Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 


Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 93 Antworten
und wurde 53.529 mal aufgerufen
 Abgeschlossene Fortsetzungen!
Seiten 1 | 2 | 3 | 4
Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

27.10.2011 22:30
Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

Nachdem ich jetzt doch die eine oder andere Geschichte von euch regelrecht verschlungen habe, möchte ich mich nun auch an eine eigene Fortsetzung wagen. Meine Geschichte von Marc und Gretchen beginnt da, wo Boras aufgehört hat. Also nach der 3. Staffel. Allerdings gibt es auch ein paar Zeitsprünge, lasst euch also nicht verwirren.
Ach und noch eins. Ich bin weder Medizinerin noch war ich an allen Schauplätzen meiner Geschichte. Also verzeiht mir eventuelle Fehler.

Über Kritik, aber auch Lob würde ich mich sehr freuen!

Viel Spaß beim Lesen wünscht euch
Pippi Langstrumpf



1 Freiburg - September 2014

Ein letztes Mal fuhr sich Dr. Marc Meier durch seine gestylte Föhnfrisur. Langsam ließ er seinen Blick über das anwesende Publikum schweifen. Erwartungsvoll schauten ihn doch mehr als vierzig Augenpaare promovierter Mediziner aus ganz Europa an. Aber das machte ihn, Dr. Marc Meier, natürlich nicht nervös.
Der Raum war gut gefüllt. Er war nicht sehr groß, aber für eine auf solchen Veranstaltungen übliche Posterpräsentation gut geeignet. Die riesigen Poster, auf denen kurz die wesentlichen Punkte einer Studie in Text- und Diagrammform zusammengefasst waren, waren halbkreisförmig an drei Wänden des Raumes aufgestellt. An der vierten Wand gab es eine Treppe, die Tür des Raumes war auf einer zweiten Ebene, ähnlich einer Galerie.

Er atmete noch einmal tief ein und aus und dann begann Dr. Marc Meier von der Medizinischen Fakultät der Universität Oslo mit der Präsentation seines Posters. In dieser Präsentation stellte er seine aktuellen Forschungen zum Thema „Depressivität bei Patienten mit Querschnittslähmung nach Verletzungen des Rückenmarks und deren Einfluss auf den Rehabilitationsprozess“ vor.
Ja, seine Untersuchungen waren bahnbrechend und wurden in der entsprechenden Szene schon seit der Veröffentlichung der ersten Studienergebnisse bewundernd diskutiert. Und heute war es nun so weit. Das Team der Medizinischen Fakultät der Universität Oslo stellte unter der Leitung von Dr. Marc Meier die gesamte Studie der medizinischen Fachwelt vor.
Es war die 5. Fachtagung für chirurgische Unfallmedizin in Freiburg und das Team um den einst jüngsten Oberarzt Deutschlands war eigens für diese wichtige Tagung, übrigens die einzige ihrer Art im deutschsprachigen Raum, aus Oslo angereist.
Das Team, das waren Frau Dr. Svantje Johanson, Psychologin und seit 14 Monaten die Frau an der Seite von Dr. Marc Meier, das war Herr Dr. Lars Feldmann, Chirurg und ein alter Studienfreund von Marc Meier und komplettiert wurde das Team von Herrn Prof. Dr. Ole Ottersen, der aber aufgrund seines beachtlichen Alters nur noch beratend den jungen Wissenschaftlern zur Seite stand.

Kommen wir aber zurück zu dem Vortrag von Dr. Marc Meier.

Ja, natürlich konnte er gut reden. Ohne Aufregung, nicht zu schnell und nicht zu langsam, er sprach genau in der richtigen Stimmlage und er hatte seine Zuhörer, oder besser gesagt ihre Augen, immer fest im Blick. Es gab keine Unsicherheiten. Natürlich nicht. Ein Marc Meier zeigte keine Unsicherheiten oder besser gesagt verspürte er auch keine.
Hinzu kam sein bemerkenswertes Äußeres. Diese strahlend grünen Augen, die immer irgendwie zu funkeln schienen und dieses entwaffnende Lächeln, das stets zwei wunderschöne Grübchen auf seine markanten Wangen zauberte.
Anlässlich des Vortrages hatte er sich an Kinn und Wangen ein paar Barthaare, ähnlich eines Dreitagebartes, stehen lassen. Seine Lebensgefährtin Svantje Johanson war der Meinung, dass er so etwas älter und durchaus noch attraktiver wirke.
Seine Kleidung war dezent. Er trug eine dunkle Hose und dazu ein perfekt passendes Hemd in schlichtem weiß, das seinen trainierten Oberkörper mehr als gut zur Geltung kommen ließ. Und diese Schlichtheit seiner Kleidung unterstrich den durchweg positiven Gesamteindruck, den seine Hörerschaft von ihm gewonnen hatte.

Selbstverständlich war das norwegische Forscherteam perfekt auf diesen Tag vorbereitet. Schließlich hatten sie drei Jahre hart gearbeitet und nun hing natürlich sehr viel von dieser Präsentation in Freiburg ab.
Das Poster war ein Musterbeispiel für die Präsentation interessanter Forschungsergebnisse und die Vortragstechnik des Referenten war schlicht und ergreifend sehr gut. Und nicht zuletzt waren die Ergebnisse ihrer Studie, wie bereits erwähnt, bahnbrechend in der Rehabilitation querschnittgelähmter Menschen.

Plötzlich kam aber genau dieser, in den Augen vieler vor allem weiblichen Zuschauerinnen, perfekte Mediziner dennoch ins Stocken. Kurz bevor seine überzeugende Präsentation beendet gewesen wäre, passierte es.

Aus heiterem Himmel und ohne Vorwarnung.

Sein Blick haftete an etwas oder jemanden am Ende des Raumes. So richtig konnte man das nicht ausmachen. Eigentlich sagte Dr. Marc Meier gar nichts mehr. Er schaute, ja starrte nur noch in dieselbe Richtung, fixierte denselben Punkt, dasselbe Augenpaar. Sekunde für Sekunde für Sekunde.
Und auch ein unauffälliger Rippenstoß seiner Kollegin und Freundin Svantje Johanson, die schräg hinter ihm stand, brachte nicht das gewünschte Ergebnis. Marc blieb wie erstarrt.

Wuuusch! Plötzlich war sein Kopf leer. Sein Bauch kribbelte und er spürte ein heftiges Flattern in der Magengegend. Ihm wurde heiß. Seine Knie wurden weich, ja sie begannen sogar ein wenig zu zittern. Ebenso seine Hände, die gerade noch souverän seinen Vortrag gestisch begleitet hatten. Das Adrenalin des Schrecks spürte er bis in jede Fuß- und Fingerspitze. Plötzlich war ihm kalt und er wusste kurzzeitig nicht mehr, wo er sich befand.

Mir ist schlecht! Ist sie es wirklich? Oh Gott, ja, das muss sie sein. Dieser Körper, diese Kleidung, diese Haare und …. diese Augen! Niemals könnte ich diese einzigartigen blauen Augen vergessen!

Kurz sah Marc vor seinem inneren Auge nackte, samtweiche, helle Haut aufblitzen. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er diesen Duft in der Nase, den Duft ihrer Haare, ihrer Haut, ihrer süßen Lippen…


Über Kommentare aller Art würde ich mich sehr freuen!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

28.10.2011 18:20
#2 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

Ihr Lieben,
ich bin wirklich baff, dass euch meine Geschichte anscheinend so gut gefällt. Darüber freue ich mich sehr! Und natürlich hoffe ich, die in mich gesetzten Erwartungen auch nur halbwegs erfüllen zu können.
Ach ja, ich heiße übrigens Simone.


2 Freiburg – September 2014

„Ach schau mal Gigi, die schönen Straßencafés. Und die süßen Häuschen. Und schau mal, hier fließen überall kleine Bächlein durch die Straßen. Ist das nicht wundervoll? Und die Sonne scheint so schön. Sag mal Gigi, findest du nicht auch, dass hier irgendwie so eine mediterrane Atmosphäre herrscht? Komm, wir suchen uns jetzt ein nettes Café und trinken erstmal einen Milchkaffee.“

Oder wir trinken eine heiße Schokolade und essen erstmal ein leckeres Stück Kuchen. Fügte Gretchen in Gedanken hinzu.

Aber ihre beste Freundin Gigi war gar nicht so angetan von diesem verlockenden Vorschlag und im Geiste verdrehte diese auch genervt ihre Augen. Warum musste Gretchen eigentlich immer an Kuchen, Kakao und andere Süßigkeiten denken? Eigentlich grenzte es fast an ein Wunder, dass Gretchen trotz ihres übermäßigen Süßigkeitenkonsums so eine schöne, wenn auch sehr weibliche, Figur hatte.

„Das können wir doch später auch noch. Jetzt lass uns mal erstmal zur Tagung gehen. Mich interessieren die Vorträge wirklich.“, erwiderte Gigi mit Nachdruck. Und etwas genervter fuhr sie fort. „Ich weiß Gretchen, du brauchst es mir nicht schon wieder zu sagen. Du erwähntest es bereits mehrmals! Du begleitest mich nur, weil du eh ein paar Tage frei nehmen wolltest und weil Freiburg so schön sein soll.“, äffte Gigi ihre beste Freundin nach. „Du hast es mir jetzt oft genug gesagt! Trotzdem würde es dir auch nicht schaden, wenn du dein chirurgisches Wissen mal wieder ein wenig auffrischen würdest. Ich sage nur Stichwort Qualitätsmanagement.“

Die beiden Frauen machten sich auf den Weg durch die Freiburger Innenstadt. Wenn man sie so ansah, dann waren sie schon ein ungleiches Paar. Aber waren beste Freundinnen das nicht meistens? Die ein hatte eine sehr weibliche Figur, die die meisten Männer irgendwie atemberaubend fanden. Sie trug moderne Kleidung, einen modischen Rock und eine verspielte Bluse, in einem eher romantischen Stil und hatte wunderschöne blonde Locken. Von ihrem Gesicht mal ganz zu schweigen. Für gewöhnlich lächelte sie und war fast jedem Menschen, den sie traf, auf den ersten Blick sympathisch.
Die andere war von der Figur eher hager, trug weniger moderne Kleidung und verblasste auch sonst neben ihrer Freundin. Aber dennoch waren die beiden Frauen ein Herz und eine Seele.
Ihre Freundschaft hatte Risse bekommen, vor langer Zeit, in einem anderen Leben, aber die waren längst gekittet.

Wenig später erreichten die Freundinnen die Räumlichkeiten der 5. Fachtagung für Chirurgische Unfallmedizin unweit der Freiburger Fußgängerzone. Sie betraten das Gebäude, meldeten sich an und bekamen ihre Tagungsunterlagen.
Lustlos blätterte Gretchen in ihrem Programmheftchen. Oder besser gesagt, sie überflog es nur. Denn eigentlich interessierte sie sich schon lange nicht mehr so richtig für die Chirurgie. Natürlich arbeitete sie noch im EKH auf der chirurgischen Station zusammen mit Schwester Sabine, Dr. Knechtelsdorfer und den anderen netten Kollegen. Aber ihre wahre Leidenschaft und ihr wahres Engagement schenkte sie schon seit längerem den Straßenkindern Berlins.
Was also sollte sie auf dieser Tagung? Ach ja richtig, sie begleitete ihre Freundin Gigi, die die ganze Sache schon etwas ernster nahm. Anders als Gretchen wusste diese auch sofort, welche Vorträge, Workshops und Posterpräsentationen sie besuchen wollte. Aber vor lauter Eifer las auch sie die Ankündigungen im Programmheft nur oberflächlich durch.

Da die beiden Frauen am Morgen auf dem Weg von ihrem Hotel „Paradies“ zur Medizinischen Fakultät etwas getrödelt hatten, wir erinnern uns an den Abstecher durch die Freiburger Innenstadt, war der erste Vortragsblock bereits beendet. Momentan liefen diverse Posterpräsentationen in den verschiedensten Räumen. Wegweiser wiesen den Konferenzteilnehmern den Weg. Und einer dieser Wegweiser wies die beiden Frauen nun in den nächstgelegenen Saal, in dem gerade aktuelle Studien rund um die Chirurgie vorgestellt wurden.

Oder war es doch eher das Schicksal?

Gretchen öffnete leise die Tür zu diesem besagten Saal. Schließlich wusste sie ja nicht so genau, was sich hinter dieser Tür gerade abspielte und ob sie möglicherweise stören würde. Sie stockte kurz als sie sah, dass sich hinter der Tür nur eine Art Balkon befand. Aber dann entdeckte sie eine Treppe, die in den großen Raum hinunterführte. Leise und auf Zehenspitzen ging sie in Richtung Treppe. Sie hörte eine männliche Stimme, aber auch Stimmengemurmel, wie es häufiger bei Posterpräsentationen der Fall war.
Während sie so leise wie möglich Stufe für Stufe abwärts ging, scannten ihre Augen kurz den Raum ab. Wie man das eben so tut, wollte sie sich mit einem Blick ein Bild davon machen, was hier gerade auf dem Programm stand. Ihr Blick wanderte über zahlreiche Präsentationsplakate.

Vor einem Poster stand eine Traube von Menschen. Direkt vor dem Plakat stand ein junger dunkelhaariger Mann mit einer sportlichen Figur. Er trug eine dunkle Hose und ein helles Hemd, genau wie es ein gewisser Ex-Oberarzt immer zu tragen pflegte. Dieser junge Mann präsentierte augenscheinlich gerade sein Poster. Dieser erste Blick verriet Gretchen auch, dass es sich um eine ganze Forschergruppe handeln musste, da noch weitere Personen neben diesem, ihr irgendwie bekannt vorkommenden Mann, standen.
Als sie fast am Fuße der Treppe angelangt war, verfing sich Gretchens zweiter Blick im Gesicht des Mannes, der da gerade im Mittelpunkt des Interesses stand. Und da geschah es.

Aus heiterem Himmel und ohne Vorwarnung!

Die Farbe wich ihr aus dem Gesicht. Gleichzeitig weiteten sich ihre Augen und ihr Mund öffnete sich leicht. Sie fühlte sich wie vom Blitz getroffen. Sie nahm nichts mehr wahr, nur noch ihn. In ihrem Kopf hörte sie nur noch einen Namen. Seinen Namen. Es schien, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggleiten. Aber sie stand, auch wenn sie sich mit beiden Händen am Geländer der Treppe festhalten musste.

Und plötzlich schaute der Referent in ihre Richtung. Seine Augen, die schönsten grünen Augen, die Gretchen je in ihrem Leben gesehen hatte, fanden ihr Augenpaar, das für Marc nicht minder schön war. Über den Köpfen des Auditoriums trafen sich ihre Blicke. Sekunde für Sekunde für Sekunde. Sekunden, in denen Gretchen und Marc nichts hörten und spürten. Es herrschte in ihren Köpfen absolute Stille, eine große Leere machte sich breit. Es gab nur noch sie und ihren Blick – und ein entsetzliches Prickeln in ihren Magengegenden.

Gretchen hatte das Gefühl sich übergeben zu müssen. Sie spürte nichts. Auch nicht ihre Freundin Gigi, die ihr doch recht temperamentvoll in die Fersen getreten war, weil der Stopp von Gretchen doch eher unvorhergesehen kam.

Marc! Warum? Was macht der denn hier? Der ist doch in Norwegen. Ist er das überhaupt? Oh Gott ja, das muss er sein. Dieser Körper, dieses Gesicht, diese Haare und … diese Augen. Diese Augen könnte ich nie vergessen!

Für einen kurzen Augenblick blitzte vor Gretchens innerem Auge ein nackter muskulöser Oberkörper auf. Sie sah gebräunte Haut und vor Glück strahlende, grüne Augen. Und für den Bruchteil einer Sekunde spürte sie den Hauch samtweicher Lippen auf den ihren.

Da riss der Blick zwischen ihnen ab und der kurze Blitz der Erinnerung zerfiel wie ein Kartenhaus.


Über Kommentare aller Art freue ich mich sehr!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

29.10.2011 21:06
#3 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

3 Freiburg – September 2014

Ein kräftiges Räuspern seines Freundes Lars Feldmann und ein noch kräftigerer Stoß seiner Freundin Svantje Johanson in seine Rippen holten ihn in die Realität zurück.

„Äh ja, abschließend sei dann nur noch darauf hinzuweisen, dass natürlich noch weitere Studien dieser Art notwendig sind um auch wirksame Therapiemethoden sowohl in chirurgischer als auch in psychologischer Hinsicht entwickeln zu können. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Für Fragen stehen ich und mein Team, äh mein Team, Ihnen gerne zur Verfügung.“

Der sonst so souveräne Dr. Meier wich von seinem Vortragsskript ab und beendete die Präsentation nicht mehr ganz so souverän wie er sie begonnen hatte. Dem Erfolg tat dies kein Abbruch. Das Auditorium war begeistert. Anerkennendes Nicken und lautes Klatschen honorierten die harte Arbeit der vier Wissenschaftler. Die Vier verbeugten sich und machten sich auf den Ansturm fragewütiger und wissbegieriger Mediziner gefasst.
Schnell noch raunte Svantje Johanson ihrem Lebensgefährten zu. „Was war denn gerade los? Hast du den Faden verloren? Das ist dir ja noch nie passiert. Der Vortrag war aber trotzdem klasse. Schau mal, wie begeistert die alle sind. Ich glaube, wir haben es tatsächlich geschafft.“ Marc grinste sie nur schief an. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er hörte nichts. Im Grunde sah er auch nichts mehr. Irgendwie befand er sich in einem luftleeren Raum oder auch in einer fernen Galaxie.

„Äh, ich geh mal eben, na du weißt schon, aufs Klo. Kommt ihr ohne mich zurecht?“, flüsterte Marc seinem Kumpel Lars fahrig ins Ohr. Dieser nickte nur und fragte sich, warum sein doch sonst immer so souveräner Freund heute einen Black Out gehabt hatte. Allerdings schuldete Lars diesen Aussetzer eben schlicht und ergreifend der Wichtigkeit des Vortrages. Schließlich ging es um ihren guten Ruf und um viel Geld. Sogenannte Forschungsgelder wurden nämlich nur bewilligt, wenn die entsprechenden Studien auch erfolgreich waren. Publikationen in den einschlägigen Fachzeitschriften und Vorträge auf den entsprechenden Tagungen waren da ein Muss. Aber vielleicht hatte Marc auch einfach nur zu wenig Schlaf bekommen.

Marc wusste nicht, wie lange ihn seine Beine noch tragen würden. Zumindest fühlte es sich für ihn so an, als würden sie ihm bald versagen. Seiner Freundin Svantje wagte Marc in diesem besonderen Moment gar nicht erst in die himmelblauen Augen zu schauen. Zu sehr fürchtete er sich davor, dass sie in seinen Augen etwas lesen könnte. Etwas, das gerade zum Vorschein gekommen war und das er schleunigst wieder in den Griff bekommen musste!

Auf der Herrentoilette atmete Marc erst einmal tief ein und aus. Er pumpte Luft in seine Lugen bis er glaubte platzen zu müssen. Dann pustete er sie mit einem lauten „puhhh“ wieder aus. Er stand vor dem Waschbecken, stütze sich mit seinen muskulösen Armen am Waschbeckenrand ab und blickte in den Spiegel. Eine Strähne seiner sonst so perfekt gestylten Haare hing ihm wirr in die Stirn. Seine Wangen waren gerötet.
Mann Meier du alte Memme. Vielleicht war sie es ja auch gar nicht. Sicherlich war sie es nicht! Schließlich laufen hier überall dicke Blondinen rum! … Aber sie ist doch gar nicht dick! Ihre Figur ist doch eher weiblich! Meldete es sich prompt aus einer anderen Ecke seines Kopfes. Schnell drehte der verwirrte Arzt den Wasserhahn an und wusch sich hektisch sein Gesicht mit dem kalten Wasser. Irgendwie musste er doch wieder einen klaren Kopf bekommen!

Wieder schaute er in den Spiegel und was er da sah, verwirrte ihn doch sehr. Noch immer spürte er die Hitze auf seinen geröteten Wangen und dieses knotige Gefühl in seiner Magengrube. Was war nur los mit ihm? Es war doch jetzt schon über drei Jahre her. Das sind mehr als 36 Monate! Monate, in denen er sie (fast) vergessen konnte. Na ja, die Betonung liegt wohl eher auf „fast“. Aber trotzdem, er war dabei ein glücklicher Mensch zu werden, ein anderer Mensch. Er hatte sich in Oslo ein neues Leben aufgebaut. Ein anderes Leben als in Berlin. Und er war zum ersten Mal in seinem Leben irgendwie zufrieden mit sich und seinem Dasein. Und jetzt das!

Und eigentlich hatte er doch auch gedacht, dass er über SIE hinweg war!

Gut Meier, du bist doch irgendwie überarbeitet. Der Stress, der Flug, die Müdigkeit, die Konzentration während des Vortrages. Du hast dich einfach verguckt, Alter. Das war ein Hirngespinst. Ein Kurzschluss zwischen deinen Synapsen. Am besten hol ich mir jetzt erstmal nen Kaffee und schaue, dass ich so schnell wie möglich ins Hotel komme. Eine Mütze Schlaf oder besser noch, ein Nümmerchen mit Svantje wird mich schon wieder ins Lot bringen.

Aber trotz dieses schönen Versuches der Selbstmotivation spürte Marc ein Gefühl in sich aufkeimen. Ein Gefühl, das er kannte. Ein Gefühl, das vor einer langen Zeit schon einmal in voller Blüte stand!


4 Freiburg – September 2014

„ Mann Gretchen, pass doch auf! Du kannst doch nicht mitten auf der Treppe stehen bleiben! Da kann man sich ja beide Beine brechen!“, giftete Gigi ihre Freundin an. Und etwas leiser fügte sie hinzu, „Na vielleicht könnte dann einer dieser schnuckeligen Ärzte hier wenigstens meine Erstversorgung übernehmen.“

Aber ihre Freundin Gretchen hörte sie eh nicht. „Bin mal kurz für kleine Mädchen.“, presste diese noch schnell zwischen ihren Lippen hervor. Sie bekam keine Luft mehr. Ihre Atmung hatte sich beschleunigt und so schnell sie ihre wackeligen Beine tragen konnten, verschwand sie in der nahegelegenen Damentoilette. Dort angekommen ließ sie sich erstmal auf den nächstbesten Klodeckel plumpsen. Sie versuchte ihre Atmung zu normalisieren, weil sie das Gefühl hatte, gleich zu kollabieren.

Okay Gretchen, immer schön in den Bauch atmen. Atme tief ein und atme aus. Ein, aus. Ja genau, so ist es gut!

Langsam normalisierten sich wieder ihre Vitalfunktionen. Aber ihre Hände waren noch immer schwitzig und eisekalt. Am Waschbecken versuchte sie mit Hilfe des warmen Wassers, das es hier zum Glück gab, wieder ein angenehmeres Gefühl in die Hände zu bekommen. Dabei schaute sie in den Spiegel und was sie da sah, verwirrte sie nur noch zunehmend. Ihre Wangen waren gerötet und ihre Augen sahen irgendwie schockiert aus. Warum hatte der Anblick dieses jungen Mannes sie eigentlich so aus der Bahn geworfen?

Mann Gretchen, das ist ja mal wieder typisch! Kaum schnupperst du mal ein bisschen Medizinerluft, schon kommen die alten Erinnerungen hoch. Das hatten wird doch schon längst hinter uns und das werden wir auch schön wieder bleiben lassen.

Sagte sie in Gedanken zu sich selbst, denn eigentlich hatte sie gedacht, dass sie über IHN längst hinweg war!

Und außerdem, vielleicht war er es ja auch gar nicht. Freiburg liegt ja nicht gerade um die Ecke, wenn man in Oslo lebt. Und hübsche Männer gibt es in Ärztekreisen doch wie Sand am Meer. Es ist also alles in bester Ordnung, Gretchen. Beruhige dich wieder und hab einen schönen Tag mit Gigi. Und heute Abend rufst du Markus an. Jawohl! Der wird dich schon wieder auf andere Gedanken bringen.

Aber irgendwo in ihrem Herzen versuchte etwas an die Oberfläche zu kommen. Ein altes Gefühl. Ein wohlgehütetes Gefühl. Ein Gefühl, das in eine andere Zeit gehörte.


Ihr Lieben, über Kommentare freue ich mich immer riesig!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

30.10.2011 14:27
#4 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

5 Freiburg – September 2014

Gleichzeitig öffneten sich zwei nebeneinanderliegende Türen. Die eine führte in die Damentoilette, die andere in die der Herren. Auf der anderen Seite mündeten beide Türen in einen kleinen Vorraum. Dort gab es nichts als eine große grüne Blattpflanze, die möglicherweise nicht mal echt war, und einen großen Spiegel.

Gleichzeitig traten zwei Personen durch diese Türen. Ein attraktiver junger Mann trat in den Vorraum und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Und in derselben Sekunde rauschte eine hübsche junge Frau ebenfalls vor diesen Spiegel um sich noch einmal ihre lange blonde Lockenmähne zu richten.
Zwei Blicke trafen sich. Aber diesmal waren der Mann und die Frau irgendwie darauf vorbereitet. Sie wandten sich einander zu, setzten ihr zauberhaftestes Lächeln auf, wie es üblich ist, wenn man rund um glücklich erscheinen möchte, und begannen gleichzeitig zu sprechen.

„Gretchen?“ Marc zog ein wenig seine Stirn kraus.

„Marc? Was machst du denn hier? Lebst du nicht in Oslo oder bist du schon wieder umgezogen? “, fand Gretchen schnell ihre Stimme wieder, während sie inständig hoffte, dass sich ihre Stimme jetzt bloß nicht auf so peinliche Art und Weise überschlug, wie es einem manchmal passiert, wenn man sich in unangenehmen Situationen befindet. Aber überraschenderweise hatte sie sich so gut im Griff, dass sie selbst ein wenig erstaunt war. Ihre Stimme klang sogar ein ganz kleines bisschen selbstsicher.

„Nein, äh, ja. Also nein, ich leben nicht in Freiburg und ja, ich wohne noch in Oslo.“, sagte Marc auch schon viel ruhiger und dabei steckte er seine Hände in die Hosentaschen.

Schweigen.

Beide schienen ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Während Gretchen verlegen die Spitzen ihrer neuen braunen Stiefel betrachtete und dabei nervös auf ihrer Unterlippe herumkaute, starrte Marc sie einfach nur unverhohlen an. Es waren zwar ihre jeweils eigenen Gedanken, denen sie in diesen Sekunden nachhingen, aber die Erinnerung an ganz besondere Stunden, die teilten sie miteinander. Äußerlich wirkten die Beiden gefasst, aber in ihrem Köpfen tobte das Chaos.

Wie lang war das jetzt her? Weit über drei Jahre. Und sie sieht aus wie damals. Nein das stimmt nicht. Irgendetwas ist an ihr anders. Sie ist ein wenig älter geworden. Ihre Gesichtszüge sind markanter. Hat sie abgenommen? Sie sieht toll aus! Sie ist immer noch genauso wunderschön wie damals. Mein Engel! Äh, korrigiere: wie ein Engel!

Und während er Gretchen so unangenehm nah gegenüber stand und während sich diese Gedanken durch Marcs Gehirnwindungen katapultierten, machte sich in seinem Herzen ein ganz anderes Gefühl breit: abgrundtiefe Scham!

Und auch Gretchen hing ihren Gedanken nach.
War es jetzt wirklich schon mehr als drei Jahre her? Ja Moment, mittlerweile sind es ja schon 3 ½ Jahre. Aha, auch ein Marc Meier wird also älter. Der hat ja Falten bekommen! Naja Fältchen. Sag mal, sind das etwa Lachfältchen? Seine Haare sind irgendwie länger. Steht ihm aber. Macht der Sport? Der sieht so athletisch aus! Na vielleicht taucht er ja in den Eislöchern der Fjorde Norwegens rum. Das machen doch die Norweger, oder waren das die mit der Sauna?

Während Gretchen ihren Gedanken nachhing, zauberte sich wie von selbst ein Lächeln auf ihre Lippen, das aber so schnell wieder verschwand, wie es gekommen war. In ihrem Herzen pulsierten mit einem Mal Gefühle, die sie eigentlich schon seit längerem für verschollen erklärt hatte: unbändige Wut gepaart mit tiefer Traurigkeit!

Wie Blitze zuckten die Erinnerungen durch ihre Köpfe. Erinnerungen, die sie lange, sehr lange und mehr oder weniger erfolgreich in den hintersten Winkeln ihrer Gehirnwindungen vergraben hatten.

Zwei nackte Körper. Eng umschlungen auf einem seidigen Laken. Überall war nackte Haut. Ein weicher Frauenkörper, helle samtweiche Haut. Ein fester Männerkörper, die Haut etwas dunkler als die der Frau. Sie liebten sich. Überall waren Hände und Lippen. Lippen, die nackte Haut erforschten und Hände, die brennende Spuren auf jedem Millimeter der Haut des anderen hinterließen. Zungen, die sich voller Zärtlichkeit liebkosten. Zwei Körper, die sich ohne Vorbehalte dem Rhythmus der Liebe hingaben. Rasende Herzen, die drohten zu zerbersten vor Glück. Funkelnde Augen, die den Spiegel der Seele des andren mit Leichtigkeit durchdrangen. Es war als läge Magie in der Luft. Zwei Herzen, die sich miteinander vereinten!

Und dann war da dieser Brief.

Ein Brief, der sich jetzt schon seit einer halben Ewigkeit in einem kleinen Kästchen befand. Dort lag er zusammen mit einem Flugticket, das im Februar 2011 auf den Namen Dr. Marc Meier ausgestellt worden war.


Wie immer freue ich mich sehr über eure Kommentare!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

31.10.2011 12:05
#5 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

6 Berlin – Februar 2011

Es sollte die schönste Reise ihres Lebens werden!

Alles war vorbereitet. Marcs schwarzer Schalenkoffer war gepackt. Wie Gretchen per SMS von Mehdi erfahren hatte, war ihr Koffer bereits sicher in Afrika gelandet, so dass sie sich um ihr Gepäck nicht mehr kümmern musste. Die Flugtickets, die sie spät am Nachmittag am Express-Schalter der Airline am Flughafen Tegel abgeholt hatten, lagen in Gretchens brauner Lederhandtasche. Sowohl Gretchens, als auch Marcs Reisepässe waren gültig und sicher in Gretchens Handtasche beziehungsweise im Handgepäck von Marc verstaut.

Marc hatte erneut mit seinem Vorgesetzten Prof. Dr. Haase gesprochen und ihn über die Ernsthaftigkeit seines Vorhabens informiert. Daraufhin genehmigte ihm der Chefarzt der Chirurgischen Abteilung des Elisabeth-Krankenhauses seinen gesamten Resturlaub des Jahres, etwas mehr als vier Wochen.

Wie gesagt, alle Vorbereitungen für einen längeren Aufenthalt im Ausland waren getroffen.

Es war spät am Abend, eigentlich schon mitten in der Nacht. Nachdem sie über Vieles, was ihre Herzen bewegte, gesprochen hatten. Wobei an dieser Stelle bemerkt werden muss, dass tatsächlich nur über Vieles und eben nicht über Alles, was ihre Herzen bewegte, gesprochen wurde. Vor allem Marc hielt sich doch in mancherlei Hinsicht etwas bedeckt – vor allem was seine Gefühle anging. Denn Gefühle, und vor allem die Verbalisierung eben dieser, waren nicht gerade das Spezialgebiet des begnadeten Chirurgen.

Nachdem sie also alle Vorbereitungen für die bevorstehende Reise getroffen hatten. Nachdem sie sich das eine und andere Mal auf zauberhafte Weise geliebt hatten, so wie sie es beide noch nie zuvor erlebt hatten. Nachdem, mit anderen Worten, ein einzigartiger Tag wie im Rausch vergangen war, nach all den Ereignissen des Tages hatten es sich Marc und Gretchen auf Marcs Lieblingsliege gemütlich gemacht.

Eine behagliche XXL-Teakholzliege mit superweicher Liegeauflage.

Muss eigentlich an dieser Stelle erwähnt werden, dass Gretchen nicht die erste weibliche Person war, die mit Marc Meier auf dieser Liege verweilte? Gretchen war aber die erste der jungen Damen, die sich auf dieser Liege nicht sportlich betätigen musste. Aber das sei nur am Rande erwähnt.

Vielmehr wurde Gretchen ein ganz besonderes Erlebnis zuteil. Diese besagte Liege stand nämlich nicht etwa im Wohnzimmer der großzügigen, komplett sanierten Altbauwohnung des Oberarztes. Nein, sie stand auf dem Balkon. Da der Februar aber ein Wintermonat ist und der Winter ja bekanntermaßen nicht gerade zum Verweilen auf dem Balkon einlädt, hatten die Beiden besondere Vorkehrungen getroffen. Sie lagen eng umschlungen, aber dick bekleidet, Wange an Wange in einem riesigen dunkelgrünen Doppeldaunenschlafsack auf der besagten Liege. Darüber hatten sie noch zwei weitere flauschige Decken ausgebreitet und Gretchen hatte von Marc noch eine Extra-Wärmflasche für den Bauch bekommen. Weil Frauen ja immer so verfroren sind. Mützen und Handschuhe hielten die übrigen Körperteile, die nicht in den Schlafsack gesteckt werden konnten, warm. Und so lagen sie beide mit kalten Nasenspitzen und geröteten Wangen unter dem Berliner Nachthimmel. Leider war diese Nacht keine Vollmondnacht, aber den hätte man aufgrund der Nordausrichtung des Balkons, übrigens das einzige Manko an Marcs wunderschöner Wohnung, eh nicht sehen können. Was die beiden aber sahen waren Sterne. Sterne, soweit das Auge reichte. Funkelnde, blitzende Sterne vor einem abgrundtief schwarzen Universum. Die Kulisse war perfekt. Der Moment war perfekt.

Das perfekte Ende eines perfekten Tages!

Marc und Gretchen hingen ihren Gedanken nach. Jeder für sich.
Die Veränderungen, die ihnen bevorstanden, waren für beide beängstigend.

Keiner von beiden wusste wirklich, worauf sie sich da eingelassen hatten. Mit Afrika, aber auch mit ihnen. Sie sprachen wenig. Ab und zu küssten sie sich zärtlich. Weiche Lippen trafen dann aufeinander. Aber eigentlich gab es auch nicht viel zu reden.

Die Sache war klar.

Am Morgen des gleichen Tages war die Angelegenheit nicht mal halb so eindeutig gewesen. Wir erinnern uns an ein weinendes Gretchen mit einem Foto ihres Liebsten in der Hand in einem Taxi sitzend. Aber Marc hatte zum ersten Mal in seinem Leben Farbe bekannt und war einer Frau im wahrsten Sinne des Wortes nachgelaufen. Mit dem gewünschten Erfolg, wie dem Leser ergo der Leserin bekannt sein sollte.
Ja sexuelle Aktivitäten gepaart mit tiefen Gefühlen ließen sogar einen Marc Meier über seinen einzementierten Schatten springen!

Aber gerade diese Gefühle sollten dem bis dahin unendlich glücklichen Paar doch noch zum Verhängnis werden. Denn während eine überglückliche Margarete Haase in den Armen ihres Traummannes langsam in den Schlaf glitt, geschah das Unvorstellbare:

Marc Meier bekam Angst!



Wer möchte darf mir gerne einen Kommentar auf der entsprechenden Seite hinterlassen!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

01.11.2011 20:36
#6 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

7 Freiburg – September 2014

„Ja äh, hältst du auch hier auf der Tagung einen Vortrag?“, fand Marc nach ein paar Schrecksekunden, oder waren es Minuten, seine Worte wieder, um die er im Normalfall nie verlegen war.

„Nee du, eigentlich begleite ich nur Gigi. Die hat sich das hier mit der Weiterbildung irgendwie in den Kopf gesetzt. Und weil ich gerade Zeit hatte und Freiburg ja so schön sein soll, habe ich sie kurzerhand begleitet. Und da bin ich.“, antwortete Gretchen mit einem verlegenen Lächeln im Gesicht, während sie ihre Hände irgendwie komisch knetete.

„Na hätte ich mir ja auch denken können.“, murmelte Marc in seinen nicht vorhandenen Bart. Wieder lächelte er Gretchen verlegen an.
Oh Mann war das peinlich.
So etwas sagenhaft Peinliches passierte ihm ja eigentlich eher selten oder besser gesagt nie.
Gut Meier und jetzt musst du irgendwie die Kurve bekommen

Aber nicht er war es, der die Kurve bekam.

Auch Gretchen spürte dieses mehr als unangenehme Schweigen zwischen ihnen. Wie könnte sie sich jetzt möglichst schnell aus der Affäre ziehen?
„Musst du nicht zurück zu deinem Poster? Deine Kollegen warten sicherlich schon auf dich. Und ich muss auch mal nach Gigi schauen. Ich glaube, die weiß gar nicht, wo ich bin. Weißt du was Marc, wir sehen uns sicherlich später noch.“, sagte sie mit einem zauberhaften Lächeln auf den Lippen und rauschte festen Schrittes aus dem Vorraum der Örtlichkeiten.

So wirkte es zumindest auf Marc.

Aber in Gretchen sah es natürlich ganz anders aus.

Was macht der Idiot hier in Freiburg?

Und eigentlich war Gretchen einfach nur verzweifelt. Denn sie hatte Angst. Sie hatte unsagbare Angst vor ihren eigenen Gefühlen, die sie bis dato so wunderschön in einem kleinen Kästchen in der hintersten Ecke ihres Kleiderschrankes vergraben hatte. In den vergangenen drei Jahren, 7 Monaten und 4 Tagen hatte sie anfänglich in jeder Minute an dieses Kästchen und dessen Inhalt gedacht. Aber wie die Zeit alle Wunden heilt, waren die Abstände dann von Monat zu Monat größer geworden. Und irgendwann gab es dann ganze Tage und später auch ganze Wochen, in denen sie nicht an dieses Kästchen gedacht hatte.

Und jetzt? Sie wusste, dass dieses sprichwörtliche Kästchen einen gefährlichen Inhalt verbarg. Einen Inhalt, der sie vernichten konnte. Und sie wusste, dass nur Marc Meier die Macht besaß, dieses sprichwörtliche Kästchen zu öffnen.



Scheiße, was mach ich denn jetzt. Ich kann sie doch so nicht gehen lassen. Vielleicht sollte ich ihr alles erklären? Aber nach der langen Zeit? Andererseits, sie wirkte nicht gerade gebrochen, eher taff! Wie die hier rausgerauscht ist. Wahnsinn, hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Wahrscheinlich hat sie mich eh schon längst vergessen. Ich hätte mal einen Blick auf ihre Finger werfen sollen. Die ist doch bestimmt längst verlobt oder verheiratet. Na umso besser, dann wird die Sache hier wenigstens nicht kompliziert. Hoffentlich, denn mit Gretchen wird es doch eigentlich immer kompliziert, oder besser gesagt „wurde“, hab sie ja schon so lange nicht mehr gesehen.

Gedankenverloren trat auch Marc zurück in den großen Raum, in dem er vor wenigen Minuten bei der Präsentation seines Posters diesen schrecklichen Black Out erlebt hatte.

Mittlerweile hatte er aber seine Fassung zurückgewonnen. Ein letztes Mal fuhr er sich mit beiden Händen über seine etwas stacheligen Wangen, er streckte seine Wirbelsäule durch, drückte seine Schultern nach hinten, atmete tief ein und aus und machte sich auf den Weg zurück zu seinen Kollegen – und zu seiner Lebensgefährtin.

Über die Köpfe der anderen Tagungsteilnehmer sah er seine Freundin Svantje im Gespräch mit einer jungen Frau. Kurz schoss ihm in den Kopf, wie gern er diese Frau mittlerweile hatte. Und in der nächsten Sekunde gefror ihm das Blut in den Adern.

Aus der Ferne musste er beobachteten, wie diese fremde junge Frau, die ihm mit einem Mal merkwürdig vertraut vorkam, obwohl er sie nur schräg von hinten sehen konnte,

So hässliche Klamotten trägt doch nur eine Frau auf der ganzen Welt!

anfing, wild zu winken und zu gestikulieren. Es schien als würde sie jemanden zu sich heranwinken. Und im nächsten Augenblick präsentierte sich dem jungen Mediziner ein Schauspiel, wie es schrecklicher nicht hätte sein können. Margarete Haase ging mit einem bezaubernden Lächeln auf den Lippen auf die beiden Frauen zu und wieder wenige Sekunden später schüttelte sie Svantje Johanson herzlich die Hand.

Das ist doch absurd! Mehr Gedanken konnte Marc zu dem eben Gesehenen nicht entwickeln. Denn just in diesem Moment vernahm er schon die angenehme Stimme seiner Freundin, die ihm winkend mit ihrem norwegischen Akzent zurief:

„Marc, komm doch mal her! Das ist echt unglaublich! Ich muss dir unbedingt jemanden vorstellen!“ Mit vor Schrecken geweitete Augen erwog Marc kurzzeitig, einfach so zu tun, als hätte er Svantje nicht gehört. Das Problem an der ganzen Sache war nur, dass er dieser explosiven Frauengruppe mittlerweile einfach viel zu nah war.
„Marc, schau mal. Das ist Gina Amsel.“

Die Brillenschlange! Ich glaub, ich muss jetzt doch kotzen!

„Ich habe mit ihr zusammen am Universitiy College in London studiert. Und damals waren wir auch richtig gute Freundinnen. Leider haben wir uns dann aus den Augen verloren, als ich dann wieder nach Oslo gegangen bin. Sie lebt jetzt in Berlin, genau wie du früher.“ Freudestrahlend hakte sich Svantje bei Marc unter während sie weitersprach. „Und das ist ihre Freundin, äh, ach ja, Margarete Haase.“ Sie wies mit dem Zeigefinger kurz auf Gretchen und fuhr dann mit der Vorstellung der vermeintlich Fremden fort. Mit den Worten „Und das ist mein wundervoller Kollege und Lebensgefährte Marc Meier.“, tätschelte sie Marc stolz die Brust, während dieser einen Hustenanfall sondergleichen bekam.

Scheiße! Dass Svantje aber auch immer so angeben muss!

Das Riesenarschloch! Ich dachte, den wären wir für immer los!

Nein!

Drei der vier anwesenden Personen wünschten sich auf der Stelle ein Erdloch um auf nimmer Wiedersehen aus der peinlichsten aller denkbaren Situationen zu verschwinden!

In diesem Moment frage Marc sich, ob er in seinem Leben jemals etwas Schrecklicheres erlebt hatte. Das war sicherlich der Fall, aber genau in diesem Moment, in dieser Situation war genau dieser Augenblick in Freiburg sein ganz persönlicher Supergau!

Gretchen war in seinem Leben bisher die einzige Frau, der es gelungen war, sein Herz bis in die letzte Zelle zu erobern. Darüber war er sich nach Jahren im Exil im Klaren, auch wenn er das niemals, und die Betonung liegt tatsächlich auf niemals, zugegeben hätte. Jedenfalls traf er diese Frau so völlig unerwartet wieder. Verständlicherweise wollte er da eine gute Figur abgeben. Er wollte auf sie einen guten Eindruck machen. Er wollte glücklich, zufrieden und vielleicht auch erfolgreich wirken. Aber eines wollte er unter keinen Umständen.

Er wollte nicht, dass er Gretchen Haase als der „wundervolle Lebensgefährte“ einer anderen Frau vorgestellt wurde. Er wollte einfach nicht, dass Gretchen mit dieser Wahrheit konfrontiert wurde. Warum eigentlich nicht?

Weil er sich tief in seinem Herzen für sein Verhalten von damals schämte, weil eine leise Stimme tief in seinem Unterbewusstsein wusste, dass das einfach nur der bequemere Weg gewesen ist!


Auch heute freue ich mich über jeden Kommentar!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

02.11.2011 10:14
#7 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

8 Freiburg – September 2014

Natürlich stellte sich die ganze Szene aus Gretchens Perspektive ähnlich entsetzlich dar. Kaum dass sie aus dem Vorraum der Toiletten getreten war, fiel ihr schweifender Blick auch schon auf ihre Freundin Gigi.

Gretchen war noch sehr aufgewühlt von dem gerade durchlebten Zusammenprall mit Marc. Und dieser Zusammenprall hatte seine Spuren hinterlassen. Wenn man genau hingesehen hätte, dann hätte man ein leichtes Zittern ihrer Hände erkennen können, als sie sich schnell eine lockige Strähne hinter ihr rechtes Ohr strich. In einer OP hätte sie sich solch zittrige Hände nicht leisten können. Aber sie befand sich ja auch nicht in einer solchen – auch wenn sie sich ähnlich mitgenommen fühlte. So wie damals nach einer nervenaufreibenden Operation an der Seite ihres arroganten Oberarztes, nachdem er wieder einmal seine messerscharfe Zunge gebraucht hatte wie ein Skalpell bei seiner täglichen Arbeit im OP.

Der Saal war noch gut gefüllt, aber die Posterpräsentationen schienen beendet zu sein. Zumindest konnte Gretchen in diesem Moment keinen Redner ausmachen. Gigi unterhielt sich gerade mit einer jungen Frau. Gretchen konnte erkennen, dass Gigis Gesprächspartnerin kurze dunkle Haare hatte und einen hübschen Hosenanzug mit einer hellen Bluse trug. Die Frau war nicht viel größer als Gigi, obwohl sie schwarze Schuhe mit einem hohen Absatz trug. Als Gretchen näher kam, registrierte sie, dass die ihr fremde Frau strahlend blaue Augen hatte, die dezent geschminkt waren, und ein sehr einnehmendes Lächeln. Kurzum, die Frau sah sehr sympathisch aus.

„Gretchen, schau mal wen ich hier getroffen habe. Das ist Svantje Johanson. Wir haben zusammen am UCL ein paar Psychologiekurse besucht. Du weißt schon, ich wollte doch Jerome beeindrucken, bevor ich dann mit dem Arsch zusammen gekommen bin. Von wegen, taffe Chirurgin, die sich neben dem Job noch weiterbildet. Na jedenfalls habe ich damals Svantje kennengelernt. Sie kommt aus Oslo.“

Oslo.

Hallte es in Gretchens Kopf und in diesem Moment fiel ihr Blick auf das hinter ihnen hängende Poster. Meier, M., Johanson, S., Feldmann, L. & Ottersen,O. stand da in dicken Lettern unter dem Titel der Studie, die da auf diesem Poster präsentiert wurde.

Und eh Gretchen auch nur zu irgendeiner Gefühlsregung oder einem Gedanken in der Lage gewesen wäre, nahm das Schicksal auch schon seinen weiteren Lauf. Marc Meier betrat den Schauplatz, beziehungsweise wurde er ja sehr lebhaft in die Szene eingeführt.

„Gigi, äh, schön dich zu sehen!“, schleimte Marc mit einem angewiderten Lächeln. Diese nickte nur mit dem Kopf. „ Marc!“ Und zu Gretchen gewandt, bemühte er sich um ein freundliches, von einem Kopfnicken begleitetes, „Gretchen!“.

Aber Gretchen war gerade nicht auf diesem Planeten, nicht in dieser Galaxie und auch nicht in diesem Universum. Kollege und Lebensgefährte Marc Meier, diese Worte fraßen sich langsam von ihren Gehörgängen durch ihr Gehirn. Was hätte sie darum gegeben, einmal diesen Satz sagen zu können!

Früher. In einem anderen Leben. In einer anderen Zeit.

Gretchen war es als würde ihr der Boden mit einem Ruck unter den Füßen weggezogen werden. Die Welt um sie herum begann sich zu drehen. In ihrem Bauch stieg erneut dieses unangenehme kribbelige Gefühl auf, das sie schon vorher auf der Treppe um den Verstand gebracht hatte. Blut schoss in ihre Wangen und verbreitete dort eine unerträgliche Hitze.
Sie wollte die Reaktionen ihres Körpers nicht. Die hasste es, dem eigenen Körper auf so unerträgliche Art und Weise ausgeliefert zu sein. Und sie verspürte Wut. Eine grenzenlose Wut. Auf Marc. Auf sich selbst. Warum musste sie schon wieder in dieses Chaos der Gefühle geraten?
Warum war Marc damals so ein verdammter Feigling?

Okay Gretchen. Es ist schon so lange her. War doch klar, dass der nichts anbrennen lässt. Und sie sieht ja zugegebenermaßen auch sehr hübsch aus. Also, mach schön gute Miene zum bösen Spiel und dann nichts wie weg und ab ins Hotel. Und dann kannst du den alten Feigling ganz schnell wieder vergessen!

Aber es kam dann doch alles ganz anders. „Wie Gigi, Gretchen? Jetzt sagt bloß, ihr kennt euch? Wohl etwa aus Berlin? Na das ist ja super!“

Na ob das so super ist? Schoss es gleichzeitig durch drei Köpfe.

„Lars, Ole, schaut mal, Marc hat zwei alte Bekannte getroffen.“, richtete sie jetzt das Wort an ihre zwei Kollegen, die bisher etwas abseits stehend die ganze Szene beobachtet hatten. „Und als ob das nicht genug wäre, ist das“, dabei zeigte sie wieder aufgeregt auf Gigi, „auch noch meine alte Freundin Gina aus Londoner Zeiten.“ Mit großem „Hallo“ schüttelten sich jetzt auch die, die sich bisher noch nicht kannten, die Hände.

Svantje strahlte überglücklich von einem Ohr zum anderen. Gigi freute sich auch riesig, blickte aber etwas nervös zu Gretchen. Lars und Ole fanden diesen riesigen Zufall einfach nur nett und blickten doch recht freundlich drein. Marc grinste etwas schief, wobei sich auf seiner linken Wange in kleines Grübchen abzeichnete. Im Fachjargon würde man ein solches Gesicht auch „Pokerface“ nennen. Und Gretchen? Sie fragte sich, wann sie denn jetzt endlich aufwachen würde.

„Sagt mal, wollen wir nicht alle zusammen etwas essen gehen? Also ich meine nachher. Wir haben heute Nachmittag noch diese Podiumsdiskussion und danach hätten wir Zeit. Das wäre doch wirklich nett! So ein Zufall muss doch gefeiert werden“, plapperte Svantje, die ein sehr geselliger Mensch zu sein schien, munter drauflos. Aber ein Unglück kommt ja bekanntlich selten allein. Und so stellte sich im weiteren Verlauf des Gespräches heraus, dass diese zusammengewürfelte Truppe nicht nur beziehungsmäßig den einen oder anderen Überschneidungspunkt hatte, nein, sie waren auch noch im selben Hotel abgestiegen. Einem kleinen Hotel im Westen der Freiburger Innenstadt, nicht weit vom Bahnhof entfernt. Und dieses Hotel trug den wunderschönen Namen Hotel „Paradies“.

Na wenn das keine Ironie des Schicksals war!

Was Marc und Gretchen angeht, die hatten diesem Gespräch nicht sonderlich viel beizutragen. Oder besser gesagt, sie versuchten sich für ihre Umgebung unauffällig zu verhalten. Jeder für sich war auf eine normale Atemfrequenz und einen halbwegs unauffälligen Gesichtsausdruck bedacht. Und natürlich vermieden sie es sorgfältig, dem anderen in die Augen zu schauen. Und das gelang den Beiden auch recht gut. Zumindest schöpfte niemand von den weiteren Anwesenden einen Verdacht. Wie auch, bis auf Gigi wusste ja auch niemand von der unglücklichen Vergangenheit der beiden ehemaligen Kollegen. Und Gigi freute sich einfach so sehr über das Wiedersehen mit ihrer alten Freundin Svantje, dass sie nicht gerade sensibel für das Gefühlsleben ihrer besten Freundin war.

Und so verabredete man sich zu einem gemeinsamen Abendessen in den Räumlichkeiten des Hotels. Die Küche sollte dort ja ganz hervorragend sein. Einwände wurden nicht erhoben, schließlich wollte man (oder auch frau) ja kein Aufsehen erregen.


Vielen herzlichen Dank für jeden Kommentar!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

03.11.2011 20:38
#8 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

9 Freiburg – September 2014

Nach einem einzigen gemeinsamen Abendessen mit Marc Meier und, so ehrlich musste man sein, vier weiteren Personen, fühlte sich Gretchen als sei ihre interne Festplatte formatiert worden. Die Gefühle von damals, die unendliche Wut, Trauer und Verzweiflung, diese Verletzung ihrer Seele, all diese Gefühle waren wie weggewischt. Unwiderruflich gelöscht durch einen einzigen Klick von Marc Meier.
Dabei hatte er gar nichts gesagt oder getan. Er war einfach nur da. Hätte Gretchen gewusst, welche Gefahr von der bloßen Anwesenheit dieses Mannes ausgehen würde, sie hätte sich niemals auf dieses Abendessen eingelassen.

Schon wieder in ihrem Leben kreisten ihre Gedanken um Marc wie Insekten in der Nacht um das warme Licht einer Straßenlaterne. Und lediglich ihr Instinkt versuchte noch das Unvermeidliche zu verhindern. Es durfte einfach nicht sein. Es gab keine Chance für diese Liebe – früher nicht und jetzt erst recht nicht! Bis vor einen Tag hatte sie an diesem Satz auch keine Zweifel. Sie hatte Marc Meier ad acta gelegt. Und nun?

Gretchen musste einen freien Kopf bekommen. Schlafen konnte sie jetzt auf keinen Fall. Sie zog sich ihre gemütliche altrosafarbene Strickjacke über die wunderschöne Bluse, die sie an diesem Abend getragen hatte. Es war eine warme Herbstnacht nach einem angenehm warmen Sonnentag im September. Den knielangen Rock hatte sie dennoch durch eine bequeme Jeans ersetzt.
Ihrer Freundin Gigi sagte sie vor dem Zubettgehen, dass ihr der Wein und das Essen schwer im Magen liegen würden und sie noch etwas frische Luft bräuchte.
Oder war es doch eher Marc, der ihr da wie ein steinerner Klumpen im Magen lag?
Aber das verriet sie ihrer besten Freundin lieber nicht. Sonst würde die altkluge Gigi wieder mit ihrem strengen „Hör mal Mäuschen, das haben wir doch schon längst hinter uns!“, anfangen. Und für eine solche Diskussion hatte Gretchen jetzt nun wirklich keine Nerven.

Sie trat aus dem Hintereingang des netten Hotels und machte sich auf den Weg über den großen, hoteleigenen Parkplatz. Langsam schlenderte sie in Richtung Innenstadt, die gleich hinter den Bahngleisen begann. Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Abend im Restaurant, der widererwartend richtig unterhaltsam gewesen ist.

Gretchen musste schmunzeln, als sie sich an den einen oder anderen Gesprächsfetzen erinnerte. So erzählte Lars Feldmann nach dem Konsum mehrerer Gläser eines teuren Rotweins stolz von seiner Studienzeit mit Marc. Wie hatte er es formuliert? Eine frauenfressende Wohngemeinschaft. Ja, das konnte Gretchen sich lebhaft vorstellen. Marc, Cedric Stier und dieser Lars zusammen in einer Berliner Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg. War dann wohl doch eher eine frauenflachlegende WG. Mit einem spitzbübischen Grinsen im Gesicht hatte Lars ausufernd zu berichten gewusst, dass sie damals zu Dritt nichts hatten anbrennen lassen. Und Gretchen war sich sicher, dass in diesen guten alten Zeiten auch der eine oder andere Wetteinsatz über den Tisch gegangen ist. Weitere Details konnten dann von Lars allerdings nicht mehr kundgetan werden. Abrupt wurde er von Marc mit den Worten „Ja ja Lars, das ist doch jetzt schon eine halbe Ewigkeit her!“, unterbrochen. Gretchen war sich in diesem Moment sicher, dass Marc dieses pikante Detail seiner sicherlich sehr wilden Studienzeit doch irgendwie unangenehm war - und zwar vor Svantje.

Lars Feldmann, dessen Großeltern in Oslo lebten und die er schon als Kind immer sehr gerne besucht hatte und die dann auch letztendlich der Grund dafür waren, dass er nach dem Studium nach Oslo gegangen war, gefiel Gretchen. Er war ihr auf Anhieb sympathisch. Er schien klug zu sein, sonst wäre er ja kein Mediziner geworden, und irgendwie fand Gretchen ihn auch hübsch, obwohl er keine klassische Schönheit war. Mit seinen blonden Haaren, seinen blauen Augen, der legeren Kleidung und seinem athletischen Körper fühlte Gretchen sich an ihren Freund Markus erinnert. Beide Männer teilten anscheinend auch eine große Faszination für den Marathon-Lauf. Aber das war auch schon der einzige Gedanke Gretchens, in dem Markus an diesem Abend eine übergeordnete Rolle spielte.

Der andere Mann in dem Team um Marc war Ole Ottersen. Ein älterer Norweger mit grau meliertem Haar, der mehr schlecht als recht deutsch sprach, aber zweifelsohne sehr intelligent war. Gretchen fühlte sich an ihren eigenen Vater, der ja ebenfalls habilitiert hatte, erinnert, als sie den älteren Herren im Gespräch mit seiner Kollegin Svantje Johanson beobachtete. Gretchen hatte das Gefühl, dass Ole Ottersen für Marc nicht nur ein Mentor in medizinisch-wissenschaftlichen Fragen zu sein schien. Nein, es erweckte fast den Eindruck, als wäre dieser ältere Herr Marc eine Art väterlicher Freund. Irgendwie ließ diese Vermutung Gretchen, die die Biografie von Marc ja zumindest in Auszügen kannte, ein wenig warm ums Herz werden.

Einen Aspekt des abendlichen Essens ließ Gretchen bei ihren rückblickenden Betrachtungen allerdings sorgfältig außer Acht. Svantje Johanson. Was sollte sie über diese wunderbare Frau auch denken? Gretchens erster Eindruck hatte sie nicht getäuscht. Die Norwegerin mit dem schon fast süßen Akzent war wirklich sehr nett. Mit ihrem strahlenden Lächeln und dem funkelnden Blitzen ihrer blauen Augen gelang es ihr sicherlich ohne Mühe jeden Menschen, egal ob Mann oder Frau, für sich zu gewinnen. Ja, sie war wirklich sehr nett. Und genau das war es, was Gretchen einen tiefen Stich versetzte.
Marc Meier war mit dieser ganz normalen Frau zusammen, die mehr nett als sexy war und noch dazu von Beruf Psychologin. Und sie, Gretchen Haase, hatte er damals einfach so zurückgelassen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Und das war der Grund, weshalb sich Gretchen strikt untersagt hatte, tiefgründiger über diese Frau an Marcs Seite nachzudenken.

Plötzlich hörte Gretchen Schritte hinter sich. Schritte, die eindeutig einem Mann zugeordnet werden konnten. Aber ehe Gretchen sich noch irgendwelche Gedanken über eine mögliche bevorstehende Gefahrensituation machen konnte, hörte sie auch schon ihren Namen.

Eigentlich hätte sie sich nicht umzudrehen brauchen.

Diese Stimme würde sie wahrscheinlich bis ans Ende ihrer Tage unter tausenden von männlichen Stimmen ohne Mühe heraushören können.


Über jeden einzelnen Kommentar freue ich mich riesig!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

04.11.2011 10:17
#9 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

10 Freiburg – September 2014

Etwas war mit ihm geschehen!
Bis zu diesem Tag war er sich so sicher, dass er die Sache mit Gretchen, die zugegebenermaßen die größte seines Lebens gewesen war, hinter sich gelassen hatte. Oder besser gesagt erfolgreich verdrängt, also seine diesbezüglichen Gefühle, nicht die Sache an sich.

Aber nach einem einzigen Blick in die Augen dieser Frau, einem kurzen Zusammentreffen in einem ungemütlichen Toilettenvorraum und einem Abendessen, das eher weniger von romantischen Zügen gekennzeichnet war, klebten seine Gedanken an diesem zauberhaften Wesen wie ein Haufen kleiner Stecknadeln an einem starken Magneten. Aber hatte er sich in Oslo nicht genau dieses selbstzerstörerische Verhalten für den Rest seines Lebens untersagt?

Auch Marc konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Das Abendessen mit seinen Kollegen, seiner Freundin, einer selbsternannten Feindin und mit Gretchen war für ihn sehr nervenaufreibend gewesen. Glücklicherweise hatte seine Freundin Svantje an diesem Abend doch das eine oder andere Mal zu oft mit ihrer wiedergefundenen Ex-Kommilitonin Gigi angestoßen. Und so dauerte es nicht lange, bis sie sich aufgemacht hatte in ein fernes Land der Träume, kurz nachdem sie gemeinsam mit Marc ihr Doppelzimmer im Hotel "Paradies" betreten hatte. Marc atmete tief durch, als sein Blick kurz über diese wundervolle Frau glitt. Aber so war er ihr wenigstens keine Rechenschaft schuldig.

Rechenschaft über den Grund eines nächtlichen Spazierganges. Schnell warf er sich seinen dunkelblauen Kurzmantel über und schlüpfte aus dem Hotel. Auf dem Weg Richtung Dreisam steckte er sich eine Zigarette an, aus der er einen tiefen Zug inhalierte. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken kreuz und quer, hin und her und rundherum.

Der Abend war sehr nett, keine Frage. Das Restaurant, wie auch das Hotel, hatte Flair. Das Ambiente hatte Marc zwar an seine Studienzeiten erinnert. Holztische ohne viel Schnick Schnack, überall Kerzen und ein eher jüngeres Publikum. Aber das Essen, sie hatten sich allesamt für ein Gericht aus der badischen Küche entschieden, war hervorragend. Die Stimmung unter den Anwesenden war ausgesprochen gelöst, schnell war eine ungezwungene Gesprächsatmosphäre entstanden.
Verständlicherweise wurde diese zunächst von Gina Amsel und Svantje Johanson dominiert. Die zwei Frauen hatten sich einfach zu viel zu erzählen. Zu lange hatten sie sich nicht gesehen und zu innig war das Verhältnis wohl damals gewesen. Marc freute sich für seine Freundin, dass sie an diesem Abend zusammen mit Gigi in die Vergangenheit reisen konnte – auch wenn er die sogenannte Brillenschlange mit dem Designergestell abgrundtief hasste und dieser Abend nicht wirklich dazu beigetragen hatte, dass er seine Meinung diesbezüglich revidiert hätte.

Aber zurück zu dem gemeinsamen Abendessen. Marc und Gretchen hatten bewusst oder unbewusst peinlich genau darauf geachtet, dass sie weder nebeneinander noch gegenüber Platz an dem großen Tisch nahmen. Und so gelang es den beiden Geheimnisträgern recht gut, die Anwesenheit des anderen ganz offensichtlich zu ignorieren - oder eben auch nicht.

Im Laufe des Abends, und mit zunehmendem Bier- und Weinkonsum, kamen auch die anderen Teilnehmer dieser Abendgesellschaft miteinander ins Gespräch. Und irgendwie verwunderte es Marc auch nicht, dass sein guter Kumpel Lars, der an der Stirnseite des Tisches neben Ole und Gretchen saß, Gretchen bald in ein Gespräch über seine und ihre Arbeit verwickelt hatte. Lars sprach einfach zu gerne über seine Tätigkeit als Arzt und Wissenschaftler aus Leidenschaft.

Während Marc vorgab, der Unterhaltung von Svantje und Gigi zu folgen, die an der anderen Stirnseite des Tisches geführt wurde, belauschte er mit klopfendem Herzen das Gespräch zwischen seinem Kollegen und seiner Ex-Kollegin. Und das war der Zeitpunkt, an dem Marc an diesem Abend die Welt nicht mehr verstand. Was hatte Gretchen, die in seinen Augen immer das kleine Professorentöchterchen gewesen war, zweifelsfrei intelligent und talentiert, aber trotzdem die Tochter des Chefarztes, da ganz nebenbei berichtet?

Zunächst erzählte sie Lars doch eher emotionslos von ihrer chirurgischen Arbeit im Elisabeth-Krankenhaus. Dieser Teil der Schilderungen kam Marc auch sehr vertraut vor. Schließlich war er für eine sehr lange Zeit im Elisabeth-Krankenhaus Gretchens Oberarzt und direkter Vorgesetzter gewesen.

Aber da war noch etwas anderes, was sie zu berichten hatte. Und dieses „Etwas“ ließ ihm Gretchen in einem gänzlich anderen Licht erscheinen. Ja dieses „Etwas“ ließ sie in seinen Augen erstrahlen, wie ein wertvoller Juwel.

Mit strahlenden Augen, die einen Blick bis tief in ihre Seele ermöglichten, erzählte Gretchen mit so viel Liebe und Leidenschaft in der Stimme von ihrer ehrenamtlichen Arbeit im MeMo Berlin. Wann immer es ihre anstrengenden Dienste im Elisabeth-Krankenhaus ermöglichten, war sie mit diesem Medizinischen Mobil auf den Straßen Berlins unterwegs. Und überall dort, wo man Jugendliche ohne Obdach und folglich dann auch ohne Krankenversicherung vermutete, machte dieses MeMo halt. Gretchen versorgte die Jugendlichen medizinisch. Sie wickelte Verbände um Wunden, verabreichte Salben und Hustensäfte, vergab Medikamente oder verwies dann doch in dem einen oder anderen schwereren Fall an die entsprechenden stationären Einrichtungen. Aber Gretchen versorgte diese Jugendlichen nicht nur medizinisch. Das konnte ein halbwegs einfühlsamer Hörer aus ihren Schilderungen sofort heraushören. Nein, Gretchen versorgte diese Jugendlichen auch emotional. Sie schenkte ihnen ein aufrichtiges Interesse und ehrliche Liebe. Und das war sicherlich auch der Grund, weshalb das MeMo in der entsprechenden Szene mittlerweile auch zu einem wahren Geheimtipp geworden ist.

Und wie erging es Marc, als er etwas verstohlen dieses Gespräch zwischen Lars und Gretchen belauschte? Der einfühlsame Leser dieser Geschichte kann es sich sicherlich ausmalen.
Irgendwie war er fasziniert und beeindruckt zugleich von Gretchen, von dieser Frau, deren Leben in der Zeit, in der sie sich nicht gesehen hatten, nicht gerade durch Stillstand gekennzeichnet war.

Und während er diesen Gedanken noch nachhing, sah er plötzlich hinter einer Wegbiegung eine Frau vor sich gehen. Ein Frau, die sich ihre vollen blonden Locken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Eine Frau, die eine bis über die Taillen reichende Strickjacke trug. Eine Frau, die bei jedem Schritt, den sie ging, auf entzückende Art und Weise mit ihrem runden Hinterteil wackelte.

Kurz überlegte er noch, ob er sich schnell wieder umdrehen sollte um das Weite zu suchen, da rief er auch schon, einem Impuls folgend, ihren Namen.


Vielen Dank für den einen oder anderen Kommentar!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

05.11.2011 16:09
#10 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

11 Freiburg – September 2014

Gretchen drehte sich langsam um. Ihr Herz pochte und sie hatte das Gefühl, dass ihre Brust im nächsten Augeblick zerspringen würde. Sie sah ihn auf sich zukommen. Marc trug immer noch die gleiche Kleidung wie am Vormittag. Weil es aber für ein Hemd doch zu kühl war, hatte er einen dunklen Kurzmantel übergezogen. Er lächelte. Zwar etwas unsicher, aber immerhin.

„Kannst du auch nicht schlafen?“ Gretchen nickte etwas verlegen. „Na dann sind wir ja schon zu zweit.“, seufzte Marc. „Komm, wir gehen ein Stück.“

Gretchen zögerte kurz, aber dann nickte sie fast unmerklich.

Schweigend gingen die Beiden durch das nächtliche Freiburg. Worüber sollten sie auch miteinander reden?
Auch wenn sie es niemals zugegeben hätten, aber aus irgendeinem Grunde genossen sie während ihres gemeinsamen Weges durch die Nacht die Nähe des anderen. Und dieses Gefühl verwirrte sie wieder einmal, beide. War nicht der ganze Tag eine einzige Achterbahnfahrt ihrer Gefühle gewesen? Erst das überraschende Treffen in der Medizinischen Fakultät und dann das nicht wirklich herbeigesehnte gemeinsame Abendessen. Aber dennoch war es so. Während ihres gemeinsamen Spazierganges durch die Nacht und das ihnen fremde Städtchen fiel die gesamte Anspannung des Tages mit einem Mal von ihnen ab wie die alte Haut einer Schlange.

Plötzlich brach Gretchen das Schweigen.

„Erzähl mir von Oslo.“

Zunächst schaute Marc sie irritiert an. Aber dann begann er einfach zu erzählen. Mit seiner wundervollen, ruhigen und warmen Stimme erzählte er ihr von der fremden Stadt, in der er jetzt schon so lange lebte. Er erzählte ihr von den Norwegern, von ihren Gepflogenheiten und Eigenheiten. Er erzählte ihr von der Klinik, in der er als Oberarzt der chirurgischen Abteilung tätig war, von seiner Lehrtätigkeit an der Medizinischen Fakultät der Universität Oslo und er erzählte ihr von der Studie, die ihn ja letztendlich nach Freiburg geführt hatte. Er erzählte ihr auch von seinen Freunden Lars Feldmann und Ole Ottersen, wie er sie kennengelernt hatte und warum er sie so sehr schätze – als Freunde und als Wissenschaftler.

Während Marc all diese Dinge erzählte, fragte sich Gretchen, was mit Marc Meier passiert war! Dieser Mann, der da neben ihr herging, erzählte mit so einer Freude und Leidenschaft von seiner Arbeit, von seinem Leben in Oslo, dass Gretchen sich nur schwer vorstellen konnte, dass dies der Mann war, der ihr damals ihr Leben so oft zur Hölle gemacht hatte – beruflich und privat. Und der ihr auch den größten Schmerz ihres Lebens zugefügt hatte.

Und sie registrierte auch etwas erleichtert, dass er das „Thema“ Svantje wohlwollend ausgespart hatte.

Es war wieder ruhig zwischen den Beiden geworden. Längst hatten sie die Innenstadt erreicht. Ziellos gingen sie durch die wunderschönen Gässchen, die zum Freiburger Münster führten. Beinahe wäre Gretchen das eine oder andere Mal in eines dieser kleinen Bächlein getreten. Aber Marc hatte sie jedes Mal in letzter Sekunde souverän aus der Gefahrenzone manövriert. Die Nacht war klar. Sterne funkelten an einem dunklen Himmel. Auf den Straßen waren nur noch sehr wenige Menschen unterwegs.

„Bist du mit jemandem zusammen?“, hallte es plötzlich durch die Nacht.

Gretchen verschluckte sich, zwang sich dann aber, in Marcs Richtung zu schauen. Ein einfaches „Ja.“ war ihre Antwort. Mehr sagte sie nicht.

Plötzlich nahm Marc ihre Hand und zog sie in Richtung Münster. „Komm mit!“ Der Münsterplatz war gut beleuchtet. Und Marc, der weder weit- noch kurzsichtige war, hatte erspäht, dass eine kleine hölzerne Seitentür zum Kirchturm des Münsters offenstand. Zunächst etwas perplex, ließ sich Gretchen dann aber doch von Marc in den Turm und die gefühlten fünfhundert Stufen der engen Wendeltreppe den Glockenturm hinaufführen.

Was mach ich denn jetzt, wenn der mich hier flachlegen will? Schoss es Gretchen kurz durch den Kopf. Und kurzzeitig spürte sie Panik in sich aufkommen. Aber dann schob sie diesen pubertären Gedanken einfach beiseite.

Der alte Turm roch etwas feucht und es war ein wenig kälter als draußen. Aber die Mühe des Aufstieges hatte sich gelohnt. Auf der Aussichtsplattform angekommen, hatten sie einen wundervollen Blick über das nächtliche Freiburg. Jeder für sich ging um die Kirchturmspitze herum und genoss die fantastische Aussicht über die Dächer des kleinen Städtchens im Breisgau. Da sah man hohe und tiefe Häuser mit spitzen und flachen Dächern, lange und kurze Schornsteine und zahlreiche hell oder auch weniger hell, weiß oder auch bunt erleuchtete Fenster. Besonders zauberhaft war der Blick in Richtung Süden. Steil ragten die Berge des südlichen Schwarzwaldes hinter den Dächern Freiburgs in den dunklen Nachthimmel.

Plötzlich spürte Gretchen, dass Marc hinter ihr stand. Nah, sogar sehr nah. Augenblicklich versteiften sich alle Muskeln ihres Körpers. Ihr Nackenhärchen richteten sich aufgrund dieser Gefahrensituation auf und ihr Atemsystem geriet völlig außer Kontrolle, ja drohte sogar zu kollabieren. Aber nichts passierte. Marc stand einfach nur hinter ihr. Seine Hände hatte er locker auf das Gemäuer vor ihnen gelegt, so dass sie zwischen seinen Armen stand. Ihre Körper berührten sich nicht, aber dennoch konnten sie die Körperwärme des anderen spüren. Die Sekunden vergingen und aus Sekunden wurden Minuten. Langsam entspannte sich Gretchens Körper wieder und sie begann diese aufregende Nähe zu Marc zu genießen.
Hätte sie allerdings gewusst, dass Marc mit geschlossenen Augen und wild klopfendem Herzen den lieblichen Duft ihrer Haare einsog, sie wäre nur noch halb so entspannt gewesen. Auch er genoss sichtlich dieses zauberhafte Zusammentreffen.

Am Himmel funkelten tausende und abertausende von Sternen. Marc und Gretchen waren von diesem Augenblick verzaubert. Das gesamte Universum schien stillzustehen. Es gab kein gestern und kein morgen, kein Oslo und kein Berlin, keine Svantje und kein Markus.
Für sie gab es in diesem Moment nur ein JETZT – und ein warmes, angenehmes Kribbeln in ihren Bäuchen.

Marc Meier hatte einen dicken Kloß im Hals. Ein schrecklicher Gedanke keimte in seinem Herzen. Er hatte damals in Berlin einfach die falsche Entscheidung getroffen. Es war eine Entscheidung, die er meinte aus Liebe getroffen zu haben. Aber das machte sie nicht richtiger.

Würde Gretchen ihm jemals verzeihen können? In diesem Augenblick hätte er sie gerne einfach nur ganz fest in seine Arme genommen und diese zärtliche Geste anstelle vieler Worte sprechen lassen. Aber dazu fehlte ihm der Mut. Zu viel hatte er ihr damals angetan.

Die kleine Träne, die eine silbrig glänzende Spur auf Gretchens linker Wange hinterließ, konnte er nicht sehen. Aber hätte das etwas geändert?


Lob und Tadel lese ich immer sehr gerne!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

06.11.2011 14:00
#11 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

12 Berlin – Februar 2011

Gretchen,

du weißt, dass das alles hier nicht so mein Ding ist. Gefühle, Liebe, Beziehung – dafür bin ich einfach nicht gemacht. Du schon, denn du bist ein wundervoller Mensch und du hast einen wundervollen Menschen an deiner Seite verdient. Und der bin ich einfach nicht! Ich passe einfach nicht zu dir.
Ich kann dir nicht das geben, was du von mir erwartest. Mit mir kannst du einfach nicht glücklich sein. Nie. Du denkst, dass ich einfach nur Zeit brauche, aber das stimmt nicht. Ich bin Gift für dich und früher oder später würde ich dich vergiften! Ich bin mir sicher, dass du irgendwann jemanden finden wirst, der dich mehr verdient als ich.

Gretchen, nach den letzten Stunden weißt du, was ich für dich empfinde. Aber wie ich schon mal zu dir gesagt habe, es würde nie so sein, wie du es dir vorstellst. Ich würde dich nur unglücklich machen!

Es tut mir leid!

Marc



Gibt’s dazu auch Kommentare?

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

07.11.2011 13:38
#12 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

13 Freiburg – September 2014

Wie damals!

Marc fühlte sich berauscht. Er war berauscht von ihrem Duft, von ihrer Nähe, von ihrer Person. Er spürte ein unbeschreibliches Glück in seinem Herzen, das da so aufgeregt in seiner Brust pochte. Ein Gefühl, das er schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gespürt hatte. Seit damals.

Er hielt diesen magischen Moment für einen Wink des Schicksals. Das konnte kein Zufall sein, schon eher schien da eine gute Fee oder sogar Gott persönlich seine Finger im Spiel zu haben. Es gab zu viele Parallelen zu dieser einen Nacht, vor langer Zeit, auf einem Nordbalkon eines Jugendstilhauses in einer der besseren Wohngegenden Berlins. Die Sterne, der Himmel - das musste einfach ein Zeichen sein. Irgendjemand da oben wollte, dass das mit ihm und Gretchen doch noch nicht zu Ende war.

Aber Marc hätte sicherlich nicht an die Existenz göttlicher Fügungen geglaubt, wenn er diesen Hilferuf einer so tief verletzten Seele hätte vernehmen können – just in dem Moment, als er darüber sinnierte, ob ein kleiner Kuss der Situation angemessen wäre.

Gretchen, hör auf damit! Das geht nicht! Erinner dich daran, was er dir damals angetan hat! Erinner dich an den Schmerz, der sich durch deinen Körper in deine Seele gefressen hat! Der dich fast vernichtet hätte!

Gretchen räusperte sich verlegen, bevor sie, wie zu Zwecken der Selbstmotivation, kräftig in die Hände klatschte und mit den Worten „So und jetzt sollten wir aber beide schleunigst ins Bett. Haben ja schließlich beide morgen einen anstrengenden Reisetag vor uns.“, den Rückzug durch den dunklen Glockenturm antrat, inständig hoffend, dass Marc die kleine Träne auf ihrer linken Wange nicht gesehen hatte.

Marc schien in diesem Moment etwas neben sich zu stehen. Zu sehr war er in seinen Gedanken versunken und in seinen Gefühlen gefangen. Aber ein Marc Meier hatte auch in solchen Situationen schnell wieder den inneren Schalter umgelegt und einen der Situation angemessenen Spruch auf den Lippen. „Ja äh, du hast natürlich recht. Wäre doch schade, wenn wir das üppige Frühstücksbuffet verschlafen würden.“

Der Rückweg zum Hotel war verständlicherweise nicht mehr ganz so romantisch, wie der Spaziergang in Richtung Münster. Gretchen wirkte wie wachgerüttelt. Sie ging sehr zügig. Mit einem Mal wollte sie einfach nur noch weg. Sie spürte einen Fluchtinstinkt in sich aufkommen. Eine Flucht vor diesem Mann, der sie so sehr verwirrte. Eine Flucht vor diesem Mann, der in der Lage war, diese so gut verdrängten Gefühle in ihr aufsteigen zu lassen wie kleine Seifenbläschen im Sommerhimmel. Eine Flucht vor diesem Mann, dessen Annäherungen sie fürchtete wie der Teufel das Weihwasser. Eine Flucht vor diesem Mann, zu dem sie sich trotz aller Verletzungen so sehr hingezogen fühlte!
Und dieser Mann? Der stolperte im wahrsten Sinne des Wortes Gretchen durch die Freiburger Innenstadt hinterher, wohl spürend, dass sie die Flucht nach vorn, oder besser gesagt, die Flucht vor ihm, angetreten hatte.

Mann Meier, du hast es verbockt. Du hättest irgendetwas sagen müssen. Eine Erklärung, eine Entschuldigung. Irgendetwas! Stattdessen schnüffelst du an ihren Haaren wie ein verliebter Trottel und denkst darüber nach, wie du sie am besten küssen könntest. Die Antwort lautet: gar nicht, mein Freund! Solange du nicht den Arsch in der Hose hast und endlich mal die Zähne auseinander bekommst. Kein Wunder, dass sie da abhaut. Was hast du auch erwartet – nach dem Abgang damals in Berlin.

Leider hatte Marc in dieser doch so zauberhaften Nacht keine Gelegenheit mehr, die entsprechenden Worte zu formulieren. Denn eh er es sich versah, hatten sie das Hotel auch schon erreicht und Gretchen war mit einem kurzen „Gute Nacht und danke für den netten Spaziergang.“, schnell durch die Eingangstür geschlüpft und im Innern des Hotels verschwunden.
Marc blieb allein an der frischen Luft zurück. Er zündete sich zum zweiten Mal an diesem späten Abend eine Zigarette an und versuchte zu begreifen, was da gerade zwischen ihm und Gretchen geschehen war.

Er musste sich eingestehen, dass er sich genau vor einer solchen Reaktion Gretchens gefürchtet hatte. Sie hatte nicht vergessen. Die Zeit hatte nicht alle Wunden geheilt. Sie hatte ihm nicht verziehen.

Aber bedeutete nicht genau das, dass sie ihn doch nicht ganz aus ihrem Herzen gelöscht hatte?


Über eure Kommentare freue ich mich immer riesig!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

08.11.2011 10:12
#13 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

14 Über den Wolken – September 2014

Sie haben sich nicht mehr gesehen.

Die Wissenschaftler aus Oslo mussten am nächsten Morgen schon sehr früh ihre Heimreise antreten und stießen nicht mehr auf die beiden Ärztinnen aus Berlin. Aber es war ja auch alles gesagt, beziehungsweise hatte man Telefonnummern und E-Mailadressen mit dem Versprechen ausgetauscht, sich nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Das galt zumindest für Svantje Johanson und Gina Amsel.

Einige Stunden später saß Marc neben seiner Freundin Svantje im Flugzeug nach Oslo. Den Zwischenstopp in Amsterdam hatten sie bereits hinter sich gebracht und nun befanden sie sich auf dem zweiten, längeren Teilabschnitt der etwas länger als vier Stunden dauernden Flugreise.

Marc hatte es sich auf seinem Sitz in der ersten Klasse gemütlich gemacht. Glücklicherweise war das Projekt, in dem er arbeite, gut mit finanziellen Mitteln ausgestattet. So war es den vier Wissenschaftlern vergönnt, die vielen Tagungsreisen, die sie zu bewältigen hatten, in einem eher angenehmen Rahmen zu absolvieren.

Mit zurückgefahrener Rückenlehne hatte er seinen Kopf auf einem gemütlichen Kuschelkissen gebettet. In den Ohren trug er Ohrstöpsel, aus denen die laute Musik seiner aktuellen Lieblingsband dröhnte. Seine Augen hielt er geschlossen, seine Gesichtszüge wirkten entspannt. Marc gab vor zu schlafen.

Aber in ihm tobte ein Sturm der Gefühle. All seine Gedanken drehten sich um Gretchen. Es war ein Moment, ein einziger Moment nach mehr als dreieinhalb Jahren, der ihn so gnadenlos erwischt hatte. Ein Moment, der ihn nicht mehr zur Ruhe kommen ließ.

Und die ganze Zeit fragte er sich, warum er damals diese folgenschwere Entscheidung getroffen hatte.


15 Berlin – Februar 2011

Der Katalysator seiner Handlungen war Angst!

Eine riesige, unbeherrschbare Angst. Denn das, was er am Tag zuvor zu Gretchen vor ihrem Elternhaus gesagt hatte, entsprach nicht mal im Ansatz der Wahrheit.

Natürlich hatte er irgendwie auch Angst davor, mit Gretchen den einen Schritt zu gehen und mit ihr eine Nacht zu verbringen. Auch das gemeinsame Aufwachen mit einer Frau war nicht wirklich seine Sache. Üblicherweise beendete er seine Bettgeschichten gerne, bevor er zur Ruhe kam. Aber er hatte es gewollt und sich auch darauf eingelassen.

Das alles war aber nichts gegen das, was nach der gemeinsamen Nacht und seiner Aktion am Flughafen notwendigerweise kommen würde. Gretchen wollte mehr. Natürlich! Und nach den letzten, zugegebenermaßen auch für ihn, einzigartigen Stunden hatte sie natürlich auch berechtigte Hoffnungen auf eine Beziehung mit ihm. Warum war er ihr sonst zum Flughafen gefolgt?

Weil er sie liebte?

Genau das war es, wovor er sich im Grunde seines Herzens am meisten fürchtete. Wobei es nicht wirklich die Beziehung mit Gretchen per se war, wovor er sich fürchtete. Nein, er fürchtete sich vor seiner eigenen Liebe. Er hatte Angst davor, dass seine Liebe für Gretchen nicht stark genug war.
Denn das war doch der springende Punkt. Natürlich liebte er sie - mittlerweile. Er hatte ja Monate oder besser gesagt Jahre lang gezielt auf diesen Gemütszustand hingearbeitet. Er hatte Rückschläge hinnehmen müssen, aber die konnten ihn nicht aufhalten. Zuerst Gabi, später Gigi, dann Alexis und zum Schluss stand er sich auch irgendwie selbst im Weg. Aber am Ende hatte er sein Ziel erreicht. Seine ganz spezielle Liebe zu Gretchen. Marcs Liebe zu Gretchen, die ihn nach seiner ersten echten Liebesnacht mit einer Frau sogar zu einem Flughafen und beinahe auch bis nach Afrika geführt hatte.

Aber die Frage, die er sich stellte, sozusagen die sprichwörtliche „Gretchenfrage“, war: Würde seine Liebe für eine Beziehung, an ein ganzes Leben wagte er gar nicht erst zu denken, mit Gretchen ausreichen?

Er hatte mehr als panische Angst davor derjenige zu sein, der Gretchens Herz irreparabel brechen würde. Denn darauf würde es hinaus laufen, wenn er sich auf eine ernsthafte Beziehung mit ihr einlassen würde. Wenn er mit ihr zusammen nach Afrika fliegen würde.
Gretchen war so ein herzensguter Mensch. Sie war ehrlich, sie war so voller Mitgefühl für alles und jeden, sie sah immer nur das Gute in den Menschen und sie konnte lieben, mit Haut und mit Haaren. Mit anderen Worten, sie war einfach perfekt in jeder Hinsicht. So perfekt, dass ihm die Worte gefehlt hätten, hätte er einem Fremden das Wesen Gretchen Haase erklären müssen.

Und er, Marc Meier, ja er war eigentlich genau das Gegenteil von perfekt. Er war ein Arsch! Schon immer, sein ganzes Leben lang. Er war nicht in der Lage, Gefühle aller Art verbal auszudrücken. Und auch im nonverbalen Bereich hatte er so seine Schwachstellen. Oder warum mündeten Liebesbekundungen á la Marc Meier so oft in einer schallenden Ohrfeige? Er hat auch noch nie in seinem Leben so richtig geliebt. Frauen fand er höchstens nett, meistens aber eher geil oder eben nicht geil. Er kannte sich einfach nicht aus mit diesen Dingen: Liebe und Beziehung.

Gretchen konnte lieben. Bedingungslos. Aber Marc eben nicht. Zwar vermutete er, dass das, was er für Gretchen empfand, so in die Richtung von echter, tiefer und inniger Liebe gehen musste. Keine Frage. Dafür ließen sich in der Vergangenheit auch genügend Beweise finden, die selbst einen hartgesottenen Chirurgen wie ihn überzeugt hatten. Langsam aber sicher vermutete er auch, dass seine Fassade aus Arroganz, Frechheit und Abwertung nur ein Mittel zum Zweck war. Selbstschutz. Diesbezüglich hatte ihm ja auch seine ehemalige Erzieherin mächtig ins Gewissen geredet.

Aber das Gespräch mit Frau Schnippel hatte auch auch noch andere, tief verschüttete Empfindungen an die Oberfläche getrieben.

Marc war sich sicher, dass diese Liebe, die er für Gretchen empfinden konnte, nicht ausreichen würde. Vielmehr spürte er, dass diese Gefühle, die da in ihm langsam heranwuchsen, sich aus einem Boden nährten, der schon früh in seiner Kindheit vergiftet worden war. Und würde sich auf einem derart verunreinigten Boden überhaupt eine prächtige Pflanze entwickeln können?

Marc meinte die Antwort zu kennen.

Und all diese Erkenntnisse führten dazu, dass er sich zu einhundert Prozent sicher war. Er meinte zu wissen, dass er Gretchen früher oder später verletzen würde. Er würde sie so schwer verletzen, dass es da nichts mehr zu reparieren gab. Weil sie ihn liebte, bedingungslos, ohne wenn und aber.

Nach der vergangenen Nacht und diesem gemeinsamen Tag mit ihr war Marc klar, dass das, was Gretchen für ihn empfand eine so tiefe und innige Liebe war, wie sie sicherlich nur selten von Menschen empfunden wurde. Und er war sich sicher, dass er dieses ihn liebende, zarte Wesen zerbrechen würde mit seiner Unfähigkeit Liebe zu leben.

Und davor musste er sie schützen!

Er liebte sie doch so sehr, dass er nicht zulassen konnte, dass er es war, der ihre Seele zerstörte, der ihr das Herz für immer brach. Und dass es soweit kommen würde, davon war Marc mit der gleichen Intensität überzeugt, mit der Gretchen ihn liebte.

Ja, dieser Gedanke war es, der sich in Marcs Gehirnwindungen einnistete wie eine unheilbare Krankheit. Anfänglich war es nur ein ungutes Gefühl, ein kleiner Kieselstein in seiner Magengrube. Im Laufe des Tages und des Abends wurde aus diesem kleinen Gefühl dann ein kleiner bedeutungsloser Gedanke, den man noch hätte zur Seite schieben oder mit guten Argumenten entkräften können. Aber dieser Gedanke vermehrte sich von jetzt auf gleich mit einer rasenden Geschwindigkeit. Er nahm in Marcs Hirn immer mehr Gestalt an. Er fand seinen Weg vom Geist zur Seele und machte sich auf widerwärtige Weise in seinem Herzen breit. Bis Marc von diesem irrationalen Gedanken so sehr vergiftet war, dass er felsenfest davon überzeugt war, das einzig Richtige zu tun.

Ein letztes Mal strich er seinem schlafenden Gretchen sanft über das goldene Haar und küsste sie zärtlich auf die Stirn. Vorsichtig krabbelte er aus dem gemütlichen Schlafsack. Glücklicherweise gab es an diesen Zwillingsschlafsäcken auf jeder Seite einen Reißverschluss. Langsam ging er zurück in sein Wohnzimmer, zog sich Jacke, Handschuhe und Mütze aus und nahm mit zittrigen Händen aus der obersten Schublade einer wunderschönen weißen Designerkommode etwas Papier und einen Kugelschreiber und setzte sich an den geschmackvollen Esstisch. Aus irgendeinem Grund benötigte er für den Brief an Gretchen nur einen Versuch.

Später verließ er seine wunderschöne Altbauwohnung. In der rechten Hand trug er einen schwarzen Schalenkoffer und über der linken Schulter hing ein schwarzer modischer Reiserucksack. Leise schloss er die Wohnungstür mit dem Schlüssel, um keine Geräusche zu machen. Es war mitten in der Nacht, nein, die frühen Morgenstunden waren bereits angebrochen. Marc Meier fühlte sich, als würde er zu seiner eigenen Hinrichtung gehen. Aber sein messerscharfer Verstand sprach eine andere Sprache.

Marc Meier verließ die Liebe seines Lebens in dem tiefen Glauben, das einzig Richtige zu tun!


Ich freue mich über Lob und Tadel!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

09.11.2011 11:04
#14 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

16 Berlin – Ende September 2014

Gretchen hatte Marc seit dieser Nacht in Freiburg nicht mehr gesehen. Und sie wollte ihn auch nicht mehr sehen. Als sie am nächsten Morgen etwas verspätet zusammen mit Gigi das Restaurant des Hotels betreten hatte um das Frühstück einzunehmen, war die Reisegruppe aus Norwegen schon längst abgereist. Gretchen war erleichtert. Ihre Verzögerungstaktik an diesem Morgen hatte sich also bezahlt gemacht.
In der vergangenen Nacht hatte sie nicht wirklich in den Schlaf gefunden. Also nutze sie die ihr zur Verfügung stehende Zeit, um Pläne zu schmieden. Pläne, wie sie schnellstmöglich wieder in einen emotionalen Gleichgewichtszustand gelangen konnte. Denn dass es Handlungsbedarf gab, dass war ihr spätestens auf dem Freiburger Münster klar geworden.

Zurück in Berlin hatte Gretchen ihr altes Leben wieder schnellstmöglich aufgenommen. Sie wusste, was sie für ihre Psychohygiene tun musste. Schließlich hatte sie schon einmal den Kampf gegen diesen Dämon in ihrem Kopf, in ihrem Geiste und in ihrem Herzen gewonnen. Also ließ sie sich für diverse Nachtdienste in der Klinik und noch mehr Extrafahrten mit dem MeMo einteilen.

Sie riegelte ihre Gefühlswelt nach außen hermetisch ab und erzählte niemandem von ihrer Begegnung mit Marc Meier, auch das gehörte zu ihrem Plan. Weder ihrem Freund Markus, der den Namen Marc Meier sowieso noch nie zu Ohren bekommen hatte, noch ihrem guten Kumpel Mehdi und auch nicht Schwester Sabine, die ihr damals, im Februar 2011, eine echte Stütze gewesen ist und seit dieser Zeit zu den engsten Vertrauen Gretchens zählte. Außerdem gelang es Gretchen, während ihrer gemeinsamen Rückreise mit dem ICE von Freiburg nach Berlin, mit viel Überzeugungskunst und Ehrenwortbekundungen, ihrer Freundin Gigi glaubhaft zu versichern, dass dieses Wiedertreffen mit Marc für sie völlig bedeutungslos war. Es war so bedeutungslos wie es bedeutungsloser nicht sein konnte und würde keine Konsequenzen, in welcher Form auch immer, nach sich ziehen. Ja, das versuchte Gretchen Haase nach diesem zufälligen Treffen mit Marc Meier sich einzureden.

Gretchen hatte also alle Vorkehrungen getroffen, um ihr gewohntes Leben störungsfrei weiterleben zu können. Sie hatte den Kontakt zu ihrem Freund Markus weiter intensiviert, sie spielte sogar mit dem Gedanken, endlich mit ihm in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Sie traf sich in jeder freien Minute, die ihr noch blieb, bei all den Diensten im Krankenhaus und Fahrten mit dem MeMo, mit Freunden und bemühte sich zu einem intensiven Kontakt zu ihren Eltern. Jede Art von Ablenkung war ihr äußerst willkommen. Und sie ging wieder ins Fitness-Studio. Denn auch das hatte sie gelernt. Jede Form von körperlicher Erschöpfung führte bei ihr zu einer Art physischen und psychischen Betäubungszustand.

Aber all diese Vorkehrungen verpufften einfach im Nichts. Denn viel zu oft tappte sie in die Falle der Erinnerung. Ständig tauchten diese Bilder vor ihr auf. Sie und Marc auf dem Kirchturm des Freiburger Münsters. Marcs Körper so nah bei ihrem. Oder einfach nur sein wunderschönes Gesicht mit diesen einzigartigen Augen und dieser süßen Narbe auf dem Nasenrücken! Manchmal glaubte sie sogar, seinen einzigartigen Geruch in der Nase zu haben.

Nachts träumte Gretchen von Marc. In diesen Nächten träumte sie all diese verbotenen Gedanken, die sie sich während der Tage untersagt hatte. Und das Schlimmste war, dass sie nach jedem dieser Träume unbeschreiblich glücklich war, wenn sie aufwachte. Sie fühlte sich geborgen, geliebt, einfach rundum zufrieden. Und kaum dass sie realisierte, dass sie sich wieder in der Realität befand, kamen all die schmerzhaften Gefühle der Vergangenheit wieder an die Oberfläche.

Nach zwei Wochen erwog sie ernsthaft, eine befreundete Traumatherapeutin aus der MeMo-Initiative um Rat zu fragen. Denn schließlich musste ihr Leben ja irgendwie weitergehen – ohne Marc.

Zu Marc in irgendeiner Form Kontakt aufzunehmen, war für Gretchen keine Option. Zu eindeutig waren damals seine Signale, sein Brief und seine Flucht in das ferne Norwegen. Und so versuchte Gretchen Haase sich also wieder einmal im Gefühle-für-Marc-Meier-ein-für-allemal-bekämpfen.

An diesem verregneten Sonntagvormittag hatte sie es sich gerade, nach einem Blick aus dem Fenster, auf ihrem gemütlichen Kuschelsofa bequem gemacht. Da sie an diesem Tag erst gegen Mittag in der Klinik sein musste, trug sie noch ihren Schlafanzug und hatte sich ihr Haar nur locker mit einer Haarspange am Hinterkopf hochgesteckt. In der Hand hielt sie einen dampfenden Becher mit einem Himbeertee. „Heiße Liebe“, das war ihre Lieblingssorte. In der anderen Hand balancierte sie einen Frühstücksteller, auf dem ein aufgeschnittener Apfel und vier braun bestrichene Hälften zweier Brötchen lagen. Nervennahrung. Ihr Freund Markus war nicht bei ihr. Er schlief sicherlich noch tief und fest in seinen eigenen vier Wänden. Sonntags schlief er gerne etwas länger, vor allem wenn er am Abend zuvor mit ein paar Freunden Billard spielen war.

Und plötzlich, aus heiterem Himmel und ohne Vorankündigung, erklang Ende September die vertraute Melodie ihres Smartphones, die den Eingang einer SMS ankündigte.

Darf ich dich anrufen? Marc

Das hatte sie bei all ihren Plänen zur Verteidigung ihres emotionalen Gesundheitszustandes nicht bedacht. Sie hatte schlicht und ergreifend nicht in Erwägung gezogen, dass Marc Meier Kontakt zu ihr aufnehmen könnte. Dafür hatte sie keinen Notfallplan. Diesem Ernstfall hatte sie einfach nichts entgegenzusetzen.

Und wäre die spontanste aller Antworten nicht „Ja!“ gewesen?


Wie immer erfreue ich mich an jedem Kommentar!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

10.11.2011 10:41
#15 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

17 Oslo – Ende September 2014

Er war ein Feigling.

Ein elender Feigling. Ein Feigling in jeder Beziehung. Wobei das Wort Beziehung in diesem Zusammenhang tatsächlich im doppelten Sinne verstanden werden konnte. Seit dem Tag X, dem Tag, an dem er Gretchen in Freiburg wiedergesehen hatte, stand in seiner Gefühlswelt kein Stein mehr auf dem anderen. Und er spürte mit jedem Tag, ja mit jeder Stunde immer inensiver, dass er handeln musste. Er spürte, dass er so nicht mehr weiterleben wollte und vor allem konnte.

Seit der Reise nach Freiburg ging Marc durch die Hölle Er musste ohne Unterlass an Gretchen denken. Er konnte nicht anders, es passierte einfach und er war dagegen machtlos.

Seiner Beziehung zu Svantje tat das nicht gut. Er begann sie zu vernachlässigen, und zwar in jeder Hinsicht. Nicht, dass sie je außerordentlich viel Aufmerksamkeit von Marc bekommen hätte. Ein Marc Meier blieb schließlich auch in Norwegen irgendwie ein Marc Meier. Aber er fing an, sie nicht mehr richtig wahrzunehmen. Er schaute sie weniger oft an, obwohl er sie immer sehr gerne angeschaut hatte. Er sprach weniger mit ihr, obwohl er sich immer sehr gern mit ihr unterhalten hatte. Er ging weniger mit ihr joggen, obwohl er immer ausgesprochen gerne mit ihr durch den Süden von Oslo gelaufen war. Er küsste sie weniger, obwohl er sie immer sehr gerne geküsst hatte. Und er schlief auch nicht mehr mit ihr, obwohl er immer sehr gerne mit ihr geschlafen hatte.

Für Svantje wiesen all diese Symptome auf eine vorübergehende Krankheit hin, die Marc einfach nur richtig auskurieren musste. Sie wusste es einfach nicht besser und sie hätte sich auch nichts denken können. Denn den Namen Margarete Haase hatte sie noch nie aus dem Mund von Marc gehört. Und krank konnte schließlich jeder mal sein. Marc kam diese Ausrede übrigens mehr als gelegen. So hatte er zumindest vorübergehend ein Problem weniger.

Marc hatte Gretchen in Freiburg so unerwartet wiedergetroffen und war von diesem Wiedersehen wie berauscht. Er fühlte sich wie im siebten Himmel, wenn ein Marc Meier so etwas überhaupt empfinden konnte. Wenn er an sie dachte, dann spürte er in jeder Faser seines Körpers ein aufregendes Kribbeln wie von kleinen, wild durcheinander flatternden Schmetterlingen. Er konnte nichts mehr essen und nicht mehr schlafen. In der Klinik konnte er sich nur noch halbherzig auf seine Patienten konzentrieren und während der zahlreichen Operationen, die er als Oberarzt zu leiten hatte, schaltete er viel zu oft den routinierten meierschen Autopiloten ein. In jeder einzelnen Sekunde seines Daseins kreisten seine Gedanken um Gretchen. Nachts träumte er von ihr, tagsüber ebenfalls. Und wenn er sich nicht so elend gefühlt hätte, dann wäre ihm sicherlich ob seines Zustandes ein Schmunzeln über die Lippen gekommen. Denn bisher kannte er nur eine Person, die sich exzessiven Tagträumen hingegeben hatte. Und das war sicherlich nicht er.

Ihm war ein solcher Zustand völlig fremd. Denn auch damals im Elisabeth-Krankenhaus fühlte er sich zwar auf eine faszinierende Weise von Gretchen angezogen, aber dieser Gefühlsmodus, der da durch einen klitzekleinen Augenblick in Freiburg eingeschaltet wurde, war absolutes Neuland für den jungen Mediziner.

Im Grunde war er von der Sekunde an, in der sich sein Blick in den Augen von Gretchen verfangen hatte, von dem Wunsch erfüllt, dieser Frau nah zu sein. Nah auf jede erdenkliche Weise. Er wünschte sich so sehr, dass diese Frau ihm ihre Liebe schenkte, wieder schenken konnte! Und er war bereit, dafür alles zu tun. Allerdings war Marc diesbezüglich etwas ratlos.

Er wusste, dass er in seiner Liebe damals etwas Unverzeihliches getan hatte. Er wusste, dass er Gretchen so schwer verletzt hatte, dass sie sich sicherlich auf keine Annäherung seinerseits ohne weiteres einlassen würde. Er wusste, dass er es im Grunde in der Vergangenheit verbockt hatte und er war sich sicher, dass sie es ihm in der Zukunft nicht leicht machen würde.

Marc wusste, dass er um Gretchen kämpfen musste. So sehr, wie er noch nie in seinem Leben um etwas gekämpft hatte. Denn bisher war ihm ja immer alles aufgrund seiner Intelligenz, seines Talentes, seines Charmes, aber auch aufgrund seines guten Aussehens in den Schoß gefallen. Egal ob das Abitur, sein Medizinstudium, die Position des Oberarztes im Elisabeth-Krankenhaus, der Job in Oslo oder auch Frauen – alles und jede war immer zu ihm gekommen, ohne dass er sich groß darum bemühen musste.

Und auch Gretchen hatte, wie eine Löwenmutter für ihr Junges, für ihre Liebe zu ihm, Marc, gekämpft. Sie hatte ihm sozusagen ihre Liebe auf dem Silbertablett serviert. Heute wusste er, dass er damals einfach nicht bereit war. Er war damals nicht bereit, dieses wertvolle Geschenk anzunehmen und wertzuschätzen.

Aber jetzt hatte der Wind sich gedreht.


Über jeden Kommentar freue ich mich riesig!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

11.11.2011 12:41
#16 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

18 Oslo – Ende September 2014

Marc war an diesem Morgen schweißgebadet aufgewacht. Oder besser gesagt, mit vor Entsetzen geweiteten Augen und einem wild pochendem Herzen regelrecht aufgeschreckt. In seinem Traum war alles so wirklich, so real. Er hatte Gretchen in einem langen, durch kaltes Neonlicht erleuchteten Korridor des Elisabeth-Krankenhauses seine Liebe gestanden. Er hatte sie küssen wollen. Und Gretchen hatte mit einem hämischen Grinsen auf ihren süßen Lippen ein rotes Handy aus ihrer Kitteltasche gezogen und ihm ein überdimensioniertes Display entgegengehalten. Mit eiskalter Stimme hatte sie ihm dabei zwei Sätze vorgelesen.

„Hoffentlich fragst du dich nicht irgendwann, warum du nicht mutiger warst. Aber vermutlich war das der bequemere Weg!“

Nur langsam kam Marc nach diesem schrecklichen Traum wieder zur Ruhe. Noch lange spürte er das unangenehme Gefühl des Adrenalins in seinen Fingerspitzen, während er versuchte, seine Atmung langsam unter Kontrolle zu bekommen. Er lag auf seiner Seite des Bettes und blickte kurz nach rechts um sich zu vergewissern, dass seine Reaktion auf diesen furchtbaren Traum unbemerkt geblieben ist.

Neben ihm schlummerte seine norwegische Freundin Svantje noch immer tief und fest. Ihr Gesicht war entspannt, ihre Lippen waren leicht geöffnet. Sie sah schön aus, wenn sie schlief. So unschuldig, aber auch so ahnungslos. Denn sie ahnte nichts von dem, was da in Marc schon seit zwei Wochen, seit ihrer gemeinsamen Reise nach Freiburg, brodelte.

An diesem Morgen, nach diesem Traum wusste Marc Meier, dass es Handlungsbedarf gab. Nicht irgendwann, nicht morgen. Nein. Heute. An diesem Morgen beschloss Marc Meier, dass die Zeit gekommen war, einen Schritt in Richtung Gretchen zu gehen.

An diesem Morgen log er seine Freundin Svantje Johanson zum ersten Mal während ihrer Beziehung ganz bewusst an. Er hatte ihr zwar das eine oder andere pikante Detail aus seinem Leben in Berlin bisher bewusst oder auch unbewusst verschwiegen, aber gelogen hatte er noch nie. Aber an diesem Morgen, es war ein Sonntag und Marc und Svantje hätten eigentlich zur Frühschicht in der chirurgischen beziehungsweise psychologischen Abteilung des Ulleval-Universitätsklinikums antreten müssen, gab Marc Meier vor, krank zu sein. So krank, dass er seiner geliebten Arbeit fern bleiben musste.

Nach einer gefühlten Ewigkeit verließ Svantje endlich die gemeinsame Wohnung. Natürlich erst, nachdem sie Marc mehrmals liebevoll ermahnt hatte, sich zu schonen und im Bett auszuruhen. Aber dann, endlich, vernahm Marc das vertraute Geräusch der sich schließenden Wohnungstür. Aber was sollte er nun tun? Er war in Oslo und Gretchen in Berlin. Das war nicht gerade um die Ecke.

Ratlos schnürte er sich seine lehmigen Joggingschuhe zu. Er musste einen klaren Kopf bekommen und in der Vergangenheit hatte sich herausgestellt, dass ihm beim Laufen die besten Ideen kamen. Allerdings kreisten bisher seine Gedanken bei diesen Ausflügen auf Joggingschuhen eher um komplizierte medizinische Fragestellungen aus der Klinik oder den einen oder anderen Aspekt seiner wissenschaftlichen Tätigkeit.

An diesem Morgen war das jedoch anders. Seine Gedanken kreisten im Grunde um ein Thema, während er seinem Körper ein ausgesprochen hohes Tempo zumutete. Wie sollte sein erster Schritt aussehen? Natürlich möglichst unauffällig und für Gretchen nicht sofort zu durchschauen. Mit dem scharfen Verstand eines promovierten Akademikers wog er die ihm zur Verfügung stehenden Alternativen ab.

Da war natürlich zunächst das Internet. Er hatte zwar nicht Gretchens aktuelle E-Mailadresse, aber über die Homepage des Elisabeth-Krankenhauses hätte er sicherlich schnell ihre Dienstanschrift in Erfahrung bringen können. Aber diese Option erschien ihm nur suboptimal. Zum einen hatte er sich ja extra an diesem Sonntag „frei genommen“ um diese Angelegenheit zu erledigen und zum anderen wollte er Gretchen eher in einer privaten Atmosphäre mit seiner Person konfrontieren. Schließlich war die ganze Angelegenheit ja irgendwie auch etwas heikel.

Blieb ihm im Grund nur das Telefon. Auch hier wog er die Vor- und Nachteile sorgfältig ab und kam zu dem Schluss, dass es ein Versuch wert war. Allerdings gab es da noch das Problem der Telefonnummer zu lösen. Sollte er tatsächlich Mehdi anrufen und ihn um Gretchens Nummer bitten. Nein, das hätte ja bedeutet, dass er sich ihm hätte erklären müssen. Und das wollte Marc nun wirklich nicht. Zumal sein Kontakt zu Mehdi auch eher sporadisch, wenn auch nicht gänzlich abgebrochen, war. Und da fiel es Marc wieder ein. Gerade hatte er den anspruchsvolleren, weil etwas hügeligen Teil seiner Laufstrecke erreicht, da fiel ihm sein altes Handy ein.

Aufgeregt wühlte Marc laut fluchend in einem alten Schuhkarton. In diesem Schuhkarton befanden sich diverse Habseligkeiten, die ihn an ein anderes Leben in einem anderen Land erinnerten. Und unter anderem schlummerte in diesem Karton ein altes Handy, das Marc nun erfolgreich versuchte, wiederzubeleben. Na er war ja auch ein sehr talentierter Arzt.

Mit zittrigen Fingern tippte ein schweißnasser, in einer schwarzen Laufhose und einem durchgeschwitzten türkisen Laufshirt steckende, Marc fünf Wörter in sein Smartphone und schickte diese SMS an die über drei Jahre alte Handynummer seiner damaligen Assistenzärztin.

Wie viele Menschen haben länger als drei Jahre die gleiche Handynummer? Schoss es Marc durch den Kopf.

Die Antwort auf seine SMS ließ lange auf sich warten. Marc saß auf dem Boden mit dem Rücken an eine Wand des Schlafzimmers gelehnt vor dem geöffneten Schuhkarton. Seine Beine hatte er an seinen Körper gezogen. Erschöpft hatte er seinen Kopf auf seine Knie gelegt. Er starrte auf sein Smartphone, das zwischen seinen schmutzigen Joggingschuhen lag. Seine Atmung ging immer noch schnell. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn und tropften auf den Boden. Die Minuten verstrichen. Und als Marc schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, als er sich sicher war, dass Gretchen sich in ihrer grenzenlosen Wut auf ihn niemals zu einer Antwort auf seine SMS würde hinreißen lassen, in diesem Moment vernahm er das so sehnsüchtig erwartete Piepen.

Im Display erschien ein einziges Wort.


Wie immer – über Kommentare freue ich mich riesig!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

12.11.2011 21:09
#17 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

19 Oslo / Berlin – Ende September 2014

Warum?

Gretchen fühlte sich überfahren. Sie war nicht in der Lage eine schlagfertige Antwort zu formulieren, obwohl sie das sehr gerne getan hätte. Denn schließlich wollte sie sich vor Marc, dem Marc, der sie damals so eiskalt abserviert hatte, keine Blöße geben. Schließlich war sie ja über ihn hinweg. Und genau aus diesem Grund wollte sie ihn auch nicht mit einem „nein“ abfertigen.
Ja und dann war da ja auch noch die kleine Schneekönigin tief in Gretchens Herzen, die beim Lesen der meierschen SMS eine kleine Pirouette drehte.

Weil ich deine Stimme hören möchte!

Tippte Marc schnell und ohne über die Antwort weiter nachzudenken. Vorsichtshalber hatte er das Denken ausnahmsweise mal ausgeschaltet.

Warum?

Gretchen musste Zeit gewinnen, definitiv. Die letzte Antwort von Marc las sich irgendwie gefährlich. Warum will er ihre Stimme hören? Das wollte ihr in diesem Moment nicht so richtig in den Kopf.

Weil sie schön ist und sie mir fehlt!

Wieder folgte Marc einfach seiner inneren Stimme, seinem Gefühl, ja seinem Herzen.

Was willst du?

Gretchen bekam Angst. Große Angst. Sie musste auf der Hut sein. Denn sie wusste, wie gefährlich ihr ein Marc Meier werden konnte – auch per SMS. Sie spürte schon, dass ihr Herz ein paar schnelle Hüpfer machte.

Hab ich doch schon geschrieben. Mit dir reden, deine Stimme hören. Ich möchte wissen, wie es dir geht.

Langsam verdrehte Marc die Augen. Er war nicht genervt. Er war verzweifelt. Seufzend atmete er tief ein und aus. Die Angelegenheit schien komplizierter zu werden als geplant.

Das hat dich doch über drei Jahre lang nicht interessiert!

Angriff ist die beste Verteidigung, so dachte sich Gretchen. Sie wollte schließlich selbstbewusst und stark erscheinen.

Ich möchte mich bei dir entschuldigen.

Marcs Herz klopfte und das Pulsieren seines Blutes rauschte in seinen Ohren.

Dafür ist es aber zu spät!

Langsam stieg dann doch etwas Wut in Gretchen auf. Dachte der Idiot wirklich, dass er mit einer einfachen SMS durchkommen würde? Er hatte sie damals mit einem lapidaren Brief abgespeist, dessen Wortlaut sie nie in ihrem Leben vergessen würde. Nein, sie würde es ihm nicht so einfach machen – so dachte sie zumindest in diesem Moment.

Was sollte er daraufhin erwidern? Schließlich hatte sie recht. Also beschloss er, ehrlich zu sein.

Ich weiß! Wirst du mir eines Tages verzeihen können?

Es kam keine Antwort.

Du hast meine Frage nicht beantwortet. Darf ich dich anrufen?

Langsam wurde Marc dann doch nervös. Was, wenn sie jetzt einfach nicht mehr antwortete?

Gretchen hatte einfach das Denken aufgegeben. Sie hatte keine Kraft mehr. Die letzten zwei Wochen im Kampf gegen das Phantom Marc Meier hatten sie zermürbt. Zu groß war ihre Sehnsucht nach diesem Mann. Und zugleich wusste sie, wie gefährlich ihr dieser Tanz mit dem Teufel werden konnte.
Und vielleicht wollte sie ja auch einfach nur ein „Es tut mir leid!“ aus seinem Munde hören?

Ja

Marc hätte die ganze Welt umarmen können! Er war glücklich. Aber zugleich auch sehr nervös. So Vieles stand zwischen ihnen. So Vieles war unausgesprochen. Wie sollte er Gretchen erklären, was mit ihm passiert war. Und zwar nicht nur heute, sondern auch damals und in der Zwischenzeit. Wie sollte er Gretchen das Chaos in seinem Kopf und in seinem Herzen begreiflich machen, obwohl er es ja selbst kaum begreifen konnte?


Über viele liebe Kommentare freue ich mich riesig!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

13.11.2011 17:14
#18 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

20 Oslo / Berlin – Ende September 2014

Und nur ein paar Sekunden später hielt Gretchen ein klingelndes Smartphone in ihren zittrigen Händen. Kurzzeitig dachte sie noch darüber nach, ob es eigentlich eine Zeitverschiebung zwischen Oslo und Berlin gab. Ein letztes Mal atmete sie tief durch, dann nahm sie etwas unsicher das Gespräch an. Kurz schoss ihr noch durch den Kopf, dass sie Marc längst hinter sich gelassen hatte und eine starke, emanzipierte Frau war.

Ihre Stimme versuchte Gretchen selbstsicher und auch ein wenig überrascht klingen zu lassen. „Marc! Das ist ja eine Überraschung!“ Leider ließ sich ihre Unsicherheit in der Stimme nicht ganz verbergen und darüber ärgerte sie sich ein wenig.

„Ja äh, hallo Gretchen!“, versuchte Marc es erstmal mit einer netten Begrüßung. „Äh, ich dachte mir, es wäre mal nett, deine Stimme zu hören.“, wand sich Marc wie ein Aal an der frischen Luft. Auch er ärgerte sich über den unsicheren Klang seiner Stimme, über die Wortwahl mal ganz zu schweigen.

„So so, nett.“ Wäre Gretchen nicht so aufgeregt gewesen, sie hätte vielleicht auch etwas Ironie mit ins Spiel bringen können. Das hätte Marc sicherlich noch etwas mehr verunsichert.

Schweigen. Von der ganz unangenehmen Sorte. Keiner wusste etwas zu sagen. In beiden Köpfen rasten die Gedanken. Beide versuchten, sich irgendwie die passenden Worte zurecht zu legen.

„Also Gretchen, ich muss dir was sagen. Etwas sehr Wichtiges.“ Marc strich sich verzweifelt durch seine schweißnassen Haare. Mittlerweile hing ihm eine einzelne Strähne in die Stirn. Ihm war kalt und auf seinem schweißnassen Körper bildete sich eine unangenehme Gänsehaut. Seine Körperhaltung drückte fast Resignation aus. Er fand einfach nicht die richtigen Worte. Eigentlich fand er gerade gar keine Worte. Denn der bloße Klang von Gretchens Stimme hatte ihm die Sprache verschlagen. Er was entsetzt. Er war eine Marionette seiner Gefühle. Wieder fragte er sich, wo diese intensiven Gefühle herkamen.

„Marc, bist du noch dran? Jetzt sag doch einfach, was du willst. So ein Telefonat ist doch teuer! Norwegen ist schließlich nicht um die Ecke“, versuchte es Gretchen trotz ihrer inneren Zerrissenheit mit einem eher pragmatischen Denkansatz.

Okay Alter, Augen zu und durch! Wenn du auch nur ein vernünftiges Wort mit Gretchen sprechen möchtest, dann musst du jetzt die Eier in der Hose haben! Sonst wird das hier nichts und sie wird denken, dass du ein kompletter Idiot geworden bist.

„Also Gretchen, was ich dir sagen möchte, ist folgendes.“

Ich hätte mir mal vorher überlegen sollen, was ich ihr eigentlich sagen möchte.

„Nun gut.“ Und nach einer kurzen Pause fuhr er etwas zügiger fort, während er sich mit seiner freien Hand die Schläfen massierte. „Irgendwie willst du mir einfach nicht aus dem Kopf. Seit Freiburg. Ich weiß auch nicht warum, aber ich muss laufend an dich denken. Naja und außerdem habe ich auch ein tierisch schlechtes Gewissen wegen damals in Berlin. Du weißt schon, dass ich doch nicht mit dir nach Afrika geflogen bin. Und da habe ich mir halt gedacht, ich ruf mal bei dir an und entschuldige mich für den ganzen Kram. “ Über die Wahl seiner Worte war er wieder nicht wirklich glücklich, aber immerhin. Es war raus! Endlich! Marc schloss die Augen und atmete sichtbar erleichtert ein uns aus. Mit der linken Hand fuhr er sich über sein schweißnasses Gesicht.

Schweigen.

„Gretchen, bis du noch dran?“, fragte Marc hektisch und mit einer sich überschlagenden Stimme.

„Ja.“ Wieder sagte Gretchen lange nichts. Sie suchte in ihrem Kopf, der sich wie mit Watte gefüllt anfühlte, nach den richtigen Worten. Wut stieg langsam in ihr auf. Wut, die so lange in ihr gebrodelt hatte. Wut, die nie den Weg zu Marc gefunden hatte, ja finden konnte.

„Was erwartest du von mir, Marc?“ Ihre Stimme klang sehr erregt. „Es ist schon so lange her, ich hatte dich fast vergessen, ich habe ein neues Leben angefangen, ich war über dich hinweg. Ich habe gedacht, ich sehe dich nie wieder. Endlich hat es nicht mehr weh getan. Du hast keine Vorstellung davon, wie schwer das alles für mich war. Du weißt nicht, wie lange ich gebraucht habe, um wieder ein normales Leben führen zu können. Ohne gleich in Tränen auszubrechen, wenn ich doch mal aus Versehen an dich gedacht habe.“ Gretchen hielt kurz inne, um ihre Gedanken zu sortieren. Sie spürte, dass Marc ihr zuhörte.

„Und dann tauchst du einfach so in Freiburg auf, wie Phönix aus der Asche, und entführst mich da auf diesen Turm. Du sagst mir, dass du an mich denken musst. Marc, was willst du von mir?“ Ihre Stimm klang schrill. Gretchen wirkte erschöpft. Sie weinte nicht, aber sie hatte einen riesigen Kloß in ihrem Hals. Ein Druckgefühl, ja fast schon ein Schmerz, der ihr die Kehle zuschnürte. Aber sie war stolz auf sich.

Marc hatte jedes Wort aufmerksam registriert. Es war das eingetreten, wovor er sich insgeheim am meisten gefürchtet hatte. Sie hatte ihn erwischt. Eiskalt und von hinten. Marc fühlte sich mehr als unwohl in seiner Haut und er hatte das ungute Gefühl, dass er hier nicht ganz unbeschadet aus dieser Nummer herauskommen würde.

„Also eigentlich erwarte ich nichts von dir, Gretchen. Ich möchte einfach nur, dass du weißt, dass ich weiß, dass ich Mist gebaut habe. Also Riesenmist. Also eigentlich war das der größte Mist meines Lebens!“, und in seiner Stimme schwang ein unsicheres Auflachen mit. „Und ich hoffe, ja ich wünsche mir einfach so sehr, dass du mir irgendwann verzeihen kannst?“ Das klang jetzt eher wie eine Frage.

Gretchen erwiderte nichts. Plötzlich war sie hell wach. Sie dachte nach.

Der größte Mist seines Lebens! Bedeutet das etwa, dass er es bereut?

Mit einem Mal machte sich in Gretchen eine ungeahnte Ruhe breit. Diese Ruhe erfasste sie von den Haaren über die Finger bis hin zu den Zehenspitzen. Sie hatte gespürt, dass Marc aufrichtig bereute. Es waren weniger seine Worte. Es war schlicht und ergreifend der Klang seiner Stimme, die Art, wie er es gesagt hatte. Sie hatte gespürt, dass Marc aufrichtig bedauerte. Sie hatte gespürt, dass Marc sich schämte. Sie hatte gespürt, dass Marc Angst hatte. Und sie hatte gespürt, dass er voller Hoffnung war.

Und mit einem Mal freute sie sich, dass Marc sie angerufen hatte. Und dann antwortete sie plötzlich und ganz unerwartet. „Marc, es ist schön, deine Stimme zu hören.“

Gretchens Marc-Meier-Abwehr-Modus war soeben außer Gefecht gesetzt worden. Ob sie ihm jemals würde verzeihen können? Sie wusste es nicht. Aber zugleich spürte sie, dass da ein anderer, ein neuer Marc war, dem sie nicht die Tür vor der Nase zuschlagen konnte und auch nicht wollte.

In Oslo hörte man einen riesigen Stein vom Herzen eines medizinisch talentierten, emotional aber eher minderbegabten Arztes fallen!

Gab Gretchen ihm tatsächlich noch eine Chance?


Kommentare sind wie immer sehr erwünscht!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

14.11.2011 13:54
#19 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

21 Oslo / Berlin – Ende September 2014

Entgegen aller Erwartungen und wider jede Vernunft haben Marc und Gretchen nicht aufgelegt. Es war fast, als hätte es diese unglückliche Geschichte in der Vergangenheit nie gegeben. Aber wie gesagt, es war nur fast so.

Zunächst verlief das Gespräch zwischen Gretchen in Berlin und Marc in Oslo noch etwas stockend. Keiner wusste so recht, was er sagen oder den anderen fragen sollte. Da stand so viel zwischen ihnen. Beide spürten zu sehr diese bekannte Angst abgewiesen oder verletzt zu werden. Aber gleichzeitig war da so eine unbeschreibliche Anziehung zwischen den beiden. Wie ein unsichtbares Band, das sie aneinander band. So unerklärlich. So unverständlich. So widersprüchlich. Aber es war so.

Und dann, nach den anfänglichen Startschwierigkeiten und den üblichen Verlegenheitsfloskeln, fanden sie mit einem Mal ein Thema, über das sie sich wunderbar unterhalten konnten. Ein sehr naheliegendes Thema, wenn zwei Chirurgen sich miteinander unterhielten. Ihre Arbeit. Hier fühlten sich beide sicher. Hier kannten sie sich aus. Und hier konnte es auch nicht gefährlich werden. Und beiden machte es Spaß.

Und ehe sie sich versahen, diskutierten Marc und Gretchen lebhaft über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ihren Arbeitsstellen. Und die Unterschiede zwischen den Gesundheitssystemen beider Länder waren enorm, die Standards und Richtlinien waren einfach gänzlich unterschiedlich. Das Arbeiten war einfach gänzlich unterschiedlich. Und ebenso unterschiedlich waren auch ihre Kollegen und Kolleginnen, über die es eine Menge zu erzählen gab. Sie erzählten sich von ihren interessantesten medizinischen Fällen, von geglückten oder weniger geglückten Operationen und von den aktuellen Methoden bei dem einen oder anderen chirurgischen Eingriff. Mit anderen Worten, sie fachsimpelten unter Kollegen.

Marc hatte es sich mittlerweile auf seiner Seite des großen Doppelbettes gemütlich gemacht. Er fror nicht mehr und die unangenehme Gänsehaut war auch verschwunden. Er lag auf dem Rücken. Seinen freien Arm hatte er sich etwas angewinkelt unter den Kopf gelegt. Auf einen uneingeweihten Betrachter hätte er einen entspannten Eindruck gemacht. Aber in seinem Herzen tobten so viele Gefühle und in seinem Kopf rasten so viele Gedanken. Und mit einem verträumten Grinsen im Gesicht, das zwei einzigartige Grübchen auf seinen Wangen freilegte, versuchte er sich Gretchens wunderschönes Gesicht vor Augen zu führen, während er leicht belustigt ihren Ausführungen über ihren täglichen Wahnsinn mit Schwester Sabine lauschte. Wohlgemerkt mittlerweile einer ihrer besten Freundinnen. Ungläubig, aber höchst amüsiert, schüttelte Marc den Kopf, als er das hörte.

Auch Gretchen entspannte sich zunehmend. Ihr Puls hatte sich wieder normalisiert. Ihre Wangen waren leicht gerötet und fühlten sich angenehm war an. Sie lächelte leicht und schaute beim Sprechen häufig aus dem Fenster nur um sich zu fragen, ob es wohl in Oslo auch gerade regnete. Nach einer Weile hatte es Gretchen sich auf der gesamten Sitzfläche ihres riesigen dunkelblauen Sofas gemütlich gemacht. Sie lag ebenfalls auf dem Rücken.

Und beide, sowohl Marc als auch Gretchen, spürten die gleiche, wenn auch unerklärliche, Ruhe und Geborgenheit, wie sie es schon in Freiburg gespürt hatten. Obwohl so viele unausgesprochene Dinge zwischen ihnen standen, obwohl da ganz viel Schmerz so tief in ihren Herzen vergraben war, obwohl sie sich geschworen hatten, sich niemals wieder so fallen zu lassen. Trotzdem genossen sie einfach nur die Nähe des anderen – obwohl sie tausende von Kilometern voneinander getrennt waren.

Marc und Gretchen waren in diesem Augenblick glücklich.

„Mensch, das war ja wirklich eine riesige Überraschung, dass du mich mal angerufen hast. Also, es hat mich wirklich gefreut. Ja und vielleicht hört oder sieht man sich ja auch mal wieder!“ Gretchens Stimme klang mit einem Mal künstlich, übertrieben erfreut und auch eine Nuance zu laut. Verwundert schaute Marc mit hochgezogenen Augenbrauen sein Telefon an. Was war denn jetzt los?

„Hallo Schatz, wer ist denn da dran?“, vernahm Marc eine männliche Stimme aus dem Hintergrund, kurz bevor Gretchen noch ein „Ich wünsch dir auch noch einen schönen Sonntag.“, unangenehm gekünstelt ins Telefon flötete.

„Ach niemand, nur ein alter Bekannter aus Norwegen.“, waren die letzen leisen Worte in Marcs Ohr, bevor die Verbindung abbrach.


Und wie immer freue ich mich riesig über eure Kommentare!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

15.11.2011 11:29
#20 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

22 Oslo – Ende September 2014

Wie traumatisiert saß Marc auf seinem Bett. Unfähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Zu bizarr war das gerade Erlebte, das gerade Gehörte. Er wusste, dass Gretchen nicht allein war, dass sie mit einem Mann zusammen war. Sie hatte es ihm in Freiburg erzählt. Und etwas anderes war bei Gretchen eigentlich auch nicht vorstellbar. Schon immer war sie auf der Suche nach dem perfekten Glück, nach ihrem Mister Right, nach der ganz großen Liebe. Und dennoch war es für Marc eine schmerzliche Erfahrung, mit dieser Tatsache konfrontiert zu werden. Es waren eben zwei Paar Schuhe: es einfach nur zu wissen oder die Stimme des Mannes an Gretchens Seite mit den eigenen Ohren zu hören.

Kurz dachte Marc darüber nach, ob er sich nicht die ganze Angelegenheit aus dem Kopf schlagen sollte, ob er Gretchen nicht einfach in Ruhe lassen sollte. Bisher gab es noch ein zurück. Bisher. Schließlich hatte er ihr schon einmal sehr weh getan. Darüber war er sich heute, über drei Jahre und viele Gedanken später, im Klaren. Kurz dachte er darüber nach, ob er sein Handy einfach zurück in diesen Schuhkarton legen und diesen Schuhkarton zurück in die weiße Schlafzimmerkommode stellen sollte. Kurz dachte er darüber nach, wie es wäre, Gretchen wieder in den Tiefen seines Unterbewusstseins verschwinden zu lassen.

Er konnte es sich nicht vorstellen.

Svantje betrat gegen Abend fröhlich pfeifend die Wohnung. Sie hatte eine anstrengende Frühschicht in der Klinik hinter sich gebracht und war dann zu ihren Eltern gefahren. Das tat sie oft am Wochenende, unter der Woche fand sie für solche Besuche nur selten Zeit. Die Wohnung war ruhig. Sie hörte, anders als sie es erwartet hatte, keine Fernsehgeräusche. Das Wohnzimmer war dunkel. Da erst bemerkte sie, dass in der gesamten Wohnung kein Licht brannte. Leise ging sie ins Schlafzimmer. Vielleicht schlief Marc. Er war ja doch sehr angeschlagen an diesem Morgen.

Er schlief nicht. Er war wach. Marc saß auf seiner Seite des Futonbettes und lehnte mit dem Rücken an der Wand. Die Beine hatte er an den Körper gezogen. Er trug Boxershorts und ein dunkelblaues T-Shirt mit V-Ausschnitt. Seine Haare waren nass und noch etwas wuschelig. Er hatte sich rasiert und einen kleinen Dreitagebart stehen lassen. Endlich. Und er roch so gut. Er roch nach einer Mischung aus Aftershave und Duschgel. Er roch nach Marc Meier.

Svantje blieb im Türrahmen der Schlafzimmertür stehen. Ein Blick auf Marc verriet ihr, dass er geduscht hatte. Vielleicht ging es ihm ja besser? Vielleicht könnten sie ja mal wieder? Er sah so verdammt gut aus!

In diesem Augenblick schaute Marc ihr direkt in ihre himmelblauen Augen und begann zu sprechen, auf Deutsch. Das war sehr ungewöhnlich, das war außerordentlich ungewöhnlich, das war sogar besorgniserregend. Denn üblicherweise sprachen Marc und Svantje miteinander Englisch. Marcs Norwegisch war zwar im Laufe der Jahre sehr gut geworden, aber da ging es ihm so wie Svantje mit der deutschen Sprache. Englisch war einfach weniger anstrengend für beide, weil sie diese Sprache nahezu perfekt beherrschten.

Und aus diesem Grunde wusste Svantje in der Sekunde, in der Marc begonnen hatte zu sprechen, dass etwas passiert war. Sie hörte es an der Sprache, die er gewählt hatte, sie sah es in seinen dunkelgrünen Augen, die so einen traurigen Schimmer hatten, sie hörte es an seiner Stimme und sie sah es an seiner Körperhaltung. Langsam glitt sie mit ihrem Rücken am Türrahmen hinunter bis sie auf dem Boden saß. Dabei ließ sie Marc nicht aus den Augen. Ihr Gesicht wurde von dem gelblichen Schein einer Straßenlaterne erhellt. In diesem Moment sah sie so zart und zerbrechlich aus. So wunderschön. Und bevor Marc den ersten Satz beendet hatte, sammelten sich glitzernde Tränen in ihren Augen.

„Ich habe heute mit Gretchen telefoniert.“ Langsam begann Marc zu sprechen. Zunächst war er noch auf die Wahl seiner Worte bedacht. Er wollte, dass Svantje ihn verstand. Später konnte er darauf nicht mehr achten.

„Du weißt schon, Margarete Haase, die Freundin von Gigi. Du hast sie in Freiburg kennengelernt.“

Vor Svantjes Augen erschien das Bild einer attraktiven blonden Frau mit funkelnden blauen Augen und einem strahlenden Lächeln.

„Ich habe dir erzählt, dass wir uns von früher aus dem Krankenhaus in Berlin kennen. Aber das stimmt eigentlich gar nicht so richtig. Ich kenne Gretchen schon seit meiner Schulzeit. Ich kenne sie schon mein halbes Leben. Wir waren einige Jahre auf dem gleichen Gymnasium. Also damals waren wir aber nicht befreundet oder so. Nach meinem Abitur haben wir uns dann aus den Augen verloren. Sie war in Köln und ich in Berlin. Jahre später haben wir uns dann im Elisabeth-Krankenhaus in Berlin wiedergetroffen. Ihr Vater war mein Chef und sie für eine sehr lange Zeit meine erste Assistenzärztin.“

Marc sprach nicht mehr weiter. Er überlegte. Suchte nach Worten. Wie sollte er irgendeinem Menschen auf der Welt erklären können, was damals zwischen ihm und Gretchen war? Dieses Hin und Her, dieses Auf und Ab, dieses Ja und Nein.

„Also wie soll ich dir das erklären? Wir waren nie wirklich zusammen. Also so richtig. Aber irgendwie drehte sich bei uns immer alles darum. Ums Zusammensein. Immer. Aber richtig geklappt hat es eben nie. Also einmal dann schon, also fast zumindest. Es gab zwischen uns immer so viele Missverständnisse.“ Bei diesen Worten schüttelte Marc fast resigniert den Kopf.

„Svantje, ich habe dir nie so richtig erzählt, warum ich vor über drei Jahren hier in Oslo gelandet bin. Der eigentliche Grund war Gretchen. Ich musste weg von ihr, weg von ihrer Liebe. Weißt du, ich war damals anders als heute. Mit Liebe und Beziehungen, mit diesem ganzen Gefühlskram konnte ich so schlecht umgehen. Ich konnte gar nicht damit umgehen. Du weißt, dass ich das einfach nicht gelernt habe. Ich war so ein Arsch. Ich hatte so viel Angst vor ihrer Liebe. Ich wollte Gretchen einfach nicht verletzen. Und doch habe ich ihre Liebe mit Füßen getreten.“

Wieder machte er eine Pause. Er versuchte in Svantjes Augen zu lesen. Aber sie hatte ihre Augen geschlossen. Tränen liefen ihr über die Wangen. Marc spürte ein Gefühl von Enge in seinem Kehlkopf.

„Deshalb bin ich damals nach Oslo gekommen. Ich wollte sie vergessen. Ich wollte einfach nicht mehr an sie denken müssen. Wenn ich ehrlich bin, ist mir das nie so richtig gelungen. Klar, sie spielte hier nie eine Rolle. Hier warst du und du weißt, wie gerne ich dich mittlerweile habe.“

Er lachte kurz auf, wohl wissend, dass er diese verdammten drei Worte für Svantje niemals über seine Lippen gebracht hatte.

„Ich bin davon ausgegangen, dass ich über sie hinweg war. Ich glaubte, es wäre vorbei. Ich dachte, die Zeit heilt alle Wunden. Aber dann habe ich Gretchen in Freiburg wiedergesehen. Svantje, die Gefühle von damals sind wieder da. Von einer Sekunde auf die andere, während meines Vortrages. Alle. Mit ihrer ganzen Stärke. Nein, es ist viel stärker als damals. Es ist so anders. Es ist so verwirrend. Ich kann nichts dagegen tun. Und ich glaube, dieses Mal will ich auch nichts dagegen tun. Ich weiß nicht, was das mit Gretchen ist. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass sie mir nie verzeihen wird. Ich bin damals einfach so, ohne ein Wort, aus Berlin weggegangen. Ich war so ein feiger Hund. Aber ich muss, ich will es versuchen. Das ist meine letzte Chance und die muss ich wahrnehmen - wenn sie mir überhaupt eine Chance gibt.“

Angespannte Stille.

„Svantje, ich habe das echt nicht gewollt. Ich war bis Freiburg so glücklich mit dir. Du bist die erste Frau, mit der ich mich so richtig wohl gefühlt habe in meiner Haut. Du bist so eine tolle Freundin und ich habe dir so viel zu verdanken. Ich glaube, du weißt gar nicht, wie viel.“

Die nächsten Worte waren fast nur noch ein Flüstern. „Aber es funktioniert so einfach nicht mehr. Ich kann das nicht mehr. Mein Herz ist nicht frei.“

Marc hatte nichts mehr zu sagen. Er strich sich mit beiden Händen über seine Wangen. Das war ihm sehr schwer gefallen. Das war der größte Schatten, über den er in seinem Leben bisher gesprungen war. Aber genau so hatte er es gewollt. Es war seine ganz bewusste Entscheidung. Diesmal wollte er keinen Fehler machen. Er wollte keinen feigen Brief schreiben und sich leise aus der gemeinsamen Wohnung schleichen. Er hatte über seine Gefühle gesprochen. Zum ersten Mal. Mit sich selbst, mit einem anderen Menschen, mit einer Frau. Aber dieser ganz besonderen Frau war er das schuldig.

Traurig schaute er Svantje an. Sie saß immer noch auf dem Boden an der Tür. Die Augen hielt sie noch geschlossen. Ihre Wangen glänzten feucht. Auf ihrem feinen dunkelgrünen Pullover hatten sich kleine nasse Flecken gebildet. Marc sah, dass sie an diesem Tag die Kette trug, die er ihr zu ihrem Geburtstag geschenkt hatte. Es war eine dünne silberne Kette mit einem kleinen, in Silber gefassten Anhänger aus bunten Glassteinchen. Kurz musste Marc daran denken, wie bezaubernd ihr Lächeln war, als er ihr die Kette zärtlich um den Hals gelegt hatte.

Plötzlich schlug Svantje ihre Augen auf. Ihre Blicke trafen sich. Traurigkeit lag in der Luft. Man konnte sie greifen. Marc versuchte nicht, Svantje zu trösten. Was sollte er auch sagen? Er hatte alles gesagt.

„Marc, ich liebe dich. Und ich beneide diese Frau so sehr. Ich beneide sie so sehr um deine Liebe. Ich würde alles dafür geben.“


Kommentare werden freudig erwartet!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

16.11.2011 09:55
#21 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

23 Berlin – Ende September 2014

Mist!

Gretchen ärgerte sich maßlos. Warum hatte sie nochmal Markus in einem Anflug von Wir-müssen-unsere-Beziehung-vertiefen in der letzten Woche den Zweitschlüssel ihrer Wohnung gegeben?

Ach ja richtig, Marc Meier sollte in ihrem Leben keine Rolle spielen, also überhaupt keine Rolle und Markus sollte eine noch größere Rolle bekommen, als ihm eh schon zugedacht war – sozusagen die Hauptrolle.

„Ab jetzt musst du nie wieder klingeln.“ Das waren ihre Worte, als sie Markus mit einem umwerfenden Lächeln auf ihren Lippen den Schlüssel zu ihrer Wohnung an einem schlichten silbernen Anhänger in Herzform überreicht hatte. Und jetzt bekam sie prompt die Quittung für ihr Handeln. Markus war in dieses wirklich bezaubernde Telefonat mit Marc reingeplatzt.

Und mit dieser Situation konnte Gretchen nicht umgehen. Im Grunde waren ihre Nerven schon mit dem Telefonat an sich überfordert. Diese Achterbahnfahrt der Gefühle, dieses Auf und Ab, dieses Kribbeln in ihrem Bauch und dieses angenehme Wohlgefühl - gepaart mit einem klitzekleinen schlechten Gewissen. Sie war schlichtweg überfordert, als Markus da so unvermittelt vor ihr stand, während sie – ja, während sie was? Während sie auf Wolke sieben schwebte?

Hinterher wusste sie auch nicht mehr, was sie dazu bewogen hatte. Aber als sie in der Situation war, war sie nicht mehr Frau ihrer Sinne. In diesem Moment fühlte Gretchen sich zu dieser unglaublich peinlichen Verabschiedungsnummer gezwungen. Es war eine spontane Eingebung, die sie nicht kontrollieren konnte. In diesem Moment wollte sie einfach nicht, dass Markus erfuhr, dass es da einen Marc Meier im fernen Oslo gab. Marc war ihre Vergangenheit. Und sie hatte mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen. Es gab also keinen Grund für eine Offenbarung. Oder war Marc Meier doch wieder ein Teil ihrer Gegenwart geworden? Ein Teil ihrer Gegenwart, den sie nicht wahr haben wollte?

„Ich wusste gar nicht, dass du einen Bekannten in Norwegen hast? Wer ist es denn?“

Hätte es irgendwo in ihrer Wohnung ein Erdloch gegeben, Gretchen hätte es liebend gerne aufgesucht. Zu peinlich war ihr da dieser Auftritt gerade am Telefon. Und jetzt noch diese Fragerei von Markus. Sie war genervt und überfordert mit der Situation, mit ihren Gefühlen. Gretchen musste Zeit gewinnen. Viel Zeit. Irgendwie musste sie einen klaren Kopf bekommen. Und sie musste ganz dringend Kontakt zu Marc aufnehmen. So konnte sie das Ende ihres Gespräches nicht stehen lassen. Das passte nicht zu einer emanzipierten und selbstbewussten Frau, die ihre Jugendliebe längst hinter sich gelassen hatte. Allerdings sollte Markus davon lieber nichts mitbekommen.

Aus Gründen der Praktikabilität und Plausibilität entschied sie sich dann für eine Flucht ins Badezimmer. Irgendwann hätte sie sich ja eh für ihren Spätdienst fertig machen müssen. Warum also nicht gleich?

Sie hauchte Markus einen Kuss auf seine bärtige Wange, drückte ihm die Fernbedienung ihres viel zu kleinen Fernsehers in die Hand und verschwand, nicht bevor sie sich ein paar Kleidungsstücke aus dem im Schlafzimmer stehenden Kleiderschrank geholt hatte. Der stille Beobachter könnte sich jetzt vielleicht fragen, warum sie sich ihrem Freund ausnahmsweise mal nicht in ihrer atemberaubenden Nacktheit präsentieren wollte.

Warum eigentlich diese Heimlichtuerei?

Schoss es Gretchen kurz durch den Kopf. Und während sie schon die eine oder andere Alternative bezüglich der meierschen Kontaktaufnahme im Kopf durchspielte, machte sich ein schlechtes Gewissen in ihr breit. Aber nur kurz. Ein kleines Teufelchen in ihrem Herzen wies sie nämlich darauf hin, dass es keine Veranlassung für ein schlechtes Gewissen gab.

In dem kleinen Badezimmer, das liebevoll mit kleinen maritimen Accessoires dekoriert war, versuchte Gretchen erstmal ihre Gedanken zu sortieren. Zu viel wirbelte ihr durch den Kopf. Das schöne Gespräch mit Marc. Nun gut, sie hatten sich fast ausschließlich über die Arbeit unterhalten. Aber das war Gretchen egal. Die Gefühle, die sich während dieser Minuten, oder waren es sogar Stunden, in ihr entfaltet hatten, erfüllten sie mit einer lang vermissten Wärme ganz tief in ihrem Herzen. Und schon hallte auch schon wieder die Stimme der Vernunft durch ihren Kopf. Diese Gefühle waren mehr als verwirrend und mussten schnellstens mit guten Argumenten ihres Verstandes entkräftet werden.

Blieb noch diese Peinlichkeit, die das unerwartete Ende des Gespräches einleitete. Sollte sie Marc anrufen? War irgendwie schwierig aus dem Bad einer Zweizimmerwohnung, wenn man kein Aufsehen erregen wollte. Blieb also mal wieder nur eine SMS.

Rufst du mich wieder an? Würde mich freuen! Gretchen

Was für eine praktische Erfindung der Neuzeit! Problem Nummer eins schien also vorerst gelöst.

Problem Nummer zwei saß noch nebenan und wollte mit Gretchen ein paar gemütliche Stunden an diesem verregneten Sonntag verbringen. Bevor sie ja später wieder ihren geliebten Sonntagnachmittag-Spätdienst antreten musste. Sie arbeitete gerne an den Sonntagen. Im Krankenhaus war dann alles eine Spur ruhiger als in der Woche und deutlich weniger hektisch. An solchen Tagen hatte sie dann auch mal Zeit für das eine oder andere Gespräch mit ihren Patienten. An solchen Tagen war Gretchen sehr erfüllt von ihrer Arbeit im Krankenhaus.

Je länger Gretchen unter der Dusche ihren Gedanken nachhing, desto klarer wurden diese wieder. Der feine Nebel aus Marc Meier und den dazugehörigen Empfindungen schien sich in dem heißen Dämpfen ihres Duschbades, das nach Wilder Pflaume roch, aufzulösen.

Natürlich war Markus kein Problem. Er war ihr Freund und sie hatte ihn sehr lieb. Sie schätzte ihn sehr. Als Freund, aber auch als Arbeitskollegen. Denn das waren sie – Kollegen. Sie haben sich während ihrer gemeinsamen Arbeit im MeMo Berlin kennen und lieben gelernt. Während Gretchen in dieser Initiative ehrenamtlich tätig war, begleitete Markus das Projekt im Rahmen seiner Tätigkeit als Sozialarbeiter. Er stand Gretchen vor allem dann zur Seite, wenn es um den nicht-medizinischen Umgang mit den schwer zugänglichen Jugendlichen ging.

Auch er hatte, ähnlich wie Gretchen, zu den Jugendlichen einen ganz besonderen Draht. Denn er hatte auch eine ganz besondere Art. Markus war ein sehr einfühlsamer und warmherziger Mann. Wesenszüge, die er mit Gretchen teilte. Aber er war auch ganz anders als Gretchen. Nicht nur optisch. Mit seinen dunkelbraunen Augen, Rehaugen, wie Gretchen gerne liebevoll bemerkte, und ebensolchen Haaren, die er schulterlang und meistens zu einem Zopf gebunden trug. Gretchen war Ärztin. Sie war die Tochter eines Professors. Sie kam aus einem guten Hause, wie man so schön sagte und sie wohnte in einer wunderschönen Zweizimmerwohnung in Friedenau, einer netten Berliner Wohngegend. Markus hatte zwar auch studiert, hatte aber einen gänzlich anderen Hintergrund als Gretchen. Er lebte in einer, sagen wir mal, alternativen Gegend Berlins in einer Wohngemeinschaft zusammen mit einem Mann und einer Frau, beide waren noch Studenten.

Und trotzdem oder gerade deshalb, die beiden waren nach einer sehr langen Phase der Annäherung mittlerweile seit über einem Jahr ein Paar. Sie fühlten sich miteinander wohl, sie konnten sehr gute Gespräche miteinander führen, sie hatten denselben Humor und dieselben Interessen, sie waren glücklich und sie liebten sich. Und was das wichtigste für Gretchen war, für ihr Herz und für ihre Seele, die ja schon ein paar kleinere und auch größere Narben aufzuweisen hatten – Markus trug sie auf Händen.

Gretchen stand immer noch unter der Dusche, als ihr bewusst wurde, dass sie ihren Gedanken nachhing. Aber jetzt war sie wieder klar im Kopf. Die Dusche hatte ihr gut getan. Sie wusste wieder, wer ihr gut tat. Und mit diesem jemand wollte sie jetzt endlich gemeinsam kochen und zu Mittag essen. Sonst würde sie nämlich ihre Spätschicht wieder vor dem Schokoautomaten beginnen müssen. Und das war nicht gerade gut für das weibliche Wohlbefinden, weder für das psychische noch für das physische.

Und während sie sich nach der Dusche abtrocknete und mit ihrer neuen Körperlotion, die im übrigen ebenfalls nach Wilder Pflaume roch, eincremte, dachte sie ganz kurz an einen attraktiven Mann in Norwegen. Das Teufelchen in ihr wollte eben doch noch mal auf sich aufmerksam machen.

Aber so ein kleines Telefongespräch wird ja wohl noch erlaubt sein, oder?


Und auch heute würde ich mich wieder riesig über einen Kommentar freuen!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

17.11.2011 11:42
#22 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

24 Oslo / Berlin – November 2014

„… dich sehen!“ Wie ein Echo hallten seine Worte immer wieder durch ihren Kopf.

Natürlich hatte Marc Gretchen wieder angerufen. Er hätte es sowieso getan. Er konnte einfach nicht anders. Zu sehr war er schon in diesem Strudel der Verliebtheit gefangen. Zu sehr war er schon von dem Wunsch beseelt, Gretchen für sich zu gewinnen. Aber ihre SMS hatte es für ihn natürlich einfacher gemacht.

Und wer hätte das gedacht. Dieses erste Telefongespräch zwischen Gretchen und Marc, das so einen gänzlich unerwarteten Verlauf genommen hatte, war, trotz seiner Höhen und Tiefen, der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Gesprächen via Telefon zwischen Berlin uns Oslo. Glücklicherweise hatte sich Marc schon vor knapp drei Jahren eine europaweite Flatrate einrichten lassen. So konnte er den Kontakt zu seiner Mutter, den er nach einigen Monaten in Oslo wieder hatte aufleben lassen, aufrecht erhalten, ohne dass er in den finanziellen Ruin getrieben wurde.

Und während sie anfänglich diese Gespräche eher geschehen ließen, Marc rief Gretchen eigentlich immer dann an, wenn er ungestört war, fieberten sie irgendwann regelrecht diesen wunderschönen Momenten zwischen ihnen entgegen und sie verabredeten feste Zeiten. Marc notierte sich diese verabredeten Stunden immer mit einem kleinen G in seinem Kalender. Andere Termine plante er dann auch schon mal um dieses G herum. Und Gretchen? Sie war davon überzeugt, dass es doch ganz normal sei, mit einem guten Freund regelmäßig zu telefonieren. Hatte sie ja schließlich mit Gigi auch so gemacht, als diese noch in London lebte. Seltsam war allerdings, dass sie zufällig immer ganz alleine war, wenn Marc aus Norwegen anrief.

In den ersten Telefongesprächen unterhielten sie sich, man kann es schon fast erahnen, nahezu ausschließlich über unverfängliche Themen wie das Wetter in Norwegen und Deutschland oder ihre Arbeit und über ihre lieben Kollegen. Marc kannte ja fast alle Kollegen von Gretchen und er konnte sich königlich über ihre großen und kleinen Anekdötchen aus dem Elisabeth-Krankenhaus erfreuen. Besonders hellhörig wurde er natürlich, als Gretchen ihm von ihrem nicht mehr ganz neuen und nicht mehr ganz so jungen Oberarzt erzählte. Und mit einem Grinsen nahm er selbstgefällig zur Kenntnis, dass Gretchen kein gutes Haar an diesem Mann ließ. Aber er hörte Gretchen auch fasziniert zu, wenn sie von ihrer Arbeit mit den Jugendlichen erzählte. Was Gretchen da leistete war so beeindruckend für Marc. Und es passte so gut zu ihr, zu ihrem Wesen, zu ihrem großen Herzen. Nur von einem netten Sozialarbeiter, der ebenfalls in der MeMo-Initiative engagiert war, erzählte Gretchen Marc nie etwas.

Und auch Gretchen hörte Marc gerne zu, wenn er ihr von seinem Leben in dieser fernen Stadt und seiner Arbeit in dem großen Universitätsklinikum erzählte. Ein bisschen hatte er ihr ja schon in Freiburg erzählt. Aber jetzt waren es mehr und mehr die Kleinigkeiten des Alltags, von denen Marc so pointiert zu berichten wusste.
Von Woche zu Woche wurden Marc und Gretchen mutiger. Immer mehr erzählten sie sich aus ihrem Alltag. Sie ließen sich gegenseitig an ihrem Leben teilhaben, obwohl sie doch so weit voneinander entfernt lebten. Na ja, zumindest fast. Denn natürlich waren sowohl Gretchen als auch Marc peinlich genau darauf bedacht, gewisse Themen einfach nicht aufkommen zu lassen. Sonst hätte Gretchen sicherlich schon längst erfahren, dass Marc zwar noch mit einer Frau namens Svantje die Wohnung, nicht aber mehr das Schlafzimmer, geschweige denn das Bett teilte.

Zu groß war die Angst auf beiden Seiten. Auf der einen Seite vor einer Zurückweisung, auf der anderen Seite vor einer erneuten, tiefen Verletzung. Deshalb führten sie ihre Gespräche immer schön auf einem gleichbleibenden Niveau der Unverfänglichkeiten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Und dennoch gab es keinen Stillstand. Ihre Gespräche entwickelten sich. Sie wurden langsam, aber kontinuierlich persönlicher. Beide, sowohl Marc als auch Gretchen, gaben immer mehr von sich preis, ohne aber wirklich in die Tiefe ihres Ichs zu gehen. Im Grunde glichen ihre Gespräche einem Tanz ums Feuer. Würde man zu nah an die Flamme geraten, drohten schwere Verbrennungen der Haut. Oder im Fall von Marc und Gretchen, der Herzen.

Eigentlich konnten beide gar nicht so richtig glauben, was da von Telefonat zu Telefonat und von Woche zu Woche mit ihnen geschah. Aber sie redeten wirklich gerne miteinander. Marc Meier unterhielt sich einfach gerne mit Gretchen und Gretchen liebte es, Marcs Stimme zu lauschen. Marc war beeindruckt und fasziniert von Gretchens Leben in Berlin. So viel Selbständigkeit und Unabhängigkeit hätte er dieser jungen Frau, wie er sie von damals kannte, die in rosa Tagebücher schrieb und von ihrem Prinzen träumte, niemals zugetraut. Und auch Gretchen musste oft ungläubig den Kopf schütteln, wenn sie Marc Meier da so reden hörte. Einen Mann, den sie so gänzlich anders in Erinnerung hatte. Dieser Marc hier besaß so viel Humor. Er brachte sie zum Lachen ohne dabei verletzend zu werden oder vor Zynismus zu platzen. Dem Marc Meier aus dem Elisabeth-Krankenhaus war das je eher selten gelungen.

Und während eines Gespräches Ende Oktober, die beiden hatten sich gerade königlich über Gretchens Ausführungen über das in aller Öffentlichkeit zerbrochene Liebesglück von Frau Dr. Hassmann und Herrn Dr. Knechtelsdorfer amüsiert, formulierte Marc plötzlich, und für Gretchen so völlig unerwartet, diesen unglaublichen Wunsch. Ein Wunsch, der schon so lange in ihm brodelte. Und den er einfach nicht mehr länger zurückhalten konnte.

Und dieses Mal hatte er sich seine Worte im Vorfeld des Gespräches ganz genau zurechtgelegt.

„Gretchen, ich möchte dich sehen!“ Sie antwortete darauf nichts. Aber das hatte er nicht anders erwartet. Deshalb fuhr Marc unbeirrt fort.

„Lass uns einfach so tun, als würden wir uns zum ersten Mal in unserem Leben treffen. Als würden wir nichts voneinander wissen, als hätten wir keine gemeinsame Vergangenheit. Bitte triff mich im Paradies. Also ich mein natürlich das Hotel in Freiburg.“

Marc hielt die Luft an und schloss die Augen, während er auf eine Antwort von Gretchen wartete. Er wünschte sich so sehr, dass sie bereit war. Bereit für ein Wiedersehen. Bereit für ihn.

Warum ist Marc so? So anders. So romantisch? Ich will das nicht! Schoss es dem völlig verdatterten Gretchen durch den Kopf.


Über jeden kleinen Kommentar freue ich mich ganz doll!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

18.11.2011 17:07
#23 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

25 Oslo / Berlin – November 2014

Marc hatte die letzten Wochen mit Gretchen sehr genossen. Er hatte von einem Telefongespräch zum nächsten gelebt, ja regelrecht gefiebert. Die Gespräche mit Gretchen wurden auf eine ganz besondere Art und Weise zu traumhaften Inseln in seinem Alltag. Alles andere wurde zur Routine, die er mechanisch wie ein Uhrwerk erfüllte.

Und während dieser Wochen, in denen sich Marc und Gretchen auf eine ganz schüchterne Art und Weise immer näher kamen, reifte in Marc ein unglaublicher Wunsch heran. Ein Wunsch, für den er sich früher wahrscheinlich die Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht aberkannt hätte.

Er wollte Gretchen erobern. So richtig. Mit allem drum und dran. Er spürte immer stärker, dass nur das der richtige Weg war. Und er erhoffte sich mit jeder Faser seines Herzen, dass Gretchen sich darauf einlassen würde. Dass auch sie den Wunsch verspürte, ihn noch einmal ganz neu kennenzulernen.

Und Gretchen? Bisher fühlte sie sich sicher. Am Telefon konnte ihr Marc nicht gefährlich werden. Sie war in Berlin, er in Oslo. Zwischen ihnen lagen hunderte, wenn nicht tausende von Kilometern. So genau wussten sie das gar nicht. Sie konnte ihn genießen, ohne eine Entscheidung treffen zu müssen, ohne ihre Sicherheit aufgeben zu müssen. Sie hatte sich sozusagen auf Marc Meier eingelassen, allerdings mit Netz und doppeltem Boden.

Gretchen dachte lange über dieses letzte Telefongespräch nach. Marc war so anders als früher. Sie hätte lügen müssen, hätte sie behauptet, dass ihr das nicht gefiel. Sie hätte lügen müssen, hätte sie behauptet, dass sie sich von diesem Mann nicht auf magische Weise angezogen fühlte. Immer noch. Und wäre sie gefragt worden, ob sie sich nach diesem Mann sehnte, sie hätte wieder lügen müssen. Und wahrscheinlich hätte sie genau das getan – wäre sie gefragt worden.

Sie hat Marc gesagt, dass sie es sich überlegen würde.

Sie hat ihm gesagt, dass sie darüber nachdenken würde. Sie hat ihm aber nicht verraten, dass ein kleines Teufelchen in ihr schon längst und vor allem sehr laut „ja“ schrie, während ein anderer Teil in ihr völlig überfordert war und Angst vor der Lawine hatte, die ein Wiedersehen mit Marc unter Garantie lostreten würde.

Sie lag in ihrem Bett. Um sie herum hatte sie all ihre Kuschelkissen, die in wunderschön bestickten Bezügen steckten, drapiert. Gretchen lag mittendrin. Allein. Es war früher Abend. Markus hatte sie am Telefon sehr überzeugend klar gemacht, dass sie sich eine Erkältung eingefangen hatte und an diesem Abend einfach mal früh ins Bett gehen wollte. Und irgendwie stimmte das ja auch. Sie hatte sich etwas eingefangen, einen Virus. Aber dieser Virus verursachte leider keine harmlose Erkältung. Vielmehr drohte ihr eine ernsthafte Erkrankung, wenn sie gegen den Erreger nichts unternahm, vorausgesetzt, sie wollte etwas unternehmen.

Mit Schrecken dachte sie an die letzte Liebesnacht mit Markus zurück. Es war jetzt schon ein paar Tage her. Sie hatte sich einfach nicht richtig entspannen können, sie hatte nicht loslassen können, sie hatte sich nicht fallen lassen können. In ihrem Kopf war einfach nicht der richtige Mann. Wenn sie die Augen schloss, hatte sie einfach nicht das richtige Bild im Kopf. Und als sie die Augen öffnete, sah sie auch nicht den richtigen Mann. Über das abrupte Ende dieser Liebesnacht, oder besser gesagt dieser Liebesminuten, wollte sie lieber gar nicht mehr nachdenken.

Gerade hatte sie ein ausgiebiges Schaumbad genommen. Jetzt trug sie einen gemütlichen Schlafanzug und ein warmes Kirschkernsäckchen lag auf ihren nackten Füßen. Sie hatte das Licht im Schlafzimmer gedimmt. Auf der Fensterbank flackerten ein paar Kerzen. Kurzzeitig hatte sie während ihres Bades noch darüber nachgedacht, Mehdi anzurufen und um Rat zu fragen. Aber dann hatte sie es sich blitzschnell wieder anders überlegt. Was sollte sie auch sagen? „Ach übrigens, ich habe Marc in Freiburg getroffen. Und jetzt telefonieren wir seit ein paar Wochen regelmäßig miteinander. Sag mal, meinst du, ich sollte mich mit ihm treffen?“. Mehdi wäre schneller mit ihr in der psychologischen Notfallambulanz als sie bis drei zählen könnte. Sabine und Gigi würden vermutlich ähnlich handeln. Zu sehr waren diese Drei damals in das ganze Desaster involviert.

Marc Meier war also ihr kleines Geheimnis.

Diese Entscheidung musste sie ganz alleine treffen. Aber nach längerem Abwägen kam Gretchen zu dem Schluss, dass die ganze Angelegenheit eigentlich gar nicht so kompliziert war. Entweder sie fuhr oder sie fuhr nicht. Entweder sie entschied sich für Marc oder gegen ihn. Entweder sie entschied sich für ihr Herz oder für ihren Verstand. Gleichzeitig hieß das aber auch, dass sie eine Entscheidung für oder gegen Markus treffen musste. Sie musste sich also für oder gegen die Liebe entscheiden. Liebe, was war das schon?

Engelchen oder Teufelchen? Mut oder kein Mut, Vernunft oder keine Vernunft, Risiko oder keine Risiko, Abenteuer oder kein Abenteuer?

Aber musste sie denn überhaupt eine Entscheidung treffen? Konnte sie sich nicht einfach so mit Marc in Freiburg treffen, ohne sich im Vorfeld ihren hübschen Kopf über ungelegte Eier zu zerbrechen. Was wollte Marc schon von ihr. Er wollte sie sehen. Schön! Wenn sie ganz tief in sich hineinhorchte, wollte sie das auch. Auch ihr reichten die schönen Gespräche am Telefon eigentlich nicht mehr aus.

Es war von einem einfachen Treffen unter Freunden, von einem Wiedersehen die Rede. Über Liebe und Beziehung hatten sie nicht gesprochen und eigentlich stand das auch gar nicht zur Debatte. Schließlich waren sie ja auch beide in festen Partnerschaften. Dieses Treffen war also völlig harmlos und eigentlich kein Grund, solch ein Theater zu veranstalten. Sie würde also nach Freiburg fahren.

Und mit diesen Gedanken fühlte Gretchen sich so viel wohler. Sie schlüpfte schnell aus dem Bett um die Kerzen auf der Fensterbank auszublasen und krabbelte wieder unter die warme Decke. Tief kuschelte sie sich in dieses Meer aus Kissen, schloss die Augen und ließ ihre Gedanken treiben. Ein kleines zufriedenes Lächeln schlich sich in ihr Gesicht, als in ihrem Geiste das Bild eines Mannes auftauchte, der die schönsten und faszinierendsten grünen Augen hatte, die Gretchen sich nur vorstellen konnte.

Nichts wurde von ihr erwartet und sie erwartete auch nichts von sich selbst. Sie musste keine Entscheidung treffen. Sie fuhr einfach nur nach Freiburg, um einen alten Freund, äh alten Kollegen zu treffen.

Dass sie mit dem Namen dieses Mannes, der immerhin ihre Jugendliebe schlechthin war, vor einer sehr langen Zeit zahlreiche Seiten ihrer rosafarbenen Tagebücher gefüllt hatte, ließ sie bei ihren Betrachtungen sicherheitshalber außer Acht. Ebenso wie die Tatsache, dass sie in der Vergangenheit ganz gewaltig auf die Nase gefallen war, als sie sich für ihr Herz, für die Liebe und für Marc Meier entschieden hatte.

Und damals hatte sie sich gewaltige Blessuren zugezogen, die niemals so ganz verheilt waren.


Freue mich über eure Kommentare!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

19.11.2011 20:50
#24 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

26 Berlin – Februar 2011

Gretchen war in den frühen Morgenstunden erwacht. Zunächst wusste sie nicht genau, wo sie war. Aber dann fiel es ihr ganz schnell wieder ein. Sie lag dick eingemummelt in einem dicken Daunenschlafsack auf dem Balkon von Marc. Gestern hatte sie den schönsten Tag ihres Lebens erleben dürfen. Sie war glücklich, so unbeschreiblich glücklich, dass sie die ganze Welt hätte umarmen können. Das ging natürlich nicht. Deshalb reduzierte sie diesen Wunsch auf den eigentlichen Verursacher dieses unbeschreiblichen Glücksgefühls. Sie beabsichtigte, sich ganz eng an Marc zu kuscheln. Aber da war kein Marc. Der Platz neben ihr war leer und kalt. Plötzlich spürte auch Gretchen die Kälte. Die Wärmflasche, die Marc ihr am Vorabend so fürsorglich vorbereitet hatte, war mittlerweile ausgekühlt. Gretchens Nase, Hände und Füße waren ebenfalls eiskalt.

Na toll! Ich friere mir hier draußen den Allerwertesten ab und der feine Herr hat es sich in seiner XXL-Taumlandschaft gemütlich gemacht. Na warte, dir werd ich’s zeigen.

Schoss es Gretchen verliebt durch den Kopf, während sie langsam aus dem riesigen Schlafsack kletterte und mit dem Gedanken spielte, dem schlafenden Marc ihre eisigen Hände unter das T-Shirt auf den nackten Bauch zu legen.

Gretchen sah es in der Sekunde, in der sie ins Wohnzimmer trat. Auf dem Tisch lag ein weißes Blatt Papier. Daneben lagen einige Geldscheine und ein etwas kleinerer Zettel.

Schon von weitem konnte sie Marcs Handschrift erkennen. Das Blut gefror ihr in den Adern und sie spürte, wie ihre Beine nachgaben. Sie musste sich mit beiden Händen an dem riesigen Esstisch abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Sie setzte sich auf einen der Stühle, nahm den Brief in ihre behandschuhten Hände und begann zu lesen. Sie las die Wörter, aber die Worte hatten für sie keine Bedeutung. In ihrem Kopf rauschte das Blut und ihr Herz pochte ihr bis zum Hals.

Die Welt um sie herum drehte sich immer schneller und schneller. Sie hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Sie hatte das Gefühl, in einem Ozean zu ertrinken. Sie hatte das Gefühl, in diesem Augenblick zu sterben. Sie war tot.

Hinterher hätte Gretchen nicht mehr sagen können, wie lange sie so verharrt hatte. Sie befand sich in einer Art Schockstarre. Sie war wie gelähmt, zu keinen Handlungen fähig. Sie saß in der geräumigen Wohnung von Marc, auf diesem Designerstuhl an diesem Designertisch. Die Arme lagen schlaff auf ihrem Schoß. In der rechten Hand hielt sie mit verkrampften Fingern den Brief. Die Knöchel der Finger traten weiß hervor. Die Handschuhe hatte sie wohl irgendwann ausgezogen. Ihr Gesicht war bleich. Ihre Augen waren starr geradeaus auf die weiße Eingangstür gerichtet. Gretchen sah nichts, Gretchen hörte nichts, Gretchen fühlte nichts.

Später war es wie ein Erwachen. Gretchen kam zu sich. Alles in ihr schrie nach Flucht. Schnell griff sie ihre braune Handtasche, die ja bereits für die Reise nach Afrika fertig gepackt war und neben der Eingangstür stand und stopfte Marcs Brief in ebendiese. Das Geld, das für das Flugticket von Marc war, ließ sie auf dem Tisch liegen neben dem kleinen Zettel, auf dem stand „Bitte zieh die Wohnungstür einfach nur fest zu.“

Gretchen flog an diesem Tag nicht nach Afrika. Und sie flog auch an keinem anderen Tag in dieses ferne Land, das sie zusammen mit ihrem Oberarzt, mit der Liebe ihres Lebens, erkunden wollte. Ein Land, In dem sie sich weiterentwickeln wollte, medizinisch, aber auch emotional. Ein Land, in dem sie erwachsen werden wollte. Aber das Schicksal hatte andere Pläne mit ihr.

Was soll ich denn jetzt machen? Ohne Marc!

Waren ihre letzten Gedanken, bevor sie weinend in ihrem Bett, zu Hause in der Villa Haase, zusammenbrach. Wie sie dorthin gekommen war, vermochte sie später nicht mehr zu rekonstruieren.


Auch heute freue ich mich wieder riesig über eure Kommentare!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

20.11.2011 20:53
#25 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

27 Freiburg – November 2014

Marc war erleichtert. Bis zuletzt hatte er damit gerechnet, dass Gretchen es sich anders überlegen würde. Bis zuletzt hatte er immer wieder hektisch kontrolliert, ob er nicht doch, vielleicht ja völlig unbemerkt, eine SMS bekommen hatte. Und bis zuletzt hatte er damit gerechnet, dass sie einfach nicht da sein würde. Aber all seine Befürchtungen waren unnötig.

Er sah sie in dem Moment, in dem er das Restaurant betrat. Da saß sie. So wunderschön. Die nachmittägliche Herbstsonne schickte ihre tiefen Strahlen durch die Fensterscheiben des Restaurants und ließ Gretchen in einem ganz besonderen Licht, wie es nur dieser ganz besonderen Jahreszeit zueigen war, erstrahlen. Sie sah aus wie erleuchtet. Getaucht in ein warmes Licht. Ihr Haar trug sie offen und es fiel ihr in weichen Wellen über ihre schmalen Schultern. Es schimmerte golden. Sie trug eine dunkelblaue, kragenlose Bluse. Ihr wunderschönes Dekolleté zierte eine schmale silberne Kette mit einem herzförmigen Anhänger. Ihr Kopf war gesenkt, sie schien vertieft zu sein in die Speisekarte. Einen Moment später blickte sie auf. Augen, so blau wie der Ozean.

Sie trafen sich im "Paradies". So hatten sie es vereinbart. Jeder von ihnen hatte sich ein Zimmer in eben diesem Hotel reserviert. Es war nicht leicht gewesen, ein passendes Wochenende zu finden, denn so kurz vor dem Jahresende waren ihre Dienstpläne nicht mehr so flexibel. Aber schließlich war es ihnen gelungen. Sie waren zu unterschiedlichen Zeiten angereist. Marc hatte an diesem Samstag den ersten Flug via Amsterdam nach Basel genommen und war dann nach einer kurzen Zugfahrt gegen Mittag am Freiburger Bahnhof eingetroffen. Gretchen reiste genau eine Stunde später mit dem ICE aus Berlin an. Sie hatte in der vorangegangenen Nacht noch einen Spätdienst absolvieren müssen, den sie aufgrund eines außergewöhnlich hohen Krankenstandes nicht hatte verschieben können. Die lange Zugfahrt von Berlin nach Freiburg nutzte die völlig übermüdete Ärztin für einen Erholungs- und Schönheitsschlaf.

Nachmittags um drei wollten sich Marc und Gretchen dann zu einem späten Mittagessen in dem ihnen bereits bekannten Restaurant des Hotels treffen. So hatten sie es am Telefon verabredet. Weitere Pläne hatte sie nicht geschmiedet. Überhaupt hatten sie recht wenig im Vorfeld über dieses Wiedersehen in Freiburg gesprochen.

Sie schaute auf und sah in diese einzigartigen tiefgrünen Augen. Er sah so aus wie immer. Das größte Kompliment, das man ihm machen konnte. Er trug eine dunkle Stoffhose und einen dazu passenden Pullover. Der Kragen eines ebenfalls farblich auf den Pullover abgestimmten Hemdes schaute aus dem Ausschnitt. In der Hand hielt er eine dunkle Jacke. Er lächelte suchend in Richtung Fensterfront. Und da waren sie, diese Grübchen, diese einzigartigen Fältchen auf seinen Wangen, die immer dann zum Vorschein kamen, wenn sein gesamtes Gesicht, wenn seine Lippen, seine Wangen und seine Augen, in einem perfekten Zusammenspiel ein vollkommenes Lächeln formten.

Ihre Augen fanden sich, ihre Blicke trafen sich, während Marc mit festen Schritten den Tisch ansteuerte, an dem Gretchen bereits Platz genommen hatte. Im Vorfeld dieses Aufeinandertreffens hatte er, Marc Meier, ein Bewohner dieser sagenumwobenen Berliner Wohngemeinschaft, sich doch tatsächlich den Kopf darüber zerbrochen, welche Form der Begrüßung in dieser besonderen Situation wohl angemessen wäre. Aber als er Gretchen dann sah, so wunderschön, so bezaubernd, mit einem strahlenden Lächeln, das so warm und ehrlich war, da folgte er einfach einem inneren Impuls. Er umarmte sie ganz fest, zog sie an seinen muskulösen Oberkörper, an sein Herz, als wolle er ihr zeigen, wie aufgeregt dieses gerade pochte.

Kurz bevor Gretchen aufgestanden war, hatte sie sich noch unauffällig ihre schweißnassen Hände an ihrem Jeansrock trocken gewischt. Auch sie hatte sich große Gedanken über den ersten Moment ihres Wiedersehens gemacht. Aber Marc hatte sie mit seiner herzlichen Begrüßung einfach überrascht. Positiv überrascht. Das hatte sie nicht erwartet.

Im Grunde hatte sie schon jetzt alle inneren Widerstände aufgegeben. Von der Verabredung mit einem guten Freund oder alten Kollegen wollte das kleine Teufelchen in ihr spätestens jetzt nichts mehr wissen. Sie wollte die Zeit mit Marc einfach nur genießen. Mit ihm zusammen sein. Die gemeinsame Zeit mit ihm verbringen. Sich auf dieses Abenteuer einlassen. Denn das war ihr Treffen hier in Freiburg. Ein Abenteuer. Niemandem hatte sie von diesem Abenteuer erzählt. Ihren Freunden nicht und ihren Eltern erst Recht nicht. Die Gründe für ihr Handeln lagen auf der Hand. Wer hätte sie schon verstanden oder gar diese kleine Reise gutgeheißen? Niemand! Da sie nur eine Nacht weg sein würde, hatte sie einfach gar nichts erzählt. Und Markus ging davon aus, dass sie eine alte Freundin in Köln besuchen würde.

Ein Blind Date mit Marc Meier. Es war zwar kein Blind Date im klassischen Sinne, schließlich kannten sie sich ja bereits, irgendwie. Aber der Mann, der ihr da gerade auf so charmante Art und Weise um den Hals gefallen war, schien ihr ein völlig Fremder zu sein. Dieser Mann war einfach so anders als der Mann, den sie vor einer sehr langen Zeit gekannt hatte, den sie geliebt hatte und der ihr den schlimmsten Schmerz ihres Lebens zugefügt hatte. Dieser Mann, mit dem sie bereits so viele Stunden am Telefon gesprochen hatte, dieser Mann gefiel ihr. Und diesen Mann wollte sie jetzt einfach richtig kennenlernen. Jetzt. Heute. Die Vergangenheit sollte an diesem Wochenende keine Rolle spielen. Und die Zukunft auch nicht.

Über den Tisch hinweg lächelten sie sich verlegen an, während Marc Platz nahm. „Und, wartest du schon lange?“, versuchte er ein Gespräch in Gang zu bringen. Auf seinen Wangen erstrahlten diese bezaubernden Grübchen. Gretchen hätte in diesem Gesicht versinken können.

Wie kann ein erwachsener Mann nur solche Grübchen haben?

„Nö, bin auch gerade erst gekommen. Kurz vor dir.“ Gretchen verheimlichte Marc lieber, dass sie extra zehn Minuten früher in Restaurant erschienen war. Sie hatte ihm ganz bewusst den Schwarzen Peter zugeschoben. Sie wollte, dass er bei der Begrüßung die Initiative ergreifen musste.

„Wie war denn dein Flug? Also ich habe ja immer wahnsinnige Angst vor Turbulenzen. Das kribbelt immer so unangenehm im Bauch, wenn das Flugzeug absackt.“, plapperte Gretchen einfach drauflos, wohl darauf bedacht, keine Pause aufkommen zu lassen.

Komisch. Dachte Gretchen. Am Telefon war doch in letzter Zeit immer alles so einfach. Wir hatten doch immer irgendetwas zu reden. Und jetzt. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Er sieht aber auch einfach so verdammt gut aus. Da muss es einem ja die Sprache verschlage.

„Nee, war alles gut. Keine Turbulenzen, keine Luftlöcher. Hab auch eigentlich die ganze Zeit Musik gehört und gedöst.“ Und von dir geträumt. „Musste ja heute Morgen schon so früh raus. Aber da fällt mir ein, du hast doch heute Nacht noch Dienst gehabt. War’s wenigstens ruhig?“

Das war eine gute Frage. Denn Gretchen hatte eine sehr aufregende Nachtschicht hinter sich. In einer Berliner Diskothek war ein Teil der Deckenbeleuchtung auf die Tanzfläche gestürzt. Zahlreiche Verletzte, darunter auch einige sehr schwer verletzte junge Menschen, mussten in den umliegenden Krankenhäusern, also auch dem Elisabeth-Krankenhaus, versorgt werden. Zum Glück waren die Not-Operationen, die Gretchen durchzuführen hatte, glimpflich ausgegangen.

Die Wahl der Gerichte war dann eher, sagen wir mal, geschlechterspezifisch. Gretchen aß einen Gemischten Salat mit gebratenen Putenbruststreifen und Marc wählte von der Karte ein Steak mit einer Backofenkartoffel und einem kleinen Salat.
Nach dem wirklich ausgezeichneten Essen tranken sie noch einen Kaffee. Oder besser gesagt, Gretchen hatte sich einen Milchkaffee bestellt, während Marc dann doch lieber einen Espresso bevorzugte. Mittlerweile unterhielten sie sich angeregt. Offensichtlich hatten sie viel Spaß. Sie lachten viel. Sie klebten mit ihren Augen förmlich an den Lippen des anderen. Sie strahlten sich an. Ihre Augen funkelten.

Die Bedienung war sich sicher. Das Paar an Tisch Nummer vier, das ihr gleich zu Beginn ihrer Schichte aufgefallen war, war frisch verliebt. Sie kannte solche Paare. Und im Falle des wirklich äußerst attraktiven jungen Mannes und seiner sehr hübschen Begleitung war die Sache sehr eindeutig. Sie konnte diesen Zauber der Verliebtheit, diese Zuneigung, dieses Glück förmlich spüren, diese Gefühle schienen zum Greifen nah zu sein. Die beiden Menschen schienen in ihrem Mikrokosmos gefangen. Die Welt um sie herum schienen sie kaum wahrzunehmen.

„Und jetzt musst du mir noch mal die Sache mit diesen Fußballbildern erklären.“, wechselte Gretchen mal wieder unvermittelt das Thema.

„Panini-Bilder.“, warf Marc grinsend ein.

„Gut, diese Panini-Bilder. Sammelst du die eigentlich immer noch? Jetzt wo Deutschland doch Weltmeister geworden ist in … äh wo war das noch gleich?“. Gretchen warf Marc einen fragenden Blick zu.

„Brasilien. Aber das willst du jetzt nicht wirklich wissen, das mit den Paninis?“

„Doch, ich frage mich zum Beispiel, ob du diese Bildchen, äh Paninis, auch in Oslo kaufen konntest oder ob Mama Fisher dir kleine Care-Pakete schicken musste.“ Gretchen grinste von einem Ohr zum anderen.

Marc ebenfalls. „Nein“, fuhr er fort und tat so, als ob die Angelegenheit sehr ernst wäre „Panini-Bilder und Alben gibt es nicht in Norwegen und mussten deshalb in diesem Jahr von mir aus dem Internet bezogen werden. Meine Mutter hatte damit nichts zu tun. Bin nämlich schon ein großer Junge.“

„Ach echt, ist mir noch gar nicht aufgefallen.“, spöttelte Gretchen. „Aber weißt du, was mich echt interessiert. Warum machst du das eigentlich? Warum sammelst du diese Bilder?“, fragte Gretchen jetzt doch ein bisschen ernster, bevor sie einen großen Schluck aus ihrer Kaffeetasse nahm.

Marc überlegte. „Ist eigentlich eine gute Frage. Weiß ich gar nicht so genau. Vielleicht, weil ich es schon immer so gemacht habe. Seit, lass mich mal überlegen.“, er kniff die Augen etwas zusammen, während er überlegte. „1982 hat mein Vater mir zum ersten Mal so ein WM-Album gekauft. Und vielleicht, weil ich irgendwie immer noch ein kleiner Junge bin, was das angeht.“ Wieder grinste er so unwiderstehlich und leerte ebenfalls seine kleine Kaffeetasse.

„Aber jetzt bin ich dran.“, drehte Marc den Spieß um. „Wenn ich früher von Panini-Bildern geträumt habe. Wovon hast du geträumt?“

Gretchen schob die Unterlippe vor, während sie überlegte. Kurz verlor sich ihr Blick im Nichts. Dann antwortete sie wie aus der Pistole geschossen „Tom Cruise in Top Gun, Patrick Swayze in Dirty Dancing, Ralph Macchio in Karate Kid und Marc Meier auf dem Schulhof.“, bevor sie erwartungsvoll mit einem tiefen Augenaufschlag in Marcs irritiert dreinblickende Augen sah.

Flirtet die jetzt mit mir?

„Ach ja, dieser Marc Meier hat mir dann ein Leberwurstbrot auf der Brille verschmiert.“, fuhr sie amüsiert fort. „Davon habe ich natürlich nicht geträumt. Aber wenn dieser Marc Meier möchte, kann er es heute wieder gut machen und mich nachher auf einen Cocktail einladen.“, sagte Gretchen gespielt gönnerhaft.

Marc Meier blieb in dieser Sekunde seine eigene Spucke fast im Halse stecken. Was will sie mir denn jetzt damit sagen? Aber Gretchen grinste, auf ihrem Gesicht lag keine Spur von Ärger oder gar Traurigkeit. Marc entspannte sich wieder und freute sich auf einen Abend, der offensichtlich sehr lustig werden würde.

Gretchen, was tust du da gerade? Fragte ein kleiner unschuldiger Engel, der das ganze Gespräch über recht entspannt war und gerade in höchste Alarmbereitschaft geriet.

Gretchen hätte diese Frage nicht beantworten können. Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie sich sehr wohl fühlte - mit Marc.


Und wie immer freue ich mich auch heute wieder über eure Kommentare!

Seiten 1 | 2 | 3 | 4
 Sprung  
Weitere Links
| Sicher und kostenlos Bilder hochladen|9-1-1 FanSeite|
zum Impressum | 2008- © Doctor's Diary FanForum | Admins JackySunshine & Seppy | Moderatoren Lorelei & Mellow | Gründerin des Forums Flora
Xobor Forum Software von Xobor.de
Einfach ein Forum erstellen
Datenschutz