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Dieses Thema hat 93 Antworten
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 Abgeschlossene Fortsetzungen!
Seiten 1 | 2 | 3 | 4
Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

27.12.2011 23:16
#51 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

53 Berlin – Dezember 2014

Gretchen war wie benommen.

Oh nein, die habe ich ja total vergessen!

Langsam kam Gretchen wieder auf die Erde zurück. Mit einem Mal klopfte ihr Herz wie wild in ihrer Brust. Sie spürte das Adrenalin bis in ihre Fingerspitzen. Es war ein unangenehmes Gefühl. Kurz musste sie ihre Gedanken sortieren.

„Mist! Das ist meine Nachbarin aus der Wohnung über mir. Nele. Sie fliegt doch tatsächlich noch heute Abend in den Urlaub und hat mich gebeten, ihre Katzen zu füttern. Ich muss ihr jetzt aufmachen. Sie will mir ihren Wohnungsschlüssel geben.“ Hilfesuchend schaute sie Marc an. „Was mach ich denn jetzt?“

Marc grinste sie unverschämt an, während er die Zudecke vom Parkett fischte. „Ich glaube, etwas anziehen wäre keine schlechte Idee.“

Gretchen war knallrot. Im Gesicht und auch sonst überall hatte sie hektische Flecken auf ihrer Haut. Ihre Haare waren zerzaust und sie sah mehr als derangiert aus, als sie da so über den Fußboden ihres Schlafzimmers robbte. Auf der Suche nach einem brauchbaren Kleidungsstück.

Wieder klingelte es.

„Ich komme ja schon“, rief Gretchen genervt, während sie ihre Unterhose anzog. Marc musste sich mittlerweile nicht nur ein kleines Grinsen, sondern schon ein richtiggehendes Lachen verkneifen. Die ganze Situation war einfach zu bizarr.

„Wenn das gerade mit dir nicht so schön gewesen wäre, könnte ich ja jetzt zur Tür gehen. Aber so?“ Marc blickte grinsend auf seine Körpermitte. „Ich glaube, deine Nachbarin würde einen Herzinfarkt bekommen.“ Belustigt zog er die Zudecke etwas höher.

„Marc, ich finde das gerade gar nicht lustig. Hör auf, so blöd zu grinsen.“ Gretchen versuchte mit hektischen Fingern Marcs T-Shirt aus dem dazugehörigen Pullover zu ziehen. „Ich zieh jetzt mal dein Shirt an. Meine Bluse krieg ich so ja nie zu.“, sagte Gretchen nervös und zog sich das schwarze T-Shirt hastig über. Während sie aus dem Schlafzimmer in den Flur trat, drehte sie sich noch schnell ihre Haare im Nacken zu einem Zopf.

Während Gretchen die schwere Wohnungstür öffnete, begann sie zu sprechen. „Nele, es tut mir leid, ich habe das Klingeln nicht sofort …“ Gretchen brach ab. Ihr blieben die Worte förmlich im Halse stecken. Sie blickte in zwei freundliche Augenpaare. Ein braunes und ein blau-graues. Der dazugehörige Mann und die dazugehörige Frau waren in dicke Jacken eingemummelt. Beide trugen einen Schal um den Hals. Die Frau hatte im selben Strickmuster ihres Schals eine Mütze und ein Paar Handschuhe in ihrer Hand. Man konnte ihnen ansehen, dass sie aus dem Schnee kamen.

Der Mann stieß mit seinem Ellenbogen die Frau an und blickte kurz rechthaberisch zur Seite. „Siehst du Astrid, ich hatte Recht. Sie ist da.“ Und ohne Gretchen weiter zu beachten, fuhr Mehdi fort. Seine Haare waren vom Schnee feucht und mehrere Strähnen hingen ihm in sein Gesicht. Schnell fuhr er sich mit der Hand über die Augen, um einen freien Blick auf Gretchen zu haben.

„Ich habe es geahnt und ich hatte Recht. Sie fängt wieder an, sich einzuigeln. Von wegen, sie hat Heiligabend schon was anderes vor. Dass ich nicht lache. Was sollte sie auch einem solchen Tag wie heute vorhaben. Ohne Familie und ohne Freund.“

Nach einer kurzen Pause, die Mehdi nutzte um zu Luft zu kommen, fuhr der erregte Gynäkologe fort. „Ich hab‘s dir doch gesagt, Astrid. Seit dem sie sich von Markus getrennt hat, ist sie so komisch. Du hast sie damals noch nicht gekannt. Aber glaube mir, es ist fast so wie damals. Sie lässt einen einfach nicht mehr an sich ran.“ Mehdi überlegt kurz.

„Und weißt du, was sich glaube? Ich glaube, sie hat sich gar nicht von Markus getrennt. Vielleicht hat er sie ja auch verlassen und Gretchen ist gerade dabei, wieder in ein tiefes Loch zu fallen. Schau sie dir doch mal an. So sieht man nicht aus, wenn man Heiligabend schon was vor hat.“

Mehdi hatte sich mittlerweile in Rage geredet. Er packte Gretchen an den Schultern, drängte sie zurück in den kleinen, nicht erleuchteten Flur und trat selbst ungefragt ein. Astrid schloss hinter den Dreien die Wohnungstür.

„So junges Fräulein und nun zu dir. Du hast drei Minuten Zeit, dich anzuziehen. Dein Bettoutfit ist ja grässlich.“ Kurz musterte Mehdi Gretchen von oben bis unten. „Und dann fahren wir zu uns. Du feierst Weihnachten mit uns. Basta. Ich dulde keine Widerrede!“

Gretchen war sprachlos. Überrumpelt. Mehdi hatte sie überfahren, ja geradezu überrollt, wie eine Dampfwalze. In ihrem Kopf begann es zu arbeiten. Zum einen versuchte Gretchen, die richtigen Schlüsse aus dem zu ziehen, was Mehdi gerade zu ihr gesagt hatte. Zum anderen spielte sie alle Möglichkeiten durch, wie sie sich aus der Affäre ziehen konnte, ohne dass Mehdi und Astrid etwas von Marcs Anwesenheit mitbekommen würden. Denn dass das in einer Katastrophe enden würde, daran zweifelte Gretchen nicht eine Sekunde. Gretchen stand mit dem Rücken zur Schlafzimmertür. Sie wusste, dass Mehdi momentan nur das Fußende ihres Bettes sehen konnte. Noch. Es musste also schnell eine Lösung her, wie sie das befreundete Pärchen so schnell wie möglich wieder aus der Wohnung komplimentieren konnte.

Marc stand ebenfalls kurz vor einem Herzinfarkt. Das Grinsen war ihm gehörig vergangen, als er so plötzlich und unerwartet Mehdis Stimme hörte. Mit weit aufgerissenen Augen saß er auf Gretchens Bett. Er wusste nicht, was er tun sollte. Er wusste nicht, wie Mehdi auf ihn reagieren würde. Kurz spielte er mit dem Gedanken, sich die Bettdecke über den Kopf zu ziehen. Aber dann beschloss Marc, doch erstmal abzuwarten. Also saß Marc nackt in Gretchens Bett und harrte der Dinge, die da kamen.

„Mehdi. Ja, du hast Recht. Ich war im Bett. Aber nicht, um mich zu verkriechen, sondern weil ich schlicht und ergreifend Kopfschmerzen habe.“ Gretchen setzte eine leidende Miene auf. „Du solltest doch am besten wissen, dass Frauen manchmal unter Migräne leiden.“

Gretchen hoffte inständig, dass diese Ausrede auf fruchtbaren Boden stoßen würde. Aber weit gefehlt. Gerade scannten Mehdis Augen den Flur und das festlich geschmückte, nur vom Kerzenschein erhellte Wohnzimmer. Er blieb mit seinem Blick an Marcs Jacke und dem dazugehörigen Paar Herrenschuhen hängen. Fast gleichzeitig erspähte er im Wohnzimmer die ziemlich große Reisetasche von Marc.

Ungläubig kniff Mehdi die Augen zusammen. „Sag mal Gretchen, hast du etwa Besuch?“ Leider machte Mehdi in diesem Augenblick seinem Ruf als Frauenversteher keine Ehre. Denn im Gegensatz zu Astrid konnte er aufgrund des ungewöhnlichen Aufzuges von Gretchen und des Kerzenscheins, der sowohl aus dem Wohn-, als auch aus dem Schlafzimmer drang, nicht eins und eins zusammenzählen. Und schon stürmte Mehdi in Richtung Wohnzimmer, um den vermeintlichen Besuch zu begrüßen. „Wer ist es denn? Hast du dich doch nicht von Markus getrennt? Ach, na das ist ja mal ne gute Nachricht.“

Gretchen kniff die Augen zusammen und hoffte, dass Mehdi, aus welchen Gründen auch immer, nicht in ihr Schlafzimmer schauen würde, dessen Tür leider unmittelbar neben der des Wohnzimmers lag. Marc kniff ebenfalls die Augen zu. In diesem Moment waren seine und Gretchens Gedanken eins.

Und dann geschah das Unvermeidliche. Es war ein Reflex. Mehdis Augen waren schneller als sein Gehirn. Er sah Marc bevor er ihn erkannte. Für einen langen kurzen Augenblick schauten sich die beiden Freunde tief in die Augen. Erschrocken. Irritiert. Ungläubig.

In höchster Alarmbereitschaft versuchte Gretchen zu retten was zu retten war. Sie fasste Mehdi an die Schultern und versuchte, ihn in die Richtung ihrer Wohnungstür zu schieben. Mit einem verzweifelten Lächeln auf den Lippen und einem flehenden Blick schaute sie Mehdi tief in die braunen Augen.

„Vorstellen muss ich ihn dir ja nicht mehr. Wie du siehst, ich bin nicht allein und versinke auch nicht in Selbstmitleid.“ Und zu Astrid gewandt, fuhr sie fort. „Es ist wirklich lieb von euch, dass ihr an mich denkt. Und es ehrt euch, dass ihr euch sogar Sorgen um mich gemacht habt. Dass ihr bei dem Wetter sogar hergekommen seid. Aber wie ihr seht, geht es mir gut. Sehr gut sogar. Ich denke, es ist besser, wenn ihr jetzt geht. Vielleicht telefonieren wir morgen mal?“

Aber so ließ Mehdi sich nicht abspeisen. Er war ärgerlich. Er war sogar sehr ärgerlich. Er war wütend. Nach all dem, was Marc Gretchen angetan hatte, nach all dem, was Mehdi mit Gretchen gemeinsam durchgemacht hatte, nach all dem lag dieser Kerl an diesem Heiligabend in ihrem Bett. Mehdi stand kurz vor einer Explosion.

„Moment mal. Das glaub ich jetzt nicht. Gretchen, bist du von allen guten Geistern verlassen? Was soll das hier? Mit dem da?“ Er zeigte ungeniert mit seinem Zeigefinger auf Marc. „Hast du vergessen, was der Typ dir angetan hat? Hast du wirklich vergessen, wie er dich behandelt hat?“

Und dann machte Mehdi wieder einen Schritt in Richtung Schlafzimmer. Er sprach Marc jetzt direkt an. Seine Augen funkelten wütend. „Und du? Gab es für dich in Oslo nichts mehr zu bumsen?“

Mehdi hatte sich richtig in Rage geredet. Da spürte er, dass Astrid ihn sacht am Arm zog. „Komm Mehdi, ich glaube es ist besser, wenn wir jetzt gehen. Du kannst ja wirklich morgen noch mal mit Gretchen über alles reden.“

„Spinnst du.“ Ärgerlich versuchte Mehdi, Astrids Hand abzustreifen. „Morgen ist doch alles zu spät. Vielleicht ist jetzt schon alles zu spät. Er wird ihr wieder das Herz brechen. Er hat ihr immer das Herz gebrochen. Er liebt sie einfach nicht. Er hat sie nie geliebt. Marc liebt nur sich und seinen Schwanz.“

Gretchen stand mit weit aufgerissenen Augen neben Astrid und funkelte Mehdi böse an. Beherrscht sagte sie „Ich glaube, Astrid hat Recht. Ihr solltet jetzt besser gehen. Du hast nämlich keine Ahnung, wovon du redetest.“

Mehdi wollte sich schon umdrehen, da begann Marc zu sprechen. Noch immer saß er halb zugedeckt in Gretchens Bett. Aber alles andere hätte die Situation auch nur noch peinlicher werden lassen. Er wirkte sehr beherrscht, obwohl in ihm ein Orkan tobte. Am liebsten hätte er Mehdi eine rein gehauen. Aber das verbot ihm seine Nacktheit.

„Mehdi, Gretchen hat Recht. Du hast keine Ahnung wovon du redest.“ Auch Marcs Augen funkelten böse.

„Sicherlich ist es für die irritierend, dass ich hier bei Gretchen bin. Aber es ist richtig so. Ich habe mich wegen Gretchen von Svantje getrennt. Ich werde wegen Gretchen mein Leben in Oslo aufgeben. Ich werde wegen Gretchen zurück nach Berlin kommen. Und ich werde wegen Gretchen ein Jobangebot von Professor Howard ablehnen. Du bist zwar nur ein Gynäkologe und hast sicherlich noch nie etwas von Professor Howard aus Sydney gehört. Aber ich versichere dir, jeder verdammte Chirurg auf dieser Welt würde sein Leben für einen solchen Job geben.“

Marc atmete tief ein, bevor er noch hinzufügte.

„Glaubst du wirklich, dass ich das alles für eine Frau machen würde, die ich nicht liebe?“

In diesem Moment hätte man eine Stecknadel fallen hören können.


Wer mag, kann mir ja einen Kommentar hinterlassen.

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

28.12.2011 23:56
#52 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

54 Berlin – Dezember 2014

Liebe lag in der Luft.

Es war spät geworden an diesem Heiligabend. In weiter Ferne läuteten die Kirchenglocken. Gretchen zählte elf Schläge, während sie die langen, weißen Vorhänge vor die großen, für eine Altbauwohnung so typischen Fenster ihres Schlafzimmers zog. Kurz schaute Gretchen aus dem Fenster. Der Jahrhundertschneesturm hatte etwas nachgelassen. Im Schein der Straßenlaterne, die direkt vor Gretchens Haus stand, konnte man nur noch winzige Schneeflocken erkennen, die durch die Lüfte tanzten. Alles war winterlich weiß. Die Straße, die Gehwege, die Autos und die kahlen Bäume. Die Welt sah in diesem Moment so friedlich aus. Gretchen musste schmunzeln. Gerade stapfte die liebe Frau Teichgräber aus dem Haus gegenüber durch den hohen Schnee. Ihr kleiner Pudel namens Luna musste wohl noch mal für kleine Pudeldamen.

Die Kerzen auf der Fensterbank des Schlafzimmers waren schon vor einer ganzen Weile erloschen. Jetzt brannte nur noch ein winziges
Teelicht in einem Glas, das Gretchen gerade für die Nacht auf ihre Schlafzimmerkommode stellte. Dabei fiel ihr Blick auf den silbernen Bilderrahmen und ein hochbeglücktes Lächeln huschte über Gretchens Gesicht.

Was hatte auf dem kleinen silbernen Stern, den Marc als kleine Weihnachtskarte in das Päckchen gelegt hatte, gestanden?

Dieser Stern soll dich für immer an einen wunderschönen Tag erinnern. Für mich hat an diesem Tag etwas ganz Großes begonnen. Dein Marc

Gretchen musste schmunzeln, während ihr ein kurzer Gedanke durch den Kopf schoss.

So nennt der feige Hund das also. Etwas ganz Großes. Na zum Glück konnten wir das im Laufe des Abends noch klären.

Gretchen erinnerte sich, dass sie sich bei der Bescherung zunächst keinen Reim auf dieses Blatt Papier machen konnte, das da in diesem schlichten Bilderrahmen steckte. Und sie erinnerte sich auch mit einer Gänsehaut auf den Armen an Marcs stolzen, aber vor allem erwartungsvollen Blick.

Mit großen Buchstaben stand über einem Wirrwarr aus unterschiedlich großen Punkten, STIFTUNGSURKUNDE. Für den Freiburger Planetariumshimmel wurde der Stern 18 (Yale Bright Star Catalogue Nr. 6783) gestiftet für GRETCHEN HAASE.

Von Freiburg aus ist er von September bis Juni zu beobachten.

Freiburg, den 24. Dezember 2014. Daneben hatte noch der 1. Vorsitzende des Fördervereins Neues Planetarium Freiburg e.V. mit einem blauen Füllfederhalter unterschrieben.

Was für ein verrückter Tag! Schoss es Gretchen durch den Kopf, während sie sich textilfrei, wie Gott sie geschaffen hatte, in ihr Bett legte und auf Marc wartete, der sich doch tatsächlich noch immer die Zähne putzte. Natürlich mit seiner neuen Zahnbürste.

Gretchens Gedanken wanderten zurück zum frühen Abend des gleichen Tages. Noch immer war sie betrübt über den Auftritt von Mehdi, der ja zunächst einen sehr lieben und sehr freundschaftlichen Hintergrund hatte. Bekümmerte Falten legten sich um ihren Mund, während sie darüber nachdachte, wohin dieser kaansche Ausbruch geführt hatte. Und das, was dabei herausgekommen war, zauberte Gretchen mit einem Schlag die kleinen Zornesfältchen aus ihrem wunderschönen Gesicht. Ihre Augen begannen zu funkeln, zu blitzen und zu strahlen, während sie sich nur zu gern an das Ende dieser peinlichen Episode erinnerte.

Krachend fiel die schwere Wohnungstür ins Schloss.

In dem dunklen Flur stand ein völlig verstörtes Gretchen, die sich mit geschlossenen Augen von innen gegen ihre Wohnungstür lehnte. Erleichtert. Aufgewühlt. Wütend. Überrascht. Eine Träne lief ihr über die Wange. Eine Träne der Wut, des Zorns. Sie war wütend auf Mehdi. Sehr sogar. Denn bei aller Freundschaft, seine Worte hatten sie sehr verletzt. Sie fragte sich traurig, wie gut Mehdi sie eigentlich kannte.

Aber neben diesem ohnmächtigen Gefühl der Wut war da noch etwas Anderes. Etwas Großartiges, etwas Unglaubliches, etwas, das sie sprachlos machte, ihr die Tränen in die Augen trieb und die Kehle zuschnürte. Sie hatte das Gefühl, ersticken zu müssen. Etwas, das sie vor lauter Aufregung, vor lauter Wut und Verletztheit beinahe überhört, ja beinahe nicht wahrgenommen hätte. In ihrem Kopf hallte dieser eine Satz nach, wie das Krachen ihrer Wohnungstür im Treppenhaus.

„Glaubst du wirklich, dass ich das alles für eine Frau machen würde, die ich nicht liebe?“

Im Schlafzimmer nebenan saß Marc ebenfalls mit geschlossenen Augen. Verzweifelt fuhr er sich mit seinen Händen durchs Haar. Er war verzweifelt über das, was er da gerade im Zorn gesagt hatte. Nicht, weil es nicht stimmte. Nein, ganz im Gegenteil. Das war die Wahrheit. Zu einhundert Prozent. Aber so machte man doch keiner Frau eine Liebeserklärung. Und eigentlich war er auch noch gar nicht so weit. Eigentlich wollte er damit auch noch etwas warten. Eigentlich musste er sich doch selbst noch an den Gedanken gewöhnen. Aber jetzt hatte er es nun mal gesagt und natürlich würde er auch dazu stehen.

Noch immer war es in der Wohnung mucksmäuschenstill. Gretchen stand noch immer im Flur. Ihre Gedanken rasten, ihr Herz raste und die Schmetterlinge in ihrem Bauch rasten auch. Leise kullerten dicke Tränen über ihr Gesicht und über ihren Hals. Sekunden verstrichen. Aus Sekunden wurden Minuten.

„Gretchen?“, fragte Marc in die Dunkelheit. „Was ist denn? Warum kommst du nicht her?“

Aus dem Flur kam keine Antwort. Während Marc weitersprach, suchte er seine Boxershorts und zog sie sich über. „Gretchen, es tut mir leid. Ich hätte dich verteidigen sollen. Aber alles ging so schnell. Ich habe gar nicht so richtig verstanden, was da eigentlich gerade passiert.“

Er trat in den dunklen Flur. Dank des Kerzenscheins, der aus den anliegenden Zimmern drang, gewöhnten sich Marcs Augen schnell an die Dunkelheit im Flur. Und da sah er Gretchen. Sie lehnte mit einem tränenüberströmten Gesicht an der grünen Wohnungstür.
Tröstend nahm Marc sie in seinen Arm. Er hielt sie einfach nur fest. Ganz fest drückte er sie an seine warme Brust. Marc konnte ihre Tränen auf seiner nackten Brust spüren.

„Hey, ich kann verstehen, dass du dich über ihn ärgerst. Aber bisher war das so ein schöner Tag. Lass ihn dir nicht von Mehdi kaputt machen.“ Gretchen schluchzte laut. Dann rieb sie sich mit ihren Händen die Tränen von den Wangen und schaute nach oben, direkt in Marcs Augen.

„Ich weine doch gar nicht wegen Mehdi. Er hat sich zwar gerade wie ein totaler Vollidiot benommen, aber das ist mir jetzt eigentlich gerade total egal. Marc, weißt du eigentlich, was du da gerade gesagt hast?“ Gretchen versuchte zu lächeln.

„Glaubst du wirklich, dass ich das alles für eine Frau machen würde, die ich nicht liebe?“

Und mit einem Mal war Marc von seinen eigenen Worten, die ihm so spontan über die Lippen gekommen waren, überwältigt. Er, Marc Meier, hatte ES doch tatsächlich gesagt. Also zumindest gemeint hatte er es so, auch wenn die Formulierung noch etwas verschlungen war.
Mit einem Mal begann sein Herz ganz aufgeregt in seiner Brust zu schlagen. Fest pochte es in seiner Brust und in seinem Hals. Marc konnte die dumpfen Schläge unter seiner Haut spüren. Irgendetwas schnürte ihm die Kehle zu. Und überall in seinem Körper begann es zu kribbeln. Er hatte das Gefühl, die Kontrolle über seinen eigenen Körper zu verlieren. Er musste sich an Gretchen regelrecht festhalten.

„Gretchen, also das, was ich da gerade gesagt habe, stimmt. Also, ich meine jetzt vor allem den Teil mit der Frau, die ich liebe. Auch wenn es sich vielleicht etwas komisch angehört hat. Aber vielleicht rechnest du mir die Umstände, unter denen diese Liebeserklärung zustande gekommen ist, als mildernde Umstände an?“ Verlegen lächelte er Gretchen an.

„So so, das war also eine meiersche Liebeserklärung?“ Gretchen hielt kurz inne und blickte Marc fest in die Augen. Sie lächelte. „Du brauchst keine mildernden Umstände. Sie war wunderschön. Und weißt du, was noch viel schöner ist? Ich spüre es. Schon den ganzen Tag.“ Und wieder rannen ihr glückliche Tränen in Sturzbächen über das Gesicht, die Marc vergeblich versuchte, mit seinen Lippen zärtlich aufzufangen.

„Gretchen, um ehrlich zu sein, das ist jetzt absolutes Neuland für mich. Ich bin total aufgeregt. Mein Herz klopft wie verrückt.“

„Meins auch.“ Gretchen nahm seine Hand und legte sie auf ihre Brust. Er spürte ein wildes Pochen unter ihrer weichen Haut. Ihr ging es also wie ihm. Zwei glückliche Grübchen schlichen sich auf seine Wangen.

Lange standen sie nur so da und spürten das Schlagen ihrer Herzen. Auch Gretchen hatte eine Hand auf Marcs nackte Brust gelegt und spürte unter ihren Fingern ein aufgeregtes Klopfen. Ihm ging es also wie ihr.

Glückliche Augen, zwei blau und zwei grün, strahlten sich verliebt an.

„So meine Süße, ich glaube, ich habe immer noch einen Wunsch frei!“. Ein aufgedrehter Marc holte Gretchen unsanft aus ihren Erinnerungen zurück.

Ja, Liebe lag in der Luft.

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

30.12.2011 01:52
#53 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

55 Berlin – Dezember 2014

Er hauchte ihr einen zarten Kuss auf eines ihrer entzückenden Schulterblätter.

„Langsam aber sicher frage ich mich aber wirklich, ob du die Raupe Nimmersatt bist. Wieso hast du denn jetzt noch einen Wunsch frei?“, fragte Gretchen mit einem amüsierten Unterton. „Ich habe dir doch gerade alle deine Wünsche von den Lippen abgelesen. Ich habe dir dein Lieblingsessen gekocht, ich habe dir Kaltgetränke in rauen Mengen serviert und war dir eine gute Zuhörerin. Eine sehr gute sogar. Den ganzen Abend über. Ich wüsste nicht, wieso du nach dem Abend noch einen Wunsch bei mir frei haben solltest.“ Die Betonung lag auf „noch“.

Mittlerweile hatte Marc sich bäuchlings neben Gretchen aufs Bett gelegt. Er stützte seinen Kopf auf seinen Händen ab und verschob dadurch seine Wangen nach oben. Gretchen musste lachen, als Marc dann auch noch mit diesem verschobenen Gesicht anfing, zu sprechen.

„Gretchen, du hast nicht gekocht, du hast mir Eierkuchen gemacht. Das kann jedes Kind aus dem Kinderladen um die Ecke. Und danach haben wir stundenlang geredet. Essen und Reden, wenn mich nicht alles täuscht, habe ich ja wohl eher dir in den letzten Stunden einen, nein, das waren ja sogar zwei Wünsche, erfüllt.“

„Ja, aber in den Eierkuchen war viel Liebe drin. Außerdem habe ich sie dir sehr kunstvoll mit Schokocreme bestrichen, in Herzform.“, versuchte sich Gretchen zu rechtfertigen. Gretchen hatte sich jetzt auf die Seite gerollt und genoss so einen grandiosen Blick auf Marcs definierten Rücken und sein knackiges Hinterteil, das es ihr ganz besonders angetan hatte. Zärtlich hauchte sie ihm einen Kuss auf seine nackte Schulter.

Mit einem Mal veränderte sich ihr Blick. Das strahlende Lächeln, das sie zum Ausdruck ihres unendlichen Glückes, das ihr, dank einer einzigartigen Liebeserklärung, an diesem Tag wiederfahren war, verschwand. Mit einem Mal wurde ihr Blick ganz ernst.

Sie begann zu schreiben. Zärtlich fuhr sie mit ihrem weichen Zeigefinger über Marcs braune Haut, die im Schein des kleinen Teelichtes, das nun die einzige Lichtquelle in der gesamten Wohnung war, noch viel dunkler aussah.
Langsam, wie in Zeitlupe, malte sie die Buchstaben auf Marcs muskulösen Rücken. Haut strich über Haut. I – C – H – L – I – E – B – E – D – I –C – H – A – U – C – H – U – N – D – D – U – M – A – C – H – S – T – M – I – C – H – S – E – H – R – G – L – Ü – C – K – L – I – C – H . Zärtlich blies sie einen Kuss auf die Stelle, auf die sie den letzten Buchstaben geschrieben hatte.

Nachdem Gretchen angefangen hatte zu schreiben, hatte Marc seinen Kopf entspannt auf das Kopfkissen gelegt. Konzentriert versuchte er in seinem Geiste, Gretchens Botschaft zu entschlüsseln. Als er erahnen konnte, was Gretchen da Zauberhaftes auf seinen Rücken schrieb, musste er einmal kräftig schlucken. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Sie hatte es ihm gesagt. Auf ihre Art. So wie er es ihr gesagt hatte. Auf seine Art.

Seine Antwort war ein langer, im wahrsten Sinne des Wortes, atemberaubender Kuss.

Gretchen hatte sich neben Marc gelegt. Sie lagen jetzt beide auf dem Bauch. Nackt. Ihre Gesichter waren einander zugewandt. Ihre Schultern und ihre Arme berührten sich leicht. Das kleine Teufelchen, das sich üblicherweise auf einer von Gretchens Schultern herumtrieb, schaukelte gerade an der Schlafzimmerlampe und hatte einen atemberaubenden Blick auf einen sehr festen, muskulösen Po und auf einen runden, sehr sinnlichen Po.

In der Dunkelheit blickten sich Marc und Gretchen tief in ihre strahlenden Augen und versuchten, die Gedanken des anderen zu ergründen. Und wieder waren sie einen Schritt weitergegangen. Während es am Morgen desselben Tages noch durch die Wohnung schwirrte, wie ein aufgeregter Schmetterling auf einer Frühlingswiese, hatten sie es sich jetzt gesagt. Sie hatten es ausgesprochen. Jeder auf seine Weise. Jetzt wussten sie, was sie vorher nur gespürt hatten.

Sie liebten sich.

„Marc?“ „Ja Gretchen?“ Sie flüsterten. Irgendwie schien es zu ihrer Stimmung zu passen.

„Dieser Stern. Er wird mich mein Leben lang begleiten. Egal was mit uns beiden passieren wird. Du wirst immer in meinem Herzen sein.“ Sacht strich Gretchen Marc über die noch etwas feuchten Haare. Er hatte sich nicht nur die Zähne geputzt, sondern auch noch schnell eine Dusche genommen.

„Ich weiß. Und morgen gehen wir ihn uns anschauen. Schließlich müssen wir ja noch dein zweites Geschenk einlösen.“ Auch Marc strich Gretchen über das weiche Haar. Auch ihr hingen noch ein paar feuchte Strähnen ins Gesicht, die ihr Marc zärtlich hinters Ohr strich.

„Eine Nachtwanderung auf den Teufelsberg. Das hört sich romantisch an. Obwohl ich zugeben muss, dass ich im ersten Moment etwas enttäuscht war.“ Gretchen lächelte. „Da wusste ich ja auch noch nicht, dass wir meinen Stern dort anschauen werden. Hoffentlich können wir ihn auch sehen.“

Wieder sahen sie sich einfach nur an. Sie studierten ihre Gesichter. Mit ihren Blicken zeichneten sie jede noch so feine Linie ihrer Gesichter nach. Sie versuchte, sich jedes noch so kleine Detail in dem Gesicht des anderen einzuprägen. Mit einem Mal veränderte sich Marcs Blick. Schon wieder schaute er sie mit diesem unglaublichen Blick an. Schon wieder begann es in ihr zu Kribbeln und zu Prickeln.

Jetzt drehte Marc sich auf die Seite und begann, etwas auf Gretchens Rücken zu schreiben. Seine Finger zeichneten zärtlich und ganz sanft Buchstabe für Buchstabe seiner Botschaft auf Gretchens schmalen Rücken. I – C – H – M – Ö – C – H – T – E – D – I – C – H – L – I – E – B – E – N. Im Schein der kleinen Kerze konnte Marc die vielen kleinen, feinen Härchen erkennen, die sich unter seinen Berührungen auf Gretchens Rücken aufrichteten. Ihr Körper hatte ihm eine schnelle Antwort gegeben.

Als er fertig war, fuhr er ganz sanft mit seinem Zeigefinger über Gretchens Wirbelsäule. Einmal über ihre gesamte Länge. Wirbel für Wirbel spürte er die kleinen Erhebungen, die mal größer und mal kleiner waren. Wirbel für Wirbel zeichnete er dieses faszinierende Gebilde des menschlichen Körpers nach. Wohl wissend, welche Wirkung dies auf Gretchen hatte. Erfreut sah er wieder diese kleine, nahezu unmerkliche Bewegung ihres Beckens.

Marc betrachtete Gretchens Gesicht, das ihm zugewandt war. Sie hatte jetzt ihre Hände gefaltet und ihr Gesicht darauf gelegt. Ihre Augen waren geschlossen. Ihr Gesichtsausdruck war entspannt.

Langsam begann Marc, Gretchens Wirbelsäule zu küssen. Wieder arbeitete er sich Wirbel für Wirbel in Richtung Po vor. Wieder ließ er sich Zeit. Sehr viel Zeit. Und auf die gleiche Art und Weise küsste er ihren gesamten Körper. Er küsste ihren Nacken, ihre Oberarme und ihre Ellenbogen. Er küsste ihre Schultern, ihre Schulterblätter und ihren gesamten Rücken. Er küsste ihren Po, ihre Oberschenkel und ihre kitzeligen Waden. Ja er küsste sogar ihre Füße und jeden einzelnen Zeh.

Wieder schaute Marc in Gretchens Gesicht. Wieder sah er, dass sie ungemein entspannt war. Ein leichtes Lächeln lag auf ihren Lippen.

Jetzt war er über ihr. Fordernd flüsterte er ihr ins Ohr „Dreh dich um.“ Seine Lippen berührten Gretchens Ohr und hauchten ihr zarte Küsse auf ihr Ohrläppchen und auf ihre Ohrmuschel. Während sich Gretchen auf den Rücken legte, trafen sich ihre Blicke. Verliebt. Aber auch verlangend.

Marc begann, Gretchens Gesicht zu küssen. Er küsste ihre Stirn und ihre Augenbrauen. Er hauchte zarte Küsse auf ihre Augen und auf ihre Nasenspitze. Er küsste ihre Wangen und er küsste auch ihre Lippen. Zart umfuhr seine Zungenspitze die Konturen ihres Mundes. Als Gretchen ihre Lippen leicht öffnete, um ihn zu küssen, erwiderte er ihren Kuss nur kurz.

Wie schon zuvor auf ihrem Rücken, küsste Marc nun jedes noch so kleine Fleckchen ihrer atemberaubenden Vorderansicht. Er küsste nun nicht nur ihre Arme, sondern auch ihre Hände und ihre Finger. Er küsste ihren anmutigen Hals, ihre Schultern und ihr sinnliches Dekolleté. Er küsste ihre wunderschönen Brüste und er küsste ihren weichen Bauch. Ihre Beckenknochen hatten es ihm besonders angetan. Immer wieder umkreiste er sie mit seinen Küssen. Und wieder küsste er ihre Beine, ihre Füße und ihre zierlichen Zehen.

Ein Blick in Gretchens Gesicht verriet ihm, dass sie seine Küsse sichtlich genoss. Noch immer lag ein entspanntest Lächeln auf ihren Lippen. Aber das sollte sich in den nächsten Sekunden ändern. Denn zwei Regionen ihres sinnlichen Körpers hatte Marc zunächst ausgespart.

Wieder küsste Marc Gretchens Brüste. Aber jetzt machte er keinen Bogen um ihre sensiblen Brustwarzen. Jetzt bezog er sie in seine Liebkosungen mit ein. Sacht fuhr er mit seiner Zungenspitze über ihre Brustwarze. Er konnte spüren, dass sie unter seinen Berührungen langsam härter wurde und sich aufstellte. Marc konnte sehen, dass sich Gretchens Brustkorb langsam hob und senkte. Er konnte sehen, dass ihr seine Berührungen gefielen. Er wiederholte es zärtlich an ihrer anderen Brust.

Schon zweimal hatte er sie an diesem Tag auf diese Weise verwöhnt. Und ihm war aufgefallen, dass Gretchen es besonders erregte, wenn er sacht, ganz zärtlich, aber mit einem gewissen Druck ihre Brustwarzen zwischen seine Zähne nahm. Gleichzeitig strich er fest mit seiner Zungenspitze über den sensibelsten Teil ihrer Knospen. Er spürte, dass ihre Brust bebte. Er hörte ihren Atem. Laut. Erregt. Er spürte ihre Hände verlangend in seinen Haaren. Kurz beobachtete er Gretchen. Ihre Augen hielt sie noch immer geschlossen. Ihr Mund war jetzt leicht geöffnet. Sinnlich. Marc hatte das Gefühl, nie wieder mit seinen Zärtlichkeiten an ihren Brüsten aufhören zu wollen, ja aufhören zu können.

Irgendwann löste er sich von Gretchens Brüsten. Wieder küsste er ihren Bauch. Wieder küsste er ihren Bauchnabel und wieder küsste er ihre Oberschenkel. Er küsste sie und er zog heiße Spuren mit seiner feuchten Zungenspitze über ihre Haut. Und je intensiver er sich diesen Regionen ihres Körpers widmete, desto größer wurde sein Verlangen, Gretchen an genau dieser einen Stelle ihres Körpers zu küssen, die ihm bisher verborgen geblieben war. Unbändige Lust führte ihn mit seinen Lippen immer und immer wieder in die Nähe dieser so sensiblen Stelle.

Mit einem Mal schob Gretchen ganz langsam ihre Oberschenkel auseinander und stellte ihre Beine auf. Marc konnte es Gretchen ansehen. Sie bebte. Jede Faser ihres Körpers war erregt und wollte mehr. Ihr Atem ging jetzt deutlich schneller. Lauter. Ihre Arme hatte sie lustvoll über ihren Kopf gelegt.

Marc legte sich zwischen ihre Beine und küsste sie. Zärtlich. Sanft. Seine Lippen spürten ihre glatte, warme Haut. Und er hatte ihren betörenden Duft in der Nase. Einen Duft, der ihn um den Verstand brachte. Ein leises Stöhnen drang an sein Ohr. Vorsichtig begann er mit seiner Zungenspitze, sie zu erforschen. Wieder spürte er diese unglaublich weiche Haut. Er versuchte zu spüren, was Gretchen gefiel. Immer wieder strich er sanft mit seiner Zungenspitze über ihre gesamte Länge. Gretchen stöhnte auf und kippte dabei ihr Becken weit nach vorne.

Marc hatte seine Hände auf ihre Beckenknochen gelegt. Fest umschloss er ihre Hüften, während sich Gretchens Finger fest in seine krallten. Ihr Becken bewegte sie jetzt langsam. Sie passte sich seinem Tempo an. Die Bewegungen ihres Beckens, ihr Atem und ihr leises Aufstöhnen hatten sich seinem Rhythmus angepasst.

Langsam zog Marc eine Hand aus der Umklammerung von Gretchen und wanderte mit seinen Fingern bedächtig über die weichen Erhebungen ihrer Brüste. Er suchte ihre Brustwarzen. Und während er Gretchen mit seinem Mund, mit seinen Lippen und vor allem mit seiner Zunge auf so anregende Weise immer weiter erregte, begannen seine Finger ihre erhärteten Brustwarzen zu massieren.

Allein der Anblick seiner Geliebten reichte Marc, um ihn in einen Zustand höchster Erregung zu bringen. Überall in seinem Körper pochte es. Er spürte, wie sein Blut pulsierend durch seine Adern floss. Er hatte jetzt seine Hände um Gretchens Oberschenkel gelegt und betrachtete sie verliebt.

Gretchen hatte noch immer ihre Augen geschlossen. Eine zarte Röte färbte ihre Wangen und ihr Dekolleté. Ihr Mund war jetzt deutlicher geöffnet und er konnte ihren erregten Atem hören. Ihre Brust bebte und ihr Becken drückte sich ihm rhythmisch entgegen. Immer wieder strich sie mit ihren Handballen auf ihrem Bauch fest in Richtung ihres Schambeins.

Marc konnte seinen Blick nicht von Gretchens Gesicht lösen. Zu erregend war ihr Anblick. Zu erregend war sie. Er war gefangen von ihren Anblick. Langsam strich er mit seinem Zeigefinger über ihre sensibelste Stelle. Er spürte diese kleine Erhebung und begann, sie sanft zu massieren, während er ihr Gesicht nicht eine Sekunde aus den Augen ließ. Ganz langsam ließ er seinen Finger in sie gleiten. Fast gleichzeitig begann er, mit der Zungenspitze dort weiterzumachen, wo sein Finger kurz zuvor aufgehört hatte. Immer und immer wieder ließ er seinen Finger gefühlvoll in sie gleiten, während seine Zunge sie auf eine ganz einzigartige Weise stimulierte.

Gretchen stöhnte laut auf. Er sah, dass sie sich aufsetzte. Auch er richtete sich auf, ohne aufzuhören, sie mit seinen Fingern zu massieren. Ihre Lippen suchten sich. Ihre Zungen fanden sich und begannen, sich fordernd aneinander zu reiben.

Gemeinsam machten sich Marc und Gretchen auf in die unendlichen Weiten ihrer ganz eigenen Galaxie. Einer Galaxie, in der es nur sie und ihre Liebe gab.


Viel später schlief Marc schon tief und fest. Er lag auf dem Bauch und hatte sich eines der vielen Kuschelkissen unter seinen Kopf geknüllt. Seine Lippen waren leicht geöffnet und ein leises Schnarchen drang aus seinem Mund.

Das war aber nicht der Grund, weshalb Gretchen noch nicht den Weg ins Land der Träume gefunden hatte. Ganz im Gegenteil. Marcs Anblick und Anwesenheit beruhigte sie. Sie fühlte sich geborgen. Geliebt. Und dennoch trieb sie etwas um. Anstatt eng an Marc gekuschelt langsam in den wohlverdienten Schlaf überzugleiten, lief sie ins Wohnzimmer, schnappte sich auf dem Weg dorthin ihr Notebook und kuschelte sich, eingewickelt in eine flauschige Decke, auf ihr Sofa. Im Schneidersitz sitzend, das Notebook auf den Knien, begab sich Gretchen mitten in der Nacht auf eine weite Reise. Auf eine sehr weite Reise in einen weitentfernten Kontinent.

Gretchen machte sich in der Dunkelheit ihrer Wohnung auf nach Australien.

Pippi Langstrumpf Offline

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31.12.2011 01:58
#54 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

56 Berlin – Dezember 2014

Er erwachte.

Es war noch früh an diesem Morgen des letzten Tages des Jahres. Sogar sehr früh. Es war so früh, dass es draußen noch dunkel war. Langsam schlug Marc seine Augen auf und im Schein des Lichtes der Straßenlaterne, die unermüdlich vor Gretchens Haus ihren Dienst leistete, fiel sein erster Blick auf ein Meer blonder, lockiger Haare. Weiche Haare. Haare, die überall auf dem Kopfkissen zu sein schienen. Duftende Haare. Ein Duft, der eine ganz besondere Note hatte. Ein Duft, den er nie wieder missen wollte und den er doch so bald schon wieder mit jeder Faser seines Herzens vermissen würde. Schnell robbte Marc etwas näher an die Besitzerin dieser atemberaubenden Haare heran, kuschelte sich mit seiner gesamten Körperlänge eng an ihre Rückseite, schlang seinen so wohl definierten Oberarm um ihren nackten Bauch und vergrub sein Gesicht in diesem wohl riechenden Meer weicher Haare. Der Duft ihrer Haare berauschte ihn. An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken.

Aber wer wollte schon schlafen, wenn er die Chance hatte, die Frau seines Herzens schlafend im Arm zu halten? Wenn er die Chance hatte, einen unvergleichlichen Duft zu riechen, die zarteste Haut auf Erden unter den eigenen Fingern zu spüren und ganz leise das regelmäßige Ein- und Ausatmen eines solchen zauberhaften Geschöpfes zu hören. Marc war Gretchens olfaktorischen, visuellen, taktilen und sogar ihren akustischen Reizen erlegen. Und er genoss es, diese in aller Ausgiebigkeit an diesem Morgen in aller Stille zu genießen.

Nach einer Weile schloss Marc wieder seine herrlich grünen Augen und versank in einem Ozean seiner ganz eigenen Impressionen. Er befand sich in einem Zustand absoluter Entspannung und Zufriedenheit. Seinen Gedanken ließ Marc freien Lauf. Sie flogen durch die vergangene Woche und ließen mal hier und mal da Bruchstücke seiner Erinnerungen vor seinem inneren Auge Gestalt annehmen.

Da tauchte vor seinem inneren Auge Gretchen am Flughafen Tegel auf. Wie sie mit hochrotem Gesicht und mehr als aufgeregt etwas zu spät an seinem Terminal angerauscht kam. Genau eine Woche lag dieser Moment jetzt zurück und es erschien Marc, als sei es ein halbes Leben gewesen. An diesem weihnachtlichen Morgen waren sie noch nicht zusammen. Sie waren noch kein Paar, obwohl sie es sich beide doch so sehr wünschten. Ja, auch Marc hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als Gretchens Herz zu erobern. Und das hatte er dann ja auch getan.

Kurz blitzte nackte Haut in seinen Erinnerungen auf. Er sah rosige, nackte Haut. Er sah Gretchens Gesicht ganz nah vor seinem. Ozeanblaue Augen, die ihn verlangend ansahen. Fast konnte er diese samtweiche, helle Haut unter seinen Fingerspitzen spüren. Ein nackter Körper, dessen Anblick ihn immer wieder aufs Neue um den Verstand brachte, beherrschte nun sein Denken. Ein zufriedenes Lächeln umspielte Marcs Mund. Niemals hätte er sich in seiner Phantasie ausgemalt, dass die körperliche Liebe mit Gretchen ihn so wunschlos glücklich machen würde. Gretchen war so unglaublich leidenschaftlich. Sie war sinnlich, erotisch und, und das beeindruckte Marc tatsächlich sehr, sie konnte auch unvorstellbar hemmungslos sein. Ja, auch in dieser Beziehung war die schüchterne Frau von einst erwachsen geworden. Bei diesen Gedanken presste sich der nackte Marc gleich noch etwas enger an sein schlafendes Gretchen.

Mit einem Mal sah Marc seinen Kumpel Mehdi vor sich. Marc sah einen wütenden jungen Mann, der außer sich vor Wut war. Einen Mann, der Dinge sagte, die er hinterher bereute. Einen Mann, der die Größe hatte, sich für seine Worte zu entschuldigen. Mit einem kleinen Schauer des Entsetzens dachte Marc aber auch an eine Einladung von Mehdi und seiner irgendwie anstrengenden Freundin Astrid zurück. Eine Einladung zu einem Essen, das Astrid, inspiriert von einem talentierten Sternekoch, so gänzlich talentfrei für Gretchen und Marc gezaubert hatte. Eine Einladung zu einem Pärchenabend. Dennoch war dieser Abend wichtig. Sowohl für Marc, als auch für Gretchen. Denn diese Einladung von Mehdi, die einem langen Telefonat zwischen Mehdi, Gretchen und Marc gefolgt war, bedeutete, dass er akzeptierte. Mehdi akzeptierte, was da zwischen Gretchen und Marc Einzigartiges passiert war. Und auch Marc konnte nicht leugnen, dass ihn dieser Umstand glücklich stimmte. Denn im Grunde war Mehdi der einzige Freund, den er in Berlin hatte.

Weniger glücklich stimmte Marc das Wiedersehen mit seiner Mutter. Seit dem Marc in Oslo lebte, hatte sich der Kontakt zwischen Elke Fisher und ihm auf regelmäßige Telefongespräche beschränkt. Marcs Mutter hatte gelernt, ohne ihren geliebten Sohn und Leibarzt im Leben zu recht zu kommen Allerdings tat dieser Umstand der Anzahl hypochondrischer Noteinlieferungen im Elisabeth-Krankenhaus keinen Abbruch. Marcs Besuch am zweiten Weihnachtsfeiertag, den er seiner Mutter allein abstattete, war ein Wiedersehen seit langem. Marc hatte sich im Vorfeld ausgemalt, dass er seiner Mutter auf einer neuen Ebene entgegen treten könnte. Dass sie ihn als einen erwachsenen Mann, als ihren erwachsenen Sohn wahrnehmen würde. Aber dies war keineswegs der Fall. Nach ihrem ersten „Marc Olivier, du musst mir helfen!“, war ihm klar, dass sich nichts geändert hatte. Sie verfielen umgehend in ihre alten, vertrauten Verhaltensmuster. Mutter und Sohn, gefangen in einer symbiotischen Beziehung. Im Laufe des Nachmittages hatte Marc seiner Mutter anvertraut, dass er mit dem Gedanken spielte, nach Berlin zurückzukehren. Den Grund für seine Umzugspläne hatte Elke Fisher wortlos und mit versteinerter Mine zur Kenntnis genommen. Marc war in diesem Moment klar, dass seine Mutter sich niemals ändern würde. Nur er konnte sich verändern und sich so aus dieser ungesunden Mutter-Sohn-Beziehung befreien. Ärgerlich dachte Marc an diesem Morgen in Gretchens Bett, dass seine Mutter definitiv ein guter Grund dafür wäre, um im weit entfernten Oslo zu bleiben.

Aber zum Glück war da ja noch Gretchen Haase, die entzückendste Frau auf diesem Planeten. Gleich entspannten sich Marcs Gesichtszüge wieder. Ja, für Gretchen würde es sich lohnen, alle Zelte in Oslo abzubrechen. Für Gretchen würde es sich lohnen, den Job in Sydney nicht anzunehmen. Er spürte es einfach und er wusste es einfach. Er würde es nicht bereuen. Allerdings war genau das der springende Punkt, weshalb ausgerechnet Marcs Zukunftspläne immer wieder Gegenstand heftiger Diskussionen zwischen den Frischverliebten waren. Gretchen war da nämlich ganz anderer Meinung. Sie vertrat den Standpunkt, dass Marc genau das irgendwann mal tun würde. Er würde seine Entscheidung irgendwann in seinem Leben bitter bereuen. Spätestens dann, wenn ihn seine Arbeit, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr erfüllte. Gretchens Geheimwaffe war in diesem Zusammenhang ein Zitat aus seinem eigenen Munde. Er konnte Gretchens Stimme in seinem Kopf hören, als er daran dachte. „Dein Job ist dein Leben. Dein Job ist für dich das Wichtigste auf der Welt.“ Bisher war es Marc nicht gelungen, Gretchen vom Gegenteil zu überzeugen. Und aus diesem Grunde hatten sie sich einen Kompromiss überlegt. Marc würde so lange in Oslo bleiben, bis er eine wirklich gute, interessante und herausfordernde Stelle in Berlin finden würde. Und das war, man höre und staune, Gretchens Bedingung. Mittlerweile konnte Marc die Male nicht mehr zählen, die ihn seine Freundin in der letzten Woche überrascht hatte.

Ja, seine Freundin. Die Klärung ihres Beziehungszustandes hatte Marc auf die klassische Art geregelt. Nach einem grandiosen Heiligabend und einer wundervollen Heilignacht hatte er Gretchen am nächsten Abend während ihrer Wanderung durch unendliche Schneemassen auf dem Teufelsberg gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, seine Freundin zu sein. So richtig und mit allem drum und dran. Ihre Antwort war nur ein knappes „Merkst du das nicht?“ Den Stern hatten sie im Übrigen leider nicht sehen können. Es war dann doch zu bewölkt nach diesem unsäglichen Unwetter am Vortag. Umso schöner war dann aber das gemeinsame Aufwärmen in Gretchens Badewanne.

Beim bloßen Gedanken daran traten Marc ein paar kleine Schweißperlen auf die Stirn. Ihm wurde heiß und seine Gedanken verabschiedeten sich von der Vergangenheit. Marc war jetzt wieder in der Gegenwart angekommen. In einer Gegenwart, die er sich schon so lange erträumt hatte, nach der er sich gesehnt hatte und die er für nichts in der Welt wieder hergeben wollte.

Schelmisch grinsend sinnierte Marc darüber nach, ob er es vielleicht wagen könnte, Gretchen aus ihrem Traumland in ein anderes, noch schöneres Land der Träume zu entführen? Obwohl es noch so früh am Morgen war. Aber war Gretchen nicht immer für eine Überraschung gut?

Langsam und mit Bedacht gingen zwei talentierte Chirurgenhände auf Forschungsreise.


Ihr Lieben, ich wünsche euch allen einen guten Rutsch ins Neue Jahr!
Bis bald, eure Simone

Pippi Langstrumpf Offline

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01.01.2012 23:58
#55 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

57 Berlin – Dezember 2014

Sie träumte.

Mit einem Mal löste sich dieser wunderschöne Traum auf wie eine große, platzende Seifenblase. Weihnachten am Strand. Neben ihr auf dem buntbedruckten Strandlaken lag ein braungebrannter Marc, nur mit knappen Badeshorts bekleidet auf dem Rücken. Ein trainierter Bauch und eine ebenso gut in Form gehaltene Brust hielten Gretchens begehrenden Blick gefangen. Sein dunkles Haar und seine braune Haut glitzerten in der Sonne. Nass. Funkelnd. Kleine Wasserperlen trockneten unter den Strahlen der heißen Nachmittagssonne.

Gretchen öffnete ihre Augen nur ein ganz kleines bisschen. Durch ihre langen Wimpern hindurch konnte sie allerdings sehr schnell ausmachen, dass sie sich dann doch eben nur in ihrem heimeligen Bett in Berlin und eben nicht auf einem bunt gemusterten Badetuch an irgendeinem Strand in der Südsee räkelte. Ein helles Viereck hinter den langen, weißen Vorhängen ihres Schlafzimmers verriet Gretchen außerdem, dass die Nacht bereits vorüber und ein neuer Tag angebrochen war. Gretchen seufzte. Zu schön war doch dieser Traum.

Aber schon wurde sie eines Besseren belehrt. Auch die Realität konnte seine Sonnenstunden haben. Da wanderten doch ganz sacht unzählige, feinfühlige Finger über ihre nackte Haut. Da schmiegte sich doch ganz eng ein trainierter Männerkörper an ihre Rückseite. Da spürte sie doch schon wieder überall in ihrem Körper dieses aufregende Kribbeln.

Blitzschnell schloss Gretchen wieder ihre Augen und gaukelte ihrem Marc einen tiefen Schlaf vor. Sollte er sich doch ruhig noch ein wenig ins Zeug legen um sie aus dem Land der Träume zu locken.

Ein zufriedenes Lächeln huschte über Gretchens Gesicht, während sie sich ganz seinen zärtlichen Berührungen hingab. Gerade widmete er sich eingehend ihrem Dekolleté. Besser gesagt, strich Marc gerade mit einer unermüdlichen Ausdauer über die Knochen ihrer Schlüsselbeine und ihres oberen Brustkorbes. Wieder musste Gretchen schmunzelnd. Sie fragte sich, ob sein Faible für das Erspüren ihrer Knochen eine Folge seines Medizinerdaseins war. Bei passender Gelegenheit würde sie ihn das mal fragen.

Ein Gedankenflug setzte sich in Gretchens Kopf in Gang. Seit dem sie jetzt vor genau einer Woche zum ersten Mal mit Marc geschlafen hatte, war etwas Merkwürdiges mit ihr geschehen. Es schien, als hätte ihr Zusammensein mit Marc einen interessanten Einfluss auf ihre Libido. Es schien, als würde nach jedem intergalaktischen Höhenflug eine Flut an Hormonen in ihr freigesetzt, die nach mehr verlangten. Die nach mehr von dieser meierschen Droge schrien. Anders konnte Gretchen sich nicht erklären, weshalb sie sich auf dieser körperlichen Ebene so stark zu Marc hingezogen fühlte. Mit anderen Worte, Gretchen fragte sich, warum sie nicht genug von Marc bekommen konnte. Auch früher hatte Gretchen gerne Sex, das stand völlig außer Frage. Aber diesen Stellenwert hatte das Praktizieren von Liebe noch nie in einer ihrer Beziehungen eingenommen. Vielleicht lag es ja daran, dass sie auch keinen ihrer bisherigen Liebhaber auf diese Weise geliebt hatte. Und mittlerweile spürte Gretchen, dass auch Marcs Liebe zu ihr eine sehr besondere, weil sehr innige und tiefgehende, Note hatte.

Ja, Gretchen liebte einfach alles an Marc. Sie liebte zum Beispiel seinen Geruch. Wieder musste sie schmunzeln. Das konnte sie sich während ihres Studiums nie merken. Olfaktorische Wahrnehmung war der Geruchssinn. Und den sprach Marc bei ihr auf eine ganz besondere Weise an. Gretchen liebte natürlich auch sein Aussehen, keine Frage. Sein Körper war ein Traum. Sie liebte seine grünen Augen, die manchmal ihre Farbe zu wechseln schienen. Je nach Umgebung schimmerten sie manchmal bräunlich oder auch bläulich. Gretchen liebte seinen Mund und noch mehr seine Lippen, die auf eine so außergewöhnlich liebevolle Weise küssen konnten und sie liebte seine Grübchen, in denen sie jedes Mal versinken konnte, wann immer sie sie erblickte. Und natürlich fühlte Marc sich einfach toll an. Seine Haut war so weich. Jedes Mal geriet Gretchens Tastsinn aus dem Häuschen. Mit anderen Worten, Marcs Körper unter ihren sensiblen Fingern zu spüren war ein Feuerwerk für ihre taktile Wahrnehmung.

Nur eines liebte Gretchen, so wusste sie jetzt nach einer Woche, die sie mit Marc verbracht hatte, nicht an diesem sonst so tollen Mann. Sie hasste es, wenn er sie mit diesen blöden Fragen bombardierte. Was hatte er nochmal am ersten Weihnachtsfeiertag mittags auf ihrem Sofa mit einem feixenden Grinsen im Gesicht zu ihr gesagt?

„Gretchen, ich will dich richtig kennenlernen.“ Und dann ging es auch schon los und hatte seit dieser Minute im Grunde nicht mehr aufgehört. „Magst du lieber die obere oder die untere Hälfte eines Brötchens?“, „Hast du früher lieber die Drei Fragezeichen oder TKKG gehört?“, „Gehst du lieber unter die Dusche oder in die Badewanne?“, Magst du lieber Pizza oder Lasagne?“, „Bevorzugst du eine Kopf- oder Fußmassage?“, „Hast du als Kind lieber mit Lego oder Playmobil gespielt?“, „Trinkst du lieber Kaffee oder Tee?“, Magst du lieber BHs mit oder ohne Bügel?“, „Würdest du einen Urlaub am Meer oder in den Bergen buchen?“.

Und so ging es ununterbrochen immer weiter. Wann immer Marc eine Frage in der vergangenen Woche in den Sinn kam, er stellte sie Gretchen einfach. Egal wo und egal wann. Und in dem meierschen Fragenkatalog waren, sehr zu Gretchens Leidwesen, auch weniger jugendfreie Fragen enthalten. „Wirst du beim Sex gerne verführt?“, „Bist du lieber oben oder unten?“, „Magst du Sex lieber mit oder ohne Dirty Talk?“, „Würdest du es auch mal mit Handschellen machen?“, Magst du es lieber von vorne oder von hinten?“, „Verhütest du lieber mit der Pille oder mit Kondom?“. Marcs Wissensdurst war im Grunde nicht zu stillen.

Allerdings brachte die eine oder andere Frage auch fruchtbare Gespräche in Gang. So gestand Gretchen Marc, dass sie nach ihrer Beziehung mit Markus die Pille nie abgesetzt hatte. Blöderweise hatte Marc ihre Beweggründe hierfür umgehend durchschaut, was dazu führte, dass Gretchen am liebsten eine neue Identität angenommen hätte. Für Gretchen war aber, vor allem seit ihrer Tätigkeit in der MeMo-Initiative, das Thema HIV auch wichtig. Sie hatte in den letzten Jahren einfach zu viele infizierte Jugendliche kennengelernt, um selbst leichtfertig mit diesem Thema umgehen zu können. Aber die beiden Liebenden waren diesbezüglich Glückskinder. So hatte sich Marc doch tatsächlich vor einigen Wochen durch einen unglücklichen Umstand während einer Operation verletzt und in Folge dieses Unfalls einen Test, der befundlos blieb, durchführen lassen müssen. Und Gretchens letzter Test vor einem Vierteljahr war ebenfalls ohne Befund. Gretchens Teint wechselte von hellrosa zu tiefrot, als sie an den weiteren Verlauf dieses „Gespräches“ dachte.

Während Gretchen spürte, dass Marc sich jetzt eingehend ihrem Hals und ihrem Ohr widmete, erinnerte sie sich, warum auch immer, an ihr Telefonat mit Gigi, das sie vor ein paar Tagen geführt hatte. Endlich wollte sie ihre gute Freundin einweihen und ihr von ihrem neuen Glück mit Marc berichten. Leider hatte sich Gigi, anders als Mehdi, nicht überzeugen lassen. Marc war und blieb für die erfolgreiche Chirurgin, die mittlerweile Oberärztin an der Charité war, ein rotes Tuch. Zumal Gigi schon aus erster Hand aus Norwegen informiert worden war, dass Marc wieder zu haben war und, auf welche Art auch immer, Gretchen nachtrauerte. Gigi hatte also im Grunde früher oder später mit einer solchen Nachricht gerechnet. So ganz hatte sie nämlich damals im ICE von Freiburg nach Berlin Gretchens heilige Schwüre nicht glauben können. Mit den Worten „Aber verschone mich bitte mit langweiligen Einladungen zu euren Pärchenabenden.“, hatte Gigi recht zügig das Telefongespräch wieder beendet. Marc musste hinterher ganze Aufbauarbeit leisten. Im Grunde war er sich sicher, dass Gigi einfach nur scharf auf ihn war und Gretchen ihr Glück nicht gönnte. Er hatte doch ihre Blicke gesehen. Damals in Berlin, kurz vor Gretchens Hochzeit mit Alexis, aber auch vor ein paar Wochen in Freiburg.

Glücklicher stimmte Gretchen da schon die Erinnerung an ihr Treffen mit ihrem Vater, der kurz nach Weihnachten aus Schweden zurückgekehrt war. Franz Haase lebte seit seiner Trennung von seiner Frau, die noch immer irgendwo auf dem Jakobsweg weilte, in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung in der Nähe des Elisabeth-Krankenhauses. Natürlich war Gretchens Vater zunächst verwundert, als Gretchen ihm die Neuigkeit vom meier-haasschen-Liebesglück so unvermittelt um die Ohren schleuderte. Aber dann sagte er, und das erwartete eigentlich auch eine Tochter von ihrem Vater, „Wenn du dir das mit dem Meier gut überlegt hast und davon gehe ich jetzt einfach mal aus, dann freue ich mich mit dir.“ Am nächsten Tag trafen sich die drei Mediziner zu einem netten Abendessen in einer gemütlichen Pizzeria unweit des Elisabeth-Krankenhauses und am Ende des wirklich netten Abends duzte Marc den Vater seiner Freundin.

Leider gab es unfreiwillige Zeugen dieses kleinen Abendessens in Form von Frau Dr. Hassmann und Herrn Dr. Knechteldorfer, die es noch einmal miteinander versuchen wollten. Seit diesem Tag war, dem Flurfunkt sei Dank, das gesamte Elisabeth-Krankenhause darüber informiert, dass es augenscheinlich eine amouröse Neuauflage zwischen dem einstigen Oberarzt der Chirurgie und seiner hübschen Assistenzärztin gab. Natürlich wurde Gretchen während ihrer zwei Dienste, die sie in dieser nachweihnachtlichen Woche nicht hatte tauschen können, nicht auf dieses Gerücht angesprochen, wohl aber von allen Seiten mit Neugier angestarrt. Jedes Mal war Gretchen heilfroh, wenn sie sich nach diesen Spießrutenläufen mit Marc im Café Grün auf ein leckeres Stückchen Schokoladentorte traf.

Marcs Finger hatten mittlerweile die Region rund um Gretchens Bauchnabel verlassen und machten sich gerade auf eine so anregende Art und Weise an ihren, wie sollte es anders sein, Beckenknochen zu schaffen. Und das war dann auch der Moment, in dem Gretchen keinen Gedanken mehr an die vergangene Woche verschwenden konnte, obwohl es noch so viele wunderschöne Erinnerungen, zauberhafte Momente, liebevolle Augenblicke und sinnliche Stunden in Gretchens Kopf gab. Erinnerungen, die es alle miteinander Wert gewesen wären, noch einmal hervorgeholt und durchlebt zu werden.

Aber wer konnte schon von der Vergangenheit träumen, wenn die Gegenwart der schönste Traum überhaupt war. Wer konnte schon in Erinnerungen schwelgen, wenn das Hier und Jetzt einem gerade die Luft zum Atmen nahm? Wenn unglaublich talentierte Finger gerade eine Forschungsreise sondergleichen auf dem eigenen Körper absolvierten? Wenn diese Finger gerade in Regionen vordrangen, die einem ganz neue Welten eröffneten? Wenn man gemeinsam mit diesen Fingern mal wieder einen intergalaktischen Höhenflug antrat?
Gretchen konnte es nicht.

Sie war wieder in der Gegenwart des letzten Tages des Jahres 2014 angekommen.



Über Kommentare freue ich mich auch an diesem ersten Tag des Jahres riesig!
Ich wünsche euch allen ein frohes und gesundes neues Jahr!

Pippi Langstrumpf Offline

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04.01.2012 01:15
#56 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

58 Berlin – Dezember 2014

Sie kuschelte sich eng an ihn.

Gretchen war jetzt vollständig aufgetaucht aus ihrer Welt aus Erinnerungen und Träumen. Sie war aufgetaucht, nur um gleich wieder einzutauchen. Sie tauchte ein in eine märchenhafte Welt, die ein gewisser Oberarzt aus Norwegen auf ihre Haut zauberte. Es war eine Welt, die einzig und allein aus den unterschiedlichsten Empfindungen auf ihrer Haut zu bestehen schien.

Da waren Marcs Berührungen. Anfänglich hatte er sie nur gestreichelt und mit seinen Fingern ihren Körper liebevoll verwöhnt. Zärtlich. Sanft. Unschuldig. Er hatte ihren Körper erforscht und erspürt. Unter der Zudecke waren seine Hände auf Forschungsreisen gegangen und hatten die Körperwelten der Gretchen Haase eingehend analysiert. Zärtlich. Sanft. Unschuldig. Gretchen hatte seine Hände auf ihrem Dekolleté, auf ihrem Bauch, an ihrem Po und auf ihrem Becken gespürt. Ausgiebig hatte er sich diesen Regionen ihres Körpers gewidmet. Seine Berührungen waren sanft. Es war mehr ein Streicheln, ein über ihre Haut Gleiten, als ein verlangendes Liebkosen.

„Gretchen bist du wach?“ Das schien eher eine rhetorische Frage zu sein, denn ohne eine Antwort abzuwarten, redete Marc leise weiter.
„Sag mir, was ich tun muss, damit wir heute Abend nicht auf diese gruselige Silvesterparty vom Leichenfledderer und seiner Assistentin gehen? Ich will da nicht hin.“ Seine Stimme hatte etwas Flehendes.

„Meinst du meine liebe Freundin Sabine und ihren Lebensgefährten Dr. Gummersbach?“ Gretchen konnte sich ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen. „Marc, wir müssen dahin. Sabine ist meine beste Freundin. Es geht nicht anders.“ Krampfhaft versuchte Gretchen, auf Marc einen ernsten Eindruck zu machen.

„Und wenn ich dich versuche zu überzeugen? So vielleicht?“ Langsam ließ Marc drängend seine Finger über Gretchens Po, ihre Oberschenkel und ihren Bauch gleiten.

Gretchen schien zu überlegen, ob sie sich auf dieses Spiel einlassen sollte. „Also wenn du dir jetzt ganz viel Mühe gibst, dann könnte ich vielleicht, also unter Umständen, noch mal darüber nachdenken.“

Marc antwortete nicht. Stille. Gretchen hörte nichts mehr, außer seinen Atem. Wiederkehrend spürte sie die kühle Luft in ihrem Nacken. Sie spürte seinen Bauch an ihrem Rücken und sie spürte seine Beine an den ihren. Ihre Haut berührte sich und Gretchen nahm die Hitze seines Körpers wahr.

Gretchen spürte es sofort. Die Berührungen seiner Finger auf ihrer Haut hatten eine andere Intensität bekommen. Die ruhige Forschungsreise schien beendet. Jetzt kam die intergalaktische Expedition. Aufregend. Erregend. Sinnlich. Langsam legte Marc seine Hände fordernd an ihre Brüste, während er ihr ganz leise, kaum wahrnehmbar ins Ohr flüsterte. „Na dann werde ich dich jetzt überzeugen.“

Gretchen schloss die Augen.

Sie spürte seine Hand an ihrer Brust. Sie spürte seine Finger, die ihren Weg nicht suchten, sondern ihn schnell und ohne Umschweife fanden. Sie spürte seine Finger, die sich auf eine ihrer Brustwarzen legten und sie massierten. Fest. Fordernd. Erregend.

Die herausfordernde Art, wie Marc sie berührte, erregte Gretchen. Sofort. Ihr Denken war von einer Sekunde auf die andere beherrscht von dem Gedanken, dass diese unvergleichlichen Empfindungen, die Marc durch seine Berührungen in ihr auslöste, immer weiter und weiter intensiviert werden sollten.

Berauscht nahm Gretchen wahr, das Marcs Finger schnell kreisend immer und immer wieder um ihre Brustwarzen strichen. Schon längst hatten sie sich steil aufgerichtet und brachten auf diese Weise zum Ausdruck, was diese ganz besonderen Streicheleinheiten in ihr auslösten. Eben rieben seine Finger mit festem Druck über ihre sensiblen Knospen. Fest hielt seine Hand ihre Brust umschlossen. Mal die eine und dann wieder die andere Brust. Immer und immer wieder. Langsam wurden diese Berührungen für Gretchen eine sinnliche Qual. Prickelnde Blitze schossen in ihr Becken und ließen sie dort fast verbrennen.

Prickelnde Blitze in ihrem Becken verlangten nach seinen Berührungen. Aber da war keine Hand, da waren keine Finger, die ihr Verlangen stillen konnten, obwohl Gretchen es sich so sehr wünschte. Gretchen konnte dem Drang nicht länger widerstehen, ihr Becken fordernd in Marcs Schoss zu drücke. Umgehend spürte sie, dass sein wildes Spiel auch an ihm nicht spurlos vorüberging. Obwohl er sonst sehr ruhig hinter ihr lag. Er küsste nicht ihren Nacken. Er verwöhnte nicht ihr sensibles Ohrläppchen. Er konzentrierte sich einzig und allein auf ihre Brüste. Diese pure Befriedigung ihrer Lust erregte Gretchen noch mehr.

Ohne länger darüber nachzudenken, griff Gretchen schüchtern nach Marcs Hand und führte sie langsam zwischen ihre Beine. Ihr Herz klopfte wild unter ihren Brüsten, es bebte regelrecht. So etwas hatte sie noch nie getan. Es war aufregend. Es war erregend. Es war heiß.

Ihr war heiß. Sie schwitzte. Noch immer lagen sie unter der dicken Winterzudecke. Gretchen spürte, dass auch Marc schwitzte. Sie spürte seinen Schweiß an ihrem Rücken und sie spürte seine feuchte Hitze an ihrem Po. Irgendwie beförderte sie die störende Zudecke auf den hölzernen Boden ihres Schlafzimmers.

Seine Finger begannen nun, diese kleine, äußerst sensible Stelle zwischen ihren Beinen kreisend zu reiben. Fest. Verlangend. Erregend. Ein leises Stöhnen entwich ihren Lippen, als Marc fordernd ihr Bein zur Seite schob und ohne Umwege einen Finger in sie gleiten ließ. Zärtlich und zugleich fordernd strich er mit diesem Finger unzählige Male, wieder und immer wieder bis weit hinauf an den Rand ihrer reizbarsten Stelle. So steigerte Marc Gretchens Lust mit jedem Mal weiter ins Unermessliche, wenn er diesen kleinen Punkt auf eine ihm ganz eigene Weise stimulierte.

Gretchen konnte nicht mehr klar denken. Instinktiv reckte sie ihr Becken seiner Hand verlangend entgegen. Versuchte so, den Druck seiner Finger zu intensivieren. Schon längst hatte sie ihr Bein aufgestellt. Machte ihm so Platz. Instinktiv griff sie an seinen Po. Fest gruben sich ihre Finger in seine Haut. Fest drückte sie Marc von hinten gegen sich. Ihr Atem ging schnell. Sehr schnell. Fast zu schnell. Es gab jetzt nur noch dieses Brennen, dieses Ziehen, ja dieses unvergleichliche Prickeln in ihrer Körpermitte, das nach mehr, nach immer mehr und zugleich nach einem ekstatischen Ende schrie. Jede Faser in ihr schrie jetzt danach, dass Marcs Finger ihr diesen einzigartigen intergalaktischen Höhenflug bereiteten.

Gretchen war jetzt wie in einem Rausch. Sie handelte instinktiv, ihr Denken spielte in diesem Moment keine Rolle. Wieder drückte sie fest ihr Becken gegen Marcs Schoß. Schon zuvor hatte sie gespürt, dass auch er sich fest an ihr rieb. Dass auch ihn dieses Spiel zwischen ihnen stark erregte. Mit ihren Händen führte sie ihn. Weit kippte sie ihr Becken nach hinten, bis sie ihn tief in sich spüren konnte. Ein Aufstöhnen drang an ihr Ohr. Seine Stimme bebte.

Langsam begann Marc sich in ihr zu bewegen. Sie spürte in tief in sich hinein und wieder herausgleiten. Langsam stellte Gretchen wieder ihr Bein auf. Wieder suchte ihre Hand die seine. Wieder führte ihre Hand die seine dorthin. Wieder begannen seine Finger sie dort auf eine so unnachahmliche Weise zu erregen. Wieder brachte er sie damit um den Verstand. Jetzt ging es schneller. Sie spürte, dass sie so weit war. Sie hörte ihren Atem, der jetzt schnell und laut ging und es erregte sie, sich selbst so zu hören. Ihr Atem ging schneller und schneller. Sie bewegte ihr Becken im Einklang mit Marc und auch diese Bewegungen wurden schneller. Immer schneller. Sie griff nach seiner Hand und drückte sie fester gegen sich. Fester und fester. Sie konnte Marc spüren. Überall. Gretchen hatte das Gefühl, außer Kontrolle zu geraten. Sie stöhnte laut auf und dann konnte sie es fühlen.

Sie flog.

Während sie bebend und völlig erschöpft ihre Beine wieder aufeinander legte, spürte und hörte sie, dass Marc mit einem letzten, festen Stoß in ihre Enge ebenfalls seinen intergalaktischen Höhenflug antrat. Lange spürte Gretchen, dass ihr Körper sich in einem Ausnahmezustand befand. Ihr Herz klopfte wild und Hormone pulsierten in ihren Adern. Gerade hatte sie die Sterne gesehen. Sie war berauscht. Sie war glücklich. Sie war unsterblich in diesen Mann, der da hinter ihr lag und sie fest in seinem Arm hielt, verliebt.

„Glaubst du wirklich, dass ich unseren letzten gemeinsamen Abend und unsere letzte gemeinsame Nacht auf einer Party bei einem, in der Tat recht skurril anmutenden Dr. Gummersbach verbringen möchte?“ Gretchen war noch etwas außer Atem. „Du glaubst ja gar nicht, wie sehr sich Manuela, Greta und die anderen Hühner aus dem Schwesternwohnheim schon in den letzten Tagen im Krankenhaus ihre Mäuler darüber zerrissen haben, ob wir beide wirklich ein Paar sind. Glaube mir, die Blicke dieser Tratschtanten möchten wir uns beide nicht antun.“

Ungläubig geweitete Augen.

„Du Sau!“ Ein bewunderndes Grinsen lag auf seinem Gesicht.



Für Manuela, Greta und all die anderen Hühner aus dem Schwesternwohnheim!

Pippi Langstrumpf Offline

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05.01.2012 23:22
#57 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

59 Berlin – Dezember 2014

Es war ihr letzer gemeinsamer Abend. Ihre letzte gemeinsame Nacht.

Engumschlungen standen Gretchen und Marc vor dem alten Kamin in Gretchens gemütlichem Wohnzimmer. Drei dicke Kerzen, diesmal in einem unschuldigen Weiß, flackerten auf dem alten Kaminrost und zauberten tänzelnde Schattenbilder auf die Wohnzimmerwände. Gretchen trug eine wunderschöne Bluse in einem Farbton, den Marc nicht so genau einordnen konnte. Den Namen Petrol hatte er noch nie in seinem Leben gehört.
Aber auch, wenn er diesbezüglich eher ein Modemuffel war, so konnte er doch sehr wohl beurteilen, dass diese Farbe seiner Freundin mehr als gut stand. Gretchen sah einfach bezaubernd aus. Ihre Augen strahlten in einem ähnlichen Gemisch aus Blau- und Grüntönen. Ihre Haare, die sie zuvor in einer stundenlangen Prozedur gewaschen, getrocknet und aufgesteckt hatte, fielen Gretchen in weichen, langen Wellen über die Schultern. Mit einer kleinen silbernen Klammer, an dessen Ende ein winziges Steinchen im gleichen Farbton ihrer Bluse glitzerte, hielt sie eine dünne Strähne an ihrer Schläfe zusammen.

Langsam ließ Marc seinen verliebten Blick über Gretchens atemberaubendes Dekolleté wandern und blieb an der kleinen silbernen Kette hängen, die sie eigentlich immer trug. Heute allerdings mit einem petrolfarbenen Anhänger. Marc musste in sich hineinschmunzeln. Da hatte ihn diese Frau doch tatsächlich aus dem Schlafzimmer und vor den Fernseher im Wohnzimmer verfrachtet, nur damit sie sich alleine und in Ruhe fertig machen konnte. Aber wie sollte er auch seine Finger bei sich behalten, wenn sie nackt wie ein kleiner Engel durch die Wohnung rauschte?

Seine Hände wanderten von ihren Hüften langsam über ihren Po. Er konnte das Bündchen ihrer schwarzen Strumpfhose ertasten. Schon der Anblick ihrer schwarz umhüllten Waden jagte ihm ein wohliges Prickeln durch seinen Körper. Er spürte den weichen Stoff ihres schwarzen Rockes und er spürte die Nähte ihrer Unterhose. War dieses kleine Stückchen Stoff an ihrem unglaublichen Hinterteil wohl der Grund, weshalb sie ihn aus dem Schlafzimmer komplimentiert hatte? Womöglich war das die Überraschung, von der sie schon den ganzen Tag sprach?

„Ich bin so froh, dass wir nicht auf diese bekloppte Silvesterparty gehen müssen.“ Marc musste sich schleunigst auf andere Gedanken bringen, sonst würde ihre kleine private Silvesterparty aus dem Ruder laufen, bevor sie noch richtig begonnen hatte. Zu verführerisch war Gretchen unter seinen Fingern.

„Irgendwie hat Sabine sowas Devotes an sich. Als sie neulich im „Café Grün“ aufgetaucht ist, um dir dein, äh ich meine natürlich mein Armband zu bringen, das du in der Umkleide hast liegenlassen, da hatte ich sofort wieder Bock, sie voll anzuschnauzen. Ich frage mich echt, wie du mit der befreundet sein kannst.“

„Marc, du solltest nicht so über Sabine herziehen. Sie ist die einzige, die dir immer wohlgesonnen war.“ Gretchen quittierte Marcs unangebrachte Äußerung mit einem belehrenden Gesichtsausdruck.

„Ja, weil sie früher scharf auf mich war.“ Marc grinste selbstbewusst bis über beide Ohren.

„Marc, du bist echt unmöglich! Glaube mir, nicht alle Frauen auf diesem Planeten sind scharf auf dich. Es reicht ja wohl, wenn ich es bin.“ Gretchen legte ihren Kopf etwas in den Nacken und schaute ihn grinsend an. Dunkelblaue Augen funkelten ihn im Kerzenschein an.

Während ihrer letzten Worte wanderten Gretchens Hände verführerisch langsam von Marcs Nacken, in dem sie ihre Hände bis gerade verschränkt hatte, über seinen athletischen Rücken bis zu seinem drahtigen Po. Sie fühlte sein dünnes Hemd unter ihren Fingern. Sie spürte durch den dünnen Stoff seine warme Haut und sie nahm jeden Muskel wahr, der sich fest über seinen Rücken spannte. An Marcs Po angekommen, legte Gretchen jede ihrer Hände auf jeweils eine seiner festen Pobacken und kniff herzhaft hinein. Kurz kribbelte es in ihrer Bauchgegend. Aber dieses Gefühl konnte sie jetzt beim besten Willen nicht gebrauchen. Später schon, aber nicht jetzt.

„So, dann will ich dich mal nicht länger an auf die Folter spannen.“ Gretchen schnappte sich Marcs Hand und führte ihn feierlich durch den kleinen Flur in die Küche, deren Tür den halben Tag über verbarrikadiert war, an den festlich gedeckten Esstisch.

„Das ist mein Abschiedsgeschenk für dich.“

„Das war also der Grund, weshalb ich bei diesem Schmuddelwetter eine Stunde joggen gehen sollte.“ Marc war platt. Damit hatte er gar nicht gerechnet. Gretchen hatte den kleinen weißen Esstisch festlich gedeckt. Die Dekoration war in schlichtem Silber gehalten. Die Tischdecke, die Servietten sowie die Kerzen in den silbernen Kerzenleuchtern waren, ebenso wie das Geschirr, weiß. In der Mitte des runden Esstisches stand ein kleines silbernes Fonduetöpfchen auf einer brennenden Flamme. Kleine Schälchen und Tellerchen mit allem, was das Herz begehrte, waren überall auf dem Tisch verteilt. Da fanden sich kleine Fleischstückchen in verschiedenen Rot- und Weißtönen, so dass man ihnen ansehen konnte, ob sie vom Rind, vom Schwein oder Geflügelfleisch waren. Garnelen, Oliven, verschiedene Gemüsesorten, ein grüner Salat, geschnittene Baguettescheiben und noch vieles mehr. Rund um das Fonduetöpfchen gab es eine schmale Drehscheibe, auf der kleine Schälchen mit unterschiedlichen Soßen und Dips standen.

Als Marc sich setzte, entdeckte er auf seinem Teller ein kleines Glücksschwein aus Marzipan. Er lächelte Gretchen glücklich an. Ihr Blick fiel sofort auf seine einzigartigen Grübchen. Schon jetzt wusste er, dass er dieses Schweinchen niemals essen würde.

„Das ist echt total schön. Danke. Ich frage mich aber trotzdem, wie und wann du das alles vorbereitet hast.“

„Wie du schon ganz richtig vermutet hast, hatte deine Joggingtour seine Gründe.“ Verschmitzt lächelte Gretchen Marc an. „So, und jetzt trinken wir erstmal ein Glas Champagner. Schließlich ist das heute unser letzter Abend.“

Und Marc fügte zwinkernd hinzu. „Und unsere letzte Nacht. Auf dass sie alles Bisherige toppen wird.“

Mal wieder wurde Gretchen unter Marcs anzüglichem Grinsen rot und mal wieder ärgerte sie sich ein wenig darüber, dass sie in solchen Situationen nicht wirklich mit der Fähigkeit zur Souveränität gesegnet war.

Das Fondue war einzigartig. Stundenlang haben Marc und Gretchen die kleinen Fleisch- und Gemüsestücken in dem heißen Öl gegart und sich mit den leckeren, zum Teil sogar von Gretchen selbstgemachten, Soßenkreationen schmecken lassen. Sie haben viel geredet und noch mehr getrunken. Sie haben herzhaft miteinander gelacht. Sie waren glücklich und verliebt. Und trotzdem gab es da auch einen Hauch von Wehmut. Einen Hauch von Wehmut, dass dies ihr vorerst letzter gemeinsamer Abend sein sollte. Es gab einen Hauch von Wehmut, dass die schönste Woche ihres Lebens schon am nächsten Tag ihr Ende finden sollte. Es hing ein Hauch von Wehmut in der Luft, weil ihnen ihre gemeinsame Zukunft noch ungewiss erschien.

„Marc, bevor zu morgen fliegst, muss ich dich noch etwas fragen. Etwas sehr Wichtiges.“ Mit einem Mal wurde Gretchen sehr ernst. Sie blickte Marc tief in seine dunkelgrünen Augen. „Ich möchte, dass du jetzt ganz ehrlich zu mir bist. Was hättest du getan, wenn du dich nicht in mich verliebt hättest? Hättest du dann das Angebot von Professor Howard angenommen?“ Ihr Blick hielt in gefangen und versuchte, sein Innerstes zu ergründen.

Scheiße, sie hat es doch mitbekommen.

Marc war überrascht und etwas irritiert. „Wie kommst du denn jetzt darauf?“, Marc verhaspelte sich etwas. „Ich dachte, wir hätten das geklärt? Ich suche mir einen Job in Berlin und dann können wir endlich richtig zusammen sein. Sydney spielt keine Rolle. Und überhaupt, du hast die ganze Woche nichts gesagt. Ich dachte, du hättest es an dem Abend mit Mehdi gar nicht mitbekommen.“

„Doch Marc, das habe ich. Aber ich habe dich etwas gefragt. Hättest du das Angebot angenommen?“ Gretchen ließ nicht locker.

Marc antwortete nicht sofort. In seinem Kopf rasten seine Gedanken. Sie überschlugen sich und wirbelten regelrecht herum. Kurz fragte er sich, ob er Gretchen nicht einfach anlügen sollte. Aber dann verwarf er diesen kurzen Gedankenblitz wieder. „Natürlich hätte ich das Angebot angenommen.“

„Unter allen Umständen?“ Tief bohrte sich Gretchens Blick in sein Herz. Es entstand fast der Eindruck, dass Marc ein Angeklagter vor Gericht wäre. „Ja.“

Gretchen machte eine kurze Pause. Sie musste kurz ihre Gedanken sortieren. „Und jetzt möchtest du dieses Angebot einfach so in den Wind schlagen? Meinetwegen.“

„Ja.“

Wieder ließ Gretchen nicht locker. „Wie sicher bist du dir in Prozent?“

„Ich bin mir zu einhundert Prozent sicher.“, antwortete Marc ohne mit der Wimper zu zucken und sah Gretchen bei jedem seiner Worte fest in ihre türkisschimmernden Augen.

„Warum?“

Marc schaute sie lange an. Gretchen konnte sehen, dass es in seinem Kopf arbeitet, dass er überlegte, was er ihr darauf erwidern sollte. Mit einem Mal legte er bedächtig sein Besteck zur Seite, wischte sich sorgfältig seinen Mund mit seiner Serviette ab, nahm einen tiefen Schluck aus seinem Champagnerglas, stand auf und ging um den Tisch herum. Dabei murmelte er etwas in seinen nicht vorhandenen Bart. Etwas das klang wie „Nochmal sage ich ihr das aber nicht einfach nur so. Wenn schon denn schon. Da muss ich jetzt durch, ob ich will oder nicht.“

Vor Gretchen angekommen, griff er nach ihrer Hand und zog sie zu sich hoch. Er legte seine Hände auf ihre Hüften und schaute sie mit seinen im Kerzenschein dunkelgrün, fast braun funkelnden Augen durchdringend an. Mit diesem Blick. Mit diesem unglaublichen Blick, der Gretchen die Welt um sich herum vergessen ließ.

„Gretchen. Du fragst mich warum? Kannst du dir das nicht denken?“

Ganz langsam näherten sich seine Lippen ihrem Ohr. Ihre Wangen berührten sich sacht. Gretchen konnte seine warmen Lippen an der Haut ihrer Ohrmuschel spüren. Sanft streiften sie sie. Sie fühlte die warme Luft seines Atems. Da war ein liebevoller Windhauch an ihrem Ohr. Sanft. Leise. Zart.

„Ich liebe dich.“

Gretchen lächelte zufrieden, während sie seine zärtlichen Küsse an ihrem Hals genoss. Alles lief nach Plan.

Pippi Langstrumpf Offline

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07.01.2012 01:04
#58 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

60 Berlin – Dezember 2014

Sie waren benommen von seinen Worten.

Noch immer standen Marc und Gretchen engumschlungen in der kleinen gemütlichen Küche. Noch immer hallten seine letzten Worte in ihren Köpfen nach.

„Ich liebe dich.“

Schon eine ganze Weile verstrichen die Minuten. Mit einem Mal begann Gretchen zu sprechen. Sie schaute Marc dabei nicht an. Ihren Kopf hatte sie an seine Schulter gelegt und ihre Arme ruhten locker auf seinen Hüften.

„Weißt du eigentlich, dass ich dir genau das immer gewünscht habe. Ich meine früher. Damals. Als du noch ein egozentrischer Chirurg im Elisabeth-Krankenhaus warst. Da habe ich mir immer für dich gewünscht, dass du irgendwann in deinem Leben mal eine Frau treffen wirst, die dir wichtiger ist als dein Job. Die dir wichtiger ist als du selbst. Eine Frau, die dich einfach nur glücklich macht. Weil sie dich liebt und weil du sie liebst.“

Gretchen dachte kurz über ihre nächsten Worte nach, während sie mit einem breiten Grinsen auf ihren Lippen fortfuhr. „Ich lasse jetzt mal lieber unerwähnt, was ich alles dafür getan hätte, um selbst diese Frau zu sein.“

Sie griff nach seinen Händen, während sie sich ihre nächsten Worte zurechtlegte. Gretchen spürte, dass ihre Hände schweißnass waren. Vor Aufregung. Vor Freude. Vor Liebe. „Marc, ich kenne dich gut genug um zu wissen, was diese Entscheidung mit Sydney für dich bedeutet. Ich weiß, dass dir der Anruf bei Professor Howard nicht leicht fallen wird. Und ich weiß auch, was es für dich bedeutet, diesen grandiosen Job in Oslo aufzugeben. Ich bin selbst Chirurgin. Ich kann beurteilen, was du da Großartiges in Oslo aufgeben möchtest und ich kriege schweißnasse Hände, wenn mir bewusst wird, dass ich der Grund für deine Entscheidung bin.“

Zärtlich legte sie ihre Hände auf seine Wangen, während ihre funkelnden Augen sich tief in die seinen bohrten. Sie spürte, dass seine Wangen glühten. Vom Champagner. Von seinem Liebesgeständnis. „Aber eins musst du mir versprechen. Hier und Jetzt. Versprich mir, dass du auf dein Herz hörst, bevor du dich in dein neues Leben stürzt. Bevor du dich für einen neuen Job entscheidest. Marc, du hast dich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Du bist ein ausgezeichneter Chirurg und ein hervorragender Wissenschaftler. Du kannst nicht irgendeine Stelle in Berlin annehmen, nur um mit mir zusammen zu sein. Das würde nicht funktionieren. Niemals. In deiner Brust schlagen jetzt zwei Herzen. Eins für die Liebe und eins für deinen Job.“

Und dann zog Gretchen ihn ganz nah an sich heran, so dass sich die Spitzen ihrer Nasen leicht berührten. Noch immer hatten sich ihre Blicke fest ineinander verschlungen. Mit sicherer Stimme fuhr Gretchen liebevoll weiter. „Marc, ich liebe dich und ich weiß, dass das mit uns beiden nur klappt, wenn diese beiden Herzen in deiner Brust weiterschlagen können.“

Später hätte Gretchen nicht sagen können, weshalb sie genau in diesem Augenblick auf die Uhr gesehen hatte. Aber es war so. In diesem Augenblick fiel ihr Blick auf ihre Küchenuhr an der Wand und was sie da sah, versetzte sie in helle Aufregung.

Oh nein, ich bin doch noch gar nicht fertig. Was mache ich denn jetzt?

„Marc, bitte sei mir nicht böse, aber wir müssen sofort und ich meine wirklich sofort, zum nächsten Programmpunkt übergehen.“

Marc verstand verständlicherweise gar nichts mehr. Gerade noch hatte er darüber nachgedacht, wie wundervoll diese Frau war. Wie klug sie war, aber auch wie erwachsen. Gerade hatte er noch darüber nachgedacht, wie sehr er diese Frau liebte und er hatte sich auch gefragt, was das doch für ein unsagbar großes Glück war, dass sich ihre Lebenswege vor ein paar Monaten auf so zufällige Weise in Freiburg gekreuzt hatten. Gerade noch hing Marc völlig verzaubert von der Frau, die er so sehr in sein Herz geschlossen hatte, seinen Gedanken nach, da wurde er schon in die merkwürdigsten Silvestervorbereitungen seines Lebens gestürzt.

„Bitte stell jetzt keine Fragen. Als erstes müssen wir uns jetzt umziehen. Und zwar schnell. Am besten ziehst du eine Jeans und einen dicken Pullover an. Draußen ist es schließlich sehr kalt. Schal und Handschuhe hast du ja selber. Möchtest du eine Mütze von mir?“ Gretchen wirkte leicht gestresst.

Ein Blick auf Marcs entsetztes Gesicht ließ Gretchen sofort verstummen. „Ach ja, du trägst ja keine Mützen.“ Und in einem Ton, der einem Feldwebel alle Ehren gemacht hätte, fuhr Gretchen fort. „Wenn du dann soweit fertig bist, kannst du ja im Flur auf mich warten. Ich bin auch gleich soweit.“

Marc konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Natürlich stellte er sich nicht in den Flur, wie ein kleiner Junge vor einem Schulausflug. Vielmehr lehnte er sich mit einem süffisanten Grinsen und vor der Brust verschränkten Armen an den Türrahmen des Schlafzimmers und beobachtete ein Schauspiel der ganz besonderen Art. Gerade versuchte Gretchen, ihr in einer schwarzen Strumpfhose steckendes Hinterteil in eine etwas zu enge Jeans zu zwängen. Marc hätte sich in diesem Augenblick auch etwas Besseres als einen nächtlichen Spaziergang durch das winterkalte Berlin vorstellen können.

Kurz darauf standen Marc und Gretchen dick eingemummelt in Gretchens Flur. Marc startete einen letzten Versuch, sich nicht diesem furchtbaren Schmuddelwetter, das er ja schon während seiner Joggingtour ausgiebig hatte genießen dürfen, aussetzen zu müssen. Wohl wissend, dass Gretchen eine kleine Schwäche für diese Geste hatte, schob er verführerisch ihre Mütze und eine dicke Strähne ihrer Locken zur Seite, bevor er ihr ins Ohr flüsterte. „Wenn wir jetzt hier bleiben, würdest du es nicht bereuen.“

„Aber du.“ Gretchen schnappte sich Marcs Hand, zog ihn aus der Wohnung und während sie noch ihre Wohnungstür hinter sich zuzog, war Marc schon auf der Treppe nach unten.

„Falsch, wir müssen hoch. Jetzt komm schon, wir müssen uns etwas beeilen.“ Gretchen wirkte etwas gehetzt, als sie Marc hinter sich durch das Treppenhaus zog. Treppe für Treppe kämpften sie sich in den fünften Stock des Wohnhauses aus dem vorletzten Jahrhundert. Auf dem obersten Treppenabsatz angekommen, öffnete Gretchen eine ebenfalls grün gestrichene Tür, die etwas schmaler war, als die Wohnungstüren des Hauses. Wieder musste sie Marc regelrecht hinter sich herziehen.

Zunächst konnte Marc nichts erkennen. Seine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Aber bevor das der Fall war, hatte Gretchen schon eine Taschenlampe eingeschaltet und leuchtete ihm direkt in seine Augen.

„Äh Gretchen, jetzt kommt aber nicht der Teil, in dem die irre Chirurgin den Mann ihrer Träume auf dem Dachboden ihres Wohnhauses in kleine Stücke zerteilt und in Gefrierbeutelchen verpackt?“

Marc konnte sich überhaupt keinen Reim auf Gretchens Aktion machen. In seinem Kopf arbeitete es ununterbrochen und er fragte sich, was Gretchen mit ihm auf diesem schäbigen Dachboden vorhatte. Im Schein der Taschenlampe konnte Marc erkennen, dass Gretchen sich gerade nach einer riesigen Tasche bückte, die neben einer Leiter in der Mitte des Dachbodens bereit stand. Diese Tasche hängte sich Gretchen quer über die Schulter und machte sich dann daran, umständlich die Leiter Sprosse für Sprosse zu erklimmen. Leider schien die Tasche sehr schwer zu sein. Jetzt dämmerte es auch Marc. Gretchen wollte mit ihm auf das Dach des Hauses.

„Wie geil ist das denn? Du willst echt aufs Dach. Das wollte ich immer schon mal. Komm gib mir die Tasche. Sonst kommen wir ja nie da oben an.“ Marc war begeistert.

Oben angekommen, öffnete Gretchen eine kleine Luke, bevor sie auf das vom Schmuddelwetter feuchte Flachdach kletterte. Sie griff nach Marcs Hand, während er von der letzten Sprosse der Leiter einen großen Schritt auf das Dach machte.

„Hatte ich nicht erwähnt, dass ich auch die stolze Besitzerin einer Dachterrasse bin?“

Marc war wie hypnotisiert. Er war hypnotisiert von diesem einzigartigen Schauspiel, das sich ihm bot. Langsam schaute er sich um. Da waren überall Dächer um sie herum. Dächer und Schornsteine, die sich kaum merklich von dem wolkenverhangenen Nachthimmel abhoben. Und trotzdem war der Ausblick über die Dächer Berlins grandios. In alle Himmelsrichtungen. Überall um sie herum konnten Marc und Gretchen bereits die bunten Lichtspiele der Raketen an dem vormitternächtlichen Silvesterhimmel sehen. Rote. Gelbe. Grüne. Blaue. Violette. Funkelnde Sterne und einfache Kreise. Ganze Lichtersträuße oder nur einzelne Lichterkugeln. Dieses Feuerwerk am Himmel von Berlin ließ schon vor Mitternacht keine Wünsche mehr offen.

„Gretchen, das ist einfach unglaublich! Du bist unglaublich! Es ist einfach perfekt!“

Pippi Langstrumpf Offline

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07.01.2012 23:14
#59 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

61 Berlin – Dezember 2014 / Januar 2015

Es war natürlich keine Dachterrasse.

Wieder schaute Marc sich begeistert auf dem Dach um. Natürlich hatte Gretchen einen Scherz gemacht. Natürlich war das hier keine Dachterrasse. Es war eines dieser Flachdächer, wie es sie zu hunderten, wenn nicht gar tausenden in Berlin gab. Natürlich waren diese Dächer eigentlich nicht für die Bewohner der Häuser zugänglich. Aber Gretchen hatte Glück. Das Dach des wirklich sehr alten Hauses aus dem vorletzten Jahrhundert, in dem sie lebte, konnte über den ungenutzten Dachboden und einer Leiter, die zu einer Art Luke führte, betreten werden.

Markus hatte sie darauf gebracht. Er selbst hatte schon an der einen oder anderen Dachparty in den einschlägigen Wohngegenden Berlins teilgenommen. Vor ein paar Monaten, mitten im Hochsommer, hatte er dann zusammen mit Gretchen deren Dachboden inspiziert und nach einem entsprechenden Aufstieg gesucht. Die meisten Häuser, bei denen man auf diese Weise auf das Dach gelangen konnte, waren Wohnhäuser in Mitte oder Prenzlauer Berg. Aber eben auch das eine oder andere ältere Haus in den westlichen Wohngegenden Berlins, verfügte über einen solchen Dachaufstieg. Seit dem war das Dach Gretchens Lieblingsplatz. Oft kletterte sie die alte, wackelige Holzleiter hinauf, um diese ganz besondere Atmosphäre zu genießen. Denn auf dem Dach verspürte Gretchen eine Mischung aus Ruhe, Geborgenheit, Mut und Freiheit.

Und dieses besondere Gefühl wollte Gretchen nun mit Marc teilen. Sie wollte ihn teilhaben lassen an diesem unbeschreiblichen Gefühl, das sie jedes Mal auf dem Dach verspürte. Und sie wollte mit ihm gemeinsam ein unbeschreibliches Silvester erleben. Ein Silvester, das sie nie mehr in ihrem Leben vergessen würden. Ein Silvester, das sich in ihre Erinnerungen einbrennen würde, wie die bunten Raketen in den Nachthimmel Berlins.

Schon seit einiger Zeit spukte diese Idee in Gretchens Kopf herum. Spätestens als klar war, dass Marc die Silvesternacht in Berlin verbringen würde, hatte Gretchen nur noch diese eine Option für den Jahreswechsel in ihrem Kopf. Sie konnte sich nichts anderes mehr vorstellen. Keine Party, keinen gemütliche Racletteabend mit Freunden und kein privates Anstoßen unten in ihrer Wohnung. Nein. Ihr erstes gemeinsames Silvester sollte einzigartig sein. Und vielleicht wollte sie Marc auch ein wenig beeindrucken.

Und es schien, als sei es ihr gelungen. Marc stand mit ausgebreiteten Armen auf dem alten Dach und schaute in den bunt erleuchteten Nachthimmel. „Gretchen, das ist einfach Wahnsinn! So etwas habe ich noch nie in meinem ganzen Leben erlebt!“

Schnell machte er ein paar Schritte auf Gretchen zu. Er umarmte sie stürmisch, hob sie hoch und wirbelte sie im Kreis herum. Immer und immer wieder. Obwohl es auf dem Dach ziemlich dunkel war, konnte Gretchen im Schein der immer mal wieder explodierenden Silvesterraketen erkennen, dass Marcs Augen strahlten. Ja sie funkelten wie kleine Sterne und seine Wangen glühten. Wild hing ihm eine Strähne in die Stirn.

„Also wenn du dich dann jetzt ein wenig beruhigt hast, dann möchte ich dir meinen Lieblingsplatz sozusagen ganz offiziell vorstellen. Darf ich vorstellen: meine ganz private Dachterrasse.“ Marc hatte Gretchen mit seiner Euphorie längst angesteckt.

„Leider kann ich dir keinen Liegestuhl anbieten, aber ich habe hier eine Decke.“ Gretchen zog aus ihrer geräumigen Umhängetasche eine zusammengefaltete Picknickdecke. Es war eine von den etwas Besseren mit einer silbernen Isolierschicht auf der Unterseite. Die flauschige Oberseite der Decke war, wie sollte es bei Gretchen anders sein, mit einem romantischen Rosenmuster bedruckt. In der Dunkelheit der Silvesternacht war dieses aber kaum zu erkennen. Mit geübten Handgriffen faltete Gretchen die Decke auseinander und legte sie auf die etwas feuchte Dachpappe.

Sie kuschelten sich eng aneinander. Marc hatte seinen Arm um Gretchen gelegt. Begeistert blickte er ununterbrochen in den Himmel. Eine gewisse Parallele zu einem kleinen Jungen, der unter dem Weihnachtsbaum das Paket einer Carrera-Bahn entdeckt hatte, ließ sich in diesem Augenblick nicht verleugnen.

Gretchen begann, in ihrer geräumigen Tasche, die sie zwischen ihre Beine gestellt hatte, zu kramen.

„Ist dir kalt? Ich hätte hier doch noch eine Mütze für dich.“

„Nein, gut. Also, womit wollen wir anstoßen. Wenn dir kalt ist, hätte ich hier eine Thermoskanne mit Glühwein, den ich vorhin als du joggen warst noch schnell heiß gemacht habe. Er müsste also noch warm sein. Na ja, oder wir stoßen stilecht mit Champagner an.“

Marc schaute sie ungläubig an. „Hä, hast du das alles in der Tasche und was treibst du sonst noch so, wenn ich jogge? Ist ja kein Wunder, dass du vorhin fast wieder rückwärts die Leiter runtergeflogen wärst.“ Und während er weitersprach versuchte er Gretchen in die Augen zu schauen. Das war allerdings gar nicht so einfach, so dick eingemummelt, wie sie waren.

„Also zu dem heutigen Abend passt nichts anderes als Champagner.“ Und etwas zerknirscht fügte Marc noch hinzu. „Und Glühwein mag ich auch gar nicht so gerne. Aber den ganzen Rest, den finde ich phantastisch!“ Liebevoll drückte er ihr einen Kuss auf die Wange. Gerade wollte sich Gretchen wieder dem Inhalt ihrer Tasche widmen, als Marc sie festhielt.

„Warte mal. Ich möchte dir noch etwas sagen. Das ging vorhin plötzlich alles so schnell. Also das, was du da vorhin in der Küche zu mir gesagt hast, das hat mich echt beeindruckt. Es war so wunderschön. Und es zeigt mir, wie sehr du mich magst. Ehrlich gesagt bin ich sogar etwas verblüfft, wie gut du mich kennst und ich bin verblüfft darüber, wie erwachsen du geworden bist.“ Marc machte eine kurze Pause.

„Bitte versteh mich jetzt nicht falsch Gretchen. Aber mittlerweile bin ich mir sicher, dass das alles mit uns beiden genau so sein sollte, wie es passiert ist. Das ist jetzt keine Rechtfertigung für damals. Es soll nicht mein Verhalten von damals rechtfertigen. Die Kränkungen. Die Verletzungen. Aber ich kann heute etwas fühlen, das ich damals nicht gefühlt habe. Und ich glaube, dieses Etwas ist für unsere Zukunft von entscheidender Bedeutung.“

Gretchen unterbrach Marc. Leise stimmte sie ihm zu. „Das glaube ich auch.“ Sie veränderte ein wenig ihre Sitzposition, indem sie ihren Oberkörper etwas mehr in seine Richtung drehte. So konnte sie ihm besser in die Augen schauen.

„Ich war vorhin übrigens noch nicht fertig.“ Marc runzelte verwundert seine Stirn. „Aber ich wollte mit dir pünktlich auf dem Dach sein. Schließlich hat das ganze mich hier ein Vermögen gekostet.“ Gretchen schmunzelte. Dann schloss sie ihre in der Nacht dunkel schimmernden Augen, holte tief Luft und begann zu sprechen.

Marc konnte ihr ansehen, dass sie nervös war. Sie war sogar sehr nervös. Und wenn sie nicht in der Dunkelheit auf dem Dach gesessen hätten, hätte Marc auch die hektischen roten Flecken überall auf ihrem Gesicht und ihrem Hals sehen können. Und wenn er durch Zufall ihren Puls berührt hätte, hätte er spüren können, dass ihr Herz raste.

„Erinnerst du dich noch daran, was ich vorhin gesagt habe? Ich habe vorhin gesagt, dass du nicht irgendeine Stelle in Berlin annehmen kannst, nur um mit mir zusammen zu sein.“ Marc setzte an, um Gretchen zuzustimmen.

„Nein, sag jetzt bitte nichts. Hör mir einfach nur zu. Ich habe auch gesagt, dass du auf dein Herz hören sollst, bevor du dich in dein neues Leben stürzt und dich für einen neuen Job entscheidest. Erinnerst du dich?“ Marc nickte.

Er hatte ein komisches Gefühl im Bauch. Er wusste zwar noch nicht, worauf Gretchen hinaus wollte, aber irgendetwas an der Art, wie sie redete, wie sie ihn anschaute und wie sie jetzt nach seinen Händen griff, ließ sein Herz aufgeregt etwas schneller klopfen.

„Und jetzt ist es soweit. Marc Meier, ich mache dir ein Angebot für dein neues Leben.“ Wieder hielt Gretchen kurz inne.

Die macht mir jetzt aber keinen Heiratsantrag, oder? Ein kurzer Anflug von Panik stieg in Marc auf.

„Und mein Angebot für ein Leben mit mir zusammen lautet: Ich gehe mit dir nach Sydney und du nimmst den Job bei Professor Howard an.“

Erleichtert atmete Gretchen aus. Sie spürte das vor Aufregung heftige Schlagen ihres Herzens in allen Blutgefäßen ihres Körpers. Endlich war es raus. Endlich hatte sie es ihm gesagt. So viele nächtliche Stunden hatte sie darüber nachgedacht. Sie hatte gegrübelt und sich den Kopf zerbrochen. Sie hatte sämtliche Vor- und Nachteile abgewogen. Sie hatte versucht, Risiken zu ermitteln und sie hatte im Internet recherchiert. Und letztendlich hatte sie vor allem eines getan. Sie hatte auf ihr Herz gehört.

„Na, was sagt dein Herz dazu, Marc Meier? Ich liebe dich und ich möchte das. Von ganzem Herzen.“

Unsicher suchten zwei blaue Augen in der Dunkelheit nach zwei grünen Augen.
Unsicher suchten zwei blaue Augen nach einer Antwort in den zwei grünen Augen.
Unsicher warteten zwei blaue Augen darauf, dass er etwas sagte.

In diesem Augenblick explodierte über ihnen der Himmel.

Vor Schreck zuckte Gretchen zusammen und warf sich die Hände über den Kopf. Und auch Marc hatte so ein exorbitantes Feuerwerk und vor allem diese Lautstärke nicht erwartet. Es war furchteinflößend. Schnell griff er nach Gretchens Arm und zog sie zu der Dachluke, die sie vorhin mit einem Stab leicht aufgestellt hatten. Schnell kletterte Marc auf die Leiter unter die schützende Luke und zeigte Gretchen an, dass sie ebenfalls auf die Leiter klettern sollte.

Und so standen sie auf der Leiter im Schutz der alten Dachluke und schauten auf dieses einzigartige Feuerwerk, dass ihnen die Berliner bescherten. Im Lärm der knallenden, scheppernden, zischenden, krachenden, pfeifenden und heulenden Böller, Raketen und Kanonenschläge versuchte Marc Gretchen etwas zu sagen.

Etwas, das sich anhörte wie „Margarete Haase. Ich liebe dich. Mein Herz sagt zu deinem Angebot ja. Aber lass meinen Kopf noch eine Nacht darüber schlafen.“

Marc hielt Gretchen fest in seinem Arm. Er presste sie regelrecht an sich, als wollte er sie nie wieder loslassen. Leise flüsterte er ihr ins Ohr.

„Frohes Neues Jahr! Ich habe das Gefühl, dass es grandios werden könnte.“ Und dann hauchte er ihr zärtlich einen leisen Kuss auf ihre heiße Ohrmuschel.


Wer möchte, kann ja mein Herz mit einem Kommentar erfreuen!

Pippi Langstrumpf Offline

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10.01.2012 11:07
#60 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

62 Berlin – Januar 2015

Ein letztes Mal drehte er sich kurz um.

Marc ging in Richtung Gangway. Ein letztes Mal blickte er sich kurz um, als er an den gelben Stuhlreihen vorbeiging, auf denen es sich die wartenden Fluggäste mehr oder weniger gemütlich machen konnten. Er blickte über seine Schulter, wohl wissend, dass Gretchen noch immer an der gleichen Stelle hinter der durchsichtigen Glasscheibe stand und auf einen letzten Blick von ihm wartete. Er spürte es. Er konnte ihren Blick in seinem Rücken spüren. Er konnte spüren, dass sie ihren Blick regelrecht in seinen Rücken bohrte. Heiß brannte ihr Blick in seinem Rücken. Ganz langsam drehte er sich um, um ihr einen langen, letzten Blick zuzuwerfen. Um sie anzusehen. Um ihren Anblick in sich aufzunehmen. Um ihren Anblick in sich aufzusaugen wie ein trockner Schwamm die Feuchtigkeit. Damit er in den nächsten Tagen und Wochen von dieser Erinnerung zehren konnte.

Sofort trafen sich ihre Blicke. Noch immer stand sie an der gleichen Stelle hinter der durchsichtigen Glasscheibe, die die Fluggäste von den übrigen Menschen, die sich auf einem Flughafen tummelten, trennte. Kurz zuvor hatte auch Marc noch an dieser Glasscheibe gestanden und sich wild gestikulierend mit Händen und Füßen durch diese zentimeterdicke Scheibe mit Gretchen unterhalten. Da hatte Gretchen noch aus tiefstem Herzen gelacht. Über seine Gesten, über seine pantomimisches Ungeschick. Da hatte Gretchen noch glücklich ausgesehen. Sie hatte gestrahlt, ihm einen übermütigen Luftkuss zugeworfen und ihren Daumen und kleinen Finger in Form eines angedeuteten Telefonhörers an ihr Ohr geführt, als sein Flug zum letzten Mal aufgerufen wurde. Sie würden telefonieren, sobald Marc wieder in Oslo war. Sobald er seine Wohnung erreicht hatte.

Jetzt stand Gretchen einfach nur noch da und blickte durch diese ungeputzte Scheibe. Kurz fragte sich Marc, wieviele klebrige Finger- und Nasenabdrücke wohl abends von dieser riesigen Fensterfront gewischt werden mussten. Wie viele Kussmünder wohl darunter waren. Gretchen stand jetzt einfach nur noch da und blickte ihn an. Sie versuchte zu lächeln. Allerdings gelang ihr dies jetzt nicht mehr so richtig. Irgendetwas stimmte an ihrem Lächeln nicht. Es wirkte schief. Unnatürlich. Marc konnte sehen, was nicht stimmte. Es waren ihre Augen. Ihre Augen sahen in diesem Moment nicht mehr glücklich aus. Ihre Augen waren traurig. Aus der Entfernung konnte Marc aber nicht erkennen, ob sich bereits Tränen in ihnen gesammelt hatten.

Ihre Arme hingen schlaff an ihrem Körper herunter. Sie hatte sie nicht in die Taschen ihres dunkelblauen Mantels gesteckt, um Halt zu finden. In diesem Augenblick hingen ihre Arme einfach haltlos an ihr herunter. An diesem Tag trug Gretchen ihre Haare hochgesteckt. Aus Zeitgründen. Ihren Hals zierte ein altrosafarbener Wollschal und Marc wusste, dass in ihrer dunkelbraunen Ledertasche, die sie sich um die Schulter gehängt hatte, ein Paar Wollhandschuhe in dem gleichen Farbton steckten. Sie trug eine Jeans und braune Lederstiefel in dem gleichen Farbton ihrer Handtasche. Sie sah schön aus. Wie sie da stand. Wie sie gekleidet war. Und sie hätte noch schöner ausgesehen, wenn sie gelächelt hätte.

Noch immer schauten sie sich tief in die Augen. Der Warteraum vor der Gangway war mittlerweile fast leer. Bis auf Marc wartete nur noch eine Flughafenbedienstete darauf, auch den letzten Passagier des Fluges 765 nach Oslo endlich abfertigen und das Boarding somit beenden zu können.

Ihre Blicke hatten sich ineinander verschlungen. In diesem Moment gab es nur sie. Marc. Gretchen. Ihre Augen. Und ein Blick, der ihre Augen auf magische Weise miteinander verband. Da waren keine anderen Menschen, keine Lautsprecherdurchsagen. Da war nicht mal eine trennende Glasscheibe zwischen ihnen. Da war nur ihr Blick. Ihr Blick und ihre Liebe füreinander. Die sie spürten. Nach der sie in diesem letzten Blick nicht mehr suchen mussten. Sie wussten es einfach. Sie liebten sich.

Ein letztes Mal schenkte Marc seiner Freundin ein atemberaubendes Lächeln, in dem alles zu finden war, was Gretchen suchte. Liebe. Kraft. Zuversicht. Geborgenheit. Dann drehte sich Marc um und verschwand, nachdem er die letzten Formalitäten hinter sich gebracht hatte, ohne sich ein weiteres Mal umzudrehen. Er trat festen Schrittes in die Gangway und war weg. Einfach so. Nach einer Woche war Marc jetzt wieder weg. Marc war nicht mehr in Berlin und Gretchen fragte sich, was sie jetzt tun sollte.

Gretchen fühlte sich leer. Einfach nur leer. Sie war nicht unglücklich. Warum auch? Es gab nicht den geringsten Grund, unglücklich zu sein. Hatte sie doch gerade ihren Freund, den Mann, den sie liebte und der sie glücklich machte, verabschiedet. Aber das war auch der Grund dafür, weshalb sie auch nicht glücklich war. Irgendwie fühlte Gretchen sich gerade mit dieser Leere in ihrem Innern überfordert. Irgendwie hatte sie das Gefühl, alles in ihr wurde gerade von Hundert auf Null zurückgefahren. Gerade war Marc noch da, jetzt war er weg. Dieses Gefühl musste Gretchen erst einmal verdauen und beschloss daher, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurück nach Friedenau zu fahren. Auf einen Neujahrsbrunch bei Astrid und Mehdi hatte Gretchen jetzt keine Lust. Sie wollte jetzt einfach alleine sein.

Alleine sein wollte auch Marc. Was in einer vollbesetzten Passagiermaschine ein eher aussichtsloses Unterfangen war. Er hatte es sich, so gut es eben ging, in seinem Sitz gemütlich gemacht. Ohrstöpsel schirmten ihn von seiner Umwelt ab und die Musik, die ihn berieselte, trug ihn in eine andere Welt. In eine Welt, in der er sich bis vor wenigen Minuten noch selbst befunden hatte. In eine Welt, in die er sich jetzt mit geschlossenen Augen träumte. In Gretchens Welt. Er roch sie. Er spürte sie. Er hörte sie. Er sah sie.

Er sah ihr Gesicht. Ganz dich vor seinem. Ihre blauen Augen. So tiefblau wie die Ozeane dieser Welt, schauten sie ihn auf eine ganz einzigartige Weise an. Liebevoll. Verzehrend. Begehrend. Er hätte in diesen Augen versinken können. Ihre Haut. Erhitzt. Rosig und doch so hell wie der Wachs der Kerzen, die in der vergangenen Nacht auf der Fensterbank geflackert hatten. Ihr Körper. Anmutig. Weich. Zart. Er spürte ihren Körper an seinem. Warme, weiche Haut. Er spürte ihre Brüste. Ihren Bauch. Er spürte ihre Oberschenkel an seinen Hüften. Erspürte ihre Hände auf seinem Po, an seinen Schultern, auf seinem Rücken und in seinen Haaren. Er spürte sie. Warm. Weich. Er war in ihr.

Er hatte das Gefühl, dass es nie wieder anders sein sollte. Er bedeckte ihr Gesicht mit zärtlichen Küssen. Noch immer war er gefangen genommen von dem Geschenk, dass sie ihm im dieser Nacht gemacht hatte. Noch immer war er gefangen genommen von ihrer bedingungslosen Liebe. Noch immer war er gefangen genommen von seiner eigenen Liebe. Einer unendlichen Liebe. Dieses Gefühl war neu. Es war fremd, aber es machte ihm in dieser Nacht keine Angst.

Tief schauten sie sich in die Augen. Ihre Blicke vereinten sich, genau wie ihre Körper sich vereint hatten. Sie waren ineinander verschlungen. Sie waren zusammen. Darum ging es. Zusammensein. Langsam bewegten sie sich. Zusammen. Sie wollten ein letztes Mal zusammen sein und hatten das Gefühl, dass es nie wieder anders sein sollte. Sie spürten sich gegenseitig und hätten in diesem Gefühl zerfließen können. Zusammen.

Sie klammerten sich aneinander. Ihre Körper zitterten. Von der Anstrengung, die es sie kostete, sich mit dieser unbändigen Kraft aneinander zu klammern. Von der Anstrengung, die es sie kostete, sich derart zu kontrollieren. Langsam bewegten sie sich in ihrer Liebe. Verzweifelt klammerten sich ihre Blicke aneinander. Nie wieder sollte es anders sein.

Doch irgendwann gaben sie ihren Anstrengungen nach. Es gelang ihnen nicht mehr, ihr größtes Verlangen zu unterdrücken. Lange bewegten sie sich schnell, keuchend und schwitzend. Zusammen. Lange befanden sie sich in einem ekstatischen Zustand, der nicht in die ersehnte Explosion ihrer Empfindungen münden wollte. Zusammen. Irgendetwas hinderte sie. Möglicherweise waren es sie selbst. Hielten sie sich doch noch immer fest umklammert. Zusammen. Ihre Bewegungen wurden schneller, verzweifelter. So oft konnten sie es schon fast spüren. Fast. Schmerz. Verzweiflung. Und dann erfasste Marc eine heftige Erschütterung. Er zitterte. Aber jetzt war er frei. Langsam richtete er seinen Oberkörper auf und befreite sich ein wenig aus der festen Umklammerung von Gretchen. Sacht begann er sie zu lieben. Sacht begann er sich in ihr zu bewegen Es war wie ein Befreiungsschlag. Gretchen gab sich ihm ganz hin und spürte, dass seine Bewegungen in ihr sie langsam davon trugen und sie auf so wundervolle Weise glücklich machten. Auch sie war jetzt frei.

Über den Wolken fragte sich Marc, wie es zu dem heftigen Stimmungswechsel in der vergangenen Nacht kommen konnte. Auf dem Dach waren sie so ausgelassen, so glücklich. Ja geradezu euphorisch. Alles war so perfekt. Doch später in der Nacht hatte sie dann die Gewissheit der letzte Stunden eingeholt. Eine Gewissheit, die vor allem bei Gretchen in Trauer umschlug. Möglicherweise spielte auch die zweite Flasche Champagner eine Rolle bei diesem Stimmungswechsel. Möglicherweise intensivierte der Alkohol ihre Emotionen. Denn auch Marc verspürte eine gewisse Niedergeschlagenheit, als die Realität ihn einholte. Als ihm bewusst wurde, dass seine letzten Stunden mit Gretchen angebrochen waren.

Die letzten Stunden nach der schönsten Woche ihres Lebens. Nach einer Woche, von der sie sich viel erwartet hatten und von der sie noch mehr bekommen hatten. Eine Woche, die ihr Leben so vollständig auf den Kopf gestellt hatte, dass kein Stein mehr auf dem anderen stand. Eine Woche, in der sie die Liebe entdeckt hatten. Ihre Liebe. Eine Liebe die sich so wundervoll anfühlte. Für Gretchen. Aber auch für Marc, der noch nie eine solche Liebe in seinem Leben empfunden hatte. Eine Woche, die nur ihnen gehörte. Eine Woche, die einen einzigartigen Stellenwert in ihren Leben bekommen würde. Immer. Egal, was in der Zukunft passieren würde.

Eine Woche, die aus ihnen ein Paar und aus ihrer Zukunft ein Leben gemacht hatte.

Pippi Langstrumpf Offline

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12.01.2012 09:38
#61 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

63 Berlin – Januar 2015

Sie war jetzt wieder allein.

Gretchen war nach einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder in ihrer Wohnung angekommen. Im Nachhinein hatte sich ihre Idee doch nicht als die Beste entpuppt. An Feiertagen fuhren die Berliner Verkehrsbetriebe nämlich nicht mit der gewünschten Häufigkeit und Gretchen hatte sowohl einen Bus als auch eine S-Bahn verpasst und musste in beiden Fällen ziemlich lange auf ihre Anschlüsse warten. Sie war durchgefroren bis auf die Knochen, als sie endlich wieder in ihren vier Wänden war. Sicherlich hatte sie sich eine dicke Erkältung eingefangen. Aber wie hieß es doch so schön? Wer nicht hören wollte, musste eben fühlen. Marc hatte ihr ja von Anfang an geraten, ein Taxi zu nehmen. Aber eigentlich hätte sie ihn auch gar nicht zum Flughafen begleiten sollen. Wenn es nach ihm gegangen wäre.

Jetzt stand Gretchen in der Mitte ihres gemütlichen Wohnzimmers, das im trüben Licht des grauen Neujahrstages irgendwie gar nicht mehr so gemütlich wirkte, wie noch in der Nacht zuvor. Die Weihnachtsdekorationen kamen Gretchen mit einem Mal irgendwie deplatziert vor und der kleine Weihnachtsbaum hatte begonnen, seine Nadeln auf dem kleinen Beistelltischchen, das jetzt schon seit einer guten Wochen sein Zuhause war, zu verteilen. Gretchen war jetzt nicht mehr nach Weihnachten.

Gretchen stand in der Mitte ihres Wohnzimmers und überlegte, was sie jetzt tun sollte. Sie wusste es nicht. Natürlich hätte sie aufräumen können. Im Grunde wäre das auch dringend notwendig gewesen. Schließlich hatten sie gestern vor Mitternacht die Küche fluchtartig verlassen und danach keinen Finger mehr krumm gemacht. Nur die Lebensmittel hatte Gretchen noch schnell in den Kühlschrank gestellt, kurz bevor sie sich dann für die Nacht fertig gemacht hatten. Und auch den übrigen Zimmern ihrer kleinen Wohnung hätte so ein kleiner Neujahrsputz bestimmt nicht geschadet. Und für Gretchen wäre diese Putzaktion sicherlich eine wunderbare Ablenkung gewesen. Sie hatte aber einfach keine Lust dazu.

Langsam ließ sie sich auf ihr gemütliches Sofa plumpsen, das ihr mit einem Mal so unendlich groß vorkam. Kurz dachte sie darüber nach, dass ihr das bisher noch nie aufgefallen war. Neben dem Sofa stand noch die Champagner-Flasche, die sie in der Nacht zusammen mit Marc geleert hatte. Und auf der nahen Fensterbank standen noch ihre Gläser. Halbvoll. Eigentlich war ihr Plan ja ein völlig anderer gewesen. Eigentlich wollte sie ja mit Marc oben auf dem Dach auf das neue Jahr und auf ihr neues Leben in Australien anstoßen. Aber dann war irgendwie alles aus dem Ruder gelaufen. Das Feuerwerk kam viel zu früh und war auf dem Dach viel zu laut. Wenn Gretchen ehrlich war, dann hatte sie panische Angst davor bekommen, von einer Rakete oder Ähnlichem abgeschossen zu werden. Und da die Berliner eher von der ausdauernden Sorte knallwütiger Jahresbegrüßer waren, hatten Gretchen und Marc irgendwann den Rückzug in Gretchens Wohnung angetreten. Natürlich erst, nachdem Marc heldenhaft und auf allen Vieren die Decke und den Rucksack vom Dach gesammelt hatte.

Ihrer ausgelassenen Stimmung tat diese Flucht vom Dach aber keinen Abbruch. Zurück in der Wohnung begrüßten sie dann auch erstmal das neue Jahr auf ihre Weise. Mit einem Kuss und mit Champagner. Und dann mit noch einem Kuss und noch mehr Champagner. Und das wiederholten sie, bis sie die Küsse nicht mehr zählen und den Champagner nicht mehr trinken konnten, weil der Alkohol irgendwann in ihren Körpern seine volle Wirkung entfaltete.

Sydney blieb noch kurz ein Thema zwischen ihnen, nachdem sie vom Dach in die Wohnung zurückgekehrt waren. Gretchen bekam eine Gänsehaut, als sie sich an seinen Blick und seine Worte erinnerte. Als er ihr noch mal auf eine ihm ganz eigene, liebevolle Weise gestand, wie viel ihm ihre Worte bedeuteten. Oben auf dem Dach. Wie sehr sie ihn damit überrascht hatte. Gretchen lächelte. Schließlich war das Überraschungsmoment ein wesentlicher Aspekt einer Überraschung.

Trotzdem war Gretchen auch ein bisschen enttäuscht. Zuerst war sie es nicht. Diese zärtlichen Worte auf der Leiter in ihrem Ohr. Das war einfach nur himmlisch. Später hatte er ihr dann aber erklärt, dass er nicht einfach so „ja“ oder „nein“ zu ihrer Idee sagen konnte. Er hatte ihr erzählt, dass er nach dem Gespräch mit Professor Howard keinen Gedanken an Sydney als Option verschwendet hatte und nicht mal richtig das Exposé der Studie studiert hatte. Das wollte er zunächst in aller Ruhe nachholen, bevor er eine Entscheidung treffen würde. Gemeinsam mit Gretchen. Marc wollte alle Vor- und Nachteile genau abwägen. Er wusste ja nicht, dass Gretchen das für sich bereits getan hatte.

In den Nächten, in denen Gretchen über Sydney nachgedacht und im Internet recherchiert hatte, als dieser Pan in ihr herangereift war, da hatte sie sich immer wieder ausgemalt, wie Marc sie in den Arm nehmen oder sogar in die Luft wirbeln würde vor Freude, wenn sie ihm dieses Angebot unterbreiten würde. Zugegebenermaßen musste sich Gretchen aber auch eingestehen, dass der Moment auf dem Dach denkbar ungünstig war. Und im Grunde war Marcs Reaktion zwar anders, aber nicht wirklich weniger liebevoll gewesen.

Gedankenverloren ging Gretchen in die Küche, um sich einen Tee zu kochen. „Heiße Liebe“ versteht sich. Ohne richtig darüber nachzudenken, füllte sie Wasser in den silbernen Wasserkocher, der die Form eines Kessels hatte, nahm eine riesige weiße Teetasse aus dem Hängeschrank über der Spüle, griff nach der Teepackung, die auf einem kleinen weißen Regalbrettchen neben dem Hängeschrank stand, hängte den Teebeutel in die Tasse und wartete darauf, dass das Wasser zu kochen begann.

Langsam löste sich Gretchens undefinierbares Gefühl der Unzufriedenheit wieder in Wohlgefallen auf. Denn im Grunde wusste Gretchen ganz genau, dass Marc sehr wohl verstanden hatte, was sie ihm mit dem Sydney-Angebot sagten wollte.

Noch immer kochte das Wasser nicht. Gretchen hätte in der Zwischenzeit den Tisch abräumen können. Aber sie stand einfach nur da und dachte nach. Sie dachte an die letzte Nacht und sie dachte an ihr letztes Mal. Sie dachte daran, dass sie die ganze Nacht eng umschlungen in ihrem Bett unter der dicken Winterzudecke gelegen hatten und dass sie beide kaum ein Auge zugemacht hatten. Sie hatten sich einfach nur festgehalten, gestreichelt und geküsst. Erst in den frühen Morgenstunden waren sie in einen unruhigen Schlaf gefallen. Beide.
Und dann klingelte plötzlich der Wecker und alles musste ganz schnell gehen. Marc hatte noch nicht einmal seine Tasche gepackt, als das Taxi schon vor der Tür stand. Für ein Frühstück hatte ihnen die Zeit auch nicht mehr gereicht. Das hatten sie dann auf dem Flughafen nachgeholt.

Der Wasserkocher schaltete sich automatisch ab, als das Wasser kochte. Gretchen goss das heiße Wasser über den Teebeutel und beobachtete, wie sich das Wasser langsam dunkelrot verfärbte.

Wie seine Lippen.

Schoss es ihr durch den Kopf.

So ein Quatsch! Hör auf, Trübsal zu blasen. Du hast gerade die schönste Woche deines Lebens erlebt. Marc hat dir Dinge gesagt, von denen du vor einer Woche nicht mal zu träumen gewagt hast. Und er hat sich auch so verhalten. Du hast das große Los gezogen, also verhalte dich auch so!

Schalt sie sich. Und insgeheim musste sie sich zustimmen. Warum war sie so niedergeschlagen? Es gab dafür doch keinen Grund. Während sie in kleinen Schlucken ihren heißen Tee trank, entwickelte sie einen Kampfplan gegen ihre trüben Gedanken. Und dieser Plan lautete: das Chaos musste beseitigt werden. Das Chaos von gestern und das Chaos der letzten Woche. Denn so richtig viel hatte sie in dieser Woche nicht in ihrer Wohnung gemacht. Wie auch, die meiste Zeit hatte sie zusammen mit Marc verbracht. Und die paar Male, die sie mal allein in der Wohnung war, hatte sie genutzt, um ihre Pläne für die Silvesternacht in die Tat umzusetzen. Und das sah man der Wohnung jetzt auch an. Wohlfühlatmosphäre sah anders aus.

Sie hatte die hohen Fenster des Schlafzimmers weit aufgerissen. Gerade trat Frau Teichgräber aus der Haustür des gegenüberliegenden Hauses, um ihre Hündin Luna auszuführen. Die alte Dame schaute nach oben zu Gretchen und hob ihre Hand zu einem Gruß. Gretchen winkte zurück und nahm sich vor, der alten Dame recht bald mal wieder einen Besuch abzustatten. Während sie das Bett frisch bezog, natürlich nicht, ohne noch einmal ordentlich ihr Nase in die Bettwäsche zu stecken, grübelte Gretchen darüber nach, wie es nun wohl mit ihr und Marc weitergehen würde.

Am nächsten Tag musste Marc Professor Howard zumindest eine vorläufige Entscheidung mitteilen. Das bedeutete, dass er sich noch in der Nacht mit dem Abstract zur Studie beschäftigen musste, das er bisher keines Blickes gewürdigt hatte. Und zwar nicht nur irgendwie, sondern so intensiv, dass er am Ende eine Entscheidung treffen konnte. Marc hatte in der vergangenen Nacht mit Gretchen vereinbart, dass er Professor Howard zunächst nur mitteilen würde, ob er generell ein Interesse an der Studie hätte. Und dann mussten noch so viele Fragen geklärt werden. Fragen zu seiner Tätigkeit dort, zu der Dauer des Arbeitsvertrages, wie sahen die finanziellen Rahmenbedingungen aus, wie würde die Wohnungssuche vonstatten gehen, welche Möglichkeiten hätte Gretchen in Sydney. Da waren Fragen über Fragen, die alle einer Antwort bedurften, bevor wirklich eine endgültige Entscheidung getroffen werden konnte.

Je länger Gretchen über die Sydney-Angelegenheit sinnierte, je länger sie darüber nachdachte, desto glücklicher fühlte sie sich mit dem bisherigen Verlauf der Dinge. Es war ein schönes Gefühl, so etwas Großes vor sich zu haben. Zusammen mit Marc.

Hättest du das jemals gedacht, Marc Meier? Du und Hasenzahn - zusammen in Sydney?

Das frisch gelüftete Schlafzimmer war noch etwas kühl. Gretchen lag auf ihrem frisch bezogenen Bett und ein T-Shirt von Marc lag auf ihrem Gesicht. Natürlich war es getragen. Sie hatte in den verschiedensten Tagträumen verloren, während sie seinen Geruch einatmete. Marc. Immer wieder Marc. Nichts anderes beherrschte ihre Gedanken. Marc am Frühstückstisch mit verwuschelten Haaren. Marc, nackt wie Gott ihn geschaffen hatte, unter der Dusche. Marc mit vor Kälte geröteten Wangen auf dem Teufelsberg. Marc im „Café Grün“. Marc eng an sie gekuschelt in ihrem Bett. Marc bei Mehdi und Astrid. Marc auf einer Bank im Park des Elisabeth-Krankenhauses. Ein glücklich lächelnder Marc auf ihrem Sofa. Marc und diese zwei Grübchen auf seinen Wangen. Marc mit leuchtenden Augen auf dem Dach. Marc, der sie in seinen Armen hielt. Marc, der sie liebte.

„Gretchen, wo bist du“, ertönte mit einem Mal Marcs Stimme in Gretchens Wohnung. Es war ihr Anrufbeantworter, der sich von ihr unbemerkt angeschaltet hatte. Das Klingeln des Telefons hatte Gretchen einfach überhört. „Ich dachte, du liegst in deinem Bett und träumst von mir. Stattdessen treibst du dich rum, kaum dass ich nicht mehr in der Stadt bin?“ Marcs Stimme hörte sich irgendwie enttäuscht an, aber man hörte auch die mitschwingende Ironie. „Ich bin jetzt auf jeden Fall wieder zu Hause und“

Weiter kam Marc nicht, weil Gretchen endlich den Hörer ihres Festnetzanschlusses unter ihrem Schal, den sie einfach auf die Kommode geworfen hatte, ausfindig machen konnte.

„Marc! Ich habe das Klingeln gar nicht gehört. Und dann musste ich erst noch den Hörer suchen. Und, wie war dein Flug? Hat alles gut geklappt? Natürlich, sonst würdest du mich ja jetzt nicht anrufen. Marc, ich weiß, dass du sowas immer nicht so gerne hörst, aber du fehlst mir so. Du bist erst einen halben Tag weg und ich muss ununterbrochen an dich denken. Ich werde mir morgen früh als erstes meine Dienstplan vornehmen und dir dann eine Mail schreiben und“ Gretchen redete ohne Punkt und Komma.

Es ist so schön, ihre Stimme zu hören! Ich will sofort wieder zu ihr! Mann, ich vermiss sie doch auch. Jetzt schon.

„Gretchen. Halt. Wieso denkst du, dass ich das nicht gerne höre. Das mit dem Vermissen. Natürlich finde ich es schön, wenn meine Freundin mir sagt, dass sie mich vermisst.“

„Deine Freundin?“ Gretchen tat überrascht, lächelte aber bis über beide Ohren.

„Äh ja, bist du doch? Oder hat sich daran was in der Zwischenzeit geändert?“ Sie konnte hören, dass er grinste. „Ach und übrigens, nur falls es dich interessiert. Du fehlst mir auch. Ganz doll sogar.“


Lob & Tadel können auf meiner Kommentarseite hinterlassen werden.

Pippi Langstrumpf Offline

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15.01.2012 22:03
#62 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

64 Oslo – Januar 2015

Es war früh am Nachmittag.

Marc hatte sich nach dem Telefonat mit Gretchen auf sein dunkelgraues Designersofa gelegt und sich eines der länglichen Kissen, das mit einem in verschiedenen Grautönen gestreiften Stoff bezogen war, unter den Kopf geklemmt. Auf seinem Bauch lag eine dicke Mappe. Marc nahm einen tiefen Schluck aus einer kleinen Bierflasche, die er danach ungesehen auf den wunderschönen Parkettfußboden zurückstellte. Kurz schweiften seine Blicke durch das leere Wohnzimmer seiner Osloer Wohnung. Viele der Möbel, die einmal in dieser Wohnung gestanden haben, hatte Svantje mit in ihre neue Wohnung genommen. Aber das Sofa besaß Marc schon, als er noch nicht mit der jungen Psychologin Tisch und Bett geteilt hatte.

Wehmütig dachte Marc an Gretchen. Das Gespräch mit ihr hatte ihm gut getan. Sogar sehr gut getan. Er liebte es, ihre Stimme zu hören. Ihre Stimme gab ihm so viel. Wärme. Liebe. Auf eine ganz besondere Art fühlte Marc sich geborgen, wenn er mit Gretchen telefonierte. Das war schon vor den Weihnachtsferien so. Und das war jetzt, nach den Weihnachtsferien, in denen sie sich so nah gekommen waren, erst recht so. Marc vermisste Gretchen. Er wünschte sich, dass sie bei ihm wäre. Das war ein Gefühl, das er in einer solchen Intensität noch nicht kannte. Schon vorher hatte Gretchen ihm gefehlt, er hatte sich nach ihr gesehnt. Er hatte sie einfach vermisst. Aber nun hatten diese Gefühle ein Ausmaß angenommen, das Marc einfach überwältigte.

Noch nie in seinem ganzen Leben hatte er sich so sehr zu einem Menschen hingezogen gefühlt. Noch nie. Weder zu seinem Vater, noch zu seiner Mutter, weder zu seinen Großeltern, die mittlerweile nicht mehr lebten, noch zu irgendwelchen anderen entfernten Mitgliedern seiner Familie. Noch nie hatte er auf diese Art eine Frau vermisst. Noch nie hatte er eine so starke Sehnsucht in sich gespürt. Eine ungestillte Sehnsucht, die in ihm eine überwältigende Leere hervorrief.

Der ungemütliche Zustand seiner leeren Wohnung, die im Grunde den größtmöglichen Kontrast zu der gemütlich eingerichteten Wohnung von Gretchen bildete, trug nicht unbedingt zu einer Verbesserung seines Seelenzustandes bei. Er musste raus. Er konnte diese Leere nicht mehr ertragen. In diesem Zustand konnte er sich unmöglich auf die Unterlagen von Professor Howard konzentrieren. Marc musste einen klaren Kopf bekommen. Er musste Gretchen aus dem Kopf bekommen, zumindest für eine kurze Zeit. Und er musste diese unbekannten Gefühle in den Griff bekommen. Unbekannte Gefühle, die sich seit dem liebevollen „Ich liebe dich.“ von Gretchen am Ende ihres Telefongespräches langsam in sein Bewusstsein kämpften.

Noch nie hatte Marc den Wunsch verspürt, sein Leben mit einem anderen Menschen teilen zu wollen.

Marc sprang vom Sofa auf, schmiss die australischen Unterlagen förmlich in die Ecke des Sofas und begann noch auf dem Weg ins Schlafzimmer, sich seine Jeans aufzuknöpfen und seinen Pullover über den Kopf zu ziehen. Schnell hatte er sich seine etwas dickere Winterjoggingkleidung angezogen, war in die immer dreckigen Joggingschuhe geschlüpft und jagte aus der Wohnung.

Nach über einer Stunde in den Straßen von Oslo, einer heißen Dusche und einer ganzen Flasche Mineralwasser, die er sich noch schnell an einem Kiosk besorgt hatte, fühlte Marc sich besser. Die Bewegung hatte ihm gut getan. Während des Laufens hatte Marc in einem Zustand völliger Entspannung über seine aufgewirbelten Gefühle ausführlich nachdenken können. Am Ende war Marc sich mit absoluter Sicherheit darüber im Klaren, was er wollte. In Bezug auf Gretchen, aber auch in Bezug auf seine berufliche Zukunft.

Mit neuem Elan machte er es sich also wieder auf dem Sofa gemütlich und begann die Unterlagen, die er einen Tag vor Weihnachten von Professor Howard überreicht bekommen hatte, durchzulesen. Marc war nicht der Typ, der solche Dinge an einem Schreibtisch erledigte. Er machte sich auch keine Notizen oder markierte wichtige Passagen im Text. Nein, in einem Zustand höchster Konzentration arbeitete er das Exposé Zeile für Zeile auf dem Sofa liegend durch. Einige Sätze las er zweimal. Ein Kapitel war ihm zunächst nicht ganz plausibel. Auch dieses las er mehrfach, um sicher zu gehen, dass er die Argumentation des Professors richtig verstanden hatte. An einer anderen Passage sprangen seine Blickbewegungen immer wieder zwischen den Zeilen und einzelnen Wörtern hin und her. Ungläubig richtete Marc immer wieder seinen Blick auf diesen einen Absatz. Immer wieder blieben seine Augen geradezu kleben an einigen wenigen Schlüsselwörtern.

Stunden später war Marc mehr als zufrieden. Die Studie von Professor Howard gefiel ihm ausgesprochen gut. Sie schien wie auf ihn zugeschnitten zu sein. Viele der Fragestellungen entsprachen exakt seinen eigenen Gedanken und schon nach dem ersten Lesen des Exposés von Professor Howard hatte Marc das Gefühl, dass sich die Denkweise des Professors sehr mit der seinen deckte.

Marc schaute auf die Uhr und überlegte, wie spät es wohl in Sydney gerade war. Ein kurzer Blick in sein Smartphone und auf die entsprechende Zeitzone verriet ihm, dass er es wagen konnte, im Büro von Professor Howard anzurufen. Vielleicht war sein zukünftiger Chef ja ein Frühaufsteher, schoss es Marc kurz durch den Kopf.

Das Gespräch zwischen Oslo und Sydney dauerte sehr lange. Mehr als eine Stunde redeten die beiden Männer miteinander und am Ende waren sowohl Marc, als auch Professor Howard mit dem Ergebnis des Telefonates außerordentlich zufrieden. Auch wenn das Gespräch für beide Parteien gänzlich anders verlaufen ist, als anfänglich erwartet.

Es war bereits mitten in der Nacht. Marc war in einem Zustand freudiger Erregung, den er natürlich sofort mit Gretchen teilen wollte. Aber ein Blick auf seine Armbanduhr machte es ihm unmöglich, bei seiner Freundin anzurufen. Wusste er doch, dass diese am nächsten Morgen sehr früh ihren Dienst im Elisabeth-Krankenhaus anzutreten hatte. Statt eines Anrufes in Berlin nahm er sich also eine weitere Flasche Bier aus dem Kühlschrank, machte es sich wieder auf seinem Sofa gemütlich und schaltete den Fernseher ein. Allerdings betrachtete er ausschließlich die bewegten Bilder auf dem Bildschirm, während in seinem Kopf ein ganz anderer Film ablief.

Er und Gretchen. Zusammen in einem Land. Zusammen in einer Stadt. Zusammen in einer Wohnung. Er lächelte bei dem Gedanken. Nein, eigentlich war es kein Lächeln, das war ein ausgeprägtes Dauergrinsen, das sich da auf seine Lippen, seine Wangen und seine Augen gelegt hatte, während er seinen Gedanken nachhing. Während er über seine und zwangsläufig auch über Gretchens Zukunft nachdachte. Wie hatte sie das so schön auf dem Dach formuliert? Ihr Angebot für ein Leben mit ihr zusammen. Wollte er das? Ein Leben zusammen mit Gretchen? Auch mit dem Abstand eines ganzen Tages und vieler hundert Kilometer zögerte Marcs Herz keine Sekunde. Und auch sein Kopf schien eine Antwort auf diese Frage gefunden zu haben.

Und mit einem Mal verspürte Marc den Wunsch, dass Gretchen ihn in Oslo besuchte. Sie sollte die Stadt kennenlernen, in der er so lange gelebt und in der er sich so verändert hatte. Aus einem unerklärlichen Grund heraus wollte Marc, dass Oslo für Gretchen ein Gesicht bekam. Er fragte sich, warum ihm das so wichtig war. Jetzt. Jetzt wo klar war, dass er diese Stadt verlassen würde. Gut gelaunt griff nach seinem Smartphone und schrieb eine Nachricht an Gretchen.

Engelchen, habe ich eigentlich noch einen Wunsch frei? Wenn ja, dann komm so schnell wie möglich nach Oslo! Wenn du noch nicht schläfst, ruf mich an. Ich habe mit Prof. Howard telefoniert. Das Gespräch ist SEHR gut verlaufen. Und noch etwas:
Wenn ich es dir noch nicht gesagt hätte, würde ich es dir jetzt sagen. Du fehlst mir und hab dich gern! Dein Marc.


Marc grinste spitzbübisch und schickte noch eine SMS, die nicht länger als drei Wörter war, hinterher.


Wer mir eine Nachricht hinterlassen möchte, kann dies auf meiner Kommentarseite tun. Ich freu mich drauf!

Pippi Langstrumpf Offline

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17.01.2012 23:44
#63 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

65 Juni 2015

Sie lagen auf einer mit Rosen bedruckten Picknickdecke.

Das Zimmer war wunderschön. Eine hohe Decke. Stuck an den Seitenlinien der Decke verzierten diese und machten sie zu einem Blickfang. Der Einlass für die Lampe war ebenfalls mit einem riesigen, verschnörkelten Ornament verziert. Den Fußboden zierte ein frisch abgeschliffener Parkettboden. Das braune Holz glänzte im Schein der Abendsonne. Der Geruch des Versiegelungslackes hing noch leicht in der Luft.

An einer Wand des geräumigen Zimmers versteckte sich ein kleiner Erker, der durch drei bodentiefe Flügelfenster lichtdurchflutet war. Weitere bodentiefe Fenster erhellten das Zimmer, das durch zwei weiße Flügeltüren an zwei gegenüberliegenden Wänden betreten werden konnte. Hätte man einen Blick aus einem der Fenster geworfen, hätte man in einen kleinen, recht verwilderten Garten geschaut, der über eine kleine Balkontür aus dem Nebenzimmer betreten werden konnte.

Das Zimmer lag im Erdgeschoss einer liebevoll restaurierten Jugendstilvilla im Süden der Stadt und bildete zusammen mit drei weiteren, ebenfalls sehr geräumigen und frisch renovierten Zimmern, einer Wohnküche, einem Bad und einem Gäste-WC eine Wohneinheit. Die Gegend, in der das Haus stand, in dessen Erdgeschoss diese Traumwohnung mit Garten lag, gehörte schon zu den besseren der Stadt. Ein Immobilienmakler würde bei der geographischen Lage noch von Citynähe sprechen.

Das Zimmer war leer. Keine Möbel. Keine Lampen. An den Wänden hingen keine Bilder. Auf dem Boden in der Mitte des Zimmers lag eine rosenbedruckte Picknickdecke. Und auf dieser weichen Decke lagen Marc und Gretchen. Sie lagen beide auf dem Rücken und hielten sich an den Händen. Sie betrachteten die Decke ihres zukünftigen Wohnzimmers, auf die sich im hellen Licht der Abendsonne bizarre Schattenbilder warfen.

„Marc, bitte kneif mich mal. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass das jetzt wirklich unsere Wohnung ist. Bei so vielen Bewerbern. Und ausgerechnet wir haben die Wohnung bekommen. Und ab morgen ist sie unser Zuhause.“ Marc konnte in Gretchens Stimme hören, wie glücklich sie war. Er drehte seinen Kopf zur Seite und konnte dieses Glück auch in ihrem Gesicht sehen, das seinem jetzt zugewandt war.

Morgen würden sie in diese Wohnung ziehen. Morgen würde endlich ihr gemeinsames Leben beginnen. In ihrer gemeinsamen Wohnung. Eine Wohnung, die sie gemeinsam ausgesucht und besichtigt hatten. Eine Wohnung, in der sie gemeinsam genügend Platz haben würden. Nicht, wie in der anderen Wohnung, die für zwei Menschen im Grund viel zu klein war. Vor allem, wenn einer der Menschen Marc Meier war, der bei all der Liebe, die er empfand, ab und wann auch mal einen Rückzugsort benötigte.

Natürlich hatte es im Vorfeld Diskussionen gegeben. Diskussionen darüber, wie die gemeinsame Wohnung aussehen sollte, wie groß sie sein sollte und welche Stadtteile in Frage kommen würden. Es hatte auch Diskussionen über die Modalitäten des Zusammenlebens gegeben. Aber am Ende waren sie sich einig. Über die Größe der Wohnung. Über die Gegend. Und auch über den Rest. Marcs Bedingung war zum Beispiel eine Putzfrau, Gretchens ein Garten. Ab morgen würden sie beides haben.

„Gretchen, ich habe dich schon tausend Mal gekniffen. Du hast bestimmt schon überall ganz hässliche Hämatome. Denk doch auch mal an mich. Laufend muss ich dich nackig sehen und dann überall diese unschönen Flecken.“ Weiter kam Marc nicht, denn schon hatte Gretchen ihm einen Schlag auf seine Brust verpasst.

„Aua!“ Marc tat genervt, freute sich aber insgeheim wie ein kleiner Junge über die Begeisterung seiner Freundin. „Aber mal im Ernst. Wundert dich das wirklich, dass wir die Wohnung bekommen haben? Ein äußerst attraktiver Chirurg, jung und mit Habilitationsabsichten und seine bildhübsche Lebensgefährtin, die ebenfalls Medizinerin ist. Also ich hätte uns auch die Wohnung gegeben.“, grinste er spitzbübisch.

Er verschwieg Gretchen lieber, dass er der Maklerin zusätzlich zur üblichen Provision drei Monatsmieten gezahlte hatte. Und ein wenig geflirtet hatte er auch. Aber nur in Gretchens Sinne. Und eigentlich hatte er auch gar nicht richtig geflirtet. Er war zu der Maklerin nur besonders charmant. Und welche Frau konnte schon dem Gefühl widerstehen, jung, hübsch und begehrenswert zu sein? Und genau dieses Gefühl hatte Marc der unattraktiven Maklerin gegeben.

Gretchen knuffte ihn liebevoll gegen die Schulter. „Eingebildet sind wir heute aber gar nicht, Herr Professor. Nur weil Donald dir die Habilitation vorgeschlagen hat, möchte ich mir diese Selbstbeweihräucherung aber nicht jeden Tag anhören müssen. Sonst überlege ich mir das nämlich noch mal mit der gemeinsamen Wohnung.“

Gretchen hatte sich jetzt ein wenig zur Seite gedreht und ihren Kopf auf ihrem ausgestreckten Arm abgelegt. „Aber sag mal, hast du da gerade Lebensgefährtin gesagt, Marc Meier?“ Herausfordernd kniff Gretchen ihre in der Abendsonne wie blaue Kristalle strahlenden Augen zusammen.

Ganz langsam drehte sich auch Marc zur Seite, legte ebenfalls seinen Kopf auf seinem ausgestreckten Arm ab und fixierte Gretchen. „Margarete Haase, ja, das habe ich gerade gesagt.“ Und mit einem prustenden Lachen fügte er hinzu. „Das muss man so sagen, wenn man mit einer Maklerin spricht und scharf auf eine Wohnung ist. Vermieter wollen, aus welchem Grund auch immer, Menschen, die in langlebigen Lebenspartnerschaften leben. Da muss man schon mal ein wenig flunkern.“

Marc beugte sich zu Gretchen, so dass sein Gesicht ganz nah vor ihrem war. Behutsam hauchte er ihr einen zarten Kuss auf die Stirn bevor er zu seinem finalen Schlag ausholte. „Sonst würde ich in deinem Fall natürlich eher von Mitbewohnerin reden.“

„Na warte!“ Und schon saß Gretchen rittlings auf seinem Bauch und drückte seine Arme rechts und links neben seinem Kopf fest auf den Boden. „Von wegen Mitbewohnerin. Ich könnte mich ja mal verhalten, wie eine Mitbewohnerin.“

Herausfordernd fragte Marc nach. „Und wie verhält sich so eine Mitbewohnerin?“

„Nicht so.“ Und schon lagen Gretchens Lippen auf seinen und Beide verloren sich in diesem Kuss. Beide verloren sich in ihrer Liebe, die sie warm durchflutete, hoben langsam ab und begannen gemeinsam zu fliegen.

Marc liebte es, wenn Gretchen so auf ihm saß und er konnte nicht verleugnen, dass ihm dieser kleine Höhenflug schon wieder Lust auf mehr machte. Lust auf viel mehr. Lust auf einen intergalaktischen Rundflug ohne Zwischenlandung. Hinzu kam die leere Wohnung, die ihn irgendwie anmachte, die Picknickdecke, die in der Mitte des leeren Wohnzimmers lag, die Hormone, die schon längst Salsa in seinem Blut tanzten und natürlich Gretchen, die im Licht der untergehenden Sonne einfach atemberaubend aussah. Blitze huschten durch seinen Kopf. Er sah zwei nackte Körper, die sich auf einer Decke liebten. Er sah blonde Haare, die in weichen Wellen über zarte, nackte Schultern fielen. Er sah ihre vollen Brüste. Ebenfalls nackt. Und er spürte, dass er diesen Tagtraum zum Leben erwecken wollte.

„Gretchen, was hältst du von einer kleinen Wohnungseinweihung?“ raunte er schon etwas erregt.

Erstaunt richtete sich Gretchen auf. Noch immer drückte sie seine Arme fest auf den Boden. „Marc, du weißt doch, dass die Möbelpacker morgen sehr früh in die andere Wohnung kommen und dann muss alles gepackt sein. Und, haben wir alles gepackt?“ Gretchen machte eine kurze Pause. „Nein. Also kannst du dir an einer Hand abzählen, was wir jetzt tun werden.“

Marc war enttäuscht. Eigentlich hätte er es sich ja denken können. Aber einen letzten Versuch startete er noch. „Kannst du mir jetzt mal verraten, warum du das jetzt nicht kannst, obwohl du total Bock hast und wir in zehn Minuten fertig wären?“ Marc hatte sich aus ihrem festen Griff befreit und hielt jetzt Gretchens Hände fest in seinen. Er hatte es gespürt. Die Art, wie sie ihn geküsst hatte, wie sie sein Becken auf ihm bewegt hatte. Er wusste, dass sie auch wollte und er wusste, dass es ihr mal wieder schwer fiel, sich gehen zu lassen. Verlangend schaute er sie an.

„Wir können ja die Rollläden runterlassen.“ Aber da hatte Gretchen bereits begonnen, Knopf für Knopf ihre dezent geblümte Sommerbluse aufzuknöpfen.

Es war schon fast dunkel, als Marc und Gretchen im Auto saßen. Bevor er den Zündschlüssel umdrehte, blickte er verliebt zur Seite. „Ich freue mich. Total. Unsere erste gemeinsame Wohnung.“ Kurz schien Marc über seine nächsten Worte nachzudenken. „Seit einem halben Jahr träume ich davon und endlich wird es wahr.“

Gretchen nickte. Sprechen konnte sie gerade nicht. Irgendetwas in Marcs Stimme veranlasste ihren Hals, sich zusammenzuschnüren. Sie war gerührt.

Zärtlich legte Marc seine Hand auf ihren Oberschenkel. „Ach ja Schatz. Ich werde heute Abend übrigens keinen Finger mehr krumm machen. Schließlich ist es ja deine Wohnung, die morgen ausgeräumt wird. Meine paar Möbel und Kisten aus Oslo müssen ja nur aus der Garage meiner Mutter geholt werden.“

Bis über beide Ohren grinsend, startete er den Motor.



Wer hätte das gedacht?

Pippi Langstrumpf Offline

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21.01.2012 00:41
#64 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

66 Berlin – Juni 2015

Verliebt bobachtete er sie.

Gerade schloss Gretchen umständlich den letzten Umzugskarton. Mit hochrotem Kopf versuchte sie, die einzelnen Klappen des Kartondeckels in der richtigen Reihenfolge so ineinander zu stecken, dass das Resultat ein geschlossener Karton war. Im Gegensatz zu Gretchen hatte Marc sein Tagewerk bereits vollbracht und lümmelte nun, mit einer Bierflasche in der Hand und nur mit Boxershorts und einem weißen T-Shirt bekleidet, auf dem Sofa herum. Belustigt beobachtete er das Schauspiel, das Gretchen ihm bot und nahm dabei gedankenverloren einen tiefen Schluck aus der kleinen Bierflasche seiner uneingeschränkten Lieblingssorte, die er, endlich zurück in Deutschland, wieder nach Lust und Laune konsumieren konnte.

Typisch Gretchen, da hat sie heute Abend gefühlte hundert Kisten in den Fingern gehabt, zusammengefaltet und verschlossen und bei der hunderteinsten stellt sie sich immer noch an, wie der erste Mensch. Aber irgendwie ist ihre Tollpatschigkeit süß. Ich frage mich echt, wie die’ n Blinddarm raus kriegt. Ach ne, eigentlich weiß ich das ja. Hab ich ihr ja schließlich beigebracht.

Er grinste wie ein Honigkuchenpferd.

Sie ist überhaupt so süß! Und was sie wieder anhat. Diese Hose. Wie kann eine Frau, die so geil ist, so eine beschissene Hose anhaben. Rosafarbene kurze Joggingshorts. Das man sich so etwas überhaupt kaufen kann. Diese Hose ist weder hübsch noch vorteilhaft. Aber ich werde einen Teufel tun und ihr das verraten. Wobei? Dann regt sie sich wieder so schön auf.

Natürlich hatte Marc beim Einpacken der letzten Kisten geholfen. Er hatte sich ja auch schon vorher an der Staatsaktion „Wir packen Gretchens Hausstand ein“ beteiligt und natürlich unterstützte er sie auch bei den letzten Handgriffen, die an diesem Abend noch zu erledigen waren. Schließlich war es ja irgendwie auch ihr gemeinsamer Umzug.
Von Beginn an hatte Gretchen Marc den gesamten Inhalt ihrer Küche zugeteilt, den er sorgfältig in Zeitungspapier einwickeln und dann in den Umzugskartons verstauen sollte. Sie hatte für sich beschlossen, dass dies genau die richtige Aufgabe für Marc war. Da konnte er nichts falsch machen und vor allem bestand auch nicht die Gefahr, dass ihm irgendwelche Peinlichkeiten in die Finger gerieten. Peinlichkeiten wie zum Beispiel hässliche Unterhosen, die Marc eigentlich niemals zu Gesicht bekommen sollte, unschöne Fotos, auf denen sie weniger vorteilhaft abgelichtet war, ihre Pickelcreme, die sie sich des Öfteren nachts auf die eine oder andere Stelle ihres Gesichtes tupfte oder ihre Fett-weg-Dragees mit Ananas-Geschmack, die ihr vielleicht irgendwann in einer fernen Zukunft doch noch Modellmaße bescheren würden.

Und jetzt war auch Gretchen endlich fertig. Endlich. Nach Tagen der Schufterei und Plackerei war der gesamte Inhalt ihrer Wohnung in zahlreichen Umzugskartons sorgfältig verstaut, die nun überall an den Wänden im Wohnzimmer, im Schlafzimmer und in der Küche aufgetürmt waren. Die Bilder, Uhren und Spiegel hatte Gretchen bereits von den Wänden genommen und je nach Größe in Kartons verstaut oder mit einer dicken Folie fest umwickelt. Jetzt sahen die Zimmer kahl aus. Man konnte es nicht anders sagen, aber in diesem Zustand hatte die einst so gemütliche Wohnung von Gretchen erheblich an Behaglichkeit eingebüßt. Aber es war ja nur noch für eine Nacht.

Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet Gretchen, dass es spät geworden war. Sehr spät sogar. Und morgen würden die Möbelpacker sehr früh auf der Matte stehen und mit dem Umzug beginnen. Der Umzug in ihre erste gemeinsame Wohnung mit Marc. Der Umzug in ihr neues Leben. Erschöpft, aber bis in die letzte Faser ihres Körper glücklich, strich sich Gretchen eine Strähne aus der verschwitzen Stirn. Sie spürte die Schweißperlen auf ihrer Haut. Obwohl es erst Juni war, herrschte seit Tagen eine hochsommerliche Hitze in Berlin. Eine schweißtreibende Schwüle stand schon seit Tagen in den Zimmern ihrer Wohnung und obwohl alle Fenster ununterbrochen geöffnet waren und ein angenehmes Lüftchen durch alle Zimmer wehte, konnte Gretchen keine Abkühlung verspüren. Vielleicht sollte sie noch einmal duschen?

„Weißt du eigentlich, dass du heute Abend total lustig aussiehst? Diese hässliche Hose und dazu diese wunderschöne Bluse. Also vorteilhaft ist was anderes. Ich würde vorschlagen, du ziehst ganz schnell beides aus.“ Marcs amüsierte Stimme riss Gretchen aus ihren Gedanken. Genervt verdrehte sie ihre Augen zum Himmel. Manchmal gingen ihr seine Spielchen irgendwie auf die Nerven. Aber nach den sechs Monaten, die sie mittlerweile mit Marc zusammen war, war sie nur noch selten um eine Antwort auf solche Anspielungen verlegen.

„Mein lieber Marc. Ich weiß, dass ich in dieser Hose einen dicken Po habe.“ Nach wenigen Schritten stand sie vor dem Sofa, schob Marc ein wenig zur Seite und kuschelte sich eng an ihn. „Aber glaube mir, wenn ich diesen Po aus dieser Hose zwänge, dann bist du eh nur noch Wachs in meinen Händen. Und da dir morgen ein anstrengender Tag bevorsteht, solltest du mit deinen Kräften haushalten.“ Und während sie ihm scheinbar gedankenverloren mit ihren Fingern durch seine, an den Schläfen schon leicht ergrauten Haare fuhr, fügte sie frech hinzu. „Bist ja schließlich auch nicht mehr der Jüngste, ne? “

So, jetzt ist der gnädige Herr hoffentlich ruhig.

„Vielleicht bin ich nicht mehr der Jüngste, aber da ich regelmäßig dem Ausdauersport fröne, verfüge ich über eine außergewöhnliche Kondition. Das solltest du doch eigentlich mittlerweile wissen.“ Verschmitzt grinste er Gretchen an.

Der muss doch immer das letzte Wort haben!

Plötzlich wurde Marc ernst und zog Gretchen ganz fest an sich heran. Leise sprach er weiter. „Weißt du, woran ich gerade denken muss?“

„Nein.“ Gretchen hatte es sich auf seiner Brust gemütlich gemacht und zeichnete mit ihrem Zeigefinger gedankenverloren verschlungene Schlangenlinien auf seinen muskulösen Arm.

„An deinen ersten Besuch bei mir in Oslo. Seit dem bist du echt viel selbstsicherer geworden.“ Marc schloss die Augen, während er sich erinnerte. „Ich habe ja fast den Verdacht, dass du kapiert hast, dass ich dich sexy finde.“, raunte Marc Gretchen ins Ohr, die zugleich dezent errötete.

Gretchen spielte die Ahnungslose. „Äh ich weiß jetzt eigentlich gar nicht so genau, was du meinst.“ Wenn sie ehrlich war, war ihr die ganze Sache immer noch etwas peinlich. Aber andererseits hatte ihre grundlose Eifersuchtsattacke damals auch etwas Gutes. Marc hatte ihr darauf hin reinen Wein eingeschenkt, was seine Frauengeschichten anging. Ein Thema, das aber dennoch bis zum heutigen Tage nur wenig an Brisanz verloren hatte. Verständlicherweise.

„Eigentlich kann ich mich nur noch an drei ganz besondere Tage in Norwegen erinnern. Und an die schönste Überraschung meines Lebens.“ Gretchen grinste. „Eine Berliner Tageszeitung mit Immobilienteil und ein Berliner Stadtplan. Ein großartiges Geschenk. Ja, der Dr. Meier war eben schon immer besonders großzügig.“

Gretchen hob ihren Kopf und stützte sich so ab, dass sie Marc nun in seine wunderschönen grünen Augen schauen konnte. „Aber das Schönste ist, dass unsere Suche erfolgreich war. Ich bin echt total glücklich und ich wünsche mir so sehr, dass das für immer so bleibt.“

Bevor Gretchen ihn küsste, bevor sich ihre Lippen berührten, antwortete Marc ihr noch schnell. „Nach zwei Monaten mit dir zusammen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mache ich mir da eigentlich wenig Gedanken.“

Und mit einem gespielt ironischen Unterton fuhr er fort. „Schatz!“

Pippi Langstrumpf Offline

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22.01.2012 20:25
#65 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

67 Oslo – Januar 2015

Er lächelte noch etwas verschlafen.

Es war genau zehn Minuten nach sieben, als eine vertraute Melodie Marc signalisierte, dass auf seinem Smartphone eine SMS eingegangen war. Natürlich konnte er sich zusammenreimen, wer der Verfasser oder besser gesagt, die Verfasserin dieser Nachricht war. Hatte er doch in der vergangenen Nacht ohne einen Liebesgruß aus Berlin in den Schlaf finden müssen. Ja, in den Schlaf finden müssen war die richtige Beschreibung dessen, was sich in der letzten Nacht im meierschen Bett abgespielt hatte.

Als Marc klar wurde, dass Gretchen nicht mehr auf seine Nachricht antworten würde, hatte er zunächst versucht, auf normalem Wege einzuschlafen. Das war ihm aber nicht gelungen. Schließlich tobten in seinem Kopf die unterschiedlichsten Zukunfts-Szenarien. Zusammen mit Gretchen. In Berlin. Er war noch zu aufgewühlt von dem Telefonat mit Professor Howard und dessen phantastischen Verlauf. Also versuchte er mit einem kühlen Bier sein aufgewühltes Inneres zu besänftigen. Aber auch das blieb ohne Erfolg.

Noch im Bett liegend, suchte Marc tastend das dunkelgraue, seidene Laken nach dem kleinen viereckigen Wunder der Technik ab, das unter seiner Bettdecke munter vor sich hin vibrierte. Anscheinend war er in der Nacht zuvor dann doch irgendwann mit dem Mobiltelefon in der Hand eingeschlafen. Bis zum Schluss hatte er noch auf einen Anruf von seiner Freundin aus dem fernen Berlin gehofft.

Guten Morgen, habe gestern leider schon geschlafen, nachdem ich mich gefühlte 5 Stunden hin und her gewälzt habe. Mein Bett war so groß ohne dich. Bin jetzt schon bei der Arbeit und habe gerade auf dem Dienstplan gesehen, dass ich bis Mo. durchgehend Dienst, Di., Mi. frei und Do. Nachtdienst habe. Und du? Bin gespannt, was du mir von deinem Telefonat zu berichten hast. Übrigens, ich finde dich auch ganz sympathisch! Sollen wir nachher mal telefonieren?

Versonnen lächelte er das Display an. Soso, sie findet mich also sympathisch.Gretchen war einfach unglaublich.

Früher hätte sie sich doch niemals auf solche ironischen Spielchen einlassen. Ganz im Gegenteil, wahrscheinlich wäre sie sogar beleidigt gewesen. Und jetzt spielte sie selbst dieses Spiel so unglaublich souverän mit. Wieder ein kleines Teilchen in seinem Puzzle. Wieder ein Detail, das Marc in seinem Gefühl bestärkte, dass das mit Gretchen alles seine Richtigkeit hatte. Dass seine Zukunftsphantasien in die richtige Richtung gingen.

Schnell begannen seine Finger über das Display seines Smartphones zu huschen.

Dann komm so schnell du kannst zu mir nach Oslo. Ich will dich unbedingt sehen und dir die Stadt zeigen. Ich glaube, dass ich arbeiten muss. Aber das ist egal. Ich kann bestimmt etwas kürzer treten. Bin ja schließlich der Oberarzt! Übrigens würde sich das Herkommen lohnen. Ich habe eine Überraschung für dich! Ach ja, zu dem Gespräch mit Professor Howard: Ich werde den Job annehmen, wenn du dein Angebot nicht doch noch zurückziehst. P.S. Danke für deine Sympathiebekundungen, die ich natürlich uneingeschränkt zurückgeben kann. Telefonieren hört sich super an, allerdings habe ich nachher einen ziemlich vollen OP-Plan. Wird wohl eher Abend werden.


Drei Tage später, es war ein Montagmorgen, wollte Marc gerade das Hauptgebäude des Ulleval-Universitätsklinikums betreten. Er war etwas angespannt, weil er für diesen Vormittag einen Termin bei seinem Chef Professor Nickels vereinbart hatte, um ihn davon in Kenntnis zu setzten, dass er eine Stelle in dem Forschungsprojekt von Professor Howard annehmen und aus diesem Grunde seinen Dienst in Oslo quittieren würde.

Zusätzlich war Marc seit seinem Liebesurlaub in Berlin dauerabwesend. Der meiersche Autopilot hatte wieder alle Hände voll zu tun, während sich sein Großhirn immer wieder in wunderschönen Tagträumen verlor. Tagträume von Gretchen. Tagträume von ihrer gemeinsamen Zukunft. Noch ein Tag, dann würde sie endlich hier in Oslo sein. Noch ein Tag, dann würde er die Bombe platzen lassen. Endlich.

Gretchen in Oslo. Marc war glücklich, dass Gretchen sofort Nägel mit Köpfen gemacht hatte und einen Flug nach Oslo gebucht hat. Er hatte so viel mit ihr vor. Er wollte ihr die Stadt zeigen, er wollte mit ihr allein sein, er wollte für sie kochen, er wollte mit ihr Pläne schmieden und natürlich wollte er ihr endlich von dem Gespräch mit Professor Howard erzählen. Es war eh schon sehr schwierig gewesen, sie hinzuhalten. Aber seine Aussage, dass er die Stelle annehmen würde, aber noch weitere Gespräche notwendig sein würden, hatte sie erstmal ruhig gestellt.

Gedankenverloren lehnte Marc sich gegen die gläserne Eingangstür des prächtigen Foyers der Klinik, als diese von innen geöffnet wurde. Kurz verlor Marc sein Gleichgewicht, konnte sich dann aber im letzten Moment fangen.

„Guten Morgen Marc, Entschuldigung, aber ich dachte, du hättest mich gesehen.“ Erst jetzt blickte Marc hoch und schaute direkt in ein ihm sehr vertrautes Gesicht.

„Svantje, äh, muss dich übersehen haben. War in Gedanken.“

Verlegen lächelten die beiden Kollegen sich an. Seit der Trennung hatten sie eigentlich nur noch beruflich miteinander zu tun. Dies aber trotz allem auf eine sehr harmonische Weise. Wie bereits erwähnt, hatte Svantje einen sehr professionellen Weg gefunden, mit ihrer einstigen Liebe im Alltag umzugehen.

Mit einem Mal hatte Marc das Bedürfnis, mit ihr zu reden.

„Svantje, warte Mal. Hast du einen kurzen Augenblick für mich Zeit. Ich möchte dir etwas erzählen.“ Marc hielt die hübsche Norwegerin am Ärmel ihres weißen Kittels fest.

Sie sah ausgesprochen hübsch aus an diesem Montagmorgen. Wie immer war sie nur sehr dezent geschminkt. Ihre kurzen Haare waren frisch geschnitten. Marc konnte das an den scharfen Konturen erkennen. Er registrierte, dass sie unter ihrer Arbeitskleidung seine Lieblingsbluse trug, die ihr ganz besonders gut stand. Türkise Seide. Ein klassischer Schnitt. Die Steine in ihren Ohrringen hatten dieselbe Farbe.

Freundlich lächelte sie ihn an.

„Was gibt’s denn?“

Marc zog Svantje etwas zur Seite, so dass sie nicht weiter die Eingangstür blockierten. Es war zwar kalt, schließlich war es Anfang Januar, aber für ein paar Minuten konnte man es auch ohne Jacke an der frischen Luft aushalten. Sie standen sich nah gegenüber. Etwas näher, als es Kollegen üblicherweise tun würden, aber auch nicht so nah, dass man sie für ein Liebespaar halten würde. Eher so wie gute Freunde.

„Ich möchte es dir selber sagen. Ich denke, das bin ich dir schuldig.“ Er lächelte etwas verlegen. „Nach all der Zeit. Ich werde Oslo verlassen.“

Svantje nickte wissend. „Ich habe es mir schon fast gedacht. Seit Weihnachten brodelt hier die Gerüchteküche, weshalb Professor Howard hier war. Hat er etwas damit zu tun? Gehst du nach Australien?“ Neugierig schaute sie ihn an.

„Ja und nein. Professor Howard hat mir ein phänomenales Angebot gemacht und ich habe es sozusagen in modifizierter Form angenommen. Ich werde zurück nach Berlin gehen.“

Er zwang sich, ihr bei seinen nächsten Worten in die Augen zu schauen.

„Ich werde zurück nach Berlin gehen. Zu Gretchen. Wir sind jetzt zusammen.“ Svantjes Blick veränderte sich. Marc sah, dass ihre Augen begannen, wässrig zu schimmern. Tränen sammelten sich in ihren Augen. Marc sah, dass sie dagegen ankämpfte, aber scheinbar machtlos gegen ihre eigenen Gefühle war. Mit ihren Fingern wischte sie immer wieder einzelne Tränen weg, die sich bereits einen Weg aus ihren feuchten Augen gebahnt hatten. Traurig blickte sie Marc an.

„Weißt du, ich habe es ja gewusst. Du hast es mir gesagt und letztendlich war sie ja auch der Grund, weshalb du dich von mir getrennt hast. Aber irgendwie war da in meinem Herzen immer noch ein ganz klitzekleiner Funke Hoffnung.“ Svantje begann zu schluchzen. „Ich habe halt irgendwie gehofft, dass das mit Gretchen einfach nicht funktioniert, dass sie dich einfach nicht mehr will und dass du dann doch zu mir zurück kommst.“

Unbeholfen nahm Marc sie in den Arm. Er wollte sie trösten. Er wollte nicht, dass sie seinetwegen weinte. Und im Grunde wollte er auch nicht, dass sie unglücklich war. Seinetwegen. Dafür mochte er sie noch immer viel zu sehr. Dafür war ihre gemeinsame Zeit viel zu schön gewesen.

Wenn mir das früher mal einer gesagt hätte. Ich habe Verständnis für meine Ex-Freundin und bin bis über beide Ohren in Gretchen verliebt. Unfassbar. Schoss es ihm durch den Kopf.

Svantje blickte traurig nach oben und schaute Marc in seine grünen Augen, die in diesem Moment etwas unwohl dreinblickten. Mit einem kleinen Auflachen boxte Svantje Marc leicht gegen die Brust.

„Was soll ich tun? Du bist eben ein toller Mann. Für mich zumindest. Und ich hätte es mir mit dir wirklich vorstellen können. Eine Familie, Kinder. Aber egal.“ Svantje atmete tief ein, drückte ihren Rücken durch und wischte sich energisch die Tränen von ihren Wangen. „So, genug der Gefühlsduselei. Ich wünsche dir einfach alles Glück der Welt, Marc. “

Sie umarmte ihn und hauchte ihm einen letzten Kuss auf seine etwas kratzige Wange. Auch Marc hielt Svantje fest. Für einen kurzen Moment drückte er sie ganz fest an seinen Körper. Er wollte damit einfach zum Ausdruck bringen, dass er sie mochte, dass sie ihm nicht egal war und dass es ihm leid tat.

„Danke, Svantje. Ich möchte, dass du weißt, dass du mir trotz allem wichtig bist. Und wir bleiben ja auch in Kontakt. Schon allein wegen des Projektes.“

„Marc, sag mal, die Frau da. Ist das nicht Gretchen?“ Svantje hatte sich aus der Umarmung von Marc gelöst und war im Begriff, sich auf den Weg durch den Park in eines der Nebengebäude zu machen. Sie hatte dort eine der vielen Therapiesitzungen, die an diesem Montag auf ihrem Dienstplan standen.

Verblüfft drehte Marc sich um, da er bisher mit dem Rücken zum Park gestanden hatte. Das konnte eigentlich nicht sein. Er erwartete Gretchen doch erst am nächsten Tag. Schließlich hatte er sich extra frei genommen, um sie vom Flughafen abzuholen. Als er sich kurz orientiert hatte, konnte er seinen Augen kaum trauen. Er sah eine Frau. Von hinten. Er sah eine Frau in einem dunkelblauen Dufflecoat und mit einer rosafarbenen Mütze auf ihren langen, blonden Locken. Sie trug Jeans und braune Stiefel. Es war unverkennbar Gretchen.

Marc sah, wie sie durch den Klinikpark davonrannte.


Lob & Tadel auf meiner Seite freuen mich immer riesig!

Pippi Langstrumpf Offline

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24.01.2012 10:14
#66 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

68 Oslo – Januar 2015

Er rannte hinter ihr her.

Ohne zu zögern, rannte Marc los. „Gretchen, warte!“ Sie blieb nicht stehen. Sie blickte sich nicht um. Sie rannte einfach weiter. Quer über die mit Raureif überzogenen Grünflächen des Klinikparks. Über ihrer Schulter hing eine große Reisetasche. Die Reisetasche, die Marc bereits aus Freiburg kannte. In Marcs Kopf tobte ein Chaos. Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander. Für einen kurzen Moment fühlte er sich von der Situation überfahren. Während er Gretchen hinterherjagte, versuchte er, sich ein Bild von der Situation zu machen.

Scheiße, Scheiße, Scheiße! Die hat jetzt aber nicht diesen kleinen Minikuss von Svantje gesehen und dreht jetzt völlig durch!

Marc versuchte sich ein Bild von der Situation zu machen, wie sie sich Gretchen dargestellt haben könnte. Er rief sich in Erinnerung, wie er mit Svantje neben der Eingangstür gestanden hatte und wie sie wohl für einen Außenstehenden, in diesem Fall also für Gretchen, ausgesehen haben mussten.

Okay Alter, sie hat den Kuss gesehen und sie dreht durch. Sonst würde sie ja mal stehen bleiben.

Marc jagte ihr hinterher. „Gretchen, jetzt bleib doch bitte stehen!“ Laut hallte seine Stimme durch den Park. In diesem Moment war es ihm egal, was Patienten und Kollegen, die Augen- und Ohrenzeugen dieser Verfolgungsjagd wurden, von ihm dachten. Noch ein paar Schritte, dann würde er sie eingeholt haben.

Am Ende des Parks, am Rande eines großen Besucher- und Mitarbeiterparkplatzes, bekam Marc Gretchens Arm zu fassen. Er war außer Atem und atmete heftig. „Mann, jetzt bleib doch mal stehen. Was ist denn los?“ Mit einem Ruck drehte er sie zu sich um und da konnte er schon das ganze Ausmaß der Katastrophe sehen. Ihr Gesicht war tränenüberströmt. Wimperntusche lief ihr in kleinen Sturzbächen über die geröteten Wangen.

„Aua! Mann Marc, lass mich!“ Gretchen war wütend. Sie versuchte sich mit aller Kraft von Marc loszureißen. Immer wieder. Aber ihr fehlte einfach die Kraft. Marc war so viel stärker als sie. Mit festem Griff hielt er sie jetzt an beiden Handgelenken fest und zwang sie, ihn anzuschauen. Die schwere Reisetasche war ihr mittlerweile von der Schulter gerutscht und hing nun in ihrer Armbeuge. Schon nach wenigen Sekunden schmerzte ihr Arm.

„Mann Marc, ich habe gesagt, dass du mich loslassen sollst! Du tust mir weh.“ Ihre Stimme überschlug sich vor Erregung, vor Wut, aber auch vor Atemlosigkeit. Immer wieder versuchte sie, sich ruckartig aus seinem festen Griff zu befreien.

Eigentlich hatte sie Marc einfach nur überraschen wollen. Es war eine spontane Idee gewesen. Eine sehr spontane Idee sogar, als Dr. Knechtelsdorfer sie einen Tag zuvor gefragt hatte, ob sie einen seiner Nachtdienste übernehmen würde. Im Gegenzug hatte er ihr angeboten, zwei Dienste ihrer Wahl zu übernehmen.

Daraufhin hatte Gretchen kurzerhand ihren Flug nach Oslo umgebucht und war an diesem Morgen mit der ersten Maschine aus Berlin in Oslo gelandet. Am Abend zuvor hatte sie versucht, Marc unauffällig über seine Pläne des Tages auszuhorchen. Klinik. Operationen. Teamsitzungen. Gretchen konnte sich also sicher sein, ihn im Klinikum anzutreffen. Ihr Plan war, Marc ganz spontan mit einer SMS von ihrer Anwesenheit im Krankenhaus in Kenntnis zu setzten. Natürlich spekulierte sie darauf, ihn kurz sehen und ihr Gepäck in seinem Büro abstellen zu können. Da Marc noch ein paar Stunden Dienst haben würde, wollte sie ein wenig durch die norwegische Hauptstadt bummeln, vielleicht in ein Museum gehen oder einfach am Oslo-Fjord die frische Seeluft genießen.

Sie hatte sich ein Taxi vom Flughafen genommen und war dann voller Vorfreude durch den klinikeigenen Park geeilt. Ihr war kalt und die große Reisetasche war ihr eigentlich viel zu schwer. Als sie sich dem Haupteingang näherte, sah sie ein Paar rechts von der Doppelglastür stehen. Ein Mann und eine Frau, eng umschlungen. Beide trugen diese typischen weißen Kittel. Gretchen vermutete, dass es sich um zwei Ärzte handelte. Kollegen eben.

Wie Marc und ich früher. Schoss es Gretchen durch den Kopf und sie lächelte verträumt. Naja, manchmal jedenfalls. Und aus irgendeinem Grund erinnerte sich Gretchen mit einem Grinsen im Gesicht an diesen Kuss zwischen ihr und Marc, als Susanne ein Handyfoto für die Schülerzeitung schießen wollte. Anfänglich war der Kuss nicht echt. Er war nur gespielt. Gretchen konnte sich noch genau an die Situation erinnern, obwohl mittlerweile so viele Jahre vergangen waren. Aber dann, im Verlauf des Kusses, war plötzlich Ernst daraus geworden. Im wahrsten Sinne des Wortes, atemberaubender Ernst. Plötzlich konnte Gretchen wieder dieses prickelnde Verlangen spüren und sie freute sich riesig, Marc gleich wiederzusehen. Sie hatte ihn in den vergangenen Tagen so sehr vermisst.

Und buchstäblich in diesem Moment erkannte sie Svantje. Und einen Bruchteil einer Sekunde später verstand Gretchen auch, wem die hübsche Norwegerin da einen zärtlichen Kuss auf die Wange hauchte. Marc. Ihrem Marc.

Gretchen blieb das Herz stehen und gleichzeitig begann es mit einer unbändigen Kraft in ihrer Brust zu schlagen. Gretchen spürte einen Schmerz in ihrer Brust, so wild schlug ihr Herz gegen den schützenden Brustkorb. Als wolle es herausspringen. Auch ihre Kehle schmerzte. In Sekundenschnelle war ihr der Hals zugeschwollen und Gretchen empfand ein unangenehmes Kloßgefühl. In ihrer Nase prickelte es heftig und im gleichen Augenblick spürte sie auch schon die ersten heißen Tränen auf ihren, von einem eisigen Wind ausgekühlten Wangen. Ihr ganzer Körper schmerzte und Gretchen hatte Angst, dass ihr die Beine versagen und sie einfach auf den Boden fallen würde. Gretchen konnte in diesem Augenblick keinen klaren Gedanken fassen. Ihr Körper hatte bereits reagiert, bevor die eingegangenen Informationen in ihrem Gehirn analysiert und ausgewertet werden konnten.

Marc und Svantje sahen so vertraut miteinander aus. Die ganze Szene wirkte auf Gretchen so liebevoll, so zärtlich. In diesem Moment folgte Gretchen einfach nur ihrem Instinkt. Flucht. Sie konnte und wollte den Beiden nicht länger beim Austausch ihrer Zärtlichkeiten zusehen.

„Mann Gretchen, jetzt sag doch mal was!“ Marcs Stimme holte sie aus ihrer Erinnerung. Sie war wie in Trance. „Hör auf, mich so anzustarren, als ob ich etwas verbrochen hätte. Ich habe nichts getan.“ Marc ärgerte sich, dass sich sein letzter Satz fast wie eine Frage anhörte. Er ärgerte sich über seine Unsicherheit. Die war jetzt völlig fehl am Platz. Sogar in seinen Ohren hörte er sich an, als habe er sich etwas zu Schulden kommen lassen.

„Du hast nichts getan? Und was war das da gerade? Die Umarmung. Der Kuss. Also nach einer Dienstbesprechung sah das wirklich nicht aus. Wobei, wenn ich mich recht erinnere, ist das doch genau deine Masche, oder? Blöd nur, dass ich ausgerechnet jetzt hier aufgetaucht bin.“ Und traurig fügte sie hinzu. „Ich wollte dich eben überraschen.“

„Gretchen spinnst du, was redest du da für’ n Müll? Ich habe nichts mit Svantje und ich habe sie auch nicht geküsst. Sie hat mir einen Kuss, nein das war kein Kuss, das war ein Hauch von einem Kuss, auf die Wange gegeben. Das war nur freundschaftlich.“ Marc wurde langsam ärgerlich. Er fühlte sich in die Ecke gedrängt. Er fühlte sich für etwas angeklagt, das er nicht verbrochen hatte.

„Weißt du was Marc, du redest Müll! Freundschaftlich. Das ich nicht lache! Na los, geh schon zu ihr. Zu deiner supersympathischen, superhübschen, superschlanken Super-Psychologin.“ Und mit einem kräftigen Schubser gegen seine Brust stieß sie Marc zornig von sich. „Jetzt hau endlich ab! Ich mag dich nicht mehr sehen!“

Stille.

Ihr Schluchzen erfasste ihren ganzen Körper. Natürlich ging Marc nicht. Er stand völlig konsterniert vor Gretchen, starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an und fragte sich, ab wann hier gerade alles schief gelaufen war. Vorsichtig versuchte er, sie in seinen Arm zu nehmen. Anfänglich wehrte sich Gretchen noch, aber nach und nach bröckelte ihr Widerstand und sie ließ seine Umarmung zu.
Wäre Marc in dieser Situation nach Scherzen zumute gewesen, er hätte sicherlich darüber geschmunzelt, dass er nun zum zweiten Mal an diesem Morgen eine weinende Frau in seinen Armen hielt.

Gretchen spürte, dass sie sich langsam beruhigte. Sie spürte, dass Marc ruhiger wurde. Ihre Atmung verlangsamte sich wieder und die Tränen versiegten. Nach und nach. Natürlich tat seine Umarmung ihr gut. Seine Wärme. Seine Kraft. Die Geborgenheit, die er ihr mit seiner festen Umarmung vermittelte. Dennoch fiel es Gretchen schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Im Grunde konnte sie in diesem Moment nicht denken. In ihrem Kopf gab es in diesem Moment nur noch eins. Leere.

„Gretchen, hörst du mir jetzt ganz kurz mal zu?“ Mit knappen Worten umriss Marc die Situation, wie sie sich kurz zuvor zwischen ihm und Svantje zugetragen hatte.

„Vielleicht erinnerst du dich mal an den Nikolausabend. Was ich dir da gesagt habe. Und an Weihnachten. An unsere Woche. Gretchen, ich habe noch nie einer Frau gesagt, dass ich mich in sie verliebt habe, geschweige denn, dass ich sie liebe. Und wenn ich ehrlich bin, hoffe ich mittlerweile, dass ich diese Worte auch nie zu einer anderen Frau sagen werde. Also was zum Teufel hat dich da gerade geritten?“

Marcs Blick fiel unvermittelt auf eine große Uhr am Rande des riesigen Parkplatzes.

„Scheiße Gretchen, ich habe genau jetzt einen wichtigen Termin bei meinem Chef. Und ich sage dir, Professor Nickels hasst nichts mehr als Unpünktlichkeit. Und gleich im Anschluss an unser Gespräch habe ich mit ihm zusammen eine komplizierte OP. Kompliziert, aber kurz. Ist es für dich okay, wenn ich dich jetzt in mein Büro verfrachte und wir später weiterreden?“ Er wirkte angespannt. Eigentlich wollte er Gretchen jetzt nicht alleine lassen und einfach so in sein Büro abschieben. Aber die äußeren Rahmenbedingungen ließen gerade nichts anderes zu. Marc steckte in der Zwickmühle zwischen seinem Chef und seinen beruflichen Verpflichtungen auf der einen Seite und Gretchen auf der anderen Seite.

Zärtlich hielt er ihr tränenüberströmtes Gesicht in seinen Händen. „Nur eins noch. Wenn ich dir jetzt sage, dass ich mich total doll freue, dass du da bist, dass ich dich unendlich doll vermisst habe und dass ich dich verdammt doll liebe, darf ich dich dann jetzt endlich küssen?“

Ein verlegenes Lächeln huschte über Gretchens Gesicht.

Pippi Langstrumpf Offline

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26.01.2012 11:49
#67 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

69 Oslo – Januar 2015

Sie war vor Erschöpfung eingeschlafen.

Marc hatte Gretchen mit wehenden Rockschößen in sein Büro gebracht, ihr kurz erklärt, in welchem Nebengebäude die Cafeteria des Krankenhauses war und sich dann, nicht ohne ihr einen besonders liebevollen Kuss auf die Lippen gezaubert zu haben, auf den Weg zu seinem sicherlich schon ungeduldig wartenden Chef gemacht. Vorher hatte Marc noch schnell sein flaches Mobiltelefon aus der geräumigen Tasche seines Arztkittels gefischt und dem noch immer verdatterten Gretchen in eine ihrer Hände gedrückt.

„Wirf doch mal einen Blick in mein Telefon. Vielleicht findest du da ja eine Antwort auf deine Frage.“ Mit diesen Worten und einem aufmunternden Augenzwinkern rauschte Marc, der mittlerweile wirklich sehr in Eile war, aus seinem Büro.

Irritiert schaute sich Gretchen in dem geräumigen Raum um, in den sie gerade so Hals über Kopf verfrachtet worden war. Es war ein helles, an Sonnentagen sicherlich lichtdurchflutetes Zimmer, das mit geschmackvollen Büromöbeln ausgestattet war. Ein riesiger, aufgeräumter Schreibtisch mit zwei Ablagekörben, einer Tastatur und einem großen Flachbildschirm. Hinter dem Schreibtisch stand ein Drehstuhl mit einer hohen Rückenlehne, der mit einem schwarzen Leder bezogen war. Ein geschlossener Aktenschrank, ein Bücherregal, in dem die Fachbücher ordentlich aufgereiht waren und eine kleine Sitzecke, die aus einem kleinen, ebenfalls mit schwarzem Leder bezogenen Sofa, einem Sessel und einem kleinen Beistelltischchen bestand, komplettierten Marcs Büro. Persönliche Gegenstände konnte Gretchen auf den ersten Blick nicht ausmachen. Keine Fotos. Keine Pflanzen. Kein Schnickschnack. Eben Marc.

Erschöpft ließ sich Gretchen auf dem kleinen Sofa nieder. Sie konnte die Kälte des Leders durch ihre Jeans hindurch an ihren Oberschenkeln spüren. Ihre Reisetasche hatte sie zuvor neben dem Schreibtisch abgestellt. Im Sitzen schälte sie sich nun aus ihrem Mantel, ihrer Wollmütze und dem farblich dazu abgestimmten Schal aus demselben Material und schob die Kleidungsstücke hastig neben sich in die andere Sofaecke. Noch immer hielt sie Marcs Telefon in ihrer Hand.

Gretchen atmete tief ein und schloss dabei ihre von Wimperntusche verschmierten Augen. Was war da gerade im Park mit ihr geschehen? Sie hatte keine Erklärung. Ihr waren die Sicherungen durchgebrannt, keine Frage. Aber warum? War sie sich mit Marc nicht sicher? Traute sie ihm wirklich zu, dass er sie hintergehen würde? Nein. Ohne mit der Wimper zu zucken, konnte sie diese Fragen verneinen. Sie war sich seiner Zuneigung, ja seiner Liebe sicher. Zu offen, zu ehrlich, ja zu verletzlich hatte er sich in den letzten Tagen, Wochen und Monaten ihr gegenüber gezeigt. Marc spielte mit offenen Karten und das wusste Gretchen. Und trotzdem gab es da etwas in ihr, ein unsichtbarer Gedanke, ein nicht greifbares Gefühl, dass sie beim Anblick von Marc und Svantje zu dieser kopflosen Flucht getrieben hatte.

Im Nachhinein war Gretchen ihre maßlos übertriebene Reaktion unbegreiflich. Und in der Nachbetrachtung sahen Umarmung und Kuss mit einem Mal auch völlig harmlos, ja tatsächlich freundschaftlich aus. Gretchen schämte sich. Wie sollte sie Marc nachher unter die Augen treten? Seufzend fuhr sie sich mit einer Hand über ihre mittlerweile heiß glühenden Wangen, die sich von den vielen Tränen und der verlaufenen Wimperntusche klebrig anfühlten. Ein Blick auf ihre geschwärzte Hand bestätigte Gretchens Verdacht. Sie hatte sich nicht nur unmöglich benommen, sie sah auch noch unmöglich aus. Ein Erdloch musste her, soviel stand fest.

Nun musste Gretchen Schadensbegrenzung betreiben. Dass sie sich in diesem optischen Zustand nicht aus dem Büro wagen würde, um sich auf die Suche nach einer geeigneten Waschmöglichkeit zu machen, stand für Gretchen außer Frage. Sie konnte aber auch nicht Nichts tun. Denn spätestens bei seiner Rückkehr würde Marc bei ihrem desolaten Anblick die Flucht ergreifen. Also mussten jetzt für eine notdürftige Reinigung ein Taschentuch und eine kleine Flasche Mineralwasser aus ihrer Reisetasche herhalten. Das Resultat ihrer Katzenwäsche kontrolliere Gretchen mit Hilfe eines winzigen Spiegels, der in ihr kleines, mit rosfarbenen Blümchen bedrucktes, Kosmetiktäschchen eingenäht war.

Nicht schön aber selten.

So richtig zufrieden war Gretchen nicht mit dem erzielten Resultat. Ihre Wangen waren jetzt knallrot. Jetzt glühten sie nicht mehr, nein, jetzt brannten sie wie Feuer und unter ihren Augen konnte Gretchen immer noch graue Schatten erkennen.

Gretchen schaute auf ihre Armbanduhr. Marc würde wohl noch eine ganze Weile beschäftigt sein. Sollte sie es vielleicht doch wagen, die Cafeteria des Krankenhauses aufzusuchen? Ein leichtes Hungergefühl verspürte sie ja schon, nach der ganzen Aufregung. Von ihrem Appetit auf Schokolade mal ganz zu schweigen. Andererseits war Gretchen mit einem Mal aber auch hundemüde. Sie hatte das Gefühl, dass mit einem Mal eine wahnsinnige Anspannung von ihr abfiel und sich eine bleierne Erschöpfung in ihr breit machte.

Auf dem nahen Sessel lag eine zusammengefaltete, weiße Decke, die sich Gretchen mit ausgestrecktem Arm schnappte. Als sie sich auf dem Sofa ausstreckte, spürte sie wieder die unangenehme Kühle des Leders. Diesmal auch an ihrer Schulter, an ihrer gesamten Seite und an ihrer Hüfte. Umständlich legte sich Gretchen ihren wollenen Mantel unter. Wieder zugedeckt, kuschelte sie sich wohlig in die weichen Polster.

Da fiel ihr Blick auf das Telefon, das sie vor ihrer Putzaktion auf das gläserne Beistelltischchen gelegt hatte. Ihre Augen fixierten das Handy. So konnte sie jetzt aber nicht einschlafen. Was wollte Marc ihr mit dieser Aktion sagen? Dass sie ihm vertrauen konnte? Sollte sie tatsächlich einen Blick auf die Inhalte seines Smartphones riskieren? Irgendetwas in ihr sträubte sich dagegen. Andererseits hatte Marc sie ja ganz eindeutig dazu aufgefordert.

Vorsichtig nahm Gretchen das Smartphone in die Hand und berührte den Touchscreen mit dem Daumen. Wie aus dem Nichts erschien auf dem soeben noch schwarzen Mini-Bildschirm das Foto einer schlafenden Frau. Nebenbei bemerkt, das Foto einer wunderschönen, schlafenden Frau. Gretchen lächelte glücklich über beide Ohren, als sie sich selbst erkannte.

Marc Meier, du bist echt ein alter Schlawiner!

Mit einem Mal wusste Gretchen mit hundertprozentiger Sicherheit, was Marc ihr mit dieser Foto-Aktion sagen wollte. Aber Gretchen erkannte auch, dass Marc ihr mit diesem kleinen Vertrauensbeweis nicht nur zeigte, wie es um seine Gefühlswelt bestellt war, nein, schon wieder offenbarte er sich ihr auf eine ganz schonungslose Weise. Und damit war Gretchen wieder bei der Frage, die sich ihr vorher schon gestellt hatte. Wo war dieses verdammt Erdloch?

Gretchen beschloss, sich dieser Frage nach einem kleinen Schläfchen zu widmen. Zu früh hatte an diesem Morgen ihr Wecker geklingelt und zu viel war an diesem Vormittag bereits geschehen. Wohlig kuschelte sich Gretchen wieder in ihren Mantel und unter die Decke, die im Übrigen kein bisschen nach Marc roch.

Oberarzt Doktor Marc Meier hatte einen arbeitsreichen Vormittag erfolgreich hinter sich gebracht. Das Gespräch mit seinem Chefarzt Professor Nickels war natürlich gut verlaufen. Auch wenn Professor Nickels in der Tat etwas ungehalten über Marcs Verspätung war, zeigte sich der ältere Mann erfreut über Marcs Entscheidung, seine Karriere voranzutreiben. Und schon in ihrem Gespräch im Dezember hatte Nickels ja signalisiert, dass er Marc in seiner Entscheidung unterstützen und ihm keine Steine in den Weg legen würde. Mit anderen Worten, Marc hatte seine Kündigung am Ulleval-Universitätsklinikum eingereicht und begann nun mit seinem Gastspiel auf Zeit in der norwegischen Hauptstadt.

Die Operation war ebenfalls gut verlaufen, so dass Marc zufrieden sein Büro betrat. Er hatte sein Tagewerk erfüllt. Jetzt stand nur noch der elendige Papierkram auf dem Programm. Marc hatte beschlossen, für heute seinen Tag im Krankenhaus zu beenden und von zu Hause aus zu arbeiten. Oder eben auch nicht. Schließlich waren die Stunden mit Gretchen eigentlich zu kostbar, um sie mit langweiligen Befundberichten zu vergeuden. Für den nächsten Tag hatte er sich schon im Vorfeld freigenommen, weil er ja bis zum Morgen noch davon ausgegangen war, dass am Dienstag eine gewisse Margarete Haase anreisen würde.

In freudiger Erwartung betrat er nun also sein Büro. Ja, er freute sich trotz der eher unschönen Begrüßung am Morgen, seine Freundin endlich für sich zu haben. Auch wenn ihm etwas mulmig zumute war, wenn er an ihre Unterstellung dachte. Wie kam sie bloß darauf? Schon den ganzen Vormittag über hatte Marc gerätselt, wie es zu diesem Missverständnis hatte kommen können. Natürlich war die Situation, in der Gretchen Marc vorgefunden hatte, nicht ganz eindeutig. Das wusste er auch. Aber dennoch fragte sich Marc, warum Gretchen in diesem Moment kein Vertrauen in seine Gefühle hatte. Gefühle, die er ihr ja keinesfalls vorenthalten hatte. Ganz im Gegenteil. Er hatte ihr in den letzten Tagen nicht nur einmal gesagt, dass er sich in sie verliebt hatte, ja dass er sie liebte. Kopfschüttelnd fragte sich Marc, warum das für Gretchen keine Rolle an diesem Morgen auf einmal gespielt hatte.

Während der Operation beschlich Marc dann mit einem Mal der Verdacht, dass Gretchen ihm vor allem deshalb nicht vertrauen konnte, weil ihm genau ein solches Verhalten in seiner Vergangenheit durchaus zuzutrauen gewesen wäre. Wie oft hatte sie ihn in mehr als zweideutigen Situationen überrascht? Mehrmals. Diesbezüglich war Gretchen wohl ein gebranntes Kind. Und noch eine andere Vermutung keimte in Marc auf. Was hatte Gretchen gesagt? „Superhübsch, Superschlank“.

War das vielleicht des Rätsels Lösung? Mittlerweile hockte Marc vor einem schlafenden Gretchen und strich ihr versonnen lächelnd über das blond gelockte Haar. Ihre Gesichtszüge waren entspannt. Ruhig. Gretchen sah aus, als wäre sie in einen Schlaf tiefer Erschöpfung gefallen. Eine Haarsträhne war ihr wirr ins Gesicht gerutscht. Gerade zuckten ihre Augenlider. Marc konnte erkennen, dass sich ihre Augäpfel unter den Lidern wild hin und her bewegten. Was sie wohl träumte? Verliebt betrachtete Marc Gretchens feinen Gesichtszüge. Sie war so schön. Wunderschön. Aber auch zerbrechlich. Die Spuren des Morgens ließen ihn nachdenklich werden.

Was muss ich tun, damit du mir vertrauen kannst?

Pippi Langstrumpf Offline

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28.01.2012 22:42
#68 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

70 Oslo – Januar 2015

Eine ganze Weile schaute er sie einfach nur an.

Marc konnte sich gar nicht satt sehen an seinem schlafenden Gretchen. Um sie nicht zu wecken, hatte er aufgehört, ihr weiches Haar zu streicheln. Obwohl es sich so wundervoll anfühlte. Weich. Seidig. Warm. Aber er genoss es sichtlich, sich in ihren Gesichtszügen zu verlieren. Immer wieder wanderten seine Blicke über ihr Gesicht. Immer wieder entdeckte er liebenswerte Details, die er sich unbedingt einprägen wollte. Jedes Härchen. Jede Sommersprosse. Alles war ihm in diesem Moment wichtig. Mit einem Mal hörte Marc ein merkwürdiges Geräusch. Fast hörte es sich an, wie ein Magenknurren. Marc war irritiert, dachte, er hätte sich getäuscht. Aber nach ein paar Sekunden hörte er diese Laute wieder, deren Ursprung er jetzt eindeutig lokalisieren konnte. Gretchens Magen. Leise musste Marc in sich hineinlachen. Mit einem verschmitzten Grinsen auf den Lippen schlich er sich auf Zehenspitzen aus seinem Büro. Leise. Er wollte Gretchen auf keinen Fall wecken.

Und er hatte Glück. Zehn Minuten später schlummerte Gretchen noch immer tief und fest. Sie schien sich bewegt zu haben. Die Decke, mit der sie sich notdürftig zugedeckt hatte, bedeckte nun nur noch ihre Beine. Marc sah, dass Gretchen eine zartrosafarbene Bluse und darüber einen etwas dunkleren, ebenfalls rosafarbenen Pullover mit einem V-Ausschnitt trug. Der Kragen der Bluse hatte sich auf einer Seite aufgestellt. Schon in Berlin war Marc aufgefallen, dass Gretchen ein Faible dafür hatte, ihre Kleidung farblich perfekt aufeinander abzustimmen. Ausgiebig musterte Marc Gretchens Ausschnitt in der Hoffnung, einen Blick auf ihren Büstenhalter erhaschen zu können. Aber leider konnte Marc seine Neugier nicht befriedigen. Ob ihre Unterwäsche an diesem Tag wohl auch rosa war?

Langsam schlug Gretchen ihre Augen auf und blickte direkt in zwei strahlend grüne Augen. Marcs Augen. Augen, die sie verträumt anblickten. Augen, die verliebt die ihren suchten. Augen, die sie sofort gefangen nahmen. Augen, die ihr sagten, dass er ihr nichts nachtrug.

Leise begann Marc zu sprechen, während er liebevoll mit dem Handrücken über ihre Wange strich. „Na du Schlafmütze, ausgeschlafen?“

Gretchen war mit einem Schlag hellwach. Was machte Marc denn schon hier? Hatte sie etwa so lange geschlafen? Verwirrt richtete sie sich auf. Die Decke fiel jetzt ganz zu Boden. Mit einem Mal war Gretchen unglaublich nervös. Sie fühlte sich unwohl in ihrer Haut. Sie hatte sich doch noch gar nicht überlegt, wie sie Marc entgegen treten wollte. Was sie ihm sagen wollte. Und vor allem, wie sie es ihm sagen wollte? Sie wusste nur eins. Noch immer wünschte sie sich nichts sehnlicher als dieses Erdloch. Warum wollte es ich einfach nicht auftun?

Zerknirscht schaute Gretchen Marc an, der immer noch vor ihr kniete. „Marc?“ Verlegen kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. “Also wegen heute Morgen.” Wieder machte sie eine lange Pause. „Also, ich denke mal, dass ich da Mist gebaut habe.“

Hilfesuchend schaute sie Marc an. Aber seiner Mine war mit einem Mal wie versteinert. Die hübschen Grübchen waren aus seinem Gesicht verschwunden und die grünen Augen, die gerade noch so glücklich gefunkelt hatte, strahlten nicht mehr.

Gretchen bekam es mit der Angst zu tun. Warum sagte Marc denn nichts? Augenscheinlich hatte sie ihn schwer verletzt. Sicherlich erwartete er eine Entschuldigung von ihr.

Sie druckste herum. „Ihr saht aber auch so vertraut miteinander aus. Was sollte ich denn da machen. Hingehen und `Hallo´ sagen?“ Und etwas leiser fügte sie schon fast mit Tränen in den Augen hinzu „Marc, es tut mir leid. Ehrlich! Mir ist da einfach eine Sicherung durchgebrannt. Mann, jetzt sag‘ doch mal was. Warum bist du denn jetzt so komisch?“ Verzweifelt versuchte Gretchen, irgendetwas in Marcs Blick lesen zu können. Irgendetwas. Aber da war nichts.

Wieder antwortet Marc nicht. Panik stieg in Gretchen auf und sie spürte, dass die ersten Tränen nicht mehr lange auch sich warten ließen. Hätte sie allerdings ihren Freund etwas genauer betrachtet, dann wären ihr sicherlich ein paar sehr verdächtige Muskelkontraktionen rings rund um seinen Mund aufgefallen.

„Marc, ich kann wirklich verstehen, dass du sauer auf mich bist. Aber bitte sag mir, was ich tun kann, dass das nicht mehr so ist?“ Gretchen war verzweifelt und die erste Träne kullerte über ihre vom Schlaf gerötete Wange.

„Mich küssen?“ Laut prustete Marc los.

„Marc Meier, du Arsch!“ Ärgerlich, aber erleichtert stieß sie mit ihren Händen gegen seine Brust, so dass er fast das Gleichgewicht verloren hätte. Hätte er nicht mit rudernden Armen Gretchens Hand zu fassen bekommen, um sich an ihr festzuhalten.

Während seine Augen sie mit diesem einzigartigen Marc-Meier-Blick fixierten, raunte er ihr ein „Ich denke, jetzt sind wir quitt!“ entgegen. Noch etwas unsicher fing Gretchen seinen Blick auf. Was geschehen war, war geschehen? Der Bann war gebrochen. Endlich. Langsam bewegten sich ihre Gesichter aufeinander zu. Langsam. Ganz langsam, ohne sich aus den Augen zu lassen, die von einer Sekunde zur anderen strahlend funkelten. Blaue und grüne Edelsteine. Zwei Herzen, die begannen, vor Freude wild zu hüpfen. Zwei Menschen, die nur noch von einem Gedanken beseelt waren. Ein Gedanke, der seit ihrer Trennung vor ein paar Tagen ihr Denken beherrscht hatte. Tag und Nacht. Sie wollte sich wieder nah sein. Ganz nah. Endlich wollten sie sich wieder küssen. Richtig.

So viele Tage hatten sie aufeinander verzichten müssen. So viele Tage war da nur diese unbeschreibliche Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach ihrer Liebe. Endlich hatte sie sich wieder. Endlich waren sie wieder miteinander vereint. Endlich. Gierig fanden sich ihre Lippen. Schnell folgten ihre Zungen. Gierig. Ausgehungert. Fordernd. Sie verloren sich in ihrer eigenen, magischen Welt. Einer Welt, zu der nur sie beide Zutritt hatten. Gretchen und Marc.

Und in dieser Welt verweilten sie bis, ja bis sich erneut Gretchens Magen auf eine so eindringliche Weise Gehör verschaffte. Einmal. Zweimal. Diese Signale konnte und wollte Marc nicht länger ignorieren. Er machte sich von Gretchen los, die etwas verdattert dreinschaute, weil Marc so völlig unvermittelt diesen leidenschaftlichen Kuss beendet hatte.

„Also, ich habe folgenden Plan. Ich habe dir vorhin ein Schokohörnchen in der Cafeteria besorgt. Die ist zwar nicht das „Café Grün“, aber mir ist zu Ohren gekommen, dass die Schokohörnchen ganz gut sein sollen. Für den ersten Hunger müsste das reichen.“ Marc zeigte auf den kleinen Beistelltisch, auf dessen Glasplatte das schokoladige Gebäck auf einer weißen Serviette lag.

„Du bist ja süß!“ Gerade wollte sich Gretchen über die leckere Süßigkeit hermachen, als Marc sie jäh unterbrach.

„Halt, ich bin noch nicht fertig. Das Schokohörnchen kannst du im Gehen essen. Ich habe nämlich jetzt Feierabend und den möchte ich nicht hier im Krankenhaus verbringen.“ Anzüglich grinste er Gretchen an. „Weißt du, ich habe da dreißig Gehminuten von hier eine wunderschöne, wenn auch momentan etwas unmöblierte Wohnung. Aber das Bett ist groß und weich. Also genau das Richtige für uns. Haben schließlich was zu feiern. Versöhnung und unser vorzeitiges Wiedersehen. Also, zack zack! Beweg deinen entzückenden Hintern und zieh dich endlich an.“ Marc hatte sich bereits Gretchens Reisetasche geschnappt und wartete ungeduldig an der Bürotür.

„Und du? Gehst du heute im Arztkittel und ohne Jacke? Ist doch heute recht kalt. Und was heißt hier überhaupt dreißig Gehminuten. Fahren wir nicht mit dem Auto?“ Gretchen schien etwas irritiert.

„Habe meine Jacke im Umkleideraum, gleich am Ende des Flures. Wenn du mir versprichst, hinne zu machen, dann würde ich schon mal vorgehen. Wir treffen uns dann vor den Fahrstühlen. Und zu deiner letzten Frage. Nein, wir fahren nicht mit dem Auto, weil ich heute Morgen mit dem Fahrrad gefahren bin. Frühsport sozusagen. Konnte ja nicht ahnen, dass auf mich so eine entzückende Überraschung wartet. Andernfalls wäre ich natürlich selbstredend mit dem Auto zum Dienst gefahren.“ Während seiner letzten Worte war Marc schon fast nicht mehr zu hören. Er schien es wirklich eilig zu haben.

Freudestrahlend schlüpfte Gretchen in ihren Mantel, legte sich ihren Schal um den Hals und drapierte die dicke Wollmütze auf ihren Locken. Sie war glücklich. Glücklich darüber, dass Marc ihr diese blöde und vor allem grundlose Eifersuchtsattacke nicht nachzutragen schien. Und sie war glücklich darüber, endlich bei Marc zu sein. Sie waren wieder zusammen. Drei Tage lagen vor ihnen. Drei Tage nur mit Marc. Fröhlich verließ Gretchen das Büro. Einziger Wehrmutstropfen ihrer sonst ungetrübten Freude war der angekündigte Fußmarsch.

Na toll! Dreißig Minuten durch die Kälte latschen. Da könnte ich mir aber echt was Besseres vorstellen? Ich wusste ja gar nicht, dass Marc Fahrrad fahren kann, geschweige denn, dass er ein Fahrrad besitzt.

Und was er für ein Fahrrad besaß. Natürlich fuhr Marc Meier kein null acht fünfzehn Rad. Natürlich nicht. Das, was Gretchen jetzt durch das nachmittägliche Oslo schob, war kein Fahrrad, schon eher eine prächtige Rennmaschine. Sozusagen der Porsche unter den Fahrrädern. Wie gesagt, Gretchen schob das meiersche Rad. Und Marc trug die haassche Reisetasche, die seinem Gretchen während des langen Weges natürlich schnell viel zu schwer geworden wäre. Und natürlich ließ Marc es sich auch nicht nehmen, seinen Arm um die Schultern seiner Freundin zu legen. So konnte er sie auch noch ein wenig wärmen. Denn an diesem Januartag war es wirklich ausgesprochen kalt in Oslo.

Schweigend, und leider auch etwas frierend, liefen sie durch die Straßen der norwegischen Hauptstadt. Eng aneinander gekuschelt. Gretchen betrachtete fasziniert die wunderschönen Häuser, die ihren Weg säumten. Nordisch. Schlicht. Freundlich. Auf Gretchen wirkte die Stadt zauberhaft. Wie in einem Märchen. Aber vielleicht war dieser Eindruck auch nur an ihrer rosaroten Brille geschuldet, die sie während ihres Fußmarsches auf ihrer von der Kälte geröteten Nase trug.

Während sich Gretchen von Marc durch die Straßen führen ließ und ganz in ihrer rosaroten Märchenwelt gefangen war, während sie von ihrem Märchenprinzen träumte und sich mit einem wohlig warmen Gefühl im Bauch ausmalte, was sie wohl in seinem Märchenschloss erwartete, fragte sich Marc, ob der Zeitpunkt wohl günstig wäre, für ein kleines, aber ernsthaftes „Krisengespräch“. Sozusagen auf neutralem Boden.

Ihm brannte das Thema einfach unter den Fingernägeln. Mittlerweile meinte Marc, den Grund, oder möglicherweise sogar die Gründe für
Gretchens überspitzte Reaktion am Morgen ausgemacht zu haben. Eifersucht auf der einen Seite und auf der anderen Seite das Gefühl, seinen Ansprüchen nicht zu genügen, nicht hübsch und schlank genug zu sein. Beides war aus Marcs Perspektive absoluter Unsinn. Und davon wollte er Gretchen so schnell wie möglich, und hoffentlich auch mit Erfolg, überzeugen.

Unvermittelt drehte sich Marc ein wenig zur Seite und sah Gretchen direkt in ihre wunderschönen blauen Augen. Und mit einem Mal wurde Marc ganz warm in seinem Bauch und sein Herz klopfte etwas schneller als noch kurz zuvor in seiner Brust. Mit einem Mal wusste Marc, dass dieses Gespäch wichtig war. Weil er sie liebte. Etwas unsicher begann Marc zu sprechen und riss Gretchen aus ihrer Traumwelt.

„Gretchen, bitte sei jetzt ganz ehrlich zu mir. Warum hast du heute Morgen so reagiert? Ist es wegen früher?“

Pippi Langstrumpf Offline

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31.01.2012 10:27
#69 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

71 Oslo – Januar 2015

Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an.

In Sekundenschnelle wurde Gretchen trotz der klirrenden Kälte heiß. Sehr heiß sogar. Sie spürte in ihren wollenen Handschuhen, dass ihre Handflächen schweißnass wurden, noch bevor sie einen klaren Gedanken fasse konnte. Gerade noch träumte sie von ihrem Prinzen, seinem Schloss und einem kuschelig weichen und vor allem warmen Bett und dann wurde sie so jäh in die Realität zurückgeholt.

Scheiße, er will reden! Warum will Marc Meier jetzt bitteschön reden? Mann, was sag ich denn jetzt? Ich kann ihm doch nicht sagen, dass ich kurzzeitig der Ansicht war, dass er mich hintergeht. Das zeugt ja nicht gerade von großem Vertrauen. Er sagt mir, dass er mich liebt und ich unterstelle ihm Untreue. Wie peinlich! Oder kann ich es ihm vielleicht doch sagen? Irgendwie macht er ja gerade einen ganz verständnisvollen Eindruck. Man könnte ja fast meinen, dass er den Grund schon erahnen kann. Aber woher kommt das ganze Einfühlungsvermögen? Empathie war doch noch nie seine Stärke. Mann, was mach ich denn jetzt? Die Hosen runterlassen oder doch lieber zu einer kleinen Notlüge greifen?

„Hallo, Erde an Gretchen. Ist jemand zu Hause?“ Marc war jetzt mit Gretchen im Arm stehen geblieben und fuchtelte umständlich mit der Hand, an dessen Schulter die große Reisetasche hing, vor Gretchens Gesicht herum.

„Gretchen, jetzt sag doch mal was. Ich will doch nur eine einfache Antwort auf eine einfache Frage.“ Durchdringend schaute er sie an. Man konnte ihm ansehen, wie wichtig ihm dieses Thema war. „Ich zerbrech mir den ganzen Vormittag schon den Kopf darüber, was der Grund für deine kopflose Reaktion gewesen sein könnte.“

Wie es in solchen eher unangenehmen Situationen ihre Art war, kaute Gretchen unsicher auf ihrer Unterlippe herum. Sie fühlte sich sichtlich unwohl in ihrer Haut. Noch immer fochten Engelchen und Teufelchen einen unermüdlichen Kampf in ihrem Inneren aus. Sollte sie Marc die Wahrheit sagen oder zu einer kleinen Notlüge greifen? Sollte sie ihm vertrauen? Konnte sie ihm vertrauen? Eigentlich kannte sie die Antwort auf ihre Fragen bereits. Aber irgendetwas in ihr hinderte sie daran, mit Marc offen über ihre Gefühle zu sprechen. Es war, als halte sie eine unsichtbare Hand zurück und ließ sie nicht über ihren eigenen Schatten springen.

Marc beobachtete Gretchens Gesichtszüge genau. Er wusste zwar nicht, worüber sie im Einzelnen nachdachte, aber er sah ihre Zerrissenheit. Er konnte ihr ansehen, dass sie mit sich rang, ihm die Wahrheit zu erzählen. Und er konnte ihr auch ansehen, dass ihr die Wahrheit augenscheinlich peinlich war.

„Gretchen, wenn du Zweifel an mir hast, an meiner Liebe, an meiner Treue, dann müssen wir darüber reden. Sonst wird es immer wieder solche Situationen geben.“ Kurz hielt er inne und beobachtete aufmerksam ihr Minenspiel. „Und eigentlich ist es nur gerecht, dass du jetzt auch mal etwas sagen musst, das dir unangenehm ist. Bisher war das ja immer mein Part. “ Aufmunternd stieß er zärtlich seine Stirn gegen ihre.

„So, und während du mir jetzt erzählst, was heute Morgen los war, laufen wir einfach weiter. Sonst hast du bald Frostbeulen an deinen wunderschönen Füßen.“ Er blickte nach unten auf ihre schicken Stiefel. „Irgendwie sehen deine Stiefel so ungefüttert aus.“

Marc selbst trug im Übrigen Winterboots einer teuren Designerfirma. Überhaupt war er sehr gut gegen die unangenehme Kälte des eisigen Ostwindes gewappnet. Er trug einen schicken, aber dennoch sportlichen Winterparka in schwarz, eine dazu passende Wollmütze, die ihm erstaunlicherweise außerordentlich gut zu Gesicht stand und dicke Handschuhe aus einer Funktionsfaser, die seine Hände ebenfalls gut vor der Kälte schützten. Kurz zuvor, vor den Fahrstühlen des Klinikhauptgebäudes, hätte Gretchen beinahe den derart funktional und sportlich gekleideten Marc nicht erkannt. Im Grunde konnte sie ihren Augen nicht trauen. So sportlich hatte sie ihren Freund, für den Jeans bisher das Optimum an sportiver Kleidung darstellten, noch nie gesehen. Sie kam aber nicht umhin zu registrieren, dass sie diese sportliche Seite an Marc außerordentlich sexy fand.

Nach einer Weile begann Gretchen zu sprechen. Langsam. Stockend. Überlegt. Das Engelchen hatte gewonnen. Gretchen hatte beschlossen, Marc zu vertrauen.

„Ich habe keine Zweifel an dir. Wie sollte ich auch. Du bist mir gegenüber so ehrlich. Du hast schon so viel getan und vor allem gesagt, dass ich dir glaube. Alles. Natürlich spüre ich, dass du mich liebst. Ich spüre, dass deine Gefühle echt sind. Das ist nicht das Problem.“ Kurz hielt Gretchen inne.

„Ich wusste es bis heute Morgen selbst nicht, aber anscheinend spukt unsere, oder besser gesagt deine Vergangenheit doch noch in meinem Kopf rum. Ich weiß nicht, was der Auslöser dafür war, dass ich Rot gesehen hab. Vielleicht habe ich genau solche Situationen schon zu oft in meinem Leben erlebt? Ich weiß nicht, ob ich es dir jemals erzählt habe, aber Peter hat mich kurz vor unsere Hochzeit mit einer Arzthelferin betrogen. Ich habe ihn sozusagen in Flagranti erwischt. Und dann habe ich mich im EKH Hals über Kopf wieder in dich verliebt, und dann …“

Unsicher schaute Gretchen zu Marc. Eigentlich wollte sie ihm diese längst vergangenen Dinge nicht zum Vorwurf machen, aber mit einem Mal wusste sie, dass sie diese Dinge zumindest zur Sprache bringen musste. Sie wusste, dass sie diese Dinge von damals belasteten.

Doch bevor Gretchen ihren Satz beenden konnte, tat Marc dies für sie. „…ist dir mit mir das Gleiche passiert.“

Gretchen war verblüfft. „Dass du dich daran noch erinnern kannst? Damals in deiner Wohnung mit Gabi. Als wir deine Wohnungstür aufgebrochen haben. Das hat mich so sehr getroffen.“ Marc nickte zerknirscht.

„Na ja, und die Sache mit der Schwester vom Knechtelsdorfer war zwar nicht in Flagranti, aber irgendwie auch mehr als eindeutig.“ Gretchen machte eine kurze Pause, um ihre Gedanken zu sortieren.

„Vielleicht hat mein Gehirn einfach im falschen Augenblick die alten Erlebnisse wieder hervorgekramt?“ Gretchen zuckte mit den Achseln. „Ach was weiß ich. Ich weiß ja jetzt, das es Unfug war.“

Ungläubig fing Marc ihren Blick auf. „Bist du dir sicher, dass das schon alles war? Du siehst nämlich so aus, als ob das eben noch nicht alles war.“

Wieder dachte Gretchen über ihre nächsten Worte nach. Schließlich wollte sie Marc nicht verletzten. „Also, wenn ich hier schon die Hosen runterlassen muss, dann richtig.“ Tief atmete sie ein und aus.

„Für mich ist das einfach irgendwie komisch. Ich kann das nicht richtig beschreiben. Aber was Sex angeht, sind wir beide so unterschiedlich.“

Grinsend fällt Marc ihr ins Wort. „Echt, ist mir irgendwie noch gar nicht aufgefallen. Ich finde, dass wir total gut zusammen passen und gar nicht so unterschiedlich sind.“

„Jetzt hör mir doch mal zu. Mir fällt das hier wirklich nicht leid. Also lass mich bitte ausreden. Sonst überlege ich mir das nämlich noch mal.“ Gretchen spürte, wie ihr schon wieder diese unangenehme Hitze in den Kopf stieg. Inständig hoffte sie, dass Marc dieses peinliche Erröten nicht bemerkte.

„Natürlich sind wir unterschiedlich. Total. Du hattest früher immer und überall Sex. Und ich habe noch nie in meinem Leben einen One Nicht Stand gehabt, geschweige denn schon mal die Wohnung dafür verlassen. Ich bin im Gegensatz zu dir total verklemmt. Ich werde ja sogar rot, wenn ich mit dir darüber rede.“

„Gretchen, das stimmt doch gar nicht. Vielleicht warst du früher verklemmt. Aber ich versichere dir“, er lächelte, „du bist bestimmt nicht verklemmt. Wie kommst du denn auf so’nen Unfug?“

„Ne Marc, lass mich mal ausreden. Du hast seit der Schule keinen Hehl daraus gemacht, wann und mit wem du Sex gehabt hast. Und so wie du geredet hast, hattest du immer Sex. Mit allen, die es wollten. Wenn ich mich recht erinnere, war da doch in der Oberstufe sogar eine Referendarin dabei.“

Ja, aber die hat mich angemacht. Eigentlich konnte ich ja gar nichts dafür.

„Und dann hast du während des Studiums mit Lars und Cedric zusammen in dieser WG gewohnt. Was ihr da mit den Frauen getrieben habt, will ich lieber gar nicht wissen. Ich sage nur ein Stichwort: Wette.“

Gut, diese Frauenwetten waren ja noch eher harmlos. Wenn ich da an die zwei Germanistikstudentinnen denke, die damals bei uns ein- und ausgegangen sind… Das darf Gretchen wirklich nie erfahren!

„Und als ich am EKH angefangen habe, hattest du diese zweifelhafte Beziehung zu Gabi, ich habe Nina kennengelernt und ich weiß, dass du was mit der Knechtelsdorfer hattest. Marc, du hast doch nie etwas anbrennen lassen. Und ich will nicht wissen, wie viele Frauen du schon insgesamt in deinem Leben hattest. Von Mehdi weiß ich, dass du auch mal was mit Anna hattest, als sie noch eine Prostituierte war.“

Mann, warum kann der Idiot nicht mal irgendetwas für sich behalten. Was soll Gretchen denn jetzt von mir denken?

„Mann Marc, merkst du nicht, dass das zwei verschiedene Welten sind, aus denen wir kommen?“ Ohne Punkt und Komma redete Gretchen jetzt weiter. „Und ich muss gar nicht alle Frauen gesehen haben, um mir auszumalen, wie sie aussahen. Ich würde wetten, dass all diese Frauen in deinem Leben äußerst attraktiv waren.“ Gretchen lachte auf. „Schlank und sehr hübsch. Svantje war jetzt deine erste richtige Beziehung. Aber auch sie ist so eine tolle Frau.“ Unsicher schaute Gretchen Marc an.

„Ich hab halt einfach das Gefühl, dass ich mit all diesen Frauen nicht mithalten kann. Weder optisch, noch…“ Gretchen sprach nicht weiter.

„Was noch?“ Marc hakte ungeduldig nach.

„Na ja, im Bett.“ Betreten schaute sie ihn an.

Schweigen.

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“ Sein erster Impuls wäre ein lauter Schrei gewesen. Ja, Marc hätte schreien können. Diese Frau war einfach unglaublich. Unglaublich kompliziert! Aber er wusste, dass das alles noch schlimmer gemacht hätte. Marc wusste, dass er jetzt anders vorgehen musste. Behutsam. Er musste Gretchen diese Zweifel nehmen. Sonst würden diese Zweifel ihm irgendwann Gretchen nehmen.

Abrupt blieb Marc stehen. Stellte die Reisetasche auf den Boden, zog sich seine dicken Handschuhe aus und stopfte sie in seine Jackentaschen. Einen rechts und einen links. Sofort spürte er die schmerzhafte Kälte an seinen Fingern. Mit seinen Händen umfasste er ihre Wangen. Sein Gesicht war nah vor ihrem. Seine grünen Augen durchbohrten sie regelrecht, als er leise begann, zu sprechen. Spontan. Unüberlegt.

„Gretchen? Hast du dir das alles in den paar Tagen ausgedacht, in denen wir uns nicht gesehen haben? Ich glaube, dann sollte ich dich besser nicht mehr alleine lassen. Wer weiß, was du dir dann beim nächsten Mal zusammenreimst?“ Zärtlich strich er mit seinem Daumen über ihre Wange. Er konnte ihre kühle Haut spüren.

„Weißt du, ich könnte jetzt viel sagen. Aber das Blöde an der Sache ist ja, dass du mit dem, was du gesagt hast, recht hast. Ja, ich habe früh damit angefangen, Sex zu haben und es hat mir immer viel Spaß gemacht. Und weißt du, es war auch immer sehr einfach für mich. Irgendwie habe ich immer die Frauen bekommen, die ich wollte. Daraus hat sich dann auch dieses Spiel mit Lars und Cedric ergeben. Ja, Frauen waren für mich immer ein Spiel. Mit dir hatte ich übrigens zum ersten Mal eine Frau vor mir, die dieses Spiel nicht mitgespielt hat.“ Er lacht.

„Du warst eben schon immer etwas ganz Besonderes. Aber zurück zum Thema. Es stimmt schon, wenn du sagst, dass ich viele Frauen hatte und viel ausprobiert habe. Aber diese Zeit ist vorbei. Sie ist schon lange vorbei. Und ich vermisse nichts. Aber … “

Gretchen stockte der Atem.

„ … aber wie um alles in der Welt kommst du darauf, dass du mit diesen Frauen nicht mithalten kannst? Was ist das denn für ein Quatsch? Du musst doch mit diesen Frauen gar nicht mithalten. Gretchen, du spielst doch in einer ganz anderen Liga. Dich unterscheidet nämlich ein ganz kleines, aber nicht gerade unbedeutendes Detail von all diesen Frauen, über die du dir so ausführlich dein entzückendes Köpfchen zerbrochen hast. Egal, ob sie ein One Night Stand waren oder ich eine Beziehung mit ihnen hatte.“

Leicht berührten sich ihre Nasenspitzen.

„Margarete Haase, ich – liebe – dich! Und das macht dich zu einer ganz besonderen Frau.“ Sein Mund berührte ihre kalten Lippen.

„Nämlich zu der Frau, die ich nicht mehr hergeben möchte. Nie wieder.“

Pippi Langstrumpf Offline

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02.02.2012 14:48
#70 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

72 Oslo – Januar 2015

Sie ließen sich treiben.

Überall um sie herum war warmes Wasser. Warmes Wasser, das ihre ausgekühlten Körper wohlig warm kribbeln ließ. Warmes Wasser, das sie umhüllte und ihnen ein Gefühl von Geborgenheit gab. Warmes Wasser, das sich langsam wieder beruhigte.

Sie saß auf seinem Schoß und hatte sich ganz eng an seinen starken Oberkörper geschmiegt. Ganz eng hatte sie ihre Arme um seine Schultern gelegt. Mit jedem ihrer Atemzüge konnten sie sich spüren. Nah. Noch näher. Auch er hatte seine Arme um ihren zarten Oberkörper geschlungen und hielt sie ganz fest, als wolle er sie nie wieder los lassen. Er spürte, dass sich unter seinen Fingern eine zarte Gänsehaut auf ihrem Rücken ausbreitete. Er versuchte sie mit seinem Körper zu wärmen. Ihre Gesichter waren auf einer Höhe. Wange an Wange saßen sie im warmen Wasser und ließen sich treiben. Erschöpft. Sie sagten nichts. Und dennoch war es nicht ganz still. Sie konnten ihren Atem hören. Noch immer tobte es in ihnen. Noch immer spürten sie ihre Herzen kräftig pochen. Noch immer spürten sie dieses unbeschreibliche Glückgefühl, das sich explosionsartig in ihren Körpern ausgebreitet hatte. Noch immer waren sie Eins.

Gretchen war gerührt von Marcs Worten. Sie weinte. Vor Rührung. Langsam liefen ihre heißen Tränen über ihre eiskalten Wangen. Das war ein unangenehmes Gefühl. Umso schöner war aber das Gefühl in ihrem Herzen. Das Gefühl, das Marcs unvergleichliche Liebeserklärung in ihr ausgelöst hatte. So etwas Schönes hatte noch nie ein Mann zu ihr gesagt. Hätte Gretchen nicht Marcs, vermutlich sehr teures, Rennrad in den Händen gehalten, sie wäre ihm übermütig um den Hals gefallen.

„Ich liebe dich auch! Ganz doll sogar. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich jetzt gerne weitergehen. Mir ist mittlerweile so kalt, dass mir schon alles weh tut. Ist es denn noch weit?“

„Noch fünf Minuten, wenn wir schnell laufen noch drei.“

Also liefen sie schnell. Sehr schnell sogar. Trotzdem ergriff Gretchen nach einer Weile wieder das Wort, obwohl sie schon etwas aus der Puste war. „Marc, du bist toll! Wirklich! Das, was du da gerade zu mir gesagt hast, das hat mir total gut getan.“

Sie lachte glücklich. „Das war genau das, was ich hören wollte.“, fügte dann aber mit einem etwas ernsteren Unterton hinzu. „Aber weißt du, das ist auch genau das, was in mir immer diese komischen Gefühle hervorruft. Du bist einfach so anders als früher. Du bist einfühlsam und verständnisvoll. Du sagst so wunderschöne Sachen. Wann bitte hast du das jemals getan? Ich habe einfach Angst davor, dass diese schöne Zeit mit dir irgendwann einfach vorbei ist. Das ich aufwache und alles nur ein wunderschöner Traum war.“ Fragend blickte sie ihn an. „Verstehst du, was ich meine?“

Marc nickte. „Aber glaubst du, dass es mir anders geht? Auch ich denke darüber nach, ob ich deinen Ansprüchen genüge.“

„Im Bett?“ Gretchens Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

Der Schalk blitzte in Marcs Augen auf. „Nein, dass ich diesbezüglich über hervorragende Qualitäten verfüge, hast du mir bereits auf sehr eindrucksvolle Weise zu verstehen gegeben.“

Die unangenehme Kälte kaschierte das dunkelrote Gesicht von Gretchen. Glücklicherweise hatte Marc aber schon wieder ganz andere Sachen im Kopf. „So, wir sind übrigens gleich da. Noch eine Straße, dann haben wir den norwegischen Winter bezwungen. Mir ist echt arschkalt. Sag mal, meinst du, wir könnten noch ein ganz kleines bisschen schneller laufen?“

Gemeinsam betraten sie seine Wohnung. Zuvor hatte Marc noch schnell sein Rad in den entsprechenden Kellerraum gestellt und die Post aus dem Briefkasten genommen. Ein riesiger und auch ziemlich dicker, brauner Umschlag. Insgeheim fragte sich Gretchen, was Marc da wohl geschickt bekommen hatte und von wem. Aber diesen Gedanken hatte sie bereits vergessen, als Marc ihr ganz wie ein Gentleman die Tür zu seiner Wohnung aufhielt und dann mit ihr gemeinsam in den geräumigen Flur trat. Wieder hatte Gretchen ein mulmiges Gefühl, als sie sich mit einem Blick einen Eindruck von den Räumlichkeiten, die sie auf die Schnelle erspähen konnte, machte.

Hier hat er also mit ihr gewohnt. Hör auf! Du musst damit aufhören. Außerdem hat er auch in deinem Bett geschlafen, in dem du mit Markus … Also, gleiches Recht für alle.

Marc war hinter sie getreten und nahm ihr den Mantel ab, nachdem er sie zuvor schon von ihrer Mütze, ihren Handschuhen und ihrem Schal befreit hatte.

„Herzlich willkommen bei mir in Oslo.“ Marc lächelte Gretchen freudestrahlend an, während er sich selbst aus seinem Parka und seinen Boots befreite. Möbel gab es im Flur nicht. Er legte einfach alles auf den Boden.

Dann nahm er sie an die Hand und führte sie in das wunderschöne Wohnzimmer. Es gab viele Fenster, weshalb das Zimmer trotz der nicht vorhandenen Sonne erfreulich hell war. Am Telefon hatte Marc Gretchen einmal zu beschreiben versucht, wie er wohnte, aber so ganz schien es ihm nicht gelungen zu sein. Gretchen war von dieser geschmackvollen Wohnung sehr beeindruckt. So riesig hatte sie sich die Zimmer gar nicht vorgestellt.

Ihr Blick fiel auf den edlen Holzboden. „Na das Parkett kenn ich ja schon.“, lachte sie. „Hä?“ Jetzt Hatte Marc das Fragezeichen auf seiner Stirn.

„Na dein Brief, dein Liebesbrief mit dem Foto. Seit dem frage ich mich, wie das dazugehörige Zimmer wohl aussieht. Ich finde es übrigens sehr schön, wenn auch etwas kahl. Aber das ist ja in diesem Fall eher positiv zu bewerten.“ Wieder lachte Gretchen. „Übrigens könntest du mir mal wieder so einen netten Brief schreiben. Frauen mögen sowas.“ Fügte sie mit einem frechen Augenzwinkern hinzu, bevor sie ihre Arme um Marcs Hals schlang.

„So so, Frauen mögen das. Und was mögen Frauen noch so alles? Schmuck, teure Autos, schicke Klamotten? Oder in deinem Fall doch lieber etwas Warmes zu trinken? Deine Hände sich ja eiskalt! “ Schnell griff er in seinen Nacken und nahm ihre ausgekühlten Hände in die seinen, die zumindest etwas wärmer waren. „Da bekommt man ja Frostbeulen.“

„Äh, wenn ich ehrlich bin, hatte ich da eher an ein warmes Bad oder eine heiße Dusche gedacht.“ Scheu lächelte sie ihn an. „Mit dir zusammen?“

"Selbstverständlich mit mir zusammen." Er lächelte verwegen und führte sie dann wortlos an der Hand in das geräumige Badezimmer. Marc war froh, dass an diesem Morgen seine Putzfrau Frau Björndalen ihren montäglichen Wohnungsputz absolviert hatte und aus diesem Grunde nicht mal mehr eine Unterhose von ihm herumlag. Während Gretchen sich noch staunend in diesem Traum von einem Badezimmer umblickte, betätigte Marc schnell den Regler für die Fußbodenheizung, die er am Morgen herunter gedreht hatte. Denn schließlich hatte er ja keinen Besuch erwartet, der dann auch noch völlig unterkühlt in seinem Badezimmer landen würde.

Und Gretchens Augen begannen zu glänzen. Noch nie hatte sie in einer Eckbadewanne ein Bad genommen. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. Duschen konnte sie auch zu Hause. „Ich hätte dann gerne das Vollbad.“

Natürlich hatte Marc mit keiner anderen Entscheidung seiner Freundin gerechnet. Wer würde sich schon für eine schnöde Dusche entscheiden, wenn er ein Bad in einer wirklich geräumigen Badewanne haben konnte. Noch dazu mit ihm zusammen. Während Marc das Wasser in die Wanne laufen ließ und dessen Temperatur mit der Innenseite seines Unterarmes kontrollierte, ärgerte er sich kurz darüber, dass er keinen geeigneten Badezusatz im Haus hatte. Etwas Sinnliches. Sein sportliches Herrenduschgel mit Cool-Effekt schied ja wohl als Duftessenz eher aus. Zumal Marc schon ziemlich konkrete Vorstellungen von ihrer gemeinsamen Badezeremonie zu haben schien. Gretchen im Übrigen auch.

„Gibt es denn hier keinen Ausziehservice?“

Grinsend ging er auf Gretchen zu.

Die soll noch mal behaupten, dass sie verklemmt ist.

Eifrig griff er nach dem Bündchen ihres Pullovers und zog ihn ihr über den Kopf. „Entschuldige meine Nachlässigkeit. Ausziehen ist natürlich inklusive.“

Und während er damit begann, die Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen, schaute er Gretchen mit einem durchdringenden Blick in die Augen. Er konnte in ihren Augen dieses ganz besondere Blitzen sehen. Dieses ganz besondere Blitzen, das ihn alles um sich herum vergessen ließ. Dieses Blitzen, das ihn nur noch an Eines denken ließ.

Als er seinen Blick nach unten wandern ließ, um die letzten Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen, sah er bereits das rosafarbene Kleidungsstück durch den Spalt der Knopfleiste blitzen. Rosa Spitze und ein Hauch von Seide.

Strike! Er ist rosa! So und jetzt wette ich auf‘ s Höschen. Ob sie wohl auch ne Strumpfhose trägt? Ich liebe sie in diesen Dingern.

Seine Finger öffneten gekonnt den Knopf ihrer Jeans, nachdem die Bluse ihren Weg auf den dunkelgrau gefliesten Fußboden gefunden hatte. Während er langsam in die Knie ging, entblößte er ihre Beine. Zentimeter für Zentimeter. Wohl darauf bedacht, sie so oft, aber so unauffällig wie möglich an ihren nackten Beinen, die ebenso wie ihre Hände eisig kalt waren, zu berühren. Eine Strumpfhose trug Gretchen an diesem Tag leider nicht, wie Marc bereits für sich registriert hatte. Dafür aber eine wunderschöne Unterhose, die ihm fast den Verstand raubte. Natürlich in Farbe und Aussehen abgestimmt auf das Pendant an ihren entzückenden Brüsten. Schnell war Gretchen aus der Hose herausgeschlüpft. Marc kniete sich zu ihren Füßen und begann zärtlich, selbige aus ihrer Bekleidung zu befreien. Sogar die Socken waren an diesem Tag rosa. Marc musste in sich hinein grinsen. Auch ihre Zehen waren eiskalt.

Jetzt trug sie nur noch ihre Unterwäsche, ihre silberne Kette und, wie Marc zufrieden bemerkte, sein Armband. Marc stellte sich wieder vor Gretchen, griff nach ihren Schultern und drehte sie herum. Vorsichtig legte er die wunderschönen blonden Haare über eine ihrer Schultern, so dass er ohne Weiteres den Verschluss des unglaublich sinnlichen BHs öffnen konnte. Achtlos ließ er das verführerische Kleidungsstück auf den Boden fallen.

Zärtlich wanderten seine Lippen an ihr Ohr. Er flüsterte, was Gretchen eine unglaubliche Gänsehaut in ihrem Nacken bescherte. „Es war mir eine Ehre, dich ausziehen zu dürfen. Hab ich dir eigentlich schon mal gesagt, dass ich dich total scharf finde?“ Und nachdem er das gesagt hatte, kniete er sich erneut auf den Boden und befreite einen wohlgeformten Po von dem letzten, noch verbliebenen Kleidungsstück.

„So und jetzt ab in die Wanne.“

Und ehe Gretchen noch etwas erwidern konnte, hatte Marc sie schon, nackt wie sie war, auf seinen starken Arm genommen und sie sanft im heißen Wasser abgelegt.

Pippi Langstrumpf Offline

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04.02.2012 12:23
#71 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

73 Oslo – Januar 2015

Gretchen spürte überall in ihrem Körper ein angenehmes Kribbeln. Wohlig. Warm. Schön. Wie eine warme, beschützende Hülle umspielte das Wasser ihren ausgekühlten Körper. Gretchen spürte, das ihre eingefrorenen Zehen und Finger langsam wieder auftauten. Mit einem zufriedenen Seufzer streckte sie sich ihrer gesamten Länge nach aus. Beeindruckend, wie viel Platz sie in dieser Badewanne hatte. Ihre heimische Wanne bot ihr da doch deutlich weniger Freiraum. Leider hatte sie im Eifer des Gefechtes vergessen, ihre Haare hochzustecken. Aber dafür war es jetzt, nachdem Marc sie so behutsam im Wasser abgelegt hatte, eh zu spät. Ihre Haare waren bereits nass.

Gedankenverloren schaute sich Gretchen in dem schicken Badezimmer um. Die Wände waren in einem hellen Grau gefliest. Große rechteckige Fliesen, die ungewöhnlich groß waren. Der Boden war in einem dunkleren Grau gefliest und auch hier waren die Rechtecke von einer ungewöhnlichen Größe.

Typisch Marc, nobel geht die Welt zu Grunde.

Dachte Gretchen grinsend, während ihr Blick nun auf eben diesen fiel, der sich in Windeseile seine Klamotten vom Leib riss und achtlos auf dem Boden verteilte. Pullover. T-Shirt. Jeans. Dem folgten enganliegende weiße Unterhosen, die Marc immer trug, wenn er zur Arbeit ging und dunkelblaue Socken, die ein kleines grünes Krokodil zierte. In einem überdimensionierten Spiegel, der über dem edlen Designerwaschtisch gegenüber der Badewanne hing, hatte Gretchen einen hervorragenden Ausblick auf die entzückende Hinteransicht ihres Freundes. Ein unglaublich definierter Rücken und ein knackiger Hintern. Zwei feste Pobacken. Bewunderung machte sich in Gretchen breit.

Hätte Marc ihr nicht vor einer guten halben Stunde mehr als glaubhaft versichert, dass sie für ihn etwas ganz Besonderes war, dass sie die Frau war, die er liebte, spätestens jetzt, beim Anblick seines perfekten Körpers, hätten sich in Gretchen ausgeprägte Minderwertigkeitskomplexe breit gemacht. Mal wieder. Aber Gretchen erstickte diese Empfindung im Keim und sofort gewann ein wunderschönes Gefühl von Selbstsicherheit wieder die Oberhand. Nicht zuletzt, weil sich in ihren Adern bereits ein Cocktail anregender Hormone ausgebreitet hatte. Ein kleines Teufelchen auf Gretchens Schulter machte daraufhin eine eindeutige Siegergeste.

„Also für mich hättest du dich wirklich ein bisschen langsamer ausziehen können. So schnell hab ich ja gar nichts sehen können. Mich konntest du ja schließlich auch in aller Ruhe anschauen, während du mich ausgezogen hast. Wo bleibt denn da die Gleichberechtigung?“

Kokettierte sie, als Marc über den Wannenrand kletterte und sich ins warme Wasser gleiten ließ. Sofort schmiegte er sich eng an Gretchens weichen Körper an. Auch Marc empfand die Wärme des Wassers im Kontrast zu seinem ausgekühlten Körper als ungemein angenehm. Und in Kombination mit Gretchens aufregendem Körper sogar als ungemein anregend.

„Willst du jetzt ne ehrliche Antwort oder krieg ich dann eine gescheuert?“

Seine grünen Augen funkelten Gretchen herausfordernd an.

„Ich würde sagen, du lässt es auf einen Versuch ankommen, achtest ein wenig auf deine Wortwahl und rechnest einfach mit dem Schlimmsten. Dann tut es auch nicht so weh.“ Konterte Gretchen, die sehr wohl wusste, worauf ihr Freund hinaus wollte.

Irgendwie spürte sie es schon, seit dem sie die Wohnung betreten hatten. Diese Spannung zwischen ihnen. Dieses gewisse Etwas, das sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, wie die Wolkentürme am Himmel an einem schwülen Sommertag. Auch in ihrem eigenen Körper konnte Gretchen diese Spannung spüren. Als Marc sie vorhin so zärtlich ausgezogen hatte, da war dieses Gefühl schon fast unerträglich geworden. In ihrem Bauch. Zwischen ihren Beinen. Überall hatte es gekribbelt und geprickelt.

Und jetzt im Wasser ging es ihr genauso. Da war wieder dieses aufregende Kribbeln und Prickeln. Diese Wärme in ihrem Bauch, zwischen ihren Beinen. Sie konnte ihn spüren. Marc war ihr ganz nah. Ihre Brüste drückten sich fest gegen seine Brust und auch ihre Bäuche berührten sich. Ein Hauch von einer Berührung. In ihrem Schoß konnte Gretchen spüren, dass sich auch in Marcs Körper diese einzigartige Spannung aufgebaut hatte.

Natürlich wusste Gretchen, was er gleich sagen würde. Schließlich ging es ihr nicht anders. Und sie kannte Marc gut genug um zu wissen, dass er gewisse Dinge einfach aussprechen wollte. Verschmitzt schaute er sie an.

„Gut, du willst eine ehrliche Antwort, du bekommst eine ehrliche Antwort. Der Anblick deines nackten Körpers hat mein Blut in Wallung gebracht. Dem muss jetzt Abhilfe geschaffen werden. Oder einfacher ausgedrückt. Ich will jetzt und auf der Stelle mit dir Liebe machen!“ Seine Lippen berührten schon fast die ihren. Er flüsterte erregt. „Gretchen, ich hab richtig Bock auf dich. Scheuerst du mir jetzt eine?“

Aber Gretchen hatte bereits ihre Augen geschlossen und erwartete mit einem verlangenden Ausdruck auf ihrem Gesicht seine Lippen.

Sein Plan war übrigens ein anderer gewesen. Während Marc Gretchen auszog, hatte er mit einem Mal diese Idee in seinem Kopf. Eine Idee, die mit jedem Kleidungsstück, das er von Gretchens Körper entfernt hatte, an Konkretheit gewann. Er wollte sie verwöhnen. Mit einer sinnlichen Kopfmassage. In seiner Phantasie saß er hinter ihr in der riesigen Badewanne und massierte sie. Grub seine Finger in ihre aufregenden Haare. Er stellte sich vor, wie seine Finger dann später langsam über ihren Hals und ihr Dekolleté bis hin zu ihren aufregenden Brüsten wandern würden. Er konnte sogar die Wasserperlen auf ihrer Haut sehen. Er stellte sich vor, wie seine Fingerspitzen die Konturen ihrer dunkelroten Brustwarzen entlangfuhren. Er liebte dieses Spiel zwischen seinem und ihren Körper. Er liebte es, wenn er sah, dass es ihr gefiel. Wie gesagt, das war nur eine Phantasie von Marc. Die Realität sah an diesem Tag anders aus.

Sie küssten sich. Leidenschaftlich. Wild. Gierig. Dieser Kuss hatte nichts Zartes. Er war nicht zärtlich oder gar unschuldig. Nein, dieser Kuss brachte zum Ausdruck, was sie beide wollten. Sex.

Fordernd begannen sie, ihre Körper zu berühren, zu streicheln, zu liebkosen. Sie erregten sich dort, wo es ihnen die größte Lust bereitete. Gegenseitig. Eine Ewigkeit. Ein zügelloses Verlangen aufeinander machte sich in ihnen breit und nahm ihnen die Luft zum Atmen. Ihre Herzen rasten. Ihre Körper bebten.

„Ich halt‘ s nicht mehr aus.“, drang ein Keuchen an Gretchens Ohr. „Komm auf mich rauf!“ Er liebte es, wenn Gretchen auf ihm war und er wusste nach der Woche in Berlin, dass sie es noch mehr liebte.

Langsam und vor Erregung zitternd setzte sie sich auf seinen Schoß. Kurz war Gretchen überrascht, dass die Wanne das möglich machte. Aber dann war sie wieder gefangen genommen von ihrer unbändigen Lust. Sie wollte ihn endlich spüren. In sich. Ganz. Tief. Sie klammerte sich an seine Schultern. Hielt ihn fest. Zitterte. Langsam begann sie, sich auf ihm zu bewegen. Quälend langsam. Ein Spiel, das sie beide rasend machte. Ein Spiel, das sie fast um den Verstand brachte. Lust, die sie bis in die Haarspitzen ausfüllte. Lust, die sie erzittern ließ. Lust, die sie fast zerriss.

Gretchen war frei. Sie ließ sich gehen und Marc folgte ihr. Bedingungslos. Sie bewegte sich immer schneller im Rhythmus ihres Atems. Ein lustvolles Aufstöhnen. Von ihr. Von Marc. Von ihnen beiden. Immer und immer wieder. Langsam wurde dieses Spiel für beide zu einer unerträglichen Qual. Sie hatten das Gefühl, ihre Erregung herausschreien zu müssen. Extase.

Bebend klammerten sie sich aneinander. In ihrem Innern tobte das erlösende Gewitter.


Ich freue mich auf eure Kommentare!

Pippi Langstrumpf Offline

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09.02.2012 00:09
#72 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

74 Berlin – Juni 2015

Ein krachender Donnerschlag hallte durch die Stille der Nacht.

„Marc, schläfst du?“, flüsterte Gretchen leise, wohl darauf bedacht, ihn nicht zu wecken, falls er es denn dann doch tat. Trotz des Gewitters, das schon eine ganze Weile über Berlin tobte. Trotz des angsteinflößenden Donnerschlages vor wenigen Sekunden, der Gretchen das Blut in den Adern gefrieren ließ. In ihren Fingerspitzen spürte sie dieses unangenehme Kribbeln, dass man nur nach außergewöhnlich intensiven Schrecksekunden verspürte und ihr Herz hämmerte unkontrolliert. Gretchen hatte Angst. Große Angst.

Noch am Abend, als Marc und Gretchen müde und völlig erschöpft von ihren letzten Umzugsvorbereitungen ins Bett gefallen waren, hatte es keinerlei Anzeichen für ein derartiges Unwetter gegeben. Es war heiß in Gretchens Schlafzimmer, geradezu schwül. Und auch die weit aufgerissenen Fenster erfüllten an diesem Abend nicht ihren Zweck, da das schwache Lüftchen, das sie hereinließen, nicht die so dringend benötigte Abkühlung brachte. Übrigens auch nicht das Unwetter. Es windete zwar heftig, aber für die erhoffte Abkühlung war es noch immer viel zu heiß. Und es regnete kaum. Trotz der beängstigenden Weltuntergangsstimmung.

„Ich glaube kaum, dass es Menschen in und um Berlin gibt, die nach diesem Donnerschlag noch schlafen. Was ist denn?“, fragte Marc belustig in die Dunkelheit, obwohl er eine ziemlich genaue Vorstellung davon hatte, was Gretchen von ihm wollte.

„Meinst du, du könntest mich ganz fest in den Arm nehmen? Ich mag doch kein Gewitter.“ In ihrer Stimme schwang ein kindlicher Unterton mit.

Gretchen war bereits ganz dicht an ihren Beschützer heran gerobbt und wartete nun darauf, dass er seine Arme ausbreitete. Was er natürlich umgehend tat. Beschützend und Sicherheit spendend. Umgehend wanderte seine Finger unter ihr dünnes Shirt und begannen, beruhigend über die nackte Haut ihres Rückens zu streicheln. Er genoss es sichtlich, den Beschützer spielen zu können. Marc lächelte glücklich und zufrieden bis über beide Ohren, als er spürte, dass sich Gretchen schutzsuchend an seine unbekleidete Brust klammerte. In dieser Nacht, wie auch in den heißen Nächten zuvor, trug er ausschließlich Boxershorts.

Schon immer hatte Gretchen Angst vor Gewittern. Schon ihr ganzes Leben lang. Als sie noch ein Kind war, war sie bei jedem Gewitter in das Bett ihrer Eltern gekrabbelt und hatte es sich dort raumgreifend in der Besucherritze gemütlich gemacht. Nicht selten hatten ihre Eltern in solchen Nächten kein Auge mehr zugebekommen, während Gretchen selig schlummernd in den Haaren ihrer Mutter wühlte und ihrem Vater den einen oder anderen Tritt in die Nierengegend zukommen ließ. Später hielt sie dann in Gewitternächten ihre jeweiligen Freunde auf Trab. Und war sie dann doch auch einmal alleine, machte sie in jedem Zimmer ihrer Wohnung Licht und versuchte, sich mit einem Liebesroman abzulenken. Krimis waren ihr zu aufregend und den Fernseher sollte man ja bei Gewitter nicht anstellen. Daran hielt sich Gretchen natürlich strikt.

Und diese tiefsitzende Angst vor Gewittern führte auch dazu, dass Gretchen in dieser Nacht noch kein Auge zugemacht hatte. Zumindest war das Gewitter ein Grund. Der zweite Grund lag neben ihr, beziehungsweise mittlerweile eher unter ihr.

Plötzlich flüsterte Gretchen wieder. „Ich bin so aufgeregt wegen morgen. Du auch?“

Etwas genervt, weil hundemüde und gerade wieder am Wegdösen, ließ sich Marc zu einer Antwort hinreißen. „Wenn ich ehrlich bin, hält sich meine Aufregung in Grenzen. Ist doch nur ein Umzug. Und den machen wir ja nicht mal selbst. Wir müssen denen doch nur die Tür aufschließen und sagen, wo der ganze Kram hin soll.“, murmelte er. Während seiner letzten Worte hatte Marc bereits wieder seine Augen geschlossen. Nicht aber seine Freundin.

„Ja, aber das ist doch morgen ein ganz besonderer Tag für uns. Schließlich ziehen wir morgen ganz offiziell zusammen. Das bisher war doch nur ein langer, wenn auch sehr schöner, Besuch bei mir. Und außerdem warst du davon vier Wochen in Sydney bei Professor Howard. Das zählt also nicht. Aber morgen wird es richtig ernst. Morgen beginnt sozusagen der Ernst unseres gemeinsamen Lebens.“

Marc hatte seine Augen wieder geöffnet. Die Art und Weise, wie Gretchen drauflos plauderte, wie ihre Stimme klang und wie sie sich mittlerweile etwas aufgerichtet hatte, ließ ihn vermuten, dass ihr Gesprächsbedarf zu dieser späten Stunde leicht erhöht war. Und da das Unwetter noch unverändert über Berlin tobte, ließ er sich eben auf dieses Gespräch ein. Er hatte ja sowieso keine Wahl.

„Willst du mir jetzt etwa Angst machen.“ Er ließ seine Nase in ihren Haaren verschwinden, um ihren lieblichen Duft zu inhalieren. „Dafür ist es jetzt aber leider viel zu spät.“

Plötzlich hörte er Gretchen in der Dunkelheit kichern.

„Was ist denn jetzt so witzig?“

„Ich muss gerade an dein süßes Gesicht denken, das du gemacht hast, als du mich gefragt hast, ob ich mit dir zusammenziehen möchte. Damals, als ich zum ersten Mal bei dir in Oslo war.“ Marc konnte jetzt Gretchens Kinn spüren, das sich etwas schmerzhaft in seine Brust bohrte.

„Irgendwie hast du ja schon ausgesehen, wie ein Kaninchen vor ‘ner Schlange.“

Marc überlegte. „Schlange. Ich finde, das trifft es in deinem Fall schon ganz gut.“

Marc wusste, dass Gretchen ihn nur aufziehen wollte. Das hatte sie schon öfter getan, seit dem er sie mit seinem Jobangebot überrascht und sie bei dieser Gelegenheit gefragt hatte, ob sie sich wohl vorstellen könnte, mit ihm Bett, Tisch und Sofa zu teilen. In Berlin. Zugegebenermaßen hatte er sich damals tatsächlich etwas unwohl in seiner Haut gefühlt. Andererseits machte man(n) ja auch nicht alle Tage bei der Liebe seines Lebens eine solche Anfrage.

Aber Marc wäre nicht Marc, wenn er nicht umgehend zu einem Konter sondergleichen ausgeholt hätte. Natürlich. „Süße, weißt du, daran kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Scheint für mich also ein nicht so einschneidendes Erlebnis gewesen zu sein.“ Er grinste, wohl wissend, dass das eine ganz dreiste Lüge war. „Aber weißt du, woran ich mich noch ganz genau erinnern kann?“ Langsam holte er zu seinem Gegenschlag aus. „An dein erstes Mal.“

„Hä, mein erstes Mal?“ Eine leichte Röte überzog bereits ihr Gesicht und ihren Hals. Natürlich wusste sie, worauf er anspielte.

„Ja, an dein erstes Mal außerhalb einer Wohnung.“

Stille. Er konnte fast hören, dass sie dunkelrot wurde. An den Ohren, im Gesicht, am Hals. Überall.

Marc hatte seinen Konter exakt platziert, war aber noch nicht am Ende. Er grinste frech. „Und jetzt behaupte bitte nicht, dass du dich nicht mehr erinnern kannst. Denn das, meine liebe Margarte Haase, wäre schlicht und ergreifend gelogen. Wie wir beide nur zu gut wissen.“

Für einen kurzen Moment hatte er ihr den Wind aus den Segeln genommen. Aber wie gesagt, nur für einen kurzen Moment, dann hatte sie sich wieder gefangen.

„Weißt du Marc, auch wenn du heute mal wieder das letzte Wort haben musstest, vergiss eines nicht. Zu solchen amourösen Abenteuern gehören immer noch zwei. Verscherz es dir also nicht mit mir.“ Jetzt grinste Gretchen frech. Ja, sie hatte viel in den letzten sechs Monaten von ihrem ehemaligen Oberarzt gelernt.

„Du Biest.“

„Ich hab dich auch lieb, mein Schatz.“

Mit einem Mal sah er sie wieder vor sich. Damals, vor einem halben Jahr. Sie hatten sich geliebt. Voller Verlangen. Er hatte sie in ein großes, dunkelblaues Saunahandtuch gehüllt und eigenhändig in sein Bett verfrachtet. Natürlich nicht, ohne vorher jeden Zentimeter ihres aufregenden Körpers liebevoll trocken getupft zu haben. Ihren Kopf zierte ein ebenfalls dunkelblauer Handtuchturban.

Marc erinnert sich noch genau an ihre geröteten Wangen. Zuerst die Kälte des winterlichen Oslos, dann die Hitze, die das gemeinsame Vollbad mit sich gebracht hatte. In diesem Moment sah sie wunderschön aus. In diesem Moment durchflutete Marc ein unbeschreibliches Gefühl der Liebe.

Sie lag in seinem riesigen Bett. Das Schlafzimmer war inzwischen angenehm warm. Selbstverständlich hatte Marc auch hier die Heizung etwas hochgedreht. Nur zu gut wusste er um die Kälteempfindlichkeit seiner Freundin. Seine schwere Zudecke hatte er Gretchen bis zum Kinn hochgezogen und dann rechts und links unter ihre Schultern geklemmt. Sie war gefangen. Seine Gefangene. Und sie musste sich gezwungenermaßen die vielen kleine Küsse gefallen lassen, die er überall auf ihrem Gesicht verteilte. Gretchen lachte glücklich.

Plötzlich wurde sie still. Ernst blickte sie ihm tief in seine dunkelgrünen, fast braun schimmernden Augen. Unvermittelt begann sie zu sprechen. Leise drangen ihre Worte an sein Ohr.

„Ich liebe dich.“

Mehr sagte Gretchen nicht.

Auch ein gutes halbes Jahr später konnte Marc den Zauber dieses besonderen Momentes spüren. Es kribbelte in seinem Bauch und eine leichte Gänsehaut überzog seinen Körper. Dies war wirklich ein einzigartiger Augenblick zwischen ihm und Gretchen gewesen.

In diesem Augenblick hatte Marc in ihr Herz schauen können. Und dort hatte er etwas entdeckt, ein winziges Detail, das er in diesem zauberhaften Moment ebenfalls in seinem Herzen gespürt hatte.

In diesem Augenblick hatte Marc gewusst, dass er sich ein Leben ohne Gretchen nicht mehr vorstellen konnte.

„Und ich liebe dich."

Pippi Langstrumpf Offline

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12.02.2012 00:07
#73 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

75 Oslo – Januar 2015

Er war ziemlich nervös.

Hektisch rührte Marc ein letztes Mal in seinem thailändischen Curry. Nachdem er geschlagene zwei Stunden in der Küche verbracht hatte und ab und wann durch das Wohnzimmer gewuselt war, ohne dass Gretchen diese beiden Zimmer betreten durfte, machte Marc sich jetzt auf den Weg ins Schlafzimmer, um Gretchen endlich aus ihrer Gefangenschaft zu befreien.

Es war Marc am frühen Nachmittag schwer gefallen, sich von Gretchen zu trennen. Viel lieber hätte er es sich mit ihr zusammen in seinem warmen Bett gemütlich gemacht. Viel lieber hätte er einfach mit ihr zusammen in den Nachmittag hineingelebt. Mit ihr gekuschelt. Mit ihr geredet. Mit ihr geschlafen. Vor allem, nachdem es zu diesem unglaublich magischen Moment zwischen ihnen gekommen war. Ein Moment, der aus einer Bedeutungslosigkeit heraus entstanden war. Aus einer Neckerei, aus einer Albernheit. Ein Moment, der gerade deshalb umso bedeutsamer war. Ein Moment, der sich in ihre Herzen eingebrannt hatte und den sie nie wieder vergessen würden.

Ja, es war Marc wirklich schwer gefallen, Gretchen alleine in seinem gemütlichen Bett zurückzulassen. Vor allem, als er einen letzten Blick auf sie warf, bevor er das Schlafzimmer und dann die Wohnung verließ. Sie war noch immer nackt, mit geröteten Wangen, eingehüllt in sein blaues Frotteehandtuch. Ihre nassen Haare hatte sie kurz zuvor aus dem schweren Handtuchturban befreit. Marc konnte sich nur zu gut vorstellen, wie ihre dicken Haarsträhnen ihre aufregenden Brüste umrahmen würden wie ein wertvolles Gemälde, wenn er sie langsam aus dem übergroßen Saunatuch wickeln würde. Wie gesagt, würde, denn dafür war an diesem Nachmittag einfach keine Zeit.

Marc selbst hatte sich für diesen Abend etwas anderes vorgenommen. Etwas, das es wert war, zu verzichten. Etwas, das gut vorbereitet werden musste. Etwas, das er noch nie getan hatte und das ihn deshalb etwas nervös werden ließ.

Marc wollte an diesem Abend Gretchen mit seinem Job in Berlin überraschen. Endlich würde er die, wie er es für sich im Stillen nannte, Bombe platzen lassen. Und nicht nur das, Marc wollte Gretchen nicht nur überraschen, sondern nach allen Regeln der Kunst verwöhnen. So, wie sie es getan hatte, als er sie in Berlin besucht hatte. Marc wollte an diesem Abend für Gretchen kochen. Übrigens zum ersten Mal in seinem Leben mit allem Drum und Dran. Das erforderte natürlich eine gewisse Vorbereitung. Und da Gretchen ihn ja mit ihrem Besuch an diesem Montag etwas überrascht hatte, musste Marc jetzt umdisponieren. Vor allem aber musste er unauffällig agieren, sollte seine Überraschung auch eine Überraschung bleiben.

Zunächst musste Marc einkaufen gehen. Denn außer Kaffe und Bier hatte er nicht wirklich viel im Haus. Seit seiner Berlinreise absolvierte Marc einen Dienst nach dem anderen. Zum Einkaufen kam er da beim besten Willen nicht, weshalb er sich mittags in der Regel ein schnelles Essen in der Krankenhauskantine gönnte. Morgens einen Kaffe, abends ein kühles Bier. Viel mehr brauchte Marc nicht.

Seine Einkaufstour sollte Marc aber nicht nur in ein Lebensmittelgeschäft der gehobenen Klasse führen. Um Gretchen so richtig überraschen zu können, benötigte er noch ein paar andere Kleinigkeiten, dessen Erwerb er sich noch vor ein paar Jahre schlichtweg untersagt hätte.

Gretchen hatte er in der Zwischenzeit in seinem Schlafzimmer untergebracht. Mit ihrem Buch, das sie sich für den Flug mitgebracht hatte und mit seinem Laptop, dessen Festplatte auch den einen oder anderen „gretchentauglichen“ Film hergab.

Als Marc in seinem weißen Volvo, den er auch nach fast vier Jahren in Oslo noch immer sein Eigen nannte, saß und sich durch den nachmittäglichen Verkehr in Richtung Innenstadt schlängelte, kamen ihm mit einem Mal Gretchens Worte in den Sinn, als er sie in dieses wirklich riesige Saunatuch eingewickelt hatte.

„Das ist ja ein Saunatuch. Gehst du etwa in die Sauna?“, wobei sie das letzte Wort ihrer Frage so betonte, als wäre dies etwas
Anrüchiges. Marc musste lachen. Typisch Gretchen. Wie prüde sie doch sein konnte. Wobei die Betonung eindeutig auf "konnte" lag.

Nach zwei Stunden Einkaufsmarathon fand Marc Gretchen dann schlafend in seinem Bett vor. Das war gut, denn jetzt ging ja die Arbeit für ihn erst richtig los. Und je kürzer Gretchens Wartezeit war, desto besser. Verzückt blieb er für einen kurzen Moment an der Schlafzimmertür stehen und beobachtete sie verliebt. Nachdem er seine Einkäufe in der Küche abgestellt hatte, schlich er sich zurück ins Schlafzimmer und legte eine DVD und einen kurzen Brief neben das Kopfkissen, auf dem seine Freundin tief und fest schlummerte und ein Meer goldener Locken verteilt hatte.

Süße, du bist immer noch meine Gefangene. Du darfst ins Bad, aber nicht ins Wohnzimmer und in die Küche. Auf dich wartet eine Überraschung, also halt dich dran. Ich denke, dass die DVD nach deinem Geschmack ist und dir die Wartezeit vertreibt.
P.S. Die Liebeserklärung hätte von mir sein können.
P.P.S. Könntest du dir bitte etwas anziehen, da sonst meine ganze Überraschung ins Wanken geraten könnte … Deine Reisetasche habe ich ins Bad gestellt.


Nach weiteren zwei Stunden, die Gretchen sich nach Beendigung ihres Schönheitsschlafes mit der von Marc, eigens für die Versüßung ihrer Gefangenschaft, mitgebrachten DVD vertrieben hatte, und Marc unermüdlich seinen Überraschungsvorbereitungen nachgegangen war, klopfte er jetzt mit Herzklopfen an die Tür seines Schlafzimmers. In seiner Magengegend machte sich ein aufgeregtes Kribbeln breit und seine Hände fühlten sich ungewohnt feucht an. Eine unbekannte Nervosität hatte von ihm Besitz ergriffen.

Oh Gott, du hast echt Schmetterlinge im Bauch.

In der Hand hielt er einen rosafarbenen Seidenschal. Als er Gretchen auf seinem Bett erblickte, stolperte sein Herz noch etwas glücklicher in seiner Brust und die Schmetterlinge intensivierten ihren Tanz. Sie sah einfach bezaubernd aus. Wie die Prinzessin in einem Märchen. Marc war von ihrer Erscheinung einfach überwältigt.

„Na endlich, ich hab dich schon so vermisst.“, säuselte Gretchen ihm entgegen.

Sie trug ihr Haar offen. Wie sie es eigentlich fast immer tat, wenn sie sich sahen. Marc wusste, dass er ihr einmal gesagt hatte, dass ihm das gefiel und er war sich fast sicher, dass Gretchen dies nie vergessen hatte. Ihr Oberkörper steckte in einem unglaublich aufregenden Shirt. Marc hätte dieses Kleidungsstück einem Dritten kaum beschreiben können, so außergewöhnlich war der Schnitt. Ein unglaubliches Dekolleté. Ein paar Rüschen an den richtigen Stellen. Und dieser Farbton, der ihn mittlerweile fast um den Verstand brachte. Petrol. Marc liebte diese Farbe an ihr. Und sofort schoss ihm wieder dieser eine Gedanke in den Kopf. Welche Farbe mochte wohl jetzt ihre Unterwäsche haben? Oder trug sie die gleich wie am Morgen? Ihre Beine steckten in einer schwarzen Strumpfhose, die bis zum Knie von einem ebenfalls schwarzen Rock bedeckt waren.

„Es ist soweit, deine Gefangenschaft hat ein Ende. Leider muss ich dir noch eine letzte Unannehmlichkeit zumuten.“ Er ging auf Gretchen zu, zog sie vom Bett, hauchte ihr einen gefühlvollen Kuss auf die Lippen und verband ihr mit seinen geschickten Fingern vorsichtig die Augen mit dem eigens für diesen Zweck erstandenen Seidenschal.

„Marc, ich bin total aufgeregt, mein Herz bubbert ganz doll.“

Er lachte. „Meins auch.“

Zärtlich berührte er Gretchen an ihren Schultern und führte sie behutsam ins Wohnzimmer. In der Mitte des großen Raumes blieb er stehen.

Er sprach leise. Irgendwie klang seine Stimme heiser. „So, jetzt musst du dich auf den Boden setzen. Stühle hab ich ja leider keine mehr.“

Gretchen antwortete nicht. Sie war sehr ergriffen von diesem Augenblick. Schon wieder an diesem Tag war da etwas Magisches zwischen ihnen. Sie spürte diese ganz besondere Anspannung bei Marc. Eine undefinierbare Nervosität, die sie in der Form noch nie bei ihm gespürt hatte. Kurz zuvor in seinem Schlafzimmer hatte sie in seinen Augen eine nervöse Unruhe, ja sogar einen Hauch von Unsicherheit entdeckt und jetzt konnte sie es auch in seiner Stimme hören. Gretchen spürte, dass ihr ein ganz besonderer Augenblick bevorstand.
Auch sie hatte dieses ganz besondere Herzklopfen. Auch sie verspürte dieses ganz besondere Kribbeln in ihrem Bauch. Auch sie hatte das Gefühl, dass ihr gleich die Beine versagen würden.

Glücklicherweise war sie aber gerade dabei, sich auf ein weiches Sitzkissen zu setzen. Marc kniete hinter ihr und berührte noch immer ihre Schultern.

„Es riecht gut. Sag bloß, du hast gekocht?“, versuchte Gretchen zu scherzen, um die Situation etwas aufzulockern. „Ist das meine Überraschung? Das ist ja echt süß von dir.“

Marc schmunzelte. Sie plappert. Das tut sie immer, wenn sie nervös ist.

„Ja, meine Liebe, ich habe gekocht. Aber das ist nicht deine Überraschung. Das ist eher das Ambiente für deine Überraschung. Deine Überraschung ist das hier. Du musst raten.“

Er gab Gretchen etwas in die Hand, das sich wie ein Buch anfühlte. Geschickt fuhr sie mit ihren Fingerspitzen über den vermeintlichen Buchrücken, sie schlug die Seiten auf, nestelte mit den Fingern daran herum, nahm einzelne Seiten oder ganze Abschnitte zwischen ihre Finger und erforschte systematisch das gesamte Objekt.

„Äh, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt lächerlich mache. Das Ding hier fühlt sich an wie der Stadtplan, den wir im MeMo immer benutzen. Ist es vielleicht ein Stadtplan von Sydney?“, fragte Gretchen aufgeregt.

„Hey, du bist echt gut. Fast. Aber es ist die falsche Stadt.“

Gretchen überlegte. Marc, der noch immer hinter ihr kniete konnte ihr Grinsen nicht sehen, als Gretchen siegessicher verkündete, dass es sich dann wohl um einen Stadtplan von Oslo handeln würde.

„Nein, aber die Richtung ist schon mal richtig. Es ist auch eine Hauptstadt. Wieder überlegte Gretchen eine Weile. „Paris?“

„Nein.“

„London.“

„Nein.“

Langsam wurde Gretchen ungeduldig. „Mann Marc, ich weiß es nicht. Gib mir mal ’n Tipp.“

„Wie heißt denn die Hauptstadt von Deutschland?“, flüsterte er in ihr Ohr.

„Hä, Berlin? Marc, darf ich dich daran erinnern, dass ich in Berlin geboren und aufgewachsen bin und nicht wirklich auf einen Stadtplan angewiesen bin.“ Gretchens Stimme klang zwar nicht direkt ärgerlich, aber so richtig erfreut war sie auch nicht. Das war doch keine Überraschung.

„Da wäre ich mir nicht so sicher. Hier kommt nämlich der zweite Teil meiner Überraschung.“ Und schon hatte Marc Gretchen eine gefaltete Zeitung in die Hände gedrückt. „Wenn du willst, kannst du jetzt gucken.“

Gretchen zog sich mit einem Ruck das Seidentuch vom Kopf und blickte auf die Zeitung in ihren Händen. Es war eine bekannte Berliner Tagesszeitung. Gretchen war total ratlos und das konnte man ihr auch ansehen. „Marc, warum werde ich das ungute Gefühl nicht los, das du mir etwas Wichtiges mitzuteilen hast und ich nicht verstehe, was du mir sagen möchtest.“

Wieder hörte sie nur seine Stimme an ihrem Ohr.

„Du musst blättern.“

Also blätterte Gretchen. Seite für Seite blätterte sie sich durch die Zeitung. Sie war recht dick. Ein Blick auf das Datum in der Kopfzeile verriet Gretchen, dass es sich um die letzte Samstagsausgabe handelte. Kurz fragte sich Gretchen, warum es sie nicht wunderte, dass Marc in Besitz dieser Zeitung war.

Plötzlich hielt Gretchen inne. Etwas hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Eine rote Schrift. Eine Handschrift. Marcs Handschrift. Mit einem Blick erfasste Gretchen, dass es sich um die erste Seite des Immobilienteils handelte. Am oberen Rand der Zeitung hatte jemand etwas mit einem roten Stift geschrieben. Und dieser Jemand war augenscheinlich Marc. Sie kannte seine Handschrift. Sehr gut sogar. Früher hätte sie sogar gesagt, zu gut.

Gretchen, möchtest du in einer von denen mit mir wohnen?

Gretchen verstand die Welt nicht mehr.

Pippi Langstrumpf Offline

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14.02.2012 00:17
#74 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

76 Oslo – Januar 2015

Ob sie das wollte?

Natürlich wollte sie mit Marc zusammenwohnen. Natürlich wollte sie jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, ja jede Sekunde ihres Lebens mit ihm teilen. Da war sie sich ganz sicher. Und natürlich ging dies am besten, wenn man in ein und derselben Wohnung lebte. Und dennoch war Gretchens Reaktion auf Marcs Zusammenwohnanfrage mehr als verhalten.

Warum verstand Gretchen die Welt nicht mehr? Warum brach sie nicht in unkontrollierte Jubelschreie aus und fiel ihrem Marc vor Freude weinend und überglücklich um den Hals? Warum saß sie einfach nur ganz ruhig auf ihrem Sitzkissen, starrte auf die Zeitung, las immer und immer wieder die wenigen Worte, die mit einem roten Stift in die rechte obere Ecke der ersten Seite des Immobilienteils geschrieben worden waren? Ganz einfach, Gretchen verstand nicht, warum diese Wohnung in Berlin sein sollte. Hätte es sich bei der Zeitung um eine Australische gehandelt, sie hätte genau so reagiert, wie Marc es sich insgeheim erhofft hatte. Aber so?

Schon ein paar Minuten starrte Gretchen auf die Worte, die Marc fein säuberlich in die Zeitung geschrieben hatte. Immer und immer wieder hörte sie seine Stimme in ihrem Kopf.
„Gretchen, möchtest du in einer von denen mit mir wohnen?“
Oder waren es erst ein paar Sekunden? Gretchen wusste es nicht. In ihrem Kopf arbeitete es. Warum Berlin? Warum nicht Sydney? Noch am Telefon hatte Marc ihr doch erklärt, dass er den Job von Professor Howard angenommen hatte. Seit dem ist Gretchen davon ausgegangen, dass sie zusammen mit Marc nach Sydney gehen würde. Für eine längere Zeit. Sie hatte bereits Pläne geschmiedet. Überlegungen angestellt. Sie hatte sich bereits mit ihrem ganzen Herzen darauf eingestellt, mit Marc zusammen Deutschland zu verlassen. Ihren Job aufzugeben. Ihre Familie und Freunde zurückzulassen.

Jetzt wollte ein Puzzleteil einfach nicht passen.

Und noch etwas anderes ließ Gretchen auf so eindrucksvolle Weise verstummen. Der Raum, in dem sie sich befand. Draußen war es bereits dunkel und hier drinnen, in dem bei Tageslicht eher ungemütlich wirkenden, weil leeren Wohnzimmer, herrschte eine gemütliche, ja sogar romantische Atmosphäre. Marc hatte auf dem Holzfußboden ein seidengraues Tischtuch in der Größe und Form eines viereckigen Esstisches ausgebreitet. Das hatte er mit eckigen, weißen Tellern, silbernem Besteck, dickbauchigen Wassergläsern und langstieligen Weinkelchen so eingedeckt, als würde es sich um eine prachtvolle Tafel handeln. Schlicht, aber elegant. Gläserne Windlichter standen in unterschiedlichen Größen auf dem grauen Tuch, das im Übrigen farblich hervorragend mit dem einzigen Möbelstück des Wohnzimmers, dem Sofa, harmonierte. Größere Windlichter standen frei im Raum. Alle Kerzen brannten und tauchten den großen Raum in ein warmes Licht.

Ungläubig blickte Gretchen sich um. Sie konnte es einfach nicht begreifen. Dieses beeindruckend schön hergerichtete Zimmer, die Zeitung, der Stadtplan, die verbundenen Augen. Augenscheinlich war das der Rahmen für die Frage, die sie da rot auf weiß in ihren Händen hielt. Marc fragte sie doch tatsächlich auf diese unglaublich romantische Art und Weise, ob sie mit ihm zusammenwohnen wolle. Marc wollte mit ihr zusammenwohnen. Gretchen war überwältigt. Von der Situation. Von ihren Gefühlen. Aber auch von den vielen Fragezeichen.

Noch immer kniete Marc hinter ihr. „Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich dein Schweigen interpretieren soll.“ Gretchen konnte ein Lächeln in seiner Stimme hören, registrierte aber auch diese zarte Nuance der Unsicherheit, die im Klang seiner Stimme ebenfalls mitschwang.

„Vielleicht sollte ich meine Frage noch einmal anders formulieren.“ Etwas umständlich krabbelte Marc so um Gretchen herum, dass er jetzt vor ihr kniete und ihr in die noch immer verwundert dreinblickenden Augen schauen konnte.

„Gretchen, wir sind zwar noch nicht ganz so lange zusammen…äh eigentlich eher sehr kurz, aber für mich spielt das keine Rolle … also in unserem Fall. Wir kennen uns ja schon so lange. Weißt du noch, was du Heiligabend zu mir gesagt hast? Als wir zum ersten Mal miteinander geschlafen haben.“

Marc wartete gar nicht erst Gretchens Antwort ab. „Du hast gesagt, dass ich das mit dir durchziehen muss, wenn ich mit dir schlafe. Weißt du noch? Und das will ich auch. Ich will das hier mit dir zusammen durchziehen … äh das mit uns, meine ich. Also lange Rede kurzer Sinn, könntest du dir vorstellen, mit mir zusammenzuziehen. In Berlin?“ Jetzt war es raus. Erleichtert atmete Marc tief ein.

Erwartungsvoll, aber auch etwas unsicher schaute er seine Freundin an, die noch immer etwas perplex zu sein schien. Endlich sagte sie etwas „Marc, ich verstehe nicht so recht. Warum Berlin? Warum nicht Sydney? Du hast doch die Stelle von Professor Howard angenommen.“ Mit einem Mal brach ihre Stimme. „Willst du jetzt doch alleine nach Australien gehen und mich in Berlin zurücklassen?“

Marc lächelte, als ihm bewusst wurde, was seine etwas kompliziert eingefädelte Überraschung in seinem kompliziert denkenden Gretchen ausgelöst hatte. Das hatte er so gar nicht beabsichtigt. Gretchen stand kurz davor, in Tränen auszubrechen. Marc musste handeln und zwar schnell. Beherzt griff er nach ihren Händen.

„Bevor du jetzt anfängst, mein Wohnzimmer unter Wasser zu setzen, hör mir kurz zu. Gretchen, du hast Recht. Ich habe die Stelle von Professor Howard angenommen. Allerdings gibt es da ein kleines, nicht ganz unwesentliches Detail, das ich dir bisher verschwiegen habe. Es sollte sozusagen eine Überraschung sein.“ Feierlich blickte Marc Gretchen in ihre verdächtig schimmernden Augen.

„Gretchen, mein Arbeitsplatz wird in Berlin sein. Ich werde ab dem 01. April im Unfallkrankenhaus Berlin als rechte Hand von Professor Howard die Durchführung der Studie in Deutschland, Österreich und der Schweiz koordinieren. Vielleicht auch noch in anderen Ländern, aber das wird noch entschieden.“ Euphorisch strahlte Marc Gretchen an.

„Ich kann an der Studie mitarbeiten, ohne dass wir nach Australien gehen müssen. Wir können in Berlin bleiben. Also du kannst in Berlin bleiben und ich komme zurück. Du musst dich im EKH nicht beurlauben lassen und kannst weiter im MeMo arbeiten. Deine Freunde, deine Familie, du wirst sie nicht verlassen müssen.“

Gretchen sah noch zwei unglaublich schöne Grübchen, bevor sie Marc um den Hals fiel, der daraufhin das Gleichgewicht verlor. Schließlich hatte er etwas wackelig vor ihr gekniet. Eng umschlungen fanden sich die Beiden auf dem stilvollen Holzfußboden wieder. Blaue und grüne Augen blitzen sich freudestrahlend an. Weiche Lippen küssten sich glücklich.

„Eigentlich müsste ich ja sauer auf dich sein.“

Gretchen und Marc hatten es sich nach einer ausgiebigen Knutscherei auf dem harten Fußboden auf den weichen Sitzkissen gemütlich gemacht. Irgendwann hatte Marc darauf bestanden, schließlich hatte er ja noch eine weitere Überraschung für Gretchen vorbereitet.

Die bauchigen Weingläser waren mit einem guten Rotwein gefüllt und die Vorspeise bis auf den letzten Bissen aufgegessen. Es hatte einen grünen Salat gegeben, der nicht wirklich thailändisch war, aber durch ein paar geschickt ausgewählte Zutaten von Marc geschmacklich dennoch gut mit dem Hauptgericht harmonierte. Dieses hatte Marc gerade serviert. Natürlich mussten sie beim Essen ohne Tisch und auf dem Boden ein paar Abstriche machen, was die Etikette anging, aber mit einem Teller in der Hand und einem Sitzkissen unter dem Po war das gemeinsame Essen auch so eine sehr gemütliche Angelegenheit.

„Warum?“ Marc blickte von seinem Teller auf.

„Na weil du mich so lange in dem Glauben gelassen hast, dass ich das nächste Weihnachtsfest im Bikini am Strand verbringen werden.“

„Was ja nicht wirklich das Schlechteste wäre.“ Aus irgendeinem Grund blieben Marcs Augen an Gretchens wundervollem Ausschnitt hängen, während er sie anzüglich angrinste. „Vielleicht können wir das ja trotzdem mal machen.“

Er schob sich eine Gabel mit dem duftenden Curry in den Mund und registrierte stolz, dass es wirklich hervorragend schmeckte. Mit vollem Mund murmelte er. „Drei Tage, Gretchen, es waren drei Tage. Das ist nicht wirklich lang. Es gibt also keinen Grund, sauer zu sein. Ich wollte dich eben überraschen.“

Auch Gretchen schmeckte das thailändische Curry á la Marc. Allerdings fand sie das Curry ein wenig zu scharf, weshalb sie doch recht viel und recht schnell von ihrem Rotwein trank. Und insgeheim fragte sie sich auch, ob Marc das Curry wohl selbst gemacht oder irgendwo fertig gekauft hatte. Zuzutrauen wäre ihm nach dem heutigen Stand der Dinge beides.

„Und das ist dir auch gelungen. Und wie! Weißt du, was ich mich schon die ganze Zeit frage? Wie ist es dazu gekommen, dass du jetzt von Berlin aus arbeiten kannst? Hast du Professor Howard danach gefragt? Ich dachte, die Studie würde über die Macquarie University laufen?“ Neugierig schaute Gretchen ihren Freund an.

Marc stellte den Teller auf das Tischtuch und trank aus seinem Wasserglas. „Ja, das habe ich auch gedacht. Bis ich dann das Abstract gelesen habe. Und da stand doch tatsächlich an einer Stelle, dass das Unfallkrankenhaus Berlin die Koordinationszentrale für die Untersuchungen in vielen deutschsprachigen europäischen Ländern sein wird. Als ich dann mit Professor Howard telefoniert habe, habe ich ihn einfach nach der Stelle gefragt. Er war etwas verwundert, weil ich ja auch schon so lange in Oslo lebe und arbeite und er bisher den Eindruck hatte, dass ich ungebunden bin.“

Marc blickte Gretchen tief in die Augen, bevor er weitersprach. „Ich habe ihm gesagt, dass sich meine Lebenssituation geändert hat.“

Gretchen blinzelte verlegen. Irgendwie hatte sie plötzlich ein noch größeres schlechtes Gewissen wegen ihres kleinen Eifersuchtsanfalls am Morgen. „Langsam wirst du mir unheimlich. Du hast ihm wirklich von uns erzählt? Aber wir waren doch erst eine Woche zusammen.“

„Ja, und jetzt sind es schon zwei. Gretchen, wir hatten vorher beschlossen, gemeinsam nach Australien zu gehen. Ich war mir sicher. Ich habe ihn eben einfach nach den Möglichkeiten in Berlin gefragt. Er war zwar zunächst etwas überrascht, aber dann sind wir uns doch recht schnell einig geworden. Wir haben uns darauf verständigt, dass ich die Koordination in Berlin übernehmen werde, aber dennoch sehr eng mit ihm in der Studie zusammenarbeite. Regelmäßige Besuche in Sydney werden nicht ausbleiben, aber der Hauptkontakt wird über Mail und Videokonferenzen laufen.“

Wieder unterbrach ihn Gretchen. „Ja bist du dann im Unfallkrankenhaus angestellt?“

Marc schüttelte den Kopf. „Nein, finanziert wird meine Stelle über das australische Forschungsprojekt. Dass es aber diese Kooperation mit dem ukb gibt, liegt daran, dass das ukb unter anderem auf die Rehabilitation von Verletzungen des Rückenmarks spezialisiert ist und Patienten aus ganz Deutschland behandelt. Es ist also eher Zufall, dass es diese Stelle in Berlin gibt. Ein glücklicher Zufall“, fügte er hinzu.

Eine Weile aßen sie schweigend weiter.

„Das Curry schmeckt richtig lecker.“, lobte Gretchen mit einem Schmunzeln im Gesicht. „Sei ehrlich, hast du es selbst gekocht oder beim Thailänder kochen lassen?“

„In Anbetracht der Tatsache, dass ich dich mehrere Stunden in Gefangenschaft halten musste, kannst du davon ausgehen, dass ich jedes Reiskorn eigenständig gekocht und gewürzt habe.“, ging Marc auf Gretchens Neckerei ein. „Aber wenn meine Kochkunst hier keine Anerkennung findet, werde ich beim nächsten Mal doch nur die Schnellvariante vom Imbiss auftischen“.

Nach einer kurzen Pause sprach Marc weiter. Ernster. Seine Augen suchten nach ihren. „Ich hab noch keine Antwort von dir bekommen. Du hast mich zwar geküsst und ich glaube, du freust dich auch, dass ich in Berlin arbeiten werde, aber du hast noch nichts dazu gesagt, ob du dir vorstellen könntest, mit mir zusammenzuwohnen.“

Wieder schlich sich dieser kleine Hauch von Unsicherheit in seinen Blick. Wieder konnte Gretchen diese ganz besondere Nuance in seiner Stimme hören. Gretchen war verzückt von seinem Anblick.

Oh Gott, er schaut so süß. Aber wovor hat er Angst? Denkt er wirklich, dass ich „nein“ sagen könnte?

„Na sagen wir mal so.“ Langsam und in einem neutralen Ton begann Gretchen mit ihrer Antwort. „Ob Sydney oder Berlin. Was spielt das schon für eine Rolle? Ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen.“ Und mit einem Grinsen im Gesicht und einem herzhaften und vor allem sehr glücklichen Lachen in der Stimme sprach Gretchen weiter.

„Schließlich soll sich der ganze Aufwand hier ja auch gelohnt haben, ne?“



Und, was meint ihr, hat der Aufwand sich gelohnt?

Pippi Langstrumpf Offline

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15.02.2012 22:56
#75 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

77 Oslo – Januar 2015

Ein angenehmer Orangenduft hing in der Luft.

Auf der weißen Schlafzimmerkommode stand ein kleines Windlicht, in dem eine noch kleinere Kerze flackerte. Marc hatte sich Gretchens Angewohnheit, immer eine kleine Kerze im Schlafzimmer anzuzünden, zu Eigen gemacht. Wenn er ehrlich war, gefiel ihm diese Kerzenscheinstimmung. Das warme Licht, die tanzenden Schatten. Wieder so eine Kleinigkeit, die ihm jetzt gefiel, für die er aber früher nur Verachtung übrig gehabt hätte. Nun lagen sie im flackernden Schein der kleinen Kerze eng ineinander verschlungen unter der warmen Bettdecke. Er spürte ihre warme Haut. Sie war so weich. So zart.

„Das war wunderschön.“, flüsterte Marc mit einem Mal in die Dunkelheit. Eigentlich hätte er noch etwas hinzufügen wollen. Etwas Zweideutiges. Etwas Anrüchiges. Etwas, das Gretchen hätte erröten lassen. Aber dann entschied er sich doch anders. Es passte gerade einfach nicht. Nicht danach.

Nach dem Essen hatten sie noch lange im Wohnzimmer gesessen, gelacht und geredet. Endlich kam dann auch die Champagnerflasche zum Einsatz, die Marc natürlich extra für diesen Anlass gekauft hatte. Immer wieder stießen sie auf ihre Zukunftspläne an. Auf ihren gemeinsamen Zukunftspläne, die bei keinem von beiden in irgendeiner Form Bauchschmerzen auslösten. Marc und Gretchen fühlten sich mit ihrer Entscheidung wohl.

Immer wieder diskutierten sie lachend über ihre Wohnung. Über die Gegend, in der sie liegen sollte und über die Wohnungseinrichtung. Natürlich waren sie sich in keinem dieser Themen einig, aber das machte nichts.

„Gretchen, Mitte geht gar nicht. Da wohnen doch nur langhaarige Bombenleger.“, belehrte Marc kopfschüttelnd seine Freundin, die ihm zugleich einen Vogel zeigte. „Bei dir piept ‘s wohl. Mitte ist sehr angesagt und gar nicht so alternativ wie du gerade tust. Aber bitte, dann ziehen wir eben nach Spandau. Den Gartenzwerg werde ich dir dann schon mal bei OTTO bestellen.“

Es machte ihnen Spaß, darüber zu streiten, ob sie lieber in Mitte, Halensee oder Frohnau wohnen wollten, ob sie lieber Gretchens oder Marcs Bett mit in die gemeinsame Wohnung nehmen würden und ob wohl ein Putzplan sinnvoll wäre. Allerdings ließ Marc in der letzten Frage nicht mit sich reden. Er wollte eine Putzfrau, das war seine einzige Bedingung. Nicht die Schlechteste, wie Gretchen fand. Natürlich konnte auch sie sich eine nettere Freizeitbeschäftigung vorstellen, als Kalk aus einer Duschwanne zu kratzen und Böden zu wienern.

Anfangs hatten sie noch an der improvisierten Tafel auf ihren Sitzkissen gesessen. Während Gretchen von den norwegischen Schokoladenpralinen naschte, die einfach nur himmlisch schmeckten, hielt Marc sich an die Devise, dass Käse den Magen schließen würde. Allerdings wurde ihnen das ungewohnte Sitzen auf den Kissen auf die Dauer zu ungemütlich, weshalb sie sich dann später auf das bequemere Sofa kuschelten. Zufrieden. Glücklich. Berauscht. Berauscht vom Wein, vom Champagner und von ihrem Glück. Der eine vom Gelingen seiner Überraschung. Die andere von der gelungenen Überraschung.

Sie begannen, sich zu küssen, sich zu streicheln. Langsam wanderten ihre Hände unter ihre Kleidung. Langsam spürten sie ihre nackte Haut und erforschten diese. Kleidungsstück für Kleidungsstück wanderte auf den wunderschönen Holzfußboden des Wohnzimmers. Im Kerzenschein schimmerte ihre Haut. Braune Haut. Weiße Haut. Goldene Haare waren überall.

„Wäre es in deinem Sinne, wenn wir ins Bett gehen würden? Ich rutsch hier immer runter.“ Marc hing mit einem Bein auf dem Holzboden und kämpfte gerade damit, nicht ganz von der Couch zu rutschen. Seine Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab und seine Lippen glänzten feucht im Kerzenschein, genau wie die von Gretchen. Der Meier-Haasesche-Nahkampf hatte bereits seine Spuren hinterlassen. Bei beiden.

Gretchen nickte, während sie sich die Träger ihres BHs zurechtrückte. „Geh doch schon mal vor. Ich hab noch eine Überraschung für dich. Sozusagen ein Gastgeschenk.“ Nur noch mit ihrer Unterwäsche bekleidet machte sich Gretchen auf den Weg ins Badezimmer. „Kannst dich ja schon mal hinlegen, ich komme gleich.“ Und schon war sie weg. Lüstern schaute ihr Marc hinterher. Dieser Po in diesem Nichts von einem Höschen machte ihn verrückt. Und dann diese Farbe. Von ihrer Lockenmähne, die ihren halben Rücken bedeckte, ganz zu schweigen.

„Aber nicht, dass du jetzt deine rosa Handschellen rausholst.“, rief er ihr in freudiger Erwartung hinterher, während er ins Schlafzimmer ging und die graue Kerze anzündete, die in dem kleinen Windlicht auf der Schlafzimmerkommode stand. Die mit einer graugestreiften Satinbettwäsche bezogene Zudecke kickte er noch schnell aus dem Bett, bevor er es sich, auf dem Bauch liegend, richtig gemütlich machte. Er war glücklich.

Kurz darauf spürte Marc, dass ihm die Augen verbunden wurden. Mit dem Seidenschal, der jetzt nach Gretchen roch und den sie wohl noch schnell aus dem Wohnzimmer geholt hatte. Es stockte ihm der Atem. Was hatte sie vor?

„Handschellen habe ich heute leider nicht dabei, aber vielleicht geht’s auch so?“ Marc konnte zwar nicht sehen, dass Gretchen von einem Ohr zum anderen grinste, wohl aber hören.

Mit einem Mal war da noch ein anderer Duft in seinem Schlafzimmer. Ein intensiverer Duft als der von Gretchen, der in dem Seidenschal hing. Irgendetwas roch nach Orange. Vielleicht auch nach Vanille. So genau konnte er das nicht sagen. Wollte er auch nicht, denn da spürte er bereits ihre warmen Hände auf seinem Rücken. Warme Hände, die eine kühle Flüssigkeit auf seinem Rücken verteilten. Marc hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit.

Es schnürte ihm die Kehle zu. Die verbundenen Augen. Der Duft in seiner Nase. Ihre Hände, die ihn so gefühlvoll massierten. Ihr Bild in seinem Kopf. Diese Unterwäsche. Diese Farbe. Petrol. Er liebte diese Farbe an ihr. Ihre helle Haut im Kontrast mit dieser dunklen Farbe machte ihn irgendwie an. Marc wusste auch nicht warum das so war. Immer wieder versuchte er sich vorzustellen, wie sie wohl neben ihm kniete und ihn massierte. Seinen Rücken. Seine Schultern. Seinen Nacken. Seine Arme. Er spürte ihre zarten Hände überall auf seinem Körper. Immer wieder knetete sie liebevoll seine Muskeln, strich mit ihren Fingerspitzen sanft über seine Haut oder hinterließ heiße Spuren mit ihren Fingernägeln. Gänsehautschauer jagten ihm über den Rücken. Dann wiederholte sie die gleiche Prozedur mit seinen Beinen und mit seinen Füßen. Mehrere Male war sie ihm dabei verdammt nah gekommen. So verdammt nah, dass sich sein Herzschlag erhöht hatte. Marc wurde heiß. Immer heißer.

Mit einem Mal spürte er, dass sie sich am Bündchen seiner Boxershorts zu schaffen machte. Kurz hob er sein Becken an, dann war er nackt. Jetzt massierte sie seine Pobacken. Fest. Sinnlich. Er spürte es, dass sich die Art, wie sie ihn berührte, langsam veränderte. Er spürte, dass ihre Berührungen verlangender wurden. Liebkosender. Zärtlicher.

Die Bilder in seinem Kopf erregten ihn. Er sah sich, nackt, mit verbundenen Augen und Gretchen, die ihn massierte. Nur bekleidet mit dieser aufregenden Wäsche.

„So, der Rücken ist fertig, jetzt kommt der Bauch.“

Marc drehte sich um. Noch immer waren seine Augen verbunden und seine übrigen Sinne umso geschärfter. Wieder war da diese kühle Flüssigkeit auf seinem Bauch, die ihre Hände massierend auf seinem Oberkörper verteilte. Langsam. Schwindelerregend langsam. Arme, Hände, Finger. Jeder Teil seines Körpers wurde behutsam mit dem gut riechenden Öl eingerieben. Es folgten seine Beine und zum Schluss die Füße. Interessanterweise erregte in die Massage seiner Fußsohlen. Kurz fragte er sich, ob an Fußreflexzonenmassage nicht doch etwas dran war.

Plötzlich saß sie auf ihm. Nackt. Es machte ihn rasend, sie so zu spüren, aber nicht zu sehen. Er tastete nach ihr, versuchte sie zu berühren. Er spürte ihre Haut unter seinen Fingerspitzen. Wann hatte sie sich ausgezogen? Er wusste es nicht. Zärtlich legte sie seine Hände wieder neben seinen Körper auf das Laken. Er sollte sie nicht berühren. Noch nicht.

Und immer blitzten diese Bilder in seinem Kopf auf wie kleine Lichtblitze. Bilder, die ihn anmachten, die ihn fast um den Verstand brachten.

Gretchen brachte ihn um den Verstand. In seiner Brust pochte sein Herz. Dumpf. Kräftig. Sein Blut pulsierte in seinen Adern. Es rauschte in seinen Ohren. Ihm war nicht mehr heiß, nein, er glühte. Er glühte und er hatte das Gefühl, zu verglühen – als sie begann, ihn zu küssen. Überall. Überall auf seinem Körper spürte er ihre zarten Lippen, ihre weiche Zunge. Zuerst saß sie noch auf ihm, als sie verlangend seinen Oberkörper küsste. Später spürte er nur noch ihren Mund. Ihre Lippen. Ihre Zunge.

Und die ganze Zeit war da dieses Bild in seinem Kopf. Dieses Bild von ihr. Von ihm. Sie. Auf ihm. Nackt. Ihre langen Locken waren überall. Umhüllte ihren Körper als seien sie der goldene Rahmen eines wertvollen Gemäldes. Er sah, wie sie sich bewegte.

Er spürte sie. Sie war wieder auf seinem Schoß. Jetzt war er in ihr. Er spürte es. Er spürte sie. Er spürte ihre erregenden Bewegungen. Ihre Bewegungen, die ihn brennen ließen. Er wollte sie berühren. Sie spüren. Ganz. Auch mit seinen Händen. Er tastete nach ihren Brüsten. Spürte sie weich unter seinen Fingern. Da waren ihre Brustwarzen. Hart. Erregt. Er strich über ihr Becken. Griff nach ihrem Po. Er spürte ihre Hände, auf seinen. Er spürte, wie sie seine Hände auf ihre Brüste legte. Ein leises Aufstöhnen drang an sein Ohr. War es von ihm? Von ihr?

Später nahm sie ihm zärtlich den Seidenschal von den Augen. Zärtlich küsste sie ihn. Zärtlich schmiegte sie sich an ihn. Er blickte ihr tief in die Augen. Strahlende Augen. Zum ersten Mal. Danach. Scheu lächelte sie ihn an. Fast schien sie etwas verlegen.

„Das war wunderschön.“ Ein Flüstern. Marc wusste, dass Gretchen ihm gerade ein wundervolles Geschenk gemacht hatte. Ein wertvolles Geschenk. Ein kostbares Geschenk. Ein Geschenk, das bedeutete, dass sie ihm voll und ganz vertraute.

Auch er vertraute ihr.

„Weißt du, wovor ich vorhin echt Schiss hatte? Dass du nein sagst. Dass du sagst, dass wir es erstmal mit getrennten Wohnungen versuchen sollten. Dass dir das alles hier mit uns viel zu schnell geht. Dass du sagst, dass du noch nicht so weit bist. Dass du sagst, dass ich noch nicht so weit bin. Davor hatte ich echt eine Heidenangst.“, flüsterte er mit einem Kloß im Hals in die Dunkelheit.

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