"Anna", Ingos Stimme kletterte gleich ein paar Oktaven höher. "Papa", in ihrer Stimme schwang ein Lächlen mit während ihr Gehirn fieberhaft nach den passenden Worten für die kommenden Sätze dieser äußerst heiklen Unterredung suchten."Wie geht es dir? Ich hab ja schon so lange nichts mehr von dir gehört?" Anna atmete tief ein, sie hatte gar nicht bedacht, dass sie mit ihrem Vater noch gar nicht gesprochen hatte und so wucherte in ihr die Hoffnung das er sie nicht wegen ihrem unabgekündigten Verschwinden löchern würde, doch bestand darauf wirklich eine realistische Chance."Besser" antwortete sie knapp und des entglitt ihr ein stöhnen. "Nein wirklich, es geht mit gut. Ich seh endlich wieder nach vorne seit...na ja du weißt schon" verschönerte sie schnell ihre kurze Antwort. Ihn nach seinem Befinden zu fragen, empfand sie als Geschmacklos und deshalb unterdrücke sie den höflichen Reflex es doch zu tun. "Das freut mich jetzt aber ganz besonders deine Stimme zu hören. Hast du also mein Angebot vom Zettel in Anspruch genommen hast" Anna lauschte gespannt und mit jedem seiner Worte wurden die Stirnfalten mehr. Von welchem Angebot spricht Papa bloß? Fragen will ich ihn aber auch nicht, dann ist er bestimmt enttäuscht. "Weißt du, als ich heute Morgen den Zettel auf deinen Nachttisch gelegt habe, schwamm ich zwar auf dem Fluss der Hoffnung , das du den Weg zu mir findest, wirklich dran glauben konnte ich jedoch nicht. Deshalb erfüllt es mein Herz umso mehrmit Freude nun deine Stimme durch meinen Gehörgang fließen zu hören." Annas Augen flogen in Windeseile zu ihrem Nachtkästchen, wo sie ein kleines weißes Blatt erspähte. "PAPA´S SPRECHSTUNDE Öffungszeit: IMMER Für wen?: ANNA Papa. 3.4.2011" Während ihre Augen über das mit der Handschrift ihres Vaters verzierte Papier schweiften, begann sich eine angenehme Wärme durch ihren Körper zu schlängeln und gleichzeitig ein Gefühl der Beschähmung, weil sie sich in ihrer ganzen Hilflosigkeit nie ihren Eltern bzw. ihrem Vater anvertraut hatte, obwohl sie wusste das er immer ein Ohr für sie bereit hielt. Etwas hatte sie immer davon abgehalten, vor ihnen einen emotionalen Schiffbruch zu erleiden. Ich wollte einfach nicht schwach sein, ich konnte den Gedanken das ihr erkennt, das ich nicht so stark bin wie ich mich gebe nicht ertragen. Ihr wart immer so Stolz auf mich, weil ich nie aufgegeben hatte, egal welche Steine mir das Leben oder auch nur Katja in den Weg gelegt hatte. Diese Gedanken engeten sie ein... irgendwie muss ich jetzt einen Übergang finden zu dem was sie wirklich zu diesem Anruf getrieben hatte. "Anna? Bist du noch da?" erklang in diesem Moment auch schon die leicht verwirrte Stimme ihrer Vaters an ihrem Ohr. "Papa...ja ich bin noch da", sie holte tief Luft und hoffte inbrünstig, das er den verunsicherten Unterton in ihrer Stimme nicht bemerkte. Nach einem unangenehmen Moment der Stille, raufte Anna all ihren Mut und ihre Kraft zusammen die sie in den Winkeln ihres Körpers auftreiben konnte, waren sie auch noch so verwegen... "Ich will ehrlich zu dir sein...also...ich...der Grund warum ich Anrufe...na ja du kannst es dir vielleicht ja eh denken...wahrscheinlich auch nicht...na ja...äh...ich meine" verdammt, wieso stammelte sie plötzlich so einen entwurzelten Stuss zusammen, es fiel ihr ja sonst nicht schwer mit ihrem Vater Konversation zu betreiben. Im Gegenteil mit ihm konnte sie immer reden, auch damals als sie noch krankhaft schüchtern war. Vermutlich lag der plötzliche Verlust ihrer Redegewandheit an der Verfahrenheit der vorliegenden Situation.
Neuer Versuch, neues Glück...Auf in den Kampf, Anna..." Ich will ehrlich mit dir sein, es geht um Mama"...wie kann ich ehrlich sein...wenn ich ihn doch belüge...nun ja, eigentlich habe ich lediglich einen Teil der Wahrheit vorenthalten...Schluss jetzt Anna...Am anderen Ende konnte sie ein deutliches niedergeschlagenes Seufzen vernehmen. Ich habe mich schon so gefreut das meine Tochter mich einmal anruft, weil sie Sehnsucht nach meiner Stimme oder das Bedürfnis eines offenen Ohres verspührt hatte...aber nein...es wäre doch auch zu schön gewesen...so ist sie halt meine Tochter...um die anderen sorgt sie sich immer am meisten und das obwohl sie es lageorientiert selbst am dringendsten benötigt. "Wenn sie mit mir reden möchte soll sie sich befälligst selbst drumbemühen und nicht unsere Tochter als Postillion vorschicken...Erbärmlich so was" entfloh es resigniert seinen Lippen. Anna atmete stumm ihre Enttäuschung aus...Wie konnte er nur so von ihr denken?...Meine Mutter mich vorschicken...thä...was lächerlicheres fiel ihm wohl nicht ein? "Mensch Papa, kennst du mich denn wirklich so schlecht um nicht zu wissen, das ich mich nicht mehr schicken oder einteilen lasse...auch nicht von Mama. Ich habe mich aus freien Stücken zu diesem Anruf entschlossen, weil...weil" erneut geriet ihr Wortfluss ins stocken "ich als eure Tochter sehr darunter leide, auch wenn du es mir nicht glaubst...Mama ist total am Sand und es tut mir verdammt weh sie so zu sehen. Ver-" Ingo schnitt ihr das Wort im Mund ab. " Ach, Madame ist am Sand...Was ist mit mir dann?...Vermutlich befinde ich mich laut deiner Bemessung am Meeresboden, aber das scheint ja hier niemanden zu interessieren...Normalzustand also" "Papa" schrie Anna erbost. "Jetzt bist du aber verdammt ungerecht. Du weißt doch, dass Mama das nicht mit Absicht getan hat...Ihr ist halt in diesem Schaumbad der Verzweilfung für einen Moment die Contenance entglitten" "Die Contenance entglitten" Ingo lachte hart auf, so dass Anna am anderen Ende der Leitung regelrecht zusammenfuhr.
Diese Verdrossenheit, die durch diesen Kehlenfurz an die Oberfläche transportiert wurde, traf sie schwer. So kannte sie ihren Vater nicht, aber war es nicht immer ihr Wunsch gewesen, ihn zu kennen..mit all seinen Gesichtern und Launen. Machte das nicht erste eine gute Beziehung aus, jemanden zu mögen, obwohl er auf seine Art manchmal ins seltsame abdriftet.Was soll ich bloß machen?...Ich habe mich mit meiner glorreichen Idee so richtig zwischen die Spuren begeben...Ich kann Mama verstehen...Papas Reaktion mundet meinem Verstand allerdings ebenso...Verdammt, ihrer beider Kummer schmerzt mich auf die selbe grausame Weise auf der selben Stelle...Was soll ich nur tun? Ich liebe sie doch beide...sie sind ja meine Eltern.
"Ich habe nicht das Gespräch mit dir gesucht, weil ich den Zettel auf meinem Nachtisch entdeckt und mir deine Worte die Lippen geöffnet und das Redebedürfnis geweckt hatten. Nein, ich habe deine Zeilen, die mich in meinem tiefsten Inneren berührt haben, nicht gelesen bevor ich dich anrief. Mama, war bei mir, sie wollte ihren Kummer zwar verbergen doch dieser war stärker. Ihr Leiden weckte in mir ein so unerträgliches Gefühl des Schmerzes und der Schuldigkeit, schließlich hat euer Wortgefecht ja bei mir seinen Ursprung genommen, dass ich beschloss den Weg zu dir zu suchen. " Als sie bemerkte wie Ingo am anderen Ende die Luft tief einsog um zu einem verbalen Verteidigunschlag auszuholen, bremste sie diesen Vorstoß sofort. "Sag jetzt nichts...Ich weiß selbst gut genug, unter welch einer verletzenden Lawine von Worten sie dich begraben hat." "Verletzend" äffte Ingo hörbar verärgert nach. " Sie hat mir mit einer Kaltblütigkeit, das mir jetzt noch der Grusel über den Rücken jagt, unterstellt das ich meiner Tochter den Tod wünsche...Sie weiß doch ganz genau, das du mir alles bedeutest, das IHR mir alles bedeutet. Nichts hat für mich größeren Wert als euer wohl und nur weil ich meine Verzeiflung über dein wortloses Verschwinden nicht so offen zur Schau getragen habe, heißt es noch lange nicht, das es mich deshalb nicht gerührt hat. Ganz im Gegenteil, ich bin im Geiste täglich gefühlte 5 Mio. mal die Wände hoch gegangen. Die Angst, die ich um dich hatte, sprengte die Macht der Worte um sie zu beschreiben. Versteh doch, ich kann nicht einfach nach Hause zurückkehren, mir die Schürze umbinden und mit deiner Mutter feucht fröhlich einen ganznormalne Tag in der Küche bestreiten, so als wäre nie etwas vorgefallen. Es zerreißt mir fast das Herz,wenn ich von dir höre wie sehr sie vom kummer geplagt wird, doch ihre Worte heute morgen haben meines ebenfalls zerrissen. Ihre Worte haben mich mit einem Schleier umhüllt, als wäre ich der furchteinflößendeste Gängster der Berliner Unterwelt." Wie recht er doch hat, aber-. Anna brach ab. Auch ihr hatte der undezente Gefühlausbruch ihrer Mutter viel abverlangt, denn es hatte ihr noch einmal schmerzlich vor Augen geführt wie tief sie am Abgrund stand, aber das war keine Entschuldigung für nichts, nicht für ihre Kurzschlussreaktion auf Osteroog und nicht für die ihre Mutter. "Du hast mich gestern nicht erlebt...Ich hab vor Mama gestanden...sie angestarrt und trotzdem nahmen sie...meine vom vielen weinen verquollenen Augen nicht wahr. Ich habe alles um mich herum unendlich langsam und wie durch einen...schwarzen Schleier wahrgenommen. Die Stimmen klangen...fern auf ihre Fragen vermochte ich aus...Kraftlosigkeit keine... Antworten zu finden. Mein Anblick glich dem des wahrhaftigen Todes...Mama hat das einen riesigen Schrecken eingejagt...ist auch nur zu verständlich", an dem Klang ihrer Stimme konnte man vernehmen wie schwer ihr diese Worte über die Lippen gingen und sie stockte immer wieder, weil es ihr für einen Moment mal wieder unmöglich erschien, weiter zu sprechen. "Vielleicht kannst du das nachvollziehen und Mama mit etwas Nachsicht begegnen. Sie war bzw. ist total am Ende" Anna spührte die Last der Bedrückung die durch die Leitung von ihrem Vater auf sie zu schwappte.
Verdammt, dieser Karren war so verfahren, das es einem schlecht werden konnte. Was soll ich bloß machen? Papa ist stinksauer auf Mama und das kann ich ihm nicht mal verdenken, aber-. Die Worte ihres Vaters unterbrachen ihre unsinnigen und nun schon zum 100-mal durch ihren Kopf geisternden Gedanken. Sie konnte einfach nicht aufhören sie immer und immer wieder vor sich hin zu wälzen. "Es hat mich außerordentlich gefreut deine Stimme zu hören. Wirklich Anna, aber ich hoffe du bist mir nicht böse, wenn ich dir jetzt offenbare, dass ich deinen unterschwelligen Bitten nach Hause zu kommen, nicht folge leisten kann. Noch nicht. Es geht momentan einfach nicht, ich brauche etwas Abstand, ein wenig Zeit für mich um sich zu erholen. Die letzte Zeit hat mich sehr mitgenommen, ich muss erst wieder Kraft tanken" Beschämt glitt ihr Blick auf den Fußboden, es war ihre Schuld, sie hatte es vermasselt und als hätte Ingo ihre stumme Selbstkateiung gehört antwortete er auf die nicht gestelle Frage. "Du bist nicht Schuld Anna, also hör auf dich daran zu klammern. Mach es mir zu Liebe oder von mir aus auch für deine Mutter, Felix, Jonas oder sonst wen, aber bitte tu es" Die Worte hatten sie ohne es zu wollen gerührt und so spührte wie still und heimlich eine Träne sich den Weg über ihre Wange bahnte. "Ja, das werde ich. Machs gut Papa" sie wollte ihn eigentlich nicht so kalt abfertigen, doch die Tränen die aus ihren Augen drückten, ließen ihr keine andere Wahl, sie wollte nicht das er es mitbekam. "Du machs besser. Ich hab dich lieb" Nun ertönte ein klicken und Anna weinte stumm vor sich hin.
Annas Gesicht wurde von einem Lächeln erhellt, als sie ihre Freundin erblickte. Paloma nahm sie zur Begrüßung in die Arme. Sofort erkannte sie, dass sich Annas Gesichtsausdruck von gestern auf heute verändert hatte. In ihren zuletzt noch so matten Augen blitzte die Hoffnung auf. Still und schüchtern Der Rest war immer noch der Verzweiflung treuer Obdach Gewährer. So eine kleine Fläche und so viel Ausdruck. Die Augen sind schon ein imposantes Naturschauspiel, dachte Paloma, als sie ihre Freundin aufgeregt am Arm packte und in die Bücherei zog. Ein heimeliger Geruch umspielte ihrer beider Nasen. Wie lange waren sie nicht hier gewesen?...Eine Ewigkeit, dem Empfinden nach auf jeden Fall. Tief sogen sie den Geruch nach Druckerschwärze, alten Büchern etc. in ihre Lungen ein. Anna blickte sich erst suchend um, ehe sie zielorientiert auf eine Büchereiangestellte zutrat. Einen Moment stand sie in sich gekehrt, den Mund leicht geöffnet, die alte sprachgehinderte Anna war also doch noch in ihr. Sie sog noch einmal die Luft besonders tief in ihre Lungen, ehe sie mit einer ihr selbst fremden Piepsstimme "Entschuldigung" murmelte. Langsam drehte sich die in Angestellte in ihre Richtung, unschlüssig ob sie wirklich eine Stimme gehört oder nur vernommen hatte. "Was kann ich für sie tun?" regierte sie schnell und setzte auch gleich ihr freundlichstes Lächlen auf, sie versuchte es zumindest. Schauspielerin sollte die auf keinen Fall werden, ging es Paloma durch den Kopf. "Ich...äh...also...das Buch "Heilung durch Schreiben"...äh..gibt es das bei ihnen????" Sie hasste sich für dieses Gestotter, wo sie doch schon so flüssig bei der Sache war. Sie fühlte sich um Jahre zurückgeworfen. "Können sie mir vielleicht den Autor nennen?", kam es wieder gewohnt souverän von der Angestellten. " Warum gewährt der Liebe Gott nicht auch mir so ein Auftreten?...Was mach ich immer nur falsch? "Äh...ich glaube James W. Pennebaker?" Sie könnte sich ohrfeigen, Fragezeichen hatten aus ihren Augen geschrieben während sie gesprochen hatte und das obwohl sie seinen Namen genau kannte, schließlich hatte sie sich gerade eben noch im Internet darüber schlaugemacht. Wie sie so dastand mit nach vorne geneigten Schultern, am liebsten hätte sie sich geohrfeigt für dieses Auftreten. Tasten klapperten, hilfesuchend sah sie ihre Freundin die in einem Abstand von 4 Schritten hinter ihr Position bezogen hatte an. Paloma formte ihre Lippen zu einem Lächeln und erhob ihren Daumen in Richtung Anna, deren Gesicht eine von Unsicherheit angetriebene Fratze entwickelte. "Lagernd haben wir es nicht, ich könnte es allerdings bestellen. Dauert ca. 2 Tage. Möchten sie das?", die Stimme der Angestellten ließ Anna herumfahren. "Ja, ja bitte" antwortete sie schnell und etwas von der Rolle. Nachdem die Formalitäten geklärt waren, beschlossen die beiden Freundinnen ihr Wiedersehen in dem naheliegenden Cafe zu feiern.
Die beiden Freundinnen betraten das Cafe Brigitte, dessen Innenraum in völliger Stille vor ihnen lag. Der Geruch von erkaltetem Zigarettenraum biss in ihre Nasenschleimhäute und das Interieur ließ zweifelsfrei darauf schließen, dass der letzte Gedanke an Renovierung zu der Regierungszeit von Willy Brandt als Berliner Bürgermeister verschwendet wurde. Allem Anschein nach schien die berühmte französische Schauspielerin Birgitte Bardot Namenspatin zu sein, denn die Wände waren mit teils sogar überlebensgroßen Fotografien der Grande Dame geschmückt, was eine seltsame Stimmung erzeugte. Man hatte in diesem von Gegensätzen geleiteten Cafe, nämlich das Gefühl von eben diesen erschlagen zu werden, was natürlich völlig absurd war, aber die Phantasie hatte eben so ihre Gehilfen. Es war Menschenleer, nur in der Ecke, man konnte ihn durch den dunklen Raum und den nebeligen Dunst, der vorherrschte nur schwer erkennen, saß ein Mann, den Öberkörper schwerfällig über den Tisch gebeugt, den Kopf mit den Händen vorm Fall stützend. Mit Unentschlossenheit gespickt, gingen sie in die rechte Ecke des Zimmers, drei Tische entfernt von dem einzigen Gast. Aus dieser Entfernung konnte man ihn eher als Schnapsdrossel denn, als leidenschaftlichen Kaffeetrinker identifizieren. Seine Haare waren zerzaust und das Fett glänzte in der matten Umgebung, sein Gesicht aufgedunsen, seinen Hals zierte eine furchteinflößende Tätowierung, als Paloma seinen stechenden Blick auf ihre Person bemerkte wannte sie schnell die Augen ab. Er gehörte eindeutig zu jener Gattung Mensch, mit der sie sich auf keine Grabenkämpfe einlassen wollte, auch nicht verbal. Der kalte Schauer lief ihr über den Rücken und am liebsten hätte sie die Flucht an die frische Luft angetreten, doch diese Genungtuung wollte sie diesem vom Leben hart gezeichneten Proleten nicht geben und so fixierte sie ihren Blick auf Anna. Ihre Gedanken zwang sie zu selbigem, denn sie sah wie sich Annas Lippen bewegten, doch ihre Worte fanden nicht den Weg in ihren Gehörgang. Erst als diese sie an der Hand faste und ihre Hand vor ihren Augen in Rolladenmanier auf und ab gewegte, wachte sie aus ihrer geistigen Umnachtung auf. Paloma schämte sich für ihr verhalten, aber der Typ hatte sie einfach aus ihrer sonst so berühmten Fassung geworfen. Die Erinnerung an eine Person aus ihrer Vergangenheit, die sein Aussehen in ihr geweckt hatte, war nicht gutes. Jedoch wollte sie keinesfalls in diese Geschichte zurückverfallen und so übertrug sie eilig Anna das Startsignal fürs sprechen.
"Heute morgen...meine Eltern...sie haben" Annas stockendes Mitteilungsbedürfnis versiegte und eine einzelne Träne zeichnete eine geschwungene Linie über ihr Gesicht, bis sie schließlich auf ihren grünen Pullover tropfte und zu einem kleinen nassen Fleck schmolz. Palomas Mitgefühl war geweckt, allein schon durch Annas Verzweiflung, die aus jeder Silbe ihrer bisherigen Worte schrie. Behutsam legte sie ihre Hand auf den nun mehr vor Aufregung zitternden Arm ihrer Freundin. Der plötzliche Wandel machte ihr Angst. Eben war sie doch noch so voller Freude und Zuversicht, was also hatte wieder so weit zurückgeworfen. Einen Moment lang versanken sie in einem hilfesuchenden Blickduell, das Anna schließlich unterbrach. "Sie haben sich gestritten" Sie schluckte ehe sie weiter sprach "wegen mir". Aus jedem Wort konnte man die Überwindung spühren die ihr es kostete, das auszusprechen. "Papa,...er ist einfach gegangen...und...gesagt...Zeit braucht. Ich hab Angst das...sich trennen...wegen mir" Paloma hatte Mühe die Worte die während ihrer berührenden Schluchzer ihre Mundhöhle verließen zu verstehen. Für einen Augenblick schwamm sie auf dem See der Ratlosigkeit, was sie darauf erwidern sollte. Der Karen schien ziemlich verfahren zu sein und der Schlamm in dem er steckte machte es nicht besser. "Weißt du", tastete sich Paloma vorsichtig an das Thema heran, ohne die Mitte des begonnenen Satzes auch nur erahnen zu können. " ich glaube dein Vater braucht einfach ein bisschen Zeit, Zeit die er in den letzten Wochen nicht hatte, den dein sang und klangloses Verschwinden hat uns alle auf Nadeln bettet...Ich will dir damit keinen Vorwurf machen, ich denke einfach das du diesen Abstand auch gebraucht hast, um dir über einiges klar zu werden und genau dasselbe gilt jetzt für deinen Vater", sprach Paloma langsam, denn sie fürchtete die Reaktion ihrer Freundin.
Wenn du wüsstest wozu ich die Flucht nach Osteroog angetreten habe, dann...weiter kam sie nicht denn die Kellnerin war an ihren Tisch getreten. Paloma und Anna schienen denselben Gedanken zu hegen, denn sie bestellten beide eine heiße Schokolade, wie früher, als sie noch Schulmädchen waren. Damals, da war alles noch einfach, dachte Anna schwermütig und mit gesenkten Mundwinkeln. Glücklich waren wir, von der Härte des Lebens noch nicht verbogen, das Gesicht vom eisigen Wind noch nicht entstellt, keinen Gedanken an den Tod verschwendend. Unsere Träume waren so groß wie die Welt es zu bieten hatte und so hoch wie die Wolkenkratzer in Dubai. Nicht schien uns die Stirn bieten zu können, außer meine krankhafte Schüchternheit, doch die habe ich in diesen Augenblicken immer weggeblendet. Es waren die einzigen Momente in denen ich mich als vollwärtiger Mensch sehen konnte, wo mich niemand gehänselt hat und es keine Katja gab. Nur mich und meinen Weg. Ein sanftes Lächlen umspielte bei dieser Erinnerung ihre Lippen, das der Wehmut über die heile Welt jedoch gleich wieder vertrieb. Vielleicht hat Paloma recht und Papa braucht etwas Ruhe um sich zu sammeln, sich zu entspannen, aber was wenn es nicht so war. Was wenn er Mama die Sache mit der Beerdigung nicht verzeihen kann?...Mama ist doch jetzt schon so am Sand...wie wäre es erst dann...Könnte ich es? Ihr Blick wurde trüb. Mit dieser stummen Frage kehrte Jonas wieder in ihre Gedanken zurück und mit ihm der Schmerz. Zu ihrem Erstaunen fülllte er sich jedoch anders an als bisher, er hatte das fordernde verloren, das sie zu ihm getrieben hatte und das spitze, das ihr immerzu in ihre Rippen stach. Die Serviererin brachte die heiße Schokolade und ihr stieg der schon fast vergessene Duft dieses wärmenden Getränkes in die Nase. Anna klammerte ihre kalten Hände fest um die hitzeverschenkende Tasse. Wohin wird dieser Weg mich noch führen? Wird der Schrecken jemals ein Ende haben oder bleibt mein Leben für den Rest meiner Erdenbürgerschaft ein Scherbenmeer. Mit der Ungewissheit im Magen nahm sie einen Schluck von ihrer heißen Schokolade, als wolle sie diese mit der Hitze verbrennen, die in den Weg in den Magen mit temperaturbedingtem Schmerz begleitete. Bedrückt schweifte ihr Blick durch die von Putzscheue gezeichneten Fenster hinaus auf den Platz, wo eine Plastiktüte vom Wind angetrieben über den Boden jagte und Menschen sich eilig durch die Kälte kämpften. "Anna, hör auf dir über deine Eltern den Kopf zu zerbrechen...du brauchst momentan deine ganze Kraft selbst um wieder auf die Beine zu kommen. Deine Liebe zur Hilfe am Nächsten war immer schon deine größte Schwäche, die besonders Katja immer für sich genutzt hat, also mach nicht den gleichen Fehler nochmal. Das mag jetzt vielleicht herzlos klingen, aber deine Eltern sind beide erwachsen und können ihre Probleme ganz gut alleine lösen. Du bist nicht Schuld an ihrem Streit, hörst du, es ist nicht dein Brei und deshalb brauchst du dich auch nicht um die Versöhnung zu kümmern. Wenn Ingo bereit ist, wird er den Weg zu deiner Mutter finden. Du musst jetzt an dich denken, an Felix, er ist deine Zukunft" Anna wusste das jedes von Palomas Worten der Wahrheit und nichts als der Wahrheit entsprach, doch trotzdem schmerzte es ihr, das zu akzeptieren, der Gutmensch in ihr ist einfach in den letzten Jahren zu prächtig gedieen.
AHlte diesen Teil zwar nicht für ein Meisterwerk, aber ich wollte die Wartezeit nicht noch länger gestalten.
Teil 75
Anna hatte die letzten beiden Tage ziemlich unspektakulär zugebracht, lediglich gefaulenzt ihrem Sohn Schlaflieder vorgesungen. Gott, sie hatte gar nicht gewusst wie komplziert es war sich diese Texte zu merken, früher als sie von ihren Eltern besungen wurde, kam ihr das alles extrem banal vor. Die nächste Schwierigkeit bestand zusätzlich darin sich nicht von der modrigen Stimmung ihrer Mutter infizieren zu lassen. Ach ,ja ein weiteres Gespräch mit ihrem Vater hatte sie ebenso geführt, diesmal aber von Angesicht zu Angesicht in eben dieser muffigen Spelunke am Alex, wo sie mit Paloma ihren Gedanken nachgehangen hatte. Er hatte ihr nochmals erklärt, warum es ihm momentan nicht möglich ist den Weg zu seiner Frau zu finden. Anna hatte bei seiner Erklärung zusammengezuckt, denn es schoss ihr postwendend die Äußerung von Witta Pohl in "Diese Drombuschs" in die Erinnerung. Wenn man über die Liebe nachdenken muss, ist sie schon lange nicht mehr da. Diese Tatsache hatte sie auf wacklige Beine gestellt, wusste sie doch um den derzeitigen Zustand ihrer Mutter.
Sehnsüchig hatte sie die Stunden gezählt bis die Frist für die Anleitung zum Leben endlich erreicht war. Der Moment in dem sie es erfuhr, entlockte ihr eine so geballte Ladung an Emotionen, dass sie sich zu einem Luftsprung hinreißen ließ. Sie war wie vom schwarzen Panther verfolgt in die Buchhandlung geeilt, denn sie konnte es kaum erwarten das Buch in ihren Händen zu halten. Sofort schmiegte sie es sich an den Körper und hielt es in einer würgeartigen Geste fest umklammert.
Zu Hause angekommen machte sie sich sofort daran es zu lesen. Freudig notierte sie sich die Eckpfeiler der Methode. - Lieblingsplatz - Ruhe - gemütliche Stimmung - Entspannung - 20 Minuten - Block - Wille Okay an letzerem mangelte es am wenigsten, Anna war sehr hoffnungsfroh aber auch etwas ängstlich was ihr Vorhaben anging. Sie hatte sich auf diese Möglichkeit gestürzt wie der Hungernde auf das schimmelnde Brot, die letzte Chance eben. Ihr Vater war ihrem Vorhaben gegenüber etwas skeptisch gesinnt und riet ihr als starker Kritiker jener Spezies einen Psychologen aufzusuchen, was Anna natürlich postwendend mit folgender an Drastik schwer zu überbietender Aussage abwies. Psychologen, das sind doch lediglich die Teppen, die den Teppen erzählen, dass sie sich nicht genieren müssen, weil eh alle Teppen sind. Ingo hatte daraufhin schwer die Luft ausgestoßen und das Thema dezent schweigendgestellt. Einer Diskussion mit der Entschlossenheit seiner Tochter fühlte er sich wohl nicht gewachsen. Anna trat an die Wiege ihres Sohnemannes während sie zufrieden lächelnd grübelte welcher Ort als geeignet für ihr Vorhaben bezeichnet werden konnte.
Susanne vegetierte seit dem Streit mit ihrem Mann mehr dahin, als sie lebte. Ihre Gedanken gipfelten zu meist bei dem Bild im Gerichtsaal, wo die Winkeladvokaten sich gegenseitig mit Argumenten zu übertrumphen versuchen. Was soll ich dann nur machen? Wenn er mich jetzt verlässt kann ich ihm nicht einmal böse sein, schließlich habe ich mir das ja mit meiner eigenen Impulsivität eingebrockt. Wieso habe ich das nur gesagt? Wieso? Wieso? Wieso? Von der Wut und auch irgendwie der Verzweiflung übermannt hämmerte sie kraftintensiv mit ihrer zur F aust geballten Hand einige Male ungestühm auf die unschuldig vor ihr liegende hölzerne Platte ihres Küchentisches. Das Warten machte sie ganz wuschig, diese elende Ungewissheit, die ihr das Atmen so schwer machte, raubte ihr zunehmend wirklich die Kontrolle über ihre Sinne. Was meinte er damit, dass er Zeit braucht? Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre? Wie lange wird er tatsächlich brauchen und was macht dieses hoffnunsfrohe und zu gleich niederschmetternde Warten mit mir? Reibt es mich auf. Die Schuldgefühle, die Angst davor ewig zu warten, der Wunsch das Licht zu sehen obwohl man weiß, dass man Blind ist. Wo soll das alles enden? Das Leben kann doch nicht einfach so enden, irgendwie muss es doch weitergehen. Es geht mir grad nicht so gut aber soll ich deshalb mein gesamtes Lebenswerk den Bach runter lassen? Wenn ich mich weiter so in meinem Scherbenhaufen verkrieche, verliere ich die gesamte Stammkundschaft der Else. Diese Menschen finden schließlich den Weg zu mir, weil sie ihren Hunger stillen und diesen nicht leiden wollen.Nach Ingos Flucht damals hatte ich wenigstens noch Armin, auch wenn er sich später als Ratte herausgestellt hatte, aber er war für mich da, er hat mir auf seine natürlich nicht ganz uneigennützige Art geholfen diese schwere Episode in meinem Leben zu überstehen. Aber jetzt, jetzt bin ich vollkommen alleine, denn Anna kann ich kaum um Beistand bitten, die hat es ja so schon schwer genug in ihrem Leben. Sie weiß ja selbst grad nicht wo sie im Leben steht, da kann sie schlecht für mich den geeigneten Platz auch noch suchen.
Anna wandelte mit weitläufig treibenden Gedanken in Richtung der so geliebten und in der letzten Zeit zu beiläufig vergessenen Bank am Ufer des Wannsees. Früher hatte sie hier sehr viel Zeit verbracht besser gesagt, sie war hierher vor dem Leben und dessen unerbittlicher Härte geflohen. Egal ob es Katja, Armin oder sonst irgeneine Dumpfbacke war, hier konnte sie sich immer von den Gewissensbissen und den anderwertigen Plagen ihres miesen Selbstbewusstseins erholen. Der Wind hatte einfach alle Zweifel etc. weit auf den See hinausgetragen, wo sie zerstoben und sich wahrscheinlich geschwächt, aber lebend auf der Suche nach dem nächsten Opfer wieder an Land treiben ließen. Nun war sie endlich an der Bank angelangt, auf der sie sich wohl bemerkt mit einem mulmigen Gefühl im Bauch niederlies, ein letztes Mal unbeschwert den wunderherrlichen Ausblick auf den in sanften Wellen ans Ufer gleitenden See genoss, ehe sie schließlich ihren Block und einen Kugelschreiber aus ihrer Tasche zog. Sie schlug die erste Seite auf, Anna hatte sich extra für dieses Ereignis einen neuen Block besorgt, der Geruch von Neuheit stieg ihr trotz der vielen firschen Luft um sie, in ihre Nase. Eigentlich genau das richige für ihr vorhaben, Neuheit brauchte sie schließlich äußerst dringend in ihrem Leben. Sie verharrte einen Moment in völliger Stille und Starre, ehe sie zu ließ, dass die Vorboten des Grauens sich ihren Weg durch ihr Innerstes bahnten. Kurz darauf begann ihr Atemrythmus sich zu beschleunigen, ihr Herzschlag glich einem Trommelwirbel beim Empfang der Queen und in ihrer Stirn pulsierte der Kopfschmerz. Die nächsten 20 Minuten würden alleine ihr und ihrer beklemmenden Erinnerung gehören. Anna atmete noch einmal teif ein, ehe sie lossegte. Als sie den Stift sachte aufs Papier setzte und die ersten Worte die das Kopfkino ausspuckte aufschrieb, konnte man an ihrer sonst so verfehlungssicheren Schrift das Zittern ihrer Finger nur zu gut erkennen.
"Ich hatte schon einige Stunden an diesem Nachmittag damit zugebracht mein ungutes Gefühl zu zu ordnen bzw. dessen Produktion einzustellen. Ich hatte schließlich einen mir in inniger Liebe zu gewandten Mann an meiner Seite, trug sein Kind unter dem Herzen, hatte gerade meine Karriere als Designerin gestartet und die Sonne verlieh Berlin einen goldigen Glanz. Was also konnte an diesem perfekten Tag bzw. Leben ein schlechtes Gefühl hervorrufen. Während der Abend fortschritt und ich in meinem Glück schwelgte und die Vorboten auf das nahende Unheil niederbügelte, bekam diese Stimmung ein jähes Ende, durch das Läuten an der Wohnungstüre. Erst da bemerkte ich wie spät es schon war und wunderte mich das Jonas noch nicht heimgekehrt ist. Das konnte er nicht sein, er hatte doch einen Schlüssel. Aus dieser Erkenntnis heraus hörte ich auf dem Weg zur Türe mein Herz in meinem Hals schlagen. Ich öffnete die Türe und sah in die leidgeprägten Mienen zweier uniformierter Staatsdiener. Sie hatten noch kein wort gesprochen und doch wusste ich was sie sagen wollten. Mein Herzschlag setzte einen Takt aus, ein Rauschen ertönte in meinen Ohren und die Gesichter der Beamten verschwammen vor meinen Augen, doch irgendetwas bewahrte mich vollends in die Ohnmacht zu flüchten. In diesem Moment hatte ich das Gefühl keinen Sinn mehr zu sehen, alle Kraft war aus meinen Gliedern entwichen. Ich stand einen Moment lang nur steif da, nicht in der Lage zu denken, zu fühlen oder auch nur zu begreifen. Ihre Stimmen drangen nur von ganz weit weg an mein Ohr, ich konnte sie nicht verstehen und trotzdem hielt ich mir völlig entkräftet die Hände auf die Ohren. Ich ging sozusagen auf Nummer sicher. Mein Hals brannte, ich schwitzte und fror gleichzeitg. Die Beamten blieben bei mir bis irgendwann nach einem gefühlten Jahrtausend Natascha kam. Den Schrei den sie ausstieß, werde ich wohl Zeit meines Lebens nie wieder vergessen. Es war wie der Schrei eines Kindes, das sich gerade den Finger gequetscht hatte, nur viel schriller und verzweifleter. In ihrer Stimme klang so eine Aussichtslosigkeit, so viel Resigniertheit mit, das ich erschauderte. Dieser beklemmende Laut hatte mich damals wieder zurück in die Realtiät katapultiert. Auch jetzt läuft mir wieder der kalte Schauer über den Rücken, wenn ich daran zurückdenke. Ich schwebte jeodoch immer noch in einer Art Zwischenwelt herum, denn ich wollte und wollte die Wahrheit einfach nicht akzeptieren. Jonas konnte nicht tot sein, er wurde doch Vater und wir hatten doch sonst auch noch so viele Träume. Nein,nein, nein, nein, habe ich immer und immer wieder gebrüllt und schließlich kam mir die damals blendende und aus heutiger Sicht komplett hirnverbrandte Idee, Jonas noch einmal sehen zu wollen, nach dem die Beamten nach einigen Versuchen meiner Person im Bezug auf eine Verwechslung, einstimmig und bestimmt die Verneinung gewählt hatten. Ich dachte zum damaligen Zeitpunkt, das es mir helfen würde, diesen ganzen Wahnsinn begreiflich zu machen, doch das Gegenteil trat ein. Die Polizisten führten mich in die Pathologie, wo sie einen in grüngehüllten Mann baten, eine Decke zurückzuschlagen. Allein der Geruch, der dort vorherrschte, drachte mich beinahe um den Verstand. Mein Herz drohte in diesem Moment zwischen den Rippen hervorzuspringen und zu zerbersten, denn tief in meinem Innersten spührte ich, das der Mann unter diesem Laken Jonas war, doch mein Verstand blockte diese Erkenntnis pedantisch. Wahrscheinlich wusste er, dass ich diese nicht verkraften konnte und so behielt er ja schlussendlich recht, ich konnte diesen Anblick ja wirklich nicht verwinden. Das was jetzt kam, passierte fern der normalen Zeitrechnung. Der Pathologe schlug das das Laken zurück und mir wich nun die letzte Farbe aus meinem Antlitz, der kalte Schweiß trifte auf meiner Stirn, Tränen schossen in meine Augen und ein Würgegefühl zwang mich schließlich dazu, mich zu übergeben. Der Anblick seines nacken leblosen Körpers auf dieser kalten sterilen Liege war einfach zu viel gewesen. Ich verspührte den Impuls ihn in warme Decken zu hüllen, damit er nicht friert, doch dann kam mir gerade noch rechtzeitig bevor ich meinen Gedanken äußern konnte, die Erinnerung das Tote kein Kälteempfinden mehr besitzen.Daraufhin war ich endgültig ins Reich der Nacht abgetaucht und erst nach einiger Zeit mit dem Blick in Nataschas besorgtes Gesicht wiedergekehrt. Die folgenden Wochen waren die schlimmsten meines Lebens. Ich wollte schreien, doch meine Kehle gab keinen Laut frei, ich fühlte mich so schuldig, weil ich lebte und er gestorben war. Ich erwog Selbstmord zu begehen, doch das Kind in meinem Bauch hielt mich schlussendlich von diesem Vorhaben ab." Anna saß auf der Bank, den Block auf ihren Knien, Tränen liefen über ihre Wangen und der Wind streichelte ihr über die Haut. Die Tatsache das der Frühling Einzug hielt, machte ihr Mut und verlieh ihr Kraft mit den Erinnerung einigermaßen umgehen zu können. Anna, was hast du erwartet, dass du Luftsprünge vor Freude machst, nachdem du dich mit dem schlimmsten Kapitel deines Lebens auseinandergesetzt hast. Es hat doch auch im Buch gestanden, das einen wahrscheinlich die Traurigkeit überkommt, nach dem Schreiben, immer hin handelt es sich ja hier bei um die Bekämpfung eines traumatischen Erlebnisses. So jetzt muss ich aber noch die Fragen beantworten. Okay, eine Skala von 0-10 von gar nicht bis sehr 1. In welchem Maße haben Sie Ihre tiefsten Gedanken und Gefühle zum Ausdruck gebracht? Ich würde mir dafür mal eine...na ja...5 geben. Ist so ein Mittelmaß, müsste passen. Man, Entscheidungen und Einschätzungen waren wirklich noch nie mein Ding. Immer habe ich mich rausgewunden, wenn es darum ging.
2. In welchem Maße fühlen Sie sich jetzt traurig oder aufgewühlt? 8 Das ganze macht mir wirklich verdammt zu schaffen.
3. In welchem Maße fühlen sie sich jetzt glücklich? 4 Aber ich weiß das es auf jeden Fall ein Anfang ist und das ist gut so.
4. In welchem Maße war das heutige Schreiben wertvoll und bedeutsam für Sie?7
5. Beschreiben Sie kurz auf folgenden Zeilen, wie das Schreiben heute für Sie gelaufen istEs war sehr schwer, besonders am Anfang, einen Zugang zu meiner so mühsam verdrängten Erinnerung zu finden. Ich knabbere jetzt noch daran, dass ich nicht so richtig in die Emotionen reingekommen bin, es geschafft habe die Situation noch ein zweites Mal zu durchleben. Die Angst, war nicht so richtig hochgekommen. Auf der anderen Seite hatte es sich befreiend angefühlt endlich diesen ganzen Wahnsinn nicht mehr Tag für Tag mit sich rumtragen zu müssen. Endlich einen Weg zu haben, eine Hoffnung mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen.
Anna sog die von Kälte gestreifte Luft tief in die Lungen ein und ihr Blick streifte nun schon zum wiederholten Male hinaus auf den gewellten See. Es tat weh, die Erinnerung an Jonas Tod wieder so nah am Herzen tragen zu müssen, doch es musste sein. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!
Gestern war Anna noch eine Weile grübelnd am See geblieben, die Stille hatte ihr geholfen sich wieder zu regernerieren. Es war ihr unvorstellbar vorgekommen gleich wieder in den schnelllebigen Alltag Berlins einzutauchen. Sie mochte die Stadt, aber noch mehr mochte sie die Ruhe, die die Abgeschiedenheit ausstrahlte. Einfach perfekt, wenn man vor den Fehlern der Welt fliehen wollte. Doch heute war ein neuer Tag und eine weiterer Befreiungschlag stand auf dem Programm. Anna atmete tief durch, die Sonne zeichnete warme Linien in ihr Gesicht. "Ich habe wochenlang nur im Penthouse gesessen und mich in meiner Trauer aber vorallem in meiner Vergangenheit vergraben. Ich habe unaufhörlich mit der Hilfe von Fotoalben versucht Jonas lebendig zu halten und wenn die Wahrheit mich dann irgendwann an den endlosen Tagen doch eingeholt hat, versuchte ich meinen Schmerz in einem Tränenmeer zu ertränken, doch er schien unsterblich. Immer und immer wieder spielte sich dasselbe ab, bis mich Natascha schließlich aus dem Penthouse vertrieben hatte, nachdem sie aus Sorge um mich einen Psychiater kontaktiert hatte. Das hat mich damals so was von rasend gemacht, doch inzwischen beschleicht mich immer öfter die Ahnung das ich damals auf sie hätte hören sollen. Wahrscheinlich wäre mir dadurch einiges an negativer Erfahrung erspart geblieben. Ich habe mir einfach so sehr gewünscht, dass Jonas lebt, das ich darüber ganz vergessen habe, das ich aufgehört habe zu leben, obwohl mein Herz noch schlägt und in meinem Bauch gleich ein zweites kleines zerbrechliches. Eines das verdient hat eine Mutter zu haben und nicht nur einen ziellos dahinvegetierneden Haufen ohen jegliche Lebensfreude oder auch nur den Funken einer Perspektive. Jonas war für mich die Chance gewesen, aus meiner kleinen Zelle herauszusteigen und die Welt zu erobern. Das winzige stille unscheinbare Mädchen hinter mir zu lassen und eine selbstbewusste Frau zu werden. Die Liebe zu ihm und einzig und allein nur die Liebe gaben mir damals die Kraft diesen steinigen Weg zu bestreiten, ohne mich unterwegs irgendwo an den Rand zu fläzen um mich meiner Erschöpfung zu ergeben. Doch plötzlich war dieser Motor meiner Taten, verschwunden und ich begann mich leer und hilflos in dieser gefährlichen weiten Welt zu fühlen. Ich hatte zu keinem Menschen in meinem Bekanntenkreis nicht mal zu Paloma, eine so innige aber vorallem vertrauensvolle Beziehung wie zu meinem Mann. Wenn ich jetzt darüber so nachdenke, kommt mir das irrsinnig vor, aber es war nun mal so. Ich klammerte mich an ihn und glaubte so mich vor all den Ängsten die mich umwoben wie die Spinne ihre Beute schützen zu können, indem ich seinen Tod einfach nicht akzeptierte. Was ich dabei nicht begriff oder besser viel zu spät begriff war die Tatsache, das ich in gewisser Weise mit im sterbe, schön langsam und unbemerkt. Irgendwann beschloss ich zwar mich wieder in den Fluss des Lebens einzutauchen, jedoch hörte ich tief in meinem Inneren niemals auf zu trauern. Ich täuschte mich selbst um die Wahrheit nicht sehen und schon gar nicht akzeptieren zu müssen. Ich setzte eine lächelnde Maske auf, die jedoch bei der geringsten Kleinigkeit in einem Weinkrampf endete. Es war offensichtlich und doch sah es niemand, denn es wollte niemand wirklich begreifen, wie schlimm es um mich steht. Jeder verschloss die Augen vor der Realität, doch niemand trägt an dem was danach kam so viel Schuld wie ich. Nur ich, Anna Broda alleine hatte die Macht etwas zu ändern. Man hätte mir von außen zu reden können wie einem kranken Pferd, wenn mein Innerstes keine Einverständniserklärung unterzeichnet hätte, wäre es so oder so nichtig gewesen. Einen Toten muss man loslassen, auch wenn es hart klingt und unvorstellbar ist, es ist nun mal die einzige Chance den Weggang eines geliebten Menschen zu verkraften, denn sonst frist dich die Trauer auf oder treibt dich in den Selbstmord. Was bei mir ja fast gelungen wäre." Annas Hand schmerzte und so zog sie ihr Mobiltelefon hervor um nach dem Stand der Uhr zu blicken. Perfekt, das Limit war überschritten. Erleichtert schüttelte sie ihre rechte Hand, die vom Dauerschreiben schon ganz verkrampft war. Erstmals begann sie zu spüren, dass das Schreiben eine wahrliche Hilfe war, denn sie merkte es ganz unterschwellig aber doch, das sie sich leichter fühlte. Allmählich begriff sie den Sinn von Gesprächstherapie. Etwas einfach von der Seele zu reden und zu wissen, das es nicht morgen das ganze Viertel weiß, hatte immerhin etwas beruhigendes und auch heilendes. Vieles von dem was man Aussprach oder aufschrieb, verschwand so aus der Wahrnehumng und stellte ab diesem Zeitpunkt keine Belastung mehr da. Wieder atmete sie tief ein und genoss einfach nur die Stille, während der Gedanke, einmal mit Felix hierherzukommen, ein Lächeln auf ihre spröden Lippen zauberte. Die Fragen würde sie einfach später beantworten.
"Wenn eine Hoffnung zerbricht, stirbt ein Stück Seele. Wie wahr doch diese Aussage ist. Der Schmerz, der dann irgendwann in einem aufsteigt, überdröhnt in seiner Größe und Schwere alles andere. Ich dachte damals jeden Moment zerbersten zu müssen. Ich spürte so eine stumme Angst, die sich nach den Augenblicken des Schockes in jedem meiner Glieder Einzug hielt. Sein Tod hatte mich meines Lebens beraubt, mir genommen, was ich mir in kurzer Zeit erkämpft hatte. Er war das Fundament auf dem mein Aufstieg seine Stütze gefunden hatte und deshalb geiselte mich das planke Entsetzten wieder in dieses Loch zurück zu fallen, was sich ja schlussendlich nicht einmal als sehr abwegig herausgestellt hatte. Ich bekam sein Kind und schaffte es nicht mich über das in irgendeiner Weise, letzte was mir von Jonas geblieben war zu freuen. Dieses Kind war doch ein Teil von IHM, ein Part des großen Ganzen, das ich aus tiefstem Herzen so sehr begehrte wie nie jemanden zuvor, ohne jenes ich glaubte den Lebensweg nicht fortsetzten zu können. Was also hinderte mich so akribisch es an zu erkennen, es genauso zu lieben, wie das große perfekte überirdische tote Orginal. Ich habe jetzt einige Minuten lang auf die Worte gesehen, nein ich habe sie regelrecht angestarrt, fast so also ob ich erwartete, dass sie mir ins Gesicht springen werden. Ich habe lange gegrübelt, was mich an diesen Worten so bewegte und schlussendlich entzündete sich die Kerze in der Laterne von selbst. Nichts anderes als das so endgültige Wort TOT, trieb mir diesen Gefühlscocktail, diese Unsicherheit und den Nebel in mein Gehirn. Ich dachte lange, ich könnte es verdrängen, doch schließlich habe ich gerade noch im rechten Moment realisiert, das dies lediglich das Problem hinasuschiebt und vergrößert. Der springende Punkt warum ich für meinen Felix nur in Gleichgültigkeit entflammen konnte, war die Angst vor dem weiteren Verlust. Das Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem überirdischen Herrscher an seinem Schaltpult, irgendwo da oben in den Wolken, wo die Freiheit grenzenlos war. Er hatte mir meinen Mann genommen, warum sollte er also davor zurückschrecken mich auch noch meines Sohnes zu berauben. Dieses Kind war vor seiner Geburt meine Hoffnung und nach seiner Geburt mein Untergang. Dieses hilfose dauerbrüllende Baby, wie es so klein und verletztlich in seinem Stubenwagen lag und mich mit seinen großen Augen anschaute, löste in mir eine Art Panik aus. Mein Körper füllte sich zunehmend mit der Annahme er könnte mich auch verlassen und so kaufte ich mir ein Ticket für den Dampfer der Gleichgültigkeit. Ich brachte es einfach nicht mehr zustande, meine Liebe zu verschenken, mein zerbrechliches Herz erneut an etwas zu hängen, das mir eventuell ebenfalls durch die finstere Macht des Todes entrissen werden könnte. Auf der anderen Seite hatte ich jedoch nicht den Mumm, das offen zu gestehen und meiner Mutter das Sorgerecht zu überlassen und meine angeschlagene Psyche zu kurieren. Nein, ich versuchte mich in einer Rolle zurecht zu finden, obwohl ich für mein letztes Spiel ähnliche Kritiken erntete wie Jason Momoa für "Conan". Bis heute kann ich mir nicht erklären, was mich dazu trieb, obwohl ich dieses Thema nahezu schon zu Tode gedacht habe. Immer wieder stahl sich die Frage nach dem WARUM in meinen Kopf, trotz der ganzen Sicherheitsvorkehrungen. Es nütze einfach nichts, die Flucht vor den eigenen Gedanken ist ein unmögliches Unterfangen. In dieser Situation befindlich habe ich meine Mutter für ihre Präsenz und ihr dauerndes Nachfragen gehasst. Sie zwang mich immer wieder in die Mutterrolle, obwohl ich innerlich beschlossen hatte diese nicht anzunehmen. Mittlerweile danke ich ihr im Stillen für ihr unbewusstes Tun, denn egal in welcher Weise, sie ist mit tiefer Bestimmtheit die Retterin meines Sohnes. Ich wage nicht zu denken, welchen Ausgang diese Geschichte ohne ihre Anwesenheit genommen hätte. Gut wäre er jedoch auf keinem Fall gewesen, dass kann ich mit Bestimmtheit sagen, ebenso wie meine Geschichte ohne diesen geheimnisumwobenden Herrn, aber das ist eine andere Geschichte."
Ingo trat mit kleinen, unsicheren Schritten auf die mit Glas gesäumte Eingangstür der Goldelse zu. Dieses Restaurant war immer seine Heimat gewesen, selbst während seiner Zeit im Libanon. In diesen verlorenen Jahren, wie er sie gerne nannte, hatte ihn einzig und alleine der Gedanke an diese mikrigen Räumlichkeiten am Leben erhalten. Die Hoffnung sie wieder einmal betreten zu können und seine über alles geliebte Frau in die Arme schließen zu können, ihre Haut unter seinen Händen spüren zu können, sowie seine Tochter zu sehen, waren die Motoren seinens Lebens. Doch jetzt, gut 1 1/2 Jahre nachdem er den Weg zurück in den Schoß seiner Familie gefunden hatte, stand er hier vor der Türe eben jenes Restaurants und grübelte darüber nach ob es günstig wäre den Gastraum zu betreten. Seine Frau in diesem Konflikt zu einer Einigung zu bewegen, gemeinsam einen Weg aus der Krise finden. Es kam ihm plötzlich alles so fremd und fern vor. Der Gedanke an die Goldelse hatte irgendwie seinen Glanz verloren, das strahlen in seinen Augen verwandelte sich immer mehr zu einem matten Ausdruck. Waren das die Anzeichen für das verschwinden seiner Liebe zu jener besonderen Frau, der dieses Restaurant gehörte? Konnte es wirklich sein, das ihre Liebe die jahrzentle lange Trennung überstand jedoch nicht einen Streit, der noch dazu auf blankliegenen Nerven aufgebaut war. War das das berümte Tüpfelchen auf dem i? Konnte es das wirklich geben? Ingo war fassungslos über seine eigenen Gedankengänge, oder wollte er diese Wahrheit einfach nicht akzeptieren, obwohl sie schon lange wie ein Damoklesschwert über ihnen pendelte. Hatte die Liebe sie vielleicht schon lange zuvor verlassen, doch in ihrem Arbeitseifer und ihrer Sorge um Anna, war dies einfach untergegangen. Ingo spürte das er die Antwort nicht parat hatte, jedoch erst den Fuß über die Schwelle dieser Türe setzen konnte, wenn er diesen gordischen Emotionsknoten entwirrt hatte und so trat er unverrichteter Dinge und etwas gekrümmt von der seelischen Last, die ihn zu erdrücken schien, den Weg in jene Richtung an, aus der er gekommen war.
Teil 79
"Damals in diesem Zug der mich auf meiner letzten Reise ans Ziel bringen sollte, traf ich einen Mann, der mich gegen meinen Willen in ein Gespräch verwickelte und den ich schließlich als Perversling verfluchte. Dieser Tag enthielt mal Jonas Todestag und die unmittelbare Zeit danach weggestrichen, die höchste Anzahl an schwarzen Stunden in meinem Leben. Ich war so verzweiflet, das ich alle meine menschlichen Sensoren ausgeschaltet hatte und die Welt nur noch mit Tunnelblick betrachtete. Wie paralysiert kämpfte ich mich durch den Wind am Strand bis zu jener Stelle an der Jonas und ich uns damals zum ersten Mal geküsst hatten. Nicht nur außen nagte die Kälte an mir sondern auch aus meinem Inneren erreichte mich die Bereitschaft zum frieren. Einerseits hatte ich panische Angst vor dem was nach dem Tod kommen würde und auf der anderen Seite wünschte ich mir nichts mehr als endlich die Erlösung von diesem grauenhaften Seelenpein zu finden. Heute graut mir vor diesem Egoismus, denn ich muss mir immer wieder selbst vor Augen führen, dass ich in dieser ganzen Periode der Verzweiflung niemals an mein Kind gedacht habe. Ich konnte mir bis vor sehr nahe zurückliegender Zeit überhaupt nicht vorstellen, das Felix jemals eine Rolle in meinem Leben spielten wird. Ich betrachtete ihn sehr lange immer nur als lästigen Balg, der meine Situation unnötig erschwert, doch jetzt weiß ich, dass er im Grunde meine wichtigste Stütze darstellt. An Kindern kann man das Leben erlernen, auch wenn man es zuvor durch bestimmte Umstände verlernt hat. Ihr Glück erfüllt auch uns mit Glück, besonders wenn man ihnen in der Rolle der Mutter gegenüber steht. Felix hat mich in den letzten Tagen mit soviel Liebe beschenkt, wie ich mir das hätte niemals erträumen lassen. Der Witwer von der Insel hatte recht, ich muss kämpfen um auf den Pfad des Lebens zurückzukehren. Erst als mir Jonas Worte wieder in den Sinn drängten, begriff ich, das er nicht bloß den Ratgeber für Küchenpsychologie gekocht und dann in Form einer Suppe in sich geführt hatte. Ich habe damals zwar den Schmerz in seinen Augen erspäht und wollte es irgendwie doch nicht richtig begreifen, weil mein Inneres für die Wahrheit nicht bereit war. Auf dieser Insel in diesem Krankenhaus und auch während den Gesprächen mit dem Fremden, die Resignation vor einem Neubeginn mit meinem bzw. unserem Sohn erwies sich einfach als mein ständiger Begleiter. Sie klebte an mir wie eine Klette der jemand mit Superkleber noch den ultimativen Halt verpasssen wollte. Selbst in dem Moment wo ich vor der Else stand, plagten mich meine Zweifel an der Entscheidung dem Leben noch eine Chance einzuräumen. Bis zur jetztigen Minute kann ich mit tausendprozentiger Sicherheit beschwören, dass ich die Else niemals betreten hätte, wenn Paloma nicht aufgekreuzt wäre. Der Wunsch meiner Verantwortung und Pflicht als Mutter gegen über meinem Kind zu entkommen, war die stärkste Empfindung, mal abgesehen von dem Bedürfnis meinen Tränenspeicher unaufhörlich zu leeren. Ungeliebt und unverstanden von der Welt fühlte ich mich, glaubte plötzlich von Dingen Kenntnis zu tragen, die ich früher als abnormal und gegen die Menschheit oder auch die Bestimmung der Frau empfand. Die Trauer hatte mich wirklich grundlegend verändert und Gott sei Dank habe ich noch rechtzeitg begriffen, das ich auf dem falschen Dampfer gestiegen bin. Weißt Gott, was sonst passiert wäre. Ich will es mir gar nicht näher ausmalen, doch ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass es wohl keinen guten Ausgang genommen hätte."
Somit wäre die Therapie vollzogen, dachte Anna, während ihre Augen auf den See hinausglitten, sie den Kragen ihres Mantels hochzog und dem Wind lauschte, der mit träger Geschwindigkeit durch die einsamen Blätter der Bäume wehte. Sie war einfach fasziniert, wie es ihr mit jedem Mal leichter wurde beim Schreiben. Ich hätte nie gedacht, das es wirklich so ist, auch wenn ich mich auf dieses Buch gestürzt habe, wie 5 Kinder auf einen Knödel, einige letzte Zweifel waren trotzallem geblieben. Hatrnäckig nisteten sie sich in meinem Kopf ein und versuchten mich auf ihre Seite zu ziehen, doch es gelang ihnen nicht. Bereits nach dem ersten Mal empfand ich es als Befreiung, einfach die Erinnerung und alles was eben dieser eine Tag mit sich brachte, wegzuschreiben. All die Dinge über die ich mit niemandem zu sprechen wagte, außer vielleicht ansatzweise mit dem Mann auf der Insel. Seine Worte hatten damals mein Herz gestreichelt, obwohl ich fest davon überzeugt war, keines mehr zu bestitzen. Interessant, eigentlich, das egal wie sehr ich es auch versuchte, über diesen Fremden brachte ich kein Wort aufs Papier. Ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist? Hm, weiter kam sie nicht, denn eine Stimme riss sie aus ihren Überlegungen. "Entschuldigen Sie, Ist hier noch ein Platz frei"
Anna blickte etwas benebelt auf. Sie schluckte hart und auch die Gesichtszüge ihres Gegenübers entgleisten ein wenig. Konnte es soetwas geben? Woran soll ich jetzt glauben? Zufall oder doch Schicksal? Langsam erholte sich Anna wieder aus ihrer Überraschung. Gerade noch hatte sie über ihn gegrübelt. Sein Auftauchen scheint wohl der berüchtigte "So wie man den Teufel nennt, kommt er grennt"- Effekt zu sein. Anna konnte die Gefühle die sie zu durchströmen begannen, weder deuten noch begreifen. Ein Teil in ihr sehnte sich nach seiner Anwesenheit, der andere wollte ihn auf der Stelle fortschwicken bzw. empfand sogar eine gewisse Frucht vor seiner Person.Sie blickte kurz zwischen dem Platz auf der Bank und dem Sitzplatzanwärter hin und her und rang sich schließlich zu einer Entscheidung durch. "Klar, setzen sie sich", sagte sie zwar etwas monton, aber mit ihrer Hand eine einladende Bewegung auf den freien Platz deutend. Ihr Mund hatte wohl schneller gesprochen als ihr Hirn eine Entscheidung fällen konnte, was mit Sicherheit positiv auszulegen war, denn Entscheidungen waren noch nie so wirklich ihre Stärke. Immer und immer wieder fand sie sich im Mittelpunkt zwischen ihrem Wunsch und der Angst vor den verletzten Gefühlen oder auch einfach nur der puren Reaktion des Gegenübers. Irritiert blickte sie auf, als sie erkannte, das er noch immer keine Anstalten machte sich zu setzen. Er schien wohl auch am grübeln, ob er die Situation in die ihn der Zufall oder das Schicksal manövriert hatte annehmen soll oder sich ihr doch lieber durch seine Einwirkung entziehen sollte. Insgeheim appelierte sie an letztere Variante und so fraß sich das Entsetzen einen Weg in ihr Gesicht, als er seinen verlängerten Rücken neben sie auf die Holzlatten pflanzte. Eine eher der unangenehmen Gattung angehörige Stimmung umschlich nun die beiden, während sich ihre Münder mit der Geschlossenheit der Lippen duellierten. Anna starrte ihren mittlerweile geschlossenen Block an und begann schließlich ein verzweifeltes Spiel mit ihren Fingern, während ihr Retter starr auf das Wasser hinausblickte und die Wellen beobachtete. "Wie gehts ihnen?", brachen seine Worte plötzlich die unbequeme Stille. "Wie...Es geht mir besser, danke und selbst?" Ein berückendes Seufzen entglitt seinen Lippen "Zum Leben zu schlecht und zum sterben zu gut", ein trauriges hohles Lachen untermalte die Aussage. Anna ließen diese seine Worte den kalten Schauer über ihren Rücken hinablaufen. Seine Worte hinterließen einfach einen so fahlen Beigeschmack. Es klang einfach so hilfesuchend, fast so als wolle er von ihr die Bestätigung, das es mit seinem Leben nicht besser sein kann. Sie hatte ihn anders in Erinnerung, doch dann schoss ihr wieder die Szene im Frühstücksraum ins Gedächtnis. Es war plötzlich als gäbe es zwei Menschen, den einen einfühlsamen Tröster und einen anderen kalten unberührbaren....Anna rang nach dem richtigen Wort und entschied sich schließlich für Mann...Mann. Welcher war es wohl jetzt der vor ihr stand bzw. neben ihr saß? Sie wagte einen kurzen zaghaften Blick zur Seite, doch sie konnte es nicht erkennen. Sein Gesicht glich einer von Botox verunstalteten Maske, die Weichheit, die Verletztlichkeit, die Angst, die Verbitterung, all das war aus seinen Zügen gewichen. Sie waren einfach nur hart und ausdruckslos, fast gespenstisch. Erneut drohte das Schweigen seinen Lauf zu nehmen, doch Anna steuerte dagegen, denn das unangenehme Gefühl das jenes ihr beschert gehörte zu jenen Empfindungen die sie gerne vermisste. "Danke, übrigens nochmal, dass sie mir den Weg ins Leben zurück gewiesen haben....ohne sie hättte ich es vermutlich nie geschafft, aber auch nie begriffen." Erst antwortete nur das Schweigen, doch nach einer Weile erklang seine Stimme. Sie hörte sich anders an, als in ihrer Erinnerung, es schwang in jedem Ton eine gewisse Distanziertheit mit. Keine Spur mehr von dem Mann den sie kannte, doch etwas in ihr flüsterte, dass es ihn doch gab. Tief verschüttet unter dem Berg aus Kälte und Gleichgültigkeit.Unschlüssig streckte Anna ihre leicht zitternde Hand in seine Richtung aus, beorderte sie jedoch bevor sie seinen Rücken berühren konnte wieder zu ihrem Körper zurück. "Da war wohl meine Angst stärker, als alles andere. Ich hatte nur noch einen Gedanken, wie ich sie da liegen sah. Es durfte nicht passieren, dass noch jemand durch mein verzögertes Verhalten den Tod fand. Ich habe vor 4 Jahren meinen Aggregatzustand gewechselt, während die anderen fest blieben, würde ich flüchtig, ein Gas...Ein Atom, dass durch den Äther schwebt...bis ich an diesem Strand ihren Körper als leblosen Haufen erblickte. In diesen Tagen spührte ich mich seit Fannys Tod das erste Mal wieder so richtig. Der Schleier, der sich seit dem um mein Leben hüllt, verschwand und ich begann alles klar zu sehen"...er machte eine bedeutungschwere Pause..."leider auch all die Schmerzen um ihren Tod." Ein trauriger Seufzer wanderte über seine nach unten zeigenden Lippen. "Tut mir übrigens Leid, das ich in dem Hotel einfach so sang und klanglos verschwunden bin, aber als der Kellner sie als Frau Lanford betitelte, konnte ich nicht mehr. Der ungelebte Schmerz über ihren Tod, drohte mein geschundenes Herz zu sprengen und die Tränen in meinen Augen explodieren zu lassen. Plötzlich sah ich nicht mehr sie sondern den Leichnam meiner Frau, sowie man sie damals aus dem Meer gefischt hatte. Vom Wasser ihrem Strahlen beraubt, mich mit wütendem Blick meiner Schuld erinnernd...es tat einfach so weh, verstehen sie, ich konnte nicht anders" versuchte er sich an einer Entschuldigung bis in die Masse gewordene Trauer übermannte und Tom seiner Stimme beraubte. Nun streckte Anna erneut in ihre Hand in seine Richtung und diesmal erreichte sie auch tatsächlich ihr Ziel. Beruhigend strich sie ihm über den Rücken hinab und während sie dies tat, kam eine beglückende Erkenntnis über sie. Bis jetzt hätte sie bei Offenbarungen solcher Art, die Verbindung sofort zu ihrem Schicksal hergestellt und in den Tränenkanon eingestimmt, doch jetzt zu ihrer Überraschung empfand sie zwar Schmerz, aber es tat längst nicht so weh wie bisher und so kam es, zu ihrer eigenen Überraschung dazu, dass sie folgenden Wortsegen spendete. "Auch wenn ein Traum zerbricht , eine Option fürs Leben bleibt immer" Tom hielt kurz inne in seinem Heulkrampf und sah Anna an, er sah sie einfach nur an, bis sie schließlich den Blick abwandte. Er schniefte kurz ehe er tonlos "Danke" flüsterte. Flüchtig wischte er sich die restlichen Tränen von den Wangen, ehe er Anna auffordernd die Hand entgegenstreckte. Diese sah in überrascht an, denn sie schien seine Absicht nicht deuten zu können. "Tom" sagte er mit einem kleinen zaghaften Lächeln. " Na ja, wir hatten ja noch nicht die Zeit einander vorstellig zu werden. Annas Gesicht erhellte sich augenblicklich und sie reichte ihm ihre Hand. "Anna", sagte sie sichtlich erleichtert. Seine Hand fühlte sich warm an und löste ihre Finger aus ihrer Starre, denn er hielt sie einen Moment zu lange.
Anna schwebte 10 cm über dem Boden nach Hause, das Gespräch mit Tom, es waren nicht allzu viele Worte und dennoch hatte sie jedes einzelne von ihnen tiefberührt. War es wirklich nur die Vergangenheit die uns beide zu solch geeigneten Gesprächspartnern macht oder geht unsere Verbindung tiefer. Im nächsten Moment war Anna überrascht über ihre eigenen Gedankengang. Vor wenigen Tagen noch, wollte sie sterben um endlich wieder Jonas Nähe spüren zu können, nicht mehr mit der Angst kämpfen zu müssen, seinen Geruch, seine letzten Worte an sie, den Klang seiner Stimme, sein Lächeln zu vergessen und jetzt, was machte sie jetzt. Sie grübelte allen ernstes, ob sich hinter der Vertrautheit die sie in Toms Gegenwart spürte, mehr verbarg also nur die Bewältigung vom Tod des Ehepartners. Wie konnte das sein?, ich meine wohin soll das führen. Anna wusste sich auf diese Frage keine Antwort zu finden und so beschloss sie sich einfach treiben zu lassen auf dem Fluss des Lebens. Sie rief sich den Augenausdruck Toms in Erinnerung, als er sie vorhin ansah. Für diesen einen besonderen Moment strahlten seine Augen wieder diese Verletzlichkeit aus, wie sie es auf der Insel auch taten, aber da war noch etwas, ein Ausdruck den sie nicht deuten konnte... Anna machte eine bedeutungsschwangere Gedankenpause. ...bzw. nicht deuten wollte. Mit großer Sicherheit hätte ihr das nämlich eine Erkenntnis eingebracht, deren Bewältigung sie sich noch nicht mächtig genug fühlte. Zu tief und zu frisch waren die Wunden, die Jonas Tod in ihr Herz gerissen hatte. Doch das Feuer der Hoffnung loderte weit verborgen in ihrem Inneren mit der Erkenntnis das sie eines Tages bereit dazu sein wird, diesen Blick zu deuten, ohne der Analyse schmerzlich gesinnt zu sein.
Tom wandelte mit dem Gehirninhalt eines zerstreuten Professors in Richtung seiner Wohnung. Es war erst wenige Minuten her, da hatte er noch mit Anna auf der Bank gesessen und doch fühlte es sich für ihn so verstaubt an. Wenn er an sie dachte, erschien ihr Bild vor seinen Augen wie das einer Gestalt aus einem Märchen das schon lange nicht mehr erzählt wurde. Wie konnte das sein, ihr Bild so verstaubt und seine Gefühle noch so in Aufruhr. Nicht um sonst, habe ich den Entschluss gefasst, sie nicht mehr wiederzusehen, doch das Schicksal meinte es wohl anders und hat uns auf unverhofftem Wege wieder zu einander geführt. Nervös fuhr Tom sich mit seiner Hand durch sein vom Wind zerzaustes Haar. Es tat einfach so gut, mit jemandem reden zu können, von dem man wusste, das er einen auch wirklich verstand. In ihrer Nähe fühle ich mich irgendwie geborgen, so etwas empfinde ich in Carlas Nähe nie. Sie versucht zwar einfühlsam zu sein, ist aber um ehrliches Mitgefühl zu empfinden viel zu roh, eine Hülle ohne Inhalt einfach. Anna ist da ganz anders, bei ihr spüre ich mich wieder, ein Zustand dem ich seit Fannys Tod den Status unmöglich gegeben habe. Ich dachte ich könnte nie wieder so fühlen, bis ich Anna traf...aber was ist das zwischen uns eigentlich? Tom wusste es nicht zu deuten oder wollte er es ebenso wenig wie Anna? Nun war er an seiner Wohnungtür angekommen, wo er lieblos den Schlüssel hineinschob und sich darauf vorbereite Carla auf seinem Sofa vorzufinden. Er trat in seine Wohnung ein und ein kalter Hauch schlug im ins Gesicht, obwohl die Heizung an war. Ein frösteln jagte durch seinen körper und stellte die Häärchen auf seiner Haut auf, lag es letzendlich wirklich an der am Sofa platzierten lebenden schwarzen Statue mit Mini-Minirock? Bei Anna auf der Parkbank hatte er zumindest keines Wegs gefroren, sondern Wärme ins sich gespührt. Ein Gefühl das ihm seit Fannys Tod fremdgeworden war, doch mit Anna kehrte es wieder, nämlich in der Kälte so viel Wärme zu empfinden.
Anna und Paloma saßen in Annas Zimmer, in ihren Händen hielten sie beide eine dampfendheiße Tasse Ingwer Zitrone Tee in den Händen. Der Schein einer lilanen Kerze erhellte das Zimmer und ließ den etwas zauberhaften Flair doch bestehen, den die Dunkelheit in Annas Zimmer getragen hatte. Anna schlang ihre Finger um ihre Tasse wie sich das Seegras um die Beine der Schwimmer, ehe sie in stockenden Lauten zu berichten begann, welche Erlebnisse der heutige Tag für sie bereit gehalten hatte. "Es war irgendwie sonderbar, als er plötzlich wie aus dem Sand erschaffen neben mir stand und um den Sitzplatz bat. Welche Worte seine Blicke auch geformt haben, seine Stimme blieb unbenutzt. Ein Schleier aus einem unbehaglichen Cocktail umzog sie beide, während jeder von ihnen den Schock der Begegnung verarbeitete und nach Worten fischte. Paloma, ich kann mit niemandem so gut reden wie mit Tom, ich spüre es einfach so als ob er jedes einzelne Wort das ich ausspreche, schon wüsste...in seiner Nähe fühle ich mich so unheimlich geborgen, ich kann es mir nicht erklären, aber-" Anna brach ab. Schweigen erfüllte den Raum und Anna nahm einen tiefen Schluck von ihrem Tee. Das heiße Aufgussgetränk bahnte sich brennend seinen Weg hinab in Annas Magen. Der Schmerz kam ihr gerade gelegen um ihre Grübeleien über Tom und seine Rolle in ihrer emotionalen Welt ruhigzustellen. Doch sie hatte die Rechung ohne Paloma gemacht. "Das ich das jetzt richtig verstehe. Der Typ der dir auf Osteroog das Leben gerettet hat und am nächsten Tag ohne Gedanken an gute Etikette verduftet ist, ist dieser Tom von der Parkbank?" Anna ärgerte sich instinktiv so offenbarend gegenüber ihrer Freundin gewesen zu sein, obwohl sie ihr seit Jahren jedes noch so haarkleine Detail ihrers Lebens anvertraute. Es war einfach befreiend gewesen, alles mit jemandem zu teilen, der einen verstand, doch irgendwie schwante es Anna, das Paloma sie in dieser einen Situation eindeutig falsch verstand oder wollte sie selbst etwas nicht verstehen? Anna lenkte ihren Blick tief in ihre Teetasse, fast so als ob sie darin eine Antwort oder auch eine Erklärung zu finden dachte.
"Tom, schön das du da bist! Wo warst du denn solange, ich warte hier schon eine Ewigkeit auf dich" in ihrer süßseuselnden Stimme war die Spur von Ärger unüberhörbar. "Das Essen ist auch schon kalt", setzte sie noch einen drauf. Tom hatte mittlerweile so etwas wie eigene Sensoren dafür entwickelt. Er wusste genau, auch wenn er sich jetzt nichts anderes als seine Ruhe wünschte, würde er sie nicht bekommen. Carlas Pose verdeutlichte Tom ihre Absichten eindeutig und was das Essen betraf, wieder eine von Carlas nervigen Versuchen sich wichtiger zu machen als sie es in Wahrheit verdient hat. Innerlich stönte er laut auf. Als hättest du schon irgendwann mal einen Kochlöffel zwischen deinen pedikürten Fingernägeln gehalten. Das einzige was für dich zählt, ist deine eigene Erscheinung, du verdammt Egomanin, Anna würde sich bestimmt nicht zu benehmen, nein sie würde nicht einmal auf die Idee kommen sich so überhelblich aufs Sofa zu pflanzen. Sie wäre besorgt über meine Verspätung, aber nicht gerei- Hoppla, was mach ich da. Ich bin doch jetzt vollkommen vom Weg abgekommen, denk allen ernstes darüber nach wie eine Frau reagieren würde die ich zweimal gesehen habe und vergleiche sie im Beisein aller Sinne mit meiner Lebensgefährtin. Herr Gott, was ist mit mir los? Unbedacht seines Besuches donnerte er seine Jacke unter einem schweren Laut auf den Küchentisch. Leider weckte ich damit Carlas Interesse an meinem bisherigen Verbleib erst recht.
Carla traf die Flugshow der Jacke ihres Lebensgefährten wie ein Donnerschlag und so deutete sie das Geräusch als ihren Anpfiff zum Auftritt. Bedacht einem Model auf dem Laufsteg in Mailand zu gleichen, stolzierte sie mit ihren hohen Bleistiftabsätzen in seine Richtung, schmiegte ihren Körper zart an den seinen und hauchte ihm verständnisvoll in die Ohrmuschel. "Schatz, willst du mir nicht endlich erzählen was dich bedrückt", zusätzlich unterstrich sie ihre Stimme die den Klang eines Wolfes nach dem übermäßigen Genuss von Tafelkreide hatte, mit einem zuckersüßen und zugleich verführerischen Lächeln. Als Frau brauchst du wirklich nicht viel können, denn Männer haben ihr Hirn sowieso nur in der Hose, wähnte sich Carla am Ziel und machte sich schon siegessicher an Toms Hosenbund zu schaffen, während sie immernoch, aber mittlerweile etwas verkrampft ihren verständnisüberschwemmten Blick zu halten versuchte. Umso überraschter war sie, als Tom sanft aber doch bestimmt ihr Handgelenk packte und von seinem Hosenbund entfernte. "Carla, ich bin müde", sagte er lediglich und schon war er im Schlafzimmer verschwunden. Zurück blieb eine ratlos und stark angesäuerte Carla, die ihre Beivorrichtungen äußerst unsensibel aufeinander presste, um nicht in eine lautstarkte Schimpftirade über Toms Unverschämtheit zu verfallen. Was bildet der sich eigentlich ein, mich seine Freundin Carla Rhonstedt zurückzuweißen. Bisher habe ich noch von jedem immer alles bekommen was ich wollte und ich habe keine Lust das sich das ändert. Du wirst schon noch sehen was du davon hast, Tom. Sie holte ihr Mobiltelefon aus ihrem Blazer. "Hey, hier ist Carla. Können wir uns treffen?...Ja, ich hab dich auch vermisst" flötete sie in den Hörer, ihren Blick nicht aus der Richtung Schlafzimmer wendend.
Tom lag in seinem Bett, den Blick an die Decke gerichtet. Es hatte bisher immer geglaubt mit Carla glücklich zu sein, zumindest im Rahmen des für ihn möglichen. Seine Beziehung zu Carla ist nun ja...was ist sie...wenn er ehrlich mit sich selbst war eine einzige Farce, nichts als die Zweckgemeinschaft zweier Menschen die eine sehr billige Variante lebten um zu S.ex zu kommen, was Tom in diesem Moment irgendwie sehr schäbbig vorkam...Ich habe sie jedoch gewählt, weil ich mich vor einem weiteren Schicksalsanschlag auf mein Herz schützen wollte...doch jetzt traf ich Anna, deren Anwesenheit mich so sehr aus der Bahn wirft, dass ich...ja, was möchte ich eigentlich...einerseits vor ihr davonlaufen, mich ihrem Bann entziehen und andererseits in ihrem Zimmer campieren, um über ihren Schlaf zu wachen und keinen Moment ihres Lebens verpassen. Gott, ich werde langsam aber sicher wirklich zum wandelnden Wiederspruch. Tom Lanford, du bist mit Abstand der größte Masochist auf dieser Erde und wäre dies eine olympische Diszplin, so wärst du mit Sicherheit Olympiasieger. Carlas zart seuselnde Stimme unterbrach seine Gedanken und erkämpfte sich binnen zwei Sekunden seine volle Aufmerksamkeit. Was um Himmels Willen flötete sie da in ihr Mobiltelefon? Wer sollte Carla schon vermissen, ging es ihm durch den Kopf und im nächsten Moment steinigte er sich für seinen bösartigen Gedanken. Carla mochte nicht gerade sein Lebensmensch sein, aber das schenkte ihm nicht das recht so von ihr zu denken, schließlich war sie ja auch ein Mensch, war sie das?...na ja wie auch immer ein Lebewesen ist sie auf jeden Fall, schließlich atmet sie und hält täglich ihre Sitzungen dort ab, wo selbst der Kaiser zu Fuß hingeht. Eigentlich hatte er nicht vorgehabt sich den Kopf über Carla zu zerbrechen und nun tat er es doch und so geriet er immer tiefer in den Strudel des Suchtphänomens und das schlimmste daran war wohl, das er keinen Gedanken an Abwehr verschwendte. Es war nichts anders, als bei einem der begonnen hatte zu qualmen, schmecken taten ihm die Zigaretten bestimmt nicht, sie riefen sogar ein Übelkeitsgefühl in ihm hervor und trotzdem konnte man sich von ihnen nicht lösen. Eine Gewohnheit, ein Fluchtweg... Genauso erging es ihm jetzt mit den Gedanken über Carla. Tom zwang sich an ihr erstes Treffen, ihren ersten Kuss, was er empfand als er sie sah..., an eben all die Eckpunkte ihres gemeinsamen Lebensweges zu erinnern, nur um seine Gedankenwelt vor Anna zu verriegeln. Es durfte einfach nicht passieren, das sie Besitz auf sein Gehirn anmeldete, denn er spürte ganz genau, das sobald er ihr Einlass gewährt hätte, sie nicht mehr loswerden würde. Diese Tatsache flöste ihm ziemliche Angst ein, denn sie würde ihn auf kurz oder lang wieder in diesen besagten Zustand manövrieren, dessen Gastfreundschaft er sich schwor nie wieder in Anspruch zu nehmen - Schwäche. Tom braucht keine langatmigen Gedankenrechnungen anzustellen umzu wissen, dass Anna sein verkeiltes Herz freilegen würde, sie ahnt mit Sicherheit nichts von ihren Fähigkeiten und doch konnte sie ihm bzw. seiner Mauer gefährlich werden. Was das betraf, war Anna der sprichwörtliche Wolf im Schafs Pelz.
Susanne saß wie oft seit Ingos Abgang an ihrem Küchentisch, einsam und verlassen, nackt und ausgeliefert gegenüber ihrem Gehirn, dass ihr im Minutentakt zuflüsterte, das dies hier die Vorboten auf ihre Zukunft sind. Früher hatte sie wenigstens noch hie und da, das Gebrüll ihres Enkels aus der Argonie gerissen und die Stille zerfetzt, aber jetzt. Nichts, seit Anna sich wieder selbst um ihren Sohn kümmerte, nicht das Susanne dieser Umstand nicht mit Freude erfüllen würde, aber er verdeutlichte ihr einfach ihre Einsamkeit. Das Gefühl nagte von Tag zu Tag stärker an ihr. Oftmals musste sie sich hart gegen die Versuchung währen, sich an ihrer Tochter festzukrallen, wenn sie in die Küche kam um das Fläschchen für Felix warm zu machen. Jedesmal wenn die Türe von Annas Zimmer aufging, erwachte in Susanne eine Hoffnung und wenn ihre Tochter diese wieder schloss, erstarb diese Hoffnung. Früher habe ich gelacht, wenn mir jemand seine Qualen der Einsamkeit gebeichtet hat und mir gedacht, wie schön Ruhe sein muss, doch jetzt weiß ich was jeder einzelne von ihnen gespürt hat, denn ich erfahre es gerade am eigenen Leibe. Eine Weile übt sich ihr Geist im nichts tun und ihr Blick fließt ins Leere, wo sich ihre Augen nach einer Zeit an eine Kontur gewöhnen, die einem alkoholischen Getränk gehört. Die Weinflasche scheint Susanne förmlich magisch anzuziehen. Mit einem Satz steht sie an der Anrichte, ihre Finger umfassen die Weinflasche mit einem Klammergriff, gekonnt befreite sie die Öffnung von der Anwesenheit des Korkens. Mit dem nächsten Handgriff führte sie die Flasche an ihren Mund und im darauffolgenden Augenblick floss auch schon die ölige Flüssigkeit ihre Kehle hinab. Sie fühlte sich sofort um einige Lasten erleichtert und genoss die Leichtfüßigkeit die ihr der leichte Schwips bescherte in vollen Zügen, als sie hinter sich ein Räuspern vernahm. Erschrocken fuhr sie herum, wodurch sich der Klammergriff um die Flasche löste und jene unter einem lauten scharfen klirren zu Boden fiel und sich eine rote Suppe über den Boden, ihre Hose und die hölzerne Frontseite der Anrichte ausbreitete. Susanne starrte abwechselnd das Chaos auf dem Boden und dann wieder die Person im Türstock an, fast so als wollte sie sich davon überzeugen, nicht zu träumen oder einer Halluzination aufgrund des ungewohnten Alkoholgenusses auf den Leim zu gehen.
"Ich...ich...es ist..." stammelte Susanne immer noch stark benommen, einerseits breitete sich langsam aber sicher der Schleier des Rausches in ihrem Gehirn aus, andererseits ließ sie die Überraschung oder besser der Schock ihren Titel "Herrin ihrer Worte" verlieren. "Nicht das wonach des aussieht?, Wolltest du das sagen? Nun gut auch wenn die Situation sehr eindeutig ist, frage ich trotzdem. Was ist des denn dann, wenn es nicht das ist wonach des für mich aussieht?" unterbrach der geschockte Ingo seine Frau. Susanne's Kehlendurchmesser verringerte sich in gefährlichem Ausmaß. Was soll ich jetzt nur antworten? Er hat mich nicht nur ertappt, sondern auch durchschaut...nun ja, das war aber auch nicht wirklich schwer. Sie war selbst überrascht wie klar ihre Gedanken augenblicklich wurden, wo sie doch gerade eben noch meinte von den Nebenwirkungen des Alkohols erfasst worden zu sein. Betropft senkte Susanne den Blick und starrte nun auf das rötliche gefärbte Nass zu ihren Füßen, in dem Glasscherben in verschiedensten Formen und Größen dümpelten. So musste es nach einer Flugzeugexplosion über dem Meer auf diesem aussehen. Nervös begann sie ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen zu verlagern, sie spürte die Blicke ihres Mannes auf ihrem Körper, ein gruseln lief ihr den Rücken hinab. Die Lage in der sie sich gerade befand war ihr zutiefst unangenehm und die Tatsache das sie allein die Verantwortung dafür hatte, machte es nicht leichter. Susanne's Wunsch dem Augenblick einfach zu entfliehen wurde schier übermächtig. Es kam ihr fast so vor, als würde er den ganzen Raum erfüllen. "Susanne" Ingos Stimme entriss sie ihren Gedanken, ihr Kopf schellte im ersten Reflex der Lage hoch, kurz streiften ihre Augen die seinen, ehe sich ihr Blick wieder auf das Flugzeugschaos zu ihren Füßen haftete. Susanne klammerte sich regelrecht an den Scherben fest...sie gaben ihr ein wenig jenes Haltes den sie seit dem Morgen an dem Ingo das Haus verlassen hatte so schmerzlich vermisste. Auf ihren Handflächen und in ihrem Nacken brach der kalte Scheiß aus, ihr Herz schlug einen schnelleren Takt an. Sie fühlte sich sprichwörtlich wie der Hamster im Rad. Die Schritte die auf dem Boden widerhallten, nahm sie nur ganz weit entfernt war.
Ingo konnte den Anblick, der sich im Moment seines Erscheinens seinen Augen bot, nicht fassen bzw. wollte er das auch gar nicht. Das passte einfach nicht zu seiner Susanne. Er hatte sie immer als eine starke Frau mit gewissen Grundsätzen eingeschätzt, aber anscheinend war ihm bei der Kalkulation ein Fehler unterlaufen, denn trinken hatte er bisher zu den Dingen gezählt, die für Susanne nicht als Option offen standen. Dieser Blick, als sie ihn bemerkte. Ihre Augen schrieen einfach nur völlig entsetzt und auch peinlich berührt, ertappt. Es war wie ein Schlag ins Gesicht für mich, ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit dem. Ich stand einfach nur da, wie die Kuh wenn’s donnert, völlig unfähig zu reagieren...Erst als die Flasche unter einem scharfen Klirren unsanft auf dem Boden landete, kehrten meine Lebensgeister zurück und ich begann allmählich langsam zu begreifen, das ich mich nicht in meinem Bett befand, sondern in der Küche meiner bisherigen Wohnung, vor mir meine Frau die ich gerade beim Alkoholmissbrauch erwischt hatte. Es war also wirklich war und keiner dieser Alpträume. Fassen konnte ich es trotzdem nicht, es fühlte sich einfach so unwirklich an, auch wenn der Beweis noch zu den Füßen meiner Frau liegt. Ich, oder sollte ich besser sagen mein Verstand will es einfach nicht begreifen, es würde einfach das Bild, das ich von Susanne in meinem Herzen herumtrage zerstören und das möchte ich nicht. Ich fühle mich momentan als würde ich in einem Universum aus Watte herumschweben.
Erst ihr verzweifeltes Entschuldigungsgestammel entriss ihn seines Paralleluniversums. Susanne versuchte sich herauszureden, wahrscheinlich hatte sie grad kein Glas zur Hand und war einfach nur überrascht über meinen Besuch. Ich wollte nicht, dass sie diese Lüge über ihre Lippen gleiten lässt und so unterbrach ich sie zuvor. Hätte sie diese Lüge ausgesprochen, wäre in mir eine unermessliche Wut aufgestiegen und das wollte ich unter allen Umstanden vermeiden, denn bisher regierte in mir nur die maßlose Enttäuschung. Susanne sah mich erschrocken an, ihr schien wohl bewusst zu werden, dass leugnen zwecklos ist. Im darauffolgenden Moment konnte man in ihren Augen das rotieren ihrer Gedanken erkennen. Es tut mir im Herzen weh, sie so zu sehen, aber ich kann mich einfach nicht dazu durchringen, zu ihr zu gehen und sie in meine Arme zu schließen. Bei dem Streit damals ist etwas zwischen uns zerbrochen, ich kann nicht sagen, was es ist, ich weiß nur das es mich gerade daran hindert zu ihr zu gehen. Es schwebt eine Distanz im Raum, die zu überwinden ich mich nicht mächtig genug fühle...den Blick von ihr wenden kann ich jedoch ebenso wenig. Ich fühle mich irgendwie berufen, mir ihr Elend anzusehen, um mir meinen Anteil an diesem Moment bewusst zu machen. Wäre ich nach diesem blöden Streit nicht abgehauen, sie war verletzend zu mir ja, aber eben auch mit den Nerven völlig runter oder aber auch damals vor der Else, als ich mir einbildete mir noch über ein paar Dinge klar werden zu müssen. Ich hätte wissen müssen, dass sie es nicht verkraftet...die Einsamkeit sie schön schleichend aufzufressen beginnt. Ich, verdammter Egomane hab natürlich nur an mich gedacht...vergessen das eine Ehe manchmal auch von einem verlangt zurückzustecken, sich mit einem Partner an einen Tisch zu setzen und einfach für die Ursache der jetzigen Lage zu reden...immer und immer wieder habe ich versucht mein Unverständnis durch Erkenntnissuche auszuräumen, was die hohe Scheidungsrate in Deutschland betrifft, doch vermochte es mir sehr lange verborgen zu bleiben, dass WARUM ernsthaft zu begreifen. Doch jetzt wo ich selbst auf die Scherben meiner Ehe, sein Blick senkte sich für einen Moment auf das Chaos zu Susannes Füßen, die durch den Schock ihrer Trägerin grausam und verfrüht aus dem Leben scheiden musste, begriff er es. Nie hätte er sich träumen lassen, das die Antwort so einfach war. Das miteinander reden war das Leben und Sterben einer Beziehung und nun scheint wohl meine dran zu sein, oder gab es noch eine Chance? Wie aufs Stichwort hob Susanne den Blick, in ihren Augen stand maßlose Beschämtheit und eben dieser Ausdruck löste in Ingo ein Gefühl der Wärme aus. Es strömte plötzlich durch seinen ganzen Körper und in seiner Magengegend vernahm er ein altbekanntes und doch fremdgewordenes Gefühl, dass ihn sichtlich verwirrte. Schon lange war es nicht mehr bei ihm gewesen, er hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben und jetzt!
Ingo trat langsam und bedacht auf Susanne zu, die Beschämung über sich selbst dicht hinter ihm. Kurz vor ihr hielt er inne. Seine Augen richteten sich auf ihr Gesicht bzw. auf ihr Haar, denn ihre Aufmerksamkeit galt dem Fußboden oder dessen Deko. Wahrscheinlich wollte sie ihm aber nur einfach nicht in die Augen sehen. Ingo wälzte seine Gedanken hin und zurück, was seine nächste Handlung betraf, die Unsicherheit war auf jeden Fall mit ihm. Soll ich es wagen oder nicht? Schließlich siegte die positive Überzeugung und Ingo breitet mit der wagen Andeutung eines Lächelns im Gesicht seine Arme aus. Er trat bewusst noch einen Schritt näher an seine Frau heran, die Hoffnung, dass sie ihm nicht entwischte stetig bei sich. Nun standen sie voreinander, zwischen ihnen war lediglich noch eine Nase breit Platz, der einzige Makel belief sich auf die Position des Kopfes seines geliebten Eheweibes. Hatte er sie mit seinem Verschwinden wirklich so sehr verletzt, das sie nicht die Energie aufbringen konnte seines Gesichtes ansichtig zu werden. So stand er nun da, verlassen von seinem Mut mit zur Erschließung des Gegenübers bereiten ausgestreckten Armen. Er fühlte sich wie der größte Depp und mit Sicherheit sah er auch so aus.
Susanne hatte die Schritte zwar wahrgenommen, jedoch nicht in ihren engeren Dunstkreis einbezogen. Sie hatten einfach so entfernt geklungen, als sie jedoch begriff das es Ingos Schritte waren die durch den Raum hallten und zu allem Überfluss auch noch auf sie zusteuerten, fühlte sie einen Moment noch grenzenlosere Verwirrung als in der Zeit zuvor. Susanne war sich weder ihrer Gedanken noch ihrer momentanen Gefühle sicher. Einerseits wünschte sie sich nichts sehnlicher als Halt in seinen Armen zu finden und andererseits wütete der Tornado der Empörung und leichten Wut in ihrem Inneren. Ein waschechtes Wechselbad der Gefühle eben. Susanne spürte ihn immer intensiver je näher er ihr kam, als Ingo schließlich neben ihr stand hätte sie vor Glück explodieren können, zwei Dinge hielten sie jedoch davon ab. 1. Die Tatsache mit seinem wortlosen Verschwinden. Er hat mich einfach alleine gelassen, dabei hätte ich ihn so sehr gebraucht, so sehr wie nie zu vor in meinem ganzen Leben. Annas plötzliches Verschwinden (scheint sie wohl vom Vater geerbt zu haben) hat mich völlig aus der Bahn geworfen und in Kombination mit dem Stress in der Küche, ich war einfach am Ende meiner Kräfte...dann kam sie endlich wieder und dann das...natürlich freute ich mich über ihre Wiederkehr aber ihr Anblick raubte mir die letzte Hoffnung auf ihre Rehabilitation... 2. Wenn ich explodiere, zerberstet mein Körper in tausende Einzelteile und meine Erdenbürgerschaft ist für immer beendet. Ich liebe mein Leben, auch wenn das nicht immer so aussieht und deshalb möchte ich es behalte...solange wie möglich! Ich rieche Ingos Atem, ganz nah bei mir und ich bin so unheimlich verzweifelt. Soll ich ihm verzeihen oder soll er sich verziehen? Susanne jetzt musst du dich allmählich wirklich einmal entscheiden...Ich möchte meinen Kopf heben, in seine Augen blicken und mich dann entscheiden, obwohl wahrscheinlich verliere ich mich und auch meinen Groll in ihnen. Einfach reden ohne dem Gegenüber ins Gesicht zu blicken, empfinde ich jedoch als ein Zeichen purer Feigheit und was man an anderen verurteilt, darf man selbst auch nicht vollziehen. Susanne versuchte ihren Kopf zu heben, was ihr auch nach 4 Anläufen nicht gelingen wollte. Sie empfand es als wäre ihr Deckel für den Hals in seiner jetzigen Position festgefroren. Nicht einmal einen winzigen Millimeter wollte er sich rühren. "Susanne, es tut mir wirklich leid...es...ich...Nerven einfach blank" begann Ingo stammelnd, seine Stimme passte sich nur äußerst gemächlich seinem gewohnten Redefluss an. "Als du sagtest ich...na ja eben das mit Annas Beerdigung...in diesem Moment ist mir so ein unglaublich Scharfstechender Schmerz durch meine Brust gejagt...ich fühlte mich wie auf den Kopf geschlagen...Ich brauchte einfach Zeit um mir über ein paar Dinge klar zu werden, um mich von diesen Schmerzen zu erholen. Deine Worte, sie haben mich irgendwie so verwundet, so wie einen eben nur jemand verwunden kann, denn man aus tiefstem Herzen liebt und genau das tue ich Susanne. Du bist die Frau mit der ich mein Leben verbringen möchte, du warst es immer und wirst das auch immer bleiben. Egal ob du mir verzeihen kannst oder nicht, mein Herz wird immer aus dem Rhythmus fallen, wenn ich dich sehe. Du bist DIE EINE für mich!" Über Susannes Wangen rannen während des zu Hörens stumme Tränen der Rührung. Allmählich wurde das Bild von ihrem geliebten Ingo zu einem Abbild jenes Bildes, das bei dem Streit zu Bruch gegangen war. Erneut startete sie sie einen Versuch den Kopf zu heben und sieh an, diesmal funktionierte es wirklich. Auf einmal wurde es ihr schlagartig klar. Es waren eben genau diese Worte gewesen, die ihre Seele gestreichelt haben und als angenehmer Nebeneffekt eine Entschuldigung waren, obwohl sie sich eigentlich entschuldigen hätte müssen. Sie hatte diesen Kraftschub gebraucht, um sich selbst wieder vertrauen zu können.
Susanne sah in Ingos Augen, woraus sie unglaublicher Schmerz und Angst anblickten, erst erschrak sie ein wenig, doch dann begann sie zu verstehen. Ihren Mann, der mit leicht nach vorne geneigten Schultern und hängenden Mundwinkeln ziemlich armselig aussah, plagten dieselben Sorgen wie auch sie selbst. Die Angst die zweite Hälfte zu verlieren. Was er vorhin sagte, das waren nicht bloß leere Worte gewesen, nein er hatte für sie sein Innerstes nach Außen gekehrt, eine der wundervollsten Arten auf stumme Weise jemandem seine Liebe zu gestehen. Susanne hatte es gespürt, doch zu glauben hatte sie es trotzdem nicht gewagt, weil die Angst vor einer Fehleinschätzung und somit einer weiteren Enttäuschung zu groß gewesen war, doch jetzt sah sie es vor sich. Ihre Intuition hatte sie auf den richtigen Pfad geschickt, gehen musste sie ihn jedoch selbst. "Ingo" Als er seinen Namen hörte, schien er wie ausgewechselt, die Schultern kippten zurück, seine Mundwinkel schellten ebenfalls nach oben und sein Gesicht erhellte sich. Es war als hätte sie bei ihm die "Leben"-Taste gedrückt. "Ich möchte mich bei dir entschuldigen...wie sollst du an unserem Streit die Verantwortung tragen, wenn ich es doch war die ihn vom Zaun gebrochen hat...ich war einfach nur so verzweifelt...Anna, ich dachte ich habe sie für immer verloren, aber es stand mir nun wirklich nicht zu mit solch verletzenden Argumenten um mich zu werfen. Niemand hat Schuld an Annas Handlung und jeder hat seine eigene Weise mit der Sache umzugehen. Ingo, es tut mir von Herzen leid, was ich gesagt habe, wenn ich es könnte würde ich es zurücknehmen, doch diese Option hält das Leben nicht bereit. Ich werde in Zukunft wirklich Acht geben auf das was ich sage. Bevor der Mund spricht, wird das Hirn denken, versprochen. Ich hoffe wirklich aus ganzem Herzen, dass du mir meine Torheit vergeben kannst" Susanne versuchte sich an einem zaghaften Lächeln, dass ihre Versöhnlichkeit untermalen sollte. Es dauerte keine halbe Minute und schon schlangen sich die warmen und Haltschenkenden Arme ihres Mannes um ihren Leib. Susanne fand sich in einer Kraftverleihenden Umarmung wieder, die ihr soviel Geborgenheit und Schutz vermittelte wie sie es die letzten Jahre nicht mehr verspürt hatte. "Glaubst du wirklich ich könnte so einem bezaubernden Wesen, wie du es bist nicht verzeihen, wenn es mir die Hand zur Versöhnung anbietet. Wir haben beide Fehler gemacht, zum Streiten gehören immer zwei und wir haben glaube ich beide unsere Zeche gezahlt, zumindest was mich betrifft ist es so." Aus jedem einzelnen von Ingos Worten spritze die Neugewonnene Energie. Susanne genoss einfach nur die Magie des Augenblicks, schwieg und dankte Ingo im Stillen für seine Nichterwähnung ihres Alkoholkonsums. In ihrer Freude über die Wiedervereinigung ihrer beider Leben bemerkten sie ihre Tochter nicht, die am Türstock angelehnt stand und lächelnd die Szene beobachtete. Auch Anna freute sich ungemein dass ihr Vater wieder da war.
Anna stand an der Wiege ihres Sohnes. Ihre Augen trugen Herzen, ihre Lippen schmückte ein Lächeln, sanft strich sie mit ein paar Fingern über das winzige Gesicht, die samtweiche Haut unter ihren Fingern fühlte sich beruhigend an. Felix strahlt immer so eine Friedlichkeit aus, selbst wenn er schläft und das wiederum beruhigt Anna ungemein. Die Türe zu ihrem Zimmer öffnet sich und Palomas Kopf reckte sich durch den Spalt. Annas Gesicht zeichnete ein großes stummes Lächeln um auf keinen Fall den ruhigen Schlaf ihres Juniors zu stören. Paloma verstand die wortlose Geste sofort und schlich sich unter Berücksichtigung der Nichtbenutzung ihrer Absätze zu Annas Bett, wo sie sich entspannt niederließ. Statt ihre Unterhaltung auf Zimmerlautstärke zu führen, einigten sie sich auf den Flüsterton, ebenfalls Felix zu liebe. "Hey Süße," Paloma schenkte Anna ein Küsschen auf die Wange. "Hey Palomi, Schön das du gekommen bist" "Ich hab gesehen, dein Vater ist wieder da...haben sich deine Eltern endlich ausgesprochen?" "Ach so, ja Gott sei dank, Mama war in letzter Zeit echt mies drauf...Die Eiszeit mit Papa hat ihr echt zu gesetzt und mich freut es natürlich auch total, dass er wieder da ist. Gestern Abend in der Küche, du hättest die beiden sehen sollen, wie sie einander in den Armen gelegen haben. Ich hab mich so für sie gefreut, ich kann dir das gar nicht beschreiben" Anna entglitt als Begleitgeräusch ein Seufzer der Erleichterung. "Jetzt brechen hoffentlich echt mal wieder bessere Zeiten an", fügte sie mehr flehend als überzeugt hinzu. "Ganz bestimmt, Süße. Die hast vor allem du wirklich verdient, die letzten Monate waren ja wirklich hart, eine richtige Bewährungsprobe..." "Die ich um ein Haar verloren hätte" Annas Miene wurde mit einem Mal traurig und ausdruckslos, doch ein Funke Freude blieb, dessen Gestalt, der ihres Retters verdammt ähnelte. Palomas Antlitz nahm einen ratlosen Ausdruck an, ihre Stirn legte sich besorgt in Falten und sie beugte ihr Gesicht noch näher zu Anna. "Als ich abgehauen bin...ich...ich wollte nicht mehr zurückkehren...mein einziger Wunsch war es...Jonas wieder zu sehen" Ihre Stimme klang fragend und zitterte ein wenig, Anna war sich nicht sicher ob es richtig war Paloma reinen Wein einzuschenken. Anna senkte beschämt den Blick und sprach nicht weiter, sie hoffte inständig, dass Paloma sich selbst einen Reim aus der Lage machen konnte, was diese auch tat. Paloma saß einen Moment lang mit geöffnetem Mund da, als hätte man sie in ihrer Bewegung versteinert. Langsam begann alles in ihr zu sacken, hatte sie das gerade richtig interpretiert und gehört? Wollte Anna wirklich aus dem Leben scheiden?...Ja, genau das wollte sie. In Paloma begann der Baum der Schuldgefühle zu wuchern als hätte er einen ganzen Supermarktvorrat an Substral auf einmal gesoffen. Ich bin doch verdammt noch mal deine beste Freundin, wie konnte ich das denn alles einfach nicht mitbekommen. Ich hätte es merken müssen, für Anna da sein müssen. Du hast nichts falsch gemacht und vor allem ist ja alles gut gegangen, meldete ich sich ihre innere Stimme. Verdammt, noch mal Paloma du bist ein egoistisches Scheusal, beschimpfte sie sich in Gedanken selbst. Annas Geständnis grub wirklich heftig ihr, es löste richtige Bergumbettungen aus. Paloma wollte und konnte es einfach nicht fassen. Dieses Geständnis hatte ihr eben den Boden unter den Füßen weggezogen. Warum? Warum? Warum? Wieso ist sie mit ihren Sorgen nicht einfach zu mir gekommen? Anna wollte keine Hilfe und sie hätte sich auch von dir erst gar nicht helfen lassen und jetzt hör endlich auf dir den Kopf über eine Tatsache zu zermatern, die du sowieso nicht mehr beeinflussen kannst, kam es von der inneren Stimme. "Sorry, ich glaub...kann...fassen...unglaublich...ich...Schock" Paloma bekam so sehr sie sich auch mühte, keinen vernünftigen Satz zu stande, zu sehr nagte das soeben erfahrene an ihr. Sie rang nicht nur nach Worten, sondern auch nach Luft, denn es kam ihr so vor als hätte der Schock ihr das atmen verlernt. Ihre Kehle war mit einem Mal ganz eng geworden, ihr Rachen brannte. Allein der Gedanke daran, machte Paloma schon ganz wahnsinnig. Wenn ich mir vorstelle, nein, nein, das daran darf ich nicht denken...es ist alles gut ausgegangen. Gott sei Dank Anna sah Paloma erst nur an, doch als sie ihren unregelmäßigen Atemrhythmus vernahm, legte sie ihre Hand auf die ihrer Freundin und half ihr mit Hilfe des anschaulichen Vorzeigens wieder im Takt zu klatschen. "Mach dir nicht so viele Vorwürfe, du kannst nichts dafür, ich war es die diese Entscheidung getroffen hat und somit hätte mich nichts und niemand von meiner Überzeugung abbringen können...und es ist ja noch mal gut ausgegangen, also Kopf hoch. Ich hätte es wirklich besser für mich behalten sollen" Das war jetzt echt notwendig Anna, machst im Nachhinein die Pferde scheu. Paloma versteift sich jetzt in Schuldgefühle und nur weil du deine Klappe nicht halten konntest...wenn Mama davon erfährt, die trifft doch glatt der Schlag und ich bekomm rund um die Uhr Bewachung. Anna Broda, du bist wirklich ein dummes Huhn, schweigst so viel und redest dann noch im falschen Moment. Klasse wirklich! Um ihre Worte zu bestätigen, schob Anna mit ihrem Finger das Kinn ihrer Freundin nach oben. Teils aus Rührung, teils aus Erschöpfung kullerten nun Paloma die Tränen aus den Augen. Es war wirklich wie ein Schlag ins Gesicht für sie gewesen. "Palomi, mach dir keine Vorwürfe. Ich bin ja zum Glück noch rechtzeitig zur Vernunft gekommen und jetzt hör auf zu flennen...du machst mich ja noch ganz sentimental" Jetzt kullerten auch aus Annas Augen Tränen, die Erinnerung an die schwärzesten Stunden ihres Lebens erfüllte sie einfach mit Traurigkeit. "Es hat alles sein Gutes im Leben, hörst du" "Was soll dein beinahe Selbstmord schon gutes haben" fragte Paloma wütend und schniefend. "Ich hab auf Osteroog einen ganz tollen Menschen kennen gelernt, er hat dieselbe schmerzvolle Geschichte hinter sich wie ich...wenn ich mit ihm spreche, habe ich einfach das Gefühl er spricht mit mir aus der Seele...Ich hab dir ja letztens von ihm erzählt. Ohne dieses Ereignis hätte ich ihn bestimmt nie kennen gelernt, also sieh es einfach mal positiv" Annas Gesicht trägt plötzlich ein Lächeln. "Und schau mich an, mir geht es so gut wie schon lange nicht mehr", Anna deutete auf ihr von Freude übersätes Gesicht. Paloma schluckte hart und obwohl ihr der Sinn überhaupt nicht danach stand, begann auch sie zu lächeln, Annas Fröhlichkeit war einfach ansteckend. "Komm her, Süße" Paloma zog ihrer Freundin beherzt in ihre Arme.
Eine unschätzbare Weile lagen sie einander Kraft auftankend in den Armen, ehe Anna den Klammergriff um den Rücken ihrer Freundin lockerte und sich schließlich ganz aus ihrem körpernahen Dunstkreis entfernte. Palomas Mundwinkel versuchten immer noch den Boden zu küssen und ihre Gesichtshaut sprach mit ihrem fahlen Teint auch ihre eigene wenn auch wortlose Sprache. Anna deprimierte der Anblick ihrer Freundin und so versuchte sie sich krampfhaft an einem Lächeln, das jedoch den gekünstelten Touch nicht wirklich loswurde. "Sorry, ich raff das alles einfach noch nicht ganz...das...also dein Geständnis hat mich getroffen wie ein Schlag auf den Kopf...ich habe dich zwar verstanden, aber ich kann deine Worte und das Gesamtbild das sie am Ende ergaben, einfach nicht begreifen. Ich fühle mich wie in einem Universum aus Watte, ich empfinde zu fallen und doch spüre ich nie den berühmten harten Aufschlag ...die Wahrheit ist so nah und doch wieder so fern...Anna ich bin vollkommen von der Rolle...ich weiß einfach nicht was ich dir antworten soll, ich fühle mich so hilflos und meine nur die falschen Worte parat zu haben. Verzeih mir" hauchte sie mit von Beschämtheit gewürzter Stimme, die hin und wieder ihren Klang verlor. Paloma fühlte sich seit Annas Geständnis so mies wie fast nie zuvor. Sie sah in das Gesicht ihrer Freundin, die ihre Muskeln anschaulich krampfhaft zu einem Lächeln zusammen zu halten versuchte, doch Paloma kannte Anna nun schon lange genug um zu wissen, das keine ehrliche Freude dahinter steckt.
"Paloma, du hast keine Schuld daran, dass habe ich dir jetzt schon weiß ich wie oft erzählt, aber ich kann durchaus verstehen das mein freimütiges Geständnis an dir nagt. Wahrscheinlich würde ich nicht anders reagieren, sehr sicher sogar würde ich am Rad drehen. Die Frage nach dem berühmten "Weshalb", ich weiß wirklich nicht wie viele tausend Male sie in den letzten Tagen über mich hereingebrochen ist...eins weiß ich jedoch mit Bestimmtheit, Antwort hat sie mir bei ihren Überfällen und Belagerungen nie eine Hinterlassen und das aus einem einzigen Grund. Es gibt keine! Niemand weder du, noch meine Mutter, ich oder sonst jemand kann wirklich ergründen weshalb ich es getan habe, mal abgesehen von der Verzweiflung und Aussichtslosigkeit, die mir mein Dasein als sinnlos erkennen ließen. Doch ich denke dieser Umstand ist nicht genug, da vielen Menschen ein solches Schicksal wiedereilt und würden alle diesen einsamen und ... Weg einschlagen, so könnte nicht mal mehr die massenhafte Einbürgerung von Türken, das Minus in der Bevölkerungswachstumsstatistik ausbügeln. Es muss mehr sein, als nur diese bloße Schmerzreaktion, dass weiß ich ganz genau, ich spüre es sogar, doch meine Sinne verwehren mir die Auflösung des Rätsels. Ich selbst war ja nach einigem Abstand zu diesem Geschehnis auch über die Maßen schockiert über mich selbst. In diesem Sumpf aus Trauer und Hoffnungslosigkeit habe ich einfach nicht angedacht, ich glaubte ernsthaft ohne Jonas nicht leben zu können, ohne dabei Felix in mein Gedächtnis zu rufen. Er ist immer hin ein Teil von Jonas, denn schließlich ist er ja unser gemeinsamer Sohn." Die Tatsache, dass Felix ihr so gut wie egal war und sie ihn nicht als liebenswert empfinden konnte, verschwieg sie beharrlich vor Paloma, sie würde sich nur weiter mit Selbstvorwürfen zerstückeln, ein Umstand den Anna keinesfalls herbeiführen wollte. Was das überlassen ihrer sterblichen Hülle an Gott anging, sie konnte es nicht weiter vor ihrer besten Freundin verschweigen. Dieser Umstand quälte sie tatsächlich Tag und Nacht und sie musste es einfach mal jemandem gegenüber loswerden und außer Paloma war Anna da niemand kompetenter eingefallen, denn Tom, ihren persönlichen Schutzengel traf sie ja nur auf Gutdünken, ein schier uneingrenzbarer Zeitraum, das konnte morgen, nächste Woche oder erst in 3 Jahren sein. Das war einfach zu riskant, es würde sie innerlich auffressen, wenn sie stets mit dieser Wahrheit alleine wäre. So wenig sie sich das noch vor einiger Zeit vorstellen konnte, Reden half wirklich. Das und noch anderes hatte sie von ihm gelernt.
" So Paloma nun aber genug Trauerklöße gebacken, das Leben geht da draußen vor diesen Fenstern stetig weiter und ich möchte wieder dazu gehören. Verstehst du? Nach Jonas Tod da habe ich mir geschworen nie wieder zu designen, doch jetzt sehne ich mich komischerweise wieder danach. Damals als ich mit dem entwerfen begonnen habe...bezeichnete ich es als meine Bestimmung, sozusagen gleichzusetzen mit meiner Liebe zu Jonas" Nun wartete Anna schon fast sehnsüchtig auf das Feuchtwerden ihrer Augen, den schmerzhaften Stich in ihrem Herzen, die Gänsehaut etc... doch nichts davon begann sie wie in schon gewohnter Manier zu besiedeln. Es blieb einfach alles so wie bisher, okay es wurde ihr schon etwas schwer ums Herz, aber das galt für ihre verstorbene Großmutter Irmgard ebenso. Sie hatte sie auch sehr geliebt, ihr Tod damals war ein Schock gewesen, nach ihrem Vater war eine ihrer wichtigsten Bezugs- und Vertrauenspersonen von einem Tag auf den anderen ohne jegliche Vorahnung aus ihrem Miniversum verschwunden...noch vor ein paar Wochen war ihr dieser Umstand, diese Akzeptanz im Bezug auf Jonas unerreichbar und vor allem unmöglich erschienen, doch jetzt. Das von der Seele schreiben hatte also doch seinen Dienst getan und ihr über diese Schlucht durch die der Bach mit dem Wasser der Nekrophilie gespeist fließt geholfen. Die Brücke war alt, unheimlich wackelig und lang gewesen, doch jetzt war sie Anna Broda endlich am anderen Ende angekommen. Es war ein schmaler Grad, voller heimtückischer Verlockungen und Gefahren denen ich zu guter Letzt doch allen widerstanden habe, ehe es zu spät für Einsicht war...Okay, aber was wollte ich eigentlich Paloma sagen? Annas Blick glitt sofort auf das Antlitz ihrer Freundin sie gebannt und auch etwas skeptisch sowie erwartungsvoll ansah. In ihren Augen blitzte durch den Nebel des Entsetzens so etwas wie Hoffnung, nur ganz zart und fast für das menschliche Auge nicht erkennbar, aber vorhanden. Dieser Umstand erfreute Anna zusehends, ihr Gesprächsthema musste also positiv motiviert gewesen sein. Aber was? Anna warf die Turbinen in der Schnelligkeit und Intensität eines Raketenstarts an und wartete auf das Ergebnis der Suche. Um die Zeit bis dahin zu vertreiben, lächelte Anna Paloma fröhlich und aufmunternd an. So als wollte sie sagen: Palomi, ich bin wieder im Leben zurück, du kannst mir vertrauen. Es wird alles gut. Das wichtigste bei dieser Aktion war aber allenfalls, die Tatsache das Annas Lächeln diesmal durch und durch ehrlich war. Es kam einfach tief aus ihrem Herzen heraus. Paloma schien diesen Umstand zu erkennen bzw. sah es zumindest so aus, denn sie erwiderte das Lächeln ihrer Freundin und als hätte diese Geste sie wieder zusammengeführt, fiel Anna plötzlich das Thema von vorhin auch wieder ein. Paloma öffnete gerade den Mund um etwas zu sagen, doch Anna deutete ihr im Schweigen zu verharren. Es war das designen gewesen richtig, von dem Anna gesprochen hatte. Für Anna jedenfalls war es der schönste Vorbote für ihre spätere Alzheimererkrankung. Früh übt sich schließlich, wer ein Meister werden will!
Teil 87
"Nun, Paloma was ich dir vorhin sagen wollte ist folgend: Also ich lieb Felix wirklich sehr und empfinde es als schönste Idee Gottes, mir diesen Jungen zu schenken, auch wenn der Umstand das er ohne Vater zur Volljährigkeit schreiten wird, mich etwas traurig macht. Studien zufolge sollen solche Jungen ja recht eigenwillige Käuze werden, aber dieser Umstand lässt sich ja nun mal nicht mehr ändern, also Schwamm drüber. Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass ich mich etwas unterfordert fühle. Paloma ich möchte wieder arbeiten, aber richtig, es ist wichtig neben dem Mutterjob auch noch etwas anderes zu haben." Paloma lächelte wissend. "Dann machs doch, Zauberhaft war ja sowieso euer gemeinsamer Traum gewesen", sagte Paloma aufmunternd und berührte die Freundin etwas zaghaft an der Schulter. "Das schon, aber das kann ich nicht, es geht einfach nicht. Es gibt da eben dieses Problem, sonst hätte ich es ja sowieso schon längst gemacht." "Wegen Jonas?! Macht dir die Erinnerung die in eurem Label steckt zu sehr zu schaffen, ich kann es dir-", weiter kam sie nicht, denn Anna unterbrach sie dezent aber bestimmt. "Nein, das ist nicht das Problem. Die Sache ist die. Natascha hat nach Jonas Tod den Kredit, den wir laufen hatten übernommen, damit ich nicht gepfändet werde, so weit so gut, allerdings bräuchte ich für einen erneuten Start wieder Kapital, das weder ich noch sonst jemand hat und Kredit bekomme ich bestimmt keinen. Eine junge Witwe mit einem Säugling ohne Rückversicherungen...Das kannst du vergessen, von der Bank bekomme ich keinen Cent Du arbeitest doch in einem Modeunternehmen "Lanford" richtig? Kannst du nicht mal fragen ob die-" "Du willst zu Lanford?" Paloma schien entsetzt über die Idee ihrer Freundin und Klein Felix machte ebenfalls mit lautem Gebrüll seine Meinung kund. "Ja, wieso nicht...es wäre eine große Chance für mich, das ist ja ein weltweit aktives sehr renommiertes Modeunternehmen...macht sich sicher gut in meinem Lebenslauf, wenn ich dort gearbeitet hätte...aber wahrscheinlich haben die sowieso keinen Job frei. Was glaube ich auch, dass die extra auf mich warten?" Den letzten Satz seufzte Anna mehr als sie sprach, während sie ihren Junior aus seiner Wiege hob und ihn zu stillen begann. "Bruno Lanford setzt sich auf die gleiche Stufe mit Gott, er denkt unentwegt, dass ohne ihn die Welt aufhört sich zu drehen und so benimmt er sich auch, sein Sohn hat ein Rad ab, der schaut immer drein also hätte die Henne ihm das Brot geklaut, dann wäre da noch Virgin, der persönliche Assistent von Bruno, ein Exzentriker durch und durch, natürlich stockschwul und in Brüno, wie er ihn nennt, verliebt...fällt regelmäßig in Ohnmacht oder heult...okay, der ist okay aber schräg halt...dann wäre da allerdings noch die schwarze Witwe, sie ist nicht wirklich eine aber...na ja sie trägt immer nur schwarz und spritzt Gift. Ihre Outfits würden eher auf den Straßenstrich passen, als in ein Modeunternehmen, aber Geschmäcker und Ohrfeigen sind ja bekanntlich verschieden. Jedenfalls ist sie mit dem Juniorchef verbandelt und spielt sie andauernd als Chefin auf. Die Frau ist wirklich schlimmer als Fußpilz....aber wenn du immer noch unbedingt dort arbeiten möchtest, ich kann ja einmal fragen...warte...Bruno ist letztens Fuchsteufels wild aus dem Büro seines Sohnes gestürmt, weil er ihm noch immer keine neue Designerin beschafft hatte und so weit ich weiß, hat sich dieser Umstand noch nicht verändert. Ich würde sagen, diese Chance schickt das Schicksal Anna" Anna runzelte etwas skeptisch die Stirn. "Scheint ja ne schräge Belegschaft zu sein", sagte sie schließlich etwas unschlüssig ob ihrer Idee. Jetzt schien Paloma dafür mit der Idee auf Kuschelkurs gegangen zu sein, denn die Worte brodelten nur so hocheuphorisch aus ihr heraus und über ihr Gesicht breitete sich ein strahlen. "Mann, das wäre so cool, wir könnten zusammen Mittagspause machen, miteinander quatschen wann immer wie möchten und ich wäre vor allem nicht mehr alleine in diesem Haifischbecken. Gott, Anna das wäre toll, ich freu mich schon drauf...aber was ist mit Felix? Ich meine, du kannst ihn ja schlecht mitnehmen?" Mist, darüber habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht, Anna wurmte es sichtlich das sie ihren Sohn in dieser Kalkulation vergessen hatte. Ärgerlich blickte sie auf ihren Sohn hinab, der mit seinen kleinen Fingerchen unentwegt nach ihren Haaren zu fassen versuchte. "Dafür findet sich schon eine Lösung, meine Mama ist ja auch noch da und noch habe ich ja den Job überhaupt noch nicht, wahrscheinlich bin ich viel zu harmlos für diesen Schuppen, scheint ja ein Käfig voller Narren zu sein, dieses Unternehmen." meinte Anna leicht abwesend und strich Felix sanft über seine kleine bausbäckige Wange, ehe sie ihn wieder zurück in sein Schlafgemach bettete und "Schlaf, Kindlein, Schlaf" anstimmte. "Anna, ich frag gleich morgen wegen der Stelle, schreib du schon mal deine Bewerbung. Gott, ich freu mich ja schon so. Es wird alles wieder wie früher, als wir noch bei Broda&Broda waren" Paloma schloss ihre Freundin, die zwischen Vorfreude und Schuldgefühlen ihrem Sohn gegenüber lamentierte, überglücklich in die Arme, ehe sie sich mit einem lockernden "Tschüss, bis morgen dann" und bis über beide Backen strahlend auf den Heimweg machte. Auch Anna begann wieder zu strahlen, nämlich wie sie ihren Sohn ansah, der sich nun wieder ins Träumeland begeben hatte. Felix sah einfach so friedlich und süß aus, wenn er schlief, kaum zu glauben, dass er sie in den ersten drei Monaten seines Lebens mit diesen Attributen nicht bestechen hatte können. Nun konnte sie sich einfach nicht mehr vorstellen, wie man diesen kleinen Wurm nicht lieben konnte. Dem morgigen Tag sah sie mit gemischten Gefühlen entgegen.
Tom saß in seinem Büro und war gerade dabei eine der Kalkulationen der neuen Kollektion durchzusehen, als ohne Vorwarnung die Türe zu seinem Büro aufgerissen wurde. Ein Indiz dafür, dass es sich bei dem ungebetenen Gast nur um seinen Vater handeln konnte, denn alle anderen in diesem Unternehmen tätigen Menschen besaßen das wissen vom Anklopfen vor dem Eintreten. Ein lauter Seufzer entrann seinen Lippen, denn nun kam die seit 3 Wochen schon traditionelle Morgenpredigt, deren Inhalt das fehlen einer kompetenten neuen Designerin war. Und nun stand sein Vater auch schon vor ihm, seine Miene gewohnt fordernd, ob des unleidlichen Themas. "Morgen", murmelte er knapp und ungewohnt leise, wenn man bedenkt, dass Gespräche normalerweise bei ihm nie unter der Dezibelbeschränkung, also dem Gehörschadenbereich abliefen. "Morgen, Vater" Ihn wegen des Anklopfens zu belehren hatte er aufgegeben, seine Exzentrik und der Chefposten schienen ihm Grund genug, um sich über jegliche Kniggegrundsätze hinwegzusetzen, Änderungen ausgeschlossen. So bereitete er sich lieber gleich auf das Wörterhochwasser vor, das in Form von Worten gleich über seinem Kopf zusammenschlagen wird. "Und hast du schon einen adäquaten Ersatz für Anke gefunden oder muss ich "Lanford sucht Designerin" als neues Format bei RTL anmelden?" Erneut verlor Tom sich einen Moment in seinem Seufzen, wohl einen Augenblick zu lange, denn schon drang die scharfe und viel zu laute Stimme seines Vaters in sein Trommelfell, welches unter dieser starken Beschallung zu schmerzen begann. Für einen kurzen Augenblick habe ich mich dazu hinreißen lassen, der Illusion zu erliegen, dass mein Vater erkannt hat, dass die Lautstärke seiner Stimme bereits an Körperverletzung grenzt. "Herr Gott, Tom...Ich habe ein Unternehmen zu führen, Termine einzuhalten, eine neue Kollektion zu entwerfen, wann geht das endlich in deinen Kopf, dass es dringend ist" "Carla ist doch auch noch da und dafür, dass dir keine Bewerberin recht ist, kann ich auch nichts", sagte Tom etwas resigniert, da er die Antwort sowieso schon kannte. Er wusste nicht warum er es trotzdem jedes Mal von neuem sagte. Anscheinend bin ich süchtig nach Schlägen mit der Keule, dachte er, denn das Bruno Carla nicht für die Reinkarnation der ultimativen Kreativität hält ist mir hinlänglich bekannt. "Carlas momentane Leistung hat viele Übereinstimmungen mit einem Kropf, er ist hässlich, niemand braucht ihn und er ist trotzdem da. Ach und Tom, bevor du jetzt mit einem weiteren Plädoyer für sie beginnst, spar dir die Luft zum atmen, hier ist es so wieso schon äußerst stickig. Nun aber zurück zu den Bewerberinnen: Die eine sieht aus wie Axel Ranisch, eben nur weiblich, die andere zeichnet wie Stevie Wonder, die nächste hat ne Fahne, dass man sie bis nach Stockholm riecht...was davon ist also brauchbar und auch wenn das jetzt krass klingt. Diese Firma ist weder ein Therapieersatz für Fettsüchtige, noch eine Talentschmiede für Möchtegern C-Promis ohne jegliches Potenzial und ebenso wenig ein Resozialisierungscamp für Fulltimealkoholikoleichen, Lanford ist ein renommiertes Modeunternehmen das einen Ruf zu verlieren hat." "Was ist mit Jule Pfendslander? Deren Entwürfe waren doch ganz gut, sofern ich das beurteilen kann" Der Gesichtsausdruck von Bruno wandelte sich von sauer auf mordswütend "Männer denken wohl wirklich nie mit dem Hirn sondern immer mit einem gewissen Körperteil unter der Gürtellinie" "Ach, tun sie das...aber wenn wir schon dabei sind. Dieser Aussage nach zu Urteilen zählst du dich zu den Frauen oder wie?" "Nein, aber ich benutze mein Hirn zum denken und vor allem unterhalte ich keine Beziehungen zu Frauen wie Carla" Tom entglitt ein wütendes schnauben, erst glaubte er schlecht gehört zu haben, doch seine Intuition flüsterte ihm, das diese Aussage sehr gut zu dem außerordentlich verkrüppelten Charme seines Vaters passte. Am liebsten wäre er über den Tisch hinweg, direkt seinem Vater an die Gurgel gesprungen, doch er verabschiedete diesen leicht skurill angehauchten Einfall bevor er ihn tatsächlich umsetzen konnte in seine geistige Asservatenkammer und stellte sich stattdessen die Frage, weshalb er wirklich mit Carla liiert ist. So blieb ihm nichts anders als sich in den Dunstkreis seines Vaters zu begeben und seiner Aussage beizupflichten, natürlich nur in Gedanken, sonst käme dieser noch auf die Idee den Rumpelstilzchentanz nach zu ahmen und in ein Hooligan ähnliches Freudengegröle zu verfallen. Eine schier Grauenerzeugende Vorstellung. Schon oft hatte er sich selbstgeohrfeigt für seinen Abstieg bei der Frauenwahl, Carla gehörte definitiv zu den unteren 10.000. Stopp, schrie er plötzlich innerlich, dieses Gedankenkarussell endet schlussendlich immer bei Fanny und ein sentimentales Coming Out ist das letzte womit ich hier und jetzt aufwarten möchte. Am Besten lasse ich diese Aussage einfach im Raum stehen. "Tom, das war nicht persönlich gemeint, du kennst mich ja, ich bin ein sehr gefühlsbetonter Zeitgenosse. Kannst du deinem alten Vater sein unpassendes Verhalten noch einmal verzeihen" fragte Bruno nun ehrlich besorgt. Innerlich empfand er seine Aussage zwar nicht als zurückrufenswert, aber anders kommt er bei Tom eben nicht voran. Er ist einfach ein vollkommen anderer Mensch. "Schon gut, Vater" Tom machte eine bedeutungsschwere Handbewegung. Bruno nahm sie auf und machte so gleich am Absatz kehrt, ehe er noch mal inne hielt. "Hör endlich auf um Fanny zu trauern. Lass sie los! Du hast es verdient zu leben, mein Sohn" Ein aufmunterndes Augenzwinkern und eine knallende Türe später war er verschwunden und riss sogleich diese sogleich wieder auf, um seinen Sohn an das fehlen der Designerin zu erinnern. "Was würde ich ohne dich nur machen?!", seufzte Tom seinem Vater behäbig hinterher. Erschöpft von dem verbalen Nahkampf ließ er sich in seinen Sessel zurückfallen, schloss die Augen und dachte einfach mal an gar nichts.
Anna saß an ihrem Schreibtisch, die Nacht war schon weit fortgeschritten, der Stift in ihren Händen wippte als Zeichen ihrer Nervosität und Unschlüssigkeit und ihr Blick richtete sich in Richtung des Stubenwagens mit den blauen Vorhängen, in dessen Innenraum ihr kleiner geliebter Winzling seiner momentanen Haupttätigkeit nachhing, dem Schlafen. Wenn ich nur wüsste was richtig ist? Ich will auf keinen Fall eine dieser rücksichtslosen karrieregeilen Mütter sein, die gesteuert von ihrem Selbstverwirklichungstrieb auf ihre eigentliche Hauptberufung vergessen. Gott, wenn ich nur wüsste was ich tun soll. Diese Entscheidung ist so richtungsweisend, es hängt einfach zu viel von ihr ab, als dass ich sie einfach mal so zwischen Tür und Angel treffen könnte. Entmutigt warf Anna den Stift hin und dieser schlitterte mit der Eleganz a la Karina Sarkissova (österr. Staatsopernballerina) über den Tisch hinweg. Leicht geistesabwesend starrte Anna ihm hinterher, fast so als erwarte sie eine riesige Rauchwolke, einen Donnerschlag oder die Frontseite von Ottfried Fischer´s verlängertem Rückgrad ohne Stoffummantelung. Palomas Worte zogen langsam durch ihr Gehirn. Ihren Schilderungen zufolge musste der einzige Unterschied zwischen dem Modeimperium Lanford und der Irrenanstalt die Telefonnummer sein. Will ich mir dieses menschliche Haifischbecken wirklich antun? Habe ich denn eigentlich nicht schon genug Probleme in meinem hochtechnisch verschlüsselten Lebensalltag? Erneut glitt ihr Blick zum Stubenwagen, der jetzt neben ihrem Schlaflager eingeparkt war. Das Mondlicht fiel durch die Rolladenlosen Fenster in das Zimmer herein und tauchte den Stubenwagen in eine geheimniserweckende Athmosphäre, der die vorherrschende Stille im Haus ein guter Hilfsarbeiter war. Ach, wenn ich nur wüsste was richtig ist? Noch vor wenigen Stunden bin ich von der Idee mich wieder vermehrt dem designen zu widmen vollkommen begeistert gewesen und jetzt? Jetzt sitze ich hier mitten in der Nacht in meinem dunklen von Mondlicht aufgehellten Zimmer und zermürbe mich mit Pro und Contra Gedanken. Annas Blick war immer noch auf Felix geheftet, der just in diesem Moment zu plärren begann. Hätte sie geschlafen, wären ihr vermutlich ein paar Flüche über die Lippen gekommen, einfach nur so aus Gewohnheit, denn sie liebte den kleinen Mann mitllerweile so sehr, dass sie gar nichts von dem was er tat, nur andeutungsweise als schlimm empfinden konnte und speziell jetzt empfand sie dies als punktuell gut geplantes Gedankenablenkungsmanöver. Sogleich erhob sie sich und trat an das Bettchen ihres Sohnes. Er reckte seine winzigen Fingerchen in ihre Richtung, während er weiter munter drauflos schrie, über Annas Gesicht huschte ein Lächeln, während sie sanft ihren kleinen Knirps aus dem Stubenwagen hob. "Was hast du denn mein Großer? Hmm", fragte Anna, obwohl es mehr als einleuchtend war, dass er ihr nicht antworten wird. Sie empfand es einfach als Akt der Gleichberechtigung zu fragen. "Weißt du was, wir legen dir jetzt einfach eine frische Windel an. Einverstanden" Sachte strich Anna über die kleine Stupsnase ihres Sohnes und schenkte ihm einen liebevollen Kuss, während sie mit ihm den Weg ins Badezimmer zur Wickelkomode beschritt. Mittlerweile hatte der kleine Felix sein Geschrei wieder eingestellt und seine Mundwinkel bewegten sich in leichten Ansätzen nach oben und seine stolze Mutter deutete dies als dankendes Lächeln für ihre Fürsorge. Ich habe wirklich das tollste Kind der Welt, okay das würde jede Mutter über ihr Kind sagen, aber im Gegensatz zu allen anderen habe ich 3 Monate gebraucht um diesen Umstand zu begreifen. Ganz schön doof von mir, was, aber besser spät als nie. Annas Herz wuchs täglich und das nur auf Grund der Liebe zu ihrem kleinen Sohn. Endlich konnte sie es genießen Mutter zu sein und es war mit Abstand das schönste Gefühl der Welt. Schade eigentlich, dass Felix ein Einzelkind bleiben wird, ich hätte sehr gerne noch mehr Kinder bekommen...Komisch, das ich gerade jetzt daran denke während ich meinem Sohn die Windeln wechsle. Noch so klein, aber schon kacken wie ein großer. "Puh und der Geruch ist auch nicht zu verachten", bemerkte Anna lächeln mit einer nasalen Stimme, denn sie verschloss ihr Riechorgan vor dem strengen Geruch der Windelfülle. Vorsichtig pflegte sie seine weiche Haut mit einem Öltuch, ehe sie ihm eine neue Windel anlegte. "So, mein Schatz. Jetzt gehen wir beide aber in die Heia, sonst ist die Mami morgen total übermudet" Felix "grinste" sie mit seinem entzückenden Gesicht keck an und seine großen blauen Augen musterten sie. "Das gefällt dir, was...Ja" Anna gab ihrem Sohn einen Kuss und ging mit ihm auf dem Arm wieder zurück in ihr Zimmer, wo sie Felix wieder in seinen momentanen Hauptwohnsitz bettete, ihm noch ein Schlaflied sang und schließlich selbst unter die Decke kroch um im Träumeland zu versinken. Eine Entscheidung im Bezug auf ihre Zukunft war heute sowieso nicht mehr möglich. Doch am nächsten Morgen hörte es nicht auf vom besser werden und so stand pünktlich um 8 die nächste fleischgewordene Katastrophe in Annas Zimmer, direkt vor ihrem Bett um genau zu sein...
Tom saß, wie jeden Tag auch heute schon zeitig am Morgen in seinem Büro. Carlas Nähe bereitete ihm in letzter Zeit immer öfter Erstickungsanfälle, was dazu führte das es ihn immer schon zu noch unchristlicher Zeit aus dem Bett trieb. Eine Art Ortsflucht vor seiner Freundin. Ich bin doch ganz schön bescheuert, renn noch im Halbschlaf aus meiner Wohnung um mir dann 2 Stunden des Morgens mit der Suche nach seiner passenden Ausrede für Carla um die Ohren zu schlagen, anstatt wirklich mal den Aktenberg in meinem Büro zu verkleinern. Morgens der erste und abends der letzte, ein toller Geschäftsführer bin ich. Tom seufzte gequält. In erster Linie bin ich ein feiger Hund der vor der unausweichlichen Entscheidung im Bezug auf Carla galant die Biege macht. Meine inneren Werte haben wirklich verdammt viel mit dem äußeren von Hape Kerkeling zu tun, beides deutet auf einen Wappler statt einen richtigen Mann hin. Resigniert rieb Tom sich die Augen, ehe ihm das gestrige Gespräch mit seinem Vater wieder in den Sinn trat und seinen müden Geist mit einem Mal putzmunter machte. Verdammt, ich habe immer noch keine neue Designerin. Bruno macht Hackmollys aus mir, wenn ich ihm nicht bald eine beschaffe. Was muss ich aber auch so einen exzentrischen Kreativen zum Erzeuger haben. Das Leben spart wirklich am meisten an der Güte. Das dezente aber bestimmte Klopfen an der Türe entriss Tom seinem Gedankenkarussell, das ihn langsam aber sicher den Drehwurm bekommen lies. Erleichtert schnaufte Tom durch, ehe er in gewohnt gleichgültigen Tonfall "Herein" sagte. Eigentlich murrte er diese Worte mehr als er sie sprach und sogleich erreichte ihn der nächste Gedanke, dessen Auswirkungen ihm den Atem im Kehlkopf feststecken ließen. Wenn Bruno flach fällt, heißt es nicht, dass mein Besucher ohne gröbere Nebenwirkungen auskommt. Carla, z.B. die macht mir heute sicher noch eine geschmalzene Szene über mein wortloses viel zu frühes und vor allem schon patenteres Verschwinden. Schließlich verlässt ein Butler nie vor bzw. ohne die Prinzessin das Schloss und in Carla keimt, besser gesagt wuchert unkontrollierbar die Vorstellung, sich zum Adel zu zählen. Erleichtert schnaufte Tom, die angehaltene Luft aus, als er Paloma erblickte, die mit einem etwas verwirrten Gesichtsausdruck auf ihn herab sah. Er musste sich allem Anschein nach einen Tick zu lange in seinen Gedanken gewälzt haben. "'Guten Morgen, Frau Greco Was gibt es?", brachte Tom in seiner emotionsverhungerten Geschäftsmanntonlage hervor nachdem er wieder seinen gleichgültigen Gesichtsausdruck aufgesetzt, sozusagen die Maske übergestülpt hatte. Paloma überlegte einem Moment welchem außergewöhnlichen Ereignis sie gerade stumme Zeugin sein durfte, denn auf dem fassettenfreien Gesicht ihres Chefs hatten sich soeben menschliche Züge geregt. Soll mich dieser Umstand jetzt beunruhigen oder die Hoffnung auf Menschlichkeit in dem unmenschlichsten Menschen aller Zeiten erwecken? Schwierige Entscheidung müsste ich nun eine Fällen, bei dem möchte ich keine Psychologin sein. Paloma entschied sich diese Überlegungen ruhend zu stellen, da sie schließlich wegen Anna in sein Büro gekommen war und nicht um sich an der Weiterentwicklung der Siegmund Freud Erkenntnisse zu betätigen. Ihr Gehalt belief sich ja schließlich auch auf den einer Tippse und nicht auf den eines Psychiaters. "Frau Greco?...Hören Sie, ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber sie sind sicherlich nicht in mein Büro gekommen, weil es hier wärmer ist als am Empfang. Wären sie nun also so freundlich mir ihr den Grund ihres Erscheinens darzubringen und mich somit nicht weiter von meiner Arbeit abzuhalten...Ich habe nämlich ein bisschen mehr zu tun, als Telefonhörer abheben, Termine einzutragen und als einladende Deko in der Gegend rumzustehen. " In Paloma begann es zu kochen. Was bildet sich dieser Snop eigentlich ein?...Stopp Paloma, reiß dich zusammen, du bist wegen Anna hier Paloma räusperte sich einen Tick zu laut ehe sie zum Rede ansetzte, während sie so tat, als hätte ihr Chef die letzten Worte nicht gesprochen. "Lanford sucht doch immer noch eine neue Designerin, oder? "Ja, wollen sie sich etwa bewerben? Ich muss ihnen gleich vorweg sagen, wir sind keine Talentschmiede für Spätberufene, sondern" Paloma schnitt ihm in seinem ziemlich harten Ton das Wort ab. Dieser Typ ist ein richtiger Brechreizbeschleuniger. Galant umging Paloma erneut seine letzten Worte, obwohl sie ihm am liebsten so was von die Meinung gegeigt hätte. Selbstbeherrschung ist wahrlich eine schwere Disziplin. "Das hier sind die Unterlagen von Anna Broda, meiner Freundin. Sie ist eine sehr begnadete Designerin. Werfen sie also mal einen Blick drauf, wenn es ihre viele Arbeit zulässt", sagte Paloma in einem extrem beißenden Tonfall, ehe sie sich zum gehen wenden wollte und direkt mit Carla zusammenstieß, deren Mimik darauf schließen ließ, dass sie als Frühstück 3 kg pure Zitronen verspeist hatte. "Paloma, würden sie uns bitte alleine lassen", sagte Carla, ihre Stimme glich ihrem Gesichtsausdruck ohne die Sekretärin auch nur eines Blickes zu würdigen. "Nichts lieber als das" "Und schließen Sie bitte die Türe...aber bitte von außen" Die Überheblichkeit ist an dieser, aus dem Genmaterial von Daniela Katzenberger und Gina-Lisa Lohfink entstandenen Tusse mit einem Hang zur Heavy Metal Fraktion hoher Wahrscheinlichkeit nach bei weitem unangefochten das Wertvollste. Ihren ganzen Frust zusammenraufend ließ Paloma die Türe mit einem lauten Knall hinter sich ins Schloss fallen um amüsiert zur Kenntnis zu nehmen, dass sie sofort hinter ihr wieder aufgerissen wurde. "Wollen sie das wir alle ertauben", brüllte Carla hinter ihr. Paloma konnte sich ein lachen nicht verkneifen und antwortete amüsiert. "Sie sagten ich solle die Türe von außen schließen, eine Dezibelbeschränkung habe sie meiner Erinnerung nach nicht erwähnt und wenn hier jemand von etwas taub wird, dann lediglich von ihrem sinnlosen Gebrüll" Ach und das Wort "ertauben" gibt es nicht, fügte sie noch stumm in Gedanken hinzu.
"Was um alles in der Welt machst du hier?", fragte Anna bestürzt und blinzelnd denn die aufgehende Sonne stahl sich mit einem Strahl genau durch ihr Fenster herein in ihr Auge. Krampfhaft versuchte Anna gegen die Blendung anzukämpfen und in das Gesicht ihres unerwarteten und irgendwie auch äußerst unerwünschten Besuches blicken zu können. Aus der Mimik bzw. den Augen kann man ja bekanntlich immer mehr erfahren, als aus den bloßen Worten und genau das wollte sie jetzt nutzen, doch der Sonnenstand würde ihr das erst in eine guten Viertelstunde erfüllen. Was um alles in der Welt sollte sie also bis dahin tun? Anna stand das Entsetzen und die Überraschung zugleich ins Gesicht geschrieben. Bitte lass mich erwachen und erkennen, dass all das hier nur ein böser Traum war. Verzweifelt schüttelte Anna ihren Kopf und blickte in alle möglichen Richtungen, bereit aus einer den Hinweis auf einen Fluchtweg aus diesem Szenario zu erhalten, doch nichts tat sich. Die fast bedrohliche Stille die den Raum erfüllte und auf der anderen Seite diese unendliche Leere, alles blieb und nichts kam. "und wo zum Himmel warst du in der letzten Zeit?" "Freust du dich denn gar nicht mich zu sehen, Anna? Wir hatten zwar immer wieder unsere Differenzen, aber schlussendlich sind wir doch ein Team" Die hat sie doch nicht mehr alle, also wirklich. Differenzen, dieses Wort ist viel zu schön um ihre sadistischen Psychospielchen zu beschreiben, deren Spielfigur ich immer war. "Erzähl mal, wie geht es dir?" " Katja, du bist sicherlich nicht hier aufgekreuzt um dich nach meinem Befinden zu erkundigen, dass hat dich nämlich die letzten 20 Jahre auch nie sonderlich gekümmert, also komm auf den Punkt, auch wenn Ehrlichkeit deinen Charakter nicht gerade grundlegend auszeichnet, frage ich trotzdem, wo du dich im letzten Jahr herumgetrieben hast und was zum Kuckuck du in aller Herr Gotts frühe hier in meinem Zimmer suchst. Es gibt, zu diesem Menschen zähltest nicht zuletzt auch du, die schätzen ihren Schlaf...Also, jetzt zum gefühlt hundertsten Mal. WAS willst du hier? Katja" Diese Frau besitzt tatsächlich eine Dreistigkeit die an die Unbeschreiblichkeit grenzt. Jeder andere Mensch würde sich nicht mal mehr in die Nähe seines Elternhauses trauen, nachdem er sich all diese irrsinnigen Schweinereien geleistet hat, wie Katja. Aber die scheint ihre unendliche Beschränktheit genau davor zu bewahren. Diese Frau hat selbst ihr Hirn blondiert, damit alles farblich zusammenpasst. Anna konnte zwar immer noch nicht wirklich gut in das Gesicht ihrer Schwester blicken, aber die war sich sicher, das ihr bei ihrer direkten Ansage die Kinnlade nach unten geklappt ist und sie gerade am Überlegen war, ob sie sich für eine gutklingende Lügengeschichte oder zum ersten Mal in ihrem Leben für die Wahrheit entscheiden sollte. "Anna... es ist so...also....naja...du musst mir helfen" sagte sie für sie in einem arg zaghaften Tonfall. Anna ließ sich theatralisch auf ihr Bett zurückfallen, denn wenn Katja mal Hilfe braucht, kann es nur bedeuten, dass ihre Lügengeschichten nicht mehr reichen um sich heraus zu manövrieren. Ein äußerst bedenklicher Umstand, wie Anna fand.
Nun war Toms Laune entgültig im Keller. Der Moment dem er schon den ganzen heutigen Morgen entgegen gefürchtet hatte, war mitten im Gange. Carla stand an der geöffneten Türe und keifte Frau Greco wie ein Köter nach dem Genuss von irgendwelchen Drogen hinterher. Ratlos stützte er den Kopf in seine Hände und wünschte sich die Fähigkeit des Beamens herbei. Überall auf der Welt, sogar in Afrika in einem Slum oder als Soldat im Irak wäre er momentan lieber als in diesem Büro in der Fima seines Vaters mit seiner stockwütenden Freundin. In solchen Momenten war diese Frau schlimmer als eine Hundertschaft Scharfschützen, Dronen und anderwertige Kriegswaffen in tödlicher Mission. Ein Bombenanschlag, eine Hungersnot und ein Tsunami am Strand von Thailand wären alle samt leichter zu überleben als die folgenden Minuten mit Carla. "Tom" Ihre Stimme durchschnitt die zum zerreißen gespannte Luft. Tom's Körper entglitt sogar einen Moment in ein unkontrolliertes zucken, doch er brachte es nicht über sich seinen Kopf aus seinen Händen zu erheben und dem Grauen in die Augen zu blicken. Er fühlte sich als würde ihn irgendeine finstere Macht in den Boden ziehen wollen. Tu es doch endlich! Jetzt ist der Augenblick so günstig wie nie zuvor und wie er in naher Zukunft nie mehr sein wird. Trenn dich von ihr, los Tom sei kein Waschlappen. Du bist doch ohne diesen überschminkten leblosen Holzploch besser dran, versuchte Toms innere Stimme ihr Glück. Doch wie des öfteren seit Fannys Tod siegte die Angst vor der Einsamkeit über den Verstand. Es war ziemlich unheimlich. Im einen Augenblick wünschte er Carla in die Wüste von Nevada und im nächsten konnte er sie nicht nah genug bei sich haben...das sind die Momente wo ihn die Gedanken an Fanny und die damit verbundenen Schmerzen überfielen, ein Umstand mit dem zu rechtzukommen er bis zum heutigen Tag nicht über sich brachte. Es war nicht so das er sich in Carlas Gegenwart besonders wohl fühlte, nein wohlgefühlt hatte er sich lediglich in derer der Fremden von der Insel. Anna "Schau mich gefälligst an, wenn du schon nicht sprichst" Erneut riss es Tom und diesmal schaffte sein Kopf auch den Weg aus den Händen. Er blickte in die funkelnden Augen seiner sozusagen Freundin. Er wusste, dass sie von ihm eine Antwort erwartete doch er war nicht gewillt ihr eine zu geben, was sie nur noch rasender machte. "Was ist los mit dir, Tom? Es ist doch immer gut gelaufen zwischen uns" "Deine Beschränktheit möchte ich haben", sagte Tom in kaum hörbarem Ton "Sag mal spinnst du, was fällt-" weiter kam Carla in ihrem hilflosen Ertrinkenspräventionen nicht. Wer nicht schwimmen kann, dem hilft alles strampeln nichts, irgendwann kommt der Moment in dem er absäuft. "Alles was außer unserem Schlafzimmer geschah, war zwischen uns nie etwas besonderes und ich kann mich nicht erinnern dir jemals anderewertige Versprechungen gemacht zu haben. Also was kleffst du hier so rum, wie ein Hund mit dem heute noch niemand Gassi gegangen ist." Carla schnaubte wie ein Holländer nach der Besteigung des Großglockners, nur mit viel mehr Wut in der ausgeatmeten Luft. "Ach, jetzt verstehe ich" brüllte sie plötzlich wie vom wilden Affen gebissen. Tom starrte sie nur fassunglos an. Auf welcher Erbse hat ihr Hinterteil jetzt wieder zur Landung angesetzt, das sie sich einbildet so einen Radau schlagen zu müssen. "Was verstehst du?", fragte Tom mit drastischem Ausdruck von Gelangweiltheit in der Stimme. "Das wagst du noch zu fragen. du bist wirklich das allerletzte" Carlas Tasche verlor sich in gefährlichen Lupings während sie weiter schrie, als hätte ihr jemand einen Holzpfosten in die Rückansicht gerammt. "Du v.öglest diese Tresensch.lampe dadraußen und bestitzt noch die Frechheit mich zu fragen, was ich habe...Du mieses Drecksch.wein...Arschpfeife..." Ist aus dem kleinen Gabelglimmen in ihrem Gehirn ein unkontrollierbarer Flächenbrand geworden oder was? Wovon zum Geier spricht die, Carla hatte ja immer schon einen Hang zu Wahnvorstellungen, aber das gerade setzt dem Theater echt die Krone auf. Wofür hält die sich eigentlich? Die Königin von Saba oder den Mittelpunkt der Erde. Während Tom in seinen Gedanken versank, begann Carla laut aus dem Wörterbuch der Fäkalsprache rezidierend, die Einrichtung vonToms Büro zu Kleinholz zu verarbeiten. Dieses Spiel fand erst eine Pause als die Bürotüre aufgerissen wurde und ein mordswütender Bruno hereinstürmte. "Was um alles in der Welt ist hier los?" "Nach was sieht es denn aus?" antwortete Tom "Na ja, eventuell dekoriert sie mein Büro gerade neu", fügte er noch gelassen hinzu, einen Tick zu gelassen, denn nun begann auch Bruno stark über der Gehörschadengrenze zu brüllen, was Tom äußerst wenig beeindrukte. Nein, dieses Schauspiel amüsierte ihn gerade zu, denn Carla befand sich gerade in der Situation sich selbst abzusägen. Sein Blick war irgendwo zwischen amüsiert und hocherfreut angesiedelt, ein Umstand den Bruno zu folgender Aussage inspirierte. "Sind in dieser Firma eigentlich alle ohne Verstand ausgestattet...die eine versucht in einer hochdramstischen und unsaglich peinlichen Aktion etwas zu retten, was schon vor seinem Beginn gescheitert ist...der andere sieht grinsend zu als hätte er Lachgas gefrühstückt...ein Käfig voller Narren" "Woran das wohl liegt? Wer außer einem Narren würde schon freiwillig hier arbeiten?" fragte eine Stimme aus dem Hintergrund plötzlich mit dem vollen Bewusstsein über das Ausmaß seiner Worte. Als Kind hätte er dafür vermutlichn 10 Jahre Stubenarrest, Mahlzeit nur einmal täglich und Computerverbot für 2 Jahre, sowie eine ausgedehnte Handydiät ausgefasst. Bruno verstummte augengblicklich, Tom war sowieso schon lange wieder in seine stoische Mimik abgerutscht, selbst Carla schien diese spezielle Stimmung aufgeschnappt zu haben, denn sie unterbrach ganz plötzlich ihr Holz gehacke. "Das ist unmöglich", hauchte Bruno atemlos.
Mit diesem Teil melde ich mich nach 3 Wochen wieder aus dem unfreiwilligen Krankenstand zurück. Ich halte dieses Werk nicht für eines meiner besten, aber irgendwie will ich euch Leser nicht noch länger warten lassen Liebe Grüße anna-fan 2010
Teil 92
"Katja was ist los?" Bei Anna schrillten sämtliche Alarmglocken. Wenn Katja mal bei ihr um Hilfe ansuchte, war der Heustadel mit Sicherheit schon in Vollbrand. Bestimmt und mit durchleuchtendem Blick musterte Anna ihre Schwester, die überfordert von der Situation die Augen auf den Boden richtete und man konnte ebenso unschwer erkennen wie sich ihre in den Jackentaschen ihres gelben Wollmantels verschanzten Finger verkrampft in den Stoff krallten. Es schien so als würde sie in der uferlosen Landschaft nach einem Strand suchen, aber wenn man sich schon freiwillig in die Höhle des Löwen begibt muss auch für den schwersten Kampf seines Lebens bereit sein. "Kannst du mir...ich meine...wäre es möglich" unruhig spielte sie währenddessen sie sich stotternd im Kreis artikulierte mit ihren Fußsohlen in dem sie ihre Füße die, wie könnte es anders sein, in hochkackige Schuhe gepfercht waren in waghalsigen Manövern von einer Seite auf die andere wippte. So viele Anzeichen von Unsicherheit an Katja und dann dieses nichtssagende schemenhafte und einzig wortreiche Gebrabbel, alles Dinge die so überhaupt nicht zu ihrem Naturell passten. Für gewöhnlich log diese Frau doch so sehr, dass sich die Balken biegen. Was zum Kuckuck also war da los? Wenn sie nicht bald den Mund auf macht, spring ich aus dem Bett und watsche die Wahrheit aus ihrer verlogenen Visage heraus, dachte Anna, selbst erschrocken über ihre gewaltlastigen Gedanken im Bezug auf ihre Halbschwester. Katja gab das herum gedruckse schlussendlich auf und entschied sich eindeutig für das sprechen. Ihr Blick jedoch haftete weiterhin am Boden und sie strich sich vorsichtig eine ihrer blondierten Strähnen aus dem Gesicht. "Könntest du mir eventuell Geld leihen?" ließ Katja nun endlich die Katze aus dem Sack und setzte wie auf Bestellung eine Unschuldmiene auf. "Bitte, bitte, Anna" Mit den Händen unterstrich sie die Dringlichkeit ihres Anliegens, welches ihr sichtlich schwer über die Lippen gegangen war. "Du bekommst auch alles wieder zurück, versprochen, ich zahl so bald es geht jeden Cent zurück...von mir aus auch mit Zinsen" Katja lächelte aufmunternd ehe sie noch hinzufügte. "Was sagst du dazu? Ist das nicht ein Angebot oder ein Angebot?" Doch so selbstsicher sie sich auch gab, die Fragezeichen zwischen den einzelnen Buchstaben blieben trotz allem in Übergröße. "Katja, was ist los?" Aus Annas Stimme schrie die pure Skepsis, während sie den Blickkontakt zu ihrer Schwester auf keinen Fall abreisen ließ. Irgendetwas war faul, das spürte Anna. Katja war einfach so sinnlos unterwürfig, eine Eigenschaft die ihr bisher mehr als nur gefehlt hatte. Ihr Ego war immer rezeptpflichtig gewesen, da hat bei der doofen Schwester zu Kreuze kriechen nie eine Option dargestellt. Wie tief musste sie also in der Pfütze stehen um sich auf solch unwürdiges Terrain herunterzu lassen? Vermutlich bis knapp unter die Nasenlöcher. Und dann diese Nervosität, sie scharrte mit ihren Füßen regelrecht wie ein Pferd, normalerweise hat sie die größten und unverschämtesten Lügen mit zum übergehen hoher Contenence unter die Leute gebracht. Das alles stimmte so überhaupt nicht, doch die Wahrheit werde ich vermutlich nicht erfahren. Das war bisher noch nie so richtig Katjas Heimat. "Was soll los sein?" Während sie diese Worte sprach könnte man bei genauer Beobachtung ihren Kehlkopf zittern sehen. "Ich habe" ein kurzer aber vielsagender Blick hatte Anna gestreift, fast so als überlege sie ob ihre biedere Schwester die Wahrheit vertragen konnte, ehe sie mit versucht fester Stimme weiterzitterte. "beim Shoppen mein Konto überzogen, kennst mich ja, wenn ich etwas sehe muss ich es sofort haben, da pfeif ich auf meinen Kontostand und jetzt fordert die Bank halt Geld von mir weil ich kein geregeltes einkommen habe...zu essen kann ich mir auch nichts mehr kaufen...bitte, bitte du musst mir helfen. Ich weiß einfach nicht wo ich sonst hin soll. Bitte" Katjas Mienenspiel war faszinierend, die Verzerrungen ihres Gesichts waren einen Grad weit schon beängstigend und es hätte weiters nicht viel gefehlt und die Tränen hätten ihr das Make-up von den Wangen gewaschen. So viel höfliche Worte wie in den letzten paar Minuten habe ich in meinem kompletten bisherigen Leben nicht von meiner Schwester gehört, dachte Anna etwas belustigt. "Anna du bist meine einzige Hoffnung...Mama würde glatt der Schlag treffen, wenn sie davon erführe....also hilfst du mir, ja?!" "Katja, wie viel brauchst du?", fragte Anna nach einigem inneren hadern schließlich doch. Sie war auch vieles gefasst doch nicht auf diesen Betrag, das war einfach jenseits von gut und böse. Hatte sie so eben noch gesagt Katja nicht wieder zu erkennen, so revidierte sie diese Aussage nun ganz schnell, denn das war typisch Katja bzw. selbst für sie der pure Wucher. "Was bitte hat so viel Geld gekostet? Katja, das ist...Gott, das ist der helle, gleisende Wahnsinn", fragte Anna als sie sich von ihrem größten Schock wieder erholt hatte und die Farbe langsam wieder in ihr Gesicht zurückkehrte. "Na ja", verlegen blickte Katja auf ihre Cowboystiefel im Leopardenlook hinunter " Weißt du zum Kleid braucht man halt auch ein Paar passende Schuhe, Asessoires, Tasche etc....das lempert sich zusammen und schwupps" "Und schwupps" Anna holte tief Luft um nicht zu brüllen anzufangen. Diese Frau hat echt Nerven. "Katja, 25.000€, das ist so verdammt viel Geld, glaubst du ich hab einen Geldsch.eißer oder was? Ich meine wie kann man nur so blöd sein und so viel Geld ausgeben ohne es zu haben? Das ist" Anna begann verzweifelt nach einem Wort zu suchen, dass nicht allzu menschenfeindlich war, doch es schienen ihr nur solche einzufallen. Vermutlich weil Katjas Handlungen zumeist genau das waren - menschenfeindlich. Eine pure Zumutung. Da kam ihr eine Idee. "Was wenn du dieses ganze Zeugs zurückbringst?" Katjas Gesicht wächselte die Farbe vom rot der Aufregung in spektakulärer Geschwindigkeit auf farblos. Ihre Züge wurden hart, ihre Mundwinkel begannen zu hängen und ein starker, trockener Schluckreflex walzte sich bedrohlich ihre Kehle hinab. "Das geht nicht", antwortete sie knapp und diesmal zitterte jedoch nicht nur ihr Kehlkopf sondern auch ihre Stimme. Die Panik hatte also geentert und das Festland betreten. Schön langsam aber sicher wurde Anna die Situation unheimlich. Katja, die sie um Hilfe bat, allem Anschein nach die Wahrheit sprach und einmal keinen Ausweg aus dem Schlamassel kennt in den sie sich manövriert hatte.
Bruno starrte immer noch wie paralysiert in die Richtung aus der die Stimme mit der harten Botschaft erklungen war. Sein Blick war versteinert, die Augen leer. Es herrschte eine seltsame Stimmung die von einer für Lanford untypischen Ruhe untermalt wurde. Das Atelier, Carla, alle mal abgesehen von Tom, bei dem war dies Normalzustand, sahen aus als hätte sie jemand versteinert. Es schien als würden die Mitarbeiter nicht einmal zu atmen wagen, die Stille sprach für sich. Die einen vermutlich aus all dem selbigen Grund, schließlich wussten sie was Bruno von Kommentaren seiner Kommentare hielt und was dem jenigen blüte der diesen Vorstoß wagte. Ihre Gesichter waren zu Fragezeichen geformt, denn sie kannten den Kritiseur des Meisters nicht. Wer also war der Fremde, der sich so etwas anmaßte. Besonders schlimm aber hatte es Virgin getroffen, obwohl er es bitter nötig hätte, wagte er es nicht seinen Fächer zu betätigen. Bruno ist sein ein und alles, schließlich würde er sich ja vor einen fahrenden Zug werfen, wenn er damit Bruno das Leben retten könnte. Seine sonst so lieblichen Züge waren stark angespannt und verfinstert, sein Gehirn routierte auf Hochtouren, aber so sehr er diesem unsteten Flegel auch ein Gesicht zu verpassen versuchte, er fand in seiner geistigen Gesichterkartei keine Übereinstimmung. Wer also mag das wohl sein, denn er hat Bruno mit seinen derben unkenntlichen Worten so sehr verblüfft, das dieser sich nicht im Stande empfand, zurückzubrüllen, diesen Wischmopp allein mit dem Widerhall seiner gewaltigen Stimme aus seinen heiligen Hallen zu vertreiben. Wer also ist der mir fremde, ich kenne Bruno doch in und auswendig, genauso wie seine ganzen Weltweitverstreuten Bekannten. Komisch, aber egal wer das ist, ich werde es herausfinden und ihm so richtig die Leviten lesen. Das geht doch nicht, was sich dieser unkultivierte Lakl da erlaubt. Einzig Bruno schien nicht das was sondern viel mehr das Wer so sehr zu schaffen zu machen. Sie standen einander gegenüber wie einst die Gladiatoren im Kolosseum, erbitterte Gegner bis in den Tod. Ohne ein Wortgefecht konnte man an Brunos Gesichtsfarbe erkennen das die Emotionen den Gipfel zu erklimmen vorhatten. Auf seiner Stirn traten bedrohlich die Adern hervor, seine Hände ballten sie zu Fäusten, es schien als hätte er jede einzelne Faser in seinem Körper angespannt, doch auch sein Gegenüber schmiss sich in die Ritterrüstung um dem unverkennbar bevorstehenden Kampf gewachsen zu sein. Die Luft war zum zerreißen gespannt und immer noch erfüllte diese geheimnisvolle Stille das Atelier. Nicht einmal das Telefon schellte oder jemand bekam einen Hustenanfall, nein einfach gar nichts. Vielen Mitarbeitern war bis jetzt nicht klar gewesen, dass die Abwesenheit von Lärm so etwas nervenaufreibendes sein konnte, bisher hatten sie sich immer nur danach gesehnt, bis zu eben diesem einen Moment, in dessen Luftblase sie jetzt schon einige Minuten aushaarten, während die Erwartung des Unausweichlichen bedrohlich durch die einzelnen Körper kroch. Plötzlich zerriss ein ohrenbetäubender Laut die beißende Stille des Raumes. Bruno hatte als erster das Bock schauen abgebrochen und schrie nun wie von Sinnen drauflos. "Was erlaubst du dir? Für was hältst du dich, hä...Spinnst du total?...Was um alles in der Welt machst du hier?", vermutlich hätte er noch stundenlang so weiter gebrüllt, doch plötzlich versagte seine Stimme. Sie war nur noch ein heiseres kratzen, was ihn jedoch nur noch fuchsteufelswilder machte. "Ob ich spinne?...Wie redest du eigentlich mit mir. Ich bin nicht mehr der kleine Junge, den du wegschieben oder dessen Worte du ignorieren kannst, kapierst du das...Ach und was ich hier mache ist deine marode Firma vor der Pleite bewahren. Den ganzen Tag gute Ideen haben alleine reicht eben nicht um ein internationales Unternehmen vor den roten Zahlen zu bewahren...aber von Normalität hast du ja noch nie etwas gehalten, Vater" Brunos Adern traten an der Stirn noch weiter hervor, man könnte fast meinen es beulten sich zu zwei Hörner heraus und sein Blick wurden noch stechender als er es beim vorherigen Blickduell schon war. Die immer noch um die beiden versammelte gesamte Belegschaft verfiel in ein geschocktes Raunen. Niemand konnte bzw. wollte das letzte Wort dieser kurzen aber deftig heftigen Unterredung wirklich richtig gehört haben. Es war einfach zu unglaublich. einige versuchten sich unsichtbar zu machen, weil ihnen diese Situation sichtlich peinlich war, wo sie aber eigentlich nicht dafür konnten, andere begannen wie wild zu tuscheln oder warfen sich eindeutig zweideutige Blicke zu. Einzig Virgin fiel wieder einmal ganz aus der Rolle, diesmal im wahrsten Sinne des Wortes denn er bettete sich unter einem lauten Geräusch auf den Boden, wo er regungslos liegen blieb. War es Absicht oder sein verschwindend geringer Anteil an Männlichkeit, vermutlich wird man das nie klären, auf jeden Fall geriet er damit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, denn plötzlich standen alle um ihn herum gescharrt und versuchten ihn ins jetzt zurückzuholen. Selbst die beiden Hähne lösten sich aus ihrem erneut schweigend ausgetragenen Duell und eilten um den schrillen Assistenten des Genies gesorgt zu ihm.
Anna suchte verzweifelt nach einer Idee, was sie Katja antworten bzw. ob und wie sie ihr helfen könnte. Sie war zerrissen zwischen der ihrem ausgeprägten Helfersyndrom und den warnenden Gedanken im Bezug auf Katja. Sie hatte in den vergangenen Jahren schließlich nichts ausgelassen um tatkräftig zu beweisen, dass sie ein ausgeschamtes Luder ist. Wahrheit und Lüge waren für die ein und dasselbe Wort. Vermutlich wären ihre Gedanken noch ewig so dahingeschwappt immer von der einen Wagschale zur anderen und zwischendurch mal auf den Beobachtungsposten, hätte ihr kleiner Felix nicht sein erwachen mit imposanter Lautstärke kundgetan. Anna war gerade dabei aus dem Bett zu hüpfen, als sie Katjas verdatterten Gesichtsaudruck bemerkte. Sie stand da wie während einer hochemotionalen Theaterszene in Gips gegossen. Die Konturen der mit Kajal vermengten Tränen hatten schwarze Bahnen auf ihr Gesicht gemahlt, ein Ausdruck von Überraschung und ja ein bisschen Panik lag in ihren Augen, die vom weinen glitzerten wie wässrige Kristalle, ihre Hände zitterten immer noch. Spätestens jetzt hatte Annas Verwirrung die nächste Stufe erklommen. Fast 25 Jahre lang kannte sie Katja bereits, doch in den letzten Minuten zerrann so viel von dem was sie dem Charakter ihrer Schwester bisher zu gedacht hatte, dass es schon fast unheimlich wurde. Anna jagte die Gänsehaut den Rücken hinunter während sie sich dem Bettchen ihres Sohnes näherte. Behutsam hob sie den kleinen Racker heraus um mit ihm in die Küche zu gehen, was ihre Schwester mit starren Augen beobachtete. "Tut...tut mir...lei...d", stammelte Katja mit brüchiger Stimme als Anna auf ihrer Höhe war. "Was meinst du?", fragte Anna und sah ihre Schwester musternd an. Ihr Verhalten wurde immer merkwürdiger, erst bittet sie mich um Hilfe und dann tut ihr was Leid, was kommt als nächstes? In Annas Bauch wurde das mulmige Gefühl immer stärker. Irgendetwas stimmte nicht, das konnte sie 10.000km gegen den Wind riechen, aber was? "Verzeih mir, bitte", Katjas Stimme war fast nur noch die Andeutung einer jenen und so hatte Anna die größte Mühe sie trotz dem anhaltenden Gebrüll zu verstehen. Jetzt war sie endgültig ratlos. Sehr oft hatte sie sich gewünscht, dass Katja so etwas sagen würde, doch nie geträumt, dass es auch nur ansatzweise wirklich passieren wird. "Pass auf, ich füttere nur mal schnell Felix und dann reden wir ausführlich über alles, okay" Katja nickte nur stumm zur Bestätigung. "Ja, mein Süßer es gibt ja gleich was zu essen" sprach sie zu ihrem immer noch brüllenden Sohn, während sie ihm liebevoll über sein winziges Gesicht strich und mit leiser Wehmut wieder an Jonas dachte. Würde er Katja trauen, ihr noch eine Chance geben, immerhin hatte sie ihn ebenso verarscht wie mich. Ach, Jonas wenn du nur noch bei mir wärst. Ich vermisse dich, so. Eine einzelne Träne kullerte verhalten über ihre von der Aufregung errötete Wange während sie ihrem Sohn das Fläschchen warm machte. Als Anna nach guten 10 Minuten mit dem an der Flasche nuckelnden Felix in ihr Zimmer zurückkehrte, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Das konnte es doch nicht geben...das ist so typisch Katja...gerade habe ich noch darüber gegrübelt ob sie sich verändert hat...diese Frau...Gott, die reibt mich auf... Anna war stocksauer und nur ihr friedlicher Sohnemann hielt sie davon ab, ihrem Ärger Luft zu machen.
Als Virgin mit einem ausgiebigen für ihn allzu typischen Seufzer wieder ins Leben zurückgekehrt war und verdutzt in die Gesichter der über ihm versammelten Belegschaft guckte, deutete Bruno im Schutz der Menge seinem Gegenüber ihm unauffällig zu folgen. Langsam aber sicher kehrten alle wieder an ihre Plätze zurück und niemand außer Virgin schien den Boss zu vermissen. Alle kauten vermutlich noch an der Situation von vorhin, der sie ungewollt Zeuge wurden, inklusive eines Outings, dass die Familie des Chefs um ein Mitglied erweitert hatte. Selbst Tom und Carla hatte die Neuigkeit gewandelt, er saß nicht mehr stoisch hinter seinem Schreibtisch sondern stinksauer auf seinen Vater, weil diesem ihm einen Bruder verschwiegen hatte und Carla war nur sprachlos, so sehr, dass sie ihren emotionalen Ausbruch vorzeitig beendet hatte.
"Kannst du mir sagen was das eben grad sollte?", brüllte Bruno, dessen Adern sich erneut in gefährlichem Format von der Stirn hervortaten. " Was genau meinst du? Das ich gewagt habe den großen Maestro zu kritisieren oder das ich unser kleines Geheimnis Preis gegeben habe, VATER", sprach sein Sohn mit beinahe schon überirdischer Selbstbeherrschung. "Du...ich...es" Dies war einer der selten Momente in denen der große Bruno Lanford nicht mehr Herr seiner Sprache und auch der Lage war. Fast schon ein historischer Moment. "Was!?", fragte er provokant. "Was zum Kuckuck machst du hier in meiner Firma? und was meintest du mit retten?" Bruno war ehrlich verdutzt, er wusste zwar um die finanzielle etwas brenzlige Lage der Firma, die Anwesenheit seines geheimen Sohnes wusste er aber trotz allem nicht zu deuten. Schließlich hatte er ja niemanden um Hilfe angefleht, denn irgendwie hatte er die Krise immer noch erfolgreich zu überbrücken gewusst. Was also um alles in der Welt machte Luca hier und wer hat ihn geschickt. In seiner unbändigen Nervosität gepaart mit einer Portion Ärger rannte er in seinem Büro auf und ab wie eine läufige Hündin. "Das ist ja wieder mal typisch, das deine Firma, dass einzige ist was dich interessiert. Du kommst auch nicht mal im Geringsten auf die Idee zu fragen wie es mir geht. Was ich fühle, wenn ich die Firma meines Vaters retten muss, der mich mein Leben lang verleugnet hat. Zu keinem Geburtstag hat er mich gratuliert und ebenso wenig hat er mich besucht. Einen Dreck hat er sich um mich geschert, denn das einzige was ihn interessiert und was er wirklich liebt sie seine verschissene Firma. Das Gott überste auf dieser Welt. Du solltest dich was schämen" "Das ist nicht war und außerdem lange her. Hättest dich ja auch mal melden können...und jetzt sag mir endlich wer dich hier her bestellt hat" Bruno befand sich nun schon so sehr in Rage, dass er drohte innerlich zu implodieren. Es wühlte ihn mehr auf als er zugeben wollte, seinen Sohn wieder zu sehen. Jemanden zu kennen, nein falsch, zu wissen, dass es ihn gibt und wie er aussieht, aber ihn nicht zu kennen, zu wissen welch Mensch er ist, schmerzte ihn eben doch mehr als er sich immer einzureden versucht hatte. Doch anstatt genau das zu sagen, begann der den Karren in die Entgegengesetzte Richtung zu ziehen. Ein typischer Schachzug von Feiglingen. "WER", nun brüllte Bruno so laut, dass Luca direkt zusammenzuckte und ein paar Schritte nach hinten taumelte bis die Wand ihn auffing. "Carla" sagte er knapp und verließ eilig den Raum. An der Tür murmelte er noch kaum hörbar "Arschloch". "Das habe ich gehört", schrie Burno mit stechend scharfer Stimme. "Das war auch der Sinn und Zweck meiner Aussage", spielte Luca den Ball zurück und ließ die Türe unter einem lauten Knall ins Schloss fallen. Zurück blieben zwei Männer, die beide sturer nicht sein könnten und nun laut über den anderen vor sich her schimpften, ohne den einfachsten Weg auch nur zu erahnen.
Tom währenddessen erwachte aus seiner Wutlähmung, erblickte Carla und komplimentierte sie mit eisiger Miene und einem deutlich zu lauten "Raus" aus seinem Büro. Jetzt brauchte er dringend Beruhigung um sich nicht einer unüberlegten Handlung zu widmen und nachdem sich in seinem Büro nichts anderes fand, entschied er sich für die Arbeit. Zu oberst lag die von Paloma erstellte Bewerbungsmappe, die er obwohl es nie seine Absicht gewesen war nun mit deutlich überhöhtem Energieaufwand aufklappte. Es las sich wie die von all den anderen, wenn diese Anna Broda nicht noch über weit weniger Qualifikationen aufwies als viele andere Bewerberinnen die Bruno allesamt abgelehnt hatte. Einzig die aufgestaute Wut auf seinen Vater trieb ihn zu der Entscheidung zu herzubestellen mit dem Hintergrund ihr eine reelle Chance zu geben. Es war kindisch, aber irgendwie gefiel ihm der Gedanke, seinem Vater eins auszuwischen. Bruno tobt sicherlich wenn er das merkt, dachte Tom vergnügt und so bat er Paloma diese Frau Broda für 11:00 in die Firma zu bestellen. Ohne es zu wollen kehrten Toms Gedanken wieder auf Osteroog zurück, die Frau die er vor dem Tod bewahrt hat, hieß auch Anna. Vielleicht war es der Name und nicht die Wut, die ihn dazu veranlasste. Zumindest seit seiner Begegnung mit ihr war sein Gehirn in zwei verschiedene Bereiche gespalten. Der eine für sie und der andere gegen sie. Ein Teil träumte schon fast mit beängstigender Überzeugung davon sie wieder zu sehen, ihr Lachen. Diese Frau ist etwas Besonderes so viel stand fest und das andere warnte ihn. Es machte regelrecht alles schlecht und signalisierte ihm, dass es für ihn sowieso nur zu erneuter Enttäuschung und Schmerz kommen würde. Er konnte es sich selbst nicht erklären, aber letzterer war einfach stärker, schon fast übermächtig. Wie immer wenn er an sie dachte, auch jetzt, bekam sein Herz einen unregelmäßigeren Schlag. Vergiss sie, du siehst die sowieso nie wieder, dachte Tom und legte resigniert seinen Kopf auf die Bewerbungsmappe.
Anna ließ ihren Blick erneut durch ihr Zimmer schweifen, doch es war immer noch gleich leer wie vorhin. In keiner Ecke, hinter keinem Möbelstück kam Katja zum Vorschein und Anna war gewillt sich in ihr Hinterteil zu beißen. Es war wieder mal typisch für sie, einfach abzuhauen ohne ein Wort. Behutsam legte sie Felix zurück in seinen Stubenwagen und zog die Decke über seinen winzigen Körper. Ein letzter Blick hinein, ein Lächeln und nun machte Anna sich auf den Weg durch die Wohnung. Zwar glaubte sie nicht daran ihre Schwester am WC oder sonst wo in den Polauk`schen Gemächern zu finden, aber der Versuch war es auf jeden Fall wert. "Katja...Katja??...Katja, bist du da?", rief Anna, während sie durch sämtliche Räume eilte. Doch das Ergebnis war wie erwartet ziemlich ernüchternd, denn Katja war wirklich ebenso sang und klang los verschwunden wie sie aufgetaucht ist. Anna war dem platzen nahe. "Dieses verdammte Miststück...wäre ja auch zu schön gewesen, wenn sie sich wirklich geändert hätte...aber ich die blöde Anna falle natürlich wieder voll auf ihr scheinheiliges Getue herein. Wie könnte es auch anders sein, ich war ja immer schon sehr naiv im Bezug auf sie. ich könnte mich selbst vorfeigen...", Annas Gemütszustand befand sich jenseits der 1000er Grenze. Sie war eigentlich viel weniger sauer auf Katja als auf sich selbst, denn schließlich war sie ihr ja zum wiederholten Male auf den Leim gegangen, obwohl sie ja um das schauspielerische Talent ihrer Schwester nur zu gut wusste. Wie kann man nur so blöd sein, tadelte sie sich in Gedanken immer wieder selbst. Gut, ich habe ihr kein Geld gegeben oder so, aber die Gedanken an Verzeihung und das sie sich geändert haben könnte, fuchsten sie genug. Es war einfach typisch. Ihr Gesichtsausdruck, er hatte so etwas hilfloses, etwas Flehendes...was wenn sie wirklich in Schwierigkeiten steckt...vergiss es Anna...hör auf sie andauernd verteidigen zu wollen...Katja konnte sich immer noch sehr gut selbst helfen, schließlich ist die Lüge ihr bester Freund. Das Läuten des Telefons riss sie dann aus weiteren Überlegungen. "Broda", raunte sie ziemlich unfreundlich in den Hörer, ohne zuvor einen Blick aufs Display zu werfen. "Hallo Anna", ertönte es vom anderen Ende der Leitung "Palomi, hey...was gibt’s?", fragte Anna mit merkbar besserer Laune. Es tat ihr richtig gut, ihre Freundin an der Strippe zu haben. Sie half ihr über den Ärger mit Katja und ihrer eigenen Blödheit hinweg. "Anna, alles okay? Du hast eben so komisch geklungen", kam es postwendend von Paloma Ihr kann ich einfach nichts vormachen, sie kennt mich einfach zu gut. "Ach...das erzähl ich dir mal wann anders. Ist eine längere Geschichte" "Okay...hast du um 11 Uhr Zeit. Der Chef will dich sehen...wegen der Bewerbung." "Wie der Bewerbung?...ich hab sie doch noch gar nicht fertig, geschweige denn abgeschickt...wie so also...Paloma!" "Ich hab da eventuell etwas nachgeholfen...Bruno macht jeden Tag eine riesige Szene wegen der Designerin die fehlt, da dachte ich, ich beschleunige den Vorgang etwas. Ist ja nur zu deinem besten...Also hast du Zeit?!" "Äh, ja das werd ich wohl müssen" Annas Blick flog kurz zum Stubenwagen und darauf legte sich ihre Stirn in Runzeln und sie trat von einem Fuß nervös auf den anderen. Was soll ich machen? Es ist eine einmalige Chance für mich, dort vorstellig zu werden. Lanford ist eines der renommiertesten Unternehmen überhaupt, also eine riesige Chance. "Du...äh...eigentlich habe ich schon Zeit, aber ich weiß nicht wohin mit Felix...Mama ist nicht da und Natascha arbeitet ja auch und mitnehmen kann ich den Kleinen ja auch schlecht." "Hmmm...Weißt du was bring deinen Süßen einfach mit, ich pass derweil auf ihn auf...du weißt ja wie lieb ich ihn hab, den kleinen Stinker" "Okay, super bis gleich" "Bis gleich, ich freu mich" flötete Paloma noch in den Hörer, ehe sie mit einem breiten Lächeln im Gesicht das Telefonat beendete. Was sie nicht sah, war die vorbeieilende Carla. Heute galt für sie das Fluchtprinzip. Wenn man sie begegnet entweder fliehen oder reglos auf den Boden legen, möglicherweise ist sie nämlich schwer bewaffnet. Doch weder die eine noch die andere Möglichkeit kamen für Paloma in Frage, denn sie bemerkte die Gefahr erst als sie der erste Giftpfeil traf. Okay es war weniger Gift als Geistesgestörtheit. "Auf was freuen sie sich denn so, dass sie ihre Mundwinkel nicht zusammenhalten können, was im Gegenteil zu ihren Beinen ja neu ist... Ein geheimes Schäferstündchen im Stofflager oder wo treiben sie es für gewöhnlich mit meinem Verlobten? Jetzt noch mal zum mitschreiben damit es eine solche intelligentsverhungerte Schlampe wie sie auch versteht. TOM ist mein Mann und er liebt mich - nur mich, haben sie dass verstanden. Lassen sie ihre billigen Diskontfinger von ihm oder sie werden es noch bitter bereuen, glauben sie mir. Sie..sie" Carlas Blick sprach mehr als tausend Worte. "Wissen sie was, Frau Rhonstedt. Ich weiß wirklich nicht wer ihnen ins Hirn gesch.issen hat, aber auf jeden Fall hat er zuvor noch einen Liter Ritzinussöl gesoffen, ansonsten wäre es ihm vermutlich unmöglich gewesen diesen riesigen Hohlraum, den man bei anderen Menschen als Gehirn bezeichnet, mit einer einzigen Ladung zu füllen" Carlas Miene verzog sich zu einer so hässlichen Fratze, dass man meinte zwischen ihren überschminkten Lippen würde gleich eine Feuerszunge herauszischen und aus ihren Augen Pfeile schießen. Sie öffnete den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn jedoch gleich darauf wieder und stöckelte mit ihrem Portsteinschwalben Outfit dahin. Paloma atmete tief durch ehe sie den Hörer des schellenden Telefons abnahm.
Etwas der gänzlichen Kraft ihrer Lungen beraubt stolperte Anna um 11:03 aus dem Fahrstuhl. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht als sie Paloma erblickte. "Wääh", das quietschen von Schuhsohlen jagte durch Annas Gehörgang und einige umstehende Mitarbeiter rissen sich aus den mühsam geformten Gesprächen um sich um zu drehen. "Die Adoptionsstelle ist im 1. Stock", flötete der blonde Jüngling der verdutzt dreinblickenden Anna entgegen. "Ja, marsch, marsch" Annas Gesichtsausdruck wandelte sich von verwirrt auf stockwütend. Sie kniff ihre Augen so sehr zusammen, das nur noch zwei Schlitze an jene erinnerten und holte tief Luft um diesem aus der Hitlerschen Asservatenkammer entsprungenen Gelegenheitsclown mal so einen richtigen Marsch der 00er Jahre zu blasen. Doch Paloma erkannte die Absicht und entschärfte das Kriegsrelikt. "Virgie, kein Panik. Das ist meine Freundin Anna, okay" "Besuche während der Dienstzeit, wenn Brüno das wüsste" "Gott, sie hat hier einen Termin bei Tom und da sie sehr kurzfristig herbestellt wurde, konnte sie keinen Babysitter auftreiben...und jetzt husch. Es stehen hier viele rum wie bestellt und nicht abgeholt, die kannst du ein bisserl durch die Gegend scheuchen. Okay" Daraufhin schmiss dieser seinen Kopf nach hinten, ehe er mit einem Gang in Anlehnung auf Sasha Baron Cohens "Brüno" davon stolzierte. "Er ist eigentlich ein netter Typ, aber halt etwas schräg drauf", meinte Paloma zwinkernd. "Aha, wenn du das sagst" Anna versuchte zu lächeln, aber irgendwie hörte sich dieses Geräusch eher nach einer Autofehlzündung an. "So jetzt aber weiter, der junge Lanford ist heute wieder mal auf seine Art auf 180. Gut, bei der Freundin allerdings kein Wunder. Die Tussi hat einen ziemlichen Schuss weg." Annas Gesicht nahm nun einen verschreckten Ausdruck an, doch Paloma lächelte ihr aufmunternd zu, während sie zu Felix in den Kinderwagen guckte. "Toi, toi, toi Süße. Du schaffst das!" Paloma hielt Anna auch noch ihren nach oben zeigenden Daumen entgegen, bevor diese auf die Bürotür zu trat.
Anna schlug das Herz bis zum Hals, ihre Hände waren pitschnass geschwitzt vor lauter Aufregung als sie vor der Türe zu stehen kam. Langsam hob sie ihre Hand um anzuklopfen, wobei sie sich mühen musste diese nach oben heben zu können, so sehr zitterte diese. Bewerbungsgespräche waren für sie immer noch eine Herausforderung, trotz ihrer neu gewonnenen Offenheit.
Tom hob seinen Kopf von den Akten und blickte verstört um sich. Wieso lag er da auf den Akten und was...Hektisch blickte er auf seine Uhr. 11:05. Er hatte eindeutig eine halbe Stunde geschlafen...Hoffentlich hat mich niemand gesehen, dachte er etwas panisch während er sich mit der rechten Hand durch seine Haare fuhr. Moment um 11:00 sollte doch diese Anna Broda kommen. Gott, ich hasse unpünktliche Menschen. Er begann wie eine hungrige Wildkatze in seinem Büro auf und ab zu tigern, ehe er sich entschloss mal nachzufragen. Die kann was erleben, was glaubt wie was, das hier ist. Die Wohlfahrt vielleicht, das man einfach kommen kann, wann es einem beliebt. Nicht mit mir sie verschmähte Diskountertipse oder was sie auch immer sind. Mir egal. Mit eiligen Schritten hastete er von der Glaswand weg auf seine Türe zu, die er sogleich mit einem Griff öffnete. Abrupt blieb er stehen, ohne seinem Gegenüber wirklich einen Blick zu schenken, seine Augen glitten eher über sie hinaus.
Anna erstarrte in ihrer Bewegung. Sie hielt ihre Hand nach oben, als wäre sie in der Bewegung versteinert worden. Das konnte es nicht geben. Das ist rein von der Wahrscheinlichkeit her unmöglich, dass ER es war, der hier vor ihr stand. Sie starrte ihn einfach nur an wie vom Blitz getroffen. "Sind sie die Frau, die zu blöd ist auf eine Uhr zu sehen oder was auch immer sie dazu geführt hat, nicht termingerecht zu erscheinen." Anna war immer noch nicht aus ihrer Starre erwacht. "Oh, taub ist Madame auch noch", giftete Tom und in diesem Moment senkte er den Kopf, vermutlich um zu sehen wen er da vor sich hat. Nun erstarrte auch allerdings auch er und in seinem Herzen verspürte er einen brennenden Stich. Das kann es nicht geben, schoss es auch ihm andauernd durch den Kopf und er war stumm und starr vor Schreck.
Äußerlich erstarrt, rotierte es in seinem Inneren. Er fühlte sich wie das Kaninchen vor der Schlange, eine total idiotische Vorstellung, aber genau so war es. Tom wusste einfach nicht wie er sich jetzt verhalten sollte, denn der Kampf zwischen seinen zwei Gehirnbereichen hatte unerahnbare Dimensionen angenommen. Einerseits wollte er der nette Mann von der Insel sein und sich für sein grobes Verhalten entschuldigen und andererseits war genau das seine größte Furcht und die Worte eine gute Möglichkeit sich Anna vom Leib zu halten. Die schier unbeugbare Angst vor der wirklichen Nähe zu einem Menschen, der einem am Herzen liegt, sein größtes Problem seit 4 Jahren. Letztendlich, wie könnte es anders sein, siegte die Angst über das wohlige Gefühl das in Annas Gegenwart sein Herz ummantelte und er kehrte mit seinem gewohnt geschäftsmäßigen Blick und der stoischen Miene geistig in die Situation zurück. So deutete er , zwar etwas verlegen aber auf keinen Fall in netterem Tonfall, der immer noch stocksteif dastehenden Anna einzutreten. Ohne auf ihr Folgen zu warten, ging er zu seinem Stuhl und platzierte sich dort wie der letzte echte Psycho, sein Blick drückte zumindest etwas in diese Richtung aus. "Wird’s bald bei ihnen oder warten sie mit dem hereinkommen bis der erste Mensch die Sonne bereist. Sollte das der Fall sein, bitte ich sie dies in ihren eigenen vier Wänden zu tun, denn erstens habe ich besseres zu tun, als meine Zeit mit ihnen zu verschwenden und zweitens bekomme ich von der ständigen Zugluft einen schiefen Hals." Anna war endlich aus ihrer Starre erwacht und war nun fuchsteufelswild. Der letzte Satz war mehr als nur eine bodenlose Frechheit. Was bildet der sich eigentlich ein? Nur weil er in einem Designerbüro sitzt, muss er sich noch lange nicht für etwas Besseres halten, denn sein Verhalten ist nämlich einfach nur das allerletzte vom Letzten. Da hat jeder Penner mehr Anstand. Anna kam es keineswegs in den Sinn, diese ihre Gedanken vor diesem aufgeblasenen ... zu verbergen und so trat sie mit einem Gesichtsausdruck der selbst einen ausgewachsenen Sibirischen Tiger auf Beutesuche verscheucht hätte auf seinen Schreibtisch zu. Da sie so sehr damit beschäftigt war den Geschäftsführer von Lanford mit ihren Blicken zu erdolchen, übersah sie ein am Boden befindliches Relikt von Carlas Ausbruch und trat direkt darauf. In der Folge knickte sie um und ein gellender Schmerz jagte durch ihren Knöchel, was ihre ohnehin schon miese Laune noch verstärkte, so ließ sie sich dazu hinreißen einen leichten Fluch über ihre Lippen zu schicken, den sie dann noch folgend kommentierte. "Hassen Sie eigentlich Menschen so sehr, dass sie in ihrem Büro tödliche Fallen aufgestellt haben", fragte Anna mordsmäßig angebissen. "Dafür, dass allem Anschein nach "Hans guck in die Luft" ihr Vorbild ist bin ich nicht zuständig, aber hatten sie sich nicht sowieso als Reinigungskraft hier beworben. Ich hoffe mal, dann gehen sie nicht mit den Augen an der Decke. Ihrer Vorgängerin hat eben, das den Job gekostet." Anna holte Luft, sie konnte die Unverschämtheit, der ihre Ohren soeben als Zeugen dienten einfach nicht glauben. Wie kann man nur so ein erbärmlicher Typ sein? Sie wollte etwas kontern und stemmte ihre Hände als Unterstützung in ihre Hüften, doch sie bekam keinen Ton heraus und so schloss sie schließlich wieder resigniert ihren Mund. "900€ Netto. Morgen können sie anfangen." Tom erhob sich und räusperte sich einen Tick zu laut. Er bediente sich also an einer feigen Art jemanden hinauszukomplimentieren, wie könnte es bei dem auch anders sein. Du willst mich also loswerden, nur weil du offensichtlich ein Problem damit hast, dass wir uns kennen. Ein größeres Chamälion als dich gibt es auf der ganzen weiten Welt wohl wirklich nicht. Feiges A.loch, schimpfte Anna innerlich. "So weit hätten wir dann ja auch alles geklärt, nicht! Frau Greco wird ihnen alles zeigen" Mensch, verdammt Tom warum machst du das? Ich bin so ein riesiger Idiot, komm einfach aus meiner Haut nicht raus. Es gab ihm einen Stich im Herzen, als er die Wut und vor allem die Enttäuschung in ihren Augen sah. Er wollte sie so nicht sehen, vor allem wenn er der Grund dafür war, aber er konnte einfach nicht anders. Es geht nicht. So wie es jetzt ist, ist es einfach besser, das sorgt für klare Verhältnisse. Sie ist ja auch nichts besonderes, versuchte er sich einzureden, doch er wusste genau, dass es eine Lüge war. Gegen jede Vernunft versuchte Anna es doch. "Tom, was soll das? Ich...", sagte Anna, doch schließlich brach sie ab. Um diese Frage formulieren zu können, hatte sie all ihre Selbstbeherrschung aufgebracht. Es war wirklich ein grundehrlicher und vor allem aus tiefster Verzweiflung entsprungener Versuch mit ihrem Leidensgenossen auf einer vernünftigen Basis ein Gespräch führen zu können. Jedoch hatte sie ziemlich bald an dem Ausdruck seiner Augen erkannt, dass dieses Unterfangen ins Leere laufen wird, denn er war für ihre Worte unerreichbar. Tom hatte sozusagen den Anrufbeantworter angeschaltet, obwohl er zu Hause war und sogar neben dem Telefon stand. "Ich möchte sie bitten mich nicht zu duzen, Frau Broda", sagte er knapp und mit erschreckend kalter Stimme. Was bist du nur für ein Monster, Tom Lanford, dachte Anna stumm und unendlich traurig zu gleich. Sie bemerkte wie ihr die Tränen in die Augen stiegen und der kalte Schauer ihren Rücken hinab jagte. Ich muss abhauen und zwar schnell, denn vor diesem Typen weinen, ist das letzte was ich will. "Sie saugen die Luft aber auch woanders an, Herr Lanford", brachte sie gerade noch hervor. Vermutlich hatte es längst nicht so hart geklungen wie sie es gerne gesagt hätte, aber Anna wollte einfach nur noch weg. Mit letzter Kraft hatte sie es gerade noch geschafft ihm diese Worte hinzu werfen wie einem Hund ein Stück Fleisch, ehe sie von den Tränen getrieben am Absatz kehrt machte und kopflos aus seinem Büro rannte. Anna war sogar so von der Rolle, dass sie auf Felix vergaß und einfach nur in den gerade geöffneten Lift hastete ohne Links und rechts zu schauen. Sie zählte die Sekunden bis sich die Türen schlossen und in diesem Moment brach es aus ihr heraus. Unzählige heiße Tränen rannen über ihre Wangen, während Anna an der Liftwand lehnte und sich beide Hände über ihr Gesicht legte. Es tat einfach so verdammt weh.
Doch auch an Tom war die Begegnung mit seiner Leidensgefährtin nicht spurlos vorüber gezogen. Nachdem sie hinaus gestürzt war, hatte er die offen stehende Bürotüre geschlossen und sich kraftlos in seinen Sessel sinken lassen. Der Ausdruck in ihren Augen, es hatte ihn fast zerrissen, aber er konnte einfach nicht anders. Der Schmerz ist der einzige Weg für mich zu leben. Etwas anderes zu empfinden gebührt mir nicht mehr, versuchte er sich zu entschuldigen. Resigniert schloss er seine Augen und lehnte sich noch weiter in seinem Sessel zurück, nichts ahnend, dass dieses unprofessionelle Gespräch einen Zeugen hatte.
Paloma war so sehr Felix zugewandt, dass sie Annas Abgang überhaupt nicht mitbekommen hatte, denn erst das Knallen von der Geschäftsführerbürotür riss sie zurück in die Realität. Während das Geräusch verhallte, erspähte sie dank ihrer flinken Kopfbewegung gerade noch Anna hinter der sich schließenden Lifttüre. Danach schenkte sie erst Felix, dann der Türe des Landfordsprösslings einen Blick und schwenkte schlussendlich zum Lift. Was auch immer da drinnen vorgefallen war, es musste Anna so sehr aus der Fassung geworfen haben, dass sie sogar auf ihr Kind vergisst. Ein Reflex, der für Mütter eigentlich ziemlich unüblich war...und so gab es für Paloma nur eine Möglichkeit. Sie musste mitsamt Felix auf schnellstem Weg zu Anna. Aber wie?, schließlich dauerte ihr Arbeitstag vertragsgemäß bis um 16:00. Verdammt, der schmeißt mich raus, wenn ich einfach gehe, freigeben wird er mir nur leider genauso wenig. Was soll ich nur tun? Resigniert und verärgert stampfte sie mit ihrem Schuh auf den Boden. Steffi, rief sie plötzlich innerlich laut auf und schon tippte sie deren Nummer und 15 Minuten später verließ sie mit Felix die Firma. Steffi hatte freundlicherweise ihren freien Tag geopfert. Sie ist wirklich eine Perle von Mensch, ganz im Gegensatz zu gewissen anderen.
Anna stürzte im Erdgeschoss aus dem Lift und hastete wie von der Tarantel gestochen ins Freie. Die Tränen kullerten immer noch über ihre Wangen und sie zitterte am ganzen Körper. Sie fühlte sich wie gefangen in einem Alptraum und verspürte das mächtige Gefühl an der Luft zu ersticken. Gerade eben war eine riesige Seifenblase zerplatzt, neben der sie in den letzten Wochen sehr gut gelebt hatte und der Schmerz der sich nun durch ihren Körper kämpfte war unbeschreiblich. Nun stand Anna auf dem Bürgersteig und blickte die Straße hinauf und hinunter. Soll ich jetzt nach Hause gehen oder. Nein, ich brauch jetzt etwas frische Luft und Abstand. In meinem Zimmer würde mir nur wieder die Decke auf den Kopf fallen und ich mich in ewigen Gedankenkarussellen verstricken. Mich matern warum ich auf ihn reingefallen bin, wieso ich nicht erkannt habe, das er nicht mehr ist als ein armseliges Krümelchen im Wind. Sie rannte durch die Straßen, die ihr entgegenkommenden Menschen starrten sie an, doch das war ihr egal, denn nichts konnte schlimmer sein als die Enttäuschung die ihr gerade zu Teil wurde. Es war nämlich eine jener Begegnungen, die einem ewig im Gedächtnis bleiben auch wenn man sich nichts mehr wünscht als sie zu vergessen, weil alleine der Gedanke an den Gedanken schon so schmerzhaft ist wie eine OP ohne Narkose. Anna wischte sich mit der Hand über die Wange und blickte daraufhin starr auf die tropfnasse Hand, ehe sie diese in ihren Mantel wischte. Anna sah gedankenverloren in den grauen Himmel, der schwer über der Stadt hing. Es fühlte sich so an wie ihr Gemütszustand schwerfällig und des andauernden Kampfes müde. Sie fühlte sich plötzlich so unfassbar alt, viel älter als sie selbst war.
Die Türe flog auf und schon stand er mitten im Raum. Sein typischer Auftritt eben, nur das ihn dies heute noch um Welten mehr auf den Sack ging als sonst. Die Tatsache, dass er ihm fast 30 Jahre lang verschwiegen hatte, dass er einen Halbbruder hat, nagte äußerst hart an ihm. Er wünschte sich nichts mehr als seinem gesamten Groll Luft zu machen, hier und jetzt. Was natürlich ziemlich unprofessionell wäre und deshalb wird er es auch vermutlich bleiben lassen, denn er war viel zu feige um seine Emotionen zu leben sowie sie kamen. Sein Vater hatte allem Anschein vergessen ihm diese Gabe zu vererben. "Könntest du mir freundlicherweise erklären, was dieses Gespräch mit dieser Frau Broda eben sollte?", fragte Bruno. Tom schluckte erst einmal recht hart ehe er in seinem Gehirn nach einer passenden Antwort suchte. Er wusste, dass es sinnlos war, denn er saß in der Falle. Wenn sein Vater nur die letzten 5 Sätze dieser Unterhaltung mitgekriegt hatte, war er schon erledigt. Das war total unprofessionell, das wusste er, doch er konnte einfach nicht anders. Es war einfach so über ihn gekommen, als er sie so dastehen sah und der Wunsch sie zu umarmen langsam aber bestimmt in ihm hochkroch. Am liebsten hätte er sie fest umklammert und ihr gesagt, dass alles gut wird. Eine Lüge mit der er auch gerne leben würde, doch das durfte er nicht. Er hatte sich geschworen den Rest seines Lebens ohne Gefühle zu leben, zu existieren ohne ein wirklicher Mensch zu sein. Nicht in dem Sinne, dass er nachts mit einem Affenpelz durch die Wälder jagte sondern einfach nur, dass er ein Arschloch ist. Ein Mensch den niemand als seinen Mann haben möchte. Doch als er Anna traf hatte er diesen Grundsatz gebrochen und seither will die dadurch entstandene Delle trotz mehrerer Handwerker nicht mehr aus der Ritterrüstung verschwinden. Er hatte sozusagen eine Achillesferse und um den Pfeil schon vor seinem Abschuss wirkungslos zu machen, entschied er sich für den Weg der unmenschlichen Beleidigung. In gewisser Weise eine egoistische Entscheidung, denn er wollte damit eigentlich nur sich selbst vorführen, wie groß der Schmerz nach Fannys Tod war. Anna hatte er heute schließlich auch verloren, denn er wusste das sie ihm mehr bedeutet als ihm lieb war und so war die Antiseite in seinem Gehirn eine willige Hilfe bei der vorherigen Aktion, während das Herz unaufhörlich und schrill "Nein" brüllte. Doch die Angst vor dem was war und was die Vergangenheit in die Zukunft tragen könnte hatten ihn dazu getrieben, diese jämmerlichen Schreie zu überhören. Ich hatte einfach so eine verdammte Angst, dass sie etwas von mir erwartet, das ich ihr nicht geben kann. Ich fühlte mich in diesem Moment so unendlich alleine, klein und hilflos. Ungefähr so muss es Rotkäppchen mit dem großen bösen Wolf ergangen sein. "Ich weiß nicht was du meinst? Sie hat doch jetzt eine Stelle bei uns wie..." weiterkam er nicht, denn Brunos Gebrüll überschattete alles. "Sag mal bist du von allen guten Geistern verlassen. Bisher habe ich immer noch mit der Hoffnung gelebt, dass die Beleuchtung in deinem Hirn doch noch anspringt bevor du alt, grau und senil wirst, aber diese Hoffnung hast du soeben zerstört. Das war Anna Broda, verstehst du. Ein aufgehender Stern am Designerhimmel, so etwas wie die Soarise Ronan der Schauspielszene. Sie ist ein Juwel, ein ungeschliffener Diamant. Genau das was ich für meine kreative Ergänzung brauche. Ihre Ideen sind jung, frisch...sie ist wie... Aber was erzähle ich dir, du hast doch sowieso keine Ahnung von solchen Sachen...Ich will das du das in Ordnung bringst und zwar sofort" Brunos Stimmbänder waren kurz vor der totalen Kapitulation. Tom sah ihn nur aus seinen leeren Augen an ohne irgendetwas darauf zu erwidern. Fast so als hätte er ihm gar nicht zu gehört. "Hast du mich verstanden" Bruno war ganz dicht an seinen Sohn herangetreten und brüllte ihm regelrecht direkt in sein Ohr ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass dies zu einem Riss des Trommelfells führen könnte. Seine Wut in diesem Moment war einfach unbeschreiblich. "Ja, wohl Gott Vater. Den Teufel werd ich tun. Kannst dich ja selber drum kümmern, ab morgen schwingt sie hier sowieso den Putzwedel" "Sag mal sitzt du auf den Ohren und bist nun schon vollkommen deines Verstandes beraubt. Glaubst du allen ernstes, das sie noch mal wiederkommt, nach der Demütigung. Ich frage mich gerade ernsthaft, wer diese Firma mal weiterführen soll, bei dem missratenen Sohn, der du bist." "Weißt du was, schick ihr doch einfach deinen anderen Sohn hinterher, der kann das sicher viel besser und hoffentlich besitzt er deinen Sinn für Diplomatie. Du entschuldigst mich", sagte Tom beißend ehe er sich aus seinem Stuhl erhob und aus seinem Büro stürmte. In seinem Kopf flogen tausende Gedanken wirr umher ohne, dass Tom wusste wie er sie ordnen konnte. Um einem kleinen Anteil seiner Wut Luft zu machen, schlug er mit seiner flachen Hand gegen die Wand des Liftes. Hätte er seiner gesamten Wut Raum schenken wollen, wäre es wohl nötig gewesen das komplette Gebäude in Trümmer zu legen, was seine Hand vermutlich nicht überlegt hätte und so begnügte er sich mit einem kleinen Anteil und dem wissen das der oder die Nächste der/die ihm blöd kommt ein äußerst armes Schwein sein wird. Schließlich muss immer einer der Prellbock sein.