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Dieses Thema hat 93 Antworten
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 Abgeschlossene Fortsetzungen!
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Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

17.02.2012 23:19
#76 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

78 Oslo – Januar 2015

„Heiß oder kalt?“

„Hä, meinst du das Wasser?“, fragte Gretchen etwas zu laut, während sie kurz die Dusche ausstellte. „Eigentlich ist es genau richtig. Nicht zu heiß und nicht zu kalt.“ Gretchen stand mit geschlossenen Augen unter der Dusche und verteilte gerade eine Intensiv-Haarkur auf ihrem Kopf. Ein Duft von Wilder Pflaume hing bereits im Badezimmer, seit dem sie ihr Haar einshampooniert und ihren Körper mit dem entsprechenden Duschgel eingeseift hatte. Marc war bereits mit einer dunkelblauen Jeans und einem grau-blauen Longsleeve bekleidet, hatte sein nasses Haar mit Hilfe einer beachtenswerten Menge von Haargel in Form gebracht und nach einigen Versuchen hielt das Resultat seiner Mühen auch seinem kritischen Blick in den Spiegel stand. Überhaupt war er an diesem Morgen sehr zufrieden mit seinem Äußeren. Vielleich lag das ja an dem verliebten Schimmer in seinen Augen?

Jetzt saß er auf dem Badewannenrand und beobachtete interessiert seine Freundin beim Duschen. „Nein, ich meine unser Tagesprogramm. Magst du’s eher heiß oder lieber kalt? Du bist der Gast, du darfst es dir aussuchen.“

„Was ist das denn für ’n Quatsch? ‚Heiß‘ ist dann wohl zu Hause bleiben und kuscheln und ‚kalt‘ ein Spaziergang an der frischen Luft? Marc Meier, ich habe dich durchschaut, du willst doch nur noch mal ne Fußreflexzonenmassage!“ Kurz drehte Gretchen die Dusche wieder an, um etwas warmes Wasser auf ihrer Haarkur zu verteilen.

„Dir vertraue ich noch mal meine intimsten Geheimnisse an.“, tat Marc gekränkt. „Aber ich verrate nichts. Du musst entscheiden.“

„Kalt“, antwortete Gretchen wie aus der Pistole geschossen, nur um Marc zu ärgern. Aber eigentlich wollte sie ja auch etwas von der norwegischen Hauptstadt sehen, wenn sie schon mal da war. Und so entschied sie sich für den vermeintlichen Spaziergang.

„Gut, ich geh dann mal schnell rüber zu Kate.“

„Zu wem?“ Gretchen drehte sich entsetzt in der Duschkabine um.

Betont lässig drehte Marc sich noch mal im Türrahmen um. „Kate, das ist meine Nachbarin. Sie leiht uns das nötige Equipment für dich aus. Sie ist mit Svantje befreundet und sehr nett. Aber vor allem ist sie unparteiisch. Sie hat das, was wir heute machen werden, schon öfter gemacht. Und vorgestern habe ich sie danach gefragt.“

Ungeduldig fiel Gretchen ihm ins Wort. „Wonach denn, jetzt sprich es doch mal aus.“

„Willst du keine Überraschung?“ Er grinste sie an. „Na du hattest ja auch gestern schon eine. Auf jeden Fall hat Kate mir dann angeboten, dass du ihre Winterklamotten haben könntest. Oder hast du eine Schneehose dabei? Bin gleich wieder da. Eigentlich müsste sie da sein. Sie arbeitet in einer Cocktailbar und schläft immer recht lang.“

Amüsiert schloss er die Badezimmertür. Dass er einmal mit Kate auf einer Party, die er ohne Svantje besucht hatte, weil sie mit einer Magen-Darm-Grippe kurzfristig das Bett hüten musste, zu weit fortgeschrittener Stunde und mit stark erhöhtem Alkoholpegel beinahe einen, nennen wir es mal, „Ausrutscher“ gehabt hatte, das verheimlichte er Gretchen an dieser Stellen lieber. Außerdem war damals ja auch gar nichts passiert. Er hatte sich sozusagen in letzter Sekunde eines Besseren besonnen und sich gegen das kurzfristige Vergnügen und für seine langfristige Beziehung entschieden. Obwohl er Kate durchaus anziehend fand. Sie hatte trotz ihres Alters so eine unglaublich erotische Ausstrahlung. Aber das war eben auch für einen Marc Meier schon lange nicht mehr alles.

„Schön, dass wir heute wieder in Rätseln sprechen, Marc Meier.“, murmelte Gretchen in die von heißen Nebelschwaden verschleierte Dusche.

Eine Viertelstunde später betrat Marc erneut das Badezimmer. Er hatte ein paar Kleidungsstücke unter dem Arm.
„Also, da du dich ja für ‚kalt‘ entschieden hast, musst du dich warm anziehen. Da Kate in etwas die gleiche Statur wie du hat, müsste dir der Kram eigentlich passen. Hier, die Skiunterwäsche kannst du ja schon mal anziehen. Einen dicken Pulli hast du ja bestimmt dabei, sonst kannst du einen von mir haben. Schneehose, Skijacke und Boots bekommst du von Kate, Mütze, Schal und Handschuhe hast du ja selbst dabei.

Nachdem Gretchen klar wurde, dass Marc durchaus nicht zu Spaßen beliebte, fügte sie sich ihrem Schicksal und presste sich in die Winterausrüstung der norwegischen Nachbarin, die leider doch ein paar Pfunde weniger auf den Rippen zu haben schien. Während Gretchen sich fühlte, wie eine verkleidete Presswurst im Winter, befand sie Marcs Outfit, wie auch schon am Tag zuvor, für sexy. Irgendwie sah auch seine Schneehose an ihm viel besser aus, als sie sich in ihrer fühlte, registrierte Gretchen neidisch. Und noch eine Frage beschäftigte sie. Ob Marc wohl auch Skiunterwäsche trug?

Sie saßen in der U-Bahn, die, obwohl rech spät am Vormittag, gut gefüllt war. Einige der Fahrgäste trugen ebenfalls dicke Winteroutfits und manche hatten sogar Skier dabei. Gretchen schwitzte in ihrer dicken Jacke und der noch dickeren Hose, obwohl sie die Jacke bereits geöffnet und Schal, Mütze und Handschuhe ausgezogen hatte.

„Kannst du mir jetzt bitte langsam mal erklären, wo wir hinfahren?“ Gretchens Stimme klang genervt. „Mir ist total heiß. Ich hasse das Gefühl, in langen Unterhosen zu schwitzen.“

„Ausziehen kann ich sie dir jetzt schlecht.“ Marc grinste anzüglich. „Vielleicht später. Jetzt fahren wir erstmal zum Holmenkollen.“ Aus irgendeinem Grund konnte Gretchen die Begeisterung ihres Freundes nicht teilen. „Holmen was?“

„Mensch Gretchen, Holmenkollen. Das ist das Naherholungsgebiet von Oslo und zugleich auch der berühmteste Berg Norwegens. Eigentlich sollte den jeder kennen. Schaust du denn nie Wintersport im Fernsehen? Die Skisprungschanze ist doch weltberühmt. Ach was frag ich dich.“, korrigierte er sich. „Also, am Holmenkollen kann man alles machen, was das Wintersportlerherz begehrt. Und wir werden heute …“, er machte eine künstlerische Pause. Seine grünen Augen strahlten Gretchen erwartungsvoll an.

„Skispringen?“ Gretchen verstand jetzt gar nichts mehr.

„Nein, rodeln.“ Tja, was für den Einen ein unglaublich tolles Event ist, ist für den Anderen die absolute Folter. Gretchen hasste Schlitten fahren. Schon als Kind. Vielleicht lag es daran, dass sie nie besonders gern den Rodelberg hochgelaufen war.

Marc schien ihre Gedanken zu erraten. „Keine Angst, du musst dich keinen Berg raufquälen.“ Neckend stupste er mit seinem Zeigefinger an ihre Nasenspitze. „Hab ja bei unserer kleinen Tour auf den Teufelsberg gesehen, wie gern du das machst, ne? Also, keine Angst. Wir leihen uns an der Talstation des Rodelberges, der übrigens den wunderschönen Namen Korketrekkeren trägt, einen Schlitten und werden dann mit einem Shuttle bis zur Bergstation gefahren. Glaub mir, das wird toll. Ganz Oslo schwärmt von dieser Rodelabfahrt.“

Und Marc hatte Recht. Die Abfahrt war toll. Kilometerlang und sehr gut präpariert. Sie führte durch eine atemberaubende, mit leichtem Puderschnee überzogene Landschaft. Wälder. Wiesen. Schmale Waldwege und breite Pisten. Aber das Schönste war an diesem Tag das Wetter. Der Himmel strahlte in seinem kräftigsten Blau. Die Sonne schien und es war verhältnismäßig warm. Zumindest im Vergleich zum Vortag, an dem man die Kälte kaum hatte aushalten können. Der Schnee glitzerte in der Sonne. Und der kalte Ostwind vom Tag zuvor hatte sich verzogen. „Wenn Engel reisen.“, hatte Marc ihr verliebt ins Ohr gehaucht, als sie an der Bergstation des Korketrekkeren den atemberaubenden Ausblick auf das winterliche Oslo, den zauberhaften Holmenkollen und die etwas futuristisch anmutende, hoch in den Himmel emporragende Skisprungschanze genossen. Alles war perfekt.

Gretchen war glücklich, als sie sich den eisigen Fahrtwind ins Gesicht wehen ließen. Sie spürte die warmen Strahlen der Sonne auf ihren ausgekühlten Wangen und ihrer eisigen Nasenspitze. Bereits zum dritten Mal machten sie jetzt die Rodelstrecke unsicher. Sie spürte Marcs Arme, die er ganz fest um ihren Bauch geschlungen hatte. Ganz nah spürte sie seinen Körper an ihrem Rücken. Wenn die Strecke es her gab, kuschelte sie sich verliebt in seinen Arm, während er immer wieder seinen Kopf auf ihrer Schulter ablegte. Sie konnte ihn lachen hören. Ab und wann riskierte Marc ein riskantes Bremsmanöver, nur um Gretchen dann zwischen schneebedeckten Tannen in der Einsamkeit dieser zauberhaften Märchenwelt ausgiebig zu küssen – und einzuseifen. Allerdings konterte Gretchen gekonnt mit einer Ladung Schnee in Marcs Kragen, so dass die heißen Küsse eindeutig die Oberhand gewannen, was die Häufigkeit anging.

Nach ihrer dritten Rodelpartie setzte die Dämmerung ein. Gretchen war fast ein wenig enttäuscht, dass ihr eine vierte Runde nicht mehr vergönnt war. Aber dafür entdeckte sie an der Talstation der Rodelbahn etwas anderes. Ein Plakat, das sofort ihre Aufmerksamkeit erregte. Ein Plakat, das ihr, auch während sie noch kurz auf der Toilette war, nicht mehr aus dem Kopf ging. Ein Plakat, dessen Sprache sie nicht verstand, wohl aber die Abbildungen.

Ein Iglu von innen, schummriges Kerzenlicht, Rosenblätter und ein Pärchen in dicken Schlafsäcken auf kuschelig aussehenden Tierfellen.

„Schau mal Marc, wo kann man denn das machen? Stell dir mal vor, wie romantisch das wäre. Du und ich zusammen in einem Iglu. Eine ganze Nacht. Das wäre doch das perfekte Ende eines perfekten Tages. Oder?“ Mit einem herzzerreißenden Augenaufschlag blickte sie Marc aus ihren blauen Augen an, die ihn an das Blau des Himmels erinnerten. „Kannst du mir das nicht mal vorlesen? Ich kann doch kein Norwegisch.“

Dem netten Fahrer, der sie immerhin drei Mal zur Bergstation des Rodelberges gefahren hatte und mit dem Marc sich jedes Mal ein wenig unterhalten hatte, konnte Marc die wichtigsten Informationen über das Igludorf entlocken und dieser bot Marc und Gretchen daraufhin sogar an, sie mit seinem Schneemobil bis zu den ausgefallenen Übernachtungsmöglichkeiten zu fahren. Das Igludorf lag nämlich ebenfalls im Freizeitgelände des Holmenkollen, allerdings wäre es von der Talstation des Korketrekkeren aus ein Fußmarsch von einer Dreiviertelstunde Länge gewesen. Mindestens. Und das wollte Marc Gretchen unter keinen Umständen zumuten. Oder wollte er es sich vielleicht nicht zumuten?

Eine Stunde später saßen Marc und Gretchen auf dicken Schlafsäcken und noch dickeren Rentierfellen in ihrem „Iglu für Verliebte“. Marc war noch etwas skeptisch, ob das hier auch tatsächlich das Richtige für ihn und Gretchen war. Schließlich hatte er eigentlich andere Pläne für den Abend gehabt. Aber irgendwie hatte Gretchen ihn mit ihrer Euphorie angesteckt und schließlich hatte er ihrem Bitten und Betteln nachgegeben. Und zugegebenermaßen sah das Iglu von innen ja auch ganz annehmbar aus. Irgendwie sogar richtig gemütlich. Schummeriges Licht, überall Rosenblätter. Fast so wie auf dem Werbeplakat.

Gretchen war natürlich ganz aus dem Häuschen. So etwas Romantisches hatte sie noch nie gemacht. Von so einer Igluübernachtung hatte sie ja nicht mal zu träumen gewagt. Schließlich wusste sie auch gar nicht, dass es so etwas gab. Allerdings machte sie sich insgeheim Sorgen, ob ihr in der Nacht nicht doch ein wenig kalt werden könnte. Aber Marc würde sie schon wärmen, da war sie sich ganz sicher.

Da Gretchen kein Norwegisch sprach, hatte sie kein Wort von dem verstanden, was Marc mit dem netten jungen Norweger an der Rezeption des Igludorfes gesprochen hatte. Gretchen fand es faszinierend, dass Marc diese Sprache, von der sie nicht ein einziges Wort verstand, so fließend sprechen konnte. Am Ende des Gespräches hatten sie alles, was sie brauchten. Kerzen, die in hohen Röhren aus Milchglas steckten und ihre einzige Wärme – und Lichtquelle waren, zwei dicke Schlafsäcke und sogar zwei Zahnbürsten. Die sanitären Anlagen befanden sich ebenfalls in dem urigen Holzhüttchen, in dem auch die Rezeption untergebracht war.

Verliebt und überglücklich schaute Gretchen in Marcs Augen. Mit seiner Mütze auf dem Kopf sah er einfach so unglaublich gut aus, dass
Gretchen bei jedem Blick in sein Gesicht verdammt stolz darauf war, dass dieser attraktive Mann ihr Freund war.

„Wie gut dein Norwegisch ist. Was heißt eigentlich ‚Ich liebe dich‘?“, fragte Gretchen auf einmal.

„Jeg elsker deg.“, antwortete Marc wie aus der Pistole geschossen. „Und, hast du das auch schon mal gesagt, seit dem du hier in Norwegen bist?“ Gretchen versuchte ihrer Stimme beiläufig klingen zu lassen.

„Meine liebe Margarete. Ich erkenne durchaus die Fußfessel in deiner Frage.“ Marc ignorierte die Brisanz dieser Frage und beugte sich vornüber um Gretchen einen unglaublich liebevollen Kuss zu geben.

Gehört habe ich es manchmal, aber gesagt habe ich es noch nie.

„Die Antwort kennst du bereits. Zu diesem Thema sage ich jetzt auch einfach nichts mehr. Und wenn du nicht aufhörst, dann fange ich mal an, in deiner Vergangenheit zu graben. Wenn ich mich nämlich recht erinnere, warst du auch nicht immer ein Kind von Traurigkeit. So und jetzt gehen wir was essen und danach Zähne putzen. Ich habe einen Bärenhunger und könnt' ein ganzes Schwein fressen!“


Ihr Lieben, bis Dienstag werde ich verreist sein und bis dahin keinen neuen Teil einstellen. Über Kommentare freue ich mich aber immer ganz doll!
Alles Liebe, Eure Simone

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

23.02.2012 00:07
#77 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

79 Oslo – Januar 2015

Sie froren.

Auf dem Werbeplakat hatte dieses „Iglu für Verliebte“ außerordentlich romantisch ausgesehen. Schummriges Kerzenlicht, Rosenblätter, gemütliche Tierfelle. In der Realität war das Schneehaus der Inuit dann aber alles andere als romantisch. Trotz der stimmungsaufhellenden Accessoires. Marc und Gretchen froren in dieser Nacht erbärmlich.

Das Abendessen, das sie in der rustikalen Blockhaushütte einnahmen, in der auch die Rezeption des Igludorfes untergebracht war, war sehr gemütlich. Mit ‚sveler‘, einem traditionellen norwegischen Pfannkuchen, und norwegischem Aquavit. Dieser war ihnen vom Wirt regelrecht aufgedrängt worden. Der wusste wohl, warum er das tat. Schließlich sagt man hochprozentigem Alkohol ja eine wärmende Wirkung nach.

Zu später Stunde wollten es sich Marc und Gretchen dann mit vollen Bäuchen und voller Euphorie und Vorfreude in ihrem Schneehaus gemütlich machen. Kichernd saßen sie bei weniger als minus zehn Grad in ihren Winteroutfits inklusive Mütze, Handschuhen und Schneeboots auf ihren Tierfellen und überlegten, wie sie nun ihre Romantiknacht in die Tat umsetzen wollten. Zunächst stellte sich die Frage, wie sie sich wohl am wärmsten auf den Tierfellen betten konnten. Jeder in einem Schlafsack, gemeinsam auf den Fellen unter den Schlafsäcken oder sollten sie versuchen, ihre Schlafsäcke mit Hilfe der Reißverschlüsse miteinander zu verbinden? Obwohl sowohl Gretchen als auch Marc sich mit der XXL-Schlafsack-Variante aus bekannten Gründen nicht so wohl fühlten, entschieden sie sich doch recht schnell genau dafür. Schließlich war Körperwärme eine gute Wärmequelle und bereits nach wenigen Minuten des Nächtens in ihrem Iglu wurde ihnen bewusst, dass sie von Wärme in dieser Nacht nicht genug bekommen konnten.

„Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass du mir in dieser Einsamkeit nicht wieder abhanden kommst.“, lockerte Gretchen augenzwinkernd die etwas angespannte Situation zwischen ihnen erfolgreich auf.

Im Grunde mussten sie sich über die zweite Frage dann auch nicht mehr ihre Köpfe zerbrechen. Hatte sich Gretchen noch während des Abendessens in ihrer Phantasie ausgemalt, dass sie wenigstens ihre Jacken und Boots, eventuell auch ihre dicken Hosen in den Schlafsäcken ausziehen konnten, so wurde sie schnell eines Besseren belehrt. Die Wärmeverhältnisse in ihrem Iglu ließen nur eine Variante zu. Marc und Gretchen verbrachten die Nacht in zusammengeknüpften Schlafsäcken, eng aneinander gekuschelt und vollständig bekleidet. Warum hatte ihnen eigentlich niemand gesagt, dass es in einem Iglu niemals wärmer als plus vier Grad Celsius wurde?

„Gretchen, du zitterst ja.“

Irgendwann waren Marc dann doch die Augen zugefallen. Nachdem er Gretchen stundenlang norwegische Redewendungen, Zahlen, Wochentage, Monate und Kosewörter, die es Gretchen ganz besonders angetan hatten, beigebracht hatte. Irgendwie mussten sie sich ja die Zeit in dieser eisigen Kälte vertreiben, nachdem Gretchen ihm etwas zähneknirschend gestanden hatte, dass sie sich aufgrund der Kälte, die ihr bereits nach wenigen Minuten im Iglu schmerzhaft in die Knochen gekrochen war, zu amourösen Abenteuern aller Art nicht in der Lage fühlte. Marc war daraufhin etwas enttäuscht gewesen, hatte er sich doch schon ausführlich Gedanken über die nicht ganz unkomplizierte Durchführung des Liebesaktes gemacht. Andererseits konnte er Gretchen auch gut verstehen. Auch ihm war bitterlich kalt. Eng umschlungen und in voller Montur bekleidet, hatten die Beiden sich dann mit einem kleinen Norwegischkurs für Anfänger die Zeit, von der sie in dieser Nacht genug zu haben schienen, vertrieben. Und irgendwann war Marc dann augenscheinlich eingeschlafen. Denn jetzt schreckte er etwas benommen aus einem traumlosen Schlaf auf.

„Mir ist so kalt“, klapperte Gretchen mit den Zähnen. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken, aber ich habe mir nicht mehr anders zu helfen gewusst.“ Zerknirscht schaute Gretchen den Mann ihrer Träume mit großen Augen an. Erst jetzt registrierte Marc, dass Gretchen im Begriff war, den Reißverschluss seiner Jacke zu öffnen. Anzüglich grinste er sie im Schein der Kerzen an, die sie nachvollziehbarer Weise in dieser Nacht nicht löschen würden. Waren sie doch die einzige zusätzliche Wärmequelle.

„Äh Süße, wenn du mir nicht selbst vorhin gesagt hättest, dass dir zu kalt für ein nächtliches Tête à tête ist, dann würde ich ja jetzt denken, dass du …“ Marc brach ab. In den Augen seiner Freundin sah er die ersten Tränen aufblitzen.

„Mann Marc, mir ist wirklich so kalt, dass ich es nicht mehr aushalten kann. Meine Füße fühlen sich an, als wenn sich meine Socken um die Zehen gewickelt hätten. Und in einer Reportage mit Reinhold Messner habe ich irgendwann mal gehört, dass das die ersten Anzeichen von Erfrierungen sind.“ Gretchens Stimme hörte sich schon sehr verzweifelt an, während die ersten Tränen ihre von der Kälte geröteten Wangen hinunterliefen. „Weißt du eigentlich, wie hässlich Erfrierungen sind?"

„Quatsch, so schnell bekommt man keine Erfrierungen. Dafür ist es hier nicht kalt genug.“ Obwohl sich Marc da gar nicht so sicher war, ließ er seine Stimme zuversichtlich klingen. „Verrätst du mir aber trotzdem noch, warum du mich dann anfängst, bei dieser Kälte und während ich schlafe, auszuziehen?“

Ertappt und schuldbewusst schaute Gretchen ihn an. „Ich habe eben gedacht … Na ich wollte halt … Ich habe mir eben überlegt, dass es meinen Händen bestimmt gut tun würde, wenn ich sie mal unter deinen Pullover schieben würde. Da ist es doch bestimmt total warm drunter.“ Und schnell fügte sie hinzu. „ Also ich hätte natürlich nicht deine nackte Haut mit meinen kalten Händen berührt. Wirklich nicht.“

„Ist schon gut Gretchen.“ Marc lächelte sie aufmunternd an. „Du hast ja Recht. Wir müssen was tun. Sonst sind wir morgen früh zwei unansehnliche Eisleichen. Und das wäre doch sehr schade, oder? Schließlich freu ich mich schon auf unser morgiges Auftauen.“ Er grinste sie an.

Gesagt getan. Zunächst kümmerte sich Marc um Gretchens Füße. Nachdem er umständlich zum Fußende ihres Nachtlagers gekrabbelt war, öffnete er von unten den doppelten Schlafsack. Vorsichtig befreite er Gretchens Füße aus den harten Winterschuhen. Er konnte spüren, dass ihre Zehen tatsächlich schon schockgefrostet zu sein schienen. Kurzerhand steckte Marc sich einen von Gretchens Füßen unter seinen dicken Norwegerpullover und begann den anderer behutsam zu massieren. Immer wieder drückte er gekonnte mit seinen Daumen gegen ihre Fußsohle, rieb ihre Zehen und massierte ihren gesamten Fuß mit festem Druck. Nach einer Weile wiederholte er die gleiche Prozedur mit dem anderen Fuß.

Anschließend steckte er beide Füße, die sich nun erheblich besser anfühlten, wieder in die dicken Boots, krabbelte selbst wieder in seine Seite des Schlafsackes, schloss den Reißverschluss der beiden Schlafsäcke und zog Gretchens Kopfteil mit einer Kordel fest um ihren Kopf zusammen. Jetzt sah sie aus, wie eine Mumie. Eine hübsche Mumie, die im Schein der „wärmespendenden“ Kerzen golden schimmerte.
Gretchen lächelte ihren Marc dankbar an. „Danke Herr Doktor. Meinen Füßen geht es jetzt schon viel besser. Trotzdem frage ich mich, wie wir die Nacht überstehen sollen. Aber weißt du, was das Schlimmste ist?“

„Nein“, sagte Marc leise. „Aber ich bin mir sicher, dass du es mir gleich verraten wirst.“

Gretchen seufzte. „Das Schlimmste ist, dass ich mir diese Nacht im Iglu so romantisch vorgestellt habe. Ich habe doch echt geglaubt, dass das die schönste Nacht meines Lebens wird.“ Marc fiel ihr ins Wort. Verliebt grinste er sie an. „Vielleicht ist das hier nicht die schönste Nacht deines Lebens, aber auf jeden Fall die kälteste. Und vergessen wirst du sie auch nie mehr. Da bin ich mir ganz sicher. Übrigens bin ich mit meinem Aufwärmprogramm noch nicht fertig.“

Eingemummelt und eingeengt von den Seiten seines Schlafsackes öffnete Marc nun tatsächlich ihre dicken Winterjacken. Zuerst seine eigene, dann Gretchens. Er positionierte Gretchens Hände, nachdem er ihr die Handschuhe von den Fingern gezogen hatte, an seinem Bauch unter seinem dicken Pullover. Sofort konnte Marc ihre eisigen Finger durch den Stoff seiner Skiunterwäsche spüren. Ganz eng robbte er nun an Gretchen heran. Jetzt lagen sie Bauch an Bauch. Und zwischen ihnen war nichts als ihre Skiunterwäsche, dicke Pullover und ein paar eiskalte Frauenhände.

Marc selbst begann mit rubbelnden Bewegungen der Frau seines Herzens den Rücken zu wärmen. Unter ihrem Pullover, aber über ihrer Skiunterwäsche. Dabei ließ es sich nicht vermeiden, dass es die Konturen ihrer Unterwäsche spürte. Welche Farbe sie wohl an diesem Tag hatte? Marc spürte, wie ihm gleich ein paar Grad wärmer wurde.

Lange lagen sie schweigend in der Kälte der norwegischen Nacht. Außer dem Rascheln der Funktionsfaser ihrer Jacken herrschte eine absolute Stille. Sie hatten ihre Augen geschlossen, waren aber beide wach. Wie sollte man auch schlafen, wenn man wie ein Schneider fror?

Leise begann Marc zu sprechen. „War das gestern eigentlich geplant? Ich meine deine Massage?“

Gretchen öffnete ihre Augen und grinste. Mit einem Mal bekamen ihre Augen ein herausforderndes Funkeln. „Der Seidenschal nicht, das war improvisiert. Die Massage ja, schließlich habe ich das Öl ja extra für dich besorgt und der Rest…? Was glaubst du?“

„Soll ich ehrlich sein?“ Auch Marcs Augen blitzen jetzt herausfordernd. „Du tust zwar immer so, als ob du kein Wässerchen trüben könntest, aber ich glaube ja, dass du die Verführung meiner armen, unschuldigen Seele von langer Hand geplant hast. In Wirklichkeit bist du nämlich eine multiple Persönlichkeit. Tagsüber Gretchen und abends Gretel. “

„So so und du bist dann der böse Wolf mit einer sensiblen Seele oder wie?“ Gretchen lachte, während sie weiterredete. „Das mit der multiplen Persönlichkeit sagt ja genau der Richtige. Also wenn einer hier eine multiple Persönlichkeit hat, dann ja wohl du! Ich sag nur früher Arsch, heute Kavalier der alten Schule.“

„Das mit dem Arsch habe ich jetzt einfach mal überhört. Und zu dem Kavalier kann ich nur so viel sagen. Ich muss so sein.“ Und ein umwerfender Marc-Meier-Blick traf Gretchen mitten ins Herz. „Die Umstände zwingen mich sozusagen dazu.“

„Hä? Wieso?“, verzog Gretchen fragend ihr Gesicht, so dass sich ihre Nasenspitze leicht kräuselte.

Zwei umwerfende Grübchen grinsten Gretchen spitzbübisch an. Herzklopfen. Bauchkribbeln. Bei beiden.

„Ich habe bei der Frau, die ich so sehr liebe, vor vielen Jahren, als ich sozusagen noch ein Arsch war, meinen gesamten Kredit verspielt.“ Raunte Marc Gretchen heiß ins Ohr, so dass sie eine unglaubliche Gänsehaut bekam. Was von dem Kavalier der alten Schule durchaus beabsichtigt war. Langsam begaben sich seine, bis zu diesem Zeitpunkt durchaus braven Finger auf Wanderschaft. Ganz gemächlich wanderten sie an Gretchens Rücken entlang in Richtung Po. Wirbel für Wirbel. Am Ziel angekommen, gruben sie sich einen Weg in die Tiefen diverser Hosen und Höschen, bis sie auf zwei nackten und durchaus warmen Pobacken zum Liegen kamen.

„Der Kavalier kann dich übrigens auch gerne noch woanders streicheln.“, neckte er sie mit heiserer Stimme. „Natürlich ganz selbstlos. Also nur, damit dir einfach noch ein bisschen wärmer wird. “

Und ihm selbst wurde schon beim bloßen Gedanken an solche Streicheleinheiten warm. Sehr warm sogar.

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

25.02.2012 23:03
#78 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

80 Oslo – Januar 2015

Sie schwitzte.

Kleine Schweißperlen drangen aus jeder Pore ihres Körpers. Zuerst sammelten sie sich in winzigen Tröpfchen auf ihrer Haut. Wurden dann größer, bis sie ihre Tropfenform verloren und wie kleine Perlen ihren nackten Körper herabrollten. Fasziniert beobachtete Marc dieses Schauspiel. Überhaupt beobachtete er fasziniert seine Freundin, die mit hochgesteckten Haaren und hochrotem Kopf immer unruhiger auf ihrem dunkelgrünen Handtuch hin und her rutschte. In dem schummrigen Licht, das in regelmäßigen Abständen seine Farbe änderte, sah sie einfach zauberhaft aus. Mal schimmerte ihre Haut goldgelb. Dann ungesund blau. Und später in einem aufregenden violett.

„Marc, ich kann nicht mehr. Ich habe das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden.“, quengelte Gretchen. Schweiß glitzerte auf ihrer Oberlippe.

Belustigt hob Marc seine Augenbrauen. „Wie du wirst gleich ohnmächtig? Gretchen, das ist eine Bio-Sauna. Die hat gerademal 60 Grad und wir sind genau…“, kurz warf er einen Blick auf die kleine Sanduhr, die an der Holzwand gleich neben der Eingangstür hing. „…zehn Minuten hier drin. Glaube mir, so schnell kippt man nicht um. Dein Körper ist das Saunieren eben einfach nicht gewöhnt. Und was willst du mehr?
Heute Nacht hast du dir doch genau diese Wärme gewünscht. Setz dich einfach auf die unterste Bank, da ist es etwas kühler“, gab Marc belustigt diese alte Saunaweisheit an seine Freundin weiter.

Und das tat Gretchen dann auch. Trotzdem fühlte sie sich nicht besser. Immer wieder atmete sie hörbar aus und fächelte sich unbeholfen mit ihren Händen Luft zu. Weitere zwei Minuten später sprang sie wie von der Tarantel gestochen auf.

„Also jetzt kann ich es aber wirklich nicht mehr aushalten. Was mach ich denn jetzt?“ Fragend schaute sie Marc an, der es sich zwei Bänke über ihr gemütlich gemacht hatte. Liegend.

„Äh, rausgehen?“ Man konnte ihm ansehen, dass er sich königlich über Gretchen amüsierte.

„Danke, auf die Idee wäre ich auch noch von alleine gekommen. Ich meine draußen. Ich war doch noch nie in einer Sauna.“

„Lauf einfach ein bisschen rum und kühl dich ab. Kannst ja auch in den Garten gehen. Aber nicht gleich in den Schwimmteich springen. Dann könntest du vielleicht wirklich ohnmächtig werden.“ Er lachte.

„Klugscheißer kann keiner leiden“, murmelte Gretchen, während sie sich mit voller Wucht gegen die schwere Holztür der Sauna schmiss und dann nach draußen marschierte.

Amüsiert warf Marc ihr noch eine Kusshand hinterher. „Ich liebe dich auch, mein Schatz!“

Ja, ich liebe dich, dachte Marc, während er sich wohlig und zufrieden der Länge nach und nackt, wie Gott ihn geschaffen hatte, auf seinem dunkelblauen Saunahandtuch ausstreckte. Er war allein und hing seinen Gedanken nach. Leise Klänge der obligatorischen Entspannungsmusik drangen an sein Ohr, während das wechselnde Farblicht ebenfalls einen harmonisierenden Einfluss auf seinen Körper hatte.

Es dauerte gar nicht lange und Marc war wieder auf dem Holmenkollen. Auf dem Holmenkollen in einem Iglu. Zusammen mit Gretchen. Sie hatten die kälteste Nacht ihres Lebens erlebt. Die kälteste Nacht und zugleich die schönste Nacht. Vielleicht auch trotz der eisigen Kälte die romantischste Nacht. Noch nie waren sie sich näher gewesen. Noch nie war Marc einem Menschen näher gewesen. Noch nie hatte Marc sich einem Menschen in der Form geöffnet.

Marc schmunzelte in sich hinein, als er Gretchens komplizierte Antwort auf sein unmoralisches Angebot und ihren noch komplizierteren Gesichtsausdruck vor seinem inneren Auge Revue passieren ließ. „Also eigentlich ist das ein Angebot, dass ich kaum abschlagen kann.“, sagte sie etwas verlegen und mit zerknirschtem Gesicht. „Mir ist wirklich sehr kalt. Aber ich glaube, ich kann hier nicht. Alles ist so kalt und die Schlafsäcke sind so eng und alles raschelt. Wärst du sehr sauer, wenn ich jetzt nicht will. Also ich will natürlich schon, aber eben nicht hier. Vielleicht können wir ja morgen bei dir zu Hause? … Also natürlich nur, wenn du dann auch willst.“

Daraufhin hatte Marc Gretchen in die rechte Pobacke gekniffen und dieses Thema so gekonnt mit einem verschmitzten „Na dann eben nicht.“ und einem atemberaubenden Kuss beendet. Die Fronten waren also für diese Nacht ein für allemal geklärt.
Lange lagen sie einfach nur so da und lauschten ihrem Atem.

„Aber noch mal zu dem Arsch von vorhin.“, durchbrach Gretchen mit einem Mal die Stille der eisigen Nacht. „Warum warst du eigentlich früher so? Also ich mein‘, du warst ja oft nicht gerade nett zu deiner Umwelt. Meistens warst du ja wirklich ein richtiges …“ Gretchen zögerte kurz.

„Arschloch! Kannst du ruhig sagen. Ist ja die Wahrheit.“, beendete Marc den Satz.

Schweigen.

Abwartendes Schweigen.

Nachdenkliches Schweigen.

Da war sie, die Frage. Die Frage, vor der Marc sich gefürchtet hatte. Die Frage, die er bis zu diesem Augenblick niemals ehrlich beantwortet hätte. Sollte er oder sollte er nicht? Einen Tag später konnte Marc noch immer die Zerrissenheit spüren, die ihn in diesen Minuten beherrscht hatte. Einen Tag später konnte Marc aber auch eine unendlich große Erleichterung spüren. Und sogar ein kleines bisschen Stolz. Stolz darauf, es endlich getan zu haben. Endlich hatte er mit jemanden darüber gesprochen. Endlich hatte er sich jemandem anvertraut. Und dieser jemand war Gretchen. Mit Niemandem sonst auf der Welt hätte er darüber gesprochen.

Nur mit der Frau, die er über alles liebte und der er über alles vertraute.

Gretchen hatte nicht mehr damit gerechnet. Aber plötzlich begann Marc leise zu sprechen. Nachdem er sich auf den Rücken gedreht hatte. Nachdem er Gretchen seinen ausgestreckten Arm zum Einkuscheln angeboten hatte.

„Ich glaube, dass sich das bei mir alles ganz langsam entwickelt hat. Als ich ganz klein war, war ich noch nicht so. Im Kindergarten war ich, glaube ich, sogar recht beliebt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich viele Freunde und, man glaubt es kaum, sogar eine Freundin hatte. Wenn ich mich recht erinnere, hieß sie Claudia. Ich glaube, wir waren damals sogar verheiratet.“ Er lachte und hauchte einen zärtlichen Kuss auf Gretchens Haar.

„Frau Schnippel war übrigens tatsächlich meine Kindergärtnerin. Ich weiß gar nicht, warum ich es damals abgestritten habe. Na ja, eigentlich weiß ich es doch. Jedenfalls mochte ich Frau Schnippel total gerne. Sie war auch als junge Frau schon total herzlich. Warmherzig. Mitfühlend. Und sehr klug. Ich glaube, sie war ein bisschen wie du. “ Und ganz leise fügte Marc noch hinzu. „Ich habe mir damals immer gewünscht, dass sie meine Mutter sein sollte.“

„In der Grundschule fing dann alles an. Da war ich irgendwie schon anders als die anderen. Ich weiß auch nicht warum oder wie das kam. Aber ich hatte einfach keine Freunde. Anfangs war das schwierig für mich, weil ich im Kindergarten immer Freunde hatte, die aber dann alle auf eine andere Grundschule gekommen sind. Wir sind damals erst in den Grunewald gezogen. Manchmal wusste ich gar nicht, warum mich keiner mochte. Ich fand mich gut aussehend, cool und intelligent. Ich hatte immer alles. Spielzeug. Geld. Und trotzdem hatte ich nie jemanden, mit dem ich mich verabreden konnte. Ich glaube, dass ich zu Beginn der Grundschulzeit noch ein ganz netter Junge war. Sechs Jahre später war ich dann schon anders. Arrogant. Bissig. Ironisch. Egoistisch.“ Gretchen spürte, dass es Marc nicht leicht fiel, so über sich selbst zu sprechen. Sie nahm seine Hand unter dem Schlafsack und drückte sie fest.

„Am Gymnasium war es dann wieder ein bisschen anders. Da hatte ich dann die sogenannten Kumpels. Die Clique. Da gehörte ich wieder dazu. Genau wegen dieser Dinge, von denen vorher noch keiner was wissen wollte. Geld. Zigaretten. Alkohol. Sex. Ich gehörte dazu, weil ich so war wie ich war. Ich hatte auch immer das Gefühl, dass die anderen Jungs mich ein bisschen angehimmelt haben. Ich war ja mit allem auch immer ganz vorne mit dabei. Auch wenn es …“ Marc unterbrach sich und versuchte seinen Gedanken die richtigen Worte zu verleihen.

„Na ja. Auch wenn es darum ging, ein gewisses Mädchen zu ärgern.“

Wieder sagte Marc eine ganze Weile nichts. Er hatte erwartet, dass Gretchen irgendetwas zu diesem Thema sagen würde. Dass sie ihm vielleicht auch Vorhaltungen machen würde. Aber sie sagte einfach nichts. Es war mucksmäuschenstill im Iglu.

Marc war gespannt wie ein Flitzebogen als er weitersprach. „Dieses Mädchen hat mich übrigens auch schon damals fasziniert. Sie hatte schon damals eine unglaublich liebe und warmherzige Art. Das mochte ich. Eigentlich fand ich sie nett. Aber sie war leider ein Mädchen, das ein Junge wie ich nicht toll zu finden hatte. Nicht toll finden durfte. Na ja, den Rest brauche ich dir, glaube ich, nicht zu erzählen. Ich hatte damals dann meine Prioritäten auch anders gesetzt. Also frauentechnisch, meine ich.“ Er lachte. Dieses Thema spare ich jetzt einfach mal aus.

„Während des Studiums konnte ich dann zusammen mit Cedric und Lars meine heranwachsende Arroganz perfektionieren. Was dazu führte, dass ich mich, als ich dann im EKH angefangen habe, über allem und jedem erhaben fühlte. Natürlich tat mein beruflicher Erfolg sein Übriges.“

Wieder machte Marc eine Pause. Er war überrascht, wie reflektiert er über sich sprechen konnte. Er hatte gerade etwas in Worte gefasst, was er in der Form eigentlich noch nicht mal über sich gedacht hatte. Eigentlich hatte er sich auch noch nie so konkret Gedanken über sich gemacht. Aber es stimmte. Jedes Wort, das er gesagt hatte, entsprach der Wahrheit.

„Das ist aber natürlich noch nicht die Antwort auf deine Frage. Ich glaube, dass die Antwort in meinem Fall recht klassisch ausfällt. Schau dir meine Eltern an und du weißt, warum ich so bin. Meinen Vater kennst du ja nicht und ich bin mir ziemlich sicher, dass du ihn nie kennenlernen wirst.“ Tief atmete Marc ein und aus und Gretchen spürte, dass es ihm jetzt nicht mehr so leicht fiel, weiterzusprechen.

„Mein Vater war ein sehr kluger Mann. Er war ein überaus erfolgreicher Biochemiker bei einer großen Firma in Berlin. Vorstandsmitglied. Sehr Gutaussehend und sehr arrogant. Herablassend. Egozentrisch. Ein Arschloch. So wie ich zu EKH-Zeiten. Seine unglaublich vielen Frauengeschichten gehörten seit meiner frühesten Kindheit zum Familienalltag dazu. Sekretärinnen. Meine Babysitterin. Kolleginnen. Freundinnen meiner Mutter. Da war alles dabei. Und noch etwas war bei uns damals leider Alltag. Wut. Unkontrollierte Wutausbrüche. Bei meiner Mutter und bei meinem Vater. Bei uns ging alles zu Bruch.“

Stille. Einatmen. Ausatmen.

„Und manchmal habe ich eben auch etwas von dieser Wut zu spüren bekommen. Öfter mal. Ich war damals noch im Kindergarten und habe nie so richtig verstehen können, warum.“

Stille.

„Die Narbe auf meiner Nase ist wohl ein Andenken an diese Zeit. Es war ein Sturz durch unsere gläserne Küchentür. Natürlich unbeabsichtigt, aber dennoch ist es passiert.“

Stille. Ein leises Schluchzen.

„Irgendwann nachdem wir in den Grunewald gezogen sind, haben sich meine Eltern dann scheiden lassen und mein Vater ist nach Los Angeles gezogen. Das war gut. Es war eine Erleichterung. Es wurde ruhiger zu Hause. … Aber nicht wärmer.“

Marc lachte verächtlich auf. „Du kennst ja meine Mutter. Wärme. Liebe. Geborgenheit. Das sind nicht wirklich Attribute, mit denen sie um sich schmeißt.“

„Vielleich ist das ja eine Erklärung dafür, weshalb ich so bin wie ich bin. Ohne Herz. Ohne Liebe. Ohne Mitgefühl. Ohne Einfühlungsvermögen. Eigentlich ja ohne alles, was einen freundlichen Menschen ausmacht. Ich glaube, ich habe solche Werte einfach nicht vermittelt bekommen. Bei uns ging es immer nur Erfolg. Sowohl bei meiner Mutter, als auch bei meinem Vater. Und bei mir war das ja dann auch so. Studium. Beruf. Alles immer summa cum laude. Unfähigkeit hat mich irgendwie aggressiv gemacht.“

Bevor Marc weitersprach, drehte er sein Gesicht zur Seite. Er zwang sich, Gretchen bei seinen nächsten Worten tief in die blauen Augen zu schauen. Er wollte, dass sie ihm in seine Augen, ja in sein Herz, in seine Seele schauen konnte. „Aber ich versuche jetzt, das zu ändern. Jeden Tag. Ich versuche einfach, anders zu sein. Manchmal gelingt mir das und manchmal auch nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich es schaffen kann, anders als meine Eltern zu sein. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass das ein aussichtsloser Kampf ist. Aber wahrscheinlich wird man seine Eltern nie so richtig los.“

Wieder drückte Marc seine Lippen auf die im Kerzenschein schimmernden Haare von Gretchen. Sie sagte nichts. Aber er spürte, dass sie weinte. Leise. Lautlos.

„Weißt du Marc, bei euch ging alles zu Bruch.“ Tränen erstickten ihre Stimme. „Vielleicht auch dein kleines Kinderherz. Ich kann verstehen, dass du wütend warst. Auch noch als Erwachsener. Aber Verletzungen können heilen und Narben verblassen. Auch wenn sie niemals ganz verschwinden werden. Ich weiß, dass du anders sein kannst. Denn du bist es bereits. Und vielleicht hilft dir das noch? Ich liebe dich, so wie ich noch nie jemandem in meinem Leben geliebt habe.“

Für den Rest der Nacht hielten sie sich ganz fest in den Armen. Diese besondere Nacht würden sie nie vergessen. Beide nicht.

Pippi Langstrumpf Offline

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28.02.2012 22:36
#79 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

81 Oslo – Januar 2015

Noch immer lag Marc lang ausgestreckt in der 60 Grad heißen Bio-Sauna, die er nur Gretchen zuliebe betreten hatte. Denn eigentlich war das nicht sein Kaliber. Eigentlich bevorzugte er die sogenannt Höhlensauna mit 100 Grad. Nach mehr als 20 Minuten verspürte er aber endlich die ersehnte, schweißtreibende Wirkung der eher angenehmen Hitze. Kleine Schweißperlen zierten die braune Haut seines durchtrainierten Körpers. Noch immer lag auf seinen Lippen ein verträumtes Lächeln. Noch immer weilte er mit seinen Gedanken am Holmenkollen. Noch immer war er in einer anderen Welt. In einer kalten Welt. In einer zauberhaften Welt.

Als die ersten Sonnenstrahlen hinter der Skisprungschanze des Holmenkollen hervorblitzten und die Morgenröte die winterliche Schneelandschaft in ein zauberhaftes, rotoranges Licht tauchten, machten sich Marc und Gretchen Hand in Hand, oder wohl eher Handschuh in Handschuh, auf den Weg in die kleine Hütte des Igludorfes, um sich endlich mit einer heißen Tasse Kaffee, dem Nationalgetränk der Norweger, aufzuwärmen.

Endlich war die Nacht vorüber. Es war eine von diesen Nächten, die man schlaflos verbringt und die einem unendlich lang erscheint. Es war eine von diesen Nächten, deren Ende man nichts sehnlicher herbeisehnt und deren Ende man dann doch verschläft. Weil man eingeschlafen ist. Völlig übermüdet und unerwartet. Sozusagen aus heiterem Himmel.

Es war eine ganz besondere Nacht. Für Marc, aber auch für Gretchen. Diese Nacht hatte sie für den Rest ihres Lebens mit einem unsichtbaren Band miteinander verbunden. Unabhängig davon, wie ihre Zukunft aussehen würde. Unabhängig davon, ob sie den Weg des Lebens zusammen oder getrennt durchschreiten würden.

Marc hatte Gretchen in dieser Nacht von seiner Kindheit erzählt. Ungeplant. Spontan. Er hatte ihr von einer Kindheit erzählt, die er bis zu dieser Nacht sorgfältig unter Verschluss gehalten hatte. Vor sich selbst, aber auch vor anderen. Eine Kindheit, die ihn so sehr geprägt hatte. Die ihn zu dem gemacht hatte, was er heute war. Eine Kindheit, die bis zu dieser Nacht nicht mehr existiert hatte. Für niemanden. Nicht einmal mehr für Marc selbst.

Dass er seine Erinnerungen mit Gretchen geteilt hatte, war die logische Konsequenz seiner Gefühle. Seiner Liebe. Aber auch ihrer Liebe. Gretchen hatte Marc schon immer geliebt. Früher und heute. Bedingungslos. Den alten Marc und den neuen. Diese Erkenntnis hatte für Marc eine so tiefgehende Bedeutung, dass er ein unangenehmes Kloßgefühl in seiner Kehle verspürte. Gretchen war das Bindeglied zwischen seiner Vergangenheit und seiner Zukunft. Gretchen war sein Puzzleteil.

Es machte sie zu seiner Außerwählten. Zu seiner Verbündeten. Zu seiner Mitwisserin. Es machte Gretchen zu seinem Gegenstück. Gretchen und Marc. Blond und Braun. Blau und Grün. Hell und Dunkel. Mann und Frau.

Diese Nacht hatte ihre Seelen unwiderruflich miteinander verbunden.

In der U-Bahn hatte Marc dann plötzlich diesen verrückten Vorschlag gemacht. „Weißt du, gestern waren wir spontan und haben in einem Iglu übernachtet und uns den Arsch abgefroren, dann sind wir heute wieder spontan. Wenn wir in zwei Stationen aussteigen und dann noch mal umsteigen, dann kommen wir direkt bei ‚heiß‘ an.“ Fragend schaute Gretchen Marc an, während sie ein Pfefferminzbonbon in ihrem Mund verschwinden ließ.

„Du erinnerst dich doch noch? ‚Heiß‘ oder ‚kalt‘ und das heute Nacht war ja wohl eindeutig nicht heiß, wenn auch wunderschön.“ Mit diesen Worten ließ sich Marc doch tatsächlich zu einem ganz besonders verliebten Kuss hinreißen, den Gretchen dann irgendwann beendete.

Ratlos zog sie ihre Augenbrauen zusammen. „Wie bei ‚heiß‘? Ich dachte, ‚heiß‘ ist bei dir zu Hause. Und wenn ich mich recht erinnere, mussten wir gestern nicht umsteigen.“

Marc grinste anzüglich. „Ja natürlich, bei mir ist es immer heiß. Also zumindest, wenn du bei mir bist. Aber das meine ich mal ausnahmsweise nicht. Nein, ich finde, wir haben uns nach der Nacht einen richtig schönen Tag in der Saune verdient. So richtig mit allem drum und dran.“

Marc musste noch etwas mehr grinsen, als er Gretchens Gesichtszüge sah, die drohten, ihr in den nächsten Sekunden zu entgleisen. Das Entsetzen war ihr ins Gesicht geschrieben. „Sauna? Mit dir?“

Fehlt jetzt nur noch das „Dann siehst du mich ja nackt.“, schoss es einem überaus belustigtem Marc durch den Kopf.

„Was ist denn das für eine Sauna? Ist man da die ganze Zeit nackt?“

„Na eine Sauna halt. Oder besser gesagt, ein Wellness-Paradies. Es ist wirklich schön dort. Und nackt ist man da auch nicht die ganze Zeit. Wir können Bademäntel und den ganzen restlichen Kram ausleihen. Und dann ist man eigentlich nie lange nackt.“ Noch immer sah Gretchen nicht wirklich begeistert aus.

„Gretchen, das ist kein Swinger-Club, sondern eine Sauna. Glaube mir, wir werden einen richtig schönen Tag haben.“

Und den hatten sie.

Das Saunaparadies war einzigartig. So etwas hatte Gretchen noch nie gesehen, geschweige denn erlebt. Von außen sah das Gebäude, in dem diese außergewöhnliche Wellness-Oase untergebracht war, recht unscheinbar aus. Ein älterer Flachbau. Nicht aber von innen. Innen offenbarte sich dem Besucher der Sauna eine einzigartige Architektur. Felsoptik und Blockhausstil. Auf den ersten Blick nahm man an, dass die Räumlichkeiten der Saunalandschaft in Fels gehauen worden waren. Aus der Ferne sahen die Wände tatsächlich wie graue Felsen aus, wie man sie im Gebirge finden konnte. Und in diese Felsen waren dann kleine Höhlen und Grotten eingelassen.

Marc und Gretchen probierten alles aus. Die Erlebnis-Duschen mit duftendem Tropenregen, das Tepidarium als Duftgrotte, in dem man auf heißen Steinliegen vor sich hin dösen konnte, ein Kneipp-Grotte, in der man sich die erhitzten Beine nach einem Saunagang in einem Kneipp’schen Tretbecken erfrischen konnte und die Dampfgrotte, in der eine 40 Grad warme Dampfsauna untergebracht war. Die 100 Grad heiße Höhlensauna war Gretchen dann allerdings zu heiß und sie verließ den Raum nach sage und schreibe drei Minuten. Obwohl ihr die in der Sauna ausgestellten Mineralien außerordentlich gut gefallen hatten. Die übrigen Saunen sahen wie kleine Häuschen im Bockhausstil aus und standen überall in dieser großzügigen Felslandschaft. Von der 80 Grad heißen finnischen Sauna bis zur 60 Grad heißen Infrarotsauna war sowohl für Marc, als auch für Gretchen immer etwas dabei. Besonders zu erwähnen sei an dieser Stelle auch die sogenannte Panoramasauna, deren Besucher einen einzigartigen Ausblick auf den Naturschwimmteich hatten, der zu dem wunderschönen Außenbereich der Saunalandschaft gehörte.

So in diesem Fall Marc, der wie immer etwas länger als Gretchen in der Sauna geblieben war. Marc hatte von der Panoramasauna aus einen einzigartigen Ausblick auf den Teich – und auf sein Gretchen. Nackt. Erhitzt. Dampfend. Und dann passierte es. Es schien, als wollte Gretchen nur mit einem großen Zeh die Temperatur des Teiches prüfen. Da verlor sie aber schon das Gleichgewicht und fiel kopfüber in den eisigen Teich. Nur Sekunden später war Marc zur Stelle und rettete sie aus dem frostigen Nass. Die eisige Kälte raubte Gretchen im ersten Moment den Atem, so dass sie nicht mal ordentlich meckern konnte.

„Süße, ich hab doch gesagt, du sollst nicht in den Teich springen.“ Lachend hüllte er seine nackte Freundin in ihren flauschigen Bademantel, nahm sie liebevoll in den Arm und führte sie ins Tepidarium. Dort machten sie es sich auf den warmen Steinliegen gemütlich. Händchenhaltend hingen sie ihren Gedanken nach. Gedankenverloren streichelte Marc mit seinem Daumen über Gretchens Handrücken.

Sie sieht so süß aus. Mit ihren nassen Haaren. Diese rosigen Wangen. Und dieser Körper. Ich kann echt nicht genug von ihr bekommen. Am liebsten würde ich ja mit ihr hier irgendwo ... Aber das ist wahrscheinlich eher nicht so ihr Ding. Naja, nachher zu Hause ist ja noch genug Zeit. Sie bleibt ja zum Glück noch ’n Tag.

Ob er wohl auch die ganze Zeit dran denken muss? Komisch, er hat noch nichts gesagt. Keine anzügliche Bemerkung. Kein zweideutiger Blick. Ob er mich wohl nicht attraktiv findet? Ach Quatsch Gretchen, hör‘ auf. Natürlich findet er dich attraktiv. Er ist eben nur … ein richtiger Gentleman.

Schon seit einiger Zeit in der Sauna kreisten ihre Gedanken immer wieder um das eine Thema. Gretchen konnte es sich auch nicht so richtig erklären, warum das so war. Aber es war so. Die ganze Zeit dachte sie darüber nach, wie es wohl sein mochte, mit Marc an diesem Ort Sex zu haben. In ihrem Kopf war nichts anderes. Nur diese eine Frage. Und in ihrem Bauch war dieses ganz besondere, dieses einzigartige Kribbeln und nichts anderes. Sie wollte es. Schon den ganzen Tag. Seit dem sie diesen wunderschönen Ort betreten hatten.

Gretchen erkannte sich selbst nicht mehr wieder. Noch nie hatte sie über so etwas nachgedacht. Und jetzt? Jetzt konnte sie an nichts anderes mehr denken. Es war schon fast wie ein Zwang. Sie war verwirrt. Sehr sogar. So kannte sie sich gar nicht. Kurz fragte sie sich, ob Sexsucht wohl ansteckend war, verwarf diesen Gedanken mit einem Kopfschütteln aber schnell wieder.

Gretchen dachte doch tatsächlich und ernsthaft darüber nach, Marc zu verführen. Und zwar an diesen Ort. Irgendwo in der riesigen Saunalandschaft. Im Grunde war dieser Gedanke aber nur eine natürliche Reaktion auf Marcs äußeres Erscheinungsbild. Während die meisten Saunabesucher, einschließlich Gretchen, stets in einen weißen Leih-Bademantel gehüllt waren, reichte Marc ein Handtuch, dass er sich eng um die Hüften geschlungen hatte. Dass dies seinen unglaublichen Körper nur noch besser zur Geltung brachte, muss an dieser Stelle wohl nicht weiter erwähnt werden. Besonders angetan hatte es Gretchen die untere Partie seines Bauches. Diese Bauchmuskeln, die sich nach unten hin V-förmig verengten. Ihr Bauchkribbeln machte sie fast verrückt.

Bis zum Schluss ihres Saunabesuches hatte Gretchen diesen unglaublichen Gedanken nicht aus ihrem Kopf bekommen. Aber irgendwie fehlte ihr dann doch der Mut, ihrem Gedanken Taten folgen zu lassen. Bis zum Schluss spukte diese Idee in ihrem Geist herum und ließ sie immer wieder dieses erregende Bauchkribbeln spüren. Bis zum Schluss.

Jetzt war Schluss.


Pippi Langstrumpf Offline

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02.03.2012 11:44
#80 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

82 Oslo – Januar 2015

Ein wunderschöner Wellness-Tag ging zu Ende.

Ein letztes Mal waren sie in der Dampfgrotte gewesen und hatten die feuchte, heiße Luft und die wohl riechenden ätherischen Öle inhaliert. Erkältungsprophylaxe nannte Marc das und befand diese nach ihrer Romantiknacht im Schneehaus für dringend notwendig. Während Gretchen nackt auf der heißen Steinbank saß und die erkältungsvorbeugenden Dämpfe tief in ihre Lungen inhalierte, tobte in ihrem Inneren ein erbitterter Kampf.

Ein Kampf zwischen einem braven Engelchen und einem abenteuerlustigen Teufelchen. Beide hatten ausgesprochen gute Argumente und es schien, als ob keiner von beiden die Oberhand gewinnen konnte. Bis Marc und Gretchen den Umkleidebereich der Wellness-Oase betraten.

Auch hier war das Motto der Saunalandschaft konsequent durchgesetzt worden. Auch hier sah es aus wie in einer Grotte. Die Wände hatten eine täuschend echte Felsoptik. Überall gab es kleine Nischen und Vorsprünge, so dass man tatsächlich das Gefühl hatte, in einer Höhle zu stehen. Das schummrige Licht verstärkte diese Wirkung noch zusätzlich.

Und diese große Grotte des Umkleidebereiches gliederte sich wiederum in kleinere Höhlenbereiche. In einem waren die Schränke und Bänke zum Umkleiden. In einem anderen waren die Duschen. Jede der geräumigen Duschen war schneckenförmig in einer Nische untergebracht und mit einem kleinen Holzschwingtürchen vom Vorraum abgetrennt. Trat man durch dieses Türchen, fiel der Blick zunächst auf eine Holzbank. Folgte man dann dem Verlauf des spiralförmigen Duschraumes, lag die Dusche etwas versteckt am Ende der kleinen Spirale, als würde man in ein Schneckenhäuschen hineingehen. So konnte man in Ruhe duschen, ohne dass Handtuch und Bademantel auf dem Holzbänkchen nass wurden. In dem dritten Bereich der geräumigen Umkleide war es deutlich heller. Hier hingen große, holzumrahmte Spiegel, vor denen man sich frisieren konnte.

Als Gretchen die Duschen erspähte, stieß das Teufelchen mit seiner dreizackigen Teufelsgabel das kleine unschuldige Engelchen einfach zur Seite. Das Teufelchen hatte gewonnen. Und genau in diesem Augenblick wusste
Gretchen, dass sie es wollte. Jetzt und hier. Ohne weiter darüber nachzudenken, griff sie nach Marcs Hand.

„Komm, wir duschen zusammen.“ Schon hatte sie ihn in die Dusche gezogen, die von den Schränken am weitesten entfernt lag.

„Äh, Gretchen, ich glaube, dass das keine gute Idee ist.“ Marc sprach leise, während Gretchen sorgfältig das Holztürchen schloss.

Lieber Gott, ich kann jetzt nicht mit ihr duschen. Das geht einfach nicht. Ich glaube nicht, dass ich mich beherrschen kann, wenn ich da mit ihr allein drin bin. Die hochgesteckten Haare, ihr Nacken – ich werd‘ doch so schon ganz verrückt.

Gretchen öffnete ihren weißen Bademantel und schaute Marc herausfordernd an. „Glaube mir, das ist eine gute Idee.“

Was ziert er sich denn so? Der ist doch sonst auch kein Kind von Traurigkeit. Oh mein Gott, wenn er jetzt gar nicht will? Vielleicht hat er ja gar keine Lust? Vielleicht können Männer nicht, nachdem sie in der Sauna waren? 100 Grad sind ja auch wirklich verdammt heiß. Nein, wie peinlich ist das denn jetzt? Ich will und er nicht. Erdloch, wo bist du?

Marc war irritiert. Wie sie ihn anschaute. Dieses Grinsen. Dieser Blick, der just in diesem Augenblick begann, sich zu verändern. Aber das registrierte Marc kaum. Er sah nur noch eins. Ihren nackten Körper, den sie gerade aus diesem hässlichen Bademantel schälte. „Gretchen, wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich jetzt denken, dass du hier mit mir…“ Ungläubig kniff er seine Augen zusammen. Auf seine Lippen legte sich ein spitzbübisches Grinsen. Zwei wunderschöne Grübchen zierten seine Wangen.

Juchu, er will doch!

Sie schmunzelte ihn verschwörerisch an. „Entledigst du dich dann auch irgendwann deines Handtuches oder soll ich dir dabei helfen?“

Sie will wirklich. Hier. Das ist echt der Hammer!

Endlich hatte Marc verstanden. Grinsend und mit einem bewundernden Kopfschütteln warf Marc das Handtuch, das zuvor seine Hüften geziert hatte, über die Schwingtür. So war auf den ersten Blick zu erkennen, dass diese Dusche bereits belegt war. Noch immer konnte er nicht fassen, was für ein Angebot ihm seine Freundin da gerade unterbreitet hatte. Ein eindeutiges Angebot. Ein aufregendes Angebot. Ein unmoralisches Angebot.

Da hörte er schon das Rauschen der Dusche. Laut. In der Duschhöhle fing sich der Schall. „Marc? Was ist denn jetzt?“ Auch Gretchens Stimme hallte laut durch die kleine Grotte. Mit klopfenden Herzen und voller Vorfreude gesellte Marc sich zu Gretchen unter den warmen Wasserstrahl. Es war angenehm, das warme Wasser auf der Haut prickeln zu spüren. Sie umarmten sich. Sie küssten sich. Zärtlich. Liebevoll. Verliebt. Als der Wasserstrahl versiegte, wanderten Marcs Lippen an Gretchens Ohr. „Ich hoffe, du weißt, dass du das nicht tun musst.“

„Ich weiß.“

Sie küsste ihn. Leidenschaftlich. Sinnlich.

Wieder begann Marc zu sprechen. Leise. Mit heiserer Stimme. Sein Atem ging bereits etwas schneller. Eine nasse Strähne hing ihm wild in die Stirn. „Das wird jetzt hier aber kein Blümchensex.“ Bei seinen Worten bekam nicht nur Gretchen am ganzen Körper eine prickelnde Gänsehaut.

„Auch das weiß ich.“, flüsterte Gretchen in ihren nächsten Kuss, der Marc schlicht und ergreifend den Verstand raubte. Da war auch Marc klar, dass Gretchen ihm bereits einen Schritt voraus war.

Sie standen unter der Dusche. Warmes Wasser prasselte auf ihre Körper nieder. Zwei nasse Körper. Glänzende Haut. Nasses Haar. Zwei Zungen die sich wild und voller Leidenschaft liebkosten. Hände die sich voller Verlangen berührten. Forsch. Gierig. Unstillbare Lust. Schnell ging es hier nur noch um eins. Um Sex. Puren Sex.

An den Schultern drehte Marc Gretchen hastig um ihre eigene Achse. So liebten sie es. Rücken an Bauch. Bauch an Rücken. Ganz eng schmiegte Marc sich an Gretchens Rücken. Tausende von Küssen hauchte er auf ihren Nacken. Gretchen spürte seine forschen Finger an ihren Brüsten. Weiche Fingerspitzen, die ihre Brustwarzen liebkosten. Forsch. Geübt. Nur mit einem Ziel. Sie zu erregen. Und das taten sie. Gretchen brannte. Hemmungslos legte sie ihren Kopf in den Nacken und ließ sich von seinen Händen, von seiner Zunge auf alle erdenklichen Weisen verwöhnen.
Sie ließ sich gehen. Gretchen hörte nichts mehr. Sie sah nichts mehr. Sie spürte nur noch. Sie spürte nur noch Marc. Marcs Körper an ihrem Rücken, an ihrem Po. Seine Hände überall auf ihrem Körper. In ihrem Körper. Wild. Leidenschaftlich. Zügellos. Immer wieder drückte sie ihr Becken fest gegen seine Hand. Fest. Intensiv.

Gretchen hatte das Gefühl, dass sie den Boden unter den Füßen verlieren würde. Ihre Knie wurden weich. Schwer atmend krallte sie ihre Hände in Marcs Po. Als wollte sie sich festhalten. Als würde sie sonst tatsächlich zu Boden gleiten. Fest drückte sie ihn von hinten an sich. Sie spürte, dass ihm das gefiel. Sie konnte ihn schwer atmen hören.

Immer verlangender spürte sie seine Finger. Es fiel ihr schwer, leise zu bleiben, während Marc das mit ihr tat. Es gefiel ihr. Es machte sie an. Diese ganze Situation erregte sie. Seine Berührungen. Ihre Berührungen. Sein nasser Körper, dem dieses Spiel ebenfalls sichtlich zu gefallen schien. Sein Körper, der von ihren sinnlichen Berührungen in einen orgiastischen Ausnahmezustand versetzt wurde.

„Marc, ich …“ Gretchens Stimme versagte ihr den Dienst.

Immer schneller wurden die Bewegungen ihres Beckens. Immer Fester drückte sie sich an ihn. Hemmungslos. Marc konnte spüren, dass es Gretchen beinahe zerriss. Fordernd drehte er sie wieder um und drückte sie gegen die kühle Felswand der Duschgrotte. Ein aufregender Kontrast. Dunkler, kühler Fels und helle, heiße Haut. Gretchen hatte jetzt ihre Augen geöffnet. Marc sah ihre nassen Wimpern. Kleine Sternenzacken, die ihre Augen umrahmten. In dem schummrigen Licht der Dusche waren ihre Augen dunkler als sonst. Voller Verlangen schaute sie ihn an.

Marc griff nach ihrem Oberschenkel und winkelte ihr Bein an. Sie schauten sich dabei in die Augen. Sie sahen sich. Sie sahen ihre Lust. Langsam begannen sie sich zu bewegen. Ineinander. Langsam. Leidenschaftlich. Schamlos. Sie küssten sich nicht. Sie schauten sich nur an. Ihre Körper erzitterten unter der enormen Anstrengung, ihr Verlangen nicht einfach herausschreien zu können. Irgendwann sah Gretchen, dass Marc flog. Fest kniff er seine Augen zusammen. Seine Atmung konnte er kaum noch kontrollieren. Immer wieder entwichen ihm leise, unkontrollierte Laute.

Gretchen war noch nicht so weit. Irgendetwas fehlte noch. Der letzte Kick. Marc drückte sie noch etwas fester gegen die Felswand und griff auch nach ihrem zweiten Oberschenkel. Jetzt konnte sie ihn tiefer in sich spüren. Intensiver. Er bewegte sich noch langsamer als zuvor. Fast zu langsam. Gretchen spürte es und sie sah es in seinen Augen. Marc wollte sie brennen sehen. Richtig. So wie er zuvor gebrannt hatte. Er veränderte seinen Rhythmus nicht, während seine Augen sie durchdringend anblickten. Immer wieder drang er tief in sie ein. Langsam. Gefühlvoll. Gretchen konnte es kaum noch aushalten. Irgendwann schloss sie ihre Augen. Tief gruben sich ihre Finger in die nasse Haut seines Nackens. Noch fester klammerte sie ihre Beine um seinen Körper. Fester. Näher. Schon längst stand ihr Körper in Flammen. Ihr Herz raste und ihre Brust bebte. Ekstase. Ein erlösendes Aufstöhnen hallte laut durch die kleine Grotte, als Gretchen davonflog.

Scheiße! Wenn das jemand gehört hat.


Wie immer: Lob & Tadel können auf meiner Kommentarseite hinterlassen werden.

Pippi Langstrumpf Offline

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04.03.2012 23:15
#81 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

Für Manuela, die die "Saunalüge" aufgedeckt hat.


83 Berlin – Juni 2015

„Lille bamsen, möchtest du auch einen Schluck Wasser?“

Kichernd befreite sich Gretchen aus der Umarmung ihres Freundes und machte sich auf den Weg in die ungemütliche, weil leergeräumte, Küche. Noch immer tobte das Unwetter über dem nächtlichen Berlin. Noch immer waren die Donnerschläge zu laut, als dass man in einen erholsamen Schlaf hätte finden können. Noch immer waren Gretchen und Marc wach und schwelgten in ihren ganz persönlichen Erinnerungen. Erinnerungen an eine ganz besondere Zeit. An die schönste Zeit ihres Lebens. Eine aufregende Zeit. Oslo. Berlin. Berlin. Oslo. Dann die Wochen in Gretchens Wohnung und die Trennung, als Marc in Sydney war.

Jetzt lag Mar mit verschränkten Armen in Gretchens Bett und dachte grinsend über seine Rache nach. Niemand nannte ihn „Bärchen“, ohne dass diese Frechheit Folgen gehabt hätte. Nicht einmal Gretchen durfte das. Und das wusste sie und deshalb waren in diesem Fall auch ganz besondere disziplinarische Maßnahmen notwendig.

Aus der Wasserflasche trinkend betrat Gretchen wieder das Schlafzimmer. „Marc, ich hab dich etwas gefragt. Möchtest du auch einen Schluck?“, wiederholte sie ihre Frage, während sie ihrem Freund freundlich die gläserne Flasche hinhielt. Aber der reagierte nicht. Er hatte sich auf dem Bett der Länge nach ausgestreckt. Noch immer ruhten seine Arme angewinkelt auf dem Kopfkissen unter seinem Kopf.
Seine Augen hielt er geschlossen, aber Gretchen konnte auf den ersten Blick erkennen, dass er nicht schlief. Ihre Lieblingsgrübchen zierten seine Wangen, so dass klar war, dass Marc eben noch nicht schlummerte. Aber was tat er dann? Warum lag er so komisch da? Gretchen konnte sich darauf keinen Reim machen. Vielleicht wollte er sie ja erschrecken? Dem wollte Gretchen zuvorkommen.

Mit einem Satz schmiss sie sich im wahrsten Sinne des Wortes auf ihren Freund. Jetzt lag sie, ebenfalls der Länge nach, auf ihm. Neugierig hob sie eines seiner Augenlider an.

„Was machst du denn da? Ich seh‘ doch, dass du nicht schläfst.“, erkundigte sie sich neugierig.

Wieder antwortete Marc nicht, aber Gretchen konnte dank des Lichtes der Straßenlaterne, die vor ihrem Schlafzimmerfenster stand, erkennen, dass Marc sein Grinsen nicht mehr zurückhalten konnte.

„Ich erinnere mich.“, gab Marc äußerst knapp zu Protokoll.

„Soso, du erinnerst dich.“ Gretchen stützte sich nun mit ihren Ellenbogen rechts und links neben Marcs Kopf ab. Ihr Gesicht ruhte direkt über seinem. „Und, darf ich dich auch fragen, woran du dich erinnerst?“

„Du darfst.“ Noch immer hielt Marc seine Augen geschlossen. Aber er spürte Gretchens Atem dicht über seinem Gesicht und musste bei dem Gedanken an ihren Gesichtsausdruck noch ein kleines bisschen doller grinsen.

„Geht es auch noch ein bisschen genauer.“ Gretchen versuchte, Marcs Spiel mitzuspielen, konnte aber leider einen leicht genervten Unterton nicht verbergen.

„Ja.“, blieb Marc standhaft.

Marc konnte nicht sehen, dass ein Blitz das Schlafzimmer erhellte. Nur das kurz darauf folgende Krachen eines Donners konnte er hören. Mehr nicht. Gretchen hatte ihre Fragerei eingestellt. Noch immer lag sie auf ihm. Das spürte er auf seiner nackten Haut. Weich und warm. Er konnte das Gewicht ihre gesamten Körpers auf sich spüren. Er konnte den sanften Hauch ihres Atems in seinem Gesicht spüren. Ganz regelmäßig. Einige ihrer Locken kitzelten ihn. Und er konnte sie riechen. Das war ihr Geruch. Diesen Geruch hätte er unter Tausenden wiedererkannt.

Gretchen sagte nichts mehr.

„Gretchen?“

Keine Antwort.

Wohl oder übel öffnete Marc ein Auge. Schließlich machte das ganze Spiel keinen Sinn und noch weniger Spaß, wenn Gretchen nicht mitspielte. Und da sah er es auch schon. Ein über beide Ohren strahlendes Gesicht. „Gewonnen!“

„Du hast gar nicht gewonnen. Ich habe lediglich nach dem Rechten geschaut. Ich musste mich sozusagen vergewissern, dass hier noch alles in Ordnung ist. Man weiß ja nie bei so einem Unwetter. Da kann ja auch schon mal der Blitz einschlagen.“

„Sicher“, hallte es mit der typischen Meierbetonung durch die Dunkelheit.

Mac spürte, dass er ein wenig an Oberwasser verlor. Das konnte und wollte er nicht hinnehmen. Schließlich musste er sich ja noch für das „lille bamsen" rächen.

„Ach ja, ich wollte dir ja noch erzählen, woran ich mich erinnert habe.“ Verführerisch und mit diesem ganz besonderen Blick fixierte er die himmelblauen Augen direkt über Seinen. Langsam und bedächtig wanderten seine Finger Gretchens Wirbelsäule entlang. Wirbel für Wirbel. Und platzierten sich dann auf ihrem Hinterteil. Jede Hand umschloss fest eine ihrer Pobacken.

„Weißt du, dass du wirklich eine gelehrige Schülerin bist? Dein Norwegisch ist ja sozusagen exzellent. Dabei fällt mir ein, habe ich dir schon mal gesagt ‚Du har øyne som stjerner‘?“

Gretchens Blick veränderte sich. ‚Du hast Augen wie Sterne‘. Natürlich hatte er ihr das schon mal gesagt. Damals. Aber warum fragte er sie das? Jetzt? Irritiert schaute sie ihn an. „Weißt du das nicht mehr? Ja, du hast es mir schon mal gesagt. Damals in der Sauna. Und es war so wunderschön, als du es mir in der Umkleidekabine ins Ohr geflüstert hast. Direkt nachdem wir …“ Plötzlich hielt sie inne. Misstrauisch kniff sie ihre Augen zusammen. „Marc Meier, worauf willst du hinaus?“

„Ich? Auf nichts. Ich habe mich halt nur gerade an einen einzigartigen Quicki erinnert.“ Ganz bewusst hatte er diesen Ausdruck gewählt. Schließlich führte er hier einen Rachefeldzug und da kämpfte man mit allen Mitteln. Auch mit den Unfairen. Schließlich wusste er nur zu gut, dass seine Freundin solche Dinge zwar auch ganz gerne tat, aber nicht mal halb so gerne darüber sprach.

Marc spürte, dass Gretchen den Atem anhielt. Es wurde also Zeit, zum finalen Dolchstoß auszuholen.

„Ach ja, ich weiß jetzt auch nicht warum, aber in diesem Zusammenhang musste ich dann auch noch an eine alte verschrumpelte Norwegerin denken, die dir mit einem wissenden Blick verschwörerisch zugezwinkert hat, als wir aus der Dusche gekommen sind.“ Mittlerweile konnte Marc kaum noch an sich halten. Er war kurz davor, einen Lachanfall zu bekommen. Sein Bauch zuckte bereits verdächtig. Vor allem, wenn er sich vorstellte, dass Gretchen jetzt mit einem dunkelroten Kopf in der Dunkelheit vor sich hin glühte.

„Und an zwei verräterische dunkelrote Handabdrücke auf deinen Pobacken.“ Während er das sagte, kniff er in die beiden besagten Körperteile herzhaft hinein und fing schallend an zu lachen.

Verliebt umarmte Marc Gretchen. Er zog sie fest an sich und vergrub sein Gesicht tief in ihren duftigen Haaren. Leise flüsterte er ihr ins Ohr. „Und nenn mich nie wieder ‚lille bamsen‘.“ Und um seiner Drohung noch ein wenig Nachdruck zu verleihen, hauchte er ihr einen feuchten Schmatzer auf die Ohrmuschel. Gretchen hasste das. Eigentlich wollte Marc Gretchen jetzt küssen. Für ihn war die Sache erledigt und die Erinnerung an diese ganz besonders heiße Dusche weckten ganz besondere Gefühle in ihm.

Nicht aber in Gretchen. Die sann jetzt, wütend wie sie war, auf Rache. Sie hasste es, wenn Marc sie wegen dieser Geschichte aufzog. „Ach ja mein liebes 'lille bamsen'. Vielleicht ist es nun an der Zeit, dir reinen Wein einzuschenken. Ich habe dich nämlich damals angeflunkert, als ich gesagt habe, dass ich noch nie in einer Sauna war. Ich war vorher doch schon mal in einer Sauna“ Und mit süffisanter Stimme fuhr sie fort. „Mit Cedric Stier.“

Treffer versenkt.

Dass diese Saune die Größe eines Gästeklos hatte und sie hochgeschlossen für fünf Minuten dieses Experiment, und etwas anderes war es damals nicht für sie, gewagt hatte, ließ sie an dieser Stelle einfach unerwähnt. Gretchen hatte sich gerade so sehr über Marc geärgert, dass sie in der Wahl ihrer Waffe etwas unüberlegt agiert hatte. Schließlich barg diese Information ein ungeahntes Eifersuchts- und somit Streitpotential bei Marc. Nicht zuletzt war dies auch der Grund, weshalb Gretchen im Januar diese Information nicht preisgegeben hatte. Und in einem Saunaparadies war sie tatsächlich zuvor nie gewesen.

Sein erster Impuls war Wut. Unbändige Wut. Auf Gretchen. Was wollte sie ihm damit sagen? Andererseits wusste er mit hundertprozentiger Sicherheit, dass da damals nichts zwischen Cedric und Gretchen gelaufen war, so dass er sich auf die Provokation von Gretchen dann doch nicht einließ. Ihm war schnell klar, dass sie ihn nur ärgern wollte. Und wer im Glashaus sitzt, sollte ja bekanntlich nicht mit Steinen werfen.

Schwungvoll drehte er sich und Gretchen einmal um die eigene Achse, so dass er jetzt auf ihr lag. Um sein Gewicht etwas abzufangen, stütze er sich mit seinen Armen neben ihrem Kopf ab. Leise und mit verführerischem Unterton begann er zu sprechen, während er sie mit diesem einzigartigen Blick anschaute, der bei Gretchen umgehend eine Gänsehaut am ganzen Körper hervorrief, gepaart mit einem verlangenden Ziehen in der Magengegend.

„Aber ich bin mir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sicher, dass dieser Saunabesuch mit Cedric, wann auch immer der gewesen sein soll, nicht mal im Ansatz so heiß war wie unserer.“

Langsam begann er, Gretchens Ohrläppchen mit seiner Zunge zu liebkosen. „Denn das, meine Liebe, was du da mit mir in der Dusche veranstaltet hast, das war richtig geil. Nicht schön. Nicht zauberhaft. Nicht wundervoll. Nein, das war richtig geil!“ Und auch diese Worte hatte er mit Bedacht gewählt. Vielleicht wollte er ja doch mit Steinen werfen?

„Ich hätte jetzt einen Vorschlag zur Güte. Sozusagen ein Versöhnungsangebot, damit wir unseren morgigen Umzug nicht im Streit beginnen. Reicht dein Norwegisch noch für ‚kyss på hele deg‘?“

Gretchen lachte. Auch sie hatte natürlich kein Interesse an einer mitternächtlichen Auseinandersetzung mit ihrem Freund. Noch dazu, ohne Grund.
„‚Lille bamsen‘“, hauchte sie Marc daher nicht weniger anzüglich entgegen. „Mein Norwegisch ist perfekt. Und ja, du darfst meinen Körper mit Küssen bedecken.“

Der kleine Norwegisch-Kurs im Iglu hatte sich also bezahlt gemacht.

Pippi Langstrumpf Offline

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07.03.2012 22:26
#82 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

84 Berlin – Juni 2015

Gretchen weinte.

Rotz und Wasser hätte sie weinen können, hätte sie nicht ein gewisser Ex-Chirurg liebevoll und trostspendend in seine starken Arme genommen. Bereits am späten Vormittag des Umzugstages hatte Gretchen mit ansehen müssen, wie eine Horde stattlicher Möbelpacker, allesamt mehr oder weniger ansehnliche Männer zwischen zwanzig und dreißig Jahren, ihr neues Heim und somit den frisch versiegelten Parkettfußboden mit ihren klobigen und vor allem dreckigen Arbeitsschuhen betreten hatte. Und zwar ohne sich zuvor die Schuhe abzuputzen, geschweige denn auszuziehen. Tatsächlich wäre es Gretchen viel lieber gewesen, wenn sich die Angestellten des renommierten Berliner Umzugsunternehmens an der Wohnungstür ihre Schuhe mit den Stahlkappen ausgezogen hätten, um das altberliner Parkett zu schonen. Aber das war natürlich nicht der Grund, weshalb Gretchen zwei Stunden später kurz vor einem mittelschweren Nervenzusammenbruch stand.

Nein, der Grund für Gretchens Stimmungstief war eine Schramme. Eine tiefe Schramme, die nun eine der zuvor frisch abgeschliffenen und neu lackierten Flügeltüren des Wohnzimmers in spe zierte. Zugegebenermaßen war es keine kleine Schramme. Diese Schramme war sogar ausgesprochen lang und an manchen Stellen sogar sehr tief. An einigen Stellen konnte man sogar bis tief auf das dunkle Holz des Türinnern schauen. Ein schweres, metallenes Bein des tonnenschweren Kickers, der nun das Arbeitszimmer von Marc zierte, war der Übeltäter.

Sage und schreibe vier gestandene und noch dazu äußerst erfahrene Männer hatten dieses Monstrum von Möbelstück, das Marc sich schon vor einer Woche in die Garage seiner Mutter hatte liefern lassen, in das neue Heim des jungen Glücks transportieren müssen. Mit Hilfe von Rollbrettern und Tragegurten war auch anfänglich alles gut verlaufen. Aber ausgerechnet an der Tür des Wohnzimmers, das durchquert werden musste, um in das Arbeitszimmer von Marc zu gelangen, hatte es dann den Zwischenfall gegeben. Einer der Möbelpacker war aufgrund eines dummen Fehlers gestolpert und an seinem Tragegurt hängen geblieben. Hätte sein Kollege nicht so geistesgegenwärtig reagiert, es wäre mehr passiert, als eine reparable Schramme in einer Holztür.

Aber diese Schramme reichte aus, um dem bis in die letzte Nervenfaser angespannten Gretchen die Tränen der Verzweiflung in die Augen zu treiben. Schnell hatte Marc den Ernst der Lage erkannt und Gretchen an diesem sonnigen Tag aus der Gefahrensituation heraus in den kleinen Garten manövriert. Dort saßen sie jetzt in ihrem nagelneuen Strandkorb, der genau seit einer Stunde ihre kleine Terrasse, die im Grunde gar keine richtige Terrasse war, verschönerte. Dunkelblau war das gute Stück, mit einer blau-weiß gestreiften Markise. Franz Haase hatte es sich nicht nehmen lassen, seiner Tochter, die er bekanntermaßen über alles liebte, und seinem ehemaligen Oberarzt, den er ebenfalls schon vor vielen Jahren auf eine ganz väterliche Art und Weise in sein Herz geschlossen hatte, dieses Prachtexemplar zur schenken. Sozusagen als Einzugsgeschenk. „Für mehr ist ja auf eurer Mini-Terrasse kein Platz.“ Das waren seine Worte, als er vor etwas mehr als einer Woche Gretchen den Katalog eines bekannten Sylter Strandkorbmachers feierlich überreicht hatte.

„Süße, kannst du mir auch nur einen Grund nennen, weshalb du gerade so einen hysterischen Heulanfall bekommst?“ Marc hatte einen Arm um die zitternden Schultern seiner Freundin gelegt und zog sie etwas näher an seinen Oberkörper. „Es ist doch gar nichts passiert.“, versuchte Marc die Beschädigung der Wohnzimmertür zu bagatellisieren. Wohl wissend, wie wichtig Gretchen diese ganze Angelegenheit mit dem Umzug und der Wohnung war.

„Ich weiß auch nicht, warum ich so reagiere.“, schluchzte Gretchen hemmungslos in das dunkelblaue Poloshirt, das Marc an diesem Tag trug. „Ich bin schon die ganze Zeit so nervös und habe Angst, dass etwas Schreckliches passiert. Dass etwas schief läuft oder etwas kaputt geht. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich total müde bin. Das Gewitter heute Nacht und dann das frühe Weckerklingeln.“

Gretchen atmete tief ein und rieb mit ihren Handflächen fest über ihre Wange, so dass sie sich kurzzeitig rot verfärbten. „Ich mach‘ echt drei Kreuze, wenn das hier vorüber ist.“ Und etwas enttäuscht fügte Gretchen noch hinzu. „Ich dachte halt, dass das heute der schönste Tag in meinem Leben wird.“

Marc drehte sein Gesicht zur Seite, hauchte Gretchen einen langen, zärtlichen Kuss auf die noch leicht gerötete Wange und versuchte, die Ruhe selbst zu sein. Er wusste, dass er seiner Freundin in diesem Moment nicht mit guten Argumenten kommen konnte. Dafür war sie in diesem Moment viel zu irrational. Nein, was Gretchen jetzt brauchte war Trost, Ruhe und Geborgenheit – und ein dickes Taschentuch.
Letzteres hatte Marc an diesem wunderschönen Tag mitten im Juni leider nicht griffbereit, aber mit den erstgenannten Notallarzneien
konnte er durchaus aufwarten.

Marc war die Ruhe selbst. Er war weder angespannt, noch nervös. Für ihn war dieser Umzug in die neue Wohnung, anders als für Gretchen, keine große Sache. Hatte er im Vorfeld doch alles akribisch, wie es seine Art war, durchdacht und geplant. Zusammen mit Gretchen hatte er das beste Umzugsunternehmen Berlins gebucht. Wobei an dieser Stelle schon erwähnt werden muss, dass Gretchen in diesem Fall auch auf ein nicht ganz so renommiertes, dafür aber kostengünstigeres Unternehmen zurückgegriffen hätte. Aber bei so einer wichtigen Angelegenheit, wie dem Umzug seiner teuren Designermöbel, machte ein Marc Meier keine Kompromisse. Ebenso wenig wie bei der Wahl des Malereibetriebes, der die Renovierung der wunderschönen Altbauwohnung im Erdgeschoss der Jugendstil-Villa übernommen hatte. Und auch ebenso wenig wie bei der Wahl der neuen Einbauküche. Mit anderen Worten, Marc Meier verließ sich guten Gewissens auf die Dienstleister, die er eigens für das Unternehmen Marc-und-Gretchen-ziehen-zusammen engagiert hatte, so dass er sich mit Ruhe und Gelassenheit um die Belange seiner hyperventilierenden Freundin kümmern konnte.

Nach einer weiteren Viertelstunde Aufbauarbeit waren Gretchens Tränen versiegt. Und glücklicherweise hatte Marc seine zu Tode betrübte Freundin mittlerweile davon überzeugt, dass der Schaden an der Holztür wieder repariert werden konnte und, natürlich auf Kosten des Umzugsunternehmens, auch von dem Schreiner ihres Vertrauens repariert werden würde. Denn natürlich ließ Marc diesbezüglich nicht mit sich verhandeln. Diesbezüglich war er auch nach vier Jahren im norwegischen Exil immer noch Marc Meier. Inkompetenz war ihm noch immer zuwider.

„Übrigens bist du nicht die einzige, die heute Nacht nicht viel geschlafen hat.“ Verschmitzt lächelte Marc Gretchen an. Versonnen strich er ihr zärtlich eine Strähne hinters Ohr, die sich aus ihrer, für sein Empfinden, äußerst komplizierten Hochsteckfrisur gelöst hatte.

„Aber im Gegensatz zu mir bist du dann irgendwann eingeschlafen. Wenn hier also jemand ein wenig Aufmunterung bräuchte, dann ja wohl ich.“ Mitleidheischend suchten seine Augen, die in der Mittagssonne in einem tiefen Grün erstrahlten, die noch immer etwas geröteten Augen von Gretchen. Zumindest ein kleines Lächeln huschte schon einmal über ihr Gesicht.

Verliebt sprach Marc weiter. „Und weißt du auch, warum ich nicht einschlafen konnte? Ich habe die ganze Zeit an uns denken müssen. An dich. Heute Nacht waren wieder so viele wunderschöne Momente in meinem Kopf. Ganz besondere Momente. Momente, von denen ich immer noch nicht glauben kann, dass sie wirklich passiert sind.“ Marc lachte kurz auf und tippt sich an die Stirn. „Ist alles hier oben abgespeichert. Wie auf einer Festplatte.“

Er trankt einen Schluck aus einer Colaflasche, die sie sich mit in den Garten genommen hatten. „Okay, Vorschlag zur Güte. Wenn der ganze Trubel hier vorbei ist, dann machen wir es uns hier draußen richtig gemütlich. Die Kisten können wir morgen immer noch auspacken.“ Er drehte die Colaflasche wieder zu und stellte sie auf den Boden. „Und dann spielen wir unser Spiel – und du darfst anfangen.“ Er hatte es geschafft. Gretchen hatte ihr zauberhaftes Lächeln wiedergefunden. „Aber keinen Schweinkram!“

Ihr Spiel. Angefangen hatten sie damit, als Marc nach Sydney fliegen musste und Gretchen ihn aufgrund einer wichtigen Kampagne des Medizinischen Mobils, an der sie maßgeblich beteiligt war, nicht begleiten konnte. Via Videochat hatten sie sich gegenseitig über ihren Alltag in den weit entfernten Kontinenten auf dem Laufenden gehalten. Und irgendwann hatten sie dann angefangen, sich kleine Episoden ihres Zusammenseins aus ihrer jeweils ganz eigenen Perspektive zu erzählen. Aus einer Laune heraus hatte Marc eines Tages damit begonnen. Um Gretchen eine Freude zu machen. Um ihr zu erzählen, wie sehr ihn schon damals dieser kleine Pfeil Amors getroffen hatte. Marc hatte Gretchen erzählt, wie es ihm im Hebst des vergangenen Jahres auf der Tagung in Freiburg ergangen war, als sich ihre Blicke so unvermittelt getroffen hatten. Und daraus hat sich dann dieses Spiel entwickelt. Ihr Spiel. Mittlerweile haben sie das Ganze perfektioniert. Einer sagte den Tag, die Begebenheit oder den Moment und der andere muss erzählen.

„So und bevor wir jetzt wieder da rein gehen und den starken Männern auf die schmutzigen Finger schauen, sage ich dir noch eins.“ Tief bohrte er seinen Blick in ihr Inneres. „ Mach dir keine allzu großen Hoffnungen. Ich glaube nicht, dass das hier der schönste Tag deines Lebens sein wird. Weder deines bisherigen Lebens. Da fallen mir auf Anhieb ein paar schönere Kandidaten ein. Noch deines zukünftigen Lebens. Denn auch da gibt es bestimmt noch ein paar ganz heiße Anwärter auf den Titel.“

Mittlerweile hatte Marc Gretchens Gesicht sanft in seine Hände genommen und streichelte mit seinem Daumen über ihre geröteten Wangen. Verliebt schaute er ihr in die Augen. In die schönsten blauen Augen, die es auf diesem Planeten gab, wie Marc fand. Verliebt küsste er sie. Sacht. Zärtlich. Liebevoll.

Verliebt fragte er sich, ob sie seine Andeutung wohl verstanden hatte.


Pippi Langstrumpf Offline

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10.03.2012 23:34
#83 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

85 Berlin – Juni 2015

Es war vollbracht.

In Rekordzeit hatten die engagierten Möbelpacker den Umzug des Paares Haase – Meier vollzogen. Sowohl die Garage von Elke Fisher, als auch die Wohnung von Gretchen waren nun besenrein. Alle Möbel und Kisten hatten ihren Weg in die neue Wohnung und an ihren neuen Platz gefunden.

Lange hatten Gretchen und Marc im Vorfeld über die Einrichtung ihrer ersten gemeinsamen Wohnung diskutiert. Denn wer hätte es gedacht, aber beim Thema Inneneinrichtung hatte Marc sich nur schwer auf Kompromisse einlassen können. Während für Gretchen die Atmosphäre der Wohnung im Vordergrund stand, war für Marc ausschließlich das Design von Bedeutung. Exklusivität war ihm wichtig.

Nach einigem Hin und Her hatten Marc und Gretchen sich dann aber doch einigen können. Im Wohnzimmer kombinierten sie einfach das schicke Sofa von Marc mit den weißen Möbeln von Gretchen. Anstelle eines bekannten Kunstdruckes an der Wand hatte Marc allerdings auf ein echtes Kunstwerk eines bekannten Berliner Künstlers bestanden. Ebenso wie auf originelle Lampen im Bauhausstil. Esstisch und Stühle, Bett, Kommode und Schrank, sowie die Einbauküche hatten sie im Vorfeld des Umzuges gemeinsam ausgesucht. Interessanterweise waren sich Marc und Gretchen bei ihren Neuerwerbungen in Sekundenschnelle einig. Marc suchte aus und Gretchen nickte die teuren Designermöbel ab. Eine Ausnahme war natürlich die Küche. Hier bedurfte es dann doch einiger Beratungstermine, bevor sie sich für die endgültige Ausführung entscheiden konnten.

Zwei der vier Zimmer sollten als Arbeitszimmer, ergo Rückzugszimmer genutzt werden. Während Gretchen sich ein gemütliches Lesezimmer mit ihren übrigen Möbeln und ein paar Neuerwerbungen einrichtete, beließ es Marc eher bei einem puristischen Kickerzimmer mit einem protzigen Flachfernseher und ein paar riesigen Sitzsäcken.

Wie verabredet, haben es sich Marc und Gretchen nach dem anstrengenden Umzugstag in ihrem wunderschönen Strandkorb gemütlich gemacht.

Vorher hatte Gretchen dann aber doch nicht die Finger von den Kisten lassen können. Und als die Möbelpacker dann endlich die letzte Lampe im Flur angebracht hatten, konnte Gretchen das Kribbeln in ihren Fingerspitzen nicht mehr unterdrücken. Zumindest das Schlafzimmer wollte sie noch an diesem Tag wohnlich herrichten. Und das war ihr dann auch gelungen. Das Bettzeug wurde in eine wunderschöne, in Grüntönen gehaltene Satinbettwäsche gehüllt und ein farblich dazu passendes Laken wurde ebenfalls aufgezogen. Die geräumige weiße Kommode, die Marc und Gretchen passend zum neuen Bett und zum Schrank ausgesucht hatten, war mit ihren Habseligkeiten bestückt worden. Ebenso wie der riesige Schrank. Zum Schluss musste Gretchen ein paar der zahlreichen Umzugskisten öffnen, bevor sie das noch fehlende Accessoire gefunden hatte. Ihr Weihnachtsgeschenk. Der silberne Bilderrahmen bekam natürlich seinen angestammten Platz auf der Schlafzimmerkommode. Direkt neben einem schlichten Windlicht, in dem an diesem Tag eine kleine grüne Kerze stand. Für Gretchen spielte der Wohlfühlfaktor dann eben doch eine große Rolle.

Mit anderen Worten, Gretchen und auch Marc hatten an ihrem Umzugstag bereits ganze Arbeit geleistet. Erschöpft, aber glücklich gönnten sie sich nun, es war bereits früher Abend, eine riesige Pizza, die sie sich teilten. Da sie sich, was die Geschmacksrichtung anging, nicht hatten einigen können, war die eine Hälfte der Pizza nun mit Ananas und Schinken, die andere Hälfte mit Rucola, Parmesan und Parmaschinken belegt. Erschöpft, aber wunschlos glücklich streckten sie ihre müden Beine auf den Fußstützen ihres neuen Strandkorbes aus. Ihre Füße waren nackt und berührten sich leicht.

„Willst du mal kosten?“, nuschelte Gretchen mit vollem Mund und hielt Marc ein Stück ihrer Hawaii-Pizza unter die Nase.

„Äh, nein danke.“ Angewidert drehte Marc seinen Kopf zur Seite und schob Gretchens Hand von sich weg. „Hawaii-Pizza ist etwas für Frauen und Schwuchteln.“

„Hä, wer sagt denn sowas? Mehdi isst sie doch auch ganz gerne.“

„Siehst du, sag ich ja.“, schmunzelt Marc rechthaberisch.

Schweigend kauten sie vor sich hin.

„Warum hat du denn vorhin eigentlich so überreagiert?“ Kauend und mit vollem Mund schaute Marc neugierig zur Seite.

„Weiß nicht.“ Auch Gretchen hatte gerade einen großen Bissen im Mund und war bemüht, den erst runterzuschlucken, bevor sie weitersprach. „Ich glaub, ich war heute irgendwie besonders angespannt. Alles sollte perfekt sein. Und dieser Kratzer hat eben irgendwie nicht in meine Vorstellung von einem perfekten Tag gepasst.“ Nachdenklich biss Gretchen wieder von einem großen Stück ihrer Pizza ab, die sie in ihrer Hand hielt.

„Wenn du jetzt lachst, dann schläfst du heute Nacht auf dem Sofa.“ Misstrauisch schaute Gretchen zur Seite. „Von diesem Tag heute träume ich seit dem ich denken kann. Du und ich, zusammen in einer Wohnung. Ich meine, richtig zusammen, in unserer gemeinsamen Wohnung. Da kann man schon mal in Stress geraten.“ Gretchen lachte und beugte sich zur Seite, um Marc einen dicken Kuss mit ihren fettigen Pizza-Lippen auf seine stoppelige Wange zu drücken. „Aber zum Glück hatte mein Dr. Meier ja die entsprechende Medizin zur Hand. Seine starke Schulter.“

Von der Seite kam nur ein glückliches Grinsen. Mehr nicht.

Schweigend aßen sie ihre Pizza auf, tranken Cola light und Bier. Die Junisonne blitzte durch die dichten Nadelbäume, die das kleine Gärtchen und die dazugehörige Mini-Terrasse vor neugierigen Blicken der Nachbarn schützten. Es war sehr warm, wenn auch nicht mehr ganz so schwül wie am Vortag.

Nackte Füße streichelten einander.

„Valentinstag.“ Eng kuschelte sich Gretchen an Marcs Brust und schlang ihre Arme fest um seinen Oberkörper.

Marc verzog verneinend sein Gesicht. „Gretchen, wie oft hab ich dir das jetzt schon erzählt? Gefühlte tausend Mal.“

Aber Gretchen kannte keine Gnade. „Und jetzt erzählst du es mir dann eben zum tausendundeinsten Mal. Du hast gesagt, dass ich anfangen darf und das tue ich hiermit. Von irgendwelchen Einschränkungen bezüglich meiner Auswahl war nicht die Rede. Also, darf ich bitten?“ Gespielt ungeduldig klopfte Gretchen Marc mit der flachen Hand auf seinen muskulösen Bauch.

„Na warte, das kriegst du gleich zurück.“ Während Marc anfing zu sprechen, streichelte er Gretchen zärtlich die nackte Haut zwischen ihrem Hosenbündchen und der etwas hochgerutschten Bluse. „Also, Valentinstag. Wie lange hatten wir uns nicht gesehen? Fünf Wochen glaube ich. Du hattest diese Weiterbildung in der Charité und ich war mit den Klausuren und mündlichen Prüfungen der Studenten beschäftigt.“ Marc lächelte, weil er wusste, dass Gretchen das, was jetzt folgte, besonders gern hörte.

„Und ich muss gestehen, ich habe dich in dieser Zeit sehr vermisst. Ich habe jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde an dich gedacht. Immer. Beim Einschlafen, beim Aufwachen, in der Nacht, bei der Arbeit, beim Joggen sowieso und sogar beim Zähneputzen. Immer habe ich mir gewünscht, dass du bei mir bist. Einfach nur bei mir. Und das habe ich mir so sehr gewünscht, dass ich am Morgen des Valentinstages auf einmal das Gefühl hatte, dich an diesem Tag, und an keinem anderen, sehen zu müssen. Ach ja, eigentlich hätte ich ja gar nicht gewusst, dass Valentinstag war, aber an diesem Morgen hattest du mir schon ganz früh eine SMS geschickt.“

Ich liebe dich bis zu meinem Stern!

„Später hast du mir ja erzählt, dass es diesen Satz so ähnlich in einem berühmten Kinderbuch gibt. Aber ich fand die SMS trotzdem schön. Sehr schön sogar. Ich wollte dich an diesem Tag sehen. Kostete es, was es wollte. Und schließlich wollte ich ja dann auch endlich mal mein Weihnachtsgeschenk ausprobieren. Um dich in Sicherheit zu wiegen, habe ich dir dann einen kleinen Blumenstrauß ins Krankenhaus geschickt. Was stand noch mal auf dem Kärtchen?“

„Jeg elsker deg.“, antwortete Gretchen ohne zu zögern.

„Weißt du eigentlich, wie süß sich das anhört, wenn du das sagst?“ Verliebt hauchte er einen leichten Kuss auf ihre im Sonnenlicht golden schimmernden Locken. „Das könntest du mir den ganzen Tag sagen.“

„Ich bin dann nach meinem Dienst nach Berlin geflogen, hab mir ein Taxi zu dir genommen und du warst nicht da, als ich geklingelt habe. Eigentlich war ich total enttäuscht, weil ich mir meine Valentinstagüberraschung dann doch etwas anders vorgestellt habe. Auf dem Handy hab ich dich nicht erreicht und in deiner Wohnung brannte kein Licht. Ich hab dann einfach irgendwo geklingelt, so dass ich ins Treppenhaus konnte. Eigentlich wollte ich dann vor deiner Tür warten. Aber dann hatte ich mit einem Mal diese Idee. Ich bin dann weiter nach oben auf den Dachboden gelaufen. Und als ich gesehen hab, dass die Dachluke geöffnet war, habe ich plötzlich ein ganz dolles Kribbeln im Bauch gespürt.“

Marc griff nach Gretchens Hand und legte sie in der Höhe seines Bauchnabels auf seinen Bauch. „Genau hier. Ich bin dann die Leiter hochgeklettert und dabei habe ich mir die ganze Zeit gewünscht, dass ich gleich die schönste Frau, die das Universum zu bieten hat, sehen werde. Und so war es dann ja auch. Ich hab dich sofort gesehen. Dick eingemummelt hast du da gesessen und die Sterne angeschaut. Und als ich dich da so gesehen hab, wusste ich sofort, dass du an mich denkst. In dem Moment hat mein Herz ganz doll geklopft und ich war total aufgeregt. Fast so wie am Nikolaustag. Mit dem kleinen Unterschied, dass alles, was dann folgte, wunder wunderschön war.“

Marc schloss seine Augen, als er wieder Gretchens Hand in seine nahm und zart ihren Handrücken küsste. „Was nicht heißen soll, dass Nikolaus nicht schön war. Aber es war anders. Noch nicht so vertraut. Ungewiss. Damals musste ich noch hoffen.“

Er kuschelte sich noch etwas enger an Gretchen. „Im Februar war das ja schon alles geklärt. Aber aufgeregt war ich trotzdem. Und als du dich dann umgedreht und mich gesehen hast. Diesen Blick werde ich nie vergessen. Weißt du, was ich in dem Moment gedacht hab?“

Marc flüsterte es Gretchen ins Ohr.

„Marc Meier, diese Frau, diese wundervolle Frau, die liebt dich wirklich. Und zwar so wie du bist. Das war ein total schönes Gefühl.“

Pippi Langstrumpf Offline

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13.03.2012 10:59
#84 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

86 Berlin – Juni 2015

Sie schwiegen. Mit einem Lächeln auf den Lippen.

Noch immer ließen sie sich die Abendsonne auf ihre Zehenspitzen scheinen. Warm. Entspannend. Schön. Mit einem Mal begann Marc, seine Sitzposition zu verändern. Er zog seine Beine eng an seinen Oberkörper, drehte sich auf dem Hosenboden um fünfundvierzig Grad zur Seite und versuchte, seine Füße auf Gretchens Schoß abzulegen. Eine kleine Massage seiner Fußsohlen hätte ihm jetzt gefallen. Nach dem anstrengenden Umzugstag. Aber auch sonst. Er liebte es, wenn Gretchen mit ihren feinfühligen Händen seine Fußsohlen und seine Zehen auf ihre ganz eigene, liebevolle Art massierte. Aber leider machte die Breite des Strandkorbes dieses Vorhaben unmöglich und ihm einen Strich durch die Rechnung. Marcs Beine waren einfach zu lang oder die Sitzfläche des Strandkorbes zu schmal. Also musste umdisponiert werden. Eng kuschelte sich Marc an Gretchen. Mit dem Rücken lehnte er sich an ihren Oberkörper. Gretchen legte einen Arm um ihn und strich ihm mit der anderen Hand gedankenverloren durch seine ungestylten Haare.

„Hm, das ist schön. Na dann nehm‘ ich eben die Kopfmassage. Aber bitte nicht so schnell wieder aufhören.“, murmelte Marc wohlig in seinen Dreitagebart und positionierte Gretchens Hand direkt an seiner Schläfe. „Hier ist es immer besonders schön. Aber nicht so doll drücken, sonst wird die Stelle taub. Und das mag ich gar nicht.“ Ein zufriedenes Brummen drang an Gretchens Ohr.

Gretchen grinste in sich hinein. Ihr gefiel es, wenn Marc auf diese Weise ihre Nähe suchte. Ihr gefiel es, wenn er sich bei ihr ankuschelte, Streicheleinheiten einforderte oder wie heute, ihr eine Massage abschwatzte. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte er das selten gemacht. Eigentlich nie. Immer war er derjenige gewesen, der sie im Arm gehalten hatte. Sie hatte sich an ihn gekuschelt. Immer war Marc der Starke. Aber seit einiger Zeit tauschten sie auch schon mal die Rollen und Marc war derjenige, der einfach nur mal in den Arm genommen werden wollte. Gretchen spürte immer deutlicher, dass Marc sich mit jedem Tag ihrer Beziehung freier fühlte. Und mit jedem Tag ihrer Beziehung konnte er sich weiter fallen lassen. In ihre Arme. Und dieses Gefühl machte Gretchen sehr glücklich.

Schweigend konzentrierte sich Gretchen auf ihre Kopfmassage, während Marc in unregelmäßigen Abständen den angenehmen Gefühlen, die Gretchen auf seine Kopfhaut zauberte, durch ein tiefes Brummen Ausdruck verlieh. Ohrenscheinlich genoss er das, was Gretchen da auf seinem Kopf tat, in vollen Zügen. Und Gretchen? Die fand es einfach nur schön, seine Haare zwischen ihren Fingern zu spüren. Irgendwie mochte sie dieses Gefühl, das seine weichen Haare auf ihren Fingerspitzen hinterließ. Manchmal waren sie ein bisschen widerspenstig und immer hatten die Haare ihren eigenen Kopf. Egal in welche Richtung sie von Gretchens Fingern gestrichen wurden, immer wieder sprangen sie in ihre Ausgangsposition zurück.

„So, und jetzt bin ich dran.“, forderte Marc die nächste Dienstleistung seiner Freundin ein. „Der Tag, an dem ich aus Sydney zurückgekommen bin.“ Und herausfordernd fügte er hinzu. „Und ich will es hören.“

Entsetzt richtete Gretchen sich ein wenig auf. „Wir haben gesagt, ohne Schweinkram.“

„Gretchen, ich habe gesagt, der Tag, an dem ich zurückgekommen bin, nicht die Nacht. Komm. Ich hab dir auch zum tausendundeinsten Mal deinen Valentinstag erzählt. Quid pro quo.“

Gretchen überlegte kurz. „Na gut. Also. Der Tag an dem du aus Sydney gekommen bist.“ Nachdenklich schaute sie ins Leere. „Eigentlich muss ich da ja einen Tag vorher anfangen zu erzählen. Wir haben zum letzten Mal telefoniert, bevor dein Flug ging. In Sydney war es abends und in Berlin morgens. Ich hab dir erzählt, dass an diesem Tag wieder Mehdi-Abend ist und du hast so ausgesprochen süß reagiert …“

Marc unterbrach sie grummelig. „Ich hab überhaupt nicht süß reagiert. Ich hab so reagiert, wie jeder Mann in meiner Situation reagiert hätte.“

„Ehrlich gesagt, hast du bei meinem ersten Mehdi-Abend, als du zu mir in die Wohnung gezogen bist, auch nicht anders reagiert. An der Situation kann es also kaum gelegen haben.“ Gretchen tat, als würde sie überlegen. „Was hast du da noch mal zu mir gesagt? Alkohol ist tabu, wir wissen ja, was da Schlimmes passieren kann. Lass dich nicht anfassen, Mehdi ist so ein Fummeltyp. Und wehe, du redest mit ihm über mich! Von der SMS mal ganz zu schweigen.“

Entsetzt setzte Marc sich auf. Ungläubig weiteten sich seine Augen. „Du weißt von der SMS? Dieses Verräterschwein!“

„Natürlich weiß ich davon. Mehdi ist mein bester Freund. Er wollte mir aber nur zeigen, wie sehr du mich wohl liebst, wenn du dich zu solchen Nachrichten hinreißen lässt. Und lass ja die Finger von meiner Freundin, sonst hau ich dir eine rein. Grüße aus Sydney, Marc. Wirklich, sehr einfallsreich. “, neckte sie ihn.

Marc fühlte sich etwas unwohl in seiner Haut und versuchte, sich zu erklären. „Weißt du, ich war eben so viele tausend Kilometer weg. Und dieser Mehdi-Abend. Das ist eben echt komisch für mich. Ich darf da nicht mit und Astrid auch nicht. Ich hab mich irgendwie so machtlos gefühlt. Ich weiß doch, dass Mehdi scharf auf dich ist. Schon immer war…“

Genervt unterbracht Gretchen Marcs Monolog. „Marc Meier, du redest dich gerade um Kopf und Kragen. Mehdi ist mein bester Freund. Punkt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und die Mehdi-Abende gibt es mittlerweile schon seit mehreren Jahren. Damit werden wir bestimmt nicht aufhören, nur weil wir jetzt zusammen sind. Und trotzdem bist du der Mann, den ich liebe. Kannst du dir das vorstellen?“

Zerknirscht kuschelte Marc sich wieder an Gretchen. „Aber diese Mehdi-Abende sind immer etwas ganz Besonderes für dich. Schon allein der Name. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Mehdi-Abend. Warum gibt es eigentlich keine Marc-Abende?“ Den eifersüchtigen Unterton in seiner Frage konnte er kaum noch verbergen.

„Willst du mich jetzt nur noch einmal im Monat sehen?“ Gretchen hatte Marc bewusst falsch verstanden. „Und weißt du was? Ich glaube, du bist einfach nur eifersüchtig auf Mehdi. Aber bitte, ab jetzt können wir gerne einmal im Monat einen Bärchen-Abend machen. Immer samstags?“ Ohne Marc zu Wort kommen zu lasen, redete Gretchen weiter. „Und bevor wir uns jetzt noch streiten, fang ich einfach mal an, zu erzählen.“

Gretchen legte ihren Arm wieder eng um Marcs Oberkörper und begann mit der Hand des anderen Arms wieder liebevoll durch sein Haar zu streichen. „Denn eigentlich wollte ich dir ja erzählen, dass mich deine kleine Eifersuchtsattacke damals am Telefon sehr sehr glücklich gemacht hat. Sie hat mir nämlich gezeigt, wie wichtig ich dir bin. Wie sehr du mich liebst. Und dann hast du auch noch etwas anderes gesagt. Etwas total Schönes. Du hast gesagt, dass du es kaum noch aushalten kannst. Dass du dich schon so sehr darauf freust, mich in den Armen zu halten, mich zu riechen, zu spüren, zu schmecken, dass du dich schon riesig darauf freust, mit mir zu reden, mir alles zu erzählen. Und dann hast du noch gesagt, dass du es nicht mehr erwarten kannst, mich zu lieben. Und die Art und Weise, wie du das gesagt hast, hat mir nicht nur ein paar Schmetterlinge im Bauch beschert, sondern ein unglaubliches Kribbeln in meinem ganzen Körper.“

Gretchen hielt kurz inne und zog Marc etwas näher an sich heran. Sein Ohr war jetzt ganz nah an ihren Lippen. Kurz biss sie sich auf ihre Unterlippe, wie sie es immer tat, wenn sie unsicher war. „Das ist es doch, was du hören willst. Dass ich dieses Kribbeln gespürt habe. Am ganzen Körper. Überall. Auf einmal konnte ich an nichts anderes mehr denken. Ich hatte immer nur deine Worte in meinem Kopf. Du willst mich lieben. Du hast nicht gesagt, ich will mit dir schlafen, ich will dich vernaschen oder sonst was. Nein, du hast gesagt, ich will dich lieben.“

Kurz überlegte Gretchen, ob sie ganz mit offenen Karten spielen sollte. Aber dann dachte sie an Marcs Satz. Quid pro quo. Auch er hatte sich ihr offenbart. Also würde sie es auch tun. Jetzt.

„Von diesem Augenblick an hatte ich immer wieder diese Bilder vor Augen. Von uns beiden. Nackt. Immer wieder habe ich dich gesehen. Vor meinem inneren Auge. Dein Gesicht. Deine Arme. Deine Hände. Und da hab ich mir eben gedacht, dass es ja vielleicht ganz nett wäre, wenn ich mir noch neue Wäsche kaufen würde. Na ja, und das hab ich dann ja auch gemacht.“

„Ist übrigens meine Lieblingswäsche. Sie passt irgendwie zu dir.“ Marc grinste verwegen. „Schwarze Spitze und ganz kleine rosafarbene Blümchen. Unschuldig und sündig zugleich.“

Gretchen ignorierte gekonnt diese kleine Anspielung. „Am nächsten Nachmittag bist du dann ja angekommen. Und es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl, als du endlich durch diese Glastür der Zollkontrolle gekommen bist. Ich war so aufgeregt. Ich hatte tausend Schmetterlinge im Bauch.“

„Ich auch.“ Verliebt drehte Marc seinen Kopf und schaute nach oben in Gretchens Gesicht. Direkt in ihre Augen. Kurz registrierte er die kleinen Sommersprossen auf ihrer Nasenspitze. „Und weißt du, wann ich noch Schmetterlinge im Bauch hatte? Als ich dich ausgezogen hab. Das war, als würde ich ein Geschenk auspacken.“ Marc intensivierte seinen Blick, bevor er weitersprach. „Und dann hatte ich nochmal dieses aufregende Flattern in meinem Bauch.“

Verschwörerisch zwinkerte er Gretchen zu. Er wusste, dass sie über den Rest des Abends und die Nacht kaum sprechen konnte. Umso verlockender war es für ihn, sie diesbezüglich aus der Reserve zu locken. Mal wieder.

„Als du mir die Hände mit diesem Seidenschal aus Oslo zusammengebunden hast. Ich glaub‘, so doll hat es noch nie in meinem Bauch gekribbelt.“

Dass der aber auch immer über solche Sachen reden will. Eigentlich wollte ich ihm doch nur die Augen verbinden. Kann ich doch nichts dafür, wenn er meinen Witz nicht versteht.

Was hat sie damals noch mal zu mir gesagt? Soll ich dir die Augen oder doch lieber die Hände verbinden? Konnte ja nicht ahnen, dass das nur eine Anspielung auf meinen Handschellenscherz aus Oslo war. Und ich hab doch tatsächlich geglaubt, dass sie so verwegen ist. … Hat sie dann aber trotzdem durchgezogen. … Und wie … Da kribbelt ’s ja gleich wieder überall, wenn ich daran auch nur denke.

Pippi Langstrumpf Offline

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16.03.2012 00:26
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87 Berlin – Juni 2015

Es knisterte zwischen ihnen.

Noch eine ganze Weile gaben sich Marc und Gretchen ihren Erinnerungen an diese ganz besondere Liebesnacht hin. Es war leise zwischen ihnen geworden. Jeder für sich hatte seine eigenen Bilder im Kopf. Jeder für sich hatte seine eigene Sichtweise auf das, was da geschehen war. Jeder für sich spürte dieses aufregende Kribbeln, das vor ziemlich genau drei Wochen auf so einzigartige Weise Besitz von ihnen ergriffen hatte.

Auch jetzt war es wieder da. Da war wieder diese ganz besondere Stimmung zwischen ihnen. Da war etwas, eine Kraft, die sie beide spüren konnten und die ihnen dieses ganz besondere Kribbeln in ihrer Körpermitte bescherte. Ein Knistern. Eine Spannung. Das war nicht nur ihre Liebe. Nein, das war auch eine ganz besondere, eine einzigartige körperliche Anziehungskraft, der sie sich nicht entziehen konnten.

Marc räusperte sich. Noch immer lag er in den Armen von Gretchen und genoss ihre Nähe. Er schloss seine Augen, während er zu sprechen begann. „Gretchen, wenn ich an diese Nacht denke ... Also versteh mich jetzt nicht falsch, aber ich … also ich würd das gerne wiederholen ... Jetzt.“ Fragend blickte er nach oben, direkt in ihre strahlenden, blauen Augen. Mit diesem Blick. Mit diesem Blick, dem Gretchen ohne Netz und doppeltem Boden ausgeliefert war. Jedes Mal, wenn er sie mit diesem Blick ansah. Oder sollte man besser sagen, gefangen nahm? Heiße Blitze jagten durch ihren Körper. Diesem Blick konnte sie sich nicht entziehen. Diesem Blick konnte sie nicht wiederstehen. Diesem Blick wollte sie nicht wiederstehen.

Gretchen musste schlucken. Ihr Mund fühlte sich trocken an, genau wir ihre Lippen. Wieder biss sie sich kurz auf ihre Unterlippe. Ihr Herz klopfte. Aufgeregt. Unsicher. Für Gretchen war das noch immer nicht so einfach. Wenn sich diese Dinge aus einer Situation heraus ergaben, dann fiel ihr das nicht schwer. Sie fühlte sich wohl mit Marc. Sicher. Geborgen. Sie hatte auch keine Probleme, sich gehen zu lassen. Sich Marc hinzugeben oder auch die Initiative zu ergreifen. Auf ihre Art. Aber darüber zu reden und es dann auch noch in die Tat umzusetzen, das konnte sie nicht. Das fiel ihr schwer. Das war ihre ganz persönliche Grenze. Ganz im Gegensatz zu Marc, der ungemein gerne darüber sprach. Fast genau so gerne, wie er es tat.

Hinterher hätte Gretchen nicht mehr sagen können, weshalb sie es gesagt hatte. Sie sprach ganz leise. Fast war es ein Flüstern. „Weißt du noch, was du damals zu mir gesagt hast, als wir vom Flughafen nach Hause gefahren sind? Ich krieg ‘ne Gänsehaut, wenn ich daran denke. “

Kurz befanden sich beide wieder in der Vergangenheit. Kurz dachten beide wieder an die besagte Autofahrt. Gretchen hatte am Steuer des weißen Volvos gesessen, der tatsächlich noch immer treu seine Dienste tat. Trotz seines Alters. Marc hatte sich nach dem langen Flug von Sydney nach Berlin-Schönefeld auf den Beifahrersitz gelümmelt. Er war erschöpft von der langen Reise. Müde. Er sehnte sich nach einer erfrischenden Dusche. Nach seinem Bett. Aber er sehnte sich auch nach seiner Freundin. Sehr sogar. Nach ihrem Körper. Ihrem Duft. Ihrer Wärme. Ihrer Liebe. Plötzlich begann er zu sprechen. Ohne Gretchen anzuschauen. Er schaute einfach aus dem Fenster. Als würde er über irgendetwas sprechen.

„Wenn wir zu Hause sind, dann würde ich gerne duschen. Mit dir zusammen. Nur duschen. Aber ich würde dich vorher gerne ausziehen, wenn ich darf.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, sprach er weiter. Einfach so. „Ich würde dann zuerst deine wunderschöne Bluse aufknöpfen. Knopf für Knopf. Knopf für Knopf würde ich mehr von deiner zarten Haut zu sehen bekommen. Und von deinem BH. Schon den ganzen Flug über habe ich immer wieder darüber gerätselt, welche Farbe deine Unterwäsche heute wohl hat und wie sie aussieht. Dieser Gedanke hat mich einfach nicht mehr losgelassen.“

„Darf ich mal gucken?“ Er beugte sich zu Gretchen herüber und begann, spitzbübisch an ihrer Bluse zu nesteln. Wortlos schlug Gretchen ihm auf seine Finger. Marc schmunzelte. „Dann würde ich dir deinen Rock ausziehen. Ich bin mir sicher, dass der Anblick, der mich erwarten würde, atemberaubend wäre. Ich würde dich gerne umdrehen, wenn ich dir den BH ausziehe. Ich liebe nämlich deinen Nacken. Aber das weißt du ja. Ich liebe es, deine tollen Haare zur Seite zu streichen und dich genau dort zu küssen.“ Ganz sacht berührten seine Finger ihre Halswirbel, die unter ihrer weichen Haut deutlich hervortraten. Kleine Härchen richtete sich genau an der Stelle auf, an der Marcs Finger ihre Haut berührten. „Zum Schluss würde ich dir noch deine Unterhose ausziehen. Natürlich nicht, ohne dich rein zufällig genau dort zu berühren.“ Grinsend schaute er zur Seite. „Ich freu mich drauf.“ „Ich mich auch.“, antwortete Gretchen, während sie konzentriert geradeaus schaute. Autofahren gehörte nach wie vor nicht zu ihren Stärken. Und unter solchen Umständen erst recht nicht.

„Spielen wir noch unser Spiel?“ Wieder sprach Gretchen sehr leise. „Erzähl mir, was du jetzt gerade in diesem Augenblick denkst und fühlst.“ Zärtlich küsste sie ihn auf den Mund. Kurz. Sacht. Er hatte sich aufgerichtet. Sein Kopf war ganz nah bei ihrem. Mit rauer Stimme begann er zu sprechen. „Du willst wissen, was ich jetzt fühle und denke? Nur eins. Ich will dich lieben. Genau wie du mich in dieser Nacht geliebt hast. Ich will es tun. Mit dir. Jetzt.“

Und bei seinen letzten Worten schnappte er sich ein verdattertes Gretchen, legte sie sich über seine Schulter und marschierte mit ihr ins Haus. Eine Viertelstunde später trug er sie wieder. Diesmal allerdings auf seinen starken Armen. Beide lächelten glücklich und erwartungsvoll. Wie ein Gentleman trug Marc nun seine Freundin von ihrem schicken Badezimmer ins gemütlich hergerichtete Schlafzimmer. Die Rollläden waren bereits heruntergelassen, die kleine grüne Kerze auf der Kommode flackerte in dem schönen Windlicht und auf dem Bett lag ein Seidentuch. Das Seidentuch. Marc hatte alles vorbereitet, als Gretchen unter der Dusche war.

Sie hatten getrennt voneinander geduscht. Marc hatte Gretchen zwar auf die bekannte Art und Weise ausgezogen, aber dann hatte er sich nochmal auf einen Streifzug durch ihre neue Wohnung begeben. Die Rollläden mussten heruntergelassen werden, schließlich wohnten sie ja jetzt ebenerdig, die Kerze musste angezündet und das Seidentuch aus einer der vielen Umzugskartons befreit werden. Und zur Feier des Tages hatte Marc noch eine Flasche Champagner und die dazugehörigen Gläser neben dem Bett platziert. Obwohl er sich sehr sicher war, dass sie den Champagner erst später trinken würden.

Sie waren nackt. Beide. Als Marc Gretchen vorsichtig auf dem neuen Bett ablegte. Noch nie hatten sie in diesem Bett geschlafen. Noch nie hatten sie sich in diesem Bett geliebt. Ihre Blicke trafen sich in dem schummrigen Licht der flackernden Kerze. Ein grüner Blick. Ein blauer Blick. Grüne Augen suchten die Antwort auf eine unausgesprochene Frage. Blaue Augen gaben sie ihnen. Ja! Ihre Herzen pochten wild.

Vorsichtig legte Marc, genau wie Gretchen es in jener Nacht mit ihm getan hatte, ihre Arme locker über ihren Kopf. Ihre Hände berührten sich leicht. Behutsam knotete er den weichen Seidenschal um ihre Handgelenke. Wieder schauten sie sich intensiv in die Augen. Wieder bekam er dieselbe Antwort. Ja! In ihnen tobte bereits ein gefährlicher Cocktail erregender Hormone.

Kurz betrachtete er sie. Sie war so schön. Weiblich. Weich. Zart. Er konnte sehen, wie sie atmete. Schneller als sonst. Hektischer als sonst. Er war sich sicher, dass sie aufgeregt war. Aber er konnte auch sehen, dass es ihr so ging wie ihm. Sie waren erregt. Beide. Allein durch die Art und Weise, wie sie das Seidentuch zum Einsatz gebracht hatten.

Langsam begann er, sie zu küssen. Aus dem Augenwinkel sah er noch, dass sie ihre Augen schloss. Auch er schloss seine Augen. Ließ sich nur noch von seinem Gefühl leiten, von seinen Lippen, seiner Zunge. Pore für Pore, Härchen für Härchen und Knochen für Knochen erforschte und liebkoste er zugleich ihren Körper. Er konnte sie riechen. Er konnte sie schmecken. Er konnte sie spüren. Und manchmal konnte er sie auch hören.

Er spürte, dass sie unruhiger wurde. Das sich ihr Becken immer wieder verlangend ihm entgegen reckte. Immer wieder. Bisher hatte er sich dieser Region ihren Körpers noch nicht gewidmet. So weit war er noch nicht. Noch nicht. Gerade gab er sich ihren Brüsten hin. Im wahrsten Sinne des Wortes. Immer wieder nahm er sie in seine Hände, zwischen seine Finger. Er streichelte sie zärtlich und liebkoste ihre Brustwarzen mit seinen Lippen, seinen Zähnen und seiner Zunge. Er wusste, was ihr gefiel. Er wusste, was sie rasend machte. Was sie um den Verstand brachte. Und genau das tat er. Immer wieder biss er zärtlich in ihre harten Brustwarzen und massierte sie mit der Spitze seiner Zunge. Er wollte sie rasend machen. Denn so hatte sie es mit ihm getan. In jener Nacht.

Hätte sie ihre Hände bewegen können, sie hätten ihm schon längst den Weg gewiesen. Das wusste er und deshalb tat er es nicht. Diese eine Stelle an ihrem Körper berührte er nicht. Vielleicht würde sie‘s ja sagen? Seine Augen hielt er nach wie vor fest geschlossen. Er spürte ihre Erregung. Diese Unruhe ihres Körpers. Ihr Becken, das sie rhythmisch bewegte. Vor und zurück. Er hörte, wie ihre Atmung kontinuierlich heftiger wurde.

„Marc ..“, drang es keuchend an sein Ohr.

Das war sein Zeichen. Langsam begab er sich auf Wanderschaft. Ganz langsam suchten sich seine Lippen und seine Zunge ihren Weg. Ganz langsam. Und dennoch hatten sie irgendwann ihr Ziel erreicht. Marc öffnete seine Augen. Er wollte es sehen. Er wollte sie sehen. Er küsste sie. Dort. Mit nur einem Ziel. Sie rasend zu machen.

Irgendwann konnte aber auch er nicht mehr an sich halten. Weit schob er ihre Beine auseinander. Dann spürte er sie. Er war in ihr.
Langsam und voller Hingabe liebte er sie. Mit geöffneten Augen. Er wollte sie dabei sehen. Er sah ihre leicht geröteten Wangen. Er sah ihren geöffneten Mund. Er sah ihren Brustkorb, der sich mittlerweile sehr schnell auf und ab bewegte. Und er konnte sie hören. Lauter als zuvor. Sinnlicher als zuvor. Er sah ihr an, dass sie nicht mehr wusste, wohin mit ihrer Lust, mit ihrer Erregung. Er spürte es an der Art, und Weise, wie sie immer wieder ihr Becken fest gegen ihn presste. Und er erinnerte sich, dass es ihm ebenso ergangen war. In jener Nacht.

Als er sie auf den Mund küsste, öffnete sie ihre Augen. Und in diesem Augenblick konnte er es in ihren Augen sehen. Er konnte in ihren Augen sehen, was in ihm gerade zu passieren drohte. Laut stöhnten sie auf. Beide. Gemeinsam. Miteinander. Sie ließen sich fallen.

Genau wie in jener Nacht.



Auftrag ausgeführt!

Pippi Langstrumpf Offline

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19.03.2012 21:36
#86 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

88 Berlin – Juni 2015

Zwei Wochen später.

Es klingelte aufdringlich. Marc atmete mehrmals tief ein und aus, bevor er schwungvoll die mit kleinen Buntglasornamenten verzierte Wohnungstür öffnete. Falsche Freude zierte sein Gesicht. Er trug eine seiner üblichen Designerstoffhosen in einem dunklen Blau und ein rosafarbenes Hemd. Die langen Ärmel hatte er sich bis auf den halben Unterarm hochgekrempelt, so dass an seinem Handgelenk ein schwarzes Lederarmband mit einem kleinen silbernen Sternenanhänger zum Vorschein kam. Seine Haare waren, wie man es eben von ihm gewohnt war, perfekt gestylt und mit etwas Haargel in Form gebracht. Ein gepflegter Dreitagebart zierte an diesem Abend seine Wangen. Der angenehme Duft eines teuren Herrenparfums rundete sein in jeder Hinsicht überaus ansprechendes Erscheinungsbild ab.

„Sabine! Günni! Äh… Schön dass ihr da seid. Ihr seid die Ersten.“ Ein täuschend echtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel, während Marc die Eingangstür seiner und auch Gretchens Wohnung den ersten Ankömmlingen aufhielt. Die dann auch zugleich mit einem lauten „Oh ist das aber schön.“ den Eingangsbereich der geräumigen Jugendstilwohnung betraten.

Worauf hatte Marc sich da nur eingelassen? Ja, das fragte er sich in diesem Moment auch, als er Sabine und Günni die Tür öffnete. Sabine und Günni. Das waren nicht gerade die Menschen, mit denen er gerne und freiwillig einen Abend zusammen verbrachte. Und die anderen, die da noch kommen sollten, waren auch nicht besser. Die meisten zumindest. Ausnahmen bestätigten natürlich auch an diesem Abend die Regel. Sein Kumpel Mehdi war zum Beispiel eine solche Ausnahme.

Aber Gretchen hatte es genau so gewollt. Es sollte eine Einweihungsparty im großen Rahmen werden. Nicht im ganz großen, aber im großen Rahmen. So hatte es sich Gretchen gewünscht. Und wen hatte sie nicht alles eingeladen? Die meisten ihrer Arbeitskollegen aus dem Elisabethkrankenhaus. Gigi. Ihre Kollegen und Freunde aus dem MeMo. Mehrmals hatte sie Marc dazu aufgefordert, seine neuen Kollegen aus dem Unfallkrankenhaus einzuladen. Und mehrmals hatte sie ihn daran erinnert, doch auch bei Lars und Ole in Oslo anzurufen oder ihnen zumindest eine Mail zu schreiben. Nichts davon hatte Marc getan. Er hatte weder seine neuen Kollegen, noch seine alten Freunde aus Oslo über das bevorstehende Ereignis, Gretchens und seine Einweihungsparty, informiert. Warum auch? Ihm lag einfach nichts daran.

Marc vielleicht nicht, aber Gretchen. Und das war auch der Grund, weshalb er sich auf diese Feier, die ihm im Grunde so gänzlich gegen den Strich ging, eingelassen hatte.

„Marc, was würdest du eigentlich von einer Einweihungsparty halten? Schließlich ist das jetzt hier unser erstes gemeinsames Zuhause. Also unser richtiges Zuhause. Ich finde, das sollten wir feiern.“ Erwartungsvoll hatte Gretchen zwei Wochen zuvor Marc angeschaut, während sie genussvoll in ihr Croissant mit Schokocreme biss, das Marc ihr zuvor liebevoll geschmiert und ans Bett gebracht hatte. Zusammen mit einer Tasse Tee ihrer Wahl. „Heiße Liebe“. Aber wer hätte es Marc schon verübeln können, dass er, der einst so arrogante und frauenverachtende Macho, sich mittlerweile zu solchen Taten hinreißen ließ. Er liebte diese Frau nun mal. Mehr als alles andere auf der Welt. Und das nicht nur, weil der Name ihrer Lieblingsteesorte auch das Programm ihrer gemeinsamen Nächte sein konnte.

Aber diese Liebe war nicht zwangsläufig groß genug, um kampflos ein solches Unterfangen abzunicken. Nein. Marc hatte alles versucht. Bestechung. Überredung. Kompromisse. Schlussendlich hatte er sogar ein gemütliches Abendessen im Kreise ihrer besten Freunde vorgeschlagen. Sozusagen einen Pärchenabend. Aber auch diese Erniedrigung seinerseits hatte Gretchen nicht umstimmen können. Sie hatte sich die Idee mit der Einweihungsparty schon längst in den Kopf gesetzt und war auch nach längeren Diskussionen nicht bereit, sich auf einen Kompromiss einzulassen. Im Grunde blieb Marc nichts anderes übrig, als seine Einwilligung für diese Feier zu geben, wollte er nicht, dass gleich zu Beginn ihres Zusammenlebens der Haussegen gehörig schief hing. Zumal Gretchen auch ohne Marcs Zustimmung die Einweihungsfeierlichkeiten geplant und durchgeführt hätte. Das wusste auch Marc.

Im Verlauf der darauf folgenden zwei Wochen fragte Marc sich allerdings, ob es wirklich nur um eine Einweihungsparty ihrer gemeinsamen Wohnung ging, die Gretchen da zu feiert gedachte, oder ob nicht doch mehr dahinter steckte. Vielleicht der Empfang der britischen Königin?

Zunächst hatte Gretchen ihn dazu genötigt, seinen wohlverdienten Feierabend mehrerer Tage mit der Gestaltung der aufwändigen Einladungskarten zu verbringen. Als dies dann endlich zur vollsten Zufriedenheit von Gretchen vollbracht war, hatte sie ihn mit einer nicht endenden Einkaufsliste in die verschiedensten Getränkemärkte der Stadt geschickt. Glücklicherweise hatte Marc Gretchen davon überzeugen können, dass ein Partyservice sich um das leibliche Wohl ihrer Gäste kümmern sollte. Und ein mobiler Barkeeper sollte ebenfalls engagiert werden. Blieben Marc noch all die kleinen Nebensächlichkeiten, wie das Besorgen von Feuerkörben, Fackeln und einer Lichterkette, die das Ambiente ihres kleinen Gartens aufpolieren sollten. Und um den „kleinen“ Rest kümmerte sich Gretchen dann lieber persönlich. Was das alles war, wollte Marc lieber gar nicht erst so genau wissen.

Und nun war es endlich soweit. Endlich. In den letzten Tagen hatte sich alles nur noch um diese Einweihungsfeier gedreht. Von morgens bis abends, rund um die Uhr, redete Gretchen von nichts anderem. Sogar beim gemeinsamen Zähneputzen am Abend vor der Party nuschelte sie noch letzte Instruktionen in ihren rosafarbenen Zahnpastaschaum. Marc machte drei Kreuze, dass endlich der große Tag gekommen war. Und er würde noch mal drei Kreuze machen, wenn der große Tag, oder besser gesagt der große Abend, endlich vorbei war. Aber wie bereits erwähnt, für sein Gretchen würde Marc mittlerweile fast alles tun. Er feierte sogar eine Einweihungsparty mit Gästen, die er kaum kannte oder nicht wirklich mochte.

Kurz vor Partybeginn hatte es dann noch einen kleinen Zwischenfall gegeben. Im Schlafzimmer. Aber wie so vieles in seinem Leben hatte Marc auch den souverän gemeistert. Er selbst hatte sich noch schnell eine erfrischende Dusche gegönnt, nachdem er den ganzen Tag über in die Partyvorbereitungen à la Gretchen eingebunden war. Nackt, wie Gretchen ihn eigentlich am liebsten sah, hatte er sich anschließend in ihr schönes Schlafzimmer geschlichen, um sich von seiner Freundin für die bereits geleisteten Aufwendungen fürstlich entlohnen zu lassen. In Form eines oder mehrerer Küsse. Sozusagen als Entschädigung und Vorauszahlung. Aber das, was Marc da im Schlafzimmer vorfand, verschlug ihm die Sprache. Sein spitzbübisches Grinsen gefror ihm von einer Sekunde auf die andere in seinem Gesicht. Marc spürte sofort, dass jetzt Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl angesagt waren, wollte er nicht, dass der Abend in einem Desaster endete.

Ein Häufchen Elend namens Gretchen saß weinend auf dem großen Bett. Riesige Lockenwickler zierten ihren Kopf. Ansonsten war sie nackt. Wie so viele Frauen wusste sie auf einmal nicht mehr, was sie anziehen sollte, obwohl sie zuvor tagelang über nichts anderes als ihr Outfit nachgedacht hatte. Und aufgrund ihres Spleens, ihre Unterwäsche immer auf die Farbe ihres Outfits abzustimmen, wusste sie nun auch nicht, welche Unterwäsche sie an diesem Abend tragen sollte.

„Zieh doch einfach deine Lieblingsklamotten an. Damit fühlst du dich wohl und außerdem sehen sie doch auch gut aus.“, versuchte Marc es zunächst mit einem pragmatischen Lösungsansatz. Erfolglos.

„Marc.“, schniefte Gretchen mitleiderregend. „Das ist doch heute Abend nicht irgendeine gemütliche Grillparty. Das ist unsere Einweihungsparty. Da kann ich doch unmöglich irgendwelche Klamotten anziehen. Nicht heute.“ Und wieder erfasste sie eine Welle der Verzweiflung. Ihre Schultern zuckten unter der Heulattacke, die sie erneut überkam.

Irritiert öffnete Marc die Türen des Kleiderschrankes. „Und was ist mit dem Rock, den du dir extra für heute gekauft hast? Und mit der wunderschönen Bluse?“. Suchend schob er die vielen bunten Kleidungsstücke, die ordentlich auf den jeweils passenden Bügeln hingen, zur Seite. Suchend.

„Die machen mich dick.“, hallte es unvermittelt durch das geräumige Schlafzimmer mit der hohen Decke.

„Aha.“

„Was heißt hier ‚aha‘“, äffte Gretchen ihn ärgerlich nach.

„‚Aha‘ heißt ‚aha‘.“ Marc setzte sich neben Gretchen aufs Bett. Auch er war noch immer unbekleidet. „ ‚Aha“ könnte aber auch heißen: Das ist deine Meinung. Ich habe eine andere.“

„Und welche Meinung hast du dann bitteschön?“, schniefte Gretchen und versuchte sich die Tränen aus dem bereits stark geröteten Gesicht zu wischen.

„Soweit ich das beurteilen kann, machen der Rock und die Bluse dich nicht dick. Das ist doch totaler Quatsch. Schließlich reden wir hier nicht über einen Kartoffelsack, sondern über zwei sehr edle Kleidungsstücke. Ganz im Gegenteil. Als du mir vorgestern die beiden Teile vorgeführt hast, habe ich gedacht, wie schön sie deine Figur zur Geltung bringen. Das hab ich dir aber doch auch gesagt. Deinen Po. Deine Brüste. Da ist nichts dick. Sieht alles super aus. Nichts, wofür es sich lohnen würde, auch nur eine Träne zu vergießen.“

„Andererseits…“, er grinste verwegen, während er sich zur Seite drehte, Gretchen mit einem einzigen Handgriff auf das Bett drückte und sich mit Schwung auf sie legte. Warme nackte Haut berührte sich. Überall. „Solltest du die Absicht haben, weiter nackt zu bleiben, hätte ich auch nichts dagegen. Ich würde dann nur noch schnell ein Schild an die Wohnungstür hängen. ‚Die Gastgeberin ist traurig und muss vom Gastgeber getröstet werden. Die Party fällt daher leider aus.‘ Und dann könnte ich dich trösten. Mit allem, was dazu gehört. Ich würde mich da ganz nach deinen Wünschen richten.“ Er machte eine kurze Pause und schnupperte genießerisch an ihrem parfümierten Hals. Ein blumiger Sommerduft.

„Solltest du dich anders entscheiden, müssten wir allerdings ein bisschen hinne machen. Ich meine gehört zu haben, dass gerade ein Lieferwagen vorgefahren ist. Das ist bestimmt der Partyservice.“ Marc richtete sich auf und war mit wenigen Schritten an der weißen Schlafzimmerkommode, deren mittlere Schublade er schnell öffnete.

Gretchen lächelte verlegen, aber auch dankbar, als sie die Kleidungsstücke auffing, die Marc ihr zuwarf. Einen petrolfarbenen BH und ein Höschen in derselben Farbe. Beides verziert mit aufwändigen Stickereien. „Du hast ja Recht. Aber manchmal …“

Marc unterbrach sie lachend. „Manchmal möchtest du einfach von mir hören, dass du wunderschön bist. Sozusagen die schönste Frau des gesamten Universums. Dass dein Körper aufregend ist. Sinnlich. Sexy. Betörend. Dass ich mich unsterblich in dich verliebt habe und ich dich nach wie vor von ganzem Herzen liebe.“ Verschwörerisch zwinkerte er Gretchen zu und schlüpfte in eine seiner karierten Boxershorts.

„Aber weißt du, was das Schönste ist?“, fragte Gretchen nun schon wieder viel selbstbewusster. „Mir geht es nicht anders!“

Na dann konnte die Party ja beginnen.

Pippi Langstrumpf Offline

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23.03.2012 00:09
#87 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

89 Berlin – Juni 2015

„Du kommst mit mir, sofort!“

Marcs ausgestreckter Zeigefinger wies unverkennbar auf die Brust seines Kumpels Mehdi, die an diesem Abend in einem weißen Hemd steckte, das ausgesprochen gut mit der sehr dunklen Bluejeans an seinen Beinen harmonierte. „Und du, meine liebe Astrid, gehst jetzt erstmal an die Bar und holst dir ’n Frauencocktail und gesellst dich dann zu den übrigen Exemplaren deiner Spezies “. Marc umarmte die verdattert dreinblickende Frau flüchtig und schob sie, keinen Widerspruch duldend, ins Wohnzimmer.

„Und du, willst du ’n Bier oder nimmst du etwa auch etwas von der Bar. Wobei, ich glaube, der mixt dir auch was für Männer.“

Drei Minuten später lehnte Marc sich von innen gegen die Tür seines „Arbeitszimmers“. Kurz schloss er die Augen und atmete erleichtert aus. „Lieber Gott, lass es bitte ganz schnell vorüber gehen.“ Es war nur ein leises Flüstern. Ein Murmeln. Aber Mehdi, der es sich bereits mit einem Glas Caipirinha in der Hand in einem der riesigen Sitzsäcke gemütlich gemacht hatte, verstand es trotzdem. Er lachte. Seine dunklen Augen blitzen fröhlich in der Abendsonne.

„Ist es so schlimm? Ich dachte, in Oslo bist du zum Menschenfreund mutiert?“, amüsierte Mehdi sich über seinen Kumpel, dem die Verzweiflung tatsächlich ins Gesicht geschrieben stand, während er gierig einen tiefen Schluck von seinem Lieblingsbier nahm. Frei nach dem Motto, dass Alkohol gewiss ein guter Helfer in der Not sei.

Erschöpft ließ Marc sich auf den anderen Sitzsack plumpsen. „Glaube mir, das da draußen sind keine Menschen, das sind Bestien in Menschengestalt. Hast du gesehen, wie die ganzen Weiber mich angeglotzt haben? Warum glotzen die mich so an? Bin ich ein Außerirdischer mit einer Antenne auf dem Kopf? Dich haben die doch auch nicht so angegafft.“

Wieder lachte Mehdi. „Mich sehen sie doch auch jeden Tag im EKH. Und du bist eben Marc Meier. Der Marc Meier. Ein Mythos des EKH.“ Kurz machte Mehdi eine Pause, bevor er weitersprach.

„Sag mal Marc, kann es sein, dass du keine Ahnung hast, weshalb Gretchen hier diesen ganzen Zirkus veranstaltet?“, fragte Mehdi, sichtlich amüsiert über die Naivität seines sonst so nicht-naiven Kumpels.

Verdattert verzog Marc sein Gesicht. „Natürlich weiß ich das. Sie möchte gerne eine Einweihungsparty feiern. Weil wir so eine schöne Wohnung gefunden haben und weil wir jetzt endlich zusammen wohnen.“

„Hmmm, und im Himmel ist Jahrmarkt!“ Belustig verzog Mehdi seinen Mund, zog mit dem Zeigefinger seinen Augenwinkel herab und nickte wissend. „Mann Meier, sie möchte allen zeigen, dass sie dich endlich gekriegt hat.“

Marc war völlig perplex. „Du meinst, das mit der Einweihungsparty war nur ein Vorwand?“

„Sagen wir mal so, ich glaube, dass es vordergründig schon eine Einweihungsparty ist, aber der wahre Grund bist du, da bin ich mir sicher. Überleg doch mal, viele der Leute, die sie aus dem EKH eingeladen hat, haben doch das ganze Drama damals mitbekommen. Und was glaubst du, wie viele sich monatelang das Maul über Gretchen zerrissen haben, als sie ihre Trauer nicht in den Griff bekommen hat. Ich hab es mehr als ein Mal persönlich gehört. Diese Tuscheleien. Diese Lästereien. Der Krankenhausklatsch. Das war wirklich sehr unschön. Und auch jetzt glauben viele nicht, dass sie wirklich mit dir zusammen ist. Und die, die wissen, dass es tatsächlich so ist, wie zum Beispiel die Hassmann, die gehen davon aus, dass du sie bald wieder in den Wind schießen wirst.“

Fast unmerklich kniff Marc seine Augen zusammen, als er Mehdis Ausführungen aufmerksam zuhörte.

„Und dann gibt es eben noch diese Schwesternschar aus dem Wohnheim. Ich glaube, die meisten haben dich gar nicht mehr kennengelernt. Aber dein Ruf existiert noch immer im EKH. Dieser verdammt gutaussehende Chirurg, der alle hatte und keine wollte. Ist doch klar, dass diese jungen Dinger sich diese Chance hier nicht durch die Lappen gehen lassen. Die wollen einfach nur mal sehen, ob du wirklich so attraktiv bist, wie allgemein behauptet wird“. Und mit einem Augenzwinkern fügte er noch hinzu. „Und ich wette, dass die eine oder andere denkt, dass sie dich rumkriegen könnte – trotz Gretchen.“

Marc war geschockt. Dass so viel hinter einer einzigen Einweihungsparty stecken konnte, das hätte er nicht gedacht. Niemals wäre er davon ausgegangen, dass Gretchen von solchen Beweggründen getrieben wurde. Aber jetzt wurde ihm auch so manches klarer. Diese perfekte Einladungskarte. Die pedantischen Vorbereitungen. Die in seinen Augen übertriebenen Dekorationen. Und nicht zuletzt der Klamottenstress kurz vor Schluss. Mit einem Mal erkannte Marc, dass Mehdi Recht hatte. Und mit einem Mal erkannte Marc, wie sehr Gretchen noch immer mit den Narben zu kämpften schien, die er damals in ihrem Herzen hinterlassen hatte.

Marc schluckte. Er fühlte sich unwohl in seiner Haut. Er fühlte sich schuldig. Ja er fühlte sich wie ein Mistkerl.
Und er fühlte sich beobachtet. Von Mehdi. Er spürte die Blicke seines Freundes. Er spürte, wie Mehdis Blick immer wieder an seinem Armband hängen blieb. Er spürte, dass Mehdi mit ihm reden wollte. Über seine Beziehung mit Gretchen.

„Wie ich sehe, trägst du jetzt wieder das Armband. Hab doch gewusst, dass das ein Herrenarmband ist.“ Ein süffisantes Grinsen zierte Mehdis Gesicht. „Ihr seid ja richtig süß!“ Und herausfordernd fügte er hinzu. „Hätt ich dir gar nicht zugetraut. Aber so ist das eben. Du liebst sie halt.“ Einen besseren Fehdehandschuh hätte Mehdi nicht werfen können.

Schweigen. Wie immer, wenn es ernst wurde, tobten wahre Wirbelstürme durch Marcs Gehirnwindungen. Sollte er auf Mehdis offensives Gesprächsangebot eingehen oder sollte er seinem Freund vor den Kopf stoßen und ihn auflaufen lassen? Mal wieder.

„Jep.“ Mehdi hatte schon nicht mehr mit einer Antwort gerechnet. Mehr sagte Marc aber nicht. Noch immer war er in Gedanken versunken und grübelte über das nach, was Mehdi ihm zuvor erzählt hatte. Nachdenklich fuhr Marc sich mit seinen Fingern über seine Wangen. Er spürte die kleinen Härchen, die ihn an seinen Handinnenflächen leicht piekten. Als er einen Entschluss fasste. Er würde reden. Mit Mehdi. Denn im Grunde war Mehdi sein einziger Freund. Wieder.

„Ich glaube, ich hab keine Ahnung, was ich ihr damals angetan hab. Sie hat es mir erzählt. Aber wenn sie das erzählt, dann hörte sich das alles nicht so …“ Marc suchte nach den passenden Worten. „Irgendwie hat sich das für mich nicht so nachhaltig angehört. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Vergangenheit keine Rolle mehr spielt.“

Mehdi nippte an seiner Caipirinha. „Ich glaube, dass das schon so ist. Also, dass die Vergangenheit für sie in Bezug auf dich keine Rolle mehr spielt. Aber in Bezug auf das EKH sitzt der Stachel, glaube ich, sehr tief. Und ehrlich gesagt, war das ja auch eine ganz harte Zeit für sie. “ Wieder grinste Mehdi von einem Ohr zum anderen. „Also ich finde, du solltest ihr den kleinen Spaß gönnen. Lass sie doch ein bisschen mit dir angeben. Du wirst es schon überleben.“

„Und ganz unter uns gesagt.“ Mehdi hielt Marc sein Cocktailglas zum Anstoßen entgegen. „Mittlerweile kann sie ja tatsächlich mit dir angegeben. Bist ja in Oslo richtig erwachsen geworden. Und hübsch warst du ja auch schon vorher.“

„Wenn das jetzt ne Liebeerklärung war, muss ich dich leider enttäuschen.“ Marc lächelte und stieß mit seiner Bierflasche gegen das Glas, das Mehdi ihm entgegenhielt.

Schweigend saßen die beiden Männer in den grauen Sitzsäcken und tranken hin und wieder einen Schluck. Caipirinha. Bier. Beide hingen ihren Gedanken nach. Mittlerweile schien die Party in vollem Gange zu sein. Laute Musik und Stimmengewirr drangen dumpf durch die Tür zum Wohnzimmer.

Mit einem Mal lachte Mehdi auf. „Kannst du dich noch an Gretchens Polterabend mit dem Betrügerschwein erinnern?“ Verwundert blickte Marc auf, während Mehdi unbeirrt fortfuhr. „Damals. Da hab ich gesagt, dass ich mir wünsche, dass sie den Schleimscheißer nicht nimmt, damit du es verbocken kannst und ich sie bekomme. Na ja, der Schleimscheißer war ja dann erledigt und du hast es gehörig verbockt. Und trotzdem hab ich sie nicht bekommen. Sie wollte mich einfach nicht. Egal wie doll ich mich angestrengt hab. Ich war halt nicht du.“

Und wie zu sich selbst fuhr Mehdi fort. „Na ja, jetzt hab ich ja meine Astrid. Sag mal, hat Gretchen dir eigentlich erzählt, dass wir jetzt Nägel mit Köpfen gemacht haben und nicht mehr verhüten?“

Mehdi grinste wie ein Honigkuchenpferd, während Marc krampfhaft versuchte, Haltung zu bewahren. „Äh nein, das hat Gretchen mir nicht erzählt. Wahrscheinlich fand sie es einfach nicht so wichtig.“

Er versuchte, seine Stimme beiläufig klingen zu lassen, während sich in seinem Kopf schon wieder ein kleiner Wirbelsturm in Gang setzte.

Pippi Langstrumpf Offline

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26.03.2012 15:37
#88 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

90 Berlin - Juni 2015

„Oh Gott, ich glaub ich muss kotzen!“

„Na mein kleiner ‚lille bamsen‘, hast du gut geschlafen?“ Gnadenlos zog Gretchen die Rollläden des Schlafzimmers nach oben und öffnete das Fenster sperrangelweit, bevor sie sich zu Marc an die Bettkante setzte. „Ich dachte mir, ich schau mal, wie es dir geht. Es ist schließlich schon mittags und es ist ein herrlicher Tag.“ Helle Sonnenstrahlen küssten gnadenlos Marcs aschfahles Gesicht, das er sofort unter der grüngemusterten Zudecke in Sicherheit brachte.

„Auf ein Frühstück im Bett hab ich jetzt einfach mal verzichtet. Nicht, dass ich dich nicht lieb genug hätte oder dich nicht verwöhnen wollte, nein. Ich glaube einfach, heute wäre das vergebene Liebesmüh. Soll ich dir einen Eimer bringen oder geht es schon wieder?“ Tastend suchten Gretchens Finger unter der Decke nach Marcs Kopf, um ihm mitfühlend über sein Haar zu streichen.

Unverständliche Laute drangen dumpf durch die dicke Zudecke. Unverständliche Laute, die Gretchen richtigerweise als ein „Nenn mich nicht so, ich hasse das.“ interpretierte. Sie musste lachen.

„Aber das bist du nun mal. Mein ‚lille bamsen‘. Und nach gestern Abend bist du das erst recht. Kannst dich also auf den Kopf stellen.“ Gretchen legte sich neben Marc und versuchte, unter die Decke zu schlüpfen. Ein aussichtsloses Unterfangen, weil Marc, noch immer Schutz vor den hellen Sonnenstrahlen suchend, die Decke fest in seinen Händen hielt.

„Ich kann dir ja eine der lustigen Schlafbrillen bringen, die du von deinen Sydney-Flügen mitgebracht hast.“ Belustigt kicherte Gretchen vor sich hin. „Aber wenn du die aufsetzt, dann darf ich dich für den Rest deines Lebens ‚lille bamsen‘ nennen. Dann siehst du nämlich aus wie ’n Brillenbär.“

Eng kuschelte sich Gretchen an Marcs Rückseite und versuchte ihn trotz der Zudecke zu umarmen. „Hach war das eine schöne Party gestern. Ich hätte niemals gedacht, dass es so schön wird.“ Ein versonnenes Lächeln zierte Gretchens Gesicht, während sie sich in Gedanken zurück auf ihre Party begab. Auf ihre Party, die ein voller Erfolg war. In jeder Hinsicht.

Nachdem sie sich nach Marcs erfolgreichen Aufheiterungsversuchen ein letztes Mal im Badezimmerspiegel betrachtet hatte, war Gretchen mit ihrem äußeren Erscheinungsbild mehr als zufrieden. Natürlich hatte Marc Recht. Die in den verschiedensten Grün- und Blautönen gemusterte Bluse und der schwarze Rock standen ihr ausgezeichnet und unterstrichen sowohl ihre Figur als auch ihr Gesicht, insbesondere ihre Augen, äußerst vorteilhaft. Ihre Haare trug sie an diesem Abend offen, ganz so wie Marc es an ihr liebte. Ihren Hals zierte die schmale silberne Kette mit dem kleinen Herz, die sie gerne bei solchen Anlässen trug. Die Auswahl ihrer Schuhe war Gretchen an diesem Abend nicht ganz so leicht gefallen. Letztendlich hatte sie Marcs Rat befolgt und sich für ihre Lieblingssandalen entschieden. Die passten gut, sie würde also keine Blasen bekommen, und sahen mit ihren schmalen Riemchen und dem kleinen Absatz zu dem Rock, den sie an diesem Abend trug, ausgesprochen gut aus. Das Make-up ihrer Augen hatte sie, wer hätte es anders erwartet, penibel auf die Farben ihrer Bluse abgestimmt.

Von Beginn an war Gretchen in ihrem Element. Sie fühlte sich wohl auf ihrer Party und war eine ausgesprochen aufmerksame Gastgeberin. Zur Begrüßung bekam jeder ihrer Gäste zur Feier des Tages ein Glas Sekt überreicht und wurde danach nahezu umgehend an das üppige Buffet verfrachtet. Nicht ohne zuvor diskret darauf hingewiesen worden zu sein, wo sich in der Meier-Haase-Wohnung die Toiletten befanden.

Immer wieder schaute sich Gretchen stolz um. Das Wohnzimmer sah einfach atemberaubend aus. Die vielen Fenster, die hohe Decke und der edle Holzfußboden, um den Gretchen sich natürlich auch an diesem Abend so ihre Gedanken machte. Allerdings war es ihr dann aber doch zu peinlich, von ihren Freunden und Bekannten zu verlange, dass sie sich die Schuhe ausziehen sollte. Denn schließlich war ein solches Prozedere auf Feierlichkeiten dieser Größenordnung eher unüblich. Überall im Wohnzimmer hatte Gretchen weiße Kerzen in Windlichtern aufgestellt. Windlichter in unterschiedlichen Größen. Auf der Terrasse standen zwei riesige Glaslaternen mit dicken Stumpenkerzen und auf dem kleinen Rasen des verwilderten Gartens hatte Marc einen Feuerkorb platziert, der zu später Stunde angezündet werden sollte. Nicht nur die Gastgeberin, auch das Ambiente war perfekt. Die Gäste waren beeindruckt und dank des ausgezeichneten Barkeepers recht schnell auch in ausgelassener Feierlaune.

Nur eines machte Gretchen nach einer Weile zu schaffen. Wo war ihr Freund? Oder besser gesagt, warum kam er nicht wieder? Die Party war mittlerweile in vollem Gange. Einer der Pfleger der Chirurgie war ein passionierter Hobby-DJ und an diesem Abend für die Musik zuständig. Da dieser nicht nur begabt war, was sein Hobby anging, sondern auch ziemlich gutaussehend, tummelten sich bereits nach wenigen Minuten die ersten Bewohnerinnen des Schwesternwohnheimes auf der Tanzfläche.

Und gerade, als kleine schwarze Wölkchen aufkommenden Ärgers Gretchens gute Laune vernebeln wollten, öffnete sich die Tür zum „Herrenzimmer“ und ein ziemlich fröhlich dreinblickender Mehdi und ein etwas verwirrt ausschauender Marc stürzten sich in das Partygetümmel oder besser gesagt, auf ihre Freundinnen.

Im ersten Moment wusste Gretchen gar nicht, wie ihr geschah. Zielstrebig kam Marc durch die gesamte Länge des Wohnzimmers auf sie zu, nahm ihr Gesicht zärtlich in seine warmen Hände und küsste sie liebevoll auf ihre rosa glänzenden Lippen. Amüsiert funkelten seine smaragdgrünen Augen. Von dem unsicheren Blick, den Gretchen kurz zuvor noch ausgemacht hatte, gab es keine Spur mehr. Er war wie weggeblasen.

Na dann werde ich jetzt mal der neugierigen Meute zeigen, wie sehr ich meine Freundin liebe. Lasset die Spiele beginnen!

„Na Süße, ich hoffe, es läuft alles zu deiner Zufriedenheit? Sind ja schon ganz schön viele Leute da.“ „Fast alle“, unterbrach ihn Gretchen schmollend. „Aber das hat der wehrte Herr ja nicht mitbekommen. Musstest dich ja mit Mehdi ins Séparée zurückziehen. Worüber habt ihr eigentlich die ganze Zeit gesprochen?“, fragte Gretchen neugierig und zog eine leichte Schnute. „Ach, Männerkram halt. Nichts Besonderes.“ Besänftigend küsste Marc seine Freundin zärtlich. Schon fast ein bisschen zu zärtlich, wenn man berücksichtigte, wo die Beiden sich gerade befanden. Aber Marc wollte sich und auch Gretchen von diesem kleinen Funken Unsicherheit ablenken, der sich kurz zuvor in sein Herz gebrannt hatte.

Unvermittelt beendete Marc seine ausgiebigen Zuneigungsbekundungen und wandte sich an Gigi, mit der sich Gretchen zuvor unterhalten hatte. Schließlich hatte Marc eine Mission zu erfüllen. Und warum sollte er nicht bei seiner allerbesten Freundin Gina Amsel damit beginnen? „Hallo Frau Oberärztin!“ Gespielte Überraschung. „Entschuldigung, aber ich hab dich gar nicht gesehen. Wie läuft’s denn so an der Charité? Ich hab übrigens letzte Woche zwei ehemalige Patienten von dir untersucht. Scheinst ja in London doch was gelernt zu haben.“ Gigi verdrehte die Augen. „Hallo Marc!“ Ein falsches Lächeln zierte nicht nur Marcs Lippen, als Gretchen freudestrahlend das Glas erhob. „Kommt, lasst uns anstoßen.“ Ein Blick zu Gigi. „Auf die Freundschaft.“ Ein Blick zu Marc. „Und auf die Liebe.“ Klirrend stießen sie mit ihren Gläsern, ergo einer Bierflasche an.

Und genau das tat Marc dann auch für den Rest des Abends. Smalltalk und Anstoßen. Aufmerksame Beobachter fragten sich, wie Marc das machte. Der König des Nicht-Betreibens-Sinnloser-Konversationen schaffte es doch tatsächlich, mit jedem der Gäste ein Pläuschchen zu halten. Mit jedem von Gretchens Bekannten und Freunden wechselte er ein paar Worte und stieß mit ihnen an. Mit jedem. Mit der Hassman und mit dem Knechtelsdorfer. Mit Schwester Sabine und mit Günni. Mit Mehdi und mit Astrid. Mit den vielen Schwestern, die Marc zum Teil noch aus seinen EKH-Zeiten kannte. Wie zum Beispiel die nette Manuela, die früher schon immer, ungeschickt wie sie war, im OP das sterile Besteck hatte fallen lassen oder diese, irgendwie italienisch anmutende, Greta, bei der sich Marc immer gefragt hatte, ob sie ihn wohl eines Tages in die eine der vielen Wäschekammern zerren würde. Und natürlich mit Gretchens Kollegen aus dem Medizinischen Mobil, die Marc bisher noch nicht kennengelernt hatte, aber bereits nach einem ersten Blick für Weicheier, Jesuslatschenträger und Körnerfresser hielt. Markus war übrigens an diesem Abend nicht mit von der Partie. Verständlicherweise entzog er sich dem unvermeidbaren Aufeinandertreffen mit Marc.

Entsprechend seiner Mission war es Marc wichtig, dass Gretchen bei all diesen Gesprächen, die er zu führen hatte, nicht fehlte. Immer wieder legte er liebevoll seinen Arm um ihre Taille und küsste sie zärtlich. Auf ihre Wangen. Auf ihren Mund. Schließlich hatte er sich nun mal in den Kopf gesetzt, an diesem Abend alle Spekulationen und Lästereien über Gretchens und seine Beziehung im Keim zu ersticken und ein für allemal zu beseitigen. Dass er dieses Vorhaben nicht mit Sekt durchziehen konnte, lag auf der Hand. Denn bekanntermaßen war er ein richtiger Mann. Aquavit war die Spirituose seiner Wahl, um mit den Gästen anzustoßen. Schließlich hatte er vier Jahre in Oslo gelebt. Leider hatte Marc nicht bedacht, dass auch ein nicht wirklich waschechter Norweger diesem Getränk irgendwann seinen Tribut zollen musste.

Marc Meier war betrunken. Oder sollte man lieber sagen sternhagelvoll? Glücklicherweise hatte er da aber bereits seine Mission erfüllt.

„Weißt du eigentlich, dass du gestern Abend total süß warst?“, verliebt kuschelte sich Gretchen noch enger an den Rücken von Marc. Wieder drang ein undefinierbarer Laut durch die Zudecke. „Du hast mir heute Nacht nämlich ein ganz besonderes Angebot gemacht.“ Gretchen kicherte. „Was hast du mir noch mal versprochen? Eine aufregende Nacht mit dem Gastgeber der besten Party des Jahres. Schade nur, dass der schon schnarchend und vollständig bekleidet eingeschlafen ist, während ich mir die Zähne geputzt hab.“

„Ich hab mich für dich geopfert und was ist der Dank dafür? Hohn und Spott.“, drang es gespielt beleidigt aus den Tiefen der Bettdecke. „Ein ‚Ich liebe dich‘ hätte es auch getan.“


Pippi Langstrumpf Offline

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29.03.2012 11:31
#89 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

91 Berlin – Juni 2015

Er fühlte sich elend. Hundeelend.

Gerade hatte er zum dritten Mal den weißen Porzellangott angebetet, hatte sich zum dritten Mal die Zähne geputzt und eine Dusche genommen. Kalkweiß und etwas klapprig auf den Beinen, nur mit einer grauen Jogginghose und dem mittlerweile sehr in die Jahre gekommenen M-Shirt bekleidet, machte er sich auf den Weg ins Wohnzimmer. Auf der Suche nach seiner Freundin. Oder sollte man an diesem Sonntag eher von seiner Leibärztin sprechen?

Ohne Umschweife ließ sich Marc auf das schicke Designersofa fallen. Der Länge nach. Auf den Bauch. Alle Viere von sich gestreckt. Sein Gesicht lag ungemütlich auf einem der länglichen Sofakissen. Seine Wange hatte sich auf eine unansehnliche Weise nach oben geschoben. Aber er war nicht Willens, das zu ändern. Mit einem überdimensionierten schlechten Gewissen registrierte er, dass sich Gretchen bereits erfolgreich um die Wiederherstellung des Normalzustandes ihrer Wohnung gekümmert hatte.

„Scheiße, die hat ja schon alles wieder tipp topp aufgeräumt.“, nuschelte er unverständlich in seinen irgendwie ungepflegt aussehenden Viertagebart. Eine dicke feuchte Haarsträhne zierte mittig seine Stirn.

„Gretchen!“ rief Marc mit schwacher Stimme. Aber die schien ihn nicht zu hören.

„Gretchen!“ rief er daher etwas lauter. „Bist du da?“ Und etwas leiser. „Oder lässt du mich hier ganz alleine elendig verrecken?“

Die Gerufene betrat barfuß und mit einem fliederfarbenen Sonnentop und einer kurzen Jeans bekleidet das Wohnzimmer. Ihre Haare hatte sie zu einem lockeren Pferdeschwanz hochgebunden. Sie schien aus dem Garten zu kommen. Zumindest nahm Marc das aufgrund ihres Outfits und der Richtung, aus der sie das Wohnzimmer betrat, an. „Ach, hab ich ja doch richtig gehört. Hast du mich gerufen?“

„Oh Gott, du siehst ja schrecklich aus!“ Schnell kam sie näher und kniete sich vor die Couch. „Kann ich dir irgendetwas Gutes tun? Willst du was trinken? Wasser? Oder soll ich dir eine Kleinigkeit zu essen machen?“ Beunruhigt registrierte Gretchen kleine Schweißperlen auf Marcs Stirn.

„Wenn ich an Essen nur denke, muss ich kotzen. Wasser hört sich gut an. Danke. Aber ohne Kohlensäure.“, rief er Gretchen noch mit schwacher Stimme hinterher. Bedächtig erhob Marc seinen geschundenen Körper, während Gretchen ihm die georderte Flasche Mineralwasser aus der Küche holte. Natürlich wie von ihm gewünscht, ohne Kohlensäure.

Gierig trank Marc mehr als die halbe Flasche des Mineralwassers aus, entließ die zu hastig heruntergeschluckte Luft lautstark wieder in die Freiheit und begann zu sprechen. Zögerlich. Kränklich. Mitleiderregend. Dabei versuchte er Gretchen in ihre wundervollen blauen Augen zu schauen. Sie hatte sich im Schneidersitz neben Marc aufs Sofa gesetzt. Ihm zugewandt. Fürsorglich streichelte sie ihm über den Rücken, während sie ihn mitleidig anschaute. „Ich weiß, du hast schon alles wieder aufgeräumt und genießt es jetzt bestimmt, draußen in der Sonne zu sitzen. Aber meinst du, du könntest mir, also nur, wenn es dir keine Umstände bereiten würde, den Kopf massieren? Also nicht so doll. Nur so ‘n bisschen streicheln? Das wär total schön!“

Das schlechte Gewissen stand Marc ins Gesicht geschrieben, als er Gretchen fragend anblickte. Ja, Marc hatte in der Tat ein schlechtes Gewissen Gretchen gegenüber. Aus vielerlei Gründen. Zum einen fragte er sich schon den ganzen Tag, oder besser gesagt immer dann, wenn er kurzzeitig aus seinem komaähnlichen Tiefschlaf erwachte, wie er den vorangegangenen Abend eigentlich beendet hatte. Denn daran konnte er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern und die kleine Andeutung von Gretchen bezüglich eines liebestollen Gastgebers ließ ihn Schlimmes erahnen. Zum anderen bereitete Marc der Zustand der Wohnung ein fast noch größeres Unbehagen. Die Wohnung sah aus wie immer. Sauber und aufgeräumt. Mit Ausnahme der gestapelten Getränkekisten, die er durch das bodentiefe Fenster auf der Terrasse sehen konnte, gab es keine Spuren mehr, die darauf schließen ließen, dass noch in der Nacht zuvor ein rauschendes Fest in diesen vier Wänden stattgefunden hatte.

Ein erleichtertes Lächeln huschte über Marcs müdes Gesicht, als Gretchen sich hinter seinen Rücken kniete und ganz sacht mit ihren Fingerspitzen über seine Kopfhaut strich. Immer wieder zeichnete sie mit den Spitzen ihrer Finger kleine Kreise in Marcs Haar und auf seine Kopfhaut. Langsam wanderte sie von seinem Hinterkopf zu den Schläfen und von einem Ohr zum anderen. Systematisch arbeitete Gretchen den gesamten Kopf von Marc ab. Millimeter für Millimeter. Wohlig bekundete Marc, dass er diese Streicheleinheiten seiner Freundin außerordentlich genoss.

Ein kleines Fünkchen Spott machte sich auf Gretchens Lippen breit. „Mein armer Schatz. Pass auf, ich massiere dir deinen Kater einfach weg. Übrigens brauchst du kein schlechtes Gewissen zu haben, weil du mir nicht beim Aufräumen geholfen hast. Mehdi und Astrid waren heute Mittag da und zu Dritt ging dann alles ganz schnell. Der Partyservice hat auch schon alles abgeholt. Du musst dann morgen nur noch die Getränkekisten wegbringen. Und dann ist alles erledigt.“ Zufrieden lächelte Gretchen vor sich hin und konzentrierte sich wieder ganz auf die herumspringenden Haarsträhnen von Marc. Für sie hatten diese Kopfmassagen auch immer etwas Entspannendes, ja sogar etwas Meditatives.

Anders war es bei Marc. Zumindest in diesem Moment. Mehdi war das Stichwort, das ihn in höchste Alarmbereitschaft versetzte. „Mehdi und Astrid waren hier? Äh, das ist aber nett.“ Seine Gedanken wirbelten umher, während er krampfhaft nach den richtigen Worten suchte. Nach Worten, die ihm eine Antwort auf seine Frage verschafften und gleichzeitig kein Aufsehen erregten. Bei Gretchen. „Und, hat Mehdi noch irgendwas Interessantes erzählt?“

Irritiert verzog Gretchen das Gesicht. „Was soll er denn Interessantes erzählt haben? Wir haben uns doch den ganzen Abend und die halbe Nacht gesehen.“

„Ich frag ja nur.“ Erleichtert schloss Marc seine Augen. Erleichtert, dass er an diesem unsäglichen Tag, mit diesen unsäglichen Kopfschmerzen und dieser verdammten Übelkeit nicht mit diesem Thema konfrontiert werden würde. In einem Anflug von Panik hatte Marc doch tatsächlich kurzzeitig befürchtet, dass Mehdi irgendeine Andeutung Gretchen gegenüber gemacht haben könnte. Aber eigentlich hätte Marc das seinem besten und irgendwie auch einzigen Kumpel nicht zugetraut. Nicht nach gestern. Nicht nach diesem Vertrauensbeweise, zu dem Marc sich hatte hinreißen lassen.

Langsam kam bei Marc die Erinnerung wieder, während er Gretchens Finger zart auf seiner Kopfhaut spürte. Er spürte, dass es ihm gut tat.

„Sag mal, hat Gretchen dir eigentlich erzählt, dass wir jetzt Nägel mit Köpfen gemacht haben und nicht mehr verhüten?“

Wie sehr ihn diese Frage in diesem Moment getroffen hatte. Sie kam so aus dem Nichts. Aus heiterem Himmel. So völlig unerwartet. Warum hatte Gretchen ihm das nicht erzählt? Unkontrollierbare Gedanken wirbelten durch seinen Kopf, während er Mehdis Blick auf sich spürte. Ein bohrender Blick. Ein durchdringender Blick. Ein Blick, der ihn durchschaute, so wie Mehdi immer alles durchschaute, was mit Gefühlsdingen zu tun hatte.

„Sie hat es dir also nicht erzählt.“, schnaufend lachte Mehdi auf. „Kann man ihr irgendwie auch nicht verübeln. Schließlich bist du bisher nicht sonderlich dadurch aufgefallen, dass du ein Freund von diesem ganzen Kram bist. Heiraten. Kinder kriegen. War ja bisher nicht so dein Ding.“

Wissend grinste Mehdi seinen Kumpel an. Er kannte ihn gut. Sehr gut sogar. Er wusste, wie Marc zu diesen Dingen stand. Früher zumindest. Umso mehr irritierte ihn Marcs Gesichtsausdruck. Marc schien sich unwohl zu fühlen. Und da war auch ein Hauch von Bestürzung. Bestürzung über die Tatsache, dass ihm seine Freundin diese Neuigkeit verheimlicht hatte?

Ungläubig kniff Mehdi seine Augen zusammen. Er fixierte Marc und versuchte, seinen Blick tief in dessen Seele zu bohren. „Oder hat sich da etwa was geändert?“ Und wie zu sich selbst fuhr Mehdi fort. „Also denkbar wär es ja schon. Schließlich hast du dich in so vielen Dingen verändert. Sagst mittlerweile sogar, dass du Gretchen liebst. Und das glaubhaft. Warum solltest du dir dann nicht auch mehr mit ihr vorstellen können? Logisch wäre es ja schon.“

Nachdenklich strich Mehdi sich über seine stoppeligen Wangen. „Ja, warum solltest du dir das nicht vorstellen können. Jetzt, wo du endlich die richtige Frau an deiner Seite hast.“ Zufrieden lächelnd nickte Mehdi. Wie zur Bestätigung seiner eigenen Worte.

Eine ganze Weile sagte keiner der jungen Ärzte etwas. Beide hingen ihren Gedanken nach und selbst ein völlig Fremder hätte auf einen Blick erkennen können, dass es in Marc rumorte. In ihm brodelte etwas. Etwas, das ihn auf eine für ihn ganz untypische Art beschäftigte. Mit einem Mal räusperte er sich umständlich, bevor er anfing zu sprechen.

„Du Mehdi? Kennst du eigentlich dieses Gefühl, wenn man etwas von ganzem Herzen tun möchte und sich das aber einfach nicht traut. Also ich mein‘, sich wirklich nicht traut. Es ist, als ob man einfach nicht über seinen Schatten springen kann. Man kann es einfach nicht in die Tat umsetzten. Es geht einfach nicht, obwohl man es so gerne tun würde.“

Mehdi nickte wissend. „Du meinst sowas wie ‘n Dreier mit zwei Frauen.“

Irritiert schaute Marc seinen Freund an. „Hä? Nein! Da ist doch nichts dabei. Nein, Mehdi, ich mein‘ eher so etwas wie … Kinder kriegen.“

Mehdi lachte aus tiefstem Herzen. „Du hast echt ’n Knall. Na ja, wahrscheinlich mag ich dich deshalb ja auch so gern. Siehst du Marc, bei dem einen ist ‘s der Dreier, bei dem anderen ist es das Kinder kriegen. Das ist immer nur eine Frage der Betrachtung.“ Und neugierig hakte der Gynäkologe nach. „Sag mal, du hast jetzt aber nicht wirklich schon mal? Also mit zwei Frauen?“

„Was? Äh ja, ist doch wirklich nichts dabei. Also jetzt würde ich ja nicht mehr. Jetzt hab ich ja Gretchen. Aber früher. Wenn die Frauen wollten, warum nicht?“

Aber Marc schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein. Bei einem anderen Thema. Bei einem Thema, das für ihn anscheinend eine unüberwindbare Hürde war.

„Red‘ doch einfach mit Gretchen. Ich bin mir sicher, dass sie dich verstehen wird. Und dass ihr eine Lösung finden werdet. Eine Lösung, mit der ihr beide leben könnt. Schließlich munkelt man ja, dass du jetzt zu den Einfühlsamen der männlichen Weltbevölkerung gehören sollst.

„Red‘ doch einfach mit Gretchen. Ich bin mir sicher, dass sie dich verstehen wird.“, hallte es immer wieder durch Marcs schmerzenden Kopf, während er die ausgesprochen liebevolle Kopfmassage seiner einfühlsamen Freundin in vollen Zügen genoss.

Ich werde mit ihr reden, aber nicht heute.

Pippi Langstrumpf Offline

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01.04.2012 23:46
#90 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

92 Berlin – Juni 2015

„Ich liebe dich.“

Ganz leise flüsterte sie es ihm ins Ohr. „Ich liebe dich, weil du so bist, wie du bist. Weil du solche Dinge für mich tust. Weil du mich liebst.“

Noch immer saß Marc auf dem Sofa und ließ sich von Gretchen nach allen Regeln der Kunst verwöhnen. Noch immer massierte Gretchen ihrem Marc mit einer Hingabe den Kopf und später auch den Nacken und die Schultern, so dass der seinem Wohlbefinden nur noch durch ein wohliges Brummen Ausdruck verleihen konnte.

Langsam zog Gretchen Marc das ausgewaschene T-Shirt über den Kopf und hauchte, wie zur Bestätigung ihrer Worte, zarte Küsse auf seinen muskulösen Rücken. Zarte Küsse, die warm seinen verspannten Rücken massierten. Sacht hinterließen ihre Lippen zarte Abdrücke auf seiner warmen Haut. Gretchen hatte, genau wie Marc, ihre Augen geschlossen und ließ sich einzig und allein von ihren Gefühlen leiten. Gefühle, die mit einem Mal so intensiv waren, dass sie fast nicht mehr wusste, wohin mit ihrer Liebe.

„Wenn ich ehrlich bin, hab ich‘s gar nicht kapiert. Erst Mehdi hat mich vorhin darauf gebracht.“ Gretchen machte eine kurze Pause, ließ ihre Beine rechts und links an Marcs Beinen entlang rutschen, schlang ihre Arme um seinen trainierten Oberkörper und legte ihre heiße Wange an seinen warmen Rücken. Auf ihrem Gesicht lag ein besonders strahlendes Lächeln. Ein zutiefst glückliches Lächeln. „Du hast das gestern Abend nur für mich getan. Stimmt ‘s?“

Marc öffnete seine Augen. Fragend wanderte sein Blick umher, während sich seine Augenbrauen misstrauisch zusammenzogen. Einem ersten Impuls folgend, wollte er sich umdrehen. Ihr in die Augen schauen. Aber dann tat er es doch nicht. Er blieb genau so sitzen, wie er war.
„Äh, kannst du mir kurz auf die Sprünge helfen? Was genau soll ich nur für dich getan haben?“ Kurzzeitig verstand Marc tatsächlich nicht, worauf Gretchen hinaus wollte.

„Na gestern Abend.“, antwortete Gretchen geduldig. „Also wenn du ehrlich bist, dann wärst du doch am liebsten in deiner Kemenate geblieben. Und zwar den ganzen Abend über. Hast du aber nicht getan. Stattdessen hast du mit allen unseren Gästen angestoßen und sogar kurz mit ihnen geredet. Und das ist in der Tat höchst erstaunlich für dich, dem gewollten Einzelgänger. Da hat Mehdi schon recht. Du scheinst es nur für mich getan zu haben. Also für dich bestimmt nicht. Also glaub ich zumindest. Also glaubt Mehdi.“, verhaspelte sich Gretchen.

Marc grinste, was Gretchen nicht sehen konnte. „So so, das glaubt also Mehdi. Na dann muss es ja wohl stimmen.“ Und nach einer kurzen Pause fügte er noch hinzu. „Ich hoffe, dass es jetzt alle kapiert haben.“

„Äh, was denn?“ Jetzt stand Gretchen auf dem Schlauch.

„Na dass ich dich liebe.“

Wie leicht mir das mittlerweile über die Lippen kommt! Na ja, aber ist doch auch so!

„Und wie“ Blitzschnell drehte sich Marc um, drückte Gretchen rücklings aufs Sofa und begann sie nach allen Regeln der Kunst abzukitzeln. Einer plötzlichen Eingebung folgend. Ohne vorher darüber nachgedacht zu haben, kitzelte Marc das schreiende und zeternde Gretchen ausgiebig an ihrem Bauch, unter ihren empfindlichen Achseln und dann ganz zärtlich, aber nicht minder kitzelig, an ihrem äußerst sensiblen Hals. Gretchen zappelte und strampelte, kicherte und lachte. Schon bald war sie so sehr außer Atem, dass sie kaum noch lachen konnte. Sie konnte sich aber auch nicht wehren, geschweige denn den Spieß umdrehen. Dafür war Marc, der ihre Arme fest in seinen Händen hielt, einfach zu stark.

„Genug! Gnade! Aufhören!“, winselte Gretchen.

„Erst wenn du das Zauberwort sagst.“ Mittlerweile hatte Marc sich auf Gretchen gesetzt und ihre Arme rechts und links neben ihrem Kopf in die weichen Sofakissen gedrückt. Immer wieder strich er mit seinem mehr als stoppeligen Viertagebart über die sensible Haut an ihrem Hals und auch über den Ansatz ihres Dekolletees. Wild küsste er die mittlerweile stark gerötete Haut.

„Bitte!“

„Das ist nicht das Zauberwort!“ Wieder kratzte er hingebungsvoll mit seinem Kinn ihren Hals.

„Ich liebe dich!“

„Na bitte, geht doch.“ Abrupt beendete Marc seine Folter. Er blieb aber unverändert auf Gretchen sitzen und schaute ihr einfach nur in ihre wunderschönen blauen Augen. Die schönsten blauen Augen, die er jemals in seinem Leben gesehen hatte. Blaue Augen, die zu ihm gehörten. Blaue Augen, denen er Einlass gewährte. Einlass in sein Innerstes. In seine Seele. In sein Herz. Blaue Augen, die der Schlüssel zu ihm waren.

Ihre Blicke wurden ernster. Intensiver.

„Kannst du dich eigentlich noch an alles von heute Nacht erinnern?“ Gretchen sprach leise. Zaghaft. Fast ein bisschen ängstlich. Als habe sie Angst vor der Wahrheit.

„Sollte ich mich denn an alles erinnern?“ Vorsichtig legte Marc seinen Oberkörper auf dem von Gretchen ab. „Ich denke, ich habe vorher schlapp gemacht? Also nicht, dass ich nicht mehr gekonnt hätte. Bin halt einfach eingepennt.“

Ein Schatten der Enttäuschung huschte über Gretchens Gesicht. Er weiß es nicht mehr. Hätt ich mir ja auch denken können.

„Na ist ja auch nicht so wichtig.“, versuchte Gretchen das Thema, das ihr selbst kurz zuvor noch so sehr auf der Seele gebrannt hatte, zu beenden.

„Äh doch, ich glaube schon, dass es wichtig ist. Sonst hättest du nämlich nicht damit angefangen mein liebes Gretchen.“ Übermütig küsste er ihre Nasenspitze. „Dafür kenn' ich dich nämlich schon ein bisschen zu gut, als dass ich dir das jetzt glauben würde.“ Erwartungsvoll blinzelten zwei tiefgrüne Augen ihre blauen Gegenüber an. „Also, was habe ich gesagt – oder getan?“

„Weißt du es wirklich nicht mehr? Draußen am Feuerkorb? Ich war kurz allein draußen und habe Holz nachgelegt. Da bist du in den Garten gekommen, hast mich an die Hand genommen und stürmisch in den Strandkorb gezogen. Kannst du dich echt nicht mehr erinnern?“

Scheiße! Ich kann mich nicht mehr erinnern. Scheiße, was war denn da im Strandkorb? Oh Gott, hab ich ihr etwa? Mann, ich war aber auch den ganzen Abend schon so scharf auf sie und dieser Gedanke an einen Quickie im Gästeklo, den bin ich einfach nicht mehr losgeworden.

„Äh haben wir? Also ich meine im Gästeklo? Ich hoffe, es war irgendwie … äh … in deinem Sinne.“ Mehr hätte Marc in diesem Moment nicht rumstottern können. Er war verlegen. Es war ihm peinlich, obwohl ihm solche Situationen eigentlich niemals peinlich waren. Aber in diesem Moment war es so. Denn eigentlich war das nicht sein Stil. Sex mit Gretchen, der Frau, die er von ganzem Herzen liebte, in einem Zustand fortgeschrittener Breitheit.

„Nein Marc, wir haben nicht im Gästeklo.“ Jetzt musste Gretchen dann doch grinsen, obwohl sie noch immer sehr angespannt war. Sollte sie es ihm wirklich sagen? Vielleicht hatte er es ja gar nicht so gemeint? Vielleicht hatte er ja nur gescherzt? Andererseits war Marc nicht mehr so. Er hatte sich verändert. Er liebte sie und er stand zu seiner Liebe. Das hatte er ihr ja auf seine ganz eigene Weise am Abend zuvor bewiesen.

Okay Gretchen, wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

„Du hast mich im Strandkorb ganz fest in deinen Arm genommen und mir etwas gesagt. Etwas, das mich in dem Moment sehr glücklich gemacht hat.“ Sie atmete tief ein und aus, bevor sie weitersprach. „Obwohl ich wusste, dass du betrunken warst.“

Verzweifelt sah Marc sie an. „Mann Gretchen, jetzt sag es schon endlich. Was hab ich dir denn gesagt?“

„Ich möchte der Vater deiner Kinder sein!“

Scheiße!



Pippi Langstrumpf Offline

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04.04.2012 14:45
#91 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

93 Berlin – Juni 2015

Wieso hab ich ihr das gesagt? Betrunken!

Marc spürte unter seinem nackten Oberkörper, dass Gretchen aufgehört hatte zu atmen. Er spürte, dass ihre Brust sich nicht mehr rhythmisch gegen seine drückte. Er spürte, dass sie die Luft anhielt. Abwartend. Erwartungsvoll. Ängstlich. Marc sah Gretchens hellblaue Augen. Sie waren weit geöffnet und schauten ihn erwartungsvoll an. Warum musste er ausgerechnet in diesem Augenblick an die Worte seiner ehemaligen Kunstlehrerin denken? Hellblau ruft häufig eine Assoziation mit Treue, Harmonie, Sehnsucht sowie Zufriedenheit hervor. Es war fast zwanzig Jahre her, dass er diesen Satz gelangweilt auf ein Stück Papier gekritzelt hatte. Warum musste er ausgerechnet in diesem Augenblick daran denken? Marc hatte das Gefühl, die Zeit wäre stehengeblieben. Alles schien still zu stehen. Die Welt schien still zu stehen und auf ihn zu schauen. Auf ihn und seine Reaktion.

Schockiert bemerkte Marc, dass sich die ersten Tränen in Gretchens wunderschönen hellblauen Augen sammelten. Er sah, dass sie verzweifelt versuchte, sie wegzublinzeln. Das Unvermeidbare aufzuhalten. Immer wieder flackerten ihre langen geschwungenen Wimpern auf und ab. Aber es half nichts. Marc konnte es genau sehen. Die glasigen Augen. Dicke Tränen, die aus ihren Augen zu quellen drohten.

Er war mit der Situation eindeutig überfordert. Nein, es war mehr als das. Marc wusste einfach nicht, was er tun sollte. Wie er reagieren sollte. Was er sagen sollte. Er hatte das Gefühl, es in diesem Augenblick einfach nicht richtig machen zu können. Er hatte das ungute Gefühl, dass jede nur denkbare Reaktion falsch wäre. Er hatte das Gefühl, Gretchens Erwartungen in diesem Augenblick einfach nicht erfüllen zu können.

Gretchen hielt den Atem an. Ihre Worte hatten ein Echo in ihrem Kopf ausgelöst. Immer und immer wieder hörte sie diesen einen Satz. „Ich möchte der Vater deiner Kinder sein!“ Gretchen sah die Veränderung in Marcs Blick. Sofort. Es war nur ein winziges Flackern. Ein Aufblitzen. Genau in dem Augenblick, in dem ihre Worte in seinem Sprachzentrum in Erkenntnis umgewandelt worden sind. Genau in diesem Augenblick konnte sie ein Aufblitzen in seinen einzigartigen dunkelgrünen Augen erkennen. Ein Aufblitzen, das sofort wieder verschwand, aber dennoch für den Bruchteil einer Sekunde deutlich sichtbar gewesen ist. Entsetzen. Blankes Entsetzen.

Nervös kaute Marc auf der Innenseite seiner Unterlippe herum, während er augenscheinlich über etwas nachdachte. Grübelte. In diesem Augenblick schossen Gretchen die Tränen in die Augen. Unvermittelt. Und es gelang ihr nicht, sie aufzuhalten.

Er hat es nicht so gemeint!

Schweigend schauten sie sich an. Da war nur ihr Blick und der Versuch, die Gefühle und Gedanken des Anderen zu erraten. Und Gretchens Tränen, die irgendwann zwischen ihnen standen. Noch immer kämpfte Gretchen gegen sie an. Vergeblich. Immer wieder blinzelte sie. Doch die vielen Tränen liefen ihr mittlerweile unaufhaltsam über ihre Wangen. Ihr Blick verschwamm. Mit den Lippen versuchte sie, sie aufzufangen. Immer und immer wieder. Ihren Kopf hatte sie mittlerweile zur Seite gedreht. Sie konnte Marc nicht mehr anschauen. Sie wollte ihn nicht mehr anschauen. Nicht so.

Die Minuten verstrichen. In Marcs Kopf hatte sich ein Orkan in Bewegung gesetzt. Ein Orkan, der alles durcheinander brachte. Seine Gefühle. Seine Gedanken. Seine Sprache. Worte wirbelten durcheinander und wollten sich nicht zu Sätzen zusammenfügen lassen. Die Erkenntnis traf ihn hart. Er fand einfach nicht die richtigen Worte in diesem Moment. Eigentlich fand er gar keine Worte. Eigentlich war er sprachlos. Und in diesem Moment tat Marc etwas, dass er selbst nicht für möglich gehalten hatte. Er gab die Suche auf. Er gab das Denken auf und ließ sich einzig und allein von seinen Gefühlen leiten.

Zärtlich strich er mit seinem Daumen über ihre tränennasse Haut. „Schau mich an.“ Er sprach ganz leise. Seine Stimme klang etwas heiser. Kurz räusperte er sich. Doch Gretchen drehte ihren Kopf nicht. Stattdessen erfasste ihren Körper ein heftiges Schluchzen.
Zärtlich strich er ihr über den Kopf. Zaghaft lächelnd. „Warum weinst du denn jetzt? Ich hab doch noch gar nichts gesagt? Komm dreh dich um. Ich möchte dich anschauen.“

„Damit du mir dann in aller Ausführlichkeit erklären kannst, dass du das gestern nicht so gemein hast?“ Beinahe hätte Marc über den trotzigen Klang in ihrer Stimme gelacht, als Gretchen unbeirrt mit ihrer Interpretation der Dinge fortfuhr. Ohne ihn dabei anzuschauen. Sie sprach, während sie sich langsam aufrichtete und sich auf die Kante des Sofas setzte. Nicht ohne Marc vorher zur Seite geschoben zu haben. Marc ließ sie gewähren.

„Weißt du Marc, am besten vergessen wir das ganze hier. Lass uns einfach so tun, als ob nichts gewesen wäre. Als ob du mir diesen Satz nie ins Ohr geflüstert hättest. Warst ja eh total betrunken. Wenn ich es dir nicht erzählt hätte, wüsstest du es ja nicht mal mehr. Es war doch vorher alles perfekt.“ Wieder musste sie heftig schluchzen. „Ach ja und eins noch. Mach dir bitte keinen Stress. Meinetwegen. Weil du denkst, dass du mir hier irgendwelche Wünsche erfüllen musst. Nichts musst du. Ich träume nicht mehr davon. Schon lange nicht mehr. Früher, ja, da war ich ein kleines naives Dummerchen, das sich die Welt bunt geträumt hat. Ein Prinz, eine Märchenhochzeit und zwei bis drei süße Kinder.“ Sie lachte bitter auf. „Wegen dieses beschissenen Traumes hab ich schon so viel Lehrgeld in meinem Leben bezahlen müssen. Glaube mir, noch mal passiert mir das nicht!“

Während ihrer letzten Worte begann Gretchen hektisch unter einem bemerkenswerten Zeitschriftenstapel, der das kleine Beistelltischchen aus ihrer alten Wohnung sein Zuhause nennen durfte, nach einer Packung Taschentücher zu suchen.

Ruhig wartete Marc ab, bis Gretchen sich die Nase geschnäuzt hatte. Lautstark. „Darf ich jetzt auch mal was sagen?“. Er hatte sich schräg hinter Gretchen gesetzt, so dass sie zwischen seinen Beinen saß. Ihre nackten Beine berührten den Stoff seiner Jogginghose.

Und wieder fiel sie ihm ins Wort. „Nein Marc, das brauchst du nicht. Die Worte kannst du dir sparen. Ich habe es bereits in deinen Augen gelesen!“

„Äh Gretchen, auch auf die Gefahr hin, dich jetzt enttäuschen zu müssen. Aber das, was du dir da gerade zu recht spinnst, das hast du bestimmt nicht in meinen Augen gelesen. Das kannst du nicht in meinen Augen gelesen haben, weil es nicht stimmt. Das habe ich weder gedacht, noch gefühlt.“ Bestimmt legte er seine Hände auf ihre Schultern, zog sie an sich heran und legte einen Arm um sie.

„Und was soll dieser Selbstbeschiss? Das glaubst du doch selbst nicht, was du da gerade gesagt hast.“ Seine Stimme klang ernst, aber nicht ärgerlich. Eher liebevoll. Fast ein bisschen zärtlich. Voller Gefühl.

Bevor Marc weitersprach, machte er eine kurze Pause. Ganz genau dachte er über seine nächsten Worte nach, bevor er sie bedächtig aussprach. Schließlich war ihm mehr als bewusst, welche Tragweite sie haben würden.

„Du träumst also nicht mehr von deinem Märchen. Aber was wäre, wenn ich es tue? Wenn ich gerade anfange, dein Märchen zu träumen.“

Pippi Langstrumpf Offline

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07.04.2012 00:05
#92 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

94 Berlin – Juni 2015

Hinterher konnte Gretchen sich noch an jedes seiner Worte erinnern. Worte, die sie nie mehr in ihrem Leben vergessen wollte. Vergessen würde. Worte, die sich unwiderruflich in ihrem Gedächtnis eingenistet hatten. Worte, die ihre Zukunft waren.

Überglücklich saß Gretchen in ihrem Standkorb. Es war mittlerweile Nacht. Fast Mitternacht. Der Himmel war sternenklar. Ein voller Mond wachte über das schlafende Berlin. Auch über Marc, der aufgrund seiner Angeschlagenheit den wunderschönen Strapazen des Abends nicht mehr länger hatte standhalten können. Die Grillen zirpten und ab und wann konnte Gretchen in der Ferne die Motorengeräusche vorbeifahrender Autos hören. Sie hatte sich ein kleines Teelicht mit in den Garten genommen, das jetzt auf einem der kleinen, ausklappbaren Tischchen des Strandkorbes stand und ihr mit seinem flackernden Lichtschein die Nacht erhellte.

„Mittlerweile liebe ich sogar deinen Teelichtertick. Ich liebe es, wenn du dieses kleine Lichtchen anzündest, sobald wir ins Bett gehen. Ich liebe es, mich mit dir im Schein dieses kleinen Lichtchens zu lieben. Deine Haut hat dann immer einen ganz besonderen Schimmer. Aber genau so liebe ich es, in der Nacht aufzuwachsen und zu sehen, dass es noch brennt. Dass es noch da ist und auf uns aufpasst.“ Gretchen schloss die Augen und lächelte, als sie sich an diese einzigartige Liebeserklärung ihres Freundes erinnerte.

„Du träumst also nicht mehr von deinem Märchen. Aber was wäre, wenn ich es tue? Wenn ich gerade anfange, dein Märchen zu träumen.“

Als wäre es gerade erst passiert, konnte Gretchen alles noch genau so spüren. Das aufgeregte Herzklopfen, das sich unmittelbar nach oder vielleicht auch schon während Marcs Worten eingestellt hatte. Dieses unvergleichliche Kribbeln in ihrem Bauch. Wie Brausepulver, das sich prickelnd in Wasser auflöste. Ihre heißen Wangen. Die Röte, die sie regelrecht spürte. Überall in ihrem Gesicht. Und die nassen Hände, die sie auf einmal bekommen hatte.

Hatte sie sich verhört? Marc Meier war gerade dabei, ihr Märchen zu träumen? Der Marc Meier, der sich in einem anderen Leben immer über sie lustig gemacht hatte? Deshalb. Noch während Gretchen fieberhaft darüber nachdachte, was Marc ihr mit seinen Worten eigentlich sagen wollte, hatte er auch schon weitergeredet. Langsam. Bedächtig. Aber kontinuierlich. Ohne Pause und ohne Zögern. Als wüsste er ganz genau, was er Gretchen sagen wollte.

„Ich geh jetzt einfach mal davon aus, dass du dir gerade dein süßes Köpfchen darüber zerbrichst, was ich gerade gesagt habe und wie ich das wohl gemeint haben könnte.“ Marc sprach leise. Direkt in ihr Ohr. „Du hast richtig gehört. Ich habe angefangen, dein Märchen zu träumen. Was so viel bedeuten soll wie ja, ich kann es mir vorstellen. Ein Kind. Also vielleicht nicht gleich heute. Aber später Mal. Wenn ich groß bin.“ Er lachte.

Marc spürte, dass Gretchen Luft holte und ansetzte, etwas zu sagen. „Warte, ich weiß, was du sagen willst. Du fragst dich, warum ich so komisch reagiert habe. Warum ich dir nicht gleich um den Hals gefallen bin. Gretchen, du weißt doch wie ich bin. Und wenn ich ehrlich bin, dann hab ich mich wohl selbst etwas überrumpelt. Denn geplant habe ich das so auf keinen Fall. Anscheinend ist da gestern mein Unterbewusstsein mit mir durchgegangen. Also versteh das jetzt nicht falsch, aber mein Zeitplan sah irgendwie anders aus.“

Marc machte eine kurze Pause. Er sortierte noch einmal seine Gedanken. Seine Worte. Küsste Gretchen gefühlvoll auf die nackte Schulter und sprach weiter.

„Gestern hat mir Mehdi von seinen und Astrids Plänen erzählt. Und ich muss gestehen, dass es mich irgendwie getroffen hat, dass du es mir nicht erzählt hast. Ich meine, wir sind uns doch eigentlich so nah. Andererseits weiß ich ja auch, warum du es mir nicht erzählt hast. Das liegt ja eigentlich auf der Hand. Auf jeden Fall ist mir aber dadurch bewusst geworden, dass das, was du nicht wagst mir zu erzählen, eigentlich genau das ist, was ich möchte.“

Gretchen griff aufgeregt nach Marcs Hand, während er weitersprach. Ihre Hand war feucht. Marc konnte spüren, dass sie aufgeregt war. Genau wir er. Sein Herz klopfte. Ganz wild.

„Gestern Abend hab ich dann immer wieder darüber nachdenken müssen. Auf der Party. Als ich noch nüchtern war. Ein Kind. Wir beide. Was für eine verrückte Idee. Marc Meier und ein Kind. Ich weiß ja nicht mal, was Kinder essen. Und dann war da dieser eine Augenblick. Bestimmt erinnerst du dich nicht mal mehr daran. Du hast dich gerade mit deinen Kollegen vom MeMo unterhalten. Ich habe dich beobachtet. Du sahst so wunderschön aus, unglaublich glücklich und richtig zufrieden. Und auch verliebt. Weißt du noch, du hast mir einmal ganz kurz zugezwinkert. Da habe ich es gewusst. Du bist glücklich mit mir. Es ist tatsächlich so, wie ich es mir immer so sehr gewünscht habe. Ich kann dich glücklich machen. Und in diesem Augenblick habe ich es gedacht.“ Marc hielt kurz den Atem an. „Ich möchte der Vater ihrer Kinder sein. Plötzlich war er da, dieser Gedanke, dass da noch ein letztes Puzzlestück fehlt in unserem Leben. Das letzte Puzzlestück, das unser Glück perfekt machen würde. Na ja und den Gedanken habe ich ja dann in meinem nicht mehr wirklich zurechnungsfähigen Zustand auch prompt ausplaudern müssen.“

Marc hielt Gretchen ganz fest in seinem Arm, während er ihr Haar küsste. Es fühlte sich gut an. Es ausgesprochen zu haben. Er spürte, dass er langsam wieder ruhiger wurde. Er spürte, dass Gretchen ruhiger wurde.

Leise begann sie zu sprechen. „Ich hab vorhin geflunkert. Es war sozusagen eine Notlüge. Zum Selbstschutz. Ich glaube, du weißt besser als ich, wie gerne ich ein Kind bekommen würde. Von dir. Sag mir einfach, wenn du soweit bist.“

Sie drehte sich um und schaute Marc direkt in seine müden Augen. Sie sah dunkle Schatten unter seinen Augenlidern, die ihn erschöpft wirken ließen. Die Bartstoppeln, mit denen er sie eben noch so sehr gekitzelt hatte. Aber sie sah auch diese zwei einzigartigen Grübchen, die ihr sagten, dass er glücklich war. Dass er alles genau so meinte, wie er es gesagt hatte. Sie lachte freudestrahlend, als sie sein Gesicht in ihre Hände nahm.

„Marc Meier, weißt du eigentlich wie lieb ich dich hab?“

Die Grübchen intensivierten sich. „Äh ja, bis zu deinem Stern?“ Er grinste spitzbübisch. „Und weißt du eigentlich auch, wie lieb ich dich
hab?“

„Bis zu meinem Stern?“

„Nicht nur. Ich liebe dich so sehr, dass ich sogar all deine Ticks liebgewonnen hab. Ich würde sogar in Kauf nehmen, dass sie sich mit meinen einzigartigen Genen vermischen und sogar unter Umständen weitervererben.“

Gretchen verkniff sich ein Grinsen „Ich habe keine Ticks. Ich frage mich also, was du da liebgewonnen hast.“

„Gretchen Haase, du hast mehr Ticks, als alle anderen Menschen, die ich kenne, zusammen. Und ich liebe sie alle. Ich liebe es, wenn du dir deinen Tee machst. ‚Heiße Liebe‘. Weißt du eigentlich, wie eklig der schmeckt? Du trinkst den doch bestimmt nur wegen des Namens, du Luder.“

Unschuldig schaute Gretchen Marc an und setzte sich dabei auf seinen Schoß. Langsam strich sie mit ihren Fingern über seinen nackten, wohl definierten Rücken. „Mist, du hast mich durchschaut. Hab ich denn noch mehr Macken?“

„Ich liebe es, wenn du nach diesem Wilde-Pflaume-Duft riechst.“ Schnuppernd grub Marc seine Nase tief in Gretchens Halsbeuge. „Aber ich habe noch die gehört, dass ein Mensch sogar Haarspülung und Körperlotion duftmäßig aufeinander abstimmt. Ganz zu schweigen von diesem Haarspitzenzeug und deiner Handcreme. Aber wie gesagt, ich liebe es.“ Ein paar heiße Küsse landeten auf Gretchens Hals und bescherten ihr eine Gänsehaut, die Marc auch prompt an ihren nackten Beinen entdeckte.

Versonnen strich er über ihre warmen Beine mit den aufgerichteten Härchen, während er weitersprach. „Weißt du, was ich besonders entzückend an dir finde? Immer wenn du in einen großen Spiegel schaust, wandert dein Blick zuerst zu deinem Po und dann zu deinem Busen. Und erst dann schaust du dir dein Gesicht an. Also wenn ich das so machen würde, würdest du mir eine scheuern.“ Tiefgrüne Augen funkelten spitzbübisch.

„Mein Lieblingstick ist aber dein Unterwäschetick. Du weißt, wie sehr mich der anmacht. Manchmal muss ich den ganzen Tag darüber nachdenken. Dicht gefolgt von deinem Teelichtertick. Ja dein Teelichtertick, der ist schon was ganz Besonderes."

Marc redete und redete und Gretchen hing an seinen Lippen. Verzückt. Verliebt. Verzaubert. Und während Marc eine ihrer Angewohnheiten nach der anderen aufzählte, dachte Gretchen darüber nach, was das für ein glücklicher Zufall war, der sie und Marc in Freiburg wieder zusammengeführt hatte.

Plötzlich fiel Gretchen noch etwas ein. Sie unterbrach Marc einfach in seinen ausschweifenden Ausführungen über ihre mehr oder weniger merkwürdigen Angewohnheiten. Mittlerweile war er bei ihrem Wollsockentick angelangt.

„Du hast etwas von deinem Zeitplan erzählt. Wie sah der eigentlich aus?“. Neugierig blinzelte sie ihn an.

Marc lächelte geheimnisvoll. „Willst du es wirklich wissen, aber es sollte eigentlich eine Überraschung werden.“

„Ich hatte doch heute schon eine Überraschung. Ich würd‘ es wirklich gerne wissen.“ Während sie weitersprach, setzte Gretchen ein besonders bezauberndes Lächeln auf. „Wenn du es mir sagst, bekommst du auch einen Kuss von mir. Einen atemberaubenden Kuss. Einen von den ganz ganz schönen Küssen.“ Verführerisch zwinkerte Gretchen Marc an und fragte sich, ob er wohl trotz seines Katers Lust auf diesen ganz besonderen Kuss haben würde. Ihr Gesicht war jetzt ganz nah vor seinem.

„Gretchen, du verkaufst dich? Okay, dein Kuss gegen meine Überraschung.“ Gretchen nickte. „Ich möchte im September mit dir nach Freiburg fahren. Ins „Hotel Paradies“. Sozusagen zum Jahrestag unseres folgeschweren Zusammentreffens. Und ich könnte mir vorstellen, dass ich es dir dort gesagt hätte. Fährst du jetzt trotzdem noch mit mir nach Freiburg?“

„Total gerne! Ja.“ Überschwänglich fiel Gretchen Marc um den Hals.

Marc spitze seine Lippen und hielt sie Gretchen auffordernd entgegen. „Und wann bitteschön bekomme ich jetzt diesen atemberaubenden Kuss von dir, den du mir da gerade so angepriesen hast. Ich hätte aber gerne den, der mir diese wahnsinnige Gänsehaut beschert und es ganz unglaublich Prickeln lässt – hinter meinem Bauchnabel.“

Pippi Langstrumpf Offline

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09.04.2012 23:50
#93 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

95 Freiburg - September 2039

Im Hotel Paradies.

Der Portier des beliebten Freiburger Hotels, ein Mann mittleren Alters mit graumeliertem Haar, arbeitete schon sehr lange im „Paradies“, wie er gerne in seinem Bekanntenkreis zu sagen pflegte. Sehr lange sogar. Mehr als zwanzig Jahre. Aufgrund der citynahen Lage, des hervorragenden badischen Essens und der außergewöhnlich liebevoll eingerichteten Zimmer erfreute sich das Hotel bei seinen Gästen aus dem In- und Ausland seit mehr als einem Vierteljahrhundert größter Beliebtheit. So war es nicht weiter verwunderlich, dass der Portier im Laufe der Jahre viele der immer wiederkehrenden Stammgäste kannte. Einige besser, andere weniger gut.

Wäre der Portier allerdings danach befragt worden, welche Gäste ihm am eindrucksvollsten in all den Jahren in Erinnerung geblieben waren, er hätte, wie aus der Pistole geschossen, geantwortet, „das Ehepaar Meier aus Berlin.“ Und zwar nicht nur wegen des ansprechenden Erscheinungsbildes des Paares. Nein, auch die Kontinuität ihrer Besuche in Freiburg war schlicht und ergreifend bemerkenswert. Ihretwegen hatte der Portier sogar Recherchen angestellt. Aus reiner Neugier. Irgendwann hatte diese ihn gepackt und er hatte sich gefragt, wie lange das Paar aus Berlin schon dem „Hotel Paradies“ seine Besuche abstattete. Konnte er sich doch daran erinnern, dass sie es seit seinem ersten Arbeitsjahr taten, als er selbst noch ein junger Mann war. Mindestens. Der neugierige Portier hatte in den alten Gästelisten des Hotels gesucht und gefunden. Im Jahr 2014 hatte Marc Meier zum ersten Mal ein Zimmer im Hotel reserviert. Im September und noch einmal im November. Und von da an wiederholten sich die Einträge des Marc Meier Jahr für Jahr. Immer im September. Und immer am gleichen Wochenende. Seit genau fünfundzwanzig Jahren. Einzige Ausnahmen waren die Jahre 2016 und 2021, so hatte es zumindest der Portier des Hotels recherchiert.

Und an diesem sonnigen Septemberwochenende hatte Marc Meier nun wieder ein Doppelzimmer reserviert. Und wie in jedem Jahr war Marc Meier zusammen mit seiner zauberhaften Begleitung angereist. Wie der Portier annahm, seiner Ehefrau. Die Beiden waren, ebenfalls wie in jedem Jahr, mit der Bahn angereist und den kurzen Weg vom Bahnhof zum Hotel zu Fuß gegangen. Und wie in jedem Jahr hatten die Beiden einen Tisch im Restaurant reserviert, für den Abend. Und wie in jedem Jahr würden die Beiden für die Dauer von zwei Nächten in Freiburg bleiben.

„The same procedure as every year.”, dachte der Portier belustigt bei sich, als er dem attraktiven Paar, das sich gerade zum Fahrstuhl begeben hatte, hinterher schaute und sie neugierig dabei beobachtete, wie sie auf eben diesen warteten. Wieder musste der Portier grinsen. Wie in jedem Jahr konnten die beiden Wartenden nicht die Finger voneinander lassen. „Vielleicht ist sie ja doch seine Geliebte und sie treffen sich einmal im Jahr hier in Freiburg.“, dachte der Portier spaßeshalber, als das Ehepaar Meier hinter den Türen des Aufzuges verschwunden war und er sich wieder seinem äußerst komplizierten Sudoku-Rätsel widmete. Eigentlich schade, dass er nicht hörte, was im Aufzug gesprochen wurde. Dann hätte sich nämlich die Frage nach der hübschen Begleitung des Marc Meier ein für allemal geklärt.

Marc vergrub sein Gesicht in der prächtigen Lockenmähne von Gretchen, küsste gierig ihren zarten Hals und raunte ihr verführerisch ins Ohr. „Frau Doktor Haase, Sie glauben gar nicht, wie sehr ich mich auf gleich freue. Endlich mal wieder so richtigen, ungestörten und vor allem hemmungslosen Sex mit der Mutter meiner Kinder zu haben. Ohne, dass jemand an die Tür klopft und irgendwo hingefahren werden will oder sich an deinem Kleiderschrank bedienen möchte. Einfach nur wir beide. Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich darauf gefreut habe!“

„Doch das weißt ich, Herr Professor. Sie haben es mir ja auf der Fahrt von Berlin bis hierher sechs Stunden lang ins Ohr geflüstert.“ Kurz schloss Gretchen lächelnd ihre Augen. Auch sie freute sich riesig auf dieses Wochenende. Mit allem, was dazu gehörte.

Mittlerweile hatten sie das erste Obergeschoss erreicht und Gretchen war dabei, die Tür zu ihrem Zimmer zu öffnen. Allerdings unter erschwerten Bedingungen. Denn mittlerweile bedeckte Marc, der dicht hinter ihr stand und in einer Hand den schwarzen Griff eines Reisetrolleys hielt, nicht mehr nur ihren Hals mit gierigen Küssen, sondern machte sich auch bereits mit seiner anderen Hand an ihrer petrolfarbenen Bluse zu schaffen, die sie unter einer schwarzen Strickjacke trug. Endlich hatte Gretchen es geschafft. Im Zimmer, im Übrigen war es in jedem Jahr dasselbe, verpasste Marc der Tür einen Tritt, so dass sie lautstark ins Schloss fiel.

Da standen sie. Sie hielten sich fest an den Händen. Mit roten Wangen, deutlich erhöhtem Pulsschlag, einem verlangendem Funkeln in ihren Augen und einem verzehrenden Prickeln in ihren Bäuchen. Und mit einem Mal wurden sie ruhiger. Sie wurden beide ganz ruhig. Die Gier aufeinander war verschwunden. Wussten sie doch, dass sie sich jetzt hatten. Für ein ganzes Wochenende. Zwei halbe Tage, zwei Nächte und ein ganzer Tag. Ein ganzes Wochenende lang würden sie jetzt alleine sein. Ohne Inga. Ohne Magnus. Und ohne Linus. Nur sie und ihre Liebe. Sie schauten sich an. Ihre Blicke hatten sich ineinander verschlungen, als wollten sie sich nie wieder loslassen.

Ganz langsam näherte Marc sich seiner atemberaubenden Freundin. Bis er ihren Körper an seinem spüren konnte. Ganz langsam näherten sich seine Lippen ihrem Ohr. Er strich eine dicke Haarsträhne zur Seite, was ihr noch immer, nach all den Jahren, eine unglaubliche Gänsehaut bescherte. „Darf ich dich ausziehen?“ Ein erregendes Prickeln intensivierte sich in ihren Körpern und breitete sich in Sekundenschnelle bis in die letzten Zellen aus. „Ich bitte darum.“

Sie schlief noch.

Versonnen ließ Marc den Seidenschal immer wieder durch seine Finger gleiten, während er Gretchen im schummrigen Licht der untergehenden Herbstsonne liebevoll betrachtete. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages kitzelten sie an ihrer Nasenspitze. Tauchten ihr Gesicht in ein goldenes Licht. Ihre goldenen Locken rahmten auf ihre unnachahmliche Weise ihr Gesicht ein.

Wie damals, als sie an diesem Tisch hier im Restaurant saß, schoss es ihm durch den Kopf. Wie so oft dachte er, dass diese Haare der perfekte Rahmen für das perfekte Kunstwerk waren. Ihr Gesicht. Marc liebte Gretchens Gesicht, so wie er auch den Rest ihres Körpers liebte. So wie er den ganzen Menschen liebte. Gretchen. Seine Freundin und die Mutter seiner drei fantastischen Kinder.

Aber an diesem Abend spürte Marc etwas ganz Besonderes. Eine Mischung aus tiefer, inniger Liebe und unbekannter Nervosität. Es war jetzt auf den Tag genau fünfundzwanzig Jahre her, dass sie sich in dieser Stadt wiedergetroffen hatten. Auf eine so schicksalhafte Weise hatte alles begonnen. Hatte ihre Liebe begonnen. Hatte ihr gemeinsames Leben begonnen. Für ihn war das ein ganz besonderes Wochenende. Sollte es ein ganz besonderes Wochenende werden.

Langsam wanderte sein Blick von Gretchens Gesicht über ihren Hals, der nicht mehr ganz so glatt war wie vor fünfundzwanzig Jahren. Zu ihren Brüsten, die nicht mehr ganz so straff waren wie vor fünfundzwanzig Jahren. Sein Blick verweilte dort einen Moment, um dann über ihren Bauch, der etwas runder war als vor fünfundzwanzig Jahren, langsam zu ihrem Po zu gelangen, der nur halb von der weißen Zudecke des Hotels verdeckt wurde. Marc liebte ihren Körper, auch wenn Gretchen es manchmal nicht glauben wollte, weil die Jahre und vor allem die drei Schwangerschaften ihre Spuren hinterlassen hatten. Aber genau das war es doch, was ihre Liebe ausmachte.

Marc musste in sich hinein schmunzeln, als er an ihre vielen Diskussionen zu diesem Thema denken musste. Ein Satz wie „Gretchen, ich liebe deinen Körper genau so wie er ist, weil in diesem Körper unsere drei wundervollen Kinder entstanden sind.“, hatte in solchen Streitgesprächen nur wenig Bestand. Aber in diesem Moment, als Marc Gretchen so ungestört und ganz in Ruhe betrachten konnte, durchströmte ihn eine unbeschreibliche Welle der Liebe, die Gretchen sehr glücklich gemacht hätte. Hätte sie sie denn sehen können.

Sein Smartphone klingelte. Leise drang Marcs Stimme an Gretchens Ohr. Langsam erwachte sie aus den Tiefen eines wunderschönen Traumes.
Langsam öffnete sie ihre Augen und sah Marc. Mit seinem Telefon am Ohr. Gretchen lächelte verliebt. Süß sah er aus, mit seinem verwuschelten Haaren. Wie damals. Gretchen fand sowieso, dass Marc im Grunde wie damals aussah. Seine Figur war fast die gleiche geblieben. Vielleicht ein Hauch fülliger. Dafür ging er aber auch mindestens drei Mal in der Woche joggen und jeden zweiten Samstag mit Mehdi squashen. Seine Haare hatten sich kaum verändert. Nur hier und da fanden sich mal mehr, mal weniger graue Strähnchen. Und auch sein Gesicht war im Grunde das gleiche geblieben. Nur die eine oder andere Falte hatte sich im Laufe der Jahre tiefer in seine Haut gegraben. Aber Gretchen fand, dass all diese Veränderungen Marc im Grunde nur noch attraktiver erscheinen ließen.

Belustigt lauschte sie dem Telefonat, wohl wissend, wer sich am anderen Ende der Leitung befand.

„Nein Linus, wir haben vereinbart, dass Onkel Mehdi um zwei Uhr auf die Party kommt und die damit dann auch beendet ist. Dann hast du in deinen Geburtstag reingefeiert, wie du es dir gewünscht hast, und hast sogar noch genügend Zeit, deine Geschenke auszupacken – wenn du denn welche bekommen solltest. “ Marcs Stimme klang ruhig und sachlich. Noch.

Stille.

„Hör mir mal zu, du wirst achtzehn und nicht fünfundzwanzig. Ein Anruf bei Mehdi genügt und die Party ist gestrichen.“ Jetzt klang Marcs Stimme schon etwas gereizter. Gretchen schmunzelte. Da will wohl jemand verhandeln.

Stille.

„Gut, sonst ist alles fertig?“ Die Wogen schienen sich wieder geglättet zu haben. „Haben Inga und Magnus dir geholfen? Und Linus, keine harten Sachen und wehe ich finde heraus, dass irgendjemand in meinem Bett … Ich denke, du verstehst mich.“

Entsetzt schüttelte Gretchen ihren Kopf. Aber Marc hatte bereits aufgelegt. „Du weißt genau, wie er ist. Der ist schlimmer als ich damals. Und du willst jetzt lieber nicht wissen, was ich auf solchen Partys getrieben hab.“

Noch bevor Gretchen etwas erwidern konnte, fuhr Marc auch schon fort. „So, und nun raus aus den Federn. Hattest genug Schönheitsschlaf. Ich hab Hunger und dann möchte ich rauf auf unseren Turm. Sterne gucken und knutschen.“

Mitten in der Nacht.

„Möchtest du mich heiraten?“ Ganz leise flüsterte er ihr diese vier Worte ins Ohr. Marc und Gretchen standen auf dem Turm des Freiburger Münsters. Wie damals. Tausende von Sterne funkelten an einem schwarzen Himmel. Wie damals. Marc hatte sich hinter Gretchen gestellt. Er konnte den Duft ihrer Haare riechen und sein Herz pochte. Er konnte das aufgeregte Pochen in seiner Halsschlagader spüren. Wie damals. Aber anders als damals umschlang Marc heute mit seinen Armen Gretchens Oberkörper. Ganz fest drückte er sich an sie heran. Er spürte ihren warmen Körper an seinem. Sein Kopf ruhte auf ihrer Schulter. Gemeinsam schauten sie über die Stadt. Freiburg. Die Stadt, die so viel für sie bedeutete. Für ihre Liebe. Für ihr Leben. Er suchte ihre Hand. Er fand sie. Vorsichtig tastete er nach ihrem Ringfinger.

Auch Gretchens Herz fing wild an zu klopfen. Sie spürte Marc hinter sich. Seine Wärme. Seine Nähe. Sie spürte seinen Atem an ihrem Hals. Sie spürte seine Arme, die sich um ihren Oberkörper schlangen. Sie spürte seine Hände, die sich auf Wanderschaft begaben. Seine Hände, die tastend nach ihrer suchten. Seine Finger, die vorsichtig suchend nach ihrem Ringfinger tasteten. Sie spürte einen Ring an ihrem Ringfinger.

„Warum sollte ich das tun?“ Ihre Stimme klang überrascht. Aber auch fröhlich. Glücklich. Ausgelassen.

Seine Antwort flüsterte er in ihr Ohr. Ganz leise. Ernst. „Damit du auch für die nächsten fünfundzwanzig Jahre einen Grund hast, bei mir zu bleiben.“ Verliebt küsste er ihre Ohrmuschel.

Fünfundzwanzig Jahre, schoss es Gretchen durch den Kopf. Vor fünfundzwanzig Jahren, auf den Tag genau, hatten sie sich in dieser Stadt wiedergetroffen. Ein einziger Blick hatte genügt, um ihrer beider Leben so gänzlich auf den Kopf zu stellen. Schnell hatten sie sich wieder ineinander verliebt. Und noch schneller wurde aus dieser Verliebtheit wahre, aufrichtige, ehrliche Liebe.

Marcs Stimme riss Gretchen aus ihren Gedanken. „Morgen wird Linus achtzehn Jahre alt. Er ist dann volljährig.“ Er lachte, als er weitersprach. „Ich habe das Gefühl, dass ich mir jetzt etwas anderes ausdenken muss, um dich an mich zu binden. Ich hab natürlich auch über ein viertes Kind nachgedacht. Also kurz. Aber in unserem Alter? Da fand ich eine Hochzeit irgendwie passender. Und außerdem denkt doch eh alle Welt, dass wir verheiratet sind. Oder wie oft wurdest du in den letzten dreiundzwanzig Jahren mit ‚Frau Meier’ angeredet?“

Glücklich dachte Marc an ihr zweites Weihnachtsfest zurück. Im Grunde war dieses zweite Weihnachtsfest der Anfang von Allem. Von etwas ganz Großem. Der Anfang von ihrer Familie. Denn an diesem Weihnachtsfest hatte er Gretchen das fehlende Puzzleteil geschenkt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er musste grinsen, als er sich an Gretchens Gesicht erinnerte. Als sie dieses kleine Schächtelchen eines bekannten Berliner Juweliers mit glänzenden Augen geöffnet hatte. Ganz genau hatte Marc sie dabei beobachtet. Er hatte das Glitzern in ihren Augen sehen können. Dieses Strahlen. Das umgehend erlosch, als sie nicht das erwartete Schmuckstück vorfand, sondern ein Stück rote Pappe in der typischen Form eines Puzzleteils. Gretchens ratlosen, ja enttäuschten Gesichtsausdruck und den darauf folgenden Freudenschrei, als sie auf der Rückseite des Puzzleteils seine kleine Nachricht entdeckt hatte, würde Marc in seinem ganzen Leben nicht mehr vergessen.

Ich bin soweit! Marc

Neun Monate später, im September, wurde ihre Tochter Inga geboren. Inga war heute dreiundzwanzig Jahre alt und die Älteste der Meier-Haase-Sprösslinge, die allesamt den Nachnamen Meier trugen, obwohl ihre Eltern, wie bereits erwähnt, nicht miteinander verheiratet waren. Inga, die in Art und Aussehen eher nach ihrem Vater kam und Neurochirurgin werden wollte, hatte zwei jüngere Brüder. Magnus, ein blauäugiger Blondschopf, der zwanzig Jahre alt war und gerade mit seinem Psychologiestudium begonnen hatte und Linus, der im kommenden Jahr sein Abitur machen würde und im Grunde ein junger Marc Meier war.

„Ich weiß nicht warum ich gerade jetzt daran denken muss. An die Puzzleteile. Du hast mir jedes Mal eins geschenkt. Bei jedem Kind. Kannst du dich noch daran erinnern?“ Auch Gretchen sprach leise. Sie flüsterte fast. Irgendetwas Magisches lag plötzlich in der Luft.

„Natürlich kann ich mich daran erinnern. Und wenn ich ehrlich bin, hätte ich dir auch noch ein Puzzleteil Nummer vier, fünf und sechs geschenkt. Wenn die Natur da nicht auch noch ein Wörtchen mitzureden gehabt hätte. Na ja, und wenn du nicht beschlossen hättest, die Praxis zu eröffnen. Ich habe ihn geliebt, diesen Bauch. Also nicht, dass du mich jetzt falsch verstehst, ich liebe deinen Bauch jetzt auch. Aber schwanger warst du schon immer ganz besonders zauberhaft.“ Wieder küsste er hingebungsvoll ihren Hals.

„Danke, das Kompliment kann ich übrigens nur zurückgeben. Auch du warst schwanger immer ganz besonders zauberhaft. So besorgt, fürsorglich. Ja fast mütterlich.“ Langsam befreite sich Gretchen aus Marcs Umarmung. „Na ja, jedenfalls konnte ich Schokolade in rauen Mengen essen, ohne dass du angefangen hast zu motzen. Ach und noch etwas. Darf ich dich kurz daran erinnern, dass das mit der Praxis deine Idee war? Du hattest doch die Idee, die Villa zu kaufen, umzubauen und in der unteren Wohnung die Praxis zu eröffnen. Und es war sogar deine Idee, dass ich diese pro-bono-Geschichte durchziehe.“

„Weil Allgemeinmedizin so viel besser zu dir passt als die Chirurgie. Deine Patienten lieben dich – äh und ich natürlich auch.“

Gretchen drehte sich um und legte ihre Arme um Marcs Hals. Durchdringend schaute sie ihn an. Versuchte sie ihn anzuschauen. Die Sterne erhellten die Nacht nicht wirklich und der Mond war in dieser Nacht auch nicht groß genug. Aber Gretchen wusste, wie die Augen aussahen, die sie anschaute. Sie kannte diese Augen. In und auswendig. Sie kannte jedes Detail. Jede Farbnuance. Sie kannte jede Falte, die diese Augen umschloss. Ja sie kannte jede Facette des Gesichtes, in dem diese Augen ruhten. Es war das Gesicht, das sie seit über fünfundzwanzig Jahren liebte. Es war das Gesicht des Mannes, der sie seit fünfundzwanzig Jahren glücklich machte. Natürlich hatte es in dieser Zeit auch Monate gegeben, in denen sie sich weniger glücklich gefühlt hatten. Beide. Aus den verschiedensten Gründen. Aber immer hatte ihre Liebe ihnen geholfen, auch diese Täler zu durchschreiten. Immer hatte ihre Liebe sie getragen und ihnen den Weg gewiesen.

Seit fünfundzwanzig Jahren - bis heute.

„Und es wär auch so ein schönes Ende für unser Märchen. Findest du nicht auch?“, flüsterte Gretchen nach einer langen Pause unvermittelt in die Dunkelheit.

„Heißt das ‚Ja‘?“

„Ja!“


Pippi Langstrumpf Offline

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10.04.2012 00:16
#94 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

Ihr Lieben,

lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich es vorher ankündigen soll. Das Ende meiner Geschichte. Aber dann habe ich mich dagegen entschieden und beschlossen, dass es so bis zum letzten Kapitel spannend bleibt.

Übrigens hatte ich dieses letzte Kapitel seit dem Beginn meiner Geschichte im Kopf. Genau so – oder zumindest so ähnlich. Ich wusste also immer, wie meine Geschichte enden soll, nämlich mit einem riesigen Zeitsprung und einigen unbeantworteten Fragen. Ich wusste nur lange nicht, wann sie enden soll. Aber auch das war für mich jetzt schon seit einiger Zeit klar. Manchmal habe ich es ja auch schon angedeutet.
Ich habe ja schon mal erzählt, dass ich ursprünglich geplant hatte, meine Geschichte nach dem ersten Treffen in Freiburg zu beenden und dann diesen Zeitsprung zu machen. Das war der ursprüngliche Plan. Warum ich den geändert habe, habe ich bereits des Öfteren kundgetan.

Euretwegen!

Und im Nachhinein bin ich sogar froh, dass ich mich damals fürs Weitermachen entschieden hab. Denn so gefällt mir die Geschichte tatsächlich viel besser! Aber nun ist sie in meinem Kopf tatsächlich zu Ende – auch wenn ich noch so viele Details, so viele Kleinigkeiten aus dem Leben von Marc und Gretchen in meinem Kopf habe. Aber wie gesagt, das sind eben nur Details zu meiner Sicht der Dinge, die sich jeder selbst zusammenspinnen kann. Ganz so, wie ihr wollt. Und vielleicht mache ich ja aus den vielen Details irgendwann mal einen Teil II ? Wie gesagt, vielleicht!

Ja was soll ich jetzt schreiben? Ich könnte euch zum Beispiel erzählen, wie viel Zeit ich in diese Geschichte investiert habe, wie viele Seiten ich geschrieben habe oder wie viel Kopfzerbrechen mir diese Geschichte bereitet hat. Aber eigentlich kommt das alles aufs Gleiche raus. Diese Geschichte war für mich eine einzigartige Erfahrung! Niemals hätte ich gedacht, dass ich das kann! Und jetzt, wo die Geschichte zu Ende ist, bin ich sogar ziemlich stolz darauf, dass ich etwas geschrieben hab, dass die Länge meiner Diplomarbeit um einiges überschritten hat.

Und jetzt heißt es für mich Abschied nehmen. Natürlich nicht vom Forum. Nein, auch das ist mir in dieser Zeit sehr ans Herz gewachsen. Aber von diesem Thread. Ich werde also ab sofort wieder diejenige sein, die kurz vor dem Schlafengehen noch mal den Laptop anmacht, um die neuen Teile der vielen tollen Geschichten zu lesen – und hoffentlich auch zu kommentieren.

An dieser Stelle möchte ich mich aber auch bei euch, den vielen Leserinnen (und Lesern. Ich gebe die Hoffnung einfach nicht auf!) meiner Geschichte, noch mal ganz besonders bedanken. Ohne euer Interesse an meiner Geschichte hätte ich vielleicht sogar zwischendurch aufgegeben! Denn dass ich die eine oder andere fisher'sche Schreibblockade hatte, blieb ja nicht unbemerkt.

Und aus diesem Grund möchte ich mich auch noch mal ganz besonderes bei den vielen und vor allem bienenfleißigen Kommentatorinnen meiner Geschichte bedanken! Ohne euch hätte ich das nie geschafft - und vor allem nicht durchgehalten!

Manuela, Sissi, Greta, Aza, Anke, Kate, Jelika, Sanne, Miriam, Lisa, Nicki, Bichi, Sandra (Angst-Haase), Sandra (Schneewittchen), Dani, Limona, Olivenbaum, Cordula, Pookie und all die anderen Leserinnen, die sich im Laufe meiner Geschichte „geoutet“ haben,

DANKE für eure Zeit, die ihr mir mit euren fantastischen Kommentaren geschenkt habt! Ihr habt mich immer unglaublich stolz gemacht!

Ich drück euch ein letztes Mal,
eure Simone

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