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Dieses Thema hat 31 Antworten
und wurde 10.681 mal aufgerufen
 Pausierende und abgebrochene Fortsetzungen!
Seiten 1 | 2
Joan Offline

Schwesternhelferin:


Beiträge: 245

24.05.2011 19:28
#26 RE: Story von Joan Zitat · Antworten

Haaallo meine Lieben!
Entschuldigt dass ich so lange nichts von mir hab hören lassen. Vielleicht hat der ein oder andere ja Lust, sich (wieder) einzulesen.
Ansonsten keine großen Vorreden, bloß vielen Dank für eure liebe Unterstützung bis hierhin.


Als sie wieder im Schwesternzimmer angelangt waren, Marc einen neuen Kittel anziehen und Gretchen endlich in ihr Brötchen beißen konnte, hing sie verträumt ihren Gedanken nach.
Kinder waren ja schon süß. Sogar dieses nervige Geschöpf. Auf jeden Fall hatte sie jetzt schon einen guten Geschmack.
Sie betrachtete Marcs Hinterkopf, während dieser seinen Kittel zuknöpfte, und sagte leicht geistesabwesend: „Ich glaube, du wärst ein guter Vater.“
Der potentiell gute Vater war jedoch von dieser Aussage wenig begeistert, und sein Gehirn beschäftigte sich bereits mit der Suche nach dem Notausgang. Er brummte nur: „Ich will keine Kinder.“
„Wie, so gar nicht?“
Sie versuchte, jegliche Enttäuschung aus ihrer Stimme zu verbannen, und das ihrer Meinung nach auch sehr erfolgreich.
„Enttäuscht?“ fragte Marc in diesem Moment zynisch, woraufhin seine Kollegin aufbrauste.
„Red keinen Blödsinn, Marc. Mit dir will ich ja sowieso überhaupt nie Kinder.“
Er drehte sich zu ihr um, stützte die Hände auf dem Tisch, an dem sie saß, auf und beugte sich zu ihr herunter. „Na, da hab ich aber Glück gehabt.“
Irritiert registrierte sie, wie nah seine Lippen plötzlich waren. Sah den Schalk in seinen Augen, und vergaß, zu atmen.
„Du, Gretchen?“
„Ja?“ wisperte sie atemlos.
Sein Duft, seine Augen, die frech blitzten, setzten all ihre Sinne außer Gefecht. Sie sah nur noch seine Lippen, sein Lächeln, roch den vertrauten Duft und wollte, dass er noch näher kam.
Doch anstatt sie zu küssen, legte er lediglich seine Wange an ihre, um etwas in ihr Ohr zu flüstern.
„Danke.“
„Wofür?“ Sie schloss die Augen, schmiegte sich an ihn, und wusste gar nicht, was überhaupt los war. Kratzige Bartstoppeln. So unwiderstehlich, dass sie verboten gehörten.
Ein angenehmes Ziehen in ihrer Bauchgegend, ein Schauer, der durch ihren ganzen Körper fuhr.
„Für das Brötchen.“
Sie riss die Augen auf. „Was?“
Doch Marc war bereits an der Tür, hielt ihr Nutellabrötchen in der Hand und grinste.
„Du bist so gemein“, fauchte sie und machte Anstalten, ihr Brötchen zurückzuerobern.
„Immer auf die kleinen Dicken, ne?“
Während sie vor Wut schnaubend noch eine Packung Taschentücher nach ihm warf, hatte er bereits unverschämt lachend den Raum verlassen.
____________________________________________________________

„Hallo? Marc?“
Auf der anderen Seite der Tür herrschte beharrliches Schweigen.
„Ich bin’s. Maja.“

„Marc? Bist du da?“

„Marc, ich weiß dass du da bist, dein Auto steht doch draußen.“

„Und den Fernseher hör ich auch.“
Ein Seufzen. Schließlich ging die Tür auf, und Marc stand im Türrahmen. Er hatte die Augenbrauen hochgezogen und schaute Maja gespannt an.
„Hey.“ Sie lächelte etwas verlegen und hielt ein Sechserpack Bier hoch. „Ich hab Bier.“
Bier war gut. Auf jeden Fall eine Verhandlungsbasis. Er trat zur Seite, damit sie herein kommen konnte.

„Hör mal. Ich weiß dass ich mich blöd verhalten habe“, begann Maja, während sie sich durch die Tür schob.
„Okay.“ Er folgte ihr ins Wohnzimmer, um sich schließlich neben sie auf die Couch zu setzen.
„Aber ich war halt… verletzt. Du bist mir wirklich wichtig, Marc. Und ich will nicht, dass irgendwas zwischen uns steht. Keine Ahnung, warum du mir alles verschwiegen hast, aber irgendwie ist es ja wirklich deine Sache.“
Marc nickte und machte sich ein Bier auf, um seine Verlegenheit zu überspielen. Verdammt, er hasste dieses emotionale Gelaber. Reichte es nicht, wenn Hasenzahn ständig damit um die Ecke kam?
Ein kleiner Stich irgendwo in seiner Brustgegend (aber auf keinen Fall im Herz) erinnerte ihn daran, dass die Sache endgültig beendet war, und es kein emotionales Gelaber mehr geben würde. Erleichtert nahm er einen großen Schluck Bier.
„Marc… ich hab nur eine Frage. Also“, druckste Maja herum und nahm sich ebenfalls ein Bier, „ich muss einfach wissen, woran ich bei dir bin.“
Einige Sekunden lang herrschte Schweigen. Sie schaute ihn erwartungsvoll an.
Er erwiderte ihren Blick leicht ratlos. „Was denn?“
„Ich hab dich was gefragt.“
„Hast du nicht“, wehrte sich der in die Enge getriebene Oberarzt prompt. „Das war… eine Aussage, ich hab kein Fragezeichen gehört!“
Maja verdrehte die Augen. „Marc, reiß dich mal zusammen jetzt. Ich hab keine Lust auf dein blödes Rumgedruckse hier. Also – ich mach es jetzt mal einfach für dich. Willst du mich weiterhin sehen?“
Er starrte vor sich hin und nickte schließlich.
„Gut.“ Sie atmete tief durch. „Und willst du… mehr als das?“
Marc umklammerte krampfhaft seine Flasche. Das ging ihm jetzt eindeutig zu weit. Frauen und ihr blödes Definieren von Beziehungen, die gar nicht da waren… warum mussten die immer alles so genau wissen wollen?
Was meinte sie denn jetzt schon wieder mit mehr? Ja, er fand sie ziemlich heiß. Ja, er würde sie gern mal bumsen, und er verbrachte gern Zeit mit ihr. Er mochte es, mit ihr Bier zu trinken und Pulp Fiction zu schauen.
Aber sie wollte… mehr. Was mehr? Mehr reden, mehr küssen, mehr Sex? Mehr Bier trinken, mehr schlafen, mehr in den Zoo gehen? Bei Frauen wusste man nie so genau, was sie mit mehr meinten. Und das war das Problem.
„Marc. Du schweifst schon wieder ab.“
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Maja ihn leicht anschubste.
„Ich will keine Beziehung“, sagte er schließlich wohlbedacht und sehr langsam, damit das hier auch ja niemand falsch verstehen konnte.
„Okay.“ Ergeben nickte Maja. So etwas hatte sie sich schon gedacht, aber sie hatte es einfach aus seinem Mund hören wollen. Auf diese Weise konnte sie damit klarkommen.
Sie holte eine DVD aus ihrer Tasche.
„Und, schauen wir noch nen Film?“
Erstaunt musterte Marc die DVD. Wieder ein Tarantino-Film. Beachtlich, wie sie innerhalb weniger Wochen bereits zielsicher die richtigen Filme aussuchte. Und vor allem, wie sie nach einer klaren Ansage seinerseits weder rumzickte noch heulte - beides Dinge, in denen Hasenzahn außerordentlich begabt war.
Hasenzahn wusste ja nicht einmal, wer Quentin Tarantino war. Oder Ronnie James Dio.
Er machte sich das nächste Bier auf, grinste und dankte Gott für die wahrscheinlich einzige coole, attraktive und zugleich unkomplizierte Kumpel-Frau auf der ganzen Welt.

___________________________________________________________


„Margarete, ich hab dir noch ein paar Unterhosen gewaschen!“
„Boah, Mama.“ Gretchen verdrehte die Augen. „Ich bin doch nur eine Nacht weg!“
Sie stand vor ihrem Kleiderschrank und überlegte gerade, was sie alles in ihre Reisetasche packen sollte. Etwas Bequemes für die Fahrt musste auf jeden Fall mit. Und dann natürlich etwas Schickes für die Karaoke-Bar. Wer weiß, vielleicht war ja einer dieser Talentsucher unterwegs, und sie wurde doch noch entdeckt.
Und für den Museumsbesuch? Hm, irgendetwas, das intelligent aussah auf jeden Fall.
„Wieso hast du denn den süßen Torten-Pyjama wieder ausgepackt?“, fragte Bärbel währenddessen verwirrt und lugte neugierig in die Reisetasche hinein.
„Ach Mama, wer weiß, mit wem ich mir da ein Zimmer teilen muss. Ich will auch ein bisschen erwachsen wirken dann.“
„Na, wenn du meinst“, sagte Gretchens Mutter wenig überzeugt und blickte kritisch drein, als Gretchen nachdenklich ein kurzes Nachthemd musterte. „Was willst du denn mit sowas? Fährt dieser Doktor Meier etwa mit?“
„Mama!“ Empört stopfte Gretchen das Nachthemd wieder in den Schrank und errötete in Sekundenschnelle. „Marc fährt erstens gar nicht mit, und zweitens würde ich für ihn gar nicht… also, sowieso würd ich sowas nur für Alexis… also, du bist echt unmöglich.“
Sie entschied sich schließlich für einen schlichten, weißen Satin-Pyjama.
Sie war froh darüber, dass Marc nicht mitkommen würde. Sein fieser Trick, der sie um ihr Brötchen gebracht hatte, hatte sie mal wieder aus der Bahn geworfen. Der Ausflug würde ihr helfen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Joan Offline

Schwesternhelferin:


Beiträge: 245

27.05.2011 01:15
#27 RE: Story von Joan Zitat · Antworten

Oh, wow! So viele Leser sind noch da - das freut mich unheimlich
Dankeschön für eure unerschütterliche Treue - ich hoffe, euch gefällt der nächste Teil.



Als Gretchen am Nachmittag des nächsten Tages auf dem Krankenhausparkplatz stand, verschaffte sie sich erst einmal einen Überblick darüber, wer alles mitfuhr.
Unter den ungefähr 30 Leuten waren viele bekannte Gesichter. Ihr Vater, der keine Gelegenheit verpasste, ihnen allen seine andauernde Jugend zu beweisen, war natürlich ganz vorne dabei. Maria Hassmann hatte einen Babysitter für ihre Tochter gefunden, und auch Mehdi stand etwas nervös herum, hatte die Hände in die Jackentaschen geschoben und schien seine Entscheidung bereits zu bereuen. Schwester Sabine, die eine riesige Sonnenbrille und eine Bauchtasche trug, winkte Gretchen fröhlich zu.
„So, Sternchen, ich fahr dann mal.“ Alexis, der sie und auch ihren Bruder Jochen hingefahren hatte, gab ihr einen kurzen Kuss. „Viel Spaß, und ruf mich an falls es Probleme gibt.“ Leicht nervös schaute er hin und her, als befürchtete er, dass Marc plötzlich doch aus dem Gebüsch springen und seine Verlobte entführen würde.
Sie lächelte freundlich und winkte zum Abschied, als Alexis davonfuhr. Dann stieg sie in den Reisebus und suchte sich einen freien Platz, in der Hoffnung, dass Schwester Sabine ihr bald Gesellschaft leisten würde.
Sie dachte daran, wie die coolen Kinder auf den Klassenfahrten immer ganz hinten auf der Pritsche gesessen hatten, und die Uncoolen weiter vorne.
Demonstrativ setzte sie sich in die vorletzte Reihe. Gut, dass sie jetzt alle erwachsen waren.
Im nächsten Moment betrat auch der Rest der Gruppe den Bus. Ihr Vater setzte sich sofort nach vorne, um dem leicht verzweifelt dreinschauenden Busfahrer Gesellschaft zu leisten, während Doktor Hassmann, der Österreicher Knechtelsdorfer, und zwei Ärzte aus der Neurologie die Sitzbank ganz hinten beanspruchten.
Ungeduldig wartete Gretchen auf Schwester Sabine, doch jemand anders war schneller.
„Na, wie geht’s?“
Mehdi hatte sich neben sie gesetzt, sichtlich erleichtert, dass er nicht mehr allein war.
„Hey, Mehdi. Ganz gut.“ Sie lächelte. „Und dir?“
Doch anstatt ihm Gelegenheit zu geben, zu antworten, fragte sie direkt weiter nach dem, was ihr wirklich auf dem Herzen lag.
„Du bist doch ganz gut mit Maja befreundet, oder?“
„Könnte man so sagen.“ Ein heimliches Grinsen schlich sich auf Mehdis Gesicht. „Wieso?“
„Ist sie…“, druckste Gretchen herum, „na ja, ist sie noch sauer auf mich?“
„Ich wusste, dass du das fragen würdest.“ Mehdi seufzte. „Nein, ist sie nicht. Sie sagt selbst, dass sie vielleicht ein bisschen überreagiert hat. Aber sie war trotzdem nicht gerade begeistert. Gib ihr noch ein bisschen Zeit; sie wird sich bestimmt bei dir melden.“
„Gut“, atmete Gretchen erleichtert auf. „Ich hatte schon Angst, dass… was macht der denn hier?“
Sie krallte sich an Mehdis Oberarm fest, woraufhin dieser schmerzlich das Gesicht verzog.
Marc. Er war hier. Sabine hatte doch gesagt, er würde nicht mitfahren!
Sie starrte aus dem Fenster, sah zu, wie er seine Zigarette austrat und in den Bus stieg. Ihm war anzusehen, dass er am liebsten wieder nach Hause gefahren wäre und nur hier war, um weiterhin gut mit Professor Haase zu stehen.
Gretchen rutschte in ihrem Sitz weiter nach unten. Vielleicht würde er sie gar nicht sehen.
Er betrat den Bus, warf kurz einen Blick auf die anwesenden Personen und steuerte sofort auf Mehdi zu. Wenn er hier schon einen Sitznachbarn haben musste, dann wenigstens einen, der nicht rumnervte.
Als er neben Mehdi stand, tönte ein leises „Verdammt“ durch die Luft. Er zog die Augenbrauen hoch, schaute an Mehdi vorbei und erblickte Gretchen, die krampfhaft versuchte, sich zu verstecken, und ihre Nase in ihrer Jacke vergrub – frei nach dem Motto ‚Ich seh‘ dich nicht, also siehst du mich auch nicht!‘.
Er schüttelte den Kopf und steuerte den letzten freien Platz auf der hinteren Bank an. Was an seiner Anwesenheit so furchtbar war, konnte er jetzt nicht so ganz nachvollziehen, aber Frauen waren halt manchmal merkwürdig.
Froh, dass Marc irgendwo anders hingegangen war, atmete Gretchen tief durch und ließ Mehdis Arm los.
„Puh, das war knapp. Gut dass ich mich so gut verstecken kann“, stellte sie nicht ohne Stolz fest.
„Ja, total gut“, erwiderte Mehdi ironisch und grinste. Natürlich hatte er mitbekommen, dass der Meier nun fatalerweise direkt hinter Gretchen saß und jedes Wort hören konnte.
„Weißt du, das ist alles so schwierig“, war Gretchen froh, sich endlich von der Seele reden zu können, was ihr seit dem Brötchen-Vorfall durch den Kopf ging. „Ich bin doch glücklich mit Alexis, aber irgendwie ist da was in meinem Hinterkopf, das geht einfach nicht weg, egal was ich tue. Kennst du das, Mehdi?“
Interessiert lehnte sich Marc weiter nach vorn. Schließlich ging es hier um ihn, da durfte er doch wohl ein bisschen lauschen.
Mehdi dachte an Maja.
„Ein bisschen“, gab er zu. „Aber Gretchen, lass uns da vielleicht lieber später drüber sprechen, hm?“
„Wieso, nerv ich dich etwa? Oh, tut mir Leid“, jammerte diese etwas wehleidig. „Mir schwirrt echt der Kopf im Moment, er ist so… unwiderstehlich. Findest du nicht?“
„Na ja.“ Der Gynäkologe räusperte sich. „Ich bin jetzt nicht gerade die Zielgruppe, Gretchen.“
„Gott, ich werde noch wahnsinnig“, ignorierte die blonde Ärztin diesen Einwand, „ich rieche sogar sein Aftershave, obwohl er gar nicht da ist. Das ist doch bescheuert!“
Bevor Mehdi seine Sitznachbarin unauffällig darauf aufmerksam machen konnte, dass Marc direkt hinter ihr saß und sie höchstwahrscheinlich deshalb sein Aftershave riechen konnte, ertönte ein unangenehmes Rauschen. Kurz darauf erklang die tiefe, brummende Stimme des Busfahrers, der wohl von Franz Haase dazu überredet worden war, eine Ansprache zu halten. Grummelnd stellte sich der Mittvierziger als Dieter, der Busfahrer vor und erklärte überflüssigerweise, dass die Reise nach Dresden nun jeden Moment losgehen würde. Seine demotivierte Art brachte den Professor jedoch schnell dazu, selbst das Mikrofron zu übernehmen, und er setzte an zu einem Vortrag über die Wichtigkeit von guter Zusammenarbeit und Teamgeist.

Der Bus hatte mittlerweile die Autobahn erreicht, und das monotone Surren des Busses, vermischt mit der langweiligen Rede ihres Vaters, hatte Gretchen in das Land der Träume befördert. Ihr Kopf war auf Mehdis Schulter gesunken; ihr Mund war leicht geöffnet, und zwischendurch schlich sich ein kleiner Seufzer über ihre Lippen. Er fragte sich, was sie wohl träumte.
Bestimmt hüpfte sie gerade in einem Brautkleid mit einem Pferd über irgendeine Blumenwiese.

http://www.youtube.com/watch?v=ZVoFymy3IMU&feature=related

Die raue Seeluft verwüstet ihr blondes Haar. Ein sehnsüchtiger Blick, gerichtet in die Ferne, auf das weite Meer. Kreischende Möwen, die wie Geier über dem Schiff kreisen. Verzweifelte Rufe von Männern, die nichts mehr zu verlieren haben.
Und sie steht auf dem Deck. Faltet die Hände vor der Brust, betet zu Gott, dass er sie finden wird, bevor der Sturm sie erreicht.
Sie weiß, dass es unmöglich ist. Kein Schiff ist schneller als das dieser Piraten. Und sie weiß, dass ihr Leben vorbei ist. Aber es ist nicht wichtig.
Die Holzplanken knarren unruhig unter ihren bloßen Füßen, während sie mit einer ihr selbst unbekannten Ruhe an der Reeling steht.
Plötzlich peitschen Schreie über das Deck. Sie fährt herum, und kann kaum begreifen, was sie dort sieht.
Er ist es. Sie weiß nicht, wie, aber er hat es geschafft. Er ist hier, und er kämpft, obwohl es ausweglos scheint. Mit der Anmut eines jungen Löwen springt er über die Planken, lässt seinen silbern glänzenden Säbel durch die Luft gleiten. Immer mehr Männer stürmen auf ihn zu, doch er scheint sie kaum wahrzunehmen. Sein Blick gilt nur ihr.
Ein letzter Kampf. Der Kapitän des altehrwürdigen Schiffes stellt sich ihm in den Weg.
„Marc Meier“, knurrt der Alte.
„Captain Marc Meier.“
„Du solltest tot sein, du verdammter Hund. Mit meinen eigenen Händen habe ich dich den Haien vorgeworfen. Sag mir, was hat dich zurückgebracht?“
„Sie.“ Sein Blick fällt auf die wundervolle Frau, die an der Brüstung des Bugs steht und auf die Rivalen herabschaut.
Der Kampf entbrennt, während die See wütend tobt. Regen prasselt herab auf die Kämpfenden, die einen tödlichen Tanz begonnen haben. Einer von ihnen wird sterben. Eine andere Lösung gibt es nicht, hat es nie gegeben.
Kurze Hiebe, ausgeführt von starken, rauen Händen. Aneinander klirrende Säbel, die um Erlösung flehen.
Ein kurzer Augenblick nur. Und der Alte sinkt zu Boden, fassungslos auf die Wunde in seinem Herz starrend.
Dann steht er vor ihr.
„Du bist gekommen“, flüstert sie atemlos. Küsst ihn, mit einer Leidenschaft, die ihr beinahe die Schamesröte in die Wangen treibt, während er sie in seine muskulösen Arme schließt.
„Bis ans Ende der Welt“, raunt er leise.
Sie schließt die Augen, verliert sich in seinem Kuss.
Dann wird es still. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Bald türmt das Meer sich auf, um alles zu verschlingen, was ihm bisher zu trotzen wagte. Doch es kümmert sie nicht; er ist bei ihr, und allein das ist von Bedeutung.
Er wird auf einmal schwer in ihren Armen.
Gemeinsam gleiten sie zu Boden, sie trifft seinen Blick, überrascht und bereits vom Tod vernebelt.
Dunkles Blut quillt aus seiner Brust hervor. Einer der Piraten hält eine Pistole in der Hand und grinst dreckig. Schaut zu, wie sie ihre Hände auf sein Herz presst, versucht, das Blut zu stoppen.
Es ist sinnlos. Tränen laufen über ihre Wangen, während die leeren Augen ihres Geliebten starr werden.


„Marc!“
Mit einem Schrei schreckte Gretchen aus ihrem Traum auf. Er war tot, es war vorbei. Es war zu spät, und sie würde ihn nie wieder sehen. Sie war noch immer nicht so recht in der Wirklichkeit angekommen, und die ersten echten Tränen bahnten sich ihren Weg an die Oberfläche.
„Was denn?“ Eine genervt klingende Stimme riss sie harsch in die Wirklichkeit zurück.
Die männliche, wohlriechende Schulter, an der sie bis gerade eben gelehnt hatte, gehörte nicht Mehdi.
Langsam hob Gretchen den Kopf. Ein irritierter Marc Meier erwiderte ihren orientierungslosen Blick leicht spöttisch.
„Dein eigentliches Kopfkissen ist mal kurz ausgetreten. Hat mich gebeten, kurz einzuspringen. Nachher fällst du noch vom Sitz und löst Turbulenzen aus, oder so.“
Sie glotzte ihn verwirrt an. Er war nicht tot. Er war noch da, niemand hatte ihn erschossen.
„Oh, Marc!“, schniefte Gretchen und warf sich, noch immer völlig aufgelöst, in seine Arme. „Der Kapitän, er war tot, und dann warst du auch tot-“
„Welcher Kapitän?“, unterbrach er sie und tätschelte etwas hilflos ihren Haarschopf. (Böse Zungen hätten auch behaupten können, dass er ganz kurz den Duft ihrer Haare genoss.)
Allmählich kam die Piratenbraut wieder in der Wirklichkeit an. Und registrierte, an wessen Schulter sie sich da gerade ausweinte.
„Marc“, zischte sie und rutschte so weit wie möglich von ihm weg, bis ihr Rücken am Busfenster klebte. „Warum bist du überhaupt hier?“
„Hab ich doch gesagt“, seufzte dieser. Meine Güte, sie war aber manchmal wirklich schwer von Begriff. „Mehdi ist kurz weg, und weil du seine Schulter gerade so friedlich angesabbert hast, wollte er dich nicht wecken. Hatte noch was gut bei mir, also bin ich eben eingesprungen.“
„Das meine ich doch gar nicht. Was machst du hier auf dem Ausflug? Sabine hat gesagt, du würdest nicht mitfahren!“
„Offensichtlich doch“, erwiderte Marc trocken. Ihm wurde es mal wieder zu blöd mit ihr, und er beschloss, den Rückzug anzutreten. „Wenn du dann jetzt fertig bist mit deiner Traumland-Exkursion, würde ich gern wieder auf meinen eigenen Platz gehen.“
„Tu dir keinen Zwang an“, schnappte die noch immer verschlafene und daher leicht zickige Ärztin, woraufhin Marc nur die Augen verdrehte und das Weite suchte.
Das leichte Grinsen, das für den Rest der Fahrt auf seinem Gesicht lag, sah Gretchen nicht.
Sie hatte seinen Namen im Schlaf geseufzt.
Die Bestätigung, dass sie ihn keineswegs vergessen hatte, löste in ihm ein kribbliges Gefühl der Genugtuung aus. Wobei die Tatsache, dass er in ihrem Traum tot war, vielleicht nicht so positiv zu deuten war?
Er schüttelte den Kopf und musste beinahe über sich selbst lachen. Traumdeutung? Das ging jetzt aber wirklich zu weit. Egal, was sie geträumt oder gesagt, oder wie sie sich an ihn geschmiegt hatte. Sie hatte sich entschieden, und zwar gegen ihn.
Nachdenklich schaute er aus dem Fenster und erinnerte sich immer wieder daran, dass sie diesen neureichen Vollpfosten heiraten würde. Warum auch immer.


...Eine kleine Hommage an Fluch der Karibik

Joan Offline

Schwesternhelferin:


Beiträge: 245

22.10.2011 22:37
#28 RE: Story von Joan Zitat · Antworten

Ihr Lieben,
ich wage mich kleinlaut zurück an die Front und hoffe, ihr könnt mir verzeihen. dass ich so lange untergetaucht war.



Einige Tage, nachdem Anabel die Pässe ihres geliebten Joshuas gefunden hatte, schien ihre Welt wieder in Ordnung zu sein.
Er ahnte nicht, dass sie etwas wusste, und sie war stolz auf sich selbst. Sie war erwachsen und reif genug, um ein Geheimnis solchen Ausmaßes für sich zu behalten. Kein einziges Mal hatte sie daran gezweifelt, dass es richtig war, Joshua weiterhin zu vertrauen und bei ihm zu bleiben.

Sie summte glücklich vor sich hin, während sie durch den Supermarkt in der Nähe ihres Hauses wanderte und die Zutaten für das Abendessen einkaufte.
Es sollte eine Überraschung für Joshua sein, der sie heute von seiner Arbeit aus angerufen und gestresst geklungen hatte. Er meinte, es würde etwas später werden, es sei einfach zu viel zu tun.
Also hatte Anabel beschlossen, ihm eine Freude zu machen und ihn mit einer hausgemachten, warmen Mahlzeit zu begrüßen, wenn er endlich nach Hause kam.

Sie schloss die Haustür auf – und wurde ruppig gegen selbige geworfen, von einem Mann mit kugelsicherer Weste und Sichtschutz. Sie schrie und kniff gleichzeitig die Augen zusammen, das hier durfte nicht wahr sein, was auch immer hier gerade passierte. Es musste ein Traum sein.
„Lass sie“, hörte sie eine weitere Männerstimme auf Spanisch sprechen. „Der Mistkerl ist längst über alle Berge. Hat wohl den Ballast abgeworfen.“
Anabel wollte den Mund öffnen und erklären, dass sie kein Ballast war, und dass Joshua sie niemals zurücklassen würde. Aber der Schock hatte sich in ihr ausgebreitet, und ihr fiel kein Wort Spanisch mehr ein.
„Er kommt zurück“, stammelte sie auf Deutsch, „er lässt mich nicht zurück.“
Kopfschüttelnd und verständnislos setzte die Spezialeinheit der spanischen Polizei die Hausdurchsuchung fort. Auf dem Wohnzimmertisch lagen bereits ausgebreitet die verschiedenen Pässe.
„Er lässt mich nicht zurück“, flüsterte Anabel verzweifelt, während man ihr mitleidslos die Handschellen anlegte und ihr erklärte, sie sei festgenommen wegen Beihilfe zum Betrug.



Drei Stunden später stürzte Marc Meier beinahe panisch aus dem Reisebus, der schließlich vor einem schicken, kleinen Hotel in der Dresdner Altstadt gehalten hatte.
Die letzten drei Stunden waren seine persönliche Hölle gewesen. Alles hatte damit angefangen, dass Dieter, dem Busfahrer, langweilig wurde und er auf die wundervolle Idee kam, Wanderlieder anzustimmen. Obwohl die meisten Mitreisenden keineswegs begeistert von diesem Vorschlag waren, hatte sich der Großteil schließlich ergeben und mitgesungen.
Zu allem Überfluss hatte Marc den iPod, den er vorsorglich mitgenommen hatte, nicht aufgeladen, sodass er sich noch nicht einmal ablenken konnte. Diese verdammten Dinger. Er hätte bei seinem guten, alten Walkman bleiben sollen. Die musste man nicht extra irgendwo aufladen. Ein paar Batterien rein, und fertig.
Hin und wieder hatte er einen Blick über seinen Sitz riskiert, nur um festzustellen, dass Hasenzahn wieder seelenruhig schlief, diesmal jedoch wohlweislich mit dem Kopf an die Fensterscheibe gelehnt. An einem Punkt stand ihr süßer Mund ein wenig offen, und eine leichte Sabberspur rann ihr Kinn herab. Grinsend wie ein Schuljunge hatte er es sich nicht nehmen lassen, von diesem göttlichen Anblick ein Foto mit seinem Handy zu schießen, das er ihr bei Gelegenheit unter die Nase reiben konnte.

Zum Glück waren sie jetzt endlich da. Es dauerte eine Weile, bis alle Mitreisenden ausgestiegen waren und ihre Reisetaschen eingesammelt hatten.

Verschlafen stolperte Gretchen als letztes aus dem Bus, sichtlich brummig und genervt. Aus irgendeinem Grund hatte sie einen Ohrwurm von ‚Das Wandern ist des Müllers Lust‘, was ihr gehörig auf den Geist ging. Als sie sich umschaute, um nach Sabine zu suchen, traf ihr Blick kurz auf den von Marc, der sie amüsiert betrachtete. Für einen kurzen Moment dachte sie wieder an den sexy Captain Marc Meier aus ihrem Traum, riss sich dann aber zusammen. War ja schon peinlich genug, dass sie sich heulend auf ihn geworfen hatte, nachdem sie aufgewacht war und gedacht hatte, er sei tot.
Sie reckte das Kinn, wandte den Blick ab und stolzierte zu Schwester Sabine herüber, die jedoch überraschenderweise nicht allein dastand, sondern von dem neuen Pathologen der Klinik in ein Gespräch verwickelt worden war.
Spontan entschied Gretchen sich dann dazu, die beiden lieber nicht zu stören, und gesellte sich stattdessen zu Maria Hassmann, die sich augenscheinlich noch nicht für einen der beiden Neurologen entschieden hatte und mit beiden bienenfleißig flirtete.
Auch hier fühlte sich Gretchen irgendwie fehl am Platz. Aber wo sollte sie sonst hin? Mehdi hing seit zehn Minuten an seinem Handy und telefonierte mit irgendjemandem. Mit ihrem Vater rumzuhängen, fand sie zu peinlich, und die anderen Leute kannte sie nicht sonderlich gut.
Okay, da war noch Marc… aber der sollte mal schön schauen, wo er blieb, denn sie würde ihm garantiert keine Gesellschaft leisten. Tat ihm vielleicht auch mal ganz gut, wenn er merkte, dass er keine Freunde hatte.

Apropos Marc. Wo steckte er überhaupt?
Suchend überblickte sie die plaudernde Ärzte-Meute. Doch als fand, was sie suchte, hätte sie am liebsten gefaucht, geknurrt oder gebissen. Oder alles auf einmal.
Denn besagter Oberarzt hatte zwar keine Freunde, aber dafür drei weibliche Bewunderer aus der Pädiatrie, die alle seinem unverschämten Macho-Charme erlagen und neidisch die Zigarette in seinem Mundwinkel anglotzten, als würden sie sofort den Platz mit dieser tauschen wollen.
Zu allem Überfluss schien der Gockel auch noch prompt zu merken, dass er von einer weiteren Person beobachtet wurde. Er hob den Kopf, schaute Gretchen an und grinste überlegen.
Sie ballte die Hände zu Fäusten und fauchte leise vor sich hin, was Dr. Knechtelsdorfer, der neben ihr stand und missmutig Frau Dr. Hassmann musterte, dazu veranlasste, sich verunsichert ein paar Schritte von ihr wegzubewegen.

Dann endlich konnten sie ihr Gepäck in die Doppelzimmer bringen. Gretchen teilte sich ihres mit Sabine, deren Reisetasche von dem Pathologen, Dr. Gummersbach, natürlich galant bis vor die Zimmertür getragen wurde, während sie sich mit ihrer pinken Blümchen-Sporttasche allein abmühen musste.

Und so kam es, dass eine überaus schlecht gelaunte Dame an diesem Abend beschloss, sich in ihr aufreizendstes Kleid zu werfen und dem Macho-Meier zu zeigen, dass sie mit Sicherheit nicht auf sein attraktives Äußeres hereinfallen würde und außerdem auch super allein klarkam.

Joan Offline

Schwesternhelferin:


Beiträge: 245

23.10.2011 20:16
#29 RE: Story von Joan Zitat · Antworten

Es freut mich sehr, dass einige von euch noch da sind und gern weiterlesen würden!
Als Wiedergutmachung für die lange Pause gibts jetzt einen langen Teil :)

Viel Spaß!




Nervös betrat Gretchen an der Seite von Sabine die Lobby des Hotels. Es war mittlerweile Abend, und nachdem sie alle auf ihren Zimmern eingerichtet und sich zurechtgemacht hatten, ging es nun weiter zu der sagenumwobenen Karaoke-Bar.
Sie zupfte zum gefühlt hundertsten Mal am Saum ihres schwarzen Cocktailkleids herum und versuchte ganz bestimmt nicht, einen gewissen Vorgesetzten ausfindig zu machen, der sich hier irgendwo rumtreiben musste. Dabei verhielt sie sich so unauffällig, dass Sabine sie von der Seite anschaute und flüsterte: „Da drüben, Frau Doktor. Bei den… Damen aus der Pädiatrie.“
Gretchen zuckte ertappt zusammen. „Ich weiß gar nicht, wovon Sie reden“, sagte sie überlegen und zwang sich, nicht hinzuschauen. Sie hatte beim besten Willen keine Lust darauf, zuzuschauen, wie diese blöden Schnepfen ihren Marc anbaggerten.
Moment – ihren Marc?
Sie seufzte. Falsch, er war nicht ihr Marc, sondern nur irgendein Marc. Und das war auch gut so!
Dann würde er sie eben überhaupt nicht bemerken in ihrem vorteilhaftesten, neuen Kleid. Dann würde er eben irgendeine dumme Kuh abschleppen. War ihr doch egal.

Und tatsächlich lag Gretchen gar nicht so falsch, denn ihr Oberarzt hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen – was vor allem die Schuld einer gewissen Frau Dr. Susanne Knappmann war, die in den letzten zehn Minuten nicht einmal den Mund zugemacht hatte und ständig sein Sichtfeld blockierte.

„… und dann hab ich zu ihm gesagt, ‚Thomas‘, hab ich gesagt, ‚ich verlasse dich, ich bin eine emanzipierte Frau und muss mir sowas nicht gefallen lassen‘“, schnatterte Susanne vor sich hin und klimperte verführerisch mit den Wimpern, „tja, Dr. Meier, und nun bin ich hier. Single. Und glücklich dabei. Sind Sie denn derzeit involviert mit jemandem?“
Marc schüttelte leicht geistesabwesend den Kopf, während er in selbigem einen Fluchtplan entwickelte.
„Es ist aber auch so schwierig heutzutage, einen geeigneten Partner zu finden“, fuhr Susanne munter fort. „Und man wird ja auch nicht jünger.“
„Richtig, äh… darf ich Ihnen noch etwas zu trinken holen?“ sagte Marc schnell, schnappte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, Susannes leeres Glas und machte sich auf den Weg zur Bar, an der zahlreiche Champagnergläser für die Gesellschaft bereitstanden.

Zielstrebig steuerte er die Bar an, griff nach zwei gefüllten Gläsern und drehte sich mit Schwung um, mit der Absicht erst einmal nach draußen zu flüchten, um eine Zigarette zu rauchen – und stieß dabei prompt mit einer blonden Frau zusammen, die erschrocken quietschte, als sich der Inhalt zweier Champagnergläser über ihr neues Kleid ergoss...

Mit offenem Mund starrte Marc sie an. Ihre blonden Locken fielen schmeichelhaft über ihre Schultern, rahmten ihr schönes Gesicht ein. Seine Augen wanderten unwillkürlich über ihren Körper, bedeckt mit einem knielangen, schwarzen Cocktailkleid, das einen wunderbaren Kontrast zu ihrer hellen Haut bildete.
Und wieder einmal fiel ihm auf, wie schön sie war.

Ihre vor Empörung geröteten Wangen wurden noch röter, als seine Blicke wahrnahm.
„Mensch, Marc“, zeterte sie dann, bevor sie noch explodierte vor Verlegenheit. „Weißt du, wie teuer das war? Du musst einem aber auch echt alles versauen.“
„Was?“ Aufgeschreckt zwang Marc sich dazu, der aufgebrachten Schönheit in die blitzenden Augen zu schauen.
„Ja wie, was? Du hast mein Kleid ruiniert.“

Allmählich füllten sich Gretchens Augen mit Tränen. Das fing ja super an. Da machte sie sich einmal richtig hübsch, und fühlte sich dabei auch noch wohl in ihrer Haut, und dann kam dieser Idiot und machte alles kaputt.

„Äh“, machte Marc und gab sich selbst im Geiste eine Kopfnuss für diese dämliche Reaktion, „ach, das wolltest du… tragen?“
Sie schüttelte den Kopf, flüsterte „du bist unmöglich, echt“, und ging schnell davon in Richtung Damentoilette, um den Champagner irgendwie aus ihrem Kleid zu waschen.


Marc brauchte ein paar Sekunden, bis er wieder klar denken konnte. „Scheiße“, murmelte er ungehalten, und überlegte fieberhaft, was er jetzt machen sollte. Zu Susanne zurückkehren und die Situation ignorieren? Nach draußen fliehen, eine rauchen und die Situation ignorieren? Oder lieber erstmal diverse Gläser Champagner vertilgen und dann die Situation ignorieren?


Schniefend stand Gretchen vor dem Spiegel der Damentoilette und betrachtete den riesigen Champagnerfleck, der sich auf ihrem Dekolletee und ihrem Bauch ausgebreitet hatte. Eigentlich war er fast nicht mehr zu sehen auf dem schwarzen Stoff, aber das klebrige Gefühl auf der Haut und der auffällige Geruch von süßlichem Alkohol trugen nicht gerade zu ihrem Wohlbefinden bei.
Wie konnte Marc nur so gemein sein? Sie hatte nichts getan, sich einfach nur mal hübsch gemacht, und es dauerte noch nicht einmal fünf Minuten, bis er sie wieder vollkommen aus dem Konzept gebracht hatte.
Mit vor Wut klopfendem Herzen begann sie, Papierhandtücher mit Wasser zu tränken und den Schaden weitestgehend zu beseitigen.

„Hasenzahn?“ Ein lautes Klopfen an der Tür ließ sie aufschrecken.
„Hau ab“, rief sie böse. Marc war wirklich der letzte Mensch, den sie jetzt sehen wollte.
Anscheinend war ihr Oberarzt anderer Meinung, denn er öffnete – ein wenig zaghaft, denn immerhin war dies die Damentoilette – die Tür und schob sich durch den Türspalt.
„Ist doch gar nicht so schlimm“, kommentierte er, ein wenig überfordert mit der Situation, und gleichzeitig hoffnungsvoll, dass sie vielleicht gar nicht sauer war. Er wusste, dass ein sozial fähiger Mensch sich jetzt einfach entschuldigen würde. Aber aus irgendeinem Grund fiel ihm das unheimlich schwer.

„Gar nicht so schlimm?“ fauchte das Opfer des hinterhältigen Champagner-Angriffes daraufhin und trat einen Schritt auf ihn zu. „Gar nicht so schlimm? Ist das also erst der Anfang, hm? Hast du noch weitere Pläne, um mir den Abend zu vermiesen?“

„Nein, äh… also, jetzt reg dich mal nicht so auf hier.“ Allmählich stellte sich auf bei Marc wieder eine leichte Abwehrhaltung ein. „Wieso denkst du denn jetzt schon wieder, das wär Absicht gewesen? Dein Kleid ist… du siehst heute wirklich… also, da würde ich doch nicht…“ Er räusperte sich, um Zeit zu gewinnen. Verdammt, was war denn auf einmal los? Wo waren die Worte hin, die ihm sonst so leicht über die Lippen kamen, wenn er mit Frauen redete?

„Ich reg mich aber auf“, sagte Gretchen, ein wenig trotzig. Der Frust, der sich in ihr aufgestaut hatte, verflog allmählich schon wieder. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und wandte sich wieder dem Spiegel zu. „Ich wollte einfach nur… gut aussehen. Und jetzt – schau mich an. Ich bin ganz klebrig und… bah.“
„Bah?“, echote Marc mit einem leichten Grinsen. „Ist das ein Wort?“
Gereizt setzte Gretchen zu einer Erwiderung an, doch Marc kam ihr zuvor.

Bevor sie wusste, was los war, stand er bereits hinter ihr. Geschockt starrte sie in den Spiegel. Sah seinen Blick, der über ihren Körper glitt. Sah, wie sich seine Hand an ihre Taille bewegte. So leicht, dass es fast nicht zu bemerken war, strich er mit seinen FIngern über ihre Seite.
„Du siehst verdammt gut aus“, raunte er in ihr Ohr.
Ein wohlbekanntes Ziehen machte sich in Gretchens Bauch breit. Ihn so nah hinter sich zu spüren. Sein Atem, der ihren Hals kitzelte. Sein trainierter Oberkörper, der ihren Rücken berührte. Seine Hüfte, die ihrem Po gefährlich nah kam.
Im Spiegel sah er, wie sie die Augen schloss, und spürte, wie sie sich leicht gegen ihn lehnte. Erst jetzt wurde er sich darüber bewusst, was seine als reines Kompliment gemeinte Geste ausgelöst hatte.
Er musste sich zusammenreißen, um sie nicht gegen das marmorne Waschbecken zu pressen und in Seeräubermanier über sie herzufallen. Dieser leichte Vanilleduft, der sie immer umgab, schaltete seinen Kopf erfolgreich aus. Ließ seine Hände langsam an ihre Taille wandern.
„Marc“, seufzte Gretchen, die noch um ihren Verstand kämpfte, „bitte lass das.“
Für einen Moment überzog Enttäuschung sein Gesicht. Doch dann besann er sich.
Sie war verlobt, sie würde heiraten. Und er hatte beschlossen, dass es das Beste für sie beide war, wenn sie das auch durchzog.
Er wollte nicht derjenige sein, der ihr das kaputt machte.

Er räusperte sich noch einmal. „Beeil dich mal lieber, Hasenzahn. Nicht dass gleich noch alle auf dich warten müssen.“
Und mit diesen Worten verließ er den Raum. Durch eine Hintertür gelangte er in den kleinen Hinterhof des Hotels, wo wohl normalerweise das Personal Raucherpausen einlegte. Er atmete ein paar Mal tief ein und aus, um sich zu beruhigen. Diese Frau brachte ihn einfach um den Verstand. Vor allem, wenn sie so scharf aussah wie heute.


Nachdem sich Gretchen wieder beruhigt und die Spuren des klebrigen Champagners entfernt hatte, trippelte sie wieder in die Lobby, nur um zu sehen, dass diese menschenleer war.

Auch Marc kehrte von seiner Raucherpause zurück und blieb verwirrt stehen, als er nur Gretchen erblickte.
„Sind wohl schon weg“, stellte Gretchen scharfsinnig fest, woraufhin Marc nur eine Augenbraue hochzog.
„Tja, dann müssen wir wohl hierbleiben“, meinte Marc einigermaßen erleichtert, denn er hatte ehrlich gesagt gar keine Lust gehabt, sich mit seinem Kollegen, die er sowieso schon jeden Tag sehen musste, auch noch in einer Karaoke-Bar den Abend zu versauen.
„Ach, red doch keinen Quatsch“, entgegnete Gretchen vorwurfsvoll. Kurzerhand fragte sie den Portier des Hotels nach dem Weg. Dann kehrte sie zu Marc zurück, der es sich auf einem Sofa bequem gemacht hatte.
„Es sind nur 15 Minuten zu Fuß, das ist doch kein Problem“, sagte sie, wieder etwas fröhlicher gestimmt. Eigentlich freute sie sich sehr auf die Karaoke-Bar.
„Kein Bock“, murmelte Marc jedoch nur abweisend, denn er selbst freute sich bedeutend weniger als die aufgeregte Frau mit den roten Wangen vor ihm.
„Maaaarc“, zeterte diese, „jetzt komm schon! Ich will da nicht allein hinlaufen! Es ist schon dunkel draußen, und ich hab mein Pfefferspray nicht dabei, und-“
„Ist ja gut“, unterbrach er sie mit einem Augenrollen und erhob sich vom Sofa.
Und so verließen sie gemeinsam das Hotel, mit einem Sicherheitsabstand von 50cm.

Die sommerliche Nachtluft führte dann doch noch dazu, dass sich Marcs Stimmung etwas hob. Es gab schlimmeres, als mit einer schönen Frau einen nächtlichen Spaziergang zu unternehmen. Auch wenn er Hasenzahns Gebrabbel etwas anstrengend fand, brachte sie ihn doch irgendwie zum Lachen.
„… ich kann wirklich nicht glauben, dass du Dirty Dancing nie gesehen hast“, sagte sie gerade kopfschüttelnd.
„Ja, was soll ich denn mit solchen Schnulzen? Ich hab echt besseres zu tun“, brummte Marc.
„Aber genau darum geht’s doch! Der Film ist so schnulzig, den muss man gesehen haben. Das ist so wie… Weltkulturerbe!“
Marc konnte sich nicht zurückhalten bei diesen Worten. Er lachte laut. „Hasenzahn, du willst mir jetzt nicht erzählen, dass du einen Film mit Patrick Swayze mit der… mit der Museumsinsel in Berlin vergleichen willst?“
„Doch.“ Kampflustig reckte Gretchen ihr Kinn vor. „Gewissermaßen.“
„Warst du überhaupt schon mal da?“


Und während die beiden weiter diskutierten, ob man Tanzfilme aus den 80ern zum Weltkulturerbe erklären sollte oder nicht, löste sich der Sicherheitsabstand allmählich in Luft auf. Schließlich berührten sich die Arme der beiden Ärzte wie zufällig immer wieder, und Gretchen stellte erstaunt fest, wie wohl sie sich in seiner Gegenwart fühlen konnte. Und wie viel Spaß es machte, einfach nur mit ihm zu reden.
Marc musste vor sich selbst dann doch zugeben, dass er ein bisschen enttäuscht war, als sie nach nur zehn Minuten vor der Bar angekommen waren. Durch die geschlossene Tür dröhnten bereits die Klänge von „Son of a Preacher Man“, interpretiert von Maria Hassmann.
„Müssen wir da echt rein?“ nörgelte Marc, woraufhin er sich einen Klaps auf den Unterarm von Gretchen einfing.
„Ja, müssen wir. Sei doch nicht immer so negativ! Vielleicht wird’s ja ganz lustig“, versuchte Gretchen, ihn zu überzeugen.

Doch in Marc hatten zwei Gläser Champagner bereits einen leichten Spieltrieb geweckt. Einer spontanen Laune folgend, drückte er Gretchen, die erschrocken „Marc!“ zischte, gegen die Wand neben der Tür. Seine Arme positionierte er links und rechts von ihr, damit sie nicht entkommen konnte.
„Marc, was tust du?“, fragte Gretchen schwach, denn seine grüne Augen hypnotisierten sie schlagartig wieder, und sie hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Nervös versuchte sie halbherzig, sich zu befreien, und scheiterte natürlich.
Dieser dachte gar nicht daran, ihr eine Antwort zu geben.
Stattdessen küsste er die empfindliche Stelle hinter ihrem Ohr. Presste seinen Körper gegen ihren. Genoss ihr leises Keuchen und biss sanft in ihr Ohrläppchen.
Gretchen musste all ihre Kräfte aufweisen, um sich zusammen zu reißen und nicht über diesen verteufelt gutaussehenden Mann, der leider auch verteufelt gut nach ein bisschen Aftershave und nach ganz viel Marc roch, herzufallen.
Aber sie erinnerte sich sehr wohl daran, dass sie bald heiraten würde. Daran würde auch der schöne Spaziergang mit Marc nichts ändern, ebenso wenig wie die Erkenntnis, dass sie sich tatsächlich hervorragend mit ihm unterhalten konnte.
Oder die Tatsache, dass seine Lippen mittlerweile ihren Hals erreicht hatten und immer weiter herunter wanderten.

Oh nein… sie war hoffnungslos verloren.
Gewagt fuhr er mit seiner Zunge über ihr Dekolletee, legte seine Hände auf ihren Rücken, um sie näher an sich zu ziehen. Sie spüren zu lassen, dass er sie begehrte.
Ihre Finger vergruben sich in seinen Haaren. Das hier fühlte sich zu gut an, um es zu beenden. Vielleicht würde sie es später bereuen, aber im Moment war ihr das egal.
Marc hob den Kopf, schaute sie einen Moment lang an, während sich seine Lippen den ihren näherten. Sie reckte sich ihm entgegen, wollte nicht mehr warten. Wollte ihn nur noch küssen, am liebsten die ganze Nacht lang.

„Ich bin verlobt“, brachte sie dennoch, beinahe gegen ihren Willen, hervor.
„Ein Jammer, hm?“ flüsterte er.
Dann stand sie allein auf der Straße.

Joan Offline

Schwesternhelferin:


Beiträge: 245

25.10.2011 15:36
#30 RE: Story von Joan Zitat · Antworten

Wie wundervoll - ich habe mich total gefreut über die ganzen Kommentare, die mit der Zeit so eingetrudelt sind! Vielen Dank dafür, you made my day

Zum nächsten Teil: Ich hoffe der Youtube-Link funktioniert in Deutschland. Wegen Gema und so. Bin nämlich gerade nicht in der Heimat, also poste ich sicherheitshalber direkt darunter einen zweiten Link, der auf jeden Fall funktioniert =)



Als Gretchen sich so weit beruhigt hatte, dass sie die Bar betreten konnte, schlug ihr sofort warme, alkoholisierte Luft entgegen. Die gesamte Gruppe hatte sich auf die vielen kleinen Tische in der gemütlichen, leicht schummrigen Bar verteilt. Dankbar setzte sie sich auf den Platz, den Sabine für sie freigehalten hatte, an einem Tisch mit Dr. Gummersbach.

„Wo haben Sie denn gesteckt, Frau Doktor?“ fragte Sabine natürlich sofort neugierig und lächelte in sich hinein, denn natürlich hatte sie gesehen, wie der Doktor Meier nur wenige Minuten zuvor hereingekommen war und recht aufgeregt ausgesehen hatte. Als dann wenig später die Frau Doktor mit heftig geröteten Wangen eingetreten war, war für Sabine alles klar gewesen. Aber das behielt sie lieber für sich – aus irgendeinem Grund reagiert die Frau Doktor immer so empfindlich auf dieses Thema…

„Da, ähm, war so viel los auf der Damentoilette“, log das mittlerweile puterrote Gretchen währenddessen höchst geschickt, „und, ja… aber jetzt bin ich ja hier, ne?“
Bevor Sabine jedoch dazu kam, weitere Fragen zu stellen, erklang ein Aufruf von der Bühne her – der DJ des Abends kündigte die nächste Karaoke-Nummer an und suchte nach einem Freiwilligen. Zur Belustigung aller Anwesenden erklärte sich die bereits recht betrunkene Schwester Stefanie dazu bereit, Let’s get loud von Jennifer Lopez zu performen.

Während die Oberschwester mit dem Nilpferd-Fetisch die Bühne erklomm, hielt Gretchen unauffällig Ausschau nach diesem unerhörten Widerling, der es gewagt hatte, ihren Verstand zu entführen und so lange zu quälen, bis er weich wie Butter war und sie dazu brachte, beinahe die Kontrolle zu verlieren.
Was war da bloß gerade passiert? Sie hatte doch Alexis, und sie wollte glücklich werden mit ihm. Er war gut für sie, auch wenn sie in der letzten Zeit einige Zweifel an seiner Ehrlichkeit gehabt hatte… aber er liebte sie offensichtlich, und er hatte nie Probleme damit, ihr das auch zu zeigen.
Ja, Alexis war der Richtige für sie.
Sie schob es auf den Ortswechsel. In der ungewohnten Umgebung hatte sich bei den Kollegen des Elisabeth-Krankenhauses eine Art Urlaubsgefühl eingestellt. Und was man im Urlaub geschah, blieb ja bekanntlich auch im Urlaub.
Aber sie würde stark bleiben, denn sie war keine Betrügerin. Gut, gegen Marcs Attacke hätte sie sich wehren können – aber zumindest hatten sie sich nicht geküsst!
Gretchen zwang ihr Gewissen, welches mittlerweile beleidigt in einer weit entfernten Ecke ihres Gehirns saß, zu der Überzeugung, dass Betrügen erst beim Küssen anfing, und sie deshalb überhaupt nichts falsch gemacht hatte.

Boah nee, oder…
Sie rümpfte kurz die Nase, als sie sah, dass der besagte Widerling einen Ehrenplatz zwischen einigen jungen und weniger jungen Ärztinnen eingenommen hatte und mit einem charmanten Lächeln einen Schluck von seinem Whiskey nahm.
Dabei bemerkte sie gar nicht, dass Sabine und Dr. Gummersbach in Richtung Tanzfläche aufgebrochen waren, wo sie sämtliche Mittanzende durch fragwürdige und dennoch seltsam elegante Tanzbewegungen aus dem Konzept brachten. Nun saß sie allein an dem plötzlich viel zu groß wirkenden Tisch und kam sich vor wie eine Verliererin.
Sie saß in einem Raum voller fröhlicher Leute, und alles, was ihr einfiel, einen Mann zu beobachten, von dem sie überhaupt nichts wissen wollte?
Keine sehr überzeugende Abendgestaltung, irgendwie.
Sie fragte sich, an welchem Punkt sie vergessen hatte, dass sie dieses Wochenende hatte nutzen wollen, um den Kopf frei zu kriegen.

Und dann beschloss Gretchen, sich endlich nicht mehr verrückt zu machen. Sie war auf einem Betriebsausflug mit Menschen, die sie mochte, und sie wollte einfach nur Spaß haben. Ihr Leben drehte sich nicht um Marc Meier, sondern um Margarethe Haase.
Und genau deshalb würde sie sich jetzt einen ordentlichen Cocktail besorgen, sich unter die Leute mischen und einen wundervollen Abend haben.


Zwei Stunden später war die Stimmung auf dem Höhepunkt. Überall blickte man in lachende Gesichter, hauptsächlich verursacht durch die Karaoke-Bühne, die sich zum Highlight der Party entwickelt hatte und stets von einer Traube Menschen umzingelt war, die den Singenden begeistert zujubelten.
Es tat allen hier gut, sich einfach mal wieder ein bisschen jung und unbeschwert zu fühlen. Die Sorgen des Alltags zu vergessen und einfach nur ein bisschen zu tanzen, zu lachen, zu trinken und zu singen.

Während Mehdi, der sein Handy den Großteil des Abends nicht aus der Hand gelegt hatte, am Mikrofon eine recht eigenwillige Version von Country Roads zum Besten gab, schwirrte Gretchen wie ein schwarzer, sehr gut angezogener Schmetterling zwischen den Leuten hin und her.
Seit langem hatte sie nicht mehr so genießen können. Erst jetzt stellte sie fest, wie viele nette Menschen auf ihrer Station und im Rest des Krankenhauses arbeiteten.
Ja, es tat ihr gut, nicht dem Meier hinterher zu starren. Hin und wieder begegnete sie seinem Blick und entschloss sich dazu, sich nicht mehr darum zu kümmern, was er von ihr dachte. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, sobald sie seine grünen Augen erblickte. Dann flatterte ihr Blick weiter.


Marc konnte dem Verlangen nicht widerstehen, sie immer wieder anzuschauen. Fasziniert und auch ein wenig eifersüchtig beobachtete er, wie sie mit funkelnden Augen einem Mann nach dem anderen mit einem Lachen den Kopf verdrehte, und sich dessen überhaupt nicht bewusst war. Wie sie von Gruppe zu Gruppe gezogen wurde, weil jeder mit ihr reden wollte. Und dabei so glücklich aussah, wie er sie bisher nur selten gesehen hatte.
Es war, als hätte die Welt gerade erst entdeckt, was ein Teil von ihm schon lange wusste: Diese Frau war etwas Besonderes.

„So“, erhob plötzlich Maria Hassmann das Wort und lallte dabei bereits ein wenig, „wer von uns hat also heute noch kein einziges Lied gesungen?“
Marc schaute hin und her. Alle Augen waren auf ihn gerichtet.
Er verschränkte die Arme.
„Nee, das könnt ihr vergessen. Im Leben nicht.“
„Meier“, drohte Professor Haase, der schon nicht mehr ganz nüchtern war und dem es wichtig zu sein schien, dass sich niemand seinen Befehlen widersetzte. „Jetzt seien Sie mal kein Frosch, Sie können doch wohl ein bisschen singen!“
„Herr Professor“, versuchte Marc, sich zu retten, „das ist doch – mit Verlaub gesagt – vollkommen überflüssig. Ich-“
„Ruhe jetzt, Meier! Sie singen, oder Sie sind gefeuert!“ donnerte der Ältere nun, um direkt danach röhrend zu lachen.
Doch Marc war verunsichert. Sein Job war das Wichtigste in seinem Leben. Klar, der Professor war betrunken und meinte es vermutlich nicht ernst. Aber was, wenn doch?
Wenn er die Forschungsgelder für sein nächstes Projekt erhalten wollte, musste er nun mal ein bisschen rumschleimen.
„Na gut.“ Er kippte den Inhalt seines Whiskey-Glases in einem Zug herunter, kniff die Lippen zusammen, stand auf und ging zu der kleinen Bühne herüber.
Auf dem Weg dorthin sah er Gretchen, die sich in ihrem schwarzen, unverschämt gut sitzenden Kleid an die Bar gesetzt hatte und ihn amüsiert anlächelte.




Alternativlink: http://grooveshark.com/#/s/Make+It+With+Chu/3De9PQ?src=5



Und plötzlich wusste er genau, welches Lied er singen würde.
Er hämmerte auf die Tasten der Anlage, bis schließlich die ersten Töne des Songs erklangen.

Er legte eine Hand auf das Mikrofon und schaute mit einem leichten Grinsen zu der Frau an der Bar herüber. Genoss die Neugierde in ihrem Blick, die sich nach dem Beginn des Liedes in offensichtliche Verlegenheit verwandelte.

Den Text brauchte er nicht zu lesen, er kannte ihn in- und auswendig.
Nicht zuletzt mithilfe des vorangegangenen Whiskeys überwand er schließlich seine persönliche Schamgrenze und schloss kurz die Augen. Was - beziehungsweise wen - er in diesem Moment vor sich sah, war Motivation genug. Er riss sich zusammen, um nicht gedanklich abzuschweifen, und begann, zu singen.

Gretchen schluckte. Der fesselnde Rhythmus des Songs und die überraschend angenehme, sichere Stimme, mit der Marc sang, verursachten ein aufgeregtes Kribbeln in ihrem Körper.
Wäre sie eine Katze, würde sie jetzt schnurren, so viel stand fest. Noch nie hatte ein Lied derartige Gefühle in ihr ausgelöst. Gleichzeitig spürte sie ihr Herz so laut klopfen, dass sie beinahe um ihre Gesundheit fürchtete.

Verdammt. Irgendwer im Universum schien sich einen Spaß mit ihr zu erlauben – es war einfach unmöglich, dass dieser attraktive Arzt, der sie ja sowieso schon um den Verstand brachte, und der normalerweise jegliche Äußerung von Emotionen verweigerte, auch noch gut singen konnte.
Obwohl er nur da stand, eine Hand am Mikrofon und die andere in der Hosentasche, und aussah, als würde ihn das alles nur mäßig interessieren, blieb ihr fast die Luft weg, wenn sich ihre Blicke trafen.
Verlangen. Herausforderung.

Angespannt nahm sie einen Schluck von ihrem Pina Colada, der es jedoch auch nicht schaffte, sie abzulenken von dem Mann auf der Bühne, der sie mit einem provokanten Blitzen in den grünen Augen musterte.

Sie lief rot an, als der Refrain mit einer eindeutigen Botschaft ertönte.

Anytime, anywhere

Again and again…


Auch der Rest der Zuschauer war augenscheinlich begeistert von der Darbietung, was allerdings nicht zuletzt an dem drastisch in die Höhe gestiegenen Alkoholpegel lag, der auch dafür sorgte, dass keiner so richtig bemerkte, auf wen die Aufmerksamkeit des Oberarztes gerichtet war. Die Damen aus der Pädiatrie hatten sich Groupie-mäßig vor der Bühne versammelt und hingen an den Lippen des Mannes, der dies jedoch kaum wahr nahm.

Wie oft hatte er auf seiner Couch gelegen, die Stereoanlage voll aufgedreht, dieses Lied gehört und darüber nachgedacht, was er mit Hasenzahn alles gern tun würde.
Und jetzt würde sie einen kleinen Eindruck davon bekommen, wie schwierig es war, diese Gedanken wieder aus dem Kopf zu kriegen.

Gretchen merkte, wie ihr zunehmend heißer wurde. Sie konnte nicht anders, als auf die Bühne zu starren. Meinte er das ernst? Oder war es nur Zufall, dass er ausgerechnet solch ein Lied gewählt hatte?
(„Wer ist Chu?“ ertönte Sabines verwirrte Stimme aus dem Hintergrund.)
Ach, Blödsinn. Die Fronten zwischen ihnen waren ja schließlich, äh… geklärt. Nur Freunde und so!

Die Botschaft dieses Songs war einfach so unverschämt eindeutig, dass sie gar nicht wusste, wie sie damit umgehen sollte. Noch nervöser wurde sie, als sie merkte, dass Marc seinen Blick immer für einige Zeit über die Menge schweifen ließ – um dann schließlich wieder bei ihr hängen zu bleiben.

The only thing I know for sure
Is what I wanna do

Again and again...


Kleine Blitze schossen durch ihren Körper, immer im Rhythmus des Songs, der gleichzeitig so quälend langsam und nervenaufreibend aufregend war, dass sie das Gefühl hatte, nicht mehr stillhalten zu können. Aufgewühlt versuchte sie, in eine andere Richtung zu schauen, weg von der kleinen, kaum der Rede werten Bühne.
Während sie eine Serviette zerpflückte, überzeugte sie sich selbst davon, dass sie sich das alles nur einbildete. Er hatte sie nur zufällig angeschaut. Er wusste, dass zwischen ihnen nichts passieren konnte, und er hatte in der letzten Zeit auch nicht den Anschein gemacht, als würde er so etwas wollen.
Abgesehen von diesem kleinen Zwischenfall auf der Damentoilette.
Okay, und dem anderen kleinen Zwischenfall vor der Bar.
Aber abgesehen davon war die Situation geklärt: Sie war verlobt, er hielt sich von ihr fern. Punkt.


Noch bevor der Song zu Ende war, ging Marc kommentarlos von der Bühne. Die jubelnde Meute schien ihn nicht zu interessieren – er grinste bloß arrogant und setzte sich wieder an seinen Platz, wo bereits der nächste Whiskey auf ihn wartete.
„Na, Meier, das war doch wohl nicht so schlimm, oder?“ brüllte Franz über den Lärm hinweg und klopfte seinem besten Oberarzt auf die Schulter.
„Nein, Herr Professor“, antwortete Marc brav und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
Dann gab er sich der Stimmung hin, zufrieden mit dem Wissen, dass er einer gewissen anwesenden Dame etwas zum Nachdenken gegeben hatte.

Gretchen, die mittlerweile von zwei Schwestern aus der Onkologie in ein Gespräch über Badeanzüge verwickelt worden war, beobachtete Marc unauffällig.
Er sah so entspannt aus, wie sie ihn bisher nur selten gesehen hatte, und sie beschloss, seinen kleinen Auftritt nicht allzu ernst zu nehmen. Es war Marc - es war typisch. Er liebte solche Spielchen, und man durfte einfach nie zu ernst nehmen, was er sagt (oder sang).

Es war noch immer ungewohnt für sie, ihn ohne seinen weißen Kittel zu sehen. Wie er einfach nur da saß, entspannt, in seinem kurzärmeligen, weißen Hemd und einer für ihn typischen dunklen Stoffhose. Wie er sich mit seinem Glas in der Hand auf dem Stuhl zurückgelehnt hatte, irgendeiner Erzählung von Mehdi lauschte und zwischendurch laut lachte.
Sie musste lächeln. Er war schon irgendwie einzigartig.

Dann wurde sie plötzlich von Sabine weggezerrt, die beschwippst kicherte: "Jetzt sind wir dran, Frau Doktor!", und sie freudig Richtung Bühne zerrte...

Joan Offline

Schwesternhelferin:


Beiträge: 245

29.10.2011 17:46
#31 RE: Story von Joan Zitat · Antworten

So, ein bisschen länger hat dieser Teil gedauert, hatte zwischendurch noch mit einer kleinen Schreibblockade zu kämpfen.
Aber mit der richtigen Musik geht alles, und deshalb gehts jetzt weiter =)

Vielen Dank für eure lieben Worte und viel Spaß bei diesem Teil!



...
Und schon fand sich die überrumpelte Assistenzärztin auf der Bühne wieder, zwischen Sabine und Dr. Hassmann, die später in dieser Nacht noch einen Ehrenpreis für die meisten Karaoke-Auftritte erhalten würde.
„Nee, also“, stammelte Gretchen hilflos, während ihr ein Mikrofon in die Hand gedrückt wurde und die Musik bereits anfing, zu spielen, „ich weiß gar nicht ob ich-“




Dann erkannte sie den Song, und verdrehte die Augen. Wie oft hatte sie auf ihrem Bett gelegen, ABBA gehört und dabei an Marc gedacht.
Das hier würde vermutlich der peinlichste Abend ihres Lebens werden.
Na gut. Wenn schon peinlich, dann wenigstens so richtig.
Sie stimmte in Sabines und Dr. Hassmanns zweifelhaften Gesang mit ein, und warf ein strahlendes Lächeln ins Publikum.

I was cheated by you, and I think you know when

Dann erblickte sie Marc, der sie direkt anschaute, und errötete ein wenig. Wie passend dieser Text doch war, dachte sie betrübt, schüttelte diesen Gedanken jedoch schnell ab (und merkte dabei, wie lustig die Welt sich nach fünf Cocktails drehen konnte).

Look at me now
Will I ever learn?


Eigentlich machte das hier sogar ziemlich Spaß – mittlerweile hatten die drei Frauen damit begonnen, eine kleine Show aus ihrem Auftritt zu machen, und tanzten lachend über die Bühne.

Just one look and I can hear a bell ring
One more look and I forget everything


Sein Blick war unmöglich zu deuten, und viel zu intensiv. So intensiv, dass sie das Gefühl hatte, keine Geheimnisse mehr vor ihm haben zu können.

Mamma mia
Here I go again
My, my
How can I resist you?


Okay, jetzt fühlte er sich eindeutig angesprochen.

Marc hatte alles um sich herum vergessen. Seit einer Minute saß er da, hielt sein Glas in der Hand, ohne einen Schluck daraus zu nehmen, und musste einfach immer wieder zur Bühne schauen, wo seine leicht angetrunkene Assistenzärztin ihm sozusagen durch die Blume mitteilte…
Ja, was teilte sie ihm eigentlich mit?
Unwillkürlich musste er ein wenig lachen, als sie so zauberhaft bescheuert über die Bühne tippelte und gemeinsam mit den beiden anderen Frauen die Aufmerksamkeit der ganzen Bar auf sich gezogen hatte mit ihrem leidenschaftlichen Gesang.

Yeeees, I’ve been broken hearted”, schmetterte sie in diesem Moment dramatisch ins Mikro, und er zuckte leicht zusammen.

Why, why“, fuhr sie fort und strich sich lachend eine verirrte Haarsträhne aus der Stirn, „did I ever let you go?

In diesem Moment trafen sich ihre Augen.
Und während der Song weiterlief, die Stimmung besser nicht hätte sein können, die Zuschauer vor der Bühne sich vor Begeisterung gar nicht mehr beruhigen konnten, blieb für zwei Menschen alles still, denn beide stellten sich die gleiche Frage.

Warum habe ich dich gehen lassen?

Doch dann war der Moment dabei, die Welt hatte nicht aufgehört, sich zu drehen. Das Lied ging weiter, und Gretchen stimmte wieder mit ein, denn heute Abend hatte sie einfach nur mal Spaß und würde nicht heulend in einer Ecke sitzen.

Auch Marc riss sich zusammen. Dieser Augenblick hatte ihn aus dem Konzept gebracht, und er ärgerte sich ein wenig über sich selbst. Es war nicht seine Art, melancholische Gedanken zu haben, und mit solch einem Unsinn würde er gar nicht erst anfangen, vor allem nicht heute.

Erst versuchte er, mit Mehdi, der sich neben ihn gesetzt hatte, ein Gespräch zu beginnen. Aber die lauten Stimmen seiner drei Kolleginnen verhinderten dies erfolgreich, zumal Mehdi viel zu sehr damit beschäftigt war, sich über die drei Grazien zu amüsieren.

Ausgelassen stellte sich Gretchen weiterhin dem Song und bemerkte zu ihrem Entzücken, dass sie echt gut ankam beim Publikum. Vielleicht wurde es ja doch noch was mit einer Karriere als Sängerin werden? Wer weiß, ob hier nicht irgendwo ein Talentsucher unterwegs war.

Marc erlaubte sich einen weiteren Blick in Richtung Bühne. Und wieder stieg diese merkwürdige Gefühl in ihm auf. Misstrauisch stopfte er sämtliche Gefühlsregungen in die hintersten Ecken seines Kopfes. Kam doch eh nie was Gutes bei raus.

Am besten erst mal eine Rauchen. Das war immer eine gute Ablenkung.


Während Sabine aufgeregt ihr Mikrofon in beiden Händen hielt und mit der ganzen Aufmerksamkeit ein wenig überfordert war, war Frau Dr. Hassmann vollkommen in ihrem Element. In einer Hand hatte sie immer noch ihren Tequila Sunrise und tanzte sich ihren Weg über die Bühne, sodass Gretchen sich für einen kurzen Moment wie in High School Musical vorkam. (Ja, sie hatte den Film gesehen. Und: Nein, das würde nie jemand erfahren!)

Sie gab noch einmal alles und beendete den Song mit einem leidenschaftlichen „Let you goo-oooooh!


Die jubelnde Menschentraube empfing sie anschließend sofort mit einem weiteren Cocktail, welchen sie freudig entgegennahm.
Grinsend beobachtete sie, wie Sabine von der Bühne hopste und dabei von Dr. Gummersbach aufgefangen wurde, der sie schüchtern anschaute und mit der Situation anscheinend leicht überfordert war.

Sie blickte in so viele fröhliche Gesichter, dass sie gar nicht genau wusste, wohin zuerst, und beschloss dann, erst einmal an die frische Luft zu gehen. Ihr Kopf schwirrte doch ziemlich, und sie wollte auf keinen Fall den Abend sprengen, indem sie sich auf die Füße ihrer Kollegen übergab.

Sie bahnte sich ihren Weg durch die Feiernden, in der Hand immer noch den Pina Colada, und schwankte leicht, als sie nach draußen trat.

Die kühle Nachtluft war angenehm auf ihrer Haut, und sie atmete tief durch, froh, dem Trubel dort drinnen einen Moment zu entkommen.

„Na, fertig gesungen?“, hörte sie plötzlich eine spöttische Stimme, „oder haben sie euch von der Bühne gebuht?“

Sie musste sich nicht umschauen, um zu wissen, wer da mit ihr sprach.

„Im Gegenteil, sie haben sogar Rosen und Stofftiere geworfen“, erwiderte sie schnippisch und drehte dann den Kopf, um ihn anzusehen.
Marc hatte sich gegen die Wand des Klubs gelehnt und nahm einen lässigen Zug von seiner Zigarette.
Gretchen stellte fest, dass er sich gar nicht verändert hatte. Auch mit 16 Jahren auf dem Schulhof hatte er genau so in der Raucherecke gestanden und den Mädchen mit seinen coolen Gesten den Kopf verdreht.

„Ich weiß ja, dass ich gut aussehe, aber so langsam fühl ich mich bedrängt von deinem Gestarre“, sagte Marc nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ihre Augen einfach nur auf ihm geruht hatten. Er würde es zwar nicht zugeben, aber ihr Blick hatte ihn nervös gemacht.

Gretchen setzte zu einer Erwiderung an, merkte dann aber, dass das Denken plötzlich gar nicht mehr so leicht war.
„Da ist aber jemand ziemlich von sich selbst überzeugt",nuschelte sie schließlich.

Sie stolperte zu ihm herüber, nicht sicher, was genau sie eigentlich vorhatte, während er sie amüsiert beobachtete.

„Hasenzahn, bist du betrunken?“

„Wer, ich?“ Unschuldig riss sie die Augen auf. Etwas zu unschuldig vielleicht.

„Ich bin stocknüchtern“, deklarierte sie und ließ sich gegen die Wand fallen, um gleich darauf einen weiteren Schluck ihres Cocktails zu nehmen.

„Ja, das sehe ich.“ Äußert belustigt sah Marc seiner Assistenzärztin dabei zu, wie sie versuchte, den Strohhalm mit ihren Lippen zu erwischen, und kläglich scheiterte. „Du solltest vielleicht erst mal eine Pause machen, hm?“

Behutsam nahm er ihr das Glas aus der Hand („Ey, das ist… das ist meins, Marc…“) und stellte es achtlos auf den Boden.
Es dauerte keine fünf Sekunden, bis Gretchen ihren Cocktail nicht mehr vermisste, denn schon hatte sie ein anderes Problem gefunden.

„Mir ist kalt“, stellte sie fest und sah sich nach einer geeigneten Heizung um. Ihr Blick fiel auf Marc, welcher gerade seine Zigarette auf dem Boden austrat.

„Ja, ich zieh jetzt bestimmt nicht mein Hemd für dich aus. Würdest du eh nicht reinpassen“, deutete er währenddessen ihren Blick vollkommen falsch… und war höchst irritiert, als sie plötzlich vor ihn stellte, ihre Arme um seinen Oberkörper schlang, leise seufzte und sich gegen ihn lehnte.

„Also, was wird das denn hier, äh, wenn’s fertig ist?“, fragte er nervös, während seine emotionale Abwehr bereits mit gezücktem Taschentuch an der Reeling stand und sich verabschiedete.

„Mir ist kalt“, wiederholte die blonde Frau, die ihren Kopf an seine Brust gelehnt hatte und keine Anstalten machte, diesen Platz bald wieder herzugeben. „Du bist warm.“

Als er auf ihren blondgelockten Kopf herabschaute, musste er lächeln. „Süß“, sagte er, mehr zu sich selbst, und bereute es im nächsten Moment schon wieder. Verdammter Beschützerinstinkt.

„Hast du was gesagt?“, ertönte es leicht schläfrig von weiter unten.

„Nee.“ Er seufzte und legte seine eine Hand auf ihren Rücken, während er mit der anderen vorsichtig über ihr Haar strich und darauf wartete, dass Gretchen wieder ein wenig nüchterner wurde.
Dass der Duft ihrer Haare und die Wärme ihres Körpers seinem Verstand nicht gerade gut taten, ignorierte er, so gut er konnte.

Gretchen schloss die Augen und genoss das wohlige Gefühl, das sich in ihr ausbreitete. Sie dachte gar nicht darüber nach, dass sie gerade in Marc Meiers Armen lag. Denn es fühlte sich einfach selbst verständlich an, als hätte er ein Schild mit den Worten ‚Gretchens Heizung‘ auf der Stirn kleben.

Allmählich ließ das leichte Schwindelgefühl nach. Sie zog in Erwägung, die Augen wieder zu öffnen. Es gab da schließlich eine Party, auf die sie zurückwollte.

Langsam hob sie den Kopf ein wenig, und bemerkte jetzt erst so richtig, wie nah sie sich wirklich waren.
Beinahe Nasenspitze an Nasenspitze standen sie dort, und sie hatte das Gefühl, zum ersten Mal wirklich in seine Augen zu schauen. Ohne, dass sie sich stritten, diskutierten. Ohne, dass einer von beiden verletzt oder wütend war.
Sie versuchte nicht, irgendetwas darin zu lesen, wie sie es sonst immer tat.
Sie lächelte einfach nur.

„Hallo“, sagte sie leise, als hätte sie ihn gerade kennengelernt.

„Hallo“, erwiderte er mit rauer Stimme.

Joan Offline

Schwesternhelferin:


Beiträge: 245

01.11.2011 20:06
#32 RE: Story von Joan Zitat · Antworten

Dankeschön für eure Unterstützung, meine Lieben! Es ist wirklich toll, zu lesen, dass euch die Geschichte so gut gefällt Dafür gehts jetzt auch weiter - genießt den Zucker, solange er noch da ist


„Hallo“, sagte sie leise, als hätte sie ihn gerade kennengelernt.
„Hallo“, erwiderte er mit rauer Stimme.


„Hallo“, sagte eine dritte Stimme.
Schuldbewusst sprang Gretchen förmlich von Marc weg.

„Mehdi“, hauchte sie, noch immer erschrocken, „was machst du denn hier?“

„Ähm, frische Luft schnappen?“

Der Gynäkologe schaute misstrauisch zwischen seinen beiden Kollegen hin und her. „Was läuft denn da schon wieder zwischen euch, hm?“ Er kniff die Augen zusammen und warf Gretchen einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Was, wie? Äh, zwischen uns?“ Gretchen lachte nervös. „Ach, gar nichts, mir war nur… kalt!“

„Ja, äh“, versuchte Marc, zu helfen, „und ich kann ja nicht zulassen dass meine Assistenzärztin krank wird. Wird ja schließlich gebraucht, ne? Also, nicht von mir. Nur im OP.“

„Alles klar“, sagte Mehdi und zog eine Augenbraue hoch. Das war ja mal wieder typisch Meier. Noch nicht mal ein Verlobungsring hielt ihn davon ab, Blödsinn zu machen.

„Ja, und genau deshalb geh ich auch wieder rein.“ Gretchen lächelte entschuldigend und verzog sich schnell wieder in die Karaoke-Bar.

Dort setzte sie sich an einen Tisch mit einigen Kollegen und versuchte, sich zu beruhigen. Was war das jetzt schon wieder gewesen? Es war wirklich nicht ihre Absicht gewesen, dass die Situation wieder so außer Kontrolle geriet.
Traurig beschloss sie, dass es so nicht weitergehen konnte. Aber was sollte sie noch tun? Alles war entschieden, alles war gesagt. Er lebte sein Leben, sie lebte ihres. Sie würde heiraten, und er hatte das akzeptiert. Es war besser für sie beide. Nun, zumindest für sie. Marc würde früher oder später wieder ganz der Alte sein, sich eine neue Bettgespielin suchen und auf ewig ein egozentrischer Karrieremensch bleiben.
Ein merkwürdiger Gedanke kam ihr in den Sinn. Denn eigentlich hatte sich Marc heute Abend nicht wie ein egozentrischer Karrieremensch verhalten. Im Gegenteil – sie hatten sich auf dem Weg hierher sogar richtig gut unterhalten. Wie Freunde, wagte sie fast schon zu behaupten.
Sie gestand sich ein, dass sie nie dazu in der Lage sein würde, sich von ihm fernzuhalten. Schließlich arbeiteten sie Tag für Tag zusammen.
Vielleicht wäre es da am besten, wenn sie eine freundschaftliche Basis hätten.
Ja, das war eine gute Idee, befand Gretchen. Freundschaft konnte doch so verkehrt nicht sein, oder? Es war vielleicht nicht das Beste, aber immerhin das Nächstbeste.

Mittlerweile war es bereits 2 Uhr morgens, und der Besitzer der Bar hatte beschlossen, dass nun Zapfenstreich war. Die Lichter auf der Bühne gingen aus, die letzten Drinks wurden ausgeschenkt, und schließlich musste die Gesellschaft sich auf den Nachhauseweg machen.
(„Alle ab ins Bett jetzt“, rief Professor Haase, leicht lallend, „Sie müssen morgen alle ausgeschlafen sein!“)

Diverse Taxis wurden bestellt. Gretchen stand draußen mit Sabine, deren Verehrer, Maria Hassmann, Mehdi und Marc.

„Dämliche Taxi-Firma“, schimpfte Maria gerade, „eine halbe Stunde sollen wir warten.“

„Wir können auch laufen“, schlug Gretchen vor – schließlich machte jeder Gang schlank, und nach den ganzen Cocktails konnte sie jeden Kalorienverbrenner gut gebrauchen… „Es sind nur 15 Minuten“, fügte sie hoffnungsvoll hinzu.

Da die ausgelassene Stimmung weiterhin anhielt und niemand Lust darauf hatte, eine halbe Stunde lang nur herumzustehen, machte sich die kleine Gruppe auf den Weg, während die restlichen Kollegen zurückblieben, um auf die Taxis zu warten.

Und bereits nach wenigen Minuten hatte sich die kleine Gruppe abermals aufgeteilt; Sabine und ‚Günni‘ Gummersbach liefen vorneweg, wobei Sabine stets von Günni gestützt werden musste, dem dies aber nichts auszumachen schien. Giggelnd erzählt Sabine ihrem Angebeteten eine anscheinend ziemlich witzige Geschichte über Fischzucht.
Währenddessen führten Mehdi und Maria etwas weiter hinten eine Grundsatzdiskussion darüber, ob Jazz oder Swing die bessere Musik war.

Und so kam es, dass zwei gewisse Menschen, die wirklich nur Freunde waren, ein Stück hinter der Gruppe zurückblieben.

Lachend schlenderten sie durch die Dresdner Altstadt. Gretchen hatte sich seit langem nicht mehr so entspannt gefühlt – das Gespräch mit Marc ergab sich einfach wie von selbst, sie musste nicht eine Sekunde darüber nachdenken, was sie sagen wollte. Und überraschenderweise war auch ihr Begleiter nicht so schweigsam wie sonst. Ihr war egal, ob das am Whiskey lag oder an der Nacht. Sie war viel zu erfreut darüber, dass eine Freundschaft, basierend auf Gesprächen, auch mit einem Marc Meier zu funktionieren schien.

Auch Marc war überrascht. Von dieser Nacht, die ihm doch ziemlich viel Spaß gemacht hatte. Von dieser Frau, die ihn einfach immer wieder zum Lachen brachte. Und vor allem von sich selbst. Selten war es ihm so leicht gefallen, mit jemandem zu sprechen. Einfach so, über alles und nichts.
Und dann war da immer wieder dieses angenehme Kribbeln, wenn sie ihn anschaute mit ihren strahlenden, blauen Augen.

„Du hast also ernsthaft noch nie drüber nachgedacht, wie dein böser Zwilling aussehen würde?“ fragte Gretchen ungläubig.

„Füllst du mit solchen Sachen deine Tagebücher, Hasenzahn?“ Marc schüttelte den Kopf und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Wie dein böser Zwilling aussehen würde?“

„Ach Quatsch, überhaupt nicht“, sagte Gretchen schnell und wurde ein wenig rot bei dem Gedanken an ihre ausführliche Beschreibung von Margarethe ‚Bonny‘ Haase und ihrem bösen Gefährten Marc ‚Clyde‘ Meier auf den Seiten 43-49 ihres rosa Tagebuchs…

Er warf ihr einen verschmitzten Seitenblick zu.

„Was?“ fragte Gretchen und verschränkte im Gehen die Arme. „Guck nicht so, Marc.“

„Wie guck ich denn?“

„Na… so eben. Als ob du wieder sowas denken würdest wie ‚Boah, ist die dick heute‘. Ich kenn dich doch.“

„Offensichtlich“, zog er sie auf, „Du hast mich ertappt.“

„Mensch, Marc!“ zeterte Gretchen natürlich sofort los und merkte gar nichts von der Ironie in seinen Worten, „du bist echt total... also, einfach richtig ungehobelt!“

„Ungehobelt?“ wiederholte Marc spöttisch.

„Ja, ungehobelt. Musst jetzt gar nicht wieder lachen über mich, das war ernst gemeint.“

„Na komm.“ Versöhnlich legte er beim Laufen seinen Arm um ihre Schultern. „Sei doch nicht immer gleich beleidigt, Hasenzahn.“

Heimlich schnupperte sie ein wenig an seinem Aftershave. Meine Güte, er roch einfach so gut. Dieser Duft und die Wärme seines Körpers hatten sie vollkommen eingenommen, und sie konnte nicht anders, als nicht mehr beleidigt zu sein.
Sie lehnte sich ein wenig gegen ihn, und mit einem angenehmen Schweigen legten sie den restlichen Weg zurück.

Schließlich waren sie in der Lobby des Hotels angekommen (wieder mit einem Pseudo-Sicherheitsabstand von einem Meter), wo die anderen vier bereits auf sie warteten.

„Und was machen wir jetzt?“ fragte Sabine leicht aufgedreht und kicherte schon wieder, warum auch immer.

„Ich hab da noch eine Flasche Tequila auf meinem Zimmer“, bemerkte Maria und schaute vielsagend in die Runde.

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