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 Abgeschlossene Fortsetzungen!
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Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

21.11.2011 22:27
#26 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

28 Freiburg – November 2014

„Und was wollen wir jetzt machen?“

Mittlerweile wurde es schon dämmerig draußen und seit dem die Sonne nicht mehr ihre goldenen Strahlen auf die Erde schickte, sah es draußen auch nur noch halb so anheimelnd aus. Was blieben da schon für Optionen? Ein Bummel durch die Stadt? Kino? Konzert? Theater? Gretchen war etwas ratlos. Gerade hatte Marc die Rechnung beglichen. Natürlich hatte er es sich nicht nehmen lassen, Gretchen einzuladen. Schließlich wollte er keinen Fehler machen und Gretchen gehörte eindeutig zu der Sorte von Frauen, die auch mal gerne eingeladen wurden. Da war er sich ganz sicher.

„Willst du wissen, wovon ich als kleiner Junge noch geträumt habe?“

Er schob Gretchen, die noch im Gehen ihren dunkelblauen Dufflecoat anzog und sich ein wunderschön geblümtes Halstuch umlegte, sanft auf die Straße. Kurz ließ er dabei seinen Blick über ihre Haare, ihren Rücken, ihren Po und ihre Beine, die in sehr eleganten, hellbraunen Stiefeln steckten, gleiten und was er da sah, gefiel ihm. Sehr sogar. Er selbst trug einen gefütterten Halbmantel, den er offen trug.

Dass er die Dinger immer noch trägt.

„Komm mit!“, und ohne darüber nachzudenken, griff Marc nach Gretchens Hand. Es kam ihm in diesem Moment einfach so selbstverständlich vor und es fühlte sich einfach so ungemein gut an. Ihre zarte weiche Hand in seiner. Gretchens stockte kurz der Atem. Sie spürte warme, weiche Haut an ihrer Handfläche. Sie spürte Finger, die sich um ihre eigenen legten und sie spürte, dass es sich schön anfühlte. Sie lächelten sich an.

„Und wohin gehen wir jetzt? In eine Peep-Show? Oder hast du noch von andere Dingen geträumt?“. Schon wieder grinste sie ihn so verschmitzt an.

„Liebe Margarte Haase. Du wirst es kaum für möglich halten, aber ja, ich hatte als Kind andere Interessen. Etablissements, wie du sie gerade erwähntest, erweckten mein Interesse erst deutlich später.“, antwortete Marc mit einem altklugen Unterton.

Sie gingen dieselbe Straße in Richtung Innenstadt entlang, auf demselben Gehweg, auf dem sie sich schon vor einigen Wochen spätabends so zufällig getroffen haben. Aber etwas hat sich seit dieser Nacht im September verändert, obwohl sie sich nicht einmal in der Zwischenzeit gesehen haben. Sie waren sich nicht mehr so fremd. Sie waren wieder vertraut miteinander. Sie waren glücklich miteinander. Heute. An diesem Tag. An diesem Abend. In diesem Moment.

Nachdem sie unter einer Eisenbahnbrücke hindurchgegangen waren, zeigte Marc auf ein etwas höheres Haus im klassischen Hochhausstil, direkt am Bahnhof. PLANETARIUM stand da in groß erleuchteten Buchstaben. Gretchen schaute Marc fragend an.

„Ich hab’s vorhin entdeckt, als ich angekommen bin.“ Seine Stimme klang begeistert. „Als kleiner Junge konnte ich von Sternen, Planeten und dem Weltall nicht genug bekommen. Das Planetarium in Berlin habe ich geliebt. Da war ich total oft mit meinem Großvater. Warst du da auch mal?“ Sie blieben vor dem Eingang des Planetariums neben einem pyramidenförmigen Schaukasten aus Glas stehen.

Gretchen Gesichtsausdruck war für Marc nicht zu interpretieren. Sein Gefühl sagte ihm, dass er wohl eher nicht ins Schwarze getroffen hatte mit seinem Vorschlag. Schnell fügte er noch hinzu „Wir können aber auch wirklich gerne ins Kino gehen. Das soll auch gleich hier um die Ecke sein. Vielleicht haben wir ja Glück und es läuft ein alter Film mit Tom Cruise“, versuchte er die Situation zu retten. Unsicher versuchte er in Gretchens blauen Augen eine Antwort zu lesen.

Gretchen war überrascht. Irgendwie hatte sie insgeheim mit einem Kinobesuch geliebäugelt. Vielleicht, weil sie noch Appetit auf etwas Süßes hatte. Die Idee mit dem Planetarium fand sie dann aber, wie sollte es bei Gretchen auch anders sein, irgendwie süß.

„Tom Cruise wird ja seit Cocktail auch völlig überbewertet.“ Gretchen machte eine abfällige Handbewegung. „Ich glaub, ich war seit 20 Jahren nicht mehr in einem Planetarium. Irgendwann mal mit der Schule. Ist doch eine gute Idee.“ Sie hakte sich bei Marc unter und zog in langsam in Richtung Eingang. Im Nu verschwand diese Falte auf Marcs Stirn, die mehr als alles andere in seinem Gesicht seine Unsicherheit zum Ausdruck brachte. Und wie so oft an diesem Abend legte sich schnell wieder ein leichtes Lächeln auf seine Lippen.

Sie hatten Glück. Das Hauptprogramm hatte noch nicht begonnen. Das Planetarium war aber schon gut gefüllt. Marc und Gretchen wählten zwei Plätze in der Mitte des Raumes, direkt in der ersten Reihe vor dem riesigen Planetariumsprojektor. Während sie sich ihre Mäntel auszogen und es sich auf den bequemen, dunkelblauen Plüschsesseln gemütlich machten, musste Marc beglückt in sich hineinschmunzeln. Gretchen hatte es sich doch tatsächlich nicht nehmen lassen, die Eintrittskarten zu bezahlen. Schon wieder hatte sie ihn überrascht.

Zufrieden schaute er Gretchen dabei zu, wie sie fasziniert den riesigen schwarzen Projektor mit seinen großen und kleinen, schmalen und breiten, langen und kurzen Okularen betrachtete. Langsam wanderten ihre Augen hinauf in den Planetariumshimmel, ihren Kopf legte sie dabei weit in den Nacken. Sie war begeistert.

Marc lehnte sich zu Gretchen hinüber, mit dem Ellenbogen stützte er sich auf der Mittellehne zwischen ihnen ab. Sein Gesicht berührte fast das ihre. „Früher hatte für mich dieser Projektor immer was ganz Besonderes, fast etwas Magisches.“, fing Marc leise an zu erzählten. „Ich habe mir immer vorgestellt, dass dieser Projektor wie ein Schlüsselloch ist. Wenn man hindurchschaut, kann man in ein anderes Zimmer – oder eben in eine andere Welt schauen. Heimlich. Unbemerkt von den vielen Außerirdischen. Ich habe mir dann immer vorgestellt, dass ich später mal ein berühmter Astronaut sein werde, der völlig neue Galaxien entdeckt.“

Dieser Mann, der mir da gerade von seiner Kindheit erzählt, ist definitiv nicht Marc Meier! Vielleicht ein Außerirdischer?

So dachte Gretchen, als in diesem Augenblick das Licht erlosch. Die Besucher des Planetariums lehnten sich in ihren gepolsterten Sesseln zurück und blickten gespannt hinauf zu der riesigen, dunklen, fast schwarzen Kuppel. So auch Marc und Gretchen. Leise ertönten die ersten Klänge einer zauberhaften Musik. Die ersten auf die Kuppel projizierten Sterne funkelten hell. Alle Anwesenden wurden langsam in eine andere, einzigartige Welt entführt. Alle Besucher waren wie verzaubert von dieser aufregenden Welt der Sterne und Planeten.

Alle, bis auf einer. Denn einer der Planetariumsbesucher konnte sich nicht so recht auf die Sternprojektionen am Planetariumshimmel konzentrieren. Zu verzaubert war er von seiner zauberhaften Begleitung. Vielmehr fragte er sich, ob er es wohl wagen könnte, die Hand seiner wirklich entzückenden Begleitung zu ergreifen. Sozusagen als kleine Geste seiner Zuneigung.

Hätte ein paar Minuten später ein Außerirdischer durch das Schlüsselloch gespickt, er hätte auf einer der zahlreichen Mittellehnen zwischen den Planetariumssesseln zwei Hände liegen gesehen.

Eine große und eine kleine.

Die etwas größere Hand des Mannes lag auf der etwas kleineren Hand der Frau – ein Daumen streichelte zärtlich über einen Handrücken.


Ihr Lieben, über Kommentare freue ich mich immer riesig!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

22.11.2011 20:13
#27 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

29 Freiburg – November 2014

Es begann zu regnen.

Zuerst waren es nur einzelne kleine Tropfen, dann wurden es immer mehr und mehr und schließlich goss es wie aus Kübeln. Ein eiskalter Novemberregen. Blitzschnell nahm Marc Gretchens Hand und zog sie unter den nächstbesten Baum. Es nützte nichts. Sie waren völlig durchnässt, als sie endlich unter dem Baum standen. Es war ein großer Kastanienbaum, dessen Blätter in allen Farben des Herbstes im Schein einer Straßenlaterne leuchteten. Dicht beieinander standen sie unter dem Baum. Zunächst etwas ratlos. Beide wussten nicht so genau, was sie jetzt tun sollten. Entweder das Ende des Regens abwarten oder weiterrennen zum Hotel. In dem sicheren Wissen, dass sie dann bis auf die Haut durchnässt sein würden.

Als sie diese nette Cocktailbar verlassen hatten, war von dem Platzregen noch nichts zu erahnen. Natürlich waren sie nach dem Planetariumsbesuch noch in eine Cocktailbar gegangen. Der schon etwas ältere Student an der Kasse des Planetariums hatte sie ihnen empfohlen. Schließlich wollte Marc diese Leberwurstbrotanspielung von Gretchen nicht einfach so auf sich sitzen lassen. „Red Lounge“ hieß diese Bar unweit des Planetariums und man konnte es nicht anders sagen, der Name war Programm. Der kleine runde Raum, in dessen Mitte sich eine runde Bar befand, war rot. Ganz rot. Überall standen rote, sehr gemütliche Polstermöbel mit kleinen Beistelltischchen. Die Wände waren ebenfalls mit roten, seidig schimmernden Tapeten bezogen und von der ebenfalls rot getäfelten Decke hingen mehrere prachtvolle Kronleuchter. Das Ambiente passte zur Stimmung des Abends. Denn mittlerweile war auch der Blick der beiden Ärzte irgendwie rot – oder besser gesagt rosarot.

Im Planetarium hatte sich etwas verändert. Sie konnten ihrer Anziehung jetzt auch durch diese kleine Geste des An-den-Händen-Haltens Ausdruck verleihen. Und das taten sie auch.

Es war, wie gesagt, ein Samstagabend und die „Red Lounge“ war gut besucht. Die Freiburger Studenten stimmten sich hier gerne auf den Rest des Abends, den sie dann in einem der zahlreichen Clubs verbrachten, ein. Es war nur noch ein kleines Zweiersofa frei. Gretchen und Marc nahmen Platz und Marc legte, was sollte er auch anderes tun, denn irgendwie hatte er auf diesem schmalen Sofa einen Arm zu viel, seinen überflüssigen Arm um Gretchen. Nebenbei bemerkt war dieser Moment sowohl für Marc als auch für Gretchen etwas mit Aufregung verbunden. Schließlich waren sie sich dadurch schon wieder etwas näher.

Gretchen schnappte sich die in verschiedenen Rottönen designte Cocktailkarte und drehte sich ein wenig um die eigene Achse. „Okay Marc, was hältst du von einem kleinen Spiel.“, und wieder war da dieses verwegene Grinsen. „Lieblings-Cocktail-Raten. Du fängst an.“ Marc grinste sie an und antwortete ohne zu überlegen. „Piña Colada und Caipirinha.“ Und in Gedanken fügte er hinzu.

Kennst du eine kennst du alle.

„Hä, woher weißt du denn das jetzt?“, Gretchen war wohl etwas enttäuscht, dass Marc so schnell ins Schwarze getroffen hatte. Aber nun war sie ja an der Reihe. Sie spitzte ihre süßen Lippen, tippte sich mit ihrem Zeigefinger gegen selbige und überlegte. „Ich würde mal sagen Mai Tai und Sex on the beach.“

„Warum?“, wollte Marc wissen, konnte sich aber ein Schmunzeln nicht verkneifen. Irgendwie lag ihre Antwort ja auf der Hand. „Passt halt zu dir!“ Mehr sagte Gretchen nicht dazu.

„Weißt du, was für ein Cocktail zu mir passen würde?“, fragte er Gretchen und sein Gesicht war plötzlich verdammt nah vor ihrem. „Blond Girl!“

„Aber dabei ist deine Freundin doch gar nicht blond.“

Marc Augenbrauen zogen sich im Bruchteil einer Sekunde irritiert zusammen und dieses so einzigartige, weil überaus charmante Lächeln wich aus seinem Gesicht.

Gretchens hatte schneller geantwortet als nachgedacht. Sie hatte eine unausgesprochene Grenze überschritten, das war ihr in der Millisekunde bewusst, in der diese Worte ihre Lippen passiert hatten. Natürlich war ihr klar, wen Marc mit diesem Cocktail meinte. Ihr war klar, dass er sie ein wenig aus der Reserve locken wollte. Schließlich ging das schon den ganzen Abend so zwischen ihnen hin und her. Und eigentlich wollte sie ja auch nur schlagfertig kontern.

Mist! Ich glaube, das war jetzt nicht so gut.

Krampfhaft überlegte sie, wie sie einigermaßen elegant ein neues Thema anschneiden könnte, da ergriff Marc schon das Wort.

„Und wenn sie gar nicht mehr meine Freundin ist?“, fragte er ganz leise und mit einer etwas heiseren Stimme. Dabei schaute er Gretchen mit diesem einen Blick, mit diesem ganz bestimmten Marc-Meier-Blick an, der ihr sofort und auf der Stelle den Boden unter den Füßen wegzog.

„Hä, wie jetzt. Habt ihr euch etwa getrennt?“ Gretchen schien etwas verwirrt und verstand jetzt gar nichts mehr. Schlagartig verspürte sie ein flaues Gefühl in ihrer Magengegend. Blut schoss ihr in ihr Gesicht und verfärbte ihre Wangen, passend zum Mobiliar der Bar, leicht rot. Sie hätte natürlich etwas Witzigeres erwidern können. Etwas wie „Kein Wunder, dich würde ich auch verlassen.“ Aber Marcs Blick und die Art und Weise, wie er es sagte, der ernste Klang seiner Worte, gaben keinen Anlass für Scherze oder Neckereien.

„Warum?“

Da war sie, die Frage, vor der Marc sich so sehr gefürchtet hatte und die er im Grunde ganz schnell beantworten konnte. Denn wäre nicht die ehrlichste aller Antworten gewesen „Deinetwegen!“? Marc entschied sich für einen anderen Weg.

„Gegenfrage. Wäre der Grund denn von Bedeutung?“ Sein Herz beschleunigte seine Arbeit, sein Puls pochte merklich an seinem Hals und in seinem Bauch machte sich schon wieder dieses brennende Kribbeln breit.

Ähnlich wie Marc spürte auch Gretchen, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, um über ein solches Thema ausführlicher zu sprechen. Zu unbeschwert waren ihre bisherigen gemeinsamen Stunden hier in Freiburg und daran sollte sich auch nichts ändern. Dennoch hatte dieser kleine Satz von Marc etwas in ihr ausgelöst. Irgendwo in der hintersten Ecke ihrer Gehirnwindungen machte sie diese altbekannte Angst aus. Angst davor, dass Marc Meier ihr ab jetzt gefährlich werden konnte und unter Garantie auch gefährlich werden würde, wenn sie dieses Spiel weiter spielen würde.

„Vielleicht. Aber heute nicht.“, waren ihre Worte, während ein kleines Teufelchen ihr aufgeregt ins Ohr flüsterte.

Er ist frei. Er ist nicht mehr mit dieser Frau zusammen.

Und obwohl sie es beide nicht wollte, hatte dieser eine Satz von Marc alles verändert. Die Stimmung war nicht mehr dieselbe. Nicht mehr so unbeschwert. Nicht mehr so frei. Sie waren angespannt und nervös. Und ganz plötzlich war da wieder diese undefinierbare Furcht. Furcht davor, dass das alles in Freiburg eigentlich völlig falsch war. Dass Verletzungen und Demütigungen die Konsequenzen ihres Handelns waren. Aber beide waren auch sehr bemüht, diese unbehagliche Furcht, die in ihrem Inneren aufloderte, unter Kontrolle zu bekommen und im Keim zu ersticken. Zu schön waren ihre bisherigen, gemeinsamen Stunden.

Irgendwie haben sie dann auch wieder zu ihrer ungezwungenen Vertrautheit zurückgefunden. Dank der ausgezeichneten Cocktails, für die die "Red Lounge" schließlich regional bekannt war. Zwei Cocktails später hatten Marc und Gretchen wieder ihre rosaroten Brillen auf der Nase und unterhielten sich angeregt über die verschiedensten Fernsehserien ihrer Kindheit. Marc konnte es nicht glauben, aber Gretchen lebte ihr bisheriges Leben doch tatsächlich in dem Glauben, dass Wickie ein Mädchen sei. Na zum Glück konnte er sie eines Besseren belehren. Und Gretchen verstand endlich, weshalb Marc überhaupt Arzt geworden ist. Sascha Hehn hatte ihm in der Schwarzwaldklinik so eindrucksvoll gezeigt, welche Möglichkeiten man(n) doch als Oberarzt hatte.

Kommen wir aber zurück unter den Kastanienbaum, der in einer dieser vielen kleinen Straßen in der Nähe der Freiburger Cocktailbar „Red Lounge“ schon so viele Jahre stand.

Plötzlich wurde Marc die schmale Hand in der seinen bewusst, feingliedrige Finger, weiche Haut. Er drückte sie etwas fester, als wolle er einfach nur spüren, was er da in seiner Hand hielt. Seine Augen suchten ihre Augen. Gretchen blickte hoch, etwas überrascht über seinen Händedruck. Ihre Blicke trafen sich und verschmolzen miteinander. Der Regen prasselte unaufhaltsam auf das Blätterdach der Kastanie, Tropfen suchten und fanden ihren Weg durch das Laubwerk. Tropfen durchnässten langsam ihre Haare. Nasse Haarsträhnen hingen Gretchen ins Gesicht. Mit der freien Hand strich Marc sie ihr behutsam aus der Stirn, von ihren Wangen, von ihren Lippen. Regentropfen rannen ihnen über ihre Gesichter. Ihre Lippen glänzten feucht im Schein der Laterne. Da war so viel Sehnsucht, so viel Liebe. Sie sahen sich tief in die Augen und sie suchten. Sie suchten eine Antwort auf diese eine unausgesprochene Frage. Und beide wünschten es sich so sehr. Ein Kuss. Nur ein Kuss. Nur einmal diese süßen Lippen spüren.

Langsam ließ Marc Gretchens Hand los und nahm zärtlich ihre regennassen Wangen in seine warmen Hände. Wieder fanden sich ihre Blicke. „Habe ich dir schon mal gesagt, dass du wunderschön bist? “, fragte Marc leise und küsste sie ganz sacht auf ihre Stirn. Zaghaft. Kaum spürbar berührten seine weichen Lippen ihre Haut. Haut auf Haut. Er spürte den Regen auf seinen Lippen, die kühle Feuchtigkeit. Die Welt stand still in diesem Moment.

„Nein, bisher hast du mir lediglich mitgeteilt, dass ich einen dicken Po habe.“ Gretchen wusste nicht, warum sie das gesagt hatte. Irgendwie war sie verlegen. Sie hatte Angst. Vor sich selbst. Vor Marc. Jedenfalls drehte sich die Welt wieder.

„Aber auch der ist wunderschön!“ Und da geschah es. So unerwartet und plötzlich, dass keiner von beiden darauf vorbereitet war, obschon ihre Gedanken unaufhörlich genau darum kreisten. Sie küssten sich. Behutsam. Vorsichtig fanden sich ihre Lippen. Vom Regen nasse Haut berührte sich sacht. Gretchen und Marc waren auf einem anderen Planeten, in einem anderen Universum. Ihre Sinne waren ausgeschaltet. Sie konnten nur spüren. Sie spürten weiche Haut auf ihren Lippen. Sie spürten ein aufgeregtes Kribbeln in ihren Bäuchen, Wärme durchströmte ihre Körper und zugleich spürten sie weiche Knie und ein leichtes Zittern.

Sie spürten, dass es richtig war. Und zugleich spürten sie, dass es genau das war, wovor sie sich fürchteten.


Über Lob und Tadel freue ich mich riesig!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

23.11.2011 20:37
#28 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

30 Freiburg – November 2014

Sie wussten nicht, wie lange sie unter diesem Kastanienbaum gestanden haben.

Der Regen schien nachzulassen. Und plötzlich griff Marc nach Gretchens Hand und rannte los. Er zog sie regelrecht hinter sich her. Sie rannten zum Hotel. Sie rannten durch die nächtlichen Straßen Freiburgs, die von gelblich schimmernden Straßenlaternen erhellt wurden. Sie traten in Pfützen. Sie wurden nass. Sie waren nass. Völlig durchnässt, bis auf die Haut. Ihr Atem ging schneller und schneller. Die Kälte des Novembers machte sich in ihren Körpern breit. Kroch langsam durch sie hindurch.

„Marc, nicht so schnell! Ich bin eine Frau und trage auch das entsprechende Schuhwerk!“, hallte es aufgeregt durch die Nacht. Ansonsten war es auf den Straßen Freiburgs schon sehr ruhig geworden.

Mit einem Mal standen sie vor Gretchens Zimmertür. Nass. Noch immer hielten sie sich an den Händen. Noch immer waren sie außer Atem. Sie konnten es hören und sehen. Erwartungsvoll und voller Furcht schauten sie sich tief in die Augen. Als könnten sie in den glänzenden Augen des anderen lesen. Als gäbe es da eine Antwort. Eine Antwort auf eine Frage, die zu stellen unmöglich war.

Seiner inneren Stimme folgend nahm Marc erneut Gretchens regennasses Gesicht in seine wundervollen, mittlerweile aber nicht mehr ganz so warmen Hände. Er küsste sie. Er küsste sie zärtlich und schaute ihr dabei tief in ihre blauen Augen. All seine Gefühle, die in ihm tobten wie ein Wirbelsturm in der Sahara, hatten ihn zu diesem Kuss inspiriert.

Und dann ging alles ganz schnell. „So und jetzt brauchst du ganz schnell eine heiße Dusche, sonst holst du dir noch den Tod.“, hauchte er ihr fürsorglich ins Ohr. „Ich fand den Abend mit dir wunderschön. Träum was Schönes, vielleicht von mir?“, und mit einem unwiderstehlichen Augenzwinkern und zwei freigelegten Grübchen auf seinen Wangen drehte er sich auf dem Absatz um.

Schon war er verschwunden, inständig hoffend, das Richtige getan zu haben. Er hatte eigentlich gar nicht lange darüber nachgedacht. Eigentlich hatte er nur auf sein Herz gehört. Und das sagte ihm, dass die Zeit noch nicht gekommen war.

Zurück blieb eine völlig durchnässte Frau, die diesem Mann verdattert, aber auch irgendwie erleichtert, hinterher blickte. Zu sehr hatte sie sich schon den Kopf darüber zerbrochen, was diesem zarten Kuss unter dem Baum folgen würde und vor allem, was sie diesem Kuss folgen lassen wollte. Wozu sie bereit war. Und sie hatte große Angst davor gehabt, dass Marc und sie nicht dieselbe Vorstellung von der restlichen Abendgestaltung hatten. Aber dem war glücklicherweise nicht so. Langsam schob sie die Karte zu ihrem Hotelzimmer in den dafür vorgesehenen Schlitz. Mit einem Mal spürte sie die Kälte. Mit einem Mal spürte sie, wie nass sie war. Sie spürte nasse Kleidung an ihrer kalten Haut. Mit einem Mal spürte sie das Zittern ihrer Knie.

Schnell zog sie sich aus und nahm eine warme Dusche. Das heiße Wasser erwärmte ihren ausgekühlten Körper. Langsam bildeten sich kleine Nebelschwaden um sie herum. Wie so oft versuchte sie, ihre Gedanken zu sortieren.

Das war nicht das, was sie von Marc erwartet hatte, aber es gefiel ihr. Es gefiel ihr sogar sehr, weil diese Entscheidung sicherlich keine Entscheidung war, die er aus dem Bauch heraus gefällt hatte. Das konnte sich sogar das unschuldige Engelchen in ihr denken. Und das bedeutete, dass er nachdachte, dass er sich Gedanken machte, dass er alles richtig machen wollte. Gretchen war beeindruckt und ihr Herz machte einen kleinen glücklichen Hüpfer.

Später lag sie in diesem fremden Hotelbett unter einer riesigen, weißen Daunenbettdecke und ließ den Abend Revue passieren. Aber eigentlich konnte Gretchen nichts Revue passieren lassen. Sie war wie in einem Rausch. Gefangen in der immer gleichen Schleife der Erinnerungen. Sie dachte immerzu an diesen Satz. An diesen einen Satz. Er war nicht mehr mit Svantje zusammen. Und sie dachte an den Kuss. Diesen einen Kuss unter dem Kastanienbaum. So oft schon hatte Marc sie in der Vergangenheit geküsst. Verwegen, zärtlich, stürmisch, liebevoll. Und wieder hatte er sie heute, in der Gegenwart, überrascht. Dieser Kuss unter dem Baum war so anders. Er war genau so anders wie der ganze Mann. Dieser Kuss sprach eine andere Sprache. Gretchen wusste nur noch nicht welche.

Und zum ersten Mal, seit dem sie Marc Meier wieder in ihr Leben gelassen hatte, fragte sie sich, ob sie es herausfinden wollte. Ob sie das Risiko eingehen wollte. Denn auf dem Spiel stand mehr als nur ihre Beziehung mit Markus oder eine kleine Enttäuschung. Auf dem Spiel stand, mal wieder, ihr Herz. Zum ersten Mal gestand Gretchen sich ein, dass das hier wohl doch nicht nur ein Treffen unter alten Kollegen war. Aber was war es dann?

Und plötzlich vermisste sie ihn.

Auch Marc hatte sich eine heiße Dusche gegönnt. Jetzt stand er am geöffneten Fester und rauchte nachdenklich eine Zigarette. Draußen war es kalt und er fröstelte. Eine leichte Gänsehaut bildete sich auf seinen Armen und seinen nackten Oberschenkeln. Vorher hatte er in seinem Bett gelegen und sich von einer Seite auf die andere gewälzt. Immer und immer wieder. Er konnte noch nie wirklich gut in fremden Betten schlafen, aber heute kam zu diesem Leiden noch eine Flut an Gedanken und Gefühlen hinzu, die ihn einfach überspülten. Hatte er sich so den Nachmittag mit Gretchen ausgemalt? Nein. Er war so viel schöner als er es sich je erträumt hatte. Sie war so offen, so witzig, so unerwartet selbstbewusst, so anziehend. Auch sie hatte sich verändert. Sie schien reifer geworden zu sein.

Und dennoch hatte Marc Angst. Er ahnte, dass dieser wunderschöne Nachmittag, der tolle Abend und dieser atemberaubende Kuss noch nichts zu bedeuten hatte. Gar nichts. Er wusste, dass da noch so viel zwischen ihnen stand. So viel, und er allein musste es Beiseite schaffen. Würde er das können? Er wünschte es sich so sehr mit jeder Faser seines Herzen, konnte es sich aber nicht so recht vorstellen. Wie sollte Gretchen ihm diese Feigheit von damals jemals verzeihen?

Er schaute in den Himmel. Sterne waren nicht zu sehen. Wie auch, der Himmel war wolkenverhangen. Es hatte aufgehört zu regnen. Vor seinen Augen tauchte immer wieder Gretchen auf. Ihr einzigartiges Gesicht, so nah vor seinem. Plötzlich drang ein vertrautes Piepen an sein Ohr.

Schläfst du schon?


Ihr Lieben, Kommentare erfreuen, wie immer, mein Herz!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 970

24.11.2011 13:53
#29 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

31 Freiburg – November 2014

Es klopfte.

Gretchen öffnete die Tür. Sie trug eine lange, in Rosatönen geblümte Pyjamahose, die einen sehr figurbetonten Schnitt hatte und dazu ein rosafarbenes Top. Seine erfahrenen Augen sahen sofort, dass sie darunter nackt war. Ihre Haare waren noch etwas nass und fielen ihr in Wellen über die Schultern. Unsicher, aber aus tiefstem Herzen lächelte sie ihn an.

Sie sieht so zauberhaft aus!

Und da stand er. In schlichten Boxershorts und einem grauen T-Shirt.

Ob er wohl dieses tolle M-Shirt noch hat?

Er sah so unheimlich gut aus. Unter dem rechten Arm hatte er sich seine Zudecke und sein Kopfkissen geklemmt. Einzelne Strähnen seiner Haare hingen ihm verwegen in die Stirn.

Spitzbübisch lächelte er. „Ich habe gehört, hier benötigt eine junge Dame den berühmten Marc-Meier-Einschlafservice?“.

Normalerweise hätten bei Gretchen sicherlich alle Alarmglocken geschrillt, hätte ein Mann, hätte ein Marc Meier, einen solchen Satz formuliert. Aber glücklicherweise hatte das kleine Teufelchen auf ihrer Schulter die Macht übernommen. Allerdings hatte auch das Engelchen an diesem Abend wenig Grund zur Klage gehabt und Gretchen beabsichtigte auch nicht, dies zu ändern.

„Ach und was hätte der Herr da im Angebot?“ säuselte Gretchen gespielt gekünstelt und schloss die Tür, während es sich Marc schon in dem nicht ganz so breiten Bett gemütlich gemacht hatte.

„Also ich dachte da erstmal ans Licht aus machen. Denn bei Licht kann man schon mal gar nicht schlafen.“, antwortete Marc in einem wichtigtuerischen Ton. „ Und dann dachte ich an … kuscheln?“

Gretchens Herz pochte aufgeregt, während sie zurück ins Bett krabbelte. Ihre zwei Kopfkissen lagen nebeneinander und sie konnte erahnten, wo Marcs Kopf lag. Sie spürte, wo ihr Körper aufhörte und seiner anfing. Schnell schlüpfte sie unter ihre eigene Zudeck. Und so lagen sie in einer absoluten Dunkelheit. Kein Licht drang von außen in das Zimmer. Die Straßenlaterne vor dem Zimmerfenster war bereits erloschen. Es war spät geworden in dieser Nacht. Sie lagen dicht beieinander, einander zugewandt, unter ihren eigenen Decken.

„So werter Herr, jetzt bin ich aber auf Ihren Einschlafservice gespannt!“, durchbracht Gretchen das erwartungsvolle Schweigen, das den Raum erfüllte. „Bitte, ich warte.“

Marc antwortete nicht. Gretchen hörte das Rascheln seiner Zudecke noch bevor sie etwas spürte. Eine Hand streichelte sanft ihr Haar. Sie spürte, wie eine angenehme Wärme ihre Kopfhaut erfasste. Sie spürte Finger, die ihre Stirn zaghaft berührten und eine kribbelige Wärme hinterließen. Sie spürte einen Zeigefinger, der ihr sacht über den Nasenrücken fuhr, auf und ab. Sie spürte Finger, die die Konturen ihrer Augenbrauen nachfuhren und über ihre Augenlider strichen. Sie hatte die Augen trotz der Dunkelheit geschlossen. Sie war eins mit ihren Empfindungen. Fingerspitzen streichelten ihr zärtlich über die Wangen. Erst über die eine, dann über die andere. Weiche Fingerspitzen berührten ihre Lippen, fuhren die Umrisse ihres Mundes entlang. Fingerspitzen, die bei jeder Berührung einen prickelnden Abdruck hinterließen, einen Abdruck, der sich in ihr Gesicht und ihr Gehirn brannte. Gretchen verschlug es die Sprache, die Atmung, das Denken. Sie fühlte einfach nur, spürte seine Berührungen. In diesem Moment gab es nichts anderes. Sie hätte sich in diesem Gefühl auflösen können.

Wieder raschelte es. Auch Marc spürte eine leichte Berührung in seinem Gesicht. Den Hauch einer Berührung. Sein Herz pochte aufgeregt. Hätte Gretchen ihre Hand auf seine Halsschlagader gelegt, sie hätte mit ihren sensiblen, medizinisch geschulten Händen, ein aufgeregtes Pulsieren spüren können. Glück durchströmte warm seinen Körper. Gretchen tat es ihm gleich. Sie berührte ihn. Vorsichtig. Sanft. Zärtlich. Millimeter für Millimeter wanderte diese Hand über sein Gesicht, erforschte und liebkoste zugleich. Marc versuchte, sich jede ihrer Berührungen mit geschlossenen Augen einzuprägen. Sie waren so kostbar. Er versuchte ihre Berührungen, seine Empfindungen, sein Glück zu konservieren. Wusste er doch, dass er schon bald von diesen Erinnerungen zehren musste. Sanft hauchte er einen Kuss auf ihre Finger, als diese seine Lippen berührten.

Gretchen und Marc waren gefangen. Gefangen in ihrer ganz eigenen Welt der Berührungen und Empfindungen, die so zurückhaltend, so schüchtern und doch so voller Zärtlichkeit waren.

Plötzlich zog sich Marc zurück. Es raschelte etwas lauter. „Das geht so nicht. So kann ich nicht kuscheln!“ Und schon flog eine Zudecke aus dem Bett.

Gretchen kicherte und empfing ihn bereitwillig unter ihrer warmen Decke. Wieder lagen sie beide auf der Seite, wieder waren sie einander zugewandt. Beiden lagen mit ihrem Kopf auf ihrem angewinkelten Arm. Sehen konnte sie sich nicht, aber jetzt spürten sie die Körperwärme des anderen. Sie berührten sich nicht.

„Also so richtig zufrieden bin ich noch nicht mit Ihrem Service, der mir hier so angepriesen wurde. Ich schlafe ja noch gar nicht.“, versuchte Gretchen der Situation einen witzigen Beigeschmack zu geben.

Leise und irgendwie ernst flüsterte Marc heiser „Willst du denn schlafen?“

„Nein.“, und etwas später fügte Gretchen ebenso leise hinzu „Aber langsam fürchte ich, dass die Nachtschicht mich einholt. Ob ich will oder nicht.“

Marc griff sanft nach Gretchens Hand und legte sie auf seine Brust. Gretchen spürte den Stoff seines T-Shirts auf warmer Haut. Sie spürte seine muskulöse Brust, wie sie sich rhythmisch auf und ab bewegte und sie spürte etwas, das aus der Tiefe dieser Brust kam. Ein starkes, aufgeregtes Pochen.

Gretchen schloss die Augen und gab sich ihren Empfindungen hin. Und mit einem Mal wurde sie müde. Sehr müde. Der anstrengende Dienst in der vergangenen Nacht und die zwei Cocktails forderten dann doch ihren Tribut. Gretchen glitt langsam ab in eine wunderschöne Welt der Träume. Kurz bevor sie eingeschlafen war, flüsterte Marc etwas in die Dunkelheit. „Gretchen, es ist so schön mit dir! Ich bin glücklich.“ Sanft hauchte er ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. Auch er hielt seine Augen geschlossen.

„Ich auch, Marc.“ Und dann vernahm Marc nur noch ein gleichmäßiges Atmen. Einatmen. Ausatmen. Er lächelte. Ein bisschen enttäuscht war er schon, dass Gretchen jetzt schlief. Andererseits überraschte es ihn aber auch, wie lange sie nach dieser anstrengenden Nachtschicht durchgehalten hatte. Wusste er doch selbst nur zu gut, wie ausgelaugt man nach der Versorgung so vieler Unfallopfer war. Zärtlich strich er über ihr Haar. Er spürte ihr weiches Haar unter seinen Fingern. Und mit einem Mal spürte er ebenfalls die Müdigkeit, die sich in ihm breit machte und ihn ein paar Minuten später übermannte.

Stunden später hatten sie ihre Schlafposition, wie so oft in dieser Nacht, verändert. Marc lag auf dem Rücken und Gretchen hatte sich eng in seinen starken Arm gekuschelt. Ihr Kopf ruhte auf seiner Brust.

Die beiden Schlafenden bemerkten das nicht. Nur ein kleines Teufelchen war außer sich vor Freude!


Über eure Kommentare freue ich mich riesig!

Pippi Langstrumpf Offline

Krankenschwester:


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25.11.2011 16:56
#30 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

32 Freiburg – November 2014

Marc erwachte.

Langsam kehrte er in die Realität zurück. Langsam erwachten seine Empfindungen, seine Sinne. Noch bevor er seine Augen öffnete, hatte er das Gefühl, in einer fremden Umgebung zu sein. Noch bevor er seine Augen öffnete, wusste er wieder, wo er war. Er musste seine Augen nicht öffnen um zu wissen, bei wem er war. Er roch sie. Er hörte sie. Er spürte sie.

Sie hatte sich ganz eng an seinen Rücken geschmiegt. Seine Körperlinie war ihre Körperlinie. Einen Arm hatte sie ihm um den Oberkörper gelegt. Er ruhte schwer auf seiner Brust. Sie schlief noch. Er spürte ihren Atem. Ruhig und gleichmäßig kitzelte dieser ihn im Nacken. Er spürte weiche Haare, ebenfalls an ihrem Nacken. Er spürte ihren Oberkörper, der sich im Rhythmus ihrer Atmung bewegte. Ihn berührte. Weiche Brüste drückten sich an seinen Rücken. Er spürte einen warmen weichen Bauch und diesen Bauch spürte er auf seiner nackten Haut. Marc registrierte, dass sein T-Shirt im Schlaf etwas hochgerutscht war, Gretchens wohl ebenso. An seinen nackten Beinen spürte er ihre Beine, umhüllt von einem weichen Stoff.

Marc spürte Gretchen und sein Herz begann, wie schon so unzählige Male an diesem Wochenende, wild zu pochen und sein Puls beschleunigte sich. Ihm wurde warm, wenn nicht sogar heiß. Er spürte diese Hitze in sich aufsteigen. Diese ganz besondere Hitze. Sein Herz und sein Verstand sagten ihm, dass sein Körper sich gerade nicht an die Spielregeln hielt. Aber was sollte er tun. Er war ein Mann, noch dazu Marc Meier und an seinem Rücken klebte, im wahrsten Sinne des Wortes, eine atemberaubende Frau. Die atemberaubendste aller Frauen. Gretchen Haase.

Dennoch war sich Marc darüber im Klaren, dass er an diesem Morgen einen klaren Kopf behalten musste, wollte er Gretchen nicht für immer vergraulen. Er musste stark sein, wollte er überhaupt den Hauch einer Chance haben, einmal mit Gretchen gemeinsam dieses Spiel spielen zu dürfen. Und unabhängig davon ging es dieses Mal um so viel mehr. Ging es nicht um ihre Zukunft? Gemeinsam? Oder eben nicht gemeinsam? Langsam normalisierte sich seine Atmung wieder. Sein Herz und sein Verstand hatten gesiegt. Marc entspannte sich langsam und genoss ihre Nähe – diese atemberaubende Nähe. Keinen Millimeter wollte er von dieser Nähe hergeben.

Marc spürte, dass sie erwachte. Ihre Atmung veränderte sich, war nicht mehr so tief, ruhig und gleichmäßig. Sie bewegte leicht ihren Kopf. Marc stellte sich vor, dass sie gerade ihre Augen aufschlug. Ihre Position veränderte sie nur unmerklich.

Es war noch recht früh. Ein unangenehm feuchter Nebel hatte sich in den kleinen Straßen der näheren Umgebung des Hotels verfangen und ließ kein Sonnenlicht durch seine Schwaden. Im Hotelzimmer von Gretchen war es, obwohl ja bereits morgens, noch recht dunkel. Ein graues, fahles Licht drang durch das Fenster. Eigentlich gab es bei so einem Wetter keinen Grund, das Bett zu verlassen. Und auch das Frühstück konnten die Gäste des Hotels weit in den Sonntag schieben. Im Hotel „Paradies“ wurde gebruncht. Und zwar bis in den frühen Nachmittag.

„Guten Morgen.“, flüsterte Marc liebevoll ohne sich zu bewegen. „Hast du gut geschlafen?“

Im Grunde war Gretchen sprachlos. Sie erwachte und fand sich am Rücken von Marc Meier wieder. Ein Marc Meier, der, man konnte es nicht anders sagen, in ihren Armen lag. Kann frau in solch einer Situation überhaupt denken, geschweige denn reden? Gretchen beschloss, dies auf später zu verschieben und den Moment einfach noch ein wenig zu genießen. Er roch so gut. Sie schloss wieder ihre Augen und konzentrierte sich voll und ganz auf ihre Sinne.

Jetzt musste sie erstmal spüren, was da an ihrem Körper und unter ihrem Arm lag. Sie spürte unter ihrem Arm einen muskulösen Oberkörper. An ihrem nackten Bauch spürte sie warme Haut. Ihr stockte der Atem, bis ihr bewusst wurde, dass ihre Oberteile wohl einfach im Laufe der Nacht etwas verrutscht sind. Alles, was sie da erspüren konnte, gefiel ihr außerordentlich gut. Dass sie Marc noch eine Antwort schuldig war, hatte sie schon längst wieder vergessen.

„Redest du nicht mehr mit mir?“ Marc geriet etwas in Alarmbereitschaft.

So Alter und jetzt kommt das dicke Ende! Er atmete tief ein und aus, schloss die Augen und harrte der Dinge die da kamen, oder besser gesagt kommen sollten.

„Natürlich rede ich noch mit dir.“ Gretchen musste lächeln. Diese Unsicherheit, die Marc schon das ganze Wochenende an den Tag legte, hatte eine ganz besondere Wirkung auf sie.

„Guten Morgen. Und glaubst du, dass man in deinen Armen nicht gut schlafen kann?“, wagte Gretchen sich einen Schritt nach vorne.

„Na momentan liege ich ja wohl eher in deinen Armen.“ Marc schmunzelte. So richtig oft war ihm das in seinem Leben noch nicht passiert. Er in den Armen einer Frau. Dieser Frau. Früher wäre das undenkbar gewesen, heute gefiel es ihm. Ungemein sogar. Und plötzlich traf er eine Entscheidung. Aus dem Bauch heraus. Ohne weiter darüber nachzudenken fing er an zu reden. Er drehte sich nicht um. Er sprach einfach drauflos.

„Gretchen, ich muss dir was sagen. Nein, ich will dir etwas sagen.“ Seine Stimme schien ihm etwas zu versagen. Sie klang irgendwie belegt. Kurz musste er schlucken. „Hör mir einfach nur zu. Irgendwie ist mir das jetzt wichtig. Ich schulde dir noch eine Erklärung, warum ich mich von Svantje getrennt habe. Wir haben uns nicht einfach nur so getrennt, weil es nicht mehr gepasst hat. Eigentlich hat es sogar ganz gut gepasst…Bis du plötzlich wieder da warst. Von da an hat eigentlich gar nichts mehr gepasst. Also bei mir.“ Wieder machte er eine kurze Pause. „Du sollst das einfach nur wissen. Mehr nicht.“

Gretchen antwortete nichts. Noch immer hatte sie ihren Arm um seinen Oberkörper geschlungen. Sie spürte seinen Herzschlag. Sie dachte nach. Ihre Gedanken überschlugen sich, fuhren Achterbahn in ihrem Kopf. Was hatte das zu bedeuten? Was wollte Marc ihr sagen?

Aber das bedeutet ja, dass er … Nee Gretchen, dass bilde dir gar nicht erst ein. So etwas Besonderes bist du nicht!

Wieder wurde Marc nervös. Warum sagte sie nichts?

Er blickte in das schummrige Hotelzimmer und fragte sich, was er da gerade gesagt hatte. Er biss die Zähne zusammen und machte eine Faust. Seine Augen kniff er ebenfalls zusammen.

Jetzt hast du sie vergrault. Schoss es ihm mit absoluter Sicherheit durch den Kopf.

Er rechnete mit allem. Aber er rechnete nicht damit.

Hinter ihm erklang Gretchens Stimme. Ebenfalls sehr leise, aber auch sehr sicher. „Marc, du bist so anders als früher. Im Grunde bist du ein anderer Mensch. Irgendwie scheint es, als wärst du jetzt viel … ich weiß nicht, netter? Und sag jetzt nicht, dass das nicht stimmt. Es stimmt. Glaube mir, ich kenn mich da aus.“

Sie machte eine Pause. Marc hatte das Gefühl, dass sie überlegte. Jede Faser seines Körpers war angespannt. Diese Anspannung zerriss ihn fast. So sehr wünschte er sich, dass sie ihn verstanden hatte. Dass sie zwischen den Zeilen lesen konnte. Dass sie ihn nicht aus ihrem Bett und aus ihrem Zimmer werfen würde.

„Bitte erzähle mir von Oslo. Richtig. Alles. Irgendetwas muss da doch mit dir passiert sein.“ Ihre Stimme klang fast liebevoll. Alles hatte Marc erwartet. Dass sie ihn beschimpfen würde oder auch dass sie ihn küssen würde. Alles, aber nicht das.

War es wirklich so? Hatte er sich tatsächlich so verändert? Natürlich. Er wusste es. Er fühlte es schon lange. Schon bevor er Gretchen getroffen hatte, war ihm bewusst, dass es da eine Veränderung gegeben hat. In Oslo. Er ruhte in sich und fühlte sich wohl in seiner Haut. Zum ersten Mal in seinem Leben.

Los Meier. Du hast mit Svantje geredet – über deine Gefühle. Dann wirst du ja wohl mit dieser Frau, die du lie … die du so toll findest, über Oslo reden können.

„Wenn ich dir von Oslo erzählen soll, dann muss ich dir auch ein bisschen von Svantje erzählen. Denn sie ist ein Teil davon.“

„Ich weiß“, drang es leise an sein Ohr.


Und wie immer freue ich mich über jeden noch so kleinen Kommentar!

Pippi Langstrumpf Offline

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26.11.2011 17:25
#31 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

33 Berlin – Februar 2011

Er wusste nicht so genau, wie er anfangen sollte.

Denn eigentlich hätte er mit seinen Erzählungen an diesem unsäglichen Morgen in seiner Wohnung in Berlin beginnen müssen. Aber das konnte er nicht. Nicht heute. Nicht hier in Freiburg. Zu gefangen war er von seinen Emotionen des gestrigen Tages, der Nacht und des Morgens.
Heute konnte er nicht mit Gretchen darüber reden, obschon er wusste, dass er es bald würde können müssen.

Also begann er in Oslo. Unerwähnt ließ er, dass er an diesem besagten Morgen, an dem er sich so feige aus seiner eigenen Wohnung geschlichen hatte, ratlos in seinem etwas in die Jahre gekommenen, weißen Volvos saß und nicht so genau wusste, was er tun sollte, wo er hinfahren sollte. Unerwähnt ließ er auch, dass er für einen kurzen Moment zögerte, ja seine Entscheidung fast zu bereuen schien. Aber eben nur fast. Zu sicher war er in dem Glauben, dass es vor allem für Gretchen so das Beste sei. Zu sicher war er in dem Glauben, dass seine Art von Liebe für Gretchen nicht ausreichen würde. Zu sicher war er in dem Glauben, dass er sie vor seiner Liebe schützen musste.

Irgendwann fuhr er einfach los. Er fuhr durch die kleinen Straßen seiner Wohngegend, seines Kiezes. Er bog auf eine befahrenere Straße in Richtung Stadtautobahn ab. Auf der Berliner Stadtautobahn fuhr er einfach in Richtung Norden. Es hätte aber genau so gut auch die Gegenrichtung sein können. Hinter Frohnau verließ er die Hauptstadt in Richtung Hamburg. Er fuhr immer weiter und weiter. Sein Blick war starr geradeaus gerichtet. Auf die Straße und auf den Verkehr, der an diesem Morgen eher spärlich war.

Mit jedem Kilometer, den er zwischen sich und Gretchen legte, entspannte er sich zunehmend. Die Distanz tat ihm gut. Er spürte, wie er langsam zur Ruhe kam. Ganz spurlos war seine Flucht nicht an ihm vorüber gegangen. Er fühlte sich unwohl in seiner Haut. Er hatte irgendwie das Gefühl, etwas Schlechtes getan zu haben.

Gedanken an Gretchen oder gar an ihre Gefühle, Gedanken an das, was er da getan hat, was er womöglich angerichtet hatte, vermied er lieber. Auch über seine eigenen Emotionen machte er sich keine Gedanken. Er ließ sie einfach gar nicht aufkommen. Er besaß anscheinend die seltene Gabe, die entsprechenden Hirnareale einfach außer Kraft setzen zu können. Das konnte er gut. Er hatte es sein ganzes Leben lang nicht anders gehandhabt. Er hatte es nicht anders gelernt. Gefühle wurden einfach nicht an die Oberfläche gelassen. Es gab sie einfach nicht.

In Hamburg traf er eine Entscheidung. Er überlegte nicht lange, zückte sein Handy und rief seinen guten alten Kumpel Lars Feldmann an, der schon seit längerem in Oslo lebte und dort als Chirurg tätig war. Marc wollte ihn besuchen. Schon oft hatte ihn Lars mal in die nette Stadt so weit im Norden eingeladen. Aber bisher hatte es sich eben nie ergeben. Jetzt erschien Marc Oslo genau richtig, um wieder seine alte Form zurückzuerlangen. Ohne diesen ganzen Gefühlskram. Ohne Gretchen. Und Lars, mit dem er die besten Jahre seines Lebens verbracht hatte, frauentechnisch, würde ihm da eine große Hilfe sein. Mit Lars konnte man es richtig krachen lassen.

Und siehe da, Lars hatten nichts gegen einen Besuch von Marc in Oslo einzuwenden. Viele Stunden und ganz viele Becher Espresso to go, Cheeseburger und Snickers später, kam Marc spät am Abend, es war schon beinahe Nacht, in Oslo an. Noch immer ärgerte er sich darüber, dass er wertvolle Zeit in Puttgarden auf Fehmarn verloren hatte, weil ein Reisebus aus Dänemark ihm den letzten Platz auf der erst möglichen Fähre weggeschnappt hat.

Lars lebte in einer sehr schönen Gegend im Westen der Oslos. Die Straße, in der Lars lebte, war eher unbefahren, viele Bäume säumten die Gehwege. Das Haus, in dem Lars lebte, glich irgendwie dem, aus dem Marc so viele Stunden früher seine Flucht angetreten hatte und in dem er seine große Liebe zurückgelassen hatte.

Marc fühlte sich sofort sehr wohl in dieser fremden Stadt, in diesem fremden Land. Und das Gute an diesem Land war, dass es so weit weg von Berlin und insbesondere von Gretchen war. Natürlich hätte er sich diesen Aspekt seiner Reise niemals eingestanden. Überhaupt hatte er diese zwei wunderschönen Nächte mit seiner Assistenzärztin ganz nach hinten in seinem Herzen und in seiner Erinnerung verbannt.

Wie gesagt, das konnte er sehr gut.


Ihr Lieben, über Kommentare freue ich mich riesig!

Pippi Langstrumpf Offline

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26.11.2011 21:56
#32 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

34 Freiburg – November 2014

„Ich bin damals nach Oslo gefahren. Mit dem Auto. Zu Lars. Du hast ihn ja hier in Freiburg kennengelernt. Er ist ein alter Kumpel aus Studienzeiten. Aber das weißt du ja auch schon. Also Lars wohnte schon eine ganze Weile in Oslo. Ich glaube, seine Großeltern leben oder lebten dort. Und eigentlich wollte ich ihn schon immer mal dort besuchen. Zuerst noch mit Cedric, später ohne. Aber irgendwie hat es eben nie gepasst. Du weißt ja, dass ich eigentlich nicht so der Urlaubstyp bin. Und dann bin ich damals einfach hingefahren. Einfach so, aus dem Bauch heraus. Eigentlich, um dort Urlaub zu machen.“

Und um auf andere Gedanken zu kommen. Fügte er im Stillen hinzu. Was Marc ebenfalls unerwähnt ließ, war die Tatsache, dass er tatsächlich auf andere Gedanken gekommen ist, zumindest für einen gewissen Zeitraum. Und zwar mit Hilfe attraktiver und vor allem paarungswilliger Norwegerinnen, die er zusammen mit Lars in den angesagtesten Clubs und Bars der Stadt ausfindig machen konnte. Allerdings war das Hochgefühl, das sich bei ihm nach solchen Abenteuern einstellte, immer nur von kurzer Dauer. Warum wohl?

„Ja und eines Abends erzählte mir dann Lars in einer Bar, dass es am Ulleval-Universitätsklinikum, in dem er selbst ja auch als Chirurg arbeitete, die Stelle des Oberarztes der Chirurgischen Abteilung vakant wäre und extern besetzt werden sollte. Na ja, ich hab mir das dann einfach mal zusammen mit Lars angeschaut und mich bei dem entsprechenden Chefarzt vorgestellt. Ich war damals total begeistert. Alles war so anders als das Elisabeth-Krankenhaus. Das ganze Klinikum, das Personal, der wissenschaftliche Ansatz, alles hat mich so sehr beeindruckt. Ich hatte das Gefühl, dass ich da wirklich Karriere machen könnte und ich die Möglichkeit hätte, mich wissenschaftlich weiterzuentwickeln. Ich hatte das Gefühl, dass das meine Chance wäre. Zumal die Sache mit dem Fellowship in Washington ja nicht geklappt hatte. Auf gut Glück habe ich mich dann beworben.“

Etwas leiser und irgendwie zerknirscht fügte er hinzu, „Ich war dann noch mal kurz mit dem Flieger in Berlin, um meine Bewerbungsunterlagen zusammenzusuchen. In die Nähe des Krankenhauses oder eurer Villa habe ich mich aber nicht getraut.“ Jetzt rechnete Marc mit einer Bemerkung von Gretchen, irgendeiner Bemerkung, aber sie blieb aus. Also erzählte Marc einfach weiter.

„Deinen Vater habe ich damals per Mail kontaktiert. Für meine Bewerbung benötigte ich von ihm, als meinen Chef, natürlich ein Referenzschreiben und ich war mir, ehrlich gesagt, nicht sicher, ob ich es bekommen würde. Naja, deinetwegen. Ich habe es bekommen. Im Übrigen ein sehr gutes und ich bin bis heute davon überzeugt, dass es nur so außerordentlich gut ausgefallen ist, damit ich diese Stelle in Oslo bekomme, weit weg von Berlin und dem Elisabeth-Krankenhaus. Und so war es dann ja auch. Ich bekam die Stelle, obwohl ich der einzige ausländische Bewerber war und nicht wirklich über erwähnenswerte Norwegischkenntnisse verfügte.“ Und mit einem unverschämten Grinsen fügte er hinzu. „Na Gott halt. Qualität setzt sich eben durch.“

Gretchen schlug ihm sanft gegen die Brust. So ein Angeber! Das hat sich also nicht geändert!

Marc machte eine kurze Pause. Er musste kurz seine Gedanken sortieren. Und mit einem Mal spürte er es. Während er redete, war ihm das gar nicht aufgefallen. Gretchen strich ganz sanft mit ihrem Daumen über seine Brust. Als wollte sie ihn ermutigen, weiterzuerzählen.

„Die Arbeit in Oslo war so anders. Ich kann es gar nicht so genau beschreiben, aber du weißt, wie ich drauf war. In Oslo hat das alles nicht funktioniert. Also ich meine die blöden Sprüche, aber auch meine Arroganz, mein Sarkasmus, mein Zynismus. Im Grunde alles, was bis dato meine Persönlichkeit ausgemacht hat, worüber ich mich während der Arbeit, worüber ich mich als Oberarzt im Elisabeth-Krankenhaus definiert habe.

Ich konnte zu Beginn nicht mal Norwegisch. Wie soll man eine Schwester zusammenscheißen oder eine Ärztin anbaggern, wenn man ihre Sprache nicht spricht. Klar, anfangs habe ich alles auf Englisch geregelt. Das war kein Problem. Eigentlich spricht in Norwegen jeder Englisch. Aber irgendwie hat das nicht hingehauen. Mit mir sprachen sie Englisch, untereinander Norwegisch. Lars war der einzige, mit dem ich mal einen lockeren Spruch machen konnte. Aber im Gegensatz zu mir sprach er perfekt Norwegisch und war ins Team integriert. Ich weiß nicht, aber kannst du dir vorstellen, dass ich da irgendwie ein Außenseiter war. Der ausländische Oberarzt. Wenn die Arbeit nicht so ausgesprochen professionell und für mich auch irgendwie erfüllend gewesen wäre, hätte ich es wahrscheinlich irgendwann aufgegeben. Aber die Arbeit war echt cool. Zum einen die normale Arbeit in der Chirurgie, der ganz normale Klinikalltag eben, und zum anderen die wissenschaftliche Arbeit.“

Wieder hielt Marc kurz inne. Noch immer lag Gretchen hinter ihm und streichelte sanft seinen Bauch. Er legte seine Hand auf ihre. „Für einen Teil meiner Arbeitszeit in der Chirurgie war ich für die Durchführung wissenschaftlicher Studien freigestellt. Kurz nachdem ich dann am Ulleval angefangen habe, hat dann auch die Arbeit an der Studie begonnen, die wir in Freiburg vorgestellt haben. <Depressivität bei Patienten mit Querschnittslähmung nach Verletzungen des Rückenmarks und deren Einfluss auf den Rehabilitationsprozess>. Tausendmal habe ich mittlerweile diesen Titel geschrieben oder gesprochen. Irgendwie hängt er mir langsam aus dem Halse raus.“

Er lacht kurz auf.

„Weißt du, was mich an dieser Studie am meisten fasziniert hat? Die Patienten. Wir haben mehrere Gruppen miteinander verglichen. Patienten mit und ohne Depression. Patienten mit einer behandelten und einer unbehandelten Depression. Na ist ja auch egal. Auf jeden Fall ist mir da eines Tages etwas klar geworden. All diese Menschen, die an unsere Studie teilgenommen haben, haben einen schrecklichen Schicksalsschlag erleiden müssen. Und sehr viele von ihnen haben diesen früher oder später angenommen, akzeptiert und gegen die schrecklichen Folgen angekämpft. Die haben sich jeden Tag in der Therapie abgerackert, haben unerträgliche Schmerzen in Kauf genommen, nur um vielleicht irgendwann mal einen klitzekleinen sichtbaren Erfolg zu erzielen.

Und noch etwas hat sich in der Studie gezeigt. Die Patienten, die ihre Krankheit verdrängt haben, die im Grunde aufgegeben haben, die ihr Schicksal nicht akzeptieren konnten, die haben nichts erreicht. Keine Veränderung, keine Verbesserung. Bei denen gab es nur noch Stillstand. Und viele von den Patienten aus dieser Gruppe waren sehr wütend auf sich und auf die ganze Welt. Und sie haben dieser Wut auf ganz unterschiedliche Arten Luft gemacht. Aggression, Wut, Trauer, Sarkasmus, Zynismus, Ironie, Verletzung. Im Grunde war da alles dabei.“ Plötzlich flüsterte er. „So wie bei mir, früher.“

Gretchen entzog sich seiner Hand und griff nach eben dieser. Ein leichter Druck signalisierte ihm, dass sie in Gedanken bei ihm war. „Ich hab für die Studie ziemlich viel Literatur durcharbeiten müssen. Vor allem psychologische Fachliteratur. Ja, lach jetzt nicht. Ich hab’s tatsächlich getan, ließ sich ja gar nicht vermeiden, und … ja … ich lebe noch. Irgendwann, ich weiß gar nicht mehr so genau wann, ist mir dann so nach und nach klar geworden, dass diese psychologischen Mechanismen, die bei unseren Patienten wirksam waren, wohl auch in ganz anderen Bereichen des Lebens wirksam sein können. Also bei mir.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass ich im Grunde wie ein Patient dieser einen Untersuchungsgruppe bin. Ich habe verdrängt, ich habe nicht wahr haben wollen, ich habe verletzt und ich war wütend. Auf meinen Vater, auf meine Mutter, auf mich. Viel später ist mir dann bewusst geworden, dass auch ich die Möglichkeit habe, meine Vergangenheit anzunehmen, einfach zu akzeptieren. Das hört sich jetzt so abgedroschen an, aber irgendwie war es so. Meinen Vater kann ich nicht ändern, meine Mutter auch nicht, meine Kindheit ist vorbei. Sie ist abgeschlossen, die Geschichte kann nicht mehr umgeschrieben werden. Nur ich kann mich ändern, meine Haltung dazu, zu dem, was passiert ist. Manchmal gelingt mir das schon ganz gut. Dann bin ich frei und fühle mich wohl in meiner Haut.“

Er überlegte kurz und fuhr dann mit einem kleinen Auflachen fort. „Also denk jetzt nicht, dass das von heut auf morgen ging. Wir arbeiten ja jetzt seit drei Jahren mit den Patienten. Und so lange läuft das auch schon in meinem Kopf. Also nicht ganz so lange, aber schon eine ganze Weile. Immer mal wieder.“

Wieder hielt er kurz inne. Marc schien nach den richtigen Worten zu suchen. Auf keinen Fall wollte er Gretchen verletzen. „Und dann war da eben auch noch Svantje. Sie arbeitete ebenfalls an der Studie mit. Als Psychologin. Du kannst dir vorstellen, was ich anfänglich von ihr gehalten habe. Im Grunde fand ich sie nicht mal sonderlich attraktiv. Wir haben auch nicht direkt miteinander zu tun gehabt. Sie hat eben die psychologischen Tests mit den Patienten durchgeführt. Aber je öfter ich sie im Umgang mit den Patienten gesehen habe, ihre liebevolle Art zu sprechen, die Patienten so wie sie waren wahrzunehmen und zu verstehen, desto faszinierter war ich von ihr. Ich glaube, sie hat mich ein wenig an dich erinnert. Äh …

Also, wie ich vorhin schon erzählt habe, war ich zu Beginn meiner Zeit in Oslo nicht wirklich mit Bekanntschaften gesegnet. Und eines Tages hat Lars mich dann gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mir Svantje joggen zu gehen. Sie war auf der Suche nach einem Joggingpartner und Lars, der alte Marathonmann, war einfach zu gut für sie. Ich hab‘s dann einfach mal gemacht, eigentlich wollte ich Lars einen Gefallen tun. Naja, ich hätte es ja niemals zugegeben, aber Svantjes Leistungsniveau lag etwas über meinem. Hab ja bis dahin auch nur Squash gespielt. Und das ja auch eher unregelmäßig. Jedenfalls hat mich das beeindruckt und meinen Ehrgeiz geweckt. Ja und so hat das angefangen. Wir sind sehr viel zusammen gelaufen. In der Regel zwei bis drei Mal in der Woche. Sie hat trainiert und ich hatte mal etwas vor, außer arbeiten.

Er musste sich kurz räuspern. „Und natürlich redet man da auch miteinander, wenn man so oft gemeinsam unterwegs ist. Also Svantje hat geredet und ich habe zugehört. Ihr Bruder ist damals bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Und jedes Mal hat sie mit mir darüber geredet. Glaube mir, ich war drauf und dran, dieses Laufarrangement zu beendet. Eigentlich weiß ich auch gar nicht, warum ich’s nicht gemacht habe. Manchmal ist sie mir auch richtig auf den Keks gegangen mit ihrer Trauer und dieses ewige darüber-reden-müssen. Aber sie hatte auch total viel Humor. Und oft haben wir auch nur so geredet. So wie Kumpels.

Nach Monaten oder vielleicht war es auch schon länger als ein Jahr, hatte ich dann schon wieder so eine sonderbare Erkenntnis, die ich mir selbst nie zugetraut hätte. Mir ist bewusst geworden, dass es anscheinend hilft, wenn man einen schweren Schicksalsschlag, wie auch immer der geartet sei, nicht verdrängt, wenn man ihn annehmen kann, wenn man darüber reden kann. Wenn man akzeptieren kann und nicht mir seinem Schicksal hadert. Ja und irgendwann habe ich dann versucht, mit Svantje zu reden. Also äh, ich meine über mich zu reden. Über alles. Aber vor allem über meine Kindheit, über meinen Vater und über meine Mutter. So richtig hat das nie geklappt. Ich konnte das einfach nicht und kann es auch heute noch nicht. Aber ich weiß jetzt, dass es manchmal besser ist, wenn man redet und nicht alles einfach runterschluckt.

Mit Svantje nahm dann alles irgendwie seinen Lauf. Wir haben uns einfach immer besser verstanden, waren auf einer Wellenlänge und sind dann irgendwann miteinander ausgegangen. Ein Paar wurden wir dann im letzten Jahr. Ich habe mich in ihrer Gegenwart wohl gefühlt und zum ersten Mal in meinem Leben musste ich mich nicht verstellen. Sie mochte mich, so wie ich war. Und natürlich habe ich sie auch irgendwie sehr gern gehabt. Und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich dann nicht gegen das ganze Programm inklusive einer gemeinsamen Wohnung gewehrt. Nur die Spieleabende mit irgendwelchen befreundeten Pärchen habe ich bis zuletzt erfolgreich abwenden können. Aber irgendwie fand ich es eben auch ganz schön, nicht immer alleine zu sein. Denn in Oslo war ich zu Beginn oft sehr allein. Sie ist übrigens gestern aus unserer gemeinsamen Wohnung ausgezogen.“

Gretchen unterbrach ihn ganz leise. „Hast du ihr von mir erzählt?“.

Marc überlegte lange, legte sich seine Worte ganz genau zurecht. „Nein, ich habe ihr erst nach Freiburg von dir erzählt. Als ich mich von ihr getrennt habe. Anscheinend warst du die ganze Zeit mein kleines, verdrängtes Geheimnis.“ Kurz lachte er auf.

Behutsam nahm Marc wieder Gretchens Hand in seine. Langsam drehte er sich zu ihr um. Zum ersten Mal an diesem Morgen schauten sie sich in die Augen. Aus welchem Grund auch immer hatte Marc erwartet, dass er womöglich eine kleine Träne in ihren Augen aufblitzen sehen würde. Aber da war nichts. Ihre Augen waren klar und strahlend. Unsicher blickte sie ihn an, während Marc ihr behutsam eine goldene Haarsträhne aus dem Gesicht strich. „Und was bin ich jetzt für dich?“, fragte Gretchen mit zittriger Stimme.

Marc legte seine Hand auf ihre Wange und streichelte mit seinem Daumen zärtlich über ihre weiche Haut. Ein Schaudern überzog Gretchens gesamten Körper. Er blickte ihr fest in die Augen. Mit einer Intensität, dass es Gretchen das Bett unter dem Körper wegzog. Ein wenig kniff er seine Lippen zusammen, bevor er anfing zu sprechen.

„Jetzt bist du einfach da, bei mir und ich bin sehr glücklich! Ich glaube, ich war noch nie so glücklich wie gestern Abend und heute Morgen!“ Während dieser Worte machte Marcs Herz einen Hüpfer bis in seinen Hals. Seine Kehle fühlte sich auf einmal so eng an. Er hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ihm wurde heiß.

Währenddessen kämpfte Gretchen noch immer mit dieser außergewöhnlichen Gänsehaut. Sie hatte das Gefühl, dass sich all die kleinen feinen Härchen auf ihrer Haut selbständig gemacht hatten. Egal ob auf ihren Armen, ihren Beinen oder auf ihrem Rücken, überall verspürte sie dieses einzigartige Gefühl. Sie spürte, wie sich in ihrem Hals etwas zusammenzog. Sie konnte nicht mehr schlucken, ohne dieses unangenehme Gefühl zu spüren. In ihrer Nase begann es zu kribbeln. Und dann konnte sie ihre Emotionen nicht mehr kontrollieren. Eine kleine silbrige Träne blitze jetzt doch in ihrem Auge auf. Zärtlich legte sie ebenfalls ihre Hand auf seine Wange. Unter ihren Fingern spürte sie die feinen Barthärchen, die sich wohl über Nacht einen Weg ins Freie gesucht haben.

„Marc, mir geht es auch so wie dir. Aber ich hab so große Angst davor. Ich will das alles nicht. Nicht so wie damals. Ich will am Ende nicht wieder diejenige sein, deren Herz in tausend Teile zerspringt, weil du es dir anders überlegt hast.“ Sie zwang sich, ihm bei diesen Worten in seine Augen zu schauen. Sie zwang sich, ihm bei diesen Worten einen Blick in ihre Seele zu gestatten.

Marc sagte nichts. Er konnte nichts sagen. Er war sprachlos. Er rang mit sich und mit seinen Empfindungen, die er nicht mehr kontrollieren konnten. Alles in ihm schien außer Kontrolle geraten zu sein. Am liebsten hätte er sie einfach nur in seinen Arm genommen und sie ganz fest gehalten. Sie einfach nur festgehalten und nie wieder los gelassen. Aber er traute sich nicht. Nicht nachdem sie das gesagt hatte.

„Willst du mir von damals erzählen?“, fragte er zerknirscht. Kaum hörbar. „Nein, nicht heute. Später mal.“ Gretchen versagte die Stimme.

Und dieses Versagen ihrer Stimme löste in ihm etwas aus. Entschlossen nahm er sie in seinen Arm. Er hielt ihren weichen Körper ganz fest.
Ganz fest drückte er sie an sein Herz. Als wolle er sie nie wieder loslassen, nie wieder verlieren. So sehr hoffte er, dass sie spüren würde, wie stark sein Herz für sie und eben nur für sie schlug. Er vergrub sein Gesicht in ihren Haaren, roch daran, sog diesen süßen Duft ein, als hätte er schon lange keinen Sauerstoff mehr bekommen. Er schloss die Augen und spürte sie mit jeder Faser seines Körpers, mit jedem Millimeter seiner Haut.

„Bitte Gretchen, gib mir eine Chance!“

Wie ein Ertrinkender an einen Rettungsring klammerte er sich an Gretchen, an sein Gretchen.

Pippi Langstrumpf Offline

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05.12.2011 22:15
#33 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

35 Berlin – November 2014

Gretchen saß auf einem riesigen, grünen Polstersofa in diesem kleinen gemütlichen Café in der Nähe des Elisabeth-Krankenhauses. Sie hatte es sich auf einem der Sofas bequem gemacht, die an allen Wänden des kleinen Gastraumes standen. Es waren wunderschöne grüne Polstermöbel mit verschnörkelten Rücken- und Armlehnen, die Polster schimmerten samtig und verliehen dem Café eine ganz besondere Atmosphäre. Kleine Beistelltische und stilvolle Lampen aus verschnörkeltem Metall komplettierten die geschmackvolle Einrichtung. Vor zwei Jahren hat das „Café Grün“ eröffnet und seit dem war es das uneingeschränkte Lieblingscafé von Gretchen und ihrer befreundeten Kollegin Sabine. Vor allem die leckeren, selbst gemachten Kuchen und Törtchen hatten es den beiden Frauen angetan und so manche gemeinsame Mittagspause versüßt.

An diesem Donnerstagnachmittag hatte es sich Gretchen, wie bereits erwähnt, in einem der riesigen Sofas in der Nähe der großen Fensterfront gemütlich gemacht. Sie versank geradezu in den weichen Polstern und zwischen den vielen Kissen. Vor ihr standen auf einem kleinen Beistelltischchen eine riesige Tasse aus weißem Porzellan, deren Inhalt, ein leckerer Milchkaffee, noch dampfte. Daneben stand ein kleiner, ebenfalls weißer, Teller mit einem großen Stück einer leckeren Schokoladentorte, die es ihr in den vergangenen Monaten ganz besonders angetan hatte. Die Torte war unberührt.

Verträumt schaute Gretchen aus dem Fenster. Gedankenverloren ließ sie ein schwarzes Lederbändchen durch ihre Finger gleiten. Immer und immer wieder. Manchmal verharrten ihre Finger an einem silbernen Verschluss oder einem kleinen silbernen Stern, der mit einer Öse ebenfalls an diesem Bändchen befestigt war.

Es war ein trüber Novembertag. Grau und feucht. Kalt. Es regnete nicht, aber trotzdem schienen die Straßen schon seit Tagen nicht mehr richtig abzutrocknen. Es war einer dieser Tage, an denen man das Gefühl hat, dass es gar nicht richtig hell wird. Einer dieser Tage, an denen man eigentlich gar nicht das Bett verlassen möchte. Es war ein Tag, wie dieser Sonntag vor vier Tagen in Freiburg. Dieser Sonntag in Freiburg, der irgendwie ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Dieser Sonntag in Freiburg, an dem sie sich zum zweiten Mal in ihrem Leben in Marc Meier verliebt hat. Irgendwie.

Ihre Gedanken wanderten, wie so oft in den vergangenen Tagen, zurück nach Freiburg, zurück in dieses kleine, gemütliche Zimmer des Hotels „Paradies“, zurück in dieses schmale Bett, zurück in diese Arme. Marcs Arme. Starke Arme. Beschützende Arme. Arme, die sie festhielten. Arme, die sich an ihr festhielten.

Sie bemerkte gar nicht, dass sie ihre Augen schloss, während sie mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen an ihre letzten gemeinsamen Stunden in Freiburg dachte. Während sie versuchte, sie jedes noch so kleine Detail in Erinnerung zu rufen. Während sie versuchte, alles Sinneseindrücke, die ihr Gehirn während dieser Stunden mit Marc abgespeichert hatte, so real wie möglich abzurufen.

„Bitte gib mir noch eine Chance.“ Gretchen bekam immer noch eine Gänsehaut, wenn sie diesen Satz in ihrem Kopf hörte. Kleine prickelnde Seifenbläschen stiegen dann langsam in ihrem Innern auf. Sie konnte seine heisere Stimme hören, seine Verzweiflung und seine Liebe. War es tatsächlich Liebe, die sie in diesem Satz hören konnte? Gretchen war nicht bereit, dies zu glauben, obwohl ihr Herz es ihr immer und immer wieder einflüsterte, wie eine Souffleuse in einem Theaterstück. Sie konnte seinen warmen Körper spüren. Sie konnte seinen Atem hören und seinen Herzschlag spüren. Schlag für Schlag, Pochen für Pochen. Schlug es für sie? Gretchen wünschte es sich so sehr und hatte gleichzeitig so große Angst davor.

Es war, als wären ihre Erinnerungen lebendig. Lange hatten sie nach diesem einen Satz, der alles in Gretchen verändert hatte, einfach nur so dagelegen. Eng umschlungen. Mit geschlossenen Augen. Bauch an Bauch. Brust an Brust. Wange an Wange. Ihre Finger strichen zärtlich über den Rücken des anderen. Keiner von ihnen hatte etwas gesagt. Marc hatte alles gesagt. Nichts hätte er mehr an diesem Morgen hinzufügen können oder wollen.

Und Gretchen konnte einfach nichts sagen. Ihr Kopf war leer. Es gab in diesem Moment keine Worte, mit denen sie das ausdrücken konnte, was sie fühlte. Zu überwältigt war sie von diesem Moment, von seinen Worten. Zu überwältigt war sie schon zuvor von seiner Offenheit, die sie ihm niemals zugetraut hätte und die sie früher so sehr vermisst hatte. Eine Offenheit, die sie sich immer so sehr gewünscht hatte und die zu geben er nie bereit war, die zu geben er früher einfach nicht in der Lage war. Wieder sammelten sich kleine Tränen in ihren Augen. Sie trauerte um ihre Vergangenheit.

Warum konnte er damals nicht so sein? Wir hätten so glücklich sein können!

Marc spürte Feuchtigkeit an seiner Wange. Marc spürte, dass Gretchen weinte. Leise. Lautlos. Und doch war sie an diesem Morgen so stark. Er war so beeindruckt von ihr. Sie war so eine tolle Frau und er spürte mehr als je zuvor eine unbeschreiblich starke Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach Liebe. Liebe zu dieser Frau – von dieser Frau. Er wusste, dass er sie an diesem Morgen überfordert hatte. Ihm war klar, dass sie Zeit brauchte. Sie brauchte Zeit, um zu verstehen, was er ihr erzählt hatte. Sie brauchte Zeit, um zu verstehen, wer er jetzt war. Sie brauchte Zeit, um zu verstehen, was er wollte. Und natürlich brauchte sie Zeit, um zu begreifen, was sie wollte. Und diese Zeit wollte er ihr geben.

Noch einmal nahm er ganz behutsam ihre Wangen zwischen seine Hände. Wie schon so oft zuvor, wie schon so oft zuvor in einem anderen Leben, strich er mit dem Daumen ihre Tränen weg. Wie so oft zuvor zwang er sie, ihm in die Augen zu schauen. Augen, die in diesem Augenblick von so einem berauschenden Grün waren, dass Gretchen von ihrer Anziehungskraft erfasst und in ihren überwältigenden Bann gezogen wurde.

„Denk einfach in Ruhe über alles nach.“ Er lächelte. Offen. Ehrlich. Verliebt. „So und jetzt habe ich aber wirklich Hunger!“, fuhr er viel lauter und mit einem spitzbübischen Grinsen im Gesicht fort. „Zwanzig Minuten müssten dir ja eigentlich reichen – so bezaubernd, wie du heute Morgen aussiehst!“. Er sagte es, schwang sich aus dem Bett, zwinkerte ihr zu und verschwand aus dem Zimmer.

Zurück blieb, auf dem Bett sitzend, ein glücklich lächelndes Gretchen. Auf ihrer rechten Schulter vollführte ein kleines Teufelchen gerade einen ausgelassenen Tanz. Einen Tanz, wie nur ein Sieger ihn vollführen kann. Auf ihrer linken Schulter saß ein kleines nachdenkliches Engelchen. Ein Engelchen, das sich mit einem Lächeln auf den Lippen geschlagen gab und nur noch leise flüsterte. „Aber vergiss Markus nicht.“

Genau zwanzig Minuten später betrat Gretchen das gut besuchte Restaurant des Hotels. Sonntags wurde im „Hotel Paradies“ gebruncht und das ließen sich die Freiburger nur ungern entgehen. Zu gut waren Küche und Ruf des hoteleigenen Restaurants. Suchend sah sich Gretchen um. Alle Tische schienen belegt zu sein. Überall wuselten Menschen zwischen ihren Tischen und dem im hinteren Teil des Restaurants aufgebauten Buffet hin und her. Aber plötzlich winkte ihr ein gutaussehender Mann zu. Ein Mann, der sie verliebt anlächelte. Ein Mann, der so unbeschreiblich gut aussah. Ein Mann, der ihr bereits, wie sie beim Näherkommen schmunzelnd zur Kenntnis nahm, einen Croissant und eine riesige Portion Schokocreme vom Buffet geholt hatte. Einen Milchkaffee und ein Glas frisch gepressten Orangensaft hatte er ebenfalls bereits organisiert.

„Was würdest du eigentlich machen, wenn ich ja sagen würde?“, versuchte Gretchen einen weiteren Croissant später ganz nebenbei zu erfahren. Und doch etwas unsicherer fügte sie hinzu. „Also ich meine das, worüber wir heute Morgen geredet haben.“

Marc verschluckte sich an seinem Kaffee. Gerade hatte er Gretchen von einer im Dezember anstehenden Tagung in Boston erzählt. Eigentlich hatte er nicht erwartet, dass Gretchen das Thema von sich aus nochmal anschneiden würde. Schon wieder überraschte sie ihn an diesem Wochenende.

„Naja, ich glaube, ich würde dieses Jahr Weihnachten, zum ersten Mal seit meinem Umzug nach Oslo, wieder in Berlin verbringen wollen.“
Irgendetwas an seinem Lächeln wirkte unsicher, verlegen. Gretchen meinte auszumachen, dass es an seinem Blick lag, an seinen Augen. Er fixierte sie und suchte in ihren Augen nach einer Antwort.

„Na dann kümmere dich mal um einen Flug.“ Sie lächelte ihn an. Unsicher. Aber ihre Augen strahlten ihn an und endlich hatten seine Augen eine Antwort in ihren gefunden. Gretchen hatte weder ja noch nein gesagt. Sie hatte ihm ein kleines Zeichen gegeben. Ein kleines Zeichen, das in die richtige Richtung ging. Marc atmete erleichtert aus und seine Augen fingen das Strahlen ihrer Augen auf.

Ihre Hände fanden sich auf dem Tisch. Eine linke Hand und eine rechte Hand legten sich ineinander. Warme Hände. Weiche Haut. Daumen strichen zärtlich übereinander. Dabei rutschte Marcs Pullover am Handgelenkt ein wenig hoch. Gretchens Blick fiel auf einen wunderschönen silbernen Stern, der ein schwarzes Lederarmband zierte.

„Puh ist das ein Sauwetter! Da würde man ja am liebsten im Bett bleiben. Tut mir leid, dass du warten musstest. Aber Herr Weißvogel, du weißt schon, der ältere Herr mit der Oberhalsschenkelfraktur, musste noch mal. Und die Spätschicht war noch bei der Übergabe. Na du kennst mich ja, kann halt nicht nein sagen.“

Sabine redete ohne Punkt und Komma, während sie ihre dicke, weiße Winterjacke auszog und sich neben Gretchen auf das Sofa plumpsen ließ. Dabei bemerkte sie gar nicht, dass Gretchen ihr gar nicht zuzuhören schien.

Und etwas verschämt fuhr sie mit dem ihr so eigenen Lächeln fort. „Und auf dem Weg durch den Park habe ich dann noch Günni getroffen. Na ja, wie Männer eben so sind, die können den Hals einfach nicht voll bekommen. Schöne Grüße soll ihr dir von ihm ausrichten.“, seufzte sie. „Also, was willst du mir jetzt Wichtiges erzählen?“

Ohne Sabine anzuschauen, begann Gretchen leise zu sprechen. „Marc. Er ist wieder da. Er ist wieder in meinem Leben. Alles geht wieder von vorne los.“

„Oh - mein – Gott. Der Herr Doktor Meier!“


Hoffentlich habt ihr nach meiner Urlaubspause wieder zurück in die Geschichte um Marc & Gretchen gefunden!
Wie immer würde ich mich über den einen oder anderen Kommentar sehr freuen!

Pippi Langstrumpf Offline

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07.12.2011 09:50
#34 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

36 Oslo – November 2014

Auch Marc dachte an diesem Donnerstagnachmittag an die schönsten Stunden seines Lebens.

An die wenigen Stunden, die er zusammen mit Gretchen so unbeschwert und frei in Freiburg verlebt hatte. Allerdings hatte er für seine Träumereien, und nichts anderes tat Marc in eben diesem Moment, ein gänzlich anderes Ambiente gewählt als Gretchen. Natürlich hatte er es sich nicht in einem Café gemütlich gemacht, das entsprach nicht seinem Naturell. Vielmehr bevorzugte er die Aktivität. Anders als Gretchen entspannte er am besten, wenn er sich bewegte, wenn er lief. Also lief er. Seit Sonntag jeden Tag, nachmittags, nach seinen Frühschichten, die er in dieser Woche zu absolvieren hatte.

Seit dem Wochenende benötigte er diese Form der Entspannung mehr als alles andere. Seit Sonntag kreisten seine Gedanken pausenlos um Gretchen, wie die Erde um die Sonne. Seit Sonntag konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen. Er vermisste Gretchen einfach. Er vermisste ihre Stimme, ihr Lachen, ihre Augen, ihren Mund, ihren Duft. Er vermisste einfach sie.

Einerseits war dies ein sehr schönes Gefühl für Marc. Aufregend. Neu. Noch nie war es ihm in seinem Leben so ergangen. Nicht damals mit Gretchen und nicht mit Svantje. Und natürlich erst recht nicht mit den zahlreichen weiblichen Bekanntschaften, die er im Laufe seines Lebens geschlossen hatte. Andererseits lenkten ihn aber auch diese neuen Gefühle und Gedanken ab. Vor allem bei seiner täglichen Arbeit in der Klinik waren sie dann doch eher hinderlich. Denn aus irgendeinem Grund konnte er sich nicht mehr so gut konzentrieren. Oft war er abgelenkt und nicht so richtig bei der Sache. Und eigentlich musste er als Chirurg immer richtig bei der Sache sein. Zu hundert Prozent. Gedankenlosigkeiten waren nicht erlaub. Aber das war er seit dem Wochenende. Gedankenlos. Hatte er doch tatsächlich am gestrigen Tage während einer äußerst komplizierten und kraftraubenden OP seine ebenfalls blauäugige Assistenzärztin für sein zauberhaftes Gretchen gehalten.

Also versuchte Marc die Arbeit Arbeit sein zu lassen und während seiner Freizeit erlaubte er sich dann seine Träumereien von Gretchen. Wie gesagt, an diesem Donnerstagnachmittag waren Träumereien und Erinnerungen erlaubt, da er nicht im Dienst war. Während er um einen kleinen See in der Nähe seiner Wohnung, die seit Sonntag nun ausschließlich von ihm bewohnt wurde, lief, wanderten seine Gedanken mit jedem Schritt auf dem regennassen Asphalt weiter nach Freiburg, weiter zu Gretchen.

Er lächelte versonnen, als er sich daran erinnerte, wie Gretchen ihm zu verstehen gegeben hatte, dass sie sich über seinen Weihnachtsbesuch in Berlin freuen würde. Sie war einerseits so unsicher, so zurückhaltend. Aber auf der anderen Seite schien sie doch eine Vorstellung davon zu haben, was sie wollte. Marc konnte noch immer auf seiner Hand ihre Haut spüren, die sich während ihres Gespräches auf seine Hand gelegt hatte. So intensiv waren seine Erinnerungen. Und er lächelte über beide Ohren, als er sich an ihren Abschiedskuss erinnerte.

Gretchen wollte keinen langen Abschied. Sie wollte nicht, dass Marc sie zum Bahnhof begleiten würde. Marc hatte nur noch einen sehr späten Flug von Basel nach Oslo buchen können, weshalb sein Aufenthalt im Breisgau etwas länger ausgefallen war, als ursprünglich geplant. Er hätte also Zeit gehabt.

Irgendwann musste Gretchen sich dann nach dem ausgiebigen Brunch auf den Weg machen. Aus tiefstem Herzen strahlte sie Marc an, während sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die rechte Wange hauchte und ihn fest umarmte. Danach verließ sie fast fluchtartig das Restaurant. Zurück blieb ein verdatterter Marc, der gar nicht so genau wusste, wie ihm geschah. Aber es war okay für ihn. Auch wenn er sie gerne geküsst hätte. Sehr gerne sogar. Es war okay für ihn, weil er wusste, dass Gretchen noch Zeit benötigte. Sie benötigte noch Zeit, um sich über einige Dinge klar zu werden. Über sich. Über Ihn. Und natürlich war da ja auch noch dieser Freund in Berlin. Für Gretchen war das alles noch nicht so eindeutig, wie für ihn, darüber war Marc sich im Klaren.

Er bestellte sich noch einen Espresso, ging an das Buffet, goss sich ein großes Glas frisch gepressten Orangensaft ein und machte es sich mit einer Badischen Tageszeitung wieder an seinem, und bis vor ein paar Minuten auch Gretchens, Tisch gemütlich. Allerdings konnte er sich nicht so richtig auf die Zeitung konzentrieren. Immer wieder wanderten seine Gedanken zu Gretchen, zu dem, was sie hier zusammen in Freiburg erlebt hatte und zu ihrem etwas überhasteten Abschied. Immer wieder verloren sich seine Augen während seiner Träumereien im Nirgendwo.

Plötzlich sah er sie. Draußen. Auf der Straße. Ihre blonde Lockenmähne wippte im Takt ihrer Schritte. Über ihrer rechten Schulter hing eine große braune Ledertasche. Natürlich trug sie ihren blauen Dufflecoat. Obwohl Marc Gretchen nur von hinten sehen konnte, fand er ihren Anblick in diesem Augenblick einfach nur bezaubernd. So bezaubernd, dass er nicht mehr klar denken konnte. Er fand sie so bezaubernd, dass er in ihren Bann gezogen wurde. Er fühlte sich auf magische Art und Weise zu ihr hingezogen, von ihm angezogen. Mit einem Mal dachte er nicht mehr daran, was Gretchen sich gewünscht hatte. In dieser Sekunde folgte er einfach nur seinem Herzen und seinen Gefühlen. Mit zügigen Schritten verließ er das Restaurant und verfiel dann in einen lockeren Laufschritt, um Gretchen einzuholen.

„Gretchen, warte mal!“, rief er, als er nur noch wenige Schritte hinter ihr war. Gretchen blieb stehen und drehte sich verwundert um. Marc ging unbeirrt auf sie zu und nestelte dabei mit der einen Hand an dem Gelenk seiner anderen Hand.

„Ich wollte dir noch etwas geben. Sozusagen als Pfand.“ Marc war etwas außer Atem. Sein Herz pochte schnell und kräftig in seiner Brust. Er fühlte sich, wie ein kleiner Schuljunge, der zum ersten Mal verliebt war. Aber war es das nicht auch? Zum ersten Mal in seinem Leben verliebt! Marc griff entschlossen nach Gretchens Hand und legte sein Armband in diese. Geplant war das nicht. Eher spontan, aus dem Herzen.

Heute in Oslo erinnerte Marc sich noch ganz genau an Gretchens Blick. Zunächst ungläubig, etwas irritiert und dann strahlend. Mit einem Mal schlich sich ein strahlender Glanz in ihre Augen und ein zauberhaftes Lächeln auf ihre Lippen. Und mit einem Mal lagen ihren Lippen auf seinen und seine Lippen auf ihren.

Hinterher hätte Marc gar nicht mehr sagen können, wer da wen zuerst geküsst hatte. Er. Sie. Beide. Aber das war ja auch unwichtig. Viel wichtiger war dieser Kuss. War seine Erinnerung an diesen Kuss, die er immer und immer wieder hervorholte und vor seinen geistigen Augen abspielen ließ wie einen kleinen Film. Sie küssten sich. Richtig. Marc hatte gespürt, dass Gretchen ihn mit einem Mal fest umarmte. Er tat es ihr gleich und spürte ihren zierlichen Körper in seinen Armen. Er spürte ihre Lippen. Er konnte sie schmecken und ihren einzigartigen Duft riechen. Sie roch so unbeschreiblich gut.

Ihre weichen Lippen ruhten leicht auf seinen. Sie hinterließen einen Abdruck, den er auch vier Tage später noch spüren konnte, wenn er seinen Erinnerungen freien Lauf ließ. Weiche, warme Lippen, die sich nach einer Weile leicht öffneten. Weiche, warme Lippen, die er mit der Spitze seiner Zunge liebevoll streichelte. Und plötzlich war da auch ihre Zunge. Zurückhaltend. Vorsichtig. Und doch auch irgendwie fordernd. Eine Zunge, die ganz sacht über seine Lippen strich. Eine Zunge, die sich auf eine ganz einzigartige Weise an seine eigene Zungenspitze anschmiegte. Eine Zunge, der Marc nicht länger widerstehen konnte. Er öffnete seine Lippen und dann war es um ihn geschehen. Immer und immer wieder streichelten und liebkosten sich ihre Zungen. Schmiegten sich aneinander. Auf eine so zärtliche und doch sinnliche Weise, dass Marc auch noch Tage später das prickelnde Ziehen in seinem ganzen Körper spüren konnte. Auch Tage später spürte er noch den Zauber dieses Augenblickes. Den Zauber eines Kusses. Eines ganz besonderen Kusses. Eines kostbaren Kusses.

Ihre Augen suchten seine Augen. Ein intensiver Blick. Ein Lächeln. „Aber ich hab jetzt gar nichts, was ich dir von mir geben könnte.“ Gretchen schien ratlos.

„Das brauchst du auch nicht. Kannst mir dafür ja ein größeres Weihnachtsgeschenk machen.“ Marc grinste sie verschmitzt an, während er seine Stirn an ihre legte. „Ich glaube, das letzte Mal habe ich mich so sehr auf Weihnachten gefreut, als ich mir eine Carrera-Bahn gewünscht habe.“, flüsterte er liebevoll. „Ich mein, da war ich sieben.“ Zwei einzigartige Grübchen machten sich auf seinen leicht geröteten Wangen breit.

Marc schloss die Augen. Er war glücklich und er wusste, dass er die Tage bis Weihnachten zählen würde. Wie ein kleiner Junge.

Mittlerweile hatte Marc seine Joggingtour erfolgreich hinter sich gebracht. Verschwitzt betrat er die leere Wohnung, die er so viele Monate gemeinsam mit Svantje bewohnt hatte. Eigentlich wollte er nur noch unter die Dusche. Irgendwie war ihm heiß und kalt zugleich. Das kühle Novemberwetter war nicht gerade das angenehmste. Er hatte eine Gänsehaut und er spürte, dass er zitterte. Auf dem Weg ins Bad beschlich ihn ein komisches Gefühl. Ein Gefühl, das er zunächst nicht zuordnen konnte. Ein Gefühl, das sich langsam an die Oberfläche kämpfte. Ein Gefühl, das ihn spüren ließ, dass er nicht mehr in diese Wohnung, dass er nicht mehr in diese Stadt, dass er nicht mehr in dieses Land gehörte.

Ein Gefühl, das ihm ganz leise zuflüsterte, dass seine Heimat woanders war.


Und wie immer: Lob & Tadel können auf der entsprechenden Seite hinterlassen werden.

Pippi Langstrumpf Offline

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08.12.2011 11:14
#35 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

37 Berlin – November 2014

Gretchen hat Sabine alles erzählt.

Sie hat ihr alles, was sie in den letzten Wochen zusammen mit Marc erlebt hat, erzählt. Jede Kleinigkeit. Sie hat es Sabine erzählt, nicht Gigi, nicht Mehdi und natürlich auch niemand anderem. Diese Entscheidung hatte Gretchen während ihrer langen Zugfahrt von Freiburg nach Berlin getroffen. Gretchen spürte, dass sie sich endlich jemandem anvertrauen musste. Sie spürte, dass sie in einem Gespräch mit einem realen Gegenüber ihre Gedanken sortieren musste und spürte auch, dass dieser jemand Marc wohlgesonnen sein musste. Es musste jemand sein, der nicht schon bei der bloßen Erwähnung seines Namens einen Wutanfall bekommen würde.

Nach einem Milchkaffee im Bordbistro kam Gretchen zu dem Schluss, dass Gigi am wenigsten für ein solches Gespräch geeignet war. Sie war zwar die Einzige, die Marc nach dieser langen Sendepause gesehen hatte, aber Gigi war schon immer sehr voreingenommen von Marc. Und das hatte sich auch nie geändert. Nur zu gut erinnerte sich Gretchen daran, wie sie, ebenfalls in einem ICE von Freiburg nach Berlin, Gigi hoch und heilig versprechen musste, nie wieder auch nur einen klitzekleinen Gedanken an Marc Meier zu verschwenden. Dabei war Gigi diesbezüglich nicht wirklich besser als Gretchen. Seit dem sie in der Charité als Oberärztin arbeitete, hatte sie immer wieder ein Techtelmechtel mit einem ihrer Assistenzärzte, einem eingebildeten Schönling aus Frankreich.

Und auch Mehdi kam im Grunde für ein solches Gespräch nicht in Frage. Er hatte zwar noch Kontakt zu Marc, aber der war eher sporadisch und beschränkte sich auf ein paar wenige Mails oder Anrufe zu Geburtstagen oder anderen besonderen Anlässen. Gretchen konnte sich nicht vorstellen, dass Mehdi auch nur im Ansatz Verständnis für ihre momentane Situation aufbringen würde. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Mehdi ein solches Gespräch unvoreingenommen bestreiten könnte. Zu groß war noch immer sein Beschützerinstinkt ihr gegenüber. Zu sehr hatte er mit ihr gemeinsam damals im Februar 2011 und den darauf folgenden Monaten gelitten. Zu sehr war er damals involviert. Und obwohl Mehdi schon seit mehr als einem Jahr mit Astrid, einer äußerst sympathischen Lehrerin für Deutsch und Biologie, liiert war, scheute Gretchen sich irgendwie davor, ganz offen mit Mehdi über ihre Gefühle zu Marc zu sprechen.

Blieb Sabine oder anders herum formuliert, Sabine war Gretchens erste Wahl für ein solches Gespräch über Marc und ihre neu erwachten Gefühle. Denn Sabine war der einzige Mensch, der Marc Meier immer wohl gesonnen war. Egal, wie er mit ihr umgesprungen war, wie er sie angepflaumt oder zusammengestaucht hatte, im Grunde ihres Herzens hatte Sabine Marc immer gemocht. Und sie hatte sich immer von ganzem Herzen gewünscht, dass er eines Tages Gretchen seine Liebe schenken würde. Auch Sabine war damals sehr enttäuscht von Marc. Aber auf eine andere Art als Mehdi und Gigi. Sabine war enttäuscht, dass Marc es nicht gepackt hatte. Sie war enttäuscht, dass so ein hervorragender Chirurg, dass so ein kluger Mensch in seiner wichtigsten Herzensangelegenheit so ein feiger Versager sein konnte. Und sie war nicht nur enttäuscht, sondern sie vermisste ihren Chef auf ihre ganz eigene Weise in der Zeit nach seinem Weggang aus dem Elisabeth-Krankenhaus. Diese positive Grundhaltung, die Sabine Marc gegenüber an den Tag legte, hatte auch dazu geführt, dass Sabine Gretchen damals in dieser schweren Zeit eine ganz besondere Stütze sein konnte.

Hinzu kam, dass Sabine nach einer mehr als drei Jahre währenden, und noch immer andauernden Beziehung mit dem wundervollen Pathologen Dr. Gummersbach auch auf diesem Gebiet die eine oder andere Erfahrung sammeln konnte. Mittlerweile hatte sie nicht mehr ganz so naive Vorstellungen von Liebe und Beziehungen, wie es noch zu Zeiten des Dr. Rogelt der Fall war. Auch Sabine war erwachsener und reifer geworden. Sie führte ihr Leben nicht mehr in einer fiktiven Welt, sie war in der Realität angekommen.

Während Gretchen redete und Sabine von ihrem ersten Wiedersehen mit Marc auf der Tagung im September erzählte, von ihren Telefonaten in den darauf folgenden Wochen und der romantischen Verabredung in Freiburg am vergangenen Wochenende, wurden Sabines Augen größer und größer. Ungläubig formten ihre Lippen ein überraschtes „Oh!“. Schon vor geraumer Zeit hatte Sabine aufgehört, sich die leckere Schokoladentorte, die sie sich ebenfalls bestellt hatte, in den Mund zu schieben. Stattdessen hing sie förmlich an Gretchens Lippen.

„Gretchen, ich habe es in deinem Horoskop gelesen und völlig falsch gedeutet.“, begann Sabine aufgeregt zu erzählen, nachdem Gretchen ihren Bericht beendet hatte. „Letzte Woche, da stand es in deinem Horoskop. Etwas wie: Eine alte Liebe wird wieder in ihr Leben treten. Ich habe mir nichts dabei gedacht, weil ich ja davon ausgegangen bin, dass du mit Markus glücklich bist.“ Sabine hielt kurz inne. „Äh, was ist jetzt eigentlich mit dem?“ Neugierig blickte Sabine ihre Freundin an.

Gretchen räusperte sich verlegen. „Na ja, ich habe mich am Montag von ihm getrennt.“, gab sie etwas zerknirscht zu.

Sabine schien jetzt etwas irritiert. „Wie, von ihm getrennt. Einfach so? Das ist doch gar nicht deine Art.“

„Mann Sabine, du weißt doch, dass ich sowas nicht einfach nur so mache.“ Gretchen hatte das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. „Aber ich kann einfach nicht mit Markus zusammen sein, wenn ich weiß, dass da Marc ist. Verstehst du, was ich meine?“

„Verstehe.“, nickte Sabine wissend. „Wo ist Marc denn? Wieder in deinem Herzen?“

„Ach was weiß ich denn.“ Gretchen hob fragend ihre Schultern und verdrehte dabei etwas die Augen. „Mann, der hat sich total verändert. Der ist genau so, wie ich es mir früher immer so sehr gewünscht habe. Der ist jetzt genau so, wie in meinen Teenieträumen. So wie er jetzt ist, so war er früher einfach nicht. Im Grunde war er nicht mal so in der einen Nacht und an dem einen Tag, die wir zusammen verbracht haben. Damals im Februar.“ Gretchen überlegte. „Sabine, der benimmt sich, als ob er eine Gehirnwäsche bekommen hätte. Kannst du dir vorstellen, dass er ein Freundin in Oslo hatte, mit der zusammengelebt hat. Marc Meier ist freiwillig mit einer Frau zusammengezogen.“

Ungläubig zog Sabine die Augenbrauen zusammen. „Eine Freundin hatte?“, wobei sie das letzte Wort ihres Satzes besonders betonte.

Gretchen nickte. „Ja hatte. Er hat sich von ihr getrennt. Er sagt: meinetwegen.“

Sabine quollen fast die Augen aus den Höhlen. „Also nur noch mal zum mitschreiben. Du hast Marc wiedergetroffen. Er ist aber nicht mehr das arrogante Arschloch von damals sondern ein Gentleman sondergleiche. Er hat dich zu einem romantischen Wochenende in einer wunderschönen Stadt überredet und sich von seiner Freundin getrennt, mit der er sogar zusammengewohnt hat. Deinetwegen“

„Genau.“

„Noch was? Gab es sonst noch irgendwelche Gefühlsausbrüche, von denen ich wissen müsste?“

„Er hat mir dieses Armband von sich gegeben.“, Gretchen griff in die Tasche ihrer dunkelblauen Strickjacke. „Damit ich etwas von ihm habe, bis er Weihnachten nach Berlin kommt. Und er hat mich geküsst. Oder habe ich ihn geküsst? Na ist ja auch egal.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung.

„So, und was willst du jetzt genau von mir hören?“, fragte Sabine ihre beste Freundin. „Soll ich ihn dir ausreden oder möchtest du in deiner Entscheidung, die du eh schon getroffen hast, bestärkt werden?“

Gretchen wusste, dass Sabine den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Ganz leise sprach Gretchen weiter, während ihr eine kleine Träne über die linke Wange kullerte. Von einer Sekunde auf die andere hatte sich ihre Stimmung geändert. Gretchen spürte dieses Kribbeln in der Nase und einen dicken Kloß in ihrem Hals. „Du hat natürlich Recht. Ich habe mich längst entschieden. Sonst wäre ich ja auch gar nicht nach Freiburg gefahren. Aber trotzdem habe ich so eine verdammt Angst. Ich habe Angst davor, dass es wieder passiert. Dass er wieder verschwindet. Einfach so. Ohne ein Wort. Was passiert dann mit mir?“ Gretchen machte eine kurze Pause. Sie musste sich sammeln. In ihren Augen hatten sich einige Tränen angesammelt, die sie sich jetzt vorsichtig mit einem Taschentuch, das sie aus ihrer geräumigen Umhängetasche gefischt hatte, abtupfte.

„Sabine, du weißt, was damals mit mir passiert ist. Die Depression. Es war so ein harter Kampf für mich. Es hat so lange gedauert, bis ich mein Leben wieder hatte. Du weißt, wie lange es gedauert hat, bis ich mich auf Markus einlassen konnte. Bis ich diesem Mann mein Herz öffnen konnte.“ Wieder kamen Gretchen die Tränen. Denn so ganz ohne Spuren war die Trennung von Markus dann doch nicht an ihr vorüber gegangen. Zu viel hatte sie diesem netten Mann zu verdanken. „Noch mal würde ich das nicht packen.“ Gretchen schaute ihrer Freundin hilfesuchend in die Augen. Freundliche Augen. Verständnisvolle Augen.

„Weiß Marc eigentlich, was damals war. Also ich meine, was passiert ist, nachdem er einfach so nach Oslo abgehauen ist?“ Sabine griff nach ihrer Tasse mit Jasmintee, der schon vor einer ganzen Weile kalt geworden ist und nahm einen großen Schluck. „Vielleicht sollte er es wissen. Wenn er wirklich so einfühlsam und verständnisvoll geworden ist, wie du sagst, dann sollte er es wissen. Und dann wird er die richtigen Schlüsse daraus ziehen.“

Nachdenklich legte Gretchen beide Hände auf ihre Wangen. Sie spürte ihre warme Haut. Ihre Wangen waren so warm, dass sie sicherlich auch gerötet waren. Gretchen seufzte und biss sich nachdenklich auf die Unterlippe.

„Wahrscheinlich hast du Recht.“

Und schon arbeitete es in ihrem Kopf auch Hochtouren. Sollte sie Marc anrufen und es ihm einfach erzählen? Sie könnte ihm auch eine Mail schreiben oder einen Brief. Oder sie wartete, bis sie sich Weihnachten wiedersehen würden. Aber wollte sie dann mit so einer Geschichte anfangen?

Endlich machte sich Gretchen über ihre Schokoladentorte her. Das Gespräch mit Sabine hatte ihr sehr gut getan. Gretchen spürte, dass Sabines Rat gut war. Gretchen spürte, dass es Zeit wurde, sich Marc zu öffnen.

Es wurde Zeit, ihm zu vertrauen.


Ihr Lieben, auch an dieser Stelle möchte ich mich mal bei allen Leserinnen für das große Interesse an meiner Geschichte bedanken!
Wer Anregungen, Kritik oder Lob hat, kann dies auf der entsprechenden Kommentarseite loswerden.

Pippi Langstrumpf Offline

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09.12.2011 16:32
#36 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

38 Berlin - Dezember 2014

Nikolaustag.

Beschwingt hüpfte Gretchen die Treppen hinunter. Am Fuße eines jeden Treppenabsatzes nahm sie sogar, wagemutig wie sie an diesem Morgen war, zwei Stufen auf ein Mal. Ihre Laune hätte an diesem Morgen nicht besser sein können. Sie pfiff sogar fröhlich vor sich hin. Irgendeine Melodie, die sie gerade noch im Badezimmer im Radio gehört hat. An diesem Abend des Nikolaustages war sie mit Marc verabredet. Natürlich nur per Telefon. Aber für Gretchen reichte diese Aussicht schon aus, um aus einem ganz normalen Tag im Dezember, denn für die meisten Erwachsenen war der Nikolaustag nun mal ein ganz normaler Tag, einen ganz besonderen Tag zu machen.

Im Übrigen hatte Gretchen beschlossen, ihre Vergangenheit nicht am Telefon zum Thema zu machen. Sie war nach langen Überlegungen zu dem Schluss gekommen, dass dieses Thema in einem persönlicheren Rahmen besprochen werden sollte. Allerdings war sie sich noch nicht so ganz darüber im Klaren, wann und wo sie dieses Gespräch mit Marc führen wollte.

Seit Freiburg hatten Gretchen und Marc nicht viel miteinander telefonieren können. Marc war sehr in seine Forschungen eingebunden und hatte einen regelrechten Tagungsmarathon zu bewältigen, bevor er dann Weihnachten seinen wohlverdienten Urlaub würde antreten können. An diesem Abend des sechsten Dezembers war er zum Beispiel in Hamburg, um an einem zweitägigen Kolloquium im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf teilzunehmen.
Gerade öffnete Gretchen immer noch fröhlich pfeifend ihren Briefkasten.

Och menno, schon wieder so viel Reklame. Ich muss mir jetzt endlich mal diesen verdammten Aufkleber an meinen
Briefkasten kleben.


Von Gretchen zunächst unbemerkt, fiel ein weißer Briefumschlag zu Boden. Gretchen bückte sich, griff nach dem Umschlag und verharrte, als sie die Handschrift des Absenders erkannte. Sie erkannte sie sofort. Nie würde sie diese Handschrift vergessen. Es war Marcs Handschrift.

Ihr Herz hörte für einen Moment auf zu schlagen, nur um in der nächsten Sekunde mit doppelter Geschwindigkeit wild in ihrer Brust zu pochen. Gretchens rechte Hand zitterte, als sie ihren Briefkasten zuschloss. Wie in Trance setzte sie sich auf die unterste Stufe der nahegelegenen Treppe und starrte diesen weißen Briefumschlag an. Ihre Tasche und die bunt gemusterten Wollhandschuhe, die so gut zu ihrem Schal passten, hatte sie achtlos neben sich abgelegt. Immer und immer wieder drehte sie den Umschlag in ihren Händen. Der handelsübliche Umschlag war etwas dicker als für gewöhnlich üblich, aber nicht unbedingt schwerer. Sie hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen.

Okay Gretchen. Es gibt keinen Grund für deine Angst. Sein letzer Abschiedsbrief war sehr kurz. Der Umschlag hier in deiner Hand ist dafür viel zu dick. Mach jetzt den Brief auf, sonst kommst du zu spät zum Dienst.

Mit zittrigen Händen öffnete Gretchen vorsichtig den Briefumschlag. Ihr Herz raste noch immer und macht auch keine Anstalten, wieder einen unauffälligeren Rhythmus aufzunehmen. In ihrem Magen spürte Gretchen einen dicken, unangenehmen Knoten.

Gretchens Blick fiel auf zwei weiße, gefaltete Blätter. Als sie diese aus dem Umschlag zog, fiel etwas zu Boden. Es sah aus wie ein Foto. Gretchen hob es auf, betrachtete es, drehte es um, las etwas und fing an zu schmunzeln. Sie lächelte, ja strahlte über beide Ohren. Sie war glücklich. Ihr Herz schlug noch immer sehr schnell, aber die Angst war wie weggeblasen. Jetzt war sie eher freudig erregt.

Immer wieder schaute sie auf das Foto, auf dem ein Parkettfußboden zu sehen war. Ein schönes Stäbchenparkett, das über über mit unzähligen weißen Papierkugeln übersät war. Papierkugeln aus zusammengeknülltem Papier, die achtlos auf den Boden geworfen worden waren. Auf der Rückseite des Bildes hatte Marc mit einem schwarzen Stift eine Erklärung, oder sollte man besser sagen keine Erklärung, für dieses ungewöhnliche Foto hinterlassen.

Ohne Worte!

Aufgeregt faltete Gretchen die beiden Briefbögen auseinander und begann zu lesen. Während sie las, konnte sie seine Stimme hören.


Gretchen,

vorab möchte ich dich bitten, großzügig über meine Unfähigkeit einen Brief zu schreiben, hinwegzusehen. Ich kann es einfach nicht, aber in diesem Fall muss ich es einfach tun.

Sicherlich wunderst du dich, dass ich dir diesen Brief schreibe. Schließlich könnte ich ja einfach zum Telefon greifen und dich anrufen. Aber so einfach ist das nicht. Das, was ich dir sagen möchte, kann ich dir nicht einfach am Telefon sagen. Ich kann aber auch nicht bis Weihnachten warten.

Ich schulde dir noch eine Erklärung. Eine Erklärung für den größten Fehler meines Lebens. Ich denke, du weißt, was ich meine. Gretchen, ich hatte damals schlicht und ergreifend Angst. Ich hatte eine riesige Angst davor, nicht gut genug für dich zu sein. Ich hatte eine riesige Angst davor, dich zu verletzen. Und ich war damals felsenfest davon überzeugt, dass ich dich früher oder später verletzen würde. Ich war mir sicher, dass meine Art von Liebe mit deiner Art von Liebe nicht kompatibel wäre. Gretchen, du weißt, wie ich damals drauf war. Ich war so ein Idiot.
Heute weiß ich, dass das alles ein Fehler war. Natürlich habe ich dich verletzt. Und ich bin mir sicher, dass die Art und Weise, wie ich mich aus der Affäre gezogen habe, seine Spuren bei dir hinterlassen hat. Dafür möchte ich mich aufrichtig bei dir entschuldigen.

Es tut mir leid und ich hoffe, dass du mir diese Feigheit eines Tages verzeihen kannst.

Aber vielleicht hatte das Ganze auch etwas Gutes. Man sagt ja, dass im Schlechten auch immer etwas Gutes steckt. Ich weiß, dass mir die Zeit in Oslo gut getan hat, auch wenn ich mich anfänglich nicht immer wohl in meiner Haut gefühlt habe. Aber über die Jahre betrachtet, habe ich das Gefühl, dass ich hier in Norwegen erwachsen geworden bin.

In Berlin war ich ein kleiner Junge. Ich wollte mit dir spielen. Du hast mir gefallen und ich wollte dich haben. Bitte versteh mich jetzt nicht falsch. Auch damals habe ich dich schon sehr gern gehabt. Seit dem wir uns im EKH wiedergetroffen haben, war ich irgendwie angetan von dir. Aus dem hässlichen Entlein (bitte verzeih mir diese Metapher) war so ein wunderschöner Schwan geworden. Es gab so viele schöne Momente zwischen uns. Aber leider auch so viele Missverständnisse. Gabi, Gigi, Alexis, Mehdi. Aber ich glaube, dass auch ich ein einziges Missverständnis war. Ich habe deine Nähe gesucht, nur um dich im nächsten Moment wieder von mir zu stoßen. Deine Liebe hat mir schlicht und ergreifend Angst gemacht. Manchmal hat sie mich sogar erdrückt. Ich kannte so eine aufrichtige Liebe nicht. Woher auch. One-Nicht-Stands lieben einen nicht. Und meine Eltern haben mich diesbezüglich auch eher klein gehalten. Aber das ist ein anderes Thema und gehört eigentlich nicht hierher.

Du hast mich geliebt, obwohl ich so zu dir war. Und du hast mir diese Liebe immer auf deine dir ganz eigene Art gezeigt. Aber vielleicht war das auch gerade das Problem. Ich war mir deiner Liebe immer sicher. Ich musste mich nicht anstrengen, mir keine Mühe geben. Du hast mir immer alles verziehen und mich immer geliebt.
Erst als du nach Afrika gehen wolltest, ist irgendetwas in mir erwacht. In dieser Nacht konnte ich auch meine Liebe spüren. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich solche Gefühle für eine Frau. Aber umgehen konnte ich damit leider nicht.

Heute ist es anders. Gretchen, diese Gefühle sind wieder da. Oder nein, das stimmt so nicht. Sie sind so viel stärker, so viel intensiver als damals. Sie waren von der ersten Minute an wieder da. Ich habe dich gesehen und alles war wie früher. Mit einem Unterschied. Ich weiß jetzt, was diese Gefühle zu bedeuten haben und ich habe keine Angst davor.

Heute glaube ich, dass das mit uns damals nie hätte gut gehen können. Niemals wäre ich derjenige gewesen, der dich für den Rest deines Lebens, oder zumindest für eine lange Zeit, glücklich gemacht hätte. Du hast damals in deinem Abschiedsbrief geschrieben, dass ich noch nicht so weit bin, dass ich ein Jahr bräuchte. Vielleicht habe ich ja mehr als drei Jahre gebraucht?

Und noch etwas hat sich in diesen fast vier Jahren verändert. Ich rede so gerne mit dir. Früher waren mir deine Gespräche oft lästig, heute kann ich gar nicht genug davon bekommen. Ich kann nicht genug von dir bekommen. Ich möchte dich kennenlernen. Ich möchte alles von dir wissen. Ich wünsche mir, dass du mir alles von dir erzählst.

Alles.

Und deshalb freue ich mich riesig auf Weihnachten!

Dein Marc



Langsam ließ Gretchen den Brief sinken. Sie war überwältigt und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassten. Sie strahlte über das ganze Gesicht. Immer und immer wieder hörte sie seine Stimme in ihrem Kopf. „Dein Marc.“. Sorgfältig verstaute sie den Brief und das Foto in ihrer riesigen Ledertasche und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Sie musste sich beeilen. Auf dem Dienstplan stand für heute eine komplizierte Operation, die Thema der Morgenbesprechung sein würde. Da durfte sie auf keinen Fall zu spät kommen.

Während Gretchen auf dem Rad durch das eisig kalte Berlin fuhr, erfasste sie mit einem Mal eine innere Ruhe, die sich unbeschreiblich gut anfühlte. Gretchen war glücklich. Marc hatte ihr einen Brief geschrieben. Er hatte sich tatsächlich hingesetzt und sich Gedanken gemacht – über sich und seine Gefühle. Das musste ihn so viel Überwindung gekostet haben. Und das Foto hatte ihr dies ja auch auf eine so eindrucksvolle Art und Weise veranschaulicht.
Und mit einem Mal war es für Gretchen gar nicht mehr wichtig, was er ihr geschrieben hat. Viel wichtiger war die Tatsache, dass er ihr geschrieben hat. Einen Brief. Einen richtigen Brief. Oder war das, was da in ihrer Tasche steckte, sogar ein Liebesbrief?

Es war auf jeden Fall die wohl schönste Nikolausüberraschung!


Kommentare aller Art können auf der entsprechenden Seite hinterlassen werden!

Pippi Langstrumpf Offline

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10.12.2011 12:39
#37 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

39 Berlin – Dezember 2014

Die Melodie ihres Smartphones informierte sie über den Eingang einer SMS.

Gretchen, werde ich einer halben Stunde im Hotel sein und rufe dich dann an. Freue mich! Marc

Gretchen hatte einen ausgesprochen anstrengenden Tag hinter sich gebracht. Die Operation am Vormittag hatte aufgrund von Komplikationen bei der Narkose länger gedauert, als geplant. Gretchen war so eingespannt, dass sie kaum eine Minute Zeit hatte, an Marc und an seinen wunderschönen Brief zu denken. Sie hatte nicht mal Zeit, Sabine von diesem Brief zu erzählen. Denn nach ihrer Schicht im Elisabeth-Krankenhaus hatte sie noch einen außerplanmäßigen Dienst im MeMo zu absolvieren. Eine liebe Kollegin war krank geworden. Für Gretchen stand es völlig außer Frage, in einem solchen Fall nicht einzuspringen. Schließlich brauchten die Jugendlichen ihre medizinische Betreuung. Gerade jetzt in den kalten Wintermonaten war sie mehr als sonst gefragt.

Im Grunde war Gretchen über diese zusätzliche Belastung an diesem Nikolaustag nicht unglücklich. So verging wenigstens die Zeit schneller. Die Zeit bis zu ihrem Telefonat mit Marc. Die Zeit, bis sie endlich wieder seine Stimme hören konnte. Diese einzigartige Stimme, die sie immer und immer wieder an diesem Tag in ihrem Kopf hörte. „Dein Marc.“ Gretchen zählte die Stunden, bis es endlich so weit war.

Gerade hatte sie die SMS von Marc gelesen. Ein verträumtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie noch Zeit für eine Dusche haben würde. Nach Ende ihrer Schicht im MeMo, das heute am Alexanderplatz stand, war sie mit ihrem Rad auf dem Weg von der S-Bahn zu ihrer Wohnung in einen unangenehmen, weil eiskalten, Schneeregen geraten. Sie fröstelte noch immer und eine heiße Dusche war jetzt genau das richtige, um wieder warme Füße zu bekommen.

Der Wasserkocher kochte. Gretchen machte sich einen Tee. Wie immer „Heiße Liebe“. Dieser aromatisierte Himbeertee hatte es ihr einfach angetan. Sie konnte gar nicht genug davon bekommen und jetzt im Winter trank sie wieder Unmengen von diesem Heißgetränk. Ein Blick auf ihre Küchenuhr, die sie erst neulich in einem kleinen Einrichtungsgeschäft in der Nähe der Friedrichstraße erstanden hatte, verriet ihr, dass sie sich noch zehn Minuten gedulden musste. Ratlos stand Gretchen in der Küche. Unruhig trommelte sie mit den Fingern auf der Küchenplatte herum. Immer wieder ließ sie ihre Finger nacheinander auf das Holz schnellen. Die Minuten schienen nicht verstreichen zu wollen. Immer wieder wanderten ihre Augen erwartungsvoll zur Uhr, während sie nervös auf ihrer Unterlippe herumkaute.

Von der Küche aus konnte sie sich in ihrem Flurspiegel sehen. Einem großen Spiegel mit einem goldenen Rahmen. Sie musterte ihr Spiegelbild. Eigentlich war sie mit dem zufrieden, was sie da sah. Ihre Figur hatte sich im Grunde in den letzten Jahren nicht verändert. Vielleicht war sie aufgrund der regelmäßig unregelmäßigen Besuche in diesem Frauenfitnessstudio etwas definierter geworden. Aber nur vielleicht. In dem Outfit, das sie an diesem Abend trug, konnte sie aber eh nichts von ihrer Figur erkennen. Sie trug eine dunkelblaue Jogginghose und einen rosafarbenen Kapuzenpullover. Ihre dicken Wollstricksocken, die ihr ihre Mutter zum letzten Weihnachtsfest geschenkt hatte, waren grün. Nicht besonders schick, aber der Zweck heiligte in diesem Fall die Mittel beziehungsweise die Farbe. Ihre Haare waren noch nass. Wie immer ließ sie ihre Lockenpracht an der Luft trocknen. Dann sahen die Locken einfach schöner aus.

Zuvor unter der Dusche hatte Gretchen die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und ihren Haaren noch eine Pflegekur gegönnt. Ein angenehmer Nebeneffekt dieser Prozedur war, dass fünf Minuten Einwirkzeit natürlich auch erheblich die Wartezeit verkürzten. Schließlich konnte so eine halbe Stunde schon mal sehr sehr lang werden.

Aber jetzt hatte die Warterei ja fast ein Ende. Marc würde mittlerweile im Hotel angekommen sein und eingecheckt haben und gleich, ja gleich würde ihr Telefon klingeln. Gretchen entfernte noch schnell den Teebeutel aus ihrer Tasse mit den schlichten Weihnachtsornamenten, gab einen halben Teelöffel Zucker in den Tee und stellte die Tasse auf dem kleinen Beistelltisch, der über und über mit den einschlägigen Magazinen der Modewelt bestückt war ab. Bevor sie es sich schon mal auf ihrem gemütlichen Sofa bequem machte, zündete sie noch schnell die drei dicken, weißen Stumpfkerzen an, die in ihrem Kamin standen. Ja, Gretchen hatte bei der Wohnungssuche großes Glück gehabt. Sie hatte eine dieser wenigen, und dafür umso begehrteren Altbauwohnungen mit einem Kamin ergattert. Der Kamin durfte zwar leider aus brandtechnischen Gründen nicht genutzt werden, machte aber die ohnehin schon sehr gemütliche Wohnung noch behaglicher. Gretchen war nun bereit. Ruhig wartete sie auf Marcs Anruf. In den letzten Wochen, ja Monaten hatten die Beiden so oft miteinander telefoniert, dass dieses Warten schon fast zum Ritual geworden ist.

Es klingelte. Plötzlich. Unerwartet. Gretchen griff aufgeregt nach ihrem Telefon, als sie im letzten Moment feststellte, dass dieses Klingeln ihrer Haustür und eben nicht ihrem Telefon zuzuordnen war.

Mist, was mach ich denn jetzt? Gleich ruft Marc an. Wenn das jetzt meine Mutter ist. Die werd ich doch nie wieder los!

Gretchen beschloss, das Klingeln einfach zu ignorieren. Schließlich hätte sie ja auch außer Haus sein können. Eine Minute verging, dann klingelte es wieder. Drei kurze Klingeltöne. Genervt erhob sich Gretchen aus den gemütlichen Polstern und ging mit forschen Schritten zur Tür. Das wollte sie jetzt schnell über die Bühne bringen. Ganz schnell. Denn gleich würde ihr Telefon klingeln und den Anrufer wollte sie auf keinen Fall auch nur eine Sekunde warten lassen.

Sie riss förmlich die Tür auf, holte tief Luft und polterte los. „Was gibt es denn zu dieser späten Stunde so wich …“. Gretchen brach ab. Vor ihrer Tür stand niemand. Das Treppenhaus war dunkel und leer. Gerade wollte sie mit einer Hand nach dem Hörer der Sprechanlage greifen, da fiel ihr Blick auf ihre Fußmatte. Im Übrigen eine ganz besondere Fußmatte. Sie hatte die Form eines roten Sternes und in der Mitte dieses Himmelskörpers prangte ein goldenes Schild, in das in wundervoll geschnörkelten Buchstaben Gretchens Vor- und Nachname eingraviert war. Ein Einzugsgeschenk ihres geliebten Bruders.

Und auf diesem goldenen Schild stand nun ein kleiner Schokoladennikolaus. Um den Bauch trug er ein goldenes Band, an dem ein kleines Glöckchen befestigt war. Gretchen bückte sich. Und während sie sich nach dem Schokoladennikolaus bückte und schon ihren Arm ausstrecken wollte, konnte sie aus dem Augenwinkel eine Person ausmachen, die direkt neben ihrer Wohnungstür lässig an der Wand lehnte. Gretchen nahm wahr, dass es sich um eine männliche Person handelte. Die Statur verriet es ihr.

Sie blickte auf und schaute in ein paar wunderschöne Augen. Im dunklen Hausflur waren diese Augen dunkelgrün, aber sie strahlten. Das ganze Gesicht, die diese Augen zierten, strahlte. Der Mund, die Wange, die Augen, alles strahlte sie an.

„Marc! Was machst du denn hier? Ich denke, du bist in Hamburg?“, stammelte Gretchen, während die sich wieder vollständig aufrichtete und mit offenem Mund und noch weiter geöffneten Augen Marc ungläubig anstarrte.

„Was ich hier mache? Wir waren doch verabredet. Schon vergessen? Ich dachte halt, dass eine Stunde und achtundvierzig Minuten mit dem ICE ein Katzensprung wären und es so noch viel schöner wäre.“ Marc grinste sie frech an.

Er war glücklich, sie zu sehen. Unglaublich glücklich. Und er fand sie in diesem Augenblick einfach nur hinreißend. Wie sie da stand. Mit nassen Haaren, in Joggingklamotten und diesen einzigartigen Socken. Und in diesem Augenblick wusste er, dass es ein guter Einfall war, den er da heute Nachmittag so ganz spontan hatte. Es war nicht geplant, aber kurz nach der Kaffeepause wurde das Kolloquium immer langweiliger. Seine Gedanken wanderten immer häufiger zu Gretchen. Er sehnte sich so sehr nach ihr. Und dann hatte er plötzlich diese verrückte Idee. Er wollte sie überraschen. Und im Zeitalter der Smartphones hatte er auch in Sekundenschnelle die Zugverbindung zwischen Hamburg und Berlin vor Augen und eine Entscheidung getroffen. Er wollte den Abend zusammen mit Gretchen verbringen. Er wollte bei ihr sein. Und er hoffte inständig, dass sie keine anderen Pläne für diesen Abend hatte. Aber da sie ja zum Telefonieren verabredet waren und ihre Telefonate meist doch etwas länger dauerten, war er guter Dinge, dass sein Plan funktionieren würde.

„Äh … Komm doch erstmal rein.“, stammelte Gretchen nun irgendwie feierlich und machte eine einladende Handbewegung. Sie war einfach überwältigt. Sprachlos. Glücklich. In ihrem Bauch flatterte eine ganze Armee liebestoller Schmetterlinge und zauberten ihr dieses einzigartige Kribbeln in die Magengegend. Sie schloss die Tür hinter sich und drehte sich um. Sie spürte, wie diese unangenehme Röte in ihr aufstieg. Sie spürte, wie ihr warm wurde. Sie spürte dieses heiße Glühen auf ihren Wangen und an ihrem Hals, das sich immer dann einstellte, wenn ihre Aufregung nicht größer sein könnte.

Sie schauten sich an. Ihre Blicke suchten sich. Ihre Blicke fanden sich. Ihre Blicke trafen sich. Verfingen sich ineinander und schienen sich so schnell nicht mehr voneinander lösen zu wollten.

Auch Marc spürte dieses aufregende Prickeln in seinem Bauch. Er hatte das Gefühl, dass ihm gleich die Beine versagen würden. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ihn ihr Anblick so sehr überwältigen würde. Er war gefangen von ihr.

Marc ging einen Schritt auf Gretchen zu. Gretchen ging einen Schritt auf Marc zu. In dem kleinen Flur war es dunkel. Es schien nur das gedämpfte Licht aus dem Wohnzimmer herein. Aber vielleicht ließ sie diese zarte Dunkelheit auch etwas mutiger sein. Sie umarmten sich. Noch immer blickten sie sich dabei tief in die Augen. Marc legte seine Stirn an die von Gretchen und schloss seine Augen. Er spürte ihre warme Haut. Gretchen tat es ihm gleich.

Mit einem Mal nahm Gretchen seine Wangen in ihre Hände und intensivierte ihren Blick. Es schien, als würde sie ihre Augen dabei etwas zusammenzukneifen.

„Weißt du eigentlich, dass du der hübscheste Nikolaus bist, den ich je gesehen hab?“, fragte Gretchen mit ihrem glücklichsten Lächeln auf ihrem Gesicht,auf ihren Lippen, in ihren Augen.

Sie küsste ihn.


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Pippi Langstrumpf Offline

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11.12.2011 23:16
#38 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

40 Berlin – Dezember 2014

Sie saßen an dem weißen runden Tisch in Gretchens Küche und unterhielten sich angeregt über das Kolloquium in Hamburg. Gretchen spürte, dass ihr Interesse an der Chirurgie schon seit einigen Wochen wieder erheblich zugenommen hatte und sie fragte sich gerade, ob das wohl an Marc liegen könnte. Vielleicht würde sie ja doch noch ihren Facharzt machen? Ihr Vater würde sich jedenfalls sehr freuen – aber das war für Gretchen schon lange nur noch zweitrangig.

Gretchen war sehr verlegen, nachdem sie nach einer halben Ewigkeit des Küssens und Umarmens endlich wieder ansprechbar waren. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, in welchem Aufzug sie da vor Marc stand. Verlegen fuhr sie sich mit ihren Handinnenflächen über ihre Oberschenkel und machte Anstalten, schnell noch einmal im Schlafzimmer verschwinden zu wollen um sich etwas Geschmackvolleres anzuziehen. Marc, der Gretchens Verlegenheit mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht sehr wohl zur Kenntnis nahm und als Spezialist in Frauenfragen auch richtig zu deuten wusste, schob sie mit bestimmenden Worten kurzerhand in Richtung Wohnzimmer.

„Hiergeblieben. Du siehst atemberaubend aus. Vielleicht hast du ja noch ein paar Wollsocken für mich? Mein Tagungsoutfit ist nämlich nicht wirklich wintertauglich und im ICE war‘s arschkalt.“ Er trug seine obligatorische Stoffhose, einen fliederfarbenen Wollpullover und ein darauf farblich abgestimmtes Hemd. Seinen, ebenfalls obligatorischen, Halbmantel hatte er bereits zuvor ungefragt an den einzig freien Garderobenhaken in Gretchens Flur gehängt.

Marc schaute sich interessiert im Wohnzimmer um, während Gretchen kurz im Schlafzimmer verschwand, um Marc ebenfalls mit einem Weihnachtsgeschenk ihrer Mutter zu beglücken. Er war irritiert. Die Wohnung von Gretchen, oder das, was er bisher davon gesehen hatte, war so ganz anders eingerichtet, als er es sich in seiner Phantasie ausgemalt hatte. Natürlich war die Einrichtung romantisch verspielt, schließlich wohnte in diesen Räumen ja auch Gretchen Haase. Aber der Stil der Möbel und Dekorationen war eher skandinavisch, hell und schlicht. Da war nichts Kitschiges. Alles war eher stilvoll und geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Schon wieder überraschte Gretchen ihn. Und vor allem überraschte ihn natürlich dieser wunderschöne, mit zahlreichen Ornamenten verzierte Kamin.

Wenig später trug Marc ein orangefarbenes Paar wärmender Wollsocken aus dem Jahr 2012 an seinen Füßen, während er zusammen mit Gretchen den Kühlschrank inspizierte. Sie hatten beschlossen, nicht mehr in ein Restaurant zu gehen. Zu wertvoll war ihnen die ihnen zur Verfügung stehende Zeit, die sie gemeinsam und in aller Ruhe verbringen wollten. Keiner von beiden hatte Lust, sich nochmal auf den Weg in ein unpersönliches Restaurant zu machen. Jede Minute zählte. Jede Minute war so kostbar und sollte nicht vergeudet werden. Schließlich würde Marc am nächsten Morgen um acht Uhr wieder an diesem Kolloquium im Hamburg teilnehmen müssen. Er war am nächsten Tag einer der Referenten und konnte sich kein Zuspätkommen oder gar Fehlen erlauben. Das bedeutete, dass Marc spätestens um fünf Uhr in der Früh den ICE nach Hamburg erwischen musste.

Gretchens Kühlschrank war, um es mit Marcs Worten auszudrücken, ratzekahle leer. Und das hatte natürlich auch seinen Grund. Schließlich war Gretchen bis vor einer halben Stunde davon ausgegangen, dass sie Marc zu Weihnachten das nächste Mal sehen würde. Und natürlich machte sie das, was jede Frau in ihrer Situation tun würde. Sie machte eine Diät. Marc gegenüber erwähnte sie nur beiläufig, dass sie nicht zum Einkaufen gekommen sei. Aber in Gretchens Vorratsschrank fanden die beiden noch eine Packung Spaghetti und ein Glas Pesto.

Während Gretchen das Nudelwasser vorbereitete, auf den Herd stellte und darauf wartete, dass das Wasser kochte, stellte Marc sich mit einem Mal hinter sie. Er stand hinter ihr. Einfach so. Ohne sie anzufassen oder sie zu berühren. Wie damals in Freiburg. Und doch war da mittlerweile so viel mehr zwischen ihnen. So viel mehr Vertrautheit. So viel mehr Nähe. Eine angenehme Nähe. Eine vertraute Nähe. Gretchen konnte seinen Atem an ihrer Kopfhaut spüren. Sie konnte spüren, dass er an ihren Haaren, die mittlerweile schon fast getrocknet waren, roch. Marc konnte den Duft ihrer Haare riechen und er inhalierte diesen betörenden Duft mit geschlossenen Augen. Wieder wohl darauf bedacht, diese Eindrücke für spätere Erinnerungen zu konservieren. Beiden pochte in diesem Augenblick das Herz bis zum Hals und beide spürten in diesem Augenblick das mittlerweile so vertraute Gefühl aufsteigender Blubber-Bläschen in ihrer Mitte.

Das Essen schmeckte ihnen ausgezeichnet. Die Stimmung war gelöst. Sie hatten eine Flasche eines guten Rotweines geöffnet und ein paar Kerzen angezündet. Eigentlich trank Gretchen nur selten Wein, aber sie war der Meinung, dass Marcs Überraschungsbesuch ein sehr guter Anlass wäre, um eine Flasche zu öffnen. Marc ging es ganz ähnlich. Im Grunde bevorzugte er nach wie vor Bier, ließ sich aber auch schon mal bei dem einen oder anderen Anlass ein Glas Wein schmecken.

Unvermittelt fing Gretchen an zu grinsen. „Ich habe heute deinen Brief bekommen.“ Sie fixierte Marc mit ihren strahlend blauen Augen, die im Schein der Kerzen regelrecht zu funkeln schienen.

Marc wirkte verwundert. „Heute schon, ich hätte gedacht, dass die Post länger brauchen würde.“ Auch er fixierte Gretchen. Suchte in ihrem Gesicht nach einem Hinweis. Irgendetwas, das ihm verraten würde, was sie dachte.

„Weißt du, was ich mich gefragt habe?“, fuhr sie nach einer halben Ewigkeit fort. Gretchen genoss es, Marc ein wenig zappeln zu lassen. Sie genoss diesen Anblick des Mannes, der sich gerade sichtlich unwohl in seiner Haut zu fühlen schien.

Der Klang seiner Stimme war nervös. „Nein. Was denn?“

„Ich habe mich gefragt, ob dieser Brief eventuell, also rein theoretisch gesehen, ein Liebensbrief war.“ Jetzt wirkte auch Gretchen irgendwie nervös.

Marc schloss die Augen. Er fühlte sich ertappt, wollte das aber auf keinen Fall zugeben. Mit einem lausbübischen Lächeln auf seinem Gesicht und zwei umwerfenden Grübchen auf seinen Wangen startete er sein Ablenkungsmanöver. „Du, das kann ich dir nicht sagen. Ich bin sozusagen eine multiple Persönlichkeit. Für Briefe bin ich nicht zuständig. Das macht ein anderer.“ Unbeirrt griff er nach seinem bauchigen Weinglas und nahm einen großen Schluck.

Schweigen. Keiner sagte zunächst noch etwas.

Etwas nervös spielte Gretchen mit dem Stiel ihres Weinglases. „Das war bestimmt nicht leicht für dich. Ich fand den Brief sehr schön. Er hat mir gut getan.“ Sie schaute Marc während dieser Worte nicht an.

„Echt?“ Marc schien mit einem Mal sehr erleichtert. Er strahlte Gretchen an. Es schien, als würde alle Anspannung von ihm abfallen.

„Ja.“, nickte Gretchen. Und auch sie riskierte nun einen Blick. Wieder trafen sich ihre Blicke. Wieder schienen sie sich ineinander zu verlieren. Wieder schienen ihre Blicke miteinander zu verschmelzen.

„Was wäre denn, wenn es ein Liebesbrief wäre?“, leise konnte Gretchen Marcs Stimme hören. Sie war heiser, belegt. Tief schaute er ihr dabei in die Augen.

„Dann wäre ich sehr glücklich.“, antwortet Gretchen deutlich lauter. Sie griff nach Marcs Hand und zog ihn in das Wohnzimmer. „So und jetzt komm mit.“

Gretchen zog Marc zum Sofa. Ein großes, gemütliches Kuschelsofa, auf dem doch eher mehr als weniger, wunderschön bestickte Kuschelkissen lagen. Sie drückte ihn mit beiden Händen in die Polsterkissen.

„Hinsetzen, Mund halten und entspannen.“ Gab Gretchen die Befehle.

Und während Marc noch etwas unsicher auf der Sofakante hin und her rutschte, war Gretchen schon hinter ihn gekrabbelt, hatte sich hingekniet und ihre Hände auf seinen Kopf gelegt.

Marc war irritiert. Er fragte sich, was das werde sollte, da spürte er schon ihre Finger auf seiner Kopfhaut. Völlig unerwartet. Völlig unvorhergesehen. Ein Schaudern jagte durch seinen Körper. Jedes Härchen an seinem Körper stellte sich auf und erzeugte so ein unbeschreibliche Gefühl auf seiner Haut. In seinem Bauch kribbelte es und in seiner Brust pochte es – schon wieder. „Was tust du da?“

Auch in Gretchens Brust pochte es. Vor Aufregung. Was würde Marc sagen? Würde er das überhaupt wollen? Aber ihr war gerade danach. Sie wollte ihm einfach etwas Gutes tun. „Du hast doch erzählt, dass du heute Nachmittag während des Kolloquiums Kopfschmerzen hattest. Also, eine Kopfmassage ist da genau das Richtige. Komm, mach die Augen zu und entspann einfach.“ Und etwas fürsorglicher fuhr Gretchen fort. „ Morgen musst du in Hamburg wieder fit sein und ich frage mich ehrlich, wie das der Fall sein soll, wenn du dich die halbe Nacht bei mir in Berlin rumtreibst.“

Marc wurde hellhörig. Bisher hatten sie noch kein Wort darüber verloren, wann er wieder fahren würde. Aber anstatt etwas auf Gretchens Worte zu erwidern, schaute er ein letztes Mal in den Schein der Kerzen, die im Kamin aufgestellt waren, dachte daran, wie gut seine Idee war, Gretchen diesen Besuch abzustatten und schloss die Augen. Er schloss genießerisch seine Augen und konzentrierte sich nur noch auf ihre Hände.

Sanft, aber mit festem Druck wanderten diese Hände, wanderte jeder ihrer zehn Finger zärtlich über seinen Kopf. Jeder Finger hinterließ eine Spur. Eine brennende Spur. Brennende Kreise zogen sich über seine Kopfhaut. Kreise brannten sich auf seine Haut. Marc war wie elektrisiert. So etwas hatte er noch nie in seinem Leben erlebt. So etwas hatte er noch nie in seinem Leben gespürt. Gretchen massierte auf so einzigartige Weise seinen Kopf und er spürte es in seinem ganzen Köper. Es tat gut. Tatsächlich entspannte es ihn. Anfänglich. Aber dann begann alles in ihm zu prickeln. Es prickelte in seiner Brust und in seinem Bauch. Es prickelte in seinen Armen und in seinen Beinen. Es prickelte sogar dort zwischen seinen Beinen, wo es eigentlich nur in ganz anderen Situationen prickelte. Aber das, was Marc da gerade erlebte war so einzigartig, so liebevoll, so zärtlich, so berauschend. So sinnlich. In seinem Bewusstsein waren nur noch Gretchens Hände, sein Kopf und dieses Prickeln in seinem Körper.

Marc hatte jegliches Gefühl für Raum und Zeit verloren. Mit einem Mal kam sein Bewusstsein wieder an die Oberfläche. Jetzt liebkosten Gretchens Finger nicht mehr auf diese atemberaubende Weise seinen Kopf. Jetzt ruhte jeder ihrer Finger auf seiner Kopfhaut. Marc spürte nur noch einen festen Druck ihrer Handflächen. Warme Handflächen. Marc war so sehr gefangen von seinen Gefühlen. Er war so sehr überwältigt.

Und mit einem Mal wollte er es wissen. Natürlich spukte diese Frage in seinem Kopf herum. Sie spukte in seinem Kopf herum, seit dem sie in Freiburg diese eine Nacht zusammen verbracht hatten. Aber jetzt spukte diese Frage nicht mehr nur in seinem Kopf herum. Jetzt schrie es in ihm nach einer Antwort.

Leise, ganz zaghaft versuchte er die richtigen Worte zu finden. „Bist du noch mit ihm zusammen?“. Marc wusste, dass er auch ein „ja“ akzeptieren müsste und er wusste auch, dass er es akzeptieren würde.

Gretchen antwortete nicht sofort. „Nein. Nach unserem Treffen in Freiburg habe ich mich von Markus getrennt.“

Gretchen konnte sehen, dass Marc tief ein- und dann wieder ausatmete. Gretchen konnte aber nicht dieses Lächeln auf seinen Lippen sehen. Ein Lächeln, das aus den Tiefen seines Herzens zu kommen schien. „Gut. Das ist gut. Sehr gut sogar.“, flüsterte er immer wieder vor sich hin, während er die letzten Minuten seiner atemberaubenden Entspannungsmassage in vollen Zügen genießen konnte.


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Pippi Langstrumpf Offline

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13.12.2011 00:19
#39 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

41 Berlin – Dezember 2014

Sie schauten sich tief in die Augen. Offen. Ehrlich. Verliebt.

Mit verwuschelten Haaren und glücklich grinsend saß ein tiefenentspannter Marc neben einem glücklichen Gretchen auf dem Sofa. Gretchen saß im Schneidersitz. Ihr Kopf lehnte seitlich an der flauschigen Rückenlehne des Sofas. Ihr gegenüber saß Marc. Auch er hatte seinen Kopf an das rückwärtige Polster des Sofas gelehnt. Aber anders als Gretchen hatte er nur ein Bein angewinkelt. Sie waren beide sehr glücklich und das sah man ihnen auch an. Gretchens Kopfmassage hatte die gewünschte Wirkung bei Marc entfaltet und auch auf Gretchen selbst hatte diese einzigartige Behandlung seiner Kopfhaut eine gewisse Wirkung. Sie waren sich in diesem Augenblick sehr nah.

Sie saßen sich gegenüber und blickten sich tief in die Augen. Es war, als hätten sich ihre Blicke gefangen. Blaue Augen fingen grüne Augen. Grüne Augen fingen blaue Augen. Im Schein der großen Kerzen, die im Kamin flackerten, war die Farbe ihrer Augen dunkel. Gretchen konnte das Spiel der Flammen in Marcs Augen sehen. Marc konnte in Gretchens Augen den gelblichen Schein der Straßenlaterne, der durch das große Fenster fiel, erkennen.

Marc legte seine warme Hand auf Gretchens Wange. Er konnte spüren, dass sie glühte. Auch ihm war mittlerweile sehr warm. Seinen Pullover hatte er nach den verwöhnenden Streicheleinheiten von Gretchen ausgezogen, die Ärmel seines Hemdes hatte er nach oben geschoben. Eigentlich hätte er diese hässlichen Wollsocken auch nicht mehr benötigt. Aber über solche Nebensächlichkeiten machte er sich gerade keine Gedanken.

Plötzlich lief eine Träne über Gretchens Wange. Sie war einfach so aus ihrem Auge gekullert und hinterließ nun eine feuchte Spur auf ihrer Wange. Mit seinem Zeigefinger zeichnete Marc diese kleine Linie auf ihrer Wange nach. Mit einem Mal fühlte er sich etwas unbehaglich. Er hatte so eine Ahnung, weshalb Gretchen mit einem Mal traurig wurde.

Er griff nach ihrer warmen Hand. „Hey, was ist denn los?“

Gretchen blickte ihn lange an, bevor sie antwortete. „Erinnert du dich eigentlich daran, dass wir so einen Abend schon Mal zusammen verbracht haben?“

Marc musste schlucken. Sie hatte Recht. Nachdem er ihr zum Flughafen nachgeeilt war, hatten sie nach dieser aufregenden Nacht einen wunderschönen Tag und einen ausgesprochen romantischen Abend miteinander verbracht. Zerknirscht zwang er sich, ihr ohne Umschweife in die Augen zu schauen. Aber bevor er etwas erwidern konnte, redete Gretchen schon weiter.

„Weißt du Marc. Im Grunde ist das alles hier ein bisschen so wie damals. Vordergründig zumindest. Auch damals warst du so. In der Nacht. An dem Tag. Und vor allem an dem Abend auf deinem Balkon. Du warst aufmerksam. Romantisch. Lieb. Ich war unendlich doll in dich verliebt. Ich hätte die ganze Welt umarmen können, so glücklich war ich. Heute erinnert mich vieles an diesen Abend.“ Gretchen machte eine lange Pause, bevor sie weitersprach. Sie blinzelte die nächste Träne weg.

„Gerade habe ich plötzlich Angst bekommen. Was wäre, wenn du wieder Schiss bekommst? Wenn du wieder abhaust und nicht mehr wieder kommst? Marc, ich weiß, dass es in der Liebe keine Garantie gibt. Aber ich habe mich damals so sicher gefühlt. Ich hatte das Gefühl, nach einer langen Reise endlich ans Ziel gekommen zu sein. Niemals hätte ich mit so etwas gerechnet. Ich bin aus allen Wolken gefallen. Und dieser Sturz hat so verdammt lange gedauert. “Und ganz leise fügte sie hinzu. „Und es hat so verdammt doll weh getan!“

Marc war schockiert. Gretchen war so ehrlich. So offen. Was sollte er dazu sagen? Er konnte dazu nichts sagen. In seinem Brief hatte er es versucht. Zumindest war er an die Klippe herangetreten und hatte den Abgrund hinunter geschaut. Ganz war er nicht gesprungen. Er hatte sich einfach nicht getraut. Und jetzt spürte er, dass Gretchen einen Schritt weiter gehen würde. Er spürte, dass sie jetzt von dieser Klippe springen würde und nichts konnte sie aufhalten. Sie würde ihm jetzt alles erzählen. Er spürte es und er hatte Angst davor. Marc hatte so eine unbeschreibliche Angst vor der Wahrheit. Er hatte so eine unbeschreibliche Angst davor zu hören, wie sehr er sie verletzt hatte.

Sie schauten sich an. Ernst. Traurig. Ängstlich. Keiner von beiden lächelte. Es ging nicht. Auf der einen Seite war da mit einem Mal so viel Trauer. Auf der anderen Seite machte sich eine unbändige Furcht breit. Eine unbändige Furcht vor dem, was da jetzt kommen würde. Eine Furcht vor dem, was Gretchen erzählen würde.

Als Gretchen einatmete, griff er nach ihrer Hand. Spontan. Unüberlegt. Fest hielt er ihre zarte Hand in seiner. Er brauchte diesen Kontakt. Diesen Anker. Er brauchte ihre Wärme. Mit einem Mal war ihm so kalt.

„Als ich aufgewacht bin, war die Liege so leer und mir war so unbeschreiblich kalt. Also bin ich rein. Ich habe gedacht, du hättest es dir in deinem Bett gemütlich gemacht. Aber dann habe ich schon den Brief gesehen. Im Grunde war es mir schon in dieser Sekunde klar. Ein Marc Meier schreibt keine Liebesbriefe. Der Brief war schrecklich. Weißt du eigentlich, dass das so ein riesiger Widerspruch war. Dieser Brief, der im Grunde so voller Gefühle war und dann dein Handeln … so gefühllos. Ich glaube nicht, dass du weißt, wie sich eine Frau nach so einer Liebesnacht fühlt, wenn hinterher auf dem Tisch mehrere hundert Euro liegen. Ich weiß, dass du mir einfach nichts schuldig bleiben wolltest. Trotzdem war es geschmacklos und so demütigend.“

Gretchen liefen die Tränen in Sturzbächen über das Gesicht. Marc schaute sie mit weit aufgerissenen Augen an. Er war schockiert. Er war hilflos. Das war so unerwartet.

Plötzlich stand Gretchen auf. Im Weggehen wischte sie sich die Tränen aus den Augen und von den Wangen. Sie verschwand im Schlafzimmer. Marc war wie erstarrt. Unfähig sich auch nur einen Millimeter zu bewegen, wartete er darauf, was nun weiter passieren würde.
Gretchen kam zurück. In den Händen hielt sie ein wunderschönes Kästchen. Es war mit einem zarten Rosenmuster bedruckt. Wieder setzte sie sich Marc gegenüber auf das Sofa und stellte das Kästchen zwischen sie. Sie öffnete den Deckel.

„Ich habe den Brief aufgehoben. Und das Ticket. Sonst habe ich damals alles von dir oder was mich an dich erinnert hat, weggeschmissen. Aber von dem Brief konnte ich mich nie trennen. Das Kästchen hat mir Sicherheit gegeben. Es war die Idee meines Therapeuten. So lange die Kiste zu war, konnte ich meine Gefühle in Schach halten.“

Marcs Unbehagen stieg ins unermessliche als er seinen Brief sah. Er war so zusammengefaltet, dass Marc seine Handschrift erkennen konnte. In seinem Kopf hallte immer wieder dieses eine Wort. Therapeut. Sie hat eine Therapie gemacht. Am liebsten hätte Marc sich in einem Erdloch verkrochen. Weg. Andererseits wusste er ganz genau, dass dieses Gespräch wie ein Schlüssel war. Ein Schlüssel zu ihrer Liebe. Nur wenn sie gemeinsam diesen Sprung über die Klippe wagen würden, hätte ihre Liebe eine Chance. Das wusste Marc. Das wusste Gretchen. Und mit einem Mal wusste er, was er zu tun hatte. Beherzt griff Marc nach Gretchens Händen. Nach beiden. In jeder Hand lag eine andere Hand.

„Gretchen, bitte erzähl mir alles.“ Aufrichtig schaute Gretchen ein Paar wunderschöne grüne Augen an.

„Ich bin dann irgendwie nach Hause. Bis heute kann ich mich nicht mehr an den Weg erinnern. Dann bin ich regelrecht zusammengebrochen. Ich habe geweint und geweint. Ich konnte gar nicht mehr aufhören. Es war, als wäre jemand gestorben. Als wärst du gestorben. Und irgendwie war das ja auch so. Du warst zwar nicht tot, für mich aber auch nicht mehr da. Frag mich nicht, wie lange das so ging. Tage. Wochen. Jede Sekunde warst du in meinem Kopf. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Natürlich bin ich nicht nach Afrika geflogen. Die von Arzt ohne Grenzen haben dann einen Ersatz für mich aufgetrieben und Mehdi und Gigi waren ein paar Tage später wieder zurück. Ich glaube, mein Vater hatte da irgendwie seine Finger im Spiel. Aber so ganz genau weiß ich das gar nicht mehr.“

Plötzlich grinste Gretchen. „Ich habe übrigens alle meine Tagebücher weggeschmissen. Jedes einzelne. Denn im Grunde habe ich die damals ja nur deinetwegen geschrieben. Und deshalb habe ich dann auch nie wieder eins in die Hand genommen. Auch jetzt nicht.“

Wieder stand Gretchen auf. Sie ging in die Küche und holte die beiden Weingläser, die sie zuvor erneut gefüllt hat. Es fiel ihr sichtlich schwer, darüber zu sprechen. Ihre Wangen waren gerötet. Ihr war warm. Sie zog ihren Kapuzenpullover aus. Darunter trug sie ein schlichtes weißes T-Shirt. Sie trank einen großen Schluck Rotwein, bevor sie weitersprach.

„Diese ganz große Traurigkeit war dann irgendwann weg. Ich bin nicht mehr bei jeder Gelegenheit in Tränen ausgebrochen. Das war dann auch der Zeitpunkt, an dem ich wieder zur Arbeit gegangen bin. Vorher hatte mein Vater mich vom Dienst befreit. Meine Vertretung war ja wegen Afrika eh in der Klinik. Und im Nachhinein war das auch gut, dass ich ein paar Wochen Abstand hatte. Trotzdem war der erste Tag im Elisabeth-Krankenhaus einer der schrecklichsten Tage in meinem Leben. Alles hat mich an dich erinnert. Aber weißt du, was noch schlimmer war? Die Kollegen. Alle wussten Bescheid. Alle waren so voller Mitgefühl. Oder auch nicht. Für mich war damals eigentlich am Schrecklichsten, dass meine Niederlage so öffentlich war. Dass ich im Grunde keine Privatsphäre hatte.“

Gretchens weinte nicht mehr. Ihre Tränen waren versiegt. Sie kramte auf dem kleinen Beistelltischchen nach einer Packung mit Taschentüchern und putzte sich die Nase. Marc schaute sie dabei unentwegt an. Er konnte nichts sagen. Er war gefangen von ihren Worten. Gefangen von seinen Gefühlen.

„Später hat mein Vater mir dann erzählt, dass du in Oslo bist. Mehr hat er nicht gesagt und mehr wollte ich auch nicht wissen. Der neue Chefarzt war dann zum Glück ganz anders als du. Dick, doof, aber gut. Mehdi und Gigi waren mir in dieser Zeit keine große Hilfe. Die waren beide so wütend auf dich, dass sie kein gutes Haar an dir lassen konnten. Mir hat das nicht geholfen. Und eigentlich wollte ich dich auch nur so schnell wie möglich vergessen.

Die Trauer war dann irgendwann weg, aber die Niedergeschlagenheit ist geblieben. Ich habe mich den ganzen Sommer über müde und kraftlos gefühlt. In der Zeit musste ich auch noch so oft an dich denken. Immer noch waren meine Gedanken von dieser einen Frage beherrscht. Warum? Ich habe nie eine Antwort gefunden.

Mehdi hat mich dann mit auf seine Medikamententouren genommen. Er wollte, dass ich auf andere Gedanken komme, aber so richtig geklappt hat das auch nicht. Irgendwann bin ich dann zu dem Schluss gekommen, dass es so nicht mehr weitergeht. Diese Niedergeschlagenheit hat mich so sehr gelähmt. Ich bin dann im Herbst in eine psychologische Beratungsstelle gegangen und habe eine Gesprächstherapie begonnen.

Und weißt du, was das erstaunlichste war? Deinetwegen bin ich da hingegangen. Aber außer in der ersten Sitzung warst du nie wieder so richtig Thema in den Gesprächen. In meinen Gedanken schon, aber in der Therapie ging es fast nur um mich. Ich weiß nicht, wie ich dir das beschreiben soll. Aber mein Thema war das Erwachsenwerden. Natürlich spielten da auch die Geschichten mit Peter, Alexis und dir eine Rolle. Mir wurde aber in den Gesprächen klar, dass diese Suche nach dem perfekten Mann ausschließlich darin begründet war, nicht erwachsen werden zu wollen. Keine Verantwortung übernehmen zu wollen. Also im Job habe ich das ja gemacht. Aber zu Hause war ich immer das klein Gretchen. Mit einer Mutter, deren Hauptinteresse darin lag, mich unter die Haube zu bringen und einem Vater, der mich auch in aller Öffentlichkeit Kälbchen nannte. Es war ja auch nicht ganz normal, als über dreißigjährige Frau im Elternhaus in einem rosa Kinderzimmer zu leben. Dauerhaft.

Als mir das klar wurde, habe ich mir diese Wohnung gesucht. Ganz allein. Ich habe niemanden etwas davon erzählt, habe die Möbel allein ausgesucht und mir den Transporter bei der Autovermietung geliehen. Viel hatte ich ja eh nicht. Aber es hat mir gut getan. Es war wie eine Befreiung. Ein Befreiungsschlag, der mir übrigens ziehmlich genau ein Jahr nach deiner Flucht nach Oslo gelungen ist.“

Gretchen blickte Marc tief in die Augen. „In deinem Brief hast du geschrieben, dass du die drei Jahre, jetzt sind es ja fast schon vier Jahre, gebraucht hast, um erwachsen zu werden. Ich habe sie auch gebraucht.“

Bevor Gretchen weiterredete, führte sie Marcs Hände an ihre Wangen. Sie schmiegte ihre Wangen an seine Handrücken und schloss dabei ihre Augen. Mit ihren weichen Lippen hauchte sie einen Kuss auf seine warme Haut. Gretchen spürte, dass sie dabei war, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Ihre Vergangenheit. Seine Vergangenheit.

Sie ist mit ihm gemeinsam über die Klippe gesprungen. Gemeinsam würden sie ihrer Vergangenheit davon fliegen können.


... und wie immer: Kommentare aller Art können auf der entsprechenden Seite hinterlassen werden ...

Pippi Langstrumpf Offline

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13.12.2011 23:50
#40 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

42 Berlin – Dezember 2014

Er küsste sie.

Eine ganze Weile hatte Gretchen Marcs Hand nicht losgelassen. Sie schmiegte sich an seine Hand. Immer wieder hauchte sie zarte Küsse auf seinen Handrücken, auf seine Finger. Immer wieder strich sie mit seiner Hand über ihre erhitzte Wange. Marc war wie verzaubert von dieser Geste. Diese Geste drückte so viel mehr aus, als Worte es vermocht hätten. Diese Geste drückte aus, was Gretchen tief in ihrem Herzen fühlte. Diese Geste ermöglichte Marc, es ebenfalls zu fühlen. Er konnte fühlen, was Gretchen fühlte.

Mit einem Mal fingen ihre ernsten, leicht geröteten Augen seinen Blick ein. Traurig. Betroffen. Beschämt. Ihre Augen nahmen ihn gefangen und schienen ihn nicht mehr loslassen zu wollen. Ihre Augen zogen ihn in ihren Bann. Marc fühlte sich so sehr von Gretchen angezogen, dass er diesem Sog nicht mehr widerstehen konnte. Für einen kurzen Augenblick fragte er sich, ob sein Handeln der Situation angemessen wäre. Aber war es nicht endlich Zeit, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen?

Langsam entzog Marc ihr seine Hand. Langsam, ganz langsam legte er seine Hand auf Gretchens Wange. Seine Finger umschlossen sie. Er konnte die Hitze ihrer geröteten Wange spüren. Heiße, gerötete Haut. Wie in Zeitlupe näherten sich seine Lippen den ihren. Ihre blauen Augen fest im Blick. Wohl darauf bedacht, in ihren Augen das Richtige zu lesen. Wohl darauf bedacht, nicht das Falsche zu tun.

Aber da war nichts. Marc spürte es. Dieser Kuss würde das Richtige sein. Kurz bevor sich ihre Lippen trafen, vernahm Gretchen mit einem Mal ein Flüstern. Sein Flüstern. „Du bist eine tolle Frau!“ Und dann küssten sie sich auch schon. Langsam hatten sich ihre Lippen aufeinander gelegt. Ihre Lippen, die sich nicht mehr fremd waren, die einander schon kannten und sich aufeinander freuten. Lippen, die einander gehörten. Lippen, die sich so gut, so einzigartig anfühlten. Aber das war ihnen in diesem Moment nicht genug. Marc und Gretchen ließen sich treiben. Sie ließen sich treiben auf einer Woge tiefer Gefühle, die sie mitriss und umspülte. Zärtlich liebten sich ihre Zungen. Liebkosten sich. Streichelten sich. Schmusten miteinander. In diesem Augenblick, in diesem Moment gab es nur Marc und Gretchen und diesen zärtlichen, liebevollen Kuss, der so lange nicht enden wollte.

Es war spät geworden. Marc hatte sich ein Taxi für den nächsten Morgen bestellt und sicherheitshalber den Wecker seiner mehr als antiquierten Armbanduhr gestellt. Er stand im Badezimmer und putzte sich mit einer rosafarbenen Zahnbürste seine Zähne. Glücklicherweise gehörte Gretchen zu dieser ganz besonderen Sorte von Menschen, die sich gerne mit allen möglichen Dingen des täglichen Bedarfs bevorrateten. An den Beinen trug Marc nichts als seine Boxershorts. Für oben rum hatte Gretchen ihm ihr weitestes T-Shirt in einem zarten mintgrün verpasst. Marc hätte ja auch sein Hemd anbehalten. Gretchen hatte allerdings darauf bestanden, dass er es auszog und ordentlich über einen Stuhl hing. Ebenso seine Hose und seinen Pullover. Schließlich würde Marc am nächsten Morgen nicht mal Zeit haben, um sich vor seinem Vortrag im Hotel frisch zu machen.

Während Marc jeden seiner Zähne mit diesem Prachtexemplar von Zahnbürste bearbeitete, übrigens verfügte diese Zahnbürste über ein integriertes Zahnzwischenraumreinigungssystem, das Marc allerdings eher als unangenehm empfand, dachte er über den Verlauf des Abends nach.

Sie hatten sich eine ganze Weile geküsst. Dieser Kuss war sehr liebevoll. Sehr zärtlich und Marc hatte dieses besondere Zusammenspiel mit Gretchen mehr als genossen. Sinnlichkeit war bei diesem Kuss nicht im Spiel. Eher echte, aufrichtige Liebe. Marc schaute in den Spiegel. Seine Haare waren noch immer verwuschelt. Aber seine Augen strahlten. Sie strahlten vor Glück und Zufriedenheit. Nachdem er sein Zahnpflegeprogramm beendet hatte, wusch er sich mit eiskaltem Wasser das Gesicht. Das brauchte er jetzt. Wieder blickte er in den Spiegel. Wieder grinste er sein Spiegelbild glücklich an. Ein überglückliches „Ja!“ klang leise durch das Badezimmer.

Plötzlich hatte Gretchen diesen wunderschönen Kuss beendet. Marc war es , als würde er auf den Boden der Realität zurückgeholt werden, während er gerade noch so schön mit Gretchen durch eine andere, zauberhafte Welt geflogen war.

„Nimmst du mich in den Arm?“ Gretchen sehnte sich nach seiner Kraft, nach seiner Wärme und nach seiner Zuneigung, die sie am ganzen Körper spüren wollte. Sie setzte sich zwischen seine Beine, von denen eines noch immer angewinkelt auf dem Sofa ruhte. Sie schlang seine von hinten kommenden Arme um ihren Bauch und lehnte sich mit ihrem Rücken gegen seine Brust. Gretchen selbst saß wieder in ihrem geliebten Schneidersitz. So fühlte sie sich wohl. Sie spürte, dass Marc seinen Kopf auf ihrer Schulter abgelegt hat.

„Marc, ich bin noch nicht fertig.“, begann Gretchen mit einem Mal zu reden, „Ich würde das gerne heute beenden. Dann ist nämlich alles gesagt und ich kann den ganzen Kram von damals vergessen.“

Marc wurde hellhörig. „Könntest du das denn? Den Kram von damals vergessen?“ Der Subtext zwischen seinen Worten war natürlich etwas anders lautend. Würde Gretchen ihm verzeihen und sich erneut auf ihn einlassen?

Gretchen überlegte. Aber eigentlich war sie sich mittlerweile sehr sicher. „Ja, ich glaube, das kann ich. Ich habe das Gefühl, dass ich so weit bin.“

Sie spürte, wie Marc seine Umarmung verstärkte. Fest kuschelte er sich von hinten an sie. Leise flüsterte er ihr ins Ohr. „Das wär total schön.“

„Das Wichtigste hab ich ja auch schon erzählt. Die Therapie habe ich dann auch gar nicht so lange gemacht. Der Knackpunkt war tatsächlich die Sache mit dem Erwachsenwerden. Dadurch haben sich ganz viele Puzzleteile zusammengefügt. Zum Beispiel die Sache mit uns beiden. Du weißt, dass ich schon immer, also meine halbe Jugend, in dich verliebt war. Dann haben wir uns nach meiner Enttäuschung mit Peter wieder getroffen. Das ganze Spiel zwischen uns aus der Schulzeit ging von vorne los. Nur auf einer anderen Ebene. Schließlich konntest du mir ja nicht weiterhin meine Fahrradreifen zerstechen oder mir meine Brote auf der Brille verschmieren. Ganz abgesehen davon, dass ich ja jetzt Kontaktlinsen trage. Aber im Grunde haben wir dieses Katz-und-Maus-Spiel aus der Schulzeit im Elisabeth-Krankenhaus weitergespielt. Leider haben wir nach unterschiedlichen Spielregeln gespielt. Ich habe eine Beziehung gesucht und du Sex. Im Grunde wolltest du immer nur Sex. Auch am Ende, in der Nacht, bevor ich nach Afrika fliegen wollte. Vielleicht kannst du dich ja noch an deine Worte erinnern. Von einer Beziehung war da eigentlich nicht die Rede. Und wenn, dann sehr verschlüsselt. Irgendwann bin ich dann für mich zu dem Schluss gekommen, dass wir einfach andere Vorstellungen von Liebe hatten. Warum auch immer.

Weißt du, was Sabine einmal gesagt hat?“ Gretchen musste lachen. „Sie hat mal zu mir gesagt, dass du das mit der Liebe eben einfach sehr wörtlich nimmst. Wenn man sich liebt, dann macht man Liebe.“

Marc war irritiert. „Also du kannst mich ja jetzt für blöd halten, aber ich glaube immer noch, dass man das tut, wenn man sich liebt.“

Gretchen fiel ihm fast ins Wort. „Ja, aber eben nicht nur. Wenn man sich liebt, dann lebt man auch, miteinander. Man teilt das Leben, nicht nur die Liebe.

Du hast mir mal eine SMS geschickt. Damals, als ich noch mit Alexis verheiratet war. Den Wortlaut habe ich nie vergessen. Und weißt du auch warum? Mit diesem Satz habe ich versucht, die ganze Geschichte mit dir abzuschließen. Für dich war es damals eben einfach der bequemere Weg.“

Marc hatte einen dicken Kloß im Hals. Nur zu gut konnte er sich daran erinnern, wie er damals die SMS verfasst hatte. Wie er sie treffen und verletzen wollte. Und jetzt hatte Gretchen den Spieß umgedreht. Aber das Schlimmste an ihren Worten war, dass sie Recht hatte. Sie hatte Recht mit allem, was sie sagte. Sie hatte Recht mit jedem Gedanken, den sie sich gemacht hatte. Marc war bestürzt und beschämt.

„Aber egal.“, fuhr Gretchen mit sanfter Stimme unbeirrt fort. „Unabhängig davon ist Sabine mir damals übrigens eine sehr gute Freundin und Vertraute geworden. Mit ihr konnte ich so gut über dich reden. Sie hatte dir gegenüber immer so eine positive Grundhaltung. Das hat mir damals mehr geholfen als diese Schimpftiraden von Mehdi und Gigi.“ Gretchen beugte sich zu dem kleinen Beistelltisch und trank einen kleinen Schluck aus ihrem Weinglas.

„Nachdem ich dann zu Hause ausgezogen bin, habe ich dann doch angefangen, Mehdi auf seinen Medikamententouren zu begleiten. Ich habe einfach gemerkt, dass mich diese ehrenamtliche Tätigkeit sehr ausfüllt. Irgendwie hatte ich dadurch einfach einen anderen Schwerpunkt. Chirurgie war plötzlich nicht mehr wichtig. Vielleicht, weil du nicht mehr da warst. Jedenfalls habe ich dann irgendwann nach einer Möglichkeit gesucht, mich noch mehr zu engagieren und bin zufällig auf das Medizinische Mobil Berlin gestoßen. Die Aufmerksamkeit, die ich beim MeMo von den Jugendlichen bekommen habe, und ja auch immer noch bekomme, war und ist Balsam für meine Seele. Ich arbeite da einfach total gerne. Die Arbeit füllt mich zu hundert Prozent aus.“

Während Gretchen weitersprach, wurde ihre Stimme wieder lebhafter. „Aber für eins muss ich dir tatsächlich dankbar sein. Ich treibe seit der Geschichte mit dir mehr oder weniger regelmäßig Sport. Das war eine Anregung meines Therapeuten und es hat Wunder gewirkt. Wenn ich ausgepowert war, konnte ich nicht so viel an dich denken. Dann konnte ich nicht grübeln. Ja eigentlich konnte ich mich nicht mal richtig niedergeschlagen fühlen.“

Stille.

Gretchen sagte nichts mehr. Sie war fertig. Mehr wollte sie Marc nicht erzählen und mehr gab es auch nicht zu erzählen. Die Geschichte mit Markus hatte sie ihm bewusst vorenthalten. Sie war schlicht und ergreifend nicht wichtig genug.

Wieder spürte Gretchen, dass Marcs Umarmung fester wurde. Leise fing er an zu sprechen. „Danke. Das bedeutet mir sehr viel, dass du mir das alles erzählt hast. Das war so mutig von dir. Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich um deine Stärke beneide. Du warst und bist so eine starke Frau. Du bist so toll.“

Mitten im Satz schien Marc abzubrechen. Gretchen hatte das Gefühl, dass er eigentlich noch etwas sagen wollte. Sie war irritiert. Sie hörte seinen Atem. Sie spürte, dass er einige Male tief einatmete. Sein Bauch drückte sich dann gegen ihren Rücken. Plötzlich spürte sie seinen Atem an ihrem Ohr. Es kitzelte ein bisschen. Sie bekam eine Gänsehaut am Hals. Leise und ganz sanft ertönte seine Stimme in ihrem Ohr. Während er sprach, spürte Gretchen, dass er sich ganz fest an sie drückte. Als habe er Angst, den Halt zu verlieren. Als habe er Angst, abzustürzen.

„Gretchen. Ich habe mich in dich verliebt. Natürlich war das ein Liebesbrief.“


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Pippi Langstrumpf Offline

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15.12.2011 11:50
#41 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

43 Berlin – Dezember 2014

Er hat es ihr gesagt.

Noch immer stand Marc in Gretchens Bad und betrachtete sein glückliches Spiegelbild. Immer und immer wieder wanderten seine Gedanken zurück zu Gretchen. Zurück auf das Sofa. Zurück zu dem, was für ihn eigentlich unvorstellbar war. Zurück zu seinen eigenen Worten.

„Ich habe mich in dich verliebt.“

Gretchen hatte das Gefühl, als würde sie sich irgendwo außerhalb dieser Szene befinden. Sie sah sich selbst in den Armen von Marc auf ihrem kuscheligen Sofa sitzen. Gerade hatte Marc seine Arme fest um ihren Bauch gelegt. Ihre Hände ruhten auf seinen. Marc flüsterte ihr etwas ins Ohr. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr, das ihr einen Schauer über den Rücken jagte, das ihr einen Schauer durch ihren gesamten Körper jagte.

Was hat Marc gerade so liebevoll in ihr Ohr geflüstert? Er hat sich in sie verliebt. Das war nicht wirklich das, was Gretchen in dieser Situation von diesem Mann erwartet hätte. Im Grunde hätte sie das niemals von diesem Mann erwartet. Mit anderen Worten, dieser Mann, dem sie als kleines Schulmädchen ihr Herz geschenkt hatte, dieser Mann hatte sich in sie verliebt? Ein Mann, der sich früher, und so hätte er es selbst formuliert, lieber die Eier abgeschnitten hätte, als einen solchen Satz einer Frau zu sagen. Ein Mann, der bisher immer Taten bevorzugte. Ein Mann, der sie mit Bier bespuckt hatte und ihr damit zeigen wollte, dass er sie liebte und begehrte. Dieser Mann saß so eng an sie gekuschelt, dass keines ihrer goldenen Haare zwischen sie gepasst hätte. Dieser Mann hielt sie so fest in seinen Armen, dass sie das Gefühl hatte, er wäre ein Ertrinkender, der sich an einen rettenden Baumstamm klammerte. Dieser Mann flüsterte ihr auf so einzigartige Weise diesen Satz ins Ohr. Unvorstellbar.

Und doch war es geschehen. Marc hatte, bildlich gesehen, gerade den Mount Everest bestiegen, und zwar im Alleingang und ohne Sauerstoffgerät. Niemand hat ihm dabei geholfen. Das hat er ganz allein gemacht. Zum ersten Mal in seinem Leben.

„Weißt du eigentlich, dass ich das noch nie zu einer Frau gesagt habe?“

Minute um Minute war verstrichen, nachdem Marc Gretchen diesen einen Satz, diesen einen Satz, der sein ganzes Inneres nach außen krempelte, zugeflüstert hatte. Gretchen hatte zunächst nichts dazu gesagt. Sie konnte einfach nicht antworten, weil sie zu sehr mit sich selbst und mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt war. Ungläubig lauschte sie immer wieder diesen Worten in ihrem Kopf. Worte, die sie zur glücklichsten Frau auf diesem Planteten machten. Worte, von denen sie ihr halbes Leben geträumt hatte und nie zu hoffen gewagt hatte, diese auch irgendwann mal zu hören. Auch nicht von diesem anderen Marc, von diesem Marc, der sich so sehr verändert hatte.
Und doch hatte er ihr diese Worte an diesem Nikolaustag ins Ohr geflüstert. Einfach so. Aus heiterem Himmel.

Und bevor Gretchen endlich ihre Gefühle in Worte fassen konnte, hörte sie schon wieder leise geflüsterte Worte, die wie kleine Schmetterlinge durch ihr Wohnzimmer flatterten. Noch nie hatte er solche Worte zu einer Frau gesagt. Gretchen spürte, was das zu bedeuten hatte. Er war zwar immer noch schwierig für Gretchen, das alles hier mit Marc zu begreifen, aber eines wurde Gretchen immer klarer. Marc meinte es ernst und bewies ihr das auch auf eine so beeindruckende Art und Weise. Mit Worten und mit Taten.

„Marc?“ Er war erleichtert. Endlich sagte sie etwas. Langsam aber sicher wurde er dann nämlich doch etwas unruhig. Er fragte sich, ob seine Worte vielleicht doch nicht so gut bei ihr angekommen waren, wie er es sich erhofft hatte. „Früher habe ich oft davon geträumt, dass es so zwischen uns ist. Aber das war es nie. Jetzt ist alles viel ehrlicher, aufrichtiger. Du bist viel ehrlicher, aufrichtiger. Du bist toll. Du machst Sachen, du sagst Dinge, die mich eigentlich nicht zweifeln lassen. Die mich eigentlich glücklich machen.“

Marc fiel ihr vorsichtig ins Wort. „Eigentlich?“. Seine Stimme klang etwas unsicher.

„Ja, eigentlich. Ich glaube, ich brauche einfach noch etwas Zeit.“, fuhr Gretchen bestimmt fort, während sie sich langsam umdrehte und Marcs Blick einfing. „Weißt du, das ist so wunderschön mit dir. Ich bin gerade so glücklich. Aber irgendwo in meinem Kopf höre ich diese leise Stimme. Eine Stimme, die immer wieder versucht, mich zu warnen. Eine Stimme, die mein Herz beschützen möchte. Da ist etwas in meinem Kopf, das Angst davor hat, dass das Ganze hier mit dir und mir in einer Katastrophe endet.“

Marc konnte Gretchen verstehen. Er verstand sie. Trotzdem war er irgendwie ein wenig enttäuscht. „Gibt es irgendwas, wie ich dich überzeugen kann?“

„Nein Marc, du musst mich nicht überzeugen. Alles ist perfekt. Du bist perfekt. Ich brauche einfach nur Zeit, um das alles hier zu verdauen. Ich muss mich einfach an diesen Gedanken gewöhnen. Nicht nur ich habe mich in dich verliebt, sondern du dich auch in mich. Besser kann es doch gar nicht sein.“ Gretchen lächelte. Nein, Gretchen strahlte. Ein zufriedenes Strahlen.

„So und jetzt gehen wir ins Bett. Ich bin hundemüde. Und du hast auch schon ein paar Mal gegähnt. Ich habe es genau gehört.“ Und nach einem Blick auf die Uhr fügte Gretchen noch hinzu. „Du wirst heute Nacht sowieso zu wenig Schlaf bekommen.“

Wenn ich überhaupt schlafen kann. Ich bin viel zu aufgedreht. Hat sie das wirklich gerade gesagt? Ich fass es nicht. Sie ist verliebt in mich. Geil! Dachte ein überglücklicher und vor allem völlig zufriedener Marc. Er fühlte sich tatsächlich so, als habe er den höchsten Berg der Welt erklommen.

Eine halbe Stunde später lagen Marc und Gretchen eng aneinander gekuschelt in Gretchens Bett. Gretchen hatte ihre zahlreichen Kuschelkissen sorgfältig um ihre Köpfe herum verteilt und sie mit einer flauschigen Bettdecke, die in einem mit einem zarten Rosenmuster bedruckten Bezug steckte, zugedeckt. Auf der Fensterbank flackerte ein kleines Teelicht, das in einem Glas stand. Es war ganz still.
Überall war eine nächtliche Ruhe eingekehrt. Auf der Straße, im Haus, in Gretchens Wohnung. Marc und Gretchen hatten bereits ihre Augen geschlossen, nachdem sie sich ausgiebig eine gute Nacht und wunderschöne Träume gewünscht hatten. Marc hatte darauf bestanden, dass Gretchen in der Nacht einfach weiterschlafen würde. Er wollte keinen großen Abschied.

Jetzt spürten sie mit geschlossenen Augen nur noch sich. Ihren Atem. Ihre warmen Körper. Sie lagen auf der Seite. Marcs Körper umschlang Gretchens Körper. Ganz fest hielt er sie in seinem Arm. Er konnte sie riechen, sie spüren und ihren Atem hören. Das war genug. Mehr brauchte er nicht, um glücklich zu sein.

Auch Gretchen war glücklich. Langsam trieb sie auf einer Welle des Glücks dahin. Sie ließ sich treiben. Marc war da. Sie trieben gemeinsam. Plötzlich spürte sie seine Hand unter ihrem rosafarbenen Shirt. Ihr stockte der Atem. Gretchen war irritiert. Was wollte Marc jetzt von ihr?

Er wollte sie einfach spüren. Mehr nicht. Er wollte einfach ihre nackte Haut unter seinen Fingern spüren. Er wollte sie streicheln und so wollte er einschlafen. Plötzlich spürte er einen Finger auf seinem Handrücken. Mit leichtem Druck schien dieser Finger etwas auf seinen Handrücken zu malen.

Ist das etwa ein Herz?


Über einen Kommentar von euch würde ich mich sehr freuen!

Pippi Langstrumpf Offline

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16.12.2011 17:10
#42 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

44 Oslo – Dezember 2014

Noch zehn Tage bis Weihnachten.

Da was dieses Hochgefühl, wie nur Verliebte es verspüren. Unbeschreiblich. Einzigartig. Marc beherbergte sozusagen dauerhaft diese Schmetterlingsarmee, die es sich in seinem Bauchinneren gemütlich gemacht hat und bei jedem noch so kleinen Gedanken an Gretchen unermüdlich zum Einsatz kam. Dieses Hochgefühl ebbte einfach nicht ab, obwohl Marc Gretchen schon seit sieben Tagen nicht mehr gesehen, gefühlt, gerochen, geküsst und gestreichelt hat.

Aber gesprochen hat er mit ihr. Und zwar auf alle erdenklichen Weisen. Mündlich am Telefon, wie das beim Sprechen ja eigentlich der Fall war, schriftlich via Chat, Mail und SMS. Im Grunde kommunizierten die Beiden immer und passten dabei ihre Kommunikationswege souverän den alltagsabhängigen Begebenheiten an. Wenn sie beide zu Hause waren oder zumindest ungestört, dann telefonierten sie natürlich am liebsten. In anderen Situationen, wie zum Beispiel in der Klinik oder in einem öffentlichen Verkehrsmittel, nutzten sie dann eher die visuellen Kommunikationswege.

In Marcs Gefühlswelt war eine angenehme Ruhe eingekehrt. Er hatte das Gefühl, angekommen zu sein. Er fühlte sich ruhig und ausgeglichen. Er war nicht mehr so getrieben. So rastlos. Seine Gedanken kreisten zwar noch immer um Gretchen, aber dieses Kreisen war entspannt. Sie war einfach da. Sie war immer bei ihm. Rund um die Uhr, vierundzwanzig Stunden. Den ganzen Tag. Jeden Tag. In seinen Gedanken und in seinen Herzen. Sie begleitete ihn durch seinen Alltag in Oslo und während der Tagungsreisen, als wäre sie ein kleiner Engel, der sich immer in seiner Nähe aufhielt.

Und wenn Marc mal eine kleine Erinnerungshilfe benötigte, wie sein kleiner Engel in Natura aussah, dann schaute er einfach auf das Display seines Smartphones. Denn dort erschien seit dem frühen Morgen des siebten Dezembers ein Foto von einer wunderschönen, tief und fest schlafenden Frau. Eine Mähne blonder Locken rankte sich um das entspannte Gesicht dieser Frau und auf ihren roten Lippen lag ein zartes Lächeln. Und diese schlafende Frau vermochte es, ihm ebenfalls ein verzücktes Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Jedes Mal, wenn er ihr Foto betrachtete. Und diese Frau gab ihm Ruhe und Kraft. Jedes Mal, wenn er ihr Foto betrachtete.

Und diese Frau wollte Marc so schnell wie möglich wieder sehen. Aber so schnell wie möglich war leider tatsächlich erst Weihnachten. Denn vorher hatte er einen mehr als vollen Terminkalender, so dass beim besten Willen kein Kurzbesuch in Berlin mehr möglich war. Auch wenn er sich das so gerne gewünscht hätte. Aber das Forschungsprojekt nahm ihn in diesen letzten Wochen des Jahres noch einmal sehr in Beschlag. Tagungsreisen führten Marc uns seine Kollegen nach Amsterdam und London. Boston hatte er bereits erfolgreich hinter sich gebracht. Und zwischendurch musste er sich auch noch dem ganz normalen Alltag im Klinikum stellen. Marc war in der Tat sehr stark eingespannt. Umso wichtiger waren ihm daher diese Ruheinseln im Alltag, in denen er einfach nur mit Gretchen kommunizieren und bestenfalls sogar mit ihr reden, ihre Stimme hören konnte.

An diesem Sonntag, es waren wie gesagt noch zehn Tage bis Weihnachten, saß Marc in seinem Büro im Ulleval Universitätsklinikum und absolvierte einen dieser ungeliebten Wochenenddienste. Anders als Gretchen hasste er es, wenn auf den Gängen der Stationen nichts los war und er schlimmstenfalls noch von irgendwelchen übereifrigen Angehörigen belästigt wurde. Vor dem PC sitzend wartete er auf Gretchen, die ebenfalls an diesem Sonntag Dienst hatte und mit der er zum Chatten verabredet war. Gretchen war noch nicht online. Zunächst war Marc etwas irritiert. Gretchen war doch sonst immer vor ihm im Netz.

Wahrscheinlich plauscht sie wieder mit irgendwelchen alten Omas, die sonst niemanden zum Reden haben. Dabei will ich mit ihr reden. Ich habe auch niemanden.

Marc verkürzte sich die Wartezeit, indem er sich auf den entsprechenden Internetseiten der einschlägigen deutschen Tageszeitungen einen Überblick über die aktuelle politische Lage in Deutschland verschaffte. Aber es war nichts Erwähnenswertes passiert. Im Grunde passierte nie etwas Erwähnenswertes.

Und dann geschah es. Ganz schnell und ohne dass Marc weiter darüber nachdachte, ohne dass er es so richtig merkte, öffnete er den Online-Stellenmarkt einer großen deutschen Tageszeitung und suchte nach den entsprechenden Stellenangeboten, die für einen Chirurgen in seiner Position in Frage kämen. Natürlich fand er nichts. Über Google klickte er sich auf die Seiten der Charité. Wieder durchsuchte er den aktuellen Stellenmarkt. Aber auch hier sprach ihn keine der veröffentlichen Stellenanzeigen an.

Ist ja auch totaler Schwachsinn. Was mach ich hier eigentlich? Du bist echt ein verliebter Trottel. Vielleicht solltest du erstmal mit Gretchen so richtig zusammen sein. Vielleicht klappt es ja auch gar nicht. Und dann?

Schnell klickte Marc wieder auf das kleine Kreuz rechts oben in der Ecke der aufgerufenen Website und schloss den Stellenmarkt. Aber irgendetwas blieb zurück. In seinem Kopf. In seinem Kopf nistete sich ein Gedanke ein, der schon seit längerem in Form eines undefinierten Gefühls in seinem Herzen keimte. War Oslo vielleicht doch nicht mehr der richtige Ort für ihn?

Schnell drückte Marc diesen Gedanken wieder in die hinterste Ecke seines Gehirns. Es gab jetzt, so kurz vor Weihnachten, viel wichtigere Dinge, über die er sich den Kopf zerbrechen musste. Dinge, von denen möglicherweise seine weitere Zukunft mit Gretchen abhing. Denn dass sie diesbezüglich mehr als anspruchsvoll war, das stand außer Frage. Es ging um nicht weniger als Gretchens Weihnachtsgeschenk. Langsam aber sicher fragte Marc sich, wie er sich nur auf diesen Schwachsinn hatte einlassen können. Aber Gretchen hatte so vehement darauf bestanden, ihr schien dieser ganze Weihnachtskram so wichtig zu sein, dass er eben kein Spielverderber sein wollte. Er sah es sozusagen als einen kleinen Liebesdienst. Unabhängig davon hätte er Gretchen in dieser Nikolausnacht sowieso alles versprochen. Hätte er allerdings gewusst, dass die ganze Angelegenheit so kompliziert werden würde, niemals hätte er sich auf diesen Weiberkram, auf diesen Weihnachtskitsch eingelassen.

Sie wollten sich zwei Sachen schenken. Etwas Gekauftes und etwas, das es nicht zu kaufen gab. Schon seit Tagen, im Grunde seit dem Tag, an dem er sich morgens um vier aus Gretchens Wohnung geschlichen hat, zerbrach Marc sich darüber den Kopf. Worüber würde sich Gretchen freuen? Schmuck, Parfum, Kleidung? Das war doch alles so banal. Er wollte sie überraschen, sie mit seinem Geschenk, oder besser gesagt seinen Geschenken, überwältigen. Wieder fing er an, im Internet zu surfen. Seine Gedanken wanderten zu Gretchen. Zu ihren wenigen gemeinsamen Stunden, die sie bisher miteinander verbracht hatten. Seine Gedanken wanderten zurück nach Berlin in ihre Wohnung. Er ließ seinen Erinnerungen freien Lauf und landete schließlich in Freiburg. Und da hatte er plötzlich eine Idee. Schnell klickte er sich auf die entsprechende Internetseite. Schnell überflog er die entsprechenden Zeilen auf der Homepage, die er soeben aufgerufen hatte und fand, was er suchte. Über Marcs Gesicht huschte ein zufriedenes Grinsen. Die Hand ballte er triumphierend zur Faust.

Strike! Ich bin halt doch der Beste!

Endlich erschien das so sehnlich erwartete grüne Pünktchen am rechten unteren Rand seines Bildschirms. Gretchen war jetzt online und endlich konnten sie chatten. Auf Marcs Lippen schlich sich ein erleichtertes Lächeln und seine Augen funkelten im Schein des Computers. Aber eigentlich war Marc gar nicht so richtig nach chatten. Eigentlich wollte er jetzt viel lieber ihre Stimme hören. Eigentlich wollte er jetzt viel lieber mit ihr reden. Eigentlich wollte er jetzt viel lieber bei ihr sein. Schon wieder war da dieses nicht zu definierende Gefühl, nicht mehr am richtigen Ort zu sein. Marc war verwirrt. Was wollte ihm dieses Gefühl sagen?

Darüber sinnierte er noch nach, während er Gretchens Mobilnummer wählte. Vielleicht hatte er ja Glück und sie
hatte mal ausnahmsweise ihr Mobilphone nicht in ihrem Spind eingeschlossen.


Auf meiner Kommentarseite könnt ihr eure Kommentare zu meiner kleinen Geschichte los werden! Ich freue mich drauf!

Pippi Langstrumpf Offline

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17.12.2011 20:08
#43 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

45 Berlin – Dezember 2014

Noch fünf Tage bis Weihnachten.

Gretchen geriet langsam in Panik. Nur noch fünf Tage, bis Marc aus Oslo kommen würde und es gab noch so viel zu erledigen, noch so viel vorzubereiten und es gab auch noch einiges zu klären.

Beginnen wir aber ganz am Anfang, sprich am Tag nach Nikolaus. Denn während Marc seinen Überraschungsbesuch bei Gretchen ohne große Aufregung hinter sich gebracht hat, ganz im Gegenteil, er war ja seit dem die Ruhe selbst, geriet Gretchen in einen Zustand höchster Nervosität. Noch immer konnte sie nicht glauben, was da in diesen einzigartigen Stunden zwischen ihr und Marc geschehen ist. Noch immer konnte Gretchen nicht begreifen, was Marc da zu ihr gesagt hatte. „Ich habe mich in dich verliebt.“ Unvorstellbar. Surreal. Nicht wirklich. Zu diesem Satz fielen Gretchen über ein Dutzend Attribute ein, die allesamt diese Unvorstellbarkeit auszudrücken vermochten. Sabine war nach dieser Nachricht allerdings völlig überwältigt und hatte nur noch ein mit der einzigartigen vöglerschen Intonation gesprochenes „Das glaub ich jetzt nicht. Der Herr Dr. Meier gesteht dir seine Liebe. Dass ich das noch erleben darf.“ übrig.

Es war unvorstellbar, aber dennoch hatte er es gesagt. Genau so. Und Gretchen wusste, dass er es genau so auch gemeint hatte. Marc hatte sich in sie verliebt. Nicht mehr, aber vor allem auch nicht weniger. Ihr war durchaus bewusst, dass Marc bei aller Spontanität diese Formulierung bewusst gewählt hatte. Und die Botschaft war bei ihr angekommen. Er mochte sie. Er hatte sie gern. Mehr sogar, er war auf dem besten Wege, sie zu lieben. Aber so etwas ging nicht von heute auf morgen. Vor allem nicht bei einem Marc Meier. Liebe musste reifen wie ein ganz besonderer Wein. Und das Fass, in dem dieser ganz besondere Wein ihrer Liebe reifen sollte, das hatten Marc und Gretchen jetzt bereit gestellt.

Stellte sich nun die Frage, wie man sich fühlte, wenn der Jugendschwarm, in den man auch als erwachsene Frau sogar vor, zwischen und nach einer Ehe mit einem anderen Mann verliebt war, einem plötzlich solche zauberhaften Worte ins Ohr flüsterte. Gretchens Antwort lautete: grandios. Anfänglich war sie noch etwas unsicher. Sie fühlte sich leer, als sie am Morgen des siebten Dezembers aufwachte. Unsicher. Sie lag allein in ihrem Bett. An ihrem Rücken klebte kein Marc mehr und für einen ganz kurzen Moment hatte sie ein sehr unschönes Déjà-vu-Gefühl. Aber nur ganz kurz. Denn dann fiel ihr Blick auch schon auf ihr kleines weißes Nachtschränkchen, das neben ihrem Bett stand. Und auf diesem kleinen weißen Nachtschränkchen lag neben ihrer antiquarischen Nachttischlampe eine zerknitterte Fahrkarte der Deutschen Bahn. Eine ihr mittlerweile sehr vertraute männliche Handschrift zierte dieses Papier.

Gretchen, wusstest du, dass der Nikolaus auch eine Fahrkarte braucht? Jeder Cent hat sich gelohnt!

Seit diesem Aufwachen lief Gretchen mit einem Dauergrinsen durch die Welt. Egal ob sie im Elisabeth-Krankenhaus eine Doppelschicht schieben musste, weil mal wieder eine ihrer Kolleginnen krank war. Egal ob sie sich bei eisiger Kälte im MeMo die Füße abfror. Egal ob sie sich bei einem ihrer wöchentlichen Treffen mit ihrer nervtötenden Mutter langweilte und egal ob sie sich mal wieder mit ihrem Vater wegen der auf Eis gelegten Facharztprüfung stritt. Gretchens Dauergrinsen war allgegenwärtig und fing an, ihre Umwelt zu nerven. Zumal es ja für die meisten ihrer Freunde, Arbeitskollegen oder Familienmitglieder keine logische Erklärung für diesen Glückzustand gab.

Gerade saß Gretchen mit Mehdi in der Cafeteria. Er hat darauf bestanden, dass sie endlich mal wieder die Mittagspause zusammenverbringen würden. In den letzten Tagen hatte sich Gretchen so gut es ging und vor allem so oft wie möglich diskret zurückgezogen, um mit einem Oberarzt der Chirurgie im fernen Oslo zu kommunizieren. Schon wieder wanderten Gretchens Gedanken zu diesem Mann, während sie gedankenverloren an einer Diät-Cola nippte.

„Du isst ja gar nichts.“, fragte Mehdi besorgt. „ Bist du krank?“

Gretchen schüttelte unverfänglich den Kopf. „Ne du. Ich habe heute einfach keinen Appetit.“

„Hä, willst du mich jetzt verkackeiern? Es gibt Germknödel. Das ist dein Lieblingsessen. Keiner hier in diesem Krankenhaus mag die. Nur du. Du hast sie noch nie verschmäht.“ Mehdi musterte Gretchen. Besorgt. Neugierig. Durchdringend. Er kniff die Augen zusammen, während er sie mit seinen haselnussbraunen Augen fixierte. „Sag mal Gretchen. Ist was? Du siehst so anders aus. Fröhlicher. Frischer. Und dann immer dieses Grinsen.“

Gretchen zuckte mit den Schultern und klopfte sich mit den Fingern auf die Wangen. „Findest du? Vielleicht liegt das ja an meiner neuen, sehr teuren Gesichtscreme.“, versuchte sie mit diesem sehr an den Haare herbeigezogenen Erklärungsversuch abzulenken. „Die soll einen rosigen Teint machen. Findest du, die Investition hat sich gelohnt?“ Dabei rutschte der Ärmel ihres Kittels hoch und das Armband von Marc, das sie jetzt nicht mehr nur in ihrer Hosen- oder Kitteltasche, sondern an ihrem Handgelenk trug, kam zum Vorschein.

Adlerauge Mehdi entging nichts. „Sag mal, hast du ein neues Armband?“

Jetzt wurde Gretchen irgendwie nervös. Mehdi schaute sie so durchdringen an. „Das Armband? Ach ja, das Armband. Ja. Ja, das ist neu. Hab ich mir neulich erst gekauft.“

Der wird doch jetzt wohl nicht das Armband kennen! Scheiße, was mach ich denn jetzt? Auf keinen Fall darf Mehdi davon etwas erfahren. Der macht mir die Hölle heiß und lässt mich in die nächste Klapsmühle einliefern.

Mehdi ließ nicht locker. „Aber das ist doch ein Herrenarmband. Ist das nicht von Thomas Sabo? Zeig mal her?“ Mehdi griff neugierig nach Gretchens Arm.

Blitzschnell zog Gretchen ihren Arm vom Tisch. „Hat mir eben trotzdem gefallen. So und jetzt aber mal zu dem eigentlichen Grund unseres Treffens.“, versuchte Gretchen das Thema zu wechseln, während sie ihre Hände tief in ihren Kitteltaschen vergrub. „Was wolltest du jetzt so wichtiges von mir?“

Mehdi musste sich kurz sammeln. Er musterte Gretchen. Sie sah gut aus, obwohl sie gerade eine sehr komplizierte Operation hinter sich gebracht hatte. Ihre Haare hatte sie an diesem Tag aufwändig hochgesteckt und um ihren Hals trug sie diese silberne Halskette mit dem kleinen, herzförmigen Anhänger. Er war noch immer etwas irritiert. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er glauben, dass Gretchen verliebt war. Er kannte Gretchen so gut, manchmal viel zu gut und alle Anzeichen der letzten Tage sprachen dafür. Aber sie hatte sich doch gerade erst von Markus getrennt.

Warum eigentlich? Das hat sie mir gar nicht erzählt. Schoss es Mehdi durch den Kopf.

„Ach ja genau. Also Gretchen. Astrid und ich haben uns überlegt, dass wir Heiligabend gerne mit dir verbringen würden. Wir dachten, dass das vielleicht eine gute Idee wäre. Jetzt, wo deine Mutter mit ihrer Freundin auf dem Jakobsweg unterwegs ist und dein Vater über die Feiertage in Schweden. Astrid wollte kochen. Seit dem wir diesen Kochkurs bei diesem Sternekoch gemacht haben, ist sie nicht mehr zu bremsen. Es wird also bestimmt lecker. Oder hast du schon andere Pläne?“, fügte Mehdi mit einem Mal unsicher hinzu, als er in Gretchens Gesicht schaute und nicht gerade die Reaktion vorfand, die er erwartet hatte.

Gretchen entglitten die Gesichtszüge. Was sollte sie zu dieser Einladung sagen?

„Mensch Mehdi. Das ist ja wirklich total lieb.“, versuchte Gretchen ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen und lächelte etwas gekünstelt. „Aber dass meine Eltern Weihnachten nicht da sind, das weiß ich ja schon seit einer ganzen Weile und deshalb habe ich Weihnachten schon was anderes vor. Aber wir holen das auf jeden Fall nach.“

Schnell stand Gretchen auf und machte Anstalten, fluchtartig die Cafeteria zu verlassen. „Ach ja, und sag Astrid einen ganz lieben Gruß von mir.“

Und schon war Gretchen verschwunden. Zurück blieb ein verdatterter Mehdi, der so seine Zweifel am Wahrheitsgehalt des soeben Gehörten hatte, geschweige denn eine plausible Erklärung. „Wie was anderes vor. Was kann man denn Heiligabend schon vor haben?“

Zur gleichen Zeit lehnte sich Gretchen im Fahrstuhl gegen die kühle Metallwand. Langsam artete das echt in Stress aus. Laufend musste sie aufpassen, dass sie sich nicht verplapperte. Vielleicht sollte sie Mehdi ja doch einweihen? Aber dann verwarf sie den Gedanken wieder. Eigentlich wollte sie das nicht. Noch nicht. Sie wollte sich mir Marc erst ganz sicher sein.

Vielleicht ja nach Weihnachten.

Apropos Weihnachten. Gretchen versuchte sich zu erinnern, was jetzt alles noch wichtig wäre.

Maniküre. Pediküre. Weihnachtsgeschenk für Marc, da fehlen mir noch die Sachen aus der Drogerie. Sonst ist ja alles komplett. Ach ne, ich muss ja auch noch ins Sportgeschäft. Frisör. Ob ich mir wohl neue Unterwäsche kaufen sollte? Da fällt mir ein. Ich muss Marc jetzt endlich mal fragen, wie er sich das Weihnachten vorgestellt hat. Sicherlich will er Heiligabend mit seiner Mutter verbringen. Aber danach…könnte er ja noch zu mir kommen. Oh Gott, dann brauche ich aber auch was zu essen. Ich kann ihm doch nicht schon wieder Spaghetti auftischen. Oh – mein – Gott. Das schaffe ich nie! Und aufräumen muss ich auch noch. Hab ich eigentlich noch Heißwachs oder war der beim letzten Mal alle?

Dachte Gretchen, griff in ihre Kitteltasche und gönnte sich erstmal eine Auszeit vom Weihnachtsstress.

Hallo Nikolaus. Hast du dir schon deinen wunderschönen Kopf über mein Weihnachtsgeschenk zerbrochen? Deins wartet schon auf dich. Ich übrigens auch!


Freue mich auf eure Kommentare!

Pippi Langstrumpf Offline

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18.12.2011 15:37
#44 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

46 Oslo – Dezember 2014

Ein Tag vor Weihnachten.

Endlich. Marc hatte es geschafft. Das war sein letzter Dienst vor einem Urlaub, den er in Berlin verbringen würde. Einem Urlaub, den er zum ersten Mal seit fast vier Jahren in Berlin verbringen würde. Einem Urlaub, den er zusammen mit Gretchen verbringen wollte.

Kopfschüttelnd erinnerte Marc sich mit einem leichten Grinsen im Gesicht an ihr letztes Telefonat vor ein paar Tagen. Länger als eine Stunde hatten sie miteinander gesprochen und Marc hatte die ganze Zeit gespürt, dass Gretchen etwas unter den Fingernägeln brannte. Die ganze Zeit war sie irgendwie komisch. Sie wirkte nervös, fahrig, nicht so richtig bei der Sache. Irgendwann reichte es Marc dann.

„Gretchen, kannst du mir bitte mal erklären, warum du heute so komisch bist?“ Und etwas genervt fuhr er fort. „Und sag jetzt bitte nicht, dass du nichts hast. Ich weiß, dass das nicht stimmt.“

Ganz leise konnte er Gretchens Stimmer hören. Er konnte hören, dass sie nach den richtigen Worten suchte. Und er konnte hören, dass sie sehr unsicher war. Er konnte hören, dass es ihr irgendwie unangenehm war. „Also wenn ich ehrlich bin, dann habe ich mich gefragt, ob du am Vierundzwanzigsten wohl abends noch zu mir kommen möchtest. Du hast ja bisher nichts gesagt. Aber langsam müsste ich das dann mal wissen. Also eventuell müsste ich ja auch noch etwas zu essen einkaufen.“

Marc verdrehte die Augen. „Gretchen, hörst du mir eigentlich gar nicht zu? Ich komme doch bereits morgens in Tegel an.“ Er hatte ihr doch eine SMS geschickt. Sofort, nachdem er seine Tickets gebucht hatte.

„Ja schon.“ Gretchens Stimme klang noch immer sehr unsicher. „Aber wenn du dann bei deiner Mutter bist, dann werdet ihr sicherlich erstmal gemeinsam etwas zu Mittag essen, später Kaffee trinken, irgendwann Bescherung machen, vielleicht noch etwas zu Abend essen und“

Jetzt unterbrach Marc sie sehr energisch. „Gretchen, kannst du mir bitte mal verraten, wo du in den letzten Wochen gewesen bist? Ich komme nicht nach Berlin, um mit meiner Mutter Kaffee zu trinken. Also, das kann ich ja dann auch machen, also später. Ich komme nach Berlin, weil ich Weihnachten mit dir verbringen möchte. Ich dachte, das wäre klar?“ Manchmal konnte Gretchen wirklich etwas schwer von Begriff sein.

„Ja äh. Echt? Soll ich dich dann vom Flughafen abholen?“ Marc konnte hören, dass ihr das jetzt irgendwie peinlich war.

Gerade schloss Marc die Tür seines Büros ab. Noch immer musste er grinsen, noch immer dachte er an dieses Telefonat. Gretchen war halt einfach Gretchen. Etwas begriffsstutzig, aber sehr süß. Nachdem Marc die schwere Holztür abgeschlossen hatte, legte er den Schlüssel seines Büros oberhalb der Türklinke auf den Türrahmen. Das war hier im Ulleval-Universitätsklinikum so üblich. Marc hatte sich nie an diese Vertrauenseligkeit der Norweger gewöhnen können, aber er hatte sich im Laufe der Jahre angepasst.

Mit einem Mal hörte er Schritte hinter sich. Schritte, die er kannte. Vertraute Schritte. Svantjes Schritte. Langsam drehte er sich um und schaute sie freundlich an. Wie in der Klinik üblich, trug sie einen weißen Kittel über ihre Jeans. Am Ausschnitt ihres Kittels blitzte der Kragen einer dunkelroten Bluse hervor. Sie lächelte.

Nach ihrer Trennung hatten sie eine gute kollegiale Basis gefunden, die natürlich größtenteils der außergewöhnlichen Stärke von Svantje zuzurechnen war. Aber dieses funktionierende kollegiale Verhältnis war auch dringend notwendig. Sie arbeiteten beide noch in diesem Forschungsprojekt. Das hieß, sie verbrachten noch immer sehr viel Zeit miteinander und nahmen auch gemeinsam an den Tagungen und Kolloquien teil. Marc lächelte Svantje fragend an.

„Marc, der Professor hat mich gebeten, dich zu ihm zu schicken. Du sollst dich beeilen.“ Sie sprach Englisch mit ihm und fügte noch hinzu. „Benimm dich gut, Professor Howard, du weißt schon, der Professor Howard, ist bei ihm.“

Marc wurde nervös. Was wollte sein Chef von ihm? Er blickte auf seine Armbanduhr. Eigentlich hatte vor etwas mehr als fünfzehn Minuten sein Urlaub begonnen. Und was sollte dieser Hinweis, dass dieser australische Professor zugegen sein würde? Marc konnte sich keinen Reim auf das alles machen.

Fahrig klopfte er an die schwere, hölzerne Bürotür seines Vorgesetzten. Es war eine Flügeltür, die man immer mit etwas Kraft öffnen musste. Und das tat Marc dann auch und trat mit festen Schritten in das Büro seines Vorgesetzten Professor Doktor Björn Nickels.

Noch Tage später konnte Marc im Grunde nicht so recht begreifen, was im Innern des Büros von Professor Nickels geschehen war. Er hatte das Gefühl, zu träumen. In diesem Moment und auch noch Tage später. Er war der Hauptakteur in diesem Traum. Einem wunderschönen Alptraum.

Marc trat in das geräumige Büro seines Vorgesetzten. Sein Blick huschte durch den großen Raum. Wie immer waren überall auf dem riesigen Schreibtisch und auf den Fensterbänken, auf kleinen Tischchen und sogar auf dem Boden Papierstapel aufgeschichtet. Allessamt Artikel der einschlägigen wissenschaftlichen Zeitschriften, die Professor Nickels stets sorgfältig durchzuarbeiten pflegte. Marc registrierte, dass Professor Nickels und Professor Howard es sich in den großen dunkelbraunen Lesersesseln gemütlich gemacht hatten, die vor einem der bodentiefen Fenster in einer Ecke des großen Raumes standen. Auf einem Tischchen vor ihnen standen zwei hellblaue Tassen und eine Kanne mit Tee oder Kaffee.

„Marc mein Junge, komm herein und setz dich zu uns.“, Professor Nickels, ein korpulenter Mann mit braunen Locken und freundlichen blauen Augen, sprach mit Marc ebenfalls Englisch und wies auf das noch leere Sofa. Er hatte immer etwas sehr Väterliches Marc gegenüber an sich.
Die beiden Männer mochten sich und Professor Nickels war seit Beginn seiner Zeit in Oslo eine Art Mentor für Marc. Ähnlich wie Ole Ottersen war auch Professor Nickels fasziniert von Marcs chirurgischem Talent und seinem messerscharfen Verstand.

„Marc, ich möchte dir Donald Howard vorstellen. Ich bin mir sicher, dass du alle seine Veröffentlichungen kennst. Donald ist ein alter Freund von mir. Früher haben wir sehr oft zusammen gearbeitet. Aber im Alter haben sich unsere wissenschaftlichen Interessen etwas verlagert. Wir haben gerade sehr lange über dich gesprochen.“ Professor Nickels machte eine kleine Pause und lächelte Marc stolz an.

„Donald, willst du es ihm sagen?“

Professor Donald Howard war ein Professor, wie er im Buche stand. Er war von durchschnittlicher Größe und Statur. Seinen Kopf zierte eine Halbglatze, die von einem weißen Haarkranz gesäumt wurde. Er hatte freundliche Augen und ein sehr einnehmendes Lächeln. Eine viereckige Lesebrille saß auf seiner fein geschnittenen Nase. Er trug, anders als sein norwegischer Kollege, der trotz seiner körperlichen Fülle immer in einem gut sitzenden Anzug steckte, ein altmodisches, kariertes Hemd und eine abgewetzte, graue Cordhose.

Professor Howard wand sich an Marc. „Wie gesagt Marc, ich darf doch Marc sagen?“ Fragend blickte Donald Howard Marc direkt in seine grünen Augen, die gerade nervös zwischen den beiden Professoren hin und her wanderten.

„Wir haben gerade über dich gesprochen. Wenn ich ehrlich bin, bist du mir schon vor ein paar Jahren in Berlin aufgefallen. Damals hast du einen Vortrag anlässlich eines Symposiums zur Unfallchirurgie gehalten. Nebenbei bemerkt warst du der einzige Lichtblick auf diesem Symposium. Und dieser Meinung war nicht nur ich. Seit einiger Zeit verfolge ich mit größter Aufmerksamkeit deine Veröffentlichungen. Mir gefällt dein Stil. Deine wissenschaftlichen Arbeiten sind brillant. Du arbeitest statistisch sehr genau und hast bemerkenswerte Ansätze.“

Marc wurde heiß. Eine leichte Röte schlich sich auf seine Wangen. Solche Worte aus diesem berufenen Munde waren selbst für den einst jüngsten Oberarzt Deutschlands, der auch heute noch gerne von sich behauptete ein Gott in Weiß zu sein, etwas zu viel. Er wusste nicht so genau, wo er seine Hände platzieren sollte. Etwas unbeholfen legte er sie auf seine Oberschenkel.

„Lange Rede kurzer Sinn. Wir beginnen im nächsten Jahr mit einer neuen Forschungsreihe. Es soll um die Rehabilitationsfähigkeit von Patienten mit Querschnittslähmungen unterschiedlicher Genese gehen. Genaueres kannst du diesem Abstract entnehmen.“ Professor Howard reichte Marc eine schwarze Mappe.

„Wir werden weltweit mit den verschiedensten Kliniken kooperieren. Diese Studie wird sehr groß und sehr aufsehenerregend sein.“ Wieder machte Donald Howard eine Pause. Er nippte an einer hellblauen Tasse. Marc vermutete, dass Tee darin war.

„Bisher bin ich dabei, das Team zusammenzustellen, das die Studie wissenschaftlich ausarbeiten, koordinieren, begleiten und auswerten wird. Marc, könntest du dir vorstellen, Teil eines solchen Teams zu sein? Björn hat mir bereits in unserem Gespräch signalisiert, dass er dir nicht im Weg stehen würde.“ Die beiden älteren Männer zwinkerten sich verschwörerisch zu. „Und ganz nebenbei bemerkt, du bist meine erste Wahl.“

Jackpot! Das war der Jackpot. Mehr ging momentan nicht in der Welt der Chirurgie. Eine Stelle im Team von Professor Howard, einem der führenden Wissenschaftler weltweit, war im Grunde etwas, wovon jeder, wirklich jeder Wissenschaftler träumte.

Marc hatte das Gefühl, neben sich zu stehen. Früher hätte er ohne mit der Wimper zu zucken dieses Angebot angenommen. Sofort. Er hätte nicht eine Minute gezögert. Egal ob mit oder ohne Gretchen. Jede Frau der Welt wäre ihm in diesem Fall schlicht und ergreifend egal gewesen. Diese Chance hätte er sich nicht entgehen lassen. Niemals. Unter keinen Umständen.

„Sind Sie immer noch an der Macquarie?“ Marc versuchte, sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Donald Howard nickte.

Scheiße! Was mach ich denn jetzt? Macquarie University of Sydney, wie soll denn das gehen? Ausgerechnet jetzt!

„Bis wann muss ich mich entscheiden?“, hallte es durch den großen Raum.


Lob & Tadel erfreuen, wie immer, mein Herz!

Pippi Langstrumpf Offline

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19.12.2011 10:38
#45 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

47 Berlin – Dezember 2014

Weihnachten.

Marc hatte sich eng hinter Gretchen gekuschelt und hielt sie fest in seinem Arm. Sie lagen beide auf der Seite und schauten aus den großen Fenstern der schönen Altbauwohnung von Gretchen. Draußen tobte ein weihnachtlicher Schneesturm, wie Berlin ihn schon seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hatte. Sie konnten die dicken Flocken im Schein einer Straßenlaterne wild durch die Lüfte tanzen sehen. Draußen war es bitterkalt und schon recht dunkel, obwohl der Abend noch lange nicht gekommen war. Dicke, lilafarbene Kerzen, warfen ein zauberhaftes Schattenspiel auf die Wände des gemütlich eingerichteten Schlafzimmers.

Ihre Köpfe ruhten auf einem der fein bestickten Kissen, die überall in Gretchens Bett zu finden waren. Es herrschte eine angenehme Stille. Marc und Gretchen waren sehr entspannt. Sie fühlten sich wohl. Im Zimmer war es wohlig warm. Nichts hasste Gretchen mehr als ein kaltes Schlafzimmer, weshalb sie im Winter nur selten die Heizung ausstellte.

Marc liebte es, so hinter Gretchen zu liegen. So konnte er sie sehen, riechen und mit der gesamten Länge seines eigenen Körpers spüren. Er spürte ihre Nähe, ihre Wärme. Er spürte, dass sie da war und das machte ihn sehr glücklich. Pures Glück. Aber das war ihm jetzt nicht mehr genug. Er wollte sie richtig spüren. Ihre Haut. Ihre Muskeln. Ihre Knochen. Ihren Körper. Er wollte ihre Wärme unter seinen Fingern spüren und er wollte sie richtig riechen. Ihren Duft, nach dem er sich in Oslo so sehr gesehnt hatte. Er wollte sie anfassen, berühren, streicheln. Sie, nicht ihre Kleidung.

Zärtlich strich er mit seiner freien Hand eine dicke Strähne goldener Locken, die ihr Ohr verdeckte, zur Seite. Mit einem Mal spürte Gretchen einen Hauch an ihrem Ohr. Warmer Atem. Sein Atem. Eine zarte Gänsehaut legte sich auf ihren Nacken. Zärtlich flüsterte er. Leise, ganz leise. „Gretchen, ich möchte dich spüren. Richtig.“ Das war keine Frage.

Mit ruhigen Fingern begann er ihre Bluse aufzuknöpfen. Knopf für Knopf. Millimeter für Millimeter legte er ihren sinnlichen, alabasterfarbenen Oberkörper frei. Millimeter für Millimeter wanderte seine Hand über ihre Haut. Haut erforschte Haut. Ihren Hals. Ihr Dekolleté. Ihren Bauch. Er konnte die kleinen Härchen auf ihrer Haut spüren, die sich langsam unter seinen Berührungen aufstellten. Mit seinen weichen, warmen Fingerspitzen zauberte er eine verschlungene Spur über diese Härchen, über die erhabenen Poren ihrer Haut. Er konnte spüren, dass sie zitterte. Vor Aufregung. Er schlang seinen Arm um sie. Er wollte sie ganz nah bei sich haben. Ihre Körper waren eine geschwungene Linie. Seine Wärme war ihre Wärme. Sein Herzklopfen war ihr Herzklopfen. Sein Atem war ihr Atem. Irgendwann ließ das Zittern nach.

Gretchen hatte Marc an diesem Morgen des vierundzwanzigsten Dezembers widererwartend pünktlich vom Flughafen Tegel abgeholt. Beinahe wäre dies ein aussichtsloses Unterfangen geworden. Denn bei Schnee waren die Berliner Verkehrsbetriebe sehr schnell sehr stark überfordert. Dabei schneite es gar nichts so selten in der Hauptstadt. Und trotzdem schienen die Berliner jedes Mal wieder von neuem überrascht zu sein, dass es im Winter auch manchmal schneite. Und ausgerechnet an diesem Heiligen Morgen braute sich auch noch einer der stärksten Schneestürme der letzten Jahre, wenn nicht sogar der letzten Jahrzehnte, zusammen.

Für den Rückweg vom Flughafen nach Friedenau durch das Berliner Verkehrschaos gönnten sich Marc und Gretchen ein Taxi. Die Fahrt durch den Winterwahnsinn verging für die beiden Verliebten wie im Fluge, wer hätte es ihnen auch vergönnt, schließlich hatten sie sich ja wirklich auch eine ganze Weile nicht gesehen. Heimlich blickte der Taxifahrer neidisch ab und wann in den Rückspiegel und wurde stiller Zeuge eines zauberhaften Wiedersehens.

In Gretchens Wohnung bekam Marc dann erstmal einen kleinen weihnachtlichen Kulturschock. Aber schließlich handelte es sich bei dieser Frau, der Marc händchenhaltend durch die schwere, alte und in einem hässlichen grün angestrichene Wohnungstür in den kleinen Flur gefolgt war, um Gretchen Haase. Irgendwann musste ihre romantische Ader ja auch mal so richtig zum Ausbruch kommen.

Trotzdem hatte Gretchen bei der Dekoration ihrer Wohnung sehr genau darauf geachtet, alles sehr schlicht und stilvoll zu halten. Schließlich kannte sie Marc und seine Einstellung zu Weihnachten und wollte ihn nicht überfordern. Aber so ganz ohne Dekoration, so ganz ohne Weihnachtsbaum und so ganz ohne Kerzen, konnte sie beim besten Willen nicht auskommen.

Auf den zweiten Blick, Marc hatte sich, nachdem er seine Schuhe ausgezogen und seine Jacke wieder an den einzig freien Garderobenhaken gehängt hatte, auf das gemütliche Sofa plumpsen lassen, gefiel Marc Gretchens Weihnachtsambiente eigentlich ganz gut. Er musste grinsen, als er den kleinen, mit einer roten Schleife zusammengebundenen Mistelzweig entdeckte, der über dem Türrahmen zwischen Flur und Wohnzimmer hing.

Er ließt seine Blicke weiter schweifen und musste sich eingestehen, dass Gretchen sich wirklich sehr große Mühe mit der Dekoration ihrer Wohnung gegeben hatte und das auch sehr erfolgreich. Neben dem Kamin, der heute mit dicken, lilafarbenen Kerzen bestückt war, stand ein kleiner Weihnachtsbaum auf dem Beistelltischchen, das bei seinem letzten Besuch noch neben dem Sofa stehend unter einem Berg von Zeitschriften begraben war. Den kleinen Baum hatte Gretchen nur mit kleinen Weihnachtsbaumkugeln in verschiedenen Lilatönen geschmückt. Und dann entdeckte Marc noch ein paar kleine, goldene Engel, die Gretchen auf der Fensterbank neben weiteren Kerzen in den entsprechenden Lilatönen, in ihrem Bücherregal und auf dem weißen Schränkchen, auf dem der Fernseher stand, platziert hatte.

Unter dem Weihnachtsbaum lagen bereits zwei Geschenke. Ein großes viereckiges Paket, das in etwa die Größe eines Schuhkartons hatte und ein viel kleineres Päckchen, das flach war und eine eher undefinierbare Form hatte.

Gretchen war in der Küche und machte Kaffee. Marc hatte im Flugzeug bereits etwas gefrühstückt, so dass er nach der Reise nicht hungrig war. Ein heißer Kaffee reichte ihm jetzt vollkommen. Das Schneetreiben hatte Marc und Gretchen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Eigentlich wollten die Beiden am Vormittag auf einen Weihnachtsmarkt gehen. Gretchen hatte sich das so sehr gewünscht und Marc hatte ihr diesen Wunsch natürlich nicht abschlagen können. Marc musste grinsen. Insgeheim hatte er ja mit einer Currywurst geliebäugelt, die es bestimmt auch auf dem Weihnachtsmarkt gegeben hätte. Denn Currywürste waren lange Zeit das einzige, das Marc in Oslo vermisst hatte.

Schnell blickte Marc in Richtung Flur und versuchte anhand der Geräusche zu beurteilen, wie lange Gretchen noch in der Küche zu Gange sein würde. Schnell öffnete er den Reißverschluss seiner großen Lederreisetasche, kramte etwas darin herum und förderte zwei kleine Päckchen zu Tage. Und schnell legte er die beiden flachen, viereckigen Geschenke ebenfalls unter den kleinen Weihnachtsbaum.

In diesem Moment betrat Gretchen das Wohnzimmer. In der Hand hielt sie zwei dampfende Tassen, natürlich waren es an diesem Tag die obligatorischen Weihnachtstassen. Für Marc war die Tasse mit dem schwarzen Kaffee ohne alles, für sich selbst hatte Gretchen noch etwas heiße Milch aufgeschäumt.

Doch ehe sie durch die Wohnzimmertür schreiten konnte, stand Marc schon vor ihr und nahm ihr die beiden heißen Kaffetassen ab, raunte ihr dabei spitzbübisch ins Ohr „Du bewegst dich keinen Millimeter vom Fleck.“, und stellte die Tassen auf die Fensterbank hinter dem Sofa.
Der Beistelltisch war ja an diesem Tag seiner eigentlichen Aufgabe beraubt worden.

Wieder bei Gretchen angekommen, schaute Marc sie mit diesem ganz besonderen Blick an. Diesem Blick, der Gretchen schon immer den Boden unter den Füßen wegziehen konnte und den Schmetterlingen in ihrem Bauch das Fliegen lehrte. Dieser Blick, dem Gretchen einfach nicht wiederstehen konnte.
Aber da unter diesem kleinen Mistelzweig, da war noch etwas anderes in Marcs Blick. Da mischte sich etwas in seinen Blick. Etwas, das sie zuvor noch nie gesehen hatte. Eine neue Intensität. War das etwa seine Liebe, die da zum Vorschein kam? Der Kuss war auf jeden Fall atemberaubend und zauberte Gretchen eine aufgeregte Röte auf ihre Wangen und ihr Dekolleté.

„Schau mich doch nicht die ganze Zeit so an.“ Gretchen war verlegen. Die ganze Zeit schon spürte sie diese Blicke von Marc. Blicke, die sie nicht so recht zu deuten wusste. Blicke, die sie zunehmend nervös machten. Schon eine ganze Weile saßen Marc und Gretchen nebeneinander auf dem Sofa, tranken Kaffee und unterhielten sich. Die Kerzen auf der Fensterbank und im Kamin brannten. Und obwohl es noch früh am Tag war, hatte man aufgrund des tobenden Unwetters das Gefühl, der Abend breche herein. Gerade hatten sie überlegt, wie sie den Rest des Tages verbringen wollten, denn der Schneesturm hatte ihnen ihre weihnachtliche Planung gehörig durcheinander gewirbelt.

„Gretchen, ich kann nichts dafür. Du siehst einfach so toll aus. Deine Haare. Die Bluse. Ich muss dich einfach anschauen.“ Sein Gesicht verzog sich plötzlich zu einem frechen Grinsen. „Nur eins musst du mir verraten. Hast du dein Outfit farblich auf die Weihnachtsdekoration abgestimmt?"

Gretchen wurde knallrot. Ertappt. Sie trug an diesem Tag eine sehr klassisch geschnittene Bluse in einem sehr dunklen Lila. An ihrer silbernen Kette hing, dazu passend, ein kleiner runder Anhänger in der gleichen Farbe. Sowohl die Farbe als auch der Schnitt der Bluse standen Gretchen sehr gut. Das wusste sie auch. Eigentlich. Aber jetzt war sie wieder total verunsichert. Und darüber ärgerte sie sich fast noch mehr, als über diesen blöden Spruch von Marc. Jetzt musste natürlich eine schlagfertige Antwort her. Und das zählte ja bekannter weise nicht gerade zu Gretchen Stärken.

„Lieber Marc. Du hast heute sozusagen das weihnachtliche Gesamtpaket gebucht. Und da gibt es den Engel eben gratis dazu.“ Gretchen grinste ihn herausfordernd an.

Marc überlegte kurz, bevor er mit angehobener Augenbraue zum Gegenschlag ausholte. „Sind Engel nicht immer nackig?“ Der Mann war einfach um keine Antwort verlegen.

Gretchen verschluckte sich beinahe an ihrem Kaffee. Sie war erstmal sprachlos. Dafür kam Marc so richtig in Fahrt. Er begann mit seinen Fingern in ihren Haaren zu spielen. Langsam wickelte er eine dicke Strähne um seinen Zeigefinger und ließ dann das Haar wieder zurückspringen.

„Na das goldene Engelshaar hast du ja schon mal.“ Und nach einer kurzen Pause fügte er etwas ernster noch hinzu. „Und was den Rest betrifft. Was nicht ist, kann ja noch werden?“ Zwei umwerfende Grübchen bildeten sich auf seinen rasierten Wangen.

Das war eine Frage.

Seine Frage.

Und nun war es an Gretchen, darauf zu antworten.


Und was würdet ihr antworten?

Pippi Langstrumpf Offline

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20.12.2011 10:25
#46 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

48 Berlin – Dezember 2014

Natürlich hatte sie sich darüber Gedanken gemacht.

Und natürlich kannte Gretchen die Antwort. Denn im Grunde war die Sache für sie schon seit einer ganzen Weile klar. Im Grunde fühlte sie so, seit dem sie Marc in Freiburg für diesen einen Tag und diese eine Nacht getroffen hatte. Spätesten als er ihr mit seiner unerwarteten Offenheit einen Blick in sein Herz ermöglichte, spätestens da war sie seinem Zauber erlegen. Marcs unglaublicher Überraschungsbesuch war dann das Tüpfelchen auf dem I. Mit dem Ergebnis, dass Gretchen sich mit Marc absolut sicher fühlte. Sie vertraute ihm. Sie hatten ihre Herzen füreinander geöffnet. Noch nie hatte Marc mehr von sich preis gegeben. Noch nie hatte er sie so tief in sein Inneres blicken lassen. Noch nie hatte er sich so vorbehaltlos in ihre Hände begeben. Sie fühlte, ja sie wusste, dass auch er ihr bedingungslos vertraute.

Sie spürte, dass sie sich bereits gemeinsam auf eine Reise gemacht hatten. Auf eine Reise, deren Ziel sie noch nicht kannten, deren Weg ungewiss war, aber es war eine Reise, die sie gemeinsam bestreiten würden. Das wusste Gretchen einfach.

Die Vergangenheit war für sie nicht mehr von Bedeutung. Gretchen hatte nach dem Gespräch mit Marc den Brief und das Flugticket verbrannt. Sie brauchte diese Erinnerung nicht mehr. Sie musste nichts mehr in einem Kästchen unter Verschluss halten. Sie hatte sich gemeinsam mit Marc ihren Erinnerungen, ihren Gefühlen und vor allem ihrer Trauer gestellt. Gretchen hatte in diesem Gespräch Mut bewiesen und Marc dazu bewegt, ebenfalls etwas sehr Mutiges zu tun. Er hatte Worte ausgesprochen, die ihm nie zuvor über die Lippen gekommen waren. Zauberhafte Worte, einzigartige Worte, Worte, die jetzt an diesem Tag ihre Krönung finden sollten.

Mit einem Mal fing Gretchens Herz aufgeregt an zu pochen. Ein Sturm prickelnder Schneeflocken fegte durch ihre Magengegend. Sie spürte eine vertraute Hitze in sich aufsteigen, die sie wissen ließ, dass sich ihre Wangen, ihr Hals und ihr Dekolleté gerade sehr rot verfärbten.

Gretchen blickte Marc mit ihren einzigartigen blauen Augen an. Ihre Augen schienen seinen Blick regelrecht einzufangen, gefangen zu nehmen. Ihre Hand griff nach seiner Hand. Sie konnte auf ihrer Handfläche und an ihren Fingern seine warme, weiche Haut spüren. Gretchen war fasziniert von seinen Händen, die so zart, so feingliedrig waren. Sie verschränkte ihre Finger mit seinen und schaute ihm tief in die Augen. In diesem Moment öffnete sie sein Herz für ihn und hoffte, dass Marc in ihren Augen lesen konnte. Sie hoffe, dass Marc in ihren Augen die Antwort auf seine Frage finden würde.

Ihre Blicke hielten sich gefangen. Sekunde für Sekunde verstrich. Aus Sekunden wurden Minuten. Sie saßen da und schauten sich an. Mit einem Mal stand Gretchen auf und zog Marc einfach hinter sich her in Richtung Schlafzimmer. Marc strahlte bis über beide Ohren und auch Gretchen konnte sich ein aufgeregtes Lächeln nicht verkneifen.

„Das mit dem Engel, also ich meine das mit dem nackten Engel, das würde dann aber in deinen Verantwortungsbereich fallen.“, versuchte Gretchen der neuen Situation einen scherzhaften Beiklang zu geben.

Marc war überwältigt. Gerade hatte er sich noch so sehr über seine große Klappe geärgert. In den Sekunden, in denen Gretchen mit unbewegter Miene über ihr weiteres Handeln nachdachte, hätte Marc sich die Zunge abschneiden können, so sehr ärgerte er sich über seine unbedarfte Äußerung. Natürlich war sie ernst gemein, keine Frage. Natürlich wollte er mit dieser Frau, mit diesem Engel schlafen. Er wollte ihr nah sein, sie berühren, sie streicheln. Ja im Grunde wollte er sie schlicht und ergreifend lieben. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und als er noch darüber nachdachte, was er jetzt sagen könnte. Etwas, das nichts relativierte, aber Gretchen trotzdem zu verstehen gab, dass er sie nicht drängen wollte, in diesem Augenglick griff Gretchen nach seiner Hand. In diesem Augenblick wurde Marc von diesen einzigartigen, zauberhaften Augen, den schönsten blauen Augen, die Marc sich vorstellen konnte, gefangen genommen. Und diese Augen präsentierten ihm die unglaubliche Antwort auf seine, aus einem Scherz entstandene, ernst gemeinte Frage. Mal wieder hatte Gretchen ihn überrascht.

„Kerzen gehören zum Weihnachtspaket dazu. Es wird also nicht gelacht.“ Schnell zündete Gretchen die Kerzen auf der Fensterbank an. Es hatte natürlich seinen Grund, weshalb sie sie am Abend zuvor dort platziert hatte.

Gretchen und Marc wussten nicht, wie viel Zeit verstrichen war. Aber es war auch nicht wichtig. Schließlich hatten sie alle Zeit der Welt. Für sich. Für ihre Liebe. Sie lagen engumschlungen auf dem Bett. Noch immer hielt Marc Gretchen in seinem Arm. Ihre Bluse war geöffnet, so dass er ihre warme Haut unter seinen Armen, unter seinen Händen und unter seinen Fingern spüren konnte. Er hielt sie fest. Ganz fest. Durch seine Wärme und Zuneigung gab er ihr die Ruhe und Geborgenheit, die sie brauchte.

Ein Flüstern brach das Schweigen. „Marc, wenn wir heute miteinander schlafen, dann musst du das mit mir durchziehen. Dann gibt es kein Zurück mehr.“ Ihre Stimme klang sicher. Da war keine Unsicherheit, kein Zittern. Gretchen wusste jetzt, was sie wollte.

Langsam, ganz langsam drehte Marc sie auf den Rücken. Seine Lippen legten sich auf ihre. Sacht, voller Zärtlichkeit küsste er sie. Als sei dieser Kuss seine Antwort. „Ich weiß, Gretchen und ich will es.“ Dunkelgrüne Augen fingen dunkelblaue Augen, in denen sich der Schein der Kerzen spiegelte. Marc gestattete ihr einen langen Blick tief in sein Herz. Gretchen war gefangen und verzaubert.

Gretchen und Marc knieten auf dem Bett. Sie knieten sich gegenüber. Auge in Auge. Herz in Herz. Seele in Seele. Auf ihren Lippen spiegelte sich das glückliche Lächeln des anderen. Flackernder Kerzenschein umhüllte ihre Körper. Tauchte sie in ein warmes Licht. Hinterließ einen goldenen Schimmer auf ihrer Haut. Draußen tobte der Schneesturm, drinnen tobten ihre Herzen.

Sie begannen sich langsam auszuziehen. Gleichzeitig. Gegenseitig. Marc hob seine Arme über seinen Kopf, während Gretchen ihm ganz langsam seinen dunkelgrünen Pullover und das schwarze T-Shirt auszog. Braune nackte Haut schimmerte im Kerzenschein. Gretchen betrachtete seinen Oberkörper. Langsam, fast zärtlich ließ sie ihren Blick über jeden seiner Muskeln, über seine muskulöse Brust, über seine wohl definierten Oberarme, über seinen Hals wandern, bis sich ihre Blicke wieder trafen. Dunkelblaue Augen fingen dunkelgrüne Augen.

Marc streifte Gretchen mit bebenden Händen die bereits geöffnete Bluse von den Schultern. Langsam fiel diese auf das Bett. Er lächelte sie an. Diese unwiderstehlichen Grübchen zeichneten sich auf seine Wangen. Eine Haarsträhne war ihm in die Stirn gefallen. Gretchens Brust bewegte sich im Rhythmus ihrer Atmung unruhig auf und ab. Weiße Haut, die samten schimmerte. Ein dunkelblauer BH. Seide. Spitze. Dieser Anblick beraubte ihn seiner Sinne. Das Blau der Seide fand sich in dem Blau ihrer Augen wieder, die in dem schummrigen Licht der Kerze dunkel funkelten. Wieder fanden sich ihre Blicke. Dunkelgrüne Augen fingen dunkelblaue Augen.

Schüchtern lächelte Gretchen. Ihre Hände wanderten an seinen Gürtel und öffneten diesen geschickt. Ebenso Knopf und Reißverschluss seiner Jeans. Auch Marc trug an diesem Tag eine Jeans. Schließlich wollten sie eigentlich auf den Weihnachtsmarkt und das war selbst ihm in einer Stoffhose zu kalt. Im Schein der Kerzen konnte Gretchen eine feine Gänsehaut auf Marcs Bauch erkennen. Langsam zog sie die dunkelblaue Jeans an seinen Beinen entlang nach unten. Boxershorts mit einem zarten Karomuster kamen zum Vorschein.

Marc tat es ihr gleich und öffnete den Knopf ihrer Jeans. Mit klopfendem Herzen zog er den Reißverschluss Zahn für Zahn hinab. Stück für Stück legte er die Oberschenkel dieser atemberaubenden Frau frei. Sein Blick fiel auf einen dunkelblauen Slip aus Seide. Spitze rankte sich verführerisch am Bündchen desselben. Schnell zogen sich beide im Sitzen ihre Jeans über die Kniekehlen und warfen sie schmunzelnd aus dem Bett. Dichtgefolgt von vier einzelnen Socken. Nicht eine Sekunde verloren sie sich dabei aus den Augen. Dunkelblaue Augen spiegelten sich in dunkelgrünen Augen.

„Dreh dich um.“ Hallte eine leise, heisere Stimme in Gretchens Kopf. Marc kniete jetzt hinter ihr. Sie spürte an ihrem Rücken seine Körperwärme. Sie spürte, wie er ihre Haare vorsichtig zur Seite schob und ihr sacht über die Schulter legte. Schon allein diese indirekte Berührung löste in ihr einen Schauder sondergleichen aus. Sie spürte, wie weiche Lippen die zarte Haut in ihrem Nacken berührten. Sacht. Leicht, als kitzelte er sie mit einer Feder. Und sie spürte glühende Hände, die sich von hinten auf ihren Bauch legten. Fühlten. Spürten. Glühende Finger, die begannen, sie zu streicheln. Zärtlich. Erregend. Brennende Spuren auf ihrer Haut. Langsam wanderten die sanften Finger dieser Hände an ihren Seiten entlang und trafen sich am Verschluss ihres BHs. Öffneten diesen. Träger wurden langsam an ihren Armen entlang nach unten geschoben. Zart kitzelte der Stoff über ihre Haut am Bauch. Wieder spürte sie zarte Küsse in ihrem Nacken. Auf ihren Schultern. Die heiße Spur einer liebkosenden Zunge zauberte ihr ein Prickeln auf die Haut. Gretchen schloss die Augen und legte den Kopf nach vorn auf ihre Brust. Sie ließ sich treiben. Marcs phantasievolle Liebkosungen waren so sacht, so zärtlich, so sinnlich, so erregend. So etwas hatte sie noch nie in ihrem Leben erlebt.

Mit einem Mal drehte sich Gretchen um und drückte Marc mit ihrer flachen Hand auf seiner Brust in die hinter ihm liegenden Kissen. Ihre Blicke hatten sich wieder gefunden. Dunkelblaue Augen fingen dunkelgrüne Augen. Ihre Seelen waren gefangen. Ihre Herzen geraubt. Fast schüchtern setzte sich Gretchen auf Marcs Schoß. Sie spürte seine Erregung. Seine Erregung war ihre Erregung. Hitze. Überall war diese Hitze. Blonde Locken verdeckten ihre wundervollen, sinnlichen Brüste. Blonde Locken kitzelten Marc auf der Brust, als sie sich langsam zu ihm herabbeugte.

Marc und Gretchen waren nicht mehr auf diesem Planten. Sie hatten sich aufgemacht in eine andere Galaxie. In eine Galaxie ihrer Gefühle. Eine Galaxie, die sie bei aller Vertrautheit noch nicht kannten, die sie nun aber erforschten.

Gemeinsam. Miteinander.

Pippi Langstrumpf Offline

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21.12.2011 13:43
#47 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

49 Berlin – Dezember 2014

Frau Teichgräber war eine sehr alte Dame. Sie wohnte im vierten Stock im Haus gegenüber und kannte Gretchen gut. Kennengelernt hatten sich die beiden Frauen an einem stürmischen Tag im Herbst vor über einem Jahr. Frau Teichgräber war direkt vor ihrer Haustür hingefallen. Sie hatte sich zwar nicht ernsthaft verletzt, trotz ihres Alters, aber sie benötigte Hilfe beim Einsammeln ihrer Einkäufe, die allesamt auf dem Gehweg verteilt waren. Und genau in diesem Augenblick kam Gretchen auf ihrem Fahrrad vorbeigeradelt. Natürlich war es für Gretchen keine Frage, der alten Dame unter die Arme zu greifen. Und seit diesem Tag pflegten die beiden ihr nachbarschaftliches Verhältnis. Ab und wann besuchte Gretchen Frau Teichgräber und dann aßen die beiden den Kuchen, den Gretchen aus dem Café Grün mitgebracht hatte und tranken einen Salbeitee, den Frau Teichgräber für ihr Leben gern trank und für ein wahres Lebenselixier hielt.

An diesem Heiligabend stand Frau Teichgräber an ihrem großen, doppelflügeligen Wohnzimmerfenster und versorgte ihre Weihnachtssterne. Draußen war es fast dunkel, obwohl es gerade mal früh am Nachtmittag war. Der Schneesturm wütete noch immer. Orkanartige Böen bliesen den Schnee durch die Straße. Mit einem Mal musste Frau Teichgräber schmunzeln. In Gretchens Wohnung schimmerte ein mattes Licht. Die alte Dame konnte erkennen, dass Gretchen überall auf den Fensterbänken Kerzen angezündet hatte. Und die alte Dame konnte auch erkennen, dass Gretchen Herrenbesuch hatte, den sie augenscheinlich sehr gern zu haben schien. Diskret zog sich die alte Dame auf ihr Sofa am anderen Ende des Zimmers zurück.

... wer sich, genau wie Frau Teichgräber, diskret zurückziehen möchte, wartet einfach auf das übernächste Kapitel ...

Ihre Träume erfüllten sich.

Gefühlvoll küssten sie sich. Gefühlvoll liebkosten sich ihre Zungen. Spürten, schmeckten, streichelten sich, spielten miteinander. Immer und immer wieder. Langsam wanderten Gretchens Küsse, wanderte ihre Zunge über Marcs Oberkörper und hinterließ eine kühle Spur auf heißer Haut. Pore für Pore liebkoste sie mit ihrer Zunge, mit ihren Lippen die Haut auf seiner Brust. Glücklich spürte Gretchen, dass sich eine feine Gänsehaut auf seinem muskulösen Oberkörper ausbreitete. Zärtliche Küsse fanden einen verschlungenen Weg zu seinem Bauchnabel. Immer und immer wieder küsste Gretchen dort die erhitze Haut mit ihren weichen Lippen. Immer und immer wieder liebkoste sie seine Haut auf so aufregende Weise mit ihrer Zungenspitze und vergrößerte kontinuierlich ihren Radius. Immer größer wurden ihre Kreise. Brennende Spuren, die sie um seinen Bauchnabel küsste. Gretchen konnte Marc riechen. Sie konnte ihn schmecken. Sie konnte ihn fühlen. Sie sah, wie sich seine Bauchdecke aufgeregt auf und ab bewegte. Sie spürte seine Hände in ihrem Haar. Hände, die sich verlangend in ihre Lockenpracht gruben.

Mit einem Mal setzt Marc sich auf. Er wollte Gretchen näher sein. Nah. So nah wie möglich. Sie saß jetzt auf seinem Schoß und klammerte sich an seine Schultern. Wieder küssten sie sich. Wieder waren da diese wahnsinnigen Liebkosungen ihrer Zungen. Es war, als würde die Welt sich drehen und stehen bleiben zugleich. Es war ein Rausch. Es war berauschend. Berauschte Augen blickten sich an. Langsam begannen sie ihre Becken aneinander zu reiben. Behutsam. Vorsichtig. Zärtlich. Und obwohl sie noch beide ihre Unterwäsche trugen, war dieses Gefühl von so einer atemberaubenden Intensität, dass sie glaubten, zu verbrennen. Überall war da dieses erregende Prickeln.

Irgendwann. Später. Viel später. Gretchen lag auf dem Rücken. Marc befreite sie gerade von diesem Stückchen Stoff, dass bisher noch gestört hatte. Verliebt grinste er Gretchen an, während er mehr als bedächtig begann, den wunderschönen Slip ihre Beine herunter zuschieben. Küsse bereiteten dem Stoff den Weg. Seiner Boxershorts entledigte Marc sich bei dieser Gelegenheit selbst. Endlich! Sie waren nackt. Beide. Kein Stück Stoff war mehr zwischen ihnen.

Wie vorhin legten sie sich auf die Seite. Sie sprachen nicht darüber. Sie taten es einfach. Auch Gretchen liebte es, so in Marcs Armen zu liegen. Sein muskulöser Körper umschlang sie von hinten. An seiner Brust spürte er ihren zarten Rücken, in seinem Schoß spürte er ihren weichen Po und an seinen Beinen waren ihre Beine. Marc sah Gretchens Silhouette im Kerzenschein. Ihre Haut sah aus wie Samt. Glitzernd. Zärtlich fuhr er mit den Fingerspitzen die Konturen dieser Silhouette nach, während er wieder ihren Nacken, ihre Schultern und ihren Rücken küsste, liebkoste, kostete auf jede ihm erdenkliche Weise. Langsam ließ er seine Hand über ihren erhitzten Bauch wandern. Ein Finger strich um ihren Bauchnabel. Immer und immer wieder. Bis ihre Haut an dieser Stelle taub wurde. Er tat es ihr gleich und ließ den Radius seiner Kreise langsam größer und größer werden. Das erregte sie. Sehr sogar. Wieder war da nur noch dieses Prickeln.

Mit einem Mal spürte sie seine Hand auf ihrem Busen. Sie spürte dieses unglaubliche Ziehen in ihren Brustwarzen. Ein Ziehen, das wie ein Blitz durch ihr Inneres zuckte, als Marc ihre Brust mit seinen Fingern so unglaublich zärtlich liebkoste, während seine Zähne, seine Zunge, seine Lippen auf so aufregende Weise ihr Ohrläppchen verwöhnten. Die Gänsehaut an ihrem Hals, ihrem Rücken, ihren Armen und ihren Beinen wollte nicht mehr verschwinden. Sie spürte einen Finger, der immer und immer wieder über die so empfindliche Stelle ihrer hartgewordenen Knospen strich. Zärtlich, aber mit festem Druck. Sie spürte andere Finger, die ihre Burstwarze währenddessen zart umschlossen hielten. Unzählige Male spielte Marc dieses Spiel. Es schnürte ihr vor Erregung die Kehle zu. Das Prickeln in ihrem Körper, zwischen ihren Beinen wurde immer stärker. Sie hatte das Gefühl, dass sie dieses Gefühl zerreißen würde.

Sie spürte an ihrem Po, dass es Marc ähnlich ging. Aber noch immer hielt er sie fest. Seufzend warf sie ihren Kopf in den Nacken. Plötzlich berührten sich ihre Wangen. Wange an Wange. Ihre Hand suchte seine Hüfte, seinen Po. Finger krallen sich in seine Haut. Und hinterließen einen erregenden Schmerz. Ihre Arme waren jetzt überkreuzt. Marc wanderte mit seiner Hand langsam, ganz langsam über ihren Bauch, weiter hinab als zuvor. Dorthin, wo sie dieses unglaubliche Prickeln verspürte. Langsam strichen seine Finger über ihre weiche Hüfte, über ihren runden Po, über ihren festen Oberschenkel. Ganz langsam wanderten diese zärtlichen Finger an die Innenseite ihrer Oberschenkel. Weiche, ganz zarte Haut. Immer wieder malten seine Finger erregende Kreise auf ihre Haut. Liebkosten. Und immer wieder waren da diese Kreise, die sich ganz bedächtig ihrem Ziel näherten.

Sie war aller Sinne beraubt. Da waren Kreise, die ihr einen Schauer über den Rücken jagten. Kreise, die sie gleich zerspringen ließen. Und endlich fanden die Finger, die diese Kreise in ihre Haut brannten, ihr Ziel. Endlich spürte sie Marcs Finger dort, wo sie sie jetzt brauchte. An dieser kleinen, sensiblen Stelle. Zuerst nur zart, dann aber immer druckvoller rieben diese Finger über die kleine erhabene Stelle. Die reizbarste Stelle ihres Körpers, die ihr so viel Lust bereiten konnte.

Wieder hatte Gretchen ihren Kopf in den Nacken gelegt. Ihre Augen waren fest geschlossen und ihr Atem ging schnell. Sehr schnell. Ihr Herz klopfte wild in ihrer Brust, als wolle es herausspringen. Marc spürte es, Marc hörte es und es erregte ihn so ungemein, Gretchen so zu sehen. Er konnte seinen Blick nicht von ihr, von ihren bebenden Brüsten und ihrem Becken, das sich langsam und gefühlvoll vor und zurück bewegte, wenden. Immer mehr Lust wollte er ihr bereiten. Mittlerweile hatte er seinen anderen Arm unter ihre Schulter geschoben. Er hielt sie fest, er hielt sie ganz nah an seinem Körper. Für ihn war dies die Erfüllung seiner Träume. Immer und immer wieder küsste er zärtlich ihren Hals, ihren Nacken. Ließ seine Zunge über ihre Haut tänzeln. Zärtlich biss er wieder und wieder in ihr Ohrläppchen, während seine Hand, seine Finger Gretchen auf so einzigartige Weise liebkosten, dass es ihr den Verstand raubte.

Gretchen konnte seinen heißen Atem an ihrem Ohr spüren. Stoßweise. Langsam ließ er seine Finger weiter zwischen ihre Beine gleiten. Er spürte ihre Erregung. Heiß. Feucht. Wie in Zeitlupe ließ er seinen Mittelfinger in sie gleiten. Langsam. Zärtlich. Voller Liebe spürte er sie. Marc spürte ein heißes Ziehen in seiner Brust. Er spürte, dass er es nicht mehr lange aushalten würde. Lange konnte er seinem Verlangen nicht mehr Stand halten. Immer wieder ließ er seinen Finger gefühlvoll in sie gleiten, wohl darauf bedacht, nicht zu schnell zu werden. Immer wieder rieb Marc mit sanftem Druck über diese zarte Erhebung weiter vorn und steigerte ihr Lust so zusätzlich ins unermessliche. Er brachte sie um den Verstand.

Gretchen stöhnte leise, aber sehr lustvoll auf. Sie hatte ihr Bein aufgestellt. Sie wollte Marc Platz machen. Sie wollte ihm die Möglichkeit geben, ganz bei ihr zu sein. Sie wollte, dass er ungehindert immer weiter und weiter machte. Immer wieder reckte sie ihm ihr Becken verlangend entgegen. Gretchen spürte eine brennende Hitze, unbeschreibliche Lust die sich in ihr anstaute und darauf wartete, die Schwelle zu überschreiten. Auch sie spürte, dass sie es nicht mehr lange aushalten würde, obwohl das hier doch niemals zu Ende gehen sollte. Marc begann sie jetzt gleichzeitig zu liebkosen, zu massieren. Innen. Außen. Überall. An ihren Brüsten, an ihren glühenden Brustwarzen und dann wieder weiter unten, viel weiter unten, dort wo sie längst das Gefühl hatte, zu verglühen. Wieder entwich ihren Lippen ein Stöhnen. Lauter als zuvor. Sinnlicher als zuvor. Hemmungsloser als zuvor. Sie biss sich auf ihre Unterlippe während sich ihre Hand, ihre Finger, ihre Nägel noch fester in seinen Po krallten. Die andere Hand vergrub sich in seinen Haaren.

Mit bebender Stimme flüsterte sie in die Dunkelheit. „Marc, ich will mit dir schlafen. Richtig.“


Ich bin mir etwas unsicher, ob es dafür auch Kommentare gibt.

Pippi Langstrumpf Offline

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22.12.2011 10:16
#48 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

50 Berlin – Dezember 2014

Gretchen musste mal für kleine Schneeköniginnen.

Nackt, wie sie nun mal war, saß sie auf der Toilette. Ihr Haar fiel ihr in dicken Strähnen über ihre Schultern, über ihren Rücken und über ihre Brüste. Ihre Wangen waren noch immer leicht gerötet und auf ihren roten Lippen hatte sich ein verklärtes Dauerlächeln niedergelassen. Verträumt blickte sie auf die kleinen, in unterschiedlichen Grautönen marmorierten, Bodenfliesen des kleinen Badezimmers. Aber im Grunde konnte Gretchen diese gar nicht sehen. Denn in ihrem Kopf herrschte das absolute Chaos. Ein wunderschönes Chaos. Ein chaotisches Wirrwarr. Immer wieder erschienen Szenen des gerade Erlebten vor ihren Augen. Immer und immer wieder durchlebte sie diese einzigartigen Momente. Es bescherte ihr eine Gänsehaut, obwohl es auch in ihrem Badezimmer angenehm warm war.

„Hast du ’n Kondom? Sonst habe ich welche in meiner Reisetasche“, flüsterte Marc liebevoll in ihr Ohr. „Warte, ich hab welche hier.“ Gretchen beugte sich etwas weiter nach vorne, öffnete die Schublade ihres weißen Nachttischchens und suchte mit ihren Fingern nach dem kleinen Tütchen, das sie dann einfach auf die Matratze legte.

Jetzt wollte Gretchen, dass er sich auf den Rücken legte. Sie verspürte den Wunsch nach mehr Aktivität. Seine Augen fest im Blick, setzte sie sich wieder auf seinen Schoß. Kurz wunderte sie sich über sich selbst. Das war eigentlich nicht ihre Art. Nicht beim ersten Mal. Aber mit Marc war es an diesem Tag etwas anderes. Ihre Blicke verkrallten sich ineinander als wollten sie sich nie wieder loslassen. Dunkelblaue Augen fingen dunkelgrüne Augen.

Marc war irritiert. Gretchen war so sicher, so selbstbewusst. Das hatte er nicht erwartet. So kannte er sie gar nicht. Aber es gefiel ihm. Sogar sehr. Es zeigte ihm, wie sehr sie ihm vertraute. Und es erregte ihn. Sehr sogar. Er betrachtete sie versonnen, während sie langsam anfing, sich auf seinem Schoß zu bewegen. Er sah ihre vollen, weichen Brüste, die von dicken, lockigen Strähnen verdeckt wurden. Auf einer Seite blitze ihre dunkelrote und vor Erregung hart gewordene Brustwarze durch das goldig schimmernde Haar. Er sah ihre schmalen Schultern, ihren Bauch und ihr weibliches Becken. Pure Sinnlichkeit. Sie war so wunderschön. So sinnlich. Erotisch.

Gretchen beugte sich langsam nach vorn. Zu ihm. Wieder kitzelten ihre Locken seine Brust, seinen Hals und sein Gesicht. Wieder fanden sich ihre Lippen und Zungen für einen lustvollen Kuss. Sie begannen, ihre Galaxie zu erforschen. Es war soweit. Jetzt ließen sie ihren Gefühlen freien Lauf. Unkontrolliert. Ohne jede Hemmung. Ohne jede Scham. Wieder begannen sie langsam ihre Becken zu bewegen, sich aneinander zu reiben. Marc hatte seine Hände sanft auf Gretchens Hüften gelegte. Er spürte ihr Becken. Er spürte, wie Gretchen es immer wieder nach vorne kippen ließ. Er spürte, wie sie so ihre sensibelste Stelle massierte. An ihm. Mit ihm. Sehr langsam. Sehr sinnlich. Sehr erregend. Er brannte. Sie spürten sich. Beide. Sie spürten, dass sie sich wollten. Alles war so heiß, so feucht. Sie spürten, dass sie sich haben mussten. Jetzt. Endlich.

Marc griff nach dem Kondom. Ihn nicht aus den Augen lassend, nahm Gretchen ihm das kleine Päckchen aus der Hand. Ihre Hände begannen, ein verbotenes Spiel mit ihm zu spielen. Sie massierten ihn. Langsam, sehr gefühlvoll steigerte sie den Druck ihrer Finger, die sich um ihn gelegt hatten und sanft auf und ab bewegten. Lustvoll stöhnte Marc auf. Schnell streifte Gretchen ihm die zarte Hülle über.

Wieder war Gretchen auf ihm. Mit der Hand führte sie ihn. Sanft drang er in sie ein. Als sie eins wurden, schlossen beide für einen kurzen Moment des Glücks die Augen. Endlich waren sie miteinander vereint. Richtig. Gretchen konnte ihn tief in sich spürten. Marc spürte eine warme, pulsierende Enge, die ihn fast um den Verstand brachte. Eine ganze Weile spürten sie nur sich. Eine Galaxie voller Gefühle.

Gretchen richtete sich auf. Ganz. Mehr Vereinigung gab es nicht. Tiefer ging es nicht. Ihre Hände fanden sich. Wieder verkrallten sich Ihre Finger. Ihre Blicke ebenso. Langsam begann Gretchen ihr Becken zu bewegen. Ganz langsam und gefühlvoll spürte sie ihn in sich. Bei jeder Bewegung spürten sie beide dieses unbeschreibliche Prickeln, dessen Intensität zu steigern nun ihr vorherrschendes Ziel war.

Marc legte seine Hände auf ihre weichen Brüste. Gretchen spürte seine heißen Hände auf ihrer brennenden Haut, die sie massierten. Finger, die sie rieben. Mit festem Druck. Marc richtete sich auf. Er wollte sie mit dem Mund spüren, verwöhnen, ihr Lust bereiten, so wie sie es bei ihm tat. Er wollte eins werden mit ihr. Ganz. Gierig umschloss er mit seinen Lippen ihre stark geröteten Brustwarzen. Sanft begann er an ihnen zu saugen. Sanft umfuhr er sie mit seiner Zunge. Abwechselnd. Immer und immer wieder, stärker und stärker. Er spürte diese harten Knospen in seinem Mund, an seiner Zunge, zwischen seinen Zähnen. Knospen, die ihm zeigten, dass es ihr gefiel. Zärtlich, ganz sacht, ließ er seine Zähne über diese hart gewordenen Knospen gleiten, bevor er langsam und ganz zärtlich zubiss. Gretchen stöhnte auf. Ihren Kopf hatte sie weit in den Nacken gelegt. Ein Gefühl für Zeit und Raum hatte sie verloren.

Marc und Gretchen verloren sich in ihrer Galaxie. Sie waren gefangen in ihrem ganz eigenen Sternsystem. Dort gab es nur sie selbst, den anderen und ihre einzigartigen Empfindungen, die noch nie ein Mensch in ihnen geweckt hatte. Nicht einmal sie selbst. Vor einer langen Zeit. In einem anderen Leben.

Noch immer war Gretchen auf ihm. Jetzt war ihr Gesicht seinem sehr nah. Sie konnten sich küssen, liebkosen. Sie konnten sich hören. Ihren Atem. Während Gretchen mit ihren Bewegungen ihn in sich massierte. Immer und immer wieder bewegte sie auf eine so auregende Weise ihr Becken, dass es Marc und sie um den Verstand brachte. Unzählige Male. Vor und zurück, kreisend. Trotz der langsamen Bewegungen ging ihr Atem schnell. Immer schneller. Fast zu schnell. Alles begann sich um sie herum zu drehen. Marc und Gretchen wirbelten durch farbenfrohe Sternsysteme. Schwerelos.

Gretchen bewegte sich immer schneller. Immer fester. Sie spürte, dass Marc es ihr gleich tat. Auch sein Becken bewegte sich. Er bewegte sich in ihr und steigerte dadurch ihre Lust. Gretchen flog. Sie bewegte sich auf ihm und riss ihn mit. Sie riss ihn mit in diese ferne Galaxie. Sie waren in einem Rhythmus. Sie waren Eins. Sie waren verschmolzen. Immer wilder wurden ihre Bewegungen, immer heftiger. Immer schneller ging ihr Atem, ihr Keuchen. Sie hörten sich. Immer wieder war da das Stöhnen des anderen. Gemeinsam bewegten sie sich unaufhaltsam auf dieses einzigartige Glücksgefühl zu. Erreichten es fast und ließen dann im letzten Augenblick in der Intensität ihrer Bewegungen nach.

Sie wollten es so lange wie möglich hinauszögern. Sie wollte es so lange wie möglich genießen. Sie wollten so lange wie möglich Eins sein. Einmal. Zweimal. Dreimal. Und dann ging es nicht mehr. Sie konnten sich beide nicht mehr zurücknehmen, nicht mehr kontrollieren. Zu viel Lust hatte sich in ihnen aufgestaut und schrie nun in jeder Faser ihres Körpers nach Erfüllung.

Marc spürte, dass Gretchen schon fast so weit war. Ihr Keuchen ging schnell und war sehr heftig. Jeder seiner feinen Stöße mündete mittlerweile in einem erregenden Aufstöhnen ihrerseits. Mit festem Griff umschloss er ihre Pobacken. Jetzt wollte nur noch er den Rhythmus vorgeben. Jetzt wollte er die Spielregeln bestimmen. Fest drückte er sie gegen sein Becken. Er drückte sie auf sich und zugleich drückte er fest in sie. Als wollte er sie ganz ausfüllen. Er zog sie zu sich herab. Ganz nah. Er wollte sie jetzt bei sich haben. Ganz. Er wollte sie spüren. Überall. Mit den Händen stützte Gretchen sich neben seinem Kopf ab. Ihre Brüste strichen zart über seine Brust. Er hörte ihr Stöhnen in seinem Ohr. Er spürte ihre Hitze auf seiner Haut. Er spürte ihren Schweiß. Berauschend. Erregend.

Marc spürte es, bevor er es hörte. Er spürte wilde Kontraktionen, die ihn rasend machten. Noch einmal krallte er seine Finger fest in ihren Po. Fest stieß er in sie. Er spürte, dass Gretchen davonflog. Ihre Muskeln verkrampften sich und ließen sie in ihren Bewegungen verharren. Angespannt streckte Gretchen ihre Beine weiter nach hinten, während sie durch diese weit entfernte Galaxie jagte. Ein lautes Stöhnen entfuhr ihren Lippen. Ein Stöhnen, das Marc mit sich riss in diese Höhe, in diesen Strudel explodierender Empfindungen. Er spürte, dass es um ihn enger wurde. Es wurde so eng, dass er nicht mehr wusste, wohin mit seiner Lust. Wieder stieß er fest und ganz tief in sie. Ein letztes Mal. Aufstöhnen. Er war soweit. Er folgte ihr. Sie hatten den Höhepunkt ihrer gemeinsamen Lust erreicht. Gemeinsam waren sie abgehoben. Sie flogen. Schwerelos durch Raum und Zeit. In ihren Körpern entluden sich Explosionen. Es zerriss sie. Und es machte aus ihnen Eins.

Sie waren Eins.

Sie haben sich geliebt. Sie liebten sich.


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Pippi Langstrumpf Offline

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25.12.2011 15:39
#49 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

51 Berlin – Dezember 2014

Lange Zeit waren sie sprachlos. Sie waren überwältigt von dem, was da gerade zwischen ihnen und mit ihnen geschehen war.

Ungewöhnlich lange hatte Marc einfach nur dagelegen und in sich hineingespürt. Er war berauscht. Überwältigt. Da waren so viele Gefühle in ihm. Gefühle, die es ihm im Grunde unmöglich machten, irgendetwas zu fühlen. Er fühlte sich betäubt. Taub. Er hatte eine hormonelle Überdosis. Marc wusste, dass gerade die unterschiedlichsten Neurotransmitter und Hormone in ihm tobten. Er wusste, dass Opioide in ihm diesen Rausch ausgelöst hatten. Denn über die physiologischen Grundlagen dieses einzigartigen Glücksgefühls hatte er sich bereits während des ersten Semesters seines Studiums informiert.

Trotzdem war es diesmal so anders als sonst. Besser. Einzigartiger. Intensiver. War womöglich dieses Gefühl der Verliebtheit, dieses Gefühl, das er im Grund noch nie bei einer anderen Frau empfunden hat, die alles entscheidende Zutat, die aus einem ohnehin schon unvergleichliche Lustgefühl eine wahre Gefühlsexplosion werden ließ? Schon einmal in seinem Leben hatte Marc etwas ähnlich Intensives erlebt. Auch damals hatte er ähnlich für Gretchen empfunden. Aber auch damals war es nicht ganz so wie heute. Denn damals gab es noch diese Angst, die an seinem Unterbewusstsein nagte. Diese Angst gab es heute nicht mehr. Heute war Marc frei.

Noch immer lag Gretchen auf seinem Bauch. Sie hatte ihr Gesicht in die Kuhle zwischen seiner Schulter und seinem Hals gelegt und sich seit dem nicht mehr bewegt. Auch sie musste erst verarbeiten, was sie gemeinsam gerade erlebt hatten. Auch sie kämpfte mit dem Cocktail anregender und betäubender Botenstoffe und Hormone, die in ihren Adern und in ihrem Gehirn tobten. Auch sie hatte das Gefühl, gerade etwas Einzigartiges erlebt zu haben, dass sie bisher in ihrem Leben so noch nicht erlebt hatte. Mit niemandem. Auch nicht mit Marc. Denn auch damals fühlte sie sich mit Marc nicht so frei wie heute an diesem Heiligabend. Heute waren da nur sie und Marc und ihre Gefühle. Da war kein Wenn und kein Aber, nur ein Ja.

Marc konnte das regelmäßige Auf und Ab ihres Bauches und ihrer Brüste auf seinem Oberkörper spüren, an seinem Hals kitzelte ihn ihr Atem. Mit seinen muskulösen Armen hielt er sie eng umschlungen. Noch immer genoss er ihre Wärme auf seiner nackten Haut. Sanft strich er mit seinem Zeigefinger über Gretchens Wirbelsäule. Wirbel für Wirbel erspürte er mit seinem Finger diese knöchernen Erhebungen an ihrem Rücken. Von ihrem Nacken bis zu ihrem Po. Gretchen wurde schon wieder gefangen genommen von wundervollen Empfindungen, die Marc mit diesen Zärtlichkeiten auf ihrem Rücken in ihr auslöste.

„Gretchen?“, flüsterte Marc mit einem Mal leise. Und nach einer ganzen Weile fuhr er erst fort. „Was war das?“ Wieder machte er eine kleine Pause. Gretchen erhob sich und strahlte ihn mit ihren tiefblauen Augen an. Ihre weichen Haare waren überall. Auch in seinem Gesicht. Etwas mühevoll versuchte Gretchen, mit einer Hand ihre Locken aus seinem Gesicht zu nehmen. So ganz gelang ihr das nicht. Eine verirrte Haarsträhne kitzelte Marc noch auf seinen Lippen. Er pustete sie weg.

Marc umfasste mit seinen warmen Händen zärtlich Gretchens Wangen. Er lächelte sie an. Er schaute sie an. Verliebt. Seine Augen funkelten im Kerzenschein dunkelgrün. Mit diesem Blick. Mit diesem einen Blick, der sie so sehr um den Verstand bringen konnte.

„Es war so … so anders … so wunderschön!“ Seine Stimme klang durch die Stille des Schlafzimmers. Leise. Zärtlich. Sein Herz pochte aufgeregt in seiner Brust. So etwas hatte er noch nie zu einer Frau gesagt. Das mit Gretchen war einfach etwas ganz Besonderes. Es war schon etwas Besonderes, bevor er ihre nackte Haut auf seiner spüren durfte, bevor sie ihn mitgerissen hatte, in diese unendliche Weite des Universums. Aber jetzt, jetzt war die ganze Sache mit Gretchen schlicht und ergreifend perfekt. Perfekter hätte sie aus Marcs Sicht einfach nicht sein können.

„Für mich war‘ s auch wunderschön, Marc.“ Gretchen nickte zustimmend und erwiderte sein Lächeln. Zärtlich. Verliebt. Und ganz unmerklich erhöhte sich auch die Frequenz ihres Herzschlages.

Plötzlich fing Marc an zu grinsen. Über beide Ohren. „Aber eins musst du mir dann doch verraten. Wo ist diese zurückhaltende Frau geblieben, die ich früher einmal gekannt habe? Also, nicht dass ich sie vermisst hätte.“, neckte er Gretchen spitzbübisch.

Gretchen wurde knallrot. War sie doch zu forsch gewesen? Sie hatte sich einfach gehen lassen. Normalerweise war sie nicht so. Normalerweise war sie tatsächlich viel zurückhaltender, viel kontrollierter. Aber heute mit Marc war da etwas in ihr außer Kontrolle geraten. Etwas, das sich heute mit Marc einfach absolut sicher gefühlt hatte.

Ganz leise fügte Marc hinzu. „Du brauchst nicht rot zu werden. Ich fand’ s toll!“, und küsste sie sacht und ganz zart auf ihre Nasenspitze. Mit einem Mal wurde seine Umarmung stärker und mit einem kräftigen Ruck wirbelte Marc Gretchen um hundertachtzig Grad herum. Jetzt lag er, nackt wie er war, auf ihr. Mit seinen Unterarmen stützte er sich neben ihrem Kopf ab. Seine Haare waren zerzaust und verwegen hing ihn eine Strähne in die Stirn. Sein Mund wanderte ganz nah an ihr Ohr. Seine Lippen berührten die Haut an ihrer Ohrmuschel. Sein Atem zauberte bereits eine Gänsehaut auf ihren Nacken. Da begann Marc zu flüstern. „Also eigentlich fand ich’s sogar richtig heiß! Aber du kannst dir sicher sein. Beim nächsten Mal bin ich oben. Ich muss mich schließlich für diesen fantastischen Höhenflug revanchieren.“

„Beim nächsten Mal?“, war Gretchens herausfordernde Antwort, während sie gespielt skeptisch ihre Augenbrauen hochzog. Gretchen war erleichtert. Ein Stein fiel ihr vom Herzen. Für einen ganz kurzen Moment hatte sie schon geglaubt, dass es Marc nicht gefallen hatte.

„Aber natürlich. Es wird noch viele Male geben. Geben müssen. Schließlich brauche ich noch ganz viele Flugstunde bei meinem nackten Engel.“, raunte Marc und biss Gretchen dabei zärtlich in ihr Ohrläppchen. Sie erschauerte. Wild küsste Marc ihren Mund, ihren Hals, ihr Dekolleté und ihre Brüste. Allerdings wurde er irgendwann lachend von einem völlig mit Gänsehaus überzogenen Gretchen unterbrochen. Sie musste mal für kleine Engelchen.

Während Gretchen im Bad war, krabbelte Marc unter Gretchens Zudecke, nachdem er gefühlte vierzig Kuschelkissen aus dem Bett geworfen hatte. Der Boden des Schlafzimmers war jetzt über und über mit diesen, zugegebenermaßen, wunderschön bestickten Kissen übersät. Dafür war jetzt im Bett doch etwas mehr Platz. Marcs Blick wanderte nach draußen. Noch immer schneite und stürmte es, als würde die Welt untergehen. Er sah, dass im Haus gegenüber die Fenster der oberen Stockwerke erleuchtet waren. Alles war so ruhig. Von der Straße drangen keine Geräusche in die Wohnung. Marc streckte sich wohlig auf der weichen Matratze aus und schüttelte sich das Kopfkissen in die richtige Position. Aber was lag da unter Gretchens Kopfkissen?

Oh Mann ist die süß. Das ist doch das T-Shirt, das ich in der Nikolausnacht getragen habe. Das hat sie doch bestimmt nicht gewaschen. Ob Gretchen wohl gemerkt hat, dass ich mir an dem Morgen noch schnell ihr weißes Shirt aus dem Bad eingesteckt habe?

Plötzlich vernahm Marc leise, ganz leise, wie aus weiter Ferne, Kindergesang. „Stern über Betlehem, zeig uns den Weg.“ In der Wohnung nebenan hatte ohrenscheinlich der feierliche Teil des Heiligabends begonnen.
Und das hatte Marc kurzzeitig, oder sollte man aufgrund der vergangenen Zeit doch lieber von längerfristig sprechen, vergessen. Es war Weihnachten. Besser noch Heiligabend. Nachdem er sein Hauptgeschenk ja nun schon vor der Bescherung hatte auspacken dürfen, wurde es doch jetzt sicherlich Zeit für die vier kleinen Geschenke, die da im Zimmer nebenan noch auf ihre Zuteilung warteten. Schnell hüpfte Marc wie Gott ihn geschaffen hatte aus dem Bett, legte einen kleinen Spurt bis zu dem kleinen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer ein, schnappte sich die Geschenke und hüpfte, wieder im Schlafzimmer angekommen, zurück ins warme Bett. Die Geschenke verteilte er auf der Bettdecke.

Als Gretchen aus dem Bad zurückkehrte, bot sich ihr in ihrem Schlafzimmer ein wahrlich entzückendes Bild. Da saß ein nackter Marc mit verwuschelten Haaren in ihrem Bett, mit dem Rücken an das Kopfteil gelehnt. Die Zudecke verdeckte das, was einen Mann ausmachte, und verdeckte nicht das, was eine Frau sich so gerne ansah. Seinen wohl definierten Oberkörper. Und um Marc herum lagen vier weihnachtlich verpackte Geschenke. Die zwei flacheren und etwas kleineren Geschenke von Marc waren in einem dunkelblauen Papier mit goldenen Sternen eingewickelt. Die goldenen Schleifen waren etwas zerdrückt. Kein Wunder, hatten die beiden Geschenke an diesem Tag ja auch schon eine weite Reise hinter sich gebracht. Das etwas größere Geschenk von Gretchen war in einem silbernen Karton verpackt und passend zum weihnachtlichen Ambiente ihrer Wohnung zierte eine Schleife in hellen und dunklen Lilatönen den Karton. Das kleinere Geschenk war in einem lilafarbenen Geschenkpapier eingewickelt und wurde von einem silbernen Schleifenband zusammengehalten.

Gerade machte Gretchen Anstalten, das eigens für diesen besonderen Abend erworbenen Höschen wieder anzuziehen. „Lass es doch aus und komm lieber wieder ins Bett.“ Und insgeheim dachte er bei sich, dass es doch eine Schande wäre, wenn sie ihren aufregenden Körper wieder in dieses kleine Stückchen Stoff stecken würde. Aber das wollte er ihr lieber nicht sagen. Wusste er doch, dass er Gretchen mit solchen Äußerungen nur unnötig verunsicherte. Marc konnte seine Augen nicht von ihr lassen. Sie sah so bezaubernd aus. So weiblich. So sinnlich. Kurz fragte er sich, ob sie damals auch schon so einen wunderschönen Po hatte.

Gretchen schien etwas irritiert. „Ja wollen wir dann nackig Bescherung machen? Im Bett?“ Eine leichte Röte legte sich, wie so oft schon an diesem ganz besonderen Heiligabend, auf ihre Wangen. Marc verdrehte gespielt genervt seine Augen. „Bist du jetzt mein Engel oder nicht? Ich dachte, das hätten wir jetzt geklärt?“ „Ja aber…“, wollte Gretchen noch einwenden, aber Marc fiel ihr ins Wort. „Klappe halten und ins Bett kommen.“

Wenig später saßen Marc und Gretchen mit einem Dauergrinsen nebeneinander in einem kleinen Berg von Geschenkpapier. Mit den Rücken lehnten sie, genau wie Marc als Gretchen aus dem Bad kam, an dem Kopfteil von Gretchens Bett. Gretchen hatte sich die rosenbedruckte Zudecke bis über ihre Brüste gezogen und unter den Achseln festgeklemmt. So ganz nackig wollte und konnte sie dann doch nicht sein.
Gerade überlegten die Beiden, ob man glücklicher als glücklich sein konnte. Denn das waren sie in diesem Moment nach der Bescherung. Oder sollte man besser sagen, nach den zwei Bescherungen? Sie waren glücklicher als glücklich und suchten nach passenden Wörtern für ihren Zustand, die ihnen nicht so recht einfallen wollte. Mittlerweile leerten sie das zweite Glas Champagner. Den hatte Gretchen von einem sehr dankbaren Patienten schon vor Wochen geschenkt bekommen. Und nachdem sie mit der Bescherung begonnen hatten, fiel ihr plötzlich die Flasche mit dem gelben Etikett wieder ein. Jetzt stießen Marc und Gretchen Schluck für Schluck auf ihr Glück an und besiegelten das ganze dann jeweils mit einem langen, nicht mehr ganz jugendfreien Kuss.

Die Stimmung zwischen Marc und Gretchen hatte an diesem Heiligabend viele Facetten. Sie war entspannt, ausgelassen, sehr glücklich, aber auch magisch, irgendwie zauberhaft und knisternd. Ja, es knisterte ganz gewaltig zwischen den beiden. Noch immer oder schon wieder befanden sich Marc und Gretchen in dieser fernen Galaxie. Berlin war weit weg. Es gab nur sie und ihr Glück in diesem Bett.

„Habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass ich noch nie so ein tolles Weihnachtsgeschenk bekommen habe?“, fragte Gretchen zum gefühlten tausendsten Mal und hauchte Marc einen zärtlichen Kuss auf die Wange.

Ihr Blick fiel auf einen silbernen, sehr schlichten Bilderrahmen, den sie zuvor auf ihre weiße Schlafzimmerkommode gestellt hatte.

Pippi Langstrumpf Offline

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26.12.2011 22:26
#50 RE: Story von Pippi Langstrumpf Thread geschlossen

52 Berlin – Dezember 2014

Sie hatten die Zeit verloren.

Marc und Gretchen hatten das Bett zu ihrem Lieblingsaufenthaltsort an diesem Heiligabend erklärt. Gretchen lag auf dem Rücken. Ihr lockiges Haar hatte sich wie ein goldener Fächer auf dem Kopfkissen ausgebreitet. Die Zudecke war bis zu ihrem Bauchnabel herab gerutscht und bedeckte nicht mehr ihre Brüste. Marc lag mit seinem Oberkörper auf ihrem. Er konnte ihre weichen Brüste spüren. Gretchen spürte seine muskulöse Brust. Mit seinen Armen stützte er sich neben ihrem Körper ab. Sein Gesicht war ganz nah über ihrem. Ihre Nasenspitzen und ihre Lippen berührten sich fast. Sie spürten sich fast. Aber eben nur fast.

„Gretchen, ich muss jetzt noch mal nachfragen.“ Ungläubig fuhr Marc fort. „Du kannst dir das wirklich vorstellen? Ich meine die Sache mit uns ... du hier in Berlin und ich in Oslo?“ Seit der Bescherung, genauer noch, seit dem er Gretchens Geschenk ausgepackt hatte, diesen silbernen Karton mit einem ganzem Sammelsurium an Dingen, die er für eine Nacht bei ihr benötigen würde, spukte diese Frage in seinem Kopf herum und ließ ihn nicht mehr los. Es war nicht Gretchens Geschenk an sich, das ihn so sehr beeindruckt hatte. Wie sollten ihn auch eine Boxershorts, ein T-Shirt, eine Zahnbürste, ein Herrenduschgel, ein Nassrasierer, ein After Shave, Haargel und eine Haarbürste, wenn auch alles nur vom Edelsten, beeindrucken? Nein, es war der Symbolcharakter ihres Geschenkes, der Marc so sprachlos, aber auch nachdenklich gemacht hatte.

„Also noch Mal zum mitschreiben für begriffsstutzige Oberärzte.“ Gretchen seufzte theatralisch auf. Und etwas ernster fuhr sie fort. „Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass das für mich in Ordnung ist. Früher haben wir täglich zusammen gearbeitet, ich hatte dich immer um mich und habe dich immer gesehen. Und trotzdem konnte ich damals nie so glücklich sein, wie jetzt in den letzten Wochen mit dir. Obwohl du in Oslo bist. Wir reden so viel miteinander. Ich weiß mittlerweile viel mehr von dir, als es früher je der Fall war. Ich habe einfach das Gefühl, das diese Entfernung zumindest momentan auch etwas Gutes hat.“ Gretchen machte eine kurze Pause und legte ihre Hände in Marcs Nacken.

„Und das ist der Grund für mein Geschenk. Ich wünsche mir noch ganz viele Überraschungsbesuche von dir. So wie am Nikolaustag. Und damit du dir nicht immer mit einer rosafarbenen Zahnbürste die Zähne putzen musst, habe ich dir dieses Paket, mit allem was du so brauchst, zusammengestellt.“
Langsam hauchte sie einen zärtlichen Kuss auf seine Lippen. „Naja, die sündhaft teuren Boxershorts und das T-Shirt hätte ich mir ja sparen können. Du schläfst ja ab jetzt textilfrei.“ Sprach sie und klatschte ihm mit ihrer Hand auf seine feste Pobacke. „Und weil ich unseren Besuch im Planetarium so unglaublich romantisch fand, wünsche ich mir eine Wiederholung hier in Berlin. Deshalb die Jahreskarte fürs Planetarium. Sozusagen als zusätzlichen Anreiz für dich.“

Damit hätte Marc niemals gerechnet. Im Stillen hatte er sich schon darauf vorbereitet, spätestens nach ihrem ersten Mal mit Gretchen Zukunftspläne schmieden zu müssen, und zwar über eine gemeinsame Zukunft in Berlin. Mal wieder hatte diese Frau ihn überrascht. Mal wieder hatte sie ihn begeistert. Sie war einfach anders als früher. Viel selbstbewusster. Selbstsicherer. Erwachsener. Das alles hier mit Gretchen gefiel Marc immer besser.

Ohne zu überlegen drückte Marc Gretchen einen atemberaubenden Kuss auf die Lippen. „Habe ich mich eigentlich schon richtig bedankt?“ Gretchen lachte. „Na ja, kommt drauf an, was du unter richtig verstehst. Danke gesagt hast du aber vorhin schon.“

„Kommen wir zu meinem zweiten Geschenk.“ Marc grinste und warf einen kurzen Seitenblick auf das Nachttischchen, auf dem jetzt nicht nur zwei Champagnergläser und eine Leselampe standen, sondern auch eine rote Tischtenniskelle lag.

„Das mit dem Tischtennismatch war eine nette Idee, aber du hast doch wohl nicht im Traum daran gedacht, dass du gegen mich auch nur den Hauch einer Chance hättest?“ Zärtlich rieb Marc seine Nasenspitze an der von Gretchen. „Wusstest du nicht, dass ich früher in der Tischtennis-AG war?“

Nein, das wusste Gretchen nicht. Aber Marc wusste wohl auch nicht, dass sie früher tagein tagaus mit ihrem Vater und ihrem Bruder an der heimischen Tischtennisplatte gespielt hatte. Und dass Tischtennis die einzige Sportart überhaupt war, in der sie nicht gänzlich talentfrei war. Aber natürlich ließ sie Marc seinen Spaß.

„Also, wir gehen jetzt einfach mal davon aus, dass ich dieses Match erwartungsgemäß gewonnen hätte. Wenn da nicht dieses Schneechaos wäre. Also habe ich jetzt einen Wunsch frei. Richtig? So hieß es doch in deiner Weihnachtskarte. Der Gewinner darf sich etwas wünschen.“ Irgendetwas veränderte sich in der Stimme von Marc. Irgendetwas in ihm wurde fordernder. Verführerischer.

Gretchen hörte und spürte das und alles in ihr begann zu kribbeln.

Wieder war sein Mund jetzt ganz nah an ihrem Ohr. Wieder konnte sie seinen warmen Atem an ihrem Ohr spüren und wieder stellten sich in Folge dessen alle Härchen in ihrem Nacken auf und erzeugten dieses unglaubliche Kribbeln.

„Mein Wunsch lautet: lass dich von mir verführen.“

Allein die Tatsache, dass er es aussprach, versetzte beide Körper in einen erregten Ausnahmezustand. Eine Antwort brauchte Gretchen auf diese Frage nicht mehr zu geben. Denn schon hatte Marc begonnen, mit seiner Zunge, mit seinen Zähnen ihr Ohrläppchen zu liebkosen.
Gretchen schloss die Augen.

Langsam drehte Marc Gretchen auf den Bauch. Zärtlich griff er nach ihren Haaren, drehte sie zu einem Zopf und legte diesen zu einer Seite. Ihr Nacken war nun frei. Ganz langsam begann Marc sanfte Küsse auf ihren Nacken zu hauchen. Er sah die feinen blonden Härchen. Mit seinen Lippen konnte er sie spüren. Und mit seinen Lippen konnte er auch spüren, dass sich Gretchen alle Haare im Nacken aufgestellt hatten. Aber nicht nur in ihrem Nacken. Eine feine Gänsehaut zog sich über die gesamte Länge ihres zarten Rückens.

Gretchen spürte seine warmen Lippen in ihrem Nacken. Warme Lippen, die in einem erregenden Kontrast zu der Kühle standen, die sie mit einem Mal an ihrem Körper spürte. Eine erregende Kühle, die ihr eine unglaublichen Gänsehaut bescherte. Mit einem Mal spürte sie seine warmen Hände auf ihrem Rücken. Sie spürte, dass diese warmen Hände sie streichelten, sie massierten, sie liebkosten. Sie spürte, dass diese Hände ihren Rücken systematisch erforschten und keinen Quadratmillimeter ihrer Haut auszulassen schienen. Gretchen ließ sich fallen. Sie ließ los und begab sich in Marcs Hände. Große Hände. Warme Hände. Zärtliche Hände.

Mit einem Mal verspürte Marc ein starkes Verlangen danach, sie an ihrem Rücken zu streicheln. Sie mit ihren Händen zu verwöhnen. Er spürte ihre warme Haut unter seinen Fingern. Zarte Haut. Weiche Haut. Im Kerzenschein sah Gretchen aus wie gemalt. Ihre wunderschönen Haare schimmerten wie pures Gold. Ihre Haut sah aus wie wertvollster Samt. Ihre ganze Figur sah aus wie einem Gemälde entsprungen. Dieser zarte Oberkörper. Dieser sinnliche Po. Diese runden Pobacken und diese festen Oberschenkel. Immer und immer wieder wanderte Marc mit seinen Augen über ihren Körper, als wolle er sich sattsehen an ihrem berauschenden Anblick. Die Zudecke hatte schön längst ihren Weg auf den alten Parkettboden gefunden.

Gretchen spürte, dass er abgelenkt war. Sie spürte, dass der Druck seiner Hände immer wieder nachließ und sie ahnte, dass er sie ansah. Aber sie spürte auch, dass Marc gefiel, was er sah. Die Art, wie er sie berührte, wie er sie liebkoste und wie er sie streichelte, war so voller Verlangen, voller Sehnsucht, dass Gretchen sich absolut sicher war. Gretchen spürte, dass Marc mit seinen Fingern wieder ihre Wirbelsäule nachzeichnete. Wirbel für Wirbel tastete er sich nach unten, bis er sacht ihr Steißbein berührte. Ein unbeschreibliches Prickeln jagte durch Gretchens Inneres.

Marc konnte es sehen. Als er sich über die Lendenwirbelsäule ihrem Steißbein näherte, bewegte sie ganz sacht, fast unmerklich, ihr Becken. Auch er spürte dieses verlangende Prickeln in sich. Aber dieses Mal wollte er Gretchen einfach nur verwöhnen. Alles sollte sich nur um sie drehen. Er wollte ihr zeigen, wie sehr er sie begehrte. Zärtlich berührten seine Lippen ihren Po. Ganz langsam malte er mit seiner Zungenspitze eine verschlungene Spur über ihren Po, bis hinauf zu ihrem Schulterblatt. Mit seinem Zeigefinger malte Marcs die kühle Spur, die seine Zunge auf ihre erhitze Haut gezaubert hatte, nach. Wieder konnte Marc diese kleine Bewegung ihres Beckens sehen.

Gretchens Wahrnehmung beschränkte sich mittlerweile ausschließlich auf das, was Marc mit ihr tat. Sie spürte seine Zunge auf ihrem Po, sie spürte seinen kühlen Atem und sie spürte seinen Finger, der die feuchte Spur nachzeichnete. Und sie spürte, dass es sie erregte. Mit einem Mal kitzelte sie etwas an der Wade. Kurz zuckte ihr Bein weg. Unkontrolliert. Unbewusst.

„Bist du da kitzelig?“ Fragte Marc ganz leise. „Hmm“ Gretchen öffnete nicht ihre Augen. Sie spürte, dass Marc jetzt ihre Oberschenkel streichelte. Sie spürte seine Hände, die sich langsam wieder nach oben arbeiteten. Langsam. Sehr langsam.

Mit seinen Fingerspitzen berührte Marc die weiche Innenseite ihrer Oberschenke. Sacht. Ganz leicht. Es war eher ein Hauch als eine tatsächliche Berührung. Dort, wo sich ihre Oberschenkel berührten, zog er seine Finger zurücke. Diese zärtliche Liebkosung wiederholte er des Öfteren an beiden Beinen. Wieder sah Marc, dass seine Berührungen nicht ganz spurlos an Gretchen vorüber gingen. Er fand es unbeschreiblich schön, zu sehen, dass es Gretchen gefiel. Und ihm gefiel es auch. Sehr sogar.

Gretchen spürte Marcs Finger an der Innenseite ihrer Oberschenkel. Ihre gesamte Aufmerksamkeit hatte sich nun in diese Region ihres Körpers verlagert. Marc Berührungen bescherten ihr dieses unbeschreibliche Prickeln. Überall in ihrem Unterleib zog es. Mittlerweile wünschte sich Gretchen nur noch eins. Langsam schob sie ihre Oberschenkel etwas weiter auseinander.

Marc sah es sofort. Aber er sparte diese Region ihre Körpers auch weiterhin aus. Mittlerweile liebkoste er mit seinem Mund, mit seiner Zunge, mit seinen Händen und mit seinen Fingern nahezu jede Pore und jedes Härchen ihrer verlockenden Rückansicht. Marc spürte immer häufiger, dass Gretchen so verlangend ihr Becken bewegte. Dieser Anblick machte ihr rasend.

Gretchen wünschte sich nur noch eins. Er sollte sie dort berühren. Er sollte sie dort so sanft liebkosen, wie er es auch an den übrigens Stellen ihres Körpers tat. Alles in ihr schrie nach dieser Berührung, die bisher ausgeblieben war. Jedes Mal, wenn Marcs Finger so langsam und quälend ihren Oberschenkel empor strichen, hoffte sie so sehr, dass er sie endlich dort berühren würde.

Wieder schob Gretchen ihre Oberschenkel weiter auseinander. Dieser Anblick brachte Marc fast um den Verstand. Er legte sich ganz nah neben ihren Körper, neben ihre Beine. Während er mit seinen Händen über ihre Beine strich, hätte er ihren Rücken küssen können. Aber er tat es nicht. Auch Marc war gefangen. Er schaute auf seine Hand, die ganz sacht, ganz zärtlich an der Innenseite ihres rosigen Oberschenkels nach oben wanderte. Er schaute auf seine Hand, als diese endlich ihr Ziel fand. Zärtlich strich er mit seinen Fingern über die weiche, heiße Haut zwischen ihren Beinen. Er schaute auf Gretchens Becken, das sich in diesem Augenblick seiner sachten Berührung fest gegen das Laken drückte. Und er hörte ein lautes, erregtes Einatmen. Er sah in ihr Gesicht. Sie hielt ihre Augen geschlossen und schien ganz bei sich zu sein. Wieder strich er über die heiße Haut. Wieder spürte er diese weiche, glatte Haut zwischen ihren Beinen. Wieder bewegte Gretchen ihr Becken. Und wieder hörte er dieses laute Einatmen und sah, dass sich ihr Oberkörper deutlich anhob. Langsam. Erregt. Marc spürte einen Kloß im Hals. Er musste schlucken. Ein paar Mal wiederholte er diese Liebkosung.

Ganz langsam drehte er Gretchen auf den Rücken. Er genoss ihren Anblick. Seine Augen genossen ihren tollen Körper. Er sah ihre vollen Brüste. Er sah harte Brustwarzen. Er sah einen weichen Bauch, der sich etwas schneller als üblich auf und ab bewegte. Er sah ein weibliches Becken und er sah ihre Beine, die sie wieder etwas auseinander geschoben hatte.

Gretchen bestand nur noch aus einem einzigen Prickeln. Jetzt war sie sehr erregt. Alles in ihr schrie danach, von ihm berührt zu werden. Egal wo, egal wie. Sie wollte einfach nur noch seine Hände und sein Finger, seinen Mund, seine Lippen, seine Zunge auf ihrem nackten Körper spüren. Als er sie umdrehte spürte sie wieder, dass er sie ansah. Aber dieses Mal erregte sie auch das. Sie öffnete ihre Augen und sah seinen begehrenden Blick. Das Prickeln tobte ihn ihr.

Kurz hatten sie sich tief in die Augen geschaut und er hatte das Verlangen in ihren Augen gesehen. Er hatte sehen können, dass es ihr so ging wie ihm. Er hatte sehen können, dass sie brannte. Trotzdem wollte er auch jetzt nichts überstürzen. Wieder ging Marc sehr langsam und behutsam vor. Langsam strich er mit seinen Händen über ihre Brüste. Mit den Fingern fuhr er wieder verschlungene Spuren über ihren Oberkörper. Immer und immer wieder fanden aber seine Finger den Weg zu ihren Brustwarzen, die sich ihm mittlerweile dunkelrot entgegen reckten. Marc spürte, dass er nicht mehr so unbefangen war, wie es noch auf Gretchens Rückseite der Fall war. Er spürte, dass er im Grunde nur noch ihre Brüste und ihre Schoß berühren wollte. Alles in ihm schrie danach, sie nur noch dort zu berühren.

Mit einem Mal spürte sie heiße Finger zwischen ihren Beinen, die immer wieder der Länge nach ihre sensibelste Körperstelle entlang strichen. Ganz sanft. Ganz zärtlich. Es brachte sie um den Verstand. Und bevor Gretchen diesen Berührungen auch noch weiter nachspüren konnte, spürte sie seine Lippen auf ihren Brustwarzen. Ganz sanft. Ganz zärtlich. Sie spürte seinen warmen feuchten Mund. Sie spürte seine Zunge, die immer wieder fest über ihre Knospen rieb und sie spürte seine Zähne, die ihre Brustwarze fest hielten, während seine Zunge diese wundervollen Dinge tat.

Plötzlich hörte er auf. Mit allem.

„Scheiße! Gretchen, es klingelt. Schon die ganze Zeit.“


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