit freundlicher, aufgeschlossener Stimme und sogar schon einem kleinen Lächeln auf den Lippen, antwortete sie. „Natürlich verzeih ich Ihnen Schwester Sabine. Es ging mir nur ums Prinzip. (ausatmend) Ich hasse es einfach, belogen zu werden und dann auch noch von allen Leuten, die mir etwas bedeuten. Das war nicht nur gegen Sie gerichtet.“ Erklärend zwinkerte Gretchen ihr zu und meinte im nächsten Moment. „Na dann, dann wollen wir mal, was?“ „Ja, aber erst in 4 ½ Minuten, Frau Doktor.“ Wissend, wie Sabine nun einmal ist, drehte sie sich kopfschüttelnd um und die beiden liefen zur Cafeteria.

Dort war schon reges Treiben und langsam trudelten alle Ärzte, Schwestern und Azubis ein. Gretchen setzte sich mit Sabine an einen der vorderen Tische. Der Sekt stand schon darauf und wohl oder übel kam Gretchen ins Träumen. Vor einigen Monaten hatte sie eine Illusion. In der befanden sich ebenfalls alle in dem Essenssaal. Ungewollt schluckte sie. Sie war eine Trophäe, eine Trophäe in Marcs heiß ersehnter Sammlung. Da sie von vielen Tischen mit Menschen umringt war, schoss ihr beim Gedanken an die Situation und die damit verbundenen Ursachen, eine unnatürliche Röte ins Gesicht. Bedacht ihr Gesicht zu bedecken, hoffte sie, dass Marc Meier nicht ausgerechnet bei ihr Platz nehmen würde. Schicksalshaft tat er dies keine 2 Minuten nach ihrem Gedanken. Prompt fragte er sie skeptisch. „Hasenzahn ich hab doch gesagt du sollst gehen.“

Na vielen Dank auch.

Zickiger als sie wollte, antwortete sie mit gereizt-sensibler Stimme. „Seit wann hör ich denn auf dich?“ Provokant schaute sie in seine Augen und beugte sich leicht über den Tisch. Marc, der zu ihrer rechten saß, tat es ihr gleich und beide blickten sie einander rebellierend an.

„Stimmt, dass übernehmen andere für dich.“ Wechselte er von ihren Lippen zu ihren Augen. Geziert lachte sie. Marc fragte sich, was ihr schon wieder gegen den Strich gegangen ist, denn vor einigen Minuten schien alles in bester Ordnung zu sein.
„Tja… im Gegensatz zu dir, sind andere selbstständig. Erklärt auch den riesigen Emanzipationssprung. Muss was genetisches sein.“ Die letzte Aussage richtete sie eher an sich selbst. Marcs Augen verengten sich und sein Mund stand leicht offen.
Ganz schön aufmüpfig das kleine Luder…

„Dem bist du sichtlich fern geblieben, ne?“ Ein typischer Marc Meier Spruch. Beide schossen sich gegenseitig den Ball zu. Aber sie mochten es. Momentan lag die Sprachlosigkeit zumindest imaginär bei Marc, der sich fragte, was in sie gefahren ist. Sie fühlte sich zunehmend angegriffen, weil sie in eine unverständliche Lage gebracht wurde. Die Gedanken rissen aber nicht ab, weshalb sie das aufkommende Bild wegwischte.

„Wenigstens hab ich Gefühle.“
Peinlich…

Wie auf Kommando kniff sie die Augen zusammen und legte eine Hand an ihre Wange, um Marcs Blick ausweichen zu können. Dessen grüne Pigmente wurden weitaus größer. Seine rechte Hand lag auf dem Tisch, während er sich in den Stuhl zurücklehnte und ein paar deutlich laute Atemzüge von sich gab. Mehdi und Gina setzten sich zu den dreien. Das Chaos war perfekt. Wortgefecht soweit die Ohren und die Augen reichten. Als Franz das Wort bekam, drehte sich Gretchen schräg, um nicht rückwärts zuhören zu müssen. Gespannt hingen sie an den Lippen ihres Vaters, weil er ausnahmsweise keine Schlicht und ergreifend langweiligen Witze machte. „Ich habe Sie heute hier her zitiert, weil wir mal wieder etwas zu feiern haben.“ Franz lächelte, fuhr leicht nervös fort.

„Deshalb hab ich zu verkünden, dass unsere Nachwuchsgötter der Chirurgie, Gynäkologie und Neurochirurgie…“ Marc beugte sich zu Mehdi und schaute ihn skeptisch an. „Das du ein Nachwuchsgott bist, ist mir neu. Ich dachte immer du bist der Remake vom Däumling.“

„Haha sehr witzig…“ meinte Mehdi mit tiefer, leicht gestresster Stimme. „Dafür bin ich doch der Beste!“ Stolz rieb sich Marc die Brust.
„Was der Professor wohl sagen will?“ träumte Sabine mit offenen Augen. Alle Tischnachbarn guckten sie irritiert an.

Marcs Blick fiel auf Hasenzahn, weshalb er sich kurz dynamisch vorbeugte und ihr in den Nacken hauchte. „Wenn sie mal aus dem Niemandsland erwachen würde, könnte sie das unter Umständen erfahren.“ Als er sich zurücklehnte, grinste er sie Meier-like an. Gretchen musste sich ein lautstarkes Lachen verkneifen, hielt die Hand vor den Mund und schüttelte amüsiert den Kopf.

„Alles in Ordnung, Kälbchen?“ unterbrach Franz unwissend seine Laudatio. Gretchen schüttelte sofort energisch mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck den Kopf. Ein lautes, versuchend unterdrücktes Lachen ging durch die Runde. Marc und Mehdi prusteten lautstark los. Worauf Gigi ihm in den Arm boxte, Sabine war abwesend und Günni, der am benachbarten Tisch zu ihr gelehnt saß, hielt sich verschließend die Hand vor den Mund. Maria und Maurice warfen sich vielsagende Blicke zu und mussten ebenfalls grinsen. Jetzt war ihr Ruf vollends im Arsch. Dazu kam noch, dass jeder ihren Namen wusste. Da Gretchen eine Frau ist und Frauen bekanntlich Sensibilität an den Tag legten, gab sie sich nicht die Blöße weiter belacht zu werden. Mit einem giftigen Blick zu Franz, stand sie auf und verließ die Cafeteria.

Ok, jetzt ist das Image komplett hinüber. Gehe dieses Mal wirklich heim. Hätte mal lieber auf Marc Meier hören sollen. Es soll Momente geben, in denen er die richtigen Aussagen beim Schopf nimmt.

Unterdessen beruhigte sich die Gesellschaft, worauf Marc immer noch lachend und sich eine kleine Träne aus dem Auge wischte, zu Mehdi meinte. „Wie war das mit dem Familienfrieden? Sie steht immer hinter einem? Wohl eher, sie steht immer gegen einem!“ Abermals lachten die beiden Männer, was Gigi mit einem weiteren Versuch des „Kampfes“ unterbinden wollte. „Sie wird sich wieder beruhigen.“ Fing Franz kleinlaut an. Straffte seine Stimme schnellstmöglich. „Wie auch immer. Unsere Götter in Weiß haben eine tolle und bereichernde Chance bekommen, ihre Kompetenzen noch mehr auszubauen. Unser Kooperationspartner in Ungarn wird einen 3 wöchigen Austausch mit Kollegen ihres und unseres Krankenhauses durchführen.
Die erste Gruppe sind wie erwähnt die Chirurgie, Gynäkologie und Neurochirurgie. Ich werde Ihnen die genauen Informationen zukommen lassen. In absehbarer Zeit werde ich eine neue Versammlung einberufen und die restlichen Stationen werden eingeteilt. Insgesamt wird der Austausch 9 Wochen dauern. 3 Mal 3-4 Stationen werden nach Ungarn fahren und wir werden Verstärkung aus dem tollen Land bekommen. Das war’s!“

Alle klatschten.

Marc und Mehdi sahen fassungslos zu dem Chefarzt.

Das ist nicht sein Ernst?!
Gigi konnte sich auf den Gesichtsausdruck her ein Lachen nicht verkneifen, richtete ihre Brille und stand ohne ein Wort an die beiden zu verlieren, stolz auf. „Hast du dasselbe, wie ich verstanden?“ fragte Mehdi perplex. Marc konnte erst nach einigen Minuten Worte dafür finden und drehte seinen Kopf in Mehdis Richtung. Der Chirurg mustere sein Gesicht, um dann ebenso baff zu nicken.

Liebes Tagebuch,

wie sagt man doch so schön? Eltern liebt man bedingungslos und sie tun alles für das Wohl ihres Kindes? In meinem Falle bin ich mir nicht sicher, ob es sich nicht um eine Art Kosenamen-Epidemie handelt. Bin für den Rest meines Lebens gedemütigt. Gut, die Schokolade bleibt mir wahrscheinlich immer, hilft mir am Ende allerdings auch nur zu dominierenden Sprüchen des männlichen Geschlechtes und sorgt auf der Wachstumsrate an überschüssigen Pfunden für ein deutliches Aufblinken. Ich hatte mir meinen Neuanfang karrieretechnisch definitiv positiver und zukunftsorientierter vorgestellt, als gleich nach der zweiten Schicht öffentlich unter den Tisch gelacht zu werden. Wenn ich jetzt noch dran denke, bekomme ich Gänsehaut. Hatte daraufhin beschlossen, so schnell wie nur möglich, unauffällig das EKH zu verlassen. Die Schokoladeneinsatzkräfte sind im Gange, Selbstwertgefühl ist im Keller. Fühle mich zudem durchschaubarer als ich ohnehin schon war, was sicherlich nicht nur Marc freuen wird. Zum Glück gibt es die guten alten Filme. Dirty Dancing ist immer noch der Retter in der Not. Man müsste Baby sein, die tanzt sogar mit Melonen und es ist niemandem aufgefallen… Allerdings ist dieses Ausmaß an Leidenschaft und Freiheit nur im Film vorhanden. Die Realität lacht sich ins Fäustchen…

Gretchen


Schwerfällig ließ sich Gretchen auf ihr weiches Mädchen-Paradies fallen und schloss entspannend die Augen. Die hypochondrischen Atemzüge hatte sie vor einigen Stunden mit Schokolade gestopft und beschäftigte sich jetzt mit dem neuen Stellenwert ihrer Person. Bärbel brachte das ganze System noch mehr ins Wanken, nachdem sie von den Schandtaten ihres Mannes erfahren hatte, wuselte sie ständig um ihre Tochter herum. Gretchen Wetterlage lag momentan in der äußersten Gefahrenzone.
Na toll! Vom Hoch zum Tief in weniger als 24 Stunden…
Ihr Kopf kippte nach rechts und sie sah sich in ihrem ehemaligen Traumzimmer umher.

Die rosa Tapete sorgte für ein gequältes auflachen, die Möbel für einen tiefen Seufzer und als sie ihr Kuscheltier in die Hand nahm, begutachtete sie es argwöhnisch. Im nächsten Moment erschlaffte ihr Arm und der rosa Hund, der eher einer Schildkröte ähnelte, flog im hohen Bogen auf die nächste Rettungsinsel namens Schreibtisch. Bevor sie Zeit hatte ihre Gedanken auf eine neue Wanderung zu schicken, klingelte ihr Handy. Als sie es endlich zwischen die Finger bekam, machte sie ein abkratzendes Geräusch um sie eine Sekunde später mit einem schüchternen „Haase!“ zu melden. „Hallo Mausi!“ ertönte eine ihr bekannte Stimme am anderen Ende der Leitung. „Gigi, was gibt’s?“ Gretchen schien keineswegs in der Stimmung für ein ausgiebiges Frauengespräch oder Tratschereien. „Du warst so schnell weg vorhin und Franz hat uns noch einige brisante Infos gesagt.“
Gretchen stellte sich bildlich vor, wie Gigi im Dauerdurchlauf ihre Brille nach oben und unten schob. Ihre Stimme klang seufzend, ehe sie sich im Schneidersitz mit einem Kissen bewaffnet aufsetzte und mit einem kurzen Schmunzeln antwortete. „Gigi ich bin momentan nicht in Plauderstimmung. Können wir das nicht auf einen anderen Tag verlegen?“

„Mensch Mäuschen, es ist wichtig und zwar-“ Plapperte Gina nervös los, wurde allerdings nörgelnd von Gretchen unterbrochen. „Gigi bitte!“

„Gretchen, jetzt hör mir do-“ Nummer zwei. „Wir sehen uns morgen, in Ordnung?“ seufzte Gretchen mit relativ freundlicher Stimme. Ihre Lippen spitzen sich zusammen und sie hoffte inständig, Gigi würde dies in Kauf nehmen und sie für den Tag, welcher schon genug Irrsinn mit sich brachte, in Ruhe zu lassen. „Gretchen…jetzt hör mir doch mal zu!“ piepste sie lautstark. „Mir ist durchaus klar, dass der Tag beschissen für dich war oder eher geendet hat, aber dein Vater hat uns mitgeteilt, dass…“ Gretchen nickte zustimmend und meinte euphorisch. „Oh ja, das kannst du laut sagen. Er kommt definitiv in die Top 10 der peinlichsten Erlebnisse von Gretchen Haase.“ Gigi reagierte nicht auf ihre Aussage, denn sie war sich sicher, dass die Glückssträhne jeden Moment vorbei sein konnte. Gretchen hörte oft zu, war gleichzeitig ein sehr agierender, euphorischer und aufbrausender Mensch.

Ihr Herz lag auf ihrer schokobesetzten Zunge. Kurz und knapp schoss es leicht nervös aus der Blondine heraus. „Wir müssen in drei Tagen nach Ungarn.“ Schnell schloss Gina die aufgescheuchten Augen und atmete hörbar aus. Ihre beste Freundin atmete gegensätzlich scharf ein und verschluckte sich gleichzeitig an ihrem Speichel. „Alles klar bei dir?“ hakte die Chirurgin deshalb leise nach. „Bitte was?“ rief Gretchen lauter als erwünscht in den Hörer, sodass ihre Gesprächspartnerin das Handy eine halbe Armlänge von ihrem Ohr entfernte. „Wen meinst du mit ‚wir‘?“ Die Assistenzärztin lief mittlerweile nervös durch ihr Zimmer, unter dem die Dielen leise knarrten. Sie besaß immerhin noch einen kleinen Funken Hoffnung, dass Gigi mit „wir“ womöglich sich und Mehdi oder gar sich und Sabine oder aber sich und sie meinte.

„Versprichst du mir ruhig zu bleiben?“
„Sicher?!“ stellte Gretchen dagegen.

Bevor Gigis deprimierende Antwort kam, zog Gretchen ruhe bewahrend die Luft durch die Nase ein und schloss die Augen.
„Die gesamte Chirurgie, Neurochirurgie und Gynäkologie!“

Die Erwartungen der jungen Ärztin wurden hart enttäuscht, weshalb sie apathisch nach mehr Luft schnappte und an einer festgedrehten Locke zog. „Gretchen? Bist du noch da?“
„Mhmm…“ meinte sie daraufhin gequält langgezogen. Vergleichsweise befand sie sich in derselben Situation wie damals bei Frau Müller, die den Tumor hatte. Marc sagte, dass sie keine Ärztin wäre, woraufhin Frau Müller verwundert aufschaute und nach ihrem Studium fragte. Gretchen konnte sich ganz genau an das Szenario erinnern. Die Dominanz lag auf Marcs Seite, weshalb sie hilfesuchend seinen Namen in die Länge zog. „Das wird schon. Stell dir vor, wir können drei Wochen praktizieren und im Gegenzug dazu, kommen ungarische Kollegen ans EKH.“

„Ich will aber nicht.“ Es glich der Aussage eines Kleinkindes, allerdings presste Gretchen die Lippen geschmeidig aufeinander, sodass der Glanz ihres fruchtigen Lipgloss eine Spur deutlicher hervorgeprägt wurde. „Du musst aber!“ stellte Gigi trocken fest. „Wieso denn? Ich bin sowieso nur Assistenzärztin, da kommt es bei mir nicht drauf an.“ Die Ausrede verfehlte komplett ihre Wirkung und so gern und oft Doktor Amsel ihrer Freundin zur Seite stand, so genervt schien sie momentan. „Gretchen, du sagst doch immer, du bist Ärztin. Dann benimm dich auch wie eine. Du musst schließlich nicht mit Meier allein fahren. Denk mal dran, dass es viel schlimmer sein könnte. Nutz es doch als eine Gelegenheit für deine aufsteigende Karriere. Du willst doch deinen Facharzt auch mal in der Tasche haben, oder?“ fragte Gigi energisch. Die Blondine in dem rosa Paradies war überrascht, gleichzeitig auch sprachlos, sodass sie ganz vergaß Gigi eine wortwörtliche Antwort zu geben. „Hörst du mich?“ Schnell rief sie etwas zu Mehdi. „Mehdi, ich glaub das Ding spinnt oder das Geld ist alle.“
„Ich bin noch da!“ antwortete Gretchen zerknirscht.

„Ach so…dann ist ja…ehm …ja gut, ne?“
„Wie man’s nimmt…“ nuschelte Gretchen. Sie spielte an ihrem Tagebucheinband herum und warf abwechselnd einen Blick aus dem Fenster. Es dämmerte bereits. Kuschelwetter, aber mit wem?
Schnell kam ihr wieder Dirty Dancing in den Sinn.
Ob Johnny mit mir tanzen würde? Sicherlich nicht, bin zu unbegabt und außerdem hat der ja schon Baby. Ich krieg höchstens Billy oder wie der heißt…

„Ja, ist gut Mama. Bist du fertig?“ Triumphierend, dass ihre Ansage gefruchtet hatte, grinste Gina Amsel zufrieden. „Jup! Wir sehen uns morgen Mausi, ja?!“

„Okay,… Schlaf gut!“ erklärte Gretchen wesentlich milder, was ihre bessere Hälfte mit einem hörbaren Lächeln und einem „Danke, du auch Gretchen!" kommentierte. Bevor nun Gigi das Gespräch beenden konnte, rief Gretchen zügig. „Ach und Gigi… Entschuldige!“ Damit hörte sie noch ein Lächeln und dann ein lautes Tuten in der Leitung. Erschöpft legte die junge Frau ihr Handy auf den Beistelltisch, schmiss sich ins Bett und zog die warme Decke mit den Prinzessin-Print bis ganz hoch über ihren Kopf.

Super, willkommen in der Hölle! Bitte beachten sie, dass der Zug keine Rückfahrt gewährleistet. Danke für ihre Aufmerksamkeit. Mit freundlichen Grüßen aus dem Höllenlager im Land der Aussichtslosen, Doktor Margarete Haase!

Elli Offline

stellv. Admine


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15.04.2014 21:34
#37 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hallo ihr Lieben!

Jaaa, sie hat’s geschafft. Holla. Dankeschön für eure tollen Worte und die Klickzahl. WOW, ich war begeistert. Jetzt versüß ich euch hoffentlich den Abend und wünsch euch ganz viel Spaß bei meinem neuen Kapitel. Kommentar sehe ich gern.

Glg und einen entspannten Abend!
Eure Elli




Zwei grüne Augen starten auf einen Punkt an der weißen, tristen Wand. Die Nervosität ließ das Augenpaar nach einigen Sekunden von rechts nach links schellen. Kleine, minimale Augenfältchen bildeten sich mit dem Aufzucken der Mundwinkel. Eine rechte Hand lag an dem Telefon, welches Töne direkt in den Gehörgang des Mannes brachte. Abwechselnd tippte er auf den Tisch oder spielte mit dem Kugelschreiber in der linken Hand. Marc hatte konkrete Informationen zum Thema „Austausch auf Zeit“ erhalten. Auch er jubelte nicht Himmel hoch jauchzend, aber was sollte man schon dagegen tun? Die Schwierigkeit bestand allem Anschein nach eher darin, dieses Telefonat glimpflich über die Bühne zu bringen.

Mit einem aufgesetzten Lachen und seiner feinsten Stimme, sprach Doktor Marc Meier mit dem Chef des Nordstadtkrankenhauses.
„Natürlich Herr Professor. Ich werde umgehend die Stelle antreten. Aber wie gesagt, momentan bin ich noch Oberarzt im EKH und kurzfristig hat sich ein Angebot ergeben, dem wir nachgehen müssen,…“ Seine Stimme klang freundlich, doch eine leichte Nervosität und Skepsis lag in seinen Tönen.

Der Professor ist keineswegs griesgrämig oder gar unhöflich, allerdings bestand er auf den baldigen Antritt seines zukünftigen Oberarztes der Chirurgie. Das Gespräch vor knapp 3 ½ Monaten hatte als Ergebnis gebracht, dass Marc die Stelle wechseln würde. Er empfand es als richtig und hilfreich in Bezug auf seine Karriere, wie auch die nicht aushaltbaren Umstände, die er auf sich und Gretchen zukommen sah. Dass sie mittlerweile einigermaßen normal, wobei dieser Begriff weitläufig ist, miteinander umgehen, ahnte er zu dieser Zeit nicht. Die lockeren Bettbekanntschaften mit Frau Stiegelmeyer, der ein oder anderen Barbekanntschaft oder auch einer Schwester aus dem Krankenhaus taten ihm rückblickend eher minder gut. Wenn es auch für den Moment eine Art Glück mit sich brachte, so schienen die Stimmung und die Unabhängigkeit in Bezug auf seine Gefühle, noch größere Schäden zu tragen. Irgendwann lag er allein im Bett und über kurz oder lang kam die Erinnerung.

Ein Lächeln. Zwei funkelnde Augen. Ein Duft. Eine Berührung. Ein Lippenpaar. Eine sanfte Hand. Ein fester Griff. Aber auch Tränen. Ausdruckslosigkeit. Ein harter Schlag. Eine patschende Hand. Einige Locken. Zwei Schatten unter den Augen.

„Ja, ja… ja ich mach alles, was in meiner Macht steht.“ Wieder lächelte Marc geziert, aber mit schlohweißen Zähnen auf. Dabei nickte sein Kopf leicht nach vorn und hinten, abgerundet wurde das Gesamtbild durch ein rosa-weiß kariertes Hemd, welches an den Enden locker aufgerollt war, eine graue Hose und weiße Schuhe. Die Uhr hing locker an seiner braungebrannten muskulösen Hand, während seine Haare locker zu einer Föhnfrisur mit Gel nach hinten gelegt waren.

Der Professor hatte eingesehen, dass sich Marc durch Individualität auszeichnete. Er ist höflich, intelligent, charmant, aber besitzt durchaus den Biss und kann hart durchgreifen. Diese Eigenschaften imponierten dem älteren Herren sofort, die Geschichte mit seiner Freundin und dem Kind war aus der Welt geschafft. Umso schöner schien es, eine Chance auf mehr annehmen zu können. Seit gefühlten 48 Minuten regelten die beiden formale Dinge. Franz Haase wusste ebenso Bescheid, bedauerte es durchaus, allerdings ragte bei ihm die Hoffnung durch, dass seine Tochter eigene Wege gehen würde. So schwer es sein mag, aber sie konnte den Mann, den sie auf eine Art und Weise liebte, dass man als Außenstehender rank wird, vergessen, mit ihm abschließen. Zumindest dachte das der alte Haase. Marc war ähnlicher Meinung, nur über die Metapher mit der Liebe ließ sich streiten, denn die empfand er angeblich nicht.

„Gut, Herr Professor. Vielen Dank für die Großzügigkeit, ich… werde dann eine Woche später anfangen. Die ähm Unterlagen haben Sie ja bereits. Wiedersehen!“ Nachdem eine akzeptable Antwort aus dem Telefon kam, beendeten die beiden Männer ihre Rede.
Laut räuspernd, strich sich der Oberarzt über den drei Tage Bart und zog die Lippen breit, um sie einige Sekunden später locker auseinander floppen zu lassen.
Meine Herren, das nenn ich Geburt. Tz… jetzt muss ich zu allem Überfluss noch mit den unterbemitteltem Personal ins Ghetto. Zumindest ist es vergleichsweise kein großer Unterschied… Viel Spaß Meier!

Marc strich sich träge über die Nase, ehe er sich aus dem Drehstuhl erhob, die Brust strafte und die Hose ein letztes Mal hochzog, bevor er dynamisch aus dem Büro schritt und den Gang ins Stationszimmer ansteuerte. Jetzt brauchte er definitiv einen Kaffee.

Unterdessen standen G&G an einem Bettchen, was mit viel mehr Herz als die anderen Betten gestaltet war. „Na du?“ fragte Gretchen sanft und liebevoll. Dabei beobachtete sie das Baby inständig. Gigi zog kurz die Augenbrauen hoch und wandte sich an ein anderes der Betten. „Mausi, was ist denn jetzt?“ Gewusst, was jetzt kommt, verdrehte Gretchen die Augen, bevor sie sich schulterzuckend umdrehte. „Ich weiß es doch auch nicht, Gigi…“ nörgelte sie und verzog den Mund dabei zu einer Spitze. „Ich meine (sie stöhnte) das ist eine Chance, ganz klar. Aber mich nimmt hier keiner Ernst, dort dann erst recht nicht. Verstehst du, was ich meine?“ Gretchens Schultern hingen tief, ihr Kopf lag leicht schräg, sodass es wie ein kleiner Welpe wirkte. Gigi konnte über diese Erkenntnis nur Schmunzeln. „Gretchen, jetzt mal ehrlich.“ Meinte sie erklärend. „Im Leben bekommt man nichts geschenkt und somit ist es wichtig jede Chance zu nutzen. Du bist doch gut, glaub mal an dich. Außerdem fährst du mit mir, dass wird wie früher. Weißt du noch? Das Skilager.“ Auffordernd hob die Chirurgin ihre Augenbrauen und funkelte Gretchen wohlwissend an.

Dieser huschte unwillkürlich ein leichtes Lächeln übers Gesicht, was Gigi mit einem Nicken zu Kenntnis nahm. „Na gut, du hast ja recht.“ Kapitulierte Gretchen mit erhobenen Händen, um ihre Aufmerksamkeit dann wieder den kleinen Würmern zu widmen. „Wie läuft’s eigentlich bei Mehdi und dir so?“ Die Akademikerin wiegte den Kopf von rechts nach links mit einem zustimmenden Gesichtsausdruck. „Gut, gut… wir arbeiten relativ viel. Sag mal, meinst du er hängt noch an dir? Ist jetzt komisch, dass ich dich sowas frag, aber du kennst ihn länger als ich.“ Gretchen warf ihrer Freundin einen kurzen missverständlichen Seitenblick zu und antwortete sicher. „Wie kommst du denn bitte darauf? Totaler Quatsch, Mehdi liebt dich und da ist nichts mehr…“ Sie lugte noch einmal hinüber und nahm Kurs auf ihre beste Freundin zu. „… und da wird auch nie wieder was sein! Sicher!“ Dabei stupste sie Gigi freundschaftlich an der Schulter, was ihr ein sachtes, aber nachdenkliches Lächeln auf die Lippen zauberte.

„Habt ihr denn Probleme?“ hakte Gretchen tiefgründiger nach.

Schließlich wollte sie für ihre Freundin da sein. Da diese nicht mit Mengen an Schokolade zufrieden stellen zu war, half nur eine Plauderrunde unter Freundinnen. Momentan fühlten sich beide wieder 16, der Unterschied lag nur darin, dass sie einen weißen Kittel trugen und deutlich mehr Oberweite als noch vor 14 Jahren besaßen. Beide lachten unweigerlich los, als sie bei dem Blick des anderen bemerkten, wo ihre Gedanken abgeschweift waren. „Und bei dir? Alles wieder gut? Also wie läuft es denn mit Marc-Arschloch-Meier?“ räusperte sich Gigi lautstark betont. „Gut, gut… wir sind Kollegen…wie immer!“ Das Letztere schlich eher unkontrolliert über ihre Lippen, sie versuchte trotzdem die Konzentration auf das Baby zu behalten, welches sie nun auf ihre Arme hob und auf einem der Stühle Platz nahm.

„Mausi, binde mir mal keinen Bären auf, ja?“
„Gigi!“

„Ja was denn? DU musst mal lernen deine Meinung offenkundig auszusprechen und nicht hinter dem Berg zu halten, wenn es regnet.“ Gretchen wunderte sich, woher Gigi diesen annähernd poetischen Spruch schon wieder hatte und fragte sicherheitshalber ob sie ihre beste Freundin bald in der Buchhandlung als Autorin und Ratgeberin finden würde. „Nein, natürlich nicht. Das war nur hypothetisch gemeint. Verstehst du?“

„Hypothetisch, sicher!“ Gigi wusste, dass es sich um eine äußerst komplizierte Art der „Ich weiß gar nicht, was du meinst?“, Theorie handelte. Deshalb beschloss sie ohne große Reden ihrer Freundin einen prüfenden und durchschauenden Blick zu zuwerfen.

„Bitte!“ nickte Gretchen kapitulierend gespielt. „Dann glaub mir eben nicht!“ Kurzerhand schaute sie wieder auf den Säugling mit den bernsteinfarbenen Augen.

Babys waren etwas Schönes, sie symbolisierten Leben und Liebe. Die Liebe zwischen zwei Menschen, die das Leben in einem neuen Wesen hervorruft. Ein schöner Zusammenhang, wie Gretchen schmunzelnd bemerkte. Sie würde wohl irgendwann auch hier sitzen, der Unterschied bestände allerdings darin, dass sie ein kleines Bündel, dass ihrer ähnlich sah, in den Armen hielt und die Gefühle einer Mutter mit tausenden von anderen teilte. Der dazugehörige Mann musste nur noch auftauchen. Die junge Ärztin spielte kurzzeitig mit dem Gedanken, einen von Bärbel gebacken zu bekommen, schüttelte angewidert im nächsten Moment den Kopf. „Alles klar bei dir?“

„Ja…ja… al… so… ja quasi glasklar.“ Die Intensität ihrer Aussage ging deutlich flöten und ein gestammeltes Gestotter kam aus ihren weichen Lippen. „Wie findest du eigentlich die Idee mit Ungarn? Immerhin haben wir bis jetzt eher über meine Befindlichkeiten geredet.“ Wieder schaute Gretchen ihre Freundin, die an der Wand lehnte und in eines der Betten lugte, fragend an. Für einen kurzen Augenblick überlegte diese, nickte daraufhin bestimmt, um mit freundlicher, aber fester Stimme zu antworten. „Es ist eine echte Chance. Nicht nur für dich. Jeder Arzt wünscht sich neue Herausforderungen. Das ist wie, ein Brötchen mit Überraschungsaufstrich. Du weißt nie, ob eine neue Schokocreme oder ein fruchtiger Mus dahinter steckt.“ „Ja, in meinem Fall hoffe ich dann doch eher auf das Erste.“ Grinste Gretchen peinlich berührt. Ihre Stimmlage war zart und durchlässig.

„Aber ein schöner vergleich. Sag mal, nimm es mir nicht übel Gigi, aber liest du neuerdings irgendwelche philosophischen Werke, weil du ständig was zitierst und so?!“ Gretchen spitzte ihre Lippen, bei der letzten Aussage und gab ein ziehendes Geräusch mit ihren Lippen von sich. Der Kopf wippte leicht zur Seite, als Gigi irritiert antwortete. „Nicht das ich wüsste, aber du kennst ja Mehdi. (kurzes Auflachen) Dem ist der Körper mindestens genauso wichtig, wie die Seele.“ „Ah ja… Marc würde jetzt sagen:“ Sie hustete kurz, ehe sie ihre Stimme einige Oktaven abdunkelte. „Siehste Hasenzahn? Ich wusste es, Mehdi ist nicht nur ne halbe, sondern ne komplette Frau. Erklärt, warum er mit dir befreundet ist. Und da sagst du immer, Männer wissen auch platonische Freundschaften zu schätzen. Pustekuchen!“ Ginas Augen wuchsen sekündlich und aus unerklärlichen Gründen, konnte sie Gretchen diese Interpretation des Machos durchaus abnehmen.

Sie stutze wie gut Gretchen doch in dieses Riesenbaby integriert war und sich haargenau in die Situation versetzen konnte. Auch Magarete stockte erkennend. Ihre Augen schwankten von oben nach unten und eine leichte Schweißschicht zeichnete sich auf ihrer Stirn. „Wie auch immer. Also musst du nicht noch in die 4?“ hoffte die 30 jährige inständig, dass sie dieser unangenehmen Situation entkommen könnte. „Ja, klar! Also Mausi, wir sehen uns dann später. Und…Gretchen?“ Die Chirurgin drehte sich an dem blau gestrichenen Türrahmen um und lächelte ihre beste Freundin warmherzig an. „Hm?“

„Denk nicht zu viel an den Primaten!“

Damit klopfte sie mit ihrer Hand an das Holz und verschwand in Richtung Chirurgie. „Na du, kleiner Mann…“ lächelte Gretchen mit funkelnden Augen.

Offensichtlich würde sie es nie zugeben, aber tief in ihrem Inneren wünschte sie sich ein kleines Mäuschen, welches sie als ihres bezeichnen konnte. Der Gedanke, dass es von Marc sein könnte, brachte ihr Herz zu einem doppelt so schnellen Herzschlag. Ein kleiner Marc oder vielleicht einen kleinen Hasenzahn? Schnell schüttelte sie Kopf, sodass eine einzelne Strähne in das Gesicht des kleinen Jungen fiel. Seine Fäustchen fielen koordinations- und kraftlos zwischen seine Nase und Auge. Es sorgte bei Gretchen für Mitleid und Traurigkeit, dass seine Mutter nicht die Chance hatte ihn als Erstes in ihre Arme zu schließen.

Nach einigen Minuten schwang ein weißer, schmaler Kittel an dem durchsichtigen Fenster vor. Marc stoppte kurz in seinem Gang. Er schaute instinktiv nach rechts, bevor er sicher ging, dass ihn keiner beobachten würde und das Gewicht auf auf das linke Bein verlagerte, das rechte locker hinterher zog. Was tat die denn da?

Konnten denn nicht einmal die Zecken Ruhe vor ihr haben. Mit zusammengezogenen Augenbrauen lugte der Chirurg durch die Scheibe und wartete gespannt auf ihre nächste Bewegung. Es war ihm kein Geheimnis, dass Gretchen bei Stimmungsschwankungen und regulären Anspannungsanfällen kleine stinkende, spuckende Hosenscheißer dem OP bevorzugte, aber normalerweise interessierte es ihn, wie die Karotte im Feld. Wie er sie anschaute, bemerkte er augenblicklich ein unangenehmes Kribbeln entlang seiner Speiseröhre. Mit stutzigem Blick strich er sich über die Stelle, trat einen Schritt zur Seite, als Gretchen kurzerhand aufsah und sich mit dem Baby in Bewegung setzte.

Eigentlich gehörte es zu den Aufgaben der Schwestern, aber Gretchen verspürte dem Kind gegenüber eine gewisse Verpflichtung. Deshalb lief sie dynamisch, aber vorsichtig aus dem Zimmer und schloss mit dem Ellenbogen die Tür. Marcs Augen prüften sie, aus Gründen auch immer missfiel ihm der Anblick Gretchens und dem Baby keineswegs. Er klatschte sich bedingt an den Kopf und folgte ihr dann unbemerkt. Seine Beine trugen ihn bis an den Türrahmen, indem er gespannt die Arme verschränkte und das Bein über dem anderen abstützte. Lächelnd wickelte Gretchen den Frischling aus dem weichen Baumwolltuch und strich sanft über seine Hand. „Na du, deine Mami wird bald wieder für dich da sein und dann steht sie hier.“ Ihre Stimme beruhigte den kleinen Jungen, der sich mit runden Kulleraugen anstarrte.

„Und eigentlich solltest du nicht hier stehen, Hasenzahn!“ schloss Marc sich ein, während er erstaunt die Augenbraue hob und den Kopf schräg legte. Gretchens überraschter Gesichtsausdruck, ließ seinen Blick festigen und sie konnte förmlich spüren, dass sie kurz vor dem Zerfall war. Warum mussten Männer einen auch immer in solchen Situationen erwischen? Es gab schließlich diverse andere Probleme die genügend Zeit in Anspruch nehmen, anstatt einen auf Mr. Bond zu machen.
Das ist ja… also… ja… ehm… lächerlich… genau lächerlich!

„Ich weiß zwar nicht, was es dich angeht, aber im Gegensatz zu dir, helfe ich anderen Menschen und zwar nicht nur mit dem Sch-“

Abrupt stockte sie, währenddessen ihre Augen die Form eines, vor dem Platzen drohenden Ballons annahmen, ihr Blut und somit eine unterdrückte Röte in das Gesicht stiegen.

„Was Sch?“ wollte er belustigt wissen. „Ehm Sch… schn… schnei… den, genau schneiden. Du schnippelst alle auf und ja… also theoretisch musst du auch… naja hier…“ lächelte sie apathisch. Marc nickte ablehnend im Takt ihrer Worte. „Jaaa? Was muss ich?“

„Die Menschen gut behan-deln und so weiter.“ Kurz schauten sie sich deutlich in die Augen.

Gretchen mied diesen keine zwei Sekunden später wieder, woraufhin sie anschloss.
„Aber du bist ja Marc Meier und der hat bekanntlich nicht sowas, wie eine menschliche Ader, nicht wahr?“ süffisant grinste sie und wandte sich dem Baby zu, dass langsam unruhig wurde.

„Wenn ich unmenschlich wäre, hätte ich nicht die komplette Schulzeit und die Zeit im EKH mit dir ausgehalten.“ In seinen drei Tage Bart nuschelte er. „Zumindest nicht lange…“

„Tja, das wirst du schon schaffen. Hast ja auch so nen dicken Panzer, ne?“ Langsam wankten ihre Augen in die gegenüberliegende Richtung, was Marc Meier mit einem kurzen Nicken zu Kenntnis nahm. Die Stimmung zwischen den beiden war aber auch verkorkst. Spruch hier, Ziererei dort. Halleluja… Eine Höllentour mit Besuch beim Teufel persönlich wäre eine Leichtigkeit gewesen, aber nein- sie musste den Schlimmsten aller idiotischen Einzeller auf Erden bekommen: Marc Olivier Meier!

„Wie auch immer, was machst du da?“ leicht unbeholfen zeigte er mit erhobenem Finger in Richtung Baby. Seine Stirn zog er dabei tief ins Gesicht und schaute sie nachher leicht ungläubig an. „Ehm Marc, ich weiß, dass deine menschliche Seite quasi non existent ist, aber das ist ein Baby. Um genau zu sein, dass Baby unserer Patientin, die auf der ITS liegt. Irgendwer muss sich ja um ihn kümmern!“ Hoffnungsvoll lächelte sie den Wurm an und legte ihn an ihre Schulter. Marc meinte nur emotionslos. „Dir ist schon klar, dass wir für sowas Personal haben.“

„Ein bisschen Gefühl würde dir echt nicht schaden.“ Schüttelte sie den Kopf. „Naja das hast du ja schon im Überfluss für uns alle!“
„Tja, lieber viel Gefühl, als eine von deinen Dingern…“
Peinlich Gretchen, peinlich!

Marc grinste schief, als er ihre Prüderie abermals ins Gesicht gesprungen bekam. „Na Hasenzahn, wiedermal zu voreilig reagiert?“ meinte er auflachend.

Sie schüttelte nur verachtungsvoll den Kopf, schob sich an ihm mit dem Säugling in den Armen vorbei. Er drehte sich leicht, sodass er nicht zwangsläufig Kontakt mit dem Kind eingehen musste und lugte unauffällig hinab. „Und nur zur Information, Marc Meier…“ Er schaute sie gespielt interessiert mit breit gezogenen Lippen an. „Ich hätte mir früher auch gewünscht, dass du mal mehr Aufgaben übernimmst, die normalerweise nicht in deinen Tätigkeitsbereich passen.“ Kurz lachte sie abwertend auf. „Aber da hätte ich mir gleich sicher sein können, dass du sowas nie schaffen wirst.“

Mit diesem Worten ließ sie einen ratlosen, verdatterten Oberarzt stehen und schaffte es für einen Moment tief aufzuatmen. Marc stand die Perplexität ins Gesicht geschrieben, weshalb er fassungslos zur Schnappatmung wechselte und ihr kurz hinterher blickte. Seine Augen zitterten, suchten zwanghaft nach etwas positiven, fanden allerdings nur eine zersplitterte Realität. Er würde es schaffen dieser noch einmal zu entfliehen und dann gab es nichts und niemanden mehr, der ihn dermaßen konfus machen konnte.

Niemanden. Nicht Hasenzahn, noch seine Mutter, noch sein… Vater!

Elli Offline

stellv. Admine


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21.04.2014 22:09
#38 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Salut ihr Lieben!

Wow- mit so vielen Klicks hätte ich nie im Leben gerechnet. Dankeschön! Auch über die unterstützenden Kommentare, freue ich mich mal wieder riesig.
Als kleine Osterüberraschung gibt es heute ein neues Kapitel. Ich wünsche euch einen schönen Ostermontag und eine tolle Woche!

Glg
Eure Elli




Gegen 0.45 Uhr lag eine blau-schwarze Himmelsdecke mit kleinen aufblitzenden Punkten über dem EKH. Heute war eindeutig ein schleppender Abend, im Krankenhaus lag Stille und es gab nur kleine OP’s die alle zu einer früheren Zeit erledigt wurden. Gretchen ging es gut, aber wie sagt man so schön? „Gut“ ist ein weitläufiger Begriff. Sie hatte sich diversen Akten gewidmet, bevor es ihr nach 20 Minuten den Schlaf in die Augen getrieben hatte. Das Verhältnis zu Marc hatte sich gebessert, allerdings hatte ihre Wissenslücke dieses Verhältnis wage strapaziert. Sie dachte nach, wieder und wieder. Denn eigentlich hatte er sich entschuldigt, aber was brachte ihr das im Endeffekt?

Sie hatten eine dermaßen komplizierte und skurrile Situation, die nicht einmal eine Paartherapeutin hinbiegen konnte. Geschweige denn, dass sie kein Paar waren. Gretchen vermutete, dass sie in einer Neuauflage von Tom und Jerry integriert wurden, ohne, dass einer der beiden ihr Einverständnis gegeben hatte. Aber die Medien sind bekanntlich auch nicht mehr das, was sie einmal waren.

Frau Doktor Haase schlief genüsslich mit dem Kopf auf einem Stapel Akten und den Armen darunter verschränkt. Der Bildschirm lief seit gefühlten 30 Minuten auf Standby. Ihre Gesichtszüge sahen entspannt aus und womöglich hatte sie gerade schönere Träume, als die öden Rivalitäten in der Gegenwart. Das Schwesternzimmer warf nur ein gedämmtes Licht von einer kleinen Tischlampe am Ende des Tisches neben dem Computer auf. Die hintere Tür, welche zur Küche mündete, war geschlossen, genauso die des anliegenden Zimmers. Am Empfang zog ab und an ein kleiner Windzug durch den Raum, der von einer wolligen Wärme umgeben war.

Marc kam den Licht durchfluteten Gang entlang. Bei sich trug er einige Akten, um den Hals lag ein Stethoskop und er gähnte ausgiebig, als er den Weg ins Schwesternzimmer anschlug. Er sah und wusste nicht, dass seine Assistenzärztin darin nächtigte, weshalb er locker einige Unterlagen hinter die Empfangstheke warf und im nächsten Moment in Richtung Tisch gehen wollte. Bei dem Anblick seiner ehemaligen Schulkameradin oder eher seinem Opfer für alles, blieb er kurz stehen. Einen prüfenden Blick warf der Oberarzt nach draußen, um sicher zu gehen, dass ihn auch keiner sah. Dann schlappte er zwei, drei Schritte in Richtung Tisch. Vor diesem kam er zum Stehen und hockte sich ohne viel Aufwand hin. Seine Füße erhoben sich leicht von dem glänzenden Boden und seine Sneakers fuhren an den Fersen nach oben. Die Arme lagen ihm locker auf den Oberschenkeln, ehe er sich mit dem linken Arm an dem weißen Ikea-Tisch abstütze. Instinktiv zog der begnadete Chirurg die gespitzten Lippen kraus nach links, gab einen räuspernden tiefen Laut von sich, ehe er die rechte Hand zögerlich gen Gretchen streckte und kurz vor ihrem Gesicht erstarrte.

Sollte er das wirklich tun? Sie berühren bedeutete Erinnerungen hervorrufen und das wiederrum bedeutete Licht und Finsternis. Die Versuchung ihr nur ein kleinwenig nah zu sein überwog und Marcs Hand tänzelte wie ein Seidentuch über ihre Wange. Als sie kaum merklich schmatzte, überkam Marc kurz der Gedanke, was er tun würde, wenn sie jetzt aufwacht. Dieser verflog so schnell, wie gekommen auch wieder und er strich ihr bedacht kaum merklich hinter dem Ohr entlang. Dabei blitzte seine silberne Uhr und verriet ihm gleichzeitig in welcher Zeit sie leben. Es war 0.56 Uhr. In drei Stunden hatten sie Schluss und alle konnten ihren verdienten Feierabend wahrnehmen. Sicherlich würden die nächsten Tätigkeiten als fad, trist und eingespielt sowie unspektakulär durchgehen, aber immerhin galt das Wort Entspannung nicht zwangsläufig weit entfernt. Marcs Augen flogen über Gretchens Gesicht, weshalb sein Blick weicher wurde. Nicht weichlich, nur seine sonst so harten, aber charmanten und geheimnisvollen Züge entspannten sich und er glich einem maskenlosen Marc. Seine stechenden grünen Augen zeichneten mit jedem Aufschlag die steigende Müdigkeit, der Abstand zwischen Lid und unterem Wimpernkranz verringerte sich, sodass er letztendlich ein erschöpftes Lächeln gegen das schlafende Gesicht der hübschen Blondine warf und sich ebenso leise wieder erhob, wie er sich hingehockt hatte.

Ich bin auch kein Unmensch, deshalb lass ich sie mal noch ne halbe Stunde vor sich hin schnarchen. Immerhin ist’s mir lieber, als wenn sie irgendwo zusammenklappt. Moment mal, Meier?! Wieso hegst du schon wieder solche „Frauengedanken“? Wird Zeit für’s Bett, Trottel…
Ein abschließender Blick auf die junge Frau und der angehende Oberarzt des Nordstadtkrankenhauses schlenderte dynamisch, aber lässig den Gang entlang.

Weitere 30 vergingen und das Krankenhaus stand still. Keine Notfälle, keine Unannehmlichkeiten irgendwelcher Patienten, nichts. Für die Betroffenen gut, für die beschäftigten und agierenden Ärzte trostlos. Sicherlich wünschte sich keiner der Mitarbeiter, dass absichtlich ein Unfall passierte oder bei den Patienten nach einer OP starke Wundsekretionen auftreten, aber ein wenig Aktion schien nicht zu viel verlangt.

Mit diesem Gedanken steuerte Marc entschlossen auf das Schlafgemach einer blonden Assistenz zu. Um genauer zu sagen, seiner Assistenz. Zwar gab es nicht viel zu tun, aber Gretchen war sowieso schon verpeilt genug, um nach ihrem Schönheitsschläfchen die Akten als überdimensionale Vollmilchschokoladentafeln anzusehen, den Rest wollte sich Marc lieber ersparen. Auf dem Flur nickte er einem Kollegen zu, nahm die Klinke locker zwischen die schlanken Finger und schaute im nächsten Augenblick verwundert in ein leeres Zimmer.

Der abgestandene Kaffeegeruch machte sich unaufhörlich in seiner Nase breit, was die Atmosphäre einer klaren, stillen Nacht nicht unbedingt konventioneller wirken ließ.

Da war der Haase aber mal schneller. Mh… kommt auch nicht jeden Tag vor. Sollte sie sich vielleicht gleich ins Tagebuch kritzeln…tz…

Der Bürostuhl wies lediglich einige Falten, ansonsten keinen haas’schen Hintern auf. Die Akten lagen geordnet auf dem Tisch und als Marc unweigerlich einen kurzen Blick in Oberste warf, stellte er fest, dass sie unversehrt und ordnungsgemäß ausgefüllt war. Der Chirurg nahm sich einen grünen Apfel, obwohl er nicht wirklich das Verlangen nach Nahrung hatte. Diesen jonglierte er einmal in der rechten Hand und verschwand im nächsten Moment Richtung Gynäkologie. Mehdi hatte ebenfalls Nachtschicht, weshalb Marc dort die Beine hochlegen konnte. Er hasste es, wenn die Gänge und aufstehenden Zimmertüren mit den darin liegenden Räumen wie leergefegt schienen. Für Marc zeichnete dies keineswegs die Autorität dieser heiligen Hallen wieder, weshalb er um ein banales Männergespräch nicht verlegen sein wollte.

Anbei kam der Brünette mit den grünen Augen und dem muskulösen Körper an der Säuglingsstation vorbei.

Normalerweise achtete Marc nicht auf solche kitschigen, abgedroschenen Blicke wie die in die Nesthäkchen-Stube, aber er tat es jetzt in diesem Moment nun einmal. In Gedanken vertieft lief er weiter und weiter und stand letztendlich vor der Bürotür seines Squashkumpels. Sein Gehirn spulte zurück, sodass er die Stirn krauste und einige Schritte rückwärts lief. Da stand abermals Hasenzahn. Jetzt wusste er, woher der Wind wehte.

Sie fühlte sich verpflichtet den kleinen Hosenscheißer in ihre weibliche Obhut zu nehmen, solang Mama auf der ITS dahin vagabundierte. Marc verstand beim besten Willen nicht, was besonders an diesen kleinen Geschöpfen sein sollte. Sie durften stinken, Lärm machen, frech sein, aber trotzdem liebten sie Frauen bedingungslos. Und dann immer diese Standartworte wie: Och wie süß. Wie alt ist sie denn? Wird’s ein Mädchen oder ein Junge? Wen interessierte das bitteschön? Jeder tat auf einfühlsam und hoch interessiert und wenn es drauf ankam, stand keiner bei den Presswehen neben einem und gab sich freiwillig dem Zerquetschen einer wohl kostbaren Hand hin. Marcs Blick fiel auf die seine, dann wieder zu Gretchen. Sie saß am Bett des kleinen Mannes und hatte locker eine Hand hineingelegt. Marc steckte seine begnadete Wunderwaffe tief in die weiße Kitteltasche und dachte abermals über diese Dinger, wie er sie gern bezeichnete, nach. Nie keimte in ihm der Gedanke einer eigenen Familie, einem eigenen Kind, das sein Abbild trug auf, er fühlte sich nicht im Stande für diverse Gefühlsausbrüche oder sinnlose Gedanken.

Wenn er an die, als im Gesetzbuch bezeichneten „Männer“ dachte, die keine mehr waren, sträubte sich sein Gemüt. Angeekelt zog er die Schultern hoch und schüttelte abschätzig den Kopf. Es würde ihm für immer ein Rätsel bleiben, wie sich ein dermaßen dominantes Geschlecht durch so eine halbe Portion zum Meister Proper umwandeln lassen konnte. Das war doch noch nicht mal spektakulär, wie zum Beispiel eine gute OP oder die Weltmeisterschaft oder gar Olympia. Nein, es war ein stinkendes, schreiendes, quengelndes Kind, dass zumal die volle Konzentration und Aufmerksam seiner komplett untervögelten Eltern verbrauchte.

Sex. Das brachte Marc ebenso zum Stutzen. Mehdi hatte dieses Thema das ein oder andere Mal ungewollt angesprochen, da gab es nicht mehr viel mit Spaß und Freiheit. Lag die Frau im Bett, wollte sie maximal eine entspannende Fußmassage mit Krisch-Öl, was abartig stank und dem Mann wahrscheinlich nie wieder einen ruhigen Schlaf bescheren würde. Sex mit herunterhängendem Gewebe und einer Klappe die ständig schrie, dass es angeschwollene Drüsen wären und sie zu fett sei, konnte einem die Lust redlich verderben. Wenn sie dann mal einen guten Tag erwischt hatte, an dem das Kind nicht alle zwei Stunden auf sich aufmerksam machte, gab es faden Blümchensex mit angezogenem BH und die eine oder andere holte wahrscheinlich noch den kleinen Delfin aus der Schublade, die zuweilen größer, als der Freund ihres Mackers war. Marc schüttelte sich lautstark und beendete seine furchteinflößenden Gedanken.

Nie im Leben, eher lauf ich Amok.

Irgendetwas musste es doch aber geben, was zwei völlig abgedriftete Menschen doch so glücklich wirken ließen. Der 33 jährige kniff nachdenklich die Augen zusammen und beäugte Gretchen kritisch. Sie lachte. Und dass, obwohl sie in so viel Mist integriert war, sie hoffnungsvoll verloren hatte und doch lächelte ihr Gesicht. Ihre Augen. Marc stutze. Vielleicht ist es das? Egal wie viel Unglück einem doch wiederfahren ist, lohnt es sich für das kleine herzliche und wahrscheinlich einzig ehrliche Lachen des eigenen Kindes weiterzumachen. Jeden Tag aufs Neue aufzustehen, den tristen grauen Alltag über sich ergehen lassen, um am Ende des Tages an einem kleinen Bett stehen zu können und das friedliebende Gesicht des Ergebnisses einer Liebe zu sehen. Ob sie nun vergänglich ist oder nicht, aber sie war da. Und sie hat das Leben eines neuen Menschen ermöglicht.

Mittlerweile hatten die Ärzte ihren Schichtwechsel glimpfig über die Bühne gebracht und die meisten genossen den süßen Geruch ihres wollig-warmen Bettes.

So auch Sabine und Günni. Die beiden lagen rechts zerzaust in der großen Oase und wurden nicht zwangsläufig an jeder Zehe mit der warmen Decke, die den Startrack Bezug trug, geschützt. Aber sie schliefen selig.

Über dem einen Hausdach von Berlin Mitte lag ebenfalls die angenehme Dunkelheit, allerdings trug das Bett zu keinem erholsamen Schlaf bei. Gretchen sowie Marc lagen schon längst in der waagerechten. Der Wecker zeigte 5.00 Uhr an. Bereits quälende 38 Minuten fochten ihre Gedanken mit der aufgedrehten Müdigkeit, aber keiner gab sich geschlagen.

Gretchens Arme verschränkt unter ihrer Wange, der Blick zum Fenster gerichtet und einfach keinen Ruhepol findend, träumte sie vor sich hin.

Marc lag auf dem Rücken, unter dem Kopf ruhten ebenso seine Hände verschränkt. Im Gegensatz zu Gretchen hatte er die Decke nicht bis zur Nasenspitze hochgerafft, sondern nur locker auf dem Bauch liegen. Auch seine Pupillen flackerten kontinuierlich von rechts nach links. Sein Blick aus dem Fenster verriet ihm nur, dass es Vollmond war. Demzufolge wunderte es ihn nicht, dass er keinen Schlaf fand.

Gretchen sah hinter ihren gerahmten Fenstern die ein oder andere Blühte hervorragen, was sie an den sanften blumigen Duft von Sommer und Freiheit erinnerte.

Die Grundsatzdiskussion und die Pingpong-Runde gingen mit überragendem Punktesieg an einen gewissen Oberarzt. Auch sein Unterbewusstsein schrieb zum 100. Mal „Hasenzahn“ in die Luft.

Die Sache mit der leidigen und unendlichen Thematik „Kinder“ hatte beide doch mehr in ihren Bann gezogen, als sie lieb haben wollten. Schon gar nicht, wenn es ein brünetter Oberarzt oder eine blonde Assistenz waren, die das Gegenstück ihrer selbst mimten.

Vor knapp 3 ½ Monaten lag ich nicht in meinem, sondern in Marcs Bett. Tz… das ist schon so lang her. Ich weiß gar nicht mehr richtig wie er riecht, schmeckt, sich anfühlt und wie er ist… aber das wusste ich wahrscheinlich noch nie…

Vor knapp 3 ½ Monaten hat Hasenzahn eine Betthälfte gewärmt und ihre blonden Haare überall verstreut. Aber immerhin hab ich jetzt genügend Platz, auch wenn die Wärme ne so schnell kommt…

Der eine konnte es deutlich denken, der andere dachte um den heißen Brei herum, aber im Grunde gingen ihre Wege imaginär auf die gleiche Pforte. Die Pforte, als sie noch zusammen Assistenz/Nervensäge und Oberarzt/-arsch waren!

Heute mal dialogfrei. Dennoch denke ich, dass es einiges offen gelegt hat und neue Fragen anhäuft. Gerade das Verständnis für einige Dinge wird in der einen oder anderen Szene etwas deutlicher herübergebracht.

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

02.05.2014 22:45
#39 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hallöchen meine verrückten Hühner!

Ich danke euch für die wieder einmal hohe Klickzahl und die motivierenden Kommentare. Das ist für mich nicht selbstverständlich und ich bin immer noch richtig gehend überrascht, dass ihr nach mittlerweile über einem Jahr immer noch meine Haase- Meier- Fortsetzung lest, in der die anderen natürlich nicht zu kurz kommen.

Heute ist das Kapitel dann wieder dialogreicher als beim letzten Mal, aber dank eurer Rückkopplung weiß ich jetzt, dass auch das nicht zwangsläufig schlecht war. *Freu

Glg und ein schönes Wochenende wünsche ich euch!
Eure Elli




Neuer Tag, neues Glück. Oder doch lieber letzter Tag, letzte Schicht?

Sonntagmittag traten die Götter im EKH, was das Herzstück von Franz Haase ist, ihren letzten Arbeitstag an. Dem Dienstplan gerecht, wurden sie alle für die Mittelschicht eingeteilt um abends die Möglichkeit auf die Vorbereitung für die morgige Fahrt zu haben.

Marcs Büro war bis auf einige persönliche Details im Großen und Ganzen leergeräumt. Heute sollte auch Doktor Marc Olivier Meier einige Gefühle hegen und sie, ohne von ihnen gewusst zu haben, herauslassen. Ganz klar freute er sich auf den Neuanfang, der hoffentlich, nein sicherlich zu 100% besser sein würde, als das ewige Spiel mit Gretchen Haase, aber auf der anderen Seite liebte er seinen Job am EKH. Er motzte, pöbelte und kommandierte, aber im Endeffekt mochte er das Kollegium. Sogar Sabine würde er auf eine durchaus skurrile Art und Weise vermissen.

Nach einer Gallenstein-OP, einer größeren OP und einigen Routineuntersuchungen schritt Marc Meier, der schon seit Studientagen die einen oder anderen Semesterferien im EKH verbracht hatte, die durch die Gänge der Chirurgie. Hier lag sein Herz begraben. Schon von Anfang an wusste er, dass er genau diesen Beruf wählen würde. Mit Feingeschick und Ausdauer arbeitete er sich Schritt für Schritt nach oben und galt als einer der begnadetsten Jungchirurgen aus Berlin.

Diese Erkenntnis brachte ihn unwiderruflich zu einem quecken, frechen Lächeln und nebenbei fuhr er anerkennend mit der rechten Hand über seine straffe Brust. Das letzte Mal trug er seinen weißen Arztkittel und das Stethoskop um den Hals. Mit den Gedanken rückte auch der Abschied immer näher. Er hatte Franz Haase ziemlich schnell erklärt, dass er nicht für große Abschiede und Laudationen stand, was der Chefarzt solide hinnahm, aber seinen besten Oberarzt durchaus persönlich verabschieden wollte. All die Jahre, die Marc bereits an diesem Krankenhaus, das er deutlich häufiger, als seine Wohnung zu Gesicht bekommen hatte, praktizierte, sah er stets zu Franz Haase auf. Er glich für Marc nicht nur einem Vorbild, was er in wörtlicher Aussprache nie zugegeben hätte, sondern einer Art Vater-Chef-Roller.

Darauf bedacht, dass ihn keiner beobachtete und um ungewöhnliche Tratschereien vermieden, legte Marc eine Art Zwischenstopp ein. Für ihn war es durchaus eine Seltenheit, irgendwo in den Gängen, die nicht vor Personal und massakrierten Patienten wimmelten, eine Pause einzulegen. Um genau zu sein, war es eine Denkpause. Sein nachdenklich, fast einen Hauch melancholischer Gesichtsausdruck versetzten ihn in eine Zeit vor ca. 1 ½ Jahren.

Es war ein gewöhnlicher Tag, zumindest glaubte Marc Meier das zu meinen, aber als er im Fahrstuhl auf eine blonde, vollbusige Frau traf, änderte sich ab diesem Zeitpunkt so ziemlich alles in seinem Leben. Nicht rigoros von heut auf morgen, allerdings zog das plötzliche Auftauchen von Gretchen Haase alias Hasenzahn, was Marc mit einem zügigen ausatmen und einen skeptischen Blick nach links zeigte, eine deutliche Spur mit sich. Er dachte an die sämtlichen Heulanfälle, wobei er sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte, an die elendig vielen Schokoladentafeln, was ihn die Hände noch tiefer in die Kitteltasche stecken und das rechte Bein an der Wand anwinkeln ließ. Die diversen Diskussionen, weil sich Frau Haase einfach nicht der Ansage von ihrem Oberarzt fügen wollte oder konnte, die neurotische Art, die er seither in seinem ausgeprägten Gehirn gespeichert hatte, das Wortgefecht und nicht zu vergessen die Zärtlichkeiten, die beiden durch und durch ging.

Er starrte auf einen Fleck des hellen Bodens, nebenbei lag in seinen Augen die Erinnerung und mit ihr ein kleinwenig Wehmut. Normalerweise stand Marc nicht dermaßen neben sich, allerdings wechselte man auch nicht täglich die Arbeitsstelle, da konnte es durchaus vorkommen dem Abschied nicht gelassen, wie es an der Tagesordnung war, entgegen zu blicken. Sein Gedanke führte sich fort, weshalb er unwillkürlich an die Sache mit der Zärtlichkeit erinnert wurde.

Wie oft hatte Marc sie bevormundet, um ihr im übernächsten Moment einen selten dämlichen Spruch reinzudrücken oder sie wiederrum danach gefühlvoll zu küssen. Sein Blick wandelte sich und das Grün seiner Augen trübte, was der Gedanke an ihre letzte Begegnung hier im Krankenhaus hervorrief. Genaugenommen die vorletzte, zeitlich gesehen. Sie hatte geweint, ihre strahlenden Augen hatten um einiges an Glanz verloren, ihre neurotische Ader wich einer Schmerzlichen, aber Echten und Marc konnte sich beim besten Willen nicht erklären, warum er genau jetzt damit innerlich haderte und im Konflikt zu dieser Situation stand. Innerlich verfluchte sich Marc dafür, äußerlich formte er mit stummen Silben. „Fuck.“

Wollte er sie, wollte er sie nicht? Marc wusste es nicht, wie auch bei dem ganzen Hin und Her.

Zurück in der Gegenwart, belächelte der Oberarzt seine Gedanken kopfschüttelnd, fuhr sich gleichzeitig irritiert über die Stirn und legte letztendlich Daumen und Zeigefinger um sein Nasenbein. Kurz sog er die Luft scharf ein, kniff die Augen zeitgenau fest aufeinander und stieß sich ruckartig von der kahlen, unfreundlichen Wand ab. Sein Weg mündete an Franz Haases Büro. Bevor Marc klopfte, dachte er noch einmal an seinen ersten Arbeitstag hier im EKH zurück und wie ihm der Professor gegenüber getreten war, an die Freude und die Euphorie, die er empfand, letztendlich straffte der gutaussehende Chirurg seine Schultern und klopfte. Das wäre nicht sonderlich nötig gewesen, denn sein Vorgesetzter wollte sich ebenso auf den Weg zu seinem noch- Oberarzt machen. Beide schauten sich überrascht an, allerdings gaben sie sich im nächsten Moment ordnungsgemäß die Hand. „Herr Professor.“ Nickte Marc anerkennend, aber solide.

Franz kam um ein Lächeln nicht herum. Dieser Mann ließ einen Spruch nach dem Nächsten los und konnte doch in den wenigen ordentlichen Minuten ganz vernünftig und reif herüberkommen. Der Mann ist ein Rätsel mit deutlich mehr als 7 Siegeln, was der alte Haase mit zuckender Augenbraue wahrnahm. Früher war er ebenso gewesen, aber sein Butterböhnchen zähmte ihn. Dann kamen zwar die Affären, aber im Grunde besaß Franz eine reine Weste.

„Na Meier, schon aufgeregt?“ fragte er erhobenen Hauptes. Marcs Kopf wog die zwei Seiten der Euphorie ab. Mehr schlecht als recht antwortete er mit zusammengezogenen Augenbrauen, sodass sich kleine Fältchen auf seiner makellosen Stirn bildeten. „Kommt drauf an, was Sie meinen, Professor?“ hakte Marc deshalb mit selbstbemitleidetem Ausdruck nach.
Sein Gesprächspartner klopfte ihm hart auf die Schulter, was Marc erstaunt aufschauen ließ, ehe er den Chef mit einem Gemisch aus Fragwürdigkeit und Stolz anschaute. „Im Grunde über beides, Meier. Aber natürlich spezifisch Ihren neuen Posten im Nordstadtkrankenhaus.“ Auffordernd schaute er zu seinem Oberarzt, der ihn immer mit einer geeigneten Portion an Respekt und Beachtung entgegen getreten ist.

„Auf das erste wohl eher sekundär…“ murmelte er trocken, gab sich imaginär einen Hautschlag und antwortete deutlich lauter und fester. „Eher voller Tatendrang.“ Währenddessen fuhren seine Augen Achterbahn. „Auf den neuen Job dann schon primär. Allerdings wollte ich noch zu Ihnen, um mich zu… zu bedanken.“ Schloss er schnell, aber ehrenwürdig an und nickte leicht peinlich berührt.

Entschuldigen war nicht zwangsläufig die Aussage, die ein angehender Chefarzt so an den Tag legte, aber ab und an war es drinnen.
„Keine Ursache. Da Sie nicht sonderlich für die berühmt berüchtigten Abschiede unseres Hauses sind, wollte ich Ihnen gerad Ihr Zeugnis und noch ein kleines Abschiedsgeschenk bringen. Ich hoffe wir sind uns im Klaren darüber, dass Sie es ihren Kollegen auf dem anstehenden, nun ja, Projekt selbst mitteilen werden!“

„Natürlich, Herr Professor. Das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen.“ begutachtete Marc die kleine Schatulle, welche eher nach einem darin liegenden Schmuckstück, als einem Geschenk für einen Mitarbeiter glich. „Nun machen Sie es schon auf.“ Wies Franz räuspernd, aber durchaus interessiert, an. „Ehm ja…“ Marc klemmte sich das Zeugnis unter den Arm und öffnete deutlich minder überrascht, als als er das Geschenk letztendlich mit großen Augen betrachtete, die Hülle.

Ungläubig flog sein Blick zu Doktor Haase, als der ihm zunickte und Marcs Augen wieder zu dem silbernen Namensschild mit eingraviertem Schriftzug fanden.

Damit rechnet ein Chirurg nicht jeden Tag. Schon gar nicht, wenn das Geschenk von seinem baldigen Ex-Chef kam.
„Danke. Das ist… damit hätte ich jetzt nicht…mh… gerechnet.“ Rief Marc durchaus beeindruckt und drehte das Schild in seiner Hand.

„Naja ich dachte, dass Sie nicht nur die erworbenen Fähigkeiten mitnehmen sollten, sondern auch ab und an einen Gedanken an das alte Herz…“ er zeigte um sich. „… verschwenden sollen. Also sehen Sie es als kleinen Anreiz.“

Nun bekam auch der Professor ein ehrliches Lächeln über die Lippen und klopfte die Hände entschlossen aneinander. „Wie gesagt, vielen Dank.“ Er gab Franz dankend die Hand, der ihn im letzten Moment einen Ruck gab und zu sich zog, sodass er einen Arm auf das Schulterblatt seines „Sprösslings“ legen konnte.

„Machen Sie’s gut, Meier und denken Sie immer an meine Worte. Wenn Sie nach Hause kommen wollen, die Türen stehen Ihnen immer offen.“ Auch Marc klopfte Franz kurz auf die Schulter, ehe er dankend nickte und sich beide mit einem freundlichen „Auf Wiedersehen.“ verabschiedeten. In Mitten seines Ganges, rief ihm Franz noch ernst hinterher. „Und lassen Sie ja die Finger von meiner Tochter. Damit wir uns verstanden haben.“ Sein erhobener Finger wich einem Nicken, das Marc aufnahm und mit breit gezogenem Mund kundtat. „Natürlich, Professor. Natürlich.“ Dann setzte er seinen Weg fort. Franz schaute ihm kurz entschlossen mit zuckender Augenbraue hinterher. „Sicher, so wahr ich Udo Jürgens heiße.“ Seufzend fügte er hinzu, während er in sein Büro schritt. „Na hoffentlich macht er sie nicht wieder unglücklich. Sonst gibt’s nicht Eier-, sondern Meiersalat.“

Knapp 21.00 Uhr standen alle beteiligten Ärzte des „Austausches Deutschlang-Ungarn“ vor ihren halb gefüllten Koffern.

Bei Mehdi und Gigi herrschte eine ausgelassene Stimmung, wobei sich beide nicht sonderlich über die Umstände der Anreise in das schöne Land erfreuten. Immer wieder neckten sie sich mit kleinen Gesten, wobei Mehdi Gigi kurzerhand über die Schulter legte und sie schmunzelnd auf die Couch warf. Natürlich immer darauf bedacht, sie nicht zu verletzen. Beide lachten herzlichst, sodass sie die halb gepackten Koffer völlig außer Acht ließen. Ihr Lachen verschmolz ineinander. Der halbe Perser benetzte seine Freundin mit federleichten Küssen, die sie zu intensivieren wusste. Gigis Brille landete unbeachtet auf dem Holztisch und ihre Nasen rieben aneinander. Ein lautes, herzliches Kichern ihrerseits erfüllte den Raum und wenn man sich diesen genauer ansah, lagen in allen Ecken verstreut Klamotten. Die einen hübsch, sexy und angebracht, die anderen sollten den Weg lieber direkt in die Tonne finden. Selbst der Schrank hätte eine zu große Gefahr auf eine Vergiftung ausgestrahlt.

Die restliche Abendsonne schien in die Wohnungen der Götter in Weiß, allerdings lag die Stimmungsskala nicht bei allen auf Sonnenschein.

Doch Sabine zählte nicht zu diesen. Sie wuselte zwischen zig Startrack Figuren herum und sammelte ihre Sachen zusammen. Ihre zerstreute Hälfte und somit ihr Göttergatte ohne Trauschein legte die neue Perücke auf einem angefertigten Modell zurecht und strich dessen Kunsthaare glatt. Ab und an brachte er die quirlige Krankenschwester mit einem einstudierten, relativ trockenen, aber für ihn lustigen Spruch zum Lachen. Auch er erlangte durchaus nicht das volle Maß an Sonnenschein, aber er freute sich seinen ganz persönlichen Tanker noch eine Nacht bei sich zu haben. Eins war sicher, er würde diese Nacht voll und ganz zum Tanken nutzen, bis dieser überquillt.

In einem anderen Haus wurde die Energie für die nächsten Wochen bereits bis zur Hälfte gefüllt.

Hüllenlos fuhr Maurice seiner Maria durch die Haare und zog ihren Kopf näher zu sich, um ihre Lippen mit einem leidenschaftlichen Kuss zu verschließen. Die Neurochirurgin bedeckte breit grinsend mit einer Decke ihre Brust. Neben ihren Augen bildeten sich kleine Lachfalten, die ihre wahre Schönheit nicht verbargen. Beide lagen zwischen zwei gepackten Koffern, bevor Maria beschloss aufzustehen und noch einige Kleinigkeiten darein zu packen. Maurice‘ Grinsen lag im selben Pendel, wie Marias und ihre beider Augen funkelten. Nicht etwa vor überdimensionaler Freude, nein, eher vor Glück. Sie hatten ihr Gegenstück gefunden und das wollten sie nie wieder missen. Mit dem festen Gedanken das Tanken auf einem sicheren Ruhestand ausklingen zu lassen, packte Maurice 30 Minuten später die Koffer in den Kombi. Maria stand währenddessen am Fenster in spärlich lachsfarbener Unterwäsche bekleidet und schaute ihm schmunzelnd dabei zu. Ihr Kopf ruhte an dem Fensterrahmen, ihre Gedanken hingen noch fest mit der untenstehenden Person verbunden.

Gabi hockte ebenfalls zwischen hunderten von Klamotten und zig Koffern umringt mit dem Kopf an einem weißen Pfosten. Die Frage lautete bei ihr eher, wie sie all ihre Dinge in zwei bis drei Koffern unterbringen sollte. Als es an der Tür klopfte, fiel ihr Blick überrascht auf diese und im nächsten Moment wich dem ernsten, leicht verzweifelten Ausdruck ein seliges Lächeln. Wie in Zeitlupe rannte sie stolpernd über die Sachenberge und landete in den Armen eines rothaarigen Arztes. So aussichtslos sah die letzte Nacht in Deutschland wahrscheinlich doch nicht aus, zumindest sagten das ihr Funkeln der Augen und der lachende Mund mit dem roten Lipgloss aus.

In einer Villa in Berlin musste Gretchen Haase ebenso wie Gabi unwillkürlich laut lachen. Ihre Mutter dachte natürlich wieder einmal Ungarn wäre das Ende der Welt, weshalb sie Gretchen tatsächlich 30 Tupperdosen voller Leckereien füllte. Die rothaarige Dame wollte ihr tatsächlich eine extra Tasche mit den Delikatessen einpacken, aber das würde Gretchen schon noch zu verhindern wissen. Theatralisch verdrehte sie die Augen, was Bärbel Haase mit einer Leichtigkeit hinnahm und in ihrem Element Hasenzahns kompletten Kleiderschrank in drei Koffer quetsche wollte. Der Sonnenstand füllte sich bei der jungen Ärztin nicht durch Liebeleien, sondern durch eine wahrhaft schöne Eigenschaft die sie besaß, das Lachen.

Bei der letzten Wohnung angelangt, dessen Inhaber einen Koffer packte, wuselte ebenfalls eine Frau Mitte 50 in Pfennigabsätzen auf dem Parkett herum. In ihrer Hand trug sie ein Manuskript und lief ihrem Sohn, der von einem Zimmer ins Nächste spurtete, dynamisch hinter. Zumindest soweit es ging. Bei Marc hingen eine Anzahl an Hemden, kurz wie lang und eine Auswahl an Poloshirts und einige nicht bedruckte T-Shirts in der Gegend herum. Seine Mutter bügelte nur im äußersten Notfall, aber so hatte sie wenigstens die Chance ihren Sohn ein letztes Mal vor seiner Abreise zu sehen. Es sah leicht außergewöhnlich aus, weil sie diverse Perlen und exquisite Blusen trug, aber sie bügelte. Der Chirurg packte seinen Koffer eher genervt, aber ab und an konnte er sich ein Grinsen über seine Mutter nicht verkneifen. Sie wollte ihm kein Essen, das zuweilen ungenießbar gewesen wäre, mitgeben, sondern Bücher. In Marcs Koffer lagen schon zwei Stück drinnen. Das dritte Manuskript wollte sie ihm noch schmackhaft reden, aber da würde sich nichts machen lassen. Wenn sie heute noch gehen würde, flogen die Teile sowieso aus seinem Koffer, was Marc Meiers Sonnenmaß ebenfalls um ein Geringes wachsen ließ.

Sonne werden die Ärzte, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch einige Gemeinsamkeiten aufweisen, was ihnen bis zu diesem Zeitpunkt noch fern ist, bekommen. Vielleicht mehr als ihnen lieb ist…

Elli Offline

stellv. Admine


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12.05.2014 21:06
#40 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hallöchen ihr verrückten Hühner!

Endlich ist es soweit und ich versorge euch mit Nachschub! Hat ja jetzt doch etwas gedauert, aber besser später als nie. An dieser Stelle einen riesigen Dank an alle die Leute, die immer mal wieder vorbeischauen und mir den einen oder anderen Kommentar hinterlassen. Ich bin wirklich überglücklich, dass ihr nach über einem Jahr noch mit von der Partie seid und euch mein Geschreibsel scheinbar noch nicht zu Tode gelangweilt hat.

In diesem Sinne wünsche ich euch jetzt viel Spaß, denn die große Reise kann beginnen!

Glg
Eure Elli




„Das ist nicht Ihr Ernst Professor!“ riefen Gigi, Maria, Gretchen und Gabi im Chor.

Mehdi, Marc, Maurice und Sabine standen eher sekundär überrascht daneben und beobachten das Spektakel höchst erfreut. Das konnte definitiv was werden. Wohl der Höllenritt mit direktem Kurs. Die Koffer standen alle an anderen Ecken, sodass der Parkplatz des EKH einem Schlachtfeld glich.
Sieht aus als wollten wir alle auf Klassenfahrt…

Diese Erkenntnis gab Marc laut kund. Mehdi lugte nur nicht begreifend zu ihm herüber, während Gretchen voller Elan konterte, was Marc kurzzeitig die Sprache verschlug.

„Wouw ein Meilenstein in Marc Meiers Leben. Sollte man gleich ins Ereignisbuch einschreiben, damit es auch schwarz auf weiß überliefert wird.“

Marc zog herausfordernd die Augenbrauen hoch und schmetterte locker zurück.
„Bei dir heißt das wohl eher rosa auf rot.“ Er nickte ihr belustigt entgegen und schloss zügig an. „Damit haste ja schon Erfahrung. Hast mir ja das halbe Leben am Arsch gehangen!“ Geziert zog Gretchen den Mund breit und schloss provokant an.

„Im Gegensatz zu dir, kann ich wenigstens schreiben!“

Maria lachte leise und winkte Gretchen zu sich heran. „Der Punkt ging an Sie, Haase!“ Auch die anderen konnten die Szene nur belächeln, was Marc augenrollend hinnahm und sich weiterhin mit Mehdi dem Schauspiel der anderen widmete. „Ich möchte, dass Sie alle mit diesem durchaus stattlichen Bus fahren und gleichzeitig Ihre Teamfähigkeit stärken. In der Slowakei ist ein Motel für Sie alle reserviert. Dort können Sie dann die Nacht verbringen. Tankkosten bekommen Sie natürlich rückerstattet. Ich wünsche Ihnen viel Spaß und gutes Gelingen.“

Papa das wird die Hölle… Klasse, Kommune eins!

„Kneif mich mal!“ forderte Marc Mehdi perplex auf. Dieser kam der Bitte nur zu gern nach und kniff Marc ordentlich in den Oberarm. Daraufhin zuckte der Oberarzt kurz zusammen und schaute Mehdi dann mit einer Mischung aus Unverständnis und Selbstmitleid an. „Und, ist es nur ein Traum?“ hakte Mehdi belustigt nach, wobei er sich die Hand vor den Mund schob und den Blick zum Boden wandte, denn Marcs Gesichtsausdruck war einfach genial.

„Ein scheiß Realer!“ platzte es aus Marc trocken heraus.

Die Belegschaft verabschiedete sich von möglichen Familienmitgliedern, wobei Marc abermals betonte, dass sie hier nicht im Kindergarten oder auf Klassenfahrt seien. Gretchen hatte neben ihren drei Koffern noch eine kleine kitschige Tasche bei sich, die sie so gut es ging zu kaschieren versuchte, allerdings gab Bärbel zumindest für Sabine verständlich kund, dass es Proviant für die Reise sei und ihre Margarete sich ja ordentlich ernähren sollte. Gäbe es kein gutes Essen, würde Bärbel etwas schicken. Aus unerklärlichen Gründen, glaubte ihr Gretchen das aufs Wort. Als die Männer die Koffer verstauten, diskutierten die Frauen über den fahrtüchtigsten Mann. Schnell fiel die Entscheidung auf Mehdi, der zu ihrem Erstaunen nicht sonderlich Lust hatte, was er mit einer Ausrede in Bezug auf Zärtlichkeiten mit Gigi auslegte. Sie stimmte dem zu und freute sich auf einige ruhige Stunden mit Mehdi. Mehr oder weniger ruhig. Als die Männer dazu kamen, fragte Maurice interessiert mit seinem Dialekt nach, was denn Thema des Gefechts wäre. Sabine erklärte dies für Marcs Geschmack zu langsam, weshalb er sie unterbrach und gleich festlegte, dass er das Steuer in die Hand nehmen würde.

„Ganz sicher nicht!“ mischte sich Gigi ein. „Haste ne bessere Idee, Emanze?“ fragte Marc seufzend nach. Maria meldete sich kurzerhand zu Wort. „SO, jetzt fahren Sie alle mal einen Gang herunter. Wir müssen, nur als kleine Nebeninformation, noch bis nach Budapest fahren. Also bringt es nichts das Pulver schon vorher zu verschießen. Oder wie auch immer…“
„Das sehe ich auch so.“ stimmte Gretchen mit verschränkten Armen zu. „Klar, Frau Doktor Haase ist ganz Ihrer Meinung.“ Äffte Gabi die Ärztin nach und warf ihr ein „Tz…“ entgegen. „Jetzt machen Sie mal nicht so einen Wind. Wir sollten langsam los.“ Erklärte Knechtelsdorfer streitschlichtend.

„Na klasse, auf was hab ich mich hier nur eingelassen?“ fragte Gabi sich selbst und dachte an die letzten Stunden zurück, die durchaus schweißauftreibend, aber 100 Mal schöner waren, als ein Cross-Trip mit den ach so verhassten Kollegen. Nachdem alle den Weg in den Bus gefunden hatten und Gretchen die kleine Tasche relativ galant unter ihrem Sitz versteckt hatte, konnte es ohne längere Diskussionen endlich losgehen.

Eigentlich ist das schon ein Witz,… werde mich darüber aber nicht aufregen, will schließlich unnütze Stresspickel vermeiden. Aber mal echt, dieser Bus ist viel zu groß für uns alle. Immerhin… so muss ich Marc Meier wenigstens nicht zwangsläufig auf dem Schoß sitzen haben. Notiz an mich selbst: Blühe vor Freude und Tatendrang. Dabei hab ich das neue Rosenwasser erst zwei Mal verwendet. Naja… es gibt eben doch noch Wunder… mehr oder weniger….

Der Bus sah durchaus Edel, gleichzeitig komfortabel und gemütlich aus. Die roten Ledersitze waren verstellbar und sie konnten nach Belieben gedreht oder nach außen geschoben werden. Die Koffer störten sowieso niemanden, da sie eine Etage tiefer ihren Platz gefunden hatten, bis auf eine Heimlichkeit und die dunkelroten Vorhänge waren durchaus gutduftend und lichtundurchlässig. An den Seiten der Einzelsitze, was zu Mehdi und Gigis Leidwesen war, befanden sich Trinkhalter und vor jedem Sitz ein kleiner ausklappbarer Tisch. Innerlich versprühte der Wagen den Duft von frischem Leder und zusätzlich imponierte der kleine, aber ausreichende Flachbildschirm ganz vorn in der Mitte oben.

Eigentlich nicht schlecht… um genau zu sein, fast geil… Leder ist genial, damit punktet man bei mir immer. Mit schwarz sowieso und naja das Rot ist halt gewöhnungsbedürftig. Der Fernseher könnte größer sein, aber besser als nichts und genug Platz gibt’s auch. Son kann mir wenigstens keiner auf die Pelle rücken und Hasenzahn hat ausreichend Platz ihre „Grundnahrung“ auszubreiten und in jede Ecke zu schieben…

Der Oberarzt saß am Steuer des guten Stückes und lenkte das Fahrzeug gerad auf die Autobahn. Wenn er rechts über seine Schulter schaute, erkannte er eindeutig Sabine. Diese war sich über die Platzwahl noch nicht 100% -ig sicher, was Marc durchaus als positiv empfand. Vielleicht würde sie sich einen anderen Platz, weit aus seinem Sichtfeld aussuchen, denn es gab noch 3 freie Plätze, die über kurz oder lang den angestauten Handtaschen der Frauen dienten. Hinter Marc saß, soweit er es beurteilen konnte, keiner. Dann kam Maurice, hinter Sabine saß logischerweise Maria, dann folgte hinter ihr Gretchen, hinter der Gabi, dann keiner mehr und auf der anderen Seite Hasenzahn gegenüber Gigi und hinter ihr Mehdi. Sie wollte ihre beste Freundin nicht abgeschottet sitzen lassen, da Gigi schon deutlich ahnte mit welchen Problemen sich Gretchen über kurz oder lang auseinandersetzte. In der letzten Reihe hinter der Krankenschwester lagen einige Decken, einige Taschen und der Notfallkoffer für alle Fälle. Neben Marc hätte auch jemand sitzen können, allerdings würden sie spontan um deponieren, falls er einen Kollegen zu seiner Rechten brauchte, was alle als ziemlich abwegig ansahen. „Gabi, freuen Sie sich eigentlich auf den Austausch?“ machte Gina gute Miene zum bösen Spiel.

„Naja die Gesellschaft könnte besser sein.“ Zog sie den Mund breit und wandte sich dann der Aussicht aus dem Fenster zu. „Hast du eigentlich das Foto von Melanie dabei?“ fragte Maurice Maria interessiert, während seine Hände an ihre Hüfte wanderten. Die beiden taten freudig glücklich, was Gretchen mit einem kurzen Schmunzeln quittierte, während sie ihr Tagebuch aus der Handtasche zog und so unauffällig wie möglich den Verschluss öffnete. „Na klar. Die kleine Ziege ist zwar anstrengend, aber…“ kurz stockte Maria und blickte in die fragenden Augen ihrer Kollegen. Diese feinfühlige Art kannten sie normalerweise nicht von ihr. „… egal. Erzähl ich dir später.“ Flüsterte sie in sein Ohr, was sie mit einem hauchenden Kuss benetzte. „Wie im Irrenhaus hier!“ zischte Gabi augenrollend, was Marc mit einem zynischen „Tz…“ und Mehdi mit einem eher wehleidigen, ausgelaugten „Mh…“ bestätigten.

Gretchens Konzentration lag schon voll und ganz auf dem Tagebucheintrag, welchen sie ausführlich aufschrieb. Als Marc kurz über seine Schulter blickte, weil er noch keine großartigen Weibersprüche von Hasenzahn gehört hatte, bemerkte er dies.

„Hasenzahn ist wieder im Autorenkreis eingetreten.“ Grinste er, was Sabine prompt euphorisch antworten ließ. Theatralisch verschränkte sie die Hände vor der Brust und schaute gen Decke. „Hach…“ seufzte sie. „… Das erinnert mich sofort an Ihre Mutter, Herr Doktor. Die Frau Fisher ist auch wirklich eine Göttin. So poetische, feinfühlige Texte, wie sie schreibt, das kann nicht jeder.“ Entschlossen nickte die Krankenschwester, was den anderen Innensassen einen Grund zum Abschalten vermachte. „Sabine mal im Ernst.“ Rieb sich Doktor Hassmann die Schläfen. „Das ist sowas von primitiver, abgedroschener und perfider Mist, dass es einem schon zu den Ohren-“ Barsch unterbrach Marc sie empört.

„Ehm, etwas weniger direkt bitte, das ist immer noch meine… Mutter.“ Hustete er zum Schluss überspielend. Gigi schaute konzentrierend aus dem Fenster und presste die Hand fest vor den Mund, um nicht laut loslachen zu müssen. Mehdi meinte nur. „Wenigstens eine, zu der du stehst.“
„Ach, ist das nicht die einzige Frau, die Sie-“ Maurice schaute mit erhobener Augenbraue zu dem jungen Chirurgen.

„Klappe Knechtelsdorfer.“
„Lassen Sie ihn doch mal aussprechen!“ forderte Maria mit zuckender Lippe auf. Gretchen lugte aus dem Fenster. Immer diese Grundsatzdiskussionen, die total kindisch und abgrundtief sind. Konnten sie sich nicht einfach mal ausruhen oder wie zivilisierte Menschen miteinander reden? Nein, wahrscheinlich geht das unter Ärzten, wie sie es waren nicht.
Ein Vorteil doch noch Assistenz zu sein.
„Von dem Blödsinn bekommt man ja Kopfschmerzen.“ Meldete sich auch Gretchen zu Wort. „Ach Hasenzahn, auch wieder da?“

„Im Gegensatz zu dir, war ich nie weg.“ Unüberlegt biss sie sich im nächsten Moment wohlwissend, dass sie weg war, auf die Lippe. „Das seh ich aber anders. Frag doch mal Mehdi oder die Brillenschlage, die können es bezeugen, nicht wahr?“

„Erstens heißt sie Gigi und zweitens-“

Diese Feststellung von Mehdi trieb Sabine unwillkürlich ein Lächeln aufs Gesicht und Gabi schüttelte nur gestresst den Kopf. Marc fand es ebenfalls sehr amüsant und unterbrach den Gynäkologen. „Ja Amsel!“

„Die Frau Doktor heißt Amsel?“ Sabines irrsinnige Frage, brachte mal wieder den ganzen Bus zum Stöhnen. Wie hatte diese Frau nur das Abi bestanden, wenn sie den Nachnamen, mit dem ein Arzt wohlbemerkt immer angesprochen wird, nach über 3 Monaten nicht im Gedächtnis hatte. „Ein Hoch auf Sabine!“ lachte Maria und widmete sich wieder Maurice und den wichtigeren Dingen des Lebens. „Meine Güte, das kann was werden. Halleluja…“ seufzte die Chirurgin schwerfällig. „Da stimme ich Gigi voll und ganz zu.“ Nickte Gretchen und lächelte ihre Freundin aufmunternd an. „Hast du überhaupt ein Navi?“ wollte Mehdi schnell wissen, um der leidigen Frage-Antwort-Runde zu entkommen. Marc lachte spöttisch und sein Gesichtsausdruck glich ganz klar einem Meier. „Wozu denn? Männer wissen, wo’s lang geht. Nicht umsonst sind wir das starke Geschlecht und führen selbst die Weiber durch die Parfümabteilung, weil sie den Ausgang nicht finden würden.“

„Marc, bitte!“ zog Gretchen auffordernd seinen Namen lang. „Danke, Hasenzahn“ nickte dieser solide und zwinkerte sich selbst anerkennend zu. „Das kann doch nicht dein Ernst sein? Ich will irgendwann heut noch ankommen!“ motzten Gabi und Gigi im gleichen Ansatz barsch und verständnislos. Gretchen drehte sich kurzerhand leicht nach hinten um, um der Aussage Farbe zu verleihen. „Marc ehrlich! Ich verbringe auch nur ungern die Nacht hier im Bus.“
Mit dir…

„Klasse, Frau Doktor.“ Grinste Sabine mit aufzeigendem Daumen durch den kleinen Spalt zwischen den Sitzen.
Margarete Haase, du bist definitiv nicht der aller letzte Schuss. Einen Fan wirst du immer haben…Sabine! (lang gezogen)

„Marc, meinst du nicht wir sollten dann irgendwann mal das Navi anschalten? Immerhin befinden wir uns hier gleich nicht mehr in Deutschland.“ Marc stöhnte genervt auf. „Na los! Komm schon vor Kaan!“ Triumphierend lächelte Mehdi Gretchen zu, die wiederum die Schultern anhob und ebenfalls schelmisch-künstlich grinste. Die Nase zog sie dabei kraus, welche sich Gigi augenblicklich rieb. „Gretchen? Kommst du hinter?“ Keine fünf Sekunden später saßen die zwei Frauen hintereinander und unterhielten sich angeregt. Immer mal wieder lachten sie laut und ungezügelt auf, was die Männer ab und an doch mal ein Ohr auf ihr Gespräch werfen ließ. Allerdings hatten sie zwangsläufig nur mäßig Erfolg, da Gigi und Gretchen sich jedes Mal vielsagende Blicke zuwarfen und ihre Tonalität um einige Nuancen nach unten verschoben.

Immer mal wieder kreuzten sich ihrer alle Gespräche und ein, zwei Mal lachte der komplette Bus sogar monoton. Die Blondine hielt es kaum für möglich, aber der Trip konnte sich durchaus in eine akzeptable Lage bewegen, die vielleicht sogar einige Sonnenstrahlen auf sie zogen. Auch ihre beste Freundin genoss mit der ansteigenden Zeit die Reise. Zwar gab sie sich bedeckt, Gretchen bemerkte den strahlenden Blick in ihren Augen durchaus, was sie mit einem ebenso freudigen Lachen quittierte. Mehdi und Marc verbrachten einige Zeit mit der Einstellung des Navis, was sich als durchaus kompliziert herausstellte.
Und da heißt es immer Männer sind die Evolution in Sachen Technik.

Gabi blieb die meiste Zeit unbedeckt und Sabine las ein Buch von Elki, gab einige unnütze Kommentare von sich und lauschte den Aussagen der anderen, während Maurice angeregt in die Gespräche mit einstieg und sich hier und da Marias Zärtlichkeiten widmete. Fachkundig unterhielt sich diese mit Marc über einige spezifische Fälle, zu denen auch Gigi einiges beisteuerte. Irgendwann wurde Marc schließlich von Maurice, wenn auch unfreiwillig, abgelöst. Dieser setzte sich locker in die letzte Reihe und beobachtete das Geschehen von hinten. Sabine schlief, Gabi blinzelte auch nur noch durch kleine Schlitze aus ihren Augen, nebenbei lagen ihr Stöpsel in den Ohren. Als sein Blick herumfuhr, erkannte er angewidert, dass Mehdi und Gigi beieinander hockten und sich mehr feucht, als erotisch ablutschten. Maria leistete Maurice Gesellschaft und als er zu der Blondine schräg vor ihm sah, wurde sein Blick ruhiger. Ihr Kopf ruhte leicht abgedriftet in Richtung Fenster und soweit er es beurteilen konnte, schlief sie selig und träumte wahrscheinlich von rosa Bäumen und kalorienfreier Schokolade. Marc lehnte sich entspannend zurück und überlegte eine Weile, wie er es Gretchen sagen sollte. Anfangs klang es so, als hätten sie die „Differenzen“ geklärt, doch dann wirkte sie leicht aggressiv und fast gehässig. Neuland für Marc, denn Gretchen lag die Freundlichkeit schon ins Gesicht geschrieben.

„Knechtelsdorfer, alles noch ok da vorne?“ beschloss Marc desinteressiert nachzufragen. Allerdings ging es ihm nicht weniger, als der Gedanke über Gretchens Wetterlage, aus dem Kopf.

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

22.05.2014 22:05
#41 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Einen wunderschönen Abend meine Lieben!

Was für ein tolles Wetter, oder?! Da überwiegt doch die gute Laune und bei mir mindestens doppelt so sehr, denn eure Kommentare waren mal wieder wunderschön und inspirierend. Dankeschön an euch alle und wenn ich auf die Klickzahl schaue, scheinen noch ein paar mehr hineinzuschauen. Danke auch an euch.

Heute gibt es zum Abschluss des schönen Tages mal wieder ein neues Kapitel von mir. Ich bin ehrlich gesagt recht nervös und gespannt, wie es euch zusagt.

Glg und einen tollen morgigen Tag!
Eure Elli




„Du musst an der nächsten Kreuzung rechts abbiegen, Marc!“

Schwungvoll lief die blonde Chirurgin so gut es mit zu- und abnehmender Geschwindigkeit ging, den Gang bis hin zum Fahrersitz nach vorn. Der Oberarzt hatte lediglich ein trockenes, tief genervtes Seufzen für die Brillenschlange übrig, was er ihr mit einem finsteren Blick zukommen ließ.

Mittlerweile fuhren sie gefühlte 50 Stunden und das versprochene Motel blieb umstritten, zumal die Sprache und die dazugehörigen Straßenschilder die Situation nicht unbedingt leichter machten. Der Oberarzt gab nur noch zähneknirschende Antworten, die mehr gepresst, als deutlich ausgesprochen ankamen. Gretchen Haase bekam davon nicht sonderlich viel mit, momentan ruhte sie noch in sanften, deutlich weniger aufreibenden Träumen.

Vielleicht mit Marc Meier? Wer weiß…

Nach ungefähr vier weiteren Kurven und dreimaligem Verfahren, lenkte Marc das Fahrzeug locker mit der rechten Hand am Steuer auf einen geräumigen Parkplatz, währenddessen er zufrieden kund gab, wie talentiert er doch sei und das es kaum Probleme, dank ihm, gab. Frohen Mutes und doch von der Müdigkeit überrannt, torkelte einer nach dem anderen aus dem Bus. Letztendlich auch Marc, der einen kurzen Blick auf das, sich streckende Gretchen warf.

„Na Hasenzahn, ausgeschlafen?“ Seine Stimme klang deutlich friedliebender, als noch vor einigen Stunden, was Gretchen ein wenig überraschte. Positiv wohlbemerkt. Marc blieb neben seinem Sitz mit den Händen in den Hosentaschen stehen und beobachtete die Blondine inständig, denn sie war noch nicht voll und ganz wach, geschweige denn da. Gretchen rieb sich verschlafen die Augen und rutschte in ihrem Sitz nach oben, als sie kurz das Gesicht leicht schmerzlich verzog und eine Hand in ihren Nacken legte. Auf diese Reaktion zeichnete sich auf Marcs Gesicht ein kurzes Lächeln, was er mit einem rauen Räuspern untermauerte.

„Was sagst du?“ Leicht verdattert blickte sie ihm das erste Mal ruhig in die Augen, was Marc nicht verborgen blieb.

„Wir sind da! Komm!“ Nach einem lockeren Handwinken, schritt der schlanke Oberarzt aus der Karoserie und fand den Weg zu seinen Kollegen. Am Eingang trafen dann alle auf Hasenzahn, deren Haare dem Abbild einer Vogelscheuche glichen. Marc hätte kurz gesagt, wie Gigi also. Dem Friedenswillen verkniff er sich diesen und sie gingen samt Wertpapieren in die orangefarbene Anlage. Im inneren des Motels roch es nach deftiger Hausmannskost, typisch slowakisch mit viel Knoblauch und anderen außergewöhnlichen Gewürzen. Der Magen von Doktor Haase und nachdem sie einen Rundumblick gestartet hatte, auch von den anderen, drehte sich um 180°, was alle mit einem wedelnden Ausdruck und einigen Stirnfalten zur Geltung brachten. „Dobrý večer!“ begrüßte Mehdi den schnieken Chef der Rezeption, der durchaus das Potential eines Geschäftsmannes hatte. Vielleicht war er auch nur Puff Besitzer, dachte sich Marc kurzzeitig.

„Seit wann kannst du Slowakisch?“ hakte er deshalb gleich verblüfft nach. „Grundstein.“ Nickte ihm der halbe Perser entgegen, worauf Marc sich zufrieden gab und die Aufmerksamkeit dem Mann in schwarz schenkte. „Ja Tag! Wir haben reserviert. Auf Franz Haase!“ Der Chef verstand tatsächlich und nickte freudig, was er mit gebrochenem Deutsch untermauerte. „Guten Tache! Ich hofge Sie habten gute Anreise habt?“ Freundlich nickte Sabine, woraufhin Mehdi die Schlüssel und die Zimmernummern verlangte. Die Ärzte nahmen diese dankend an und begaben sich zum ausladen an ihr Auto. Hasenzahn lag immer noch, wie unter einem feinen Seidentuch mit der Müdigkeit überdeckt, was sie zum tiefen ein- und ausatmen veranlasste. „Alles okay, Mausi?“

„Ja, alles bestens. Ich bin nur müde, das ist alles.“ Erkläre die Ärztin gähnend und schwach schmunzelnd, was von Marc eindringlich festgehalten wurde. Dieser kam um einen ausgiebigen Sauerstoffabbruch nicht drum herum, hielt sich daraufhin streifend das Zwerchfell. Natürlich blieb der jungen Ärztin mit den blauen Augen diese Geste nicht versteckt, weshalb sie ihm einen kaum merklichen Blick in die grünen Pupillen schenkte.
Gabi Kragenow beobachtet dies prüfend und wandte sich allerdings schnellstmöglich ihrem Gepäck zu, denn auch sie wollte nur noch unter die heiße Dusche oder doch lieber kalt? Kurz vor Ungarn stieg die Hitze trotz der anfänglichen Herbsttemperaturen Ende August deutlich. Mittlerweile müssten es gute 30 Grad sein, was die Gruppe an Menschen die unterschiedlicher nicht sein könnten, nicht minder müde machte.
„So, ich würde vorschlagen, wir treffen uns ungefähr 9.00 Uhr im Speisesaal?“

Gigis Brille machte einen beunruhigenden Abgang, während Maria dies ebenfalls schlaff ansprach. „Jo!“ und „Ja!“ galten als eindeutige Antwort, sodass sich die Wege im Fahrstuhl Stück für Stück trennten. Margarete Haase umgab dabei ein deutlich ungutes Gefühl, denn trotz der stetigen Müdigkeit, die sich in ihren Knochen breit machte, läutete ihr Gehirn zu einem nächtlichen Ausflug an. Die Atmosphäre schien ihr so fremd und kalt, dass sie einige Minuten brauchte um das Licht in ihrem 10 Quadratmeter großen Zimmer plus, anliegendem Bad anzuknipsen. Der Gedanke von Wärme, Zuneigung und Geborgenheit durchzog ihren Körper, als sie an Mehdi und Gigi oder an Maurice und Maria dachte, die jetzt entspannt und glücklich zusammen in einem Bett liegen würden und sich einander in den Armen halten. Für einige Sekunden schloss die blondgelockte Frau ihre strahlend blauen Augen und spürte primär ihr Herz schlagen und das Blut, welches durch ihren Körper strömte wie ein Adrenalin Ausstoß. Nein, jetzt würde sie nicht schlafen können, weswegen sie kurz mit dem kalten Wasser, was im Badezimmer in Strömen floss, ihr Gesicht benetzte und voller Tatendrang nach dem Zimmerschlüssel griff.

Ich schau mir einfach etwas die Anlage und das Motel an. Omg… Gretchen Haase, du bist wahrscheinlich die Einzige, die nach so einem verrückten Tag noch allein die Motel Landschaft bestaunen will. Manchmal hast du echt nen Vogel. Na gut, sehe die Sache definitiv positiv, lieber einen Vogel im Kopf, als einen Affen im Gehirn. Wobei…(kurz stutzen) ob der nur im Kopf sitzt ist fraglich. Wäre nebenbei bemerkt eine interessante Analyse. Die Mythologie des Primaten/Oberarsches Marc Meier. Ich denke es wäre nur eine Frage der Zeit, bis ich Verträge für Weltbild und Amazon kriege…
Auf der Gemeinschaftsterrasse des Motels angelangt, setzte sich die vollbusige Ärztin auf einen ziemlich wackeligen Klappstuhl und genoss den Ausblick. Sicherheitshalber hatte sie ihr Handy dabei, falls ein ungeahntes Zimmerproblem auftauchen- oder sie kurzfristig von unwirschen Typen angebaggert werden würde, die neben einem steigenden Alkoholpegel die entsprechend duftende Fahne besaßen. Tolle Aussichten auf die Entspannungsrunde, das musste sich Gretchen schon eingestehen.

Ziemlich zeitnah betraten zwei Keilabsätze den holzigen Balkon.
Oh Gott, kein betrunkener Primat, sondern eine betrunkene Prostituierte? Naja, immerhin besitze ich Fähigkeiten in Bezug auf meine Selbstverteidigung. Werde im entscheidenden Moment die Waffen einsetzen und gnadenlos gewinnen. Catch it, Gretchen!

Die geweiteten Augen, ihr verkrampfter Handgriff um den Schlüssel und die anhaltende Luft ließen wellenartig los, als sie ein bekanntes Gesicht erblickte.

„Gabi?“

Um sich zu vergewissern, stand die Assistenzärztin auf und kniff die Augen zusammen. „Ja?“ Ihre Stimmlage stand definitiv unter ihrem normalen Pegel, fast klang sie verletzt oder zerbrechlich. „Alles okay?“ Gretchen fackelte nicht lang und stellte sich neben die Krankenschwester an die Barriere. Innerlich führte sie einen harten Kampf mit sich, denn es lag nicht an der Tagesordnung ausgerechnet mit dem dicken Haase über ihre Befindlichkeiten, ja, ihre Probleme zu reden. Ehrlich blies die Brünette die Luft tief aus ihren Lungen und öffnete die Augen, sodass Gretchen die Leere in diesen sah. „Könn…können Sie etwas für sich behalten?“ Irrtum lag in Margaretes Gesicht, denn sie rechnete fest mit einer barschen, unfreundlichen Absage, aber was sagte sie da? Sie wollte Doktor Gretchen Haase etwas anvertrauen?

Sollte ich unbedingt in mein Tagebuch schreiben. Wer weiß, vielleicht bringt die konventionelle Art doch noch einige Pluspunkte auf dem „Schwestern-Basar“. Anmerkung: Werde niemals ein schwesterliches Verhältnis mit Schwester Gabi hegen, eher werde ich Nonne.

„Ja…ja…ja sicher, wieso?“ Stotterte die Blondine leicht und schaute fragend zu der jungen Frau herüber.
Diese knetete die Finger fest ineinander und schluckte schwer, ehe ihre Augen immer wieder das Weite suchten. „Ich hab… ich…“ weiterhin formte sie stumm das Wort „Ich“. „Sie…“ nickte Gretchen. „Ich schwör Ihnen, wenn Sie das jemandem sagen, dann mach ich Ha(a)senragout aus Ihnen. Also, sind Sie sich immer noch sicher?“ Abermals hob und senkte die Ärztin den Kopf und suchte erstaunend Gabis Blick. Sie stöhnte quälend, fast weinerlich.

„Vor einem halben (schlucken)… Jahr ist mir… also hab ich… das…“ Die Tränenflüssigkeit vermied sich nicht mehr ungehindert zu bleiben und wippte bei jedem Wimpernaufschlag mehr und mehr in ihren Augen. Eine kleine salzige Träne löste sich, bis einige Sekunden später die Flüsse brachen. Gretchen entschloss sich behutsam einen Arm um die Schwester zu legen und streichelte zaghaft über ihren Oberarm. „Ganz ruhig Gabi. Was ist denn passiert?“ Immer und immer wieder sprach Gretchen Haase mit sanfter Stimme auf ihre einstige Rivalin ein, was diese über kurz oder lang zu einer Antwort erließ. „Mein Baby.“ Hauchte sie tonlos. Gretchens Aufsehen war geweckt und perplex, aber mitfühlend blickte sie zu ihr herüber. „Ich hab es… vor genau…“ atmete Gabi tief und etwas beruhigend durch. „…vor genau einem halben Jahr verloren. Oder es ist gestorben, wie auch immer.“

„Heute?“ fragte Gretchen lautstark, was sie einen umschweifenden Blick kostete, doch kein Mensch leistete ihnen Gesellschaft.

„Nein, morgen. Oder besser gesagt in zwei Stunden.“ Gretchen überlegte kurz ihr eine Antwort zu geben, entschied sich doch für die bessere Variante und drehte Schwester Gabi in ihre Richtung um sie herzlich in ihre Arme zu schließen. Komischerweise störte es Gabi nicht, im Gegenteil sie freute sich, dass endlich jemand für sie da war und nicht andauernd löcherte. Es ist nun einmal Gretchen Haase, aber sie hatten sich nicht mehr abgrundtief gehasst. Nur eben auch nicht sonderlich gut verstanden.

Irgendwann lösten sie sich dann und Gretchen lächelte sie aufmunternd an, strich ihr gleichzeitig über die Oberarme. „Gabi, Sie schaffen das. Sie sind so eine starke Frau und irgendwann, wenn der richtige Mann da ist, der Sie ebenfalls liebt…“ Gretchen nickte und schaute ihr wahrheitsgemäß in die Augen.

„… dann werden Sie ein Baby bekommen und es zusammen großziehen, da bin ich mir ganz sicher.“
„Sind Sie sicher?“ unwirsch rutschten ihre Augen von rechts nach links, während ein wenig Hoffnung in ihrer Stimme mitschwang. „Sicher!“ schloss Gretchen die Augen und nahm die Krankenschwester ein weiteres Mal in die Arme.

Sie redeten lange und es schien, als wären die beiden nicht grundlegend verschieden. Im Gegenteil, denn Gabi Kragenow wollte im Grunde dasselbe wie Gretchen Haase. Sie wollten beide ankommen, lieben und geliebt werden. Eine Familie haben und Halt bekommen. Sie wollten sich sicher und geborgen fühlen. Eine starke Schulter zum Anlehnen haben und einen Arm um sich spüren, der ihnen das Blut gefrieren ließ.

Sie wollten Liebe!

Elli Offline

stellv. Admine


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28.05.2014 21:39
#42 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hallo ihr Lieben!

Ihr bin mal wieder sprachlos und super happy über euer Feedback. Das schreit nach mehr, sag ich euch!
Als kleines Dankeschön kommt der neue Teil heute mal etwas eher. Surprise! Jedenfalls geht es- hoffe ich- interessant weiter und ihr habt viel Vergnügen mit unserer kunterbunten Ärztetruppe.

Glg und einen schönen Feiertag morgen!
Eure Elli



Sehen wir das Licht, gibt es für uns zwei Varianten. Die erste ist, einfach die Augen schließen, weil wir den hellen Schleier nicht ertragen können. Die andere besagt, dass wir uns freuen eine neue Chance auf einen aufregenden Tag zu haben. Mit dem grellen, brennenden, aber gleichzeitig fröhlichen, lebenslustigen Licht können wir so viel haben. Es schenkt uns Geborgenheit und Wärme. Jeden Tag aufs Neue erstrahlt es in einem faszinierenden und neuen Schein. Und doch gucken wir täglich in die Ungewissheit. Doch heißt jede Ungewissheit, dass wir fallen? Können wir nicht auch die Spontanität als eine ausgereifte Form der Unwissenheit ansehen und bezeichnen? Und diese ist doch wohlbemerkt ein Stück Freiheit. Freiheit auf die Dinge, die kommen werden und gleichzeitig die Chance mit einer invisible hand unser Leben zu steuern. Denn Ungewissheit liegt im Auge des Betrachters, bei denen, die das Licht nicht wahrhaftig spüren.

Doch sie spürte es ganz deutlich an diesem Morgen und schwor sich, es ab heute kostbar zu leben.

Nach dieser Erkenntnis und einer ausgiebigen, durchaus gewöhnungsbedürftigen Dusche, lief die 30 jährige in Richtung Speisesaal. Ihre Locken dufteten nach einem frischen Sommermix aus Mango, Granatapfel und Pfirsich, was ihr Herz höher schlagen ließ. Es gab doch nichts schöneres, als den Tag von früh an zu genießen. Diese beständige Glückswelle wollte sie um keinen Fall missen, auch wenn der letzte Abend nicht spurlos an ihr vorbei ging. Aber die junge Ärztin sprühte vor Tatendrang und positiver Energie, wie schon lang nicht mehr. Es wirkte, als habe sie das Grau von sich gespült. Wie in der Persil Werbung. Einmal rein und alles ist fein!

Gretchens Körper zierte ein bunt-geblümtes Sommerkleid, was sie spontan als Look gewählt hatte, ausnahmsweise fanden ihre Füße in cremefarbenen Korkschuhen ihren Platz und die Locken wurden nur mit einer kleinen Spange fixiert. Nicht zu vergessen war das offenherzige Lächeln, was den kleinen Hausmeister kurzerhand den Nagel in der Wand kostete, nicht weg zu denken. Im Speisesaal tummelte sich bereits Marc Meier, der ebenfalls eine ruhige, ausgelassene und sogar friedliebende Stimmung an den Tag legte. Seine Haare lagen locker, dennoch format-typisch frisiert, das weiße Poloshirt zeichnete seinen trainierten Körper und die schwarze Hose setzte ihre eigenen Akzente. Wohlbemerkt, dass sein Gesicht von einem offenen, durchaus freundlichen Blick geprägt war, vernahm Gretchen Haase nun auch ihre anderen Kollegen.

Bis auf Gigi, Mehdi und Gabi saßen bereits alle am Tisch, zudem sich die junge Ärztin mit einem hinreißenden „Guten Morgen.“ gesellte.

„Morgen Hasenzahn!“
„Guten Morgen, Frau Doktor!“
„Morgen, Haase!“
„Guten Morgen!“ wurde sie begrüßt.

Marcs Blick fiel sofort auf ihren Körper und auch Gretchen konnte sich den Anblick nicht verkneifen, was beide ruckartig wegschauen ließ, als sie den jeweils anderen bemerkten. „Haben Sie denn gut geschlafen, Frau Doktor?“ Sabine begann die Gesprächsrunde, wobei Hassi und Meierlein über fachspezifische Eingriffe plauderten. Mit einem euphorischen Nicken, meinte sie freundlich seufzend. „Ja, sehr gut. Danke. Und Sie?“

„Ach Frau Doktor wissen Sie, ich vermisse meinen Günni jetzt schon! Zum Glück haben wir…“ Die Krankenschwester rutschte etwas weiter gen Gretchen und wippte mit dem Kopf zu ihr, woraufhin die Assistenzärztin ihren Kopf ein Stück senkte und aufgeregt lauschte. Sie hatte durchaus Verständnis für Sabines Sehnsucht, oftmals ging es ihr nicht anders. Zumal Sabine wenigstens in festen Händen ist, allerdings kreiste Gretchens Kopf kurz um ihre Gedanken, als sie zu sich selbst meinte, dass sie immerhin Schokolade, einen Job und … Mh… ja, ihr Mädchenzimmer hatte. Just in diesem Moment klatschte sie sich die Hand gegen die Stirn.

„Alles klar?“ fragte Marc mit irritiertem Blick.

Welcher Hafer hat sie denn nun schon wieder gestochen? Hasenzahn ist eben eine Spezies für sich. Hat ja durchaus positive Seiten, aber deutliche Nachteile in sämtlichem Verständnis ihrer Dings hier… Gefühls… Lage…

„Jaja… Glasklar!“ Geziert grinste sie, fast ein wenig zu breit über den Tisch, denn bis auf Sabine, die wie ein Chinese zurück lächelte, hoben die anderen nur die Augenbrauen oder schauten sie fragend an. „…also Frau Doktor. Ich wollte Ihnen sagen, dass wir unsere letzte Nacht noch einmal richtig genutzt haben. Wie sagt man so schön? Liebe gemacht?“ Sabine freute sich sichtlich, was Gretchen zu einem leicht hysterischen Kichern veranlasste.

Oh mein Gott… bitte keine Röte! Bitte, bitte keine Röte! Chancen, dass ich unauffällig weggewischt werde, stehen 1 zu 1 Millionen. Dann doch lieber der Griff zu dem alt bewerten Mittel. Puder!!! Ein Hoch auf die Kosmetikbranche und ich dachte immer Chemie ist für gar nichts nützlich.

„Ist doch sch…ön…Sabine, nicht?“
„Ja. Wie in Doktor Rogelt. Eine heimliche Leidenschaft unter den Blicken des Hotels!“

Diese Aussage brachte den jungen Chirurgen zum Aufsehen, denn dieser Teil schwelgte ihm nicht durchlässig in den Gedanken. Es war die Zeit, als Elke mit Franz angebändelt hatte und ihre Midlifecrisis oder eher die fortlaufenden Wechseljahre besiegen wollte. Die beiden Ärzte röchelten sekündlich auf, was ihnen eine leichte Röte auf die Wangen trieb, denn spätestens als der Blick quer über den Tisch ging und sie einander ansahen, wussten sie, das sie mit demselben Gedanken haderten.
Wenigstens einmal, dass wir uns blind verstehen oder eher ohne Worte.

„Ersparen Sie uns die Details, Sabine. Mein Frühstück soll sich nicht gleich wieder verabschieden!“
„Na da kommen ja endlich unsere Turteltäubchen.“ Der Blick der bunten Gesellschaft rutschte auf die händchenhaltenden Ärzte, welche wie ein Honigkuchenpferd um die Wette strahlten.
Ist ja abartig…
Wie niedlich…


„Guten Morgen, ihr beiden!“ flötete Gretchen Haase mit einer kurzen Geste, indem sie die Augen zusammenkniff.

Immerhin waren die beiden glücklich und als gute Freundin empfand es Hasenzahn als Pflicht, sich mindestens halb so viel, wie sie selbst zu freuen. Die beiden nahmen locker atmend in der Runde Platz und unterhielten sich angeregt. Das Frühstück verlief rundum angenehm, was bei dieser Konstellation an Ärzten nicht unbedingt so sein musste. Nachdem das Nutella Glas alle, die Butter weich und die Brötchen hart waren, machten sich die Götter in Weiß wieder auf den Weg. Sie hatten definitiv über die Hälfte geschafft, aber bis zum Balaton würde es sicherlich noch etwas dauern.

Allerdings wussten sie noch nicht, dass einige von ihnen bald die Chance haben werden, nach Budapest zu fahren. Diese kleine Überraschung oder wohl eher dieses existentielle Detail hatte Franz Haase galant verschwiegen, was ihm im Nachhinein ein breites Lachen auf die Lippen zauberte.

Als die Fahrt im vollen Gange und dieses Mal Mehdi ans Steuer gegangen war, lauschten alle einem slowakischen Radiosender, der Marc Meier ziemlich schnell auf die Palme brachte. Gretchen unterhielt sich zu seinem Leidwesen, integrativ mit Gabi, was er mehr skeptisch, als erfreut beobachtete. Seine Arme lagen gemütlich auf dem Bauch verschränkt, während er tiefer in den Sitz rutschte und die Beine gegrätscht voneinander wippen ließ. Ohne große Umschweife, fragte er kritisch-prüfend nach, während seine Augen zu kleinen Schlitzen verengt wurden. „Seit wann redet ihr denn miteinander? Ihr hasst euch doch!“ Mit erhobenem Finger, wartete er gespannt auf eine Antwort, die die Frauen ihm nach einem kurzen Blickaustausch sofort gewährten. „Marc, im Gegensatz zu dir können wir uns zivilisiert unterhalten.“

„Zivilisiert!“ zischte er nickend und der Sarkasmus schwang deutlich in seinen Stimmbändern mit.
„Du weißt doch noch nicht mal, wie das geschrieben wird. Geschweige denn, was es bedeutet.“

„Marc, bitte!“ mischte sich Gretchen lehrerartig mit einem ermahnenden Unterton ein. Die beiden Frauen hatten sich keineswegs befreundet, wie es so oft in den Frauenratgebern stand, aber es tat ihnen beiden sichtlich gut, mit jemand Außenstehenden zu reden.
Gut, sie sind sich nicht fremd, von kennen konnte allerdings auch keine Rede sein. „Musst du mich immer so bevormunden? Du hast doch eindeutig zu viel Supernanny gesehen!“

Seine Stimme klang spitz, gleichzeitig machte es den Anschein eines deutlichen Machtkampfes. „Musst du immer so kindisch sein. Bei dir sitzt echt der Affe im Kopf!“ Gabi grinste lautstark, wobei eine Hand vor ihren Mund schellte und sie abwartend zwischen Marc und Gretchen hin und her blickte. Ihre Streitereien waren einfach Kult, umso schöner, wenn endlich mal die Möglichkeit bestand dies auf einen längeren Zeitraum zu beobachten. Das Fernsehprogramm ließ schließlich auch deutlich zu wünschen übrig, wieso dann nicht etwas Reality-Soap hautnah miterleben?

„Im Gegensatz zu dir, hab ich dafür kein überschüssiges Fett auf den Hüften. Pass mal auf, sonst siehst du irgendwann aus, wie ein reiner Fettkloß.“ Gretchen schluckte. Immer musste dieser Mann in eine fiese, provokante Richtung gehen. Dass sie nicht die perfekte Figur hatte, wusste sie, aber warum um alles in der Welt musste er ihre Zweifel immer stützen?
Es reichte durchaus, wenn sie sich lange damit auseinandersetze und schließlich hatte nicht jeder das Glück, einen beinahe perfekten Körper geschenkt zu kriegen. „Danke, Marc.“

Sie schloss nickend die Augen und funkelte ihn Sekunden später aufgewühlt an. „Danke, dass du immer mit den alten Kamellen anfangen musst. Wird dir das nicht irgendwann mal langweilig? Man sollte meinen, dass du als ach so toller Oberarzt, wie du immer zu sagen pflegst…“ sie warf die Arme theatralisch in die Höhe, während Maria dem ganzen etwas mehr Beachtung schenkte, in dem sie ihr Wohnmagazin zur Seite legte und gespannt einen Arm auf den verschränkten Beinen abstütze, der wiederum als Stütze für ihren Kopf diente. „…aus dem Kindergarten herausseien müsstest. Ich hab da jedenfalls keine Lust mehr drauf.“ Margarete hatte sich richtig in Rage geredet, was die geröteten Wangen und das herumschlagen ihrer Arme sehr deutlich zum Ausdruck brachten.

„Keine Sorge, bist mich bald los.“ Auf diese unüberlegte Aussage, trafen alle Blicke auf Marc und Mehdi legte kurzerhand eine Vollbremsung vom aller feinsten hin.
Falscher Ansatz, Meier, ganz falscher Ansatz…

„Was soll das heißen, wir sind dich los?“

Gretchen kam die ganze Sache suspekt vor und sie verspürte ein drückendes Gefühl in ihrer Magengegend. Vielleicht war das Nutella Brötchen doch zu viel gewesen, aber die Entzückung über den slowakischen Schokoaufstrich, mit derselben Verpackung, wohlbemerkt, hatte sie dazu verleitet. Marc atmete genervt aus, was seinen Kehlkopf hervorprägte und er legte den Kopf tief in den Nacken. Sein potentiell guter Tag würde in einem einzigen Dilemma enden, das sah er schon fest vor seinem geistigen Auge.

„So wie ich’s gesagt hab, Hasenzahn! Und Mehdi jetzt krieg dich wieder ein und halt nicht den ganzen Verkehr auf.“ Damit endete das Thema, zumindest für ihn, denn Gretchen Haase hatte andere Pläne. Mittlerweile hatte sie ihren Körper in den Gang gedreht, sodass die Beine über der heruntergeklappten Armstütze baumelten. Ihre Hände schob sie kurzzeitig unter diese, um dem ewigen koordinationslosen Herumfuchteln ein Ende zu setzen.

Ich hab mich doch sicher nicht verhört! Sollte aber doch eine Kontrolltermin bei meinem HNO-Arzt machen, denn eine Durchsicht in vielerlei Hinsicht könnte nicht schaden. (kurzes überlegen) Und selbst wenn, tzzz… mich würde es eh nicht stören, ob Marc Meier geht. Was bildet der sich eigentlich ein. Bin doch nicht von ihm abhängig… tz… aber wenn er doch geht…. Gretchen Haase, jetzt mal‘ nicht gleich den Teufel an die Wand… wobei mit Marc wäre er quasi schon abgebildet, ein sehr charmanter, gutaussehender und talentie-… Moment mal, werde nicht schmachten… Nie im Leben! Aus! Pfui! Bäh! Gretchen! Aber wenn er, wenn er, wenn er… geht???

Gretchens Gedanken spielten Pingpong, was Marc ein wenig belustigt wahrnahm. „Mehdi, lass dich nicht von Dr. Fiesling irritieren und fahr vorsichtig weiter!“ tadelte Gina Amsel in typisch großmütterlicher Manier.
Ihm blieb die Frage, trotz seines umfangreichen Wissens offen, wie man im 21. Jahrhundert noch Brillen aus dem 1. Weltkrieg und Röcke aus den goldenen Zwanzigern tragen konnte. Die Vogelscheuche bestellte sicherlich ihre Sachen im DDR-Shop, wenn sie denn überhaupt mal welche kaufte. „Doktor Fiesling?“ hakte der Oberarzt belustig nach und senkte den Kopf leicht nach vorn.

„Ja!“ nickte sie apathisch und fest entschlossen. „Dududu…Du schnauzt Gretchen an und machst hier einen auf `Mh-Ich-bin-so-unwiderstehlich`, aber in Wahrheit hast du keine Größe.“

Das saß.

Verdattert blickte der Oberarzt zu der Chirurgin und gab ihr nur ein abschätziges „Tzzz!“, während Gabi zu Kenntnis nahm, dass Marc Meier endlich mal Sprachlos war und dies nicht wie damals über ihre plötzliche Schwangerschaft…

Ihr Gedanke riss ab und wieder fühlte sie ein verdächtiges Ziehen in ihrem Kiefer, der Kampf mit dem ewigen festen Schlucken, verhinderte den aufsteigenden Kloß in ihrem Hals nicht wirklich und auch ein tiefes Einatmen half nicht gegen die gestandenen Tränen.

Sie hatte ihnen zu selten Bedeutung geschenkt oder sie hinausgelassen, nun bekam sie die Rechnung. Einmal Hochwasser, bitte!

„Gabi?“ Marias Gesicht wurde von ungläubigen Fältchen gezeichnet, während sie fragend und unter Umständen irritiert zu der Krankenschwester blickte. Anfangs bekamen Marc und Gretchen das nicht mit, denn Gretchen schmetterte ihm gerade eine verzweifelte Ansage nach der Nächsten an den sturen Kopf. Es wurde lauter, wenn es Mehdi unschuldig, jungfräulich oder auch stark abgewandelt ausdrückte. Diese zwei würden sich für ewig im Sandkasten die Schaufeln um die Ohren knallen und wenn Gretchen einen deftigen Schlag gesetzt hatte, würde Marc ihren Sandhaufen kaputt machen, woraufhin bei klein Hasenzahn die Dämme brechen. „Wie? Was? Gabi?“ Perplex stotterte die junge Ärztin, ehe ihr Kopf in Richtung Gabi schellte. Die hielt sich schützend die Hand vor die Augen, denn die Blöße wollte sie sich nicht geben. Sabine tätschelte ihr bereits bereitwillig die Schulter, allerdings wehrte sie diese liebgemeinte Geste ab.

Die Therapie hatte ihre Ziele nicht verfehlt, ganz klar, aber es gab Tage an denen es ihr schlichtweg zu viel wurde. Die permanente Zickerei gegenüber ihren Kollegen, nur um nicht zeigen zu müssen, wie es wirklich um ihre Gefühle stand, gingen selbst einer zähen, pragmatischen Frau wie Gabi an die Substanz. Wenn sie dann allein im Schwesternwohnheim saß und Züge von Sentimentalität auftauchten, überspielte sie diese, wie das Wasser, wenn man in den Genuss einer scharfen Chilischote kam, die ordnungsgemäß mit Brot gestillt werden sollte. Mit dem falschen Mittel kam der Widererkennungswert, nur leider gab es dagegen kein Medikament. Zumindest keines, was selbst Gabi Kragenow zu hart und devot gewesen wäre.

Instinktiv hätte sie sich ohrfeigen können in eine derart peinliche und doch sorgsame Misere interveniert zu sein.
„Was ist denn jetzt los?“ Marcs Verwirrung klang seiner Stimme gleich. Frauen und ihre Flüssigkeiten, tz… daran würde er sich nie gewöhnen können, gleichzeitig streckte er desorientiert die Hand aus. „Nichts, was dich interessiert.“ Mit wenig Beachtung, hockte sich die angehende Chirurgin zu der brünetten Krankenschwester und blinzelte durch ihre blauen, fesselnden Augen aufmunternd zu ihr auf.

„Gabi, schhh… alles wird gut! Beruhigen Sie sich.“ Ohne große Zierde sah sie auf und rief gen Mehdi. „Kannst du mal bitte an der Raststelle anhalten?“ Mehdi folgte ihrer Anweisung widerstandslos, was Gigi prüfend hinnahm.

Warum leistete er immer und ohne jegliche Beschwerde, Folge? Unwillkürlich stellte die Blondine mit den verwaschenen, strohigen Haaren fest, dass es durchaus Makel an ihrem Freund gab, die sie tief durchatmen ließen und trotzdem breitete sich unweigerlich eine leichte Aggression aus. Sie verstand beim besten Willen nicht, wieso er so tiefgründig nett und schmachtend lebte. Wieder zeichneten sich die Seiten des Marc Meiers als eine Art Bann aus, denn auch Gigi war ihm unwiderruflich und unwillkürlich hoffnungslos verfallen. Dem Charme, der lockeren, unnahbaren, aber gleichzeitig mysteriösen Erscheinungsweise.

„Kommen Sie mal her!“

Auf der Raststätte schloss Gretchen die Arme fest und haltend um die Schwester, doch diese riss sich los und lief in das angrenzende Waldstück.
Ein wenig frische Luft könnte ihr jetzt nicht schaden und außerdem musste nicht jeder mitkriegen, dass es ihr scheiße ging.

Unterdessen brachte Gretchen Marcs desinteressierte, formale und gefühlskalte Art wie einen Vulkan zum Ausbruch. Langsam war Schluss! Er hatte die Minimumgrenze des notdürftigen Endes der Skale deutlich und unpassender denn je überschritten. Sie steckte viel weg, wusste, dass Marc es oftmals nur so daher sagte, vergab ihm, wo es nur ging und tat buchstäblich fast alles, um seinen Ruf als Eisklotz zu dementieren, aber auch sie hatte ihre Schmerzgrenze. Marc Meier hatte den Super-GAU ausgelöst und das nicht einmal, weil er sie selbst mit einem fiesen Spruch drangsaliert hatte, sondern weil er einen unschuldigen Menschen, der bereits genug litt, in seine Unannehmlichkeiten mit ihr hineinzog. Ihre Ohren begannen zu glühen und auch der Versuch einen Blick auf sie zu werfen, ging nach hinten los, aber mit energischer Stimme und blitzenden Augen, einem aufstampfenden Fuß und den Armen vor den Kopf geklatscht, ließ sie ihrer Wut freien Lauf.

Zumindest maßstäblich wie es für eine Margarete Haase möglich war, aber allen stand der Mund einige Zentimeter durch Sprachlosigkeit offen. „Jetzt hörst du mir mal zu, Marc Meier. Ich hab es langsam satt und es steht mir bis hier oben,…“ zeigte sie an ihre Stirn.

„… dass du alle Menschen wie einen billigen Fußabtreter behandelst. Ich weiß, wie du bist und dass wir einige Dinge so hinnehmen müssen.“ Ihre Stimmlange wurde deutlich leiser und eindringlich suchte sie seinen Blick, der ihre Augen von rechts nach links schwingen ließ. „Und soll ich dir was sagen, wir machen das sogar gern, weil du uns allen nicht egal bist, wie du immer barsch von dir gibst. Aber es gibt eine Schmerzgrenze und die hast du deutlich überschritten. Wenn du mit dir nicht zufrieden bist, dann lass es nicht immer an anderen aus und vor allem…“

Hasenzahn kam ihm bedrohlich nahe und legte fast noch in der Luft ihren Finger auf seine Brust. Dabei tauschte ihr Blick von dieser zu seinen Augen,´die sie voller Ehrfurcht und Sprachlosigkeit, fragend und abwartend ansahen. Ab und an presste er die Lippen aufeinander, fast so als ob von ihm eine absurde Frage beantwortet werden sollte und er ernsthaft darüber nachdachte.

„… beleidige keine Menschen, die ein Schicksal hinter sich haben, was für eine Frau, nebenbei bemerkt, das Schlimmste neben einer Unfruchtbarkeit ist.“ Ihre Stimme wurde hauchdünn. „Und zwar ihr Kind zu verlieren.“ Fast schmerzlich schaute sie hoffend in seine Augen, während sie an Festigkeit erlangte. „Du müsstest es doch wissen!“ Fragend sahen die anderen sich kopfschüttelnd an und Maurice fragte schließlich sachlich.

„Hä, hat der Doktor Meier ein Kind verloren?“

„Klappe!“ schossen ihre beiden Köpfe zu dem Arzt und fanden sich schnell wieder.

Es lag Feuer in der Luft und weit und breit kein Wasser in Sicht. „Wo war ich?“ Für einen Moment schaute Gretchen irritiert und mit hochgezogener Lippe drein, fand den Faden recht schnell wieder.

„Ach so ja… Spring endlich mal über deinen Schatten und zeig, dass in Marc Meier auch ein richtiger Mann steckt. Keiner will das Kind mit den dämlichen Streichen und Hänseleien. Gabi hat übrigens auf den Tag vor einem halben Jahr ihr Baby verloren. Ecken und Kanten hat jeder, aber man muss auch mal bereit sein, die Spitzen zu schleifen!“

Mit dieser letzte Aussage, die ihre Intension keineswegs verfehlte und einem ernsten Blick, drehte sie sich um und rannte so schnell es eben ging in Richtung Gabi.

Marcs Hals pochte, dieser Zustand war nicht beschreibbar, denn besonders ihre Anspielung auf seinen Vater und die damit verbundene Vergangenheit rissen ein Loch auf, das schon lange Zeit als gestopft geglaubt war. Dem Chirurgen machte es nie etwas aus, seinen durchtrainierten Körper unter schau der Menschen oder besser gesagt Frauen zu stellen, in diesem Moment fühlte er eine unangenehme Blöße und er wirkte nackt. Innerlich beeindruckte den gutaussehenden Oberarzt Gretchens Ansage um Längen, denn er wusste nicht, wozu sie im Stande zu sein schien. Bis jetzt! Er stand wie er stand, mit den Händen in den Hosentaschen und einem mehr oder weniger nachdenklichen Ausdruck.

Ohrfeigen, Foltermethoden, Gehirnwäschen, Chromosomenaustausche oder auch die Flucht fand er im Augenblick als angemessen, und in dem letzten Funken Hoffnung breitete sich der Gedanke einer Entschuldigung aus. Schon wieder und für Marc total skurril, aber eine Chance.

Vielleicht die einzige.

Elli Offline

stellv. Admine


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02.06.2014 21:18
#43 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hallöchen ihr Lieben!

Da ich im Moment ganz gut gerüstet bin und euch mal etwas Gutes tun will, gibt es heute schon ein neues Kapitel. Bin gespannt, was ihr von meiner Form der Fortsetzung haltet, lasst es mich wissen! Ansonsten bedanke ich mich wie immer für die motivierenden Kommentare. Vielen herzlichen Dank!

Glg und einen schönen Abend!
Eure Elli




Wie vom Blitz getroffen, sah der Chirurg mit tiefgelegter Stirn und großen Augen in die Waldbucht, in welche Gretchen vor wenigen Minuten verschwunden ist. Ohne den anderen auch nur den Hauch einer Beachtung zu zuwenden, rutschten die filigranen Hände von Marc aus seinen Hosentaschen und zack setzte er sich in eine deutlich dynamischere, rapidere und schnellere Bewegung, als es Gretchen eben getan hatte. Die Kollegen schüttelten bei dem Anblick nur missverständlich, teilweise auch abschätzig die Köpfe. Keiner von ihnen hatte ein Problem mit Titulierungen jeglicher Konversationsaussetzungen von Meier und Haase, aber irgendwann riss auch der letzte Geduldsfaden. Selbst Maria wusste, dass die beiden einander „mochten“, aber keiner konnte über seinen Ego-Schatten springen und den ersten Schritt wagen. Mit schmerzverzehrtem Gesicht hielt sich die Neurochirurgin den Kopf und schüttelte ihn abschätzig.

„Wenn das so weitergeht, dann geh ich freiwillig ins Ghetto!“ Daraufhin schauten sie die 4 Ärzte unwirsch, irritiert und ungläubig an.

Einige Meter entfernt lungerte Gabi auf einem Brocken an einem kleinen Flusslauf, während Gretchen orientierungslos durch das Gestrüpp irrte und nach jedem zweiten Schritt apathisch an ihre Wade klatschte, weil sie den Verdacht hatte, dass sie entweder bestochen, gebissen oder in etwas hereingetreten war. Marcs Schritte lagen nur noch wenige von Gretchens' entfernt, die zu ihrer Begeisterung über die Natur, noch von sarkastischer Freude über das Aufkreuzen von Marc Meier gepeinigt war.

Was musste dieser Idiot auch in diesem Moment die Eingebung erlangen, doch mal auf sie zu hören und seine Fehler gerade zu biegen?

Das musste definitiv ein genetischer Fehler sein, dachte sie kopfschüttelnd, allerdings wies die männliche Spezies deutlich mehr Defekte auf, als eine Lappalie, die in dem Falle keine darstellte. Ansonsten stünden die Chance auf eine baldige Weiterfahrt im grünen Bereich. Gretchen zog das elende Gestrüpp auseinander, fluchte angemessen vor sich hin und schaute orientierungslos in der Gegend umher. In sich ergriff die junge Ärztin den Gedanken, dass sie 100%- ig zu gut für diese Welt war, warum würde sie auch sonst einer beiläufigen Kollegin durch den Wald folgen, nur um sie zu trösten?

Immer ich… Korrektur: Warum immer ich? Marc Meier verzapft das Ganze und ich bin diejenige, die wieder alles ausbadet. Ich bin schlecht. Werde beschließen ab sofort nicht mehr für die Machenschaften von Marc Meier einzustehen und stattdessen meine… nun ja anhaltende Karriere wieder in Schwung zu bringen, genau! Warum muss er es auch immer übertreiben? Er weiß doch ganz genau, dass Gabi ihr Baby verloren hat. Na gut (nachgiebig) vielleicht nicht, dass es auf den Tag genau passiert ist, aber allgemein. Er muss nicht immer wie ein Eisklotz durch die Gegend laufen-wobei? Die schmelzen eigentlich Stück für Stück. Naja, wenn Marc mal schmelzen würde, trinke ich eine Flasche Wodka auf Ex,…(große Augen) Oh mein Gott, hoffentlich macht er das nicht. Notiz an mich: Nicht nochmal so ein Erlebnis wie in der 8. Klasse. Mir hängt die Whisky-Bowle mit ekelhaftem Kohlrabi-Geschmack immer noch zum Hals heraus-

In ihrer Tollpatschigkeit, dauerte es keine zwei Sekunden und Margarete Haase machte Bekanntschaft mit dem moosigen Waldboden, der zu ihrem Überfluss mit kleinen Ameisen und Spinnen versehen war.

Nie wieder hohe Schuhe! Hätte gleich wissen müssen, dass ich in unberechenbare Situationen manövriert werde! Au…
Wenn es kam, dann schon doppelt und dreifach, weshalb sich die junge Ärztin mehr putzig und ungeschickt, versuchte aufzurappeln. Als sie einigermaßen sicher stand, wippte ein wirscher Batzen Haare schräg über ihren Scheitel und versperrte ihr kurzzeitig die Sicht auf das ewige grün, braun, und abermals grün!

„Hasenzahn, du bist auch wirklich zu blöd um ordentlich zu laufen, was?!“

Hinter Gretchen tauchte eine wohl bekannte Stimme und Gestalt in Form eines Mannes, genauer gesagt ihres Oberarztes, auf. Er amüsierte sich sichtlich über die Tollpatschigkeit seiner 1. Assistenz und kam um ein genugtuendes Zähne zeigen nicht drum herum. Na klasse, der hatte ihr gerade noch gefehlt. Vorhin lief er hörbar noch einige viele Meter von ihr entfernt, und jetzt zeigte er sich mal wieder super komisch, weil er Gretchen auf frischer Tat beim nächsten Pfützen-Lauf erwischt hatte. Als sie sich mit hängenden Schultern, einigen Ästchen in den Haaren und einem grummelnden Geräusch umdrehte, sah sie Marc abermals auflachen, wie er eine Hand vor den Mund hielt und vergebens versuchte die Geräusche zu unterdrücken. Allerdings sah Hasenzahn göttlich aus und unter anderen Umständen hätte er sein Handy gezückt, um ein Erinnerungsschnappschuss zu machen. „Was?“ fuhr sie ihn forsch an und hob fragend die Hände.

Erst jetzt verspürte sie das Brennen und Ziehen an ihrem Gelenk und einen prüfenden Blick später, sah sie die Schürfwunde an ihrem äußeren rechten Knöchel. Leicht gekraust, verzog sie die Stirn und sah nicht wieder zu Marc auf. Der verfolgte ihren Blick und zuckte kurz nach dem Motto „Das-ist-nicht-dein-Ernst“ mit der rechten Augenbraue.

„Komm Hasenzahn, das ist nur ein Kratzer!“ deutete er locker auf ihr Gelenk, während er sich suchend nach Gabi umschaute.

Nicht, dass es ihn sonderlich stören würde, wenn sie weg wäre, aber auch er besaß so etwas wie eine Schmerzgrenze, wahrscheinlich auch für seine Gemeinheiten, denn das ging auch ihm zu weit. Erbarmend seufzte er auf, warf seinen Blick auf Gretchen, die rudernd versuchte der nächsten Landestation zu entkommen und griff kurzerhand zwischen ihre Arme. „Ich kann das allein!“ protestierte sie und entzog sich seinen Armen, ehe sie leicht humpelnd, wegen einigen Kratzern, aber auch in ihrem Fuß kribbelte es verdächtig, das Weite suchte oder bessergesagt Gabi.

„Ja, das seh‘ ich.“ Prüfend sah er sie an und nickte in ihre Richtung. „Du tust ja schon bei einem Kratzer so, als müsstest du sterben. Da will ich nicht wissen, was passiert, wenn du dir mal den Fuß brichst.“
Blöder Idiot! Aber sü- STOPP!

Von ihren Gedanken ertappt, breitete sich augenblicklich eine unangenehme sichtbare Röte auf ihren Wangen aus, was Marc Meier ebenfalls zu Kenntnis nahm. „Das tut ja auch weh!“ motzte sie mit einer wimmernden Mine, die für sie selbst fast kindisch wirkte, aber was sollte man tun, die Präzession des Gesichtes war auch nicht mehr das, was sie noch vor 10 Jahren verdeutlichte. 30 hin oder her, die ein oder andere zähe Stelle bildete sich schon, wobei Gretchen Haase fest auf Marc Meier als Übeltäter setzte. Er hatte ihr schon so einige Anläufe für Sorgenfalten bereitet.

„Stell dich nicht so an!“ Wieder griff er ruckartig nach ihrem Arm und zog sie von dem steinigen Boden etwas zu sich, damit sie in ihren hohen Hacken wenigstens annähernd flachen „Moosteppich“ unter den Füßen hatte. „Ich stell mich überhaupt nicht an, das ist mein Ernst!“ Abweisend drehte sie sich um, fasste sich wieder an den Knöchel und lief halb gebückt gen Nirgendwo. Der Chirurg hob verständnislos die Arme und hakte verwundert-irritiert nach. „Und wo willst du denn jetzt hin?“ Dabei zog er seine Stimme rapide in die Höhe und sprach unnatürlich schnell. „Zu Gabi.“

Diese Frau macht mich wahnsinnig.

„Jetzt bleib halt mal stehen,…“ stöhnte er gepeinigt und lief ihr zähneknirschend hinterher. „Wieso denn?“ rief sie ruppig und es wirkte fast, als sei sie entsetzt. Die Frage war nur, warum? Erst redeten sie kein Wort miteinander, dann galt der Tag als positiv und stressfrei, bis auf die elende Fahrt und dann saß bei Hasenzahn mal wieder ein Schokostück krumm.

Ne Bedienungsanleitung wäre echt von Vorteil… wobei… bei Hasenzahn hilft womöglich nicht mal das. Ist eben eine Spezies für sich, Kratzbürste!
Marc kaute auf, zog im selben Atemzug die rechte Oberlippe nach oben und die Augenbraue tat es ihm gleich.
Klasse, wieder der Checker, ach ich vergaß, ist ja mein Oberarsch…

Als er sie am Arm packte, stellte Gretchen unwiderruflich fest, dass sie seinen starken Händen nicht entkommen würde, es sei denn er gäbe sie frei. Kurz schmunzelte sie, denn ihre Träume setzten ein.
Fast wie bei Rapunzel oder Dornröschen oder Schneewittchen oder-

„Hasenzahn!“ schnippte Marc vor ihrem Gesicht mit dem Finger. „Was…wo?“ Ihre Locken standen noch immer in alle Himmelsrichtungen und der verwirrte Gesichtsausdruck trug zu diesem zauberhaften Anblick bei. Abermals lag Marc der nächste Spruch auf der Zunge, aber dem Frieden halber, verkniff er sich diesen.
„Los jetzt, geh zum Auto. Ich komm gleich!“ Pfiff er gen Süden.

Mit einer Margarete Haase ließ sich allerdings kein Schabernack in diesem Ausmaß treiben, weswegen Gretchen ihre Stimme etwas dämpfte und ruhig, fast schüchtern weitersprach. „Ich weiß nicht wohin!“
Klasse Gretchen, das war’s mit dem Image als gefühlslose, karrierebesessene Frau mit hohen Schuhen.

Ohne ihr groß Beachtung zu schenken, trat auch Marc in die Distanz, welche die Tage zwischen ihnen geherrscht hatte, über und schaute an ihr vorbei. „Dann warte halt hier.“ Unbeirrt ging er einige Schritte, ehe er sich nochmals umdrehte, denn von einem Protest ihrerseits kam nichts. Da sagte doch glatt die angespannte, unerträgliche und untypische Situation den beiden „Hallo“. Es wirkte wie aus der Luft gegriffen, aber es versetzte beide in den Zustand vor noch wenigen Minuten. Die direkte, drängende Ansage splitterte dabei funkenmäßig hinein und trug seinen Teil dazu bei. Jedoch beeindruckte es Marc auf eine skurrile und fast absurde Weise, dass Hasenzahn seiner Aussage tatsächlich Folge leistete. Er betrachtete kurz ihre Seitenansicht, ehe er aber ein Wort erhob, schüttelte der Chirurg resigniert den Kopf und lief weiter in den Wald.

Einige Meter entfernt, hörte Marc dann endlich das befreiende Schniefen der Krankenschwester, denn innerlich atmete er tief aus, dass er sie gefunden hatte und nicht wie ein Neandertaler durch den Busch stapfen musste, um das Weib zu finden. Als Marc durch das Geäst ihre Rückenfront erblickte, gab auch er zu, dass ihn die Situation nicht vollends kalt ließ, andererseits wusste er nicht einmal genau, was er verbrochen hatte. Schließlich hatte er nur mit Gretchen auf Kriegsfuß gestanden, nicht etwa Gabi. Schulterzuckend marschierte er auf die Mitte 20 jährige zu und stellte sich für einige Sekunden nur schweigsam neben sie. Sein Kopf kippte, als er auf sie herabsah. Gabi Kragenow schaute ausdruckslos geradeaus und schniefte abwechselnd. Soweit es Marc beurteilen konnte, schwappten die Tränen nur mäßig aus ihren Augen, vielmehr brannten sie sich in ihre Augäpfel. Die Hände faltete sie fast förmlich auf ihrem Schoß und machte keine Anstalten aufzuschauen.

Weiber!

„Ehm… Gabi… also ich… hier…“ stockte Marc immer wieder und gab ein tiefes Seufzen, gepaart mit einem Räuspern von sich.

Starr in ihrer Position verankert, zog sie die linke Augenbraue hoch und schien interessiert, aber gleichzeitig abwesend, abzuwarten, was der ach so feine Herr Doktor zu seiner Verteidigung zu sagen hatte.

„Boa ey… du weißt, dass ich sowas ne kann… aber hier es…“ stumm formte er die nächsten Worte und strich sich angespannt über den drei Tage Bart.
„…tut mir leid…okay?“ Fragend hob er seine Augenbrauen.

Jetzt drehte Gabi fast mechanisch ihren Kopf in seine Richtung und schaute stufenartig zu ihm nach oben. „Großartig, Marc.“ Klatschte sie, lächelte dabei fast verächtlich. Mit einem ehrlichen, gleichzeitig aber oberflächlichen Atemzug, fuhr sie ernst fort.
„Marc, es geht mir um keine geheuchelte Entschuldigung. Tut mir leid, aber darauf kann ich verzichten.“

Verwundert schaute Marc mit erhobenen Augenbrauen und fragendem Blick in ihr Gesicht. Hässlich war sie nicht, denn sonst hätte er sich vermutlich nie mit ihr abgegeben. Aber immer, wenn er sie sah, schaute er in ein schwarzes Loch. Es berührte ihn nicht minder oder mehr, als bei einer anderen Tussi, aber es zog die Tiefe einige Grade schärfer in sich. „Äh-“

„Das war keine Frage.“ Unterbrach sie ihn ernst.

So ernst, dass es fast gruselig wirkte, denn eigentlich kannte Marc Gabi immer als lockere, nichts ernst nehmende Frau mit ihren eigenen Vorzügen und absurden Absichten. „Der dicke Haase steht vielleicht auf sowas, ich nicht! Außerdem hast du noch nie viel Mitgefühl für meine Situation aufgebracht, wieso also jetzt?!“ Verächtlich schnaubte sie auf und stand schließlich balancierend vom dem Brocken Grau auf.

Auf Augenhöhe mit Marc, zumindest annähernd, wanderten ihre Augen über sein Gesicht und blieben an seiner Stirn hängen. Der Chirurg presste abwechselnd die Lippen aufeinander und sah Gabi mit einer Kombination aus Missverständnis, Ahnungslosigkeit und Verwirrung an. Mittig hoben sich seine Augenbrauen wellig an und zogen sich zusammen. „Pass mal auf Gabi,…“ straffte sich Marc Brust und Stimme, währenddessen legte er seine Finger kurz migräneartig an den Nasenknochen und schaute sie wenig später hart an. Seine Stimme wirkte dabei fest, erwachsen und solide.

„Ich hab das Ganze dem Frieden willen gemacht und hauptsächlich damit Hasenzahn nicht gerad Amok läuft. Mich interessiert es herzlich wenig, was du über mich oder sonst wen denkst, genauso wenig hab ich keinen blassen Schimmer, weswegen ich mich bei Dir entschuldigen sollte, schließlich hab ich nichts verwerfliches gesagt, ja?! Also krieg dich mal wieder ein.“ Mit dieser Ansage traf Marc Meier den Nagel auf den Kopf, nicht, dass er ein Problem damit hätte, wenn jemand von den Knalltüten ein falsches Bild von ihm hatte, aber es kotzte ihn an immer und überall der Arsch zu sein. Schließlich gab er sich diesen gern und abwechselnd in verschiedenen Situationen, aber nicht bei jeder Kleinigkeit und schon gar nicht, wenn ihm einer den schwarzen Peter immer wieder zuschob. „Von mir aus, mach was du willst, aber regle das wenigstens mal mit der Haase. Im Gegensatz zu dir, ist sie wenigstens loyal und nicht menschenverachtend.“

Der Punkt galt definitiv Gabi.

Mit erhobenem Finger auf seine Stirn, rief Marc ihr patzig entgegen. „Lass Hasenzahn daraus. Wenn wir das dann jetzt geklärt hätten und die Hormone sich wieder beruhigt haben, kannst du ja deinen Arsch wieder zur Kaserne bewegen.“ Er warf den Kopf auffordernd in Richtung Wald und rief ihr scharf „Zack!“ entgegen. Beide steuerten den Rückweg an, wobei Gabi hinterher trottete und Marc wohl oder über belächelnd nachsah. Das war echt nicht zu fassen, beide stur wie ein Ochse, aber den Mumm sich mal etwas einzugestehen oder miteinander zu reden, besaßen sie nicht.

Diese Reise würde noch so einiges mit sich bringen und nicht zuletzt spannende Revierkämpfe zwischen dem Macho und dem Moppel, dessen war sich Gabi sicher. Irgendwann fluchte Marc dann genervt und gepeinigt, weil von einem blonden Lockenkopf nichts zu sehen war.

Kann diese Frau einmal das tun, was man ihr sagt?! Nee, wenn einer grün sagt, meint die rosa! Furchtbar… Boa Meier immer lässt du dich auf so einen Scheiß ein, warum biste ne schon vorher gewechselt, da hättest du das Problem jetzt ne, aber nein… Idiot!

„Was ist denn?“
„Hasenzahn spielt wieder Emanze und hat den Weg ne gefunden. Ich hab ihr gesagt, dann soll sie halt hierbleiben. Aber Frauen haben’s ja allgemein ne so mit’m zuhören.“ Das Letzte nuschelte er, für die Krankenschwester noch gut verständlich und warf ihr einen kurzen provokanten Seitenblick zu, ehe er sein Handy zückte und Mehdi anrief, ob die Nervensäge schon am Rastplatz stand. Aber auch Marc spielte das Schicksal übel mit, weshalb er frustriert das Handy in seine Hosentasche steckte und tief durch die Nase ausatmete. „Ok. Du gehst hier gerade weiter und ich such mal Frau-ich-kann-alles-und-mache-nie-das-was-mein-Oberarzt-mir-sagt!“

„Na dann, viel Spaß!“ lachte Gabi gekünstelt auf und rief ihm aus sicherer Entfernung zurück. „Wenn wir keine Lust mehr haben, fahren wir und ihr könnt Tarzan und Jane spielen.“ Der Chirurg winkte nur parallelisiert vor seinem Gesicht hin und her und zischte zu sich selbst grinsend. „Schlampe!“ Dann stampfte er weiter in eine beliebige Richtung in der Hoffnung, Hasenzahn aufzugabeln. Schließlich kam die eh nicht weit, weshalb er mit einem zügigen Gang das vermeintliche Ziel schneller als gedacht, erreichen könnte.

Gretchen krakelte nur provisorisch durch das Gestrüpp und murmelte vor sich irgendwelche unverständlichen Wortsilben hin, während ihre Gedanken mal wieder Trampolin sprangen. Sie dachte nicht im Leben daran, als sie allein im Moos hockte, auf diesen blöden, charmanten, schwierigen, gutaussehenden, fiesen, niedlichen Trottel zu warten. Immerhin hatte sie es allein durch Afrika geschafft, da würde eine kleine Wanderung durch den Wald mit eventuellen Sackgassen doch keine Gefahr darstellen.
Mh… leider hatte ich in Afrika immer jemanden dabei!

Schnell schüttelte sie mit verdrehenden Augen den Gedanken ab und hörte im nächsten Moment einen krachenden Ast. Schützend zog die junge Ärztin ihre Schultern bis zum Anschlag hoch und verengte die Augen. Hoffentlich waren es keine Kannibalen.

Wobei? Vielleicht sind die ja satt? (kurze Pause) Mensch Gretchen, jetzt reiß dich mal am Riemen und tu nicht so, als ginge die Welt unter…(stutzen) die Welt vielleicht nicht, aber womöglich meine geliebten Kurven… MOMENT mal, hab ich gerade gedacht, ich liebe meine Kurv… bloß nicht!

Marc Meier erlaubte sich auf den göttlichen Anblick einen kleinen Scherz und schlich sich geräuschlos von hinten an. Selbst wenn Margarete Haase es gehört hätte, galt die Hauptbeschäftigung eindeutig ihrem Unterbewusstsein mit dem sie nach Marcs Ansichten nach einen harten Kampf führte. Gesagt, getan- schlich sich der Chirurg an, grinste bereits schelmisch und patschte mit seinen Händen eine Sekunde später gegen Gretchens Schulterblätter. Allerdings achtete er durchaus auf ihre noch vorhandene Röte und die damit verbundene Schwellung. Sie sah zwar minimal aus, aber trotzdem ließ sich Marc in seinem Beruf nichts nachsagen.

Der gewünschte Effekt kam schnell und brachte ein lautstarkes Lachen seinerseits mit sich. Verwundert und etwas neben der Spur drehte sich Gretchen Haase um und verschränkte ihre Arme mahnend vor der Brust. Marc tat allerdings nicht dergleichen und lachte noch herzlich, was bei Gretchen wohl oder übel ein Kribbeln der Extraklasse auslöste und ein Gefühl von Geborgenheit tanzte um sie herum.
Ob Marc überhaupt tanzen kann? Ich meine damals auf der „Kostümparty“ (grinsen) meiner Eltern fühlte sich das ganz gut an, aber so genau weiß ich das heute auch nicht mehr. Wenn man nicht alles haarklein dokumentiert…hach… sieht man ja wo’s hinführt. Schokoladenentzug und Gedächtnislücken.

„Bist du auch mal wieder da?“ hakte der junge Arzt belustigt nach, während er von einem auf den anderen Fuß wippte. Das löste bei Gretchen zeitgleich einen erneuten Schmerz aus, nachdem sie kurz hingesehen hatte. „Haha sehr witzig, Marc Meier!“ Immer musste sie diese Lehrermine aufsetzten, fehlte nur noch sein heißgeliebter Name „Olivier!“. Bei diesem Gedanken schüttelte es Marc kräftig und er zog die Schultern kurz nach vorn. Mit einem ruhigen Gesichtsausdruck schaute er auf die Frau vor sich hinunter und wartete ihren nächsten Schritt ab. Als sie letztendlich ausweglos die Arme verschränkte und eine näher betrachtete Schutzposition einnahm, indem ihre Schultern klein zusammenschrumpften und ihr Kopf eingeschüchtert, peinlich berührt und unangenehm für sie, sich in alle Richtungen drehte, vermied sie es den selbigen Blick für Marc sichtbar zu machen. Der wartete immer noch gespannt und interessiert, was sie nun zu ihrer Verteidigung zu sagen hatte, zumal er galant das Thema von vorhin anschneiden wollte. Immerhin ging es nicht an, dass sie einfach so vor der versammelten Mannschaft Anspielungen über seinen Vater machte. Gretchen spielte gedanklich Reise nach Jerusalem, der Unterschied war nur, dass sie nach jedem Schritt über ihre Taten nachdachte und somit das gewünschte Ziel nicht in 1000000 Jahre erreichen würde. Hinzu kam, dass sie nicht unbedingt die Schnellste im Laufen ist.

Gretchen rang mit sich, aber wie von Kleber überschüttet, ging nichts vor noch zurück. Das Problem lag darin, dass sie manchmal von Momenten gepackt wurden, die ihr sagten, wie es hätte sein können. Sie könnte jetzt mit Marc eine mehr oder weniger sorgenfreie Beziehung führen und sich auf diese Reise gemeinsam freuen.

Dazu kam seine Anspielung von eben, dass er gehen würde. Wohin?

Zum Supermarkt?
Auf Fortbildung?
Nachhause?
In die Sauna?
Zum Squash?
Operieren?
In sein Büro?

Absurde Menschen hegen absurde Gedanken, so auch Gretchen. Die Vorstellung an etwas „Schlimmeres“ wollte sie nicht wahrhaben. Denn trotz der Enttäuschung und den ganzen Kamellen, sollte es nicht sein, dass Marc einen anderen Lebensweg einschlug. Okay, er hatte Ambitionen an neue Herausforderungen, aber inwieweit konnte das präzisiert und eingegrenzt werden?

Sie fand keine Antwort und Marc fragte sich in dem Moment, welches Fieber nun schon wieder ausgebrochen sei. Er vermutete, dass es sich um eine spezielle Seuche von „Hasenzahn-Fieber“ handelte, schüttelte über diese irrsinnigen Gedanken gleich abschätzig den Kopf.

Jetzt wurde mal Klartext geredet. Immerhin sind sie zwei erwachsene Menschen, der eine mehr, der andere weniger ehrgeizig, aber das sei mal dahingestellt.

„Was ist denn jetzt schon wieder los? Kannst du mir mal bitte verraten, was dir schon wieder gegen den Strich geht? Denn langsam wirst du echt noch wunderlicher, als du eh schon bist. Also los jetzt!“

Wenigstens einer, der das Wort ergriff und die Karten offen auf den Tisch legte. Wobei?- Wenn er es sich überlegte, hoffte er eher, dass Hasenzahn mit den Karten herausrücken würde und er einen Blick hinein erlangen würde. Gekonnt sparte er das „Hasenzahn“ aus, weil sonst gleich wieder die nächste Debatte über eine anständige Anrede von ihr folgen würde. Gretchens Gedanken hingen aber immer noch an ihrem Faden, sodass sie nicht wirklich auf seine Aufforderung, loyal und ernst, einging. Sie grübelte instinktiv und kam mehr oder weniger schnell zu dem Ergebnis, das sie mit sich ausgemacht hatte, die ganze Geschichte hinter sich zu lassen.

Das war ihr doch nach seiner ehrlich erstrebten Entschuldigung klar geworden.

Deshalb hatte sie einige Tage später ein solides und kollegiales Verhältnis hegen können. Sie hatte nur mit ihm gesprochen, erst später folgten die anderen, die in dieses Spektakel involviert waren. Und es kam von einer auf die andere Sekunde, dass sie bei dem Cafeteria-Meeting wieder ihre kalte Schulter preisgab. Ein Wetterumschwung der Expertengruppe und zack stand die Temperaturanzeige auf null. Das konnte es doch wahrhaftig nicht sein. Auf einmal erlangte sie eine Art Gedankenblitz, was Marc an ihrem aufsteigenden Blick quittierte. Immer noch in der Position des scheuen Rehs verankert, funkelten ihre Augen im Mittelpunkt wie ein Diamant. Marcs Kopf schreckte kurz zurück, ehe er sie genauso mit imaginären Fragezeichen im Gesicht ansah, wie Gretchen es erwartet hatte. Die Worte wollten anfangs nur stumm über ihre Lippen rollen, ehe sie kräftig, aber Gretchen typisch antwortete.

„Es tut mir leid!“

Ohne ein weiteres Wort lief Gretchen in die Richtung aus der Marc vorhin kam. Der schaute ihr sichtlich irritiert hinterher, setzte sich dann allerdings auch nach einigen Minuten des Staunens wieder in Bewegung.

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

22.06.2014 17:47
#44 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hallöchen ihr Lieben!

Danke euch vielmals für die tollen Kommentare, ihr seid der Wahnsinn. Nach etwas längerem geht es heute weiter. Mal schauen, was unsere Ärzte heute alles erleben oder sollte ich besser sagen, durchleben? Freu mich immer über eure Meinung, das hilft ungemein beim Verbessern und Schreiben allgemein!

Glg und einen erholsamen Restsonntag
Eure Elli




Reisen bedeutet herumkommen.
Neu entdecken.
Sehen.
Fühlen.
Erkennen.
Schätzen.
Lieben.
Leben.
Jede Reise ist ein Anfang.

Ein Anfang auf den Ungewissheit und viele Wege folgen. Wir leben neu und selbst wenn es nur für eine kurze Zeit bestimmt ist, ändert sich etwas in uns. Wir verändern uns. Unsere Ansichten und Empfindungen erleben einen Wandel. Unkonventionell erleben und spüren gelingt den wenigsten, weil sie nicht den Moment auskosten. Sie setzen eine Reise voraus ohne an die Irrwege zu denken. Aber nicht jeder Trip ist von physischer Bewegung. Denn oftmals wandeln, kombinieren und wechseln unsere Gedanken, unser Unterbewusstsein. Jährlich. Monatlich. Wöchentlich. Täglich. Stündlich. Minütlich. Sekündlich.

Sollte nicht jeder Umschwung geschätzt werden? Die Chance auf Glück und die langgezogenen Fäden der Frische?

Die Wenigsten schätzen ihre Reisen, sei es gedanklich oder physisch. Allerdings gibt es einige Menschen, die in den Genuss von beidem gleichzeitig kommen…

Nach quälend langen Stunden erreichte die Truppe des EKH aus Deutschland endlich das Eingangsschild auf dem mit fetten Buchstaben „Üdvözöljük Magyarországon“ stand, was so viel wie „Willkommen in Ungarn“ hieß. Die Ärzte konnten dieser Übersetzung auch nur durch den englischen Zwischenteil richtig deuten. Etliche Minuten, die insgesamt mit deiner kleinen Pause 2 Stunden ergaben, lasen die einen mit freudiger- die anderen mit wenig begeisterter Mine „Üdvözöljük a Balatonfüred“. Die Bedeutung dessen hinterließ selbst bei Sabine keine Wissenslücke, weshalb Frau Doktor Hassmann und Doktor Meier gleich einmal einen Spruch abließen. Marc selbst hatte die letzten Meter durch das Landesinnere zurückgelegt, weil er auf Nummer sicher gehen wollte, dass sie heute noch ankamen. Als er die Karosserie auf einen geräumigen und durchaus blitzeblanken Parkplatz zum Stehen brachte, lag die Freude dann doch auf der sicheren Seite, dass sie endlich angekommen waren.

Sabine setzte sofort ihren Strohhut und die 60er Jahre Sonnenbrille auf, damit ja keine Gefahr auf einen Sonnenstich bestand, denn die Temperaturen waren für Anfang September doch außerordentlich tropisch warm. Mehdi küsste seine Gigi und legte zufrieden einen Arm um ihre Schulter, während sein Blick auf die Promenade mit Binnenmeer-Ausblick glitt. Gretchen lächelte ebenfalls erholsam und sog die ausländische Luft tief in ihre Lungen auf. Ihre Augen blitzten wieder, das konnte Marc unschwer bei einem ordentlichen Strecken und Gähnen erkennen. Sie waren durchaus müde, dass sah er ebenso, aber das tat der Sache keinen Abbruch, denn er selbst wollte auch nur noch den Schlüssel für seine eigenen Wände und dann eine frische Dusche nehmen.

„Ist das etwa unser Hotel?“ hakte Maurice verblüfft mit seinem Dialekt nach. Die Aufschrift zierte „Hotel Annabella“.

Marc rümpfte eher mürrisch die Nase. „Na hoffentlich nicht. Das sieht ja aus wie ein Puff.“

Daraufhin warfen ihm alle einen unmissverständlichen Blick entgegen, was der junge Oberarzt nur mit einem Schulterzucken kommentierte und seinen Weg locker-lässig mit tief vergrabenen Händen in den Hosentaschen fortsetzte. „Das ist gar nicht mal so schlecht hier.“ Stimmte Maria nickend mit ein.
War klar, dass Weiber sowas sagen…
Maria spricht mir aus der Seele…


„Ich finde es super idyllisch und entspannend.“ Gretchen Haase schwebte bereits in tiefliegenden rosa Träumen und legte schmunzelnd die Hände auf ihr Schlüsselbein.
War klar, die Zweite…

Als sie schließlich an der Rezeption einchecken wollten, denn es war tatsächlich- wie sollte es auch sein- ihr Hotel, erklärte die nette Dame an dem Empfang mit zuckersüßer Stimme und gebrochenem Deutsch, dass es leider ein kleines Problem mit der Zimmerbuchung geben würde.
Marcs anfängliches anzügliches Grinsen oder eher Abchecken der Dame, erblasste ruckartig und es wirkte als stände ein kleiner Junge vor einer hübschen Schwarzhaarigen, der zum ersten Mal die Glocken läuten sah. Auch Gretchen hatte langsam keine Lust mehr ewig auf ihr Zimmer zu warten. „Achlso, Sie können…“ zeigte die attraktive Frau auf Mehdi, Gigi, Maurice, Maria, Gabi und Sabine.

„Ihr Ziemmer einnehmn. Bei Dochtor Meeey-“ versuchte sie vergebens auszusprechen, sodass er sich stöhnend zu Wort meldete.
„Meier, es heißt Meier. Und falls Sie gleich noch ihren Namen wissen wollen, das ist Hasenzahn!“ Die anspannungslose Deutung auf Gretchen ließ diese nur näher an die rötlich marmorierte Theke herantreten und mit freundlicher, aber erschöpfter Stimme sagen.

„Haase, mein Name ist Haase. Und das kann gar nicht sein, denn mein Pa…“ Sie räusperte sich überspielend hörbar und lächelte ebenso in die Runde, ehe sie die junge Frau mit runden Augen anstarrte. „Ehm, ich meine Professor Haase aus Deutschland…“ sie nickte, was die zierliche Lady erwiderte. „… hat uns hier eingecheckt und wir sind Ärzte, deshalb wäre es dringend notwendig, wenn Sie uns allen ein Zimmer geben, denn morgen beginnt unsere Schicht.“

„Echs tut mir leid, arber es gab ein Problem. Sie müsschen sich mit Dochtor Mey ein Zimmer teilen.“ Erwähnte sie höflich, aber mit der Nervosität ins Gesicht geschrieben. Es passierte schließlich nicht täglich, dass Fehler in diesem Ausmaß geschahen. Da die Gäste auch noch aus Deutschland kamen und fast jeder Zweite in der Stadt wusste, dass sie für 3 Wochen hier agieren werden. Gretchen und Marc starrten sich wie auf Knopfdruck entgeistert an. Beiden entglitten ansatzweise die sichtbaren Gesichtszüge, wobei Marc sich nach kurzer Zeit der Ungarin mit zuckender Augenbraue und einem entsetzten Blick zuwandte, während Gretchen ihn weiterhin parallelisiert anstarrte. Ihr Albtraum wurde wahr! Sie und Marc Meier sollten ein Zimmer beziehen? Nie im Leben. Eher würde sie sich für diese Nacht ein anderes Hotel buchen oder am Strand schlafen, aber eine Nacht mit Marc Meier- zu viel, würde sie unwiderruflich nicht vollziehen.
Da können sich alle auf den Kopf stellen. Nein, dass machst du nicht Gretchen Haase!

Die pfirsichfarbene Wangenfarbe glich im Moment einem Gouda vom aller feinsten. Nicht, dass sie es gestört hätte mit einer Person das Zimmer zu beziehen, aber Marc Meier?! Das war ein nicht umschweifendes No-go! Gretchen Haase wusste sich gar nicht richtig zu verhalten, die Umstände brachten leichte Panik und Unwohlsein mit sich. Auf das Glück hoffte die junge Ärztin nicht erst, denn das stand sowieso immer auf der Diät-Seite! Als sie sich langsam wieder durch ein Tippen auf der Schulter in der Realität einfand, blinzelte sie teilnahmslos zu Mehdi. Sie sah, dass er von der Situation angespannt die Augen verdrehte und kurz stöhnte, dann rief er mahnend. „Meier! Schluss jetzt.“ Als die Assistenzärztin den Blick zu dem attraktiven Brünetten schickte, merkte sie die angespannte Luft und das hektische Diskutieren mit der Angestellten. Nur leider half ihm dies auch nichts, als er sich fluchend umdrehte und an die Decke schielte. „Zum kotzen hier.“ Unterstreichend wippte sein Kopf in den Nacken und sein Kehlkopf prägte sich hervor. „Was i-i-i-ist denn jetzt?“

„Nach was sieht’s denn aus?! Sie dürfen Dornrösschen spielen und Meier ist ihr-“ Maria stockte provokant und musterte den Chirurgen belächelnd. „Prinz in Strumpfhosen. Da wär ich auch gern dabei.“ Lachte sie spöttisch auf und drehte sich demonstrativ um, um den Weg zum Auto einzuschlagen. „Frau Doktor Hassmann!“ tippelte Gigi ihr ungelenkig hinterher. Sabine und Gabi starrten die zwei fragend an, hoffend, dass jetzt noch etwas interessantes passierte. „Was glotzen Sie denn so blöd, Sabine?“ rief Marc ungehalten, genervt mit rauer, barscher Stimme. Die eigentliche Oberarztmanier tauchte in dem Moment in die Tiefen des Balatons unter.
„Entschuldigung!“ Damit schlossen sich die Schwestern den beiden Frauen an.

Mehdi belächelte die beiden belustigend.
Das war doch mal genial! Ohne seine Nachhilfe käme es nun doch noch zu einem mehr oder weniger freiwilligen „Treffen“.

„Stell mal lieber den Testosteronausschuss ein, dir wächst schon Fell.“ Mehdi prustete lächelnd auf und Marc starrte sie an, als ob er sich verhört hätte.
Was protzen die denn alle heut so auf? Meine Fresse, Weiber!!!

Als die beiden Männer allein nebeneinander standen, Marc die Hände in den Hosentaschen und Mehdi seine Arme vor der Brust verschränkt, warfen sie sich einen vielsagenden Blick zu und drehten ihren Kopf dann wieder gen Ausgang. Wie aus einem Mund kam es für alle Anwesenden die unter Umständen deutsch verstanden, trocken. „Weiber.“ Wieder drehten sie sich den Kopf zu und beäugten sich anfangs ungläubig, dann kamen sie allerdings um ein kleines Grinsen nicht drum herum. Mehdi und Marc, zwei „M“ die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber in den bewussten Situationen doch die eine oder andere Ähnlichkeit aufwiesen.

Unwetter, definitiv Unwetter! Hochmeier fegt über Tief-Gretchenhausen,… Es ist hoffnungslos. Der Tornado hat bereits die Stadt verwüstet. Neben den zahlreichen Trümmern und Verletzten, gibt es auch Schwerbeschädigte, beispielsweise ICH!

Notgedrungen stand Gretchen Haase nur wenige Meter von Marc Meier entfernt, der das geräumige Badezimmer inspizierte. Hauptsächliche hyperventilierte sie bei den absurden Gedanken und der Nervosität, die selbst nach dem 5. Ausblick durch die Balkontür nicht minder wurde. Sie hatte sich tatsächlich zu dieser hinreisenden… ähm dämlichen Aktion überreden lassen und jetzt stand, saß, wandelte, hüpfte und zitterte sie hier rum. Der Wohn- und Schlafbereich sah beachtlich schön und stilvoll aus, es fehlten ihrer Meinung nach einige winzige Details, die alles wohnlicher gestalteten. Im Grunde galt ihre Bewunderung aber den gesamten Räumlichkeiten. Gut, bis jetzt sah sie eigentlich nur den Wohn- und Schlafbereich, denn Marc hielt sich schon seit mindestens 10 Minuten im Badezimmer auf.
Wie ein Hotelinspektor. Marc Meier, der Hoteltester. Da schlagen die Betten bestimmt Falten und das Glas beschlägt. Also nicht, weil er so unwiderstehlich ist, sondern wegen dem großen Ego und der Selbstverliebtheit und… ja genau!

Weiter kam sie nicht, denn just in diesem Moment stolzierte der Chirurg mit einem milden Gesichtsausdruck auf den Lippen gen Gretchen. Er sah mal wieder super aus, dass würde sie selbst bei einem unbedachten Seitenblick feststellen können und die Tendenz lag auf „Men of the year“, was die junge Ärztin zu einem überspielenden Räuspern verleitete. Sie stand an der Lampe in der Ecke des Zimmers und hatte den Blick nachdenklich nach draußen gerichtet. Ihre Finger tanzten akribisch über das weiße Fensterbrett, was von einer glatten Schicht überzogen war, weshalb ihre Nägel kleine Geräusche von sich gaben.

„Willst du nicht mal Koffer auspacken?“ hörte sie hinter sich verwundert Marc fragen. „Wozu denn? Ich bin morgen sowieso weg. Dann haste dein Zimmer auch für dich.“ Der Balaton, den sie ansatzweise sehen konnte und der riesige Pool im Innenhof, brachten ein bisschen Urlaubsfeeling mit sich, was Gretchen verträumt quittierte. Ihre Augen funkelten und klebten an dem schwingenden Wasser, was ihren Blick fanatisch und starr ausschauen ließ. Marc gab ihren Worten wenig Bedeutung, da sie vermutlich wieder in einer Fas weilte, die von ihm eh nicht verstanden oder gar nachvollzogen werden konnte. Deshalb durchquerte er den Raum lautlos, stellte seinen ersten Koffer auf das Doppelbett und öffnete den Reisverschluss. Dieses Geräusch löste bei Gretchen Haase Gänsehaut aus, weshalb sie sich kurz schüttelte und kurze Zeit später endlich herumdrehte.

Wenigstens is‘ sie ne am Fenster kleben geblieben…
Marc grinste über seinen Gedanken, räumte dann aber zügig die Hemden und anderen Habseligkeiten in den cremefarbenen Schwebetürenschrank. Die Sonne spiegelte die glänzende Schicht auf diesem, sodass er einige Augenblicke innehielt und Gretchen passiv beäugte.

„Ich nehme mal stark an, du willst hinten schlafen?“ drehte sich Marc schwungvoll mit erhobener Augenbraue um und schaute auf ihr Kleid. Seine Augen rutschten aufwärts, was mit der anliegenden Sonne das grün in seinen Augen zum Leuchten brachte.
„Mhm… also nur, wenn das für dich in Ordnung ist.“ Nickte sie hastig mit erschöpfter Stimme. „Sonst hätt‘ ich ja ne gefragt.“ Antwortete er Meier-like und zog die Stirn in die Höhe. „Danke!“ schloss sie kaum hörbar an, was sie allerdings nur augenrollend und sich imaginär Schläge verpasste, quittierte.

Nach einigen weiteren Schweigeminuten reichte es Marc und auch Gretchen wusste mit ihren unnützen Tätigkeiten nicht mehr wohin, daher beschloss sie es anzugehen. Mit aufgeschlossener, aber zurückhaltender Stimme, hakte sie interessiert nach. „Was machst du heut noch?“
Aha Smalltalk, weil sie nicht weiß, was sie sonst machen soll. Naja mal schauen, wo das hinführt…

„Mal schauen.“ gab er knapp zurück und kramte seinen Laptop aus der Tasche. Samt dem Gerät fiel er locker auf den beigen Sessel, was Gretchen mit einem kurzen Augenaufschlag bekundete. Daraufhin bemerkte sie die wenige Distanz zwischen ihnen und ging, gehofft unbemerkt, dem aber nicht so war, an die Wand, welche zum Badezimmer und zur Tür führte. „Ich schau mir mal das Bad an.“ Deutete sie mit nach innen gekehrten Lippen auf den Raum, Marc schaute nur kurz abwartend zu seiner Assistenz und widmete sich scheinbar seinem Computer. Als sie die Tür hinter sich schloss, legte er augenblicklich den Kopf in den Nacken und somit an die Lederlehne und stöhnte gepeinigt auf. Ein tiefes Gähnen unterstrich seine stetig wachsende Müdigkeit, weshalb er einen Blick auf seine metallene Armbanduhr warf, die an seinem Handgelenk und der gebräunten Haut gut zum Vorschein kam. Gretchens Beine gaben nach, sodass sie an der dunklen Massivholztür auf den Boden rutschte. Ein umschweifender Blick bestätigte nur ihre Vermutung, denn das Bad sah ebenfalls stil- und geschmackvoll aus. Zwar war der Raum deutlich kleiner, aber umso gemütlicher. Das Fenster schien ihr etwas winzig, aber für eine Nacht würde es gehen. Sie wollte nicht in diesen Räumen gefangen sein, schon gar nicht eine Nacht mit Marc, denn so viel sie sich auch zutraute, umschlich sie der Gedanke, dass womöglich Worte oder Handlungen im Schlaf fielen, die radikal von ihrem Unterbewusstsein gesteuert werden.

Das darf auf keinen Fall passieren. Am besten ich leg mich ganz an den Rand oder schlaf im Sessel. Genau, der wird sicherlich gemütlich sein! Hoffentlich!

Mit einigen Schritten stand die Blondine vor dem quadratischen Spiegel und schaute sich kritisch musternd an. Ob sie es wollte oder nicht, aber leichte Schlaffältchen bildeten sich unter ihren Augen, keineswegs entstellte es ihr ebenmäßiges Gesamtbild, aber es zeichnete sie momentan. Als das Wasser floss, atmete Gretchen entspannend aus und stütze sich auf dem Waschbeckenrand ab. Auch ihr Kopf fiel in den Nacken, schnellte allerdings kurz darauf wieder nach oben, als sie jemanden reden hörte.
Wer ist das denn jetzt? Hoffentlich jemand, der mir sagt, dass ich doch schon ein Einzelzimmer beziehen kann. Bitte (flehend)

„Hasenzahn!“ hörte sie deutlich Marcs männliche, raue Stimme. Auf diese zuckte die Assistenz zusammen und griff nach einem Handtuch, um kurz darauf die Tür zu öffnen und den Kopf hindurch zu stecken. „Ja?“ interessiert. „Es gibt ein Problem.-“ Marc wurde sofort unterbrochen, schaute sie daher neutral an. „Nicht schon wieder.“ Nuschelte Gretchen vor sich hin, doch Marc nickte, ging auf ihr Selbstmitleid nur nicht weiter ein. „Doch. Und zwar wirst du wohl oder übel doch die Koffer auspacken können. Das Zimmer ist erst nächste Woche bewohnbar.“ Gretchen Haase entglitten sämtliche Gesichtszüge, ihr Mund klappte nach unten und sie gab einen „Ah“ Laut von sich.

Ich dreh noch durch… Nein!!!
Nicht gleich hypochondrisch werden, Hasenzahn!


„Mund zu Hasenzahn, sonst kommen Fliegen rein.“

Marc schritt lockeren Ganges auf den Balkon zu und lehnte sich über die Brüstung. „Naja es gab schon bessere Aussichten.“ Scherzte er auflockernd, allerdings bekam er keine Antwort. Augenverdrehend, forderte er sie leicht genervt auf.

„Hasenzahn, jetzt komm schon. So schlimm wird’s auch nicht.“ Ehe er vor sich nuschelte und die Arme anspannte. „Wäre ja auch nicht das erste Mal!“

Als er immer noch keine Antwort bekam, drehte er seinen Kopf dynamisch und interessiert und formte seine Augen zu schmalen Schlitzen, die prüfend nach Hasenzahn suchten. Als er sie nicht erblickte, stieß er sich gepeinigt ab und lehnte sich in den Türrahmen. Irritiert beobachtete er die junge Frau, wie sie akribisch ihre 7 Sachen zusammenpackte und die Tasche recht ungeschickt auf ihre Schulter hing.

„Ehm, was wird das, wenn’s fertig ist?“ zeigte er auf ihre Koffer, die sie sowieso nie allein transportieren konnte.
Mit erhobenem Kopf, versuchte sie emanzipiert und stark zu wirken, was kläglich schief ging.

„Nach was sieht es denn für dich aus Marc, ich gehe. Nimm es mir nicht übel, aber ich könnte mir durchaus Schöneres vorstellen, als mit dir 7 Tage in einem Hotelzimmer nächtigen zu müssen. Da findest du sicher jemanden der… egal…“ winkte sie hastig ab, was ihre Locken zum Tanzen brachte. Marc verschränkte die Arme vor der Brust, überkreuzte das linke Bein und sah ihr belustig dabei zu alles weg zu bekommen. „Mach’s gut! Wir sehen uns dann im Krankenhaus, morgen früh 9 Uhr, nicht wahr?“ Lieber nochmal sicherheitshalber nachfragen, als am Ende zwei Stunden zu spät da zu sein. Immer noch gab der Oberarzt keinen Ton von sich und schickte seine Zunge über seine Zähne und Lippen. Als Gretchen ihn eindringlich ansah, hob er gespielt nichts ahnend die Augenbrauen und zuckte mit den Schultern. Immer musste er so ein Fass aufmachen und konnte ihr nicht einmal eine klare Antwort geben. Männer eben.
Jetzt bin ich aber mal gespannt. Geschweige denn, dass Frau Emanze ihre Weltreise-Mitbringsel nicht mal ansatzweise vom Fleck bekommt.

„Dann eben nicht.“ Stöhnte sie und hob die Koffer kurz an. Sie pustete und schnaubte, was Marc zu einem kleinen Lächeln verleitete. Der Anblick war zu goldig. „Ehm“ zeigte er mit dem Finger auf sie, wartete dann aber gespannt ab. „Sag nichts, ich schaff das.“ Wieder hob sie die rosa Koffer an und den Dritten balancierte sie unter der Armbeuge. In ihren Mund klemmte sie den Reiseplan und die eigentliche Hotelnummer mit Aufschrift und allem Drum und Dran. Zu Marc Verwunderung kam sie sogar bis zur Tür, als es dann kräftig schepperte. Kopfschüttelnd stieß er sich von dem Rahmen ab und lief tief einatmend, nach dem Motto „Ach Hasenzahn“ in den nächsten Türrahmen, bzw. an die Wand. Das Bild, was sich ihm bot, konnte kaum getoppt werden, denn Gretchen hing zwischen ihren Koffern begraben und im Mund den hellen Zettel. Jetzt konnte sich der Chirurg das Lachen nicht mehr verkneifen, sodass sein Gesicht freundlich und fast liebenswert und natürlich wirkte. Kleine Grübchen bahnten sich seinen Weg an die Mundwinkel und bescherten Gretchen einen zauberhaften Anblick. Seufzend und erbarmend, machte er zwei Schritte nach vorn und zog die Koffer von, bzw. neben ihr weg. Als diese sicher standen, stauchte Gretchen mit ihren Keilabsätzen und dem wiederrum hämmernden Fuß auf.
Na klasse, jetzt pocht er wieder. Gretchen Haase, du bist die Niete im beim Lotto und aller Lose. Gut, dafür hast du das „Gold“ an anderen Stellen, ob das allerdings Vorteile bringt, sollte noch analysiert werden.

Ehe sich Gretchen versah, durchglühte ein heller Strahl ihr Auge und Marc packte sein Handy schon wieder weg. Als sie das sah, blinzelte sie sichtbar und theatralisch, um den sportlichen Brünetten empört anzublicken. Dabei stahlen sich immer mal wieder helle Flecke vor ihre Pupille, die vergebens verbannt werden sollten.
Endlich mal ein Beweisschnappschuss. Der musste einfach sein, sorry Hasenzahn. Die hat aber auch ein Faible für solche Situationen in die sich Madame immer schön selbst „integriert“, wenn man es mal abgewandelt ausdrücken will. Wo soll denn das noch hinführen? Bring dich lieber in Sicherheit, Meier…

„Das löscht du, Marc!“

Seinen Namen zog sie ellenlang, was dem Oberarzt mal so gar nicht gefiel. Deshalb zischte er kurz und redete solide und wenig beeindruckt. „Keine Chance…“ kopfschüttelnd. „Du, ich hab schon oft ein Auge zugedrückt, irgendwann kommt die Abrechnung, Hasenzahn. Das weißt du doch eigentlich.“ Zwinkerte er verstohlen und musterte sie amüsiert von oben bis unten.

„Wenn das so ist, dann werde ich damit bei dir ja nie fertig. Immerhin sind 16 Jahre Schikane schon beachtlich, da häuft sich einiges…“ Schnell biss sie sich auf die Lippen und schaute auf ihre Koffer, die neben Marc ruhten. Hatte sie tatsächlich gesagt, das war beachtlich? Oh mein Gott, das würde er ihr ewig vorhalten.

Moment! Er hat doch aber etwas von einem Weggang, bzw. dass wir ihn bald los wären, erzählt…

Er beachtete diese Anspielung nicht wirklich, sondern ging lieber mit erhobener, interessierter Stimme und dem selbigen Blick auf die Kernaussage ein. „Aha… du findest das also beachtlich. Schön zu wissen, was für eine du bist, Hasenzahn! Dann hab ich mich, muss ich zugeben, wohl in dir getäuscht.“ Lachte er überlegen auf und verengte seine Augen abermals, als sie mit ihren Fingern an dem Saumen ihres Kleides spielte.
„War klar, dass du darauf eingehst.“ Murmelte sie und unterstrich ihre Aussage mit einen abschätzigen „Tzzz.“ Als sie sich an Marc vorbei drängte und sich ihre Koffer schnappte, dachte der Jungchirurg gleich an den nächsten Schnappschuss und dass er diesen unbedingt Mehdi zeigen musste, denn situationsweise glichen sich die beiden. Kaum zu glauben, aber wahr.

„Jedenfalls geh ich jetzt und ja… bis morgen dann.“
„Das sagtest du bereits.“

Daraufhin verdrehte sie nur die Augen und packte die Koffer, mit der rechten Hand öffnete sie die Tür und trat halbwegs sicher und vollbepackt durch den Türspalt.

So einfach würde Marc es ihr nicht machen. Klar, er war der Letzte, wenn es um solche Dinge wie das Teilen eines Zimmers ging, aber mit Aussicht auf Hasenzahn bot sich gleichzeitig das Potential auf spannende Abende. Und er wollte ein wenig ihre Standhaftigkeit testen. Wie er es im Fahrstuhl sagte, wie früher. Deshalb schnellte er nach vorn und entriss ihr kurzerhand den ersten Koffer unter dem Arm, worüber Gretchen verdattert über ihre Schulter blickte. „Ehm, was wird das?“

„Na was wohl? Du bleibst hier?!“ stellte er die zweite Aussage als Gegenfrage, was sie kopfschüttelnd dementierte. „Nee, das kommt gar nicht in Frage, das-“ Nickte lachte er auf. „Oh doch und wie das in Frage kommt.“ Es folgte Koffer Nummer Zwei und bei der Drei sträubte sie sich lautstark. „Maharc Meier. Jetzt benimm dich doch mal.“

„Tu ich sowieso immer.“ Er überlegte kurz und grinste sie dann provokant an. „Also fast.“ Gretchen schoss sofort die Wärme in den Kopf und ein flaues Gefühl durchzog ihre Magengegend, außerdem pochte der Fuß wie ein ordentlicher Hammerschlag. „Jetzt biste baff, was?!“

„Bei dir überrascht mich ehrlich gesagt, nichts mehr.“

Als der Griff fester wurde und Marc den Koffer zu sich zog, folgte Frau Doktor Haase im hohen Bogen und sie ließ ruckartig von dem Teil ab, um auf Maximalabstand zu gehen. Sonst würde es wieder gefährlich werden oder gar anfangen zu knistern, und damit konnte die junge Ärztin momentan nichts anfangen.

Hier noch ein paar Bilder für die bessere Vorstellung!

Der Kleinbus:


Das Hotelzimmer:


Das Badezimmer:


Der Blick auf den Balaton (ist original vom Hotel):

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

12.07.2014 20:19
#45 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hallo ihr Lieben,

hoffentlich genießt ihr das WE in vollen Zügen, wie ich es tue! Mittlerweile habe ich euch eine Weile auf dem trockenen Boden sitzen lassen, weswegen ich heute Nachschub liefere. Vielen lieben Dank an die lieben Kommentatoren, ihr habt jedes Mal so wunderbare Worte für mich übrig, dass ich bereits jetzt gespannt bin, wie der neue Teil ankommen wird. Wir sind ja in Ungarn...

Glg und einen schönen Abend!
Eure Elli



Marc Meier beobachtete sie prüfend. Seine Haare lagen glatt in der Föhnfrisur und die Klamotten saßen ebenfalls. Außerdem war er todmüde und wollte endlich ins Bett. Aber seine erste Assistenz beschloss mal wieder Katz und Maus zu spielen. Marc schwor sich, wenn das nicht endlich aufhören würde, fräse er die Maus mit Haut und Haar. Sein Kopf nickte in den hinteren Bereich des Hotels, als er mit typischer Manier meinte.

„Na los jetzt, das ist ja nicht zum Aushalten. Hast du deine Tage oder was?“ Als ob sie sich verhört hätte, schaute die junge Ärztin konfus auf und ihr Blick raste durch die Gegend. Wenn es um Intimitäten ging, war Marc nicht unbedingt der beste Ansprechpartner, schon gar nicht nach ihrer Vorgeschichte. Sie schluckte hörbar und funkelte ihn herausfordernd an. „Ich wüsste nicht, was dich das noch angeht. Außerdem habe ich kein Theater gemacht, nur sehe ich es beim besten Willen nicht ein mit dir hier über eine Woche in einem Hotelzimmer Zeit verbringen zu müssen.“

Anzüglich hob er die Augenbrauen und strich sich über die anschwellende Brust. „Wer sagt hier müssen? Das ist doch sicherlich in deinen Kleinmädchenträumen die Kernauffassung, hab ich Recht?“

Innerlich klatschte sie von allen Seiten Wasserbomben gegen sich, denn sie träumte ab und an wirklich noch von ihm. „Von was träumst du denn nachts?“ stellte sie rhetorisch und mit wedelnder Hand vor dem Kopf in den Raum. Marcs Beine wippten nach vorn und hinten, als er ihr diese Aussage lieber noch schuldig blieb. Stattdessen tat er einen Schritt zurück, ging dann in das angrenzende Zimmer.

Gretchen stutzte, sie hatte mit einer handfesten Antwort gerechnet, die wieder mal auf sein „Hobby“ anspielte. Daraufhin hatte sie sich bereits einen Panzer aus Pappe zugelegt, der hoffentlich standhaft blieb. Nun wunderte sie sich und stand wenig später ebenfalls in dem hellen Raum. Gretchen sah, wie Marc sein Poloshirt über den Kopf zog und sie deutlich nervös wurde. Räuspernd, machte sich die junge Ärztin bemerkbar und schaute demonstrativ in die entgegengesetzte Richtung. „Wa-was machst du denn?“ Ihre Stimme klang eher überholt und fast eine Spur sauer, was Marc stutzen und sich umdrehen ließ. „Nach was sieht’s denn aus?“ fragte er unverständlich über ihre Frage mit erhobener Lippe. „Ich geh duschen.“
„Gut…“ nickte Gretchen resigniert und wandte sich wieder ihren Koffern zu. „Dann geh ich jetzt.“ Abermals preschten ihre Arme zum Koffer und abermals seufzte Marc gepeinigt auf.
Diese Frau ist… nee… ohne Worte.

„Ich hab gesagt, du bleibst. Was ist daran so unverständlich?“ hakte er auffordernd und schnell fragend nach.

Mit gestützten Armen musterte er sie akribisch und versuchte krampfhaft hinter ihre Fassade schauen zu können.

„Lass mich doch einfach in Ruhe. Ich will nicht, okay? Kannst du das nicht einmal so hinnehmen ohne einen Aufstand mit deinem Egoproblem machen zu müssen?“
Mit einer derart abgewaschenen Aussage ihrerseits hatte der Chirurg nun nicht gerechnet. „Ah...“, brachte er nur heraus.

Diese Frau ist wirklich wunderlich. Nicht nur, dass sie sämtliche Taschentücher mit Duftessence besaß, nein, sie brachte es tatsächlich fertig, seine Müdigkeit bis aufs Äußerste auszuspielen. „Was bist du denn so hypochondrisch?“
„Bin ich gar… nicht.“ Dabei holte sie tief Luft und schloss die Augen, um ihn kurz darauf finster anzublitzen. Marc hielt inne. Aufgebracht fuhr Gretchen fort.

„Und tu hier nicht so, als ob dir irgendwas daran liegen würde, dass ich hierbleibe. Entschuldige Marc, aber auf sowas fall ich nicht mehr rein.“ Kopfschüttelnd lief sie zur Tür, als es bei Marc ratterte. „Jetzt warte doch!“, rief er barsch und umfasste ihren Arm fest. Seine Finger drückten weiter zu und festigten seinen Griff.
Was wird das denn? Bin gewappnet. Werde Marc Meier nicht über die Minimumgrenze hinweg lassen. Das ist sicher!
„Lass mich sofort los, sonst-“
Just in diesem Moment zog Marc sie parallel mit einem Schritt seinerseits nach vorn, sodass sie sich eng gegenüber standen bzw. Gretchen mit der zugeneigten Schulter den letzten Abstand behielt. Sie versuchte ihn nicht anzusehen, aber ein gewohnter- ungewohnter Duft kroch in die ärztliche Nase und schuf eine Sicher- und Geborgenheit, wie sie sie lange nicht mehr gespürt hatte. Zu lang. Erschrocken kreisten ihre Augen wie hypnotisiert zu seinem Gesicht und prägten sich jede kleine Neuigkeit ein. Detailliert blieb sie an seinen Augen hängen, die sie mit derselben Intension an Verwirrung, gleichzeitig aber auch Klarheit anstarrten, wie sie ihn.

„Marc…“, hauchte sie schwer schluckend und drehte kaum merklich den Kopf, während ihr Blick auf seinen Brustkorb wanderte, der sich regelmäßig hob und senkte. Der brummte nur rau und öffnete die Lippen, ohne einen Ton von sich zu geben. Er wollte das nicht, aber das sagte ihm nur eine Gehirnhälfte, die andere sehnte sich zwangsläufig nach ihrer Nähe, Wärme und Geborgenheit. Kurz vor ihrer Nasenspitze kam er zum Stoppen und hielt den ständigen Austausch mit ihren Augen und Lippen aufrecht. Seine Hand ruhte immer noch um ihren Arm und trotz des beachtlichen Drucks, störte es sie nicht im Geringsten. Im Gegenteil, sie genoss die haltende Hand, den Fels in der Brandung und den Glauben an das Gute. Zumindest für einen Moment wollte sie frei sein und nicht über später nachdenken müssen. Nur ein einziges Mal!

Als Marc ihren Blickkontakt festhielt, wandelte sich das Blitzen in ihren Augen von schmachtend, verfallend und leidenschaftlich in ein trauriges, trübes und bedrücktes Funkeln. Um Millimeter zuckte Marc Meiers Kopf zurück und er drückte die Augen fest zusammen, ehe er sie prüfend musterte und seine Gesichtszüge allerdings weich wurden. Freundlich und vertrauend, was Gretchens Melancholie steigerte, denn sie liebte diesen Ausdruck so sehr, dass sie der Gedanke an diesen letzten Blick die bekannte Gänsehaut, aber auch die Traurigkeit über das Ereignis in die Augen steigen ließ. Das Schippern in ihren Augen wurde immer glasiger, aber der tropfende Funken sprang noch nicht über, zu ihrem Glück.
Gretchen Haase, du bist die peinlichste Person auf Erden.

„Bleib…“ stimmte seine Stimme leise und sanft ein. Assoziiert konnte es mit der „Kaffee-Situation“ im Park werden. Als sich sein Kopf senkte und sachte ihre Lippen wie ein Leinentuch benetzte, öffnete sie ihre strahlend blauen Augen einen Spalt und fragte fast stimmlos nach, denn sie musste diese Frage beantwortet wissen. „Wo gehst du hin?“ Beide schluckten hörbar.

„Ins Nordstadtkrankenhaus.“ Nickte er ehrlich und verengte seine Augen abermals um nur noch zu spüren. Er merkte deutlich, wie ihr Atem schnell gegen seine Nasenflügel preschte und sie wankte. „Das ist besser.“

„Wenn du meinst.“ Auf dieser tief traurigen, aber äußerst gefassten Aussage hin, entzog sie ihm seinen Kopf, trat überrumpelt einen Schritt zurück und schob seine Finger von ihrem Arm, sodass sie ihm eigenständig in die Augen schauen konnte. Der Oberarzt sah ihre Fassungslosigkeit und ihre konfuse Art, sich auf neue Dinge einzulassen, sowie ihren schmerzenden Blick. Und er konnte ihn deutlich auf sich spüren, denn auch er fand es nicht gerade angenehm.

Ein letztes Mal rutschten ihre Augen zu seinen und sie schüttelte kaum merklich, für Marc aber sichtbar mit dem Kopf. Die Lippen presste sie versiegelnd zusammen und ehe eine Träne aus ihren Augenwinkeln entweichen konnte, lief sie aus der Tür und verließ das Hotel.

Währenddessen streckte und presste sie die Hände abwechselnd zusammen mit einem fetten Kloß im Hals, setzte sie sich auf eine Bank vor dem Hotel und schob ihre Hände an ihre Seiten. Verschränkt übereinander abgestützt, nahm sie Schnappatmung auf und verfiel in unschöne Gedanken. Unwillkürlich liefen nun ihre heißen Tränen. Sie waren echt und genauso taten sie weh. Den Gedanken zu hegen, dass er nicht mehr da war, etwas fehlte und dies für immer, brachte in ihr eine erdrückende Panik zum Ausbruch. Sie zog die Nase hoch und wippte mit ihrem Körper von vorn nach hinten, dass es wirkte wie ein Kind, welches große Angst vor etwas oder jemandem hatte.

Dieser Moment mit den überschlagenden Gedanken, ließ sie erschaudern und sie merkte deutlich, dass sie ihn nicht vergessen hatte oder könnte.
Nein, sie liebte diesen Mann. Ihr bereits halbes Leben und mindestens das Doppelte noch hinzu für die Zukunft.

Wieder rannen Tränen aus ihren Winkeln der hellen Augen und sie drückte diese schmerzvoll zusammen.

Sie wollte aus dem Traum aufwachen, aber die Realität weilte bereits neben ihr und das nicht erst seit einer Minute. Ihre Erkenntnis über die nicht vergehende Liebe, trieb ihr noch mehr Flüssigkeit in die Augen und Kälte gepaart mit viel Leere in den Körper. Sie bemerkte auch nicht, dass Marc seit kurzem am Eingang des Hotels stand und sie beobachtete. Sein Kopf wippte hin und her und auch etwas Mitleid drang nach außen durch. Er schob die Hände in die Hosentaschen und lief mit seinem, mittlerweile bekleidetem Oberkörper auf Gretchen zu. Wortlos setzte er sich und starrte geradeaus. Die Hände stützte er auf seinen Knien und den Kopf auf seinen Händen ab.

„Weißt du, ich glaub das ist das Beste für dich.“ Sich selbst zuredend, nickte er. Sie schniefte unkontrolliert und wurde von einem tiefen Schluchzen gepackt, was ihren Brustkorb verengte. Stockend sprach sie mit brüchiger, dünner Stimme. „Was soll denn daran bitte das Beste sein? Du-ich, also wi-“ Ohne abzuwarten strich sie sich über die verweinten Augen und drehte den Kopf in Marcs Richtung.

„Das ist doch noch nicht vorbei.“

Ungläubig und hoffend, schüttelte sie den Kopf. Marc rang mit sich, aber er konnte ihr auch nicht sagen, dass alles gut werden würde, denn das wäre gelogen.
„Ich weiß es doch nicht…“, gab er ehrlich zu und seufzte gleichzeitig mit Hasenzahn.

Auch er schaute sie jetzt an und verengte seine Augen. „Ich bin nicht gut für dich. Hasenzahn, du findest jemand anderen. Jemand besseren, glaub mir.“

„Wie soll ich jemand anderen finden, wenn ich nur einen will?“ Schnell biss sie sich auf die Lippen. „Hm?“
„Nichts. Ich… das… war… dämlich.“ Ihre Hand hielt ihren Kopf und schüttelte ihn kurz. „‘Tschuldigung.“ Er winkte ab und strich sich über die Nase, während er tief gähnte. „Marc?“

„Hm?“ schaute er müde auf.

Sie zögerte bedenklich und schaute ihm ernst in die Augen. Ihr Gegenspieler hob fragend die Augenbrauen und legte die Stirn in Falten.

„Schlaf mit mir. Ein letztes Mal!“ Daraufhin hustete er, weil er von ihrer Ernsthaftigkeit dermaßen verblüfft war.

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

20.07.2014 23:10
#46 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hallo meine lieben Leute,

ich hoffe ihr genießt das traumhaft schöne Wetter und seid viel an der frischen Luft? Vielleicht auch schon im Urlaub? Wobei es bei uns temperaturtechnisch an tropische Gradzahlen kommt, da muss man nicht mal fliegen bzw. wegfahren. Zu einem etwas angenehmeren Abend, dachte ich mir, dass ich euch mit einem neuen Kapitel beglücke. Es waren mit dem letzten Teil doch einige Fragen aufgekommen, die zum Teil eine Antwort in diesem Kapitel finden werden. Ein großes Dankeschön geht an alle meine Leser und die Kommentatoren, weil ihr nach über einem Jahr immer noch dabei seid und mich tatkräftig mit euren lieben Worten und Klickzahlen unterstützt sowie bestärkt.

So genug Geplapper für heute, viel Spaß jetzt und eine angenehme Nacht!
Eure Elli



Oh Gott! Jetzt ist es offensichtlich: Ich bin bekloppt! Was hab‘ ich da gerade gesagt? Ich will mit ihm schlafen? Eigentlich will ich das ja… Gretchen Haase, jetzt sieh mal zu, wie du aus der Nummer wieder heil herauskommst. Nach diesem Tag mach ich 3 Kreuze in den Kalender!

Halluzinierst du jetzt, Meier? Nee Moment, das hat Hasenzahn wirklich gesagt. Na halleluja, die ist ja doch ne so prüde, wie ich dachte.


Von der eben noch schwirrenden Traurigkeit war nicht mehr viel übrig, eher hielt die Nervosität und Anspannung den Rekord. Fuchsig fuhr sich Gretchen durch die buschigen, widerspenstigen Locken und blieb kurz vor den Spitzen darin hängen. Sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie aus der Situation wieder hinauskommen sollte, nicht einmal, ob und wie sie ihn anschauen sollte. Marc beäugte sie ungläubig und legte abwartend die Stirn in Falten. Auch ihm war die ganze Sache nicht ganz koscher. Nicht, dass der Sex mit Gretchen nicht gut gewesen war, im Gegenteil, er war einzigartig und wohl oder übel gefühlvoll, aber jetzt und in dieser Situation überrannt von ihrer mehr als direkten Aussage zu sein, überforderte den Chirurgen dann doch. Sie dachte nicht mehr nach, handelte nur noch nach Reflexen, nur so konnte Gretchen Haase sich ihren mehr oder minder Gefühlsausbruch erklären. Vergebens, denn was brachte ihr schon diese Erkenntnis, wenn sie Marc diese Worte gerade laut und deutlich wissen lassen hatte?

Überspielend, versuchte sie zu retten, was zu retten war. „Ehm… ich meine natürlich… schlafen! … Also nicht mit dir, sondern ich…“, stotternd pustete sie die Luft tief aus und starrte weiterhin geistesabwesend auf einen filigran geschnittenen Strauch vor dem Eingang. Das satte Grün gab ihr so etwas wie Beruhigung und mental ein wenig Ruhe, wenigstens etwas.

Die Frauentipps in den Zeitschriften schrieben schließlich auch nur Käse, und da von ihrer heißgeliebten Schokolade weit und breit keine in Sicht war, blieb nur der geistige Ruhepol zu erreichen. Aufgewühlt und mit überschlagender Stimme sprach sie mal leiser, mal lauter weiter. „Ich geh geschlafen… ja genau… und bevor ich es vergesse…“ Sie strich sich nervös mit zitternder Hand eine Locke aus der Stirn und merkte bei einem deutlichen Ausfall ihres Blickwinkels, dass Marcs Blick fest und abwartend auf ihrem Gesicht haftete. Mit einem kehligen, trockenen Räuspern überspielte sie dies und merkte die anklopfende Röte in ihrer Schläfengegend.
Bitte nicht jetzt!

„Das mit dem ein letztes Mal, also das war… das war… so gemeint, weil… dass ich morgen früh ein anderes Zimmer beziehe und so… Also nicht, dass du jetzt denkst ich wöllte…“ Hysterisch fuchtelte sie unwirsch zwischen ihnen beiden hin und her und lachte dabei spöttisch, fast zynisch auf. Marc wippte den Kopf leicht zur Seite und lauschte ihren Worten unnatürlich aufmerksam. „Also ich… du weißt schon! … Ganz sicher nicht…“, winkte die angehende Chirurgin geziert abschätzig ab und hustete einige Male, um den staubigen Geschmack im Hals loszuwerden.

Immer musste sie sich in solche Manöver integrieren. Stand auf ihrer Stirn etwa: Ich bin ein Versuchsha(a)se, also immer her damit?

Sie hoffte inständig nicht, denn sonst wäre ihr Image absolut im Eimer gewesen und den Job in der Chirurgie könnte sie auch sofort an den Nagel hängen. Nur leider sprudelte ihr Mund die Wahrheit, zumindest vor dem missglückten Versuch, aus dieser Nummer unversehrt raus zu kommen. Hätte sie bei RTL einen Sendeplatz, würde spätestens jetzt die Kündigung eintrudeln. Aber was sollte Frau machen? Sie wollte ihn jetzt mehr als sonst. Sie sehnte sich so sehr nach diesem Mann, dass es bereits schmerzte. Der Sex war eine Sache, aber die Verbundenheit und ihre Vertrautheit mit- und beieinander, dass hatte Zeichen gesetzt.

In diesen Momenten glaubte sie nicht daran, dass er ein paar Stunden später nicht neben ihr liegen würde und die Erinnerungen an die letzte gemeinsame und vor allem intensivste Nacht denn je, zeichneten sie und besonders in diesem Augenblick. Die Bilder und Sequenzen liefen wie in einem Filmstreifen vor ihren Augen ab.

Dass sie auf einer Bank neben Marc Meier saß, realisierte Hasenzahn nicht, was zur Folge hatte, dass die Tränen abermals vor ihren Augen tanzten.

Dessen Ausdruck fuhr Achterbahn und wandelte sich fast sekündlich von fragend, zu missverständlich, auffordernd, interessiert, abwartend, etwas einfühlend, aber so, dass es einem nicht zwangsläufig ins Auge sprang. Die Fragezeichen spiegelten seine Mimik wieder und er versuchte akribisch etwas aus Gretchen lesen zu können, aber das war ungefähr wie ein Buch mit sieben Siegeln.

„Warum heulst du denn jetzt schon wieder?“, wollte er augenrollend und tief seufzend von Gretchen wissen, die allerdings keinerlei Worte für ihn übrig hatte.

Die Trance und die Gedanken bahnten sich ihren Weg, unabhängig dem Hier und Jetzt! Marc haderte mit seinen Spekulationen, denn bei Gretchen Haase musste nicht alles zwangsläufig auf eine schlechte Nahrung oder gar wenig Schokolade zurück zu führen sein, da gab es eine fächerbreite Auswahl mit unzähligen Raffinessen. Er war nicht der Typ für überschwängliche Reden oder Aufmunterungsversuche, schon gar nicht bei Weibern, wie er sie immer betitelte. Allerdings überraschte ihn die tickend umschweifende Emotionslage seiner Assistenzärzten in gewisser Weise schon und doch wollte er nicht zu viel hinein interpretieren, das konnte bei Gretchen schnell in die Hose gehen. Erfahrung!

Wann immer er sich erinnerte, konnte Gretchen niemals auf einen bestimmten Grund oder Auslöser eines elendigen Gefühlsausbruches spezifiziert werden. Allerdings glorifiziere sie gern und das schon ihr halbes Leben. Er dachte schon immer, dass sie lieber den Beruf der Psychologin oder Therapeutin hätte wählen sollen, da kam ihr feinfühliges Geschwafel wenigstens an. Aber Marc war sich sicher, dass sie größtenteils wegen ihm Chirurgin geworden ist bzw. eine werden wollte. Gut, vielleicht trug ihr Vater einen bedeutenden Teil dazu bei, aber bevor er Frau Schneider vor dem Bio-Abi ordentlich gevögelt hatte, malten Gretchens Gedanken bunte Regenbögen mit ihm und ihr in der Mitte. Dann platze dieser und ihrem seligen, gleichzeitig kitschig erfüllten Traum, eine gemeinsame Karriere hinzulegen, trat die Realität kräftig in den Hintern.

Als sie letztendlich als Assistenz der Chirurgie auf seiner Matte stand, beeindruckte es den jungen Mann nur sekundär, denn zur Oberärztin hätte sie es mit ihrem „Ehrgeiz“ nie so schnell, wie er geschafft. Trotzdem gab er zähneknirschend zu, dass er sich irgendwie an diese Nervensäge mit Größe 40 gewöhnt hatte.

„Erde an Hasenzahn! Jemand zu Hause?!“

Während er sie irritiert ansah, die Augen deutlich verschmälerte und merkte, wie die Müdigkeit immer mehr Besitz von ihm einnahm, befand sich Gretchen mit einem Augenaufschlag wieder in der Gegenwart. Die sah momentan noch wässrig und aussichtslos aus. „Ja!“, rief sie monoton und wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen und die letzten Tränen aus den Augenwinkeln. Ein letztes Mal schniefte sie tief und warf Marc einen aufgesetzten, überspielten lächelnden Blick entgegen.

Der konnte ihre Signale noch nicht sonderlich deuten, wusste aber, dass irgendwas nicht stimmte, wenn sie nicht mal Lust auf eine ausführliche Rede hatte.

Wahrscheinlich sei er dafür zwangsläufig auch nicht der richtige Ansprechpartner, trotzdem zogen sich kleine Stirnfalten den Weg auf die glatte Haut des Chirurgen.

„Herrgott nochmal, jetzt lass dir halt nicht alles aus der Nase ziehen.“
Seine Stimme klang energischer und drängender, was er mit einem Händeaufschlag auf seine Oberschenkel unterstrich. Gretchen zuckte kurz zusammen und sammelte ihre Gedanken. Das konnte doch beim besten Willen nicht so weitergehen. Liebe hin oder her, aber es gab doch einen Schlusspfiff. Oder wenigstens einen Cut?! Hoffentlich…

Ohne auf seine Aussage einzugehen, stand sie auf, drehte den Kopf 90° in seine Richtung und sprach wie eine Lehrerin auf den sitzenden Mann, der im Moment wie ein Unterwürfiger ungläubig nach oben schaute, ein. „Marc, lass mich einfach in Ruhe. Du bist bald weg und dann kann mein Leben endlich wieder geradlinige Bahnen annehmen. Ohne dich! Nacht…“

Geradlinige Bahnen? Seit wann raste Hasenzahn denn auf so einer wie ein Geisterfahrer mit einer Portion Gras? Das ist doch ein Witz… Ja, mehr als das Meier! Meine Güte, warum kann sie denn nicht endlich sagen, was Sache ist. Das hält Man(n) ja im Kopf ne aus. Kein Wunder, dass Weiber unterbemittelt und weniger intelligent sind, als wir… wobei? Eher ich!

Eine weitere Stunde später trat Gretchen Haase verzweifelt in das geräumige Hotelzimmer, was bei ihr locker als ein Appartement durchging. Beim genaueren betrachten der Decke, der Wände und soweit es von der Tür aus eben ging, des Wohn-/Schlafbereiches, stellte sie fest, dass dieses Zimmer deutlich zu Marc Meier passte. Außen hin edel, stilvoll, aufgeräumt und steril. Ein Touch Übertriebenheit und eine riesige Portion Arroganz. Ganz klar, Marc!

Und wie, das passt… Ich will gar nicht wissen, was seine Wohnung so kostet. Gut, sie sieht toll aus, aber ehrlich gesagt fehlt doch das weibliche Einfühlungsvermögen und die Gemütlichkeit durch kleine, raffinierte Accessoires.
Ohne große Umschweife straffte die junge Ärztin ihre Schultern und versuchte das Gesicht so ernst und kühl, wie nur irgendwie möglich herüberkommen zu lassen, aber als sie verdutzt in den Raum blickte, sah sie keinen Oberarzt.

Die anfängliche Erleichterung schwand so schnell wie sie gekommen war auch schon wieder, denn die Terrassentür stand sperrangelweit offen. Das vermachte ihr gleich den nächsten Dämpfer, denn Gretchen hasste es abscheulich, wenn man rauchte und somit sein Leben risikofreudiger gestaltete.

Nachdem sie in der 12. Klasse so richtig die Sau rausgelassen und sich derbe zum Affen gemacht hatte, mied sie den Dunst von stinkendem, barschem und kaltem Rauch. Sie wusste noch ganz genau, wie sie damals auf den Wagen ihres verhassten Physiklehrers gekotzt hatte und ihr gesamter Tagesvorrat einmal freigesetzt wurde. Diese Tat blieb nicht ohne Folgen, von den Bildern und Videos, die die Jungs gedreht hatten und Spottrufen abgesehen, wurde sie tatsächlich an ihrem letzten offiziellen Schultag zum Direktor gebeten, der allen Ernstes vermutet hatte, sie konsumiere Drogen und sein größte Befürchtung war, was das Schulamt dazu sage, wenn sie dies spitz bekommen würden. Am Ende seiner Belehrung bekam Gretchen die volle Breitseite indem Marc auf dem Schulhof, lässig an einer Wand gelehnt, ihr den Rauch seines Klimmstängels unter die Nase pustete. Das löste bei ihr einen weiteren Würgereiz vom aller feinsten aus und Marc bescherte es eine zusätzliche Belustigung über Hasenzahn.

Schnell verwarf sie den Gedanken und griff sich kurzerhand ihren karierten Pyjama, der sich sicherlich als äußerst hitzeauffällig entpuppen würde, aber sie fuhr den Gedanken an ihre unbedeckte Haut und eine Nacht neben Marc Meier nicht weiter fort und ließ die Tür des Badezimmers ordentlich ins Schloss knallen.

Nun schaute auch der Chirurg kurz auf und warf einen beiläufigen Blick über seine Schulter. Für ihn war diese Zigarette momentan das pure Glück auf Erden und genauso konsumierte er sie auch. Ausgiebig und genießerisch. Immer mal wieder hielt er sie auf Augenhöhe und beäugte sie kritisch, als ob er sich auskennen würde. Nach der Diskussion, die mehr oder minder in einem offenen Konflikt geendet hatte, war er der Meinung sich diese Genugtuung verdient zu haben und offensichtlich hatte sich Hasenzahn auch wieder Schokolade eingeflößt, da sie bei Verstand schien. Ohne mit der Wimper zu zucken, fand die Kippe den Weg über die Brüstung und der Chirurg schlenderte lässig in sein Zimmer, was weitaus mehr war als das. Jetzt blockierte Hasenzahn auch noch sein Bad, wohlbemerkt, dass er es für die nächsten Wochen allein in Anspruch nehmen könnte.

Mit kreisenden Schultern schnappte er sich die Fernbedienung und streckte seine müden Knochen auf dem weichen Federbett aus. Das Kissen knüllte er leicht hinter seinem Kopf zusammen und verschränkte den Arm auch hinter diesem, die Beine überkreuzte er wie selbstverständlich und gähnte ausgiebig.

Langsam aber sicher lag auch seine sonst so grandios geföhnte, aber locker lässig wirkende Frisur, nicht mehr in bester Form.
Genervt warf er die Bedienung nach kurzer Zeit wieder auf Gretchens Betthälfte, was seine Gedanken wohl oder übel zu der blonden Grazie schwanken ließ. Er drehte den Kopf leicht nach links, wobei der Druck in dem Kissen verstärkt wurde. Dass Frauen auch immer so ewig lang brauchten, war sicherlich genetisch! Zumindest konnte es sich Marc nicht anders erklären.

Die schlägt wahrscheinlich Wurzeln,… hat schon Vorteile, warum ich hier allein wohne! Also wohl eher nächtige,… Ob Mehdi mit der Brillenschlange auch solche Aktionen durch hat?! Naja, wenn ich’s mir recht überlege sind eh alle Weiber gleich und Mehdi gehört zu der Sorte Zwitter, die seinem langstieligen Etwas morgens die rosa-roten Plüschlatschen ans Bett setzen und als erstes eine dusslige Umarmung, anstatt heißem Sex einfordern. Wobei Mehdi mit dem Schnabeltier sicherlich keinen guten Sex haben wird. (Gesicht angewidert verziehen) Boa das ist ja widerlich Meier! Lieber mal schauen, was die Emanze so treibt… (grinst vergnügt) oder noch besser, mit was sie es so treibt…

Schwungvoll drehte er sich um und stützte sich locker auf dem linken Arm ab, während er den Kopf darauf abstützte und die Stirn leicht geheimnisvoll nach oben zog.

„Was machsten da so lange Hasenzahn?“

Eine Wand weiter erschrak Gretchen von seinen deutlichen und starken Worten. Indem Moment fragte sie sich inständig, warum sie nie so sein könnte. Stark, selbstbewusst und kalt. Das lag wahrscheinlich aber einfach nicht in ihrer Natura, da konnte Frau machen was sie wollte. Am Ende zogen die Männer wahrscheinlich doch den Längeren!
Das will ich aber auch hoffen, sonst wäre das durchaus fragwürdig und ich würde den körperlichen Bau des Primaten nochmal von vorn aufrollen…

Ein letztes Mal puschte sie sich durch die Lockenmähne und schmalzte die Lippen mit der glasigen Pflege aufeinander, als sie ausatmend einen Schritt zurück trat und sich selbst Mut zusprach.
Das schaffst du schon! Gretchen Haase, du bist eine tolle Frau mit IQ und Lebenslust, nicht zu vergessen meine Schokosucht und die diversen Defizite, aber was soll’s?! Welche Frau ist schon perfekt?- Gut, Heidi Klum, Uschi Glas und Sarah Conner kann ich jetzt nicht dazu zählen, aber die Masse überwiegt… (stutzen) und die liebt nun mal Schokolade (stockend)… genau…wie ich!

Der Riegel knackte und keine zwei Sekunden später sprühte ein blumig-frischer Duft in das edle Zimmer.

Marc warf ihr einen Seitenblick der gern länger gewährt hätte zu und versuchte im Augenwinkel noch etwas von ihrem goldigen Anblick zu erhaschen. Amüsant fand er allerdings sichtlich, wie sie bei gefühlten 28° Zimmertemperatur trotz Lüfter, den sie nicht gern über Nacht bedient wusste, weil sie sonst Genickstarre bekäme, einen dermaßen vermummten Pyjama aus den 60ern tragen konnte.

Wahrscheinlich hat sie Schiss, dass ich sie betatsche…
Hoffentlich lässt er seine Finger von mir…


Irgendwann wurde ihr das dämliche Stehen dann doch zu affig und sie huschte im Eiltempo auf die andere Seite des Bettes und verschwand flink wie ein Mäuschen, dass es Marc selbst für einen Moment nicht glauben konnte, unter der Decke. Bis zur Nasenspitze zog sie die gemütlich duftende Decke nach oben, was Marc mit einem leisen auf schnaubenden und amüsierten Lachen kommentierte.

Kopfschüttelnd drehte er sich nun zur Mitte und verlagerte seine Position auf den rechten Arm. Seine Haare lagen unwillkürlich zwischen seinen Fingern und mit der Narbe auf der Nase wirkte er noch frecher, gleichzeitig auch unwiderstehlich. Verlegen räusperte sich Gretchen, schaute dabei demonstrativ und angestrengt zur Decke und sie merkte in dem Moment wie weit sie von ihrer heißgeliebten Heimat entfernt war.

In einem fremden Land und eigentlich auch mit einem fremden Mann. Mehr oder weniger!

„Hasenzahn mit den Schichten kannst du die Inuit am Nordpol versorgen, du wirst kochen. Ehrlich gesagt halte ich nichts von nächtlichen Kochorgien.“

Geziert lächelte sie ihn an, ihr Blick huschte allerdings kaum merklich in die Anfangsposition und verharrte dort. „Mir ist aber kalt.“, nuschelte sie trotzig und wollte sich gerade auf die andere Seite drehen, als Marcs Arm nach vorn schnellte und sie relativ unsicher dort festhielt. Das durchströmende Gefühl konnte sie nicht mal richtige beschreiben, geschweige denn einordnen, sie wusste nur, dass es ihr unverschämt gut tat und den größten Fehler begann sie, als sie über ihre Schulter schielte und direkt auf zwei grüne Magnete traf.

Er spielt, sie liebt.
Er geht, sie bleibt.
Er lügt, sie glaubt.
Er lacht, sie weint.
Er flirtet, sie hofft.
Er verletzt, sie verzeiht.

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

31.07.2014 23:38
#47 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Halli Hallo meine Lieben,

herzlichen Dank für die netten Worte, ich hab mich echt gefreut, dass das Kapitel offensichtlich so gut ankam. Auch ein jubelndes "Herzlich Willkommen zurück" an die liebe @Rems ! Die Klickzahlen fand ich mal wieder fantastisch, da werde ich ganz sprachlos. Es gibt nur Danke, Danke, Danke zu sagen!

Mal gucken, wie es in Ungarn weitergeht! Viel Spaß beim lesen!
Eure Elli



Wer geht immer auf 100 % und setzt am Ende bei dem kleinsten Funken aus?- Richtig, die Frauen.
Wer glaubt an die große Liebe und fällt zum Schluss trotzdem auf die Nase?- Richtig, die Frauen.
Wer sieht immer das Gute im Menschen und wird jedes Mal aufs Neue verletzt?- Richtig, die Frauen.

Liebes Tagebuch,

es ist hoffnungslos. Ich bestätige hiermit, dass Gretchen Haase einer unheilbaren Nerven- und Schokoladenkrankheit verfallen ist. Gut, die Sache mit der Schokolade ist jetzt nicht wirklich etwas Neues, aber doppelt hält ja bekanntlich besser, nicht? Warum schaffen es Männer immer uns aus dem Gleichgewicht zu bringen? Korrektur: Marc Meier schaffte es bei mir, Margarete Haase immer und immer wieder. Irgendwann bin ich wirklich therapiereif! Ob ich dann einen Zuschuss bekomme? Wobei, ich bin ja Akademikerin und die haben ja von Haus aus viel Geld. Wahrscheinlich bin ich die einzige Ärztin, die mit unter 1000 Euro nach Hause geht und sich nicht mal einen ordentlichen Personaltrainer leisten kann. Abgesehen von Brad, aber der ist eher ein Zwitter in Form eines Zebras mit Waschbär Ambition. Mh… auch nicht sonderlich kreativ, aber was soll ich machen?! Es ist nicht mehr so leicht den heutigen Trends nachzugehen. Das hab ich aber auch nie wirklich getan. Liegt vielleicht auch an meiner damals schon geringen Freundesauswahl, die eher Birkenstockschuhe, als coole Sneakers aus dem Hippieladen getragen haben. Da zeigt sich die kalte Wahrheit: Außenseiter und Coole haben nie eine Basis für eine sorgenfreie Zukunft. Ich vermute, dass Elke Fisher schon vor Marcs Geburt etwas daran gedreht hat. Bestimmt war sie beim Wahrsager oder Kartenleser, sind halt auch alles nur Menschen und was dabei herauskam ist nun nicht unbedingt ein Prachtexemplar. Eher ein Tyrannosaurus mit Ärztekittel und Föhnfrisur. Marc-Tyranno-Meier, das nenn‘ ich mal Name. Damit hätte ich den Bravo-Namenssiegern die Rangliste sicher streitig gemacht, aber man muss ja auch verlieren können… Mehr oder weniger zumindest… Ich dann eher weniger, aber das ist was anderes. Mein erster Tag hätte jedenfalls chaotischer nicht laufen können, aber du kennst mich ja. Außen Frau und innen Mau!

Herzlichst,
Dein Gretchen


„Sie haben in einer Stunde die erste OP. Bis dahin können Sie sich ruhig etwas einarbeiten. Ich gebe offen zu, dass Disziplin und Ehrgeiz bei mir an erster Stelle stehen und Emotionen oder Mitgefühl kann ich hier überhaupt nicht gebrauchen! Wenn dann alles geklärt sei, wär’s das fürs Erste. Einen schönen Tag und bei Fragen wenden Sie sich selbstverständlich an mich!“ Stolz nickte der Mann Mitte 50 und zog die Lippen provisorisch breit, was allerdings eher einem zähen Gummiband glich wie Gretchen fand.

Doktor Szábo war in Gretchens Augen ein verbitterter alter Griesgram, der allerhöchstens beim Golfen ein kleines Lächeln zustande bringen würde. Allerdings konnte sie sich kaum vorstellen, dass ihr Vater mit diesem Ekel befreundet sein sollte. Naja, immerhin nagte er nicht gerad an der Höflichkeit, aber wenigstens schien er ganz nett. Nett im Sinne von Für-so-ein-Individuum-ganz-akzeptabel. Auf halben Weg drehte er sich zu den jungen Ärzten um und deutete mit dem Finger auf eine schwarzhaarige, schlanke, vollbusige und freundlich aussehende Frau, die offensichtlich Kaugummi kaute. „Das ist Schwester Livia. Sie wird Ihnen zur Seite stehen und demnächst neben Ihrer deutschen Schwester…“ Er schmalzte ungeduldig und kreiste die Hand nach einer Antwort suchend.

„Hach, wie hieß sie nochmal? Vögel? Vögeln?...“

Seine Stimme überschlug sich und er wirkte desinteressiert. „Ist nicht so wichtig. Hauptsache Sie wissen, wen Ihr Person beinhaltet.“ Solide, aber griesgrämig nickte er und ging endgültig.

Na klasse…
Vögeln? Sabine? Ne, danke!


Lasziv hob Marc eine Augenbraue und schob den Kopf nach vorn um an Gretchen vorbei schauen zu können, die genau zwischen der jungen Schwester und dem Oberarzt weilte. Da war er wieder, der charmante Checkerblick, dem Frau sich nicht entziehen konnte.

„Na Hallo!“

Schnell trat er einen Schritt zur Seite und schob Gretchen unbeachtet nach hinten. Diese verschränkte ungläubig die Arme und machte den Eindruck gleich die Augen zu verlieren, währenddessen lächelte ihr Oberarzt äußerst charmant und verbarg dabei nicht seine strahlend weißen Zahnreihen.
Das ist doch echt unglaublich, was Männer für ein bisschen Busen, 90-60-90 Maße und hohe Schuhe so tun… Es fasziniert mich immer wieder… Komme langsam zu der Erkenntnis, dass solche „Gene“ nie im Leben den starken Mann in der Gesellschaft spielen konnten oder können. Ist halt doch so gewesen, dass Eva Adam gerettet hat und nicht anders herum.

Als die junge Krankenschwester in ihrem gebrochenen Deutsch anfing zu sprechen und Marc ihr Süßholzgeraspel entgegenwarf, seinen Marktwert regelrecht sprühen ließ und die junge Dame verführerisch mit den Wimpern klimperte, hatte Gretchen dafür nur ein theatralischen Augenverdrehen und ein „Tz…“ übrig. Sie beschloss dann doch mal einzugreifen, bevor sich die zwei wie Hunde die Klamotten vom Leib fetzten. Räuspernd und mit zuckersüßer Stimme fand sie schließlich das Wort. „Ehm also ich bin Doktor Gretchen Haase! Freut mich!“

Überraschenderweise streckte ihr die Kirsche freundlich die Hand entgegen und bei genauerem Hinsehen bemerkte Hasenzahn auch, dass sie nicht zwangsläufig aus Wachs und Makeup oder eher Botox bestand. Da fand sie tatsächlich Sommersprossen und die hatten Tussis bekanntlich nie, oder aber sie lagen unter 10 Schichten Puder und Concealer.

„Oder auch Hasenzahn!“, nickte Marc, als ob es das Natürlichste der Welt wäre. „Chaffensahn?“, versuchte sich die junge Frau vergebens, denn sie wurde prompt von einem schallend lachenden Oberarzt unterbrochen, den Gretchen nun verständnislos ansah. Wie konnte jemand in diesem Alter nur so viel Kind in sich besitzen? Das wollte einfach nicht in ihren süßen Kopf, weshalb sie kurzerhand beschloss ihm einen finsteren, vernichtenden Blick zu zuwerfen. Marc störte das herzlich wenig, denn er nahm sich fest vor diese Aussage noch einmal auf Band aufnehmen zu müssen, das war wirklich Oskar reif. „Es heißt Hasenzahn!“, formte er schwer atmend mit immer mal wieder einsetzenden Lachern. „Nein,…“, schnitt ihm Gretchen mahnend das Wort ab und blickte zwischen Marc und Livia hin und her. Die Intension ihres vernichtenden Blickes verfiel seine Wirkung nicht, allerdings löste sich nicht sonderlich viel Erstaunen oder gar Einsatz von Marc Meier aus.

Der freute sich lieber, Hasenzahn etwas gefoppt zu haben und gleichzeitig etwas von dem anschaulichen Augenschmaus bekommen zu haben. Mit erhobener Augenbraue starrte er Gretchen abwechselnd abwartend und herausfordernd an. Seine Mundwinkel zuckten immer mal wieder, was Gretchens Blicke für einige Momente festhielt. „… wenn schon, dann Doktor Haase.“

Ihr inständiges Nicken wurde abermals unterbrochen und Marc flogen weitere Worte locker über die Lippen.

„Naja… immerhin bist du noch kein Doktor.“ Triumphierend legte er den Kopf schräg und schaute gen Boden auf dem er mit seinen weißen Sneakers herumwischte.

„Siech sollten reden! Oder iiist das immher so?“ Verwundert schaute Livia zwischen den beiden hin und her und hoffte auf eine plausible Erklärung. Die sahen sich überrumpelt an, hofften aber auf einen kurzfristigen Notfall. „Das sind eben Weiber, die zicken schnell mal herum. Aber keine Sorgen…“, schaute er provokant und aufziehend zu Gretchen, die seinen Blick nicht minder aufmerksam verfolgte. „Solange sie genug Schokolade haben, wird alles gut. Vorerst.“ Die Schwester sah sichtlich irritiert aus, währenddessen sie sich fragte, was dieses komische Gespann aus Deutschland wohl hier bereichern wollte.

Die öffentliche Blamage hatte zumindest Gretchen Haase schon hinter sich gebracht.
Besser hier als in der Cafeteria…

Unwillkürlich wurde sie an die Versammlung letzte Woche erinnert und wie auf Knopfdruck schoss ihr die Röte ins Gesicht. Oh Gott war das peinlich, deshalb umschloss sie gänzlich nach dem Gedanken ihre Oberarme und träumte weiterhin. Marc verzog merkwürdig das Gesicht und wedelte nach kurzer Zeit des Wartens vor ihrem Gesicht herum, dabei senkte er den Kopf sowie den Blick und wusste schon, dass sie wieder in märchenhafte Tagträume vertieft war. Schrecklich einfältig diese Frau.

Gleichzeitig ist Hasenzahn die Komplikation in Person. Naja bin mal gespannt, wie das hier so wird. Mit meinen fachmännischen Fähigkeiten kann ja eh nichts schief gehen. Held!!!
„Erde an Hasenzahn! Bist du noch auf diesem Kosmos oder muss ich womöglich nen Ausreiseantrag stellen?“

„Was? Mh? Ja, ja, ja… sicher. Klar. Ich bin bei dir!“ Marcs Mundwinkel zogen sich breit auseinander und belustigt zog er die Stirn kraus.

„Ist das so? Ich wusste doch, dass du meiner Wenigkeit nicht lange widerstehen kannst. Hauptsache du stehst nicht wieder vor Sehnsucht überrumpelt in meiner Dusche.“ Ihre rasanten Worte hatten Spuren hinterlassen und so schnell fand Doktor Haase gar keine Koordination, um so schlagfertig antworten zu können, da sie kontaminiert mit Verblüffung war. Immer musste er auch so überlegen sein, das wurmte sie sichtlich. Nicht ohne Grund hatte sich die Blondine so ein dickes Fell zugelegt, dass seit ihrer Ankunft Stück für Stück riss. „Ehm, wenn du vor hast eine Pause einzulegen, dann muss ich leider sagen, dass du am falschen Ort bist, Hasenzahn.“

„Marc, bitte! Kannst du nicht einmal ernst sein. Ich bin es langsam leid, immer von dir drangsaliert zu werden und zu meinem Image trägt es auch nur passiv bei, wenn du mich mit solchen Kosenamen vorstellst. Die denken doch ich bin bekloppt!“ Letzteres deutete sie mit einer wedelnden Handbewegung vor dem Kopf und beide liefen den Gang entlang. In dem Krankenhaus sah alles so verdammt anders aus und es zeigte von keinerlei Freundlichkeit. „Was hast du denn auf einmal gegen Hasenzahn? Das hat Tradition, merk es dir.“

Kurz überlegte er, ob er das wirklich tun sollte, als er sie kurzerhand und relativ unüberlegt gegen eine Nische drückte und ihrem Gesicht verboten nah kam. Der Blickkontakt wurde langsam aufgenommen und Gretchen hörte ihr Herz laut pochen. Dabei lag so viel ungewollte Sehnsucht und Furcht in ihrem Blick, dass es Marc in eine kurze Starre versetzte. Seine Kehle trocknete aus, als er wieder auf ihre Lippen starrte. Rau flüsterte er ihr zu. „Bevor ich das abstelle, unterzieh ich mich lieber einer Vasektomie.“ Wie auf Knopfdruck entließ er die angestaute Luft durch die Nase und rutschte einige Zentimeter von ihr weg. Seine Mimik wandelte sich ins Lustige, doch seine Gesichtszüge blieben kantig und fest.

Vase-Vase-Vase-Was? Einer Vasektomie? Ich bin baff. Dieser Moment gehört im Tagebuch definitiv angestrichen… MIT ROSA!

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

09.08.2014 23:57
#48 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Salut ihr Ha(a)sen,

was soll ich weiter sagen, außer vielen lieben Dank für eure Meinungen. Ich bin jedes Mal sprachlos beim lesen und genieße jeden einzelnen Kommentar von euch. In nächster Zeit bin ich dann wieder häufiger aktiv, was das Posten angeht und Ähnliches.

Genießt das hoffentlich schöne Wetter in Deutschland!
Glg
Eure Elli




„Gigi ich bin am Verzweifeln. Der Kerl macht mich wahnsinnig. Gestern ja, da hat er mich so angesehen und ich muss ja bei ihm übernachten. Lange halte ich das nicht mehr aus, Gigi bitte, du musst mir helfen. Vorhin im Krankenhaus hat er mich schon wieder in eine Zwickmühle gebracht.“

Fast flehend, atmete die Blondine mit den funkelnd blauen Augen aus. Schon den gesamten Vormittag ging sie Marc aus dem Weg. Sie wusste nie, wie sie sich verhalten sollte, geschweige denn ihn ansehen sollte. Bis auf die vorhandenen Lappalien an OP’s stand nichts an und sie wuselte regelrecht durch jeden Gang und schaute vor der nächsten Ecke dreimal nach rechts und links, ehe sie in rasanter Geschwindigkeit eine Tür nach der nächsten öffnete. Ihr Augenmerk lag nur auf Marc Meier, der mit Verwunderung feststellte, seine Assistenz heute noch nicht sonderlich viel zu Gesicht bekommen zu haben. Sie gestand es sich schließlich doch zähneknirschend ein: Marc Meier war noch lange nicht Geschichte! Lange nicht!

Die ebenso blonde Ärztin zuckte ratlos, aber mit mütterlicher Miene mit den Schultern. „Mausi…“, fing sie solide an und richtete ihre Brille.

„… vielleicht solltest du dir mal etwas Abwechslung suchen und nicht ständig auf Marc hocken. Ich meine, das ist doch kein Wunder so nah wie ihr euch seid. Außerdem schlaft ihr in einem Bett, hallo?!“

Im Grunde wusste Gretchen, dass Gigi Recht hatte und es so definitiv nicht weitergehen konnte, aber eine gut durchdachte, reife Lösung sah auch keiner. Seitdem das Hin und Her zwischen Gretchen und Mr. Marc Oberarsch von neuem begonnen und eine differenzierte Stufe erreicht hatte, sank die Stimmung über den Nullmeridian. Man konnte es Gretchen nicht verübeln, aber sie hasste sich ja selbst für diese Art. Ihr Kopf wusste genau, dass Marc rot bedeutete, was so viel hieß, wie: Blut, Schmerz, Trauer, Liebe. Das Glück ließ sie ganz galant heraus, da Gretchen dieses Level mit dem brünetten Arzt nie erreichen würde, da war sie sich sicher. „Ja Gigi, das ist alles richtig, aber mein Herz rebelliert und dagegen kann man bekanntlich herzlich wenig tun.“, nickte sie nachdenklich mit leichter, aber erklärender Stimme. Ihre Freundin musterte sie akribisch und rümpfte ab und an die Nase, das tat sie in Stresssituationen grundsätzlich, oder wenn sie nachdachte.

„Ich kann dir langsam dazu auch nix mehr sagen, Gretchen. Du… oder nein, IHR müsst doch mal wissen, was ihr wollt und was ihr euch geben könnt. So schwer kann das doch nicht sein, andere Menschen kriegen das schließlich auch problemlos hin.“ Die bestimmte Ansage musste jetzt kommen, denn sonst würde Gretchen diesem Mann vermutlich in 10 Jahren noch hinterher rennen. Und das wollte und konnte sich Frau Amsel nicht mit ansehen. Das nicht. Beide Frauen schlenderten an der Promenade am Balaton entlang, den Blick fast immer Richtung See gerichtet, sodass die Stimmung ein klein wenig melancholisch wirkte. Abschätzig lachend, rieb sich Margarete über den Nasenrücken und ihre Hände fanden rasch den Weg zurück in ihren Schoß. „Wenn das so einfach wäre. Marc und einfach, das sind zwei völlig unterschiedliche Wörter, die sich 100%- ig und unwiderruflich nicht mit einem Macho dieser Klasse in Verbindung bringen lassen. Glaub mir, ich weiß wovon ich rede.“ Kurz überlegte Gigi und stutze, als sie einen Gedankenblitz erlangte.

Enthusiastisch quietschte sie leise und verschlug sich vor Verwunderung über sich selbst die Hand vor den Mund. „Was denn?“

Auch Gretchens unersättliche Neugier schwang mehr als deutlich in ihren Stimmbändern. Mit großen Augen himmelte sie ihre bessere Hälfte an, hoffend, dass sie die ultimative Idee hatte. Den Super-GAU in Sachen Liebe! „Lass dich doch mal überraschen. Es ist schließlich nicht um sonst Weinfest. Das ist Schicksal, Mausi. Ganz klar!“
„Meinst du?“

„Weiß ich. Lass mich mal machen.“, zwinkerte sie ihr mit geheimnisvoller Stimme zu. Um nicht weiter darauf einzugehen, fand Gina Amsel einen effektiven Übergang um aus der Marc Meier Depression heraus zu kommen. „Wie geht es eigentlich deinem Rücken? Alles wieder gut?“

„Naja… in den Pool sollte ich vielleicht noch nicht springen, aber im Grunde sieht es ganz akzeptabel aus. Hauptsache ist doch, dass es mir wieder gut geht.“ Als sich die beiden Frauen auf einer Bank niederließen, atmeten sie wie auf Stichwort schwer aus und ein. Mit freundlich gestimmter Miene, klebten sie in ihren Gedanken und ihre Finger buchstäblich an ihren Palatschinken. Der süßlich duftende Pfannkuchen in den Händen der 30 jährigen angehenden Ärztin trug einen dicken Schokoaufstrich mit dekorativen und durchaus schmackhaften Puderzucker berieselt. Wie sollte es anders sein, genoss die Blondine jeden Bissen genießerisch und mit geschlossenen Augen. Dieses Land hatte ihre eigenen Vorteile, die spezifisch für Gretchen eine reinste Goldgrube darstellten. Von diesen kleinen Leckereien würde sie durchaus mehr vertragen können und sich unwiderruflich noch in Hülle und Fülle vor der Abreise eindecken. Ob sie die ausgiebige Reise überstehen würden, sei dahingestellt, aber immerhin könnte ihre Mutter einmal den Gaumentest machen und womöglich eine annähernd ähnliche Kreation zaubern, da war sich Gretchen sicher.

Doch im Moment fühlte sie eine gewogene Freiheit.

Wie konnte einer Ärztin bitte eine schönere Pause beschert werden, als so? Das Wasser glitzerte anziehend und hatte Gretchen nach zwei Blicken dermaßen in ihre Fänge gezogen, dass sie sich den umstrittenen Strandgang vielleicht doch noch einmal zu Gemüte ziehen würde. Und an einem unbeobachteten, alleinigen Nachmittag- oder höchstens mit Gigi, könnte sie vermutlich ihrem Impuls und der Gier nachgehen. Vorher stand der Kauf eines neuen Bikinis an. Oder doch ein Badeanzug? Nein, die waren mittlerweile doch dermaßen veraltet und es gab so außerordentlich schöne Modelle in den diversen fassettenreichen Shops an der Promenade, dass garantiert für sie auch einer dabei sein würde. Rosa oder pink wäre da natürlich ihr persönlicher Eyecatcher, allerdings lockte eine derart populäre Farbe eine Fülle an Blicken auf sich. Wenn Gretchen vielleicht einen leichten Rosé-Ton sehe, zog sie es in Erwägung den Griff zu diesem gehen zu lassen. Ihre regen Gedanken wurden unterbrochen, als sie in ihrem Blickfeld eine bekannte Silhouette wahrnahm.

Oh nein, nicht der schon wieder! Du hast so eine talentierte Ader immer an den Ort des Grauens zu kommen, dass du dafür einen eigenen Preis verdient hättest, Gretchen!

Unwiderruflich gab sie ihrer inneren Stimme Recht und vergegenwärtigte dies mit einem verträumten Nicken. Gigi hob neben ihr die Arme freudig in die Höhe, als sie ihren Göttergatten sah und trug diese Euphorie geradewegs in eine starke Umarmung und einen nicht weniger innigen Kuss. Gretchens Augen schweiften verlegen von den beiden und trafen unwillkürlich auf Marc, es löste wie auf Kommando einen kleinen Lacher aus, denn seine Grimasse war nicht von schlechten Eltern. Theatralisch starrten seine Augen gen Himmel und seine Lippen einschließlich Mundwinkeln lagen verdächtig tief. Er sollte diese Beziehung endlich tolerieren, mehr als das, er sollte sie befürworten, immerhin ist Mehdi sein bester Freund und ihm stets zur Seite, auch wenn Marc grenzwertig selten zugab, dass er doch auch mal Hilfe benötigte.

Schnell aß die Assistenz ihren letzten Happen auf und fuhr sich genießerisch über die Zähne, um wo mögliche Überreste ihrer Schlemmerei zu entfernen. „Hey Gretchen!“, rief Mehdi freudig und zwinkerte ihr liebevoll zu. Sie erwiderte diese Geste nicht minder freundlich und gesellte sich der Runde hinzu.

„Was gab’s denn wieder zu essen?“, hakte Marc interessiert, gleichzeitig belustigt nach. „Palatschinken!“, antwortete Gigi rasch, ehe Gretchen Worte formen konnte.

Demonstrativ schaute sie zu Mehdi, was Marc direkt wahrnahm. Kurzerhand schob er seine galanten, filigranen Finger an Gretchens Mundwinkel und strichen ihr die Schokolade, die den Weg nicht ganz bis in ihren Mund gefunden hatte, weg. Peinlich berührt griff sie sofort an die besagte Stelle, ihr Gesicht färbte sich leicht rosa, was an diesem sonnigen Tag durchaus mit der brutzelnden Hitze vergleichbar wäre.
Peinlich, peinlich und nochmal peinlich. In Zukunft esse ich nur noch mit Messer und Gabel und am besten spähe ich vorher aus, ob ein gewisser Arzt in der Nähe ist.

Gedanklich betonte sie das „Arzt“ äußerst direkt. Gina holte sie letztendlich aus ihren Spekulationen und fragte angetan von ihrer Idee.

„Wollen wir ein Stück zusammen gehen?“
Parallel schoss es aus Marc und Gretchen, während Mehdi zustimmend nickte. „Och nee!“

Immerhin hat Hasenzahn einen klaren Gedanken. Irgendwann muss der ja auch mal kommen,… wobei? Nee, das is‘ ne gesagt.
„Na ihr seid euch aber einig.“, deutete Mehdi mit erhobener Augenbraue an und holte sich von seiner Freundin einen zustimmenden Blick, der ebenso viel verriet.
Die sind doch unmöglich. Jetzt haben die schon wieder irgendwelche Phantasien…

Während Gretchens Blick abschweifte und ihr Gesicht erschrocken-zerrstreut wirkte, fand Marc schnell einige plausible Worte, die mit unerkennbarer Wahrhaftigkeit über seine Lippen flogen. „Dann gehen Hasenzahn und ich irgendwo hin, und du kannst mit der Brillenschlage ne Runde vögeln.“

„Marc!“, harschte Gretchen ihm dazwischen und blinzelte tadelnd. Sie würde 100%-ig nicht mit Marc Meier um die Häuser, oder bessergesagt um die Promenade ziehen. Nein, nein, nein.
Nachher füllt der mich noch ab…

Die denkt bestimmt, ich stell sonst was mit ihr an. Tja, falsch gedacht Hasenzahn, denn wir haben nachher noch Dienst!
Hilfesuchend schaute Gretchen zu Gigi, die aber auch keinen Rat wusste und nur unauffällig mit den Schultern und Mundwinkeln zuckte, daraufhin atmete Gretchen fast wehleidig auf. „Warum immer ich?“, murmelte sie mit flehender Stimme zu sich selbst. Mehdi hoffte doch inständig, dass die beiden endlich einmal ein klärendes Gespräch führen würden, von dem sich Gretchen fernab sah.

„Das ist doch eine gute Möglichkeit nochmal über alles zu reden.“, zuckte Mehdi ahnungslos mit den Schultern. Gigi tätschelte ihm die Brust und drehte sich leicht zu ihm um, ehe sie erklärend flüsterte. „Mehdi, ich glaube das ist nicht so eine gute Idee.“ Dieser rief in normaler Lautstärke verblüfft mit demselben Blick zu seiner Freundin nach unten. „Warum denn nicht?“

Gretchen schlug sich daraufhin unverständlich gegen die Stirn, was Marc ebenso irritiert, wie diese Diskussionsrunde wahrnahm. Die hatten schon wieder alle zu viel Sonne getankt, definitiv. Zu Mehdi fiel im langsam keine Ausrede mehr ein, die seinen Kumpel auf ein Trauma oder ähnliches deuten ließen. Er war einfach verseucht. Verseucht von den Weibern. Diese schlichte Erklärung brachte den jungen Chirurgen zu einem tiefen Seufzen. Er hoffte nur, dass er sich von dieser Vogelscheuche nicht vollends um den Finger wickeln ließe, aber da sah er offengesagt wenig Hoffnung.
„Wenn ihr’s dann jetzt habt? (nickend in Richtung der drei) Gut, dann hätten wir das jetzt geklärt, oder Hasenzahn?“, unterbrach er keineswegs seine bestimmte Antwort, schaute sie aber mit bewusst großen Augen nickend an, als ob er eine Antwort von einem 3 jährigen Kind erwartete. Er überging ihre Antwort, die noch in den Kinderschuhen steckte mit Absicht und redete unentwegt weiter. „Dann können wir die Zeit nämlich sinnvoll nutzen und ich spreche nicht vom Essen.“

Dabei warf er Gretchen ein arrogantes, aber anspielendes Zwinkern zu, allerdings konnte Gretchen- und das war schon immer eine ihrer Schwächen, ihre pulsierende Entgeisterung nicht verbergen, was Marc immer mehr animierte.

„Also hopp hopp, Abmarsch mit dem Hasen und bis später ihr Kartoffeln.“ Belanglos hob er die Hand und zog die Mundwinkel wenig beeindruckt breit, woraufhin er sich umdrehte und die anderen mit entgeisterter Miene stehen ließ. „Ähm ich, also ich…“, stottere Gretchen, allerdings entriss Marc ihr das Wort sprichwörtlich und rief energisch über seine Schulter. „Heute noch, Hasenzahn!“ Aus Gründen, die ihr heute noch nicht bekannt waren, willigte sie tatsächlich diesem reviermarkierenden Spiel ein und folgte ihm kleinlaut. Ihre Freunde traten den Weg in die andere Richtung an und liefen schwer verliebt auf einen Souvenirshop zu, indem Mehdis Vögelchen einen Strohhut mit dazugehöriger blass-gelber Blume entdeckte.

Marc durchzog eine Woge an Ausgeglichenheit und mit seinen lässig, wenig starren, aber schnellen Gang malte er sich unwiderruflich die nächsten Wochen aus, die vielleicht doch nicht nutzlose Zeitverschwendung werden. Sie sah verstohlen aus, wie sie schräg hinter ihm her trabte. Das nahm er mit einem frechen Blick wahr, denn er hatte es in Erwägung gezogen lieber ab und an ein unauffälliges Auge auf sie zu werfen. Bei ihrer Tollpatschigkeit konnte sie von Glück reden, dass sie nicht schon längst in eine der unzähligen Menschentrauben gelaufen war. Sie schmollte allerdings immer noch und das nicht zu mager, wie er fand.

„Jetzt stell dich halt nicht so an, das war ein Scherz, okay?“

Untermauernd nickte er bei dem „okay“ und kam schließlich an dem runden Platz zum Stehen. Die Hände weiterhin in den knielangen blauen Stoffhosen, wartete er mehr oder weniger gespannt auf eine Antwort. Bei ihr war man sich nie sicher, ob sie jetzt kleinlaut antwortete, denn es gab durchaus Tage an denen sie nicht gerade der Held der Worte war oder ob sie aber an die Decke gehen würde und ihre Autorität, die er ihr entgegen zu bringen hatte, in Frage stellte.

Komischerweise kam gar nichts und deshalb drehte sich Marc nun doch kritisch um. Seine Augen verengten sich und er hatte für den Moment eine Art Vaterrolle vor seinem Auge, als er sie so eingeschnappt da stehen sah. „Boa jetzt komm, Hasenzahn!,“ fluchte er und legte den Kopf kurz genervt in den Nacken.

In dem Moment straffte die junge 30 jährige Frau ihre Schultern und wandte den Kopf demonstrativ von ihm ab, und wenn sie eines wusste, was ein Marc Meier nicht leiden konnte, dann war das Ignoranz am falschen Ort. Gut, wenn sie ihre Klappe mal hielt, hatte er nichts dagegen, so ersparte er sich die ellenlangen Diskussionen über den angemessenen Umgang vor den Patienten mit ihr, aber wenn er fast sehnsüchtig auf eine Antwort ihrerseits wartete, hielt er von dieser abweisenden, stillschweigenden Art nicht mehr, als von den Pennern in Berlin am U-Bahn Eingang. „Dann spiel halt weiter beleidigte Leberwurst, wenn du Bock drauf hast. Ich geh jedenfalls jetzt zur Bar und hol mir was Kaltes, du verstehst?“ Knurrend machte er sich, nicht weniger arrogant auf den Weg mit der Vorahnung, dass Fräulein Hasenzahn in Person ihre trotzige Leitung kappen würde und es ihm mal wieder ein leichtes Spiel war, sie zu kommandieren.

Gesagt-getan, kam keine zwei Minuten später ein tief atmender Hasenzahn hinter ihm, leicht konfus und stolpernd um die Schultern her. Marc nutzte diese Chance auf Anhieb und verbarg sein Lächeln mühsam hinter seiner zur Faust geballten Hand, denn es begeisterte den attraktiven Oberarzt um Längen und sein Ego triefte, dass er nach dieser Zeit noch dieselbe Wirkung auf diese Frau hatte.
„Marc, jetzt warte doch mal. Das- ich- es war nicht so gemeint, aber du musst mir nicht immer über den Mund fahren, das kann man auch anders ausdrücken.“, tadelte sie munter drauf los und hatte Not mit der Atmung Stand zu halten, was sich mit ihrer mangelnden Kondition nicht gerade als einfach erwies.

Im Hintergrund spielte ein Straßenmusikant Gitarre und erntete mit einem hohen Akkord von Marc nur einen abschätzigen Seitenblick. Mit gekrauster Stirn nahm die junge Ärztin nun auch den eigenwilligen Grund für Marcs abruptes fliehen war, er spielte mit ihr. Mal wieder. Ohne groß über ihr Handeln nachzudenken, tat Gretchen etwas, was ihr nicht in 1000000 Jahre in den Sinn kommen würde, sie spielte mit, mischte die Karten und legte eines der geheimen Blätter auf den Tisch.

Ungewohnt berechnend und auf eine analysierende Art und Weise, beäugt sie ihn kritisch mit wankenden Augen. Ihr ehemaliger Freund bemerkte ihre Gefühle hinter diesem Blick nicht, denn er blieb kurzerhand stehen, sichtlich überrumpelt von ihrer wechselnden Art. Innerlich grinste Gretchen, dass er tatsächlich auf sie reinfiel, das musste definitiv rosa-rot im Tagebuch markiert werden. Sie trat näher an seine linke Schulter, stand weiterhin schräg hinter ihm, sodass er den Kopf nur mäßig in die selbige Richtung wandte und abwartete. Seine makellosen Züge entzückten sie immer wieder und hinter der Fassade in den Augen sah man die Zusammengehörigkeit, die rosa-rote Gretchenwelt mit allem Drum und Dran! Ihre stahlblauen Augen funkelten wie ein Kristall in der Sommersonne.

Mit ihrer typischen Gretchen-Art formten ihre Lippen sanfte Worte, die Marc kräftig schlucken und den Wasserhaushalt kochen ließ. „Wie wäre es, wenn wir uns heute Abend hier an der Promenade treffen und was trinken?“

Da meinte Marc glatt ein klein wenig Unsicherheit und Furcht vor ihren eignen Worten zu hören, und dem war auch so, denn Gretchen konnte noch nie gut schauspielern, zumal ein Marc Meier vor ihr stand und der wusste bekanntlich immer, was wahr und falsch gemeint war. Dies gab sie auch eilig mit einem durchwühlten umher schwenken ihrer Augen kund und lächelte ihn fast süffisant entgegen, um ihre unausgeglichene mentale wie physische Balance zu überspielen.

Klasse Margarete,… jetzt hast du es tatsächlich geschafft, dich noch weiter in die Punkt Punkt Punkt zu reiten, als du vorher schon warst. Hilfe!!! Wie komm ich hier wieder raus???

Nun drehte sich Marc vollends zu seiner Assistenzärztin um und warf ihr einen angriffslustigen Blick zu, der nur so triefte perfektioniert und auf die Spitze getrieben zu werden.

„Wenn ich nicht wüsste, dass du eine Neurotikerin durch und durch bist,…“, grinste er noch leicht überrascht und erhob seine Stimme um einige Oktaven. „Würde ich meinen, du versucht mich gerade anzumachen!“

Was sollte sie denn jetzt darauf antworten?

Immerhin hatte er mit der Neurotikerin recht, was sie aber galant zu überhören versuchte mit einem spitzen zusammenziehen ihrer prallen Lippen, welche Marcs Fokus für eine Sekunde kaum merklich beanspruchten. „Ich überhör das Erste jetzt mal ganz galant und komme lieber zum nächsten Thema.“
„Aha“, hob er belustigend die Augenbrauen und schaute sie nicht minder mit erhöhter Stimmung an.

„Was sagst du, Marc?“ Ihre Stimme klang plötzlich zuckersüß und ließ leichte Verwunderung bei dem begnadeten Chirurgen aufkommen. Diese Seite an Hasenzahn hatte er so wenig in letzter Zeit durchblitzen sehen, wusste allerdings nicht, dass sich dahinter eine glasierte, süße sowie verheißungsvolle Racheaktion verbarrikadierte.

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

14.08.2014 17:57
#49 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Hallöchen Leute,

heute mal etwas Nachschub, vielleicht gibt es ja schon etwas Zucker? Aber das lest ihr am besten selbst. Ich kann für nichts garantieren.
Genießt den schönen Tag!

Glg
Eure Elli



Schauen wir in den Spiegel, sehen wir zwei Augen die uns ein Leben lang begleiten. Sie sind immer da, auch dann, wenn wir uns noch so fern und fremd fühlen. Sie stärken uns, geben uns Kraft und Hoffnung, die ewige Liebesmüh von vorn aufzurollen und doch filigraner, vorsichtiger als das letzte Mal damit zu agieren. Ja, unsere Augen sind unser Ausdruck, unsere zweite Stimme, unser Gefühl unsere Leidenschaft. Stumm, aber gleichzeitig unglaublich vielsagend. Und wenn sie uns in einem gedämpften Licht der untergehenden Sonne entgegen strahlen, fragen wir uns, womit wir sie verdient haben, wenn wir im Endeffekt nichts davon zu schätzen wissen.

Vor noch einigen Minuten lag in Gretchen Haases Blick eine Sicherheit und Entschlossenheit, dass es den Männern bei einem Blick die Schuhe ausgezogen und das Hemd aufgerissen hätte, denn darunter verbarg sich das verstaubte Etwas, welches als Herz tituliert wurde. Ihre Pupillen trieften vor massiver Stärke und Selbstbestimmung, doch ein minimaler Funke eines Blitzes lag hinter der Tiefe. Ein Funken, der sagte, sie solle kein falsches Spiel treiben, sich nicht auf eine mindere Ebene, gar dieselbe wie ihre Muse begeben, aber sie ignorierte diese Warnung galant.

Kontinuierlich zupfte die junge Frau an ihren Haaren und legte zum 100. Mal eine Locke glatt, die sie vor einigen Sekunden noch aufgewühlt hatte. Sie war nervös, ihr ganzes Tun und Handeln und Denken, alles Nervosität vor dem bevorstehenden Treffen. Warum hatte sie nochmal urplötzlich ihre laszive Ader zum Ausdruck gebracht, oder noch besser sie zum Ausdruck bringen lassen? Da war ja etwas, stimmt! Sie wollte ihm zeigen, dass sie mindestens genauso sein konnte wie er, aber wollte sie denn so sein wie Marc? Immerhin war sie Gretchen Haase und das in Person. Die einzig Wahre, das Original… quasi. Als nächstes musste wohl ihr Sommerkleid als Therapiemöglichkeit hinhalten, denn sie raufte es in regelmäßigen Abständen das Baumwolle Kleid mit Kunstfaser-Anteil auf und ließ es kurze Zeit später lang nach unten fallen. Das leichte Teil bedeckte ihr Knie nicht zu knapp, ließ trotzdem den gewissen Rahmen an Freizügigkeit offen, sodass sich Mann noch so einige Gedanke darüber machen könnte, wie es wohl aussähe, wenn das gute Stück noch etwas höher säße. Ihre Füße zierten ein paar Zehenlatschen, die als Ornament an den kleinen Lederriemen cremefarbene Blumen aufwiesen. Marc hatte sie nach der Schicht im Krankenhaus noch nicht gesehen, allerdings hatte sie in dem Moment des Ich-bin-genauso-cool-wie-du Anfalls die Fäden nicht weitergespannt, dass er nach dieser offenen Einladung die Nacht mit ihr in einem Zimmer verbringen würde. Bei diesem Gedanken trieb es Gretchen eine nicht überspielbare Röte auf das komplette Gesicht.

Selbst ihre Ohren glichen sich nun von dem hellen Haar ab und verrieten so einiges über ihre jetzigen Gefühlsschwankungen. So mussten sich wahrscheinlich Schwangere fühlen, dachte sie mit einem kleinen Fünkchen Ironie, der nicht sonderlich lang anhielt. Kaum zu glauben, doch die junge Ärztin, bei der Familie schon mit 8 Jahren großgeschrieben wurde, freute sich auf einmal momentan keine zusätzlichen Pfunde mit sich tragen zu müssen, obwohl… mit Marcs Nesthäkchen unter der Brust und zu 100%- iger Sicherheit auch im Herzen, hätte sie für diesen Umstand nur ein treu-seliges Schmunzeln übrig gehabt. Über diese Gedankenstricke schüttelte Gretchen ruckartig und abschüttelnd mit dem Kopf und schnappte sich ihre Tasche. Sie würde es ihm schon zeigen, da war sie sich ganz sicher. The show must go on!

Keine 10 Minuten vergingen, als die Blondine an der Promenade entlang stolzierte und den Blick nicht von den glücklichen Pärchen wenden konnte, die Hand in Hand und Himmelhoch jauchzend ihren Weg kreuzten. Der Anblick des idyllischen Abends ließ einem das Herz deutlich höher schlagen, schon gar wenn man Gretchen Haase hieß und eine Romantikerin durch und durch war.

Rechts sah sie die unzähligen kleinen Buden, es waren Holzhütten in denen jeder Sommelier seine besten Stücke verkaufte. Ab und an gab es noch Bretzeln, was Gretchens verwunderte Blicke auf sich zog, während ihre Nase kleine Grübchen umflogen.
Das gibt’s hier? Bin beeindruckt…

Positiv überrascht folgte gleich die nächste Erkenntnis: Es gab frische Fettschnitten.

Satt mit frischen Tomaten, Zwiebeln und Petersilie belegt, boten viele Stände ihre unzähligen Variationen an. Das hatte ihr früher schon als kleines Mädchen, neben der Nutella Semmel geschmeckt. Es war herzhaft, hatte aber die richtige Note Sinnlichkeit, was durch die leichte Schärfe vergegenwärtigt wurde. Und mit einem guten Tropfen sollte dies eine regelrechte Spezialität in diesem Land sein. Zugegeben, sie hatte mit 10 Jahren bei ihrem Vater einen Schluck von dem guten Halbtrockenen genommen, damals brannte ihre Zunge noch fürchterlich, aber 4 Jahre später, als sie zum 2. Mal in diesem Land waren, gefiel es ihr schon besser. Der Wein war kein Vergleich zu dem, den sie mit Mehdi genossen hatte, der schmeckte im Vergleich zu diesem pelzig, trocken und staubig.

Unwiderruflich dachte sie an den Abend und ihr Magen drehte sich glatt um, umso besser, dass ihre Hand ihn mit kreisenden Bewegungen zu stimulieren versuchte. Ihr Gesicht zierte ein freundliches, sympathisches, aufgeschlossenes Lächeln und als sie sich versah hörte sie plötzlich eine bekannte Stimme kehlig auflachen. Mit den Armen schwankend, drehte sie sich um und suchte gleichzeitig die Person, deren Stimme sie wohl kannte, die diesen Laut von sich gab, denn er schien freudig und ausgelassen zu klingen.

Ihr Lächeln hielt kurz stand und man merkte, dass der Moment auf sie wirkte, doch dann zogen sich ihre Mundwinkel nach unten und ihre Fassette erlitt einen kräftigen Knacks. Sie atmete tief aus, als ihr Kopf schräg nach unten ragte und sie ihre Finger ineinander schob, denn es war fast so, als hätte sie es geahnt. Durch die Nase schob sie die Luft stoßweise aus, verharrte kurz in dieser Position und überlegte krampfhaft, ob sie sich einfach wieder klammheimlich aus dem Staub machen sollte, denn bemerkt schien sie noch keiner zu haben.

Doch dann überlegte die talentierte Ärztin, dass sie einmal die Initiative ergreifen musste. Was das zwischen ihr und Marc noch war, wusste sie nicht, aber es juckte ihr tierisch in den Fingern endlich mal ihre Chance zu nutzen. Immerhin hatte sie es bis hierhin geschafft, er reagierte fast hypnotisiert als sie ihm dieses „Date“, soweit es als eines galt, angeboten hatte.

Deshalb streckte sie die Brust heraus und zupfte ein letztes Mal an ihrem Ausschnitt, denn zu viel Dekolleté war auch nicht das Wahre. Dynamisch taten ihre zierlichen Füße Schritt vor Schritt, als sie Marc neben der bekannten Schwester aus dem Krankenhaus sah. Marcs Kopf ragte punktgenau nach oben, als Gretchen mit einem geübten Lächeln ein dynamisches „Hallo“ formte. Entschlossen nahm sie beiden gegenüber Platz, was durch ihr Gezappel nicht wirklich sexy oder selbstsicher wirkte.

„Na Hasenzahn, auch endlich aus dem Bett gekommen?“, hakte Marc belustigt nach, worauf seine neue Bekanntschaft bei dem anzüglichen Zwinkern keck auflachte und entschlossen an ihren Haaren herumspielte.

Doch nichts mit viel Geist. Billige Personen. Wobei? Hätte ich mir auch denken können, schließlich kann Marc nur minderwertige Persönlichkeiten um den Finger wickeln. Mich ja nicht, ne! (unsicher und überspielend) Ich… püh… nie im Leben… Gretchen Haase,… du bist so eine schlechte Lügnerin.

„Danke auch!“, sagte sie verträumt laut und zuckte vor ihren eigenen ausgesprochenen Worten wenig später selbst zusammen.
Jaja… der Peinlichkeitsfaktor wächst Hasenzahn. Will gar ne wissen, was die in ihren nullachtfünfzehn Träumen wiedermal mit mir angestellt hat…

„Tja, erst denken, dann reden.“, zwinkerte Marc amüsiert. Dass sie auch immer wieder solche Fehltritte machte, nervte die junge Ärztin selbst total. Vielmehr sollte sie ihrem Oberarzt, der arroganter nicht sein konnte, ihre Standhaftigkeit und ihren enormen Emanzipationsschub zeigen, aber nein… immer schön das kleine Mädchen raushängen lassen, oh je!

„Einfach nicht zuhören. Der hat ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.“, winkte Gretchen erklärend ab, während sie die junge Schwester stetig beäugte und in ihren Fantasien malten sich bereits Bilder, die sie nur zu gern gelöscht hätte. Die Angesprochene nickte nur beängstigend und schaute zwischen den beiden hin und her, aber als Marc ihr sein charmantestes Lächeln schenkte, waren die anfänglichen Defizite wieder verflogen. Nachdem sich Gretchen einen Rosé geholt und schon das halbe Glas intus hatte, weil sie vermutete den Abend sonst nie heil und unversehrt zu überleben, wurde ihre renommierte Art doch etwas auf die Probe gestellt und ihre ausgelassene Seite sprang aus dem Käfig. Anfangs nur zögerlich, aber immerhin. „Ist doch echt schön hier und ich muss schon sagen (einen weiteren Schluck), dass die Männer durchaus ihre Qualitäten haben.“ Wie auf Stichwort verlor Marcs Gesicht jegliche Züge und er fragte monoton mit einem drängenden Unterton.

„Wie meinste das denn jetzt? Hattest du etwas was mit irgendwem?“

Auf diese mehr als eindeutige Frage konnte Gretchen nur lächeln und als ob das noch nicht genug war, trank sie auch den letzten Schluck des guten Tropfens in einem Zug aus. Wahrscheinlich machte sie diese schwüle Hitze so schnell benebelt, anders konnte sie sich ihre Offenheit in allen Ehren auch nicht erklären und schon gar nicht vor Marc, der immer noch wie ein Schuljunge, dem das Pausenbrot geklaut wurde vor ihr saß und auf eine Antwort hoffte, die ihn stimulierte. „Und selbst wenn, das geht dich nichts an.“, zog sie es nun vor ihm einen verführerischen Blick zuzuwerfen und überlegte kurz, ob sie den Abend hier beenden sollte.

Warum hatte sie ihn noch gleich eingeladen?
Keine Ahnung- sicher war nur, dass sie Rache wollte und die ist bei Frauen bekanntlich süß!

Belustigt schnappte sich der Chirurg ihr Glas, das verdächtig drohte einen Abgang zu machen, denn Gretchen spielte motorisch abhackend mit ihren Fingern um den Glasstrang. „Ich bin immerhin dein Oberarzt, da ist das sowas wie… meine Pflicht.“

„Deine Pflicht?“, glaubte sie nicht recht gehört zu haben, als sie ihn unerwartet prüfend in die Augen starrte.

„Ja, immerhin muss ich wissen, was du wieder anstellst. Nicht, dass ich am Ende wieder angeschossen werde oder dieses Mal gar entführt!“, prahlte er aufziehend und hob dabei andeutend seine rechte Augenbraue und seinen Mundwinkel, doch Gretchens Augen lagen gebrannt auf zwei Mal zwei Personen hinter Marc. Um den Durchblick besser zu erreichen, verengte sie diese kurz und wankte mit ihrem Kopf nach vorn, als auch Marcs verwunderter Blick schließlich von der Blondine über seine Schulter fiel. „Na Hasenzahn, ob du die noch erkennst?“, klang seine Stimme herausfordernd gleichzeitig aber triumphierend wie überlegen er ihr mal wieder war.

„Gigi, Mehdi und M und M.“, meinte Gretchen bedeutend ernst und zog beachtlich ihre Augenbrauen hoch, um Marc mit einem Blick aus purem Trotz und Selbstschutz zu beeindrucken.

„Hey ihr Lieben!“, meinte Gigi und auch Mehdi hob lachend die Hand. Maria und Maurice begrüßten die Runde unterschiedlicher, wie es gar nicht ging. „Hallo!“

„Na, mal wieder auf Ha(a)senjagd, Meier?“

Über ihren eigenen Witz lachend, setzte sie sich neben Marc und seine neue Errungenschaft, die komischerweise nicht mehr so angetan schien und langsam ihre Tasche schulterte. „Ich sollchte dann gehen!“, zeigte sie gen Süden und stand ruckartig auf. Gretchen winkte ihr amüsiert hinterher, während in Marcs Blick pures Entsetzen und Perplexität lag. „Tja Meier, kannst die Frauen wohl auch nicht mehr halten, was?“

Da wurde er doch glatt von einem beachtlichen Spruch seitens Mehdi beschossen, worauf er zugeben musste, dass er spontaner nicht hätte kommen können. Gigi schaute mit einem undefinierbaren Ausdruck zu Gretchen, die mittlerweile ihr 2. Glas ausgetrunken hatte und sich Ambitionen machte noch eins zu bestellen. Da sprach aber tadelnd die Mutter aus Gigi und zog kräftig an Gretchens Arm, der schlaff auf ihren Schoß fiel. „Für dich war das heut genug.“ Vorwurfsvoll wandte sie sich zu Marc, der nur noch über Hasenzahns non existente Kontrolle schmunzeln konnte. „Und du brauchst überhaupt nicht so dreckig zu grinsen, wie viel hat sie getrunken?“

„Bin ich ihr Vater oder was? Was weiß ich 1, 2, 3 Gläser?! Jedenfalls nicht die Menge, dass ein normaler Mensch gleich stockbesoffen vom Steg kippt.“, schmetterte er ihr lässig mit dem typischen Meier-Blick entgegen.

„Herr Doktor, hat Frau Haase nicht neulich mit dem Doktor Kaan angebändelt?“

Ganz falsche Aussage von Maurice, was ihm Mehdi und Marc mit einem strafenden Blick und tiefgelegter Stirn klar machen wollten. „Was denn?“, hob er unwissend die Schultern und Hände, sah im Gesicht leicht wie ein angeschossenes Reh aus, doch Maria konnte nur schallend lachen. „Nein-“ Bevor sich Mehdi erklären konnte, nahm Gretchen das Wort zwischen die Lippen und schob den Kopf abwechselnd von vorn nach hinten um mit hoch erregter Stimme zu antworten und dabei ihre Augen zu Marc und Mehdi und Knechtelsdorfer schweifen zu lassen.

„Tzzz ich hab sogarrr mit beiden was angäääfangn.“
Wow Hasenzahn…
Wie peinlich bist du denn Gretchen?


„Kaum hat Frau Doktor Haase etwas Intus, nimmt sie gleich das Zepter in die Hand, Respekt. Hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Wenn ich gewusst hätte wie Sie können, hätte ich die Flasche Tequila doch nicht im Auto stehen gelassen, sondern Ihnen gleich ganz verabreicht.“
„Es reicht, Frau Hassmann!“, hielt Gigi Gretchen am Arm fest, damit sie womöglich keinen Abgang machen konnte. „Warum denn, es fängt doch gerad so richtig an, nicht wahr Mehdi?“

„Marc, du kannst deine Bemerkungen stecken lassen, ich will nur Gigi.“ Überzeugend legte er einen Arm um seine Freundin, die unvorbereitet doch etwas emotional zu werden schien.

Das ist ja fast schlimmer als Hasenzahn… Apropo…
Gretchen war noch nicht so weit, dass sie keine klaren Sätze mehr herausbrachte, allerdings wusste sie um die Intension dessen nicht mehr wirklich bescheid. Marc fand das äußerst amüsant und entspannte sich mit einem tiefen „Hach“ und einem Strecken seiner Knochen. „Klar, deswegen hängst du seit Monaten an Hasenzahn, um auf einmal der Brillenschlage hinterher zu dackeln. Wer’s glaubt!“ Zynisch schüttelte der Chirurg den Kopf.

Sein Kumpel stand doch immer noch auf Hasenzahn und zwar durch und durch, doch Mehdi konnte sich wehren und war heut erstaunlich schlagkräftig.

„Naja da kenn ich noch einen.“ Dabei zwinkerte er Marc provokant entgegen, was der nur mit einem zucken seiner Oberlippen wahrnahm. „Wer rennt hier wem hinterher, mh? Das ist ja wohl eindeutig Hasenzahn und nicht ich.“

„Naja.“, riefen Maurice, Gigi und Maria im Chor. „Ich renn dir ja mal garrr nicht hinterher, klahar?“, versuchte Gretchen mehr schlecht als recht das Zepter zu übernehmen, sackte allerdings beim Erheben ihres Zeigefingers und des verbundenen Armes in sich zusammen und stützte die Hand lieber wieder auf dem Kopf.

„Dann hab ich mir die 16 Jahre Rosa am Hacken wohl nur eingebildet.“

Seine Stimme ließ den Sarkasmus deutlich heraus und auch Gigi konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, bei Gretchens empörtem Silberblick versuchte sie sich zumindest einigermaßen zu beherrschen. „Siehste…“, zeigte Marc auf Gigi und hob die Stimme. „Selbst die Vogelscheuche gibt mir Recht.“

„Ich hab auch einen Namen.“, tadelte sie altbacken. „Ja sag ich doch, Vogelscheuche, Brillenschlage, Federfieh,… alles dasselbe.“

„Ich muss schon sagen Meier, Ihre Kosenamen sind wirklich nicht von schlechten Eltern.“

„Nee, wo seine Mutter doch die Grohoschenromane schleschthin mit ‘Oh Réne, oh Monique‘ betitelt.“, verstellte Gretchen Haase unter schwerster Anstrengung ihre Stimme. Marcs Kopf drehte sich gen Gretchen, während er ihr einen warnenden Blick zu warf. Diese hob nur die eine Hand flau, welche gleich wieder den Abgang machte. „Isss doch so.“

„Schade, dass Sabine nicht am Tisch sitzt, sie hätte sicherlich was zu erzählen gehabt.“, stimmte Knechtelsdorfer lachend mit ein.

Marc verdrehte nur theatralisch seufzend die Augen. Das konnte noch was werden, da war er sich sicher.

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

23.08.2014 23:10
#50 RE: 1.Story von Elli Zitat · antworten

Huhu ihr Lieben,

verpeilt wie ich bin, habe ich doch tatsächlich vergessen den neuen Teil reinzustellen. Himmel, es wird Zeit, dass ich wieder rundum gefordert werde. Nichts desto trotz geht's JETZT wirklich weiter. Mal schauen, was Gretchen noch alles offenbart. Seid gespannt.

Macht euch einen schönen Abend,
Elli




Eine halbe Stunde später waren die drei Pärchen, eines davon eher als Katz und Maus titulierend, nicht wirklich weiter, doch jeder hatte mal hier, mal da seine Freude und dementsprechend stieg der Konsum an Wein und Salzgebäck.

„Haase jetzt erklären Sie uns mal, wie die Männer nun so sind, mh.“

Gigi und Gretchen verstanden nicht und warfen sich wie auf Knopfdruck einen fragenden Blick zu, um daraufhin in schallerndes Gelächter auszubrechen. Mittlerweile waren beide soweit von der Bank zu kippen, aber irgendwie schafften sie es immer wieder ihren Segelflug durch die schlaffen Muskeln zu verhindern und Marc sowie Mehdi einen Eingriff mit voraussagbaren Rückenproblemen zu ersparen. „Knapp 1,80 glaub isch.“, nuschelte sie hicksend.

Marc warf ihr einen angewiderten, aber doch prüfenden Blick zu, denn er und Mehdi schienen die einzig halbwegs nüchternen an diesem Tisch zu sein, sie vertrugen ja auch so einiges. Ihre bisherigen Männerabende oder Stunden waren immer mit einer Flasche Weißem und unzählig viel Eis zu Ende gegangen, da machte so ein bisschen Wein, zwar fassettenreich, aber gut, nun nicht die Welt. „Schie meinte im Bätt.“, half ihr Freund Gretchen auf die Sprünge und zeigte wahllos in der Gegend herum.

„Oh… sss keine Ahnun‘, das weiß isch ne mähr.“, lallte Gretchen und legte ihren Kopf seitlich an Gigis, die nun auch das Wort ergreifen sollte, als die Blondine mit rauchiger Stimme noch einmal das Wort ergriff. „Fragen Sie doch Gischi, Frauhhh Maria. Sie hatte aurrch was mit MMM… Marc un‘ vielleischt auch mit Meeehdi!“, verwechselte sie kurzerhand die Seiten, was Marc sich schnell einschalten ließ.

„Ich hatte garantiert nix mit dem Brillengestell.“ Seine Stimme war barsch und doch trug sie den kleinen Hauch an Oberarztmanier mit sich, was Gigi unumgänglich ansprach, sehr sogar. „Also Marc wahhhr geil, aber Mehdi is‘ der Wahhhsinn.“

„Da hast du’s Meier! Ich bin der Wahnsinn!“, straffte sich Mehdi die Brust und drückte Gigi einen Kuss auf die Lippen, das Verzerren seines Gesichtes blieb allerdings nicht fern, als er ihren biederen Geschmack wahrnahm und es ihn schüttelte. „Bitte? Wenn hier einer was von Frauen versteht, dann bin das ja wohl ich, klar?“

„Nee…“, winkte Gretchen ab. Abermals folgte ein ungläubiges „Bitte“ in einem angehobenen Oktaventon. „Marc is‘ unnnnbeschreiblisch…“, prahlte Gretchen und hob unterstützend die Hände gen Himmel. „Soh einen finden Sie nischt, Dorrktor Maria.“ Vollkommen überzeugt schüttelte sie den Kopf und lugte hoffend unauffällig zu Marc herüber, der zwinkerte ihr nur aufgeklärt entgegen und brachte ein minimales zartes Anziehen seiner Mundwinkel zustande.
Hach… süß… süßer… am süßesten… Marc!

Überrascht, aber trotzdem äußerst überzeugt von sich, antwortete Marc nickend. „Da hören Sie’s Hassmann,…“, zeigte er auf Gretchen und mit leicht nach unten genicktem Kopf, sodass er ihren Blick leicht streifte. „So einen finden Sie ne!“ Daraufhin prustete Gigi schlaftrunken los und wippte mit ihrem Kopf von rechts nach links. Langsam reichte es dann doch, zumal Hasenzahn gleich auf der Stelle einschlief und Gigi mit ihrem hin und her wippen den nächsten Sturz verursachen würde. Der Gynäkologe und der Chirurg warfen sich einen wohlwissenden Ausdruck entgegen und nickten kaum merklich, als sie resigniert aufstanden und Marc kurzerhand seine Arme unter Gretchens Armbeuge schob, ohne viel Kraftaufwand, aber gespielt schnaufend, zog er sie auf ihre unsicheren Füße und musste im nächsten Moment seine eigene Balance festigen, als Gretchen nach hinten kippte.

Leicht war sie wirklich nicht, dass musste man sich eingestehen und Marc provozierte es ja sowieso ständig, deshalb zeigte es von wenig Überraschung als seine Assistenzärztin um die Bank stolperte und sich wie ein nasser Sack, ja fast wie ein Löwe vor dem Ertrinken an Marcs Schultern bzw. seinen Hemdkragen klammerte und dabei ihren Kopf für eine Sekunde an seiner trainierten Brust ruhen ließ.

Trotz des, für sie hohen Alkoholpegels nahm sie ganz nüchtern wahr, dass er ihr so nah wie lang nicht mehr war, vielleicht täuschte sie sich aber auch und es stand ein ganz anderer Mann vor ihr, der sie gerade mehr als merkwürdig musterte.
„Nicht einschlafen, Hasenzahn. Schleppen kann ich dich ne, sonst bin ich morgen tot.“

Zur Unterstreichung schnipste er ihr gegen den Kopf und sie hob diesen ruckartig um sich einmal ausgiebig die Stelle zu reiben. „Etwas sampfter bidde…“, torkelte sie und schob ihn beherzt von sich. Das konnte was werden und Marc war sichtlich gespannt und wartete mit verschränkten Armen und erhobener Augenbraue auf eine unachtsame Tätigkeit von Hasenzahn. Sie würde sicherlich gleich den Boden küssen und er sich gänzlich amüsieren, wie eigentlich schon den ganzen Abend. Als er neben sich einen verdächtigen Würgereiz hörte, drehte er den Kopf angewidert in dieselbe Richtung um ihn schnellstmöglich wieder gen Hasenzahn zu drehen. Seine Augen zeichneten deutlich ab, dass er einfach nur ins Bett wollte und keinesfalls Bock auf einen reihernden Ha(a)sen hatte, die womöglich noch die Minibar ausrottete. Gigis Mageninhalt sagte ihr gerad „Hallo“ und während Marc sich unverständlich fragte, wie Mehdi der Schnalle zu allem Überfluss noch den Rücken tätscheln konnte und seit wann er die Stufe zum flüssigen Ei betreten hatte ohne Marc vorher zu informieren, haderte eine weitere Kandidatin bis aufs äußerste mit ihrem Gewicht. Dabei musste Gretchen feststellen, dass auch die ausgebreiteten Arme nur sekundär eine Hilfe darstellten und zack lag sie auf dem gepflasterten Boden. Betrunken zu sein hieß wahrscheinlich auch, dass der Schmerz soweit er noch kommen sollte, erst am Morgen nach dem Rausch auftauchen würde. Sie fühlte sich sichtlich gut, dass bis auf ein paar kleine Kratzer an der linken Wange alles noch dran war und auch als sie versuchte ihren Körper mit empor gestrecktem Po in Position zu setzten, tat nicht mehr weh als vermutet.

Doch da klatschte auf einmal etwas an ihrem Hinterteil, das sich wie eine kräftige Männerhand anfühlte. Marc Meier war sichtlich angetan von der Versuchung, zumal sich Hasenzahn morgen sowieso nicht mehr erinnern könnte, ob er ihr unter Umständen, die unumgänglich waren, auf den Arsch gehauen hatte. „Ey…“ Mehr bekam sie nicht heraus, denn Frau Haase schien Spaß an dem Bodenkontakt zu haben, dieses Mal streckte Marc seine Arme zügig aus und fing sie knapp vor dem Erdbodenkuss schmunzelnd auf.

„Los jetzt, sonst kippt die mir hier noch tausend Mal um und das bei dem Gewicht gibt‘s sicherlich Schäden. Also hopp jetzt!“

Mit viel Mühe schafften es die 6 letztendlich 15 Minuten später im Hotel anzukommen, indem jeder in sein Zimmer verschwand. Der gutaussehende Oberarzt schaffte es gerad Hasenzahn in der einen Hand zu balancieren, mit dem Fuß die Tür zuzuschmeißen und das Licht anzuschalten.

Oh Gott ey… Hasenzahn du schuldest mir was, aber richtig!

Gretchen nestelte immer mal wieder an seinem Kragen herum und strich unkontrolliert über seinen gut gebauten Oberarm, der in dem Hemd so wunderschön die Muskeln zeichnete und sein Geruch zog sich bis in Gretchens winzigste Nervenfaser und sammelte sich dort auf. Er hatte Recht, er war göttlich und das nicht nur äußerlich. Nüchtern fände Gretchen sicherlich andere Assoziationen und Ausdrücke die sie mit Marc Meier in Verbindung bringen könnte, aber so war es nun mal nicht.

„So Hasenzahn, Endstation!“, atmete Marc tief, als er sie auf das gemeinsame Bett setzte und sie im nächsten Moment wie ein begossener Pudel zu ihm aufsah.

Mit großen runden Augen, die immer mal wieder von einer Welle Müdigkeit ergriffen wurden und sich sanft senkten, abgesehen von ihren Schultern, die schlaff nach vorn ragten und die Hände locker in ihrem Schoß weilten. Ihr Gegenüber stand mit eingestürzten Armen vor ihr, kreiste gerade knackend die Schulter und sah im nächsten Moment mit einigen Haaren vor der Stirn zu ihr herab. Abwartend und fragend gleichzeitig fuhren seine Augenbrauen eine Etage nach oben und verweilten dort bis sie ihm hoffentlich eine Antwort schenkte.

„Ja, willst du nicht ins Bad?“, half er ihr auf die Sprünge, wurde aber auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als sie gehemmt mit dem Kopf schüttelte und er verengte kurz die Augen, aber Marc war sich sicher, dass sie einen Flunsch zog.

Er kam um ein minimales Schmunzeln nicht drum herum und strich sich kapitulierend über den drei Tage Bart, als er letztendlich die Initiative ergriff und beruhigend ruhig nachfragte. „Was denn dann?“

Sie hatten den Kopf im Verhältnis, dass er stand, ziemlich tief in den Nacken legen müssen um ihn auch ansehen zu können, wobei sich das bei einer Auswahl von drei gutaussehenden Marcs und alle mit demselben anziehenden Blick versehen, sehr schwer gestaltete. Dessen Gesichtsausdruck wandelte sich von angetan amüsiert zu irritiert und er beschloss nun doch nochmal nach zu haken.

„Hasenzahn, was ist denn jetzt? Ja-Nein? Was? Gibst du mir heut noch mal eine plausible und vor allem verständliche Antwort?“

In seine Stimme mischte sich schon fast etwas Verzweiflung über die non existente Plappertasche ein, allerdings zeigte er immer das passende Maß an Autorität, was Gretchen Haase jedes Mal aufs Neue begeisterte. „Isch kann nischt mehr aufstehnnn…“, nuschelte sie und ließ den Kopf locker von einer auf die andere Seite fallen.

Das kann ja noch was werden. Immerhin hatten wir alle unseren Spaß und wenn sich Frau Ich-trink-alles morgen erinnert, musst du das unbedingt festhalten, Meier.

„Na komm!“, zischte Marc, als er sie wieder auf die Beine zog, diese gaben aber ruckartig nach und so krallte sich Margarete an ihrer ewigen Jugendliebe fest und versetzte ihn ein wenig ins Wanken. „So Schluss jetzt.“ Mit einem gekonnten Griff hob er sie hoch und legte sie sich über die Schulter. Ihre Muskeln waren schlaff, wirkten dadurch gleichzeitig unkontrolliert und träge, was Marc zusätzliches Gewicht bescherte.
Erinner‘ mich dran, dass ich Hasenzahn auf Diät setze… so geht das doch nicht weiter (grins)!

Im Badezimmer setzte er sie auf den Klodeckel und begab sich in seine Anfangsposition, ehe er gehen wollte, vergewisserte er sich, dass er sie auch allein lassen konnte ohne nachher ein Schlachtfeld vorfinden zu müssen.

„Geht’s?“, hakte er ruppig nach, denn sie machte schon wieder kurz die Augen zu.
„Mhm…“, säuselte sie und Marc winkte nur ab, griff sie wieder und stellte sie samt Klamotten kurzerhand unter die Dusche.

„Damit dein Alkoholpegel mal sinkt.“, erklärte er und drehte im nu das eisigkalte Wasser auf.

Gretchens Blick erhellte und sie hob den Kopf an, als sie einen Arm um ihren Bauch geschlungen wahrnahm. Das war doch Marc. Aber viel Zeit zum Überlegen brauchte sie nicht, denn das bissige Wasser kroch in sämtliche Öffnungen und fand selbst den Weg in ihre Ohrmuschel. „Maaaaaaarc!“, kreischte sie und patschte unkontrolliert auf seinen Arm. Dieser zuckte nur kurz durch das spritzende Wasser zusammen und meinte dann schmatzend. „Klappe jetzt Hasenzahn, anders kriegt man dich ja nicht wach. Und jetzt halt mal still.“

Entschlossen stellte er sie wenig später im Badezimmer auf die Füße und schmiss ihr lässig ein Handtuch zu. „So, das dürfte doch jetzt gehen, oder?! Wirst du die Güte besitzen, dich jetzt mal zu beteiligen oder willst du morgen früh noch hier stehen?!“, hakte er ironischer denn je nach und zog ihr mit gespreizten Fingern einige Haare aus dem Gesicht. „Bist du bescheuert?“ Ihre Stimme klang immer noch rau und rauchig, aber deutlich nüchterner, nicht 100%- ig, aber schon etwas und deshalb drehte sich Marc ohne eine weitere Aussage um, warf ihr an der Tür noch einen überlegenen Blick entgegen und marschierte ins Schlafzimmer.

Als sie in ihr Spiegelbild blickte, merkte sie, dass ihr jemand offensichtlich zusprach.

Gretchen, jetzt nimm dich mal zusammen! Du bist hier mit Marc Meier! Klingelt‘s?! Ja, genau. Das ist der Typ, dem du seit der 5. Klasse hinterher gerannt bist und mit dem du kurzzeitig eine… nun ja… mehr oder minder körperliche als psychische Beziehung hattest. Gerade hast du es doch gesagt, Marc ist unübertrefflich. Jetzt steh doch mal dazu und hol ihn dir, und zwar mit allem was dazu gehört. Denk immer dran, du bist stark, emanzipiert, liebenswert, vollbusig, intelligent und jeder Mann kann sich glücklich schätzen, so eine Frau wie dich zu haben.
Gretchen, du willst doch aber nur den einen und wenn wir mal ehrlich sind, willst du den schon die ganze Zeit. Seit du im EKH angefangen hast und das hat sich auch durch seine seltendämliche Aktion nicht geändert, oder?!


Umringt von ihrem Spiegelbild nickte Gretchen beschämt und ihre Haare hingen fahrig nach unten, nass und spröde.

Na siehst du! Du bist doch nach Sabines Aussage ein guter Schuss, also zweifle nicht ständig, mh?!

Wieder nickte sie und sah ihrem Ich nun deutlich in die Augen.

Karriere hin oder her, Liebe stand bei dir schon immer großgeschrieben und das ist nichts verwerfliches, hörst du! Eine Frau wie du es bist, kann alles schaffen, sie benötigt nur das Maß an Mut und Willensstärke, die du doch schon immer hattest, wenn es um Dinge ging, die dir wichtig sind, nicht wahr?

Jetzt nickte Gretchen selbstsicher und lächelte sogar zaghaft. Deutlich euphorisch sprach sie nun. „Du hast Recht! Ich will Marc!“

Ja, genau! DU WILLST MARC!

Noch ein letztes Mal nickte sie und es hätte aufrichtiger und ehrlicher nicht sein können.

„Ja, ich will Marc!“, sprach sie ruhig, aber zärtlich, dass es selbst einer Rose die Farbe entzogen hätte. Der Alkohol hatte ihr den Rest gegeben und sie spürte, dass er noch tief in ihrem Hirn saß, aber diese Erkenntnis war keineswegs von dem Wein durchtränkt, sie war ehrlich, entsprach zu 100% der Wahrheit, der Realität und es hätte keinen besseren Moment geben können, als diese Aussage tiefer zu etablieren, sie aufzusaugen und endlich zu leben. Jetzt war der Augenblick gekommen, jetzt und nirgends anders. Jetzt!

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