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Lorelei Offline

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Beiträge: 7.456

16.01.2013 17:14
#1376 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Währenddessen in einer Scheune in der Nähe

Ein leichter pfeifender Nordostwind umwehte das massive Holzgebäude am Rande eines dichten tief verschneiten Waldes und ließ eines der losen Bretter an der Hinterseite immer und immer wieder im stoischen Rhythmus gegen den rostigroten Fensterrahmen krachen, so dass auch das matte Glas der Fensterscheibe klirrte, als wollte es jeden Moment in tausend Stücke zerbersten. Es raschelte. Altes Holz knirschte und knackste furchterregend in jeder Ecke ihrer bescheidenen Schutzhütte, in der die beiden vor dichtem Flockenwirbel Zuflucht gesucht und gefunden hatten. Zuflucht auch vor der Welt da draußen, in der Sorgen und Kummer nach ihren Herzen griffen, welche jedoch hier zumindest für einen kurzen Augenblick puren Glücks vergessen werden konnten. In ihrer Wahrnehmung klang jedes dieser Geräusche wie die schönste Musik, die sie je gehört hatten. Wie eine märchenhafte Arie. Ein Traumlied. Ihr Liebeslied. Atemlos lagen sie sich in einer Kuhle aus warmem weichem wohl duftendem Heu in den Armen und gaben sich den Klänge ihrer im Gleichtakt schlagenden Herzen hin. Gretchens zarte Fingerkuppen umschlossen Marcs Gesicht und zogen es zu sich heran, um ihn zärtlich küssen zu können. Doch der Frechdachs neckte seine bezaubernde Freundin. Er entzog sich ihr, näherte sich ihr wieder, um sich gleich darauf erneut lachend zu entziehen, bis dem Blondschopf endgültig der Geduldsfaden platzte und zwei schlanke Arme fordernd zum Einsatz kamen, die sich schlangenhaft um seinen Nacken wanden, und sich zwei starke Frauenhände in seinen zerzausten dunkelblonden Haaren verhakten. Jetzt waren es Gretchens Lippen, die Marc spielerisch neckten und ihn damit fast um den Verstand brachten. Seufzend trafen sie aufeinander, umspielten einander, bis sie sich schließlich lustvoll gegenseitig verschlangen. Stöhnend klammerte sich das Paar aneinander wie an eine rettende Boje auf hoher See und wog sich sanft hin und her. Gretchens nackter alabasterfarbener Körper schimmerte glitzernd im schwachen Mondlicht, das durch die matten Scheunenfenster hereinbrach und sich wie ein Nebelschleier um die beiden Liebenden legte. Warme Hände strichen ihre Wirbelsäule Zentimeter für Zentimeter hinab, während sich Marc und Gretchen langsam im Takt der gegeneinander schlagenden Hölzer im hinteren Bereich des Heuschobers bewegten. Sanfte geschmeidige Bewegungen zweier verschlungener einander zugewandter Körper, während sich himmelblaue mit dunkelgrünen Augen liebkosten und Münder nach endlosen Küssen lechzten und sie sich holten, wann immer ihnen danach war. Sie waren schwerelos im Himmel. Wie Engel, die jauchzend von einer Wattewolke zur anderen hüpften und sich schließlich auf einer davon mit ausgebreiteten Armen rücklings lachend fallen ließen und dieses unbeschreibliche Kribbeln im Bauch beim freien Fall genossen, als wäre es das erste Mal, dass sie solch eine intensive Gefühlsachterbahn erlebten. Es war schön, in seinen Armen zu liegen. Es war schön, in ihren Armen zu liegen. Tröstend schön. Marc und Gretchen lächelten sich an, streichelten sich und küssten sich wieder und wieder, bis auch auf der höchsten Zuckerwattewolke kein Sauerstoff mehr vorhanden war.

Marc: Ist dir kalt?

...fragte Marc nach einem letzten sanften Kuss mit liebevoller Stimme leise die süße Schmusekatze in seinen Armen, der er gerade etwas unbeholfen seinen warmen Wintermantel um die nackten Schultern gelegt und ihr grinsend in die beiden Ärmel geholfen hatte, in denen sie nun beinahe komplett verschwand. Mit verträumtem Strahleblick sah sie ihren Liebsten an, der ihr charmanterweise mit beiden Händen den Mantelkragen zuhielt, damit sie nach ihrem gemeinsamen stürmischen Wolkenflug in der kalten Scheune nicht fror, und kuschelte sich verschmust an seine nackte Brust. Ihre kalten Finger strichen bedächtig die schwitzige Haut seines muskulösen Oberkörpers entlang. Die wohl definierten Konturen hatten es ihr angetan. Marc erschauderte bei jeder Berührung. Gretchen reagierte prompt und zog die dunkelblaue Wolldecke etwas höher, damit auch er nicht frieren musste und schüttelte langsam den Kopf...

Gretchen: Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil.
Marc (zwinkert ihr grinsend zu u. seine Arme verschwinden nun ebenfalls unter dem warmen Mantel, um sein Mädchen noch zusätzlich mit seinem erhitzten Körper zu wärmen): Soso?
Gretchen (beobachtet ihn misstrauisch, während ihr zitternder Körper augenblicklich auf seine Annäherung reagiert): Was grinst du denn so?
Marc (lässig): Och, nur so!
Gretchen (runzelt die Stirn): Nur so?
Marc (verdreht die Augen angesichts Gretchens ungebremstem Mitteilungsbedürfnis u. sein Grinsen wird noch breiter, als ihm etwas in den Sinn kommt): Ich habe nur gerade an etwas gedacht.
Gretchen (sieht ihn gespannt an): An was denn?
Marc (kann sein Lachen kaum zurückhalten): An eine Geschichte.
Gretchen (ihr Interesse ist nun gänzlich geweckt u. sie wird zappelig): Was denn für eine Geschichte?
Marc (ist an seinem Ziel angekommen u. neckt seinen Haasenzahn mit amüsierter Stimme, während er sich lasziv an ihre nackte Haut presst, was nicht ohne Wirkung bleibt): Och du, so eine triviale Geschichte, die ich mal vor Jahren gelesen habe.
Gretchen (stöhnt unter seinen Berührungen auf): Erzählst du sie mir?
Marc (grinst sie frech an): Okay? Wenn du unbedingt willst? Also... „Ein Kuss im Heu“ von Gretchen Haase (14), Berlin. Wie war das doch gleich? „Es war eine Nacht voller Leidenschaft...“

Och... dieser... dieser... GGGRRR!!! Dahin ist die romantische Stimmung. Menno! Blöder, blöder Blödmann!

Vergnügt konnte Marc beobachten, wie das Gesicht seiner zuckersüßen Freundin in Lichtgeschwindigkeit knallrot anlief. Sogar an den Ohren! Noch röter als während der verboten unanständigen Dinge, die sie noch vor Minuten hier im Heu miteinander veranstaltet hatten. Natürlich ließ es sich der Spaßvogel nicht nehmen, noch eine weitere Spitze draufzusetzen. Denn gab es etwas Schöneres auf der Welt, als seinen Haasenzahn zu foppen? Hmm...? Mit ihr im Heu zu liegen! Vor, während und nach unglaublich sinnlichen Minuten.

Marc: Aber ein paar Änderungen sollte die nicht ganz untalentierte Jungautorin wohl doch noch daran vornehmen. Zuallererst diese fürchterlich schrecklichen schwülstigen Kommentare des Helden. Kein echter Mann würde so was daherquatschen, um ne Ische klarzumachen. Es sei denn, er wäre schwul oder Frauenarzt. Ich meine, echte Männer stehen doch nicht auf Pferde und stinkende Pferdeäpfel vom Hof kratzen. Cowboy mit coolem Hut, dreckigen Jeans und Waffe am Halfter, ja. Reitlehrer in engen schwulen Hosen, der stundenlang idiotisch im Kreis latscht und unschuldigen kleinen bebrillten Mädchen mit Pferdeschwanz das Reiten beibringt, nein. Es sei denn, es handele sich um Reitstunden der anderen Art. Äh... Aber damals konnte das junge Mädchen, das einfach nur geliebt werden wollte, ja auch noch nicht wissen, wie man richtige Männer ins Heu lockt. Ich helfe dir auch gerne beim Umformulieren, wenn du morgen früh beim Frühstück alles haarklein in dein Tagebuch kritzelst.

Boah! Na warte, Freundchen!

Anstatt darauf verbal zu kontern, warf Gretchen dem unverschämten Macho, der sie schon damals mit seinen spitzen Kommentaren zur Weißglut getrieben hatte, weil er ihre intimsten Gedanken auf dem Schulhof öffentlich gemacht hatte, eine Ladung Heu ins Gesicht. Das ließ sich der Getroffene natürlich nicht zweimal gefallen und so hatte auch Gretchen im nächsten Moment eine Heuhaube auf dem Kopf. Sie griff kichernd nach einer erneuten Ladung und warf sie in seine Richtung. Er befreite sich davon und stürzte sich mit Heu bewaffnet auf die freche Werferin. Lachend tollten die beiden durch das trockene Gras, bis Marc, als er oben lag, plötzlich innehielt und seine süße Heuprinzessin schwer atmend mit glühenden Blicken anschaute...

Marc: Aber ich mag die Geschichte trotzdem.
Gretchen (grient ihn an u. zupft ein paar Strohhalme aus seinem völlig zerzausten Haar): Ich mag die Realität mehr.
Marc (lächelt verliebt, bevor ihn der Schalk doch wieder packt u. er sein Mädchen wieder auf seinen Schoss zieht u. Haut an Haut an sich presst): Ich auch. Was für Abenteuer hat Autorin Haase denn noch so in Petto, die dringend eine reale Umsetzung benötigen?
Gretchen (schiebt den unmöglichen Machomann unsanft von sich runter, um ihn nun selbst in Beschlag zu nehmen u. böse anzufunkeln, während sie mit aller Kraft seine frechen Hände ins Heubett drückt): Boah Marc, du bist so ein Ferkel!
Marc (grinst sie dreckig an, als er sie so über sich liegen sieht): Hmm... Das fängt doch schon mal gut an! Von Pferden zu Schweinen! Ich steh ja auf Schweinereien aller Art.

Diese freche Aussage musste der Held dieser sehr lebensnahen Geschichte jedoch gleich darauf wieder revidieren. Denn der Stoß von Gretchens geballter Faust in seine ungeschützten Rippen hinterließ schmerzhafte Spuren. Marc rieb sich den schmerzenden Brustkorb, als er sich langsam mit Gretchen im Arm aufrichtete, die ihn wie die Unschuld vom Lande angriente, als sei überhaupt nichts gewesen. Aber von wegen Unschuld!

Marc (blitzt sie an): Du Biest!
Gretchen: Das nennt sich ausgleichende Gerechtigkeit, Marcilein. Weil du ein halbes Jahr lang meine Schreibkünste in den Dreck gezogen hast. Dabei hatte ich immer eine Eins in Deutsch und war eigentlich ganz stolz darauf.
Marc (grinst): Tja, wie ich in Bio. Hähä! Aber hey, ich kann’s ja als Entschädigung nachträglich mal der Lektorin meiner Mutter in die Hände drücken, wenn du ne richtige Fachbewertung willst. Die steht nämlich total auf schmutzige Stallburschengeschichten im Heu.
Gretchen (funkelt ihn an u. drückt auf die Hautstelle, die sie vorhin mit der Faust getroffen hat): Eh! Aber lieber nicht! Ich bin froh, dass ich damals mit meinem Sparschwein sämtliche Bravo-Exemplare aufkaufen konnte.
Marc (stöhnt vor Schmerz auf u. kabbelt ihre Hand weg): Du weißt aber schon, dass die die Regale wieder auffüllen, wenn eine Auflage weg ist.
Gretchen (schlägt sich die Hände vors Gesicht): Mist!
Marc (lacht u. schlingt seine Arme wieder um Gretchens Traumkörper): Ich glaube, bei uns in der Villa hab ich auf dem Dachboden noch ein Exemplar rumliegen. Hätte ich gewusst, dass du mich heute hier im Heu vernaschen willst, hätte ich mich natürlich damit darauf vorbereitet. Ich war ja die ganze letzte Nacht da.
Gretchen (horcht auf u. geht nicht weiter auf seine albernen Spielchen ein): Du warst letzte Nacht bei deiner Mutter zuhause? Das hast du gar nicht erwähnt.
Marc (streichelt liebevoll ihre Wange, als er ihre besorgten Blicke bemerkt): Jep! Aber hey, Haasenzahn, mach doch bitte nicht so ein betrübtes Gesicht. Es geht mir gut. Sehr, sehr, sehr gut sogar.

Marc schob den schützenden Wintermantel etwas von ihrer linken Schulter und setzte drei hauchzarte Küsse auf Gretchens Nacken. Sie kicherte und kuschelte sich noch näher an ihren süßen Machofreund heran, der ihr nun zärtlich unter ihrer wärmenden Jacke über den nackten Rücken strich. Ihr Blick suchte den seinen. Marc lächelte. Er hatte die Wahrheit gesagt. Gretchen sah ihn dennoch forschend an. Unsicher knabberte sie auf ihrer Unterlippe herum, bis sie einen Entschluss fasste und ihm schließlich auch ein Geständnis machte, das ihr schon die ganze Zeit auf der Seele lag. Jetzt, wo die Stimmung nicht mehr ganz so betrübt war wie vorhin, konnte sie es ihm doch sagen, oder? Er hatte doch ein Recht darauf?

Gretchen (zögerlich): Du, Marc?
Marc (zupft ihr liebevoll die Strohhalme aus dem verwuschelten Haar, die ihre kleine Kabbelei von vorhin hinterlassen hat, u. streicht es anschließend glatt): Hmm? Tut mir übrigens leid, dass ich deine hübsche Frisur ruiniert habe. Sah echt toll aus.
Gretchen (lächelt ihn an): Kannst dich ja bei Gabi dafür entschuldigen. Sie hat sie mir nämlich heute Morgen in einer stundenlangen Sitzung gemacht.
Seit wann hält es Haasenzahn denn stundenlang bei dieser Ziege aus? Ich krieg Angst!
Marc (zubbelt irritiert weiter in ihren Haaren herum u. lässt sie schließlich locker über ihre Schulter fallen, so wie er es gerne bei Gretchen sieht): Äh...so toll war’s dann doch nicht. Ich mag sie eh viel lieber offen. So wie jetzt.
Ach Marc...
Gretchen (zupft nun selbst vor lauter Nervosität in ihren langen Haaren herum u. fischt die Haarnadeln und Spangen heraus, welche die aufwendige Frisur bislang gehalten haben): Aua! Lass los! Das ziept! Ich... ich muss dir auch noch etwas sagen, Marc.
Marc (spürt den plötzlichen Stimmungsumschwung u. ahnt, was nun gleich kommt u. versucht das mulmige Gefühl in seinem Bauch zu unterdrücken): Musst du nicht.
Gretchen (sieht ihn eindringlich an): Doch, muss ich, Marc. Wir haben uns versprochen, immer offen miteinander umzugehen, um eventuellen Missverständnissen zuvorzukommen. Und ich will auch offen mit dir sein.
Sch...!!!
Marc (legt ihre beiden Hände in seine und drückt sie fest, um seiner Süßen Sicherheit zu geben): Okay!?
Gretchen (senkt den Blick u. holt tief Luft, dann schaut sie wieder auf u. beginnt langsam zu sprechen, auch wenn es ihr sehr schwer fällt): Ich weiß, wir wollten das eigentlich zusammen machen, du... du... weißt schon, aber ich... war... ungeduldig... und dann war da Sabine, die auch...

Hä? Was hat die denn damit zu tun? ... Willst du das wirklich wissen, Meier? ... Nee, lieber nicht. Es sollte lieber ein Mysterium bleiben, warum Frauen immer zu zweit aufs Klo verschwinden.

Huch... fast hätte ich sie verraten. Nicht gut! Gar nicht gut! Entschuldige, Sabine! Also noch mal von vorn! Tschaka, Gretchen, du schaffst das! Du wirst nicht weinen! Denn das hier ist kein Weltuntergang. Wir haben schließlich alle Zeit der Welt. Irgendwann klappt es bestimmt.


Gretchen (rudert hastig zurück, um ihre Freundin nicht zu kompromittieren): Äh... Ich... Ich will sagen... Also...ich... Ich habe einen Test gemacht und er... er war... negativ. Wir... wir sind nicht... schwanger.

Gretchen brachte die letzten Worte nur schwer über die Lippen und senkte beschämt ihren Kopf, damit Marc nicht merkte, dass sie schon wieder den Tränen nah war, weil die Enttäuschung doch viel größer war, als sie geahnt hätte. Aber Marc hatte es gesehen und es traf auch ihn tief im Herzen. Nicht nur, weil auch er enttäuscht war, dass ihr kleiner „Unfall“ doch keine Folgen haben würde, sondern vor allem weil er es nun mal nicht ertragen konnte, wenn seine Heldin unglücklich war. Tröstend zog er Gretchen in seine Arme und stupste ihr Kinn leicht an, damit sie wieder zu ihm aufschaute und blickte sie liebevoll an, während er zärtlich ihre Wange streichelte...

Marc: Hey, das ist doch nicht schlimm. Wir haben doch alle Zeit der Welt. Dann versuchen wir es eben wieder. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Bis ein Schwimmer das Ziel erreicht hat.
Gretchen (sieht ihn mit großen erstaunten Augen u. klopfendem Herzen an): Wirklich? Du willst immer noch? Aber...
Marc (unterbricht sie kopfnickend u. lehnt seine Stirn sanft gegen ihre): Kein Aber! Beschlossen ist beschlossen. Ein Meier hält seine Versprechen. Wir werden ein Baby haben. Früher oder später. Ganz bestimmt. Und es wird wunderschön aussehen. So schön wie du.

Hmm... ein Baby mit Marc! Ich kann es immer noch kaum glauben, dass mein großer Traum tatsächlich wahr werden wird. Aber ich hab ja auch kaum noch zu hoffen gewagt, dass Marc und ich tatsächlich noch zusammenfinden würden. Und jetzt sind wir schon über fünf Monate zusammen. Glücklich.

Gretchen (lässt ihren Tränen endgültig freien Lauf u. kann nur noch flüstern): Danke.
Marc (löst seine Stirn von ihrer und sieht sie mit einem Augenzwinkern an, während er mit beiden Daumen die dicken Tränen aus ihren Augenwinkeln streicht): Hey! Das ist nichts, wofür du dich bedanken musst, mein Schatz. Sonst wirst du mit den ewigen Danksagungen ja nie fertig. Bei dem vielen Sex, den wir haben werden, wenn ich wieder zurück bin.
Gretchen (sofort sind die Tränen vergessen u. sie stupst ihm gespielt empört in die Seite u. lacht befreit auf): Maaarc!
Marc (lacht ebenfalls): Was denn? Ich freu mich schon auf den ganzen Spaß und die Action.
War ja klar, dass ihm das das Wichtigste ist. Ich hab vergessen, dass ich gestern ein Sexmonster „geehelicht“ habe.
Gretchen (drückt ihn zurück ins Heu, um ihn wild zu küssen): Halt die Klappe, du verrückter Mann.
Marc (genießt die stürmische Schmuseeinheit sehr): Hey! Spricht man so mit seinem „frisch angetrauten Ehemann“?
Gretchen (kichert): Es soll doch realistisch bleiben, Herr Doktor Meier.

...sagte Marcs „Angetraute“ keck in seine Richtung, während sie mit heftigem Herzklopfen und flatterigem Bauch an das bewegende Jawort im Standesamt Charlottenburg gestern Nachmittag zurückdachte, bevor die spontane Zeremonie, in die sie durch Zufall hineingeraten waren, leider tumultartig unterbrochen werden musste und sie vor wütenden Verlobten hatten weglaufen müssen. Dieses Spiel gefiel ihr immer mehr, dachte sie. Und so griente die glückliche Frau Dr. Meier verliebt vor sich hin wie ein Honigkuchenpferd. Das war seine Chance, das dachte sich auch ihr „Frischangetrauter“ und richtete sich plötzlich mit Gretchen langsam auf. Er ließ seine Hände in den Seitentaschen seines Mantels eintauchen, den seine Süße gerade anhatte, die kicherte, weil es sehr kitzelig war, wie Marc hastig in den Taschen herumkramte. Was hatte er da eigentlich alles drin versteckt? Das fühlte sich alles sehr komisch an. Wie Überraschungseier oder kleine Kugeln, die dumpf gegeneinander schlugen? Dass Marcs Jacke so ausgebeult war, war ihr bislang noch gar nicht aufgefallen, seitdem sie sie anhatte. Aber bevor Spürnase Haase selbst auf Expedition gehen konnte, hatte Marc auch schon ihre beiden Hände geschnappt und hielt diese nun mit einer Hand hinter ihrem Rücken fest umschlossen, damit sie ihm nicht vorzeitig auf die Schliche kam und ihm den ganzen Spaß verdarb. Schließlich kannte er seinen zappeligen Haasenzahn lange genug.

Gretchen (protestierend): Marc!?

Mit seiner freien Hand fummelte er unbeeindruckt weiter in der linken Jackentasche herum, bis er offenbar fündig geworden war. Mit einem breiten verschmitzten Marc-Grinsen im Gesicht zog er seine Hand wieder aus der Tasche, die er zu einer Faust geballt hatte, damit Gretchen nicht gleich sah, was er vorhatte. Er hatte das Ganze zwar schon ein paar Mal gedanklich in verschiedenen Varianten durch-, aber nie zu Ende gespielt, aber den richtigen Moment für dessen endgültige Realisierung hatte er seit dem Kirchgang heute Nachmittag bislang noch nicht erwischt. Aber wahrscheinlich gab es den richtigen Moment auch gar nicht. Das war genau so eine Erfindung wie dieser kitschige Tag für die Blumen- und Pralinenindustrie. Aber ein Mann wie er war nun mal erfinderisch und wusste zu improvisieren. Wenn er nicht sogar der König der Improvisation war. Und das nicht nur im OP-Saal, wo er ein nahezu göttliches Talent dafür bewies.

Jetzt, wo die ganze Anspannung, die Sorgen und abstrusen Gedanken der letzten schlaflosen Nacht von ihm abgefallen waren, fühlte sich Dr. Meier bereit, seinem süßen Haasenzahn ein Strahlelächeln zu stehlen, damit die traurige Stimmung, die wie ein Nebelschleier über ihnen lag und wohl noch für einige Zeit über ihnen liegen würde, zumindest für den Moment vertrieben werden konnte. Mit großen Augen sah Gretchen ihrem geheimniskrämerischen Freund bei seinem Tun zu. So kannte sie ihn gar nicht. Aber sie liebte diesen kleinen verspielten Jungen, der ihre Verwirrung ausnutzte und sie jetzt mit seinem umwerfenden Charmelächeln angriente, um sie noch mehr zu verwirren. Sie hatte keine Ahnung, was er mit ihr vorhatte, aber sie spürte ein seltsames ungeduldiges Kribbeln, das ihren ganzen Körper erfasste und sie seltsamerweise total wohlig stimmte. Doch der gemeine Mann ließ sich natürlich nichts anmerken und setzte sein bekanntes Pokerface auf, als er Gretchen mit einem Ruck plötzlich wieder auf seinen Schoss zog und auch den anderen Arm um ihre Taille legte. Er löste ihre Hände im Rücken, streichelte zärtlich über den Handrücken der einen Hand und dann geschah etwas sehr Merkwürdiges, das Gretchen vermutlich noch in vielen Jahren selbst auf dem rosaroten Papier ihres Tagebuches, in dem sie diesen einzigartigen Moment für die Ewigkeit festhalten würde, nicht fassen können würde. Ohne den steten Blick von ihr abzuwenden, ließ Marc etwas ganz langsam auf ihren Finger gleiten, was das Kichern der kitzligen Frau in seinen Armen abrupt verstummen ließ...


http://www.youtube.com/watch?v=bBP0ecrvlW4

Lorelei Offline

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Beiträge: 7.456

19.01.2013 17:28
#1377 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Marc (flüstert): Jetzt ist es perfekt!

Mit sprachlosem Erstaunen blickte Gretchen Marc in seine glühenden smaragdgrünen Augen, die sie mit einer ungewohnten leichten Nervosität fixierten, die man sonst eigentlich nur selten, wenn nicht gar nie, an dem selbstbewussten Oberarzt beobachten konnte, auch wenn der übliche Schalk und das jugendlich Spitzbübische, welche darin ebenso widergespiegelt wurden und die sein ganzes faszinierendes Wesen ausmachten, immer noch unübersehbar vorhanden waren. Es verwirrte sie zutiefst.

Gretchen: Marc?

...stieß die Überraschte schließlich völlig überwältigt mit leiser stolpernder Stimme hervor, als sie und ihr immer schneller schlagendes Herz so langsam registrierten, um welches Objekt es sich handelte, das Marc ihr soeben mit einer lässiglockeren Handbewegung auf den Ringfinger geschoben hatte. Hastig zog Gretchen ihre zittrige eiskalte Hand nach vorn, um mit eigenen Augen zu überprüfen, was ihr aufgeregtes Unterbewusstsein ihr ungläubig in Dauerschleife ins Ohr flüsterte, und starrte nun völlig fassungslos auf ihren verzierten Finger, dann in Marcs erwartungsvolles Gesicht, dann wieder auf den Ring mit dem riesigen rosafarbenen Steinchen in der Mitte, der nun einer ausgiebigen Haasschen Musterung unterzogen wurde, während das heftig pochende Herz in ihrer Brust so langsam an den Rande seiner Kapazitäten kam und ihr zunehmend die Luft zum Atmen wegblieb. Das hier konnte doch nur ein Traum sein? Klar, sie schlief noch! Sie hatte sich schließlich ziemlich verausgabt in den letzten Minuten. Sie war müde. Sie fantasierte. Sie fantasierte doch immer gerne, wenn ihr bestimmte Dinge durch den Kopf gingen. Gestern noch hatte sie zum Beispiel von einer Hochzeit geträumt. Und dann... dann... Oh! ... Gretchens Pupillen weiteten sich und die perplexe Frau schaute mit angehaltener Luft zu Marc, der ihr lässig gegenübersaß und immer noch tätschelnd ihre andere Hand hielt, ohne dabei etwas zu sagen.

Gretchen: Ist das... Das ist doch...?

Nicht hyperventilieren, Gretchen! Nicht hyperventilieren! Bleib ruhig! Denk nach! Und das Atmen nicht vergessen! Und wehe, du fängst an zu heulen!

Die aufgewühlte Assistenzärztin kniff ihre Augen zusammen, die schon leicht feucht geworden waren, und blickte noch einmal fachmännisch auf den Ring an ihrem Finger, der so schön im Mondlicht glitzerte, das nun hell und klar durchs Scheunenfenster auf sie gerichtet war. Ungläubig schaute sie wieder auf. Direkt in Marcs Gesicht. Er grinste. Wieso grinste er? Seine süßen Grübchen, die sich an seinen zuckenden Mundwinkeln abzeichneten, verwirrten sie. Ebenso wie dieser wunderschöne Ring, dessen kühle Fassung sie nun langsam mit ihrem Zeigefinger entlangfuhr. Einmal vor, einmal zurück. Nur um zu überprüfen, ob sie sich den Ring nicht doch nur einbildete, weil sie immer noch auf ihrer rosaroten Traumwolke in Marcs Armen schlummerte. Er fühlte sich jedenfalls ziemlich echt an, aber komisch war er trotzdem, dachte Gretchen misstrauisch und brachte nur ein Krächzen heraus, als sie den Satz schließlich vollendete, der ihr auf der Zunge gelegen hatte...

Gretchen: ... Ist der ... Der ist doch... aus Plastik?
Marc (schmunzelnd schaut er ihr direkt in die verwirrten himmelblauen Augen u. bricht endlich sein Schweigen): War ja klar, dass ihr Weiber euch nur für Diamanten und Rubine interessiert! Der arme mittellose supertalentierte Chirurg, der seine ganze Kohle in ein bescheidenes warmes Heim über den Dächern von Berlin gesteckt hat, interessiert euch gar nicht.
Gretchen (verschränkt trotzig die Arme, ohne nicht noch einmal vorher einen Blick auf den schnuckeligen Ring an ihrer Hand geworfen zu haben): Gar nicht!
Marc (stupst lachend ihr Pinocchio-Näschen an): Sagt die ehemalige Millionärsgattin, die eigentlich gar keine war.
Gretchen (schmollt): Marc, du machst den Moment kaputt.
Touché!
Marc (setzt den süßesten Dackelblick auf, den er zu bieten hat): Sorry! Ich hab nichts gesagt.

Hmm... und auch nichts gefragt. Komisch!

Gretchen (sieht aufgewühlt in seinen Augen hin und her): Was... was hat das alles zu bedeuten, Marc?
Marc (tut immer noch sehr geheimnisvoll u. zwinkert ihr zu): Tja, was könnte das wohl zu bedeuten haben, Haasenzahn, hmm?
Gretchen (steckt ihre Hände in die Manteltaschen u. tastet sich durch den verwirrenden Inhalt): Hast du... hast du etwa einen Kaugummiautomaten geknackt? Deine Taschen sind voll mit diesen kleinen Kugeln.
Marc (grinst): Schuldig im Sinne der Anklage.
Gretchen (fixiert ihn mit fragendem Blick): Aber... wieso?
Ach Haasenzahn, meine Süße...
Marc (seufzend zieht er ihre Hand aus der Jackentasche u. gibt ihr ein kleines Küsschen auf den Ring, während er weiterhin intensiven Augenkontakt mit ihr hält): Weil wir das gestern noch nicht zu Ende gebracht haben. Ein Punkt hat noch gefehlt.
Gretchen (steht völlig auf dem Schlauch u. schaut auch dementsprechend aus der Wäsche): Hä?

Frauen! Alles muss man denen dreimal erklären. Selbst den selbsternannten Expertinnen auf diesem Kitschgebiet. Da hab ich mich ja auf was eingelassen.

Marc (übertrieben theatralisch): Schatz, wie kannst du nur unsere „Eheschließung“ vergessen haben!
Oh!
Gretchen (ihr Herz setzt aufgeregt zum Dauerlauf an, als der Groschen so langsam fällt): Das... das hab ich nicht. Nein!
Marc (grinst schelmisch): Gut! Und ich dachte schon, ich hab mir umsonst meine teuer versicherten Fingerchen verbrannt. Die Dinger sind gar nicht mehr so einfach zu knacken wie damals. Aber auf mein Feuerzeug war wie immer Verlass.

Er hat wirklich einen Automaten geknackt, nur um an den Ring zu kommen? Hach... wie romantisch. Wie ritterlich. Wie leichtsinnig!

Gretchen (schüttelt fassungslos den Kopf): Marc, das kannst du doch nicht machen. Wenn dich jemand dabei erwischt hätte?
Marc (fährt sich mit einer Hand über seine stolz geschwellte Brust u. grient Gretchen an): Saßen doch alle schon in der Kirche bei der Marsianer-Hochzeit. Kein Patrouillenraumschiff weit und breit.
Ich hab doch gewusst, dass er irgendetwas im Schilde führt, so komisch wie er sich vor der Kirche verhalten hat.
Gretchen (schmollt): Trotzdem!
Schmollt sie jetzt etwa? Ja, das glaub ich ja nicht!
Marc (legt seine Arme locker über ihre Schultern u. schaut den Schmollhasen amüsiert an): Meine Süße, jetzt zieh doch nicht so eine Visage, hmm. Ich bin Profi. Die Kisten haben wir doch damals regelmäßig leer geräumt. In ganz Berlin war keine vor uns sicher.
Tzz... wenn Jungs langweilig ist.
Gretchen (schüttelt seine Hände ab u. verschränkt trotzig ihre Arme vor ihrem Körper): Na toll, ich bin mit einem Kriminellen zusammen.
Marc (beugt sich verheißungsvoll lächelnd zu ihr rüber u. raunt ihr etwas ins Ohr): Auf böse Buben steht ihr Frauen doch und du ganz besonders.
Gretchen (bekommt unweigerlich eine Gänsehaut, die sich nicht unterdrücken lässt): Das mag schon sein, aber nicht auf so kindische Aktionen.
Marc (sein Lächeln verschwindet abrupt): Wie? Willst du den Ring etwa nicht?
Gretchen: Nein! ... Doch! ... Also... Ich weiß nicht. Was... was machst du nur mit mir? Was willst du mir damit sagen, Marc?

Gretchen war vollkommen durcheinander und wusste überhaupt nicht mehr, was sie denken, geschweige denn fühlen sollte. Sie war sich nicht sicher, welche Bedeutung der Ring für Marc hatte. Sollte das tatsächlich der von ihr seit der Schulzeit längst ersehnte Antrag werden? Dann hatte der weltgrößte Romantikgruffel wohl die entscheidenden Textpassagen vergessen. Aber was wunderte sie das überhaupt? Marc Meier war schließlich bislang nicht dafür bekannt gewesen, dass er Hochzeit, Ehe und Kinder als entscheidende Komponenten für ein glückliches erfülltes Leben ansah. Außerdem waren sie wirklich schon so weit? Lag seine plötzliche Emotionalität nicht viel eher darin begründet, dass er Angst um seine Familie hatte, die ein schlimmes Schicksal getrennt hatte, was er überhaupt nicht kontrollieren konnte und womit er überhaupt nicht umzugehen wusste? Klammerte er sich deshalb so sehr an sie, an ihre Beziehung, an die Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft zu zweit und als Familie? Marc verhielt sich viel zu widersprüchlich, als dass sie diesen Moment hier wirklich ernst nehmen konnte, auch wenn sie es gerne glauben würde. Denn das Ambiente hier im Heu in einer schneereichen Nacht war schon hochromantisch und genau nach dem Geschmack einer Träumerin wie sie.


http://www.youtube.com/watch?v=gdVYSLsBs80





Ihr wollt ihn sicherlich sehen, oder? Hier habt ihr ihn, den Ring aus dem Kaugummiautomaten, den Marc heldenhaft für seine Liebste erobert hat Image and video hosting by TinyPic:



Aber welche Bedeutung er wirklich hat, das erschließt sich wohl erst im nächsten Teil.

Also bis dahin, liebe Grüße und ein schönes Wochenende.

Eure Lorelei



Quelle: Google Bilder

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.456

22.01.2013 14:57
#1378 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Hallöchen alle miteinander! Ich sehe schon, ihr brennt darauf zu erfahren, wie es mit dieser Lovestory weitergeht. Steuern wir tatsächlich auf das längst ersehnte Happy End hin? Wobei, wenn ich mir das so recht überlege, eigentlich spielt das alles doch schon längst nach dem Happy End. Egal, das macht ja nichts, man kann ja immer noch eins draufsetzen, nicht. Dann will ich euch auch nicht mehr länger auf die Folter spannen. Viel Spaß weiterhin mit Martchen und ganz liebe Grüße, eure Lorelei



http://www.youtube.com/watch?v=Z9Klpsw5du8


Marc spürte Gretchens Verwirrung und so nahm er seine Freundin liebevoll an die Hand. Fragend schaute sie ihn daraufhin mit ihren großen himmelblauen Augen an. Bedächtig strich er über ihren Finger, den nun der kitschigste Ring zierte, den er je gesehen hatte und der gerade deswegen so gut zu ihr passte. Er hatte einen Glücksgriff gemacht. Und das nicht nur mit dem Ring, den er aus dem vorzeitlichen Automaten geangelt hatte. Warum nur war Haasenzahn so schwer von Begriff? Eigentlich hatte er sich eine ganz andere Reaktion von ihr vorgestellt, als ihm spontan die Idee für diese romantische Offensive gekommen war. Sie liebte doch Romantik und wollte mehr Märchen im Leben. Gerade in Zeiten wie diesen, die auch ihn, den harten Klotz, sentimental stimmten und ihn nicht allzu lange darüber nachdenken ließen, dass er sich hiermit total zum Dorftrottel machte. Die Anspielung war doch eindeutig genug gewesen. Oder etwa doch nicht? Vielleicht musste er doch deutlicher werden, damit sein Einfall endlich die erhoffte Wirkung bei seiner Traumfrau erzielte. Ein strahlendes Gretchen-Lächeln und ein Kuss, das hatte er sich erhofft, und vielleicht noch mehr. Obwohl es auch ihm so langsam etwas kühl wurde in der ungeheizten Scheune am Waldesrand. Also noch einmal für begriffsstutzige Schneehasen, dachte Marc schmunzelnd, bevor er hier noch einem qualvollen Erfrierungstod erliegen musste, und sah seine verpeilte Süße mit verdächtig zuckenden Mundwinkeln an...

Marc: Findest du nicht, dass zu einer richtigen Fake-Hochzeit wie der unsrigen auch ein richtiger Fake-Ring gehört?
Gretchen (nun komplett verwirrt starrt sie ihn mit offenem Mund an): Wie jetzt? Du... du meinst es gar nicht ernst?
Sch...! Sie versteht mich total miss. Ich hätte es wissen müssen. Kommando zurück! Restart!
Marc (verdreht die Augen u. stellt alles klar): Natürlich meine ich es ernst. Seit über fünf Monaten tue ich nichts anderes, als es ernst zu meinen. Mein zweiter Name ist Ernst, wenn du es genau wissen willst. Und so viel ich weiß, gehört doch zu so einer Dingszeremonie, in die wir gestern zufällig hineingeraten sind, normalerweise noch ein Ringwechsel, oder nicht? Das hätten wir damit jetzt auch abgehakt.
Das heißt...? Er... Wir... Oh... mein... Gott! Er ist...
Gretchen (schüttelt schmunzelnd den Kopf, als sie endlich versteht, u. legt ihre Arme um Marcs Hals, um sich fest an ihren romantischen Traumprinzen heranzukuscheln): Du bist...
Marc (plappert ihr kleinlaut dazwischen, während seine Hände sich um ihre Hüften legen u. er sie näher zu sich heranzieht): Sexy, unglaublich gutaussehend, schlagfertig, total einfallsreich. Der Beste?
Gretchen (lacht u. die ganze Anspannung fällt von ihr ab): ... so ein Spinner.

Der süßeste Spinner der Welt! Dass er überhaupt auf die Idee gekommen ist? Vielleicht will er oder sein Unterbewusstsein ja doch...? Irgendwann... Ich meine... in einer nicht mehr ganz so fernen Zukunft? Hmm...? Ich interpretiere das jetzt mal als subtiles Zeichen für ein „ja, ich will“. Und er hat ja eindeutig „ja“ gesagt. Gestern. Unter Zeugen. Sogar vor einem amtlichen Zeugen, der uns zwar verwechselt hat, aber ich finde, das gilt trotzdem. Jaaa, wir sind jetzt „verheiratet“! Jippie! Offiziell mit Ring und ohne Siegel. Aber was nicht ist, kann ja noch werden? Marc will mich. Mich! Mich! Mich!

Marc (grinsend wandert er mit seinen Lippen zu ihrem Ohr hoch u. knabbert an ihrem Ohrläppchen): Das deute ich jetzt mal als ein eindeutiges „Ja“. Jetzt ist es wirklich perfekt. Und zumindest war unsere verspätete Hochzeitsnacht gerade eben kein Fake. Irgendwie haut das mit dem Zeitmanagement und dem ganzen Zeremoniellen bei uns zwar noch nicht so richtig hin, aber hey, dieser letzte überaus wichtige Punkt war aber auf jeden Fall sehr gelungen und ist sehr, sehr, sehr wiederholungswert.
Gretchen (piekst ihrem unmöglichen „Mann“ lachend in die Rippe): Maaarc!? Gib’s zu! Du hast das alles eingefädelt, oder?
Marc (runzelt verwundert die Stirn u. erstarrt plötzlich mit gespielt verzerrtem Gesichtsausdruck): Also ich kann weder spinnen, geschweige denn überhaupt mit so Frauenzeugs wie Nadel und Faden umgehen - es sei denn es ist OP-Material, das beherrsche ich blind -, noch kann ich auf die Schnelle so eine heruntergekommene arschkalte Scheune herbeizaubern und es wie verrückt schneien lassen. Oh Gott! Oder haben uns etwa die Aliens hier in ein Paralleluniversum verfrachtet? Welch ein gemeiner Hinterhalt! Wie kommen wir da bloß wieder raus? Aber gestern haben wir ja auch noch ein Schlupfloch durch die Hintertür gefunden.
Gretchen (lässt sich lachend mit Marc ins Heu fallen): Du bist so ein Kindskopf. Wen habe ich da bloß „geheiratet“?
Marc (kleinlaut): Den Besten!
Gretchen (macht es sich auf seinem Bauch gemütlich, den sie liebevoll krault, während sie herausfordernd zu dem sprücheklopfenden Macho hoch schaut): Überschätze dich mal nicht, mein Lieber!
Marc (gespielt beleidigt): Hey! Wie war das doch gleich? Was hat der Spitzbart zu uns gesagt? Du sollst deinen Mann ehren und... küssen... und lieben... immer und überall...
Gretchen (plappert ihm grinsend dazwischen): So sieht also dein Verständnis von Ehe aus, hmm? Aber da muss ich dich leider enttäuschen, Herr Dr. Oberschlau, denn ich bin eine emanzipierte Frau und baldige Chirurgiegöttin und ich werde dich weder zuhause noch im OP verehren. Wann hab ich das je getan? Und im Gegensatz zu Sabine und Günni haben wir nicht kirchlich geheiratet. Ich muss also gar nichts. Du musst! Außerdem war die Trauung ja nicht echt, also zumindest nur für Uschi und Siggi.

Hmm... was aber nicht heißt, dass man das alles nicht noch einmal in echt für Marc und Gretchen wiederholen könnte. Wie in dieser einen Serie! Wie hieß die doch gleich? Ich komme nicht drauf. Irgendwas mit Ärzten. Hihi! Wie bei uns. Jedenfalls spielt sie da, wo auch Olivier lange Zeit gearbeitet hat. Und das Traumpaar da war auch nach langem Hin und Her erst nur mit so kleinen süßen Post-it-Zetteln fake-verheiratet und hat es dann noch richtig nachgeholt. Aber romantisch war das dann nicht. Auch nur aufm Amt. Hmm... Wenn ich mal heirate, oh Gott, das sagt genau die Richtige, dann aber richtig. Unter freiem strahlendblauem Himmel. Mit tausend Blumen, weißen Tauben und all unseren Freunden. So richtig romantisch wie heute bei Bine und Günni. Ob der Chor auch noch mal Zeit hätte? Das war schön! Love, love, love... Summ, summ, summ...

Alter, du läufst echt Gefahr, dass sie dich noch an den Haken kriegt, wenn du so weiter machst. Nein, Korrektur, du baumelst schon daran. Hörst du nicht die Ketten klirren? Hmm... Fühlt sich aber gar nicht mal so schlecht an! Äh... in der Theorie natürlich. Was sonst? Wieso kuckt Haasenzahn jetzt eigentlich so verstrahlt? Hier muss der Oberarzt wieder ran, aber subito.

Marc (hat sichtlich seinen Spaß, während er sich mit ihr herumdreht u. nun über ihr liegt): Hoho! Ich stehe ja auf Frauen, die sich selbstbewusst nehmen, was sie wollen. Aber noch gehört der rote Teppich mir! Klar? Was aber nicht heißt, dass du nicht auch mal mit deinen hässlichen rosa Kitty-Puschen drüber latschen darfst, du Möchtegernchirurgiegöttin, du.
Das Möchtegern will ich aber nicht gehört haben! Nimm dich bloß in Acht! Bald hab ich nämlich meinen Facharzt und hab auch etwas zu sagen.
Gretchen (blitzt ihn mit funkelnden Augen an): Wie zuvorkommend von dir.
Marc (grinsend umschließen seine Hände ihre Taille): Siehste! Und... zumindest kann uns jetzt keiner mehr vorwerfen, dass wir es nicht auch bis zum Standesamt schaffen würden.
Ja, Mama würde Augen machen, wenn sie wüsste, dass wir fast... also irgendwie...
Gretchen (ihr Lachen bricht abrupt ab u. sie richtet sich auf): Marc? Wie viel Ernsthaftigkeit steckt eigentlich in dem, was du hier sagst und tust?
Marc (hört ebenfalls auf, zu lachen, u. sieht ihr tief in die Augen, während seine rechte Hand langsam die Konturen von ihrem Körper entlangfährt): So viel wie du dir wünschst.

Oh! ... Was ist bloß mit Marc passiert, dass er auf einmal so darüber denkt? Ich find’s schön, definitiv, aber auch ziemlich verwirrend.

Gretchen (bekommt auf einmal heftiges Herzklopfen u. sieht aufgeregt in seinen Augen hin und her): Du sollst aber nicht immer alles tun und sagen, nur um es mir recht zu machen, Marc. Wir führen eine gleichberechtigte Partnerschaft. Deine Wünsche und Bedürfnisse zählen auch. Damals am See waren wir uns doch darüber einig, dass wir uns für alles Zeit nehmen wollen. Ohne Druck. Wir gehen unseren eigenen Weg, egal was andere denken oder für gut und richtig empfinden. Aber auf einmal machst du einen riesigen Satz nach vorn und ich habe das Gefühl, dass ich kaum noch hinterherkomme. Verstehe mich nicht falsch, ich finde es gut und schön und ich liebe dich dafür, aber gleichzeitig verwirrt es mich auch total.
Marc (legt seine Hand an ihre Wange u. streichelt sie lächelnd mit der Daumenkuppe): Du wirst wohl nie müde, alles zu hinterfragen, was dir durch den Kopf geht?
Gretchen (vorlaut): Dafür bin ich ja auch eine Frau.
Marc (lachend stupst er ihre Nasenspitze an u. lehnt anschließend seine Stirn gegen ihre): Hmm... Meine Frau! Was ist falsch daran, seine Frau glücklich zu machen, wenn es einen selbst auch glücklich macht? Dafür steht sowohl mein Versprechen am See, das nach wie vor seine Gültigkeit hat, als auch der Ring, der das alles symbolisiert. Gerade heute, wo alles irgendwie... du verstehst schon. ... Damit du immer weißt, wo du hingehörst und wohin unser Weg geht, der noch nicht vorgeschrieben ist. Und das ist auch gut so. Ich mag unser Tempo und mir ist scheißegal, was andere davon halten. Dafür brauche ich keinen Behördenwisch, der dann in irgendeiner Schublade mit den Jahren vergammelt. Das weiß ich auch so. Aber ich weiß auch, was du dir insgeheim seit unseren Spielplatzzeiten wünschst. Ich versperre mich davor ja auch gar nicht. Ich meine nur, alles hat seine Zeit und du kannst den Ring so interpretieren, wie du es dir gerade wünschst. Das ist alles.
Gretchen (sieht ihn gerührt an u. gibt ihm einen kleinen Kuss auf die Lippenspitzen): Dann bin ich gerne mit dir „verheiratet“, Herr Dr. Meier.
Marc (dehnt den gefühlvollen Kuss noch ein bisschen aus): Und ich mit Ihnen, Frau Dr. Meier.

Gretchen (kichernd lehnt sie sich an seine nackte Brust u. krault diese zärtlich): Klingt gut! Weißt du eigentlich, dass ich das bestimmt schon an die tausend Mal in meinem Tagebuch stehen habe?
Marc (schmunzelnd streicht er ihr eine verirrte Strähne aus ihrem hübschen Gesicht): Ich kann’s mir denken. Und ich bin froh, dass du nicht auf bescheuerte Doppelnamen bestehst. Ein Feld- und Wiesentier kommt mir nämlich nicht an das Namenschild an meinem Kittel.
Gretchen (lacht u. legt ihre Hand auf seinen Bauch, um ihren Ring besser betrachten zu können): Ich finde den Ring toll und ich nehme ihn gerne an, weil er auch für mich für alles steht, was uns verbindet. In der Vergangenheit, jetzt und heute, und in der Zukunft. Das war wirklich eine süße Idee von dir. Danke! Ich werde ihn in Ehren halten und immer bei mir tragen.
Marc (lächelt, weil er einfach nur glücklich ist u. sich gut fühlt): Er passt zu dir. Ein Glück, dass ich den überhaupt gefunden habe. Ich dachte schon, die haben hier im Nirgendwo in ihrer Kollektion nur Mähdrescher und Kühe als Figuren.
Gretchen: Du und deine Vorurteile.
Marc (weist diesen Verdacht vehement von sich): Ich hab keine Vorurteile.
Gretchen (dreht sich auf den Bauch u. schaut grinsend zu ihm hoch): Klar! Deshalb hast du ja auch groß vor Günnis ‚O-Ton’ „Bauern“-Eltern getönt, dass du Arzt bist und was für tolle komplizierte chirurgische Eingriffe du schon erfolgreich gemeistert hast.
Marc (trotzig): Hab ich nicht!
Gretchen (lacht): Doch hast du! Aber Günni ist auch Arzt, ein sehr guter sogar. Dein Gesicht war göttlich, als seine stolzen Eltern dir erzählt haben, dass er auch schon sehr erfolgreich als Rechtsmediziner mit der Berliner Kripo zusammengearbeitet hat und wie viele Fälle seinetwegen schon gelöst werden konnten.
Pff... Möchtegern-Professor-Boerne! So ein paar Maden aus dem Fleisch pulen, kann ja wohl jeder.
Marc (nölt eingeschnappt in seinen Dreitagebart hinein): Man kann ja auch nicht alles wissen.
Gretchen: Wenn man sich für seine Mitmenschen interessieren würde, dann hättest du es gewusst. Wir haben schon so oft mit ihm darüber geredet. Er hat so spannende Geschichten auf Lager.
Marc (zieht eine Augenbraue nach oben u. mustert Gretchen argwöhnisch): Willst du jetzt einen Streit vom Zaun brechen? Ganz so real hab ich mir unsere ... (deutet Anführungszeichen an) ... „Ehe“ dann doch nicht vorgestellt.
Gretchen (kichert): Haha! Spaßvogel! Du hast doch damit angefangen, als du mir den Ring auf den Finger geschoben hast. Aber hey, da fällt mir ein, wir müssen auch für dich noch einen passenden Ring finden.
Marc (richtet sich entsetzt auf): Was? Selber Spaßvogel! Das kannst du gleich mal knicken. Ich bin ein Mann und nicht Olivia Jones. Ich ziehe so was nicht an. Nur über meine Leiche!
Pah! Das werden wir ja noch sehen, mein Lieber. Hihi!

Lorelei Offline

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25.01.2013 17:21
#1379 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Trotzig verschränkte Marc Meier seine Arme vor seiner Brust, als er beobachtete, wie Gretchen enthusiastisch seine beiden Manteltaschen entleerte und jede einzelne der durchsichtigen Plastikkugeln aus dem Automaten genau unter die Lupe nahm, bis sie doch tatsächlich gefunden hatte, was sie gesucht hatte. Den musste er bei seiner Vorauswahl wohl übersehen haben. Zum Entsetzen ihres verschreckten „Ehemannes“, der angewidert das Gesicht verzog, als er auf den Schmetterling blickte, den ein kleiner Ring zierte, hielt Gretchen ihm nun diesen mit unübersehbarer schadenfroher Begeisterung vor die Nase. Warum noch mal hatte er mit diesem dämlichen Was-wäre-wenn-Spiel überhaupt angefangen? Dann hätte er auch gleich echte Ringe besorgen können anstatt dieses hässlichen Klimbims.

Marc (wehrt sich entschieden): Das ist nicht dein Ernst?
Gretchen (schadenfroh): Oh doch! Gleiches Recht für alle.
Scheiß-Gleichberechtigung!
Marc (versucht vergeblich zu verhandeln): Trag du doch beide? Stehen dir doch eh viel besser.
Ist er nicht süß, mein Marcischnuckiputzi!
Gretchen (grinst): Das ist aber nicht Sinn der Sache, mein Lieber. Das äußerliche Zeichen der Liebe zweier so eng miteinander verbundener Menschen müssen beide Eheleute tragen. Das ist mehr als nur Tradition.
Wer hat denn den Scheiß eigentlich erfunden?
Marc (verschränkt abwehrend seine Arme): Haasenzahn, das mag ja für dich gelten, um aufdringliche Typen abzuschrecken, was ich nebenbei bemerkt durchaus befürworte, aber bei aller Liebe, ich werde mit Sicherheit nicht so einen hässlichen Flattermann am Finger zur Schau tragen. No way! Außerdem ist Schmuck im OP eh verboten. Also können wir uns das Ganze auch gleich ganz sparen.
Spielverderber!
Gretchen (säuselt mit verführerisch sanfter Stimme in sein Ohr u. gibt ihm einen kleinen Schmatzer auf die Wange, die sie anschließend tätschelt): Papperlapapp, Marcilein, mit gehangen ist mit gefangen! Aber ich habe da vielleicht eine Idee, um es dir leichter zu machen.

Gretchen blickte ihren widerspenstigen „Ehemann“ mit entschlossener Miene an. Aber sie konnte ihr breites Grinsen nicht lange zurückhalten. Schmunzelnd griff die Blondine nach ihrem eigenen Mantel, der unter einem Haufen Klamotten über einem Strohballen lag, und zog ein kleines Päckchen heraus, das sie dem verdutzten Oberarzt nun feierlich reichte, dem das Ganze nicht geheuer vorkam...

Marc: Äh... was soll ich damit?
Gretchen: Gegenvorschlag, Marc. Du musst deinen Ring nicht unbedingt am Finger tragen, wenn du nicht magst. Er sieht eh ziemlich klein aus. Aber bei dir tragen musst du ihn schon. Das bist du mir jetzt schuldig. Schließlich hast du auch „ja“ gesagt. Vielleicht überwindest du dich ja damit eher?
Marc (betrachtet argwöhnisch das kleine Päckchen, das ihm seine Freundin hinhält): Was ist das?
Gretchen (strahlt ihn erwartungsvoll an, als sie es ihm wieder zuschiebt): Mein Valentinstagsgeschenk für dich. Ich wollte es eigentlich erst bis heute Abend zurückhalten, wenn wir wieder zuhause sind, aber wenn wir jetzt schon mal bei den Überraschungen sind, bekommst du es eben auch jetzt schon.
Marc (zieht verdutzt seine Augenbrauen nach oben): Valentinstag?
War ja klar! Mein ignorantes Gruffelchen!
Gretchen: Du musst jetzt nicht gleich in Panik ausbrechen, nur weil du ihn vergessen hast. Ich hab mir schon gedacht, dass du nicht an so etwas Banales und Unmännliches denkst. Aber du hast mir hiermit ... (sie deutet lächelnd auf den Ring an ihrer Hand) ... schon eine große Überraschung bereitet. Das zählt auch. Das zählt sogar für einige Valentinstage und vergessene Geburtstage zusammen.
Oh Mann!
Marc (überfordert): Haasenzahn, ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Gretchen (drückt ihm aufgeregt das Geschenk in die Hände): Du musst nichts sagen, Marc. Pack es einfach aus!

Marc zuckte unschlüssig mit den Schultern, riss aber dann doch das bunte Geschenkpapier ab und hob anschließend den Deckel der kleinen weißen Schachtel an, die sich darunter verborgen hatte. Der überrumpelte Oberarzt staunte nicht schlecht, als er darin ein schlichtes braunes Lederkettchen entdeckte. Er nahm es heraus und hielt es sich unsicher an den Hals. Gretchen schenkte ihm ein breites Lächeln und zeigte beide Daumen nach oben. Marc verdrehte nur die Augen. Modeschmuck war eigentlich nicht so seins. Aber wenn er seiner Süßen damit eine kleine Freude bereiten konnte, musste er eben gute Miene zum bösen Spiel machen. Haasenzahn hatte ja recht, ausnahmsweise, er hatte schließlich damit angefangen. Mit gehangen, mit gefangen! Und ganz so übel sah die Kette ja dann doch nicht aus. Gretchen lächelte ihren Schatz zufrieden an und nahm ihm das Halsband aus der Hand, schob seinen Ring als Anhänger darüber und legte es ihm anschließend um den Hals, wobei sie ihm beim Verschließen aufregend nah kam, was den tapferen Chirurgen für den Moment etwas verwirrte und ablenkte. Marc blieb jedoch zwiegespalten, was den albernen Schmetterling anbelangte. Das merkte auch seine Angebetete, die sich ihr Schmunzeln kaum verkneifen konnte. Aber Gretchen war lange genug mit ihm zusammen, um zu wissen, wie sie einen Macho wie ihn in seiner Männlichkeit wiederaufbauen konnte, und zwinkerte ihm frech zu...

Gretchen (lässt ihre Arme um seinen Nacken geschlungen): Sieh es doch mal so, Marcilein, der Schmetterling steht für die vielen, vielen, vielen Schmetterlinge, die ich immer in meinem Bauch habe, wenn ich bei dir bin oder an dich denke. So hast du mich auch immer bei dir, wenn ich mal nicht bei dir sein kann.
Marc (irgendwie gerührt, auch wenn er sich das nicht anmerken lassen will): Okay!?
Gretchen (grinst): Und noch etwas. Ein Glück, dass du dich heute für einen Rollkragenpulli entschieden hast. Eine sehr weise und voraussichtige Kleiderwahl. So bleiben dir auch die spöttischen Kommentare deiner Kollegen erspart, vor denen du dich so sehr schämst. Also alles prima!
Marc (kann kaum glauben, was sie sich da schon wieder zusammensinniert u. blitzt sie an): Boah! Du kleines Biest!

Gretchen kreischte laut auf, als sich Marc urplötzlich auf sie stürzte und sie versuchte durchzukitzeln. Sie wehrte sich mühsam, musste aber nach einer Weile frustriert feststellen, dass sie gegen einen starken Mann auf Rachemission nicht den Hauch einer Chance hatte. Lachend ergab sie sich schließlich ihrem Schicksal, das die vielen Schmetterlinge in ihrem Bauch wieder aufflattern ließ. Aber irgendwann war auch für sie genug mit den nachmittäglichen Spielereien im Heu. Atemlos richtete sie sich wieder auf und sah den zufrieden grinsenden Triumphator an, der schon wieder zur nächsten Attacke ansetzen wollte...

Gretchen: Marc, hör auf! Bitte! Wir sollten so langsam zum Hotel zurückgehen, bevor sich noch jemand Sorgen macht, wo wir so lange abgeblieben sind.
Marc: Schade!

Marc zwinkerte Gretchen zu. Sie lachte nur und schüttelte den Kopf, weil ihr Liebster so ein Kindskopf war. Ein letzter intensiver Kuss folgte, dann ergab sich der verliebte Mann seinem bitteren Schicksal, das sich Hochzeitsfeier des Grauen nannte. Schnell schlüpfte er in seinen Pullover, der den albernen Anhänger, der unbehaglich an seiner Lederhalskette baumelte, wirklich gut verdeckte. Er musste schmunzeln, als er daran zurückdachte, wie er dazu gekommen war und befürchtete, dass seine holde Angetraute ihn wohl noch lange damit aufziehen würde. Aber das Unter-der-Fuchtel-Stehen war wohl das Schicksal eines jeden frischgebackenen Ehemanns. Eine Tatsache, die sich gar nicht mal so schlimm anfühlte, wie er gedacht hatte. Dann waren Anzughose, Jackett, Socken und Schuhe an der Reihe. Schließlich wartete nur noch sein Wintermantel, der noch verführerisch nach seiner süßen Heuprinzessin duftete, die ihn freundlicherweise in den letzten Minuten angewärmt hatte. Welch ein wohliges Gefühl, hineinzuschlüpfen, dachte Marc vorfreudig und schnupperte noch einmal intensiv an dem Stoff, nachdem er den Mantel angezogen hatte.

Bei Gretchen ging die Anziehaktion jedoch nicht ganz so schnell von statten. Der weite rosa Tüllrock war zwar schnell angezogen, das schwarze Oberteil hakte dagegen noch. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Für Marc war es jedenfalls ein Heidenspaß dabei zuzusehen, wie seine Liebste mit ihrer üppigen Oberweite kämpfte, die in dem engen Korsett unglaublich gut zur Geltung kam. Eigentlich viel zu schade, die zu verpacken, dachte der Schelm mit einem anzüglichen Grinsen auf den Lippen und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn, die Gretchens verführerischer Anblick bei ihm schon wieder hervorgerufen hatte. Schließlich konnte er es sich doch nicht verkneifen, selbst Hand anzulegen und machte sich ans Werk, bevor Haasenzahn während ihres hektischen Gestrampels noch stolperte und wieder im Heu landete, wo er sie eigentlich ganz gerne noch einmal gesehen hätte, wie ihm sein Unterbewusstsein immer wieder anzüglich zuflüsterte. Während er also ein Häkchen nach dem anderen schloss, wanderten seine kalte Nasenspitze und seine Lippen frohlockend ihren reizvollen Hals empor, was Gretchen ganz schwindelig werden ließ. Ein leises Stöhnen entwich ihren zarten Lippen, was Marc wohlwollend zur Kenntnis nahm. Er näherte sich grinsend ihrem Ohr und raunte etwas verführerisch hinein, was den frierenden Haasen gleich wieder extrem warm werden ließ...

Marc: Für das Teil brauchst du einen Waffenschein, Haasenzahn.
Gretchen (fühlt sich unheimlich geschmeichelt u. lehnt sich mit dem Rücken geschmeidig an seine Brust): Oh danke, Marc. Ich nehme mal an, das war als Kompliment gemeint.

Als das letzte Häkchen des schwarzen Bustiers verschnürt war, drehte Marc die blonde Schönheit zu sich herum und funkelte sie mit glühenden Augen an, wobei er offensiv das vor Aufregung bebende Dekolletee noch einmal in Augenschein nahm. Gretchen konnte ihm deutlich ansehen, wonach ihm schon wieder der Sinn war. Und im heimlichen Zwiegespräch mit ihrem Unterbewusstsein musste sie zugeben, dass es ihr genauso ging.

Marc (grinst schelmisch): Jep! So war’s gemeint. Du solltest dich heute Abend vor aufdringlichen Verehrern in Acht nehmen.
Gretchen: Das werd ich wohl. Mein „Ehemann“ neigt nämlich dazu, schnell durchzudrehen.

...gab Gretchen keck zurück, streckte Marc die Zunge raus und schlüpfte schnell in ihren rosafarbenen Wintermantel, bevor der Casanova noch auf dumme Gedanken kam. Und die hatte er tatsächlich im Sinn, als er ungeniert ihre auf und ab wippenden Brüste anstarrte, die heute ganz besonders groß in sein Auge stachen und seinen Verstand zunehmend vernebelten. In Zukunft sollte Haasenzahn öfter Kleider wie dieses tragen. Darauf konnte er doch als ihr „Ehemann“ bestehen, oder?

Gretchen: Luft holen, Marc!

...griente Gretchen den sabbernden Mann an, der sie mit seinen Blicken aufzufressen versuchte, und knöpfte provozierend langsam ihren Mantel zu. Marc verfolgte ihre geschmeidigen Bewegungen ganz genau, schnappte sich schließlich den Kragen ihrer Jacke und zog den Frechdachs zu sich heran, bis sich ihre Nasenspitzen leicht berührten...

Marc: Wenn ich gewusst hätte, welche Auswirkungen so ein Kuss im Heu bei dir hat, hätte ich dir anstatt eines Penthauses in Mitte wohl besser gleich einen ganzen Bauernhof gekauft.
Gretchen (schlingt kichernd ihre Arme um Marcs Nacken u. sieht ihn verliebt an): Ein wirklich verführerischer Gedanke, aber ich liebe unser Zuhause. Und ich liebe dich.
Marc (streicht mit seinen warmen Lippen verführerisch ihren Hals empor, bis zu der empfindsamen Stelle hinter ihrem Ohr, an der er sie immer ganz wuschig machen kann): Dito! Wir müssen nicht wieder rüber gehen, wenn du nicht magst. Wir könnten auch hier bleiben. Wir finden schon was, was uns warm hält. Wir waren schließlich beide bei den Pfadfindern.
Gretchen (lacht u. genießt die Schmuseeinheit an ihrem Ohr sehr): Damit wir morgen als Frostleichen gefunden werden?
Marc: Hmm... Wie gut, dass wir einen Rechtsmediziner mit an Bord haben.

Und schon hatte Marc seine protestierende Frau zurück ins Heu geworfen und sich lachend auf sie geworfen. Gretchen kicherte wie ein kleines Mädchen und ließ sich nur allzu gern von ihm mitreißen, als er seinen Kopf ungeniert in ihrem Mantel vergrub und ihr Dekolletee mit heißen Küssen benetzte. Doch Marcs ungestümer Frontalangriff war leider nur von kurzer Dauer. Denn plötzlich schreckte Gretchen auf. Sie hatte ein Geräusch am Tor der Scheune vernommen, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Panisch klammerte sie sich an Marcs Mantelkragen, so dass er kaum noch Luft bekam, und sah ihn ängstlich an...

Gretchen (ihre Stimme überschlägt sich fast): Marc, da ist jemand!
Marc (versucht die hysterische Frau vergeblich zu beruhigen): Quatsch! Wer soll denn bei der Schweinekälte hier draußen rumlümmeln? Das waren vielleicht nur ein paar Mäuse.
Gretchen (kreischt auf u. springt ihn an): MÄUSE?

Marc wollte der Angsthäsin erst nicht glauben, die ihn in ihrem panischen Übereifer fast erdrückte, aber dann hörte auch er, wie das quietschende Scheunentor plötzlich auf und wieder zugeschoben wurde und langsam Schritte näher kamen, die definitiv nicht von Mäusen stammen konnten. Und wenn, dann mussten das schon sehr große Mäuse sein. Gretchen und Marc sahen sich an. Im blinden Einverständnis rutschte das Paar vorsichtig bis zur Kante des Heuschobers vor und schaute mit zusammengekniffenen Augen nach unten, um in der Dunkelheit etwas zu erkennen...


http://www.youtube.com/watch?v=Myvuv8Z-yHU


Was ist denn jetzt los? Einen Krimi hatten wir, glaube ich, noch nicht? Tja, wir werden sehen.

Und ihr bekommt noch etwas zu sehen. Hier habt ihr ihn, Marcs „Ehering“ :




Hübsch nicht? Das freut den Marc aber ganz, ganz doll, würde ein schadenfrohes Gretchen sagen.



Und Gretchens Valentinstagsgeschenk für Marc, an dem der Ring jetzt als Anhänger baumeln darf:




Ich weiß, ich habe euch ein bisschen an der Nase herumgeführt, was eine mögliche Verlobung betrifft, was mir übrigens unendlich Leid tut , aber eine Hochzeit fand ja schon statt. Alles andere wird die Zeit zeigen. Die Auflösung des Cliffis gibt es dann nächste Woche. Ich hoffe, ihr könnt euch bis dahin gedulden. Ein Tipp, die Lösung steckt irgendwo verschlüsselt zwischen den Zeilen.

Liebe Grüße und schönes Winterwochenende euch allen,

eure Lorelei


Quelle: Google Bilder

Lorelei Offline

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28.01.2013 19:21
#1380 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Wow! Ihr seid ja verrückt. Danke für die tolle Resonanz zum letzten Teil. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Und ihr freut euch sicherlich, wenn es hier weitergeht und zwar mit dem ersten Teil einer ganz besonderen Episode. Also dann löse ich das kleine Rätsel mal auf. Die meisten waren ja schon nah dran. Viel Spaß und liebe Grüße auch an die stillen Leser(innen) da draußen. Bussi, eure Lorelei



Marc und Gretchen staunten nicht schlecht, als sie zwischen den beiden unruhig hin und her schwenkenden Lichtkegeln zweier Taschenlampen deren Besitzer erkannten, die hektisch in der dunklen Scheune hin und her flitzten und schließlich direkt unterhalb der Leiter, die in ihr heimliches Liebesnest führte, stehen geblieben waren. Der Oberarzt und Profiforscher hatte Recht behalten. Es waren doch Mäuse, die in der alten Gummersbacher Scheune ihr Unwesen trieben. Süße kleine unschuldige Mäuschen der Kategorie „Besserwisser“ und „neunmalklug“. Ganz gefährliche, nicht zu unterschätzende Wesen, wenn man sie denn unbeobachtet ließ. Und spätestens beim ersten Ton der piepsigen Mäusestimme, die in dem Moment unter ihnen erklang, hätten Marc und Gretchen eh gemerkt, wer ihnen hier auf die Schliche gekommen war. Oder etwa doch nicht? Noch schienen die vier Mäuschen sie nicht in ihrem Versteck entdeckt zu haben. Sehr verdächtig, dachte der aufmerksame Chirurg und wagte einen weiteren Blick nach unten. Wie Recht er doch mit seiner Vermutung hatte, sollte sich noch herausstellen.

Sarah (aufgekratzt): So! Das ist doch der perfekte Ort für unser Expediment, findet ihr nicht?

Gretchen und Marc schauten sich verdattert an: Experiment? Was hatten die kleinen Mäuse denn vor? Die beiden Beobachter spitzten ihre Lauscher und blickten misstrauisch vom Heuboden nach unten, wo sich Sarah Hassmann wild gestikulierend neben Lilly Kaan und vor Günnis Neffen aufgebaut hatte, die die beiden Mädchen mit ihren Taschenlampen anstrahlten.

Lilly: Und wie soll das jetzt ablaufen? Ich hab so was noch nie gemacht.

...hörten sie Mehdis Tochter skeptisch mit leiser schüchterner Stimme antworten. Deren jüngere Freundin kicherte nur und legte ihren Arm um Lillys Schulter und zog sie ein Stück weit mit sich mit, um ihr etwas zu erklären. Die beiden Gummersbacher Jungs trabten ihnen treudoof hinterher.

Sarah: Aber das ist doch ganz einfach.
Lilly: Hast du das schon mal gemacht?

Die drei Kinder schauten die selbstbewusste Ärztetochter gespannt an. Sie schüttelte verlegen den Kopf, gab sich aber betont lässig, wie sie es immer gerne tat, um ihre eigene Unsicherheit zu überspielen.

Sarah: Nö! Aber das schaut doch immer ganz leicht aus bei den Erwachsenen.
Lilly (kichert leise): Stimmt.

Über den Köpfen der vier Kinder machte sich derweil Unbehaglichkeit bemerkbar. Gretchen rüttelte vorsichtig an Marcs Mantelärmel. Er schaute sie fragend an. Sie tat es ihm gleich, als sie ihm leise ins Ohr flüsterte...

Gretchen: Was haben sie vor?
Marc (zuckt mit den Schultern): Keinen Schimmer! Aber wenn sie sich hier verkriechen, scheint es nichts Gutes zu sein.
Gretchen: Wie kommst du darauf?
Marc: Ich war auch mal so alt.
Gretchen: Verstehe!

Marc griente Gretchen amüsiert an, deren Unbehagen damit nur noch größer wurde. Sie rollte mit den Augen, wandte ihren Blick ab und beugte sich noch ein Stück weiter nach vorn, um besser mithören zu können, was die kleinen Gauner da unten zu besprechen hatten.

Sarah (kuckt ihre Freundin auffordernd an): Du fängst an!
Lilly (wirkt zunehmend verunsichert, als sie verstohlen zu den beiden Jungs mit den Taschenlampen schaut): Wieso ich?
Sarah (kleinlaut): Weil du die Ältere bist.
Lilly (zickt gar nicht begeistert zurück): Aber dann bist du auch zu jung dafür.
Sarah (eingeschnappt): Gar nicht! Ich habe eine Freundin im Kindergarten, die Ella, die hat das auch schon mal gemacht.
Lilly (sichtlich beeindruckt): Echt?
Sarah: Echt! Also machst du’s? Wir müssen uns aber beeilen. Gleich gibt’s Abendessen, hat dein Papa gesagt.
Lilly (spielt nervös mit ihren Händen u. hadert mit sich): Ich weiß. Können wir das nicht gleichzeitig machen?
Sarah (kleinlaut): Flitzpiepe! Und wer ist dann in der Kontrollgruppe?
Lilly (versteht nur Bahnhof): Kontrollgruppe?
Sarah (mit stolzgeschwellter Brust gibt sie ihr Fachwissen kund): Na das ist doch ein Expediment. Jemand muss beobachten und die Ergebnisse aufschreiben und dann kontrollieren und vergleichen.
Lilly (skeptisch): Findest du das nicht ein bisschen kompliziert?
Sarah (sehr von sich überzeugt): Nö! Ich bin Wissenschafferin. Wissenschaft ist kompliziert, sonst wäre es ja keine Wissenschaft. Du willst doch auch wissen, wie es ist, oder? Sonst mache ich den Test alleine und du protokopierst mein Wissen.
Lilly (gibt sich geschlagen): Na gut, ich bin dabei.
Sarah (hüpft begeistert um ihre Freundin herum): Supi!

Eine Etage weiter oben kuschelte sich unterdessen eine stille Beobachterin an ihren Begleiter, der die Kleinen nicht aus seinen Argusaugen ließ...

Gretchen: Ist das süß! Wie ihre Frau Mama, nur in klein. Aber irgendwie hab ich trotzdem ein komisches Gefühl bei der Sache.
Marc (grummelt leise in ihr Ohr): Ich auch. Wirklich erschreckend, was bei der Kreuzung eines elenden Drecksacks mit einer frustrierten Zimtziege so herausgekommen ist.
Gretchen (stupst ihn empört in die Seite): Marc!
Marc: Ja, was? Kuck dir das Resultat doch mal an! Die kleine Kröte ist in ihrem Forschungsdrang doch kaum noch zu bremsen. Das musste ich nicht nur einmal am eigenen Leib erfahren. Die Hassmann lässt ihr doch alles durchgehen.

Marc rieb sich seinen schmerzenden Oberarm und machte seinem Ärger mit gedämpfter Stimme Luft, während Gretchen ihren meckernden Grummelkönig ein letztes Mal unmissverständlich anblitzte und dann mit einem mulmigen Gefühl im Bauch wieder nach unten schaute, wo sich die beiden Mädels in ihren rosafarbenen Schneeanzügen gegenüber der Jungs positionierten, die noch kein Wort zu der Angelegenheit gesagt hatten und in ihren hellblauen Skijacken dämlich vor sich hin grinsten.

Sarah (sieht Lilly erwartungsvoll an): Und bereit?
Lilly (zögert): Ich weiß nicht.
Sarah: Als Versuchsmeerschweinchen sind die doch ganz in Ordnung.
Lilly (mustert die beiden Jungs erneut u. wendet kichernd ihren Blick wieder ab): Naja?
Sarah (macht entschlossen Nägel mit Köpfen): Du musst sie ja nicht gleich heiraten. Das ist echte Forschung. Nicht mehr und nicht weniger. Also du nimmst den Hansi und ich Klausi als Kontrollgruppe zwei.

Lilly zögerte erst, dann traute sie sich doch nach einem erneuten Blick in Sarahs stechend scharfe tiefblaue Augen, die sie auffordernd fixiert hatten. Schließlich wollte sie keine Maus sein. Die Neunjährige näherte sich also mit kleinen Tippelschritten Hansi Gummersbach, der schüchtern seinen Augen senkte und nervös mit seinen Füßen Kreise in das heubedeckte Holzparkett zeichnete, blieb vor ihm stehen und schaute noch einmal vergewissernd zurück zu Sarah, die ihrer zögerlichen Freundin augenrollend folgte und sich schließlich entschlossen vor dem kleinen Klausi aufbaute, der sie erwartungsvoll ansah.

Lilly: Und wie fang ich jetzt an?
Sarah: Na einfach Augen zu und durch!
Lilly (bleibt skeptisch): Und wenn ich daneben treffe?
Sarah (zuckt mit den Schultern): Ich glaube, das funktioniert ganz automatisch. Wie bei zwei Magneten, die sich anziehen.
Lilly (macht große Augen): Woher weißt du das alles?
Sarah: Das hab ich bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ gelernt.
Lilly (staunt): Echt? Das guckt Papa auch immer, aber ich darf nie mitgucken.
Sarah: Vielleicht hat er das ja auch da gelernt?
Lilly (runzelt grübelnd die Stirn): Kann schon sein. Seitdem Gabi seine neue Freundin ist, macht er das auch ständig. Sogar wenn die Sendung noch läuft.
Sarah (kichert): Mit vollem Körpereinsatz. Das hab ich gesehen, als sie vorhin miteinander getanzt haben. Voll süß!
Lilly (verzieht ihr Gesicht, als sie einen vorsichtigen Blick auf Hansi wirft): Muss ich das etwa auch? Ich will den aber nicht anfassen. Also nicht so!

Das mulmige Gefühl bei Dr. Haase verstärkte sich mit jedem Wort, das sie belauschte. Unruhig wandte sie sich an Marc, der sich sein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen konnte...

Gretchen (flüstert): Marc, ich glaube, wir sollten uns jetzt bemerkbar machen.
Marc: Wieso? Ist doch witzig.
Gretchen (beunruhigt): Ich weiß nicht. Wenn das deine Töchter wären, fändest du das sicherlich auch nicht witzig.
Marc: Wieso?
Gretchen: Ich glaube, ich weiß, was die beiden vorhaben.

Lorelei Offline

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31.01.2013 14:26
#1381 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Gretchen blickte Marc mit eindringlicher Miene an. Doch der begriffsstutzige Oberarzt stand immer noch auf dem Schlauch und sah seine sichtlich beunruhigte Assistenzärztin mit großen fragenden Augen an, ohne wirklich zu verstehen, was sie ihm mitzuteilen versuchte, während die Kinder eine Etage tiefer weiter unbedarft ihren seltsamen Forschungsversuch vorbereiteten.

Sarah: Musst du doch gar nicht, Lillymausi. Das will ich doch auch nicht, weil das echt ekelig wäre. Und Jungs sind soooooo ekelig. Die würde ich niiiie anfassen. Ich hab dir doch von dem blöden Finn-Kevin erzählt. Der versucht es ständig und ist dabei immer so fies und gemein, aber ich boxe den ollen Dickie einfach weg, bis er rückwärts im Sandkasten landet. Hihi! Das ist lustig. Der fängt immer gleich an zu weinen und rennt zu Frau Schnippel. So ne olle Memme!
Lilly: Du kannst ja richtig fies sein?
Sarah (grinst): Das muss man als Frau auch sein, sagt meine Mami immer.
Lilly: Hat sie deshalb keinen Mann?
Sarah (zuckt mit den Schultern, lacht fröhlich vor sich hin u. konzentriert sich schließlich wieder auf ihr Projekt): Weiß ich nicht. Ich glaube, sie ist schüchtern. Aber sie hat den Brautstrauß gefangen, also heiratet sie bald und alles wird gut. Jippi! Und ich darf wieder Blumenmädchen sein. Ich frag Mami mal, ob du dann auch wieder mit dabei sein darfst. Aber jetzt zurück zu unserem Expediment. Hierbei geht es ja gar nicht ums Anfassen, sondern um die richtige Art und Weise und was dabei genau passiert. Also wie das mit dem Luftholen, dem Schmecken und so ist, weil das geht ja dann gar nicht mehr, wenn man... na, du weißt schon. Und dann das Puckern hier drin. ... (deutet mit ihren lilafarbenen Handschuhhänden auf ihren Bauch) ... Ob das wirklich wie tausend kitzelnde Ameisen ist, wie alle sagen? Es muss ja was dran sein, wenn die Großen so verrückt danach sind? Aber das muss doch total komisch sein, oder? Ameisen pieken doch so doll.
Lilly (nun endgültig überzeugt stimmt sie ihrer Freundin kopfnickend bei): Okay, ich will es auch endlich wissen. Ich küss ihn einfach. Aber ich mache die Augen dabei zu. Du guckst! Und wenn der was Komisches macht, dann schupst du ihn weg.
Sarah (strahlt sie sichtlich begeistert an u. klatscht vor Freude in die Hände): Okidoki!

Marc (schreit entsetzt auf, als der Groschen endlich fällt): WAS?

Die vier Kinder zuckten erschrocken zusammen, als sie plötzlich die angsteinflößende Männerstimme von oben hörten und kurz darauf einen lauten Tumult, als Marc Meier nämlich ungehalten die wackelige Leiter herunterstürzte und diese dabei fast mit sich gerissen hätte. Lilly, Sarah und die beiden Jungs konnten sich nicht mehr rechtzeitig im Heuschober verstecken, denn der tobende Mann stand schneller vor ihnen, als ihnen lieb war, und sah die vier, die ängstlich ihre Köpfe eingezogen hatten, bedrohlich mit hoch erhobenen Zeigefinger an. Der hochrot angelaufene Chirurg packte die beiden Rotzlöffel an den Ohren und zog die aufjaulenden Gummersbach-Burschen zum Scheunentor rüber, vor dem er sie eine Sekunde losließ, um das Tor mit einem kraftvollen Ruck aufzuschieben. Dann entriss er dem kleinen Klausi und seinem großen Bruder Hansi die Taschenlampen und schupste die Jungs unsanft hinaus in den Schnee und die Dunkelheit...

Marc: Passt bloß auf, dass ihr Land gewinnt, Freundchen, oder es passiert was, aber so richtig.
Gretchen (beschwichtigend vom Scheunenboden herunter rufend): Maaarc!
Lilly/ Sarah (quengelnd wollen sie ihn aufhalten): Onkel Marc!?
Marc: Nix da Onkel! Es hat sich ausgeonkelt, ihr frechen Früchtchen!

...funkelte Dr. Meier die beiden eingeschüchterten Mädchen an, nachdem er das Scheunentor wieder zugeschoben hatte, und zeigte jeweils mit einem Taschenlampenstrahl auf die schuldbewusste Lilly und mit dem anderen auf Sarah, die ebenfalls ertappt den Blick senkte und sich hinter dem Rücken der Neunjährigen verstecken wollte. Dass Gretchen ebenfalls die Leiter heruntergeklettert war und nun hinter ihm stand, merkte Marc erst, als sie ihm beruhigend die Hand auf die Schulter gelegt hatte und ihn mit sanfter Stimme ansprach...

Gretchen: Marc!
Marc (schreit die Kinder in ungehaltener Oberarztmanier an): Könnt ihr mir zum Teufel noch mal erklären, was ihr hier macht?
Sarah (vorlaut tritt sie einen Schritt nach vorn u. stellt sich dem lustig aussehenden großen Mann mit dem roten Gesicht): Und was macht ihr hier?
Marc (lässt eine der Taschenlampen zu Boden fallen u. packt nun mit deutlich sanfterem Griff auch Sarahs Ohrläppchen u. zieht sie zu sich heran): So nicht, mein Fräulein!
Sarah (versucht vergeblich sich loszureißen u. ihn wegzustrampeln): Aua! Marc, das tut weh. Du bist so gemein.
Gretchen (schlichtend geht sie dazwischen u. hebt die heruntergefallene Taschenlampe auf, mit der sie nun ihren aufgebrachten Mann anstrahlt): Marc, bitte! Es ist doch nichts weiter passiert.
Lilly (steht hilflos daneben u. schnieft in ihr Taschentuch, das sie mühsam aus ihrer Jackentasche geangelt hat): Wir wollten doch bloß...
Marc (lässt die zappelige Sarah los, die sich ihr schmerzendes Ohr reibt, u. wendet sich ebenso erbost Lilly zu, die sich nicht traut, ihn anzusehen): Was wolltet ihr?
Sarah (fängt nun ebenfalls an zu schluchzen u. kommt Lillys Erklärung zuvor): Das war doch nur ein Expediment.
Marc (seine Stimme überschlägt sich fast, als seine fassungslosen Blicke zwischen den Kindern hin und her wandern): Ein Experiment? Und wie sollte das heißen? Küss den hässlichen Frosch oder was?
Sarah (hört sofort auf zu weinen u. fängt an zu kichern): Hihi! Der ist gut! Der Klausi hat aber auch wirklich ein Fischgesicht. Und sein Bruder auch.
Marc (ihm ist überhaupt nicht zum Spaßen zumute, als er sich Lilly zuwendet, die er eigentlich für die Vernünftigere der beiden gehalten hat): Wollt ihr mich vergackeiern? Seid ihr nicht noch ein bisschen zu jung für Doktorspielchen?
Gretchen (versucht ihn vergeblich zu bremsen): Marc!
Sarah (trotzig): Das ist doch nur ein Kuss. Wir wollten auch mal wissen, wie das so ist.
Das glaub ich jetzt nicht!
Lilly (springt nun auch für ihre Freundin in die Presche): Genau! In meiner Klasse haben auch schon alle geküsst. Da ist doch nichts dabei.

Boah! Hat dein liebeskranker Vater dir noch nie etwas über die Nachteile von Gruppenzwang erzählt,

...murmelte Mehdis bester Freund leise in seinen Dreitagebart hinein, dem man in diesen Minuten regelrecht beim Wachsen zusehen konnte. Er konnte sich kaum beruhigen, zählte langsam bis drei und näherte sich den beiden Mädchen, die ängstlich zurückwichen, bis sie mit den Rücken unausweichlich an einen Heuballen stießen. Marc funkelte sie an, ging aber dann, auch zu Gretchens Überraschung, vor den beiden in die Knie, um mit ihnen auf Augenhöhe zu kommen. Natürlich konnten Lilly und Sarah anfangs seinen durchdringenden Blicken kaum standhalten, aber er hatte ihren natürlichen Schutzwall schnell durchbrochen, als seine anfangs laute bedrohliche Stimme plötzlich ganz sanft und weich wurde. Marcs Erzählstimme fesselte die Kinder sofort.

Marc: Nur ein Kuss, ja? Ich sage euch jetzt mal was über das Küssen.
Sarah (sieht ebenso wie Lilly ihren großen Helden gespannt wie ein Flitzbogen an): Ja?
Marc (muss dann doch kurz schmunzeln, als er die gespannten Mädchengesichter sieht): Ein Kuss ist etwas ganz Besonderes. Etwas Einzigartiges. Den gibt man nicht einfach so her für ein bescheuertes Experiment oder was auch immer ihr gerade hier mit den beiden dahergelaufenen Bauernlümmeln geplant hattet, denen ich nebenbei bemerkt die Hauptschuld zuschieben werde. Selbst der dümmste Bauer weiß nämlich, was er anstellen muss, um der weiblichen Spezies auf irgendeine Weise näher zu kommen. Aber ein Kuss ist etwas Ernsthaftes. Etwas Echtes. Er drückt tiefe Gefühle aus, lässt Schmetterlinge aufsteigen und Herzen höher schlagen. Manch einen lässt er total durchdrehen und verrückte Dinge tun. Guck dir doch nur mal deinen Daddy an, Lilly! Und eins sag ich euch, ihr könnt noch so viele Jungen küssen, was ihr nebenbei bemerkt AUF GAR KEINEM FALL tun solltet, bis ihr nicht mindestens dreißig Jahre alt seid, wenn der Richtige nicht dabei ist, passiert da rein gar nichts. Die meisten bleiben ekelige Frösche zum An-die-Wand-klatschen. Also lasst es lieber gleich ganz bleiben! So ein Experiment wie dieses ist also völlig für die Katz. Und falls ich euch jemals wieder bei solch einem Mist erwischen sollte, dann denkt sich der liebe Onkel Marc etwas ganz, ganz Fieses für euch aus, wie zum Beispiel... lasst mal überlegen... hmm... echte Frösche zu küssen, die ich extra für euch aus dem stinkenden Tümpel hinter dem Krankenhaus angeln werde.
Sarah/ Lilly (gleichzeitig aufschreiend): Iiiiihhhh!!!
Marc (sichtlich zufrieden mit ihrer Reaktion streicht er sich über seinen Brustkorb, schaut von einer zur anderen u. dann zu Gretchen): Gut? Und jetzt kommt mit! Eure nachlässigen Erziehungsberechtigten fragen sich sicherlich schon, wo ihr abgeblieben seid. Na die werden sich freuen, wenn ich denen hiervon erzähle. Hähä.
Das wird ein Spaß! Und mit Hassi fang ich an.
Lilly (fällt ihm bettelnd um den Hals): Nicht erzählen, Marc!
Sarah (klammert sich an sein Hosenbein, nachdem Marc sich mit Lilly auf dem Arm erhoben hat): Nein, bitte, bitte, Marcilein!

Marc blieb ruhig, auch wenn die kleine Hassi für diesen unsäglichen Spitznamen, mit dem nur Haasenzahn ihn ärgern durfte, eigentlich noch eine Lektion verdient gehabt hätte. Er setzte Lilly vorsichtig wieder ab, die ihn nun mit dem unwiderstehlichen Kaanschen Bambiblick von unten herauf flehend anschaute. Er ignorierte ihn, so wie er es immer tat, ob bei dem Großen oder der kleineren Version, denn diese fiese Familientaktik wirkte schließlich nie bei ihm. Ebenso ignorierte er den zappeligen Hassmann-Sprössling, den er unsanft von seinem Hosenbein abschüttelte. Er fixierte die beiden Mäuse stattdessen mit seinen eindringlichen unmissverständlichen Blicken, bis sie schließlich freiwillig mit hängenden Köpfen von ihm abließen. Dann nahm er zufrieden lächelnd jeweils eins der Mädchen an seine linke, das andere an seine rechte Hand und ging mit ihnen zur Tür, von wo aus er sich noch einmal nach seiner Liebsten umschaute...

Marc: Haasenzahn, kommst du?

Die Angesprochene stand noch völlig apathisch in der Mitte der Scheune und rührte sich nicht vom Fleck. Marcs liebevolle Worte, die er in seiner unnachahmlich süßen Art an die beiden Frechdachse gerichtet hatte, schwirrten noch immer in ihrem Kopf herum und sie lächelte verklärt in Richtung der Leiter zum Heuschober, während sie unentwegt den Ring an ihrem Finger hin und herdrehte. Erst als Marcs Stimme lauter und energischer wurde, reagierte die verträumt vor sich hin lächelnde Frau und stolperte zu den Dreien am offen stehenden Tor der Scheune, die sie nun allesamt zusammen verließen.

Lorelei Offline

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03.02.2013 20:28
#1382 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Fünf Minuten später im Hochzeitssaal des Landgasthofs Gummersbach

Mehdi: Ihr habt bitte WAS gemacht? ... LILLY!

Mehdis ungläubige Stimme überschlug sich fast und übertönte mit ihren ungewohnt hohen Oktaven sogar die Musik der spielbegeisterten Hochzeitsband, was ihm unbewusst die uneingeschränkte Aufmerksamkeit sämtlicher anwesender Gäste an der festlich eingedeckten Tafel einbrachte, die verwundert ihre Köpfe hoben und zum Platz des erregten Gynäkologen herüber schauten, als dieser sein kleines Mädchen völlig entgeistert anstarrte, das die Hand von Marc Meier ängstlich umklammert hielt und trotz vergeblicher Versuche des Handinhabers nicht wieder loslassen wollte. Erste dicke Kullertränchen suchten bereits den Weg nach draußen, als Lilly Kaan den Blicken ihres fassungslosen Vaters nicht mehr länger standhalten konnte, ihre tränenfeuchten Augen reumütig senkte und nun tiefe Löcher in den hellen Parkettfußboden des Festsaals bohrte. Sehr zum Vergnügen von Mehdis allerbestem Freund, der es sich trotz eindringlicher Warnungen zweier hartnäckiger und kitzliger Mäuse und einer noch hartnäckigeren und noch kitzligeren Häsin nicht nehmen lassen wollte, ihm die Szenerie in der alten Scheune ausschweifend darzulegen, ohne dabei jedoch auf gewisse Punkte, die ihn und Haasenzahn betrafen, näher einzugehen, die ihm wiederum dafür am liebsten den Hals umgedreht hätte, weil er ohne Umschweife breit grinsend mit den Vorkommnissen herausgeplatzt war, waren dem armen unwissenden Halbperser sämtliche Gesichtszüge entglitten. So oder so ähnlich musste es sich wohl anfühlen, wenn man kurz vor einem Herzinfarkt stand, einem der ersten von vielen, die ihm im Laufe von Lillys weiterem Erwachsenwerden blühen würden, dachte der sprachlose Frauenarzt sichtlich irritiert und hilflos. Er schluckte den Ärger, der sich als dicker Kloß in seinem Hals gebildet hatte, mit Hilfe des letzten tröstlichen Tropfens Rotwein aus seinem Glas herunter, den er mit seiner werten Kollegin Hassmann bis eben geteilt hatte, und sah seine süße unschuldige Prinzessin kopfschüttelnd an, die ihren Kopf immer noch verschämt gesenkt hielt. Nie, aber wirklich niemals hätte er seiner Lillymaus so etwas zugetraut. Ein bisschen kindliche Neugier mag ja sein, aber sie war doch erst NEUN Jahre alt! Viel zu jung also, um irgendwelche dahergelaufenen Jungen zu küssen! Wenn er jetzt schon so schockiert war, wie würde er dann erst durch ihre Pubertät kommen? Ganz so weit dachte eine andere Beteiligte noch nicht. Denn sie war einfach nur sauer, wobei sauer noch eine Untertreibung war. Die Untertreibung des Jahrhunderts!

Maria: SARAH! Hast du denn nur noch Blödsinn im Kopf? MITKOMMEN! Aber SOFORT!

Auch Maria Hassmann war ungehalten, nachdem sie ausgerechnet von ihrem verhassten Konkurrenten um den Chefarztposten im EKH von der - wie Dr. Meier so blumig wie möglich formuliert hatte - wissenschaftlichen Testreihe ihrer sechsjährigen Tochter erfahren hatte. Die alleinerziehende Mutter war viel zu sehr mit sich, ihrer gefühlsbedingt geänderten Abendplanung und deren Wirkung auf ihren angeschlagenen Gemütszustand sowie ihrer Unterhaltung mit ihrem selbsternannten Familientherapeuten Dr. Kaan beschäftigt gewesen und hatte gar nicht gemerkt, dass Sarah und die anderen heimlich vom Spielplatz hinter dem Hotel ausgebüxt waren, den sie doch eigentlich im Blickfeld gehabt hatten. „Kuss-Affäre“! Tzz... Na die konnte was erleben! Die aufgebrachte Oberärztin packte die Anstifterin - denn dafür hielt sie ihr neunmalkluges Töchterlein, schließlich trug diese bescheuerte Aktion eindeutig deren Handschrift, auch wenn das Vorschulkind bislang nicht viel mehr als ihren eigenen Namen schreiben konnte - unsanft an der Hand und zog sie unter den neugierigen Blicken der anderen Gäste, die den kleinen familiären Tumult am Tischende interessiert verfolgt hatten und nun tuschelnd kommentierten, forsch mit sich in die andere Ecke des Saals, wo sie vor weiteren neugierigen Blicken sicher war und wo sie Sarah unsanft auf eine kleine Holzpritsche vor dem Kachelofen platzierte und ihr mit Giftpfeilblicken bewaffnet ruppig aus den schneenassen Wintersachen half, die sie schwungvoll neben ihre Tochter auf die Bank pfefferte, die ängstlich den Kopf eingezogen und die Augen geschlossen hatte in weiser Voraussicht, dass gleich ein Donnerwetter der Extraklasse losbrechen würde.


Gretchen blickte den beiden Hassmanns noch mitfühlend hinterher, wie sie im Eilschritt über die Tanzfläche und an der Bar und dem Abendbüffet vorbei gestöckelt waren, das gerade in den letzten Zügen aufgebaut und dekorativ angerichtet wurde, aber ihr Blick blieb dann doch recht schnell an dem schönen rosafarbenen Lilienbouquet hängen, das auf ihrem Stuhl lag, auf den sie sich gerade setzen und nach dem eiligen Marsch durch den frisch geschneiten Schnee gerade eben endlich durchatmen und die Beine ausstrecken wollte. Sabine Gummersbach, die direkt daneben saß, zog Dr. Haase jedoch hibbelig zu sich heran und erklärte ihrer verdutzten Chefin und besten Freundin gleich aufgeregt alles, was in den letzten Minuten ihrer Abwesenheit hier auf der Hochzeitsfeier so alles passiert war, dass es ihr so unendlich leid täte und sie den Brautstrauß doch eigentlich wie vorherbestimmt ihr zuzuwerfen gedacht hätte, aber aufgrund einer Verwechselung in der Hektik des Augenblicks stattdessen den Kopf von Frau Dr. Hassmann getroffen hatte, die die schönen Blumen nach einem kleinen Zwist mit Dr. Kaan großzügig Gretchen überlassen hatte, weil sie genauso wie sie auch der Meinung war, dass die Frau Doktor definitiv die Nächste in der Reihe sein würde.

Die Angesprochene konnte dem Wasserfall an Worten, den Schwester Sabine ihr aufgekratzt mit monotoner Stimme ins Ohr flüsterte, anfangs kaum folgen, aber als sie endlich verstand, worauf die schrullige Krankenschwester damit eigentlich hinauswollte, schüttelte sie nur ungläubig den Kopf und drückte die schönen Blumen an ihre Brust, bis sie verklärt zu lächeln begann. Alles passte gerade so gut zusammen, dachte die verzauberte Assistenzärztin mit wild pochendem Herzen, auch wenn ihr Traumprinz und sie die Reihenfolge der Ereignisse völlig verkehrt herum getätigt hatten: erst die standesamtliche Fasttrauung, dann der bedeutungsvolle Ring und letztlich die Eroberung des Brautstraußes, dem man ja in dieser Hinsicht auch große Bedeutung zusprach. Verrückt, aber schön! Eben genau Gretchen und Marc! Oder Marc und Gretchen! Jetzt wurden ihre Gedanken aber echt albern. Gretchen konnte gar nicht mehr aufhören zu kichern und schnupperte schließlich zur eigenen Beruhigung an den wohlig duftenden Lilienblüten in ihren Händen, ihren Lieblingsblumen. Dabei fiel Sabine ein winzigkleines Detail an Gretchens Hand ins Auge, das unverzüglich ihr uneingeschränktes Interesse weckte.


Mehdis Gesichtszüge waren angesichts der unzähligen Krokodilstränen seiner merklich eingeschüchterten Tochter schnell wieder weicher und versöhnlicher geworden. Er nickte Marc dankbar zu, der sich offenbar in seiner ganz eigenen Art genau richtig um das „Problem“ gekümmert hatte. Dieser verdrehte nur theatralisch die Augen, als er den rührigen Blick seines Freundes bemerkte. Er befreite sich schnell von Lillys schweißnassem Patschehändchen und schob seine eigenen Hände lässig in seine Hosentaschen. Er ließ die zwei alleine die Dinge klären, die noch zu klären waren, und machte sich erst einmal schlurfend zum Hochzeitsbüffet auf, um nach der ganzen Aufregung im Heu einen kräftigen Happen zu spachteln. Der Chirurg hatte auf einmal einen Bärenhunger. Auch kein Wunder. Das letzte Mal, dass er etwas gegessen hatte, war gestern Mittag in der Kantine des Krankenhauses gewesen, als der Professor eine peinliche Rede auf das Brautpaar gehalten hatte. Hoffentlich hielt der sich heute damit zurück. Nicht dass es ihm wieder den Appetit verdarb.

Während sich Marc einen Teller nahm und diesen mit diversen Leckereien füllte, zog Mehdi die süße Heulboje, die mit hängenden Schultern vor ihm stand, auf seinen Schoss, was der Kleinen wie eine Erlösung vorkam. Schnell schlossen sich Lillys dünne Ärmchen um den Hals ihres geliebten Papas und sie schmiegte sich glücklich schluchzend an seine stoppelige Wange. Tröstend strich Mehdi ihr über ihr langes Haar und flüsterte ihr beruhigend mit Samtstimme ins Ohr...

Mehdi: Hey! Alles ist gut. Der Papa ist nicht böse.
Lilly (schluchzt herzzerreißend): Wirklich?
Mehdi (nickt): Was machst du denn nur für Sachen, mein Schatz? Ich dachte eigentlich, dieses Gefühlschaos bleibt mir noch ein paar Jährchen erspart. Vielleicht so bis du Mitte zwanzig bist.
Lilly (schnieft gegen seinen Hals): Versprochen!
Tja, aber trotzdem wird mir wohl deine Pubertät nicht erspart bleiben. Oh! Bloß nicht daran denken! Sonst tritt mein stressbedingter Reflux wieder auf.
Mehdi (schmunzelt u. tupft Lilly mit einem Papiertaschentuch, das er aus seiner Hosentasche gezaubert hat, die Tränchen weg): Naja, vielleicht auch nicht ganz so lange, wenn du mir versprichst, dich nicht wieder heimlich davon zu stehlen, um fremde Jungs in dunklen Ecken zu küssen, und mir und der Mama immer erzählst, was dich bewegt und beschäftigt. Du weißt doch, dass wir dir vertrauen und dich ganz doll lieb haben. Du kannst immer zu uns kommen.
Lilly (nickt artig mit dem Kopf u. schluckt die letzten Tränen herunter): Erzählst du mir, wie das so ist, also das mit dem Küssen? Warum macht ihr Großen das so gerne? Das sieht immer so ulkig aus.
Mehdi (schließt seufzend die Augen u. atmet langsam ein und aus): Oh Lillymaus!

Oh Gott, das ist jetzt genau so ein Moment wie die Blümchen-und-Bienchen-Rede, die mir damals unendlich viele graue Haare gekostet hat. Damals, als ich frisch mit Gretchen zusammen war und du immer wieder unangemeldet mein Schlafzimmer gestürmt und tausend neugierige Fragen gestellt und nicht eher Ruhe gegeben hast, bis du nicht die passende Antwort erfahren hast. Hach... Warum können Kinder nicht immer klein und unschuldig bleiben und sich nicht für Jungs, sondern für Barbiepuppen interessieren? Du hast doch ein ganzes Zimmer nur mit Barbies, Lillymaus.

Lilly (sieht ihren Papa mit großen Bambiaugen an): Bitte Papa! Ich frag auch nie wieder.
Das glaube ich kaum. Aber danke, dass du mit die Illusion lässt, Lillybärchen.
Mehdi (streicht seiner nicht mehr ganz so kleinen Tochter wehmütig über die tränenfeuchte Wange u. rückt sie auf seinem Schoss so zurecht, dass sich beide in die Augen sehen können): Ein Kuss, das ist... wie soll ich es umschreiben... Ausdruck puren Glücks. Stell dir einfach das Schönste und Aufregendste vor, was du dir vorstellen kannst und du kommst trotzdem nur annähernd daran heran. Du schwebst wie auf Wolken. Alles ist schön. Du fühlst dich stark und schwach zugleich. Dein Kopf schaltet aus. Du bist komplett sorgenfrei und fühlst dich unheimlich gut. So gut wie noch nie zuvor in deinem Leben. Dein Herz klopft wie verrückt und dein Bauch kribbelt ganz doll, als würden hunderte Ameisen über deine Haut laufen und dich kitzeln.
Lilly (verzieht das Gesicht, nachdem sie aufmerksam zugehört hat): Iiihh! Ich mag aber keine Ameisen.
Mehdi (lacht): Dann besteht für mich ja noch Hoffnung.

Mehdi drückte seine kleine Prinzessin kitzelnd an sich. Lilly kuschelte sich kichernd an seine warme Brust und ließ sich noch ein bisschen von ihrem Papa zum Takt der Musik, die gerade gespielt wurde, hin und herwiegen. Gretchen, die gleich daneben saß und die Vater-Kind-Szene gerührt beobachtet hatte, fühlte sich derweil beobachtet. Und zwar von der anderen Seite. Ganz langsam fuhr ihr Kopf herum. Warum starrte die Braut sie eigentlich so seltsam an? Sie folgte argwöhnisch Sabines durchdringenden Blicken und erkannte sofort den Grund für den plötzlichen Stimmungsumschwung der frisch verheirateten Krankenschwester. Gretchen fühlte sich ertappt und wurde dementsprechend auch sofort rot im Gesicht. Hitzeflecken bildeten sich auf ihrer Haut, die sie wegzuatmen versuchte. Sie legte die Blumen, die sie immer noch umklammert gehalten hatte, auf das Fensterbrett hinter sich und wandte sich nun vorsichtig an die Spürnase, die im EKH auch unter dem Spitznamen Stasi-Sabsi bekannt und nicht ohne Grund gefürchtet war.

Gretchen: Sa...bine? Ist irgendwas?

...flüsterte Gretchen betont unbeteiligt in Sabines Richtung und schaute sich dabei unauffällig im Umkreis um, um zu überprüfen, ob denn auch niemand sonst, vor allem nicht ihre eigene Mutter, die zusammen mit ihrem Mann am anderen Ende der langen Tafel saß und sich zum Glück gerade in einem angeregten Gespräch mit Olivier Meier und Günnis Eltern befand, den gleichen verräterischen Verdacht hegte wie die frisch gebackene Ehefrau Gummersbach, der sie regelrecht beim angestrengten Denkprozess zusehen konnte, bis es bei ihr plötzlich klick machte. Schwester Sabine sprang von einem Moment auf den anderen von ihrem Stuhl auf, der mit Karacho hinter sie gegen die Heizung prallte und gleich wieder an den Tisch zurückschwenkte und dadurch die aufgereihten Gläser zum Klirren brachte, und fiel ihrer perplexen Trauzeugin spontan um den Hals. Nicht gerade unauffällig, dachte Gretchen augenrollend und wurde augenblicklich noch röter im Gesicht, als sie es eh schon war.

Lorelei Offline

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06.02.2013 17:45
#1383 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=g3I21ZQxmYo


Gretchen: Äh... Sabine?

...versuchte sich Dr. Haase vergeblich Gehör zu verschaffen und sich aus den Klauen der Frau in Weiß zu befreien. Jedoch ohne Erfolg. Als wäre Sabines Brautkleid aus Klettverschlüssen gemacht worden, klebte sie an ihr fest, ohne Möglichkeit, sich von ihr in irgendeiner Weise zu lösen. Und es kam noch schlimmer. Als ob Sabines überschwänglicher Überfall auf ihre Trauzeugin nicht schon für genug Aufmerksamkeit an der Hochzeitstafel gesorgt hätte. Nein, Sabine Gummersbach ehm. Vögler besaß das unglaubliche Talent, immer noch einen draufsetzen zu können. Eine Eigenschaft, die man der sonst eher ruhigen und trantüddeligen Schwester gar nicht zugetraut hätte. Ob dieser Energieschub schon die erste Auswirkung der überschäumenden Schwangerschaftshormone war? Dann würde in den nächsten Monaten wohl noch so einiges auf alle zukommen.

Mit sprachlosem Entsetzen ließ sich die überrumpelte Ärztin nach einer Luft abschnürenden Klammeraffenumarmung von der übermütigen Krankenschwester, die gerade mehr einem wild gewordenen Känguru als einer schwangeren Braut glich, auf die halbleere Tanzfläche ziehen, wo sie sogleich in ein seltsames Hüpfritual verfiel, das einem schamanischen Fruchtbarkeitstanz, den Gretchen mal in einer der „Galileo“-Sendungen gesehen hatte, die ihr Vater immer so gerne allabendlich kuckte, durchaus eindrucksvoll Konkurrenz machte und das nun auch die Aufmerksamkeit von Dr. Meier am Büffet auf sich zog, der gerade genüsslich von einer Hähnchenkeule abgebissen hatte, die ihm im nächsten Moment quer im Hals stecken blieb, als er sich unbedacht umdrehte.

Nachdem er diese nach einem quälenden Kampf und einem nicht ganz so hilfreichen Klopfer von Gordon auf den Rücken unter Tränen wieder herausgehustet hatte, schob er angeekelt seinen Teller beiseite und schaute entsetzt zu Gretchen herüber, die in ihrer Hilflosigkeit schließlich mit in das ansteckende Hüpfen von Schwester Sabine mit eingestimmt hatte, die ihre Hände fest umschlossen hielt und nicht wieder loslassen wollte. Augenrollend wandte sich Marc wieder ab, nachdem er einen Moment zu lange aufmerksam das auf und ab wippende Dekolletee seiner hüpfenden Freundin beobachtet und leichte Hitzewallungen bekommen hatte. Er kratzte sich am Kopf, sah irritiert zur Seite und registrierte, dass der blonde Sanitäter, der ihm kurz zuvor noch zu Hilfe geeilt war, ebenfalls unter schwerer Schnappatmung zu leiden hatte, und boxte ihm unvermittelt mit einem gekonnten Sidekick in die Seite. Dann fixierte der eifersüchtige Chirurg den erschrockenen Rettungsassistenten, der ungeniert Haasenzahn angeglubscht hatte, mit seinem tödlichen Ameisenblick, um unmissverständlich zu signalisieren, dass er sofort seine dreckigen Pupillen von seiner Frau nehmen solle, wenn ihm sein Leben und sein Job lieb waren. Gordon suchte sofort ängstlich das Weite.

Wieder etwas beruhigt, machte der aufgewühlte Oberarzt einen vorsichtigen Kontrollblick in Richtung Tanzfläche, um zu überprüfen, ob bei seiner „Angetrauten“ noch alles da saß, wo es hingehörte, und nachdem er sich von dem einigermaßen sittsamen Auftreten seiner Assistenzärztin überzeugt hatte, starrte er wieder verwirrt auf das reichliche Abendessen, das duftend vor ihm stand und vor dem sich nun auch andere hungrige Gäste mit ihren Tellern drängten, die mittlerweile das Interesse an den beiden verrückten Tänzerinnen wieder verloren und sich ihrem Hungergefühl ergeben hatten. Die beiden befreundeten Frauen hüpften derweil weiter unbeirrt Hand in Hand überdreht im Kreis, bis Sabine, die endlich ihre Stimme wieder gefunden hatte, abrupt in ihrer Bewegung stoppte und ihr perplexes Opfer wieder an ihr heftig puckerndes Herz drückte...

Sabine (aufgeregt): Ich hab es gewusst! Ich hab es gewusst! Die Karten lügen nie! Auch wenn meine etwas... naja... äh... Ach egal! Man kann ja vieles hineininterpretieren. Jedenfalls... Ich hab es gewusst! Ich hab es gewusst!
Gretchen (ihr wird es allmählich mulmig zumute u. ihr ist schwindelig von den vielen Umdrehungen u. Sabines Luftabschnürmethode): Was hast du gewusst?
Sabine (schiebt ihre liebste und beste Freundin und tollste Chefin und Kollegin etwas von sich weg u. sieht sie mit Tränen in den Augen an u. drückt dabei sichtlich gerührt ihre Hand mit dem Ring): Dass er dich fragen wird. Hach... der Dr. Meier ist noch ein wahrer Gentleman. Ich hab es immer gewusst. Das hab ich an seinen Händen gesehen. Er hat doch so zarte Hände.

Upps! Peiiiinliiich!!! Was mache ich denn jetzt? Dass wegen dem Ring Fragen aufkommen, daran habe ich in meiner Glückseuphorie gar nicht gedacht.

Gretchen (weiß nicht, wie sie es ihrer überdrehten Freundin erklären soll, wird rot u. gerät ins Stottern): Äh... Sabine, ich glaube, du... du verstehst da etwas falsch.
Sabine (das breite Glückslächeln erstarrt augenblicklich zu einer Fratze mit zuckendem Augenlid u. sie sieht ihre Trauzeugin und deren schmuckverzierte Hand, die sie gerade fest drückt, ungläubig an): Aber...
Sie wird jetzt aber nicht weinen? Wenn Bine weint, muss ich auch weinen.
Gretchen (jetzt drückt sie Sabines Hände, zieht ihre verwirrte Freundin etwas zur Seite u. flüstert leise, damit niemand auf der Tanzfläche mithören kann): Der Ring, der... ähm... ist nicht echt, falls du das denkst. Er ist ein Symbol, ja. Er steht für vieles, was Marc und mich verbindet. Auch für das, was die Zukunft vielleicht für uns bereithält. Aber das heißt nicht, dass wir gleich als nächste das Aufgebot bestellen werden.
Sabine (merklich enttäuscht lässt sie ihren blonden Schopf hängen u. wischt sich eine verstohlene Träne aus dem Augenwinkel): Nicht? Aber es wäre doch wunderbar, wenn ihr auch...
Ja, schon! Äh... Gretchen? Nicht schon wieder träumen!
Gretchen (seufzt u. schaut Sabine schließlich aufmunternd an): Ach Bienchen, Süße! Auch wenn du, meine Mutter, Mehdi und überraschenderweise sogar Maria, was mich total wundert, so einiges dafür tut, um gewisse Dinge in die Wege zu leiten, nein. Wir sind glücklich, so wie es ist. Wir haben endlich den Punkt der perfekten Harmonie zwischen uns erreicht, was weiß Gott nicht leicht war. Du kennst uns und unsere Geschichte, es gibt keine gegensätzlicheren Charaktere. Und wir leben diese Harmonie auch in vollen Zügen aus. Das ist genau das, was wir im Augenblick wollen. Nicht mehr und nicht weniger. Und heute ist dein großer Tag, Bine. Du hast geheiratet. Was wäre ich für eine schlechte Trauzeugin, wenn ich dir heute die Show stehlen würde. Das könnte ich mir niemals verzeihen.
Sabine (nachdem sie gebannt zugehört u. auch verstanden hat, flüstert sie sichtlich bewegt): Danke!
Gretchen (nimmt sie lächelnd in den Arm, streicht ihr über den Rücken u. schaut sie dann wieder an): Hey! Du bist jetzt eine verheiratete Frau. Stell dir das mal vor! Noch vor ein paar Monaten haben wir beide nicht mehr daran geglaubt, dass wir schon so bald so glücklich sein würden.
Sabine: Ja.

...schluchzte Schwester Sabine leise gegen Gretchens Hals. Diese nahm sich ein Taschentuch und tupfte Sabines aufkommende Tränen vorsichtig weg, um nicht das aufwendige Make-up zu ruinieren, und sah die frisch gebackene Ehefrau anschließend mit breitem Strahlelächeln an, ehe sie sie erneut an sich drückte und einmal richtig durchknuddelte, um sie aufzumuntern.

Gretchen: Das ist doch kein Grund zum Weinen, Bienchen. Das ist ein Grund zum Feiern. Zumal ihr auch noch bald zu dritt sein werdet. Du bist mein großes Vorbild. Also lass uns feiern und so richtig die Puppen tanzen lassen! Wer weiß, wann wir wieder die Gelegenheit dazu haben werden.

Jetzt war es Gretchen, die ihre Freundin übermütig über die Tanzfläche zog und wie einen Derwisch herumwirbelte. Ihre Energie war auch für Sabine ansteckend, die schnell ihr Lächeln wieder fand und nun auch Gesellschaft von Kate, Kristin, Azadeh, Pippi, Greta und den anderen bekam, die jauchzend in ihren Reigen mit einstimmten und ordentlich Stimmung machten. Dr. Meier konnte nur fassungslos die Augen verdrehen, als er die beiden hüpfenden Blondschöpfe mit ihren sichtlich angeschäkerten Kolleginnen beobachtete, und konzentrierte sich lieber schnell wieder auf die deliziösen Köstlichkeiten am Büffet, vor dem er gerade stand. Eine willkommene Ablenkung für das Chaos in seinem Kopf. Aber er sollte nicht lange mit seinen Gedanken alleine bleiben.

Lorelei Offline

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09.02.2013 17:39
#1384 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

In einer anderen Ecke des Festsaals ging es derweil nicht minder laut, dafür aber ziemlich ruppig zu. Warum, warum nur machte ihre Tochter ihr nur immer wieder so viele Scherereien, fragte sich die verzweifelte Mutter und blickte ihrem frechen Dreikäsehoch direkt in die himmelblauen Augen, die sie reumütig anschauten, bevor sie wieder ängstlich zusammengekniffen wurden. Tat Sarah es nicht, tat es ihr Vater. Oder umgekehrt. Oder beide zusammen. Wie vor ein paar Tagen im EKH, wo die kleine Motte ausgerechnet in die Arme von Cedric geflattert war, nachdem sie aus dem Kindergarten abgehauen war. Das Schicksal war doch echt ein Arschloch. Das war doch wirklich zum Haare ausreißen mit den beiden und es war definitiv nicht gut für ihren schwachen Magen, der sich in dem Moment zum ersten Mal an diesem Tag bemerkbar machte, dafür aber umso stärker als je zuvor, als sie Sarah gerade aus ihrem rosa Schneeanzug herausholte und sie wieder in ihr weißes unschuldiges Blumenmädchenkleid steckte, das so gar nicht zu dem aufmüpfigen Charakter der ganz und gar nicht unschuldigen Sechsjährigen passte. Kopfschüttelnd sah Maria sie an und machte ihrem Ärger sogleich Luft...

Maria: Kind, was hast du dir nur dabei gedacht? Du kannst doch nicht wegen so einem Blödsinn davonlaufen. Im Dunkeln. An einem dir völlig fremden Ort. Bei Schneetreiben, wo sonst etwas hätte passieren können. Und dann ziehst du auch noch andere mit rein. Das geht so nicht! Wie stehe ich denn jetzt da? Als letzte Rabenmutter, die ihr Kind nicht unter Kontrolle hat. Verdammt noch mal, du bist sechs Jahre alt. Also benimm dich auch dementsprechend! Sonst muss ich wirklich zu härteren Mitteln wie Hausarrest greifen, obwohl wir ausgemacht hatten, dass es niemals so weit kommen würde, weil ich nun mal nicht zu einer dieser spießigen Kontrollmütter wie die deiner Freundinnen im Kindergarten mutieren wollte. Aber du lässt mir wirklich keine andere Wahl.
Sarah (schaut geknickt auf ihre weißen Ballerinas, die ihr Maria gerade anzieht): Ich wollte doch nur...
Maria: Ich weiß, du warst mal wieder neugierig und rennst gleich mit dem Kopf durch die Wand. Wie neulich im Kindergarten. Immer musst du deinen Willen durchsetzen, ohne Rücksicht auf Verluste. Aber so funktioniert das nicht, mein Fräulein. Wir sind schließlich beide aufeinander angewiesen. Und wie soll ich dir vertrauen, wenn du immer nur Dummheiten im Kopf hast? Du weißt doch, dass es der Mama nicht gut geht, wenn du so was machst.
Sarah (beginnt zu schluchzen u. dicke Krokodilstränen kullern über ihre Wange, die sie hastig wegstreicht): Ich wollte nicht, dass du jetzt traurig bist, Mami.
Maria: Ich bin nicht traurig, ich bin nur... sauer und enttäuscht.

...seufzte die alleinerziehende Mutter und zog das wimmernde Etwas auf ihren Schoss, nachdem sie sich ebenfalls auf die Holzbank am Ofen gesetzt hatte. Sarah kuschelte sich sofort an ihre Mama, die ihre Arme um ihren kleinen Körper schlang und sie hin und her wiegend an sich drückte.

Sarah: Es tut mir soooo leid, Mami. Bitte, sei nicht mehr böse mit mir! Ich werd auch immer ganz brav sein. Versprochen!
Maria: Und das hält dann wie lange? Zwei Tage, eine Woche?
Sarah (kleinlaut): Für immer!
Krieg ich das schriftlich? Ach nein, sie kann ja noch nicht schreiben. Mist! Alles hat seine Nachteile. Vielleicht sollte ich doch mal härter durchgreifen, damit das besser mit uns klappt.
Maria (muss dann doch kurz schmunzeln): Gut, dann... lass uns die Angelegenheit ganz schnell vergessen.

...murmelte Maria erschöpft. Sie setzte Sarah wieder neben sich ab, die gleich darauf die Beine von der Bank baumeln ließ und ihre Hände an dem warmen Ofen hinter sich wärmte, und legte ihre Hand an ihren rumorenden Magen, der ihr mit seinen Sperenzien ganz schön zu schaffen machte. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. Wo war eigentlich ihre Handtasche mit den Magentabletten abgeblieben, fragte sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht und durchwühlte hektisch den Kleiderberg neben sich, während sie misstrauisch von der Seite von Sarah beobachtet wurde, die ihrer Mami nun liebevoll über die schweißige Stirn strich und eine irritierende Feststellung machte.

Sarah: Du bist ja ganz kalt und nass.
Maria (schüttelt gequält lächelnd den Kopf u. steht von der Holzpritsche auf): Es ist nichts. Nur die Aufregung wegen euch. Du, ich gehe mal eben auf die Toilette. Du kannst dir ruhig schon etwas vom Büffet nehmen, wenn du magst. Aber nicht gleich alles auf einmal! Dann schaffst du wieder nur die Hälfte und es bleibt wieder an mir hängen.
Sarah (strahlt sie an): Okidoki!
Maria (blickt sie noch einmal misstrauisch an): Die Mama kommt gleich wieder. Ich wollte eh noch etwas mit dir bereden. Und keine Dummheiten, solange ich weg bin! Lillys Papa und seine Cousine haben ein Auge auf dich. Also Finger weg von den Dorfjungen hier im Saal! Die sind eh nicht deine Kragenweite.

Sarah nickte ihrer Mutter artig zu und lief dann eilig zum reichlich gedeckten Büffet, vor dem nun auch Lilly Kaan ehrfurchtsvoll mit einem Teller neben Marc stand, der mit ihr gerade seine Späße machte. Dem kleinen Fräulein Hassmann war jedoch überhaupt nicht zum Spaßen zumute. Sie verschränkte schmollend ihre Arme vor ihrem Körper, was ziemlich ulkig aussah und auch ironisch kommentiert wurde, und schaute Marc böse an, denn er hatte sein Versprechen nicht gehalten und sie verpetzt. Maria legte Sarahs Sachen zusammen, schaute noch einmal vergewissernd zu ihrer Tochter, der Dr. Meier gerade unter quengelnden Protesten grinsend die Haare durchwuschelte, und ging anschließend hinaus ins Foyer, wo sie sich nach der Damentoilette umschaute und gleichzeitig in ihrer Handtasche nach ihren Magentabletten sowie ihrem Handy kramte. Schnell war eine Nummer gewählt. Sie hielt ihr Smartphone ans Ohr und lief einige Schritte über den menschenleeren Flur...

Maria: Hey! Ich bin’s. ... (verdreht die Augen) ... Bist du schon zurück in der Klinik? ... Gut, ich rufe an, weil... weil... (ihre Augen formen sich zu Schlitzen u. funkeln wütend auf) ... Halt die Klappe und lass mich wenigstens einmal ausreden! ... (wird etwas ruhiger) ... Ich will sagen, ich glaube, das wird heute nichts mehr. ... Nein, hab ich nicht! Es ist nur... Komm, spiel dich nicht so auf! Ich hab dir nichts versprochen. ... Dann schlag doch bitte mal im Duden unter „vielleicht“ nach, du Idiot! ... (regt sich künstlich auf) ... Mann, es hat doch gar nichts mit dir zu tun. ... Mit deiner Tochter, vielleicht! Du glaubst ja nicht, was sie sich jetzt schon wieder geleistet hat. Manchmal wächst mir das alles... (wird immer leiser u. bricht schließlich ab, um nicht zu viel von sich preiszugeben) ... Das ist kein Spaß, Rick. Ich kann sie jetzt nicht alleine lassen. Ich habe heute Dinge von ihr erfahren, die mich... (fährt sich aufgewühlt durch die Haare, als sie zurückdenkt, wie sehr sich Sarah eine richtige Familie wünscht, die sie ihr nicht zu geben vermag) ... Es ist nicht einfach, verstehst du? ... Lieber nicht! ... Ja, schon, aber... (hadert mit sich) ... Mann, ich weiß doch auch nicht. ... Rick!? ... (gibt entnervt nach, obwohl es ihr Magendrücken beschert) ... Okay, okay, ist ja gut jetzt! Ich komme. ... (läuft rot an) ... Boah du bist so ein Schwein! Ich glaube, ich überlege es mir doch noch mal anders. ... (muss schmunzeln, weil ihr Gesprächspartner sich redlich bemüht, sie zu überreden) ... Okay! Ich hab jemanden, ja. Ich muss nur noch mit ihr reden. In etwa einer halben Stunde könnte ich aufbrechen. ... (schüttelt den Kopf) ... Du bist so ein Mistkerl! ... Ja, bis dann in der Klinik. Und viel Glück bei der OP! Du solltest beim Frontallappen beginnen.

Ehe Dr. Stier noch etwas darauf erwidern konnte, hatte Maria auch schon wieder aufgelegt und drückte ihr Telefon gegen ihren pochenden Brustkorb. Was machte sie hier eigentlich, fragte sie sich verwirrt und ließ kopfschüttelnd ihr Handy wieder in ihre Tasche fallen. Sie war komplett verrückt geworden, das war klar. Gleichzeitig konnte sie aber auch gar nicht anders. Ricks spontanes Auftauchen vorhin hatte sie komplett durcheinander gebracht. Weder Mehdis einfühlsamer Einmischversuch und Rotwein als Denk- und Gesprächshilfe, noch Sarahs Dummheiten hatten sie davon ablenken können. Er und seine Worte waren immer in ihrem Kopf. Und das Schlimmste war, sie wollte tatsächlich zu ihm. Sie hatte Sehnsucht nach diesem Mistkerl, der ihr ganzes Leben ruiniert hatte und es jetzt schon wieder gefährdete.

Die gefühlsverwirrte Ärztin griff nach der Packung mit den Magentabletten und zog den Blister heraus. Nur noch zwei Tabletten, stellte Maria erschüttert fest und wurde bleich. Das müsste reichen, zumindest für heute Abend, hoffte sie inständig und ließ die Schachtel wieder in ihrem Clutch verschwinden, den sie sich anschließend unter ihre Achsel klemmte. Sie strich sich mit dem Handrücken über die Stirn, die immer noch eiskalt und schweißig war, dann versuchte sie, ihren rumorenden Bauch und ihren rasenden Puls zu beruhigen, atmete langsam ein und aus und schob mit dem Rücken die Waschraumtür auf, hinter der sie im nächsten Moment auch verschwunden wäre, wenn sie nicht gegen jemanden gestoßen wäre, der die Örtlichkeit gerade verlassen wollte und den sie hier auf der Damentoilette nun so gar nicht vermutet hätte. Der Tablettenblister fiel ihr ungeschickt aus der Hand. Blitzschnell reagierte die ertappte Neurologin und ließ ihn unter ihrem rechten Fuß verschwinden. Dann stellte sie nervös die Person zur Rede, die ihr so unvermittelt in die Quere gekommen war...

Maria: Was machst du denn hier?

Lorelei Offline

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12.02.2013 15:27
#1385 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

In der Zwischenzeit im Saal

Mittlerweile war auch Gretchen Haase dem quälenden Hungergefühl ihres nach dringender Nahrungsaufnahme knurrenden Magens erlegen, was wohl auch dem anstrengenden kalorienverbrennenden Tanzmarathon zu schulden war, bei dem sie sich mit den Mädels gerade ziemlich verausgabt hatte, und war zu den beiden Kindern und deren Oberbabysitter Marc Meier ans Büffet herangeschlichen. Mit einem breiten Grinselächeln im Gesicht zwinkerte sie den Mädchen zu, die immer größere Augen machten, je näher sie kam, und schlug auch gleich hinterhältig zu. Sie umschloss von hinten Marcs Taille und schmiegte ihre Wange gegen sein starkes Schulterblatt. Obwohl Gretchens Überraschungsangriff aus dem Hinterhalt gekommen war, zuckte der überrumpelte Chirurg noch nicht einmal zusammen und aß unbehelligt weiter ein Stück von dem leckeren Spanferkel, von dem zwei Scheiben auf seinem Teller lagen, und tunkte ein Stückchen davon sogar noch in die Soße, ehe er sich die Gabel genüsslich in seinen Mund schob. Marc hatte Haasenzahn nämlich schon längst hinter sich bemerkt, denn die grinsenden Mundwinkel und die aufleuchtenden Augen von Sarah und Lilly, die in ihre Richtung deuteten, hatten seine frisch angetraute „Ehefrau“ natürlich sofort verraten. Er stellte seinen Teller samt Besteck ab und griff ratzfatz nach Gretchens Händen und hielt sie vor seinem Bauch geschlossen, so dass sie sich nicht mehr befreien konnte, wenn sie denn gewollt hätte.

Marc (schmatzt mit vollem Mund): Wasch isch, Haaschenschahn?
Gretchen (kuschelt sich mit geschlossenen Augen an ihn u. saugt den verführerischen Marc-Duft in sich auf): Nichts!
Marc (schlingt den letzten Bissen hastig herunter u. dreht sich um, um der Schmusekatze in ihre wunderschönen himmelblauen Augen blicken zu können): Nichts?

Marc musterte seinen Goldengel ganz genau und zog dabei skeptisch eine Augenbraue nach oben. Gretchen legte lächelnd ihre Arme um seinen Nacken, stellte sich auf ihre Zehenspitzen, lehnte sich ihrem misstrauischen Traumprinzen entgegen und küsste ihn einfach spontan auf die Lippenspitzen, die nach äußerst schmackhafter Bratensoße schmeckten, von der sie auch gerne mehr gekostet hätte. Die beiden Mädchen, die in ihren unschuldig weißen Kleidchen zuckersüß daneben standen und alles neugierig mit Argusaugen beobachtet hatten, schauten sich an und fingen albern zu kichern und zu tuscheln an, ehe sie nach einem Seitenschupser von Marc ihre überladenen Teller zum Tisch rüber balancierten, an den sie sich sogleich setzen und zu essen begannen. Gretchen blinzelte durch ihre langen getuschten Wimpern und öffnete langsam ihre Augen, die ihren Liebsten nun verliebt anstrahlten wie die Sonne an einem warmen Sommertag. Einem leichten Windhauch gleich kamen ihr die Worte über die Lippen geflüstert, während Marc noch ganz benebelt von dem sanften Kuss war, den Gretchen ihm geschenkt hatte...

Gretchen: Ich liebe dich! Auch wenn du manchmal unausstehlich sein kannst.
Marc (schaut verwirrt zwischen ihren glänzenden Augen hin und her): Ähm... okay!? Wofür war der denn jetzt?
Gretchen (lächelt ihn verträumt an, während sie sich noch enger an ihn schmiegt): Brauche ich dafür denn unbedingt einen Grund? Dann... bist du eben der Grund! Weil du so bist, wie du bist.
Marc (noch verwirrter als zuvor): Äh... ja, danke, ne.
Gretchen (grinst, weil er so süß verpeilt guckt, u. gibt zu, was sie bewegt): Du warst richtig süß mit den beiden Frechdachsen in der Scheune. Aber du hättest sie nicht unbedingt verpetzen müssen. Lilly und Sarah haben ihre Lektion auch so gelernt. Sie werden für lange, lange Zeit keine Jungs auch nur anschauen, ohne an dich denken zu müssen.

Die natürliche Reaktion auf mein Erscheinungsbild. Klappt bei alt und auch bei jung. Hähä!

Ich weiß ja, dass er gut mit Kindern kann, aber dass er so einfühlsam genau den richtigen Ton für die beiden findet, hätte ich ihm ehrlich gesagt gar nicht zugetraut. Das Herausposaunen vor Maria und Mehdi dagegen schon. Er kann’s halt nicht lassen. Alte Petze! Hihi!


Marc (rollt mit den Augen u. schielt Richtung Tisch, wo sich Sabine u. Azadeh der Kinder angenommen haben, die sich gerade ihrem Abendessen widmen): Die beiden haben doch nur mal ne richtige Ansage gebraucht. Bei den unfähigen verweichlichten Erziehungsberechtigten und ihrem antiautoritären Blabla wird das doch nichts.
Gretchen: Marc!
Marc (trotzig): Ja, ist doch wahr. Du hast doch gesehen, was da herausgekommen ist.
Süß! Er spielt sich als Experte in Erziehungsfragen auf. Hach...
Gretchen (schmunzelnd greift sie nach seinen Händen u. spielt damit): Ich finde es jedenfalls süß, wie gern du die beiden hast. Das kannst du ruhig auch mal zugeben.
Marc (klappt die Kinnlade herunter): Was? Mehdi und die Hassi? Bist du bescheuert?
Gretchen (verdreht die Augen u. stupst ihn an, dann wird ihr Blick aber auch schon wieder weicher und verträumter): Boah Marc, du weißt genau, wie ich das meine.

Er ist soweit! Ich war ehrlich gesagt immer noch skeptisch, wie ernst er seinen Vorschlag meint, aber jetzt nach all dem hier... Er ist wirklich bereit für unser gemeinsames Abenteuer. Hach... Er wird der beste Vater der Welt. Nach meinem Papa natürlich und auf Augenhöhe mit Mehdi. Hihi! Ein paar Punktabzüge müssen gerechtfertigt sein, schließlich muss Marc ja auch noch lernen. Als Autodidakt lernt er aber schnell. Das muss man ihm zugestehen. Und wenn er dann genauso liebevoll mit unserem Nachwuchs umgeht wie mit Sarah und Lilly, dann bin ich im Himmel.

Marc (zieht die schöne Träumerin grinsend noch fester in seine Arme): Ich weiß schon, was deine Blicke zu bedeuten haben, Haasenzahn.
Gretchen (fühlt sich ertappt u. sieht Marc ungläubig an): Wie schaue ich denn?
Marc (fixiert sie mit durchdringendem Blick u. lässt seine Hände über ihren Rücken wandern): Du hast den „Lass-uns-sofort-und-auf-der-Stelle-auch-so-ein-kleines-Monster-erschaffen-Blick drauf. Mit dem sofort und auf der Stelle würde ich sofort konform gehen, auch wenn ich zugeben muss, von vorhin noch ziemlich geschafft zu sein, nur ziehe ich dann doch bei der Kreation der kleinen Monster eher die Durchsetzung der Y-Chromosomen vor. Aber hey, bei meinen astreinen Genen sehe ich da gar kein Problem. Die dritte Generation pures Testosteron! Du siehst, es ist sogar wissenschaftlich erwiesen, dass Meiers nur Jungs zeugen. Also fang schon mal an, dich damit abzufinden und das hässliche Rosarot von der Kinderzimmerwand zu kratzen, Haasenzahn.

Okay!? Für Marc bitte kein Fleisch mehr!

Gretchen (lacht): Spinner!
Marc (meint das vollkommen ernst): Hey! Du hast doch gesehen, wie anstrengend Rockträgerinnen sein können. Nicht auszudenken, wenn die mal größer werden und...
Ganz, ganz falscher Gedanke, Meier! Ich glaube, mir wird schlecht.
Gretchen (ergänzt grinsend seine Worte): ...und sich für das andere Geschlecht interessieren? Willst du das sagen? Marc, bis dahin wird noch so viel Wasser die Spree hinunterlaufen. Mach dir doch nicht jetzt schon so einen Kopf. Und überhaupt, Jungs sind auch nicht gerade stressfrei. Das weiß ich aus Erfahrung. Ich kannte da nämlich mal so ein anstrengendes Exemplar an meiner Schule. Womit wir auch schon wieder bei deinen Genen wären. Hihi! Aber ob Männlein oder Weiblein, wir kriegen das hin. Weil wir ein unschlagbares Team sind.
Marc (macht einen gequälten Gesichtsausdruck u. anstatt genau zuzuhören schaut er sich suchend im Saal um): Ich schwör’s dir, das würden die Kerle nicht überleben. By the way, wo sind eigentlich die beiden Rotzlöffel von vorhin abgeblieben? Denen wollte ich doch auch noch was mit auf den Weg geben, was sie für alle Zeiten von unschuldigen kleinen Mädchen fernhält.

Hach... mein tapferer Held! Er hat die Mädels so gern, dass er ganz eifersüchtig ist. Süüüüsssss!!! Das muss ich unbedingt gleich noch Mehdi erzählen. Das glaubt der mir doch sonst nie.

Gretchen (lacht): Du bist so süß! Aber ich bin mir sicher, unsere Mädchen werden einen guten Männergeschmack haben. So wie ich. Das liegt den Haases nämlich quasi in den Genen. Ich hab mir schließlich auch den Besten der Besten ausgesucht. Er hat zwar ab und an so seine Defizite, aber eigentlich ist er ein ganz Lieber.
Marc (sieht sie fassungslos an u. fasst sich theatralisch an sein Herz): Du willst gleich mehrere von der Spezies? Das überleb ich nicht.

Hab ich ihn jetzt wirklich geschockt? Aber ich will nun mal mindestens zwei Kinder haben. Auch wenn Jochen ein Idiot ist, ich hab unsere gemeinsame Kindheit immer geliebt. Vielleicht hätte ich das mal andeuten sollen? Marc ist schließlich ein Einzelkind. Soweit hat er vermutlich noch gar nicht gedacht? Hmm... Aber ein Schritt nach dem anderen. Erst einmal schwanger werden und dann sehen wir weiter. Er wird schon auf den Geschmack kommen.

Gretchen (versucht ihn kichernd zu trösten): Im Gegenteil! Du wirst überschäumen vor lauter Energie, wenn sie oder er dich auch nur anschauen wird. Es gibt nichts Schöneres als das Lächeln eines Kindes.
Worauf hab ich mich da bloß eingelassen? Hilfe!
Marc (wieder beruhigt sieht er sie verliebt an): Doch! Das Lächeln der wunderschönen Mama.
Gretchen (schmilzt in seinen Armen nur so dahin): Oh Maaarc!
Hach... er kann so zauberhaft sein, wenn er will. Ich lieb ihn so!
Marc (kann es einfach nicht lassen, sie auch im schönsten Moment noch einmal zu ärgern): Was war das eigentlich gerade? Dieses seltsame Balzritual mit der Stasi-Sabsi war echt Angst einflößend. Ein wahrer Augentöter. Also wenn das so ein komisches esoterisches Voodoo-...Fruchtbarkeits-... Dingens... Ähm... Ritual oder was auch immer war, um die Eierstöcke auf Touren zu kriegen, dann muss ich dir leider sagen, dass das höchstwahrscheinlich kontraproduktiv war. Meine Schwimmer, die wahrscheinlich schon kurz vor der Ziellinie gestanden haben, haben garantiert vor lauter Schiss Reißaus genommen.

Boah! Was hab ich mir da bloß für einen Mann angelacht?

Gretchen (von der federweichen Wolke heruntergeplumpst trommelt sie heftig gegen seine Brust): Du bist unmöglich, Marc!
Marc (grinst u. das Grinsen wird noch breiter, als er plötzlich ein seltsames Brummen aus Richtung von Gretchens Bauch hört): Auch Hunger?
Gretchen: Immer!

...kicherte Gretchen augenzwinkernd und ließ den verdutzten Oberarzt einfach stehen, der sich mit einer Hand über seinen malträtierten Oberkörper strich und ihr kopfschüttelnd hinterher schaute, ehe er sich aufrappelte und ihr brav hinterher trabte. Der blonde Wirbelwind schnappte sich einen Teller, um diesen im Anschluss mit all den Leckereien zu füllen, auf die sie großen Appetit hatte und die sie gerne mit ihrem Schatz teilen wollte. Arm in Arm schlenderte das Paar dann zurück zur Hochzeitstafel. Marc nahm seiner Freundin den überladenen Teller ab und stellte ihn auf den Tisch. Dann rückte er ihr gentlemanlike den Stuhl zurecht, was bei Gretchen ein erstauntes anerkennendes Nicken hervorrief, weil er das sonst eigentlich nie tat. Doch bevor sie sich auf ihren Platz setzen konnte, zog Marc sie plötzlich noch einmal zu sich heran und küsste sie verliebt auf den Mund. Ein Seufzen war in der Nähe zuhören. Und eine nur allzu vertraute Stimme, welche Marc, und im Speziellen Gretchen, schnell wieder zurück auf die Erde holte...

Bärbel (geht fast über vor lauter Verzückung): Hach... Endlich wird das Kind geküsst!
Gretchen: Mama!

...stöhnte Gretchen peinlich berührt und löste sich schnell aus Marcs zärtlicher Umarmung. Sie ließ sich auf ihren Stuhl plumpsen, rückte ihn an den Tisch heran und blickte demonstrativ nicht in Richtung ihrer oberpeinlichen Mutter, die gar nicht verstand, was denn jetzt schon wieder das Problem ihrer ewig nörgelnden Tochter war und fragend in Franz’ schmunzelndes Gesicht schaute, sondern in zwei grinsende Mädchengesichter direkt gegenüber, die ihre große Freundin mit vollen Backen angrienten, und musste nun auch selber darüber lachen. Marc pflanzte sich schulterzuckend direkt daneben. Doch ihm war eigentlich schnurzpiepegal, dass der erwartungsvolle Fokus mal wieder auf ihm und Gretchen lag. Seine rechte Hand landete ungeniert auf Gretchens linkem Knie, das er sehr zum Ärger der wunderschönen Besitzerin zärtlich zu tätscheln begann, während er gleichzeitig mit seinen Lippen erneut Gretchens Mund streifte und damit die Gefühle seiner aufgewühlten Assistenzärztin noch mehr in Wallung brachte...

Marc: Mmh... mit Mamas Erlaubnis komme ich dem doch gerne nach.
Gretchen: Mwarc!

...nuschelte Gretchen protestierend in den zärtlichen Liebesbeweis ihres unverschämten Freundes hinein, konnte sich aber kaum Marcs Willen erwehren und küsste ihn schließlich liebevoll zurück, bis eine weitere Stimme von schräg gegenüber sie und Marc aus den schönen Träumen riss...

Olivier (fröhlich beschwingt): Na, ihr beiden Turteltauben, beglückt ihr uns auch mal wieder mit eurer Anwesenheit? Sagt mal, jetzt, wo ihr den Brautstrauß erobert habt, denkt ihr eigentlich darüber nach, ob ihr auch...
Marc: Dad!

...kam es diesmal protestierend vom Sohnemann gesprochen, der seine Lippen und seine Hand sofort von seiner Liebsten nahm, als hätte er einen elektrischen Schlag abbekommen. Er rückte peinlich berührt seinen Stuhl zurecht und konzentrierte sich dann stur auf sein Abendessen, das er hastig in sich hinein spachtelte, um zu demonstrieren, dass er keinerlei Interesse an irgendwelchen Spekulationen hatte, die niemanden, auch seinen Dad nicht, etwas angingen, während alles um ihn herum anfing zu tuscheln und genau diese Frage von Marcs Vater ausführlich durchzudiskutieren, während die Kinder schmatzend kicherten und Gretchen einfach nur verträumt vor sich hin lächelte, weil Olivier unbewusst genau ins Schwarze getroffen hatte. Heimlich beobachtete die Träumerin von der Seite ihren schmollenden Traummann, der ihr doch schon längst das gegeben hatte, was sie gewollt hatte. Marc hatte ihr mit liebevollen Gesten und unbedachten Worten, einfach mit seiner ganzen Liebe, die er nicht anders auszudrücken vermochte, die Sterne direkt vom Himmel geholt. Was wollte sie denn mehr? Sie war glücklicher denn je, auch wenn immer noch ein Schatten über ihnen schwebte. Nur für diesen einen glücksgeladenen Tag heute würden sie ihn nicht allzu nah an sich heranlassen. Für Sorgen und Nöte war auch noch morgen Zeit. Heute zählten nur sie beide. Und natürlich Günni und Sabine. Das Brautpaar durfte natürlich nicht vergessen werden. Denn das war schließlich auch vor allem ihr Tag.


http://www.youtube.com/watch?v=E6xGvH9R5ZQ

Lorelei Offline

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15.02.2013 17:30
#1386 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Zur gleichen Zeit an einem anderen Örtchen

Maria (erst überrascht u. auch merklich nervös, dann souveräner u. v.a. zynischer): Was machst DU denn hier? Das ist die Damentoilette, du Blindfisch! Hast du dich verlaufen? Dann solltest du dir vielleicht über neue Kontaktlinsen Gedanken machen. Oder ist das deine neuste Methode, neue Klientinnen anzuwerben? Ich muss dir leider sagen, das funktioniert so nicht. Dafür könntest du in Zeiten von Brüderle & Co schnell ne Vorladung fürs Gericht kassieren, Herr Doktor Kaan.

Der Angesprochene, der in der Hoffnung, niemandem und vor allem keiner Frau zu begegnen, diesen männerfreien Ort vor weniger als zwei Minuten mit eigentlich guten Absichten betreten hatte, senkte ertappt seinen Blick und strich sich verlegen über den Nacken, dann lächelte er seine „charmante“ Kollegin entschuldigend an. Irgendwo hatte er schließlich mit der Suche beginnen müssen. Und nachdem er im Obergeschoss bei den Gästezimmern, von denen er eins für Lilly und eins für sich und Gabi gebucht hatte, nicht fündig geworden war, hatte er es nun eben hier auf dem Damenklo probiert. Er war sich im Vornherein natürlich der Gefahren durchaus bewusst gewesen, die ihn hier erwarten könnten, falls man ihn denn inflagranti erwischen sollte, was zum Glück bis jetzt nicht passiert war. Aber eine gewisse Unruhe hatte ihn nun mal genau hierher zum Ausgangspunkt geführt. Sie war mittlerweile seit fast einer Stunde verschwunden. Eindeutig zu lang, um lediglich einen simplen Lidstrich nachzuzeichnen. Auch für Gabis Verhältnisse. Da stimmte doch etwas nicht, das sagte ihm sein Bauchgefühl. Und sein Bauch hatte immer Recht. Mehdi machte sich zunehmend Sorgen um seine verschollene Freundin und das verheimlichte er auch seinem spitzzüngigen Gegenüber nicht, das ihn misstrauisch mit verschränkten Armen von Kopf bis Fuß musterte, aber auf eine unerklärliche Art und Weise auch irgendwie nervös auf ihn wirkte.

Mehdi: Maria? Ähm... Nein, ich hab nur... Ich... Du... hast nicht zufällig Gabi gesehen?
Maria (sieht ihn ungläubig an u. versucht vorsichtig den Tablettenblister unter ihrem rechten Stiefel, der ihr beim Zusammenprall mit Dr. Kaan dummerweise heruntergefallen ist, unbemerkt hinter den Papiermülleimer neben der offen stehenden Tür zu schieben, gegen die sie verkrampft mit dem Rücken lehnt): Äh... Nein!? Hat sie etwa jetzt schon die Flucht vor dir ergriffen? Ich hab gehört, ihr seid vor kurzem zusammengezogen? Ein bisschen früh vielleicht? Haushalt mit Kind, dann in dem Alter und mit den Flausen im Kopf, das ist nicht jedermanns Sache oder in dem schwierigen Fall jeder Frau’s Sache.
Mehdi (erkennt ihren spöttischen Gesichtsausdruck u. blitzt sie böse an): Ja, mache dich nur lustig. Ich fand das eben überhaupt nicht witzig.
Maria (lässt seufzend die Schultern hängen u. lässt die scharfen Spitzen sein, weil ihr die Lust darauf vergangen ist): Denkst du ich? Sie treibt mich noch zur Weißglut mit ihrer ausdauernden Wissbegierigkeit. Als wollte sie an einem Tag sämtliche Wikipedia-Einträge auf einmal in sich aufsaugen. Das ist verdammt noch mal anstrengend. Und jetzt muss ich mir auch noch Gedanken wegen Jungs machen. Ich kann sie keine Sekunde mehr aus den Augen lassen.
Mehdi (spürt, dass sie abzulenken versucht u. lenkt sie wieder auf das Thema, das sie vor der „Kussaffäre“ ihrer Kinder besprochen haben): Du machst also einen Rückzieher?
Woher...?
Maria (verwirrt u. höchst alarmiert, weil die Tablettenpackung durch ihre kurzfristige mehdibedingte Unachtsamkeit nicht hinter, sondern direkt vor der Mülltonne gelandet ist, neben der Mehdi lässig an der Wand lehnt u. sie fröhlich angrient): Was? Nein! Also... nicht direkt. Mann, das ist nicht einfach.

Ach Maria! Muss ich denn schon wieder von vorn beginnen? Das ist ja mehr Kindergarten, als uns die Kinder gerade geboten haben.

Mehdi (mustert sie argwöhnisch u. beginnt plötzlich verschmitzt zu grinsen): Du weißt, dass meine Cousine gut mit Kindern kann. Mach dir keine Sorgen! Sarah ist bei uns in den besten Händen. Nach der Geschichte eben sind alle Augen und Ohren auf die Mädchen gerichtet. Und dass ausgerechnet Marc sie ertappt hat, vor dem sie, wie du weißt, einen Heidenrespekt haben, ist ein echter Glücksgriff für uns. Also fahr ruhig zurück nach Berlin!
Maria (ärgert sich, dass er sie so leicht durchschauen kann, u. macht mit ihren grimmigen Blicken auch keinen Hehl daraus): Naja!?
Mehdi (tritt einen Schritt nach vorn u. kickt so unbemerkt die Tabletten noch ein Stück weiter in den Raum hinein; er nimmt ihre beiden Hände in seine u. drückt sie fest, während er Maria eindringlich anschaut): Hey! Klärt das unter euch, was ihr zu klären habt. Du weißt gar nicht, was man mit einem simplen Gespräch alles bewirken kann.

Maria machte ein verkniffenes Gesicht, weil sie nicht wirklich von dem überzeugt war, mit dem der Frauenversteher der Station sie gerade zuzuquatschen und ihr den letzten Nerv zu rauben versuchte. Dass sie unbedingt zu IHM wollte, hatte viele Gründe. Sarah war einer davon, ja. Andererseits waren da aber auch noch andere Bedürfnisse, die ihren Drang verstärkten, Dr. Stier unbedingt noch heute Abend einen Besuch abzustatten, um ihm unmissverständlich und ein für alle Mal klarzumachen, dass er nicht ständig von einer Minute auf die andere je nach Lust und Laune in ihr Leben zu stolpern und jedes Mal ein absolutes Chaos zu hinterlassen hatte, wenn ihm auch weiterhin regelmäßiger Kontakt lieb war.

Mehdi lachte nur, als er Marias grimmige Gesichtsakrobatik verfolgte, und zwinkerte der zweifelnden Oberärztin ermutigend zu. Sie wich den Blicken des sensiblen Gynäkologen jedoch geschickt aus, denn neben ihren wild durcheinander tanzenden Gedanken hatte noch etwas anderes ihre Aufmerksamkeit erfasst. Ihre Pupillen weiteten sich. Die Magentabletten lagen ja mitten im Raum! Für alle Augen sichtbar. Ein Blick nach rechts und Mehdi hätte sie erfasst und würde Fragen stellen. Sie kannte den Halbperser gut genug. Er würde Fragen stellen! Aber sie hatte keine Lust auf lange Diskussionen über die Risiken zunehmenden Medikamentenkonsums und dass die Dinger gar nicht die Ursachen beseitigen, sondern nur temporär Linderung verschaffen würden. Das wusste sie selber. Schließlich war sie Ärztin. Trotzdem wurde ihr merklich heiß und kalt zugleich, je länger der Tablettenblister zum Greifen nah vor seinen Füßen lag. Und auch Mehdi blieb die plötzliche Veränderung ihrer Mimik nicht verborgen, während er ihre Hände immer noch festhielt und wärmend hineinpustete.

Mehdi: Du hast ganz kalte Hände. Alles ok?
Maria (reißt sich los u. springt nervös in die Mitte des Raums, um den Tablettenblister zu verdecken, was ihr auch gelingt, u. deutet unmissverständlich auf eine der Toilettenkabinen): Ja, jetzt lass mich endlich in Ruhe, du... du Spanner! Ich muss dringend für erfolgreiche Chirurginnen, falls du verstehst, was ich meine.
Mehdi: Oh! Äh... Bin schon weg.

Mehdi lächelte Maria ein letztes Mal verlegen an und trat mit merklich geröteten Wangen rückwärts den Rückzug an. Er griff nach hinten an die Türklinke, die er sogleich herunterdrückte. Dabei fiel ihm auf, dass seine drängende Exfreundin, die sein Tun argwöhnisch beobachtete, immer blasser im Gesicht wurde, aber bevor er nachfragen konnte, ob es ihr wirklich gut ginge, da hatte sie ihn auch schon unsanft aus der Örtlichkeit hinauskompromittiert. Die schwere Tür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss. Direkt vor seine Nase, die nur leicht von dem harten Holz touchiert wurde. Verwirrt drehte er sich um und blieb auf dem Hotelflur stehen, wo er sich nach allen Seiten umschaute, während er vorsichtig an seiner versehrten Nasenspitze rubbelte.

Der Rezeptionsbereich war verlassen, denn die Gastgeber, Günnis Verwandtschaft, tanzten wortwörtlich mit auf der Hochzeit ihres Neffen. Vom großen Festsaal tönte dem Halbperser laute Musik und Gelächter entgegen. In der Küche nebenan hörte man das Gepolter von Geschirr. Und durch die große Glasfront des Eingangsbereichs konnte er sehen, dass es draußen immer noch leicht schneite. Aber von IHR war weiterhin nirgendwo eine Spur. Gabi war weder in ihrem gemeinsamen Hotelzimmer, zu dem er ihr vorhin in hochromantischer Absicht den Schlüssel geschenkt hatte, noch auf der Damentoilette, aus der er gerade hochkant hinausgeflogen war, obwohl sein Valentinsdate ihm vorhin gesagt hatte, dass sie nur mal kurz zum Näschenpudern verschwinden wollte. Das war jetzt exakt siebenundfünfzig Minuten und achtzehn Sekunden her. Was war in der Zwischenzeit passiert? Und wo war sie jetzt? Jetzt machte sich Gabis Lebensgefährte so richtig Sorgen.

Hastig angelte der besorgte Mann sein Telefon aus seiner Hosentasche und drückte die Eins. Sofort wurde Gabis Nummer gewählt. Seine rechte Hand hatte sich mit dem Handy schon auf halbem Weg zu seinem Ohr hin bewegt, als Mehdi plötzlich gar nicht weit entfernt etwas klingeln hörte. Er stutzte. War das nicht...? Er senkte seine Hand wieder, blickte verwirrt auf das Handydisplay mit Gabis wunderschönem Konterfei und kratzte sich mit seiner anderen Hand an der Stirn, wo das Pflaster, das von dem gestrigen Aufprallunfall herrührte, kräftig ziepte. Das war doch Gabis Klingelton, stellte Mehdi irritiert fest und lauschte in die Stille hinein. Da war es wieder!

„Hit me baby one more time“, ertönte es wieder und wieder leise über den Flur des Foyers, wenn man genau hinhörte und sich nicht von Cyndi Lauper und dem Partygeschrei aus dem Festsaal ablenken ließ. Mehdi folgte dem Geräusch, das immer lauter wurde, als er langsam an der Rezeption vorbeiging, bis er an deren Ende zu einer kleinen Garderobe gelangte, die sich in der Nische unterhalb der Treppe zu den Hotelzimmern befand. Er ließ sein Telefon weiterklingeln und schob mit beiden Händen die an einer Kleiderstange aufgereiht hängenden Wintermäntel auseinander. Und da saß SIE tatsächlich! In einer Ecke zusammengekauert auf dem Boden. Hinter einer breiten Holzbank, auf der Gabis aufgeklappte Handtasche lag, die verdächtig bimmelte, ohne dass deren apathische Besitzerin darauf zu reagieren schien.

Mehdi: Baby, was machst du denn hier? Ich hab dich schon überall gesucht.

Lorelei Offline

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18.02.2013 22:56
#1387 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Gabi Kragenow zuckte erschrocken zusammen, als sie ihrem Empfinden nach ganz weit weg das klappernde Geräusch zusammen geschobener Holzkleiderbügel und direkt darauf Mehdis samtweiche Stimme vernahm, die ihr sogleich eine Gänsehaut am ganzen Körper bescherte. Der grelle Lichtschein der Foyerbeleuchtung, der nun ungehindert die kleine Nische unter der Treppe aus der schützenden Dunkelheit geholt hatte, blendete ihre geröteten Augen und sie vergrub ihr Gesicht schnell auf ihren Knien, die sie an ihren Körper gezogen und mit ihren beiden Armen fest umschlossen hatte. Sie hatte in dem trüben Nebelschleier, der sich um ihre Augen gelegt hatte, nur seine Umrisse wahrgenommen, aber hatte sofort gewusst, wer da gerade in stattlicher Größe in seinem sexy legeren dunkelblauen Anzug vor ihr stand und sie vermutlich voller Sorge anschaute.

Aber sie hatte nicht gewollt, dass Mehdi sie so sah und wollte sich gleich noch tiefer in ihrem imaginären Loch vergraben, in das sie schon vor einer ganzen Weile hineingekrabbelt war, während nebenan fröhlich weitergefeiert wurde. Sie wollte unsichtbar sein und es am liebsten für immer bleiben, aber das blieb ihr wohl jetzt, nachdem ihr persönlicher Held aller Helden ihr Versteck hinter der Garderobe ausfindig gemacht hatte, wohl verwehrt. Warum nur war die Welt so grausam mit ihr? Was, bis auf ihre Verfehlungen und dummen Entscheidungen in der Vergangenheit, hatte sie denn verbrochen, dass sie sich jetzt so gegen sie stellte? Das war verdammt noch mal ungerecht. Sie hatte doch auch nur das gewollt, was alle wollten: einmal glücklich zu sein. Und direkt vor ihr stand lichtummantelt die Verkörperung all jenes Glücks, das sie sich so sehr herbeisehnte, dass das Herz in ihrer Brust zu zerbersten drohte.

Dass diese von ihr idealisierte Person jedoch gerade ziemlich sparsam aus der Wäsche schaute, bemerkte die in tiefe Gedanken versunkene Krankenschwester nicht. Mehdi Kaan war verunsichert vor dem Vorhang aus Mänteln, die in den dominierenden Farben schwarz, lila, dunkelblau und rosa aufgereiht an einer metallenen Garderobenstange hingen, stehen geblieben und schaute mit sorgenvoller Miene zu seiner großen Liebe herab, die zusammengekauert in der hintersten Ecke der dunklen Nische versteckt saß. Ihr ganzer Anblick, ihr Zittern, überhaupt ihre Reaktion auf ihn, all das verunsicherte ihn zutiefst. Gabi hatte auf seine Frage überhaupt nicht reagiert. Stattdessen wich sie seinem Blick aus, schien sich trotz seiner Anwesenheit noch mehr verkriechen zu wollen, während Britney weiterhin mit piepsiger Handystimme fröhlich ihren ersten großen Nummer-Eins-Hit trällerte. Ziemlich surreal das Ganze, dachte der Halbperser verwirrt. Gabis Handy klingelte nämlich immer noch in ihrer mit Pailletten besetzten schwarzen Handtasche.

Mehdi schaute abgelenkt auf sein eigenes Smartphone in seiner rechten Hand und drückte schnell auf den roten Hörer, damit die amerikanische Sängerin endlich verstummte, bevor er es wieder in seine Hosentasche steckte. Dann schob er die Holzbank, auf der Mützen und Handschuhe der Gäste sowie Gabis Handtasche lagen, etwas zur Seite und kletterte darüber und ging vor seiner Freundin in die Hocke. Sanft legte er seine Hand auf ihre, mit der sie ihre Knie umschlungen hielt. Wieder zuckte die junge Frau erschrocken zusammen. Doch sie ließ seine vorsichtige Berührung zu und genoss für einen Moment die Wärme, die von seiner Hand auf ihre ausstrahlte und Auswirkungen bis zu ihrem Herzen hatte. Gabi traute sich aber immer noch nicht, ihren Lebensgefährten anzusehen. Viel zu sehr schämte sie sich, auch wenn es dafür eigentlich gar keinen Grund gab. Mehdis innere Unruhe wuchs von Sekunde zu Sekunde an, je länger seine Liebste nicht auf ihn reagierte. Zumal er glaubte, trotz ihres ihm abgewandten Kopfes eine Tränenspur auf ihrer Wange entdeckt zu haben. Seine Alarmglocken läuteten sofort...

Mehdi: Maus, was ist denn? Hast du etwa geweint? Ist irgendetwas passiert? So sag doch bitte etwas!

Durch sein ängstliches Drängen wurde bei der brünetten Krankenschwester mit einem Mal ein Schalter umgelegt und alle Dämme brachen endgültig auf. Ein tiefer lauter Schluchzer hallte wie eine heranrollende Welle in dem leeren Eingangsbereich des kleinen Landgasthofs wider. Gabis Schultern zuckten heftig, sie zitterte und klammerte ihre Hände nur noch fester um ihre Knie, während sie laut japsend nach Luft rang. Sie wurde von einer unaufhaltsamen Welle an Heulkrämpfen erfasst, die sie kräftig durchschüttelten. Gabi weinte bitterlich und es brach Mehdi schier das Herz, seine große Liebe so verzweifelt zu sehen. Auch wenn er nicht wusste, was los war, reagierte er sofort. Er setzte sich neben seine Freundin auf den Boden, legte seinen Arm um ihre Schulter und zog die sirenenhafte Heulboje direkt in seine starken Arme. Gabis verkrampfte Haltung löste sich sofort und sie schlang ihre Arme Rettung suchend um seinen Körper, so dass Mehdi sie fast nicht halten konnte und nach hinten schwankte. Ihre langen manikürten Fingernägel krallten sich in seinen Rücken und sie vergrub ihr verheultes Gesicht an seiner Brust und ließ ihren Tränen einfach freien Lauf.

Mehdi war vollkommen überfordert von Gabis heftiger Reaktion, die für ihn völlig aus heiterem Himmel gekommen war. So hatte er sie noch nie erlebt. Sie war doch immer die Starke und Selbstbewusste, die unerschütterlich ihren Weg ging und ihn mit ihrer Lebensfreude mitreißen konnte wie keine andere. Er zog seine weinende Freundin schließlich ganz auf seinen Schoss, um sie besser halten zu können, legte ihr sein Jackett um die nackten Schultern und drückte sie tröstend an sich. Und Gabi nahm den Trost ihres fürsorglichen Freundes dankbar an. Er war wie immer ihre Rettung, ihr Fels in der Brandung, ihr Anker, an dem sie sich festklammern konnte, wenn ihr alles zu viel wurde. Und an Mehdis Brust löste sie sich nun völlig auf. Die Tränen liefen wie Sturzbäche ihre Wangen hinab und sie schluchzte und wimmerte laut und ununterbrochen ihren Kummer heraus.

Mehdi hielt sich mit weiteren Fragen zurück, auch wenn sie ihm drängend auf den Lippen lagen. Er hielt Gabi einfach nur ganz fest und strich ihr mit einer Hand behutsam über den Rücken, während er mit der anderen ihren Kopf sanft gegen seinen Oberkörper gedrückt hielt. Liebevoll wog er sie in seinen starken Armen hin und her wie ein Kind, das von einem Albtraum wach geworden war und vor lauter Angst nicht mehr einschlafen wollte, damit sie sich beruhigen konnte, doch Gabi wurde immer und immer wieder von heftigen Heulkrämpfen durchzuckt, die ihr alles abverlangten. Erschöpft krallte sie sich an seinem Hemd fest, das schon längst an der Brustseite nass durchtränkt war, weil sie selbst krampfhaft versuchte, sich zu beruhigen, aber sie schaffte es einfach nicht. Sie hatte keine Kontrolle mehr über ihren Körper. Es musste einfach alles raus.

Mehdi: Hey! Hey! Hey! Alles wird gut! Hörst du? Egal, was ist, alles wird gut.

...versuchte der sanftmütige Gynäkologe verzweifelt die aufgelöste Frau in seinen Armen zu trösten. Jedoch ohne Erfolg. Gabi schluchzte nur noch mehr und noch lauter in sein Hemd. Mehdi wollte ihr so gerne helfen und konnte es kaum ertragen, sie so zerbrechlich zu sehen. Er konnte sich einfach keinen Reim darauf machen. Auch dass sie jetzt heftig den Kopf zu schütteln begann und dabei ihre Schminke auf sein Hemd wischte, verstand er nicht. Was war denn nur in den letzten Minuten passiert, dass sie völlig den Halt verloren hatte? Mehdi zermaterte sich das Hirn und versuchte einen Blick von seiner Freundin einzufangen, um zu verstehen, doch Gabi wich ihm immer wieder aus und vergrub ihr Gesicht in seinem mittlerweile zerknitterten und feuchten Hemd. Bei jeder weiteren Tränenwelle, die über sie kam, rang sie heftig nach Luft. Das Atmen fiel ihr merklich schwer. Ein dicker Kloß blockierte ihr Sprachzentrum. Doch Mehdi spürte, dass Gabi etwas sagen wollte und gab ihr die Zeit, die sie brauchte, um neue Kräfte zu sammeln. Und endlich sah sie ihn auch an. Mehdi freute sich, erschrak aber zugleich. Aber nicht wegen ihrer zerlaufenen Schminke, die ihr Gesicht wie eine Fratze in einem Edvard-Munch-Gemälde erscheinen ließ. Sondern weil so viel Schmerz und Kummer in ihren wunderschönen dunkelgrünen Augen lagen, dass sein Herz verkrampfte und er nun Probleme bekam, weiterzuatmen.

Gabi: Nichts... wird... gut... Mehdi! ... Nichts! ... Gar nichts!

...brachte Gabi in ihrer Verzweifelung krächzend hervor, ehe sie in Mehdis Armen wieder zusammenbrach und von einer erneuten Tränenwelle erfasst und davongetragen wurde.

Lorelei Offline

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21.02.2013 23:29
#1388 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Mehdi hielt seine schluchzende Freundin fest, tröstete sie, so gut er konnte, doch in seinem Kopf flogen die Gedanken nur so durcheinander. Noch vor gut einer Stunde hatten sie sich glücklich in den Armen gelegen und heißblütig miteinander getanzt, hatten sich heftig angeflirtet und innig geküsst, sich beschenkt und auf ein romantisches Date in ihrer Valentinstagssuite gefreut. Was war in den letzten Minuten nur vorgefallen, dass es sämtliche Unbeschwertheit der vergangenen Stunden vergessen ließ und einer unerklärlichen Verzweifelung an diesem wohl schönsten aller Tage für Verliebte Raum geschaffen hatte? Aufgewühlt sah der Halbperser seine völlig aufgelöste Lebensgefährtin an und legte beide Hände an ihre geröteten tränennassen Wangen, damit sie ihn ebenfalls anschauen konnte. Unaufhörlich liefen heiße Tränen über ihr Gesicht und seine Hände, als Gabi seinen eindringlichen Blick endlich erwiderte. Ihr Make-up war völlig verlaufen. Es störte Mehdi nicht. Wenn sie doch nur endlich mit ihm redete, flehte er sie bittend an.

Mehdi: Gabi, du machst mir Angst.

Abrupt versiegte der stete Tränenfluss der Siebenundzwanzigjährigen und sie sah ihrem Partner sekundenlang ebenso aufgewühlt in die Augen wie er in ihre, bevor sie sich wieder an seinen Hals schmiss und sich haltsuchend an ihn drückte. Ihm Angst zu machen, hatte sie nicht gewollt. Sie liebte ihn doch so sehr. So sehr, wie sie noch nie zuvor jemanden geliebt hatte. Der Mann ihres Herzens sollte nicht auch noch Kummer haben. Das könnte sie nicht ertragen. Er hatte doch schon viel zu sehr gelitten in der Vergangenheit, als man ihm seinen einzigen Halt im Leben weggenommen hatte. Nie wieder wollte sie ihn so unglücklich und verzweifelt sehen wie nach dem Verlust seiner Tochter. Erst durch Lillys Auftauchen hatte er wieder zu sich selbst gefunden, war glücklich und lebensfroh, wollte sogar mit ihr und Lilly ein neues Leben beginnen. Wie könnte sie ihm das mit nur einem Satz kaputtmachen? Vielleicht war es einfach besser, gar nichts zu sagen, anstatt ihn unnötig aufzuwühlen, fragte sich Gabi und schmiegte sich wieder an ihren starken Kuschelbären.

Mehdis Hand lag ruhig auf ihrem Rücken, die andere an ihrem Kopf, den er sanft gegen den seinen gedrückt hielt. Wange an Wange saßen sie schweigend eng umschlungen da. Mehdi spürte, wie wild Gabis Herz in ihrer Brust klopfte, wie sehr sie mit sich kämpfte und wie sehr ihr Puls raste. Ihm ging es genauso. Doch gleichzeitig fühlte er sich auch so furchtbar hilflos. Reue kam in ihm auf, obwohl er gar nicht wusste, wieso.

Mehdi (zögerlich): Hab ich... Hab ich was falsch gemacht? ... Wenn es wegen Maria ist, da ist nichts. Wir haben uns nur unterhalten. Wir sind Freunde. Eltern. Die Kinder haben uns vorhin einen gehörigen Schrecken eingejagt. Das ist alles. Ich erzähl’s dir, wenn du magst. Es ist eigentlich eine ganz witzige Geschichte, wenn es nicht... wenn es nicht unsere Mädchen betreffen würde.

...versuchte sich Dr. Kaan redlich zu verteidigen, obwohl es dafür eigentlich gar keinen Grund gab. Schließlich hatte er Gabi schon im Vertrauen erzählt, dass er und Maria sich gestern Abend auf Sabines und Günnis Polterabend endlich ausgesprochen und alle Differenzen beigelegt hatten und nun auf dem besten Wege waren, so etwas wie Freunde zu werden. Er erwartete nicht, dass Gabi es gutheißen würde. Nach allem was zwischen den dreien in der Vergangenheit vorgefallen war, hatte sie allen Grund, misstrauisch zu sein, aber sie hatte es widerstandslos verstanden. Schon allein weil die Kinder mittlerweile unzertrennlich waren und weil es die angespannte Situation auf Arbeit zumindest ein bisschen entschärfte.

Die Krankenschwester löste sich aus Mehdis Umarmung. Sie schluckte die wieder aufkommenden Tränen hinunter und blickte ihr Gegenüber mit ernstem Ausdruck an. Sie strich sich über ihre Wange, die ganz weich von den vielen Tränen geworden war, die sie in den letzten Minuten vergossen hatte. Gabi fühlte sich furchtbar, weil sie sich so hatte gehen lassen. Aber es war einfach so aus ihr heraus gebrochen. Sie wusste selbst nicht wieso. Sie kannte sich so gar nicht. Die Heftigkeit ihrer Reaktion schockierte sie ja selbst. Und sie wollte gar nicht wissen, wie sie im Moment aussah. Wahrscheinlich wie eine von einem Vampir Ausgesaugte. So richtig beschissen, wie Arschloch Meier wohl sagen würde, wenn er sie so sehen würde, aber das war ja zum Glück nicht der Fall. Das hätte ihr nämlich jetzt noch gefehlt. Außerdem beschäftigten sie im Moment wichtigere Dinge als ihre Optik nach außen. Und auch wenn sie Mehdis Wie-auch-immer-Freundschaft mit dieser frustrierten Zimtziege wahnsinnig ärgerte und sie nicht garantieren könnte, dass sie ihr nicht doch noch irgendwann die Augen auskratzen würde, Dr. Hassmann war nicht der Grund für ihren Kummer. Diesmal nicht.

Gabi (flüstert): Nein! Nein, das ist es nicht.
Mehdi (erleichtert, dass sie endlich mit ihm spricht, flüstert er zurück): Was dann?

Die Angesprochene wich seinem eindringlichen Bambiblick erneut aus. Am liebsten hätte sie wieder anfangen zu heulen, wenn sie nicht schon völlig ausgelaucht von dem letzten Tränentsunami gewesen wäre und wenn sie überhaupt noch irgendeinen Tropfen Flüssigkeit in ihren Tränenkanälen gehabt hätte. Aber es war nichts mehr da. Sie hatte alles rausgelassen, was ihr auf die Seele gedrückt hatte, aber besser fühlte sie sich trotzdem nicht. Im Gegenteil. Sie fühlte sich schlecht. Sehr schlecht sogar. Und ihr war unwohl, dass ihre große Liebe sie so hatte erleben müssen. Das war einfach nur erbärmlich und überhaupt nicht ihre Art. Sie war komplett ausgeflippt und das war jetzt das Ergebnis ihrer unnötigen Hysterie. Am liebsten würde sie im Boden versinken. Was sollte sie Mehdi denn jetzt erklären? Sie sah ihm deutlich an, dass er verzweifelt nach Antworten suchte. Und er hatte allen Grund dazu. Trotzdem blieb er geduldig. Wie machte er das bloß? Woher nahm er nur diese Ruhe? Gabi wünschte sich, sie würde auch etwas davon in sich tragen, damit sie endlich wieder klar denken konnte. Beruhigend lag seine Hand auf ihrer Wange und streichelte diese sanft mit dem Daumen, als Mehdi erneut seine butterweiche Samtstimme an seine Lebensgefährtin richtete...

Mehdi: Gabi, du kannst mit mir reden. Das weißt du doch.
Gabi (sieht ihm vorsichtig in die Augen u. nickt): Ja.
Mehdi (hakt behutsam nach, als er merkt, dass sie ruhiger geworden ist): Was ist los? Was bedrückt dich so? Hat sich etwa deine Schwester bei dir gemeldet? Ist irgendwas mit deiner Mutter? Wir haben seit meiner Abreise gar nicht mehr weiter über das Thema geredet. Gibt es Probleme wegen des stationären Aufenthaltes in der Entzugsklinik? Brauchst du Hilfe? Ich bin für euch da. Wir schaffen das.
Gabi (runzelt verwirrt die Stirn u. schüttelt den Kopf): Äh... Nein!? So viel ich weiß, geht das mit der Therapie doch frühestens erst im Frühjahr los. Eher gab es keinen freien Platz. Und ich hab mit Tina noch nicht wieder gesprochen, seitdem ich... äh...

...seitdem ich ihr die Hanfkohle von Gordon überwiesen habe. Mehdi darf nie erfahren, woher ich die fünftausend Euro habe. Er würde es nicht verstehen. Und ich will und kann mir im Moment deswegen keine Gedanken machen. Er ist so lieb und ich baue immer nur scheiße.

Mehdi (peinlich berührt, weil er daneben gelegen hat u. dabei noch ein heikles Thema angesprochen hat, über das seine Freundin nur ungern redet): Ach so? Tut mir leid, ich ähm... Was ist es dann? Ist dir das hier zu viel? Mit der Hochzeit und dem ganzen Drumherum? Wir können auch nach Hause fahren, wenn du willst?
Gabi (überfordert kämpft sie mit sich): Nein, ich... ich will doch bleiben, auch wenn ich... Ich meine... Da ist Sabine. Und deine tolle Überraschung. Der Tag morgen mit Lilly. Ich will das alles. Wirklich.
Mehdi (spürt instinktiv, dass da noch etwas ist): Aber?

Verdammt! Warum musste das passieren? Vorher war alles gut. Jetzt ist nur noch Chaos und ich... Ich kann einfach nicht mehr. Am liebsten würde ich die Uhr zurückdrehen. So um 32 Stunden. Das wäre gut!

Gabi schloss erschöpft ihre schmerzenden Augen, die von den vielen salzigen Tränen ganz gerötet waren. Sie spürte, dass sich schon wieder etwas angesammelt hatte und wischte sich mehrmals mit dem Handrücken über die feuchten Augen. Dann rutschte sie zur Seite, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und streckte ihre langen schlanken Beine aus. Bei diesem ruckartigen Manöver geriet jedoch ihre Handtasche ins Wanken, die mit samt den Handschuhen und Mützen und einem Regenschirm von der Holzbank rutschte, die zu ihren Füßen stand. Gabis Telefon und ein Lippenstift kullerten heraus. Und noch etwas anderes kam zum Vorschein, das mit der goldenen Schleife sowohl Mehdi als auch Gabi sofort ins Auge fiel. Schnell schnappte sich die ertappte Krankenschwester ihre schwarze Tasche und verstaute den Gegenstand, ihr Smartphone und ihren Lipgloss wieder darin. Doch Mehdis Misstrauen war geweckt...

Mehdi: Was war das? Etwa... mein Valentinstagsgeschenk?

Gabi klemmte sich ihre Handtasche zwischen ihre angezogene Knie und ihren Bauch und blickte beschämt zur Seite. Der Abend war eine absolute Katastrophe, dachte sie verzweifelt. Noch viel, viel schlimmer als der Tag, an dem sie... Sie konnte nicht weiter daran denken und atmete die bösen Gedanken weg, während eine einzelne verstohlene Träne ihren Weg über Gabis Wange suchte. Mehdi hob die restlichen Gegenstände auf und legte sie wieder auf die Bank zurück, dann rutschte er zu seiner wimmernden Freundin heran, um sie in den Arm nehmen zu können. Mit seinem Zeigefinger fing er die einzelne Träne von ihrer Wange auf und wandte sich einfühlsam an seine große Liebe...

Mehdi: Ist es das? Traust du dich nicht, es mir zu geben? Weil ich dir die größere Überraschung bereitet habe? Gabimaus, das ist doch kein Grund zu weinen. Allein die Geste zählt. Du weißt, ich würde mich über alles freuen. Hauptsache es kommt von dir und von Herzen.
Gabi: Du verstehst das nicht! Und hör auf, mich Gabimaus zu nennen! Ich hasse das!

...patzte Gabi ihren gutmütigen Freund unvermittelt an und war selber überrascht über die Heftigkeit ihres Ausbruchs. Aber wie gesagt, sie hatte komplett die Kontrolle über ihren Körper und ihr Handeln verloren. Sie wusste überhaupt nicht mehr, was sie sagte oder tat, und es tat ihr furchtbar leid, dass sie ihren Freund so im Regen stehen ließ. Dieser war nach ihrem plötzlichen Ausbruch ebenfalls irritiert und blickte seine aufbrausende Freundin fragend an...

Mehdi: Tut mir leid. Dann... dann erklär’s mir!
Gabi: Das kann ich nicht.

...kam es gewimmert von der schönen Frau zurück, die ihr Gesicht sofort wieder beschämt auf ihre zusammengezogenen Knie legte. Abgewandt von Mehdi, der sich davon jedoch nicht beirren ließ. Er legte seinen Arm um ihre Schulter und zog sie mit einem sanften Ruck zu sich heran. Kraftlos ließ sie es geschehen und lehnte ihre Schulter gegen die seine. Mehdi lächelte und wurde mutiger. Wie aus dem Nichts zog er mit seiner freien Hand eine Packung Papiertaschentücher hervor und reichte sie seiner verdutzten Freundin, die leise vor sich hin weinte.

Mehdi: Ja, was haben wir denn da? Mein Lieblingsmedikament.

Gabi (zögerlich): Danke!

Gabi kannte diese süße Geste nur zu gut von all den unzähligen Patientinnenherzen, die in der Praxis auf diese rührige Weise getröstet werden mussten. Nur hätte sie nie gedacht, dass sie diesen herzlichen Dienst auch jemals in Anspruch nehmen müsste. Trotzdem musste sie plötzlich lächeln und zog dankbar ein weißes Taschentuch aus der blauen Verpackung heraus. Sie hielt es sich an die Nase und schniefte laut hinein. Währenddessen tupfte ihr charmanter Kavaliersfreund mit einem anderen Taschentuch über ihre Augen und ließ die verlaufenen Mascaraspuren verschwinden. Als er damit fertig war, griff er nach Gabis Hand. Sie war eiskalt. Er rubbelte sie zwischen seinen Handflächen. Wieder lächelte sie und ließ sein Herz dadurch aufgehen. Sie hatte so einen Schatz wie ihn gar nicht verdient, dachte Mehdis Freundin bewegt und blickte schüchtern zur Seite.

Ihre Augen trafen sich schließlich, verfingen sich ineinander, wollten sich nicht mehr von dem anderen lösen. Gabi las in seinen treuen Kastanienaugen, wie groß und unerschütterlich seine Liebe doch für sie war und dass sie ihm wirklich alles anvertrauen konnte. Das wusste sie ja auch. Aber sie hatte viel zu große Angst, das starke Band, das sie mittlerweile verband, zu zerstören. Sie würde es nicht ertragen können, noch einmal jemanden zu verlieren. Mehdi spürte ihre Angst, deren Ursache er nicht kannte, und drückte ermutigend ihre Hand. Er führte sie an seinen Mund und küsste zärtlich jedes einzelne Fingerknöchelchen. Seine zärtliche Geste rührte Gabi zutiefst. Mehdis Vertrauen in sie war wirklich unerschütterlich. Vielleicht hatte er ja die Kraft für sie beide, die sie nicht hatte? Er war schließlich geübt darin, mit Enttäuschungen umzugehen, während sie mit so etwas überhaupt nicht klarkam. Das hatte ihr Auftritt eben eindrucksvoll bewiesen. Unentwegt blickte sie in seinen warmherzigen Augen hin und her, suchte nach Antworten und gewann zunehmend Sicherheit. Das merkte auch Mehdi erleichtert...

Mehdi: Willst du mir nicht endlich sagen, was mit dir los ist, mein Schatz?

Lorelei Offline

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24.02.2013 20:48
#1389 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Doch es kam anders. Vorerst.

Unweit von den beiden wurde vom Festsaal aus kommend, wo nach Absolvierung der üblichen Hochzeitspartyspiele mit dem glücklichen Brautpaar gerade wieder der Bär steppte und angeführt von Bärbel Haase eine Polonaise durch den Raum wanderte, eine Seitentür geöffnet, die nach draußen in den gläsernen Wintergarten führte, in dem neben den aufgestapelten Korksommermöbeln und den großen beigefarbenen Blumenkübeln für den angrenzenden Garten in aller Ruhe schon die ersten Frühblüher herangezogen wurden. An der gläsernen Außentür des Wintergartens lehnte von außen ein junger Mann und pustete fleißig Rauchkringel um Rauchkringel in den schneewolkenverhangenen Nachthimmel. Die Februarkälte schien ihm nicht sonderlich etwas auszumachen, obwohl er nur im dünnen marineblauen Jackett im zertretenen Neuschnee stand. Aber der attraktive dunkelhaarige Mann war hart im Nehmen und er hatte im Gegensatz zu manch anderem Hochzeitsgast - wie z.B. Gordon Tolkin in seinem bunten Hawaiihemd unter seinem hässlichen viel zu großen Miami-Vice-Anzug - mit seiner Kleiderwahl heute ein gutes Händchen bewiesen. Der warme lilafarbene Rollkragenpullover schützte ihn gut vor den eisigen Temperaturen auf dem Land. Nur leider nicht vor dem dummen Gequassel seiner nervtötenden Kollegen aus dem Krankenhaus.

Ein jeder schien es heute auf ihn abgesehen zu haben. Ob mit dummen Kommentaren zu seinem aktuellen Beziehungsstatus mit seiner Assistenzärztin oder mit völlig unsinnigen Fragen zu OPs, die er in dieser Woche erfolgreich absolviert hatte, oder mit der unverschämten Aufforderung zu dämlichen Partyspielchen, deren Teilnahme er im Gegensatz zum Rest der lockeren Gästerunde um ihn herum bockig verweigert hatte. Hochzeiten waren echt scheiße, das war Marcs Fazit des Tages, wenn es sich denn nicht um die eigene handelte, dachte er unbewusst im Nachsatz. Und als Gretchen, die in der allgemeinen Partylaune offenbar die Ruhe weghatte und alle albernen Sprüche an ihrer wunderschönen Außenhülle abprallen ließ, sich von Schwester Sabine, Mehdis Cousine und Mehdis Assi Kate in ein Gespräch über Sternenkonstellationen im Februar hatte verwickeln lassen, hatte er schnell die Reißleine gezogen und hatte still und heimlich Reißaus genommen, bevor seine verrückte Schwiegermutter in spe noch auf die Idee kam, ihn auf die Tanzfläche zu zerren. Sie hatte nämlich schon so komisch zu ihm rübergeschielt.

Leider hatte er während seines Fluchtversuchs nach draußen die beiden Frechdachse Sarah und Lilly, die sich ihm dreist in den Weg gestellt hatten, mit dem Versprechen bestechen müssen, vor dem Gute-Nacht-Sagen noch eine Geschichte aus dem Ärmel zu zaubern. Aber auch aus der Nummer würde er sich schon noch erfolgreich herauswinden können. Schließlich war er Dr. Marc Meier, erfolgreicher Allgemeinchirurg und jüngster leitender Oberarzt Deutschlands im besten Krankenhaus der Stadt sowie ein ungekröntes Talent im charmanten Umgang mit der weiblichen Spezies, gerade mit den Jüngsten von ihnen. Die beiden Mäusezähnchen wickelte er doch mit links um den Finger, sinnierte er grinsend vor sich hin und nahm noch einen weiteren kräftigen Zug von seiner Zigarette, während er mit seiner freien Hand gedankenverloren an dem albernen Anhänger seiner neuen Halskette herumspielte, der sich unter seinem Rolli abzeichnete.

Doch plötzlich spürte Marc einen Ruck hinter sich. Jemand drückte ihm unverschämterweise die Türklinke in den Rücken. Der Chirurg drehte sich mit grimmiger Miene herum und wollte schon lauthals loszetern, warum man ihn denn nicht einmal zehn Minuten in Ruhe lassen könne, da erkannte er aber durch die halbangelaufene Glasscheibe der Tür, an der er gerade gelehnt hatte, einen graumelierten Mann im edlen dunklen Designermantel und weinrotem Kaschmirschal, der ihn mit seinem typischen Grinsen anschaute, das auch er manchmal an den Tag legte, und ihm durch die Fensterscheibe ein dämliches Handzeichen gab. Es handelte sich um seinen Vater, der zu ihm heraustreten wollte. Marc nickte ihm zu und ging etwas zur Seite, damit der alte Herr die Glastür ganz öffnen konnte. Olivier Meier lehnte sich neben seinen rauchenden Sohn an die Scheibe, vergrub seine kalten Hände in den großen Manteltaschen, blickte zur Seite und beobachtete Marc einen Moment lang, bevor er ihn ansprach...

Olivier: Gibst du mir auch eine?
Marc (schaut ihn verwundert an u. zieht schließlich zögerlich die Zigarettenpackung aus seiner Hosentasche, öffnet sie u. reicht sie ihm): Du rauchst wieder?
Olivier (zieht eine Zigarette heraus u. zündet sie lässig mit Hilfe von Marcs Kippe an): Ich hab beschlossen, wieder damit anzufangen.
Marc (findet dieses Verhalten einfach nur albern): Och Dad!?
Mutter macht ihn echt fertig! Und dafür mache ich sie jetzt fertig. Pah!
Olivier (nimmt unbeeindruckt einen Zug von seiner Kippe, pustet den Rauch in die Luft u. sieht ihm nachdenklich hinterher): Es stört sich doch keiner daran im meiner kleinen bescheidenen Wohnung. Und die ist ja bekanntlich auch vorbelastet.
Er versucht, witzig zu sein? Na wenigstens etwas! Der war aber genauso unwitzig wie sein blöder Blumenspruch vorhin.
Marc (funkelt ihn gespielt schmollend an): Ja, ja, ich bin also schuld, dass du wieder zum Raucher mutierst. Herzlichen Glückwunsch!
Olivier (grient ihn an u. nimmt noch einen Zug): In manchen Situationen kann man eben nicht von seinem Laster lassen.
Marc (macht es ihm nach u. murmelt vor sich hin): Wem sagst du das! Aber vielleicht hör ich ja auf.
Olivier (wendet seinen Kopf erstaunt herum u. sieht ihn an): Hat Gretchen dich also rumgekriegt?
Marc (senkt seine Hand mit der Zigarette u. blickt ihn entgeistert an): Bitte? Wenn überhaupt, dann ist das meine eigenständige Entscheidung.
Olivier (grinst noch breiter): Ah ja?
Marc (lässt sich nicht anmerken, dass es vielleicht noch andere Gründe für seinen veränderten Lebensstil geben könnte, u. steckt sich lässig die Kippe wieder in den Mund): Ich will nur nicht mit fünfundvierzig so enden wie der Typ neulich, der nach drei Jahren an der eisernen Lunge noch gerade so auf den letzten Drücker die rettende Spenderlunge eingesetzt bekommen hat.
Olivier (nickt anerkennend): Dein Gesundheitsbewusstsein lob ich mir.
Marc (pustet den Rauch seiner Zigarette in Olis Richtung u. blickt grinsend auf dessen Kippe): Und ich deins.
Olivier (sieht seinen Sohn wieder etwas ernster an): Bist du immer noch eingeschnappt wegen vorhin? Das war doch nicht so gemeint. Ich wollte euch doch nur ein bisschen foppen.

Wie gesagt Meiersche Witze ziehen nicht bei mir. Äh... Meine eigenen dagegen schon!

Marc (zynisch): Ach echt? Du? Nix gemerkt! So was perlt sofort an mir ab. Aber danke, dass du es ohne Hilfe von Lernschwester Bärbel geschafft hast, Mehdi mit seinen ollen Weibergeschichten wieder von Platz eins der Klatschseiten des EKH gekickt zu haben.
Olivier (schmunzelt): Bei Bedarf immer wieder gern, mein Junge. Aus den Erzählungen deiner Kollegen hab ich ja mittlerweile mitbekommen, dass du gerne die Nummer eins spielst äh... bist.
Marc (blitzt ihn mit einem angedeuteten Ameisenblick an): Witzig, Dad! Mit ein bisschen mehr Übung kannst du vielleicht doch noch als Comedian bei den Schnarchnasen von der Charité anheuern. Aber die sind ja auch ganz einfach gestrickt, ne. Hähä!
Olivier (wieder ernster): Ich verstehe überhaupt nicht, warum du so empfindlich bist, was dieses ganz natürliche Thema betrifft. Ihr habt nach Jahren endlich zusammengefunden. Ihr habt eine Wohnung gekauft und damit in eure gemeinsame Zukunft investiert. Ihr lebt und arbeitet zusammen und seid unübersehbar glücklich. Und als alter Vater wie ich fragt man sich dann halt, warum macht der Junge den Deckel nicht einfach zu?
Marc (genervt): Boah Dad, du hörst dich schon an wie Gretchens Mutter, die auch hinter jeder Tür und an jeder Ecke lauert und schon alles minutiös durchgeplant hat. Ist euch je in den Sinn gekommen, dass wir vielleicht zufrieden sind, so wie es gerade läuft? Ich gebe schon mehr, als ich mir je hätte vorstellen können, für eine Frau zu tun, und du weißt, wie schwer es ist, Gretchen oder überhaupt ein Mitglied der Familie Haase zufrieden zu stellen. Und überhaupt ist das allein unsere Sache und geht niemanden hier im Saal oder im EKH etwas an. Also spar dir die Spitzen vor meinen Untergebenen und meinem Chef!
Olivier (wiegelt peinlich berührt ab): Gut, ich gebe ja zu, die zwei Likörchen mit Bärbel haben mich vielleicht etwas beeinflusst. Aber auf Hochzeiten macht man eben Andeutungen und schaut, wer könnten denn die nächsten sein. Mich würdet ihr auf jeden Fall sehr glücklich machen.
Marc (rollt mit den Augen): War’s das dann mit der Bergpredigt, Dad?
Olivier (kann es nicht lassen): Du hast aber schon vor, mit Gretchen zusammenzubleiben?

Sag mal, hat der Tomaten auf den Ohren!

Marc (der Bogen ist endgültig überspannt u. er reagiert dementsprechend gereizt): Was ist das denn für eine bescheuerte Frage? Hat Butterböhnchen dich vorgeschickt, um uns auszuhorchen? Dann sage ich dir jetzt mal was, es wird nicht funktionieren. Also versuch es gleich gar nicht, Dad! Wir lassen uns in nichts reinreden. Kapiert das endlich mal! Wir sind glücklich. Punkt! Okay? Und sag ihr, sie soll die Griffel vom Pfarrer lassen! Wir machen unsere Termine schon selbst, wenn wir irgendwann mal wollen. Der Arme ist schon verstört genug von der Alienhochzeit und dem Ganzen, was hier sonst noch so abgeht, und will sicherlich nicht weiter mit dem ekelhaften Obstler abgefüllt werden.
Olivier (hebt reumütig die Hände u. wedelt mit der imaginären weißen Fahne): Okay, okay, meine Taktlosigkeit tut mir leid. Ich bin ein alter Narr und ich bin emotional, wenn ich euch so zusammen sehe. Was will ein Vater mehr, als seinen Sohn in einer glücklichen Beziehung zu wissen. Und eine Frau wie Gretchen, so eine Traumfrau, muss man(n) einfach festhalten.
Marc (eindeutig zweideutig zwinkert er seinem melancholischen Vater zu): Das tue ich, Dad! Mehr als du denkst.
Olivier (seine Augen weiten sich u. er wendet seinen Blick irritiert von seinem grinsenden Sprössling ab u. der Zigarette in seiner Hand zu): Das sind mehr Informationen, als ich wissen wollte.
Marc (grinst zufrieden): Gut!
Olivier (wirft seine Kippe weg u. klopft Marc unvermittelt auf die Schulter, während er ihm gerührt in die Augen schaut): Ich bin stolz auf dich, mein Junge. Ich hätte mir gewünscht, mehr Möglichkeiten gehabt zu haben, dir das öfter sagen zu können.
Marc (merklich überfordert): Äh... Dad!?
Olivier (sentimental): Doch! Ihr macht es genau richtig. Man muss den Dingen seine Zeit lassen. Alles ergibt sich dann schon von selbst.
Marc (irritiert): Sprichst du jetzt von dir oder...

... von Mom? Scheiße ist der depri drauf. Es wird echt höchste Zeit, dass ich das wieder hinbiege.

Olivier (schenkt ihm ein aufmunterndes Lächeln): Ich hab doch gesagt, ich werde sentimental. Muss wohl am Alter liegen? Deshalb lasse ich euch jetzt auch in Ruhe. Ihr junges Gemüse wollt doch sicherlich noch ordentlich die Puppen tanzen lassen.
Marc (grient ihn an u. schüttelt den Kopf): Du bist doch nicht alt, Dad! Obwohl... Ich glaube, seit über dreißig Jahren hat keiner mehr gesagt, dass er die Puppen tanzen lässt. Ich ziehe Puppen lieber aus.
Olivier (verdreht die Augen): Das ist mein Junge! Für mich ist jetzt aber wirklich Schluss. Ich bin schon länger geblieben, als ich gewollt hatte. Ich werde mich jetzt auf den Weg zurück nach Berlin machen. Morgen früh kommt mich mein alter Freund und Kollege aus den Staaten besuchen. Da muss dein alter Herr fit sein, um ihn ein bisschen herumzuführen. Richard war das letzte Mal in Berlin, da war die Stadt noch geteilt.
Marc: Aber gehe es diesmal ruhiger an als neulich mit Franz auf der „Berlinale“. Nicht dass du wieder aus Versehen im Knast landest, weil Nachbarn dich auf fremden Grundstücken rumtreiben gesehen haben.
Olivier (lacht): Ich pass schon auf mich auf, mein Sohn. Und du hoffentlich auch auf dich?
Marc (zwinkert ihm frech zu): Och du, mach dir mal um mich keine Sorgen. Ich treibe mich gerne in fremden Gärten herum, pflanze hier und da ein Bäumchen und jage keusche Jungfrauen im rosa Nachthemd über kniehohe Hecken in den Hinterhalt. Aber angesichts der aktuellen Temperaturen ziehe ich dann doch eher ländliche Scheunen vor. Man darf sich nur nicht erwischen lassen.
Olivier (schüttelt den Kopf über seinen unmöglichen Jungen): Ach, jetzt verstehe ich. Deshalb konntet ihr also die beiden Mäuse bei ihren elternunfreundlichen Experimenten erwischen?
Marc (verschränkt grinsend seine Arme vor seiner vor Stolz geschwellten Brust): Man tut, was man kann. Ich meine, als zukünftiger Chef des besten Krankenhauses der Stadt hat man schließlich auch eine gewisse Fürsorgepflicht für seine besten... äh... für seine Mitarbeiter. Und einen Totalausfall auf der Gyn und in der Neuro sowie eine Überbelegung auf der Cardio kann ich mir echt nicht leisten. Du weißt ja, wie scheiße die Finanzlage in Berlin gerade ist.

Olivier (das verschmitzte Grinsen in seinem Gesicht weicht einem eher nachdenklichen Gesichtsausdruck): Da fällt mir noch ein, was ich dich noch fragen wollte. Franz hat erzählt, dass du zu Forschungszwecken verreisen willst?
Marc (murmelt ertappt in seinen nicht vorhandenen Bart u. versucht jeglichen Blickkontakt zu meiden): So könnte man es auch nennen.
Olivier: Wieso hast du denn nicht erwähnt, dass du zur Fortbildung fährst? Ich kann dir die Adresse von einem Kollegen aus dem Züricher Klinikum geben. Er ist Spezialist auf dem Gebiet, für das du dich in deiner Habilitation interessierst. Er betreut die neusten Studien.

Scheiße! Warum zum Teufel hab ich in dem beschissen einfallslosen Lügenkonstrukt Franz überhaupt von der Schweiz erzählt? Oh Mann, über kurz oder lang kommt das mit Mutter so was von raus. Und das nicht durch Mehdis oder Gretchens Verplappern, sondern durch deine eigene Blödheit, Meier! Hilfe! Ich bin ein Starchirurg, holt mich hier aus! Aber die neusten Studien sind schon ein interessantes Lockmittel, das ich mir in einer ruhigen Minute mal durch den Kopf gehen lassen sollte. Hmm...

Marc (zieht nervös an seiner fast aufgerauchten Kippe): Äh... danke, das... das ähm... hat sich halt so spontan ergeben.
Und das ist noch nicht mal gelogen. Danke Mehdi, dass du jetzt erst das Maul aufgemacht hast!
Olivier (sieht ihn erwartungsvoll an u. gerät ins Schwärmen): Ich bin schon sehr auf deine Ergebnisse gespannt. Dieses Projekt könnte zukunftsweisend sein. Stell dir doch mal vor, wenn man Querschnittslähmungen irgendwann doch heilen könnte und du deinen Beitrag dazu geleistet hättest.
Okay!? Du bist so was von am Arsch, Dr. Meier!
Marc (verdreht leidend die Augen, nimmt noch einen letzten beruhigenden Zug von seiner Kippe u. wirft sie anschließend achtlos in den Schnee): Das kann ich mir denken.
Und ich bin erst gespannt, was mich erwarten wird.
Olivier (schaut seinen Sohn mit stolz geschwellter Brust an): Ich bin stolz auf dich. Nicht nur was deinen beruflichen Werdegang und deine Karriere betrifft. Du machst das mit Gretchen schon ganz richtig, mein Junge. Lass dir nichts einreden, was du nicht willst.
Marc (sichtlich überfordert): Dad!? Nicht schon wieder!
Olivier (verliert sich in seinen Gedanken): Wenn ich noch einmal so jung wäre wie du, dann würde ich es genauso machen. Beruflich alles in die richtigen Wege leiten und dann erst...
Marc (sieht seinen Vater mit verständnisvollem Gesichtsausdruck an, als er ihn leise unterbricht): Sie wird zurückkommen!
Olivier (blickt ihm direkt in die Augen): Wie kannst du dir da so sicher sein?
Marc (seufzt): Das... hab ich im Gefühl.
Und ich werde schon dafür sorgen. Das verspreche ich dir hier und jetzt.
Olivier (beschämt, weil sein Sohn seinen eigentlichen Kummer erkannt hat): Tut mir leid, ich weiß auch nicht. Dein Dad ist heute ein bisschen melancholisch gestimmt. Das werde ich immer auf Hochzeiten. Und nach der Lektüre von Elkes neustem Manuskript erst recht. Achte nicht weiter darauf!
Ein bisschen?
Marc (lächelt ihn an): Komm gut nach Hause!
Olivier (erwidert sein Lächeln): Tschüss, mein Junge und meld dich aus der Schweiz!
Marc (beschämt): Mach ich!

Wenn ich dann erst mal genau weiß, was ich machen soll. Mann, ich hasse es, keinen Plan zu haben. Da sind OPs wesentlich einfacher. Da weiß man um jeden Schritt, der vor einem liegt, und macht ihn einfach, ohne groß nachzudenken.


http://www.youtube.com/watch?v=Lh2oWbaRvQg


Trotz zunehmendem schlechten Gewissens, weil er ihm (noch) nicht die Wahrheit gestehen konnte, lief Marc noch mit seinem Vater um das hell erleuchtete Hotelgebäude herum zum Parkplatz. Er drückte ihn zum Abschied kurz an sich, was für Olivier ziemlich unerwartet kam, da sein Sohn sonst eigentlich nicht der Umarmungstyp war, klopfte ihm mit einem schiefen Lächeln auf die Schulter und ließ ihn schließlich in seinen silbergrauen Mercedes einsteigen. Er schaute dem davonfahrenden Wagen noch einen Moment lang nachdenklich hinterher, bis er endgültig in der verschneiten Allee verschwunden war, dachte an das, was er vorhatte und wusste, dass er das Richtige tun würde. Durch den Haupteingang betrat der Sohn von Elke Fisher anschließend wieder das Landhotel und blieb verdutzt in der Mitte des Foyers stehen, als er Mehdi und Gabi eng umschlungen in der Garderobe sitzen sah. Sie blickten ebenso verwirrt zu ihm hoch, denn sie hatten keine Zuhörer erwartet und ihn schon einmal gar nicht. Und sie hatten Recht mit ihrem Misstrauen. Denn der Chirurg konnte sich angesichts des Bildes, das die beiden für ihn gerade abgaben, einen frechen Spruch nicht verkneifen. Die willkommene Ablenkung, die Marc Meier jetzt gebraucht hatte.

Marc: Alles klar mit euch? N’bisschen eng für nen Quickie vielleicht? Sex an öffentlichen Orten hätte ich dir gar nicht zugetraut, Mann, aber es gibt so einige Dinge, die ich dir bislang nicht zugetraut hätte. Respekt! Du wirst ja doch noch n’richtiger Kerl.
Mehdi (sieht ihn unmissverständlich drohend an): Maaarc!
Marc (etwas irritiert von der ungewohnt harschen Ansage seines besten Freundes): Bin schon weg.

Es gibt schließlich Dinge zwischen Himmel und Erde, die will man(n) nicht sehen. Wäh!

Marc hob abwehrend seine Arme, grinste die beiden Turteltäubchen noch einmal mit seinem typischen Meier-Gesicht an und drehte sich auf der Stelle um und stolperte als nächstes direkt in die Arme seiner bezaubernden Freundin, die gerade auf der Suche nach ihm aus dem Saal gekommen war. Ohne Mehdi und Gabi zu bemerken, strahlte sie ihn an und schnappte sich Marcs Hand und zog den verdutzen Mann blitzschnell mit sich zurück auf die Tanzfläche, wo sie ihre Arme um seinen Nacken legte und sich für einen Stehblues gefährlich nah an ihn heranschmiegte, was er sich trotz kurzfristiger Verwirrung natürlich gerne gefallen ließ.

Gretchen (aufgekratzt): Marc, da bist du ja! Ich hab beim DJ unser Lied bestellt. Die spielen das gleich.
Marc (überrumpelt): Äh... okay?
Gretchen (sieht ihren Traumprinzen verwundert an, weil er ungewohnt wortkarg reagiert u. ein seltsamer Ausdruck auf seinen Augen liegt): Alles in Ordnung mit dir? Dein Vater wollte sich verabschieden. Hat er dich gefunden?
Marc (nickt mit dem Kopf u. sieht nachdenklich zum Fenster hinaus): Ja, er ist gerade nach Hause gefahren.
Gretchen (lockert ihre Umklammerung, weil sie merkt, dass etwas nicht stimmt, u. sieht ihm direkt in seine traurigen Augen): Du konntest es ihm nicht sagen?
Marc (schüttelt resignierend den Kopf): Die Situation ist gelinde gesagt so richtig beschissen.
Mein armer, armer Schatz! Wenn ich dir doch nur etwas abnehmen könnte.
Gretchen (legt tröstend ihre Hand an seine Wange u. sieht ihn ermutigend an): Alles wird gut werden. Ganz bestimmt!

Woher nimmt sie nur immer diese Sicherheit?

Vielleicht sollte ich ihn nicht alleine fahren lassen? Die Situation überfordert ihn total. Er braucht mich jetzt!


Marc lächelte seinen zauberhaften Goldengel an und gab Gretchen einen innigen Kuss auf ihre süßen rosaroten Lippen, während sie langsam anfingen zum Takt ihres Liedes zu tanzen, an das so viele positive Erinnerungen geknüpft waren und das auch jetzt wieder trotz der trivialen Kitschstimme eine beruhigende Wirkung auf den besorgten Sohn von Elke Fisher hatte. Vielleicht hatte Haasenzahn ja Recht und alles würde gut werden. Seine Mutter würde widerstandslos seine Hilfe annehmen, die Therapien würden ohne Nebenwirkungen und Folgeschäden anschlagen und sein Dad würde sein Mokkapralinchen mit offenen Armen wieder empfangen und ihr ihre panische unüberlegte Flucht verzeihen. Dann könnte er sich auch wieder ganz auf Gretchen und ihren gemeinsamen Plan konzentrieren. Und vielleicht würde er Mehdi ja auch noch den Kopf waschen, um ihn endlich von seinem Gabi-Trip runterzukriegen. Oder aber er akzeptierte einfach, dass zumindest sein bester Kumpel und ehemaliger Dauerabonnent für alles Pech der Welt sein Glück gefunden hatte. Wer, wenn nicht er, hatte es verdient.


http://www.youtube.com/watch?v=bBP0ecrvlW4

Lorelei Offline

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27.02.2013 17:28
#1390 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Derweil an der Garderobe

Mehdi: Tut mir leid, Marc kann manchmal echt... Du kennst ihn ja. Ein Taktgefühl wie ein alles niederwalzender Bulldozer. Alles in Ordnung? Willst du jetzt reden?

...fragte Mehdi mit gefühlvoller Samtstimme leise seine merklich eingeschüchterte Traumfrau, der er zärtlich die Hand streichelte, nachdem er gesehen hatte, wie sein unsensibler Machokumpel Marc mit seiner blond gelockten Freundin im Saal verschwunden war und sie somit wieder unter sich waren. Gabi nickte ihrem aufmerksamen Lebensgefährten mit einem schwachen Lächeln zu, der sie immer noch fest im Arm hielt und auf sie eine ungemein beruhigende Wirkung hatte. Doch sie brauchte noch einen Moment, um sich zu sammeln. So viele unterschiedliche Gedanken und Gefühle sprudelten durch ihren Körper, dass sie kaum wusste, wo oben und unten war. Und mit dem plötzlichen Auftauchen von Arschloch Meier im wohl ungünstigsten Augenblick hatte sie auch ein bisschen der Mut verlassen, Mehdi alles zu beichten. Doch sie wollte nicht schon wieder kneifen.

Die gefühlsverwirrte Krankenschwester atmete noch einmal tief ein und aus, wagte einen vorsichtigen Blick in Mehdis treue kastanienbraune Augen, die sie erwartungsvoll, aber gleichzeitig auch etwas angespannt ansahen, und flüsterte schließlich leise die Antwort auf seine drängenden Fragen. Danach wandte sie sich jedoch schnell wieder beschämt ab und begann wieder leise in ihr Taschentuch zu weinen. Sie empfand das alles so furchtbar ungerecht. Als hätte sich die ganze Welt gegen sie verschworen. Und sie schämte sich so vor Mehdi wegen ihres hysterischen Auftritts gerade eben. Vielleicht hatte sie es doch übertrieben? Aber sie hatte die Welle der Enttäuschung leider nicht aufhalten können, die sie mit einem Mal erfasst und überrollt hatte. Die Reaktion ihres Körpers hatte sich völlig verselbständigt. Sie hatte keine Kontrolle mehr über sich und ihre Empfindungen gehabt und ihren Traummann dadurch vollkommen zu Recht sehr verunsichert. Aber damit war jetzt Schluss! Sie wollte ehrlich sein. Es betraf schließlich ihre Beziehung. Und die Beziehung mit Mehdi war ihr ernst. Ernster als alles andere auf der Welt. Es sollte daher keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen geben. Sie musste es ihm sagen, damit er verstand, was in ihr vorging, und damit er ihr vielleicht den Trost geben konnte, den sie so dringend in ihrem aktuellen Gefühlsdurcheinander gebraucht hätte.

Gabi: Ich... Ich hab... meine Tage bekommen. Das ist los, Mehdi.

Mehdi hatte ihr ruhig und vorbehaltlos zugehört und behielt auch weiterhin steten Blickkontakt auf seine wunderschöne Freundin, die ihm schon wieder aus Scham den Kopf abgewandt hatte. Er versuchte dennoch anhand ihrer allgemeinen Gestik und Körperhaltung etwas herauszulesen, doch so ganz wollten die Worte, die sie gerade leise gemurmelt hatte, nicht bei ihm ankommen und mit ihrem Verhalten in den letzten Minuten in Einklang gebracht werden. Gut, berufsbedingt hatte er schon viel mit der Spezies Frau erlebt und gerade während dieser kritischen Tage des Monats konnte, nein, musste man(n) mit allem rechnen. Der erfahrene Oberarzt der Gynäkologie hätte da Geschichten erzählen können. Aber dass wäre jetzt wohl ziemlich unpassend gewesen angesichts Gabis aktueller unberechenbarer Gemütslage.

Dass sie so aufgelöst deswegen war, war jedenfalls auch ihm neu. Nun, vielleicht lag es auch daran, dass sie erst seit kurzem so richtig zusammen waren und noch keinen dauerhaften gemeinsamen Alltag miteinander erlebt hatten, um eine entsprechende Vergleichsperspektive zu haben, die Gabis sonderbaren Zustand erklärte. Aber er kannte seine Stationsschwester schließlich lange genug, um zu wissen, dass sie in emotionalen Dingen nicht zu Übertreibungen oder gar Hysterie neigte. Zumindest nicht, was den Umgang mit ihm betraf. Ihre Zeit mit Marc war da eine ganz andere Hausnummer, die sowohl für ihn selbst, als auch für Gabi jedoch keinerlei Bedeutung mehr hatte. Mehdi war auf jedem Fall mehr als überrascht von Gabis überraschender Erklärung und das teilte er seinem nervös an einem Fingernagel knabberndem Gegenüber auch so ohne Umschweife recht plump mit.

Mehdi: Oh!
Gabi (ihr Kopf fährt sofort wieder herum u. sie funkelt ihren unsensiblen Freund an): Ist das alles, was dir dazu einfällt, Mehdi?
Mehdi (verwirrt von ihrer harschen Reaktion starrt er sie mit offenem Mund an u. weiß nicht, was er sagen, geschweige denn denken soll): Äh...
Gabi (eingeschnappt fährt sie fort, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen): So viel zum verständnisvollen Frauenarzt! Ich hätte es wissen müssen! Ich hätte es dir gar nicht erst sagen sollen.
Gott, ich hab mich bis auf alle Knochen vor ihm blamiert.
Mehdi (merklich überfordert von der Situation versucht er ihr zu helfen u. macht damit alles nur noch schlimmer): Liebes, das... das muss dir doch nicht peinlich sein. Das ist ein ähm... ganz natürlicher Prozess.
Gabi (ihre Stimme geht ungläubig eine Oktave nach oben): Bitte?
Mehdi: Ich äh... Wenn ich meine Arzttasche dabei hätte, dann... dann... Aber äh... Soll ich vielleicht... Gretchen oder Sabine mal fragen, ob sie Tampons dabei haben?
Das hat er jetzt nicht ernsthaft vorgeschlagen?
Gabi (sieht ihn an wie ein Fahrrad, läuft rot an u. zeigt ihm schließlich den Vogel): Bist du blöd? Ich vertraue dir gerade mein Innerstes an und du reagierst so?
Was hab ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?
Mehdi (vollkommen verzweifelt und hilflos): Aber du hast doch gesagt...
Gabi (ihr platzt endgültig der Kragen u. sie lässt im Zickenton alles raus): Mehdi, verdammt, ich hab mir Hoffnungen gemacht. Ich hab bis vor ein paar Minuten gedacht, ich bin schwanger. Das ist los! Aber das hat sich wohl jetzt erledigt. Ist vielleicht auch besser so. Denn wenn ich gewusst hätte, dass du so reagieren würdest, dann hätte ich lieber gleich ganz die Klappe gehalten. Also vergiss einfach, dass ich überhaupt etwas gesagt habe!

...schleuderte die brünette Krankenschwester dem verdutzten Mann, dem der Mund offen stehen geblieben war, verletzt entgegen. Sauer verschränkte sie anschließend ihre Arme vor ihrer Brust und wandte ihren Blick demonstrativ von ihrem Ignorantenfreund ab, von dem sie eigentlich eine ganz andere Reaktion erwartet hätte. Von wegen sensibel und einfühlsam. Manchmal regierte er einfach nur blöd und kindisch. Männer! GRRR!!! Mehdi war eben auch nicht viel anders als die anderen, dachte Gabi bitterenttäuscht und starrte die gegenüberliegende Wand an.

Durch ihren abgewandten Blick verpasste die wütende Frau jedoch, wie sich das Mienenspiel ihres perplexen Partners von einer Sekunde auf die andere veränderte. Erst war Dr. Kaan sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen. Er hatte aufgehört zu atmen. Sein Herz stolperte und seine Pupillen wurden größer und größer und das Klingeln in seinen Ohren immer lauter. Eine Gänsehaut überzog seinen ganzen unter einer kurzzeitigen Lähmung leidenden Körper. Dann konnte man beobachten, wie es angestrengt in Mehdis Gehirnwindungen zu rattern begann, wie sein Gesicht plötzlich wieder eine mehr als gesunde babyrosa Farbe bekam und seine großen dunklen Kulleraugen mit einem Mal anfingen zu strahlen, als wäre gerade am Horizont die Sonne aufgegangen. Mehdi wurde ganz warm ums Herz, was nun auch auf sämtliche andere Körperregionen ausstrahlte und die anfängliche Schockstarre löste. Ganz langsam hob sich seine rechte Hand und verschloss seinen sprachlosen Mund. Auf einmal ergab alles einen Sinn, dachte der Halbperser aufgeregt und begann mit der gerade aufgegangenen Sonne um die Wette zu lächeln.

Gabis seltsames Verhalten in den letzten beiden Tagen seit seiner Rückkehr von Annas Reha im Vogtland. Ständig war sie von einer Minute auf die andere unter fadenscheinigen Beweggründen aus Zimmern und Kreißsälen, ihrer Wohnung oder seiner Praxis, ja sogar von Günnis und Sabines Polterabend verschwunden. Dann ihre verträumte Abwesenheit, wenn er sie dann doch irgendwo entdeckt und angesprochen hatte. Immer schien sie mit ihren Gedanken ganz weit weg gewesen zu sein. Das kannte er so gar nicht von ihr und wenn, dann noch von ihrer Frischverliebtheitsphase, während der sie auch immer ein glückliches Lächeln auf ihren schönen Lippen getragen hatte. Er hatte das alles auf ihre Wiedersehensfreude geschoben. Wie Gabi ihn immer angesehen hatte. Dieses faszinierende Funkeln in ihren an sich schon wunderschönen dunkelgrünen Augen. Diese magischen Sprenkel, die ihn völlig durcheinander gebracht hatten und in die er sich total verschossen hatte. Er hatte sich daran gar nicht satt sehen können und hatte eine unbeschreibliche Unbeschwertheit gespürt, die von ihr ausgegangen war. Bis jetzt! Er kannte dieses besondere Funkeln in den Augen einer Frau nur allzu gut aus seiner Praxis, wenn er einer seiner Patientinnen gerade mitgeteilt hatte, dass sie tatsächlich in froher Erwartung war. Dieses pure Glücksgefühl. Er lebte für diesen Moment. Genau deswegen hatte er sich damals im Studium Marc Meiers spöttischen Kommentaren zum Trotz gegen Chirurgie und für Geburtshilfe und Gynäkologie entschieden.

Gabis geheimnisvolle Valentinstagsüberraschung, fiel es dem glücksbeseelten Frauenarzt plötzlich wie Schuppen von den Augen. Die auf dem Fenstersims aufgereihten Kerzen in ihrem unfertigen Schlafzimmer. Das atemberaubende Negligé von ihrem ersten Date. Gabis glückstrahlendes Gesicht. Ihr gefühlvoller Kuss, in dem so viel Liebe gesteckt hatte und der ihn wortwörtlich völlig umgehauen hatte. Dann ihre Enttäuschung, weil er angesichts der Turbulenzen der nächtlichen Junggesellenspritztour auf der Stelle eingeschlafen war. Sie hatte ihm etwas sagen gewollt! Auch heute Morgen, als sie so plötzlich aufbrechen musste und mit verführerischem Wimpernaufschlag die Spannung um ihr Geschenk fast ins Unermessliche hatte steigen lassen. Es hatte ihn fast verrückt gemacht, als sie ihn mit einem geheimnisvollen Lächeln auf den Lippen mit dem abgestürzten Bräutigam alleine in ihrer gemeinsamen Wohnung zurückgelassen hatte. Und dann ihr erwartungsvolles Gesicht vorhin auf der Tanzfläche, als sie verführerisch miteinander den Hochzeitswalzer getanzt hatten. Sie war heute extrem anlehnungsbedürftig gewesen. Er hatte gespürt, dass da noch mehr war als nur die Freude über den Valentinstag oder die Hochzeit ihrer Freundin. Etwas, das er nicht in Worte fassen konnte, weil es vermutlich seine Vorstellungskraft gesprengt hätte. Deshalb wollte sie unbedingt mit ihm alleine sein. Sie wollte es ihm sagen! Gabi hatte den perfekten Moment dafür abgewartet. Mehdis Herz überschlug sich fast, je schneller die Gedanken in seinem Kopf zu sprudeln begannen und allmählich ein zusammenhängendes klares Bild ergaben, und er starrte seine schmollende Freundin mit Tränenschleier in den Augen an, als er sie überwältigt von seinen eigenen Gefühlen schließlich zur Rede stellte...

Mehdi: Du... du... du bist schwanger? Oh mein Gott ! Aber... das ist ja wunderbar.


http://www.youtube.com/watch?v=0rIqBzhUmSA

Lorelei Offline

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02.03.2013 17:42
#1391 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Gabis Kopf schnellte herum und sie blickte ihren ungewohnt taktlosen Freund wie erstarrt an. Warum sah Mehdi sie denn auf einmal so gerührt an? Hatte er sie denn nicht richtig verstanden? Musste er es dadurch für sie nur noch schlimmer machen? Wie konnte er nur so unsensibel sein? Sie litt doch schon genug, weil ihr großer Traum, von dem sie bis gestern Mittag noch nicht einmal gewusst hatte, dass sie ihn überhaupt träumte, wie eine Seifenblase in der Luft zerplatzt war. Tränen stiegen wieder in ihren Augen auf, als sie Mehdi böse anblitzte und sich von seinen tätschelnden Händen losriss...

Gabi: Eben nicht! Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?
Mehdi (versucht vergeblich zu Wort zu kommen u. seine überwältigten Gefühle zu sortieren): Aber...

Doch Gabi ließ den verwirrten Halbperser einfach nicht zu Wort kommen. In ihr brodelte es gewaltig und es musste einfach raus, sonst würde sie noch platzen. Tiefe Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit, als sie sich ohne Punkt und Komma endlich alles wild gestikulierend von der Seele redete, was die vielen Tränen in den letzten Minuten noch nicht davon geschwemmt hatten...

Gabi: Nichts aber, Mehdi! Ich versteh ja selbst nicht, wie ich so blöd sein konnte, mir Hoffnungen zu machen, nur weil vielleicht ein paar Fakten dafür gesprochen haben. Weil ich ein paar Tage, gut, es waren zwei Wochen und drei Tage, überfällig gewesen bin, obwohl ich das eigentlich dank Pille sonst nie gewesen war. Oder weil ich einfach so aus meinen Pumps gekippt bin und stundenlang ohnmächtig im Keller gelegen habe und mir seit gestern auch noch ständig übel ist, obwohl ich eigentlich andauernd alles Mögliche essen könnte. Sogar die üppige Sahnetorte von Sabine, obwohl ich so etwas ekelhaft Süßes überhaupt nicht leiden kann. ... (verzieht ihr Gesicht u. schlägt sich im nächsten Moment die Hände vors Gesicht) ... Dabei müsste ich es doch wohl besser wissen. Das kann echt auch nur mir passieren. Ich bin so eine bescheuerte Kuh. Der Test hat sich eben geirrt und gut ist. Kein Grund zum Dramatisieren! Obwohl... (sieht nachdenklich von ihren Händen auf, die sie hibbelig auf ihrem Schoss hin und her knetet) ... Eigentlich hatte ich ja auf drei Tests gepinkelt und alle drei waren positiv gewesen. Das heißt doch...? Ich meine, die sind doch eigentlich zuverlässig, wenn positiv angezeigt wird? Siehst du! Da... da kann man schon mal ein bisschen durchdrehen und albern vor Schwiegermüttern vor dem Spiegel posieren. ... (fasst sich an die Stirn, schließt die Augen u. schüttelt den Kopf) ... Gott, das war so peinlich. Ich bin peinlich! Ich bin die Mutter aller Peinlichkeiten! Ich hätte den Hersteller wechseln sollen, ja, genau, aber die von der Nachtapotheke waren so genervt von mir und Chantal, dass sie mir dreimal denselben Test zum Preis von einem mitgegeben haben, nur um endlich weiter ungestört im Hinterzimmer Bundesliga gucken zu können, anstatt verzweifelten Mitmenschen zu helfen. Wahrscheinlich war die Charge fehlerhaft oder ich hab mich vor lauter Aufregung total doof angestellt. Vielleicht war aber auch der Orangensaft schlecht, den Chantal mir eingeflösst hat, damit ich endlich aufs Klo gehen konnte. Oder haben solche Teststäbchen ein Ablaufdatum? Ich hab nicht draufgeschaut. Kann Plastik ablaufen? ... (sieht Mehdi fragend an u. verwirft den absurden Gedanken gleich wieder, als sie sein verwirrtes Gesicht bemerkt) ... Ach ja, das hast du mich ja auch schon mal gefragt und da hab ich dich angeflunkert, weil ich... äh... *räusper* ... Egal! Dabei war ich mir so sicher. Ich kenn doch das Gefühl, also... wie es ist, aber diesmal war es ... ganz anders. Ich weiß auch nicht. Da war was. Ich hab mir das nicht eingebildet. Mehdi, ich hab’s echt gespürt, hier... hier drin ... (deutet auf ihr wild pochendes Herz u. wird wieder wehmütig) ..., so bescheuert sich das auch anhören mag, weil’s ja höchstens erst in der fünften, sechsten Woche sein könnte und damit gerade mal so groß wie eine mickrigkleine Erdnuss wäre. Aber ich hab’s gespürt und ich war verwirrt und glücklich und durcheinander und hysterisch. Ja, hysterisch trifft es wohl am besten. Und ich... (wischt sich mit dem Handrücken über die immer feuchter werdenden Augen) ... Gott, jetzt fang ich schon wieder an zu heulen. Ich weiß gar nicht, wo das alles herkommt. Ich will, dass das endlich aufhört! Ich will nicht mehr daran denken müssen. Auch nicht an... Mann, ich... Ich meine, es ist ja nicht dass erste Mal und trotzdem... (ringt nach den richtigen Worten, aber alles schwirrt durcheinander durch ihren Kopf) ... Ich hab einfach nicht erwartet, dass es mich so mitnimmt. ... Es nicht zu sein. Es überhaupt vielleicht sein zu können. Ich hab es so sehr gewollt, dass es fast schon wehgetan hat. ... (sieht in Mehdis aufleuchtende dunkelbraune Kastanienaugen, die sie fasziniert beobachten, u. flüstert nur noch) ... Weil’s von dir gewesen wäre. Ich kann gar nicht beschreiben, was für Gedanken und Gefühle mich seit gestern überrannt haben. Ständig muss ich daran denken, wie es wäre, ob ich dem gewachsen wäre, wie du reagieren würdest und dass ich diesmal alles anders machen möchte. Nicht so planlos, selbstsüchtig und unüberlegt wie bei... (schluckt den Rest des Satzes hinunter, weil die Erinnerungen an ihre erste Schwangerschaft und deren Ausgang zu sehr wehtun) ... Und jetzt... jetzt... ist wieder alles... vorbei. Von einer Sekunde auf die andere. Und ich bin wieder total unvorbereitet. ... (wendet enttäuscht u. resignierend ihren Blick ab u. atmet tief durch, um die aufkommenden Tränen zurückzuhalten) ... Aber wahrscheinlich ist das die Strafe für all die Dinge, die ich in meinem Leben bislang falsch gemacht habe. Ich meine, hey, ich hab ein Menschenleben auf dem Gewissen. Ich hab intrigiert, wo es nur ging, nur um mir Vorteile zu verschaffen. Ich hab Menschen manipuliert und erpresst, selbst die, die mir lieb und teuer waren. Ich hab all meine Freunde verscheucht, nur weil ich mich für jemand Besseres gehalten habe, was ich im Grund hinein gar nicht bin. Ich hab mich blenden lassen, weil ich ein besseres Leben wollte. Geld, Luxus, teure Klamotten. Wie oberflächlich von mir. Aber ich war neidisch auf alles und jeden. Ich hab die falschen Träume gelebt und es bitter bereut. Gott, ich bin sogar fast ermordet worden, weil ich nicht genug kriegen konnte. Hätte ich nicht spätestens daraus meine Lehren ziehen müssen? Aber nein, ich baue immer nur Scheiße. Ich hab mich sogar ins Hanfbusiness hineinziehen lassen, um an Kohle zu kommen. Wie bescheuert ist das denn? Und meine Familie hab ich auch verloren. Meine Mutter hatte immer recht mit ihren Vorwürfen. Ich bin schuld. An allem. Jedem, dem ich begegne, bringe ich nur Unglück. Ich hab’s einfach nicht anders verdient. Ich hab nicht verdient, glücklich zu sein. ... (Mehdi versucht sie zu trösten, um ihr zu zeigen, dass das nicht stimmt, aber sie stößt seine Hand überfordert weg u. rutscht noch ein Stück weiter zur Seite) ... Aber zumindest durfte ich es wenigstens für ein paar Stunden sein. Dieses Gefühl war... so toll. So überwältigend. So schön. Ich hätte mich wirklich gefreut, dein Baby zu bekommen, Mehdi. Deshalb bitte quäle mich nicht weiter damit! Dein rühriger Blick hilft mir jetzt auch nicht weiter. Ich bin traurig und ich will getröstet werden.

Schüchtern wagte die traurige Krankenschwester einen vorsichtigen Blick zur Seite. Der Held ihres Herzens hatte sich bislang noch nicht geäußert, wenn man mal von seiner anfänglichen Begriffsstutzigkeit absah. Vielleicht war Mehdi als Experte auf diesem Gebiet ja auch schon viel zu abgeklärt? Schließlich durfte er als Arzt Patientenschicksale nicht allzu sehr an sich heranlassen. Und sie dumme Nuss hatte sich nun vor ihm komplett zum Honk gemacht. Sie hatte nicht ernsthaft im Eifer des Gefechts die Hanfplantage erwähnt? Sie war wirklich kurz vorm Durchdrehen. Das stand definitiv fest. Ein Wunder, dass Mehdi noch nicht vor all ihren sonderbaren Launen geflüchtet war.

Verwundert registrierte Gabi dann aber, nachdem sie ihre Augen ängstlich wieder einen Spalt geöffnet hatte, dass Mehdis Glückslächeln immer noch unerschütterlich auf seinen verführerischen Lippen geschrieben stand. Obwohl sie doch gerade viel mehr über ihre aktuelle Gemütslage preisgegeben hatte, als sie eigentlich gewollt hatte. Die Worte waren einfach so aus ihr herausgesprudelt wie die Tränen einige Minuten zuvor. Aber Mehdi schaute sie immer noch an, als wäre er total high. Als hätte er eine Überdosis von den Glückspillen genommen, von denen er nach dem Verschwinden seines Kindes im letzten Jahr abhängig gewesen war, ohne dass sie etwas davon mitbekommen hatte. Oder nahm er die Dinger etwa immer noch? Er war schon manchmal ziemlich aufgedreht, wenn sie zusammen waren. Sie hatte das immer auf ihre Präsenz geschoben. Weil er total verrückt nach ihr war. Blödsinn! Gabi schüttelte entschieden den Kopf. Worüber sie sich jetzt schon wieder Gedanken machte, obwohl doch gerade andere Dinge viel wichtiger waren? Eigentlich müsste ihr Kopf vor lauter irrsinnigen Gedanken so langsam platzen. Und ihre Schläfen schmerzten in der Tat ein wenig. Sie fuhr mit beiden Händen darüber, während sie für einen kurzen Entspannungsmoment die Augen schloss.

Mehdi hatte seiner deprimierten Freundin die ganze Zeit während ihres emotionalen Gefühlsausbruchs bewegt zugehört und strahlte sie immer noch mit klopfendem Herzen und einer wilden Horde Schmetterlinge in seinem Bauch an. Er hatte sich noch nie besser gefühlt wie jetzt in diesem Augenblick, der für ihn alles veränderte. Von Glückshormonen überrollt zog er die aufgewühlte Frau plötzlich in seine Arme, an die sie sich nach einem kurzen Verwirrmoment nun auch mit ihren kalten Händen haltsuchend kuschelte, und drückte sie an sich, als gäbe es kein Morgen mehr. Genau das hatte sie jetzt gebraucht. Mehdi machte ihre keine Vorhaltungen, sondern schenkte ihr einfach nur Halt und Geborgenheit, um endlich zur Ruhe kommen zu können. Er war für sie da. Ihr Held in der Brandung. Ihr einziger Glückspokal im Leben. Sie schmiegte sich mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen erleichtert an seine Brust, an der sie seinem beschleunigten Herzschlag lauschen konnte. Glücksbeseelt murmelte Mehdi etwas vor sich hin, das sich tief in sein Hirn gebrannt hatte und das nun direkt von seinem Herzen aus gesprochen kam, und traf Gabi damit wiederum mitten ins schmerzende Herz...

Mehdi: Du bist schwanger!
Gabi (rüttelt ihn unsanft wach u. funkelt ihn enttäuscht an): Mann, Mehdi, hör auf, noch mehr in der Wunde zu bohren! Es tut schon weh genug.
Mehdi (plötzlich ganz klar u. hellwach, als er ihr eindringlich in die wütend aufblitzenden Augen schaut): Und wann fängst du endlich mal an, auf die Diagnosen deines Frauenarztes zu hören?

Gabis Mundwinkel klappten nach unten und sie starrte ihren Freund völlig entgeistert an. War er jetzt verrückt geworden? Auf welchem Planeten schwebte er denn gerade? Er konnte doch nicht ernsthaft davon ausgehen, dass es wahr war. Doch das tat der studierte Oberarzt der Gynäkologie und Spezialist auf dem Gebiet der Eins-und-Eins-Zusammenzähl-Diagnostik tatsächlich und er konnte sehr überzeugend sein.

Gabi: Äh... Was?
Mehdi (strahlt über das ganze Gesicht): Du... bist... es! Eindeutig!
Gabi (ringt um Fassung, bringt aber kein Wort heraus): Aber...
Mehdi: Jetzt sehe ich endlich klar. Dein Funkeln. Dein Ausbruch. Deine Hormone. Ich freu mich so.

Und ehe Schwester Gabi erneut Widerstand gegen die offensichtlich erste Falschdiagnose von Dr. Kaan erheben konnte, hatte Mehdi auch schon ihre zitternden Lippen mit einem zärtlichen Kuss belegt, der ihre empfindsamen Sinne nur noch mehr durcheinander brachte. Sie hatte definitiv einen Verrückten zum Freund! Einen Verrückten, der so verdammt gut küssen konnte, dass sie plötzlich doch wieder Hoffnungen auf ein positives Ende des Tages hatte.


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Lorelei Offline

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05.03.2013 14:45
#1392 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Noch Minuten nach dem gefühlvollen Kuss lag Gabi verwirrt in Mehdis Armen, sah immer wieder vergewissernd zu ihm auf und schüttelte unentwegt ihren Kopf, weil sie einfach nicht glauben konnte, was der Kindskopf ihr mit sanften Worten und einem überwältigenden Kuss mitzuteilen versucht hatte. Mehdi lächelte derweil beseelt vor sich hin und spielte verträumt mit einer Haarsträhne seiner Freundin, die sich während ihres emotionalen Supergauauftritts aus ihrer komplizierten Zopffrisur gelöst hatte. Er fand, dass Gabi total süß war, wenn sie emotional überreagierte. Da würde wohl in Zukunft noch so einiges auf ihn zukommen, aber er freute sich wie wahnsinnig darauf, jeden einzelnen dieser Momente mit ihr gemeinsam zu erleben. Denn sie würden ein Baby bekommen. Ein Baby! Das Produkt ihres gemeinsamen Glücks. Das Schicksal, das ihnen beiden früher immer so viele Steine in den Weg gelegt hatte, wies ihnen nun einen ganz anderen Weg. In eine gemeinsame Zukunft. Sie würden für immer verbunden bleiben. Das war eine überwältigende Nachricht für den Fünfunddreißigjährigen, die sich erst einmal setzen musste und so spielte er weiterhin mit einem verträumten Grinsen im Gesicht mit ihrem Haar, das er zärtlich zur Seite strich, um ungehinderten Zugang zu ihrem verführerischen Hals zu bekommen.

Mehdi pustete seiner Traumfrau in den Nacken, beobachtete, wie sich die kleinen Härchen auf ihrer samtigweichen Haut aufrichteten und tapste verspielt mit dem Zeigefinger darüber. Bei ihm löste dies ein ungemein wohliges Gefühl aus, doch Gabi zuckte zunächst zusammen. Abrupt aus ihrem verqueren Gedankenwirrwarr gerissen blickte sie dem verliebten Mann einen Moment lang in die verschmitzt aufblitzenden dunklen Augen und schmiegte ihren Kopf schließlich wohlig gegen seine starke Brust, um seine Zärtlichkeiten noch ein bisschen weiter mit geschlossenen Augen zu genießen, während seine Arme und Beine ihren zitternden Körper fest umschlossen und sie immer noch auf dem kalten Fußboden der Garderobe saßen. In ihrer kleinen Seifenblase. Fern der äußeren Welt und des lauten Trubels im Hochzeitssaal gleich nebenan. Leise murmelte die erschöpfte Krankenschwester etwas vor sich hin und erweckte damit die Aufmerksamkeit ihres Oberarztes und Freundes...

Gabi: Du kannst das nicht machen.
Mehdi (sieht verwundert zu ihr herab): Was?
Gabi (flüstert traurig): Mir falsche Hoffnungen machen. Ich stehe die Enttäuschung nicht noch einmal durch.
Sie wünscht es sich wirklich. Das ist kein Traum.
Mehdi (legt seinen Finger unter ihr Kinn u. dreht ihren Kopf so, dass sie ihn besser ansehen kann, u. blickt sie voller Liebe an): Und wenn es keine falschen Hoffnungen sind, sondern du guter Hoffnung bist?
Gabi (verdreht seufzend die Augen): Mehdi, ich hab keine Kraft mehr für bescheuerte Wortspiele und Haarspaltereien. Ich bin müde. So müde!
Mehdi (streichelt ihr liebevoll über die Wange): Okay, dann eben anders. Auf die fachliche Art.
Gabi (runzelt verärgert die Stirn): Oh! Bitte nicht!
Mehdi (stupst ihre süße Nasenspitze an u. lächelt sie hinreißend an): Oh doch! Ich will doch nur, dass du verstehst, warum ich so positiv gestimmt bin und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Mann, wenn er so guckt, dann kann ich ihm nicht böse sein. Das ist gemein. Und noch gemeiner ist, dass ich ihm jedes Wort glauben könnte, das er mir sagt. Es wäre so schön!
Gabi (kann sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen): Spinner!
Mehdi (Gabis Lachen ist wie Musik in seinen Ohren u. spornt ihn ungemein an, ihr unbedingt etwas erklären zu wollen): Nein, ein logischer Denker, auch wenn mich manch einer vielleicht nicht dafür halten würde. Also resümieren wir mal die Fakten, mein Schatz!
Gabi (versucht ihn vergeblich aufzuhalten): Mehdi, bitte!

Mehdi (lässt sich nicht beirren u. beginnt aufgeregt zu schlussfolgern): Du hast drei Schwangerschaftstests gemacht? Richtig? ... (sieht Gabi fragend an, die erst die Arme abweisend verschränkt u. dann zu Mehdis Zufriedenheit resignierend mit dem Kopf nickt) ... Dass einer mal schief läuft, kann schon mal passieren. Aber gleich drei hintereinander? Dafür ist die Wahrscheinlichkeit dann doch eher gering. Und die Dinger sind mittlerweile so konstruiert, dass die Fehlerquote rückläufig ist, gerade was positive Tests betrifft. ... (blickt in ein erstauntes Gesicht u. fährt ohne Umschweife fort) ... Du bist, wie du gesagt hast, aus heiterem Himmel ohnmächtig geworden, ohne dass es dafür irgendein Vorzeichen gegeben hätte. Schwindel ist ein weiterer Fakt, der dafür spricht. Wobei dabei noch die Frage offen bleibt, was du eigentlich im Keller gemacht hast? ... (Gabis Augen weiten sich ertappt, aber Mehdi ist gedanklich schon weiter, um es überhaupt zu registrieren) ... Aber egal, wir konzentrieren uns jetzt erst einmal auf die Tatsachen. Und eine Tatsache ist, dass du bislang über Kreislaufprobleme und niedrigen Blutdruck, die den Schwindel erklären könnten, noch nie geklagt hast. Dann ist dir neuerdings wiederholt schlecht gewesen. Da wir Magen-Darm ebenfalls ausschließen können, denn den hast du letzten Monat schon gehabt und das Antibiotika müsste eigentlich noch nachwirken, können wir unter dem Punkt „beginnende Schwangerschaftsübelkeit“ auch ein Häkchen setzen. Und apropos Antibiotika, das, meine Liebe, setzt bekanntlich die Wirkung der Pille beträchtlich herunter. Du bist bis vorhin überfällig gewesen, hast du gemeint, obwohl du sonst eigentlich immer eine regelmäßige Periode gehabt hast. Leichte vaginale Blutungen sind gerade in den ersten Schwangerschaftsmonaten keine Seltenheit, Gabi. Sie können fälschlicherweise für die Menstruation gehalten werden. Und es würde von der Zeit der Zeugung her gut passen. Du tippst ja auf Anfang letzten Monat. ... (Gabi nickt nur stumm u. Mehdi setzt sofort lächelnd mit seinem Vortrag fort) ... Dann hast du auch Heißhungerattacken, wie ich bei deinem großen Appetit auf Süßes heute eindrucksvoll beobachten konnte, vor dem du sonst eigentlich immer die Finger lässt. Du hast auf meinem Teller nicht einmal einen Krümel übrig gelassen, wofür ich übrigens noch entschädigt werden möchte. ... (grinst Gabi frech an, die ihn mit großen Augen völlig sprachlos anschaut) ... Was noch? Hmm... Du reagierst hypersensibel, bist gleichzeitig übermäßig gereizt und aufbrausend und plötzlich auch sehr nah am Wasser gebaut. Dabei weinst du sonst nie, nicht mal bei Tierdokus im Fernsehen. Deine Haut ist ganz rosig. Deine Haare glänzen. Und deine Augen strahlen voller Glück und Zuversicht, dass ich mich kaum daran satt sehen kann. Okay, jetzt gehe ich doch ins Unprofessionelle über. Tut mir leid. Aber ich kenne nun mal diesen ganz besonderen Ausdruck in den Augen einer schwangeren Frau.

Gabi (hat seiner Schlussfolgerung ungläubig gefolgt u. plappert nun munter dazwischen, als Mehdi ihr in einer kurzen Redepause endlich die Gelegenheit dazu gibt): Was bedeuten würde, dass jede glückliche Frau schwanger wäre. Dann müsstest du wohl deine Sprechzeiten deutlich ausdehnen. Auf vierundzwanzig Stunden am Tag, an sieben Tagen der Woche.
Mehdi (zwinkert ihr verliebt zu): Glaub mir, ich hab ein Auge für so was.
Gabi (bleibt skeptisch u. fordert ihn heraus): Was du die letzten Tage eindrucksvoll bewiesen hast.
Okay, Treffer für sie! Aber zu meiner Verteidigung, ich war abgelenkt. Abgelenkt von ihr und den süßen Sprenkeln in ihren wunderschönen Augen. Gerade jetzt sehe ich sie ganz deutlich vor mir. Hach...
Mehdi (wird etwas rot im Gesicht u. nuschelt verlegen): Gut, ich gebe es zu, was dich betrifft, bin ich manchmal vielleicht etwas blind.
Gott, er ist so was von verschossen in dich! Yeah! Und er würde das wirklich mit mir durchziehen?
Gabi (ihre Augen leuchten auf): Etwas?
Mehdi (kitzelt sie in die Seite): Hey, nicht frech werden! Aber dafür ist mir jetzt klar, warum du so reagierst, wie du eben zu meiner Überforderung reagiert hast.
Gabi (ist nicht kitzelig u. schaut ihm direkt in die Augen): Jetzt bin ich aber gespannt.
Mehdi (verliert sich in ihren aufblitzenden Augen): Du reagierst psychohormonell. Regelrecht atypisch. Dass ich da nicht gleich darauf gekommen bin.
Gabi (zieht die Augenbrauen nach oben): Bärchen, jetzt lass bitte das Fachchinesisch! Ich will nicht extra noch studieren müssen, um dich verstehen zu können.
Mehdi (richtet sich auf u. sieht sie eindringlich an): Dein Hormonspiegel stellt sich gerade um, Gabi. Das äußert sich auf vielerlei Arten. Die bekanntesten sind wohl Übelkeit, Geruchsempfindlichkeit, Müdigkeit, Schwindel und Spannungsgefühl in den Brüsten. Aber auch Gereiztheit und Empfindlichkeit. Das erklärt deinen Tränenausbruch ganz gut. Das ganze emotionale Chaos, dem ich gerade beiwohnen durfte.
Oh Gott! Ernsthaft jetzt?
Gabi (sichtlich verwirrt): Okay, okay, gehen wir mal davon aus, dass es stimmen würde.
Mehdi (kleinlaut): Es stimmt!
Gabi: Aber ich hab doch meine Tage bekommen? Oder... Oh Gott! Ist etwa was mit dem Baby? Das ist doch nicht normal?
Mehdi (legt seine Hände auf ihre Schultern, um sie zu beruhigen): Keine Panik! Solange du keine weiteren körperlichen Beschwerden wie verstärkte einseitige Unterleibsschmerzen und starke Blutungen hast, ist alles in Ordnung. Die meisten Blutungen in der Frühschwangerschaft sind harmlos. Sie sind auch meistens schwächer als eine normale Periode. Ist das bei dir der Fall, Gabi?
Gabi (peinlich berührt): Äh... ja, kann sein.
Mehdi (lächelt): Na also, dann ist doch alles in Ordnung.
Gabi (unsicher): Wirklich?
Mehdi (sieht sie eindringlich an u. nimmt ihre Hand, die er zärtlich drückt): Gabi, wie lange arbeiten wir denn jetzt schon zusammen auf der Gyn, hmm?
Gabi (beleidigt funkelt sie ihn an): Mach mich nicht wütend, du... du... dummer Mann!
Okay!? So viel zu psychosomatisch und hypersensibel und so. Mir fallen nicht mal mehr treffende Beleidigungen ein. Was passiert bloß mit mir?
Mehdi (lacht): Nach den aufwühlenden Erlebnissen der letzten Minuten will ich lieber nichts riskieren.
Gabi (stupst ihn an): Hey!
Mehdi (legt seinen verständnisvollen Bambiblick auf): Wenn du willst, dann checke ich dich auch noch mal komplett durch, nur um sicher zu gehen. Aber eigentlich bist du kerngesund. Die Nachuntersuchungen waren alle o. B. Einer erneuten Schwangerschaft steht nichts im Wege. Mach dir bitte keine Sorgen! Ich pass schon auf meine Maus auf.
Gabi (sichtlich gerührt): Danke!
Mehdi (zieht seine Arme fester um ihren Körper, streicht mit seiner Nase ihren Nacken u. küsst sie schließlich darauf): Na, komm mal her! Ich bin glücklich. Unbeschreiblich glücklich sogar.
Gabi (schnurrt plötzlich wie ein Kätzchen in seinen Armen): Ich auch.

Mehdi lächelte glücklich, als Gabi langsam ihr Gesicht zu ihm umdrehte und ihm bewegt in die Augen schaute. Ein Blick, der Bände sprach. Er flüsterte nur noch, als er mit seinem Kopf ihrem immer näher kam...

Mehdi: Und? Glaubst du mir jetzt?

Gabis Pupillen huschten aufgeregt hin und her, suchten immer wieder die Bestätigung in seinen fesselnden Augen. Ein scheues Lächeln legte sich auf ihre Lippen, als sie zaghaft mit dem Kopf nickte und sich dem Glücksgefühl schließlich hingab, das sie mit einem Mal erfüllte. Dann küsste sich das Paar. Zärtlich. Und voller Liebe und Zuversicht.


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Lorelei Offline

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07.03.2013 14:48
#1393 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Ein seltsames Grummeln ließ Dr. Kaan irgendwann aus dem schönsten seiner Träume wieder aufwachen. Hatte Gabi etwa gerade in seinen Kuss hinein gegähnt? Konnte das wahrhaftig sein? Der verwirrte Frauenarzt sah die Schmusekatze in seinem Arm musternd an. Ihre Wangen waren verräterisch gerötet. Er musste grinsen. Das Rosa auf ihren Wangen wechselte sofort in ein tiefes dunkles Rot. Gabi wich ertappt seinen verschmitzten Blicken aus, legte ihre Hand an ihren Mund und musste erneut gähnen. Sie hatte es nicht aufhalten können. Auch nicht Mehdis immer breiter werdendes Grinsen. So ein gemeiner Schuft, dachte die schöne Krankenschwester beleidigt, hörte aber im nächsten Moment die sanfte Stimme ihres Partners, die sie sofort und auf der Stelle besänftigte.

Mehdi (einfühlsam): Das war wohl alles ein bisschen viel heute, hmm?
Das kannst du laut sagen! Äh... Das hat er ja auch.
Gabi (schaut Mehdi verlegen an): Tut mir leid.
Mehdi (tätschelt zärtlich ihre Wange): Muss es nicht, Liebling! Du bist schwanger. Du darfst dir alles erlauben.
Gabi (verheißungsvoll leuchten ihre Augen auf): Wirklich?
Okay!? Das werde ich wohl noch bereuen. Aber hey, wie könnte ich ihr je wieder irgendetwas abschlagen. Wir bekommen ein Baby!
Mehdi (nickt): Ab heute werde ich Rücksicht nehmen und dich immer und überall auf Händen tragen. So wie... jetzt und hier!

Gesagt, getan! Der übermütige Gynäkologe sprang urplötzlich vom Boden auf, bückte sich und fuhr mit seinen beiden Händen unter Gabis Knie und eine halbe Sekunde später fand sich die Überrumpelte auf seinen Armen wieder. Schwungvoll drehte er sich mit seiner Herzdame einmal jauchzend im Kreis. Mehdi hörte aber sofort wieder auf, als er Gabis kreischenden und handgreiflichen Protest mitbekam.

Gabi (boxt ihm gegen die Brust u. sieht ihn flehend an): Mehdi, nicht! Bitte!
Mehdi (hält sofort inne u. schaut zu ihr herab): Alles in Ordnung?
Gabi (verzieht beschämt das Gesicht): Ein bisschen schwindelig vielleicht.
Mehdi (peinlich berührt entschuldigt er sich sofort mit furchtbar schlechtem Gewissen): Oh! Ähm... Sorry! Ich bin vielleicht ein bisschen übereifrig, aber ich wollte das die ganze Zeit schon machen, seitdem du mir dein kleines wunderschönes Geheimnis verraten hast.
Gabi (fordert ihn augenzwinkernd heraus u. kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, weil er so betröppelt guckt): Ein bisschen?
Mehdi (funkelt sie an, während er sie fest an sich drückt): Ich bin eben glücklich.
Gabi (beißt sich auf die Lippen u. grinst anschließend vor Entzücken): Das entschuldigt natürlich alles.
Mehdi (gibt dem Frechdachs spontan einen kleinen Kuss auf die Lippen): Eben! Komm! Ich hab eine Idee.

Ohne Umschweife tauchte Mehdi mit seiner hübschen Freundin auf dem Arm aus dem Schatten ihres geheimen Verstecks hervor, schaute sich kurz in dem menschenleeren Eingangsbereich des Landhotels um, während sie sich krampfhaft an seinem Hals festkrallte, um nicht herunterzufallen, dann ging die Schaukelei, die ihr nicht wirklich gut bekam, auch schon weiter. Denn der überdrehte Frauenarzt stieg mit ihr zusammen die Treppenstufen zu den Gästezimmern empor. Vor dem ersten der fünf Zimmer blieb er schließlich stehen und setzte seine kostbare Fracht für einen kurzen Moment ab. Er war ganz außer Atem und lehnte sich schnaufend gegen den Türrahmen, während sich Gabi ihre Sachen zurechtzupfte und sich neugierig auf der Etage umsah.

Gabi: Und was genau machen wir hier, Mehdi?
Mehdi (zieht sie zu sich in die Arme u. lächelt sie verliebt an): Ich dachte, wir könnten vielleicht einen Moment Ruhe gebrauchen, bevor wir zu den anderen zurückgehen.
Können wir nicht ganz wegbleiben?
Gabi (sichtlich gerührt ist sie den Tränen nahe): Danke! Für dein Verständnis. Für... einfach alles. Du bist so toll.
Mehdi (legt lächelnd seinen Zeigefinger an ihre weichen Lippen): Ssshht! Du bist toll!

...flüsterte Mehdi nur und küsste die Frau seines Herzens ganz spontan auf den Mund. Erst ganz zart und herantastend, dann auf Gabis Initiative hin, die von ihren Emotionen überrollt wurde, auch schon etwas ungeduldiger und ungestümer, so dass es beiden bald den Atem raubte und sie sich schnaufend gegen die Tür lehnen mussten.

Mehdi (nuschelt): Der Schlüssel?
Gabi (ist ganz weit weg): Hmm?
Mehdi (löst sich kurz von ihr u. schaut sie erwartungsvoll an): Ich hab dir doch den Zimmerschlüssel gegeben. Mein Valentinstagsgeschenk.
Gabi (kommt so langsam wieder im Hier und Jetzt an): Oh ja, ähm... klar. Moment!

Gabi wollte gerade nach dem Schlüssel für ihr Zimmer in ihrer Handtasche suchen, als es plötzlich klick machte und die Tür unerwartet nachgab, an der sie gerade mit ihrem gesamten Körpergewicht gelehnt hatten. Stolpernd fielen die beiden Verliebten in das abgedunkelte Hotelzimmer hinein und tasteten sich, nachdem sie sich wieder aufgerappelt hatten, vorsichtig nach vorn.

Gabi (grinst): Problem gelöst!
Mehdi (kratzt sich verwirrt an der Stirn über dem Pflaster): Ich... hab wohl vergessen abzuschließen, als ich vor der Trauung unsere Sachen in die Zimmer gebracht habe.
Gabi (legt ihre Arme um seinen Hals, stellt sich auf die Zehenspitzen u. lehnt sich verheißungsvoll gegen ihn): Hmm... Wo du nur immer mit deinen Gedanken bist?
Das fragt genau die Richtige.
Mehdi (schlingt seine Arme um ihre Taille u. grinst sie verschmitzt an): Überwiegend bei dir, dann natürlich bei Lilly, die sich neuerdings für Jungs zu interessieren scheint und sie sogar küssen will, und jetzt vor allem auch bei dem kleinen Wunder unter deinem Herzen.
Gabi (sieht ihn mit großen Augen an): Wen hat Lilly geküsst?
Mehdi (verdreht leidend die Augen): Zum Glück niemanden. Marc sei dank.

Es schüttelte ihn bei dem Gedanken daran. Der Familienvater würde sich wohl nie daran gewöhnen können, dass seine Tochter irgendwann einmal flügge werden würde. Und er würde seinem besten Freund wohl oder übel noch einen Drink ausgeben müssen für seine Heldentat als großer Onkel, der hoffentlich auch in Zukunft rechtzeitig zur Stelle sein würde, wenn wieder Not am Mann äh... an der Vater- bzw. Onkelfront sein würde. Der nachdenkliche Halbperser blickte Gabi wieder an, die sein Mienenspiel neugierig gemustert hatte, und hob die erneut aufgähnende Frau wieder hoch und trug sie zum großen Kingsizebett. Sanft bettete er sie darauf, schob die Rosenblüten, die darauf verstreut lagen, zur Seite und legte sich daneben, nachdem er sich seine Schuhe abgestreift hatte. Er winkelte seinen Arm an und betrachtete seine süße Freundin, die immer noch sein dunkles Jackett um ihre Schultern trug. Ihre Gesichter waren einander zugewandt. Lange schauten sie sich einfach nur lächelnd in die Augen, verständigten sich auch ohne große Worte und lauschten in der Dunkelheit dem Klopfen des Herzen des anderen, bis Gabi leise flüsternd die Stille durchbrauch...

Gabi: Ich will Sicherheit, Mehdi. Nach allem, was war.
Mehdi (legt seine Hand an ihre Wange u. sieht sie verständnisvoll an): Du bist am Montag gleich meine erste Patientin. Versprochen!
Gabi (atmet erleichtert aus, blickt aber nachdenklich durch ihn durch): Gut!
Mehdi (spürt, dass da noch etwas ist): Was ist?
Gabi (zögerlich rückt sie mit der Sprache heraus): Ist es nicht zu früh?
Mehdi (runzelt verwundert die Stirn): Die Untersuchung? Die eigentliche Sprechstunde fängt doch erst um zehn an und ich hab noch keine Termine. Ich hab also ganz viel Zeit für meine Lieblingspatientin.
Gabi (schließt für einen kurzen Moment ihre Augen, um Mehdi anschließend umso ernster anzusehen): Nein, ich meine... für uns. Wir haben den Probelauf doch noch nicht einmal richtig gestartet. Noch nicht einmal alle Möbel sind zusammengeschraubt und jetzt bin ich schon... schwanger und bringe alles durcheinander. Du musst mir glauben, ich hab es nicht darauf angelegt.
Mehdi (lächelt glücksbeseelt u. streichelt ihre Wange, während er seine Stirn gegen ihre lehnt): Das weiß ich doch. Und das ist das Schönste, was uns hätte passieren können, Gabimaus.
Gabi: Aber...
Mehdi (eindringlich): Ohne aber, mein Schatz! Das Leben lässt sich nun mal nicht nach Plan leben. Das hab ich in den letzten Jahren zur Genüge gelernt. Die unerwarteten Dinge sind doch genau das, was es erst lebenswert macht. Im Moment ist diese tolle Neuigkeit das Tüpfelchen auf dem I, nachdem wir zusammengefunden haben und ich meine Lillymaus wiederhabe. Ich habe zurück auf die Glücksspur gefunden. Dank dir!
Gabi (sieht aufgeregt in seinen leuchtenden Augen hin und her, denn Mehdi hat sie mitten ins Herz getroffen): Und Lilly? Und deine Frau? Wir wollten doch alles erst mal ganz ruhig angehen? Gerade jetzt, wo deine Frau noch in der Reha ist und am Laufen lernen und eurer Scheidung hart zu knabbern hat und wo deine Tochter offenbar deine ganze Aufmerksamkeit braucht.
Mehdi: Aber das hat sie doch. Ich lasse meinen Augenstern nicht unbeobachtet. Nicht nachdem, was ich heute erfahren musste. Und mit Anna ist alles geklärt. Sie weiß, was du mir bedeutest. Sie kennt mich gut genug, um zu wissen, wie ich mir die Zukunft vorstelle. Du... Ihr seid meine Zukunft. Das Leben passiert einfach. Wir sind passiert. Und das ist toll. Mach dir nicht so viele Gedanken und zweifele nie wieder an dir oder uns! Alles ist gut und richtig so, wie es gerade ist. Genieß das Gefühl! Ich tue es jedenfalls. Sehr sogar. Ich könnte Bäume ausreißen, so aufgeregt bin ich.
Gabi (sieht ihren Traumprinzen voller Liebe an): Ich glaube, ich war noch nie zuvor so glücklich wie jetzt.
Mehdi (lächelt verklärt): Na siehst du, das ist doch die Hauptsache. Wir lieben uns und wir bekommen ein Baby. So ist es perfekt. Perfekter als perfekt.
Gabi (stimmt ihm zu u. murmelt verträumt vor sich hin): Wir bekommen ein Baby.

Beseelt von diesem wunderschönen Gedanken schlief Gabi schließlich erschöpft in Mehdis Armen ein. Die Aufregung der letzten emotionsgeladenen Minuten hatte endgültig ihren Tribut gezollt. Mehdi beobachtete die schlafende Schönheit in seinen Armen noch ein Weilchen mit verträumt verklärtem Blick. Er robbte etwas heran und kraulte zärtlich ihren in zarte dunkelblaue Seide gehüllten flachen Bauch, in dem ein kleines Wunder heranwuchs, das sie beide geschaffen hatten, dann folgte auch er ihr in einen träumerischen Schlaf. Er hatte diesen bedeutvollen Traum schon so oft geträumt in letzter Zeit. Er verfolgte ihn schon eine ganze Weile. Schon seit der Zeit, als er noch im endlosen Gefühlschaos zwischen zwei zauberhaften Frauen gesteckt hatte und sich nicht entscheiden konnte. Aber mittlerweile hatte er sich entschieden.

Er lag in einem gemütlichen mit weiß-lila Blütenbettwäsche bezogenem Bett. Durch das große Seitenfenster fielen die ersten Sonnenstrahlen des Morgens in das geräumige mit dezent weißen Möbeln eingerichtete Schlafzimmer und kitzelten seine Nasenspitze. Er wollte noch nicht aufwachen und drehte sich nasekräuselnd auf die andere Seite. Das wohlige Gefühl, das er empfand, war einfach noch zu schön, um es schon loszulassen. Aber aus der Ferne hörte er jemanden kichern. Nein, es waren gleich mehrere Stimmen auf einmal, die leise durcheinander tuschelten und schmunzelten. Sie kamen näher. Er hörte das Tapsen nackter Füßchen. Und einen Moment später spürte er auch schon, wie das Bett unter ihm nachgab. Es knarrte verdächtig auf den Dielen des dunklen Laminatbodens und sechs dünne Ärmchen schlangen sich urplötzlich um seinen schlaftrunkenen Körper.

Eine der Besitzerinnen hatte er schnell geschnappt, obwohl er die Augen noch geschlossen hielt. Jetzt erst öffnete er sie. Kastanienbraun traf auf Kastanienbraun. Lilly, die deutlich größer geworden war, als er in Erinnerung gehabt hatte, kicherte albern, als sie neben ihrem Papa auf dem weichen nach Blumen duftenden Kopfkissen landete und auch die anderen beiden Rabauken griffen nun beherzt in das lustige Spiel ein. Eine wilde Kissenschlacht entbrannte im Kaanschen Schlafzimmer, bis sich alle erschöpft nebeneinander in den Armen lagen und zu dem selbst gebastelten Schmetterlings-Mobile, das über dem Bett hing, blickten. Mehdis Blick fing jedoch einen Schatten an der Tür ein, der ihn von dem von Kinderhand gebastelten Kunstwerk ablenkte. Eine Frau im langen lilafarbenen Morgenmantel stand dort mit einer dampfenden Kaffeetasse in der Hand, die gerührt die Szenerie verfolgt hatte und die ihn sofort mit ihren ihn fixierenden dunkelgrünen Augen in ihren Bann zog: Gabi! Seine wunderschöne Gabi! Endlich hatte sein Traum ein Gesicht bekommen. Er war dessen Erfüllung nie näher als jetzt in diesem Moment. Er würde mit Gabi eine Familie haben. Endlich eine richtige Familie, davon träumte auch die dunkelhaarige Frau neben ihm im weichen Hotelbett, legte schlaftrunken ihre Hand auf Mehdis über ihrem Bauch und lächelte zufrieden vor sich hin. Sie waren beide endlich angekommen.


http://www.youtube.com/watch?v=PeKE2Z-9HVM

Lorelei Offline

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09.03.2013 22:40
#1394 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Von Ankommen im wörtlichen Sinne war dagegen bei einem anderen glücklich verliebten Pärchen noch keine Rede, obwohl der männliche Part des Traumpaares immer mal wieder einen drängelnden Versuch unternommen hatte, um der gefühlt Jahrzehnte dauernden rosaroten Hochzeitshölle endlich entkommen zu können, um den Abend gemütlich zuhause nackt im eigenen Bett ausklingen lassen zu können. Aber der dominantere weibliche Part des Paares war unerbittlich gewesen. Stur wie eine Eselsdame ließ sie nicht mit sich reden. Nicht einmal als er das ausschlaggebende Argument eines nackten Adoniskörpers aus dem Hut gezaubert hatte, mit dem sie alle verruchten Dinge anstellen könne, die ihr gerade in den Sinn kämen, und den er ihr mit seinem überzeugendsten Ich-krieg-sie-eh-rum-Charmeblick offeriert hatte. Aber Haasenzahn hatte sein äußerst verlockendes Angebot abgewiesen. Einfach so. Mit einem frechen Augenzwinkern und dem unverschämten und völlig unlogischen Argument, sie hätten doch gerade erst gepunktpunktpunkt. Dabei war in seinen Augen doch nach dem Sex vor dem Sex. Doch der Goldengel in dem sexy Kleid wollte einfach nicht. Sie hatte ihn sogar ausgelacht und als Spinner bezeichnet und zum Getränkeholen abkommandiert. Unverschämtheit! Und er hatte das auch noch mit sich machen lassen. Wie ein Trottel hatte er mit dem Tablett vor der kichernden Mädchenmeute gestanden, die ihn wie Frischfleisch gemustert hatte. Eine Frechheit, dass sich sein Kumpel Mehdi gerade jetzt verdünnisiert hatte. Mit einem Leidensgenossen hätte er das eine oder andere Bierchen trinken und sich verbal auskotzen können. Aber nein, der verknallte Dorfdepp vögelte ja lieber in der Garderobe. Jetzt waren ihm nur noch der besoffene Sanitäter, der leidend dreinblickende Pfarrer und die irre Verwandtschaft vom Leichenbestatter geblieben, die mit ihm an der Bar anstießen. Das Leben war doch echt beschissen ungerecht. Und er kam hier einfach nicht weg aus der Hochzeitshölle.

Gretchen hatte sich nun mal sehr zu seinem Unwillen in ihren hübschen Sturkopf gesetzt, die ach so tolle Hochzeitsfeier bis zur letzten Minute mit allen Schikanen ausleben zu wollen, weil sie sich so sehr für ihre neue beste Busenfreundin Sabine freute, die endlich den Deckel für ihren Topf, Pot, ach was, für ihren Hexenkessel gefunden hatte, um den sie in seiner Vorstellung wahrscheinlich bei Vollmond auf Waldlichtungen immer gerne herumtanzte, dabei die kitschigsten Fisher-Zitate rezitierte und ihre stinkenden Cremes zusammenbraute. Versteh einer die Frauen, dachte Marc Meier wehleidig und senkte geknickt sein Haupt. Und jetzt hatte er sich noch mehr in die Misere geritten und hatte sich widerwillig von dem grinsenden Gretchen überreden lassen, mit der Deckelbesitzerin zu tanzen, weil es sich, warum auch immer, O-Ton Haasenzahn, nun mal so gehörte. Als Chef der Station. Aus Respekt und weiß der Geier warum noch. Schließlich hatten der Professor und Schwester Sabine auch schon eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt. Und jetzt war eben der direkte Vorgesetzte der Stationsschwester der chirurgischen Abteilung des Elisabethkrankenhauses an der Reihe. Sie sah schließlich immer ehrfürchtig zu ihrem hochgeschätzten Herrn Doktor auf. Das tat die Nervensäge vom Dienst aber jetzt in diesem Moment nicht gerade.

Stattdessen hielt sie verkrampft seine Hand, drückte sie fast zu Tode mit ihrem nassen Patschehändchen und blickte die ganze Zeit beschämt auf ihre weißen Tanzschühchen, ehrfürchtig darauf bedacht, ihm ja nicht tollpatschig auf die Füße zu latschen und einen Meierschen Anschiss zu riskieren. Tzz... Als ob er sich das in Gegenwart von Franz Haase getraut hätte. Marc wollte lieber nicht wissen, wie bescheuert er mit der Stasi-Sabsi als Tanzpartnerin gerade aussah. Er konzentrierte sich lieber auf Gretchens Hintern, der reizvoll vor ihm hin und her wackelte und vom Leichenfledderer über das Parkett geschoben wurde. Zumindest bewies der seltsame Kauz Anstand und behielt seine Finger da, wo sie auch hingehörten. Sonst könnte der seine Hochzeitsnacht nämlich gleich zusammen mit Gordon, der auch ständig seiner Freundin mit Glotzblicken nachstellte, in der Notaufnahme verbringen. Der Krankenwagen stand ja bereits vor der Tür. Aber Dr. Gummersbach zeigte sich als der perfekte Gentleman. Erstaunlicherweise, wo doch Marcs Erachtens nach noch weniger Mann in ihm steckte als in Dr. Kaan, der immer noch nicht als sein Retter in der Not aufgetaucht war. Irgendwie sah Günni aus wie der perfekte Schüler einer Tanzschule. Perfekte Armhaltung, gerader Rücken, geschwungene federleichte Bewegungen, die es aussehen ließen, als würde Gretchen über dem Parkett schweben.

Der Nerd des EKH hätte sich besser bei „Let’s dance“ bewerben sollen, als die blonde Bewegungslegasthenikerin zu heiraten, die er gerade herumschupsen musste, dachte Marc neidvoll und verzog sein Gesicht, denn Schwester Sabine war ihm soeben plump auf die Füße gelatscht, wofür sie sich nun auch noch tausend Mal devot bei ihm entschuldigen musste, bis ihm schmerzhaft die Ohren klingelten. Dr. Meier nahm dies und die Tatsache, dass gerade die Musik wechselte, zum Anlass, dem Elend endlich ein Ende zu bereiten. Galant wie er manchmal in Gegenwart so manch hübscher Frau sein konnte, gab er der verdutzten Krankenschwester einen Handkuss, drehte sie noch einmal schwungvoll um ihre eigene Achse herum und ließ die erstarrte Frau einfach mitten im Raum stehen und klopfte etwas zu kraftvoll beim Gummersbach ab, der sich daraufhin die schmerzende Schulter rieb und verwirrt zu seiner sprachlosen Ehefrau stolperte, um mit ihr den nächsten Tanz zu starten. Grinsend schlangen sich Marcs Arme wieder um den weiblichen Körper, den er am besten kannte und am liebsten mit seinen Händen erkundete, und verdrehte damit noch einer anderen Frau als der Braut so ziemlich den Kopf...

Gretchen: Marc?
Marc (positioniert seine Hände direkt auf ihrem verführerischen Hinterteil, drückt sie besitzergreifend an sich, knabbert frohlockend an ihrem Ohrläppchen u. säuselt ihr heiser ins Ohr): Dafür, meine Liebe, wird sich Dr. Meier noch bitterlich bei dir rächen. Darauf kannst du deinen letzten Schokoriegel verwetten.
Gretchen (bekommt augenblicklich eine Gänsehaut am ganzen Körper u. antwortet keck): Na, das will ich ja wohl hoffen.
Marc (klappt sprachlos die Kinnlade herunter): Machst du mich gerade an?
Gretchen (verschränkt ihre Arme in seinem Nacken u. schmiegt sich augenzwinkernd an ihn): Davon solltest du ausgehen, Marcilein.
Marc (funkelt sie atemlos an): Du pokerst ziemlich hoch, Haasenzahn.
Gretchen (grinsend streift sie mit einem Finger über seinen angespannten Brustkorb): Hmm... Du weißt doch, wie gut ich das spielen kann.
Marc (frisst sie mit seinen gierigen Blicken regelrecht auf): Ich weiß. Ich guck mir noch heute gerne das Video von deinem Absturz nach dem Klassentreffen an. Aber wenn du heute hier auch noch auf die Idee kommen solltest, einen flotten Striptease auf die Bühne zu bringen, dann muss Dr. Meier wohl oder übel schärfere Maßnahmen einleiten, um dich zu stoppen. Deine wippenden Hüften sind nur für seine Augen bestimmt.
Gretchen (verdreht die Augen u. boxt ihm beleidigt in die Seite): Boah! Du Schuft! Ich glaube, ich überlege mir doch noch mal, ob ich mit dir mitfahre oder nicht.
Marc (hält abrupt inne u. sieht sie mit ernster Miene an): Bitte? Haasenzahn, du weißt genauso gut wie ich, dass das nicht möglich ist.
Gretchen (enttäuscht, weil die aufgeladene Stimmung mit einem Mal zu Ende ist): Aber warum denn nicht?

...flüsterte Gretchen traurig und blickte ihren Tanzpartner mit großen blauen Kulleraugen an, so dass ihm gleich ganz anders wurde. Marc seufzte und legte eine Hand an ihre Wange. Bedächtig streichelte sein Daumen über ihre weiche Haut. Sein Blick dabei sprach Bände. Es ging einfach nicht. Seine Mutter würde ihn nicht mal mehr mit dem Hintern angucken, wenn er mit Gretchen im Schlepptau in der Klinik aufkreuzen würde, in der sie sich vor aller Welt und vor allem vor ihrer Familie versteckt hielt.

Marc: Eben darum.
Gretchen: Ich will aber nicht, dass du das alleine durchstehen musst, Marc.
Marc: Ich bin nicht alleine, Haasenzahn.

...flüsterte Marc nun seinerseits und holte die Kette mit dem Schmetterlingsanhänger hervor, die unter seinem Rollkragenpullover versteckt war. Gerührt, weil er ihr Geschenk tatsächlich als solches mitsamt seiner vielsagenden Bedeutung angenommen hatte, blickte Gretchen ihren „Mann“ an und küsste ihn spontan zärtlich auf die Lippenspitzen, um ihm Mut zu machen. Sie wusste, in seinem Innern war Marc immer noch der kleine hilflose Junge, der nicht mit seinen Gefühlen umzugehen wusste, aber zumindest reagierte er nicht mehr ganz so bockig wie früher und schlug nicht alles verbal kurz und klein, wenn ihm jemand darauf ansprach und gut gemeinte Ratschläge geben wollte. Marc war stark und überlegt. Er würde diesen Weg schaffen. Schließlich war sie ja auch noch da und noch gab sie sich nicht geschlagen. Sie würde ihm beistehen, egal wie. Es hieß ja nicht umsonst, in guten, wie in schlechten Zeiten.


http://www.youtube.com/watch?v=8BRJTyIC9lE

Lorelei Offline

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12.03.2013 14:45
#1395 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Eine Etage über dem sich verliebt küssenden Paar auf dem Gummersbachschen Tanzparkett dominierten eindeutig die guten Zeiten. Gabi Kragenow war soeben aus ihrem kurzen Nickerchen wieder aufgewacht und wischte sich gähnend über ihre müden Augen, ehe sie sich etwas aufrichtete und sich in dem dunklen Gästezimmer umschaute, um sich zu orientieren, wo sie sich überhaupt befand. Mehdi Kaan war dagegen schon ein bisschen länger wieder wach gewesen und hatte seine schlafende Freundin, der er sein Jackett liebevoll als Ersatzbettdecke zurechtgerückt hatte, verliebt beobachtet. Der werdende Vater hing seinen Gedanken nach, plante bereits eifrig die Einrichtung eines zweiten Kinderzimmers in ihrer gemeinsamen neuen Wohnung und malte sich die Zukunft in den schönsten Farben aus, als er bemerkte, wie Gabi sich neben ihm streckte und reckte und ihn anschließend mit einem süßen verlegenen Lächeln ansah, das sein Herz gleich wieder höher schlagen ließ. Konnte jemand auch verschlafen so sexy und süß aussehen?

Gabi: Wie lange war ich weg?
Mehdi (schlingt sofort lächelnd seine Arme um Gabis Traumkörper u. vergräbt ihren betörenden Duft einatmend sein Gesicht in ihrem Nacken): Nur ein paar Minuten.
Gabi (weiß überhaupt nicht wohin mit ihren Gedanken und Gefühlen): Ach? Na dann?
Mehdi (merkt sofort, dass etwas nicht stimmt, löst sich etwas von ihr u. beobachtet sie argwöhnisch aus dem Augenwinkel): Was ist? ... Weinst du etwa schon wieder?

Och nee, jetzt fängt das schon wieder an. Wieso muss ich denn jetzt schon wieder heulen? Diese bekloppten Hormone, echt!

Gabi (dreht ihr Gesicht beschämt zur Seite u. schluckt die aufkommenden Tränen hinunter): Nein!
Mehdi (legt seine Hand unter ihr Kinn u. zwingt sie so, ihn wieder anzusehen): Was bedrückt dich noch? Du kannst mir alles sagen. Dir muss nichts peinlich sein, wirklich nicht, mein Schatz. Ich bin immer für dich da.

Er ist so verdammt lieb. Ich weiß doch auch nicht, was schon wieder ist.

Gabi (zögerlich): Nichts! Es ist nur...
Mehdi (schaut sie mit seinen großen Kulleraugen an, so dass ihr gleich ganz anders wird): Was?
Gabi (senkt verlegen ihren Blick u. zuckt mit den Schultern): Ich... hab mir das nur irgendwie ... naja... anders vorgestellt.
Mehdi (seine Neugier ist endgültig geweckt): Was denn?
Gabi (traut sich dann doch wieder, ihn anzusehen): Wie ich es dir sage. Jetzt hab ich die ganze Zeit nur geheult und dich blöd angemacht. Dabei wollte ich doch... Ich hab mir das alles so schön überlegt. Mit dem Päckchen, den Anziehsachen, den Kerzen und vielleicht Rihanna als Hintergrundmusik. Bescheuert, nicht?

Diese Frau ist einfach... der Wahnsinn! Wie könnte ich sie nicht dafür lieben?

Mehdi (lächelnd lehnt er sich mit um Gabis Bauch geschlungenen Armen an das Bettende zurück, stützt sein Kinn auf ihrer Schulter ab u. beginnt mit sanfter Stimme zu reden): Gar nicht! Komm mal her! Vorschlag! Wir spulen die Zeit einfach ein Stück zurück. Vielleicht auf... gestern Abend, den wir diesmal aber nicht getrennt verbringen werden, weil wir unseren Freunden helfen müssen.
Gabi (neigt ihren Kopf ein wenig u. sieht ihn mit verklärtem Blick an): Du bist ein Kindskopf.
Mehdi (lachend drückt er ihr einen kleinen Kuss auf die nackte Schulter): Nein, ich schaffe uns nur wunderschöne Erinnerungen an den bislang schönsten Tag in unserem gemeinsamen Leben.
Gabi (schmiegt sich noch fester in seine starken Arme, in denen sie sich unheimlich geborgen fühlt, u. himmelt den Kindskopf an): Klingt gut!

Mehdi (mit aufgesetzter Denkerpose und einem frechen Grinsen auf den zuckenden Mundwinkeln setzt er seine Erzählung fort): Also... Wir haben einen wunderschönen romantischen Abend in einem sündhaft teuren In-Restaurant verbracht, waren anschließend in unserem Lieblingsclub Salsa tanzen und dann unter dem Sternenhimmel am Spreeufer spazieren. Es hat leicht geschneit. Du hattest diese hohen Schuhe an. Die mit den spitzen Absätzen. Deshalb hab ich dich, Gentleman wie ich bin, die letzten Meter nach Hause getragen.
Gabi (genießt das Spiel u. beginnt ihn zu reizen): Hast du?
Mehdi (blitzt sie grinsend an): Was? Traust du mir das etwa nicht zu? Ich kann dich mit Leichtigkeit heben, Fräulein Kragenow.
Gabi (funkelt ihn verführerisch an): Ich weiß. Was ist dann passiert?
Mehdi: Wir wollten noch nicht gleich schlafen gehen.
Gabi (grinst über das ganze Gesicht): Hmm... Das klingt ganz nach meinem Geschmack.
Mehdi (kann förmlich ihre Gedanken lesen u. kann sich deshalb ein Schmunzeln nicht verkneifen): Nicht so wie du denkst. Der Valentinstag war gerade einmal eine Dreiviertelstunde alt und ich konnte mich einfach nicht zurückhalten und hab dir dein Geschenk schon jetzt gegeben.

Gabi (murmelt verliebt vor sich hin): Der Schlüssel zu deinem Herzen?
Mehdi (kitzelt sie in die Seite): Erzähle ich die Geschichte oder du?
Gabi (verdreht die Augen): Entschuldige. Ich bin schon still.
Mehdi (gibt ihr grinsend einen kleinen Kuss auf die Wange): Brav! Wir saßen also etwa in derselben Position wie jetzt in unserem Schlafzimmer auf der Matratze auf dem Fußboden. Ich habe dir gerade versprochen, dass ich die Möbel noch heute zusammenbauen werde. Wie damals, als du mich hinterlistig in deine Wohnung gelockt hast.
Gabi (dreht ihren Kopf etwas zur Seite u. klimpert verheißungsvoll mit ihren langen Wimpern): Die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.
Mehdi (strahlt über das ganze Gesicht, als sie das sagt): Ja! Ich weiß gar nicht, wann du das alles organisiert hast, aber du hast unser Zimmer wunderschön dekoriert. Du hast Kerzen angezündet und auf dem Fenstersims aufgereiht. Leise Kuschelrockmusik lief im Hintergrund. Dein aufgeregtes Lächeln im matten Lichtschein der Kerzen war einfach hinreißend, als ich dir den symbolischen Schlüssel gegeben habe. Für ein Wochenende in einem romantischen kleinen Hotel mitten in der Natur. Nur für uns beide. Um dem turbulenten Alltag zu entkommen, der seit unserem Neustart auf uns wartet. Du hast dich so gefreut. Du hast mit dem Mond, der durch die Gardinen lugte, um die Wette gestrahlt. Wir haben uns geküsst. Trotzdem konntest du deine Nervosität nicht ganz ablegen, denn jetzt war dein Geschenk an der Reihe.

Mehdi pausierte einen Augenblick mit seiner romantischen Valentinstagsgeschichte und blickte seine Zuhörerin erwartungsvoll an. Gabi blickte verwundert zwischen seinen vielsagenden Augen hin und her, bis sie registrierte, dass sie jetzt offenbar an der Reihe war, die wunderschönste Erzählung, die sie je gehört hatte, wahr werden zu lassen. Also nickte sie dem ungeduldig wartenden Erzähler zu und griff beherzt nach ihrer schwarzen Handtasche, die neben dem Bett auf dem flauschigen Vorleger lag. Gabi klappte sie auf, wühlte kurz darin und legte sie eine Sekunde später wieder zur Seite. Die aufgeregte Krankenschwester hielt das kleine weiße Päckchen mit der Goldschleife in der Hand, das sie seit heute Morgen wie eine schwere Last mit sich herumgetragen hatte, und reichte es nun mit klopfendem Herzen und zittrigen Händen ihrer großen Liebe, die es zitternd entgegennahm. Mit dieser Geste schaffte es seine Freundin tatsächlich, Mehdi kurzfristig aus dem Konzept zu bringen. Er hatte zwar vorhin in der Garderobe schon einmal einen kurzen Blick auf ihr Valentinstagsgeschenk werfen können, bevor sie es wieder hektisch vor ihm versteckt hatte, aber er hatte keine Ahnung, was sich darin befinden könnte. Dementsprechend betröppelt schaute er deshalb auch Gabi an...

Mehdi: Für mich?
Gabi (nickt nervös u. sieht abwechselnd zwischen seinen Augen u. seinen Händen hin und her): Ja!
Mehdi (setzt nach einem kurzen nervösen Räusperer seine Erzählung fort): Ich... äh... habe also dein Geschenk in die Hand genommen, habe dich angelächelt und nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen und habe langsam die Schleife abgezogen. Ich glaube, du hast sogar aufgehört zu atmen, als ich den Deckel des Päckchens abgehoben habe und hineinge... (stockt abrupt u. sieht sprachlos auf den Inhalt des Geschenks, den er jetzt mit zittrigen Fingern herausnimmt) ... Sind das...?
Gabi (sieht ihm scheu in die Augen, weil ihr ihre Idee mittlerweile ziemlich peinlich und albern vorkommt): Ja!
Mehdi (weiß für den ersten Moment nicht, was er sagen soll, u. versucht es mit übertriebener Lockerheit zu überspielen): Wow! Ähm... Du... du... hast für mich gestrickt?

Was?

Gabi (abrupt aus ihrer Traumblase aufgewacht, stupst sie den Spaßvogel an): Idiot!
Mehdi (grient sie schelmisch an, als er seine Umarmung um ihren Körper festigt u. verliebt an ihren Haaren schnuppert): Tut mir leid, aber den musste ich einfach bringen. Also noch mal von vorn. .... Ich halte also die beiden winzigkleinen gelb-weiß gestreiften Söckchen in meinen Händen, bin völlig gefesselt und verwirrt davon und schaue schließlich auf. Dir direkt in deine wunderschönen aufleuchtenden Augen, deren kleine süße Sprenkel eine so ungemeine Faszination auf mich ausüben, dass ich gar nicht aufhören kann, sie anzustarren. Die Antwort auf meine ungläubige Frage, die mir schon auf den Lippen liegt, aber die ich vor lauter Aufregung kaum loswerden kann, steht in deinen strahlenden Augen geschrieben, die unsicher hin und her wandern und meine Reaktion abwarten. Ich erlöse dich schließlich, als ich dich in den Arm nehme und direkt frage, ob du schwanger bist. Und du antwortest leise...
Gabi (sieht aufgewühlt in seinen Augen hin und her u. lässt sich in seine Umarmung fallen): Ja! Ich glaube, ja.

Gott, ich bin so glücklich. Ich könnte die ganze Welt umarmen.

Mehdi (zieht seine schwangere Freundin stürmisch in seine Arme, drückt sie heftig an sich u. küsst sie schließlich voller Inbrunst und Liebe): Aber das... das ist ja wunderbar, antworte ich überglücklich und völlig überwältigt mit Tränen in den Augen und will dich gar nicht wieder loslassen. Du... bist...schwanger!
Gabi (löst sich schließlich atemlos von seinen sinnlichen Lippen u. legt ihre Hand auf seine Brust, unter der sein Herz heftig puckert): Diese Version unserer Geschichte werde ich immer in Erinnerung behalten.
Mehdi (lächelt verliebt vor sich hin): Und ich werde mich jedes Jahr am Valentinstag an genau diesen Moment zurückerinnern, an dem du mich zum glücklichsten Menschen auf der Welt gemacht hast.
Er liebt mich! Zum ersten Mal werde ich nicht weggeschupst. Dafür liebe ich ihn umso mehr.
Gabi (kann nicht anders, als ihn erneut zärtlich zu küssen): Mehdi! Ich lieb dich so!

Nach einem endlosen gefühlvollen Kuss, der ihr Glück ein weiteres Mal besiegelte, löste sich das verliebte Paar wieder und sah sich lächelnd in die glückstrahlenden Augen. Gabis Blick ging tiefer und blieb an der Hand haften, die Mehdi unentwegt über ihren Bauch streichelte. Er hatte sich die Babysöckchen über zwei Finger gestreift. Es sah ulkig aus, fühlte sich aber unglaublich gut an. Ihre eigene Hand lag immer noch direkt über seinem aufgeregten Herzen. Sie löste sie und stutzte verwirrt, als sie sah, was sie während ihres hormongeladenen Gefühlsausbruchs angerichtet hatte.

Gabi: Dein Hemd ist ja ganz nass und verschmiert. War ich das etwa?
Mehdi (sieht nun ebenfalls verdutzt an sich herunter u. schmunzelt): Das macht doch nichts.
Gabi (urplötzlich kommt alles wieder hoch, inklusive des schlechten Gewissens): Ich bin total ausgeflippt.
Mehdi (schüttelt entschieden den Kopf u. blickt sie verliebt an): Quatsch!
Gabi (schluchzt schon wieder herzerweichend): Doch!
Mehdi (legt beide Hände an ihre Wange, um sie zu beruhigen): Deine Hormone sind mit dir durchgegangen. Das ist alles. Das ist ein ganz normaler Vorgang. Und so weiß ich jetzt wenigstens, was auf mich in den nächsten Monaten zukommen wird.
Gabi (die Tränen sind schnell wieder vergessen u. sie kuckt ihn beleidigt an): Eh!
Mehdi (lacht): Du wirst die süßeste und aufregendste Schwangere sein, die ich kenne.
Gabi (verdreht die Augen u. ärgert sich über sich selbst): Und die Hysterischste.

Ich hab mich aufgeführt wie die letzte Zicke. Jeder andere Mann hätte schreiend das Weite gesucht. Bis auf Mehdi. Wie macht er das bloß, so eine Engelsgeduld mit mir zu haben?

Mehdi: Gar nicht! Und zur Not packe ich eben immer Sachen zum Wechseln ein, falls dich mal wieder ein Heulkrampf überfallen sollte, der meine Hemden dezimiert.
Gabi (schmollt): Mach dich nur lustig, Mehdi! Aber so kannst du auf keinem Fall zur Hochzeit zurück. Du trägst einen Abdruck von meinem Gesicht auf deiner Brust.
Mehdi (sieht an sich herab u. beginnt schmunzelnd die Knöpfe seines Hemdes zu lösen): Siehst du, du hast dich förmlich in mein Herz gebrannt. Das kann ruhig jeder wissen.
Gabi (kreischt auf): Was?
Mehdi (grient sie an): Keine Bange, ich hab noch ein Shirt zum Wechseln in meiner Tasche.

Wieder etwas beruhigt, aber immer noch etwas beschämt wegen ihres übertriebenen Gefühlsausbruchs beobachtete Gabi nun aufmerksam Mehdis Tun und spürte auf einmal, wie ihr ganz heiß wurde. Sie blickte den attraktiven Arzt an und er sie. Ihre Blickwechsel waren eindeutig. Mehdi stoppte abrupt in seiner Bewegung, als er plötzlich ihre weiche Hand auf seiner spürte. Gabi löste seine Finger von den Knöpfen und fuhr sich dabei lasziv mit der Zunge über den trockenen Mund, wodurch auch dem Hemdträger ganz anders wurde. Zumal die sexy Lady auf einmal die Sache selbst in die Hand nahm. Aufreizend fuhr sie mit ihren grazilen Fingerspitzen über seinen Brustkorb, genoss das Gefühl, seine angespannten Muskeln darunter zu spüren und griff schließlich beherzt nach den beiden Enden seines Hemdes. Knopf um Knopf löste sie jetzt in Zeitlupentempo, wobei sie ihrem nervösen Freund unentwegt in die hektisch hin und her wandernden Pupillen blickte.

Gabi: Ja, das hier solltest du unbedingt ausziehen.
Mehdi (sieht verheißungsvoll in ihren Augen hin und her, als sie sein aufgeknöpftes Hemd von seinen Schultern streift): Unbedingt!
Gabi (setzt ihren aufregendsten Augenaufschlag ein, als sie ihr Gegenüber unmissverständlich ansieht): Deine... ähm... unsere Geschichte ist doch noch nicht auserzählt oder?
Mehdi (steht für einen kurzen Moment auf dem Schlauch): Warum?
Gabi (fährt mit ihrer Hand gefühlvoll über seinen nackten Oberkörper): Ich weiß nicht. Ich hab das Gefühl, du hast noch ein Kapitel ausgelassen. Ein ganz entscheidendes.
Mehdi (schluckt anfangs, dann gehen auch seine spielfreudigen Hände auf Wanderschaft u. schieben ihre Kleid etwas nach oben): Ist das so?
Gabi (zwinkert ihm zu u. hebt einladend ihre Arme): Du hast vergessen, noch das zweite Geschenk auszupacken.
Mehdi (kommt dem sofort nach u. zieht seiner Freundin das dunkelblaue Kleid über den Kopf u. wirft es achtlos zu Boden u. drückt sie anschließend in die weichen Kissen, nachdem seine bewundernden Blicke über ihre sexy neue Unterwäsche gewandert sind): Soso? Dann sollten wir dem wohl sofort nachkommen und... Wow! Ich hab so ein Glück, so reich beschenkt worden zu sein.

Gabi kicherte albern, als sie zu dem aufregenden Mann herauf sah, der sich langsam über sie legte und seine beiden Hände rechts und links von ihrem Kopf auf der Matratze abstützte und sie mit seinen Blicken noch zusätzlich fixierte. Dann stockte ihr Atem. Sie spürte, wie ihr Herz immer schneller schlug und ihr Puls zu rasen begann. Sie biss sich auf die Unterlippe, sah Mehdi durchdringend in die funkelnden Augen und lächelte verheißungsvoll, um ihn zu animieren. Doch er zögerte noch. Mehdi wollte das Spiel hinauszögern und ihre ausweglose Lage und den schönen Ausblick noch ein bisschen genießen. Gabi hatte den geübten Verführer aber schnell durchschaut. Sie streckte ihre rechte Hand nach ihm aus und strich ihm über die stoppelige Wange, ehe ihre Finger tippelnd der Gänsehautspur folgend weiter in den Nacken wanderten, um den verführerisch duftenden Mann schließlich zu sich herunterzudrücken. Ihre Beine und Arme umschlängelten seinen muskulösen Körper wie eine Python, als sie ihn endlich leidenschaftlich küssen durfte. Sie ließen sich treiben, tollten küssend über das kuscheligweiche Bett, bis Gabi irgendwann auf ihm saß und atemlos zu dem schnaufenden Mann unter ihren Schenkeln herabsah, der sie bewundernd von unten herauf musterte...

Gabi: Deine Überraschung ist aber auch nicht schlecht.
Mehdi (stutzt verwirrt): Was meinst du? Das Hotel? Ich dachte, das passt, wo wir doch schon einmal hier sind.
Gabi (schaut sich mit strahlenden Augen in dem abgedunkelten Zimmer um): Einfach alles, was du hier organisiert hast. Die Rosenblätter, die Luftballons, den Blumenstrauß und den Champagner. Schade eigentlich, dass ich den nicht mehr trinken darf. Was wir damit alles hätten anstellen können? Aber wir können ihn ja aufheben. Für unser Jubiläum nächstes Jahr, hmm?

Hä? Ich hab doch nur einen Rosenstrauß besorgt? Und der ist... Ja, wo ist der eigentlich?

Mehdi (richtet sich abrupt auf u. starrt mit zusammengekniffenen Augen in die Dunkelheit): Was für Luftballons?
Gabi (sieht ihn irritiert an, beugt sich über ihn u. tastet nach der Nachttischlampe, die sie im nächsten Moment auch einschaltet): Die Luftballons, die hier überall im ganzen Zimmer verstreut liegen. Ich mag ja, wenn du so romantisch verspielt bist, aber manchmal ist weniger auch mehr. Sonst wird das hier noch eine Hollywoodproduktion.
Mehdi (kratzt sich verwirrt über das Pflaster an seiner Stirn): Aber... Das... das war ich nicht.

Lorelei Offline

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15.03.2013 15:17
#1396 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Gabi: Hä? Wie meinst du das? Wer soll das denn sonst gewesen sein? Die Heinzelmännchen?
Mehdi (sieht sich hektisch nach allen Seiten um u. gerät zunehmend in Panik): Das... das ist nicht unser Zimmer!
Gabi (glaubt sich verhört zu haben u. zeigt ihm den Vogel): Wie bitte? Du spinnst ja! Natürlich ist das unser Zimmer und mir gefällt’s hier. Sehr sogar!
Mehdi (weicht Gabis verführerischem Annäherungsversuch aus u. gestikuliert wild in der Luft herum): Doch! In unserem Zimmer steht das Bett ganz woanders, ist anders bezogen und das Fenster ist auf der anderen Seite. Zur Straße zu und nicht zum Wald hin wie dieses hier.

Gabi kuckte ihren perplexen Freund an wie ein Postauto, schüttelte den Kopf und krabbelte zur Seite an ihr Nachtschränkchen heran, auf dem ein großer Präsentkorb stand, der mit einer Champagnerflasche, leckeren Pralinen, Erdbeeren und anderen Früchten gefüllt war und den am Henkel, um den eine rote Schleife gebunden war, ein großes rotes Herz zierte, das die verliebte Krankenschwester eigentlich als für sich bestimmt ansah.

Gabi: Dann ist der auch nicht von dir?
Mehdi (schüttelt den Kopf): Nein!
Gabi (liest die Widmung auf dem Papierherz u. reißt die Augen weit auf): „Eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses. Dem glücklichen Brautpaar alles Gute zur Hochzeit. Von eurer Lieblingstante Gerda und ihrem Team“, steht hier drauf. Ach du Scheiße!
Mehdi (schlägt sich fassungslos die Hand vor den Mund): Oh Gott!
Gabi (dreht sich langsam wieder zu ihm um, sieht in Mehdis paralysiertes Gesicht u. bricht plötzlich in schallendes Gelächter aus, während sie sich auf dem Bett kugelt): Nee, oder? Das ist Sabines und Günnis Zimmer und wir liegen in deren Bett, in dem sie es später krachen lassen und ihre Hochzeitsnacht erleben werden. Wie krass! Das glaubt uns keiner, wenn wir das weitererzählen. Hahaha! Das wird die Story des Jahres!

Mehdis Gesichtsfarbe wechselte von dunkelrot zu käseweiß und wieder zurück. Er fand das alles nämlich überhaupt nicht lustig und sprang im nächsten Moment in Panik aus dem Bett, verhedderte sich dabei aber ungeschickt mit seinen Füßen in seinem am Boden liegenden Hemd und flog rumpelnd der Länge nach auf den Bettvorleger, der den Sturz des Unglücksraben zum Glück weich abfederte.

Mehdi: Das ist nicht witzig. So eine Hochzeitsnacht ist heilig. Wir... wir müssen das in Ordnung bringen und schleunigst ver... Aua!
Gabi (krabbelt schmunzelnd auf seine Bettseite u. schaut herunter auf den Bettvorleger, auf dem Mehdi flach wie eine Flunder liegt u. ihr sein attraktives Hinterteil entgegenstreckt): Hast du dir wehgetan, mein süßer Tollpatsch?
Mehdi (rappelt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf): Das Adrenalin lähmt jegliches Schmerzempfinden, Gabi. Aber ernsthaft jetzt! Wir müssen hier weg, bevor Günni und...

Und in dem Moment passierte das, was nicht hätte passieren sollen. Mehdis Albtraum, der sich seit einigen Minuten schon lebhaft in seiner Fantasie abspielte, war perfekt. Vor der Zimmertür gab es nämlich äußerst verdächtige Geräusche, die mehr als eindeutig darauf hindeuteten, dass das Zimmer jeden Moment geentert werden würde. Der schockgefrorene Oberarzt hielt den Atem an und auch Gabi blickte alarmiert zur Tür, vor der es plötzlich laut polterte. Und es waren Stimmen zu hören, die das panische Paar eindeutig ihren frischvermählten Kollegen zuordnen konnte.

Sabine: Huch! Gü...Günni, was... was machst du... denn... da?
Günni: Na, ich will dich über die Schwelle tragen, so wie es sich gehört.
Sabine: Ja, aber... such doch erst mal den Schlüssel heraus, bevor du... Aua! Das war die Wand.
Günni: Oh, oh mein armes Purzelchen, es tut mir leid. Das... das wollte ich nicht. Ich... Ich muss dich doch noch mal absetzen. Du bist so schwer.
Sabine: Ich bin nicht schwer, Günther! Das kommt dir nur so vor wegen dem Kleid.
Günni: Ja, ja! Entschuldige! Ich... Wo hab ich ihn denn...? Ich hab den Schlüssel doch...

Gabi: Sabine!
Mehdi: Günni!

...sprach das fehlgeleitete Liebespaar in der Hochzeitssuite gleichzeitig aus und sah sich wie erstarrt an. Dann geschah alles ganz schnell. In Lichtgeschwindigkeit rappelten sich die beiden auf. Gabi strich das Bett zurecht und verteilte die Rosenblätter neu auf der Bettdecke, während Mehdi ihre Sachen zusammensammelte und hektisch im Zimmer hin und her sprang, um ein geeignetes Versteck zu suchen, das er aber weder unter dem Bett, noch hinter dem Gardinenvorhang fand. Und der Weg zum Badezimmer war ihnen versperrt. Das lag nämlich direkt neben der Zimmertür, vor der die Gummersbachs gerade standen und schon die Klinke herunterdrückten. Gabi drängte Mehdi schließlich durch die Luftballonlandschaft zum geräumigen Wandschrank in der hinteren Ecke des Zimmers.

Mehdi: Aber... mir fehlt noch ein Schuh.

...protestierte der halbnackte Halbperser kleinlaut und wollte gerade zurück zum Bett sprinten, um den Schuh zu holen, aber da sprang auch schon die Zimmertür geräuschvoll auf. Schwester Gabi reagierte geistesgegenwärtig und packte ihren Freund am Bund seiner Hose und zog ihn mit einem Ruck rückwärts in den Schrank, in dem sie eng aneinander gedrückt verschwanden, während vor der Schranktür das Gepolter nonstop weiterging.

Sabine (kreischt erschrocken auf, als Günni sie unvermittelt hochhebt): Güüünniii! Du... du verrückter Maaa... Aua! Das war jetzt der Türrahmen.
Günni (mit beschämter Miene torkelt er mit seiner touchierten Braut ins Zimmer, schwankt zur Seite, als er mit dem Fuß die Tür zuschlagen will, diese aber verfehlt u. stattdessen mit Sabines Hintern die Kommode erwischt, von der eine Porzellanschale zu Boden plumpst): Entschuldige! ... Oooohhh! ... Upps! Ich hoffe, die war nicht teuer?
Sabine (zappelt u. windet sich auf seinen Armen): Jetzt lass mich endlich runter, Schnurzelchen! Mir wird ganz schwindelig von der Schaukelei. Ich werde noch seekrank. Und du weißt doch, dass mir das selbst auf einem Ausflugsschiff auf der Spree immer passiert.
Günni (guckt seine Frau ganz verliebt an): Nein, ich trage dich bis zum Bett, Purzelchen. Das macht doch ein Bräutigam so? Ich bin jetzt auch vorsichtig.

Gesagt, getan! Nachdem es Dr. Gummersbach irgendwie geschafft hatte, mit seinem Hintern die Tür zu schließen, stolperte er nun durch die zusätzliche Last auf seinen Armen im nach vorn gebeugten Stechschritt Richtung Bett, ohne dabei auf einen der zahlreichen am Boden liegenden Herzchenluftballons zu treten, was eine erstaunliche Leistung des steifen Star-Trek-Fans war. Während sich Schwester Gabi im Schrank angesichts der seltsamen Geräuschkulisse kaum das Lachen verkneifen konnte und Mehdi sich kaum traute, sich zu bewegen, und seiner glucksenden Freundin den grinsenden Mund zuhielt, erreichte Günni mit Sabine das Bett, verfehlte es jedoch, als er seine bezaubernde Braut darauf absetzen wollte. Sie purzelte samtweich auf den flauschigen Bettvorleger und auch Günni verlor das Gleichgewicht, als er über Mehdis vergessenen Schuh stolperte und direkt auf seiner frisch angetrauten Frau landete. Untröstlich wegen seines erneuten Missgeschicks kümmerte sich der besorgte Pathologe anschließend liebevoll um sein abgestürztes Bienchen...

Günni: Oh, mein Bienchen, ich bin so untröstlich. Hast du dir wehgetan?
Sabine (stöhnt auf u. versucht unter Günnis Last wieder Luft zu kriegen): Oah Günni! Wenn du deine Hand von meiner Brust nehmen würdest, dann... Danke! Das... das mit dem über die Schwelle tragen üben wir lieber noch mal. Zuhause bekommst du noch mal die Gelegenheit dazu. Oder dann später, wenn wir unsere Gäste verabschiedet haben. Hihi!
Günni (sieht sie mit einem schüchternen entschuldigenden Lächeln an, als er ihr die Hand reicht u. aufhilft): Wirklich?
Sabine (zupft ihr Brautkleid zurecht u. legt lächelnd ihre Arme um Günnis Hals): Aber natürlich, mein starker, starker Mann! ... Mein Mann! ... *kicher*... *kicher*

Gabi verdrehte nur die Augen angesichts der schwülstigen Turtelei der beiden, die sich in ihr Hirn einbrannte wie der Verlauf der neusten „Bachelor“-Episode, der man sich auch nie entziehen konnte, und versuchte ihre Hand freizubekommen, die unbequem hinter ihrem Rücken festklemmte. Mehdi drückte sie nämlich immer noch voller Panik, erwischt zu werden, gegen die Schrankinnenwand und deutete ihr mit flehendem Bambiblick an, sich nicht zu rühren. Aber wie sollte das gehen, wenn die Finger zu kribbeln anfingen? Das machte sie fast wahnsinnig. Sie musste etwas tun. Sie konnten schließlich auch nicht ewig hier drin bleiben. Sanft, aber bestimmt schob Gabi deshalb den schnuckeligen Angsthasen in die andere Richtung, um sich nun erst einmal die kribbligen Finger auszuschütteln und dann ungehindert irgendwie ihr Kleid wieder überzuziehen, was ihr in der Enge des Kleiderschrankes unter akrobatischer Höchstleistung und einem anerkennenden Blick ihres staunenden Freundes auch geräuschlos gelang. Doch dieser war schnell abgelenkt, als er nämlich etwas von draußen mitbekam, das eigentlich noch nicht für fremde Ohren bestimmt war...

Günni (setzt sich neben seine Frau aufs Bett u. kuckt sie reumütig von der Seite an): Oh Sabine, es tut mir so leid. Ich wollte ja vorsichtig sein, gerade wegen dem Baby, aber manchmal habe ich Probleme mit meiner Motorik und meinem Gleichgewicht. Dagegen kann ich nichts machen. Mein Physiotherapeut und mein Ergotherapeut sagen, das sei angeboren. Deshalb muss ich auch täglich meine Übungen machen.
Sabine (lehnt sich liebevoll an seine Seite u. greift nach seiner Hand): Günni, ist gut jetzt! Vergessen und verziehen! Die Gäste warten. Ich wollte doch nur schnell die Schuhe wechseln, weil diese hier so sehr drücken. Deshalb sind wir doch hier. Wir holen das einfach später noch mal nach. Versprochen! Wir wissen ja jetzt, wo die Ecken und Kanten sind.

Mehdi: Baby? Schwester Sabine bekommt ebenfalls ein Kind?

...deutete Mehdi sprachlos mit seinen Lippen an und Gabi nickte bestätigend mit dem Kopf und griente ihn an. Mehdis Augen wurden immer größer, bis er plötzlich schmunzelnd den Kopf schüttelte. Zufälle gab es vielleicht! Und jetzt verstand er auch, warum Schwester Sabine mitten in der Hochzeitszeremonie ihren Bräutigam geschnappt und in den Beichtstuhl geschleppt hatte. Sie hatte es ihm gesagt. Was für eine Offenbarung! Im wahrsten Sinne des Wortes! Deshalb hatten die beiden dann beim endgültigen Jawort so gestrahlt. Toll! Er freute sich aufrichtig für das Brautpaar. Fast so sehr wie für sich selbst und seine Gabi.

Mehdis Freundin hatte seine wechselnde Mimik ganz genau studiert und tapste nun zu ihm rüber und legte ihre Hand auf seinen nackten Oberkörper. Verheißungsvoll zwinkerte sie Mehdi zu, der etwas irritiert auf ihren plötzlichen Annäherungsversuch reagierte, während sie seinen durchtrainierten Bauch kraulte und mit ihrem Mund vom Schulterblatt, über den Hals bis zu seinem Ohr hoch wanderte, in dessen Ohrläppchen sie zärtlich hinein biss, ehe sie ihm aufreizend leise etwas zuraunte...

Gabi: Weißt du eigentlich, dass ich immer schon mal davon geträumt habe, mit dir auf engstem Raum eingesperrt zu sein?
Mehdi (ihm wird heiß und kalt zugleich, als sie mit ihren Händen tiefer fährt u. plötzlich nach seinem Hosenbund greift): Gaaabiii!?
Gabi (fährt unbeeindruckt fort u. reibt ihren sexy Körper an seinem): Ich hätte damals zu dir in den Schrank kriechen sollen, dann hätte uns die Oberschwester nicht erwischt und wir hätten uns einigen Ärger erspart.
Mehdi (flüstert kaum hörbar, als er sie eindringlich ansieht): Uns erwischt gleich jemand ganz anderes, wenn wir nicht leise sind.
Gabi (greift ganz ungeniert von hinten in seine Hose u. streichelt seinen knackigen Hintern): Ich kann ganz leise sein. Kannst du das auch?
Mehdi (wie erstarrt): Gabi! Du... du...
Gabi (lässt ihn nicht in Ruhe u. küsst ihn ganz ungehemmt u. zügellos, während ihre Finger Kreise über seinen Rücken ziehen): Hmm... Wie war das noch gleich, mit mir als Schwangeren wirst du noch so einiges erleben.
Oh Gott!
Mehdi (quasi willenlos lässt er sich auf das gefährliche Spiel ein u. presst seine Hände auf ihren knackigen Po): Du nutzt deinen Zustand ganz schön aus, findest du nicht?
Gabi (zwinkert ihm frech zu, bevor sich ihre Lippen wieder den seinen nähern): Tue ich das nicht immer?
Mehdi (erwidert ihren Kuss voller Leidenschaft, bricht ihn aber ab, als er etwas Seltsames von draußen mitbekommt, das bei ihm sämtliche Alarmglocken aktiviert): Ich liebe es! ... Aber... äh... vielleicht sollten wir uns doch irgendwie rausschleichen, ehe wir etwas mitbekommen, was nicht...
Gabi (hört es auch u. verzieht angewidert das Gesicht, während sie Mehdis Gedanken zu Ende führt): ... was niemand auf der Welt hören will.

Sabine: Oh Günnilein!
Günni: Oh Bienchen!

...kam es leise seufzend vom Bett zum Schrank herübergeschwappt und bohrte sich regelrecht in die sensiblen Gehörgänge des sich versteckt haltenden Paares. Mehdis und Gabis Leidenschaft war damit endgültig davon geweht worden, während eine andere offenbar gerade frisch erblühte, und sie lösten sich schließlich wehmütig voneinander. Mehdi schaute vorsichtig mit zusammengekniffenen Augen durch das handgroße geschnitzte Herzchen-Guckloch an der Tür des massiven rustikalen Wandschranks hinaus, um die Lage zu checken. Erleichtert atmete der aufgeregte Frauenarzt aus. Das Brautpaar war noch komplett bekleidet und schmuste nur in vertrauter Unschuld zaghaft auf dem Bett. Sabine und Günni waren also abgelenkt. Das war gut. Mehdi griff nach seinem Hemd, seinem Jackett und seinem Schuh und gab Gabi ein Zeichen, ihm geräuschlos nach draußen zu folgen. Die nervöse Krankenschwester nickte ihm stumm zu und nahm ihre dunkelblauen Stiefeletten und ihre Handtasche in die Hand und krabbelte Mehdi auf Knien hinterher. Sie hatten fast die Kurve gekriegt und die rettende Zimmertür erreicht, als dem Halbperser plötzlich erschrocken einfiel, dass ihm ja noch ein Schuh fehlte. Ohne zweiten Schuh auf der Hochzeitsfeier aufzutauchen, würde sicherlich so einige Fragen mit sich bringen. Er hatte Marcs hämische Stimme und Lillys neugierige Fragen schon im Ohr.

Mehdi drehte sich also noch einmal um, scannte akribisch das Hotelzimmer und entdeckte seinen fehlenden linken Schuh halb unter dem Bett liegend zu Füßen des offenbar die Hochzeitsnacht einleiten wollenden Brautpaares. Er gab der sprachlosen Gabi ein Zeichen und robbte lautlos zurück in die Höhle des Löwen. Und es gelang ihm tatsächlich, ohne Schwierigkeiten den schwarzen Schuh zwischen den hin und her baumelenden Füßen des sich liebevoll küssenden Paares zu schnappen und geschickt herauszuangeln. Seine aufmerksame Freundin hielt bereits die Tür auf und atmete erleichtert aus, als sie Mehdis gewagtes, aber erfolgreiches Manöver beobachtete. Doch da war es bereits passiert! Der ebenso erleichterte Oberarzt wurde unachtsam und trat beim hastigen Aufstehen auf einen der zahlreichen herumliegenden roten Luftballons. Er zerplatzte natürlich mit dem entsprechenden Knall unter seiner Schuhsohle.

Lorelei Offline

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17.03.2013 17:40
#1397 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Gabis und Mehdis Herzen blieben in dem Moment, als der laute Luftballonknall ertönte, stehen und sie wagten es kaum aufzuschauen, denn sie wussten beide ganz genau, dass die Chance, dass ihr Aufenthalt trotz des Kaanschen Missgeschicks unentdeckt bleiben würde, etwa so groß war wie die Möglichkeit, aus den einzelnen roten Latexfetzen wieder einen funktionstüchtigen Luftballon zu basteln. Und tatsächlich, auch die verliebten Gummersbachs waren beide einem Herzinfarkt nahe und waren wie von der Tarantel gestochen erschrocken vom Himmelbett aufgesprungen und klammerten sich jetzt ängstlich aneinander, bis sie merkten, wer sie da gerade an ihrem Rückzugsort beim Küssen ertappt hatte. Kerzengerade standen sich alle gegenüber. Die ungläubigen Blicke der beiden befreundeten Paare trafen sich. Hektische Augenpaare huschten zwischen den einzelnen Personen hin und her. Günni und Sabine waren verwirrt, den sympathischen Gynäkologen im halben Adamskostüm und die hübsche Krankenschwester mit zerzausten Haaren in ihrer Honeymoon-Suite vorgefunden zu haben. Die Zusammenhänge erschienen ihnen völlig schleierhaft.

Mehdi, der noch immer oben ohne vor den beiden stand und sein Hemd schützend mit der rechten Hand vor seinen Körper hielt und mit dem linken Fuß gerade in seinen vermissten Schuh schlüpfte, lächelte beschämt in ihre Richtung. Sein Kopf war komplett leer gefegt. Er wusste nicht, was er sagen sollte, aber er wusste, dass er etwas Erklärendes sagen musste. Ihm war das alles so furchtbar peinlich. Gabi ging es auch nicht viel anders. Auf dem Weg vom Wandschrank zur Tür musste sie wohl ihre Schlagfertigkeit verloren haben. Ihr fiel einfach nichts ein. Nervös tippelte sie mit ihren manikürten Fingernägeln am Türrahmen und wäre am liebsten weggerannt, aber sie wollte ihren Schatz auch nicht im Stich lassen. Sie konnte Mehdi nämlich deutlich ansehen, wie sehr er unter den fragenden Blicken des völlig sprachlosen Brautpaares litt und versuchte, sich irgendwie mehr oder weniger elegant mit hochrotem Kopf aus der peinlichen Situation herauszuwinden.

Mehdi: Äh... Schwester Sabine? Dr. Gummersbach! Also... äh... Wir... wir... Es... ist... nicht... so, wie es... ähm... Wir haben nur... Ich weiß auch nicht wie... die... die äh... Zimmer verwechselt und wollten eigentlich... gerade... gehen. Ähm... ja, entschuldigt noch mal! Und ähm... ja, hähä... Weitermachen! ... Ach und... Glückwunsch zum... äh... ihr wisst schon. Bis... irgendwann dann mal!

...stammelte sich Dr. Kaan nervös um Kopf und Kragen. Ehe das verwirrte Ehepaar, das den Erklärungen ihres sehr geschätzten Kollegen ungläubig gefolgt war, etwas darauf erwidern konnte, hatte er sich auch schon umgedreht und war genauso schnell aus der Hochzeitsuite verschwunden, wie er in Sabines und Günnis Augen wie aus dem Nichts darin aufgetaucht war. Nachdem die rettende Tür endlich hinter ihm ins Schloss gefallen war, fiel Mehdi seiner auf dem Flur wartenden Freundin erschöpft und schweißgebadet in die Arme. Auch Gabi war vollkommen fertig. Sie konnte sich nämlich vor Lachen kaum zusammenreißen. Die Szene gerade eben war aber auch völlig absurd gewesen. So etwas konnte einem auch nur mit den Außerirdischen des EKH passieren. Lauthals lachte die vergnügte Krankenschwester auf und ihr ganzer Körper war am Beben. Mehdi, dem überhaupt nicht zum Lachen zumute war, blickte die schöne Sirene nur kopfschüttelnd an, löste seine Umarmung von ihr und schlüpfte als nächstes in sein Hemd, das er langsam zuknöpfte und sich in die Hose steckte. Nachdem sich Gabi wieder einigermaßen eingekriegt hatte, reichte sie ihrem mutigen Helden grinsend sein Jackett, das er ebenfalls anzog.

Mehdi: Schön, dass zumindest du deinen Spaß hattest.
Gabi (tritt grinsend an ihn heran u. richtet die Kragen von seinem Hemd und seinem Jackett): Und wie! Ich glaube, wir haben den beiden gerade etwas zu denken gegeben. Hast du gesehen, wie Günnis Augenlid gezuckt hat. Hihi!
Mehdi (seine Wangen sind immer noch vor Peinlichkeit gerötet): Gott, ich kann mich nie wieder in der Chirurgie und in der Patho blicken lassen.
Gabi (tröstet ihn liebevoll, indem sie sich verliebt an ihn anschmiegt, kann sich aber immer noch nicht ihr Lachen verkneifen): Komm, wir haben doch nichts verbrochen. Ins All-you-need-is-Love-Zimmer passen wir doch auch ganz gut hinein, hmm?
Mehdi (sieht seine Süße ungläubig an u. beginnt nun doch zu lächeln): Stimmt!
Gabi (streicht ihm lächelnd sein Jackett glatt u. sieht ihm anschließend tief in die Augen, die sie ganz verklärt anschauen): So! In jedem Zoll wieder ein Mister. ... Was ist? Hab ich was an der Nase kleben?
Mehdi (schließt seine Freundin in die Arme u. lächelt sie verliebt an): Nein, es ist... dein Lachen. Ich freu mich nur, dass du wieder lächelst.
Gabi (fährt sich beschämt mit einer Hand durch die Haare, wobei sie bemerkt, dass diese ganz zerzaust sind und dringend einer Wiederherrichtung bedürfen): Ach, was?
Mehdi (stupst sie verspielt mit der Nasenspitze an): Doch! Ich liebe es, wenn du lachst. Und... was hat meine Lady jetzt vor?
Gabi (genießt die Gänsehaut, die seine tiefen Blicke u. seine Berührungen bei ihr auslösen): Hmm... Für eine richtige Lady ist es wohl zu spät. Eine Lady lässt sich nämlich nicht so leicht von so einem dahergelaufenen Mister schwängern, ohne dass sie einen Ring am Finger trägt.
Mehdi (zwinkert ihr lachend zu): Den bekommst du schon noch, mein Sonnenschein.
Äh... Was hat er gerade gesagt? Das meint er doch nicht ernst? Ich hab doch nur Spaß gemacht.

Ja, irgendwann tauschen wir mit Sabine und Günni die Plätze. Ich will dich nämlich nie wieder loslassen. Weißt du das denn immer noch nicht?

Gabi (geschockt u. überfordert zugleich, welche Wendung ihre Unterhaltung gerade nimmt, redet sie sich rasch heraus u. spielt es herunter): Äh... Alles... nach... seiner Zeit. Wir... wir wollen ja nicht schon wieder alles überstürzen. Ich... muss jetzt erst mal Pipi und zwar ganz dringend. Und dann muss ich dieses Frack von Gesicht wieder renovieren.
Mehdi (streichelt Gabis Wange u. schaut der Schönheit tief in die Augen): Du bist auch ohne Make-up hübsch, Gabi.
Gabi: Nicht wenn man gerade ein ganzes Hotel unter Wasser gesetzt hat. Ich bin gleich zurück. Gib mir zehn Minuten!
Mehdi: Okay! Dann schau ich währenddessen mal, was mein freches Früchtchen Lilly so treibt. Es ist, glaube ich, höchste Zeit fürs Bettchen.

Gabi griente ihren Angebeteten vergnügt an, drückte ihm noch einen Wahnsinnskuss auf die sinnlichen Lippen und rannte dann vor ihm eilig die Treppenstufen hinab, um im nächsten Moment auf der Damentoilette im Erdgeschoss zu verschwinden. Mehdi folgte ihr auf dem Fuße, blieb unten auf der letzten Treppenstufe jedoch stehen und blickte seinem Wirbelwind seufzend nach. Was für eine Wende dieser Tag doch genommen hatte! Der Familienvater konnte es immer noch kaum fassen und lange darüber nachdenken konnte er auch nicht, denn im gleichen Moment, wie die eine Tür zuflog, öffnete sich eine andere, die der Männertoilette nämlich. Heraus trat ein dunkelhaariger Mann, der sich lässig die Hose zurechtrückte, einmal lauthals gähnte und dann überrascht aufschaute und die Augenbrauen hochzog, als er die verklärt vor sich hin grinsende Person in dem schlecht sitzenden Anzug an der Treppe entdeckte.

Marc: Was guckst du denn so bescheuert, Kaan?
Mehdi (aus seinen verträumten Gedanken gerissen schaut er seinen besten Freund erst verdattert an, dann drückt er ihn spontan an sich u. dreht sich mit ihm einmal um die eigene Achse): Ich bin so glücklich, Marc. Du kannst dir gar nicht vorstellen wie sehr.
Äh... Ich will mir auch gar nicht vorstellen, was Gabi mit dir angestellt hat, um dich in diesen ekelhaft gutgelaunten Zustand zu versetzen. Wäh! Wer weiß, wo die Hände schon alles gewesen sind.
Marc (reißt sich überfordert los u. zeigt Mehdi den Vogel, bevor er hastig vor ihm flüchtet): Eh geht’s noch? Was hamse dir denn ins Glas gemixt?

Kopfschüttelnd schob Dr. Meier die Tür zum Festsaal auf, in welchem in diesem Augenblick eine piepsige fröhliche Stimme erklang, die ihn abrupt innehalten ließ...

Lilly: Onkel Maaaaarc, da bist du ja wieder! Du wolltest uns doch noch eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen. Bitte, Marc! Büüüüütte! Büüüüütte! Büüüüütte!
Marc: Scheiße eh, die Familie bringt mich noch ins Grab.

...murmelte der gequält dreinblickende Oberarzt und ergab sich seufzend seinem schweren Schicksal, zumal er auch die eindringlichen Blicke eines süßen Blondschopfs auf sich gerichtet spürte, der keinen Widerspruch duldete, und ließ die Tür hinter sich zufallen. Auch Mehdi hatte die niedliche Stimme seines kleinen Augensterns gehört. Er wollte Marc folgen, auch um ihn ein bisschen leiden sehen zu wollen, und hatte auch schon die Klinke in der Hand, als er plötzlich einen markerschütternden Aufschrei hinter sich hörte. Wie ferngesteuert drehte sich Mehdi um und rannte zur Tür. Der Schrei war aus der Damentoilette gekommen. Hastig riss er die Tür auf und erstarrte im nächsten Moment. Vor ihm stand seine käseweiße Freundin, die zitternd ihre Handtasche vor ihren Bauch hielt und ihn mit weit aufgerissenen Augen anschaute. Neben ihr auf dem Boden lag eine weitere Person. Sie war bewusstlos. Es handelte sich um Dr. Maria Hassmann.

Lorelei Offline

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19.03.2013 17:58
#1398 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=J2t-vquuT7k


Unheilvolle Nebelschwaden ummantelten das tiefverschneite Land, über das die Abenddämmerung soeben erbarmungslos hereingebrochen war. Kein Geräusch war zu hören. Nicht das Geringste. Weder der eisige Wind. Noch das Plätschern der tosenden Bäche, die von der ersten Schneeschmelze des Jahres angereichert waren. Und noch nicht einmal das Knirschen und Knacksen von morschem Holz, das einem sonst immer hier begegnete, wenn man den schmalen unwegsamen Pfad durch die zu grässlichen Fratzen verwachsenen Baumlandschaften hindurchmarschierte, deren dürres Geäst nach einem zu greifen schien und einen für immer verschlingen konnte, wenn man nicht Obacht gab und den rechten Pfad verpasst hatte. Und selbst die Vögel hatten ihren Trauergesang eingestellt und sich vor den Schatten der hereinbrechenden Nacht versteckt. Diese unheimliche Stille ging mit einer zunehmenden Kälte einher, die in sämtliche Knochen kroch und einen von innen heraus erbärmlich frieren ließ. Nichts und niemand hätte einen in dieser grauen Einöde noch wärmen können. Selbst nicht mehr das lachende Herz, mit dem man unbedacht und unbeschwert den verwunschenen Wald betreten hatte. Einen tiefen, dunklen, verbotenen Wald, den man nach Einbruch der Nacht eigentlich nicht mehr betreten durfte, weil man sich überall im Land erzählte, dass des Nächtens hier gar seltsame Dinge passierten. Kinder verschwanden und wurden nie wieder gesehen.

Der Nebel wurde dichter und dichter und waberte über Täler und Höhen, hüllte selbst die hohen, fast in den Himmel reichenden Bäume ein und auch die kleine unscheinbare moosbewachsene Holzhütte auf der Lichtung tief im Märchenwald, deren Fenster von dem schwachen Lichtschein einer Kerze erleuchtet wurden. Der einzige Lichtpunkt in der trüben Finsternis, an dem sich das kleine unschuldige Mädchen orientieren konnte, das sich die Kapuze ihres roten Mantels über ihr lockiges braunes Haar gezogen hatte, um unbeschadet und trocken durch den Nebel und den einsetzenden Schneeregen zu ihrer kranken Großmutter zu gelangen, der sie einmal in der Woche einen Besuch abstattete, um ihr feinste Speisen und Getränke zu bringen. Sie war ein mutiges Mädchen. Frech und nicht auf den Mund gefallen. Sie wusste, was sie wollte, war wissbegierig und neugierig hoch drei. Sie hatte vor nichts und niemandem Angst. Weder vor den Schatten der Nacht, über die ihre Oma immer sagte, dass sie nur die Hirngespinste der dummen abergläubischen Bauern waren. Noch vor dem fiesen Jungen, der sie in der Schule immer ärgerte. Wenn überhaupt, dann hatte sie nur davor Angst, dass sie von ihrer hart arbeitenden alleinerziehenden Mutter Schimpfe bekam. Und die würde sie heute definitiv bekommen. Sie hatte mal wieder gebummelt und sich bei ihrer Schulfreundin verquatscht und war dementsprechend viel zu spät dran für die wöchentliche Stippvisite bei ihrer Lieblingsgroßmutter, die schon seit Wochen daniederlag. Eigentlich hätte sie schon längst wieder zurück sein müssen, aber...



Sarah: Was hat denn die Großmutter, Marc?

...durchbrach plötzlich ein vorlautes Engelsstimmchen die düstere unheilvolle Stimmung, die über einer Ecke des Festsaales des Landhotels Gummersbach waberte und für die sich der Hobbygeschichtenerzähler Dr. Marc Meier, Sohn der mehr oder minder erfolgreichen Starbelletristin Elke Fisher, trotz des grauenhaften musikalischen Hintergrunds von „Pur“, die irgendwas von einem dämlichen „Abenteuerland“ zusammenkrächzten und die angeschäkerte Schwesternschaft regelrecht in Hysterie versetzten, solche Mühe gegeben hatte, dass er sich am liebsten selbst auf die Schulter geklopft hätte, wenn da nicht schon die Hand von Haasenzahn gelegen hätte, die ihrem süßen Schatz gebannt zugehört hatte und aus dem verliebten Schwärmen gar nicht mehr herauskam und sich von hinten an ihn kuschelte wie an eine Wärmflasche. Marcs Mundwinkel zuckten verdächtig und er musste sich sehr konzentrieren, die kleine Hassmann, die neben der dauergrinsenden Lilly Kaan im Schneidersitz und mit Klugscheißergesicht direkt vor seiner Nase saß, nicht auf der Stelle mit dem Ameisenblick in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Gereizt antwortete er stattdessen in seinem gewohnt übellaunigen Ton...

Marc: Das ist doch scheißegal und völlig irrelevant.
Gretchen (stupst ihn tadelnd an): Marc! Sag nicht, das böse S-Wort vor den Kindern! Sie plappern das noch nach.
Marc (gibt sich unbeeindruckt u. verschränkt cool die Arme): Na und? Dann haben sie wenigstens was für ihr Leben gelernt. Das Leben ist nämlich schei... Aua!
Gretchen (hat ihm einen Schlag in den Nacken gegeben): Maaarc!
Marc (sein Kopf fährt herum u. er blitzt sie wegen der fiesen Attacke böse an, dann wendet er sich schnell wieder den ihn gespannt anstrahlenden Kindern zu): Ja, was jetzt? Soll ich weitererzählen oder nicht?
Lilly (sitzt ihrem Lieblingsonkel im Schneidersitz gegenüber u. himmelt ihn mit Strahleaugen an): Au ja!
Marc (rollt gequält mit den Augen u. lässt den Kopf hängen): Schade! Ich dachte, ich komme noch irgendwie raus aus der Nummer. Wo bleibt eigentlich der Kaan, die feige Socke? Der war doch gerade noch hinter mir mit seiner ekelhaften Lilalaunebärvisage. Ich dachte, der löst mich mal ab bei den Nervkröten. So langsam könnte ich echt Kohle verlangen, wenn er welche hätte. So als Schmerzensgeld und so.
Gretchen (schüttelt vorwurfsvoll den Kopf): Marc, bleib bitte ernsthaft! Du hast es ihnen versprochen. Und versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen.
Lilly (grient ihren Onkel Marc vergnügt an): Genau!
Marc (sieht grinsend in Gretchens ernstes Gesicht): Na, stimmt doch! Babysitting ist doch schließlich auch ne Art Dienstleistung, ne? Und Schwarzarbeit will ich mir in meiner Position lieber nicht leisten.
Gretchen (kann gar nicht anders, als über ihren Grummelkönig zu lachen): Spinner!
Sarah (runzelt verwirrt die Stirn): Hä? Wie kann Arbeit denn schwarz machen?
Marc (hebt drohend seinen Zeigefinger u. hält ihn der Mini-Hassi vor die Nase): Halt die Klappe! Jetzt reden hier die Erwachsenen.

Lilly (drängelt): Onkel Maaarc, jetzt erzähl doch endlich weiter! Es ist gerade soooo spannend. Jetzt kommt doch bestimmt gleich der große böse Wolf? Oder ist der schon da und hat die Oma schon gefressen?
Sarah (starrt ihre Freundin mit offen stehendem Mund an): Wie der frisst die Oma auf?
Gretchen (grient ihren Marcischnuckiputzi vergnügt an): Genau Marcilein! Erzähl doch mal!
Marc (blitzt seinen Haasenzahn bedrohlich an u. geht dabei mit einer Hand auf Tuchfühlung): Du bewegst dich auf echt dünnem Eis, Haasenzahn.
Gretchen (ihr Lächeln wird noch breiter, als sie ihm auf die frechen Finger klopft u. ihren Kopf an seine Schulter schmiegt): Ich weiß. Ich gehe das Risiko gerne ein.
Marc (grinst vorfreudig): Hört, hört! Na, das werden wir ja noch sehen.
Sarah (quengelt nun auch voller Ungeduld): Was ist denn jetzt mit der Großmutter?
Marc (schaut die Kleine irritiert an): Welche Großmutter?
Sarah (verdreht die Augen): Na, die aus dem Märchen! Onkel Maaarc, jetzt konzentriere dich doch mal!
Marc (zuckt mit den Schultern): Ach so? Die? Die... die hat äh... ein Magengeschwür oder was weiß ich.
Sarah: Wieso?
Marc (verdreht genervt die Augen): Boah! Weil ihre Enkelin sie so sehr mit ihren nervigen Fragen auf die Palme gebracht hat, Miss Neunmalklug. Da rebelliert jeder Magen. Meiner auch.
Sarah (guckt ihn erstaunt an): Echt?
Marc (blickt leidend zu Gretchen): Verstehst du jetzt, was ich mit Schmerzensgeld meine? Also wenn die Hassi nicht gleich hier aufschlägt, dann garantiere ich für nichts mehr.
Gretchen (übt sich in Geduld): Marc, Kinder sind so in dem Alter.
Marc (stöhnt gequält auf): Na halleluja! Worauf hab ich mich da bloß eingelassen?
Gretchen (grient ihn verliebt an u. küsst seinen Nacken): Auf mich! Hihi! Außerdem kommt Maria bestimmt gleich wieder.
Sarah (schaut gespannt zwischen den tuschelnden Erwachsenen hin und her): Wo ist denn meine Mami? Hat sie mich vergessen?

Lorelei Offline

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22.03.2013 16:37
#1399 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Gretchen und Marc sahen sich an und zuckten synchron mit den Schultern. Sie ahnten ja nicht, dass sich nur wenige Meter weiter kein Grimmsches Märchen, sondern ein echtes Drama abspielte. Mit Sarahs Mutter in der unfreiwilligen tragenden Hauptrolle. Wie erstarrt blickte Dr. Kaan auf die am Boden liegende Frau, dann zu seiner hilflosen Freundin, die leichenblass und apathisch vor ihm stand, und wieder zurück. Dann setzte sein Arztreflex ein und er reagierte sofort, dem hippokratischen Eid Folge leistend. Er stürzte zu der bewusstlosen Oberärztin herunter, um ihre Vitalzeichen zu kontrollieren.

Mehdi: Was ist passiert?
Gabi (zuckt ratlos mit den Schultern u. schaut wie gelähmt auf ihre verhasste Kollegin u. Mehdis Ex-Affäre herab): Ich... ich weiß nicht. Ich komm hier rein und... und... Ich wollte doch nur auf die Toilette gehen und da lag sie schon so da. Ich hab sie aus der Kabine gezogen. Ist sie tot? Ich konnte keinen Puls fühlen.
Mehdi (starr vor Schreck beginnt er Maria zu untersuchen u. murmelt dabei in seinen Dreitagebart): Lass mich! ... Ein Glück! Ihr Puls ist vorhanden, wenn auch sehr schwach. ... Ich hätte es wissen müssen. Sie sah vorhin schon so blass aus und war ganz schweißig. Ich hätte mich nicht von ihr abwimmeln lassen dürfen. Ihr ging es offenbar gar nicht gut. Wieso hat sie denn nichts gesagt? Von den anderen Problemen mal abgesehen.
Andere Probleme?
Gabi (tritt langsam an Mehdi heran, legt ihre Hand auf seine Schulter u. hockt sich neben ihn): Meinst du, sie liegt schon lange hier?
Mehdi (fährt sich aufgewühlt durch die Haare u. sieht sich hektisch um): Keine Ahnung! Mindestens so lange, wie ich bei dir war. Ich hab sie vorhin noch kurz gesprochen. Ich hab gedacht, sie ist schon längst nach Berlin zurückgefahren. Sie wollte Sarah bei Lilly lassen. Sie wollte doch zu ihm und... (schüttelt den Gedanken schnell ab u. konzentriert sich wieder auf das Wesentliche) ... Komm! Wir müssen sie in die stabile Seitenlage bringen. Vielleicht ist sie verletzt?
Zu wem wollte sie denn? Was für Geheimnisse habt ihr eigentlich miteinander? Das gefällt mir nicht. ... Oh! ... Scheiße!
Gabi (hilft ihm): Am Hinterkopf ist eine kleine Platzwunde, Mehdi. Vielleicht vom Sturz auf die Fliesen?
Mehdi (zieht ein Taschentuch aus seiner Tasche u. hält es Maria an die Wunde): Es ist nur ein Kratzer. Hältst du bitte ihren Kopf? Ich will sie näher untersuchen. Ich kann äußerlich nichts weiter erkennen. ... Maria, kannst du mich verstehen? Was ist passiert?

...sprach Dr. Kaan die Patientin mehrmals an und klapste ihr vorsichtig auf die blasse Wange, damit sie das Bewusstsein wiederbekam, aber es passierte nichts. Sie blieb ohnmächtig, wie sie war. Also kontrollierte er als nächstes fachmännisch ihre Pupillen und Reflexe. Mit einem mulmigen Gefühl beobachtete Gabi den sorgsamen Arzt dabei, während sie das Taschentuch pflichtbewusst an Marias Wunde hielt, die schon lange aufgehört hatte zu bluten. Sie hätte sich nicht einmal in ihrem schlimmsten Albtraum vorstellen können, sich an dem wohl wichtigsten Tag ihrer noch jungen Beziehung mit Mehdi ausgerechnet um ihre Erzfeindin im Kampf um eben jenen wunderbaren Mann und fürsorglichen Oberarzt kümmern zu müssen. Das war genauso surreal wie die innere Unruhe, die sie auf einmal verspürte, als sie Mehdi leise auf etwas ansprach...

Gabi: Sie rührt sich nicht. Mehdi, die Toilette sah aus, als hätte sie sich übergeben. Ich glaube, da war auch Blut dabei. Ich konnte das alles nicht erriechen und hab gespült. Hätte ich das nicht tun sollen?
Mehdi (tastet sofort Marias Bauch ab u. scheint mit seinem Verdacht richtig zu liegen, denn er spürt plötzlich eine Reaktion von der Patientin): Ihr Bauch ist auch ganz hart. Das könnte...
Maria (stöhnt bei seiner Berührung plötzlich auf, krümmt sich vor Schmerzen u. zieht ihre Beine an den Bauch): Aahh!!
Mehdi (lehnt sich besorgt über sie): Maria, kannst du mich hören? Was ist passiert? Wo hast du genau Schmerzen? Hast du die Symptome schon länger? Bist du deswegen schon in Behandlung? Ich brauche... Maria? ... Verdammt!

Doch nach einer weiteren Berührung des Arztes schwanden Marias Sinne erneut. Ihre Lider flatterten, ihre verkrampfte Haltung löste sich und sie wurde wieder ohnmächtig. Mehdi war höchstalarmiert ob ihrer Reaktion und schaute Gabi auffordernd in die weit aufgerissenen Augen...

Mehdi: Gabi, hol bitte Marc! Und ich glaube, wir brauchen einen Krankenwagen.
Gabi (schockiert): Einen Krankenwagen? Was hat die denn? Ist es so akut?
Mehdi: Ich denke schon. Hier haben wir nicht die Mittel, sie näher untersuchen zu können. Ich kann mich auch irren. Aber ihr Zustand gefällt mir gar nicht. Ein akutes Abdomen kann alles bedeuten.

Mehdi nickte seiner Freundin nachdenklich zu und Gabi konnte deutlich die echte Besorgnis in seinen Augen herauslesen. Es war ernst! Sie kannte ihren Oberarzt und seine Reaktionen schließlich gut genug, um zu wissen, dass er nicht so schauen würde, wenn es nicht so wäre. Die pflichtbewusste Krankenschwester wollte gerade aufspringen, um Hilfe holen, als jedoch plötzlich die Waschraumtür aufgeschoben wurde und eine fröhliche Dr. Gretchen Haase summend in den Raum geschwebt kam. Ein breites Grinsen zierte ihr hübsches Gesicht, denn sie genoss den Triumph sehr, Marc quasi als Ablenkungsmanöver zum Geschichtenerzählen eingespannt zu haben. Wie sich ihr Grummelchen mit den Mädchen angelegt hatte, war einfach nur Zucker pur. Hach... Sie hätte ihm natürlich noch Stunden lang zuhören können, weil er eine so schöne einnehmende Erzählstimme hatte, in die sie sich am liebsten wie in eine Decke eingewickelt hätte, wenn sie nicht dringlichere Bedürfnisse verspürt hätte. Verwundert entdeckte die Blondine nun die am Boden hockenden Personen und erkannte den Ernst der Lage noch nicht im ersten Moment...

Gretchen: Mehdi, das ist die Damentoilette, falls du... Oh Gott! Maria, was ist passiert? Was ist mit ihr?
Mehdi (sieht seine beste Freundin mit ernster Miene an): Ich weiß es nicht sicher, aber es scheint akut zu sein. Fühl mal, das Abdomen fühlt sich ganz verhärtet an.
Gretchen (hockt sich neben die drei u. untersucht die Patientin vorsichtig): Der Blinddarm?
Mehdi: Möglich! Oder was Gynäkologisches. Aber sie hat Blut gespuckt und stechende Bauchschmerzen im Epigastrium. So stark, dass sie bei jeglicher Berührung gleich wieder das Bewusstsein verliert. Das könnte auch...
Gretchen (versteht seinen Gedankengang sofort u. sieht ihn betroffen an): Verstehe! Wir sollten sofort...
Gabi (hat etwas neben der Toilette entdeckt, aus der sie Dr. Hassmann gezogen hat, hebt es auf u. reicht es Mehdi): Schaut mal! Das lag in ihrer Kabine auf dem Abfalleimer. Es ist keine Tablette mehr drin. Und wenn sie die schon länger geschluckt hat?
Mehdi (sein mulmiges Gefühl wird immer größer): Gib mir mal ihre Handtasche! ... (Gabi reicht sie ihm, er schaut hinein und findet die Verpackung zu dem leeren Blister; er ist fassungslos) ... Ich bin ein Idiot. Ich hab doch gespürt, dass sie sich komisch verhält.
Gretchen (nimmt ihm die Schachtel ab u. liest den darauf befindlichen Text): Sieht ganz nach...
Mehdi (schüttelt ungläubig den Kopf u. plappert einfach dazwischen, was ihm gerade so alles in den Sinn kommt): Warum hat sie denn nichts gesagt? Und wir sitzen auch noch zusammen und trinken in aller Ruhe Rotwein. So etwas Unverantwortliches! Sie muss die ganze Zeit schon Schmerzen gehabt haben, sonst hätte sie nicht solche Hammerteile geschluckt, und ich hab nichts gemerkt.
Gretchen (versucht ihm das schlechte Gewissen zu nehmen): Denkst du ich? Du kennst doch Maria. Im Moment verdrängt sie doch alles und jeden. Sie hat uns alle weggebissen. Sie lässt sich nun mal nicht hinter die Fassade schauen. Da muss es erst akut werden. Vielleicht hat sie sich selbst überschätzt und die Symptome unterschätzt?
Mehdi (nachdenklich): Ja, mag sein!

Gabi (sieht fragend zwischen den beiden hin und her): Und was machen wir jetzt? Das sprengt doch die Hochzeit, wenn wir jetzt mit ihr da rausgehen.
Mehdi (fällt seiner Freundin aufgeregt ins Wort): Oh Gott, die Kinder!
Gretchen (legt beruhigend ihre Hand auf seine Schulter): Die sind bei Marc und lassen ihn bestimmt nicht so schnell aus der Mangel.
Mehdi (überlegt hin und her u. wendet sich dann an Gabi): Gut! Ich denke auch, es wäre in Marias Sinne, wenn wir kein großes Aufheben um sie machen. Vor allem auch wegen ihrer kleinen Tochter. Wir sollten sie nicht unnötig beunruhigen. Und Sabine und Günni auch nicht. Die beiden haben wir vorhin schon genügend verunsichert. ... (verdreht peinlich berührt die Augen u. konzentriert sich schnell wieder auf das weitere Vorgehen) ... Ähm, ja,... nichtsdestotrotz müssen wir einen Krankenwagen rufen. Umgehend!
Gretchen (stimmt ihrem Kollegen kopfnickend bei): Ja! Sie braucht eine Gastroskopie. Dringend! Dann wissen wir mehr und können entsprechend handeln.
Gabi (unsicher schaut sie zwischen den beiden hin und her und versucht zu Wort zu kommen): Äh... Was den RTW betrifft, der... der ist schon da.
Mehdi (sieht verwirrt von der Patientin auf): Was? Wie hast du so schnell...?
Gabi (lächelt ihn an): Schon vergessen, wir sind mit dem Krankenwagen da.
Gretchen (ihr fällt es wie Schuppen von den Augen): Mensch, ja, stimmt! Das hätte ich in der ganzen Aufregung fast vergessen.
Mehdi (kratzt sich am Kopf): Oh ja, dann... hol bitte Herrn Tolkin! Wir müssen sofort aufbrechen. Und ruf bitte auch schon mal im EKH im OP an und sag Bescheid, dass wir kommen! Falls der Magen tatsächlich perforiert sein sollte, und ich will jetzt wirklich nicht vom Schlimmsten ausgehen, dann kommen wir um eine Notfallmagenspiegelung nicht drum herum. Oder wir müssen ihn gleich ganz aufmachen.
Gabi (dreht sich um zum Gehen): Okay, wird erledigt, Dr. Kaan.
Gretchen (hebt ihre Hand, um auf sich aufmerksam zu machen): Äh... Gabi, warte mal! Es ähm...., wie soll ich sagen, es gibt da noch ein kleines Problem.

Gabi (runzelt verwundet die Stirn u. tauscht mit Mehdi fragende Blicke aus): Wieso?
Gretchen (lächelt beschämt): Gordon liegt ziemlich betrunken zusammen mit den Kollegen aus der Patho hinter dem Tresen und faselt irgendwas von großen Geschäften und dem Irrsinn der Liebe, der er für immer abschwören möchte, weil er sich eh immer nur in die Falschen verliebt. Dabei wusste ich gar nicht, dass er überhaupt eine Freundin hatte.
Gabi (rollt mit den Augen): Na toll, dieser Idiot! Ich knöpfe ihn mir mal vor und ihm die Schlüssel ab.
Mehdi: Bleibt nur noch die Frage, wer fährt. Ich hab nämlich auch etwas getrunken.
Gabi (dreht sich auf der Schwelle noch einmal um): Und ich hab keinen Führerschein. Also ich hab schon einen, aber nur für den Roller.
Gretchen (steht auf, streicht ihr Kleid glatt u. stellt sich zwischen die beiden): Ich kann fahren.
Gabi (verhehlt ihre Skepsis nicht): Du?
Gretchen: Ja, guck nicht so! Ich war in Köln während des Studiums ständig im Notfalleinsatz. Ich hab sogar nen Kurs gemacht. Er ist zwar schon etwas her, aber ich kann Krankenwagen fahren. Und wir sollten jetzt aufhören zu diskutieren und endlich aufbrechen. Mit einem Magengeschwür oder sonstigen epigastrischen Beschwerden ist nicht zu spaßen. Falls der Magen wirklich perforiert ist und Luft in den Bauchraum vorgedrungen ist, dann kann das schnell zu einer lebensgefährlichen Bauchfellentzündung führen. Dann könnte es echt eng werden.
Gabi (rennt auf der Stelle los): Bin schon weg.
Mehdi (Angst schwingt in seiner Stimme mit): Scheiße! Maria, was machst du bloß für Sachen?

Mehdi streichelte Maria einmal sanft über die Wange und schaute sie mitfühlend an, dann gab er Gretchen, die ebenso in Sorge war, ein Zeichen, ihm doch bitte mit der Patientin aufzuhelfen. Maria war schließlich ein Leichtgewicht. Sie hinauszutragen, würden sie auch zusammen alleine hinkriegen. Als er Maria vorsichtig auf seinen Arm nahm, öffnete sie noch einmal kurz die Augen. Mit leiser krächzender Stimme flüsterte sie dem Frauenarzt flehend etwas zu...

Maria: Bitte niemandem etwas sagen!
Mehdi (fragt nach, weil er sie kaum verstanden hat): Was sagst du? Maria?
Maria: Nicht ihm! Bitte!

Doch ehe Mehdi nachhaken konnte, was sie damit gemeint hatte, schwanden Marias Sinne auch schon wieder und sie ließ ihren Kopf kraftlos auf seine Schulter fallen. Gretchen sah ihn besorgt an, dann hielt sie ihm die Waschraumtür auf, welche sie im nächsten Moment in Richtung Hinterausgang des Hotels verließen. Gabi war in der Zwischenzeit im Festsaal angekommen. Sie machte sich schnurstracks zur Hotelbar auf, wo sie auch gleich denjenigen fand, den sie gesucht hatte. Sie machte dem angetrunkenen Gordon einmal schöne Augen und hatte in Nullkommanichts seinen Sanischlüssel geklaut. Sie schaute sich anschließend noch einmal vergewissernd im Saal um. Keiner hatte irgendetwas von dem Notfall auf der Toilette bemerkt. Die Stimmung war Bombe. Das Brautpaar, das immer noch etwas verwirrt von dem seltsamen Auftritt von Dr. Kaan und Schwester Gabi gewesen war, hatte sich mittlerweile auch wieder zu seinen Gästen gesetzt und scherzte mit dem Professor. Lernschwester Bärbel plapperte ohne Unterlass und erzählte Anekdoten aus ihrer und Franz’ Jugend und hatte dabei viele Lacher auf ihrer Seite. Und auch der stocksteife Pathologe taute langsam an der Seite seiner schwangeren Braut auf. Eine Traube angeschäkerter Schwesternschülerinnen hatte sich derweil im Kreis um Dr. Meier versammelt, der in der anderen Saalecke hinter dem Kachelofen Lilly und Marias Tochter bespaßte und offenbar eine spannende Geschichte zu erzählen schien. Die Kinder hingen nämlich gebannt an seinen Lippen, als kämen Süßigkeiten da raus. Das hätte sie dem Egomanen gar nicht zugetraut. Gabi hörte ihm eine halbe Minute zu, dann war sie auch schon wieder zur Tür hinaus, ohne dass auch nur jemand ihre kurze Anwesenheit bemerkt hätte.

Sarah (gespannt wie ein Flitzebogen): Und was hat er dann gemacht?
Marc (lässig grient er sie an): Na, er hat sie aufgefressen. Ende der Geschichte!
Lilly: Gar nicht!
Sarah (runzelt skeptisch die Stirn u. verschränkt protestierend ihre Arme): Das geht doch gar nicht. Die Schnauze von einem Wolf ist doch gar nicht so groß, dass da ein ganzer Menschenkörper hineinpasst.
Marc (verzweifelt fast an der kleinen Besserwisserin u. würde sich am liebsten die Haare ausreißen): Das ist ein verschissenes Märchen, Sarah. Da ist alles möglich.
Sarah (bockig): Das ist doch die totale Verarsche.
Lilly (ist da ganz anderer Meinung): Also ich find’s schön. Also... das Märchen im Ganzen, wenn sie dann vom Jäger doch noch gerettet werden.
Marc (streichelt der braven Lilly grinsend durchs Haar, während er die andere vorlaute Göre mit stechenden Blicken fixiert): Eben! Oder hätte ich etwa sagen sollen, er riss ihr erst den rechten Arm ab, zog das blutige Fleisch ab und kaute dann stundenlang auf dem Knochen herum, bis nix mehr davon übrig war?
Sarah/ Lilly (im Einklang verziehen sie ihr Gesicht u. quäken los): Iiiihhh! Das ist ja voll ekelig.
Marc (grinst zufrieden über das ganze Gesicht): Ja, da seht ihr mal! Deshalb gibt es für nervige Kröten wie euch auch nur die entschärfte Kinderversion der Horrorstory. Nicht dass ihr sonst nicht schlafen könnt und eure armen Eltern tyrannisiert. Obwohl...

Und während nun eine lebhafte Diskussion über Fiktion und Wahrheit in Grimmschen Märchen entbrannte, bewegte sich still und heimlich ein RTW des Berliner Elisabethkrankenhauses vom Parkplatz des Gummersbachschen Anwesens herunter. Gordon sah nur noch die Rücklichter seines RTWs aufleuchten, als er sich mit schlurfenden Schritten gähnend auf den Weg zur Toilette machte und zufällig kurz zum Fenster hinausschaute. Er stutzte und rieb sich verwundert seine alkoholmüden Augen...

Gordon: Eh! Klaut da grad einer mein Baby? Wasch’n dasch für ne Sauerei? ... (schlägt sich seine rechte Hand vor den dröhnenden Schädel, als ihm noch etwas einfällt) ... Scheiße eh! Da... da... da sind doch noch die Tüten von der Plantage drin, die ich noch nicht entsorgen konnte.

Lorelei Offline

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26.03.2013 17:25
#1400 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Erst war es lediglich ein ganz leises dumpfes Summen, dann entwickelte sich daraus bei genauerem Hinhören eine immer lauter werdende gar nicht mal so unbekannte Melodie. Die Melodie eines alten Ohrwurms um genau zu sein, bei dem ein jeder, der in jener Zeit aufgewachsen war, ohne groß zu überlegen den Text mitsummen konnte. Aber wo das vertraute Lied so plötzlich hergekommen war, verstand man nicht sofort. Das Radio war schließlich ausgeschaltet geblieben, um eine Reaktion der blinkenden Monitore besser mitbekommen zu können. Nein, die Musik kam nicht von einem verschlafenen Oldiesender. Vielmehr stellte sich aus der sich wiederholenden Tonfolge ein andauerndes Telefonklingeln heraus, welches das beklommene Schweigen unterband, das seit der überstürzten Abfahrt aus dem schönen brandenburgischen Dorf Göberitz, wo immer noch eine Hochzeit gefeiert wurde, über den Gemütern der Mitfahrer in dem nur spärlich beleuchteten Krankenwagen unheilvoll schwebte, der in angepasster Geschwindigkeit mit Blaulicht, aber ohne Signalton, die endlos lange schneeweiße Alleenstraße entlangfuhr.

Baumreihen um Baumreihen passierten sie. Mit Zielpunkt Berlin, das in ihrer gemeinsamen Sorge unendlich weit entfernt zu sein schien. Der blonden Fahrerin, die mit ihrem pinken Abendkleid etwas fehl am Platz wirkte und kaum über das riesige Armaturenbrett des RTW kucken konnte und sich als Extraerhöhung ihren Mantel unter ihren properen Hintern geschoben hatte, schien es fast so, als würden sie niemals dort ankommen. Denn die Landschaften, die sie passierten, waren überall die gleichen. Trostlos, kalt und ummantelt von dicken gefrästen Schneewänden. Deshalb konzentrierte sie sich auch voll und ganz auf die verschneite Landstraße, auf der sich zu dieser späten Stunde außer dem kobaltblau leuchtenden Krankenwagen kein weiteres Fahrzeug befand, so dass sie das vertraute Handyklingeln gar nicht bewusst wahrgenommen hatte. Auf einem halb zugestöberten Straßenschild las sie gerade, dass es bis zur Hauptstadt doch nur noch 25 Kilometer waren. In knapp einer halben Stunde konnte ihr also geholfen werden. Trotzdem richtete sie einen weiteren sorgenvollen Blick über den Rückspiegel nach hinten zu den anderen, die sie auf dieser unplanmäßigen abendlichen Reise begleiteten. Diesmal konnten die sanftmütigen rehbraunen Augen sie jedoch nicht trösten.

Als das Telefon noch immer nicht aufhören wollte, „Dreams are my reality“ zu trällern und den Krankenwagen in eine rosarote Achtziger-Jahre-Seifenblase zu hüllen, bemerkte es auch Dr. Gretchen Haase endlich und deutete ihrem besten Freund Mehdi, der mit der von dem grässlichen Klingelton und dem ruckeligen Fahrstil genervt dreinblickenden Gabi im hinteren Bereich des Wagens neben der Patientenliege saß, ungeduldig an, doch bitte an das dauerbimmelnde Handy zu gehen, das sich in ihrer Handtasche zu seinen Füßen befand. Der aufmerksame Gynäkologe lächelte Gretchen kurz an und angelte sich die Tasche, welche die Assistenzärztin bei ihrem abrupten Aufbruch achtlos hinten in den RTW geworfen hatte, unter seinem Sitz hervor. Als Mehdi sie aufhob, bemerkte er im Augenwinkel zum ersten Mal die drei seltsamen überquellenden blauen Müllsäcke, die neben dem Notfallkoffer vor der Hintertür auf dem Boden lagen und eigentlich nicht zum üblichen Inventar eines RTWs gehörten. Er beachtete sie aber nicht weiter. Viel zu sehr beschäftigten den nachdenklichen Frauenarzt im Moment Marias Zustand und seine Schuldgefühle, nicht eher reagiert zu haben. Obwohl es überhaupt keinen Grund gab, sich Vorwürfe zu machen, wie ihm seine Lebensgefährtin seine Hand tätschelnd immer wieder verständnisvoll einredete. Schließlich war die sture Ärztin diejenige gewesen, die nichts gesagt hatte. Nichtsdestotrotz machte er sich trotzdem große Sorgen um seine gute Freundin und das las man seinem angespannten Gesicht auch deutlich ab.

Mehdi warf noch einmal einen fürsorglichen Blick auf die bewusstlose Patientin vor sich und die Geräte, an die sie angeschlossen war und die Schwester Gabi im Auge behalten sollte, und zog das rosafarbene mit Glitzerherzen verzierte Smartphone schließlich aus dem kleinen Glitzertäschchen hervor und drückte auf die grüne Hörertaste. Es war für keinen der Anwesenden schwer zu erraten, wer da gerade anrief und unaufhörlich Terror machte, bis man ihn endlich erhörte. Sein lautes Schreien durchs Handy war nämlich im gesamten RTW zu hören, ohne dass Mehdi überhaupt auf die Lautsprechertaste gedrückt hatte. Sicherheitshalber hielt sich der Halbperser das Telefon etwas vom Ohr weg, um nicht wegen dem groben Mundwerk seines besten Kumpels einen akuten Tinnitus zu riskieren.

Marc: HAAASENZAAAHN, bist du ins Klo gefallen? WO ZUM TEUFEL STECKST DU? Und was fällt dir überhaupt ein, mich mit den Pappnasen ganz alleine zu lassen? Die Nervkröten bin ich zum Glück losgeworden, weil’s noch mal Dessertnachschub gab. Apropos, dass du das nicht mitbekommen hast? Jedenfalls quatscht mir jetzt die ganze Zeit der Leichenfledderer ein Ohr ab. Ich glaube, er versucht auf irgendeine verquere Art und Weise witzig zu sein. Aber einen halbnackten Gynäkologen im eigenen Schlafzimmer anzutreffen, das ist alles andere, nur nicht witzig. Egal! Süße, hier wartet jedenfalls nicht nur lauwarmer Schokopudding auf dich, sondern vor allem auch ein hammergeiler Typ, der dich jetzt und auf der Stelle gerne ein weiteres Mal vernaschen würde. Und je länger er warten muss, desto ungeduldiger wird er. Und du willst nicht erleben, wenn er so richtig ungeduldig wird. Er hat nämlich nicht vergessen, dass er sich seine wohlverdiente Rache noch abholen will. Du warst schließlich ein ganz, ganz böses Mädchen. Also beweg deinen süßen Arsch hierher, aber zz, ZIEMLICH ZÜGIG!

Gretchen, die zumindest einen Teil der Meierschen Ansprache mitgehört hatte, bevor Mehdi hastig den Lautsprecher wieder ausgeschaltet hatte, wäre am liebsten vor lauter Scham ihren Sitz runtergerutscht und hätte sich in den Tiefen des Motorraums versteckt, wenn sie nicht gerade ein riesiges Lenkrad in der Hand und die Verantwortung für sich und drei weitere Menschen innegehabt hätte. Das Blut schoss ihr augenblicklich aus der Herzgegend direkt in den Kopf. Ihre Wangen glühten. Ihr Puls raste. Das Adrenalin puckerte in ihren Venen. Und sie schwitzte trotz der kühlen Temperaturen in dem Krankenwagen, als würde sie nicht diesen, sondern eine mobile Sauna durch die Gegend kutschieren. Gretchen hörte Gabi hinter sich schon hämisch glucksen und im Rückspiegel konnte sie auch deutlich beobachten, wie Mehdis Mundwinkel für einen kurzen Moment verräterisch zuckten, ehe er seine tiefe Stimme erhob und etwas unbeholfen ins rosa Telefon sprach...

Mehdi: Äh... Marc!?

Eine quälend lange Sprechpause entstand, während der man förmlich das Rattern der Synapsen im Hirn von Dr. Meier hören konnte, bis der sprachlose Oberarzt endlich seine Sprache wieder gefunden hatte und ungläubig in sein I-Phone sprach...

Marc: Äh... Mehdi? Alter, wieso gehst du an Gretchens Handy?
Mehdi (schaut vergewissernd nach vorn u. tauscht mit der glühend rot angelaufenen Gretchen im Rückspiegel vielsagende Blicke aus): Weil... sie... fährt und gerade nicht...
Marc (fällt ihm unwirsch ins Wort): BITTE? Was soll das heißen, sie fährt? Was denn und wo zum Geier seid ihr überhaupt? Eh, was hast du mit meiner Freundin zu schaffen, du Arsch?
Mehdi (bleibt trotz des schroffen Tonfalls seines Freundes ruhig u. besonnen): Wir sind auf dem Weg nach Berlin.
Marc (seine Stimme überschlägt sich fast, als er ins Telefon schreit): WAS? BERLIN? Wollt ihr mich verarschen? Was soll das denn? Gib mir sofort meinen Haasen... Äh... Gib mir Gretchen ans Telefon, aber pronto!
Mehdi: Marc, ich hab doch gesagt, sie kann nicht, weil sie sich auf die Straße konzentrieren muss. Gerade bei den Wetterverhältnissen. Ich kann dir das jetzt nicht erklären, aber...
Marc (stinksauer poltert er weiter): Du sagst mir jetzt SOFORT, was ihr vorhabt oder ich hetze dir Lilly auf den Hals. Das schwöre ich dir. Die weiß nämlich, wie man Leuten Sachen aus der Nase zieht.
Mehdi (muss dann doch trotz der skurrilen Situation kurz schmunzeln): Genau deshalb wollte ich ja auch mit dir reden, Marc. Wir konnten nicht warten und dir Bescheid geben. Aber du musst dich bitte um die Kinder kümmern. Ich habe zwei Zimmer im Landgasthof der Gummersbachs gebucht. Dort könnt ihr übernachten. Die Treppe hoch und dann links, nicht rechts! Die Schlüssel kriegst du von Günnis Tante.
Marc (schreit Mehdi aufgebracht an): WAS? Sag mal, ham sie dir ins Hirn geschissen? Was soll ich denn mit den Kindern? Und was heißt, hier übernachten? Ich hab nicht vor, hier in dem Irrenhaus auch nur eine Minute länger als nötig zu bleiben. Ich hab die Zwerge schon die ganze Zeit an der Backe, weil du völlig unfähig bist. Irgendwann muss auch mal Schluss sein. Was bist du eigentlich für ein beschissener Vater, deine Kleene immer auf andere abzuwälzen? Und die olle Hassmann kreuzt hier auch nicht mehr auf. Ich will ja nicht meckern, aber elterliche Verantwortung sieht echt anders aus, mein Lieber.
Mehdi (verdreht die Augen): Marc, bitte! Ich würde dich nicht fragen, wenn es nicht dringend wäre.

Gretchen (mischt sich nun auch kurz von vorn ein): Will er nicht, Mehdi?
Gabi (stöhnt genervt auf u. tätschelt weiterhin Mehdis Oberschenkel): Das war ja so klar.

Marc (stutzt ungläubig): War das gerade Haasenzahn? Und... Gabi? Eh! Was ziehst du für eine kranke Show ab, Kaan? Wieso hast du die Weiber bei dir? Die Hassmann etwa auch?
Mehdi: Äh... Ja!
Marc (völlig fassungslos krächzt er ins Telefon): BITTE? Das Kind heult sich hier die Augen aus und geht mir tierisch auf den Sack, weil ihre Frau Mama seit Ewigkeiten wie vom Erdboden verschluckt ist, und du machst mal so eben mit deinen Ex-Ladys nen flotten Viererkaffeeklatsch auf Rädern oder was? Du bist echt krank, du Freak! Ihr dreht auf der Stelle um! Habt ihr mich verstanden? Und weißt du, was ich noch echt scheiße von dir finde, dass du ausgerechnet Haasenzahn ans Steuer lässt. Bei dem Scheißwetter mitten in der Nacht.
Mehdi (versucht hilflos bei der Schimpftirade zu Wort zu kommen): Marc, du verstehst nicht, es gab einen Notfall. Mehr kann ich dir zur Stunde noch nicht sagen.
Marc (eingeschnappt): Notfall? Was denn für ein Notfall? Und da denkt ihr nicht eine Sekunde daran, dass ich vielleicht auch gerne hier weg will? Verräter seid ihr, echt. Alle miteinander. Ihr könnt mich mal!
Mehdi (wird jetzt auch lauter): Marc, verdammt, Maria ist der Notfall.
Marc (verwirrt u. amüsiert zugleich): Ja, das musst du mir nicht sagen. Die Frau ist ein einziger Notfall.
Mehdi (ihm platzt der Kragen u. es sprudelt nur so aus ihm raus): Marc, im Ernst jetzt! Gabi hat sie vorhin ohnmächtig auf der Toilette gefunden. Sie ist immer noch bewusstlos. Das Abdomen! Vom Blinddarm, über eine Magenverstimmung bis hin zum akuten Magengeschwür oder einer Bauchfellentzündung können wir nichts ausschließen. Wir müssen dringend ins Krankenhaus und haben den RTW genommen. Ein Glück, dass der da war. Verstehst du jetzt? Es ging nicht anders. Also hör auf mir Vorwürfe zu machen! Die mache ich mir eh schon, weil ich nicht schon viel früher reagiert habe.
Marc (versucht die Zusammenhänge zu verstehen, die Mehdi ihm einfach so hinwirft, u. ist plötzlich ganz kleinlaut): Verstehe!
Mehdi: Wenn du also bitte, bitte, die Mädchen ins Bett bringen würdest, wäre ich dir echt verbunden. Und sag ihnen bitte nichts! Ich will die zwei, und vor allem Sarah, nicht unnötig aufregen. Und die anderen auch nicht. Wir melden uns, sobald wir mehr wi...

TUT... TUT... TUT... Ein Funkloch hatte das Gespräch der beiden Freunde abrupt beendet. Wie erstarrt hielt Dr. Meier noch immer sein Telefon an sein rechtes Ohr und kämpfte mit dem Gedankenwirrwarr in seinem Kopf. So hörte er das monotone Stimmchen neben sich erst, nachdem es etwas lauter geworden war...

Sabine: Aber Herr Doktor, Sie sind ja ganz blass. Ist alles in Ordnung?
Marc (steckt verwirrt sein Telefon in die Hosentasche u. starrt die treudoof dreinblickende Braut ausdruckslos an): Ja, ja, ich... muss... die Kröten ins Bett bringen. Es... ist... schon... spät.

...murmelte der Chirurg nur gedankenverloren und seine Füße hatten sich bereits von allein in Bewegung gesetzt. Er ließ die verdutzte Stationsschwester einfach stehen, die ihm versonnen nachschaute und sich dann auf ihren frischgebackenen Ehemann konzentrierte, der ihr gerade ein Glas Limonade gebracht hatte, und ging auf die kichernden Mädchen zu, die auf der Bank vor dem großen Kachelofen „Mau, Mau“ spielten. Lilly schaute als Erste auf und strahlte ihren Lieblingsonkel mit großen Kulleraugen an. So merkte sie nicht, wie Sarah die Situation geschickt für sich ausnutzte und schnell zwei Karten unter dem Stapel verschwinden ließ, um nun nur noch eine übrig zu haben. Marc lächelte Mehdis Tochter liebevoll an, als er sich zu ihr herabbeugte und ihr bedächtig durch ihr weiches kastanienbraunes Haar streichelte. Sein Hauptaugenmerk lag aber auf der kleinen Hassmann, die betont unschuldig dreinblickte und hochkonzentriert ihren nächsten Spielzug überlegte. Aber er hatte genau gesehen, was sie getan hatte. Den Trick musste sie sich wohl bei ihm abgeguckt haben. Braves Mädchen! Mit einem leichten Grinsen auf den Lippen blickte er die Sechsjährige schließlich auffordernd an und klatschte in die Hände...

Marc: Abmarsch! Es ist höchste Zeit fürs Bett.
Sarah (legt sofort ihr Veto ein): Gar nicht! Es ist doch noch voll früh.
Marc (lässt sich diesmal nicht von ihr triezen): Das kannst du doch gar nicht einschätzen oder kannst du schon die Uhr lesen?
Sarah (zeigt ihm stolz ihre rosa Armbanduhr u. schaut triumphierend zu ihm hoch): Na klar, kann ich das. Ich bin doch kein Baby mehr.
Marc (stupst grinsend ihr Näschen an): Natürlich! Und warum benimmst du dich dann immer wie eins? Es ist schon viertel nach zehn. Definitiv keine Uhrzeit mehr für Steppkes wie euch. Also hopp, auf geht’s!
Lilly (strahlt ihn an): Bringst du uns etwa ins Bett, Onkel Marc?
Marc (schaut wehleidig drein): Ja, es sieht ganz danach aus, als ob mir heute diese unheilvolle Aufgabe zugeschustert worden ist. Und vielleicht passe ich ja auch die ganze Nacht auf euch auf.
Bloß nicht! Die kommen doch wieder, oder?
Sarah (ihre Augen beginnen zu leuchten): Echt? Boah, das ist voll cool.
Was soll denn daran cool sein? Außer die Anwesenheit meiner Wenigkeit, versteht sich!
Marc (verdreht leidend die Augen u. murmelt in seinen Dreitagebart): Ich kann mir, weiß Gott, was Besseres vorstellen.
Lilly (schaut ihn neugierig an): Was ist denn mit Papa? Der ist schon so lange draußen. Und Gabi auch.
Scheiße! Dass die auch immer alles mitkriegen müssen!
Marc (hockt sich seufzend zwischen die beiden u. nimmt ihnen die Spielkarten aus der Hand): Die? Ähm... ja, es ist so. Ihr wisst ja, dass eure Eltern ähm... irgendwie Ärzte sind und da kann es schon mal vorkommen, dass selbst auf privaten Feiern wie diesen...
Sarah (versucht die Karten zurückzubekommen, die Marc unerreichbar hochhält, u. plappert ihm dazwischen): Eh! Wir wollten das noch zu Ende spielen. Ich hatte nur noch eine Karte. Menno!
Marc (zwinkert ihr zu): Hattest du nicht! Du hattest noch drei Karten.
Sarah (schmollt): Gar nicht!
Lilly (sieht Marc ein bisschen enttäuscht an): Ach so! Sie mussten zu einem Notfall in die Klinik, stimmt’s? Gretchen etwa auch?
Marc (legt ein schiefes Lächeln auf u. nickt): So in etwa, ja! Also müsst ihr wohl oder übel mit mir Vorlieb nehmen.
Die Schadenersatzsumme steigt und steigt und steigt, Kaan!
Lilly (strahlt ihn an): Auch schön! Gehst du dann auch morgen mit uns auf den Ponyhof? Papa hat’s versprochen.
WAS? Diese linke Ratte! Ich bring ihn um!
Marc (reißt entsetzt die Augen auf): Ganz... sicher... nicht! Ponys und Mädchen sind definitiv das Metier von deinem Erziehungsberechtigten. Und der steht morgen wieder auf der Matte.
Dafür werde ich schon sorgen!
Sarah (quengelt): Können wir nicht noch ein Spiel spielen? Bitte, bitte, Onkel Marc!
Jetzt fängt die auch noch damit an. Hilfe! Ich bin ein Starchirurg, ich will operieren.
Marc (steht entschlossen auf): Nein! Kommt jetzt! Und keine Sperenzchen bitte! Sonst sage ich nämlich deinem Papa, und deiner Mama, Bescheid und dann gibt’s morgen keine Ponys. Nicht mal zum Mittag in der Lasagne.
Sarah: Hä?

Ehe sie neunmalklug nachfragen konnte, was er denn damit schon wieder gemeint hatte, hatte Marc die quengelige Sarah auch schon geschnappt und sich locker über die Schulter geworfen. Die lachende Lilly nahm er an die andere Hand. So spazierte die Bande zum Ausgang. Die Kinder winkten noch schnell zum Abschied in die Gästerunde, die ihnen neugierig hinterher blickte, und schon waren die drei aus dem Saal verschwunden. Bärbel Haase war ganz entzückt von diesem rührigen Anblick und stupste ihrem Mann in die Seite...

Bärbel: Siehst du, Franz, ich hab doch gesagt, er macht das mit den Kindern seiner Kollegen ganz, ganz toll. Er hat ein Händchen dafür. Vielleicht wird das ja doch noch was mit unseren Enkelchen?
Franz (lächelt versonnen u. legt seine Hand auf Bärbels’): Ach Butterböhnchen, du gibst wohl nie auf, was? Die Kinder werden schon wissen, was sie tun. Wir sollten aufhören, uns da einzumischen. Sie gehen ihren ganz eigenen Weg und das sollten wir respektieren.
Bärbel: Aber Franz, ein Schups in die richtige Richtung hat doch noch keinem geschadet.
Franz (zwinkert ihr zu): Meinst du etwa so wie damals, als du unsere Tochter dazu überredet hast, mit diesem Windhund Peter eine eigene Praxis aufzumachen? Oder wie du sie in die Arme von diesem Betrüger getrieben hast?
Bärbel (empört): Franz!
Franz (lacht u. tätschelt ihre Hand): Ach Liebes! Seitdem wir aufgehört haben, uns in Gretchens Leben einzumischen, läuft es doch wie am Schnürchen. So viel Ruhe hatten wir schon lange nicht mehr. Sie steht nicht mehr plötzlich bei uns auf der Matte und bittet um Asyl. Keine Gespräche, keine nächtelange Diskomusik aus ihrem Zimmer, kein Geheule, kein leerer Kühlschrank und keine Feinwäsche. Sie hat endlich den Mann an ihrer Seite, den sie schon seit der Schulzeit immer gewollt hat. Und er liebt sie wirklich von ganzem Herzen. Er achtet gut auf sie. Kälbchen wird ihren Facharzt machen und den Posten als Stationsärztin übernehmen, Marc macht seine Forschungen und schreibt seine Habilitation zu Ende. Zeit für eine Hochzeit und Kinder wird danach noch genügend sein. Sie sind doch noch jung und können die ganze Welt erobern.
Bärbel (rümpft ihre Nase u. streicht sich eine Strähne hinters Ohr): Jung? Margarethe wird in diesem Jahr einunddreißig.
Franz: Na und? Einunddreißig ist das neue Einundzwanzig! Also lassen wir die beiden in Ruhe ihren Weg gehen. Konzentrieren wir uns doch lieber erst einmal auf das Kleine von Jochens neuer Freundin. Wer hätte gedacht, dass unser Jüngster einmal die Verantwortung für ein Kind übernehmen würde, wo er sie doch noch nicht einmal für sich selbst übernommen hat.
Bärbel (springt erschrocken von ihrem Stuhl auf u. überrumpelt ihren Mann damit): Oh ja! Du meine Güte! Ich muss doch für das Familienmittagessen morgen noch so viel planen. Franz! Wir fahren!

Augenrollend ergab sich der Professor seinem Schicksal. Butterböhnchen war eben Butterböhnchen! Er liebte sie nun mal für ihre impulsive Art und ihre manchmal doch recht einfältige Sicht der Welt. Und er wusste nur allzu gut, dass mit seiner Frau nicht zu reden war, wenn sie nicht ganz in ihren hausfraulichen Planungen aufgehen durfte. Also verabschiedeten sich die beiden herzlich bei dem glücklichen Brautpaar Gummersbach und bedankten sich für eine wundervolle Feier. Diese war jedoch noch lange nicht zu Ende, auch wenn sich der eine oder andere Gast fast unbemerkt heimlich davon gestohlen hatte. Es wurde noch lange viel gelacht und getanzt, gescherzt und in Erinnerungen geschwellt, bis auch Günni und Sabine Gummersbach die letzten Gäste verabschieden und sich erschöpft, aber glücklich in ihr Honeymoon-Zimmer zurückziehen konnten.

Zu dieser frühen Stunde lag Dr. Meier bereits längst in den Federn. In fremden Federn wohlgemerkt! Und er war auch nicht alleine dort. Er war hinterhältig von vier Kinderhänden überrumpelt und gefangen genommen worden. Links von ihm kuschelte sich die tief und fest schlafende Lilly Kaan an den großen Kuschelbären heran und rechts Sarah Hassmann, deren kleine Hand er aus irgendeinem unerfindlichen Grund fest umschlossen hielt. Schlafen konnte der unfreiwillige Babysitter der beiden jedoch nicht. In Gedanken war Marc bei seiner kranken Mutter, der er vielleicht schon in einigen Stunden gegenüberstehen und ihr in den Hintern treten würde, und auch bei der Mutter der kleinen Sarah, die er doch eigentlich so gar nicht leiden mochte und die er sich in der einen und anderen Situation schon mehr als einmal zum Massakrieren auf den OP-Tisch gewünscht hatte. Und er fragte sich die ganze Zeit mit einem zunehmend mulmigen Gefühl, warum weder Gretchen noch Mehdi noch immer nicht zurückgerufen hatten.

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